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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/6343-8.txt b/6343-8.txt new file mode 100644 index 0000000..06b1c91 --- /dev/null +++ b/6343-8.txt @@ -0,0 +1,21803 @@ +The Project Gutenberg EBook of Kritik der reinen Vernunft (2nd Edition) +by Immanuel Kant + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. 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Akademie der Wissenschaften in Berlin +Mitglied + +Zweite hin und wieder verbesserte Auflage +(1787) + + + +Inhalt + +Zueignung +Vorrede +Einleitung + I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis + II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und + selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche + III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die + Möglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse + a priori bestimme + IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile + V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind + synthetische Urteile a priori als Prinzipien enthalten + VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft + VII. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem + Namen einer Kritik der reinen Vernunft +I. Transzendentale Elementarlehre + Erster Teil. Die transzendentale Ästhetik + § 1 + 1. Abschnitt. Von dem Raume + § 2. Metaphysische Erörterung dieses Begriffs + § 3. Transzendentale Erörterung des Begriffs vom Raume + 2. Abschnitt. Von der Zeit + § 4. Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit + § 5. Transzendentale Erörterung des Begriffs der Zeit + § 6. Schlüsse aus diesen Begriffen + § 7. Erläuterung + § 8. Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik + Zweiter Teil. Die transzendentale Logik + Einleitung. Idee einer transzendentalen Logik + I. Von der Logik überhaupt + II. Von der transzendentalen Logik + III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik + und Dialektik + IV. Von der Einteilung der transzendentalen Logik in die + transzendentale Analytik und Dialektik + Erste Abteilung. Die transzendentale Analytik + Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe + 1. Hauptstück. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller + reinen Verstandesbegriffe + 1. Abschnitt. Von dem logischen + Verstandesgebrauche überhaupt + 2. Abschnitt + § 9. Von der logischen Funktion des Verstandes + in Urteilen + 3. Abschnitt + § 10. Von den reinen Verstandesbegriffen oder + Kategorien + § 11 + § 12 + 2. Hauptstück. Von der Deduktion der reinen + Verstandesbegriffe + 1. Abschnitt + § 13. Von den Prinzipien einer transzendentalen + Deduktion überhaupt + § 14. Übergang zur transzendentalen Deduktion + der Kategorien + 2. Abschnitt. Transzendentale Deduktion der reinen + Verstandesbegriffe + § 15. Von der Möglichkeit einer Verbindung + überhaupt + § 16. Von der ursprünglich-synthetischen + Einheit der Apperzeption + § 17. Der Grundsatz der synthetischen Einheit + der Apperzeption ist das oberste Prinzip + alles Verstandesgebrauchs + § 18. Was objektive Einheit des + Selbstbewußtseins sei + § 19. Die logische Form aller Urteile + besteht in der objektiven Einheit der + Apperzeption der darin enthaltenen + Begriffe + § 20. Alle sinnliche Anschauungen stehen unter + den Kategorien, als Bedingungen, unter + denen allein das Mannigfaltige derselben + in ein Bewußtsein zusammenkommen kann + § 21. Anmerkung + § 22. Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch + zum Erkenntnisse der Dinge, als ihre + Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung + § 23 + § 24. Von der Anwendung der Kategorien auf + Gegenstände der Sinne überhaupt + § 25 + § 26. Transzendentale Deduktion des allgemein + möglichen Erfahrungsgebrauchs der reinen + Verstandesbegriffe + § 27. Resultat dieser Deduktion der + Verstandesbegriffe + Zweites Buch. Die Analytik der Grundsätze + Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft + überhaupt + 1. Hauptstück. Von dem Schematismus der reinen + Verstandesbegriffe + 2. Hauptstück. System aller Grundsätze des reinen + Verstandes + 1. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller + analytischen Urteile + 2. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller + synthetischen Urteile + 3. Abschnitt. Systematische Vorstellung aller + synthetischen Grundsätze desselben + 1. Axiome der Anschauung + 2. Antizipationen der Wahrnehmung + 3. Analogien der Erfahrung + A. Erste Analogie. Grundsatz der + Beharrlichkeit der Substanz + B. Zweite Analogie. Grundsatz der + Zeitfolge nach dem Gesetze der + Kausalität + C. Dritte Analogie. Grundsatz des + Zugleichseins, nach dem Gesetze der + Wechselwirkung, oder Gemeinschaft + 4. Die Postulate des empirischen Denkens + überhaupt + Widerlegung des Idealismus + Allgemeine Anmerkung zum System der + Grundsätze + 3. Hauptstück. Von dem Grunde der Unterscheidung aller + Gegenstände überhaupt in Phaenomena und Noumena + Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe + Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe + Zweite Abteilung. Die transzendentale Dialektik + Einleitung + I. Vom transzendentalen Schein + II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des + transzendentalen Scheins + A. Von der Vernunft überhaupt + B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft + C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft + Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft + 1. Abschnitt. Von den Ideen überhaupt + 2. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen + 3. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen + Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen + Vernunft + 1. Hauptstück. Von den Paralogismen der reinen + Vernunft + Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der + Beharrlichkeit der Seele + Beschluß der Auflösung des psychologischen + Paralogisms + Allgemeine Anmerkung, den Übergang von der + rationalen Psychologie zur Kosmologie betreffend + 2. Hauptstück. Die Antinomie der reinen Vernunft + 1. Abschnitt. System der kosmologischen Ideen + 2. Abschnitt. Antithetik der reinen Vernunft + Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen + Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen + Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen + Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen + 3. Abschnitt. Von dem Interesse der Vernunft bei + diesem ihrem Widerstreite + 4. Abschnitt. Von den transzendentalen + Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie + schlechterdings müssen aufgelöset werden können + 5. Abschnitt. Skeptische Vorstellung der + kosmologischen Fragen durch alle vier + transzendentalen Ideen + 6. Abschnitt. Der transzendentale Idealism als + der Schlüssel zu Auflösung der kosmologischen + Dialektik + 7. Abschnitt. Kritische Entscheidung des + kosmologischen Streits der Vernunft mit sich + selbst + 8. Abschnitt. Regulatives Prinzip der reinen + Vernunft in Ansehung der kosmologischen Ideen + 9. Abschnitt. Von dem empirischen Gebrauche des + regulativen Prinzips der Vernunft, in Ansehung + aller kosmologischen Ideen + I. Auflösung der kosmologischen Idee von + der Totalität der Zusammensetzung der + Erscheinungen von einem Weltganzen + II. Auflösung der kosmologischen Idee von der + Totalität der Teilung eines gegebenen + Ganzen in der Anschauung + Schlußanmerkung zur Auflösung der + mathematisch-transzendentalen, und + Vorerinnerung zur Auflösung der + dynamisch-transzendentalen Ideen + III. Auflösung der kosmologischen Ideen + von der Totalität der Ableitung der + Weltbegebenheit aus ihren Ursachen + Möglichkeit der Kausalität durch + Freiheit, in Vereinigung mit + dem allgemeinen Gesetze der + Naturnotwendigkeit + Erläuterung der kosmologischen Idee + einer Freiheit in Verbindung mit der + allgemeinen Naturnotwendigkeit + IV. Auflösung der kosmologischen Idee von + der Totalität der Abhängigkeit der + Erscheinungen, ihrem Dasein nach + überhaupt + Schlußanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen + Vernunft + 3. Hauptstück. Das Ideal der reinen Vernunft + 1. Abschnitt. Von dem Ideal überhaupt + 2. Abschnitt. Von dem transzendentalen Ideal + (Prototypon transscendentale) + 3. Abschnitt. Von den Beweisgründen der + spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines + höchsten Wesens zu schließen + 4. Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines + ontologischen Beweises vom Dasein Gottes + 5. Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines + kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes + Entdeckung und Erklärung des dialektischen + Scheins in allen transzendentalen Beweisen vom + Dasein eines notwendigen Wesens + 6. Abschnitt. Von der Unmöglichkeit des + physikotheologischen Beweises + 7. Abschnitt. Kritik aller Theologie aus + spekulativen Prinzipien der Vernunft + Anhang zur transzendentalen Dialektik + Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen + Vernunft + Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der + menschlichen Vernunft +II. Transzendentale Methodenlehre + 1. Hauptstück. Die Disziplin der reinen Vernunft + 1. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft im + dogmatischen Gebrauche + 2. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung + ihres polemischen Gebrauchs + Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der + mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft + 3. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung + der Hypothesen + 4. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung + ihrer Beweise + 2. Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft + 1. Abschnitt. Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs + unserer Vernunft + 2. Abschnitt. Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem + Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft + 3. Abschnitt. Vom Meinen, Wissen und Glauben + 3. Hauptstück. Die Architektonik der reinen Vernunft + 4. Hauptstück. Die Geschichte der reinen Vernunft + + + +Baco de Verulamio + +Instauratio magna. Praefatio. + +De nobis ipsis silemus: De re autem, quae agitur, petimus: ut homines +eam non Opinionem, sed Opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non +Sectae nos alicuius, aut Placiti, sed utilitatis et amplitudinis +humanae fundamenta moliri. Deinde ut suis commodis aequi in commune +consulant et ipsi in partem veniant. Praeterea ut bene sperent, neque +Instaurationem nostram ut quidam infinitum et ultra mortale fingant, +et animo concipiant; quum revera sit infiniti erroris finis et +terminus legitimus. + +Sr. Exzellenz, +dem +Königl. Staatsminister +Freiherrn von Zedlitz + +Gnädiger Herr! + +Den Wachstum der Wissenschaften an seinem Teile befördern, heißt an +Ew. Exzellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen, +nicht bloß durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern +durch das viel vertrautere eines Liebhabers und erleuchteten Kenners, +innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen Mittels, +das gewissermaßen in meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit für das +gnädige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Exzellenz mich beehren, als +könne ich zu dieser Absicht etwas beitragen. + +Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Exzellenz die erste Auflage +dieses Werks gewürdigt haben, widme ich nun auch diese zweite und +hiermit zugleich alle übrige Angelegenheit meiner literarischen +Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung + + Ew. Exzellenz + untertänig gehorsamster + Diener +Königsberg +den 23sten April 1787 Immanuel Kant + + + +Vorrede +zur zweiten Auflage + +Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte +gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das +läßt sich bald aus dem Erfolg beurteilen. Wenn sie nach viel gemachten +Anstalten und Zurüstungen, sobald es zum Zweck kommt, in Stecken +gerät, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen +und einen andern Weg einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht +möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die +gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden soll, einhellig zu machen: so +kann man immer überzeugt sein, daß ein solches Studium bei weitem noch +nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern +ein bloßes Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die +Vernunft, diesen Weg womöglich ausfindig zu machen, sollte auch +manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne +Überlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war. + +Daß die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her +gegangen sei, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit dem Aristoteles +keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die +Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten, oder deutlichere +Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will, +welches aber mehr zur Eleganz, als zur Sicherheit der Wissenschaft +gehört. Merkwürdig ist noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen +Schritt vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach +geschlossen und vollendet zu sein scheint. Denn, wenn einige Neuere +sie dadurch zu erweitern dachten, daß sie teils psychologische Kapitel +von den verschiedenen Erkenntniskräften (der Einbildungskraft, dem +Witze), teils metaphysische über den Ursprung der Erkenntnis oder der +verschiedenen Art der Gewißheit nach Verschiedenheit der Objekte (dem +Idealismus, Skeptizismus usw.), teils anthropologische von Vorurteilen +(den Ursachen derselben und Gegenmitteln) hineinschoben, so +rührt dieses von ihrer Unkunde der eigentümlichen Natur dieser +Wissenschaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der +Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt; die +Grenze der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, daß sie eine +Wissenschaft ist, welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens +(es mag a priori oder empirisch sein, einen Ursprung oder Objekt +haben, welches es wolle, in unserem Gemüte zufällige oder natürliche +Hindernisse antreffen) ausführlich darlegt und strenge beweist. + +Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloß +ihrer Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, +ja verbunden ist, von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem +Unterschiede zu abstrahieren, und in ihr also der Verstand es mit +nichts weiter, als sich selbst und seiner Form, zu tun hat. Weit +schwerer mußte es natürlicherweise für die Vernunft sein, den sicheren +Weg der Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloß mit sich +selbst, sondern auch mit Objekten zu schaffen hat; daher jene auch als +Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht, und +wenn von Kenntnissen die Rede ist, man zwar eine Logik zur Beurteilung +derselben voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in eigentlich und +objektiv so genannten Wissenschaften suchen muß. + +Sofern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas a priori +erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren +Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der +anderweitig gegeben werden muß) bloß zu bestimmen, oder ihn auch +wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische +Erkenntnis der Vernunft. Von beiden muß der reine Teil, soviel oder +sowenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft +gänzlich a priori ihr Objekt bestimmt, vorher allein vorgetragen +werden, und dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht +vermengt werden, denn es gibt üble Wirtschaft, wenn man blindlings +ausgibt, was einkommt, ohne nachher, wenn jene in Stecken gerät, +unterscheiden zu können, welcher Teil der Einnahme den Aufwand tragen +könne, und von welcher man denselben beschneiden muß. + +Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der +Vernunft, welche ihre Objekte a priori bestimmen sollen, die erstere +ganz rein, die zweite wenigstens zum Teil rein, dann aber auch nach +Maßgabe anderer Erkenntnisquellen als der der Vernunft. + +Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte +der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswürdigen Volke der +Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man darf +nicht denken, daß es ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die +Vernunft es nur mit sich selbst zu tun hat, jenen königlichen Weg zu +treffen, oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, +daß es lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Ägyptern) beim +Herumtappen geblieben ist, und diese Umänderung einer Revolution +zuzuschreiben sei, die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes +in einem Versuche zustande brachte, von welchem an die Bahn, die man +nehmen mußte, nicht mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang einer +Wissenschaft für alle Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen +und vorgezeichnet war. Die Geschichte dieser Revolution der Denkart, +welche viel wichtiger war, als die Entdeckung des Weges um das +berühmte Vorgebirge, und des Glücklichen, der sie zustande brachte, +ist uns nicht aufbehalten. Doch beweist die Sage, welche Diogenes +der Laertier uns überliefert, der von den kleinsten, und, nach dem +gemeinen Urteil, gar nicht einmal eines Beweises benötigten, Elementen +der geometrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder nennt, daß +das Andenken der Veränderung, die durch die erste Spur der Entdeckung +dieses neuen Weges bewirkt wurde, den Mathematikern äußerst wichtig +geschienen haben müsse, und dadurch unvergeßlich geworden sei. Dem +ersten, der den gleichseitigen Triangel demonstrierte (er mag nun +Thales oder wie man will geheißen haben), dem ging ein Licht auf; denn +er fand, daß er nicht dem, was er in der Figur sah, oder auch dem +bloßen Begriffe derselben nachspüren und gleichsam davon ihre +Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen +selbst a priori hineindachte und darstellte (durch Konstruktion), +hervorbringen müsse, und daß er, um sicher etwas a priori zu wissen, +er der Sache nichts beilegen müsse, als was aus dem notwendig folgte, +was er seinem Begriffe gemäß selbst in sie gelegt hat. + +Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den +Heeresweg der Wissenschaft traf, denn es sind nur etwa anderthalb +Jahrhunderte, daß der Vorschlag des sinnreichen Baco von Verulam +diese Entdeckung teils veranlaßte, teils, da man bereits auf der Spur +derselben war, mehr belebte, welche eben sowohl durch eine schnell +vorgegangene Revolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will +hier nur die Naturwissenschaft, so fern sie auf empirische Prinzipien +gegründet ist, in Erwägung ziehen. + +Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst +gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht, +was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich +gedacht hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle +in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen +etwas entzog und wiedergab*; so ging allen Naturforschern ein Licht +auf. Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst +nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile +nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf +ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam +am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach +keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in +einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht +und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein +übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer +Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der +anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber +nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, +was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen +nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat +sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich +dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in +die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr +anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich +selbst nichts wissen würde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft +allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, +da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes +Herumtappen gewesen war. + +* Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der + Experimentalmethode, deren erste Anfänge auch nicht wohl bekannt + sind. + +Der Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis, +die sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch +bloße Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf +Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, +ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, daß sie den +sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte; ob sie +gleich älter ist, als alle übrige, und bleiben würde, wenn gleich die +übrigen insgesamt in dem Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei +gänzlich verschlungen werden sollten. Denn in ihr gerät die Vernunft +kontinuierlich in Stecken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche +die gemeinste Erfahrung bestätigt, (wie sie sich anmaßt) a priori +einsehen will. In ihr muß man unzählige Male den Weg zurück tun, weil +man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die +Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie +noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, +der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im +Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein Fechter sich +auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen +dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, daß ihr +Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und, was das Schlimmste ist, +unter bloßen Begriffen, gewesen sei. + +Woran liegt es nun, daß hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft +hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die +Natur unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm +als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, +wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, +wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde +nicht bloß verläßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am Ende +betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt; welche Anzeige können wir +benutzen, um bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher +sein werden, als andere vor uns gewesen sind? + +Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, +die durch eine auf einmal zustande gebrachte Revolution das geworden +sind, was sie jetzt sind, wäre merkwürdig genug, um dem wesentlichen +Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft +geworden ist, nachzusinnen, und ihnen, soviel ihre Analogie, als +Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens +zum Versuche nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis +müsse sich nach den Gegenständen richten, aber alle Versuche über sie +a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis +erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man +versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik +damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen +sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit +der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori +zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie und gegeben werden, +etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten +Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der +Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze +Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser +gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen +die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die +Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. +Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände +richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas +wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) +nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich +mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei diesen +Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse werden sollen, nicht stehen +bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgend etwas als +Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen muß, so kann ich +entweder annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese Bestimmung zustande +bringe, richten sich auch nach dem Gegenstande, und dann bin ich +wiederum in derselben Verlegenheit, wegen der Art, wie ich a priori +hiervon etwas wissen könne; oder ich nehme an, die Gegenstände oder, +welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie allein (als +gegebene Gegenstände) erkannt werden, richte sich nach diesen +Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung +selbst eine Erkenntnisart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel +ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori +voraussetzen muß, welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach +denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und +mit ihnen übereinstimmen müssen. Was Gegenstände betrifft, sofern +sie bloß durch Vernunft und zwar notwendig gedacht, die aber (so +wenigstens, wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in der Erfahrung +gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken (denn +denken müssen sie sich doch lassen), hernach einen herrlichen +Probierstein desjenigen abgeben, was wir als die veränderte Methode +der Denkungsart annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das a +priori erkennen, was wir selbst in sie legen.* + +* Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht also darin: die + Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein + Experiment bestätigen oder widerlegen läßt. Nun läßt sich zur + Prüfung der Sätze der reinen Vernunft, vornehmlich wenn sie + über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus gewagt werden, kein + Experiment mit ihren Objekten machen (wie in der Naturwissenschaft): + also wird es nur mit Begriffen und Grundsätzen, die wir a priori + annehmen, tunlich sein, indem man sie nämlich so einrichtet, daß + dieselben Gegenstände einerseits als Gegenstände der Sinne und + des Verstandes für die Erfahrung, andererseits aber doch als + Gegenstände, die man bloß denkt, allenfalls für die isolierte und + über Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei + verschiedenen Seiten betrachtet werden können. Findet es sich + nun, daß, wenn man die Dinge aus jenem doppelten Gesichtspunkte + betrachtet, Einstimmung mit dem Prinzip der reinen Vernunft + stattfinde, bei einerlei Gesichtspunkte aber ein unvermeidlicher + Widerstreit der Vernunft mit sich selbst entspringe, so entscheidet + das Experiment für die Richtigkeit jener Unterscheidung. + +Dieser Versuch gelingt nach Wunsch, und verspricht der Metaphysik +in ihrem ersten Teile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori +beschäftigt, davon die korrespondierenden Gegenstände in der Erfahrung +jenen angemessen gegeben werden können, den sicheren Gang einer +Wissenschaft. Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die +Möglichkeit einer Erkenntnis a priori ganz wohl erklären, und, was +noch mehr ist, die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem +Inbegriffe der Gegenstände der Erfahrung, zum Grunde liegen, mit ihren +genugtuenden Beweisen versehen, welches beides nach der bisherigen +Verfahrungsart unmöglich war. Aber es ergibt sich aus dieser Deduktion +unseres Vermögens a priori zu erkennen, im ersten Teile der Metaphysik +ein befremdliches und dem ganzen Zwecke derselben, der den zweiten +Teil beschäftigt, dem Anscheine nach sehr nachteiliges Resultat, +nämlich daß wir mit ihm nie über die Grenze möglicher Erfahrung +hinauskommen können, welches doch gerade die wesentlichste +Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin liegt eben das +Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten +Würdigung unserer Vernunfterkenntnis a priori, daß sie nämlich nur auf +Erscheinungen gehe, die Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich +wirklich, aber von uns unerkannt, liegen lasse. Denn das, was uns +notwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen +hinaus zu gehen treibt, ist das Unbedingte, welches die Vernunft +in den Dingen an sich selbst notwendig und mit allem Recht zu +allem Bedingten, und dadurch die Reihe der Bedingungen als +vollendet verlangt. Findet sich nun, wenn man annimmt, unsere +Erfahrungserkenntnis richte sich nach den Gegenständen als Dingen an +sich selbst, daß das Unbedingte ohne Widerspruch gar nicht gedacht +werden könne; dagegen, wenn man annimmt, unsere Vorstellung der Dinge, +wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht nach diesen, als Dingen +an sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr, als Erscheinungen, +richten sich nach unserer Vorstellungsart, der Widerspruch wegfalle; +und daß folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wir sie +kennen, (sie uns gegeben werden,) wohl aber an ihnen, sofern wir sie +nicht kennen, als Sachen an sich selbst, angetroffen werden müsse: so +zeigt sich, daß, was wir Anfangs nur zum Versuche annahmen, gegründet +sei.* Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der spekulativen +Vernunft alles Fortkommen in diesem Felde des Übersinnlichen +abgesprochen worden, zu versuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen +Erkenntnis Data finden, jenen transzendenten Vernunftbegriff des +Unbedingten zu bestimmen, und auf solche Weise, dem Wunsche der +Metaphysik gemäß, über die Grenze aller möglichen Erfahrung hinaus +mit unserem, aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntnisse +a priori zu gelangen. Und bei einem solchen Verfahren hat uns die +spekulative Vernunft zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens +Platz verschafft, wenn sie ihn gleich leer lassen mußte, und es bleibt +uns also noch unbenommen, ja wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, +ihn durch praktische Data derselben, wenn wir können, auszufüllen.** + +* Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, + welches sie manchmal den Versuch der Reduktion, im allgemeinen aber + das synthetische Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des + Metaphysikers schied die reine Erkenntnis a priori in zwei sehr + ungleichartige Elemente, nämlich die der Dinge als Erscheinungen, + und dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik verbindet beide + wiederum zur Einhelligkeit mit der notwendigen Vernunftidee des + Unbedingten und findet, daß diese Einhelligkeit niemals anders, als + durch jene Unterscheidung herauskomme, welche also die wahre ist. + +** So verschafften die Zentralgesetze der Bewegung der Himmelskörper + dem, was Kopernikus, anfänglich nur als Hypothese annahm, + ausgemachte Gewißheit und bewiesen zugleich die unsichtbare, den + Weltbau verbindende Kraft (der Newtonischen Anziehung), welche + auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der erstere es nicht + gewagt hätte, auf eine widersinnische, aber doch wahre Art, die + beobachteten Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, + sondern in ihrem Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede + die in der Kritik vorgetragene, jener Hypothese analogische, + Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf, ob sie gleich in + der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen + von Raum und Zeit und den Elementarbegriffen des Verstandes, nicht + hypothetisch, sondern apodiktisch bewiesen wird, um nur die ersten + Versuche einer solchen Umänderung, welche allemal hypothetisch + sind, bemerklich zu machen. + +In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der Metaphysik umzuändern, +und dadurch, daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher +eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das +Geschäft dieses Kritik der reinen spekulativen Vernunft. Sie ist ein +Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; +aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben, sowohl +in Ansehung ihrer Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau +derselben. Denn das hat die reine, spekulative Vernunft Eigentümliches +an sich, daß sie ihr eigen Vermögen, nach Verschiedenheit der Art, +wie sie sich Objekte zum Denken wählt, ausmessen, und auch selbst die +mancherlei Arten, sich Aufgaben vorzulegen, vollständig vorzählen, und +so den ganzen Vorriß zu einem System der Metaphysik verzeichnen kann +und soll; weil, was das erste betrifft, in der Erkenntnis a priori den +Objekten nichts beigelegt werden kann, als was das denkende Subjekt +aus sich selbst hernimmt, und, was das zweite anlangt, sie in Ansehung +der Erkenntnisprinzipien eine ganz abgesonderte, für sich bestehende +Einheit ist, in welcher ein jedes Glied, wie in einem organisierten +Körper, um aller anderen und alle um eines willen da sind, und kein +Prinzip mit Sicherheit in einer Beziehung genommen werden kann, +ohne es zugleich in der durchgängigen Beziehung zum ganzen +reinen Vernunftgebrauch untersucht zu haben. Dafür aber hat +auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner anderen +Vernunftwissenschaft, die es mit Objekten zu tun hat (denn die Logik +beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt), zuteil +werden kann, daß, wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang +einer Wissenschaft gebracht worden, sie das ganze Feld der für sie +gehörigen Erkenntnisse völlig befassen und also ihr Werk vollenden +und für die Nachwelt, als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl, zum +Gebrauche niederlegen kann, weil sie es bloß mit Prinzipien und den +Einschränkungen ihres Gebrauchs zu tun hat, welche durch jene selbst +bestimmt werden. Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher, als +Grundwissenschaft, auch verbunden, und von ihr muß gesagt werden +können: nil actum reputam, si quid superesset agendum 1). + +1. "Sie hält noch nichts für erledigt, so lange noch etwas zu tun + übrig ist." + +Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der +Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, dadurch +aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu +hinterlassen gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses +Werkes wahrzunehmen glauben, daß der Nutzen davon doch nur negativ +sei, uns nämlich mit der spekulativen Vernunft niemals über die +Erfahrungsgrenze hinaus zu wagen, und das ist auch in der Tat ihr +erster Nutzen. Dieser aber wird alsbald positiv, wenn man inne wird, +daß die Grundsätze, mit denen sich spekulative Vernunft über ihre +Grenze hinauswagt, in der Tat nicht Erweiterung, sondern, wenn +man sie näher betrachtet, Verengung unseres Vernunftgebrauchs zum +unausbleiblichen Erfolg haben, indem sie wirklich die Grenzen der +Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, über alles zu erweitern +und so den reinen (praktischen) Vernunftgebrauch gar zu verdrängen +drohen. Daher ist eine Kritik, welche die erstere einschränkt, sofern +zwar negativ, aber, indem sie dadurch zugleich ein Hindernis, welches +den letzteren Gebrauch einschränkt oder gar zu vernichten droht, +aufhebt, in der Tat von positivem und sehr wichtigem Nutzen, sobald +man überzeugt wird, daß es einen schlechterdings notwendigen +praktischen Gebrauch der reinen Vernunft (den moralischen) gebe, in +welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit +erweitert, dazu sie zwar von der spekulativen keiner Beihilfe bedarf, +dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muß, um nicht in +Widerspruch mit sich selbst zu geraten. Diesem Dienste der Kritik +den positiven Nutzen abzusprechen, wäre eben so viel, als sagen, daß +Polizei keinen positiven Nutzen schaffe, weil ihr Hauptgeschäft doch +nur ist, der Gewalttätigkeit, welche Bürger von Bürgern zu besorgen +haben, einen Riegel vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit +ruhig und sicher treiben könne. Daß Raum und Zeit nur Formen der +sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als +Erscheinungen sind, daß wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin +auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als sofern +diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, +folglich wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, nur +sofern es Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d.i. als Erscheinung, +Erkenntnis haben können, wird im analytischen Teile der Kritik +bewiesen; woraus denn freilich die Einschränkung aller nur möglichen +spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf bloße Gegenstände der +Erfahrung folgt. Gleichwohl wird, welches wohl gemerkt werden muß, +doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben Gegenstände auch +als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen, doch wenigstens +müssen denken können*. Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus +folgen, daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint. Nun wollen +wir annehmen, die durch unsere Kritik notwendiggemachte Unterscheidung +der Dinge als Gegenstände der Erfahrung, von eben denselben, als +Dingen an sich selbst, wäre gar nicht gemacht, so mußte der Grundsatz +der Kausalität und mithin der Naturmechanismus in Bestimmung derselben +durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. +Von eben demselben Wesen also, z.B. der menschlichen Seele, würde +ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich +der Naturnotwendigkeit unterworfen, d.i. nicht frei, ohne in einen +offenbaren Widerspruch zu geraten; weil ich die Seele in beiden Sätzen +in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt (als Sache +an dich selbst) genommen habe, und, ohne vorhergehende Kritik, auch +nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, +da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als +Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduktion ihrer +Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz der +Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie +Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach der +zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind, so wird eben derselbe +Wille in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem +Naturgesetze notwendig gemäß und sofern nicht frei, und doch +andererseits, als einem Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht +unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch +vorgeht. Ob ich nun gleich meine Seele, von der letzteren Seite +betrachtet, durch keine spekulative Vernunft (noch weniger durch +empirische Beobachtung), mithin auch nicht die Freiheit als +Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinnenwelt +zuschreibe, erkennen kann, darum weil ich ein solches seiner Existenz +nach, und doch nicht in der Zeit, bestimmt erkennen müßte, (welches, +weil ich meinem Begriffe keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich +ist), so kann ich mir doch die Freiheit denken, d.i. die Vorstellung +davon enthält wenigstens keinen Widerspruch in sich, wenn unsere +kritische Unterscheidung beider (der sinnlichen und intellektuellen) +Vorstellungsarten und die davon herrührende Einschränkung der reinen +Verstandesbegriffe, mithin auch der aus ihnen fließenden Grundsätze, +statt hat. Gesetzt nun, die Moral setze notwendig Freiheit (im +strengsten Sinne) als Eigenschaft unseres Willens voraus, indem sie +praktische in unserer Vernunft liegende ursprüngliche Grundsätze als +Data derselben a priori anführt, die ohne Voraussetzung der Freiheit +schlechterdings unmöglich wären, die spekulative Vernunft aber hätte +bewiesen, daß diese sich gar nicht denken lasse, so muß notwendig +jene Voraussetzung, nämlich die moralische, derjenigen weichen, deren +Gegenteil einen offenbaren Widerspruch enthält, folglich Freiheit und +mit ihr Sittlichkeit (denn deren Gegenteil enthält keinen Widerspruch, +wenn nicht schon Freiheit vorausgesetzt wird,) dem Naturmechanismus +den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, +als daß Freiheit sich nur nicht selbst widerspreche, und sich +also doch wenigstem denken lasse, ohne nötig zu haben, sie weiter +einzusehen, daß sie also dem Naturmechanismus eben derselben Handlung +(in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis in den Weg lege: so +behauptet die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz, und die Naturlehre +auch den ihrigen, welches aber nicht stattgefunden hätte, wenn nicht +Kritik uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissenheit in Ansehung +der Dinge an sich selbst belehrt, und alles, was wir theoretisch +erkennen können, auf bloße Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben +diese Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der +reinen Vernunft läßt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der +einfachen Natur unserer Seele zeigen, die ich aber der Kürze halber +vorbeigehe. Ich kann also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf +des notwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal +annehmen, wenn ich nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre +Anmaßung überschwenglicher Einsichten benehme, weil sie sich, um zu +diesen zu gelangen, solcher Grundsätze bedienen muß, die, indem sie +in der Tag bloß auf Gegenstände möglicher Erfahrung reichen, wenn sie +gleichwohl auf das angewandt werden, was nicht ein Gegenstand der +Erfahrung sein kann, wirklich dieses jederzeit in Erscheinung +verwandeln, und so alle praktische Erweiterung der reinen Vernunft für +unmöglich erklären. Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben +Platz zu bekommen, und der Dogmatismus der Metaphysik, d.i. das +Vorurteil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist +die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, +der jederzeit gar sehr dogmatisch ist. - Wem es also mit einer nach +Maßgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefaßten systematischen +Metaphysik eben nicht schwer sein kann, der Nachkommenschaft ein +Vermächtnis zu hinterlassen, so ist dies kein für gering zu achtendes +Geschenk; man mag nun bloß auf die Kultur der Vernunft durch den +sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt, in Vergleichung mit dem +grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen derselben ohne +Kritik sehen, oder auch auf bessere Zeitanwendung einer wißbegierigen +Jugend, die beim gewöhnlichen Dogmatismus so frühe und so viele +Aufmunterung bekommt, über Dinge, davon sie nichts versteht, und darin +sie, so wie niemand in der Welt, auch nie etwas einsehen wird, bequem +zu vernünfteln, oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen +auszugehen, und so die Erlernung gründlicher Wissenschaften zu +verabsäumen; am meisten aber, wenn man den unschätzbaren Vorteil in +Anschlag bringt, allen Einwürfen wider Sittlichkeit und Religion auf +sokratische Art, nämlich durch den klarsten Beweis der Unwissenheit +der Gegner, auf alle künftige Zeit ein Ende zu machen. Denn irgend +eine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen, und wird auch wohl +ferner, mit ihr aber auch eine Dialektik der reinen Vernunft, weil sie +ihr natürlich ist, darin anzutreffen sein. Es ist also die erste und +wichtigste Angelegenheit der Philosophie, einmal für allemal ihr +dadurch, daß man die Quelle der Irrtümer verstopft, allen nachteiligen +Einfluß zu benehmen. + +* Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine + Möglichkeit (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner + Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber + denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst + widerspreche, d.i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke + ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller + Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korrespondiere oder nicht. Um + einem solchen Begriffe aber objektive Gültigkeit (reale Möglichkeit, + denn die erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird + etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht in + theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann auch in + praktischen liegen. + +Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften, und +dem Verluste, den spekulative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten +Besitze erleiden muß, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen +menschlichen Angelegenheit, und dem Nutzen, den die Welt bisher +aus den Lehren der reinen Vernunft zog, in demselben vorteilhaften +Zustande, als es jemalen war, und der Verlust trifft nur das Monopol +der Schulen, keineswegs aber das Interesse der Menschen. Ich frage +den unbiegsamsten Dogmatiker, ob der Beweis von der Fortdauer unserer +Seele nach dem Tode aus der Einfachheit der Substanz, ob der von der +Freiheit des Willens gegen den allgemeinen Mechanismus durch die +subtilen, obzwar ohnmächtigen Unterscheidungen subjektiver und +objektiver praktischer Notwendigkeit, oder ob der vom Dasein Gottes +aus dem Begriffe eines allerrealsten Wesens, (der Zufälligkeit des +Veränderlichen, und der Notwendigkeit eines ersten Bewegers,) nachdem +sie von den Schulen ausgingen, jemals haben bis zum Publikum gelangen +und auf dessen Überzeugung den mindesten Einfluß haben können? Ist +dieses nun nicht geschehen, und kann es auch, wegen der Untauglichkeit +des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler Spekulation, niemals +erwartet werden; hat vielmehr, was das erstere betrifft, die jedem +Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das Zeitliche (als +zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich) nie zufrieden +gestellt werden zu können, die Hoffnung eines künftigen Lebens, in +Ansehung des zweiten die bloße klare Darstellung der Pflichten im +Gegensatze aller Ansprüche der Neigungen das Bewußtsein der Freiheit, +und endlich, was das dritte anlangt, die herrliche Ordnung, Schönheit +und Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, allein den +Glauben an einen weisen und großen Welturheber, die sich aufs Publikum +verbreitende Überzeugung, sofern sie auf Vernunftgründen beruht, +ganz allein bewirken müssen: so bleibt ja nicht allein dieser Besitz +ungestört, sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch an Ansehen, +daß die Schulen nunmehr belehrt werden, sich keine höhere und +ausgebreitetere Einsicht in einem Punkte anzumaßen, der die allgemeine +menschliche Angelegenheit betrifft, als diejenige ist, zu der die +große (für uns achtungswürdigste) Menge auch eben so leicht gelangen +kann, und sich also auf die Kultur dieser allgemein faßlichen und in +moralischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein einzuschränken. +Die Veränderung betrifft also bloß die arroganten Ansprüche der +Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit Recht in vielen anderen +Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten +möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum nur den Gebrauch +mitteilen, den Schlüssel derselben aber für sich behalten (quod mecum +nescit, solus vult scire videri). Gleichwohl ist doch auch für einen +billigeren Anspruch des spekulativen Philosophen gesorgt. Er bleibt +immer ausschließlich Depositär einer dem Publikum ohne dessen Wissen +nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die +kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nötig, es zu sein; +weil, so wenig dem Volke die fein gesponnenen Argumente für nützliche +Wahrheiten in den Kopf wollen, ebensowenig kommen ihm auch die eben +so subtilen Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil +die Schule, so wie jeder sich zur Spekulation erhebende Mensch, +unvermeidlich in beide gerät, jene dazu verbunden ist, durch +gründliche Untersuchung der Rechte der spekulativen Vernunft einmal +für allemal dem Skandal vorzubeugen, das über kurz oder lang selbst +dem Volke aus den Streitigkeiten aufstoßen muß, in welche sich +Metaphysiker (und als solche endlich auch wohl Geistliche) ohne +Kritik unausbleiblich verwickeln, und die selbst nachher ihre +Lehren verfälschen. Durch diese kann nun allein dem Materialismus, +Fatalismus, Atheismus, dem freigeisterischen Unglauben, der +Schwärmerei und Aberglauben, die allgemein schädlich werden können, +zuletzt auch dem Idealismus und Skeptizismus, die mehr den Schulen +gefährlich sind und schwerlich ins Publikum übergehen können, selbst +die Wurzel abgeschnitten werden. Wenn Regierungen sich ja mit +Angelegenheiten der Gelehrten zu befassen gut finden, so würde es +ihrer weisen Fürsorge für Wissenschaften sowohl als Menschen weit +gemäßer sein, die Freiheit einer solchen Kritik zu begünstigen, +wodurch die Vernunftbearbeitungen allein auf einen festen Fuß gebracht +werden können, als den lächerlichen Despotismus der Schulen zu +unterstützen, welche über öffentliche Gefahr ein lautes Geschrei +erheben, wenn man ihre Spinneweben zerreißt, von denen doch das +Publikum niemals Notiz genommen hat, und deren Verlust es also auch +nie fühlen kann. + +Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft in ihrem +reinen Erkenntnis als Wissenschaft entgegengesetzt, (denn diese muß +jederzeit dogmatisch, d.i. aus sicheren Prinzipien a priori strenge +beweisend sein,) sondern dem Dogmatismus, d.i. der Anmaßung, mit +einer reinen Erkenntnis aus Begriffen (der philosophischen), nach +Prinzipien, so wie sie die Vernunft längst im Gebrauche hat, ohne +Erkundigung der Art und des Rechts, womit sie dazu gelangt ist, allein +fortzukommen. Dogmatismus ist also das dogmatische Verfahren der +reinen Vernunft, ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens. +Diese Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit, +unter dem angemaßten Namen der Popularität, oder wohl gar dem +Skeptizismus, der mit der ganzen Metaphysik kurzen Prozeß macht, +das Wort reden; vielmehr ist die Kritik die notwendige vorläufige +Veranstaltung zur Beförderung einer gründlichen Metaphysik als +Wissenschaft, die notwendig dogmatisch und nach der strengsten +Forderung systematisch, mithin schulgerecht (nicht populär) ausgeführt +werden muß; denn diese Forderung an sie, da sie sich anheischig macht, +gänzlich a priori, mithin zu völliger Befriedigung der spekulativen +Vernunft ihr Geschäft auszuführen, ist unnachläßlich. In der +Ausführung also des Plans, den die Kritik vorschreibt, d.i. im +künftigen System der Metaphysik, müssen wir dereinst der strengen +Methode des berühmten Wolf, des größten unter allen dogmatischen +Philosophen, folgen, der zuerst das Beispiel gab, (und durch dies +Beispiel der Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes +der Gründlichkeit in Deutschland wurde,) wie durch gesetzmäßige +Feststellung der Prinzipien, deutliche Bestimmung der Begriffe, +versuchte Strenge der Beweise, Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen +der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen sei, der auch eben +darum eine solche, als Metaphysik ist, in diesen Stand zu versetzen +vorzüglich geschickt war, wenn es ihm beigefallen wäre, durch Kritik +des Organs, nämlich der reinen Vernunft selbst, sich das Feld vorher +zu bereiten: ein Mangel, der nicht sowohl ihm, als vielmehr der +dogmatischen Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist, und +darüber die Philosophen seiner sowohl, als aller vorigen Zeiten +einander nichts vorzuwerfen haben. Diejenigen, welche seine Lehrart +und doch zugleich auch das Verfahren der Kritik der reinen Vernunft +verwerfen, können nichts anderes im Sinne haben, als die Fesseln der +Wissenschaft gar abzuwerfen, Arbeit in Spiel, Gewißheit in Meinung und +Philosophie in Philodoxie zu verwandeln. + +Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich, wie billig, +die Gelegenheit derselben nicht vorbei lassen wollen, um den +Schwierigkeiten und der Dunkelheit so viel möglich abzuhelfen, woraus +manche Mißdeutungen entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen +Männern, vielleicht nicht ohne meine Schuld, in der Beurteilung dieses +Buchs aufgestoßen sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, +imgleichen der Form sowohl als der Vollständigkeit des Plans, habe ich +nichts zu ändern gefunden; welches teils der langen Prüfung, der ich +sie unterworfen hatte, ehe ich es dem Publikum vorlegte, teils der +Beschaffenheit der Sache selbst, nämlich der Natur einer reinen +spekulativen Vernunft, beizumessen ist, die einen wahren Gliederbau +enthält, worin alles Organ ist, nämlich alles um eines willen und +ein jedes Einzelne um aller willen, mithin jede noch so kleine +Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler (Irrtum) oder Mangel, sich im +Gebrauche unausbleiblich verraten muß. In dieser Unveränderlichkeit +wird sich dieses System, wie ich hoffe, auch fernerhin behaupten. +Nicht Eigendünkel, sondern bloß die Evidenz, welche das Experiment der +Gleichheit des Resultats, im Ausgange von den mindesten Elementen bis +zum Ganzen der reinen Vernunft, und im Rückgange vom Ganzen (denn auch +dieses ist für sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen +gegeben) zu jedem Teile bewirkt, indem der Versuch, auch nur den +kleinsten Teil abzuändern, sofort Widersprüche, nicht bloß des +Systems, sondern der allgemeinen Menschenvernunft herbeiführt, +berechtigt mich zu diesem Vertrauen. Allein in der Darstellung +ist noch viel zu tun, und hierin habe ich mit dieser Auflage +Verbesserungen versucht, welche teils dem Mißverstande der Ästhetik, +vornehmlich dem im Begriffe der Zeit, teils der Dunkelheit der +Deduktion der Verstandesbegriffe, teils dem vermeintlichen Mangel +einer genügsamen Evidenz in den Beweisen der Grundsätze des reinen +Verstandes, teils endlich der Mißdeutung der der rationalen +Psychologie vorgerückten Paralogismen abhelfen sollen. Bis hierher +(nämlich nur bis zu Ende des ersten Hauptstücks der transzendentalen +Dialektik) und weiter nicht erstrecken sich meine Abänderungen der +Darstellungsart*, weil die Zeit zu kurz und mir in Ansehung des +übrigen auch kein Mißverstand sachkundiger und unparteiischer +Prüfer vorgekommen war, welche, auch ohne daß ich sie mit dem ihnen +gebührenden Lobe nennen darf, die Rücksicht, die ich auf ihre +Erinnerungen genommen habe, schon von selbst an ihren Stellen +antreffen werden. Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Verlust +für den Leser verbunden, der nicht zu verhüten war, ohne das Buch gar +zu voluminös zu machen, nämlich, daß verschiedenes, was zwar nicht +wesentlich zur Vollständigkeit des Ganzen gehört, mancher Leser aber +doch ungern missen möchte, indem es sonst in anderer Absicht brauchbar +sein kann, hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen werden müssen, +um meiner, wie ich hoffe, jetzt faßlicheren Darstellung Platz +zu machen, die im Grunde in Ansehung der Sätze und selbst ihrer +Beweisgründe, schlechterdings nichts verändert, aber doch in der +Methode des Vortrags hin und wieder so von der vorigen abgeht, daß sie +durch Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen ließ. Dieser kleine +Verlust, der ohnedem, nach jedes Belieben, durch Vergleichung mit +der ersten Auflage ersetzt werden kann, wird durch die größere +Faßlichkeit, wie ich hoffe, überwiegend ersetzt. Ich habe in +verschiedenen öffentlichen Schriften (teils bei Gelegenheit der +Rezension mancher Bücher, teils in besonderen Abhandlungen) mit +dankbarem Vergnügen wahrgenommen, daß der Geist der Gründlichkeit +in Deutschland nicht erstorben, sondern nur durch den Modeton einer +geniemäßigen Freiheit im Denken auf kurze Zeit überschrieen worden, +und daß die dornigen Pfade der Kritik, die zu einer schulgerechten, +aber als solche allein dauerhaften und daher höchstnotwendigen +Wissenschaft der reinen Vernunft führen, mutige und helle Köpfe nicht +gehindert haben, sich derselben zu bemeistern. Diesen verdienten +Männern, die mit der Gründlichkeit der Einsicht noch das Talent einer +lichtvollen Darstellung (dessen ich mir eben nicht bewußt bin) so +glücklich verbinden, überlasse ich meine in Ansehung der letzteren +hin und wieder etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu vollenden, denn +widerlegt zu werden ist in diesem Falle keine Gefahr, wohl aber nicht +verstanden zu werden. Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten +von nun an nicht einlassen, ob ich zwar auf alle Winke, es sei +von Freunden oder Gegnern, sorgfältig achten werde, um sie in der +künftigen Ausführung des Systems dieser Propädeutik gemäß zu benutzen. +Da ich während dieser Arbeiten schon ziemlich tief ins Alter +fortgerückt bin (in diesem Monat ins vierundsechzigste Jahr,) so muß +ich, wenn ich meinen Plan, die Metaphysik der Natur sowohl als der +Sitten, als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik der spekulativen +sowohl als praktischen Vernunft, zu liefern, ausführen will, mit der +Zeit sparsam verfahren, und die Aufhellung sowohl der in diesem Werke +anfangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten, als die Verteidigung den +Ganzen von den verdienten Männern, die es sich zu eigen gemacht +haben, erwarten. An einzelnen Stellen läßt sich jeder philosophische +Vortrag zwacken, (denn er kann nicht so gepanzert auftreten, als der +mathematische,) indessen, daß doch der Gliederbau des Systems, als +Einheit betrachtet, dabei nicht die mindeste Gefahr läuft, zu dessen +Übersicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewandtheit des Geistes, +noch wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, Lust +besitzen. Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man einzelne +Stellen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander vergleicht, +in jeder, vornehmlich als freie Rede fortgehenden Schrift ausklauben, +die in den Augen dessen, der sich auf fremde Beurteilung verläßt, ein +nachteiliges Licht auf diese werfen, demjenigen aber, der sich der +Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. Indessen, +wenn eine Theorie in sich Bestand hat, so dienen Wirkung und +Gegenwirkung, die ihr anfänglich große Gefahr drohten, mit der Zeit +nur dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen, und wenn sich Männer von +Unparteilichkeit, Einsicht und wahrer Popularität damit beschäftigen, +ihr in kurzer Zeit auch die erforderliche Eleganz zu verschaffen. + +Königsberg, im Aprilmonat 1787. + +* Eigentliche Vermehrung, aber doch nur in der Beweisart, könnte + ich nur die nennen, die ich durch eine neue Widerlegung des + psychologischen Idealismus, und einen strengen (wie ich glaube auch + einzig möglichen) Beweis von der objektiven Realität der äußeren + Anschauung S. 273 gemacht habe. Der Idealismus mag in Ansehung der + wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten + werden, (das er in der Tat nicht ist,) so bleibt es immer ein + Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das + Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu + Erkenntnissen selbst für unseren inneren Sinn her haben) bloß auf + Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemand einfällt es zu + bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu + können. Weil sich in den Ausdrücken des Beweises von der dritten + Zeile bis zur sechsten einige Dunkelheit findet, so bitte ich diesen + Period so umzuändern: »Dieses Beharrliche aber kann nicht eine + Anschauung in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, + die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen, und + bedürfen, als solche, selbst ein von ihnen unterschiedenes + Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben, mithin mein + Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden könne.« Man + wird gegen diesen Beweis vermutlich sagen: ich bin mir doch nur + dessen, was in mir ist, d.i. meiner Vorstellung äußerer Dinge, + unmittelbar bewußt; folglich bleibe es immer noch unausgemacht, ob + etwas ihr Korrespondierendes außer mir sei, oder nicht. Allein ich + bin mir meines Daseins in der Zeit (folglich auch der Bestimmbarkeit + desselben in dieser) durch innere Erfahrung bewußt, und dieses ist + mehr, als bloß mich meiner Vorstellung bewußt zu sein, doch aber + einerlei mit dem empirischen Bewußtsein meines Daseins, welches nur + durch Beziehung auf etwas, was mit meiner Existenz verbunden, außer + mir ist, bestimmbar ist. Dieses Bewußtsein meines Daseins in der + Zeit ist also mit dem Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas + außer mir identisch verbunden, und es ist also Erfahrung und nicht + Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches das Äußere mit + meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft; denn der äußere Sinn + ist schon an sich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirkliches + außer mir, und die Realität desselben, zum Unterschiede von der + Einbildung, beruht nur darauf, daß er mit der inneren Erfahrung + selbst, als die Bedingung der Möglichkeit derselben unzertrennlich + verbunden werde, welches hier geschieht. Wenn ich mit dem + intellektuellen Bewußtsein meines Daseins, in der Vorstellung Ich + bin, welche alle meine Urteile und Verstandeshandlungen begleitet, + zugleich eine Bestimmung meines Daseins durch intellektuelle + Anschauung verbinden könnte, so wäre zu derselben das Bewußtsein + eines Verhältnisses zu etwas außer mir nicht notwendig gehörig. Nun + aber jenes intellektuelle Bewußtsein zwar vorangeht, aber die innere + Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich + und an Zeitbedingung gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin + die innere Erfahrung selbst, von etwas Beharrlichem, welches in mir + nicht ist, folglich nur in etwas außer mir, wogegen ich mich in + Relation betrachten muß, abhängt: so ist die Realität des äußeren + Sinnes mit der des inneren, zur Möglichkeit einer Erfahrung + überhaupt, notwendig verbunden: d.i. ich bin mir eben so sicher + bewußt, daß es Dinge außer mir gebe, die sich auf meinen Sinn + beziehen, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst in der Zeit + bestimmt existiere. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich + Objekte außer mir korrespondieren, und die also zum äußeren Sinne + gehören, welchem sie und nicht der Einbildungskraft zuzuschreiben + sind, muß nach den Regeln, nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst + innere) von Einbildung unterschieden wird, in jedem besonderen Falle + ausgemacht werden, wobei der Satz: daß es wirklich äußere Erfahrung + gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hiezu noch die Anmerkung + fügen: die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht + einerlei mit der beharrlichen Vorstellung; denn diese kann sehr + wandelbar und wechselnd sein, wie alle unsere und selbst die + Vorstellungen der Materie, und bezieht sich doch auf etwas + Beharrliches, welches also ein von allen meinen Vorstellungen + unterschiedenes und äußeres Ding sein muß, dessen Existenz in der + Bestimmung meines eigenen Daseins notwendig mit eingeschlossen wird, + und mit derselben nur eine einzige Erfahrung ausmacht, die nicht + einmal innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum Teil) + zugleich äußerlich wäre. Das Wie? läßt sich hier ebensowenig weiter + erklären, als wie wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken, + dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung + hervorbringt. + + + +Einleitung + +I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis + +Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar +kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur +Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die +unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils +unsere Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, +sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher +Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die +Erfahrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor +der Erfahrung vorher, und mit dieser fängt alle an. + +Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so +entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn +es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein +Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und +dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke +bloß veranlaßt) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem +Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf +aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat. + +Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte +und nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es +ein dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der +Sinne unabhängiges Erkenntnis gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a +priori, und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a +posteriori nämlich in der Erfahrung, haben. + +Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestimmt genug, um den ganzen +Sinn, der vorgelegten Frage angemessen, zu bezeichnen. Denn man pflegt +wohl von mancher aus Erfahrungsquellen abgeleiteten Erkenntnis zu +sagen, daß wir ihrer a priori fähig oder teilhaftig sind, weil wir sie +nicht unmittelbar aus der Erfahrung, sondern aus einer allgemeinen +Regel, die wir gleichwohl selbst doch aus der Erfahrung entlehnt +haben, ableiten. So sagt man von jemand, der das Fundament seines +Hauses untergrub: er konnte es a priori wissen, daß es einfallen +würde, d.i. er durfte nicht auf die Erfahrung, daß es wirklich +einfiele, warten. Allein gänzlich a priori konnte er dieses doch auch +nicht wissen. Denn daß die Körper schwer sind, und daher, wenn ihnen +die Stütze entzogen wird, fallen, mußte ihm doch zuvor durch Erfahrung +bekannt werden. + +Wir werden also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori nicht solche +verstehen, die von dieser oder jener, sondern die schlechterdings +von aller Erfahrung unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische +Erkenntnisse, oder solche, die nur a posteriori, d.i. durch Erfahrung, +möglich sind, entgegengesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heißen +aber die jenigen rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist. +So ist z.B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz +a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur +aus der Erfahrung gezogen werden kann. + + + +II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und selbst der + gemeine Verstand ist niemals ohne solche + +Es kommt hier auf ein Merkmal an, woran wir sicher ein reines +Erkenntnis vom empirischen unterscheiden können. Erfahrung lehrt uns +zwar, daß etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht +anders sein könne. Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich +mit seiner Notwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urteil a priori, +ist er überdem auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum als +ein notwendiger Satz gültig ist, so ist er schlechterdings a priori. +Zweitens: Erfahrung gibt niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, +sondern nur angenommene und komparative Allgemeinheit (durch +Induktion), so daß es eigentlich heißen muß: soviel wir bisher +wahrgenommen haben, findet sich von dieser oder jener Regel keine +Ausnahme. Wird also ein Urteil in strengen Allgemeinheit gedacht, d.i. +so, daß gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist es +nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori +gültig. Die empirische Allgemeinheit ist also nur eine willkürliche +Steigerung der Gültigkeit, von der, welche in den meisten Fällen, +zu der, die in allen gilt, wie z.B. in dem Satze: alle Körper sind +schwer; wo dagegen strenge Allgemeinheit zu einem Urteile wesentlich +gehört, da zeigt diese auf einen besonderen Erkenntnisquell desselben, +nämlich ein Vermögen des Erkenntnisses a priori. Notwendigkeit und +strenge Allgemeinheit sind also sichere Kennzeichen einer Erkenntnis +a priori, und gehören auch unzertrennlich zueinander. Weil es aber +im Gebrauche derselben bisweilen leichter ist, die empirische +Beschränktheit derselben, als die Zufälligkeit in den Urteilen, oder +es auch manchmal einleuchtender ist, die unbeschränkte Allgemeinheit, +die wir einem Urteile beilegen, als die Notwendigkeit desselben zu +zeigen, so ist es ratsam, sich gedachter beider Kriterien, deren jedes +für sich unfehlbar ist, abgesondert zu bedienen. + +Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine, +mithin reine Urteile a priori, im menschlichen Erkenntnis wirklich +gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, +so darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinaussehen, will man +ein solches aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, +daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen; ja in dem +letzteren enthält selbst der Begriff einer Ursache so offenbar den +Begriff einer Notwendigkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung und +einer strengen Allgemeinheit der Regel, daß er gänzlich verlorengehen +würde, wenn man ihn, wie Hume tat, von einer öftern Beigesellung +dessen, was geschieht, mit dem, was vorhergeht, und einer daraus +entspringenden Gewohnheit, (mithin bloß subjektiven Notwendigkeit,) +Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte. Auch könnte man, ohne +dergleichen Beispiele zum Beweise der Wirklichkeit reiner Grundsätze +a priori in unserem Erkenntnisse zu bedürfen, dieser ihre +Unentbehrlichkeit zur Möglichkeit der Erfahrung selbst, mithin +a priori dartun. Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre Gewißheit +hernehmen, wenn alle Regeln, nach denen sie fortgeht, immer wieder +empirisch, mithin zufällig wären; daher man diese schwerlich für +erste Grundsätze gelten lassen kann. Allein hier können wir uns damit +begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntnisvermögens als Tatsache +samt den Kennzeichen desselben dargelegt zu haben. Aber nicht bloß in +Urteilen, sondern selbst in Begriffen zeigt sich ein Ursprung einiger +derselben a priori. Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers +alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die +Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, so +bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden +ist) einnahm, und den könnt ihr nicht weglassen. Ebenso, wenn ihr +von eurem empirischen Begriffe eines jeden, körperlichen oder nicht +körperlichen, Objekts alle Eigenschaften weglaßt, die euch die +Erfahrung lehrt; so könnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, dadurch +ihr es als Substanz oder einer Substanz anhängend denkt, (obgleich +dieser Begriff mehr Bestimmung enthält, als der eines Objekts +überhaupt). Ihr müßt also, überführt durch die Notwendigkeit, womit +sich dieser Begriff euch aufdringt, gestehen, daß er in eurem +Erkenntnisvermögen a priori seinen Sitz habe. + + + +III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die + Möglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse a + priori bestimme + +Was noch weit mehr sagen will als alles vorige, ist dieses, daß +gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen +verlassen, und durch Begriffe, denen überall kein entsprechender +Gegenstand in der Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer +Urteile über alle Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben. + +Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die +Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden, noch +Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, +die wir, der Wichtigkeit nach, für weit vorzüglicher, und ihre +Endabsicht für viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im +Felde der Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr +zu irren, eher alles wagen, als daß wir so angelegene Untersuchungen +aus irgendeinem Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung +und Gleichgültigkeit aufgeben sollten. Diese unvermeidlichen Aufgaben +der reinen Vernunft selbst sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. +Die Wissenschaft aber, deren Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen +eigentlich nur auf die Auflösung derselben gerichtet ist, heißt +Metaphysik, deren Verfahren im Anfange dogmatisch ist, d.i. ohne +vorhergehende Prüfung des Vermögens oder Unvermögens der Vernunft zu +einer so großen Unternehmung zuversichtlich die Ausführung übernimmt. + +Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den Boden der Erfahrung +verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne +zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man +nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung +desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein, +daß man also vielmehr die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben, wie +denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, +und welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen. In der Tat +ist auch nichts natürlicher, wenn man unter dem Worte natürlich das +versteht, was billiger- und vernünftigerweise geschehen sollte; +versteht man aber darunter das, was gewöhnlichermaßen geschieht, +so ist hinwiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als daß +diese Untersuchung lange unterbleiben mußte. Denn ein Teil dieser +Erkenntnisse, als die mathematischen, ist im alten Besitze der +Zuverlässigkeit, und gibt dadurch eine günstige Erwartung auch für +andere, ob diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen. +Überdem, wenn man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man +sicher, durch Erfahrung nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine +Erkenntnisse zu erweitern, ist so groß, daß man nur durch einen klaren +Widerspruch, auf den man stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten +werden kann. Dieser aber kann vermieden werden, wenn man seine +Erdichtungen nur behutsam macht, ohne daß sie deswegen weniger +Erdichtungen bleiben. Die Mathematik gibt uns ein glänzendes Beispiel, +wie weit wir es, unabhängig von der Erfahrung, in der Erkenntnis a +priori bringen können. Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen +und Erkenntnissen bloß so weit, als sich solche in der Anschauung +darstellen lassen. Aber dieser Umstand wird leicht übersehen, weil +gedachte Anschauung selbst a priori gegeben werden kann, mithin von +einem bloßen reinen Begriff kaum unterschieden wird. Durch einen +solchen Beweis von der Macht der Vernunft eingenommen, sieht der +Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die leichte Taube, indem sie im +freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die +Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel l besser +gelingen werde. Ebenso verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem +Verstande so enge Schranken setzt, und wagte sich jenseit derselben, +auf den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. +Er bemerkte nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne, +denn er hatte keinen Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er +sich steifen, und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den +Verstand von der Stelle zu bringen. Es ist aber ein gewöhnliches +Schicksal der menschlichen Vernunft in der Spekulation, ihr Gebäude +so früh, wie möglich, fertigzumachen, und hintennach allererst zu +untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt sei. Alsdann aber +werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht, um uns wegen dessen +Tüchtigkeit zu trösten, oder auch eine solche späte und gefährliche +Prüfung lieber gar abzuweisen. Was uns aber während dem Bauen +von aller Besorgnis und Verdacht frei hält, und mit scheinbarer +Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein großer Teil, und +vielleicht der größte, von dem Geschäfte unserer Vernunft, besteht in +Zergliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben. +Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich +nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind, was +in unsern Begriffen (wiewohl noch auf verworrene Art) schon gedacht +worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich +geschätzt werden, wiewohl sie der Materie, oder dem Inhalte nach die +Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur auseinander +setzen. Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntnis a priori +gibt, die einen sichern und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht +die Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung +Behauptungen von ganz anderer Art, wo die Vernunft zu gegebenen +Begriffen ganz fremde und zwar a priori hinzutut, ohne daß man weiß, +wie sie dazu gelangen und ohne sich eine solche Frage auch nur in +die Gedanken kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem +Unterschiede dieser zweifachen Erkenntnisart handeln. + + + +IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile + +In allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat +gedacht wird, (wenn ich nur die bejahenden erwäge, denn auf die +verneinenden ist nachher die Anwendung leicht,) ist dieses Verhältnis +auf zweierlei Art möglich. Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt +A als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckterweise) enthalten +ist; oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben +in Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urteil analytisch, +in dem andern synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind +also diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem +Subjekt durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung +ohne Identität gedacht wird, sollen synthetische Urteile +heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die andern +Erweiterungs-Urteile heißen, weil jene durch das Prädikat nichts zum +Begriff des Subjekts hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung +in seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigen schon (obgleich +verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem Begriffe +des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches in jenem gar nicht +gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können +herausgezogen werden. Z.B. wenn ich sage: alle Körper sind +ausgedehnt, so ist dies ein analytisch Urteil. Denn ich darf nicht +über den Begriff, den ich mit dem Körper verbinde, hinausgehen, um +die Ausdehnung, als mit demselben verknüpft, zu finden, sondern +jenen Begriff nur zergliedern, d.i. des Mannigfaltigen, welches ich +jederzeit in ihm denke, mir nur bewußt werden, um dieses Prädikat +darin anzutreffen; es ist also ein analytisches Urteil. Dagegen, wenn +ich sage: alle Körper sind schwer, so ist das Prädikat etwas ganz +anderes, als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers +überhaupt denke. Die Hinzufügung eines solchen Prädikats gibt also ein +synthetisch Urteil. + +Erfahrungsurteile, als solche, sind insgesamt synthetisch. Denn es +wäre ungereimt, ein analytisches Urteil auf Erfahrung zu gründen, weil +ich aus meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf, um das Urteil +abzufassen, und also kein Zeugnis der Erfahrung dazu nötig habe. Daß +ein Körper ausgedehnt sei, ist ein Satz, der a priori feststeht, und +kein Erfahrungsurteil. Denn, ehe ich zur Erfahrung gehe, habe ich alle +Bedingungen zu meinem Urteile schon in dem Begriffe, aus welchem ich +das Prädikat nach dem Satze des Widerspruchs nur herausziehen, und +dadurch zugleich der Notwendigkeit des Urteils bewußt werden kann, +welche mir Erfahrung nicht einmal lehren würde. Dagegen, ob ich schon +in dem Begriff eines Körpers überhaupt das Prädikat der Schwere gar +nicht einschließe, so bezeichnet jener doch einen Gegenstand der +Erfahrung durch einen Teil derselben, zu welchem ich also noch +andere Teile eben derselben Erfahrung, als zu dem ersteren gehörten, +hinzufügen kann. Ich kann den Begriff des Körpers vorher analytisch +durch die Merkmale der Ausdehnung, der Undurchdringlichkeit, der +Gestalt usw., die alle in diesem Begriffe gedacht werden, erkennen. +Nun erweitere ich aber meine Erkenntnis, und, indem ich auf die +Erfahrung zurücksehe, von welcher ich diesen Begriff des Körpers +abgezogen hatte, so finde ich mit obigen Merkmalen auch die Schwere +jederzeit verknüpft, und füge also diese als Prädikat zu jenem +Begriffe synthetisch hinzu. Es ist also die Erfahrung, worauf sich die +Möglichkeit der Synthesis des Prädikats der Schwere mit dem Begriffe +des Körpers gründet, weil beide Begriffe, ob zwar einer nicht in dem +anderen enthalten ist, dennoch als Teile eines Ganzen, nämlich der +Erfahrung, die selbst eine synthetische Verbindung der Anschauungen +ist, zueinander, wiewohl nur zufälligerweise, gehören. + +Aber bei synthetischen Urteilen a priori fehlt dieses Hilfsmittel ganz +und gar. Wenn ich über den Begriff A hinausgehen soll, um einen andern +B als damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich mich +stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird? da ich hier den +Vorteil nicht habe, mich im Felde der Erfahrung danach umzusehen. +Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem +Begriff von etwas, das geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor +welchem eine Zeit vorhergeht usw. und daraus lassen sich analytische +Urteile ziehen. Aber der Begriff einer Ursache liegt ganz außer jenem +Begriffe, und zeigt etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, +ist also in dieser letzteren Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie +komme ich denn dazu, von dem, was überhaupt geschieht, etwas davon +ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der Ursache, obzwar in +jenem nicht enthalten, dennoch, als dazu und sogar notwendig gehörig, +zu erkennen. Was ist hier das Unbekannte = X, worauf sich der Verstand +stützt, wenn er außer dem Begriff von A ein demselben fremdes Prädikat +B aufzufinden glaubt, welches er gleichwohl damit verknüpft zu sein +erachtet? Erfahrung kann es nicht sein, weil der angeführte Grundsatz +nicht allein mit größerer Allgemeinheit, sondern auch mit dem Ausdruck +der Notwendigkeit, mithin gänzlich a priori und aus bloßen Begriffen, +diese zweite Vorstellungen zu der ersteren hinzugefügt. Nun beruht +auf solchen synthetischen d.i. Erweiterungs-Grundsätzen die ganze +Endabsicht unserer spekulativen Erkenntnis a priori; denn die +analytischen sind zwar höchst wichtig und nötig, aber nur um zu +derjenigen Deutlichkeit der Begriffe zu gelangen, die zu einer +sicheren und ausgebreiteten Synthesis, als zu einem wirklich neuen +Erwerb, erforderlich ist. + + + +V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind + synthetische Urteile a priori als Prinzipien enthalten + +1. Mathematische Urteile sind insgesamt synthetisch. Dieser Satz +scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft +bisher entgangen, ja allen ihren Vermutungen gerade entgegengesetzt +zu sein, ob er gleich unwidersprechlich gewiß und in der Folge sehr +wichtig ist. Denn weil man fand, daß die Schlüsse der Mathematiker +alle nach dem Satze des Widerspruchs fortgehen, (welches die Natur +einer jeden apodiktischen Gewißheit erfordert,) so überredet man sich, +daß auch die Grundsätze aus dem Satze des Widerspruchs erkannt würden; +worin sie sich irrten; denn ein synthetischer Satz kann allerdings +nach dem Satze des Widerspruchs eingesehen werden, aber nur so, +daß ein anderer synthetischen Satz vorausgesetzt wird, aus dem er +gefolgert werden kann, niemals aber an sich selbst. + +Zuvörderst muß bemerkt werden: daß eigentliche mathematische Sätze +jederzeit Urteile a priori und nicht empirisch sind, weil sie +Notwendigkeit bei sich führen, welche aus Erfahrung nicht abgenommen +werden kann. Will man aber dieses nicht einräumen, wohlan, so schränke +ich meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es +schon mit sich bringt, daß sie nicht empirische, sondern bloß reine +Erkenntnis a priori enthalte. + +Man sollte anfänglich zwar denken: daß der Satz 7 + 5 = 12 ein bloß +analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe von Sieben und +Fünf nach dem Satze des Widerspruches erfolge. Allein, wenn man es +näher betrachtet, so findet man, daß der Begriff der Summe von 7 und +5 nichts weiter enthalte, als die Vereinigung beider Zahlen in eine +einzige, wodurch ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese +einzige Zahl sei, die beide zusammenfaßt. Der Begriff von Zwölf ist +keineswegs dadurch schon gedacht, daß ich mir bloß jene Vereinigung +von Sieben und Fünf denke, und, ich mag meinen Begriff von einer +solchen möglichen Summe noch solange zergliedern, so werde ich +doch darin die Zwölf nicht antreffen. Man muß über diese Begriffe +hinausgehen, indem man die Anschauung zu Hilfe nimmt, die einem von +beiden korrespondiert, etwa seine fünf Finger, oder (wie Segner in +seiner Arithmetik) fünf Punkte, und so nach und nach die Einheiten der +in der Anschauung gegebenen Fünf zu dem Begriffe der Sieben hinzutut. +Denn ich nehme zuerst die Zahl 7, und, indem ich für den Begriff der 5 +die Finger meiner Hand als Anschauung zu Hilfe nehme, so tue ich die +Einheiten, die ich vorher zusammennahm, um die Zahl 5 auszumachen, nun +an jenem meinem Bilde nach und nach zur Zahl 7, und sehe so die Zahl +12 entspringen. Daß 7 zu 5 hinzugetan werden sollten, habe ich zwar in +dem Begriffe einer Summe = 7 + 5 gedacht, aber nicht, daß diese Summe +der Zahl 12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also jederzeit +synthetisch; welches man desto deutlicher inne wird, wenn man etwas +größere Zahlen nimmt, da es dann klar einleuchtet, daß, wir möchten +unsere Begriffe drehen und wenden, wie wir wollen, wir, ohne die +Anschauung zu Hilfe zu nehmen, vermittels der bloßen Zergliederung +unserer Begriffe die Summe niemals finden könnten. + +Ebensowenig ist irgendein Grundsatz der reinen Geometrie analytisch. +Daß die gerade Linie zwischen zwei Punkten die kürzeste sei, ist ein +synthetischen Satz. Denn mein Begriff vom Geraden enthält nichts von +Größe, sondern nur eine Qualität. Der Begriff des Kürzesten kommt also +gänzlich hinzu, und kann durch keine Zergliederung aus dem Begriffe +der geraden Linie gezogen werden. Anschauung muß also hier zu Hilfe +genommen werden, vermittels deren allein die Synthesis möglich ist. + +Einige wenige Grundsätze, welche die Geometer voraussetzen, sind zwar +wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs, sie +dienen aber auch nur, wie identische Sätze, zur Kette der Methode und +nicht als Prinzipien, z.B. a = a, das Ganze ist sich selber gleich, +oder (a + b) > a, d.i. das Ganze ist größer als sein Teil. Und doch +auch diese selbst, ob sie gleich nach bloßen Begriffen gelten, werden +in der Mathematik nur darum zugelassen, weil sie in der Anschauung +können dargestellt werden. Was uns hier gemeiniglich glauben macht, +als läge das Prädikat solcher apodiktischen Urteile schon in +unserm Begriffe, und das Urteil sei also analytisch, ist bloß die +Zweideutigkeit des Ausdrucks. Wir sollen nämlich zu einem gegebenen +Begriffe ein gewisses Prädikat hinzudenken, und diese Notwendigkeit +haftet schon an den Begriffen. Aber die Frage ist nicht, was wir zu +dem gegebenen Begriffe hinzudenken sollen, sondern was wir wirklich in +ihm, obzwar nur dunkel, denken, und da zeigt sich, daß das Prädikat +jenen Begriffen zwar notwendig, aber nicht als im Begriffe selbst +gedacht, sondern vermittels einer Anschauung, die zu dem Begriffe +hinzukommen muß, anhänge. + +2. Naturwissenschaft (Physica) enthält synthetische Urteile a priori +als Prinzipien in sich. Ich will nur ein paar Sätze zum Beispiel +anführen, als den Satz: daß in allen Veränderungen der körperlichen +Welt die Quantität der Materie unverändert bleibe, oder daß, in aller +Mitteilung der Bewegung, Wirkung und Gegenwirkung jederzeit einander +gleich sein müssen. An beiden ist nicht allein die Notwendigkeit, +mithin ihr Ursprung a priori, sondern auch, daß sie synthetische Sätze +sind, klar. Denn in dem Begriffe der Materie denke ich mir nicht +die Beharrlichkeit, sondern bloß ihre Gegenwart im Raume durch die +Erfüllung desselben. Also gehe ich wirklich über den Begriff von der- +Materie hinaus, um etwas a priori zu ihm hinzuzudenken, was ich in ihm +nicht dachte. Der Satz ist also nicht analytisch, sondern synthetisch +und dennoch a priori gedacht, und so in den übrigen Sätzen des reinen +Teils der Naturwissenschaft. + +3. In der Metaphysik, wenn man sie auch nur für eine bisher bloß +versuchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft +unentbehrliche Wissenschaft ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse +a priori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu tun, +Begriffe, die wir uns a priori von Dingen machen, bloß zu zergliedern +und dadurch analytisch zu erläutern, sondern wir wollen unsere +Erkenntnis a priori erweitern, wozu wir uns solcher Grundsätze +bedienen müssen, die über den gegebenen Begriff etwas hinzutun, was in +ihm nicht enthalten war, und durch synthetische Urteile a priori wohl +gar so weit hinausgehen, daß uns die Erfahrung selbst nicht so weit +folgen kann, z.B. in dem Satze: die Welt muß einen ersten Anfang +haben, u. a. m. und so besteht Metaphysik wenigstens ihrem Zwecke nach +aus lauter synthetischen Sätzen a priori. + + + +VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft + +Man gewinnt dadurch schon sehr viel, wenn man eine Menge von +Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann. +Denn dadurch erleichtert man sich nicht allein selbst sein eigenes +Geschält, indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem +anderen, der es prüfen will, das Urteil, ob wir unserem Vorhaben ein +Genüge getan haben oder nicht. Die eigentliche Aufgabe der reinen +Vernunft ist nun in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urteile +a priori möglich? + +Daß die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der +Ungewißheit und Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache +zuzuschreiben, daß man sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den +Unterschied der analytischen und synthetischen Urteile nicht früher +in Gedanken kommen ließ. Auf der Auflösung dieser Aufgabe, oder einem +genugtuenden Beweise, daß die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen +verlangt, in der Tat gar nicht stattfinde, beruht nun das Stehen und +Fallen der Metaphysik. David Hume, der dieser Aufgabe unter allen +Philosophen noch am nächsten trat, sie aber sich bei weitem nicht +bestimmt genug und in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloß bei dem +synthetischen Satze der Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen +(Principium causalitatis) stehen blieb, glaubte herauszubringen, daß +ein solcher Satz a priori gänzlich unmöglich sei, und nach seinen +Schlüssen würde alles, was wir Metaphysik nennen, auf einen bloßen +Wahn von vermeinter Vernunfteinsicht dessen hinauslaufen, was in der +Tat bloß aus der Erfahrung erborgt und durch Gewohnheit den Schein +der Notwendigkeit überkommen hat; auf welche, alle reine Philosophie +zerstörende, Behauptung er niemals gefallen wäre, wenn er unsere +Aufgabe in ihrer Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte, da er dann +eingesehen haben würde, daß, nach seinem Argumente, es auch keine +reine Mathematik geben könnte, weil diese gewiß synthetische Sätze a +priori enthält, vor welcher Behauptung ihn alsdann sein guter Verstand +wohl würde bewahrt haben. + +In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit +des reinen Vernunftgebrauches in Gründung und Ausführung aller +Wissenschaften, die eine theoretische Erkenntnis a priori von +Gegenständen enthalten, mit begriffen, d.i. die Beantwortung der +Fragen: + +Wie ist reine Mathematik möglich? +Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? + +Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich nun +wohl geziemend fragen: wie sie möglich sind; denn daß sie möglich sein +müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen*. Was aber Metaphysik +betrifft, so muß ihr bisheriger schlechter Fortgang, und weil man von +keiner einzigen bisher vorgetragenen, was ihren wesentlichen Zweck +angeht, sagen kann, sie sei wirklich vorhanden, einen jeden mit Grund +an ihrer Möglichkeit zweifeln lassen. + +* Von der reinen Naturwissenschaft könnte mancher dieses letztere noch + bezweifeln. Allein man darf nur die verschiedenen Sätze, die im + Anfange der eigentlichen (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, + als den von der Beharrlichkeit derselben Quantität Materie, von + der Trägheit, der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung usw., + so wird man bald überzeugt werden, daß sie eine physicam puram + (oder rationalem) ausmachen, die es wohl verdient, als eigene + Wissenschaft, in ihrem engen oder weiten, aber doch ganzen Umfange, + abgesondert aufgestellt zu werden. + +Nun ist aber diese Art von Erkenntnis in gewissem Sinne doch +auch als gegeben anzusehen, und Metaphysik ist, wenngleich nicht +als Wissenschaft, doch als Naturanlage (metaphysica naturalis) +wirklich. Denn die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne +daß bloße Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes +Bedürfnis getrieben bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen +Erfahrungsgebrauch der Vernunft und daher entlehnte Prinzipien +beantwortet werden können, und so ist wirklich in allen Menschen, +sobald Vernunft sich in ihnen bis zur Spekulation erweitert, +irgendeine Metaphysik zu aller Zeit gewesen, und wird auch immer darin +bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage: + +Wie ist Metaphysik als Naturanlage möglich? + +d.i. wie entspringen die Fragen, welche reine Vernunft sich +aufwirft, und die sie, so gut als sie kann, zu beantworten durch +ihr eigenes Bedürfnis getrieben wird, aus der Natur der allgemeinen +Menschenvernunft? + +Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen, diese natürlichen Fragen, +z.B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her sei, usw. +zu beantworten, jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden haben, +so kann man es nicht bei der bloßen Naturanlage zur Metaphysik, d.i. +dem reinen Vernunftvermögen selbst, woraus zwar immer irgendeine +Metaphysik (es sei welche es wolle) erwächst, bewenden lassen, sondern +es muß möglich sein, mit ihr es zur Gewißheit zu bringen, entweder +im Wissen oder Nicht-Wissen der Gegenstände, d.i. entweder der +Entscheidung über die Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen +und Unvermögen der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urteilen, also +entweder unsere reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern, oder +ihr bestimmte und sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die +aus der obigen allgemeinen Aufgabe fließt, würde mit Recht diese sein: +Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? + +Die Kritik der Vernunft führt also zuletzt notwendig zur Wissenschaft; +der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose +Behauptungen, denen man ebenso scheinbare entgegensetzen kann, mithin +zum Skeptizismus. + +Auch kann diese Wissenschaft nicht von großer abschreckender +Weitläufigkeit sein, weil sie es nicht mit Objekten der Vernunft, +deren Mannigfaltigkeit unendlich ist, sondern es bloß mit sich selbst, +mit Aufgaben, die ganz aus ihrem Schoße entspringen, und ihr nicht +durch die Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern +durch ihre eigene vorgelegt sind, zu tun hat; da es denn, wenn sie +zuvor ihr eigen Vermögen in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der +Erfahrung vorkommen mögen, vollständig hat kennenlernen, leicht werden +muß, den Umfang und die Grenzen ihres über alle Erfahrungsgrenzen +versuchten Gebrauchs vollständig und sicher zu bestimmen. + +Man kann also und muß alle bisher gemachten Versuche, eine Metaphysik +dogmatisch zustande zu bringen, als ungeschehen ansehen; denn was in +der einen oder der anderen Analytisches, nämlich bloße Zergliederung +der Begriffe ist, die unserer Vernunft a priori beiwohnen, ist +noch gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der +eigentlichen Metaphysik, nämlich seine Erkenntnis a priori synthetisch +zu erweitern, und ist zu diesem untauglich, weil sie bloß zeigt, was +in diesen Begriffen enthalten ist, nicht aber, wie wir a priori zu +solchen Begriffen gelangen, um danach auch ihren gültigen Gebrauch +in Ansehung der Gegenstände aller Erkenntnis überhaupt bestimmen zu +können. Es gehört auch nur wenig Selbstverleugnung dazu, alle diese +Ansprüche aufzugeben, da die nicht abzuleugnenden und im dogmatischen +Verfahren auch unvermeidlichen Widersprüche der Vernunft mit sich +selbst jede bisherige Metaphysik schon längst um ihr Ansehen gebracht +haben. Mehr Standhaftigkeit wird dazu nötig sein, sich durch die +Schwierigkeit innerlich und den Widerstand äußerlich nicht abhalten zu +lassen, eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenschaft, +von der man wohl jeden hervorgeschossenen Stamm abhauen, die Wurzel +aber nicht ausrotten kann, durch eine andere, der bisherigen ganz +entgegengesetzte, Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen und +fruchtbaren Wuchse zu befördern. + + + +VII. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem + Namen der Kritik der reinen Vernunft + +Aus diesem allein ergibt sich nun die Idee einer besonderen +Wissenschaft, die Kritik der reinen Vernunft heißen kann. Denn ist +Vernunft das Vermögen, welches die Prinzipien der Erkenntnis a priori +an die Hand gibt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die +Prinzipien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält. Ein +Organon der reinen Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Prinzipien +sein, nach denen alle reinen Erkenntnisse a priori können erworben und +wirklich zustande gebracht werden. Die ausführliche Anwendung eines +solchen Organon würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da +dieses aber sehr viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch +hier überhaupt eine Erweiterung unserer Erkenntnis, und in welchen +Fällen sie möglich sei; so können wir eine Wissenschaft der bloßen +Beurteilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, als die +Propädeutik zum System der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde +nicht eine Doktrin, sondern nur Kritik der reinen Vernunft heißen +müssen, und ihr Nutzen würde in Ansehung der Spekulation wirklich nur +negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unserer +Vernunft dienen, und sie von Irrtümern frei halten, welches schon sehr +viel gewonnen ist. Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich +nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart +von Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll, +überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde +Transzendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für den +Anfang noch zu viel. Denn, weil eine solche Wissenschaft sowohl die +analytische Erkenntnis, als die synthetische a priori vollständig +enthalten müßte, so ist sie, soweit es unsere Absicht betrifft, von zu +weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen, als +sie unentbehrlich notwendig ist, um die Prinzipien der Synthesis a +priori, als warum es uns nur zu tun ist, in ihrem ganzen Umfange +einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doktrin, +sondern nur transzendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die +Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung +derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werts oder Unwerts +aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt +beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo +möglich, zu einem Organon, und wenn dieses nicht gelingen sollte, +wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst +das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag +nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer Erkenntnis bestehen, +sowohl analytisch als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn daß +dieses möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem +Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich +schon zum voraus daraus ermessen, daß hier nicht die Natur der Dinge, +welche unerschöpflich ist, sondern der Verstand, der über die Natur +der Dinge urteilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner +Erkenntnis a priori, den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrat, weil wir +ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben +kann, und allem Vermuten nach klein genug ist, um vollständig +aufgenommen, nach seinem Werte oder Unwerte beurteilt und unter +richtige Schätzung gebracht zu werden. Noch weniger darf man hier eine +Kritik der Bücher und Systeme der reinen Vernunft erwarten, sondern +die des reinen Vernunftvermögens selbst. Nur allein, wenn diese zum +Grunde liegt, hat man einen sicheren Probierstein, den philosophischen +Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu schätzen; +widrigenfalls beurteilt der unbefugte Geschichtsschreiber und Richter +grundlose Behauptungen anderer, durch seine eigenen, die ebenso +grundlos sind. + +Die Transzendental-Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu +die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d.i. +aus Prinzipien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der +Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude +ausmachen. Sie ist das System aller Prinzipien der reinen Vernunft. +Daß diese Kritik nicht schon selbst Transzendental-Philosophie heißt, +beruht lediglich darauf, daß sie, um ein vollständiges System zu sein, +auch eine ausführliche Analysis der ganzen menschlichen Erkenntnis a +priori enthalten müßte. Nun muß zwar unsere Kritik allerdings auch +eine vollständige Herzählung aller Stammbegriffe, welche die gedachte +reine Erkenntnis ausmachen, vor Augen legen. Allein der ausführlichen +Analysis dieser Begriffe selbst, wie auch der vollständigen Rezension +der daraus abgeleiteten, enthält sie sich billig, teils weil diese +Zergliederung nicht zweckmäßig wäre, indem sie die Bedenklichkeit +nicht hat, welche bei der Synthesis angetroffen wird, um deren willen +eigentlich die ganze Kritik da ist, teils, weil es der Einheit des +Planes zuwider wäre, sich mit der Verantwortung der Vollständigkeit +einer solchen Analysis und Ableitung zu befassen, deren man +in Ansehung seiner Absicht doch überhoben sein konnte. Diese +Vollständigkeit der Zergliederung sowohl, als der Ableitung aus den +künftig zu liefernden Begriffen a priori, ist indessen leicht zu +ergänzen, wenn sie nur allererst als ausführliche Prinzipien der +Synthesis da sind, und in Ansehung dieser wesentlichen Absicht nichts +ermangelt. + +Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die +Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee +der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht +selbst; weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur +vollständigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis a priori +erforderlich ist. + +Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft +ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas +Empirisches in sich enthalten; oder daß die Erkenntnis a priori völlig +rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität und die +Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie +doch nicht in die Transzendental-Philosophie, weil sie die Begriffe +der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen usw., die insgesamt +empirischen Ursprungs sind, zwar selbst nicht zum Grunde ihrer +Vorschriften legen, aber doch im Begriffe der Pflicht, als Hindernis, +das überwunden, oder als Anreiz, der nicht zum Bewegungsgrunde +gemacht werden soll, notwendig in die Abfassung des Systems +der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen müssen. Daher ist die +Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit der reinen bloß +spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern es Triebfedern +enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen +Erkenntnisquellen gehören. + +Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen +Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muß die, +welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens +eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser +Hauptteile würde seine Unterabteilung haben, deren Gründe sich +gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint zur +Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme +der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer +gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich +Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände +gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die +Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten sollte, welche die +Bedingung ausmachen, unter der uns Gegenstände gegeben werden, so +würde sie zur Transzendental-Philosophie gehören. Die transzendentale +Sinnenlehre würde zum ersten Teile der Elementarwissenschaft gehören +müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der +menschlichen Erkenntnis gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter +welchen selbige gedacht werden. + + + +Kritik der reinen Vernunft + +I. Transzendentale Elementarlehre + +Der transzendentalen Elementarlehre +Erster Teil +Die transzendentale Ästhetik + +§ 1 + +Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis +auf Gegenstände beziehen mag, es ist doch diejenige, wodurch sie sich +auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel +abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns +der Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum, uns Menschen +wenigstens, nur dadurch möglich, daß er das Gemüt auf gewisse Weise +affiziere. Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die +Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt +Sinnlichkeit. Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände +gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand +aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe. Alles +Denken aber muß sich, es sei geradezu (direkte) oder im Umschweife +(indirekte), vermittelst gewisser Merkmale, zuletzt auf Anschauungen, +mithin, bei uns, auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise +kein Gegenstand gegeben werden kann. + +Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern +wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung. Diejenige +Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, +heißt empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen +Anschauung heißt Erscheinung. + +In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, +die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das +Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet +werden kann, nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worinnen sich +die Empfindungen allein ordnen, und in gewisse Form gestellt werden +können, nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar +die Materie aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die Form +derselben aber muß zu ihnen insgesamt im Gemüte a priori bereitliegen +und daher abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden. + +Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transzendentalen Verstande), in +denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird. Demnach +wird die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüte +a priori angetroffen werden, worinnen alles Mannigfaltige der +Erscheinungen in gewissen Verhältnissen angeschaut wird. Diese reine +Form der Sinnlichkeit wird auch selber reine Anschauung heißen. So, +wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon +denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen, was davon +zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw. +absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas +übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen +Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der +Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte +stattfindet. + +Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori +nenne ich die transzendentale Ästhetik*. Es muß also eine solche +Wissenschaft geben, die den ersten Teil der transzendentalen +Elementarlehre ausmacht, im Gegensatz derjenigen, welche die +Prinzipien des reinen Denkens enthält, und transzendentale Logik +genannt wird. + +* Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts + Ästhetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritik + des Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung + zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten faßte, die + kritische Beurteilung des Schönen unter Vernunftprinzipien zu + bringen, und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. + Allein diese Bemühung ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder + Kriterien sind ihren vornehmsten Quellen nach bloß empirisch, und + können also niemals zu bestimmten Gesetzen a priori dienen, wonach + sich unser Geschmacksurteil richten müßte, vielmehr macht das + letztere den eigentlichen Probierstein der Richtigkeit der ersteren + aus. Um deswillen ist es ratsam, diese Benennung entweder wiederum + eingehen zu lassen, und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die + wahre Wissenschaft ist, (wodurch man auch der Sprache und dem + Sinne der Alten näher treten würde, bei denen die Einteilung der + Erkenntnis in aistheta kai noeta sehr berühmt war), oder sich in + die Benennung mit der spekulativen Philosophie zu teilen und die + Ästhetik teils im transzendentalen Sinne, teils in psychologischer + Bedeutung zu nehmen. + +In der transzendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die +Sinnlichkeit isolieren, dadurch, daß wir alles absondern, was der +Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische +Anschauung übrigbleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was +zur Empfindung gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung +und die bloße Form der Erscheinungen übrigbleibe, welches das +einzige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser +Untersuchung wird sich finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher +Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis a priori gebe, nämlich Raum +und Zeit, mit deren Erwägung wir uns jetzt beschäftigen werden. + + + +Der transzendentalen Ästhetik +Erster Abschnitt +Von dem Raume + +§ 2 Metaphysische Erörterung dieses Begriffs + +Vermittelst des äußeren Sinnes, (einer Eigenschaft unseres Gemüts), +stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt +im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis +gegeneinander bestimmt, oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst +dessen das Gemüt sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschaut, +gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt; +allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres +inneren Zustandes allein möglich ist, so daß alles, was zu den inneren +Bestimmungen gehört, in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. +Äußerlich kann die Zeit nicht angeschaut werden, so wenig wie der +Raum, als etwas in uns. Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche +Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der +Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden, +wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind sie solche, die +nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin an der +subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, ohne welche diese Prädikate +gar keinem Dinge beigelegt werden können? Um uns hierüber zu belehren, +wollen wir zuerst den Begriff des Raumes erörtern. Ich verstehe +aber unter Erörterung (expositio) die deutliche, (wenn gleich nicht +ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem Begriffe gehört; +metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie dasjenige enthält, was +den Begriff, als a priori gegeben, darstellt. + +1. Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen +abgezogen worden. Denn damit gewiße Empfindungen auf etwas außer mich +bezogen werden, (d.i. auf etwas in einem anderen Orte des Raumes, +als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außer- +und nebeneinander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in +verschiedenen Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des +Raumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des +Raumes nicht aus den Verhältnissen der äußeren Erscheinung durch +Erfahrung erborgt sein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur +durch gedachte Vorstellung allererst möglich. + +2. Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen +äußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine +Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz +wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er +wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und +nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine +Vorstellung a priori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum +Grunde liegt. + +3. Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner +Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt sondern eine reine +Anschauung. Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum +vorstellen, und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man +darunter nur Teile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Teile +können auch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam +als dessen Bestandteile (daraus seine Zusammensetzung möglich sei) +vorhergehen, sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich +einig, das Mannigfaltige in ihm, mithin auch der allgemeine Begriff +von Räumen überhaupt, beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus +folgt, daß in Ansehung seiner eine Anschauung a priori (die nicht +empirisch ist) allen Begriffen von demselben zum Grunde liegt. So +werden auch alle geometrischen Grundsätze, z.E. daß in einem Triangel +zwei Seiten zusammen größer sind, als die dritte, niemals aus +allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel, sondern aus der +Anschauung und zwar a priori mit apodiktischer Gewißheit abgeleitet. + +4. Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. Nun +muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die in +einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als +ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich +enthält, aber kein Begriff, als ein solcher, kann so gedacht werden, +als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. +Gleichwohl wird der Raum so gedacht (denn alle Teile des Raumes ins +Unendliche sind zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom +Raume Anschauung a priori, und nicht Begriff. + + + +§ 3 Transzendentale Erörterung des Begriffs vom Raume + +Ich verstehe unter einer transzendentalen Erörterung die Erklärung +eines Begriffes, als eines Prinzips, woraus die Möglichkeit anderer +synthetischen Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser +Absicht wird erfordert, l) daß wirklich dergleichen Erkenntnisse aus +dem gegebenen Begriffe herfließen, 2) daß diese Erkenntnisse nur +unter der Voraussetzung einer gegebenen Erklärungsart dieses Begriffs +möglich sind. + +Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigenschaften des Raumes +synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muß die Vorstellung des +Raumes denn sein, damit eine solche Erkenntnis von ihm möglich sei? +Er muß ursprünglich Anschauung sein; denn aus einem bloßen Begriffe +lassen sich keine Sätze, die über den Begriff hinausgehen, ziehen, +welches doch in der Geometrie geschieht (Einleitung V). Aber +diese Anschauung muß a priori, d.i. vor aller Wahrnehmung eines +Gegenstandes, in uns angetroffen werden, mithin reine, nicht +empirische Anschauung sein. Denn die geometrischen Sätze sind +insgesamt apodiktisch, d.i. mit dem Bewußtsein der Notwendigkeit +verbunden, z.B. der Raum hat nur drei Abmessungen; dergleichen Sätze +aber können nicht empirische oder Erfahrungsurteile sein, noch aus +ihnen geschlossen werden (Einleitung II). + +Wie kann nun eine äußere Anschauung dem Gemüte beiwohnen, die vor den +Objekten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der letzteren a +priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als so fern sie, +bloß im Subjekte, als die formale Beschaffenheit desselben, von +Objekten affiziert zu werden, und dadurch unmittelbare Vorstellung +derselben d.i. Anschauung zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als +Form des äußeren Sinnes überhaupt. + +Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geometrie +als einer synthetischen Erkenntnis a priori begreiflich. Eine jede +Erklärungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine +nach mit ihr einige Ähnlichkeit hätte, kann an diesen Kennzeichen am +sichersten von ihr unterschieden werden. + + Schlüsse aus obigen Begriffen + +a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich, +oder sie in ihrem Verhältnis aufeinander vor, d.i. keine Bestimmung +derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, +wenn man auch von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung +abstrahierte. Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können +vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori +angeschaut werden. + +b) Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen +äußerer Sinne, d.i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit, +unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die +Rezeptivität des Subjekts, von Gegenständen affiziert zu werden, +notwendigerweise vor allen Anschauungen dieser Objekte vorhergeht, +so läßt sich verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen +wirklichen Wahrnehmungen, mithin a priori im Gemüte gegeben sein +könne, und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände +bestimmt werden müssen, Prinzipien der Verhältnisse derselben vor +aller Erfahrung enthalten könne. + +Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen, vom Raum, +von ausgedehnten Wesen usw. reden. Gehen wir von der subjektiven +Bedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommen +können, so wie wir nämlich von den Gegenständen affiziert werden +mögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses +Prädikat wird den Dingen nur insofern beigelegt, als sie uns +erscheinen, d.i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige +Form dieser Rezeptivität, welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine +notwendige Bedingung aller Verhältnisse, darinnen Gegenstände als +außer uns angeschaut werden, und, wenn man von diesen Gegenständen +abstrahiert, eine reine Anschauung, welche den Namen Raum führt. Weil +wir die besonderen Bedingungen der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen +der Möglichkeit der Sachen, sondern nur ihrer Erscheinungen machen +können, so können wir wohl sagen, daß der Raum alle Dinge befasse, die +uns äußerlich erscheinen mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, +sie mögen nun angeschaut werden oder nicht, oder auch von welchem +Subjekt man wolle. Denn wir können von den Anschauungen anderer +denkenden Wesen gar nicht urteilen, ob sie an die nämlichen +Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauung einschränken +und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir die Einschränkung eines +Urteils zum Begriff des Subjekts hinzufügen, so gilt das Urteil +alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind nebeneinander im Raum, +gilt unter der Einschränkung, wenn diese Dinge als Gegenstände unserer +sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ich hier die Bedingung +zum Begriffe, und sage: Alle Dinge, als äußere Erscheinungen, sind +nebeneinander im Raum, so gilt diese Regel allgemein und ohne +Einschränkung. Unsere Erörterungen lehren demnach l die Realität (d.i. +die objektive Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen, was +äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich die +Idealität des Raumes in Ansehung der Dinge, wenn sie durch die +Vernunft an sich selbst erwogen werden, d.i. ohne Rücksicht auf die +Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die +empirische Realität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äußeren +Erfahrung), ob zwar zugleich die transzendentale Idealität desselben, +d.i. daß er nichts sei, sobald wir die Bedingung der Möglichkeit aller +Erfahrung weglassen, und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst +zum Grunde liegt, annehmen. + +Es gibt aber auch außer dem Raum keine andere subjektive und auf etwas +Äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objektiv heißen könnte. +Denn man kann von keiner derselben synthetische Sätze a priori, wie +von der Anschauung im Raume, herleiten § 3. Daher ihnen, genau zu +reden, gar keine Idealität zukommt, ob sie gleich darin mit der +Vorstellung des Raumes übereinkommen, daß sie bloß zur subjektiven +Beschaffenheit der Sinnesart gehören, z.B. des Gesichts, Gehörs, +Gefühls, durch die Empfindungen der Farben, Töne und Wärme, die aber, +weil sie bloß Empfindungen und nicht Anschauungen sind, an sich kein +Objekt, am wenigsten a priori, erkennen lassen. + +Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß man die +behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche +Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben, +Geschmack usw. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern +bloß als Veränderungen unseres Subjekts, die sogar bei verschiedenen +Menschen verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem +Falle gilt das, was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z.B. eine +Rose, im empirischen Verstande für ein Ding an sich selbst, welches +doch jedem Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen +ist der transzendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine +kritische Erinnerung, daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut +wird, eine Sache an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge +sei, die ihnen etwa an sich selbst eigen wäre, sondern daß uns die +Gegenstände an sich gar nicht bekannt sind, und, was wir äußere +Gegenstände nennen, nichts anderes als bloße Vorstellungen unserer +Sinnlichkeit sind, deren Form der Raum ist, deren wahres Korrelatum +aber, d.i. das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird, +noch erkannt werden kann, nach welchem aber auch in der Erfahrung +niemals gefragt wird. + + + +Der transzendentalen Ästhetik +Zweiter Abschnitt +Von der Zeit + +§ 4 Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit + +Die Zeit ist 1. kein empirischer Begriff, der irgend von +einer Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder +Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn +die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter +deren Voraussetzung kann man sich vorstellen, daß einiges zu einer und +derselben Zeit (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nacheinander) +sei. + +2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen +zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die +Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen +aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In +ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese +können insgesamt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine +Bedingung ihrer Möglichkeit,) kann nicht aufgehoben werden. + +3. Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit +apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit, oder Axiomen +von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene +Zeiten sind nicht zugleich, sondern nacheinander (so wie verschiedene +Räume nicht nacheinander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze +können aus der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder +strenge Allgemeinheit, noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden +nur sagen können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so +muß es sich verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen +überhaupt Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben, +und nicht durch dieselbe. + +4. Die Zeit ist kein diskursiver, oder, wie man ihn nennt, allgemeiner +Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. +Verschiedene Zeiten sind nur Teile eben derselben Zeit. Die +Vorstellung, die nur durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden +kann, ist aber Anschauung. Auch würde sich der Satz, daß verschiedene +Zeiten nicht zugleich sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht +herleiten lassen. Der Satz ist synthetisch, und kann aus Begriffen +allein nicht entspringen. Er ist also in der Anschauung und +Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten. + +5. Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle +bestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen +zum Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche +Vorstellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber +die Teile selbst, und jede Größe eines Gegenstandes, nur durch +Einschränkung bestimmt vorgestellt werden können, da muß die ganze +Vorstellung nicht durch Begriffe gegeben sein, (denn die enthalten nur +Teilvorstellungen,) sondern es muß ihnen unmittelbare Anschauung zum +Grunde liegen. + + + +§ 5 Transzendentale Erörterung des Begriffs der Zeit + +Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein, +das, was eigentlich transzendental ist, unter die Artikel der +metaphysischen Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, daß +der Begriff der Veränderung und, mit ihm, der Begriff der Bewegung +(als Veränderung des Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung +möglich ist: daß, wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) a +priori wäre, kein Begriff, welcher es auch sei, die Möglichkeit einer +Veränderung, d.i. einer Verbindung kontradiktorisch entgegengesetzter +Prädikate (z.B. das Sein an einem Orte und das Nichtsein eben +desselben Dinges an demselben Orte) in einem und demselben +Objekte begreiflich machen könnte. Nur in der Zeit können beide +kontradiktorisch-entgegengesetzte Bestimmungen in einem Dinge, nämlich +nacheinander, anzutreffen sein. Also erklärt unser Zeitbegriff die +Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntnis a priori, als die +allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, darlegt. + + + +§ 6 Schlüsse aus diesen Begriffen + +a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den +Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn +man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben +abstrahiert; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne +wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite +betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende +Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung +vorhergehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und +angeschaut werden. Diese letztere findet dagegen sehr wohl statt, +wenn die Zeit nichts als die subjektive Bedingung ist, unter der alle +Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann diese Form der +inneren Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priori, vorgestellt +werden. + +b) Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes, d.i. +des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die +Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört +weder zu einer Gestalt, oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das +Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und, eben +weil diese innere Anschauung keine Gestalt gibt, suchen wir auch +diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge +durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das +Mannigfaltige eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension +ist, und schließen aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle +Eigenschaften der Zeit, außer dem einigen, daß die Teile der ersteren +zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus +erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil +alle ihre Verhältnisse sich an einer äußeren Anschauung ausdrücken +lassen. + +c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen +überhaupt. Der Raum, als die reine Form aller äußeren Anschauung ist +als Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt. +Dagegen, weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum +Gegenstande haben, oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen +des Gemüts, zum inneren Zustande gehören, dieser innere Zustand aber, +unter der formalen Bedingung der inneren Anschauung, mithin der Zeit +gehört, so ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung +überhaupt, und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer +Seelen) und eben dadurch mittelbar auch der äußeren Erscheinungen. +Wenn ich a priori sagen kann: alle äußeren Erscheinungen sind im +Raume, und nach den Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so +kann ich aus dem Prinzip des inneren Sinnes ganz allgemein sagen: alle +Erscheinungen überhaupt, d.i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der +Zeit, und stehen notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit. + +Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich anzuschauen, und +vermittelst dieser Anschauung auch alle äußeren Anschauungen in +der Vorstellungskraft zu befassen, abstrahieren, und mithin die +Gegenstände nehmen, so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die +Zeit nichts. Sie ist nur von objektiver Gültigkeit in Ansehung der +Erscheinungen, weil dieses schon Dinge sind, die wir als Gegenstände +unserer Sinne annehmen; aber sie ist nicht mehr objektiv, wenn +man von der Sinnlichkeit unserer Anschauung, mithin derjenigen +Vorstellungsart, welche uns eigentümlich ist, abstrahiert, und von +Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also lediglich eine subjektive +Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung, (welche jederzeit +sinnlich ist, d.i. sofern wir von Gegenständen affiziert werden,) und +an sich, außer dem Subjekte, nichts. Nichtsdestoweniger ist sie in +Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die uns in der +Erfahrung vorkommen können, notwendigerweise objektiv. Wir können +nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff der +Dinge überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahiert +wird, diese aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in +die Vorstellung der Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum +Begriffe hinzugefügt, und es heißt: alle Dinge, als Erscheinungen +(Gegenstände der sinnlichen Anschauung), sind in der Zeit, so hat der +Grundsatz seine gute objektive Richtigkeit und Allgemeinheit a priori. + +Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit, d.i. +objektive Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals unseren +Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit +sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand +gegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. +Dagegen bestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, +da sie nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung +Rücksicht zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder +Eigenschaft anhinge. Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich +zukommen, können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. +Hierin besteht also die transzendentale Idealität der Zeit, nach +welcher sie, wenn man von den subjektiven Bedingungen der sinnlichen +Anschauung abstrahiert, gar nichts ist, und den Gegenständen an +sich selbst (ohne ihr Verhältnis auf unsere Anschauung,) weder +subsistierend noch inhärierend beigezählt werden kann. Doch ist diese +Idealität, ebensowenig wie die des Raumes, mit den Subreptionen der +Empfindung in Vergleichung zu stellen, weil man doch dabei von der +Erscheinung selbst, der diese Prädikate inhärieren, voraussetzt, +daß sie objektive Realität habe, die hier gänzlich wegfällt, außer, +sofern sie bloß empirisch ist, d.i. den Gegenstand selbst bloß als +Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts +nachzusehen ist. + + + +§ 7 Erläuterung + +Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht, +aber die absolute und transzendentale bestreitet, habe ich von +einsehenden Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, daß ich +daraus abnehme, er müsse sich natürlicherweise bei jedem Leser, +dem diese Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet also: +Veränderungen sind wirklich (dies beweist der Wechsel unserer eigenen +Vorstellungen, wenn man gleich alle äußeren Erscheinungen, samt deren +Veränderungen, leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit +möglich, folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung hat +keine Schwierigkeit. Ich gebe das ganze Argument zu. Die Zeit ist +allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren +Anschauung. Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren +Erfahrung, d.i. ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und +meinen Bestimmungen in ihr. Sie ist also wirklich nicht als Objekt, +sondern als die Vorstellungsart meiner selbst als Objekts anzusehen. +Wenn aber ich selbst, oder ein ander Wesen mich, ohne diese Bedingung +der Sinnlichkeit, anschauen könnte, so würden eben dieselben +Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen, eine +Erkenntnis geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin auch +der Veränderung, gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre empirische +Realität als Bedingung aller unserer Erfahrungen. Nur die absolute +Realität kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden werden. +Sie ist nichts, als die Form unserer inneren Anschauung*. Wenn man +von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimmt, so +verschwindet auch der Begriff der Zeit, und sie hängt nicht an den +Gegenständen selbst, sondern bloß am Subjekte, welches sie anschaut. + +* Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das + heißt nur, wir sind uns ihrer, als in einer Zeitfolge, d.i. nach der + Form des inneren Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht etwas an + sich selbst, auch keine den Dingen objektiv anhängende Bestimmung. + +Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht wird, +und zwar von denen, die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität +des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die +absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch dartun zu +können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die +Wirklichkeit äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist: +dagegen die des Gegenstandes unserer inneren Sinne (meiner selbst und +meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten +ein bloßer Schein sein, dieser aber ist, ihrer Meinung nach, unleugbar +etwas Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man +ihre Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur +zur Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, +da das Objekt an sich selbst betrachtet wird, (unangesehen der Art, +dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit +problematisch bleibt,) die andere, da auf die Form der Anschauung +dieses Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an +sich selbst, sondern im Subjekte, dem derselbe erscheint, gesucht +werden muß, gleichwohl aber der Erscheinung dieses Gegenstandes +wirklich und notwendig zukommt. + +Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen, aus denen a priori +verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können, wie +vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom +Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel gibt. Sie +sind nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen +Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich. +Aber diese Erkenntnisquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (daß +sie bloß Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich, +daß sie bloß auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen +betrachtet werden, nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene +allein sind das Feld ihrer Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht, +weiter kein objektiver Gebrauch derselben stattfindet. Diese +Realität des Raumes und der Zeit läßt übrigens die Sicherheit der +Erfahrungserkenntnis unangetastet: denn wir sind derselben ebenso +gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst, oder nur unserer +Anschauung dieser Dinge notwendigerweise anhängen. Dagegen die, so die +absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten, sie mögen sie nun +als subsistierend, oder nur inhärierend annehmen, mit den Prinzipien +der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn, entschließen sie sich +zum ersteren, (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen +Naturforscher ist,) so müssen sie zwei ewige und unendliche für sich +bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche da sind (ohne +daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu +befassen. Nehmen sie die zweite Partei (von der einige metaphysische +Naturlehrer sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der +Erfahrung abstrahierte, obzwar in der Absonderung verworren +vorgestellte, Verhältnisse der Erscheinungen (neben- oder +nacheinander), so müssen sie den mathematischen Lehren a priori in +Ansehung wirklicher Dinge (z.E. im Raume) ihre Gültigkeit, wenigstens +die apodiktische Gewißheit bestreiten, indem diese a posteriori gar +nicht stattfindet, und die Begriffe a priori von Raum und Zeit, dieser +Meinung nach, nur Geschöpfe der Einbildungskraft sind, deren Quell +wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren abstrahierten +Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was zwar das +Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restriktionen, welche +die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die +ersteren gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen +sich das Feld der Erscheinungen freimachen. Dagegen verwirren sie sich +sehr durch eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld +hinausgehen will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren, +nämlich, daß die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den +Weg kommen, wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern +bloß im Verhältnis auf den Verstand urteilen wollen; können aber weder +von der Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen +eine wahre und objektiv gültige Anschauung a priori fehlt) Grund +angeben, noch die Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in notwendige +Einstimmung bringen. In unserer Theorie, von der wahren Beschaffenheit +dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit, ist beiden +Schwierigkeiten abgeholfen. + +Daß schließlich die transzendentale Ästhetik nicht mehr, als diese +zwei Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus +klar, weil alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe, selbst +der der Bewegung, welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches +voraussetzen. Denn diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem +voraus. Im Raum, an sich selbst betrachtet, ist aber nichts +Bewegliches: daher das Bewegliche etwas sein muß, was im Raume nur +durch Erfahrung gefunden wird, mithin ein empirisches Datum. Ebenso +kann die transzendentale Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung +unter ihre Data a priori zählen: denn die Zeit selbst verändert +sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu +die Wahrnehmung von irgendeinem Dasein, und der Sukzession seiner +Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert. + + + +§ 8 Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik + +I. Zuerst wird es nötig sein, uns so deutlich, als möglich, zu +erklären, was in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen +Erkenntnis überhaupt unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben +vorzubeugen. + +Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts als die +Vorstellung von Erscheinung sei: daß die Dinge, die wir anschauen, +nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch +ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns +erscheinen, und daß, wenn wir unser Subjekt oder auch nur die +subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die +Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte im Raum und Zeit, ja +selbst Raum und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht +an sich selbst, sondern nur in uns existieren können. Was es für eine +Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller +dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt +uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts, als unsere Art, sie +wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem +Wesen, obzwar jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir es +lediglich zu tun. Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben, +Empfindung überhaupt die Materie. Jene können wir allein a priori, +d.i. vor aller wirklichen Wahrnehmung erkennen, und sie heißt darum +reine Anschauung; diese aber ist das in unserem Erkenntnis, was da +macht, daß sie Erkenntnis a posteriori, d.i. empirische Anschauung +heißt. Jene hängen unserer Sinnlichkeit schlechthin notwendig an, +welcher Art auch unsere Empfindungen sein mögen; diese können sehr +verschieden sein. Wenn wir diese unsere Anschauung auch zum höchsten +Grade der Deutlichkeit bringen könnten, so würden wir dadurch der +Beschaffenheit der Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen. Denn +wir würden auf allen Fall doch nur unsere Art der Anschauung, d.i. +unsere Sinnlichkeit vollständig erkennen, und diese immer nur unter +den, dem Subjekt ursprünglich anhängenden Bedingungen, von Raum und +Zeit; was die Gegenstände an sich selbst sein mögen, würde uns durch +die aufgeklärteste Erkenntnis der Erscheinung derselben, die uns +allein gegeben ist, doch niemals bekannt werden. + +Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene +Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen +an sich selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von +Merkmalen und Teilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein +auseinander setzen, ist eine Verfälschung des Begriffs von +Sinnlichkeit und von Erscheinung, welche die ganze Lehre derselben +unnütz und leer macht. Der Unterschied einer undeutlichen von der +deutlichen Vorstellung ist bloß logisch, und betrifft nicht den +Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht, dessen sich der +gesunde Verstand bedient, ebendasselbe, was die subtilste Spekulation +aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und praktischen Gebrauche +man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesen Gedanken nicht +bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der gemeine Begriff +sinnlich sei, und eine bloße Erscheinung enthalte, denn das Recht kann +gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande, und +stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die +ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines +Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich +selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas, und +die Art, wie wir dadurch affiziert werden, und diese Rezeptivität +unserer Erkenntnisfähigkeit heißt Sinnlichkeit, und bleibt von +der Erkenntnis des Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die +Erscheinung) gleich bis auf den Grund durchschauen möchte, dennoch +himmelweit unterschieden. + +Die Leibniz-Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über +die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten +Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit +vom Intellektuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar +transzendental ist, und nicht bloß die Form der Deutlichkeit oder +Undeutlichkeit, sondern den Ursprung und den Inhalt derselben +betrifft, so daß wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge +an sich selbst nicht bloß undeutlich, sondern gar nicht erkennen, +und, sobald wir unsere subjektive Beschaffenheit wegnehmen, das +vorgestellte Objekt mit den Eigenschaften, die ihm die sinnliche +Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch angetroffen +werden kann, indem eben diese subjektive Beschaffenheit die Form +desselben, als Erscheinung, bestimmt. + +Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der +Anschauung derselben wesentlich anhängt, und für jeden menschlichen +Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälligerweise +zukommt, indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt, +sondern nur auf eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder +jenes Sinnes gültig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntnis +eine solche, die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite +aber nur die Erscheinung desselben. Dieser Unterschied ist aber nur +empirisch. Bleibt man dabei stehen, (wie es gemeiniglich geschieht,) +und sieht jene empirische Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen +sollte) als bloße Erscheinung an, so daß darin gar nichts, was +irgendeine Sache an sich selbst anginge, anzutreffen ist, so ist +unser transzendentaler Unterschied verloren, und wir glauben alsdann +doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich überall (in der +Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer Gegenstände +mit nichts, als Erscheinungen, zu tun haben, So werden wir zwar den +Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnregen nennen, diesen +Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig ist, sofern +wir den letzteren Begriff nur physisch verstehen, als das, was in der +allgemeinen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen, +doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen +wir aber dieses Empirische überhaupt, und fragen, ohne uns an die +Einstimmung desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch +dieses einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen, +denn die sind dann schon, als Erscheinungen, empirische Objekte,) +vorstelle, so ist die Frage von der Beziehung der Vorstellung auf den +Gegenstand transzendental, und nicht allein diese Tropfen sind bloße +Erscheinungen, sondern selbst ihre runde Gestalt, ja sogar der Raum, +in welchen sie fallen, sind nichts an sich selbst, sondern bloße +Modifikationen, oder Grundlagen unserer sinnlichen Anschauung, das +transzendentale Objekt aber bleibt uns unbekannt. + +Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transzendentalen Ästhetik +ist, daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe, +sondern so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie +gefordert werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit +völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgendeinen Fall wählen, +woran dessen Gültigkeit augenscheinlich werden und zu mehrer Klarheit +dessen, was § 3 angeführt worden, dienen kann. + +Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objektiv und +Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich +erstlich: daß von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze +in großer Zahl vornehmlich vom Raum vorkommen, welchen wir darum +vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der +Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewißheit erkannt +werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf +stützt sich unser Verstand, um zu dergleichen schlechthin notwendigen +und allgemeingültigen Wahrheiten zu gelangen? Es ist kein anderer Weg, +als durch Begriffe oder durch Anschauungen; beide aber, als solche, +die entweder a priori oder a posteriori gegeben sind. Die letzteren, +nämlich empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen, +die empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als +nur einen solchen, der auch bloß empirisch, d.i. ein Erfahrungssatz +ist, mithin niemals Notwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten +kann, dergleichen doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie +ist. Was aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich +durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen a priori zu dergleichen +Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, daß aus bloßen Begriffen gar +keine synthetische Erkenntnis, sondern lediglich analytische erlangt +werden kann. Nehmet nur den Satz: daß durch zwei gerade Linien sich +gar kein Raum einschließen lasse, mithin keine Figur möglich sei, und +versucht ihn aus dem Begriff von geraden Linien und der Zahl zwei +abzuleiten; oder auch, daß aus drei geraden Linien eine Figur möglich +sei, und versucht es ebenso bloß aus diesen Begriffen. Alle eure +Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genötigt, zur Anschauung +eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit tut. Ihr +gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung; von welcher Art +aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori oder eine +empirische? Wäre das letzte, so könnte niemals ein allgemeingültiger, +noch weniger ein apodiktischer Satz daraus werden: denn Erfahrung kann +dergleichen niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand a priori +in der Anschauung geben, und auf diesen euren synthetischen Satz +gründen. Läge nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen; +wäre diese subjektive Bedingung der Form nach nicht zugleich die +allgemeine Bedingung a priori, unter der allein das Objekt dieser +(äußeren) Anschauung selbst möglich ist; wäre der Gegenstand (der +Triangel) etwas an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subjekt: wie +könntet ihr sagen, daß, was in euren subjektiven Bedingungen einen +Triangel zu konstruieren notwendig liegt, auch dem Triangel an sich +selbst notwendig zukommen müsse? denn ihr könntet doch zu euren +Begriffen (von drei Linien) nichts neues (die Figur) hinzufügen, +welches darum notwendig an dem Gegenstande angetroffen werden müßte, +da dieser vor eurer Erkenntnis und nicht durch dieselbe gegeben ist. +Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße Form eurer +Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen allein +Dinge für euch äußere Gegenstände sein können, die ohne diese +subjektiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a priori +ganz und gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es +ist also ungezweifelt gewiß, und nicht bloß möglich, oder auch +wahrscheinlich, daß Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen +aller (äußeren und inneren) Erfahrung, bloß subjektive Bedingungen +aller unserer Anschauung sind, im Verhältnis auf welche daher alle +Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art +gegebene Dinge sind, von denen sich auch um deswillen, was die Form +derselben betrifft, vieles a priori sagen läßt, niemals aber das +Mindeste von dem Dinge an sich selbst, das diesen Erscheinungen zum +Grunde liegen mag. + +II. Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äußeren +sowohl als inneren Sinnes, mithin aller Objekte der Sinne, als bloßer +Erscheinungen, kann vorzüglich die Bemerkung dienen: daß alles, was +in unserem Erkenntnis zur Anschauung gehört, (also Gefühl der Lust +und Unlust, und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse, sind, +ausgenommen,) nichts als bloße Verhältnisse enthalte, der Örter in +einer Anschauung (Ausdehnung), Veränderung der Örter (Bewegung), +und Gesetze, nach denen diese Veränderung bestimmt wird (bewegende +Kräfte). Was aber in dem Orte gegenwärtig sei, oder was es außer +der Ortsveränderung in den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht +gegeben. Nun wird durch bloße Verhältnisse doch nicht eine Sache an +sich erkannt: also ist wohl zu urteilen, daß, da uns durch den äußeren +Sinn nichts als bloße Verhältnisvorstellungen gegeben werden, dieser +auch nur das Verhältnis eines Gegenstandes auf das Subjekt in seiner +Vorstellung enthalten könne, und nicht das Innere, was dem Objekte an +sich zukommt. Mit der inneren Anschauung ist es eben so bewandt. Nicht +allein, daß darin die Vorstellungen äußerer Sinne den eigentlichen +Stoff ausmachen, womit wir unser Gemüt besetzen, sondern die Zeit, +in die wir diese Vorstellungen setzen, die selbst dem Bewußtsein +derselben in der Erfahrung vorhergeht, und als normale Bedingung +derart, wie wir sie im Gemüte setzen, zum Grunde liegt, enthält schon +Verhältnisse des Nacheinander-, des Zugleichseins und dessen, was mit +dem Nacheinandersein zugleich ist (des Beharrlichen). Nun ist das, +was, als Vorstellung, vor aller Handlung irgend etwas zu denken, +vorhergehen kann, die Anschauung, und, wenn sie nichts als +Verhältnisse enthält, die Form der Anschauung, welche, da sie nichts +vorstellt, außer so fern etwas im Gemüte gesetzt wird, nichts anderes +sein kann, als die Art, wie das Gemüt durch eigene Tätigkeit, nämlich +dieses Setzen ihrer Vorstellung, mithin durch sich selbst affiziert +wird, d.i. ein innerer Sinn seiner Form nach. Alles, was durch einen +Sinn vorgestellt wird, ist so fern jederzeit Erscheinung, und ein +innerer Sinn würde also entweder gar nicht eingeräumt werden müssen, +oder das Subjekt, welches der Gegenstand desselben ist, würde durch +denselben nur als Erscheinung vorgestellt werden können, nicht wie +es von sich selbst urteilen würde, wenn seine Anschauung bloße +Selbsttätigkeit, d.i. intellektuell, wäre. Hierbei beruht alle +Schwierigkeit nur darauf, wie ein Subjekt sich selbst innerlich +anschauen könne, allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie +gemein. Das Bewußtsein seiner selbst (Apperzeption) ist die einfache +Vorstellung des Ich, und, wenn dadurch allein alles Mannigfaltige +im Subjekt selbsttätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung +intellektuell sein. Im Menschen erfordert dieses Bewußtsein innere +Wahrnehmung von dem Mannigfaltigen, was im Subjekte vorher gegeben +wird, und die Art, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüte gegeben +wird, muß, um dieses Unterschiedes willen, Sinnlichkeit heißen. +Wenn das Vermögen sich bewußt zu werden, das, was im Gemüte liegt, +aufsuchen (apprehendieren) soll, so muß es dasselbe affizieren, +und kann allein auf solche Art eine Anschauung seiner selbst +hervorbringen, deren Form aber, die vorher im Gemüte zugrunde liegt, +die Art, wie das Mannigfaltige im Gemüte beisammen ist, in der +Vorstellung der Zeit bestimmt, da es denn sich selbst anschaut, nicht +wie es sich unmittelbar selbsttätig vorstellen würde, sondern nach der +Art, wie es von innen affiziert wird, folglich wie es sich erscheint, +nicht wie es ist. + +III. Wenn ich sage: im Raum und der Zeit stellt die Anschauung, sowohl +der äußeren Objekte, als auch die Selbstanschauung des Gemüts, beides +vor, so wie es unsere Sinne affiziert, d.i. wie es erscheint; so +will das nicht sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. +Denn in der Erscheinung werden jederzeit die Objekte, ja selbst +die Beschaffenheiten, die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich +Gegebenes angesehen, nur daß, sofern diese Beschaffenheit nur von der +Anschauungsart des Subjekts in der Relation des gegebenen Gegenstandes +zu ihm abhängt, dieser Gegenstand als Erscheinung von ihm selber als +Objekt an sich unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper +scheinen bloß außer mir zu sein, oder meine Seele scheint nur in +meinem Selbstbewußtsein gegeben zu sein, wenn ich behaupte, daß +die Qualität des Raumes und der Zeit, welcher, als Bedingung ihres +Daseins, gemäß ich beide setze, in meiner Anschauungsart und nicht in +diesen Objekten an sich liege. Es wäre meine eigene Schuld, wenn ich +aus dem, was ich zur Erscheinung zählen sollte, bloßen Schein machte*. +Dieses geschieht aber nicht nach unserem Prinzip der Idealität +aller unserer sinnlichen Anschauungen; vielmehr, wenn man jenen +Vorstellungsformen objektive Realität beilegt, so kann man nicht +vermeiden, daß nicht alles dadurch in bloßen Schein verwandelt werde. +Denn, wenn man den Raum und die Zeit als Beschaffenheiten ansieht, die +ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich angetroffen werden müßten, +und überdenkt die Ungereimtheiten, in die man sich alsdann verwickelt, +indem zwei unendliche Dinge, die nicht Substanzen, auch nicht etwas +wirklich den Substanzen Inhärierendes, dennoch aber Existierendes, ja +die notwendige Bedingung der Existenz aller Dinge sein müssen, auch +übrig bleiben, wenn gleich alle existierenden Dinge aufgehoben werden; +so kann man es dem guten Berkeley wohl nicht verdenken, wenn er die +Körper zu bloßem Schein herabsetzte, ja es müßte sogar unsere eigene +Existenz, die, auf solche Art von der für sich bestehenden Realität +eines Undinges, wie die Zeit, abhängig gemacht wäre, mit dieser in +lauter Schein verwandelt werden, eine Ungereimtheit, die sich bisher +noch niemand hat zuschulden kommen lassen. + +* Die Prädikate der Erscheinung können dem Objekte selbst beigelegt + werden, in Verhältnis auf unseren Sinn, z.B. der Rose die rote + Farbe, oder der Geruch; aber der Schein kann niemals als Prädikat + dem Gegenstande beigelegt werden, eben darum, weil er, was diesem + nur in Verhältnis auf die Sinne, oder überhaupt aufs Subjekt + zukommt, dem Objekt für sich beilegt, z.B. die zwei Henkel, die man + anfänglich dem Saturn beilegte. Was gar nicht am Objekte an sich + selbst, jederzeit aber im Verhältnisse desselben zum Subjekt + anzutreffen und von der Vorstellung des ersteren unzertrennlich ist, + ist Erscheinung, und so werden die Prädikate des Raumes und der Zeit + mit Recht den Gegenständen der Sinne, als solchen, beigelegt, und + hierin ist kein Schein. Dagegen, wenn ich der Rose an sich die + Röte, dem Saturn die Henkel, oder allen äußeren Gegenständen die + Ausdehnung an sich beilege, ohne auf ein bestimmtes Verhältnis + dieser Gegenstände zum Subjekt zu sehen und mein Urteil darauf + einzuschränken; alsdann allererst entspringt der Schein. + +IV. In der natürlichen Theologie, da man sich einen Gegenstand denkt, +der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern +der ihm selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung sein +kann, ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung +(denn dergleichen muß alles sein Erkenntnis sein, und nicht Denken, +welches jederzeit Schranken beweist) die Bedingungen der Zeit und des +Raumes wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses tun, +wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht +hat, und zwar solchen, die, als Bedingungen der Existenz der Dinge a +priori, übrig bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben +hätte: denn, als Bedingungen alles Daseins überhaupt, müßten sie es +auch vom Dasein Gottes sein. Es bleibt nichts übrig, wenn man sie +nicht zu objektiven Formen aller Dinge machen will, als daß man sie zu +subjektiven Formen unserer äußeren sowohl als inneren Anschauungsart +macht, die darum sinnlich heißt, weil sie nicht ursprünglich, +d.i. eine solche ist, durch die selbst das Dasein des Objekts der +Anschauung gegeben wird (und die, soviel wir einsahen, nur dem Urwesen +zukommen kann), sondern von dem Dasein des Objekts abhängig, mithin +nur dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit des Subjekts durch dasselbe +affiziert wird, möglich ist. + +Es ist auch nicht nötig, daß wir die Anschauungsart in Raum und Zeit +auf die Sinnlichkeit des Menschen einschränken, es mag sein, daß +alles endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen notwendig +übereinkommen müsse, (wiewohl wir dieses nicht entscheiden können,) +so hört sie um dieser Allgemeingültigkeit willen doch nicht auf +Sinnlichkeit zu sein, eben darum, weil sie abgeleitet (intuitus +derivativus), nicht ursprünglich (intuitus originarius), mithin nicht +intellektuelle Anschauung ist, als welche aus dem eben angeführten +Grunde allein dem Urwesen, niemals aber einem, seinem Dasein sowohl +als seiner Anschauung nach (die sein Dasein in Beziehung auf gegebene +Objekte bestimmt), abhängigen Wesen zuzukommen scheint; wiewohl +die letztere Bemerkung zu unserer ästhetischen Theorie nur als +Erläuterung, nicht als Beweisgrund gezählt werden muß. + + Beschluß der transzendentalen Ästhetik + +Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur Auflösung +der allgemeinen Aufgabe der Transzendentalphilosophie: wie sind +synthetische Sätze a priori möglich? nämlich reine Anschauungen a +priori, Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im Urteile a priori +über den gegebenen Begriff hinausgehen wollen, dasjenige antreffen, +was nicht im Begriffe, wohl aber in der Anschauung, die ihm +entspricht, a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch +verbunden werden kann, welche Urteile aber aus diesem Grunde nie +weiter, als auf Gegenstände der Sinne reichen, und nur für Objekte +möglicher Erfahrung gelten können. + + + +Der transzendentalen Elementarlehre +Zweiter Teil +Die transzendentale Logik + +Einleitung +Idee einer transzendentalen Logik + +I. Von der Logik überhaupt + +Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren +die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der +Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen +Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere +wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im +Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) +gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller +unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige +Art korrespondierende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe, ein +Erkenntnis abgeben können. Beide sind entweder rein, oder empirisch. +Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des +Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist: rein aber, wenn der +Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere +die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine +Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird, +und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes +überhaupt. Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori +möglich, empirische nur a posteriori. + +Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu +empfangen, sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit +nennen, so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst +hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses, der +Verstand. Unsere Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung +niemals anders als sinnlich sein kann, d.i. nur die Art enthält, wie +wir von Gegenständen affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen, den +Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser +Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde +uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. +Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. +Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, +(d.i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,) als seine +Anschauungen sich verständlich zu machen (d.i. sie unter Begriffe +zu bringen). Beide Vermögen, oder Fähigkeiten, können auch ihre +Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, +und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, +kann Erkenntnis entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht ihren +Anteil vermischen, sondern man hat große Ursache, jedes von dem andern +sorgfältig abzusondern, und zu unterscheiden. Daher unterscheiden wir +die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt, d.i. Ästhetik, +von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d.i. der Logik. + +Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen +werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besonderen +Verstandesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin notwendigen +Regeln des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes +stattfindet, und geht also auf diesen, unangesehen der Verschiedenheit +der Gegenstände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des +besonderen Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine +gewisse Art von Gegenständen richtig zu denken. Jene kann man die +Elementarlogik nennen, diese aber das Organon dieser oder jener +Wissenschaft. Die letztere wird mehrenteils in den Schulen als +Propädeutik der Wissenschaften vorangeschickt, ob sie zwar, nach dem +Gange der menschlichen Vernunft, das späteste ist, wozu sie allererst +gelangt, wenn die Wissenschaft schon lange fertig ist, und nur die +letzte Hand zu ihrer Berichtigung und Vollkommenheit bedarf. Denn man +muß die Gegenstände schon in ziemlich hohem Grade kennen, wenn man +die Regel angeben will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zustande +bringen lasse. + +Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte +Logik. In der ersteren abstrahieren wir von allen empirischen +Bedingungen, unter denen unser Verstand ausgeübt wird, z.B. vom +Einfluß der Sinne, vom Spiele der Einbildung, den Gesetzen des +Gedächtnisses, der Macht der Gewohnheit, der Neigung usw., mithin +auch den Quellen der Vorurteile, ja gar überhaupt von allen Ursachen, +daraus uns gewisse Erkenntnisse entspringen, oder untergeschoben +werden mögen, weil sie bloß den Verstand unter gewissen Umständen +seiner Anwendung betreffen, und, um diese zu kennen, Erfahrung +erfordert wird. Eine allgemeine, aber reine Logik, hat es also mit +lauter Prinzipien a priori zu tun, und ist ein Kanon des Verstandes +und der Vernunft, aber nur in Ansehung des Formalen ihres +Gebrauchs, der Inhalt mag sein, welcher er wolle, (empirisch oder +transzendental). Eine allgemeine Logik heißt aber alsdann angewandt, +wenn sie auf die Regeln des Gebrauchs des Verstandes unter den +subjektiven empirischen Bedingungen, die uns die Psychologie lehrt, +gerichtet ist. Sie hat also empirische Prinzipien, ob sie zwar +insofern allgemein ist, daß sie auf den Verstandesgebrauch ohne +Unterschied der Gegenstände geht. Um deswillen ist sie auch weder +ein Kanon des Verstandes überhaupt, noch ein Organon besonderer +Wissenschaften, sondern lediglich ein Kathartikon des gemeinen +Verstandes. + +In der allgemeinen Logik muß also der Teil, der die reine +Vernunftlehre ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert +werden, welcher die angewandte (obzwar noch immer allgemeine) Logik +ausmacht. Der erstere ist eigentlich nur allein Wissenschaft, obzwar +kurz und trocken, und wie es die schulgerechte Darstellung einer +Elementarlehre des Verstandes erfordert. In dieser müssen also die +Logiker jederzeit zwei Regeln vor Augen haben. + +1. Als allgemeine Logik abstrahiert sie von allem Inhalt der +Verstandeserkenntnis, und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände, und +hat mit nichts als der bloßen Form des Denkens zu tun. + +2. Als reine Logik hat sie keine empirischen Prinzipien, mithin +schöpft sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der +Psychologie, die also auf den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluß +hat. Sie ist eine demonstrierte Doktrin, und alles muß in ihr völlig a +priori gewiß sein. + +Was ich die angewandte Logik nenne, (wider die gemeine Bedeutung +dieses Wortes, nach der sie gewisse Exerzitien, dazu die reine Logik +die Regel gibt, enthalten soll,) so ist sie eine Vorstellung des +Verstandes und der Regeln seines notwendigen Gebrauchs in concreto, +nämlich unter den zufälligen Bedingungen des Subjekts, die diesen +Gebrauch hindern oder befördern können, und die insgesamt nur +empirisch gegeben werden. Sie handelt von der Aufmerksamkeit, deren +Hindernis und Folgen, dem Ursprunge des Irrtums, dem Zustande des +Zweifels, des Skrupels, der Überzeugung usw. und zu ihr verhält sich +die allgemeine und reine Logik wie die reine Moral, welche bloß die +notwendigen sittlichen Gesetze eines freien Willens überhaupt enthält, +zu der eigentlichen Tugendlehre, welche diese Gesetze unter den +Hindernissen der Gefühle, Neigungen und Leidenschaften, denen die +Menschen mehr oder weniger unterworfen sind, erwägt, und welche +niemals eine wahre und demonstrierte Wissenschaft abgeben kann, weil +sie ebensowohl als jene angewandte Logik empirische und psychologische +Prinzipien bedarf. + + + +II. Von der transzendentalen Logik + +Die allgemeine Logik abstrahiert, wie wir gewiesen, von allem Inhalt +der Erkenntnis, d.i. von aller Beziehung derselben auf das Objekt, +und betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse +aufeinander, d.i. die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun +aber sowohl reine, als empirische Anschauungen gibt, (wie die +transzendentale Ästhetik dartut,) so könnte auch wohl ein Unterschied +zwischen reinem und empirischem Denken der Gegenstände angetroffen +werden. In diesem Falle würde es eine Logik geben, in der man nicht +von allem Inhalt der Erkenntnis abstrahierte; denn diejenige, welche +bloß die Regeln des reinen Denkens eines Gegenstandes enthielte, würde +alle diejenigen Erkenntnisse ausschließen, welche von empirischem +Inhalte wären. Sie würde auch auf den Ursprung unserer Erkenntnisse +von Gegenständen gehen, sofern er nicht den Gegenständen zugeschrieben +werden kann; da hingegen die allgemeine Logik mit diesem Ursprunge der +Erkenntnis nichts zu tun hat, sondern die Vorstellungen, sie mögen +uranfänglich a priori in uns selbst, oder nur empirisch gegeben sein, +bloß nach den Gesetzen betrachtet, nach welchen der Verstand sie im +Verhältnis gegeneinander braucht, wenn er denkt, und also nur von der +Verstandesform handelt, die den Vorstellungen verschafft werden kann, +woher sie auch sonst entsprungen sein mögen. + +Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle +nachfolgenden Betrachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen +haben muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntnis a priori, sondern +nur die, dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen +(Anschauungen oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden, oder +möglich sind, transzendental (d.i. die Möglichkeit der Erkenntnis oder +der Gebrauch derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der +Raum, noch irgendeine geometrische Bestimmung desselben a priori +eine transzendentale Vorstellung, sondern nur die Erkenntnis, daß +diese Vorstellungen gar nicht empirischen Ursprungs sind, und die +Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl a priori auf Gegenstände der +Erfahrung beziehen könne, kann transzendental heißen. Imgleichen würde +der Gebrauch des Raumes von Gegenständen überhaupt auch transzendental +sein: aber ist er lediglich auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt, +so heißt er empirisch. Der Unterschied des Transzendentalen und +Empirischen gehört also nur zur Kritik der Erkenntnisse, und betrifft +nicht die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand. + +In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die +sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder +sinnliche Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen +Denkens, die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen +Ursprungs sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer +Wissenschaft des reinen Verstandes und Vernunfterkenntnisses, dadurch +wir Gegenstände völlig a priori denken. Eine solche Wissenschaft, +welche den Ursprung, den Umfang und die objektive Gültigkeit solcher +Erkenntnisse bestimmte, würde transzendentale Logik heißen müssen, +weil sie es bloß mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zu +tun hat, aber lediglich, sofern sie auf Gegenstände a priori bezogen +wird, und nicht, wie die allgemeine Logik, auf die empirischen sowohl, +als reinen Vernunfterkenntnisse ohne Unterschied. + + + +III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und + Dialektik + +Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge zu +treiben vermeinte, und sie dahin zu bringen suchte, daß sie sich +entweder auf einer elenden Dialexe mußten betreffen lassen, oder +ihre Unwissenheit, mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen +sollten, ist diese: Was ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, +daß sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem +Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt; man verlangt +aber zu wissen, welches das allgemeine und sichere Kriterium der +Wahrheit einer jeden Erkenntnis sei. + +Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, +zu wissen, was man vernünftigerweise fragen solle. Denn, wenn die +Frage an sich ungereimt ist, und unnötige Antworten verlangt, so hat +sie, außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den +Nachteil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten +zu verleiten, und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (wie +die Alten sagten) den Bock melkt, der andere ein Sieb unterhält. + +Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem +Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser Gegenstand von anderen +unterschieden werden; denn eine Erkenntnis ist falsch, wenn sie mit +dem Gegenstande, worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie +gleich etwas enthält, was wohl von anderen Gegenständen gelten könnte. +Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein, +welches von allen Erkenntnissen, ohne Unterschied ihrer Gegenstände, +gültig wäre. Es ist aber klar, daß, da man bei demselben von allem +Inhalt der Erkenntnis (Beziehung auf ihr Objekt) abstrahiert, und +Wahrheit gerade diesen Inhalt angeht, es ganz unmöglich und ungereimt +sei, nach einem Merkmale der Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse +zu fragen, und daß also ein hinreichendes, und doch zugleich +allgemeines Kennzeichen der Wahrheit unmöglich angegeben werden könne. +Da wir oben schon den Inhalt einer Erkenntnis die Materie derselben +genannt haben, so wird man sagen müssen: von der Wahrheit der +Erkenntnis der Materie nach läßt sich kein allgemeines Kennzeichen +verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist. + +Was aber das Erkenntnis der bloßen Form nach (mit Beiseitesetzung +alles Inhalts) betrifft, so ist ebenso klar: daß eine Logik, sofern +sie die allgemeinen und notwendigen Regeln des Verstandes vorträgt, +eben in diesen Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. Denn, +was diesen widerspricht, ist falsch, weil der Verstand dabei seinen +allgemeinen Regeln des Denkens, mithin sich selbst widerstreitet. +Diese Kriterien aber betreffen nur die Form der Wahrheit, d.i. +des Denkens überhaupt, und sind sofern ganz richtig, aber nicht +hinreichend. Denn obgleich eine Erkenntnis der logischen Form völlig +gemäß sein möchte, d.i. sich selbst nicht widerspräche, so kann sie +doch noch immer dem Gegenstande widersprechen. Also ist das bloß +logische Kriterium der Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung einer +Erkenntnis mit den allgemeinen und formalen Gesetzen des Verstandes +und der Vernunft zwar die conditio sine qua non, mithin die negative +Bedingung aller Wahrheit: weiter aber kann die Logik nicht gehen, und +den Irrtum, der nicht die Form, sondern den Inhalt trifft, kann die +Logik durch keinen Probierstein entdecken. + +Die allgemeine Logik löst nun das ganze formale Geschäft des +Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf, und stellt sie als +Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erkenntnis dar. Dieser +Teil der Logik kann daher Analytik heißen, und ist eben darum der +wenigstens negative Probierstein der Wahrheit, indem man zuvörderst +alle Erkenntnis, ihrer Form nach, an diesen Regeln prüfen und schätzen +muß, ehe man sie selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen, +ob sie in Ansehung des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Weil +aber die bloße Form des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen +Gesetzen übereinstimmen mag, noch lange nicht hinreicht, materielle +(objektive) Wahrheit dem Erkenntnisse darum auszumachen, so kann +sich niemand bloß mit der Logik wagen, über Gegenstände zu urteilen, +und irgend etwas zu behaupten, ohne von ihnen vorher gegründete +Erkundigung außer der Logik eingezogen zu haben, um hernach bloß die +Benutzung und die Verknüpfung derselben in einem zusammenhängenden +Ganzen nach logischen Gesetzen zu versuchen, noch besser aber, sie +lediglich danach zu prüfen. Gleichwohl liegt so etwas Verleitendes in +dem Besitze einer so scheinbaren Kunst, allen unseren Erkenntnissen +die Form des Verstandes zu geben, ob man gleich in Ansehung des +Inhalts derselben noch sehr leer und arm sein mag, daß jene allgemeine +Logik, die bloß ein Kanon zur Beurteilung ist, gleichsam wie ein +Organon zur wirklichen Hervorbringung wenigstens zum Blendwerk von +objektiven Behauptungen gebraucht, und mithin in der Tat dadurch +gemißbraucht worden. Die allgemeine Logik nun, als vermeintes Organon, +heißt Dialektik. + +So verschieden auch die Bedeutung ist, in der die Alten dieser +Benennung einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man +doch aus dem wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen, daß +sie bei ihnen nichts anderes war, als die Logik des Scheins. Eine +sophistische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen +Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zu geben, daß man die Methode +der Gründlichkeit, welche die Logik überhaupt vorschreibt, nachahmte, +und ihre Topik zu Beschönigung jedes leeren Vorgebens benutzte. Nun +kann man es als eine sichere und brauchbare Warnung anmerken: daß die +allgemeine Logik, als Organon betrachtet, jederzeit eine Logik des +Scheins, d.i. dialektisch sei. Denn da sie uns gar nichts über den +Inhalt der Erkenntnis lehrt, sondern nur bloß die formalen Bedingungen +der Übereinstimmung mit dem Verstande, welche übrigens in Ansehung +der Gegenstände gänzlich gleichgültig sind, so muß die Zumutung, +sich derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu gebrauchen, um +seine Kenntnisse, wenigstens dem Vorgeben nach, auszubreiten und zu +erweitern, auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen, alles, was +man will, mit einigem Schein zu behaupten, oder auch nach Belieben +anzufechten. + +Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine Weise +gemäß. Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik lieber, als +eine Kritik des dialektischen Scheins, der Logik beigezählt, und als +eine solche wollen wir sie auch hier verstanden wissen. + + + +IV. Von der Einteilung der transz. Logik in die transzendentale + Analytik und Dialektik + +In einer transzendentalen Logik isolieren wir den Verstand, (so wie +oben in der transzendentalen Ästhetik die Sinnlichkeit) und heben bloß +den Teil des Denkens aus unserem Erkenntnisse heraus, der lediglich +seinen Ursprung in dem Verstande hat. Der Gebrauch dieser reinen +Erkenntnis aber beruht darauf, als ihrer Bedingung: daß uns +Gegenstände in der Anschauung gegeben seien, worauf jene angewandt +werden können. Denn ohne Anschauung fehlt es aller unserer +Erkenntnis an Objekten, und sie bleibt alsdann völlig leer. Der +Teil der transzendentalen Logik also, der die Elemente der reinen +Verstandeserkenntnis vorträgt, und die Prinzipien, ohne welche überall +kein Gegenstand gedacht werden kann, ist die transzendentale Analytik, +und zugleich, eine Logik der Wahrheit. Denn ihr kann keine Erkenntnis +widersprechen, ohne daß sie zugleich allen Inhalt verlöre, d.i. +alle Beziehung auf irgendein Objekt, mithin alle Wahrheit. Weil +es aber sehr anlockend und verleitend ist, sich dieser reinen +Verstandeserkenntnisse und Grundsätze allein, und selbst über die +Grenzen der Erfahrung hinaus, zu bedienen, welche doch einzig und +allein uns die Materie (Objekte) an die Hand geben kann, worauf jene +reinen Verstandesbegriffe angewandt werden können: so gerät der +Verstand in Gefahr, durch leere Vernünfteleien von den bloßen formalen +Prinzipien des reinen Verstandes einen materialen Gebrauch zu machen, +und über Gegenstände ohne Unterschied zu urteilen, die uns doch nicht +gegeben sind, ja vielleicht auf keinerlei Weise gegeben werden können. +Da sie also eigentlich nur ein Kanon der Beurteilung des empirischen +Gebrauchs sein sollte, so wird sie gemißbraucht, wenn man sie als das +Organon eines allgemeinen und unbeschränkten Gebrauchs gelten läßt, +und sich mit dem reinen Verstande allein wagt, synthetisch über +Gegenstände überhaupt zu urteilen, zu behaupten, und zu entscheiden. +Also würde der Gebrauch des reinen Verstandes alsdann dialektisch +sein. Der zweite Teil der transzendentalen Logik muß also eine +Kritik dieses dialektischen Scheines sein, und heißt transzendentale +Dialektik, nicht als eine Kunst, dergleichen Schein dogmatisch +zu erregen, (eine leider sehr gangbare Kunst mannigfaltiger +metaphysischer Gaukelwerke) sondern als eine Kritik des Verstandes +und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphysischen Gebrauchs, um +den falschen Schein ihrer grundlosen Anmaßungen aufzudecken, und +ihre Ansprüche auf Erfindung und Erweiterung, die sie bloß durch +transzendentale Grundsätze zu erreichen vermeint, zur bloßen +Beurteilung und Verwahrung des reinen Verstandes vor sophistischem +Blendwerke herabzusetzen. + + + +Der transzendentalen Logik +Erste Abteilung +Die transzendentale Analytik + +Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesamten Erkenntnisses +a priori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis. Es kommt +hiebei auf folgende Stücke an: 1. Daß die Begriffe reine und nicht +empirische Begriffe seien. 2. Daß sie nicht zur Anschauung und zur +Sinnlichkeit, sondern zum Denken und Verstande gehören. 3. Daß +sie Elementarbegriffe seien und von den abgeleiteten, oder daraus +zusammengesetzten, wohl unterschieden werden. 4. Daß ihre Tafel +vollständig sei, und sie das ganze Feld des reinen Verstandes gänzlich +ausfüllen. Nun kann diese Vollständigkeit einer Wissenschaft nicht +auf den Überschlag, eines bloß durch Versuche zustande gebrachten +Aggregats, mit Zuverlässigkeit angenommen werden; daher ist sie nur +vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstandeserkenntnis a priori +und durch die daraus bestimmte Abteilung der Begriffe, welche sie +ausmachen, mithin nur durch ihren Zusammenhang in einem System +möglich. Der reine Verstand sondert sich nicht allein von allem +Empirischen, sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. Er ist +also eine für sich selbst beständige, sich selbst genugsame, und +durch keine äußerlich hinzukommenden Zusätze zu vermehrende Einheit. +Daher wird der Inbegriff seiner Erkenntnis ein unter einer Idee +zu befassendes und zu bestimmendes System ausmachen, dessen +Vollständigkeit und Artikulation zugleich einen Probierstein der +Richtigkeit und Echtheit aller hineinpassenden Erkenntnisstücke +abgeben kann. Es besteht aber dieser ganze Teil der transzendentalen +Logik aus zwei Büchern, deren das eine die Begriffe, das andere die +Grundsätze des reinen Verstandes enthält. + + + +Der transzendentalen Analytik +Erstes Buch +Die Analytik der Begriffe + +Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis +derselben, oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen +Untersuchungen, Begriffe, die sich darbieten, ihrem Inhalte nach zu +zergliedern und zur Deutlichkeit zu bringen, sondern die noch wenig +versuchte Zergliederung des Verstandesvermögens selbst, um die +Möglichkeit der Begriffe a priori dadurch zu erforschen, daß wir sie +im Verstande allein, als ihrem Geburtsorte, aufsuchen und dessen +reinen Gebrauch überhaupt analysieren; denn dieses ist das +eigentümliche Geschäft einer Transzendental-Philosophie; das übrige +ist die logische Behandlung der Begriffe in der Philosophie überhaupt. +Wir werden also die reinen Begriffe bis zu ihren ersten Keimen und +Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen sie vorbereitet +liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit der Erfahrung entwickelt und +durch ebendenselben Verstand, von den ihnen anhängenden empirischen +Bedingungen befreit, in ihrer Lauterkeit dargestellt werden. + + + +Der Analytik der Begriffe +Erstes Hauptstück +Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe + +Wenn man ein Erkenntnisvermögen ins Spiel setzt, so tun sich, nach den +mancherlei Anlässen, verschiedene Begriffe hervor, die dieses Vermögen +kennbar machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen +Aufsatz sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben längere +Zeit, oder mit größerer Scharfsinnigkeit angestellt worden. Wo diese +Untersuchung werde vollendet sein, läßt sich, nach diesem gleichsam +mechanischen Verfahren, niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch +entdecken sich die Begriffe, die man nur so bei Gelegenheit auffindet, +in keiner Ordnung und systematischen Einheit, sondern werden zuletzt +nur nach Ähnlichkeiten gepaart und nach der Größe ihres Inhalts, von +den einfachen an, zu den mehr zusammengesetzten, in Reihen gestellt, +die nichts weniger als systematisch, obgleich auf gewisse Weise +methodisch zustande gebracht werden. + +Die Transzendental-Philosophie hat den Vorteil, aber auch die +Verbindlichkeit, ihre Begriffe nach einem Prinzip aufzusuchen; weil +sie aus dem Verstande, als absoluter Einheit, rein und unvermischt +entspringen, und daher selbst nach einem Begriffe, oder Idee, unter +sich zusammenhängen müssen. Ein solcher Zusammenhang aber gibt eine +Regel an die Hand, nach welcher jedem reinen Verstandesbegriff seine +Stelle und allen insgesamt ihre Vollständigkeit a priori bestimmt +werden kann, welches alles sonst vom Belieben, oder vom Zufall +abhängen würde. + + + +Des transzendentalen Leitfadens der Entdeckung aller reinen +Verstandesbegriffe +Erster Abschnitt +Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt + +Der Verstand wurde oben bloß negativ erklärt: durch ein +nichtsinnliches Erkenntnisvermögen. Nun können wir, unabhängig von +der Sinnlichkeit, keiner Anschauung teilhaftig werden. Also ist +der Verstand kein Vermögen der Anschauung. Es gibt aber, außer der +Anschauung, keine andere Art, zu erkennen, als durch Begriffe. +Also ist die Erkenntnis eines jeden, wenigstens des menschlichen, +Verstandes, eine Erkenntnis durch Begriffe, nicht intuitiv, sondern +diskursiv. Alle Anschauungen, als sinnlich, beruhen auf Affektionen, +die Begriffe also auf Funktionen. Ich verstehe aber unter Funktion +die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer +gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf der +Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen auf der +Rezeptivität der Eindrücke. Von diesen Begriffen kann nun der Verstand +keinen anderen Gebrauch machen, als daß er dadurch urteilt. Da +keine Vorstellung unmittelbar auf den Gegenstand geht, als bloß +die Anschauung, so wird ein Begriff niemals auf einen Gegenstand +unmittelbar, sondern auf irgendeine andere Vorstellung von demselben +(sie sei Anschauung oder selbst schon Begriff) bezogen. Das Urteil +ist also die mittelbare Erkenntnis eines Gegenstandes, mithin die +Vorstellung einer Vorstellung desselben. In jedem Urteil ist ein +Begriff, der für viele gilt, und unter diesem Vielen auch eine +gegebene Vorstellung begreift, welche letztere denn auf den Gegenstand +unmittelbar bezogen wird. So bezieht sich z.B. in dem Urteile: alle +Körper sind veränderlich, der Begriff des Teilbaren auf verschiedene +andere Begriffe; unter diesen aber wird er hier besonders auf den +Begriff des Körpers bezogen, dieser aber auf gewisse uns vorkommende +Erscheinungen. Also werden diese Gegenstände durch den Begriff +der Teilbarkeit mittelbar vorgestellt. Alle Urteile sind demnach +Funktionen der Einheit unter unseren Vorstellungen, da nämlich statt +einer unmittelbaren Vorstellung eine höhere, die diese und mehrere +unter sich begreift, zur Erkenntnis des Gegenstandes gebraucht, +und viel mögliche Erkenntnisse dadurch in einer zusammengezogen +werden. Wir können aber alle Handlungen des Verstandes auf Urteile +zurückführen, so daß der Verstand überhaupt als ein Vermögen zu +urteilen vorgestellt werden kann. Denn er ist nach dem obigen ein +Vermögen zu denken. Denken ist das Erkenntnis durch Begriffe. Begriffe +aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf irgendeine +Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande. So bedeutet +der Begriff des Körpers etwas, z.B. Metall, was durch jenen Begriff +erkannt werden kann. Er ist also nur dadurch Begriff, daß unter ihm +andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst deren er sich auf +Gegenstände beziehen kann. Es ist also das Prädikat zu einem möglichen +Urteile, z.B. ein jedes Metall ist ein Körper. Die Funktionen des +Verstandes können also insgesamt gefunden werden, wenn man die +Funktionen der Einheit in den Urteilen vollständig darstellen kann. +Daß dies aber sich ganz wohl bewerkstelligen lasse, wird der folgende +Abschnitt vor Augen stellen. + + + +Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe +Zweiter Abschnitt + +§ 9 Von der logischen Funktion des Verstandes in Urteilen + +Wenn wir von allem Inhalte eines Urteils überhaupt abstrahieren, und +nur auf die bloße Verstandesform darin achtgeben, so finden wir, daß +die Funktion des Denkens in demselben unter vier Titel gebracht werden +könne, deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können füglich +in folgender Tafel vorgestellt werden. + + 1. Quantität der Urteile + Allgemeine + Besondere + Einzelne + + 2. Qualität 3. Relation + Bejahende Kategorische + Verneinende Hypothetische + Unendliche Disjunktive + + 4. Modalität + Problematische + Assertorische + Apodiktische + +Da diese Einteilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken, +von der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint, so werden +folgende Verwahrungen wider den besorglichen Mißverstand nicht unnötig +sein. + +1. Die Logiker sagen mit Recht, daß man beim Gebrauch der Urteile +in Vernunftschlüssen die einzelnen Urteile gleich den allgemeinen +behandeln könne. Denn eben darum, weil sie gar keinen Umfang haben, +kann das Prädikat derselben nicht bloß auf einiges dessen, was unter +dem Begriff des Subjekts enthalten ist, gezogen, von einigem aber +ausgenommen werden. Es gilt also von jenem Begriffe ohne Ausnahme, +gleich als wenn derselbe ein gemeingültiger Begriff wäre, der einen +Umfang hätte, von dessen ganzer Bedeutung das Prädikat gelte. +Vergleichen wir dagegen ein einzelnes Urteil mit einem gemeingültigen, +bloß als Erkenntnis, der Größe nach, so verhält sie sich zu diesem +wie Einheit zur Unendlichkeit, und ist also an sich selbst davon +wesentlich unterschieden. Also, wenn ich ein einzelnes Urteil +(judicium singulare) nicht bloß nach seiner inneren Gültigkeit, +sondern auch, als Erkenntnis überhaupt, nach der Größe, die es +in Vergleichung mit anderen Erkenntnissen hat, schätze, so ist +es allerdings von gemeingültigen Urteilen (judicia communia) +unterschieden, und verdient in einer vollständigen Tafel der Momente +des Denkens überhaupt (obzwar freilich nicht in der bloß auf den +Gebrauch der Urteile untereinander eingeschränkten Logik) eine +besondere Stelle. + +2. Ebenso müssen in einer transzendentalen Logik unendliche Urteile +von bejahenden noch unterschieden werden, wenn sie gleich in der +allgemeinen Logik jenen mit Recht beigezählt sind und kein besonderes +Glied der Einteilung ausmachen. Diese nämlich abstrahiert von allem +Inhalt des Prädikats (ob es gleich verneinend ist) und sieht nur +darauf, ob dasselbe dem Subjekt beigelegt, oder ihm entgegengesetzt +werde. Jene aber betrachtet das Urteil auch nach dem Werte oder +Inhalt dieser logischen Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden +Prädikats, und was diese in Ansehung des gesamten Erkenntnisses für +einen Gewinn verschafft. Hätte ich von der Seele gesagt, sie ist nicht +sterblich, so hätte ich durch ein verneinendes Urteil wenigstens einen +Irrtum abgehalten. Nun habe ich durch den Satz: die Seele ist nicht +sterblich, zwar der logischen Form nach wirklich bejaht, indem ich die +Seele in den unbeschränkten Umfang der nichtsterbenden Wesen setze. +Weil nun von dem ganzen Umfange möglicher Wesen das Sterbliche einen +Teil enthält, das Nichtsterbende aber den anderen, so ist durch +meinen Satz nichts anderes gesagt, als daß die Seele eines von der +unendlichen Menge Dinge sei, die übrigbleiben, wenn ich das Sterbliche +insgesamt wegnehme. Dadurch aber wird nur die unendliche Sphäre alles +Möglichen insoweit beschränkt, daß das Sterbliche davon abgetrennt, +und in dem übrigen Umfang ihres Raums die Seele gesetzt wird. Dieser +Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme noch immer unendlich, und können +noch mehrere Teile desselben weggenommen werden, ohne daß darum der +Begriff von der Seele im mindesten wächst, und bejahend bestimmt wird. +Diese unendlichen Urteile also in Ansehung des logischen Umfanges sind +wirklich bloß beschränkend in Ansehung des Inhalts der Erkenntnis +überhaupt, und insofern müssen sie in der transzendentalen Tafel aller +Momente des Denkens in den Urteilen nicht übergangen werden, weil die +hierbei ausgeübte Funktion des Verstandes vielleicht in dem Felde +seiner reinen Erkenntnis a priori wichtig sein kann. + +3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urteilen sind die a) des Prädikats +zum Subjekt, b) des Grundes zur Folge, c) der eingeteilten Erkenntnis +und der gesammelten Glieder der Einteilung untereinander. In der +ersteren Art der Urteile sind nur zwei Begriffe, in der zweiten zwei +Urteile, in der dritten mehrere Urteile im Verhältnis gegeneinander +betrachtet. Der hypothetische Satz: wenn eine vollkommene +Gerechtigkeit da ist, so wird der beharrlich Böse bestraft, enthält +eigentlich das Verhältnis zweier Sätze: Es ist eine vollkommene +Gerechtigkeit da, und der beharrlich Böse wird bestraft. Ob beide +dieser Sätze an sich wahr seien, bleibt hier unausgemacht. Es ist nur +die Konsequenz, die durch dieses Urteil gedacht wird. Endlich enthält +das disjunktive Urteil ein Verhältnis zweier, oder mehrerer Sätze +gegeneinander, aber nicht der Abfolge, sondern der logischen +Entgegensetzung, sofern die Sphäre des einen die des anderen +ausschließt, aber doch zugleich der Gemeinschaft, insofern sie +zusammen die Sphäre der eigentlichen Erkenntnis erfüllen, also ein +Verhältnis der Teile der Sphäre eines Erkenntnisses, da die Sphäre +eines jeden Teils ein Ergänzungsstück der Sphäre des anderen zu dem +ganzen Inbegriff der eingeteilten Erkenntnis ist, z.E. die Welt +ist entweder durch einen blinden Zufall da, oder durch innere +Notwendigkeit, oder durch eine äußere Ursache. Jeder dieser Sätze +nimmt einen Teil der Sphäre des möglichen Erkenntnisses über das +Dasein einer Welt überhaupt ein, alle zusammen die ganze Sphäre. Das +Erkenntnis aus einer dieser Sphären wegnehmen, heißt, sie in eine der +übrigen setzen, und dagegen sie in eine Sphäre setzen, heißt, sie aus +den übrigen wegnehmen. Es ist also in einem disjunktiven Urteile eine +gewisse Gemeinschaft der Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich +wechselseitig einander ausschließen, aber dadurch doch im Ganzen die +wahre Erkenntnis bestimmen, indem sie zusammengenommen den ganzen +Inhalt einer einzigen gegebenen Erkenntnis ausmachen. Und dieses ist +es auch nur, was ich des Folgenden wegen hiebei anzumerken nötig +finde. + +4. Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere Funktion +derselben, die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts +zum Inhalte des Urteils beiträgt, (denn außer Größe, Qualität und +Verhältnis ist nichts mehr, was den Inhalt eines Urteils ausmachte,) +sondern nur den Wert der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt +angeht. Problematische Urteile sind solche, wo man das Bejahen oder +Verneinen als bloß möglich (beliebig) annimmt. Assertorische, da es +als wirklich (wahr) betrachtet wird. Apodiktische, in denen man es als +notwendig ansieht*. So sind die beiden Urteile, deren Verhältnis das +hypothetische Urteil ausmacht, (antecedens und consequens), imgleichen +in deren Wechselwirkung das Disjunktive besteht, (Glieder der +Einteilung) insgesamt nur problematisch. In dem obigen Beispiel wird +der Satz: es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da, nicht assertorisch +gesagt, sondern nur als ein beliebiges Urteil, wovon es möglich +ist, daß jemand es annehme, gedacht, und nur die Konsequenz ist +assertorisch. Daher können solche Urteile auch offenbar falsch sein, +und doch, problematisch genommen, Bedingungen der Erkenntnis der +Wahrheit sein. So ist das Urteil: die Welt ist durch blinden Zufall +da, in dem disjunktiven Urteil nur von problematischer Bedeutung, +nämlich, daß jemand diesen Satz etwa auf eignen Augenblick annehmen +möge, und dient doch, (wie die Verzeichnung des falschen Weges, unter +der Zahl aller derer, die man nehmen kann,) den wahren zu finden. Der +problematische Satz ist also derjenige, der nur logische Möglichkeit +(die nicht objektiv ist) ausdrückt, d.i. eine freie Wahl einen solchen +Satz gelten zu lassen, eine bloß willkürliche Aufnehmung desselben +in den Verstand. Der assertorische sagt von logischer Wirklichkeit +oder Wahrheit, wie etwa in einem hypothetischen Vernunftschluß das +Antecedens im Obersatze problematisch, im Untersatze assertorisch +vorkommt, und zeigt an, daß der Satz mit dem Verstande nach dessen +Gesetzen schon verbunden sei, der apodiktische Satz denkt sich den +assertorischen durch diese Gesetze des Verstandes selbst bestimmt, +und daher a priori behauptend, und drückt auf solche Weise logische +Notwendigkeit aus. Weil nun hier alles sich gradweise dem Verstande +einverleibt, so daß man zuvor etwas problematisch urteilt, darauf auch +wohl es assertorisch als wahr annimmt, endlich als unzertrennlich mit +dem Verstande verbunden, d.i. als notwendig und apodiktisch behauptet, +so kann man diese drei Funktionen der Modalität auch so viel Momente +des Denkens überhaupt nennen. + +* Gleich, als wenn das Denken im ersten Fall eine Funktion des + Verstandes, im zweiten der Urteilskraft, im dritten der Vernunft + wäre. Eine Bemerkung, die erst in der Folge ihre Aufklärung + erwartet. + + + +Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe +Dritter Abschnitt + +§ 10 Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien + +Die allgemeine Logik abstrahiert, wie mehrmalen schon gesagt worden, +von allem Inhalt der Erkenntnis, und erwartet, daß ihr anderwärts, +woher es auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst in +Begriffe zu verwandeln, welches analytisch zugeht. Dagegen hat die +transzendentale Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit a priori vor +sich liegen, welches die transzendentale Ästhetik ihr darbietet, um zu +den reinen Verstandesbegriffen einen Stoff zu geben, ohne den sie ohne +allen Inhalt, mithin völlig leer sein würde. Raum und Zeit enthalten +nun ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung a priori, gehören aber +gleichwohl zu den Bedingungen der Rezeptivität unseres Gemüts, unter +denen es allein Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, die +mithin auch den Begriff derselben jederzeit affizieren müssen. +Allein die Spontaneität unseres Denkens erfordert es, daß dieses +Mannigfaltige zuerst auf gewisse Weise durchgegangen, aufgenommen, und +verbunden werde, um daraus eine Erkenntnis zu machen. Diese Handlung +nenne ich Synthesis. + +Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung +die Handlung, verschiedene Vorstellungen zueinander hinzuzutun, und +ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen. Eine solche +Synthesis ist rein, wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern a +priori gegeben ist (wie das im Raum und der Zeit). Vor aller Analysis +unserer Vorstellungen müssen diese zuvor gegeben sein, und es können +keine Begriffe dem Inhalte nach analytisch entspringen. Die Synthesis +eines Mannigfaltigen aber (es sei empirisch oder a priori gegeben), +bringt zuerst eine Erkenntnis hervor, die zwar anfänglich noch +roh und verworren sein kann, und also der Analysis bedarf; allein +die Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlich die Elemente zu +Erkenntnissen sammelt, und zu einem gewissen Inhalte vereinigt; sie +ist also das erste, worauf wir acht zu geben haben, wenn wir über den +ersten Ursprung unserer Erkenntnis urteilen wollen. + +Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die bloße +Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen +Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben +würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind. Allein, diese +Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Funktion, die dem +Verstande zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntnis in +eigentlicher Bedeutung verschafft. + +Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, gibt nun den reinen +Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige, +welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori beruht: so +ist unser Zählen (vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher) +eine Synthesis nach Begriffen, weil sie nach einem gemeinschaftlichen +Grunde der Einheit geschieht (z.E. der Dekadik). Unter diesem +Begriffe wird also die Einheit in der Synthesis des Mannigfaltigen +notwendig. + +Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff +gebracht, (ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber +nicht die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen +auf Begriffe zu bringen, lehrt die transz. Logik. Das erste, was uns +zum Behuf der Erkenntnis aller Gegenstände a priori gegeben sein muß, +ist das Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthesis dieses +Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, gibt aber +noch keine Erkenntnis. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis +Einheit geben, und lediglich in der Vorstellung dieser notwendigen +synthetischen Einheit bestehen, tun das dritte zum Erkenntnisse eines +vorkommenden Gegenstandes, und beruhen auf dem Verstande. + +Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem +Urteile Einheit gibt, die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedene +Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, allgemein +ausgedrückt, der reine Verstandesbegriff heißt. Derselbe Verstand +also, und zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er in +Begriffen, vermittelst der analytischen Einheit, die logische +Form eines Urteils zustande brachte, bringt auch, vermittelst der +synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung überhaupt, +in seine Vorstellungen einen transzendentalen Inhalt, weswegen sie +reine Verstandesbegriffe heißen, die a priori auf Objekte gehen, +welches die allgemeine Logik nicht leisten kann. + +Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe, +welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es +in der vorigen Tafel logische Funktionen in allen möglichen Urteilen +gab: denn der Verstand ist durch gedachte Funktionen völlig erschöpft, +und sein Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese +Begriffe, nach dem Aristoteles Kategorien nennen, indem unsere Absicht +uranfänglich mit der seinigen zwar einerlei ist, ob sie sich gleich +davon in der Ausführung gar sehr entfernt. + + Tafel der Kategorien + + 1. Der Quantität: + Einheit + Vielheit + Allheit. + + 2. Der Qualität: 3. Der Relation: + Realität der Inhärenz und Subsistenz (substantia + et accidens) + Negation der Kausalität und Dependenz (Ursache + und Wirkung) + Limitation. der Gemeinschaft (Wechselwirkung + zwischen dem Handelnden und Leidenden). + + 4. Der Modalität: + Möglichkeit - Unmöglichkeit + Dasein - Nichtsein + Notwendigkeit - Zufälligkeit. + +Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe +der Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um +derentwillen er auch nur ein reiner Verstand ist; indem er durch sie +allein etwas bei dem Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d.i. ein +Objekt derselben denken kann. Diese Einteilung ist systematisch aus +einem gemeinschaftlichen Prinzip, nämlich dem Vermögen zu urteilen, +(welches ebensoviel ist, als das Vermögen zu denken,) erzeugt, und +nicht rhapsodistisch, aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung +reiner Begriffe entstanden, von deren Vollzähligkeit man niemals +gewiß sein kann, da sie nur durch Induktion geschlossen wird, ohne zu +gedenken, daß man noch auf die letztere Art niemals einsieht, warum +denn gerade diese und nicht andere Begriffe dem reinen Verstande +beiwohnen. Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag +des Aristoteles, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein +Prinzipium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und +trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte. +In der Folge glaubte er noch ihrer fünfe aufgefunden zu haben, die er +unter dem Namen der Postprädikamente hinzufügte. Allein seine Tafel +blieb noch immer mangelhaft. Außerdem finden sich auch einige modi der +reinen Sinnlichkeit darunter, (quando, ubi, situs, imgleichen prius, +simul,) auch ein empirischer, (motus) die in dieses Stammregister +des Verstandes gar nicht gehören, oder es sind auch die abgeleiteten +Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt, (actio, passio,) und an +einigen der letzteren fehlt es gänzlich. + +Um der letzteren willen ist also noch zu bemerken: daß die Kategorien, +als die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes, auch ihre ebenso +reinen abgeleiteten Begriffe haben, die in einem vollständigen System +der Transzendental-Philosophie keineswegs übergangen werden können, +mit deren bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch +zufrieden sein kann. + +Es sei mir erlaubt, diese reinen, aber abgeleiteten Verstandesbegriffe +die Prädikabilien des reinen Verstandes (im Gegensatz der +Prädikamente) zu nennen. Wenn man die ursprünglichen und primitiven +Begriffe hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht +hinzufügen, und der Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen. +Da es mir hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur +der Prinzipien zu einem System zu tun ist, so verspare ich diese +Ergänzung auf eine andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht +ziemlich erreichen, wenn man die Ontologischen Lehrbücher zur Hand +nimmt, und z.B. der Kategorie der Kausalität die Prädikabilien der +Kraft, der Handlung, des Leidens; der der Gemeinschaft die der +Gegenwart, des Widerstandes; den Prädikamenten der Modalität die +des Entstehens, Vergehens, der Veränderung usw. unterordnet. +Die Kategorien mit den modis der reinen Sinnlichkeit oder auch +untereinander verbunden, geben eine große Menge abgeleiteter Begriffe +a priori, die zu bemerken, und wo möglich, bis zur Vollständigkeit +zu verzeichnen, eine nützliche und nicht unangenehme, hier aber +entbehrliche Bemühung sein würde. + +Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser +Abhandlung geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein +möchte. Ich werde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad +zergliedern, welcher in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich +bearbeite, hinreichend ist. In einem System der reinen Vernunft würde +man sie mit Recht von mir fordern können: aber hier würden sie nur den +Hauptpunkt der Untersuchung aus den Augen bringen, indem sie Zweifel +und Angriffe erregten, die man, ohne der wesentlichen Absicht etwas +zu entziehen, gar wohl auf eine andere Beschäftigung verweisen kann. +Indessen leuchtet doch aus dem wenigen, was ich hievon angeführt habe, +deutlich hervor, daß ein vollständiges Wörterbuch mit allen dazu +erforderlichen Erklärungen nicht allein möglich, sondern auch leicht +sei zustande zu bringen. Die Fächer sind einmal da; es ist nur nötig, +sie auszufüllen, und eine systematische Topik, wie die gegenwärtige, +laßt nicht leicht die Stelle verfehlen, dahin ein jeder Begriff +eigentümlich gehört, und zugleich diejenige leicht bemerken, die noch +leer ist. + + + +§ 11 + +Über diese Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen +anstellen, die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der +wissenschaftlichen Form aller Vernunfterkenntnisse haben könnten. +Denn daß diese Tafel im theoretischen Teile der Philosophie +ungemein dienlich, ja unentbehrlich sei, den Plan zum Ganzen einer +Wissenschaft, sofern sie auf Begriffen a priori beruht, vollständig +zu entwerfen, und sie mathematisch nach bestimmten Prinzipien +abzuteilen, erhellt schon von selbst daraus, daß gedachte Tafel alle +Elementarbegriffe des Verstandes vollständig, ja selbst die Form eines +Systems derselben im menschlichen Verstande enthält, folglich auf alle +Momente einer vorhabenden spekulativen Wissenschaft, ja sogar ihre +Ordnung, Anweisung gibt, wie ich denn auch davon anderwärts* eine +Probe gegeben habe. Hier sind nun einige dieser Anmerkungen. + +* Metaphys. Anfangsgr. der Naturwissensch. + +Die erste ist: daß sich diese Tafel, welche vier Klassen von +Verstandesbegriffen enthält, zuerst in zwei Abteilungen zerfällen +lasse, deren erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl +als empirischen), die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände +(entweder in Beziehung aufeinander oder auf den Verstand) gerichtet +sind. + +Die erste Klasse würde ich die der mathematischen, die zweite der +dynamischen Kategorien nennen. Die erste Klasse hat, wie man sieht, +keine Korrelate, die allein in der zweiten Klasse angetroffen werden. +Dieser Unterschied muß doch einen Grund in der Natur des Verstandes +haben. + +2te Anmerk. Daß allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder +Klasse, nämlich drei sind, welches eben sowohl zum Nachdenken +auffordert, da sonst alle Einteilung a priori durch Begriffe Dichtomie +sein muß. Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalben +aus der Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse entspringt. + +So ist die Allheit (Totalität) nichts anderes als die Vielheit als +Einheit betrachtet, die Einschränkung nichts anderes als Realität mit +Negation verbunden, die Gemeinschaft ist die Kausalität einer Substanz +in Bestimmung der anderen wechselseitig, endlich die Notwendigkeit +nichts anderes als die Existenz, die durch die Möglichkeit selbst +gegeben ist. Man denke aber ja nicht, daß darum die dritte Kategorie +ein bloß abgeleiteter und kein Stammbegriff des reinen Verstandes sei. +Denn die Verbindung der ersten und zweiten, um den dritten Begriff +hervorzubringen, erfordert einen besonderen Aktus des Verstandes, der +nicht mit dem einerlei ist, der beim ersten und zweiten ausgeübt wird. +So ist der Begriff einer Zahl (die zur Kategorie, der Allheit gehört) +nicht immer möglich, wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind +(z.B. in der Vorstellung des Unendlichen), oder daraus, daß ich den +Begriff einer Ursache und den einer Substanz beide verbinde, noch +nicht sofort der Einfluß, d.i. wie eine Substanz Ursache von etwas in +einer anderen Substanz werden könne, zu verstehen. Daraus erhellt, daß +dazu ein besonderer Aktus des Verstandes erforderlich sei; und so bei +den übrigen. + +3te Anmerk. Von einer einzigen Kategorie, nämlich der der +Gemeinschaft, die unter dem dritten Titel befindlich ist, ist die +Übereinstimmung mit der in der Tafel der Logischen Funktionen ihm +korrespondierenden Form eines disjunktiven Urteils nicht so in die +Augen fallend, als bei den übrigen. + +Um sich dieser Übereinstimmung zu versichern, muß man bemerken: daß in +allen disjunktiven Urteilen die Sphäre (die Menge alles dessen, was +unter ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Teile (die untergeordneten +Begriffe) geteilt vorgestellt wird, und, weil einer nicht unter dem +anderen enthalten sein kann, sie als einander koordiniert, nicht +subordiniert, so daß sie einander nicht einseitig, wie in einer Reihe, +sondern wechselseitig, wie in einem Aggregat, bestimmen (wenn ein +Glied der Einteilung gesetzt wird, alle übrigen ausgeschlossen werden, +und so umgekehrt), gedacht werden. + +Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen der Dinge gedacht, +da nicht eines, als Wirkung, dem anderen, als Ursache seines Daseins, +untergeordnet, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in +Ansehung der Bestimmung der anderen beigeordnet wird, (z.B. in +einem Körper, dessen Teile einander wechselseitig ziehen, und auch +widerstehen,) welches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist, als +die, so im bloßen Verhältnis der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur +Folge) angetroffen wird, in welchem die Folge nicht wechselseitig +wiederum den Grund bestimmt, und darum mit diesem (wie der +Weltschöpfer mit der Welt) nicht ein Ganzes ausmacht. Dasselbe +Verfahren des Verstandes, wenn er sich die Sphäre eines eingeteilten +Begriffes vorstellt, beobachtet er auch, wenn er ein Ding als teilbar +denkt, und, wie die Glieder der Einteilung im ersteren einander +ausschließen und doch in einer Sphäre verbunden sind, so stellt +er sich die Teile des letzteren als solche, deren Existenz (als +Substanzen) jedem auch ausschließlich von den übrigen zukommt, doch +als in einem Ganzen verbunden vor. + + + +§ 12 + +Es findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten noch +ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob +sie gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch, nach +ihnen, als Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in +welchem Falle sie aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, +welches nicht sein kann. Diese trägt der unter den Scholastikern so +berufene Satz vor: quodlibet ens est unum, verum, bonum. Ob nun zwar +der Gebrauch dieses Prinzips in Absicht auf die Folgerungen (die +lauter tautologische Sätze gaben) sehr kümmerlich ausfiel, so, daß man +es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik +aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange +Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine +Untersuchung seines Ursprunges, und berechtigt zur Vermutung, daß +er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie +es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden. Diese vermeintlich +transzendentalen Prädikate der Dinge sind nichts anderes als Logische +Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntnis der Dinge überhaupt, und +legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit +und Allheit, zum Grunde, nur daß sie diese, welche, eigentlich +material, als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen +werden müßten, in der Tat nur in formaler Bedeutung als zur logischen +Forderung in Ansehung jeder Erkenntnis gehörig brauchten, und doch +diese Kriterien des Denkens unbehutsamerweise zu Eigenschaften der +Dinge an sich selbst machten. In jedem Erkenntnisse eines Objektes ist +nämlich Einheit des Begriffes, welche man qualitative Einheit nennen +kann, sofern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des +Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des +Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer Fabel. Zweitens Wahrheit +in Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen +Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objektiven Realität. Dieses +könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu einem +Begriffe als einem gemeinschaftlichen Grunde gehören, (nicht in ihm +als Größe gedacht werden,) nennen. Endlich drittens Vollkommenheit, +die darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die +Einheit des Begriffes zurückführt, und zu diesem und keinem anderen +völlig zusammenstimmt, welches man die qualitative Vollständigkeit +(Totalität) nennen kann. Woraus erhellt, daß diese logischen Kriterien +der Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt die drei Kategorien der +Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantums durchgängig +gleichartig angenommen werden muß, hier nur in Absicht auf die +Verknüpfung auch ungleichartiger Erkenntnisstücke in einem Bewußtsein +durch die Qualität eines Erkenntnisses als Prinzips verwandeln. So +ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objekts +derselben) die Definition, in der die Einheit des Begriffs, die +Wahrheit alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, +endlich die Vollständigkeit dessen, was aus ihm gezogen worden, zur +Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht; +oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit +des angenommenen Erklärungsgrundes oder dessen Einheit (ohne +Hilfshypothese) die Wahrheit (Übereinstimmung unter sich selbst und +mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen, und endlich die +Vollständigkeit des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr +noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden, und +das, was a priori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch +wieder liefern und dazu zusammenstimmen. - Also wird durch die +Begriffe von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transzendentale +Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, +sondern nur, indem das Verhältnis dieses Begriffe auf Objekte gänzlich +beiseite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine +logische Regeln der Übereinstimmung der Erkenntnis mit sich selbst +gebracht. + + + +Der transzendentalen Analytik +Zweites Hauptstück +Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe + +Erster Abschnitt + +§ 13 Von den Prinzipien einer transz. Deduktion überhaupt + +Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und Anmaßungen reden, +unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das, was Rechtens +ist, (quid juris) von der, die die Tatsache angeht, (quid facti) und +indem sie von beiden Beweis fordern, so nennen sie den ersteren, der +die Befugnis, oder auch den Rechtsanspruch dartun soll, die Deduktion. +Wir bedienen uns einer Menge empirischer Begriffe ohne jemandes +Widerrede, und halten uns auch ohne Deduktion berechtigt, ihnen einen +Sinn und eingebildete Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die +Erfahrung bei der Hand haben, ihre objektive Realität zu beweisen. Es +gibt indessen auch usurpierte Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, die +zwar mit fast allgemeiner Nachsicht herumlaufen, aber doch bisweilen +durch die Frage: quid juris, in Anspruch genommen werden, da man +alsdann wegen der Deduktion derselben in nicht geringe Verlegenheit +gerät, indem man keinen deutlichen Rechtsgrund weder aus der +Erfahrung, noch der Vernunft anführen kann, dadurch die Befugnis +seines Gebrauchs deutlich würde. + +Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte Gewebe +der menschlichen Erkenntnis ausmachen, gibt es einige, die auch zum +reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) +bestimmt sind, und dieser ihre Befugnis bedarf jederzeit einer +Deduktion; weil zu der Rechtmäßigkeit eines solchen Gebrauchs Beweise +aus der Erfahrung nicht hinreichend sind, man aber doch wissen muß, +wie diese Begriffe sich auf Objekte beziehen können, die sie doch aus +keiner Erfahrung hernehmen. Ich nenne daher die Erklärung der Art, +wie sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, die +transzendentale Deduktion derselben, und unterscheide sie von der +empirischen Deduktion, welche die Art anzeigt, wie ein Begriff durch +Erfahrung und Reflexion über dieselbe erworben worden, und daher nicht +die Rechtmäßigkeit, sondern das Faktum betrifft, wodurch der Besitz +entsprungen. + +Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art, +die doch darin miteinander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig a +priori sich auf Gegenstände beziehen, nämlich, die Begriffe des Raumes +und der Zeit, als Formen der Sinnlichkeit, und die Kategorien, als +Begriffe des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduktion versuchen +wollen, würde ganz vergebliche Arbeit sein; weil eben darin das +Unterscheidende ihrer Natur liegt, daß sie sich auf ihre Gegenstände +beziehen, ohne etwas zu deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt +zu haben. Wenn also eine Deduktion derselben nötig ist, so wird sie +jederzeit transzendental sein müssen. + +Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von allem Erkenntnis, wo +nicht das Prinzipium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen +ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen, wo alsdann die Eindrücke +der Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntniskraft in +Ansehung ihrer zu eröffnen, und Erfahrung zustande zu bringen, die +zwei sehr ungleichartige Elemente enthält, nämlich eine Materie zur +Erkenntnis aus den Sinnen und eine gewisse Form, sie zu ordnen, +aus dem inneren Quell des reinen Anschauens und Denkens, die, bei +Gelegenheit der ersteren, zuerst in Ausübung gebracht werden, und +Begriffe hervorbringen. Ein solches Nachspüren der ersten Bestrebungen +unserer Erkenntniskraft, um von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen +Begriffen zu steigen, hat ohne Zweifel seinen großen Nutzen, und man +hat es dem berühmten Locke zu verdanken, daß er dazu zuerst den Weg +eröffnet hat. Allein eine Deduktion der reinen Begriffe a priori +kommt dadurch niemals zustande, denn sie liegt ganz und gar nicht +auf diesem Wege, weil in Ansehung ihres künftigen Gebrauchs, der von +der Erfahrung gänzlich unabhängig sein soll, sie einen ganz anderen +Geburtsbrief, als den der Abstammung von Erfahrungen, müssen +aufzuzeigen haben. Diese versuchte physiologische Ableitung, die +eigentlich gar nicht Deduktion heißen kann, weil sie eine quaestionem +facti betrifft, will ich daher die Erklärung des Besitzes einer reinen +Erkenntnis nennen. Es ist also klar, daß von diesen allein es eine +transzendentale Deduktion und keineswegs eine empirische geben könne, +und daß letztere, in Ansehung der reinen Begriffe a priori, nichts +als eitle Versuche sind, womit sich nur derjenige beschäftigen kann, +welcher die ganz eigentümliche Natur dieser Erkenntnisse nicht +begriffen hat. + +Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduktion der +reinen Erkenntnis a priori, nämlich die auf dem transzendentalen +Wege eingeräumt wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, daß sie so +unumgänglich notwendig sei. Wir haben oben die Begriffe des Raumes +und der Zeit, vermittelst einer transzendentalen Deduktion zu ihren +Quellen verfolgt, und ihre objektive Gültigkeit a priori erklärt und +bestimmt. Gleichwohl geht die Geometrie ihren sicheren Schritt durch +lauter Erkenntnisse a priori, ohne daß sie sich, wegen der reinen +und gesetzmäßigen Abkunft ihres Grundbegriffs vom Raume, von der +Philosophie einen Beglaubigungsschein erbitten darf. Allein der +Gebrauch des Begriffs geht in dieser Wissenschaft auch nur auf +die äußere Sinnenwelt, von welcher der Raum die reine Form ihrer +Anschauung ist, in welcher also alle geometrische Erkenntnis, weil sie +sich auf Anschauung a priori gründet, unmittelbare Evidenz hat, und +die Gegenstände durch die Erkenntnis selbst, a priori (der Form nach) +in der Anschauung, gegeben werden. Dagegen fängt mit den reinen +Verstandesbegriffen die unumgängliche Bedürfnis an, nicht allein von +ihnen selbst, sondern auch vom Raum die transzendentale Deduktion +zu suchen, weil, da sie von Gegenständen nicht durch Prädikate der +Anschauung und der Sinnlichkeit, sondern des reinen Denkens a priori +redet, sie sich auf Gegenstände ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit +allgemein beziehen, und die, da sie nicht auf Erfahrung gegründet +sind, auch in der Anschauung a priori kein Objekt vorzeigen können, +worauf sie vor aller Erfahrung ihre Synthesis gründeten, und daher +nicht allein wegen der objektiven Gültigkeit und Schranken ihres +Gebrauchs Verdacht erregen, sondern auch jenen Begriff des Raumes +zweideutig machen, dadurch, daß sie ihn über die Bedingungen der +sinnlichen Anschauung zu gebrauchen geneigt sind, weshalb auch oben +von ihm eine transzendentale Deduktion vonnöten war. So muß denn +der Leser von der unumgänglichen Notwendigkeit einer solchen +transzendentalen Deduktion, ehe er einen einzigen Schritt im Felde +der reinen Vernunft getan hat, überzeugt werden; weil er sonst blind +verfährt, und, nachdem er mannigfaltig umhergeirrt hat, doch wieder +zu der Unwissenheit zurückkehren muß, von der er ausgegangen war. Er +muß aber auch die unvermeidliche Schwierigkeit zum voraus deutlich +einsehen, damit er nicht über Dunkelheit klage, wo die Sache selbst +tief eingehüllt ist, oder über die Wegräumung der Hindernisse zu früh +verdrossen werden, weil es darauf ankommt, entweder alle Ansprüche +zu Einsichten der reinen Vernunft, als das beliebteste Feld, nämlich +dasjenige über die Grenzen aller möglichen Erfahrung hinaus, völlig +aufzugeben, oder diese kritische Untersuchung zur Vollkommenheit zu +bringen. + +Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit leichter +Mühe begreiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse a priori +sich gleichwohl auf Gegenstände notwendig beziehen müssen; und eine +synthetische Erkenntnis derselben, unabhängig von aller Erfahrung, +möglich machten. Denn da nur vermittelst solcher reinen Formen der +Sinnlichkeit uns ein Gegenstand erscheinen, d.i. ein Objekt der +empirischen Anschauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine +Anschauungen, welche die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände als +Erscheinungen a priori enthalten, und die Synthesis in denselben hat +objektive Gültigkeit. + +Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die +Bedingungen vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben +werden, mithin können uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne daß +sie sich notwendig auf Funktionen des Verstandes beziehen müssen, und +dieser also die Bedingungen derselben a priori enthielte. Daher zeigt +sich hier eine Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht +antrafen, wie nämlich subjektive Bedingungen des Denkens sollten +objektive Gültigkeit haben, d.i. Bedingungen der Möglichkeit aller +Erkenntnis der Gegenstände abgeben: denn ohne Funktionen des +Verstandes können allerdings Erscheinungen in der Anschauung gegeben +werden. Ich nehme z.B. den Begriff der Ursache, welcher eine besondere +Art der Synthesis bedeutet, da auf etwas A was ganz verschiedenes +B nach einer Regel gesetzt wird. Es ist a priori nicht klar, warum +Erscheinungen etwas dergleichen enthalten sollten, (denn Erfahrungen +kann man nicht zum Beweise anführen, weil die objektive Gültigkeit +dieses Begriffs a priori muß dargetan werden können,) und es ist daher +a priori zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa gar leer sei +und überall unter den Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe. Denn +daß Gegenstände der sinnlichen Anschauung den im Gemüt a priori +liegenden formalen Bedingungen der Sinnlichkeit gemäß sein müssen, ist +daraus klar, weil sie sonst nicht Gegenstände für uns sein würden; +daß sie aber auch überdem den Bedingungen, deren der Verstand zur +synthetischen Einsicht des Denkens bedarf, gemäß sein müssen, davon +ist die Schlußfolge nicht so leicht einzusehen. Denn es könnten wohl +allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, daß der Verstand sie den +Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäß fände, und alles so in +Verwirrung läge, daß z.B. in der Reihenfolge der Erscheinungen sich +nichts darböte, was eine Regel der Synthesis an die Hand gäbe, und +also dem Begriffe der Ursache und Wirkung entspräche, so daß dieser +Begriff also ganz leer, nichtig und ohne Bedeutung wäre. Erscheinungen +würden nichtsdestoweniger unserer Anschauung Gegenstände darbieten, +denn die Anschauung bedarf der Funktionen des Denkens auf keine Weise. + +Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch +loszuwickeln, daß man sagte: Die Erfahrung böte unablässig Beispiele +einer solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar, die genugsam Anlaß +geben, den Begriff der Ursache davon abzusondern, und dadurch zugleich +die objektive Gültigkeit eines solchen Begriffs zu bewähren, so +bemerkt man nicht, daß auf diese Weise der Begriff der Ursache gar +nicht entspringen kann, sondern daß er entweder völlig a priori im +Verstande müsse gegründet sein, oder als ein bloßes Hirngespinst +gänzlich aufgegeben werden müsse. Denn dieser Begriff erfordert +durchaus, daß etwas A von der Art sei, daß ein anderes B daraus +notwendig und nach einer schlechthin allgemeinen Regel folge. +Erscheinungen geben gar wohl Fälle an die Hand, aus denen eine Regel +möglich ist, nach der etwas gewöhnlichermaßen geschieht, aber niemals, +daß der Erfolg notwendig sei: daher der Synthesis der Ursache und +Wirkung auch eine Dignität anhängt, die man gar nicht empirisch +ausdrücken kann, nämlich, daß die Wirkung nicht bloß zu der Ursache +hinzukomme, sondern durch dieselbe gesetzt sei, und aus ihr erfolge. +Die strenge Allgemeinheit der Regel ist auch gar keine Eigenschaft +empirischer Regeln, die durch Induktion keine andere als komparative +Allgemeinheit, d.i. ausgebreitete Brauchbarkeit bekommen können. Nun +würde sich aber der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe gänzlich +ändern, wenn man sie nur als empirische Produkte behandeln wollte. + + + +§ 14 Übergang zur transz. Deduktion der Kategorien + +Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische +Vorstellung und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander +notwendigerweise beziehen, und gleichsam einander begegnen können. +Entweder wenn der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den +Gegenstand allein möglich macht. Ist das erstere, so ist diese +Beziehung nur empirisch, und die Vorstellung ist niemals a priori +möglich. Und dies ist der Fall mit Erscheinung, in Ansehung dessen, +was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist aber das zweite, weil +Vorstellung an sich selbst (denn von dessen Kausalität, vermittelst +des Willens, ist hier gar nicht die Rede,) ihren Gegenstand dem Dasein +nach nicht hervorbringt, so ist doch die Vorstellung in Ansehung des +Gegenstandes alsdann a priori bestimmend, wenn durch sie allein es +möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind aber zwei +Bedingungen, unter denen allein die Erkenntnis eines Gegenstandes +möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur als +Erscheinung, gegeben wird: zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand +gedacht wird, der dieser Anschauung entspricht. Es ist aber aus dem +obigen klar, daß die erste Bedingung, nämlich die, unter der allein +Gegenstände angeschaut werden können, in der Tat den Objekten der +Form nach a priori im Gemüt zum Grunde liegen. Mit dieser formalen +Bedingung der Sinnlichkeit stimmen also alle Erscheinungen notwendig +überein, weil sie nur durch dieselbe erscheinen, d.i. empirisch +angeschaut und gegeben werden können. Nun frägt es sich, ob nicht auch +Begriffe a priori vorausgehen, als Bedingungen, unter denen allein +etwas, wenngleich nicht angeschaut, dennoch als Gegenstand überhaupt +gedacht wird, denn alsdann ist alle empirische Erkenntnis der +Gegenstände solchen Begriffen notwendigerweise gemäß, weil, ohne +deren Voraussetzung, nichts als Objekt der Erfahrung möglich ist. Nun +enthält aber alle Erfahrung außer der Anschauung der Sinne, wodurch +etwas gegeben wird, noch einen Begriff von einem Gegenstande, der +in der Anschauung gegeben wird, oder erscheint: demnach werden +Begriffe von Gegenständen überhaupt, als Bedingungen a priori aller +Erfahrungserkenntnis zum Grunde liegen: folglich wird die objektive +Gültigkeit der Kategorien, als Begriffe a priori, darauf beruhen, daß +durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens nach) möglich sei. +Denn alsdann beziehen sie sich notwendigerweise und a priori auf +Gegenstände der Erfahrung, weil nur vermittelst ihrer überhaupt +irgendein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann. + +Die transz. Deduktion aller Begriffe a priori hat also ein Prinzipium, +worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muß, nämlich dieses: +daß sie als Bedingungen a priori der Möglichkeit der Erfahrungen +erkannt werden müssen, (es sei der Anschauung, die in ihr angetroffen +wird, oder des Denkens). Begriffe, die den objektiven Grund der +Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum notwendig. Die +Entwicklung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist +nicht ihre Deduktion, (sondern Illustration,) weil sie dabei doch nur +zufällig sein würden. Ohne diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche +Erfahrung, in welcher alle Gegenstände der Erkenntnis vorkommen, würde +die Beziehung derselben auf irgendein Objekt gar nicht begriffen +werden können. + +Der berühmte Locke hatte, aus Ermangelung dieser Betrachtung, und weil +er reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf, sie auch +von der Erfahrung abgeleitet, und verfuhr doch so inkonsequent, +daß er damit Versuche zu Erkenntnissen wagte, die weit über alle +Erfahrungsgrenze hinausgehen. David Hume erkannte, um das letztere +tun zu können, sei es notwendig, daß diese Begriffe ihren Ursprung a +priori haben müßten. Da er sich aber gar nicht erklären konnte, wie es +möglich sei, daß der Verstand Begriffe, die an sich im Verstande nicht +verbunden sind, doch als im Gegenstande notwendig verbunden denken +müsse, und darauf nicht verfiel, daß vielleicht der Verstand durch +diese Begriffe selbst Urheber der Erfahrung, worin seine Gegenstände +angetroffen werden, sein könne, so leitete er sie, durch Not +gedrungen, von der Erfahrung ab (nämlich von einer durch öftere +Assoziation in der Erfahrung entsprungenen subjektiven Notwendigkeit, +welche zuletzt fälschlich für objektiv gehalten wird, d.i. der +Gewohnheit), verfuhr aber hernach sehr konsequent, darin, daß er es +für unmöglich erklärte, mit diesen Begriffen und den Grundsätzen, +die sie veranlassen, über die Erfahrungsgrenze hinauszugehen. Die +empirische Ableitung aber, worauf beide verfielen, läßt sich mit +der Wirklichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse a priori, +die wir haben, nämlich der reinen Mathematik und allgemeinen +Naturwissenschaft, nicht vereinigen, und wird also durch das Faktum +widerlegt. + +Der erste dieser beiden berühmten Männer öffnete der Schwärmerei Tür +und Tor, weil die Vernunft, wenn sie einmal Befugnisse auf ihrer Seite +hat, sich nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen der Mäßigung +in Schranken halten läßt; der zweite ergab sich gänzlich dem +Skeptizismus, da er einmal eine so allgemeine für Vernunft gehaltene +Täuschung unseres Erkenntnisvermögens glaubte entdeckt zu haben. Wir +sind jetzt im Begriffe einen Versuch zu machen, ob man nicht die +menschliche Vernunft zwischen diesen beiden Klippen glücklich +durchbringen, ihr bestimmte Grenzen anweisen, und dennoch das ganze +Feld ihrer zweckmäßigen Tätigkeit für sie geöffnet erhalten können. + +Vorher will ich nur noch die Erklärung der Kategorien voranschicken. +Sie sind Begriffe von einem Gegenstande überhaupt, dadurch dessen +Anschauung in Ansehung einer der logischen Funktionen zu Urteilen als +bestimmt angesehen wird. So war die Funktion des kategorischen Urteils +die des Verhältnisses des Subjekts zum Prädikat, z.B. alle Körper +sind teilbar. Allein in Ansehung des bloß logischen Gebrauchs des +Verstandes blieb es unbestimmt, welcher von beiden Begriffen die +Funktion des Subjekts, und welchem die des Prädikates man geben wolle. +Denn man kann auch sagen: Einiges Teilbare ist ein Körper. Durch +die Kategorie der Substanz aber, wenn ich den Begriff eines Körpers +darunter bringe, wird es bestimmt: daß seine empirische Anschauung +in der Erfahrung immer nur als Subjekt, niemals als bloßen Prädikat +betrachtet werden müsse; und so in allen übrigen Kategorien. + + + +Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe +Zweiter Abschnitt +Transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe + +§ 15 Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt + +Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben +werden, die bloß sinnlich d.i. nichts als Empfänglichkeit ist, und die +Form dieser Anschauung kann a priori in unserem Vorstellungsvermögen +liegen, ohne doch etwas anderes, als die Art zu sein, wie das +Subjekt affiziert wird. Allein die Verbindung (conjunctio) eines +Mannigfaltigen überhaupt, kann niemals durch Sinne in uns kommen, und +kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung +zugleich mit enthalten sein; denn sie ist ein Aktus der Spontaneität +der Vorstellungskraft, und, da man diese, zum Unterschiede von der +Sinnlichkeit, Verstand nennen muß, so ist alle Verbindung, wir mögen +uns ihrer bewußt werden oder nicht, es mag eine Verbindung des +Mannigfaltigen der Anschauung, oder mancherlei Begriffe, und an der +ersteren der sinnlichen, oder nicht sinnlichen Anschauung sein, eine +Verstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen Benennung Synthesis +belegen würden, um dadurch zugleich bemerklich zu machen, daß wir uns +nichts, als im Objekt verbunden, vorstellen können, ohne es vorher +selbst verbunden zu haben, und unter allen Vorstellungen die +Verbindung die einzige ist, die nicht durch Objekte gegeben, sondern +nur vom Subjekte selbst verrichtet werden kann, weil sie ein Aktus +seiner Selbsttändigkeit ist. Man wird hier leicht gewahr, daß diese +Handlung ursprünglich einig, und für alle Verbindung gleichgeltend +sein müsse, und daß die Auflösung Analysis, die ihr Gegenteil zu sein +scheint, sie doch jederzeit voraussetze; denn wo der Verstand vorher +nichts verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen, weil es nur +durch ihn als verbunden der Vorstellungskraft hat gegeben werden +können. + +Aber der Begriff der Verbindung führt außer dem Begriffe des +Mannigfaltigen, und der Synthesis desselben, noch den der Einheit +desselben bei sich. Verbindung ist Vorstellung der synthetischen +Einheit des Mannigfaltilgen*. Die Vorstellung dieser Einheit kann also +nicht aus der Verbindung entstehen, sie macht vielmehr dadurch, daß +sie zur Vorstellung des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der +Verbindung allererst möglich. Diese Einheit, die a priori vor allen +Begriffen der Verbindung vorhergeht, ist nicht etwa jene Kategorie +der Einheit (§ 10); denn alle Kategorien gründen sich auf logische +Funktionen in Urteilen, in diesen aber ist schon Verbindung, mithin +Einheit gegebener Begriffe gedacht. Die Kategorie setzt also schon +Verbindung voraus. Also müssen wir diese Einheit (als qualitative § +12) noch höher suchen, nämlich in demjenigen, was selbst den Grund der +Einheit verschiedener Begriffe in Urteilen, mithin der Möglichkeit des +Verstandes, sogar in seinem logischen Gebrauche, enthält. + +* Ob die Vorstellungen selbst identisch sind, und also eine durch die + andere analytisch könne gedacht werden, das kommt hier nicht in + Betrachtung. Das Bewußtsein der einen ist, sofern vom Mannigfaltigen + die Rede ist, vom Bewußtsein der anderen doch immer zu + unterscheiden, und auf die Synthesis dieses (möglichen) Bewußtseins + kommt es hier allein an. + + + +§ 16 Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption + +Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn +sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was garnicht gedacht +werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde +entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige +Vorstellung, die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung. +Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung +auf das: Ich denke, in demselben Subjekt, darin dieses Mannigfaltige +angetroffen wird. Diese Vorstellung aber ist ein Aktus der +Spontaneität, d.i. sie kann nicht als zur Sinnlichkeit gehörig +angesehen werden. Ich nenne sie die reine Apperzeption, um sie +von der empirischen zu unterscheiden, oder auch die ursprüngliche +Apperzeption, weil sie dasjenige Selbstbewußtsein ist, was, indem es +die Vorstellung Ich denke hervorbringt, die alle anderen muß begleiten +können, und in allem Bewußtsein ein und dasselbe ist, von keiner +weiter begleitet werden kann. Ich nenne auch die Einheit derselben die +transzendentale Einheit des Selbstbewußtseins, um die Möglichkeit der +Erkenntnis a priori aus ihr zu bezeichnen. Denn die mannigfaltigen +Vorstellungen, die in einer gewissen Anschauung gegeben werden, würden +nicht insgesamt meine Vorstellungen sein, wenn sie nicht insgesamt +zu einem Selbstbewußtsein gehörten, d.i. als meine Vorstellungen (ob +ich mich ihrer gleich nicht als solcher bewußt bin) müssen sie doch +der Bedingung notwendig gemäß sein, unter der sie allein in einem +allgemeinen Selbstbewußtsein zusammenstehen können, weil sie sonst +nicht durchgängig mir angehören würden. Aus dieser ursprünglichen +Verbindung läßt sich vieles folgern. + +Nämlich diese durchgängige Identität der Apperzeption eines in der +Anschauung gegebenen Mannigfaltigen, enthält eine Synthesis der +Vorstellungen, und ist nur durch das Bewußtsein dieser Synthesis +möglich. Denn das empirische Bewußtsein, welches verschiedene +Vorstellungen begleitet, ist an sich zerstreut und ohne Beziehung auf +die Identität des Subjekts. Diese Beziehung geschieht also dadurch +noch nicht, daß ich jede Vorstellung mit Bewußtsein begleite, sondern +daß ich eine zu der anderen hinzusetze und mir der Synthesis derselben +bewußt bin. Also nur dadurch, daß ich ein Mannigfaltiges gegebener +Vorstellungen in einem Bewußtsein verbinden kann, ist es möglich, daß +ich mir die Identität des Bewußtseins in diesen Vorstellungen selbst +vorstelle, d.i. die analytische Einheit der Apperzeption ist nur unter +der Voraussetzung irgendeiner synthetischen möglich*. Der Gedanke: +diese in der Anschauung gegebenen Vorstellungen gehören mir +insgesamt zu, heißt demnach soviel, als ich vereinige sie in einem +Selbstbewußtsein, oder kann sie wenigstens darin vereinigen, und +ob er gleich selbst noch nicht das Bewußtsein der Synthesis der +Vorstellungen ist, so setzt er doch die Möglichkeit der letzteren +voraus, d.i. nur dadurch, daß ich das Mannigfaltige derselben in +einem Bewußtsein begreifen kann, nenne ich dieselben insgesamt meine +Vorstellungen; denn sonst würde ich ein so vielfarbiges verschiedenes +Selbst haben, als ich Vorstellungen habe, deren ich mir bewußt bin. +Synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Anschauungen, als a priori +gegeben, ist also der Grund der Identität der Apperzeption selbst, die +a priori allem meinem bestimmten Denken vorhergeht. Verbindung liegt +aber nicht in den Gegenständen, und kann von ihnen nicht etwa durch +Wahrnehmung entlehnt und in den Verstand dadurch allererst aufgenommen +werden, sondern ist allein eine Verrichtung des Verstandes, der selbst +nichts weiter ist, als das Vermögen, a priori zu verbinden, und das +Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter Einheit der Apperzeption +zu bringen, welcher Grundsatz der oberste im ganzen menschlichen +Erkenntnis ist. + +* Die analytische Einheit des Bewußtseins hängt allen gemeinsamen + Begriffen, als solchen, an, z.B. wenn ich mir rot überhaupt denke, + so stelle ich mir dadurch eine Beschaffenheit vor, die (als Merkmal) + irgendworan angetroffen, oder mit anderen Vorstellungen verbunden + sein kann; also nur vermöge einer vorausgedachten möglichen + synthetischen Einheit kann ich mir die analytische vorstellen. Eine + Vorstellung, die als verschiedenen gemein gedacht werden soll, + wird als zu solchen gehörig angesehen, die außer ihr noch etwas + Verschiedenes an sich haben, folglich muß sie in synthetischer + Einheit mit anderen (wenngleich nur möglichen Vorstellungen) vorher + gedacht werden, ehe ich die analytische Einheit des Bewußtseins, + welche sie zum conceptus communis macht, an ihr denken kann. Und so + ist die synthetische Einheit der Apperzeption der höchste Punkt, an + dem man allen Verstandesgebrauch, selbst die ganze Logik, und, nach + ihr, die Transzendental-Philosophie heften muß, ja dieses Vermögen + ist der Verstand selbst. + +Dieser Grundsatz, der notwendigen Einheit der Apperzeption, ist nun +zwar selbst identisch, mithin ein analytischer Satz, erklärt aber +doch eine Synthesis des in einer Anschauung gegebenen Mannigfaltigen +als notwendig, ohne welche jene, durchgängige Identität des +Selbstbewußtseins nicht gedacht werden kann. Denn durch das Ich, +als einfache Vorstellung, ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der +Anschauung, die davon unterschieden ist, kann es nur gegeben und +durch Verbindung in einem Bewußtsein gedacht werden. Ein Verstand, +in welchem durch das Selbstbewußtsein zugleich alles Mannigfaltige +gegeben würde, würde anschauen; der unsere kann nur denken und muß in +den Sinnen die Anschauung suchen. Ich bin mir also des identischen +Selbst bewußt, in Ansehung des Mannigfaltigen der mir in einer +Anschauung gegebenen Vorstellungen, weil ich sie insgesamt meine +Vorstellungen nenne, die eine ausmachen. Das ist aber soviel, als, daß +ich mir einer notwendigen Synthesis derselben a priori bewußt bin, +welche die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperzeption heißt, +unter der alle mir gegebenen Vorstellungen stehen, aber unter die sie +auch durch eine Synthesis gebracht werden müssen. + + + +§ 17 Der Grundsatz der synthetischen Einheit der Apperzeption ist das + oberste Prinzip alles Verstandesgebrauchs + +Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung +auf die Sinnlichkeit war laut der transz. Ästhetik: daß alles +Mannigfaltige derselben unter den formalen Bedingungen des Raumes und +der Zeit stehen. Der oberste Grundsatz eben derselben in Beziehung +auf den Verstand ist: daß alles Mannigfaltige der Anschauung unter +Bedingungen der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption +stehe*. Unter dem ersteren stehen alle mannigfaltigen Vorstellungen +der Anschauung, sofern sie uns gegeben werden, unter dem zweiten +sofern sie in einem Bewußtsein müssen verbunden werden können; denn +ohne das kann nichts dadurch gedacht oder erkannt werden, weil die +gegebenen Vorstellungen den Aktus der Apperzeption, Ich denke, +nicht gemein haben, und dadurch nicht in einem Selbstbewußtsein +zusammengefaßt sein würden. + +* Der Raum und die Zeit und alle Teile derselben sind Anschauungen, + mithin einzelne Vorstellungen mit dem Mannigfaltigen, das sie in + sich enthalten (siehe die transz. Ästhetik), mithin nicht bloße + Begriffe, durch die eben dasselbe Bewußtsein, als in vielen + Vorstellungen, sondern viel Vorstellungen als in einer, und deren + Bewußtsein, enthalten, mithin als zusammengesetzt, folglich die + Einheit des Bewußtseins, als synthetisch, aber doch ursprünglich + angetroffen wird. Diese Einzelnheit derselben ist wichtig in der + Anwendung (siehe § 25). + +Verstand ist, allgemein zu reden, das Vermögen der Erkenntnisse. Diese +bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein +Objekt. Objekt aber ist das, in dessen Begriff das Mannigfaltige +einer gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun erfordert aber alle +Vereinigung der Vorstellungen Einheit des Bewußtseins in der Synthesis +derselben. Folglich ist die Einheit des Bewußtseins dasjenige, was +allein die Beziehung der Vorstellungen auf einen Gegenstand, mithin +ihre objektive Gültigkeit, folglich, daß sie Erkenntnisse werden, +ausmacht, und worauf folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes +beruht. + +Das erste reine Verstandeserkenntnis also, worauf sein ganzer übriger +Gebrauch sich gründet, welches auch zugleich von allen Bedingungen der +sinnlichen Anschauung ganz unabhängig ist, ist nun der Grundsatz der +ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption. So ist die +bloße Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, noch gar keine +Erkenntnis; er gibt nur das Mannigfaltige der Anschauung a priori zu +einem möglichen Erkenntnis. Um aber irgend etwas im Raume zu erkennen, +z.B. eine Linie, muß ich sie ziehen, und also eine bestimmte +Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zustande, +bringen, so, daß die Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des +Bewußtseins (im Begriffe einer Linie) ist, und dadurch allererst ein +Objekt (ein bestimmter Raum) erkannt wird. Die synthetische Einheit +des Bewußtseins ist also eine objektive Bedingung aller Erkenntnis, +nicht deren ich bloß selbst bedarf, um ein Objekt zu erkennen, sondern +unter der jede Anschauung stehen muß, um für mich Objekt zu werden, +weil auf andere Art, und ohne diese Synthesis, das Mannigfaltige sich +nicht in einem Bewußtsein vereinigen würde. + +Dieser letztere Satz ist, wie gesagt, selbst analytisch, ob er zwar +die synthetische Einheit zur Bedingung alles Denkens macht, denn er +sagt nichts weiter, als, daß alle meine Vorstellungen in irgendeiner +gegebenen Anschauung unter der Bedingung stehen müssen, unter der ich +sie allein als meine Vorstellungen zu dem identischen Selbst rechnen, +und also, als in einer Apperzeption synthetisch verbunden durch den +Allgemeinen Ausdruck Ich denke zusammenfassen kann. + +Aber dieser Grundsatz ist doch nicht ein Prinzip für jeden überhaupt +möglichen Verstand, sondern nur für den, durch dessen reine +Apperzeption in der Vorstellung: Ich bin, noch gar nichts +Mannigfaltiges gegeben ist. Derjenige Verstand, durch dessen +Selbstbewußtsein zugleich das Mannigfaltige der Anschauung gegeben +würde, ein Verstand, durch dessen Vorstellung zugleich die Objekte +dieser Vorstellung existierten, würde einen besonderen Aktus der +Synthesis der Mannigfaltigen zu der Einheit des Bewußtseins nicht +bedürfen, deren der menschliche Verstand, der bloß denkt, nicht +anschaut, bedarf. Aber für den menschlichen Verstand ist er doch +unvermeidlich der erste Grundsatz, so, daß er sich sogar von einem +anderen möglichen Verstande, entweder einem solchen, der selbst +anschaute, oder, wenngleich eine sinnliche Anschauung, aber doch von +anderer Art, als die im Raume und der Zeit, zum Grunde liegend besäße, +sich nicht den mindesten Begriff machen kann. + + + +§ 18 Was objektive Einheit des Selbstbewußtseins sei + +Die transzendentale Einheit der Apperzeption ist diejenige, durch +welche alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen +Begriff vom Objekt vereinigt wird. Sie heißt darum objektiv, und muß +von der subjektiven Einheit des Bewußtseins unterschieden werden, die +eine Bestimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes Mannigfaltige +der Anschauung zu einer solchen Verbindung empirisch gegeben wird. Ob +ich mir des Mannigfaltigen als zugleich, oder nacheinander, empirisch +bewußt sein könne, kommt auf Umstände, oder empirische Bedingungen, +an. Daher die empirische Einheit des Bewußtseins, durch Assoziation +der Vorstellungen, selbst eine Erscheinung betrifft, und ganz zufällig +ist. Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit, bloß als +Anschauung überhaupt, die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält, unter +der ursprünglichen Einheit des Bewußtseins, lediglich durch die +notwendige Beziehung des Mannigfaltigen der Anschauung zum Einen: Ich +denke; also durch die reine Synthesis des Verstandes, welche a priori +der empirischen zum Grunde liegt. Jene Einheit ist allein objektiv +gültig; die empirische Einheit der Apperzeption, die wir hier +nicht erwägen, und die auch nur von der ersteren, unter gegebenen +Bedingungen in concreto, abgeleitet ist, hat nur subjektive +Gültigkeit. Einer verbindet die Vorstellung eines gewissen Wortes mit +einer Sache, der andere mit einer anderen Sache, und die Einheit des +Bewußtseins, in dem, was empirisch ist, ist in Ansehung dessen, was +gegeben ist, nicht notwendig und allgemein geltend. + + + +§ 19 Die logische Form aller Urteile besteht in der objektiven Einheit + der Apperzeption der darin enthaltenen Begriffe + +Ich habe, mich niemals durch die Erklärung, welche die Logiker von +einem Urteile überhaupt geben, befriedigen können: es ist, wie sie +sagen, die Vorstellung eines Verhältnisses zwischen zwei Begriffen. +Ohne nun hier über das Fehlerhafte der Erklärung, daß sie allenfalls +nur auf kategorische, aber nicht hypothetische und disjunktive Urteile +paßt, (als welche letztere nicht ein Verhältnis von Begriffen, sondern +selbst von Urteilen enthalten,) mit ihnen zu zanken, (ohnerachtet aus +diesem Versehen der Logik manche lästige Folgen erwachsen sind,)* +merke ich nur an, daß, worin dieses Verhältnis bestehe, hier nicht +bestimmt ist. + +* Die weitläufige Lehre von den vier syllogistischen Figuren betrifft + nur die kategorischen Vernunftschlüsse, und, ob sie zwar nichts + weiter ist, als eine Kunst, durch Versteckung unmittelbarer Schlüsse + (consequentiae immediatiae) unter die Prämissen eines reinen + Vernunftschlusses, den Schein mehrerer Schlußarten, als des in der + ersten Figur, zu erschleichen, so wurde sie doch dadurch allein kein + sonderliches Glück gemacht haben, wenn es ihr nicht gelungen wäre, + die kategorischen Urteile, als die, worauf sich alle andere müssen + beziehen lassen, in ausschließliches Ansehen zu bringen, welches + aber nach § 9 falsch ist. + +Wenn ich aber die Beziehung gegebener Erkenntnisse, in jedem Urteile, +genauer untersuche, und sie, als dem Verstande angehörige, von dem +Verhältnisse nach Gesetzen der reproduktiven Einbildungskraft (welches +nur subjektive Gültigkeit hat) unterscheide, so finde ich, daß ein +Urteil nichts anderes sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur +objektiven Einheit der Apperzeption zu bringen. Darauf zielt das +Verhältniswörtchen ist in denselben, um die objektive Einheit +gegebener Vorstellungen von der subjektiven zu unterscheiden. Denn +dieses bezeichnet die Beziehung derselben auf die ursprüngliche +Apperzeption und die notwendige Einheit derselben, wenngleich das +Urteil selbst empirisch, mithin zufällig ist, z.B. die Körper sind +schwer. Damit ich zwar nicht sagen will, diese Vorstellungen gehören +in der empirischen Anschauung notwendig zueinander, sondern sie +gehören vermöge der notwendigen Einheit der Apperzeption in der +Synthesis der Anschauungen zueinander, d.i. nach Prinzipien der +objektiven Bestimmung aller Vorstellungen, sofern daraus Erkenntnis +werden kann, welche Prinzipien alle aus dem Grundsatze der +transzendentalen Einheit der Apperzeption abgeleitet sind. Dadurch +allein wird aus diesem Verhältnisse ein Urteil, d.i. ein Verhältnis, +das objektiv gültig ist, und sich von dem Verhältnisse, eben derselben +Vorstellungen, worin bloß subjektive Gültigkeit wäre, z.B. nach +Gesetzen der Assoziation, hinreichend unterscheidet. Nach den +letzteren würde ich nur sagen können: Wenn ich einen Körper trage, so +fühle ich einen Druck der Schwert; aber nicht: er, der Körper, ist +schwer; welches soviel sagen will, als, diese beiden Vorstellungen +sind im Objekt, d.i. ohne Unterschied des Zustandes des Subjekts, +verbunden, und nicht bloß in der Wahrnehmung (so oft sie auch +wiederholt sein mag) beisammen. + + + +§ 20 Alle sinnlichen Anschauungen stehen unter den Kategorien, als + Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige derselben in + ein Bewußtsein zusammenkommen kann + +Das mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung Gegebene gehört +notwendig unter die ursprüngliche synthetische Einheit der +Apperzeption, weil durch diese die Einheit der Anschauung allein +möglich ist. (§ 17). Diejenige Handlung des Verstandes aber, durch +die das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen (sie mögen Anschauungen +oder Begriffe sein) unter eine Apperzeption überhaupt gebracht wird, +ist die, logische Funktion der Urteile. (§ 19). Also ist alles +Mannigfaltige, sofern es in Einer empirischen Anschauung gegeben ist, +in Ansehung einer der logischen Funktionen zu urteilen bestimmt, durch +die es nämlich zu einem Bewußtsein überhaupt gebracht wird. Nun sind +aber die Kategorien nichts anderes, als eben diese Funktionen zu +urteilen, sofern das Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung in +Ansehung ihrer bestimmt ist. (§ 13). Also steht auch das Mannigfaltige +in einer gegebenen Anschauung notwendig unter Kategorien. + + + +§ 21 Anmerkung + +Ein Mannigfaltiges, das in einer Anschauung, die ich die meinige +nenne, enthalten ist, wird durch die Synthesis des Verstandes als zur +notwendigen Einheit des Selbstbewußtseins gehörig vorgestellt, und +dieses geschieht durch die Kategorie*. Diese zeigt also an: daß das +empirische Bewußtsein eines gegebenen Mannigfaltigen Einer Anschauung +ebensowohl unter einem reinen Selbstbewußtsein a priori, wie +empirische Anschauung unter einer reinen sinnlichen, die gleichfalls a +priori statt hat, stehe. - Im obigen Satze ist also der Anfang einer +Deduktion der reinen Verstandesbegriffe gemacht, in welcher ich, +da die Kategorien unabhängig von Sinnlichkeit bloß im Verstande +entspringen, noch von der Art, wie das Mannigfaltige zu einer +empirischen Anschauung gegeben werde, abstrahieren muß, um nur auf die +Einheit, die in die Anschauung vermittelst der Kategorie durch den +Verstand hinzukommt, zu sehen. In der Folge (§ 26) wird aus der Art, +wie in der Sinnlichkeit die empirische Anschauung gegeben wird, +gezeigt werden, daß die Einheit derselben keine, andere sei, als +welche die Kategorie nach dem vorigen § 20 dem Mannigfaltigen einer +gegebenen Anschauung überhaupt vorschreibt, und dadurch also, daß +ihre Gültigkeit a priori in Ansehung aller Gegenstände unserer Sinne +erklärt wird, die Absicht der Deduktion allererst völlig erreicht +werden. + +* Der Beweisgrund beruht auf der vorgestellten Einheit der Anschauung, + dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche jederzeit eine Synthesis + des mannigfaltigen zu einer Anschauung Gegebenen in sich schließt, + und schon die Beziehung dieses letzteren auf Einheit der + Apperzeption enthält. + +Allein von einem Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht +abstrahieren, nämlich davon, daß das Mannigfaltige für die Anschauung +noch vor der Synthesis des Verstandes, und unabhängig von ihr, gegeben +sein müsse; wie aber, bleibt hier unbestimmt. Denn, wollte ich +mir einen Verstand denken, der selbst anschaute (wie etwa einen +göttlichen, der nicht gegebene Gegenstände sich vorstellte, sondern +durch dessen Vorstellung die Gegenstände selbst zugleich gegeben, oder +hervorgebracht würden), so würden die Kategorien in Ansehung eines +solchen Erkenntnisses gar keine Bedeutung haben. Sie sind nur Regeln +für einen Verstand, dessen ganzes Vermögen im Denken besteht, d.i. +in der Handlung, die Synthesis des Mannigfaltigen, welches ihm +anderweitig in der Anschauung gegeben worden, zur Einheit der +Apperzeption zu bringen, der also für sich gar nichts erkennt, sondern +nur den Stoff zum Erkenntnis, die Anschauung, die ihm durchs Objekt +gegeben werden muß, verbindet und ordnet. Von der Eigentümlichkeit +unseres Verstandes aber, nur vermittelst der Kategorien und nur gerade +durch diese Art und Zahl derselben Einheit der Apperzeption a priori +zustande zu bringen, laßt sich ebensowenig ferner ein Grund angeben, +als warum wir gerade diese und keine anderen Funktionen zu urteilen +haben, oder warum Zeit und Raum die einzigen Formen unserer möglichen +Anschauung sind. + + + +§ 22 Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnisse der + Dinge, als ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung + +Sich einen Gegenstand denken, und einen Gegenstand erkennen, ist also +nicht einerlei. Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke: erstlich +der Begriff, dadurch überhaupt ein Gegenstand gedacht wird (die +Kategorie), und zweitens die Anschauung, dadurch er gegeben wird; +denn, könnte dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung gar nicht +gegeben werden, so wäre er ein Gedanke der Form nach, aber ohne allen +Gegenstand, und durch ihn gar keine Erkenntnis von irgendeinem Dinge +möglich; weil es, soviel ich wüßte, nichts gäbe, noch geben- könnte, +worauf mein Gedanke angewandt werden könne. Nun ist alle uns +mögliche Anschauung sinnlich (Ästhetik), also kann das Denken eines +Gegenstandes überhaupt durch einen reinen Verstandesbegriff bei uns +nur Erkenntnis werden, sofern dieser auf Gegenstände der Sinne bezogen +wird. Sinnliche Anschauung ist entweder reine Anschauung (Raum und +Zeit) oder empirische Anschauung desjenigen, was im Raum und der Zeit +unmittelbar als wirklich, durch Empfindung, vorgestellt wird. Durch +Bestimmung der ersteren können wir Erkenntnisse a priori, von +Gegenständen (in der Mathematik) bekommen, aber nur ihrer Form nach, +als Erscheinungen; ob es Dinge geben könne, die in dieser Form +angeschaut werden müssen, bleibt doch dabei noch unausgemacht. +Folglich sind alle mathematischen Begriffe für sich nicht +Erkenntnisse, außer, sofern man voraussetzt, daß es Dinge gibt, +die sich nur der Form jener reinen sinnlichen Anschauung gemäß uns +darstellen lassen. Dinge im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben, +sofern sie Wahrnehmungen (mit Empfindung begleitete Vorstellungen) +sind, mithin durch empirische Vorstellung. Folglich verschaffen die +reinen Verstandesbegriffe, selbst wenn sie auf Anschauungen a priori +(wie in der Mathematik) angewandt werden, nur sofern Erkenntnis, als +diese, mithin auch die Verstandesbegriffe vermittelst ihrer, auf +empirische Anschauungen angewandt werden können. Folglich liefern +uns die Kategorien vermittelst der Anschauung auch keine Erkenntnis +von Dingen, als nur durch ihre mögliche Anwendung auf empirische +Anschauung, d.i. sie dienen nur zur Möglichkeit empirischer +Erkenntnis. Diese aber heißt Erfahrung. Folglich haben die Kategorien +keinen anderen Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge, als nur sofern +diese als Gegenstände möglicher Erfahrung angenommen werden. + + + +§ 23 + +Der obige Satz ist von der größten Wichtigkeit; denn er bestimmt +ebensowohl die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in +Ansehung der Gegenstände, als die transzendentale Ästhetik die Grenzen +des Gebrauchs der reinen Form unserer sinnlichen Anschauung bestimmte. +Raum und Zeit gelten, als Bedingungen der Möglichkeit, wie uns +Gegenstände gegeben werden können, nicht weiter, als für Gegenstände +der Sinne, mithin mir der Erfahrung. Über diese Grenzen hinaus stellen +sie gar nichts vor, denn sie sind nur in den Sinnen und haben außer +ihnen keine Wirklichkeit. Die reinen Verstandesbegriffe sind von +dieser Einschränkung frei und erstrecken sich auf Gegenstände der +Anschauung überhaupt, sie mag der unsrigen ähnlich sein oder nicht, +wenn sie nur sinnlich und nicht intellektuell ist. Diese weitere +Ausdehnung der Begriffe über unsere sinnliche Anschauung hinaus, hilft +uns aber zu nichts. Denn es sind alsdann leere Begriffe von Objekten, +von denen, ob sie nur einmal möglich sind oder nicht, wir durch +jene gar nicht urteilen können, bloße Gedankenformen ohne objektive +Realität, weil wir keine Anschauung zur Hand haben, auf welche die +synthetische Einheit der Apperzeption, die jene allein enthalten, +angewandt werden, und sie so einen Gegenstand bestimmen könnten. +Unsere sinnliche, und empirische Anschauung kann ihnen allein Sinn und +Bedeutung verschaffen. + +Nimmt man also ein Objekt einer nicht-sinnlichen Anschauung als +gegeben an, so kann man es freilich durch alle die Prädikate +vorstellen, die schon in der Voraussetzung liegen, daß ihm nichts +zur sinnlichen Anschauung Gehöriges zukomme: also, daß es nicht +ausgedehnt, oder im Raume sei, daß die Dauer desselben keine Zeit sei, +daß in ihm keine Veränderung (Folge der Bestimmungen in der Zeit) +angetroffen werde, usw. Allein das ist doch kein eigentliches +Erkenntnis, wenn ich bloß anzeige, wie die Anschauung des Objekts +nicht sei, ohne sagen zu kennen, was in ihr denn enthalten sei; denn +alsdann habe ich gar nicht die Möglichkeit eines Objekts zu meinem +reinen Verstandesbegriff vorgestellt, weil ich keine Anschauung habe +geben können, die ihm korrespondierte, sondern nur sagen konnte, daß +die unsrige nicht für ihn gelte. Aber das Vornehmste ist hier, daß auf +ein solches Etwas auch nicht einmal eine einzige Kategorie angewandt +werden könnte: z.B. der Begriff einer Substanz, d.i. von etwas, das +als Subjekt, niemals aber als bloßes Prädikat existieren könne, wovon +ich gar nicht weiß, ob es irgendein Ding geben könne, das dieser +Gedankenbestimmung korrespondierte, wenn nicht empirische Anschauung +mir den Fall der Anwendung gäbe. Doch mehr hiervon in der Folge. + + + +§ 24 Von der Anwendung der Kategorien auf Gegenstände der Sinne + überhaupt + +Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich durch den bloßen Verstand +auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, unbestimmt ob sie die +unsrige oder irgendeine andere, doch sinnliche, sei, sind aber eben +darum bloße Gedankenformen, wodurch noch kein bestimmter Gegenstand +erkannt wird. Die Synthesis oder Verbindung des Mannigfaltigen in +denselben, bezog sich bloß auf die Einheit der Apperzeption, und war +dadurch der Grund der Möglichkeit der Erkenntnis a priori, sofern sie +auf dem Verstande beruht, und mithin nicht allein transzendental, +sondern auch bloß rein intellektual. Weil in uns aber eine gewisse +Form der sinnlichen Anschauung a priori zum Grunde liegt, welche auf +der Rezeptiviät der Vorstellungsfähigkeit (Sinnlichkeit) beruht, +so kann der Verstand, als Spontaneität, den inneren Sinn durch das +Mannigfaltige gegebener Vorstellungen der synthetischen Einheit +der Apperzeption gemäß bestimmen, und so synthetische Einheit der +Apperzeption des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung a priori +denken, als die Bedingung, unter welcher alle Gegenstände unserer (der +menschlichen) Anschauung notwendigerweise stehen müssen, dadurch denn +die Kategorien, als bloße Gedankenformen, objektive Realität, d.i. +Anwendung auf Gegenstände, die uns in der Anschauung gegeben werden +können, aber nur als Erscheinungen bekommen; denn nur von diesen sind +wir der Anschauung a priori fähig. + +Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung, die a +priori möglich und notwendig ist, kann figürlich (synthesis speciosa) +genannt werden, zum Unterschiede von derjenigen, welche in Ansehung +des Mannigfaltigen einer Anschauung überhaupt in der bloßen Kategorie +gedacht wurde, und Verstandesverbindung (synthesis intellectualis) +heißt; beide sind transzendental, nicht bloß weil sie selbst a priori +vorgehen, sondern auch die Möglichkeit anderer Erkenntnis a priori +gründen. + +Allein die figürliche Synthesis, wenn sie bloß auf die ursprünglich +synthetische Einheit der Apperzeption, d.i. diese transzendentale +Einheit geht, welche in den Kategorien gedacht wird, muß, zum +Unterschiede von der bloß intellektuellen Verbindung, die +transzendentale Synthesis der Einbildungskraft heißen. +Einbildungskraft ist das Vermögen, einen Gegenstand auch ohne +dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen. Da nun alle +unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungskraft, +der subjektiven Bedingung wegen, unter der sie allein den +Verstandesbegriffen eine korrespondierende Anschauung geben kann, +zur Sinnlichkeit; sofern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung der +Spontaneität ist, welche bestimmend, und nicht, wie der Sinn, bloß +bestimmbar ist, mithin a priori den Sinn seiner Form nach der Einheit +der Apperzeption gemäß bestimmen kann, so ist die Einbildungskraft +sofern ein Vermögen, die Sinnlichkeit a priori zu bestimmen, und +ihre Synthesis der Anschauungen, den Kategorien gemäß, muß die +transzendentale Synthesis der Einbildungskraft sein, welches eine +Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit und die erste Anwendung +desselben (zugleich der Grund aller übrigen) auf Gegenstände der +uns möglichen Anschauung ist. Sie ist, als figürlich, von der +intellektuellen Synthesis ohne alle Einbildungskraft bloß durch den +Verstand unterschieden. Sofern die Einbildungskraft nun Spontaneität +ist, nenne ich sie auch bisweilen die produktive Einbildungskraft, +und unterscheide sie dadurch von der reproduktiven, deren Synthesis +lediglich empirischen Gesetzen, nämlich denen der Assoziation, +unterworfen ist, und welche daher zur Erklärung der Möglichkeit der +Erkenntnis a priori nichts beiträgt, und um deswillen nicht in die +Transzendentalphilosophie, sondern in die Psychologie gehört. + + * * + * + +Hier ist nun der Ort, das Paradoxe, was jedermann bei der Exposition +der Form des inneren Sinnes (§ 6) auffallen mußte, verständlich +zu machen: nämlich wie dieser auch sogar uns selbst, nur wie wir +uns erscheinen, nicht wie wir an uns selbst sind, dem Bewußtsein +darstelle, weil wir nämlich uns nur anschauen wie wir innerlich +affiziert werden, welches widersprechend zu sein scheint, indem wir +uns gegen um selbst als leidend verhalten müßten; daher man auch +lieber den inneren Sinn mit dem Vermögen der Apperzeption (welche wir +sorgfältig unterscheiden) in den Systemen der Psychologie für einerlei +auszugeben pflegt. + +Das, was den inneren Sinn bestimmt, ist der Verstand und dessen +ursprüngliches Vermögen das Mannigfaltige der Anschauung zu verbinden, +d.i. unter eine Apperzeption (als worauf selbst seine Möglichkeit +beruht) zu bringen. Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst +kein Vermögen der Anschauungen ist, und diese, wenn sie auch in der +Sinnlichkeit gegeben wäre, doch nicht in sich aufnehmen kann, um +gleichsam das Mannigfaltige seiner eigenen Anschauung zu verbinden, so +ist seine Synthesis, wenn er für sich allein betrachtet wird, nichts +anderes, als die Einheit der Handlung, deren er sich, als einer +solchen, auch ohne Sinnlichkeit bewußt ist, durch die er aber selbst +die Sinnlichkeit innerlich in Ansehung des Mannigfaltigen, was der +Form ihrer Anschauung nach ihm gegeben werden mag, zu bestimmen +vermögend ist. Er also übt, unter der Benennung einer transzendentalen +Synthesis der Einbildungskraft, diejenige Handlung aufs passive +Subjekt, dessen Vermögen er ist, aus, wovon wir mit Recht sagen, +daß der innere Sinn dadurch affiziert werde. Die Apperzeption und +deren synthetische Einheit ist mit dem inneren Sinne so gar nicht +einerlei, daß jene vielmehr, als der Quell aller Verbindung, auf +das Mannigfaltige der Anschauungen überhaupt unter dem Namen der +Kategorien, vor aller sinnlichen Anschauung auf Objekte überhaupt +geht, dagegen der innere Sinn die bloße Form der Anschauung, aber ohne +Verbindung des Mannigfaltigen in derselben, mithin noch gar keine +bestimmte Anschauung enthält, welche nur durch das Bewußtsein +der Bestimmung desselben durch die transzendentale Handlung der +Einbildungskraft, (synthetischer Einfluß des Verstandes auf den +inneren Sinn) welche ich die figürliche Synthesis genannt habe, +möglich ist. + +Dieses nehmen wir auch jederzeit in uns wahr. Wir können uns keine +Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Zirkel denken, +ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raumes gar +nicht vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht +aufeinander zu setzen, und selbst die Zeit nicht, ohne, indem wir im +Ziehen einer geraden Linie (die die äußerlich figürliche Vorstellung +der Zeit sein soll) bloß auf die Handlung der Synthesis des +Mannigfaltigen, dadurch wir den inneren Sinn sukzessiv bestimmen, und +dadurch auf die Sukzession dieser Bestimmung in demselben, achthaben. +Bewegung, als Handlung des Subjekts, (nicht als Bestimmung eines +Objekts)*, folglich die Synthesis des Mannigfaltigen im Raume, wenn +wir von diesem abstrahieren und bloß auf die Handlung achthaben, +dadurch wir den inneren Sinn seiner Form gemäß bestimmen, bringt +sogar den Begriff der Sukzession zuerst hervor. Der Verstand findet +also in diesem nicht etwa schon eine dergleichen Verbindung des +Mannigfaltigen, sondern bringt sie hervor, indem er ihn affiziert. Wie +aber das Ich, der ich denke, von dem Ich, das sich selbst anschaut, +unterschieden (indem ich mir noch andere Anschauungsart wenigstens als +möglich vorstellen kann) und doch mit diesem letzteren als dasselbe +Subjekt einerlei sei, wie ich also sagen könne: Ich, als Intelligenz +und denkend Subjekt, erkenne mich selbst als gedachtes Objekt, sofern +ich mir noch über das in der Anschauung gegeben bin, nur, gleich +anderen Phänomen, nicht wie ich vor dem Verstande bin, sondern wie ich +mir erscheine, hat nicht mehr auch nicht weniger Schwierigkeit bei +sich, als wie ich mir selbst überhaupt ein Objekt und zwar der +Anschauung und innerer Wahrnehmungen sein könne. Daß es aber doch +wirklich so sein müsse, kann, wenn man den Raum für eine bloße reine +Form der Erscheinungen äußerer Sinne gelten läßt, dadurch klar +dargetan werden, daß wir die Zeit, die doch gar kein Gegenstand +äußerer Anschauung ist, uns nicht anders vorstellig machen können, +als unter dem Bilde einer Linie, sofern wir sie ziehen, ohne welche +Darstellungsart wir die Einheit ihrer Abmessung gar nicht erkennen +könnten, imgleichen daß wir die Bestimmung der Zeitlänge, oder +auch der Zeitstellen für alle inneren Wahrnehmungen, immer von dem +hernehmen müssen, was uns äußere Dinge Veränderliches darstellen, +folglich die Bestimmungen des inneren Sinnes gerade auf dieselbe Art +als Erscheinungen in der Zeit ordnen müssen, wie wir die der äußeren +Sinne im Raume ordnen, mithin, wenn wir von den letzteren einräumen, +daß wir dadurch Objekte nur sofern erkennen, als wir äußerlich +affiziert werden, wir auch vom inneren Sinne zugestehen müssen, daß +wir dadurch uns selbst nur so anschauen, wie wir innerlich von uns +selbst affiziert werden, d.i. was die innere Anschauung betrifft, +unser eigenes Subjekt nur als Erscheinung, nicht aber nach dem, was es +an sich selbst ist, erkennen**. + +* Bewegung eines Objekts im Raume gehört nicht in eine reine + Wissenschaft, folglich auch nicht in die Geometrie; weil, daß etwas + beweglich sei, nicht a priori, sondern nur durch Erfahrung erkannt + werden kann. Aber Bewegung, als Beschreibung eines Raumes, ist ein + reiner Aktus der sukzessiven Synthesis des Mannigfaltigen in der + äußeren Anschauung überhaupt durch produktive Einbildungskraft, + und gehört nicht allein zur Geometrie, sondern sogar zur + Transzendentalphilosophie. + +** Ich sehe nicht, wie man so viel Schwierigkeiten darin finden könne, + daß der innere Sinn von uns selbst affiziert werde. Jeder Aktus + der Aufmerksamkeit kann uns ein Beispiel davon geben. Der Verstand + bestimmt darin jederzeit den inneren Sinn der Verbindung, die er + denkt, gemäß, zur inneren Anschauung, die dem Mannigfaltigen in + der Synthesis des Verstandes korrespondiert. Wie sehr das Gemüt + gemeiniglich hierdurch affiziert werde, wird ein jeder in sich + wahrnehmen können. + + + +§ 25 + +Dagegen bin ich mir meiner selbst in der transzendentalen Synthesis +des Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt, mithin in der +synthetischen ursprünglichen Einheit der Apperzeption, bewußt, nicht +wie ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur daß +ich bin. Diese Vorstellung ist ein Denken, nicht ein Anschauen. Da +nun zum Erkenntnis unserer selbst außer der Handlung des Denkens, die +das Mannigfaltige einer jeden möglichen Anschauung zur Einheit der +Apperzeption bringt, noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch +dieses Mannigfaltige gegeben wird, erforderlich ist, so ist zwar mein +eigenes Dasein nicht Erscheinung (viel weniger bloßer Schein), aber +die Bestimmung meines Daseins* kann nur der Form des inneren Sinnes +gemäß nach der besonderen Art, wie das Mannigfaltige, das ich +verbinde, in der inneren Anschauung gegeben wird, geschehen, und ich +habe also demnach keine Erkenntnis von mir wie ich bin, sondern bloß +wie ich mir selbst erscheine. Das Bewußtsein seiner selbst ist also +noch lange nicht ein Erkenntnis seiner selbst, unerachtet aller +Kategorien, welche das Denken eines Objekts überhaupt durch Verbindung +des Mannigfaltigen in einer Apperzeption ausmachen. So wie zum +Erkenntnisse eines von mir verschiedenen Objekts, außer dem Denken +eines Objekts überhaupt (in der Kategorie), ich doch noch einer +Anschauung bedarf, dadurch ich jenen allgemeinen Begriff bestimme, so +bedarf ich auch zum Erkenntnisse meiner selbst außer dem Bewußtsein, +oder außer dem, daß ich mich denke, noch einer Anschauung des +Mannigfaltigen in mir, wodurch ich diesen Gedanken bestimme, +und ich existiere als Intelligenz, die sich lediglich ihres +Verbindungsvermögens bewußt ist, in Ansehung des Mannigfaltigen aber, +das sie verbinden soll, einer einschränkenden Bedingung, die sie +den inneren Sinn nennt, unterworfen, jene Verbindung nur nach +Zeitverhältnissen, welche ganz außerhalb den eigentlichen +Verstandesbegriffen liegen, anschaulich machen, und sich daher selbst +doch nur erkennen kann, wie sie, in Absicht auf eine Anschauung (die +nicht intellektuell und durch den Verstand selbst gegeben sein kann), +ihr selbst bloß erscheint, nicht wie sie sich erkennen würde, wenn +ihre Anschauung intellektuell wäre. + +* Das, Ich denke, drückt den Aktus aus, mein Dasein zu bestimmen. Das + Dasein ist dadurch also schon gegeben, aber die Art, wie ich es + bestimmen, d.i. das Mannigfaltige, zu demselben gehörige, in + mir setzen solle, ist dadurch noch nicht gegeben. Dazu gehört + Selbstanschauung, die eine a priori gegebene Form, d.i. die Zeit, + zum Grunde liegen hat, welche sinnlich und zur Rezeptivität des + Bestimmbaren gehörig ist. Habe ich nun nicht noch eine andere + Selbstanschauung, die das Bestimmende in mir, dessen Spontaneität + ich mir nur bewußt bin, ebenso vor dem Aktus des Bestimmens gibt, + wie die Zeit das Bestimmbare, so kann ich mein Dasein, als eines + selbsttätigen Wesens, nicht bestimmen, sondern ich stelle mir nur + die Spontaneität meines Denkens, d.i. des Bestimmens, vor, und + mein Dasein bleibt immer nur sinnlich, d.i. als das Dasein einer + Erscheinung, bestimmbar. Doch macht diese Spontaneität, daß ich mich + Intelligenz nenne. + + + +§ 26 Transzendentale Deduktion des allgemein möglichen + Erfahrungsgebrauchs der reinen Verstandesbegriffe + +In der metaphysischen Deduktion wurde der Ursprung der Kategorien +a priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den +allgemeinen logischen Funktionen des Denkens dargetan, in der +transzendentalen aber die Möglichkeit derselben als Erkenntnisse +a priori von Gegenständen einer Anschauung überhaupt (§§ 20, 21) +dargestellt. Jetzt soll die Möglichkeit, durch Kategorien die +Gegenstände, die nur immer unseren Sinnen vorkommen mögen, und zwar +nicht der Form ihrer Anschauung, sondern den Gesetzen ihrer Verbindung +nach, a priori zu erkennen, also der Natur gleichsam das Gesetz +vorzuschreiben und sie sogar möglich zu machen, erklärt werden. Denn +ohne diese ihre Tauglichkeit würde nicht erhellen, wie alles, was +unseren Sinnen nur vorkommen mag, unter den Gesetzen stehen müsse, die +a priori aus dem Verstande allein entspringen. + +Zuvörderst merke ich an, daß ich unter der Synthesis der Apprehension +die Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen Anschauung +verstehe, dadurch Wahrnehmung, d.i. empirisches Bewußtsein derselben, +(als Erscheinung) möglich wird. + +Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen Anschauung +a priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen muß +die Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung +jederzeit gemäß sein, weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen +kann. Aber Raum und Zeit sind nicht bloß als Formen der sinnlichen +Anschauung, sondern als Anschauungen selbst (die ein Mannigfaltiges +enthalten) also mit der Bestimmung der Einheit dieses Mannigfaltigen +in ihnen a priori vorgestellt (siehe transz. Ästhet.)*. Also ist +selbst schon Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen, außer oder in +uns, mithin auch eine Verbindung, der alles, was im Raume oder der +Zeit bestimmt vorgestellt werden soll, gemäß sein muß, a priori als +Bedingung der Synthesis aller Apprehension schon mit (nicht in) diesen +Anschauungen zugleich gegeben. Diese synthetische Einheit aber kann +keine andere sein, als die der Verbindung des Mannigfaltigen einer +gegebenen Anschauung überhaupt in einem ursprünglichen Bewußtsein, +den Kategorien gemäß, nur auf unsere sinnliche Anschauung angewandt. +Folglich steht alle Synthesis, wodurch selbst Wahrnehmung möglich +wird, unter den Kategorien, und, da Erfahrung Erkenntnis durch +verknüpfte Wahrnehmungen ist, so sind die Kategorien Bedingungen der +Möglichkeit der Erfahrung, und gelten also a priori auch von allen +Gegenständen der Erfahrung. + +* Der Raum, als Gegenstand vorgestellt, (wie man es wirklich in der + Geometrie bedarf,) enthält mehr, als bloße Form der Anschauung, + nämlich Zusammenfassung des Mannigfaltigen, nach der Form der + Sinnlichkeit gegebenen, in eine anschauliche Vorstellung, so daß + die Form der Anschauung bloß Mannigfaltiges, die formale Anschauung + aber Einheit der Vorstellung gibt. Diese Einheit hatte ich in der + Ästhetik bloß zur Sinnlichkeit gezählt, um nur zu bemerken, daß sie + vor allem Begriffe vorhergehe, ob sie zwar eine Synthesis, die nicht + den Sinnen angehört, durch welche aber alle Begriffe von Raum und + Zeit zuerst möglich werden, voraussetzt. Denn da durch sie (indem + der Verstand die Sinnlichkeit bestimmt) der Raum oder die Zeit als + Anschauungen zuerst gegeben werden, so gehört die Einheit dieser + Anschauung a priori zum Raume und der Zeit, und nicht zum Begriffe + des Verstandes. (§ 24.) + + * * + * + +Wenn ich also z.B. die empirische Anschauung eines Hauses durch +Apprehension des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache, so +liegt mir die notwendige Einheit des Raumes und der äußeren sinnlichen +Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne gleichsam seine +Gestalt, dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen im Raume +gemäß. Eben dieselbe synthetische Einheit aber, wenn ich von der Form +des Raumes abstrahiere, hat im Verstande ihren Sitz, und ist die +Kategorie der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung +überhaupt, d.i. die Kategorie der Größe, welcher also jene Synthesis +der Apprehension, d.i. die Wahrnehmung, durchaus gemäß sein muß*. + +* Auf solche Weise wird bewiesen: daß die Synthesis der Apprehension, + welche empirisch ist, der Synthesis der Apperzeption, welche + intellektuell und gänzlich a priori in der Kategorie enthalten ist, + notwendig gemäß sein müsse. Es ist eine und dieselbe Spontaneität, + welche dort, unter dem Namen der Einbildungskraft, hier des + Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung + hineinbringt. + +Wenn ich (in einem anderen Beispiele) das Gefrieren des Wassers +wahrnehme, so apprehendiere ich zwei Zustände (der Flüssigkeit und +Festigkeit) als solche, die in einer Relation der Zeit gegeneinander +stehen. Aber in der Zeit, die ich der Erscheinung als inneren +Anschauung zum Grunde lege, stelle ich mir notwendig synthetische +Einheit des Mannigfaltigen vor, ohne die jene Relation nicht in einer +Anschauung bestimmt (in Ansehung der Zeitfolge) gegeben werden konnte. +Nun ist aber diese synthetische Einheit, als Bedingung a priori, unter +der ich das Mannigfaltige einer Anschauung überhaupt verbinde, wenn +ich von der beständigen Form meiner inneren Anschauung, der Zeit, +abstrahiere, die Kategorie der Ursache, durch welche ich, wenn ich +sie auf meine Sinnlichkeit anwende, alles, was geschieht, in der Zeit +überhaupt seiner Relation nach bestimme. Also steht die Apprehension +in einer solchen Begebenheit, mithin diese selbst, der möglichen +Wahrnehmung nach, unter dem Begriffe des Verhältnisses der Wirkungen +und Ursachen, und so in allen anderen Fällen. + + * * + * + +Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der Natur, +als dem Inbegriffe aller Erscheinungen (natura materialiter spectata), +Gesetze a priori vorschreiben, und nun fragt sich, da sie nicht von +der Natur abgeleitet werden und sich nach ihr als ihrem Muster richten +(weil sie sonst bloß empirisch sein würden), wie es zu begreifen +sei, daß die Natur sich nach ihnen richten müsse, d.i. wie sie +die Verbindung des Mannigfaltigen der Natur, ohne sie von dieser +abzunehmen, a priori bestimmen können. Hier ist die Auflösung dieses +Rätsels. + +Es ist nun nichts befremdlicher, wie die Gesetze der Erscheinungen +in der Natur mit dem Verstande und seiner Form a priori, d.i. seinem +Vermögen das Mannigfaltige überhaupt zu verbinden, als wie die +Erscheinungen selbst mit der Form der sinnlichen Anschauung a priori +übereinstimmen müssen. Denn Gesetze existieren ebensowenig in +den Erscheinungen, sondern nur relativ auf das Subjekt, dem die +Erscheinungen inhärieren, sofern es Verstand hat, als Erscheinungen +nicht an sich existieren, sondern nur relativ auf dasselbe Wesen, +sofern es Sinne hat. Dingen an sich selbst würde ihre Gesetzmäßigkeit +notwendig, auch außer einem Verstande, der sie erkennt, zukommen. +Allein Erscheinungen sind nur Vorstellungen von Dingen, die, nach dem, +was sie an sich sein mögen, unerkannt da sind. Als bloße Vorstellungen +aber stehen sie unter gar keinem Gesetze der Verknüpfung, als +demjenigen, welches das verknüpfende Vermögen vorschreibt. Nun ist +das, was das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung verknüpft, +Einbildungskraft, die vom Verstande der Einheit ihrer intellektuellen +Synthesis, und von der Sinnlichkeit der Mannigfaltigkeit der +Apprehension nach abhängt. Da nun von der Synthesis der Apprehension +alle mögliche Wahrnehmung, sie selbst aber, diese empirische +Synthesis, von der transzendentalen, mithin den Kategorien abhängt, +so müssen alle möglichen Wahrnehmungen, mithin auch alles, was zum +empirischen Bewußtsein immer gelangen kann, d.i. alle Erscheinungen +der Natur, ihrer Verbindung nach, unter den Kategorien stehen, von +welchen die Natur (bloß als Natur überhaupt betrachtet), als dem +ursprünglichen Grunde ihrer notwendigen Gesetzmäßigkeit (als natura +formaliter spectata), abhängt. Auf mehrere Gesetze aber, als die, auf +denen eine Natur überhaupt, als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen +in Raum und Zeit, beruht, reicht auch das reine Verstandesvermögen +nicht zu, durch bloße Kategorien den Erscheinungen a priori Gesetze +vorzuschreiben. Besondere Gesetze, weil sie empirisch bestimmte +Erscheinungen betreffen, können davon nicht vollständig abgeleitet +werden, ob sie gleich alle insgesamt unter jenen stehen. Es muß +Erfahrung dazu kommen, um die letzteren überhaupt kennen zu lernen; +von Erfahrung aber überhaupt, und dem, was als ein Gegenstand +derselben erkannt werden kann, geben allein jene Gesetze a priori die +Belehrung. + + + +§ 27 Resultat dieser Deduktion der Verstandesbegriffe + +Wir können uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Kategorien; wir +können keinen gedachten Gegenstand erkennen, ohne durch Anschauungen, +die jenen Begriffen entsprechen. Nun sind alle unsere Anschauungen +sinnlich, und diese Erkenntnis, sofern der Gegenstand derselben +gegeben ist, ist empirisch. Empirische Erkenntnis aber ist Erfahrung. +Folglich ist uns keine Erkenntnis a priori möglich, als lediglich von +Gegenständen möglicher Erfahrung*. + +* Damit man sich nicht voreiligerweise an den besorglichen + nachteiligen Folgen dieses Satzes stoße, will ich nur in Erinnerung + bringen, daß die Kategorien im Denken durch die Bedingungen unserer + sinnlichen Anschauung nicht eingeschränkt sind, sondern ein + unbegrenztes Feld haben, und nur das Erkennen dessen, was wir uns + denken, das Bestimmen des Objekts, Anschauung bedürfe, wo, beim + Mangel der letzeren, der Gedanke vom Objekte übrigens noch immer + seine wahren und nützlichen Folgen auf den Vernunftgebrauch des + Subjekts haben kann, der sich aber, weil er nicht immer auf die + Bestimmung des Objekts, mithin aufs Erkenntnis, sondern auch auf + die des Subjekts und dessen Wollen gerichtet ist, hier noch nicht + vortragen läßt. + +Aber diese Erkenntnis, die bloß auf Gegenstände der Erfahrung +eingeschränkt ist, ist darum nicht alle von der Erfahrung entlehnt, +sondern, was sowohl die reinen Anschauungen, als die reinen +Verstandesbegriffe betrifft, so sind Elemente der Erkenntnis, die in +uns a priori angetroffen werden. Nun sind nur zwei Wege, auf welchen +eine notwendige Übereinstimmung der Erfahrung mit den Begriffen von +ihren Gegenständen gedacht werden kann: entweder die Erfahrung macht +diese Begriffe, oder diese Begriffe machen die Erfahrung möglich. Das +erstere findet nicht in Ansehung der Kategorien (auch nicht der reinen +sinnlichen Anschauung) statt; denn sie sind Begriffe a priori, mithin +unabhängig von der Erfahrung (die Behauptung eines empirischen +Ursprungs wäre eine Art von generatio aequivoca). Folglich bleibt +nur das zweite übrig (gleichsam ein System der Epigenesis der reinen +Vernunft): daß nämlich die Kategorien von seiten des Verstandes die +Gründe der Möglichkeit aller Erfahrung überhaupt enthalten. Wie +sie aber die Erfahrung möglich machen, und welche Grundsätze der +Möglichkeit derselben sie in ihrer Anwendung auf Erscheinungen an die +Hand geben, wird das folgende Hauptstück von dem transz. Gebrauche der +Urteilskraft das mehrere lehren. + +Wollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch einen +Mittelweg vorschlagen, nämlich, daß sie weder selbstgedachte erste +Prinzipien a priori unserer Erkenntnis, noch auch aus der Erfahrung +geschöpft, sondern subjektive, uns mit unserer Existenz zugleich +eingepflanzte Anlagen zum Denken wären, die von unserem Urheber so +eingerichtet worden, daß ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, +an welchen die Erfahrung fortläuft, genau stimmte, (eine Art von +Präformationssystem der reinen Vernunft) so würde (außer dem, daß bei +einer solchen Hypothese kein Ende abzusehen ist, wie weit man die +Voraussetzung vorbestimmter Anlagen zu künftigen Urteilen treiben +möchte) das wider gedachten Mittelweg entscheidend sein: daß in +solchem Falle den Kategorien die Notwendigkeit mangeln würde, die +ihrem Begriffe wesentlich angehört. Denn z.B. der Begriff der Ursache, +welcher die Notwendigkeit eines Erfolges unter einer vorausgesetzten +Bedingung aussagt, würde falsch sein, wenn er nur auf einer beliebigen +uns eingepflanzten subjektiven Notwendigkeit, gewisse empirische +Vorstellungen nach einer solchen Regel des Verhältnisses zu verbinden, +beruhte. Ich würde nicht sagen können: die Wirkung ist mit der +Ursache im Objekte (d.i. notwendig) verbunden, sondern ich bin nur so +eingerichtet, daß ich diese Vorstellung nicht anders als so verknüpft +denken kann, welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten +wünscht, denn alsdann ist alle unsere Einsicht, durch vermeinte +objektive Gültigkeit unserer Urteile, nichts als lauter Schein, und es +würde auch an Leuten nicht fehlen, die diese subjektive Notwendigkeit +(die gefühlt werden muß) von sich nicht gestehen würden; zum wenigsten +könnte man mit niemandem über dasjenige hadern, was bloß auf der Art +beruht, wie sein Subjekt organisiert ist. + + Kurzer Begriff dieser Deduktion + +Sie ist die Darstellung der reinen Verstandesbegriffe, (und mit +ihnen aller theoretischen Erkenntnis a priori, als Prinzipien +der Möglichkeit der Erfahrung, dieser aber, als Bestimmung der +Erscheinungen in Raum und Zeit überhaupt, - endlich dieser aus dem +Prinzip der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption, +als der Form des Verstandes in Beziehung auf Raum und Zeit, als +ursprüngliche Formen der Sinnlichkeit. + + * * + * + +Nur bis hierher halte ich die Paragraphenabteilung für nötig, +weil wir es mit den Elementarbegriffen zu tun hatten. Nun wir den +Gebrauch derselben vorstellig machen wollen, wird der Vortrag in +kontinuierlichem Zusammenhange, ohne dieselbe, fortgehen dürfen. + + + +Der transzendentalen Analytik +Zweites Buch + +Die Analytik der Grundsätze + +Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbaut, der ganz genau +mit der Einteilung der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft. Diese +sind: Verstand, Urteilskraft und Vernunft. Jene Doktrin handelt daher +in ihrer Analytik von Begriffen, Urteilen und Schlüssen, gerade den +Funktionen und der Ordnung jener Gemütskräfte gemäß, die man unter der +weitläufigen Benennung des Verstandes überhaupt begreift. + +Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntnis (ob +sie rein und empirisch sei) abstrahiert, und sich bloß mit der Form +des Denkens (der diskursiven Erkenntnis) überhaupt beschäftigt: so +kann sie in ihrem analytischen Teile auch den Kanon für die Vernunft +mitbefassen, deren Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die +besondere Natur der dabei gebrauchten Erkenntnis in Betracht zu +ziehen, a priori, durch bloße Zergliederung der Vernunfthandlungen in +ihre Momente, eingesehen werden kann. + +Die transzendentale Logik, da sie auf einen bestimmten Inhalt, nämlich +bloß der reinen Erkenntnisse a priori, eingeschränkt ist, kann es +ihr in dieser Einteilung nicht nachtun. Denn es zeigt sich: daß der +transzendentale Gebrauch der Vernunft gar nicht objektiv gültig +sei, mithin nicht zur Logik der Wahrheit, d.i. der Analytik gehöre, +sondern, als eine Logik des Scheins, einen besonderen Teil des +scholastischen Lehrgebäudes, unter dem Namen der transzendentalen +Dialektik, erfordere. + +Verstand und Urteilskraft haben demnach ihren Kanon des objektiv +gültigen, mithin wahren Gebrauchs, in der transzendentalen Logik, und +gehören also in ihren analytischen Teil. Allein Vernunft in ihren +Versuchen, über Gegenstände a priori etwas auszumachen, und das +Erkenntnis über die Grenzen möglicher Erfahrung zu erweitern, ist +ganz und gar dialektisch, und ihre Scheinbehauptungen schicken sich +durchaus nicht in einen Kanon, dergleichen doch die Analytik enthalten +soll. + +Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon für die +Urteilskraft sein, der sie lehrt, die Verstandesbegriffe, welche die +Bedingung zu Regeln a priori enthalten, auf Erscheinungen anzuwenden. +Aus dieser Ursache werde ich, indem ich die eigentlichen Grundsätze +des Verstandes zum Thema nehme, mich der Benennung einer Doktrin der +Urteilskraft bedienen, wodurch dieses Geschäft genauer bezeichnet +wird. + + + +Einleitung +Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt + +Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird, +so ist Urteilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren, d.i. +zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel (casus datae +legis) stehe, oder nicht. Die allgemeine Logik enthält gar keine +Vorschriften für die Urteilskraft, und kann sie auch nicht enthalten. +Denn da sie von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, so bleibt +ihr nichts übrig, als das Geschäft, die bloße Form der Erkenntnis in +Begriffen, Urteilen und Schlüssen analytisch auseinander zu setzen, +und dadurch formale Regeln alles Verstandesgebrauchs zustande zu +bringen. Wollte sie nun allgemein zeigen, wie man unter diese Regeln +subsumieren, d.i. unterscheiden sollte, ob etwas darunter stehe oder +nicht, so könnte dieses nicht anders, als wieder durch eine Regel +geschehen. Diese aber erfordert eben darum, weil sie eine Regel ist, +aufs neue eine Unterweisung der Urteilskraft, und so zeigt sich, daß +zwar der Verstand einer Belehrung und Ausrüstung durch Regeln fähig, +Urteilskraft aber ein besonderes Talent sei, welches gar nicht +belehrt, sondern nur geübt sein will. Daher ist diese auch das +Spezifische des sogenannten Mutterwitzes, dessen Mangel keine Schule +ersetzen kann; denn, ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande +Regeln vollauf, von fremder Einsicht entlehnt, darreichen und +gleichsam einpfropfen kann; so muß doch das Vermögen, sich ihrer +richtig zu bedienen, dem Lehrlinge selbst angehören, und keine Regel, +die man ihm in dieser Absicht vorschreiben möchte, ist, in Ermangelung +einer solchen Naturgabe, vor Mißbrauch sicher*. Ein Arzt daher, ein +Richter, oder ein Staatskundiger, kann viel schöne pathologische, +juristische oder politische Regeln im Kopfe haben, in dem Grade, daß +er selbst darin gründlicher Lehrer werden kann, und wird dennoch in +der Anwendung derselben leicht verstoßen, entweder, weil es ihm an +natürlicher Urteilskraft (obgleich nicht am Verstande) mangelt, und +er zwar das Allgemeine in abstracto einsehen, aber ob ein Fall in +concreto darunter gehöre, nicht unterscheiden kann, oder auch darum, +weil er nicht genug durch Beispiele und wirkliche Geschäfte zu diesem +Urteile abgerichtet worden. Dieses ist auch der einige und große +Nutzen der Beispiele: daß sie die Urteilskraft schärfen. Denn was die +Richtigkeit und Präzision der Verstandeseinsicht betrifft, so tun sie +derselben vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten +die Bedingung der Regel adäquat erfüllen (als casus in terminis) und +überdem diejenige Anstrengung des Verstandes oftmals schwächen, Regeln +im allgemeinen, und unabhängig von den besonderen Umständen der +Erfahrung, nach ihrer Zulänglichkeit, einzusehen, und sie daher +zuletzt mehr wie Formeln, als Grundsätze, zu gebrauchen angewöhnen. So +sind Beispiele der Gängelwagen der Urteilskraft, welchen derjenige, +dem es am natürlichen Talent desselben mangelt, niemals entbehren +kann. + +* Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit + nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein + stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts, als am + gehörigen Grade des Verstandes und eigenen Begriffen desselben + mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, sogar bis zur Gelehrsamkeit, + auszurüsten. Da es aber gemeiniglich alsdann auch an jenem (der + secunda Petri) zu fehlen pflegt, so ist es nichts ungewöhnliches, + sehr gelehrte Männer anzutreffen, die, im Gebrauche ihrer + Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig blicken lassen. + +Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urteilskraft keine +Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transzendentalen ganz +anders bewandt, sogar daß es scheint, die letztere habe es zu ihrem +eigentlichen Geschäfte, die Urteilskraft im Gebrauch des reinen +Verstandes, durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern. +Denn, um dem Verstande im Felde reiner Erkenntnisse a priori +Erweiterung zu verschaffen, mithin als Doktrin scheint Philosophie +gar nicht nötig, oder vielmehr übel angebracht zu sein, weil man +nach allen bisherigen Versuchen damit doch wenig oder gar kein Land +gewonnen hat, sondern als Kritik, um die Fehltritte der Urteilskraft +(lapsus judicii) im Gebrauch der wenigen reinen Verstandesbegriffe, +die wir haben, zu verhüten, dazu (obgleich der Nutzen alsdann nur +negativ ist) wird Philosophie mit ihrer ganzen Scharfsinnigkeit und +Prüfungskunst aufgeboten. + +Es hat aber die Transzendental-Philosophie das Eigentümliche: daß sie +außer der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu Regeln), +die in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich a +priori den Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt werden sollen. Die +Ursache von dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen anderen +belehrenden Wissenschaften hat, (außer der Mathematik) liegt eben +darin: daß sie von Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände a +priori beziehen sollen, mithin kann ihre objektive Gültigkeit nicht +a posteriori dargetan werden; denn das würde jene Dignität derselben +ganz unberührt lassen, sondern sie muß zugleich die Bedingungen, unter +welchen Gegenstände in Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben +werden können, in allgemeinen aber hinreichenden Kennzeichen darlegen, +widrigenfalls sie ohne allen Inhalt, mithin bloße logische Formen und +nicht reine Verstandesbegriffe sein würden. + +Diese transzendentale Doktrin der Urteilskraft wird nun zwei +Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung +handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht +werden können, d.i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das +zweite aber von denen synthetischen Urteilen, welche aus reinen +Verstandesbegriffen unter diesen Bedingungen a priori herfließen, und +allen übrigen Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d.i. von den +Grundsätzen des reinen Verstandes. + + + +Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft +(oder Analytik der Grundsätze) +Erstes Hauptstück +Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe + +In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff muß die +Vorstellung des ersteren mit der letzteren gleichartig sein, d.i. der +Begriff muß dasjenige enthalten, was in dem darunter zu subsumierenden +Gegenstande vorgestellt wird, denn das bedeutet eben der Ausdruck: ein +Gegenstand sei unter einem Begriffe enthalten. So hat der empirische +Begriff eines Tellers mit dem reinen geometrischen eines Zirkels +Gleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersteren gedacht wird, +sich im letzteren anschauen läßt. + +Nun sind aber reine Verstandesbegriffe, in Vergleichung mit +empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen, ganz +ungleichartig, und können niemals in irgendeiner Anschauung +angetroffen werden. Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die +erste, mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich, +da doch niemand sagen wird: diese, z.B. die Kausalität, könne auch +durch Sinne angeschaut werden und sei in der Erscheinung enthalten? +Diese so natürliche und erhebliche Frage ist nun eigentlich die +Ursache, welche eine transzendentale Doktrin der Urteilskraft +notwendig macht, um nämlich die Möglichkeit zu zeigen, wie reine +Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt angewandt werden +können. In allen anderen Wissenschaften, wo die Begriffe, durch die +der Gegenstand allgemein gedacht wird, von denen, die diesen in +concreto vorstellen, wie er gegeben wird, nicht so unterschieden und +heterogen sind, ist es unnötig, wegen der Anwendung des ersteren auf +den letzten besondere Erörterung zu geben. + +Nun ist klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der +Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen +muß, und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht. +Diese vermittelnde Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und +doch einerseits intellektuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche +ist das transzendentale Schema. + +Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des +Mannigfaltigen überhaupt. Die Zeit, als die formale Bedingung des +Mannigfaltigen des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller +Vorstellungen, enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen +Anschauung. Nun ist eine transzendentale Zeitbestimmung mit der +Kategorie (die die Einheit derselben ausmacht) sofern gleichartig, als +sie allgemein ist und auf einer Regel a priori beruht. Sie ist aber +andererseits mit der Erscheinung sofern gleichartig, als die Zeit in +jeder empirischen Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten ist. Daher +wird eine Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich sein, +vermittelst der transzendentalen Zeitbestimmung, welche, als das +Schema der Verstandesbegriffe, die Subsumtion der letzteren unter die +erste vermittelt. + +Nach demjenigen, was in der Deduktion der Kategorien gezeigt worden, +wird hoffentlich niemand im Zweifel stehen, sich über die Frage zu +entschließen: ob diese reinen Verstandesbegriffe von bloß empirischem +oder auch von transzendentalem Gebrauche sind, d.i. ob sie lediglich, +als Bedingungen einer möglichen Erfahrung, sich a priori auf +Erscheinungen beziehen, oder ob sie, als Bedingungen der Möglichkeit +der Dinge überhaupt, auf Gegenstände an sich selbst (ohne einige +Restriktion auf unsere Sinnlichkeit) erstreckt werden können. Denn +da haben wir gesehen, daß Begriffe ganz unmöglich sind, noch irgend +einige Bedeutung haben können, wo nicht, entweder ihnen selbst, oder +wenigstens den Elementen, daraus sie bestehen, ein Gegenstand gegeben +ist, mithin auf Dinge an sich (ohne Rücksicht, ob und wie sie uns +gegeben werden mögen) gar nicht gehen können; daß ferner die einzige +Art, wie uns Gegenstände gegeben werden, die Modifikation unserer +Sinnlichkeit sei; endlich, daß reine Begriffe a priori, außer der +Funktion des Verstandes in der Kategorie, noch formale Bedingungen +der Sinnlichkeit (namentlich des inneren Sinnes) a priori enthalten +müssen, welche die allgemeine Bedingung enthalten, unter der die +Kategorie allein auf irgendeinen Gegenstand angewandt werden kann. Wir +wollen diese formale und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf welche +der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch restringiert ist, das Schema +dieses Verstandesbegriffs, und das Verfahren des Verstandes mit diesen +Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen. + +Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Produkt der +Einbildungskraft; aber indem die Synthesis der letzteren keine +einzelne Anschauung, sondern die Einheit in der Bestimmung der +Sinnlichkeit allein zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde +zu unterscheiden. So, wenn ich fünf Punkte hintereinander setze, . . +. . . ist dieses ein Bild von der Zahl fünf. Dagegen, wenn ich eine +Zahl überhaupt nur denke, die nun fünf oder hundert sein kann, so +ist dieses Denken mehr die Vorstellung einer Methode, einem gewissen +Begriffe gemäß eine Menge (z.E. tausend) in einem Bilde vorzustellen, +als dieses Bild selbst, welches ich im letzteren Falle schwerlich +würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen können. Diese +Vorstellung nun von einem allgemeinen Verfahren der Einbildungskraft, +einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich das Schema zu diesem +Begriffe. + +In der Tat liegen unseren reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder +der Gegenstände, sondern Schemate zum Grunde. Dem Begriffe von einem +Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein. +Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, welche +macht, daß dieser für alle, recht- oder schiefwinklige usw. gilt, +sondern immer nur auf einen Teil dieser Sphäre eingeschränkt sein. Das +Schema des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existieren, +und bedeutet eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft, in +Ansehung reiner Gestalten im Raume. Noch viel weniger erreicht ein +Gegenstand der Erfahrung oder Bild desselben jemals den empirischen +Begriff, sondern dieser bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das +Schema der Einbildungskraft, als eine Regel der Bestimmung unserer +Anschauung, gemäß einem gewissen allgemeinen Begriffe. Der Begriff +vorn Hunde bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft +die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnen kann, +ohne auf irgendeine einzige besondere Gestalt, die mir die Erfahrung +darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto +darstellen kann, eingeschränkt zu sein. Dieser Schematismus unseres +Verstandes, in Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen Form, ist +eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren +wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten, und sie +unverdeckt vor Augen legen werden. So viel können wir nur sagen: +das Bild ist ein Produkt des empirischen Vermögens der produktiven +Einbildungskraft, das Schema sinnlicher Begriffe (als der Figuren +im Raume) ein Produkt und gleichsam ein Monogramm der reinen +Einbildungskraft a priori, wodurch und wonach die Bilder allererst +möglich werden, die aber mit dem Begriffe nur immer vermittelst des +Schema, welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen, und an sich +demselben nicht völlig kongruieren. Dagegen ist das Schema eines +reinen Verstandesbegriffs etwas, was in gar kein Bild gebracht werden +kann, sondern ist nur die reine Synthesis, gemäß einer Regel der +Einheit nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und +ist ein transzendentales Produkt der Einbildungskraft, welches die +Bestimmung des inneren Sinnes überhaupt, nach Bedingungen ihrer +Form, (der Zeit,) in Ansehung aller Vorstellungen, betrifft, sofern +diese der Einheit der Apperzeption gemäß a priori in einem Begriff +zusammenhängen sollten. + +Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung +dessen, was zu transzendentalen Schematen reiner Verstandesbegriffe +überhaupt erfordert wird, aufzuhalten, wollen wir sie lieber nach der +Ordnung der Kategorien und in Verknüpfung mit diesen darstellen. + +Das reine Bild aller Größen (quantorum) vor dem äußeren Sinne, ist +der Raum; aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt, die Zeit. Das +reine Schema der Größe aber (quantitatis), als eines Begriffs des +Verstandes, ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die +sukzessive Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt. +Also ist die Zahl nichts anderes, als die Einheit der Synthesis des +Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch, daß +ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge. + +Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung +überhaupt korrespondiert; dasjenige also, dessen Begriff an sich +selbst ein Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff +ein Nichtsein (in der Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider +geschieht also in dem Unterschiede derselben Zeit, als einer +erfüllten, oder leeren Zeit. Da die Zeit nur die Form der Anschauung, +mithin der Gegenstände, als Erscheinungen, ist, so ist das, was an +diesen der Empfindung entspricht, die transzendentale Materie aller +Gegenstände, als Dinge an sich (die Sachheit, Realität). Nun hat jede +Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe Zeit, d.i. den +inneren Sinn in Ansehung derselben Vorstellung eines Gegenstandes, +mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (= O = negatio) +aufhört. Daher ist ein Verhältnis und Zusammenhang oder vielmehr ein +Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität als ein +Quantum vorstellig macht, und das Schema einer Realität, als der +Quantität von Etwas, sofern es die Zeit erfüllt, ist eben diese +kontinuierliche und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit, +indem man von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit +bis zum Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der +Größe derselben allmählich aufsteigt. + +Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit, +d.i. die Vorstellung desselben, als eines Substratum der empirischen +Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andere +wechselt. (Die Zeit verläuft sich nicht, sondern in ihr verläuft sich +das Dasein des Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und +bleibend ist, korrespondiert in der Erscheinung das Unwandelbare im +Dasein, d.i. die Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das +Zugleichsein der Erscheinungen der Zeit nach bestimmt werden.) + +Das Schema der Ursache und der Kausalität eines Dinges überhaupt ist +das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas +anderes folgt. Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen, +insofern sie einer Regel unterworfen ist. + +Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung), oder der wechselseitigen +Kausalität der Substanzen in Ansehung ihrer Akzidenzen, ist das +Zugleichsein der Bestimmungen der Einen, mit denen der Anderen, nach +einer allgemeinen Regel. + +Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis +verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt +(z.B. da das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, sondern +nur nacheinander sein kann,) also die Bestimmung der Vorstellung eines +Dinges zu irgendeiner Zeit. + +Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit. + +Das Schema der Notwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes zu +aller Zeit. + +Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie, +als das der Größe, die Erzeugung, (Synthesis) der Zeit selbst, in der +sukzessiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der Qualität +die Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der +Zeit, oder die Erfüllung der Zeit, das der Relation das Verhältnis +der Wahrnehmungen untereinander zu aller Zeit (d.i. nach einer Regel +der Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer +Kategorien, die Zeit selbst, als das Korrelatum der Bestimmung eines +Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig +mache. Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen a priori +nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien, auf die +Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, endlich den Zeitinbegriff +in Ansehung aller möglichen Gegenstände. + +Hieraus erhellt nun, daß der Schematismus des Verstandes durch die +transzendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anderes, als +die Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren Sinne, +und so indirekt auf die Einheit der Apperzeption, als Funktion, welche +dem inneren Sinn (einer Rezeptivität) korrespondiert, hinauslaufe. +Also sind die Schemate der reinen Verstandesbegriffe die wahren und +einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte, mithin +Bedeutung zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von +keinem anderen, als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie +bloß dazu dienen, durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit +(wegen der notwendigen Vereinigung alles Bewußtseins in einer +ursprünglichen Apperzeption) Erscheinungen allgemeinen Regeln +der Synthesis zu unterwerfen, und sie dadurch zur durchgängigen +Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu machen. + +In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere +Erkenntnisse, und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht +die transzendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht, +und sie möglich macht. + +Es fällt aber doch auch in die Augen: daß, obgleich die Schemate der +Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisieren, sie doch selbige +gleichwohl auch restringieren, d.i. auf Bedingungen einschränken, die +außer dem Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist +das Schema eigentlich nur das Phänomenon, oder der sinnliche Begriff +eines Gegenstandes, in Übereinstimmung mit der Kategorie. (Numerus +est quantitas phaenomenon, sensatio realitas phaenomenon, constans et +perdurabile rerum substantia phaenomenon - - aeternitas, necessitas, +phaenomena usw.) Wenn wir nun eine restringierende Bedingung +weglassen, so amplifizieren wir, wie es scheint, den vorher +eingeschränkten Begriff; so sollten die Kategorien in ihrer reinen +Bedeutung, ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit, von Dingen +überhaupt gelten, wie sie sind, anstatt, daß ihre Schemate sie nur +vorstellen, wie sie erscheinen, jene also eine von allen Schematen +unabhängige und viel weiter erstreckte Bedeutung haben. In der +Tat bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings, auch nach +Absonderung aller sinnlichen Bedingung, eine, aber nur logische +Bedeutung der bloßen Einheit der Vorstellungen, denen aber kein +Gegenstand, mithin auch keine Bedeutung gegeben wird, die einen +Begriff vom Objekt abgeben könnte. So würde z.B. Substanz, wenn man +die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter +als ein Etwas bedeuten, das als Subjekt (ohne ein Prädikat von etwas +anderem zu sein) gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann +ich nun nichts machen, indem sie mir gar nicht anzeigt, welche +Bestimmungen das Ding hat, welches als ein solches erstes Subjekt +gelten soll. Also sind die Kategorien, ohne Schemate, nur Funktionen +des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen Gegenstand vor. +Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit, die den Verstand +realisiert, indem sie ihn zugleich restringiert. + + + +Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft +(oder Analytik der Grundsätze) +Zweites Hauptstück + +System aller Grundsätze des reinen Verstandes + +Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transzendentale Urteilskraft +nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie allein +die reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urteilen zu brauchen +befugt ist. Jetzt ist unser Geschäft: die Urteile, die der Verstand +unter dieser kritischen Vorsicht wirklich a priori zustande bringt, in +systematischer Verbindung darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere +Tafel der Kategorien die natürliche und sichere Leitung geben muß. +Denn diese sind es eben, deren Beziehung auf mögliche Erfahrung +alle reine Verstandeserkenntnis a priori ausmachen muß, und +deren Verhältnis zur Sinnlichkeit überhaupt um deswillen alle +transzendentalen Grundsätze des Verstandesgebrauchs vollständig und in +einem System darlegen wird. + +Grundsätze a priori führen diesen Namen nicht bloß deswegen, weil sie +die Gründe anderer Urteile in sich enthalten, sondern auch weil sie +selbst nicht in höheren und allgemeineren Erkenntnissen gegründet +sind. Diese Eigenschaft überhebt sie doch nicht allemal eines +Beweises. Denn obgleich dieser nicht weiter objektiv geführt werden +könnte, sondern vielmehr alle Erkenntnis seines Objekts zum Grunde +liegt, so hindert dies doch nicht, daß nicht ein Beweis, aus den +subjektiven Quellen der Möglichkeit einer Erkenntnis des Gegenstandes +überhaupt, zu schaffen möglich, ja auch nötig wäre, weil der Satz +sonst gleichwohl den größten Verdacht einer bloß erschlichenen +Behauptung auf sich haben würde. + +Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze, die sich +auf die Kategorien beziehen, einschränken. Die Prinzipien der +transzendentalen Ästhetik, nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen +der Möglichkeit aller Dinge als Erscheinungen sind, imgleichen die +Restriktion dieser Grundsätze: daß sie nämlich nicht auf Dinge an +sich selbst bezogen werden können, gehören also nicht in unser +abgestochenes Feld der Untersuchung. Ebenso machen die mathematischen +Grundsätze keinen Teil dieses Systems aus, weil sie nur aus der +Anschauung, aber nicht aus dem reinen Verstandesbegriffe gezogen sind; +doch wird die Möglichkeit derselben, weil sie gleichwohl synthetische +Urteile a priori sind, hier notwendig Platz finden, zwar nicht, um +ihre Richtigkeit und apodiktische Gewißheit zu beweisen, welches sie +gar nicht nötig haben, sondern nur die Möglichkeit solcher evidenten +Erkenntnisse a priori begreiflich zu machen und zu deduzieren. + +Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urteile reden +müssen, und dieses zwar im Gegensatz mit der synthetischen, als mit +welchen wir uns eigentlich beschäftigen, weil eben diese Gegenstellung +die Theorie der letzteren von allem Mißverstande befreit, und sie in +ihrer eigentümlichen Natur deutlich vor Augen legt. + + + +Das System +der Grundsätze des reinen Verstandes +Erster Abschnitt +Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urteile + +Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei, und wie sie sich auf +das Objekt beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur +negative Bedingung aller unserer Urteile überhaupt, daß sie sich nicht +selbst widersprechen; widrigenfalls diese Urteile an sich selbst (auch +ohne Rücksicht aufs Objekt) nichts sind. Wenn aber auch gleich in +unserem Urteile kein Widerspruch ist, so kann es dem ungeachtet doch +Begriffe so verbinden, wie es der Gegenstand nicht mit sich bringt, +oder auch, ohne daß uns irgendein Grund weder a priori noch a +posteriori gegeben ist, welcher ein solches Urteil berechtigte, und so +kann ein Urteil bei allem dem, daß es von allem inneren Widerspruche +frei ist, doch entweder falsch oder grundlos sein. + +Der Satz nun: Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm +widerspricht, heißt der Satz des Widerspruchs, und ist ein +allgemeines, obzwar bloß negatives, Kriterium aller Wahrheit, gehört +aber auch darum bloß in die Logik, weil er von Erkenntnissen, bloß als +Erkenntnissen überhaupt, unangesehen ihres Inhalts gilt, und sagt: daß +der Widerspruch sie gänzlich vernichte und aufhebe. + +Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch +machen, d.i. nicht bloß, um Falschheit und Irrtum (sofern es auf dem +Widerspruch beruht) zu verbannen, sondern auch Wahrheit zu erkennen. +Denn, wenn das Urteil analytisch ist, es mag nun verneinend oder +bejahend sein, so muß dessen Wahrheit jederzeit nach dem Satze des +Widerspruchs hinreichend können erkannt werden. Denn von dem, was in +der Erkenntnis des Objekts schon als Begriff liegt und gedacht wird, +wird das Widerspiel jederzeit richtig verneint, der Begriff selber +aber notwendig von ihm bejaht werden müssen, darum, weil das Gegenteil +desselben dem Objekte widersprechen würde. + +Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine und +völlig hinreichende Prinzipium aller analytischen Erkenntnis gelten +lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und Brauchbarkeit nicht, +als eines hinreichenden Kriterium der Wahrheit. Denn daß ihm gar keine +Erkenntnis zuwider sein könne, ohne sich selbst zu vernichten, das +macht diesen Satz wohl zur conditio sine qua non, aber nicht zum +Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntnis. Da wir es nun +eigentlich nur mit dem synthetischen Teile unserer Erkenntnis +zu tun haben, so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, diesem +unverletzlichen Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm aber, +in Ansehung der Wahrheit von dergleichen Art der Erkenntnis, niemals +einigen Aufschluß gewärtigen können. + +Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem Inhalt +entblößten und bloß formalen Grundsatzes, die eine Synthesis enthält, +welche aus Unvorsichtigkeit und ganz unnötigerweise in ihr gemischt +worden. Sie heißt: es ist unmöglich, daß etwas zugleich sei und nicht +sei. Außer dem, daß hier die apodiktische Gewißheit (durch das Wort +unmöglich) überflüssigerweise angehängt worden, die sich doch von +selbst aus dem Satz muß verstehen lassen, so ist der Satz durch die +Bedingung der Zeit affiziert, und sagt gleichsam: Ein Ding = A, +welches etwas = B ist, kann nicht zu gleicher Zeit non B sein; aber +es kann gar wohl beides (B sowohl, als non B) nacheinander sein. Z.B. +ein Mensch, der jung ist, kann nicht zugleich alt sein; ebenderselbe +kann aber sehr wohl zu einer Zeit jung, zur anderen nicht-jung, d.i. +alt sein. Nun muß der Satz des Widerspruchs, als ein bloß logischer +Grundsatz, seine Aussprüche gar nicht auf die Zeitverhältnisse +einschränken, daher ist eine solche Formel der Absicht desselben ganz +zuwider. Der Mißverstand kommt bloß daher: daß man ein Prädikat eines +Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben absondert, und nachher +sein Gegenteil mit diesem Prädikate verknüpft, welches niemals einen +Widerspruch mit dem Subjekte, sondern nur mit dessen Prädikate, +welches mit jenem synthetisch verbunden worden, abgibt, und zwar nur +dann, wenn das erste und zweite Prädikat zu gleicher Zeit gesetzt +werden. Sage ich, ein Mensch, der ungelehrt ist, ist nicht gelehrt, so +muß die Bedingung: zugleich, dabei stehen, denn der, so zu einer Zeit +ungelehrt ist, kann zu einer anderen gar wohl gelehrt sein. Sage ich +aber, kein ungelehrter Mensch ist gelehrt, so ist der Satz analytisch, +weil das Merkmal (der Ungelehrtheit) nunmehr den Begriff des Subjekts +mit ausmacht, und alsdann erhellt der verneinende Satz unmittelbar +aus dem Satze des Widerspruchs, ohne daß die Bedingung: zugleich, +hinzukommen darf. Dieses ist denn auch die Ursache, weswegen ich +oben die Formel desselben so verändert habe, daß die Natur eines +analytischen Satzes dadurch deutlich ausgedrückt wird. + + + +Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes +Zweiter Abschnitt +Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urteile + +Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urteile, ist eine Aufgabe, +mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat, die auch +sogar ihren Namen nicht einmal kennen darf. Sie ist aber in einer +transzendentalen Logik das wichtigste Geschäft unter allen, und sogar +das einzige, wenn von der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori +die Rede ist, imgleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer +Gültigkeit. Denn nach Vollendung desselben, kann sie ihrem Zwecke, +nämlich den Umfang und die Grenzen des reinen Verstandes zu bestimmen, +vollkommen ein Genüge tun. + +Im analytischen Urteile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe, um +etwas von ihm auszumachen. Soll es bejahend sein, so lege ich diesem +Begriffe nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; soll es +verneinend sein, so schließe ich nur das Gegenteil desselben von ihm +aus. In synthetischen Urteilen aber soll ich aus dem gegebenen Begriff +hinausgehen, um etwas ganz anderes, als in ihm gedacht war, mit +demselben im Verhältnis zu betrachten, welches daher niemals, weder +ein Verhältnis der Identität, noch des Widerspruchs ist, und wobei dem +Urteile an ihm selbst weder die Wahrheit, noch der Irrtum angesehen +werden kann. + +Also zugegeben: daß man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen +müsse, um ihn mit einem anderen synthetisch zu vergleichen, so ist ein +Drittes nötig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen +kann. Was ist nun aber dieses Dritte, als das Medium aller +synthetischen Urteile? Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsere +Vorstellungen enthalten sind, nämlich der innere Sinn, und die Form +desselben a priori, die Zeit. Die Synthesis der Vorstellungen beruht +auf der Einbildungskraft, die synthetische Einheit derselben aber (die +zum Urteile erforderlich ist) auf der Einheit der Apperzeption. Hierin +wird also die Möglichkeit synthetischer Urteile, und da alle drei die +Quellen zu Vorstellungen a priori enthalten, auch die Möglichkeit +reiner synthetischer Urteile zu suchen sein, ja sie werden sogar aus +diesen Gründen notwendig sein, wenn eine Erkenntnis von Gegenständen +zustande kommen soll, die lediglich auf der Synthesis der +Vorstellungen beruht. + +Wenn eine Erkenntnis objektive Realität haben, d.i. sich auf einen +Gegenstand beziehen, und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll, +so muß der Gegenstand auf irgendeine Art gegeben werden können. Ohne +das sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, in +der Tat aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mit +Vorstellungen gespielt. Einen Gegenstand geben, wenn dieses nicht +wiederum nur mittelbar gemeint sein soll, sondern unmittelbar in der +Anschauung darstellen, ist nichts anderes, als dessen Vorstellung auf +Erfahrung (es sei wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der +Raum und die Zeit, so rein diese Begriffe auch von allem Empirischen +sind, und so gewiß es auch ist, daß sie völlig a priori im Gemüte +vorgestellt werden, würden doch ohne objektive Gültigkeit und ohne +Sinn und Bedeutung sein, wenn ihr notwendiger Gebrauch an den +Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt würde, ja ihre Vorstellung +ist ein bloßes Schema, das sich immer auf die reproduktive +Einbildungskraft bezieht, welche die Gegenstände der Erfahrung +herbeiruft, ohne die sie keine Bedeutung haben würden; und so ist es +mit allen Begriffen ohne Unterschied. + +Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unseren +Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt. Nun beruht Erfahrung +auf der synthetischen Einheit der Erscheinungen, d.i. auf einer +Synthesis nach Begriffen vom Gegenstande der Erscheinungen überhaupt, +ohne welche sie nicht einmal Erkenntnis, sondern eine Rhapsodie von +Wahrnehmungen sein würde, die sich in keinem Kontext nach Regeln eines +durchgängig verknüpften (möglichen) Bewußtseins, mithin auch nicht zur +transzendentalen und notwendigen Einheit der Apperzeption, zusammen +schicken würden. Die Erfahrung hat also Prinzipien ihrer Form a priori +zum Grunde liegen, nämlich allgemeine Regeln der Einheit in der +Synthesis der Erscheinungen, deren objektive Realität, als notwendige +Bedingungen, jederzeit in der Erfahrung, ja sogar ihrer Möglichkeit +gewiesen werden kann. Außer dieser Beziehung aber sind synthetische +Sätze a priori gänzlich unmöglich, weil sie kein Drittes, nämlich +reinen Gegenstand haben, an dem die synthetische Einheit ihrer +Begriffe objektive Realität dartun könnte. + +Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt, oder den Gestalten, welche +die produktive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles a priori +in synthetischen Urteilen erkennen, so, daß wir wirklich hierzu gar +keiner Erfahrung bedürfen; so würde doch dieses Erkenntnis gar nichts, +sondern die Beschäftigung mit einem bloßen Hirngespinst sein, wäre +der Raum nicht, als Bedingung der Erscheinungen, welche den Stoff +zur äußeren Erfahrung ausmachen, anzusehen; daher sich jene reinen +synthetischen Urteile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche Erfahrung +oder vielmehr auf dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen, und darauf +allein die objektive Gültigkeit ihrer Synthesis gründen. + +Da also Erfahrung, als empirische Synthesis, in ihrer Möglichkeit die +einzige Erkenntnisart ist, welche aller anderen Synthesis Realität +gibt, so hat diese als Erkenntnis a priori auch nur dadurch Wahrheit, +(Einstimmung mit dem Objekt,) daß sie nichts weiter enthält, als was +zur synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt notwendig ist. + +Das oberste Principium aller synthetischen Urteile ist also: ein jeder +Gegenstand steht unter den notwendigen Bedingungen der synthetischen +Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen +Erfahrung. + +Auf solche Weise sind synthetische Urteile a priori möglich, wenn wir +die formalen Bedingungen der Anschauung a priori, die Synthesis der +Einbildungskraft, und die notwendige Einheit derselben in einer +transzendentalen Apperzeption, auf ein mögliches Erfahrungserkenntnis +überhaupt beziehen, und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der +Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der +Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in +einem synthetischen Urteile a priori. + + + +Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes +Dritter Abschnitt +Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze desselben + +Daß überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden, das ist lediglich dem +reinen Verstande zuzuschreiben, der nicht allein das Vermögen der +Regeln ist, in Ansehung dessen, was geschieht, sondern selbst der +Quell der Grundsätze, nach welchem alles (was uns nur als Gegenstand +vorkommen kann) notwendig unter Regeln steht, weil, ohne solche, +den Erscheinungen niemals Erkenntnis eines ihnen korrespondierenden +Gegenstandes zukommen könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als +Grundgesetze des empirischen Verstandesgebrauchs betrachtet werden, +führen zugleich einen Ausdruck der Notwendigkeit, mithin wenigstens +die Vermutung einer Bestimmung aus Gründen, die a priori und vor aller +Erfahrung gültig sind, bei sich. Aber ohne Unterschied stehen alle +Gesetze der Natur unter höheren Grundsätzen des Verstandes, indem sie +diese nur auf besondere Fälle der Erscheinung anwenden. Diese allein +geben also den Begriff, der die Bedingung und gleichsam den Exponenten +zu einer Regel überhaupt enthält, Erfahrung aber gibt den Fall, der +unter der Regel steht. + +Daß man bloß empirische Grundsätze für Grundsätze des reinen +Verstandes, oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wohl eigentlich +keine Gefahr sein; denn die Notwendigkeit nach Begriffen, welche die +letztere auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so +allgemein er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese +Verwechslung leicht verhüten. Es gibt aber reine Grundsätze a priori, +die ich gleichwohl doch nicht dem reinen Verstande eigentümlich +beimessen möchte, darum, weil sie nicht aus reinen Begriffen, sondern +aus reinen Anschauungen (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen +sind; Verstand ist aber das Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat +dergleichen, aber ihre Anwendung auf Erfahrung, mithin ihre objektive +Gültigkeit, ja die Möglichkeit solcher synthetischer Erkenntnis a +priori (die Deduktion derselben) beruht doch immer auf dem reinen +Verstande. + +Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht +mitzählen, aber wohl diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit +und objektive Gültigkeit a priori gründet, und die mithin als +Principium dieser Grundsätze anzusehen sind, und von Begriffen zur +Anschauung, nicht aber von der Anschauung zu Begriffen ausgehen. + +In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung +ist der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch, oder +dynamisch: denn sie geht teils bloß auf die Anschauung, teils auf +das Dasein einer Erscheinung überhaupt. Die Bedingungen a priori der +Anschauung sind aber in Ansehung einer möglichen Erfahrung durchaus +notwendig, die des Daseins der Objekte einer möglichen empirischen +Anschauung an sich nur zufällig. Daher werden die Grundsätze des +mathematischen Gebrauchs unbedingt notwendig d.i. apodiktisch lauten, +die aber des dynamischen Gebrauchs werden zwar auch den Charakter +einer Notwendigkeit a priori, aber nur unter der Bedingung des +empirischen Denkens in einer Erfahrung, mithin nur mittelbar und +indirekt bei sich führen, folglich diejenige unmittelbare Evidenz +nicht enthalten, (obzwar ihrer auf Erfahrung allgemein bezogenen +Gewißheit unbeschadet,) die jenen eigen ist. Doch dies wird sich beim +Schlusse dieses Systems von Grundsätzen besser beurteilen lassen. + +Die Tafel der Kategorien gibt uns die ganz natürliche Anweisung zur +Tafel der Grundsätze, weil diese doch nichts anderes, als Regeln des +objektiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen +Verstandes sind demnach + + 1. Axiome + der Anschauung + + 2. Antizipationen 3. Analogien + der Wahrnehmung der Erfahrung + + 4. Postulate + des empirischen Denkens überhaupt + +Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unterschiede +in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze nicht +unbemerkt zu lassen. Es wird sich aber bald zeigen: daß, was sowohl +die Evidenz, als die Bestimmung der Erscheinungen a priori, nach den +Kategorien der Größe und der Qualität (wenn man lediglich auf die +Form der letzteren acht hat) betrifft, die Grundsätze derselben sich +darin von den zwei übrigen namhaft unterscheiden; indem jene einer +intuitiven, diese aber einer bloß diskursiven, obzwar beiderseits +einer völligen Gewißheit fähig sind. Ich werde daher jene die +mathematischen, diese die dynamischen Grundsätze nennen*. Man wird +aber wohl bemerken: daß ich hier ebensowenig die Grundsätze der +Mathematik in Einem Falle, als die Grundsätze der allgemeinen +(physischen) Dynamik im anderen, sondern nur die des reinen Verstandes +im Verhältnis auf den inneren Sinn (ohne Unterschied der darin +gegebenen Vorstellungen) vor Augen habe, dadurch denn jene insgesamt +ihre Möglichkeit bekommen. Ich benenne sie also mehr in Betracht der +Anwendung, als um ihres Inhalts willen, und gehe nun zur Erwägung +derselben in der nämlichen Ordnung, wie sie in der Tafel vorgestellt +werden. + +* Alle Verbindung (conjunctio) ist entweder Zusammensetzung + (compositio) oder Verknüpfung (nexus). Die erstere ist die Synthesis + des Mannigfaltigen, was nicht notwendig zueinander gehört, wie z.B. + die zwei Triangel, darin ein Quadrat durch die Diagonale geteilt + wird, für sich nicht notwendig zueinander gehören, und dergleichen + ist die Synthesis des Gleichartigen in allem, was mathematisch + erwogen werden kann, (welche Synthesis wiederum in die der + Aggregation und Koalition eingeteilt werden kann, davon die erstere + auf extensive, die andere auf intensive Größen gerichtet ist). Die + zweite Verbindung (nexus) ist die Synthesis des Mannigfaltigen, + sofern es notwendig zueinander gehört, wie z.B. das Akzidens zu + irgendeiner Substanz, oder die Wirkung zu der Ursache, - mithin auch + als ungleichartig doch a priori verbunden vorgestellt wird, welche + Verbindung, weil sie nicht willkürlich ist, ich darum dynamisch + nenne, weil sie die Verbindung des Daseins des Mannigfaltigen + betrifft (die wiederum in die physische der Erscheinungen + untereinander, und metaphysische ihre Verbindung im + Erkenntnisvermögen a priori, eingeteilt werden, können. + + + +1. Axiome der Anschauung + +Das Prinzip derselben ist: Alle Anschauungen sind extensive Größen. + + Beweis + +Alle Erscheinungen enthalten, der Form nach, eine Anschauung im Raum +und Zeit, welche ihnen insgesamt a priori zum Grunde liegt. Sie können +also nicht anders apprehendiert, d.i. ins empirische Bewußtsein +aufgenommen werden, als durch die Synthesis des Mannigfaltigen, +wodurch die Vorstellungen eines bestimmten Raumes oder Zeit erzeugt +werden, d.i. durch die Zusammensetzung des Gleichartigen und +das Bewußtsein der synthetischen Einheit dieses Mannigfaltigen +(Gleichartigen). Nun ist das Bewußtsein des mannigfaltigen +Gleichartigen in der Anschauung überhaupt, sofern dadurch die +Vorstellung eines Objekts zuerst möglich wird, der Begriff einer +Größe (quanti). Also ist selbst die Wahrnehmung eines Objekts, +als Erscheinung, nur durch dieselbe synthetische Einheit des +Mannigfaltigen der gegebenen sinnlichen Anschauung möglich, wodurch +die Einheit der Zusammensetzung des mannigfaltigen Gleichartigen +im Begriffe einer Größe gedacht wird; d.i. die Erscheinungen sind +insgesamt Größen, und zwar extensive Größen, weil sie als Anschauungen +im Raume oder der Zeit durch dieselbe Synthesis vorgestellt werden +müssen, als wodurch Raum und Zeit überhaupt bestimmt werden. + +Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung +der Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht, (und also +notwendig vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein +sie auch sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d.i. von +einem Punkte alle Teile nach und nach zu erzeugen, und dadurch +allererst diese Anschauung zu verzeichnen. Ebenso ist es auch mit +jeder auch der kleinsten Zeit bewandt. Ich denke mir darin nur den +sukzessiven Fortgang von einem Augenblick zum anderen, wo durch alle +Zeitteile und deren Hinzutun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt +wird. Da die bloße Anschauung an allen Erscheinungen entweder der +Raum, oder die Zeit ist, so ist jede Erscheinung als Anschauung eine +extensive Größe, indem sie nur durch sukzessive Synthesis (von Teil +zu Teil) in der Apprehension erkannt werden kann. Alle Erscheinungen +werden demnach schon als Aggregate (Menge vorher gegebener Teile) +angeschaut, welches eben nicht der Fall bei jeder Art Größen, +sondern nur derer ist, die uns extensiv als solche vorgestellt und +apprehendiert werden. + +Auf diese sukzessive Synthesis der produktiven Einbildungskraft, +in der Erzeugung der Gestalten, gründet sich die Mathematik der +Ausdehnung (Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der +sinnlichen Anschauung a priori ausdrücken, unter denen allein das +Schema eines reinen Begriffs der äußeren Erscheinung zustande kommen +kann; z.E. zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich; +zwei gerade Linien schließen keinen Raum ein usw. Dies sind die +Axiome, welche eigentlich nur Größen (quanta) als solche betreffen. + +Was aber die Größe, (quantitas) d.i. die Antwort auf die Frage: wie +groß etwas sei? betrifft, so gibt es in Ansehung derselben, obgleich +verschiedene dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß +(indemonstrabilia) sind, dennoch im eigentlichen Verstande keine +Axiome. Denn daß gleiches zu gleichem hinzugetan, oder von diesem +abgezogen, ein gleiches gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir +der Identität der einen Größenerzeugung mit der anderen unmittelbar +bewußt bin; Axiome aber sollen synthetische Sätze a priori sein. +Dagegen sind die evidenten Sätze der Zahlverhältnis zwar allerdings +synthetisch, aber nicht allgemein, wie die der Geometrie, und eben +um deswillen auch nicht Axiome, sondern können Zahlformeln genannt +werden. Daß 7+5=12 sei, ist kein analytischer Satz. Denn ich denke +weder in der Vorstellung von 7, noch von 5, noch in der Vorstellung +von der Zusammensetzung beider die Zahl 12, (daß ich diese in der +Addition beider denken solle, davon ist hier nicht die Rede; denn bei +dem analytischen Satze ist nur die Frage, ob ich das Prädikat wirklich +in der Vorstellung des Subjekts denke). Ob er aber gleich synthetisch +ist, so ist er doch nur ein einzelner Satz. Sofern hier bloß auf die +Synthesis des Gleichartigen (der Einheiten) gesehen wird, so kann +die Synthesis hier nur auf eine einzige Art geschehen, wiewohl der +Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist. Wenn ich sage: durch +drei Linien, deren zwei zusammengenommen größer sind, als die dritte, +läßt sich ein Triangel zeichnen; so habe ich hier die bloße Funktion +der produktiven Einbildungskraft, welche die Linien größer und +kleiner ziehen, imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann +zusammenstoßen lassen. Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art +möglich, und auch die Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren +mit 5 erzeugt wird. Dergleichen Sätze muß man also nicht Axiome, (denn +sonst gäbe es deren unendliche,) sondern Zahlformeln nennen. + +Dieser transzendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen gibt +unserem Erkenntnis a priori große Erweiterung. Denn er ist es allein, +welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präzision auf Gegenstände +der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz nicht +so von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt +hat. Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische +Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich; +was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von +jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den +Regeln der Konstruktion im Raume (z.E. der unendlichen Teilbarkeit +der Linien oder Winkel) gemäß sein dürfe, muß wegfallen. Denn dadurch +spricht man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objektive +Gültigkeit ab, und weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf +Erscheinungen anzuwenden sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten, als +der wesentlichen Form aller Anschauung, ist das, was zugleich die +Apprehension der Erscheinung, mithin jede äußere Erfahrung, folglich +auch alle Erkenntnis der Gegenstände derselben, möglich macht, und was +die Mathematik im reinen Gebrauch von jener beweist, das gilt auch +notwendig von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur Schikanen einer +falsch belehrten Vernunft, die irrigerweise die Gegenstände der Sinne +von der formalen Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt, +und sie, obgleich sie bloß Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich +selbst, dem Verstande gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich +von ihnen a priori gar nichts, mithin auch nicht durch reine Begriffe +vom Raume, synthetisch erkannt werden könnte, und die Wissenschaft, +die diese bestimmt, nämlich die Geometrie, selbst nicht möglich sein +würde. + + + +2. Antizipationen der Wahrnehmung + +Das Prinzip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das Reale, was +ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d.i. einen Grad. + + Beweis + +Wahrnehmung ist das empirische Bewußtsein, d.i. ein solches, in +welchem zugleich Empfindung ist. Erscheinungen, als Gegenstände der +Wahrnehmung, sind nicht reine (bloß formale) Anschauungen, wie Raum +und Zeit, (denn die können an sich gar nicht wahrgenommen werden). Sie +enthalten also über die Anschauung noch die Materien zu irgendeinem +Objekte überhaupt (wodurch etwas Existierendes im Raume oder der Zeit +vorgestellt wird), d.i. das Reale der Empfindung, also bloß subjektive +Vorstellung, von der man sich nur bewußt werden kann, daß das Subjekt +affiziert sei, und die man auf ein Objekt überhaupt bezieht, in sich. +Nun ist vom empirischen Bewußtsein zum reinen eine stufenartige +Veränderung möglich, da das Reale desselben ganz verschwindet, und ein +bloß formales Bewußtsein (a priori) des Mannigfaltigen im Raum und +Zeit übrig bleibt: also auch eine Synthesis der Größenerzeugung einer +Empfindung, von ihrem Anfange, der reinen Anschauung = O, an, bis zu +einer beliebigen Größe derselben. Da nun Empfindung an sich gar keine +objektive Vorstellung ist und in ihr weder die Anschauung vom Raum, +noch von der Zeit, angetroffen wird, so wird ihr zwar keine extensive, +aber doch eine Größe (und zwar durch die Apprehension derselben, in +welcher das empirische Bewußtsein in einer gewissen Zeit von nichts = +O zu ihrem gegebenen Maße erwachsen kann), also eine intensive Größe +zukommen, welcher korrespondierend allen Objekten der Wahrnehmung, +sofern diese Empfindung enthält, intensive Größe, d.i. ein Grad des +Einflusses auf den Sinn, beigelegt werden muß. + +Man kann alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen +Erkenntnis gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine +Antizipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in +welcher Epikur seinen Ausdruck prolephis brauchte. Da aber an den +Erscheinungen etwas ist, was niemals a priori erkannt wird, und +welches daher auch den eigentlichen Unterschied des Empirischen von +dem Erkenntnis a priori ausmacht, nämlich die Empfindung (als Materie +der Wahrnehmung), so folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht +antizipiert werden kann. Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen +im Raume und der Zeit, sowohl in Ansehung der Gestalt, als Größe, +Antizipationen der Erscheinungen nennen können, weil sie dasjenige a +priori vorstellen, was immer a posteriori in der Erfahrung gegeben +werden mag. Gesetzt aber, es finde sich doch etwas, was sich an jeder +Empfindung, als Empfindung überhaupt, (ohne daß eine besondere gegeben +sein mag,) a priori erkennen läßt; so würde dieses im ausnehmenden +Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen, weil es +befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was +gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöpfen +kann. Und so verhält es sich hier wirklich. + +Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllt nur einen +Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen +in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension +keine sukzessive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung +fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der +Empfindung in demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen, +mithin = O. Was nun in der empirischen Anschauung der Empfindung +korrespondiert, ist Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel +derselben entspricht, Negation = O. Nun ist aber jede Empfindung +einer Verringerung fähig, so daß sie abnehmen, und so allmählich +verschwinden kann. Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung +und Negation ein kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen +Zwischenempfindungen, deren Unterschied voneinander immer kleiner ist, +als der Unterschied zwischen der gegebenen und dem Zero, oder der +gänzlichen Negation. Das ist: das Reale in der Erscheinung hat +jederzeit eine Größe, welche aber nicht in der Apprehension +angetroffen wird, indem diese vermittelst der bloßen Empfindung +in einem Augenblicke und nicht durch sukzessive Synthesis vieler +Empfindungen geschieht, und also nicht von den Teilen zum Ganzen geht; +es hat also zwar eine Größe, aber keine extensive. + +Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendiert wird, +und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = O +vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität +in der Erscheinung intensive Größe, d.i. einen Grad. Wenn man diese +Realität als Ursache (es sei der Empfindung oder anderer Realität in +der Erscheinung, z.B. einer Veränderung,) betrachtet; so nennt man +den Grad der Realität als Ursache, ein Moment, z.B. das Moment der +Schwere, und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren +Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist. Dieses +berühre ich aber hier nur beiläufig, denn mit der Kausalität habe ich +für jetzt noch nicht zu tun. + +So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der +Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d.i. eine +intensive Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen +Realität und Negation ist ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher +Realitäten, und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z. +E. die rote, hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals +der kleinste ist, und so ist es mit der Wärme, dem Momente der Schwere +usw. überall bewandt. + +Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Teil der +kleinstmögliche (kein Teil einfach) ist, heißt die Kontinuität +derselben. Raum und Zeit sind quanta continua, weil kein Teil +derselben gegeben werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und +Augenblicken) einzuschließen, mithin nur so, daß dieser Teil selbst +wiederum ein Raum, oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus +Räumen, die Zeit aus Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, +d.i. bloße Stellen ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit +jene Anschauungen, die sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus, +und aus bloßen Stellen, als aus Bestandteilen, die noch vor dem Raume +oder der Zeit gegeben werden könnten, kann weder Raum noch Zeit +zusammengesetzt werden. Dergleichen Größen kann man auch fließende +nennen, weil die Synthesis (der produktiven Einbildungskraft) in +ihrer Erzeugung ein Fortgang in der Zeit ist, deren Kontinuität man +besonders durch den Ausdruck des Fließens (Verfließens) zu bezeichnen +pflegt. + +Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kontinuierliche Größen, +sowohl ihrer Anschauung nach, als extensive, oder der bloßen +Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach, als intensive +Größen. Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung +unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen, +und nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches nicht durch +die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art, +sondern durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt +wird. Wenn ich 13 Taler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es +sofern richtig, als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber +verstehe; welche aber allerdings eine kontinuierliche Größe ist, in +welcher kein Teil der kleinste ist, sondern jeder Teil ein Geldstück +ausmachen könnte, welches immer Materie zu noch kleineren enthielte. +Wenn ich aber unter jener Benennung 13 runde Taler verstehe, als so +viel Münzen, (ihr Silbergehalt mag sein, welcher er wolle,) so benenne +ich es unschicklich durch ein Quantum von Talern, sondern muß es ein +Aggregat, d.i. eine Zahl Geldstücke, nennen. Da nun bei aller Zahl +doch Einheit zum Grunde liegen muß, so ist die Erscheinung als Einheit +ein Quantum, und als ein solches jederzeit ein Kontinuum. + +Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv, als intensiv betrachtet, +kontinuierliche Größen sind, so würde der Satz: daß auch alle +Veränderung (Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den anderen) +kontinuierlich sein, leicht und mit mathematischer Evidenz hier +bewiesen werden können, wenn nicht die Kausalität einer Veränderung +überhaupt ganz außerhalb den Grenzen einer Transzendental-Philosophie +läge, und empirische Prinzipien voraussetzte. Denn daß eine Ursache +möglich sei, welche den Zustand der Dinge verändere, d.i. sie zum +Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes bestimme, davon gibt uns +der Verstand a priori gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil +er die Möglichkeit davon gar nicht einsieht, (denn diese Einsicht +fehlt uns in mehreren Erkenntnissen a priori,) sondern weil die +Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der Erscheinungen trifft, +welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen daß ihre Ursache in +dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber hier nichts vor uns +haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen Grundbegriffe +aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts Empirisches +sein muß; so können wir, ohne die Einheit des Systems zu verletzen, +der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen +gebaut ist, nicht vorgreifen. + +Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen Einflusses, +den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu antizipieren, +und sogar deren Mangel sofern zu ergänzen, daß er allen falschen +Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt. + +Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen dem +und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade +stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der +Rezeptivität der Empfindungen haben muß; so ist keine Wahrnehmung, +mithin auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles +Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar, (durch +welchen Umschweif im Schließen man immer wolle,) bewiese, d.i. es +kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer +leeren Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in +der sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen +werden, zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem +Unterschiede des Grades ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur +Erklärung derselben niemals angenommen werden. Denn wenn auch die +ganze Anschauung eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch +real, d.i. kein Teil derselben leer ist; so muß es doch, weil jede +Realität ihren Grad hat, der, bei unveränderter extensiver Größe +der Erscheinung bis zum Nichts (dem Leeren) durch unendliche Stufen +abnehmen kann, unendlich verschiedene Grade, mit welchen Raum oder +Zeit erfüllt sei, geben, und die intensive Größe in verschiedenen +Erscheinungen kleiner oder größer sein können, obschon die extensive +Größe der Anschauung gleich ist. + +Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da sie +einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener +Art unter gleichem Volumen (teils durch das Moment der Schwere, oder +des Gewichts, teils durch das Moment des Widerstandes gegen andere +bewegte Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses +Volumen (extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien, +obzwar in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen +größtenteils mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl +jemals einfallen lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf +eine metaphysische Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden +vorgeben, gründeten? indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich +mag es hier nicht Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil +dieses empirische Begriffe sind), allerwärts einerlei sei, und sich +nur der extensiven Größe d.i. der Menge nach unterscheiden könne. +Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen Grund in der Erfahrung haben +konnten, und die also bloß metaphysisch ist, setze ich einen +transzendentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied in der +Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte +Notwendigkeit jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht anders, +als durch anzunehmende leere Räume, erklären zu können, völlig +aufhebt, und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu +versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken, +wenn die Naturerklärung hierzu irgendeine Hypothese notwendig +machen sollte. Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von +verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein mögen, so, daß in +keinem von beiden ein Punkt ist, in welchem nicht ihre Gegenwart +anzutreffen wäre, so habe doch jedes Reale bei derselben Qualität +ihren Grad (des Widerstandes oder des Wiegens), welcher ohne +Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins Unendliche kleiner +sein kann, ehe sie in das Leere übergeht, und verschwindet. So kann +eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z.B. Wärme, und auf gleiche +Weise jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im mindesten +den kleinsten Teil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden +ins Unendliche abnehmen, und nichtsdestoweniger den Raum mit diesen +kleineren Graden ebensowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung mit +größeren. Meine Absicht ist hier keineswegs, zu behaupten: daß dieses +wirklich mit der Verschiedenheit der Materien, ihrer spezifischen +Schwere nach, so bewandt sei, sondern nur aus einem Grundsatze des +reinen Verstandes darzutun: daß die Natur unserer Wahrnehmungen eine +solche Erklärungsart möglich mache, und daß man fälschlich das Reale +der Erscheinung dem Grade nach als gleich, und nur der Aggregation und +deren extensiven Größe nach als verschieden annehme, und dieses sogar, +vorgeblichermaßen, durch einen Grundsatz des Verstandes a priori +behaupte. + +Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahrnehmung etwas für einen +der transzendentalen gewohnten und dadurch behutsam gewordenen +Nachforscher, immer etwas Auffallendes an sich, und erregt darüber +einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen +Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist, +und mithin der Möglichkeit des inneren Unterschiedes der Empfindung +selbst, wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahiert, und +es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der +Verstand hierin synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen, +und diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist, +nämlich die Empfindung angeht, antizipieren könne? + +Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a +priori gar nicht vorgestellt werden, (z.B. Farben, Geschmack usw.). +Aber das Reale, was den Empfindungen überhaupt korrespondiert, im +Gegensatz mit der Negation = O, stellt nur etwas vor, dessen Begriff +an sich ein Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in +einem empirischen Bewußtsein überhaupt. In dem inneren Sinn nämlich +kann das empirische Bewußtsein von O bis zu jedem größeren Grade +erhöht werden, so daß eben dieselbe extensive Größe der Anschauung +(z.B. erleuchtete Fläche) so große Empfindung erregt, als ein Aggregat +von vielem anderen (minder erleuchteten) zusammen. Man kann also von +der extensiven Größe der Erscheinung gänzlich abstrahieren, und sich +doch an der bloßen Empfindung in einem Moment eine Synthesis der +gleichförmigen Steigerung von O bis zu dem gegebenen empirischen +Bewußtsein vorstellen. Alle Empfindungen werden daher, als solche, +zwar nur a priori gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie +einen Grad haben, kann a priori erkannt werden. Es ist merkwürdig, daß +wir an Größen überhaupt a priori nur eine einzige Qualität, nämlich +die Kontinuität, an aller Qualität aber (dem Realen der Erscheinungen) +nichts weiter a priori, als die intensive Quantität derselben, nämlich +daß sie einen Grad haben, erkennen können, alles übrige bleibt der +Erfahrung überlassen. + + + +3. Analogien der Erfahrung + +Das Prinzip derselben ist: Erfahrung ist nur durch die Vorstellung +einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich. + + Beweis + +Erfahrung ist ein empirisches Erkenntnis, d.i. ein Erkenntnis, das +durch Wahrnehmungen ein Objekt bestimmt. Sie ist also eine Synthesis +der Wahrnehmungen, die selbst nicht in der Wahrnehmung enthalten ist, +sondern die synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben in +einem Bewußtsein enthält, welche das Wesentliche einer Erkenntnis der +Objekte der Sinne, d.i. der Erfahrung (nicht bloß der Anschauung oder +Empfindung der Sinne) ausmacht. Nun kommen zwar in der Erfahrung +die Wahrnehmungen nur zufälligerweise zueinander, so, daß keine +Notwendigkeit ihrer Verknüpfung aus den Wahrnehmungen selbst erhellt, +noch erhellen kann, weil Apprehension nur eine Zusammenstellung des +Mannigfaltigen der empirischen Anschauung, aber keine Vorstellung von +der Notwendigkeit der verbundenen Existenz der Erscheinungen, die sie +zusammenstellt, im Raum und Zeit in derselben angetroffen wird. Da +aber Erfahrung ein Erkenntnis der Objekte durch Wahrnehmungen ist, +folglich das Verhältnis im Dasein des Mannigfaltigen, nicht wie es in +der Zeit zusammengestellt wird, sondern wie es objektiv in der Zeit +ist, in ihr vorgestellt werden soll, die Zeit selbst aber nicht +wahrgenommen werden kann, so kann die Bestimmung der Existenz der +Objekte in der Zeit nur durch ihre Verbindung in der Zeit überhaupt, +mithin nur durch a priori verknüpfte Begriffe, geschehen. Da diese nun +jederzeit zugleich Notwendigkeit bei sich führen, so ist Erfahrung nur +durch eine Vorstellung der notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen +möglich. + +Die drei modi der Zeit sind Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein. +Daher werden drei Regeln aller Zeitverhältnisse der Erscheinungen, +wonach jeder ihr Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt +werden kann, vor aller Erfahrung vorangehen, und diese allererst +möglich machen. + +Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien beruht auf der +notwendigen Einheit der Apperzeption, in Ansehung alles möglichen +empirischen Bewußtseins, (der Wahrnehmung,) zu jeder Zeit, folglich, +da jene a priori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit +aller Erscheinungen nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. Denn die +ursprüngliche Apperzeption bezieht sich auf den inneren Sinn (den +Inbegriff aller Vorstellungen), und zwar a priori auf die Form +desselben, d.i. das Verhältnis des mannigfaltigen empirischen +Bewußtseins in der Zeit. In der ursprünglichen Apperzeption soll nun +alle dieses Mannigfaltige, seinen Zeitverhältnissen nach, vereinigt +werden; denn dieses sagt die transzendentale Einheit derselben a +priori, unter welcher alles steht, was zu meinem (d.i. meinem einigen) +Erkenntnisse gehören soll, mithin ein Gegenstand für mich werden +kann. Diese synthetische Einheit in dem Zeitverhältnisse aller +Wahrnehmungen, welche a priori bestimmt ist, ist also das Gesetz: +daß alle empirischen Zeitbestimmungen unter Regeln der angeben +Zeitbestimmung stehen müssen, und die Analogien der Erfahrung, von +denen wir jetzt handeln wollen, müssen dergleichen Regeln sein. + +Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, daß sie nicht die +Erscheinungen, und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern +bloß das Dasein, und ihr Verhältnis untereinander in Ansehung dieses +ihres Daseins, erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Erscheinung +apprehendiert wird, a priori dergestalt bestimmt sein, daß die +Regel ihrer Synthesis zugleich diese Anschauung a priori in jedem +vorliegenden empirischen Beispiele geben, d.i. sie daraus zustande +bringen kann. Allein das Dasein der Erscheinungen kann a priori nicht +erkannt werden, und ob wir gleich auf diesem Wege dahin gelangen +könnten, auf irgendein Dasein zu schließen, so würden wir dieses doch +nicht bestimmt erkennen, d.i. das, wodurch seine empirische Anschauung +sich von anderen unterschiede, antizipieren können. + +Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematischen nannte, in +Betracht dessen, daß sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden +berechtigten, gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit nach, +und lehrten, wie sie sowohl ihrer Anschauung, als dem Realen ihrer +Wahrnehmung nach, nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt +werden könnten; daher sowohl bei der einen, als bei der anderen die +Zahlgrößen, und, mit ihnen, die Bestimmung der Erscheinung als Größe, +gebraucht werden können. So werde ich z.B. den Grad der Empfindungen +des Sonnenlichts aus etwa 200 000 Erleuchtungen durch den Mond +zusammensetzen und a priori bestimmt geben, d.i. konstruieren können. +Daher können wir die ersteren Grundsätze konstitutive nennen. + +Ganz anders muß es mit denen bewandt sein, die das Dasein der +Erscheinungen a priori unter Regeln bringen sollen. Denn, da dieses +sich nicht konstruieren läßt, so werden sie nur auf das Verhältnis des +Daseins gehen, und keine andere als bloß regulative Prinzipien abgeben +können. Da ist also weder an Axiome, noch an Antizipationen zu denken, +sondern, wenn uns eine Wahrnehmung in einem Zeitverhältnisse gegen +andere (obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird a priori nicht gesagt +werden können: welche andere und wie große Wahrnehmung, sondern, wie +sie dem Dasein nach, in diesem modo der Zeit, mit jener notwendig +verbunden sei. In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr +Verschiedenes von demjenigen, was sie in der Mathematik vorstellen. +In dieser sind es Formeln, welche die Gleichheit zweier +Größenverhältnisse aussagen, und jederzeit konstitutiv, so, daß, wenn +zwei Glieder der Proportion gegeben sind, auch das dritte dadurch +gegeben wird, d.i. konstruiert werden kann. In der Philosophie aber +ist die Analogie nicht die Gleichheit zweier quantitativen, sondern +qualitativen Verhältnisse, wo ich aus drei gegebenen Gliedern nur das +Verhältnis zu einem vierten, nicht aber dieses vierte Glied selbst +erkennen, und a priori geben kann, wohl aber eine Regel habe, es in +der Erfahrung zu suchen, und ein Merkmal, es in derselben aufzufinden. +Eine Analogie der Erfahrung wird also nur eine Regel sein, nach +welcher aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung (nicht wie Wahrnehmung +selbst, als empirische Anschauung überhaupt) entspringen soll, und als +Grundsatz von den Gegenständen (der Erscheinungen) nicht konstitutiv, +sondern bloß regulativ gelten. Ebendasselbe aber wird auch von den +Postulaten des empirischen Denkens überhaupt, welche die Synthesis der +bloßen Anschauung (der Form der Erscheinung), der Wahrnehmung (der +Materie derselben), und der Erfahrung (des Verhältnisses dieser +Wahrnehmungen) zusammen betreffen, gelten, nämlich daß sie nur +regulative Grundsätze sind, und sich von den mathematischen, die +konstitutiv sind, zwar nicht in der Gewißheit, welche in beiden +a priori feststeht, aber doch in der Art der Evidenz, d.i. dem +Intuitiven derselben (mithin auch der Demonstration) unterscheiden. + +Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward, und hier +vorzüglich angemerkt werden muß, ist dieses: daß diese Analogien nicht +als Grundsätze des transzendentalen, sondern bloß des empirischen +Verstandesgebrauchs, ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit halben, +mithin auch nur als solche bewiesen werden können, daß folglich die +Erscheinungen nicht unter die Kategorien schlechthin, sondern nur +unter ihre Schemate subsumiert werden müssen. Denn, wären die +Gegenstände, auf welche diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge +an sich selbst, so wäre es ganz unmöglich, etwas von ihnen a priori +synthetisch zu erkennen. Nun sind es nichts als Erscheinungen, deren +vollständige Erkenntnis, auf die alle Grundsätze a priori zuletzt +doch immer auslaufen müssen, lediglich die mögliche Erfahrung ist, +folglich können jene nichts, als bloß die Bedingungen der Einheit +des empirischen Erkenntnisses in der Synthesis der Erscheinungen zum +Ziele haben; diese aber wird nur allein in dem Schema des reinen +Verstandesbegriffs gedacht, von deren Einheit, als einer Synthesis +überhaupt, die Kategorie die durch keine sinnliche Bedingung +restringierte Funktion enthält. Wir werden also durch diese Grundsätze +die Erscheinungen nur nach einer Analogie, mit der logischen und +allgemeinen Einheit der Begriffe, zusammenzusetzen berechtigt werden, +und daher uns in dem Grundsatze selbst zwar der Kategorie bedienen, +in der Ausführung aber (der Anwendung auf Erscheinungen) das Schema +derselben, als den Schlüssel ihres Gebrauchs, an dessen Stelle, oder +jener vielmehr, als restringierende Bedingung, unter dem Namen einer +Formel des ersteren, zur Seite setzen. + + + +A. Erste Analogie + +Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz + +Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz, und das +Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert. + + Beweis + +Alle Erscheinungen sind in der Zeit, in welcher, als Substrat, (als +beharrlicher Form der inneren Anschauung,) das Zugleichsein sowohl als +die Folge allein vorgestellt werden kann. Die Zeit also in der aller +Wechsel der Erscheinungen gedacht werden soll, bleibt und wechselt +nicht; weil sie dasjenige ist, in welchem das Nacheinander- oder +Zugleichsein nur als Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. +Nun kann die Zeit für sich nicht wahrgenommen werden. Folglich muß in +den Gegenständen der Wahrnehmung, d.i. den Erscheinungen, das Substrat +anzutreffen sein, welches die Zeit überhaupt vorstellt, und an dem +aller Wechsel oder Zugleichsein durch das Verhältnis der Erscheinungen +zu demselben in der Apprehension wahrgenommen werden kann. Es ist aber +das Substrat alles Realen, d.i. zur Existenz der Dinge Gehörigen, die +Substanz, an welcher alles, was zum Dasein gehört, nur als Bestimmung +kann gedacht werden. Folglich ist das Beharrliche, womit in Verhältnis +alle Zeitverhältnisse der Erscheinungen allein bestimmt werden können, +die Substanz in der Erscheinung, d.i. das Reale derselben, was als +Substrat alles Wechsels immer dasselbe bleibt. Da diese also im Dasein +nicht wechseln kann, so kann ihr Quantum in der Natur auch weder +vermehrt noch vermindert werden. + +Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit +sukzessiv, und ist also immer wechselnd. Wir können also dadurch +allein niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige, als Gegenstand der +Erfahrung, zugleich sei, oder nacheinander folge, wo an ihr nicht +etwas zum Grunde liegt, was jederzeit ist, d.i. etwas Bleibendes und +Beharrliches, von welchem aller Wechsel und Zugleichsein nichts, als +so viel Arten (modi der Zeit) sind, wie das Beharrliche existiert. +Nur in dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich (denn +Simultaneität und Sukzession sind die einzigen Verhältnisse in der +Zeit), d.i. das Beharrliche ist das Substratum der empirischen +Vorstellung der Zeit selbst, an welchem alle Zeitbestimmung allein +möglich ist. Die Beharrlichkeit drückt überhaupt die Zeit, als das +beständige Korrelatum alles Daseins der Erscheinungen, alles Wechsels +und aller Begleitung, aus. Denn der Wechsel trifft die Zeit selbst +nicht, sondern nur die Erscheinungen in der Zeit, (so wie das +Zugleichsein nicht ein modus der Zeit selbst ist, als in welcher gar +keine Teile zugleich, sondern alle nacheinander sind). Wollte man der +Zeit selbst eine Folge nacheinander beilegen, so müßte man noch eine +andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre. Durch das +Beharrliche allein bekommt das Dasein in verschiedenen Teilen der +Zeitreihe nacheinander eine Größe, die man Dauer nennt. Denn in der +bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend und anhebend, +und hat niemals die mindeste Größe. Ohne dieses Beharrliche +ist also kein Zeitverhältnis. Nun kann die Zeit an sich selbst +nicht wahrgenommen werden; mithin ist dieses Beharrliche an den +Erscheinungen das Substratum aller Zeitbestimmung, folglich auch +die Bedingung der Möglichkeit aller synthetischen Einheit der +Wahrnehmungen, d.i. der Erfahrung, und an diesem Beharrlichen kann +alles Dasein und aller Wechsel in der Zeit nur als ein modus der +Existenz dessen, was bleibt und beharrt, angesehen werden. Also ist in +allen Erscheinungen das Beharrliche der Gegenstand selbst, d.i. die +Substanz (phaenomenon), alles aber, was wechselt, oder wechseln kann, +gehört nur zu der Art, wie diese Substanz oder Substanzen existieren, +mithin zu ihren Bestimmungen. + +Ich finde, daß zu allen Zeiten nicht bloß der Philosoph, sondern +selbst der gemeine Verstand diese Beharrlichkeit, als ein Substratum +alles Wechsels der Erscheinungen, vorausgesetzt haben, und auch +jederzeit als ungezweifelt annehmen werden, nur daß der Philosoph +sich hierüber etwas bestimmter ausdrückt, indem er sagt: bei allen +Veränderungen in der Welt bleibt die Substanz, und nur die Akzidenzen +wechseln. Ich treffe aber von diesem so synthetischen Satze nirgends +auch nur den Versuch von einem Beweise an, ja er steht auch nur +selten, wie es ihm doch gebührt, an der Spitze der reinen und völlig a +priori bestehenden Gesetze der Natur. In der Tat ist der Satz, daß die +Substanz beharrlich sei, tautologisch. Denn bloß diese Beharrlichkeit +ist der Grund, warum wir auf die Erscheinung die Kategorie der +Substanz anwenden, und man hätte beweisen müssen, daß in allen +Erscheinungen etwas Beharrliches sei, an welchem das Wandelbare nichts +als Bestimmung seines Daseins ist. Da aber ein solcher Beweis niemals +dogmatisch, d.i. aus Begriffen, geführt werden kann, weil er einen +synthetischen Satz a priori betrifft, und man niemals daran dachte, +daß dergleichen Sätze nur in Beziehung auf mögliche Erfahrung gültig +sind, mithin auch nur durch eine Deduktion der Möglichkeit der +letzteren bewiesen werden können; so ist kein Wunder, wenn er zwar bei +aller Erfahrung zum Grunde gelegt (weil man dessen Bedürfnis bei der +empirischen Erkenntnis fühlt), niemals aber bewiesen worden ist. + +Ein Philosoph wurde gefragt: wieviel wiegt der Rauch? Er antwortete: +ziehe von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht der +übrigbleibenden Asche ab, so hast du das Gewicht des Rauchs. Er setzte +also als unwidersprechlich voraus: daß, selbst im Feuer, die Materie +(Substanz) nicht vergehe, sondern nur die Form derselben eine +Abänderung erleide. Ebenso war der Satz: aus nichts wird nichts, nur +ein anderer Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit, oder +vielmehr des immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjekts an +den Erscheinungen. Denn, wenn dasjenige an der Erscheinung, was man +Substanz nennen will, das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung +sein soll, so muß sowohl alles Dasein in der vergangenen, als das der +künftigen Zeit, daran einzig und allein bestimmt werden können. Daher +können wir einer Erscheinung nur darum den Namen Substanz geben, weil +wir ihr Dasein zu aller Zeit voraussetzen, welches durch das Wort +Beharrlichkeit nicht einmal wohl ausgedrückt wird, indem dieses mehr +auf künftige Zeit geht. Indessen ist die innere Notwendigkeit zu +beharren, doch unzertrennlich mit der Notwendigkeit, immer gewesen zu +sein, verbunden, und der Ausdruck mag also bleiben. Gigni de nihilo +nihil, in nihilum nil posse reverti, waren zwei Sätze, welche die +Alten unzertrennt verknüpften, und die man aus Mißverstand jetzt +bisweilen trennt, weil man sich vorstellt, daß sie Dinge an sich +selbst angehen, und der erstere der Abhängigkeit der Welt von einer +obersten Ursache (auch sogar ihrer Substanz nach) entgegen sein +dürfte; welche Besorgnis unnötig ist, indem hier nur von Erscheinungen +im Felde der Erfahrung die Rede ist, deren Einheit niemals möglich +sein würde, wenn wir neue Dinge (der Substanz nach) wollten entstehen +lassen. Denn alsdann fiele dasjenige weg, welches die Einheit der +Zeit allein vorstellen kann, nämlich die Identität des Substratum, +als woran aller Wechsel allein durchgängige Einheit hat. Diese +Beharrlichkeit ist indes doch weiter nichts, als die Art, uns das +Dasein der Dinge (in der Erscheinung) vorzustellen. + +Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts anderes sind, als +besondere Arten derselben zu existieren, heißen Akzidenzen. Sie +sind jederzeit real, weil sie das Dasein der Substanz betreffen, +(Negationen sind nur Bestimmungen, die das Nichtsein von etwas an +der Substanz ausdrücken). Wenn man nun diesem Realen an der Substanz +ein besonderes Dasein beigelegt, (z.E. der Bewegung, als einem +Akzidens der Materie,) so nennt man dieses Dasein die Inhärenz, zum +Unterschiede vom Dasein der Substanz, die man Subsistenz nennt. +Allein hieraus entspringen viel Mißdeutungen, und es ist genauer und +richtiger geredet, wenn man das Akzidens nur durch die Art, wie das +Dasein einer Substanz positiv bestimmt ist, bezeichnet. Indessen ist +es doch, vermöge der Bedingungen des logischen Gebrauchs unseres +Verstandes, unvermeidlich, dasjenige, was im Dasein einer Substanz +wechseln kann, indessen, daß die Substanz bleibt, gleichsam +abzusondern, und in Verhältnis auf das eigentliche Beharrliche und +Radikale zu betrachten; daher denn auch diese Kategorie unter dem +Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Bedingung derselben, als +daß sie selbst ein Verhältnis enthielte. + +Auf dieser Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung +des Begriffs von Veränderung. Entstehen und Vergehen sind nicht +Veränderungen desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist +eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben +desselben Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, +bleibend, und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur +die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können, so +können wir, in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck, sagen: nur +das Beharrliche (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet +keine Veränderung, sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen +aufhören, und andere anheben. + +Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und das +Entstehen oder Vergehen, schlechthin, ohne daß es bloß eine Bestimmung +des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein, +weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergange aus dem +Zustande in den anderen, und von Nichtsein zum Sein, möglich macht, +die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was bleibt, empirisch +erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin anfange zu +sein; so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht war. Woran +wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen, was schon da +ist? Denn eine leere Zeit, die vorherginge, ist kein Gegenstand der +Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge, die vorher +waren, und bis zu dem, was entsteht, fortdauern, so war das letztere +nur eine Bestimmung des ersteren, als des Beharrlichen. Ebenso ist es +auch mit dem Vergehen: denn dieses setzt die empirische Vorstellung +einer Zeit voraus, da eine Erscheinung nicht mehr ist. + +Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller +Zeitbestimmungen. Das Entstehen einiger, und das Vergehen anderer +derselben, würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit +der Zeit aufheben, und die Erscheinungen würden sich alsdann auf +zweierlei Zeiten beziehen, in denen nebeneinander das Dasein +verflösse, welches ungereimt ist. Denn es ist nur Eine Zeit, in +welcher alle verschiedenen Zeiten nicht zugleich, sondern nacheinander +gesetzt werden müssen. + +So ist demnach die Beharrlichkeit eine notwendige Bedingung, unter +welcher allein Erscheinungen, als Dinge oder Gegenstände, in einer +möglichen Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Kriterium +dieser notwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der +Erscheinungen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben, das +Nötige anzumerken. + + + +B. Zweite Analogie + +Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Kausalität + +Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung der +Ursache und Wirkung. + + Beweis + +(Daß alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesamt nur Veränderungen, +d.i. ein sukzessives Sein und Nichtsein der Bestimmungen der Substanz +sind, die da beharrt, folglich das Sein der Substanz selbst, welches +aufs Nichtsein derselben folgt, oder das Nichtsein derselben, welches +aufs Dasein folgt, mit anderen Worten, daß das Entstehen oder Vergehen +der Substanz selbst nicht stattfinde, hat der vorige Grundsatz +dargetan. Dieser hätte auch so ausgedrückt werden können: Aller +Wechsel (Sukzession) der Erscheinungen ist nur Veränderung, denn +Entstehen oder Vergehen der Substanz sind keine Veränderungen +derselben, weil der Begriff der Veränderung eben dasselbe Subjekt +mit zwei entgegengesetzten Bestimmungen als existierend, mithin als +beharrend, voraussetzt. - Nach dieser Vorerinnerung folgt der Beweis.) + +Ich nehme, wahr, daß Erscheinungen aufeinander folgen, d.i. daß ein +Zustand der Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegenteil im vorigen +Zustande war. Ich verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in +der Zeit. Nun ist Verknüpfung kein Werk des bloßen Sinnes und der +Anschauung, sondern hier das Produkt eines synthetischen Vermögens +der Einbildungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung des +Zeitverhältnisses bestimmt. Diese kann aber gedachte zwei Zustände auf +zweierlei Art verbinden, so, daß der eine oder der andere in der Zeit +vorausgehe; denn die Zeit kann an sich selbst nicht wahrgenommen, und +in Beziehung auf sie gleichsam empirisch, was vorübergehe und was +folge, am Objekte bestimmt werden. Ich bin mir also nur bewußt, daß +meine Imagination eines vorher, das andere nachher setze, nicht daß im +Objekte der eine Zustand vor dem anderen vorhergehe; oder, mit anderen +Worten, es bleibt durch die bloße Wahrnehmung das objektive Verhältnis +der einander folgenden Erscheinungen unbestimmt. Damit dieses nun +als bestimmt erkannt werde, muß das Verhältnis zwischen den beiden +Zuständen so gedacht werden, daß dadurch als notwendig bestimmt +wird, welcher derselben vorher, welcher nachher und nicht umgekehrt +müsse gesetzt werden. Der Begriff aber, der eine Notwendigkeit +der synthetischen Einheit bei sich führt, kann nur ein reiner +Verstandesbegriff sein, der nicht in der Wahrnehmung liegt, und das +ist hier der Begriff des Verhältnisses der Ursache und Wirkung, wovon +die erstere die letztere in der Zeit, als die Folge, und nicht als +etwas, was bloß in der Einbildung vorhergehen (oder gar überall nicht +wahrgenommen sein) könnte, bestimmt. Also ist nur dadurch, daß wir +die Folge der Erscheinungen, mithin alle Veränderung dem Gesetze der +Kausalität unterwerfen, selbst Erfahrung d.i. empirisches Erkenntnis +von denselben möglich, mithin sind sie selbst, als Gegenstände der +Erfahrung, nur nach eben dem Gesetze möglich. + +Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit +sukzessiv. Die Vorstellungen der Teile folgen aufeinander. Ob sie sich +auch im Gegenstande folgen, ist ein zweiter Punkt der Reflexion, der +in dem ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles, und +sogar jede Vorstellung, sofern man sich ihrer bewußt ist, Objekt +nennen; allein was dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten habe, +nicht, insofern sie (als Vorstellungen) Objekte sind, sondern nur ein +Objekt bezeichnen, ist von tieferer Untersuchung. Sofern sie, nur +als Vorstellungen zugleich Gegenstände des Bewußtseins sind, so sind +sie von der Apprehension, d.i. der Aufnahme in die Synthesis der +Einbildungskraft, gar nicht unterschieden, und man muß also sagen: +das Mannigfaltige der Erscheinungen wird im Gemüt jederzeit sukzessiv +erzeugt. Wären Erscheinungen Dinge an sich selbst, so würde kein +Mensch aus der Sukzession der Vorstellungen von ihrem Mannigfaltigen +ermessen können, wie dieses in dem Objekt verbunden sei. Denn wir +haben es doch nur mit unseren Vorstellungen zu tun; wie Dinge an sich +selbst (ohne Rücksicht auf Vorstellungen, dadurch sie uns affizieren,) +sein mögen, ist gänzlich außer unserer Erkenntnissphäre. Ob nun gleich +die Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, und gleichwohl doch das +einzige sind, was uns zur Erkenntnis gegeben werden kann, so soll ich +anzeigen, was dem Mannigfaltigen an den Erscheinungen selbst für eine +Verbindung in der Zeit zukomme, indessen daß die Vorstellung desselben +in der Apprehension jederzeit sukzessiv ist. So ist z.E. die +Apprehension des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines Hauses, das +vor mir steht, sukzessiv. Nun ist die Frage: ob das Mannigfaltige +dieses Hauses selbst auch in sich sukzessiv sei, welches freilich +niemand zugeben wird. Nun ist aber, sobald ich meine Begriffe von +einem Gegenstande bis zur transzendentalen Bedeutung steigere, das +Haus gar kein Ding an sich selbst, sondern nur eine Erscheinung, d.i. +Vorstellung, deren transzendentaler Gegenstand unbekannt ist; was +verstehe ich also unter der Frage: wie das Mannigfaltige in der +Erscheinung selbst (die doch nichts an sich selbst ist) verbunden sein +möge? Hier wird das, was in der sukzessiven Apprehension liegt, als +Vorstellung, die Erscheinung aber, die mir gegeben ist, ohnerachtet +sie nichts weiter als ein Inbegriff dieser Vorstellungen ist, als der +Gegenstand derselben betrachtet, mit welchem mein Begriff, den ich aus +den Vorstellungen der Apprehension ziehe, zusammenstimmen soll. Man +sieht bald, daß, weil Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt +Wahrheit ist, hier nur nach den formalen Bedingungen der empirischen +Wahrheit gefragt werden kann, und Erscheinung, im Gegenverhältnis +mit den Vorstellungen der Apprehension, nur dadurch als das davon +unterschiedene Objekt derselben könne vorgestellt werden, wenn sie +unter einer Regel steht, welche sie von jeder anderen Apprehension +unterscheidet, und eine Art der Verbindung des Mannigfaltigen +notwendig macht. Dasjenige an der Erscheinung, was die Bedingung +dieser notwendigen Regel der Apprehension enthält, ist das Objekt. + +Nun laßt uns zu unserer Aufgabe fortgehen. Daß etwas geschehe, d.i. +etwas, oder ein Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht +empirisch wahrgenommen werden, wo nicht eine Erscheinung vorhergeht, +welche diesen Zustand nicht in sich enthält; denn eine Wirklichkeit, +die auf eine leere Zeit folge mithin ein Entstehen, vor dem kein +Zustand der Dinge vorhergeht, kann ebensowenig, als die leere Zeit +selbst apprehendiert werden. Jede Apprehension einer Begebenheit ist +also eine Wahrnehmung, welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber +bei aller Synthesis der Apprehension so beschaffen ist, wie ich oben +an der Erscheinung eines Hauses gezeigt habe, so unterscheidet sie +sich dadurch noch nicht von anderen. Allein ich bemerke auch. daß, +wenn ich an einer Erscheinung, welche ein Geschehen enthält, den +vorhergehenden Zustand der Wahrnehmung A, den folgenden aber B nenne, +daß B auf A in der Apprehension nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf +B nicht folgen, sondern nur vorhergehen kann. Ich sehe z.B. ein Schiff +den Strom hinabtreiben. Meine Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb, +folgt auf die Wahrnehmung der Stelle desselben oberhalb dem Laufe +des Flusses, und es ist unmöglich, daß in der Apprehension dieser +Erscheinung das Schiff zuerst unterhalb, nachher aber oberhalb des +Stromes wahrgenommen werden sollte. Die Ordnung in der Folge der +Wahrnehmungen in der Apprehension ist hier also bestimmt, und an +dieselbe ist die letztere gebunden. In dem vorigen Beispiele von einem +Hause konnten meine Wahrnehmungen in der Apprehension von der Spitze +desselben anfangen, und beim Boden endigen, aber auch von unten +anfangen, und oben endigen, imgleichen rechts oder links das +Mannigfaltige der empirischen Anschauung apprehendieren. In der Reihe +dieser Wahrnehmungen war also keine bestimmte Ordnung, welche es +notwendig machte, wenn ich in der Apprehension anfangen müßte, um das +Mannigfaltige empirisch zu verbinden. Diese Regel aber ist bei der +Wahrnehmung von dem, was geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie +macht die Ordnung der einander folgenden Wahrnehmungen (in der +Apprehension dieser Erscheinung) notwendig. + +Ich werde also, in unserem Fall, die subjektive Folge der Apprehension +von der objektiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen, weil jene +sonst gänzlich unbestimmt ist, und keine Erscheinung von der anderen +unterscheidet. Jene allein beweist nichts von der Verknüpfung des +Mannigfaltigen am Objekt, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird +in der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach +welcher die Apprehension des einen (was geschieht) auf die des anderen +(das vorhergeht) nach einer Regel folgt. Nur dadurch kann ich von der +Erscheinung selbst, und nicht bloß von meiner Apprehension, berechtigt +sein zu sagen: daß in jener eine Folge anzutreffen sei, welches so +viel bedeutet, als daß ich die Apprehension nicht anders anstellen +könne, als gerade in dieser Folge. + +Nach einer solchen Regel also muß in dem, was überhaupt vor einer +Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, nach +welcher jederzeit und notwendigerweise diese Begebenheit folgt; +umgekehrt aber kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen, und +dasjenige bestimmen (durch Apprehension) was vorhergeht. Denn von dem +folgenden Zeitpunkt geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber +bezieht sich doch auf irgendeinen vorigen; von einer gegebenen Zeit +ist dagegen der Fortgang auf die bestimmte folgende notwendig. Daher, +weil es doch etwas ist, was folgt, so muß ich es notwendig auf etwas +anderes überhaupt beziehen, was vorhergeht, und worauf es nach einer +Regel, d.i. notwendigerweise, folgt, so daß die Begebenheit, als das +Bedingte, auf irgendeine Bedingung sichere Anweisung gibt, diese aber +die Begebenheit bestimmt. + +Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf +dieselbe nach einer Regel folgen müßte, so wäre alle Folge der +Wahrnehmung nur lediglich in der Apprehension, d.i. bloß subjektiv, +aber dadurch gar nicht objektiv bestimmt, welches eigentlich das +Vorhergehende, und welches das Nachfolgende der Wahrnehmungen sein +müßte. Wir würden auf solche Weise nur ein Spiel der Vorstellungen +haben, das sich auf gar kein Objekt bezöge, d.i. es würde durch unsere +Wahrnehmung eine Erscheinung von jeder anderen, dem Zeitverhältnisse +nach, gar nicht unterschieden werden; weil die Sukzession im +Apprehendieren allerwärts einerlei, und also nichts in der Erscheinung +ist, was sie bestimmt, so daß dadurch eine gewisse Folge als objektiv +notwendig gemacht wird. Ich werde also nicht sagen: daß in der +Erscheinung zwei Zustände aufeinander folgen; sondern nur: daß eine +Apprehension auf die andere folgt, welches bloß etwas Subjektives ist, +und kein Objekt bestimmt, mithin gar nicht vor Erkenntnis irgendeines +Gegenstandes (selbst nicht in der Erscheinung) gelten kann. + +Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei +jederzeit voraus, daß irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer +Regel folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Objekt sagen, +daß es folge, weil die bloße Folge in meiner Apprehension, wenn sie +nicht durch eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt +ist, keine Folge im Objekte berechtigt. Also geschieht es immer in +Rücksicht auf eine Regel, nach welcher die Erscheinungen in ihrer +Folge, d.i. so wie sie geschehen, durch den vorigen Zustand bestimmt +sind, daß ich meine subjektive Synthesis (der Apprehension) objektiv +mache, und, nur lediglich unter dieser Voraussetzung allein, ist +selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht, möglich. + +Zwar scheint es, als widerspreche dieses allen Bemerkungen, die man +jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat, nach +welchen wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen +übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende +Erscheinungen, eine Regel zu entdecken, geleitet worden, der gemäß +gewisse Begebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzeit folgen, +und dadurch zuerst veranlaßt worden, uns den Begriff von Ursache zu +machen. Auf solchen Fuß würde dieser Begriff bloß empirisch sein, und +die Regel, die er verschafft, daß alles, was geschieht, eine Ursache +habe, würde ebenso zufällig sein, als die Erfahrung selbst: seine +Allgemeinheit und Notwendigkeit wären alsdann nur angedichtet, und +hätten keine wahre allgemeine Gültigkeit, weil sie nicht a priori, +sondern nur auf Induktion gegründet wären. Es geht aber hiemit so, wie +mit anderen reinen Vorstellungen a priori, (z.B. Raum und Zeit) die +wir darum allein aus der Erfahrung als klare Begriffe herausziehen +können, weil wir sie in die Erfahrung gelegt hatten, und diese daher +durch jene allererst zustande brachten. Freilich ist die logische +Klarheit dieser Vorstellung, einer die Reihe der Begebenheiten +bestimmenden Regel, als eines Begriffs von Ursache, nur alsdann +möglich, wenn wir davon in der Erfahrung Gebrauch gemacht haben, aber +eine Rücksicht auf dieselbe, als Bedingung der synthetischen Einheit +der Erscheinungen in der Zeit, war doch der Grund der Erfahrung +selbst, und ging also a priori vor ihr vorher. + +Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, daß wir niemals +selbst in der Erfahrung die Folge (einer Begebenheit, da etwas +geschieht, was vorher nicht war) dem Objekt beilegen, und sie von der +subjektiven unserer Apprehension unterscheiden, als wenn eine Regel +zum Grunde liegt, die uns nötigt, diese Ordnung der Wahrnehmungen +vielmehr als eine andere zu beobachten, ja daß diese Nötigung es +eigentlich sei, was die Vorstellung einer Sukzession im Objekt +allererst möglich macht. + +Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden +können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt, und so genau +oder pünktlich sein, als man wolle, so bleiben es doch nur immer +Vorstellungen, d.i. innere Bestimmungen unseres Gemüts in diesem +oder jenem Zeitverhältnisse. Wie kommen wir nun dazu, daß wir diesen +Vorstellungen ein Objekt setzen, oder über ihre subjektive Realität, +als Modifikationen, ihnen noch, ich weiß nicht, was für eine, +objektive beilegen? Objektive Bedeutung kann nicht in der Beziehung +auf eine andere Vorstellung (von dem, was man vom Gegenstande nennen +wollte) bestehen, denn sonst erneuert sich die Frage: wie geht diese +Vorstellung wiederum aus sich selbst heraus, und bekommt objektive +Bedeutung noch über die subjektive, welche ihr, als Bestimmung des +Gemütszustandes, eigen ist? Wenn wir untersuchen, was denn die +Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue +Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie dadurch +erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Verbindung +der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen, und sie +einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch, daß eine +gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen +notwendig ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird. + +In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der +Vorstellungen jederzeit nacheinander. Hiedurch wird nun gar kein +Objekt vorgestellt; weil durch diese Folge, die allen Apprehensionen +gemein ist, nichts vom anderen unterschieden wird. Sobald ich aber +wahrnehme, oder voraus annehme, daß in dieser Folge eine Beziehung auf +den vorhergehenden Zustand sei, aus welchem die Vorstellung nach einer +Regel folgt, so stellt sich etwas vor als Begebenheit, oder was da +geschieht, d.i. ich erkenne einen Gegenstand, den ich in der Zeit +auf eine gewisse bestimmte Stelle setzen muß, die ihm, nach dem +vorhergehenden Zustande, nicht anders erteilt werden kann. Wenn ich +also wahrnehme, daß etwas geschieht, so ist in dieser Vorstellung +erstlich enthalten: daß etwas vorhergehe, weil eben in Beziehung auf +dieses die Erscheinung ihre Zeitverhältnis bekommt, nämlich, nach +einer vorhergehenden Zeit, in der sie nicht war, zu existieren. Aber +ihre bestimmte Zeitstelle in diesem Verhältnisse kann sie nur dadurch +bekommen, daß im vorhergehenden Zustande etwas vorausgesetzt wird, +worauf es jederzeit, d.i. nach einer Regel, folgt: woraus sich denn +ergibt, daß ich erstlich nicht die Reihe umkehren, und das, was +geschieht, demjenigen voransetzen kann, worauf es folgt: zweitens +daß, wenn der Zustand, der vorhergeht, gesetzt wird, diese bestimmte +Begebenheit unausbleiblich und notwendig folge. Dadurch geschieht es: +daß eine Ordnung unter unseren Vorstellungen wird, in welcher das +Gegenwärtige (sofern es geworden) auf irgendeinen vorhergehenden +Zustand Anweisung gibt, als ein, obzwar noch unbestimmtes Korrelatum +dieser Ereignis, die gegeben ist, welches sich aber auf diese, als +seine Folge, bestimmend bezieht, und sie notwendig mit sich in der +Zeitreihe verknüpft. + +Wenn es nun ein notwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin eine +formale Bedingung aller Wahrnehmungen ist: daß die vorige Zeit die +folgende notwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders +gelangen kann, als durch die vorhergehende); so ist es auch ein +unentbehrliches Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, daß +die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden +bestimmen, und daß diese, als Begebenheiten, nicht stattfinden, als +sofern jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d.i. nach einer +Regel festsetzen. Denn nur an den Erscheinungen können wir diese +Kontinuität im Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen. + +Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und das +erste, was er dazu tut, ist nicht: daß er die Vorstellung der +Gegenstände deutlich macht, sondern daß er die Vorstellung eines +Gegenstandes überhaupt möglich macht. Dieses geschieht nun dadurch, +daß er die Zeitordnung auf die Erscheinungen und deren Dasein +überträgt, indem er jeder derselben als Folge eine, in Ansehung der +vorhergehenden Erscheinungen, a priori bestimmte Stelle in der Zeit +zuerkennt, ohne welche sie nicht mit der Zeit selbst, die allen ihren +Teilen a priori ihre Stelle bestimmt, übereinkommen würde. Diese +Bestimmung der Stelle kann nun nicht von dem Verhältnis der +Erscheinungen gegen die absolute Zeit entlehnt werden, (denn die ist +kein Gegenstand der Wahrnehmung,) sondern umgekehrt, die Erscheinungen +müssen einander ihre Stellen in der Zeit selbst bestimmen, und +dieselbe in der Zeitordnung notwendig machen, d.i. dasjenige, was da +folgt, oder geschieht, muß nach einer allgemeinen Regel auf das, was +im vorigen Zustande enthalten war, folgen, woraus eine Reihe der +Erscheinungen wird, die vermittelst des Verstandes eben dieselbige +Ordnung und stetigen Zusammenhang in der Reihe möglicher Wahrnehmungen +hervorbringt, und notwendig macht, als sie in der Form der inneren +Anschauung, (der Zeit) darin alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben +müßten, a priori angetroffen wird. + +Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen +Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung, +ihrer Stelle nach, in der Zeit, als bestimmt, mithin als ein Objekt +ansehe, welches nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen +jederzeit gefunden werden kann. Diese Regel aber, etwas der Zeitfolge +nach zu bestimmen, ist: daß in dem, was vorhergeht, die Bedingung +anzutreffen sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d.i. +notwendigerweise) folgt. Also ist der Satz vom zureichenden Grunde +der Grund möglicher Erfahrung, nämlich der objektiven Erkenntnis der +Erscheinungen, in Ansehung des Verhältnisses derselben, in Reihenfolge +der Zeit. + +Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden +Momenten. Zu aller empirischen Erkenntnis gehört die Synthesis des +Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft, die jederzeit sukzessiv +ist; d.i. die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit aufeinander. Die +Folge aber ist in der Einbildungskraft der Ordnung nach (was vorgehen +und was folgen müsse) gar nicht bestimmt, und die Reihe der einen +der folgenden Vorstellungen kann ebensowohl rückwärts als vorwärts +genommen werden. Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der +Apprehension (des Mannigfaltigen einer gegebenen Erscheinung), so ist +die Ordnung im Objekt bestimmt, oder, genauer zu reden, es ist darin +eine Ordnung der sukzessiven Synthesis, die ein Objekt bestimmt, nach +welcher etwas notwendig vorausgehen, und wenn dieses gesetzt ist, +das andere notwendig folgen müsse. Soll also meine Wahrnehmung die +Erkenntnis einer Begebenheit enthalten, da nämlich etwas wirklich +geschieht; so muß sie ein empirisches Urteil sein, in welchem man +sich denkt, daß die Folge bestimmt sei, d.i. daß sie eine andere +Erscheinung der Zeit nach voraussetze, worauf sie notwendig, oder nach +einer Regel folgt. Widrigenfalls, wenn ich das Vorhergehende setze, +und die Begebenheit folgte nicht darauf notwendig, so würde ich sie +nur für ein subjektives Spiel meiner Einbildungen halten müssen, und +stellte ich mir darunter doch etwas Objektives vor, sie einen bloßen +Traum nennen. Also ist das Verhältnis der Erscheinungen (als möglicher +Wahrnehmungen), nach welchem das Nachfolgende (was geschieht) durch +etwas Vorhergehendes seinem Dasein nach notwendig, und nach einer +Regel in der Zeit bestimmt ist, mithin das Verhältnis der Ursache zur +Wirkung die Bedingung der objektiven Gültigkeit unserer empirischen +Urteile, in Ansehung der Reihe der Wahrnehmungen, mithin der +empirischen Wahrheit derselben, und also der Erfahrung. Der Grundsatz +des Kausalverhältnisses in der Folge der Erscheinungen gilt daher +auch vor allen Gegenständen der Erfahrung (unter den Bedingungen der +Sukzession), weil er selbst der Grund der Möglichkeit einer solchen +Erfahrung ist. + +Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben werden +muß. Der Satz der Kausalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in +unserer Formel auf die Reihenfolge derselben eingeschränkt, da es +sich doch bei dem Gebrauch desselben findet, daß er auch auf ihre +Begleitung passe, und Ursache und Wirkung zugleich sein könne. Es ist +z.B. Wärme im Zimmer, die nicht in freier Luft angetroffen wird. Ich +sehe mich nach der Ursache um, und finde einen geheizten Ofen. Nun ist +dieser, als Ursache, mit seiner Wirkung, der Stubenwärme, zugleich; +also ist hier keine Reihenfolge, der Zeit nach, zwischen Ursache und +Wirkung, sondern sie sind zugleich, und das Gesetz gilt doch. Der +größte Teil der wirkenden Ursache in der Natur ist mit ihren Wirkungen +zugleich, und die Zeitfolge der letzteren wird nur dadurch veranlaßt, +daß die Ursache ihre ganze Wirkung nicht in einem Augenblick +verrichten kann. Aber in dem Augenblicke, da sie zuerst entsteht, ist +sie mit der Kausalität ihrer Ursache jederzeit zugleich, weil, wenn +jene einen Augenblick vorher aufgehört hätte zu sein, diese gar nicht +entstanden wäre. Hier muß man wohl bemerken, daß es auf die Ordnung +der Zeit, und nicht auf den Ablauf derselben angesehen sei; das +Verhältnis bleibt, wenngleich keine Zeit verlaufen ist. Die Zeit +zwischen der Kausalität der Ursache, und deren unmittelbaren Wirkung, +kann verschwindend (sie also zugleich) sein, aber das Verhältnis der +einen zur anderen bleibt doch immer, der Zeit nach, bestimmbar. Wenn +ich eine Kugel, die auf einem ausgestopften Kissen liegt, und ein +Grübchen darin drückt, als Ursache betrachte, so ist sie mit der +Wirkung zugleich. Allein ich unterscheide doch beide durch das +Zeitverhältnis der dynamischen Verknüpfung beider. Denn, wenn ich die +Kugel auf das Kissen lege, so folgt auf die vorige glatte Gestalt +desselben das Grübchen; hat aber das Kissen (ich weiß nicht woher) ein +Grübchen, so folgt darauf nicht eine bleierne Kugel. + +Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriterium +der Wirkung, in Beziehung auf die Kausalität der Ursache, die +vorhergeht. Das Glas ist die Ursache von dem Steigen des Wassers über +seine Horizontalfläche, obgleich beide Erscheinungen zugleich sind. +Denn sobald ich dieses aus einem größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe, +so erfolgt etwas, nämlich die Veränderung des Horizontalstandes, den +es dort hatte, in einen konkaven, den es im Glase annimmt. + +Diese Kausalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den +Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich +mein kritisches Vorhaben, welches lediglich auf die Quellen der +synthetischen Erkenntnis a priori geht, nicht mit Zergliederungen +bemengen will, die bloß die Erläuterung (nicht Erweiterung) der +Begriffe angehen, so überlasse ich die umständliche Erörterung +derselben einem künftigen System der reinen Vernunft: wiewohl man eine +solche Analysis im reichen Maße, auch schon in den bisher bekannten +Lehrbüchern dieser Art, antrifft. Allein das empirische Kriterium +einer Substanz, sofern sie sich nicht durch die Beharrlichkeit der +Erscheinung, sondern besser und leichter durch Handlung zu offenbaren +scheint, kann ich nicht unberührt lassen. + +Wo Handlung, mithin Tätigkeit und Kraft ist, da ist auch Substanz, +und in dieser allein muß der Sitz jener fruchtbaren Quelle der +Erscheinungen gesucht werden. Das ist ganz gut gesagt; aber, wenn man +sich darüber erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und dabei +den fehlerhaften Zirkel vermeiden will, so ist es nicht so leicht +verantwortet. Wie will man aus der Behandlung sogleich auf die +Beharrlichkeit des Handelnden schließen, welches doch ein so +wesentliches und eigentümliches Kennzeichen der Substanz (phaenomenon) +ist? Allein, nach unserem vorigen hat die Auflösung der Frage doch +keine solche Schwierigkeit, ob sie gleich nach der gemeinen Art (bloß +analytisch mit seinen Begriffen zu verfahren) ganz unauflöslich +sein würde. Handlung bedeutet schon das Verhältnis des Subjekts der +Kausalität zur Wirkung. Weil nun alle Wirkung in dem besteht, was da +geschieht, mithin im Wandelbaren, was die Zeit der Sukzession nach +bezeichnet; so ist das letzte Subjekt desselben das Beharrliche, als +das Substratum alles Wechselnden, d.i. die Substanz. Denn nach dem +Grundsatze der Kausalität sind Handlungen immer der erste Grund von +allem Wechsel der Erscheinungen, und können also nicht in einem +Subjekt liegen, was selbst wechselt, weil sonst andere Handlungen und +ein anderes Subjekt, welches diesen Wechsel bestimmte, erforderlich +wären. Kraft dessen beweist nun Handlung, als ein hinreichendes +empirisches Kriterium, die Substantialität, ohne daß ich die +Beharrlichkeit desselben durch verglichene Wahrnehmungen allererst +zu suchen nötig hätte, welches auch auf diesem Wege mit der +Ausführlichkeit nicht geschehen könnte, die zu der Größe und strengen +Allgemeingültigkeit des Begriffs erforderlich ist. Denn daß das erste +Subjekt der Kausalität alles Entstehens und Vergehens selbst nicht +(im Felde der Erscheinungen) entstehen und vergehen könne, ist ein +sicherer Schluß, der auf empirische Notwendigkeit und Beharrlichkeit +im Dasein, mithin auf den Begriff einer Substanz als Erscheinung +ausläuft. + +Wenn etwas geschieht, so ist das bloße Entstehen, ohne Rücksicht +auf das, was da entsteht, schon an sich selbst ein Gegenstand der +Untersuchung. Der Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen +Zustand, gesetzt, daß dieser auch keine Qualität in der Erscheinung +enthielte, ist schon allein nötig zu untersuchen. Dieses Entstehen +trifft, wie in der Nummer A gezeigt worden, nicht die Substanz +(denn die entsteht nicht), sondern ihren Zustand. Es ist also bloß +Veränderung, und nicht Ursprung aus Nichts. Wenn dieser Ursprung +als Wirkung von einer fremden Ursache angesehen wird, so heißt er +Schöpfung, welche als Begebenheit unter den Erscheinungen nicht +zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit allein schon die +Einheit der Erfahrung aufheben würde, obzwar, wenn ich alle Dinge +nicht als Phänomene, sondern als Dinge an sich betrachte, und als +Gegenstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind, +dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen +werden können; welches aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach +sich ziehen, und auf Erscheinungen, als mögliche Gegenstände der +Erfahrung, nicht passen würde. + +Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne; wie es möglich sei, +daß auf einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im +anderen folgen könne: davon haben wir a priori nicht den mindesten +Begriff. Hierzu wird die Kenntnis wirklicher Kräfte erfordert, welche +nur empirisch gegeben werden kann, z.B. der bewegenden Kräfte, oder, +welches einerlei ist, gewisser sukzessiver Erscheinungen, (als +Bewegungen) welche solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden +Veränderung, die Bedingung, unter welcher sie, als ein Entstehen eines +anderen Zustandes, allein vorgehen kann, (der Inhalt derselben, d.i. +der Zustand, der verändert wird, mag sein, welcher er wolle), mithin +die Sukzession der Zustände selbst (das Geschehene) kann doch nach dem +Gesetze der Kausalität und den Bedingungen der Zeit a priori erwogen +werden*. + +* Man merke wohl: daß ich nicht von der Veränderung gewisser + Relationen überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede. + Daher, wenn ein Körper sich gleichförmig bewegt, so verändert er + seinen Zustand (der Bewegung) gar nicht; aber wohl, wenn seine + Bewegung zu- und abnimmt. + +Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen anderen b übergeht, +so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes +unterschieden, und folgt demselben. Ebenso ist auch der zweite Zustand +als Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht war, +wie b vom Zero unterschieden; d.i. wenn der Zustand b sich auch von +dem Zustande a nur der Größe nach unterschiede, so ist die Veränderung +ein Entstehen von b-a, welches im vorigen Zustande nicht war, und in +Ansehung dessen er = o ist. + +Es frägt sich also, wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen +anderen = b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit, +und zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der +eine Größe hat, (denn alle Teile der Erscheinungen sind immer wiederum +Größen). Also geschieht jeder Übergang aus einem Zustande in den +anderen in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten ist, +deren der erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht, +der zweite den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der +Zeit einer Veränderung, mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden +Zuständen, und gehören als solche mit zu der ganzen Veränderung. Nun +hat jede Veränderung eine Ursache, welche in der ganzen Zeit, in +welcher jene vorgeht, ihre Kausalität beweist. Also bringt diese +Ursache ihre Veränderung nicht plötzlich (auf einmal oder in einem +Augenblicke) hervor, sondern in einer Zeit, so, daß, wie die Zeit vom +Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b wächst, auch die +Größe der Realität (b-a) durch alle kleineren Grade, die zwischen dem +ersten und letzten enthalten sind, erzeugt wird. Alle Veränderung ist +also nur durch eine kontinuierliche Handlung der Kausalität möglich, +welche, sofern sie gleichförmig ist, ein Moment heißt. Aus diesen +Momenten besteht nicht die Veränderung, sondern wird dadurch erzeugt +als ihre Wirkung. + +Das ist nun das Gesetz der Kontinuität aller Veränderung, dessen Grund +dieser ist: daß weder die Zeit, noch auch die Erscheinung in der Zeit, +aus Teilen besteht, die die kleinsten sind, und daß doch der Zustand +des Dinges bei seiner Veränderung durch alle diese Teile, als +Elemente, zu seinem zweiten Zustande übergehe. Es ist kein Unterschied +des Realen in der Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Größe +der Zeiten, der kleinste, und so erwächst der neue Zustand der +Realität von dem ersten an, darin diese nicht war, durch alle +unendlichen Grade derselben, deren Unterschiede voneinander insgesamt +kleiner sind, als der zwischen o und a. + +Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, das geht +uns hier nichts an. Aber, wie ein solcher Satz, der unsere Erkenntnis +der Natur so zu erweitern scheint, völlig a priori möglich sei, das +erfordert gar sehr unsere Prüfung, wenngleich der Augenschein beweist, +daß er wirklich und richtig sei, und man also der Frage, wie er +möglich gewesen, überhoben zu sein glauben möchte. Denn es gibt so +mancherlei ungegründete Anmaßungen der Erweiterung unserer Erkenntnis +durch reine Vernunft: daß es zum allgemeinen Grundsatz angenommen +werden muß, deshalb durchaus mißtrauisch zu sein, und ohne Dokumente, +die eine gründliche Deduktion verschaffen können, selbst auf den +klarsten dogmatischen Beweis nichts dergleichen zu glauben und +anzunehmen. + +Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses, und jeder Fortschritt +der Wahrnehmung ist nichts, als eine Erweiterung der Bestimmung des +inneren Sinnes, d.i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen +sein, welche sie wollen, Erscheinungen, oder reine Anschauungen. +Dieser Fortgang in der Zeit bestimmt alles, und ist an sich selbst +durch nichts weiter bestimmt: d.i. die Teile desselben sind nur in +der Zeit, und durch die Synthesis derselben, sie aber nicht vor ihr +gegeben. Um deswillen ist ein jeder Übergang in der Wahrnehmung zu +etwas, was in der Zeit folgt, eine Bestimmung der Zeit durch die +Erzeugung dieser Wahrnehmung, und da jene, immer und in allen ihren +Teilen, eine Größe ist, die Erzeugung einer Wahrnehmung als einer +Größe durch alle Grade, deren keiner der kleinste ist, von dem Zero +an, bis zu ihrem bestimmten Grad. Hieraus erhellt nun die Möglichkeit, +ein Gesetz der Veränderungen, ihrer Form nach, a priori zu erkennen. +Wir antizipieren nur unsere eigene Apprehension, deren formale +Bedingung, da sie uns vor aller gegebenen Erscheinung selbst beiwohnt, +allerdings a priori muß erkannt werden können. + +So ist demnach, ebenso, wie die Zeit die sinnliche Bedingung a +priori von der Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortganges des +Existierenden zu dem Folgenden enthält, der Verstand, vermittelst der +Einheit der Apperzeption, die Bedingung a priori der Möglichkeit einer +kontinuierlichen Bestimmung aller Stellen für die Erscheinungen in +dieser Zeit, durch die Reihe von Ursachen und Wirkungen, deren die +ersteren der letzteren ihr Dasein unausbleiblich nach sich ziehen, und +dadurch die empirische Erkenntnis der Zeitverhältnisse für jede Zeit +(allgemein) mithin objektiv gültig machen. + + + +C. Dritte Analogie + +Grundsatz des Zugleichseins, nach dem Gesetze der Wechselwirkung, oder +Gemeinschaft + +Alle Substanzen, sofern sie im Raume, als zugleich wahrgenommen werden +können, sind in durchgängiger Wechselwirkung. + + Beweis + +Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen Anschauung die +Wahrnehmung des einen auf die Wahrnehmung des anderen wechselseitig +folgen kann, (welches in der Zeitfolge der Erscheinungen, wie beim +zweiten Grundsatze gezeigt, worden, nicht geschehen kann). So kann ich +meine Wahrnehmung zuerst am Monde, und nachher an der Erde, oder auch +umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde anstellen und darum, +weil die Wahrnehmungen dieser Gegenstände einander wechselseitig +folgen können, sage ich, sie existieren zugleich. Nun ist das +Zugleichsein die Existenz des Mannigfaltigen in derselben Zeit. Man +kann aber die Zeit selbst nicht wahrnehmen, um daraus, daß Dinge +in derselben Zeit gesetzt sind, abzunehmen, daß die Wahrnehmungen +derselben einander wechselseitig folgen können. Die Synthesis der +Einbildungskraft in der Apprehension würde also nur eine jede dieser +Wahrnehmungen als eine solche angeben, die im Subjekte da ist, wenn +die andere nicht ist, und wechselsweise, nicht aber daß die Objekte +zugleich seien, d.i. wenn das eine ist, das andere auch in derselben +Zeit sei, und daß dieses notwendig sei, damit die Wahrnehmungen +wechselseitig aufeinander folgen können. Folglich wird ein +Verstandesbegriff von der wechselseitigen Folge der Bestimmungen +dieser außer einander zugleich existierenden Dinge erfordert, um zu +sagen, daß die wechselseitige Folge der Wahrnehmungen im Objekte +gegründet sei, und das Zugleichsein dadurch als objektiv vorzustellen. +Nun ist aber das Verhältnis der Substanzen, in welchem die eine +Bestimmungen enthält, wovon der Grund in der anderen enthalten ist, +das Verhältnis des Einflusses, und, wenn wechselseitig dieses den +Grund der Bestimmungen in dem anderen enthält, das Verhältnis der +Gemeinschaft oder Wechselwirkung. Also kann das Zugleichsein der +Substanzen im Raume nicht anders in der Erfahrung erkannt werden, als +unter Voraussetzung einer Wechselwirkung derselben untereinander; +diese ist also auch die Bedingung der Möglichkeit der Dinge selbst als +Gegenstände der Erfahrung. + +Dinge sind zugleich, sofern sie in einer und derselben Zeit +existieren. Woran erkennt man aber: daß sie in einer und derselben +Zeit sind? Wenn die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses +Mannigfaltigen gleichgültig ist, d.i. von A durch B, C, D auf E, oder +auch umgekehrt von E zu A gehen kann. Denn, wäre sie in der Zeit +nacheinander (in der Ordnung, die von A anhebt, und in E endigt), so +ist es unmöglich, die Apprehension in der Wahrnehmung von E anzuheben, +und rückwärts zu A fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit gehört, +und also kein Gegenstand der Apprehension mehr sein kann. + +Nehmet nun an: in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als +Erscheinungen wäre jede derselben völlig isoliert, d.i. keine wirkte +in die andere, und empfinge von dieser wechselseitig Einflüsse, +so sage ich: daß das Zugleichsein derselben kein Gegenstand einer +möglichen Wahrnehmung sein würde, und daß das Dasein der einen, durch +keinen Weg der empirischen Synthesis, auf das Dasein der anderen +führen könnte. Denn, wenn ihr euch gedenkt, sie wären durch einen +völlig leeren Raum getrennt, so würde die Wahrnehmung, die von der +einen zur anderen in der Zeit fortgeht, zwar dieser ihr Dasein, +vermittelst einer folgenden Wahrnehmung bestimmen, aber nicht +unterscheiden können, ob die Erscheinung objektiv auf die erstere +folge, oder mit jener vielmehr zugleich sei. + +Es muß also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein, wodurch A dem B +seine Stelle in der Zeit bestimmt, und umgekehrt auch wiederum B dem +A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen, als zugleich +existierend, empirisch vorgestellt werden können. Nun bestimmt nur +dasjenige dem anderen seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von +ihm oder seinen Bestimmungen ist. Also muß jede Substanz (da sie +nur in Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann) die Kausalität +gewisser Bestimmungen in der anderen, und zugleich die Wirkungen von +der Kausalität der anderen in sich enthalten, d.i. sie müssen in +dynamischer Gemeinschaft (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn das +Zugleichsein in irgendeiner möglichen Erfahrung erkannt werden soll. +Nun ist aber alles dasjenige in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung +notwendig, ohne welches die Erfahrung von diesen Gegenständen selbst +unmöglich sein würde. Also ist es allen Substanzen in der Erscheinung, +sofern sie zugleich sind, notwendig, in durchgängiger Gemeinschaft der +Wechselwirkung untereinander zu stehen. + +Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig, und kann +soviel als communio, aber auch als commercium bedeuten. Wir bedienen +uns hier desselben im letzteren Sinn, als einer dynamischen +Gemeinschaft, ohne welche selbst die lokale (communio spatii) niemals +empirisch erkannt werden könnte. Unseren Erfahrungen ist es leicht +anzumerken, daß nur die kontinuierlichen Einflüsse in allen Stellen +des Raumes unseren Sinn von einem Gegenstande zum anderen leiten +können, daß das Licht, welches zwischen unserem Auge und den +Weltkörpern spielt, eine mittelbare Gemeinschaft zwischen uns und +diesen bewirken und dadurch das Zugleichsein der letzteren beweisen, +daß wir keinen Ort empirisch verändern (diese Veränderung wahrnehmen) +können, ohne daß uns allerwärts Materie die Wahrnehmung unserer +Stelle möglich mache, und diese nur vermittelst ihres wechselseitigen +Einflusses ihr Zugleichsein, und dadurch, bis zu den entlegensten +Gegenständen, die Koexistenz derselben (obzwar nur mittelbar) dartun +kann. Ohne Gemeinschaft ist jede Wahrnehmung (der Erscheinung im +Raume) von der anderen abgebrochen, und die Kette empirischer +Vorstellungen, d.i. Erfahrung, würde bei einem neuen Objekt ganz von +vorne anfangen, ohne daß die vorige damit im geringsten zusammenhänge, +oder im Zeitverhältnisse stehen könnte. Den leeren Raum will ich +hierdurch gar nicht widerlegen; denn der mag immer sein, wohin +Wahrnehmungen gar nicht reichen, und also keine empirische Erkenntnis +des Zugleichseins stattfindet; er ist aber alsdann für alle unsere +mögliche Erfahrung gar kein Objekt. + +Zur Erläuterung kann folgendes dienen. In unserem Gemüte müssen +alle Erscheinungen, als in einer möglichen Erfahrung enthalten, in +Gemeinschaft (communio) der Apperzeption stehen, und sofern die +Gegenstände als zugleich existierend verknüpft vorgestellt werden +sollen, so müssen sie ihre Stelle in einer Zeit wechselseitig +bestimmen, und dadurch ein Ganzes ausmachen. Soll diese subjektive +Gemeinschaft auf einem objektiven Grunde beruhen, oder auf +Erscheinungen als Substanzen bezogen werden, so muß die Wahrnehmung +der einen, als Grund, die Wahrnehmung der anderen, und so umgekehrt, +möglich machen, damit die Sukzession, die jederzeit in den +Wahrnehmungen, als Apprehensionen ist, nicht den Objekten beigelegt +werde, sondern diese als zugleichexistierend vorgestellt werden +können. Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluß, d.i. eine reale +Gemeinschaft (commercium) der Substanzen, ohne welche also das +empirische Verhältnis des Zugleichseins nicht in der Erfahrung +stattfinden könnte. Durch dieses Commercium machen die Erscheinungen, +sofern sie außereinander und doch in Verknüpfung stehen, ein +Zusammengesetztes aus (compositum reale), und dergleichen Composita +werden auf mancherlei Art möglich. Die drei dynamischen Verhältnisse, +daraus alle übrigen entspringen, sind daher das der Inhärenz, der +Konsequenz und der Komposition. + + * * + * + +Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung. Sie sind nichts +anderes, als Grundsätze der Bestimmung des Daseins der Erscheinungen +in der Zeit, nach allen drei modis derselben, dem Verhältnisse zu der +Zeit selbst, als einer Größe (die Größe des Daseins, d.i. die Dauer), +dem Verhältnisse in der Zeit, als einer Reihe (nacheinander), endlich +auch in ihr, als einem Inbegriff alles Daseins (zugleich). Diese +Einheit der Zeitbestimmung ist durch und durch dynamisch, d.i. +die Zeit wird nicht als dasjenige angesehen, worin die Erfahrung +unmittelbar jedem Dasein seine Stelle bestimmte, welches unmöglich +ist, weil die absolute Zeit kein Gegenstand der Wahrnehmung ist, womit +Erscheinungen könnten zusammengehalten werden; sondern die Regel +des Verstandes, durch welche allein das Dasein der Erscheinungen +synthetische Einheit nach Zeitverhältnissen bekommen kann, bestimmt +jeder derselben ihre Stelle in der Zeit, mithin a priori, und gültig +für alle und jede Zeit. + +Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen wir den Zusammenhang +der Erscheinungen ihrem Dasein nach, nach notwendigen Regeln, d.i. +nach Gesetzen. Es sind also gewisse Gesetze, und zwar a priori, welche +allererst eine Natur möglich machen; die empirischen können nur +vermittelst der Erfahrung, und zwar zufolge jener ursprünglichen +Gesetze, nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird, +stattfinden, und gefunden werden. Unsere Analogien stellen also +eigentlich die Natureinheit im Zusammenhange aller Erscheinungen unter +gewissen Exponenten dar, welche nichts anderes ausdrücken, als das +Verhältnis der Zeit (sofern sie alles Dasein in sich begreift) zur +Einheit der Apperzeption, die nur in der Synthesis nach Regeln +stattfinden kann. Zusammen sagen sie also: alle Erscheinungen liegen +in einer Natur, und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit a +priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der +Gegenstände in derselben möglich wäre. + +Über die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transzendentalen +Naturgesetzen bedient haben, und die Eigentümlichkeit derselben, +ist eine Anmerkung zu machen, die zugleich als Vorschrift für jeden +anderen Versuch, intellektuelle und zugleich synthetische Sätze a +priori zu beweisen, sehr wichtig sein muß. Hätten wir diese Analogien +dogmatisch, d.i. aus Begriffen, beweisen wollen: daß nämlich alles, +was existiert, nur in dem angetroffen werde, was beharrlich ist, daß +jede Begebenheit etwas im vorigen Zustande voraussetze, worauf es nach +einer Regel folgt, endlich in dem Mannigfaltigen, das zugleich ist, +die Zustände in Beziehung aufeinander nach einer Regel zugleich seien +(in Gemeinschaft stehen), so wäre alle Bemühung gänzlich vergeblich +gewesen. Denn man kann von einem Gegenstande und dessen Dasein auf das +Dasein des anderen, oder seine Art zu existieren, durch bloße Begriffe +dieser Dinge gar nicht kommen, man mag dieselben zergliedern, wie man +wolle. Was blieb uns nun übrig? Die Möglichkeit der Erfahrung, als +einer Erkenntnis, darin uns alle Gegenstände zuletzt müssen gegeben +werden können, wenn ihre Vorstellung für uns objektive Realität +haben soll. In diesem Dritten nun, dessen wesentliche Form in der +synthetischen Einheit der Apperzeption aller Erscheinungen besteht, +fanden wir Bedingungen a priori der durchgängigen und notwendigen +Zeitbestimmung alles Daseins in der Erscheinung, ohne welche selbst +die empirische Zeitbestimmung unmöglich sein würde, und fanden +Regeln der synthetischen Einheit a priori, vermittelst deren wir die +Erfahrung antizipieren konnten. In Ermanglung dieser Methode, und +bei dem Wahne, synthetische Sätze, welche der Erfahrungsgebrauch des +Verstandes als seine Prinzipien empfiehlt, dogmatisch beweisen zu +wollen, ist es denn geschehen, daß von dem Satze des zureichenden +Grundes so oft, aber immer vergeblich ein Beweis ist versucht worden. +An die beiden übrigen Analogien hat niemand gedacht, ob man sich +ihrer gleich immer stillschweigend bediente*, weil der Leitfaden der +Kategorien fehlte, der allein jede Lücke des Verstandes, sowohl in +Begriffen als Grundsätzen, entdecken und merklich machen kann. + +* Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft + sein sollen, ist offenbar eine bloße Folgerung des insgeheim + angenommenen Grundsatzes der Gemeinschaft aller Substanzen, die + zugleich sind: denn, wären sie isoliert, so würden sie nicht + als Teile ein Ganzes ausmachen, und wäre ihre Verknüpfung + (Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins + willen notwendig, so könnte man aus diesem, als einem bloß idealen + Verhältnis, auf jene, als ein reales, nicht schließen. Wiewohl wir + an seinem Ort gezeigt haben: daß die Gemeinschaft eigentlich der + Grund der Möglichkeit einer empirischen Erkenntnis, der Koexistenz + sei, und daß man also eigentlich nur aus dieser auf jene, als ihre + Bedingung, zurückschließe. + + + +4. Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt + +1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung und +den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich. + +2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) +zusammenhängt, ist wirklich. + +3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen +der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig. + + Erläuterung + +Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich: daß sie den +Begriff, dem sie als Prädikate beigefügt werden, als Bestimmung des +Objekts nicht im mindesten vermehren, sondern nur das Verhältnis zum +Erkenntnisvermögen ausdrücken. Wenn der Begriff eines Dinges schon +ganz vollständig ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstande +fragen, ob er bloß möglich, oder auch wirklich, oder, wenn er das +letztere ist, ob er gar auch notwendig sei? Hierdurch werden keine +Bestimmungen mehr im Objekte selbst gedacht, sondern es frägt sich +nur, wie es sich (samt allen seinen Bestimmungen) zum Verstande und +dessen empirischen Gebrauche, zur empirischen Urteilskraft, und zur +Vernunft (in ihrer Anwendung auf Erfahrung) verhalte? + +Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts +weiter, als Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit, Wirklichkeit und +Notwendigkeit in ihrem empirischen Gebrauche, und hiermit zugleich +Restriktionen aller Kategorien auf den bloß empirischen Gebrauch, ohne +den transzendentalen zuzulassen und zu erlauben. Denn, wenn diese +nicht eine bloß logische Bedeutung haben, und die Form des Denkens +analytisch ausdrücken sollen, sondern Dinge und deren Möglichkeit, +Wirklichkeit oder Notwendigkeit betreffen sollen, so müssen sie auf +die mögliche Erfahrung und deren synthetische Einheit gehen, in +welcher allein Gegenstände der Erkenntnis gegeben werden. + +Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert also, daß der Begriff +derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt +zusammenstimme. Diese, nämlich die objektive Form der Erfahrung +überhaupt, enthält aber alle Synthesis, welche zur Erkenntnis der +Objekte erfordert wird. Ein Begriff, der eine Synthesis in sich faßt, +ist für leer zu halten, und bezieht sich auf keinen Gegenstand, wenn +diese Synthesis nicht zur Erfahrung gehört, entweder als von ihr +erborgt, und dann heißt er ein empirischer Begriff, oder als eine +solche, auf der, als Bedingung a priori, Erfahrung überhaupt (die Form +derselben) beruht, und dann ist es ein reiner Begriff, der dennoch +zur Erfahrung gehört, weil sein Objekt nur in dieser angetroffen +werden kann. Denn wo will man den Charakter der Möglichkeit eines +Gegenstandes, der durch einen synthetischen Begriff a priori gedacht +worden, hernehmen, wenn es nicht von der Synthesis geschieht, welche +die Form der empirischen Erkenntnis der Objekte ausmacht? Daß in einem +solchen Begriffe kein Widerspruch enthalten sein müsse, ist zwar +eine notwendige logische Bedingung; aber zur objektiven Realität des +Begriffs, d.i. der Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als durch +den Begriff gedacht wird, bei weitem nicht genug. So ist in dem +Begriffe einer Figur, die in zwei geraden Linien eingeschlossen ist, +kein Widerspruch, denn die Begriffe von zwei geraden Linien und deren +Zusammenstoßung enthalten keine Verneinung einer Figur; sondern die +Unmöglichkeit beruht nicht auf dem Begriffe an sich selbst, sondern +der Konstruktion desselben im Raume, d.i. den Bedingungen des Raumes +und der Bestimmung desselben, diese haben aber wiederum ihre objektive +Realität, d.i. sie gehen auf mögliche Dinge, weil sie die Form der +Erfahrung überhaupt a priori in sich enthalten. + +Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und Einfluß dieses +Postulats der Möglichkeit vor Augen legen. Wenn ich mir ein Ding +vorstelle, das beharrlich ist, so, daß alles, was da wechselt, bloß zu +seinem Zustande gehört, so kann ich niemals aus einem solchen Begriffe +allein erkennen, daß ein dergleichen Ding möglich sei. Oder, ich +stelle mir etwas vor, welches so beschaffen sein soll, daß, wenn +es gesetzt wird, jederzeit und unausbleiblich etwas anderes darauf +erfolgt, so mag dieses allerdings ohne Widerspruch so gedacht +werden können; ob aber dergleichen Eigenschaft (als Kausalität) an +irgendeinem möglichen Dinge angetroffen werde, kann dadurch nicht +geurteilt werden. Endlich kann ich mir verschiedene Dinge (Substanzen) +vorstellen, die so beschaffen sind, daß der Zustand des einen eine +Folge im Zustande des anderen nach sich zieht, und so wechselweise; +aber, ob dergleichen Verhältnis irgend Dingen zukommen könne, kann aus +diesen Begriffen, welche eine bloß willkürliche Synthesis enthalten, +gar nicht abgenommen werden. Nur daran also, daß diese Begriffe die +Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung a priori ausdrücken, +erkennt man ihre objektive Realität, d.i. ihre transzendentale +Wahrheit, und zwar freilich unabhängig von der Erfahrung, aber doch +nicht unabhängig von aller Beziehung auf die Form einer Erfahrung +überhaupt, und die synthetische Einheit, in der allein Gegenstände +empirisch können erkannt werden. + +Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften, von +Wechselwirkungen, aus dem Stoffe, den uns die Wahrnehmung darbietet, +machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer +Verknüpfung zu entlehnen, so würde man in lauter Hirngespinste +geraten, deren Möglichkeit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat, +weil man bei ihnen nicht Erfahrung zur Lehrerin annimmt, noch diese +Begriffe von ihr entlehnt. Dergleichen gedichtete Begriffe können den +Charakter ihrer Möglichkeit nicht so, wie die Kategorien, a priori, +als Bedingungen, von denen alle Erfahrung abhängt, sondern nur a +posteriori, als solche, die durch die Erfahrung selbst gegeben +werden, bekommen, und ihre Möglichkeit muß entweder a posteriori und +empirisch, oder sie kann gar nicht erkannt werden. Eine Substanz, +welche beharrlich im Raume gegenwärtig wäre, doch ohne ihn zu +erfüllen, (wie dasjenige Mittelding zwischen Materie und denkenden +Wesen, welches einige haben einführen wollen,) oder eine besondere +Grundkraft unseres Gemüts, das Künftige zum voraus anzuschauen (nicht +etwa bloß zu folgern), oder endlich ein Vermögen desselben, mit +anderen Menschen in Gemeinschaft der Gedanken zu stehen (so entfernt +sie auch sein mögen), das sind Begriffe, deren Möglichkeit ganz +grundlos ist, weil sie nicht auf Erfahrung und deren bekannte +Gesetze gegründet werden kann, und ohne sie eine willkürliche +Gedankenverbindung ist, die, ob sie zwar keinen Widerspruch enthält, +doch keinen Anspruch auf objektive Realität, mithin auf die +Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als man sich hier denken will, +machen kann. Was Realität betrifft, so verbietet es sich wohl von +selbst, sich eine solche in concreto zu denken, ohne die Erfahrung +zu Hilfe zu nehmen, weil sie nur auf Empfindung, als Materie der +Erfahrung, gehen kann, und nicht die Form des Verhältnisses betrifft, +mit der man allenfalls in Erdichtungen spielen könnte. + +Aber ich lasse alles vorbei, dessen Möglichkeit nur aus der +Wirklichkeit in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier +nur die Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori, von denen ich +fortfahre zu behaupten, daß sie niemals aus solchen Begriffen für sich +allein, sondern jederzeit nur als formale und objektive Bedingungen +einer Erfahrung überhaupt stattfinden können. + +Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichkeit eines Triangels aus +seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden (von der Erfahrung +ist er gewiß unabhängig); denn in der Tat können wir ihm gänzlich a +priori einen Gegenstand geben, d.i. ihn konstruieren. Weil dieses aber +nur die Form von einem Gegenstande ist, so würde er doch immer nur ein +Produkt der Einbildung bleiben, von dessen Gegenstand die Möglichkeit +noch zweifelhaft bliebe, als wozu noch etwas mehr erfordert wird, +nämlich daß eine solche Figur unter lauter Bedingungen, auf denen alle +Gegenstände der Erfahrung beruhen, gedacht sei. Daß nun der Raum eine +formale Bedingung a priori von äußeren Erfahrungen ist, daß eben +dieselbe bildende Synthesis, wodurch wir in der Einbildungskraft einen +Triangel konstruieren, mit derjenigen gänzlich einerlei sei, welche +wir in der Apprehension einer Erscheinung ausüben, um uns davon +einen Erfahrungsbegriff zu machen, das ist es allein, was mit diesem +Begriffe die Vorstellung von der Möglichkeit eines solchen Dinges +verknüpft. Und so ist die Möglichkeit kontinuierlicher Größen, +ja sogar der Größen überhaupt, weil die Begriffe davon insgesamt +synthetisch sind, niemals aus den Begriffen selbst, sondern aus +ihnen, als formalen Bedingungen der Bestimmung der Gegenstände in der +Erfahrung überhaupt allererst klar; und wo sollte man auch Gegenstände +suchen wollen, die den Begriffen korrespondierten, wäre es nicht +in der Erfahrung, durch die uns allein Gegenstände gegeben werden? +wiewohl wir, ohne eben Erfahrung selbst voranzuschicken, bloß in +Beziehung auf die formalen Bedingungen, unter welchen in ihr überhaupt +etwas als Gegenstand bestimmt wird, mithin völlig a priori, aber doch +nur in Beziehung auf sie, und innerhalb ihren Grenzen, die Möglichkeit +der Dinge erkennen und charakterisieren können. + +Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert +Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist, zwar nicht +eben unmittelbar, von dem Gegenstande selbst, dessen Dasein erkannt +werden soll, aber doch Zusammenhang desselben mit irgendeiner +wirklichen Wahrnehmung, nach den Analogien der Erfahrung, welche alle +reale Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen. + +In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter seines +Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so +vollständig sei, daß nicht das mindeste ermangle, um ein Ding mit +allen seinen inneren Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein mit +allem diesem doch gar nichts zu tun, sondern nur mit der Frage: ob ein +solches Ding uns gegeben sei, so, daß die Wahrnehmung desselben vor +dem Begriffe allenfalls vorhergehen könne. Denn, daß der Begriff vor +der Wahrnehmung vorhergeht, bedeutet dessen bloße Möglichkeit; die +Wahrnehmung aber, die den Stoff zum Begriff hergibt, ist der einzige +Charakter der Wirklichkeit. Man kann aber auch vor der Wahrnehmung des +Dinges, und also komparative a priori das Dasein desselben erkennen, +wenn es nur mit einigen Wahrnehmungen, nach den Grundsätzen der +empirischen Verknüpfung derselben (den Analogien), zusammenhängt. Denn +alsdann hängt doch das Dasein des Dinges mit unseren Wahrnehmungen in +einer möglichen Erfahrung zusammen, und wir können nach dem Leitfaden +jener Analogien, von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem Dinge +in der Reihe möglicher Wahrnehmungen gelangen. So erkennen wir das +Dasein einer alle Körper durchdringenden magnetischen Materie aus +der Wahrnehmung des gezogenen Eisenfeiligs, obzwar eine unmittelbare +Wahrnehmung dieses Stoffs uns nach der Beschaffenheit unserer +Organe unmöglich ist. Denn überhaupt würden wir, nach Gesetzen der +Sinnlichkeit und dem Kontext unserer Wahrnehmungen, in einer Erfahrung +auch auf die unmittelbare empirische Anschauung derselben stoßen, wenn +unsere Sinne feiner wären, deren Grobheit die Form möglicher Erfahrung +überhaupt nichts angeht. Wo also Wahrnehmung und deren Anhang nach +empirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntnis +vom Dasein der Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder +gehen wir nicht nach Gesetzen des empirischen Zusammenhanges der +Erscheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein +irgendeines Dinges erraten oder erforschen zu wollen. Einen mächtigen +Einwurf aber wider diese Regeln, das Dasein mittelbar zu beweisen, +macht der Idealismus, dessen Widerlegung hier an der rechten Stelle, +ist. + + + +Widerlegung des Idealismus + +Der Idealismus (ich verstehe den materialen) ist die Theorie, welche +das Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für +zweifelhaft und unerweislich, oder für falsch und unmöglich erklärt; +der erstere ist der problematische des Cartesius, der nur Eine +empirische Behauptung (assertio), nämlich: Ich bin, für ungezweifelt +erklärt; der zweite ist der dogmatische des Berkeley, der den Raum, +mit allen den Dingen, welchen er als unabtrennliche Bedingung anhängt, +für etwas, was an sich selbst unmöglich sei, und darum auch die Dinge +im Raum für bloße Einbildungen erklärt. Der dogmatische Idealismus ist +unvermeidlich, wenn man den Raum als Eigenschaft, die den Dingen an +sich selbst zukommen soll, ansieht; denn da ist er mit allem, dem +er zur Bedingung dient, ein Unding. Der Grund zu diesem Idealismus +aber ist von uns in der transzendentalen Ästhetik gehoben. Der +problematische, der nichts hierüber behauptet, sondern nur das +Unvermögen, ein Dasein außer dem unserigen durch unmittelbare +Erfahrung zu beweisen, vorgibt, ist vernünftig und einer gründlichen +philosophischen Denkungsart gemäß; nämlich, bevor ein hinreichender +Beweis gefunden worden, kein entscheidendes Urteil zu erlauben. Der +verlangte Beweis muß also dartun, daß wir von äußeren Dingen auch +Erfahrung und nicht bloß Einbildung haben; welches wohl nicht anders +wird geschehen können, als wenn man beweisen kann, daß selbst unsere +innere, dem Cartesius unbezweifelte, Erfahrung nur unter Voraussetzung +äußerer Erfahrung möglich sei. + + Lehrsatz + +Das bloße, aber empirisch bestimmte, Bewußtsein meines eigenen Daseins +beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir. + + Beweis + +Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewußt. Alle +Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus. +Dieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein, weil eben mein +Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden +kann 1). Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein +Ding außer mir und nicht durch die bloße Vorstellung eines Dinges +außer mir möglich. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in +der Zeit nur durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer +mir wahrnehme, möglich. Nun ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem +Bewußtsein der Möglichkeit dieser Zeitbestimmung notwendig verbunden: +Also ist es auch mit der Existenz der Dinge außer mir, als Bedingung +der Zeitbestimmung, notwendig verbunden; d.i. das Bewußtsein meines +eigenen Daseins ist zugleich ein unmittelbares Bewußtsein des Daseins +anderer Dinge außer mir. + +1. Der Satz ist nach Kants Vorrede zu dieser zweiten Ausgabe + folgendermaßen umzuändern: "Dieses Beharrliche aber kann nicht eine + Anschauung in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, + die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen, und + bedürfen als solche, selbst ein von ihnen unterschiedenes + Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben, mithin + mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden + können". + +Anmerkung 1. Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr, daß das +Spiel, welches der Idealismus trieb, ihm mit mehrerem Rechte umgekehrt +vergolten wird. Dieser nahm an, daß die einzige unmittelbare Erfahrung +die innere sei, und daraus auf äußere Dinge nur geschlossen werde, +aber, wie allemal, wenn man aus gegebenen Wirkungen auf bestimmte +Ursachen schließt, nur unzuverlässig, weil auch in uns selbst die +Ursache der Vorstellungen liegen kann, die wir äußeren Dingen, +vielleicht fälschlich, zuschreiben. Allein hier wird bewiesen, daß +äußere Erfahrung eigentlich unmittelbar sei,* daß nur vermittelst +ihrer, zwar nicht das Bewußtsein unserer eigenen Existenz, aber doch +die Bestimmung derselben in der Zeit, d.i. innere Erfahrung, möglich +sei. Freilich ist die Vorstellung: ich bin, die das Bewußtsein +ausdrückt, welches alles Denken begleiten kann, das, was unmittelbar +die Existenz eines Subjekts in sich schließt, aber noch keine +Erkenntnis desselben, mithin auch nicht empirische, d.i. Erfahrung; +denn dazu gehört, außer dem Gedanken von etwas Existierendem, noch +Anschauung und hier innere, in Ansehung deren, d.i. der Zeit, das +Subjekt bestimmt werden muß, wozu durchaus äußere Gegenstände +erforderlich sind, so, daß folglich innere Erfahrung selbst nur +mittelbar und nur durch äußere möglich ist. + +* Das unmittelbare Bewußtsein des Daseins äußerer Dinge wird in dem + vorstehenden Lehrsatze nicht vorausgesetzt, sondern bewiesen, die + Möglichkeit dieses Bewußtseins mögen wir einsehen, oder nicht. Die + Frage wegen der letzteren würde sein: ob wir nur einen inneren Sinn, + aber keinen äußeren, sondern bloß äußere Einbildung hätten. Es ist + aber klar, daß, um uns auch nur etwas als äußerlich einzubilden, + d.i. dem Sinne in der Anschauung darzustellen, wir schon einen + äußeren Sinn haben, und dadurch die bloße Rezeptivität einer + äußeren Anschauung von der Spontaneität, die jede Einbildung + charakterisiert, unmittelbar unterscheiden müssen. Denn sich auch + einen äußeren Sinn bloß einzubilden, würde das Anschauungsvermögen, + welches durch die Einbildungskraft bestimmt werden soll, selbst + vernichten. + +Anmerkung 2. Hiermit stimmt nun aller Erfahrungsgebrauch unseres +Erkenntnisvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein. Nicht +allein, daß wir alle Zeitbestimmung nur durch den Wechsel in äußeren +Verhältnissen (die Bewegung) in Beziehung auf das Beharrliche im Raume +(z.B. Sonnenbewegung in Ansehung der Gegenstände. der Erde,) vornehmen +können, so haben wir so gar nichts Beharrliches, was wir dem Begriffe +einer Substanz, als Anschauung, unterlegen könnten, als bloß die +Materie und selbst diese Beharrlichkeit wird nicht aus äußerer +Erfahrung geschöpft, sondern a priori als notwendige Bedingung aller +Zeitbestimmung, mithin auch als Bestimmung des inneren Sinnes in +Ansehung unseres eigenen Daseins durch die Existenz äußerer Dinge +vorausgesetzt. Das Bewußtsein meiner selbst in der Vorstellung Ich ist +gar keine Anschauung, sondern eine bloß intellektuelle Vorstellung der +Selbsttätigkeit eines denkenden Subjekts. Daher hat dieses Ich auch +nicht das mindeste Prädikat der Anschauung, welches, als beharrlich, +der Zeitbestimmung im inneren Sinne zum Korrelat dienen könnte: wie +etwa Undurchdringlichkeit an der Materie, als empirischer Anschauung, +ist. + +Anmerkung 3. Daraus, daß die Existenz äußerer Gegenstände zur +Möglichkeit eines bestimmten Bewußtseins unserer selbst erfordert +wird, folgt nicht, daß jede anschauliche Vorstellung äußerer Dinge +zugleich die Existenz derselben einschließe, denn jene kann gar wohl +die bloße Wirkung der Einbildungskraft (in Träumen sowohl als im +Wahnsinn) sein; sie ist es aber bloß durch die Reproduktion ehemaliger +äußerer Wahrnehmungen, welche, wie gezeigt worden, nur durch die +Wirklichkeit äußerer Gegenstände möglich sind. Es hat hier, nur, +bewiesen werden sollen, daß innere Erfahrung überhaupt nur durch +äußere Erfahrung überhaupt möglich sei. Ob diese oder jene vermeinte +Erfahrung nicht bloße Einbildung sei, muß nach den besonderen +Bestimmungen derselben und durch Zusammenhaltung mit den Kriterien +aller wirklichen Erfahrung, ausgemittelt werden. + + * * + * + +Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale +Notwendigkeit im Dasein, und nicht die bloß formale und logische in +Verknüpfung der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der +Sinne völlig a priori erkannt werden kann, aber doch komparative a +priori relativisch auf ein anderes schon gegebenes Dasein, gleichwohl +aber auch alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo +in dem Zusammenhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahrnehmung ein +Teil ist, enthalten sein muß: so kann die Notwendigkeit der Existenz, +niemals aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit +demjenigen, was wahrgenommen wird, nach allgemeinen Gesetzen der +Erfahrung erkannt werden können. Da ist nun kein Dasein, was unter +der Bedingung anderer gegebener Erscheinungen, als notwendig erkannt +werden könnte, als das Dasein der Wirkungen aus gegebenen Ursachen +nach Gesetzen der Kausalität. Also ist es nicht das Dasein der +Dinge (Substanzen), sondern ihres Zustandes, wovon wir allein die +Notwendigkeit erkennen können, und zwar aus anderen Zuständen, die +in der Wahrnehmung gegeben sind, nach empirischen Gesetzen der +Kausalität. Hieraus folgt: daß das Kriterium der Notwendigkeit +lediglich in dem Gesetze der möglichen Erfahrung liege: daß alles, was +geschieht, durch ihre Ursache in der Erscheinung a priori bestimmt +sei. Daher erkennen wir nur die Notwendigkeit der Wirkungen in +der Natur, deren Ursachen uns gegeben sind, und das Merkmal der +Notwendigkeit im Dasein reicht nicht weiter, als das Feld möglicher +Erfahrung, und selbst in diesem gilt es nicht von der Existenz der +Dinge, als Substanzen, weil diese niemals, als empirische Wirkungen, +oder etwas, das geschieht und entsteht, können angesehen werden. Die +Notwendigkeit betrifft also nur die Verhältnisse der Erscheinungen +nach dem dynamischen Gesetze der Kausalität, und die darauf sich +gründende Möglichkeit, aus irgendeinem gegebenen Dasein (einer +Ursache) a priori auf ein anderes Dasein (der Wirkung) zu schließen. +Alles, was geschieht, ist hypothetisch notwendig; das ist ein +Grundsatz, welcher die Veränderung in der Welt einem Gesetze +unterwirft, d.i. einer Regel des notwendigen Daseins, ohne welche +gar nicht einmal Natur stattfinden würde. Daher ist der Satz: nichts +geschieht durch ein blindes Ohngefähr (in mundo non datur casus) ein +Naturgesetz a priori; imgleichen: keine Notwendigkeit in der Natur +ist blinde, sondern bedingte, mithin verständliche Notwendigkeit (non +datur fatum). Beide sind solche Gesetze, durch welche das Spiel der +Veränderungen einer Natur der Dinge (als Erscheinungen) unterworfen +wird, oder, welches einerlei ist, der Einheit des Verstandes, in +welchem sie allein zu einer Erfahrung, als der synthetischen Einheit +der Erscheinungen, gehören können. Diese beiden Grundsätze gehören zu +den dynamischen. Der erstere ist eigentlich eine Folge des Grundsatzes +von der Kausalität (unter den Analogien der Erfahrung). Der +zweite gehört zu den Grundsätzen der Modalität, welche zu der +Kausalbestimmung noch den Begriff der Notwendigkeit, die aber +unter einer Regel des Verstandes steht, hinzutut. Das Prinzip der +Kontinuität verbot in der Reihe der Erscheinungen (Veränderungen) +allen Absprung (in mundo non datur saltus), aber auch in dem Inbegriff +aller empirischen Anschauungen im Raume alle Lücke oder Kluft zwischen +zwei Erscheinungen (non datur hiatus); denn so kann man den Satz +ausdrücken: das in die Erfahrung nichts hineinkommen kann, was ein +Vakuum bewiese, oder auch nur als einen Teil der empirischen Synthesis +zuließe. Denn was das Leere betrifft, welches man sich außerhalb dem +Felde möglicher Erfahrung (der Welt) denken mag, so gehört dieses +nicht vor die Gerichtsbarkeit des bloßen Verstandes, welcher nur +über die Fragen entscheidet, die die Nutzung gegebener Erscheinungen +zur empirischen Erkenntnis betreffen, und ist eine Aufgabe für +die idealische Vernunft, die noch über die Sphäre einer möglichen +Erfahrung hinausgeht, und von dem urteilen will, was diese selbst +umgibt und begrenzt, muß daher in der transszendentalen Dialektik +erwogen werden. Diese vier Sätze (in mundo non datur hiatus, non datur +saltus, non datur casus, non datur fatum) könnten wir leicht, so wie +alle Grundsätze transzendentalen Ursprungs, nach ihrer Ordnung, gemäß +der Ordnung der Kategorien vorstellig machen, und jedem seine Stelle +beweisen, allein der schon geübte Leser wird dieses von selbst +tun, oder den Leitfaden dazu leicht entdecken. Sie vereinigen sich +aber alle lediglich dahin, um in der empirischen Synthesis nichts +zuzulassen, was dem Verstande und dem kontinuierlichen Zusammenhange +aller Erscheinungen, d.i. der Einheit seiner Begriffe, Abbruch oder +Eintrag tun könnte. Denn er ist es allein, worin die Einheit der +Erfahrung, in der alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müssen, möglich +wird. + +Ob das Feld der Möglichkeit größer sei, als das Feld, was alles +Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer, als die Menge +desjenigen, was notwendig ist, das sind artige Fragen, und zwar von +synthetischer Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der +Vernunft anheimfallen; denn sie wollen ungefähr soviel sagen, als, +ob alle Dinge, als Erscheinungen, insgesamt in den Inbegriff und +den Kontext einer einzigen Erfahrung gehören, von der jede gegebene +Wahrnehmung ein Teil ist, der also mit keinen anderen Erscheinungen +könne verbunden werden, oder ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer +möglichen Erfahrung (in ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören +können. Der Verstand gibt a priori der Erfahrung überhaupt nur die +Regel, nach den subjektiven und formalen Bedingungen, sowohl der +Sinnlichkeit als der Apperzeption, welche sie allein möglich machen. +Andere Formen der Anschauung, (als Raum und Zeit,) imgleichen andere +Formen des Verstandes, (als die diskursive des Denkens, oder der +Erkenntnis durch Begriffe,) ob sie gleich möglich wären, können wir +uns doch auf keinerlei Weise erdenken und faßlich machen, aber, wenn +wir es auch könnten, so würden sie doch nicht zur Erfahrung, als dem +einzigen Erkenntnis gehören, worin uns Gegenstände gegeben werden. Ob +andere Wahrnehmungen, als überhaupt, zu unserer gesamten möglichen +Erfahrung gehören, und also ein ganz anderes Feld der Materie noch +stattfinden könne, kann der Verstand nicht entscheiden, er hat es +nur mit der Synthesis dessen zu tun, was gegeben ist. Sonst ist die +Armseligkeit unserer gewöhnlichen Schlüsse, wodurch wir ein großes +Reich der Möglichkeit herausbringen, davon alles Wirkliche (aller +Gegenstand der Erfahrung) nur ein kleiner Teil sei, sehr in die Augen +fallend. Alles Wirkliche ist möglich; hieraus folgt natürlicherweise, +nach den logischen Regeln der Umkehrung, der bloß partikulare Satz: +einiges Mögliche ist wirklich, welches denn soviel zu bedeuten +scheint, als: es ist vieles möglich, was nicht wirklich ist. Zwar hat +es den Anschein, als könne man auch geradezu die Zahl des Möglichen +über die des Wirklichen dadurch hinaussetzen, weil zu jener noch etwas +hinzukommen muß, um diese auszumachen. Allein dieses Hinzukommen zum +Möglichen kenne ich nicht. Denn was über dasselbe noch zugesetzt +werden sollte, wäre unmöglich. Es kann nur zu meinem Verstande etwas +über die Zusammenstimmung mit den formalen Bedingungen der Erfahrung, +nämlich die Verknüpfung mit irgendeiner Wahrnehmung, hinzukommen; was +aber mit dieser nach empirischen Gesetzen verknüpft ist, ist wirklich, +ob es gleich unmittelbar nicht wahrgenommen wird. Daß aber im +durchgängigen Zusammenhange mit dem, was mir in der Wahrnehmung +gegeben ist, eine andere Reihe von Erscheinungen, mithin mehr als eine +einzige alles befassende Erfahrung möglich sei, läßt sich aus dem, was +gegeben ist, nicht schließen, und, ohne daß irgend etwas gegeben ist, +noch viel weniger; weil ohne Stoff sich überall nichts denken läßt. +Was unter Bedingungen, die selbst bloß möglich sind, allein möglich +ist, ist es nicht in aller Absicht. In dieser aber wird die Frage +genommen, wenn man wissen will, ob die Möglichkeit der Dinge sich +weiter erstrecke, als Erfahrung reichen kann. + +Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung getan, um keine Lücke in +demjenigen zu lassen, was, der gemeinen Meinung nach, zu den +Verstandesbegriffen gehört. In der Tat ist aber die absolute +Möglichkeit (die in aller Absicht gültig ist) kein bloßer +Verstandesbegriff, und kann auf keinerlei Weise von empirischem +Gebrauche sein, sondern er gehört allein der Vernunft zu, die über +allen möglichen empirischen Verstandesgebrauch hinausgeht. Daher haben +wir uns hierbei mit einer bloß kritischen Anmerkung begnügen müssen, +übrigens aber die Sache bis zum weiteren künftigen Verfahren in der +Dunkelheit gelassen. + +Da ich eben diese vierte Nummer, und mit ihr zugleich das System aller +Grundsätze des reinen Verstandes schließen will, so muß ich noch Grund +angeben, warum ich die Prinzipien der Modalität gerade Postulate +genannt habe. Ich will diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung +nehmen, welche ihm einige neuere philosophische Verfasser, wider den +Sinn der Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben +haben, nämlich: daß Postulieren so viel heißen solle, als einen Satz +für unmittelbar gewiß, ohne Rechtfertigung, oder Beweis ausgeben; +denn, wenn wir das bei synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein +mögen, einräumen sollten, daß man sie ohne Deduktion, auf das Ansehen +ihres eigenen Ausspruchs, dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe, +so ist alle Kritik des Verstandes verloren, und, da es an dreisten +Anmaßungen nicht fehlt, deren sich auch der gemeine Glaube, (der aber +kein Kreditiv ist) nicht weigert; so wird unser Verstand jedem Wahne +offen stehen, ohne daß er seinen Beifall denen Aussprüchen versagen +kann, die, obgleich unrechtmäßig, doch in eben demselben Tone der +Zuversicht, als wirkliche Axiome eingelassen zu werden verlangen. Wenn +also zu dem Begriffe eines Dinges eine Bestimmung a priori synthetisch +hinzukommt, so muß von einem solchen Satze, wo nicht ein Beweis, +doch wenigstens eine Deduktion der Rechtmäßigkeit seiner Behauptung +unnachläßlich hinzugefügt werden. + +Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objektiv synthetisch, +weil die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit +den Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren, +dadurch daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas +hinzusetzten. Da sie aber gleichwohl doch immer synthetisch sind, +so sind sie es nur subjektiv, d.i. sie fügen zu dem Begriffe eines +Dinges, (Realen,) von dem sie sonst nichts sagen, die Erkenntniskraft +hinzu, worin er entspringt und seinen Sitz hat, so, daß, wenn er bloß +im Verstande mit den formalen Bedingungen der Erfahrung in Verknüpfung +ist, sein Gegenstand möglich heißt; ist er mit der Wahrnehmung +(Empfindung, als Materie der Sinne) im Zusammenhange, und durch +dieselben vermittelst des Verstandes bestimmt, so ist das Objekt +wirklich; ist er durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen nach +Begriffen bestimmt, so heißt der Gegenstand notwendig. Die Grundsätze +der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anderes, als die +Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er erzeugt wird. Nun heißt +ein Postulat in der Mathematik der praktische Satz, der nichts als die +Synthesis enthält, wodurch wir einen Gegenstand uns zuerst geben, und +dessen Begriff erzeugen, z.B. mit einer gegebenen Linie, aus einem +gegebenen Punkt auf einer Ebene einen Zirkel zu beschreiben, und ein +dergleichen Satz kann darum nicht bewiesen werden, weil das Verfahren, +was er fordert, gerade das ist, wodurch wir den Begriff von einer +solchen Figur zuerst erzeugen. So können wir demnach mit ebendemselben +Rechte die Grundsätze der Modalität postulieren, weil sie ihren +Begriff von Dingen überhaupt nicht vermehren*, sondern nur die Art +anzeigen, wie er überhaupt mit der Erkenntniskraft verbunden wird. + +* Durch die Wirklichkeit eines Dinges, setze ich freilich mehr, als + die Möglichkeit, aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals + mehr in der Wirklichkeit enthalten, als was in dessen vollständiger + Möglichkeit enthalten war. Sondern da die Möglichkeit bloß + eine Position des Dinges in Beziehung auf den Verstand (dessen + empirischen Gebrauch) war, so ist die Wirklichkeit zugleich eine + Verknüpfung desselben mit der Wahrnehmung. + + + +Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze + +Es ist etwas sehr Bemerkungswürdiges, daß wir die Möglichkeit keines +Dinges nach der bloßen Kategorie einsehen können, sondern immer eine +Anschauung bei der Hand haben müssen, um an derselben die objektive +Realität des reinen Verstandesbegriffs darzulegen. Man nehme z.B. die +Kategorien der Relation. Wie l) etwas nur als Subjekt, nicht als bloße +Bestimmung anderer Dinge existieren, d.i. Substanz sein könne, oder +wie 2) darum, weil etwas ist, etwas anderes sein müsse, mithin wie, +etwas überhaupt Ursache sein könne, oder 3) wie, wenn mehrere Dinge da +sind, daraus, daß eines derselben da ist, etwas auf die übrigen und +so wechselseitig folge, und auf diese Art eine Gemeinschaft von +Substanzen statthaben könne, läßt sich gar nicht aus bloßen Begriffen +einsehen. Eben dieses gilt auch von den übrigen Kategorien, z.B. wie +ein Ding mit vielen zusammen einerlei, d.i. eine Größe sein könne usw. +Solange es also an Anschauung fehlt, weiß man nicht, ob man durch die +Kategorien ein Objekt denkt, und ob ihnen auch überall gar irgend +ein Objekt zukommen könne, und so bestätigt sich, daß sie für sich +gar keine Erkenntnisse, sondern bloße Gedankenformen sind, um aus +gegebenen Anschauungen Erkenntnisse zu machen. - Eben daher kommt es +auch, daß aus bloßen Kategorien kein synthetischer Satz gemacht werden +kann. Z.B. in allem Dasein ist Substanz, d.i. etwas, was nur als +Subjekt und nicht als bloßes Prädikat existieren kann; oder, ein jedes +Ding ist ein Quantum usw., wo gar nichts ist, was uns dienen könnte, +über einen gegebenen Begriff hinauszugehen und einen anderen damit +zu verknüpfen. Daher es auch niemals gelungen ist, aus bloßen reinen +Verstandesbegriffen einen synthetischen Satz zu beweisen, z.B. den +Satz: alles zufällig Existierende hat eine Ursache. Man konnte niemals +weiter kommen, als zu beweisen, daß, ohne diese Beziehung, wir die +Existenz des Zufälligen gar nicht begreifen, d.i. a priori durch den +Verstand die Existenz eines solchen Dinges nicht erkennen könnten; +woraus aber nicht folgt, daß eben dieselbe auch die Bedingung der +Möglichkeit der Sachen selbst sei. Wenn man daher nach unserem Beweise +des Grundsatzes der Kausalität zurück sehen will, so wird man gewahr +werden, daß wir denselben nur von Objekten möglicher Erfahrung +beweisen konnten: alles was geschieht (eine jede Begebenheit) setzt +eine Ursache voraus, und zwar so, daß wir ihn auch nur als Prinzip +der Möglichkeit der Erfahrung, mithin der Erkenntnis eines in der +empirischen Anschauung gegebenen Objekts, und nicht aus bloßen +Begriffen beweisen konnten. Daß gleichwohl der Satz: alles Zufällige +müsse eine Ursache haben, doch jedermann aus bloßen Begriffen klar +einleuchte, ist nicht zu leugnen; aber alsdann ist der Begriff des +Zufälligen schon so gefaßt, daß er nicht die Kategorie der Modalität +(als etwas, dessen Nichtsein sich denken läßt), sondern die der +Relation (als etwas, das nur als Folge von einem anderen existieren +kann) enthält, und da ist es freilich ein identischer Satz: was nur +als Folge existieren kann, hat seine Ursache. In der Tat, wenn wir +Beispiele vom zufälligen Dasein geben sollen, berufen wir uns immer +auf Veränderungen und nicht bloß auf die Möglichkeit des Gedankens vom +Gegenteil*. Veränderung aber ist Begebenheit, die, als solche, nur +durch eine Ursache möglich, deren Nichtsein also für sich möglich ist, +und so erkennt man die Zufälligkeit daraus, daß etwas nur als Wirkung +einer Ursache existieren kann; wird daher ein Ding als zufällig +angenommen, so ist's ein analytischer Satz, zu sagen, es habe eine +Ursache. + +* Man kann sich das Nichtsein der Materie leicht denken, aber die + Alten folgerten daraus doch nicht ihre Zufälligkeit. Allein selbst + der Wechsel des Seins und Nichtseins eines gegebenen Zustandes + eines Dinges, darin alle Veränderung besteht, beweist gar nicht die + Zufälligkeit dieses Zustandes, gleichsam aus der Wirklichkeit seines + Gegenteils, z.B. die Ruhe eines Körpers, welche auf die Bewegung + folgt, noch nicht die Zufälligkeit der Bewegung desselben, daraus, + weil die erstere das Gegenteil der letzteren ist. Denn dieses + Gegenteil ist hier nur logisch, nicht realiter dem anderen + entgegengesetzt. Man müßte beweisen, daß, anstatt der Bewegung im + vorhergehenden Zeitpunkte, es möglich gewesen, daß der Körper damals + geruht hatte, um die Zufälligkeit seiner Bewegung zu beweisen, + nicht daß er hernach ruhe; denn da können beide Gegenteile gar wohl + miteinander bestehen. + +Noch merkwürdiger aber ist, daß wir, um die Möglichkeit der Dinge, +zufolge der Kategorien, zu verstehen, und also die objektive Realität +der letzteren darzutun, nicht bloß Anschauungen, sondern sogar immer +äußere Anschauungen bedürfen. Wenn wir z.B. die reinen Begriffe der +Relation nehmen, so finden wir, daß l) um dem Begriffe der Substanz +korrespondierend etwas Beharrliches in der Anschauung zu geben, (und +dadurch die objektive Realität dieses Begriffs darzutun) wir eine +Anschauung im Raume (der Materie) bedürfen, weil der Raum allem +beharrlich bestimmt, die Zeit aber, mithin alles, was im inneren +Sinne ist, beständig fließt. Um Veränderung, als die dem Begriffe der +Kausalität korrespondierende Anschauung, darzustellen, müssen wir +Bewegung, als Veränderung im Raume, zum Beispiele nehmen, ja sogar +dadurch allein können wir uns Veränderungen, deren Möglichkeit kein +reiner Verstand begreifen kann, anschaulich machen. Veränderung ist +Verbindung kontradiktorisch einander entgegengesetzter Bestimmungen +im Dasein eines und desselben Dinges. Wie es nun möglich sei, daß +aus einem gegebenen Zustande, ein ihm entgegengesetzter desselben +Dinges folge, kann nicht allein keine Vernunft sich ohne Beispiel +begreiflich, sondern nicht einmal ohne Anschauung verständlich +machen, und diese Anschauung ist die der Bewegung eines Punktes +im Raume, dessen Dasein in verschiedenen Ortern (als eine Folge +entgegengesetzter Bestimmungen) zuerst uns allein Veränderung +anschaulich macht; denn, um uns nachher selbst innere Veränderungen +denkbar zu machen, müssen wir die Zeit, als die Form des inneren +Sinnes, figürlich durch eine Linie, und die innere Veränderung durch +das Ziehen dieses Linie (Bewegung), mithin die sukzessive Existenz +unser selbst in verschiedenem Zustande durch äußere Anschauung uns +faßlich machen, wovon der eigentliche Grund dieser ist, daß alle +Veränderung etwas Beharrliches in der Anschauung voraussetzt, um auch +selbst nur als Veränderung wahrgenommen zu werden, im inneren Sinne +aber gar keine beharrliche Anschauung angetroffen wird. - Endlich ist +die Kategorie der Gemeinschaft, ihrer Möglichkeit nach, gar nicht +durch die bloße Vernunft zu begreifen, und also die objektive Realität +dieses Begriffs ohne Anschauung, und zwar äußere im Raum, nicht +einzusehen möglich. Denn wie will man sich die Möglichkeit denken, +daß, wenn mehrere Substanzen existieren, aus der Existenz der einen +auf die Existenz der anderen wechselseitig etwas (als Wirkung) folgen +könne, und also, weil in der ersteren etwas ist, darum auch in den +anderen etwas sein müsse, was aus der Existenz der letzteren allein +nicht verstanden werden kann? Denn dieses wird zur Gemeinschaft +erfordert, ist aber unter Dingen, die sich ein jedes durch seine +Subsistenz völlig isolieren, gar nicht begreiflich. Daher Leibniz, +indem er den Substanzen der Welt, nur, wie sie der Verstand allein +denkt, eine Gemeinschaft beilegte, eine Gottheit zur Vermittlung +brauchte; denn aus ihrem Dasein allein schien sie ihm mit Recht +unbegreiflich. Wir können aber die Möglichkeit der Gemeinschaft (der +Substanzen als Erscheinungen) uns gar wohl faßlich machen, wenn wir +sie uns im Raume, also in der äußeren Anschauung vorstellen. Denn +dieser enthält schon a priori formale äußere Verhältnisse als +Bedingungen der Möglichkeit der realen (in Wirkung und Gegenwirkung, +mithin der Gemeinschaft) in sich. - Ebenso kann leicht dargetan +werden, daß die Möglichkeit der Dinge als Größen, und also die +objektive Realität der Kategorie der Größe, auch nur in der äußeren +Anschauung könne dargelegt, und vermittelst ihrer allein hernach +auch auf den inneren Sinn angewandt werden. Allein ich muß, um +Weitläufigkeit zu vermeiden, die Beispiele davon dem Nachdenken dem +Lesers überlassen. + +Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit, nicht allein um +unsere vorhergehende Widerlegung des Idealismus zu bestätigen, sondern +vielmehr noch, um, wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren +Bewußtsein und der Bestimmung unserer Natur ohne Beihilfe äußerer +empirischer Anschauungen die Rede sein wird, uns die Schranken der +Möglichkeit einer solchen Erkenntnis anzuzeigen. + +Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also: alle +Grundsätze des reinen Verstandes sind nichts weiter als Prinzipien +a priori der Möglichkeit der Erfahrung, und auf die letztere allein +beziehen sich auch alle synthetischen Sätze a priori, ja ihre +Möglichkeit beruht selbst gänzlich auf dieser Beziehung. + + + +Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft +(Analytik der Grundsätze) +Drittes Hauptstück + +Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in +Phaenomena und Noumena + +Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein +durchreist, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, +sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine +Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur +selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land +der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und +stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche +Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und +indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich +mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen +er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. +Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu +durchsuchen, und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so +wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes +zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob +wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein +könnten, oder auch aus Not zufrieden sein müssen, wenn es sonst +überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens, +unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen, und uns +wider alle feindseligen Ansprüche gesichert halten können. Obschon wir +diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet +haben, so kann doch ein summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die +Überzeugung dadurch verstärken, daß er die Momente derselben in einem +Punkt vereinigt. + +Wir haben nämlich gesehen: daß alles, was der Verstand aus sich selbst +schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch +zu keinem anderen Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die +Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori konstitutiv +sein (wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die +dynamischen), enthalten nichts als gleichsam nur das reine Schema +zur möglichen Erfahrung; denn diese hat ihre Einheit nur von der +synthetischen Einheit, welche der Verstand der Synthesis der +Einbildungskraft in Beziehung auf die Apperzeption ursprünglich +und von selbst erteilt, und auf welche die Erscheinungen, als data +zu einem möglichen Erkenntnisse, schon a priori in Beziehung und +Einstimmung stehen müssen. Ob nun aber gleich diese Verstandesregeln +nicht allein a priori wahr sind, sondern sogar der Quell aller +Wahrheit, d.i. der Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit Objekten, +dadurch, daß sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung, als des +Inbegriffes aller Erkenntnis, darin uns Objekte gegeben werden mögen, +in sich enthalten, so scheint es uns doch nicht genug, sich bloß +dasjenige vortragen zu lassen, was wahr ist, sondern, was man zu +wissen begehrt. Wenn wir also durch diese kritische Untersuchung +nichts Mehreres lernen, als was wir im bloß empirischen Gebrauche des +Verstandes, auch ohne so subtile Nachforschung, von selbst wohl würden +ausgeübt haben, so scheint es, sei der Vorteil, den man aus ihr zieht, +den Aufwand und die Zurüstung nicht wert. Nun kann man zwar hierauf +antworten: daß kein Vorwitz der Erweiterung unserer Erkenntnis +nachteiliger sei, als der, so den Nutzen jederzeit zum voraus wissen +will, ehe man sich auf Nachforschungen einläßt, und ehe man noch sich +den mindesten Begriff von diesem Nutzen machen könnte, wenn derselbe +auch vor Augen gestellt würde. Allein es gibt doch einen Vorteil, +der auch dem schwierigsten und unlustigsten Lehrlinge solcher +transzendentalen Nachforschung begreiflich, und zugleich angelegen +gemacht werden kann, nämlich dieser: daß der bloß mit seinem +empirischen Gebrauche beschäftigte Verstand, der über die Quellen +seiner eigenen Erkenntnis nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen, +eines aber gar nicht leisten könne, nämlich, sich selbst die Grenzen +seines Gebrauchs zu bestimmen, und zu wissen, was innerhalb oder +außerhalb seiner ganzen Sphäre liegen mag; denn dazu werden eben die +tiefen Untersuchungen erfordert, die wir angestellt haben. Kann er +aber nicht unterscheiden, ob gewisse Fragen in seinem Horizonte +liegen, oder nicht, so ist er niemals seiner Ansprüche und seines +Besitzes sicher, sondern darf sich nur auf vielfältige beschämende +Zurechtweisungen Rechnung machen, wenn er die Grenzen seines Gebiets +(wie es unvermeidlich ist) unaufhörlich überschreitet, und sich in +Wahn und Blendwerke verirrt. + +Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori, ja von +allen seinen Begriffen keinen anderen als empirischen, niemals aber +einen transzendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der, +wenn er mit Überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen +hinaussieht. Der transzendentale Gebrauch eines Begriffs in +irgendeinem Grundsatze ist dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an +sich selbst, der empirische aber, wenn er bloß auf Erscheinungen, d.i. +Gegenstände einer möglichen Erfahrung, bezogen wird. Daß aber überall +nur der letztere stattfinden könne, ersieht man daraus. Zu jedem +Begriff wird erstlich die logische Form eines Begriffs (des Denkens) +überhaupt, und dann zweitens auch die Möglichkeit, ihm einen +Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe, erfordert. Ohne diesen +letzteren hat er keinen Sinn, und ist völlig leer an Inhalt, ob er +gleich noch immer die logische Funktion enthalten mag, aus etwaigen +datis einen Begriff zu machen. Nun kann der Gegenstand einem Begriffe +nicht anders gegeben werden, als in der Anschauung, und, wenn eine +reine Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich ist, so +kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die objektive +Gültigkeit, nur durch die empirische Anschauung bekommen, wovon sie +die bloße Form ist. Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen +alle Grundsätze, so sehr sie auch a priori möglich sein mögen, dennoch +auf empirische Anschauungen, d.i. auf data zur möglichen Erfahrung. +Ohne dieses haben sie gar keine objektive Gültigkeit, sondern sind +ein bloßes Spiel, es sei der Einbildungskraft, oder des Verstandes, +respektive mit ihren Vorstellungen. Man nehme nur die Begriffe +der Mathematik zum Beispiele, und zwar erstlich in ihren reinen +Anschauungen. Der Raum hat drei Abmessungen, zwischen zwei Punkten +kann nur eine gerade Linie sein, usw. Obgleich alle diese Grundsätze, +und die Vorstellung des Gegenstandes, womit sich jene Wissenschaft +beschäftigt, völlig a priori im Gemüt erzeugt werden, so würden sie +doch gar nichts bedeuten, könnten wir nicht immer an Erscheinungen +(empirischen Gegenständen) ihre Bedeutung darlegen. Daher erfordert +man auch, einen abgesonderten Begriff sinnlich zu machen, d.i. das +ihm korrespondierende Objekt in der Anschauung darzulegen, weil, ohne +dieses, der Begriff (wie man sagt) ohne Sinn, d.i. ohne Bedeutung +bleiben würde. Die Mathematik erfüllt diese Forderung durch die +Konstruktion der Gestalt, welche eine den Sinnen gegenwärtige (obzwar +a priori zustande gebrachte) Erscheinung ist. Der Begriff der Größe +sucht in eben der Wissenschaft seine Haltung und Sinn in der Zahl, +diese aber an den Fingern, den Korallen des Rechenbretts, oder den +Strichen und Punkten, die vor Augen gestellt werden. Der Begriff +bleibt immer a priori erzeugt, samt den synthetischen Grundsätzen +oder Formeln aus solchen Begriffen; aber der Gebrauch derselben, und +Beziehung auf angebliche Gegenstände kann am Ende doch nirgend, als in +der Erfahrung gesucht werden, deren Möglichkeit (der Form nach) jene a +priori enthalten. + +Daß dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien, und den daraus +gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus: daß wir so gar keine +einzige derselben real definieren, d.i. die Möglichkeit ihres Objekts +verständlich machen können, ohne uns sofort zu Bedingungen der +Sinnlichkeit, mithin der Form der Erscheinungen, herabzulassen, als +auf welche, als ihre einzigen Gegenstände, sie folglich eingeschränkt +sein müssen, weil, wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, +d.i. Beziehung aufs Objekt, wegfällt, und man durch kein Beispiel +sich selbst faßlich machen kann, was unter dergleichen Begriffe denn +eigentlich für ein Ding gemeint sei. + +Den Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären, als etwa so: +daß sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie vielmal Eines in +ihm gesetzt ist, gedacht werden kann. Allein dieses Wievielmal gründet +sich auf die sukzessive Wiederholung, mithin auf die Zeit und die +Synthesis (des Gleichartigen) in derselben. Realität kann man im +Gegensatze mit der Negation nur alsdann erklären, wenn man sich eine +Zeit (als den Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die entweder womit +erfüllt, oder leer ist. Lasse ich die Beharrlichkeit (welche ein +Dasein zu aller Zeit ist) weg, so bleibt mir zum Begriffe der Substanz +nichts übrig, als die logische Vorstellung vom Subjekt, welche ich +dadurch zu realisieren vermeine, daß ich mir Etwas vorstelle, welches +bloß als Subjekt (ohne wovon ein Prädikat zu sein) stattfinden kann. +Aber nicht allein, daß ich gar keine Bedingungen weiß, unter welchen +denn dieser logische Vorzug irgendeinem Dinge eigen sein werde: so +ist auch gar nichts weiter daraus zu machen, und nicht die mindeste +Folgerung zu ziehen, weil dadurch gar kein Objekt des Gebrauchs dieses +Begriffs bestimmt wird, und man also gar nicht weiß, ob dieser überall +irgend etwas bedeute. Vom Begriffe der Ursache würde ich (wenn ich die +Zeit weglasse, in der etwas auf etwas anderes nach einer Regel folgt,) +in der reinen Kategorie nichts weiter finden, als daß es so etwas +sei, woraus sich auf das Dasein eines anderen schließen läßt, und es +würde dadurch nicht allein Ursache und Wirkung gar nicht voneinander +unterschieden werden können, sondern weil dieses Schließenkönnen doch +bald Bedingungen erfordert, von denen ich nichts weiß, so würde der +Begriff gar keine Bestimmung haben, wie er auf irgendein Objekt passe. +Der vermeinte Grundsatz: alles Zufällige hat eine Ursache, tritt zwar +ziemlich gravitätisch auf, als habe er seine eigene Würde in sich +selbst. Allein, frage ich: was versteht ihr unter Zufällig? und ihr +antwortet, dessen Nichtsein möglich ist, so möchte ich gern wissen, +woran ihr diese Möglichkeit des Nichtseins erkennen wollt, wenn ihr +euch nicht in der Reihe der Erscheinungen eine Sukzession und in +dieser ein Dasein, welches auf das Nichtsein folgt, (oder umgekehrt,) +mithin einen Wechsel vorstellt; denn, daß das Nichtsein eines Dinges +sich selbst nicht widerspreche, ist eine lahme Berufung auf eine +logische Bedingung, die zwar zum Begriffe notwendig, aber zur realen +Möglichkeit bei weitem nicht hinreichend ist; wie ich denn eine jede +existierende Substanz in Gedanken aufheben kann, ohne mir selbst zu +widersprechen, daraus aber auf die objektive Zufälligkeit derselben in +ihrem Dasein, d.i. die Möglichkeit seines Nichtseins an sich selbst, +gar nicht schließen kann. Was den Begriff der Gemeinschaft betrifft, +so ist leicht zu ermessen: daß, da die reinen Kategorien der Substanz +sowohl, als Kausalität, keine das Objekt bestimmende Erklärung +zulassen, die wechselseitige Kausalität in der Beziehung der +Substanzen aufeinander (commercium) ebensowenig derselben fähig sei. +Möglichkeit, Dasein und Notwendigkeit hat noch niemand anders als +durch offenbare Tautologie erklären können, wenn man ihre Definition +lediglich aus dem reinen Verstande schöpfen wollte. Denn das +Blendwerk, die logische Möglichkeit des Begriffs (da er sich selbst +nicht widerspricht) der transzendentalen Möglichkeit der Dinge (da +dem Begriff ein Gegenstand korrespondiert) zu unterschieben, kann nur +Unversuchte hintergehen und zufrieden stellen*. + +* Mit einem Worte, alle diese Begriffe lassen sich durch nichts + belegen, und dadurch ihre reale Möglichkeit dartun, wenn alle + sinnliche Anschauung (die einzige, die wir haben), weggenommen wird, + und es bleibt dann nur noch die logische Möglichkeit übrig, d.i. daß + der Begriff (Gedanke) möglich sei, wovon aber nicht die Rede ist, + sondern ob er sich auf ein Objekt beziehe, und also irgend was + bedeute. + +Hierzu fließt nun unwidersprechlich: daß die reinen Verstandesbegriffe +niemals von transzendentalem, sondern jederzeit nur von empirischem +Gebrauche sein können, und daß die Grundsätze des reinen Verstandes +nur in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer möglichen +Erfahrung, auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge +überhaupt, (ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie +anschauen mögen,) bezogen werden können. + +Die transzendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat: daß +der Verstand a priori niemals mehr leisten könne, als die Form einer +möglichen Erfahrung überhaupt zu antizipieren, und, da dasjenige, was +nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er +die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen uns allein Gegenstände +gegeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind +bloß Prinzipien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name +einer Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische +Erkenntnisse a priori in einer systematischen Doktrin zu geben (z. +E. den Grundsatz der Kausalität) muß dem bescheidenen, einer bloßen +Analytik des reinen Verstandes, Platz machen. + +Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand +zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise +gegeben, so ist der Gegenstand bloß transzendental, und der +Verstandesbegriff hat keinen anderen, als transzendentalen Gebrauch, +nämlich die Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen überhaupt. +Durch eine reine Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung +der sinnlichen Anschauung, als der einzigen, die uns möglich ist, +abstrahiert wird, wird also kein Objekt bestimmt, sondern nur das +Denken eines Objekts überhaupt, nach verschiedenen modis, ausgedrückt. +Nun gehört zum Gebrauche eines Begriffs noch eine Funktion der +Urteilskraft, worauf ein Gegenstand unter ihm subsumiert wird, mithin +die wenigstens formale Bedingung, unter der etwas in der Anschauung +gegeben werden kann. Fehlt diese Bedingung der Urteilskraft, (Schema) +so fällt alle Subsumtion weg; denn es wird nichts gegeben, was unter +den Begriff subsumiert werden könne. Der bloß transzendentale Gebrauch +also der Kategorien ist in der Tat gar kein Gebrauch, und hat keinen +bestimmten, oder auch nur, der Form nach, bestimmbaren Gegenstand. +Hieraus folgt, daß die reine Kategorie auch zu keinem synthetischen +Grundsatze a priori zulange, und daß die Grundsätze des reinen +Verstandes nur von empirischem, niemals aber von transzendentalem +Gebrauche sind, über das Feld möglicher Erfahrung hinaus aber es +überall keine synthetischen Grundsätze a priori geben könne. + +Es kann daher ratsam sein, sich also auszudrücken: die reinen +Kategorien, ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit, haben bloß +transzendentale Bedeutung, sind aber von keinem transzendentalen +Gebrauch, weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle +Bedingungen irgendeines Gebrauchs (in Urteilen) abgehen, nämlich +die formalen Bedingungen der Subsumtion irgendeines angeblichen +Gegenstandes unter diese Begriffe. Da sie also (als bloß reine +Kategorien) nicht von empirischem Gebrauche sein sollen, und von +transzendentalem nicht sein können, so sind sie von gar keinem +Gebrauche, wenn man sie von aller Sinnlichkeit absondert, d.i. sie +können auf gar keinen angeblichen Gegenstand angewandt werden; +vielmehr sind sie bloß die reine Form des Verstandesgebrauchs in +Ansehung der Gegenstände überhaupt und des Denkens, ohne doch durch +sie allein irgendein Objekt denken oder bestimmen zu können. + +Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum +Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Ursprunge nach nicht auf +Sinnlichkeit, wie die Anschauungsformen, Raum und Zeit, scheinen +also eine über alle Gegenstände der Sinne erweiterte Anwendung +zu verstatten. Allein sie sind ihrerseits wiederum nichts als +Gedankenformen, die bloß das logische Vermögen enthalten, das +mannigfaltige in der Anschauung Gegebene in ein Bewußtsein a priori zu +vereinigen, und da können sie, wenn man ihnen die uns allein mögliche +Anschauung wegnimmt, noch weniger Bedeutung haben, als jene reinen +sinnlichen Formen, durch die doch wenigstens ein Objekt gegeben +wird, anstatt daß eine unserem Verstande eigene Verbindungsart des +Mannigfaltigen, wenn diejenige Anschauung, darin dieses allein gegeben +werden kann, nicht hinzukommt, gar nachts bedeutet. - Gleichwohl liegt +es doch schon in unserem Begriffe, wenn wir gewisse Gegenstände, als +Erscheinungen, Sinnenwesen (Phänomena) nennen, indem wir die Art, +wie wir sie anschauen, von ihrer Beschaffenheit an sich selbst +unterscheiden, daß wir entweder eben dieselbe nach dieses letzteren +Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in derselben nicht anschauen, oder +auch andere mögliche Dinge, die gar nicht Objekte unserer Sinne sind, +als Gegenstände bloß durch den Verstand gedacht, jenen gleichsam +gegenüberstellen, und sie Verstandeswesen (Noumena) nennen. Nun frägt +sich: ob unsere reinen Verstandesbegriffe nicht in Ansehung dieser +Letzteren Bedeutung haben, und eine Erkenntnisart derselben sein +könnten? + +Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit, welche großen +Mißverstand veranlassen kann: daß, da der Verstand, wenn er einen +Gegenstand in einer Beziehung bloß Phänomen nennt, er sich zugleich +außer dieser Beziehung noch eine Vorstellung von einem Gegenstande an +sich selbst macht, und sich daher vorstellt, er könne sich auch von +dergleichen Gegenstande Begriffe machen, und, da der Verstand keine +anderen als die Kategorien liefert, der Gegenstand in der letzteren +Bedeutung wenigstens durch diese reinen Verstandesbegriffe müsse +gedacht werden können, dadurch aber verleitet wird, den ganz +unbestimmten Begriff von einem Verstandeswesen, als einem Etwas +überhaupt außer unserer Sinnlichkeit, für einen bestimmten Begriff von +einem Wesen, welches wir durch den Verstand auf einige Art erkennen +können, zu halten. + +Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht +Objekt unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer +Anschauungsart desselben abstrahieren; so ist dieses ein Noumenon +im negativen Verstande. Verstehen wir aber darunter ein Objekt +einer nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere +Anschauungsart an, nämlich die intellektuelle, die aber nicht die +unsrige ist, von welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen +können, und das wäre das Noumenon in positiver Bedeutung. + +Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den +Noumenen im negativen Verstande, d.i. von Dingen, die der Verstand +sich ohne diese Beziehung auf unsere Anschauungsart, mithin nicht bloß +als Erscheinungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muß, von +denen er aber in dieser Absonderung zugleich begreift, daß er von +seinen Kategorien in dieser Art sie zu erwägen, keinen Gebrauch machen +könne, weil diese nur in Beziehung auf die Einheit der Anschauungen +in Raum und Zeit Bedeutung haben, sie eben diese Einheit auch nur +wegen der bloßen Idealität des Raums und der Zeit durch allgemeine +Verbindungsbegriffe a priori bestimmen können. Wo diese Zeiteinheit +nicht angetroffen werden kann, mithin beim Noumenon, da hört der ganze +Gebrauch, ja selbst alle Bedeutung der Kategorien völlig auf; denn +selbst die Möglichkeit der Dinge, die den Kategorien entsprechen +sollen, läßt sich gar nicht einsehen; weshalb ich mich nur auf das +berufen darf, was ich in der allgemeinen Anmerkung zum vorigen +Hauptstücke gleich zu Anfang anführte. Nun kann aber die Möglichkeit +einer Dinges niemals bloß aus dem Nichtwidersprechen eines Begriffs +desselben, sondern nur dadurch, daß man diesen durch eine ihm +korrespondierende Anschauung belegt, bewiesen werden. Wenn wir also +die Kategorien auf Gegenstände, die nicht als Erscheinungen betrachtet +werden, anwenden wollten, so müßten wir eine andere Anschauung, als +die sinnliche, zum Grunde legen, und alsdann wäre der Gegenstand +ein Noumenon in positiver Bedeutung. Da nun eine solche, nämlich +die intellektuelle Anschauung, schlechterdings außer unserem +Erkenntnisvermögen liegt, so kann auch der Gebrauch der Kategorien +keineswegs über die Grenze der Gegenstände der Erfahrung +hinausreichen, und den Sinnenwesen korrespondieren zwar freilich +Verstandeswesen, auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche unser +sinnliches Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere +Verstandesbegriffe, als bloße Gedankenformen für unsere sinnliche +Anschauung, reichen nicht im mindesten auf diese hinaus; was also +von uns Noumenon genannt wird, muß als ein solches nur in negativer +Bedeutung verstanden werden. + +Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen +Erkenntnis wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntnis irgendeines +Gegenstandes übrig; denn durch bloße Anschauung wird gar nichts +gedacht, und, daß diese Affektion der Sinnlichkeit in mir ist, macht +gar keine Beziehung von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Objekt +aus. Lasse ich aber hingegen alle Anschauung weg, so bleibt doch noch +die Form des Denkens, d.i. die Art, dem Mannigfaltigen einer möglichen +Anschauung einen Gegenstand zu bestimmen. Daher erstrecken sich die +Kategorien sofern weiter, als die sinnliche Anschauung, weil sie +Objekte überhaupt denken, ohne noch auf die besondere Art (der +Sinnlichkeit) zu sehen, in der sie gegeben werden mögen. Sie bestimmen +aber dadurch nicht eine größere Sphäre von Gegenständen, weil, daß +solche gegeben werden können, man nicht annehmen kann, ohne daß man +eine andere als sinnliche Art der Anschauung als möglich voraussetzt, +wozu wir aber keineswegs berechtigt sind. + +Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch +enthält, der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit anderen +Erkenntnissen zusammenhängt, dessen objektive Realität aber auf keine +Weise erkannt werden kann. Der Begriff eines Noumenon, d.i. eines +Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein +Ding an sich selbst, (lediglich durch einen reinen Verstand) gedacht +werden soll, ist gar nicht widersprechend; denn man kann von der +Sinnlichkeit doch nicht behaupten, daß sie die einzige mögliche Art +der Anschauung sei. Ferner ist dieser Begriff notwendig, um die +sinnliche Anschauung nicht bis über die Dinge an sich selbst +auszudehnen, und also, um die objektive Gültigkeit der sinnlichen +Erkenntnis einzuschränken, (denn das übrige, worauf jene nicht +reicht, heißen eben darum Noumena, damit man dadurch anzeige, jene +Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht über alles, was der Verstand +denkt, erstrecken). Am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher +Noumenorum gar nicht einzusehen, und der Umfang außer der Sphäre der +Erscheinungen ist (für uns) leer, d.i. wir haben einen Verstand, der +sich problematisch weiter erstreckt, als jene, aber keine Anschauung, +ja auch nicht einmal den Begriff von einer möglichen Anschauung, +wodurch uns außer dem Felde der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben, und +der Verstand über dieselbe hinaus assertorisch gebraucht werden könne. +Der Begriff eines Noumenon ist also bloß ein Grenzbegriff, um die +Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken, und also nur von negativem +Gebrauche. Er ist aber gleichwohl nicht willkürlich erdichtet, sondern +hängt mit der Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen, ohne doch etwas +Positives außer dem Umfange derselben setzen zu können. + +Die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, und der Welt +in eine Sinnen- und Verstandeswelt, kann daher in positiver Bedeutung +gar nicht zugelassen werden, obgleich Begriffe allerdings die +Einteilung in sinnliche und intellektuelle zulassen; denn man kann den +letzteren keinen Gegenstand bestimmen, und sie also auch nicht für +objektiv gültig ausgeben. Wenn man von den Sinnen abgeht, wie will +man begreiflich machen, daß unsere Kategorien (welche die einzigen +übrigbleibenden Begriffe für Noumena sein würden) noch überall etwas +bedeuten, da zu ihrer Beziehung auf irgendeinen Gegenstand noch etwas +mehr, als bloß die Einheit des Denkens, nämlich überdem eine mögliche +Anschauung gegeben sein muß, darauf jene angewandt werden können? +Der Begriff eines Noumeni, bloß problematisch genommen, bleibt +demungeachtet nicht allein zulässig, sondern, auch als ein die +Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff, unvermeidlich. Aber +alsdann ist das nicht ein besonderer intelligibler Gegenstand für +unseren Verstand, sondern ein Verstand, für den es gehörte, ist selbst +ein Problema, nämlich, nicht diskursiv durch Kategorien, sondern +intuitiv in einer nichtsinnlichen Anschauung seinen Gegenstand zu +erkennen, als von welchem wir uns nicht die geringste Vorstellung +seiner Möglichkeit machen können. Unser Verstand bekommt nun auf +diese Weise eine negative Erweiterung, d.i. er wird nicht durch +die Sinnlichkeit eingeschränkt, sondern schränkt vielmehr dieselbe +ein, dadurch, daß er Dinge an sich selbst (nicht als Erscheinungen +betrachtet) Noumena nennt. Aber er setzt sich auch sofort selbst +Grenzen, sie durch keine Kategorien zu erkennen, mithin sie nur unter +dem Namen eines unbekannten Etwas zu denken. + +Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz anderen +Gebrauch der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis*, der +von dem Sinne der Alten ganz abweicht, und wobei es freilich keine +Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen +wird. Nach demselben hat es einigen beliebt, den Inbegriff der +Erscheinungen, sofern er angeschaut wird, die Sinnenwelt, sofern aber +der Zusammenhang derselben nach allgemeinen Verstandesgesetzen gedacht +wird, die Verstandeswelt zu nennen. Die theoretische Astronomie, +welche die bloße Beobachtung des bestirnten Himmels vorträgt, würde +die erstere, die kontemplative dagegen (etwa nach dem kopernikanischen +Weltsystem, oder gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt), die +zweite, nämlich eine intelligible Welt vorstellig machen. Aber eine +solche Wortverdrehung ist eine bloße sophistische Ausflucht, um einer +beschwerlichen Frage auszuweichen, dadurch, daß man ihren Sinn zu +seiner Gemächlichkeit herabstimmt. In Ansehung der Erscheinungen läßt +sich allerdings Verstand und Vernunft brauchen; aber es fragt sich, +ob diese auch noch einigen Gebrauch haben, wenn der Gegenstand nicht +Erscheinung (Noumenon) ist, und in diesem Sinne nimmt man ihn, wenn +er an sich als bloß intelligibel, d.i. dem Verstande allein, und gar +nicht den Sinnen gegeben, gedacht wird. Es ist also die Frage: ob +außer jenem empirischen Gebrauche des Verstandes (selbst in der +Newtonischen Vorstellung des Weltbaues) noch ein transzendentaler +möglich sei, der, auf das Noumenon als einen Gegenstand gehe, welche +Frage wir verneinend beantwortet haben. + +* Man muß nicht, statt dieses Ausdrucks, den einer intellektuellen + Welt, wie man im deutschen Vortrage gemeinhin zu tun pflegt, + brauchen; denn intellektuell, oder sensitiv, sind nur die + Erkenntnisse. Was aber nur ein Gegenstand der einen oder der anderen + Anschauungsart sein kann, der Objekte also, müssen (unerachtet der + Härte des Lauts) intelligibel oder sensibel heißen. + +Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände vor, +wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das +letztere nicht in transzendentaler, sondern bloß empirischer Bedeutung +zu nehmen, nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung, im +durchgängigen Zusammenhange der Erscheinungen, müssen vorgestellt +werden, und nicht nach dem, was sie, außer der Beziehung auf mögliche +Erfahrung, und folglich auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände +des reinen Verstandes sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt +bleiben, sogar, daß es auch unbekannt bleibt, ob eine solche +transzendentale (außerordentliche) Erkenntnis überall möglich sei, zum +wenigsten als eine solche, die unter unseren gewöhnlichen Kategorien +steht. Verstand und Sinnlichkeit können bei uns nur in Verbindung +Gegenstände bestimmen. Wenn wir sie trennen, so haben wir Anschauungen +ohne Begriffe, oder Begriffe ohne Anschauungen, in beiden Fällen aber +Vorstellungen, die wir auf keinen bestimmten Gegenstand beziehen +können. + +Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf alle diese Erörterungen dem bloß +transzendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen, so mache er +einen Versuch von ihnen in irgendeiner synthetischen Behauptung. Denn +eine analytische bringt den Verstand nicht weiter, und da er nur mit +dem beschäftigt ist, was in dem Begriffe schon gedacht wird, so läßt +er es unausgemacht, ob dieser an sich selbst auf Gegenstände Beziehung +habe, oder nur die Einheit des Denkens überhaupt bedeute, (welche von +der Art, wie ein Gegenstand gegeben werden mag, völlig abstrahiert.) +es ist ihm genug zu wissen, was in seinem Begriffe liegt; worauf +der Begriff selber gehen möge, ist ihm gleichgültig. Er versuche +es demnach mit irgendeinem synthetischen und vermeintlich +transzendentalen Grundsatze, als: alles, was da ist, existiert als +Substanz, oder eine derselben anhängende Bestimmung: alles Zufällige +existiert als Wirkung eines anderen Dinges, nämlich seiner Ursache, +usw. Nun frage ich: woher will er diese synthetischen Sätze nehmen, da +die Begriffe nicht beziehungsweise auf mögliche Erfahrung, sondern von +Dingen an sich selbst (Noumena) gelten sollen? Wo ist hier das Dritte, +welches jederzeit zu einem synthetischen Satze erfordert wird, +um in demselben Begriffe, die gar keine logische (analytische) +Verwandtschaft haben, miteinander zu verknüpfen? Er wird seinen Satz +niemals beweisen, ja was noch mehr ist, sich nicht einmal wegen der +Möglichkeit einer solchen reinen Behauptung rechtfertigen können, +ohne auf den empirischen Verstandesgebrauch Rücksicht zu nehmen, und +dadurch dem reinen und sinnenfreien Urteile völlig zu entsagen. So ist +denn der Begriff reiner bloß intelligibler Gegenstände gänzlich leer +von allen Grundsätzen ihrer Anwendung, weil man keine Art ersinnen +kann, wie sie gegeben werden sollten, und der problematische Gedanke, +der doch einen Platz für sie offen läßt, dient nur, wie ein leerer +Raum, die empirischen Grundsätze einzuschränken, ohne doch irgendein +anderes Objekt der Erkenntnis, außer der Sphäre der letzteren, in sich +zu enthalten und aufzuweisen. + + + +Anhang +Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe +durch die Verwechslung des empirischen Verstandesgebrauchs mit dem +transzendentalen + +Die Überlegung (reflexio) hat es nicht mit den Gegenständen selbst +zu tun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der +Zustand des Gemüts, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um +die subjektiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu +Begriffen gelangen können. Sie ist das Bewußtsein des Verhältnisses +gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnisquellen, +durch welches allein ihr Verhältnis untereinander richtig bestimmt +werden kann. Die erste Frage vor aller weiteren Behandlung unserer +Vorstellung ist die: in welchem Erkenntnisvermögen gehören sie +zusammen? Ist es der Verstand, oder sind es die Sinne, vor denen sie +verknüpft, oder verglichen werden? Manches Urteil wird aus Gewohnheit +angenommen, oder durch Neigung geknüpft; weil aber keine Überlegung +vorhergeht, oder wenigstens kritisch darauf folgt, so gilt es für ein +solches, das im Verstande seinen Ursprung erhalten hat. Nicht alle +Urteile bedürfen einer Untersuchung, d.i. einer Aufmerksamkeit auf +die Gründe der Wahrheit; denn, wenn sie unmittelbar gewiß sind: z.B. +zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein; so läßt sich +von ihnen kein noch näheres Merkmal der Wahrheit, als das sie selbst +ausdrücken, anzeigen. Aber alle Urteile, ja alle Vergleichungen +bedürfen einer Überlegung, d.i. einer Unterscheidung der +Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören. Die Handlung, +dadurch ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der +Erkenntniskraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch +ich unterscheide, ob sie als zum reinen Verstande oder zur sinnlichen +Anschauung gehörend untereinander verglichen werden, nenne ich die +transzendentale Überlegung. Das Verhältnis aber, in welchem die +Begriffe in einem Gemütszustande zueinander gehören können, sind +die der Einerleiheit und Verschiedenheit, der Einstimmung und des +Widerstreits, des Inneren und des Äußeren, endlich des Bestimmbaren +und der Bestimmung (Materie und Form). Die richtige Bestimmung dieses +Verhältnisses beruht darauf, in welcher Erkenntniskraft sie subjektiv +zueinander gehören, ob in der Sinnlichkeit oder dem Verstande. Denn +der Unterschied der letzteren macht einen großen Unterschied in der +Art, wie man sich die ersten denken solle. + +Vor allen objektiven Urteilen vergleichen wir die Begriffe, um auf die +Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf +der allgemeinen Urteile, oder der Verschiedenheit derselben, zur +Erzeugung besonderer, auf die Einstimmung, daraus bejahende, und +den Widerstreit, daraus verneinende Urteile werden können usw. Aus +diesem Grunde sollten wir, wie es scheint, die angeführten Begriffe +Vergleichungsbegriffe nennen (conceptus comparationis). Weil aber, +wenn es nicht auf die logische Form, sondern auf den Inhalt der +Begriffe ankommt, d.i. ob die Dinge selbst einerlei oder verschieden, +einstimmig oder im Widerstreit sind usw., die Dinge ein zwiefaches +Verhältnis zu unserer Erkenntniskraft, nämlich zur Sinnlichkeit und +zum Verstande haben können, auf diese Stelle aber, darin sie gehören, +die Art ankommt, wie sie zueinander gehören sollen: so wird die +transzendentale Reflexion, d.i. das Verhältnis gegebener Vorstellungen +zu einer oder der anderen Erkenntnisart, ihr Verhältnis untereinander +allein bestimmen können, und ob die Dinge einerlei oder verschieden, +einstimmig oder widerstreitend sind usw., wird nicht sofort aus den +Begriffen selbst durch bloße Vergleichung (comparatio), sondern +allererst durch die Unterscheidung der Erkenntnisart, wozu sie +gehören, vermittelst einer transzendentalen Überlegung (reflexio) +ausgemacht werden können. Man könnte also zwar sagen: daß die logische +Reflexion eine bloße Komparation sei, denn bei ihr wird von der +Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Vorstellungen gehören, gänzlich +abstrahiert, und sie sind also so fern ihrem Sitze nach, im Gemüte, +als gleichartig zu behandeln, die transzendentale Reflexion +aber (welche auf die Gegenstände selbst geht) enthält den Grund +der Möglichkeit der objektiven Komparation der Vorstellungen +untereinander, und ist also von der letzteren gar sehr verschieden, +weil die Erkenntniskraft, dazu sie gehören, nicht eben dieselbe ist. +Diese transzendentale Überlegung ist eine Pflicht, von der sich +niemand lossagen kann, wenn er a priori etwas über Dinge urteilen +will. Wir wollen sie jetzt zur Hand nehmen, und werden daraus für die +Bestimmung des eigentlichen Geschäfts des Verstandes nicht wenig Licht +ziehen. + +1. Einerleiheit und Verschiedenheit. Wenn uns ein Gegenstand +mehrmalen, jedesmal aber mit ebendenselben inneren Bestimmungen, +(qualitas et quantitas) dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er +als Gegenstand des reinen Verstandes gilt, immer eben derselbe, und +nicht viel, sondern nur Ein Ding (numerica identitas); ist er aber +Erscheinung, so kommt es auf die Vergleichung der Begriffe gar nicht +an, sondern, so sehr auch in Ansehung derselben alles einerlei sein +mag, ist doch die Verschiedenheit der Oerter dieser Erscheinung zu +gleicher Zeit ein genugsamer Grund der numerischen Verschiedenheit des +Gegenstandes (der Sinne) selbst. So kann man bei zwei Tropfen Wasser +von aller inneren Verschiedenheit (der Qualität und Quantität) völlig +abstrahieren, und es ist genug, daß sie in verschiedenen Örtern +zugleich angeschaut werden, um sie numerisch verschieden zu halten. +Leibniz nahm die Erscheinungen als Dinge an sich selbst, mithin +für intelligibilia, d.i. Gegenstände des reinen Verstandes, (ob +er gleich, wegen der Verworrenheit ihrer Vorstellungen, dieselben +mit dem Namen der Phänomene belegte,) und da konnte sein Satz des +Nichtzuunterscheidenden (principium identitatis indiscernibilium) +allerdings nicht bestritten werden; da sie aber Gegenstände der +Sinnlichkeit sind, und der Verstand in Ansehung ihrer nicht von +reinem, sondern bloß empirischen Gebrauche ist, so wird die Vielheit +und numerische Verschiedenheit schon durch den Raum selbst als die +Bedingung der äußeren Erscheinungen angegeben. Denn ein Teil des +Raums, ob er zwar einem anderen völlig ähnlich und gleich sein mag, +ist doch außer ihm, und eben dadurch ein vom ersteren verschiedener +Teil, der zu ihm hinzukommt, um einen größeren Raum auszumachen, und +dieses muß daher von allem, was in den mancherlei Stellen des Raums +zugleich ist, gelten, so sehr es sich sonsten auch ähnlich und gleich +sein mag. + +2. Einstimmung und Widerstreit. Wenn Realität nur durch den reinen +Verstand vorgestellt wird (realitas noumenon), so läßt sich zwischen +den Realitäten kein Widerstreit denken, d.i. ein solches Verhältnis, +da sie in einem Subjekt verbunden einander ihre Folgen aufheben, +und 3-3=0 sei. Dagegen kann das Reale in der Erscheinung (realitas +phaenomenon) untereinander allerdings im Widerstreit sein, und vereint +in demselben Subjekt, eines die Folge des anderen ganz oder zum Teil +vernichten, wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden Linie, +sofern sie einen Punkt in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen, +oder drücken, oder auch ein Vergnügen, was dem Schmerze die Wage hält. + +3. Das Innere und Äußere. An einem Gegenstande des reinen Verstandes +ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Beziehung (dem Dasein +nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat. Dagegen sind die +inneren Bestimmungen einer substantia phaenomenon im Raume nichts als +Verhältnisse, und sie selbst ganz und gar ein Inbegriff von lauter +Relationen. Die Substanz im Raume können wir nur durch Kräfte, die in +demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu treiben (Anziehung), +oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurückstoßung und +Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir nicht, die den +Begriff von der Substanz, die im Raum erscheint, und die wir Materie +nennen, ausmachen. Als Objekt des reinen Verstandes muß jede Substanz +dagegen innere Bestimmungen und Kräfte haben, die auf die innere +Realität gehen. Allein was kann ich mir für innere Akzidenzen denken, +als diejenigen, so mein innerer Sinn mir darbietet? nämlich das, was +entweder selbst ein Denken, oder mit diesem analogisch ist. Daher +machte Leibniz aus allen Substanzen, weil er sie sich als Noumena +vorstellte, selbst aus den Bestandteilen der Materie, nachdem er +ihnen alles, was äußere Relation bedeuten mag, mithin auch die +Zusammensetzung, in Gedanken genommen hatte, einfache Subjekte mit +Vorstellungskräften begabt, mit einem Worte, Monaden. + +4. Materie und Form. Dieses sind zwei Begriffe, welche aller anderen +Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem +Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet +das Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung, (beides in +transzendentalem Verstande, da man von allem Unterschiede dessen, was +gegeben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahiert). Die +Logiker nannten ehedem das Allgemeine die Materie, den spezifischen +Unterschied aber die Form. In jedem Urteile kann man die gegebenen +Begriffe logische Materie (zum Urteile), das Verhältnis derselben +(vermittelst der Copula) die Form des Urteils nennen. In jedem Wesen +sind die Bestandstücke desselben (essentialia) die Materie; die Art, +wie sie in einem Dinge verknüpft sind, die wesentliche Form. Auch +wurde in Ansehung der Dinge überhaupt unbegrenzte Realität als die +Materie aller Möglichkeit, Einschränkung derselben aber (Negation) +als diejenige Form angesehen, wodurch sich ein Ding vom anderen +nach transzendentalen Begriffen unterscheidet. Der Verstand nämlich +verlangt zuerst, daß etwas gegeben sei, (wenigstens im Begriffe,) +um es auf gewisse Art bestimmen zu können. Daher geht im Begriffe +des reinen Verstandes die Materie der Form vor, und Leibniz +nahm um deswillen zuerst Dinge an (Monaden) und innerlich eine +Vorstellungskraft derselben, um danach das äußere Verhältnis derselben +und die Gemeinschaft ihrer Zustände (nämlich der Vorstellungen) darauf +zu gründen. Daher waren Raum und Zeit, jener nur durch das Verhältnis +der Substanzen, diese durch die Verknüpfung der Bestimmungen derselben +untereinander, als Gründe und Folgen, möglich. So würde es auch in der +Tat sein müssen, wenn der reine Verstand unmittelbar auf Gegenstände +bezogen werden könnte, und wenn Raum und Zeit Bestimmungen der Dinge +an sich selbst wären. Sind es aber nur sinnliche Anschauungen, in +denen wir alle Gegenstände lediglich als Erscheinungen bestimmen, so +geht die Form der Anschauung (als eine subjektive Beschaffenheit der +Sinnlichkeit) vor aller Materie (den Empfindungen), mithin Raum und +Zeit vor allen Erscheinungen und allen datis der Erfahrung vorher, +und macht diese vielmehr allererst möglich. Der Intellektualphilosoph +konnte es nicht leiden: daß die Form vor den Dingen selbst +vorhergehen, und dieser ihre Möglichkeit bestimmen sollte; eine ganz +richtige Zensur, wenn er annahm, daß wir die Dinge anschauen, wie sie +sind, (obgleich mit verworrener Vorstellung). Da aber die sinnliche +Anschauung eine ganz besondere subjektive Bedingung ist, welche aller +Wahrnehmung a priori zum Grunde liegt, und deren Form ursprünglich +ist; so ist die Form für sich allein gegeben, und, weit gefehlt, daß +die Materie (oder die Dinge selbst, welche erschienen) zum Grunde +liegen sollte (wie man nach bloßen Begriffen urteilen müßte), so setzt +die Möglichkeit derselben vielmehr eine formale Anschauung (Zeit und +Raum) als gegeben voraus. + + + +Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe + +Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in der +Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande erteilen, den transzendentalen +Ort zu nennen. Auf solche Weise wäre die Beurteilung dieser Stelle, +die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt, und +die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen, +die transzendentale Topik; eine Lehre, die vor Erschleichungen des +reinen Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich +bewahren würde, indem sie jederzeit unterschiede, welcher +Erkenntniskraft die Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen +jeden Begriff, einen jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören, +einen logischen Ort nennen. Hierauf gründet sich die logische Topik +des Aristoteles, deren sich Schullehrer und Redner bedienen konnten, +um unter gewissen Titeln des Denkens nachzusehen, was sich am besten +für seine vorliegende Materie schickte, und darüber, mit einem Schein +von Gründlichkeit, zu vernünfteln, oder wortreich zu schwatzen. + +Die transzendentale Topik enthält dagegen nicht mehr, als die +angeführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die +sich dadurch von Kategorien unterscheiden, daß durch jene nicht der +Gegenstand, nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht, (Größe, +Realität,) sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor +dem Begriffe von Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit +dargestellt wird. Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst +einer Überlegung, d.i. einer Bestimmung desjenigen Orts, wo die +Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören, ob sie der +reine Verstand denkt, oder die Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt. + +Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum +zu bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als Noumena für den +Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit +diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst +transzendentale Überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie +Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die +Sinnlichkeit. Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren +Gebrauch von diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte +synthetische Grundsätze, welche die kritische Vernunft nicht +anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transzendentalen +Amphibolie, d.i. einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit +der Erscheinung, gründen. + +In Ermanglung einer solchen transzendentalen Topik, und mithin durch +die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der +berühmte Leibniz ein intellektuelles System der Welt, oder glaubte +vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle +Gegenstände nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen +Begriffen seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe +schafft uns den unerwarteten Vorteil, das Unterscheidende seines +Lehrbegriffs in allen seinen Teilen, und zugleich den leitenden Grund +dieser eigentümlichen Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts, +als einem Mißverstande, beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch +Begriffe miteinander, und fand, wie natürlich, keine anderen +Verschiedenheiten, als die, durch welche der Verstand seine reinen +Begriffe voneinander unterscheidet. Die Bedingungen der sinnlichen +Anschauung, die ihre eigenen Unterschiede bei sich führen, sah +er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit war ihm nur +eine verworrene Vorstellungsart, und kein besonderer Quell der +Vorstellungen; Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges an sich +selbst, obgleich von der Erkenntnis durch den Verstand, der logischen +Form nach, unterschieden, da nämlich jene, bei ihrem gewöhnlichen +Mangel der Zergliederung, eine gewisse Vermischung von +Nebenvorstellungen in den Begriff des Dinges zieht, die der Verstand +davon abzusondern weiß. Mit einem Worte: Leibniz intellektuierte die +Erscheinungen, so wie Locke die Verstandesbegriffe nach einem System +der Noogonie (wenn es mir erlaubt ist, mich dieser Ausdrücke zu +bedienen,) insgesamt sensifiziert, d.i. für nichts, als empirische, +oder abgesonderte Reflexionsbegriffe ausgegeben hatte. Anstatt im +Verstande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen von +Vorstellungen zu suchen, die aber nur in Verknüpfung objektiv gültig +von Dingen urteilen könnten, hielt sich ein jeder dieser großen Männer +nur an eine von beiden, die sich ihrer Meinung nach unmittelbar auf +Dinge an sich selbst bezöge, indessen daß die andere nichts tat, als +die Vorstellungen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen. + +Leibniz verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge überhaupt +bloß im Verstande untereinander. Erstlich, sofern sie von diesem +als einerlei oder verschieden geurteilt werden sollen. Da er also +lediglich ihre Begriffe, und nicht ihre Stelle in der Anschauung, +darin die Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte, +und den transzendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Objekt unter +Erscheinungen, oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei,) +gänzlich aus der acht ließ, so konnte es nicht anders ausfallen, als +daß er seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden, der bloß von +Begriffen der Dinge überhaupt gilt, auch auf die Gegenstände der Sinne +(mundus phaenomenon) ausdehnte, und der Naturerkenntnis dadurch keine +geringe Erweiterung verschafft zu haben glaubte. Freilich, wenn ich +einen Tropfen Wasser als ein Ding an sich selbst nach allen seinen +inneren Bestimmungen kenne, so kann ich keinen derselben von dem +anderen für verschieden gelten lassen, wenn der ganze Begriff +desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume, so +hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern +in der sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume), und da sind die +physischen Örter, in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge, ganz +gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem anderen +in dem Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, ebensowohl aufnehmen, +als wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die +Verschiedenheit der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der +Gegenstände, als Erscheinungen, ohne weitere Bedingungen, schon für +sich nicht allein möglich, sondern auch notwendig. Also ist jenes +scheinbare Gesetz kein Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine +analytische Regel oder Vergleichung der Dinge durch bloße Begriffe. + +Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße Bejahungen) +einander niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von +dem Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber, weder in Ansehung der +Natur, noch überall in Ansehung irgendeines Dinges an sich selbst, +(von diesem haben wir keinen Begriff,) das mindeste. Denn der reale +Widerstreit findet allerwärts statt, wo A - B = 0 ist, d.i. wo eine +Realität mit der anderen, in einem Subjekt verbunden, eine die Wirkung +der anderen aufhebt, welches alle Hindernisse und Gegenwirkungen in +der Natur unaufhörlich vor Augen legen, die gleichwohl, da sie auf +Kräften beruhen, realitates phaenomena genannt werden müssen. Die +allgemeine Mechanik kann sogar die empirische Bedingung dieses +Widerstreits in einer Regel a priori angeben, indem sie auf die +Entgegensetzung der Richtungen sieht: eine Bedingung, von welcher der +transzendentale Begriff der Realität gar nichts weiß. Obzwar Herr von +Leibniz diesen Satz nicht eben mit dem Pomp eines neuen Grundsatzes +ankündigte, so bediente er sich doch desselben zu neuen +Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich in ihre +Leibniz-Wolfianischen Lehrgebäude ein. Nach diesem Grundsatze sind z. +E. alle Übel nichts als Folgen von den Schranken der Geschöpfe, d.i. +Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende der Realität sind, +(in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist es auch wirklich +so, aber nicht in den Dingen als Erscheinungen). Imgleichen finden die +Anhänger desselben es nicht allein möglich, sondern auch natürlich, +alle Realität, ohne irgendeinen besorglichen Widerstreit, in einem +Wesen zu vereinigen, weil sie keinen anderen, als den des Widerspruchs +(durch den der Begriff eines Dinges selbst aufgehoben wird), nicht +aber den des wechselseitigen Abbruchs kennen, da ein Realgrund die +Wirkung des anderen aufhebt, und dazu wir nur in der Sinnlichkeit die +Bedingungen antreffen, uns einen solchen vorzustellen. + +Drittens, die Leibnizische Monadologie hat gar keinen anderen Grund, +als daß dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren bloß +im Verhältnis auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen überhaupt +müssen etwas Inneres haben, was also von allen äußeren Verhältnissen, +folglich auch der Zusammensetzung, frei ist. Das Einfache ist also die +Grundlage des Inneren der Dinge an sich selbst. Das Innere aber ihres +Zustandes kann auch nicht in Ort, Gestalt, Berührung oder Bewegung, +(welche Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind,) bestehen, und +wir können daher den Substanzen keinen anderen inneren Zustand, als +denjenigen, wodurch wir unseren Sinn selbst innerlich bestimmen, +nämlich den Zustand der Vorstellungen, beilegen. So wurden denn die +Monaden fertig, welche den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen +sollen, deren tätige Kraft aber nur in Vorstellungen besteht, wodurch +sie eigentlich bloß in sich selbst wirksam sind. + +Eben darum mußte aber auch sein Principium der möglichen Gemeinschaft +der Substanzen untereinander eine vorherbestimmte Harmonie, und konnte +kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur innerlich, d.i. +mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der Zustand der +Vorstellungen der einen mit dem der anderen Substanz in ganz und gar +keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgendeine dritte +und in alle insgesamt einfließende Ursache ihre Zustände einander +korrespondierend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen und +in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand (systema +assistentiae), sondern durch die Einheit der Idee einer für +alle gültigen Ursache, in welcher sie insgesamt ihr Dasein +und Beharrlichkeit, mithin auch wechselseitige Korrespondenz +untereinander, nach allgemeinen Gesetzen bekommen müssen. + +Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und Raum, darin +er diese Formen der Sinnlichkeit intellektuierte, war lediglich aus +eben derselben Täuschung der transzendentalen Reflexion entsprungen. +Wenn ich mir durch den bloßen Verstand äußere Verhältnisse der Dinge +vorstellen will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs +ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand +ebendesselben Dinges mit einem anderen Zustande verknüpfen, so +kann dieses nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen. So +dachte sich also Leibniz den Raum als eine gewisse Ordnung in der +Gemeinschaft der Substanzen, und die Zeit als die dynamische Folge +ihrer Zustände. Das Eigentümliche aber, und von Dingen Unabhängige, +was beide an sich zu haben scheinen, schrieb er der Verworrenheit +dieser Begriffe zu, welche machte, daß dasjenige, was eine bloße Form +dynamischer Verhältnisse ist, für eine eigene für sich bestehende, und +vor den Dingen selbst vorhergehende Anschauung gehalten wird. Also +waren Raum und Zeit die intelligible Form der Verknüpfung der Dinge +(Substanzen und ihrer Zustände) an sich selbst. Die Dinge aber waren +intelligible Substanzen (substantiae noumena). Gleichwohl wollte +er diese Begriffe für Erscheinungen geltend machen, weil er der +Sinnlichkeit keine eigene Art der Anschauung zugestand, sondern alle, +selbst die empirische Vorstellung der Gegenstände, im Verstande +suchte, und den Sinnen nichts als das verächtliche Geschäft ließ, die +Vorstellungen des ersteren zu verwirren und zu verunstalten. + +Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen +Verstand synthetisch sagen könnten, (welches gleichwohl unmöglich +ist,) so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht +Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also +in diesem letzteren Falle in der transzendentalen Überlegung meine +Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit +vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der +Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein; was die Dinge an sich +sein mögen, weiß ich nicht, und brauche es auch nicht zu wissen, weil +mir doch niemals ein Ding anders, als in der Erscheinung vorkommen +kann. + +So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie +ist substantia phaenomenon. Was ihr innerlich zukomme, suche ich in +allen Teilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen, die +sie ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne +sein können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin-, sondern lauter +Komparativ-Innerliches, das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen +besteht. Allein, das schlechthin, dem reinen Verstande nach, +Innerliche der Materie ist auch eine bloße Grille; denn diese ist +überall kein Gegenstand für den reinen Verstand, das transzendentale +Objekt aber, welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir +Materie nennen, ist ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen +würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir +können nichts verstehen, als was ein unseren Worten Korrespondierendes +in der Anschauung mit sich führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das +Innere der Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen, als, wir +begreifen nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge, die uns +erscheinen, an sich sein mögen; so sind sie ganz unbillig und +unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen, +mithin anschauen könne, folglich daß wir ein von dem menschlichen +nicht bloß dem Grade, sondern sogar der Anschauung und Art nach, +gänzlich unterschiedenes Erkenntnisvermögen haben, also nicht +Menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht +angeben können, ob sie einmal möglich, viel weniger, wie sie +beschaffen sind. Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und +Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit +dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber, +die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals +beantworten können, wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, da +es uns nicht einmal gegeben ist, unser eigenes Gemüt mit einer anderen +Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu beobachten. Denn in +demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre +Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale Grund dieser +Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die +wir sogar uns selbst nur durch inneren Sinn, mithin als Erscheinung, +kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu +brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen, +aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen +wollten. + +Was diese Kritik der Schlüsse, aus den bloßen Handlungen der +Reflexion, überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller +Schlüsse über Gegenstände, die man lediglich im Verstande miteinander +vergleicht, deutlich dartut, und dasjenige zugleich bestätigt, was wir +hauptsächlich eingeschärft haben: daß, obgleich Erscheinungen nicht +als Dinge an sich selbst unter den Objekten des reinen Verstandes mit +begriffen sind, sie doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntnis +objektive Realität haben kann, nämlich, wo den Begriffen Anschauung +entspricht. + +Wenn wir bloß logisch reflektieren, so vergleichen wir lediglich +unsere Begriffe untereinander im Verstande, ob beide eben dasselbe +enthalten, ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem +Begriffe innerlich enthalten sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher +von beiden gegeben, welcher aber nur als eine Art, den gegebenen +zu denken, gelten soll. Wende ich aber diese Begriffe auf einen +Gegenstand überhaupt (im transz. Verstande) an, ohne diesen weiter zu +bestimmen, ob er ein Gegenstand der sinnlichen oder intellektuellen +Anschauung sei, so zeigen sich sofort Einschränkungen (nicht aus +diesem Begriffe hinauszugehen), welche allen empirischen Gebrauch +derselben verkehren, und eben dadurch beweisen, daß die Vorstellung +eines Gegenstandes, als Dinges überhaupt, nicht etwa bloß +unzureichend, sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben, und, +unabhängig von empirischer Bedingung, in sich selbst widerstreitend +sei, daß man also entweder von allem Gegenstande abstrahieren (in +der Logik), oder, wenn man einen annimmt, ihn unter Bedingungen der +sinnlichen Anschauung denken müsse, mithin das Intelligible eine +ganz besondere Anschauung, die wir nicht haben, erfordern würde, und +in Ermanglung derselben für uns nichts sei, dagegen aber auch die +Erscheinungen nicht Gegenstände an sich selbst sein können. Denn, +wenn ich mir bloß Dinge überhaupt denke, so kann freilich die +Verschiedenheit der äußeren Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit +der Sachen selbst ausmachen, sondern setzt diese vielmehr voraus, +und, wenn der Begriff von dem Einen innerlich von dem des Andern gar +nicht unterschieden ist, so setze ich nur ein und dasselbe Ding in +verschiedene Verhältnisse. Ferner, durch Hinzukunft einer bloßen +Bejahung (Realität) zur anderen, wird ja das Positive vermehrt, und +ihm nichts entzogen, oder aufgehoben; daher kann das Reale in Dingen +überhaupt einander nicht widerstreiten, usw. + + * * + * + +Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine +gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch, +daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu +einem vermeinten System intellektueller Erkenntnis, welches seine +Gegenstände ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu +verleiten imstande gewesen. Eben um deswillen ist die Entwicklung der +täuschenden Ursache der Amphibolie dieser Begriffe, in Veranlassung +falscher Grundsätze, von großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes +zuverlässig zu bestimmen und zu sichern. + +Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein zukommt, oder +widerspricht, das kommt auch zu, oder widerspricht, allem Besonderen, +was unter jenem Begriff enthalten ist; (dictum de Omni et Nullo;) es +wäre aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern, +daß er so lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten +ist, das ist auch in den besonderen nicht enthalten, die unter +demselben stehen; denn diese sind eben darum besondere Begriffe, weil +sie mehr in sich enthalten, als im allgemeinen gedacht wird. Nun ist +doch wirklich auf diesen letzteren Grundsatz das ganze intellektuelle +System Leibnizens erbaut; es fällt also zugleich mit demselben, samt +aller aus ihm entspringenden Zweideutigkeit im Verstandesgebrauche. + +Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der +Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt +eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch +nicht in den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge +völlig einerlei (numero eadem), die sich nicht schon in ihrem Begriffe +(der Qualität oder Quantität nach) voneinander unterscheiden. Weil +aber bei dem bloßen Begriffe von irgendeinem Dinge von manchen +notwendigen Bedingungen einer Anschauung abstrahiert worden, so wird, +durch eine sonderbare Übereilung, das, wovon abstrahiert wird, dafür +genommen, daß es überall nicht anzutreffen sei, und dem Dinge nichts +eingeräumt, als was in seinem Begriffe enthalten ist. + +Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag mir diesen denken, +wo und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei +Kubikfüße sind im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden +(numero diversa); diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das +Objekt dieses Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch +zur ganzen Sinnlichkeit gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe +von einem Dinge gar kein Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit +einem Bejahenden verbunden worden, und bloß bejahende Begriffe können, +in Verbindung, gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen +Anschauung, darin Realität (z.B. Bewegung) gegeben wird, finden sich +Bedingungen (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe +der Bewegung überhaupt abstrahiert war, die einen Widerstreit, der +freilich nicht logisch ist, nämlich aus lauter Positivem ein Zero = 0 +möglich machen, und man konnte nicht sagen: daß darum alle Realität +untereinander Einstimmung sei, weil unter ihren Begriffen kein +Widerstreit angetroffen wird*. Nach bloßen Begriffen ist das Innere +das Substratum aller Verhältnis oder äußeren Bestimmungen. Wenn ich +also von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiere, und mich +lediglich an den Begriff von einem Dinge überhaupt halte, so kann ich +von allem äußeren Verhältnis abstrahieren, und es muß dennoch ein +Begriff von dem übrigbleiben, das gar kein Verhältnis, sondern bloß +innere Bestimmungen bedeutet. Da scheint es nun, es folge daraus: in +jedem Dinge (Substanz) sei etwas, was schlechthin innerlich ist, und +allen äußeren Bestimmungen vorgeht, indem es sie allererst möglich +macht, mithin sei dieses Substratum so etwas, das keine äußeren +Verhältnisse mehr in sich enthält, folglich einfach: (denn die +körperlichen Dinge sind doch immer nur Verhältnisse, wenigstens +der Teile außereinander;) und weil wir keine schlechthin inneren +Bestimmungen kennen, als die durch unseren inneren Sinn, so sei dieses +Substratum nicht allein einfach, sondern auch (nach der Analogie mit +unserem inneren Sinn) durch Vorstellungen bestimmt, d.i. alle Dinge +wären eigentlich Monaden, oder mit Vorstellungen begabte einfache +Wesen. Dieses würde auch alles seine Richtigkeit haben, gehörte +nicht etwa mehr, als der Begriff von einem Dinge überhaupt, zu den +Bedingungen, unter denen allein uns Gegenstände der äußeren Anschauung +gegeben werden können, und von denen der reine Begriff abstrahiert. +Denn da zeigt sich, daß eine beharrliche Erscheinung im Raume +(undurchdringliche Ausdehnung) lauter Verhältnisse, und gar nichts +schlechthin Innerliches enthalten, und dennoch das erste Substratum +aller äußeren Wahrnehmung sein könne. Durch bloße Begriffe kann ich +freilich ohne etwas Innerem nichts Äußeres denken, eben darum, weil +Verhältnisbegriffe doch schlechthin gegebene Dinge voraussetzen, +und ohne diese nicht möglich sind. Aber, da in der Anschauung etwas +enthalten ist, was im bloßen Begriffe von einem Dinge überhaupt gar +nicht liegt, und dieses das Substratum, welches durch bloße Begriffe +gar nicht erkannt werden würde, an die Hand gibt, nämlich, ein Raum, +der, mit allem, was er enthält, aus lauter formalen, oder auch realen +Verhältnissen besteht, so kann ich nicht sagen: weil, ohne ein +Schlechthininneres, kein Ding durch bloße Begriffe vorgestellt werden +kann, so sei auch in den Dingen selbst, die unter diesen Begriffen +enthalten sind, und ihrer Anschauung nichts Äußeres, dem nicht etwas +Schlechthininnerliches zum Grunde läge. Denn, wenn wir von allen +Bedingungen der Anschauung abstrahiert haben, so bleibt uns freilich +im bloßen Begriffe nichts übrig, als das Innere überhaupt, und das +Verhältnis desselben untereinander, wodurch allein das Äußere möglich +ist. Diese Notwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraktion +gründet, findet nicht bei den Dingen statt, sofern sie in der +Anschauung mit solchen Bestimmungen gegeben werden, die bloße +Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres zum Grunde zu haben, +darum, weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern lediglich +Erscheinungen sind. Was wir auch nur an der Materie kennen, sind +lauter Verhältnisse, (das, was wir innere Bestimmungen derselben +nennen, ist nur komparativ innerlich;) aber es sind darunter +selbständige und beharrliche, dadurch uns ein bestimmter Gegenstand +gegeben wird. Daß ich, wenn ich von diesen Verhältnissen abstrahiere, +gar nichts weiter zu denken habe, hebt den Begriff von einem Dinge, +als Erscheinung, nicht auf, auch nicht den Begriff von einem +Gegenstande in abstracto, wohl aber alle Möglichkeit eines solchen, +der nach bloßen Begriffen bestimmbar ist, d.i. eines Noumenon. +Freilich macht es stutzig, zu hören, daß ein Ding ganz und gar aus +Verhältnissen bestehen solle, aber ein solches Ding ist auch bloße +Erscheinung, und kann gar nicht durch reine Kategorien gedacht werden; +es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von Etwas überhaupt zu +den Sinnen. Ebenso kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto, +wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt, wohl nicht anders denken, +als daß eines die Ursache von Bestimmungen in dem anderen sei; denn +das ist unser Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein, da +wir alsdann von aller Anschauung abstrahieren, so fällt eine ganze +Art, wie das Mannigfaltige einander seinen Ort bestimmen kann, +nämlich die Form der Sinnlichkeit (der Raum), weg, der doch vor aller +empirischen Kausalität vorhergeht. + +* Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen: daß + wenigstens realitates Noumena einander nicht entgegenwirken + können, so müßte man doch ein Beispiel von dergleichen reiner und + sinnenfreier Realität anführen, damit man verstände, ob eine solche + überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann kein + Beispiel woher anders, als aus der Erfahrung genommen werden, die + niemals mehr als Phänomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz + nichts weiter, als daß der Begriff, der lauter Bejahungen enthält, + nichts Verneinendes enthalte; ein Satz, an dem wir niemals + gezweifelt haben. + +Wenn wir unter bloß intelligiblen Gegenständen diejenigen Dinge +verstehen, die durch reine Kategorien, ohne alles Schema der +Sinnlichkeit, gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die +Bedingung des objektiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe +ist bloß die Art unserer sinnlichen Anschauung, wodurch uns +Gegenstände gegeben werden, und, wenn wir von der letzteren +abstrahieren, so haben die ersteren gar keine Beziehung auf irgendein +Objekt. Ja, wenn man auch eine andere Art der Anschauung, als +diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so würden doch unsere +Funktionen zu denken in Ansehung derselben von gar keiner Bedeutung +sein. Verstehen wir darunter nur Gegenstände einer nichtsinnlichen +Anschauung, von denen unsere Kategorien zwar freilich nicht gelten, +und von denen wir also gar keine Erkenntnis (weder Anschauung, noch +Begriff) jemals haben können, so müssen Noumena in dieser bloß +negativen Bedeutung allerdings zugelassen werden: da sie denn nichts +anderes sagen, als: daß unsere Art der Anschauung nicht auf alle +Dinge, sondern bloß auf Gegenstände unserer Sinne geht, folglich ihre +objektive Gültigkeit begrenzt ist, und mithin für irgendeine andere +Art Anschauung, und also auch für Dinge als Objekte derselben, +Platz übrigbleibt. Aber alsdann ist der Begriff eines Noumenon +problematisch, d.i. die Vorstellung eines Dinges, von dem wir weder +sagen können, daß es möglich, noch daß es unmöglich sei, indem wir +gar keine Art der Anschauung, als unsere sinnliche kennen, und keine +Art der Begriffe, als die Kategorien, keine von beiden aber einem +außersinnlichen Gegenstande angemessen ist. Wir können daher das +Feld der Gegenstände unseres Denkens über die Bedingungen unserer +Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitern, und außer den +Erscheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens, d.i. Noumena, +annehmen, weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben. Denn +man muß von den Kategorien eingestehen: daß sie allein noch nicht zur +Erkenntnis der Dinge an sich selbst zureichen, und ohne die data der +Sinnlichkeit bloß subjektive Formen der Verstandeseinheit, aber ohne +Gegenstand, sein würden. Das Denken ist zwar an sich kein Produkt +der Sinne, und sofern durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum +nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauche, ohne Beitritt der +Sinnlichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist. Man kann auch das +Noumenon nicht ein solches Objekt nennen; denn dieses bedeutet eben +den problematischen Begriff von einem Gegenstande für eine ganz andere +Anschauung und einen ganz anderen Verstand, als der unsrige, der +mithin selbst ein Problem ist. Der Begriff des Noumenon ist also +nicht der Begriff von einem Objekt, sondern die unvermeidlich mit der +Einschränkung unserer Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe, ob es +nicht von jener ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben +möge, welche Frage nur unbestimmt beantwortet werden kann, nämlich: +daß, weil die sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne +Unterschied geht, für mehr und andere Gegenstände Platz übrigbleibe, +sie also nicht schlechthin abgeleugnet, in Ermanglung eines bestimmten +Begriffs aber (da keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht als +Gegenstände für unseren Verstand behauptet werden können. + +Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein +eigenes Feld zu erweitern, und, indem er jene warnt, daß sie sich +nicht anmaße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf +Erscheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber +nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung +(mithin selbst nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als +Realität, noch als Substanz usw. gedacht werden kann (weil diese +Begriffe immer sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen +Gegenstand bestimmen;) wovon also völlig unbekannt ist, ob es in +uns, oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit +zugleich aufgehoben werden, oder wenn wir jene wegnehmen, noch +übrigbleiben würde. Wollen wir dieses Objekt Noumenon nennen, darum, +weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so steht dieses +uns frei. Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen darauf +anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer, und +dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu +bezeichnen, und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch +mögliche Erfahrung, noch durch den reinen Verstand ausfüllen können. + +Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein +neues Feld von Gegenständen, außer denen, die ihm als Erscheinungen +vorkommen können, zu schaffen, und in intelligible Welten, sogar nicht +einmal in ihren Begriff, auszuschweifen. Der Fehler, welcher hierzu +auf die allerscheinbarste Art verleitet, und allerdings entschuldigt, +obgleich nicht gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der +Gebrauch des Verstandes, wider seine Bestimmung, transzendental +gemacht, und die Gegenstände, d.i. mögliche Anschauungen, sich nach +Begriffen, nicht aber Begriffe sich nach möglichen Anschauungen (als +auf denen allein ihre objektive Gültigkeit beruht) richten müssen. Die +Ursache hiervon aber ist wiederum: daß die Apperzeption, und, mit ihr, +das Denken vor aller möglichen bestimmten Anordnung der Vorstellungen +vorhergeht. Wir denken also Etwas überhaupt, und bestimmen es +einerseits sinnlich, allein unterscheiden doch den allgemeinen und in +abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn anzuschauen; da +bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu bestimmen, übrig, +welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist, uns aber +dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Objekt an sich existiere +(Noumenon), ohne auf die Anschauung zu sehen, welche auf unsere Sinne +eingeschränkt ist. + + * * + * + +Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen, müssen wir noch +etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher +Erheblichkeit, dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich +scheinen dürfte. Der höchste Begriff, von dem man eine +Transzendentalphilosophie anzufangen pflegt, ist gemeiniglich die +Einteilung in das Mögliche und Unmögliche. Da aber alle Einteilung +einen eingeteilten Begriff voraussetzt, so muß noch ein höherer +angegeben werden, und dieser ist der Begriff von einem Gegenstande +überhaupt (problematisch genommen, und unausgemacht, ob er Etwas oder +Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich +auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die Unterscheidung eines +Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei, nach der Ordnung und +Anweisung der Kategorien fortgehen. + +1. Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles +aufhebt, d.i. Keines, entgegengesetzt und so ist der Gegenstand eines +Begriffs, dem gar keine anzugebende Anschauung korrespondiert, = +Nichts, d.i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena, die nicht +unter die Möglichkeiten gezählt werden können, obgleich auch darum +nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen, (ens rationis,) oder +wie etwa gewisse neue Grundkräfte, die man sich denkt, zwar ohne +Widerspruch, aber auch ohne Beispiel aus der Erfahrung gedacht werden, +und also nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden müssen. + +2. Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich, ein Begriff von +dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte, (nihil +privativum). + +3. Die bloße Form der Anschauung, ohne Substanz, ist an sich kein +Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als +Erscheinung), wie der reine Raum, und die reine Zeit, die zwar Etwas +sind, als Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände sind, die +angeschaut werden (ens imaginarium). + +4. Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist +Nichts, weil der Begriff Nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die +geradlinige Figur von zwei Seiten, (nihil negativum). + +Die Tafel dieser Einteilung des Begriffs von Nichts (denn die dieser +gleichlaufende Einteilung des Etwas folgt von selber,) würde daher so +angelegt werden müssen: + + Nichts, + als + + 1. Leerer Begriff ohne Gegenstand, + ens rationis. + + 2. Leerer Gegenstand 3. Leere Anschauung + eines Begriffs, ohne Gegenstand, + nihil privativum. ens imaginarium. + + 4. Leerer Gegenstand ohne Begriff, + nihil negativum. + +Man sieht, daß das Gedankending (n. 1.) von dem Undinge (n. 4.) +dadurch unterschieden werde, daß jenes nicht unter die Möglichkeiten +gezählt werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht +widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt +ist, indem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind aber +leere Begriffe. Dagegen sind das nihil privativum (n. 2.) und ens +imaginarium (n. 3.) leere Data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht +den Sinnen gegeben worden, so kann man sich auch keine Finsternis, +und, wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen worden, keinen Raum +vorstellen. Die Negation sowohl, als die bloße Form der Anschauung, +sind, ohne ein Reales, keine Objekte. + + + +Der transzendentalen Logik +Zweite Abteilung +Die transzendentale Dialektik + +Einleitung + +I. Vom transzendentalen Schein + +Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt. +Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn +diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren +Erkenntnis also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist, +und mithin von dem analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden +muß. Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten +werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, sofern er +angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht +wird. Man kann also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren, +aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urteilen, sondern weil +sie gar nicht urteilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin +auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile, +d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserem Verstande +anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den Verstandesgesetzen +durchgängig zusammenstimmt, ist kein Irrtum. In einer Vorstellung der +Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum. Keine +Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen +abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein (ohne +Einfluß einer anderen Ursache), noch die Sinne für sich, irren; der +erstere darum nicht, weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt, +die Wirkung (das Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen +muß. In der Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes besteht +aber das Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein Urteil, +weder ein wahres, noch falsches. Weil wir nun außer diesen beiden +Erkenntnisquellen keine anderen haben, so folgt: daß der Irrtum nur +durch den unbemerkten Einfluß der Sinnlichkeit auf den Verstand +bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß die subjektiven Gründe des +Urteils mit den objektiven zusammenfließen, und diese von ihrer +Bestimmung abweichend machen*, so wie ein bewegter Körper zwar für +sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten würde, +die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung zugleich +auf ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die +eigentümliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit +einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nötig sein, das irrige +Urteil als die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das +Urteil nach zwei verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam +einen Winkel einschließen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die +einfache des Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in +reinen Urteilen a priori durch transzendentale Überlegung geschehen +muß, wodurch (wie schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre +Stelle in der ihr angemessenen Erkenntniskraft angewiesen, mithin auch +der Einfluß der letzteren auf jene unterschieden wird. + +* Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Objekt, worauf + dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse. + Eben dieselbe aber, sofern sie auf die Verstandeshandlung selbst + einfließt, und ihn zum Urteilen bestimmt, ist der Grund des Irrtums. + +Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z.B. dem +optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche +sonst richtiger Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die +Urteilskraft, durch den Einfluß der Einbildung verleitet wird, sondern +wir haben es mit dem transzendentalen Scheine allein zu tun, der +auf Grundsätze einfließt, deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung +angelegt ist, als in welchem Falle wir doch wenigstens einen +Probierstein ihrer Richtigkeit haben würden, sondern der uns selbst, +wider alle Warnungen der Kritik, gänzlich über den empirischen +Gebrauch der Kategorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer +Erweiterung des reinen Verstandes hinhält. Wir wollen die Grundsätze, +deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung +hält, immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen +sollen, transzendente Grundsätze nennen. Ich verstehe aber unter +diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Mißbrauch der +Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik +gezügelten Urteilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf +allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist, nicht genug +achthat; sondern wirkliche Grundsätze, die uns zumuten, alle +jene Grenzpfähle niederzureißen und sich einen ganz neuen Boden, +der überall keine Demarkation erkennt, anzumaßen. Daher sind +transzendental und transzendent nicht einerlei. Die Grundsätze des +reinen Verstandes, die wir oben vortrugen, sollen bloß von empirischem +und nicht von transzendentalem, d.i. über die Erfahrungsgrenze +hinausreichendem Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese +Schranken wegnimmt, ja gar sie zu überschreiten gebietet, heißt +transzendent. Kann unsere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser +angemaßten Grundsätze aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloß +empirischen Gebrauchs, im Gegensatz mit den letzteren, immanente +Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden können. + +Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform +besteht, (der Schein der Trugschlüsse,) entspringt lediglich aus einem +Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. Sobald daher diese auf +den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der +transzendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn +schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transzendentale +Kritik deutlich eingesehen hat. (Z.B. der Schein in dem Satze: die +Welt muß der Zeit nach einen Anfang haben.) Die Ursache hiervon +ist diese, daß in unserer Vernunft (subjektiv als ein menschliches +Erkenntnisvermögen betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs +liegen, welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben, und +wodurch es geschieht, daß die subjektive Notwendigkeit einer gewissen +Verknüpfung unserer Begriffe, zugunsten des Verstandes, für eine +objektive Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst, +gehalten wird. Eine Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig +als wir es vermeiden können, daß uns das Meer in der Mitte nicht höher +scheine, wie an dem Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als +diese sehen, oder, noch mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern +kann, daß ihm der Mond im Aufgange nicht größer scheine, ob er gleich +durch diesen Schein nicht betrogen wird. + +Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den +Schein transzendenter Urteile aufzudecken, und zugleich zu verhüten, +daß er nicht betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar +verschwinde, und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals +bewerkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und +unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven +Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt, anstatt daß +die logische Dialektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem +Fehler, in Befolgung der Grundsätze, oder mit einem gekünstelten +Scheine, in Nachahmung derselben, zu tun hat. Es gibt also eine +natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft, nicht +eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen, +selbst verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute +zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen +Vernunft unhintertreiblich anhängt, und selbst, nachdem wir ihr +Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr +vorzugaukeln und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen zu +stoßen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen. + + + +II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transzendentalen Scheins + +A. Von der Vernunft überhaupt + +Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum +Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in +uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter +die höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser +obersten Erkenntniskraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich +in einiger Verlegenheit. Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen +bloß formalen, d.i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem +Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, aber auch einen realen, da sie +selbst den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält, die +sie weder von den Sinnen, noch vom Verstande entlehnt. Das erstere +Vermögen ist nun freilich vorlängst von den Logikern durch +das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede von den +unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erklärt worden; +das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch +nicht eingesehen. Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein +logisches und transzendentales Vermögen vorkommt, so muß ein höherer +Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide +Begriffe unter sich befaßt, indessen wir nach der Analogie mit den +Verstandesbegriffen erwarten können, daß der logische Begriff zugleich +den Schlüssel zum transzendentalen, und die Tafel der Funktionen der +ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand +geben werde. + +Wir erklärten, im ersteren Teile unserer transzendentalen Logik, +den Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir +die Vernunft von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der +Prinzipien nennen wollen. + +Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig, und bedeutet gemeiniglich +nur ein Erkenntnis, das als Prinzip gebraucht werden kann, ob es zwar +an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Prinzipium +ist. Ein jeder allgemeiner Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung +(durch Induktion) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem +Vernunftschlusse dienen; er ist darum aber nicht selbst ein +Prinzipium. Die mathematischen Axiome (z.B. zwischen zwei Punkten kann +nur eine gerade Linie sein,) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a +priori, und werden daher mit Recht, relativisch auf die Fälle, die +unter ihnen subsumiert werden können, Prinzipien genannt. Aber ich +kann darum doch nicht sagen, daß ich diese Eigenschaft der geraden +Linien überhaupt und an sich, aus Prinzipien erkenne, sondern nur in +der reinen Anschauung. + +Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen, da ich das +Besondere im allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn ein jeder +Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem +Prinzip. Denn der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff, der da macht, +daß alles, was unter der Bedingung desselben subsumiert wird, aus ihm +nach einem Prinzip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntnis +zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand +dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können diese +denn auch, in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs, Prinzipien genannt +werden. + +Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an +sich selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als +Erkenntnisse aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a +priori möglich sein, wenn wir nicht die reine Anschauung, (in der +Mathematik,) oder Bedingungen einer möglichen Erfahrung überhaupt +herbeizögen. Daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, kann gar +nicht aus dem Begriffe dessen, was überhaupt geschieht, geschlossen +werden; vielmehr zeigt der Grundsatz, wie man allererst von dem, was +geschieht, einen bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen könne. + +Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also +gar nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich +schlechthin Prinzipien nenne; indessen, daß alle allgemeinen Sätze +überhaupt komparative Prinzipien heißen können. + +Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal +in Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal, statt der endlosen +Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze, ihre Prinzipien aufsuchen möge; +denn darin kann allein das Geheimnis bestehen, die Gesetzgebung, wie +man sagt, zu simplifizieren. Aber die Gesetze sind hier auch nur +Einschränkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie +durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf +etwas, was gänzlich unser eigen Werk ist, und wovon wir durch jene +Begriffe selbst die Ursache sein können. Wie aber Gegenstände an sich +selbst, wie die Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach bloßen +Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unmögliches, +wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung. Es mag +aber hiermit bewandt sein, wie es wolle, (denn darüber haben wir +die Untersuchung noch vor uns,) so erhellt wenigstens daraus: daß +Erkenntnis aus Prinzipien (an sich selbst) ganz etwas anderes sei, als +bloße Verstandeserkenntnis, die zwar auch anderen Erkenntnissen in der +Form eines Prinzips vorgehen kann, an sich selbst aber (sofern sie +synthetisch ist) nicht auf bloßem Denken beruht, noch ein Allgemeines +nach Begriffen in sich enthält. + +Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen +vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der +Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien. So geht also niemals +zunächst auf Erfahrung, oder auf irgendeinen Gegenstand, sondern auf +den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a +priori durch Begriffe zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag, und +von ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden +kann. + +Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit er, +bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben +werden sollen), hat begreiflich gemacht werden können. + + + +B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft + +Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar erkannt, +und dem, was nur geschlossen wird. Daß in einer Figur, die durch +drei gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar +erkannt; daß diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist +nur geschlossen. Weil wir des Schließens beständig bedürfen und es +dadurch endlich ganz gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen +Unterschied nicht mehr, und halten oft, wie bei dem sogenannten +Betruge der Sinne, etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch +nur geschlossen haben. Bei jedem Schlusse ist ein Satz, der zum Grunde +liegt, und ein anderer, nämlich die Folgerung, die aus jenem gezogen +wird, und endlich die Schlußfolge (Konsequenz), nach welcher die +Wahrheit des letzteren unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren +verknüpft ist. Liegt das geschlossene Urteil schon so in dem ersten, +daß es ohne Vermittlung einer dritten Vorstellung daraus abgeleitet +werden kann, so heißt der Schluß unmittelbar (consequentia immediata); +ich möchte ihn lieber den Verstandesschluß nennen. Ist aber, außer der +zum Grunde gelegten Erkenntnis, noch ein anderes Urteil nötig, um die +Folge zu bewirken, so heißt der Schluß ein Vernunftschluß. In dem +Satze: alle Menschen sind sterblich, liegen schon die Sätze: einige +Menschen sind sterblich, einige Sterbliche sind Menschen, nichts, was +unsterblich ist, ist ein Mensch, und diese sind also unmittelbare +Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen liegt der Satz: alle Gelehrten +sind sterblich, nicht in dem untergelegten Urteile (denn der Begriff +der Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor), und er kann nur vermittelst +eines Zwischenurteils aus diesem gefolgert werden. + +In jedem Vernunftsschlusse denke ich zuerst eine Regel (major) durch +den Verstand. Zweitens subsumiere ich ein Erkenntnis unter die +Bedingung der Regel (minor) vermittelst der Urteilskraft. Endlich +bestimme ich mein Erkenntnis durch das Prädikat der Regel (conclusio), +mithin a priori durch die Vernunft. Das Verhältnis also, welches der +Obersatz, als die Regel, zwischen einer Erkenntnis und ihrer Bedingung +vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus. +Sie sind also gerade dreifach, so wie alle Urteile überhaupt, sofern +sie sich in der Art unterscheiden, wie sie das Verhältnis des +Erkenntnisses im Verstande ausdrücken, nämlich: kategorische oder +hypothetische oder disjunktive Vernunftschlüsse. + +Wenn, wie mehrenteils geschieht, die Konklusion als ein Urteil +aufgegeben worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen +Urteilen, durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird, +fließe: so suche ich im Verstande die Assertion dieses Schlußsatzes +auf, ob sie sich nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach +einer allgemeinen Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Bedingung +und läßt sich das Objekt des Schlußsatzes unter der gegebenen +Bedingung subsumieren, so ist dieser aus der Regel, die auch für +andere Gegenstände der Erkenntnis gilt, gefolgert. Man sieht daraus: +daß die Vernunft im Schließen die große Mannigfaltigkeit der +Erkenntnis des Verstandes auf die kleinste Zahl der Prinzipien +(allgemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit +derselben zu bewirken suche. + + + +C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft + +Kann man die Vernunft isolieren, und ist sie alsdann noch ein eigener +Quell von Begriffen und Urteilen, die lediglich aus ihr entspringen, +und dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß +subalternes Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu +geben, welche logisch heißt, und wodurch die Verstandeserkenntnisse +nur einander und niedrige Regeln anderen höheren (deren Bedingung die +Bedingung der ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden, +so viel sich durch die Vergleichung derselben will bewerkstelligen +lassen? Dies ist die Frage, mit der wir uns jetzt nur vorläufig +beschäftigen. In der Tat ist Mannigfaltigkeit der Regeln und Einheit +der Prinzipien eine Forderung der Vernunft, um den Verstand mit sich +selbst in durchgängigen Zusammenhang zu bringen, so wie der Verstand +das Mannigfaltige der Anschauung unter Begriffe und dadurch jene in +Verknüpfung bringt. Aber ein solcher Grundsatz schreibt den Objekten +kein Gesetz vor, und enthält nicht den Grund der Möglichkeit, sie als +solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen, sondern ist bloß ein +subjektives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrate unseres Verstandes, +durch Vergleichung seiner Begriffe, den allgemeinen Gebrauch derselben +auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen, ohne daß man +deswegen von den Gegenständen selbst eine solche Einhelligkeit, die +der Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub tue, +zu fordern, und jener Maxime zugleich objektive Gültigkeit zu geben, +berechtigt wäre. Mit einem Worte, die Frage ist: ob Vernunft an sich +d.i. die reine Vernunft a priori synthetische Grundsätze und Regeln +enthalte, und worin diese Prinzipien bestehen mögen? + +Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen gibt +uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das +transzendentale Prinzipium derselben in der synthetischen Erkenntnis +durch reine Vernunft beruhen werde. + +Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen, um dieselbe +unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien), +sondern auf Begriffe und Urteile. Wenn also reine Vernunft auch auf +Gegenstände geht, so hat sie doch auf diese und deren Anschauung +keine unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen +Urteile, welche sich zunächst an die Sinne und deren Anschauung +wenden, um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist +also nicht Einheit einer möglichen Erfahrung, sondern von dieser, +als der Verstandeseinheit, wesentlich unterschieden. Daß alles, was +geschieht, eine Ursache habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter +und vorgeschriebener Grundsatz. Er macht die Einheit der Erfahrung +möglich und entlehnt nichts von der Vernunft, welche, ohne diese +Beziehung auf mögliche Erfahrung, aus bloßen Begriffen keine solche +synthetische Einheit hätte gebieten können. + +Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die +allgemeine Bedingung ihres Urteils (des Schlußsatzes), und der +Vernunftschluß ist selbst nichts anderes als ein Urteil, vermittelst +der Subsumtion seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel +(Obersatz). Da nun diese Regel wiederum eben demselben Versuche der +Vernunft ausgesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung +(vermittelst eines Prosyllogismus) gesucht werden muß, so lange es +angeht, so sieht man wohl, der eigentümliche Grundsatz der Vernunft +überhaupt (im logischen Gebrauche) sei: zu dem bedingten Erkenntnisse +des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben +vollendet wird. + +Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Prinzipium der reinen +Vernunft werden, als dadurch, daß man annimmt: wenn das Bedingte +gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter +Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben, (d.i. in dem +Gegenstande und seiner Verknüpfung enthalten). + +Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar +synthetisch; denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf +irgendeine Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus +demselben auch verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon +der reine Verstand nichts weiß, als der nur mit Gegenständen einer +möglichen Erfahrung zu tun hat, deren Erkenntnis und Synthesis +jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte aber, wenn es wirklich statthat, +kann besonders erwogen werden, nach allen den Bestimmungen, die es +von jedem Bedingten unterscheiden, und muß dadurch Stoff zu manchen +synthetischen Sätzen a priori geben. + +Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft entspringenden +Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transzendent +sein, d.i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von +demselben jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen +Grundsätzen des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem +sie nur die Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben,) gänzlich +unterscheiden. Ob nun jener Grundsatz: daß sich die Reihe der +Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens +der Dinge überhaupt,) bis zum Unbedingten erstrecke, seine objektive +Richtigkeit habe, oder nicht; welche Folgerungen daraus auf den +empirischen Verstandesgebrauch fließen, oder ob es vielmehr überall +keinen dergleichen objektivgültigen Vernunftsatz gebe, sondern +eine bloß logische Vorschrift, sich im Aufsteigen zu immer höheren +Bedingungen, der Vollständigkeit derselben zu nähern und dadurch die +höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntnis zu bringen; +ob, sage ich, dieses Bedürfnis der Vernunft durch einen Mißverstand +für einen transzendentalen Grundsatz der reinen Vernunft gehalten +worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilterweise +von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postuliert; +was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und Verblendungen in +die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen +worden, (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist,) und die +von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen, einschleichen +mögen: das wird unser Geschäft in der transzendentalen Dialektik sein, +welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen +Vernunft verborgen sind, entwickeln wollen. Wir werden sie in zwei +Hauptstücke teilen, deren ersteres von den transzendenten Begriffen +der reinen Vernunft, das zweite von transzendenten und dialektischen +Vernunftsschlüssen derselben handeln soll. + + + +Der transzendentalen Dialektik +Erstes Buch +Von den Begriffen der reinen Vernunft + +Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft für +eine Bewandtnis haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflektierte, +sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori +vor der Erfahrung und zum Behuf derselben gedacht; aber sie enthalten +nichts weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, +insofern sie notwendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein +gehören sollen. Durch sie allein wird Erkenntnis und Bestimmung eines +Gegenstandes möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und +vor ihnen gehen keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher, +aus denen sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich +ihre objektive Realität doch lediglich darauf: daß, weil sie die +intellektuelle Form aller Erfahrung ausmachen, ihre Anwendung +jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt werden können. + +Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig: daß +er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil +er eine Erkenntnis betrifft, von der jede empirische nur ein Teil ist, +(vielleicht das Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen +Synthesis,) bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig +zureicht, aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe +dienen zum Begreifen, wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der +Wahrnehmungen). Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen sie +etwas, worunter alle Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals +ein Gegenstand der Erfahrung ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren +Schlüssen aus der Erfahrung führt, und wornach sie den Grad ihres +empirischen Gebrauchs schätzt und abmißt, niemals aber ein Glied der +empirischen Synthesis ausmacht. Haben dergleichen Begriffe dessen +ungeachtet, objektive Gültigkeit, so können sie conceptus ratiocinati +(richtig geschlossene Begriffe) heißen; wo nicht, so sind sie +wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen, und mögen +conceptus ratiocinantes (vernünftelnde Begriffe) genannt werden. +Da dieses aber allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen +Schlüssen der reinen Vernunft ausgemacht werden kann, so können wir +darauf noch nicht Rücksicht nehmen, sondern werden vorläufig, so wie +wir die reinen Verstandesbegriffe Kategorien nannten, die Begriffe der +reinen Vernunft mit einem neuen Namen belegen und sie transzendentale +Ideen nennen, diese Benennung aber jetzt erläutern und rechtfertigen. + + + +Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik +Erster Abschnitt +Von den Ideen überhaupt + +Bei dem großen Reichtum unserer Sprachen findet sich doch oft der +denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau +anpaßt, und in dessen Ermanglung er weder anderen, noch sogar sich +selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist +eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe +man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es ratsam, sich in +einer toten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht +dieser Begriff samt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde, und wenn +der alte Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit ihrer Urheber auch +etwas schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung, +die ihm vorzüglich eigen war, zu befestigen, (sollte es auch +zweifelhaft bleiben, ob man damals genau ebendieselbe im Sinne gehabt +habe,) als sein Geschäft nur dadurch zu verderben, daß man sich +unverständlich machte. + +Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein +einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem +Begriffe genau anpaßt, dessen Unterscheidung von anderen verwandten +Begriffen von großer Wichtigkeit ist, so ist es ratsam, damit nicht +verschwenderisch umzugehen, oder es bloß zur Abwechslung, synonymisch, +statt anderer zu gebrauchen, sondern ihm seine eigentümliche Bedeutung +sorgfältig aufzubehalten; weil es sonst leichtlich geschieht, daß, +nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäftigt, +sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung +verliert, auch der Gedanke verloren gehe, den er allein hätte +aufbehalten können. + +Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß man wohl sieht, er habe +darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen +entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit +denen sich Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt, indem in der +Erfahrung niemals etwas damit Kongruierendes angetroffen wird. Die +Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloß Schlüssel +zu möglichen Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung +flossen sie aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der +menschlichen zuteil geworden, die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem +ursprünglichen Zustande befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt +sehr verdunkelten, Ideen durch Erinnerung (die Philosophie heißt) +zurückrufen muß. Ich will mich hier in keine literarische Untersuchung +einlassen, um den Sinn auszumachen, den der erhabene Philosoph +mit seinem Ausdrucke verband. Ich merke nur an, daß es gar nichts +Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als in Schriften, +durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen +Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich selbst +verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte, und +dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete, oder auch +dachte. + +Plato bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntniskraft ein weit höheres +Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit +buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere +Vernunft natürlicherweise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel +weiter gehen, als daß irgendein Gegenstand, den Erfahrung geben kann, +jemals mit ihnen kongruieren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre +Realität haben und keineswegs bloße Hirngespinste sind. + +Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem was praktisch ist*, d.i. +auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die +ein eigentümliches Produkt der Vernunft sind. Wer die Begriffe der +Tugend aus Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allenfalls als +Beispiel zur unvollkommenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum +Erkenntnisquell machen wollte (wie wirklich viele getan haben), der +würde aus der Tugend ein nach Zeit und Umständen wandelbares, zu +keiner Regel brauchbares zweideutiges Unding machen. Dagegen wird ein +jeder inne, daß, wenn ihm jemand als Muster der Tugend vorgestellt +wird, er doch immer das wahre Original bloß in seinem eigenen Kopfe +habe, womit er dieses angebliche Muster vergleicht, und es bloß +darnach schätzt. Dieses ist aber die Idee der Tugend, in Ansehung +deren alle möglichen Gegenstände der Erfahrung zwar als Beispiele, +(Beweise der Tunlichkeit desjenigen im gewissen Grade, was der Begriff +der Vernunft heischt,) aber nicht als Urbilder Dienste tun. Daß +niemals ein Mensch demjenigen adäquat handeln werde, was die reine +Idee der Tugend enthält, beweist gar nicht etwas Chimärisches in +diesem Gedanken. Denn es ist gleichwohl alles Urteil, über den +moralischen Wert oder Unwert, nur vermittelst dieser Idee möglich; +mithin liegt sie jeder Annäherung zur moralischen Vollkommenheit +notwendig zum Grunde, soweit auch die ihrem Grade nach nicht zu +bestimmenden Hindernisse in der menschlichen Natur uns davon entfernt +halten mögen. + +* Er dehnte seinen Begriff freilich auch auf spekulative Erkenntnisse + aus, wenn sie nur rein und völlig a priori gegeben waren, sogar über + die Mathematik, ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders, + als in der möglichen Erfahrung hat. Hierin kann ich ihm nun nicht + folgen, so wenig als in der mystischen Deduktion dieser Ideen, oder + den Übertreibungen, dadurch er sie gleichsam hypostasierte; wiewohl + die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer + milderen und der Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl + fähig ist. + +Die platonische Republik ist, als ein vermeintlich auffallendes +Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen +Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker +findet es lächerlich, daß der Philosoph behauptete, niemals würde ein +Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein +man würde besser tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo +der vortreffliche Mann uns ohne Hilfe läßt) durch neue Bemühung in +Licht zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden und schädlichen +Vorwande der Untunlichkeit, als unnütz beiseite zu setzen. Eine +Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche +machen, daß jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen bestehen +kann, (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon +von selbst folgen;) ist doch wenigstens eine notwendige Idee, die man +nicht bloß im ersten Entwurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei +allen Gesetzen zum Grunde legen muß, und wobei man anfänglich von den +gegenwärtigen Hindernissen abstrahieren muß, die vielleicht nicht +sowohl aus der menschlichen Natur unvermeidlich entspringen mögen, +als vielmehr aus der Vernachlässigung der echten Ideen bei der +Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen +Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf +vergeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht existieren +würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen +würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe, eben darum, weil sie +aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten. +Je übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung mit dieser Idee +eingerichtet wären, desto seltener würden allerdings die Strafen +werden, und da ist es denn ganz vernünftig, (wie Plato behauptet), daß +bei einer vollkommenen Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig +sein würden. Ob nun gleich das letztere niemals zustande kommen mag, +so ist die Idee doch ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde +aufstellt, um nach demselben die gesetzliche Verfassung der Menschen +der möglich größten Vollkommenheit immer näher zu bringen. Denn +welches der höchste Grad sein mag, bei welchem die Menschheit +stehenbleiben müsse, und wie groß also die Kluft, die zwischen der +Idee und ihrer Ausführung notwendig übrigbleibt, sein möge, das kann +und soll niemand bestimmen, eben darum, weil es Freiheit ist, welche +jede angegebene Grenze übersteigen kann. + +Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft +wahrhafte Kausalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der +Handlungen und ihrer Gegenstände) werden, nämlich im Sittlichen, +sondern auch in Ansehung der Natur selbst, sieht Plato mit Recht +deutliche Beweise ihres Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Tier, +die regelmäßige Anordnung des Weltbaues (vermutlich also auch die +ganze Naturordnung) zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich +sind; daß zwar kein einzelnes Geschöpf, unter den einzelnen +Bedingungen seines Daseins, mit der Idee des Vollkommensten seiner Art +kongruiere (so wenig wie der Mensch mit der Idee der Menschheit, die +er sogar selbst als das Urbild seiner Handlungen in seiner Seele +trägt,) daß gleichwohl jene Ideen im höchsten Verstande einzeln, +unveränderlich, durchgängig bestimmt, und die ursprünglichen Ursachen +der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer Verbindung im Weltall einzig +und allein jener Idee völlig adäquat sei. Wenn man das Übertriebene +des Ausdrucks absondert, so ist der Geistesschwung des Philosophen, +von der copeilichen Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der +architektonischen Verknüpfung derselben nach Zwecken, d.i. nach Ideen, +hinaufzusteigen, eine Bemühung, die Achtung und Nachfolge verdient, +in Ansehung desjenigen aber, was die Prinzipien der Sittlichkeit, der +Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen die Erfahrung +selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals darin +völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigentümliches Verdienst, +welches man nur darum nicht erkennt, weil man es durch eben die +empirischen Regeln beurteilt, deren Gültigkeit, als Prinzipien, eben +durch sie hat aufgehoben werden sollen. Denn in Betracht der Natur +gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der +Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung +(leider!) die Mutter des Scheins, und es ist höchst verwerflich, die +Gesetze über das, was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen, oder +dadurch einschränken zu wollen, was getan wird. + +Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der +Tat die eigentümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen +wir uns jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht +verdienstlosen Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen +sittlichen Gebäuden eben und baufest zu machen, in welchem sich +allerlei Maulwurfsgänge einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht, +auf Schätze grabenden Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk +unsicher machen. Der transzendentale Gebrauch der reinen Vernunft, +ihre Prinzipien und Ideen, sind es also, welche genau zu kennen +uns jetzt obliegt, um den Einfluß der reinen Vernunft und den Wert +derselben gehörig bestimmen und schätzen zu können. Doch, ehe ich +diese vorläufige Einleitung beiseite lege, ersuche ich diejenige, +denen Philosophie am Herzen liegt, (welches mehr gesagt ist, als +man gemeiniglich antrifft,) wenn sie sich durch dieses und das +Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner +ursprünglichen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht +fernerhin unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei +Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerate, +und die Wissenschaft dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an +Benennungen, die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne +daß wir nötig haben, in das Eigentum einer anderen einzugreifen. Hier +ist eine Stufenleiter derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt +(repraesentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewußtsein +(perceptio). Eine Perception, die sich lediglich auf das Subjekt, als +die Modifikation seines Zustandes bezieht, ist Empfindung (sensatio), +eine objektive Perzeption ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist +entweder Anschauung oder Begriff (intuitus vel conceptus). Jene +bezieht sich unmittelbar auf den Gegenstand und ist einzeln; dieser +mittelbar, vermittelst eines Merkmals, was mehreren Dingen gemein sein +kann. Der Begriff ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff, +und der reine Begriff, sofern er lediglich im Verstande seinen +Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit) heißt Notio. Ein +Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, +ist die Idee, oder der Vernunftbegriff. Dem, der sich einmal an +diese Unterscheidung gewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die +Vorstellung der roten Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist nicht einmal +Notion (Verstandesbegriff) zu nennen. + + + +Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik +Zweiter Abschnitt +Von den transzendentalen Ideen + +Die transzendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße +logische Form unserer Erkenntnis den Ursprung von reinen Begriffen +a priori enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände +vorstellen, oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche +allein eine empirische Erkenntnis von Gegenständen möglich macht. Die +Form der Urteile (in einen Begriff von der Synthesis der Anschauungen +verwandelt) brachte Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch +in der Erfahrung leiten. Ebenso können wir erwarten, daß die Form +der Vernunftschlüsse, wenn man sie auf die synthetische Einheit der +Anschauungen, nach Maßgebung der Kategorien, anwendet, den Ursprung +besonderer Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine +Vernunftbegriffe, oder transzendentale Ideen nennen können, und +die den Verstandesgebrauch im Ganzen der getarnten Erfahrung nach +Prinzipien bestimmen werden. + +Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der +Allgemeinheit der Erkenntnis nach Begriffen, und der Vernunftschluß +selbst ist ein Urteil, welches a priori in dem ganzen Umfange seiner +Bedingung bestimmt wird. Den Satz: Cajus ist sterblich, könnte ich +auch bloß durch den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich +suche einen Begriff, der die Bedingung enthält, unter welcher das +Prädikat (Assertion überhaupt) dieses Urteils gegeben wird (d.i. hier, +den Begriff des Menschen;) und nachdem ich unter diese Bedingung, +in ihrem ganzen Umfange genommen, (alle Menschen sind sterblich) +subsumiert habe; so bestimme ich darnach die Erkenntnis meines +Gegenstandes (Cajus ist sterblich). + +Demnach restringieren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses +ein Prädikat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in +dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung +gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges, in Beziehung auf +eine solche Bedingung, heißt die Allgemeinheit (Universalitas). Dieser +entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit (Universitas) +oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transzendentale +Vernunftbegriff kein anderer, als der von der Totalität der +Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte +allein die Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die +Totalität der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist; so kann ein +reiner Vernunftbegriff überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, +sofern er einen Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt +werden. + +Soviel Arten des Verhältnisses es nun gibt, die der Verstand +vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine +Vernunftbegriffe wird es auch geben, und es wird also erstlich ein +Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subjekt, zweitens +der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der +disjunktiven Synthesis der Teile in einem System zu suchen sein. + +Es gibt nämlich ebensoviel Arten von Vernunftschlüssen, deren jede +durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet, die eine zum +Subjekt, welches selbst nicht mehr Prädikat ist, die andere zur +Voraussetzung, die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu +einem Aggregat der Glieder der Einteilung, zu welchen nichts weiter +erforderlich ist, um die Einteilung eines Begriffs zu vollenden. Daher +sind die reinen Vernunftbegriffe von der Totalität in der Synthesis +der Bedingungen wenigstens als Aufgaben, um die Einheit des +Verstandes, womöglich, bis zum Unbedingten fortzusetzen, notwendig und +in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet, es mag auch übrigens +diesen transzendentalen Begriffen an einem ihnen angemessenen Gebrauch +in concreto fehlen, und sie mithin keinen anderen Nutzen haben, als +den Verstand in die Richtung zu bringen, darin sein Gebrauch, indem +er aufs äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehende +einstimmig gemacht wird. + +Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem +Unbedingten, als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe +reden, so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht +entbehren und gleichwohl, nach einer ihm durch langen Mißbrauch +anhängenden Zweideutigkeit, nicht sicher brauchen können. Das Wort +absolut ist eines von den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen +Bedeutung einem Begriffe angemessen worden, welchem nach der Hand gar +kein anderes Wort eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen +Verlust, oder welches ebensoviel ist, sein schwankender Gebrauch daher +auch den Verlust des Begriffs selbst nach sich ziehen muß, und zwar +eines Begriffs, der, weil er die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne +großen Nachteil aller transzendentalen Beurteilungen nicht entbehrt +werden kann. Das Wort absolut wird jetzt öfters gebraucht, um bloß +anzuzeigen, daß etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und +also innerlich gelte. In dieser Bedeutung würde absolutmöglich das +bedeuten, was an sich selbst (interne) möglich ist, welches in der Tat +das wenigste ist, was man von einem Gegenstande sagen kann. Dagegen +wird es auch bisweilen gebraucht, um anzuzeigen, daß etwas in aller +Beziehung (uneingeschränkt) gültig ist (z.B. die absolute Herrschaft,) +und absolutmöglich würde in dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, was +in aller Absicht in aller Beziehung möglich ist, welches wiederum das +meiste ist, was ich über die Möglichkeit eines Dinges sagen kann. Nun +treffen zwar diese Bedeutungen manchmal zusammen. So ist z.E., was +innerlich unmöglich ist, auch in aller Beziehung, mithin absolut +unmöglich. Aber in den meisten Fällen sind sie unendlich weit +auseinander, und ich kann auf keine Weise schließen, daß, weil etwas +an sich selbst möglich ist, es darum auch in aller Beziehung, mithin +absolut, möglich sei. Ja von der absoluten Notwendigkeit werde ich in +der Folge zeigen, daß sie keineswegs in allen Fällen von der inneren +abhänge, und also mit dieser nicht als gleichbedeutend angesehen +werden müsse. Dessen Gegenteil innerlich unmöglich ist, dessen +Gegenteil ist freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es +selbst absolut notwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was +absolut notwendig ist, dessen Gegenteil sei innerlich unmöglich, d.i. +die absolute Notwendigkeit der Dinge sei eine innere Notwendigkeit; +denn diese innere Notwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer +Ausdruck, mit welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden +können; dagegen der von der Notwendigkeit eines Dinges in aller +Beziehung (auf alles Mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich +führt. Weil nun der Verlust eines Begriffs von großer Anwendung in der +spekulativen Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgültig sein +kann, so hoffe ich, es werde ihm die Bestimmung und sorgfältige +Aufbewahrung des Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht +gleichgültig sein. + +In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich dann des Wortes: +absolut, bedienen und es dem bloß komparativ oder in besonderer +Rücksicht Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf +Bedingungen restringiert, jenes aber gilt ohne Restriktion. + +Nun geht der transzendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die +absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen, und endigt +niemals, als bei den schlechthin, d.i. in jeder Beziehung, +Unbedingten. Denn die reine Vernunft überläßt alles dem Verstande, der +sich zunächst auf die Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren +Synthesis in der Einbildungskraft bezieht. Jene behält sich allein die +absolute Totalität im Gebrauche der Verstandesbegriffe vor, und sucht +die synthetische Einheit, welche in der Kategorie gedacht wird, bis +zum Schlechthinunbedingten hinauszuführen. Man kann daher diese die +Vernunfteinheit der Erscheinungen, so wie jene, welche die Kategorie +ausdrückt, Verstandeseinheit nennen. So bezieht sich demnach die +Vernunft nur auf den Verstandesgebrauch, und zwar nicht sofern dieser +den Grund möglicher Erfahrung enthält, (denn die absolute Totalität +der Bedingungen ist kein in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil +keine Erfahrung unbedingt ist,) sondern um ihm die Richtung auf eine +gewisse Einheit vorzuschreiben, von der der Verstand keinen Begriff +hat, und die darauf hinausgeht, alle Verstandeshandlungen, in Ansehung +eines jeden Gegenstandes, in ein absolutes Ganzes zusammenzufassen. +Daher ist der objektive Gebrauch der reinen Vernunftbegriffe jederzeit +transzendent, indessen daß der von den reinen Verstandesbegriffen, +seiner Natur nach, jederzeit immanent sein muß, indem er sich bloß auf +mögliche Erfahrung einschränkt. + +Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff, dem +kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann. Also +sind unsere jetzt erwogenen reinen Vernunftbegriffe transzendentale +Ideen. Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie betrachten +alles Erfahrungserkenntnis als bestimmt durch eine absolute Totalität +der Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch +die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, und beziehen sich daher +notwendigerweise auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich +transzendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher +also niemals ein Gegenstand vorkommen kann, der der transzendentalen +Idee adäquat wäre. Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Objekt +nach (als von einem Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel, +dem Subjekte nach aber (d.i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter +empirischer Bedingung) eben darum sehr wenig, weil sie, als der +Begriff eines Maximum, in concreto niemals kongruent kann gegeben +werden. Weil nun das letztere im bloß spekulativen Gebrauch der +Vernunft eigentlich die ganze Absicht ist, und die Annäherung zu +einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals erreicht wird, +ebensoviel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt würde, so +heißt es von einem dergleichen Begriffe: er ist nur eine Idee. So +würde man sagen können: das absolute Ganze aller Erscheinungen ist nur +eine Idee, denn, da wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können, +so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung. Dagegen, weil es im +praktischen Gebrauch des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach +Regeln zu tun ist, so kann die Idee der praktischen Vernunft jederzeit +wirklich, obzwar nur zum Teil, in concreto gegeben werden, ja sie ist +die unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs der Vernunft. +Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft, aber unter nicht +bestimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflusse des Begriffs +einer absoluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische Idee +jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen +unumgänglich notwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar +Kausalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält; +daher kann man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen: +sie ist nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der +notwendigen Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem +Praktischen als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende, Bedingung +zur Regel dienen. + +Ob wir nun gleich von den transzendentalen Vernunftbegriffen sagen +müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für +überflüssig und nichtig anzusehen haben. Denn, wenn schon dadurch +kein Objekt bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde +und unbemerkt dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und +einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr +erkennt, als er nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in +dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen, +daß sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen +Übergang möglich machen, und den moralischen Ideen selbst auf solche +Art Haltung und Zusammenhang mit den spekulativen Erkenntnissen der +Vernunft verschaffen können. Über alles dieses muß man den Aufschluß +in dem Verfolg erwarten. + +Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen +beiseite, und betrachten daher die Vernunft nur im spekulativen, +und in diesem noch enger, nämlich nur im transzendentalen Gebrauch. +Hier müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der +Deduktion der Kategorien nahmen; nämlich, die logische Form der +Vernunfterkenntnis erwägen, und sehen, ob nicht etwa die Vernunft +dadurch auch ein Quell von Begriffen werde, Objekte an sich selbst, +als synthetisch a priori bestimmt, in Ansehung einer oder der anderen +Funktion der Vernunft, anzusehen. + +Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntnis +betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d.i. mittelbar (durch die +Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung +eines gegebenen) zu urteilen. Das gegebene Urteil ist die allgemeine +Regel (Obersatz, Major). Die Subsumtion der Bedingung eines anderen +möglichen Urteils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz +(Minor). Das wirkliche Urteil, welches die Assertion der Regel in dem +subsumierten Falle aussagt, ist der Schlußsatz (Conclusio). Die Regel +nämlich sagt etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung. Nun +findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt. +Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, auch +in dem vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt) +als gültig angesehen. Man sieht leicht, daß die Vernunft durch +Verstandeshandlungen, welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu +einem Erkenntnisse gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind +veränderlich, nur dadurch gelangen daß ich von dem entfernteren +Erkenntnis (worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt, +der aber doch davon die Bedingung enthält,) anfange: alles +Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem zu einem näheren +gehe, der unter der Bedingung des ersteren steht: die Körper sind +zusammengesetzt; und von diesem allererst zu einem dritten, der +nunmehr das entfernte Erkenntnis (veränderlich) mit dem vorliegenden +verknüpft: folglich sind die Körper veränderlich; so bin ich +durch eine Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntnis +(Conclusion) gelangt. Nun läßt sich eine jede Reihe, deren Exponent +(des kategorischen oder hypothetischen Urteils) gegeben ist, +fortsetzen; mithin führt ebendieselbe Vernunfthandlung zur +ratiocinatio polysyllogistica, welches eine Reihe von Schlüssen ist, +die entweder auf der Seite der Bedingungen (per prosyllogismos), oder +des Bedingten (per episyllogismos), in unbestimmte Weiten fortgesetzt +werden kann. + +Man wird aber bald inne, daß die Kette, oder Reihe der Prosyllogismen, +d.i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe, oder +der Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntnis, mit anderen Worten: +die aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das +Vernunftvermögen doch anders verhalten müsse, als die absteigende +Reihe, d.i. der Fortgang der Vernunft auf der Seite des Bedingten +durch Episyllogismen. Denn, da im ersteren Falle das Erkenntnis +(conclusio) nur als bedingt gegeben ist; so kann man zu demselben +vermittelst der Vernunft nicht anders gelangen, als wenigstens unter +der Voraussetzung, daß alle Glieder der Reihe auf der Seite der +Bedingungen gegeben sind, (Totalität in der Reihe der Prämissen,) weil +nur unter deren Voraussetzung das vorliegende Urteil a priori möglich +ist; dagegen auf der Seite des Bedingten, oder der Folgerungen, nur +eine werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte oder gegebene Reihe, +mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird. Daher, wenn eine +Erkenntnis als bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft genötigt, +die Reihe der Bedingungen in aufsteigender Linie als vollendet und +ihrer Totalität nach gegeben anzusehen. Wenn aber eben dieselbe +Erkenntnis zugleich als Bedingung anderer Erkenntnisse angesehen wird, +die untereinander eine Reihe von Folgerungen in absteigender Linie +ausmachen, so kann die Vernunft ganz gleichgültig sein, wie weit +dieser Fortgang sich a parte posteriori erstrecke, und ob gar überall +Totalität dieser Reihe möglich sei; weil sie einer dergleichen Reihe +zu der vor ihr liegenden Konklusion nicht bedarf, indem diese durch +ihre Gründe a parte priori schon hinreichend bestimmt und gesichert +ist. Es mag nun sein, daß auf der Seite der Bedingungen die Reihe der +Prämissen ein Erstes habe, als oberste Bedingung, oder nicht, und also +a parte priori ohne Grenzen; so muß sie doch Totalität der Bedingung +enthalten, gesetzt, daß wir niemals dahin gelangen könnten, sie +zu fassen, und die ganze Reihe muß unbedingt wahr sein, wenn das +Bedingte, welches als eine daraus entspringende Folgerung angesehen +wird, als wahr gelten soll. Dieses ist eine Forderung der Vernunft, +die ihr Erkenntnis als a priori bestimmt und als notwendig ankündigt, +entweder an sich selbst, und dann bedarf es keiner Gründe, oder, wenn +es abgeleitet ist, als ein Glied einer Reihe von Gründen, die selbst +unbedingterweise wahr ist. + + + +Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik +Dritter Abschnitt +System der transzendentalen Ideen + +Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu tun, welche +von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, und lediglich den +falschen Schein in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit +einer transzendentalen, welche, völlig a priori, den Ursprung gewisser +Erkenntnisse aus reiner Vernunft, und geschlossener Begriffe, deren +Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich +außer dem Vermögen des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir +haben aus der natürlichen Beziehung, die der transzendentale Gebrauch +unserer Erkenntnis, sowohl in Schlüssen als Urteilen, auf den +logischen haben muß, abgenommen: daß es nur drei Arten von +dialektischen Schlüssen geben werde, die sich auf die dreierlei +Schlußarten beziehen, durch welche Vernunft aus Prinzipien zu +Erkenntnissen gelangen kann, und daß in allem ihr Geschäft sei, von +der bedingten Synthesis, an die der Verstand jederzeit gebunden +bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er niemals erreichen kann. + +Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen haben +können, 1. die Beziehung aufs Subjekt, 2. die Beziehung auf Objekte, +und zwar entweder als Erscheinungen, oder als Gegenstände des Denkens +überhaupt. Wenn man diese Untereinteilung mit der oberen verbindet, so +ist alles Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns entweder einen +Begriff, oder Idee machen können, dreifach: 1. das Verhältnis zum +Subjekt, 2. zum Mannigfaltigen des Objekts in der Erscheinung, 3. zu +allen Dingen überhaupt. + +Nun haben es alle reinen Begriffe überhaupt mit der synthetischen +Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft +(transszendentale Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen +Einheit aller Bedingungen überhaupt zu tun. Folglich werden alle +transzendentalen Ideen sich unter drei Klassen bringen lassen, davon +die erste die absolute (unbedingte) Einheit des denkenden Subjekts, +die zweite die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der +Erscheinung, die dritte die absolute Einheit der Bedingung aller +Gegenstände des Denkens überhaupt enthält. + +Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff +aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie, und das +Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem, was +gedacht werden kann, enthält, (das Wesen aller Wesen) der Gegenstand +der Theologie. Also gibt die reine Vernunft die Idee zu einer +transzendentalen Seelenlehre (psychologia rationalis), zu einer +transzendentalen Weltwissenschaft (cosmologia rationalis), endlich +auch zu einer transzendentalen Gotteserkenntnis (Theologia +transzendentalis) an die Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl +als der anderen dieser Wissenschaften, schreibt sich gar nicht von +dem Verstande her, selbst wenn er gleich mit dem höchsten logischen +Gebrauche der Vernunft, d.i. allen erdenklichen Schlüssen, verbunden +wäre, um von einem Gegenstande desselben (Erscheinung) zu allen +anderen bis in die entlegensten Glieder der empirischen Synthesis +fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines und echtes Produkt, +oder Problem der reinen Vernunft. + +Was unter diesen drei Titeln aller transzendentalen Ideen für modi +der reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke +vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort. +Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände, +sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Ebenso wird sich +auch nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die +Vernunft lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben +Funktion, deren sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient, +notwendigerweise auf den Begriff der absoluten Einheit des denkenden +Subjekts kommen müsse, wie das logische Verfahren in hypothetischen +Ideen die vom Schlechthinunbedingten in einer Reihe gegebener +Bedingungen, endlich die bloße Form des disjunktiven Vernunftschlusses +den höchsten Vernunftbegriff von einem Wesen aller Wesen +notwendigerweise nach sich ziehen müsse; ein Gedanke, der beim ersten +Anblick äußerst paradox zu sein scheint. + +Von diesen transzendentalen Ideen ist eigentlich keine objektive +Deduktion möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten. +Denn in der Tat haben sie keine Beziehung auf irgendein Objekt, was +ihnen kongruent gegeben werden könnte, eben darum, weil sie nur Ideen +sind. Aber eine subjektive Anleitung derselben aus der Natur unserer +Vernunft konnten wir unternehmen, und die ist im gegenwärtigen +Hauptstücke auch geleistet worden. + +Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anderes zur Absicht +habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der +Bedingungen, (es sei der Inhärenz, oder der Dependenz, oder der +Konkurrenz,) und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von seiten +des Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf +sie, um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen, und sie +dadurch dem Verstande a priori zu geben. Ist aber eine vollständig +(und unbedingt) gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr +eines Vernunftbegriffs in Ansehung der Fortsetzung der Reihe; denn der +Verstand tut jeden Schritt abwärts, von der Bedingung zum Bedingten, +von selber. Auf solche Weise dienen die transzendentalen Ideen nur zum +Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen, bis zum Unbedingten, d.i. zu +den Prinzipien. In Ansehung des Hinabgehens zum Bedingten aber, gibt +es zwar einen weit erstreckten logischen Gebrauch, den unsere Vernunft +von den Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen transzendentalen, +und, wenn wir uns von der absoluten Totalität einer solchen Synthesis +(des progressus) eine Idee machen, z.B. von der ganzen Reihe aller +künftigen Weltveränderungen, so ist dieses ein Gedankending (ens +rationis), welches nur willkürlich gedacht, und nicht durch die +Vernunft notwendig vorausgesetzt wird. Denn zur Möglichkeit des +Bedingten wird zwar die Totalität seiner Bedingungen, aber nicht +seiner Folgen, vorausgesetzt. Folglich ist ein solcher Begriff keine +transzendentale Idee, mit der wir es doch hier lediglich zu tun haben. + +Zuletzt wird man auch gewahr, daß unter den transzendentalen Ideen +selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und daß +die reine Vernunft, vermittelst ihrer, alle ihre Erkenntnisse in +ein System bringe. Von der Erkenntnis seiner selbst (der Seele) zur +Welterkenntnis, und, vermittelst dieser, zum Urwesen fortzugehen, ist +ein so natürlicher Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der +Vernunft von den Prämissen zum Schlußsatze ähnlich scheint*. Ob nun +hier wirklich eine Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem +logischen und transzendentalen Verfahren, insgeheim zum Grunde liege, +ist auch eine von den Fragen, deren Beantwortung man in dem Verfolg +dieser Untersuchungen allererst erwarten muß. Wir haben vorläufig +unseren Zweck schon erreicht, da wir die transzendentalen Begriffe +der Vernunft, die sich sonst gewöhnlich in der Theorie der +Philosophen unter andere mischen, ohne daß diese sie einmal von +Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen +Lage haben herausziehen, ihren Ursprung, und dadurch zugleich ihre +bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und +sie in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können, +wodurch ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und +eingeschränkt wird. + +* Die Metaphysik hat zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschung nur + drei Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, so daß der zweite + Begriff, mit dem ersten verbunden, auf den dritten, als einen + notwendigen Schlußsatz, führen soll. Alles, womit sich diese + Wissenschaft sonst beschäftigt, dient ihr bloß zum Mittel, um zu + diesen Ideen und ihrer Realität zu gelangen. Sie bedarf sie nicht + zum Behuf der Naturwissenschaft, sondere um über die Natur hinaus zu + kommen. Die Einsicht in dieselben würde Theologie, Moral, und durch + beider Verbindung, Religion, mithin die höchsten Zwecke unseres + Daseins, bloß vom spekulativen Vernunftvermögen und sonst von nichts + anderem abhängig machen. In einer systematischen Vorstellung jener + Ideen würde die angeführte Ordnung, als die synthetische, die + schicklichste sein; aber in der Bearbeitung, die vor ihr notwendig + vorhergehen muß, wird die analytische, welche diese Ordnung umkehrt, + dem Zwecke angemessener sein, um, indem wir von demjenigen, was + uns Erfahrung unmittelbar an die Hand gibt, der Seelenlehre, zur + Weltlehre, und von da bis zur Erkenntnis Gottes fortgehen, unseren + großen Entwurf zu vollziehen. + + + +Der transzendentalen Dialektik +Zweites Buch +Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft + +Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transzendentalen Idee +sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz +notwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt +worden. Denn in der Tat ist auch von einem Gegenstande, der der +Forderung der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff +möglich, d.i. ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung +gezeigt und anschaulich gemacht werden kann. Besser würde man sich +doch und mit weniger Gefahr des Mißverständnisses, ausdrücken, wenn +man sagte: daß wir vom Objekt, welches einer Idee korrespondiert, +keine Kenntnis, obzwar einen problematischen Begriff, haben können. + +Nun beruht wenigstens die transzendentale (subjektive) Realität der +reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen notwendigen +Vernunftschluß auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es +Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten, und +vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes +schließen, wovon wir doch keinen Begriff haben, und dem wir +gleichwohl, durch einen unvermeidlichen Schein, objektive Realität +geben. Dergleichen Schlüsse sind in Ansehung ihres Resultats also eher +vernünftelnde, als Vernunftschlüsse zu nennen; wiewohl sie, ihrer +Veranlassung wegen, wohl den letzteren Namen führen können, weil sie +doch nicht erdichtet, oder zufällig entstanden, sondern aus der Natur +der Vernunft entsprungen sind. Es sind Sophistikationen, nicht der +Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der +Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht +zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der +ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann. + +Dieser dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei +Arten, so vielfach, als die Ideen sind, auf die ihre Schlußsätze +auslaufen. In dem Vernunftschlusse der ersten Klasse schließe ich von +dem transzendentalen Begriffe des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges +enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjekts selber, von welchem +ich auf diese Weise gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen +Schluß werde ich den transzendentalen Paralogismus nennen. Die zweite +Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den transzendentalen +Begriff der absoluten Totalität, der Reihe der Bedingungen zu einer +gegebenen Erscheinung überhaupt, angelegt, und ich schließe daraus, +daß ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer +Seite, jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe, auf +die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich gleichwohl +auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen +dialektischen Schlüssen, werde ich die Antinomie der reinen Vernunft +nennen. Endlich schließe ich, nach der dritten Art vernünftelnder +Schlüsse, von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt, +sofern sie mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute +synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge +überhaupt, d.i. von Dingen, die ich nach ihrem bloßen transzendentalen +Begriff nicht kenne, auf ein Wesen aller Wesen, welches ich durch +einen transzendenten Begriff noch weniger kenne, und von dessen +unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. Diesen +dialektischen Vernunftschluß werde ich das Ideal der reinen Vernunft +nennen. + + + +Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik +Erstes Hauptstück +Von den Paralogismen der reinen Vernunft + +Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines +Vernunftschlusses der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein, +welcher er wolle. Ein transzendentaler Paralogismus aber hat einen +transzendentalen Grund: der Form nach falsch zu schließen. Auf +solche Weise wird ein dergleichen Fehlschluß in der Natur der +Menschenvernunft seinen Grund haben, und eine unvermeidliche, obzwar +nicht unauflösliche, Illusion bei sich führen. + +Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben, in der allgemeinen Liste +der transzendentalen Begriffe, nicht verzeichnet worden, und dennoch +dazu gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu +verändern und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff, +oder, wenn man lieber will, das Urteil: Ich denke. Man sieht aber +leicht, daß er das Vehikel aller Begriffe überhaupt, und mithin +auch der transzendentalen sei, und also unter diesen jederzeit mit +begriffen werde, und daher ebensowohl transzendental sei, aber keinen +besonderen Titel haben könne, weil er nur dazu dient, alles Denken, +als zum Bewußtsein gehörig, aufzuführen. Indessen, so rein er auch +vom Empirischen (dem Eindrucke der Sinne) ist, so dient er doch dazu, +zweierlei Gegenstände aus der Natur unserer Vorstellungskraft zu +unterscheiden. Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des inneren +Sinnes, und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne +ist, heißt Körper. Demnach bedeutet der Ausdruck: Ich, als ein denkend +Wesen, schon den Gegenstand der Psychologie, welche die rationale +Seelenlehre heißen kann, wenn ich von der Seele nichts weiter zu +wissen verlange, als was unabhängig von aller Erfahrung (welche mich +näher und in concreto bestimmt) aus diesem Begriffe Ich, sofern er bei +allem Denken vorkommt, geschlossen werden kann. + +Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser +Art; denn, wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgendeine +besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die +Erkenntnisgründe dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht +mehr rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon +eine angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze: +Ich denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz +schicklich, und der Natur einer Transzendentalphilosophie gemäß, +untersuchen können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an +diesem Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere +Erfahrung habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche darauf +erbaut wird, niemals rein, sondern zum Teil auf ein empirisches +Prinzipium gegründet sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts +weiter, als die bloße Apperzeption: Ich denke; welche sogar alle +transzendentalen Begriffe möglich macht, in welchen es heißt: Ich +denke die Substanz, die Ursache usw. Denn innere Erfahrung überhaupt +und deren Möglichkeit, oder Wahrnehmung überhaupt und deren Verhältnis +zu anderer Wahrnehmung, ohne daß irgendein besonderer Unterschied +derselben und Bestimmung empirisch gegeben ist, kann nicht als +empirische Erkenntnis, sondern muß als Erkenntnis des Empirischen +überhaupt angesehen werden, und gehört zur Untersuchung der +Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings transzendental +ist. Das mindeste Objekt der Wahrnehmung (z.B. nur Lust oder Unlust), +welche zu der allgemeinen Vorstellung des Selbstbewußtseins hinzukäme, +würde die rationale Psychologie sogleich in eine empirische +verwandeln. + +Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie, aus +welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht, daß +dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen +werden soll, nichts anderes, als transzendentale Prädikate desselben, +enthalten könne; weil das mindeste empirische Prädikat die rationale +Reinigkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung, +verderben würde. + +Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen +haben, nur, da hier zuerst ein Ding, Ich, als denkend Wesen, +gegeben worden, so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien +untereinander, wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht +verändern, aber doch hier von der Kategorie der Substanz anfangen, +dadurch ein Ding an sich selbst vorgestellt wird, und so ihrer Reihe +rückwärts nachgehen. Die Topik der rationalen Seelenlehre, woraus +alles übrige, was sie nur enthalten mag, abgeleitet werden muß, ist +demnach folgende: + + 1. Die Seele ist Substanz. + + 2. Ihrer Qualität nach einfach. 3. Den verschiedenen Zeiten nach, + in welchen sie da ist, + numerisch-identisch, d.i. + Einheit (nicht Vielheit). + + 4. Im Verhältnisse + zu möglichen Gegenständen im Raume*. + +* Der Leser, der aus diesen Ausdrücken, in ihrer transzendentalen + Abgezogenheit, nicht so leicht den psychologischen Sinn derselben, + und warum das letztere Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz + gehöre, erraten wird, wird sie in dem Folgenden hinreichend erklärt + und gerechtfertigt finden. Übrigens habe ich wegen der lateinischen + Ausdrücke, die statt der gleichbedeutenden deutschen, wider den + Geschmack der guten Schreibart, eingeflossen sind, sowohl bei + diesem Abschnitte, als auch in Ansehung des ganzen Werks, zur + Entschuldigung anzuführen: daß ich lieber etwas der Zierlichkeit der + Sprache habe entziehen, als den Schulgebrauch durch die mindeste + Unverständlichkeit erschweren wollen. + +Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelenlehre, +lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten ein anderes +Prinzipium zu erkennen. Diese Substanz, bloß als Gegenstand des +inneren Sinnes, gibt den Begriff der Immaterialität; als einfache +Substanz, der Inkorruptibilität; die Identität derselben, als +intellektueller Substanz, gibt die Personalität; alle diese drei +Stücke zusammen die Spiritualität; das Verhältnis zu den Gegenständen +im Raume gibt das Kommerzium mit Körpern; mithin stellt sie die +denkende Substanz, als das Prinzipium des Lebens in der Materie, d.i. +sie als Seele (anima) und als den Grund der Animalität vor; diese +durch die Spiritualität eingeschränkt, Immortalität. + +Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transzendentalen +Seelenlehre, welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen +Vernunft, von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird. +Zum Grunde derselben können wir aber nichts anderes legen, als die +einfache und für sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung: +Ich; von der man nicht einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei, +sondern ein bloßes Bewußtsein, das alle Begriffe begleitet. Durch +dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding), welches denkt, wird nun +nichts weiter, als ein transzendentales Subjekt der Gedanken +vorgestellt = x, welches nur durch die Gedanken, die seine Prädikate +sind, erkannt wird, und wovon wir, abgesondert, niemals den mindesten +Begriff haben können; um welches wir uns daher in einem beständigen +Zirkel herumdrehen, indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit +schon bedienen müssen, um irgend etwas von ihm zu urteilen; eine +Unbequemlichkeit, die davon nicht zu trennen ist, weil das Bewußtsein +an sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die ein besonderes Objekt +unterscheidet, sondern eine Form derselben überhaupt, sofern sie +Erkenntnis genannt werden soll; denn von der allein kann ich sagen, +daß ich dadurch irgend etwas denke. + +Es muß aber gleich anfangs befremdlich scheinen, daß die Bedingung, +unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloß eine Beschaffenheit +meines Subjekts ist, zugleich für alles, was denkt, gültig sein solle, +und daß wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und +allgemeines Urteil zu gründen uns anmaßen können, nämlich: daß alles, +was denkt, so beschaffen sei, als der Ausspruch des Selbstbewußtseins +es an mir aussagt. Die Ursache aber hiervon liegt darin: daß wir den +Dingen a priori alle die Eigenschaften notwendig beilegen müssen, die +die Bedingungen ausmachen, unter welchen wir sie allein denken. Nun +kann ich von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung, +sondern bloß durch das Selbstbewußtsein die mindeste Vorstellung +haben. Also sind dergleichen Gegenstände nichts weiter, als die +Übertragung dieses meines Bewußtseins auf andere Dinge, welche nur +dadurch als denkende Wesen vorgestellt werden. Der Satz: Ich denke, +wird aber hierbei nur problematisch genommen; nicht sofern er eine +Wahrnehmung von einem Dasein enthalten mag, (das Cartesianische +cogito, ergo sum,) sondern seiner bloßen Möglichkeit nach, um zu +sehen, welche Eigenschaften aus diesem so einfachen Satze auf das +Subjekt desselben (es mag dergleichen nun existieren oder nicht) +fließen mögen. + +Läge unserer reinen Vernunftserkenntnis von denkenden Wesen überhaupt +mehr, als das cogito zum Grunde; würden wir die Beobachtungen, über +das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfenden Naturgesetze +des denkenden Selbst, auch zu Hilfe nehmen: so würde eine empirische +Psychologie entspringen, welche eine Art der Physiologie des inneren +Sinnes sein würde, und vielleicht die Erscheinungen desselben zu +erklären, niemals aber dazu dienen könnte, solche Eigenschaften, die +gar nicht zur möglichen Erfahrung gehören (als die des Einfachen), zu +eröffnen, noch von denkenden Wesen überhaupt etwas, das ihre Natur +betrifft, apodiktisch zu lehren; sie wäre also keine rationale +Psychologie. + +Da nun der Satz: Ich denke, (problematisch genommen,) die Form eines +jeden Verstandesurteils überhaupt enthält, und alle Kategorien als ihr +Vehikel begleitet, so ist klar, daß die Schlüsse aus demselben einen +bloß transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, +welcher alle Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und von dessen +Fortgang wir, nach dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum +voraus keinen vorteilhaften Begriff machen können. Wir wollen ihn also +durch alle Prädikamente der reinen Seelenlehre mit einem kritischen +Auge verfolgen, doch um der Kürze willen ihre Prüfung in einem +ununterbrochenen Zusammenhange fortgehen lassen. + +Zuvörderst kann folgende allgemeine Bemerkung unsere Achtsamkeit auf +diese Schlußart schärfen. Nicht dadurch, daß ich bloß denke, erkenne +ich irgendein Objekt, sondern nur dadurch, daß ich eine gegebene +Anschauung in Absicht auf die Einheit des Bewußtseins, darin alles +Denken besteht, bestimme, kann ich irgend einen Gegenstand erkennen. +Also erkenne ich mich nicht selbst dadurch, daß ich mich meiner als +denkend bewußt bin, sondern wenn ich mir die Anschauung meiner selbst, +als in Ansehung der Funktion des Denkens bestimmt, bewußt bin. +Alle modi des Selbstbewußtseins im Denken an sich, sind daher noch +keine Verstandesbegriffe von Objekten, (Kategorien) sondern bloße +Funktionen, die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich selbst +auch nicht als Gegenstand, zu erkennen geben. Nicht das Bewußtsein des +Bestimmenden, sondern nur die des bestimmbaren Selbst, d.i. meiner +inneren Anschauung (sofern ihr Mannigfaltiges der allgemeinen +Bedingung der Einheit der Apperzeption im Denken gemäß verbunden +werden kann), ist das Objekt. + +1) In allen Urteilen bin ich nun immer das bestimmende Subjekt +desjenigen Verhältnisses, welches das Urteil ausmacht. Daß aber Ich, +der ich denke, im Denken immer als Subjekt, und als etwas, was nicht +bloß wie Prädikat dem Denken anhänge, betrachtet werden kann, gelten +müsse, ist ein apodiktischer und selbst identischer Satz; aber er +bedeutet nicht, daß ich, als Objekt, ein, für mich, selbst bestehendes +Wesen, oder Substanz sei. Das letztere geht sehr weit, erfordert daher +auch Data, die im Denken gar nicht angetroffen werden, vielleicht +(sofern ich bloß das denkende als ein solches betrachte) mehr, als ich +überall (in ihm) jemals antreffen werde. + +2) Daß das Ich der Apperzeption, folglich in jedem Denken, ein +Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte aufgelöst werden +kann, mithin ein logisch einfaches Subjekt bezeichne, liegt schon im +Begriffe des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz; aber das +bedeutet nicht, daß das denkende Ich eine einfache Substanz sei, +welches ein synthetischer Satz sein würde. Der Begriff der Substanz +bezieht sich immer auf Anschauungen, die bei mir nicht anders als +sinnlich sein können, mithin ganz außer dem Felde des Verstandes und +seinem Denken liegen, von welchem doch eigentlich hier nur geredet +wird, wenn gesagt wird, daß das Ich im Denken einfach sei. Es wäre +auch wunderbar, wenn ich das, was sonst so viele Anstalt erfordert, um +in dem, was die Anschauung darlegt, das zu unterscheiden, was darin +Substanz sei; noch mehr aber, ob diese auch einfach sein könne, +(wie bei den Teilen der Materie) hier so geradezu in der ärmsten +Vorstellung unter allen, gleichsam wie durch eine Offenbarung, gegeben +würde. + +3) Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen, +dessen ich mir bewußt bin, ist ein ebensowohl in den Begriffen +selbst liegender, mithin analytischer Satz; aber diese Identität des +Subjekts, deren ich mir in allen seinen Vorstellungen bewußt werden +kann, betrifft nicht die Anschauung desselben, dadurch es als Objekt +gegeben ist, kann also auch nicht die Identität der Person bedeuten, +wodurch das Bewußtsein der Identität seiner eigenen Substanz, als +denkenden Wesens, in allem Wechsel der Zustände verstanden wird, wozu, +um sie zu beweisen, es mit der bloßen Analysis des Satzes, ich denke, +nicht ausgerichtet sein, sondern verschiedene synthetische Urteile, +welche sich auf die gegebene Anschauung gründen, würden erfordert +werden. + +4) Ich unterscheide meine eigene Existenz, als eines denkenden Wesens, +von anderen Dingen außer mir (wozu auch mein Körper gehört), ist +ebensowohl ein analytischer Satz, denn andere Dinge sind solche, die +ich als von mir unterschieden denke. Aber ob dieses Bewußtsein meiner +selbst ohne Dinge außer mir, dadurch mir Vorstellungen gegeben werden, +gar möglich sei, und ich also bloß als denkend Wesen (ohne Mensch zu +sein) existieren könne, weiß ich dadurch gar nicht. + +Also ist durch die Analysis des Bewußtseins meiner selbst im Denken +überhaupt in Ansehung der Erkenntnis meiner selbst als Objekts nicht +das mindeste gewonnen. Die logische Erörterung des Denkens überhaupt +wird fälschlich für eine metaphysische Bestimmung des Objekts +gehalten. + +Ein großer, ja sogar der einzige Stein des Anstoßes wider unsere ganze +Kritik würde es sein, wenn es eine Möglichkeit gäbe, a priori zu +beweisen, daß alle denkenden Wesen an sich einfache Substanzen sind, +als solche also (welches eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde +ist) Persönlichkeit unzertrennlich bei sich führen, und sich ihrer von +aller Materie abgesonderten Existenz bewußt sind. Denn auf diese Art +hätten wir doch einen Schritt über die Sinnenwelt hinaus getan, wir +wären in das Feld der Noumenen getreten, und nun spreche uns niemand +die Befugnis ab, in diesem uns weiter auszubreiten, anzubauen, und, +nachdem einen jeden sein Glückstern begünstigt, darin Besitz zu +nehmen. Denn der Satz: Ein jedes denkende Wesen, als ein solches, +ist einfache Substanz; ist ein synthetischer Satz a priori, weil er +erstlich über den ihm zum Grunde gelegten Begriff hinausgeht und die +Art des Daseins zum Denken überhaupt dazutut, und zweitens zu jenem +Begriffe ein Prädikat (der Einfachheit) hinzufügt, welches in gar +keiner Erfahrung gegeben werden kann. Also sind synthetische Sätze +a priori nicht bloß, wie wir behauptet haben, in Beziehung auf +Gegenstände möglicher Erfahrung, und zwar als Prinzipien der +Möglichkeit dieser Erfahrung selbst, tunlich und zulässig, sondern +sie können auch auf Dinge überhaupt und an sich selbst gehen, welche +Folgerung dieser ganzen Kritik ein Ende macht und gebieten würde, es +beim Alten bewenden zu lassen. Allein die Gefahr ist hier nicht so +groß, wenn man der Sache näher tritt. + +In dem Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Paralogism, +der durch folgenden Vernunftschluß dargestellt wird, + +Was nicht anders als Subjekt gedacht werden kann, existiert auch nicht +anders als Subjekt, und ist also Substanz. + +Nun kann ein denkendes Wesen, bloß als ein solches betrachtet, nicht +anders als Subjekt gedacht werden. + +Also existiert es auch nur als ein solches, d.i. als Substanz. + +Im Obersatze wird von einem Wesen geredet, das überhaupt in jeder +Absicht, folglich auch so wie es in der Anschauung gegeben werden mag, +gedacht werden kann. Im Untersatze aber ist nur von demselben die +Rede, sofern es sich selbst, als Subjekt, nur relativ auf das Denken +und die Einheit des Bewußtseins, nicht aber zugleich in Beziehung +auf die Anschauung, wodurch sie als Objekt zum Denken gegeben wird, +betrachtet. Also wird per Sophisma figurae dictionis, mithin durch +einen Trugschluß die Konklusion gefolgert*. + +* Das Denken wird in beiden Prämissen in ganz verschiedener Bedeutung + genommen: im Obersatze, wie es auf ein Objekt überhaupt (mithin wie + es in der Anschauung gegeben werden mag) geht; im Untersatze aber + nur, wie es in der Beziehung aufs Selbstbewußtsein besteht, wobei + also an gar kein Objekt gedacht wird, sondern nur die Beziehung auf + Sich, als Subjekt, (als die Form des Denkens) vorgestellt wird. Im + ersteren wird von Dingen geredet, die nicht anders als Subjekte + gedacht werden können; im zweiten aber nicht von Dingen, sondern vom + Denken (indem man von allem Objekte abstrahiert), in welchem das Ich + immer zum Subjekt des Bewußtseins dient; daher im Schlußsatze nicht + folgen kann: ich kann nicht anders als Subjekt existieren, sondern + nur: ich kann im Denken meiner Existenz mich nur zum Subjekt + des Urteils brauchen, welches ein identischer Satz ist, der + schlechterdings nichts über die Art meines Daseins eröffnet. + +Daß diese Auflösung des berühmten Arguments in einem Paralogism so +ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine Anmerkung +zur systematischen Vorstellung der Grundsätze und den Abschnitt von +den Noumenen hierbei nachsehen will, da bewiesen worden, daß der +Begriff eines Dinges, was für sich selbst als Subjekt, nicht aber als +bloßes Prädikat existieren kann, noch gar keine objektive Realität +bei sich führe, d.i. daß man nicht wissen könne, ob ihm überall ein +Gegenstand zukommen könne, indem man die Möglichkeit einer solchen Art +zu existieren nicht einsieht, folglich daß es schlechterdings keine +Erkenntnis abgebe. Soll er also unter der Benennung einer Substanz +ein Objekt, das gegeben werden kann, anzeigen; soll er ein Erkenntnis +werden: so muß eine beharrliche Anschauung, als die unentbehrliche +Bedingung der objektiven Realität eines Begriffs, nämlich das, wodurch +allein der Gegenstand gegeben wird, zum Grunde gelegt werden. Nun +haben wir aber in der inneren Anschauung gar nichts Beharrliches, denn +das Ich ist nur das Bewußtsein meines Denkens; also fehlt es uns auch, +wenn wir bloß beim Denken stehenbleiben, an der notwendigen Bedingung, +den Begriff der Substanz, d.i. eines für sich bestehenden Subjekts, +auf sich selbst als denkend Wesen anzuwenden, und die damit verbundene +Einfachheit der Substanz fällt mit der objektiven Realität dieses +Begriffs gänzlich weg, und wird in eine bloße logische qualitative +Einheit des Selbstbewußtseins im Denken überhaupt, das Subjekt mag +zusammengesetzt sein oder nicht, verwandelt. + + + +Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Beharrlichkeit der Seele + +Dieser scharfsinnige Philosoph merkte bald in dem gewöhnlichen +Argumente, dadurch bewiesen werden soll, daß die Seele (wenn man +einräumt, sie sei ein einfaches Wesen) nicht durch Zerteilung zu sein +aufhören könne, einen Mangel der Zulänglichkeit zu der Absicht, ihr +die notwendige Fortdauer zu sichern, indem man noch ein Aufhören ihres +Daseins durch Verschwinden annehmen könnte. In seinem Phädon suchte er +nun diese Vergänglichkeit, welche eine wahre Vernichtung sein würde, +von ihr dadurch abzuhalten, daß er sich zu beweisen getraute, ein +einfaches Wesen könne gar nicht aufhören zu sein, weil, da es gar +nicht vermindert werden und also nach und nach etwas an seinem Dasein +verlieren, und so allmählich in nichts verwandelt werden könne, (indem +es keine Teile, also auch keine Vielheit in sich habe,) zwischen einem +Augenblicke, darin es ist, und dem andern, darin es nicht mehr ist, +gar keine Zeit angetroffen werden würde, welches unmöglich ist. +- Allein er bedachte nicht, daß, wenn wir gleich der Seele diese +einfache Natur einräumen, da sie nämlich kein Mannigfaltiges +außereinander, mithin keine extensive Größe enthält, man ihr doch, so +wenig wie irgendeinem Existierenden, intensive Größe, d.i. einen Grad +der Realität in Ansehung aller ihrer Vermögen, ja überhaupt alles +dessen, was das Dasein ausmacht, ableugnen könne, welcher durch alle +unendlich vielen kleineren Grade abnehmen, und so die vorgebliche +Substanz, (das Ding, dessen Beharrlichkeit nicht sonst schon fest +steht,) obgleich nicht durch Zerteilung, doch durch allmähliche +Nachlassung (remissio) ihrer Kräfte, (mithin durch Elangueszenz, wenn +es mir erlaubt ist, mich dieses Ausdrucks zu bedienen,) in nichts +verwandelt werden könne. Denn selbst das Bewußtsein hat jederzeit +einen Grad, der immer noch vermindert werden kann*, folglich auch das +Vermögen sich seiner bewußt zu sein, und so alle übrigen Vermögen. - +Also bleibt die Beharrlichkeit der Seele, als bloß Gegenstandes des +inneren Sinnes, unbewiesen, und selbst unerweislich, obgleich ihre +Beharrlichkeit im Leben, da das denkende Wesen (als Mensch) sich +zugleich ein Gegenstand äußerer Sinne ist, für sich klar ist, womit +aber dem rationalen Psychologen gar nicht Genüge geschieht, der die +absolute Beharrlichkeit derselben selbst über das Leben hinaus aus +bloßen Begriffen zu beweisen unternimmt**. + +* Klarheit ist nicht, wie die Logiker sagen, das Bewußtsein einer + Vorstellung; denn ein gewisser Grad des Bewußtseins, der aber + zur Erinnerung nicht zureicht, muß selbst in manchen dunklen + Vorstellungen anzutreffen sein, weil ohne alles Bewußtsein wir in + der Verbindung dunkler Vorstellungen keinen Unterschied machen + würden, welches wir doch bei den Merkmalen mancher Begriffe (wie der + von Recht und Billigkeit, und des Tonkünstlers, wenn er viele Noten + im Phantasieren zugleich greift,) zu tun vermögen. Sondern eine + Vorstellung ist klar, in der das Bewußtsein zum Bewußtsein des + Unterschiedes derselben von andern zureicht. Reicht dieses zwar zur + Unterscheidung, aber nicht zum Bewußtsein des Unterschiedes zu, + so müßte die Vorstellung noch dunkel genannt werden. Also gibt es + unendlich viele Grade des Bewußtseins bis zum Verschwinden. + +** Diejenigen, welche, um eine neue Möglichkeit auf die Bahn zu + bringen, schon genug getan zu haben glauben, wenn sie darauf + trotzen, daß man ihnen keinen Widerspruch in ihren Voraussetzungen + zeigen könne, (wie diejenigen insgesamt sind, die die Möglichkeit + des Denkens, wovon sie nur bei den empirischen Anschauungen im + menschlichen Leben ein Beispiel haben, auch nach dessen Aufhörung + einzusehen glauben,) können durch andere Möglichkeiten, die nicht + im mindesten kühner sind, in große Verlegenheit gebracht werden. + Dergleichen ist die Möglichkeit der Teilung einer einfachen + Substanz in mehrere Substanzen, und umgekehrt das Zusammenfließen + (Koalition) mehrerer in eine einfache. Denn, obzwar die Teilbarkeit + ein Zusammengesetztes voraussetzt, so erfordert sie doch nicht + notwendig ein Zusammengesetztes von Substanzen, sondern bloß von + Graden (der mancherlei Vermögen) einer und derselben Substanz. + Gleichwie man sich nun alle Kräfte und Vermögen der Seele, selbst + das des Bewußtseins, als auf die Hälfte geschwunden denken kann, so + doch, daß immer noch Substanz übrig bliebe; so kann man sich auch + diese erloschene Hälfte als aufbehalten, aber nicht in ihr, sondern + außer ihr, ohne Widerspruch vorstellen, und daß, da hier alles was + in ihr nur immer real ist, folglich einen Grad hat, mithin die + ganze Existenz derselben, so, daß nichts mangelt, halbiert worden, + außer ihr alsdann eine besondere Substanz entspringen würde. Denn + die Vielheit, welche geteilt worden, war schon vorher, aber nicht + als Vielheit der Substanzen, sondern jeder Realität, als Quantum + der Existenz in ihr, und die Einheit der Substanz war nur eine Art + zu existieren, die durch diese Teilung allein in eine Mehrheit der + Subsistenz verwandelt werden. So könnten aber auch mehrere einfache + Substanzen in eine wiederum zusammenfließen, dabei nichts verloren + ginge, als bloß die Mehrheit der Subsistenz, indem die eine den + Grad der Realität aller vorigen zusammen in sich enthielte, und + vielleicht möchten die einfachen Substanzen, welche uns die + Erscheinung einer Materie geben, (freilich zwar nicht durch einen + mechanischen oder chemischen Einfuß aufeinander, aber doch durch + einen uns unbekannten, davon jener nur die Erscheinung wäre,) durch + dergleichen dynamische Teilung der Elternseelen, als intensiver + Größen, Kinderseelen hervorbringen, indessen, daß jene ihren + Abgang wiederum durch Koalition mit neuem Stoffe von derselben + Art ergänzten. Ich bin weit entfernt, dergleichen Hirngespinsten + den mindesten Wert oder Gültigkeit einzuräumen, auch haben die + obigen Prinzipien der Analytik hinreichend eingeschärft, von + den Kategorien (als der der Substanz) keinen anderen als + Erfahrungsgebrauch zu machen. Wenn aber der Rationalist aus dem + bloßen Denkungsvermögen, ohne irgendeine beharrliche Anschauung, + dadurch ein Gegenstand gegeben würde, ein für sich bestehendes + Wesen zu machen kühn genug ist, bloß weil die Einheit + der Apperzeption im Denken ihm keine Erklärung aus dem + Zusammengesetzten erlaubt, statt daß er besser tun würde, zu + gestehen, er wisse die Möglichkeit einer denkenden Natur nicht zu + erklären, warum soll der Materialist, ob er gleich ebensowenig + zum Behuf seiner Möglichkeiten Erfahrung anführen kann, nicht + zu gleicher Kühnheit berechtigt sein, sich seines Grundsatzes, + mit Beibehaltung der formalen Einheit des ersteren, zum + entgegengesetzten Gebrauche zu bedienen? + +Nehmen wir nun unsere obigen Sätze, wie sie auch, als für alle +denkenden Wesen gültig, in der rationalen Psychologie ab System +genommen werden müssen, in synthetischem Zusammenhange, und gehen, von +der Kategorie der Relation, mit dem Satze: alle denkenden Wesen sind, +als solche, Substanzen, rückwärts die Reihe derselben, bis sich der +Zirkel schließt, durch, stoßen wir zuletzt auf die Existenz derselben, +deren sie sich in diesem System, unabhängig von äußeren Dingen, +nicht allein bewußt sind, sondern diese auch (in Ansehung der +Beharrlichkeit, die notwendig zum Charakter der Substanz gehört,) aus +sich selbst bestimmen können. Hieraus folgt aber, daß der Idealism in +ebendemselben rationalistischen System unvermeidlich sei, wenigstens +der problematische, und, wenn das Dasein äußerer Dinge zu Bestimmung +seines eigenen in der Zeit gar nicht erforderlich ist, jenes auch nur +ganz umsonst angenommen werde, ohne jemals einen Beweis davon geben zu +können. + +Befolgen wir dagegen das analytische Verfahren, da das Ich denke, als +ein Satz, der schon ein Dasein in sich schließt, als gegeben, mithin +die Modalität, zum Grunde liegt, und zergliedern ihn, um seinen +Inhalt, ob und wie nämlich dieses Ich im Raum oder der Zeit bloß +dadurch sein Dasein bestimmt, zu erkennen, so würden die Sätze der +rationalen Seelenlehre nicht vom Begriffe eines denkenden Wesens +überhaupt, sondern von einer Wirklichkeit anfangen, und aus der Art, +wie diese gedacht wird, nachdem alles, was dabei empirisch ist, +abgesondert worden, das was einem denkenden Wesen überhaupt zukommt +gefolgert werden, wie folgende Tafel zeigt. + + 1. Ich denke, + + 2. als Subjekt, 3. als einfaches Subjekt, + + 4. als identisches Subjekt, + in jedem Zustande meines Denkens. + +Weil hier nun im zweiten Satz nicht bestimmt wird, ob ich nur als +Subjekt und nicht auch als Prädikat eines andern existieren und +gedacht werden könne, so ist der Begriff eines Subjekts hier bloß +logisch genommen, und es bleibt unbestimmt, ob darunter Substanz +verstanden werden solle oder nicht. Allein in dem dritten Satze wird +die absolute Einheit der Apperzeption, das einfache Ich, in der +Vorstellung, drauf sich alle Verbindung oder Trennung, welche das +Denken ausmacht, bezieht, auch für sich wichtig, wenn ich gleich noch +nichts über des Subjekts Beschaffenheit oder Subsistenz ausgemacht +habe. Die Apperzeption ist etwas Reales, und die Einfachheit derselben +liegt schon in ihrer Möglichkeit. Nun ist im Raum nicht Reales, was +einfach wäre, denn Punkte (die das einzige Einfache im Raum ausmachen) +sind bloß Grenzen, nicht selbst aber etwas, was den Raum als Teil +auszumachen dient. Also folgt daraus die Unmöglichkeit einer Erklärung +meiner, als bloß denkenden Subjekts, Beschaffenheit aus Gründen des +Materialismus. Weil aber mein Dasein in dem ersten Satze als gegeben +betrachtet wird, indem es nicht heißt, ein jedes denkendes Wesen +existiert, (welches zugleich absolute Notwendigkeit, und also zuviel, +von ihnen sagen würde,) sondern nur: ich existiere denkend, so ist +er empirisch, und enthält die Bestimmbarkeit meines Daseins bloß in +Ansehung meiner Vorstellungen in der Zeit. Da ich aber wiederum hierzu +zuerst etwas Beharrliches bedarf, dergleichen mir, sofern ich mich +denke, gar nicht in der inneren Anschauung gegeben ist; so ist die +Art, wie ich existiere, ob als Substanz oder als Akzidens, durch +dieses einfache Selbstbewußtsein gar nicht zu bestimmen möglich. Also, +wenn der Materialism zur Erklärungsart meinen Daseins untauglich ist, +so ist der Spiritualism zu derselben ebensowohl unzureichend, und die +Schlußfolge, ist, daß wir auf keine Art, welche es auch sei, von der +Beschaffenheit unserer Seele, die die Möglichkeit ihrer abgesonderten +Existenz überhaupt betrifft, irgend etwas erkennen können. + +Und wie sollte es auch möglich sein, durch die Einheit des +Bewußtseins, die wir selbst nur dadurch kennen, daß wir sie zur +Möglichkeit der Erfahrung unentbehrlich brauchen, über Erfahrung +(unser Dasein im Leben) hinauszukommen, und sogar unsere Erkenntnis +auf die Natur aller denkenden Wesen überhaupt durch den empirischen, +aber in Ansehung aller Art der Anschauung unbestimmten, Satz, Ich +denke, zu erweitern? + +Es gibt also keine rationale Psychologie als Doktrin, die uns einen +Zusatz zu unserer Selbsterkenntnis verschaffte, sondern nur als +Disziplin, welche der spekulativen Vernunft in diesem Felde +unüberschreitbare Grenzen setzt, einerseits um sich nicht dem +seelenlosen Materialism in den Schoß zu werfen, andererseits +sich nicht in dem, für uns im Leben, grundlosen Spiritualism +herumschwärmend zu verlieren, sondern uns vielmehr erinnert, diese +Weigerung unserer Vernunft, den neugierigen über dieses Leben +hinausreichenden Fragen befriedigende Antwort zu geben, als einen +Wink derselben anzusehen, unser Selbsterkenntnis von der fruchtlosen +überschwenglichen Spekulation zum fruchtbaren praktischen Gebrauche +anzuwenden, welches, wenn es gleich auch nur immer auf Gegenstände der +Erfahrung gerichtet ist, seine Prinzipien doch höher hernimmt, und das +Verhalten so bestimmt, als ob unsere Bestimmung unendlich weit über +die Erfahrung, mithin über dieses Leben hinaus reiche. + +Man sieht aus allem diesem, daß ein bloßer Mißverstand der rationalen +Psychologie ihren Ursprung gebe. Die Einheit des Bewußtseins, welche +den Kategorien zum Grunde liegt, wird hier für Anschauung des Subjekts +als Objekts genommen, und darauf die Kategorie der Substanz angewandt. +Sie ist aber nur die Einheit im Denken, wodurch allein kein Objekt +gegeben wird, worauf also die Kategorie der Substanz, als die +jederzeit gegebene Anschauung voraussetzt, nicht angewandt, mithin +dieses Subjekt gar nicht erkannt werden kann. Das Subjekt der +Kategorien kann also dadurch, daß es diese denkt, nicht von sich +selbst als einem Objekte der Kategorien einen Begriff bekommen; denn, +um diese zu denken, muß es sein reines Selbstbewußtsein, welches doch +hat erklärt werden sollen, zum Grunde legen. Ebenso kann das Subjekt, +in welchem die Vorstellung der Zeit ursprünglich ihren Grund hat, +ihr eigen Dasein in der Zeit dadurch nicht bestimmen, und wenn das +letztere nicht sein kann, so kann auch das erstere als Bestimmung +seiner selbst (als denkenden Wesens überhaupt) durch Kategorien nicht +stattfinden*. + +* Das Ich denke, ist, wie schon gesagt, ein empirischer Satz, und + enthält den Satz, Ich existiere, in sich. Ich kann aber nicht sagen: + alles, was denkt, existiert; denn da würde die Eigenschaft des + Denkens alle Wesen, die sie besitzen, zu notwendigen Wesen machen. + Daher kann meine Existenz auch nicht aus dem Satze: Ich denke, als + gefolgert angesehen werden, wie Cartesius dafür hielt, (weil sonst + der Obersatz: alles. was denkt, existiert, vorausgehen müßte), + sondern ist mit ihm identisch. Er drückt eine unbestimmte empirische + Anschauung, d.i. Wahrnehmung, aus, (mithin beweist er doch, daß + schon Empfindung, die folglich zur Sinnlichkeit gehört, diesem + Existenzialsatz zum Grunde liege,) geht aber vor der Erfahrung + vorher, die das Objekt der Wahrnehmung durch die Kategorie in + Ansehung der Zeit bestimmen soll, und die Existenz ist hier noch + keine Kategorie, als welche nicht auf ein unbestimmt gegebenes + Objekt, sondern nur ein solches, davon man einen Begriff hat, und + wovon man wissen will, ob es auch außer diesem Begriffe gesetzt sei, + oder nicht, Beziehung hat. Eine unbestimmte Wahrnehmung bedeutet + hier nur etwas Reales, das gegeben worden, und zwar nur zum Denken + überhaupt, also nicht als Erscheinung, auch nicht als Sache an sich + selbst, (Noumenon) sondern als etwas, was in der Tat existiert, und + in dem Satze, ich denke, als ein solcher bezeichnet wird. Denn es + ist zu merken, daß, wenn ich den Satz: ich denke, einen empirischen + Satz genannt habe, ich dadurch nicht sagen will, das Ich in + diesem Satze sei empirische Vorstellung, vielmehr ist sie rein + intellektuell, weil sie zum Denken überhaupt gehört. Allein ohne + irgendeine empirische Vorstellung, die den Stoff zum Denken abgibt, + würde der Aktus, Ich denke, doch nicht stattfinden, und das + Empirische ist nur die Bedingung der Anwendung, oder des Gebrauchs + des reinen intellektuellen Vermögens. + + * * + * + +So verschwindet denn ein über die Grenzen möglicher Erfahrung hinaus +versuchtes und doch zum höchsten Interesse der Menschheit gehöriges +Erkenntnis, soweit es der spekulativen Philosophie verdankt werden +soll, in getäuschte Erwartung; wobei gleichwohl die Strenge der +Kritik dadurch, daß sie zugleich die Unmöglichkeit beweist, von einem +Gegenstande der Erfahrung über die Erfahrungsgrenze hinaus etwas +dogmatisch auszumachen, der Vernunft bei diesem ihrem Interesse den +ihr nicht unwichtigen Dienst tut, sie ebensowohl wider alle möglichen +Behauptungen des Gegenteils in Sicherheit zu stellen; welches +nicht anders geschehen kann, als so, daß man entweder seinen Satz +apodiktisch beweist, oder, wenn dieses nicht gelingt, die Quellen +dieses Unvermögens aufsucht, welche, wenn sie in den notwendigen +Schranken unseres Vernunft liegen, alsdann jeden Gegner gerade +demselben Gesetze der Entsagung aller Ansprüche auf dogmatische +Behauptung unterwerfen müssen. + +Gleichwohl wird hierdurch für die Befugnis, ja gar die Notwendigkeit, +der Annehmung eines künftigen Lebens, nach Grundsätzen des mit dem +spekulativen verbundenen praktischen Vernunftgebrauchs, hierbei nicht +das mindeste verloren; denn der bloß spekulative Beweis hat auf die +gemeine Menschenvernunft ohnedem niemals einigen Einfluß haben können. +Er ist so auf einer Haaresspitze gestellt, daß selbst die Schule +ihn auf derselben nur so lange erhalten kann, als sie ihn als einen +Kreisel um demselben sich unaufhörlich drehen läßt, und er in ihren +eigenen Augen also keine beharrliche Grundlage abgibt, worauf etwas +gebaut werden könnte. Die Beweise, die für die Welt brauchbar sind, +bleiben hierbei alle in ihrem unverminderten Werte, und gewinnen +vielmehr durch Abstellung jener dogmatischen Anmaßungen an Klarheit +und ungekünstelter Überzeugung, indem sie die Vernunft in ihr +eigentümliches Gebiet, nämlich die Ordnung der Zwecke, die doch +zugleich eine Ordnung der Natur ist, versetzen, die dann aber +zugleich, als praktisches Vermögen an sich selbst, ohne auf die +Bedingungen der letzteren eingeschränkt zu sein, die erstere und mit +ihr unsere eigene Existenz über die Grenzen der Erfahrung und des +Lebens hinaus zu erweitern berechtigt ist. Nach der Analogie mit +der Natur lebender Wesen in dieser Welt, an welchen die Vernunft es +notwendig zum Grundsatze annehmen muß, daß kein Organ, kein Vermögen, +kein Antrieb, also nichts Entbehrliches, oder für den Gebrauch +Unproportioniertes, mithin Unzweckmäßiges anzutreffen, sondern alles +seiner Bestimmung im Leben genau angemessen sei, zu urteilen, müßte +der Mensch, der doch allein den letzten Endzweck von allem diesem +in sich erhalten kann, das einzige Geschöpf sein, welches davon +ausgenommen wäre. Denn seine Naturanlagen, nicht bloß den Talenten +und Antrieben nach, davon Gebrauch zu machen, sondern vornehmlich das +moralische Gesetz in ihm, gehen so weit über allen Nutzen und Vorteil, +den er in diesem Leben daraus ziehen könnte, daß das letztere sogar +das bloße Bewußtsein der Rechtschaffenheit der Gesinnung, bei +Ermangelung aller Vorteile, selbst sogar des Schattenwerks vom +Nachruhm, über alles hochschätzen lehrt, und sich innerlich dazu +berufen fühlt, sich durch sein Verhalten in dieser Welt, mit +Verzichtung auf viele Vorteile, zum Bürger einer besseren, die er +in der Idee hat, tauglich zu machen. Dieser mächtige, niemals zu +widerlegende Beweisgrund, begleitet durch eine sich unaufhörlich +vermehrende Erkenntnis der Zweckmäßigkeit in allem, was wir vor uns +sehen, und durch eine Aussicht in die Unermeßlichkeit der Schöpfung, +mithin auch durch das Bewußtsein einer gewissen Unbegrenztheit in +der möglichen Erweiterung unserer Kenntnisse, samt einem dieser +angemessenen Triebe bleibt immer noch übrig, wenn wir es gleich +aufgeben müssen, die notwendige Fortdauer unserer Existenz aus der +bloß theoretischen Erkenntnis unserer selbst einzusehen. + + + +Beschluß der Auflösung des psychologischen Paralogisms + +Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruht auf der +Verwechslung einer Idee der Vernunft (einer reinen Intelligenz) mit +dem in allen Stücken unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens +überhaupt. Ich denke mich selbst zum Behuf einer möglichen Erfahrung, +indem ich noch von aller wirklichen Erfahrung abstrahiere, und +schließe daraus, daß ich mich meiner Existenz auch außer der Erfahrung +und den empirischen Bedingungen derselben bewußt werden könne. +Folglich verwechsle ich die mögliche Abstraktion von meiner empirisch +bestimmten Existenz mit dem vermeinten Bewußtsein einer abgesondert +möglichen Existenz meines denkenden Selbst, und glaube das +Substantiale in mir als das transzendentale Subjekt zu erkennen, indem +ich bloß die Einheit des Bewußtseins, welche allem Bestimmen, als der +bloßen Form der Erkenntnis, zum Grunde liegt, in Gedanken habe. + +Die Aufgabe, die Gemeinschaft der Seele mit dem Körper zu erklären, +gehört nicht eigentlich zu derjenigen Psychologie, wovon hier die +Rede ist, weil sie die Persönlichkeit der Seele auch außer dieser +Gemeinschaft (nach dem Tode) zu beweisen die Absicht hat, und also im +eigentlichen Verstande transzendent ist, ob sie sich gleich mit einem +Objekte der Erfahrung beschäftigt, aber nur sofern es aufhört ein +Gegenstand der Erfahrung zu sein. Indessen kann auch hierauf nach +unserem Lehrbegriffe hinreichende Antwort gegeben werden. Die +Schwierigkeit, welche diese Aufgabe veranlaßt hat, besteht, wie +bekannt, in der vorausgesetzten Ungleichartigkeit des Gegenstandes +des inneren Sinnes (der Seele) mit den Gegenständen äußerer Sinne, +da jenem nur die Zeit, diesen auch der Raum zur normalen Bedingung +ihrer Anschauung anhängt. Bedenkt man aber, daß beiderlei Art von +Gegenständen hierin sich nicht innerlich, sondern nur, sofern eines +dem andern äußerlich erscheint, von einander unterscheiden, mithin +das, was der Erscheinung der Materie, als Ding an sich selbst, zum +Grunde liegt, vielleicht so ungleichartig nicht sein dürfte, so +verschwindet diese Schwierigkeit, und es bleibt keine andere übrig, +als die, wie überhaupt eine Gemeinschaft von Substanzen möglich sei, +welche zu lösen ganz außer dem Felde der Psychologie, und, wie der +Leser, nach dem, was in der Analytik von Grundkräften und Vermögen +gesagt worden, leicht urteilen wird, ohne allen Zweifel auch außer dem +Felde aller menschlichen Erkenntnis liegt. + + + +Allgemeine Anmerkung, den Übergang von der rationalen Psychologie zur +Kosmologie betreffend + +Der Satz, Ich denke, oder, ich existiere denkend, ist ein empirischer +Satz. Einem solchen aber liegt empirische Anschauung, folglich auch +das gedachte Objekt als Erscheinung, zum Grunde, und so scheint es, +als wenn nach unserer Theorie die Seele ganz und gar, selbst im +Denken, in Erscheinung verwandelt würde, und auf solche Weise unser +Bewußtsein selbst, als bloßer Schein, in der Tat auf nichts gehen +müßte. + +Das Denken, für sich genommen, ist bloß die logische Funktion, mithin +lauter Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen einer bloß +möglichen Anschauung, und stellt das Subjekt des Bewußtseins +keineswegs als Erscheinung dar, bloß darum, weil es gar keine +Rücksicht auf die Art der Anschauung nimmt, ob sie sinnlich oder +intellektuell sei. Dadurch stelle ich mich mir selbst, weder wie ich +bin, noch wie ich mir erscheine, vor, sondern ich denke mich nur +wie ein jedes Objekt überhaupt, von dessen Art der Anschauung ich +abstrahiere. Wenn ich mich hier als Subjekt der Gedanken, oder auch +als Grund des Denkens, vorstelle, so bedeuten diese Vorstellungsarten +nicht die Kategorien der Substanz, oder der Ursache, denn diese sind +jene Funktionen des Denkens (Urteilens) schon auf unsere sinnliche +Anschauung angewandt, welche freilich erfordert werden würden, wenn +ich mich erkennen wollte. Nun will ich mich meiner aber nur als +denkend bewußt werden; wie mein eigenes Selbst in der Anschauung +gegeben sei, das setze ich beiseite, und da könnte es mir, der +ich denke, aber nicht sofern ich denke, bloß Erscheinung sein; im +Bewußtsein meiner Selbst beim bloßen Denken bin ich das Wesen selbst, +von dem mir aber freilich dadurch noch nichts zum Denken gegeben ist. + +Der Satz aber, Ich denke, sofern er soviel sagt, als: Ich existiere +denkend, ist nicht bloße logische Funktion, sondern bestimmt das +Subjekt (welches denn zugleich Objekt ist) in Ansehung der Existenz, +und kann ohne den inneren Sinn nicht stattfinden, dessen Anschauung +jederzeit das Objekt nicht als Ding an sich selbst, sondern bloß als +Erscheinung an die Hand gibt. In ihm ist also schon nicht mehr bloße +Spontaneität des Denkens, sondern auch Rezeptivität der Anschauung, +d.i. das Denken meiner selbst auf die empirische Anschauung +ebendesselben Subjekts angewandt. In dieser letzteren müßte denn nun +das denkende Selbst die Bedingungen des Gebrauchs seiner logischen +Funktionen zu Kategorien der Substanz, der Ursache usw. suchen, um +sich als Objekt an sich selbst nicht bloß durch das Ich zu bezeichnen, +sondern auch die Art seines Daseins zu bestimmen, d.i. sich als +Noumenon zu erkennen, welches aber unmöglich ist, indem die innere +empirische Anschauung sinnlich ist, und nichts als Data der +Erscheinung an die Hand gibt, die dem Objekte des reinen Bewußtseins +zur Kenntnis seiner abgesonderten Existenz nichts liefern, sondern +bloß der Erfahrung zum Behufe dienen kann. + +Gesetzt aber, es fände sich in der Folge, nicht in der Erfahrung, +sondern in gewissen (nicht bloß logischen Regeln, sondern) a priori +feststehenden, unsere Existenz betreffenden Gesetzen des reinen +Vernunftgebrauchs, Veranlassung, um völlig a priori in Ansehung +unseres eigenen Daseins als gesetzgebend und diese Existenz auch +selbst bestimmend vorauszusetzen, so würde sich dadurch eine +Spontaneität entdecken, wodurch unsere Wirklichkeit bestimmbar wäre, +ohne dazu der Bedingungen der empirischen Anschauung zu bedürfen; und +hier würden wir innewerden, daß im Bewußtsein unseres Daseins a priori +etwas enthalten sei, was unsere nur sinnlich durchgängig bestimmbare +Existenz, doch in Ansehung eines gewissen inneren Vermögens in +Beziehung auf eine intelligible (freilich nur gedachte) Welt zu +bestimmen, dienen kann. + +Aber dieses würde nichtsdestoweniger alle Versuche in der rationalen +Psychologie nicht im mindesten weiter bringen. Denn ich würde durch +jenes bewunderungswürdige Vermögen, welches mir das Bewußtsein des +moralischen Gesetzes allererst offenbart, zwar ein Prinzip der +Bestimmung meiner Existenz, welches rein intellektuell ist, haben, +aber durch welche Prädikate? Durch keine anderen, als die mir in der +sinnlichen Anschauung gegeben werden müssen, und so würde ich da +wiederum hingeraten, wo ich in der rationalen Psychologie war, +nämlich in das Bedürfnis sinnlicher Anschauungen, um meinen +Verstandesbegriffen, Substanz, Ursache usw., wodurch ich allein +Erkenntnis von mir haben kann, Bedeutung zu verschaffen; jene +Anschauungen können mich aber über das Feld der Erfahrung niemals +hinaushelfen. Indessen würde ich doch diese Begriffe in Ansehung +des praktischen Gebrauchs, welcher doch immer auf Gegenstände der +Erfahrung gerichtet ist, der im theoretischen Gebrauche analogischen +Bedeutung gemäß, auf die Freiheit und das Subjekt derselben anzuwenden +befugt sein, indem ich bloß die logischen Funktionen des Subjekts und +Prädikats des Grundes und der Folge darunter verstehe, denen gemäß die +Handlungen oder die Wirkungen jenen Gesetzen gemäß so bestimmt werden, +daß sie zugleich mit den Naturgesetzen, den Kategorien der Substanz +und der Ursache allemal gemäß erklärt werden können, ob sie gleich aus +ganz anderem Prinzip entspringen. Dieses hat nur zur Verhütung des +Mißverstandes, dem die Lehre von unserer Selbstanschauung, als +Erscheinung, leicht ausgesetzt ist, gesagt sein sollen. Im folgenden +wird man davon Gebrauch zu machen Gelegenheit haben. + + + +Der transzendentalen Dialektik +Zweites Buch + +Zweites Hauptstück +Die Antinomie der reinen Vernunft + +Wir haben in der Einleitung zu diesem Teile unseres Werks gezeigt, daß +aller transzendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen +Schlüssen beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen Arten +der Vernunftschlüsse überhaupt an die Hand gibt, so wie etwa die +Kategorien ihr logisches Schema in den vier Funktionen aller Urteile +antreffen. Die erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die +unbedingte Einheit der subjektiven Bedingungen aller Vorstellungen +überhaupt (des Subjekts oder der Seele), in Korrespondenz mit den +kategorischen Vernunftschlüssen, deren Obersatz, als Prinzip, die +Beziehung eines Prädikats auf ein Subjekt aussagt. Die zweite +Art des dialektischen Arguments wird also, nach der Analogie mit +hypothetischen Vernunftschlüssen, die unbedingte Einheit der +objektiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem Inhalte machen, so +wie die dritte Art, die im folgenden Hauptstücke vorkommen wird, die +unbedingte Einheit der objektiven Bedingungen der Möglichkeit der +Gegenstände überhaupt zum Thema hat. + +Es ist aber merkwürdig, daß der transzendentale Paralogismus einen +bloß einseitigen Schein, in Ansehung der Idee von dem Subjekte unseres +Denkens, bewirkte, und zur Behauptung des Gegenteils sich nicht der +mindeste Schein aus Vernunftbegriffen vorfinden will. Der Vorteil ist +gänzlich auf der Seite des Pneumatismus, obgleich dieser den Erbfehler +nicht verleugnen kann, bei allem ihm günstigen Schein in der +Feuerprobe der Kritik sich in lauter Dunst aufzulösen. + +Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objektive +Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Prinzipium der +unbedingten Einheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt, +sich aber bald in solche Widersprüche verwickelt, daß sie genötigt +wird, in kosmologischer Absicht, von ihrer Forderung abzustehen. + +Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft, +nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln +und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die +Vernunft von selbst und zwar unvermeidlich gerät, und dadurch zwar +vor den Schlummer einer eingebildeten Überzeugung, den ein bloß +einseitiger Schein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung +gebracht wird, sich entweder einer skeptischen Hoffnungslosigkeit zu +überlassen, oder einen dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf +steif auf gewisse Behauptungen zu setzen, ohne den Gründen des +Gegenteils Gehör und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Beides ist +der Tod einer gesunden Philosophie, wiewohl jener allenfalls noch die +Euthanasie der reinen Vernunft genannt werden könnte. + +Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen +lassen, welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) der reinen +Vernunft veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche +die Methode erläutern und rechtfertigen können, deren wir uns +in Behandlung unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle +transzendentalen Ideen, sofern sie die absolute Totalität in der +Synthesis der Erscheinungen betreffen, Weltbegriffe, teils wegen eben +dieser unbedingten Totalität, worauf auch der Begriff des Weltganzen +beruht, der selbst nur eine Idee ist, teils weil sie lediglich auf die +Synthesis der Erscheinungen, mithin die empirische, gehen, da hingegen +die absolute Totalität, in der Synthesis der Bedingungen aller +möglichen Dinge überhaupt, ein Ideal der reinen Vernunft veranlassen +wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden ist, ob es +gleich darauf in Beziehung steht. Daher, so wie die Paralogismen der +reinen Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie legten, +so wird die Antinomie der reinen Vernunft die transzendentalen +Grundsätze einer vermeinten reinen (rationalen) Kosmologie vor Augen +stellen, nicht, um sie gültig zu finden und sich zuzueignen, sondern, +wie es auch schon die Benennung von einem Widerstreit der Vernunft +anzeigt, um sie als eine Idee, die sich mit Erscheinungen nicht +vereinbaren läßt, in ihrem blendenden aber falschen Scheine +darzustellen. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Erster Abschnitt +System der kosmologischen Ideen + +Um nun diese Ideen nach einem Prinzip mit systematischer Präzision +aufzählen zu können, müssen wir erstlich bemerken, daß nur der +Verstand es sei, aus welchem reine und transzendentale Begriffe +entspringen können, daß die Vernunft eigentlich gar keinen Begriff +erzeuge, sondern allenfalls nur den Verstandesbegriff, von den +unvermeidlichen Einschränkungen einer möglichen Erfahrung, frei +mache, und ihn also über die Grenzen des Empirischen, doch aber +in Verknüpfung mit demselben zu erweitern suche. Dieses geschieht +dadurch, daß sie zu einem gegebenen Bedingten auf der Seite der +Bedingungen (unter denen der Verstand alle Erscheinungen der +synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität fordert, und +dadurch die Kategorie zur transzendentalen Idee macht, um der +empirischen Synthesis, durch die Fortsetzung derselben bis zum +Unbedingten, (welches niemals in der Erfahrung, sondern nur in der +Idee angetroffen wird,) absolute Vollständigkeit zu geben. Die +Vernunft fordert dieses nach dem Grundsatze: wenn das Bedingte +gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der Bedingungen, mithin das +schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein möglich war. Also +werden erstlich die transzendentalen Ideen eigentlich nichts, als +bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und jene werden sich +in eine Tafel bringen lassen, die nach den Titeln der letzteren +angeordnet ist. Zweitens aber werden doch auch nicht alle Kategorien +dazu taugen, sondern nur diejenige, in welchen die Synthesis eine +Reihe ausmacht, und zwar der einander untergeordneten (nicht +beigeordneten) Bedingungen zu einem Bedingten. Die absolute Totalität +wird von der Vernunft nur sofern gefordert, als sie die aufsteigende +Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten angeht, mithin +nicht, wenn von der absteigenden Linie der Folgen, noch auch von dem +Aggregat koordinierter Bedingungen zu diesen Folgen, die Rede ist. +Denn Bedingungen sind in Ansehung des gegebenen Bedingten schon +vorausgesetzt und mit diesem auch als gegeben anzusehen, anstatt daß, +da die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich machen, sondern vielmehr +voraussetzen, man im Fortgange zu den Folgen (oder im Absteigen von +der gegebenen Bedingung zu dem Bedingten) unbekümmert sein kann, ob +die Reihe aufhöre oder nicht, und überhaupt die Frage, wegen ihrer +Totalität, gar keine Voraussetzung der Vernunft ist. + +So denkt man sich notwendig eine bis auf den gegebenen Augenblick +völlig abgelaufene Zeit, auch als gegeben, (wenngleich nicht durch +uns bestimmbar). Was aber die künftige betrifft, da sie die Bedingung +nicht ist, zu der Gegenwart zu gelangen, so ist es, um diese zu +begreifen, ganz gleichgültig, wie wir es mit der künftigen Zeit halten +wollen, ob man sie irgendwo aufhören, oder ins Unendliche laufen +lassen will. Es sei die Reihe m, n, o, worin n als bedingt in Ansehung +m, aber zugleich als Bedingung von o gegeben ist, die Reihe gehe +aufwärts von dem bedingten n zu m (l, k, i, etc.), imgleichen abwärts +von der Bedingung n zum bedingten o (p, q, r, etc.), so muß ich die +erstere Reihe voraussetzen, um n als gegeben anzusehen, und n ist nach +der Vernunft (der Totalität der Bedingungen) nur vermittelst jener +Reihe möglich, seine Möglichkeit beruht aber nicht auf der folgenden +Reihe o, p, q, r, die daher auch nicht als gegeben, sondern nur als +dabilis angesehen werden könne. + +Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen, also +von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist, +und so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige +aber, die auf der Seite des Bedingten, von der nächsten Folge zu den +entfernteren fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere +geht in antecedentia, die zweite in consequentia. Die kosmologischen +Ideen also beschäftigen sich mit der Totalität der regressiven +Synthesis, und gehen in antecedentia, nicht in consequentia. Wenn +dieses letztere geschieht, so ist es ein willkürliches und nicht +notwendiges Problem der reinen Vernunft, weil wir zur vollständigen +Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung gegeben ist, wohl der +Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen. + +Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten, +so nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen quanta aller unserer +Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe +(und die formale Bedingung aller Reihen), und daher sind in ihr, in +Ansehung einer gegebenen Gegenwart, die antecedentia als Bedingungen +(das Vergangene) von den consequentibus (dem Künftigen) a priori zu +unterscheiden. Folglich geht die transzendentale Idee, der absoluten +Totalität der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, nur +auf alle vergangene Zeit. Es wird nach der Idee der Vernunft die ganze +verlaufene Zeit als Bedingung des gegebenen Augenblicks notwendig als +gegeben gedacht. Was aber den Raum betrifft, so ist in ihm an sich +selbst kein Unterschied des Progressus vom Regressus, weil er ein +Aggregat, aber keine Reihe ausmacht, indem seine Teile insgesamt +zugleich sind. Den gegenwärtigen Zeitpunkt konnte ich in Ansehung +der vergangenen Zeit nur als bedingt, niemals aber als Bedingung +derselben, ansehen, weil dieser Augenblick nur durch die verflossene +Zeit (oder vielmehr durch das Verfliessen der vorhergehenden Zeit) +allererst entspringt. Aber da die Teile des Raumes einander nicht +untergeordnet, sondern beigeordnet sind, so ist ein Teil nicht die +Bedingung der Möglichkeit des anderen, und er macht nicht, so wie +die Zeit, an sich selbst eine Reihe aus. Allein die Synthesis der +mannigfaltigen Teile des Raumes, wodurch wir ihn apprehendieren, ist +doch successiv, geschieht also in der Zeit und enthält eine Reihe. +Und da in dieser Reihe der aggregierten Räume (z.B. der Füße in einer +Rute) von einem gegebenen an, die weiter hinzugedachten immer die +Bedingung von der Grenze der vorigen sind, so ist das Messen eines +Raumes auch als eine Synthesis einer Reihe der Bedingungen zu einem +gegebenen Bedingten anzusehen, nur daß die Seite der Bedingungen, von +der Seite, nach welcher das Bedingte hin liegt, an sich selbst nicht +unterschieden ist, folglich regressus und progressus im Raume einerlei +zu sein scheint. Weil indessen ein Teil des Raumes nicht durch den +anderen gegeben, sondern nur begrenzt wird, so müssen wir jeden +begrenzten Raum insofern auch als bedingt ansehen, der einen anderen +Raum als die Bedingung seiner Grenze voraussetzt, und so fortan. +In Ansehung der Begrenzung ist also der Fortgang im Raume auch ein +Regressus, und die transzendentale Idee der absoluten Totalität der +Synthesis in der Reihe der Bedingungen trifft auch den Raum, und ich +kann ebensowohl nach der absoluten Totalität der Erscheinung im Raume, +als der in der verflossenen Zeit, fragen. Ob aber überall darauf auch +eine Antwort möglich sei, wird sich künftig bestimmen lassen. + +Zweitens, so ist die Realität im Raume, d.i. die Materie, ein +Bedingtes, dessen innere Bedingungen seine Teile, und die Teile der +Teile die entfernten Bedingungen sind, so daß hier eine regressive +Synthesis stattfindet, deren absolute Totalität die Vernunft fordert, +welche nicht anders als durch eine vollendete Teilung, dadurch die +Realität der Materie entweder in Nichts oder doch in das, was nicht +mehr Materie ist, nämlich das Einfache, verschwindet, stattfinden +kann. Folglich ist hier auch eine Reihe von Bedingungen und ein +Fortschritt zum Unbedingten. + +Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den +Erscheinungen anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz +mit ihren Akzidenzen nicht zu einer transzendentalen Idee; d.i. +die Vernunft hat keinen Grund, in Ansehung ihrer, regressiv auf +Bedingungen zu gehen. Denn Akzidenzen sind (sofern sie einer einigen +Substanz inhärieren) einander koordiniert, und machen keine Reihe aus. +In Ansehung der Substanz aber sind sie derselben eigentlich nicht +subordiniert, sondern die Art zu existieren der Substanz selber. Was +hierbei noch scheinen könnte eine Idee der transzendentalen Vernunft +zu sein, wäre der Begriff von Substantiale. Allein, da dieses nichts +anderes bedeutet, als den Begriff vom Gegenstande überhaupt, welcher +subsistiert, sofern man an ihm bloß das transzendentale Subjekt ohne +alle Prädikate denkt, hier aber nur die Rede vom Unbedingten in der +Reihe der Erscheinungen ist, so ist klar, daß das Substantiale kein +Glied in derselben ausmachen könne. Eben dasselbe gilt auch von +Substanzen in Gemeinschaft, welche bloße Aggregate sind, und keinen +Exponenten einer Reihe haben, indem sie nicht einander als Bedingungen +ihrer Möglichkeit subordiniert sind, welches man wohl von den Räumen +sagen konnte, deren Grenze niemals an sich, sondern immer durch einen +anderen Raum bestimmt war. Es bleibt also nur die Kategorie der +Kausalität übrig, welche eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen +Wirkung darbietet, in welcher man von der letzteren, als dem +Bedingten, zu jenen, als Bedingungen, aufsteigen und der Vernunftfrage +antworten kann. + +Viertens, die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Notwendigen +führen auf keine Reihe, außer nur, sofern das Zufällige im Dasein +jederzeit als bedingt angesehen werden muß, und nach der Regel des +Verstandes auf eine Bedingung weist, darunter es notwendig ist, diese +auf eine höhere Bedingung zu weisen bis die Vernunft nur in der +Totalität diese Reihe die unbedingte Notwendigkeit antrifft. + +Es sind demnach nicht mehr, als vier kosmologische Ideen, nach den +vier Titeln der Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche eine +Reihe in der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig bei sich führen. + + 1. Die absolute Vollständigkeit + der Zusammensetzung + des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen + + 2. Die absolute 3. Die absolute + Vollständigkeit Vollständigkeit + der Teilung der Entstehung + eines gegebenen Ganzen einer Erscheinung + in der Erscheinung + + 4. Die absolute Vollständigkeit + der Abhängigkeit des Daseins + des Veränderlichen in der Erscheinung + +Zuerst ist hierbei anzumerken, daß die Idee der absoluten Totalität +nichts anderes, als die Exposition der Erscheinungen, betreffe, +mithin nicht den reinen Verstandesbegriff von einen Ganzen der Dinge +überhaupt. Es werden hier also Erscheinungen als gegeben betrachtet, +und die Vernunft fordert die absolute Vollständigkeit der Bedingungen +ihrer Möglichkeit, sofern diese eine Reihe ausmachen, mithin eine +schlechthin (d.i. in aller Absicht) vollständige Synthesis, wodurch +die Erscheinung nach Verstandesgesetzen exponiert werden könne. + +Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft, in +dieser, reihenweise, und zwar reggressiv, fortgesetzten Synthesis der +Bedingungen, sucht, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der +Prämissen, die zusammen weiter keine andere voraussetzen. Dieses +Unbedingte ist nun jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe, +wenn man sie sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese +schlechthin vollendete Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn +man kann, wenigstens zum voraus, nicht wissen, ob eine solche bei +Erscheinungen auch möglich sei. Wenn man sich alles durch bloße reine +Verstandesbegriffe, ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung, +vorstellt, so kann man geradezu sagen: daß zu einem gegebenen +Bedingten auch die ganze Reihe einander subordinierter Bedingungen +gegeben sei; denn jenes ist allein durch diese gegeben. Allein +bei Erscheinungen ist eine besondere Einschränkung der Art, wie +Bedingungen gegeben werden, anzutreffen, nämlich durch die sukzessive +Synthesis des Mannigfaltigen der Anschauung, die im Regressus +vollständig sein soll. Ob diese Vollständigkeit nun sinnlich möglich +sei, ist noch ein Problem. Allein die Idee dieser Vollständigkeit +liegt doch in der Vernunft, unangesehen der Möglichkeit, oder +Unmöglichkeit, ihr adäquat empirische Begriffe zu verknüpfen. +Also, da in der absoluten Totalität der regressiven Synthesis des +Mannigfaltigen in der Erscheinung (nach Anleitung der Kategorien, +die sie als eine Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten +vorstellen,) das Unbedingte notwendig enthalten ist, man mag auch +unausgemacht lassen, ob und wie diese Totalität zustande zu bringen +sei: so nimmt die Vernunft hier den Weg, von der Idee der Totalität +auszugehen, ob sie gleich eigentlich das Unbedingte, es sei der ganzen +Reihe, oder eines Teils derselben, zur Endabsicht hat. + +Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken, entweder als bloß in der +ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme bedingt +und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und dann heißt +der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist nur ein Teil +der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind, der +selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht.* In dem ersteren +Falle ist die Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang), d.i. +unendlich, und gleichwohl ganz gegeben, der Regressus in ihr aber +ist niemals vollendet, und kann nur potentialiter unendlich genannt +werden. Im zweiten Falle gibt es ein Erstes der Reihe, welches in +Ansehung der verflossenen Zeit der Weltanfang, in Ansehung des Raums +die Weltgrenze, in Ansehung der Teile, eines in seinen Grenzen +gegebenen Ganzen, das Einfache, in Ansehung der Ursachen die absolute +Selbsttätigkeit (Freiheit), in Ansehung des Daseins veränderlicher +Dinge die absolute Naturnotwendigkeit heißt. + +* Das absolute Ganze der Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen + Bedingten ist jederzeit unbedingt; weil außer ihr keine Bedingungen + mehr sind, in Ansehung deren es bedingt sein könnte. Allein dieses + absolute Ganze einer solchen Reihe ist nur eine Idee, oder vielmehr + ein problematischer Begriff, dessen Möglichkeit untersucht werden + muß, und zwar in Beziehung auf die Art, wie das Unbedingte, als die + eigentliche transzendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten + sein mag. + +Wir haben zwei Ausdrücke: Welt und Natur, welche bisweilen ineinander +laufen. Das erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen +und die Totalität ihrer Synthesis, im Großen sowohl als im Kleinen, +d.i. sowohl in dem Fortschritt derselben durch Zusammensetzung, als +durch Teilung. Eben dieselbe Welt wird aber Natur* genannt, sofern +sie als ein dynamisches Ganzes betrachtet wird, und man nicht auf die +Aggregation im Raume oder der Zeit, um sie als eine Größe zustande zu +bringen, sondern auf die Einheit im Dasein der Erscheinungen sieht. Da +heißt nun die Bedingung von dem, was geschieht, die Ursache, und die +unbedingte Kausalität der Ursache in der Erscheinung die Freiheit, die +bedingte dagegen heißt im engeren Verstande Naturursache. Das Bedingte +im Dasein überhaupt heißt zufällig, und das Unbedingte notwendig. Die +unbedingte Notwendigkeit der Erscheinungen kann Naturnotwendigkeit +heißen. + +* Natur, adjektive (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang + der Bestimmungen eines Dinges nach einem inneren Prinzip der + Kausalität. Dagegen versteht man unter Natur, substantive + (materialiter), den Inbegriff der Erscheinungen, sofern diese + vermöge eines inneren Prinzips der Kausalität durchgängig + zusammenhängen. Im ersteren Verstande spricht man von der Natur der + flüssigen Materie, des Feuers etc., und bedient sich dieses Worts + adjective; dagegen wenn man von den Dingen der Natur redet, so hat + man ein bestehendes Ganzes in Gedanken. + +Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben +kosmologische Ideen genannt, teils darum, weil unter Welt der +Inbegriff aller Erscheinungen verstanden wird, und unsere Ideen auch +nur auf das Unbedingte unter den Erscheinungen gerichtet sind, teils +auch, weil das Wort Welt, im transzendentalen Verstande, die absolute +Totalität des Inbegriffs existierender Dinge bedeutet, und wir auf die +Vollständigkeit der Synthesis (wiewohl nur eigentlich im Regressus zu +den Bedingungen) allein unser Augenmerk richten. In Betracht dessen, +daß überdem diese Ideen insgesamt transzendent sind, und, ob sie zwar +das Objekt, nämlich Erscheinungen, der Art nach nicht überschreiten, +sondern es lediglich mit der Sinnenwelt (nicht mit Noumenis) zu tun +haben, dennoch die Synthesis bis auf einen Grad, der alle mögliche +Erfahrung übersteigt, treiben, so kann man sie insgesamt meiner +Meinung nach ganz schicklich Weltbegriffe nennen. In Ansehung des +Unterschiedes des Mathematisch- und des Dynamischunbedingten, worauf +der Regressus abzielt, würde ich doch die zwei ersteren in engerer +Bedeutung Weltbegriffe (der Welt im Großen und Kleinen), die zwei +übrigen aber transzendente Naturbegriffe nennen. Diese Unterscheidung +ist vorjetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit, sie kann aber +im Fortgange wichtiger werden. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Zweiter Abschnitt +Antithetik der reinen Vernunft + +Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so verstehe +ich unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegenteils, +sondern den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen +Erkenntnisse, (thesin cum antithesi), ohne daß man einer vor der +anderen einen vorzüglichen Anspruch auf Beifall beilegt. Die +Antithetik beschäftigt sich also gar nicht mit einseitigen +Behauptungen, sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse der Vernunft +nur nach dem Widerstreite derselben untereinander und den Ursachen +desselben. Die transzendentale Antithetik ist eine Untersuchung über +die Antinomie der reinen Vernunft, die Ursachen und das Resultat +derselben. Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß, zum Gebrauch der +Verstandesgrundsätze, auf Gegenstände der Erfahrung verwenden, sondern +jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen, so +entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder +Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen, und deren jeder +nicht allein an sich selbst ohne Widerspruch ist, sondern sogar in der +Natur der Vernunft Bedingungen seiner Notwendigkeit antrifft, nur daß +unglücklicherweise der Gegensatz ebenso gültige und notwendige Gründe +der Behauptung auf seiner Seite hat. + +Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft +sich natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn +eigentlich die reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich +unterworfen sei. 2. Auf welchen Ursachen diese Antinomie beruhe. 3. Ob +und auf welche Art dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein +Weg zur Gewißheit offen bleibe. + +Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muß demnach dieses, ihn +von allen sophistischen Sätzen unterscheidendes, an sich haben, daß +er nicht eine willkürliche Frage betrifft, die man nur in gewisser +beliebiger Absicht aufwirft, sondern eine solche, auf die jede +menschliche Vernunft in ihrem Fortgange notwendig stoßen muß; und +zweitens, daß er, mit seinem Gegensatze, nicht bloß einen gekünstelten +Schein, der, wenn man ihn einsieht, sogleich verschwindet, sondern +einen natürlichen und unvermeidlichen Schein bei sich führe, der +selbst, wenn man nicht mehr durch ihn hintergangen wird, noch immer +täuscht, obschon nicht betrügt, und also zwar unschädlich gemacht, +aber niemals vertilgt werden kann. + +Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die +Verstandeseinheit in Erfahrungsbegriffen, sondern auf die +Vernunfteinheit in bloßen Ideen beziehen, deren Bedingungen, da sie +erstlich, als Synthesis nach Regeln. dem Verstande, und doch zugleich, +als absolute Einheit derselben, der Vernunft kongruieren soll, wenn +sie der Vernunfteinheit adäquat ist, für den Verstand zu groß, und, +wenn sie dem Verstande angemessen, für die Vernunft zu klein sein +wird; woraus denn ein Widerstreit entspringen muß, der nicht vermieden +werden kann, man mag es anfangen, wie man will. + +Diese vernünftelnden Behauptungen eröffnen also einen dialektischen +Kampfplatz, wo jeder Teil die Oberhand behält, der die Erlaubnis +hat, den Angriff zu tun, und derjenige gewiß unterliegt, der bloß +verteidigungsweise zu verfahren genötigt ist. Daher auch rüstige +Ritter, sie mögen sich für die gute oder schlimme Sache verbürgen, +sicher sind, den Siegeskranz davon zu tragen, wenn sie nur dafür +sorgen, daß sie den letzten Angriff zu tun das Vorrecht haben, und +nicht verbunden sind, einen neuen Anfall des Gegners auszuhalten. Man +kann sich leicht vorstellen, daß dieser Tummelplatz von jeher oft +genug betreten worden, daß viele Siege von beiden Seiten erfochten, +für den letzteren aber, der die Sache entschied, jederzeit so gesorgt +worden sei, daß der Verfechter der guten Sache den Platz allein +behielte, dadurch, daß seinem Gegner verboten wurde, fernerhin Waffen +in die Hände zu nehmen. Als unparteiische Kampfrichter müssen wir es +ganz beiseite setzen, ob es die gute oder die schlimme Sache sei, um +welche die Streitenden fechten, und sie ihre Sache erst unter sich +ausmachen lassen. Vielleicht daß, nachdem sie einander mehr ermüdet +als geschadet haben, sie die Nichtigkeit ihres Streithandels von +selbst einsehen und als gute Freunde auseinander gehen. + +Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen, oder vielmehr +ihn selbst zu veranlassen, nicht, um endlich zum Vorteile des einen +oder des anderen Teils zu entscheiden, sondern, um zu untersuchen, ob +der Gegenstand desselben nicht vielleicht ein bloßes Blendwerk sei, +wonach jeder vergeblich hascht, und bei welchem er nichts gewinnen +kann, wenn ihm gleich gar nicht widerstanden würde, dieses Verfahren, +sage ich, kann man die skeptische Methode nennen. Sie ist vom +Skeptizismus gänzlich unterschieden, einem Grundsatze einer +kunstmäßigen und szientifischen Unwissenheit, welcher die Grundlagen +aller Erkenntnis untergräbt, um, wo möglich, überall keine +Zuverlässigkeit und Sicherheit derselben übrigzulassen. Denn die +skeptische Methode geht auf Gewißheit, dadurch, daß sie in einem +solchen, auf beiden Seiten redlich gemeinten und mit Verstande +geführten Streite, den Punkt des Mißverständnisses zu entdecken sucht, +um, wie weise Gesetzgeber tun, aus der Verlegenheit der Richter bei +Rechtshändeln für sich selbst Belehrung, von dem Mangelhaften und +nicht genau Bestimmten in ihren Gesetzen, zu ziehen. Die Antinomie, +die sich in der Anwendung der Gesetze offenbart, ist bei unserer +eingeschränkten Weisheit der beste Prüfungsversuch der Nomothetik, +um die Vernunft, die in abstrakter Spekulation ihre Fehltritte nicht +leicht gewahr wird, dadurch auf die Momente in Bestimmung ihrer +Grundsätze aufmerksam zu machen. + +Diese skeptische Methode ist aber nur der Transzendentalphilosophie +allein wesentlich eigen, und kann allenfalls in jedem anderen Felde +der Untersuchungen, nur in diesem nicht, entbehrt werden. In der +Mathematik würde ihr Gebrauch ungereimt sein; weil sich in ihr keine +falschen Behauptungen verbergen und unsichtbar machen können, indem +die Beweise jederzeit an dem Faden der reinen Anschauung, und +zwar durch jederzeit evidente Synthesis fortgehen müssen. In der +Experimentalphilosophie kann wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich +sein, allein es ist doch wenigstens kein Mißverstand möglich, der +nicht leicht gehoben werden könnte, und in der Erfahrung müssen doch +endlich die letzten Mittel der Entscheidung des Zwistes liegen, sie +mögen nun früh oder spät aufgefunden werden. Die Moral kann ihre +Grundsätze insgesamt auch in concreto, zusamt den praktischen Folgen, +wenigstens in möglichen Erfahrungen geben und dadurch den Mißverstand +der Abstraktion vermeiden. Dagegen sind die transzendentalen +Behauptungen, welche selbst über das Feld aller möglichen Erfahrungen +hinaus sich erweiternde Einsichten anmaßen, weder in dem Falle, daß +ihre abstrakte Synthesis in irgendeiner Anschauung a priori könnte +gegeben, noch so beschaffen, daß der Mißverstand vermittelst +irgendeiner Erfahrung entdeckt werden könnte. Die transzendentale +Vernunft also verstattet keinen anderen Probierstein, als den Versuch +der Vereinigung ihrer Behauptungen unter sich selbst, und mithin zuvor +des freien und ungehinderten Wettstreits derselben untereinander, und +diesen wollen wir anjetzt anstellen.* + +* Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der oben angeführten + transzendentalen Ideen. + + + +Die Antinomie der reinen Vernunft + +Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen + + Thesis + +Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in +Grenzen eingeschlossen. Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen +im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung der Zeit, als des Raumes, +unendlich. + + Beweis + +Denn, man nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang: so ist +bis zu jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen, und mithin +eine unendliche Reihe aufeinander folgender Zustände der Dinge in der +Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer +Reihe, daß sie durch sukzessive Synthesis niemals vollendet sein kann. +Also ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein +Anfang der Welt eine notwendige Bedingung ihres Daseins; welches +zuerst zu beweisen war. + +In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an: so wird +die Welt ein unendliches gegebenes Ganzes von zugleich existierenden +Dingen sein. Nun können wir die Größe eines Quanti, welches nicht +innerhalb gewisser Grenzen jeder Anschauung gegeben wird,* auf keine +andere Art, als nur durch die Synthesis der Teile, und die Totalität +eines solchen Quanti nur durch die vollendete Synthesis, oder durch +wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst, gedenken.** +Demnach, um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu +denken, müßte die sukzessive Synthesis der Teile einer unendlichen +Welt als vollendet angesehen, d.i., eine unendliche Zeit müßte, in der +Durchzählung aller koexistierenden Dinge, als abgelaufen angesehen +werden; welches unmöglich ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat +wirklicher Dinge, nicht als ein gegebenes Ganzes, mithin auch nicht +als zugleich gegeben, angesehen werden. Eine Welt ist folglich, der +Ausdehnung im Raume nach, nicht unendlich, sondern in ihren Grenzen +eingeschlossen, welches das zweite war. + +* Wir können ein unbestimmtes Quantum als ein Ganzes anschauen, wenn + es in Grenzen eingeschlossen ist, ohne die Totalität desselben durch + Messung, d.i. die sukzessive Synthesis seiner Teile, konstruieren zu + dürfen. Denn die Grenzen bestimmen schon die Vollständigkeit, indem + sie alles Mehreres abschneiden. + +** Der Begriff der Totalität ist in diesem Falle nichts anderes, als + die Vorstellung der vollendeten Synthesis, seiner Teile, weil, da + wir nicht von der Anschauung des Ganzen (als welche in diesem Falle + unmöglich ist) den Begriff abziehen können, wir diesen nur durch + die Synthesis der Teile, bis zur Vollendung des Unendlichen, + wenigstens in der Idee fassen können. + + Antithesis + +Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen im Raume, sondern ist, +sowohl in Ansehung der Zeit, als des Raumes, unendlich. + + Beweis + +Denn man setze: sie habe einen Anfang. Da der Anfang ein Dasein ist, +wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muß eine +Zeit vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d.i. eine leere +Zeit. Nun ist aber in einer leeren Zeit kein Entstehen irgend eines +Dinges möglich; weil kein Teil einer solchen Zeit vor einem anderen +irgendeine unterscheidende Bedingung des Daseins, vor die des +Nichtseins, an sich hat (man mag annehmen, daß sie von sich selbst, +oder durch eine andere Ursache entstehe). Also kann zwar in der Welt +manche Reihe der Dinge anfangen, die Welt selber aber kann keinen +Anfang haben, und ist also in Ansehung der vergangenen Zeit unendlich. + +Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das Gegenteil an, daß +nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist; so befindet +sie sich in einem leeren Raum, der nicht begrenzt ist. Es würde also +nicht allein ein Verhältnis der Dinge im Raum, sondern auch der Dinge +zum Raume angetroffen werden. Da nun die Welt ein absolutes Ganzes +ist, außer welchem kein Gegenstand der Anschauung, und mithin kein +Korrelatum der Welt, angetroffen wird, womit dieselbe im Verhältnis +stehe, so würde das Verhältnis der Welt zum leeren Raum ein Verhältnis +derselben zu keinem Gegenstande sein. Ein dergleichen Verhältnis aber, +mithin auch die Begrenzung der Welt durch den leeren Raum, ist nichts; +also ist die Welt, dem Raume nach, gar nicht begrenzt, d.i. sie ist in +Ansehung der Ausdehnung unendlich.* + +* Der Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung (formale + Anschauung), aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich + angeschaut werden kann. Der Raum, vor allen Dingen, die ihn + bestimmen (erfüllen oder begrenzen), oder die vielmehr eine seiner + Form gemäße empirische Anschauung geben, ist, unter dem Namen des + absoluten Raumes, nichts anderes, als die bloße Möglichkeit äußerer + Erscheinungen, sofern sie entweder an sich existieren, oder zu + gegebenen Erscheinungen noch hinzukommen können. Die empirische + Anschauung ist also nicht zusammengesetzt aus Erscheinungen und dem + Raume (der Wahrnehmung und der leeren Anschauung). Eines ist nicht + des anderen Korrelatum der Synthesis, sondern nur in einer und + derselben empirischen Anschauung verbunden, als Materie und Form + derselben. Will man eines dieser zwei Stücke außer dem anderen + setzen (Raum außerhalb allen Erscheinungen), so entstehen daraus + allerlei leere Bestimmungen der äußeren Anschauung, die doch nicht + mögliche Wahrnehmungen sind. Z.B. Bewegung oder Ruhe der Welt im + unendlichen leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses beider + untereinander, welche niemals wahrgenommen werden kann, und also + auch das Prädikat eines bloßen Gedankendinges ist. + + Anmerkung zur ersten Antinomie + I. zur Thesis + +Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht +Blendwerke gesucht, um etwa (wie man sagt) einen Advokatenbeweis zu +führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vorteile +bedient, und seine Berufung auf ein mißverstandenes Gesetz gerne +gelten läßt, um seine eigenen unrechtmäßigen Ansprüche auf die +Widerlegung desselben zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Sache +Natur gezogen und der Vorteil beiseite gesetzt worden, den uns die +Fehlschlüsse der Dogmatiker von beiden Teilen geben könnten. + +Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können, +daß ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe, nach der +Gewohnheit der Dogmatiker, einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt +hätte. Unendlich ist eine Größe, über die keine größere (d.i. über die +darin enthaltene Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun ist +keine Menge die größte, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten +hinzugetan werden können. Also ist eine unendliche gegebene Größe, +mithin auch eine (der verflossenen Reihe sowohl, als der Ausdehnung +nach) unendliche Welt unmöglich: sie ist also beiderseitig begrenzt. +So hätte ich meinen Beweis führen können: allein dieser Begriff stimmt +nicht mit dem, was man unter einem unendlichen Ganzen versteht. Es +wird dadurch nicht vorgestellt, wie groß es sei, mithin ist sein +Begriff auch nicht der Begriff eines Maximum, sondern es wird dadurch +nur sein Verhältnis zu einer beliebig anzunehmenden Einheit, in +Ansehung deren dasselbe größer ist als alle Zahl, gedacht. Nachdem die +Einheit nun größer oder kleiner angenommen wird, würde das Unendliche +größer oder kleiner sein; allein die Unendlichkeit, da sie bloß in dem +Verhältnisse zu dieser gegebenen Einheit besteht, würde immer dieselbe +bleiben, obgleich freilich die absolute Größe des Ganzen dadurch gar +nicht erkannt würde, davon auch hier nicht die Rede ist. + +Der wahre (transzendentale) Begriff der Unendlichkeit ist: daß die +sukzessive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals +vollendet sein kann.* Hieraus folgt ganz sicher, daß eine Ewigkeit +wirklicher aufeinanderfolgenden Zustände bis zu einem gegebenen (dem +gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also +einen Anfang haben müsse. + +* Dieses enthält dadurch eine Menge (von gegebener Einheit), die + größer ist als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des + Unendlichen ist. + +In Ansehung des zweiten Teils der Thesis fällt die Schwierigkeit, +von einer unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg; denn das +Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich +gegeben. Allein, um die Totalität einer solchen Menge zu denken, da +wir uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität von +selbst in der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Begriffe +Rechenschaft geben, der in solchem Falle nicht vom Ganzen zu der +bestimmten Menge der Teile gehen kann, sondern die Möglichkeit eines +Ganzen durch die sukzessive Synthesis der Teile dartun muß. Da diese +Synthesis nun eine nie zu vollendende Reihe ausmachen müßte; so +kann man sich nicht vor ihr, und mithin auch nicht durch sie, eine +Totalität denken. Denn der Begriff der Totalität selbst ist in diesem +Falle die Vorstellung einer vollendeten Synthesis der Teile, und diese +Vollendung, mithin auch der Begriff derselben, ist unmöglich. + + II. Anmerkung zur Antithesis + +Der Beweis für die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des +Weltinbegriffs beruht darauf: daß im entgegengesetzten Falle eine +leere Zeit, imgleichen ein leerer Raum, die Weltgrenze ausmachen +müßte. Nun ist mir nicht unbekannt, daß wider diese Konsequenz +Ausflüchte gesucht werden, indem man vorgibt: es sei eine Grenze der +Welt, der Zeit und dem Raume nach, ganz wohl möglich, ohne daß man +eben eine absolute Zeit vor der Welt Anfang, oder einen absoluten, +außer der wirklichen Welt ausgebreiteten Raum annehmen dürfe; welches +unmöglich ist. Ich bin mit dem letzteren Teile dieser Meinung der +Philosophen aus der Leibnitzischen Schule ganz wohl zufrieden. Der +Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung, aber kein wirklicher +Gegenstand, der äußerlich angeschaut werden kann, und kein Korrelatum +der Erscheinungen, sondern die Form der Erscheinungen selbst. Der Raum +also kann absolut (für sich allein) nicht als etwas Bestimmendes in +dem Dasein der Dinge vorkommen, weil er gar kein Gegenstand ist, +sondern nur die Form möglicher Gegenstände. Dinge also, als +Erscheinungen, bestimmen wohl den Raum, d.i. unter allen möglichen +Prädikaten desselben (Größe und Verhältnis) machen sie es, daß diese +oder jene zur Wirklichkeit gehören; aber umgekehrt kann der Raum, +als etwas, welches für sich besteht, die Wirklichkeit der Dinge in +Ansehung der Größe oder Gestalt nicht bestimmen, weil er an sich +selbst nichts Wirkliches ist. Es kann also wohl ein Raum (er sei voll +oder leer)* durch Erscheinungen begrenzt, Erscheinungen aber können +nicht durch einen leeren Raum außer denselben begrenzt werden. Eben +dieses gilt auch von der Zeit. Alles dieses nun zugegeben, so ist +gleichwohl unstreitig, daß man diese zwei Undinge, den leeren Raum +außer und die leere Zeit vor der Welt, durchaus annehmen müsse, wenn +man eine Weltgrenze, es sei dem Raume oder der Zeit nach, annimmt. + +* Man bemerkt leicht, daß hierdurch gesagt werden wolle: der + leere Raum, sofern er durch Erscheinungen begrenzt wird, mithin + derjenige innerhalb der Welt, widerspreche wenigstens nicht den + transzendentalen Prinzipien, und könne also in Ansehung dieser + eingeräumt (obgleich darum seine Möglichkeit nicht sofort behauptet + werden). + +Denn was den Ausweg betrifft, durch den man der Konsequenz +auszuweichen sucht, nach welcher wir sagen: daß, wenn die Welt (der +Zeit und dem Raum nach) Grenzen hat, das unendliche Leere das Dasein +wirklicher Dinge ihrer Größe nach bestimmen müsse, so besteht er +insgeheim nur darin: daß man statt einer Sinnenwelt sich, wer weiß +welche, intelligible Welt gedenkt, und, statt des ersten Anfanges, +(ein Dasein, vor welchem eine Zeit des Nichtseins vorhergeht) sich +überhaupt ein Dasein denkt, welches keine andere Bedingung in der Welt +voraussetzt, statt der Grenze der Ausdehnung, Schranken des Weltganzen +denkt, und dadurch der Zeit und dem Raume aus dem Wege geht. Es ist +hier aber nur von dem mundus phaenomenon die Rede, und von dessen +Größe, bei dem man von gedachten Bedingungen der Sinnlichkeit +keineswegs abstrahieren kann, ohne das Wesen desselben aufzuheben. Die +Sinnenwelt, wenn sie begrenzt ist, liegt notwendig in dem unendlichen +Leeren. Will man dieses, und mithin den Raum überhaupt als Bedingung +der Möglichkeit der Erscheinungen a priori weglassen, so fällt die +ganze Sinnenwelt weg. In unserer Aufgabe ist uns diese allein gegeben. +Der mundus intelligibilis ist nichts als der allgemeine Begriff einer +Welt überhaupt, in welchem man von allen Bedingungen der Anschauung +derselben abstrahiert, und in Ansehung dessen folglich gar kein +synthetischer Satz, weder bejahend, noch verneinend möglich ist. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen + + Thesis + +Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen +Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, +was aus diesem zusammengesetzt ist. + + Beweis + +Denn, nehmet an, die zusammengesetzten Substanzen beständen nicht +aus einfachen Teilen; so würde wenn alle Zusammensetzung in Gedanken +aufgehoben würde, kein zusammengesetzter Teil, und (da es keine +einfachen Teile gibt) auch kein einfacher, mithin gar nichts +übrigbleiben, folglich keine Substanz sein gegeben worden. Entweder +also läßt sich unmöglich alle Zusammensetzung in Gedanken aufheben, +oder es muß nach deren Aufhebung etwas ohne alle Zusammensetzung +Bestehendes, d.i. das Einfache, übrigbleiben. Im ersteren Falle aber +würde das Zusammengesetzte wiederum nicht aus Substanzen bestehen +(weil bei diesen die Zusammensetzung nur eine zufällige Relation der +Substanzen ist, ohne welche diese, als für sich beharrliche Wesen, +bestehen müssen). Da nun dieser Fall der Voraussetzung widerspricht, +so bleibt nur der zweite übrig: daß nämlich das substantielle +Zusammengesetzte in der Welt aus einfachen Teilen bestehe. + +Hieraus folgt unmittelbar, daß die Dinge der Welt insgesamt einfache +Wesen sind, daß die Zusammensetzung nur ein äußerer Zustand derselben +sei, und daß, wenn wir die Elementarsubstanzen gleich niemals völlig +aus diesem Zustande der Verbindung setzen und isolieren können, doch +die Vernunft sie als die ersten Subjekte aller Komposition, und +mithin, vor derselben, als einfache Wesen denken müsse. + + Antithesis + +Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, +und es existiert überall nichts Einfaches in derselben. + + Beweis + +Setzet: ein zusammengesetztes Ding (als Substanz) bestehe aus +einfachen Teilen. Weil alles äußere Verhältnis, mithin auch alle +Zusammensetzung aus Substanzen, nur im Raume möglich ist: so muß, aus +so viel Teilen das Zusammengesetzte besteht, aus ebensoviel Teilen +auch der Raum bestehen, den es einnimmt. Nun besteht der Raum nicht +aus einfachen Teilen, sondern aus Räumen. Also muß jeder Teil des +Zusammengesetzten einen Raum einnehmen. Die schlechthin ersten Teile +aber alles Zusammengesetzten sind einfach. Also nimmt das Einfache +einen Raum ein. Da nun alles Reale, was einen Raum einnimmt, ein +außerhalb einander befindliches Mannigfaltiges in sich faßt, mithin +zusammengesetzt ist, und zwar als ein reales Zusammengesetztes, nicht +aus Akzidenzen, (denn die können nicht ohne Substanz außereinander +sein,) mithin aus Substanzen; so würde das Einfache ein substantielles +Zusammengesetztes sein, welches sich widerspricht. + +Der zweite Satz der Antithesis, daß in der Welt gar nichts Einfaches +existiere, soll hier nur so viel bedeuten, als: Es könne das Dasein +des schlechthin Einfachen aus keiner Erfahrung oder Wahrnehmung, weder +äußeren, noch inneren, dargetan werden, und das schlechthin Einfache +sei also eine bloße Idee, deren objektive Realität niemals in irgend +einer möglichen Erfahrung kann dargetan werden, mithin in der +Exposition der Erscheinungen ohne alle Anwendung und Gegenstand. Denn +wir wollen annehmen, es ließe sich für diese transzendentale Idee ein +Gegenstand der Erfahrung finden: so müßte die empirische Anschauung +irgendeines Gegenstandes als eine solche erkannt werden, welche +schlechthin kein Mannigfaltiges außerhalb einander, und zur Einheit +verbunden, enthält. Da nun von dem Nichtbewußtsein eines solchen +Mannigfaltigen auf die gänzliche Unmöglichkeit desselben in +irgendeiner Anschauung eines Objekts, kein Schluß gilt, dieses +letztere aber zur absoluten Simplizität durchaus nötig ist, so +folgt, daß diese aus keiner Wahrnehmung, welche sie auch sei, könne +geschlossen werden. Da also etwas als ein schlechthin einfaches Objekt +niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann gegeben werden, +die Sinnenwelt aber als der Inbegriff aller möglichen Erfahrungen +angesehen werden muß: so ist überall in ihr nichts Einfaches gegeben. + +Dieser zweite Satz der Antithesis geht viel weiter als der erste, der +das Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt, +da hingegen dieser es aus der ganzen Natur wegschafft; daher er auch +nicht aus dem Begriffe eines gegebenen Gegenstandes der äußeren +Anschauung (des Zusammengesetzten), sondern aus dem Verhältnis +desselben zu einer möglichen Erfahrung überhaupt hat bewiesen werden +können. + + Anmerkung zur zweiten Antinomie + I. zur Thesis + +Wenn ich von einem Ganzen rede, welches notwendig aus einfachen Teilen +besteht, so verstehe ich darunter nur ein substantielles Ganzes +als das eigentliche Kompositum, d.i. die zufällige Einheit des +Mannigfaltigen, welches abgesondert (wenigstens in Gedanken) gegeben, +in eine wechselseitige Verbindung gesetzt wird, und dadurch Eines +ausmacht. Den Raum sollte man eigentlich nicht Kompositium, sondern +Totum nennen, weil die Teile desselben nur im Ganzen und nicht das +Ganze durch die Teile möglich ist. Er würde allenfalls ein compositum +ideale, aber nicht reale heißen können. Doch dieses ist nur +Subtilität. Da der Raum kein Zusammengesetztes aus Substanzen +(nicht einmal aus realen Akzidenzen) ist, so muß, wenn ich alle +Zusammensetzung in ihm aufhebe, nichts, auch nicht einmal der Punkt +übrigbleiben; denn dieser ist nur als die Grenze eines Raumes, (mithin +eines Zusammengesetzten) möglich. Raum und Zeit bestehen also nicht +aus einfachen Teilen. Was nur zum Zustande einer Substanz gehört, ob +es gleich eine Größe hat (z.B. die Veränderung), besteht auch nicht +aus dem Einfachen, d.i. ein gewisser Grad der Veränderung entsteht +nicht durch einen Anwachs vieler einfachen Veränderungen. Unser Schluß +vom Zusammengesetzten auf das Einfache gilt nur von für sich selbst +bestehenden Dingen. Akzidenzen aber des Zustandes, bestehen nicht +für sich selbst. Man kann also den Beweis für die Notwendigkeit +des Einfachen, als der Bestandteile alles substantiellen +Zusammengesetzten, und dadurch überhaupt seine Sache leichtlich +verderben, wenn man ihn zu weit ausdehnt und ihn für alles +Zusammengesetzte ohne Unterschied geltend machen will, wie es wirklich +mehrmalen schon geschehen ist. + +Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen, sofern es notwendig +im Zusammengesetzten gegeben ist, indem dieses darin, als in seine +Bestandteile, aufgelöst werden kann. Die eigentliche Bedeutung +des Wortes Monas (nach Leibnitzens Gebrauch) sollte wohl nur auf +das Einfache gehen, welches unmittelbar als einfache Substanz +gegeben ist (z.B. im Selbstbewußtsein) und nicht als Element des +Zusammengesetzten, welches man besser den Atomus nennen könnte. Und da +ich nur in Ansehung des Zusammengesetzten die einfachen Substanzen, +als deren Elemente, beweisen will, so könnte ich die Antithese der +zweiten Antinomie die transzendentale Atomistik nennen. Weil aber +dieses Wort schon vorlängst zur Bezeichnung einer besonderen +Erklärungsart körperlicher Erscheinungen (molecularum) gebraucht +worden, und also empirische Begriffe voraussetzt, so mag er der +dialektische Grundsatz der Monadologie heißen. + + II. Anmerkung zur Antithesis + +Wider diesen Satz einer unendlichen Teilung der Materie, dessen +Beweisgrund bloß mathematisch ist, werden von den Monadisten Einwürfe +vorgebracht, welche sich dadurch schon verdächtig machen, daß sie +die klarsten mathematischen Beweise nicht für Einsichten in die +Beschaffenheit des Raumes, sofern er in der Tat die formale Bedingung +der Möglichkeit aller Materie ist, wollen gelten lassen, sondern sie +nur als Schlüsse aus abstrakten aber willkürlichen Begriffen ansehen, +die auf wirkliche Dinge nicht bezogen werden könnten. Gleich als wenn +es auch nur möglich wäre, eine andere Art der Anschauung zu erdenken, +als die in der ursprünglichen Anschauung des Raumes gegeben wird, und +die Bestimmungen desselben a priori nicht zugleich alles dasjenige +beträfen, was dadurch allein möglich ist, daß es diesen Raum erfüllt. +Wenn man ihnen Gehör gibt, so müßte man, außer dem mathematischen +Punkte, der einfach, aber kein Teil, sondern bloß die Grenze eines +Raumes ist, sich noch physische Punkte denken, die zwar auch einfach +sind, aber den Vorzug haben, als Teile des Raumes, durch ihre bloße +Aggregation denselben zu erfüllen. Ohne nun hier die gemeinen und +klaren Widerlegungen dieser Ungereimtheit, die man in Menge antrifft, +zu wiederholen, wie es denn gänzlich umsonst ist, durch bloß +diskursive Begriffe die Evidenz der Mathematik weg vernünfteln zu +wollen, so bemerke ich nur, daß, wenn die Philosophie hier mit der +Mathematik schikaniert, es darum geschehe, weil sie vergißt, daß es +in dieser Frage nur um Erscheinungen und deren Bedingung zu tun sei. +Hier ist es aber nicht genug, zum reinen Verstandesbegriffe des +Zusammengesetzten den Begriff des Einfachen, sondern zur Anschauung +des Zusammengesetzten (der Materie) die Anschauung des Einfachen zu +finden, und dieses ist nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin auch +bei Gegenständen der Sinne, gänzlich unmöglich. Es mag also von einem +Ganzen aus Substanzen, welches bloß durch den reinen Verstand gedacht +wird, immer gelten, daß wir vor aller Zusammensetzung desselben +das Einfache haben müssen; so gilt dieses doch nicht vom totum +substantiale phaenomenon, welches, als empirische Anschauung im Raume, +die notwendige Eigenschaft bei sich führt, daß kein Teil desselben +einfach ist, darum, weil kein Teil des Raumes einfach ist. Indessen +sind die Monadisten fein genug gewesen, dieser Schwierigkeit dadurch +ausweichen zu wollen, daß sie nicht den Raum als eine Bedingung der +Möglichkeit der Gegenstände äußerer Anschauung (Körper), sondern +diese, und das dynamische Verhältnis der Substanzen überhaupt, als die +Bedingung der Möglichkeit des Raumes voraussetzen. Nun haben wir von +Körpern nur als Erscheinungen einen Begriff, als solche aber setzen +sie den Raum als die Bedingung der Möglichkeit aller äußeren +Erscheinung notwendig voraus, und die Ausflucht ist also vergeblich, +wie sie denn auch oben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend +ist abgeschnitten worden. Wären sie Dinge an sich selbst, so würde der +Beweis der Monadisten allerdings gelten. + +Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich, daß +sie eine dogmatische Behauptung wider sich hat, die unter allen +vernünftelnden die einzige ist, welche sich unternimmt, an einem +Gegenstande der Erfahrung die Wirklichkeit dessen, was wir oben bloß +zu transzendentalen Ideen rechneten, nämlich die absolute Simplizität +der Substanz, augenscheinlich zu beweisen: nämlich daß der Gegenstand +des inneren Sinnes, das Ich, was da denkt, eine schlechthin einfache +Substanz sei. Ohne mich hierauf jetzt einzulassen, (da es oben +ausführlicher erwogen ist,) so bemerke ich nur: daß wenn etwas bloß +als Gegenstand gedacht wird, ohne irgendeine synthetische Bestimmung +seiner Anschauung hinzuzusetzen, (wie denn dieses durch die ganz +nackte Vorstellung: Ich, geschieht,) so könne freilich nichts +Mannigfaltiges und keine Zusammensetzung in einer solchen Vorstellung +wahrgenommen werden. Da überdem die Prädikate, wodurch ich diesen +Gegenstand denke, bloß Anschauungen des inneren Sinnes sind, so kann +darin auch nichts vorkommen, welches ein Mannigfaltiges außerhalb +einander, mithin reale Zusammensetzung bewiese. Es bringt also nur das +Selbstbewußtsein es so mit sich, daß, weil das Subjekt, welches denkt, +zugleich sein eigenes Objekt ist, es sich selber nicht teilen kann +(obgleich die ihm inhärierenden Bestimmungen); denn in Ansehung seiner +selbst ist jeder Gegenstand absolute Einheit. Nichtsdestoweniger, +wenn dieses Subjekt äußerlich, als ein Gegenstand der Anschauung, +betrachtet wird, so würde es doch wohl Zusammensetzung in der +Erscheinung an sich zeigen. So muß es aber jederzeit betrachtet +werden, wenn man wissen will, ob in ihm ein Mannigfaltiges außerhalb +einander sei, oder nicht. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen + + Thesis + +Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus +welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. +Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben +anzunehmen notwendig. + + Beweis + +Man nehme an, es gebe keine andere Kausalität, als nach Gesetzen der +Natur; so setzt alles, was geschieht, einen vorigen Zustand voraus, +auf den es unausbleiblich nach einer Regel folgt. Nun muß aber der +vorige Zustand selbst etwas sein, was geschehen ist (in der Zeit +geworden, da es vorher nicht war), weil, wenn es jederzeit gewesen +wäre, seine Folge auch nicht allererst entstanden, sondern immer +gewesen sein würde. Also ist die Kausalität der Ursache, durch welche +etwas geschieht, selbst etwas Geschehenes, welches nach dem Gesetz der +Natur wiederum einen vorigen Zustand und dessen Kausalität, dieser +aber eben so einen noch älteren voraussetzt usw. Wenn also alles nach +bloßen Gesetzen der Natur geschieht, so gibt es jederzeit nur einen +subalternen, niemals aber einen ersten Anfang, und also überhaupt +keine Vollständigkeit der Reihe auf der Seite der voneinander +abstammenden Ursachen. Nun besteht aber eben darin das Gesetz der +Natur: daß ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache nichts +geschehe. Also widerspricht der Satz, als wenn alle Kausalität nur +nach Naturgesetzen möglich sei, sich selbst in seiner unbeschränkten +Allgemeinheit, und diese kann also nicht als die einzige angenommen +werden. + +Diesem nach muß eine Kausalität angenommen werden, durch welche etwas +geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter, durch eine andere +vorhergehende Ursache, nach notwendigen Gesetzen bestimmt sei, d.i. +eine absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen, +die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen, mithin +transzendentale Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur die +Reihenfolge der Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals +vollständig ist. + + Antithesis + +Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich +nach Gesetzen der Natur. + + Beweis + +Setzet: es gehe eine Freiheit im transzendentalen Verstande, als eine +besondere Art von Kausalität, nach welcher die Begebenheiten der Welt +erfolgen könnten, nämlich ein Vermögen, einen Zustand, mithin auch +eine Reihe von Folgen desselben, schlechthin anzufangen; so wird nicht +allein eine Reihe durch diese Spontaneität, sondern die Bestimmung +dieser Spontaneität selbst zur Hervorbringung der Reihe, d.i. die +Kausalität, wird schlechthin anfangen, so daß nichts vorhergeht, +wodurch diese geschehende Handlung nach beständigen Gesetzen bestimmt +sei. Es setzt aber ein jeder Anfang zu handeln einen Zustand der noch +nicht handelnden Ursache voraus, und ein dynamisch erster Anfang der +Handlung einen Zustand, der mit dem vorhergehenden eben derselben +Ursache gar keinen Zusammenhang der Kausalität hat, d.i. auf keine +Weise daraus erfolgt. Also ist die transzendentale Freiheit dem +Kausalgesetze entgegen, und eine solche Verbindung der sukzessiven +Zustände wirkender Ursachen, nach welcher keine Einheit der Erfahrung +möglich ist, die also auch in keiner Erfahrung angetroffen wird, +mithin ein leeres Gedankending. + +Wir haben also nichts als Natur, in welcher wir den Zusammenhang +und Ordnung der Weltbegebenheiten suchen müssen. Die Freiheit +(Unabhängigkeit) von den Gesetzen der Natur, ist zwar eine Befreiung +vom Zwange, aber auch vom Leitfaden aller Regeln. Denn man kann nicht +sagen, daß, anstatt der Gesetze der Natur, Gesetze der Freiheit in die +Kausalität des Weltlaufs eintreten, weil, wenn diese nach Gesetzen +bestimmt wäre, sie nicht Freiheit, sondern selbst nichts anderes als +Natur wäre. Natur also und transzendentale Freiheit unterscheiden sich +wie Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit, davon jene zwar den Verstand +mit der Schwierigkeit belästigt, die Abstammung der Begebenheiten +in der Reihe der Ursachen immer höher hinauf zu suchen, weil die +Kausalität an ihnen jederzeit bedingt ist, aber zur Schadloshaltung +durchgängige und gesetzmäßige Einheit der Erfahrung verspricht, +dahingegen das Blendwerk von Freiheit zwar dem forschenden Verstande +in der Kette der Ursachen Ruhe verheißt, indem sie ihn zu einer +unbedingten Kausalität führt, die von selbst zu handeln anhebt, die +aber, da sie selbst blind ist, den Leitfaden der Regeln abreißt, an +welchem allein eine durchgängig zusammenhängende Erfahrung möglich +ist. + + Anmerkung zur dritten Antinomie + I. zur Thesis + +Die transzendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht den +ganzen Inhalt des psychologischen Begriffs dieses Namens aus, welcher +großenteils empirisch ist, sondern nur den der absoluten Spontaneität +der Handlung, als den eigentlichen Grund der Imputabilität derselben; +ist aber dennoch der eigentliche Stein des Anstoßes für die +Philosophie, welche unüberwindliche Schwierigkeiten findet, +dergleichen Art von unbedingter Kausalität einzuräumen. Dasjenige +also in der Frage über die Freiheit des Willens, was die spekulative +Vernunft von jeher in so große Verlegenheit gesetzt hat, ist +eigentlich nur transzendental, und geht lediglich darauf, ob ein +Vermögen angenommen werden müsse, eine Reihe von sukzessiven Dingen +oder Zuständen von selbst anzufangen. Wie ein solches möglich sei, ist +nicht ebenso notwendig beantworten zu können, da wir uns ebensowohl +bei der Kausalität nach Naturgesetzen damit begnügen müssen, a priori +zu erkennen, daß eine solche vorausgesetzt werden müsse, ob wir gleich +die Möglichkeit, wie durch ein gewisses Dasein das Dasein eines +anderen gesetzt werde, auf keine Weise begreifen, und uns desfalls +lediglich an die Erfahrung halten müssen. Nun haben wir diese +Notwendigkeit eines ersten Anfangs einer Reihe von Erscheinungen +aus Freiheit, zwar nur eigentlich insofern dargetan, als zur +Begreiflichkeit eines Ursprungs der Welt erforderlich ist, indessen +daß man alle nachfolgenden Zustände für eine Abfolge nach bloßen +Naturgesetzen nehmen kann. Weil aber dadurch doch einmal das Vermögen, +eine Reihe in der Zeit ganz von selbst anzufangen, bewiesen (obzwar +nicht eingesehen) ist, so ist es uns nunmehr auch erlaubt, mitten im +Laufe der Welt verschiedene Reihen, der Kausalität nach, von selbst +anfangen zu lassen, und den Substanzen derselben ein Vermögen +beizulegen, aus Freiheit zu handeln. Man lasse sich aber hierbei nicht +durch einen Mißverstand aufhalten: daß, da nämlich eine sukzessive +Reihe in der Welt nur einen komparativ ersten Anfang haben kann, indem +doch immer ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht, etwa kein +absolut erster Anfang der Reihen während dem Weltlaufe möglich sei. +Denn wir reden hier nicht vom absolut ersten Anfange der Zeit nach, +sondern der Kausalität nach. Wenn ich jetzt (zum Beispiel) völlig +frei, und ohne den notwendig bestimmenden Einfluß der Naturursachen, +von meinem Stuhle aufstehe, so fängt in dieser Begebenheit, samt deren +natürlichen Folgen ins Unendliche, eine neue Reihe schlechthin an, +obgleich der Zeit nach diese Begebenheit nur die Fortsetzung einer +vorhergehenden Reihe ist. Denn diese Entschließung und Tat liegt gar +nicht in der Abfolge bloßer Naturwirkungen, und ist nicht eine bloße +Fortsetzung derselben, sondern die bestimmenden Naturursachen hören +oberhalb derselben, in Ansehung dieser Ereignis, ganz auf, die zwar +auf jene folgt, aber daraus nicht erfolgt, und daher zwar nicht der +Zeit nach, aber doch in Ansehung der Kausalität, ein schlechthin +erster Anfang einer Reihe von Erscheinungen genannt werden muß. + +Die Bestätigung von der Bedürfnis der Vernunft, in der Reihe der +Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen, +leuchtet daran sehr klar in die Augen: daß (die epikurische Schule +ausgenommen) alle Philosophen des Altertums sich gedrungen sahen, zur +Erklärung der Weltbewegungen einen ersten Beweger anzunehmen, d.i. +eine freihandelnde Ursache, welche diese Reihe von Zuständen zuerst +und von selbst anfing. Denn aus bloßer Natur unterfangen sie sich +nicht, einen ersten Anfang begreiflich zu machen. + + II. Anmerkung zur Antithesis + +Der Verteidiger der Allvermögenheit der Natur (transzendentale +Physiokratie), im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit, würde +seinen Satz, gegen die vernünftelnden Schlüsse der letzteren, auf +folgende Art behaupten. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit +nach in der Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nötig, ein dynamisch +Erstes der Kausalität nach zu suchen. Wer hat euch geheißen, einen +schlechthin ersten Zustand der Welt, und mithin einen absoluten Anfang +der nach und nach ablaufenden Reihe der Erscheinungen, zu erdenken, +und, damit ihr eurer Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget, der +unumschränkten Natur Grenzen zu setzen? Da die Substanzen in der Welt +jederzeit gewesen sind, wenigstens die Einheit der Erfahrung eine +solche Voraussetzung notwendig macht, so hat es keine Schwierigkeit, +auch anzunehmen, daß der Wechsel ihrer Zustände, d.i. eine Reihe ihrer +Veränderungen, jederzeit gewesen sei, und mithin kein erster Anfang, +weder mathematisch, noch dynamisch, gesucht werden dürfe. Die +Möglichkeit einer solchen unendlichen Abstammung, ohne ein erstes +Glied, in Ansehung dessen alles übrige bloß nachfolgend ist, läßt +sich, seiner Möglichkeit nach, nicht begreiflich machen. Aber wenn ihr +diese Naturrätsel darum wegwerfen wollt, so werdet ihr euch genötigt +sehen, viel synthetische Grundbeschaffenheiten zu verwerfen, +(Grundkräfte) die ihr ebensowenig begreifen könnt, und selbst die +Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muß euch anstößig werden. +Denn, wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet, daß sie wirklich ist, +so würdet ihr niemals a priori ersinnen können, wie eine solche +unaufhörliche Folge von Sein und Nichtsein möglich sei. + +Wenn auch indessen allenfalls ein transzendentales Vermögen der +Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so +würde dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein +müssen, (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außerhalb +dem Inbegriffe aller möglichen Anschauungen, noch einen Gegenstand +anzunehmen, der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden kann). +Allein, in der Welt selbst, den Substanzen ein solches Vermögen +beizumessen, kann nimmermehr erlaubt sein, weil alsdann der +Zusammenhang nach allgemeinen Gesetzen sich einander notwendig +bestimmender Erscheinungen, den man Natur nennt, und mit ihm +das Merkmal empirischer Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum +unterscheidet, größtenteils verschwinden würde. Denn es läßt sich +neben einem solchen gesetzlosen Vermögen der Freiheit, kaum mehr +Natur denken; weil die Gesetze der letzteren durch die Einflüsse der +ersteren unaufhörlich abgeändert, und das Spiel der Erscheinungen, +welches nach der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig sein würde, +dadurch verwirrt und unzusammenhängend gemacht wird. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen + + Thesis + +Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil, oder ihre +Ursache, ein schlechthin notwendiges Wesen ist. + + Beweis + +Die Sinnenwelt, als das Ganze aller Erscheinungen, enthält zugleich +eine Reihe von Veränderungen. Denn, ohne diese, würde selbst die +Vorstellung der Zeitreihe, als einer Bedingung der Möglichkeit der +Sinnenwelt, uns nicht gegeben sein*. Eine jede Veränderung aber steht +unter ihrer Bedingung, die der Zeit nach vorhergeht, und unter welcher +sie notwendig ist. Nun setzt ein jedes Bedingte, das gegeben ist, in +Ansehung seiner Existenz, eine vollständige Reihe von Bedingungen bis +zum Schlechthinunbedingten voraus, welches allein absolutnotwendig +ist. Also muß etwas Absolutnotwendiges existieren, wenn eine +Veränderung als seine Folge existiert. Dieses Notwendige aber gehört +selber zur Sinnenwelt. Denn setzet, es sei außer derselben, so würde +von ihm die Reihe der Weltveränderungen ihren Anfang ableiten, ohne +daß doch diese notwendige Ursache selbst zur Sinnenwelt gehörte. Nun +ist dieses unmöglich. Denn, da der Anfang einer Zeitreihe nur durch +dasjenige, was der Zeit nach vorhergeht, bestimmt werden kann: so muß +die oberste Bedingung des Anfangs einer Reihe von Veränderungen in der +Zeit existieren, da diese noch nicht war, (denn der Anfang ist ein +Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht, darin das Ding, welches +anfängt, noch nicht war). Also gehört die Kausalität der notwendigen +Ursache der Veränderungen, mithin auch die Ursache selbst, zu der +Zeit, mithin zur Erscheinung (an welcher die Zeit allein als deren +Form möglich ist), folglich kann sie von der Sinnenwelt, als dem +Inbegriff aller Erscheinungen, nicht abgesondert gedacht werden. Also +ist in der Welt selbst etwas Schlechthinnotwendiges enthalten (es mag +nun dieses die ganze Weltreihe selbst, oder ein Teil derselben sein). + +* Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Möglichkeit der + Veränderungen vor dieser objektiv vorher, allein subjektiv, und in + der Wirklichkeit des Bewußtseins, ist, diese Vorstellung doch nur, + so wie jede andere, durch Veranlassung der Wahrnehmungen gegeben. + + Antithesis + +Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder in der +Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache. + + Beweis + +Setzet: die Welt selber, oder in ihr, sei ein notwendiges Wesen, so +würde in der Reihe ihrer Veränderungen, entweder ein Anfang sein, der +unbedingtnotwendig, mithin ohne Ursache wäre, welches dem dynamischen +Gesetze der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit widerstreitet; +oder die Reihe selbst wäre ohne allen Anfang, und, obgleich +in allen ihren Teilen zufällig und bedingt, im Ganzen dennoch +schlechthinnotwendig und unbedingt, welches sich selbst widerspricht, +weil das Dasein einer Menge nicht notwendig sein kann, wenn kein +einziger Teil derselben ein an sich notwendiges Dasein besitzt. + +Setzet dagegen: es gebe eine schlechthin notwendige Weltursache außer +der Welt, so würde dieselbe als das oberste Glied in der Reihe der +Ursachen der Weltveränderungen, das Dasein der letzteren und ihre +Reihe zuerst anfangen*. Nun müßte sie aber alsdann auch anfangen zu +handeln, und ihre Kausalität würde in die Zeit, eben darum aber in +den Inbegriff der Erscheinungen, d.i. in die Welt gehören, folglich +sie selbst, die Ursache, nicht außer der Welt sein, welches der +Voraussetzung widerspricht. Also ist weder in der Welt, noch +außer derselben (aber mit ihr in Kausalverbindung) irgendein +schlechthinnotwendiges Wesen. + +* Das Wort: Anfangen, wird in zwiefacher Bedeutung genommen. Die erste + ist aktiv, da die Ursache eine Reihe von Zuständen als ihre Wirkung + anfängt (infit.). Die zweite passiv, da die Kausalität in der + Ursache selbst anhebt (fit.). Ich schließe hier aus der ersteren auf + die letzte. + + Anmerkung zur vierten Antinomie + I. zur Thesis + +Um das Dasein eines notwendigen Wesens zu beweisen, liegt mir hier ob, +kein anderes als kosmologisches Argument zu brauchen, welches nämlich +von dem Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten im Begriffe +aufsteigt, indem man dieses als die notwendige Bedingung der absoluten +Totalität der Reihe ansieht. Den Beweis, aus der bloßen Idee eines +obersten aller Wesen überhaupt, zu versuchen, gehört zu einem anderen +Prinzip der Vernunft, und ein solcher wird daher besonders vorkommen +müssen. + +Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines notwendigen +Wesens nicht anders dartun, als daß er es zugleich unausgemacht lasse, +ob dasselbe die Welt selbst, oder ein von ihr unterschiedenes Ding +sei. Denn, um das letztere auszumitteln, dazu werden Grundsätze +erfordert, die nicht mehr kosmologisch sind, und nicht in der Reihe +der Erscheinungen fortgehen, sondern Begriffe von zufälligen Wesen +überhaupt, (sofern sie bloß als Gegenstände des Verstandes erwogen +werden,) und ein Prinzip, solche mit einem notwendigen Wesen, durch +bloße Begriffe, zu verknüpfen, welches alles für eine transzendente +Philosophie gehört, für welche hier noch nicht der Platz ist. + +Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfängt, indem man +die Reihe von Erscheinungen, und den Regressus in derselben nach +empirischen Gesetzen der Kausalität, zum Grunde legt: so kann man +nachher davon nicht abspringen und auf etwas übergehen, was gar nicht +in die Reihe als ein Glied gehört. Denn in eben derselben Bedeutung +muß etwas als Bedingung angesehen werden, in welcher die Relation des +Bedingten zu seiner Bedingung in der Reihe genommen wurde, die auf +diese höchste Bedingung in kontinuirlichem Fortschritte führen +sollte. Ist nun dieses Verhältnis sinnlich und gehört zum möglichen +empirischen Verstandesgebrauch, so kann die oberste Bedingung oder +Ursache nur nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin nur als zur +Zeitreihe gehörig den Regressus beschließen, und das notwendige Wesen +muß als das oberste Glied der Weltreihe angesehen werden. + +Gleichwohl hat man sich die Freiheit genommen, einen solchen Absprung +(metabasis eis allo genos) zu tun. Man schloß nämlich aus den +Veränderungen in der Welt auf die empirische Zufälligkeit, d.i. die +Abhängigkeit derselben von empirisch bestimmenden Ursachen, und bekam +eine aufsteigende Reihe empirischer Bedingungen, welches auch ganz +recht war. Da man aber hierin keinen ersten Anfang und kein oberstes +Glied finden konnte, so ging man plötzlich vom empirischen Begriff der +Zufälligkeit ab und nahm die reine Kategorie, welche alsdann eine bloß +intelligible Reihe veranlaßte, deren Vollständigkeit auf dem Dasein +einer schlechthin notwendigen Ursache beruhte, die nunmehr, da sie an +keine sinnliche Bedingungen gebunden war, auch von der Zeitbedingung, +ihre Kausalität selbst anzufangen, befreit wurde. Dieses Verfahren ist +aber ganz widerrechtlich, wie man aus folgendem schließen kann. + +Zufällig, im reinen Sinne der Kategorie, ist das, dessen +kontradiktorisches Gegenteil möglich ist. Nun kann man aus der +empirischen Zufälligkeit auf jene intelligible gar nicht schließen. +Was verändert wird, dessen Gegenteil (seines Zustandes) ist zu einer +anderen Zeit wirklich, mithin auch möglich; mithin ist dieses nicht +das kontradiktorische Gegenteil des vorigen Zustandes, wozu erfordert +wird, daß in derselben Zeit, da der vorige Zustand war, an der +Stelle desselben sein Gegenteil hätte sein können, welches aus der +Veränderung gar nicht geschlossen werden kann. Ein Körper, der +in Bewegung war = A, kommt in Ruhe = non A. Daraus nun, daß ein +entgegengesetzter Zustand vom Zustande A auf diesen folgt, kann gar +nicht geschlossen werden, daß das kontradiktorische Gegenteil von A +möglich, mithin A zufällig sei; denn dazu würde erfordert werden, daß +in derselben Zeit, da die Bewegung war, anstatt derselben die Ruhe +habe sein können. Nun wissen wir nichts weiter, als daß die Ruhe in +der folgenden Zeit wirklich, mithin auch möglich war. Bewegung aber +zu einer Zeit, und Ruhe zu einer anderen Zeit, sind einander nicht +kontradiktorisch entgegengesetzt. Also beweist die Sukzession +entgegengesetzter Bestimmungen, d.i. die Veränderung, keineswegs die +Zufälligkeit nach Begriffen des reinen Verstandes, und kann also +auch nicht auf das Dasein eines notwendigen Wesens, nach reinen +Verstandesbegriffen, führen. Die Veränderung beweist nur die +empirische Zufälligkeit, d.i. daß der neue Zustand für sich selbst, +ohne eine Ursache, die zur vorigen Zeit gehört, gar nicht hätte +stattfinden können, zufolge dem Gesetze der Kausalität. Diese Ursache, +und wenn sie auch als schlechthin notwendig angenommen wird, muß auf +diese Art doch in der Zeit angetroffen werden, und zur Reihe der +Erscheinungen gehören. + + II. Anmerkung zur Antithesis + +Wenn man, beim Aufsteigen in der Reihe der Erscheinungen, wider das +Dasein einer schlechthin notwendigen obersten Ursache, Schwierigkeiten +anzutreffen vermeint, so müssen sich diese auch nicht auf bloße +Begriffe vom notwendigen Dasein eines Dinges überhaupt gründen, und +mithin nicht ontologisch sein, sondern sich aus der Kausalverbindung +mit einer Reihe von Erscheinungen, um zu derselben eine Bedingung +anzunehmen, die selbst unbedingt ist, hervorfinden, folglich +kosmologisch und nach empirischen Gesetzen gefolgert sein. Es muß sich +nämlich zeigen, daß das Aufsteigen in der Reihe der Ursachen (in der +Sinnenwelt) niemals bei einer empirisch unbedingten Bedingung endigen +könne, und daß das kosmologische Argument aus der Zufälligkeit der +Weltzustände, laut ihrer Veränderungen, wider die Annehmung einer +ersten und die Reihe schlechthin zuerst anhebenden Ursache ausfalle. + +Es zeigt sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Kontrast: daß +nämlich aus eben demselben Beweisgrunde, woraus in der Thesis das +Dasein eines Urwesens geschlossen wurde, in der Antithesis das +Nichtsein desselben, und zwar mit derselben Schärfe. geschlossen wird. +Erst hieß es: es ist ein notwendiges Wesen, weil die ganze vergangene +Zeit die Reihe aller Bedingungen und hiermit also auch das Unbedingte +(Notwendige) in sich faßt. Nun heißt es: es ist kein notwendiges +Wesen, eben darum, weil die ganze verflossene Zeit die Reihe aller +Bedingungen (die mithin insgesamt wiederum bedingt sind) in sich faßt. +Die Ursache hiervon ist diese. Das erste Argument sieht nur auf die +absolute Totalität der Reihe der Bedingungen, deren eine die andere +in der Zeit bestimmt, und bekommt dadurch ein Unbedingtes und +Notwendiges. Das zweite zieht dagegen die Zufälligkeit alles dessen, +was in der Zeitreihe bestimmt ist, in Betrachtung, (weil vor jedem +eine Zeit vorhergeht, darin die Bedingung selbst wiederum als bedingt +bestimmt sein muß,) wodurch denn alles Unbedingte, und alle absolute +Notwendigkeit, gänzlich wegfällt. Indessen ist die Schlußart in +beiden, selbst der gemeinen Menschenvernunft ganz angemessen, welche +mehrmalen in den Fall gerät, sich mit sich selbst zu entzweien, +nachdem sie ihren Gegenstand aus zwei verschiedenen Standpunkten +erwägt. Herr von Mairan hielt den Streit zweier berühmter Astronomen, +der aus einer ähnlichen Schwierigkeit über die Wahl des Standpunktes +entsprang, für ein genugsam merkwürdiges Phänomen, um darüber eine +besondere Abhandlung abzufassen. Der eine schloß nämlich so: der Mond +dreht sich um seine Achse, darum, weil er der Erde beständig dieselbe +Seite zukehrt; der andere: der Mond dreht sich nicht um seine Achse, +eben darum, weil er der Erde beständig dieselbe Seite zukehrt. Beide +Schlüsse waren richtig; je nachdem man den Standpunkt nahm, aus dem +man die Mondbewegung beobachten wollte. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Dritter Abschnitt +Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreite + +Da haben wir nun das ganze dialektische Spiel der kosmologischen +Ideen, die es gar nicht verstatten, daß ihnen ein kongruierender +Gegenstand in irgendeiner möglichen Erfahrung gegeben werde, ja +nicht einmal, daß die Vernunft sie einstimmig mit allgemeinen +Erfahrungsgesetzen denke, die gleichwohl doch nicht willkürlich +erdacht sind, sondern auf welche die Vernunft im kontinuierlichen +Fortgange der empirischen Synthesis notwendig geführt wird, wenn sie +das, was nach Regeln der Erfahrung jederzeit nur bedingt bestimmt +werden kann, von aller Bedingung befreien und in seiner unbedingten +Totalität fassen will. Diese vernünftelnden Behauptungen sind so viele +Versuche, vier natürliche und unvermeidliche Probleme der Vernunft +aufzulösen, deren es also nur gerade so viel, nicht mehr, auch +nicht weniger, geben kann, weil es nicht mehr Reihen synthetischer +Voraussetzungen gibt, welche die empirische Synthesis a priori +begrenzen. + +Wir haben die glänzenden Anmaßungen der ihr Gebiet über alle Grenzen +der Erfahrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln, welche +bloß den Grund ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten, vorgestellt, +und, wie es einer Transzendentalphilosophie geziemt, diese von +allem Empirischen entkleidet, obgleich die ganze Pracht der +Vernunftbehauptungen nur in Verbindung mit demselben hervorleuchten +kann. In dieser Anwendung aber, und der fortschreitenden Erweiterung +des Vernunftgebrauchs, indem sie von dem Felde der Erfahrungen anhebt, +und sich bis zu diesen erhabenen Ideen allmählich hinaufschwingt, +zeigt die Philosophie eine Würde, welche, wenn sie ihre Anmaßungen nur +behaupten könnte, den Wert aller anderen menschlichen Wissenschaft +weit unter sich lassen würde, indem sie die Grundlage zu unseren +größesten Erwartungen und Aussichten auf die letzten Zwecke, in +welchen alle Vernunftbemühungen sich endlich vereinigen müssen, +verheißt. Die Fragen: ob die Welt einen Anfang und irgendeine Grenze +ihrer Ausdehnung im Raume habe, ob es irgendwo und vielleicht in +meinem denkenden Selbst eine unteilbare und unzerstörliche Einheit, +oder nichts als das Teilbare und Vergängliche gebe, ob ich in meinen +Handlungen frei, oder, wie andere Wesen, an dem Faden der Natur und +des Schicksals geleitet sei, ob es endlich eine oberste Weltursache +gebe, oder die Naturdinge und deren Ordnung den letzten Gegenstand +ausmachen, bei dem wir in allen unseren Betrachtungen stehenbleiben +müssen: das sind Fragen, um deren Auflösung der Mathematiker gerne +seine ganze Wissenschaft dahingäbe; denn diese kann ihm doch in +Ansehung der höchsten und angelegentsten Zwecke der Menschheit keine +Befriedigung verschaffen. Selbst die eigentliche Würde der Mathematik +(dieses Stolzes der menschlichen Vernunft) beruht darauf, daß, da +sie der Vernunft die Leitung gibt, die Natur im Großen sowohl als +im Kleinen in ihrer Ordnung und Regelmäßigkeit, imgleichen in der +bewunderungswürdigen Einheit der sie bewegenden Kräfte, weit über alle +Erwartung der auf gemeine Erfahrung bauenden Philosophie einzusehen, +sie dadurch selbst zu dem über alle Erfahrung erweiterten Gebrauch +der Vernunft, Anlaß und Aufmunterung gibt, imgleichen die damit +beschäftigte Weltweisheit mit den vortrefflichsten Materialien +versorgt, ihre Nachforschung, so viel deren Beschaffenheit es erlaubt, +durch angemessene Anschauungen zu unterstützen. + +Unglücklicherweise für die Spekulation (vielleicht aber zum Glück +für die praktische Bestimmung des Menschen) sieht sich die Vernunft, +mitten unter ihren größesten Erwartungen, in einem Gedränge von +Gründen und Gegengründen so befangen, daß, da es sowohl ihrer Ehre, +als auch sogar ihrer Sicherheit wegen nicht tunlich ist, sich +zurückzuziehen, und diesem Zwist als einem bloßen Spielgefechte +gleichgültig zuzusehen, noch weniger schlechthin Friede zu gebieten, +weil der Gegenstand des Streits sehr interessiert, ihr nichts weiter +übrigbleibt, als über den Ursprung dieser Veruneinigung der Vernunft +mit sich selbst nachzusinnen, ob nicht etwa ein bloßer Mißverstand +daran schuld sei, nach dessen Erörterung zwar beiderseits stolze +Ansprüche vielleicht wegfallen, aber dafür ein dauerhaft ruhiges +Regiment der Vernunft über Verstand und Sinne seinen Anfang nehmen +würde. + +Wir wollen vorjetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aussetzen, +und zuvor in Erwägung ziehen: auf welche Seite wir uns wohl am +liebsten schlagen möchten, wenn wir etwa genötigt würden, Partei zu +nehmen. Da wir in diesem Falle, nicht den logischen Probierstein der +Wahrheit, sondern bloß unser Interesse befragen, so wird eine solche +Untersuchung, ob sie gleich in Ansehung des streitigen Rechts beider +Teile nichts ausmacht, dennoch den Nutzen haben, es begreiflich zu +machen, warum die Teilnehmer an diesem Streite sich lieber auf die +eine Seite, als auf die andere geschlagen haben, ohne daß eben +eine vorzügliche Einsicht des Gegenstandes daran Ursache gewesen, +angleichen noch andere Nebendinge zu erklären, z.B. die zelotische +Hitze des einen und die kalte Behauptung des anderen Teils, warum sie +gerne der einen Partei freudigen Beifall zujauchzen, und wider die +andere zum voraus, unversöhnlich eingenommen sind. + +Es ist aber etwas, das bei dieser vorläufigen Beurteilung den +Gesichtspunkt bestimmt, aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit +angestellt werden kann, und dieses ist die Vergleichung der +Prinzipien, von denen beide Teile ausgehen. Man bemerkt unter den +Behauptungen der Antithesis, eine vollkommene Gleichförmigkeit der +Denkungsart und völlige Einheit der Maxime, nämlich ein Prinzipium +des reinen Empirismus, nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in +der Welt, sondern auch in Auflösung der transzendentalen Ideen, vom +Weltall selbst. Dagegen legen die Behauptungen der Thesis, außer der +empirischen Erklärungsart innerhalb der Reihe der Erscheinungen, +noch intellektuelle Anfänge zum Grunde, und die Maxime ist +sofern nicht einfach. Ich will sie aber, von ihrem wesentlichen +Unterscheidungsmerkmal, den Dogmatism der reinen Vernunft nennen. + +Auf der Seite also des Dogmatismus, in Bestimmung der kosmologischen +Vernunftideen, oder der Thesis, zeigt sich + +Zuerst ein gewisses praktisches Interesse, woran jeder Wohlgesinnter, +wenn er sich auf seinen wahren Vorteil versteht, herzlich teilnimmt. +Daß die Welt einen Anfang habe, daß mein denkendes Selbst einfacher +und daher unverweslicher Natur, daß dieses zugleich in seinen +willkürlichen Handlungen frei und über den Naturzwang erhoben sei, und +daß endlich die ganze Ordnung der Dinge, welche die Welt ausmachen, +von einem Urwesen abstamme, von welchem alles seine Einheit und +zweckmäßige Verknüpfung entlehnt, das sind so viel Grundsteine der +Moral und Religion. Die Antithesis raubt uns alle diese Stützen, oder +scheint wenigstens sie uns zu rauben. + +Zweitens äußert sich auch ein spekulatives Interesse der Vernunft auf +dieser Seite. Denn, wenn man die transzendentalen Ideen auf solche Art +annimmt und gebraucht, so kann man völlig a priori die ganze Kette der +Bedingungen fassen, und die Ableitung des Bedingten begreifen, indem +man vom Unbedingten anfängt, welches die Antithesis nicht leistet, die +dadurch sich sehr übel empfiehlt, daß sie auf die Frage, wegen der +Bedingungen ihrer Synthesis, keine Antwort geben kann, die nicht ohne +Ende immer weiter zu fragen übrig ließe. Nach ihr muß man von einem +gegebenen Anfange zu einem noch höheren aufsteigen, jeder Teil führt +auf einen noch kleineren Teil, jede Begebenheit hat immer noch eine +andere Begebenheit als Ursache über sich, und die Bedingungen des +Daseins überhaupt stützen sich immer wiederum auf andere, ohne jemals +in einem selbständigen Dinge als Urwesen unbedingte Haltung und Stütze +zu bekommen. + +Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität, der gewiß +nicht den kleinsten Teil seiner Empfehlung ausmacht. Der gemeine +Verstand findet in den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synthesis +nicht die mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem mehr gewohnt ist, zu +den Folgen abwärts zu gehen, als zu den Gründen hinaufzusteigen, und +hat in den Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit er +nicht grübelt) eine Gemächlichkeit und zugleich einen festen Punkt, um +die Leitschnur seiner Schritte daran zu knüpfen, da er hingegen an dem +rastlosen Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingung, jederzeit mit einem +Fuße in der Luft, gar keinen Wohlgefallen finden kann. + +Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen Ideen, +oder der Antithesis, findet sich erstlich kein solches praktisches +Interesse aus reinen Prinzipien der Vernunft, als Moral und Religion +bei sich führen. Vielmehr scheint der bloße Empirism beiden alle Kraft +und Einfluß zu benehmen. Wenn es kein von der Welt unterschiedenes +Urwesen gibt, wenn die Welt ohne Anfang und also auch ohne Urheber, +unser Wille nicht frei und die Seele von gleicher Teilbarkeit +und Verweslichkeit mit der Materie ist, so verlieren auch die +moralischen Ideen und Grundsätze alle Gültigkeit, und fallen mit den +transzendentalen Ideen, welche ihre theoretische Stütze ausmachten. + +Dagegen bietet aber der Empirism dem spekulativen Interesse der +Vernunft Vorteile an, die sehr anlockend sind und diejenigen weit +übertreffen, die der dogmatische Lehrer der Vernunftideen versprechen +mag. Nach jenem ist der Verstand jederzeit auf seinem eigentümlichen +Boden, nämlich dem Felde von lauter möglichen Erfahrungen, deren +Gesetzen er nachspüren, und vermittelst derselben er seine sichere und +faßliche Erkenntnis ohne Ende erweitern kann. Hier kann und soll er +den Gegenstand, sowohl an sich selbst, als in seinen Verhältnissen, +der Anschauung darstellen, oder doch in Begriffen, deren Bild +in gegebenen ähnlichen Anschauungen klar und deutlich vorgelegt +werden kann. Nicht allein, daß er nicht nötig hat, diese Kette +der Naturordnung zu verlassen, um sich an Ideen zu hängen, deren +Gegenstände er nicht kennt, weil sie als Gedankendinge niemals gegeben +werden können; sondern es ist ihm nicht einmal erlaubt, sein Geschäft +zu verlassen, und unter dem Vorwande, es sei nunmehr zu Ende gebracht, +in das Gebiet der idealisierenden Vernunft und zu transzendenten +Begriffe überzugehen, wo er nicht weiter nötig hat zu beobachten und +den Naturgesetzen gemäß zu forschen, sondern nur zu denken und zu +dichten, sicher, daß er nicht durch Tatsachen der Natur widerlegt +werden könne, weil er an ihr Zeugnis eben nicht gebunden ist, sondern +sie vorbeigehen, oder sie sogar selbst einem höheren Ansehen, nämlich +dem der reinen Vernunft, unterordnen darf. + +Der Empirist wird es daher niemals erlauben, irgendeine Epoche der +Natur für die schlechthin erste anzunehmen, oder irgendeine Grenze +seiner Aussicht in den Umfang derselben als die äußerste anzusehen, +oder von den Gegenständen der Natur, die er durch Beobachtung und +Mathematik auflösen und in der Anschauung synthetisch bestimmen +kann, (dem Ausgedehnten,) zu denen überzugehen, die weder Sinn, noch +Einbildungskraft jemals in concreto darstellen kann (dem Einfachen); +noch einräumen, daß man selbst in der Natur ein Vermögen, unabhängig +von Gesetzen der Natur zu wirken, (Freiheit,) zum Grunde lege, und +dadurch dem Verstande sein Geschäft schmälere, an dem Leitfaden +notwendiger Regeln dem Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren; noch +endlich zugeben, daß man irgend wozu die Ursache außerhalb der Natur +suche, (Urwesen,) weil wir nichts weiter, als diese kennen, indem +sie es allein ist, welche uns Gegenstände darbietet, und von ihren +Gesetzen unterrichten kann. + +Zwar, wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere +Absicht hat, als, den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre +Bestimmung verkennenden Vernunft niederzuschlagen, welche mit Einsicht +und Wissen groß tut, da wo eigentlich Einsicht und Wissen aufhören, +und das, was man in Ansehung des praktischen Interesse gelten läßt, +für eine Beförderung des spekulativen Interesse ausgeben will, um, +wo es ihrer Gemächlichkeit zuträglich ist, den Faden physischer +Untersuchungen abzureißen, und mit einem Vorgeben von Erweiterung der +Erkenntnis, ihn an transzendentale Ideen zu knüpfen, durch die man +eigentlich nur erkennt, daß man nichts wisse; wenn, sage ich, der +Empirist sich hiermit begnügte, so würde sein Grundsatz eine Maxime +der Mäßigung in Ansprüchen, der Bescheidenheit in Behauptungen und +zugleich der größest möglichen Erweiterung unseres Verstandes, durch +den eigentlich uns vorgesetzten Lehrer, nämlich die Erfahrung, sein. +Denn, in solchem Falle, würden uns intellektuelle Voraussetzungen und +Glaube, zum Behuf unserer praktischen Angelegenheit, nicht genommen +werden; nur könnte man sie nicht unter dem Titel und dem Pompe +von Wissenschaft und Vernunfteinsicht auftreten lassen, weil das +eigentliche spekulative Wissen überall keinen anderen Gegenstand, +als den der Erfahrung treffen kann, und, wenn man ihre Grenze +überschreitet, die Synthesis, welche neue und von jener unabhängige +Erkenntnisse versucht, kein Substratum der Anschauung hat, an welchem +sie ausgeübt werden könnte. + +So aber, wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen (wie es mehrenteils +geschieht) selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneint, +was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist, so fällt +er selbst in den Fehler der Unbescheidenheit, der hier um desto +tadelbarer ist, weil dadurch dem praktischen Interesse der Vernunft +ein unersetzlicher Nachteil verursacht wird. + +Dies ist der Gegensatz des Epikureisms* gegen den Platonisms. + +* Es ist indessen noch die Frage, ob Epikur diese Grundsätze als + objektive Behauptungen jemals vorgetragen habe. Wenn sie etwa weiter + nichts als Maximen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft waren, + so zeigte er daran einen echteren philosophischen Geist, als + irgendeiner der Weltweisen des Altertums. Daß man in Erklärung + der Erscheinungen so zu Werke gehen müsse, als ob das Feld der + Untersuchung durch keine Grenze oder Anfang der Welt abgeschnitten + sei; den Stoff der Welt so annehmen, wie er sein muß, wenn wir + von ihm durch Erfahrung belehrt werden wollen; daß keine andere + Erzeugung der Begebenheiten, als wie sie durch unveränderliche + Naturgesetze bestimmt werden, und endlich keine von der Welt + unterschiedene Ursache müsse gebraucht werden; sind noch jetzt + sehr richtige, aber wenig beobachtete Grundsätze, die spekulative + Philosophie zu erweitern, so wie auch die Prinzipien der Moral, + unabhängig von fremden Hilfsquellen auszufinden, ohne daß darum + derjenige, welcher verlangt, jene dogmatischen Sätze, so lange als + wir mit der bloßen Spekulation beschäftigt sind, zu ignorieren, + darum beschuldigt werden darf, er wolle sie leugnen. + +Ein jeder von beiden sagt mehr, als er weiß, doch so, daß der erstere +das Wissen, obzwar zum Nachteile des Praktischen, aufmuntert und +befördert, der zweite zwar zum Praktischen vortreffliche Prinzipien an +die Hand gibt, aber eben dadurch in Ansehung alles dessen, worin uns +allein ein spekulatives Wissen vergönnt ist, der Vernunft erlaubt, +idealischen Erklärungen der Naturerscheinungen nachzuhängen und +darüber die physische Nachforschung zu verabsäumen. + +Was endlich das dritte Moment, worauf bei der vorläufigen Wahl +zwischen beiden strittigen Teilen gesehen werden kann, anlangt: so ist +es überaus befremdlich, daß der Empirismus aller Popularität gänzlich +zuwider ist, ob man gleich glauben sollte, der gemeine Verstand +werde einen Entwurf begierig aufnehmen, der ihn durch nichts als +Erfahrungserkenntnisse und deren vernunftmäßigen Zusammenhang zu +befriedigen verspricht, anstatt daß die transzendentale Dogmatik ihn +nötigt, zu Begriffen hinaufzusteigen, welche die Einsicht und das +Vernunftvermögen der im Denken geübtesten Köpfe weit übersteigen. Aber +eben dieses ist sein Bewegungsgrund. Denn er befindet sich alsdann in +einem Zustande, in welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts +herausnehmen kann. Wenn er wenig oder nichts davon versteht, so kann +sich doch auch niemand rühmen, viel mehr davon zu verstehen, und, ob +er gleich hierüber nicht so schulgerecht als andere sprechen kann, so +kann er doch darüber unendlich mehr vernünfteln, weil er unter lauter +Ideen herumwandelt, über die man eben darum am beredtsten ist, +weil man davon nichts weiß; anstatt, daß er über der Nachforschung +der Natur ganz verstummen und seine Unwissenheit gestehen müßte. +Gemächlichkeit und Eitelkeit also sind schon eine starke Empfehlung +dieser Grundsätze. Überdem, ob es gleich einem Philosophen sehr +schwer wird, etwas als Grundsatz anzunehmen, ohne deshalb sich selbst +Rechenschaft geben zu können, oder gar Begriffe, deren objektive +Realität nicht eingesehen werden kann, einzuführen: so ist doch dem +gemeinen Verstande nichts gewöhnlicher. Er will etwas haben, womit +er zuversichtlich anfangen könne. Die Schwierigkeit, eine solche +Voraussetzung selbst zu begreifen, beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm, +(der nicht weiß, was Begreifen heißt,) niemals in den Sinn kommt, und +er hält das für bekannt, was ihm durch öfteren Gebrauch geläufig ist. +Zuletzt aber verschwindet alles spekulative Interesse bei ihm vor dem +Praktischen, und er bildet sich ein, das einzusehen und zu wissen, was +anzunehmen, oder zu glauben, ihn seine Besorgnisse oder Hoffnungen +antreiben. So ist der Empirismus der transzendental-idealisierenden +Vernunft aller Popularität gänzlich beraubt, und, so viel Nachteiliges +wider die obersten praktischen Grundsätze sie auch enthalten mag, +so ist doch gar nicht zu besorgen, daß sie die Grenzen der Schule +jemals überschreiten und im gemeinen Wesen ein nur einigermaßen +beträchtliches Ansehen und einige Gunst bei der großen Menge erwerben +werde. + +Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch, d.i. +sie betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen +System, und verstattet daher auch nur solche Prinzipien, die eine +vorhabende Erkenntnis wenigstens nicht unfähig machen, in irgendeinem +System mit anderen zusammen zu stehen. Die Sätze der Antithesis +sind aber von der Art, daß sie die Vollendung eines Gebäudes von +Erkenntnissen gänzlich unmöglich machen. Nach ihnen gibt es über einen +Zustand der Welt immer einen noch älteren, in jedem Teile immer noch +andere, wiederum teilbare, vor jeder Begebenheit eine andere, die +wiederum ebensowohl anderweitig erzeugt war, und im Dasein überhaupt +alles immer nur bedingt, ohne irgendein unbedingtes und erstes Dasein +anzuerkennen. Da also die Antithesis nirgend ein Erstes einräumt, und +keinen Anfang, der schlechthin zum Grunde des Baues dienen könnte, +so ist ein vollständiges Gebäude der Erkenntnis, bei dergleichen +Voraussetzungen, gänzlich unmöglich. Daher führt das architektonische +Interesse der Vernunft (welches nicht empirische, sondern reine +Vernunfteinheit a priori fordert,) eine natürliche Empfehlung für die +Behauptungen der Thesis bei sich. + +Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen, und die +Behauptungen der Vernunft, gleichgültig gegen alle Folgen, bloß nach +dem Gehalte ihrer Gründe in Betrachtung ziehen: so würde ein solcher, +gesetzt, daß er keinen Ausweg wüßte, anders aus dem Gedränge zu +kommen, als daß er sich zu einer oder anderen der strittigen Lehren +bekennte, in einem unaufhörlich schwankenden Zustande sein. Heute +würde es ihm überzeugend vorkommen, der menschliche Wille sei frei; +morgen, wenn er die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge, +würde er dafür halten, die Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung, +und alles sei bloß Natur. Wenn es nun aber zum Tun und Handeln +käme, so würde dieses Spiel der bloß spekulativen Vernunft, wie +Schattenbilder eines Traums, verschwinden, und er würde seine +Prinzipien bloß nach dem praktischen Interesse wählen. Weil es aber +doch einem nachdenkenden und forschenden Wesen anständig ist, gewisse +Zeiten lediglich der Prüfung seiner eigenen Vernunft zu widmen, +hierbei aber alle Parteilichkeit gänzlich auszuziehen, und so seine +Bemerkungen anderen zur Beurteilung öffentlich mitzuteilen; so kann +es niemanden verargt, noch weniger verwehrt werden, die Sätze und +Gegensätze, so wie sie sich, durch keine Drohung geschreckt, vor +Geschworenen von seinem eigenen Stande (nämlich dem Stande schwacher +Menschen) verteidigen können, auftreten zu lassen. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Vierter Abschnitt +Von den Transzendentalen Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie +schlechterdings müssen aufgelöst werden können + +Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen, +würde eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender +Eigendünkel sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrauen +bringen müßte. Gleichwohl gibt es Wissenschaften, deren Natur es so +mit sich bringt, daß eine jede darin vorkommende Frage, aus dem, was +man weiß, schlechthin beantwortlich sein muß, weil die Antwort aus +denselben Quellen entspringen muß, daraus die Frage entspringt, und wo +es keineswegs erlaubt ist, unvermeidliche Unwissenheit vorzuschützen, +sondern die Auflösung gefordert werden kann. Was in allen möglichen +Fällen Recht oder Unrecht sei, muß man der Regel nach wissen können, +weil es unsere Verbindlichkeit betrifft, und wir zu dem, was wir nicht +wissen können, auch keine Verbindlichkeit haben. In der Erklärung der +Erscheinungen der Natur muß uns indessen vieles ungewiß und manche +Frage unauflöslich bleiben, weil das, was wir von der Natur wissen, +zu dem, was wir erklären sollen, bei weitem nicht in allen Fällen +zureichend ist. Es fragt sich nun: ob in der Transzendentalphilosophie +irgendeine Frage, die ein der Vernunft vorgelegtes Objekt betrifft, +durch eben diese reine Vernunft unbeantwortlich sei, und ob man sich +ihrer entscheidenden Beantwortung dadurch mit Recht entziehen könne, +daß man es als schlechthin ungewiß (aus allem dem, was wir erkennen +können) demjenigen beizählt, wovon wir zwar so viel Begriff haben, +um eine Frage aufzuwerfen, es uns aber gänzlich an Mitteln oder am +Vermögen fehlt, sie jemals zu beantworten. + +Ich behaupte nun, daß die Transzendentalphilosophie unter allem +spekulativen Erkenntnis dieses Eigentümliche habe: daß gar keine +Frage, welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft, +für eben dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich sei, und daß kein +Vorschützen einer unvermeidlichen Unwissenheit und unergründlichen +Tiefe der Aufgabe von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie +gründlich und vollständig zu beantworten; weil eben derselbe Begriff, +der uns in den Stand setzt zu fragen, durchaus uns auch tüchtig machen +muß, auf diese Frage zu antworten, indem der Gegenstand außer dem +Begriffe gar nicht angetroffen wird (wie bei Recht und Unrecht). + +Es sind aber in der Transzendentalphilosophie keine anderen, als +nur die kosmologischen Fragen, in Ansehung deren man mit Recht eine +genugtuende Antwort, die die Beschaffenheit des Gegenstandes betrifft, +fordern kann, ohne daß dem Philosophen erlaubt ist, sich derselben +dadurch zu entziehen, daß er undurchdringliche Dunkelheit vorschützt, +und diese Fragen können nur kosmologische Ideen betreffen. Denn der +Gegenstand muß empirisch gegeben sein, und die Frage geht nur auf +die Angemessenheit desselben mit einer Idee. Ist der Gegenstand +transzendental und also selbst unbekannt, z.B. ob das Etwas, dessen +Erscheinung (in uns selbst) das Denken ist, (Seele,) ein an sich +einfaches Wesen sei, ob es eine Ursache aller Dinge insgesamt gebe, +die schlechthin notwendig ist, usw., so sollen wir zu unserer Idee +einen Gegenstand suchen, von welchem wir gestehen können, daß er uns +unbekannt, aber deswegen doch nicht unmöglich sei.* Die kosmologischen +Ideen haben allein das Eigentümliche an sich, daß sie ihren Gegenstand +und die zu dessen Begriff erforderliche empirische Synthesis als +gegeben voraussetzen können, und die Frage, die aus ihnen entspringt, +betrifft nur den Fortgang dieser Synthesis, sofern er absolute +Totalität enthalten soll, welche letztere nichts Empirisches mehr +ist, indem sie in keiner Erfahrung gegeben werden kann. Da nun hier +lediglich von einem Dinge als Gegenstande einer möglichen Erfahrung +und nicht als einer Sache an sich selbst die Rede ist, so kann die +Beantwortung der transzendenten kosmologischen Frage, außer der Idee +sonst nirgend liegen, denn sie betrifft keinen Gegenstand an sich +selbst; und in Ansehung der möglichen Erfahrung wird nicht nach +demjenigen gefragt, was in concreto in irgendeiner Erfahrung gegeben +werden kann, sondern was in der Idee liegt, der sich die empirische +Synthesis bloß nähern soll: also muß sie aus der Idee allein aufgelöst +werden können; denn diese ist ein bloßes Geschöpf der Vernunft, welche +also die Verantwortung nicht von sich abweisen und auf den unbekannten +Gegenstand schieben kann. + +* Man kann zwar auf die Frage, was ein transzendentaler Gegenstand + für eine Beschaffenheit habe, keine Antwort geben, nämlich was er + sei, aber wohl, daß die Frage selbst nichts sei, darum, weil kein + Gegenstand derselben gegeben worden. Daher sind alle Fragen der + transzendentalen Seelenlehre auch beantwortlich und wirklich + beantwortet; denn sie betreffen das transz. Subjekt aller inneren + Erscheinungen, welches selbst nicht Erscheinung ist und also nicht + als Gegenstand gegeben ist, und worauf keine der Kategorien (auf + welche doch eigentlich die Frage gestellt ist) Bedingungen ihrer + Anwendung antreffen. Also ist hier der Fall, da der gemeine Ausdruck + gilt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, nämlich daß eine + Frage nach der Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein + bestimmtes Prädikat gedacht werden kann, weil es gänzlich außer der + Sphäre der Gegenstände gesetzt wird, die uns gegeben werden können, + gänzlich nichtig und leer sei. + +Es ist nicht so außerordentlich, als es anfangs scheint: daß eine +Wissenschaft in Ansehung aller in ihren Inbegriff gehörigen Fragen +(quaestiones domesticae) lauter gewisse Auflösungen fordern und +erwarten könne, ob sie gleich zur Zeit noch vielleicht nicht gefunden +sind. Außer der Transzendentalphilosophie gibt es noch zwei reine +Vernunftwissenschaften, eine bloß spekulativen, die andere praktischen +Inhalts: reine Mathematik, und reine Moral. Hat man wohl jemals +gehört: daß, gleichsam wegen einer notwendigen Unwissenheit +der Bedingungen, es für ungewiß sei ausgegeben worden, welches +Verhältnis der Durchmesser zum Kreise ganz genau in Rational- oder +Irrationalzahlen habe? Da es durch erstere gar nicht kongruent gegeben +werden kann, durch die zweite aber noch nicht gefunden ist, so +urteilte man, daß wenigstens die Unmöglichkeit solcher Auflösung mit +Gewißheit erkannt werden könne, und Lambert gab einen Beweis davon. +In den allgemeinen Prinzipien der Sitten kann nichts Ungewisses sein, +weil die Sätze entweder ganz und gar nichtig und sinnleer sind, oder +bloß aus unseren Vernunftbegriffen fließen müssen. Dagegen gibt es in +der Naturkunde eine Unendlichkeit von Vermutungen, in Ansehung deren +niemals Gewißheit erwartet werden kann, weil die Naturerscheinungen +Gegenstände sind, die uns unabhängig von unseren Begriffen gegeben +werden, zu denen also der Schlüssel nicht in uns und unserem reinen +Denken, sondern außer uns liegt, und eben darum in vielen Fällen nicht +aufgefunden, mithin kein sicherer Aufschluß erwartet werden kann. Ich +rechne die Fragen der transzendentalen Analytik, welche die Deduktion +unserer reinen Erkenntnis betreffen, nicht hierher, weil wir jetzt nur +von der Gewißheit der Urteile in Ansehung der Gegenstände und nicht in +Ansehung des Ursprungs unserer Begriffe selbst handeln. + +Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen +Auflösung der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen +können, daß wir über die engen Schranken unserer Vernunft Klagen +erheben, und mit dem Scheine einer demutsvollen Selbsterkenntnis +bekennen, es sei über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt +von Ewigkeit her sei, oder einen Anfang habe; ob der Weltraum ins +Unendliche mit Wesen erfüllt, oder innerhalb gewisser Grenzen +eingeschlossen sei; ob irgend in der Welt etwas einfach sei, oder ob +alles ins Unendliche geteilt werden müsse; ob es eine Erzeugung und +Hervorbringung aus Freiheit gebe, oder ob alles an der Kette der +Naturordnung hänge; endlich ob es irgendein gänzlich unbedingt und an +sich notwendiges Wesen gebe, oder ob alles seinem Dasein nach bedingt +und mithin äußerlich abhängend und an sich zufällig sei. Denn alle +diese Fragen betreffen einen Gegenstand, der nirgend anders als +in unseren Gedanken gegeben werden kann, nämlich die schlechthin +unbedingte Totalität der Synthesis der Erscheinungen. Wenn wir darüber +aus unseren eigenen Begriffen nichts Gewisses sagen und ausmachen +können, so dürfen wir nicht die Schuld auf die Sache schieben, die +sich uns verbirgt; denn es kann uns dergleichen Sache (weil sie außer +unserer Idee nirgends angetroffen wird) gar nicht gegeben werden, +sondern wir müssen die Ursache in unserer Idee selbst suchen, welche +ein Problem ist, das keine Auflösung verstattet, und wovon wir doch +hartnäckig annehmen, als entspreche ihr ein wirklicher Gegenstand. +Eine deutliche Darlegung der Dialektik, die in unserem Begriffe selbst +liegt, würde uns bald zur völligen Gewißheit bringen, von dem, was wir +in Ansehung einer solchen Frage zu urteilen haben. + +Man kann euerem Vorwande der Ungewißheit in Ansehung dieser Probleme +zuerst diese Frage entgegensetzen, die ihr wenigstens deutlich +beantworten müßt: Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung euch +hier in solche Schwierigkeit verwickelt? Sind es etwa Erscheinungen, +deren Erklärung ihr bedürft, und wovon ihr, zufolge dieser Ideen, nur +die Prinzipien, oder die Regel ihrer Exposition zu suchen habt? Nehmet +an, die Natur sei ganz vor euch aufgedeckt; euren Sinnen, und dem +Bewußtsein alles dessen, was eurer Anschauung vorgelegt ist, sei +nichts verborgen: so werdet ihr doch durch keine einzige Erfahrung den +Gegenstand eurer Ideen in concreto erkennen können, (denn es wird, +außer dieser vollständigen Anschauung, noch eine vollendete Synthesis +und das Bewußtsein ihrer absoluten Totalität erfordert, welches durch +gar kein empirisches Erkenntnis möglich ist,) mithin kann eure Frage +keineswegs zur Erklärung von irgendeiner vorkommenden Erscheinung +notwendig und also gleichsam durch den Gegenstand selbst aufgegeben +sein. Denn der Gegenstand kann euch niemals vorkommen, weil er durch +keine mögliche Erfahrung gegeben werden kann. Ihr bleibt mit allen +möglichen Wahrnehmungen immer unter Bedingungen, es sei im Raume, +oder in der Zeit, befangen, und kommt an nichts Unbedingtes, um +auszumachen, ob dieses Unbedingte in einem absoluten Anfange der +Synthesis, oder einer absoluten Totalität der Reihe, ohne allen +Anfang, zu setzen sei. Das All aber in empirischer Bedeutung ist +jederzeit nur komparativ. Das absolute All der Größe (das Weltall), +der Teilung, der Abstammung, der Bedingung des Daseins überhaupt, mit +allen Fragen, ob es durch endliche, oder ins Unendliche fortzusetzende +Synthesis zustande zu bringen sei, geht keine mögliche Erfahrung etwas +an. Ihr würdet z.B. die Erscheinungen eines Körpers nicht im mindesten +besser, oder auch nur anders erklären können, ob ihr annehmet, er +bestehe aus einfachen, oder durchgehends immer aus zusammengesetzten +Teilen; denn es kann euch keine einfache Erscheinung und ebensowenig +auch eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen. Die +Erscheinungen verlangen nur erklärt zu werden, so weit ihre +Erklärungsbedingungen in der Wahrnehmung gegeben sind, alles aber, +was jemals an ihnen gegeben werden mag, in einem absoluten Ganzen +zusammengenommen, ist selbst eine Wahrnehmung. Dieses All aber ist es +eigentlich, dessen Erklärung in den transzendentalen Vernunftaufgaben +gefordert wird. + +Da also selbst die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Erfahrung +vorkommen kann, so könnt ihr nicht sagen, daß es ungewiß sei, was +hierüber dem Gegenstande beizulegen sei. Denn euer Gegenstand ist bloß +in eurem Gehirne, und kann außer demselben gar nicht gegeben werden; +daher ihr nur dafür zu sorgen habt, mit euch selbst einig zu werden, +und die Amphibolie zu verhüten, die eure Idee zu einer vermeintlichen +Vorstellung eines empirisch Gegebenen, und also auch nach +Erfahrungsgesetzen zu erkennenden Objekts macht. Die dogmatische +Auflösung ist also nicht etwa ungewiß, sondern unmöglich. Die +kritische aber, welche völlig gewiß sein kann, betrachtet die Frage +gar nicht objektiv, sondern nach dem Fundamente der Erkenntnis, worauf +sie gegründet ist. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Fünfter Abschnitt +Skeptische Vorstellung der kosmologischen Fragen durch alle vier +transzendentalen Ideen + +Wir würden von der Forderung gern abstehen, unsere Fragen dogmatisch +beantwortet zu sehen, wenn wir schon zum voraus begriffen: die Antwort +möchte ausfallen, wie sie wollte, so würde sie unsere Unwissenheit nur +noch vermehren, und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine andere, +aus einer Dunkelheit in eine noch größere und vielleicht gar in +Widersprüche stürzen. Wenn unsere Frage bloß auf Bejahung oder +Verneinung gestellt ist, so ist es klüglich gehandelt, die +vermutlichen Gründe der Beantwortung vorderhand dahingestellt sein zu +lassen, und zuvörderst in Erwägung zu ziehen, was man denn gewinnen +würde, wenn die Antwort auf die eine, und was, wenn sie auf die +Gegenseite ausfiele. Trifft es sich nun, daß in beiden Fällen lauter +Sinnleeres (Nonsens) herauskommt, so haben wir eine gegründete +Aufforderung, unsere Frage selbst kritisch zu untersuchen, und zu +sehen: ob sie nicht selbst auf einer grundlosen Voraussetzung beruhe, +und mit einer Idee spiele, die ihre Falschheit besser in der Anwendung +und durch ihre Folgen, als in der abgesonderten Vorstellung verrät. +Das ist der große Nutzen, den die skeptische Art hat, die Fragen zu +behandeln, welche reine Vernunft an reine Vernunft tut, und wodurch +man eines großen dogmatischen Wustes mit wenig Aufwand überhoben sein +kann, um an dessen Statt eine nüchterne Kritik zu setzen, die, als ein +wahres Katarktikon den Wahn, zusamt seinem Gefolge, der Vielwisserei, +glücklich abführen wird. + +Wenn ich demnach von einer kosmologischen Idee zum voraus einsehen +könnte, daß, auf welche Seite des Unbedingten der regressiven +Synthesis der Erscheinungen sie sich auch schlüge, so würde sie doch +für einen jeden Verstandesbegriff entweder zu groß oder zu klein sein; +so würde ich begreifen, daß, da jene doch es nur mit einem Gegenstande +der Erfahrung zu tun hat, welche einem möglichen Verstandesbegriffe +angemessen sein soll, sie ganz leer und ohne Bedeutung sein müsse, +weil ihr der Gegenstand nicht anpaßt, ich mag ihn derselben +bequemen, wie ich will. Und dieses ist wirklich der Fall mit allen +Weltbegriffen, welche auch eben um deswillen, die Vernunft, so lange +sie ihnen anhängt, in eine unvermeidliche Antinomie verwickeln. Denn +nehmt + +Erstlich an: die Welt habe keinen Anfang, so ist sie für euren Begriff +zu groß; denn dieser, welcher in einem sukzessiven Regressus besteht, +kann die ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen. Setzet: sie +habe einen Anfang, so ist sie wiederum für euren Verstandesbegriff in +dem notwendigen empirischen Regressus zu klein. Denn, weil der Anfang +noch immer eine Zeit, die vorhergeht, voraussetzt, so ist er noch +nicht unbedingt, und das Gesetz des empirischen Gebrauchs des +Verstandes legt es euch auf, noch nach einer höheren Zeitbedingung zu +fragen, und die Welt ist also offenbar für dieses Gesetz zu klein. + +Ebenso ist es mit der doppelten Beantwortung der Frage, wegen der +Weltgröße, dem Raum nach, bewandt. Denn, ist sie unendlich und +unbegrenzt, so ist sie für allen möglichen empirischen Begriff zu +groß. Ist sie endlich und begrenzt, so fragt ihr mit Recht noch: +was bestimmt diese Grenze? Der leere Raum ist nicht ein für sich +bestehendes Korrelatum der Dinge, und kann keine Bedingung sein, +bei der ihr stehenbleiben könnt, noch viel weniger eine empirische +Bedingung, die einen Teil einer möglichen Erfahrung ausmachte. (Denn +wer kann eine Erfahrung vom Schlechthinleeren haben?) Zur absoluten +Totalität aber der empirischen Synthesis wird jederzeit erfordert, daß +das Unbedingte ein Erfahrungsbegriff sei. Also ist eine begrenzte Welt +für euren Begriff zu klein. + +Zweitens, besteht jede Erscheinung im Raume (Materie) aus unendlich +viel Teilen, so ist der Regressus der Teilung für euren Begriff +jederzeit zu groß; und soll die Teilung des Raumes irgend bei einem +Gliede derselben (dem Einfachen) aufhören, so ist er für die Idee +des Unbedingten zu klein. Denn dieses Glied läßt noch immer einen +Regressus zu mehreren in ihm enthaltenen Teilen übrig. + +Drittens, nehmt ihr an: in allem, was in der Welt geschieht, sei +nichts, als Erfolg nach Gesetzen der Natur, so ist die Kausalität +der Ursache immer wiederum etwas, das geschieht, und euren Regressus +zu noch höherer Ursache, mithin die Verlängerung der Reihe von +Bedingungen a parte priori ohne Aufhören notwendig macht. Die bloße +wirkende Natur ist also für allen euren Begriff, in der Synthesis der +Weltbegebenheiten, zu groß. + +Wählt ihr, hin und wieder, von selbst gewirkte Begebenheiten, mithin +Erzeugung aus Freiheit: so verfolgt euch das Warum nach einem +unvermeidlichen Naturgesetze, und nötigt euch, über diesen Punkt +nach dem Kausalgesetze der Erfahrung hinauszugehen, und ihr findet, +daß dergleichen Totalität der Verknüpfung für euren notwendigen +empirischen Begriff zu klein ist. + +Viertens. Wenn ihr ein schlechthin notwendiges Wesen (es sei die Welt +selbst, oder etwas in der Welt, oder die Weltursache) annehmt; so +setzt ihr es in eine, von dem gegebenen Zeitpunkt unendlich entfernte +Zeit; weil es sonst von einem anderen und älteren Dasein abhängend +sein würde. Alsdann ist aber diese Existenz für euren empirischen +Begriff unzugänglich und zu groß, als daß ihr jemals durch irgendeinen +fortgesetzten Regressus dazu gelangen könntet. + +Ist aber, eurer Meinung nach, alles was zur Welt (es sei als Bedingt +oder als Bedingung) gehört, zufällig: so ist jede euch gegebene +Existenz für euren Begriff zu klein. Denn sie nötigt euch, euch noch +immer nach einer anderen Existenz umzusehen, von der sie abhängig ist. + +Wir haben in allen diesen Fällen gesagt, daß die Weltidee für den +empirischen Regressus, mithin jeden möglichen Verstandesbegriff, +entweder zu groß, oder auch für denselben zu klein sei. Warum haben +wir uns nicht umgekehrt ausgedrückt, und gesagt: daß im ersteren Falle +der empirische Begriff für die Idee jederzeit zu klein, im zweiten +aber zu groß sei, und mithin gleichsam die Schuld auf dem empirischen +Regressus hafte; anstatt, daß wir die kosmologische Idee anklagten, +daß sie im Zuviel oder Zuwenig von ihrem Zwecke, nämlich der möglichen +Erfahrung, abwiche? Der Grund war dieser. Mögliche Erfahrung ist das, +was unseren Begriffen allein Realität geben kann; ohne das ist aller +Begriff nur Idee, ohne Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand. +Daher war der mögliche empirische Begriff das Richtmaß, wonach die +Idee beurteilt werden mußte, ob sie bloße Idee und Gedankending sei, +oder in der Welt ihren Gegenstand antreffe. Denn man sagt nur von +demjenigen, daß es verhältnisweise auf etwas anderes zu groß oder +zu klein sei, was nur um dieses letzteren willen angenommen wird, +und darnach eingerichtet sein muß. Zu dem Spielwerke der alten +dialektischen Schulen gehörte auch diese Frage: wenn eine Kugel nicht +durch ein Loch geht, was soll man sagen: Ist die Kugel zu groß, oder +das Loch zu klein? In diesem Falle ist es gleichgültig, wie ihr euch +ausdrücken wollt; denn ihr wißt nicht, welches von beiden um des +anderen willen da ist. Dagegen werdet ihr nicht sagen: der Mann ist +für sein Kleid zu lang, sondern das Kleid ist für den Mann zu kurz. + +Wir sind also wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht. daß +die kosmologischen Ideen, und mit ihnen alle untereinander in Streit +gesetzten vernünftelnden Behauptungen, vielleicht einen leeren und +bloß eingebildeten Begriff, von der Art, wie uns der Gegenstand dieser +Ideen gegeben wird, zum Grunde liegen haben, und dieser Verdacht kann +uns schon auf die rechte Spur führen, das Blendwerk zu entdecken, was +uns so lange irregeführt hat. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Sechster Abschnitt +Der transzendentale Idealism als der Schlüssel zu Auflösung der +kosmologischen Dialektik + +Wir haben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend bewiesen: +daß alles, was im Raume oder der Zeit angeschaut wird, mithin alle +Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung, nichts als Erscheinungen, +d.i. bloße Vorstellungen sind, die, so wie sie vorgestellt werden, +als ausgedehnte Wesen, oder Reihen von Veränderungen, außer unseren +Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff +nenne ich den transzendentalen Idealism.* Der Realist in +transzendentaler Bedeutung macht aus diesen Modifikationen unserer +Sinnlichkeit an sich subsistierende Dinge, und daher bloße +Vorstellungen zu Sachen an sich selbst. + +* Ich habe ihn auch sonst bisweilen den formalen Idealism genannt, um + ihn von dem materialen, d.i. dem gemeinen, der die Existenz äußerer + Dinge selbst bezweifelt oder leugnet, zu unterscheiden. In manchen + Fällen scheint es ratsam zu sein, sich lieber dieser als der + obgenannten Ausdrücke zu bedienen, um alle Mißdeutung zu verhüten. + +Man würde uns Unrecht tun, wenn man uns den schon längst so +verschrienen empirischen Idealismus zumuten wollte, der, indem er die +eigene Wirklichkeit des Raumes annimmt, das Dasein der ausgedehnten +Wesen in denselben leugnet, wenigstens zweifelhaft findet, und +zwischen Traum und Wahrheit in diesem Stücke keinen genugsam +erweislichen Unterschied einräumt. Was die Erscheinungen des inneren +Sinnes in der Zeit betrifft, an denen, als wirklichen Dingen, findet +er keine Schwierigkeit; ja er behauptet sogar, daß diese innere +Erfahrung das wirkliche Dasein ihres Objekts (an sich selbst), (mit +aller dieser Zeitbestimmung,) einzig und allein hinreichend beweise. + +Unser transzendentaler Idealism erlaubt es dagegen: daß die +Gegenstände äußerer Anschauung, ebenso wie sie im Raume angeschaut +werden, auch wirklich sind, und in der Zeit alle Veränderungen, so +wie sie der innere Sinn vorstellt. Denn, da der Raum schon eine Form +derjenigen Anschauung ist, die wir die äußere nennen, und, ohne +Gegenstände in demselben, es gar keine empirische Vorstellung geben +würde: so können und müssen wir darin ausgedehnte Wesen als wirklich +annehmen, und ebenso ist es auch mit der Zeit. Jener Raum selber aber, +samt dieser Zeit, und, zugleich mit beiden, alle Erscheinungen, sind +doch an sich selbst keine Dinge, sondern nichts als Vorstellungen, und +können gar nicht außer unserem Gemüt existieren, und selbst ist die +innere und sinnliche Anschauung unseres Gemüts, (als Gegenstandes des +Bewußtseins,) dessen Bestimmung durch die Sukzession verschiedener +Zustände in der Zeit vorgestellt wird, auch nicht das eigentliche +Selbst, so wie es an sich existiert, oder das transzendentale Subjekt, +sondern nur eine Erscheinung, die der Sinnlichkeit dieses uns +unbekannten Wesens gegeben worden. Das Dasein dieser inneren +Erscheinung, als eines so an sich existierenden Dinges, kann nicht +eingeräumt werden, weil ihre Bedingung die Zeit ist, welche keine +Bestimmung irgendeines Dinges an sich selbst sein kann. In dem Raume +aber und der Zeit ist die empirische Wahrheit der Erscheinungen +genugsam gesichert, und von der Verwandtschaft mit dem Traume +hinreichend unterschieden, wenn beide nach empirischen Gesetzen in +einer Erfahrung richtig und durchgängig zusammenhängen. + +Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals an sich selbst, +sondern nur in der Erfahrung gegeben, und existieren außer derselben +gar nicht. Daß es Einwohner im Monde geben könne, ob sie gleich kein +Mensch jemals wahrgenommen hat, muß allerdings eingeräumt werden, aber +es bedeutet nur so viel: daß wir in dem möglichen Fortschritt der +Erfahrung auf sie treffen könnten; denn alles ist wirklich, was mit +einer Wahrnehmung nach Gesetzen des empirischen Fortgangs in einem +Kontext steht. Sie sind also alsdann wirklich, wenn sie mit meinem +wirklichen Bewußtsein in einem empirischen Zusammenhange stehen, ob +sie gleich darum nicht an sich, d.i. außer diesem Fortschritt der +Erfahrung, wirklich sind. + +Uns ist wirklich nichts gegeben, als die Wahrnehmung und der +empirische Fortschritt von dieser zu anderen möglichen Wahrnehmungen. +Denn an sich selbst sind die Erscheinungen, als bloße Vorstellungen, +nur in der Wahrnehmung wirklich, die in der Tat nichts anderes ist, +als die Wirklichkeit einer empirischen Vorstellung, d.i. Erscheinung. +Vor der Wahrnehmung eine Erscheinung ein wirkliches Ding nennen, +bedeutet entweder, daß wir im Fortgange der Erfahrung auf eine solche +Wahrnehmung treffen müssen, oder es hat gar keine Bedeutung. Denn, +daß sie an sich selbst, ohne Beziehung auf unsere Sinne und mögliche +Erfahrung existiere, könnte allerdings gesagt werden, wenn von einem +Dinge an sich selbst die Rede wäre. Es ist aber bloß von einer +Erscheinung im Raume und der Zeit, die beides keine Bestimmungen der +Dinge an sich selbst, sondern nur unserer Sinnlichkeit sind, die Rede; +daher das, was in ihnen ist, (Erscheinungen) nicht an sich Etwas, +sondern bloße Vorstellungen sind, die, wenn sie nicht in uns (in der +Wahrnehmung) gegeben sind, überall nirgend angetroffen werden. + +Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine +Rezeptivität, auf gewisse Weise mit Vorstellungen affiziert zu werden, +deren Verhältnis zueinander eine reine Anschauung des Raumes und der +Zeit ist, (lauter Formen unserer Sinnlichkeit,) und welche, sofern +sie in diesem Verhältnisse (dem Raume und der Zeit) nach Gesetzen +der Einheit der Erfahrung verknüpft und bestimmbar sind, Gegenstände +heißen. Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns +gänzlich unbekannt, und diese können wir daher nicht als Objekt +anschauen; denn dergleichen Gegenstand würde weder im Raume, noch der +Zeit (als bloßen Bedingungen der sinnlichen Vorstellung) vorgestellt +werden müssen, ohne welche Bedingungen wir uns gar keine Anschauung +denken können. Indessen können wir die bloß intelligible Ursache der +Erscheinungen überhaupt, das transzendentale Objekt nennen, bloß, +damit wir etwas haben, was der Sinnlichkeit als einer Rezeptivität +korrespondiert. Diesem transzendentalen Objekt können wir allen Umfang +und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen zuschreiben, und +sagen: daß es vor aller Erfahrung an sich selbst gegeben sei. Die +Erscheinungen aber sind, ihm gemäß, nicht an sich, sondern nur in +dieser Erfahrung gegeben, weil sie bloße Vorstellungen sind, die +nur als Wahrnehmungen einen wirklichen Gegenstand bedeuten, wenn +nämlich diese Wahrnehmung mit allen anderen nach den Regeln der +Erfahrungseinheit zusammenhängt. So kann man sagen: die wirklichen +Dinge der vergangenen Zeit sind in dem transzendentalen Gegenstande +der Erfahrung gegeben; sie sind aber für mich nur Gegenstände und in +der vergangenen Zeit wirklich, sofern als ich mir vorstelle, daß eine +regressive Reihe möglicher Wahrnehmungen, (es sei am Leitfaden der +Geschichte, oder an den Fußtapfen der Ursachen und Wirkungen,) +nach empirischen Gesetzen, mit einem Worte, der Weltlauf auf eine +verflossene Zeitreihe als Bedingung der gegenwärtigen Zeit führt, +welche alsdann doch nur in dem Zusammenhange einer möglichen Erfahrung +und nicht an sich selbst als wirklich vorgestellt wird, so, daß alle +von undenklicher Zeit her vor meinem Dasein verflossenen Begebenheiten +doch nichts anderes bedeuten, als die Möglichkeit der Verlängerung der +Kette der Erfahrung, von der gegenwärtigen Wahrnehmung an, aufwärts zu +den Bedingungen, welche diese der Zeit nach bestimmen. + +Wenn ich mir demnach alle existierenden Gegenstände der Sinne in aller +Zeit und allen Räumen insgesamt vorstelle: so setze ich solche nicht +vor der Erfahrung in beide hinein, sondern diese Vorstellung ist +nichts anderes, als der Gedanke von einer möglichen Erfahrung, in +ihrer absoluten Vollständigkeit. In ihr allein sind jene Gegenstände +(welche nichts als bloße Vorstellungen sind) gegeben. Daß man aber +sagt, sie existieren vor aller meiner Erfahrung, bedeutet nur, daß +sie in dem Teile der Erfahrung, zu welchem ich, von der Wahrnehmung +anhebend, allererst fortschreiten muß, anzutreffen sind. Die Ursache +der empirischen Bedingungen dieses Fortschritts, mithin auf welche +Glieder, oder auch, wie weit ich auf dergleichen im Regressus treffen +könne, ist transzendental und mir daher notwendig unbekannt. Aber +um diese ist es auch nicht zu tun, sondern nur um die Regel des +Fortschritts der Erfahrung, in der mir die Gegenstände, nämlich +Erscheinungen, gegeben werden. Es ist auch im Ausgange ganz einerlei, +ob ich sage, ich könne im empirischen Fortgange im Raume auf Sterne +treffen, die hundertmal weiter entfernt sind, als die äußersten, die +ich sehe: oder ob ich sage, es sind vielleicht deren im Weltraume +anzutreffen, wenn sie gleich niemals ein Mensch wahrgenommen hat, oder +wahrnehmen wird; denn, wenn sie gleich als Dinge an sich selbst, ohne +Beziehung auf mögliche Erfahrung, überhaupt gegeben wären, so sind sie +doch für mich nichts, mithin keine Gegenstände, als sofern sie in der +Reihe des empirischen Regressus enthalten sind. Nur in anderweitiger +Beziehung, wenn eben diese Erscheinungen zur kosmologischen Idee von +einem absoluten Ganzen gebraucht werden sollen, und, wenn es also +um eine Frage zu tun ist, die über die Grenzen möglicher Erfahrung +hinausgeht, ist die Unterscheidung derart, wie man die Wirklichkeit +gedachter Gegenstände der Sinne nimmt, von Erheblichkeit, um einem +trüglichen Wahne vorzubeugen, welcher aus der Mißdeutung unserer +eigenen Erfahrungsbegriffe unvermeidlich entspringen muß. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Siebenter Abschnitt +Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Vernunft mit +sich selbst + +Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialektischen +Argumente: Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Reihe +aller Bedingungen desselben gegeben: nun sind uns Gegenstände der +Sinne als bedingt gegeben, folglich usw. Durch diesen Vernunftschluß, +dessen Obersatz so natürlich und einleuchtend scheint, werden +nun, nach Verschiedenheit der Bedingungen (in der Synthesis der +Erscheinungen), sofern sie eine Reihe ausmachen, ebensoviel +kosmologische Ideen eingeführt, welche die absolute Totalität dieser +Reihen postulieren und eben dadurch die Vernunft unvermeidlich in +Widerstreit mit sich selbst versetzen. Ehe wir aber das Trügliche +dieses vernünftelnden Arguments aufdecken, müssen wir uns durch +Berichtigung und Bestimmung gewisser darin vorkommender Begriffe dazu +instand setzen. + +Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweifelt gewiß: daß, wenn das +Bedingte gegeben ist, uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe +aller Bedingungen zu demselben aufgegeben sei; denn dieses bringt +schon der Begriff des Bedingten so mit sich, daß dadurch etwas auf +eine Bedingung, und, wenn diese wiederum bedingt ist, auf eine +entferntere Bedingung, und so durch alle Glieder der Reihe bezogen +wird. Dieser Satz ist also analytisch und erhebt sich über alle Furcht +vor eine transzendentale Kritik. Er ist ein logisches Postulat der +Vernunft: diejenige Verknüpfung eines Begriffs mit seinen Bedingungen +durch den Verstand zu verfolgen und soweit als möglich fortzusetzen, +die schon dem Begriffe selbst anhängt. + +Ferner: wenn das Bedingte sowohl, als seine Bedingung, Dinge an sich +selbst sind, so ist, wenn das Erstere gegeben worden, nicht bloß +der Regressus zu dem Zweiten aufgegeben, sondern dieses ist dadurch +wirklich schon mit gegeben, und, weil dieses von allen Gliedern der +Reihe gilt, so ist die vollständige Reihe der Bedingungen, mithin auch +das Unbedingte dadurch zugleich gegeben, oder vielmehr vorausgesetzt, +daß das Bedingte, welches nur durch jene Reihe möglich war, gegeben +ist. Hier ist die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine +Synthesis des bloßen Verstandes, welcher die Dinge vorstellt, wie sie +sind, ohne darauf zu achten, ob, und wie wir zur Kenntnis derselben +gelangen können. Dagegen wenn ich es mit Erscheinungen zu tun habe, +die, als bloße Vorstellungen, gar nicht gegeben sind, wenn ich nicht +zu ihrer Kenntnis (d.i. zu ihnen selbst, denn sie sind nichts, als +empirische Kenntnisse,) gelangen so kann ich nicht in eben der +Bedeutung sagen: wenn das Bedingte gegeben ist, so sind auch alle +Bedingungen (als Erscheinungen) zu demselben gegeben, und kann mithin +auf die absolute Totalität der Reihe derselben keineswegs schließen. +Denn die Erscheinungen sind, in der Apprehension, selber nichts +anderes, als eine empirische Synthesis (im Raume und der Zeit) und +sind also nur in dieser gegeben. Nun folgt es gar nicht, daß, wenn +das Bedingte (in der Erscheinung) gegeben ist, auch die Synthesis, +die seine empirische Bedingung ausmacht, dadurch mitgegeben und +vorausgesetzt sei, sondern diese findet allererst im Regressus, +und niemals ohne denselben, statt. Aber das kann man wohl in einem +solchen Falle sagen, daß ein Regressus zu den Bedingungen, d.i. eine +fortgesetzte empirische Synthesis auf dieser Seite geboten oder +aufgegeben sei, und daß es nicht an Bedingungen fehlen könne, die +durch diesen Regressus gegeben werden. + +Hieraus erhellt, daß der Obersatz des kosmologischen Vernunftschlusses +das Bedingte in transzendentaler Bedeutung einer reinen Kategorie, der +Untersatz aber in empirischer Bedeutung eines auf bloße Erscheinungen +angewandten Verstandesbegriffs nehmen, folglich derjenige dialektische +Betrug darin angetroffen werde, den man Sophisma figurae dictionis +nennt. Dieser Betrug ist aber nicht erkünstelt, sondern eine ganz +natürliche Täuschung der gemeinen Vernunft. Denn durch dieselbe +setzen wir (im Obersatze) die Bedingungen und ihre Reihe, gleichsam +unbesehen, voraus, wenn etwas als bedingt gegeben ist, weil dieses +nichts anderes, als die logische Forderung ist, vollständige Prämissen +zu einem gegebenen Schlußsatze anzunehmen, und da ist in der +Verknüpfung des Bedingten mit seiner Bedingung keine Zeitordnung +anzutreffen; sie werden an sich, als zugleich gegeben, vorausgesetzt. +Ferner ist es ebenso natürlich (im Untersatze) Erscheinungen als Dinge +an sich und ebensowohl dem bloßen Verstande gegebene Gegenstände +anzusehen, wie es im Obersatze geschah, da ich von allen Bedingungen +der Anschauung, unter denen allein Gegenstände gegeben werden +können, abstrahierte. Nun hatten wir aber hierbei einen merkwürdigen +Unterschied zwischen den Begriffen übersehen. Die Synthesis des +Bedingten mit seiner Bedingung und die ganze Reihe der letzteren (im +Obersatze) führte gar nichts von Einschränkung durch die Zeit und +keinen Begriff der Sukzession bei sich. Dagegen ist die empirische +Synthesis und die Reihe der Bedingungen in der Erscheinung (die im +Untersatze subsumiert wird,) notwendig sukzessiv und nur in der Zeit +nacheinander gegeben; folglich konnte ich die absolute Totalität der +Synthesis und der dadurch vorgestellten Reihe hier nicht ebensowohl, +als dort voraussetzen, weil dort alle Glieder der Reihe an sich (ohne +Zeitbedingung) gegeben sind, hier aber nur durch den sukzessiven +Regressus möglich sind, der nur dadurch gegeben ist, daß man ihn +wirklich vollführt. + +Nach der Überweisung eines solchen Fehltritts, des gemeinschaftlich +zum Grunde (der kosmologischen Behauptungen) gelegten Arguments, +können beide streitenden Teile mit Recht, als solche, die ihre +Forderung auf keinen gründlichen Titel gründen, abgewiesen werden. +Dadurch aber ist ihr Zwist noch nicht insofern geendigt, daß sie +überführt worden wären, sie, oder einer von beiden, hätte in der Sache +selbst, die er behauptet, (im Schlußsatze) Unrecht, wenn er sie gleich +nicht auf tüchtige Beweisgründe zu bauen wußte. Es scheint doch nichts +klarer, als daß von zweien, deren der eine behauptet: die Welt hat +einen Anfang, der andere: die Welt hat keinen Anfang, sondern sie +ist von Ewigkeit her, doch einer Recht haben müsse. Ist aber dieses, +so ist es, weil die Klarheit auf beiden Seiten gleich ist, doch +unmöglich, jemals auszumitteln, auf welcher Seite das Recht sei, und +der Streit dauert nach wie vor, wenn die Parteien gleich bei dem +Gerichtshofe der Vernunft zur Ruhe verwiesen worden. Es bleibt also +kein Mittel übrig, den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider +Teile zu endigen, als daß, da sie einander doch so schön widerlegen +können, sie endlich überführt werden, daß sie um nichts streiten, +und ein gewisser transzendentaler Schein ihnen da eine Wirklichkeit +vorgemalt habe, wo keine anzutreffen ist. + +Diesen Weg der Beilegung eines nicht abzuurteilenden Streits wollen +wir jetzt einschlagen. + + * * + * + +Der eleatische Zeno, ein subtiler Dialektiker, ist schon vom Plato als +ein mutwilliger Sophist darüber sehr getadelt worden, daß er, um seine +Kunst zu zeigen, einerlei Satz durch scheinbare Argumente zu beweisen +und bald darauf durch andere ebenso starke wieder umzustürzen suchte. +Er behauptete, Gott (vermutlich war es bei ihm nichts als die Welt) +sei weder endlich, noch unendlich, er sei weder in Bewegung, noch +in Ruhe, sei keinem anderen Dinge weder ähnlich, noch unähnlich. Es +schien denen, die ihn hierüber beurteilten, er habe zwei einander +widersprechende Sätze gänzlich ableugnen wollen, welches ungereimt +ist. Allein ich finde nicht, daß ihm dieses mit Recht zur Last +gelegt werden könne. Den ersteren dieser Sätze werde ich bald näher +beleuchten. Was die übrigen betrifft, wenn er unter dem Worte: Gott, +das Universum verstand, so mußte er allerdings sagen: daß dieses weder +in seinem Orte beharrlich gegenwärtig (in Ruhe) sei, noch denselben +verändere (sich bewege), weil alle Örter nur im Univers, dieses selbst +also in keinem Orte ist. Wenn das Weltall alles, was existiert, in +sich faßt, so ist es auch sofern keinem anderen Dinge, weder ähnlich +noch unähnlich, weil es außer ihm kein anderes Ding gibt, mit dem es +könnte verglichen werden. Wenn zwei einander entgegengesetzte Urteile +eine unstatthafte Bedingung voraussetzen, so fallen sie, unerachtet +ihres Widerstreits (der gleichwohl kein eigentlicher Widerspruch ist), +alle beide weg, weil die Bedingung wegfällt, unter der allein jeder +dieser Sätze gelten sollte. + +Wenn jemand sagte, ein jeder Körper riecht entweder gut, oder er +riecht nicht gut, so findet ein Drittes statt, nämlich, daß er gar +nicht rieche, (ausdufte) und so können beide widerstreitenden Sätze +falsch sein. Sage ich, er ist entweder wohlriechend, oder er ist +nicht wohlriechend: (vel suaveolens vel non suaveolens) so sind beide +Urteile einander kontradiktorisch entgegengesetzt und nur der erste +ist falsch, sein kontradiktorisches Gegenteil aber, nämlich einige +Körper sind nicht wohlriechend, befaßt auch die Körper in sich, die +gar nicht riechen. In der vorigen Entgegenstellung (per disparata) +blieb die zufällige Bedingung des Begriffs der Körper (der Geruch) +noch bei dem widerstreitenden Urteile, und wurde durch dieses +also nicht mit aufgehoben, daher war das letztere nicht das +kontradiktorische Gegenteil des ersteren. + +Sage ich demnach: die Welt ist dem Raume nach entweder unendlich, oder +sie ist nicht unendlich (non est infinitus), so muß, wenn der erstere +Satz falsch ist, sein kontradiktorisches Gegenteil: die Welt ist nicht +unendlich, wahr sein. Dadurch würde ich nur eine unendliche Welt +aufheben, ohne eine andere, nämlich die endliche, zu setzen. Hieße es +aber: die Welt ist entweder unendlich, oder endlich (nichtunendlich,) +so könnten beide falsch sein. Denn ich sehe alsdann die Welt, als an +sich selbst, ihrer Größe nach bestimmt an, indem ich in dem Gegensatz +nicht bloß die Unendlichkeit aufhebe, und, mit ihr, vielleicht ihre +ganze abgesonderte Existenz, sondern eine Bestimmung zur Welt, als +einem an sich selbst wirklichen Dinge, hinzusetzen welches ebensowohl +falsch sein kann, wenn nämlich die Welt gar nicht als ein Ding an +sich, mithin auch nicht ihrer Größe nach, weder als unendlich, noch +als endlich gegeben sein sollte. Man erlaube mir, daß ich dergleichen +Entgegensetzung die dialektische, die des Widerspruchs aber die +analytische Opposition nennen darf. Also können von zwei dialektisch +einander entgegengesetzten Urteilen alle beide falsch sein, darum, +weil eines dem anderen nicht bloß widerspricht, sondern etwas mehr +sagt, als zum Widerspruche erforderlich ist. + +Wenn man die zwei Sätze: die Welt ist der Größe nach unendlich, die +Welt ist ihrer Größe nach endlich, als einander kontradiktorisch +entgegengesetzte ansieht, so nimmt man an, daß die Welt (die ganze +Reihe der Erscheinungen) ein Ding an sich selbst sei. Denn sie bleibt, +ich mag den unendlichen oder endlichen Regressus in der Reihe ihrer +Erscheinungen aufheben. Nehme ich aber diese Voraussetzung, oder +diesen transzendentalen Schein weg, und leugne, daß sie ein Ding an +sich selbst sei, so verwandelt sich der kontradiktorische Widerstreit +beider Behauptungen in einen bloß dialektischen, und weil die Welt +gar nicht an sich (unabhängig von der regressiven Reihe meiner +Vorstellungen) existiert, so existiert sie weder als ein an sich +unendliches, noch als ein an sich endliches Ganzes. Sie ist nur im +empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen und für sich selbst +gar nicht anzutreffen. Daher, wenn diese jederzeit bedingt ist, so +ist sie niemals ganz gegeben, und die Welt ist also kein unbedingtes +Ganzes, existiert also auch nicht als ein solches, weder mit +unendlicher, noch endlicher Größe. + +Was hier von der ersten kosmologischen Idee, nämlich der absoluten +Totalität der Größe in der Erscheinung gesagt worden, gilt auch von +allen übrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven +Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung, als einem +eigenen, vor allem Regressus gegebenen Dinge, anzutreffen. Daher +werde ich auch sagen müssen: die Menge der Teile in einer gegebenen +Erscheinung ist an sich weder endlich, noch unendlich, weil +Erscheinung nichts an sich selbst Existierendes ist, und die Teile +allererst durch den Regressus der dekomponierenden Synthesis, und in +demselben, gegeben werden, welcher Regressus niemals schlechthin ganz, +weder als endlich, noch als unendlich gegeben ist. Eben das gilt von +der Reihe der übereinander geordneten Ursachen, oder der bedingten bis +zur unbedingt notwendigen Existenz, welche niemals weder an sich ihrer +Totalität nach als endlich, noch als unendlich angesehen werden kann, +weil sie als Reihe subordinierter Vorstellungen nur im dynamischen +Regressus besteht, vor demselben aber, und als für sich bestehende +Reihe von Dingen, an sich selbst gar nicht existieren kann. + +So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren +kosmologischen Ideen gehoben, dadurch, daß gezeigt wird, sie sei bloß +dialektisch und ein Widerstreit eines Scheins, der daher entspringt, +daß man die Idee der absoluten Totalität, welche nur als eine +Bedingung der Dinge an sich selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt +hat, die nur in der Vorstellung, und, wenn sie eine Reihe ausmachen, +im sukzessiven Regressus, sonst aber gar nicht existieren. Man kann +aber auch umgekehrt aus dieser Antinomie einen wahren, zwar nicht +dogmatischen, aber doch so kritischen und doktrinalen Nutzen ziehen: +nämlich die transzendentale Idealität der Erscheinungen dadurch +indirekt zu beweisen, wenn jemand etwa an dem direkten Beweise in +der transzendentalen Ästhetik nicht genug hätte. Der Beweis würde +in diesem Dilemma bestehen. Wenn die Welt ein an sich existierendes +Ganzes ist: so ist sie entweder endlich, oder unendlich. Nun ist +das erstere sowohl als das zweite falsch (laut der oben angeführten +Beweise der Antithesis, einer-, und der Thesis andererseits). Also ist +es auch falsch, daß die Welt (der Inbegriff aller Erscheinungen) ein +an sich existierendes Ganzes sei. Woraus denn folgt, daß Erscheinungen +überhaupt außer unseren Vorstellungen nichts sind, welches wir eben +durch die transzendentale Idealität derselben sagen wollten. + +Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, daß die obigen +Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke, sondern gründlich +waren, unter der Voraussetzung nämlich, daß Erscheinungen oder eine +Sinnenwelt, die sie insgesamt in sich begreift, Dinge an sich selbst +wären. Der Widerstreit der daraus gezogenen Sätze entdeckt aber, daß +in der Voraussetzung eine Falschheit liege, und bringt uns dadurch zu +einer Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge, als Gegenstände +der Sinne. Die transzendentale Dialektik tut also keineswegs dem +Skeptizism einigen Vorschub, wohl aber der skeptischen Methode, welche +an ihr ein Beispiel ihres großen Nutzens aufweisen kann, wenn man +die Argumente der Vernunft in ihrer größten Freiheit gegeneinander +auftreten läßt, die, ob sie gleich zuletzt nicht dasjenige, was man +suchte, dennoch jederzeit etwas Nützliches und zur Berichtigung +unserer Urteile Dienliches, liefern werden. + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Achter Abschnitt +Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in Ansehung der kosmologischen +Ideen + +Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maximum der +Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt, als einem Dinge an sich +selbst, gegeben wird, sondern bloß im Regressus derselben aufgegeben +werden kann, so behält der gedachte Grundsatz der reinen Vernunft, +in seiner dergestalt berichtigten Bedeutung, annoch seine gute +Gültigkeit, zwar nicht als Axiom, die Totalität im Objekt als wirklich +zu denken, sondern als ein Problem für den Verstand, also für das +Subjekt, um, der Vollständigkeit in der Idee gemäß, den Regressus in +der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten anzustellen +und fortzusetzen. Denn in der Sinnlichkeit, d.i. im Raume und der +Zeit, ist jede Bedingung, zu der wir in der Exposition gegebener +Erscheinungen gelangen können, wiederum bedingt; weil diese +keine Gegenstände an sich selbst sind, an denen allenfalls das +Schlechthinunbedingte stattfinden könnte, sondern bloß empirische +Vorstellungen, die jederzeit in der Anschauung ihre Bedingung finden +müssen, welche sie dem Raume oder der Zeit nach bestimmt. Der +Grundsatz der Vernunft also ist eigentlich nur eine Regel, welche in +der Reihe der Bedingungen gegebener Erscheinungen einen Regressus +gebietet, dem es niemals erlaubt ist, bei einem Schlechthinunbedingten +stehen zu bleiben. Er ist also kein Prinzipium der Möglichkeit der +Erfahrung und der empirischen Erkenntnis der Gegenstände der Sinne, +mithin kein Grundsatz des Verstandes; denn jede Erfahrung ist in ihren +Grenzen (der gegebenen Anschauung gemäß) eingeschlossen, auch kein +konstitutives Prinzip der Vernunft, den Begriff der Sinnenwelt über +alle mögliche Erfahrung zu erweitern, sondern ein Grundsatz der +größtmöglichen Fortsetzung und Erweiterung der Erfahrung, nach welchem +keine empirische Grenze für absolute Grenze gelten muß, also ein +Prinzipium der Vernunft, welches, als Regel, postuliert, was von uns +im Regressus geschehen soll, und nicht antizipiert, was im Objekte +vor allem Regressus an sich gegeben ist. Daher nenne ich es ein +regulatives Prinzip der Vernunft, da hingegen der Grundsatz der +absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen, als im Objekte +(den Erscheinungen) an sich selbst gegeben, ein konstitutives +kosmologisches Prinzip sein würde, dessen Nichtigkeit ich eben durch +diese Unterscheidung habe anzeigen und dadurch verhindern wollen, daß +man nicht, wie sonst unvermeidlich geschieht, (durch transzendentale +Subreption,) einer Idee, welche bloß zur Regel dient, objektive +Realität beimesse. + +Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu bestimmen, +so ist zuvörderst zu bemerken, daß sie nicht sagen könne, was das +Objekt sei, sondern wie der empirische Regressus anzustellen sei, um +zu dem vollständigen Begriffe des Objekts zu gelangen. Denn, fände +das erstere statt, so würde sie ein konstitutives Prinzipium sein, +dergleichen aus reiner Vernunft niemals möglich ist. Man kann +also damit keineswegs die Absicht haben, zu sagen, die Reihe der +Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten sei an sich endlich, oder +unendlich; denn dadurch würde eine bloße Idee der absoluten Totalität, +die lediglich in ihr selbst geschaffen ist, einen Gegenstand denken, +der in keiner Erfahrung gegeben werden kann, indem einer Reihe von +Erscheinungen eine von der empirischen Synthesis unabhängige objektive +Realität erteilt würde. Die Vernunftidee wird also nur der regressiven +Synthesis in der Reihe der Bedingungen eine Regel vorschreiben, nach +welcher sie vom Bedingten, vermittelst aller einander untergeordneten +Bedingungen, zum Unbedingten fortgeht, obgleich dieses niemals +erreicht wird. Denn das Schlechthinunbedingte wird in der Erfahrung +gar nicht angetroffen. + +Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, sofern +sie niemals vollständig ist, genau zu bestimmen. Man bedient sich +in dieser Absicht gewöhnlich zweier Ausdrücke, die darin etwas +unterscheiden sollen, ohne daß man doch den Grund dieser +Unterscheidung recht anzugeben weiß. Die Mathematiker sprechen +lediglich von einem progressus in infinitum. Die Forscher der Begriffe +(Philosophen) wollen an dessen Statt nur den Ausdruck von einem +progressus in indefinitum gelten lassen. Ohne mich bei der Prüfung der +Bedenklichkeit, die diesen eine solche Unterscheidung angeraten hat, +und dem guten oder fruchtlosen Gebrauch derselben aufzuhalten, will +ich diese Begriffe in Beziehung auf meine Absicht genau zu bestimmen +suchen. + +Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie könne ins +Unendliche verlängert werden, und hier würde die Unterscheidung des +Unendlichen und des unbestimmbar weiten Fortgangs (progressus in +indefinitum) eine leere Subtilität sein. Denn, obgleich, wenn es +heißt: ziehet eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man +hinzusetzt, in indefinitum, als wenn es heißt, in infinitum; weil das +erstere nicht mehr bedeutet, als: verlängert sie, so weit ihr wollt, +das zweite aber: ihr sollt niemals aufhören sie zu verlängern, +(welches hierbei eben nicht die Absicht ist,) so ist doch, wenn nur +vom können die Rede ist, der erstere Ausdruck ganz richtig; denn ihr +könnt sie ins Unendliche immer größer machen. Und so verhält es sich +auch in allen Fällen, wo man nur vom Progressus, d.i. dem Fortgange +von der Bedingung zum Bedingten, spricht; dieser mögliche Fortgang +geht in der Reihe der Erscheinungen ins Unendliche. Von einem +Elternpaar könnt ihr in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende +fortgehen und euch auch ganz wohl denken, daß sie wirklich in der Welt +so fortgehe. Denn hier bedarf die Vernunft niemals absolute Totalität +der Reihe, weil sie solche nicht als Bedingung und wie gegeben (datum) +vorausgesetzt, sondern nur als was Bedingtes, das nur angeblich +(dabile) ist, und ohne Ende hinzugesetzt wird. + +Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt: wie weit sich der +Regressus, der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer +Reihe aufsteigt, erstrecke, ob ich sagen könne: es sei ein Rückgang +ins Unendliche, oder nur ein unbestimmbar weit (in indefinitum) +sich erstreckender Rückgang, und ob ich also von den jetztlebenden +Menschen, in der Reihe ihrer Voreltern, ins Unendliche aufwärts +steigen könne, oder ob nur gesagt werden könne: daß, so weit ich auch +zurückgegangen bin, niemals ein empirischer Grund angetroffen werde, +die Reihe irgendwo für begrenzt zu halten, so daß ich berechtigt und +zugleich verbunden bin, zu jedem der Urväter noch fernerhin seinen +Vorfahren aufzusuchen, obgleich eben nicht vorauszusetzen. + +Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung gegeben +worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Bedingungen +ins Unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, von welchem +der Regressus zur absoluten Totalität allererst fortgehen soll: so +findet nur ein Rückgang in unbestimmte Weise (in indefinitum) statt. +So muß von der Teilung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen Materie +(eines Körpers) gesagt werden: sie gehe ins Unendliche. Denn diese +Materie ist ganz, folglich mit allen ihren möglichen Teilen, in der +empirischen Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen +sein Teil, und die Bedingung dieses Teils der Teil vom Teile usw. ist, +und in diesem Regressus der Dekomposition niemals ein unbedingtes +(unteilbares) Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird, +so ist nicht allein nirgend ein empirischer Grund, in der Teilung +aufzuhören, sondern die ferneren Glieder der fortzusetzenden Teilung +sind selbst vor dieser weitergehenden Teilung empirisch gegeben, d.i. +die Teilung geht ins Unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern +zu einem gegebenen Menschen in keiner möglichen Erfahrung, in ihrer +absoluten Totalität, gegeben, der Regressus aber geht doch von jedem +Gliede dieser Zeugung zu einem höheren, so, daß keine empirische +Grenze anzutreffen ist, die ein Glied, als schlechthin unbedingt, +darstellte. Da aber gleichwohl auch die Glieder, die hierzu die +Bedingung abgeben könnten, nicht in der empirischen Anschauung des +Ganzen schon vor dem Regressus liegen: so geht dieser nicht ins +Unendliche (der Teilung des Gegebenen), sondern in unbestimmbare +Weite, der Aufsuchung mehrerer Glieder zu den gegebenen, die wiederum +jederzeit nur bedingt gegeben sind. + +In keinem von beiden Fällen, sowohl dem regressus in infinitum, als +dem in indefinitum, wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im +Objekt gegeben angesehen. Es sind nicht Dinge, die an sich selbst, +sondern nur Erscheinungen, die, als Bedingungen voneinander, nur im +Regressus selbst gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr: wie +groß diese Reihe der Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder +unendlich, denn sie ist nichts an sich selbst, sondern: wie wir den +empirischen Regressus anstellen, und wie weit wir ihn fortsetzen +sollen. Und da ist denn ein namhafter Unterschied in Ansehung der +Regel dieses Fortschritts. Wenn das Ganze empirisch gegeben worden, so +ist es möglich, ins Unendliche in der Reihe seiner inneren Bedingungen +zurückzugehen. Ist jenes aber nicht gegeben, sondern soll durch +empirischen Regressus allererst gegeben werden, so kann ich nur sagen: +es ist ins Unendliche möglich, zu noch höheren Bedingungen der Reihe +fortzugehen. Im ersteren Falle konnte ich sagen: es sind immer mehr +Glieder da, und empirisch gegeben, als ich durch den Regressus (der +Dekomposition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im Regressus +noch immer weiter gehen, weil kein Glied als schlechthin unbedingt +empirisch gegeben ist, und also noch immer ein höheres Glied als +möglich und mithin die Nachfrage nach demselben als notwendig zuläßt. +Dort war es notwendig, mehr Glieder der Reihe anzutreffen, hier aber +ist es immer notwendig, nach mehreren zu fragen, weil keine Erfahrung +absolut begrenzt. Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung, die euren +empirischen Regressus schlechthin begrenzt, und dann müßt ihr euren +Regressus nicht für vollendet halten, oder habt eine solche eure +Reihe begrenzende Wahrnehmung, so kann diese nicht ein Teil eurer +zurückgelegten Reihe sein, (weil das, was begrenzt, von dem, was +dadurch begrenzt wird, unterschieden sein muß,) und ihr müßt also +euren Regressus auch zu dieser Bedingung weiter fortsetzen, und so +fortan. + +Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung in +ihr gehöriges Licht setzen. + + + + +Der Antinomie der reinen Vernunft +Neunter Abschnitt +Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Prinzips der Vernunft, +in Ansehung aller kosmologischen Ideen + +Da es, wie wir mehrmalen gezeigt haben, keinen transzendentalen +Gebrauch so wenig von reinen Verstandes- als Vernunftbegriffen gibt, +da die absolute Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt +sich lediglich auf einen transzendentalen Gebrauch der Vernunft fußt, +welche diese unbedingte Vollständigkeit von demjenigen fordert, was +sie als Ding an sich selbst voraussetzt; da die Sinnenwelt aber +dergleichen nicht enthält, so kann die Rede niemals mehr von der +absoluten Größe der Reihen in derselben sein, ob sie begrenzt, oder an +sich unbegrenzt sein mögen, sondern nur, wie weit wir im empirischen +Regressus, bei Zurückführung der Erfahrung auf ihre Bedingungen, +zurückgehen sollen, um nach der Regel der Vernunft bei keiner anderen, +als dem Gegenstande angemessenen Beantwortung der Fragen derselben +stehenzubleiben. + +Es ist also nur die Gültigkeit des Vernunftprinzips, als einer Regel +der Fortsetzung und Größe einer möglichen Erfahrung, die uns allein +übrig bleibt, nachdem seine Ungültigkeit, als eines konstitutiven +Grundsatzes der Erscheinungen an sich selbst, hinlänglich dargetan +worden. Auch wird, wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen können, +der Streit der Vernunft mit sich selbst völlig geendigt, indem +nicht allein durch kritische Auflösung der Schein, der sie mit sich +entzweite, aufgehoben worden, sondern an dessen Statt der Sinn, in +welchem sie mit sich selbst zusammenstimmt und dessen Mißdeutung +allein den Streit veranlaßte, aufgeschlossen, und ein sonst +dialektischer Grundsatz in einen doktrinalen verwandelt wird. +In der Tat, wenn dieser, seiner subjektiven Bedeutung nach, den +größtmöglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung den Gegenständen +derselben angemessen zu bestimmen, bewährt werden kann: so ist es +gerade ebensoviel, als ob er wie ein Axiom (welches aus reiner +Vernunft unmöglich ist) die Gegenstände an sich selbst a priori +bestimmte; denn auch dieses könnte in Ansehung der Objekte der +Erfahrung keinen größeren Einfluß auf die Erweiterung und Berichtigung +unserer Erkenntnis haben, als daß es sich in dem ausgebreitetsten +Erfahrungsgebrauche unseres Verstandes tätig bewiese. + + + +I. Auflösung der kosmologischen Idee +von der Totalität der Zusammensetzung der Erscheinungen von einem +Weltganzen + +Sowohl hier, als bei den übrigen kosmologischen Fragen, ist der Grund +des regulativen Prinzips der Vernunft der Satz: daß im empirischen +Regressus keine Erfahrung von einer absoluten Grenze, mithin von +keiner Bedingung, als einer solchen, die empirisch schlechthin +unbedingt sei, angetroffen werden könne. Der Grund davon aber ist: daß +eine dergleichen Erfahrung eine Begrenzung der Erscheinungen durch +Nichts, oder das Leere, darauf der fortgeführte Regressus vermittelst +einer Wahrnehmung stoßen könnte, in sich enthalten müßte, welches +unmöglich ist. + +Dieser Satz nun, der ebensoviel sagt, als: daß ich im empirischen +Regressus jederzeit nur zu einer Bedingung gelange, die selbst +wiederum als empirisch bedingt angesehen werden muß, enthält die Regel +in terminis: daß, so weit ich auch damit in der aufsteigenden Reihe +gekommen sein möge, ich jederzeit nach einem höheren Gliede der Reihe +fragen müsse, es mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt werden, +oder nicht. + +Nun ist zur Auflösung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts weiter +nötig, als noch auszumachen: ob in dem Regressus zu der unbedingten +Größe des Weltganzen (der Zeit und dem Raume nach) dieses niemals +begrenzte Aufsteigen ein Rückgang ins Unendliche heißen könne, oder +nur ein unbestimmbar fortgesetzter Regressus (in indefinitum). + +Die bloße allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen +Weltzustände, imgleichen der Dinge, welche im Weltraume zugleich sind, +ist selbst nichts anderes, als ein möglicher empirischer Regressus, +den ich mir, obzwar noch unbestimmt, denke, und wodurch der Begriff +einer solchen Reihe von Bedingungen zu der gegebenen Wahrnehmung +allein entstehen kann*. Nun habe ich das Weltganze jederzeit nur im +Begriffe, keineswegs aber (als Ganzes) in der Anschauung. Also kann +ich nicht von seiner Größe auf die Größe des Regressus schließen, +und diese jener gemäß bestimmen, sondern ich muß mir allererst einen +Begriff von der Weltgröße durch die Größe des empirischen Regressus +machen. Von diesem aber weiß ich niemals etwas mehr, als daß ich von +jedem gegebenen Gliede der Reihe von Bedingungen immer noch zu einem +höheren (entfernteren) Gliede empirisch fortgehen müsse. Also ist +dadurch die Größe des Ganzen der Erscheinungen gar nicht schlechthin +bestimmt, mithin kann man auch nicht sagen, daß dieser Regressus ins +Unendliche gehe, weil dieses die Glieder, dahin der Regressus noch +nicht gelangt ist, antizipieren und ihre Menge so groß vorstellen +würde, daß keine empirische Synthesis dazu gelangen kann, folglich die +Weltgröße vor dem Regressus (wenn gleich nur negativ) bestimmen würde, +welches unmöglich ist. Denn diese ist mir durch keine Anschauung +(ihrer Totalität nach) mithin auch ihre Größe vor dem Regressus gar +nicht gegeben. Demnach können wir von der Weltgröße an sich gar nichts +sagen, auch nicht einmal, daß in ihr ein regressus in infinitum +stattfinde, sondern müssen nur nach der Regel, die den empirischen +Regressus in ihr bestimmt, den Begriff von ihrer Größe suchen. Diese +Regel aber sagt nichts mehr, als daß, so weit wir auch in der Reihe +der empirischen Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgend eine +absolute Grenze annehmen sollen, sondern jede Erscheinung, als +bedingt, einer anderen, als ihrer Bedingung, unterordnen, zu dieser +also ferner fortschreiten müssen, welches der regressus in indefinitum +ist, der, weil er keine Größe im Objekt bestimmt, von dem in infinitum +deutlich genug zu unterscheiden ist. + +* Diese Weltreihe kann also auch weder größer, noch kleiner sein, + als der mögliche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff + beruht. Und da dieser kein bestimmtes Unendliches, ebensowenig aber + auch ein bestimmtendliches (schlechthin Begrenztes) geben kann: + so ist daraus klar, daß wir die Weltgröße weder als endlich, + noch unendlich annehmen können, weil der Regressus (dadurch jene + vorgestellt wird) keines von beiden zuläßt. + +Ich kann demnach nicht sagen: die Welt ist der vergangenen Zeit, oder +dem Raume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Größe, als +einer gegebenen Unendlichkeit, ist empirisch, mithin auch in Ansehung +der Welt, als eines Gegenstandes der Sinne, schlechterdings unmöglich. +Ich werde auch nicht sagen: der Regressus von einer gegebenen +Wahrnehmung an, zu allen dem, was diese im Raume sowohl, als der +vergangenen Zeit, in einer Reihe begrenzt, geht ins Unendliche; denn +dieses setzt die unendliche Weltgröße voraus; auch nicht: sie ist +endlich; denn die absolute Grenze ist gleichfalls empirisch unmöglich. +Demnach werde ich nichts von dem ganzen Gegenstande der Erfahrung (der +Sinnenwelt), sondern nur von der Regel, nach welcher Erfahrung ihrem +Gegenstande angemessen, angestellt und fortgesetzt werden soll, sagen +können. + +Auf die kosmologische Frage also, wegen der Weltgröße, ist die erste +und negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und +keine äußerste Grenze dem Raume nach. + +Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer-, +und durch den leeren Raum andererseits begrenzt sein. Da sie nun, +als Erscheinung, keines von beiden an sich selbst sein kann, denn +Erscheinung ist kein Ding an sich selbst, so müßte eine Wahrnehmung +der Begrenzung durch schlechthin leere Zeit, oder leeren Raum, möglich +sein, durch welche diese Weltenden in einer möglichen Erfahrung +gegeben wären. Eine solche Erfahrung aber, als völlig leer an Inhalt, +ist unmöglich. Also ist eine absolute Weltgrenze empirisch, mithin +auch schlechterdings unmöglich*. + +* Man wird bemerken: daß der Beweis hier auf ganz andere Art geführt + worden, als der dogmatische, oben in der Antithesis der ersten + Antinomie. Daselbst hatten wir die Sinnenwelt, nach der gemeinen + und dogmatischen Vorstellungsart, für ein Ding, was an sich selbst, + vor allem Regressus, seiner Totalität nach gegeben war, gelten + lassen, und hatten ihr, wenn sie nicht alle Zeit und alle Räume + einnähme, überhaupt irgendeine bestimmte Stelle in beiden + abgesprochen. Daher war die Folgerung auch anders, als hier, nämlich + es wurde auf die wirkliche Unendlichkeit derselben geschlossen. + +Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus in +der Reihe der Welterscheinungen, als eine Bestimmung der Weltgröße, +geht in indefinitum, welches ebenso viel sagt, als: die Sinnenwelt hat +keine absolute Größe, sondern der empirische Regressus (wodurch sie +auf der Seite ihrer Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine +Regel, nämlich von einem jeden Gliede der Reihe, als einem Bedingten, +jederzeit zu einem noch entfernteren (es sei durch eigene Erfahrung, +oder den Leitfaden der Geschichte, oder die Kette der Wirkungen +und ihrer Ursachen,) fortzuschreiten, und sich der Erweiterung +des möglichen empirischen Gebrauchs seines Verstandes nirgend zu +überheben, welches denn auch das eigentliche und einzige Geschäft der +Vernunft bei ihren Prinzipien ist. + +Ein bestimmter empirischer Regressus, der in einer gewissen Art +von Erscheinungen ohne Aufhören fortginge, wird hierdurch nicht +vorgeschrieben, z.B. daß man von einem lebenden Menschen immer in +einer Reihe von Voreltern aufwärts steigen müsse, ohne ein erstes Paar +zu erwarten, oder in der Reihe der Weltkörper, ohne eine äußerste +Sonne zuzulassen; sondern es wird nur der Fortschritt von +Erscheinungen zu Erscheinungen geboten, sollten diese auch keine +wirkliche Wahrnehmung (wenn sie dem Grade nach für unser Bewußtsein zu +schwach ist, um Erfahrung zu werden) abgeben, weil sie dem ungeachtet +doch zur möglichen Erfahrung gehören. + +Aller Anfang ist in der Zeit, und alle Grenze des Ausgedehnten im +Raume. Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt. Mithin sind nur +Erscheinungen in der Welt bedingterweise, die Welt aber selbst weder +bedingt, noch auf unbedingte Art begrenzt. + +Eben um deswillen, und da die Welt niemals ganz, und selbst die Reihe +der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht, als Weltreihe, +ganz gegeben werden kann, ist der Begriff von der Weltgröße nur +durch den Regressus, und nicht vor demselben in einer kollektiven +Anschauung, gegeben. Jener besteht aber immer nur im Bestimmen der +Größe, und gibt also keinen bestimmten Begriff, als auch keinen +Begriff von einer Größe, die in Ansehung eines gewissen Maßes +unendlich wäre, geht also nicht ins Unendliche (gleichsam gegebene), +sondern in unbestimmte Weite, um eine Größe (der Erfahrung) zu geben, +die allererst durch diesen Regressus wirklich wird. + + + +II. Auflösung der kosmologischen Idee +von der Totalität der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Anschauung + +Wenn ich ein Ganzes, das in der Anschauung gegeben ist, teile, so gehe +ich von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit. Die +Teilung der Teile (subdivisio oder decompositio) ist ein Regressus +in der Reihe dieser Bedingungen. Die absolute Totalität dieser Reihe +würde nur alsdann gegeben sein, wenn der Regressus bis zu einfachen +Teilen gelangen könnte. Sind aber alle Teile in einer kontinuierlich +fortgehenden Dekomposition immer wiederum teilbar, so geht die +Teilung, d.i. der Regressus, von dem Bedingten zu seinen Bedingungen +in infinitum; weil die Bedingungen (die Teile) in dem Bedingten selbst +enthalten sind, und, da dieses in einer zwischen seinen Grenzen +eingeschlossenen Anschauung ganz gegeben ist, insgesamt auch mit +gegeben sind. Der Regressus darf also nicht bloß ein Rückgang in +indefinitum genannt werden, wie es die vorige kosmologische Idee +allein erlaubte, da ich vom Bedingten zu seinen Bedingungen, die, +außer demselben, mithin nicht dadurch zugleich mit so gegeben waren, +sondern die im empirischen Regressus allererst hinzukamen, fortgehen +sollte. Diesem ungeachtet ist es doch keineswegs erlaubt, von einem +solchen Ganzen, das ins Unendliche teilbar ist, zu sagen: es bestehe +aus unendlich viel Teilen. Denn obgleich alle Teile in der Anschauung +des Ganzen enthalten sind, so ist doch darin nicht die ganze Teilung +enthalten, welche nur in der fortgehenden Dekomposition, oder dem +Regressus selbst besteht, der die Reihe allererst wirklich macht. Da +dieser Regressus nun unendlich ist, so sind zwar alle Glieder (Teile), +zu denen er gelangt, in dem gegebenen Ganzen als Aggregate enthalten, +aber nicht die ganze Reihe der Teilung, welche sukzessivunendlich +und niemals ganz ist, folglich keine unendliche Menge, und keine +Zusammennehmung derselben in einem Ganzen darstellen kann. + +Diese allgemeine Erinnerung läßt sich zuerst sehr leicht auf den +Raum anwenden. Ein jeder in seinen Grenzen angeschauter Raum ist ein +solches Ganzes, dessen Teile bei aller Dekomposition immer wiederum +Räume sind, und ist daher ins Unendliche teilbar. + +Hieraus folgt auch ganz natürlich die weite Anwendung, auf eine +in ihren Grenzen eingeschlossene äußere Erscheinung (Körper). Die +Teilbarkeit desselben gründet sich auf die Teilbarkeit des Raumes, der +die Möglichkeit des Körpers, als eines ausgedehnten Ganzen, ausmacht. +Dieser ist also ins Unendliche teilbar, ohne doch darum aus unendlich +viel Teilen zu bestehen. + +Es scheint zwar: daß, da ein Körper als Substanz im Raume vorgestellt +werden muß, er, was das Gesetz der Teilbarkeit des Raumes betrifft, +hierin von diesem unterschieden sein werde: denn man kann es +allenfalls wohl zugeben: daß die Dekomposition im letzteren niemals +alle Zusammensetzung wegschaffen könne, indem alsdann sogar aller +Raum, der sonst nichts Selbstständiges hat, aufhören würde (welches +unmöglich ist); allein daß, wenn alle Zusammensetzung der Materie in +Gedanken aufgehoben würde, gar nichts übrigbleiben solle, scheint +sich nicht mit dem Begriffe einer Substanz vereinigen zu lassen, die +eigentlich das Subjekt aller Zusammensetzung sein sollte, und in ihren +Elementen übrigbleiben müßte, wenngleich die Verknüpfung derselben im +Raume, dadurch sie einen Körper ausmachen, aufgehoben wäre. Allein mit +dem, was in der Erscheinung Substanz heißt, ist es nicht so bewandt, +als man es wohl von einem Dinge an sich selbst durch reinen +Verstandesbegriff denken würde. Jenes ist nicht absolutes Subjekt, +sondern beharrliches Bild der Sinnlichkeit und nichts als Anschauung, +in der überall nichts Unbedingtes angetroffen wird. + +Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins Unendliche bei der +Subdivision einer Erscheinung, als einer bloßen Erfüllung des Raumes, +ohne allen Zweifel stattfindet: so kann sie doch nicht gelten, wenn +wir sie auch auf die Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen +Ganzen schon abgesonderten Teile, dadurch diese ein quantum discretum +ausmachen, erstrecken wollen. Annehmen, daß in jedem gegliederten +(organisierten) Ganzen ein jeder Teil wiederum gegliedert sei, und daß +man auf solche Art, bei Zerlegung der Teile ins Unendliche, immer neue +Kunstteile antreffe, mit einem Worte, daß das Ganze ins Unendliche +gegliedert sei, will sich gar nicht denken lassen, obzwar wohl, +daß die Teile der Materie, bei ihrer Dekomposition ins Unendliche, +gegliedert werden könnten. Denn die Unendlichkeit der Teilung einer +gegebenen Erscheinung im Raume gründet sich allein darauf, daß durch +diese bloß die Teilbarkeit, d.i. eine an sich schlechthin unbestimmte +Menge von Teilen gegeben ist, die Teile selbst aber nur durch die +Subdivision gegeben und bestimmt werden, kurz, daß das Ganze nicht +an sich selbst schon eingeteilt ist. Daher die Teilung eine Menge in +demselben bestimmen kann, die so weit geht, als man im Regressus der +Teilung fortschreiten will. Dagegen wird bei einem ins Unendliche +gegliederten organischen Körper das Ganze eben durch diesen Begriff +schon als eingeteilt vorgestellt, und eine an sich selbst bestimmte, +aber unendliche Menge der Teile, vor allem Regressus der Teilung, in +ihm angetroffen, wodurch man sich selbst widerspricht; indem diese +unendliche Entwicklung als eine niemals zu vollendende Reihe +(unendlich), und gleichwohl doch in einer Zusammennehmung als +vollendet, angesehen wird. Die unendliche Teilung bezeichnet nur die +Erscheinung als quantum continuum und ist von der Erfüllung des Raumes +unzertrennlich; weil eben in derselben der Grund der unendlichen +Teilbarkeit liegt. Sobald aber etwas als quantum discretum angenommen +wird: so ist die Menge der Einheiten darin bestimmt; daher auch +jederzeit einer Zahl gleich. Wie weit also die Organisierung in einem +gegliederten Körper gehen möge, kann nur die Erfahrung ausmachen, und +wenn sie gleich mit Gewißheit zu keinem unorganischen Teile gelangte, +so müssen solche doch wenigstens in der möglichen Erfahrung liegen. +Aber wie weit sich die transzendentale Teilung einer Erscheinung +überhaupt erstrecke, ist gar keine Sache der Erfahrung, sondern +ein Prinzipium der Vernunft, den empirischen Regressus, in der +Dekomposition des Ausgedehnten, der Natur dieser Erscheinung gemäß, +niemals für schlechthin vollendet zu halten. + + + +Schlußanmerkung +zur Auflösung der mathematisch-transzendentalen, und Vorerinnerung zur +Auflösung der dynamisch-transzendentalen Ideen + +Als wir die Antinomie der reinen Vernunft durch alle transzendentalen +Ideen in einer Tafel vorstellten, da wir den Grund dieses Widerstreits +und das einzige Mittel, ihn zu heben, anzeigten, welches darin +bestand, daß beide entgegengesetzte Behauptungen für falsch erklärt +wurden: so haben wir allenthalben die Bedingungen, als zu ihrem +Bedingten nach Verhältnissen des Raumes und der Zeit gehörig, +vorgestellt, welches die gewöhnliche Voraussetzung des gemeinen +Menschenverstandes ist, worauf denn auch jener Widerstreit gänzlich +beruhte. In dieser Rücksicht waren auch alle dialektischen +Vorstellungen der Totalität, in der Reihe der Bedingungen zu einem +gegebenen Bedingten, durch und durch von gleicher Art. Es war immer +eine Reihe, in welcher die Bedingung mit dem Bedingten, als Glieder +derselben, verknüpft und dadurch gleichartig waren, da denn der +Regressus niemals vollendet gedacht, oder, wenn dieses geschehen +sollte, ein an sich bedingtes Glied fälschlich als ein erstes, mithin +als unbedingt angenommen werden müßte. Es würde also zwar nicht +allerwärts das Objekt, d.i. das Bedingte, aber doch die Reihe der +Bedingungen zu demselben, bloß ihrer Größe nach erwogen, und da +bestand die Schwierigkeit, die durch keinen Vergleich, sondern durch +gänzliche Abschneidung des Knotens allein gehoben werden konnte, +darin, daß die Vernunft es dem Verstande entweder zu lang oder zu kurz +machte, so, daß dieser ihrer Idee niemals gleich kommen konnte. + +Wir haben aber hierbei einen wesentlichen Unterschied übersehen, der +unter den Objekten d.i. den Verstandesbegriffen herrscht, welche die +Vernunft zu Ideen zu erheben trachtet, da nämlich, nach unserer obigen +Tafel der Kategorien, zwei derselben mathematische, die zwei übrigen +aber eine dynamische Synthesis der Erscheinungen bedeuten. Bis hierher +konnte dieses auch gar wohl geschehen, indem, so wie wir in der +allgemeinen Vorstellung aller transzendentalen Ideen immer nur unter +Bedingungen in der Erscheinung blieben, eben so auch in den zwei +mathematischtranszendentalen keinen anderen Gegenstand, als den in der +Erscheinung hatten. Jetzt aber, da wir zu dynamischen Begriffen des +Verstandes, sofern sie der Vernunftidee anpassen sollen, fortgehen, +wird jene Unterscheidung wichtig, und eröffnet uns eine ganz neue +Aussicht in Ansehung des Streithandels, darin die Vernunft verflochten +ist, und welcher, da er vorher, als auf beiderseitige falsche +Voraussetzungen gebaut, abgewiesen worden, jetzt, da vielleicht in +der dynamischen Antinomie eine solche Voraussetzung stattfindet, die +mit der Prätension der Vernunft zusammen bestehen kann, aus diesem +Gesichtspunkte, und, da der Richter den Mangel der Rechtsgründe, die +man beiderseits verkannt hatte, ergänzt, zu beider Teile Genugtuung +verglichen werden kann, welches sich bei dem Streite in der +mathematischen Antinomie nicht tun ließ. + +Die Reihen der Bedingungen sind freilich insofern alle gleichartig, +als man lediglich auf die Erstreckung derselben sieht: ob sie der Idee +angemessen sind, oder ob diese für jene zu groß, oder zu klein seien. +Allein der Verstandesbegriff, der diesen Ideen zum Grunde liegt, +enthält entweder lediglich eine Synthesis des Gleichartigen, (welches +bei jeder Größe, in der Zusammensetzung sowohl als Teilung derselben, +vorausgesetzt wird,) oder auch des Ungleichartigen, welches in der +dynamischen Synthesis, der Kausalverbindung sowohl, als der des +Notwendigen mit dem Zufälligen, wenigstens zugelassen werden kann. + +Daher kommt es, daß in der mathematischen Verknüpfung der Reihen der +Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hineinkommen kann, +d.i. eine solche, die selbst ein Teil der Reihe ist; da hingegen die +dynamische Reihe sinnlicher Bedingungen doch noch eine ungleichartige +Bedingung zuläßt, die nicht ein Teil der Reihe ist, sondern, als bloß +intelligibel, außer der Reihe liegt, wodurch denn der Vernunft ein +Genüge getan und das Unbedingte den Erscheinungen vorgesetzt wird, +ohne die Reihe der letzteren, als jederzeit bedingt, dadurch zu +verwirren und, den Verstandesgrundsätzen zuwider, abzubrechen. + +Dadurch nun, daß die dynamischen Ideen eine Bedingung der +Erscheinungen außer der Reihe derselben, d.i. eine solche, die selbst +nicht Erscheinung ist, zulassen, geschieht etwas, was von dem Erfolg +der Antinomie gänzlich unterschieden ist. Diese nämlich verursachte, +daß beide dialektischen Gegenbehauptungen für falsch erklärt werden +mußten. Dagegen das Durchgängigbedingte der dynamischen Reihen, +welches von ihnen als Erscheinungen unzertrennlich ist, mit der zwar +empirischunbedingten, aber auch nichtsinnlichen Bedingung verknüpft, +dem Verstande einerseits und der Vernunft andererseits* Genüge +leisten, und, indem die dialektischen Argumente, welche unbedingte +Totalität in bloßen Erscheinungen auf eine oder andere Art suchten, +wegfallen, dagegen die Vernunftsätze, in der auf solche Weise +berichtigten Bedeutung, alle beide wahr sein können; welches bei +den kosmologischen Ideen, die bloß mathematischunbedingte Einheit +betreffen, niemals stattfinden kann, weil bei ihnen keine Bedingung +der Reihe der Erscheinungen angetroffen wird, als die auch selbst +Erscheinung ist und als solche mit ein Glied der Reihe ausmacht. + +* Denn der Verstand erlaubt unter Erscheinungen keine Bedingung, die + selbst empirisch unbedingt wäre. Ließe sich aber eine intelligible + Bedingung, die also nicht in die Reihe der Erscheinungen, als + ein Glied, mit gehörte, zu einem Bedingten (in der Erscheinung) + gedenken, ohne doch dadurch die Reihe empirischer Bedingungen im + mindesten zu unterbrechen: so könnte eine solche als empirisch + unbedingt zugelassen werden, so daß dadurch dem empirischen + kontinuierlichen Regressus nirgend Abbruch geschähe. + + + +III. Auflösung der kosmologischen Ideen +von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten aus ihren +Ursachen + +Man kann sich nur zweierlei Kausalität in Ansehung dessen, was +geschieht, denken, entweder nach der Natur, oder aus Freiheit. Die +erste ist die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der +Sinnenwelt, worauf jener nach einer Regel folgt. Da nun die Kausalität +der Erscheinungen auf Zeitbedingungen beruht, und der vorige Zustand, +wenn er jederzeit gewesen wäre, auch keine Wirkung, die allererst in +der Zeit entspringt, hervorgebracht hätte: so ist die Kausalität der +Ursache dessen, was geschieht, oder entsteht, auch entstanden, und +bedarf nach dem Verstandesgrundsatze selbst wiederum eine Ursache. + +Dagegen verstehe ich unter Freiheit, im kosmologischen Verstande, das +Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Kausalität also +nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache +steht, welche sie der Zeit nach bestimmte. Die Freiheit ist in dieser +Bedeutung eine reine transzendentale Idee, die erstlich nichts von der +Erfahrung Entlehntes enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner +Erfahrung bestimmt gegeben werden kann, weil es ein allgemeines +Gesetz, selbst der Möglichkeit aller Erfahrung, ist, daß alles, was +geschieht, eine Ursache, mithin auch die Kausalität der Ursache, die +selbst geschehen, oder entstanden, wiederum eine Ursache haben müsse; +wodurch denn das ganze Feld der Erfahrung, so weit es sich erstrecken +mag, in einen Inbegriff bloßer Natur verwandelt wird. Da aber +auf solche Weise keine absolute Totalität der Bedingungen im +Kausalverhältnisse herauszubekommen ist, so schafft sich die Vernunft +die Idee von einer Spontaneität, die von selbst anheben könne zu +handeln, ohne daß eine andere Ursache vorangeschickt werden dürfe, +sie wiederum nach dem Gesetze der Kausalverknüpfung zur Handlung zu +bestimmen. + +Es ist überaus merkwürdig, daß auf diese transzendentale Idee der +Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und jene in +dieser das eigentliche Moment der Schwierigkeiten ausmache, welche +die Frage über ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben. Die Freiheit +im praktischen Verstande ist die Unabhängigkeit der Willkür von +der Nötigung durch Antriebe der Sinnlichkeit. Denn eine Willkür +ist sinnlich, sofern sie pathologisch (durch Bewegursachen der +Sinnlichkeit) affiziert ist; sie heißt tierisch (arbitrium brutum), +wenn sie pathologisch necessitiert werden kann. Die menschliche +Willkür ist zwar ein arbitrium sensitivum, aber nicht brutum, sondern +liberum, weil Sinnlichkeit ihre Handlung nicht notwendig macht, +sondern dem Menschen ein Vermögen beiwohnt, sich, unabhängig von der +Nötigung durch sinnliche Antriebe, von selbst zu bestimmen. + +Man sieht leicht, daß, wenn alle Kausalität in der Sinnenwelt bloß +Natur wäre, so würde jede Begebenheit durch eine andere in der +Zeit nach notwendigen Gesetzen bestimmt sein, und mithin, da die +Erscheinungen, sofern sie die Willkür bestimmen, jede Handlung als +ihren natürlichen Erfolg notwendig machen müßten, so würde die +Aufhebung der transzendentalen Freiheit zugleich alle praktische +Freiheit vertilgen. Denn diese setzt voraus, daß, obgleich etwas nicht +geschehen ist, es doch habe geschehen sollen, und seine Ursache in der +Erscheinung also nicht so bestimmend war, daß nicht in unserer Willkür +eine Kausalität liege, unabhängig von jenen Naturursachen und selbst +wider ihre Gewalt und Einfluß etwas hervorzubringen, was in der +Zeitordnung nach empirischen Gesetzen bestimmt ist, mithin eine Reihe +von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen. + +Es geschieht also hier, was überhaupt indem Widerstreit einer +sich über die Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagenden Vernunft +angetroffen wird, daß die Aufgabe eigentlich nicht physiologisch, +sondern transzendental ist. Daher die Frage von der Möglichkeit der +Freiheit die Psychologie zwar anficht, aber, da sie auf dialektischen +Argumenten der bloß reinen Vernunft beruht, samt ihrer Auflösung +lediglich die Transzendentalphilosophie beschäftigen muß. Um nun +diese, welche eine befriedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann, +dazu in Stand zu setzen, muß ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser +Aufgabe durch eine Bemerkung näher zu bestimmen suchen. + +Wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, mithin Raum und Zeit +Formen des Daseins der Dinge an sich selbst: so würden die Bedingungen +mit dem Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben +Reihe gehören, und daraus auch in gegenwärtigem Falle die Antinomie +entspringen, die allen transzendentalen Ideen gemein ist, daß diese +Reihe unvermeidlich für den Verstand zu groß, oder zu klein ausfallen +müßte. Die dynamischen Vernunftbegriffe aber, mit denen wir uns in +dieser und der folgenden Nummer beschäftigen, haben dieses besondere: +daß, da sie es nicht mit einem Gegenstande, als Größe betrachtet, +sondern nur mit seinem Dasein zu tun haben, man auch von der Größe der +Reihe der Bedingungen abstrahieren kann, und es bei ihnen bloß auf das +dynamische Verhältnis der Bedingung zum Bedingten ankommt, so, daß +wir in der Frage über Natur und Freiheit schon die Schwierigkeit +antreffen, ob Freiheit überall nur möglich sei, und ob, wenn sie +es ist, sie mit der Allgemeinheit des Naturgesetzes der Kausalität +zusammen bestehen könne; mithin ob es ein richtigdisjunktiver Satz +sei, daß eine jede Wirkung in der Welt entweder aus Natur, oder +aus Freiheit entspringen müsse, oder ob nicht vielmehr beides in +verschiedener Beziehung bei einer und derselben Begebenheit zugleich +stattfinden könne. Die Richtigkeit jenes Grundsatzes, von dem +durchgängigen Zusammenhange aller Begebenheiten der Sinnenwelt, +nach unwandelbaren Naturgesetzen, steht schon als ein Grundsatz der +transzendentalen Analytik fest und leidet keinen Abbruch. Es ist also +nur die Frage: ob demungeachtet in Ansehung eben derselben Wirkung, +die nach der Natur bestimmt ist, auch Freiheit stattfinden könne, +oder diese durch jene unverletzliche Regel völlig ausgeschlossen sei. +Und hier zeigt die zwar gemeine, aber betrügliche Voraussetzung der +absoluten Realität der Erscheinungen, sogleich ihren nachteiligen +Einfluß, die Vernunft zu verwirren. Denn, sind Erscheinungen Dinge +an sich selbst, so ist Freiheit nicht zu retten. Alsdann ist Natur +die vollständige und an sich hinreichend bestimmende Ursache jeder +Begebenheit, und die Bedingung derselben ist jederzeit nur in der +Reihe der Erscheinungen enthalten, die, samt ihrer Wirkung, unter +jedem Naturgesetze notwendig sind. Wenn dagegen Erscheinungen für +nichts mehr gelten, als sie in der Tat sind, nämlich nicht für Dinge +an sich, sondern bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen +zusammenhängen, so müssen sie selbst noch Gründe haben, die nicht +Erscheinungen sind. Eine solche intelligible Ursache aber wird in +Ansehung ihrer Kausalität nicht durch Erscheinungen bestimmt, obzwar +ihre Wirkungen erscheinen, und so durch andere Erscheinungen bestimmt +werden können. Sie ist also samt ihrer Kausalität außer der Reihe; +dagegen ihre Wirkungen in der Reihe der empirischen Bedingungen +angetroffen werden. Die Wirkung kann also in Ansehung ihrer +intelligiblen Ursache als frei, und doch zugleich in Ansehung der +Erscheinungen als Erfolg aus denselben nach der Notwendigkeit der +Natur, angesehen werden; eine Unterscheidung, die, wenn sie im +Allgemeinen und ganz abstrakt vorgetragen wird, äußerst subtil und +dunkel erscheinen muß, die sich aber in der Anwendung aufklären +wird. Hier habe ich nur die Anmerkung machen wollen: daß, da der +durchgängige Zusammenhang aller Erscheinungen, in einem Kontext der +Natur, ein unnachlaßliches Gesetz ist, dieses alle Freiheit notwendig +umstürzen müßte, wenn man der Realität der Erscheinungen hartnäckig +anhängen wollte. Daher auch diejenigen, welche hierin der gemeinen +Meinung folgen, niemals dahin haben gelangen können, Natur und +Freiheit miteinander zu vereinigen. + + + +Möglichkeit der Kausalität durch Freiheit, +in Vereinigung mit dem allgemeinen Gesetze der Naturnotwendigkeit + +Ich nenne dasjenige an einem Gegenstande der Sinne, was selbst nicht +Erscheinung ist, intelligibel. Wenn demnach dasjenige, was in der +Sinnenwelt als Erscheinung angesehen werden muß, an sich selbst auch +ein Vermögen hat, welches kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung +ist, wodurch es aber doch die Ursache von Erscheinungen sein kann: so +kann man die Kausalität dieses Wesens auf zwei Seiten betrachten, als +intelligibel nach ihrer Handlung, als eines Dinges an sich selbst, und +als sensibel, nach den Wirkungen derselben, als einer Erscheinung in +der Sinnenwelt. Wir würden uns demnach von dem Vermögen eines solchen +Subjekts einen empirischen, imgleichen auch einen intellektuellen +Begriff seiner Kausalität machen, welche bei einer und derselben +Wirkung zusammen stattfinden. Eine solche doppelte Seite, das Vermögen +eines Gegenstandes der Sinne sich zu denken, widerspricht keinem von +den Begriffen, die wir uns von Erscheinungen und von einer möglichen +Erfahrung zu machen haben. Denn, da diesen, weil sie an sich keine +Dinge sind, ein transzendentaler Gegenstand zum Grunde liegen muß, +der sie als bloße Vorstellungen bestimmt, so hindert nichts, daß wir +diesem transzendentalen Gegenstande, außer der Eigenschaft, dadurch +er erscheint, nicht auch eine Kausalität beilegen sollten, die nicht +Erscheinung ist, obgleich ihre Wirkung dennoch in der Erscheinung +angetroffen wird. Es muß aber eine jede wirkende Ursache einen +Charakter haben, d.i. ein Gesetz ihrer Kausalität, ohne welches sie +gar nicht Ursache sein würde. Und da würden wir an einem Subjekte +der Sinnenwelt erstlich einen empirischen Charakter haben, wodurch +seine Handlungen, als Erscheinungen, durch und durch mit anderen +Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange ständen, +und von ihnen, als ihren Bedingungen, abgeleitet werden könnten, +und also, mit diesen in Verbindung, Glieder einer einzigen Reihe +der Naturordnung ausmachten. Zweitens würde man ihm noch einen +intelligiblen Charakter einräumen müssen, dadurch es zwar die Ursache +jener Handlungen als Erscheinungen ist, der aber selbst unter keinen +Bedingungen der Sinnlichkeit steht, und selbst nicht Erscheinung ist. +Man könnte auch den ersteren den Charakter eines solchen Dinges in +der Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst +nennen. + +Dieses handelnde Subjekt würde nun, nach seinem intelligiblen +Charakter, unter keinen Zeitbedingungen stehen, denn die Zeit ist nur +die Bedingung der Erscheinungen, nicht aber der Dinge an sich selbst. +In ihm würde keine Handlung entstehen, oder vergehen, mithin würde es +auch nicht dem Gesetze aller Zeitbestimmung, alles Veränderlichen, +unterworfen sein: daß alles, was geschieht, in den Erscheinungen +(des vorigen Zustandes) seine Ursache antreffe. Mit einem Worte, die +Kausalität desselben, sofern sie intellektuell ist, stände gar nicht +in der Reihe empirischer Bedingungen, welche die Begebenheit in der +Sinnenwelt notwendig machen. Dieser intelligible Charakter könnte +zwar niemals unmittelbar gekannt werden, weil wir nichts wahrnehmen +können, als sofern es erscheint, aber er würde doch den empirischen +Charakter gemäß gedacht werden müssen, so wie wir überhaupt einen +transzendentalen Gegenstand den Erscheinungen in Gedanken zum Grunde +legen müssen, ob wir zwar von ihm, was er an sich selbst sei, nichts +wissen. + +Nach seinem empirischen Charakter würde also dieses Subjekt, als +Erscheinung, allen Gesetzen der Bestimmung nach, der Kausalverbindung +unterworfen sein, und es wäre sofern nichts, als ein Teil der +Sinnenwelt, dessen Wirkungen, so wie jede andere Erscheinung, aus +der Natur unausbleiblich abflossen. So wie äußere Erscheinungen in +dasselbe einflössen, wie sein empirischer Charakter, d.i. das Gesetz +seiner Kausalität, durch Erfahrung erkannt wäre, müßten sich alle +seine Handlungen nach Naturgesetzen erklären lassen, und alle +Requisite zu einer vollkommenen und notwendigen Bestimmung derselben +müßten in einer möglichen Erfahrung angetroffen werden. + +Nach dem intelligiblen Charakter desselben aber (ob wir zwar davon +nichts als bloß den allgemeinen Begriff desselben haben können) würde +dasselbe Subjekt dennoch von allem Einflusse der Sinnlichkeit und +Bestimmung durch Erscheinungen freigesprochen werden müssen, und, da +in ihm, sofern es Noumenon ist, nichts geschieht, keine Veränderung, +welche dynamische Zeitbestimmung erheischt, mithin keine Verknüpfung +mit Erscheinungen als Ursachen angetroffen wird, so würde +dieses tätige Wesen, so fern in seinen Handlungen von aller +Naturnotwendigkeit, als die lediglich in der Sinnenwelt angetroffen +wird, unabhängig und frei sein. Man würde von ihm ganz richtig sagen, +daß es seine Wirkungen in der Sinnenwelt von selbst anfange, ohne daß +die Handlung in ihm selbst anfängt; und dieses würde gültig sein, ohne +daß die Wirkungen in der Sinnenwelt darum von selbst anfangen dürfen, +weil sie in derselben jederzeit durch empirische Bedingungen in der +vorigen Zeit, aber doch nur vermittelst des empirischen Charakters +(der bloß die Erscheinung des intelligiblen ist), vorher bestimmt, und +nur als eine Fortsetzung der Reihe der Naturursachen möglich sind. +So würde denn Freiheit und Natur, jedes in seiner vollständigen +Bedeutung, bei eben denselben Handlungen, nachdem man sie mit ihrer +intelligiblen oder sensiblen Ursache vergleicht, zugleich und ohne +allen Widerstreit angetroffen werden. + + + + +Erläuterung +der kosmologischen Idee einer Freiheit in Verbindung mit der +allgemeinen Naturnotwendigkeit + +Ich habe gut gefunden, zuerst den Schattenriß der Auflösung unseres +transzendentalen Problems zu entwerfen, damit man den Gang der +Vernunft in Auflösung desselben dadurch besser übersehen möge. Jetzt +wollen wir die Momente ihrer Entscheidung, auf die es eigentlich +ankommt, auseinander setzen, und jedes besonders in Erwägung ziehen. + +Das Naturgesetz, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, daß +die Kausalität dieser Ursache, d.i. die Handlung, da sie in der Zeit +vorhergeht und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst +nicht immer gewesen sein kann, sondern geschehen sein muß, auch ihre +Ursache unter den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird, +und daß folglich alle Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch +bestimmt sind; dieses Gesetz, durch welches Erscheinungen allererst +eine Natur ausmachen und Gegenstände einer Erfahrung abgeben können, +ist ein Verstandesgesetz, von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt +ist abzugehen, oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen; weil +man sie sonst außerhalb aller möglichen Erfahrung setzen, dadurch aber +von allen Gegenständen möglicher Erfahrung unterscheiden und sie zum +bloßen Gedankendinge und einem Hirngespinst machen würde. + +Ob es aber gleich hierbei lediglich nach einer Kette von Ursachen +aussieht, die im Regressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute +Totalität verstattet, so hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht +auf; denn sie ist schon in der allgemeinen Beurteilung der Antinomie +der Vernunft, wenn sie in der Reihe der Erscheinungen aufs Unbedingte +ausgeht, gehoben worden. Wenn wir der Täuschung des transzendentalen +Realismus nachgeben wollen: so bleibt weder Natur, noch Freiheit +übrig. Hier ist nur die Frage: ob, wenn man in der ganzen Reihe aller +Begebenheiten lauter Naturnotwendigkeit anerkennt, es doch möglich +sei, eben dieselbe, die einerseits bloße Naturwirkung ist, doch +andererseits als Wirkung aus Freiheit anzusehen, oder ob zwischen +diesen zwei Arten von Kausalität ein gerader Widerspruch angetroffen +werde. + +Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein, +welches eine Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte. Jede +Handlung, als Erscheinung, sofern sie eine Begebenheit hervorbringt, +ist selbst Begebenheit, oder Ereignis, welche einen anderen Zustand +voraussetzt, darin die Ursache angetroffen werde, und so ist alles, +was geschieht, nur eine Fortsetzung der Reihe, und kein Anfang, +der sich von selbst zutrüge, in derselben möglich. Also sind alle +Handlungen der Naturursachen in der Zeitfolge selbst wiederum +Wirkungen, die ihre Ursachen ebensowohl in der Zeitreihe voraussetzen. +Eine ursprüngliche Handlung, wodurch etwas geschieht, was vorher +nicht war, ist von der Kausalverknüpfung der Erscheinungen nicht zu +erwarten. + +Ist es denn aber auch notwendig, daß, wenn die Wirkungen Erscheinungen +sind, die Kausalität ihrer Ursache, die (nämlich Ursache) selbst auch +Erscheinung ist, lediglich empirisch sein müsse? und ist es nicht +vielmehr möglich, daß, obgleich zu jeder Wirkung in der Erscheinung +eine Verknüpfung mit ihrer Ursache, nach Gesetzen der empirischen +Kausalität, allerdings erfordert wird, dennoch diese empirische +Kausalität selbst, ohne ihren Zusammenhang mit den Naturursachen im +mindestens zu unterbrechen, doch eine Wirkung einer nichtempirischen, +sondern intelligiblen Kausalität sein könne? d.i. einer, in Ansehung +der Erscheinungen, ursprünglichen Handlung einer Ursache, die also +insofern nicht Erscheinung, sondern diesem Vermögen nach intelligibel +ist, ob sie gleich übrigens gänzlich, als ein Glied der Naturkette, +mit zu der Sinnenwelt gezählt werden muß. + +Wir bedürfen des Satzes der Kausalität der Erscheinungen +untereinander, um von Naturbegebenheiten Naturbedingungen, d.i. +Ursachen in der Erscheinung, zu suchen und angeben zu können. Wenn +dieses eingeräumt und durch keine Ausnahme geschwächt wird, so hat der +Verstand, der bei seinem empirischen Gebrauche in allen Ereignissen +nichts als Natur sieht, und dazu auch berechtigt ist, alles, was er +fordern kann, und die physischen Erklärungen gehen ihren ungehinderten +Gang fort. Nun tut ihm das nicht den mindesten Abbruch, gesetzt daß es +übrigens auch bloß erdichtet sein sollte, wenn man annimmt, daß unter +den Naturursachen es auch welche gebe, die ein Vermögen haben, welches +nur intelligibel ist, indem die Bestimmung desselben zur Handlung +niemals auf empirischen Bedingungen, sondern auf bloßen Gründen des +Verstandes beruht, so doch, daß die Handlung in der Erscheinung von +dieser Ursache allen Gesetzen der empirischen Kausalität gemäß sei. +Denn auf diese Art würde das handelnde Subjekt, als causa phaenomenon, +mit der Natur in unzertrennter Abhängigkeit aller ihrer Handlungen +verkettet sein, und nur das phaenomenon, dieses Subjekts (mit aller +Kausalität desselben in der Erscheinung) würde gewisse Bedingungen +enthalten, die, wenn man von dem empirischen Gegenstande zu dem +transzendentalen aufsteigen will, als bloß intelligibel müßten +angesehen werden. Denn wenn wir nur in dem, was unter den +Erscheinungen die Ursache sein mag, der Naturregel folgen: so können +wir darüber unbekümmert sein, was in dem transzendentalen Subjekt, +welches uns empirisch unbekannt ist, für ein Grund von diesen +Erscheinungen und deren Zusammenhange gedacht werde. Dieser +intelligible Grund ficht gar nicht die empirischen Fragen an, sondern +betrifft etwa bloß das Denken im reinen Verstande und, obgleich die +Wirkungen dieses Denkens und Handelns des reinen Verstandes in den +Erscheinungen angetroffen werden, so müssen diese doch nichts desto +minder aus ihrer Ursache in der Erscheinung nach Naturgesetzen +vollkommen erklärt werden können, indem man den bloß empirischen +Charakter derselben, als den obersten Erklärungsgrund, befolgt, und +den intelligiblen Charakter, der die transzendentale Ursache von jenem +ist, gänzlich als unbekannt vorbeigeht, außer sofern er nur durch +den empirischen als das sinnliche Zeichen desselben angegeben wird. +Laßt uns dieses auf Erfahrung anwenden. Der Mensch ist eine von +den Erscheinungen der Sinnenwelt, und insofern auch eine der +Naturursachen, deren Kausalität unter empirischen Gesetzen stehen muß. +Als eine solche muß er demnach auch einen empirischen Charakter haben, +so wie alle anderen Naturdinge. Wir bemerken denselben durch Kräfte +und Vermögen, die es in seinen Wirkungen äußert. Bei der leblosen, +oder bloß tierischbelebten Natur, finden wir keinen Grund, irgendein +Vermögen uns anders als bloß sinnlich bedingt zu denken. Allein der +Mensch, der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne kennt, +erkennt sich selbst auch durch bloße Apperzeption, und zwar in +Handlungen und inneren Bestimmungen, die er gar nicht zum Eindrucke +der Sinne zählen kann, und ist sich selbst freilich einesteils +Phänomen, anderenteils aber, nämlich in Ansehung gewisser Vermögen, +ein bloß intelligibler Gegenstand, weil die Handlung desselben gar +nicht zur Rezeptivität der Sinnlichkeit gezählt werden kann. Wir +nennen diese Vermögen Verstand und Vernunft, vornehmlich wird +die letztere ganz eigentlich und vorzüglicherweise von allen +empirischbedingten Kräften unterschieden, da sie ihre Gegenstände bloß +nach Ideen erwägt und den Verstand darnach bestimmt, der dann von +seinen (zwar auch reinen) Begriffen einen empirischen Gebrauch macht. + +Daß diese Vernunft nun Kausalität habe, wenigstens wir uns eine +dergleichen an ihr vorstellen, ist aus den Imperativen klar, welche +wir in allem Praktischen den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben. +Das Sollen drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit +Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der +Verstand kann von dieser nur erkennen, was da ist, oder gewesen ist, +oder sein wird. Es ist unmöglich, daß etwas darin anders sein soll, +als es in allen diesen Zeitverhältnissen in der Tat ist, ja das +Sollen, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und +gar keine Bedeutung. Wir können gar nicht fragen: was in der Natur +geschehen soll; ebensowenig, als: was für Eigenschaften ein Zirkel +haben soll, sondern, was darin geschieht, oder welche Eigenschaften +der letztere hat. + +Dieses Sollen nun drückt eine mögliche Handlung aus, davon der Grund +nichts anderes, als ein bloßer Begriff ist; da hingegen von einer +bloßen Naturhandlung der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muß. +Nun muß die Handlung allerdings unter Naturbedingungen möglich sein, +wenn auf sie das Sollen gerichtet ist; aber diese Naturbedingungen +betreffen nicht die Bestimmung der Willkür selbst, sondern nur die +Wirkung und den Erfolg derselben in der Erscheinung. Es mögen noch so +viel Naturgründe sein, die mich zum Wollen antreiben, noch so viel +sinnliche Anreize, so können sie nicht das Sollen hervorbringen, +sondern nur ein noch lange nicht notwendiges, sondern jederzeit +bedingtes Wollen, dem dagegen das Sollen, das die Vernunft ausspricht, +Maß und Ziel, ja Verbot und Ansehen entgegen setzt. Es mag ein +Gegenstand der bloßen Sinnlichkeit (das Angenehme) oder auch der +reinen Vernunft (das Gute) sein: so gibt die Vernunft nicht demjenigen +Grunde, der empirisch gegeben ist, nach, und folgt nicht der Ordnung +der Dinge, so wie sie sich in der Erscheinung darstellen, sondern +macht sich mit völliger Spontaneität eine eigene Ordnung nach Ideen, +in die sie die empirischen Bedingungen hinein paßt, und nach denen sie +sogar Handlungen für notwendig erklärt, die doch nicht geschehen sind +und vielleicht nicht geschehen werden, von allen aber gleichwohl +voraussetzt, daß die Vernunft in Beziehung auf sie Kausalität haben +könne; denn, ohne das, würde sie nicht von ihren Ideen Wirkungen in +der Erfahrung erwarten. + +Nun laßt uns hierbei stehenbleiben und es wenigstens als möglich +annehmen: die Vernunft habe wirklich Kausalität in Ansehung der +Erscheinungen: so muß sie, so sehr sie auch Vernunft ist, dennoch +einen empirischen Charakter von sich zeigen, weil jede Ursache eine +Regel voraussetzt, darnach gewisse Erscheinungen als Wirkungen folgen, +und jede Regel eine Gleichförmigkeit der Wirkungen erfordert, die den +Begriff der Ursache (als eines Vermögens) gründet, welchen wir, sofern +er aus bloßen Erscheinungen erhellen muß, seinen empirischen Charakter +heißen können, der beständig ist, indessen die Wirkungen, nach +Verschiedenheit der begleitenden und zum Teil einschränkenden +Bedingungen, in veränderlichen Gestalten erscheinen. + +So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter seiner Willkür, +welcher nichts anderes ist, als eine gewisse Kausalität seiner +Vernunft, sofern diese an ihren Wirkungen in der Erscheinung eine +Regel zeigt, darnach man die Vernunftgründe und die Handlungen +derselben nach ihrer Art und ihren Graden abnehmen, und die +subjektiven Prinzipien seiner Willkür beurteilen kann. Weil dieser +empirische Charakter selbst aus den Erscheinungen als Wirkung und aus +der Regel derselben, welche Erfahrung an die Hand gibt, gezogen werden +muß: so sind alle Handlungen des Menschen in der Erscheinung aus +seinem empirischen Charakter und den mitwirkenden anderen Ursachen +nach der Ordnung der Natur bestimmt, und wenn wir alle Erscheinungen +seiner Willkür bis auf den Grund erforschen könnten, so würde es +keine einzige menschliche Handlung geben, die wir nicht mit Gewißheit +vorhersagen und aus ihren vorhergehenden Bedingungen als notwendig +erkennen könnten. In Ansehung dieses empirischen Charakters gibt +es also keine Freiheit, und nach diesem können wir doch allein den +Menschen betrachten, wenn wir lediglich beobachten, und, wie es in der +Anthropologie geschieht, von seinen Handlungen die bewegenden Ursachen +physiologisch erforschen wollen. + +Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die Vernunft +erwägen, und zwar nicht die spekulative, um jene ihrem Ursprunge nach +zu erklären, sondern ganz allein, sofern Vernunft die Ursache ist, sie +selbst zu erzeugen; mit einem Worte, vergleichen wir sie mit dieser in +praktischer Absicht, so finden wir eine ganz andere Regel und Ordnung, +als die Naturordnung ist. Denn da sollte vielleicht alles das nicht +geschehen sein, was doch nach dem Naturlaufe geschehen ist, und nach +seinen empirischen Gründen unausbleiblich geschehen mußte. Bisweilen +aber finden wir, oder glauben wenigstens zu finden, daß die Ideen der +Vernunft wirklich Kausalität in Ansehung der Handlungen des Menschen, +als Erscheinungen, bewiesen haben, und daß sie darum geschehen sind, +nicht weil sie durch empirische Ursachen, nein, sondern weil sie durch +Gründe der Vernunft bestimmt waren. + +Gesetzt nun, man könnte sagen: die Vernunft habe Kausalität in +Ansehung der Erscheinung; könnte da wohl die Handlung derselben frei +heißen, da sie im empirischen Charakter derselben (der Sinnesart) ganz +genau bestimmt und notwendig ist? Dieser ist wiederum im intelligiblen +Charakter (der Denkungsart) bestimmt. Die letztere kennen wir aber +nicht, sondern bezeichnen sie durch Erscheinungen, welche eigentlich +nur die Sinnesart (empirischen Charakter) unmittelbar zu erkennen +geben*. Die Handlung nun, sofern sie der Denkungsart, als ihrer +Ursache, beizumessen ist, erfolgt dennoch daraus gar nicht nach +empirischen Gesetzen, d.i. so, daß die Bedingungen der reinen +Vernunft, sondern nur so, daß deren Wirkungen in der Erscheinung +des inneren Sinnes vorhergehen. Die reine Vernunft, als ein bloß +intelligibles Vermögen, ist der Zeitform, und mithin auch den +Bedingungen der Zeitfolge, nicht unterworfen. Die Kausalität der +Vernunft im intelligiblen Charakter entsteht nicht, oder hebt nicht +etwa zu einer gewissen Zeit an, um eine Wirkung hervorzubringen. Denn +sonst würde sie selbst dem Naturgesetz der Erscheinungen, sofern +es Kausalreihen der Zeit nach bestimmt, unterworfen sein, und die +Kausalität wäre alsdann Natur, und nicht Freiheit. Also werden wir +sagen können: wenn Vernunft Kausalität in Ansehung der Erscheinungen +haben kann; so ist sie ein Vermögen, durch welches die sinnliche +Bedingung einer empirischen Reihe von Wirkungen zuerst anfängt. Denn +die Bedingung, die in der Vernunft liegt, ist nicht sinnlich, und +fängt also selbst nicht an. Demnach findet alsdann dasjenige statt, +was wir in allen empirischen Reihen vermißten: daß die Bedingung einer +sukzessiven Reihe von Begebenheiten selbst empirischunbedingt sein +konnte. Denn hier ist die Bedingung außer der Reihe der Erscheinungen +(im Intelligiblen) und mithin keiner sinnlichen Bedingung und keiner +Zeitbestimmung durch vorbeigehende Ursache unterworfen. + +* Die eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld) + bleibt uns daher, selbst die unseres eigenen Verhaltens, gänzlich + verborgen. Unsere Zurechnungen können nur auf den empirischen + Charakter bezogen werden. Wie viel aber davon reine Wirkung der + Freiheit, wie viel der bloßen Natur und dem unverschuldeten Fehler + des Temperaments, oder dessen glücklicher Beschaffenheit (merito + fortunae) zuzuschreiben sei, kann niemand ergründen, und daher auch + nicht nach völliger Gerechtigkeit richten. + +Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in einer anderen +Beziehung auch zur Reihe der Erscheinungen. Der Mensch ist selbst +Erscheinung. Seine Willkür hat einen empirischen Charakter, der die +(empirische) Ursache aller seiner Handlungen ist. Es ist keine der +Bedingungen, die den Menschen diesem Charakter gemäß bestimmen, welche +nicht in der Reihe der Naturwirkungen enthalten wäre und dem Gesetze +derselben gehorchte, nach welchem gar keine empirischunbedingte +Kausalität von dem, was in der Zeit geschieht, angetroffen wird. +Daher kann keine gegebene Handlung (weil sie nur als Erscheinung +wahrgenommen werden kann) schlechthin von selbst anfangen. Aber von +der Vernunft kann man nicht sagen, daß vor demjenigen Zustande, darin +sie die Willkür bestimmt, ein anderer vorhergehe, darin dieser Zustand +selbst bestimmt wird. Denn da Vernunft selbst keine Erscheinung und +gar keinen Bedingungen der Sinnlichkeit unterworfen ist, so findet in +ihr, selbst in Betreff ihrer Kausalität, keine Zeitfolge statt, und +auf sie kann also das dynamische Gesetz der Natur, was die Zeitfolge +nach Regeln bestimmt, nicht angewandt werden. + +Die Vernunft ist also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen +Handlungen, unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist im +empirischen Charakter des Menschen vorher bestimmt, ehe noch als sie +geschieht. In Ansehung des intelligiblen Charakters, wovon jener nur +das sinnliche Schema ist, gilt kein Vorher, oder Nachher, und jede +Handlung, unangesehen des Zeitverhältnisses, darin sie mit anderen +Erscheinungen steht, ist die unmittelbare Wirkung des intelligiblen +Charakters der reinen Vernunft, welche mithin frei handelt, ohne in +der Kette der Naturursachen, durch äußere oder innere, aber der Zeit +nach vorhergehende Gründe, dynamisch bestimmt zu sein, und diese +ihre Freiheit kann man nicht allein negativ als Unabhängigkeit +von empirischen Bedingungen ansehen, (denn dadurch würde das +Vernunftvermögen aufhören, eine Ursache der Erscheinungen zu sein,) +sondern auch positiv durch ein Vermögen bezeichnen, eine Reihe von +Begebenheiten von selbst anzufangen, so, daß in ihr selbst nichts +anfängt, sondern sie, als unbedingte Bedingung jeder willkürlichen +Handlung, über sich keine der Zeit nach vorhergehende Bedingungen +verstattet, indessen daß doch ihre Wirkung in der Reihe der +Erscheinungen anfängt, aber darin niemals einen schlechthin ersten +Anfang ausmachen kann. + +Um das regulative Prinzip der Vernunft durch ein Beispiel aus +dem empirischen Gebrauche desselben zu erläutern, nicht um es zu +bestätigen (denn dergleichen Beweise sind zu transzendentalen +Behauptungen untauglich), so nehme man eine willkürliche Handlung, z. +E. eine boshafte Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in +die Gesellschaft gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen +nach, woraus sie entstanden, untersucht, und darauf beurteilt, wie sie +samt ihren Folgen ihm zugerechnet werden könne. In der ersten Absicht +geht man seinen empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben +durch, die man in der schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum +Teil auch in der Bösartigkeit eines für Beschämung unempfindlichen +Naturells, aufsucht, zum Teil auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit +schiebt; wobei man denn die veranlassenden Gelegenheitsursachen nicht +aus der Acht läßt. In allem diesem verfährt man, wie überhaupt in +Untersuchung der Reihe bestimmender Ursachen zu einer gegebenen +Naturwirkung. Ob man nun gleich die Handlung dadurch bestimmt zu sein +glaubt: so tadelt man nichtsdestoweniger den Täter, und zwar nicht +wegen seines unglücklichen Naturells, nicht wegen der auf ihn +einfließenden Umstände, ja sogar nicht wegen seines vorher geführten +Lebenswandels, denn man setzt voraus, man könne es gänzlich beiseite +setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die verflossene Reihe von +Bedingungen als ungeschehen, diese Tat aber als gänzlich unbedingt in +Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der Täter damit eine +Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe. Dieser Tadel gründet sich auf +ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache ansieht, +welche das Verhalten des Menschen, unangesehen aller genannten +empirischen Bedingungen, anders habe bestimmen können und sollen. +Und zwar sieht man die Kausalität der Vernunft nicht etwa bloß wie +Konkurrenz, sondern an sich selbst als vollständig an, wenngleich +die sinnlichen Triebfedern gar nicht dafür, sondern wohl gar dawider +wären; die Handlung wird seinem intelligiblen Charakter beigemessen, +er hat jetzt, in dem Augenblicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin +war die Vernunft, unerachtet aller empirischen Bedingungen der Tat, +völlig frei, und ihrer Unterlassung ist diese gänzlich beizumessen. + +Man sieht diesem zurechnenden Urteil es leicht an, daß man dabei +in Gedanken habe, die Vernunft werde durch alle jene Sinnlichkeit +gar nicht affiziert, sie verändere sich nicht (wenngleich ihre +Erscheinungen, nämlich die Art, wie sie sich in ihren Wirkungen +zeigt, verändern,) in ihr gehe kein Zustand vorher, der den folgenden +bestimme, mithin gehöre sie gar nicht in die Reihe der sinnlichen +Bedingungen, welche die Erscheinungen nach Naturgesetzen notwendig +machen. Sie, die Vernunft, ist allen Handlungen des Menschen in allen +Zeitumständen gegenwärtig und einerlei, selbst aber ist sie nicht in +der Zeit, und gerät etwa in einen neuen Zustand, darin sie vorher +nicht war; sie ist bestimmend, aber nicht bestimmbar in Ansehung +desselben. Daher kann man nicht fragen: warum hat sich nicht die +Vernunft anders bestimmt? sondern nur: warum hat sie die Erscheinungen +durch ihre Kausalität nicht anders bestimmt? Darauf aber ist keine +Antwort möglich. Denn ein anderer intelligibler Charakter würde einen +anderen empirischen gegeben haben, und wenn wir sagen, daß unerachtet +seines ganzen, bis dahin geführten, Lebenswandels, der Täter die +Lüge doch hätte unterlassen können, so bedeutet dieses nur, daß sie +unmittelbar unter der Macht der Vernunft stehe, und die Vernunft +in ihrer Kausalität keinen Bedingungen der Erscheinung und des +Zeitlaufs unterworfen ist, der Unterschied der Zeit auch, zwar einen +Hauptunterschied der Erscheinungen respektive gegeneinander, da diese +aber keine Sachen, mithin auch nicht Ursachen an sich selbst sind, +keinen Unterschied der Handlung in Beziehung auf die Vernunft machen +könne. + +Wir können also mit der Beurteilung freier Handlungen, in Ansehung +ihrer Kausalität, nur bis an die intelligible Ursache, aber nicht +über dieselbe hinaus kommen; wir können erkennen, daß sie frei, d.i. +von der Sinnlichkeit unabhängig bestimmt, und, auf solche Art, die +sinnlichunbedingte Bedingung der Erscheinungen sein könne. Warum aber +der intelligible Charakter gerade diese Erscheinungen und diesen +empirischen Charakter unter vorliegenden Umständen gebe, das +überschreitet so weit alles Vermögen unserer Vernunft es zu +beantworten, ja alle Befugnis derselben nur zu fragen, als ob man +früge: woher der transzendentale Gegenstand unserer äußeren sinnlichen +Anschauung gerade nur Anschauung im Raume und nicht irgendeine andere +gebe. Allein die Aufgabe, die wir aufzulösen hatten, verbindet +uns hierzu gar nicht, denn sie war nur diese: ob Freiheit der +Naturnotwendigkeit in einer und derselben Handlung widerstreite, und +dieses haben wir hinreichend beantwortet, da wir zeigten, daß, da bei +jener eine Beziehung auf eine ganz andere Art von Bedingungen möglich +ist, als bei dieser, das Gesetz der letzteren die erstere nicht +affiziere, mithin beide voneinander unabhängig und durcheinander +ungestört stattfinden können. + + * * + * + +Man muß wohl bemerken: daß wir hierdurch nicht die Wirklichkeit +der Freiheit, als eines der Vermögen, welche die Ursache von den +Erscheinungen unserer Sinnenwelt enthalten, haben dartun wollen Denn, +außer daß dieses gar keine transzendentale Betrachtung, die bloß mit +Begriffen zu tun hat, gewesen sein würde, so könnte es auch nicht +gelingen, indem wir aus der Erfahrung niemals auf etwas, was gar nicht +nach Erfahrungsgesetzen gedacht werden muß, schließen können. Ferner +haben wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit beweisen +wollen; denn dieses wäre auch nicht gelungen, weil wir überhaupt +von keinem Realgrunde und keiner Kausalität, aus bloßen Begriffen a +priori, die Möglichkeit erkennen können. Die Freiheit wird hier nur +als transzendentale Idee behandelt, wodurch die Vernunft die Reihe +der Bedingungen in der Erscheinung durch das Sinnlichunbedingte +schlechthin anzuheben denkt, dabei sich aber in eine Antinomie mit +ihren eigenen Gesetzen, welche sie dem empirischen Gebrauche des +Verstandes vorschreibt, verwickelt. Daß nun diese Antinomie auf einem +bloßen Scheine beruhe, und, daß Natur der Kausalität aus Freiheit +wenigstens nicht widerstreite, das war das einzige, was wir leisten +konnten, und woran es uns auch einzig und allein gelegen war. + + + +IV. Auflösung der kosmologischen Idee +von der Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein +nach überhaupt + +In der vorigen Nummer betrachteten wir die Veränderungen der +Sinnenwelt in ihrer dynamischen Reihe, da eine jede unter einer +anderen, als ihrer Ursache, steht. Jetzt dient uns diese Reihe der +Zustände nur zur Leitung, um zu einem Dasein zu gelangen, das die +höchste Bedingung alles Veränderlichen sein könne, nämlich dem +notwendigen Wesen. Es ist hier nicht um die unbedingte Kausalität, +sondern die unbedingte Existenz der Substanz selbst zu tun. Also ist +die Reihe, welche wir vor uns haben, eigentlich nur die von Begriffen, +und nicht von Anschauungen, insofern die eine die Bedingung der +anderen ist. + +Man sieht aber leicht: daß, da alles in dem Inbegriffe der +Erscheinungen veränderlich, mithin im Dasein bedingt ist, es überall +in der Reihe des abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben +könne, dessen Existenz schlechthin notwendig wäre, und daß also, +wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, eben darum aber ihre +Bedingung mit dem Bedingten jederzeit zu einer und derselben Reihe der +Anschauungen gehörte, ein notwendiges Wesen, als Bedingung des Daseins +der Erscheinungen der Sinnenwelt, niemals stattfinden könnte. + +Es hat aber der dynamische Regressus dieses Eigentümliche und +Unterscheidende von dem mathematischen an sich: daß, da dieser es +eigentlich nur mit der Zusammensetzung der Teile zu einem Ganzen, +oder der Zerfällung eines Ganzen in seine Teile, zu tun hat, die +Bedingungen dieser Reihe immer als Teile derselben, mithin als +gleichartig, folglich als Erscheinungen angesehen werden müssen, +anstatt daß in jenem Regressus, da es nicht um die Möglichkeit eines +unbedingten Ganzen aus gegebenen Teilen, oder eines unbedingten Teils +zu einem gegebenen Ganzen, sondern um die Ableitung eines Zustandes +von seiner Ursache, oder des zufälligen Daseins der Substanz selbst +von der notwendigen zu tun ist, die Bedingung nicht eben notwendig mit +dem Bedingten eine empirische Reihe ausmachen dürfe. + +Also bleibt uns, bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie, noch +ein Ausweg offen, da nämlich alle beide einander widerstreitenden +Sätze in verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können, so, daß +alle Dinge der Sinnenwelt durchaus zufällig sind, mithin auch immer +nur empirischbedingte Existenz haben, gleichwohl von der ganzen Reihe, +auch eine nichtempirische Bedingung, d.i. ein unbedingtnotwendiges +Wesen stattfinde. Denn dieses würde, als intelligible Bedingung, gar +nicht zur Reihe als ein Glied derselben (nicht einmal als das oberste +Glied) gehören, und auch kein Glied der Reihe empirischunbedingt +machen, sondern die ganze Sinnenwelt in ihrem durch alle Glieder +gehenden empirischbedingten Dasein lassen. Darin würde sich also diese +Art, ein unbedingtes Dasein den Erscheinungen zum Grunde zu legen, +von der empirischunbedingten Kausalität (der Freiheit), im vorigen +Artikel, unterscheiden, daß bei der Freiheit das Ding selbst, als +Ursache (Substantia phaenomenon), dennoch in die Reihe der Bedingungen +gehörte, und nur seine Kausalität als intelligibel gedacht wurde, hier +aber das notwendige Wesen ganz außer der Reihe der Sinnenwelt (als ens +extramundanum) und bloß intelligibel gedacht werden müßte, wodurch +allein es verhütet werden kann, daß es nicht selbst dem Gesetze der +Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erscheinungen unterworfen werde. + +Das regulative Prinzip der Vernunft ist also in Ansehung dieser +unserer Aufgabe: daß alles in der Sinnenwelt empirischbedingte +Existenz habe, und daß es überall in ihr in Ansehung keiner +Eigenschaft eine unbedingte Notwendigkeit gebe: daß kein Glied der +Reihe von Bedingungen sei, davon man nicht immer die empirische +Bedingung in einer möglichen Erfahrung erwarten, und, soweit man kann, +suchen müsse, und nichts uns berechtige, irgendein Dasein von einer +Bedingung außerhalb der empirischen Reihe abzuleiten, oder auch es als +in der Reihe selbst für schlechterdings unabhängig und selbständig zu +halten, gleichwohl aber dadurch gar nicht in Abrede zu ziehen, daß +nicht die ganze Reihe in irgendeinem intelligiblen Wesen (welches +darum von aller empirischen Bedingung frei ist, und vielmehr den Grund +der Möglichkeit aller dieser Erscheinungen enthält,) gegründet sein +könne. + +Es ist aber hierbei gar nicht die Meinung, das unbedingtnotwendige +Dasein eines Wesens zu beweisen, oder auch nur die Möglichkeit einer +bloß intelligiblen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der +Sinnenwelt hierauf zu gründen, sondern nur eben so, wie wir die +Vernunft einschränken, daß sie nicht den Faden der empirischen +Bedingungen verlasse, und sich in transzendente und keiner Darstellung +in concreto fähige Erklärungsgründe verlaufe, also auch, andererseits, +das Gesetz des bloß empirischen Verstandesgebrauchs dahin +einzuschränken, daß es nicht über die Möglichkeit der Dinge überhaupt +entscheide, und das Intelligible, ob es gleich von uns zur Erklärung +der Erscheinungen nicht zu gebrauchen ist, darum nicht für unmöglich +erkläre. Es wird also dadurch nur gezeigt, daß die durchgängige +Zufälligkeit aller Naturdinge und aller ihrer (empirischen) +Bedingungen, ganz wohl mit der willkürlichen Voraussetzung einer +notwendigen, obzwar bloß intelligiblen Bedingung zusammen bestehen +könne, also kein wahrer Widerspruch zwischen diesen Behauptungen +anzutreffen sei, mithin sie beiderseits wahr sein können. Es mag immer +ein solches schlechthinnotwendiges Verstandeswesen an sich unmöglich +sein, so kann dieses doch aus der allgemeinen Zufälligkeit und +Abhängigkeit alles dessen, was zur Sinnenwelt gehört, imgleichen aus +dem Prinzip, bei keinem einzigen Gliede derselben, sofern es zufällig +ist, aufzuhören und sich auf eine Ursache außer der Welt zu berufen, +keineswegs geschlossen werden. Die Vernunft geht ihren Gang im +empirischen und ihren besonderen Gang im transzendentalen Gebrauche. + +Die Sinnenwelt enthält nichts als Erscheinungen, diese aber sind bloße +Vorstellungen, die immer wiederum sinnlich bedingt sind, und, da wir +hier niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben, so +ist nicht zu verwundern, daß wir niemals berechtigt sind, von einem +Gliede der empirischen Reihen, welches es auch sei, einen Sprung außer +dem Zusammenhange der Sinnlichkeit zu tun, gleich als wenn es Dinge +an sich selbst wären, die außer ihrem transzendentalen Grunde +existierten, und die man verlassen könnte, um die Ursache ihres +Daseins außer ihnen zu suchen; welches bei zufälligen Dingen +allerdings endlich geschehen müßte, aber nicht bei blossen +Vorstellungen von Dingen, deren Zufälligkeit selbst nur Phänomen ist, +und auf keinen anderen Regressus, als denjenigen, der die Phänomena +bestimmt, d.i. der empirisch ist, führen kann. Sich aber einen +intelligiblen Grund der Erscheinungen, d.i. der Sinnenwelt, und +denselben befreit von der Zufälligkeit der letzteren, denken, ist +weder dem uneingeschränkten empirischen Regressus in der Reihe der +Erscheinungen, noch der durchgängigen Zufälligkeit derselben entgegen. +Das ist aber auch das Einzige, was wir zur Hebung der scheinbaren +Antinomie zu leisten hatten, und was sich nur auf diese Weise tun +ließ. Denn, ist die jedesmalige Bedingung zu jedem Bedingten (dem +Dasein nach) sinnlich, und eben darum zur Reihe gehörig, so ist sie +selbst wiederum bedingt (wie die Antithesis der vierten Antinomie es +aufweist). Es mußte also entweder ein Widerstreit mit der Vernunft, +die das Unbedingte fordert, bleiben, oder dieses außer der Reihe +in dem Intelligiblen gesetzt werden, dessen Notwendigkeit keine +empirische Bedingung erfordert, noch verstattet, und also, respektive +auf Erscheinungen, unbedingt notwendig ist. + +Der empirische Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Bedingungen +des Daseins in der Sinnenwelt) wird durch die Einräumung eines bloß +intelligiblen Wesens nicht affiziert, sondern geht nach dem Prinzip +der durchgängigen Zufälligkeit, von empirischen Bedingungen zu +höheren, die immer ebensowohl empirisch sind. Ebensowenig schließt +aber auch dieser regulative Grundsatz die Annehmung einer +intelligiblen Ursache, die nicht in der Reihe ist, aus, wenn es um den +reinen Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Zwecke) zu tun ist. Denn +da bedeutet jene nur den für uns bloß transzendentalen und unbekannten +Grund der Möglichkeit der sinnlichen Reihe überhaupt, dessen, von +allen Bedingungen der letzteren unabhängiges und in Ansehung dieser +unbedingtnotwendiges, Dasein der unbegrenzten Zufälligkeit der +ersteren, und darum auch dem nirgend geendigten Regressus in der Reihe +empirischer Bedingungen, gar nicht entgegen ist. + + + +Schlußanmerkung +zur ganzen Antinomie der reinen Vernunft + +Solange wir mit unseren Vernunftbegriffen bloß die Totalität der +Bedingungen in der Sinnenwelt, und was in Ansehung ihrer der Vernunft +zu Diensten geschehen kann, zum Gegenstande haben: so sind unsere +Ideen zwar transzendental, aber doch kosmologisch. Sobald wir aber +das Unbedingte (um das es doch eigentlich zu tun ist) in demjenigen +setzen, was ganz außerhalb der Sinnenwelt, mithin außer aller +möglichen Erfahrung ist, so werden die Ideen transzendent; sie dienen +nicht bloß zur Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs (der immer +eine nie auszuführende, aber dennoch zu befolgende Idee bleibt), +sondern sie trennen sich davon gänzlich, und machen sich selbst +Gegenstände, deren Stoff nicht aus Erfahrung genommen, deren objektive +Realität auch nicht auf der Vollendung der empirischen Reihe, sondern +auf reinen Begriffen a priori beruht. Dergleichen transzendente +Ideen haben einen bloß intelligiblen Gegenstand, welchen als ein +transzendentales Objekt, von dem man übrigens nichts weiß, zuzulassen, +allerdings erlaubt ist, wozu aber, um es als ein durch seine +unterscheidenden und inneren Prädikate bestimmbares Ding zu +denken, wir weder Gründe der Möglichkeit (als unabhängig von allen +Erfahrungsbegriffen), noch die mindeste Rechtfertigung, einen solchen +Gegenstand anzunehmen, auf unserer Seite haben, und welches daher +ein bloßes Gedankending ist. Gleichwohl dringt uns, unter allen +kosmologischen Ideen, diejenige, so die vierte Antinomie veranlaßte, +diesen Schritt zu wagen. Denn das in sich selbst ganz und gar nicht +gegründete, sondern stets bedingte, Dasein der Erscheinungen fordert +uns auf: uns nach etwas von allen Erscheinungen unterschiedenem, +mithin einem intelligiblen Gegenstande umzusehen, bei welchem diese +Zufälligkeit aufhöre. Weil aber, wenn wir uns einmal die Erlaubnis +genommen haben, außer dem Feld der gesamten Sinnlichkeit eine für sich +bestehende Wirklichkeit anzunehmen, Erscheinungen nur als zufällige +Vorstellungsarten intelligibler Gegenstände, von solchen Wesen, die +selbst Intelligenzen sind, anzusehen: so bleibt uns nichts anderes +übrig als die Analogie, nach der wir die Erfahrungsbegriffe nutzen, um +uns von intelligiblen Dingen, von denen wir an sich nicht die mindeste +Kenntnis haben, doch irgend einigen Begriff zu machen. Weil wir das +Zufällige nicht anders als durch Erfahrung kennenlernen, hier aber von +Dingen, die gar nicht Gegenstände der Erfahrung sein sollen, die Rede +ist, so werden wir ihre Kenntnis aus dem, was an sich notwendig ist, +aus reinen Begriffen von Dingen überhaupt, ableiten müssen. Daher +nötigt uns der erste Schritt, den wir außer der Sinnenwelt tun, unsere +neuen Kenntnisse von der Untersuchung des schlechthinnotwendigen +Wesens anzufangen, und von den Begriffen desselben die Begriffe von +allen Dingen, sofern sie bloß intelligibel sind, abzuleiten, und +diesen Versuch wollen wir in dem folgenden Hauptstücke anstellen. + + + +Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik +Drittes Hauptstück +Das Ideal der reinen Vernunft + +Erster Abschnitt +Von dem Ideal überhaupt + +Wir haben oben gesehen, daß durch reine Verstandesbegriffe, ohne alle +Bedingungen der Sinnlichkeit, gar keine Gegenstände können vorgestellt +werden, weil die Bedingungen der objektiven Realität derselben fehlen, +und nichts, als die bloße Form des Denkens, in ihnen angetroffen wird. +Gleichwohl können sie in concreto dargestellt werden, wenn man sie auf +Erscheinungen anwendet; denn an ihnen haben sie eigentlich den Stoff +zum Erfahrungsbegriffe, der nichts als ein Verstandesbegriff in +concreto ist. Ideen aber sind noch weiter von der objektiven Realität +entfernt, als Kategorien; denn es kann keine Erscheinung gefunden +werden, an der sie sich in concreto vorstellen ließen. Sie enthalten +eine gewisse Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische +Erkenntnis zulangt, und die Vernunft hat dabei nur eine systematische +Einheit im Sinne, welcher sie die empirische mögliche Einheit zu +nähern sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen. + +Aber noch weiter, als die Idee, scheint dasjenige von der objektiven +Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne, und worunter ich +die Idee, nicht bloß in concreto, sondern in individuo, d.i. als ein +einzelnes, durch die Idee allein bestimmbares, oder gar bestimmtes +Ding, verstehe. + +Die Menschheit in ihrer ganzen Vollkommenheit, enthält nicht allein +die Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen +Eigenschaften, welche unseren Begriff von derselben ausmachen, bis zur +vollständigen Kongruenz mit ihren Zwecken, welches unsere Idee der +vollkommenen Menschheit sein würde, sondern auch alles, was außer +diesem Begriffe zu der durchgängigen Bestimmung der Idee gehört; denn +von allen entgegengesetzten Prädikaten kann sich doch nur ein einziges +zu der Idee des vollkommensten Menschen schicken. Was uns ein Ideal +ist, war dem Plato eine Idee des göttlichen Verstandes, ein einzelner +Gegenstand in der reinen Anschauung desselben, das Vollkommenste einer +jeden Art möglicher Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der +Erscheinung. + +Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gestehen, daß die +menschliche Vernunft nicht allein Ideen, sondern auch Ideale enthalte, +die zwar nicht, wie die platonischen, schöpferische, aber doch +praktische Kraft (als regulative Prinzipien) haben, und der +Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser Handlungen zum Grunde liegen. +Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe, +weil ihnen etwas Empirisches (Lust oder Unlust) zum Grunde liegt. +Gleichwohl können sie in Ansehung des Prinzips, wodurch die Vernunft +der an sich gesetzlosen Freiheit Schranken setzt, (also wenn +man bloß auf ihre Form acht hat,) gar wohl zum Beispiele reiner +Vernunftbegriffe dienen. Tugend, und, mit ihr, menschliche Weisheit in +ihrer ganzen Reinigkeit, sind Ideen. Aber der Weise (des Stoikers) ist +ein Ideal, d.i. ein Mensch, der bloß in Gedanken existiert, der aber +mit der Idee der Weisheit völlig kongruiert. So wie die Idee die +Regel gibt, so dient das Ideal in solchem Falle zum Urbilde, der +durchgängigen Bestimmung des Nachbildes, und wir haben kein anderes +Richtmaß unserer Handlungen, als das Verhalten dieses göttlichen +Menschen in uns, womit wir uns vergleichen, beurteilen, und dadurch +uns bessern, obgleich es niemals erreichen können. Diese Ideale, +ob man ihnen gleich nicht objektive Realität (Existenz) zugestehen +möchte, sind doch um deswillen nicht für Hirngespinste anzusehen, +sondern geben ein unentbehrliches Richtmaß der Vernunft ab, die des +Begriffs von dem, was in seiner Art ganz vollständig ist, bedarf, +um danach den Grad und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen +und abzumessen. Das Ideal aber in einem Beispiele, d.i. in der +Erscheinung, realisieren wollen, wie etwa den Weisen in einem Roman, +ist untunlich, und hat überdem etwas Widersinnisches und wenig +Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der +Vollständigkeit in der Idee kontinuierlich Abbruch tun, alle Illusion +in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee +liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen. + +So ist es mit dem Ideale der Vernunft bewandt, welches jederzeit auf +bestimmten Begriffen beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der +Befolgung, oder Beurteilung, dienen muß. Ganz anders verhält es sich +mit denen Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber sich niemand +erklären und einen verständlichen Begriff geben kann, gleichsam +Monogrammen, die nur einzelne, obzwar nach keiner angeblichen Regel +bestimmte Züge sind, welche mehr eine im Mittel verschiedener +Erfahrungen gleichsam schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes Bild +ausmachen, dergleichen Maler und Physiognomen in ihrem Kopfe zu +haben vorgeben, und die ein nicht mitzuteilendes Schattenbild ihrer +Produkte oder auch Beurteilungen sein sollen. Sie können, obzwar nur +uneigentlich, Ideale der Sinnlichkeit genannt werden, weil sie das +nicht erreichbare Muster möglicher empirischer Anschauungen sein +sollen, und gleichwohl keine der Erklärung und Prüfung fähige Regel +abgeben. + +Die Absicht der Vernunft mit ihrem Ideale ist dagegen die durchgängige +Bestimmung nach Regeln a priori; daher sie sich einen Gegenstand +denkt, der nach Prinzipien durchgängig bestimmbar sein soll, obgleich +dazu die hinreichenden Bedingungen in der Erfahrung mangeln und der +Begriff selbst also transzendent ist. + + + +Des dritten Hauptstücks +Zweiter Abschnitt +Von dem transzendentalen Ideal +(Prototypon transzendentale) + +Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, was in ihm selbst +nicht enthalten ist, unbestimmt, und steht unter dem Grundsatze +der Bestimmbarkeit; daß nur eines, von jeden zween einander +kontradiktorischentgegengesetzten Prädikaten, ihm zukommen könne, +welcher auf dem Satze des Widerspruchs beruht, und daher ein +bloß logisches Prinzip ist, das von allem Inhalte der Erkenntnis +abstrahiert, und nichts, als die logische Form derselben vor Augen +hat. + +Ein jedes Ding aber, seiner Möglichkeit nach, steht noch unter dem +Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von allen +möglichen Prädikaten der Dinge, sofern sie mit ihren Gegenteilen +verglichen werden, eines zukommen muß. Dieses beruht nicht bloß auf +dem Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet, außer dem Verhältnis +zweier einander widerstreitenden Prädikate, jedes Ding noch im +Verhältnis auf die gesamte Möglichkeit, als den Inbegriff aller +Prädikate der Dinge überhaupt, und, indem es solche als Bedingung a +priori voraussetzt, so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es von +dem Anteil, den es an jener gesamten Möglichkeit hat, seine eigene +Möglichkeit ableite.* Das Prinzipium der durchgängigen Bestimmung +betrifft also den Inhalt, und nicht bloß die logische Form. Es ist der +Grundsatz der Synthesis aller Prädikate, die den vollständigen Begriff +von einem Dinge machen sollen, und nicht bloß der analytischen +Vorstellung, durch eines zweier entgegengesetzten Prädikate, und +enthält eine transzendentale Voraussetzung, nämlich die der Materie zu +aller Möglichkeit, welche a priori die Data zur besonderen Möglichkeit +jedes Dinges enthalten soll. + +* Es wird also durch diesen Grundsatz jedes Ding auf ein + gemeinschaftliches Korrelatum, nämlich die gesamte Möglichkeit, + bezogen, welche, wenn sie (d.i. der Stoff zu allen möglichen + Prädikaten) in der Idee eines einzigen Dinges angetroffen würde, + eine Affinität alles Möglichen durch die Identität des Grundes + der durchgängigen Bestimmung desselben beweisen würde. Die + Bestimmbarkeit eines jeden Begriffs ist der Allgemeinheit + (Universalitas) des Grundsatzes der Ausschließung eines Mittleren + zwischen zwei entgegengesetzten Prädikaten, die Bestimmung aber + eines Dinges der Allheit (Universitas) oder dem Inbegriffe aller + möglichen Prädikate untergeordnet. + +Der Satz: alles Existierende ist durchgängig bestimmt, bedeutet nicht +allein, daß von jedem Paare einander entgegengesetzter gegebenen, +sondern auch von allen möglichen Prädikaten ihm immer eines zukomme; +es werden durch diesen Satz nicht bloß Prädikate untereinander +logisch, sondern das Ding selbst, mit dem Inbegriff aller möglichen +Prädikate, transzendental verglichen. Er will so viel sagen, als: um +ein Ding vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen, +und es dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die +durchgängige Bestimmung ist folglich ein Begriff, den wir niemals in +concreto seiner Totalität nach darstellen können, und gründet sich +also auf einer Idee, welche lediglich in der Vernunft ihren Sitz +hat, die dem Verstande die Regel seines vollständigen Gebrauchs +vorschreibt. + +Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit, sofern +er als Bedingung der durchgängigen Bestimmung eines jeden Dinges zum +Grunde liegt, in Ansehung der Prädikate, die denselben ausmachen +mögen, selbst noch unbestimmt ist, und wir dadurch nichts weiter als +einen Inbegriff aller möglichen Prädikate überhaupt denken, so finden +wir doch bei näherer Untersuchung, daß diese Idee, als Urbegriff, eine +Menge von Prädikaten ausstoße, die als abgeleitet durch andere schon +gegeben sind, oder nebeneinander nicht stehen können, und daß sie sich +bis zu einem durchgängig a priori bestimmten Begriffe läutere, und +dadurch der Begriff von einem einzelnen Gegenstande werde, der durch +die bloße Idee durchgängig bestimmt ist, mithin ein Ideal der reinen +Vernunft genannt werden muß. + +Wenn wir alle möglichen Prädikate nicht bloß logisch, sondern +transzendental, d.i. nach ihrem Inhalte, der an ihnen a priori gedacht +werden kann, erwägen, so finden wir, daß durch einige derselben ein +Sein, durch andere ein bloßes Nichtsein vorgestellt wird. Die logische +Verneinung, die lediglich durch das Wörtchen: Nicht, angezeigt wird, +hängt eigentlich niemals einem Begriffe, sondern nur dem Verhältnisse +desselben zu einem anderen im Urteile an, und kann also dazu bei +weitem nicht hinreichend sein, einen Begriff in Ansehung seines +Inhaltes zu bezeichnen. Der Ausdruck: Nichtsterblich, kann gar nicht +zu erkennen geben, daß dadurch ein bloßes Nichtsein am Gegenstande +vorgestellt werde, sondern läßt allen Inhalt unberührt. Eine +transzendentale Verneinung bedeutet dagegen das Nichtsein an sich +selbst, dem die transzendentale Bejahung entgegengesetzt wird, welche +ein Etwas ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein Sein ausdrückt, +und daher Realität (Sachheit) genannt wird, weil durch sie allein, +und so weit sie reicht, Gegenstände Etwas (Dinge) sind, die +entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet, und, +wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges vorgestellt +wird. + +Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne daß er die +entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der Blindgeborene +kann sich nicht die mindeste Vorstellung von Finsternis machen, weil +er keine vom Lichte hat; der Wilde nicht von der Armut, weil er den +Wohlstand nicht kennt.* Der Unwissende hat keinen Begriff von seiner +Unwissenheit, weil er keinen von der Wissenschaft hat, usw. Es +sind also auch alle Begriffe der Negationen abgeleitet, und die +Realitäten enthalten die Data und sozusagen die Materie, oder den +transzendentalen Inhalt, zu der Möglichkeit und durchgängigen +Bestimmung aller Dinge. + +* Die Beobachtungen und Berechnungen der Sternkundigen haben uns viel + Bewunderungswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste ist wohl, daß + sie uns den Abgrund der Unwissenheit aufgedeckt haben, den die + menschliche Vernunft, ohne diese Kenntnisse, sich niemals so + groß hätte vorstellen können, und worüber das Nachdenken eine + große Veränderung in der Bestimmung der Endabsichten unseres + Vernunftgebrauchs hervorbringen muß. + +Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein +transzendentales Substratum zum Grunde gelegt wird, welches gleichsam +den ganzen Vorrat des Stoffes, daher alle möglichen Prädikate der +Dinge genommen werden können, enthält, so ist dieses Substratum +nichts anderes, als die Idee von einem All der Realität (omnitudo +realitatis). Alle wahren Verneinungen sind alsdann nichts als +Schranken, welches sie nicht genannt werden könnten, wenn nicht das +Unbeschränkte (das All) zum Grunde läge. + +Es ist aber auch durch diesen Allbesitz der Realität der Begriff eines +Dinges an sich selbst, als durchgängig bestimmt, vorgestellt, und +der Begriff eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen +Wesens, weil von allen möglichen entgegengesetzten Prädikaten eines, +nämlich das, was zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung +angetroffen wird. Also ist es ein transzendentales Ideal, welches der +durchgängigen Bestimmung, die notwendig bei allem, was existiert, +angetroffen wird, zum Grunde liegt, und die oberste und vollständige +materiale Bedingung seiner Möglichkeit ausmacht, auf welcher alles +Denken der Gegenstände überhaupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt +werden muß. Es ist aber auch das einzige eigentliche Ideal, dessen +die menschliche Vernunft fähig ist; weil nur in diesem einzigen Falle +ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge durch sich selbst +durchgängig bestimmt, und als die Vorstellung von einem Individuum +erkannt wird. + +Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht auf +einem disjunktiven Vernunftschlusse, in welchem der Obersatz eine +logische Einteilung (die Teilung der Sphäre eines allgemeinen +Begriffs) enthält, der Untersatz diese Sphäre bis auf einen Teil +einschränkt und der Schlußsatz den Begriff durch diesen bestimmt. +Der allgemeine Begriff einer Realität überhaupt kann a priori nicht +eingeteilt werden, weil man ohne Erfahrung keine bestimmten Arten von +Realität kennt, die unter jener Gattung enthalten wären. Also ist der +transzendentale Obersatz der durchgängigen Bestimmung aller Dinge +nichts anderes, als die Vorstellung des Inbegriffs aller Realität, +nicht bloß ein Begriff, der alle Prädikate ihrem transzendentalen +Inhalte nach unter sich, sondern der sie in sich begreift, und +die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht auf der +Einschränkung dieses All der Realität, indem Einiges derselben dem +Dinge beigelegt, das übrige aber ausgeschlossen wird, welches mit dem +Entweder und Oder des disjunktiven Obersatzes und der Bestimmung des +Gegenstandes, durch eins der Glieder dieser Teilung im Untersatze, +übereinkommt. Demnach ist der Gebrauch der Vernunft, durch den sie +das transzendentale Ideal zum Grunde ihrer Bestimmung aller möglichen +Dinge legt, demjenigen analogisch, nach welchem sie in disjunktiven +Vernunftschlüssen verfährt; welches der Satz war, den ich oben zum +Grunde der systematischen Einteilung aller transzendentalen Ideen +legte, nach welchem sie den drei Arten von Vernunftschlüssen parallel +und korrespondierend erzeugt werden. + +Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht, +nämlich sich lediglich die notwendige durchgängige Bestimmung der +Dinge vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem +Ideale gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von +einer unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, +d.i. die des Eingeschränkten abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das +Urbild (Prototypon) aller Dinge, welche insgesamt, als mangelhafte +Kopien (ectypa), den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen, und +indem sie demselben mehr oder weniger nahekommen, dennoch jederzeit +unendlich weit daran fehlen, es zu erreichen. + +So wird denn alle Möglichkeit der Dinge (der Synthesis des +Mannigfaltigen ihrem Inhalte nach) als abgeleitet, und nur allein +die desjenigen, was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich +angesehen. Denn alle Verneinungen (welche doch die einzigen Prädikate +sind, wodurch sich alles andere vom realsten Wesen unterscheiden +läßt,) sind bloße Einschränkungen einer größeren und endlich der +höchsten Realität, mithin setzen sie diese voraus, und sind dem +Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet. Alle Mannigfaltigkeit der +Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den Begriff der höchsten +Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist, einzuschränken, +so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den unendlichen Raum +einzuschränken, möglich sind. Daher wird der bloß in der Vernunft +befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen (ens +originarium), sofern es keines über sich hat, das höchste Wesen (ens +summum), und, sofern alles, als bedingt, unter ihm steht, das Wesen +aller Wesen (ens entium) genannt. Alles dieses aber bedeutet nicht das +objektive Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu anderen Dingen, +sondern der Idee zu Begriffen, und läßt uns wegen der Existenz eines +Wesens von so ausnehmendem Vorzuge in völliger Unwissenheit. + +Weil man auch nicht sagen kann, daß ein Urwesen aus viel abgeleiteten +Wesen bestehe, indem ein jedes derselben jenes voraussetzt, mithin es +nicht ausmachen kann, so wird das Ideal des Urwesens auch als einfach +gedacht werden müssen. + +Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen wird daher, +genau zu reden, auch nicht als eine Einschränkung seiner höchsten +Realität und gleichsam als eine Teilung derselben angesehen werden +können; denn alsdann würde das Urwesen als ein bloßes Aggregat +von abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem vorigen +unmöglich ist, ob wir es gleich anfänglich im ersten rohen +Schattenrisse so vorstellten. Vielmehr würde der Möglichkeit aller +Dinge die höchste Realität als ein Grund und nichts als Inbegriff zum +Grunde liegen, und die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der +Einschränkung des Urwesens selbst, sondern seiner vollständigen Folge +beruhen, zu welcher denn auch unsere ganze Sinnlichkeit, samt aller +Realität in der Erscheinung, gehören würde, die zu der Idee des +höchsten Wesens, als ein Ingredienz, nicht gehören kann. + +Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasieren, so +ferner nachgehen, so werden wir das Urwesen durch den bloßen Begriff +der höchsten Realität als ein einiges, einfaches, allgenugsames, +ewiges usw., mit einem Worte, es in seiner unbedingten Vollständigkeit +durch alle Prädikamente bestimmen können. Der Begriff eines solchen +Wesens ist der von Gott, in transzendentalem Verstande gedacht, +und so ist das Ideal der reinen Vernunft der Gegenstand einer +transzendentalen Theologie, so wie ich es auch oben angeführt habe. + +Indessen würde dieser Gebrauch der transzendentalen Idee doch schon +die Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. Denn +die Vernunft legte sie nur, als den Begriff von aller Realität, der +durchgängigen Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu +verlangen, daß alle diese Realität objektiv gegeben sei und selbst +ein Ding ausmache. Dieses letztere ist eine bloße Erdichtung, durch +welche wir das Mannigfaltige unserer Idee in einem Ideale, als einem +besonderen Wesen, zusammenfassen und realisieren, wozu wir keine +Befugnis haben, sogar nicht einmal die Möglichkeit einer solchen +Hypothese geradezu anzunehmen, wie denn auch alle Folgerungen, die aus +einem solchen Ideale abfließen, die durchgängige Bestimmung der Dinge +überhaupt, als zu deren Behuf die Idee allein nötig war, nichts +angehen, und darauf nicht den mindesten Einfluß haben. + +Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik +zu beschreiben, man muß auch die Quellen derselben zu entdecken +suchen, um diesen Schein selbst, wie ein Phänomen des Verstandes, +erklären zu können; denn das Ideal, wovon wir reden, ist auf einer +natürlichen und nicht bloß willkürlichen Idee gegründet. Daher frage +ich: wie kommt die Vernunft dazu, alle Möglichkeit der Dinge als +abgeleitet von einer einzigen, die zum Grunde liegt, nämlich der +der höchsten Realität, anzusehen, und diese sodann, als in einem +besonderen Urwesen enthalten vorauszusetzen? + +Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transzendentalen +Analytik von selbst dar. Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist +ein Verhältnis derselben zu unserem Denken, worin etwas (nämlich die +empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was die +Materie ausmacht, die Realität in der Erscheinung, (was der Empfindung +entspricht) gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht +und mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden könnte. Nun kann +ein Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er +mit allen Prädikaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe +bejahend oder verneinend vorgestellt wird. Weil aber darin dasjenige, +was das Ding selbst (in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das Reale, +gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht werden +könnte; dasjenige aber, worin das Reale aller Erscheinungen gegeben +ist, die einige allbefassende Erfahrung ist: so muß die Materie zur +Möglichkeit aller Gegenstände der Sinne, als in einem Inbegriffe +gegeben, vorausgesetzt werden, auf dessen Einschränkung allein alle +Möglichkeit empirischer Gegenstände, ihr Unterschied voneinander und +ihre durchgängige Bestimmung, beruhen kann. Nun können uns in der Tat +keine anderen Gegenstände, als die der Sinne, und nirgends als in dem +Kontext einer möglichen Erfahrung gegeben werden, folglich ist nichts +für uns ein Gegenstand, wenn es nicht den Inbegriff aller empirischen +Realität als Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt. Nach einer +natürlichen Illusion sehen wir nun das für einen Grundsatz an, der von +allen Dingen überhaupt gelten müsse, welcher eigentlich nur von denen +gilt, die als Gegenstände unserer Sinne gegeben werden. Folglich +werden wir das empirische Prinzip unserer Begriffe der Möglichkeit der +Dinge, als Erscheinungen, durch Weglassung dieser Einschränkung, für +ein transzendentales Prinzip der Möglichkeit der Dinge überhaupt +halten. + +Daß wir aber hernach diese Idee vom Inbegriffe aller Realität +hypostasieren, kommt daher: weil wir die distributive Einheit des +Erfahrungsgebrauchs des Verstandes in die kollektive Einheit eines +Erfahrungsganzen dialektisch verwandeln, und an diesem Ganzen der +Erscheinung uns ein einzelnes Ding denken, was alle empirische +Realität in sich enthält, welches dann, vermittelst der schon +gedachten transzendentalen Subreption, mit dem Begriffe eines Dinges +verwechselt wird, was an der Spitze der Möglichkeit aller Dinge steht, +zu deren durchgängiger Bestimmung es die realen Bedingungen hergibt.* + +* Dieses Ideal des allerrealsten Wesens wird also, ob es zwar eine + bloße Vorstellung ist, zuerst realisiert, d.i. zum Objekt gemacht, + darauf hypostasiert, endlich, durch einen natürlichen Fortschritt + der Vernunft zur Vollendung der Einheit, sogar personifiziert, wie + wir bald anführen werden; weil die regulative Einheit der Erfahrung + nicht auf den Erscheinungen selbst (der Sinnlichkeit allein), + sondern auf der Verknüpfung ihres Mannigfaltigen durch den Verstand + (in einer Apperzeption) beruht, mithin die Einheit der höchsten + Realität und die durchgängige Bestimmbarkeit (Möglichkeit) aller + Dinge in einem höchsten Verstande, mithin in einer Intelligenz zu + liegen scheint. + + + +Des dritten Hauptstücks +Dritter Abschnitt +Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines +höchsten Wesens zu schließen + +Ungeachtet dieser dringenden Bedürfnis der Vernunft, etwas +vorauszusetzen, was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung +seiner Begriffe vollständig zum Grunde liegen könne, so bemerkt sie +doch das Idealische und bloß Gedichtete einer solchen Voraussetzung +viel zu leicht, als daß sie dadurch allein überredet werden sollte, +ein bloßes Selbstgeschöpf ihres Denkens sofort für ein wirkliches +Wesen anzunehmen, wenn sie nicht wodurch anders gedrungen würde, +irgendwo ihren Ruhestand, in dem Regressus vom Bedingten, das gegeben +ist, zum Unbedingten, zu suchen, das zwar an sich und seinem bloßen +Begriff nach nicht als wirklich gegeben ist, welches aber allein die +Reihe der zu ihren Gründen hinausgeführten Bedingungen vollenden kann. +Dieses ist nun der natürliche Gang, den jede menschliche Vernunft, +selbst die gemeinste, nimmt, obgleich nicht eine jede in demselben +aushält. Sie fängt nicht von Begriffen, sondern von der gemeinen +Erfahrung an, und legt also etwas Existierendes zum Grunde. Dieser +Boden aber sinkt, wenn er nicht auf dem unbeweglichen Felsen des +Absolutnotwendigen ruht. Dieser selber aber schwebt ohne Stütze, wenn +noch außer und unter ihm leerer Raum ist, und er nicht selbst alles +erfüllt und dadurch keinen Platz zum Warum mehr übrig läßt, d.i. der +Realität nach unendlich ist. + +Wenn etwas, was es auch sei, existiert, so muß auch eingeräumt werden, +daß irgend etwas notwendigerweise existiere. Denn das Zufällige +existiert nur unter der Bedingung eines anderen, als seiner Ursache, +und von dieser gilt der Schluß fernerhin, bis zu einer Ursache, die +nicht zufällig und eben darum ohne Bedingung notwendigerweise da +ist. Das ist das Argument, worauf die Vernunft ihren Fortschritt zum +Urwesen gründet. + +Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, das +sich zu einem solchen Vorzuge der Existenz, als die unbedingte +Notwendigkeit, schicke, nicht sowohl, um alsdann von dem Begriffe +desselben a priori auf sein Dasein zu schließen, (denn, getraute +sie sich dieses, so dürfte sie überhaupt nur unter bloßen Begriffen +forschen, und hätte nicht nötig, ein gegebenes Dasein zum Grunde +zu legen,) sondern nur um unter allen Begriffen möglicher Dinge +denjenigen zu finden, der nichts der absoluten Notwendigkeit +Widerstreitendes in sich hat. Denn, daß doch irgend etwas schlechthin +notwendig existieren müsse, hält sie nach dem ersteren Schlusse schon +für ausgemacht. Wenn sie nun alles wegschaffen kann, was sich mit +dieser Notwendigkeit nicht verträgt, außer einem; so ist dieses das +schlechthin notwendige Wesen, man mag nun die Notwendigkeit desselben +begreifen, d.i. aus seinem Begriffe allein ableiten können, oder +nicht. + +Nun scheint dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum in +sich enthält, das in keinem Stücke und in keiner Absicht defekt +ist, welches allerwärts als Bedingung hinreicht, eben darum das zur +absoluten Notwendigkeit schickliche Wesen zu sein, weil es, bei dem +Selbstbesitz aller Bedingungen zu allem Möglichen, selbst keiner +Bedingung bedarf, ja derselben nicht einmal fähig ist, folglich, +wenigstens in einem Stücke, dem Begriffe der unbedingten Notwendigkeit +ein Genüge tut, darin es kein anderer Begriff ihm gleichtun kann, +der, weil er mangelhaft und der Ergänzung bedürftig ist, kein solches +Merkmal der Unabhängigkeit von allen ferneren Bedingungen an sich +zeigt. Es ist wahr, daß hieraus noch nicht sicher gefolgert werden +könne, daß, was nicht die höchste und in aller Absicht vollständige +Bedingung in sich enthält, darum selbst seiner Existenz nach bedingt +sein müsse; aber es hat denn doch das einzige Merkzeichen des +unbedingten Daseins nicht an sich, dessen die Vernunft mächtig ist, +um durch einen Begriff a priori irgendein Wesen als unbedingt zu +erkennen. + +Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität würde sich also +unter allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt +notwendigen Wesens am besten schicken, und, wenn er diesem auch +nicht völlig genugtut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen +uns genötigt, uns an ihn zu halten, weil wir die Existenz eines +notwendigen Wesens nicht in den Wind schlagen dürfen; geben wir sie +aber zu, doch in dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts finden +können, was auf einen solchen Vorzug im Dasein einen gegründeteren +Anspruch machen könnte. + +So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaffen. +Zuerst überzeugt sie sich vom Dasein irgendeines notwendigen Wesens. +In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie den +Begriff des Unabhängigen von aller Bedingung, und findet ihn in dem, +was selbst die zureichende Bedingung zu allem anderen ist, d.i. in +demjenigen, was alle Realität enthält. Das All aber ohne Schranken ist +absolute Einheit, und führt den Begriff eines einigen, nämlich des +höchsten Wesens bei sich, und so schließt sie, daß das höchste Wesen, +als Urgrund aller Dinge, schlechthin notwendigerweise da sei. + +Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten +werden, wenn von Entschließungen die Rede ist, nämlich, wenn einmal +das Dasein irgendeines notwendigen Wesens zugegeben wird und man darin +übereinkommt, daß man seine Partei ergreifen müsse, worin man dasselbe +setzen wolle; denn alsdann kann man nicht schicklicher wählen, oder +man hat vielmehr keine Wahl, sondern ist genötigt, der absoluten +Einheit der vollständigen Realität, als dem Urquelle der Möglichkeit, +seine Stimme zu geben. Wenn uns aber nichts treibt, uns zu +entschließen, und wir lieber diese ganze Sache dahingestellt sein +ließen, bis wir durch das volle Gewicht der Beweisgründe zum Beifalle +gezwungen würden, d.i. wenn es bloß um Beurteilung zu tun ist, wie +viel wir von dieser Aufgabe wissen, und was wir uns nur zu wissen +schmeicheln; dann erscheint obiger Schluß bei weitem nicht in so +vorteilhafter Gestalt, und bedarf Gunst, um den Mangel seiner +Rechtsansprüche zu ersetzen. + +Denn, wenn wir alles so gut sein lassen, wie es hier vor uns liegt, +daß nämlich erstlich von irgendeiner gegebenen Existenz (allenfalls +auch bloß meiner eigenen) ein richtiger Schluß auf die Existenz eines +unbedingt notwendigen Wesens stattfinde, zweitens, daß ich ein Wesen, +welches alle Realität, mithin auch alle Bedingung enthält, als +schlechthin unbedingt ansehen müsse, folglich der Begriff des Dinges, +welches sich zur absoluten Notwendigkeit schickt, hierdurch gefunden +sei: so kann daraus doch gar nicht geschlossen werden, daß der Begriff +eines eingeschränkten Wesens, das nicht die höchste Realität hat, +darum der absoluten Notwendigkeit widerspreche. Denn, ob ich gleich +in seinem Begriffe nicht das Unbedingte antreffe, was das All der +Bedingungen schon bei sich führt, so kann daraus doch gar nicht +gefolgert werden, daß sein Dasein eben darum bedingt sein müsse; so +wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht sagen kann: +wo eine gewisse Bedingung (nämlich hier der Vollständigkeit nach +Begriffen) nicht ist, da ist auch das Bedingte nicht. Es wird uns +vielmehr unbenommen bleiben, alle übrigen eingeschränkten Wesen +ebensowohl für unbedingt notwendig gelten zu lassen, ob wir gleich +ihre Notwendigkeit aus dem allgemeinen Begriffe, den wir von ihnen +haben, nicht schließen können. Auf diese Weise aber hätte dieses +Argument uns nicht den mindesten Begriff von Eigenschaften eines +notwendigen Wesens verschafft, und überall gar nichts geleistet. + +Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit, und ein +Ansehen, das ihm, wegen dieser objektiven Unzulänglichkeit, noch nicht +sofort genommen werden kann. Denn setzet, es gebe Verbindlichkeiten, +die in der Idee der Vernunft ganz richtig, aber ohne alle Realität in +Anwendung auf uns selbst, d.i. ohne Triebfedern sein würden, wo nicht +ein höchstes Wesen vorausgesetzt würde, das den praktischen Gesetzen +Wirkung und Nachdruck geben könnte: so würden wir auch eine +Verbindlichkeit haben, den Begriffen zu folgen, die, wenn sie gleich +nicht objektiv zulänglich sein möchten, doch nach dem Maße unserer +Vernunft überwiegend sind, und in Vergleichung mit denen wir doch +nichts Besseres und Überführenderes erkennen. Die Pflicht zu +wählen, würde hier die Unschliessigkeit der Spekulation durch einen +praktischen Zusatz aus dem Gleichgewichte bringen, ja die Vernunft +würde bei ihr selbst, als dem nachsehendsten Richter, keine +Rechtfertigung finden, wenn sie unter dringenden Bewegursachen, obzwar +nur mangelhafter Einsicht, diesen Gründen ihres Urteils, über die wir +doch wenigstens keine besseren kennen, nicht gefolgt wäre. + +Dieses Argument, ob es gleich in der Tat transzendental ist, indem +es auf der inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht, ist doch +so einfältig und natürlich, daß es dem gemeinsten Menschensinne +angemessen ist, sobald dieser nur einmal darauf geführt wird. Man +sieht Dinge sich verändern, entstehen und vergehen; sie müssen also, +oder wenigstens ihr Zustand, eine Ursache haben. Von jeder Ursache +aber, die jemals in der Erfahrung gegeben werden mag, läßt sich eben +dieses wiederum fragen. Wohin sollen wir nun die oberste Kausalität +billiger verlegen, als dahin, wo auch die höchste Kausalität ist, d.i. +in dasjenige Wesen, was zu der möglichen Wirkung die Zulänglichkeit +in sich selbst ursprünglich enthält, dessen Begriff auch durch den +einzigen Zug einer allbefassenden Vollkommenheit sehr leicht zustande +kommt. Diese höchste Ursache halten wir dann für schlechthin +notwendig, weil wir es schlechterdings notwendig finden, bis zu ihr +hinaufzusteigen, und keinen Grund, über sie noch weiter hinauszugehen. +Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste Vielgötterei +doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu nicht +Nachdenken und tiefe Spekulation, sondern nur ein nach und nach +verständlich gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes +geführt hat. + + Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus + spekulativer Vernunft möglich. + +Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder +von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen +Beschaffenheit unserer Sinnenwelt an, und steigen von ihr nach +Gesetzen der Kausalität bis zur höchsten Ursache außer der Welt +hinauf: oder sie legen nur unbestimmte Erfahrung, d.i. irgendein +Dasein, empirisch zum Grunde, oder sie abstrahieren endlich von aller +Erfahrung, und schließen gänzlich a priori aus bloßen Begriffen +auf das Dasein einer höchsten Ursache. Der erste Beweis ist der +physikotheologische, der zweite der kosmologische, der dritte der +ontologische Beweis. Mehr gibt es ihrer nicht, und mehr kann es auch +nicht geben. + +Ich werde dartun: daß die Vernunft, auf dem einen Wege (dem +empirischen) so wenig, als auf dem anderen (dem transzendentalen), +etwas ausrichte, und daß sie vergeblich ihre Flügel ausspanne, um über +die Sinnenwelt durch die bloße Macht der Spekulation hinaus zu kommen. +Was aber die Ordnung betrifft, in welcher diese Beweisarten der +Prüfung vorgelegt werden müssen, so wird sie gerade die umgekehrte von +derjenigen sein, welche die sich nach und nach erweiternde Vernunft +nimmt, und in der wir sie auch zuerst gestellt haben. Denn es wird +sich zeigen: daß, obgleich Erfahrung den ersten Anlaß dazu gibt, +dennoch bloß der transzendentale Begriff die Vernunft in dieser ihrer +Bestrebung leite und in allen solchen Versuchen das Ziel ausstecke, +das sie sich vorgesetzt hat. Ich werde also von der Prüfung des +transzendentalen Beweises anfangen, und nachher sehen, was der Zusatz +des Empirischen zur Vergrößerung seiner Beweiskraft tun könne. + + + +Des dritten Hauptstücks +Vierter Abschnitt +Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes + +Man sieht aus dem bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolut +notwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d.i. eine bloße Idee +sei, deren objektive Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, +noch lange nicht bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse obzwar +unerreichbare Vollständigkeit Anweisung gibt, und eigentlich mehr +dazu dient, den Verstand zu begrenzen, als ihn auf neue Gegenstände +zu erweitern. Es findet sich hier nun das Befremdliche und +Widersinnische, daß der Schluß von einem gegebenen Dasein überhaupt +auf irgendein schlechthin notwendiges Dasein, dringend und richtig zu +sein scheint, und wir gleichwohl alle Bedingungen des Verstandes, sich +einen Begriff von einer solchen Notwendigkeit zu machen, gänzlich +wider uns haben. + +Man hat zu aller Zeit von dem absolut notwendigen Wesen geredet, und +sich nicht sowohl Mühe gegeben, zu verstehen, ob und wie man sich ein +Ding von dieser Art auch nur denken könne, als vielmehr dessen Dasein +zu beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe +ganz leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich +ist; aber man wird hierdurch um nichts klüger, in Ansehung der +Bedingungen, die es unmöglich machen, das Nichtsein eines Dinges als +schlechterdings undenklich anzusehen, und die eigentlich dasjenige +sind, was man wissen will, nämlich, ob wir uns durch diesen Begriff +überall etwas denken, oder nicht. Denn alle Bedingungen, die der +Verstand jederzeit bedarf, um etwas als notwendig anzusehen, +vermittelst des Worts: Unbedingt, wegwerfen, macht mir noch lange +nicht verständlich, ob ich alsdann durch einen Begriff eines +Unbedingtnotwendigen noch etwas, oder vielleicht gar nichts denke. + +Noch mehr: diesen auf das bloße Geratewohl gewagten und endlich +ganz geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge +Beispiele zu erklären geglaubt, so, daß alle weitere Nachfrage wegen +seiner Verständlichkeit ganz unnötig erschienen. Ein jeder Satz der +Geometrie, z.B. daß ein Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin +notwendig, und so redete man von einem Gegenstande, der ganz außerhalb +der Sphäre unseres Verstandes liegt, als ob man ganz wohl verstände, +was man mit dem Begriffe von ihm sagen wolle. + +Alle vorgegebenen Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urteilen, +aber nicht von Dingen und deren Dasein hergenommen. Die unbedingte +Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit +der Sachen. Denn die absolute Notwendigkeit des Urteils ist nur eine +bedingte Notwendigkeit der Sache, oder des Prädikats im Urteile. Der +vorige Satz sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings notwendig +sind, sondern, unter der Bedingung, daß ein Triangel da ist, (gegeben +ist) sind auch drei Winkel (in ihm) notwendigerweise da. Gleichwohl +hat diese logische Notwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion +bewiesen, daß, indem man sich einen Begriff a priori von einem Dinge +gemacht hatte, der so gestellt war, daß man seiner Meinung nach +das Dasein mit in seinen Umfang begriff, man daraus glaubte sicher +schließen zu können, daß, weil dem Objekt dieses Begriffs das Dasein +notwendig zukommt, d.i. unter der Bedingung, daß ich dieses Ding als +gegeben (existierend) setze, auch sein Dasein notwendig (nach der +Regel der Identität) gesetzt werde, und dieses Wesen daher selbst +schlechterdings notwendig sei, weil sein Dasein in einem nach Belieben +angenommenen Begriffe und unter der Bedingung, daß ich den Gegenstand +desselben setze, mitgedacht wird. + +Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte +das Subjekt, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich: jenes +kommt diesem notwendigerweise zu. Hebe ich aber das Subjekt zusamt +dem Prädikate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es ist nichts +mehr, welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel setzen und +doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend; aber den +Triangel samt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch. +Gerade ebenso ist es mit dem Begriffe eines absolut notwendigen Wesens +bewandt. Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das +Ding selbst mit allen seinen Prädikaten auf; wo soll alsdann der +Widerspruch herkommen? Äußerlich ist nichts, dem widersprochen würde, +denn das Ding soll nicht äußerlich notwendig sein; innerlich auch +nichts, denn ihr habt, durch Aufhebung des Dinges selbst, alles Innere +zugleich aufgehoben. Gott ist allmächtig; das ist ein notwendiges +Urteil. Die Allmacht kann nicht aufgehoben werden, wenn ihr eine +Gottheit, d.i. ein unendliches Wesen, setzt, mit dessen Begriff jener +identisch ist. Wenn ihr aber sagt: Gott ist nicht, so ist weder die +Allmacht, noch irgendein anderes seiner Prädikate gegeben; denn sie +sind alle zusamt dem Subjekte aufgehoben, und es zeigt sich in diesem +Gedanken nicht der mindeste Widerspruch. + +Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädikat eines Urteils zusamt +dem Subjekte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen +könne, das Prädikat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt euch +keine Ausflucht übrig, als, ihr müßt sagen: es gibt Subjekte, die gar +nicht aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde +aber ebensoviel sagen, als: es gibt schlechterdings notwendige +Subjekte; eine Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt +habe, und deren Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet. Denn ich kann mir +nicht den geringsten Begriff von einem Dinge machen, welches, wenn es +mit allen seinen Prädikaten aufgehoben würde, einen Widerspruch zurück +ließe, und ohne den Widerspruch habe ich, durch bloße reine Begriffe a +priori, kein Merkmal der Unmöglichkeit. + +Wider alle diese allgemeinen Schlüsse (deren sich kein Mensch weigern +kann) fordert ihr mich durch einen Fall auf, den ihr, als einen Beweis +durch die Tat, aufstellt: daß es doch einen und zwar nur diesen Einen +Begriff gebe, da das Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes +in sich selbst widersprechend sei, und dieses ist der Begriff des +allerrealsten Wesens. Es hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid +berechtigt, ein solches Wesen als möglich anzunehmen, (welches ich +vorjetzt einwillige, obgleich der sich nicht widersprechende Begriff +noch lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes beweist)*. Nun ist +unter aller Realität auch das Dasein mitbegriffen: Also liegt das +Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen. Wird dieses Ding nun +aufgehoben, so wird die innere Möglichkeit des Dinges aufgehoben, +welches widersprechend ist. + +* Der Begriff ist allemal möglich, wenn er sich nicht widerspricht. + Das ist das logische Merkmal der Möglichkeit, und dadurch wird + sein Gegenstand vom nihil negativum unterschieden. Allein er kann + nichtsdestoweniger ein leerer Begriff sein, wenn die objektive + Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird, nicht + besonders dargetan wird; welches aber jederzeit, wie oben gezeigt + worden, auf Prinzipien möglicher Erfahrung und nicht auf dem + Grundsatze der Analysis (dem Satze des Widerspruchs) beruht. Das + ist eine Warnung, von der Möglichkeit der Begriffe (logische) nicht + sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu schließen. + +Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr in +den Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit +nach denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den +Begriff seiner Existenz hinein brachtet. Räumt man euch dieses ein, +so habt ihr dem Scheine nach gewonnen Spiel, in der Tat aber nichts +gesagt; denn ihr habt eine bloße Tautologie begangen. Ich frage euch, +ist der Satz: dieses oder jenes Ding (welches ich euch als möglich +einräume, es mag sein, welches es wolle,) existiert, ist, sage ich, +dieser Satz ein analytischer oder synthetischer Satz? Wenn er das +erstere ist, so tut ihr durch das Dasein des Dinges zu euerem Gedanken +von dem Dinge nichts hinzu, aber alsdann müßte entweder der Gedanke, +der in euch ist, das Ding selber sein, oder ihr habt ein Dasein, als +zur Möglichkeit gehörig, vorausgesetzt, und alsdann das Dasein dem +Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit geschlossen, welches nichts +als eine elende Tautologie ist. Das Wort: Realität, welches im +Begriffe des Dinges anders klingt, als Existenz im Begriffe des +Prädikats, macht es nicht aus. Denn, wenn ihr auch alles Setzen +(unbestimmt was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr das Ding schon +mit allen seinen Prädikaten im Begriffe des Subjekts gesetzt und als +wirklich angenommen, und im Prädikate wiederholt ihr es nur. Gesteht +ihr dagegen, wie es billigermaßen jeder Vernünftige gestehen muß, +daß ein jeder Existenzialsatz synthetisch sei, wie wollt ihr dann +behaupten, daß das Prädikat der Existenz sich ohne Widerspruch nicht +aufheben lasse? da dieser Vorzug nur den analytischen, als deren +Charakter eben darauf beruht, eigentümlich zukommt. + +Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argutation, ohne allen +Umschweif, durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz +zunichte zu machen, wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion, +in Verwechslung eines logischen Prädikats mit einem realen, (d.i. +der Bestimmung eines Dinges,) beinahe alle Belehrung ausschlage. Zum +logischen Prädikate kann alles dienen, was man will, sogar das Subjekt +kann von sich selbst prädiziert werden; denn die Logik abstrahiert von +allem Inhalte. Aber die Bestimmung ist ein Prädikat, welches über den +Begriff des Subjekts hinzukommt und ihn vergrößert. Sie muß also nicht +in ihm schon enthalten sein. + +Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d.i. ein Begriff von irgend +etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloß +die Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. +Im logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urteils. Der +Satz: Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte +haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein +Prädikat obenein, sondern nur das, was das Prädikat beziehungsweise +aufs Subjekt setzt. Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit allen seinen +Prädikaten (worunter auch die Allmacht gehört) zusammen, und sage: +Gott ist, oder es ist ein Gott, so setze ich kein neues Prädikat zum +Begriffe von Gott, sondern nur das Subjekt an sich selbst mit allen +seinen Prädikaten, und zwar den Gegenstand in Beziehung auf meinen +Begriff. Beide müssen genau einerlei enthalten, und es kann daher +zu dem Begriffe, der bloß die Möglichkeit ausdrückt, darum, daß ich +dessen Gegenstand als schlechthin gegeben (durch den Ausdruck: er ist) +denke, nichts weiter hinzukommen. Und so enthält das Wirkliche nichts +mehr als das bloß Mögliche. Hundert wirkliche Taler enthalten nicht +das mindeste mehr, als hundert mögliche. Denn, da diese den Begriff, +jene aber den Gegenstand und dessen Position an sich selbst bedeuten, +so würde, im Fall dieser mehr enthielte als jener, mein Begriff nicht +den ganzen Gegenstand ausdrücken, und also auch nicht der angemessene +Begriff von ihm sein. Aber in meinem Vermögenszustande ist mehr bei +hundert wirklichen Talern, als bei dem bloßen Begriffe derselben, +(d.i. ihrer Möglichkeit). Denn der Gegenstand ist bei der Wirklichkeit +nicht bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten, sondern kommt zu +meinem Begriffe (der eine Bestimmung meines Zustandes ist) synthetisch +hinzu, ohne daß durch dieses Sein außerhalb meinem Begriffe diese +gedachten hundert Taler selbst im mindesten vermehrt werden. + +Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädikate ich will, +(selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, daß +ich noch hinzusetze, dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge +hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren, +als ich im Begriffe gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß +gerade der Gegenstand meines Begriffs existiere. Denke ich mir auch +sogar in einem Dinge alle Realität außer einer, so kommt dadurch, +daß ich sage, ein solches mangelhaftes Ding existiert, die fehlende +Realität nicht hinzu, sondern es existiert gerade mit demselben Mangel +behaftet, als ich es gedacht habe, sonst würde etwas anderes, als +ich dachte, existieren. Denke ich mir nun ein Wesen als die höchste +Realität (ohne Mangel), so bleibt noch immer die Frage, ob es +existiere, oder nicht. Denn, obgleich an meinem Begriffe, von dem +möglichen realen Inhalte eines Dinges überhaupt, nichts fehlt, so +fehlt doch noch etwas an dem Verhältnisse zu meinem ganzen Zustande +des Denkens, nämlich daß die Erkenntnis jenes Objekts auch a +posteriori möglich sei. Und hier zeigt sich auch die Ursache der +hierbei obwaltenden Schwierigkeit. Wäre von einem Gegenstande der +Sinne die Rede, so würde ich die Existenz des Dinges mit dem bloßen +Begriffe des Dinges nicht verwechseln können. Denn durch den Begriff +wird der Gegenstand nur mit den allgemeinen Bedingungen einer +möglichen empirischen Erkenntnis überhaupt als einstimmig, durch die +Existenz aber als in dem Kontext der gesamten Erfahrung enthalten +gedacht; da denn durch die Verknüpfung mit dem Inhalte der gesamten +Erfahrung der Begriff vom Gegenstande nicht im mindesten vermehrt +wird, unser Denken aber durch denselben eine mögliche Wahrnehmung mehr +bekommt. Wollen wir dagegen die Existenz durch die reine Kategorie +allein denken, so ist kein Wunder, daß wir kein Merkmal angeben +können, sie von der bloßen Möglichkeit zu unterscheiden. + +Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wie +viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die +Existenz zu erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses +durch den Zusammenhang mit irgendeiner meiner Wahrnehmungen nach +empirischen Gesetzen; aber für Objekte des reinen Denkens ist ganz und +gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori +erkannt werden müßte, unser Bewußtsein aller Existenz aber (es sei +durch Wahrnehmung unmittelbar, oder durch Schlüsse, die etwas mit +der Wahrnehmung verknüpfen,) gehört ganz und gar zur Einheit der +Erfahrung, und eine Existenz außer diesem Felde kann zwar nicht +schlechterdings für unmöglich erklärt werden, sie ist aber eine +Voraussetzung, die wir durch nichts rechtfertigen können. + +Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr +nützliche Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz +unfähig, um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntnis in Ansehung +dessen, was existiert, zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel, +daß sie uns in Ansehung der Möglichkeit eines Mehreren belehrte. Das +analytische Merkmal der Möglichkeit, das darin besteht, daß bloße +Positionen (Realitäten) keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm zwar +nicht gestritten werden; da aber die Verknüpfung aller realen +Eigenschaften in einem Dinge eine Synthesis ist, über deren +Möglichkeit wir a priori nicht urteilen können, weil uns die +Realitäten spezifisch nicht gegeben sind, und, wenn dieses auch +geschähe, überall gar kein Urteil darin stattfindet, weil das Merkmal +der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung +gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee nicht +gehören kann; so hat der berühmte Leibniz bei weitem das nicht +geleistet, wessen er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen +idealischen Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen. + +Es ist also an dem so berühmten ontologischen (Cartesianischen) +Beweise, vom Dasein eines höchsten Wesens, aus Begriffen, alle Mühe +und Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl ebensowenig aus bloßen +Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen, wenn +er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Kassenbestande einige +Nullen anhängen wollte. + + + +Des dritten Hauptstücks +Fünfter Abschnitt +Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes + +Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des +Schulwitzes, aus einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein +des ihr entsprechenden Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen. In +der Tat würde man es nie auf diesem Wege versucht haben, wäre nicht +die Bedürfnis unserer Vernunft, zur Existenz überhaupt irgend +etwas Notwendiges (bei dem man im Aufsteigen stehenbleiben könne) +anzunehmen, vorhergegangen, und wäre nicht die Vernunft, da diese +Notwendigkeit unbedingt und a priori gewiß sein muß, gezwungen worden, +einen Begriff zu suchen, der, wo möglich, einer solchen Forderung ein +Genüge täte, und ein Dasein völlig a priori zu erkennen gebe. Diesen +glaubte man nun in der Idee eines allerrealsten Wesens zu finden und +so wurde diese nur zur bestimmteren Kenntnis desjenigen, wovon man +schon anderweitig überzeugt oder überredet war, es müsse existieren, +nämlich des notwendigen Wesens, gebraucht. Indes verhehlte man diesen +natürlichen Gang der Vernunft, und, anstatt bei diesem Begriffe zu +endigen, versuchte man von ihm anzufangen, um die Notwendigkeit des +Daseins aus ihm abzuleiten, die er doch nur zu ergänzen bestimmt war. +Hieraus entsprang nun der verunglückte ontologische Beweis, der weder +für den natürlichen und gesunden Verstand, noch für die schulgerechte +Prüfung etwas Genugtuendes bei sich führt. + +Der kosmologische Beweis, den wir jetzt untersuchen wollen, behält +die Verknüpfung der absoluten Notwendigkeit mit der höchsten Realität +bei, aber anstatt, wie der vorige, von der höchsten Realität auf die +Notwendigkeit im Dasein zu schließen, schließt er vielmehr von der zum +voraus gegebenen unbedingten Notwendigkeit irgendeines Wesens, auf +dessen unbegrenzte Realität, und bringt sofern alles wenigstens in das +Geleis einer, ich weiß nicht ob vernünftigen, oder vernünftelnden, +wenigstens natürlichen Schlußart, welche nicht allein für den +gemeinen, sondern auch den spekulativen Verstand die meiste Überredung +bei sich führt; wie sie denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen +der natürlichen Theologie die ersten Grundlinien zieht, denen man +jederzeit nachgegangen ist und ferner nachgehen wird, man mag sie nun +durch noch so viel Laubwerk und Schnörkel verzieren und verstecken, +als man immer will. Diesen Beweis, den Leibniz auch den a contingentia +mundi nannte, wollen wir jetzt vor Augen stellen und der Prüfung +unterwerfen. + +Er lautet also: Wenn etwas existiert, so muß auch ein schlechterdings +notwendiges Wesen existieren. Nun existiere, zum mindesten, ich +selbst: also existiert ein absolut notwendiges Wesen. Der Untersatz +enthält eine Erfahrung, der Obersatz die Schlußfolge aus einer +Erfahrung überhaupt auf das Dasein des Notwendigen.* Also hebt der +Beweis eigentlich von der Erfahrung an, mithin ist er nicht gänzlich +a priori geführt, oder ontologisch, und weil der Gegenstand aller +möglichen Erfahrung Welt heißt, so wird er darum der kosmologische +Beweis genannt. Da er auch von aller besonderen Eigenschaft der +Gegenstände der Erfahrung, dadurch sich diese Welt von jeder möglichen +unterscheiden mag, abstrahiert: so wird er schon in seiner Benennung +auch vom physikotheologischen Beweise unterschieden, welcher +Beobachtungen der besonderen Beschaffenheit dieser unserer Sinnenwelt +zu Beweisgründen braucht. + +* Diese Schlußfolge ist zu bekannt, als das es nötig wäre, sie + hier weitläufig vorzutragen. Sie beruht auf dem vermeintlich + transzendentalen Naturgesetz der Kausalität: daß alles Zufällige + seine Ursache habe, die, wenn sie wiederum zufällig ist, ebensowohl + eine Ursache haben muß, bis die Reihe der einander untergeordneten + Ursachen sich bei einer schlechthin notwendigen Ursache endigen muß, + ohne welche sie keine Vollständigkeit haben würde. + +Nun schließt der Beweis weiter: das notwendige Wesen kann nur auf +eine einzige Art, d.i. in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten +Prädikate nur durch eines derselben, bestimmt werden, folglich muß +es durch seinen Begriff durchgängig bestimmt sein. Nun ist nur ein +einziger Begriff von einem Dinge möglich, der dasselbe a priori +durchgängig bestimmt, nämlich der des entis realissimi: Also ist der +Begriff des allerrealsten Wesens der einzige, dadurch ein notwendiges +Wesen gedacht werden kann, d.i. es existiert ein höchstes Wesen +notwendigerweise. + +In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde +Grundsätze zusammen, daß die spekulative Vernunft hier alle ihre +dialektische Kunst aufgeboten zu haben scheint, um den größtmöglichen +transzendentalen Schein zustande zu bringen. Wir wollen ihre Prüfung +indessen eine Weile beiseite setzen, um nur eine List derselben +offenbar zu machen, mit welcher sie ein altes Argument in verkleideter +Gestalt für ein neues aufstellt und sich auf zweier Zeugen Einstimmung +beruft, nämlich einen reinen Vernunftzeugen und einen anderen von +empirischer Beglaubigung, da es doch nur der erstere allein ist, +welcher bloß seinen Anzug und Stimme verändert, um für einen zweiten +gehalten zu werden. Um seinen Grund recht sicher zu legen, fußt sich +dieser Beweis auf Erfahrung und gibt sich dadurch das Ansehen, als +sei er vom ontologischen Beweise unterschieden, der auf lauter reine +Begriffe a priori sein ganzes Vertrauen setzt. Dieser Erfahrung aber +bedient sich der kosmologische Beweis nur, um einen einzigen Schritt +zu tun, nämlich zum Dasein eines notwendigen Wesens überhaupt. Was +dieses für Eigenschaften habe, kann der empirische Beweisgrund nicht +lehren, sondern da nimmt die Vernunft gänzlich von ihm Abschied und +forscht hinter lauter Begriffen: was nämlich ein absolut notwendiges +Wesen überhaupt für Eigenschaften haben müsse, (d.i. welches unter +allen möglichen Dingen die erforderlichen Bedingungen (requisita) zu +einer absoluten Notwendigkeit in sich enthalte. Nun glaubt sie im +Begriffe eines allerrealsten Wesens einzig und allein diese Requisite +anzutreffen, und schließt sodann: das ist das schlechterdings +notwendige Wesen. Es ist aber klar, daß man hierbei voraussetzt, der +Begriff eines Wesens von der höchsten Realität tue dem Begriffe der +absoluten Notwendigkeit im Dasein völlig genug, d.i. es lasse sich aus +jener auf diese schließen; ein Satz, den das ontologische Argument +behauptete, welches man also im kosmologischen Beweise annimmt und zum +Grunde legt, da man es doch hatte vermeiden wollen. Denn die absolute +Notwendigkeit ist ein Dasein aus bloßen Begriffen. Sage ich nun: der +Begriff des entis realissimi ist ein solcher Begriff, und zwar der +einzige, der zu dem notwendigen Dasein passend und ihm adäquat ist; so +muß ich auch einräumen, daß aus ihm das letztere geschlossen werden +könne. Es ist also eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter +Begriffen, der in dem sogenannten kosmologischen alle Beweiskraft +enthält, und die angebliche Erfahrung ist ganz müßig, vielleicht, um +uns nur auf den Begriff der absoluten Notwendigkeit zu führen, nicht +aber um diese an irgendeinem bestimmten Dinge darzutun. Denn sobald +wir dieses zur Absicht haben, müssen wir sofort alle Erfahrung +verlassen, und unter reinen Begriffen suchen, welcher von ihnen wohl +die Bedingungen der Möglichkeit eines absolut notwendigen Wesens +enthalte. Ist aber auf solche Weise nur die Möglichkeit eines solchen +Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargetan; denn es heißt so +viel, als: unter allem Möglichen ist Eines, das absolute Notwendigkeit +bei sich führt, d.i. dieses Wesen existiert schlechterdings notwendig. + +Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten, wenn man +sie auf schulgerechte Art vor Augen stellt. Hier ist eine solche +Darstellung. + +Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthin notwendiges Wesen ist +zugleich das allerrealste Wesen; (als welches der nervus probandi des +kosmologischen Beweises ist;) so muß er sich, wie alle bejahenden +Urteile, wenigstens per accidens umkehren lassen; also: einige +allerrealste Wesen sind zugleich schlechthin notwendige Wesen. Nun +ist aber ein ens realissimum von einem anderen in keinem Stücke +unterschieden, und, was also von einigen unter diesem Begriffe +enthaltenen gilt, das gilt auch von allen. Mithin werde ich's (in +diesem Falle) auch schlechthin umkehren können, d.i. ein jedes +allerrealstes Wesen ist ein notwendiges Wesen. Weil nun dieser Satz +bloß aus seinen Begriffen a priori bestimmt ist: so muß der bloße +Begriff des realsten Wesens auch die absolute Notwendigkeit desselben +bei sich führen; welches eben der ontologische Beweis behauptete, und +der kosmologische nicht anerkennen wollte, gleichwohl aber seinen +Schlüssen, obzwar versteckter Weise, unterlegte. + +So ist denn der zweite Weg, den die spekulative Vernunft nimmt, um das +Dasein des höchsten Wesens zu beweisen, nicht allein mit dem ersten +gleich trüglich, sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich, daß er +eine ignoratio elenchi begeht, indem er uns verheißt, einen neuen +Fußsteig zu führen, aber, nach einem kleinen Umschweif, uns wiederum +auf den alten zurückbringt, den wir seinetwegen verlassen hatten. + +Ich habe kurz vorher gesagt, daß in diesem kosmologischen Argumente +sich ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte, +welches die transzendentale Kritik leicht entdecken und zerstören +kann. Ich will sie jetzt nur anführen und es dem schon geübten Leser +überlassen, den trüglichen Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie +aufzuheben. + +Da befindet sich denn z.B. 1. der transzendentale Grundsatz, vom +Zufälligen auf eine Ursache zu schließen, welcher nur in der +Sinnenwelt von Bedeutung ist, außerhalb derselben aber auch nicht +einmal einen Sinn hat. Denn der bloß intellektuelle Begriff des +Zufälligen kann gar keinen synthetischen Satz, wie den der Kausalität, +hervorbringen, und der Grundsatz der letzteren hat gar keine Bedeutung +und kein Merkmal seines Gebrauchs, als nur in der Sinnenwelt; hier +aber sollte er gerade dazu dienen, um über die Sinnenwelt hinaus zu +kommen. 2. Der Schluß, von der Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe +übereinander gegebener Ursachen in der Sinnenwelt auf eine erste +Ursache zu schließen, wozu uns die Prinzipien des Vernunftgebrauchs +selbst in der Erfahrung nicht berechtigen, vielweniger diesen +Grundsatz über dieselbe (wohin diese Kette gar nicht verlängert +werden kann) ausdehnen können. 3. Die falsche Selbstbefriedigung +der Vernunft, in Ansehung der Vollendung dieser Reihe, dadurch, daß +man endlich alle Bedingung, ohne welche doch kein Begriff einer +Notwendigkeit stattfinden kann, wegschafft, und, da man alsdann nichts +weiter begreifen kann, dieses für eine Vollendung seines Begriffs +annimmt. 4. Die Verwechslung der logischen Möglichkeit eines Begriffs +von aller vereinigten Realität (ohne inneren Widerspruch) mit der +transzendentalen, welche ein Prinzipium der Tunlichkeit einer solchen +Synthesis bedarf, das aber wiederum nur auf das Feld möglicher +Erfahrungen gehen kann, usw. + +Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielt bloß darauf ab, um +dem Beweise des Daseins eines notwendigen Wesens a priori durch bloße +Begriffe auszuweichen, der ontologisch geführt werden müßte, wozu wir +uns aber gänzlich unvermögend fühlen. In dieser Absicht schließen +wir aus einem zum Grunde gelegten wirklichen Dasein (einer Erfahrung +überhaupt), so gut es sich will tun lassen, auf irgendeine +schlechterdings notwendige Bedingung desselben. Wir haben alsdann +dieser ihre Möglichkeit nicht nötig zu erklären. Denn, wenn bewiesen +ist, daß sie da sei, so ist die Frage wegen ihrer Möglichkeit +ganz unnötig. Wollen wir nun dieses notwendige Wesen nach seiner +Beschaffenheit näher bestimmen, so suchen wir nicht dasjenige, was +hinreichend ist, aus seinem Begriffe die Notwendigkeit des Daseins zu +begreifen; denn, könnten wir dieses, so hätten wir keine empirische +Voraussetzung nötig; nein, wir suchen nur die negative Bedingung, +(conditio sine qua non,) ohne welche ein Wesen nicht absolut notwendig +sein würde. Nun würde das in aller anderen Art von Schlüssen, aus +einer gegebenen Folge auf ihren Grund, wohl angehen; es trifft sich +aber hier unglücklicherweise, daß die Bedingung, die man zur absoluten +Notwendigkeit fordert, nur in einem einzigen Wesen angetroffen werden +kann, welches daher in seinem Begriffe alles, was zur absoluten +Notwendigkeit erforderlich ist, enthalten müßte, und also einen Schluß +a priori auf dieselbe möglich macht; d.i. ich müßte auch umgekehrt +schließen können: welchem Dinge dieser Begriff (der höchsten Realität) +zukommt, das ist schlechterdings notwendig, und, kann ich so +nicht schließen, (wie ich denn dieses gestehen muß, wenn ich den +ontologischen Beweis vermeiden will,) so bin ich auch auf meinem neuen +Wege verunglückt und befinde mich wiederum da, von wo ich ausging. Der +Begriff des höchsten Wesens tut wohl allen Fragen a priori ein Genüge, +die wegen der inneren Bestimmungen eines Dinges können aufgeworfen +werden, und ist darum auch ein Ideal ohne Gleiches, weil der +allgemeine Begriff dasselbe zugleich als ein Individuum unter allen +möglichen Dingen auszeichnet. Er tut aber der Frage wegen seines +eigenen Daseins gar kein Genüge, als warum es doch eigentlich nur zu +tun war, und man konnte auf die Erkundigung dessen, der das Dasein +eines notwendigen Wesens annahm, und nur wissen wollte, welches denn +unter allen Dingen dafür angesehen werden müsse, nicht antworten: Dies +hier ist das notwendige Wesen. + +Es mag wohl erlaubt sein, das Dasein eines Wesens von der höchsten +Zulänglichkeit, als Ursache zu allen möglichen Wirkungen, anzunehmen, +um der Vernunft die Einheit der Erklärungsgründe, welche sie sucht, zu +erleichtern. Allein, sich so viel herauszunehmen, daß man sogar sage: +ein solches Wesen existiert notwendig, ist nicht mehr die bescheidene +Äußerung einer erlaubten Hypothese, sondern die dreiste Anmaßung einer +apodiktischen Gewißheit; denn, was man als schlechthin notwendig zu +erkennen vorgibt, davon muß auch die Erkenntnis absolute Notwendigkeit +bei sich führen. + +Die ganze Aufgabe des transzendentalen Ideals kommt darauf an: +entweder zu der absoluten Notwendigkeit einen Begriff, oder zu dem +Begriffe von irgendeinem Dinge die absolute Notwendigkeit desselben +zu finden. Kann man das eine, so muß man auch das andere können; denn +als schlechthin notwendig erkennt die Vernunft nur dasjenige, was +aus seinem Begriffe notwendig ist. Aber beides übersteigt gänzlich +alle äußersten Bestrebungen, unseren Verstand über diesen Punkt +zu befriedigen, aber auch alle Versuche, ihn wegen dieses seines +Unvermögens zu beruhigen. + +Die unbedingte Notwendigkeit, die wir, als den letzten Träger aller +Dinge, so unentbehrlich bedürfen, ist der wahre Abgrund für die +menschliche Vernunft. Selbst die Ewigkeit, so schauderhaft erhaben sie +auch ein Haller schildern mag, macht lange den schwindligen Eindruck +nicht auf das Gemüt; denn sie mißt nur die Dauer der Dinge, aber trägt +sie nicht. Man kann sich des Gedanken nicht erwehren, man kann ihn +aber auch nicht ertragen: daß ein Wesen, welches wir uns auch als das +höchste unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst +sage: Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts, ohne +das, was bloß durch meinen Willen etwas ist; aber woher bin ich denn? +Hier sinkt alles unter uns, und die größte Vollkommenheit, wie die +kleinste, schwebt ohne Haltung bloß vor der spekulativen Vernunft, +der es nichts kostet, die eine so wie die andere ohne die mindeste +Hindernis verschwinden zu lassen. + +Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen +äußern, bleiben für uns unerforschlich; denn wir können ihnen durch +Beobachtung nicht weit genug nachspüren. Das den Erscheinungen +zum Grunde liegende transzendentale Objekt, und mit demselben der +Grund, warum unsere Sinnlichkeit diese vielmehr als andere oberste +Bedingungen habe, sind und bleiben für uns unerforschlich, obzwar die +Sache selbst übrigens gegeben, aber nur nicht eingesehen ist. Ein +Ideal der reinen Vernunft kann aber nicht unerforschlich heißen, weil +es weiter keine Beglaubigung seiner Realität aufzuweisen hat, als +die Bedürfnis der Vernunft, vermittelst desselben alle synthetische +Einheit zu vollenden. Da es also nicht einmal als denkbarer Gegenstand +gegeben ist, so ist es auch nicht als ein solcher unerforschlich; +vielmehr muß er, als bloße Idee, in der Natur der Vernunft seinen Sitz +und seine Auflösung finden, und also erforscht werden können; denn +eben darin besteht Vernunft, daß wir von allen unseren Begriffen, +Meinungen und Behauptungen, es sei aus objektiven, oder, wenn sie ein +bloßer Schein sind, aus subjektiven Gründen Rechenschaft geben können. + + + +Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins in allen +transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen Wesens. + +Beide bisher geführten Beweise waren transzendental, d.i. unabhängig +von empirischen Prinzipien versucht. Denn, obgleich der kosmologische +eine Erfahrung überhaupt zum Grunde legt, so ist er doch nicht aus +irgendeiner besonderen Beschaffenheit derselben, sondern aus reinen +Vernunftprinzipien, in Beziehung auf eine durchs empirische Bewußtsein +überhaupt gegebene Existenz, geführt und verläßt sogar diese +Anleitung, um sich auf lauter reine Begriffe zu stützen. Was ist nun +in diesen transzendentalen Beweisen die Ursache des dialektischen, +aber natürlichen Scheins, welcher die Begriffe der Notwendigkeit +und höchsten Realität verknüpft, und dasjenige, was doch nur Idee +sein kann, realisiert und hypostasiert? Was ist die Ursache der +Unvermeidlichkeit, etwas als an sich notwendig unter den existierenden +Dingen anzunehmen, und doch zugleich vor dem Dasein eines solchen +Wesens als einem Abgrunde zurückzubeben, und wie fängt man es an, daß +sich die Vernunft hierüber selbst verstehe, und aus dem schwankenden +Zustande eines schüchternen, und immer wiederum zurückgenommenen +Beifalls, zur ruhigen Einsicht gelange? + +Es ist etwas überaus Merkwürdiges, daß, wenn man voraussetzt, etwas +existiere, man der Folgerung nicht Umgang haben kann, daß auch irgend +etwas notwendigerweise existiere. Auf diesem ganz natürlichen (obzwar +darum noch nicht sicheren) Schlusse beruhte das kosmologische +Argument. Dagegen mag ich einen Begriff von einem Dinge annehmen, +welchen ich will, so finde ich, daß sein Dasein niemals von mir als +schlechterdings notwendig vorgestellt werden könne, und daß mich +nichts hindere, es mag existieren was da wolle, das Nichtsein +desselben zu denken, mithin ich zwar zu dem Existierenden überhaupt +etwas Notwendiges annehmen müsse, kein einziges Ding aber selbst als +an sich notwendig denken könne. Das heißt: ich kann das Zurückgehen +zu den Bedingungen des Existierens niemals vollenden, ohne ein +notwendiges Wesen anzunehmen, ich kann aber von demselben niemals +anfangen. + +Wenn ich zu existierenden Dingen überhaupt etwas Notwendiges denken +muß, kein Ding aber an sich selbst als notwendig zu denken befugt bin, +so folgt daraus unvermeidlich, daß Notwendigkeit und Zufälligkeit +nicht die Dinge selbst angehen und treffen müsse, weil sonst ein +Widerspruch vorgehen würde; mithin keiner dieser beiden Grundsätze +objektiv sei, sondern sie allenfalls nur subjektive Prinzipien der +Vernunft sein können, nämlich einerseits zu allem, was als existierend +gegeben ist, etwas zu suchen, das notwendig ist, d.i. niemals anderswo +als bei einer a priori vollendeten Erklärung aufzuhören, andererseits +aber auch diese Vollendung niemals zu hoffen, d.i. nichts Empirisches +als unbedingt anzunehmen, und sich dadurch fernerer Ableitung zu +überheben. In solcher Bedeutung können beide Grundsätze als bloß +heuristisch und regulativ, die nichts als das formale Interesse der +Vernunft besorgen, ganz wohl beieinander bestehen. Denn der eine sagt, +ihr sollt so über die Natur philosophieren, als ob es zu allem, was +zur Existenz gehört, einen notwendigen ersten Grund gebe, lediglich um +systematische Einheit in eure Erkenntnis zu bringen, indem ihr einer +solchen Idee, nämlich einem eingebildeten obersten Grunde, nachgeht: +der andere aber warnt euch, keine einzige Bestimmung, die die Existenz +der Dinge betrifft, für einen solchen obersten Grund, d.i. als absolut +notwendig anzunehmen, sondern euch noch immer den Weg zur ferneren +Ableitung offen zu erhalten, und sie daher jederzeit noch als bedingt +zu behandeln. Wenn aber von uns alles, was an den Dingen wahrgenommen +wird, als bedingt notwendig betrachtet werden muß: so kann auch kein +Ding (das empirisch gegeben sein mag) als absolut notwendig angesehen +werden. + +Es folgt aber hieraus, daß ihr das absolut Notwendige außerhalb der +Welt annehmen müßt; weil es nur zu einem Prinzip der größtmöglichen +Einheit der Erscheinungen, als deren oberster Grund, dienen soll, und +ihr in der Welt niemals dahin gelangen könnt, weil die zweite Regel +euch gebietet, alle empirischen Ursachen der Einheit jederzeit als +abgeleitet anzusehen. + +Die Philosophen des Altertums sehen alle Form der Natur als zufällig, +die Materie aber, nach dem Urteile der gemeinen Vernunft, als +ursprünglich und notwendig an. Würden sie aber die Materie nicht +als Substratum der Erscheinungen respektive sondern an sich selbst +ihrem Dasein nach betrachtet haben, so wäre die Idee der absoluten +Notwendigkeit sogleich verschwunden. Denn es ist nichts, was die +Vernunft an dieses Dasein schlechthin bindet, sondern sie kann +solches, jederzeit und ohne Widerstreit, in Gedanken aufheben; in +Gedanken aber lag auch allein die absolute Notwendigkeit. Es mußte +also bei dieser Überredung ein gewisses regulatives Prinzip zum Grunde +liegen. In der Tat ist auch Ausdehnung und Undurchdringlichkeit (die +zusammen den Begriff von Materie ausmachen) das oberste empirische +Prinzipium der Einheit der Erscheinungen, und hat, sofern als es +empirisch unbedingt ist, eine Eigenschaft des regulativen Prinzips an +sich. Gleichwohl, da jede Bestimmung der Materie, welche das Reale +derselben ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit, eine Wirkung +(Handlung) ist, die ihre Ursache haben muß, und daher immer noch +abgeleitet ist, so schickt sich die Materie doch nicht zur Idee eines +notwendigen Wesens, als eines Prinzips aller abgeleiteten Einheit; +weil jede ihrer realen Eigenschaften, als abgeleitet, nur bedingt +notwendig ist, und also an sich aufgehoben werden kann, hiermit aber +das ganze Dasein der Materie aufgehoben werden würde, wenn dieses aber +nicht geschähe, wir den höchsten Grund der Einheit empirisch erreicht +haben würden, welches durch das zweite regulative Prinzip verboten +wird, so folgt: daß die Materie, und überhaupt, was zur Welt gehörig +ist, zu der Idee eines notwendigen Urwesens, als eines bloßen Prinzips +der größten empirischen Einheit, nicht schicklich sei, sondern daß es +außerhalb der Welt gesetzt werden müsse, da wir denn die Erscheinungen +der Welt und ihr Dasein immer getrost von anderen ableiten können, als +ob es kein notwendiges Wesen gäbe, und dennoch zu der Vollständigkeit +der Ableitung unaufhörlich streben können, als ob ein solches, als ein +oberster Grund, vorausgesetzt wäre. + +Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts +anderes, als ein regulatives Prinzip der Vernunft, alle Verbindung in +der Welt so anzusehen, als ob sie aus einer allgenugsamen notwendigen +Ursache entspränge, um darauf die Regel einer systematischen und nach +allgemeinen Gesetzen notwendigen Einheit in der Erklärung derselben +zu gründen, und ist nicht eine Behauptung einer an sich notwendigen +Existenz. Es ist aber zugleich unvermeidlich, sich, vermittelst einer +transzendentalen Subreption, dieses formale Prinzip als konstitutiv +vorzustellen, und sich diese Einheit hypostatisch zu denken. Denn, +so wie der Raum, weil er alle Gestalten, die lediglich verschiedene +Einschränkungen desselben sind, ursprünglich möglich macht, ob er +gleich nur ein Prinzipium der Sinnlichkeit, ist dennoch eben darum für +ein schlechterdings notwendiges für sich bestehendes Etwas und einen a +priori an sich selbst gegebenen Gegenstand gehalten wird, so geht es +auch ganz natürlich zu, daß, da die systematische Einheit der Natur +auf keinerlei Weise zum Prinzip des empirischen Gebrauchs unserer +Vernunft aufgestellt werden kann, als sofern wir die Idee eines +allerrealsten Wesens, als der obersten Ursache, zum Grunde legen, +diese Idee dadurch als ein wirklicher Gegenstand, und dieser wiederum, +weil er die oberste Bedingung ist, als notwendig vorgestellt, mithin +ein regulatives Prinzip in ein konstitutives verwandelt werde; welche +Unterschiebung sich dadurch offenbart, daß, wenn ich nun dieses +oberste Wesen, welches respektiv auf die Welt schlechthin (unbedingt) +notwendig war, als Ding für sich betrachte, diese Notwendigkeit keines +Begriffs fähig ist, und also nur als formale Bedingung des Denkens, +nicht aber als materiale und hypostatische Bedingung des Daseins, in +meiner Vernunft anzutreffen gewesen sein müsse. + + + +Des dritten Hauptstücks +Sechster Abschnitt +Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises + +Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt, noch die Erfahrung +von irgendeinem Dasein überhaupt, das, was gefordert wird, leisten +kann, so bleibt noch ein Mittel übrig, zu versuchen, ob nicht eine +bestimmte Erfahrung, mithin die der Dinge der gegenwärtigen Welt, ihre +Beschaffenheit und Anordnung, einen Beweisgrund abgebe, der uns sicher +zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten Wesens verhelfen könne. +Einen solchen Beweis würden wir den physikotheologischen nennen. +Sollte dieser auch unmöglich sein: so ist überall kein genugtuender +Beweis aus bloß spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens, +welches unserer transzendentalen Idee entspräche, möglich. + +Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen, daß der Bescheid +auf diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden könne. +Denn, wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee +angemessen sein sollte? Darin besteht eben das Eigentümliche der +letzteren, daß ihr niemals irgendeine Erfahrung kongruieren könne. Die +transzendentale Idee von einem notwendigen allgenugsamen Urwesen ist +so überschwenglich groß, so hoch über alles Empirische, das jederzeit +bedingt ist, erhaben, daß man teils niemals Stoff genug in der +Erfahrung auftreiben kann, um einen solchen Begriff zu füllen, teils +immer unter dem Bedingten herumtappt, und stets vergeblich nach dem +Unbedingten, wovon uns kein Gesetz irgendeiner empirischen Synthesis +ein Beispiel oder dazu die mindeste Leitung gibt, suchen wird. + +Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen, so +würde es selbst ein Glied der Reihe derselben sein, und, ebenso, +wie die niederen Glieder, denen es vorgesetzt ist, noch fernere +Untersuchung wegen seines noch höheren Grundes erfordern. Will man +es dagegen von dieser Kette trennen, und, als ein bloß intelligibles +Wesen, nicht in der Reihe der Naturursachen mitbegreifen: welche +Brücke kann die Vernunft alsdann wohl schlagen, um zu demselben zu +gelangen? Da alle Gesetze des Überganges von Wirkungen zu Ursachen, ja +alle Synthesis und Erweiterung unserer Erkenntnis überhaupt auf nichts +anderes, als mögliche Erfahrung, mithin bloß auf Gegenstände der +Sinnenwelt gestellt sind und nur in Ansehung ihrer eine Bedeutung +haben können. + +Die gegenwärtige Weit eröffnet uns einen so unermeßlichen Schauplatz +von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man mag +diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten +Teilung desselben verfolgen, daß selbst nach den Kenntnissen, welche +unser schwacher Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache, über +so viele und unabsehlich große Wunder, ihren Nachdruck, alle Zahlen +ihre Kraft zu messen, und Selbst unsere Gedanken alle Begrenzung +vermissen, so, daß sich unser Urteil vom Ganzen in ein sprachloses, +aber desto beredteres Erstaunen auflösen muß. Allerwärts sehen wir +eine Kette von Wirkungen und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, +Regelmäßigkeit im Entstehen oder Vergehen, und, indem nichts von +selbst in den Zustand getreten ist, darin es sich befindet, so weist +er immer weiter hin nach einem anderen Dinge, als seiner Ursache, +welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage notwendig macht, so, daß +auf solche Weise das ganze All im Abgrunde des Nichts versinken müßte, +nähme man nicht etwas an, das außerhalb diesem unendlichen Zufälligen, +für sich selbst ursprünglich und unabhängig bestehend, dasselbe +hielte, und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich seine +Fortdauer sicherte. Diese höchste Ursache (in Ansehung aller Dinge der +Welt) wie groß soll man sie sich denken? Die Welt kennen wir nicht +ihrem ganzen Inhalte nach, noch weniger wissen wir ihre Größe durch +die Vergleichung mit allem, was möglich ist, zu schätzen. Was hindert +uns aber, daß, da wir einmal in Absicht auf Kausalität ein äußerstes +und oberstes Wesen bedürfen, wir es nicht zugleich dem Grade der +Vollkommenheit nach über alles andere Mögliche setzen sollten? +welches wir leicht, obzwar freilich nur durch den zarten Umriß eines +abstrakten Begriffs, bewerkstelligen können, wenn wir uns in ihm, +als einer einigen Substanz, alle mögliche Vollkommenheit vereinigt +vorstellen; welcher Begriff der Forderung unserer Vernunft in der +Ersparung der Prinzipien günstig, in sich selbst keinen Widersprüchen +unterworfen und selbst der Erweiterung des Vernunftgebrauchs mitten in +der Erfahrung, durch die Leitung, welche eine solche Idee auf Ordnung +und Zweckmäßigkeit gibt, zuträglich, nirgend aber einer Erfahrung auf +entschiedene Art zuwider ist. + +Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden. Er +ist der älteste, klarste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten +angemessene. Er belebt das Studium der Natur, so wie er selbst von +diesem sein Dasein hat und dadurch immer neue Kraft bekommt. Er bringt +Zwecke und Absichten dahin, wo sie unsere Beobachtung nicht von +selbst entdeckt hätte, und erweitert unsere Naturkenntnisse durch den +Leitfaden einer besonderen Einheit, deren Prinzip außer der Natur ist. +Diese Kenntnisse wirken aber wieder auf ihre Ursache, nämlich die +veranlassende Idee, zurück, und vermehren den Glauben an einen +höchsten Urheber bis zu einer unwiderstehlichen Überzeugung. + +Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein, +dem Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft, +die durch so mächtige und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar +nur empirische Beweisgründe, unablässig gehoben wird, kann durch keine +Zweifel subtiler abgezogener Spekulation so niedergedrückt werden, daß +sie nicht aus jeder grüblerischen Unentschlossenheit, gleich als aus +einem Traume, durch einen Blick, den sie auf die Wunder der Natur und +der Majestät des Weltbaues wirft, gerissen werden sollte, um sich von +Größe zu Größe bis zur allerhöchsten, vom Bedingten zur Bedingung, bis +zum obersten und unbedingten Urheber zu erheben. + +Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit dieses +Verfahrens nichts einzuwenden, sondern es vielmehr zu empfehlen und +aufzumuntern haben, so können wir darum doch die Ansprüche nicht +billigen, welche diese Beweisart auf apodiktische Gewißheit und auf +einen gar keiner Gunst oder fremden Unterstützung bedürftigen Beifall +machen möchte, und es kann der guten Sache keineswegs schaden, die +dogmatische Sprache eines hohnsprechenden Vernünftlers auf den Ton +der Mäßigung und Bescheidenheit, eines zur Beruhigung hinreichenden, +obgleich eben nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens, +herabzustimmen. Ich behaupte demnach, daß der physikotheologische +Beweis das Dasein eines höchsten Wesens niemals allein dartun +könne, sondern es jederzeit dem ontologischen (welchem er nur zur +Introduktion dient) überlassen müsse, diesen Mangel zu ergänzen, +mithin dieser immer noch den einzig möglichen Beweisgrund (wofern +überall nur ein spekulativer Beweis stattfindet) enthalte, den keine +menschliche Vernunft vorbeigehen kann. + +Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen Beweises sind +folgende: 1. In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen +einer Anordnung nach bestimmter Absicht, mit großer Weisheit +ausgeführt, und in einem Ganzen von unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit +des Inhalts sowohl, als auch unbegrenzter Größe des Umfangs. 2. Den +Dingen der Welt ist diese zweckmäßige Anordnung ganz fremd, und hängt +ihnen nur zufällig an, d.i. die Natur verschiedener Dinge konnte von +selbst, durch so vielerlei sich vereinigende Mittel, zu bestimmten +Endabsichten nicht zusammenstimmen, wären sie nicht durch ein +anordnendes vernünftiges Prinzip, nach zum Grunde liegenden Ideen, +dazu ganz eigentlich gewählt und angelegt worden. 3. Es existiert also +eine erhabene und weise Ursache (oder mehrere), die nicht bloß, als +blindwirkende allvermögende Natur, durch Fruchtbarkeit, sondern, als +Intelligenz, durch Freiheit die Ursache der Welt sein muß. 4. Die +Einheit derselben läßt sich aus der Einheit der wechselseitigen +Beziehung der Teile der Welt, als Glieder von einem künstlichen +Bauwerk, an demjenigen, wohin unsere Beobachtung reicht, mit +Gewißheit, weiterhin aber, nach allen Grundsätzen der Analogie, mit +Wahrscheinlichkeit schließen. + +Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu +schikanieren, da sie aus der Analogie einiger Naturprodukte mit +demjenigen, was menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur +Gewalt tut, und sie nötigt, nicht nach ihren Zwecken zu verfahren, +sondern sich in die unsrigen zu schmiegen, (der Ähnlichkeit derselben +mit Häusern, Schiffen, Uhren,) schließt, es werde eben eine solche +Kausalität, nämlich Verstand und Wille, bei ihr zum Grunde liegen, +wenn sie die innere Möglichkeit der freiwirkenden Natur (die alle +Kunst und vielleicht selbst sogar die Vernunft zuerst möglich macht), +noch von einer anderen, obgleich übermenschlichen Kunst ableitet, +welche Schlußart vielleicht die schärfste transz. Kritik nicht +aushalten dürfte; muß man doch gestehen, daß, wenn wir einmal eine +Ursache nennen sollen, wir hier nicht sicherer, als nach der Analogie +mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen sind, +wovon uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind, verfahren +können. Die Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten +können, wenn sie von der Kausalität, die sie kennt, zu dunkeln und +unerweislichen Erklärungsgründen, die sie nicht kennt, übergehen +wollte. + +Nach diesem Schlusse müßte die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit so +vieler Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form, aber nicht der +Materie, d.i. der Substanz in der Welt beweisen; denn zu dem letzteren +würde noch erfordert werden, daß bewiesen werden könnte, die Dinge +der Welt wären an sich selbst zu dergleichen Ordnung und Einstimmung, +nach allgemeinen Gesetzen, untauglich, wenn sie nicht, selbst ihrer +Substanz nach, das Produkt einer höchsten Weisheit wären; wozu aber +ganz andere Beweisgründe, als die von der Analogie mit menschlicher +Kunst, erfordert werden würden. Der Beweis könnte also höchstens +einen Weltbaumeister, der durch die Tauglichkeit des Stoffs, den +er bearbeitet, immer sehr eingeschränkt wäre, aber nicht einen +Weltschöpfer, dessen Idee alles unterworfen ist, dartun, welches zu +der großen Absicht, die man vor Augen hat, nämlich ein allgenugsames +Urwesen zu beweisen, bei weitem nicht hinreichend ist. Wollten wir +die Zufälligkeit der Materie selbst beweisen, so müßten wir zu einem +transzendentalen Argumente unsere Zuflucht nehmen, welches aber hier +eben hat vermieden werden sollen. + +Der Schluß geht also von der in der Welt so durchgängig zu +beobachtenden Ordnung und Zweckmäßigkeit, als einer durchaus +zufälligen Einrichtung, auf das Dasein einer ihr proportionierten +Ursache. Der Begriff dieser Ursache aber muß uns etwas ganz Bestimmtes +von ihr zu erkennen geben, und er kann also kein anderer sein, als +der von einem Wesen, das alle Macht, Weisheit usw., mit einem Worte +alle Vollkommenheit, als ein allgenugsames Wesen, besitzt. Denn die +Prädikate von sehr großer, von erstaunlicher, von unermeßlicher Macht +und Trefflichkeit geben gar keinen bestimmten Begriff, und sagen +eigentlich nicht, was das Ding an sich selbst sei, sondern sind nur +Verhältnisvorstellungen von der Größe des Gegenstandes, den der +Beobachter (der Welt) mit sich selbst und seiner Fassungskraft +vergleicht, und die gleich hochpreisend ausfallen, man mag den +Gegenstand vergrößern, oder das beobachtende Subjekt in Verhältnis auf +ihn kleiner machen. Wo es auf Größe (der Vollkommenheit) eines Dinges +überhaupt ankommt, da gibt es keinen bestimmten Begriff als den, so +die ganze mögliche Vollkommenheit begreift, und nur das All (omnitudo) +der Realität ist im Begriffe durchgängig bestimmt. + +Nun will ich nicht hoffen, daß sich jemand unterwinden sollte, das +Verhältnis der von ihm beobachteten Weltgröße (nach Umfang sowohl +als Inhalt) zur Allmacht, der Weltordnung zur höchsten Weisheit, der +Welteinheit zur absoluten Einheit des Urhebers usw. einzusehen. Also +kann die Physikotheologie keinen bestimmten Begriff von der obersten +Weltursache geben, und daher zu einem Prinzip der Theologie, welche +wiederum die Grundlage der Religion ausmachen soll nicht hinreichend +sein. + +Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen +Weg ganz und gar unmöglich. Nun tut man ihn doch aber im +physischtheologischen Beweise. Welches Mittels bedient man sich also +wohl, über eine so weite Kluft zu kommen? + +Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der Macht usw. +des Welturhebers gelangt ist, und nicht weiter kommen kann, so verläßt +man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte Argument, +und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit der +Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser Zufälligkeit +allein geht man nun, lediglich durch transzendentale Begriffe, zum +Dasein eines schlechthin Notwendigen, und von dem Begriffe der +absoluten Notwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig +bestimmten oder bestimmenden Begriff desselben, nämlich einer +allbefassenden Realität. Also blieb der physischtheologische Beweis in +seiner Unternehmung stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich +zu dem kosmologischen Beweise über, und da dieser nur ein versteckter +ontologischer Beweis ist, so vollführte er seine Absicht wirklich bloß +durch reine Vernunft, ob er gleich anfänglich alle Verwandtschaft mit +dieser abgeleugnet und alles auf einleuchtende Beweise aus Erfahrung +ausgesetzt hatte. + +Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache, gegen die +transzendentale Beweisart so spröde zu tun, und auf sie mit dem +Eigendünkel hellsehender Naturkenner, als auf das Spinnengewebe +finsterer Grübler, herabzusehen. Denn, wenn sie sich nur selbst prüfen +wollten, so würden sie finden, daß, nachdem sie eine gute Strecke +auf dem Boden der Natur und Erfahrung fortgegangen sind, und sich +gleichwohl immer noch eben so weit von dem Gegenstande sehen, der +ihrer Vernunft entgegen scheint, sie plötzlich diesen Boden verlassen, +und ins Reich bloßer Möglichkeiten übergehen, wo sie auf den Flügeln +der Ideen demjenigen nahe zu kommen hoffen, was sich aller ihrer +empirischen Nachsuchung entzogen hatte. Nachdem sie endlich durch +einen so mächtigen Sprung festen Fuß gefaßt zu haben vermeinen, so +verbreiten sie den nunmehr bestimmten Begriff (in dessen Besitz sie, +ohne zu wissen wie, gekommen sind,) über das ganze Feld der Schöpfung, +und erläutern das Ideal, welches lediglich ein Produkt der reinen +Vernunft war, obzwar kümmerlich genug, und weit unter der Würde seines +Gegenstandes, durch Erfahrung, ohne doch gestehen zu wollen, daß sie +zu dieser Kenntnis oder Voraussetzung durch einen anderen Fußsteig, +als den der Erfahrung, gelangt sind. + +So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der kosmologische, +diesem aber der ontologische Beweis, vom Dasein eines einigen Urwesens +als höchsten Wesens, zum Grunde, und da außer diesen dreien Wegen +keiner mehr der spekulativen Vernunft offen ist, so ist der +ontologische Beweis, aus lauter reinen Vernunftbegriffen, der einzige +mögliche, wenn überall nur ein Beweis von einem so weit über allen +empirischen Verstandesgebrauch erhabenen Satze möglich ist. + + + +Des dritten Hauptstücks +Siebenter Abschnitt +Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft + +Wenn ich unter Theologie die Erkenntnis des Urwesens verstehe, so +ist sie entweder die aus bloßer Vernunft (theologia rationalis) +oder aus Offenbarung (revelata). Die erstere denkt sich nun ihren +Gegenstand entweder bloß durch reine Vernunft, vermittelst lauter +transzendentaler Begriffe, (ens originarium, realissimum, ens entium,) +und heißt die transzendentale Theologie, oder durch einen Begriff, +den sie aus der Natur (unserer Seele) entlehnt, als die höchste +Intelligenz, und müßte die natürliche Theologie heißen. Der, so allein +eine transzendentale Theologie einräumt, wird Deist, der, so auch eine +natürliche Theologie annimmt, Theist genannt. Der erstere gibt zu, daß +wir allenfalls das Dasein eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen +können, wovon aber unser Begriff bloß transzendental sei, nämlich nur +als von einem Wesen, das alle Realität hat, die man aber nicht näher +bestimmen kann. Der zweite behauptet, die Vernunft sei imstande, den +Gegenstand nach der Analogie mit der Natur näher zu bestimmen, nämlich +als ein Wesen, das durch Verstand und Freiheit den Urgrund aller +anderen Dinge in sich enthalte. Jener stellt sich also unter demselben +bloß eine Weltursache, (ob durch die Notwendigkeit seiner Natur, oder +durch Freiheit, bleibt unentschieden,) dieser einen Welturheber vor. + +Die transzendentale Theologie ist entweder diejenige, welche das +Dasein des Urwesens von einer Erfahrung überhaupt (ohne über die +Welt, wozu sie gehört, etwas näher zu bestimmen,) abzuleiten gedenkt, +und heißt Kosmotheologie, oder glaubt durch bloße Begriffe, ohne +Beihilfe der mindesten Erfahrung, sein Dasein zu erkennen, und wird +Ontotheologie genannt. + +Die natürliche Theologie schließt auf die Eigenschaften und das Dasein +eines Welturhebers, aus der Beschaffenheit, der Ordnung und Einheit, +die in dieser Welt angetroffen wird, in welcher zweierlei Kausalität +und deren Regel angenommen werden muß, nämlich Natur und Freiheit. +Daher steigt sie von dieser Welt zur höchsten Intelligenz auf, +entweder als dem Prinzip aller natürlichen, oder aller sittlichen +Ordnung und Vollkommenheit. Im ersteren Falle heißt sie +Physikotheologie, im letzten Moraltheologie.* + +* Nicht theologische Moral; denn die enthält sittliche Gesetze, welche + das Dasein eines höchsten Weltregierers voraussetzen, da hingegen + die Moraltheologie eine Überzeugung vom Dasein eines höchsten Wesens + ist, welche sich auf sittliche Gesetze gründet. + +Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende +ewige Natur, als die Wurzel der Dinge, sondern ein höchstes Wesen, +das durch Verstand und Freiheit der Urheber der Dinge sein soll, +zu verstehen gewohnt ist, und auch dieser Begriff allein uns +interessiert, so könnte man, nach der Strenge, dem Deisten allen +Glauben an Gott absprechen, und ihm lediglich die Behauptung eines +Urwesens, oder obersten Ursache, übrig lassen. Indessen, da niemand +darum, weil er etwas sich nicht zu behaupten getraut, beschuldigt +werden darf, er wolle es gar leugnen, so ist es gelinder und billiger, +zu sagen: der Deist glaube einen Gott, der Theist aber einen +lebendigen Gott (summam intelligentiam). Jetzt wollen wir die +Möglichen Quellen aller dieser Versuche der Vernunft aufsuchen. + +Ich begnüge mich hier, die theoretische Erkenntnis durch eine solche +zu erklären, wodurch ich erkenne, was da ist, die praktische aber, +dadurch ich mir vorstelle, was da sein soll. Diesem nach ist der +theoretische Gebrauch der Vernunft derjenige, durch den ich a priori +(als notwendig) erkenne, daß etwas sei; der praktische aber, durch den +a priori erkannt wird, was geschehen solle. Wenn nun entweder, daß +etwas sei, oder geschehen solle, ungezweifelt gewiß, aber doch nur +bedingt ist: so kann doch entweder eine gewisse bestimmte Bedingung +dazu schlechthin notwendig sein, oder sie kann nur als beliebig und +zufällig vorausgesetzt werden. Im ersteren Falle wird die Bedingung +postuliert (per thesin), im zweiten supponiert (per hypothesin). +Da es praktische Gesetze gibt, die schlechthin notwendig sind (die +moralischen), so muß, wenn diese irgendein Dasein, als die Bedingung +der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft, notwendig voraussetzen, +dieses Dasein postuliert werden, darum, weil das Bedingte, von welchem +der Schluß auf diese bestimmte Bedingung geht, selbst a priori als +schlechterdings notwendig erkannt wird. Wir werden künftig von den +moralischen Gesetzen zeigen, daß sie das Dasein eines höchsten Wesens +nicht bloß voraussetzen, sondern auch, da sie in anderweitiger +Betrachtung schlechterdings notwendig sind, es mit Recht, aber +freilich nur praktisch, postulieren; jetzt setzen wir diese Schlußart +noch beiseite. + +Da, wenn bloß von dem, was da ist, (nicht, was sein soll,) die +Rede ist, das Bedingte, welches uns in der Erfahrung gegeben wird, +jederzeit auch als zufällig gedacht wird, so kann die zu ihm gehörige +Bedingung daraus nicht als schlechthin notwendig erkannt werden, +sondern dient nur als eine respektiv notwendige, oder vielmehr nötige, +an sich selbst aber und a priori willkürliche Voraussetzung zum +Vernunfterkenntnis des Bedingten. Soll also die absolute Notwendigkeit +eines Dinges im theoretischen Erkenntnis erkannt werden, so könnte +dieses allein aus Begriffen a priori geschehen, niemals aber als einer +Ursache, in Beziehung auf ein Dasein, das durch Erfahrung gegeben ist. + +Eine theoretische Erkenntnis ist spekulativ, wenn sie auf einen +Gegenstand, oder solche Begriffe von einem Gegenstande, geht, wozu +man in keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird der Naturerkenntnis +entgegengesetzt, welche auf keine anderen Gegenstände oder Prädikate +derselben geht, als die in einer möglichen Erfahrung gegeben werden +können. + +Der Grundsatz, von dem, was geschieht, (dem empirisch Zufälligen,) +als Wirkung, auf eine Ursache zu schließen, ist ein Prinzip der +Naturerkenntnis, aber nicht der spekulativen. Denn, wenn man von ihm, +als einem Grundsatze, der die Bedingung möglicher Erfahrung überhaupt +enthält, abstrahiert, und, indem man alles Empirische wegläßt, ihn +vom Zufälligen überhaupt aussagen will, so bleibt nicht die mindeste +Rechtfertigung eines solchen synthetischen Satzes übrig, um daraus +zu ersehen, wie ich von etwas, was da ist, zu etwas davon ganz +Verschiedenem (genannt Ursache) übergehen könne; ja der Begriff +einer Ursache verliert ebenso, wie des Zufälligen, in solchem bloß +spekulativen Gebrauche, alle Bedeutung, deren objektive Realität sich +in concreto begreiflich machen lasse. + +Wenn man nun vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ursache +schließt, so gehört dieses nicht zum natürlichen, sondern zum +spekulativen Vernunftgebrauch; weil jener nicht die Dinge selbst +(Substanzen), sondern nur das, was geschieht, also ihre Zustände, als +empirisch zufällig, auf irgendeine Ursache bezieht; daß die Substanz +selbst (die Materie) dem Dasein nach zufällig sei, würde ein bloß +spekulatives Vernunfterkenntnis sein müssen. Wenn aber auch nur von +der Form der Welt, der Art ihrer Verbindung und dem Wechsel derselben +die Rede wäre, ich wollte aber daraus auf eine Ursache schließen, die +von der Welt gänzlich unterschieden ist; so würde dieses wiederum ein +Urteil der bloß spekulativen Vernunft sein, weil der Gegenstand hier +gar kein Objekt einer möglichen Erfahrung ist. Aber alsdann würde der +Grundsatz der Kausalität, der nur innerhalb dem Felde der Erfahrungen +gilt, und außer demselben ohne Gebrauch, ja selbst ohne Bedeutung ist, +von seiner Bestimmung gänzlich abgebracht. + +Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauchs +der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer +inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind; daß aber die +Prinzipien ihres Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie +führen, folglich, wenn man nicht moralische Gesetze zum Grunde legt, +oder zum Leitfaden braucht, es überall keine Theologie der Vernunft +geben könne. Denn alle synthetischen Grundsätze des Verstandes sind +von immanentem Gebrauch; zu der Erkenntnis eines höchsten Wesens aber +wird ein transzendenter Gebrauch derselben erfordert, wozu unser +Verstand gar nicht ausgerüstet ist. Soll das empirisch gültige Gesetz +der Kausalität zu dem Urwesen führen, so müßte dieses in die Kette +der Gegenstände der Erfahrung mitgehören; alsdann wäre es aber, wie +alle Erscheinungen, selbst wiederum bedingt. Erlaubte man aber auch +den Sprung über die Grenze der Erfahrung hinaus, vermittelst des +dynamischen Gesetzes der Beziehung der Wirkungen auf ihre Ursachen; +welchen Begriff kann uns dieses Verfahren verschaffen? Bei weitem +keinen Begriff von einem höchsten Wesen, weil uns Erfahrung niemals +die größte aller möglichen Wirkungen (als welche das Zeugnis von ihrer +Ursache ablegen soll) darreicht. Soll es uns erlaubt sein, bloß, um +in unserer Vernunft nichts Leeres übrigzulassen, diesen Mangel der +völligen Bestimmung durch eine bloße Idee der höchsten Vollkommenheit +und ursprünglichen Notwendigkeit auszufüllen: so kann dieses zwar aus +Gunst eingeräumt, aber nicht aus dem Rechte eines unwiderstehlichen +Beweises gefordert werden. Der physischtheologische Beweis könnte also +vielleicht wohl anderen Beweisen (wenn solche zu haben sind) Nachdruck +geben, indem er Spekulation mit Anschauung verknüpft: für sich selbst +aber bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntnis vor, +und gibt ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung, als daß er +allein das Geschäft vollenden könnte. + +Man sieht also hieraus wohl, daß transzendentale Fragen nur +transzendentale Antworten, d.i. aus lauter Begriffen a priori ohne die +mindeste empirische Beimischung, erlauben. Die Frage ist hier aber +offenbar synthetisch und verlangt eine Erweiterung unserer Erkenntnis +über alle Grenzen der Erfahrung hinaus, nämlich zu dem Dasein eines +Wesens, das unserer bloßen Idee entsprechen soll, der niemals +irgendeine Erfahrung gleichkommen kann. Nun ist, nach unseren obigen +Beweisen, alle synthetische Erkenntnis a priori nur dadurch möglich, +daß sie die formalen Bedingungen einer möglichen Erfahrung ausdrückt, +und alle Grundsätze sind also nur von immanenter Gültigkeit, d.i. sie +beziehen sich lediglich auf Gegenstände empirischer Erkenntnis, oder +Erscheinungen. Also wird auch durch transzendentales Verfahren in +Absicht auf die Theologie einer bloß spekulativen Vernunft nichts +ausgerichtet. + +Wollte man aber lieber alle obigen Beweise der Analytik in Zweifel +ziehen, als sich die Überredung von dem Gewichte der so lange +gebrauchten Beweisgründe rauben lassen; so kann man sich doch nicht +weigern, der Aufforderung ein Genüge zu tun, wenn ich verlange, man +solle sich wenigstens darüber rechtfertigen, wie und vermittelst +welcher Erleuchtung man sich denn getraue, alle mögliche Erfahrung +durch die Macht bloßer Ideen zu überfliegen. Mit neuen Beweisen, +oder ausgebesserter Arbeit alter Beweise, würde ich bitten mich zu +verschonen. Denn, ob man zwar hierin eben nicht viel zu wählen hat, +indem endlich doch alle bloß spekulativen Beweise auf einen einzigen, +nämlich den ontologischen, hinauslaufen, und ich also eben nicht +fürchten darf, sonderlich durch die Fruchtbarkeit der dogmatischen +Verfechter jener sinnenfreien Vernunft belästigt zu werden; obgleich +ich überdem auch, ohne mich darum sehr streitbar zu dünken, die +Ausforderung nicht ausschlagen will, in jedem Versuche dieser Art den +Fehlschluß aufzudecken, und dadurch seine Anmaßung zu vereiteln: so +wird daher doch die Hoffnung besseren Glücks bei denen, welche einmal +dogmatischer Überredungen gewohnt sind, niemals völlig aufgehoben, und +ich halte mich daher an der einzigen billigen Forderung, daß man sich +allgemein und aus der Natur des menschlichen Verstandes, samt allen +übrigen Erkenntnisquellen, darüber rechtfertige, wie man es anfangen +wolle, sein Erkenntnis ganz und gar a priori zu erweitern, und bis +dahin zu erstrecken, wo keine mögliche Erfahrung und mithin kein +Mittel hinreicht, irgendeinem von uns selbst ausgedachten Begriffe +seine objektive Realität zu versichern. Wie der Verstand auch zu +diesem Begriffe gelangt sein mag, so kann doch das Dasein des +Gegenstandes desselben nicht analytisch in demselben gefunden werden, +weil eben darin die Erkenntnis der Existenz des Objekts besteht, daß +dieses außer dem Gedanken an sich selbst gesetzt ist. Es ist aber +gänzlich unmöglich, aus einem Begriffe von selbst hinauszugehen, +und, ohne daß man der empirischen Verknüpfung folgt, (wodurch aber +jederzeit nur Erscheinungen gegeben werden,) zu Entdeckung neuer +Gegenstände und überschwenglicher Wesen zu gelangen. + +Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß spekulativen Gebrauche zu +dieser so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist, nämlich zum +Dasein eines obersten Wesens zu gelangen; so hat sie doch darin sehr +großen Nutzen, die Erkenntnis desselben, im Fall sie anders woher +geschöpft werden könnte, zu berichtigen, mit sich selbst und jeder +intelligiblen Absicht einstimmig zu machen, und von allem, was dem +Begriffe eines Urwesens zuwider sein möchte, und aller Beimischung +empirischer Einschränkungen zu reinigen. + +Die transzendentale Theologie bleibt demnach, aller ihrer +Unzulänglichkeit ungeachtet, dennoch von wichtigem negativen +Gebrauche, und ist eine beständige Zensur unserer Vernunft, wenn +sie bloß mit reinen Ideen zu tun hat, die eben darum kein anderes, +als transzendentales Richtmaß zulassen. Denn, wenn einmal, in +anderweitiger, vielleicht praktischer Beziehung, die Voraussetzung +eines höchsten und allgenugsamen Wesens, als oberster Intelligenz, +ihre Gültigkeit ohne Widerrede behauptete: so wäre es von der größten +Wichtigkeit, diesen Begriff auf seiner transzendentalen Seite, als +den Begriff eines notwendigen und allerrealsten Wesens, genau zu +bestimmen, und, was der höchsten Realität zuwider ist, was zur bloßen +Erscheinung (dem Anthropomorphismus im weiteren Verstande) gehört, +wegzuschaffen, und zugleich alle entgegengesetzten Behauptungen, sie +mögen nun atheistisch, oder deistisch, oder anthropomorphistisch sein, +aus dem Wege zu räumen; welches in einer solchen kritischen Behandlung +sehr leicht ist, indem dieselben Gründe, durch welche das Unvermögen +der menschlichen Vernunft, in Ansehung der Behauptung des Daseins +eines dergleichen Wesens, vor Augen gelegt wird, notwendig auch +zureichen, um die Untauglichkeit einer jeden Gegenbehauptung zu +beweisen. Denn, wo will jemand durch reine Spekulation der Vernunft +die Einsicht hernehmen, daß es kein höchstes Wesen, als Urgrund von +Allem, gebe, oder daß ihm keine von den Eigenschaften zukomme, welche +wir, ihren Folgen nach, als analogisch mit den dynamischen Realitäten +eines denkenden Wesens, uns vorstellen, oder daß sie, in dem letzteren +Falle, auch allen Einschränkungen unterworfen sein müßten, welche +die Sinnlichkeit den Intelligenzen, die wir durch Erfahrung kennen, +unvermeidlich auferlegt. + +Das höchste Wesen bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch +der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff, +welcher die ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönt, dessen +objektive Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch +nicht widerlegt werden kann, und, wenn es eine Moraltheologie geben +sollte, die diesen Mangel ergänzen kann, so beweist alsdann die vorher +nur problematische transzendentale Theologie ihre Unentbehrlichkeit, +durch Bestimmung ihres Begriffs und unaufhörliche Zensur einer durch +Sinnlichkeit oft genug getäuschten und mit ihren eigenen Ideen nicht +immer einstimmigen Vernunft. Die Notwendigkeit, die Unendlichkeit, +die Einheit, das Dasein außer der Welt (nicht als Weltseele), +die Ewigkeit, ohne Bedingungen der Zeit, die Allgegenwart, ohne +Bedingungen des Raumes, die Allmacht usw. sind lauter transzendentale +Prädikate, und daher kann der gereinigte Begriff derselben, den eine +jede Theologie so sehr nötig hat, bloß aus der transzendentalen +gezogen werden. + + + +Anhang +zur transzendentalen Dialektik +Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft + +Der Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt +nicht allein, was wir schon in der transzendentalen Analytik bewiesen, +nämlich daß alle unsere Schlüsse, die uns über das Feld möglicher +Erfahrung hinausführen wollen, trüglich und grundlos seien; sondern +er lehrt uns zugleich dieses Besondere: daß die menschliche Vernunft +dabei einen natürlichen Hang habe, diese Grenze zu überschreiten, daß +transzendentale Ideen ihr ebenso natürlich seien, als dem Verstande +die Kategorien, obgleich mit dem Unterschiede, daß, so wie die +letzteren zur Wahrheit, d.i. der Übereinstimmung unserer Begriffe mit +dem Objekte führen, die ersteren einen bloßen, aber unwiderstehlichen +Schein bewirken, dessen Täuschung man kaum durch die schärfste Kritik +abhalten kann. + +Alles, was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist, muß zweckmäßig +und mit dem richtigen Gebrauche derselben einstimmig sein, wenn wir +nur einen gewissen Mißverstand verhüten und die eigentliche Richtung +derselben ausfindig machen können. Also werden die transzendentalen +Ideen allem Vermuten nach ihren guten und folglich immanenten Gebrauch +haben, obgleich, wenn ihre Bedeutung verkannt und sie für Begriffe von +wirklichen Dingen genommen werden, sie transzendent in der Anwendung +und eben darum trüglich sein können. Denn nicht die Idee an sich +selbst, sondern bloß ihr Gebrauch kann, entweder in Ansehung der +gesamten möglichen Erfahrung überfliegend (transzendent), oder +einheimisch (immanent) sein, nachdem man sie entweder geradezu auf +einen ihr vermeintlich entsprechenden Gegenstand, oder nur auf den +Verstandesgebrauch überhaupt, in Ansehung der Gegenstände, mit welchen +er zu tun hat, richtet, und alle Fehler der Subreption sind jederzeit +einem Mangel der Urteilskraft, niemals aber dem Verstande oder der +Vernunft zuzuschreiben. + +Die Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf einen Gegenstand, +sondern lediglich auf den Verstand, und vermittelst desselben auf +ihren eigenen empirischen Gebrauch, schafft also keine Begriffe (von +Objekten), sondern ordnet sie nur, und gibt ihnen diejenige Einheit, +welche sie in ihrer größtmöglichen Ausbreitung haben können, d.i. in +Beziehung auf die Totalität der Reihen, als auf welche der Verstand +gar nicht sieht, sondern nur auf diejenige Verknüpfung, dadurch +allerwärts Reihen der Bedingungen nach Begriffen zustande kommen. Die +Vernunft hat also eigentlich nur den Verstand und dessen zweckmäßige +Anstellung zum Gegenstande, und, wie dieser das Mannigfaltige im +Objekt durch Begriffe vereinigt, so vereinigt jene ihrerseits das +Mannigfaltige der Begriffe durch Ideen, indem sie eine gewisse +kollektive Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen setzt, welche +sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt sind. + +Ich behaupte demnach: die transzendentalen Ideen sind niemals von +konstitutivem Gebrauche, so, daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände +gegeben würden, und in dem Falle, daß man sie so versteht, sind es +bloß vernünftelnde (dialektische) Begriffe. Dagegen aber haben sie +einen vortrefflichen und unentbehrlich notwendigen regulativen +Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten, +in Aussicht auf welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in +einen Punkt zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (focus +imaginarius), d.i. ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe +wirklich nicht ausgehen, indem er ganz außerhalb den Grenzen möglicher +Erfahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen die größte Einheit neben +der größten Ausbreitung zu verschaffen. Nun entspringt uns zwar +hieraus die Täuschung, als wenn diese Richtungslinien von einem +Gegenstande selbst, der außer dem Felde empirisch möglicher +Erkenntnis läge, ausgeschlossen wären (so wie die Objekte hinter der +Spiegelfläche gesehen werden), allein diese Illusion (welche man doch +hindern kann, daß sie nicht betrügt,) ist gleichwohl unentbehrlich +notwendig, wenn wir außer den Gegenständen, die uns vor Augen sind, +auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im Rücken +liegen, d.i. wenn wir, in unserem Falle, den Verstand über jede +gegebene Erfahrung (dem Teile der gesamten möglichen Erfahrung) +hinaus, mithin auch zur größtmöglichen und äußersten Erweiterung +abrichten wollen. + +Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange, +so finden wir, daß dasjenige, was Vernunft ganz eigentümlich darüber +verfügt und zustande zu bringen sucht, das Systematische der +Erkenntnis sei, d.i. der Zusammenhang derselben aus einem Prinzip. +Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die +von der Form eines Ganzen der Erkenntnis, welches vor der bestimmten +Erkenntnis der Teile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem +Teile seine Stelle und Verhältnis zu den übrigen a priori zu +bestimmen. Diese Idee postuliert demnach vollständige Einheit der +Verstandeserkenntnis, wodurch diese nicht bloß ein zufälliges +Aggregat, sondern ein nach notwendigen Gesetzen zusammenhängendes +System wird. Man kann eigentlich nicht sagen, daß diese Idee ein +Begriff vom Objekte sei, sondern von der durchgängigen Einheit dieser +Begriffe, sofern dieselbe dem Verstande zur Regel dient. Dergleichen +Vernunftbegriffe werden nicht aus der Natur geschöpft, vielmehr +befragen wir die Natur nach diesen Ideen, und halten unsere Erkenntnis +für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist. Man gesteht: +daß sich schwerlich reine Erde, reines Wasser, reine Luft usw. finde. +Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch nötig (die also, was die +völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ihren Ursprung +haben), um den Anteil, den jede dieser Naturursachen an der +Erscheinung hat, gehörig zu bestimmen, und so bringt man alle Materien +auf die Erden (gleichsam die bloße Last), Salze und brennliche Wesen +(als die Kraft), endlich auf Wasser und Luft als Vehikeln (gleichsam +Maschinen, vermittelst deren die vorigen wirken), um nach der Idee +eines Mechanismus die chemischen Wirkungen der Materien untereinander +zu erklären. Denn, wiewohl man sich nicht wirklich so ausdrückt, so +ist doch ein solcher Einfluß der Vernunft auf die Einteilungen der +Naturforscher sehr leicht zu entdecken. + +Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Besondere aus dem Allgemeinen +abzuleiten, so ist entweder das Allgemeine schon an sich gewiß und +gegeben, und alsdann erfordert es nur Urteilskraft zur Subsumtion, und +das Besondere wird dadurch notwendig bestimmt. Dieses will ich den +apodiktischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das Allgemeine wird +nur problematisch angenommen, und ist eine bloße Idee, das Besondere +ist gewiß, aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge ist noch +ein Problem; so werden mehrere besondere Fälle, die insgesamt gewiß +sind, an der Regel versucht, ob sie daraus fließen, und in diesem +Falle, wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebenden besonderen +Fälle daraus abfolgen, wird auf die Allgemeinheit der Regel, aus +dieser aber nachher auf alle Fälle, die auch an sich nicht gegeben +sind, geschlossen. Diesen will ich den hypothetischen Gebrauch der +Vernunft nennen. + +Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus zum Grunde gelegten Ideen, +als problematischer Begriffe, ist eigentlich nicht konstitutiv, +nämlich nicht so beschaffen, daß dadurch, wenn man nach aller Strenge +urteilen will, die Wahrheit der allgemeinen Regel, die als Hypothese +angenommen worden, folge; denn wie will man alle möglichen Folgen +wissen, die, indem sie aus demselben angenommenen Grundsatze folgen, +seine Allgemeinheit beweisen? Sondern er ist nur regulativ, um +dadurch, soweit als es möglich ist, Einheit in die besonderen +Erkenntnisse zu bringen, und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu +nähern. + +Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische +Einheit der Verstandeserkenntnisse, diese aber ist der Probierstein +der Wahrheit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische Einheit (als +bloße Idee) lediglich nur projektierte Einheit, die man an sich nicht +als gegeben, sondern nur als Problem ansehen muß; welche aber dazu +dient, zu dem Mannigfaltigen und besonderen Verstandesgebrauche ein +Prinzipium zu finden, und diesen dadurch auch über die Fälle, die +nicht gegeben sind, zu leiten und zusammenhängend zu machen. + +Man sieht aber hieraus nur, daß die systematische oder Vernunfteinheit +der mannigfaltigen Verstandeserkenntnis ein logisches Prinzip sei, +um, da wo der Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt, ihm durch +Ideen fortzuhelfen, und zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln +Einhelligkeit unter einem Prinzip (systematische) und dadurch +Zusammenhang zu verschaffen, soweit als es sich tun läßt. Ob aber die +Beschaffenheit der Gegenstände, oder die Natur des Verstandes, der +sie als solche erkennt, an sich zur systematischen Einheit bestimmt +sei, und ob man diese a priori, auch ohne Rücksicht auf ein solches +Interesse der Vernunft in gewisser Maaße postulieren, und also +sagen könne: alle möglichen Verstandeserkenntnisse (darunter +die empirischen) haben Vernunfteinheit, und stehen unter +gemeinschaftlichen Prinzipien, woraus sie, unerachtet ihrer +Verschiedenheit, abgeleitet werden können; das würde ein +transzendentaler Grundsatz der Vernunft sein, welcher die +systematische Einheit nicht bloß subjektiv- und logisch-, als Methode, +sondern objektiv notwendig machen würde. + +Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunftgebrauchs erläutern. +Unter die verschiedenen Arten von Einheit nach Begriffen des +Verstandes gehört auch die der Kausalität einer Substanz, welche Kraft +genannt wird. Die verschiedenen Erscheinungen eben derselben Substanz +zeigen beim ersten Anblicke soviel Ungleichartigkeit, daß man daher +anfänglich beinahe so vielerlei Kräfte derselben annehmen muß, +als Wirkungen sich hervortun, wie in dem menschlichen Gemüte +die Empfindung, Bewußtsein, Einbildung, Erinnerung, Witz, +Unterscheidungskraft, Lust, Begierde usw. Anfänglich gebietet eine +logische Maxime, diese anscheinende Verschiedenheit soviel als möglich +dadurch zu verringern, daß man durch Vergleichung die versteckte +Identität entdecke, und nachsehe, ob nicht Einbildung, mit Bewußtsein +verbunden, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, vielleicht gar +Verstand und Vernunft sei. Die Idee einer Grundkraft, von welcher aber +die Logik gar nicht ausmittelt, ob es dergleichen gebe, ist wenigstens +das Problem einer systematischen Vorstellung der Mannigfaltigkeit von +Kräften. Das logische Vernunftprinzip erfordert diese Einheit soweit +als möglich zustande zu bringen, und je mehr die Erscheinungen der +einen und anderen Kraft unter sich identisch gefunden werden, desto +wahrscheinlicher wird es, daß sie nichts, als verschiedene Äußerungen +einer und derselben Kraft seien, welche (komparativ) ihre Grundkraft +heißen kann. Ebenso verfährt man mit den übrigen. + +Die komparativen Grundkräfte müssen wiederum untereinander verglichen +werden, um sie dadurch, daß man ihre Einhelligkeit entdeckt, einer +einzigen radikalen, d.i. absoluten Grundkraft nahe zu bringen. Diese +Vernunfteinheit aber ist bloß hypothetisch. Man behauptet nicht, daß +eine solche in der Tat angetroffen werden müsse, sondern, daß man sie +zugunsten der Vernunft, nämlich zu Errichtung gewisser Prinzipien, +für die mancherlei Regeln, die die Erfahrung an die Hand geben mag, +suchen, und, wo es sich tun läßt, auf solche Weise systematische +Einheit ins Erkenntnis bringen müsse. + +Es zeigt sich aber, wenn man auf den transzendentalen Gebrauch des +Verstandes achthat, daß diese Idee einer Grundkraft überhaupt, nicht +bloß als Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sei, sondern +objektive Realität vorgebe, dadurch die systematische Einheit der +mancherlei Kräfte einer Substanz postuliert und ein apodiktisches +Vernunftprinzip errichtet wird. Denn, ohne daß wir einmal die +Einhelligkeit der mancherlei Kräfte versucht haben, ja selbst wenn es +uns nach allen Versuchen mißlingt, sie zu entdecken, setzen wir doch +voraus: es werde eine solche anzutreffen sein, und dieses nicht +allein, wie in dem angeführten Falle, wegen der Einheit der Substanz, +sondern, wo so gar viele, obzwar in gewissem Grade gleichartige, +angetroffen werden, wie an der Materie überhaupt, setzt die Vernunft +systematische Einheit mannigfaltiger Kräfte voraus, da besondere +Naturgesetze unter allgemeineren stehen, und die Ersparung der +Prinzipien nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der Vernunft, sondern +inneres Gesetz der Natur wird. + +In der Tat ist auch nicht abzusehen, wie ein logisches Prinzip +der Vernunfteinheit der Regeln stattfinden könne, wenn nicht ein +transzendentales vorausgesetzt würde, durch welches eine solche +systematische Einheit, als den Objekten selbst anhängend, a priori als +notwendig angenommen wird. Denn mit welcher Befugnis kann die Vernunft +im logischen Gebrauche verlangen, die Mannigfaltigkeit der Kräfte, +welche uns die Natur zu erkennen gibt, als eine bloß versteckte +Einheit zu behandeln, und sie aus irgendeiner Grundkraft, soviel +an ihr ist, abzuleiten, wenn es ihr freistände zuzugeben, daß es +ebensowohl möglich sei, alle Kräfte wären ungleichartig, und die +systematische Einheit ihrer Ableitung der Natur nicht gemäß? denn +alsdann würde sie gerade wider ihre Bestimmung verfahren, indem +sie sich eine Idee zum Ziele setzte, die der Natureinrichtung ganz +widerspräche. Auch kann man nicht sagen, sie habe zuvor von der +zufälligen Beschaffenheit der Natur diese Einheit nach Prinzipien der +Vernunft abgenommen. Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu suchen, ist +notwendig, weil wir ohne dasselbe gar keine Vernunft, ohne diese aber +keinen zusammenhängenden Verstandesgebrauch, und in dessen Ermanglung +kein zureichendes Merkmal empirischer Wahrheit haben würden, und wir +also in Ansehung des letzteren die systematische Einheit der Natur +durchaus als objektiv gültig und notwendig voraussetzen müssen. + +Wir finden diese transzendentale Voraussetzung auch auf eine +bewundernswürdige Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt, +wiewohl sie solche darin nicht immer erkannt, oder sich selbst +gestanden haben. Daß alle Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die +Identität der Art nicht ausschließen; daß die mancherlei Arten nur als +verschiedentliche Bestimmungen von wenigen Gattungen, diese aber von +noch höheren Geschlechtern usw. behandelt werden müssen; daß also eine +gewisse systematische Einheit aller möglichen empirischen Begriffe, +sofern sie von höheren und allgemeineren abgeleitet werden können, +gesucht werden müsse; ist eine Schulregel oder logisches Prinzip, ohne +welches kein Gebrauch der Vernunft stattfände, weil wir nur sofern +vom Allgemeinen aufs Besondere schließen können, als allgemeine +Eigenschaften der Dinge zum Grunde gelegt werden, unter denen die +besonderen stehen. + +Daß aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen +werde, setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus: daß +man die Anfänge (Prinzipien) nicht ohne Not vervielfältigen müsse +(entia praeter necessitatem non esse multiplicanda). Dadurch wird +gesagt: daß die Natur der Dinge selbst zur Vernunfteinheit Stoff +darbiete, und die anscheinende unendliche Verschiedenheit dürfe uns +nicht abhalten, hinter ihr Einheit der Grundeigenschaften zu vermuten, +von welchen die Mannigfaltigkeit nur durch mehrere Bestimmung +abgeleitet werden kann. Dieser Einheit, ob sie gleich eine bloße +Idee ist, ist man zu allen Zeiten so eifrig nachgegangen, daß man +eher Ursache gefunden, die Begierde nach ihr zu mäßigen, als sie +aufzumuntern. Es war schon viel, daß die Scheidekünstler alle Salze +auf zwei Hauptgattungen, saure und laugenhafte, zurückführen konnten, +sie versuchen sogar auch diesen Unterschied bloß als eine Varietät +oder verschiedene Äußerung eines und desselben Grundstoffs anzusehen. +Die mancherlei Arten von Erden (den Stoff der Steine und sogar der +Metalle) hat man nach und nach auf drei, endlich auf zwei, zu bringen +gesucht; allein damit noch nicht zufrieden, können sie sich des +Gedankens nicht entschlagen, hinter diesen Varietäten dennoch +eine einzige Gattung, ja wohl gar zu diesen und den Salzen ein +gemeinschaftliches Prinzip zu vermuten. Man möchte vielleicht glauben, +dieses sei ein bloß ökonomischer Handgriff der Vernunft, um sich +soviel als möglich Mühe zu ersparen, und ein hypothetischer Versuch, +der, wenn er gelingt, dem vorausgesetzten Erklärungsgrunde eben +durch diese Einheit Wahrscheinlichkeit gibt. Allein eine solche +selbstsüchtige Absicht ist sehr leicht von der Idee zu unterscheiden, +nach welcher jedermann voraussetzt, diese Vernunfteinheit sei der +Natur selbst angemessen, und daß die Vernunft hier nicht bettle, +sondern gebiete, obgleich ohne die Grenzen dieser Einheit bestimmen zu +können. + +Wäre unter den Erscheinungen, die sich uns darbieten, eine so große +Verschiedenheit, ich will nicht sagen der Form (denn darin mögen sie +einander ähnlich sein), sondern dem Inhalte, d.i. der Mannigfaltigkeit +existierender Wesen nach, daß auch der allerschärfste menschliche +Verstand durch Vergleichung der einen mit der anderen nicht die +mindeste Ähnlichkeit ausfindig machen könnte (ein Fall, der sich wohl +denken läßt), so würde das logische Gesetz der Gattungen ganz und gar +nicht stattfinden, und es würde selbst kein Begriff von Gattung, oder +irgendein allgemeiner Begriff, ja sogar kein Verstand stattfinden, +als der es lediglich mit solchen zu tun hat. Das logische Prinzip der +Gattungen setzt also ein transzendentales voraus, wenn es auf Natur +(darunter ich hier nur Gegenstände, die uns gegeben werden, verstehe,) +angewandt werden soll. Nach demselben wird in dem Mannigfaltigen einer +möglichen Erfahrung notwendig Gleichartigkeit vorausgesetzt (ob wir +gleich ihren Grad a priori nicht bestimmen können), weil ohne dieselbe +keine empirischen Begriffe, mithin keine Erfahrung möglich wäre. + +Dem logischen Prinzip der Gattungen, welches Identität postuliert, +steht ein anderes, nämlich das der Arten entgegen, welches +Mannigfaltigkeit und Verschiedenheiten der Dinge, unerachtet +ihrer Übereinstimmung unter derselben Gattung, bedarf, und es dem +Verstande zur Vorschrift macht, auf diese nicht weniger als auf jene +aufmerksam zu sein. Dieser Grundsatz (der Scharfsinnigkeit, oder des +Unterscheidungsvermögens) schränkt den Leichtsinn des ersteren (des +Witzes) sehr ein, und die Vernunft zeigt hier ein doppeltes, einander +widerstreitendes Interesse, einerseits das Interesse des Umfanges (der +Allgemeinheit) in Ansehung der Gattungen, andererseits des Inhalts +(der Bestimmtheit), in Absicht auf die Mannigfaltigkeit der Arten, +weil der Verstand im ersteren Falle zwar viel unter seinen Begriffen, +im zweiten aber desto mehr in denselben denkt. Auch äußert sich dieses +an der sehr verschiedenen Denkungsart der Naturforscher, deren einige +(die vorzüglich spekulativ sind), der Ungleichartigkeit gleichsam +feind, immer auf die Einheit der Gattung hinaussehen, die anderen +(vorzüglich empirische Köpfe) die Natur unaufhörlich in so viel +Mannigfaltigkeit zu spalten suchen, daß man beinahe die Hoffnung +aufgeben müßte, ihre Erscheinungen nach allgemeinen Prinzipien zu +beurteilen. + +Dieser letzteren Denkungsart liegt offenbar auch ein logisches +Prinzip zum Grunde, welches die systematische Vollständigkeit aller +Erkenntnisse zur Absicht hat, wenn ich, von der Gattung anhebend, zu +dem Mannigfaltigen, das darunter enthalten sein mag, herabsteige, und +auf solche Weise dem System Ausbreitung, wie im ersteren Falle, da +ich zur Gattung aufsteige, Einfalt zu verschaffen suche. Denn aus der +Sphäre des Begriffs, der eine Gattung bezeichnet, ist ebensowenig, wie +aus dem Raume, den Materie einnehmen kann, zu ersehen, wie weit die +Teilung derselben gehen könne. Daher jede Gattung verschiedene Arten, +diese aber verschiedene Unterarten erfordert, und, da keine der +letzteren stattfindet, die nicht immer wiederum eine Sphäre (Umfang +als conceptus communis) hätte, so verlangt die Vernunft in ihrer +ganzen Erweiterung, daß keine Art als die unterste an sich selbst +angesehen werde, weil, da sie doch immer ein Begriff ist, der nur das, +was verschiedenen Dingen gemein ist, in sich enthält, dieser nicht +durchgängig bestimmt, mithin auch nicht zunächst auf ein Individuum +bezogen sein könne, folglich jederzeit andere Begriffe, d.i. +Unterarten, unter sich enthalten müsse. Dieses Gesetz der +Spezifikation könnte so ausgedrückt werden: entium varietates non +temere esse minuendas. + +Man sieht aber leicht, daß auch dieses logische Gesetz ohne Sinn und +Anwendung sein würde, läge nicht ein transzendentales Gesetz der +Spezifikation zum Grunde, welches zwar freilich nicht von den Dingen, +die unsere Gegenstände werden können, eine wirkliche Unendlichkeit in +Ansehung der Verschiedenheiten fordert; denn dazu gibt das logische +Prinzip, als welches lediglich die Unbestimmtheit der logischen Sphäre +in Ansehung der möglichen Einteilung behauptet, keinen Anlaß; aber +dennoch dem Verstande auferlegt, unter jeder Art, die uns vorkommt, +Unterarten, und zu jeder Verschiedenheit kleinere Verschiedenheiten zu +suchen. Denn, würde es keine niederen Begriffe geben, so gäbe es auch +keine höheren. Nun erkennt der Verstand alles nur durch Begriffe: +folglich, soweit er in der Einteilung reicht, niemals durch bloße +Anschauung, sondern immer wiederum durch niedere Begriffe. Die +Erkenntnis der Erscheinungen in ihrer durchgängigen Bestimmung +(welche nur durch Verstand möglich ist) fordert eine unaufhörlich +fortzusetzende Spezifikation seiner Begriffe, und einen Fortgang zu +immer noch bleibenden Verschiedenheiten, wovon in dem Begriffe der +Art, und noch mehr dem der Gattung, abstrahiert worden. + +Auch kann dieses Gesetz der Spezifikation nicht von der Erfahrung +entlehnt sein; denn diese kann keine so weitgehende Eröffnungen +geben. Die empirische Spezifikation bleibt in der Unterscheidung +des Mannigfaltigen bald stehen, wenn sie nicht durch das schon +vorhergehende transzendentale Gesetz der Spezifikation, als ein +Prinzip der Vernunft, geleitet worden, solche zu suchen, und sie noch +immer zu vermuten, wenn sie sich gleich nicht den Sinnen offenbart. +Daß absorbierende Erden nach verschiedener Art (Kalk- und muriatische +Erden) sind, bedurfte zur Entdeckung eine zuvorkommende Regel +der Vernunft, welche dem Verstande es zur Aufgabe machte, die +Verschiedenheit zu suchen, indem sie die Natur so reichhaltig +voraussetzte, sie zu vermuten. Denn wir haben ebensowohl nur unter +Voraussetzung der Verschiedenheiten in der Natur Verstand, als unter +der Bedingung, daß ihre Objekte Gleichartigkeit an sich haben, weil +eben die Mannigfaltigkeit desjenigen, was unter einem Begriffe +zusammengefaßt werden kann, den Gebrauch dieses Begriffs, und die +Beschäftigung des Verstandes ausmacht. + +Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld, 1. durch ein +Prinzip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren +Gattungen, 2. durch einen Grundsatz der Varietät des Gleichartigen +unter niederen Arten; und um die systematische Einheit zu vollenden, +fügt sie 3. noch ein Gesetz der Affinität aller Begriffe hinzu, +welches einen kontinuierlichen Übergang von einer jeden Art zu jeder +anderen durch stufenartiges Wachstum der Verschiedenheit gebietet. Wir +können sie die Prinzipien der Homogenität, der Spezifikation und der +Kontinuität der Formen nennen. Das letztere entspringt dadurch, daß +man die zwei ersteren vereinigt, nachdem man, sowohl im Aufsteigen +zu höheren Gattungen, als im Herabsteigen zu niederen Arten, den +systematischen Zusammenhang in der Idee vollendet hat; denn alsdann +sind alle Mannigfaltigkeiten untereinander verwandt, weil sie +insgesamt durch alle Grade der erweiterten Bestimmung von einer +einzigen obersten Gattung abstammen. + +Man kann sich die systematische Einheit unter den drei logischen +Prinzipien auf folgende Art sinnlich machen. Man kann einen jeden +Begriff als einen Punkt ansehen, der, als der Standpunkt eines +Zuschauers, seinen Horizont hat, d.i. eine Menge von Dingen, die +aus demselben können vorgestellt und gleichsam überschaut werden. +Innerhalb diesem Horizonte muß eine Menge von Punkten ins Unendliche +angegeben werden können, deren jeder wiederum seinen engeren +Gesichtskreis hat; d.i. jede Art enthält Unterarten, nach dem Prinzip +der Spezifikation, und der logische Horizont besteht nur aus kleineren +Horizonten (Unterarten), nicht aber aus Punkten, die keinen Umfang +haben (Individuen). Aber zu verschiedenen Horizonten, d.i. Gattungen, +die aus ebensoviel Begriffen bestimmt werden, läßt sich ein +gemeinschaftlicher Horizont, daraus man sie insgesamt als aus einem +Mittelpunkte überschaut, gezogen denken, welcher die höhere Gattung +ist, bis endlich die höchste Gattung der allgemeine und wahre Horizont +ist, der aus dem Standpunkte des höchsten Begriffs bestimmt wird, und +alle Mannigfaltigkeit, als Gattungen, Arten und Unterarten, unter sich +befaßt. + +Zu diesem höchsten Standpunkte führt mich das Gesetz der Homogenität, +zu allen niedrigen und deren größten Varietät das Gesetz der +Spezifikation. Da aber auf solche Weise in dem ganzen Umfange aller +möglichen Begriffe nichts Leeres ist, und außer demselben nichts +angetroffen werden kann, so entspringt aus der Voraussetzung jenes +allgemeinen Gesichtskreises und der durchgängigen Einteilung desselben +der Grundsatz: non datur vacuum formarum, d.i. es gibt nicht +verschiedene ursprüngliche und erste Gattungen, die gleichsam isoliert +und voneinander (durch einen leeren Zwischenraum) getrennt wären, +sondern alle mannigfaltigen Gattungen sind nur Abteilungen einer +einzigen obersten und allgemeinen Gattung; und aus diesem Grundsatze +dessen unmittelbare Folge: datur continuum formarum, d.i. alle +Verschiedenheiten der Arten grenzen aneinander und erlauben keinen +Übergang zueinander durch einen Sprung, sondern nur durch alle +kleineren Grade des Unterschiedes, dadurch man von einer zu der +anderen gelangen kann; mit einem Worte, es gibt keine Arten oder +Unterarten, die einander (im Begriffe der Vernunft) die nächsten +wären, sondern es sind noch immer Zwischenarten möglich, deren +Unterschied von der ersten und zweiten kleiner ist, als dieser ihr +Unterschied voneinander. + +Das erste Gesetz also verhütet die Ausschweifung in die +Mannigfaltigkeit verschiedener ursprünglichen Gattungen, und empfiehlt +die Gleichartigkeit; das zweite schränkt dagegen diese Neigung +zur Einhelligkeit wiederum ein, und gebietet Unterscheidung der +Unterarten, bevor man sich mit seinem allgemeinen Begriffe zu den +Individuen wende. Das dritte vereinigt jene beiden, indem sie bei +der höchsten Mannigfaltigkeit dennoch die Gleichartigkeit durch den +stufenartigen Übergang von einer Spezies zur anderen vorschreibt, +welches eine Art von Verwandtschaft der verschiedenen Zweige anzeigt, +insofern sie insgesamt aus einem Stamme entsprossen sind. + +Dieses logische Gesetz des continui specierum (formarum logicarum) +setzt aber ein transzendentales voraus (lex continui in natura), ohne +welches der Gebrauch des Verstandes durch jene Vorschrift nur irre +geleitet werden würde, indem sie vielleicht einen der Natur gerade +entgegengesetzten Weg nehmen würde. Es muß also dieses Gesetz auf +reinen transzendentalen und nicht empirischen Gründen beruhen. Denn +in dem letzteren Falle würde es später kommen als die Systeme; es +hat aber eigentlich das Systematische der Naturerkenntnis zuerst +hervorgebracht. Es sind hinter diesen Gesetzen auch nicht etwa +Absichten auf eine mit ihnen, als bloßen Versuchen, anzustellende +Probe verborgen, obwohl freilich dieser Zusammenhang, wo er zutrifft, +einen mächtigen Grund abgibt, die hypothetisch ausgedachte Einheit für +gegründet zu halten, und sie also auch in dieser Absicht ihren Nutzen +haben, sondern man sieht es ihnen deutlich an, daß sie die Sparsamkeit +der Grundursachen, die Mannigfaltigkeit der Wirkungen, und eine +daherrührende Verwandtschaft der Glieder der Natur an sich selbst für +vernunftmäßig und der Natur angemessen urteilen, und diese Grundsätze +also direkt und nicht bloß als Handgriffe der Methode ihre Empfehlung +bei sich führen. + +Man sieht aber leicht, daß diese Kontinuität der Formen eine bloße +Idee sei, der ein kongruierender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht +aufgewiesen werden kann, nicht allein um deswillen, weil die Spezies +in der Natur wirklich abgeteilt sind, und daher an sich ein quantum +discretum ausmachen müssen, und, wenn der stufenartige Fortgang in +der Verwandtschaft derselben kontinuierlich wäre, sie auch eine wahre +Unendlichkeit der Zwischenglieder, die innerhalb zweier gegebener +Arten lägen, enthalten müßte, welches unmöglich ist: sondern auch, +weil wir von diesem Gesetz gar keinen bestimmten empirischen Gebrauch +machen können, indem dadurch nicht das geringste Merkmal der Affinität +angezeigt wird, nach welchem und wie weit wir die Gradfolge ihrer +Verschiedenheit zu suchen, sondern nichts weiter, als eine allgemeine +Anzeige, daß wir sie zu suchen haben. + +Wenn wir die jetzt angeführten Prinzipien ihrer Ordnung nach +versetzen, um sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen, so +würden die Prinzipien der systematischen Einheit etwa so stehen: +Mannigfaltigkeit, Verwandtschaft und Einheit, jede derselben aber als +Ideen im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit genommen. Die Vernunft +setzt die Verstandeserkenntnisse voraus, die zunächst auf Erfahrung +angewandt werden, und sucht ihre Einheit nach Ideen, die viel +weiter geht, als Erfahrung reichen kann. Die Verwandtschaft des +Mannigfaltigen, unbeschadet seiner Verschiedenheit, unter einem +Prinzip der Einheit, betrifft nicht bloß die Dinge, sondern weit +mehr noch die bloßen Eigenschaften und Kräfte der Dinge. Daher, wenn +uns z.B. durch eine (noch nicht völlig berichtigte) Erfahrung der +Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben ist, und wir finden +Verschiedenheiten, so vermuten wir sie in demjenigen, was den Zirkel +nach einem beständigen Gesetze durch alle unendlichen Zwischengrade, +zu einer dieser abweichenden Umläufe abändern kann, d.i. die +Bewegungen der Planeten, die nicht Zirkel sind, werden etwa dessen +Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen, und fallen auf die +Ellipse. Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit ihrer +Bahnen, da sie (soweit Beobachtung reicht) nicht einmal im Kreise +zurückkehren; allein wir raten auf einen parabolischen Lauf, der doch +mit der Ellipsis verwandt ist, und, wenn die lange Achse der letzteren +sehr weit gestreckt ist, in allen unseren Beobachtungen von ihr +nicht unterschieden werden kann. So kommen wir, nach Anleitung jener +Prinzipien, auf Einheit der Gattungen dieser Bahnen in ihrer Gestalt, +dadurch aber weiter auf Einheit der Ursache aller Gesetze ihrer +Bewegung (die Gravitation), von da wir nachher unsere Eroberungen +ausdehnen, und auch alle Varietäten und scheinbare Abweichungen von +jenen Regeln aus demselben Prinzip zu erklären suchen, endlich gar +mehr hinzufügen, als Erfahrung jemals bestätigen kann, nämlich, uns +nach den Regeln der Verwandtschaft selbst hyperbolische Kometenbahnen +zu denken, in welchen diese Körper ganz und gar unsere Sonnenwelt +verlassen, und, indem sie von Sonne zu Sonne gehen, die entfernteren +Teile eines für uns unbegrenzten Weltsystems, das durch eine und +dieselbe bewegende Kraft zusammenhängt, in ihrem Laufe vereinigen. + +Was bei diesen Prinzipien merkwürdig ist, und uns auch allein +beschäftigt, ist dieses: daß sie transzendental zu sein scheinen, und, +ob sie gleich bloße Ideen zur Befolgung des empirischen Gebrauchs der +Vernunft enthalten, denen der letztere nur gleichsam asymptotisch, +d.i. bloß annähernd folgen kann, ohne sie jemals zu erreichen, +sie gleichwohl, als synthetische Sätze a priori, objektive, aber +unbestimmte Gültigkeit haben, und zur Regel möglicher Erfahrung +dienen, auch wirklich in Bearbeitung derselben, als heuristische +Grundsätze, mit gutem Glücke gebraucht werden, ohne daß man doch eine +transzendentale Deduktion derselben zustande bringen kann, welches, +wie oben bewiesen worden, in Ansehung der Ideen jederzeit unmöglich +ist. + +Wir haben in der transzendentalen Analytik unter den Grundsätzen +des Verstandes die dynamischen, als bloß regulativen Prinzipien der +Anschauung, von den mathematischen, die in Ansehung der letzteren +konstitutiv sind, unterschieden. Diesem ungeachtet sind gedachte +dynamische Gesetze allerdings konstitutiv in Ansehung der Erfahrung, +indem sie die Begriffe, ohne welche keine Erfahrung stattfindet, a +priori möglich machen. Prinzipien der reinen Vernunft können dagegen +nicht einmal in Ansehung der empirischen Begriffe konstitutiv sein, +weil ihnen kein korrespondierendes Schema der Sinnlichkeit gegeben +werden kann, und sie also keinen Gegenstand in konkreto haben können. +Wenn ich nun von einem solchen empirischen Gebrauch derselben, als +konstitutiver Grundsätze, abgehe, wie will ich ihnen dennoch einen +regulativen Gebrauch, und mit demselben einige objektive Gültigkeit +sichern, und was kann derselbe für Bedeutung haben? + +Der Verstand macht für die Vernunft ebenso einen so Gegenstand aus, +als die Sinnlichkeit für den Verstand. Die Einheit aller möglichen +empirischen Verstandeshandlungen systematisch zu machen, ist ein +Geschäft der Vernunft, sowie der Verstand das Mannigfaltige der +Erscheinungen durch Begriffe verknüpft und unter empirische Gesetze +bringt. Die Verstandeshandlungen aber, ohne Schemate der Sinnlichkeit, +sind unbestimmt: ebenso ist die Vernunfteinheit auch in Ansehung der +Bedingungen, unter denen, und des Grades, wie weit, der Verstand seine +Begriffe systematisch verbinden soll, an sich selbst unbestimmt. +Allein, obgleich für die durchgängige systematische Einheit aller +Verstandesbegriffe kein Schema in der Anschauung ausfindig gemacht +werden kann, so kann und muß doch ein Analogon eines solchen Schema +gegeben werden, welches die Idee des Maximum der Abteilung und der +Vereinigung der Verstandeserkenntnis in einem Prinzip ist. Denn das +Größeste und absolut Vollständige läßt sich bestimmt gedenken, weil +alle restringierenden Bedingungen, welche unbestimmte Mannigfaltigkeit +geben, weggelassen werden. Also ist die Idee der Vernunft ein Analogon +von einem Schema der Sinnlichkeit, aber mit dem Unterschiede, daß die +Anwendung der Verstandesbegriffe auf das Schema der Vernunft nicht +ebenso eine Erkenntnis des Gegenstandes selbst ist (wie bei der +Anwendung der Kategorien auf ihre sinnlichen Schemate), sondern +nur eine Regel oder Prinzip der systematischen Einheit alles +Verstandesgebrauchs. Da nun jeder Grundsatz, der dem Verstande +durchgängige Einheit seines Gebrauchs a priori festsetzt, auch, obzwar +nur indirekt, von dem Gegenstande der Erfahrung gilt: so werden die +Grundsätze der reinen Vernunft auch in Ansehung dieses letzteren +objektive Realität haben, allein nicht um etwas an ihnen zu bestimmen, +sondern nur um das Verfahren anzuzeigen, nach welchem der empirische +und bestimmte Erfahrungsgebrauch des Verstandes mit sich selbst +durchgängig zusammenstimmend werden kann, dadurch, daß er mit dem +Prinzip der durchgängigen Einheit, soviel als möglich, in Zusammenhang +gebracht, und davon abgeleitet wird. + +Ich nenne alle subjektiven Grundsätze, die nicht von der +Beschaffenheit des Objekts, sondern dem Interesse der Vernunft, in +Ansehung einer gewissen möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis dieses +Objekts, hergenommen sind, Maximen der Vernunft. So gibt es Maximen +der spekulativen Vernunft, die lediglich auf dem spekulativen +Interesse derselben beruhen, ob es zwar scheinen mag, sie wären +objektive Prinzipien. + +Wenn bloß regulative Grundsätze als konstitutiv betrachtet werden, so +können sie als objektive Prinzipien widerstreitend sein; betrachtet +man sie aber bloß als Maximen, so ist kein wahrer Widerstreit, sondern +bloß ein verschiedenes Interesse der Vernunft, welches die Trennung +der Denkungsart verursacht. In der Tat hat die Vernunft nur ein +einiges Interesse und der Streit ihrer Maximen ist nur eine +Verschiedenheit und wechselseitige Einschränkung der Methoden, diesem +Interesse ein Genüge zu tun. + +Auf solche Weise vermag bei diesem Vernünftler mehr das Interesse der +Mannigfaltigkeit (nach dem Prinzip der Spezifikation), bei jenem aber +das Interesse der Einheit (nach dem Prinzip der Aggregation). Ein +jeder derselben glaubt sein Urteil aus der Einsicht des Objekts zu +haben, und gründet es doch lediglich auf der größeren oder kleineren +Anhänglichkeit an einen von beiden Grundsätzen, deren keine auf +objektiven Gründen beruht, sondern nur auf dem Vernunftinteresse, +und die daher besser Maximen als Prinzipien genannt werden könnten. +Wenn ich einsehende Männer miteinander wegen der Charakteristik +der Menschen, der Tiere oder Pflanzen, ja selbst der Körper des +Mineralreichs im Streite sehe, da die einen z.B. besondere und in der +Abstammung gegründete Volkscharaktere, oder auch entschiedene und +erbliche Unterschiede der Familien, Rassen usw. annehmen, andere +dagegen ihren Sinn darauf setzen, daß die Natur in diesem Stücke ganz +und gar einerlei Anlagen gemacht habe, und aller Unterschied nur auf +äußeren Zufälligkeiten beruhe, so darf ich nur die Beschaffenheit des +Gegenstandes in Betrachtung ziehen, um zu begreifen, daß er für beide +viel zu tief verborgen liege, als daß sie aus Einsicht in die Natur +des Objekts sprechen könnten. Es ist nichts anderes, als das zwiefache +Interesse der Vernunft, davon dieser Teil das eine, jener das andere +zu Herzen nimmt, oder auch affektiert, mithin die Verschiedenheit der +Maximen der Naturmannigfaltigkeit, oder der Natureinheit, welche sich +gar wohl vereinigen lassen, aber solange sie für objektive Einsichten +gehalten werden, nicht allein Streit, sondern auch Hindernisse +veranlassen, welche die Wahrheit lange aufhalten, bis ein Mittel +gefunden wird, das streitige Interesse zu vereinigen, und die Vernunft +hierüber zufrieden zu stellen. + +Ebenso ist es mit der Behauptung oder Anfechtung des so berufenen, von +Leibniz in Gang gebrachten und durch Bonnet trefflich aufgestutzten +Gesetzes der kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe bewandt, +welche nichts als eine Befolgung des auf dem Interesse der Vernunft +beruhenden Grundsatzes der Affinität ist; denn Beobachtung und +Einsicht in die Einrichtung der Natur konnte es gar nicht als +objektive Behauptung an die Hand geben. Die Sprossen einer solchen +Leiter, so wie sie uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit +auseinander, und unsere vermeintlich kleinen Unterschiede sind +gemeiniglich in der Natur selbst so weite Klüfte, daß auf solche +Beobachtungen (vornehmlich bei einer großen Mannigfaltigkeit von +Dingen, da es immer leicht sein muß, gewisse Ähnlichkeiten und +Annäherungen zu finden,) als Absichten der Natur gar nichts zu rechnen +ist. Dagegen ist die Methode, nach einem solchen Prinzip Ordnung in +der Natur aufzusuchen, und die Maxime, eine solche, obzwar unbestimmt, +wo, oder wie weit, in einer Natur überhaupt als gegründet anzusehen, +allerdings ein rechtmäßiges und treffliches regulatives Prinzip der +Vernunft; welches aber, als ein solches, viel weiter geht, als daß +Erfahrung oder Beobachtung ihr gleichkommen könnte, doch ohne etwas +zu bestimmen, sondern ihr nur zur systematischen Einheit den Weg +vorzuzeichnen. + + + +Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen Vernunft + +Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst +dialektisch sein, sondern ihr bloßer Mißbrauch muß es allein machen, +daß uns von ihnen ein trüglicher Schein entspringt; denn sie sind +uns durch die Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste +Gerichtshof aller Rechte und Ansprüche unserer Spekulation kann +unmöglich selbst ursprüngliche Täuschungen und Blendwerke enthalten. +Vermutlich werden sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in der +Naturanlage unserer Vernunft haben. Der Pöbel der Vernünftler schreit +aber, wie gewöhnlich, über Ungereimtheit und Widersprüche, und schmäht +auf die Regierung, in deren innerste Pläne er nicht zu dringen vermag, +deren wohltätigen Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar +die Kultur verdanken sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu tadeln +und zu verurteilen. + +Man kann sich eines Begriffs a priori mit keiner Sicherheit bedienen, +ohne seine transzendentale Deduktion zustande gebracht zu haben. Die +Ideen der reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduktion von der Art, +als die Kategorien; sollen sie aber im mindesten einige, wenn auch +nur unbestimmte, objektive Gültigkeit haben, und nicht bloß leere +Gedankendinge (entia rationis ratiocinantis) vorstellen, so muß +durchaus eine Deduktion derselben möglich sein, gesetzt, daß sie auch +von derjenigen weit abwichen die man mit den Kategorien vornehmen +kann. Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der reinen +Vernunft, und dieses wollen wir jetzt übernehmen. + +Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein +Gegenstand schlechthin, oder nur als ein Gegenstand in der Idee +gegeben wird. In dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin, den +Gegenstand zu bestimmen; im zweiten ist es wirklich nur ein Schema, +dem direkt kein Gegenstand, auch nicht einmal hypothetisch zugegeben +wird, sondern welches nur dazu dient, um andere Gegenstände, +vermittelst der Beziehung auf diese Idee, nach ihrer systematischen +Einheit, mithin indirekt uns vorzustellen. So sage ich, der Begriff +einer höchsten Intelligenz ist eine bloße Idee, d.i. seine objektive +Realität soll nicht darin bestehen, daß er sich geradezu auf einen +Gegenstand bezieht (denn in solcher Bedeutung würden wir seine +objektive Gültigkeit nicht rechtfertigen können), sondern er ist nur +ein nach Bedingungen der größten Vernunfteinheit geordnetes Schema, +von dem Begriffe eines Dinges überhaupt, welches nur dazu dient, um +die größte systematische Einheit im empirischen Gebrauche unserer +Vernunft zu erhalten, indem man den Gegenstand der Erfahrung gleichsam +von dem eingebildeten Gegenstande dieser Idee, als seinem Grunde, oder +Ursache, ableitet. Alsdann heißt es z.B. die Dinge der Welt müssen +so betrachtet werden, als ob sie von einer höchsten Intelligenz ihr +Dasein hätten. Auf solche Weise ist die Idee eigentlich nur ein +heuristischer und nicht ostensiver Begriff, und zeigt an, nicht wie +ein Gegenstand beschaffen ist, sondern wie wir, unter der Leitung +desselben, die Beschaffenheit und Verknüpfung der Gegenstände der +Erfahrung überhaupt suchen sollen. Wenn man nun zeigen kann, daß, +obgleich die dreierlei transzendentalen Ideen (psychologische, +kosmologische, und theologische) direkt auf keinen ihnen +korrespondierenden Gegenstand und dessen Bestimmung bezogen werden, +dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs der Vernunft unter +Voraussetzung eines solchen Gegenstandes in der Idee auf systematische +Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis jederzeit erweitern, +niemals aber derselben zuwider sein können: so ist es eine notwendige +Maxime der Vernunft, nach dergleichen Ideen zu verfahren. Und dieses +ist die transzendentale Deduktion aller Ideen der spekulativen +Vernunft, nicht als konstitutiver Prinzipien der Erweiterung +unserer Erkenntnis über mehr Gegenstände, als Erfahrung geben kann, +sondern als regulativer Prinzipien der systematischen Einheit des +Mannigfaltigen der empirischen Erkenntnis überhaupt, welche dadurch in +ihren eigenen Grenzen mehr angebaut und berichtigt wird, als es ohne +solche Ideen durch den bloßen Gebrauch der Verstandesgrundsätze +geschehen könnte. + +Ich will dieses deutlicher machen. Wir wollen den genannten Ideen als +Prinzipien zufolge erstlich (in der Psychologie) alle Erscheinungen, +Handlungen und Empfänglichkeit unseres Gemüts an dem Leitfaden der +inneren Erfahrung so verknüpfen, als ob dasselbe eine einfache +Substanz wäre, die, mit persönlicher Identität, beharrlich (wenigstens +im Leben) existiert, indessen daß ihre Zustände, zu welcher die des +Körpers nur als äußere Bedingungen gehören, kontinuierlich wechseln. +Wir müssen zweitens (in der Kosmologie) die Bedingungen, der inneren +sowohl als der äußeren Naturerscheinungen, in einer solchen nirgend zu +vollendenden Untersuchung verfolgen, als ob dieselbe an sich unendlich +und ohne ein erstes oder oberstes Glied sei, obgleich wir darum, +außerhalb aller Erscheinungen, die bloß intelligiblen ersten Gründe +derselben nicht leugnen, aber sie doch niemals in den Zusammenhang +der Naturerklärungen bringen dürfen, weil wir sie gar nicht kennen. +Endlich und drittens müssen wir (in Ansehung der Theologie) alles, was +nur immer in den Zusammenhang der möglichen Erfahrung gehören mag, so +betrachten, als ob diese eine absolute, aber durch und durch abhängige +und immer noch innerhalb der Sinnenwelt bedingte Einheit ausmache, +doch aber zugleich, als ob der Inbegriff aller Erscheinungen (die +Sinnenwelt selbst) einen einzigen obersten und allgenugsamen Grund +außer ihrem Umfange habe, nämlich eine gleichsam selbstständige, +ursprüngliche und schöpferische Vernunft, in Beziehung auf welche +wir allen empirischen Gebrauch unserer Vernunft in seiner größten +Erweiterung so richten, als ob die Gegenstände selbst aus jenem +Urbilde aller Vernunft entsprungen wären, das heißt: nicht von einer +einfachen denkenden Substanz die inneren Erscheinungen der Seele, +sondern nach der Idee eines einfachen Wesens jene voneinander +ableiten; nicht von einer höchsten Intelligenz die Weltordnung und +systematische Einheit derselben ableiten, sondern von der Idee einer +höchstweisen Ursache die Regel hernehmen, nach welcher die Vernunft +bei der Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen in der Welt zu ihrer +eigenen Befriedigung am besten zu brauchen sei. + +Nun ist nicht das mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als +objektiv und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische, +wo die Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zustande +bringen will (die psychologische und theologische enthalten +dergleichen gar nicht). Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht, wie +sollte uns daher jemand ihre objektive Realität streiten können, da er +von ihrer Möglichkeit ebensowenig weiß, um sie zu verneinen, als wir, +um sie zu bejahen. Gleichwohl ist's, um etwas anzunehmen, noch nicht +genug, daß kein positives Hindernis dawider ist, und es kann uns nicht +erlaubt sein, Gedankenwesen, welche alle unsere Begriffe übersteigen, +obgleich keinem widersprechen, auf den bloßen Kredit der ihr Geschäft +gern vollendenden spekulativen Vernunft, als wirkliche und bestimmte +Gegenstände einzuführen. Also sollen sie an sich selbst nicht +angenommen werden, sondern nur ihre Realität, als eines Schema des +regulativen Prinzips der systematischen Einheit aller Naturerkenntnis, +gelten, mithin sollen sie nur als Analoga von wirklichen Dingen, aber +nicht als solche an sich selbst zum Grunde gelegt werden. Wir heben +von dem Gegenstande der Idee die Bedingungen auf, welche unseren +Verstandesbegriff einschränken, die aber es auch allein möglich +machen, daß wir von irgendeinem Dinge einen bestimmten Begriff haben +können. Und nun denken wir uns ein Etwas, wovon wir, was es an sich +selbst sei, gar keinen Begriff haben, aber wovon wir uns doch ein +Verhältnis zu dem Inbegriffe der Erscheinungen denken, das demjenigen +analogisch ist, welches die Erscheinungen untereinander haben. + +Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, so erweitern +wir eigentlich nicht unsere Erkenntnis über die Objekte möglicher +Erfahrung, sondern nur die empirische Einheit der letzteren, durch +die systematische Einheit, wozu uns die Idee das Schema gibt, welche +mithin nicht als konstitutives, sondern bloß als regulatives Prinzip +gilt. Denn, daß wir ein der Idee korrespondierendes Ding, ein Etwas, +oder wirkliches Wesen setzen, dadurch ist nicht gesagt, wir wollten +unsere Erkenntnis der Dinge mit transzendenten Begriffen erweitern; +denn dieses Wesen wird nur in der Idee und nicht an sich selbst zum +Grunde gelegt, mithin nur um die systematische Einheit auszudrücken, +die uns zur Richtschnur des empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen +soll, ohne doch etwas darüber auszumachen, was der Grund dieser +Einheit, oder die innere Eigenschaft eines solchen Wesens sei, auf +welchem, als Ursache, sie beruhe. + +So ist der transzendentale und einzige bestimmte Begriff, den uns +die bloß spekulative Vernunft von Gott gibt, im genauesten Verstande +deistisch, d.i. die Vernunft gibt nicht einmal die objektive +Gültigkeit eines solchen Begriffs, sondern nur die Idee von Etwas an +die Hand, worauf alle empirische Realität ihre höchste und notwendige +Einheit gründet, und welches wir uns nicht anders, als nach der +Analogie einer wirklichen Substanz, welche nach Vernunftgesetzen die +Ursache aller Dinge sei, denken können, wofern wir es ja unternehmen, +es überall als einen besonderen Gegenstand zu denken, und nicht +lieber, mit der bloßen Idee des regulativen Prinzips der Vernunft +zufrieden, die Vollendung aller Bedingungen des Denkens, als +überschwenglich für den menschlichen Verstand, beiseite setzen wollen, +welches aber mit der Absicht einer vollkommenen systematischen Einheit +in unserem Erkenntnis, der wenigstens die Vernunft keine Schranken +setzt, nicht zusammen bestehen kann. + +Daher geschieht's nun, daß, wenn ich ein göttliches Wesen annehme, ich +zwar weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit, +noch der Notwendigkeit seines Daseins, den mindesten Begriff habe, +aber alsdann doch allen anderen Fragen, die das Zufällige betreffen, +ein Genüge tun kann, und der Vernunft die vollkommenste Befriedigung +in Ansehung der nachzuforschenden größten Einheit in ihrem empirischen +Gebrauche, aber nicht in Ansehung dieser Voraussetzung selbst, +verschaffen kann; welches beweist, daß ihr spekulatives Interesse und +nicht ihre Einsicht sie berechtige, von einem Punkte, der so weit über +ihrer Sphäre liegt, auszugehen, um daraus ihre Gegenstände in einem +vollständigen Ganzen zu betrachten. + +Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart, bei einer und +derselben Voraussetzung, der ziemlich subtil, aber gleichwohl in +der Transzendentalphilosophie von großer Wichtigkeit ist. Ich +kann genugsamen Grund haben, etwas relativ anzunehmen (suppositio +relativa), ohne doch befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen +(suppositio absoluta). Diese Unterscheidung trifft zu, wenn es bloß um +ein regulatives Prinzip zu tun ist, wovon wir zwar die Notwendigkeit +an sich selbst, aber nicht den Quell derselben erkennen, und dazu wir +einen obersten Grund bloß in der Absicht annehmen, um desto bestimmter +die Allgemeinheit des Prinzips zu denken, als z.B. wenn ich +mir ein Wesen als existierend denke, das einer bloßen und zwar +transzendentalen Idee korrespondiert. Denn, da kann ich das Dasein +dieses Dinges niemals an sich selbst annehmen, weil keine Begriffe, +dadurch ich mir irgend einen Gegenstand bestimmt denken kann, dazu +gelangen, und die Bedingungen der objektiven Gültigkeit meiner +Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind. Die Begriffe der +Realität, der Substanz, der Kausalität, selbst die der Notwendigkeit +im Dasein, haben, außer dem Gebrauche, da sie die empirische +Erkenntnis eines Gegenstandes möglich machen, gar keine Bedeutung, +die irgendein Objekt bestimmte. Sie können also zwar zu Erklärung der +Möglichkeit der Dinge in der Sinnenwelt, aber nicht der Möglichkeit +eines Weltganzen selbst gebraucht werden, weil dieser Erklärungsgrund +außerhalb der Welt und mithin kein Gegenstand einer möglichen +Erfahrung sein müßte. Nun kann ich gleichwohl ein solches +unbegreifliches Wesen, den Gegenstand einer bloßen Idee, relativ auf +die Sinnenwelt, obgleich nicht an sich selbst, annehmen. Denn, wenn +dem größtmöglichen empirischen Gebrauche meiner Vernunft eine Idee +(der systematisch vollständigen Einheit, von der ich bald bestimmter +reden werde) zum Grunde liegt, die an sich selbst niemals adäquat +in der Erfahrung kann dargestellt werden, ob sie gleich, um die +empirische Einheit dem höchstmöglichen Grade zu nähern, unumgänglich +notwendig ist, so werde ich nicht allein befugt, sondern auch genötigt +sein, diese Idee zu realisieren, d.i. ihr einen wirklichen Gegenstand +zu setzen, aber nur als ein Etwas überhaupt, das ich an sich +selbst gar nicht kenne, und dem ich nur, als einem Grunde jener +systematischen Einheit, in Beziehung auf diese letztere solche +Eigenschaft gebe, als den Verstandesbegriffen im empirischen Gebrauche +analogisch sind. Ich werde mir also nach der Analogie der Realitäten +in der Welt der Substanzen, der Kausalität und der Notwendigkeit, ein +Wesen denken, das alles dieses in der höchsten Vollkommenheit besitzt, +und, indem diese Idee bloß auf meiner Vernunft beruht, dieses Wesen +als selbstständige Vernunft, was durch Ideen der größten Harmonie und +Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken können, so daß ich alle, +die Idee einschränkenden, Bedingungen weglasse, lediglich um, unter +dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische Einheit des +Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den +größtmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem +ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anordnungen einer höchsten +Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Nachbild ist. Ich +denke mir alsdann dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die +eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber +auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem anderen als +relativen Gebrauch habe, nämlich, daß sie das Substratum der +größtmöglichen Erfahrungseinheit abgeben solle, so darf ich ein Wesen, +das ich von der Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften +denken, die lediglich zur Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange +keineswegs, und bin auch nicht befugt es zu verlangen, diesen +Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er an sich sein mag, zu +erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die Begriffe +von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der Notwendigkeit im +Dasein, verlieren alle Bedeutung, und sind leere Titel zu Begriffen, +ohne allen Inhalt, wenn ich mich außer dem Felde der Sinne damit +hinauswage. Ich denke mir nur die Relation eines mir an sich ganz +unbekannten Wesens zur größten systematischen Einheit des Weltganzen, +lediglich um es zum Schema des regulativen Prinzips des größtmöglichen +empirischen Gebrauchs meiner Vernunft zu machen. + +Werfen wir unseren Blick nun auf den transzendentalen Gegenstand +unserer Idee, so sehen wir, daß wir seine Wirklichkeit nach den +Begriffen von Realität, Substanz, Kausalität usw. an sich selbst +nicht voraussetzen können, weil diese Begriffe auf etwas, das von der +Sinnenwelt ganz unterschieden ist, nicht die mindeste Anwendung haben. +Also ist die Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen, als +oberster Ursache, bloß relativ, zum Behuf der systematischen Einheit +der Sinnenwelt gedacht, und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir, +was es an sich sei, keinen Begriff haben. Hierdurch erklärt sich +auch, woher wir zwar in Beziehung auf das, was existierend den Sinnen +gegeben ist, der Idee eines an sich notwendigen Urwesens bedürfen, +niemals aber von diesem und seiner absoluten Notwendigkeit den +mindesten Begriff haben können. + +Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transzendentalen Dialektik +deutlich vor Augen stellen, und die Endabsicht der Ideen der reinen +Vernunft, die nur durch Mißverstand und Unbehutsamkeit dialektisch +werden, genau bestimmen. Die reine Vernunft ist in der Tat mit +nichts als sich selbst beschäftigt, und kann auch kein anderes +Geschäft haben, weil ihr nicht die Gegenstände zur Einheit des +Erfahrungsbegriffs, sondern die Verstandeserkenntnisse zur Einheit des +Vernunftbegriffs, d.i. des Zusammenhanges in einem Prinzip gegeben +werden. Die Vernunfteinheit ist die Einheit des Systems, und diese +systematische Einheit dient der Vernunft nicht objektiv zu einem +Grundsatze, um sie über die Gegenstände, sondern subjektiv als Maxime, +um sie über alles mögliche empirische Erkenntnis der Gegenstände zu +verbreiten. Gleichwohl befördert der systematische Zusammenhang, den +die Vernunft dem empirischen Verstandesgebrauche geben kann, nicht +allein dessen Ausbreitung, sondern bewährt auch zugleich die +Richtigkeit desselben, und das Prinzipium einer solchen systematischen +Einheit ist auch objektiv, aber auf unbestimmte Art (principium +vagum), nicht als konstitutives Prinzip, um etwas in Ansehung seines +direkten Gegenstandes zu bestimmen, sondern um, als bloß regulativer +Grundsatz und Maxime, den empirischen Gebrauch der Vernunft durch +Eröffnung neuer Wege, die der Verstand nicht kennt, ins Unendliche +(Unbestimmte) zu befördern und zu befestigen, ohne dabei jemals den +Gesetzen des empirischen Gebrauchs im mindesten zuwider zu sein. + +Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders +denken, als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand gibt, der +aber durch keine Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung gibt +niemals ein Beispiel vollkommener systematischer Einheit. Dieses +Vernunftwesen (ens rationis ratiocinatae) ist nun zwar eine bloße +Idee, und wird also nicht schlechthin und an sich selbst als etwas +Wirkliches angenommen, sondern nur problematisch zum Grunde gelegt +(weil wir es durch keine Verstandesbegriffe erreichen können), um +alle Verknüpfung der Dinge der Sinnenwelt so anzusehen, als ob sie +in diesem Vernunftwesen ihren Grund hätten, lediglich aber in der +Absicht, um darauf die systematische Einheit zu gründen, die der +Vernunft unentbehrlich, der empirischen Verstandeserkenntnis aber auf +alle Weise beförderlich und ihr gleichwohl niemals hinderlich sein +kann. + +Man verkennt sogleich die Bedeutung dieser Idee, wenn man sie für die +Behauptung, oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen Sache +hält, welcher man den Grund der systematischen Weltverfassung +zuzuschreiben gedächte; vielmehr läßt man es gänzlich unausgemacht, +was der unseren Begriffen sich entziehende Grund derselben an sich für +Beschaffenheit habe, und setzt sich nur eine Idee zum Gesichtspunkte, +aus welchem einzig und allein man jene, der Vernunft so wesentliche +und dem Verstande so heilsame, Einheit verbreiten kann; mit einem +Worte: dieses transzendentale Ding ist bloß das Schema jenes +regulativen Prinzips, wodurch die Vernunft, so viel an ihr ist, +systematische Einheit über alle Erfahrung verbreitet. Das erste Objekt +einer solchen Idee bin ich selbst, bloß als denkende Natur (Seele) +betrachtet. Will ich die Eigenschaften, mit denen ein denkendes Wesen +an sich existiert, aufsuchen, so muß ich die Erfahrung befragen, und +selbst von allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand +anwenden, als insofern das Schema derselben in der sinnlichen +Anschauung gegeben ist. Hiermit gelange ich aber niemals zu einer +systematischen Einheit aller Erscheinungen des inneren Sinnes. Statt +des Erfahrungsbegriffs also (von dem, was die Seele wirklich ist), +der uns nicht weit führen kann, nimmt die Vernunft den Begriff der +empirischen Einheit alles Denkens, und macht dadurch, daß sie diese +Einheit unbedingt und ursprünglich denkt, aus demselben einen +Vernunftbegriff (Idee) von einer einfachen Substanz, die an sich +selbst unwandelbar (persönlich identisch), mit anderen wirklichen +Dingen außer ihr in Gemeinschaft stehe; mit einem Worte: von einer +einfachen selbständigen Intelligenz. Hierbei aber hat sie nichts +anderes vor Augen, als Prinzipien der systematischen Einheit in +Erklärung der Erscheinungen der Seele, nämlich: alle Bestimmungen, +als in einem einigen Subjekte, alle Kräfte, so viel möglich, als +abgeleitet von einer einigen Grundkraft, allen Wechsel, als gehörig zu +den Zuständen eines und desselben beharrlichen Wesens zu betrachten, +und alle Erscheinungen im Raume, als von den Handlungen des Denkens +ganz unterschieden vorzustellen. Jene Einfachheit der Substanz +usw. sollte nur das Schema zu diesem regulativen Prinzip sein, +und wird nicht vorausgesetzt, als sei sie der wirkliche Grund der +Seeleneigenschaften. Denn diese können auch auf ganz anderen Gründen +beruhen, die wir gar nicht kennen, wie wir denn die Seele auch durch +diese angenommenen Prädikate eigentlich nicht an sich selbst erkennen +könnten, wenn wir sie gleich von ihr schlechthin wollten gelten +lassen, indem sie eine bloße Idee ausmachen, die in concreto gar nicht +vorgestellt werden kann. Aus einer solchen psychologischen Idee kann +nun nichts anderes als Vorteil entspringen, wenn man sich nur hütet, +sie für etwas mehr als bloße Idee, d.i. bloß relativisch auf den +systematischen Vernunftsgebrauch in Ansehung der Erscheinungen unserer +Seele, gelten zu lassen. Denn da mengen sich keine empirischen Gesetze +körperlicher Erscheinungen, die ganz von anderer Art sind, in die +Erklärungen dessen, was bloß für den inneren Sinn gehört; da werden +keine windigen Hypothesen, von Erzeugung, Zerstörung und Palingenesie +der Seelen usw. zugelassen; also wird die Betrachtung dieses +Gegenstandes des inneren Sinnes ganz rein und unvermengt +mit ungleichartigen Eigenschaften angestellt, überdem die +Vernunftuntersuchung darauf gerichtet, die Erklärungsgründe in diesem +Subjekte, so weit es möglich ist, auf ein einziges Prinzip hinaus +zu führen, welches alles durch ein solches Schema, als ob es ein +wirkliches Wesen wäre, am besten, ja sogar einzig und allein, bewirkt +wird. Die psychologische Idee kann auch nichts anderes als das Schema +eines regulativen Begriffs bedeuten. Denn, wollte ich auch nur fragen, +ob die Seele nicht an sich geistiger Natur sei, so hätte diese Frage +gar keinen Sinn. Denn durch einen solchen Begriff nehme ich nicht bloß +die körperliche Natur, sondern überhaupt alle Natur weg, d.i. alle +Prädikate irgendeiner möglichen Erfahrung, mithin alle Bedingungen, zu +einem solchen Begriffe einen Gegenstand zu denken, als welches doch +einzig und allein es macht, daß man sagt, er habe einen Sinn. + +Die zweite regulative Idee der bloß spekulativen Vernunft ist der +Weltbegriff überhaupt. Denn Natur ist eigentlich nur das einzige +gegebene Objekt, in Ansehung dessen die Vernunft regulative Prinzipien +bedarf. Diese Natur ist zwiefach, entweder die denkende, oder die +körperliche Natur. Allein zu der letzteren, um sie ihrer inneren +Möglichkeit nach zu denken, d.i. die Anwendung der Kategorien auf +dieselbe zu bestimmen, bedürfen wir keiner Idee, d.i. einer die +Erfahrung übersteigenden Vorstellung; es ist auch keine in Ansehung +derselben möglich, weil wir darin bloß durch sinnliche Anschauung +geleitet werden, und nicht wie in dem psychologischen Grundbegriffe +(Ich), welcher eine gewisse Form des Denkens, nämlich die Einheit +desselben, a priori enthält. Also bleibt uns für die reine Vernunft +nichts übrig, als Natur überhaupt, und die Vollständigkeit der +Bedingungen in derselben nach irgendeinem Prinzip. Die absolute +Totalität der Reihen dieser Bedingungen, in der Ableitung ihrer +Glieder, ist eine Idee, die zwar im empirischen Gebrauche der Vernunft +niemals völlig zustande kommen kann, aber doch zur Regel dient, wie +wir in Ansehung derselben verfahren sollen, nämlich in der Erklärung +gegebener Erscheinungen (im Zurückgehen oder Aufsteigen) so, als ob +die Reihe an sich unendlich wäre, d.i. in indefinitum, aber wo die +Vernunft selbst als bestimmende Ursache betrachtet wird (in der +Freiheit), also bei praktischen Prinzipien, als ob wir nicht ein +Objekt der Sinne, sondern des reinen Verstandes vor uns hätten, wo die +Bedingungen nicht mehr in der Reihe der Erscheinungen, sondern außer +derselben gesetzt werden können, und die Reihe der Zustände angesehen +werden kann, als ob sie schlechthin (durch eine intelligible Ursache) +angefangen würde; welches alles beweist, daß die kosmologischen Ideen +nichts als regulative Prinzipien, und weit davon entfernt sind, +gleichsam konstitutiv, eine wirkliche Totalität solcher Reihen zu +setzen. Das übrige kann man an seinem Orte unter der Antinomie der +reinen Vernunft suchen. + +Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative +Supposition eines Wesens enthält, als der einigen und allgenugsamen +Ursache aller kosmologischen Reihen, ist der Vernunftbegriff von Gott. +Den Gegenstand dieser Idee, haben wir nicht den mindesten Grund, +schlechthin anzunehmen (an sich zu supponieren); denn was kann uns +wohl dazu vermögen, oder auch nur berechtigen, ein Wesen von der +höchsten Vollkommenheit, und als seiner Natur nach schlechthin +notwendig, aus dessen bloßem Begriffe an sich selbst zu glauben, oder +zu behaupten, wäre es nicht die Welt, in Beziehung auf welche diese +Supposition allein notwendig sein kann; und da zeigt es sich klar, +daß die Idee desselben, so wie alle spekulativen Ideen, nichts weiter +sagen wolle, als daß die Vernunft gebiete, alle Verknüpfung der Welt +nach Prinzipien einer systematischen Einheit zu betrachten, mithin als +ob sie insgesamt aus einem einzigen allbefassenden Wesen, als oberster +und allgenugsamer Ursache, entsprungen wären. Hieraus ist klar, +daß die Vernunft hierbei nichts als ihre eigene formale Regel in +Erweiterung ihres empirischen Gebrauchs zur Absicht haben könne, +niemals aber eine Erweiterung über alle Grenzen des empirischen +Gebrauchs, folglich unter dieser Idee kein konstitutives Prinzip ihres +auf mögliche Erfahrung gerichteten Gebrauchs verborgen liege. + +Diese höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen +beruht, ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das spekulative +Interesse der Vernunft macht es notwendig, alle Anordnung in der Welt +so anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft +entsprossen wäre. Ein solches Prinzip eröffnet nämlich unserer auf das +Feld der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz neue Aussichten, nach +teleologischen Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen, und dadurch +zu der größten systematischen Einheit derselben zu gelangen. Die +Voraussetzung einer obersten Intelligenz, als der alleinigen Ursache +des Weltganzen, aber freilich bloß in der Idee, kann also jederzeit +der Vernunft nutzen und dabei doch niemals schaden. Denn, wenn wir in +Ansehung der Figur der Erde (der runden, doch etwas abgeplatteten)*, +der Gebirge und Meere usw. lauter weise Absichten eines Urhebers +zum voraus annehmen, so können wir auf diesem Wege eine Menge von +Entdeckungen machen. Bleiben wir nur bei dieser Voraussetzung, als +einem bloß regulativen Prinzip, so kann selbst der Irrtum uns nicht +schaden. Denn es kann allenfalls daraus nichts weiter folgen, als daß, +wo wir einen teleologischen Zusammenhang (nexus finalis) erwarteten, +ein bloß mechanischer oder physischer (nexus effectivus) angetroffen +werde, wodurch wir, in einem solchen Falle, nur eine Einheit mehr +vermissen, aber nicht die Vernunfteinheit in ihrem empirischen +Gebrauche verderben. Aber sogar dieser Querstrich kann das Gesetz +selbst in allgemeiner und teleologischer Absicht überhaupt nicht +treffen. Denn, obzwar ein Zergliederer eines Irrtums überführt werden +kann, wenn er irgend ein Gliedmaß eines tierischen Körpers auf einen +Zweck bezieht, von welchem man deutlich zeigen kann, daß er daraus +nicht erfolge: so ist es doch gänzlich unmöglich, in einem Falle zu +beweisen, daß eine Natureinrichtung, es mag sein welche es wolle, ganz +und gar keinen Zweck habe. Daher erweitert auch die Physiologie (der +Ärzte) ihre sehr eingeschränkte empirische Kenntnis von den Zwecken +des Gliederbaues eines organischen Körpers durch einen Grundsatz, +welchen bloß reine Vernunft eingab, so weit, daß man darin ganz dreist +und zugleich mit aller Verständigen Einstimmung annimmt, es habe alles +an dem Tiere seinen Nutzen und gute Absicht; welche Voraussetzung, +wenn sie konstitutiv sein sollte, viel weiter geht, als uns bisherige +Beobachtung berechtigen kann; woraus denn zu ersehen ist, daß sie +nichts als ein regulatives Prinzip der Vernunft sei, um zur höchsten +systematischen Einheit, vermittelst der Idee der zweckmäßigen +Kausalität der obersten Weltursache, und, als ob diese, als höchste +Intelligenz, nach der weisesten Absicht die Ursache von allem sei, zu +gelangen. + +* Der Vorteil, den eine kugelichte Erdgestalt schafft, ist bekannt + genug; aber wenige wissen, daß ihre Abplattung, als eines Sphäroids, + es allein verhindert, daß nicht die Hervorragungen des festen + Landes, oder auch kleinerer, vielleicht durch Erdbeben aufgeworfener + Berge, die Achse der Erde kontinuierlich und in nicht eben langer + Zeit ansehnlich verrücken, wäre nicht die Aufschwellung der Erde + unter der Linie ein so gewaltiger Berg, den der Schwung jedes + anderen Berges niemals merklich aus seiner Lage in Ansehung der + Achse bringen kann. Und doch erklärt man diese weise Anstalt ohne + Bedenken aus dem Gleichgewicht der ehemals flüssigen Erdmasse. + +Gehen wir aber von dieser Restriktion der Idee auf den bloß +regulativen Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise +irregeführt, indem sie alsdann den Boden der Erfahrung, der doch +die Merkzeichen ihres Ganges enthalten muß, verläßt, und sich über +denselben zu dem Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über +dessen Höhe sie notwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem +Standpunkte desselben von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch +gänzlich abgeschnitten sieht. + +Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Idee eines +höchsten Wesens nicht bloß regulativ, sondern (welches der Natur einer +Idee zuwider ist) konstitutiv braucht, ist die faule Vernunft (ignava +ratio)*. Man kann jeden Grundsatz so nennen, welcher macht, daß man +seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet +ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr +Geschäft völlig ausgerichtet habe. Daher selbst die psychologische +Idee, wenn sie als ein konstitutives Prinzip für die Erklärung der +Erscheinungen unserer Seele, und hernach gar, zur Erweiterung unserer +Erkenntnis dieses Subjekts, noch über alle Erfahrung hinaus (ihren +Zustand nach dem Tode) gebraucht wird, es der Vernunft zwar sehr +bequem macht, aber auch allen Naturgebrauch derselben nach der Leitung +der Erfahrungen ganz verdirbt und zugrunde richtet. So erklärt +der dogmatische Spiritualist die durch allen Wechsel der Zustände +unverändert bestehende Einheit der Person aus der Einheit der +denkenden Substanz, die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen glaubt, +das Interesse, was wir an Dingen nehmen, die sich allererst nach +unserem Tode zutragen sollen, aus dem Bewußtsein der immateriellen +Natur unseres denkenden Subjekts usw. und überhebt sich aller +Naturuntersuchung der Ursache dieser unserer inneren Erscheinungen aus +physischen Erklärungsgründen, indem er gleichsam durch den Machtspruch +einer transzendenten Vernunft die immanenten Erkenntnisquellen der +Erfahrung, zum Behuf seiner Gemächlichkeit, aber mit Einbuße aller +Einsicht, vorbeigeht. Noch deutlicher fällt diese nachteilige Folge +bei dem Dogmatismus unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und +dem darauf fälschlich gegründeten theologischen System der Natur +(Physikotheologie) in die Augen. Denn da dienen alle sich in der Natur +zeigenden, oft nur von uns selbst dazu gemachten Zwecke dazu, es uns +in der Erforschung der Ursachen recht bequem zu machen, nämlich, +anstatt sie in den allgemeinen Gesetzen des Mechanismus der Materie zu +suchen, sich geradezu auf den unerforschlichen Ratschluß der höchsten +Weisheit zu berufen, und die Vernunftbemühung alsdann für vollendet +anzusehen, wenn man sich ihres Gebrauchs überhebt, der doch nirgend +einen Leitfaden findet, als wo ihn uns die Ordnung der Natur und +die Reihe der Veränderungen, nach ihren inneren und allgemeineren +Gesetzen, an die Hand gibt. Dieser Fehler kann vermieden werden, wenn +wir nicht bloß einige Naturstücke, als z.B. die Verteilung des festen +Landes, das Bauwerk desselben, und die Beschaffenheit und Lage der +Gebirge, oder wohl gar nur die Organisation im Gewächs- und Tierreiche +aus dem Gesichtspunkte der Zwecke betrachten, sondern diese +systematische Einheit der Natur, in Beziehung auf die Idee einer +höchsten Intelligenz, ganz allgemein machen. Denn alsdann legen wir +eine Zweckmäßigkeit nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum Grunde, +von denen keine besondere Einrichtung ausgenommen, sondern nur mehr +oder weniger kenntlich für uns ausgezeichnet worden, und haben ein +regulatives Prinzip der systematischen Einheit einer teleologischen +Verknüpfung, die wir aber nicht zum voraus bestimmen, sondern nur +in Erwartung derselben die physischmechanische Verknüpfung nach +allgemeinen Gesetzen verfolgen dürfen. Denn so allein kann das +Prinzip der zweckmäßigen Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der +Erfahrung jederzeit erweitern, ohne ihm in irgendeinem Falle Abbruch +zu tun. + +* So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete: + Wenn es dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser + Krankheit genesen, so wird es geschehen, du magst einen Arzt + brauchen, oder nicht. Cicero sagt, daß diese Art zu schließen ihren + Namen daher habe, daß, wenn man ihr folgt, gar kein Gebrauch der + Vernunft im Leben übrig bleibe. Dieses ist die Ursache, warum ich + das sophistische Argument der reinen Vernunft mit demselben Namen + belege. + +Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Prinzips der +systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft +(perversa ratio, ysteron proteron rationis). Die Idee der +systematischen Einheit sollte nur dazu dienen, um als regulatives +Prinzip sie in der Verbindung der Dinge nach allgemeinen Naturgesetzen +zu suchen, und, soweit sich etwas davon auf dem empirischen Wege +antreffen läßt, um so viel auch zu glauben, daß man sich der +Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert habe, ob man sie freilich +niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man die Sache um, +und fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Prinzips der +zweckmäßigen Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, den Begriff +einer solchen höchsten Intelligenz, weil er an sich gänzlich +unerforschlich ist, anthropomorphistisch bestimmt, und dann der Natur +Zwecke, gewaltsam und diktatorisch, aufdringt, anstatt sie, wie +billig, auf dem Wege der physischen Nachforschung zu suchen, so +daß nicht allein Teleologie, die bloß dazu dienen sollte, um die +Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu ergänzen, nun vielmehr dahin +wirkt, sie aufzuheben, sondern die Vernunft sich noch dazu selbst um +ihren Zweck bringt, nämlich das Dasein einer solchen intelligenten +obersten Ursache, nach diesem, aus der Natur zu beweisen. Denn, wenn +man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur a priori, d.i. als +zum Wesen derselben gehörig, voraussetzen kann, wie will man denn +angewiesen sein, sie zu suchen und auf der Stufenleiter derselben sich +der höchsten Vollkommenheit eines Urhebers, als einer schlechterdings +notwendigen, mithin a priori erkennbaren Vollkommenheit, zu nähern? +Das regulative Prinzip verlangt, die systematische Einheit als +Natureinheit, welche nicht bloß empirisch erkannt, sondern a priori, +obzwar noch unbestimmt, vorausgesetzt wird, schlechterdings, mithin +als aus dem Wesen der Dinge folgend, vorauszusetzen. Lege ich +aber zuvor ein höchstes ordnendes Wesen zum Grunde, so wird die +Natureinheit in der Tat aufgehoben. Denn sie ist der Natur der Dinge +ganz fremd und zufällig, und kann auch nicht aus allgemeinen Gesetzen +derselben erkannt werden. Daher entspringt ein fehlerhafter Zirkel im +Beweisen, da man das voraussetzt, was eigentlich hat bewiesen werden +sollen. + +Das regulative Prinzip der systematischen Einheit der Natur für +ein konstitutives nehmen, und, was nur in der Idee zum Grunde +des einhelligen Gebrauchs der Vernunft gelegt wird, als Ursache +hypostatisch voraussetzen, heißt nur die Vernunft verwirren. +Die Naturforschung geht ihren Gang ganz allein an der Kette der +Naturursachen nach allgemeinen Gesetzen derselben, zwar nach der Idee +eines Urhebers, aber nicht um die Zweckmäßigkeit, der sie allerwärts +nachgeht, von demselben abzuleiten, sondern sein Dasein aus dieser +Zweckmäßigkeit, die in den Wesen der Naturdinge gesucht wird, +womöglich auch in den Wesen aller Dinge überhaupt, mithin als +schlechthin notwendig zu erkennen. Das Letztere mag nun gelingen oder +nicht, so bleibt die Idee immer richtig, und ebensowohl auch deren +Gebrauch, wenn er auf die Bedingungen eines bloß regulativen Prinzips +restringiert worden. + +Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit (schlechthin +betrachtet). Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge, welche den +ganzen Gegenstand der Erfahrung, d.i. aller unserer objektiv gültigen +Erkenntnis, ausmachen, mithin in allgemeinen und notwendigen +Naturgesetzen finden; wie wollen wir daraus gerade auf die Idee einer +höchsten und schlechthin notwendigen Vollkommenheit eines Urwesens +schließen, welches der Ursprung aller Kausalität ist? Die größte +systematische, folglich auch die zweckmäßige Einheit ist die Schule +und selbst die Grundlage der Möglichkeit des größten Gebrauchs der +Menschenvernunft. Die Idee derselben ist also mit dem Wesen unserer +Vernunft unzertrennlich verbunden. Eben dieselbe Idee ist also für uns +gesetzgebend, und so ist es sehr natürlich, eine ihr korrespondierende +gesetzgebende Vernunft (intellectus archetypus) anzunehmen, von der +alle systematische Einheit der Natur, als dem Gegenstande unserer +Vernunft, abzuleiten sei. + +Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt: +daß alle Fragen, welche die reine Vernunft aufwirft, schlechterdings +beantwortlich sein müssen, und daß die Entschuldigung mit den +Schranken unserer Erkenntnis, die in vielen Naturfragen ebenso +unvermeidlich als billig ist, hier nicht gestattet werden könne, weil +uns hier nicht von der Natur der Dinge, sondern allein durch die Natur +der Vernunft und lediglich über ihre innere Einrichtung, die Fragen +vorgelegt werden. Jetzt können wir diese dem ersten Anscheine nach +kühne Behauptung in Ansehung der zwei Fragen, wobei die reine Vernunft +ihr größtes Interesse hat, bestätigen, und dadurch unsere Betrachtung +über die Dialektik derselben zur gänzlichen Vollendung bringen. + +Frägt man denn also (in Absicht auf eine transzendentale Theologie)* +erstlich: ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe, was den Grund +der Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen Gesetzen +enthalte, so ist die Antwort: ohne Zweifel. Denn die Welt ist eine +Summe von Erscheinungen, es muß also irgendein transzendentaler, d.i. +bloß dem reinen Verstande denkbarer Grund derselben sein. Ist zweitens +die Frage: ob dieses Wesen Substanz, von der größten Realität, +notwendig usw. sei; so antworte ich: daß diese Frage gar keine +Bedeutung habe. Denn alle Kategorien, durch welche ich mir einen +Begriff von einem solchen Gegenstande zu machen versuche, sind von +keinem anderen als empirischen Gebrauche, und haben gar keinen +Sinn, wenn sie nicht auf Objekte möglicher Erfahrung, d.i. auf die +Sinnenwelt angewandt werden. Außer diesem Felde sind sie bloß Titel zu +Begriffen, die man einräumen, dadurch man aber auch nichts verstehen +kann. Ist endlich drittens die Frage: ob wir nicht wenigstens dieses +von der Welt unterschiedene Wesen nach einer Analogie mit den +Gegenständen der Erfahrung denken dürfen? so ist die Antwort: +allerdings, aber nur als Gegenstand in der Idee und nicht in der +Realität, nämlich nur, sofern er ein uns unbekanntes Substratum der +systematischen Einheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung +ist, welche sich die Vernunft zum regulativen Prinzip ihrer +Naturforschung machen muß. Noch mehr, wir können in dieser Idee +gewisse Anthropomorphismen, die dem gedachten regulativen Prinzip +beförderlich sind, ungescheut und ungetadelt erlauben. Denn es ist +immer nur eine Idee, die gar nicht direkt auf ein von der Welt +unterschiedenes Wesen, sondern auf das regulative Prinzip der +systematischen Einheit der Welt, aber nur vermittelst eines Schema +derselben, nämlich einer obersten Intelligenz, die nach weisen +Absichten Urheber derselben sei, bezogen wird. Was dieser Ungrund +der Welteinheit an sich selbst sei, hat dadurch nicht gedacht werden +sollen, sondern wie wir ihn, oder vielmehr seine Idee, relativ auf den +systematischen Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Dinge der Welt, +brauchen sollen. + +* Dasjenige, was ich schon vorher von der psychologischen Idee und + deren eigentlichen Bestimmung, als Prinzips zum bloß regulativen + Vernunftgebrauch, gesagt habe, überhebt mich der Weitläufigkeit, die + transzendentale Illusion, nach der jene systematische Einheit aller + Mannigfaltigkeit des inneren Sinnes hypostatisch vorgestellt wird, + noch besonders zu erörtern. Das Verfahren hierbei ist demjenigen + sehr ähnlich, welches die Kritik in Ansehung des theologischen + Ideals beobachtet. + +Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren zu fragen) +einen einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen? Ohne +allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen solchen +voraussetzen. Aber alsdann erweitern wir doch unsere Erkenntnis über +das Feld möglicher Erfahrung? Keineswegs. Denn wir haben nur ein Etwas +vorausgesetzt, wovon wir gar keinen Begriff haben, was es an sich +selbst sei (einen bloß transzendentalen Gegenstand), aber, in +Beziehung auf die systematische und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues, +welche wir, wenn wir die Natur studieren, voraussetzen müssen, haben +wir jenes uns unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer +Intelligenz (ein empirischer Begriff) gedacht, d.i. es in Ansehung der +Zwecke und der Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade +mit denen Eigenschaften begabt, die nach den Bedingungen unserer +Vernunft den Grund einer solchen systematischen Einheit enthalten +können. Diese Idee ist also respektiv auf den Weltgebrauch unserer +Vernunft ganz gegründet. Wollten wir ihr aber schlechthin objektive +Gültigkeit erteilen, so würden wir vergessen, daß es lediglich ein +Wesen in der Idee sei, das wir denken, und, indem wir alsdann von +einem durch die Weltbetrachtung gar nicht bestimmbaren Grunde +anfingen, würden wir dadurch außerstand gesetzt, dieses Prinzip dem +empirischen Vernunftgebrauch angemessen anzuwenden. + +Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von +dem Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der +vernünftigen Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch +eigentlich diese Idee von der Vernunft zum Grunde gelegt. Allein darf +ich nun zweckähnliche Anordnungen als Absichten ansehen, indem ich sie +vom göttlichen Willen, obzwar vermittelst besonderer dazu in der Welt +darauf gestellten Anlagen, ableite? Ja, das könnt ihr auch tun, aber +so, daß es euch gleich viel gelten muß, ob jemand sage, die göttliche +Weisheit hat alles so zu seinen obersten Zwecken geordnet, oder die +Idee der höchsten Weisheit ist ein Regulativ in der Nachforschung der +Natur und ein Prinzip der systematischen und zweckmäßigen Einheit +derselben nach allgemeinen Naturgesetzen, auch selbst da, wo wir jene +nicht gewahr werden, d.i. es muß euch da, wo ihr sie wahrnehmt, völlig +einerlei sein, zu sagen: Gott hat es weislich so gewollt, oder die +Natur hat es also weislich geordnet. Denn die größte systematische und +zweckmäßige Einheit, welche eure Vernunft aller Naturforschung als +regulatives Prinzip zum Grunde zu legen verlangte, war eben das, was +euch berechtigte, die Idee einer höchsten Intelligenz als ein Schema +des regulativen Prinzips zum Grunde zu legen, und, so viel ihr nun, +nach demselben, Zweckmäßigkeit in der Welt antrefft, so viel habt ihr +Bestätigung der Rechtmäßigkeit eurer Idee; da aber gedachtes Prinzip +nichts anderes zur Absicht hatte, als notwendige und größtmögliche +Natureinheit zu suchen, so werden wir diese zwar, so weit als wir sie +erreichen, der Idee eines höchsten Wesens zu danken haben, können aber +die allgemeinen Gesetze der Natur, als in Absicht auf welche die Idee +nur zum Grunde gelegt wurde, ohne mit uns selbst in Widerspruch zu +geraten, nicht vorbeigehen, um diese Zweckmäßigkeit der Natur als +zufällig und hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen, weil wir +nicht berechtigt waren, ein Wesen über die Natur von den gedachten +Eigenschaften anzunehmen, sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu +legen, um nach der Analogie einer Kausalbestimmung der Erscheinungen +als systematisch untereinander verknüpft anzusehen. + +Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in der Idee nicht +allein nach einem subtileren Anthropomorphismus (ohne welchen sich +gar nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, das +Verstand, Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße +Begierde und Willen hat usw. zu denken, sondern demselben unendliche +Vollkommenheit beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu +wir durch empirische Kenntnis der Weltordnung berechtigt sein können. +Denn das regulative Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir +die Natur so studieren sollen, als ob allenthalben ins Unendliche +systematische und zweckmäßige Einheit, bei der größtmöglichen +Mannigfaltigkeit, angetroffen würde. Denn, wiewohl wir nur wenig +von dieser Weltvollkommenheit ausspähen, oder erreichen werden, so +gehört es doch zur Gesetzgebung unserer Vernunft, sie allerwärts zu +suchen und zu vermuten, und es muß uns jederzeit vorteilhaft sein, +niemals aber kann es nachteilig werden, nach diesem Prinzip die +Naturbetrachtung anzustellen. Es ist aber, unter dieser Vorstellung, +der zum Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers, auch klar: daß +ich nicht das Dasein und die Kenntnis eines solchen Wesens, sondern +nur die Idee desselben zum Grunde lege, und also eigentlich nichts von +diesem Wesen, sondern bloß von der Idee desselben, d.i. von der Natur +der Dinge der Welt, nach einer solchen Idee, ableite. Auch scheint +ein gewisses, obzwar unentwickeltes Bewußtsein, des echten Gebrauchs +dieses unseren Vernunftbegriffs, die bescheidene und billige Sprache +der Philosophen aller Zeiten veranlaßt zu haben, da sie von der +Weisheit und Vorsorge der Natur, und der göttlichen Weisheit, als +gleichbedeutenden Ausdrücken reden, ja den ersteren Ausdruck, so lange +es um bloß spekulative Vernunft zu tun ist, vorziehen, weil er die +Anmaßung einer größeren Behauptung, als die ist, wozu wir befugt sind, +zurückhält, und zugleich die Vernunft auf ihr eigentümliches Feld, die +Natur, zurückweist. + +So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts Geringeres, +als Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung, +zu versprechen schiene, wenn wir sie recht verstehen, nichts als +regulative Prinzipien, die zwar größere Einheit gebieten, als der +empirische Verstandesgebrauch erreichen kann, aber eben dadurch, +daß sie das Ziel der Annäherung desselben so weit hinausrücken, die +Zusammenstimmung desselben mit sich selbst durch systematische Einheit +zum höchsten Grade bringen, wenn man sie aber mißversteht, und sie für +konstitutive Prinzipien transzendenter Erkenntnisse hält, durch einen +zwar glänzenden, aber trüglichen Schein, Überredung und eingebildetes +Wissen, hiermit aber ewige Widersprüche und Streitigkeiten +hervorbringen. + + * * + * + +So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an, geht +von da zu Begriffen, und endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung +aller dreien Elemente Erkenntnisquellen a priori hat, die beim +ersten Anblicke die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen, +so überzeugt doch eine vollendete Kritik, daß alle Vernunft im +spekulativen Gebrauche mit diesen Elementen niemals über das Feld +möglicher Erfahrung hinauskommen könne, und daß die eigentliche +Bestimmung dieses obersten Erkenntnisvermögens sei, sich aller +Methoden und der Grundsätze derselben nur zu bedienen, um der Natur +nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke +die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber +ihre Grenze zu überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als +leerer Raum ist. Zwar hat uns die kritische Untersuchung aller Sätze, +welche unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung hinaus erweitern +können, in der transzendentalen Analytik hinreichend überzeugt, daß +sie niemals zu etwas mehr, als einer möglichen Erfahrung leiten +können, und, wenn man nicht selbst gegen die klarsten abstrakten +und allgemeinen Lehrsätze mißtrauisch wäre, wenn nicht reizende und +scheinbare Aussichten uns lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen, +so hätten wir allerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen +Zeugen, die eine transzendente Vernunft zum Behuf ihrer Anmaßungen +auftreten läßt, überhoben sein können; denn wir wußten es schon zum +voraus mit völliger Gewißheit, daß alles Vorgeben derselben zwar +vielleicht ehrlich gemeint, aber schlechterdings nichtig sein müsse, +weil es eine Kundschaft betraf, die kein Mensch jemals bekommen kann. +Allein, weil doch des Redens kein Ende wird, wenn man nicht hinter +die wahre Ursache des Scheins kommt, wodurch selbst der Vernünftigste +hintergangen werden kann, und die Auflösung aller unserer +transzendenten Erkenntnis in ihre Elemente (als ein Studium unserer +inneren Natur) an sich selbst keinen geringen Wert hat, dem +Philosophen aber sogar Pflicht ist, so war es nicht allein nötig, +diese ganze, obzwar eitle Bearbeitung der spekulativen Vernunft bis +zu ihren ersten Quellen ausführlich nachzusuchen, sondern, da der +dialektische Schein hier nicht allein dem Urteile nach täuschend, +sondern auch dem Interesse nach, das man hier am Urteile nimmt, +anlockend, und jederzeit natürlich ist, und so in alle Zukunft +bleiben wird, so war es ratsam, gleichsam die Akten dieses Prozesses +ausführlich abzufassen, und sie im Archive der menschlichen Vernunft, +zur Verhütung künftiger Irrungen ähnlicher Art, niederzulegen. + + + +II. Transzendentale Methodenlehre + +Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntnis der reinen und spekulativen +Vernunft wie ein Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in +uns haben, so kann ich sagen, wir haben in der transzendentalen +Elementarlehre den Bauzeug überschlagen und bestimmt, zu welchem +Gebäude, von welcher Höhe und Festigkeit er zulange. Freilich fand +es sich, daß, ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den +Himmel reichen sollte, der Vorrat der Materialien doch nur zu einem +Wohnhause zureichte, welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der +Erfahrung gerade geräumig und hoch genug war, sie zu übersehen; daß +aber jene kühne Unternehmung aus Mangel an Stoff fehlschlagen mußte, +ohne einmal auf die Sprachverwirrung zu rechnen, welche die Arbeiter +über den Plan unvermeidlich entzweien, und sie in alle Welt zerstreuen +mußte, um sich, ein jeder nach seinem Entwurfe, besonders anzubauen. +Jetzt ist es uns nicht sowohl um die Materialien, als vielmehr um +den Plan zu tun, und, indem wir gewarnt sind, es nicht auf einen +beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht unser ganzes Vermögen +übersteigen könnte, zu wagen, gleichwohl doch von der Errichtung eines +festen Wohnsitzes nicht wohl abstehen können, den Anschlag zu einem +Gebäude in Verhältnis auf den Vorrat, der uns gegeben und zugleich +unserem Bedürfnis angemessen ist, zu machen. + +Ich verstehe also unter der transzendentalen Methodenlehre die +Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der +reinen Vernunft. Wir werden es in dieser Absicht mit einer Disziplin, +einem Kanon, einer Architektonik, endlich einer Geschichte der reinen +Vernunft zu tun haben, und dasjenige in transzendentaler Absicht +leisten, was, unter dem Namen einer praktischen Logik, in Ansehung +des Gebrauchs des Verstandes überhaupt in den Schulen gesucht, aber +schlecht geleistet wird; weil, da die allgemeine Logik auf keine +besondere Art der Verstandeserkenntnis (z.B. nicht auf die reine), +auch nicht auf gewisse Gegenstände eingeschränkt ist, sie, ohne +Kenntnisse aus anderen Wissenschaften zu borgen, nichts mehr tun +kann, als Titel zu möglichen Methoden und technische Ausdrücke, deren +man sich in Ansehung des Systematischen in allerlei Wissenschaften +bedient, vorzutragen, die den Lehrling zum voraus mit Namen bekannt +machen, deren Bedeutung und Gebrauch er künftig allererst soll +kennenlernen. + + + +Der transzendentalen Methodenlehre +Erstes Hauptstück +Die Disziplin der reinen Vernunft + +Die negativen Urteile, die es nicht bloß der logischen Form, sondern +auch dem Inhalte nach sind, stehen bei der Wißbegierde der Menschen +in keiner sonderlichen Achtung, man sieht sie wohl gar als neidische +Feinde unseres unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnistriebes +an, und es bedarf beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung, und +noch mehr, um ihnen Gunst und Hochschätzung zu verschaffen. + +Man kann zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken, in +Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntnis überhaupt, ob sie durch +ein Urteil erweitert, oder beschränkt wird, haben die verneinenden das +eigentümliche Geschäft, lediglich den Irrtum abzuhalten. Daher auch +negative Sätze, welche eine falsche Erkenntnis abhalten sollen, wo +doch niemals ein Irrtum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer, +d.i. ihrem Zwecke gar nicht angemessen, und eben darum oft lächerlich +sind. Wie der Satz jenes Schulredners: daß Alexander ohne Kriegsheer +keine Länder hätte erobern können. + +Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntnis sehr enge, der +Anreiz zum Urteilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr +betrüglich, und der Nachteil aus dem Irrtum erheblich ist, da hat +das Negative der Unterweisung, welches bloß dazu dient, um uns vor +Irrtümer zu verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manche positive +Belehrung, dadurch unser Erkenntnis Zuwachs bekommen könnte. Man +nennt den Zwang, wodurch der beständige Hang, von gewissen Regeln +abzuweichen, eingeschränkt, und endlich vertilgt wird, die Disziplin. +Sie ist von der Kultur unterschieden, welche bloß eine Fertigkeit +verschaffen soll, ohne eine andere, schon vorhandene, dagegen +aufzuheben. Zu der Bildung eines Talents, welches schon vor sich +selbst einen Antrieb zur Äußerung hat, wird also die Disziplin einen +negativen*, die Kultur aber und Doktrin einen positiven Beitrag +leisten. + +* Ich weiß wohl, daß man in der Schulsprache den Namen der Disziplin + mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein, + es gibt dagegen so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck, als + Zucht, von dem zweiten, als Belehrung, sorgfältig unterschieden + wird, und die Natur der Dinge erheischt es auch selbst, für diesen + Unterschied die einzigen schicklichen Ausdrücke aufzubewahren, daß + ich wünsche, man möge niemals erlauben, jenes Wort in anderer als + negativer Bedeutung zu brauchen. + +Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine freie +und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und +Witz,) in mancher Absicht einer Disziplin bedürfen, wird jedermann +leicht zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt, +allen anderen Bestrebungen ihre Disziplin vorzuschreiben, selbst noch +eine solche nötig habe, das mag allerdings befremdlich scheinen, und +in der Tat ist sie auch einer solchen Demütigung eben darum bisher +entgangen, weil, bei der Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande, +womit sie auftritt, niemand auf den Verdacht eines leichtsinnigen +Spiels, mit Einbildungen statt Begriffen, und Worten statt Sachen, +leichtlich geraten konnte. + +Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil +ihre Grundsätze am Probierstein der Erfahrung einer kontinuierlichen +Prüfung unterworfen werden; imgleichen auch nicht in der Mathematik, +wo ihre Begriffe an der reinen Anschauung sofort in concreto +dargestellt werden müssen, und jedes Ungegründete und Willkürliche +dadurch alsbald offenbar wird. Wo aber weder empirische noch reine +Anschauung die Vernunft in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich +in ihrem transzendentalen Gebrauche, nach bloßen Begriffen, da bedarf +sie so sehr einer Disziplin, die ihren Hang zur Erweiterung, über die +engen Grenzen möglicher Erfahrung, bändige, und sie von Ausschweifung +und Irrtum abhalte, daß auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft +bloß mit diesem negativen Nutzen zu tun hat. Einzelnen Verirrungen +kann durch Zensur und den Ursachen derselben durch Kritik abgeholfen +werden. Wo aber, wie in der reinen Vernunft, ein ganzes System von +Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird, die unter sich wohl +verbunden und unter gemeinschaftlichen Prinzipien vereinigt sind, da +scheint eine ganz eigene und zwar negative Gesetzgebung erforderlich +zu sein, welche unter dem Namen einer Disziplin aus der Natur der +Vernunft und der Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein +System der Vorsicht und Selbstprüfung errichte, vor welchem kein +falscher vernünftelnder Schein bestehen kann, sondern sich sofort, +unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung, verraten muß. + +Es ist aber wohl zu merken: daß ich in diesem zweiten Hauptteile der +transzendentalen Kritik die Disziplin der reinen Vernunft nicht auf +den Inhalt, sondern bloß auf die Methode der Erkenntnis aus reiner +Vernunft richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre +geschehen. Es hat aber der Vernunftgebrauch so viel Ähnliches, auf +welchen Gegenstand er auch angewandt werden mag, und ist doch, sofern +er transzendental sein soll, zugleich von allem anderen so wesentlich +unterschieden, daß, ohne die warnende Negativlehre einer besonders +darauf gestellten Disziplin, die Irrtümer nicht zu verhüten sind, die +aus einer unschicklichen Befolgung solcher Methoden, die zwar sonst +der Vernunft, aber nur nicht hier anpassen, notwendig entspringen +müssen. + + + +Des ersten Hauptstücks +Erster Abschnitt +Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche + +Die Mathematik gibt das glänzendste Beispiel, einer sich, ohne +Beihilfe der Erfahrung, von selbst glücklich erweiternden reinen +Vernunft. Beispiele sind ansteckend, vornehmlich für dasselbe +Vermögen, welches sich natürlicherweise schmeichelt, eben dasselbe +Glück in anderen Fällen zu haben, welches ihm in einem Falle zuteil +worden. Daher hofft reine Vernunft im transzendentalen Gebrauche sich +ebenso glücklich und gründlich erweitern zu können, als es ihr im +mathematischen gelungen ist, wenn sie vornehmlich dieselbe Methode +dort anwendet, die hier von so augenscheinlichem Nutzen gewesen +ist. Es liegt uns also viel daran, zu wissen: ob die Methode, zur +apodiktischen Gewißheit zu gelangen, die man in der letzteren +Wissenschaft mathematisch nennt, mit derjenigen einerlei sei, womit +man eben dieselbe Gewißheit in der Philosophie sucht, und die daselbst +dogmatisch genannt werden müßte. + +Die philosophische Erkenntnis ist die Vernunfterkenntnis aus +Begriffen, die mathematische aus der Konstruktion der Begriffe. Einen +Begriff aber konstruieren, heißt: die ihm korrespondierende Anschauung +a priori darstellen. Zur Konstruktion eines Begriffs wird also eine +nicht empirische Anschauung erfordert, die folglich, als Anschauung, +ein einzelnes Objekt ist, aber nichtsdestoweniger, als die +Konstruktion eines Begriffs (einer allgemeinen Vorstellung), +Allgemeingültigkeit für alle möglichen Anschauungen, die unter +denselben Begriff gehören, in der Vorstellung ausdrücken muß. So +konstruiere ich einen Triangel, indem ich den diesem Begriffe +entsprechenden Gegenstand, entweder durch bloße Einbildung, in der +reinen, oder nach derselben auch auf dem Papier, in der empirischen +Anschauung, beidemal aber völlig a priori, ohne das Muster dazu aus +irgendeiner Erfahrung geborgt zu haben, darstelle. Die einzelne +hingezeichnete Figur ist empirisch, und dient gleichwohl den Begriff, +unbeschadet seiner Allgemeinheit, auszudrücken, weil bei dieser +empirischen Anschauung immer nur auf die Handlung der Konstruktion +des Begriffs, welchem viele Bestimmungen, z.E. der Größe, der Seiten +und der Winkel, ganz gleichgültig sind, gesehen, und also von diesen +Verschiedenheiten, die den Begriff des Triangels nicht verändern, +abstrahiert wird. + +Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur im +Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im +Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so +daß, wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der +Konstruktion bestimmt ist, ebenso der Gegenstand des Begriffs, dem +dieses Einzelne nur als sein Schema korrespondiert, allgemein bestimmt +gedacht werden muß. + +In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden +Arten der Vernunfterkenntnis, und beruht nicht auf dem Unterschied +ihrer Materie, oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von +Mathematik dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener +sagten, sie habe bloß die Qualität, diese aber nur die Quantität zum +Objekt, haben die Wirkung für die Ursache genommen. Die Form der +mathematischen Erkenntnis ist die Ursache, daß diese lediglich +auf Quanta gehen kann. Denn nur der Begriff von Größen läßt sich +konstruieren, d.i. a priori in der Anschauung darlegen, Qualitäten +aber lassen sich in keiner anderen als empirischen Anschauung +darstellen. Daher kann eine Vernunfterkenntnis derselben nur durch +Begriffe möglich sein. So kann niemand eine dem Begriff der Realität +korrespondierende Anschauung anders woher, als aus der Erfahrung +nehmen, niemals aber a priori aus sich selbst und vor dem empirischen +Bewußtsein derselben teilhaftig werden. Die konische Gestalt wird man +ohne alle empirische Beihilfe, bloß nach dem Begriffe, anschauend +machen können, aber die Farbe dieses Kegels wird in einer oder anderer +Erfahrung zuvor gegeben sein müssen. Den Begriff einer Ursache +überhaupt kann ich auf keine Weise in der Anschauung darstellen, als +an einem Beispiele, das mir Erfahrung an die Hand gibt, usw. Übrigens +handelt die Philosophie ebensowohl von Größen, als die Mathematik, +z.B. von der Totalität, der Unendlichkeit usw. Die Mathematik +beschäftigt sich auch mit dem Unterschiede der Linien und Flächen, +als Räumen, von verschiedener Qualität, mit der Kontinuität der +Ausdehnung, als einer Qualität derselben. Aber, obgleich sie in +solchen Fällen einen gemeinschaftlichen Gegenstand haben, so ist die +Art, ihn durch die Vernunft zu behandeln, doch ganz anders in der +philosophischen, als mathematischen Betrachtung. Jene hält sich bloß +an allgemeinen Begriffen, diese kann mit dem bloßen Begriffe nichts +ausrichten, sondern eilt sogleich zur Anschauung, in welcher sie den +Begriff in concreto betrachtet, aber doch nicht empirisch, sondern +bloß in einer solchen, die sie a priori darstellt, d.i. konstruiert +hat, und in welcher dasjenige, was aus den allgemeinen Bedingungen der +Konstruktion folgt, auch von dem Objekte des konstruierten Begriffs +allgemein gelten muß. + +Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels, und lasse +ihn nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner +Winkel zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff +von einer Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und +an ihr den Begriff von ebensoviel Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe +nachdenken, so lange er will, er wird nichts Neues herausbringen. +Er kann den Begriff der geraden Linie, oder eines Winkels, oder der +Zahl drei zergliedern und deutlich machen, aber nicht auf andere +Eigenschaften kommen, die in diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein +der Geometer nehme diese Frage vor. Er fängt sofort davon an, einen +Triangel zu konstruieren. Weil er weiß, daß zwei rechte Winkel +zusammen gerade so viel austragen, als alle berührenden Winkel, die +aus einem Punkte auf einer geraden Linie gezogen werden können, +zusammen, so verlängert er eine Seite seines Triangels, und bekommt +zwei berührende Winkel, die zweien rechten zusammen gleich sind. Nun +teilt er den äußeren von diesen Winkeln, indem er eine Linie mit der +gegenüberstehenden Seite des Triangels parallel zieht, und sieht, daß +hier ein äußerer berührender Winkel entspringe, der einem inneren +gleich ist, usw. Er gelangt auf solche Weise durch eine Kette +von Schlüssen, immer von der Anschauung geleitet, zur völlig +einleuchtenden und zugleich allgemeinen Auflösung der Frage. + +Die Mathematik aber konstruiert nicht bloß Größen (quanta), wie in +der Geometrie, sondern auch die bloße Größe (quantitatem), wie in der +Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes, +der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich +abstrahiert. Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller +Konstruktionen von Größen überhaupt (Zahlen, als der Addition, +Subtraktion usw.), Ausziehung der Wurzel, und, nachdem sie den +allgemeinen Begriff der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen +derselben auch bezeichnet hat, so stellt sie alle Behandlung, die +durch die Größe erzeugt und verändert wird, nach gewissen allgemeinen +Regeln in der Anschauung dar; wo eine Größe durch die andere dividiert +werden soll, setzt sie beider ihre Charaktere nach der bezeichnenden +Form der Division zusammen usw., und gelangt also vermittelst einer +symbolischen Konstruktion ebensogut, wie die Geometrie nach einer +ostensiven oder geometrischen (der Gegenstände selbst) dahin, wohin +die diskursive Erkenntnis vermittelst bloßer Begriffe niemals gelangen +könnte. + +Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein, darin sich zwei +Vernunftkünstler befinden, deren der eine seinen Weg nach Begriffen, +der andere nach Anschauungen nimmt, die er a priori den Begriffen +gemäß darstellt. Nach den oben vorgetragenen transzendentalen +Grundlehren ist diese Ursache klar. Es kommt hier nicht auf +analytische Sätze an, die durch bloße Zergliederung der Begriffe +erzeugt werden können, (hierin würde der Philosoph ohne Zweifel den +Vorteil über seinen Nebenbuhler haben,) sondern auf synthetische, und +zwar solche, die a priori sollen erkannt werden. Denn ich soll nicht +auf dasjenige sehen, was ich in meinem Begriffe vom Triangel wirklich +denke, (dieses ist nichts weiter, als die bloße Definition,) vielmehr +soll ich über ihn zu Eigenschaften, die in diesem Begriffe nicht +liegen, aber doch zu ihm gehören, hinausgehen. Nun ist dieses nicht +anders möglich, als daß ich meinen Gegenstand nach den Bedingungen, +entweder der empirischen Anschauung, oder der reinen Anschauung +bestimme. Das erstere würde nur einen empirischen Satz (durch Messen +seiner Winkel), der keine Allgemeinheit, noch weniger Notwendigkeit +enthielte, abgeben, und von dergleichen ist gar nicht die Rede. +Das zweite Verfahren aber ist die mathematische und zwar hier die +geometrische Konstruktion, vermittelst deren ich in einer reinen +Anschauung, ebenso wie in der empirischen, das Mannigfaltige, was +zu dem Schema eines Triangels überhaupt, mithin zu seinem Begriffe +gehört, hinzusetzen wodurch allerdings allgemeine synthetische Sätze +konstruiert werden müssen. + +Ich würde also umsonst über den Triangel philosophieren, d.i. +diskursiv nachdenken, ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen, als +auf die bloße Definition, von der ich aber billig anfangen müßte. Es +gibt zwar eine transzendentale Synthesis aus lauter Begriffen, die +wiederum allein dem Philosophen gelingt, die aber niemals mehr als ein +Ding überhaupt betrifft, unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung +zur möglichen Erfahrung gehören könne. Aber in den mathematischen +Aufgaben ist hiervon und überhaupt von der Existenz gar nicht die +Frage, sondern von den Eigenschaften der Gegenstände an sich selbst, +lediglich sofern diese mit dem Begriffe derselben verbunden sind. + +Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht, +welcher große Unterschied zwischen dem diskursiven Vernunftgebrauch +nach Begriffen und dem intuitiven durch die Konstruktion der Begriffe +anzutreffen sei. Nun frägts sich natürlicherweise, was die Ursache +sei, die einen solchen zwiefachen Vernunftgebrauch notwendig macht, +und an welchen Bedingungen man erkennen könne, ob nur der erste, oder +auch der zweite stattfinde. + +Alle unsere Erkenntnis bezieht sich doch zuletzt auf mögliche +Anschauungen: denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben. Nun +enthält ein Begriff a priori (ein nicht empirischer Begriff) entweder +schon eine reine Anschauung in sich, und alsdann kann er konstruiert +werden; oder nichts als die Synthesis möglicher Anschauungen, die +a priori nicht gegeben sind, und alsdann kann man wohl durch ihn +synthetisch und a priori urteilen, aber nur diskursiv, nach Begriffen, +und niemals intuitiv durch die Konstruktion des Begriffes. + +Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben, als die bloße +Form der Erscheinungen, Raum und Zeit, und ein Begriff von diesen, als +Quantis, läßt sich entweder zugleich mit der Qualität derselben (ihre +Gestalt), oder auch bloß ihre Quantität (die bloße Synthesis des +gleichartig Mannigfaltigen) durch Zahl a priori in der Anschauung +darstellen, d.i. konstruieren. Die Materie aber der Erscheinungen, +wodurch uns Dinge im Raume und der Zeit gegeben werden, kann nur in +der Wahrnehmung, mithin a posteriori vorgestellt werden. Der einzige +Begriff, der a priori diesen empirischen Gehalt der Erscheinungen +vorstellt, ist der Begriff des Dinges überhaupt, und die synthetische +Erkenntnis von demselben a priori kann nichts weiter, als die bloße +Regel der Synthesis desjenigen, was die Wahrnehmung a posteriori geben +mag, niemals aber die Anschauung des realen Gegenstandes a priori +liefern, weil diese notwendig empirisch sein muß. + +Synthetische Sätze, die auf Dinge überhaupt, deren Anschauung sich +a priori gar nicht geben läßt, gehen, sind transzendental. Demnach +lassen sich transzendentale Sätze niemals durch Konstruktion der +Begriffe, sondern nur nach Begriffen a priori geben. Sie enthalten +bloß die Regel, nach der eine gewisse synthetische Einheit desjenigen, +was nicht a priori anschaulich vorgestellt werden kann, (der +Wahrnehmungen,) empirisch gesucht werden soll. Sie können aber keinen +einzigen ihrer Begriffe a priori in irgendeinem Falle darstellen, +sondern tun dieses nur a posteriori, vermittelst der Erfahrung, die +nach jenen synthetischen Grundsätzen allererst möglich wird. + +Wenn man von einem Begriffe synthetisch urteilen soll, so muß man +aus diesem Begriffe hinausgehen, und zwar zur Anschauung, in welcher +er gegeben ist. Denn, bliebe man bei dem stehen, was im Begriffe +enthalten ist, so wäre das Urteil bloß analytisch, und eine Erklärung +des Gedanken, nach demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist. Ich +kann aber von dem Begriffe zu der ihm korrespondierenden reinen oder +empirischen Anschauung gehen, um ihn in derselben in concreto zu +erwägen, und, was dem Gegenstande desselben zukommt, a priori +oder a posteriori zu erkennen. Das erstere ist die rationale und +mathematische Erkenntnis durch die Konstruktion des Begriffs, das +zweite die bloße empirische (mechanische) Erkenntnis, die niemals +notwendige und apodiktische Sätze geben kann. So könnte ich meinen +empirischen Begriff vom Golde zergliedern, ohne dadurch etwas weiter +zu gewinnen, als alles, was ich bei diesem Worte wirklich denke, +herzählen zu können, wodurch in meinem Erkenntnis zwar eine logische +Verbesserung vorgeht, aber keine Vermehrung oder Zusatz erworben wird. +Ich nehme aber die Materie, welche unter diesem Namen vorkommt, und +stelle mit ihr Wahrnehmungen an, welche mir verschiedene synthetische, +aber empirische Sätze an die Hand geben werden. Den mathematischen +Begriff eines Triangels würde ich konstruieren, d.i. a priori in +der Anschauung geben, und auf diesem Wege eine synthetische, aber +rationale Erkenntnis bekommen. Aber, wenn mir der transzendentale +Begriff einer Realität, Substanz, Kraft usw. gegeben ist, so +bezeichnet er weder eine empirische, noch reine Anschauung, sondern +lediglich die Synthesis der empirischen Anschauungen (die also a +priori nicht gegeben werden können), und es kann also aus ihm, +weil die Synthesis nicht a priori zu der Anschauung, die ihm +korrespondiert, hinausgehen kann, auch kein bestimmender synthetischer +Satz, sondern nur ein Grundsatz der Synthesis* möglicher empirischer +Anschauungen entspringen. Also ist ein transzendentaler Satz ein +synthetisches Vernunfterkenntnis nach bloßen Begriffen, und mithin +diskursiv, indem dadurch alle synthetische Einheit der empirischen +Erkenntnis allererst möglich, keine Anschauung aber dadurch a priori +gegeben wird. + +* Vermittelst des Begriffs der Ursache gehe ich wirklich aus dem + empirischen Begriffe von einer Begebenheit (da etwas geschieht) + heraus, aber nicht zu der Anschauung, die den Begriff der Ursache in + concreto darstellt, sondern zu den Zeitbedingungen überhaupt, die + in der Erfahrung dem Begriffe der Ursache gemäß gefunden werden + möchten. Ich verfahre also bloß nach Begriffen, und kann nicht durch + Konstruktion der Begriffe verfahren, weil der Begriff eine Regel der + Synthesis der Wahrnehmungen ist, die keine reine Anschauungen sind, + und sich also a priori nicht geben lassen. + +So gibt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, der, unerachtet der +Allgemeinheit der Erkenntnis und ihrer Erzeugung a priori, welche sie +gemein haben, dennoch im Fortgange sehr verschieden ist, und zwar +darum, weil in der Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände +gegeben werden, zwei Stücke sind: die Form der Anschauung (Raum und +Zeit), die völlig a priori erkannt und bestimmt werden kann, und die +Materie (das Physische), oder der Gehalt, welcher ein Etwas bedeutet, +das im Raume und der Zeit angetroffen wird, mithin ein Dasein enthält +und der Empfindung korrespondiert. In Ansehung des letzteren, welches +niemals anders auf bestimmte Art, als empirisch gegeben werden kann, +können wir nichts a priori haben, als unbestimmte Begriffe der +Synthesis möglicher Empfindungen, sofern sie zur Einheit der +Apperzeption (in einer möglichen Erfahrung) gehören. In Ansehung +der ersteren können wir unsere Begriffe in der Anschauung a priori +bestimmen, indem wir uns im Raume und der Zeit die Gegenstände selbst +durch gleichförmige Synthesis schaffen, indem wir sie bloß als Quanta +betrachten. Jener heißt der Vernunftgebrauch nach Begriffen, indem wir +nichts weiter tun können, als Erscheinungen dem realen Inhalte nach +unter Begriffe zu bringen, welche darauf nicht anders als empirisch, +d.i. a posteriori, (aber jenen Begriffen als Regeln einer +empirischen Synthesis gemäß,) können bestimmt werden; dieser ist der +Vernunftgebrauch durch Konstruktion der Begriffe, indem diese, da sie +schon auf eine Anschauung a priori gehen, auch eben darum a priori und +ohne alle empirische data in der reinen Anschauung bestimmt gegeben +werden können. Alles, was da ist (ein Ding im Raum oder der Zeit), zu +erwägen, ob und wiefern es ein Quantum ist oder nicht, daß ein Dasein +in demselben oder Mangel vorgestellt werden müsse, wie fern dieses +Etwas (welches Raum oder Zeit erfüllt) ein erstes Substratum, oder +bloße Bestimmung sei, eine Beziehung seines Daseins auf etwas +anderes, als Ursache oder Wirkung, habe, und endlich isoliert oder +in wechselseitiger Abhängigkeit mit anderen in Ansehung des Daseins +stehe, die Möglichkeit dieses Daseins, die Wirklichkeit und +Notwendigkeit, oder die Gegenteile derselben zu erwägen: dieses alles +gehört zum Vernunfterkenntnis aus Begriffen, welches philosophisch +genannt wird. Aber im Raume eine Anschauung a priori zu bestimmen +(Gestalt), die Zeit zu teilen (Dauer), oder bloß das Allgemeine der +Synthesis von einem und demselben in der Zeit und dem Raume, und +die daraus entspringende Größe einer Anschauung überhaupt (Zahl) +zu erkennen, das ist ein Vernunftgeschäft durch Konstruktion der +Begriffe, und heißt mathematisch. + +Das große Glück, welches die Vernunft vermittelst der Mathematik +macht, bringt ganz natürlicherweise die Vermutung zuwege, daß es, wo +nicht ihr selbst, doch ihrer Methode, auch außer dem Felde der Größen +gelingen werde, indem sie alle ihre Begriffe auf Anschauungen bringt, +die sie a priori geben kann, und wodurch sie, so zu reden, Meister +über die Natur wird; da hingegen reine Philosophie mit diskursiven +Begriffen a priori in der Natur herumpfuscht, ohne die Realität +derselben a priori anschauend und eben dadurch beglaubigt machen +zu können. Auch scheint es den Meistern in dieser Kunst an dieser +Zuversicht zu sich selbst und dem gemeinen Wesen an großen Erwartungen +von ihrer Geschicklichkeit, wenn sie sich einmal hiermit befassen +sollten, gar nicht zu fehlen. Denn da sie kaum jemals über ihre +Mathematik philosophiert haben, (ein schweres Geschäft!) so kommt +ihnen der spezifische Unterschied des einen Vernunftgebrauchs von +dem anderen gar nicht in Sinn und Gedanken. Gangbare und empirisch +gebrauchte Regeln, die sie von der gemeinen Vernunft borgen, gelten +ihnen dann statt Axiomen. Wo ihnen die Begriffe von Raum und Zeit, +womit sie sich (als den einzigen ursprünglichen Quantis) beschäftigen, +herkommen mögen, daran ist ihnen gar nichts gelegen, und +ebenso scheint es ihnen unnütz zu sein, den Ursprung reiner +Verstandesbegriffe, und hiermit auch den Umfang ihrer Gültigkeit zu +erforschen, sondern nur sich ihrer zu bedienen. In allem diesem tun +sie ganz recht, wenn sie nur ihre angewiesene Grenze, nämlich die der +Natur nicht überschreiten. So aber geraten sie unvermerkt, von dem +Felde der Sinnlichkeit, auf den unsicheren Boden reiner und selbst +transzendentaler Begriffe, wo der Grund (instabilis tellus, innabilis +unda) ihnen weder zu stehen, noch zu schwimmen erlaubt, und sich nur +flüchtige Schritte tun lassen, von denen die Zeit nicht die mindeste +Spur aufbehält, da hingegen ihr Gang in der Mathematik eine +Heeresstraße macht, welche noch die späteste Nachkommenschaft mit +Zuversicht betreten kann. + +Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben, die Grenzen der reinen +Vernunft im transzendentalen Gebrauche genau und mit Gewißheit zu +bestimmen, diese Art der Bestrebung aber das Besondere an sich hat, +unerachtet der nachdrücklichsten und klarsten Warnungen, sich noch +immer durch Hoffnung hinhalten zu lassen, ehe man den Anschlag +gänzlich aufgibt, über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die reizenden +Gegenden des Intellektuellen zu gelangen: so ist es notwendig, +noch gleichsam den letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung +wegzunehmen, und zu zeigen, daß die Befolgung der mathematischen +Methode in dieser Art Erkenntnis nicht den mindesten Vorteil schaffen +könne, es müßte denn der sein, die Blößen ihrer selbst desto +deutlicher aufzudecken, daß Meßkunst und Philosophie zwei ganz +verschiedene Dinge seien, ob sie sich zwar in der Naturwissenschaft +einander die Hand bieten, mithin das Verfahren des einen niemals von +dem anderen nachgeahmt werden könne. + +Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen, Axiomen, +Demonstrationen. Ich werde mich damit begnügen, zu zeigen: daß keines +dieser Stücke in dem Sinne, darin sie der Mathematiker nimmt, von +der Philosophie könne geleistet, noch nachgeahmt werden. Daß der +Meßkünstler, nach seiner Methode, in der Philosophie nichts als +Kartengebäude zustande bringe, der Philosoph nach der seinigen in dem +Anteil der Mathematik nur ein Geschwätz erregen könne, wiewohl eben +darin Philosophie besteht, seine Grenzen zu kennen, und selbst der +Mathematiker, wenn das Talent desselben nicht etwa schon von der +Natur begrenzt und auf sein Fach eingeschränkt ist, die Warnungen der +Philosophie nicht ausschlagen, noch sich über sie wegsetzen kann. + +1. Von den Definitionen. Definieren soll, wie es der Ausdruck selbst +gibt, eigentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführlichen Begriff +eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen*. +Nach einer solchen Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht +definiert, sondern nur expliziert werden. Denn, da wir an ihm nur +einige Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der Sinne haben, +so ist es niemals sicher, ob man unter dem Worte, der denselben +Gegenstand bezeichnet, nicht einmal mehr, das andere Mal weniger +Merkmale desselben denke. So kann der eine im Begriffe vom Golde sich +außer dem Gewichte, der Farbe, der Zähigkeit, noch die Eigenschaft, +daß es nicht rostet, denken, der andere davon vielleicht nichts +wissen. Man bedient sich gewisser Merkmale nur so lange, als sie zum +Unterscheiden hinreichend sind; neue Bemerkungen dagegen nehmen welche +weg und setzen einige hinzu, der Begriff steht also niemals zwischen +sicheren Grenzen. Und wozu sollte es auch dienen, einen solchen +Begriff zu definieren, da, wenn z.B. von dem Wasser und dessen +Eigenschaften die Rede ist, man sich bei dem nicht aufhalten wird, was +man bei dem Worte Wasser denkt, sondern zu Versuchen schreitet, und +das Wort, mit den wenigen Merkmalen, die ihm anhängen, nur eine +Bezeichnung und nicht einen Begriff der Sache ausmachen soll, mithin +die angebliche Definition nichts anderes als Wortbestimmung ist. +Zweitens kann auch, genau zu reden, kein a priori gegebener Begriff +definiert werden, z.B. Substanz, Ursache, Recht, Billigkeit usw. Denn +ich kann niemals sicher sein, daß die deutliche Vorstellung eines +(noch verworren) gegebenen Begriffs ausführlich entwickelt worden, +als wenn ich weiß, daß dieselbe dem Gegenstande adäquat sei. Da +der Begriff desselben aber, so wie er gegeben ist, viel dunkle +Vorstellungen enthalten kann, die wir in der Zergliederung übergehen, +ob wir sie zwar in der Anwendung jederzeit brauchen: so ist die +Ausführlichkeit der Zergliederung meines Begriffs immer zweifelhaft, +und kann nur durch vielfältig zutreffende Beispiele vermutlich, +niemals aber apodiktisch gewiß gemacht werden. Anstatt des Ausdrucks: +Definition, würde ich lieber den der Exposition brauchen, der immer +noch behutsam bleibt, und bei dem der Kritiker sie auf einen gewissen +Grad gelten lassen und doch wegen der Ausführlichkeit noch Bedenken +tragen kann. Da also weder empirisch, noch a priori gegebene Begriffe +definiert werden können, so bleiben keine anderen als willkürlich +gedachte übrig, an denen man dieses Kunststück versuchen kann. Meinen +Begriff kann ich in solchem Falle jederzeit definieren; denn ich muß +doch wissen, was ich habe denken wollen, da ich ihn selbst vorsetzlich +gemacht habe, und er mir weder durch die Natur des Verstandes, noch +durch die Erfahrung gegeben worden, aber ich kann nicht sagen, daß ich +dadurch einen wahren Gegenstand definiert habe. Denn, wenn der Begriff +auf empirischen Bedingungen beruht, z.B. eine Schiffsuhr, so wird der +Gegenstand und dessen Möglichkeit durch diesen willkürlichen Begriff +noch nicht gegeben; ich weiß daraus nicht einmal, ob er überall einen +Gegenstand habe, und meine Erklärung kann besser eine Deklaration +(meines Projekts) als Definition eines Gegenstandes heißen. Also +blieben keine anderen Begriffe übrig, die zum Definieren taugen, als +solche, die eine willkürliche Synthesis enthalten, welche a priori +konstruiert werden kann, mithin hat nur die Mathematik Definitionen. +Denn, den Gegenstand, den sie denkt, stellt sie auch a priori in +der Anschauung dar, und dieser kann sicher nicht mehr noch weniger +enthalten, als der Begriff, weil durch die Erklärung der Begriff von +dem Gegenstande ursprünglich, d.i. ohne die Erklärung irgend wovon +abzuleiten, gegeben wurde. Die deutsche Sprache hat für die Ausdrücke +der Exposition, Explikation, Deklaration und Definition nichts mehr, +als das eine Wort: Erklärung, und daher müssen wir schon von der +Strenge der Forderung, da wir nämlich den philosophischen Erklärungen +den Ehrennamen der Definition verweigerten, etwas ablassen, und +wollen diese ganze Anmerkung darauf einschränken, daß philosophische +Definitionen nur als Expositionen gegebener, mathematische aber als +Konstruktionen ursprünglich gemachter Begriffe, jene nur analytisch +durch Zergliederung (deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiß +ist), diese synthetisch zustande gebracht werden, und also den Begriff +selbst machen, dagegen die ersteren ihn nur erklären. Hieraus folgt: + +* Ausführlichkeit bedeutet die Klarheit und Zulänglichkeit der + Merkmale; Grenzen die Präzision, daß deren nicht mehr sind, als + zum ausführlichen Begriffe gehören; ursprünglich aber, daß diese + Grenzbestimmung nicht irgend woher abgeleitet sei und also noch + eines Beweises bedürfe, welches die vermeintliche Erklärung unfähig + machen würde, an der Spitze aller Urteile über einen Gegenstand zu + stehen. + +a) daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachtun +müsse, die Definition voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen +Versuche. Denn, da sie Zergliederungen gegebener Begriffe sind, so +gehen diese Begriffe, obzwar nur noch verworren, voran, und die +unvollständige Exposition geht vor der vollständigen, so, daß wir aus +einigen Merkmalen, die wir aus einer noch unvollendeten Zergliederung +gezogen haben, manches vorher schließen können, ehe wir zur +vollständigen Exposition, d.i. zur Definition gelangt sind; mit +einem Worte, daß in der Philosophie die Definition, als abgemessene +Deutlichkeit, das Werk eher schließe, als anfangen müsse*. Dagegen +haben wir in der Mathematik gar keinen Begriff vor der Definition, als +durch welche der Begriff allererst gegeben wird, sie muß also und kann +auch jederzeit davon anfangen. + +* Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen, vornehmlich + solchen, die zwar wirklich Elemente zur Definition, aber noch nicht + vollständig enthalten. Würde man nun eher gar nichts mit einem + Begriffe anfangen können, als bis man ihn definiert hätte, so würde + es gar schlecht mit allem Philosophieren stehen. Da aber, so weit + die Elemente (der Zergliederung) reichen, immer ein guter und + sicherer Gebrauch davon zu machen ist, so können auch mangelhafte + Definitionen, d.i. Sätze, die eigentlich noch nicht Definitionen, + aber übrigens wahr und also Annäherungen zu ihnen sind, sehr + nützlich gebraucht werden. In der Mathematik gehört die Definition + ad esse, in der Philosophie ad melius esse. Es ist schön, aber + oft sehr schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die Juristen eine + Definition zu ihrem Begriffe vom Recht. + +b) Mathematische Definitionen können niemals irren. Denn, weil der +Begriff durch die Definition zuerst gegeben wird, so enthält er gerade +nur das, was die Definition durch ihn gedacht haben will. Aber, +obgleich dem Inhalte nach nichts Unrichtiges darin vorkommen kann, so +kann doch bisweilen, obzwar nur selten, in der Form (der Einkleidung) +gefehlt werden, nämlich in Ansehung der Präzision. So hat die gemeine +Erklärung der Kreislinie, daß sie eine krumme Linie sei, deren alle +Punkte von einem einigen (dem Mittelpunkte) gleich weit abstehen, den +Fehler, daß die Bestimmung krumm unnötiger Weise eingeflossen ist. +Denn es muß einen besonderen Lehrsatz geben, der aus der Definition +gefolgert wird und leicht bewiesen werden kann: daß eine jede Linie, +deren alle Punkte von einem einigen gleich weit abstehen, krumm (kein +Teil von ihr gerade) sei. Analytische Definitionen können dagegen auf +vielfältige Art irren, entweder indem sie Merkmale hineinbringen, +die wirklich nicht im Begriffe lagen, oder an der Ausführlichkeit +ermangeln, die das Wesentliche einer Definition ausmacht, weil man der +Vollständigkeit seiner Zergliederung nicht so völlig gewiß sein kann. +Um deswillen läßt sich die Methode der Mathematik im Definieren in der +Philosophie nicht nachahmen. + +2. Von den Axiomen. Diese sind synthetische Grundsätze a priori, +sofern sie unmittelbar gewiß sind. Nun läßt sich nicht ein Begriff mit +dem anderen synthetisch und doch unmittelbar verbinden, weil, damit +wir über einen Begriff hinausgehen können, ein drittes vermittelndes +Erkenntnis nötig ist. Da nun Philosophie bloß die Vernunfterkenntnis +nach Begriffen ist, so wird in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein, +der den Namen eines Axioms verdiene. Die Mathematik dagegen ist der +Axiomen fähig, weil sie vermittelst der Konstruktion der Begriffe in +der Anschauung des Gegenstandes die Prädikate desselben a priori und +unmittelbar verknüpfen kann, z.B. daß drei Punkte jederzeit in einer +Ebene liegen. Dagegen kann ein synthetischer Grundsatz bloß aus +Begriffen niemals unmittelbar gewiß sein; z.B. der Satz: alles, +was geschieht, hat seine Ursache, da ich mich nach einem dritten +herumgehen muß, nämlich der Bedingung der Zeitbestimmung in einer +Erfahrung, und nicht direkt unmittelbar aus den Begriffen allein einen +solchen Grundsatz erkennen konnte. Diskursive Grundsätze sind also +ganz etwas anderes als intuitive, d.i. Axiomen. Jene erfordern +jederzeit noch eine Deduktion, deren die letzteren ganz und gar +entbehren können, und, da diese eben um desselben Grundes willen +evident sind, welches die philosophischen Grundsätze, bei aller +ihrer Gewißheit, doch niemals vorgeben können, so fehlt unendlich +viel daran, daß irgendein synthetischer Satz der reinen und +transzendentalen Vernunft so augenscheinlich sei (wie man sich trotzig +auszudrücken pflegt), als der Satz: daß zweimal zwei vier geben. Ich +habe zwar in der Analytik, bei der Tafel der Grundsätze des reinen +Verstandes, auch gewisser Axiomen der Anschauung gedacht; allein der +daselbst angeführte Grundsatz war selbst kein Axiom, sondern diente +nur dazu, das Prinzipium der Möglichkeit der Axiomen überhaupt +anzugeben, und selbst nur ein Grundsatz aus Begriffen. Denn sogar +die Möglichkeit der Mathematik muß in der Transzendentalphilosophie +gezeigt werden. Die Philosophie hat also keine Axiomen und darf +niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten, sondern muß +sich dazu bequemen, ihre Befugnis wegen derselben durch gründliche +Deduktion zu rechtfertigen. + +3. Von den Demonstrationen. Nur ein apodiktischer Beweis, sofern er +intuitiv ist, kann Demonstration heißen. Erfahrung lehrt uns wohl, was +da sei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könne. Daher können +empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus +Begriffen a priori (im diskursiven Erkenntnisse) kann aber niemals +anschauende Gewißheit d.i. Evidenz entspringen, so sehr auch sonst +das Urteil apodiktisch gewiß sein mag. Nur die Mathematik enthält +also Demonstrationen, weil sie nicht aus Begriffen, sondern der +Konstruktion derselben, d.i. der Anschauung, die den Begriffen +entsprechend a priori gegeben werden kann, ihr Erkenntnis ableitet. +Selbst das Verfahren der Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie +durch Reduktion die Wahrheit zusamt dem Beweise hervorbringt, ist +zwar keine geometrische, aber doch charakteristische Konstruktion, +in welcher man an den Zeichen die Begriffe, vornehmlich von dem +Verhältnisse der Größen, in der Anschauung darlegt, und, ohne einmal +auf das Heuristische zu sehen, alle Schlüsse vor Fehlern dadurch +sichert, daß jeder derselben vor Augen gestellt wird. Da hingegen das +philosophische Erkenntnis dieses Vorteils entbehren muß, indem es das +Allgemeine jederzeit in abstracto (durch Begriffe) betrachten muß, +indessen daß Mathematik das Allgemeine in concreto (in der einzelnen +Anschauung) und doch durch reine Vorstellung a priori erwägen kann, +wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die ersteren daher +lieber akroamatische (diskursive) Beweise nennen, weil sie sich nur +durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führen lassen, als +Demonstrationen, welche, wie der Ausdruck es schon anzeigt, in der +Anschauung des Gegenstandes fortgehen. + +Aus allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur der Philosophie +gar nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit einem +dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern der +Mathematik auszuschmücken, in deren Orden sie doch nicht gehört, ob +sie zwar auf schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle +Ursache hat. Jene sind eitle Anmaßungen, die niemals gelingen können, +vielmehr ihre Absicht rückgängig machen müssen, die Blendwerke einer +ihre Grenzen verkennenden Vernunft zu entdecken, und, vermittelst +hinreichender Aufklärung unserer Begriffe, den Eigendünkel der +Spekulation auf das bescheidene, aber gründliche Selbsterkenntnis +zurückzuführen. Die Vernunft wird also in ihren transzendentalen +Versuchen nicht so zuversichtlich vor sich hinsehen können, gleich +als wenn der Weg, den sie zurückgelegt hat, so ganz gerade zum Ziele +führe, und auf ihre zum Grunde gelegten Prämissen nicht so mutig +rechnen können, daß es nicht nötig wäre, öfters zurück zu sehen und +achtzuhaben, ob sich nicht etwa im Fortgange der Schlüsse Fehler +entdecken, die in den Prinzipien übersehen worden, und es nötig +machen, sie entweder mehr zu bestimmen, oder ganz abzuändern. + +Ich teile alle apodiktischen Sätze (sie mögen nun erweislich oder +auch unmittelbar gewiß sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein +direkt synthetischer Satz aus Begriffen ist ein Dogma; hingegen ein +dergleichen Satz durch Konstruktion der Begriffe, ist ein Mathema. +Analytische Urteile lehren uns eigentlich nichts mehr vom Gegenstande, +als was der Begriff, den wir von ihm haben, schon in sich enthält, +weil sie die Erkenntnis über den Begriff des Subjekts nicht erweitern, +sondern diesen nur erläutern. Sie können daher nicht füglich Dogmen +heißen (welches Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen +könnte). Aber unter den gedachten zwei Arten synthetischer Sätze +a priori können, nach dem gewöhnlichen Redegebrauch, nur die zum +philosophischen Erkenntnisse gehörigen diesen Namen führen, und man +würde schwerlich die Sätze der Rechenkunst, oder Geometrie, Dogmata +nennen. Also bestätigt dieser Gebrauch die Erklärung, die wir gaben, +daß nur Urteile aus Begriffen, und nicht die aus der Konstruktion der +Begriffe, dogmatisch heißen können. + +Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß spekulativen +Gebrauche nicht ein einziges direkt synthetisches Urteil aus +Begriffen. Denn durch Ideen ist sie, wie wir gezeigt haben, gar keiner +synthetischen Urteile, die objektive Gültigkeit hätten, fähig; durch +Verstandesbegriffe aber errichtet sie zwar sichere Grundsätze, aber +gar nicht direkt aus Begriffen, sondern immer nur indirekt durch +Beziehung dieser Begriffe auf etwas ganz Zufälliges, nämlich mögliche +Erfahrung; da sie denn, wenn diese (etwas als Gegenstand möglicher +Erfahrungen) vorausgesetzt wird, allerdings apodiktisch gewiß sind, +an sich selbst aber (direkt) a priori gar nicht einmal erkannt werden +können. So kann niemand den Satz: alles, was geschieht, hat seine +Ursache, aus diesen gegebenen Begriffen allein gründlich einsehen. +Daher ist er kein Dogma, ob er gleich in einem anderen Gesichtspunkte, +nämlich dem einzigen Felde seines möglichen Gebrauchs, d.i. der +Erfahrung, ganz wohl und apodiktisch bewiesen werden kann. Er heißt +aber Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewiesen werden +muß, darum, weil er die besondere Eigenschaft hat, daß er seinen +Beweisgrund, nämlich Erfahrung, selbst zuerst möglich macht, und bei +dieser immer vorausgesetzt werden muß. + +Gibt es nun im spekulativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem +Inhalte nach gar keine Dogmate, so ist alle dogmatische Methode, sie +mag nun dem Mathematiker abgeborgt sein, oder eine eigentümliche +Manier werden sollen, für sich unschicklich. Denn sie verbirgt nur die +Fehler und Irrtümer, und täuscht die Philosophie, deren eigentliche +Absicht ist, alle Schritte der Vernunft in ihrem klarsten Lichte sehen +zu lassen. Gleichwohl kann die Methode immer systematisch sein. Denn +unsere Vernunft (subjektiv) ist selbst ein System, aber in ihrem +reinen Gebrauche, vermittelst bloßer Begriffe, nur ein System der +Nachforschung nach Grundsätzen der Einheit, zu welcher Erfahrung +allein den Stoff hergeben kann. Von der eigentümlichen Methode einer +Transzendentalphilosophie läßt sich aber hier nichts sagen, da wir es +nur mit einer Kritik unserer Vermögensumstände zu tun haben, ob wir +überall bauen, und wie hoch wir wohl unser Gebäude, aus dem Stoffe, +den wir haben, (den reinen Begriffen a priori,) aufführen können. + + + +Des ersten Hauptstücks +Zweiter Abschnitt +Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen +Gebrauchs + +Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik +unterwerfen, und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch +tun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachteiligen Verdacht +auf sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtig, in Ansehung des +Nutzens, nichts so heilig, das sich dieser prüfenden und musternden +Durchsuchung, die kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte. +Auf dieser Freiheit beruht sogar die Existenz der Vernunft, die +kein diktatorisches Ansehen hat, sondern deren Ausspruch jederzeit +nichts als die Einstimmung freier Bürger ist, deren jeglicher seine +Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto, ohne Zurückhalten muß äußern +können. + +Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern +kann, so hat sie doch nicht jederzeit Ursache, sie zu scheuen. Aber +die reine Vernunft in ihrem dogmatischen (nicht mathematischen) +Gebrauche ist sich nicht so sehr der genauesten Beobachtung ihrer +obersten Gesetze bewußt, daß sie nicht mit Blödigkeit, ja mit +gänzlicher Ablegung alles angemaßten dogmatischen Ansehens, vor dem +kritischen Auge einer höheren und richterlichen Vernunft erscheinen +müßte. + +Ganz anders ist es bewandt, wenn sie es nicht mit der Zensur des +Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu tun hat, und sich +dagegen bloß verteidigen soll. Denn, da diese ebensowohl dogmatisch +sein wollen, obzwar im Verneinen, als jene im Bejahen: so findet eine +Rechtfertigung kat' anthropon statt, die wider alle Beeinträchtigung +sichert, und einen titulierten Besitz verschafft, der keine fremden +Anmaßungen scheuen darf, ob er gleich selbst kat' aletheian nicht +hinreichend bewiesen werden kann. + +Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich nun +die Verteidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen +derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihre Behauptungen +nicht vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur, daß niemand +das Gegenteil jemals mit apodiktischer Gewißheit (ja auch nur mit +größerem Scheine) behaupten könne. Denn wir sind alsdann doch +nicht bittweise in unserem Besitz, wenn wir einen, obzwar nicht +hinreichenden, Titel derselben vor uns haben, und es völlig gewiß +ist, daß niemand die Unrechtmäßigkeit dieses Besitzes jemals beweisen +könne. + +Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes, daß es überhaupt eine +Antithetik der reinen Vernunft geben, und diese, die doch den obersten +Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mit sich selbst in +Streit geraten soll. Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare +Antithetik derselben vor uns; aber es zeigte sich, daß sie auf einem +Mißverstande beruhte, da man nämlich, dem gemeinen Vorurteile gemäß, +Erscheinungen für Sachen an sich selbst nahm, und dann eine absolute +Vollständigkeit ihrer Synthesis, auf eine oder andere Art (die aber +auf beiderlei Art gleich unmöglich war), verlangte, welches aber von +Erscheinungen gar nicht erwartet werden kann. Es war also damals kein +wirklicher Widerspruch der Vernunft mit ihr selbst bei den Sätzen: die +Reihe an sich gegebener Erscheinungen hat einen absolut ersten Anfang, +und: diese Reihe ist schlechthin und an sich selbst ohne allen Anfang; +denn beide Sätze bestehen gar wohl zusammen, weil Erscheinungen nach +ihrem Dasein (als Erscheinungen) an sich selbst gar nichts d.i. etwas +Widersprechendes sind, und also deren Voraussetzung natürlicherweise +widersprechende Folgerungen nach sich ziehen muß. + +Ein solcher Mißverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch der +Streit der Vernunft beigelegt werden, wenn etwa theistisch behauptet +würde: es ist ein höchstes Wesen, und dagegen atheistisch: es ist kein +höchstes Wesen; oder, in der Psychologie: alles, was denkt, ist von +absoluter beharrlicher Einheit und also von aller vergänglichen +materiellen Einheit unterschieden, welchem ein anderer +entgegengesetzte: die Seele ist nicht immaterielle Einheit und kann +von der Vergänglichkeit nicht ausgenommen werden. Denn der Gegenstand +der Frage ist hier von allem Fremdartigen, das seiner Natur +widerspricht, frei, und der Verstand hat es nur mit Sachen an sich +selbst und nicht mit Erscheinungen zu tun. Es würde also hier freilich +ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein, wenn nur die reine Vernunft +auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte, was dem Grunde +einer Behauptung nahe käme; denn was die Kritik der Beweisgründe des +dogmatisch Bejahenden betrifft, die kann man ihm sehr wohl einräumen, +ohne darum diese Sätze aufzugeben, die doch wenigstens das Interesse +der Vernunft für sich haben, darauf sich der Gegner gar nicht berufen +kann. + +Ich bin zwar nicht der Meinung, welche vortreffliche und nachdenkende +Männer (z.B. Sulzer) so oft geäußert haben, da sie die Schwäche der +bisherigen Beweise fühlten: daß man hoffen könne, man werde dereinst +noch evidente Demonstrationen der zwei Kardinalsätze unserer reinen +Vernunft: es ist ein Gott, es ist ein künftiges Leben, erfinden. +Vielmehr bin ich gewiß, daß dieses niemals geschehen werde. Denn, wo +will die Vernunft den Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die +sich nicht auf Gegenstände der Erfahrung und deren innere Möglichkeit +beziehen, hernehmen? Aber es ist auch apodiktisch gewiß, daß niemals +irgendein Mensch auftreten werde, der das Gegenteil mit dem mindesten +Scheine, geschweige dogmatisch behaupten könne. Denn, weil er +dieses doch bloß durch reine Vernunft dartun könnte, so müßte er es +unternehmen, zu beweisen: daß ein höchstes Wesen, daß das in uns +denkende Subjekt, als reine Intelligenz, unmöglich sei. Wo will er +aber die Kenntnisse hernehmen, die ihn, von Dingen über alle mögliche +Erfahrung hinaus so synthetisch zu urteilen, berechtigten. Wir können +also darüber ganz unbekümmert sein, daß uns jemand das Gegenteil +einstens beweisen werde; daß wir darum eben nicht nötig haben, auf +schulgerechte Beweise zu sinnen, sondern immerhin diejenigen Sätze +annehmen können, welche mit dem spekulativen Interesse unserer +Vernunft im empirischen Gebrauch ganz wohl zusammenhängen, und überdem +es mit dem praktischen Interesse zu vereinigen die einzigen Mittel +sind. Für den Gegner (der hier nicht bloß als Kritiker betrachtet +werden muß,) haben wir unser non liquet in Bereitschaft, welches ihn +unfehlbar verwirren muß, indessen daß wir die Retorsion desselben +auf uns nicht weigern, indem wir die subjektive Maxime der Vernunft +beständig im Rückhalte haben, die dem Gegner notwendig fehlt, +und unter deren Schutz wir alle seine Luftstreiche mit Ruhe und +Gleichgültigkeit ansehen können. + +Auf solche Weise gibt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen +Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der +reinen Theologie und Psychologie zu suchen sein; dieser Boden aber +trägt keinen Kämpfer in seiner ganzen Rüstung, und mit Waffen, die zu +fürchten wären. Er kann nur mit Spott oder Großsprecherei auftreten, +welches als ein Kinderspiel belacht werden kann. Das ist eine +tröstende Bemerkung, die der Vernunft wieder Mut gibt; denn, worauf +wollte sie sich sonst verlassen, wenn sie, die allein alle Irrungen +abzutun berufen ist, in sich selbst zerrüttet wäre, ohne Frieden und +ruhigen Besitz hoffen zu können? + +Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht +gut. Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren +eigenen Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer +vollständigen Sammlung von Heilmitteln (Offizin) nicht fehlen. Die +Einwürfe, wider die Überredungen und den Eigendünkel unserer bloß +spekulativen Vernunft, sind selbst durch die Natur dieser Vernunft +aufgegeben, und müssen also ihre gute Bestimmung und Absicht haben, +die man nicht in den Wind schlagen muß. Wozu hat uns die Vorsehung +manche Gegenstände, ob sie gleich mit unserem höchsten Interesse +zusammenhängen, so hoch gestellt, daß uns fast nur vergönnt ist, sie +in einer undeutlichen und von uns selbst bezweifelten Wahrnehmung +anzutreffen, dadurch ausspähende Blicke mehr gereizt, als befriedigt +werden, ob es nützlich sei, in Ansehung solcher Aussichten dreiste +Bestimmungen zu wagen, ist wenigstens zweifelhaft, vielleicht gar +schädlich. Allemal aber und ohne allen Zweifel ist es nützlich, die +forschende sowohl, als prüfende Vernunft in völlige Freiheit zu +versetzen, damit sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen könne, +welches ebensowohl dadurch befördert wird, daß sie ihren Einsichten +Schranken setzt, als daß sie solche erweitert, und welches allemal +leidet, wenn sich fremde Hände einmengen, um sie wider ihren +natürlichen Gang nach erzwungenen Absichten zu lenken. + +Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft sagen, und bekämpfst ihn bloß +mit Waffen der Vernunft. Übrigens seid wegen der guten Sache (des +praktischen Interesses) außer Sorgen, denn die kommt in bloß +spekulativem Streite niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt +alsdann nichts, als eine gewisse Antinomie der Vernunft, die, da sie +auf ihrer Natur beruht, notwendig angehört und geprüft werden muß. Er +kultiviert dieselbe durch Betrachtung ihres Gegenstandes auf zweien +Seiten, und berichtigt ihr Urteil dadurch, daß er solches einschränkt. +Das, was hierbei streitig wird, ist nicht die Sache, sondern der +Ton. Denn es bleibt euch noch genug übrig, um die vor der schärfsten +Vernunft gerechtfertigte Sprache eines festen Glaubens zu sprechen, +wenn ihr gleich die des Wissens habt aufgeben müssen. + +Wenn man den kaltblütigen, zum Gleichgewichte des Urteils eigentlich +geschaffenen David Hume fragen sollte: was bewog euch, durch mühsam +ergrübelte Bedenklichkeiten, die für den Menschen so tröstliche und +nützliche Überredung, daß ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und zum +bestimmten Begriff eines höchsten Wesens zulange, zu untergraben? so +würde er antworten: nichts, als die Absicht, die Vernunft in ihrer +Selbsterkenntnis weiter zu bringen, und zugleich ein gewisser Unwille +über den Zwang, den man der Vernunft antun will, indem man mit ihr +groß tut, und sie zugleich hindert, ein freimütiges Geständnis ihrer +Schwächen abzulegen, die ihr bei der Prüfung ihrer selbst offenbar +werden. Fragt ihr dagegen den, den Grundsätzen des empirischen +Vernunftgebrauchs allein ergebenen, und aller transzendenten +Spekulation abgeneigten Priestley, was er für Bewegungsgründe gehabt +habe, unserer Seele Freiheit und Unsterblichkeit (die Hoffnung +des künftigen Lebens ist bei ihm nur die Erwartung eines Wunders +der Wiedererweckung), zwei solche Grundpfeiler aller Religion +niederzureißen, er, der selbst ein frommer und eifriger Lehrer der +Religion ist; so würde er nichts anderes antworten können, als: das +Interesse der Vernunft, welche dadurch verliert, daß man gewisse +Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur, den einzigen, die wir +genau kennen und bestimmen können, entziehen will. Es würde unbillig +scheinen, den letzteren, der seine paradoxe Behauptung mit der +Religionsabsicht zu vereinigen weiß, zu verschreien, und einem +wohldenkenden Manne wehe zu tun, weil er sich nicht zurechtfinden +kann, sobald er sich aus dem Felde der Naturlehre verloren hatte. Aber +diese Gunst muß dem nicht minder gut gesinnten und seinem sittlichen +Charakter nach untadelhaften Hume ebensowohl zustatten kommen, der +seine abgezogene Spekulation darum nicht verlassen kann, weil er mit +Recht dafür hält, daß ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der +Naturwissenschaft im Felde reiner Ideen liege. + +Was ist nun hierbei zu tun, vornehmlich in Ansehung der Gefahr, die +daraus dem gemeinen Besten zu drohen scheint? Nichts ist natürlicher, +nichts billiger, als die Entschließung, die ihr deshalb zu nehmen +habt. Laßt diese Leute nur machen; wenn sie Talent, wenn sie tiefe und +neue Nachforschung, mit einem Worte, wenn sie nur Vernunft zeigen, so +gewinnt jederzeit die Vernunft. Wenn ihr andere Mittel ergreift, als +die einer zwanglosen Vernunft, wenn ihr über Hochverrat schreiet, +das gemeine Wesen, das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht +versteht, gleichsam als zum Feuerlöschen zusammenruft, so macht +ihr euch lächerlich. Denn es ist die Rede gar nicht davon, was dem +gemeinen Besten hierunter vorteilhaft, oder nachteilig sei, sondern +nur, wie weit die Vernunft es wohl in ihrer von allem Interesse +abstrahierenden Spekulation bringen könne, und ob man auf diese +überhaupt etwas rechnen, oder sie lieber gegen das Praktische gar +aufgeben müsse. Anstatt also mit dem Schwerte drein zu schlagen, +so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der Kritik diesem Streite +geruhig zu, der für die Kämpfenden mühsam, für euch unterhaltend, und +bei einem gewiß unblutigen Ausgange, für eure Einsichten ersprießlich +ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft +Aufklärung zu erwarten, und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche +Seite sie notwendig ausfallen müsse. Überdem wird Vernunft schon von +selbst durch Vernunft so wohl gebändigt und in Schranken gehalten, +daß ihr gar nicht nötig habt, Scharwachen aufzubieten, um demjenigen +Teile, dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint, +bürgerlichen Widerstand entgegenzusetzen. In dieser Dialektik gibt's +keinen Sieg, über den ihr besorgt zu sein Ursache hättet. + +Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es wäre +zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher +Erlaubnis wäre geführt worden. Denn um desto früher wäre eine +reife Kritik zustande gekommen, bei deren Erscheinung alle diese +Streithändel von selbst wegfallen müssen, indem die Streitenden ihre +Verblendung und Vorurteile, welche sie veruneinigt haben, einsehen +lernen. + +Es gibt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am +Ende doch, wie alles, was von der Natur kommt, eine Anlage zu guten +Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung, seine wahren Gesinnungen +zu verhehlen, und gewisse angenommene, die man für gut und rühmlich +hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen +Hang, sowohl sich zu verhehlen, als auch einen ihnen vorteilhaften +Schein anzunehmen, sich nicht bloß zivilisiert, sondern nach und nach, +in gewisser Maße, moralisiert, weil keiner durch die Schminke der +Anständigkeit, Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte, also +an vermeintlich echten Beispielen des Guten, die er um sich sah, eine +Schule der Besserung für sich selbst fand. Allein diese Anlage, sich +besser zu stellen, als man ist, und Gesinnungen zu äußern, die man +nicht hat, dient nur gleichsam provisorisch dazu, um den Menschen aus +der Rohigkeit zu bringen, und ihn zuerst wenigstens die Manier des +Guten, das er kennt, annehmen zu lassen; denn nachher, wenn die echten +Grundsätze einmal entwickelt und in die Denkungsart übergegangen sind, +so muß jene Falschheit nach und nach kräftig bekämpft werden, weil sie +sonst das Herz verdirbt, und gute Gesinnungen unter dem Wucherkraute +des schönen Scheins nicht aufkommen läßt. + +Es tut mir leid, eben dieselbe Unlauterkeit, Verstellung und Heuchelei +sogar in den Äußerungen der spekulativen Denkungsart wahrzunehmen, +worin doch Menschen, das Geständnis ihrer Gedanken billigermaßen offen +und unverhohlen zu entdecken, weit weniger Hindernisse und gar keinen +Vorteil haben. Denn was kann den Einsichten nachteiliger sein, als +sogar bloße Gedanken verfälscht einander mitzuteilen, Zweifel, die +wir wider unsere eigenen Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder +Beweisgründen, die uns selbst nicht genugtun, einen Anstrich von +Evidenz zu geben? So lange indessen bloß die Privateitelkeit diese +geheimen Ränke anstiftet (welches in spekulativen Urteilen, die kein +besonderes Interesse haben und nicht leicht einer apodiktischen +Gewißheit fähig sind, gemeiniglich der Fall ist), so widersteht +denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher Genehmigung, und +die Sachen kommen zuletzt dahin, wo die lauterste Gesinnung und +Aufrichtigkeit, obgleich weit früher, sie hingebracht haben würde. Wo +aber das gemeine Wesen dafür hält, daß spitzfindige Vernünftler mit +nichts minderem umgehen, als die Grundfeste der öffentlichen Wohlfahrt +wankend zu machen, da scheint es nicht allein der Klugheit gemäß, +sondern auch erlaubt und wohl gar rühmlich, der guten Sache eher +durch Scheingründe zu Hilfe zu kommen, als den vermeintlichen Gegnern +derselben auch nur den Vorteil zu lassen, unseren Ton zur Mäßigung +einer bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen, und uns zu nötigen, +den Mangel der spekulativen und apodiktischen Gewißheit zu gestehen. +Indessen sollte ich denken, daß sich mit der Absicht, eine gute +Sache zu behaupten, in der Welt wohl nichts übler, als Hinterlist, +Verstellung und Betrug vereinigen lasse. Daß es in der Abwiegung der +Vernunftgründe, einer bloßen Spekulation alles ehrlich zugehen müsse, +ist wohl das wenigste, was man fordern kann. Könnte man aber auch nur +auf dieses Wenige sicher rechnen, so wäre der Streit der spekulativen +Vernunft über die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit (der +Seele) und der Freiheit, entweder längst entschieden, oder würde sehr +bald zu Ende gebracht werden. So steht öfters die Lauterkeit der +Gesinnung im umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sache +selbst, und diese hat vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner, +als Verteidiger. + +Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht +verteidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist es nun entschieden, +daß, nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht auf dasjenige +sieht, was geschieht, sondern was billig geschehen sollte, es +eigentlich gar keine Polemik der reinen Vernunft geben müsse. Denn +wie können zwei Personen einen Streit über eine Sache führen, deren +Realität keiner von beiden in einer wirklichen, oder auch nur +möglichen Erfahrung darstellen kann, über deren Idee er allein +brütet, um aus ihr etwas mehr als Idee, nämlich die Wirklichkeit des +Gegenstandes selbst, herauszubringen? Durch welches Mittel wollen +sie aus dem Streite herauskommen, da keiner von beiden seine Sache +geradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur die seines Gegners +angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das Schicksal aller +Behauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die Bedingungen +aller möglichen Erfahrung hinausgehen, außerhalb welchen kein Dokument +der Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich aber gleichwohl der +Verstandesgesetze, die bloß zum empirischen Gebrauche bestimmt sind, +ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken tun läßt, +bedienen müssen, sie dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich +gegenseitig die Blöße ihres Gegners zunutze machen können. + +Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof für +alle Streitigkeiten derselben ansehen; denn sie ist in die letzteren, +als welche auf Objekte unmittelbar gehen, nicht mit verwickelt, +sondern ist dazu gesetzt, die Rechtsame der Vernunft überhaupt +nach den Grundsätzen ihrer ersten Institution zu bestimmen und zu +beurteilen. + +Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur, und +kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen, +oder sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, welche alle +Entscheidungen aus den Grundregeln ihrer eigenen Einsetzung hernimmt, +deren Ansehen keiner bezweifeln kann, verschafft uns die Ruhe eines +gesetzlichen Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeit nicht +anders führen sollen, als durch Prozeß. Was die Händel in dem ersten +Zustande endigt, ist ein Sieg, dessen sich beide Teile rühmen, auf +den mehrenteils ein nur unsicherer Friede folgt, den die Obrigkeit +stiftet, welche sich ins Mittel legt, im zweiten aber die Sentenz, +die, weil sie hier die Quelle der Streitigkeiten selbst trifft, einen +ewigen Frieden gewähren muß. Auch nötigen die endlosen Streitigkeiten +einer bloß dogmatischen Vernunft, endlich in irgendeiner Kritik dieser +Vernunft selbst, und in einer Gesetzgebung, die sich auf sie gründet, +Ruhe zu suchen; so wie Hobbes behauptet: der Stand der Natur sei +ein Stand des Unrechts und der Gewalttätigkeit, und man müsse ihn +notwendig verlassen, um sich dem gesetzlichen Zwange zu unterwerfen, +der allein unsere Freiheit dahin einschränkt, daß sie mit jedes +anderen Freiheit und eben dadurch mit dem gemeinen Besten zusammen +bestehen könne. + +Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine +Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur +Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und +gefährlichen Bürger verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem +ursprünglichen Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen anderen +Richter erkennt, als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft, +worin ein jeder seine Stimme hat; und, da von dieser alle Besserung, +deren unser Zustand fähig ist, herkommen muß, so ist ein solches Recht +heilig, und darf nicht geschmälert werden. Auch ist es sehr unweise, +gewisse gewagte Behauptungen oder vermessene Angriffe auf die, welche +schon die Beistimmung des größten und besten Teils des gemeinen Wesens +auf ihrer Seite haben, für gefährlich auszuschreien: denn das heißt, +ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie gar nicht haben sollten. Wenn +ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopf die Freiheit des menschlichen +Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens, und das Dasein Gottes +wegdemonstriert haben solle, so bin ich begierig, das Buch zu lesen, +denn ich erwarte von seinem Talent, daß er meine Einsichten weiter +bringen werde. Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiß, daß er +nichts von allem diesem wird geleistet haben, nicht darum, weil ich +etwa schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze +zu sein glaubte, sondern weil mich die transzendentale Kritik, die mir +den ganzen Vorrat unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt +hat, daß, so wie sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz +unzulänglich ist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über +diese Fragen etwas verneinend behaupten zu können. Denn, wo will +der angebliche Freigeist seine Kenntnis hernehmen, daß es z.B. kein +höchstes Wesen gebe? Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher +Erfahrung, und darum auch außer den Grenzen aller menschlichen +Einsicht. Den dogmatischen Verteidiger der guten Sache gegen diesen +Feind würde ich gar nicht lesen, weil ich zum voraus weiß, daß er nur +darum die Scheingründe des anderen angreifen werde, um seinen eigenen +Eingang zu verschaffen, überdem ein alltägiger Schein doch nicht +so viel Stoff zu neuen Bemerkungen gibt, als ein befremdlicher und +sinnreich ausgedachter. Hingegen würde der nach seiner Art auch +dogmatische Religionsgegner, meiner Kritik gewünschte Beschäftigung +und Anlaß zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätze geben, ohne daß +seinetwegen im mindesten etwas zu befürchten wäre. + +Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anvertraut ist, +soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt, und von der +frühen Kenntnis so gefährlicher Sätze abgehalten werden, ehe ihre +Urteilskraft gereift, oder vielmehr die Lehre, welche man in ihnen +gründen will, fest gewurzelt ist, um aller Überredung zum Gegenteil, +woher sie auch kommen möge, kräftig zu widerstehen? + +Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen Vernunft +bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch, d.i. +so beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht einließe, und mit +Beweisgründen zu entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete, so wäre +freilich nichts ratsamer vor der Hand, aber zugleich nichts eitler und +fruchtloser auf die Dauer, als die Vernunft der Jugend eine Zeitlang +unter Vormundschaft zu setzen, und wenigstens so lange vor Verführung +zu bewahren. Wenn aber in der Folge entweder Neugierde, oder der +Modeton des Zeitalters ihr dergleichen Schriften in die Hände spielen: +wird alsdann jene jugendliche Überredung noch Stich halten? Derjenige, +der nichts als dogmatische Waffen mitbringt, um den Angriffen seines +Gegners zu widerstehen, und die verborgene Dialektik, die nicht minder +in seinem eigenen Busen, als in dem des Gegenteils liegt, nicht zu +entwickeln weiß, sieht Scheingründe, die den Vorzug der Neuigkeit +haben, gegen Scheingründe, welche dergleichen nicht mehr haben, +sondern vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten Leichtgläubigkeit der +Jugend erregen, auftreten. Er glaubt nicht besser zeigen zu können, +daß er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sich über jene +wohlgemeinten Warnungen wegsetzt, und, dogmatisch gewohnt, trinkt er +das Gift, das seine Grundsätze dogmatisch verdirbt, in langen Zügen in +sich. + +Gerade das Gegenteil von dem, was man hier anrät, muß in der +akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unter der +Voraussetzung eines gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen +Vernunft. Denn, um die Prinzipien derselben so früh als möglich +in Ausübung zu bringen, und ihre Zulänglichkeit bei dem größten +dialektischen Scheine zu zeigen, ist es durchaus nötig, die für den +Dogmatiker so furchtbaren Angriffe wider seine, obzwar noch schwache, +aber durch Kritik aufgeklärte Vernunft zu richten, und ihn den Versuch +machen zu lassen, die grundlosen Behauptungen des Gegners Stück für +Stück an jenen Grundsätzen zu prüfen. Es kann ihm gar nicht schwer +werden, sie in lauter Dunst aufzulösen, und so fühlt er frühzeitig +seine eigene Kraft, sich wider dergleichen schädliche Blendwerke, die +für ihn zuletzt allen Schein verlieren müssen, völlig zu sichern. +Ob nun zwar eben dieselben Streiche, die das Gebäude des Feindes +niederschlagen, auch seinem eigenen spekulativen Bauwerke, wenn er +etwa dergleichen zu errichten gedächte, ebenso verderblich sein +müssen: so ist er darüber doch gänzlich unbekümmert, indem er es gar +nicht bedarf, darinnen zu wohnen, sondern noch eine Aussicht in das +praktische Feld vor sich hat, wo er mit Grund einen festeren Boden +hoffen kann, um darauf sein vernünftiges und heilsames System zu +errichten. + +So gibts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen +Vernunft. Beide Teile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten +herumbalgen, denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre +dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten +ließe. Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen, +wie die Helden in Walhalla, in einem Augenblicke wiederum zusammen, um +sich aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können. + +Es gibt aber auch keinen zulässigen skeptischen Gebrauch der reinen +Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren +Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft wider sich selbst zu +verhetzen, ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichen, und alsdann ihrem +hitzigsten Gefechte ruhig und spöttisch zuzusehen, sieht aus einem +dogmatischen Gesichtspunkte nicht wohl aus, sondern hat das Ansehen +einer schadenfrohen und hämischen Gemütsart an sich. Wenn man indessen +die unbezwingliche Verblendung und das Großtun der Vernünftler, die +sich durch keine Kritik will mäßigen lassen, ansieht, so ist doch +wirklich kein anderer Rat, als der Großsprecherei auf einer Seite, +eine andere, welche auf eben dieselben Rechte fußt, entgegen zu +setzen, damit die Vernunft durch den Widerstand eines Feindes +wenigstens nur stutzig gemacht werde, um in ihre Anmaßungen einigen +Zweifel zu setzen, und der Kritik Gehör zu geben. Allein es bei diesen +Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen, und es darauf auszusetzen, die +Überzeugung und das Geständnis seiner Unwissenheit, nicht bloß als +ein Heilmittel wider den dogmatischen Eigendünkel, sondern zugleich +als die Art, den Streit der Vernunft mit sich selbst zu beendigen, +empfehlen zu wollen, ist ein ganz vergeblicher Anschlag, und kann +keineswegs dazu tauglich sein, der Vernunft einen Ruhestand zu +verschaffen, sondern ist höchstens nur ein Mittel, sie aus ihrem süßen +dogmatischen Traume zu erwecken, um ihren Zustand in sorgfältigere +Prüfung zu ziehen. Da indessen diese skeptische Manier, sich aus einem +verdrießlichen Handel der Vernunft zu ziehen, gleichsam der kurze +Weg zu sein scheint, zu einer beharrlichen philosophischen Ruhe +zu gelangen, wenigstens die Heeresstraße, welche diejenigen gern +einschlagen, die sich in einer spöttischen Verachtung aller +Nachforschungen dieser Art ein philosophisches Ansehen zu geben +meinen, so finde ich es nötig, diese Denkungsart in ihrem +eigentümlichen Lichte darzustellen. + + + +Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der mit sich +selbst veruneinigten reinen Vernunft + +Das Bewußtsein meiner Unwissenheit, (wenn diese nicht zugleich als +notwendig erkannt wird,) statt daß sie meine Untersuchungen endigen +sollte, ist vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken. Alle +Unwissenheit ist entweder die der Sachen, oder der Bestimmung und +Grenzen meiner Erkenntnis. Wenn die Unwissenheit nun zufällig ist, so +muß sie mich antreiben, im ersteren Falle den Sachen (Gegenständen) +dogmatisch, im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntnis +kritisch nachzuforschen. Daß aber meine Unwissenheit schlechthin +notwendig sei, und mich daher von aller weiteren Nachforschung +freispreche, läßt sich nicht empirisch, aus Beobachtung, sondern +allein kritisch, durch Ergründung der ersten Quellen unserer +Erkenntnis ausmachen. Also kann die Grenzbestimmung unserer Vernunft +nur nach Gründen a priori geschehen; die Einschränkung derselben aber, +welche eine obgleich nur unbestimmte Erkenntnis einer nie völlig zu +hebenden Unwissenheit ist, kann auch a posteriori, durch das, was uns +bei allem Wissen immer noch zu wissen übrigbleibt, erkannt werden. +Jene durch Kritik der Vernunft selbst allein mögliche Erkenntnis +seiner Unwissenheit ist also Wissenschaft, diese ist nichts als +Wahrnehmung, von der man nicht sagen kann, wie weit der Schluß aus +selbiger reichen möge. Wenn ich mir die Erdfläche (dem sinnlichen +Scheine gemäß) als einen Teller vorstelle, so kann ich nicht wissen, +wie weit sie sich erstrecke. Aber das lehrt mich die Erfahrung: +daß, wohin ich nur komme, ich immer einen Raum um mich sehe, dahin +ich weiter fortgehen könnte; mithin erkenne ich Schranken meiner +jedesmal wirklichen Erdkunde, aber nicht die Grenzen aller möglichen +Erdbeschreibung. Bin ich aber doch so weit gekommen, zu wissen, daß +die Erde eine Kugel und ihre Fläche eine Kugelfläche sei, so kann ich +auch aus einem kleinen Teil derselben, z.B. der Größe eines Grades, +den Durchmesser, und, durch diesen, die völlige Begrenzung der Erde, +d.i. ihre Oberfläche, bestimmt und nach Prinzipien a priori erkennen; +und ob ich gleich in Ansehung der Gegenstände, die diese Fläche +enthalten mag, unwissend bin, so bin ich es doch nicht in Ansehung des +Umfanges, der sie enthält, der Größe und Schranken derselben. + +Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntnis +scheint uns eine ebene Fläche zu sein, die ihren scheinbaren Horizont +hat, nämlich das, was den ganzen Umfang derselben befaßt und von +uns der Vernunftbegriff der unbedingten Totalität genannt worden. +Empirisch denselben zu erreichen, ist unmöglich, und nach einem +gewissen Prinzip ihn a priori zu bestimmen, dazu sind alle Versuche +vergeblich gewesen. Indessen gehen doch alle Fragen unserer reinen +Vernunft auf das, was außerhalb diesem Horizonte, oder allenfalls auch +in seiner Grenzlinie liegen möge. + +Der berühmte David Hume war einer dieser Geographen der menschlichen +Vernunft, welcher jene Fragen insgesamt dadurch hinreichend +abgefertigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb den Horizont +derselben verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Er hielt sich +vornehmlich bei dem Grundsatze der Kausalität auf, und bemerkte +von ihm ganz richtig, daß man seine Wahrheit (ja nicht einmal die +objektive Gültigkeit des Begriffs einer wirkenden Ursache überhaupt) +auf gar keine Einsicht, d.i. Erkenntnis a priori, fuße, daß daher auch +nicht im mindesten die Notwendigkeit dieses Gesetzes, sondern eine +bloße allgemeine Brauchbarkeit desselben in dem Laufe der Erfahrung +und eine daher entspringende subjektive Notwendigkeit, die er +Gewohnheit nennt, sein ganzes Ansehen ausmache. Aus dem Unvermögen +unserer Vernunft nun, von diesem Grundsatze einen über alle Erfahrung +hinausgehenden Gebrauch zu machen, schloß er die Nichtigkeit aller +Anmaßungen der Vernunft überhaupt über das Empirische hinauszugehen. + +Man kann ein Verfahren dieser Art, die Fakta der Vernunft der Prüfung +und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, die Zensur der Vernunft +nennen. Es ist außer Zweifel, daß diese Zensur unausbleiblich auf +Zweifel gegen allen transzendenten Gebrauch der Grundsätze führe. +Allein dies ist nur der zweite Schritt, der noch lange nicht das Werk +vollendet. Der erste Schritt in Sachen der reinen Vernunft, der das +Kindesalter derselben auszeichnet ist dogmatisch. Der obengenannte +zweite Schritt ist skeptisch, und zeugt von Vorsichtigkeit der durch +Erfahrung gewitzigten Urteilskraft. Nun ist aber noch ein dritter +Schritt nötig, der nur der gereiften und männlichen Urteilskraft +zukommt, welche feste und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen +zum Grunde hat; nämlich, nicht die Fakta der Vernunft, sondern die +Vernunft selbst, nach ihrem ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen +Erkenntnissen a priori, der Schätzung zu unterwerfen; welches nicht +die Zensur, sondern Kritik der Vernunft ist, wodurch nicht bloß +Schranken, sondern die bestimmten Grenzen derselben, nicht bloß +Unwissenheit an einem oder anderen Teil, sondern in Ansehung aller +möglichen Fragen von einer gewissen Art, und zwar nicht etwa +nur vermutet, sondern aus Prinzipien bewiesen wird. So ist der +Skeptizismus ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft, da sie sich +über ihre dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der +Gegend machen kann, wo sie sich befindet, um ihren Weg fernerhin mit +mehrerer Sicherheit wählen zu können, aber nicht ein Wohnplatz zum +beständigen Aufenthalte; denn dieser kann nur in einer völligen +Gewißheit angetroffen werden, es sei nun der Erkenntnis der +Gegenstände selbst, oder der Grenzen, innerhalb denen alle unsere +Erkenntnis von Gegenständen eingeschlossen ist. + +Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete +Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt erkennt, sondern muß +vielmehr mit einer Sphäre verglichen werden, deren Halbmesser sich aus +der Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der Natur synthetischer +Sätze a priori) finden, daraus aber auch der Inhalt und die Begrenzung +derselben mit Sicherheit angeben läßt. Außer dieser Sphäre (Feld +der Erfahrung) ist nichts für ihr Objekt, ja selbst Fragen über +dergleichen vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjektive +Prinzipien einer durchgängigen Bestimmung der Verhältnisse, welche +unter den Verstandesbegriffen innerhalb dieser Sphäre vorkommen +können. + +Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntnis a priori, wie +dieses die Verstandesgrundsätze, welche die Erfahrung antizipieren, +dartun. Kann jemand nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht +begreiflich machen, so mag er zwar anfangs zweifeln, ob sie uns auch +wirklich a priori beiwohnen; er kann dieses aber noch nicht für eine +Unmöglichkeit derselben, durch bloße Kräfte des Verstandes, und alle +Schritte, die die Vernunft nach der Richtschnur derselben tut, für +nichtig ausgeben. Er kann nur sagen: wenn wir ihren Ursprung und +Echtheit einsähen, so würden wir den Umfang und die Grenzen unserer +Vernunft bestimmen können; ehe aber dieses geschehen ist, sind alle +Behauptungen der letzten blindlings gewagt. Und auf solche Weise wäre +ein durchgängiger Zweifel an aller dogmatischen Philosophie, die ohne +Kritik der Vernunft selbst ihren Gang geht, ganz wohl gegründet; +allein darum könnte doch der Vernunft nicht ein solcher Fortgang, wenn +er durch bessere Grundlegung vorbereitet und gesichert würde, gänzlich +abgesprochen werden. Denn, einmal liegen alle Begriffe, ja alle +Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, nicht etwa in der +Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft, und müssen +daher können aufgelöst und ihrer Gültigkeit oder Nichtigkeit nach +begriffen werden. Wir sind auch nicht berechtigt, diese Aufgaben, als +läge ihre Auflösung wirklich in der Natur der Dinge, doch unter dem +Vorwande unseres Unvermögens abzuweisen, und uns ihrer weiteren +Nachforschung zu weigern, da die Vernunft in ihrem Schoße allein diese +Ideen selbst erzeugt hat, von deren Gültigkeit oder dialektischem +Scheine sie also Rechenschaft zu geben gehalten ist. + +Alles skeptische Polemisieren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker +gekehrt, der, ohne ein Mißtrauen auf seine ursprünglichen objektiven +Prinzipien zu setzen, d.i. ohne Kritik, gravitätisch seinen Gang +fortsetzt, bloß um ihm das Konzept zu verrücken und ihn zur +Selbsterkenntnis zu bringen. An sich macht sie in Ansehung dessen, +was wir wissen und was wir dagegen nicht wissen können, ganz und gar +nichts aus. Alle fehlgeschlagenen dogmatischen Versuche der Vernunft +sind Fakta, die der Zensur zu unterwerfen immer nützlich ist. Dieses +aber kann nichts über die Erwartungen der Vernunft entscheiden, einen +besseren Erfolg ihrer künftigen Bemühungen zu hoffen und darauf +Ansprüche zu machen; die bloße Zensur kann also die Streitigkeit über +die Rechtsame der menschlichen Vernunft niemals zu Ende bringen. + +Da Hume vielleicht der geistreichste unter allen Skeptikern, und +ohne Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist, +den das skeptische Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen +Vernunftprüfung haben kann, so verlohnt es sich wohl der Mühe, den +Gang seiner Schlüsse und die Verirrungen eines so einsehenden und +schätzbaren Mannes, die doch auf der Spur der Wahrheit angefangen +haben, so weit es zu meiner Absicht schicklich ist, vorstellig zu +machen. + +Hume hatte es vielleicht in Gedanken, wiewohl er es niemals völlig +entwickelte, daß wir in Urteilen von gewisser Art, über unseren +Begriff vom Gegenstande hinausgehen. Ich habe diese Art von Urteilen +synthetisch genannt. Wie ich aus meinem Begriffe, den ich bis dahin +habe, vermittelst der Erfahrung hinausgehen könne, ist keiner +Bedenklichkeit unterworfen. Erfahrung ist selbst eine solche Synthesis +der Wahrnehmungen, welche meinen Begriff, den ich vermittelst einer +Wahrnehmung habe, durch andere hinzukommende vermehrt. Allein wir +glauben auch a priori aus unserem Begriffe hinausgehen und unsere +Erkenntnis erweitern zu können. Dieses versuchen wir entweder durch +den reinen Verstand, in Ansehung desjenigen, was wenigstens ein Objekt +der Erfahrung sein kann, oder sogar durch reine Vernunft, in Ansehung +solcher Eigenschaften der Dinge, oder auch wohl des Daseins solcher +Gegenstände, die in der Erfahrung niemals vorkommen können. Unser +Skeptiker unterschied diese beiden Arten der Urteile nicht, wie er +es doch hätte tun sollen, und hielt geradezu diese Vermehrung der +Begriffe aus sich selbst, und, sozusagen, die Selbstgebärung unseres +Verstandes (samt der Vernunft), ohne durch Erfahrung geschwängert zu +sein, für unmöglich, mithin alle vermeintlichen Prinzipien derselben +a priori für eingebildet, und fand, daß sie nichts als eine aus +Erfahrung und deren Gesetzen entspringende Gewohnheit, mithin bloß +empirische d.i. an sich zufällige Regeln sind, denen wir eine +vermeinte Notwendigkeit und Allgemeinheit beimessen. Er bezog sich +aber zu Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein +anerkannten Grundsatz von dem Verhältnis der Ursache zur Wirkung. Denn +da uns kein Verstandesvermögen von dem Begriffe eines Dinges zu dem +Dasein von etwas anderem, was dadurch allgemein und notwendig gegeben +sei, führen kann: so glaubte er daraus folgern zu können, daß wir ohne +Erfahrung nichts haben, was unseren Begriff vermehren und uns zu einem +solchen a priori sich selbst erweiternden Urteile berechtigen könnte. +Daß das Sonnenlicht, welches das Wachs beleuchtet, es zugleich +schmelze, indessen es den Ton härtet, könne kein Verstand aus +Begriffen, die wir vorher von diesen Dingen hatten, erraten, viel +weniger gesetzmäßig schließen, und nur Erfahrung könne uns ein solches +Gesetz lehren. Dagegen haben wir in der transzendentalen Logik +gesehen: daß, ob wir zwar niemals unmittelbar über den Inhalt des +Begriffs, der uns gegeben ist, hinausgehen können, wir doch völlig a +priori, aber in Beziehung auf ein drittes, nämlich mögliche Erfahrung, +also doch a priori, das Gesetz der Verknüpfung mit anderen Dingen +erkennen können. Wenn also vorher fest gewesenes Wachs schmilzt, so +kann ich a priori erkennen, daß etwas vorausgegangen sein müsse, (z.B. +Sonnenwärme,) worauf dieses nach einem beständigen Gesetze gefolgt +ist, ob ich zwar, ohne Erfahrung, aus der Wirkung weder die Ursache +noch aus der Ursache, die Wirkung, a priori und ohne Belehrung der +Erfahrung bestimmt erkennen könnte. Er schloß also fälschlich aus der +Zufälligkeit unserer Bestimmung nach dem Gesetze, auf die Zufälligkeit +des Gesetzes selbst, und das Herausgehen aus dem Begriffe eines Dinges +auf mögliche Erfahrung (welches a priori geschieht und die objektive +Realität desselben ausmacht,) verwechselte er mit der Synthesis der +Gegenstände wirklicher Erfahrung, welche freilich jederzeit empirisch +ist; dadurch machte er aber aus einem Prinzip der Affinität, welches +im Verstande seinen Sitz hat, und notwendige Verknüpfung aussagt, eine +Regel der Assoziation, die bloß in der nachbildenden Einbildungskraft +angetroffen wird, und nur zufällige, gar nicht objektive Verbindungen +darstellen kann. + +Die skeptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen +Mannes entsprangen vornehmlich aus einem Mangel, den er doch mit +allen Dogmatikern gemein hatte nämlich, daß er nicht alle Arten der +Synthesis des Verstandes a priori systematisch übersah. Denn da würde +er, ohne der übrigen hier Erwähnung zu tun, z.B. den Grundsatz der +Beharrlichkeit als einen solchen gefunden haben, der ebensowohl, als +der der Kausalität, die Erfahrung antizipiert. Dadurch würde er auch +dem a priori sich erweiternden Verstande und der reinen Vernunft +bestimmte Grenzen haben vorzeichnen können. Da er aber unseren +Verstand nur einschränkt, ohne ihn zu begrenzen, und, zwar ein +allgemeines Mißtrauen, aber keine bestimmte Kenntnis der uns +unvermeidlichen Unwissenheit zustande bringt, da er einige Grundsätze +des Verstandes unter Zensur bringt, ohne diesen Verstand in Ansehung +seines ganzen Vermögens auf die Probierwage der Kritik zu bringen, +und, indem er ihm dasjenige abspricht, was er wirklich nicht leisten +kann, weiter geht, und ihm alles Vermögen, sich a priori zu erweitern, +bestreitet, unerachtet er dieses ganze Vermögen nicht zur Schätzung +gezogen; so widerfährt ihm das, was jederzeit den Skeptizismus +niederschlägt, nämlich, daß er selbst bezweifelt wird, indem seine +Einwürfe nur auf Faktis, welche zufällig sind, nicht aber auf +Prinzipien beruhen, die eine notwendige Entsagung auf das Recht +dogmatischer Behauptungen bewirken könnten. + +Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes und den +dialektischen Anmaßungen der Vernunft, wider welche doch hauptsächlich +seine Angriffe gerichtet sind, keinen Unterschied kennt: so fühlt die +Vernunft, deren ganz eigentümlicher Schwung hierbei nicht im mindesten +gestört, sondern nur gehindert worden, den Raum zu ihrer Ausbreitung +nicht verschlossen, und kann von ihren Versuchen, unerachtet sie hier +oder da gezwackt wird, niemals gänzlich abgebracht werden. Denn wider +Angriffe rüstet man sich zur Gegenwehr, und setzt noch um desto +steifer seinen Kopf darauf, um seine Forderungen durchzusetzen. Ein +völliger Überschlag aber seines ganzen Vermögens und die daraus +entspringende Überzeugung der Gewißheit eines kleinen Besitzes, bei +der Eitelkeit höherer Ansprüche, hebt allen Streit auf, und bewegt, +sich an einem eingeschränkten, aber unstrittigen Eigentume friedfertig +zu begnügen. + +Wider den unkritischen Dogmatiker, der die Sphäre seines Verstandes +nicht gemessen, mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntnis nicht +nach Prinzipien bestimmt hat, der also nicht schon zum voraus weiß, +wie viel er kann, sondern es durch bloße Versuche ausfindig zu machen +denkt, sind diese skeptischen Angriffe nicht allein gefährlich, +sondern ihm sogar verderblich. Denn, wenn er auf einer einzigen +Behauptung betroffen wird, die er nicht rechtfertigen, deren Schein er +aber auch nicht aus Prinzipien entwickeln kann, so fällt der Verdacht +auf alle, so überredend sie auch sonst immer sein mögen. + +Und so ist der Skeptiker der Zuchtmeister des dogmatischen +Vernünftlers auf eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft +selbst. Wenn er dahin gelangt ist, so hat er weiter keine Anfechtung +zu fürchten; denn er unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem, was +gänzlich außerhalb demselben liegt, worauf er keine Ansprüche macht +und darüber auch nicht in Streitigkeiten verwickelt werden kann. +So ist das skeptische Verfahren zwar an sich selbst für die +Vernunftfragen nicht befriedigend, aber doch vorübend, um ihre +Vorsichtigkeit zu erwecken und auf gründliche Mittel zu weisen, die +sie in ihren rechtmäßigen Besitzen sichern können. + + + +Des ersten Hauptstücks +Dritter Abschnitt +Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen + +Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich so viel wissen, +daß wir in ihrem reinen und spekulativen Gebrauche in der Tat gar +nichts wissen können; sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu +Hypothesen eröffnen, da es wenigstens vergönnt ist, zu dichten und zu +meinen, wenngleich nicht zu behaupten? + +Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen, sondern, unter der strengen +Aufsicht der Vernunft, dichten soll, so muß immer vorher etwas völlig +gewiß und nicht erdichtet, oder bloße Meinung sein, und das ist die +Möglichkeit des Gegenstandes selbst. Alsdann ist es wohl erlaubt, +wegen der Wirklichkeit desselben, zur Meinung seine Zuflucht zu +nehmen, die aber, um nicht grundlos zu sein, mit dem, was wirklich +gegeben und folglich gewiß ist, als Erklärungsgrund in Verknüpfung +gebracht werden muß, und alsdann Hypothese heißt. + +Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung a +priori nicht den mindesten Begriff machen können, und die Kategorie +des reinen Verstandes nicht dazu dient, dergleichen zu erdenken, +sondern nur, wo sie in der Erfahrung angetroffen wird, zu verstehen: +so können wir nicht einen einzigen Gegenstand, nach einer neuen und +empirisch nicht anzugebenden Beschaffenheit, diesen Kategorien gemäß, +ursprünglich aussinnen und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde +legen; denn dieses hieße, der Vernunft leere Hirngespinste, statt +der Begriffe von Sachen, unterzulegen. So ist es nicht erlaubt, sich +irgend neue ursprüngliche Kräfte zu erdenken, z.B. einen Verstand, der +vermögend sei, seinen Gegenstand ohne Sinne anzuschauen, oder eine +Anziehungskraft ohne alle Berührung, oder eine neue Art Substanzen, +z.B. die ohne Undurchdringlichkeit im Raume gegenwärtig wäre, folglich +auch keine Gemeinschaft der Substanzen, die von aller derjenigen +unterschieden ist, welche Erfahrung an die Hand gibt: keine Gegenwart +anders, als im Raume; keine Dauer, als bloß in der Zeit. Mit einem +Worte: es ist unserer Vernunft nur möglich, die Bedingungen möglicher +Erfahrung als Bedingungen der Möglichkeit der Sachen zu brauchen; +keineswegs aber, ganz unabhängig von diesen, sich selbst welche +gleichsam zu schaffen, weil dergleichen Begriffe, obzwar ohne +Widerspruch, dennoch auch ohne Gegenstand sein würden. + +Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen, und haben freilich +keinen Gegenstand in irgendeiner Erfahrung, aber bezeichnen darum +doch nicht gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene +Gegenstände. Sie sind bloß problematisch gedacht, um, in Beziehung +auf sie (als heuristische Fiktionen), regulative Prinzipien des +systematischen Verstandesgebrauchs im Felde der Erfahrung zu gründen. +Geht man davon ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit +nicht erweislich ist, und die daher auch nicht der Erklärung +wirklicher Erscheinungen durch eine Hypothese zum Grunde gelegt werden +können. Die Seele sich als einfach denken, ist ganz wohl erlaubt, +um, nach dieser Idee, eine vollständige und notwendige Einheit aller +Gemütskräfte, ob man sie gleich nicht in concreto einsehen kann, zum +Prinzip unserer Beurteilung ihrer inneren Erscheinungen zu legen. +Aber die Seele als einfache Substanz anzunehmen (ein transzendenter +Begriff), wäre ein Satz, der nicht allein unerweislich, (wie es +mehrere physische Hypothesen sind,) sondern auch ganz willkürlich und +blindlings gewagt sein würde, weil das Einfache in ganz und gar keiner +Erfahrung vorkommen kann, und, wenn man unter Substanz hier das +beharrliche Objekt der sinnlichen Anschauung versteht, die Möglichkeit +einer einfachen Erscheinung gar nicht einzusehen ist. Bloß +intelligible Wesen, oder bloß intelligible Eigenschaften der Dinge der +Sinnenwelt, lassen sich mit keiner gegründeten Befugnis der Vernunft +als Meinung annehmen, obzwar (weil man von ihrer Möglichkeit oder +Unmöglichkeit keine Begriffe hat) auch durch keine vermeinte bessere +Einsicht dogmatisch ableugnen. + +Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine anderen Dinge +und Erklärungsgründe, als die, so nach schon bekannten Gesetzen +der Erscheinungen mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden, +angeführt werden. Eine transzendentale Hypothese, bei der eine bloße +Idee der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde +daher gar keine Erklärung sein, indem das, was man aus bekannten +empirischen Prinzipien nicht hinreichend versteht, durch etwas erklärt +werden würde, davon man gar nichts versteht. Auch würde das Prinzip +einer solchen Hypothese eigentlich nur zur Befriedigung der Vernunft +und nicht zur Beförderung des Verstandesgebrauchs in Ansehung der +Gegenstände dienen. Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muß +wiederum aus Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und +hier sind selbst die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind, +erträglicher, als eine hyperphysische, d.i. die Berufung auf einen +göttlichen Urheber, den man zu diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre +ein Prinzip der faulen Vernunft (ignava ratio), alle Ursachen, deren +objektive Realität, wenigstens der Möglichkeit nach, man noch durch +fortgesetzte Erfahrung kann kennenlernen, auf einmal vorbeizugehen, +um in einer bloßen Idee, die der Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen. +Was aber die absolute Totalität des Erklärungsgrundes in der Reihe +derselben betrifft, so kann das kein Hindernis in Ansehung der +Weltobjekte machen, weil, da diese nichts als Erscheinungen sind, +an ihnen niemals etwas Vollendetes in der Synthesis der Reihen von +Bedingungen gehofft werden kann. + +Transzendentale Hypothesen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft, +und eine Freiheit, zu Ersetzung des Mangels an physischen +Erklärungsgründen, sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann +gar nicht gestattet werden, teils weil die Vernunft dadurch gar nicht +weiter gebracht wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres +Gebrauchs abschneidet, teils weil diese Lizenz sie zuletzt um alle +Früchte der Bearbeitung ihres eigentümlichen Bodens, nämlich der +Erfahrung, bringen müßte. Denn, wenn uns die Naturerklärung hier +oder da schwer wird, so haben wir beständig einen transzendenten +Erklärungsgrund bei der Hand, der uns jener Untersuchung überhebt, +und unsere Nachforschung schließt nicht durch Einsicht, sondern durch +gänzliche Unbegreiflichkeit eines Prinzips, welches so schon zum +voraus ausgedacht war, daß es den Begriff des absolut Ersten enthalten +mußte. + +Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer +Hypothese ist die Zulänglichkeit derselben, um daraus a priori die +Folgen, welche gegeben sind, zu bestimmen. Wenn man zu diesem Zwecke +hilfleistende Hypothesen herbeizurufen genötigt ist, so geben sie den +Verdacht einer bloßen Erdichtung, weil jede derselben an sich dieselbe +Rechtfertigung bedarf, welche der zum Grunde gelegte Gedanke nötig +hatte, und daher keinen tüchtigen Zeugen abgeben kann. Wenn, unter +Voraussetzung einer unbeschränkt vollkommenen Ursache, zwar an +Erklärungsgründen aller Zweckmäßigkeit, Ordnung und Größe, die sich +in der Welt finden, kein Mangel ist, so bedarf jene doch, bei den, +wenigstens nach unseren Begriffen, sich zeigenden Abweichungen und +Übeln, noch neuer Hypothesen, um gegen diese, als Einwürfe, gerettet +zu werden. Wenn die einfache Selbständigkeit der menschlichen +Seele, die zum Grunde ihrer Erscheinungen gelegt worden, durch die +Schwierigkeiten ihrer, den Abänderungen einer Materie (dem Wachstum +und Abnahme) ähnlichen Phänomene angefochten wird, so müssen neue +Hypothesen zu Hilfe gerufen werden, die zwar nicht ohne Schein, aber +doch ohne alle Beglaubigung sind, außer derjenigen, welche ihnen die +zum Hauptgrunde angenommene Meinung gibt, der sie gleichwohl das Wort +reden sollen. + +Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen +(unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens) +nicht als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmate gelten +sollen, so ist alsdann von ihnen gar nicht die Rede. In solchem Falle +aber sehe man sich ja vor, daß der Beweis die apodiktische Gewißheit +einer Demonstration habe. Denn die Wirklichkeit solcher Ideen bloß +wahrscheinlich machen zu wollen, ist ein ungereimter Vorsatz, ebenso, +als wenn man einen Satz der Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen +gedächte. Die von aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles +nur a priori und als notwendig oder gar nicht erkennen; daher ist ihr +Urteil niemals Meinung, sondern entweder Enthaltung von allem Urteile, +oder apodiktische Gewißheit. Meinungen und wahrscheinliche Urteile +von dem, was Dingen zukommt, können nur als Erklärungsgründe dessen, +was wirklich gegeben ist, oder Folgen nach empirischen Gesetzen von +dem, was als wirklich zum Grunde liegt, mithin nur in der Reihe der +Gegenstände der Erfahrung vorkommen. Außer diesem Felde ist meinen so +viel, als mit Gedanken spielen, es müßte denn sein, daß man von einem +unsicheren Wege des Urteils bloß die Meinung hätte, vielleicht auf ihm +die Wahrheit zu finden. + +Ob aber gleich bei bloß spekulativen Fragen der reinen Vernunft keine +Hypothesen stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie +dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu verteidigen, d.i. +zwar nicht im dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche. Ich +verstehe aber unter Verteidigung nicht die Vermehrung der Beweisgründe +seiner Behauptung, sondern die bloße Vereitlung der Scheineinsichten +des Gegners, welche unserem behaupteten Satze Abbruch tun sollen. +Nun haben aber alle synthetischen Sätze aus reiner Vernunft das +Eigentümliche an sich: daß, wenn der, welcher die Realität gewisser +Ideen behauptet, gleich niemals so viel weiß, um diesen seinen Satz +gewiß zu machen, auf der anderen Seite der Gegner ebensowenig wissen +kann, um das Widerspiel zu behaupten. Diese Gleichheit des Loses +der menschlichen Vernunft, begünstigt nun zwar im spekulativen +Erkenntnisse keinen von beiden, und da ist auch der rechte Kampfplatz +nimmer beizulegender Fehden. Es wird sich aber in der Folge zeigen, +daß doch, in Ansehung des praktischen Gebrauchs, die Vernunft ein +Recht habe, etwas anzunehmen, was sie auf keine Weise im Felde der +bloßen Spekulation, ohne hinreichende Beweisgründe, vorauszusetzen +befugt wäre; weil alle solche Voraussetzungen der Vollkommenheit +der Spekulation Abbruch tun, um welche sich aber das praktische +Interesse gar nicht bekümmert. Dort ist sie also im Besitze, dessen +Rechtmäßigkeit sie nicht beweisen darf, und wovon sie in der Tat den +Beweis auch nicht führen könnte. Der Gegner soll also beweisen. Da +dieser aber ebensowenig etwas von dem bezweifelten Gegenstande weiß, +um dessen Nichtsein darzutun, als der erstere, der dessen Wirklichkeit +behauptet: so zeigt sich hier ein Vorteil auf der Seite desjenigen, +der etwas als praktisch notwendige Voraussetzung behauptet (melior est +conditio possidentis). Es steht ihm nämlich frei, sich gleichsam aus +Notwehr eben derselben Mittel für seine gute Sache, als der Gegner +wider dieselbe, d.i. der Hypothesen zu bedienen, die gar nicht dazu +dienen sollen, um den Beweis derselben zu verstärken, sondern nur zu +zeigen, daß der Gegner viel zu wenig von dem Gegenstande des Streites +verstehe, als daß er sich eines Vorteils der spekulativen Einsicht in +Ansehung unserer schmeicheln könne. + +Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen +erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, sondern nur es zu +verteidigen. Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst +suchen. Denn spekulative Vernunft in ihrem transzendentalen Gebrauche +ist an sich dialektisch. Die Einwürfe, die zu fürchten sein möchten, +liegen in uns selbst. Wir müssen sie, gleich alten, aber niemals +verjährenden Ansprüchen, hervorsuchen, um einen ewigen Frieden auf +deren Vernichtigung zu gründen. Äußere Ruhe ist nur scheinbar. Der +Keim der Anfechtungen, der in der Natur der Menschenvernunft liegt, +muß ausgerottet werden; wie können wir ihn aber ausrotten, wenn wir +ihm nicht Freiheit, ja selbst Nahrung geben, Kraut auszuschießen, um +sich dadurch zu entdecken, und es nachher mit der Wurzel zu vertilgen? +Sinnet demnach selbst auf Einwürfe, auf die noch kein Gegner gefallen +ist, und leihet ihm sogar Waffen, oder räumet ihm den günstigsten +Platz ein, den er sich nur wünschen kann. Es ist hierbei gar nichts +zu fürchten, wohl aber zu hoffen, nämlich, daß ihr euch einen in alle +Zukunft niemals mehr anzufechtenden Besitz verschaffen werdet. + +Zu euerer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen der +reinen Vernunft, welche, obzwar nur bleierne Waffen (weil sie durch +kein Erfahrungsgesetz gestählt sind), dennoch immer so viel vermögen, +als die, deren sich irgendein Gegner wider euch bedienen mag. Wenn +euch also, wider die (in irgendeiner anderen nicht spekulativen +Rücksicht) angenommene immaterielle und keiner körperlichen Umwandlung +unterworfene Natur der Seele, die Schwierigkeit aufstößt, daß +gleichwohl die Erfahrung sowohl die Erhebung, als Zerrüttung unserer +Geisteskräfte bloß als verschiedene Modifikation unserer Organen zu +beweisen scheine; so könnt ihr die Kraft dieses Beweises dadurch +schwächen, daß ihr annehmt, unser Körper sei nichts, als die +Fundamentalerscheinung, worauf, als Bedingung, sich in dem jetzigen +Zustande (im Leben) das ganze Vermögen der Sinnlichkeit und hiermit +alles Denken bezieht. Die Trennung vom Körper sei das Ende dieses +sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntniskraft und der Anfang des +intellektuellen. Der Körper wäre also nicht die Ursache des Denkens, +sondern eine bloß restringierende Bedingung desselben, mithin zwar +als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto mehr auch +als Hindernis des reinen und spirituellen Lebens anzusehen, und die +Abhängigkeit des ersteren von der körperlichen Beschaffenheit bewiese +nichts für die Abhängigkeit des ganzen Lebens von dem Zustande unserer +Organen. Ihr könnt aber noch weiter gehen, und wohl gar neue, entweder +nicht aufgeworfene, oder nicht weit genug getriebene Zweifel ausfindig +machen. + +Die Zufälligkeit der Zeugungen, die bei Menschen, sowie beim +vernunftslosen Geschöpfe, von der Gelegenheit, überdem aber auch oft +vom Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Einfällen, oft +sogar vom Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeit wider +die Meinung der auf Ewigkeiten sich erstreckenden Fortdauer eines +Geschöpfs, dessen Leben unter so unerheblichen und unserer Freiheit +so ganz und gar überlassenen Umständen zuerst angefangen hat. Was die +Fortdauer der ganzen Gattung (hier auf Erden) betrifft, so hat diese +Schwierigkeit in Ansehung derselben wenig auf sich, weil der Zufall im +Einzelnen nichtsdestoweniger einer Regel im Ganzen unterworfen ist; +aber in Ansehung eines jeden Individuum eine so mächtige Wirkung von +so geringfügigen Ursachen zu erwarten, scheint allerdings bedenklich. +Hiewider könnt ihr aber eine transzendentale Hypothese aufbieten: daß +alles Leben eigentlich nur intelligibel sei, den Zeitveränderungen +gar nicht unterworfen, und weder durch Geburt angefangen habe, noch +durch den Tod geendigt werde. Daß dieses Leben nichts als eine bloße +Erscheinung, d.i. eine sinnliche Vorstellung von dem reinen geistigen +Leben, und die ganze Sinnenwelt ein bloßes Bild sei, welches unserer +jetzigen Erkenntnisart vorschwebt, und, wie ein Traum, an sich keine +objektive Realität habe: dass, wenn wir die Sachen und uns selbst +anschauen sollen, wie sie sind, wir uns in einer Welt geistiger +Naturen sehen würden, mit welcher unsere einzig wahre Gemeinschaft +weder durch Geburt angefangen habe, noch durch den Leibestod (als +bloße Erscheinungen) aufhören werde, usw. + +Ob wir nun gleich von allem diesem, was wir hier wider den Angriff +hypothetisch vorschützen, nicht das Mindeste wissen, noch im Ernste +behaupten, sondern alles nicht einmal Vernunftidee, sondern bloß zur +Gegenwehr ausgedachter Begriff ist, so verfahren wir doch hierbei +ganz vernunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alle Möglichkeit +erschöpft zu haben meint, indem er den Mangel ihrer empirischen +Bedingungen für einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des von uns +Geglaubten fälschlich ausgibt, nur zeigen: daß er ebensowenig durch +bloße Erfahrungsgesetze das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst +umspannen, als wir außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend +etwas auf gegründete Art erwerben können. Der solche hypothetische +Gegenmittel wider die Anmaßungen des dreist verneinenden Gegners +verkehrt, muß nicht dafür gehalten werden, als wolle er sie sich +als seine wahren Meinungen eigen machen. Er verläßt sie, sobald er +den dogmatischen Eigendünkel des Gegners abgefertigt hat. Denn so +bescheiden und gemäßigt es auch anzusehen ist, wenn jemand sich in +Ansehung fremder Behauptungen bloß weigernd und verneinend verhält, +so ist doch jederzeit, sobald er diese seine Einwürfe als Beweise des +Gegenteils geltend machen will, der Anspruch nicht weniger stolz und +eingebildet, als ob er die bejahende Partei und deren Behauptung +ergriffen hätte. + +Man sieht also hieraus, daß im spekulativen Gebrauche der Vernunft +Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur +relativ auf entgegengesetzte transzendente Anmaßungen haben. Denn die +Ausdehnung der Prinzipien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit der +Dinge überhaupt ist ebensowohl transzendent, als die Behauptung der +objektiven Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände nirgends +als außerhalb der Grenze aller möglichen Erfahrung finden können. Was +reine Vernunft assertorisch urteilt, muß (wie alles, was Vernunft +erkennt,) notwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie +in der Tat gar keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind +nur problematische Urteile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich +freilich durch nichts bewiesen werden können, und sind also keine +Privatmeinungen, können aber doch nicht füglich (selbst zur inneren +Beruhigung) gegen sich regende Skrupel entbehrt werden. In dieser +Qualität aber muß man sie erhalten, und ja sorgfältig verhüten, daß +sie nicht als an sich selbst beglaubigt, und von einiger absoluten +Gültigkeit, auftreten, und die Vernunft unter Erdichtungen und +Blendwerken ersäufen. + + + +Des ersten Hauptstücks +Vierter Abschnitt +Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise + +Die Beweise transzendentaler und synthetischer Sätze haben das +Eigentümliche, unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntnis a +priori, an sich, daß die Vernunft bei jenen vermittelst ihrer Begriffe +sich nicht geradezu an den Gegenstand wenden darf, sondern zuvor die +objektive Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der Synthesis +derselben a priori dartun muß. Dieses ist nicht etwa bloß eine nötige +Regel der Behutsamkeit, sondern betrifft das Wesen und die Möglichkeit +der Beweise selbst. Wenn ich über den Begriff von einem Gegenstande +a priori hinausgehen soll, so ist dieses, ohne einen besonderen und +außerhalb diesem Begriffe befindlichen Leitfaden, unmöglich. In der +Mathematik ist es die Anschauung a priori, die meine Synthesis leitet, +und da können alle Schlüsse unmittelbar von der reinen Anschauung +geführt werden. Im transzendentalen Erkenntnis, so lange es bloß +mit Begriffen des Verstandes zu tun hat, ist diese Richtschnur die +mögliche Erfahrung. Der Beweis zeigt nämlich nicht, daß der gegebene +Begriff (z.B. von dem, was geschieht,) geradezu auf einen anderen +Begriff (den einer Ursache) führe; denn dergleichen Übergang wäre ein +Sprung, der sich gar nicht verantworten ließe; sondern er zeigt, daß +die Erfahrung selbst, mithin das Objekt der Erfahrung, ohne eine +solche Verknüpfung unmöglich wäre. Also mußte der Beweis zugleich +die Möglichkeit anzeigen, synthetisch und a priori zu einer gewissen +Erkenntnis von Dingen zu gelangen, die in dem Begriffe von ihnen +nicht enthalten war. Ohne diese Aufmerksamkeit laufen die Beweise wie +Wasser, welche ihre Ufer durchbrechen, wild und querfeldein, dahin, wo +der Hang der verborgenen Assoziation sie zufälligerweise herleitet. +Der Schein der Überzeugung, welcher auf subjektiven Ursachen der +Assoziation beruht, und für die Einsicht einer natürlichen Affinität +gehalten wird, kann der Bedenklichkeit gar nicht die Wage halten, die +sich billigermaßen über dergleichen gewagte Schritte einfinden muß. +Daher sind auch alle Versuche, den Satz des zureichenden Grundes zu +beweisen, nach dem allgemeinen Geständnisse der Kenner, vergeblich +gewesen, und ehe die transzendentale Kritik auftrat, hat man lieber, +da man diesen Grundsatz doch nicht verlassen konnte, sich trotzig auf +den gesunden Menschenverstand berufen, (eine Zuflucht, die jederzeit +beweist, daß die Sache der Vernunft verzweifelt ist,) als neue +dogmatische Beweise versuchen wollen. + +Ist aber der Satz, über den ein Beweis geführt werden soll, eine +Behauptung der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer +Ideen über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müßte derselbe +noch vielmehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der +Synthesis (wenn er anders möglich wäre) als eine notwendige Bedingung +seiner Beweiskraft in sich enthalten. So scheinbar daher auch der +vermeintliche Beweis der einfachen Natur unserer denkenden Substanz +aus der Einheit der Apperzeption sein mag, so steht ihm doch die +Bedenklichkeit unabweislich entgegen: daß, da die absolute Einfachheit +doch kein Begriff ist, der unmittelbar auf eine Wahrnehmung bezogen +werden kann, sondern als Idee bloß geschlossen werden muß, gar nicht +einzusehen ist, wie mich das bloße Bewußtsein, welches in allem Denken +enthalten ist, oder wenigstens sein kann, ob es zwar sofern eine +einfache Vorstellung ist, zu dem Bewußtsein und der Kenntnis eines +Dinges überführen solle, in welchem das Denken allein enthalten +sein kann. Denn, wenn ich mir die Kraft meines Körpers in Bewegung +vorstelle, so ist er sofern für mich absolute Einheit, und meine +Vorstellung von ihm ist einfach; daher kann ich diese auch durch die +Bewegung eines Punkts ausdrücken, weil sein Volumen hierbei nichts +tut, und, ohne Verminderung der Kraft, so klein, wie man will, und +also auch als in einem Punkt befindlich gedacht werden kann. Hieraus +werde ich aber doch nicht schließen: daß, wenn mir nichts, als die +bewegende Kraft eines Körpers, gegeben ist, der Körper als einfache +Substanz gedacht werden könne, darum, weil seine Vorstellung von aller +Größe des Raumesinhalts abstrahiert und also einfach ist. Hierdurch +nun, daß das Einfache in der Abstraktion vom Einfachen im Objekt ganz +unterschieden ist, und daß das Ich, welches im ersteren Verstande +gar keine Mannigfaltigkeit in sich faßt, im zweiten, da es die Seele +selbst bedeutet, ein sehr komplexen Begriff sein kann, nämlich sehr +vieles unter sich zu enthalten und zu bezeichnen, entdecke ich einen +Paralogismus. Allein, um diesen vorher zu ahnden, (denn ohne eine +solche vorläufige Vermutung würde man gar keinen Verdacht gegen den +Beweis fassen,) ist durchaus nötig, ein immerwährendes Kriterium der +Möglichkeit solcher synthetischen Sätze die mehr beweisen sollen, als +Erfahrung geben kann, bei Hand zu haben, welches darin besteht: daß +der Beweis nicht geradezu auf das verlangte Prädikat, sondern nur +vermittelst eines Prinzips der Möglichkeit, unseren gegebenen Begriff +a priori bis zu Ideen zu erweitern, und diese zu realisieren, geführt +werde. Wenn diese Behutsamkeit immer gebraucht wird, wenn man, ehe der +Beweis noch versucht wird, zuvor weislich bei sich zu Rate geht, wie +und mit welchem Grunde der Hoffnung man wohl eine solche Erweiterung +durch reine Vernunft erwarten könne, und woher man, in dergleichen +Falle, diese Einsichten, die nicht aus Begriffen entwickelt, und auch +nicht in Beziehung auf mögliche Erfahrung antizipiert werden können, +denn hernehmen wolle: so kann man sich viel schwere und dennoch +fruchtlose Bemühungen ersparen, indem man der Vernunft nichts zumutet, +was offenbar über ihr Vermögen geht, oder vielmehr sie, die, bei +Anwandlungen ihrer spekulativen Erweiterungssucht, sich nicht gerne +einschränken läßt, der Disziplin der Enthaltsamkeit unterwirft. + +Die erste Regel ist also diese: keine transzendentalen Beweise zu +versuchen, ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu +haben, woher man die Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie zu +errichten gedenkt, und mit welchem Rechte man von ihnen den guten +Erfolg der Schlüsse erwarten könne. Sind es Grundsätze des Verstandes +(z.B. der Kausalität), so ist es umsonst, vermittelst ihrer zu Ideen +der reinen Vernunft zu gelangen; denn jene gelten nur für Gegenstände +möglicher Erfahrung. Sollen es Grundsätze aus reiner Vernunft sein, +so ist wiederum alle Mühe umsonst. Denn die Vernunft hat deren zwar, +aber als objektive Grundsätze sind sie insgesamt dialektisch, und +können allenfalls nur wie regulative Prinzipien des systematisch +zusammenhängenden Erfahrungsgebrauchs gültig sein. Sind aber +dergleichen angebliche Beweise schon vorhanden: so setzet der +trüglichen Überzeugung das non liquet eurer gereiften Urteilskraft +entgegen, und, ob ihr gleich das Blendwerk derselben noch nicht +durchdringen könnt, so habt ihr doch völliges Recht, die Deduktion der +darin gebrauchten Grundsätze zu verlangen, welche, wenn sie aus bloßer +Vernunft entsprungen sein sollen, euch niemals geschafft werden kann. +Und so habt ihr nicht einmal nötig, euch mit der Entwicklung und +Widerlegung eines jeden grundlosen Scheins zu befassen, sondern könnt +alle an Kunstgriffen unerschöpfliche Dialektik am Gerichtshofe einer +kritischen Vernunft, welche Gesetze verlangt, in ganzen Haufen auf +einmal abweisen. + +Die zweite Eigentümlichkeit transzendentaler Beweise ist diese: daß zu +jedem transzendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden werden +könne. Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung, die +einem Begriffe korrespondiert, es sei nun eine reine Anschauung, wie +in der Mathematik, oder empirische, wie in der Naturwissenschaft, +schließen: so gibt mir die zum Grunde gelegte Anschauung +mannigfaltigen Stoff zu synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr als +eine Art verknüpfen, und, indem ich von mehr als einem Punkte ausgehen +darf, durch verschiedene Wege zu demselben Satze gelangen kann. + +Nun geht aber ein jeder transzendentaler Satz bloß von Einem Begriffe +aus, und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des +Gegenstandes nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein +einziger sein, weil außer diesem Begriffe nichts weiter ist, wodurch +der Gegenstand bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter, +als die Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe, +der auch nur ein einziger ist, enthalten kann. Wir hatten z.B. in der +transzendentalen Analytik den Grundsatz: alles, was geschieht, hat +eine Ursache, aus der einzigen Bedingung der objektiven Möglichkeit +eines Begriffs, von dem, was überhaupt geschieht, gezogen: daß die +Bestimmung einer Begebenheit in der Zeit, mithin diese (Begebenheit) +als zur Erfahrung gehörig, ohne unter einer solchen dynamischen Regel +zu stehen, unmöglich wäre. Dieses ist nun auch der einzig mögliche +Beweisgrund; denn dadurch nur, daß dem Begriffe vermittelst des +Gesetzes der Kausalität ein Gegenstand bestimmt wird, hat die +vorgestellte Begebenheit objektive Gültigkeit, d.i. Wahrheit. Man +hat zwar noch andere Beweise von diesem Grundsatze z.B. aus der +Zufälligkeit versucht; allein, wenn dieser beim Lichte betrachtet +wird, so kann man kein Kennzeichen der Zufälligkeit auffinden, als das +Geschehen, d.i. das Dasein, vor welchem ein Nichtsein des Gegenstandes +vorhergeht, und kommt also immer wiederum auf den nämlichen +Beweisgrund zurück. Wenn der Satz bewiesen werden soll: alles, was +denkt, ist einfach; so hält man sich nicht bei dem Mannigfaltigen des +Denkens auf, sondern beharrt bloß bei dem Begriffe des Ich, welcher +einfach ist und worauf alles Denken bezogen wird. Ebenso ist es mit +dem transzendentalen Beweise vom Dasein Gottes bewandt, welcher +lediglich auf der Reziprokabilität der Begriffe vom realsten und +notwendigen Wesen beruht, und nirgends anders gesucht werden kann. + +Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der +Vernunftbehauptungen sehr ins Kleine gebracht. Wo Vernunft ihr +Geschäft durch bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis +möglich, wenn überall nur irgendeiner möglich ist. Daher, wenn man +schon den Dogmatiker mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man +sicher glauben, daß er gar keinen habe. Denn, hätte er einen, der (wie +es in Sachen der reinen Vernunft sein muß) apodiktisch bewiese, wozu +bedürfte er der übrigen? Seine Absicht ist nur, wie die von jenem +Parlamentsadvokaten: das eine Argument ist für diesen, das andere für +jenen, nämlich, um sich die Schwäche seiner Richter zunutze zu machen, +die, ohne sich tief einzulassen, und, um von dem Geschäft bald +loszukommen, das Erstebeste, was ihnen eben auffällt, ergreifen und +darnach entscheiden. + +Die dritte eigentümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in +Ansehung transzendentaler Beweise einer Disziplin unterworfen wird, +ist: daß ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv +sein müssen. Der direkte oder ostensive Beweis ist in aller Art der +Erkenntnis derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit, +zugleich Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische +dagegen kann zwar Gewißheit, aber nicht Begrifflichkeit der Wahrheit +in Ansehung des Zusammenhanges mit den Gründen ihrer Möglichkeit +hervorbringen. Daher sind die letzteren mehr eine Nothilfe, als ein +Verfahren, welches allen Absichten der Vernunft ein Genüge tut. Doch +haben diese einen Vorzug der Evidenz vor den direkten Beweisen, darin: +daß der Widerspruch allemal mehr Klarheit in der Vorstellung bei sich +führt, als die beste Verknüpfung, und sich dadurch dem Anschaulichen +einer Demonstration mehr nähert. + +Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in +verschiedenen Wissenschaften ist wohl diese. Wenn die Gründe, von +denen eine gewisse Erkenntnis abgeleitet werden soll, zu mannigfaltig +oder zu tief verborgen liegen: so versucht man, ob sie nicht durch die +Folgen zu erreichen sei. Nun wäre der modus ponens, auf die Wahrheit +einer Erkenntnis aus der Wahrheit ihrer Folgen zu schließen, nur +alsdann erlaubt, wenn alle möglichen Folgen daraus wahr sind; denn +alsdann ist zu diesem nur ein einziger Grund möglich, der also auch +der wahre ist. Dieses Verfahren aber ist untunlich, weil es über +unsere Kräfte geht, alle möglichen Folgen von irgendeinem angenommenen +Satze einzusehen; doch bedient man sich dieser Art zu schließen, +obzwar freilich mit einer gewissen Nachsicht, wenn es darum zu tun +ist, um etwas bloß als Hypothese zu beweisen, indem man den Schluß +nach der Analogie einräumt: daß, wenn so viele Folgen, als man +nur immer versucht hat, mit einem angenommenen Grunde wohl +zusammenstimmen, alle übrigen möglichen auch darauf einstimmen +werden. Um deswillen kann durch diesen Weg niemals eine Hypothese +in demonstrierte Wahrheit verwandelt werden. Der modus tollens der +Vernunftschlüsse, die von den Folgen auf die Gründe schließen, beweist +nicht allein ganz strenge, sondern auch überaus leicht. Denn, wenn +auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden +kann, so ist dieser Satz falsch. Anstatt nun die ganze Reihe der +Gründe in einem ostensiven Beweise durchzulaufen, die auf die Wahrheit +einer Erkenntnis, vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre +Möglichkeit, führen kann, darf man nur unter den aus dem Gegenteil +derselben fließenden Folgen eine einzige falsch finden, so ist dieses +Gegenteil auch falsch, mithin die Erkenntnis, welche man zu beweisen +hatte, wahr. + +Die apagogische Beweisart kann aber nur in den Wissenschaften erlaubt +sein, wo es unmöglich ist, das Subjektive unserer Vorstellungen dem +Objektiven, nämlich der Erkenntnis desjenigen, was am Gegenstande ist, +unterzuschieben. Wo dieses letztere aber herrschend ist, da muß es +sich häufig zutragen, daß das Gegenteil eines gewissen Satzes entweder +bloß den subjektiven Bedingungen des Denkens widerspricht, aber nicht +dem Gegenstande, oder daß beide Sätze nur unter einer subjektiven +Bedingung, die, fälschlich für objektiv gehalten, einander +widersprechen, und da die Bedingung falsch ist, alle beide falsch sein +können, ohne daß von der Falschheit des einen auf die Wahrheit des +anderen geschlossen werden kann. + +In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich; daher haben sie +daselbst auch ihren eigentlichen Platz. In der Naturwissenschaft, weil +sich daselbst alles auf empirische Anschauungen gründet, kann jene +Erschleichung durch viel verglichene Beobachtungen zwar so mehrenteils +verhütet werden; aber diese Beweisart ist daselbst doch mehrenteils +unerheblich. Aber die transzendentalen Versuche der reinen Vernunft +werden insgesamt innerhalb dem eigentlichen Medium des dialektischen +Scheins angestellt, d.i. des Subjektiven, welches sich der Vernunft in +ihren Prämissen als objektiv anbietet, oder gar aufdrängt. Hier nun +kann es, was synthetische Sätze betrifft, gar nicht erlaubt werden, +seine Behauptungen dadurch zu rechtfertigen, daß man das Gegenteil +widerlegt. Denn, entweder diese Widerlegung ist nichts anderes, als +die bloße Vorstellung des Widerstreits der entgegengesetzten Meinung, +mit den subjektiven Bedingungen der Begreiflichkeit durch unsere +Vernunft, welches gar nichts dazu tut, um die Sache selbst darum zu +verwerfen, (sowie z.B. die unbedingte Notwendigkeit im Dasein eines +Wesens schlechterdings von uns nicht begriffen werden kann, und sich +daher subjektiv jedem spekulativen Beweise eines notwendigen obersten +Wesens mit Recht, der Möglichkeit eines solchen Urwesens aber an sich +selbst mit Unrecht widersetzt,) oder beide, sowohl der behauptende, +als der verneinende Teil, legen, durch den transzendentalen Schein +betrogen, einen unmöglichen Begriff vom Gegenstande zum Grunde, und da +gilt die Regel: non entis nulla sunt praedicata, d.i. sowohl was man +bejahend, als was man verneinend von dem Gegenstande behauptete, ist +beides unrichtig, und man kann nicht apagogisch durch die Widerlegung +des Gegenteils zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. So zum Beispiel, +wenn vorausgesetzt wird, daß die Sinnenwelt an sich selbst ihrer +Totalität nach gegeben sei, so ist es falsch, daß sie entweder +unendlich dem Raume nach, oder endlich und begrenzt sein müsse, darum +weil beides falsch ist. Denn Erscheinungen (als bloße Vorstellungen), +die doch an sich selbst (als Objekte) gegeben wären, sind etwas +Unmögliches, und die Unendlichkeit dieses eingebildeten Ganzen würde +zwar unbedingt sein, widerspräche aber (weil alles an Erscheinungen +bedingt ist) der unbedingten Größenbestimmung, die doch im Begriffe +vorausgesetzt wird. + +Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk, womit +die Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler +jederzeit hingehalten worden: sie ist gleichsam der Champion, der +die Ehre und das unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch +beweisen will, daß er sich mit jedermann zu raufen anheischig macht, +der es bezweifeln wollte, obgleich durch solche Großsprecherei nichts +in der Sache, sondern nur der respektiven Stärke der Gegner ausgemacht +wird, und zwar auch nur auf der Seite desjenigen, der sich angreifend +verhält. Die Zuschauer, indem sie sehen, daß ein jeder in seiner +Reihe bald Sieger ist, bald unterliegt, nehmen oftmals daraus Anlaß, +das Objekt des Streites selbst skeptisch zu bezweifeln. Aber sie +haben nicht Ursache dazu, und es ist genug, ihnen zuzurufen: non +defensoribus istis tempus eget. Ein jeder muß seine Sache vermittelst +eines durch transzendentale Deduktion der Beweisgründe geführten +rechtlichen Beweises, d.i. direkt, führen, damit man sehe, was seine +Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben. Denn, fußet sich +sein Gegner auf subjektive Gründe, so ist er freilich leicht zu +widerlegen, aber ohne Vorteil für den Dogmatiker, der gemeiniglich +ebenso den subjektiven Ursachen des Urteils anhängt, und +gleichergestalt von seinem Gegner in die Enge getrieben werden kann. +Verfahren aber beide Teile bloß direkt, so werden sie entweder +die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, den Titel ihrer Behauptungen +auszufinden, von selbst bemerken, und sich zuletzt nur auf Verjährung +berufen können, oder die Kritik wird den dogmatischen Schein leicht +entdecken, und die reine Vernunft nötigen, ihre zu hoch getriebenen +Anmaßungen im spekulativen Gebrauch aufzugeben, und sich innerhalb die +Grenzen ihres eigentümlichen Bodens, nämlich praktischer Grundsätze, +zurückzuziehen. + + + +Der transzendentalen Methodenlehre +Zweites Hauptstück +Der Kanon der reinen Vernunft + +Es ist demütigend für die menschliche Vernunft, daß sie in ihrem +reinen Gebrauche nichts ausrichtet, und sogar noch einer Disziplin +bedarf, um ihre Ausschweifungen zu bändigen, und die Blendwerke, die +ihr daher kommen, zu verhüten. Allein andererseits erhebt es sie +wiederum und gibt ihr ein Zutrauen zu sich selbst, daß sie diese +Disziplin selbst ausüben kann und muß, ohne eine andere Zensur +über sich zu gestatten, imgleichen daß die Grenzen, die sie ihrem +spekulativen Gebrauche zu setzen genötigt ist, zugleich die +vernünftelnden Anmaßungen jeden Gegners einschränken, und mithin +alles, was ihr noch von ihren vorher übertriebenen Forderungen +übrigbleiben möchte, gegen alle Angriffe sicherstellen könne. Der +größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen +Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organon, +zur Erweiterung, sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient, +und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, +Irrtümer zu verhüten. + +Indessen muß es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen +geben, welche ins Gebiet der reinen Vernunft gehören, und die +vielleicht nur durch Mißverstand zu Irrtümern Anlaß geben, in der Tat +aber das Ziel der Beeiferung der Vernunft ausmachen. Denn welcher +Ursache sollte sonst wohl die nicht zu dämpfende Begierde, durchaus +über die Grenze der Erfahrung hinaus irgendwo festen Fuß zu fassen, +zuzuschreiben sein? Sie ahndet Gegenstände, die ein großes Interesse +für sie bei sich führen. Sie tritt den Weg der bloßen Spekulation +an, um sich ihnen zu nähern; aber diese fliehen vor sie. Vermutlich +wird auf dem einzigen Wege, der ihr noch übrig ist, nämlich dem des +praktischen Gebrauchs, besseres Glück für sie zu hoffen sein. + +Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori +des richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnisvermögen überhaupt. So +ist die allgemeine Logik in ihrem analytischen Teile ein Kanon für +Verstand und Vernunft überhaupt, aber nur der Form nach, denn sie +abstrahiert von allem Inhalte. So war die transzendentale Analytik der +Kanon des reinen Verstandes; denn der ist allein wahrer synthetischer +Erkenntnisse a priori fähig. Wo aber kein richtiger Gebrauch einer +Erkenntniskraft möglich ist, da gibt es keinen Kanon. Nun ist alle +synthetische Erkenntnis der reinen Vernunft in ihrem spekulativen +Gebrauche, nach allen bisher geführten Beweisen, gänzlich unmöglich. +Also gibt es gar keinen Kanon des spekulativen Gebrauchs derselben +(denn dieser ist durch und durch dialektisch), sondern alle +transzendentale Logik ist in dieser Absicht nichts als Disziplin. +Folglich, wenn es überall einen richtigen Gebrauch der reinen Vernunft +gibt, in welchem Fall es auch einen Kanon derselben geben muß, +so wird dieser nicht den spekulativen, sondern den praktischen +Vernunftgebrauch betreffen, den wir also jetzt untersuchen wollen. + + + +Des Kanons der reinen Vernunft +Erster Abschnitt +Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer Vernunft + +Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über den +Erfahrungsgebrauch hinauszugehen, sich in einem reinen Gebrauche und +vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis +hinaus zu wagen, und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in +einem für sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden. Ist +nun diese Bestrebung bloß auf ihr spekulatives, oder vielmehr einzig +und allein auf ihr praktisches Interesse gegründet? + +Ich will das Glück, welches die reine Vernunft in spekulativer Absicht +macht, jetzt beiseite setzen, und frage nur nach den Aufgaben, deren +Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht, sie mag diesen nun erreichen +oder nicht, und in Ansehung dessen alle anderen bloß den Wert der +Mittel haben. Diese höchsten Zwecke werden, nach der Natur der +Vernunft, wiederum Einheit haben müssen, um dasjenige Interesse der +Menschheit, welches keinem höheren untergeordnet ist, vereinigt zu +befördern. + +Die Endabsicht, worauf die Spekulation der Vernunft im +transzendentalen Gebrauche zuletzt hinausläuft, betrifft drei +Gegenstände: die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele, +und das Dasein Gottes. In Ansehung aller drei ist das bloß spekulative +Interesse der Vernunft nur sehr gering, und in Absicht auf dasselbe +würde wohl schwerlich eine ermüdende, mit unaufhörlichen Hindernissen +ringende Arbeit transz. Nachforschung übernommen werden, weil man von +allen Entdeckungen, die hierüber zu machen sein möchten, doch keinen +Gebrauch machen kann, der in concreto, d.i. in der Naturforschung, +seinen Nutzen bewiese. Der Wille mag auch frei sein, so kann dieses +doch nur die intelligible Ursache unseres Wollens angehen. Denn, was +die Phänomene der Äußerungen desselben, d.i. die Handlungen betrifft, +so müssen wir, nach einer unverletzlichen Grundmaxime, ohne welche wir +keine Vernunft im empirischen Gebrauche ausüben können, sie niemals +anders als alle übrigen Erscheinungen der Natur, nämlich nach +unwandelbaren Gesetzen derselben, erklären. Es mag zweitens auch die +geistige Natur der Seele (und mit derselben ihre Unsterblichkeit) +eingesehen werden können, so kann darauf doch, weder in Ansehung der +Erscheinungen dieses Lebens, als einen Erklärungsgrund, noch auf die +besondere Beschaffenheit des künftigen Zustandes Rechnung gemacht +werden, weil unser Begriff einer unkörperlichen Natur bloß negativ +ist, und unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitert, noch einigen +tauglichen Stoff zu Folgerungen darbietet, als etwa zu solchen, die +nur für Erdichtungen gelten können, die aber von der Philosophie +nicht gestattet werden. Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten +Intelligenz bewiesen wäre: so würden wir uns zwar daraus das +Zweckmäßige in der Welteinrichtung und Ordnung in allgemeinen +begreiflich machen, keineswegs aber befugt sein, irgendeine besondere +Anstalt und Ordnung daraus abzuleiten, oder, wo sie nicht wahrgenommen +wird, darauf kühnlich zu schließen, indem es eine notwendige Regel +des spekulativen Gebrauchs der Vernunft ist, Naturursachen nicht +vorbeizugehen, und das, wovon wir uns durch Erfahrung belehren können, +aufzugeben, um etwas, was wir kennen, von demjenigen abzuleiten, was +alle unsere Kenntnis gänzlich übersteigt. Mit einem Worte, diese drei +Sätze bleiben für die spekulative Vernunft jederzeit transzendent, +und haben gar keinen immanenten, d.i. für Gegenstände der Erfahrung +zulässigen, mithin für uns auf einige Art nützlichen Gebrauch, sondern +sind an sich betrachtet ganz müßige und dabei noch äußert schwere +Anstrengungen unserer Vernunft. + +Wenn demnach diese drei Kardinalsätze uns zum Wissen gar nicht nötig +sind, und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen +werden; so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische +angehen müssen. + +Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist. Wenn die +Bedingungen der Ausübung unserer freien Willkür aber empirisch sind, +so kann die Vernunft dabei keinen anderen als regulativen Gebrauch +haben, und nur die Einheit empirischer Gesetze zu bewirken dienen, +wie z.B. in der Lehre der Klugheit die Vereinigung aller Zwecke, +die uns von unseren Neigungen aufgegeben sind, in den einigen, die +Glückseligkeit, und die Zusammenstimmung der Mittel, um dazu zu +gelangen, das ganze Geschäft der Vernunft ausmacht, die um deswillen +keine anderen als pragmatische Gesetze des freien Verhaltens, zu +Erreichung der uns von den Sinnen empfohlenen Zwecke, und also keine +reinen Gesetze, völlig a priori bestimmt, liefern kann. Dagegen würden +reine praktische Gesetze, deren Zweck durch die Vernunft völlig +a priori gegeben ist, und die nicht empirisch bedingt, sondern +schlechthin gebieten, Produkte der reinen Vernunft sein. Dergleichen +aber sind die moralischen Gesetze, mithin gehören diese allein zum +praktischen Gebrauche der reinen Vernunft, und erlauben einen Kanon. + +Die ganze Zurüstung also der Vernunft, in der Bearbeitung, die man +reine Philosophie nennen kann, ist in der Tat nur auf die drei +gedachten Probleme gerichtet. Diese selber aber haben wiederum ihre +entferntere Absicht, nämlich, was zu tun sei, wenn der Wille frei, +wenn ein Gott und eine künftige Welt ist. Da dieses nun unser +Verhalten in Beziehung auf den höchsten Zweck betrifft, so ist +die letzte Absicht der weislich uns versorgenden Natur, bei der +Einrichtung unserer Vernunft, eigentlich nur aufs Moralische gestellt. + +Es ist aber Behutsamkeit nötig, um, da wir unser Augenmerk auf einen +Gegenstand werfen, der der transzendentalen Philosophie fremd* ist, +nicht in Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu +verletzen, andererseits auch, um, indem man von seinem neuen Stoffe +zu wenig sagt, es an Deutlichkeit oder Überzeugung nicht fehlen zu +lassen. Ich hoffe beides dadurch zu leisten, daß ich mich so nahe +als möglich am Transzendentalen halte und das, was etwa hierbei +psychologisch, d.h. empirisch sein möchte, gänzlich beiseite setze. + +* Alle praktischen Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens, + oder Mißfallens, d.i. der Lust oder Unlust, mithin, wenigstens + indirekt, auf Gegenstände unseres Gefühls. Da dieses aber keine + Vorstellungskraft der Dinge ist, sondern außer der gesamten + Erkenntniskraft liegt, so gehören die Elemente unserer Urteile, + sofern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der + praktischen, nicht in den Inbegriff der Transzendentalphilosophie, + welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a priori zu tun hat. + +Und da ist denn zuerst anzumerken, daß ich mich vorjetzt des Begriffs +der Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde, und den in +transzendentaler Bedeutung, welcher nicht als ein Erklärungsgrund der +Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann, sondern selbst ein +Problem für die Vernunft ist, hier, als oben abgetan, beiseite setze. +Eine Willkür nämlich ist bloß tierisch (arbitrium brutum), die nicht +anders als durch sinnliche Antriebe, d.i. pathologisch bestimmt werden +kann. Diejenige aber, welche unabhängig von sinnlichen Antrieben, +mithin durch Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt +werden, bestimmt werden kann, heißt die freie Willkür (arbitrium +liberum), und alles, was mit dieser, es sei als Grund oder Folge, +zusammenhängt, wird Praktisch genannt. Die praktische Freiheit kann +durch Erfahrung bewiesen werden. Denn, nicht bloß das, was reizt, d.i. +die Sinne unmittelbar affiziert, bestimmt die menschliche Willkür, +sondern wir haben ein Vermögen, durch Vorstellungen von dem, was +selbst auf entferntere Art nützlich oder schädlich ist, die Eindrücke +auf unser sinnliches Begehrungsvermögen zu überwinden; diese +Überlegungen aber von dem, was in Ansehung unseres ganzen Zustandes +begehrungswert, d.i. gut und nützlich ist, beruhen auf der Vernunft. +Diese gibt daher auch Gesetze, welche Imperative, d.i. objektive +Gesetze der Freiheit sind, und welche sagen, was geschehen soll, ob es +gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die +nur von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch +praktische Gesetze genannt werden. + +Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen, dadurch sie Gesetze +vorschreibt, nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei, +und das, was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt, in +Ansehung höherer und entfernterer wirkender Ursachen nicht wiederum +Natur sein möge, das geht uns im Praktischen, da wir nur die Vernunft +um die Vorschrift des Verhaltens zunächst befragen, nichts an, sondern +ist eine bloß spekulative Frage, die wir, so lange als unsere Absicht +aufs Tun oder Lassen gerichtet ist, beiseite setzen können. Wir +erkennen also die praktische Freiheit durch Erfahrung, als eine von +den Naturursachen, nämlich eine Kausalität der Vernunft in Bestimmung +des Willens, indessen daß die transzendentale Freiheit eine +Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in Ansehung ihrer Kausalität, +eine Reihe von Erscheinungen anzufangen,) von allen bestimmenden +Ursachen der Sinnenwelt fordert, und sofern dem Naturgesetze, mithin +aller möglichen Erfahrung, zuwider zu sein scheint, und also ein +Problem bleibt. Allein vor die Vernunft im praktischen Gebrauche +gehört dieses Problem nicht, also haben wir es in einem Kanon der +reinen Vernunft nur mit zwei Fragen zu tun, die das praktische +Interesse der reinen Vernunft angehen, und in Ansehung deren ein Kanon +ihres Gebrauchs möglich sein muß, nämlich: ist ein Gott? ist ein +künftiges Leben? Die Frage wegen der transzendentalen Freiheit +betrifft bloß das spekulative Wissen, welche wir als ganz gleichgültig +beiseite setzen können, wenn es um das Praktische zu tun ist, und +worüber in der Antinomie der reinen Vernunft schon hinreichende +Erörterung zu finden ist. + + + +Des Kanons der reinen Vernunft +Zweiter Abschnitt +Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des +letzten Zwecks der reinen Vernunft + +Die Vernunft führte uns in ihrem spekulativen Gebrauche durch das +Feld der Erfahrungen, und, weil daselbst für sie niemals völlige +Befriedigung anzutreffen ist, von da zu spekulativen Ideen, die uns +aber am Ende wiederum auf Erfahrung zurückführten, und also ihre +Absicht auf eine zwar nützliche, aber unserer Erwartung gar nicht +gemäße Art erfüllten. Nun bleibt uns noch ein Versuch übrig: ob +nämlich auch reine Vernunft im praktischen Gebrauche anzutreffen sei, +ob sie in demselben zu den Ideen führe, welche die höchsten Zwecke der +reinen Vernunft, die wir eben angeführt haben, erreichen, und diese +also aus dem Gesichtspunkte ihres praktischen Interesses nicht +dasjenige gewähren könne, was sie uns in Ansehung des spekulativen +ganz und gar abschlägt. + +Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl, als das +praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen: + + 1. Was kann ich wissen? + 2. Was soll ich tun? + 3. Was darf ich hoffen? + +Die erste Frage ist bloß spekulativ. Wir haben (wie ich mir +schmeichle) alle möglichen Beantwortungen derselben erschöpft und +endlich diejenige gefunden, mit welcher sich die Vernunft zwar +befriedigen muß, und, wenn sie nicht aufs Praktische sieht, auch +Ursache hat zufrieden zu sein; sind aber von den zwei großen Zwecken, +worauf diese ganze Bestrebung der reinen Vernunft eigentlich gerichtet +war, ebenso weit entfernt geblieben, als ob wir uns aus Gemächlichkeit +dieser Arbeit gleich anfangs verweigert hätten. Wenn es also um Wissen +zu tun ist, so ist wenigstens so viel sicher und ausgemacht, daß uns +dieses, in Ansehung jener zwei Aufgaben, niemals zuteil werden könne. + +Die zweite Frage ist bloß praktisch. Sie kann als eine solche zwar der +reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann doch nicht transzendental, +sondern moralisch, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht +beschäftigen. + +Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun tue, was ich soll, was darf +ich alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich, so, +daß das Praktische nur als ein Leitfaden zur Beantwortung der +theoretischen, und, wenn diese hoch geht, spekulativen Frage führt. +Denn alles Hoffen geht auf Glückseligkeit, und ist in Absicht auf das +Praktische und das Sittengesetz eben dasselbe, was das Wissen und das +Naturgesetz in Ansehung der theoretischen Erkenntnis der Dinge ist. +Jenes läuft zuletzt auf den Schluß hinaus, daß etwas sei (was den +letzten möglichen Zweck bestimmt), weil etwas geschehen soll; dieses, +daß etwas sei (was als oberste Ursache wirkt), weil etwas geschieht. + +Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen, (sowohl +extensive, der Mannigfaltigkeit der selben, als intensive, dem Grade, +und auch protensive, der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus +dem Bewegungsgrunde der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch +(Klugheitsregel); dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum +Bewegungsgrunde nichts anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu +sein, moralisch (Sittengesetz). Das erstere rät, was zu tun sei, wenn +wir der Glückseligkeit wollen teilhaftig, das zweite gebietet, wie +wir uns verhalten sollen, um nur der Glückseligkeit würdig zu werden. +Das erstere gründet sich auf empirische Prinzipien; denn anders, als +vermittelst der Erfahrung, kann ich weder wissen, welche Neigungen da +sind, die befriedigt werden wollen, noch welches die Naturursachen +sind, die ihre Befriedigung bewirken können. Das zweite abstrahiert +von Neigungen, und Naturmitteln sie zu befriedigen, und betrachtet nur +die Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt, und die notwendigen +Bedingungen, unter denen sie allein mit der Austeilung der +Glückseligkeit nach Prinzipien zusammenstimmt, und kann also +wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen und a priori +erkannt werden. + +Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische Gesetze gebe, die +völlig a priori (ohne Rücksicht auf empirische Bewegungsgründe, d.i. +Glückseligkeit,) das Tun und Lassen, d.i. den Gebrauch der Freiheit +eines vernünftigen Wesens überhaupt, bestimmen, und daß diese Gesetze +schlechterdings (nicht bloß hypothetisch unter Voraussetzung anderer +empirischen Zwecke) gebieten, und also in aller Absicht notwendig +sind. Diesen Satz kann ich mit Recht voraussetzen, nicht allein, indem +ich mich auf die Beweise der aufgeklärtesten Moralisten, sondern auf +das sittliche Urteil eines jeden Menschen berufe, wenn er sich ein +dergleichen Gesetz deutlich denken will. + +Die reine Vernunft enthält also, zwar nicht in ihrem spekulativen, +aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen +Gebrauche, Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher +Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte +des Menschen anzutreffen sein könnten. Denn, da sie gebietet, daß +solche geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können, und es +muß also eine besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die +moralische, möglich sein, indessen daß die systematische Natureinheit +nach spekulativen Prinzipien der Vernunft nicht bewiesen werden +konnte, weil die Vernunft zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt, +aber nicht in Ansehung der gesamten Natur Kausalität hat, und +moralische Vernunftprinzipien zwar freie Handlungen, aber nicht +Naturgesetze hervorbringen können. Demnach haben die Prinzipien der +reinen Vernunft in ihrem praktischen, namentlich aber, dem moralischen +Gebrauche, objektive Realität. + +Ich nenne die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre, +(wie sie es denn, nach der Freiheit der vernünftigen Wesen, sein kann, +und, nach den notwendigen Gesetzen der Sittlichkeit, sein soll,) eine +moralische Welt. Diese wird sofern bloß als intelligible Welt gedacht, +weil darin von allen Bedingungen (Zwecken) und selbst von allen +Hindernissen der Moralität in derselben (Schwäche oder Unlauterkeit +der menschlichen Natur) abstrahiert wird. Sofern ist sie also eine +bloße, aber doch praktische Idee, die wirklich ihren Einfluß auf die +Sinnenwelt haben kann und soll, um sie dieser Idee so viel als möglich +gemäß zu machen. Die Idee einer moralischen Welt hat daher objektive +Realität, nicht als wenn sie auf einen Gegenstand einer intelligiblen +Anschauung ginge (dergleichen wir uns gar nicht denken können), +sondern auf die Sinnenwelt, aber als einen Gegenstand der reinen +Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, und ein corpus mysticum +der vernünftigen Wesen in ihr, sofern deren freie Willkür unter +moralischen Gesetzen sowohl mit sich selbst, als mit jedes anderen +Freiheit durchgängige systematische Einheit an sich hat. + +Das war die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen +Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Tue das, wodurch du +würdig wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun: wie, wenn ich +mich nun so verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig sei, +darf ich auch hoffen, ihrer dadurch teilhaftig werden zu können? Es +kommt bei der Beantwortung derselben darauf an, ob die Prinzipien der +reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch diese +Hoffnung notwendigerweise damit verknüpfen. + +Ich sage demnach: daß ebensowohl, als die moralischen Prinzipien nach +der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche notwendig sind, ebenso +notwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen +Gebrauch anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben +Maße zu hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten +würdig gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem +der Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen +Vernunft verbunden sei. + +Nun läßt sich in einer intelligiblen, d.i. der moralischen Welt, +in deren Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit (der +Neigungen,) abstrahieren, ein solches System der mit der Moralität +verbundenen proportionierten Glückseligkeit auch als notwendig denken, +weil die durch sittliche Gesetze teils bewegte, teils restringierte +Freiheit, selbst die Ursache der allgemeinen Glückseligkeit, die +vernünftigen Wesen also selbst, unter der Leitung solcher Prinzipien, +Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer dauerhafter Wohlfahrt sein +würden. Aber dieses System der sich selbst lohnenden Moralität ist nur +eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung beruht, daß jedermann +tue, was er soll, d.i. alle Handlungen vernünftiger Wesen so +geschehen, als ob sie aus einem obersten Willen, der alle +Privatwillkür in sich, oder unter sich befaßt, entsprängen. Da aber +die Verbindlichkeit aus dem moralischen Gesetze für jedes besonderen +Gebrauch der Freiheit gültig bleibt, wenngleich andere diesem Gesetze +sich nicht gemäß verhielten, so ist weder aus der Natur der Dinge der +Welt, noch der Kausalität der Handlungen selbst und ihrem Verhältnisse +zur Sittlichkeit bestimmt, wie sich ihre Folgen zur Glückseligkeit +verhalten werden, und die angeführte notwendige Verknüpfung der +Hoffnung, glücklich zu sein, mit dem unablässigen Bestreben, sich der +Glückseligkeit würdig zu machen, kann durch die Vernunft nicht erkannt +werden, wenn man bloß Natur zum Grunde legt, sondern darf nur gehofft +werden, wenn eine höchste Vernunft, die nach moralischen Gesetzen +gebietet, zugleich als Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird. + +Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch +vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache +aller Glückseligkeit in der Welt ist, sofern sie mit der Sittlichkeit +(als der Würdigkeit glücklich zu sein) in genauem Verhältnisse steht, +das Ideal des höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in +dem Ideal des höchsten ursprünglichen Guts den Grund der praktisch +notwendigen Verknüpfung beider Elemente des höchsten abgeleiteten +Gutes, nämlich einer intelligiblen d.i. moralischen Welt, antreffen. +Da wir uns nun notwendigerweise durch die Vernunft, als zu einer +solchen Welt gehörig, vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts +als eine Welt von Erscheinungen darstellen, so werden wir jene als +eine Folge unseres Verhaltens in der Sinnenwelt, da uns diese eine +solche Verknüpfung nicht darbietet, als eine für uns künftige Welt +annehmen müssen. Gott also und ein künftiges Leben, sind zwei von der +Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien +eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen. + +Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die +Glückseligkeit, außer, sofern sie der Moralität genau angemessen +ausgeteilt ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligiblen Welt, +unter einem weisen Urheber und Regierer. Einen solchen, samt dem Leben +in einer solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht +sich die Vernunft genötigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze +als leere Hirngespinste anzusehen, weil der notwendige Erfolg +derselben, den dieselbe Vernunft mit ihnen verknüpft, ohne jene +Voraussetzung wegfallen müßte. Daher auch jedermann die moralischen +Gesetze als Gebote ansieht, welches sie aber nicht sein könnten, wenn +sie nicht a priori angemessene Folgen mit ihrer Regel verknüpften, und +also Verheißungen und Drohungen bei sich führten. Dieses können sie +aber auch nicht tun, wo sie nicht in einem notwendigen Wesen, als dem +höchsten Gut liegen, welches eine solche zweckmäßige Einheit allein +möglich machen kann. + +Leibnitz nannte die Welt, sofern man darin nur auf die vernünftigen +Wesen und ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen unter der +Regierung des höchsten Guts achthat, das Reich der Gnaden, und +unterschied es vom Reiche der Natur, da sie zwar unter moralischen +Gesetzen stehen, aber keine anderen Erfolge ihres Verhaltens erwarten, +als nach dem Laufe der Natur unserer Sinnenwelt. Sich also im Reiche +der Gnaden zu sehen, wo alle Glückseligkeit auf uns wartet, außer +sofern wir unseren Anteil an derselben durch die Unwürdigkeit, +glücklich zu sein, nicht selbst einschränken, ist eine praktisch +notwendige Idee der Vernunft. + +Praktische Gesetze, sofern sie zugleich subjektive Gründe der +Handlungen, d.i. subjektive Grundsätze werden, heißen Maximen. Die +Beurteilung der Sittlichkeit, ihrer Reinigkeit und Folgen nach, +geschieht nach Ideen, die Befolgung ihrer Gesetze nach Maximen. + +Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen +untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses +geschehe, wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches +eine bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem +Verhalten nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau +entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben, +bestimmt. Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare, +aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar +Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern +des Vorsatzes und der Ausübung, weil sie nicht den ganzen Zweck, der +einem jeden vernünftigen Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine +Vernunft a priori bestimmt und notwendig ist, erfüllen. + +Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das +vollständige Gut. Sie billigt solche nicht (so sehr als auch Neigung +dieselbe wünschen mag), wofern sie nicht mit der Würdigkeit, +glücklich zu sein, d.i. dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist. +Sittlichkeit allein, und, mit ihr, die bloße Würdigkeit, glücklich zu +sein, ist aber auch noch lange nicht das vollständige Gut. Um dieses +zu vollenden, muß der, so sich als der Glückseligkeit nicht unwert +verhalten hatte, hoffen können, ihrer teilhaftig zu werden. Selbst +die von aller Privatabsicht freie Vernunft, wenn sie, ohne dabei ein +eigenes Interesse in Betracht zu ziehen, sich in die Stelle eines +Wesens setzte, das alle Glückseligkeit anderen auszuteilen hätte, kann +nicht anders urteilen; denn in der praktischen Idee sind beide Stücke +wesentlich verbunden, obzwar so, daß die moralische Gesinnung, als +Bedingung, den Anteil an Glückseligkeit, und nicht umgekehrt die +Aussicht auf Glückseligkeit die moralische Gesinnung zuerst möglich +mache. Denn im letzteren Falle wäre sie nicht moralisch und also auch +nicht der ganzen Glückseligkeit würdig, die vor der Vernunft keine +andere Einschränkung erkennt, als die, welche von unserem eigenen +unsittlichen Verhalten herrührt. + +Glückseligkeit also, in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der +vernünftigen Wesen, dadurch sie derselben würdig sind, macht allein +das höchste Gut einer Welt aus, darin wir uns nach den Vorschriften +der reinen aber praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen, und +welche freilich nur eine intelligible Welt ist, da die Sinnenwelt uns +von der Natur der Dinge dergleichen systematische Einheit der Zwecke +nicht verheißt, deren Realität auch auf nichts anderes gegründet +werden kann, als auf die Voraussetzung eines höchsten ursprünglichen +Guts, da selbständige Vernunft, mit aller Zulänglichkeit einer +obersten Ursache ausgerüstet, nach der vollkommensten Zweckmäßigkeit +die allgemeine, obgleich in der Sinnenwelt uns sehr verborgene Ordnung +der Dinge gründet, erhält und vollführt. + +Diese Moraltheologie hat nun den eigentümlichen Vorzug vor der +spekulativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen, +allervollkommensten und vernünftigen Urwesens führt, worauf uns +spekulative Theologie nicht einmal aus objektiven Gründen hinweist, +geschweige uns davon überzeugen konnte. Denn, wir finden weder in +der transzendentalen, noch natürlichen Theologie, so weit uns auch +Vernunft darin führen mag, einigen bedeutenden Grund, nur ein einiges +Wesen anzunehmen, welches wir allen Naturursachen vorsetzen, und +von dem wir zugleich diese in allen Stücken abhängend zu machen +hinreichende Ursache hätten. Dagegen, wenn wir aus dem Gesichtspunkte +der sittlichen Einheit, als einem notwendigen Weltgesetze, die Ursache +erwägen, die diesem allein den angemessenen Effekt, mithin auch für +uns verbindende Kraft geben kann, so muß es ein einiger oberster Wille +sein, der alle diese Gesetze in sich befaßt. Denn, wie wollten wir +unter verschiedenen Willen vollkommene Einheit der Zwecke finden? +Dieser Wille muß allgewaltig sein, damit die ganze Natur und +deren Beziehung auf Sittlichkeit in der Welt ihm unterworfen +sei; allwissend, damit er das Innerste der Gesinnungen und deren +moralischen Wert erkenne; allgegenwärtig, damit er unmittelbar allem +Bedürfnisse, welches das höchste Weltbeste erfordert, nahe sei; ewig, +damit in keiner Zeit diese Übereinstimmung der Natur und Freiheit +ermangle, usw. + +Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der +Intelligenzen, welche, obzwar, als bloße Natur, nur Sinnenwelt, als +ein System der Freiheit aber, intelligible, d.i. moralische Welt +(regnum gratiae) genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf +die zweckmäßige Einheit aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen, +nach allgemeinen Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen +und notwendigen Sittengesetzen, und vereinigt die praktische Vernunft +mit der spekulativen. Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen +vorgestellt werden, wenn sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne +welchen wir uns selbst der Vernunft unwürdig halten würden, nämlich +dem moralischen, als welcher durchaus auf der Idee des höchsten Guts +beruht, zusammenstimmen soll. Dadurch bekommt alle Naturforschung eine +Richtung nach der Form eines Systems der Zwecke, und wird in ihrer +höchsten Ausbreitung Physikotheologie. Diese aber, da sie doch von +sittlicher Ordnung, als einer in dem Wesen der Freiheit gegründeten +und nicht durch äußere Gebote zufällig gestifteten Einheit, anhob, +bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe, die a priori mit der +inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft sein müssen, +und dadurch auf eine transzendentale Theologie, die sich das Ideal +der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem Prinzip der +systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und notwendigen +Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der absoluten +Notwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben. + +Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande machen, selbst +in Ansehung der Erfahrung, wenn wir uns nicht Zwecke vorsetzen? Die +höchsten Zwecke aber sind die der Moralität, und diese kann uns nur +reine Vernunft zu erkennen geben. Mit diesen nun versehen, und an dem +Leitfaden derselben, können wir von der Kenntnis der Natur selbst +keinen zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der Erkenntnis machen, wo die +Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat; denn ohne diese +hätten wir sogar selbst keine Vernunft, weil wir keine Schule für +dieselbe haben würden, und keine Kultur durch Gegenstände, welche den +Stoff zu solchen Begriffen darböten. Jene zweckmäßige Einheit ist aber +notwendig, und in dem Wesen der Willkür selbst gegründet, diese also, +welche die Bedingung der Anwendung derselben in concreto enthält, muß +es auch sein, und so würde die transzendentale Steigerung unserer +Vernunfterkenntnis nicht die Ursache, sondern bloß die Wirkung von der +praktischen Zweckmäßigkeit sein, die uns die reine Vernunft auferlegt. + +Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft: +daß, ehe die moralischen Begriffe genugsam gereinigt, bestimmt, und +die systematische Einheit der Zwecke nach denselben und zwar aus +notwendigen Prinzipien eingesehen waren, die Kenntnis der Natur und +selbst ein ansehnlicher Grad der Kultur der Vernunft in manchen +anderen Wissenschaften, teils nur rohe und umherschweifende Begriffe +von der Gottheit hervorbringen konnte, teils eine zu bewundernde +Gleichgültigkeit überhaupt in Ansehung dieser Frage übrig ließ. Eine +größere Bearbeitung sittlicher Ideen, die durch das äußerst reine +Sittengesetz unserer Religion notwendig gemacht wurde, schärfte die +Vernunft auf den Gegenstand, durch das Interesse, das sie an demselben +zu nehmen nötigte, und, ohne daß weder erweiterte Naturerkenntnisse, +noch richtige und zuverlässige transzendentale Einsichten (dergleichen +zu aller Zeit gemangelt haben), dazu beitrugen, brachten sie einen +Begriff vom göttlichen Wesen zustande, den wir jetzt für den richtigen +halten, nicht weil uns spekulative Vernunft von dessen Richtigkeit +überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Vernunftprinzipien +vollkommen zusammenstimmt. Und so hat am Ende doch immer nur reine +Vernunft, aber nur in ihrem praktischen Gebrauche, das Verdienst, ein +Erkenntnis, das die bloße Spekulation nur wähnen, aber nicht geltend +machen kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen, und dadurch +zwar nicht zu einem demonstrierten Dogma, aber doch zu einer +schlechterdings notwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten +Zwecken zu machen. + +Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, +nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so +darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über +alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur +unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von +diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von +ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische +Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, +oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt +zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als +zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von +einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, +wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, +soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen +nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, +sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu +innerlich verbindlich sind. Wir werden die Freiheit, unter der +zweckmäßigen Einheit nach Prinzipien der Vernunft, studieren, und +nur sofern glauben dem göttlichen Willen gemäß zu sein, als wir das +Sittengesetz, welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen +selbst lehrt, heilig halten, ihm dadurch allein zu dienen glauben, daß +wir das Weltbeste an uns und an anderen befördern. Die Moraltheologie +ist also nur von immanentem Gebrauche, nämlich unsere Bestimmung hier +in der Welt zu erfüllen, indem wir in das System aller Zwecke passen, +und nicht schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer +moralisch gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen, +um ihn unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen, welches +einen transzendenten Gebrauch geben würde, aber ebenso, wie der der +bloßen Spekulation, die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und +vereiteln muß. + + + +Des Kanons der reinen Vernunft +Dritter Abschnitt +Vom Meinen, Wissen und Glauben + +Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande, die auf +objektiven Gründen beruhen mag, aber auch subjektive Ursachen im +Gemüte dessen, der da urteilt, erfordert. Wenn es für jedermann gültig +ist, sofern er nur Vernunft hat, so ist der Grund desselben objektiv +hinreichend, und das Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung. Hat es +nur in der besonderer Beschaffenheit des Subjekts seinen Grund, so +wird es Überredung genannt. + +Überredung ist ein bloßer Schein, weil der Grund des Urteils, welcher +lediglich im Subjekte liegt, für objektiv gehalten wird. Daher hat ein +solches Urteil auch nur Privatgültigkeit, und das Fürwahrhalten läßt +sich nicht mitteilen. Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung +mit dem Objekte, in Ansehung dessen folglich die Urteile eines +jeden Verstandes einstimmig sein müssen (consentientia uni tertio, +consentiunt inter se). Der Probierstein des Fürwahrhaltens, ob es +Überzeugung oder bloße Überredung sei, ist also, äußerlich, die +Möglichkeit, dasselbe mitzuteilen und das Fürwahrhalten für jedes +Menschen Vernunft gültig zu befinden; denn alsdann ist wenigstens +eine Vermutung, der Grund der Einstimmung aller Urteile, ungeachtet +der Verschiedenheit der Subjekte untereinander, werde auf dem +gemeinschaftlichen Grunde, nämlich dem Objekte, beruhen, mit welchem +sie daher alle zusammenstimmen und dadurch die Wahrheit des Urteils +beweisen werden. + +Überredung demnach kann von der Überzeugung subjektiv zwar nicht +unterschieden werden, wenn das Subjekt das Fürwahrhalten, bloß als +Erscheinung seines eigenen Gemüts, vor Augen hat; der Versuch aber, +den man mit den Gründen desselben, die für uns gültig sind, an anderer +Verstand macht, ob sie auf fremde Vernunft eben dieselbe Wirkung +tun, als auf die unsrige, ist doch ein, obzwar nur subjektives, +Mittel, zwar nicht Überzeugung zu bewirken, aber doch die bloße +Privatgültigkeit des Urteils, d.i. etwas in ihm, was bloße Überredung +ist, zu entdecken. + +Kann man überdem die subjektiven Ursachen des Urteils, welche wir +für objektive Gründe desselben nehmen, entwickeln, und mithin das +trügliche Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüte +erklären, ohne dazu die Beschaffenheit des Objekts nötig zu haben, so +entblößen wir den Schein und werden dadurch nicht mehr hintergangen, +obgleich immer noch in gewissem Grade versucht, wenn die subjektive +Ursache des Scheins unserer Natur anhängt. + +Ich kann nichts behaupten, d.i. als ein für jedermann notwendig +gültiges Urteil aussprechen, als was Überzeugung wirkt. Überredung +kann ich für mich behalten, wenn ich mich dabei wohlbefinde, kann sie +aber und soll sie außer mir nicht geltend machen wollen. + +Das Fürwahrhalten, oder die subjektive Gültigkeit des Urteils, in +Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat +folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein +mit Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes +Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird +zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben. +Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende +Fürwahrhalten das Wissen. Die subjektive Zulänglichkeit heißt +Überzeugung (für mich selbst), die objektive, Gewißheit (für +jedermann). Ich werde mich bei der Erläuterung so faßlicher Begriffe +nicht aufhalten. + +Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens etwas +zu wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urteil +eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht +vollständig, doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz +einer solchen Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn, wenn ich in +Ansehung dessen auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel +der Einbildung, ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit. In Urteilen +aus reiner Vernunft ist es gar nicht erlaubt, zu meinen. Denn, weil +sie nicht auf Erfahrungsgründe gestützt werden, sondern alles a priori +erkannt werden soll, wo alles notwendig ist, so erfordert das Prinzip +der Verknüpfung Allgemeinheit und Notwendigkeit, mithin völlige +Gewißheit, widrigenfalls gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen +wird. Daher ist es ungereimt, in der reinen Mathematik zu meinen; man +muß wissen, oder sich alles Urteilens enthalten. Ebenso ist es mit den +Grundsätzen der Sittlichkeit bewandt, da man nicht auf bloße Meinung, +daß etwas erlaubt sei, eine Handlung wagen darf, sondern dieses wissen +muß. + +Im transzendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen freilich +zu wenig, aber Wissen auch zu viel. In bloß spekulativer Absicht +können wir also hier gar nicht urteilen; weil subjektive Gründe +des Fürwahrhaltens, wie die, so das Glauben bewirken können, bei +spekulativen Fragen keinen Beifall verdienen, da sie sich frei von +aller empirischen Beihilfe nicht halten, noch in gleichem Maße anderen +mitteilen lassen. + +Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch +unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische +Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit, oder der +Sittlichkeit, die erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber +zu schlechthin notwendigen Zwecken. + +Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist, so sind die Bedingungen der +Erreichung desselben hypothetisch notwendig. Diese Notwendigkeit ist +subjektiv, aber doch nur komparativ zureichend, wenn ich gar keine +anderen Bedingungen weiß, unter denen der Zweck zu erreichen wäre; +aber sie ist schlechthin und für jedermann zureichend, wenn ich +gewiß weiß, daß niemand andere Bedingungen kennen könne, die auf den +vorgesetzten Zweck führen. Im ersten Falle ist meine Voraussetzung und +das Fürwahrhalten gewisser Bedingungen ein bloß zufälliger, im zweiten +Falle aber ein notwendiger Glaube. Der Arzt muß bei einem Kranken, der +in Gefahr ist, etwas tun, kennt aber die Krankheit nicht. Er sieht auf +die Erscheinungen, und urteilt, weil er nichts Besseres weiß, es sei +die Schwindsucht. Sein Glaube ist selbst in seinem eigenen Urteile +bloß zufällig, ein anderer möchte es vielleicht besser treffen. +Ich nenne dergleichen zufälligen Glauben, der aber dem wirklichen +Gebrauche der Mittel zu gewissen Handlungen zum Grunde liegt, den +pragmatischen Glauben. + +Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder +wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand +behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so +zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis +des Irrtums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn +stutzig. Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf +einen Dukaten an Wert geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn, +besitze. Denn den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehn wird er +allererst inne, was er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl +möglich sei, er habe sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt, +man solle worauf das Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet +unser triumphierendes Urteil gar sehr, wir werden überaus schüchtern +und entdecken so allererst, daß unser Glaube so weit nicht zulange. So +hat der pragmatische Glaube nur einen Grad, der nach Verschiedenheit +des Interesses, das dabei im Spiele ist, groß oder auch klein sein +kann. + +Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Objekt gar nichts +unternehmen können, also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist, +wir doch in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und +uns einbilden können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben +vermeinen, wenn es ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache +auszumachen, so gibt es in bloß theoretischen Urteilen ein Analogon +von praktischen, auf deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und +den wir den doktrinalen Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre +durch irgendeine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das +Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgendeinem von den +Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht +bloß Meinung, sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich +schon viele Vorteile des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner +anderer Welten gebe. + +Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Dasein Gottes zum +doktrinalen Glauben gehöre. Denn, ob ich gleich in Ansehung der +theoretischen Weltkenntnis nichts zu verfügen habe, was diesen +Gedanken, als Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt, +notwendig voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft +mich so zu bedienen, als ob alles bloß Natur sei; so ist doch die +zweckmäßige Einheit eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft +auf Natur, daß ich, da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele +darbietet, sie gar nicht vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit aber +kenne ich keine andere Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der +Naturforschung machte, als wenn ich voraussetze, daß eine höchste +Intelligenz alles nach den weisesten Zwecken so geordnet habe. +Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen, aber doch nicht +unerheblichen Absicht, nämlich, um eine Leitung in der Nachforschung +der Natur zu haben, einen weisen Welturheber vorauszusetzen. Der +Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die Brauchbarkeit dieser +Voraussetzung, und nichts kann auf entscheidende Art dawider angeführt +werden; daß ich viel zu wenig sage, wenn ich mein Fürwahrhalten +bloß ein Meinen nennen wollte, sondern es kann selbst in diesem +theoretischen Verhältnisse gesagt werden, daß ich festiglich einen +Gott glaube; aber alsdann ist dieser Glaube in strenger Bedeutung +dennoch nicht praktisch, sondern muß ein doktrinaler Glaube genannt +werden, den die Theologie der Natur (Physikotheologie) notwendig +allerwärts bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in +Rücksicht auf die vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur +und die derselben so schlecht angemessene Kürze des Lebens, kann +ebensowohl genugsamer Grund zu einem doktrinalen Glauben des künftigen +Lebens der menschlichen Seele angetroffen werden. + +Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der +Bescheidenheit in objektiver Absicht, aber doch zugleich der +Festigkeit des Zutrauens in subjektiver. Wenn ich das bloß +theoretische Fürwahrhalten hier auch nur Hypothese nennen wollte, +die ich anzunehmen berechtigt wäre, so würde ich mich dadurch schon +anheischig machen, mehr, von der Beschaffenheit einer Weltursache und +einer anderen Welt, Begriff zu haben, als ich wirklich aufzeigen kann; +denn was ich auch nur als Hypothese annehme, davon muß ich wenigstens +seinen Eigenschaften nach so viel kennen, daß ich nicht seinen +Begriff, sondern nur sein Dasein erdichten darf. Das Wort Glauben aber +geht nur auf die Leitung, die mir eine Idee gibt, und den subjektiven +Einfluß auf die Beförderung meiner Vernunfthandlungen, die mich an +derselben festhält, ob ich gleich von ihr nicht imstande bin, in +spekulativer Absicht Rechenschaft zu geben. + +Aber der bloß doktrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich; man wird +oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Spekulation vorfinden, aus +demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum +zurückkehrt. + +Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist es +schlechterdings notwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich, daß ich +dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist +hier unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung +nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck +mit allen gesamten Zwecken zusammenhängt, und dadurch praktische +Gültigkeit habe, nämlich, daß ein Gott und eine künftige Welt sei: ich +weiß auch ganz gewiß, daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf +dieselbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führe. Da +aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie +denn die Vernunft gebietet, daß sie es sein soll), so werde ich +unausbleiblich ein Dasein Gottes und ein künftiges Leben glauben, +und ich bin sicher, daß diesen Glauben nichts wankend machen könnte, +weil dadurch meine sittlichen Grundsätze selbst umgestürzt werden +würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen eigenen Augen +verabscheuungswürdig zu sein. + +Auf solche Weise bleibt uns, nach Vereitlung aller ehrsüchtigen +Absichten einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus +herumschweifenden Vernunft, noch genug übrig, daß wir damit in +praktischer Absicht zufrieden zu sein Ursache haben. Zwar wird +freilich sich niemand rühmen können: er wisse, daß ein Gott und daß +ein künftig Leben sei; denn, wenn er das weiß, so ist er gerade +der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen (wenn es einen +Gegenstand der bloßen Vernunft betrifft) kann man mitteilen, und ich +würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung mein Wissen in so +bewunderungswürdigem Maße ausgedehnt zu sehen. Nein, die Überzeugung +ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit, und, da sie auf +subjektiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht, so muß ich +nicht einmal sagen: es ist moralisch gewiß, daß ein Gott sei usw., +sondern, ich bin moralisch gewiß usw. Das heißt: der Glaube an einen +Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so +verwebt, daß, so wenig ich Gefahr laufe, die erstere einzubüßen, +ebensowenig besorge ich, daß mir der zweite jemals entrissen werden +könne. + +Das einzige Bedenkliche, das sich hierbei findet, ist, daß sich dieser +Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet. +Gehen wir davon ab, und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher +Gesetze gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die +Vernunft aufwirft, bloß eine Aufgabe für die Spekulation, und kann +alsdann zwar noch mit starken Gründen aus der Analogie, aber nicht +mit solchen, denen sich die hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte, +unterstützt werden*. Es ist aber kein Mensch bei diesen Fragen frei +von allem Interesse. Denn, ob er gleich von dem moralischen, durch den +Mangel guter Gesinnungen, getrennt sein möchte: so bleibt doch auch in +diesem Falle genug übrig, um zu machen, daß er ein göttliches Dasein +und eine Zukunft fürchte. Denn hierzu wird nichts mehr erfordert, als +daß er wenigstens keine Gewißheit vorschützen könne, daß kein solches +Wesen und kein künftig Leben anzutreffen sei, wozu, weil es durch +bloße Vernunft, mithin apodiktisch bewiesen werden müßte, er die +Unmöglichkeit von beiden darzutun haben würde, welches gewiß kein +vernünftiger Mensch übernehmen kann. Das würde ein negativer Glaube +sein, der zwar nicht Moralität und gute Gesinnungen, aber doch das +Analogon derselben bewirken, nämlich den Ausbruch der bösen mächtig +zurückhalten könnte. + +* Das menschliche Gemüt nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem + vernünftigen Wesen notwendig geschieht) ein natürliches Interesse + an der Moralität, ob es gleich nicht ungeteilt und praktisch + überwiegend ist. Befestigt und vergrößert dieses Interesse, und ihr + werdet die Vernunft sehr gelehrig und selbst aufgeklärter finden, um + mit dem praktischen auch das spekulative Interesse zu vereinigen. + Sorget ihr aber nicht dafür, daß ihr vorher, wenigstens auf dem + halben Wege, gute Menschen macht, so werdet ihr auch niemals aus + ihnen aufrichtiggläubige Menschen machen! + +Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet, +indem sie über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet? +nichts mehr, als zwei Glaubensartikel? so viel hätte auch wohl der +gemeine Verstand, ohne darüber die Philosophen zu Rate zu ziehen, +ausrichten können! + +Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die +mühsame Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe; +gesetzt, es sollte auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden; +denn davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber +verlangt ihr denn, daß ein Erkenntnis, welches alle Menschen angeht, +den gemeinen Verstand übersteigen, und euch nur von Philosophen +entdeckt werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste +Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es +das, was man anfangs nicht vorhersehen konnte, entdeckt, nämlich, +daß die Natur, in dem, was Menschen ohne Unterschied angelegen ist, +keiner parteiischen Austeilung ihrer Gaben zu beschuldigen sei, und +die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der +menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne, als die Leitung, +welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen lassen. + + + +Der transzendentalen Methodenlehre +Drittes Hauptstück +Die Architektonik der reinen Vernunft + +Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil die +systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis allererst +zur Wissenschaft, d.i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System +macht, so ist Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer +Erkenntnis überhaupt, und sie gehört also notwendig zur Methodenlehre. + +Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt +keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem +sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und +befördern können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit +der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der +Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, sofern durch denselben +der Umfang des Mannigfaltigen sowohl, als die Stelle der Teile +untereinander, a priori bestimmt wird. Der szientifische +Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die Form des Ganzen, das +mit demselben kongruiert. Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle +Teile und in der Idee desselben auch untereinander beziehen, macht, +daß ein jeder Teil bei der Kenntnis der übrigen vermißt werden +kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe der +Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmten Grenzen habe, +stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und +nicht gehäuft (coacervatio); es kann zwar innerlich (per intus +susceptionem), aber nicht äußerlich (per appositionem) wachsen, wie +ein tierischer Körper, dessen Wachstum kein Glied hinzusetzt, sondern, +ohne Veränderung der Proportion, ein jedes zu seinen Zwecken stärker +und tüchtiger macht. + +Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d.i. eine a priori aus dem +Prinzip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und Ordnung +der Teile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d.i. aus dem +Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich +darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kann), +entworfen wird, gibt technische, dasjenige aber, was nur zufolge einer +Idee entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgibt, und +nicht empirisch erwartet), gründet architektonische Einheit. Nicht +technisch, wegen der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des +zufälligen Gebrauchs der Erkenntnis in concreto zu allerlei beliebigen +äußeren Zwecken, sondern architektonisch, um der Verwandtschaft willen +und der Ableitung von einem einigen obersten und inneren Zwecke, der +das Ganze allererst möglich macht, kann dasjenige entspringen, was +wir Wissenschaft nennen, dessen Schema den Umriß (monogramma) und +die Einteilung des Ganzen in Glieder, der Idee gemäß, d.i. a priori +enthalten, und dieses von allen anderen sicher und nach Prinzipien +unterscheiden muß. + +Niemand versucht es, eine Wissenschaft zustande zu bringen, ohne daß +ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein, in der Ausarbeitung derselben +entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu +Anfang von seiner Wissenschaft gibt, sehr selten seiner Idee; denn +diese liegt, wie ein Keim, in der Vernunft, in welchem alle Teile noch +sehr eingewickelt und kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar, +verborgen liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch +alle aus dem Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesses +ausgedacht werden, nicht nach der Beschreibung, die der Urheber +derselben davon gibt, sondern nach der Idee, welche man aus der +natürlichen Einheit der Teile, die er zusammengebracht hat, in der +Vernunft selbst gegründet findet, erklären und bestimmen. Denn da wird +sich finden, daß der Urheber und oft noch seine spätesten Nachfolger +um eine Idee herumirren, die sie sich selbst nicht haben deutlich +machen und daher den eigentümlichen Inhalt, die Artikulation +(systematische Einheit) und Grenzen der Wissenschaft nicht bestimmen +können. + +Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach +Anweisung einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele +dahin sich beziehenden Erkenntnisse, als Bauzeug, gesammelt, ja gar +lange Zeiten hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, es uns dann +allererst möglich ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken, und +ein Ganzes nach den Zwecken der Vernunft architektonisch zu entwerfen. +Die Systeme scheinen, wie Gewürme, durch eine generatio aequivoca, +aus dem bloßen Zusammenfluß von aufgesammelten Begriffen, anfangs +verstümmelt, mit der Zeit vollständig, gebildet worden zu sein, ob sie +gleich alle insgesamt ihr Schema, als den ursprünglichen Keim, in der +sich bloß auswickelnden Vernunft hatten, und darum, nicht allein ein +jedes für sich nach einer Idee gegliedert, sondern noch dazu alle +untereinander in einem System menschlicher Erkenntnis wiederum als +Glieder eines Ganzen zweckmäßig vereinigt sind, und eine Architektonik +alles menschlichen Wissens erlauben, die jetziger Zeit, da schon so +viel Stoff gesammelt ist, oder aus Ruinen eingefallener alter Gebäude +genommen werden kann, nicht allein möglich, sondern nicht einmal sogar +schwer sein würde. Wir begnügen uns hier mit der Vollendung unseres +Geschäftes, nämlich, lediglich die Architektonik aller Erkenntnis aus +reiner Vernunft zu entwerfen, und fangen nur von dem Punkte an, wo +sich die allgemeine Wurzel unserer Erkenntniskraft teilt und zwei +Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich verstehe hier aber +unter Vernunft das ganze obere Erkenntnisvermögen, und setze also das +Rationale dem Empirischen entgegen. + +Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntnis, objektiv betrachtet, +abstrahiere, so ist alles Erkenntnis, subjektiv, entweder historisch +oder rational. Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis, +die rationale aber cognitio ex principiis. Eine Erkenntnis mag +ursprünglich gegeben sein, woher sie wolle, so ist sie doch bei dem, +der sie besitzt, historisch, wenn er nur in dem Grade und so viel +erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden, es mag dieses ihm nun +durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder auch Belehrung +(allgemeiner Erkenntnisse) gegeben sein. Daher hat der, welcher ein +System der Philosophie, z.B. das Wolfische, eigentlich gelernt hat, +ob er gleich alle Grundsätze, Erklärungen und Beweise, zusamt der +Einteilung des ganzen Lehrgebäudes, im Kopfe hätte, und alles an +den Fingern abzählen könnte, doch keine andere als vollständige +historische Erkenntnis der Wolfischen Philosophie; er weiß und urteilt +nur so viel, als ihm gegeben war. Streitet ihm eine Definition, so +weiß er nicht, wo er eine andere hernehmen soll. Er bildete sich +nach fremder Vernunft, aber das nachbildende Vermögen ist nicht das +erzeugende, d.i. das Erkenntnis entsprang bei ihm nicht aus Vernunft, +und, ob es gleich, objektiv, allerdings ein Vernunfterkenntnis war, +so ist es doch, subjektiv, bloß historisch. Er hat gut gefaßt und +behalten, d.i. gelernt, und ist ein Gipsabdruck von einem lebenden +Menschen. Vernunfterkenntnisse, die es objektiv sind, (d.i. anfangs +nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen können,) dürfen +nur dann allein auch subjektiv diesen Namen führen, wenn sie aus +allgemeinen Quellen der Vernunft, woraus auch die Kritik, ja selbst +die Verwerfung des Gelernten entspringen kann, d.i. aus Prinzipien +geschöpft worden. + +Alle Vernunfterkenntnis ist nun entweder die aus Begriffen, oder aus +der Konstruktion der Begriffe; die erstere heißt philosophisch, die +zweite mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich +schon im ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkenntnis demnach kann +objektiv philosophisch sein, und ist doch subjektiv historisch, wie +bei den meisten Lehrlingen, und bei allen, die über die Schule niemals +hinausgehen und zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch +sonderbar, daß das mathematische Erkenntnis, so wie man es erlernt +hat, doch auch subjektiv für Vernunfterkenntnis gelten kann, und ein +solcher Unterschied bei ihr nicht so, wie bei dem philosophischen +stattfindet. Die Ursache ist, weil die Erkenntnisquellen, aus +denen der Lehrer allein schöpfen kann, nirgend anders als in den +wesentlichen und echten Prinzipien der Vernunft liegen, und mithin von +dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa gestritten werden +können, und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der Vernunft hier nur +in concreto, obzwar dennoch a priori, nämlich an der reinen, und eben +deswegen fehlerfreien, Anschauung geschieht, und alle Täuschung und +Irrtum ausschließt. Man kann also unter allen Vernunftwissenschaften +(a priori) nur allein Mathematik, niemals aber Philosophie (es sei +denn historisch), sondern, was die Vernunft betrifft, höchstens nur +philosophieren lernen. + +Das System aller philosophischen Erkenntnis ist nun Philosophie. Man +muß sie objektiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurteilung +aller Versuche zu philosophieren versteht, welche jede subjektive +Philosophie zu beurteilen dienen soll, deren Gebäude oft so +mannigfaltig und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie +eine bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in +concreto gegeben ist, welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu +nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit +verwachsene Fußsteig entdeckt wird, und das bisher verfehlte Nachbild, +so weit als es Menschen vergönnt ist, dem Urbilde gleich zu machen +gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie lernen; denn, wo ist +sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie sich erkennen? Man +kann nur philosophieren lernen, d.i. das Talent der Vernunft in +der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen +Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft, jene +selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder zu +verwerfen. + +Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff, +nämlich von einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft +gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses +Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke +zu haben. Es gibt aber noch einen Weltbegriff (conceptus cosmicus), +der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich +wenn man ihn gleichsam personifizierte und in dem Ideal des +Philosophen sich als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist +Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf +die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis +humanae), und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern +der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft. In solcher Bedeutung wäre +es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosophen zu nennen, und sich +anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt, gleichgekommen zu +sein. + +Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortrefflich +die ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse, die zweiten +besonders im philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen, doch +nur Vernunftkünstler. Es gibt noch einen Lehrer im Ideal, der alle +diese ansetzt, sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke +der menschlichen Vernunft zu befördern. Diesen allein müßten wir den +Philosophen nennen; aber, da er selbst doch nirgend, die Idee aber +seiner Gesetzgebung allenthalben in jeder Menschenvernunft angetroffen +wird, so wollen wir uns lediglich an der letzteren halten, und +näher bestimmen, was Philosophie, nach diesem Weltbegriffe*, für +systematische Einheit aus dem Standpunkte der Zwecke vorschreibe. + +* Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann + notwendig interessiert; mithin bestimme ich die Absicht einer + Wissenschaft nach Schulbegriffen, wenn sie nur als eine von den + Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen Zwecken angesehen wird. + +Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bei +vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger +sein kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne +Zwecke, die zu jenem als Mittel notwendig gehören. Der erstere +ist kein anderer, als die ganze Bestimmung des Menschen, und die +Philosophie über dieselbe heißt Moral. Um dieses Vorzugs willen, den +die Moralphilosophie vor aller anderen Vernunftbewerbung hat, verstand +man auch bei den Alten unter dem Namen des Philosophen jederzeit +zugleich und vorzüglich den Moralisten, und selbst macht der äußere +Schein der Selbstbeherrschung durch Vernunft, daß man jemanden +noch jetzt, bei seinem eingeschränkten Wissen, nach einer gewissen +Analogie, Philosoph nennt. + +Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun +zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das +Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, +zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie +der Natur geht auf alles, was da ist; die der Sitten, nur auf das, was +da sein soll. + +Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft, +oder Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien. Die erstere heißt +reine, die zweite empirische Philosophie. + +Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik +(Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen +Erkenntnis a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das +System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl +als scheinbare) philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im +systematischen Zusammenhange, und heißt Metaphysik; wiewohl dieser +Name auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Kritik +gegeben werden kann, um, sowohl die Untersuchung alles dessen, +was jemals a priori erkannt werden kann, als auch die Darstellung +desjenigen, was ein System reiner philosophischer Erkenntnisse +dieser Art ausmacht, von allein empirischen aber, imgleichen dem +mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden ist, zusammen zu +fassen. + +Die Metaphysik teilt sich in die des spekulativen und praktischen +Gebrauchs der reinen Vernunft, und ist also entweder Metaphysik +der Natur, oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reinen +Vernunftprinzipien aus bloßen Begriffen (mithin mit Ausschließung der +Mathematik) von dem theoretischen Erkenntnisse aller Dinge; diese die +Prinzipien, welche das Tun und Lassen a priori bestimmen und notwendig +machen. Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der +Handlungen, die völlig a priori aus Prinzipien abgeleitet werden kann. +Daher ist die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral, in +welcher keine Anthropologie (keine empirische Bedingung) zum Grunde +gelegt wird. Die Metaphysik der spekulativen Vernunft ist nun das, +was man im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; sofern +aber reine Sittenlehre doch gleichwohl zu dem besonderen Stamme +menschlicher und zwar philosophischer Erkenntnis aus reiner Vernunft +gehört, so wollen wir ihr jene Benennung erhalten, obgleich wir sie, +als zu unserem Zwecke jetzt nicht gehörig, hier beiseite setzen. + +Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer +Gattung und Ursprunge nach von anderen unterschieden sind, zu +isolieren, und sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit anderen, mit +welchen sie im Gebrauche gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch +zusammenfließen. Was Chemiker beim Scheiden der Materien, was +Mathematiker in ihrer reinen Größenlehre tun, das liegt noch weit mehr +dem Philosophen ob, damit er den Anteil, den eine besondere Art der +Erkenntnis am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen +Wert und Einfluß sicher bestimmen könne. Daher hat die menschliche +Vernunft seitdem, daß sie gedacht, oder vielmehr nachgedacht hat, +niemals einer Metaphysik entbehren, aber gleichwohl sie nicht, +genugsam geläutert von allem Fremdartigen, darstellen können. Die +Idee einer solchen Wissenschaft ist ebenso alt, als spekulative +Menschenvernunft; und welche Vernunft spekuliert nicht, es mag nun auf +scholastische, oder populäre Art geschehen? Man muß indessen gestehen, +daß die Unterscheidung der zwei Elemente unserer Erkenntnis, deren +die einen völlig a priori in unserer Gewalt sind, die anderen nur +a posteriori aus der Erfahrung genommen werden können, selbst bei +Denkern von Gewerbe, nur sehr undeutlich blieb, und daher niemals die +Grenzbestimmung einer besonderen Art von Erkenntnis, mithin nicht +die echte Idee einer Wissenschaft, die so lange und so sehr die +menschliche Vernunft beschäftigt hat, zustande bringen konnte. Wenn +man sagte: Metaphysik ist die Wissenschaft von den ersten Prinzipien +der menschlichen Erkenntnis, so bemerkte man dadurch nicht eine ganz +besondere Art, sondern nur einen Rang in Ansehung der Allgemeinheit, +dadurch sie also vom Empirischen nicht kenntlich unterschieden +werden konnte; denn auch unter empirischen Prinzipien sind einige +allgemeiner, und darum höher als andere, und, in der Reihe einer +solchen Unterordnung, (da man das, was völlig a priori, von dem, was +nur a posteriori erkannt wird, nicht unterscheidet,) wo soll man den +Abschnitt machen, der den ersten Teil und die obersten Glieder von +dem letzten und den untergeordneten unterschiede? Was würde man dazu +sagen, wenn die Zeitrechnung die Epochen der Welt nur so bezeichnen +könnte, daß sie sie in die ersten Jahrhunderte und in die +darauffolgenden einteilte? Gehört das fünfte, das zehnte usw. +Jahrhundert auch zu den ersten? würde man fragen; ebenso frage ich: +gehört der Begriff des Ausgedehnten zur Metaphysik? ihr antwortet, ja! +ei, aber auch der des Körpers? ja! und der des flüssigen Körpers? ihr +werdet stutzig, denn, wenn es so weiterfortgeht, so wird alles in +die Metaphysik gehören. Hieraus sieht man, daß der bloße Grad der +Unterordnung (das Besondere unter dem Allgemeinen) keine Grenzen einer +Wissenschaft bestimmen könne, sondern in unserem Falle die gänzliche +Ungleichartigkeit und Verschiedenheit des Ursprungs. Was aber die +Grundidee der Metaphysik noch auf einer anderen Seite verdunkelte, +war, daß sie als Erkenntnis a priori mit der Mathematik eine gewisse +Gleichartigkeit zeigt, die zwar, was den Ursprung a priori betrifft, +sie einander verwandt, was aber die Erkenntnisart aus Begriffen bei +jener, in Vergleichung mit der Art, bloß durch Konstruktion der +Begriffe a priori zu urteilen, bei dieser, mithin den Unterschied +einer philosophischen Erkenntnis von der mathematischen anlangt; +so zeigt sich eine so entschiedene Ungleichartigkeit, die man zwar +jederzeit gleichsam fühlte, niemals aber auf deutliche Kriterien +bringen konnte. Dadurch ist es nun geschehen, daß, da Philosophen +selbst in der Entwicklung der Idee ihrer Wissenschaften fehlten, +die Bearbeitung derselben keinen bestimmten Zweck und keine sichere +Richtschnur haben konnte, und sie, bei einem so willkürlich gemachten +Entwurfe, unwissend in dem Wege, den sie zu nehmen hätten, und +jederzeit unter sich streitig, über die Entdeckungen, die ein jeder +auf dem seinigen gemacht haben wollte, ihre Wissenschaft zuerst bei +anderen und endlich sogar bei sich selbst in Verachtung brachten. + +Alle reine Erkenntnis a priori macht also, vermöge des besonderen +Erkenntnisvermögens, darin es allein seinen Sitz haben kann, eine +besondere Einheit aus, und Metaphysik ist diejenige Philosophie, +welche jene Erkenntnis in dieser systematischen Einheit darstellen +soll. Der spekulative Teil derselben, der sich diesen Namen vorzüglich +zugeeignet hat, nämlich die, welche wir Metaphysik der Natur nennen, +und alles, sofern es ist, (nicht das, was sein soll,) aus Begriffen a +priori erwägt, wird nun auf folgende Art eingeteilt. + +Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der +Transzendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft. +Die erstere betrachtet nur den Verstand, und Vernunft selbst in +einem System aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände +überhaupt beziehen, ohne Objekte anzunehmen, die gegeben wären +(Ontologia); die zweite betrachtet Natur, d.i. den Inbegriff gegebener +Gegenstände, (sie mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer +anderen Art von Anschauung gegeben sein,) und ist also Physiologie +(obgleich nur rationalis). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft +in dieser rationalen Naturbetrachtung entweder physisch, oder +hyperphysisch, oder besser, entweder immanent oder transzendent. +Der erstere geht auf die Natur, so weit als ihre Erkenntnis in +der Erfahrung (in concreto) kann angewandt werden, der zweite auf +diejenige Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung, welche alle +Erfahrung übersteigt. Diese transzendente Physiologie hat daher +entweder eine innere Verknüpfung, oder äußere, die aber beide über +mögliche Erfahrung hinausgehen, zu ihrem Gegenstande; jene ist +die Physiologie der gesamten Natur, d.i. die transzendentale +Welterkenntnis, diese des Zusammenhanges der gesamten Natur mit einem +Wesen über der Natur, d.i. die transzendentale Gotteserkenntnis. + +Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff +aller Gegenstände der Sinne, mithin so wie sie uns gegeben ist, aber +nur nach Bedingungen a priori, unter denen sie uns überhaupt gegeben +werden kann. Es sind aber nur zweierlei Gegenstände derselben. 1. Die +der äußeren Sinne, mithin der Inbegriff derselben, die körperliche +Natur. 2. Der Gegenstand des inneren Sinnes, die Seele, und, nach den +Grundbegriffen derselben überhaupt, die denkende Natur. Die Metaphysik +der körperlichen Natur heißt Physik, aber, weil sie nur die Prinzipien +ihrer Erkenntnis a priori enthalten soll, rationale Physik. Die +Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie und aus der eben +angeführten Ursache ist hier nur die rationale Erkenntnis derselben zu +verstehen. + +Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Hauptteilen. +1. Der Ontologie. 2. Der rationalen Physiologie. 3. Der rationalen +Kosmologie. 4. Der rationalen Theologie. Der zweite Teil, nämlich die +Naturlehre der reinen Vernunft, enthält zwei Abteilungen, die physica +rationalis* und psychologia rationalis. + +* Man denke ja nicht, daß ich hierunter dasjenige verstehe, was man + gemeiniglich physica generalis nennt, und mehr Mathematik, als + Philosophie der Natur ist. Denn die Metaphysik der Natur sondert + sich gänzlich von der Mathematik ab, hat auch bei weitem nicht so + viel erweiternde Einsichten anzubieten, als diese, ist aber doch + sehr wichtig, in Ansehung der Kritik des auf die Natur anzuwendenden + reinen Verstandeserkenntnisses überhaupt; in Ermanglung deren + selbst Mathematiker, indem sie gewissen gemeinen, in der Tat doch + metaphysischen Begriffen anhängen, die Naturlehre unvermerkt + mit Hypothesen belästigt haben, welche bei einer Kritik dieser + Prinzipien verschwinden, ohne dadurch doch dem Gebrauche der + Mathematik in diesem Felde (der ganz unentbehrlich ist) im mindesten + Abbruch zu tun. + +Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt +diese Abteilung selbst vor; sie ist also architektonisch, ihren +wesentlichen Zwecken gemäß, und nicht bloß technisch, nach zufällig +wahrgenommenen Verwandtschaften und gleichsam auf gut Glück +angestellt, eben darum aber auch unwandelbar und legislatorisch. Es +finden sich aber hierbei einige Punkte, die Bedenklichkeit erregen, +und die Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit derselben schwächen +könnten. + +Zuerst, wie kann ich eine Erkenntnis a priori, mithin Metaphysik, von +Gegenständen erwarten, sofern sie unseren Sinnen, mithin a posteriori +gegeben sind? und, wie ist es möglich, nach Prinzipien a priori, die +Natur der Dinge zu erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu +gelangen? Die Antwort ist: wir nehmen aus der Erfahrung nichts weiter, +als was nötig ist, uns ein Objekt, teils des äußeren, teils des +inneren Sinnes zu geben. Jenes geschieht durch den bloßen Begriff +Materie (undurchdringliche leblose Ausdehnung), dieses durch +den Begriff eines denkenden Wesens (in der empirischen inneren +Vorstellung: Ich denke). Übrigens müßten wir in der ganzen Metaphysik +dieser Gegenstände, uns aller empirischen Prinzipien gänzlich +enthalten, die über den Begriff noch irgendeine Erfahrung hinzusetzen +möchten, um etwas über diese Gegenstände daraus zu urteilen. + +Zweitens: wo bleibt denn die empirische Psychologie, welche von jeher +ihren Platz in der Metaphysik behauptet hat, und von welcher man +in unseren Zeiten so große Dinge zur Aufklärung derselben erwartet +hat, nachdem man die Hoffnung aufgab, etwas Taugliches a priori +auszurichten? Ich antworte: sie kommt dahin, wo die eigentliche +(empirische) Naturlehre hingestellt werden muß, nämlich auf die Seite +der angewandten Philosophie, zu welcher die reine Philosophie die +Prinzipien a priori enthält, die also mit jener zwar verbunden, aber +nicht vermischt werden muß. Also muß empirische Psychologie aus der +Metaphysik gänzlich verbannt sein, und ist schon durch die Idee +derselben davon gänzlich ausgeschlossen. Gleichwohl wird man ihr +nach dem Schulgebrauch doch noch immer (obzwar nur als Episode) +ein Plätzchen darin verstatten müssen, und zwar aus ökonomischen +Bewegursachen, weil sie noch nicht so reich ist, daß sie allein +ein Studium ausmachen, und doch zu wichtig, als daß man sie ganz +ausstoßen, oder anderwärts anheften sollte, wo sie noch weniger +Verwandtschaft als in der Metaphysik antreffen dürfte. Es ist also +bloß ein so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige Zeit +einen Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie +(dem Pendant zu der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung +wird beziehen können. + +Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, welche, da man ihr +anfänglich mehr zumutete, als billigerweise verlangt werden kann, und +sich eine zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte, zuletzt in +allgemeine Verachtung gefallen ist, da man sich in seiner Hoffnung +betrogen fand. Aus dem ganzen Verlauf unserer Kritik wird man sich +hinlänglich überzeugt haben: daß, wenngleich Metaphysik nicht die +Grundfeste der Religion sein kann, so müsse sie doch jederzeit als die +Schutzwehr derselben stehenbleiben, und daß die menschliche Vernunft, +welche schon durch die Richtung ihrer Natur dialektisch ist, einer +solchen Wissenschaft niemals entbehren könnte, die sie zügelt, und, +durch ein szientifisches und völlig einleuchtendes Selbsterkenntnis, +die Verwüstungen abhält, welche eine gesetzlose spekulative Vernunft +sonst ganz unfehlbar, in Moral sowohl als Religion, anrichten würde. +Man kann also sicher sein, so spröde, oder geringschätzend auch +diejenigen tun, die eine Wissenschaft nicht nach ihrer Natur, sondern +allein aus ihren zufälligen Wirkungen zu beurteilen wissen, man +werde jederzeit zu ihr, wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten +zurückkehren, weil die Vernunft, da es hier wesentliche Zwecke +betrifft, rastlos, entweder auf gründliche Einsicht oder Zerstörung +schon vorhandener guter Einsichten arbeiten muß. + +Metaphysik also, sowohl der Natur, als der Sitten, vornehmlich die +Kritik der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend +(propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus, +was wir im echten Verstande Philosophie nennen können. Diese bezieht +alles auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, +der, wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwächst, und keine +Verirrungen verstattet. Mathematik, Naturwissenschaft, selbst die +empirische Kenntnis des Menschen, haben einen hohen Wert als Mittel, +größtenteils zu zufälligen, am Ende aber doch zu notwendigen +und wesentlichen Zwecken der Menschheit, aber alsdann nur durch +Vermittlung einer Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen, die, man +mag sie benennen, wie man will, eigentlich nichts als Metaphysik ist. + +Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Kultur der +menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren +Einfluß, als Wissenschaft, auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite +setzt. Denn sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und +obersten Maximen, die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften, +und dem Gebrauche aller, zum Grunde liegen müssen. Daß sie, als bloße +Spekulation, mehr dazu dient, Irrtümer abzuhalten, als Erkenntnis zu +erweitern, tut ihrem Werte keinen Abbruch, sondern gibt ihr vielmehr +Würde und Ansehen durch das Zensoramt, welches die allgemeine Ordnung +und Eintracht, ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens +sichert, und dessen mutige und fruchtbare Bearbeitungen abhält, +sich nicht von dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu +entfernen. + + + +Der transzendentalen Methodenlehre +Viertes Hauptstück +Die Geschichte der reinen Vernunft + +Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im +System übrigbleibt, und künftig ausgefüllt werden muß. Ich begnüge +mich, aus einem bloß transzendentalen Gesichtspunkte, nämlich der +Natur der reinen Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der +bisherigen Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem +Auge zwar Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt. + +Es ist merkwürdig genug, ob es gleich natürlicherweise nicht anders +zugehen konnte, daß die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon +anfingen, wo wir jetzt lieber endigen möchten, nämlich, zuerst die +Erkenntnis Gottes, und die Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit +einer anderen Welt zu studieren. Was auch die alten Gebräuche, +die noch von dem rohen Zustande der Völker übrig waren, für grobe +Religionsbegriffe eingeführt haben mochten, so hinderte dieses doch +nicht den aufgeklärteren Teil, sich freien Nachforschungen über diesen +Gegenstand zu widmen, und man sah leicht ein, daß es keine gründliche +und zuverlässigere Art geben könne, der unsichtbaren Macht, die +die Welt regiert, zu gefallen, um wenigstens in einer anderen Welt +glücklich zu sein, als den guten Lebenswandel. Daher waren Theologie +und Moral die zwei Triebfedern, oder besser, Beziehungspunkte zu allen +abgezogenen Vernunftforschungen, denen man sich nachher jederzeit +gewidmet hat. Die erstere war indessen eigentlich das, was die bloß +spekulative Vernunft nach und nach in das Geschäft zog, welches in der +Folge unter dem Namen der Metaphysik so berühmt geworden. + +Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden, auf welche diese oder +jene Veränderung der Metaphysik traf, sondern nur die Verschiedenheit +der Idee, welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlaßte, in +einem flüchtigen Abrisse darstellen. Und da finde ich eine dreifache +Absicht, in welcher die namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne +des Streits gestiftet worden. + +1. In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse, +waren einige bloß Sensual-, andere bloß Intellektualphilosophen. +Epikur kann der vornehmste Philosoph der Sinnlichkeit, Plato des +Intellektuellen genannt werden. Dieser Unterschied der Schulen aber, +so subtil er auch ist, hatte schon in den frühesten Zeiten angefangen, +und hat sich lange ununterbrochen erhalten. Die von der ersteren +behaupteten, in den Gegenständen der Sinne sei allein Wirklichkeit, +alles übrige sei Einbildung; die von der zweiten sagten dagegen: in +den Sinnen ist nichts als Schein, nur der Verstand erkennt das Wahre. +Darum stritten aber die ersteren den Verstandesbegriffen doch eben +nicht Realität ab, sie war aber bei ihnen nur logisch, bei den anderen +aber mystisch. Jene räumten intellektuelle Begriffe ein, aber nahmen +bloß sensible Gegenstände an. Diese verlangten, daß die wahren +Gegenstände bloß intelligibel wären, und behaupteten eine Anschauung +durch den von keinen Sinnen begleiteten und ihrer Meinung nach nur +verwirrten reinen Verstand. + +2. In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse, ob sie aus +der Erfahrung abgeleitet, oder, unabhängig von ihr, in der Vernunft +ihre Quelle haben. Aristoteles kann als das Haupt der Empiristen, +Plato aber der Noologisten angesehen werden. Locke, der in neueren +Zeiten dem ersteren, und Leibnitz, der dem letzteren (obzwar in einer +genugsamen Entfernung von dessen mystischem Systeme) folgte, haben +es gleichwohl in diesem Streite noch zu keiner Entscheidung bringen +können. Wenigstens verfuhr Epikur seinerseits viel konsequenter nach +seinem Sensualsystem (denn er ging mit seinen Schlüssen niemals +über die Grenze der Erfahrung hinaus), als Aristoteles und Locke, +(vornehmlich aber der letztere,) der, nachdem er alle Begriffe und +Grundsätze von der Erfahrung abgeleitet hatte, soweit im Gebrauche +derselben geht, daß er behauptet, man könne das Dasein Gottes und die +Unsterblichkeit der Seele (obzwar beide Gegenstände ganz außer den +Grenzen möglicher Erfahrung liegen) ebenso evident beweisen, als +irgendeinen mathematischen Lehrsatz. + +3. In Ansehung der Methode. Wenn man etwas Methode nennen soll, so +muß es ein Verfahren nach Grundsätzen sein. Nun kann man die jetzt +in diesem Fache der Naturforschung herrschende Methode in die +naturalistische und szientifische einteilen. Der Naturalist der reinen +Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze: daß durch gemeine Vernunft ohne +Wissenschaft (welche er die gesunde Vernunft nennt) sich in Ansehung +der erhabensten Fragen, die die Aufgabe der Metaphysik ausmachen, mehr +ausrichten lasse, als durch Spekulation. Er behauptet also, daß man +die Größe und Weite des Mondes sicherer nach dem Augenmaße, als durch +mathematische Umschweife bestimmen könne. Es ist bloße Misologie, +auf Grundsätze gebracht, und, welches das ungereimteste ist, die +Vernachlässigung aller künstlichen Mittel, als eine eigene Methode +angerühmt, seine Erkenntnis zu erweitern. Denn was die Naturalisten +aus Mangel mehrerer Einsicht betrifft, so kann man ihnen mit Grunde +nichts zur Last legen. Sie folgen der gemeinen Vernunft, ohne sich +ihrer Unwissenheit als einer Methode zu rühmen, die das Geheimnis +enthalten solle, die Wahrheit aus Demokrits tiefem Brunnen +herauszuholen. Quod sapio, satis est mihi; non ego curo, esse quod +Arcesilas aerumnosique Solones, Pers. ist ihr Wahlspruch, bei dem +sie vergnügt und beifallswürdig leben können, ohne sich um die +Wissenschaft zu bekümmern, noch deren Geschäft zu verwirren. + +Was nun die Beobachter einer szientifischen Methode betrifft, so haben +sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder skeptisch, in allen Fällen +aber doch die Verbindlichkeit systematisch zu verfahren. Wenn ich hier +in Ansehung der ersteren den berühmten Wolf, bei der zweiten David +Hume nenne, so kann ich die übrigen, meiner jetzigen Absicht nach, +ungenannt lassen. Der kritische Weg ist allein noch offen. Wenn der +Leser diesen in meiner Gesellschaft durchzuwandern Gefälligkeit +und Geduld gehabt hat, so mag er jetzt urteilen, ob nicht, wenn es +ihm beliebt, das Seinige dazu beizutragen, um diesen Fußsteig zur +Heeresstraße zu machen, dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht +leisten konnten, noch vor Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden +möge: nämlich, die menschliche Vernunft in dem, was ihre Wißbegierde +jederzeit, bisher aber vergeblich, beschäftigt hat, zur völligen +Befriedigung zu bringen. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KRITIK DER REINEN VERNUNFT (2ND EDITION) *** + +This file should be named 6343-8.txt or 6343-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. 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