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+The Project Gutenberg EBook of Kritik der reinen Vernunft (1st Edition)
+by Immanuel Kant
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+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+Title: Kritik der reinen Vernunft (1st Edition)
+
+Author: Immanuel Kant
+
+Release Date: August, 2004 [EBook #6342]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on November 28, 2002]
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+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: Latin1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KRITIK DER REINEN VERNUNFT (1ST EDITION) ***
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+This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
+(http://www.gutenberg2000.de/kant/krva/krva.htm), prepared by
+Gerd Bouillon.
+
+
+
+
+Kritik der reinen Vernunft
+von
+Immanuel Kant
+
+Professor in Königsberg
+
+(1781)
+
+
+
+Inhalt
+
+Zueignung
+Vorrede
+Inhaltsverzeichnis
+Einleitung
+ I. Idee der Transzendental-Philosophie
+ Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile
+ II. Einteilung der Transzendental-Philosophie
+I. Transzendentale Elementarlehre
+ Erster Teil. Die transzendentale Ästhetik
+ 1. Abschnitt. Von dem Raume
+ 2. Abschnitt. Von der Zeit
+ Schlüsse aus diesen Begriffen
+ Erläuterung
+ Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik
+ Zweiter Teil. Die transzendentale Logik
+ Einleitung. Idee einer transzendentalen Logik
+ I. Von der Logik überhaupt
+ II. Von der transzendentalen Logik
+ III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik
+ und Dialektik
+ IV. Von der Einteilung der transzendentalen Logik in die
+ transzendentale Analytik und Dialektik
+ Erste Abteilung. Die transzendentale Analytik
+ Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe
+ 1. Hauptstück. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller
+ reinen Verstandesbegriffe
+ 1. Abschnitt. Von dem logischen Verstandesgebrauche
+ überhaupt
+ 2. Abschnitt. Von der logischen Funktion des
+ Verstandes in Urteilen
+ 3. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen oder
+ Kategorien
+ 2. Hauptstück. Von der Deduktion der reinen
+ Verstandesbegriffe
+ 1. Abschnitt. Von den Prinzipien einer
+ transzendentalen Deduktion überhaupt
+ Übergang zur transzendentalen Deduktion der
+ Kategorien
+ 2. Abschnitt. Von den Gründen a priori zur Möglichkeit
+ der Erfahrung
+ 1. Von der Synthesis der Apprehension in der
+ Anschauung
+ 2. Von der Synthesis der Reproduktion in der
+ Einbildung
+ 3. Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe
+ 4. Vorläufige Erklärung der Möglichkeit der
+ Kategorien, als Erkenntnissen a priori
+ 3. Abschnitt. Von dem Verhältnisse des Verstandes zu
+ Gegenständen überhaupt und der Möglichkeit dieses a
+ priori zu erkennen
+ Summarische Vorstellung der Richtigkeit und
+ einzigen Möglichkeit dieser Deduktion der reinen
+ Verstandesbegriffe
+ Zweites Buch. Die Analytik der Grundsätze
+ Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft
+ überhaupt
+ 1. Hauptstück. Von dem Schematismus der reinen
+ Verstandesbegriffe
+ 2. Hauptstück. System aller Grundsätze des reinen
+ Verstandes
+ 1. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller
+ analytischen Urteile
+ 2. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller
+ synthetischen Urteile
+ 3. Abschnitt. Systematische Vorstellung aller
+ synthetischen Grundsätze desselben
+ 1. Axiome der Anschauung
+ 2. Antizipationen der Wahrnehmung
+ 3. Analogien der Erfahrung
+ A. Erste Analogie. Grundsatz der
+ Beharrlichkeit der Substanz
+ B. Zweite Analogie. Grundsatz der Zeitfolge
+ nach dem Gesetze der Kausalität
+ C. Dritte Analogie. Grundsatz des
+ Zugleichseins, nach dem Gesetze der
+ Wechselwirkung, oder Gemeinschaft
+ 4. Die Postulate des empirischen Denkens
+ überhaupt
+ 3. Hauptstück. Von dem Grunde der Unterscheidung aller
+ Gegenstände überhaupt in Phaenomena und Noumena
+ Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe
+ Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe
+ Zweite Abteilung. Die transzendentale Dialektik
+ Einleitung
+ I. Vom transzendentalen Schein
+ II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des
+ transzendentalen Scheins
+ A. Von der Vernunft überhaupt
+ B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft
+ C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft
+ Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft
+ 1. Abschnitt. Von den Ideen überhaupt
+ 2. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen
+ 3. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen
+ Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen
+ Vernunft
+ 1. Hauptstück. Von den Paralogismen der reinen Vernunft
+ Erster Paralogism der Substantialität
+ Zweiter Paralogism der Simplizität
+ Dritter Paralogism der Personalität
+ Der vierte Paralogism der Idealität (des äußeren
+ Verhältnisses)
+ Betrachtungen über die Summe der reinen Seelenlehre,
+ zufolge diesen Paralogismen
+ 2. Hauptstück. Die Antinomie der reinen Vernunft
+ 1. Abschnitt. System der kosmologischen Ideen
+ 2. Abschnitt. Antithetik der reinen Vernunft
+ Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen
+ Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen
+ Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen
+ Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen
+ 3. Abschnitt. Von dem Interesse der Vernunft bei
+ diesem ihrem Widerstreite
+ 4. Abschnitt. Von den transzendentalen Aufgaben der
+ reinen Vernunft, insofern sie schlechterdings
+ müssen aufgelöset werden können
+ 5. Abschnitt. Skeptische Vorstellung der
+ kosmologischen Fragen durch alle vier
+ transzendentalen Ideen
+ 6. Abschnitt. Der transzendentale Idealism als der
+ Schlüssel zu Auflösung der kosmologischen Dialektik
+ 7. Abschnitt. Kritische Entscheidung des
+ kosmologischen Streits der Vernunft mit sich selbst
+ 8. Abschnitt. Regulatives Prinzip der reinen Vernunft
+ in Ansehung der kosmologischen Ideen
+ 9. Abschnitt. Von dem empirischen Gebrauche des
+ regulativen Prinzips der Vernunft, in Ansehung
+ aller kosmologischen Ideen
+ I. Auflösung der kosmologischen Idee von
+ der Totalität der Zusammensetzung der
+ Erscheinungen von einem Weltganzen
+ II. Auflösung der kosmologischen Idee von der
+ Totalität der Teilung eines gegebenen Ganzen
+ in der Anschauung
+ Schlußanmerkung zur Auflösung der
+ mathematisch-transzendentalen, und
+ Vorerinnerung zur Auflösung der
+ dynamisch-transzendentalen Ideen
+ III. Auflösung der kosmologischen Ideen von der
+ Totalität der Ableitung der Weltbegebenheit
+ aus ihren Ursachen
+ Möglichkeit der Kausalität durch Freiheit, in
+ Vereinigung mit dem allgemeinen Gesetze der
+ Naturnotwendigkeit
+ Erläuterung der kosmologischen Idee einer
+ Freiheit in Verbindung mit der allgemeinen
+ Naturnotwendigkeit
+ IV. Auflösung der kosmologischen Idee von der
+ Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen,
+ ihrem Dasein nach überhaupt
+ Schlußanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen
+ Vernunft
+ 3. Hauptstück. Das Ideal der reinen Vernunft
+ 1. Abschnitt. Von dem Ideal überhaupt
+ 2. Abschnitt. Von dem transzendentalen Ideal
+ (Prototypon transscendentale)
+ 3. Abschnitt. Von den Beweisgründen der spekulativen
+ Vernunft, auf das Dasein eines höchsten Wesens zu
+ schließen
+ 4. Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines
+ ontologischen Beweises vom Dasein Gottes
+ 5. Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines
+ kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes
+ Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins
+ in allen transzendentalen Beweisen vom Dasein eines
+ notwendigen Wesens
+ 6. Abschnitt. Von der Unmöglichkeit des
+ physikotheologischen Beweises
+ 7. Abschnitt. Kritik aller Theologie aus spekulativen
+ Prinzipien der Vernunft
+ Anhang zur transzendentalen Dialektik
+ Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft
+ Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der
+ menschlichen Vernunft
+II. Transzendentale Methodenlehre
+ 1. Hauptstück. Die Disziplin der reinen Vernunft
+ 1. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft im
+ dogmatischen Gebrauche
+ 2. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
+ ihres polemischen Gebrauchs
+ Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der
+ mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft
+ 3. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
+ der Hypothesen
+ 4. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
+ ihrer Beweise
+ 2. Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft
+ 1. Abschnitt. Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs
+ unserer Vernunft
+ 2. Abschnitt. Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem
+ Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft
+ 3. Abschnitt. Vom Meinen, Wissen und Glauben
+ 3. Hauptstück. Die Architektonik der reinen Vernunft
+ 4. Hauptstück. Die Geschichte der reinen Vernunft
+
+
+
+Sr. Exzellenz,
+dem
+Königl. Staatsminister
+
+Freiherrn von Zedlitz
+
+
+Gnädiger Herr!
+
+Den Wachstum der Wissenschaften an seinem Teile befördern, heißt an
+Ew. Exzellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen,
+nicht bloß durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern
+durch das viel vertrautere eines Liebhabers und erleuchteten Kenners,
+innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen Mittels,
+das gewissermaßen in meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit für das
+gnädige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Exzellenz mich beehren, als
+könnte ich zu dieser Absicht etwas beitragen.
+
+Wen das spekulative Leben vergnügt, dem ist, unter mäßigen Wünschen,
+der Beifall eines aufgeklärten, gültigen Richters eine kräftige
+Aufmunterung zu Bemühungen, deren Nutzen groß, obzwar entfernt ist,
+und daher von gemeinen Augen gänzlich verkannt wird.
+
+Einem Solchen und Dessen gnädigem Augenmerke widme ich nun diese
+Schrift und, Seinem Schutze, alle übrige Angelegenheit meiner
+literarischen Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung
+
+ Ew. Exzellenz
+ untertänig gehorsamster
+ Diener
+Königsberg
+den 29sten März 1781 Immanuel Kant
+
+
+
+Vorrede
+
+Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung
+ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht
+abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst
+aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie
+übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.
+
+In diese Verlegenheit gerät sie ohne ihre Schuld. Sie fängt von
+Grundsätzen an, deren Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich
+und zugleich durch diese hinreichend bewährt ist. Mit diesem steigt
+sie (wie es auch ihre Natur mit sich bringt) immer höher, zu
+entfernteren Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, daß auf diese Art
+ihr Geschäft jederzeit unvollendet bleiben müsse, weil die Fragen
+niemals aufhören, so sieht sie sich genötigt, zu Grundsätzen
+ihre Zuflucht zu nehmen, die allen möglichen Erfahrungsgebrauch
+überschreiten und gleichwohl so unverdächtig scheinen, daß auch die
+gemeine Menschenvernunft damit im Einverständnisse steht. Dadurch aber
+stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar
+abnehmen kann, daß irgendwo verborgene Irrtümer zum Grunde liegen
+müssen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze, deren
+die sich bedient, da sie über die Grenze aller Erfahrung hinausgehen,
+keinen Probierstein der Erfahrung mehr anerkennen. Der Kampfplatz
+dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik.
+
+Es war eine Zeit, in welcher sie die Königin aller Wissenschaften
+genannt wurde, und wenn man den Willen für die Tat nimmt, so verdiente
+sie, wegen der vorzüglichen Wichtigkeit ihres Gegenstandes, allerdings
+diesen Ehrennamen. Jetzt bringt es der Modeton des Zeitalters so
+mit sich, ihre alle Verachtung zu beweisen und die Matrone klagt,
+verstoßen und verlassen, wie Hecuba: modo maxima rerum, tot generis
+natisque potens - nunc trahor exul, inops - Ovid. Metam.
+
+Anfänglich war ihre Herrschaft unter der Verwaltung der Dogmatiker,
+despotisch. Allein, weil die Gesetzgebung noch die Spur der alten
+Barbarei an sich hatte, so artete sie durch innere Kriege nach und
+nach in völlige Anarchie aus und die Skeptiker, eine Art Nomaden, die
+allen beständigen Anbau des Bodens verabscheuen, zertrennten von Zeit
+zu Zeit die bürgerliche Vereinigung. Da ihrer aber zum Glück nur
+wenige waren, so konnten sie nicht hindern, daß jene sie nicht immer
+aufs neue, obgleich nach keinem unter sich einstimmigen Plane, wieder
+anzubauen versuchten. In neueren Zeiten schien es zwar einmal, als
+sollte allen diesen Streitigkeiten durch eine gewisse Physiologie des
+menschlichen Verstandes (von dem berühmten Locke) ein Ende gemacht und
+die Rechtmäßigkeit jener Ansprüche völlig entschieden werden; es fand
+sich aber, daß, obgleich die Geburt jener vorgegebenen Königin aus
+dem Pöbel der gemeinen Erfahrung abgeleitet wurde und dadurch ihre
+Anmaßung mit Recht hätte verdächtig werden müssen, dennoch, weil
+diese Genealogie ihr in der Tat fälschlich angedichtet war, sie
+ihre Ansprüche noch immer behauptete, wodurch alles wiederum in den
+veralteten wurmstichigen Dogmatismus und daraus in die Geringschätzung
+verfiel, daraus man die Wissenschaft hatte ziehen wollen. Jetzt,
+nachdem alle Wege (wie man sich überredet) vergeblich versucht sind,
+herrscht Überdruß und gänzlicher Indifferentismus, die Mutter des
+Chaos und der Nacht, in Wissenschaften, aber doch zugleich der
+Ursprung, wenigstens das Vorspiel einer nahen Umschaffung und
+Aufklärung derselben, wenn sie durch übel angebrachten Fleiß dunkel,
+verwirrt und unbrauchbar geworden.
+
+Es ist nämlich umsonst, Gleichgültigkeit in Ansehung solcher
+Nachforschungen erkünsteln zu wollen, deren Gegenstand der
+menschlichen Natur nicht gleichgültig sein kann. Auch fallen jene
+vorgeblichen Indifferentisten, so sehr sie sich auch durch die
+Veränderung der Schulsprache in einem populären Tone unkenntlich zu
+machen gedenken, wofern sie nur überall etwas denken, in metaphysische
+Behauptungen unvermeidlich zurück, gegen die sie doch so viel
+Verachtung vorgaben. Indessen ist diese Gleichgültigkeit, die sich
+mitten in dem Flor aller Wissenschaften ereignet und gerade diejenigen
+trifft, auf deren Kenntnisse, wenn dergleichen zu haben wären, man
+unter allen am wenigsten Verzicht tun würde, doch ein Phänomen, das
+Aufmerksamkeit und Nachsinnen verdient. Sie ist offenbar die Wirkung
+nicht des Leichtsinns, sondern der gereiften Urteilskraft* des
+Zeitalters, welches sich nicht länger durch Scheinwissen hinhalten
+läßt und eine Aufforderung an die Vernunft, das beschwerlichste
+aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntnis aufs neue
+zu übernehmen und einen Gerichtshof einzusetzen, der sie bei ihren
+gerechten Ansprüchen sichere, dagegen aber alle grundlosen Anmaßungen,
+nicht durch Machtsprüche, sondern nach ihren ewigen und unwandelbaren
+Gesetzen, abfertigen könne, und dieser ist kein anderer als die Kritik
+der reinen Vernunft selbst.
+
+* Man hört hin und wieder Klagen über Seichtigkeit der Denkungsart
+ unserer Zeit und den Verfall gründlicher Wissenschaft. Allein ich
+ sehe nicht, daß die, deren Grund gut gelegt ist, als Mathematik,
+ Naturlehre usw. diesen Vorwurf im mindesten verdienen, sondern
+ vielmehr den alten Ruhm der Gründlichkeit behaupten, in der
+ letzteren aber sogar übertreffen. Eben derselbe Geist würde sich
+ nun auch in anderen Arten von Erkenntnis wirksam beweisen, wäre nur
+ allererst für die Berichtigung ihrer Prinzipien gesorgt worden. In
+ Ermanglung derselben sind Gleichgültigkeit und Zweifel und endlich,
+ strenge Kritik, vielmehr Beweise einer gründlichen Denkungsart.
+ Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der
+ sich alles unterwerfen muß. Religion, durch ihre Heiligkeit, und
+ Gesetzgebung durch ihre Majestät, wollen sich gemeiniglich derselben
+ entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich
+ und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die
+ Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche
+ Prüfung hat aushalten können.
+
+Ich verstehe aber hierunter nicht eine Kritik der Bücher und Systeme,
+sondern die des Vernunftvermögens überhaupt, in Ansehung aller
+Erkenntnisse, zu denen sie, unabhängig von aller Erfahrung, streben
+mag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer
+Metaphysik überhaupt und die Bestimmung sowohl der Quellen, als des
+Umfanges und der Grenzen derselben, alles aber aus Prinzipien.
+
+Diesen Weg, den einzigen, der übrig gelassen war, bin ich nun
+eingeschlagen und schmeichle mir, auf demselben die Abstellung
+aller Irrungen angetroffen zu haben, die bisher die Vernunft im
+erfahrungsfreien Gebrauche mit sich selbst entzweit hatten. Ich bin
+ihren Fragen nicht dadurch etwa ausgewichen, daß ich mich mit dem
+Unvermögen der menschlichen Vernunft entschuldigte; sondern ich
+habe sie nach Prinzipien vollständig spezifiziert und, nachdem ich
+den Punkt des Mißverstandes der Vernunft mit ihr selbst entdeckt
+hatte, sie zu ihrer völligen Befriedigung aufgelöst. Zwar ist die
+Beantwortung jener Fragen gar nicht so ausgefallen, als dogmatisch
+schwärmende Wißbegierde erwarten mochte; denn die könnte nicht anders
+als durch Zauberkräfte, darauf ich mich nicht verstehe, befriedigt
+werden. Allein, das war auch wohl nicht die Absicht der
+Naturbestimmung unserer Vernunft; und die Pflicht der Philosophie war:
+das Blendwerk, das aus Mißdeutung entsprang, aufzuheben, sollte auch
+noch soviel gepriesener und beliebter Wahn dabei zu nichte gehen. In
+dieser Beschäftigung habe ich Ausführlichkeit mein großes Augenmerk
+sein lassen und ich erkühne mich zu sagen, daß nicht eine einzige
+metaphysische Aufgabe sein müsse, die hier nicht aufgelöst, oder zu
+deren Auflösung nicht wenigstens der Schlüssel dargereicht worden. In
+der Tat ist auch reine Vernunft eine so vollkommene Einheit: daß, wenn
+das Prinzip derselben auch nur zu einer einzigen aller der Fragen, die
+ihr durch ihre eigene Natur aufgegeben sind, unzureichend wäre, man
+dieses immerhin nur wegwerfen könnte, weil es alsdann auch keiner der
+übrigen mit völliger Zuverlässigkeit gewachsen sein würde.
+
+Ich glaube, indem ich dieses sage, in dem Gesichte des Lesers einen
+mit Verachtung gemischten Unwillen über, dem Anscheine nach, so
+ruhmredige und unbescheidene Ansprüche wahrzunehmen, und gleichwohl
+sind sie ohne Vergleichung gemäßigter, als die, eines jeden Verfassers
+des gemeinsten Programms, der darin etwa die einfache Natur der Seele,
+oder die Notwendigkeit eines ersten Weltanfanges zu beweisen vorgibt.
+Denn dieser macht sich anheischig, die menschliche Erkenntnis über
+alle Grenzen möglicher Erfahrung hinaus zu erweitern, wovon ich
+demütig gestehe: daß dieses mein Vermögen gänzlich übersteige, an
+dessen Statt ich es lediglich mit der Vernunft selbst und ihrem reinen
+Denken zu tun habe, nach deren ausführlicher Kenntnis ich nicht weit
+um mich suchen darf, weil ich sie in mir selbst antreffe und wovon mir
+auch schon die gemeine Logik ein Beispiel gibt, daß sich alle ihre
+einfachen Handlungen völlig und systematisch aufzählen lassen; nur
+daß hier die Frage aufgeworfen wird, wieviel ich mit derselben,
+wenn mir aller Stoff und Beistand der Erfahrung genommen wird, etwa
+auszurichten hoffen dürfe.
+
+So viel von der Vollständigkeit in Erreichung eines jeden, und der
+Ausführlichkeit in Erreichung aller Zwecke zusammen, die nicht ein
+beliebiger Vorsatz, sondern die Natur der Erkenntnis selbst uns
+aufgibt, als der Materie unserer kritischen Untersuchung.
+
+Noch sind Gewißheit und Deutlichkeit zwei Stücke, die die Form
+derselben betreffen, als wesentliche Forderungen anzusehen, die man an
+den Verfasser, der sich an eine so schlüpfrige Unternehmung wagt, mit
+Recht tun kann.
+
+Was nun die Gewißheit betrifft, so habe ich mir selbst das Urteil
+gesprochen: daß es in dieser Art von Betrachtungen auf keine Weise
+erlaubt sei, zu meinen und daß alles, was darin einer Hypothese nur
+ähnlich sieht, verbotene Ware sei, die auch nicht für den geringsten
+Preis feil stehen darf, sondern sobald sie entdeckt wird, beschlagen
+werden muß. Denn das kündigt eine jede Erkenntnis, die a priori
+feststehen soll, selbst an, daß sie für schlechthin notwendig gehalten
+werden will, und eine Bestimmung aller reinen Erkenntnisse a priori
+noch vielmehr, die das Richtmaß, mithin selbst das Beispiel aller
+apodiktischen (philosophischen) Gewißheit sein soll. Ob ich nun das,
+wozu ich mich anheischig mache in diesem Stücke geleistet habe, das
+bleibt gänzlich dem Urteile des Lesers anheimgestellt, weil es dem
+Verfasser nur geziemt, Gründe vorzulegen, nicht aber über die Wirkung
+derselben bei seinen Richtern zu urteilen. Damit aber nicht etwas
+unschuldigerweise an der Schwächung derselben Ursache sei, so mag es
+ihm wohl erlaubt sein, diejenigen Stellen, die zu einigem Mißtrauen
+Anlaß geben könnten, ob sie gleich nur den Nebenzweck angehen, selbst
+anzumerken, um den Einfluß, den auch nur die mindeste Bedenklichkeit
+des Lesers in diesem Punkte auf sein Urteil, in Ansehung des
+Hauptzwecks, haben möchte, beizeiten abzuhalten.
+
+Ich kenne keine Untersuchungen, die zur Ergründung des Vermögens,
+welches wir Verstand nennen, und zugleich zur Bestimmung der Regeln
+und Grenzen seines Gebrauchs, wichtiger wären, als die, welche ich
+in dem zweiten Hauptstücke der transszendentalen Analytik, unter dem
+Titel der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe, angestellt habe;
+auch haben sie mir die meiste, aber, wie ich hoffe, nicht unvergoltene
+Mühe, gekostet. Diese Betrachtung, die etwas tief angelegt ist, hat
+aber zwei Seiten. Die eine bezieht sich auf die Gegenstände des reinen
+Verstandes, und soll die objektive Gültigkeit seiner Begriffe a priori
+dartun und begreiflich machen; eben darum ist sie auch wesentlich
+zu meinen Zwecken gehörig. Die andere geht darauf aus, den reinen
+Verstand selbst, nach seiner Möglichkeit und den Erkenntniskräften,
+auf denen er selbst beruht, mithin ihn in subjektiver Beziehung
+zu betrachten und, obgleich diese Erörterung in Ansehung meiner
+Hauptzwecks von großer Wichtigkeit ist, so gehört sie doch nicht
+wesentlich zu demselben; weil die Hauptfrage immer bleibt, was und wie
+viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen
+und nicht, wie ist das Vermögen zu denken selbst möglich? Da das
+letztere gleichsam eine Aufsuchung der Ursache zu einer gegebenen
+Wirkung ist, und insofern etwas einer Hypothese Ähnliches an sich hat,
+(ob es gleich, wie ich bei anderer Gelegenheit zeigen werde, sich
+in der Tat nicht so verhält), so scheint es, als sei hier der Fall,
+da ich mir die Erlaubnis nehme, zu meinen, und dem Leser also auch
+freistehen müsse, anders zu meinen. In Betracht dessen muß ich dem
+Leser mit der Erinnerung zuvorkommen; daß, im Fall meine subjektive
+Deduktion nicht die ganze Überzeugung, die ich erwarte, bei ihm
+gewirkt hätte, doch die objektive, um die es mir hier vornehmlich zu
+tun ist, ihre ganze Stärke bekomme, wozu allenfalls dasjenige, was
+Seite 92 bis 93 gesagt wird, allein hinreichend, sein kann.
+
+Was endlich die Deutlichkeit betrifft, so hat der Leser ein Recht,
+zuerst die diskursive (logische) Deutlichkeit, durch Begriffe,
+dann aber auch eine intuitive (ästhetische) Deutlichkeit, durch
+Anschauungen, d.i. Beispiele oder andere Erläuterungen in concreto zu
+fordern. Für die erste habe ich hinreichend gesorgt. Das betraf das
+Wesen meines Vorhabens, war aber auch die zufällige Ursache, daß ich
+der zweiten, obzwar nicht so strengen, aber doch billigen Forderung
+nicht habe Genüge leisten können. Ich bin fast beständig im Fortgange
+meiner Arbeit unschlüssig gewesen, wie ich es hiermit halten sollte.
+Beispiele und Erläuterungen schienen mir immer nötig und flossen daher
+auch wirklich im ersten Entwurfe an ihren Stellen gehörig ein. Ich sah
+aber die Größe meiner Aufgabe und die Menge der Gegenstände, womit ich
+es zu tun haben würde, gar bald ein und, da ich gewahr ward, daß diese
+ganz allein, im trockenen, bloß scholastischen Vortrage, das Werk
+schon genug ausdehnen würden, so fand ich es unratsam, es durch
+Beispiele und Erläuterungen, die nur in populärer Absicht notwendig
+sind, noch mehr anzuschwellen, zumal diese Arbeit keineswegs dem
+populären Gebrauche angemessen werden könnte und die eigentlichen
+Kenner der Wissenschaft diese Erleichterung nicht so nötig haben, ob
+sie zwar jederzeit angenehm ist, hier aber sogar etwas Zweckwidriges
+nach sich ziehen konnte. Abt Terrasson sagt zwar: wenn man die Größe
+eines Buchs nicht nach der Zahl der Blätter, sondern nach der Zeit
+mißt, die man nötig hat, es zu verstehen, so könne man von manchem
+Buche sagen: daß es viel kürzer sein würde, wenn es nicht so
+kurz wäre. Andererseits aber, wenn man auf die Faßlichkeit eines
+weitläufigen, dennoch aber in einem Prinzip zusammenhängenden Ganzen
+spekulativer Erkenntnis seine Absicht richtet, könnte man mit eben so
+gutem Rechte sagen: manches Buch wäre viel deutlicher geworden, wenn
+es nicht so gar deutlich hätte werden sollen. Denn die Hülfsmittel der
+Deutlichkeit fehlen zwar in Teilen, zerstreuen aber öfters im Ganzen,
+indem sie den Leser nicht schnell genug zur Überschauung des Ganzen
+gelangen lassen und durch alle ihre hellen Farben gleichwohl
+die Artikulation, oder den Gliederbau des Systems verkleben und
+unkenntlich machen, auf den es doch, um über die Einheit und
+Tüchtigkeit desselben urteilen zu können, am meisten ankommt.
+
+Es kann, wie mich dünkt, dem Leser zu nicht geringer Anlockung dienen,
+seine Bemühung mit der des Verfassers, zu vereinigen, wenn er die
+Aussicht hat, ein großes und wichtiges Werk, nach dem vorgelegten
+Entwurfe, ganz und doch dauerhaft zu vollführen. Nun ist Metaphysik,
+nach den Begriffen, die wir hier davon geben werden, die einzige aller
+Wissenschaften, die sich eine solche Vollendung und zwar in kurzer
+Zeit, und mit nur weniger, aber vereinigter Bemühung, versprechen
+darf, so daß nichts für die Nachkommenschaft übrig bleibt, als in der
+didaktischen Manier alles nach ihren Absichten einzurichten, ohne
+darum den Inhalt im mindesten vermehren zu können. Denn es ist nichts
+als das Inventarium aller unserer Besitze durch reine Vernunft,
+systematisch geordnet. Es kann uns hier nichts entgehen, weil, was
+Vernunft gänzlich aus sich selbst hervorbringt, sich nicht verstecken
+kann, sondern selbst durch Vernunft ans Licht gebracht wird, sobald
+man nur das gemeinschaftliche Prinzip desselben entdeckt hat. Die
+vollkommene Einheit dieser Art Erkenntnisse, und zwar aus lauter
+reinen Begriffen, ohne daß irgend etwas von Erfahrung, oder auch nur
+besondere Anschauung, die zur bestimmten Erfahrung leiten sollte, auf
+sie einigen Einfluß haben kann, sie zu erweitern und zu vermehren,
+machen diese unbedingte Vollständigkeit nicht allein tunlich,
+sondern auch notwendig. Tecum habita et noris, quam sit tibi curta
+supellex 1). Persius.
+
+1. "Sieh dich in deiner eigenen Behausung um, und du wirst erkennen,
+ wie einfach deine Ausstattung ist".
+
+Ein solches System der reinen (spekulativen) Vernunft hoffe ich unter
+dem Titel: Metaphysik der Natur, selbst zu liefern, welches, bei
+noch nicht der Hälfte der Weitläufigkeit, dennoch ungleich reicheren
+Inhalt haben soll, als hier die Kritik, die zuvörderst die Qellen
+und Bedingungen ihrer Möglichkeit darlegen mußte, und einen ganz
+verwachsenen Boden zu reinigen und zu ebnen nötig hatte. Hier erwarte
+ich an meinem Leser die Geduld und Unparteilichkeit eines Richters,
+dort aber die Willfähigkeit und den Beistand eines Mithelfers; denn,
+so vollständig auch alle Prinzipien zu dem System in der Kritik
+vorgetragen sind, so gehört zur Ausführlichkeit des Systems selbst
+doch noch, daß es auch an keinen abgeleiteten Begriffen mangle, die
+man a priori nicht in Überschlag bringen kann, sondern die nach und
+nach aufgesucht werden müssen, imgleichen, da dort die ganze Synthesis
+der Begriffe erschöpft wurde, so wird überdem hier gefordert, daß eben
+dasselbe auch in Ansehung der Analysis geschehe, welches alles leicht
+und mehr Unterhaltung als Arbeit ist.
+
+Ich habe nur noch einiges in Ansehung des Drucks anzumerken. Da der
+Anfang desselben etwas verspätet war, so konnte ich nur etwa die
+Hälfte der Aushängebogen zu sehen bekommen, in denen ich zwar
+einige, den Sinn aber nicht verwirrende Druckfehler antreffe, außer
+demjenigen, der S. 379, Zeile 4 von unten vorkommt, da spezifisch
+anstatt skeptisch gelesen werden muß. Die Antinomie der reinen
+Vernunft, von Seite 425 bis 461, ist so, nach Art einer Tafel,
+angestellt, daß alles, was zur Thesis gehört, auf der linken, was aber
+zur Antithesis gehört, auf der rechten Seite immer fortläuft, welches
+ich darum so anordnete, damit Satz und Gegensatz desto leichter
+miteinander verglichen werden könnte.
+
+
+
+Inhalt
+
+Einleitung
+I. Transzendentale Elementarlehre
+ Erster Teil. Transzendentale Ästhetik
+ 1. Abschnitt. Vom Raume
+ 2. Abschnitt. Von der Zeit
+ Zweiter Teil. Transzendentale Logik
+ 1. Abteilung. Transzendentale Analytik in zwei Büchern
+ und deren verschiedenen Hauptstücken und Abschnitten
+ 2. Abteilung. Transzendentale Dialektik in zwei Büchern
+ und deren verschiedenen Hauptstücken und Abschnitten
+II. Transzendentale Methodenlehre
+ 1. Hauptstück. Die Disziplin der reinen Vernunft
+ 2. Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft.
+ 3. Hauptstück. Die Architektonik der reinen Vernunft
+ 4. Hauptstück. Die Geschichte der reinen Vernunft
+
+
+
+Einleitung
+
+I. Idee der Transzendental-Philosophie
+
+Erfahrung ist ohne Zweifel das erste Produkt, welches unser Verstand
+hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen
+bearbeitet. Sie ist eben dadurch die erste Belehrung und im Fortgange
+so unerschöpflich an neuem Unterricht, daß das zusammengekettete Leben
+aller künftigen Zeugungen an neuen Kenntnissen, die auf diesem Boden
+gesammelt werden können, niemals Mangel haben wird. Gleichwohl ist
+sie bei weitem nicht das einzige Feld, darin sich unser Verstand
+einschränken läßt. Sie sagt uns zwar, was da sei, aber nicht, daß es
+notwendigerweise, so und nicht anders, sein müsse. Eben darum gibt
+sie uns auch keine wahre Allgemeinheit, und die Vernunft, welche nach
+dieser Art von Erkenntnissen so begierig ist, wird durch sie mehr
+gereizt, als befriedigt. Solche allgemeine Erkenntnisse nun, die
+zugleich den Charakter der innern Notwendigkeit haben, müssen, von der
+Erfahrung unabhängig, vor sich selbst klar und gewiß sein; man nennt
+sie daher Erkenntnisse a priori: da im Gegenteil das, was lediglich
+von der Erfahrung erborgt ist, wie man sich ausdrückt, nur a
+posteriori, oder empirisch erkannt wird.
+
+Nun zeigt es sich, welches überaus merkwürdig ist, daß selbst unter
+unsere Erfahrungen sich Erkenntnisse mengen, die ihren Ursprung a
+priori haben müssen und die vielleicht nur dazu dienen, um unsern
+Vorstellungen der Sinne Zusammenhang zu verschaffen. Denn wenn man
+aus den ersteren auch alles wegschafft, was den Sinnen angehört, so
+bleiben dennoch gewisse ursprüngliche Begriffe und aus ihnen erzeugte
+Urteile übrig, die gänzlich a priori, unabhängig von der Erfahrung
+entstanden sein müssen, weil sie machen, daß man von den Gegenständen,
+die den Sinnen erscheinen, mehr sagen kann, wenigstens es sagen zu
+können glaubt, als bloße Erfahrung lehren würde, und daß Behauptungen
+wahre Allgemeinheit und strenge Notwendigkeit enthalten, dergleichen
+die bloß empirische Erkenntnis nicht liefern kann.
+
+Was aber noch weit mehr sagen will ist dieses, daß gewisse
+Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen, und
+durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand in der
+Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urteile über alle
+Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben.
+
+Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die
+Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden noch
+Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft
+die wir der Wichtigkeit nach für weit vorzüglicher, und ihre
+Endabsicht für viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im
+Felde der Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr
+zu irren, eher alles wagen, als daß wir so angelegene Untersuchungen
+aus irgendeinem Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung
+und Gleichgültigkeit aufgeben sollten.
+
+Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den Boden der Erfahrung
+verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne
+zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man
+nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung
+desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein,
+daß man also die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben, wie denn
+der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, und
+welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen. In der Tat ist
+auch nichts natürlicher, wenn man unter diesem Wort das versteht, was
+billiger- und vernünftigerweise geschehen sollte; versteht man aber
+darunter das, was gewöhnlichermaßen geschieht, so ist hinwiederum
+nichts natürlicher und begreiflicher, als daß diese Untersuchung
+lange Zeit unterbleiben mußte. Denn ein Teil dieser Erkenntnisse, die
+mathematischen, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit, und gibt
+dadurch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich von
+ganz verschiedener Natur sein mögen. Überdem, wenn man über den Kreis
+der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung nicht
+widersprochen zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitern,
+ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man
+stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber
+kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen behutsam macht,
+ohne daß sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. Die Mathematik
+gibt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es unabhängig von der
+Erfahrung in der Erkenntnis a priori bringen können. Nun beschäftigt
+sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen, bloß so weit als
+sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Umstand
+wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori
+gegeben werden kann, mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum
+unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der
+Vernunft aufgemuntert, sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen.
+Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren
+Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im
+luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde. Ebenso verließ Plato
+die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so vielfältige Hindernisse
+legt, und wagte sich jenseit derselben auf den Flügeln der Ideen, in
+den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, daß er durch
+seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt,
+gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen, und woran er seine
+Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen. Es
+ist aber ein gewöhnliches Schicksal der menschlichen Vernunft in der
+Spekulation ihr Gebäude so früh, wie möglich, fertigzumachen, und
+hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt
+sei. Alsdann aber werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht, um
+uns wegen dessen Tüchtigkeit zu trösten, oder eine solche späte
+und gefährliche Prüfung abzuweisen. Was uns aber während dem Bauen
+von aller Besorgnis und Verdacht freihält, und mit scheinbarer
+Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein großer Teil, und
+vielleicht der größte, von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht in
+Zergliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben.
+Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich
+nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind, was
+in unsern Begriffen, (wiewohl noch auf verworrene Art) schon gedacht
+worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich
+geschätzt werden, wiewohl sie der Materie oder dem Inhalte nach die
+Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur auseinander
+setzen. Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntnis a priori
+gibt, die einen sichern und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht
+die Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung
+Behauptungen von ganz anderer Art, wo die Vernunft zu gegebenen
+Begriffen a priori ganz fremde hinzutut, ohne daß man weiß, wie sie
+dazu gelangen und ohne sich diese Frage auch nur in die Gedanken
+kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem Unterschiede
+dieser zweifachen Erkenntnisart handeln.
+
+
+
+Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile
+
+In allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
+gedacht wird, (wenn ich nur die bejahenden erwäge: denn auf die
+verneinenden ist die Anwendung leicht) ist dieses Verhältnis auf
+zweierlei Art möglich. Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A
+als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist;
+oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in
+Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urteil analytisch, im
+andern synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekt
+durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung
+ohne Identität gedacht wird, sollen synthetische Urteile
+heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die anderen
+Erweiterungs-Urteile heißen, weil jene durch das Prädikat nichts zum
+Begriff des Subjekts hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung
+in seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigen schon, (obschon
+verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem Begriffe
+des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches in jenem gar nicht
+gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können
+herausgezogen werden, z.B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt,
+so ist dies ein analytisch Urteil. Denn ich darf nicht aus dem
+Begriffe, den ich mit dem Wort Körper verbinde, hinausgehen, um die
+Ausdehnung als mit demselben verknüpft zu finden, sondern jenen
+Begriff nur zergliedern, d.i. des Mannigfaltigen, welches ich
+jederzeit in ihm denke, nur bewußt werden, um dieses Prädikat darin
+anzutreffen; es ist also ein analytisches Urteil. Dagegen, wenn ich
+sage: alle Körper sind schwer, so ist das Prädikat etwas ganz anderes,
+als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers überhaupt denke.
+Die Hinzufügung eines solchen Prädikats gibt also ein synthetisch
+Urteil.
+
+Nun ist hieraus klar: 1. daß durch analytische Urteile unsere
+Erkenntnis gar nicht erweitert werde, sondern der Begriff, den ich
+schon habe, auseinandergesetzt, und mir selbst verständlich gemacht
+werde; 2. daß bei synthetischen Urteilen ich außer dem Begriffe des
+Subjekts noch etwas anderes (X) haben müsse, worauf sich der Verstand
+stützt, um ein Prädikat, das in jenem Begriffe nicht liegt, doch als
+dazu gehörig zu erkennen.
+
+Bei empirischen oder Erfahrungsurteilen hat es hiermit gar keine
+Schwierigkeit. Denn dieses X ist die vollständige Erfahrung von dem
+Gegenstande, den ich durch einen Begriff A denke, welcher nur einen
+Teil dieser Erfahrung ausmacht. Denn ob ich schon in dem Begriff eines
+Körpers überhaupt das Prädikat der Schwere gar nicht einschließe,
+so bezeichnet er doch die vollständige Erfahrung durch einen Teil
+derselben, zu welchem also ich noch andere Teile eben derselben
+Erfahrung, als zu dem ersteren gehörig, hinzufügen kann. Ich kann
+den Begriff des Körpers vorher analytisch durch die Merkmale der
+Ausdehnung, der Undurchdringlichkeit, der Gestalt usw., die alle in
+diesem Begriff gedacht werden, erkennen. Nun erweitere ich aber meine
+Erkenntnis, und, indem ich auf die Erfahrung zurücksehe, von welcher
+ich diesen Begriff des Körpers abgezogen hatte, so finde ich mit
+obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft. Es ist also die
+Erfahrung jenes X, was außer dem Begriffe A liegt, und worauf sich die
+Möglichkeit der Synthesis des Prädikats der Schwere B mit dem Begriffe
+A gründet.
+
+Aber bei synthetischen Urteilen a priori fehlt dieses Hilfsmittel ganz
+und gar. Wenn ich außer dem Begriffe A hinausgehen soll, um einen
+andern B, als damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich
+mich stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird, da ich hier den
+Vorteil nicht habe, mich im Felde der Erfahrung danach umzusehen?
+Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem
+Begriff von etwas, das geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor
+welchem eine Zeit vorhergeht usw. und daraus lassen sich analytische
+Urteile ziehen. Aber der Begriff einer Ursache zeigt etwas von
+dem, was geschieht, Verschiedenes an, und ist in dieser letzteren
+Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von dem,
+was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und
+den Begriff der Ursachen, obzwar in jenen nicht enthalten, dennoch,
+als dazu gehörig, zu erkennen. Was ist hier das X, worauf sich der
+Verstand stützt, wenn er außer dem Begriff von A ein demselben fremdes
+Prädikat aufzufinden glaubt, das gleichwohl damit verknüpft sei.
+Erfahrung kann es nicht sein, weil der angeführte Grundsatz nicht
+allein mit größerer Allgemeinheit, als die Erfahrung verschaffen kann,
+sondern auch mit dem Ausdruck der Notwendigkeit, mithin gänzlich a
+priori und aus bloßen Begriffen diese zweite Vorstellungen zu der
+ersteren hinzufügt. Nun beruht auf solchen synthetischen d.i.
+Erweiterungs-Grundsätzen die ganze Endabsicht unserer spekulativen
+Erkenntnis a priori; denn die analytischen sind zwar höchst wichtig
+und nötig, aber nur um zu derjenigen Deutlichkeit der Begriffe zu
+gelangen, die zu einer sicheren und ausgebreiteten Synthesis, als zu
+einem wirklich neuen Anbau, erforderlich ist.
+
+Es liegt also hier ein gewisses Geheimnis verborgen*, dessen
+Aufschluß allein den Fortschritt in dem grenzenlosen Felde der reinen
+Verstandeserkenntnis sicher und zuverlässig machen kann: nämlich
+mit gehöriger Allgemeinheit den Grund der Möglichkeit synthetischer
+Urteile a priori aufzudecken, die Bedingungen, die eine jede Art
+derselben möglich machen, einzusehen, und diese ganze Erkenntnis
+(die ihre eigene Gattung ausmacht) in einem System nach ihren
+ursprünglichen Quellen, Abteilungen, Umfang und Grenzen, nicht durch
+einen flüchtigen Umkreis zu bezeichnen, sondern vollständig und zu
+jedem Gebrauch hinreichend zu bestimmen. Soviel vorläufig von dem
+Eigentümlichen, was die synthetischen Urteile an sich haben.
+
+* Wäre es einem von den Alten eingefallen, auch nur diese Frage
+ aufzuwerfen, so würde diese allein allen Systemen der reinen
+ Vernunft bis auf unsere Zeit mächtig widerstanden haben, und hätte
+ so viele eitele Versuche erspart, die, ohne zu wissen, womit man
+ eigentlich zu tun hat, blindlings unternommen worden.
+
+Aus diesem allen ergibt sich nun die Idee einer besondern
+Wissenschaft, die zur Kritik der reinen Vernunft dienen könne. Es
+heißt aber jede Erkenntnis rein, die mit nichts Fremdartigen vermischt
+ist. Besonders aber wird eine Erkenntnis schlechthin rein genannt, in
+die sich überhaupt keine Erfahrung oder Empfindung einmischt, welche
+mithin völlig a priori möglich ist. Nun ist Vernunft das Vermögen,
+welches die Prinzipien der Erkenntnis a priori an die Hand gibt. Daher
+ist reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien etwas schlechthin
+a priori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft würde
+ein Inbegriff derjenigen Prinzipien sein, nach denen alle reinen
+Erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zustande gebracht
+werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon würde ein
+System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel
+verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch überhaupt eine solche
+Erweiterung unserer Erkenntnis, und in welchen Fällen sie möglich sei;
+so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen
+Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, als die Propädeutik zum System
+der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doktrin,
+sondern nur Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen
+würde wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur
+zur Läuterung unserer Vernunft dienen, und sie von Irrtümern frei
+halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne alle
+Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen,
+sondern mit unsern Begriffen a priori von Gegenständen
+überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde
+Transzendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für
+den Anfang zu viel. Denn weil eine solche Wissenschaft sowohl die
+analytische Erkenntnis, als die synthetische a priori vollständig
+enthalten müßte, so ist sie, insofern es unsere Absicht betrifft, von
+zu weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen,
+als sie unentbehrlich nötig ist, um die Prinzipien der Synthesis a
+priori, als warum es uns nur zu tun ist, in ihrem ganzen Umfange
+einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doktrin,
+sondern nur transzendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die
+Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung
+derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werts oder Unwerts
+aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt
+beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo
+möglich, zu einem Organon, und, wenn dieses nicht gelingen sollte,
+wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchen allenfalls dereinst
+das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag
+nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer Erkenntnis bestehen,
+sowohl analytisch, als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn daß
+dieses möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem
+Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich
+schon zum voraus daraus ermessen, daß hier nicht die Natur der Dinge,
+welche unerschöpflich ist, sondern der Verstand, der über die Natur
+der Dinge urteilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner
+Erkenntnis a priori den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrat, weil wir
+ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben
+kann, und allem Vermuten nach klein genug ist, um vollständig
+aufgenommen, nach seinem Werte oder Unwerte beurteilt und unter
+richtige Schätzung gebracht zu werden.
+
+
+
+II. Einteilung der Transzendental-Philosophie
+
+Die Transzendental-Philosophie ist hier nur eine Idee, wozu die
+Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch,
+d.i. aus Prinzipien entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung
+der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses
+Gebäude ausmacht. Daß diese Kritik nicht schon selbst
+Transzendental-Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie, um
+ein vollständiges System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der
+ganzen menschlichen Erkenntnis a priori enthalten müßte. Nun muß zwar
+unsere Kritik allerdings auch eine vollständige Herzählung aller
+Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntnis ausmachen, vor
+Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser Begriffe selbst,
+wie auch der vollständigen Rezension der daraus abgeleiteten, enthält
+sie sich billig, teils weil diese Zergliederung nicht zweckmäßig wäre,
+indem sie die Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis
+angetroffen wird, um deren willen eigentlich die ganze Kritik da ist,
+teils, weil es der Einheit des Planes zuwider wäre, sich mit der
+Verantwortung der Vollständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung
+zu befassen, deren man in Ansehung seiner Absicht doch überhoben
+sein konnte. Diese Vollständigkeit der Zergliederung sowohl, als
+der Ableitung aus den künftig zu liefernden Begriffen a priori, ist
+indessen leicht zu ergänzen, wenn sie nur allererst als ausführliche
+Prinzipien der Synthesis da sind, und ihnen in Ansehung dieser
+wesentlichen Absicht nichts ermangelt.
+
+Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die
+Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee
+der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht
+selbst, weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur
+vollständigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis a priori
+erforderlich ist.
+
+Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft
+ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas
+Empirisches in sich enthalten, oder daß die Erkenntnis a priori völlig
+rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität, und die
+Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie
+doch nicht in die Transzendental-Philosophie, weil die Begriffe der
+Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür usw., die
+insgesamt empirischen Ursprunges sind, dabei vorausgesetzt werden
+müßten. Daher ist die Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit
+der reinen bloß spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern
+es Bewegungsgründe enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu
+empirischen Erkenntnisquellen gehören.
+
+Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen
+Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muß die,
+welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens
+eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser
+Hauptteile würde seine Unterabteilung haben, deren Gründe sich
+gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint
+zur Einleitung oder Vorerinnerung nötig zu sein, daß es zwei
+Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer
+gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich,
+Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände
+gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die
+Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten sollte, welche die
+Bedingungen ausmachen, unter der uns Gegenstände gegeben werden, so
+würde sie zur Transzendental-Philosophie gehören. Die transzendentale
+Sinnenlehre würde zum ersten Teile der Elementarwissenschaft gehören
+müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der
+menschlichen Erkenntnis gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter
+welchen selbige gedacht werden.
+
+
+
+Kritik der reinen Vernunft
+
+I. Transzendentale Elementarlehre
+
+Der transzendentalen Elementarlehre
+Erster Teil
+Die transzendentale Ästhetik
+
+Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis
+auf Gegenstände beziehen mag, es ist doch diejenige, wodurch sie sich
+auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel
+abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns
+der Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum nur dadurch
+möglich, daß er das Gemüt auf gewisse Weise affiziere. Die Fähigkeit
+(Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen
+affiziert werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit. Vermittelst der
+Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein
+liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht,
+und von ihm entspringen Begriffe. Alles Denken aber muß sich, es
+sei geradezu (direkte) oder im Umschweife (indirekte), zuletzt auf
+Anschauungen, mithin, bei uns, auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf
+andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann.
+
+Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern
+wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung. Diejenige
+Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht,
+heißt empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen
+Anschauung heißt Erscheinung.
+
+In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert,
+die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das
+Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet,
+angeschaut wird, nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worinnen
+sich die Empfindungen allein ordnen, und in gewisse Form gestellt
+werden können, nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns
+zwar die Materie aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die Form
+derselben aber muß zu ihnen insgesamt im Gemüte a priori bereitliegen
+und daher abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden.
+
+Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transzendentalen Verstande), in
+denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird. Demnach
+wird die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüte
+a priori angetroffen werden, worinnen alles Mannigfaltige der
+Erscheinungen in gewissen Verhältnissen angeschaut wird. Diese reine
+Form der Sinnlichkeit wird auch selber reine Anschauung heißen. So,
+wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon
+denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen, was davon
+zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw.
+absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas
+übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen
+Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der
+Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte
+stattfindet.
+
+Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori
+nenne ich die transzendentale Ästhetik*. Es muß also eine solche
+Wissenschaft geben, die den ersten Teil der transzendentalen
+Elementarlehre ausmacht, im Gegensatz mit derjenigen, welche die
+Prinzipien des reinen Denkens enthält, und transzendentale Logik
+genannt wird.
+
+* Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts
+ Ästhetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritik
+ des Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung
+ zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten faßte, die
+ kritische Beurteilung des Schönen unter Vernunftprinzipien zu
+ bringen, und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben.
+ Allein diese Bemühung ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder
+ Kriterien sind ihren Quellen nach bloß empirisch, und können
+ also niemals zu Gesetzen a priori dienen, wonach sich unser
+ Geschmacksurteil richten müßte, vielmehr macht das letztere den
+ eigentlichen Probierstein der Richtigkeit der ersteren aus.
+ Um deswillen ist es ratsam, diese Benennung wiederum eingehen
+ zu lassen, und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre
+ Wissenschaft ist, wodurch man auch der Sprache und dem Sinne der
+ Alten näher treten würde, bei denen die Einteilung der Erkenntnis in
+ aistheta kai noeta sehr berühmt war.
+
+In der transzendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die
+Sinnlichkeit isolieren, dadurch, daß wir alles absondern, was der
+Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische
+Anschauung übrigbleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was
+zur Empfindung gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung
+und die bloße Form der Erscheinungen übrigbleibe, welches das
+einzige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser
+Untersuchung wird sich finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher
+Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis a priori gebe, nämlich Raum
+und Zeit, mit deren Erwägung wir uns jetzt beschäftigen werden.
+
+
+
+Der transzendentalen Ästhetik
+Erster Abschnitt
+Von dem Raume
+
+Vermittelst des äußeren Sinnes, (einer Eigenschaft unseres Gemüts),
+stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt
+im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis
+gegeneinander bestimmt, oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst
+dessen das Gemüt sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschaut,
+gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt;
+allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres
+inneren Zustandes allein möglich ist, so daß alles, was zu den inneren
+Bestimmungen gehört, in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird.
+Äußerlich kann die Zeit nicht angeschaut werden, so wenig wie der
+Raum, als etwas in uns. Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche
+Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der
+Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden,
+wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind sie solche, die
+nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin an der
+subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, ohne welche diese Prädikate
+gar keinem Dinge beigelegt werden können? Um uns hierüber zu belehren,
+wollen wir zuerst den Raum betrachten.
+
+1. Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen
+abgezogen worden. Denn damit gewiße Empfindungen auf etwas außer mich
+bezogen werden, (d.i. auf etwas in einem anderen Orte des Raumes,
+als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als
+außereinander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in
+verschiedenen Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des
+Raumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des
+Raumes nicht aus den Verhältnissen der äußeren Erscheinung durch
+Erfahrung erborgt sein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur
+durch gedachte Vorstellung allererst möglich.
+
+2. Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen
+äußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine
+Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz
+wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er
+wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und
+nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine
+Vorstellung a priori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum
+Grunde liegt.
+
+3. Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich die apodiktische
+Gewißheit aller geometrischen Grundsätze, und die Möglichkeit ihrer
+Konstruktionen a priori. Wäre nämlich diese Vorstellung des Raumes
+ein a posteriori erworbener Begriff, der aus der allgemeinen äußeren
+Erfahrung geschöpft wäre, so würden die ersten Grundsätze der
+mathematischen Bestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten
+also alle Zufälligkeit der Wahrnehmung, und es wäre eben nicht
+notwendig, daß zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei,
+sondern die Erfahrung würde es so jederzeit lehren. Was von der
+Erfahrung entlehnt ist, hat auch nur komparative Allgemeinheit,
+nämlich durch Induktion. Man würde also nur sagen können, so viel zur
+Zeit noch bemerkt worden, ist kein Raum gefunden worden, der mehr als
+drei Abmessungen hätte.
+
+4. Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner
+Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt sondern eine reine
+Anschauung. Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum
+vorstellen, und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man
+darunter nur Teile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Teile
+können auch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam
+als dessen Bestandteile (daraus seine Zusammensetzung möglich sei)
+vorhergehen, sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich
+einig, das Mannigfaltige in ihm, mithin auch der allgemeine Begriff
+von Räumen überhaupt, beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus
+folgt, daß in Ansehung seiner eine Anschauung a priori (die nicht
+empirisch ist) allen Begriffen von denselben zum Grunde liege. So
+werden auch alle geometrischen Grundsätze, z.E. daß in einem Triangel
+zwei Seiten zusammen größer sind, als die dritte, niemals aus
+allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel, sondern aus der
+Anschauung und zwar a priori mit apodiktischer Gewißheit abgeleitet.
+
+5. Der Raum wird als eine unendliche Größe gegeben vorgestellt. Ein
+allgemeiner Begriff vom Raum (der sowohl in dem Fuße, als einer Elle
+gemein ist,) kann in Ansehung der Größe nichts bestimmen. Wäre es
+nicht die Grenzenlosigkeit im Fortgange der Anschauung, so würde kein
+Begriff von Verhältnissen ein Principium der Unendlichkeit derselben
+bei sich führen.
+
+ Schlüsse aus obigen Begriffen
+
+a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich,
+oder sie in ihrem Verhältnis aufeinander vor, d.i. keine Bestimmung
+derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe,
+wenn man auch von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung
+abstrahierte. Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können
+vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori
+angeschaut werden.
+
+b) Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen
+äußerer Sinne, d.i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit,
+unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die
+Rezeptivität des Subjekts, von Gegenständen affiziert zu werden,
+notwendigerweise vor allen Anschauungen dieser Objekte vorhergeht,
+so läßt sich verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen
+wirklichen Wahrnehmungen, mithin a priori im Gemüte gegeben sein
+könne, und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände
+bestimmt werden müssen, Prinzipien der Verhältnisse derselben vor
+aller Erfahrung enthalten könne.
+
+Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen, vom Raum,
+von ausgedehnten Wesen usw. reden. Gehen wir von der subjektiven
+Bedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommen
+können, so wie wir nämlich von den Gegenständen affiziert werden
+mögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses
+Prädikat wird den Dingen nur insofern beigelegt, als sie uns
+erscheinen, d.i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige
+Form dieser Rezeptivität, welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine
+notwendige Bedingung aller Verhältnisse, darinnen Gegenstände als
+außer uns angeschaut werden, und, wenn man von diesen Gegenständen
+abstrahiert, eine reine Anschauung, welche den Namen Raum führt. Weil
+wir die besonderen Bedingungen der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen
+der Möglichkeit der Sachen, sondern nur ihrer Erscheinungen machen
+können, so können wir wohl sagen, daß der Raum alle Dinge befasse, die
+uns äußerlich erscheinen mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst,
+sie mögen nun angeschaut werden oder nicht, oder auch von welchem
+Subjekt man wolle. Denn wir können von den Anschauungen anderer
+denkenden Wesen gar nicht urteilen, ob sie an die nämlichen
+Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauung einschränken
+und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir die Einschränkung eines
+Urteils zum Begriff des Subjekts hinzufügen, so gilt das Urteil
+alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind nebeneinander im Raum,
+gilt nur unter der Einschränkung, wenn diese Dinge als Gegenstände
+unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ich hier
+die Bedingung zum Begriffe, und sage: Alle Dinge, als äußere
+Erscheinungen, sind nebeneinander im Raum, so gilt diese Regel
+allgemein und ohne Einschränkung. Unsere Erörterungen lehren demnach
+l die Realität (d.i. die objektive Gültigkeit) des Raumes in Ansehung
+alles dessen, was äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann, aber
+zugleich die Idealität des Raumes in Ansehung der Dinge, wenn sie
+durch die Vernunft an sich selbst erwogen werden, d.i. ohne Rücksicht
+auf die Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten
+also die empirische Realität des Raumes (in Ansehung aller möglichen
+äußeren Erfahrung), ob zwar zugleich die transzendentale Idealität
+desselben, d.i. daß er nichts sei, sobald wir die Bedingung der
+Möglichkeit aller Erfahrung weglassen, und ihn als etwas, was den
+Dingen an sich selbst zum Grunde liegt, annehmen.
+
+Es gibt aber auch außer dem Raum keine andere subjektive und auf etwas
+Äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objektiv heißen könnte.
+Daher diese subjektive Bedingung aller äußeren Erscheinungen mit
+keiner anderen kann verglichen werden. Der Wohlgeschmack eines Weines
+gehört nicht zu den objektiven Bestimmungen des Weines, mithin eines
+Objektes sogar als Erscheinung betrachtet, sondern zu der besonderen
+Beschaffenheit des Sinnes an dem Subjekte, was ihn genießt. Die Farben
+sind nicht Beschaffenheiten der Körper, deren Anschauung sie anhängen,
+sondern auch nur Modifikationen des Sinnes des Gesichts, welches vom
+Lichte auf gewisse Weise affiziert wird. Dagegen gehört der Raum,
+als Bedingung äußerer Objekte, notwendigerweise zur Erscheinung oder
+Anschauung derselben. Geschmack und Farben sind gar nicht notwendige
+Bedingungen, unter welchen die Gegenstände allein für uns Objekte der
+Sinne werden können. Sie sind nur als zufällig beigefügte Wirkungen
+der besondern Organisation mit der Erscheinung verbunden. Daher sind
+sie auch keine Vorstellungen a priori, sondern auf Empfindung, der
+Wohlgeschmack aber sogar auf Gefühl (der Lust und Unlust) als einer
+Wirkung der Empfindung gegründet. Auch kann niemand a priori weder
+eine Vorstellung einer Farbe, noch irgendeines Geschmacks haben: der
+Raum aber betrifft nur die reine Form der Anschauung, schließt also
+gar keine Empfindung (nichts Empirisches) in sich, und alle Arten und
+Bestimmungen des Raumes können und müssen sogar a priori vorgestellt
+werden können, wenn Begriffe der Gestalten sowohl, als Verhältnisse
+entstehen sollen. Durch denselben ist es allein möglich, daß Dinge für
+uns äußere Gegenstände sind.
+
+Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß man die
+behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche
+Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben,
+Geschmack usw. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern
+bloß als Veränderungen unseres Subjekts, die sogar bei verschiedenen
+Menschen verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem
+Falle gilt das, was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z.B. eine
+Rose, im empirischen Verstande für ein Ding an sich selbst, welches
+doch jedem Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen
+ist der transzendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine
+kritische Erinnerung, daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut
+wird, eine Sache an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge
+sei, die ihnen etwa an sich selbst eigen wäre, sondern daß uns die
+Gegenstände an sich gar nicht bekannt sind, und, was wir äußere
+Gegenstände nennen, nichts anderes als bloße Vorstellungen unserer
+Sinnlichkeit sind, deren Form der Raum ist, deren wahres Korrelatum
+aber, d.i. das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird,
+noch erkannt werden kann, nach welchem aber auch in der Erfahrung
+niemals gefragt wird.
+
+
+
+Der transzendentalen Ästhetik
+Zweiter Abschnitt
+Von der Zeit
+
+1. Die Zeit ist kein empirischer Begriff, der irgend von
+einer Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder
+Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn
+die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter
+deren Voraussetzung kann man sich vorstellen, daß einiges zu einer und
+derselben Zeit (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nacheinander)
+sei.
+
+2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen
+zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die
+Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen
+aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In
+ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese
+können insgesamt wegfallen, aber sie selbst als die allgemeine
+Bedingung ihrer Möglichkeit, kann nicht aufgehoben werden.
+
+3. Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit
+apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit, oder Axiomen
+von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene
+Zeiten sind nicht zugleich, sondern nacheinander (so wie verschiedene
+Räume nicht nacheinander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze
+können aus der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder
+strenge Allgemeinheit, noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden
+nur sagen können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so
+muß es sich verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen
+überhaupt Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben,
+und nicht durch dieselbe.
+
+4. Die Zeit ist kein diskursiver, oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
+Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung.
+Verschiedene Zeiten sind nur Teile eben derselben Zeit. Die
+Vorstellung, die nur durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden
+kann, ist aber Anschauung. Auch würde sich der Satz, daß verschiedene
+Zeiten nicht zugleich sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht
+herleiten lassen. Der Satz ist synthetisch, und kann aus Begriffen
+allein nicht entspringen. Er ist also in der Anschauung und
+Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.
+
+5. Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle
+bestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen
+zum Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche
+Vorstellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber
+die Teile selbst, und jede Größe eines Gegenstandes, nur durch
+Einschränkung bestimmt vorgestellt werden können, da muß die ganze
+Vorstellung nicht durch Begriffe gegeben sein, (denn da gehen die
+Teilvorstellungen vorher,) sondern es muß ihre unmittelbare Anschauung
+zum Grunde liegen.
+
+
+
+Schlüsse aus diesen Begriffen
+
+a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den
+Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn
+man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben
+abstrahiert; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne
+wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite
+betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende
+Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung
+vorhergehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und
+angeschaut werden. Diese letztere findet dagegen sehr wohl statt,
+wenn die Zeit nichts als die subjektive Bedingung ist, unter der alle
+Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann diese Form der
+inneren Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priori, vorgestellt
+werden.
+
+b) Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes, d.i.
+des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die
+Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört
+weder zu einer Gestalt, oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das
+Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und, eben
+weil diese innere Anschauung keine Gestalt gibt, suchen wir auch
+diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge
+durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das
+Mannigfaltige eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension
+ist, und schließen aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle
+Eigenschaften der Zeit, außer dem einigen, daß die Teile der ersteren
+zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus
+erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil
+alle ihre Verhältnisse sich an einer äußeren Anschauung ausdrücken
+lassen.
+
+c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen
+überhaupt. Der Raum, als die reine Form aller äußeren Anschauung ist
+als Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt.
+Dagegen, weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum
+Gegenstande haben, oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen
+des Gemüts, zum inneren Zustande gehören, dieser innere Zustand aber,
+unter der formalen Bedingung der inneren Anschauung, mithin der Zeit
+gehört, so ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung
+überhaupt, und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer
+Seelen) und eben dadurch mittelbar auch der äußeren Erscheinungen.
+Wenn ich a priori sagen kann: alle äußeren Erscheinungen sind im
+Raume, und nach den Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so
+kann ich aus dem Prinzip des inneren Sinnes ganz allgemein sagen: alle
+Erscheinungen überhaupt, d.i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der
+Zeit, und stehen notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit.
+
+Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich anzuschauen, und
+vermittelst dieser Anschauung auch alle äußeren Anschauungen in
+der Vorstellungskraft zu befassen, abstrahieren, und mithin die
+Gegenstände nehmen, so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die
+Zeit nichts. Sie ist nur von objektiver Gültigkeit in Ansehung der
+Erscheinungen, weil dieses schon Dinge sind, die wir als Gegenstände
+unserer Sinne annehmen; aber sie ist nicht mehr objektiv, wenn
+man von der Sinnlichkeit unserer Anschauung, mithin derjenigen
+Vorstellungsart, welche uns eigentümlich ist, abstrahiert, und von
+Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also lediglich eine subjektive
+Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung, (welche jederzeit
+sinnlich ist, d.i. sofern wir von Gegenständen affiziert werden,) und
+an sich, außer dem Subjekte, nichts. Nichtsdestoweniger ist sie in
+Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die uns in der
+Erfahrung vorkommen können, notwendigerweise objektiv. Wir können
+nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff der
+Dinge überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahiert
+wird, diese aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in
+die Vorstellung der Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum
+Begriffe hinzugefügt, und es heißt: alle Dinge, als Erscheinungen
+(Gegenstände der sinnlichen Anschauung), sind in der Zeit, so hat der
+Grundsatz seine gute objektive Richtigkeit und Allgemeinheit a priori.
+
+Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit, d.i.
+objektive Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals unseren
+Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit
+sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand
+gegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte.
+Dagegen bestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität,
+da sie nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung
+Rücksicht zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder
+Eigenschaft anhinge. Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich
+zukommen, können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden.
+Hierin besteht also die transzendentale Idealität der Zeit, nach
+welcher sie, wenn man von den subjektiven Bedingungen der sinnlichen
+Anschauung abstrahiert, gar nichts ist, und den Gegenständen an
+sich selbst (ohne ihr Verhältnis auf unsere Anschauung,) weder
+subsistierend noch inhärierend beigezählt werden kann. Doch ist diese
+Idealität, ebensowenig wie die des Raumes, mit den Subreptionen der
+Empfindung in Vergleichung zu stellen, weil man doch dabei von der
+Erscheinung selbst, der diese Prädikate inhärieren, voraussetzt,
+daß sie objektive Realität habe, die hier gänzlich wegfällt, außer,
+sofern sie bloß empirisch ist, d.i. den Gegenstand selbst bloß als
+Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts
+nachzusehen ist.
+
+
+
+Erläuterung
+
+Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht,
+aber die absolute und transzendentale bestreitet, habe ich von
+einsehenden Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, daß ich
+daraus abnehme, er müsse sich natürlicherweise bei jedem Leser,
+dem diese Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet so:
+Veränderungen sind wirklich (dies beweist der Wechsel unserer eigenen
+Vorstellungen, wenn man gleich alle äußeren Erscheinungen, samt deren
+Veränderungen, leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit
+möglich, folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung hat
+keine Schwierigkeit. Ich gebe das ganze Argument zu. Die Zeit ist
+allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren
+Anschauung. Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren
+Erfahrung, d.i. ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und
+meiner Bestimmungen in ihr. Sie ist also wirklich nicht als Objekt,
+sondern als die Vorstellungsart meiner selbst als Objekts anzusehen.
+Wenn aber ich selbst, oder ein ander Wesen mich, ohne diese Bedingung
+der Sinnlichkeit, anschauen könnte, so würden eben dieselben
+Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen, eine
+Erkenntnis geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin auch
+der Veränderung, gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre empirische
+Realität als Bedingung aller unserer Erfahrungen. Nur die absolute
+Realität kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden werden.
+Sie ist nichts, als die Form unserer inneren Anschauung*. Wenn man
+von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimmt, so
+verschwindet auch der Begriff der Zeit, und sie hängt nicht an den
+Gegenständen selbst, sondern bloß am Subjekte, welches sie anschaut.
+
+* Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das
+ heißt nur, wir sind uns ihrer, als in einer Zeitfolge, d.i. nach
+ der Form des inneren Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht
+ etwas an sich selbst, auch keine den Dingen objektiv anhängende
+ Bestimmung.
+
+Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht wird,
+und zwar von denen, die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität
+des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die
+absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch dartun zu
+können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die
+Wirklichkeit äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist:
+dagegen die des Gegenstandes unserer inneren Sinne (meiner selbst und
+meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten
+ein bloßer Schein sein, dieser aber ist, ihrer Meinung nach, unleugbar
+etwas Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man
+ihre Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur
+zur Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine,
+da das Objekt an sich selbst betrachtet wird, (unangesehen der Art,
+dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit
+problematisch bleibt,) die andere, da auf die Form der Anschauung
+dieses Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an
+sich selbst, sondern im Subjekte, dem derselbe erscheint, gesucht
+werden muß, gleichwohl aber der Erscheinung dieses Gegenstandes
+wirklich und notwendig zukommt.
+
+Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen, aus denen a priori
+verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können, wie
+vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom
+Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel gibt. Sie
+sind nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen
+Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich.
+Aber diese Erkenntnisquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (daß
+sie bloß Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich,
+daß sie bloß auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen
+betrachtet werden, nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene
+allein sind das Feld ihrer Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht,
+weiter kein objektiver Gebrauch derselben stattfindet. Diese
+Realität des Raumes und der Zeit läßt übrigens die Sicherheit der
+Erfahrungserkenntnis unangetastet: denn wir sind derselben ebenso
+gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst, oder nur unserer
+Anschauung dieser Dinge notwendigerweise anhängen. Dagegen die, so die
+absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten, sie mögen sie nun
+als subsistierend, oder nur inhärierend annehmen, mit den Prinzipien
+der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn, entschließen sie sich
+zum ersteren, (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen
+Naturforscher ist,) so müssen sie zwei ewige und unendliche für sich
+bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche da sind (ohne
+daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu
+befassen. Nehmen sie die zweite Partei (von der einige metaphysische
+Naturlehrer sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der
+Erfahrung abstrahierte, obzwar in der Absonderung verworren
+vorgestellte, Verhältnisse der Erscheinungen (neben- oder
+nacheinander), so müssen sie den mathematischen Lehren a priori in
+Ansehung wirklicher Dinge (z.E. im Raume) ihre Gültigkeit, wenigstens
+die apodiktische Gewißheit streiten, indem diese a posteriori gar
+nicht stattfindet, und die Begriffe a priori von Raum und Zeit, dieser
+Meinung nach, nur Geschöpfe der Einbildungskraft sind, deren Quell
+wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren abstrahierten
+Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was zwar das
+Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restriktionen, welche
+die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die
+ersteren gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen
+sich das Feld der Erscheinungen freimachen. Dagegen verwirren sie sich
+sehr durch eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld
+hinausgehen will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren,
+nämlich, daß die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den
+Weg kommen, wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern
+bloß im Verhältnis auf den Verstand urteilen wollen; können aber weder
+von der Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen
+eine wahre und objektiv gültige Anschauung a priori fehlt) Grund
+angeben, noch die Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in notwendige
+Einstimmung bringen. In unserer Theorie, von der wahren Beschaffenheit
+dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit, ist beiden
+Schwierigkeiten abgeholfen.
+
+Daß schließlich die transzendentale Ästhetik nicht mehr, als diese
+zwei Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus
+klar, weil alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe, selbst
+der der Bewegung, welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches
+voraussetzen. Denn diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem
+voraus. Im Raum, an sich selbst betrachtet, ist aber nichts
+Bewegliches: daher das Bewegliche etwas sein muß, was im Raume nur
+durch Erfahrung gefunden wird, mithin ein empirisches Datum. Ebenso
+kann die transzendentale Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung
+unter ihre Data a priori zählen: denn die Zeit selbst verändert
+sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu
+die Wahrnehmung von irgendeinem Dasein, und der Sukzession seiner
+Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert.
+
+
+
+Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik
+
+Zuerst wird es nötig sein, uns so deutlich, als möglich, zu erklären,
+was in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkenntnis
+überhaupt unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben
+vorzubeugen.
+
+Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts als die
+Vorstellung von Erscheinung sei: daß die Dinge, die wir anschauen,
+nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch
+ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns
+erscheinen, und daß, wenn wir unser Subjekt oder auch nur die
+subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die
+Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte im Raum und Zeit, ja
+selbst Raum und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht
+an sich selbst, sondern nur in uns existieren können. Was es für eine
+Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller
+dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt
+uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts, als unsere Art, sie
+wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem
+Wesen, obzwar jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir es
+lediglich zu tun. Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben,
+Empfindung überhaupt die Materie. Jene können wir allein a priori,
+d.i. vor aller wirklichen Wahrnehmung erkennen, und sie heißt darum
+reine Anschauung; diese aber ist das in unserem Erkenntnis, was da
+macht, daß sie Erkenntnis a posteriori, d.i. empirische Anschauung
+heißt. Jene hängen unserer Sinnlichkeit schlechthin notwendig an,
+welcher Art auch unsere Empfindungen sein mögen; diese können sehr
+verschieden sein. Wenn wir diese unsere Anschauung auch zum höchsten
+Grade der Deutlichkeit bringen könnten, so würden wir dadurch der
+Beschaffenheit der Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen. Denn
+wir würden auf allen Fall doch nur unsere Art der Anschauung, d.i.
+unsere Sinnlichkeit vollständig erkennen, und diese immer nur unter
+den, dem Subjekt ursprünglich anhängenden Bedingungen, von Raum und
+Zeit; was die Gegenstände an sich selbst sein mögen, würde uns durch
+die aufgeklärteste Erkenntnis der Erscheinung derselben, die uns
+allein gegeben ist, doch niemals bekannt werden.
+
+Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene
+Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen
+an sich selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von
+Merkmalen und Teilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein
+auseinander setzen, ist eine Verfälschung des Begriffs von
+Sinnlichkeit und von Erscheinung, welche die ganze Lehre derselben
+unnütz und leer macht. Der Unterschied einer undeutlichen von der
+deutlichen Vorstellung ist bloß logisch, und betrifft nicht den
+Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht, dessen sich der
+gesunde Verstand bedient, ebendasselbe, was die subtilste Spekulation
+aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und praktischen Gebrauche
+man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesen Gedanken nicht
+bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der gemeine Begriff
+sinnlich sei, und eine bloße Erscheinung enthalte, denn das Recht kann
+gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande, und
+stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die
+ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines
+Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich
+selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas, und
+die Art, wie wir dadurch affiziert werden, und diese Rezeptivität
+unserer Erkenntnisfähigkeit heißt Sinnlichkeit, und bleibt von
+der Erkenntnis des Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die
+Erscheinung) gleich bis auf den Grund durchschauen möchte, dennoch
+himmelweit unterschieden.
+
+Die Leibniz-Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über
+die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten
+Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit
+vom Intellektuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar
+transzendental ist, und nicht bloß die Form der Deutlichkeit oder
+Undeutlichkeit, sondern den Ursprung und den Inhalt derselben
+betrifft, so daß wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge
+an sich selbst nicht bloß undeutlich, sondern gar nicht erkennen,
+und, sobald wir unsere subjektive Beschaffenheit wegnehmen, das
+vorgestellte Objekt mit den Eigenschaften, die ihm die sinnliche
+Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch angetroffen
+werden kann, indem eben diese subjektive Beschaffenheit die Form
+desselben, als Erscheinung, bestimmt.
+
+Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der
+Anschauung derselben wesentlich anhängt, und für jeden menschlichen
+Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälligerweise
+zukommt, indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt,
+sondern nur auf eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder
+jenes Sinnes gültig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntnis
+eine solche, die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite
+aber nur die Erscheinung desselben. Dieser Unterschied ist aber nur
+empirisch. Bleibt man dabei stehen, (wie es gemeiniglich geschieht,)
+und sieht jene empirische Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen
+sollte) als bloße Erscheinung an, so daß darin gar nichts, was
+irgendeine Sache an sich selbst anginge, anzutreffen ist, so ist
+unser transzendentale Unterschied verloren, und wir glauben alsdann
+doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich überall (in der
+Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer Gegenstände
+mit nichts, als Erscheinungen, zu tun haben, So werden wir zwar den
+Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnregen nennen, diesen
+Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig ist, sofern
+wir den letzteren Begriff nur physisch verstehen, als das, was in der
+allgemeinen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen,
+doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen
+wir aber dieses Empirische überhaupt, und fragen, ohne uns an die
+Einstimmung desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch
+dieses einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen,
+denn die sind dann schon, als Erscheinungen, empirische Objekte,)
+vorstelle, so ist die Frage von der Beziehung der Vorstellung auf den
+Gegenstand transzendental, und nicht allein diese Tropfen sind bloße
+Erscheinungen, sondern selbst ihre runde Gestalt, ja sogar der Raum,
+in welchen sie fallen, sind nichts an sich selbst, sondern bloße
+Modifikationen, oder Grundlagen unserer sinnlichen Anschauung, das
+transzendentale Objekt aber bleibt uns unbekannt.
+
+Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transzendentalen Ästhetik
+ist, daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe,
+sondern so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie
+gefordert werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit
+völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgendeinen Fall wählen,
+woran dessen Gültigkeit augenscheinlich werden.
+
+Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objektiv und
+Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich
+erstlich: daß von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze
+in großer Zahl vornehmlich vom Raum vorkommen, welchen wir darum
+vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der
+Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewißheit erkannt
+werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf
+stützt sich unser Verstand, um zu dergleichen schlechthin notwendigen
+und allgemeingültigen Wahrheiten zu gelangen? Es ist kein anderer Weg,
+als durch Begriffe oder durch Anschauungen; beides aber, als solche,
+die entweder a priori oder a posteriori gegeben sind. Die letzteren,
+nämlich empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen,
+die empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als
+nur einen solchen, der auch bloß empirisch, d.i. ein Erfahrungssatz
+ist, mithin niemals Notwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten
+kann, dergleichen doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie
+ist. Was aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich
+durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen a priori zu dergleichen
+Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, daß aus bloßen Begriffen gar
+keine synthetische Erkenntnis, sondern lediglich analytische erlangt
+werden kann. Nehmet nur den Satz: daß durch zwei gerade Linien sich
+gar kein Raum einschließen lasse, mithin keine Figur möglich sei, und
+versucht ihn aus dem Begriff von geraden Linien und der Zahl zwei
+abzuleiten; oder auch, daß aus drei geraden Linien eine Figur möglich
+sei, und versucht es ebenso bloß aus diesen Begriffen. Alle eure
+Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genötigt, zur Anschauung
+eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit tut. Ihr
+gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung; von welcher Art
+aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori oder eine
+empirische? Wäre das letzte, so könnte niemals ein allgemeingültiger,
+noch weniger ein apodiktischer Satz daraus werden: denn Erfahrung kann
+dergleichen niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand a priori
+in der Anschauung geben, und auf diesen euren synthetischen Satz
+gründen. Läge nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen;
+wäre diese subjektive Bedingung der Form nach nicht zugleich die
+allgemeine Bedingung a priori, unter der allein das Objekt dieser
+(äußeren) Anschauung selbst möglich ist; wäre der Gegenstand (der
+Triangel) etwas an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subjekt: wie
+könntet ihr sagen, daß, was in euren subjektiven Bedingungen einen
+Triangel zu konstruieren notwendig liegt, auch dem Triangel an sich
+selbst notwendig zukommen müsse? denn ihr könntet doch zu euren
+Begriffen (von drei Linien) nichts neues (die Figur) hinzufügen,
+welches darum notwendig an dem Gegenstande angetroffen werden müßte,
+da dieser vor eurer Erkenntnis und nicht durch dieselbe gegeben ist.
+Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße Form eurer
+Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen allein
+Dinge für euch äußere Gegenstände sein können, die ohne diese
+subjektiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a priori
+ganz und gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es
+ist also ungezweifelt gewiß, und nicht bloß möglich, oder auch
+wahrscheinlich, daß Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen
+aller (äußeren und inneren) Erfahrung, bloß subjektive Bedingungen
+aller unserer Anschauung sind, im Verhältnis auf welche daher alle
+Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art
+gegebene Dinge sind, von denen sich auch um deswillen, was die Form
+derselben betrifft, vieles a priori sagen läßt, niemals aber das
+Mindeste von dem Dinge an sich selbst, das diesen Erscheinungen zum
+Grunde liegen mag.
+
+
+
+Der transzendentalen Elementarlehre
+Zweiter Teil
+Die transzendentale Logik
+
+Einleitung
+Idee einer transzendentalen Logik
+
+I. Von der Logik überhaupt
+
+Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren
+die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der
+Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen
+Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere
+wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im
+Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts)
+gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller
+unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige
+Art korrespondierende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe, ein
+Erkenntnis abgeben kann. Beide sind entweder rein, oder empirisch.
+Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des
+Gegenstandes voraussetzt) darinnen enthalten ist: rein aber, wenn der
+Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere
+die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine
+Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird,
+und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes
+überhaupt. Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori
+möglich, empirische nur a posteriori.
+
+Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu
+empfangen, sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit
+nennen, so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst
+hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses, der
+Verstand. Unsere Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung
+niemals anders als sinnlich sein kann, d.i. nur die Art enthält, wie
+wir von Gegenständen affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen, den
+Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser
+Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde
+uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden.
+Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.
+Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen,
+(d.i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,) als seine
+Anschauungen sich verständlich zu machen (d.i. sie unter Begriffe
+zu bringen). Beide Vermögen, oder Fähigkeiten, können auch ihre
+Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen,
+und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen,
+kann Erkenntnis entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht ihren
+Anteil vermischen, sondern man hat große Ursache, jedes von dem andern
+sorgfältig abzusondern, und zu unterscheiden. Daher unterscheiden wir
+die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt, d.i. Ästhetik,
+von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d.i. der Logik.
+
+Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen
+werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besonderen
+Verstandesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin notwendigen
+Regeln des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes
+stattfindet, und geht also auf diesen, unangesehen der Verschiedenheit
+der Gegenstände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des
+besonderen Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine
+gewisse Art von Gegenständen richtig zu denken. Jene kann man die
+Elementarlogik nennen, diese aber das Organon dieser oder jener
+Wissenschaft. Die letztere wird mehrenteils in den Schulen als
+Propädeutik der Wissenschaften vorangeschickt, ob sie zwar, nach dem
+Gange der menschlichen Vernunft, das späteste ist, wozu sie allererst
+gelangt, wenn die Wissenschaft schon lange fertig ist, und nur die
+letzte Hand zu ihrer Berichtigung und Vollkommenheit bedarf. Denn man
+muß die Gegenstände schon in ziemlich hohem Grade kennen, wenn man
+die Regel angeben will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zustande
+bringen lasse.
+
+Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte
+Logik. In der ersteren abstrahieren wir von allen empirischen
+Bedingungen, unter denen unser Verstand ausgeübt wird, z.B. vom
+Einfluß der Sinne, vom Spiele der Einbildung, den Gesetzen des
+Gedächtnisses, der Macht der Gewohnheit, der Neigung usw., mithin
+auch den Quellen der Vorurteile, ja gar überhaupt von allen Ursachen,
+daraus uns gewisse Erkenntnisse entspringen, oder unterschoben werden
+mögen, weil sie bloß den Verstand unter gewissen Umständen seiner
+Anwendung betreffen, und, um diese zu kennen, Erfahrung erfordert
+wird. Eine allgemeine, aber reine Logik, hat es also mit lauter
+Prinzipien a priori zu tun, und ist ein Kanon des Verstandes und der
+Vernunft, aber nur in Ansehung des Formalen ihres Gebrauchs, der
+Inhalt mag sein, welcher er wolle, (empirisch oder transzendental).
+Eine allgemeine Logik heißt aber alsdann angewandt, wenn sie auf die
+Regeln des Gebrauchs des Verstandes unter den subjektiven empirischen
+Bedingungen, die uns die Psychologie lehrt, gerichtet ist. Sie hat
+also empirische Prinzipien, ob sie zwar insofern allgemein ist, daß
+sie auf den Verstandesgebrauch ohne Unterschied der Gegenstände geht.
+Um deswillen ist sie auch weder ein Kanon des Verstandes überhaupt,
+noch ein Organon besonderer Wissenschaften, sondern lediglich ein
+Kathartikon des gemeinen Verstandes.
+
+In der allgemeinen Logik muß also der Teil, der die reine
+Vernunftlehre ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert
+werden, welcher die angewandte (obzwar noch immer allgemeine) Logik
+ausmacht. Der erstere ist eigentlich nur allein Wissenschaft, obzwar
+kurz und trocken, und wie es die schulgerechte Darstellung einer
+Elementarlehre des Verstandes erfordert. In dieser müssen also die
+Logiker jederzeit zwei Regeln vor Augen haben.
+
+1. Als allgemeine Logik abstrahiert sie von allem Inhalt der
+Verstandeserkenntnis, und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände, und
+hat mit nichts als der bloßen Form des Denkens zu tun.
+
+2. Als reine Logik hat sie keine empirischen Prinzipien, mithin
+schöpft sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der
+Psychologie, die also auf den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluß
+hat. Sie ist eine demonstrierte Doktrin, und alles muß in ihr völlig a
+priori gewiß sein.
+
+Was ich die angewandte Logik nenne, (wider die gemeine Bedeutung
+dieses Wortes, nach der sie gewisse Exerzitien, dazu die reine Logik
+die Regel gibt, enthalten soll,) so ist sie eine Vorstellung des
+Verstandes und der Regeln seines notwendigen Gebrauchs in concreto,
+nämlich unter den zufälligen Bedingungen des Subjekts, die diesen
+Gebrauch hindern oder befördern können, und die insgesamt nur
+empirisch gegeben werden. Sie handelt von der Aufmerksamkeit, deren
+Hindernis und Folgen, dem Ursprunge des Irrtums, dem Zustande des
+Zweifels, des Skrupels, der Überzeugung usw. und zu ihr verhält sich
+die allgemeine und reine Logik wie die reine Moral, welche bloß die
+notwendigen sittlichen Gesetze eines freien Willens überhaupt enthält,
+zu der eigentlichen Tugendlehre, welche diese Gesetze unter den
+Hindernissen der Gefühle, Neigungen und Leidenschaften, denen die
+Menschen mehr oder weniger unterworfen sind, erwägt, und welche
+niemals eine wahre und demonstrierte Wissenschaft abgeben kann, weil
+sie ebensowohl als jene angewandte Logik empirische und psychologische
+Prinzipien bedarf.
+
+
+
+II. Von der transzendentalen Logik
+
+Die allgemeine Logik abstrahiert, wie wir gewiesen, von allem Inhalt
+der Erkenntnis, d.i. von aller Beziehung derselben auf das Objekt,
+und betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse
+aufeinander, d.i. die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun
+aber sowohl reine, als empirische Anschauungen gibt, (wie die
+transzendentale Ästhetik dartut,) so könnte auch wohl ein Unterschied
+zwischen reinem und empirischem Denken der Gegenstände angetroffen
+werden. In diesem Falle würde es eine Logik geben, in der man nicht
+von allem Inhalt der Erkenntnis abstrahierte; denn diejenige, welche
+bloß die Regeln des reinen Denkens eines Gegenstandes enthielte, würde
+alle diejenigen Erkenntnisse ausschließen, welche von empirischem
+Inhalte wären. Sie würde auch auf den Ursprung unserer Erkenntnisse
+von Gegenständen gehen, sofern er nicht den Gegenständen zugeschrieben
+werden kann; da hingegen die allgemeine Logik mit diesem Ursprunge der
+Erkenntnis nichts zu tun hat, sondern die Vorstellungen, sie mögen
+uranfänglich a priori in uns selbst, oder nur empirisch gegeben sein,
+bloß nach den Gesetzen betrachtet, nach welchen der Verstand sie im
+Verhältnis gegeneinander braucht, wenn er denkt, und also nur von der
+Verstandesform handelt, die den Vorstellungen verschafft werden kann,
+woher sie auch sonst entsprungen sein mögen.
+
+Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle
+nachfolgenden Betrachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen
+haben muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntnis a priori, sondern
+nur die, dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen
+(Anschauungen oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden, oder
+möglich sind, transzendental (d.i. die Möglichkeit der Erkenntnis oder
+der Gebrauch derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der
+Raum, noch irgendeine geometrische Bestimmung desselben a priori
+eine transzendentale Vorstellung, sondern nur die Erkenntnis, daß
+diese Vorstellungen gar nicht empirischen Ursprungs sind, und die
+Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl a priori auf Gegenstände der
+Erfahrung beziehen könne, kann transzendental heißen. Imgleichen würde
+der Gebrauch des Raumes von Gegenständen überhaupt auch transzendental
+sein: aber ist er lediglich auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt,
+so heißt er empirisch. Der Unterschied des Transzendentalen und
+Empirischen gehört also nur zur Kritik der Erkenntnisse, und betrifft
+nicht die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand.
+
+In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die
+sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder
+sinnliche Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen
+Denkens, die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen
+Ursprungs sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer
+Wissenschaft des reinen Verstandes und Vernunfterkenntnisses, dadurch
+wir Gegenstände völlig a priori denken. Eine solche Wissenschaft,
+welche den Ursprung, den Umfang und die objektive Gültigkeit solcher
+Erkenntnisse bestimmte, würde transzendentale Logik heißen müssen,
+weil sie es bloß mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zu
+tun hat, aber lediglich, sofern sie auf Gegenstände a priori bezogen
+wird, und nicht, wie die allgemeine Logik, auf die empirischen sowohl,
+als reinen Vernunfterkenntnisse ohne Unterschied.
+
+
+
+III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und
+ Dialektik
+
+Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge zu
+treiben vermeinte, und sie dahin zu bringen suchte, daß sie sich
+entweder auf einer elenden Dialele mußten betreffen lassen, oder
+ihre Unwissenheit, mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen
+sollten, ist diese: Was ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit,
+daß sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem
+Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt; man verlangt
+aber zu wissen, welches das allgemeine und sichere Kriterium der
+Wahrheit einer jeden Erkenntnis sei.
+
+Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht,
+zu wissen, was man vernünftigerweise fragen solle. Denn, wenn die
+Frage an sich ungereimt ist, und unnötige Antworten verlangt, so hat
+sie, außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den
+Nachteil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten
+zu verleiten, und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (wie
+die Alten sagten) den Bock melkt, der andere ein Sieb unterhält.
+
+Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem
+Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser Gegenstand von anderen
+unterschieden werden; denn eine Erkenntnis ist falsch, wenn sie mit
+dem Gegenstande, worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie
+gleich etwas enthält, was wohl von anderen Gegenständen gelten könnte.
+Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein,
+welches von allen Erkenntnissen, ohne Unterschied ihrer Gegenstände,
+gültig wäre. Es ist aber klar, daß, da man bei demselben von allem
+Inhalt der Erkenntnis (Beziehung auf ihr Objekt) abstrahiert, und
+Wahrheit gerade diesen Inhalt angeht, es ganz unmöglich und ungereimt
+sei, nach einem Merkmale der Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse
+zu fragen, und daß also ein hinreichendes, und doch zugleich
+allgemeines Kennzeichen der Wahrheit unmöglich angegeben werden könne.
+Da wir oben schon den Inhalt einer Erkenntnis die Materie derselben
+genannt haben, so wird man sagen müssen: von der Wahrheit der
+Erkenntnis der Materie nach läßt sich kein allgemeines Kennzeichen
+verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist.
+
+Was aber das Erkenntnis der bloßen Form nach (mit Beiseitesetzung
+alles Inhalts) betrifft, so ist ebenso klar: daß eine Logik, sofern
+sie die allgemeinen und notwendigen Regeln des Verstandes vorträgt,
+eben in diesen Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. Denn,
+was diesen widerspricht, ist falsch, weil der Verstand dabei seinen
+allgemeinen Regeln des Denkens, mithin sich selbst widerstreitet.
+Diese Kriterien aber betreffen nur die Form der Wahrheit, d.i.
+des Denkens überhaupt, und sind sofern ganz richtig, aber nicht
+hinreichend. Denn obgleich eine Erkenntnis der logischen Form völlig
+gemäß sein möchte, d.i. sich selbst nicht widerspräche, so kann sie
+doch noch immer dem Gegenstande widersprechen. Also ist das bloß
+logische Kriterium der Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung einer
+Erkenntnis mit den allgemeinen und formalen Gesetzen des Verstandes
+und der Vernunft zwar die conditio sine qua non, mithin die negative
+Bedingung aller Wahrheit: weiter aber kann die Logik nicht gehen, und
+den Irrtum, der nicht die Form, sondern den Inhalt trifft, kann die
+Logik durch keinen Probierstein entdecken.
+
+Die allgemeine Logik löst nun das ganze formale Geschäft des
+Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf, und stellt sie als
+Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erkenntnis dar. Dieser
+Teil der Logik kann daher Analytik heißen, und ist eben darum der
+wenigstens negative Probierstein der Wahrheit, indem man zuvörderst
+alle Erkenntnis, ihrer Form nach, an diesen Regeln prüfen und schätzen
+muß, ehe man sie selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen,
+ob sie in Ansehung des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Weil
+aber die bloße Form des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen
+Gesetzen übereinstimmen mag, noch lange nicht hinreicht, materielle
+(objektive) Wahrheit dem Erkenntnisse darum auszumachen, so kann
+sich niemand bloß mit der Logik wagen, über Gegenstände zu urteilen,
+und irgend etwas zu behaupten, ohne von ihnen vorher gegründete
+Erkundigung außer der Logik eingezogen zu haben, um hernach bloß die
+Benutzung und die Verknüpfung derselben in einem zusammenhängenden
+Ganzen nach logischen Gesetzen zu versuchen, noch besser aber, sie
+lediglich danach zu prüfen. Gleichwohl liegt so etwas Verleitendes in
+dem Besitze einer so scheinbaren Kunst, allen unseren Erkenntnissen
+die Form des Verstandes zu geben, ob man gleich in Ansehung des
+Inhalts derselben noch sehr leer und arm sein mag, daß jene allgemeine
+Logik, die bloß ein Kanon zur Beurteilung ist, gleichsam wie ein
+Organon zur wirklichen Hervorbringung wenigstens dem Blendwerk von
+objektiven Behauptungen gebraucht, und mithin in der Tat dadurch
+gemißbraucht worden. Die allgemeine Logik nun, als vermeintes Organon,
+heißt Dialektik.
+
+So verschieden auch die Bedeutung ist, in der die Alten dieser
+Benennung einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man
+doch aus dem wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen, daß
+sie bei ihnen nichts anderes war, als die Logik des Scheins. Eine
+sophistische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen
+Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zu geben, daß man die Methode
+der Gründlichkeit, welche die Logik überhaupt vorschreibt, nachahmte,
+und ihre Topik zu Beschönigung jedes leeren Vorgebens benutzte. Nun
+kann man es als eine sichere und brauchbare Warnung anmerken: daß die
+allgemeine Logik, als Organon betrachtet, jederzeit eine Logik des
+Scheins, d.i. dialektisch sei. Denn da sie uns gar nichts über den
+Inhalt der Erkenntnis lehrt, sondern nur bloß die formalen Bedingungen
+der Übereinstimmung mit dem Verstande, welche übrigens in Ansehung der
+Gegenstände gänzlich gleichgültig sind, so muß die Zumutung, sich
+derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu gebrauchen, um seine
+Kenntnisse, wenigstens dem Vorgeben nach, auszubreiten und zu
+erweitern, auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen, alles, was
+man will, mit einigem Schein zu behaupten, oder auch nach Belieben
+anzufechten.
+
+Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine Weise
+gemäß. Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik lieber, als
+eine Kritik des dialektischen Scheins, der Logik beigezählt, und als
+eine solche wollen wir sie auch hier verstanden wissen.
+
+
+
+IV. Von der Einteilung der transz. Logik in die transzendentale
+ Analytik und Dialektik
+
+In einer transzendentalen Logik isolieren wir den Verstand, (so wie
+oben in der transzendentalen Ästhetik die Sinnlichkeit) und heben bloß
+den Teil des Denkens aus unserem Erkenntnisse heraus, der lediglich
+seinen Ursprung in dem Verstande hat. Der Gebrauch dieser reinen
+Erkenntnis aber beruht darauf, als ihrer Bedingung: daß uns
+Gegenstände in der Anschauung gegeben seien, worauf jene angewandt
+werden können. Denn ohne Anschauung fehlt es aller unserer Erkenntnis
+an Objekten, und sie bleibt alsdann völlig leer. Der Teil der
+transscendentalen Logik also, der die Elemente der reinen
+Verstandeserkenntnis vorträgt, und die Prinzipien, ohne welche überall
+kein Gegenstand gedacht werden kann, ist die transzendentale Analytik,
+und zugleich, eine Logik der Wahrheit. Denn ihr kann keine Erkenntnis
+widersprechen, ohne daß sie zugleich allen Inhalt verlöre, d.i.
+alle Beziehung auf irgendein Objekt, mithin alle Wahrheit. Weil
+es aber sehr anlockend und verleitend ist, sich dieser reinen
+Verstandeserkenntnisse und Grundsätze allein, und selbst über die
+Grenzen der Erfahrung hinaus, zu bedienen, welche doch einzig und
+allein uns die Materie (Objekte) an die Hand geben kann, worauf jene
+reinen Verstandesbegriffe angewandt werden können: so gerät der
+Verstand in Gefahr, durch leere Vernünfteleien von den bloßen formalen
+Prinzipien des reinen Verstandes einen materialen Gebrauch zu machen,
+und über Gegenstände ohne Unterschied zu urteilen, die uns doch nicht
+gegeben sind, ja vielleicht auf keinerlei Weise gegeben werden können.
+Da sie also eigentlich nur ein Kanon der Beurteilung des empirischen
+Gebrauchs sein sollte, so wird sie gemißbraucht, wenn man sie als das
+Organon eines allgemeinen und unbeschränkten Gebrauchs gelten läßt,
+und sich mit dem reinen Verstande allein wagt, synthetisch über
+Gegenstände überhaupt zu urteilen, zu behaupten, und zu entscheiden.
+Also würde der Gebrauch des reinen Verstandes alsdann dialektisch
+sein. Der zweite Teil der transzendentalen Logik muß also eine
+Kritik dieses dialektischen Scheines sein, und heißt transzendentale
+Dialektik, nicht als eine Kunst, dergleichen Schein dogmatisch
+zu erregen, (eine leider sehr gangbare Kunst mannigfaltiger
+metaphysischer Gaukelwerke) sondern als eine Kritik des Verstandes
+und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphysischen Gebrauchs, um
+den falschen Schein ihrer grundlosen Anmaßungen aufzudecken, und
+ihre Ansprüche auf Erfindung und Erweiterung, die sie bloß durch
+transzendentale Grundsätze zu erreichen vermeint, zur bloßen
+Beurteilung und Verwahrung des reinen Verstandes vor sophistischem
+Blendwerke herabzusetzen.
+
+
+
+Der transzendentalen Logik
+Erste Abteilung
+Die transzendentale Analytik
+
+Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesamten Erkenntnisses
+a priori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis. Es kommt
+hiebei auf folgende Stücke an: 1. Daß die Begriffe reine und nicht
+empirische Begriffe seien. 2. Daß sie nicht zur Anschauung und zur
+Sinnlichkeit, sondern zum Denken und Verstande gehören. 3. Daß
+sie Elementarbegriffe seien und von den abgeleiteten, oder daraus
+zusammengesetzten, wohl unterschieden werden. 4. Daß ihre Tafel
+vollständig sei, und sie das ganze Feld des reinen Verstandes gänzlich
+ausfüllen. Nun kann diese Vollständigkeit einer Wissenschaft nicht
+auf den Überschlag, eines bloß durch Versuche zustande gebrachten
+Aggregats, mit Zuverlässigkeit angenommen werden; daher ist sie nur
+vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstandeserkenntnis a priori
+und die daraus bestimmte Abteilung der Begriffe, welche sie ausmachen,
+mithin nur durch ihren Zusammenhang in einem System möglich. Der reine
+Verstand sondert sich nicht allein von allem Empirischen, sondern
+sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. Er ist also eine für sich
+selbst beständige, sich selbst genugsame, und durch keine äußerlich
+hinzukommenden Zusätze zu vermehrende Einheit. Daher wird der
+Inbegriff seiner Erkenntnis ein unter einer Idee zu befassendes und zu
+bestimmendes System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Artikulation
+zugleich einen Probierstein der Richtigkeit und Echtheit aller
+hineinpassenden Erkenntnisstücke abgeben kann. Es besteht aber dieser
+ganze Teil der transzendentalen Logik aus zwei Büchern, deren das eine
+die Begriffe, das andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält.
+
+
+
+Der transzendentalen Analytik
+Erstes Buch
+Die Analytik der Begriffe
+
+Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis
+derselben, oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen
+Untersuchungen, Begriffe, die sich darbieten, ihrem Inhalte nach zu
+zergliedern und zur Deutlichkeit zu bringen, sondern die noch wenig
+versuchte Zergliederung des Verstandesvermögens selbst, um die
+Möglichkeit der Begriffe a priori dadurch zu erforschen, daß wir sie
+im Verstande allein, als ihrem Geburtsorte, aufsuchen und dessen
+reinen Gebrauch überhaupt analysieren; denn dieses ist das
+eigentümliche Geschäft einer Transzendental-Philosophie; das übrige
+ist die logische Behandlung der Begriffe in der Philosophie überhaupt.
+Wir werden also die reinen Begriffe bis zu ihren ersten Keimen und
+Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen sie vorbereitet
+liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit der Erfahrung entwickelt und
+durch ebendenselben Verstand, von den ihnen anhängenden empirischen
+Bedingungen befreit, in ihrer Lauterkeit dargestellt werden.
+
+
+
+Der Analytik der Begriffe
+Erstes Hauptstück
+Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
+
+Wenn man ein Erkenntnisvermögen ins Spiel setzt, so tun sich, nach den
+mancherlei Anlässen, verschiedene Begriffe hervor, die dieses Vermögen
+kennbar machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen
+Aufsatz sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben längere
+Zeit, oder mit größerer Scharfsichtigkeit angestellt worden. Wo diese
+Untersuchung werde vollendet sein, läßt sich, nach diesem gleichsam
+mechanischen Verfahren, niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch
+entdecken sich die Begriffe, die man nur so bei Gelegenheit auffindet,
+in keiner Ordnung und systematischen Einheit, sondern werden zuletzt
+nur nach Ähnlichkeiten gepaart und nach der Größe ihres Inhalts, von
+den einfachen an, zu den mehr zusammengesetzten, in Reihen gestellt,
+die nichts weniger als systematisch, obgleich auf gewisse Weise
+methodisch zustande gebracht werden.
+
+Die Transzendental-Philosophie hat den Vorteil, aber auch die
+Verbindlichkeit, ihre Begriffe nach einem Prinzip aufzusuchen; weil
+sie aus dem Verstande, als absoluter Einheit, rein und unvermischt
+entspringen, und daher selbst nach einem Begriffe, oder Idee, unter
+sich zusammenhängen müssen. Ein solcher Zusammenhang aber gibt eine
+Regel an die Hand, nach welcher jedem reinen Verstandesbegriff seine
+Stelle und allen insgesamt ihre Vollständigkeit a priori bestimmt
+werden kann, welches alles sonst vom Belieben, oder von dem Zufall
+abhängen würde.
+
+
+
+Des transzendentalen Leitfadens der Entdeckung aller reinen
+Verstandesbegriffe
+Erster Abschnitt
+Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt
+
+Der Verstand wurde oben bloß negativ erklärt: durch ein
+nichtsinnliches Erkenntnisvermögen. Nun können wir, unabhängig von
+der Sinnlichkeit, keiner Anschauung teilhaftig werden. Also ist
+der Verstand kein Vermögen der Anschauung. Es gibt aber, außer der
+Anschauung, keine andere Art, zu erkennen, als durch Begriffe.
+Also ist die Erkenntnis eines jeden, wenigstens des menschlichen,
+Verstandes, eine Erkenntnis durch Begriffe, nicht intuitiv, sondern
+diskursiv. Alle Anschauungen, als sinnlich, beruhen auf Affektionen,
+die Begriffe also auf Funktionen. Ich verstehe aber unter Funktion
+die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer
+gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf der
+Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen auf der
+Rezeptivität der Eindrücke. Von diesen Begriffen kann nun der Verstand
+keinen anderen Gebrauch machen, als daß er dadurch urteilt. Da
+keine Vorstellung unmittelbar auf den Gegenstand geht, als bloß
+die Anschauung, so wird ein Begriff niemals auf einen Gegenstand
+unmittelbar, sondern auf irgendeine andere Vorstellung von demselben
+(sie sei Anschauung oder selbst schon Begriff) bezogen. Das Urteil
+ist also die mittelbare Erkenntnis eines Gegenstandes, mithin die
+Vorstellung einer Vorstellung desselben. In jedem Urteil ist ein
+Begriff, der für viele gilt, und unter diesem Vielen auch eine
+gegebene Vorstellung begreift, welche letztere denn auf den Gegenstand
+unmittelbar bezogen wird. So bezieht sich z.B. in dem Urteile: alle
+Körper sind veränderlich, der Begriff des Teilbaren auf verschiedene
+andere Begriffe; unter diesen aber wird er hier besonders auf den
+Begriff des Körpers bezogen, dieser aber auf gewisse uns vorkommende
+Erscheinungen. Also werden diese Gegenstände durch den Begriff
+der Teilbarkeit mittelbar vorgestellt. Alle Urteile sind demnach
+Funktionen der Einheit unter unseren Vorstellungen, da nämlich statt
+einer unmittelbaren Vorstellung eine höhere, die diese und mehrere
+unter sich begreift, zur Erkenntnis des Gegenstandes gebraucht,
+und viel mögliche Erkenntnisse dadurch in einer zusammengezogen
+werden. Wir können aber alle Handlungen des Verstandes auf Urteile
+zurückführen, so daß der Verstand überhaupt als ein Vermögen zu
+urteilen vorgestellt werden kann. Denn er ist nach dem obigen ein
+Vermögen zu denken. Denken ist das Erkenntnis durch Begriffe. Begriffe
+aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf irgendeine
+Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande. So bedeutet
+der Begriff des Körpers etwas, z.B. Metall, was durch jenen Begriff
+erkannt werden kann. Er ist also nur dadurch Begriff, daß unter ihm
+andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst deren er sich auf
+Gegenstände beziehen kann. Er ist also das Prädikat zu einem möglichen
+Urteile, z.B. ein jedes Metall ist ein Körper. Die Funktionen des
+Verstandes können also insgesamt gefunden werden, wenn man die
+Funktionen der Einheit in den Urteilen vollständig darstellen kann.
+Daß dies aber sich ganz wohl bewerkstelligen lasse, wird der folgende
+Abschnitt vor Augen stellen.
+
+
+
+Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
+Zweiter Abschnitt
+Von der logischen Funktion des Verstandes in Urteilen
+
+Wenn wir von allem Inhalte eines Urteils überhaupt abstrahieren, und
+nur auf die bloße Verstandesform darin achtgeben, so finden wir, daß
+die Funktion des Denkens in demselben unter vier Titel gebracht werden
+könne, deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können füglich
+in folgender Tafel vorgestellt werden.
+
+ 1. Quantität der Urteile
+ Allgemeine
+ Besondere
+ Einzelne
+
+ 2. Qualität 3. Relation
+ Bejahende Kategorische
+ Verneinende Hypothetische
+ Unendliche Disjunktive
+
+ 4. Modalität
+ Problematische
+ Assertorische
+ Apodiktische
+
+Da diese Einteilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken,
+von der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint, so werden
+folgende Verwahrungen wider den besorglichen Mißverstand nicht unnötig
+sein.
+
+1. Die Logiker sagen mit Recht, daß man beim Gebrauch der Urteile
+in Vernunftschlüssen die einzelnen Urteile gleich den allgemeinen
+behandeln könne. Denn eben darum, weil sie gar keinen Umfang haben,
+kann das Prädikat derselben nicht bloß auf einiges dessen, was unter
+dem Begriff des Subjekts enthalten ist, gezogen, von einigem aber
+ausgenommen werden. Es gilt also von jenem Begriffe ohne Ausnahme,
+gleich als wenn derselbe ein gemeingültiger Begriff wäre, der einen
+Umfang hätte, von dessen ganzer Bedeutung das Prädikat gelte.
+Vergleichen wir dagegen ein einzelnes Urteil mit einem gemeingültigen,
+bloß als Erkenntnis, der Größe nach, so verhält sie sich zu diesem
+wie Einheit zur Unendlichkeit, und ist also an sich selbst davon
+wesentlich unterschieden. Also, wenn ich ein einzelnes Urteil
+(judicium singulare) nicht bloß nach seiner inneren Gültigkeit,
+sondern auch, als Erkenntnis überhaupt, nach der Größe, die es
+in Vergleichung mit anderen Erkenntnissen hat, schätze, so ist
+es allerdings von gemeingültigen Urteilen (judicia communia)
+unterschieden, und verdient in einer vollständigen Tafel der Momente
+des Denkens überhaupt (obzwar freilich nicht in der bloß auf den
+Gebrauch der Urteile untereinander eingeschränkten Logik) eine
+besondere Stelle.
+
+2. Ebenso müssen in einer transzendentalen Logik unendliche Urteile
+von bejahenden noch unterschieden werden, wenn sie gleich in der
+allgemeinen Logik jenen mit Recht beigezählt sind und kein besonderes
+Glied der Einteilung ausmachen. Diese nämlich abstrahiert von allem
+Inhalt des Prädikats (ob es gleich verneinend ist) und sieht nur
+darauf, ob dasselbe dem Subjekt beigelegt, oder ihm entgegengesetzt
+werde. Jene aber betrachtet das Urteil auch nach dem Werte oder
+Inhalt dieser logischen Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden
+Prädikats, und was diese in Ansehung des gesamten Erkenntnisses für
+einen Gewinn verschafft. Hätte ich von der Seele gesagt, sie ist nicht
+sterblich, so hätte ich durch ein verneinendes Urteil wenigstens einen
+Irrtum abgehalten. Nun habe ich durch den Satz: die Seele ist nicht
+sterblich, zwar der logischen Form nach wirklich bejaht, indem ich die
+Seele in den unbeschränkten Umfang der nichtsterbenden Wesen setze.
+Weil nun von dem ganzen Umfange möglicher Wesen das Sterbliche einen
+Teil enthält, das Nichtsterbliche aber den anderen, so ist durch
+meinen Satz nichts anderes gesagt, als daß die Seele eine von der
+unendlichen Menge Dinge sei, die übrigbleiben, wenn ich das Sterbliche
+insgesamt wegnehme. Dadurch aber wird nur die unendliche Sphäre alles
+Möglichen insoweit beschränkt, daß das Sterbliche davon abgetrennt,
+und in dem übrigen Raum ihres Umfangs die Seele gesetzt wird. Dieser
+Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme noch immer unendlich, und können
+noch mehrere Teile desselben weggenommen werden, ohne daß darum der
+Begriff von der Seele im mindesten wächst, und bejahend bestimmt wird.
+Diese unendlichen Urteile also in Ansehung des logischen Umfanges sind
+wirklich bloß beschränkend in Ansehung des Inhalts der Erkenntnis
+überhaupt, und insofern müssen sie in der transzendentalen Tafel aller
+Momente des Denkens in den Urteilen nicht übergangen werden, weil die
+hierbei ausgeübte Funktion des Verstandes vielleicht in dem Felde
+seiner reinen Erkenntnis a priori wichtig sein kann.
+
+3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urteilen sind die a) des Prädikats
+zum Subjekt, b) des Grundes zur Folge, c) der eingeteilten Erkenntnis
+und der gesammelten Glieder der Einteilung untereinander. In der
+ersteren Art der Urteile sind nur zwei Begriffe, in der zweiten zwei
+Urteile, in der dritten mehrere Urteile im Verhältnis gegeneinander
+betrachtet. Der hypothetische Satz: wenn eine vollkommene
+Gerechtigkeit da ist, so wird der beharrlich Böse bestraft, enthält
+eigentlich das Verhältnis zweier Sätze: Es ist eine vollkommene
+Gerechtigkeit da, und der beharrlich Böse wird bestraft. Ob beide
+dieser Sätze an sich wahr seien, bleibt hier unausgemacht. Es ist nur
+die Konsequenz, die durch dieses Urteil gedacht wird. Endlich enthält
+das disjunktive Urteil ein Verhältnis zweier, oder mehrerer Sätze
+gegeneinander, aber nicht der Abfolge, sondern der logischen
+Entgegensetzung, sofern die Sphäre des einen die des anderen
+ausschließt, aber doch zugleich der Gemeinschaft, insofern sie
+zusammen die Sphäre der eigentlichen Erkenntnis erfüllen, also ein
+Verhältnis der Teile der Sphäre eines Erkenntnisses, da die Sphäre
+eines jeden Teils ein Ergänzungsstück der Sphäre des anderen zu dem
+ganzen Inbegriff der eingeteilten Erkenntnis ist, z.E. die Welt
+ist entweder durch einen blinden Zufall da, oder durch innere
+Notwendigkeit, oder durch eine äußere Ursache. Jeder dieser Sätze
+nimmt einen Teil der Sphäre des möglichen Erkenntnisses über das
+Dasein einer Welt überhaupt ein, alle zusammen die ganze Sphäre. Das
+Erkenntnis aus einer dieser Sphären wegnehmen, heißt, sie in eine der
+übrigen setzen, und dagegen sie in eine Sphäre setzen, heißt, sie aus
+den übrigen wegnehmen. Es ist also in einem disjunktiven Urteile eine
+gewisse Gemeinschaft der Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich
+wechselseitig einander ausschließen, aber dadurch doch im Ganzen die
+wahre Erkenntnis bestimmen, indem sie zusammengenommen den ganzen
+Inhalt einer einzigen gegebenen Erkenntnis ausmachen. Und dieses ist
+es auch nur, was ich des Folgenden wegen hiebei anzumerken nötig
+finde.
+
+4. Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere Funktion
+derselben, die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts
+zum Inhalte des Urteils beiträgt, (denn außer Größe, Qualität und
+Verhältnis ist nichts mehr, was den Inhalt eines Urteils ausmachte,)
+sondern nur den Wert der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt
+angeht. Problematische Urteile sind solche, wo man das Bejahen oder
+Verneinen als bloß möglich (beliebig) annimmt. Assertorische, da es
+als wirklich (wahr) betrachtet wird. Apodiktische, in denen man es als
+notwendig ansieht*. So sind die beiden Urteile, deren Verhältnis das
+hypothetische Urteil ausmacht, (antecedens und consequens), imgleichen
+in deren Wechselwirkung das Disjunktive besteht, (Glieder der
+Einteilung) insgesamt nur problematisch. In dem obigen Beispiel wird
+der Satz: es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da, nicht assertorisch
+gesagt, sondern nur als ein beliebiges Urteil, wovon es möglich
+ist, daß jemand es annehme, gedacht, und nur die Konsequenz ist
+assertorisch. Daher können solche Urteile auch offenbar falsch sein,
+und doch, problematisch genommen, Bedingungen der Erkenntnis der
+Wahrheit sein. So ist das Urteil: die Welt ist durch blinden Zufall
+da, in dem disjunktiven Urteil nur von problematischer Bedeutung,
+nämlich, daß jemand diesen Satz etwa auf eignen Augenblick annehmen
+möge, und dient doch, (wie die Verzeichnung des falschen Weges, unter
+der Zahl aller derer, die man nehmen kann,) den wahren zu finden. Der
+problematische Satz ist also derjenige, der nur logische Möglichkeit
+(die nicht objektiv ist) ausdrückt, d.i. eine freie Wahl einen solchen
+Satz gelten zu lassen, eine bloß willkürliche Aufnehmung desselben
+in den Verstand. Der assertorische sagt von logischer Wirklichkeit
+oder Wahrheit, wie etwa in einem hypothetischen Vernunftschluß das
+Antecedens im Obersatze problematisch, im Untersatze assertorisch
+vorkommt, und zeigt an, daß der Satz mit dem Verstande nach dessen
+Gesetzen schon verbunden sei, der apodiktische Satz denkt sich den
+assertorischen durch diese Gesetze des Verstandes selbst bestimmt,
+und daher a priori behauptend, und drückt auf solche Weise logische
+Notwendigkeit aus. Weil nun hier alles sich gradweise dem Verstande
+einverleibt, so daß man zuvor etwas problematisch urteilt, darauf auch
+wohl es assertorisch als wahr annimmt, endlich als unzertrennlich mit
+dem Verstande verbunden, d.i. als notwendig und apodiktisch behauptet,
+so kann man diese drei Funktionen der Modalität auch so viel Momente
+des Denkens überhaupt nennen.
+
+* Gleich, als wenn das Denken im ersten Fall eine Funktion des
+ Verstandes, im zweiten der Urteilskraft, im dritten der Vernunft
+ wäre. Eine Bemerkung, die erst in der Folge ihre Aufklärung
+ erwartet.
+
+
+
+Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
+Dritter Abschnitt
+Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien
+
+Die allgemeine Logik abstrahiert, wie mehrmalen schon gesagt worden,
+von allem Inhalt der Erkenntnis, und erwartet, daß ihr anderwärts,
+woher es auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst in
+Begriffe zu verwandeln, welches analytisch zugeht. Dagegen hat die
+transzendentale Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit a priori vor
+sich liegen, welches die transzendentale Ästhetik ihr darbietet, um zu
+den reinen Verstandesbegriffen einen Stoff zu geben, ohne den sie ohne
+allen Inhalt, mithin völlig leer sein würde. Raum und Zeit enthalten
+nun ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung a priori, gehören aber
+gleichwohl zu den Bedingungen der Rezeptivität unseres Gemüts, unter
+denen es allein Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, die
+mithin auch den Begriff derselben jederzeit affizieren müssen.
+Allein die Spontaneität unseres Denkens erfordert es, daß dieses
+Mannigfaltige zuerst auf gewisse Weise durchgegangen, aufgenommen, und
+verbunden werde, um daraus eine Erkenntnis zu machen. Diese Handlung
+nenne ich Synthesis.
+
+Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung
+die Handlung, verschiedene Vorstellungen zueinander hinzuzutun, und
+ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen. Eine solche
+Synthesis ist rein, wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern a
+priori gegeben ist (wie das im Raum und der Zeit). Vor aller Analysis
+unserer Vorstellungen müssen diese zuvor gegeben sein, und es können
+keine Begriffe dem Inhalte nach analytisch entspringen. Die Synthesis
+eines Mannigfaltigen aber (es sei empirisch oder a priori gegeben),
+bringt zuerst eine Erkenntnis hervor, die zwar anfänglich noch
+roh und verworren sein kann, und also der Analysis bedarf; allein
+die Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlich die Elemente zu
+Erkenntnissen sammelt, und zu einem gewissen Inhalte vereinigt; sie
+ist also das erste, worauf wir acht zu geben haben, wenn wir über den
+ersten Ursprung unserer Erkenntnis urteilen wollen.
+
+Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die bloße
+Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen
+Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben
+würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind. Allein, diese
+Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Funktion, die dem
+Verstande zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntnis in
+eigentlicher Bedeutung verschafft.
+
+Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, gibt nun den reinen
+Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige,
+welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori beruht: so
+ist unser Zählen (vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher)
+eine Synthesis nach Begriffen, weil sie nach einem gemeinschaftlichen
+Grunde der Einheit geschieht (z.E. der Dekadik). Unter diesem
+Begriffe wird also die Einheit in der Synthesis des Mannigfaltigen
+notwendig.
+
+Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff
+gebracht, (ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber
+nicht die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen
+auf Begriffe zu bringen, lehrt die transz. Logik. Das erste, was uns
+zum Behuf der Erkenntnis aller Gegenstände a priori gegeben sein muß,
+ist das Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthesis dieses
+Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, gibt aber
+noch keine Erkenntnis. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis
+Einheit geben, und lediglich in der Vorstellung dieser notwendigen
+synthetischen Einheit bestehen, tun das dritte zum Erkenntnisse eines
+vorkommenden Gegenstandes, und beruhen auf dem Verstande.
+
+Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem
+Urteile Einheit gibt, die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedene
+Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, allgemein
+ausgedrückt, der reine Verstandesbegriff heißt. Derselbe Verstand
+also, und zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er in
+Begriffen, vermittelst der analytischen Einheit, die logische
+Form eines Urteils zustande brachte, bringt auch, vermittelst der
+synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung überhaupt,
+in seine Vorstellungen einen transzendentalen Inhalt, weswegen sie
+reine Verstandesbegriffe heißen, die a priori auf Objekte gehen,
+welches die allgemeine Logik nicht leisten kann.
+
+Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe,
+welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es
+in der vorigen Tafel logische Funktionen in allen möglichen Urteilen
+gab: denn der Verstand ist durch gedachte Funktionen völlig erschöpft,
+und sein Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese
+Begriffe, nach dem Aristoteles Kategorien nennen, indem unsere Absicht
+uranfänglich mit der seinigen zwar einerlei ist, ob sie sich gleich
+davon in der Ausführung gar sehr entfernt.
+
+ Tafel der Kategorien
+
+ 1. Der Quantität:
+ Einheit
+ Vielheit
+ Allheit.
+
+ 2. Der Qualität: 3. Der Relation:
+ Realität der Inhärenz und Subsistenz
+ (substantia et accidens)
+ Negation der Kausalität und Dependenz
+ (Ursache und Wirkung)
+ Limitation. der Gemeinschaft (Wechselwirkung
+ zwischen dem Handelnden und
+ Leidenden).
+
+ 4. Der Modalität:
+ Möglichkeit - Unmöglichkeit
+ Dasein - Nichtsein
+ Notwendigkeit - Zufälligkeit.
+
+Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe
+der Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um
+derentwillen er auch nur ein reiner Verstand ist; indem er durch sie
+allein etwas bei dem Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d.i. ein
+Objekt derselben denken kann. Diese Einteilung ist systematisch aus
+einem gemeinschaftlichen Prinzip, nämlich dem Vermögen zu urteilen,
+(welches ebensoviel ist, als das Vermögen zu denken,) erzeugt, und
+nicht rhapsodistisch, aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung
+reiner Begriffe entstanden, deren Vollzähligkeit man niemals gewiß
+sein kann, da sie nur durch Induktion geschlossen wird, ohne zu
+gedenken, daß man noch auf die letztere Art niemals einsieht, warum
+denn gerade diese und nicht andere Begriffe dem reinen Verstande
+beiwohnen. Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag
+des Aristoteles, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein
+Prinzipium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und
+trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte.
+In der Folge glaubte er noch ihrer fünfe aufgefunden zu haben, die er
+unter dem Namen der Postprädikamente hinzufügte. Allein seine Tafel
+blieb noch immer mangelhaft. Außerdem finden sich auch einige modi der
+reinen Sinnlichkeit darunter, (quando, ubi, situs, imgleichen prius,
+simul,) auch ein empirischer, (motus) die in dieses Stammregister
+des Verstandes gar nicht gehören, oder es sind auch die abgeleiteten
+Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt, (actio, passio,) und an
+einigen der letzteren fehlt es gänzlich.
+
+Um der letzteren willen ist also noch zu bemerken: daß die Kategorien,
+als die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes, auch ihre ebenso
+reinen abgeleiteten Begriffe haben, die in einem vollständigen System
+der Transzendental-Philosophie keineswegs übergangen werden können,
+mit deren bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch
+zufrieden sein kann.
+
+Es sei mir erlaubt, diese reinen, aber abgeleiteten Verstandesbegriffe
+die Prädikabilien des reinen Verstandes (im Gegensatz der
+Prädikamente) zu nennen. Wenn man die ursprünglichen und primitiven
+Begriffe hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht
+hinzufügen, und der Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen.
+Da es mir hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur
+der Prinzipien zu einem System zu tun ist, so verspare ich diese
+Ergänzung auf eine andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht
+ziemlich erreichen, wenn man die Ontologischen Lehrbücher zur Hand
+nimmt, und z.B. der Kategorie der Kausalität die Prädikabilien der
+Kraft, der Handlung, des Leidens; der der Gemeinschaft die der
+Gegenwart, des Widerstandes; den Prädikamenten der Modalität die
+des Entstehens, Vergehens, der Veränderung usw. unterordnet.
+Die Kategorien mit den modis der reinen Sinnlichkeit oder auch
+untereinander verbunden, geben eine große Menge abgeleiteter Begriffe
+a priori, die zu bemerken, und wo möglich, bis zur Vollständigkeit
+zu verzeichnen, eine nützliche und nicht unangenehme, hier aber
+entbehrliche Bemühung sein würde.
+
+Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mir in dieser
+Abhandlung geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein
+möchte. Ich werde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad
+zergliedern, welcher in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich
+bearbeite, hinreichend ist. In einem System der reinen Vernunft würde
+man sie mit Recht von mir fordern können: aber hier würden sie nur den
+Hauptpunkt der Untersuchung aus den Augen bringen, indem sie Zweifel
+und Angriffe erregten, die man, ohne der wesentlichen Absicht etwas
+zu entziehen, gar wohl auf eine andere Beschäftigung verweisen kann.
+Indessen leuchtet doch aus dem wenigen, was ich hievon angeführt habe,
+deutlich hervor, daß ein vollständiges Wörterbuch mit allen dazu
+erforderlichen Erklärungen nicht allein möglich, sondern auch leicht
+sei zustande zu bringen. Die Fächer sind einmal da; es ist nur nötig,
+sie auszufüllen, und eine systematische Topik, wie die gegenwärtige,
+laßt nicht leicht die Stelle verfehlen, dahin ein jeder Begriff
+eigentümlich gehört, und zugleich diejenige leicht bemerken, die noch
+leer ist.
+
+
+
+Der transzendentalen Analytik
+Zweites Hauptstück
+Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
+
+Erster Abschnitt
+Von den Prinzipien einer transz. Deduktion überhaupt
+
+Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und Anmaßungen reden,
+unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das, was Rechtens
+ist, (quid juris) von der, die die Tatsache angeht, (quid facti) und
+indem sie von beiden Beweis fordern, so nennen sie den ersteren, der
+die Befugnis, oder auch den Rechtsanspruch dartun soll, die Deduktion.
+Wir bedienen uns einer Menge empirischer Begriffe ohne jemandes
+Widerrede, und halten uns auch ohne Deduktion berechtigt, ihnen einen
+Sinn und eingebildete Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die
+Erfahrung bei Hand haben, ihre objektive Realität zu beweisen. Es gibt
+indessen auch usurpierte Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, die zwar
+mit fast allgemeiner Nachsicht herumlaufen, aber doch bisweilen durch
+die Frage: quid juris, in Anspruch genommen werden, da man alsdann
+wegen der Deduktion derselben in nicht geringe Verlegenheit gerät,
+indem man keinen deutlichen Rechtsgrund weder aus der Erfahrung, noch
+der Vernunft anführen kann, dadurch die Befugnis seines Gebrauchs
+deutlich würde.
+
+Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte Gewebe
+der menschlichen Erkenntnis ausmachen, gibt es einige, die auch zum
+reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung)
+bestimmt sind, und dieser ihre Befugnis bedarf jederzeit einer
+Deduktion; weil zu der Rechtmäßigkeit eines solchen Gebrauchs Beweise
+aus der Erfahrung nicht hinreichend sind, man aber doch wissen muß,
+wie diese Begriffe sich auf Objekte beziehen können, die sie doch aus
+keiner Erfahrung hernehmen. Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie
+sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, die transz.
+Deduktion derselben, und unterscheide sie von der empirischen
+Deduktion, welche die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung
+und Reflexion über dieselbe erworben worden, und daher nicht die
+Rechtmäßigkeit, sondern das Faktum betrifft, wodurch der Besitz
+entsprungen.
+
+Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art,
+die doch darin miteinander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig a
+priori sich auf Gegenstände beziehen, nämlich, die Begriffe des Raumes
+und der Zeit, als Formen der Sinnlichkeit, und die Kategorien, als
+Begriffe des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduktion versuchen
+wollen, würde ganz vergebliche Arbeit sein; weil eben darin das
+Unterscheidende ihrer Natur liegt, daß sie sich auf ihre Gegenstände
+beziehen, ohne etwas zu deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt
+zu haben. Wenn also eine Deduktion derselben nötig ist, so wird sie
+jederzeit transzendental sein müssen.
+
+Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von allem Erkenntnis, wo
+nicht das Prinzipium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen
+ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen, wo alsdann die Eindrücke
+der Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntniskraft in
+Ansehung ihrer zu eröffnen, und Erfahrung zustande zu bringen, die
+zwei sehr ungleichartige Elemente enthält, nämlich eine Materie zur
+Erkenntnis aus den Sinnen und eine gewisse Form, sie zu ordnen,
+aus dem inneren Quell des reinen Anschauens und Denkens, die, bei
+Gelegenheit der ersteren, zuerst in Ausübung gebracht werden, und
+Begriffe hervorbringen. Ein solches Nachspüren der ersten Bestrebungen
+unserer Erkenntniskraft, um von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen
+Begriffen zu steigen, hat ohne Zweifel seinen großen Nutzen, und man
+hat es dem berühmten Locke zu verdanken, daß er dazu zuerst den Weg
+eröffnet hat. Allein eine Deduktion der reinen Begriffe a priori
+kommt dadurch niemals zustande, denn sie liegt ganz und gar nicht
+auf diesem Wege, weil in Ansehung ihres künftigen Gebrauchs, der von
+der Erfahrung gänzlich unabhängig sein soll, sie einen ganz anderen
+Geburtsbrief, als den der Abstammung von Erfahrungen, müssen
+aufzuzeigen haben. Diese versuchte physiologische Ableitung, die
+eigentlich gar nicht Deduktion heißen kann, weil sie eine quaestio
+facti betrifft, will ich daher die Erklärung des Besitzes einer reinen
+Erkenntnis nennen. Es ist also klar, daß von diesen allein es eine
+transzendent. Deduktion und keineswegs eine empirische geben könne,
+und daß letztere, in Ansehung der reinen Begriffe a priori, nichts
+als eitle Versuche sind, womit sich nur derjenige beschäftigen kann,
+welcher die ganz eigentümliche Natur dieser Erkenntnisse nicht
+begriffen hat.
+
+Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduktion der
+reinen Erkenntnis a priori, nämlich die auf dem transzendentalen
+Wege eingeräumt wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, daß sie so
+unumgänglich notwendig sei. Wir haben oben die Begriffe des Raumes
+und der Zeit, vermittelst einer transzendentalen Deduktion zu ihren
+Quellen verfolgt, und ihre objektive Gültigkeit a priori erklärt und
+bestimmt. Gleichwohl geht die Geometrie ihren sicheren Schritt durch
+lauter Erkenntnisse a priori, ohne daß sie sich, wegen der reinen
+und gesetzmäßigen Abkunft ihres Grundbegriffs vom Raume, von der
+Philosophie einen Beglaubigungsschein erbitten darf. Allein der
+Gebrauch dieses Begriffs geht in dieser Wissenschaft auch nur auf
+die äußere Sinnenwelt, von welcher der Raum die reine Form ihrer
+Anschauung ist, in welcher also alle geometrische Erkenntnis, weil sie
+sich auf Anschauung a priori gründet, unmittelbare Evidenz hat, und
+die Gegenstände durch die Erkenntnis selbst, a priori (der Form nach)
+in der Anschauung, gegeben werden. Dagegen fängt mit den reinen
+Verstandesbegriffen die unumgängliche Bedürfnis an, nicht allein von
+ihnen selbst, sondern auch vom Raum die transzendentale Deduktion
+zu suchen, weil, da sie von Gegenständen nicht durch Prädikate der
+Anschauung und der Sinnlichkeit, sondern des reinen Denkens a priori
+redet, sie sich auf Gegenstände ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit
+allgemein beziehen, und die, da sie nicht auf Erfahrung gegründet
+sind, auch in der Anschauung a priori kein Objekt vorzeigen können,
+worauf sie vor aller Erfahrung ihre Synthesis gründeten, und daher
+nicht allein wegen der objektiven Gültigkeit und Schranken ihres
+Gebrauchs Verdacht erregen, sondern auch jenen Begriff des Raumes
+zweideutig machen, dadurch, daß sie ihn über die Bedingungen der
+sinnlichen Anschauung zu gebrauchen geneigt sind, weshalb auch oben
+von ihm eine transzendent. Deduktion vonnöten war. So muß denn der
+Leser von der unumgänglichen Notwendigkeit einer solchen transz.
+Deduktion, ehe er einen einzigen Schritt im Felde der reinen Vernunft
+getan hat, überzeugt werden; weil er sonst blind verfährt, und,
+nachdem er mannigfaltig umhergeirrt hat, doch wieder zu der
+Unwissenheit zurückkehren muß, von der er ausgegangen war. Er muß aber
+auch die unvermeidliche Schwierigkeit zum voraus deutlich einsehen,
+damit er nicht über Dunkelheit klage, wo die Sache selbst tief
+eingehüllt ist, oder über der Wegräumung der Hindernisse zu früh
+verdrossen werden, weil es darauf ankommt, entweder alle Ansprüche
+zu Einsichten der reinen Vernunft, als das beliebteste Feld, nämlich
+dasjenige über die Grenzen aller möglichen Erfahrung hinaus, völlig
+aufzugeben, oder diese kritische Untersuchung zur Vollkommenheit zu
+bringen.
+
+Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit leichter
+Mühe begreiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse a priori
+sich gleichwohl auf Gegenstände notwendig beziehen müssen; und eine
+synthetische Erkenntnis derselben, unabhängig von aller Erfahrung,
+möglich machten. Denn da nur vermittelst solcher reinen Formen der
+Sinnlichkeit uns ein Gegenstand erscheinen, d.i. ein Objekt der
+empirischen Anschauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine
+Anschauungen, welche die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände als
+Erscheinungen a priori enthalten, und die Synthesis in denselben hat
+objektive Gültigkeit.
+
+Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die
+Bedingungen vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben
+werden, mithin können uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne daß
+sie sich notwendig auf Funktionen des Verstandes beziehen müssen, und
+dieser also die Bedingungen derselben a priori enthielte. Daher zeigt
+sich hier eine Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht
+antrafen, wie nämlich subjektive Bedingungen des Denkens sollten
+objektive Gültigkeit haben, d.i. Bedingungen der Möglichkeit aller
+Erkenntnis der Gegenstände abgeben: denn ohne Funktionen des
+Verstandes können allerdings Erscheinungen in der Anschauung gegeben
+werden. Ich nehme z.B. den Begriff der Ursache, welcher eine besondere
+Art der Synthesis bedeutet, da auf etwas A was ganz verschiedenes
+B nach einer Regel gesetzt wird. Es ist a priori nicht klar, warum
+Erscheinungen etwas dergleichen enthalten sollten, (denn Erfahrungen
+kann man nicht zum Beweise anführen, weil die objektive Gültigkeit
+dieses Begriffs a priori muß dargetan werden können,) und es ist daher
+a priori zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa gar leer sei
+und überall unter den Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe. Denn
+daß Gegenstände der sinnlichen Anschauung den im Gemüt a priori
+liegenden formalen Bedingungen der Sinnlichkeit gemäß sein müssen, ist
+daraus klar, weil sie sonst nicht Gegenstände für uns sein würden;
+daß sie aber auch überdem den Bedingungen, deren der Verstand zur
+synthetischen Einsicht des Denkens bedarf, gemäß sein müssen, davon
+ist die Schlußfolge nicht so leicht einzusehen. Denn es könnten wohl
+allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, daß der Verstand sie den
+Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäß fände, und alles so in
+Verwirrung läge, daß z.B. in der Reihenfolge der Erscheinungen sich
+nichts darböte, was eine Regel der Synthesis an die Hand gäbe, und
+also dem Begriffe der Ursache und Wirkung entspräche, so daß dieser
+Begriff also ganz leer, nichtig und ohne Bedeutung wäre. Erscheinungen
+würden nichtsdestoweniger unserer Anschauung Gegenstände darbieten,
+denn die Anschauung bedarf der Funktionen des Denkens auf keine Weise.
+
+Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch
+loszuwickeln, daß man sagte: Die Erfahrung böte unablässig Beispiele
+einer solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar, die genugsam Anlaß
+geben, den Begriff der Ursache davon abzusondern, und dadurch zugleich
+die objektive Gültigkeit eines solchen Begriffs zu bewähren, so
+bemerkt man nicht, daß auf diese Weise der Begriff der Ursache gar
+nicht entspringen kann, sondern daß er entweder völlig a priori im
+Verstande müsse gegründet sein, oder als ein bloßes Hirngespinst
+gänzlich aufgegeben werden müsse. Denn dieser Begriff erfordert
+durchaus, daß etwas A von der Art sei, daß ein anderes B daraus
+notwendig und nach einer schlechthin allgemeinen Regel folge.
+Erscheinungen geben gar wohl Fälle an die Hand, aus denen eine Regel
+möglich ist, nach der etwas gewöhnlichermaßen geschieht, aber niemals,
+daß der Erfolg notwendig sei: daher der Synthesis der Ursache und
+Wirkung auch eine Dignität anhängt, die man gar nicht empirisch
+ausdrücken kann, nämlich, daß die Wirkung nicht bloß zu der Ursache
+hinzukomme, sondern durch dieselbe gesetzt sei, und aus ihr erfolge.
+Die strenge Allgemeinheit der Regel ist auch gar keine Eigenschaft
+empirischer Regeln, die durch Induktion keine andere als komparative
+Allgemeinheit, d.i. ausgebreitete Brauchbarkeit bekommen können. Nun
+würde sich aber der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe gänzlich
+ändern, wenn man sie nur als empirische Produkte behandeln wollte.
+
+
+
+Übergang zur transz. Deduktion der Kategorien
+
+Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische
+Vorstellung und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander
+notwendigerweise beziehen, und gleichsam einander begegnen können.
+Entweder wenn der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den
+Gegenstand allein möglich macht. Ist das erstere, so ist diese
+Beziehung nur empirisch, und die Vorstellung ist niemals a priori
+möglich. Und dies ist der Fall mit Erscheinung, in Ansehung dessen,
+was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist aber das zweite, weil
+Vorstellung an sich selbst (denn von dessen Kausalität, vermittelst
+des Willens, ist hier gar nicht die Rede,) ihren Gegenstand dem Dasein
+nach nicht hervorbringt, so ist doch die Vorstellung in Ansehung des
+Gegenstandes alsdann a priori bestimmend, wenn durch sie allein es
+möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind aber zwei
+Bedingungen, unter denen allein die Erkenntnis eines Gegenstandes
+möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur als
+Erscheinung, gegeben wird: zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand
+gedacht wird, der dieser Anschauung entspricht. Es ist aber aus dem
+obigen klar, daß die erste Bedingung, nämlich die, unter der allein
+Gegenstände angeschaut werden können, in der Tat den Objekten der
+Form nach a priori im Gemüt zum Grunde liegen. Mit dieser formalen
+Bedingung der Sinnlichkeit stimmen also alle Erscheinungen notwendig
+überein, weil sie nur durch dieselbe erscheinen, d.i. empirisch
+angeschaut und gegeben werden können. Nun frägt es sich, ob nicht auch
+Begriffe a priori vorausgehen, als Bedingungen, unter denen allein
+etwas, wenngleich nicht angeschaut, dennoch als Gegenstand überhaupt
+gedacht wird, denn alsdann ist alle empirische Erkenntnis der
+Gegenstände solchen Begriffen notwendigerweise gemäß, weil, ohne
+deren Voraussetzung, nichts als Objekt der Erfahrung möglich ist. Nun
+enthält aber alle Erfahrung außer der Anschauung der Sinne, wodurch
+etwas gegeben wird, noch einen Begriff von einem Gegenstande, der
+in der Anschauung gegeben wird, oder erscheint: demnach werden
+Begriffe von Gegenständen überhaupt, als Bedingungen a priori aller
+Erfahrungserkenntnis zum Grunde liegen: folglich wird die objektive
+Gültigkeit der Kategorien, als Begriffe a priori, darauf beruhen, daß
+durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens nach) möglich sei.
+Denn alsdann beziehen sie sich notwendigerweise und a priori auf
+Gegenstände der Erfahrung, weil nur vermittelst ihrer überhaupt
+irgendein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann.
+
+Die transz. Deduktion aller Begriffe a priori hat also ein Prinzipium,
+worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muß, nämlich dieses:
+daß sie als Bedingungen a priori der Möglichkeit der Erfahrungen
+erkannt werden müssen, (es sei der Anschauung, die in ihr angetroffen
+wird, oder des Denkens). Begriffe, die den objektiven Grund der
+Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum notwendig. Die
+Entwicklung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist
+nicht ihre Deduktion, (sondern Illustration,) weil sie dabei doch nur
+zufällig sein würden. Ohne diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche
+Erfahrung, in welcher alle Gegenstände der Erkenntnis vorkommen, würde
+die Beziehung derselben auf irgendein Objekt gar nicht begriffen
+werden können.
+
+Es sind aber drei ursprüngliche Quellen, (Fähigkeiten oder Vermögen
+der Seele) die die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrung
+enthalten, und selbst aus keinem anderen Vermögen des Gemüts
+abgeleitet werden können, nämlich, Sinn, Einbildungskraft, und
+Apperzeption. Darauf gründet sich l) die Synopsis des Mannigfaltigen
+a priori durch den Sinn; 2) die Synthesis dieses Mannigfaltigen durch
+die Einbildungskraft; endlich 3) die Einheit dieser Synthesis durch
+ursprüngliche Apperzeption. Alle diese Vermögen haben, außer dem
+empirischen Gebrauche, noch einen transz., der lediglich auf die Form
+geht, und a priori möglich ist. Von diesem haben wir in Ansehung der
+Sinne oben im ersten Teile geredet, die zwei anderen aber wollen wir
+jetzt ihrer Natur nach einzusehen trachten.
+
+
+
+Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
+Zweiter Abschnitt
+Von den Gründen a priori zur Möglichkeit der Erfahrung
+
+Daß ein Begriff völlig a priori erzeugt werden, und sich auf einen
+Gegenstand beziehen solle, obgleich er weder selbst in den Begriff
+möglicher Erfahrung gehört, noch aus Elementen einer möglichen
+Erfahrung besteht, ist gänzlich widersprechend und unmöglich. Denn er
+würde alsdann keinen Inhalt haben, darum, weil ihm keine Anschauung
+korrespondierte, indem Anschauungen überhaupt, wodurch uns Gegenstände
+gegeben werden können, das Feld, oder den gesamten Gegenstand
+möglicher Erfahrung ausmachen. Ein Begriff a priori, der sich nicht
+auf diese bezöge, würde nur die logische Form zu einem Begriff, aber
+nicht der Begriff selbst sein, wodurch etwas gedacht würde.
+
+Wenn es also reine Begriffe a priori gibt, so können diese zwar
+freilich nichts Empirisches enthalten: sie müssen aber gleichwohl
+lauter Bedingungen a priori zu einer möglichen Erfahrung sein, als
+worauf allein ihre objektive Realität beruhen kann.
+
+Will man daher wissen, wie reine Verstandesbegriffe möglich seien, so
+muß man untersuchen, welches die Bedingungen a priori seien, worauf
+die Möglichkeit der Erfahrung ankommt, und die ihr zum Grunde liegen,
+wenn man gleich von allem Empirischen der Erscheinungen abstrahiert.
+Ein Begriff, der diese formale und objektive Bedingung der Erfahrung
+allgemein und zureichend ausdrückt, würde ein reiner Verstandesbegriff
+heißen. Habe ich einmal reine Verstandesbegriffe, so kann ich auch
+wohl Gegenstände erdenken, die vielleicht unmöglich, vielleicht zwar
+an sich möglich, aber in keiner Erfahrung gegeben werden können, indem
+in der Verknüpfung jener Begriffe etwas weggelassen sein kann, was
+doch zur Bedingung einer möglichen Erfahrung notwendig gehört,
+(Begriff eines Geistes) oder etwa reine Verstandesbegriffe weiter
+ausgedehnt werden, als Erfahrung fassen kann (Begriff von Gott). Die
+Elemente aber zu allen Erkenntnissen a priori selbst zu willkürlichen
+und ungereimten Erdichtungen können zwar nicht von der Erfahrung
+entlehnt sein, (denn sonst wären sie nicht Erkenntnisse a priori) sie
+müssen aber jederzeit die reinen Bedingungen a priori einer möglichen
+Erfahrung und eines Gegenstandes derselben enthalten, denn sonst würde
+nicht allein durch sie gar nichts gedacht werden, sondern sie selber
+würden ohne Data auch nicht einmal im Denken entstehen können.
+
+Diese Begriffe nun, welche a priori das reine Denken bei jeder
+Erfahrung enthalten, finden wir an den Kategorien, und es ist schon
+eine hinreichende Deduktion derselben, und Rechtfertigung ihrer
+objektiven Gültigkeit, wenn wir beweisen können: daß vermittels ihrer
+allein ein Gegenstand gedacht werden kann. Weil aber in einem solchen
+Gedanken mehr als das einzige Vermögen zu denken, nämlich der Verstand
+beschäftigt ist, und dieser selbst, als ein Erkenntnisvermögen,
+das sich auf Objekte beziehen soll, ebensowohl einer Erläuterung,
+wegen der Möglichkeit dieser Beziehung, bedarf: so müssen wir die
+subjektiven Quellen, welche die Grundlage a priori zu der Möglichkeit
+der Erfahrung ausmachen, nicht nach ihrer empirischen, sondern
+transzendentalen Beschaffenheit zuvor erwägen.
+
+Wenn eine jede einzelne Vorstellung der anderen ganz fremd, gleichsam
+isoliert, und von dieser getrennt wäre, so würde niemals so etwas,
+als Erkenntnis ist, entspringen, welche ein Ganzes verglichener und
+verknüpfter Vorstellungen ist. Wenn ich also dem Sinne deswegen,
+weil er in seiner Anschauung Mannigfaltigkeit enthält, eine Synopsis
+beilege, so korrespondiert dieser jederzeit eine Synthesis und die
+Rezeptivität kann nur mit Spontaneität verbunden Erkenntnisse möglich
+machen. Diese ist nun der Grund einer dreifachen Synthesis, die
+notwendigerweise in allem Erkenntnis vorkommt: nämlich, der
+Apprehension der Vorstellungen, als Modifikationen des Gemüts in der
+Anschauung, der Reproduktion derselben in der Einbildung und ihrer
+Rekognition im Begriffe. Diese geben nun eine Leitung auf drei
+subjektiven Erkenntnisquellen, welche selbst den Verstand und, durch
+diesen, alle Erfahrung, als ein empirisches Produkt des Verstandes
+möglich machen.
+
+ Vorläufige Erinnerung
+
+Die Deduktion der Kategorien ist mit so viel Schwierigkeiten
+verbunden, und nötigt, so tief in die ersten Gründe der Möglichkeit
+unserer Erkenntnis überhaupt einzudringen, daß ich, um die
+Weitläufigkeit einer vollständigen Theorie zu vermeiden, und dennoch,
+bei einer so notwendigen Untersuchung, nichts zu versäumen, es
+ratsamer gefunden habe, durch folgende vier Nummern den Leser mehr
+vorzubereiten, als zu unterrichten; und im nächstfolgenden dritten
+Abschnitte, die Erörterung dieser Elemente des Verstandes allererst
+systematisch vorzustellen. Um deswillen wird sich der Leser bis dahin
+die Dunkelheit nicht abwendig machen lassen, die auf einem Wege, der
+noch ganz unbetreten ist, anfänglich unvermeidlich ist, sich aber,
+wie ich hoffe, in gedachtem Abschnitte zur vollständigen Einsicht
+aufklären soll.
+
+
+
+1. Von der Synthesis der Apprehension in der Anschauung
+
+Unsere Vorstellungen mögen entspringen, woher sie wollen, ob sie durch
+den Einfluß äußerer Dinge, oder durch innere Ursachen gewirkt seien,
+sie mögen a priori, oder empirisch als Erscheinungen entstanden sein;
+so gehören sie doch als Modifikationen des Gemüts zum inneren Sinn,
+und als solche sind alle unsere Erkenntnisse zuletzt doch der formalen
+Bedingung des inneren Sinnes, nämlich der Zeit unterworfen, als in
+welcher sie insgesamt geordnet, verknüpft und in Verhältnisse gebracht
+werden müssen. Dieses ist eine allgemeine Anmerkung, die man bei dem
+Folgenden durchaus zum Grunde legen muß.
+
+Jede Anschauung enthält ein Mannigfaltiges in sich, welches doch nicht
+als ein solches vorgestellt werden würde, wenn das Gemüt nicht die
+Zeit, in der Folge der Eindrücke aufeinander unterschiede: denn
+als in einem Augenblick enthalten, kann jede Vorstellung niemals
+etwas anderes, als absolute Einheit sein. Damit nun aus diesem
+Mannigfaltigen Einheit der Anschauung werde, (wie etwa in der
+Vorstellung des Raumes) so ist erstlich das Durchlaufen der
+Mannigfaltigkeit und dann die Zusammennehmung desselben notwendig,
+welche Handlung ich die Synthesis der Apprehension nenne, weil sie
+geradezu auf die Anschauung gerichtet ist, die zwar ein Mannigfaltiges
+darbietet, dieses aber als ein solches, und zwar in einer Vorstellung
+enthalten, niemals ohne eine dabei vorkommende Synthesis bewirken
+kann.
+
+Diese Synthesis der Apprehension muß nun auch a priori, d.i. in
+Ansehung der Vorstellungen, die nicht empirisch sind, ausgeübt werden.
+Denn ohne sie würden wir weder die Vorstellungen des Raumes, noch
+der Zeit a priori haben können: da diese nur durch die Synthesis des
+Mannigfaltigen, welches die Sinnlichkeit in ihrer ursprünglichen
+Rezeptivität darbietet, erzeugt werden können. Also haben wir eine
+reine Synthesis der Apprehension.
+
+
+
+2. Von der Synthesis der Reproduktion in der Einbildung
+
+Es ist zwar ein bloß empirisches Gesetz, nach welchem Vorstellungen,
+die sich oft gefolgt oder begleitet haben, miteinander endlich
+vergesellschaften, und dadurch in eine Verknüpfung setzen, nach
+welcher, auch ohne die Gegenwart des Gegenstandes, eine dieser
+Vorstellungen einen Übergang des Gemüts zu der anderen, nach einer
+beständigen Regel, hervorbringt. Dieses Gesetz der Reproduktion setzt
+aber voraus: daß die Erscheinungen selbst wirklich einer solchen Regel
+unterworfen seien, und daß in dem Mannigfaltigen ihrer Vorstellungen
+eine, gewissen Regeln gemäße, Begleitung, oder Folge stattfinde; denn
+ohne das würde unsere empirische Einbildungskraft niemals etwas ihrem
+Vermögen Gemäßes zu tun bekommen, also, wie ein totes und uns selbst
+unbekanntes Vermögen im Innern des Gemüts verborgen bleiben. Würde der
+Zinnober bald rot, bald schwarz, bald leicht, bald schwer sein, ein
+Mensch bald in diese, bald in jene tierische Gestalt verändert werden,
+am längsten Tage bald das Land mit Früchten, bald mit Eis und Schnee
+bedeckt sein, so könnte meine empirische Einbildungskraft nicht einmal
+Gelegenheit bekommen, bei der Vorstellung der roten Farbe den schweren
+Zinnober in die Gedanken zu bekommen, oder würde ein gewisses Wort
+bald diesem, bald jenem Dinge beigelegt, oder auch eben dasselbe Ding
+bald so bald anders benannt, ohne daß hierin eine gewisse Regel, der
+die Erscheinungen schon von selbst unterworfen sind, herrschte, so
+könnte keine empirische Synthesis der Reproduktion stattfinden.
+
+Es muß also etwas sein, was selbst diese Reproduktion der
+Erscheinungen möglich macht, dadurch, daß es der Grund a priori einer
+notwendigen synthetischen Einheit derselben ist. Hierauf aber kommt
+man bald, wenn man sich besinnt, daß Erscheinungen nicht Dinge an sich
+selbst, sondern das bloße Spiel unserer Vorstellungen sind, die am
+Ende auf Bestimmungen des inneren Sinnes auslaufen. Wenn wir nun
+dartun können, daß selbst unsere reinsten Anschauungen a priori keine
+Erkenntnis verschaffen, außer, sofern sie eine solche Verbindung
+des Mannigfaltigen enthalten, die eine durchgängige Synthesis
+der Reproduktion möglich macht, so ist diese Synthesis der
+Einbildungskraft auch vor aller Erfahrung auf Prinzipien a priori
+gegründet, und man muß eine reine transzendentale Synthesis derselben
+annehmen, die selbst der Möglichkeit aller Erfahrung, (als welche die
+Reproduzibilität der Erscheinungen notwendig voraussetzt) zum Grunde
+liege. Nun ist offenbar, daß, wenn ich eine Linie in Gedanken ziehe,
+oder die Zeit von einem Mittag zum andern denken, oder auch nur eine
+gewisse Zahl mir vorstellen will, ich erstlich notwendig eine dieser
+mannigfaltigen Vorstellungen nach der anderen in Gedanken fassen
+müsse. Würde ich aber die vorhergehende (die ersten Teile der Linie,
+die vorhergehenden Teile der Zeit, oder die nacheinander vorgestellten
+Einheiten) immer aus den Gedanken verlieren, und sie nicht
+reproduzieren, indem ich zu den folgenden fortgehe, so würde niemals
+eine ganze Vorstellung, und keiner aller vorgenannten Gedanken, ja gar
+nicht einmal die reinsten und ersten Grundvorstellungen von Raum und
+Zeit entspringen können.
+
+Die Synthesis der Apprehension ist also mit der Synthesis
+der Reproduktion unzertrennlich verbunden. Und da jene den
+transzendentalen Grund der Möglichkeit aller Erkenntnisse überhaupt
+(nicht bloß der empirischen, sondern auch der reinen a priori)
+ausmacht, so gehört die reproduktive Synthesis der Einbildungskraft
+zu den transzendentalen Handlungen des Gemüts und in Rücksicht auf
+dieselbe, wollen wir dieses Vermögen auch das transzendentale Vermögen
+der Einbildungskraft nennen.
+
+
+
+3. Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe
+
+Ohne Bewußtsein, daß das, was wir denken, eben dasselbe sei, was wir
+einen Augenblick zuvor dachten, würde alle Reproduktion in der Reihe
+der Vorstellungen vergeblich sein. Denn es wäre eine neue Vorstellung
+im jetzigen Zustande, die zu dem Aktus, wodurch sie nach und nach
+hat erzeugt werden sollen, gar nicht gehörte, und das Mannigfaltige
+derselben würde immer kein Ganzes ausmachen, weil es der Einheit
+ermangelte, die ihm nur das Bewußtsein verschaffen kann. Vergesse ich
+im Zählen: daß die Einheiten, die mir jetzt vor Sinnen schweben, nach
+und nach zueinander von mir hinzugetan worden sind, so würde ich die
+Erzeugung der Menge, durch diese sukzessive Hinzutuung von Einem
+zu Einem, mithin auch nicht die Zahl erkennen; denn dieser Begriff
+besteht lediglich in dem Bewußtsein dieser Einheit der Synthesis.
+
+Das Wort Begriff könnte uns schon von selbst zu dieser Bemerkung
+Anleitung geben. Denn dieses eine Bewußtsein ist es, was das
+Mannigfaltige, nach und nach Angeschaute, und dann auch Reproduzierte,
+in eine Vorstellung vereinigt. Dieses Bewußtsein kann oft nur schwach
+sein, so daß wir es nur in der Wirkung, nicht aber in dem Aktus
+selbst, d.i. unmittelbar mit der Erzeugung der Vorstellung verknüpfen:
+aber unerachtet dieser Unterschiede muß doch immer ein Bewußtsein
+angetroffen werden, wenn ihm gleich die hervorstechende Klarheit
+mangelt, und ohne dasselbe sind Begriffe, und mit ihnen Erkenntnis von
+Gegenständen ganz unmöglich.
+
+Und hier ist es denn notwendig, sich darüber verständlich zu machen,
+was man denn unter dem Ausdruck eines Gegenstandes der Vorstellungen
+meine. Wir haben oben gesagt: daß Erscheinungen selbst nichts als
+sinnliche Vorstellungen sind, die an sich, in eben derselben Art,
+nicht als Gegenstände (außer der Vorstellungskraft) müssen angesehen
+werden. Was versteht man denn, wenn man von einem der Erkenntnis
+korrespondierenden, mithin auch davon unterschiedenen, Gegenstand
+redet? Es ist leicht einzusehen, daß dieser Gegenstand nur als etwas
+überhaupt = X müsse gedacht werden, weil wir außer unserer Erkenntnis
+doch nichts haben, welches wir dieser Erkenntnis als korrespondierend
+gegenübersetzen könnten.
+
+Wir finden aber, daß unser Gedanke von der Beziehung aller Erkenntnis
+auf ihren Gegenstand etwas von Notwendigkeit bei sich führe, da
+nämlich dieser als dasjenige angesehen wird, was dawider ist, daß
+unsere Erkenntnisse nicht aufs Geratewohl, oder beliebig, sondern a
+priori auf gewisse Weise bestimmt seien, weil, indem sie sich auf
+einen Gegenstand beziehen sollen, sie auch notwendigerweise in
+Beziehung auf diesen untereinander übereinstimmen, d.i. diejenige
+Einheit haben müssen, welche den Begriff von einem Gegenstande
+ausmacht.
+
+Es ist aber klar, daß, da wir es nur mit dem Mannigfaltigen unserer
+Vorstellungen zu tun haben, und jenes X, was ihnen korrespondiert
+(der Gegenstand), weil er etwas von allen unsern Vorstellungen
+Unterschiedenes sein soll, für uns nichts ist, die Einheit, welche der
+Gegenstand notwendig macht, nichts anderes sein könne, als die normale
+Einheit des Bewußtseins in der Synthesis des Mannigfaltigen der
+Vorstellungen. Alsdann sagen wir: wir erkennen den Gegenstand, wenn
+wir in dem Mannigfaltigen der Anschauung synthetische Einheit bewirkt
+haben. Diese ist aber unmöglich, wenn die Anschauung nicht durch eine
+solche Funktion der Synthesis nach einer Regel hat hervorgebracht
+werden können, welche die Reproduktion des Mannigfaltigen a priori
+notwendig und einen Begriff, in welchem dieses sich vereinigt, möglich
+macht. So denken wir uns einen Triangel als Gegenstand, indem wir uns
+der Zusammensetzung von drei geraden Linien nach einer Regel bewußt
+sind, nach welcher eine solche Anschauung jederzeit dargestellt werden
+kann. Diese Einheit der Regel bestimmt nun alles Mannigfaltige, und
+schränkt es auf Bedingungen ein, welche die Einheit der Apperzeption
+möglich machen, und der Begriff dieser Einheit ist die Vorstellung vom
+Gegenstande = X, den ich durch die gedachten Prädikate eines Triangels
+denke.
+
+Alles Erkenntnis erfordert einen Begriff, dieser mag nun so
+unvollkommen, oder so dunkel sein, wie er wolle: dieser aber ist
+seiner Form nach jederzeit etwas Allgemeines, und was zur Regel dient.
+So dient der Begriff vom Körper nach der Einheit des Mannigfaltigen,
+welches durch ihn gedacht wird, unserer Erkenntnis äußerer
+Erscheinungen zur Regel. Eine Regel der Anschauungen kann er aber
+nur dadurch sein: daß er bei gegebenen Erscheinungen die notwendige
+Reproduktion des Mannigfaltigen derselben, mithin die synthetische
+Einheit in ihrem Bewußtsein, vorstellt. So macht der Begriff des
+Körpers, bei der Wahrnehmung von etwas außer uns, die Vorstellung der
+Ausdehnung, und mit ihr die der Undurchdringlichkeit, der Gestalt usw.
+notwendig.
+
+Aller Notwendigkeit liegt jederzeit eine transzendentale Bedingung
+zum Grunde. Also muß ein transzendentaler Grund der Einheit des
+Bewußtseins, in der Synthesis des Mannigfaltigen aller unserer
+Anschauungen, mithin auch, der Begriffe der Objekte überhaupt,
+folglich auch aller Gegenstände, der Erfahrung, angetroffen werden,
+ohne welchen es unmöglich wäre, zu unseren Anschauungen irgendeinen
+Gegenstand zu denken: denn dieser ist nichts mehr, als das Etwas,
+davon der Begriff eine solche Notwendigkeit der Synthesis ausdrückt.
+
+Diese ursprüngliche und transzendentale Bedingung ist nun keine
+andere, als die transzendentale Apperzeption. Das Bewußtsein seiner
+selbst, nach den Bestimmungen unseres Zustandes, bei der inneren
+Wahrnehmung ist bloß empirisch, jederzeit wandelbar, es kann
+kein stehendes oder bleibendes Selbst in diesem Flusse innerer
+Erscheinungen geben, und wird gewöhnlich der innere Sinn genannt, oder
+die empirische Apperzeption. Das was notwendig als numerisch identisch
+vorgestellt werden soll, kann nicht als ein solches durch empirische
+Data gedacht werden. Es muß eine Bedingung sein, die vor aller
+Erfahrung vorhergeht, und diese selbst möglich macht, welche eine
+solche transzendentale Voraussetzung geltend machen soll.
+
+Nun können keine Erkenntnisse in uns stattfinden, keine Verknüpfung
+und Einheit derselben untereinander, ohne diejenige Einheit des
+Bewußtseins, welche vor allen Datis der Anschauungen vorhergeht, und,
+worauf in Beziehung, alle Vorstellung von Gegenständen allein möglich
+ist. Dieses reine ursprüngliche, unwandelbare Bewußtsein will ich
+nun die transzendentale Apperzeption nennen. Daß sie diesen Namen
+verdiene, erhellt schon daraus: daß selbst die reinste objektive
+Einheit, nämlich die der Begriffe a priori (Raum und Zeit) nur durch
+Beziehung der Anschauungen auf sie möglich sein. Die numerische
+Einheit dieser Apperzeption liegt also a priori allen Begriffen
+ebensowohl zum Grunde, als die Mannigfaltigkeit des Raumes und der
+Zeit den Anschauungen der Sinnlichkeit.
+
+Eben diese transzendentale Einheit der Apperzeption macht aber aus
+allen möglichen Erscheinungen, die immer in einer Erfahrung beisammen
+sein können, einen Zusammenhang aller dieser Vorstellungen nach
+Gesetzen. Denn diese Einheit des Bewußtseins wäre unmöglich, wenn
+nicht das Gemüt in der Erkenntnis des Mannigfaltigen sich der
+Identität der Funktion bewußt werden könnte, wodurch sie dasselbe
+synthetisch in einer Erkenntnis verbindet. Also ist das ursprüngliche
+und notwendige Bewußtsein der Identität seiner selbst zugleich ein
+Bewußtsein einer ebenso notwendigen Einheit der Synthesis aller
+Erscheinungen nach Begriffen, d.i. nach Regeln, die sie nicht allein
+notwendig reproduzibel machen, sondern dadurch auch ihrer Anschauung
+einen Gegenstand bestimmen, d.i. den Begriff von etwas, darin sie
+notwendig zusammenhängen: denn das Gemüt konnte sich unmöglich die
+Identität seiner selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Vorstellungen
+und zwar a priori denken, wenn es nicht die Identität seiner Handlung
+vor Augen hätte, welche alle Synthesis der Apprehension (die empirisch
+ist) einer transzendentalen Einheit unterwirft, und ihren Zusammenhang
+nach Regeln a priori zuerst möglich macht. Nunmehro werden wir auch
+unsere Begriffe von einem Gegenstande überhaupt richtiger bestimmen
+können. Alle Vorstellungen haben, als Vorstellungen, ihren Gegenstand,
+und können selbst wiederum Gegenstände anderer Vorstellungen sein.
+Erscheinungen sind die einzigen Gegenstände, die uns unmittelbar
+gegeben werden können, und das, was sich darin unmittelbar auf
+den Gegenstand bezieht, heißt Anschauung. Nun sind aber diese
+Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, sondern selbst nur
+Vorstellungen, die wiederum ihren Gegenstand haben, der also von uns
+nicht mehr angeschaut werden kann, und daher der nichtempirische, d.i.
+transzendentale Gegenstand = X genannt werden mag.
+
+Der reine Begriff von diesem transzendentalen Gegenstande, (der
+wirklich bei allen unsern Erkenntnissen immer einerlei = X ist,) ist
+das, was in allen unseren empirischen Begriffen überhaupt Beziehung
+auf einen Gegenstand, d.i. objektive Realität verschaffen kann. Dieser
+Begriff kann nun gar keine bestimmte Anschauung enthalten, und wird
+also nichts anderes, als diejenige Einheit betreffen, die in einem
+Mannigfaltigen der Erkenntnis angetroffen werden muß, sofern es in
+Beziehung auf einen Gegenstand steht. Diese Beziehung aber ist nichts
+anderes, als die notwendige Einheit des Bewußtseins, mithin auch der
+Synthesis des Mannigfaltigen durch gemeinschaftliche Funktion des
+Gemüts, es in einer Vorstellung zu verbinden. Da nun diese Einheit
+als a priori notwendig angesehen werden muß, (weil die Erkenntnis
+sonst ohne Gegenstand sein würde) so wird die Beziehung auf einen
+transzendentalen Gegenstand d.i. die objektive Realität unserer
+empirischen Erkenntnis, auf dem transzendentalen Gesetze beruhen, daß
+alle Erscheinungen, sofern uns dadurch Gegenstände gegeben werden
+sollen, unter Regeln a priori der synthetischen Einheit derselben
+stehen müssen, nach welchen ihr Verhältnis in der empirischen
+Anschauung allein möglich ist, d.i. daß sie ebensowohl in der
+Erfahrung unter Bedingungen der notwendigen Einheit der Apperzeption,
+als in der bloßen Anschauung unter den formalen Bedingungen des
+Raumes und der Zeit stehen müssen, ja daß durch jene jede Erkenntnis
+allererst möglich werde.
+
+
+
+4. Vorläufige Erklärung der Möglichkeit der Kategorien, als
+ Erkenntnissen a priori
+
+Es ist nur eine Erfahrung, in welcher alle Wahrnehmungen als im
+durchgängigen und gesetzmäßigen Zusammenhange vorgestellt werden:
+ebenso, wie nur ein Raum und Zeit ist, in welcher alle Formen
+der Erscheinung und alles Verhältnis des Seins oder Nichtseins
+stattfinden. Wenn man von verschiedenen Erfahrungen spricht, so sind
+es nur so viel Wahrnehmungen, sofern solche zu einer und derselben
+allgemeinen Erfahrung gehören. Die durchgängige und synthetische
+Einheit der Wahrnehmungen macht nämlich gerade die Form der Erfahrung
+aus, und sie ist nichts anderes, als die synthetische Einheit der
+Erscheinungen nach Begriffen.
+
+Einheit der Synthesis nach empirischen Begriffen würde ganz zufällig
+sein und, gründeten diese sich nicht auf einen transzendentalen
+Grund der Einheit, so würde es möglich sein, daß ein Gewühle von
+Erscheinungen unsere Seele anfüllte, ohne daß doch daraus jemals
+Erfahrung werden könnte. Alsdann fiele aber auch alle Beziehung
+der Erkenntnis auf Gegenstände weg, weil ihr die Verknüpfung nach
+allgemeinen und notwendigen Gesetzen mangelte, mithin würde sie zwar
+gedankenlose Anschauung, aber niemals Erkenntnis, also für uns soviel
+als gar nichts sein.
+
+Die Bedingungen a priori einer möglichen Erfahrung überhaupt sind
+zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung.
+Nun behaupte ich: die eben angeführten Kategorien sind nichts anderes,
+als die Bedingungen des Denkens in einer möglichen Erfahrung, sowie
+Raum und Zeit die Bedingungen der Anschauung zu eben derselben
+enthalten. Also sind jene auch Grundbegriffe, Objekte überhaupt zu den
+Erscheinungen zu denken, und haben also a priori objektive Gültigkeit;
+welches dasjenige war, was wir eigentlich wissen wollten.
+
+Die Möglichkeit aber, ja sogar die Notwendigkeit dieser Kategorien
+beruht auf der Beziehung, welche die gesamte Sinnlichkeit, und mit ihr
+auch alle möglichen Erscheinungen, auf die ursprüngliche Apperzeption
+haben, in welcher alles notwendig den Bedingungen der durchgängigen
+Einheit des Selbstbewußtseins gemäß sein, d.i. unter allgemeinen
+Funktionen der Synthesis stehen muß, nämlich der Synthesis nach
+Begriffen, als worin die Apperzeption allein ihre durchgängige und
+notwendige Identität a priori beweisen kann. So ist der Begriff
+einer Ursache nichts anderes, als eine Synthesis (dessen, was in der
+Zeitreihe folgt, mit anderen Erscheinungen,) nach Begriffen, und
+ohne dergleichen Einheit, die ihre Regel a priori hat, und die
+Erscheinungen sich unterwirft, würde durchgängige und allgemeine,
+mithin notwendige Einheit des Bewußtseins, in dem Mannigfaltigen der
+Wahrnehmungen, nicht angetroffen werden. Diese würden aber alsdann
+auch zu keiner Erfahrung gehören, folglich ohne Objekt, und nichts als
+ein blinden Spiel der Vorstellungen, d.i. weniger, als ein Traum sein.
+
+Alle Versuche, jene reinen Verstandesbegriffe von der Erfahrung
+abzuleiten, und ihnen einen bloß empirischen Ursprung zuzuschreiben,
+sind also ganz eitel und vergeblich. Ich will davon nichts erwähnen,
+daß z.E. der Begriff einer Ursache den Zug von Notwendigkeit bei sich
+führt, welche gar keine Erfahrung geben kann, die uns zwar lehrt:
+daß auf eine Erscheinung gewöhnlichermaßen etwas anderes folge,
+aber nicht, daß es notwendig darauf folgen müsse, noch daß a priori
+und ganz allgemein daraus als einer Bedingung auf die Folge könne
+geschlossen werden. Aber jene empirische Regel der Assoziation, die
+man doch durchgängig annehmen muß, wenn man sagt: daß alles in der
+Reihenfolge der Begebenheiten dermaßen unter Regeln stehe, daß niemals
+etwas geschieht, vor welchem nicht etwas vorhergehe, darauf es
+jederzeit folge: dieses, als ein Gesetz der Natur, worauf beruht es,
+frage ich? und wie ist selbst diese Assoziation möglich? Der Grund der
+Möglichkeit der Assoziation des Mannigfaltigen, sofern es im Objekte
+liegt, heißt die Affinität des Mannigfaltigen. Ich frage also, wie
+macht ihr euch die durchgängige Affinität der Erscheinungen, (dadurch
+sie unter beständigen Gesetzen stehen, und darunter gehören müssen,)
+begreiflich?
+
+Nach meinen Grundsätzen ist sie sehr wohl begreiflich. Alle möglichen
+Erscheinungen gehören, als Vorstellungen, zu dem ganzen möglichen
+Selbstbewußtsein. Von diesem aber, als einer transzendentalen
+Vorstellung, ist die numerische Identität unzertrennlich, und a priori
+gewiß, weil nichts in das Erkenntnis kommen kann, ohne vermittels
+dieser ursprünglichen Apperzeption. Da nun diese Identität notwendig
+in der Synthesis alles Mannigfaltigen der Erscheinungen, sofern sie
+empirische Erkenntnis werden soll, hineinkommen muß, so sind die
+Erscheinungen Bedingungen a priori unterworfen, welchen ihre Synthesis
+(der Apprehension) durchgängig gemäß sein muß. Nun heißt aber die
+Vorstellung einer allgemeinen Bedingung, nach welcher ein gewisses
+Mannigfaltige, (mithin auf einerlei Art) gesetzt werden kann, eine
+Regel, und wenn es so gesetzt werden muß, ein Gesetz. Also stehen alle
+Erscheinungen in einer durchgängigen Verknüpfung nach notwendigen
+Gesetzen, und mithin in einer transzendentalen Affinität, woraus die
+empirische die bloße Folge ist.
+
+Daß die Natur sich nach unserem subjektiven Grunde der Apperzeption
+richten, ja gar davon in Ansehung ihrer Gesetzmäßigkeit abhängen
+solle, lautet wohl sehr widersinnig und befremdlich. Bedenkt man aber,
+daß diese Natur an sich nichts als ein Inbegriff von Erscheinungen,
+mithin kein Ding an sich, sondern bloß eine Menge von Vorstellungen
+des Gemüts sei, so wird man sich nicht wundern, sie bloß in dem
+Radikalvermögen aller unserer Erkenntnis, nämlich der transzendentalen
+Apperzeption, in derjenigen Einheit zu sehen, um derentwillen allein
+sie Objekt aller möglichen Erfahrung, d.i. Natur heißen kann; und daß
+wir auch eben darum diese Einheit a priori, mithin auch als notwendig
+erkennen können, welches wir wohl müßten unterwegs lassen, wäre sie
+unabhängig von den ersten Quellen unseres Denkens an sich gegeben.
+Denn da wüßte ich nicht, wo wir die synthetischen Sätze einer solchen
+allgemeinen Natureinheit hernehmen sollten, weil man sie auf solchen
+Fall von den Gegenständen der Natur selbst entlehnen müßte. Da dieses
+aber nur empirisch geschehen könnte: so würde daraus keine andere, als
+bloß zufällige Einheit gezogen werden können, die aber bei weitem an
+den notwendigen Zusammenhang nicht reicht, den man meint, wenn man
+Natur nennt.
+
+
+
+Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
+Dritter Abschnitt
+Von dem Verhältnisse des Verstandes zu Gegenständen überhaupt und der
+Möglichkeit diese a priori zu erkennen
+
+Was wir im vorigen Abschnitte abgesondert und einzeln vortrugen,
+wollen wir jetzt vereinigt und im Zusammenhange vorstellen. Es sind
+drei subjektive Erkenntnisquellen, worauf die Möglichkeit einer
+Erfahrung überhaupt, und Erkenntnis der Gegenstände derselben beruht:
+Sinn, Einbildungskraft und Apperzeption; jede derselben kann als
+empirisch, nämlich in der Anwendung auf gegebene Erscheinungen
+betrachtet werden, alle aber sind auch Elemente oder Grundlagen a
+priori, welche selbst diesen empirischen Gebrauch möglich machen.
+Der Sinn stellt die Erscheinungen empirisch in der Wahrnehmung vor,
+die Einbildungskraft in der Assoziation (und Reproduktion), die
+Apperzeption in dem empirischen Bewußtsein der Identität dieser
+reproduktiven Vorstellungen mit den Erscheinungen, dadurch sie gegeben
+waren, mithin in der Rekognition.
+
+Es liegt aber der sämtlichen Wahrnehmung die reine Anschauung (in
+Ansehung ihrer als Vorstellungen die Form der inneren Anschauung,
+die Zeit,) der Assoziation die reine Synthesis der Einbildungskraft,
+und dein empirischen Bewußtsein die reine Apperzeption, d.i.
+die durchgängige Identität seiner selbst bei allen möglichen
+Vorstellungen, a priori zum Grunde.
+
+Wollen wir nun den inneren Grund dieser Verknüpfung der Vorstellungen
+bis auf denjenigen Punkt verfolgen, in welchem sie alle zusammenlaufen
+müssen, um darin allererst Einheit der Erkenntnis zu einer möglichen
+Erfahrung zu bekommen, so müssen wir von der reinen Apperzeption
+anfangen. Alle Anschauungen sind für uns nichts, und gehen uns nicht
+im mindesten etwas an, wenn sie nicht ins Bewußtsein aufgenommen
+werden können, sie mögen nun direkt oder indirekt darauf einfließen,
+und nur durch dieses allein ist Erkenntnis möglich. Wir sind uns a
+priori der durchgängigen Identität unserer selbst in Ansehung aller
+Vorstellungen, die zu unserem Erkenntnis jemals gehören können,
+bewußt, als einer notwendigen Bedingung der Möglichkeit aller
+Vorstellungen, (weil diese in mir doch nur dadurch etwas vorstellen,
+daß sie mit allem anderen zu einem Bewußtsein gehören, mithin darin
+wenigstens müssen verknüpft werden können). Dies Prinzip steht a
+priori fest, und kann das transzendentale Prinzip der Einheit alles
+Mannigfaltigen unserer Vorstellungen (mithin auch in der Anschauung),
+heißen. Nun ist die Einheit des Mannigfaltigen in einem Subjekt
+synthetisch: also gibt die reine Apperzeption ein Prinzipium der
+synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in aller möglichen Anschauung
+an die Hand*.
+
+* Man gebe auf diesen Satz wohl acht, der von großer Wichtigkeit ist.
+ Alle Vorstellungen haben eine notwendige Beziehung auf ein mögliches
+ empirisches Bewußtsein: denn hätten sie dieses nicht, und wäre es
+ gänzlich unmöglich, sich ihrer bewußt zu werden; so würde das soviel
+ sagen, sie existierten gar nicht. Alles empirische Bewußtsein
+ hat aber eine notwendige Beziehung auf ein transzendentales (vor
+ aller besondern Erfahrung vorhergehendes) Bewußtsein, nämlich das
+ Bewußtsein meiner selbst, als die ursprüngliche Apperzeption. Es
+ ist also schlechthin notwendig, daß in meinem Erkenntnisse alles
+ Bewußtsein zu einem Bewußtsein (meiner selbst) gehöre. Hier ist nun
+ eine synthetische Einheit des Mannigfaltigen, (Bewußtseins) die a
+ priori erkannt wird, und gerade so den Grund zu synthetischen Sätzen
+ a priori, die das reine Denken betreffen, als Raum und Zeit zu
+ solchen Sätzen, die die Form der bloßen Anschauung angehen, abgibt.
+ Der synthetische Satz: daß alles verschiedene empirische Bewußtsein
+ in einem einigen Selbstbewußtsein verbunden sein müsse, ist der
+ schlechthin erste und synthetische Grundsatz unseres Denkens
+ überhaupt. Es ist aber nicht aus der Acht zu lassen, daß die bloße
+ Vorstellung Ich in Beziehung auf alle anderen (deren kollektive
+ Einheit sie möglich macht) das transzendentale Bewußtsein sei.
+ Diese Vorstellung mag nun klar (empirisches Bewußtsein) oder dunkel
+ sein, daran liegt hier nichts, ja nicht einmal an der Wirklichkeit
+ desselben; sondern die Möglichkeit der logischen Form alles
+ Erkenntnisses beruht notwendig auf dem Verhältnis zu dieser
+ Apperzeption als einem Vermögen.
+
+Diese synthetische Einheit setzt aber eine Synthesis voraus, oder
+schließt sie ein, und soll jene a priori notwendig sein, so muß
+letztere auch eine Synthesis a priori sein. Also bezieht sich die
+transzendentale Einheit der Apperzeption auf die reine Synthesis der
+Einbildungskraft, als eine Bedingung a priori der Möglichkeit aller
+Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer Erkenntnis. Es kann
+aber nur die produktive Synthesis der Einbildungskraft a priori
+stattfinden, denn die reproduktive beruht auf Bedingungen der
+Erfahrung. Also ist das Prinzipium der notwendigen Einheit der reinen
+(produktiven) Synthesis der Einbildungskraft vor der Apperzeption der
+Grund der Möglichkeit aller Erkenntnis, besonders der Erfahrung.
+
+Nun nennen wir die Synthesis des Mannigfaltigen in der
+Einbildungskraft transzendental, wenn ohne Unterschied der
+Anschauungen sie auf nichts, als bloß auf die Verbindung des
+Mannigfaltigen a priori geht, und die Einheit dieser Synthesis heißt
+transzendental, wenn sie in Beziehung auf die ursprüngliche Einheit
+der Apperzeption, als a priori notwendig vorgestellt wird. Da diese
+letztere nun der Möglichkeit aller Erkenntnisse zum Grunde liegt, so
+ist die transzendentale Einheit der Synthesis der Einbildungskraft
+die reine Form aller möglichen Erkenntnis, durch welche mithin alle
+Gegenstände möglicher Erfahrung a priori vorgestellt werden müssen.
+
+Die Einheit der Apperzeption in Beziehung auf die Synthesis der
+Einbildungskraft ist der Verstand, und eben dieselbe Einheit,
+beziehungsweise auf die transzendentale Synthesis der
+Einbildungskraft, der reine Verstand. Also sind im Verstande reine
+Erkenntnisse a priori, welche die notwendige Einheit der reinen
+Synthesis der Einbildungskraft, in Ansehung aller möglichen
+Erscheinungen, enthalten. Dieses sind aber die Kategorien, d.i. reine
+Verstandesbegriffe, folglich enthält die empirische Erkenntniskraft
+des Menschen notwendig einen Verstand, der sich auf alle Gegenstände
+der Sinne, obgleich nur vermittelst der Anschauung, und der Synthesis
+derselben durch Einbildungskraft bezieht, unter welchen also alle
+Erscheinungen, als Data zu einer möglichen Erfahrung stehen. Da nun
+diese Beziehung der Erscheinungen auf mögliche Erfahrung ebenfalls
+notwendig ist, (weil wir ohne diese gar keine Erkenntnis durch sie
+bekommen würden, und sie uns mithin gar nichts angingen) so folgt,
+daß der reine Verstand, vermittelst der Kategorien, ein formales und
+synthetischen Prinzipium aller Erfahrungen sei, und die Erscheinungen
+eine notwendige Beziehung auf den Verstand haben.
+
+Jetzt wollen wir den notwendigen Zusammenhang des Verstandes mit den
+Erscheinungen vermittelst der Kategorien dadurch vor Augen legen, daß
+wir von unten auf, nämlich dem Empirischen anfangen. Das Erste, was
+uns gegeben wird, ist Erscheinung, welche, wenn sie mit Bewußtsein
+verbunden ist, Wahrnehmung heißt, (ohne das Verhältnis zu einem,
+wenigstens möglichen Bewußtsein, würde Erscheinung für uns niemals ein
+Gegenstand der Erkenntnis werden können, und also für uns nichts sein,
+und weil sie an sich selbst keine objektive Realität hat, und nur
+im Erkenntnisse existiert, überall nichts sein). Weil aber jede
+Erscheinung ein Mannigfaltiges enthält, mithin verschiedene
+Wahrnehmungen im Gemüte an sich zerstreut und einzeln angetroffen
+werden, so ist eine Verbindung derselben nötig, welche sie in dem
+Sinne selbst nicht haben können. Es ist also in uns ein tätiges
+Vermögen der Synthesis dieses Mannigfaltigen, welches wir
+Einbildungskraft nennen, und deren unmittelbar an den Wahrnehmungen
+ausgeübte Handlung ich Apprehension nenne*. Die Einbildungskraft soll
+nämlich das Mannigfaltige der Anschauung in ein Bild bringen, vorher
+muß sie also die Eindrücke in ihre Tätigkeit aufnehmen, d.i.
+apprehendieren.
+
+* Daß die Einbildungskraft ein notwendiges Ingredienz der Wahrnehmung
+ selbst sei, daran hat wohl noch kein Psychologe gedacht. Das kommt
+ daher, weil man dieses Vermögen teils nur auf Reproduktionen
+ einschränkte, teils, weil man glaubte, die Sinne lieferten uns nicht
+ allein Eindrücke, sondern setzten solche auch sogar zusammen, und
+ brächten Bilder der Gegenstände zuwege, wozu ohne Zweifel außer der
+ Empfänglichkeit der Eindrücke, noch etwas mehr, nämlich eine
+ Funktion der Synthesis derselben erfordert wird.
+
+Es ist aber klar, daß selbst diese Apprehension des Mannigfaltigen
+allein noch kein Bild und keinen Zusammenhang der Eindrücke
+hervorbringen würde, wenn nicht ein subjektiver Grund da wäre, eine
+Wahrnehmung, von welcher das Gemüt zu einer anderen übergegangen,
+zu den nachfolgenden herüberzurufen, und so ganze Reihen derselben
+darzustellen, d.i. ein reproduktives Vermögen der Einbildungskraft,
+welches denn auch nur empirisch ist.
+
+Weil aber, wenn Vorstellungen, sowie sie zusammengeraten, einander
+ohne Unterschied reproduzierten, wiederum kein bestimmter Zusammenhang
+derselben, sondern bloß regellose Haufen derselben, mithin gar kein
+Erkenntnis entspringen würde, so muß die Reproduktion derselben eine
+Regel haben, nach welcher eine Vorstellung vielmehr mit dieser, als
+einer anderen in der Einbildungskraft in Verbindung tritt. Diesen
+subjektiven und empirischen Grund der Reproduktion nach Regeln nennt
+man die Assoziation der Vorstellungen.
+
+Würde nun aber diese Einheit der Assoziation nicht auch einen
+objektiven Grund haben, so daß es unmöglich wäre, daß Erscheinungen
+von der Einbildungskraft anders apprehendiert würden, als unter der
+Bedingung einer möglichen synthetischen Einheit dieser Apprehension,
+so würde es auch etwas ganz Zufälliges sein, daß sich Erscheinungen
+in einen Zusammenhang der menschlichen Erkenntnisse schickten. Denn,
+ob wir gleich das Vermögen hätten, Wahrnehmungen zu assoziieren, so
+bliebe es doch an sich ganz unbestimmt und zufällig, ob sie auch
+assoziabel wären; und in dem Falle, daß sie es nicht wären, so würde
+eine Menge Wahrnehmungen, und auch wohl eine ganze Sinnlichkeit
+möglich sein, in welcher viel empirisches Bewußtsein in meinem Gemüte
+anzutreffen wäre, aber getrennt, und ohne daß es zu einem Bewußtsein
+meiner selbst gehörte, welches aber unmöglich ist. Denn nur dadurch,
+daß ich alle Wahrnehmungen zu einem Bewußtsein (der ursprünglichen
+Apperzeption) zähle, kann ich bei allen Wahrnehmungen sagen: daß ich
+mir ihrer bewußt sei. Es muß also ein objektiver, d.i. vor allen
+empirischen Gesetzen der Einbildungskraft a priori einzusehender Grund
+sein, worauf die Möglichkeit, ja sogar die Notwendigkeit eines durch
+alle Erscheinungen sich erstreckenden Gesetzes beruht, sie nämlich
+durchgängig als solche Data der Sinne, anzusehen, welche an sich
+assoziabel, und allgemeinen Regeln einer durchgängigen Verknüpfung
+in der Reproduktion unterworfen sind. Diesen objektiven Grund aller
+Assoziation der Erscheinungen nenne ich die Affinität derselben.
+Diesen können wir aber nirgends anders, als in dem Grundsatze von der
+Einheit der Apperzeption, in Ansehung aller Erkenntnisse, die mir
+angehören sollen, antreffen. Nach diesem müssen durchaus alle
+Erscheinungen, so ins Gemüt kommen, oder apprehendiert werden, daß
+sie zur Einheit der Apperzeption zusammenstimmen, welches, ohne
+synthetische Einheit in ihrer Verknüpfung, die mithin auch objektiv
+notwendig ist, unmöglich sein würde.
+
+Die objektive Einheit alles (empirischen) Bewußtseins in einem
+Bewußtsein (der ursprünglichen Apperzeption) ist also die notwendige
+Bedingung sogar aller möglichen Wahrnehmung, und die Affinität aller
+Erscheinungen (nahe, oder entfernte) ist eine notwendige Folge einer
+Synthesis in der Einbildungskraft, die a priori auf Regeln gegründet
+ist.
+
+Die Einbildungskraft ist also auch ein Vermögen einer Synthesis a
+priori, weswegen wir ihr den Namen der produktiven Einbildungskraft
+geben, und, sofern sie in Ansehung alles Mannigfaltigen der
+Erscheinung nichts weiter, als die notwendige Einheit in der Synthesis
+derselben zu ihrer Absicht hat, kann diese die transzendentale
+Funktion der Einbildungskraft genannt werden. Es ist daher zwar
+befremdlich, allein aus dem bisherigen doch einleuchtend, daß nur
+vermittelst dieser transzendentalen Funktion der Einbildungskraft,
+sogar die Affinität der Erscheinungen, mit ihr die Assoziation und
+durch diese endlich die Reproduktion nach Gesetzen, folglich die
+Erfahrung selbst möglich werde: weil ohne sie gar keine Begriffe von
+Gegenständen in eine Erfahrung zusammenfließen würden.
+
+Denn das stehende und bleibende Ich (der reinen Apperzeption) macht
+das Korrelat um aller unserer Vorstellungen aus, sofern es bloß
+möglich ist, sich ihrer bewußt zu werden, und alles Bewußtsein gehört
+ebensowohl zu einer allbefassenden reinen Apperzeption, wie alle
+sinnliche Anschauung als Vorstellung zu einer reinen inneren
+Anschauung, nämlich der Zeit. Diese Apperzeption ist es nun, welche
+zu der reinen Einbildungskraft hinzukommen muß, um ihre Funktion
+intellektuell zu machen. Denn an sich selbst ist die Synthesis der
+Einbildungskraft, obgleich a priori ausgeübt, dennoch jederzeit
+sinnlich, weil sie das Mannigfaltige nur so verbindet, wie es in der
+Anschauung erscheint, z.B. die Gestalt eines Triangels. Durch das
+Verhältnis des Mannigfaltigen aber zur Einheit der Apperzeption werden
+Begriffe, welche dem Verstande angehören, aber nur vermittelst der
+Einbildungskraft in Beziehung auf die sinnliche Anschauung zustande
+kommen können.
+
+Wir haben also eine reine Einbildungskraft, als ein Grundvermögen der
+menschlichen Seele, das aller Erkenntnis a priori zum Grunde liegt.
+Vermittelst deren bringen wir das Mannigfaltige der Anschauung
+einerseits, und mit der Bedingung der notwendigen Einheit der reinen
+Apperzeption andererseits in Verbindung. Beide äußerste Enden, nämlich
+Sinnlichkeit und Verstand, müssen vermittelst dieser transzendentalen
+Funktion der Einbildungskraft notwendig zusammenhängen; weil jene
+sonst zwar Erscheinungen, aber keine Gegenstände eines empirischen
+Erkenntnisses, mithin keine Erfahrung geben würden. Die wirkliche
+Erfahrung, welche aus der Apprehension, der Assoziation, (der
+Reproduktion,) endlich der Rekognition der Erscheinungen besteht,
+enthält in der letzteren und höchsten (der bloß empirischen Elemente
+der Erfahrung) Begriffe, welche die formale Einheit der Erfahrung,
+und mit ihr alle objektive Gültigkeit (Wahrheit) der empirischen
+Erkenntnis möglich machen. Diese Gründe der Rekognition des
+Mannigfaltigen, sofern sie bloß die Form einer Erfahrung überhaupt
+angehen, sind nun jene Kategorien. Auf ihnen gründet sich also alle
+normale Einheit in der Synthesis der Einbildungskraft, und vermittelst
+dieser auch alles empirischen Gebrauchs derselben (in der Rekognition,
+Reproduktion, Assoziation, Apprehension) bis herunter zu den
+Erscheinungen, weil diese, nur vermittelst jener Elemente der
+Erkenntnis und überhaupt unserem Bewußtsein, mithin um selbst
+angehören können.
+
+Die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den Erscheinungen, die wir
+Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht
+darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres
+Gemüts ursprünglich hineingelegt. Denn diese Natureinheit soll
+eine notwendige, d.i. a priori gewisse Einheit der Verknüpfung
+der Erscheinungen sein. Wie sollten wir aber wohl a priori eine
+synthetische Einheit auf die Bahn bringen können, wären nicht in den
+ursprünglichen Erkenntnisquellen unseres Gemüts subjektive Gründe
+solcher Einheit a priori enthalten, und wären diese subjektiven
+Bedingungen nicht zugleich objektiv gültig, indem sie die Gründe der
+Möglichkeit sind, überhaupt ein Objekt in der Erfahrung zu erkennen.
+
+Wir haben den Verstand oben auf mancherlei Weise erklärt: durch eine
+Spontaneität der Erkenntnis, (im Gegensatze der Rezeptivität der
+Sinnlichkeit) durch ein Vermögen zu denken, oder auch ein Vermögen
+der Begriffe, oder auch der Urteile, welche Erklärungen, wenn man sie
+bei Licht besieht, auf eins hinauslaufen. Jetzt können wir ihn als
+das Vermögen der Regeln charakterisieren. Dieses Kennzeichen ist
+fruchtbarer und tritt dem Wesen desselben näher. Sinnlichkeit gibt
+uns Formen, (der Anschauung) der Verstand aber Regeln. Dieser ist
+jederzeit geschäftig, die Erscheinungen in der Absicht durchzuspähen,
+um an ihnen irgendeine Regel aufzufinden. Regeln, sofern sie objektiv
+sind, (mithin der Erkenntnis des Gegenstandes notwendig anhängen)
+heißen Gesetze. Ob wir gleich durch Erfahrung viel Gesetze lernen, so
+sind diese doch nur besondere Bestimmungen noch höherer Gesetze, unter
+denen die höchsten, (unter welchen andere alle stehen) a priori aus
+dem Verstande selbst herkommen, und nicht von der Erfahrung entlehnt
+sind, sondern vielmehr den Erscheinungen ihre Gesetzmäßigkeit
+verschaffen, und eben dadurch Erfahrung möglich machen müssen. Es ist
+also der Verstand nicht bloß ein Vermögen, durch Vergleichung der
+Erscheinungen sich Regeln zu machen: er ist selbst die Gesetzgebung
+für die Natur, d.i. ohne Verstand würde es überall nicht Natur,
+d.i. synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen nach
+Regeln geben: denn Erscheinungen können, als solche, nicht außer uns
+stattfinden, sondern existieren nur in unserer Sinnlichkeit. Diese
+aber, als Gegenstand der Erkenntnis in einer Erfahrung, mit allem, was
+sie enthalten mag, ist nur in der Einheit der Apperzeption möglich.
+Die Einheit der Apperzeption aber ist der transzendentale Grund der
+notwendigen Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in einer Erfahrung. Eben
+dieselbe Einheit der Apperzeption in Ansehung eines Mannigfaltigen von
+Vorstellungen (es nämlich aus einer einzigen zu bestimmen) ist die
+Regel und das Vermögen dieser Regeln der Verstand. Alle Erscheinungen
+liegen also als mögliche Erfahrungen ebenso a priori im Verstande
+und erhalten ihre formale Möglichkeit von ihm, wie sie als bloße
+Anschauungen in der Sinnlichkeit liegen, und durch dieselbe der Form
+nach, allein möglich sind.
+
+So übertrieben, so widersinnig es also auch lautet, zu sagen: der
+Verstand ist selbst der Quell der Gesetze der Natur, und mithin der
+normalen Einheit der Natur, so richtig, und dem Gegenstande, nämlich
+der Erfahrung angemessen ist gleichwohl eine solche Behauptung. Zwar
+können empirische Gesetze, als solche, ihren Ursprung keineswegs
+vom reinen Verstande herleiten, so wenig als die unermeßliche
+Mannigfaltigkeit der Erscheinungen aus der reinen Form der sinnlichen
+Anschauung hinlänglich begriffen werden kann. Aber alle empirischen
+Gesetze sind nur besondere Bestimmungen der reinen Gesetze des
+Verstandes, unter welchen und nach deren Norm jene allererst möglich
+sind, und die Erscheinungen eine gesetzliche Form annehmen, sowie auch
+alle Erscheinungen, unerachtet der Verschiedenheit ihrer empirischen
+Form, dennoch jederzeit den Bedingungen der reinen Form der
+Sinnlichkeit gemäß sein müssen.
+
+Der reine Verstand ist also in den Kategorien das Gesetz der
+synthetischen Einheit aller Erscheinungen, und macht dadurch Erfahrung
+ihrer Form nach allererst und ursprünglich möglich. Mehr aber hatten
+wir in der transz. Deduktion der Kategorien nicht zu leisten, als
+dieses Verhältnis des Verstandes zur Sinnlichkeit, und vermittelst
+derselben zu allen Gegenständen der Erfahrung, mithin die objektive
+Gültigkeit seiner reinen Begriffe a priori begreiflich zu machen, und
+dadurch ihren Ursprung und Wahrheit festzusetzen.
+
+
+
+Summarische Vorstellung der Richtigkeit und einzigen Möglichkeit
+dieser Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
+
+Wären die Gegenstände, womit unsere Erkenntnis zu tun hat, Dinge an
+sich selbst, so würden wir von diesen gar keine Begriffe a priori
+haben können. Denn woher sollten wir sie nehmen? Nehmen wir sie vom
+Objekt (ohne hier noch einmal zu untersuchen, wie dieses uns bekannt
+werden könnte) so wären unsere Begriffe bloß empirisch, und keine
+Begriffe a priori. Nehmen wir sie aus uns selbst, kann das, was
+bloß in uns ist, die Beschaffenheit eines von unseren Vorstellungen
+unterschiedenen Gegenstandes nicht bestimmen, d.i. ein Grund sein,
+warum es ein Ding geben solle, dem so etwas, als wir in Gedanken
+haben, zukomme, und nicht vielmehr alle diese Vorstellung leer sei.
+Dagegen, wenn wir es überall nur mit Erscheinungen zu tun haben, so
+ist es nicht allein möglich, sondern auch notwendig, daß gewisse
+Begriffe a priori vor der empirischen Erkenntnis der Gegenstände
+vorhergehen. Denn als Erscheinungen machen sie einen Gegenstand aus,
+der bloß in uns ist, weil eine bloße Modifikation unserer Sinnlichkeit
+außer uns gar nicht angetroffen wird. Nun drückt selbst diese
+Vorstellung: daß alle diese Erscheinungen, mithin alle Gegenstände,
+womit wir uns beschäftigen können, insgesamt in mir, d.i. Bestimmungen
+meines identischen Selbst sind, eine durchgängige Einheit derselben in
+einer und derselben Apperzeption als notwendig aus. In dieser Einheit
+des möglichen Bewußtseins aber besteht auch die Form aller Erkenntnis
+der Gegenstände, (wodurch das Mannigfaltige, als zu Einem Objekt
+gehörig, gedacht wird). Also geht die Art, wie das Mannigfaltige
+der sinnlichen Vorstellung (Anschauung) zu einem Bewußtsein gehört,
+vor aller Erkenntnis des Gegenstandes, als die intellektuelle
+Form derselben, vorher, und macht selbst eine formale Erkenntnis
+aller Gegenstände a priori überhaupt aus, sofern sie gedacht
+werden (Kategorien). Die Synthesis derselben durch die reine
+Einbildungskraft, die Einheit aller Vorstellungen in Beziehung auf die
+ursprüngliche Apperzeption gehen aller empirischen Erkenntnis vor.
+Reine Verstandesbegriffe sind also nur darum a priori möglich, ja
+gar, in Beziehung auf Erfahrung, notwendig, weil unser Erkenntnis mit
+nichts, als Erscheinungen zu tun hat, deren Möglichkeit in uns selbst
+liegt, deren Verknüpfung und Einheit (in der Vorstellung eines
+Gegenstandes) bloß in uns angetroffen wird, mithin vor aller Erfahrung
+vorhergehen, und diese der Form nach auch allererst möglich machen
+muß. Und aus diesem Grunde, dem einzigmöglichen unter allen, ist dann
+auch unsere Deduktion der Kategorien geführt worden.
+
+
+
+Der transzendentalen Analytik
+Zweites Buch
+Die Analytik der Grundsätze
+
+Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbaut, der ganz genau
+mit der Einteilung der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft. Diese
+sind: Verstand, Urteilskraft und Vernunft. Jene Doktrin handelt daher
+in ihrer Analytik von Begriffen, Urteilen und Schlüssen, gerade den
+Funktionen und der Ordnung jener Gemütskräfte gemäß, die man unter der
+weitläufigen Benennung des Verstandes überhaupt begreift.
+
+Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntnis (ob
+sie rein und empirisch sei) abstrahiert, und sich bloß mit der Form
+des Denkens (der diskursiven Erkenntnis) überhaupt beschäftigt: so
+kann sie in ihrem analytischen Teile auch den Kanon für die Vernunft
+mitbefassen, deren Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die
+besondere Natur der dabei gebrauchten Erkenntnis in Betracht zu
+ziehen, a priori, durch bloße Zergliederung der Vernunfthandlungen in
+ihre Momente, eingesehen werden kann.
+
+Die transzendentale Logik, da sie auf einen bestimmten Inhalt, nämlich
+bloß der reinen Erkenntnisse a priori, eingeschränkt ist, kann es
+ihr in dieser Einteilung nicht nachtun. Denn es zeigt sich: daß der
+transzendentale Gebrauch der Vernunft gar nicht objektiv gültig
+sei, mithin nicht zur Logik der Wahrheit, d.i. der Analytik gehöre,
+sondern, als eine Logik des Scheins, einen besonderen Teil des
+scholastischen Lehrgebäudes, unter dem Namen der transzendentalen
+Dialektik, erfordere.
+
+Verstand und Urteilskraft haben demnach ihren Kanon des objektiv
+gültigen, mithin wahren Gebrauchs, in der transzendentalen Logik, und
+gehören also in ihren analytischen Teil. Allein Vernunft in ihren
+Versuchen, über Gegenstände a priori etwas auszumachen, und das
+Erkenntnis über die Grenzen möglicher Erfahrung zu erweitern, ist
+ganz und gar dialektisch, und ihre Scheinbehauptungen schicken sich
+durchaus nicht in einen Kanon, dergleichen doch die Analytik enthalten
+soll.
+
+Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon für die
+Urteilskraft sein, der sie lehrt, die Verstandesbegriffe, welche die
+Bedingung zu Regeln a priori enthalten, auf Erscheinungen anzuwenden.
+Aus dieser Ursache werde ich, indem ich die eigentlichen Grundsätze
+des Verstandes zum Thema nehme, mich der Benennung einer Doktrin der
+Urteilskraft bedienen, wodurch dieses Geschäft genauer bezeichnet
+wird.
+
+
+
+Einleitung
+Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt
+
+Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird,
+so ist Urteilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren, d.i.
+zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel (casus datae
+legis) stehe, oder nicht. Die allgemeine Logik enthält gar keine
+Vorschriften für die Urteilskraft, und kann sie auch nicht enthalten.
+Denn da sie von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, so bleibt
+ihr nichts übrig, als das Geschäft, die bloße Form der Erkenntnis in
+Begriffen, Urteilen und Schlüssen analytisch auseinander zu setzen,
+und dadurch formale Regeln alles Verstandesgebrauchs zustande zu
+bringen. Wollte sie nun allgemein zeigen, wie man unter diese Regeln
+subsumieren, d.i. unterscheiden sollte, ob etwas darunter stehe oder
+nicht, so könnte dieses nicht anders, als wieder durch eine Regel
+geschehen. Diese aber erfordert eben darum, weil sie eine Regel ist,
+aufs neue eine Unterweisung der Urteilskraft, und so zeigt sich, daß
+zwar der Verstand einer Belehrung und Ausrüstung durch Regeln fähig,
+Urteilskraft aber ein besonderes Talent sei, welches gar nicht
+belehrt, sondern nur geübt sein will. Daher ist diese auch das
+Spezifische des sogenannten Mutterwitzes, dessen Mangel keine Schule
+ersetzen kann; weil, ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande
+Regeln vollauf, von fremder Einsicht entlehnt, darreichen und
+gleichsam einpfropfen kann; so muß doch das Vermögen, sich ihrer
+richtig zu bedienen, dem Lehrlinge selbst angehören, und keine Regel,
+die man ihm in dieser Absicht vorschreiben möchte, ist, in Ermangelung
+einer solchen Naturgabe, vor Mißbrauch sicher*. Ein Arzt daher, ein
+Richter, oder ein Staatskundiger, kann viel schöne pathologische,
+juristische oder politische Regeln im Kopfe haben, in dem Grade, daß
+er selbst darin ein gründlicher Lehrer werden kann, und wird dennoch
+in der Anwendung derselben leicht verstoßen, entweder, weil es ihm an
+natürlicher Urteilskraft (obgleich nicht am Verstande) mangelt, und
+er zwar das Allgemeine in abstracto einsehen, ob ein Fall in concreto
+darunter gehöre, nicht unterscheiden kann, oder auch darum, weil er
+nicht genug durch Beispiele und wirkliche Geschäfte zu diesem Urteile
+abgerichtet worden. Dieses ist auch der einige und große Nutzen der
+Beispiele: daß sie die Urteilskraft schärfen. Denn was die Richtigkeit
+und Präzision der Verstandeseinsicht betrifft, so tun sie derselben
+vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten die
+Bedingung der Regel adäquat erfüllen (als casus in terminis) und
+überdem diejenige Anstrengung des Verstandes oftmals schwächen, Regeln
+im allgemeinen, und unabhängig von den besonderen Umständen der
+Erfahrung, nach ihrer Zulänglichkeit, einzusehen, und sie daher
+zuletzt mehr wie Formeln, als Grundsätze, zu gebrauchen angewöhnen. So
+sind Beispiele der Gängelwagen der Urteilskraft, welchen derjenige,
+dem es am natürlichen Talent desselben mangelt, niemals entbehren
+kann.
+
+* Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit
+ nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein
+ stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts, als am
+ gehörigen Grade des Verstandes und eigenen Begriffen desselben
+ mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, sogar bis zur Gelehrsamkeit,
+ auszurüsten. Da es aber gemeiniglich alsdann auch an jenem (der
+ secunda Petri) zu fehlen pflegt, so ist es nichts ungewöhnliches,
+ sehr gelehrte Männer anzutreffen, die, im Gebrauche ihrer
+ Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig blicken lassen.
+
+Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urteilskraft keine
+Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transzendentalen ganz
+anders bewandt, sogar daß es scheint, die letztere habe es zu ihrem
+eigentlichen Geschäfte, die Urteilskraft im Gebrauch des reinen
+Verstandes, durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern.
+Denn, um dem Verstande im Felde reiner Erkenntnisse a priori
+Erweiterung zu verschaffen, mithin als Doktrin scheint Philosophie
+gar nicht nötig, oder vielmehr übel angebracht zu sein, weil man
+nach allen bisherigen Versuchen damit doch wenig oder gar kein Land
+gewonnen hat, sondern als Kritik, um die Fehltritte der Urteilskraft
+(lapsus judicii) im Gebrauch der wenigen reinen Verstandesbegriffe,
+die wir haben, zu verhüten, dazu (obgleich der Nutzen alsdann nur
+negativ ist) wird Philosophie mit ihrer ganzen Scharfsinnigkeit und
+Prüfungskunst aufgeboten.
+
+Es hat aber die Transzendental-Philosophie das Eigentümliche: daß sie
+außer der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu Regeln),
+die in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich a
+priori den Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt werden sollen. Die
+Ursache von dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen anderen
+belehrenden Wissenschaften hat, (außer der Mathematik) liegt eben
+darin: daß sie von Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände a
+priori beziehen sollen, mithin kann ihre objektive Gültigkeit nicht
+a posteriori dargetan werden; denn das würde jene Dignität derselben
+ganz unberührt lassen, sondern sie muß zugleich die Bedingungen, unter
+welchen Gegenstände in Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben
+werden können, in allgemeinen aber hinreichenden Kennzeichen darlegen,
+widrigenfalls sie ohne allen Inhalt, mithin bloße logische Formen und
+nicht reine Verstandesbegriffe sein würden.
+
+Diese transzendentale Doktrin der Urteilskraft wird nun zwei
+Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung
+handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht
+werden können, d.i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das
+zweite aber von denen synthetischen Urteilen, welche aus reinen
+Verstandesbegriffen unter diesen Bedingungen a priori herfließen, und
+allen übrigen Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d.i. von den
+Grundsätzen des reinen Verstandes.
+
+
+
+Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft
+(oder Analytik der Grundsätze)
+Erstes Hauptstück
+Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe
+
+In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff muß die
+Vorstellung des ersteren mit der letzteren gleichartig sein, d.i. der
+Begriff muß dasjenige enthalten, was in dem darunter zu subsumierenden
+Gegenstande vorgestellt wird, denn das bedeutet eben der Ausdruck: ein
+Gegenstand sei unter einem Begriffe enthalten. So hat der empirische
+Begriff eines Tellers mit dem reinen geometrischen eines Zirkels
+Gleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersteren gedacht wird,
+sich im letzteren anschauen läßt.
+
+Nun sind aber reine Verstandesbegriffe, in Vergleichung mit
+empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen, ganz
+ungleichartig, und können niemals in irgendeiner Anschauung
+angetroffen werden. Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die
+erste, mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich,
+da doch niemand sagen wird: diese, z.B. die Kausalität, könne auch
+durch Sinne angeschaut werden und sei in der Erscheinung enthalten?
+Diese so natürliche und erhebliche Frage ist nun eigentlich die
+Ursache, welche eine transzendentale Doktrin der Urteilskraft
+notwendig macht, um nämlich die Möglichkeit zu zeigen, wie reine
+Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt angewandt werden
+können. In allen anderen Wissenschaften, wo die Begriffe, durch die
+der Gegenstand allgemein gedacht wird, von denen, die diesen in
+concreto vorstellen, wie er gegeben wird, nicht so unterschieden und
+heterogen sind, ist es unnötig, wegen der Anwendung des ersteren auf
+den letzten besondere Erörterung zu geben.
+
+Nun ist klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der
+Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen
+muß, und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht.
+Diese vermittelnde Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und
+doch einerseits intellektuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche
+ist das transzendentale Schema.
+
+Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des
+Mannigfaltigen überhaupt. Die Zeit, als die formale Bedingung des
+Mannigfaltigen des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller
+Vorstellungen, enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen
+Anschauung. Nun ist eine transzendentale Zeitbestimmung mit der
+Kategorie (die die Einheit derselben ausmacht) sofern gleichartig, als
+sie allgemein ist und auf einer Regel a priori beruht. Sie ist aber
+andererseits mit der Erscheinung sofern gleichartig, als die Zeit in
+jeder empirischen Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten ist. Daher
+wird eine Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich sein,
+vermittelst der transzendentalen Zeitbestimmung, welche, als das
+Schema der Verstandesbegriffe, die Subsumtion der letzteren unter die
+erste vermittelt.
+
+Nach demjenigen, was in der Deduktion der Kategorien gezeigt worden,
+wird hoffentlich niemand im Zweifel stehen, sich über die Frage zu
+entschließen: ob diese reinen Verstandesbegriffe von bloß empirischem
+oder auch von transzendentalem Gebrauche sind, d.i. ob sie lediglich,
+als Bedingungen einer möglichen Erfahrung, sich a priori auf
+Erscheinungen beziehen, oder ob sie, als Bedingungen der Möglichkeit
+der Dinge überhaupt, auf Gegenstände an sich selbst (ohne einige
+Restriktion auf unsere Sinnlichkeit) erstreckt werden können. Denn
+da haben wir gesehen, daß Begriffe ganz unmöglich sind, noch irgend
+einige Bedeutung haben können, wo nicht, entweder ihnen selbst, oder
+wenigstens den Elementen, daraus sie bestehen, ein Gegenstand gegeben
+ist, mithin auf Dinge an sich (ohne Rücksicht, ob und wie sie uns
+gegeben werden mögen) gar nicht gehen können; daß ferner die einzige
+Art, wie uns Gegenstände gegeben werden, die Modifikation unserer
+Sinnlichkeit sei; endlich, daß reine Begriffe a priori, außer der
+Funktion des Verstandes in der Kategorie, noch formale Bedingungen
+der Sinnlichkeit (namentlich des inneren Sinnes) a priori enthalten
+müssen, welche die allgemeine Bedingung enthalten, unter der die
+Kategorie allein auf irgendeinen Gegenstand angewandt werden kann. Wir
+wollen diese formale und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf welche
+der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch restringiert ist, das Schema
+dieses Verstandesbegriffs, und das Verfahren des Verstandes mit diesen
+Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen.
+
+Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Produkt der
+Einbildungskraft; aber indem die Synthesis der letzteren keine
+einzelne Anschauung, sondern die Einheit in der Bestimmung der
+Sinnlichkeit allein zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde
+zu unterscheiden. So, wenn ich fünf Punkte hintereinander setze, . .
+. . . ist dieses ein Bild von der Zahl fünf. Dagegen, wenn ich eine
+Zahl überhaupt nur denke, die nun fünf oder hundert sein kann, so
+ist dieses Denken mehr die Vorstellung einer Methode, einem gewissen
+Begriffe gemäß eine Menge (z.E. tausend) in einem Bilde vorzustellen,
+als dieses Bild selbst, welches ich im letzteren Falle schwerlich
+würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen können. Diese
+Vorstellung nun von einem allgemeinen Verfahren der Einbildungskraft,
+einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich das Schema zu diesem
+Begriffe.
+
+In der Tat liegen unseren reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder
+der Gegenstände, sondern Schemate zum Grunde. Dem Begriffe von einem
+Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein.
+Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, welche
+macht, daß dieser für alle, recht- oder schiefwinklige usw. gilt,
+sondern immer nur auf einen Teil dieser Sphäre eingeschränkt sein. Das
+Schema des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existieren,
+und bedeutet eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft, in
+Ansehung reiner Gestalten im Raume. Noch viel weniger erreicht ein
+Gegenstand der Erfahrung oder Bild desselben jemals den empirischen
+Begriff, sondern dieser bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das
+Schema der Einbildungskraft, als eine Regel der Bestimmung unserer
+Anschauung, gemäß einem gewissen allgemeinen Begriffe. Der Begriff
+vorn Hunde bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft
+die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnen kann,
+ohne auf irgendeine einzige besondere Gestalt, die mir die Erfahrung
+darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto
+darstellen kann, eingeschränkt zu sein. Dieser Schematismus unseres
+Verstandes, in Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen Form, ist
+eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren
+wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten, und sie
+unverdeckt vor Augen legen werden. So viel können wir nur sagen:
+das Bild ist ein Produkt des empirischen Vermögens der produktiven
+Einbildungskraft, das Schema sinnlicher Begriffe (als der Figuren
+im Raume) ein Produkt und gleichsam ein Monogramm der reinen
+Einbildungskraft a priori, wodurch und wonach die Bilder allererst
+möglich werden, die aber mit dem Begriffe nur immer vermittelst des
+Schema, welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen, und an sich
+demselben nicht völlig kongruieren. Dagegen ist das Schema eines
+reinen Verstandesbegriffs etwas, was in gar kein Bild gebracht werden
+kann, sondern ist nur die reine Synthesis, gemäß einer Regel der
+Einheit nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und
+ist ein transzendentales Produkt der Einbildungskraft, welches die
+Bestimmung des inneren Sinnes überhaupt, nach Bedingungen ihrer
+Form, (der Zeit,) in Ansehung aller Vorstellungen, betrifft, sofern
+diese der Einheit der Apperzeption gemäß a priori in einem Begriff
+zusammenhängen sollten.
+
+Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung
+dessen, was zu transzendentalen Schematen reiner Verstandesbegriffe
+überhaupt erfordert wird, aufzuhalten, wollen wir sie lieber nach der
+Ordnung der Kategorien und in Verknüpfung mit diesen darstellen.
+
+Das reine Bild aller Größen (quantorum) vor dem äußeren Sinne, ist
+der Raum; aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt, die Zeit. Das
+reine Schema der Größe aber (quantitatis), als eines Begriffs des
+Verstandes, ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die
+sukzessive Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt.
+Also ist die Zahl nichts anderes, als die Einheit der Synthesis des
+Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch, daß
+ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge.
+
+Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung
+überhaupt korrespondiert; dasjenige also, dessen Begriff an sich
+selbst ein Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff
+ein Nichtsein (in der Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider
+geschieht also in dem Unterschiede derselben Zeit, als einer
+erfüllten, oder leeren Zeit. Da die Zeit nur die Form der Anschauung,
+mithin der Gegenstände, als Erscheinungen, ist, so ist das, was an
+diesen der Empfindung entspricht, die transzendentale Materie aller
+Gegenstände, als Dinge an sich (die Sachheit, Realität). Nun hat jede
+Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe Zeit, d.i. den
+inneren Sinn in Ansehung derselben Vorstellung eines Gegenstandes,
+mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (= O = negatio)
+aufhört. Daher ist ein Verhältnis und Zusammenhang oder vielmehr ein
+Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität als ein
+Quantum vorstellig macht, und das Schema einer Realität, als der
+Quantität von Etwas, sofern es die Zeit erfüllt, ist eben diese
+kontinuierliche und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit,
+indem man von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit
+bis zum Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der
+Größe derselben allmählich aufsteigt.
+
+Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit,
+d.i. die Vorstellung desselben, als eines Substratum der empirischen
+Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andere
+wechselt. (Die Zeit verläuft sich nicht, sondern in ihr verläuft sich
+das Dasein des Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und
+bleibend ist, korrespondiert in der Erscheinung das Unwandelbare im
+Dasein, d.i. die Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das
+Zugleichsein der Erscheinungen der Zeit nach bestimmt werden.)
+
+Das Schema der Ursache und der Kausalität eines Dinges überhaupt ist
+das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas
+anderes folgt. Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen,
+insofern sie einer Regel unterworfen ist.
+
+Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung), oder der wechselseitigen
+Kausalität der Substanzen in Ansehung ihrer Akzidenzen, ist das
+Zugleichsein der Bestimmungen der Einen, mit denen der Anderen, nach
+einer allgemeinen Regel.
+
+Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis
+verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt
+(z.B. da das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, sondern
+nur nacheinander sein kann,) also die Bestimmung der Vorstellung eines
+Dinges zu irgendeiner Zeit.
+
+Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit.
+
+Das Schema der Notwendigkeit das Dasein eines Gegenstandes zu aller
+Zeit.
+
+Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie,
+als das der Größe, die Erzeugung, (Synthesis) der Zeit selbst, in der
+sukzessiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der Qualität
+die Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der
+Zeit, oder die Erfüllung der Zeit, das der Relation das Verhältnis
+der Wahrnehmungen untereinander zu aller Zeit (d.i. nach einer Regel
+der Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer
+Kategorien, die Zeit selbst, als das Korrelatum der Bestimmung eines
+Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig
+mache. Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen a priori
+nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien, auf die
+Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, endlich den Zeitinbegriff
+in Ansehung aller möglichen Gegenstände.
+
+Hieraus erhellt nun, daß der Schematismus des Verstandes durch die
+transzendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anderes, als
+die Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren Sinne,
+und so indirekt auf die Einheit der Apperzeption, als Funktion, welche
+dem inneren Sinn (einer Rezeptivität) korrespondiert, hinauslaufe.
+Also sind die Schemate der reinen Verstandesbegriffe die wahren und
+einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte, mithin
+Bedeutung zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von
+keinem anderen, als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie
+bloß dazu dienen, durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit
+(wegen der notwendigen Vereinigung alles Bewußtseins in einer
+ursprünglichen Apperzeption) Erscheinungen allgemeinen Regeln
+der Synthesis zu unterwerfen, und sie dadurch zur durchgängigen
+Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu machen.
+
+In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere
+Erkenntnisse, und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht
+die transzendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht,
+und sie möglich macht.
+
+Es fällt aber doch auch in die Augen: daß, obgleich die Schemate der
+Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisieren, sie doch selbige
+gleichwohl auch restringieren, d.i. auf Bedingungen einschränken, die
+außer dem Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist
+das Schema eigentlich nur das Phänomenon, oder der sinnliche Begriff
+eines Gegenstandes, in Übereinstimmung mit der Kategorie. (Numerus
+est quantitas phaenomenon, sensatio realitas phaenomenon, constans et
+perdurabile rerum substantia phaenomenon - - aeternitas, necessitas,
+phaenomena usw.) Wenn wir nun eine restringierende Bedingung
+weglassen, so amplifizieren wir, wie es scheint, den vorher
+eingeschränkten Begriff; so sollten die Kategorien in ihrer reinen
+Bedeutung, ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit, von Dingen
+überhaupt gelten, wie sie sind, anstatt, daß ihre Schemate sie nur
+vorstellen, wie sie erscheinen, jene also eine von allen Schematen
+unabhängige und viel weiter erstreckte Bedeutung haben. In der
+Tat bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings, auch nach
+Absonderung aller sinnlichen Bedingung, eine, aber nur logische
+Bedeutung der bloßen Einheit der Vorstellungen, denen aber kein
+Gegenstand, mithin auch keine Bedeutung gegeben wird, die einen
+Begriff vom Objekt abgeben könnte. So würde z.B. Substanz, wenn man
+die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter
+als ein Etwas bedeuten, das als Subjekt (ohne ein Prädikat von etwas
+anderem zu sein) gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann
+ich nun nichts machen, indem sie mir gar nicht anzeigt, welche
+Bestimmungen das Ding hat, welches als ein solches erstes Subjekt
+gelten soll. Also sind die Kategorien, ohne Schemate, nur Funktionen
+des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen Gegenstand vor.
+Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit, die den Verstand
+realisiert, indem sie ihn zugleich restringiert.
+
+
+
+Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft
+(oder Analytik der Grundsätze)
+Zweites Hauptstück
+System aller Grundsätze des reinen Verstandes
+
+Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transzendentale Urteilskraft
+nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie allein
+die reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urteilen zu brauchen
+befugt ist. Jetzt ist unser Geschäft: die Urteile, die der Verstand
+unter dieser kritischen Vorsicht wirklich a priori zustande bringt, in
+systematischer Verbindung darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere
+Tafel der Kategorien die natürliche und sichere Leitung geben muß.
+Denn diese sind es eben, deren Beziehung auf mögliche Erfahrung
+alle reine Verstandeserkenntnis a priori ausmachen muß, und
+deren Verhältnis zur Sinnlichkeit überhaupt um deswillen alle
+transzendentalen Grundsätze des Verstandesgebrauchs vollständig und in
+einem System darlegen wird.
+
+Grundsätze a priori führen diesen Namen nicht bloß deswegen, weil sie
+die Gründe anderer Urteile in sich enthalten, sondern auch weil sie
+selbst nicht in höheren und allgemeineren Erkenntnissen gegründet
+sind. Diese Eigenschaft überhebt sie doch nicht allemal eines
+Beweises. Denn obgleich dieser nicht weiter objektiv geführt werden
+könnte, sondern vielmehr alle Erkenntnis seines Objekts zum Grunde
+liegt, so hindert dies doch nicht, daß nicht ein Beweis, aus den
+subjektiven Quellen der Möglichkeit einer Erkenntnis des Gegenstandes
+überhaupt, zu schaffen möglich, ja auch nötig wäre, weil der Satz
+sonst gleichwohl den größten Verdacht einer bloß erschlichenen
+Behauptung auf sich haben würde.
+
+Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze, die sich
+auf die Kategorien beziehen, einschränken. Die Prinzipien der
+transzendentalen Ästhetik, nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen
+der Möglichkeit aller Dinge als Erscheinungen sind, imgleichen die
+Restriktion dieser Grundsätze: daß sie nämlich nicht auf Dinge an
+sich selbst bezogen werden können, gehören also nicht in unser
+abgestochenes Feld der Untersuchung. Ebenso machen die mathematischen
+Grundsätze keinen Teil dieses Systems aus, weil sie nur aus der
+Anschauung, aber nicht aus dem reinen Verstandesbegriffe gezogen sind;
+doch wird die Möglichkeit derselben, weil sie gleichwohl synthetische
+Urteile a priori sind, hier notwendig Platz finden, zwar nicht, um
+ihre Richtigkeit und apodiktische Gewißheit zu beweisen, welches sie
+gar nicht nötig haben, sondern nur die Möglichkeit solcher evidenten
+Erkenntnisse a priori begreiflich zu machen und zu deduzieren.
+
+Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urteile reden
+müssen, und dieses zwar im Gegensatz mit der synthetischen, als mit
+welchen wir uns eigentlich beschäftigen, weil eben diese Gegenstellung
+die Theorie der letzteren von allem Mißverstande befreit, und sie in
+ihrer eigentümlichen Natur deutlich vor Augen legt.
+
+
+
+Das System der Grundsätze des reinen Verstandes
+Erster Abschnitt
+Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urteile
+
+Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei, und wie sie sich auf
+das Objekt beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur
+negative Bedingung aller unserer Urteile überhaupt, daß sie sich nicht
+selbst widersprechen; widrigenfalls diese Urteile an sich selbst (auch
+ohne Rücksicht aufs Objekt) nichts sind. Wenn aber auch gleich in
+unserem Urteile kein Widerspruch ist, so kann es dem ungeachtet doch
+Begriffe so verbinden, wie es der Gegenstand nicht mit sich bringt,
+oder auch, ohne daß uns irgendein Grund weder a priori noch a
+posteriori gegeben ist, welcher ein solches Urteil berechtigte, und so
+kann ein Urteil bei allem dem, daß es von allem inneren Widerspruche
+frei ist, doch entweder falsch oder grundlos sein.
+
+Der Satz nun: Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm
+widerspricht, heißt der Satz des Widerspruchs, und ist ein
+allgemeines, obzwar bloß negatives, Kriterium aller Wahrheit, gehört
+aber auch darum bloß in die Logik, weil er von Erkenntnissen, bloß als
+Erkenntnissen überhaupt, unangesehen ihres Inhalts gilt, und sagt: daß
+der Widerspruch sie gänzlich vernichte und aufhebe.
+
+Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch
+machen, d.i. nicht bloß, um Falschheit und Irrtum (sofern er auf dem
+Widerspruch beruht) zu verbannen, sondern auch Wahrheit zu erkennen.
+Denn, wenn das Urteil analytisch ist, es mag nun verneinend oder
+bejahend sein, so muß dessen Wahrheit jederzeit nach dem Satze des
+Widerspruchs hinreichend können erkannt werden. Denn von dem, was in
+der Erkenntnis des Objekts schon als Begriff liegt und gedacht wird,
+wird das Widerspiel jederzeit richtig verneint, der Begriff selber
+aber notwendig von ihm bejaht werden müssen, darum, weil das Gegenteil
+desselben dem Objekte widersprechen würde.
+
+Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine und
+völlig hinreichende Prinzipium aller analytischen Erkenntnis gelten
+lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und Brauchbarkeit nicht,
+als eines hinreichenden Kriterium der Wahrheit. Denn daß ihm gar keine
+Erkenntnis zuwider sein könne, ohne sich selbst zu vernichten, das
+macht diesen Satz wohl zur conditio sine qua non, aber nicht zum
+Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntnis. Da wir es nun
+eigentlich nur mit dem synthetischen Teile unserer Erkenntnis
+zu tun haben, so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, diesem
+unverletzlichen Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm aber,
+in Ansehung der Wahrheit von dergleichen Art der Erkenntnis, niemals
+einigen Aufschluß gewärtigen können.
+
+Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem Inhalt
+entblößten und bloß formalen Grundsatzes, die eine Synthesis enthält,
+welche aus Unvorsichtigkeit und ganz unnötigerweise in ihr gemischt
+worden. Sie heißt: es ist unmöglich, daß etwas zugleich sei und nicht
+sei. Außer dem, daß hier die apodiktische Gewißheit (durch das Wort
+unmöglich) überflüssigerweise angehängt worden, die sich doch von
+selbst aus dem Satz muß verstehen lassen, so ist der Satz durch die
+Bedingung der Zeit affiziert, und sagt gleichsam: Ein Ding = A,
+welches etwas = B ist, kann nicht zu gleicher Zeit non B sein; aber
+es kann gar wohl beides (B sowohl, als non B) nacheinander sein. Z.B.
+ein Mensch, der jung ist, kann nicht zugleich alt sein; ebenderselbe
+kann aber sehr wohl zu einer Zeit jung, zur anderen nicht-jung, d.i.
+alt sein. Nun muß der Satz des Widerspruchs, als ein bloß logischer
+Grundsatz, seine Aussprüche gar nicht auf die Zeitverhältnisse
+einschränken, daher ist eine solche Formel der Absicht desselben ganz
+zuwider. Der Mißverstand kommt bloß daher: daß man ein Prädikat eines
+Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben absondert, und nachher
+sein Gegenteil mit diesem Prädikate verknüpft, welches niemals einen
+Widerspruch mit dem Subjekte, sondern nur mit dessen Prädikate,
+welches mit jenem synthetisch verbunden worden, abgibt, und zwar nur
+dann, wenn das erste und zweite Prädikat zu gleicher Zeit gesetzt
+werden. Sage ich, ein Mensch, der ungelehrt ist, ist nicht gelehrt, so
+muß die Bedingung: zugleich, dabei stehen, denn der, so zu einer Zeit
+ungelehrt ist, kann zu einer anderen gar wohl gelehrt sein. Sage ich
+aber, kein ungelehrter Mensch ist gelehrt, so ist der Satz analytisch,
+weil das Merkmal (der Ungelehrtheit) nunmehr den Begriff des Subjekts
+mit ausmacht, und alsdann erhellt der verneinende Satz unmittelbar
+aus dem Satze des Widerspruchs, ohne daß die Bedingung: zugleich,
+hinzukommen darf. Dieses ist denn auch die Ursache, weswegen ich
+oben die Formel desselben so verändert habe, daß die Natur eines
+analytischen Satzes dadurch deutlich ausgedrückt wird.
+
+
+
+Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
+Zweiter Abschnitt
+Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urteile
+
+Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urteile, ist eine Aufgabe,
+mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat, die auch
+sogar ihren Namen nicht einmal kennen darf. Sie ist aber in einer
+transzendentalen Logik das wichtigste Geschäft unter allen, und sogar
+das einzige, wenn von der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori
+die Rede ist, imgleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer
+Gültigkeit. Denn nach Vollendung desselben, kann sie ihrem Zwecke,
+nämlich den Umfang und die Grenzen des reinen Verstandes zu bestimmen,
+vollkommen ein Genüge tun.
+
+Im analytischen Urteile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe, um
+etwas von ihm auszumachen. Soll es bejahend sein, so lege ich diesem
+Begriffe nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; soll es
+verneinend sein, so schließe ich nur das Gegenteil desselben von ihm
+aus. In synthetischen Urteilen aber soll ich aus dem gegebenen Begriff
+hinausgehen, um etwas ganz anderes, als in ihm gedacht war, mit
+demselben im Verhältnis zu betrachten, welches daher niemals, weder
+ein Verhältnis der Identität, noch des Widerspruchs ist, und wobei dem
+Urteile an ihm selbst weder die Wahrheit, noch der Irrtum angesehen
+werden kann.
+
+Also zugegeben: daß man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen
+müsse, um ihn mit einem anderen synthetisch zu vergleichen, so ist ein
+Drittes nötig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen
+kann. Was ist nun aber dieses Dritte, als das Medium aller
+synthetischen Urteile? Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsere
+Vorstellungen enthalten sind, nämlich der innere Sinn, und die Form
+desselben a priori, die Zeit. Die Synthesis der Vorstellungen beruht
+auf der Einbildungskraft, die synthetische Einheit derselben aber (die
+zum Urteile erforderlich ist) auf der Einheit der Apperzeption. Hierin
+wird also die Möglichkeit synthetischer Urteile, und da alle drei die
+Quellen zu Vorstellungen a priori enthalten, auch die Möglichkeit
+reiner synthetischer Urteile zu suchen sein, ja sie werden sogar aus
+diesen Gründen notwendig sein, wenn eine Erkenntnis von Gegenständen
+zustande kommen soll, die lediglich auf der Synthesis der
+Vorstellungen beruht.
+
+Wenn eine Erkenntnis objektive Realität haben, d.i. sich auf einen
+Gegenstand beziehen, und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll,
+so muß der Gegenstand auf irgendeine Art gegeben werden können. Ohne
+das sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, in
+der Tat aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mit
+Vorstellungen gespielt. Einen Gegenstand geben, wenn dieses nicht
+wiederum nur mittelbar gemeint sein soll, sondern unmittelbar in der
+Anschauung darstellen, ist nichts anderes, als dessen Vorstellung auf
+Erfahrung (es sei wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der
+Raum und die Zeit, so rein diese Begriffe auch von allem Empirischen
+sind, und so gewiß es auch ist, daß sie völlig a priori im Gemüte
+vorgestellt werden, würden doch ohne objektive Gültigkeit und ohne
+Sinn und Bedeutung sein, wenn ihr notwendiger Gebrauch an den
+Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt würde, ja ihre Vorstellung
+ist ein bloßes Schema, das sich immer auf die reproduktive
+Einbildungskraft bezieht, welche die Gegenstände der Erfahrung
+herbeiruft, ohne die sie keine Bedeutung haben würden; und so ist es
+mit allen Begriffen ohne Unterschied.
+
+Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unseren
+Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt. Nun beruht Erfahrung
+auf der synthetischen Einheit der Erscheinungen, d.i. auf einer
+Synthesis nach Begriffen vom Gegenstande der Erscheinungen überhaupt,
+ohne welche sie nicht einmal Erkenntnis, sondern eine Rhapsodie von
+Wahrnehmungen sein würde, die sich in keinem Kontext nach Regeln eines
+durchgängig verknüpften (möglichen) Bewußtseins, mithin auch nicht zur
+transzendentalen und notwendigen Einheit der Apperzeption, zusammen
+schicken würden. Die Erfahrung hat also Prinzipien ihrer Form a priori
+zum Grunde liegen, nämlich allgemeine Regeln der Einheit in der
+Synthesis der Erscheinungen, deren objektive Realität, als notwendige
+Bedingungen, jederzeit in der Erfahrung, ja sogar ihrer Möglichkeit
+gewiesen werden kann. Außer dieser Beziehung aber sind synthetische
+Sätze a priori gänzlich unmöglich, weil sie kein Drittes, nämlich
+reinen Gegenstand haben, an dem die synthetische Einheit ihrer
+Begriffe objektive Realität dartun könnte.
+
+Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt, oder den Gestalten, welche
+die produktive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles a priori
+in synthetischen Urteilen erkennen, so, daß wir wirklich hierzu gar
+keiner Erfahrung bedürfen; so würde doch dieses Erkenntnis gar nichts,
+sondern die Beschäftigung mit einem bloßen Hirngespinst sein, wäre
+der Raum nicht, als Bedingung der Erscheinungen, welche den Stoff
+zur äußeren Erfahrung ausmachen, anzusehen; daher sich jene reinen
+synthetischen Urteile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche Erfahrung
+oder vielmehr auf dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen, und darauf
+allein die objektive Gültigkeit ihrer Synthesis gründen.
+
+Da also Erfahrung, als empirische Synthesis, in ihrer Möglichkeit die
+einzige Erkenntnisart ist, welche aller anderen Synthesis Realität
+gibt, so hat diese als Erkenntnis a priori auch nur dadurch Wahrheit,
+(Einstimmung mit dem Objekt,) daß sie nichts weiter enthält, als was
+zur synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt notwendig ist.
+
+Das oberste Principium aller synthetischen Urteile ist also: ein jeder
+Gegenstand steht unter den notwendigen Bedingungen der synthetischen
+Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen
+Erfahrung.
+
+Auf solche Weise sind synthetische Urteile a priori möglich, wenn wir
+die formalen Bedingungen der Anschauung a priori, die Synthesis der
+Einbildungskraft, und die notwendige Einheit derselben in einer
+transzendentalen Apperzeption, auf ein mögliches Erfahrungserkenntnis
+überhaupt beziehen, und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der
+Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der
+Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in
+einem synthetischen Urteile a priori.
+
+
+
+Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
+Dritter Abschnitt
+Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze desselben
+
+Daß überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden, das ist lediglich dem
+reinen Verstande zuzuschreiben, der nicht allein das Vermögen der
+Regeln ist, in Ansehung dessen, was geschieht, sondern selbst der
+Quell der Grundsätze, nach welchem alles (was uns nur als Gegenstand
+vorkommen kann) notwendig unter Regeln steht, weil, ohne solche,
+den Erscheinungen niemals Erkenntnis eines ihnen korrespondierenden
+Gegenstandes zukommen könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als
+Grundgesetze des empirischen Verstandesgebrauchs betrachtet werden,
+führen zugleich einen Ausdruck der Notwendigkeit, mithin wenigstens
+die Vermutung einer Bestimmung aus Gründen, die a priori und vor aller
+Erfahrung gültig sind, bei sich. Aber ohne Unterschied stehen alle
+Gesetze der Natur unter höheren Grundsätzen des Verstandes, indem sie
+diese nur auf besondere Fälle der Erscheinung anwenden. Diese allein
+geben also den Begriff, der die Bedingung und gleichsam den Exponenten
+zu einer Regel überhaupt enthält, Erfahrung aber gibt den Fall, der
+unter der Regel steht.
+
+Daß man bloß empir Grundsätze für Grundsätze des reinen Verstandes,
+oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wohl eigentlich keine Gefahr
+sein; denn die Notwendigkeit nach Begriffen, welche die letztere
+auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so allgemein
+er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese Verwechslung
+leicht verhüten. Es gibt aber reine Grundsätze a priori, die ich
+gleichwohl doch nicht dem reinen Verstande eigentümlich beimessen
+möchte, darum, weil sie nicht aus reinen Begriffen, sondern aus reinen
+Anschauungen (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen sind;
+Verstand ist aber das Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat
+dergleichen, aber ihre Anwendung auf Erfahrung, mithin ihre objektive
+Gültigkeit, ja die Möglichkeit solcher synthetischen Erkenntnis a
+priori (die Deduktion derselben) beruht doch immer auf dem reinen
+Verstande.
+
+Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht
+mitzählen, aber wohl diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit
+und objektive Gültigkeit a priori gründet, und die mithin als
+Principium dieser Grundsätze anzusehen sind, und von Begriffen zur
+Anschauung, nicht aber von der Anschauung zu Begriffen ausgehen.
+
+In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung
+ist der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch, oder
+dynamisch: denn sie geht teils bloß auf die Anschauung, teils auf
+das Dasein einer Erscheinung überhaupt. Die Bedingungen a priori der
+Anschauung sind aber in Ansehung einer möglichen Erfahrung durchaus
+notwendig, die des Daseins der Objekte einer möglichen empirischen
+Anschauung an sich nur zufällig. Daher werden die Grundsätze des
+mathematischen Gebrauchs unbedingt notwendig d.i. apodiktisch lauten,
+die aber des dynamischen Gebrauchs werden zwar auch den Charakter
+einer Notwendigkeit a priori, aber nur unter der Bedingung des
+empirischen Denkens in einer Erfahrung, mithin nur mittelbar und
+indirekt bei sich führen, folglich diejenige unmittelbare Evidenz
+nicht enthalten, (obzwar ihrer auf Erfahrung allgemein bezogenen
+Gewißheit unbeschadet,) die jenen eigen ist. Doch dies wird sich beim
+Schlusse dieses Systems von Grundsätzen besser beurteilen lassen.
+
+Die Tafel der Kategorien gibt uns die ganz natürliche Anweisung zur
+Tafel der Grundsätze, weil diese doch nichts anderes, als Regeln des
+objektiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen
+Verstandes sind demnach
+
+ 1. Axiome
+ der Anschauung
+
+ 2. Antizipationen 3. Analogien
+ der Wahrnehmung der Erfahrung
+
+ 4. Postulate
+ des empirischen Denkens überhaupt
+
+Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unterschiede
+in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze nicht
+unbemerkt zu lassen. Es wird sich aber bald zeigen: daß, was sowohl
+die Evidenz, als die Bestimmung der Erscheinungen a priori, nach den
+Kategorien der Größe und der Qualität (wenn man lediglich auf die
+Form der letzteren acht hat) betrifft, die Grundsätze derselben sich
+darin von den zwei übrigen namhaft unterscheiden; indem jene einer
+intuitiven, diese aber einer bloß diskursiven, obzwar beiderseits
+einer völligen Gewißheit fähig sind. Ich werde daher jene die
+mathematischen, diese die dynamischen Grundsätze nennen. Man wird aber
+wohl bemerken: daß ich hier ebensowenig die Grundsätze der Mathematik
+in einem Falle, als die Grundsätze der allgemeinen (physischen)
+Dynamik im anderen, sondern nur die des reinen Verstandes im
+Verhältnis auf den inneren Sinn (ohne Unterschied der darin gegebenen
+Vorstellungen) vor Augen habe, dadurch denn jene insgesamt ihre
+Möglichkeit bekommen. Ich benenne sie also mehr in Betracht der
+Anwendung, als um ihres Inhalts willen, und gehe nun zur Erwägung
+derselben in der nämlichen Ordnung, wie sie in der Tafel vorgestellt
+werden.
+
+
+
+1. Von den Axiomen der Anschauung
+
+Grundsatz des reinen Verstandes: Alle Erscheinungen sind ihrer
+Anschauung nach extensive Größen.
+
+Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung
+der Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht, (und also
+notwendig vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein
+sie auch sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d.i. von
+einem Punkte alle Teile nach und nach zu erzeugen, und dadurch
+allererst diese Anschauung zu verzeichnen. Ebenso ist es auch mit
+jeder auch der kleinsten Zeit bewandt. Ich denke mir darin nur den
+sukzessiven Fortgang von einem Augenblick zum anderen, wo durch alle
+Zeitteile und deren Hinzutun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt
+wird. Da die bloße Anschauung an allen Erscheinungen entweder der
+Raum, oder die Zeit ist, so ist jede Erscheinung als Anschauung eine
+extensive Größe, indem sie nur durch sukzessive Synthesis (von Teil
+zu Teil) in der Apprehension erkannt werden kann. Alle Erscheinungen
+werden demnach schon als Aggregate (Menge vorher gegebener Teile)
+angeschaut, welches eben nicht der Fall bei jeder Art Größen,
+sondern nur derer ist, die uns extensiv als solche vorgestellt und
+apprehendiert werden.
+
+Auf diese sukzessive Synthesis der produktiven Einbildungskraft,
+in der Erzeugung der Gestalten, gründet sich die Mathematik der
+Ausdehnung (Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der
+sinnlichen Anschauung a priori ausdrücken, unter denen allein das
+Schema eines reinen Begriffs der äußeren Erscheinung zustande kommen
+kann; z.E. zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich;
+zwei gerade Linien schließen keinen Raum ein usw. Dies sind die
+Axiome, welche eigentlich nur Größen (quanta) als solche betreffen.
+
+Was aber die Größe, (quantitas) d.i. die Antwort auf die Frage: wie
+groß etwas sei? betrifft, so gibt es in Ansehung derselben, obgleich
+verschiedene dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß
+(indemonstrabilia) sind, dennoch im eigentlichen Verstande keine
+Axiome. Denn daß gleiches zu gleichem hinzugetan, oder von diesem
+abgezogen, ein gleiches gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir
+der Identität der einen Größenerzeugung mit der anderen unmittelbar
+bewußt bin; Axiome aber sollen synthetische Sätze a priori sein.
+Dagegen sind die evidenten Sätze der Zahlverhältnis zwar allerdings
+synthetisch, aber nicht allgemein, wie die der Geometrie, und eben
+um deswillen auch nicht Axiome, sondern können Zahlformeln genannt
+werden. Daß 7+5=12 sei, ist kein analytischer Satz. Denn ich denke
+weder in der Vorstellung von 7, noch von 5, noch in der Vorstellung
+von der Zusammensetzung beider die Zahl 12, (daß ich diese in der
+Addition beider denken solle, davon ist hier nicht die Rede; denn bei
+dem analytischen Satze ist nur die Frage, ob ich das Prädikat wirklich
+in der Vorstellung des Subjekts denke). Ob er aber gleich synthetisch
+ist, so ist er doch nur ein einzelner Satz. Sofern hier bloß auf die
+Synthesis des Gleichartigen (der Einheiten) gesehen wird, so kann
+die Synthesis hier nur auf eine einzige Art geschehen, wiewohl der
+Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist. Wenn ich sage: durch
+drei Linien, deren zwei zusammengenommen größer sind, als die dritte,
+läßt sich ein Triangel zeichnen; so habe ich hier die bloße Funktion
+der produktiven Einbildungskraft, welche die Linien größer und
+kleiner ziehen, imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann
+zusammenstoßen lassen. Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art
+möglich, und auch die Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren
+mit 5 erzeugt wird. Dergleichen Sätze muß man also nicht Axiome, (denn
+sonst gäbe es deren unendliche,) sondern Zahlformeln nennen.
+
+Dieser transzendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen gibt
+unserem Erkenntnis a priori große Erweiterung. Denn er ist es allein,
+welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präzision auf Gegenstände
+der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz nicht
+so von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt
+hat. Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische
+Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich;
+was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von
+jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den
+Regeln der Konstruktion im Raume (z.E. der unendlichen Teilbarkeit
+der Linien oder Winkel) gemäß sein dürfe, muß wegfallen. Denn dadurch
+spricht man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objektive
+Gültigkeit ab, und weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf
+Erscheinungen anzuwenden sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten, als
+der wesentlichen Form aller Anschauung, ist das, was zugleich die
+Apprehension der Erscheinung, mithin jede äußere Erfahrung, folglich
+auch alle Erkenntnis der Gegenstände derselben, möglich macht, und was
+die Mathematik im reinen Gebrauch von jener beweist, das gilt auch
+notwendig von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur Schikanen einer
+falsch belehrten Vernunft, die irrigerweise die Gegenstände der Sinne
+von der formalen Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt,
+und sie, obgleich sie bloß Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich
+selbst, dem Verstande gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich
+von ihnen a priori gar nichts, mithin auch nicht durch reine Begriffe
+vom Raume, synthetisch erkannt werden könnte, und die Wissenschaft,
+die diese bestimmt, nämlich die Geometrie, selbst nicht möglich sein
+würde.
+
+
+
+2. Die Antizipation der Wahrnehmung
+
+Der Grundsatz, welcher alle Wahrnehmungen, als solche, antizipiert,
+heißt so: In allen Erscheinungen hat die Empfindung, und das Reale,
+welches ihr an dem Gegenstande entspricht, (realitas phaenomenon) eine
+intensive Größe d.i. einen Grad.
+
+Man kann alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen
+Erkenntnis gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine
+Antizipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in
+welcher Epikur seinen Ausdruck prolephis brauchte. Da aber an den
+Erscheinungen etwas ist, was niemals a priori erkannt wird, und
+welches daher auch den eigentlichen Unterschied des Empirischen von
+dem Erkenntnis a priori ausmacht, nämlich die Empfindung (als Materie
+der Wahrnehmung), so folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht
+antizipiert werden kann. Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen
+im Raume und der Zeit, sowohl in Ansehung der Gestalt, als Größe,
+Antizipationen der Erscheinungen nennen können, weil sie dasjenige a
+priori vorstellen, was immer a posteriori in der Erfahrung gegeben
+werden mag. Gesetzt aber, es finde sich doch etwas, was sich an jeder
+Empfindung, als Empfindung überhaupt, (ohne daß eine besondere gegeben
+sein mag,) a priori erkennen läßt; so würde dieses im ausnehmenden
+Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen, weil es
+befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was
+gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöpfen
+kann. Und so verhält es sich hier wirklich.
+
+Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllt nur einen
+Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen
+in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension
+keine sukzessive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung
+fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der
+Empfindung in demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen,
+mithin = O. Was nun in der empirischen Anschauung der Empfindung
+korrespondiert, ist Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel
+derselben entspricht, Negation = O. Nun ist aber jede Empfindung
+einer Verringerung fähig, so daß sie abnehmen, und so allmählich
+verschwinden kann. Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung
+und Negation ein kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen
+Zwischenempfindungen, deren Unterschied voneinander immer kleiner ist,
+als der Unterschied zwischen der gegebenen und dem Zero, oder der
+gänzlichen Negation, d.i.: das Reale in der Erscheinung hat jederzeit
+eine Größe, welche aber nicht in der Apprehension angetroffen wird,
+indem diese vermittelst der bloßen Empfindung in einem Augenblicke und
+nicht durch sukzessive Synthesis vieler Empfindungen geschieht, und
+also nicht von den Teilen zum Ganzen geht; es hat also zwar eine
+Größe, aber keine extensive.
+
+Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendiert wird,
+und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = O
+vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität
+in der Erscheinung intensive Größe, d.i. einen Grad. Wenn man diese
+Realität als Ursache (es sei der Empfindung oder anderer Realität in
+der Erscheinung, z.B. einer Veränderung,) betrachtet; so nennt man
+den Grad der Realität als Ursache, ein Moment, z.B. das Moment der
+Schwere, und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren
+Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist. Dieses
+berühre ich aber hier nur beiläufig, denn mit der Kausalität habe ich
+für jetzt noch nicht zu tun.
+
+So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der
+Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d.i. eine
+intensive Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen
+Realität und Negation ist ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher
+Realitäten, und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z.
+E. die rote, hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals
+der kleinste ist, und so ist es mit der Wärme, dem Momente der Schwere
+usw. überall bewandt.
+
+Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Teil der
+kleinstmögliche (kein Teil einfach) ist, heißt die Kontinuität
+derselben. Raum und Zeit sind quanta continua, weil kein Teil
+derselben gegeben werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und
+Augenblicken) einzuschließen, mithin nur so, daß dieser Teil selbst
+wiederum ein Raum, oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus
+Räumen, die Zeit aus Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen,
+d.i. bloße Stellen ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit
+jene Anschauungen, die sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus,
+und aus bloßen Stellen, als aus Bestandteilen, die noch vor dem Raume
+oder der Zeit gegeben werden könnten, kann weder Raum noch Zeit
+zusammengesetzt werden. Dergleichen Größen kann man auch fließende
+nennen, weil die Synthesis (der produktiven Einbildungskraft) in
+ihrer Erzeugung ein Fortgang in der Zeit ist, deren Kontinuität man
+besonders durch den Ausdruck des Fließens (Verfließens) zu bezeichnen
+pflegt.
+
+Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kontinuierliche Größen,
+sowohl ihrer Anschauung nach, als extensive, oder der bloßen
+Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach, als intensive
+Größen. Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung
+unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen,
+und nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches nicht durch
+die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art,
+sondern durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt
+wird. Wenn ich 13 Taler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es
+sofern richtig, als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber
+verstehe; welche aber allerdings eine kontinuierliche Größe ist, in
+welcher kein Teil der kleinste ist, sondern jeder Teil ein Geldstück
+ausmachen könnte, welche immer Materie zu noch kleineren enthielte.
+Wenn ich aber unter jener Benennung 13 runde Taler verstehe, als so
+viel Münzen, (ihr Silbergehalt mag sein, welcher er wolle,) so benenne
+ich es unschicklich durch ein Quantum von Talern, sondern muß es ein
+Aggregat, d.i. eine Zahl Geldstücke, nennen. Da nun bei aller Zahl
+doch Einheit zum Grunde liegen muß, so ist die Erscheinung als Einheit
+ein Quantum, und als ein solches jederzeit ein Kontinuum.
+
+Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv, als intensiv betrachtet,
+kontinuierliche Größen sind, so würde der Satz: daß auch alle
+Veränderung (Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den anderen)
+kontinuierlich sein, leicht und mit mathematischer Evidenz hier
+bewiesen werden können, wenn nicht die Kausalität einer Veränderung
+überhaupt ganz außerhalb den Grenzen einer Transzendental-Philosophie
+läge, und empirische Prinzipien voraussetzte. Denn daß eine Ursache
+möglich sei, welche den Zustand der Dinge verändere, d.i. sie zum
+Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes bestimme, davon gibt uns
+der Verstand a priori gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil
+er die Möglichkeit davon gar nicht einsieht, (denn diese Einsicht
+fehlt uns in mehreren Erkenntnissen a priori,) sondern weil die
+Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der Erscheinungen trifft,
+welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen daß ihre Ursache in
+dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber hier nichts vor uns
+haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen Grundbegriffe
+aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts Empirisches
+sein muß; so können wir, ohne die Einheit des Systems zu verletzen,
+der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen
+gebaut ist, nicht vorgreifen.
+
+Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen Einflusses,
+den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu antizipieren,
+und sogar deren Mangel sofern zu ergänzen, daß er allen falschen
+Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt.
+
+Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen dem
+und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade
+stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der
+Rezeptivität der Empfindungen haben muß; so ist keine Wahrnehmung,
+mithin auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles
+Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar, (durch
+welchen Umschweif im Schließen als man immer wolle,) bewiese, d.i. es
+kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer
+leeren Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in
+der sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen
+werden, zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem
+Unterschiede des Grades ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur
+Erklärung derselben niemals angenommen werden. Denn wenn auch die
+ganze Anschauung eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch
+real, d.i. kein Teil derselben leer ist; so muß es doch, weil jede
+Realität ihren Grad hat, der, bei unveränderter extensiver Größe
+der Erscheinung bis zum Nichts (dem leeren) durch unendliche Stufen
+abnehmen kann, unendlich verschiedene Grade, mit welchen Raum oder
+Zeit erfüllt sei, geben, und die intensive Größe in verschiedenen
+Erscheinungen kleiner oder größer sein können, obschon die extensive
+Größe der Anschauung gleich ist.
+
+Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da sie
+einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener
+Art unter gleichem Volumen (teils durch das Moment der Schwere, oder
+des Gewichts, teils durch das Moment des Widerstandes gegen andere
+bewegter Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses
+Volumen (extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien,
+obzwar in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen
+größtenteils mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl
+jemals einfallen lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf
+eine metaphysische Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden
+vorgeben, gründeten? indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich
+mag es hier nicht Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil
+dieses empirische Begriffe sind), allerwärts einerlei sei, und sich
+nur der extensiven Größe d.i. der Menge nach unterscheiden könne.
+Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen Grund in der Erfahrung haben
+konnten, und die also bloß metaphysisch ist, setze ich einen
+transzendentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied in der
+Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte
+Notwendigkeit jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht anders
+wie durch anzunehmende leere Räume, erklären zu können, völlig
+aufhebt, und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu
+versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken,
+wenn die Naturerklärung hierzu irgendeine Hypothese notwendig
+machen sollte. Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von
+verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein mögen, so, daß in
+keinem von beiden ein Punkt ist, in welchem nicht ihre Gegenwart
+anzutreffen wäre, so habe doch jedes Reale bei derselben Qualität
+ihren Grad (des Widerstandes oder des Wiegens), welcher ohne
+Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins Unendliche kleiner
+sein kann, ehe sie in das Leere übergeht, und verschwindet. So kann
+eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z.B. Wärme, und auf gleiche
+Weise jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im mindesten
+den kleinsten Teil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden
+ins Unendliche abnehmen, und nichtsdestoweniger den Raum mit diesen
+kleineren Graden ebensowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung mit
+größeren. Meine Absicht ist hier keineswegs, zu behaupten: daß dieses
+wirklich mit der Verschiedenheit der Materien, ihrer spezifischen
+Schwere nach, so bewandt sei, sondern nur aus einem Grundsatze des
+reinen Verstandes darzutun: daß die Natur unserer Wahrnehmungen eine
+solche Erklärungsart möglich mache, und daß man fälschlich das Reale
+der Erscheinung dem Grade nach als gleich, und nur der Aggregation und
+deren extensiven Größe nach als verschieden annehme, und dieses sogar,
+vorgeblichermaßen, durch einen Grundsatz des Verstandes a priori
+behaupte.
+
+Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahrnehmung etwas für einen
+der transzendentalen gewohnten und dadurch behutsam gewordenen
+Nachforscher, immer etwas Auffallendes an sich, und erregt darüber
+einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen
+Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist,
+und mithin der Möglichkeit des inneren Unterschiedes der Empfindung
+selbst, wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahiert, und
+es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der
+Verstand hierin synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen,
+und diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist,
+nämlich die Empfindung angeht, antizipieren könne?
+
+Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a
+priori gar nicht vorgestellt werden, (z.B. Farben, Geschmack usw.).
+Aber das Reale, was den Empfindungen überhaupt korrespondiert, im
+Gegensatz mit der Negation = O, stellt nur etwas vor, dessen Begriff
+an sich ein Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in
+einem empirischen Bewußtsein überhaupt. In dem inneren Sinn nämlich
+kann das empirische Bewußtsein von O bis zu jedem größeren Grade
+erhöht werden, so daß eben dieselbe extensive Größe der Anschauung
+(z.B. erleuchtete Fläche) so große Empfindung erregt, als ein Aggregat
+von vielem anderen (minder erleuchteten) zusammen. Man kann also von
+der extensiven Größe der Erscheinung gänzlich abstrahieren, und sich
+doch an der bloßen Empfindung in einem Moment eine Synthesis der
+gleichförmigen Steigerung von O bis zu dem gegebenen empirischen
+Bewußtsein vorstellen. Alle Empfindungen werden daher, als solche,
+zwar nur a priori gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie
+einen Grad haben, kann a priori erkannt werden. Es ist merkwürdig, daß
+wir an Größen überhaupt a priori nur eine einzige Qualität, nämlich
+die Kontinuität, an aller Qualität aber (dem Realen der Erscheinungen)
+nichts weiter a priori, als die intensive Quantität derselben, nämlich
+daß sie einen Grad haben, erkennen können, alles übrige bleibt der
+Erfahrung überlassen.
+
+
+
+3. Die Analogien der Erfahrung
+
+Der allgemeine Grundsatz derselben ist: Alle Erscheinungen stehen,
+ihrem Dasein nach, a priori unter Regeln der Bestimmung ihres
+Verhältnisses untereinander in einer Zeit.
+
+Die drei modi der Zeit sind Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein.
+Daher werden drei Regeln aller Zeitverhältnisse der Erscheinungen,
+wonach jeder ihr Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt
+werden kann, vor aller Erfahrung vorangehen, und diese allererst
+möglich machen.
+
+Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien beruht auf der
+notwendigen Einheit der Apperzeption, in Ansehung alles möglichen
+empirischen Bewußtseins, (der Wahrnehmung,) zu jeder Zeit, folglich,
+da jene a priori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit
+aller Erscheinungen nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. Denn die
+ursprüngliche Apperzeption bezieht sich auf den inneren Sinn (den
+Inbegriff aller Vorstellungen), und zwar a priori auf die Form
+desselben, d.i. das Verhältnis des mannigfaltigen empirischen
+Bewußtseins in der Zeit. In der ursprünglichen Apperzeption soll nun
+alle dieses Mannigfaltige, seinen Zeitverhältnissen nach, vereinigt
+werden; denn dieses sagt die transzendentale Einheit derselben a
+priori, unter welcher alles steht, was zu meinem (d.i. meinem einigen)
+Erkenntnisse gehören soll, mithin ein Gegenstand für mich werden
+kann. Diese synthetische Einheit in dem Zeitverhältnisse aller
+Wahrnehmungen, welche a priori bestimmt ist, ist also das Gesetz:
+daß alle empirischen Zeitbestimmung unter Regeln der angeben
+Zeitbestimmung stehen müssen, und die Analogien der Erfahrung, von
+denen wir jetzt handeln wollen, müssen dergleichen Regeln sein.
+
+Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, daß sie nicht die
+Erscheinungen, und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern
+bloß das Dasein, und ihr Verhältnis untereinander in Ansehung dieses
+ihres Daseins, erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Erscheinung
+apprehendiert wird, a priori dergestalt bestimmt sein, daß die
+Regel ihrer Synthesis zugleich diese Anschauung a priori in jedem
+vorliegenden empirischen Beispiele geben, d.i. sie daraus zustande
+bringen kann. Allein das Dasein der Erscheinungen kann a priori nicht
+erkannt werden, und ob wir gleich auf diesem Wege dahin gelangen
+könnten, auf irgendein Dasein zu schließen, so würden wir dieses doch
+nicht bestimmt erkennen, d.i. das, wodurch seine empirische Anschauung
+sich von anderen unterschiede, antizipieren können.
+
+Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematischen nannte, in
+Betracht dessen, daß sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden
+berechtigten, gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit nach,
+und lehrten, wie sie sowohl ihrer Anschauung, als dem Realen ihrer
+Wahrnehmung nach, nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt
+werden könnten; daher sowohl bei der einen, als bei der anderen die
+Zahlgrößen, und, mit ihnen, die Bestimmung der Erscheinung als Größe,
+gebraucht werden können. So werde ich z.B. den Grad der Empfindungen
+des Sonnenlichts aus etwa 200 000 Erleuchtungen durch den Mond
+zusammensetzen und a priori bestimmt geben, d.i. konstruieren können.
+Daher können wir die ersteren Grundsätze konstitutive nennen.
+
+Ganz anders muß es mit denen bewandt sein, die das Dasein der
+Erscheinungen a priori unter Regeln bringen sollen. Denn, da dieses
+sich nicht konstruieren läßt, so werden sie nur auf das Verhältnis des
+Daseins gehen, und keine andere als bloß regulative Prinzipien abgeben
+können. Da ist also weder an Axiome, noch an Antizipationen zu denken,
+sondern, wenn uns eine Wahrnehmung in einem Zeitverhältnisse gegen
+andere (obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird a priori nicht gesagt
+werden können: welche andere und wie große Wahrnehmung, sondern, wie
+sie dem Dasein nach, in diesem modo der Zeit, mit jener notwendig
+verbunden sei. In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr
+Verschiedenes von demjenigen, was sie in der Mathematik vorstellen.
+In dieser sind es Formeln, welche die Gleichheit zweier
+Größenverhältnisse aussagen, und jederzeit konstitutiv, so, daß, wenn
+zwei Glieder der Proportion gegeben sind, auch das dritte dadurch
+gegeben wird, d.i. konstruiert werden kann. In der Philosophie aber
+ist die Analogie nicht die Gleichheit zweier quantitativen, sondern
+qualitativen Verhältnisse, wo ich aus drei gegebenen Gliedern nur das
+Verhältnis zu einem vierten, nicht aber dieses vierte Glied selbst
+erkennen, und a priori geben kann, wohl aber eine Regel habe, es in
+der Erfahrung zu suchen, und ein Merkmal, es in derselben aufzufinden.
+Eine Analogie der Erfahrung wird also nur eine Regel sein, nach
+welcher aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung (nicht wie Wahrnehmung
+selbst, als empirische Anschauung überhaupt) entspringen soll, und als
+Grundsatz von den Gegenständen (der Erscheinungen) nicht konstitutiv,
+sondern bloß regulativ gelten. Ebendasselbe aber wird auch von den
+Postulaten des empirischen Denkens überhaupt, welche die Synthesis der
+bloßen Anschauung (der Form der Erscheinung), der Wahrnehmung (der
+Materie derselben), und der Erfahrung (des Verhältnisses dieser
+Wahrnehmungen) zusammen betreffen, gelten, nämlich daß sie nur
+regulative Grundsätze sind, und sich von den mathematischen, die
+konstitutiv sind, zwar nicht in der Gewißheit, welche in beiden
+a priori feststeht, aber doch in der Art der Evidenz, d.i. dem
+Intuitiven derselben (mithin auch der Demonstration) unterscheiden.
+
+Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward, und hier
+vorzüglich angemerkt werden muß, ist dieses: daß diese Analogien nicht
+als Grundsätze des transzendentalen, sondern bloß des empirischen
+Verstandesgebrauchs, ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit halben,
+mithin auch nur als solche bewiesen werden können, daß folglich die
+Erscheinungen nicht unter die Kategorien schlechthin, sondern nur
+unter ihre Schemate subsumiert werden müssen. Denn, wären die
+Gegenstände, auf welche diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge
+an sich selbst, so wäre es ganz unmöglich, etwas von ihnen a priori
+synthetisch zu erkennen. Nun sind es nichts als Erscheinungen, deren
+vollständige Erkenntnis, auf die alle Grundsätze a priori zuletzt
+doch immer auslaufen müssen, lediglich die mögliche Erfahrung ist,
+folglich können jene nichts, als bloß die Bedingungen der Einheit
+des empirischen Erkenntnisses in der Synthesis der Erscheinungen zum
+Ziele haben; diese aber wird nur allein in dem Schema des reinen
+Verstandesbegriffs gedacht, von deren Einheit, als einer Synthesis
+überhaupt, die Kategorie die durch keine sinnliche Bedingung
+restringierte Funktion enthält. Wir werden also durch diese Grundsätze
+die Erscheinungen nur nach einer Analogie, mit der logischen und
+allgemeinen Einheit der Begriffe, zusammenzusetzen berechtigt werden,
+und daher uns in dem Grundsatze selbst zwar der Kategorie bedienen,
+in der Ausführung aber (der Anwendung auf Erscheinungen) das Schema
+derselben, als den Schlüssel ihres Gebrauchs, an dessen Stelle, oder
+jener vielmehr, als restringierende Bedingung, unter dem Namen einer
+Formel des ersteren, zur Seite setzen.
+
+
+
+A. Erste Analogie
+Grundsatz der Beharrlichkeit
+
+Alle Erscheinungen enthalten das Beharrliche (Substanz) als den
+Gegenstand selbst, und das Wandelbare, als dessen bloße Bestimmung,
+d.i. eine Art, wie der Gegenstand existiert.
+
+ Beweis dieser ersten Analogie
+
+Alle Erscheinungen sind in der Zeit. Diese kann auf zweifache Weise
+das Verhältnis im Dasein derselben bestimmen, entweder sofern sie nach
+einander oder zugleich sind. In Betracht der ersteren, wird die Zeit,
+als Zeitreihe, in Ansehung der zweiten als Zeitumfang betrachtet.
+
+Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
+sukzessiv, und ist also immer wechselnd. Wir können also dadurch
+allein niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige, als Gegenstand der
+Erfahrung, zugleich sei, oder nacheinander folge, wo an ihr nicht
+etwas zum Grunde liegt, was jederzeit ist, d.i. etwas Bleibendes und
+Beharrliches, von welchem aller Wechsel und Zugleichsein nichts, als
+so viel Arten (modi der Zeit) sind, wie das Beharrliche existiert.
+Nur in dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich (denn
+Simultaneität und Sukzession sind die einzigen Verhältnisse in der
+Zeit), d.i. das Beharrliche ist das Substratum der empirischen
+Vorstellung der Zeit selbst, an welchem alle Zeitbestimmung allein
+möglich ist. Die Beharrlichkeit drückt überhaupt die Zeit, als das
+beständige Korrelatum alles Daseins der Erscheinungen, alles Wechsels
+und aller Begleitung, aus. Denn der Wechsel trifft die Zeit selbst
+nicht, sondern nur die Erscheinungen in der Zeit, (so wie das
+Zugleichsein nicht ein modus der Zeit selbst ist, als in welcher gar
+keine Teile zugleich, sondern alle nacheinander sind). Wollte man der
+Zeit selbst eine Folge nacheinander beilegen, so müßte man noch eine
+andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre. Durch das
+Beharrliche allein bekommt das Dasein in verschiedenen Teilen der
+Zeitreihe nacheinander eine Größe, die man Dauer nennt. Denn in der
+bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend und anhebend,
+und hat niemals die mindeste Größe. Ohne dieses Beharrliche
+ist also kein Zeitverhältnis. Nun kann die Zeit an sich selbst
+nicht wahrgenommen werden; mithin ist dieses Beharrliche an den
+Erscheinungen das Substratum aller Zeitbestimmung, folglich auch
+die Bedingung der Möglichkeit aller synthetischen Einheit der
+Wahrnehmungen, d.i. der Erfahrung, und an diesem Beharrlichen kann
+alles Dasein und aller Wechsel in der Zeit nur als ein modus der
+Existenz dessen, was bleibt und beharrt, angesehen werden. Also ist in
+allen Erscheinungen das Beharrliche der Gegenstand selbst, d.i. die
+Substanz (phaenomenon), alles aber, was wechselt, oder wechseln kann,
+gehört nur zu der Art, wie diese Substanz oder Substanzen existieren,
+mithin zu ihren Bestimmungen.
+
+Ich finde, daß zu allen Zeiten nicht bloß der Philosoph, sondern
+selbst der gemeine Verstand diese Beharrlichkeit, als ein Substratum
+alles Wechsels der Erscheinungen, vorausgesetzt haben, und auch
+jederzeit als ungezweifelt annehmen werden, nur daß der Philosoph
+sich hierüber etwas bestimmter ausdrückt, indem er sagt: bei allen
+Veränderungen in der Welt bleibt die Substanz, und nur die Akzidenzen
+wechseln. Ich treffe aber von diesem so synthetischen Satze nirgends
+auch nur den Versuch von einem Beweise, ja er steht auch nur selten,
+wie es ihm doch gebührt, an der Spitze der reinen und völlig a priori
+bestehenden Gesetze der Natur. In der Tat ist der Satz, daß die
+Substanz beharrlich sei, tautologisch. Denn bloß diese Beharrlichkeit
+ist der Grund, warum wir auf die Erscheinung die Kategorie der
+Substanz anwenden, und man hätte beweisen müssen, daß in allen
+Erscheinungen etwas Beharrliches sei, an welchem das Wandelbare nichts
+als Bestimmung seines Daseins ist. Da aber ein solcher Beweis niemals
+dogmatisch, d.i. aus Begriffen, geführt werden kann, weil er einen
+synthetischen Satz a priori betrifft, und man niemals daran dachte,
+daß dergleichen Sätze nur in Beziehung auf mögliche Erfahrung gültig
+sind, mithin auch nur durch eine Deduktion der Möglichkeit der
+letzteren bewiesen werden können; so ist kein Wunder, wenn er zwar bei
+aller Erfahrung zum Grunde gelegt (weil man dessen Bedürfnis bei der
+empirischen Erkenntnis fühlt), niemals aber bewiesen worden ist.
+
+Ein Philosoph wurde gefragt: wieviel wiegt der Rauch? Er antwortete:
+ziehe von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht der
+übrigbleibenden Asche ab, so hast du das Gewicht des Rauchs. Er setzte
+also als unwidersprechlich voraus: daß, selbst im Feuer, die Materie
+(Substanz) nicht vergehe, sondern nur die Form derselben eine
+Abänderung erleide. Ebenso war der Satz: aus nichts wird nichts, nur
+ein anderer Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit, oder
+vielmehr des immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjekts an
+den Erscheinungen. Denn, wenn dasjenige an der Erscheinung, was man
+Substanz nennen will, das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung
+sein soll, so muß sowohl alles Dasein in der vergangenen, als das der
+künftigen Zeit, daran einzig und allein bestimmt werden können. Daher
+können wir einer Erscheinung nur darum den Namen Substanz geben, weil
+wir ihr Dasein zu aller Zeit voraussetzen, welches durch das Wort
+Beharrlichkeit nicht einmal wohl ausgedrückt wird, indem dieses mehr
+auf künftige Zeit geht. Indessen ist die innere Notwendigkeit zu
+beharren, doch unzertrennlich mit der Notwendigkeit, immer gewesen zu
+sein, verbunden, und der Ausdruck mag also bleiben. Gigni de nihilo
+nihil, in nihilum nil posse reverti, waren zwei Sätze, welche die
+Alten unzertrennt verknüpften, und die man aus Mißverstand jetzt
+bisweilen trennt, weil man sich vorstellt, daß sie Dinge an sich
+selbst angehen, und der erstere der Abhängigkeit der Welt von einer
+obersten Ursache (auch sogar ihrer Substanz nach) entgegen sein
+dürfte; welche Besorgnis unnötig ist, indem hier nur von Erscheinungen
+im Felde der Erfahrung die Rede ist, deren Einheit niemals möglich
+sein würde, wenn wir neue Dinge (der Substanz nach) wollten entstehen
+lassen. Denn alsdann fiele dasjenige weg, welches die Einheit der
+Zeit allein vorstellen kann, nämlich die Identität des Substratum,
+als woran aller Wechsel allein durchgängige Einheit hat. Diese
+Beharrlichkeit ist indes doch weiter nichts, als die Art, uns das
+Dasein der Dinge (in der Erscheinung) vorzustellen.
+
+Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts anderes sind, als
+besondere Arten derselben zu existieren, heißen Akzidenzen. Sie
+sind jederzeit real, weil sie das Dasein der Substanz betreffen,
+(Negationen sind nur Bestimmungen, die das Nichtsein von etwas an
+der Substanz ausdrücken). Wenn man nun diesem Realen an der Substanz
+ein besonderes Dasein beigelegt, (z.E. der Bewegung, als einem
+Akzidens der Materie,) so nennt man dieses Dasein die Inhärenz, zum
+Unterschiede vom Dasein der Substanz, die man Subsistenz nennt.
+Allein hieraus entspringen viel Mißdeutungen, und es ist genauer und
+richtiger geredet, wenn man das Akzidens nur durch die Art, wie das
+Dasein einer Substanz positiv bestimmt ist, bezeichnet. Indessen ist
+es doch, vermöge der Bedingungen des logischen Gebrauchs unseres
+Verstandes, unvermeidlich, dasjenige, was im Dasein einer Substanz
+wechseln kann, indessen, daß die Substanz bleibt, gleichsam
+abzusondern, und in Verhältnis auf das eigentliche Beharrliche und
+Radikale zu betrachten; daher denn auch diese Kategorie unter dem
+Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Bedingung derselben, als
+daß sie selbst ein Verhältnis enthielte.
+
+Auf dieser Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung
+des Begriffs von Veränderung. Entstehen und Vergehen sind nicht
+Veränderungen desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist
+eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben
+desselben Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert,
+bleibend, und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur
+die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können, so
+können wir, in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck, sagen: nur
+das Beharrliche (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet
+keine Veränderung, sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen
+aufhören, und andere anheben.
+
+Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und das
+Entstehen oder Vergehen, schlechthin, ohne daß es bloß eine Bestimmung
+des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein,
+weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergange aus dem
+Zustande in den anderen, und von Nichtsein zum Sein, möglich macht,
+die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was bleibt, empirisch
+erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin anfange zu
+sein; so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht war. Woran
+wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen, was schon da
+ist? Denn eine leere Zeit, die vorherginge, ist kein Gegenstand der
+Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge, die vorher
+waren, und bis zu dem, was entsteht, fortdauern, so war das letztere
+nur eine Bestimmung des ersteren, als des Beharrlichen. Ebenso ist es
+auch mit dem Vergehen: denn dieses setzt die empirische Vorstellung
+einer Zeit voraus, da eine Erscheinung nicht mehr ist.
+
+Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller
+Zeitbestimmungen. Das Entstehen einiger, und das Vergehen anderer
+derselben, würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit
+der Zeit aufheben, und die Erscheinungen würden sich alsdann auf
+zweierlei Zeit beziehen, in denen nebeneinander das Dasein verflösse,
+welches ungereimt ist. Denn es ist nur Eine Zeit, in welcher alle
+verschiedenen Zeiten nicht zugleich, sondern nacheinander gesetzt
+werden müssen.
+
+So ist demnach die Beharrlichkeit eine notwendige Bedingung, unter
+welcher allein Erscheinungen, als Dinge oder Gegenstände, in einer
+möglichen Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Kriterium
+dieser notwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der
+Erscheinungen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben, das
+Nötige anzumerken.
+
+
+
+B. Zweite Analogie
+Grundsatz der Erzeugung
+
+Alles, was geschieht (anhebt zu sein) setzt etwas voraus, worauf es
+nach einer Regel folgt.
+
+Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
+sukzessiv. Die Vorstellungen der Teile folgen aufeinander. Ob sie sich
+auch im Gegenstande folgen, ist ein zweiter Punkt der Reflexion, der
+in der ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles, und
+sogar jede Vorstellung, sofern man sich ihrer bewußt ist, Objekt
+nennen; allein was dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten habe,
+nicht, insofern sie (als Vorstellungen) Objekte sind, sondern nur ein
+Objekt bezeichnen, ist von tieferer Untersuchung. Sofern sie, nur
+als Vorstellungen zugleich Gegenstände des Bewußtseins sind, so sind
+sie von der Apprehension, d.i. der Aufnahme in die Synthesis der
+Einbildungskraft, gar nicht unterschieden, und man muß also sagen:
+das Mannigfaltige der Erscheinungen wird im Gemüt jederzeit sukzessiv
+erzeugt. Wären Erscheinungen Dinge an sich selbst, so würde kein
+Mensch aus der Sukzession der Vorstellungen von ihrem Mannigfaltigen
+ermessen können, wie dieses in dem Objekt verbunden sei. Denn wir
+haben es doch nur mit unseren Vorstellungen zu tun; wie Dinge an sich
+selbst (ohne Rücksicht auf Vorstellungen, dadurch sie uns affizieren,)
+sein mögen, ist gänzlich außer unserer Erkenntnissphäre. Ob nun gleich
+die Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, und gleichwohl doch das
+einzige sind, was uns zur Erkenntnis gegeben werden kann, so soll ich
+anzeigen, was dem Mannigfaltigen an den Erscheinungen selbst für eine
+Verbindung in der Zeit zukomme, indessen daß die Vorstellung desselben
+in der Apprehension jederzeit sukzessiv ist. So ist z.E. die
+Apprehension des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines Hauses, das
+vor mir steht, sukzessiv. Nun ist die Frage: ob das Mannigfaltige
+dieses Hauses selbst auch in sich sukzessiv sei, welches freilich
+niemand zugeben wird. Nun ist aber, sobald ich meine Begriffe von
+einem Gegenstande bis zur transzendentalen Bedeutung steigere, das
+Haus gar kein Ding an sich selbst, sondern nur eine Erscheinung, d.i.
+Vorstellung, dessen transzendentaler Gegenstand unbekannt ist; was
+verstehe ich also unter der Frage: wie das Mannigfaltige in der
+Erscheinung selbst (die doch nichts an sich selbst ist) verbunden sein
+möge? Hier wird das, was in der sukzessiven Apprehension liegt, als
+Vorstellung, die Erscheinung aber, die mir gegeben ist, ohnerachtet
+sie nichts weiter als ein Inbegriff dieser Vorstellungen ist, als der
+Gegenstand derselben betrachtet, mit welchem mein Begriff, den ich aus
+den Vorstellungen der Apprehension ziehe, zusammenstimmen soll. Man
+sieht bald, daß, weil Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt
+Wahrheit ist, hier nur nach den formalen Bedingungen der empirischen
+Wahrheit gefragt werden kann, und Erscheinung, im Gegenverhältnis
+mit den Vorstellungen der Apprehension, nur dadurch als das davon
+unterschiedene Objekt derselben könne vorgestellt werden, wenn sie
+unter einer Regel steht, welche sie von jeder anderen Apprehension
+unterscheidet, und eine Art der Verbindung des Mannigfaltigen
+notwendig macht. Dasjenige an der Erscheinung, was die Bedingung
+dieser notwendigen Regel der Apprehension enthält, ist das Objekt.
+
+Nun laßt uns zu unserer Aufgabe fortgehen. Daß etwas geschehe, d.i.
+etwas, oder ein Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht
+empirisch wahrgenommen werden, wo nicht eine Erscheinung vorhergeht,
+welche diesen Zustand nicht in sich enthält; denn eine Wirklichkeit,
+die auf eine leere Zeit folge mithin ein Entstehen, vor dem kein
+Zustand der Dinge vorhergeht, kann ebensowenig, als die leere Zeit
+selbst apprehendiert werden. Jede Apprehension einer Begebenheit ist
+also eine Wahrnehmung, welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber
+bei aller Synthesis der Apprehension so beschaffen ist, wie ich oben
+an der Erscheinung eines Hauses gezeigt habe, so unterscheidet sie
+sich dadurch noch nicht von anderen. Allein ich bemerke auch. daß,
+wenn ich an einer Erscheinung, welche ein Geschehen enthält, den
+vorhergehenden Zustand der Wahrnehmung A, den folgenden aber B nenne,
+daß B auf A in der Apprehension nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf
+B nicht folgen, sondern nur vorhergehen kann. Ich sehe z.B. ein Schiff
+den Strom hinabtreiben. Meine Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb,
+folgt auf die Wahrnehmung der Stelle desselben oberhalb dem Laufe
+des Flusses, und es ist unmöglich, daß in der Apprehension dieser
+Erscheinung das Schiff zuerst unterhalb, nachher aber oberhalb des
+Stromes wahrgenommen werden sollte. Die Ordnung in der Folge der
+Wahrnehmungen in der Apprehension ist hier also bestimmt, und an
+dieselbe ist die letztere gebunden. In dem vorigen Beispiele von einem
+Hause konnten meine Wahrnehmungen in der Apprehension von der Spitze
+desselben anfangen, und beim Boden endigen, aber auch von unten
+anfangen, und oben endigen, imgleichen rechts oder links das
+Mannigfaltige der empirischen Anschauung apprehendieren. In der Reihe
+dieser Wahrnehmungen war also keine bestimmte Ordnung, welche es
+notwendig machte, wenn ich in der Apprehension anfangen müßte, um das
+Mannigfaltige empirisch zu verbinden. Diese Regel aber ist bei der
+Wahrnehmung von dem, was geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie
+macht die Ordnung der einander folgenden Wahrnehmungen (in der
+Apprehension dieser Erscheinung) notwendig.
+
+Ich werde also, in unserem Fall, die subjektive Folge der Apprehension
+von der objektiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen, weil jene
+sonst gänzlich unbestimmt ist, und keine Erscheinung von der anderen
+unterscheidet. Jene allein beweist nichts von der Verknüpfung des
+Mannigfaltigen am Objekt, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird
+in der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach
+welcher die Apprehension des einen (was geschieht) auf die des anderen
+(das vorhergeht) nach einer Regel folgt. Nur dadurch kann ich von der
+Erscheinung selbst, und nicht bloß von meiner Apprehension, berechtigt
+sein zu sagen: daß in jener eine Folge anzutreffen sei, welches so
+viel bedeutet, als daß ich die Apprehension nicht anders anstellen
+könne, als gerade in dieser Folge.
+
+Nach einer solchen Regel also muß in dem, was überhaupt vor einer
+Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, nach
+welcher jederzeit und notwendigerweise diese Begebenheit folgt;
+umgekehrt aber kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen, und
+dasjenige bestimmen (durch Apprehension) was vorhergeht. Denn von dem
+folgenden Zeitpunkt geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber
+bezieht sich doch auf irgendeinen vorigen; von einer gegebenen Zeit
+ist dagegen der Fortgang auf die bestimmte folgende notwendig. Daher,
+weil es doch etwas ist, was folgt, so muß ich es notwendig auf etwas
+anderes überhaupt beziehen, was vorhergeht, und worauf es nach einer
+Regel, d.i. notwendigerweise, folgt, so daß die Begebenheit, als das
+Bedingte, auf irgendeine Bedingung sichere Anweisung gibt, diese aber
+die Begebenheit bestimmt.
+
+Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf
+dieselbe nach einer Regel folgen müßte, so wäre alle Folge der
+Wahrnehmung nur lediglich in der Apprehension, d.i. bloß subjektiv,
+aber dadurch gar nicht objektiv bestimmt, welches eigentlich das
+Vorhergehende, und welches das Nachfolgende der Wahrnehmungen sein
+müßte. Wir würden auf solche Weise nur ein Spiel der Vorstellungen
+haben, das sich auf gar kein Objekt bezöge, d.i. es würde durch unsere
+Wahrnehmung eine Erscheinung von jeder anderen, dem Zeitverhältnisse
+nach, gar nicht unterschieden werden; weil die Sukzession im
+Apprehendieren allerwärts einerlei, und also nichts in der Erscheinung
+ist, was sie bestimmt, so daß dadurch eine gewisse Folge als objektiv
+notwendig gemacht wird. Ich werde also nicht sagen: daß in der
+Erscheinung zwei Zustände aufeinander folgen; sondern nur: daß eine
+Apprehension auf die andere folgt, welches bloß etwas Subjektives ist,
+und kein Objekt bestimmt, mithin gar nicht vor Erkenntnis irgendeines
+Gegenstandes (selbst nicht in der Erscheinung) gelten kann.
+
+Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei
+jederzeit voraus, daß irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer
+Regel folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Objekt sagen,
+daß es folge, weil die bloße Folge in meiner Apprehension, wenn sie
+nicht durch eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt
+ist, keine Folge im Objekte berechtigt. Also geschieht es immer in
+Rücksicht auf eine Regel, nach welcher die Erscheinungen in ihrer
+Folge, d.i. so wie sie geschehen, durch den vorigen Zustand bestimmt
+sind, daß ich meine subjektive Synthesis (der Apprehension) objektiv
+mache, und, nur lediglich unter dieser Voraussetzung allein, ist
+selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht, möglich.
+
+Zwar scheint es, als widerspreche dieses allen Bemerkungen, die man
+jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat, nach
+welchen wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen
+übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende
+Erscheinungen, eine Regel zu entdecken, geleitet worden, der gemäß
+gewisse Begebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzeit folgen,
+und dadurch zuerst veranlaßt worden, uns den Begriff von Ursache zu
+machen. Auf solchen Fuß würde dieser Begriff bloß empirisch sein, und
+die Regel, die er verschafft, daß alles, was geschieht, eine Ursache
+habe, würde ebenso zufällig sein, als die Erfahrung selbst: seine
+Allgemeinheit und Notwendigkeit wären alsdann nur angedichtet, und
+hätten keine wahre allgemeine Gültigkeit, weil sie nicht a priori,
+sondern nur auf Induktion gegründet wären. Es geht aber hiemit so, wie
+mit anderen reinen Vorstellungen a priori, (z.B. Raum und Zeit) die
+wir darum allein aus der Erfahrung als klare Begriffe herausziehen
+können, weil wir sie in die Erfahrung gelegt hatten, und diese daher
+durch jene allererst zustande brachten. Freilich ist die logische
+Klarheit dieser Vorstellung, einer die Reihe der Begebenheiten
+bestimmenden Regel, als eines Begriffs von Ursache, nur alsdann
+möglich, wenn wir davon in der Erfahrung Gebrauch gemacht haben, aber
+eine Rücksicht auf dieselbe, als Bedingung der synthetischen Einheit
+der Erscheinungen in der Zeit, war doch der Grund der Erfahrung
+selbst, und ging also a priori vor ihr vorher.
+
+Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, daß wir niemals
+selbst in der Erfahrung die Folge (einer Begebenheit, da etwas
+geschieht, was vorher nicht war) dem Objekt beilegen, und sie von der
+subjektiven unserer Apprehension unterscheiden, als wenn eine Regel
+zum Grunde liegt, die uns nötig, diese Ordnung der Wahrnehmungen
+vielmehr als eine andere zu beobachten, ja daß diese Nötigung es
+eigentlich sei, was die Vorstellung einer Sukzession im Objekt
+allererst möglich macht.
+
+Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden
+können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt, und so genau
+oder pünktlich sein, als man wolle, so bleiben es doch nur immer
+Vorstellungen, d.i. innere Bestimmungen unseres Gemüts in diesem
+oder jenem Zeitverhältnisse. Wie kommen wir nun dazu, daß wir diesen
+Vorstellungen ein Objekt setzen, oder über ihre subjektive Realität,
+als Modifikationen, ihnen noch, ich weiß nicht, was für eine,
+objektive beilegen? Objektive Bedeutung kann nicht in der Beziehung
+auf eine andere Vorstellung (von dem, was man vom Gegenstande nennen
+wollte) bestehen, denn sonst erneuert sich die Frage: wie geht diese
+Vorstellung wiederum aus sich selbst heraus, und bekommt objektive
+Bedeutung noch über die subjektive, welche ihr, als Bestimmung des
+Gemütszustandes, eigen ist? Wenn wir untersuchen, was denn die
+Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue
+Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie dadurch
+erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Verbindung
+der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen, und sie
+einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch, daß eine
+gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen
+notwendig ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird.
+
+In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der
+Vorstellungen jederzeit nacheinander. Hiedurch wird nun gar kein
+Objekt vorgestellt; weil durch diese Folge, die allen Apprehensionen
+gemein ist, nichts vom anderen unterschieden wird. Sobald ich aber
+wahrnehme, oder voraus annehme, daß in dieser Folge eine Beziehung auf
+den vorhergehenden Zustand sei, aus welchem die Vorstellung nach einer
+Regel folgt, so stellt sich etwas vor als Begebenheit, oder was da
+geschieht, d.i. ich erkenne einen Gegenstand, den ich in der Zeit
+auf eine gewisse bestimmte Stelle setzen muß, die ihm, nach dem
+vorhergehenden Zustande, nicht anders erteilt werden kann. Wenn ich
+also wahrnehme, daß etwas geschieht, so ist in dieser Vorstellung
+erstlich enthalten: daß etwas vorhergehe, weil eben in Beziehung auf
+dieses die Erscheinung ihre Zeitverhältnis bekommt, nämlich, nach
+einer vorhergehenden Zeit, in der sie nicht war, zu existieren. Aber
+ihre bestimmte Zeitstelle in diesem Verhältnisse kann sie nur dadurch
+bekommen, daß im vorhergehenden Zustande etwas vorausgesetzt wird,
+worauf es jederzeit, d.i. nach einer Regel, folgt: woraus sich denn
+ergibt, daß ich erstlich nicht die Reihe umkehren, und das, was
+geschieht, demjenigen voransetzen kann, worauf es folgt: zweitens
+daß, wenn der Zustand, der vorhergeht, gesetzt wird, diese bestimmte
+Begebenheit unausbleiblich und notwendig folge. Dadurch geschieht es:
+daß eine Ordnung unter unseren Vorstellungen wird, in welcher das
+Gegenwärtige (sofern es geworden) auf irgendeinen vorhergehenden
+Zustand Anweisung gibt, als ein, obzwar noch unbestimmtes Korrelatum
+dieser Ereignis, die gegeben ist, welches sich aber auf diese, als
+seine Folge, bestimmend bezieht, und sie notwendig mit sich in der
+Zeitreihe verknüpft.
+
+Wenn es nun ein notwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin eine
+formale Bedingung aller Wahrnehmungen ist: daß die vorige Zeit die
+folgende notwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders
+gelangen kann, als durch die vorhergehende); so ist es auch ein
+unentbehrliches Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, daß
+die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden
+bestimmen, und daß diese, als Begebenheiten, nicht stattfinden, als
+sofern jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d.i. nach einer
+Regel festsetzen. Denn nur an den Erscheinungen können wir diese
+Kontinuität im Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen.
+
+Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und das
+erste, was er dazu tut, ist nicht: daß er die Vorstellung der
+Gegenstände deutlich macht, sondern daß er die Vorstellung eines
+Gegenstandes überhaupt möglich macht. Dieses geschieht nun dadurch,
+daß er die Zeitordnung auf die Erscheinungen und deren Dasein
+überträgt, indem er jeder derselben als Folge eine, in Ansehung der
+vorhergehenden Erscheinungen, a priori bestimmte Stelle in der Zeit
+zuerkennt, ohne welche sie nicht mit der Zeit selbst, die allen ihren
+Teilen a priori ihre Stelle bestimmt, übereinkommen würde. Diese
+Bestimmung der Stelle kann nun nicht von dem Verhältnis der
+Erscheinungen gegen die absolute Zeit entlehnt werden, (denn die ist
+kein Gegenstand der Wahrnehmung,) sondern umgekehrt, die Erscheinungen
+müssen einander ihre Stellen in der Zeit selbst bestimmen, und
+dieselbe in der Zeitordnung notwendig machen, d.i. dasjenige, was da
+folgt, oder geschieht, muß nach einer allgemeinen Regel auf das, was
+im vorigen Zustande enthalten war, folgen, woraus eine Reihe der
+Erscheinungen wird, die vermittelst des Verstandes eben dieselbige
+Ordnung und stetigen Zusammenhang in der Reihe möglicher Wahrnehmungen
+hervorbringt, und notwendig macht, als sie in der Form der inneren
+Anschauung, (der Zeit) darin alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben
+müßten, a priori angetroffen wird.
+
+Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen
+Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung,
+ihrer Stelle nach, in der Zeit, als bestimmt, mithin als ein Objekt
+ansehe, welches nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen
+jederzeit gefunden werden kann. Diese Regel aber, etwas der Zeitfolge
+nach zu bestimmen, ist: daß in dem, was vorhergeht, die Bedingung
+anzutreffen sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d.i.
+notwendigerweise) folgt. Also ist der Satz vom zureichenden Grunde
+der Grund möglicher Erfahrung, nämlich der objektiven Erkenntnis der
+Erscheinungen, in Ansehung des Verhältnisses derselben, in Reihenfolge
+der Zeit.
+
+Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden
+Momenten. Zu aller empirischen Erkenntnis gehört die Synthesis des
+Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft, die jederzeit sukzessiv
+ist; d.i. die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit aufeinander. Die
+Folge aber ist in der Einbildungskraft der Ordnung nach (was vorgehen
+und was folgen müsse) gar nicht bestimmt, und die Reihe der einen
+der folgenden Vorstellungen kann ebensowohl rückwärts als vorwärts
+genommen werden. Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der
+Apprehension (des Mannigfaltigen einer gegebenen Erscheinung), so ist
+die Ordnung im Objekt bestimmt, oder, genauer zu reden, es ist darin
+eine Ordnung der sukzessiven Synthesis, die ein Objekt bestimmt, nach
+welcher etwas notwendig vorausgehen, und wenn dieses gesetzt ist,
+das andere notwendig folgen müsse. Soll also meine Wahrnehmung die
+Erkenntnis einer Begebenheit enthalten, da nämlich etwas wirklich
+geschieht; so muß sie ein empirisches Urteil sein, in welchem man
+sich denkt, daß die Folge bestimmt sei, d.i. daß sie eine andere
+Erscheinung der Zeit nach voraussetze, worauf sie notwendig, oder nach
+einer Regel folgt. Widrigenfalls, wenn ich das Vorhergehende setze,
+und die Begebenheit folgte nicht darauf notwendig, so würde ich sie
+nur für ein subjektives Spiel meiner Einbildungen halten müssen, und
+stellte ich mir darunter doch etwas Objektives vor, sie einen bloßen
+Traum nennen. Also ist das Verhältnis der Erscheinungen (als möglicher
+Wahrnehmungen), nach welchem das Nachfolgende (was geschieht) durch
+etwas Vorhergehendes seinem Dasein nach notwendig, und nach einer
+Regel in der Zeit bestimmt ist, mithin das Verhältnis der Ursache zur
+Wirkung die Bedingung der objektiven Gültigkeit unserer empirischen
+Urteile, in Ansehung der Reihe der Wahrnehmungen, mithin der
+empirischen Wahrheit derselben, und also der Erfahrung. Der Grundsatz
+des Kausalverhältnisses in der Folge der Erscheinungen gilt daher
+auch vor allen Gegenständen der Erfahrung (unter den Bedingungen der
+Sukzession), weil er selbst der Grund der Möglichkeit einer solchen
+Erfahrung ist.
+
+Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben werden
+muß. Der Satz der Kausalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in
+unserer Formel auf die Reihenfolge derselben eingeschränkt, da es
+sich doch bei dem Gebrauch desselben findet, daß er auch auf ihre
+Begleitung passe, und Ursache und Wirkung zugleich sein könne. Es ist
+z.B. Wärme im Zimmer, die nicht in freier Luft angetroffen wird. Ich
+sehe mich nach der Ursache um, und finde einen geheizten Ofen. Nun ist
+dieser, als Ursache, mit seiner Wirkung, der Stubenwärme, zugleich;
+also ist hier keine Reihenfolge, der Zeit nach, zwischen Ursache und
+Wirkung, sondern sie sind zugleich, und das Gesetz gilt doch. Der
+größte Teil der wirkenden Ursache in der Natur ist mit ihren Wirkungen
+zugleich, und die Zeitfolge der letzteren wird nur dadurch veranlaßt,
+daß die Ursache ihre ganze Wirkung nicht in einem Augenblick
+verrichten kann. Aber in dem Augenblicke, da sie zuerst entsteht, ist
+sie mit der Kausalität ihrer Ursache jederzeit zugleich, weil, wenn
+jene einen Augenblick vorher aufgehört hätte zu sein, diese gar nicht
+entstanden wäre. Hier muß man wohl bemerken, daß es auf die Ordnung
+der Zeit, und nicht auf den Ablauf derselben angesehen sei; das
+Verhältnis bleibt, wenngleich keine Zeit verlaufen ist. Die Zeit
+zwischen der Kausalität der Ursache, und deren unmittelbaren Wirkung,
+kann verschwindend (sie also zugleich) sein, aber das Verhältnis der
+einen zur anderen bleibt doch immer, der Zeit nach, bestimmbar. Wenn
+ich eine Kugel, die auf einem ausgestopften Kissen liegt, und ein
+Grübchen darin drückt, als Ursache betrachte, so ist sie mit der
+Wirkung zugleich. Allein ich unterscheide doch beide durch das
+Zeitverhältnis der dynamischen Verknüpfung beider. Denn, wenn ich die
+Kugel auf das Kissen lege, so folgt auf die vorige glatte Gestalt
+desselben das Grübchen; hat aber das Kissen (ich weiß nicht woher) ein
+Grübchen, so folgt darauf nicht eine bleierne Kugel.
+
+Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriterium
+der Wirkung, in Beziehung auf die Kausalität der Ursache, die
+vorhergeht. Das Glas ist die Ursache von dem Steigen des Wassers über
+seine Horizontalfläche, obgleich beide Erscheinungen zugleich sind.
+Denn sobald ich dieses aus einem größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe,
+so erfolgt etwas, nämlich die Veränderung des Horizontalstandes, den
+es dort hatte, in einen konkaven, den es im Glase annimmt.
+
+Diese Kausalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den
+Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich
+mein kritisches Vorhaben, welches lediglich auf die Quellen der
+synthetischen Erkenntnis a priori geht, nicht mit Zergliederungen
+bemengen will, die bloß die Erläuterung (nicht Erweiterung) der
+Begriffe angehen, so überlasse ich die umständliche Erörterung
+derselben einem künftigen System der reinen Vernunft: wiewohl man eine
+solche Analysis im reichen Maße, auch schon in den bisher bekannten
+Lehrbüchern dieser Art, antrifft. Allein das empirische Kriterium
+einer Substanz, sofern sie sich nicht durch die Beharrlichkeit der
+Erscheinung, sondern besser und leichter durch Handlung zu offenbaren
+scheint, kann ich nicht unberührt lassen.
+
+Wo Handlung, mithin Tätigkeit und Kraft ist, da ist auch Substanz,
+und in dieser allein muß der Sitz jener fruchtbaren Quelle der
+Erscheinungen gesucht werden. Das ist ganz gut gesagt; aber, wenn man
+sich darüber erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und dabei
+den fehlerhaften Zirkel vermeiden will, so ist es nicht so leicht
+verantwortet. Wie will man aus der Behandlung sogleich auf die
+Beharrlichkeit des Handelnden schließen, welches doch ein so
+wesentliches und eigentümliches Kennzeichen der Substanz (phaenomenon)
+ist? Allein, nach unserem vorigen hat die Auflösung der Frage doch
+keine solche Schwierigkeit, ob sie gleich nach der gemeinen Art (bloß
+analytisch mit seinen Begriffen zu verfahren) ganz unauflöslich
+sein würde. Handlung bedeutet schon das Verhältnis des Subjekts der
+Kausalität zur Wirkung. Weil nun alle Wirkung in dem besteht, was da
+geschieht, mithin im Wandelbaren, was die Zeit der Sukzession nach
+bezeichnet; so ist das letzte Subjekt desselben das Beharrliche, als
+das Substratum alles Wechselnden, d.i. die Substanz. Denn nach dem
+Grundsatze der Kausalität sind Handlungen immer der erste Grund von
+allem Wechsel der Erscheinungen, und können also nicht in einem
+Subjekt liegen, was selbst wechselt, weil sonst andere Handlungen und
+ein anderes Subjekt, welches diesen Wechsel bestimmte, erforderlich
+wären. Kraft dessen beweist nun Handlung, als ein hinreichendes
+empirisches Kriterium, die Substantialität, ohne daß ich die
+Beharrlichkeit desselben durch verglichene Wahrnehmungen allererst
+zu suchen nötig hätte, welches auch auf diesem Wege mit der
+Ausführlichkeit nicht geschehen könnte, die zu der Größe und strengen
+Allgemeingültigkeit des Begriffs erforderlich ist. Denn daß das erste
+Subjekt der Kausalität alles Entstehens und Vergehens selbst nicht
+(im Felde der Erscheinungen) entstehen und vergehen könne, ist ein
+sicherer Schluß, der auf empirische Notwendigkeit und Beharrlichkeit
+im Dasein, mithin auf den Begriff einer Substanz als Erscheinung
+ausläuft.
+
+Wenn etwas geschieht, so ist das bloße Entstehen, ohne Rücksicht
+auf das, was da entsteht, schon an sich selbst ein Gegenstand der
+Untersuchung. Der Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen
+Zustand, gesetzt, daß dieser auch keine Qualität in der Erscheinung
+enthielte, ist schon allein nötig zu untersuchen. Dieses Entstehen
+trifft, wie in der Nummer A gezeigt worden, nicht die Substanz
+(denn die entsteht nicht), sondern ihren Zustand. Es ist also bloß
+Veränderung, und nicht Ursprung aus Nichts. Wenn dieser Ursprung
+als Wirkung von einer fremden Ursache angesehen wird, so heißt er
+Schöpfung, welche als Begebenheit unter den Erscheinungen nicht
+zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit allein schon die
+Einheit der Erfahrung aufheben würde, obzwar, wenn ich alle Dinge
+nicht als Phänomene, sondern als Dinge an sich betrachte, und als
+Gegenstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind,
+dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen
+werden können; welches aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach
+sich ziehen, und auf Erscheinungen, als mögliche Gegenstände der
+Erfahrung, nicht passen würde.
+
+Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne; wie es möglich ist,
+daß auf einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im
+anderen folgen könne: davon haben wir a priori nicht den mindesten
+Begriff. Hierzu wird die Kenntnis wirklicher Kräfte erfordert, welche
+nur empirisch gegeben werden kann, z.B. der bewegenden Kräfte, oder,
+welches einerlei ist, gewisser sukzessiver Erscheinungen, (als
+Bewegungen) welche solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden
+Veränderung, die Bedingung, unter welcher sie, als ein Entstehen eines
+anderen Zustandes, allein vorgehen kann, (der Inhalt derselben, d.i.
+der Zustand, der verändert wird, mag sein, welcher er wolle), mithin
+die Sukzession der Zustände selbst (das Geschehene) kann doch nach dem
+Gesetze der Kausalität und den Bedingungen der Zeit a priori erwogen
+werden*.
+
+* Man merke wohl: daß ich nicht von der Veränderung gewisser
+ Relationen überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede.
+ Daher, wenn ein Körper sich gleichförmig bewegt, so verändert er
+ seinen Zustand (der Bewegung) gar nicht; aber wohl, wenn seine
+ Bewegung zu- und abnimmt.
+
+Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen anderen b übergeht,
+so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes
+unterschieden, und folgt demselben. Ebenso ist auch der zweite Zustand
+als Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht war,
+wie b vom Zero unterschieden; d.i. wenn der Zustand b sich auch von
+dem Zustande a nur der Größe nach unterschiede, so ist die Veränderung
+ein Entstehen von b-a, welches im vorigen Zustande nicht war, und in
+Ansehung dessen er = o ist.
+
+Es frägt sich also, wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen
+anderen = b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit,
+und zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der
+eine Größe hat, (denn alle Teile der Erscheinungen sind immer wiederum
+Größen). Also geschieht jeder Übergang aus einem Zustande in den
+anderen in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten ist,
+deren der erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht,
+der zweite den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der
+Zeit einer Veränderung, mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden
+Zuständen, und gehören als solche mit zu der ganzen Veränderung. Nun
+hat jede Veränderung eine Ursache, welche in der ganzen Zeit, in
+welcher jene vorgeht, ihre Kausalität beweist. Also bringt diese
+Ursache ihre Veränderung nicht plötzlich (auf einmal oder in einem
+Augenblicke) hervor, sondern in einer Zeit, so, daß, wie die Zeit vom
+Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b wächst, auch die
+Größe der Realität (b-a) durch alle kleineren Grade, die zwischen dem
+ersten und letzten enthalten sind, erzeugt wird. Alle Veränderung ist
+also nur durch eine kontinuierliche Handlung der Kausalität möglich,
+welche, sofern sie gleichförmig ist, ein Moment heißt. Aus diesen
+Momenten besteht nicht die Veränderung, sondern wird dadurch erzeugt
+als ihre Wirkung.
+
+Das ist nun das Gesetz der Kontinuität aller Veränderung, dessen Grund
+dieser ist: daß weder die Zeit, noch auch die Erscheinung in der Zeit,
+aus Teilen besteht, die die kleinsten sind, und daß doch der Zustand
+des Dinges bei seiner Veränderung durch alle diese Teile, als
+Elemente, zu seinem zweiten Zustande übergehe. Es ist kein Unterschied
+des Realen in der Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Größe
+der Zeiten, der kleinste, und so erwächst der neue Zustand der
+Realität von dem ersten an, darin diese nicht war, durch alle
+unendlichen Grade derselben, deren Unterschiede voneinander insgesamt
+kleiner sind, als der zwischen o und a.
+
+Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, das geht
+uns hier nichts an. Aber, wie ein solcher Satz, der unsere Erkenntnis
+der Natur so zu erweitern scheint, völlig a priori möglich sei, das
+erfordert gar sehr unsere Prüfung, wenngleich der Augenschein beweist,
+daß er wirklich und richtig sei, und man also der Frage, wie er
+möglich gewesen, überhoben zu sein glauben möchte. Denn es gibt so
+mancherlei ungegründete Anmaßungen der Erweiterung unserer Erkenntnis
+durch reine Vernunft: daß es zum allgemeinen Grundsatz angenommen
+werden muß, deshalb durchaus mißtrauisch zu sein, und ohne Dokumente,
+die eine gründliche Deduktion verschaffen können, selbst auf den
+klarsten dogmatischen Beweis nichts dergleichen zu glauben und
+anzunehmen.
+
+Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses, und jeder Fortschritt
+der Wahrnehmung ist nichts, als eine Erweiterung der Bestimmung des
+inneren Sinnes, d.i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen
+sein, welche sie wollen, Erscheinungen, oder reine Anschauungen.
+Dieser Fortgang in der Zeit bestimmt alles, und ist an sich selbst
+durch nichts weiter bestimmt: d.i. die Teile desselben sind nur in
+der Zeit, und durch die Synthesis derselben, sie aber nicht vor ihr
+gegeben. Um deswillen ist ein jeder Übergang in der Wahrnehmung zu
+etwas, was in der Zeit folgt, eine Bestimmung der Zeit durch die
+Erzeugung dieser Wahrnehmung, und da jene, immer und in allen ihren
+Teilen, eine Größe ist, die Erzeugung einer Wahrnehmung als einer
+Größe durch alle Grade, deren keiner der kleinste ist, von dem Zero
+an, bis zu ihrem bestimmten Grad. Hieraus erhellt nun die Möglichkeit,
+ein Gesetz der Veränderungen, ihrer Form nach, a priori zu erkennen.
+Wir antizipieren nur unsere eigene Apprehension, deren formale
+Bedingung, da sie uns vor aller gegebenen Erscheinung selbst beiwohnt,
+allerdings a priori muß erkannt werden können.
+
+So ist demnach, ebenso, wie die Zeit die sinnliche Bedingung a
+priori von der Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortganges des
+Existierenden zu dem Folgenden enthält, der Verstand, vermittelst der
+Einheit der Apperzeption, die Bedingung a priori der Möglichkeit einer
+kontinuierlichen Bestimmung aller Stellen für die Erscheinungen in
+dieser Zeit, durch die Reihe von Ursachen und Wirkungen, deren die
+ersteren der letzteren ihr Dasein unausbleiblich nach sich ziehen, und
+dadurch die empirische Erkenntnis der Zeitverhältnisse für jede Zeit
+(allgemein) mithin objektiv gültig machen.
+
+
+
+C. Dritte Analogie
+Grundsatz der Gemeinschaft
+
+Alle Substanzen, sofern sie zugleich sind, stehen in durchgängiger
+Gemeinschaft, (d.i. Wechselwirkung untereinander).
+
+ Beweis
+
+Dinge sind zugleich, sofern sie in einer und derselben Zeit
+existieren. Woran erkennt man aber: daß sie in einer und derselben
+Zeit sind? Wenn die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses
+Mannigfaltigen gleichgültig ist, d.i. von A durch B, C, D auf E, oder
+auch umgekehrt von E zu A gehen kann. Denn, wäre sie in der Zeit
+nacheinander (in der Ordnung, die von A anhebt, und in E endigt), so
+ist es unmöglich, die Apprehension in der Wahrnehmung von E anzuheben,
+und rückwärts zu A fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit gehört,
+und also kein Gegenstand der Apprehension mehr sein kann.
+
+Nehmet nun an: in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als
+Erscheinungen wäre jede derselben völlig isoliert, d.i. keine wirkte
+in die andere, und empfänge von dieser wechselseitig Einflüsse,
+so sage ich: daß das Zugleichsein derselben kein Gegenstand einer
+möglichen Wahrnehmung sein würde, und daß das Dasein der einen, durch
+keinen Weg der empirischen Synthesis, auf das Dasein der anderen
+führen könnte. Denn, wenn ihr euch gedenkt, sie wären durch einen
+völlig leeren Raum getrennt, so würde die Wahrnehmung, die von der
+einen zur anderen in der Zeit fortgeht, zwar dieser ihr Dasein,
+vermittelst einer folgenden Wahrnehmung bestimmen, aber nicht
+unterscheiden können, ob die Erscheinung objektiv auf die erstere
+folge, oder mit jener vielmehr zugleich sei.
+
+Es muß also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein, wodurch A dem B
+seine Stelle in der Zeit bestimmt, und umgekehrt auch wiederum B dem
+A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen, als zugleich
+existierend, empirisch vorgestellt werden können. Nun bestimmt nur
+dasjenige dem anderen seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von
+ihm oder seinen Bestimmungen ist. Also muß jede Substanz (da sie
+nur in Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann) die Kausalität
+gewisser Bestimmungen in der anderen, und zugleich die Wirkungen von
+der Kausalität der anderen in sich enthalten, d.i. sie müssen in
+dynamischer Gemeinschaft (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn das
+Zugleichsein in irgendeiner möglichen Erfahrung erkannt werden soll.
+Nun ist aber alles dasjenige in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung
+notwendig, ohne welches die Erfahrung von diesen Gegenständen selbst
+unmöglich sein würde. Also ist es allen Substanzen in der Erscheinung,
+sofern sie zugleich sind, notwendig, in durchgängiger Gemeinschaft der
+Wechselwirkung untereinander zu stehen.
+
+Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig, und kann
+soviel als communio, aber auch als commercium bedeuten. Wir bedienen
+uns hier desselben im letzteren Sinn, als einer dynamischen
+Gemeinschaft, ohne welche selbst die lokale (communio spatii) niemals
+empirisch erkannt werden könnte. Unseren Erfahrungen ist es leicht
+anzumerken, daß nur die kontinuierlichen Einflüsse in allen Stellen
+des Raumes unseren Sinn von einem Gegenstande zum anderen leiten
+können, daß das Licht, welches zwischen unserem Auge und den
+Weltkörpern spielt, eine mittelbare Gemeinschaft zwischen uns und
+diesen bewirken und dadurch das Zugleichsein der letzteren beweisen,
+daß wir keinen Ort empirisch verändern (diese Veränderung wahrnehmen)
+können, ohne daß uns allerwärts Materie die Wahrnehmung unserer
+Stelle möglich mache, und diese nur vermittelst ihres wechselseitigen
+Einflusses ihr Zugleichsein, und dadurch, bis zu den entlegensten
+Gegenständen, die Koexistenz derselben (obzwar nur mittelbar) dartun
+kann. Ohne Gemeinschaft ist jede Wahrnehmung (der Erscheinung im
+Raume) von der anderen abgebrochen, und die Kette empirischer
+Vorstellungen, d.i. Erfahrung, würde bei einem neuen Objekt ganz von
+vorne anfangen, ohne daß die vorige damit im geringsten zusammenhänge,
+oder im Zeitverhältnisse stehen könnte. Den leeren Raum will ich
+hierdurch gar nicht widerlegen; denn der mag immer sein, wohin
+Wahrnehmungen gar nicht reichen, und also keine empirische Erkenntnis
+des Zugleichseins stattfindet; er ist aber alsdann für alle unsere
+mögliche Erfahrung gar kein Objekt.
+
+Zur Erläuterung kann folgendes dienen. In unserem Gemüte müssen
+alle Erscheinungen, als in einer möglichen Erfahrung enthalten, in
+Gemeinschaft (communio) der Apperzeption stehen, und sofern die
+Gegenstände als zugleich existierend verknüpft vorgestellt werden
+sollen, so müssen sie ihre Stelle in einer Zeit wechselseitig
+bestimmen, und dadurch ein Ganzes ausmachen. Soll diese subjektive
+Gemeinschaft auf einem objektiven Grunde beruhen, oder auf
+Erscheinungen als Substanzen bezogen werden, so muß die Wahrnehmung
+der einen, als Grund, die Wahrnehmung der anderen, und so umgekehrt,
+möglich machen, damit die Sukzession, die jederzeit in den
+Wahrnehmungen, als Apprehensionen ist, nicht den Objekten beigelegt
+werde, sondern diese als zugleichexistierend vorgestellt werden
+können. Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluß, d.i. eine reale
+Gemeinschaft (commercium) der Substanzen, ohne welche also das
+empirische Verhältnis des Zugleichseins nicht in der Erfahrung
+stattfinden könnte. Durch dieses Commercium machen die Erscheinungen,
+sofern sie außereinander und doch in Verknüpfung stehen, ein
+Zusammengesetztes aus (compositum reale), und dergleichen Composita
+werden auf mancherlei Art möglich. Die drei dynamischen Verhältnisse,
+daraus alle übrigen entspringen, sind daher das der Inhärenz, der
+Konsequenz und der Komposition.
+
+ * *
+ *
+
+Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung. Sie sind nichts
+anderes, als Grundsätze der Bestimmung des Daseins der Erscheinungen
+in der Zeit, nach allen drei modis derselben, dem Verhältnisse zu der
+Zeit selbst, als einer Größe (die Größe des Daseins, d.i. die Dauer),
+dem Verhältnisse in der Zeit, als einer Reihe (nacheinander), endlich
+auch in ihr, als einem Inbegriff alles Daseins (zugleich). Diese
+Einheit der Zeitbestimmung ist durch und durch dynamisch, d.i.
+die Zeit wird nicht als dasjenige angesehen, worin die Erfahrung
+unmittelbar jedem Dasein seine Stelle bestimmte, welches unmöglich
+ist, weil die absolute Zeit kein Gegenstand der Wahrnehmung ist, womit
+Erscheinungen könnten zusammengehalten werden; sondern die Regel
+des Verstandes, durch welche allein das Dasein der Erscheinungen
+synthetische Einheit nach Zeitverhältnissen bekommen kann, bestimmt
+jeder derselben ihre Stelle in der Zeit, mithin a priori, und gültig
+für alle und jede Zeit.
+
+Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen wir den Zusammenhang
+der Erscheinungen ihrem Dasein nach, nach notwendigen Regeln, d.i.
+nach Gesetzen. Es sind also gewisse Gesetze, und zwar a priori, welche
+allererst eine Natur möglich machen; die empirischen können nur
+vermittelst der Erfahrung, und zwar zufolge jener ursprünglichen
+Gesetze, nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird,
+stattfinden, und gefunden werden. Unsere Analogien stellen also
+eigentlich die Natureinheit im Zusammenhange aller Erscheinungen unter
+gewissen Exponenten dar, welche nichts anderes ausdrücken, als das
+Verhältnis der Zeit (sofern sie alles Dasein in sich begreift) zur
+Einheit der Apperzeption, die nur in der Synthesis nach Regeln
+stattfinden kann. Zusammen sagen sie also: alle Erscheinungen liegen
+in einer Natur, und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit a
+priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der
+Gegenstände in derselben möglich wäre.
+
+Über die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transzendentalen
+Naturgesetzen bedient haben, und die Eigentümlichkeit derselben,
+ist eine Anmerkung zu machen, die zugleich als Vorschrift für jeden
+anderen Versuch, intellektuelle und zugleich synthetische Sätze a
+priori zu beweisen, sehr wichtig sein muß. Hätten wir diese Analogien
+dogmatisch, d.i. aus Begriffen, beweisen wollen: daß nämlich alles,
+was existiert, nur in dem angetroffen werde, was beharrlich ist, daß
+jede Begebenheit etwas im vorigen Zustande voraussetze, worauf es nach
+einer Regel folgt, endlich in dem Mannigfaltigen, das zugleich ist,
+die Zustände in Beziehung aufeinander nach einer Regel zugleich seien
+(in Gemeinschaft stehen), so wäre alle Bemühung gänzlich vergeblich
+gewesen. Denn man kann von einem Gegenstande und dessen Dasein auf das
+Dasein des anderen, oder seine Art zu existieren, durch bloße Begriffe
+dieser Dinge gar nicht kommen, man mag dieselben zergliedern, wie man
+wolle. Was blieb uns nun übrig? Die Möglichkeit der Erfahrung, als
+einer Erkenntnis, darin uns alle Gegenstände zuletzt müssen gegeben
+werden können, wenn ihre Vorstellung für uns objektive Realität
+haben soll. In diesem Dritten nun, dessen wesentliche Form in der
+synthetischen Einheit der Apperzeption aller Erscheinungen besteht,
+fanden wir Bedingungen a priori der durchgängigen und notwendigen
+Zeitbestimmung alles Daseins in der Erscheinung, ohne welche selbst
+die empirische Zeitbestimmung unmöglich sein würde, und fanden
+Regeln der synthetischen Einheit a priori, vermittelst deren wir die
+Erfahrung antizipieren konnten. In Ermanglung dieser Methode, und
+bei dem Wahne, synthetische Sätze, welche der Erfahrungsgebrauch des
+Verstandes als seine Prinzipien empfiehlt, dogmatisch beweisen zu
+wollen, ist es denn geschehen, daß von dem Satze des zureichenden
+Grundes so oft, aber immer vergeblich ein Beweis ist versucht worden.
+An die beiden übrigen Analogien hat niemand gedacht, ob man sich
+ihrer gleich immer stillschweigend bediente*, weil der Leitfaden der
+Kategorien fehlte, der allein jede Lücke des Verstandes, sowohl in
+Begriffen als Grundsätzen, entdecken und merklich machen kann.
+
+* Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft
+ sein sollen, ist offenbar eine bloße Folgerung des insgeheim
+ angenommenen Grundsatzes der Gemeinschaft aller Substanzen, die
+ zugleich sind: denn, wären sie isoliert, so würden sie nicht
+ als Teile ein Ganzes ausmachen, und wäre ihre Verknüpfung
+ (Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins
+ willen notwendig, so könnte man aus diesem, als einem bloß idealen
+ Verhältnis, auf jene, als ein reales, nicht schließen. Wiewohl wir
+ an seinem Ort gezeigt haben: daß die Gemeinschaft eigentlich der
+ Grund der Möglichkeit einer empirischen Erkenntnis, der Koexistenz
+ sei, und daß man also eigentlich nur aus dieser auf jene, als ihre
+ Bedingung, zurückschließe.
+
+
+
+4. Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt
+
+1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung und
+den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.
+
+2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung)
+zusammenhängt, ist wirklich.
+
+3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen
+der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig.
+
+ Erläuterung
+
+Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich: daß sie den
+Begriff, dem sie als Prädikate beigefügt werden, als Bestimmung des
+Objekts nicht im mindesten vermehren, sondern nur das Verhältnis zum
+Erkenntnisvermögen ausdrücken. Wenn der Begriff eines Dinges schon
+ganz vollständig ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstande
+fragen, ob er bloß möglich, oder auch wirklich, oder, wenn er das
+letztere ist, ob er gar auch notwendig sei? Hierdurch werden keine
+Bestimmungen mehr im Objekte selbst gedacht, sondern es frägt sich
+nur, wie es sich (samt allen seinen Bestimmungen) zum Verstande und
+dessen empirischen Gebrauche, zur empirischen Urteilskraft, und zur
+Vernunft (in ihrer Anwendung auf Erfahrung) verhalte?
+
+Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts
+weiter, als Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit, Wirklichkeit und
+Notwendigkeit in ihrem empirischen Gebrauche, und hiermit zugleich
+Restriktionen aller Kategorien auf den bloß empirischen Gebrauch, ohne
+den transzendentalen zuzulassen und zu erlauben. Denn, wenn diese
+nicht eine bloß logische Bedeutung haben, und die Form des Denkens
+analytisch ausdrücken sollen, sondern Dinge und deren Möglichkeit,
+Wirklichkeit oder Notwendigkeit betreffen sollen, so müssen sie auf
+die mögliche Erfahrung und deren synthetische Einheit gehen, in
+welcher allein Gegenstände der Erkenntnis gegeben werden.
+
+Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert also, daß der Begriff
+derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt
+zusammenstimme. Diese, nämlich die objektive Form der Erfahrung
+überhaupt, enthält aber alle Synthesis, welche zur Erkenntnis der
+Objekte erfordert wird. Ein Begriff, der eine Synthesis in sich faßt,
+ist für leer zu halten, und bezieht sich auf keinen Gegenstand, wenn
+diese Synthesis nicht zur Erfahrung gehört, entweder als von ihr
+erborgt, und dann heißt er ein empirischer Begriff, oder als eine
+solche, auf der, als Bedingung a priori, Erfahrung überhaupt (die Form
+derselben) beruht, und dann ist es ein reiner Begriff, der dennoch
+zur Erfahrung gehört, weil sein Objekt nur in dieser angetroffen
+werden kann. Denn wo will man den Charakter der Möglichkeit eines
+Gegenstandes, der durch einen synthetischen Begriff a priori gedacht
+worden, hernehmen, wenn es nicht von der Synthesis geschieht, welche
+die Form der empirischen Erkenntnis der Objekte ausmacht? Daß in einem
+solchen Begriffe kein Widerspruch enthalten sein müsse, ist zwar
+eine notwendige logische Bedingung; aber zur objektiven Realität des
+Begriffs, d.i. der Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als durch
+den Begriff gedacht wird, bei weitem nicht genug. So ist in dem
+Begriffe einer Figur, die in zwei geraden Linien eingeschlossen ist,
+kein Widerspruch, denn die Begriffe von zwei geraden Linien und deren
+Zusammenstoßung enthalten keine Verneinung einer Figur; sondern die
+Unmöglichkeit beruht nicht auf dem Begriffe an sich selbst, sondern
+der Konstruktion desselben im Raume, d.i. den Bedingungen des Raumes
+und der Bestimmung desselben, diese haben aber wiederum ihre objektive
+Realität, d.i. sie gehen auf mögliche Dinge, weil sie die Form der
+Erfahrung überhaupt a priori in sich enthalten.
+
+Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und Einfluß dieses
+Postulats der Möglichkeit vor Augen legen. Wenn ich mir ein Ding
+vorstelle, das beharrlich ist, so, daß alles, was da wechselt, bloß zu
+seinem Zustande gehört, so kann ich niemals aus einem solchen Begriffe
+allein erkennen, daß ein dergleichen Ding möglich sei. Oder, ich
+stelle mir etwas vor, welches so beschaffen sein soll, daß, wenn
+es gesetzt wird, jederzeit und unausbleiblich etwas anderes darauf
+erfolgt, so mag dieses allerdings ohne Widerspruch so gedacht
+werden können; ob aber dergleichen Eigenschaft (als Kausalität) an
+irgendeinem möglichen Dinge angetroffen werde, kann dadurch nicht
+geurteilt werden. Endlich kann ich mir verschiedene Dinge (Substanzen)
+vorstellen, die so beschaffen sind, daß der Zustand des einen eine
+Folge im Zustande des anderen nach sich zieht, und so wechselweise;
+aber, ob dergleichen Verhältnis irgend Dingen zukommen könne, kann aus
+diesen Begriffen, welche eine bloß willkürliche Synthesis enthalten,
+gar nicht abgenommen werden. Nur daran also, daß diese Begriffe die
+Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung a priori ausdrücken,
+erkennt man ihre objektive Realität, d.i. ihre transzendentale
+Wahrheit, und zwar freilich unabhängig von der Erfahrung, aber doch
+nicht unabhängig von aller Beziehung auf die Form einer Erfahrung
+überhaupt, und die synthetische Einheit, in der allein Gegenstände
+empirisch können erkannt werden.
+
+Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften, von
+Wechselwirkungen, aus dem Stoffe, den uns die Wahrnehmung darbietet,
+machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer
+Verknüpfung zu entlehnen, so würde man in lauter Hirngespinste
+geraten, deren Möglichkeit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat,
+weil man bei ihnen nicht Erfahrung zur Lehrerin annimmt, noch diese
+Begriffe von ihr entlehnt. Dergleichen gedichtete Begriffe können den
+Charakter ihrer Möglichkeit nicht so, wie die Kategorien, a priori,
+als Bedingungen, von denen alle Erfahrung abhängt, sondern nur a
+posteriori, als solche, die durch die Erfahrung selbst gegeben
+werden, bekommen, und ihre Möglichkeit muß entweder a posteriori und
+empirisch, oder sie kann gar nicht erkannt werden. Eine Substanz,
+welche beharrlich im Raume gegenwärtig wäre, doch ohne ihn zu
+erfüllen, (wie dasjenige Mittelding zwischen Materie und denkenden
+Wesen, welches einige haben einführen wollen,) oder eine besondere
+Grundkraft unseres Gemüts, das Künftige zum voraus anzuschauen (nicht
+etwa bloß zu folgern), oder endlich ein Vermögen desselben, mit
+anderen Menschen in Gemeinschaft der Gedanken zu stehen (so entfernt
+sie auch sein mögen), das sind Begriffe, deren Möglichkeit ganz
+grundlos ist, weil sie nicht auf Erfahrung und deren bekannte
+Gesetze gegründet werden kann, und ohne sie eine willkürliche
+Gedankenverbindung ist, die, ob sie zwar keinen Widerspruch enthält,
+doch keinen Anspruch auf objektive Realität, mithin auf die
+Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als man sich hier denken will,
+machen kann. Was Realität betrifft, so verbietet es sich wohl von
+selbst, sich eine solche in concreto zu denken, ohne die Erfahrung
+zu Hilfe zu nehmen, weil sie nur auf Empfindung, als Materie der
+Erfahrung, gehen kann, und nicht die Form des Verhältnisses betrifft,
+mit der man allenfalls in Erdichtungen spielen könnte.
+
+Aber ich lasse alles vorbei, dessen Möglichkeit nur aus der
+Wirklichkeit in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier
+nur die Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori, von denen ich
+fortfahre zu behaupten, daß sie niemals aus solchen Begriffen für sich
+allein, sondern jederzeit nur als formale und objektive Bedingungen
+einer Erfahrung überhaupt stattfinden können.
+
+Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichkeit eines Triangels aus
+seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden (von der Erfahrung
+ist er gewiß unabhängig); denn in der Tat können wir ihm gänzlich a
+priori einen Gegenstand geben, d.i. ihn konstruieren. Weil dieses aber
+nur die Form von einem Gegenstande ist, so würde er doch immer nur ein
+Produkt der Einbildung bleiben, von dessen Gegenstand die Möglichkeit
+noch zweifelhaft bliebe, als wozu noch etwas mehr erfordert wird,
+nämlich daß eine solche Figur unter lauter Bedingungen, auf denen alle
+Gegenstände der Erfahrung beruhen, gedacht sei. Daß nun der Raum eine
+formale Bedingung a priori von äußeren Erfahrungen ist, daß eben
+dieselbe bildende Synthesis, wodurch wir in der Einbildungskraft einen
+Triangel konstruieren, mit derjenigen gänzlich einerlei sei, welche
+wir in der Apprehension einer Erscheinung ausüben, um uns davon
+einen Erfahrungsbegriff zu machen, das ist es allein, was mit diesem
+Begriffe die Vorstellung von der Möglichkeit eines solchen Dinges
+verknüpft. Und so ist die Möglichkeit kontinuierlicher Größen,
+ja sogar der Größen überhaupt, weil die Begriffe davon insgesamt
+synthetisch sind, niemals aus den Begriffen selbst, sondern aus
+ihnen, als formalen Bedingungen der Bestimmung der Gegenstände in der
+Erfahrung überhaupt allererst klar; und wo sollte man auch Gegenstände
+suchen wollen, die den Begriffen korrespondierten, wäre es nicht
+in der Erfahrung, durch die uns allein Gegenstände gegeben werden?
+wiewohl wir, ohne eben Erfahrung selbst voranzuschicken, bloß in
+Beziehung auf die formalen Bedingungen, unter welchen in ihr überhaupt
+etwas als Gegenstand bestimmt wird, mithin völlig a priori, aber doch
+nur in Beziehung auf sie, und innerhalb ihren Grenzen, die Möglichkeit
+der Dinge erkennen und charakterisieren können.
+
+Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert
+Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist, zwar nicht
+eben unmittelbar, von dem Gegenstande selbst, dessen Dasein erkannt
+werden soll, aber doch Zusammenhang desselben mit irgendeiner
+wirklichen Wahrnehmung, nach den Analogien der Erfahrung, welche alle
+reale Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen.
+
+In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter seines
+Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so
+vollständig sei, daß nicht das mindeste ermangle, um ein Ding mit
+allen seinen inneren Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein mit
+allem diesen doch gar nichts zu tun, sondern nur mit der Frage: ob ein
+solches Ding uns gegeben sei, so, daß die Wahrnehmung desselben vor
+dem Begriffe allenfalls vorhergehen könne. Denn, daß der Begriff vor
+der Wahrnehmung vorhergeht, bedeutet dessen bloße Möglichkeit; die
+Wahrnehmung aber, die den Stoff zum Begriff hergibt, ist der einzige
+Charakter der Wirklichkeit. Man kann aber auch vor der Wahrnehmung des
+Dinges, und also komparative a priori das Dasein desselben erkennen,
+wenn es nur mit einigen Wahrnehmungen, nach den Grundsätzen der
+empirischen Verknüpfung derselben (den Analogien), zusammenhängt. Denn
+alsdann hängt doch das Dasein des Dinges mit unseren Wahrnehmungen in
+einer möglichen Erfahrung zusammen, und wir können nach dem Leitfaden
+jener Analogien, von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem Dinge
+in der Reihe möglicher Wahrnehmungen gelangen. So erkennen wir das
+Dasein einer alle Körper durchdringenden magnetischen Materie aus
+der Wahrnehmung des gezogenen Eisenfeiligs, obzwar eine unmittelbare
+Wahrnehmung dieses Stoffs uns nach der Beschaffenheit unserer
+Organe unmöglich ist. Denn überhaupt würden wir, nach Gesetzen der
+Sinnlichkeit und dem Kontext unserer Wahrnehmungen, in einer Erfahrung
+auch auf die unmittelbare empirische Anschauung derselben stoßen, wenn
+unsere Sinne feiner wären, deren Grobheit die Form möglicher Erfahrung
+überhaupt nichts angeht. Wo also Wahrnehmung und deren Anhang nach
+empirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntnis
+vom Dasein der Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder
+gehen wir nicht nach Gesetzen des empirischen Zusammenhanges der
+Erscheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein
+irgendeines Dinges erraten oder erforschen zu wollen.
+
+Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale
+Notwendigkeit im Dasein, und nicht die bloß formale und logische in
+Verknüpfung der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der
+Sinne völlig a priori erkannt werden kann, aber doch komparative a
+priori relativisch auf ein anderes schon gegebenes Dasein, gleichwohl
+aber auch alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo
+in dem Zusammenhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahrnehmung ein
+Teil ist, enthalten sein muß: so kann die Notwendigkeit der Existenz,
+niemals aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit
+demjenigen, was wahrgenommen wird, nach allgemeinen Gesetzen der
+Erfahrung erkannt werden können. Da ist nun kein Dasein, was unter
+der Bedingung anderer gegebener Erscheinungen, als notwendig erkannt
+werden könnte, als das Dasein der Wirkungen aus gegebenen Ursachen
+nach Gesetzen der Kausalität. Also ist es nicht das Dasein der
+Dinge (Substanzen), sondern ihres Zustandes, wovon wir allein die
+Notwendigkeit erkennen können, und zwar aus anderen Zuständen, die
+in der Wahrnehmung gegeben sind, nach empirischen Gesetzen der
+Kausalität. Hieraus folgt: daß das Kriterium der Notwendigkeit
+lediglich in dem Gesetze der möglichen Erfahrung liege: daß alles, was
+geschieht, durch ihre Ursache in der Erscheinung a priori bestimmt
+sei. Daher erkennen wir nur die Notwendigkeit der Wirkungen in
+der Natur, deren Ursachen uns gegeben sind, und das Merkmal der
+Notwendigkeit im Dasein reicht nicht weiter, als das Feld möglicher
+Erfahrung, und selbst in diesem gilt es nicht von der Existenz der
+Dinge, als Substanzen, weil diese niemals, als empirische Wirkungen,
+oder etwas, das geschieht und entsteht, können angesehen werden. Die
+Notwendigkeit betrifft also nur die Verhältnisse der Erscheinungen
+nach dem dynamischen Gesetze der Kausalität, und die darauf sich
+gründende Möglichkeit, aus irgendeinem gegebenen Dasein (einer
+Ursache) a priori auf ein anderes Dasein (der Wirkung) zu schließen.
+Alles, was geschieht, ist hypothetisch notwendig; das ist ein
+Grundsatz, welcher die Veränderung in der Welt einem Gesetze
+unterwirft, d.i. einer Regel des notwendigen Daseins, ohne welche
+gar nicht einmal Natur stattfinden würde. Daher ist der Satz: nichts
+geschieht durch ein blindes Ohngefähr (in mundo non datur casus) ein
+Naturgesetz a priori; imgleichen: keine Notwendigkeit in der Natur
+ist blinde, sondern bedingte, mithin verständliche Notwendigkeit (non
+datur fatum). Beide sind solche Gesetze, durch welche das Spiel der
+Veränderungen einer Natur der Dinge (als Erscheinungen) unterworfen
+wird, oder, welches einerlei ist, der Einheit des Verstandes, in
+welchem sie allein zu einer Erfahrung, als der synthetischen Einheit
+der Erscheinungen, gehören können. Diese beiden Grundsätze gehören zu
+den dynamischen. Der erstere ist eigentlich eine Folge des Grundsatzes
+von der Kausalität (unter den Analogien der Erfahrung). Der
+zweite gehört zu den Grundsätzen der Modalität, welche zu der
+Kausalbestimmung noch den Begriff der Notwendigkeit, die aber
+unter einer Regel des Verstandes steht, hinzutut. Das Prinzip der
+Kontinuität verbot in der Reihe der Erscheinungen (Veränderungen)
+allen Absprung (in mundo non datur saltus), aber auch in dem Inbegriff
+aller empirischen Anschauungen im Raume alle Lücke oder Kluft zwischen
+zwei Erscheinungen (non datur hiatus); denn so kann man den Satz
+ausdrücken: das in die Erfahrung nichts hineinkommen kann, was ein
+Vakuum bewiese, oder auch nur als einen Teil der empirischen Synthesis
+zuließe. Denn was das Leere betrifft, welches man sich außerhalb dem
+Felde möglicher Erfahrung (der Welt) denken mag, so gehört dieses
+nicht vor die Gerichtsbarkeit des bloßen Verstandes, welcher nur
+über die Fragen entscheidet, die die Nutzung gegebener Erscheinungen
+zur empirischen Erkenntnis betreffen, und ist eine Aufgabe für
+die idealische Vernunft, die noch über die Sphäre einer möglichen
+Erfahrung hinausgeht, und von dem urteilen will, was diese selbst
+umgibt und begrenzt, muß daher in der transszendentalen Dialektik
+erwogen werden. Diese vier Sätze (in mundo non datur hiatus, non datur
+saltus, non datur casus, non datur fatum) könnten wir leicht, so wie
+alle Grundsätze transzendentalen Ursprungs, nach ihrer Ordnung, gemäß
+der Ordnung der Kategorien vorstellig machen, und jedem seine Stelle
+beweisen, allein der schon geübte Leser wird dieses von selbst
+tun, oder den Leitfaden dazu leicht entdecken. Sie vereinigen sich
+aber alle lediglich dahin, um in der empirischen Synthesis nichts
+zuzulassen, was dem Verstande und dem kontinuierlichen Zusammenhange
+aller Erscheinungen, d.i. der Einheit seiner Begriffe, Abbruch oder
+Eintrag tun könnte. Denn er ist es allein, worin die Einheit der
+Erfahrung, in der alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müssen, möglich
+wird.
+
+Ob das Feld der Möglichkeit größer sei, als das Feld, was alles
+Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer, als die Menge
+desjenigen, was notwendig ist, das sind artige Fragen, und zwar von
+synthetischer Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der
+Vernunft anheimfallen; denn sie wollen ungefähr soviel sagen, als,
+ob alle Dinge, als Erscheinungen, insgesamt in den Inbegriff und
+den Kontext einer einzigen Erfahrung gehören, von der jede gegebene
+Wahrnehmung ein Teil ist, der also mit keinen anderen Erscheinungen
+könne verbunden werden, oder ob meine Wahrnehmungen zu mehr wie einer
+möglichen Erfahrung (in ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören
+können. Der Verstand gibt a priori der Erfahrung überhaupt nur die
+Regel, nach den subjektiven und formalen Bedingungen, sowohl der
+Sinnlichkeit als der Apperzeption, welche sie allein möglich machen.
+Andere Formen der Anschauung, (als Raum und Zeit,) imgleichen andere
+Formen des Verstandes, (als die diskursive des Denkens, oder der
+Erkenntnis durch Begriffe,) ob sie gleich möglich wären, können wir
+uns doch auf keinerlei Weise erdenken und faßlich machen, aber, wenn
+wir es auch könnten, so würden sie doch nicht zur Erfahrung, als dem
+einzigen Erkenntnis gehören, worin uns Gegenstände gegeben werden. Ob
+andere Wahrnehmungen, als überhaupt, zu unserer gesamten möglichen
+Erfahrung gehören, und also ein ganz anderes Feld der Materie noch
+stattfinden könne, kann der Verstand nicht entscheiden, er hat es
+nur mit der Synthesis dessen zu tun, was gegeben ist. Sonst ist die
+Armseligkeit unserer gewöhnlichen Schlüsse, wodurch wir ein großes
+Reich der Möglichkeit herausbringen, davon alles Wirkliche (aller
+Gegenstand der Erfahrung) nur ein kleiner Teil sei, sehr in die Augen
+fallend. Alles Wirkliche ist möglich; hieraus folgt natürlicherweise,
+nach den logischen Regeln der Umkehrung, der bloß partikulare Satz:
+einiges Mögliche ist wirklich, welches denn soviel zu bedeuten
+scheint, als: es ist vieles möglich, was nicht wirklich ist. Zwar hat
+es den Anschein, als könne man auch geradezu die Zahl des Möglichen
+über die des Wirklichen dadurch hinaussetzen, weil zu jener noch etwas
+hinzukommen muß, um diese auszumachen. Allein dieses Hinzukommen zum
+Möglichen kenne ich nicht. Denn was über dasselbe noch zugesetzt
+werden sollte, wäre unmöglich. Es kann nur zu meinem Verstande etwas
+über die Zusammenstimmung mit den formalen Bedingungen der Erfahrung,
+nämlich die Verknüpfung mit irgendeiner Wahrnehmung, hinzukommen; was
+aber mit dieser nach empirischen Gesetzen verknüpft ist, ist wirklich,
+ob es gleich unmittelbar nicht wahrgenommen wird. Daß aber im
+durchgängigen Zusammenhange mit dem, was mir in der Wahrnehmung
+gegeben ist, eine andere Reihe von Erscheinungen, mithin mehr wie eine
+einzige alles befassende Erfahrung möglich sei, läßt sich aus dem, was
+gegeben ist, nicht schließen, und, ohne daß irgend etwas gegeben ist,
+noch viel weniger; weil ohne Stoff sich überall nichts denken läßt.
+Was unter Bedingungen, die selbst bloß möglich sind, allein möglich
+ist, ist es nicht in aller Absicht. In dieser aber wird die Frage
+genommen, wenn man wissen will, ob die Möglichkeit der Dinge sich
+weiter erstrecke, als Erfahrung reichen kann.
+
+Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung getan, um keine Lücke in
+demjenigen zu lassen, was, der gemeinen Meinung nach, zu den
+Verstandesbegriffen gehört. In der Tat ist aber die absolute
+Möglichkeit (die in aller Absicht gültig ist) kein bloßer
+Verstandesbegriff, und kann auf keinerlei Weise von empirischem
+Gebrauche sein, sondern er gehört allein der Vernunft zu, die über
+allen möglichen empirischen Verstandesgebrauch hinausgeht. Daher haben
+wir uns hierbei mit einer bloß kritischen Anmerkung begnügen müssen,
+übrigens aber die Sache bis zum weiteren künftigen Verfahren in der
+Dunkelheit gelassen.
+
+Da ich eben diese vierte Nummer, und mit ihr zugleich das System aller
+Grundsätze des reinen Verstandes schließen will, so muß ich noch Grund
+angeben, warum ich die Prinzipien der Modalität gerade Postulate
+genannt habe. Ich will diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung
+nehmen, welche ihm einige neuere philosophische Verfasser, wider den
+Sinn der Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben
+haben, nämlich: daß Postulieren so viel heißen solle, als einen Satz
+für unmittelbar gewiß, ohne Rechtfertigung, oder Beweis ausgeben;
+denn, wenn wir das bei synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein
+mögen, einräumen sollten, daß man sie ohne Deduktion, auf das Ansehen
+ihres eigenen Ausspruchs, dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe,
+so ist alle Kritik des Verstandes verloren, und, da es an dreisten
+Anmaßungen nicht fehlt, deren sich auch der gemeine Glaube, (der aber
+kein Kreditiv ist) nicht weigert; so wird unser Verstand jedem Wahne
+offen stehen, ohne daß er seinen Beifall denen Aussprüchen versagen
+kann, die, obgleich unrechtmäßig, doch in eben demselben Tone der
+Zuversicht, als wirkliche Axiome eingelassen zu werden verlangen. Wenn
+also zu dem Begriffe eines Dinges eine Bestimmung a priori synthetisch
+hinzukommt, so muß von einem solchen Satze, wo nicht ein Beweis,
+doch wenigstens eine Deduktion der Rechtmäßigkeit seiner Behauptung
+unnachläßlich hinzugefügt werden.
+
+Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objektiv synthetisch,
+weil die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit
+den Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren,
+dadurch daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas
+hinzusetzten. Da sie aber gleichwohl doch immer synthetisch sind,
+so sind sie es nur subjektiv, d.i. sie fügen zu dem Begriffe eines
+Dinges, (realen,) von dem sie sonst nichts sagen, die Erkenntniskraft
+hinzu, worin er entspringt und seinen Sitz hat, so, daß, wenn er bloß
+im Verstande mit den formalen Bedingungen der Erfahrung in Verknüpfung
+ist, sein Gegenstand möglich heißt; ist er mit der Wahrnehmung
+(Empfindung, als Materie der Sinne) im Zusammenhange, und durch
+dieselben vermittelst des Verstandes bestimmt, so ist das Objekt
+wirklich; ist er durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen nach
+Begriffen bestimmt, so heißt der Gegenstand notwendig. Die Grundsätze
+der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anderes, als die
+Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er erzeugt wird. Nun heißt
+ein Postulat in der Mathematik der praktische Satz, der nichts als die
+Synthesis enthält, wodurch wir einen Gegenstand uns zuerst geben, und
+dessen Begriff erzeugen, z.B. mit einer gegebenen Linie, aus einem
+gegebenen Punkt auf einer Ebene einen Zirkel zu beschreiben, und ein
+dergleichen Satz kann darum nicht bewiesen werden, weil das Verfahren,
+was er fordert, gerade das ist, wodurch wir den Begriff von einer
+solchen Figur zuerst erzeugen. So können wir demnach mit ebendemselben
+Rechte die Grundsätze der Modalität postulieren, weil sie ihren
+Begriff von Dingen überhaupt nicht vermehren*, sondern nur die Art
+anzeigen, wie er überhaupt mit der Erkenntniskraft verbunden wird.
+
+* Durch die Wirklichkeit eines Dinges, setze ich freilich mehr, als
+ die Möglichkeit, aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals
+ mehr in der Wirklichkeit enthalten, als was in dessen vollständiger
+ Möglichkeit enthalten war. Sondern da die Möglichkeit bloß
+ eine Position des Dinges in Beziehung auf den Verstand (dessen
+ empirischen Gebrauch) war, so ist die Wirklichkeit zugleich eine
+ Verknüpfung desselben mit der Wahrnehmung.
+
+
+
+Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft
+(Analytik der Grundsätze)
+Drittes Hauptstück
+Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in
+Phaenomena und Noumena
+
+Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein
+durchreist, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen,
+sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine
+Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur
+selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land
+der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und
+stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche
+Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und
+indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich
+mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflicht, von denen
+er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann.
+Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu
+durchsuchen, und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so
+wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes
+zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob
+wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein
+könnten, oder auch aus Not zufrieden sein müssen, wenn es sonst
+überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens,
+unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen, und uns
+wider alle feindseligen Ansprüche gesichert halten können. Obschon wir
+diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet
+haben, so kann doch ein summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die
+Überzeugung dadurch verstärken, daß er die Momente derselben in einem
+Punkt vereinigt.
+
+Wir haben nämlich gesehen: daß alles, was der Verstand aus sich selbst
+schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch
+zu keinem anderen Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die
+Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori konstitutiv
+sein (wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die
+dynamischen), enthalten nichts als gleichsam nur das reine Schema
+zur möglichen Erfahrung; denn diese hat ihre Einheit nur von der
+synthetischen Einheit, welche der Verstand der Synthesis der
+Einbildungskraft in Beziehung auf die Apperzeption ursprünglich
+und von selbst erteilt, und auf welche die Erscheinungen, als data
+zu einem möglichen Erkenntnisse, schon a priori in Beziehung und
+Einstimmung stehen müssen. Ob nun aber gleich diese Verstandesregeln
+nicht allein a priori wahr sind, sondern sogar der Quell aller
+Wahrheit, d.i. der Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit Objekten,
+dadurch, daß sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung, als des
+Inbegriffes aller Erkenntnis, darin uns Objekte gegeben werden mögen,
+in sich enthalten, so scheint es uns doch nicht genug, sich bloß
+dasjenige vortragen zu lassen, was wahr ist, sondern, was man zu
+wissen begehrt. Wenn wir also durch diese kritische Untersuchung
+nichts Mehreres lernen, als was wir im bloß empirischen Gebrauche des
+Verstandes, auch ohne so subtile Nachforschung, von selbst wohl würden
+ausgeübt haben, so scheint es, sei der Vorteil, den man aus ihr zieht,
+den Aufwand und die Zurüstung nicht wert. Nun kann man zwar hierauf
+antworten: daß kein Vorwitz der Erweiterung unserer Erkenntnis
+nachteiliger sei, als der, so den Nutzen jederzeit zum voraus wissen
+will, ehe man sich auf Nachforschungen einläßt, und ehe man noch sich
+den mindesten Begriff von diesem Nutzen machen könnte, wenn derselbe
+auch vor Augen gestellt würde. Allein es gibt doch einen Vorteil,
+der auch dem schwierigsten und unlustigsten Lehrlinge solcher
+transzendentalen Nachforschung begreiflich, und zugleich angelegen
+gemacht werden kann, nämlich dieser: daß der bloß mit seinem
+empirischen Gebrauche beschäftigte Verstand, der über die Quellen
+seiner eigenen Erkenntnis nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen,
+eines aber gar nicht leisten könne, nämlich, sich selbst die Grenzen
+seines Gebrauchs zu bestimmen, und zu wissen, was innerhalb oder
+außerhalb seiner ganzen Sphäre liegen mag; denn dazu werden eben die
+tiefen Untersuchungen erfordert, die wir angestellt haben. Kann er
+aber nicht unterscheiden, ob gewisse Fragen in seinem Horizonte
+liegen, oder nicht, so ist er niemals seiner Ansprüche und seines
+Besitzes sicher, sondern darf sich nur auf vielfältige beschämende
+Zurechtweisungen Rechnung machen, wenn er die Grenzen seines Gebiets
+(wie es unvermeidlich ist) unaufhörlich überschreitet, und sich in
+Wahn und Blendwerke verirrt.
+
+Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori, ja von
+allen seinen Begriffen keinen anderen als empirischen, niemals aber
+einen transzendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der,
+wenn er mit Überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen
+hinaussieht. Der transzendentale Gebrauch eines Begriffs in
+irgendeinem Grundsatze ist dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an
+sich selbst, der empirische aber, wenn er bloß auf Erscheinungen, d.i.
+Gegenstände einer möglichen Erfahrung, bezogen wird. Daß aber überall
+nur der letztere stattfinden könne, ersieht man daraus. Zu jedem
+Begriff wird erstlich die logische Form eines Begriffs (des Denkens)
+überhaupt, und dann zweitens auch die Möglichkeit, ihm einen
+Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe, erfordert. Ohne diesen
+letzteren hat er keinen Sinn, und ist völlig leer an Inhalt, ob er
+gleich noch immer die logische Funktion enthalten mag, aus etwaigen
+datis einen Begriff zu machen. Nun kann der Gegenstand einem Begriffe
+nicht anders gegeben werden, als in der Anschauung, und, wenn eine
+reine Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich ist, so
+kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die objektive
+Gültigkeit, nur durch die empirische Anschauung bekommen, wovon sie
+die bloße Form ist. Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen
+alle Grundsätze, so sehr sie auch a priori möglich sein mögen, dennoch
+auf empirische Anschauungen, d.i. auf data zur möglichen Erfahrung.
+Ohne dieses haben sie gar keine objektive Gültigkeit, sondern sind
+ein bloßes Spiel, es sei der Einbildungskraft, oder des Verstandes,
+respektive mit ihren Vorstellungen. Man nehme nur die Begriffe
+der Mathematik zum Beispiele, und zwar erstlich in ihren reinen
+Anschauungen. Der Raum hat drei Abmessungen, zwischen zwei Punkten
+kann nur eine gerade Linie sein, usw. Obgleich alle diese Grundsätze,
+und die Vorstellung des Gegenstandes, womit sich jene Wissenschaft
+beschäftigt, völlig a priori im Gemüt erzeugt werden, so würden sie
+doch gar nichts bedeuten, könnten wir nicht immer an Erscheinungen
+(empirischen Gegenständen) ihre Bedeutung darlegen. Daher erfordert
+man auch, einen abgesonderten Begriff sinnlich zu machen, d.i. das
+ihm korrespondierende Objekt in der Anschauung darzulegen, weil, ohne
+dieses, der Begriff (wie man sagt) ohne Sinn, d.i. ohne Bedeutung
+bleiben würde. Die Mathematik erfüllt diese Forderung durch die
+Konstruktion der Gestalt, welche eine den Sinnen gegenwärtige (obzwar
+a priori zustande gebrachte) Erscheinung ist. Der Begriff der Größe
+sucht in eben der Wissenschaft seine Haltung und Sinn in der Zahl,
+diese aber an den Fingern, den Korallen des Rechenbretts, oder den
+Strichen und Punkten, die vor Augen gestellt werden. Der Begriff
+bleibt immer a priori erzeugt, samt den synthetischen Grundsätzen
+oder Formeln aus solchen Begriffen; aber der Gebrauch derselben, und
+Beziehung auf angebliche Gegenstände kann am Ende doch nirgend, als in
+der Erfahrung gesucht werden, deren Möglichkeit (der Form nach) jene a
+priori enthalten.
+
+Daß dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien, und den daraus
+gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus: daß wir so gar keine
+einzige derselben definieren, ohne uns sofort zu Bedingungen der
+Sinnlichkeit, mithin der Form der Erscheinungen, herabzulassen, als
+auf welche, als ihre einzigen Gegenstände, sie folglich eingeschränkt
+sein müssen, weil, wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung,
+d.i. Beziehung aufs Objekt, wegfällt, und man durch kein Beispiel
+sich selbst faßlich machen kann, was unter dergleichen Begriffe denn
+eigentlich für ein Ding gemeint sei. Oben bei Darstellung der Tafel
+der Kategorien, überhoben wir uns der Definitionen einer jeden
+derselben dadurch: daß unsere Absicht, die lediglich auf den
+synthetischen Gebrauch derselben geht, sie nicht nötig mache, und
+man sich mit unnötigen Unternehmungen keiner Verantwortung aussetzen
+müsse, deren man überhoben sein kann. Das war keine Ausrede, sondern
+eine nicht unerhebliche Klugheitsregel, sich nicht sofort ans
+definieren zu wagen, und Vollständigkeit oder Präzision in der
+Bestimmung des Begriffs zu versuchen oder vorzugeben, wenn man mit
+irgend einem oder anderen Merkmale desselben auslangen kann, ohne eben
+dazu eine vollständige Herzählung aller derselben, die den ganzen
+Begriff ausmachen, zu bedürfen. Jetzt aber zeigt sich: daß der
+Grund dieser Vorsicht noch tiefer liege, nämlich, daß wir sie nicht
+definieren konnten, wenn wir auch wollten*, sondern, wenn man alle
+Bedingungen der Sinnlichkeit wegschafft, die sie als Begriffe eines
+möglichen empirischen Gebrauchs auszeichnen, und sie für Begriffe von
+Dingen überhaupt (mithin vom transzendentalen Gebrauch) nehmen, bei
+ihnen gar nichts weiter zu tun sei, als die logische Funktion in
+Urteilen, als die Bedingung der Möglichkeit der Sachen selbst
+anzusehen, ohne doch im mindesten anzeigen zu können, wo sie denn ihre
+Anwendung und ihr Objekt, mithin wie sie im reinen Verstande ohne
+Sinnlichkeit irgendeine Bedeutung und objektive Gültigkeit haben
+könne. Den Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären, als etwa
+so: daß sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie vielmal
+Eines in ihm gesetzt ist, gedacht werden kann. Allein dieses
+Wievielmal gründet sich auf die sukzessive Wiederholung, mithin auf
+die Zeit und die Synthesis (des gleichartigen) in derselben. Realität
+kann man im Gegensatze mit der Negation nur alsdann erklären, wenn
+man sich eine Zeit (als den Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die
+entweder womit erfüllt, oder leer ist. Lasse ich die Beharrlichkeit
+(welche ein Dasein zu aller Zeit ist) weg, so bleibt mir zum Begriffe
+der Substanz nichts übrig, als die logische Vorstellung vom Subjekt,
+welche ich dadurch zu realisieren vermeine, daß ich mir Etwas
+vorstelle, welches bloß als Subjekt (ohne wovon ein Prädikat zu sein)
+stattfinden kann. Aber nicht allein, daß ich gar keine Bedingungen
+weiß, unter welchen denn dieser logische Vorzug irgendeinem Dinge
+eigen sein werde: so ist auch gar nichts weiter daraus zu machen, und
+nicht die mindeste Folgerung zu ziehen, weil dadurch gar kein Objekts
+des Gebrauchs dieses Begriffs bestimmt wird, und man also gar nicht
+weiß, ob dieser überall irgend etwas bedeute. Vom Begriffe der Ursache
+würde ich (wenn ich die Zeit weglasse, in der etwas auf etwas anderem
+nach einer Regel folgt,) in der reinen Kategorie nichts weiter finden,
+als daß es so etwas sei, woraus sich auf das Dasein eines anderen
+schließen läßt, und es würde dadurch nicht allein Ursache und Wirkung
+gar nicht voneinander unterschieden werden können, sondern weil dieses
+Schließenkönnen doch bald Bedingungen erfordert, von denen ich nichts
+weiß, so würde der Begriff gar keine Bestimmung haben, wie er auf
+irgendein Objekt passe. Der vermeinte Grundsatz: alles Zufällige hat
+eine Ursache, tritt zwar ziemlich gravitätisch auf, als habe er seine
+eigene Würde in sich selbst. Allein, frage ich: was versteht ihr unter
+Zufällig? und ihr antwortet, dessen Nichtsein möglich ist, so möchte
+ich gern wissen, woran ihr diese Möglichkeit des Nichtsein erkennen
+wollt, wenn ihr euch nicht in der Reihe der Erscheinungen eine
+Sukzession und in dieser ein Dasein, welches auf das Nichtsein folgt,
+(oder umgekehrt,) mithin einen Wechsel vorstellt; denn, daß das
+Nichtsein eines Dinges sich selbst nicht widerspreche, ist eine lahme
+Berufung auf eine logische Bedingung, die zwar zum Begriffe notwendig,
+aber zur realen Möglichkeit bei weitem nicht hinreichend ist; wie
+ich denn eine jede existierende Substanz in Gedanken aufheben kann,
+ohne mir selbst zu widersprechen, daraus aber auf die objektive
+Zufälligkeit derselben in ihrem Dasein, d.i. die Möglichkeit seines
+Nichtseins an sich selbst, gar nicht schließen kann. Was dem Begriff
+der Gemeinschaft betrifft, so ist leicht zu ermessen: daß, da die
+reinen Kategorien der Substanz sowohl, als Kausalität, keine das
+Objekt bestimmende Erklärung zulassen, die wechselseitige Kausalität
+in der Beziehung der Substanzen aufeinander (commercium) ebensowenig
+derselben fähig sei. Möglichkeit, Dasein und Notwendigkeit hat noch
+niemand anders als durch offenbare Tautologie erklären können, wenn
+man ihre Definition lediglich aus dem reinen Verstande schöpfen
+wollte. Denn das Blendwerk, die logische Möglichkeit des Begriffs (da
+er sich selbst nicht widerspricht) der transzendentalen Möglichkeit
+der Dinge (da dem Begriff ein Gegenstand korrespondiert) zu
+unterschieben, kann nur Unversuchte hintergehen und zufrieden stellen.
+
+* Ich verstehe hier die Realdefinition, welche nicht bloß dem Namen
+ einer Sache andere und verständlichere Wörter unterlegt, sondern
+ die, so ein klares Merkmal, daran der Gegenstand (definitum)
+ jederzeit sicher erkannt werden kann und den erklärten Begriff zur
+ Anwendung brauchbar macht, in sich enthält Die Realerklärung würde
+ also diejenige sein, welche nicht bloß einen Begriff, sondern
+ zugleich die objektive Realität desselben deutlich macht. Die
+ mathematischen Erklärungen, welche den Gegenstand dem Begriffe gemäß
+ in der Anschauung darstellen, sind von der letzteren Art.
+
+Es hat etwas Befremdliches und sogar Widersinniges an sich, daß ein
+Begriff sein soll, dem doch eine Bedeutung zukommen muß, der aber
+keiner Erklärung fähig wäre. Allein hier hat es mit den Kategorien
+diese besondere Bewandtnis, daß sie nur vermittelst der allgemeinen
+sinnlichen Bedingung eine bestimmte Bedeutung und Beziehung auf irgend
+einen Gegenstand haben kennen, diese Bedingung aber aus der reinen
+Kategorie weggelassen worden, da diese dann nichts, als die logische
+Funktion enthalten kann, das Mannigfaltige unter einen Begriff zu
+bringen. Aus dieser Funktion, d.i. der Form des Begriffs allein kann
+aber gar nichts erkannt und unterschieden werden, welches Objekt
+darunter gehöre, weil eben von der sinnlichen Bedingung, unter der
+überhaupt Gegenstände unter sie gehören können, abstrahiert worden.
+Daher bedürfen die Kategorien, noch über den reinen Verstandesbegriff,
+Bestimmungen ihrer Anwendung auf Sinnlichkeit überhaupt (Schema)
+und sind ohne diese keine Begriffe, wodurch ein Gegenstand erkannt,
+und von anderen unterschieden würde, sondern nur viel Arten, einen
+Gegenstand zu möglichen Anschauungen zu denken, und ihm nach
+irgend einer Funktion des Verstandes seine Bedeutung (unter noch
+erforderlichen Bedingungen) zu geben, d.i. ihn zu definieren: selbst
+können sie also nicht definiert werden. Die logischen Funktionen der
+Urteile überhaupt: Einheit und Vielheit, Bejahung und Verneinung,
+Subjekt und Prädikat können, ohne einen Zirkel zu begehen, nicht
+definiert werden, weil die Definition doch selbst ein Urteil sein, und
+also diese Funktionen schon enthalten müßte. Die reinen Kategorien
+sind aber nichts anderes, als Vorstellungen der Dinge überhaupt,
+sofern das Mannigfaltige ihrer Anschauung durch eine oder andere
+dieser logischen Funktionen gedacht werden muß: Größe ist die
+Bestimmung, welche nur durch ein Urteil, das Quantität hat, (judicium
+commune) Realität diejenige, die nur durch ein bejahend Urteil gedacht
+werden kann, Substanz, was, in Beziehung auf die Anschauung, das
+letzte Subjekt aller anderen Bestimmungen sein muß. Was das nun aber
+für Dinge sind, in Ansehung deren man sich dieser Funktion vielmehr,
+als einer anderen bedienen müsse, bleibt hierbei ganz unbestimmt:
+mithin haben die Kategorien ohne die Bedingung der sinnlichen
+Anschauung, dazu sie die Synthesis enthalten, gar keine Beziehung auf
+irgend ein bestimmtes Objekt, können also keines definieren, und haben
+folglich an sich selbst keine Gültigkeit objektiver Begriffe.
+
+Hierzu fließt nun unwidersprechlich: daß die reinen Verstandesbegriffe
+niemals von transzendentalem, sondern jederzeit nur von empirischem
+Gebrauche sein können, und daß die Grundsätze des reinen Verstandes
+nur in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer möglichen
+Erfahrung, auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge
+überhaupt, (ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie
+anschauen mögen,) bezogen werden können.
+
+Die transzendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat: daß
+der Verstand a priori niemals mehr leisten könne, als die Form einer
+möglichen Erfahrung überhaupt zu antizipieren, und, da dasjenige, was
+nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er
+die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen uns allein Gegenstände
+gegeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind
+bloß Prinzipien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name
+einer Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische
+Erkenntnisse a priori in einer systematischen Doktrin zu geben (z.
+E. den Grundsatz der Kausalität) muß dem bescheidenen, einer bloßen
+Analytik des reinen Verstandes, Platz machen.
+
+Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand
+zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise
+gegeben, so ist der Gegenstand bloß transzendental, und der
+Verstandesbegriff hat keinen anderen, als transzendentalen Gebrauch,
+nämlich die Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen überhaupt.
+Durch eine reine Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung
+der sinnlichen Anschauung, als der einzigen, die uns möglich ist,
+abstrahiert wird, wird also kein Objekt bestimmt, sondern nur das
+Denken eines Objekts überhaupt, nach verschiedenen modis, ausgedrückt.
+Nun gehört zum Gebrauche eines Begriffs noch eine Funktion der
+Urteilskraft, worauf ein Gegenstand unter ihm subsumiert wird, mithin
+die wenigstens formale Bedingung, unter der etwas in der Anschauung
+gegeben werden kann. Fehlt diese Bedingung der Urteilskraft, (Schema)
+so fällt alle Subsumtion weg; denn es wird nichts gegeben, was unter
+den Begriff subsumiert werden könne. Der bloß transzendentale Gebrauch
+also der Kategorien ist in der Tat gar kein Gebrauch, und hat keinen
+bestimmten, oder auch nur, der Form nach, bestimmbaren Gegenstand.
+Hieraus folgt, daß die reine Kategorie auch zu keinem synthetischen
+Grundsatze a priori zulange, und daß die Grundsätze des reinen
+Verstandes nur von empirischem, niemals aber von transzendentalem
+Gebrauche sind, über das Feld möglicher Erfahrung hinaus aber es
+überall keine synthetischen Grundsätze a priori geben könne.
+
+Es kann daher ratsam sein, sich also auszudrücken: die reinen
+Kategorien, ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit, haben bloß
+transzendentale Bedeutung, sind aber von keinem transzendentalen
+Gebrauch, weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle
+Bedingungen irgendeines Gebrauchs (in Urteilen) abgehen, nämlich
+die formalen Bedingungen der Subsumtion irgendeines angeblichen
+Gegenstandes unter diese Begriffe. Da sie also (als bloß reine
+Kategorien) nicht von empirischem Gebrauche sein sollen, und von
+transzendentalem nicht sein können, so sind sie von gar keinem
+Gebrauche, wenn man sie von aller Sinnlichkeit absondert, d.i. sie
+können auf gar keinen angeblichen Gegenstand angewandt werden;
+vielmehr sind sie bloß die reine Form des Verstandesgebrauchs in
+Ansehung der Gegenstände überhaupt und des Denkens, ohne doch durch
+sie allein irgendein Objekt denken oder bestimmen zu können.
+
+Erscheinungen, sofern sie als Gegenstände nach der Einheit der
+Kategorien gedacht werden, heißen Phaenomena. Wenn ich aber Dinge
+annehme, die bloß Gegenstände des Verstandes sind, und gleichwohl, als
+solche, einer Anschauung, obgleich nicht der sinnlichen (als coram
+intuitu intellectuali), gegeben werden können; so würden dergleichen
+Dinge Noumena (Intelligibilia) heißen.
+
+Nun sollte man denken, daß der durch die transz. Ästhetik
+eingeschränkte Begriff der Erscheinungen schon von selbst die
+objektive Realität der Noumenorum an die Hand gebe, und die Einteilung
+der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, mithin auch der Welt,
+in eine Sinnen- und eine Verstandeswelt (mundus sensibilis et
+intelligibilis) berechtige, und zwar so: daß der Unterschied hier
+nicht bloß die logische Form der undeutlichen oder deutlichen
+Erkenntnis eines und desselben Dinges, sondern die Verschiedenheit
+treffe, wie sie unserer Erkenntnis ursprünglich gegeben werden können,
+und nach welcher sie an sich selbst, der Gattung nach, voneinander
+unterschieden sind. Denn wenn uns die Sinne etwas bloß vorstellen, wie
+es erscheint, so muß dieses Etwas doch auch an sich selbst ein Ding,
+und ein Gegenstand einer nicht sinnlichen Anschauung, d.i. des
+Verstandes sein, d.i. es muß eine Erkenntnis möglich sein, darin keine
+Sinnlichkeit angetroffen wird, und welche allein schlechthin objektive
+Realität hat, dadurch uns nämlich Gegenstände vorgestellt werden, wie
+sie sind, dahingegen im empirischen Gebrauche unseres Verstandes Dinge
+nur erkannt werden, wie sie erscheinen. Also würde es, außer dem
+empirischen Gebrauch der Kategorien (welcher auf sinnliche Bedingungen
+eingeschränkt ist) noch einen reinen und doch objektivgültigen geben,
+und wir könnten nicht behaupten, was wir bisher vorgegeben haben: daß
+unsere reinen Verstandeserkenntnisse überall nichts weiter wären, als
+Prinzipien der Exposition der Erscheinung, die auch a priori nicht
+weiter, als auf die formale Möglichkeit der Erfahrung gingen, denn
+hier stände ein ganz anderes Feld vor uns offen, gleichsam eine Welt
+im Geiste gedacht, (vielleicht auch gar angeschaut) die nicht minder,
+ja noch weit edler unseren reinen Verstand beschäftigen konnte.
+
+Alle unsere Vorstellungen werden in der Tat durch den Verstand
+auf irgendein Objekt bezogen, und, da Erscheinungen nichts als
+Vorstellungen sind, so bezieht sich der Verstand auf ein Etwas, als
+den Gegenstand der sinnlichen Anschauung: aber dieses Etwas ist
+insofern nur das transzendentale Objekt. Dieses bedeutet aber ein
+Etwas = x, wovon wir gar nichts wissen, noch überhaupt (nach der
+jetzigen Einrichtung unseres Verstandes) wissen können, sondern,
+welcher nur als ein Correlatum der Einheit der Apperzeption zur
+Einheit des Mannigfaltigen in der sinnlichen Anschauung dienen
+kann, vermittelst deren der Verstand dasselbe in den Begriff eines
+Gegenstandes vereinigt. Dieses transzendentale Objekt läßt sich gar
+nicht von den sinnlichen Datis absondern, weil alsdann nichts übrig
+bleibt, wodurch es gedacht würde. Es ist also kein Gegenstand
+der Erkenntnis an sich selbst, sondern nur die Vorstellung der
+Erscheinungen, unter dem Begriffe eines Gegenstandes überhaupt, der
+durch das Mannigfaltige derselben bestimmbar ist.
+
+Eben um deswillen stellen nun auch die Kategorien kein besonderes, dem
+Verstande allein gegebenes Objekt vor, sondern dienen nur dazu, das
+transzendentale Objekt (den Begriff von etwas überhaupt) durch das,
+was in der Sinnlichkeit gegeben wird, zu bestimmen, um dadurch
+Erscheinungen unter Begriffen von Gegenständen empirisch zu erkennen.
+
+Was aber die Ursache betrifft, weswegen man, durch das Substratum
+der Sinnlichkeit noch nicht befriedigt, den Phaenomenis noch Noumena
+zugegeben hat, die nur der reine Verstand denken kann, so beruht sie
+lediglich darauf. Die Sinnlichkeit, und ihr Feld, nämlich das der
+Erscheinungen, wird selbst durch den Verstand dahin eingeschränkt: daß
+sie nicht auf Dinge an sich selbst, sondern nur auf die Art gehe, wie
+uns, vermöge unserer subjektiven Beschaffenheit, Dinge erscheinen.
+Dies war das Resultat der ganzen transzendentalen Ästhetik, und
+es folgt auch natürlicherweise aus dem Begriffe einer Erscheinung
+überhaupt: daß ihr etwas entsprechen müsse, was an sich nicht
+Erscheinung ist, weil Erscheinung nichts für sich selbst, und außer
+unserer Vorstellungsart sein kann, mithin, wo nicht ein beständiger
+Zirkel herauskommen soll, das Wort Erscheinung schon eine Beziehung
+auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare Vorstellung zwar sinnlich
+ist, was aber an sich selbst, auch ohne diese Beschaffenheit unserer
+Sinnlichkeit, (worauf sich die Form unserer Anschauung gründet),
+Etwas, d.i. ein von der Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein muß.
+
+Hieraus entspringt nun der Begriff von einem Noumenon, der aber gar
+nicht positiv, und eine bestimmte Erkenntnis von irgendeinem Dinge,
+sondern nur das Denken von Etwas überhaupt bedeutet, bei welchem ich
+von aller Form der sinnlichen Anschauung abstrahiere. Damit aber
+ein Noumenon einen wahren, von allen Phänomenen zu unterscheidenden
+Gegenstand bedeute, so ist es nicht genug: daß ich meinen Gedanken von
+allen Bedingungen sinnlicher Anschauung befreie, ich muß noch überdem
+Grund dazu haben, eine andere Art der Anschauung, als diese sinnliche
+ist, anzunehmen, unter der ein solcher Gegenstand gegeben werden
+könne; denn sonst ist mein Gedanke doch leer, obzwar ohne Widerspruch.
+Wir haben zwar oben nicht beweisen können: daß die sinnliche
+Anschauung die einzige mögliche Anschauung überhaupt, sondern daß sie
+es nur für uns sei; wir konnten aber auch nicht beweisen: daß noch
+eine andere Art der Anschauung möglich sei, und, obgleich unser Denken
+von jener Sinnlichkeit abstrahieren kann, so bleibt doch die Frage, ob
+es alsdann nicht eine bloße Form eines Begriffs sei, und ob bei dieser
+Abtrennung überhaupt ein Objekt übrigbleibe.
+
+Das Objekt, worauf ich die Erscheinung überhaupt beziehe, ist der
+transzendentale Gegenstand, d.i. der gänzlich unbestimmte Gedanke von
+Etwas überhaupt. Dieser kann nicht das Noumenon heißen; denn ich weiß
+von ihm nicht, was er an sich selbst sei, und habe gar keinen Begriff
+von ihm, als bloß von dem Gegenstande einer sinnlichen Anschauung
+überhaupt, der also für alle Erscheinungen einerlei ist. Ich kann ihn
+durch keine Kategorien denken; denn diese gilt von der empirischen
+Anschauung, um sie unter einen Begriff vom Gegenstand überhaupt zu
+bringen. Ein reiner Gebrauch der Kategorie ist zwar möglich, d.i. ohne
+Widerspruch, aber hat gar keine objektive Gültigkeit, weil sie auf
+keine Anschauung geht, die dadurch Einheit des Objekts bekommen
+sollte; denn die Kategorie ist doch eine bloße Funktion des Denkens,
+wodurch mir kein Gegenstand gegeben, sondern nur, was in der
+Anschauung gegeben werden mag, gedacht wird.
+
+Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen
+Erkenntnis wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntnis irgendeines
+Gegenstandes übrig; denn durch bloße Anschauung wird gar nichts
+gedacht, und, daß diese Affektion der Sinnlichkeit in mir ist, macht
+gar keine Beziehung von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Objekt
+aus. Lasse ich aber hingegen alle Anschauung weg, so bleibt doch noch
+die Form des Denkens, d.i. die Art, dem Mannigfaltigen einer möglichen
+Anschauung einen Gegenstand zu bestimmen. Daher erstrecken sich die
+Kategorien sofern weiter, als die sinnliche Anschauung, weil sie
+Objekte überhaupt denken, ohne noch auf die besondere Art (der
+Sinnlichkeit) zu sehen, in der sie gegeben werden mögen. Sie bestimmen
+aber dadurch nicht eine größere Sphäre von Gegenständen, weil, daß
+solche gegeben werden können, man nicht annehmen kann, ohne daß man
+eine andere als sinnliche Art der Anschauung als möglich voraussetzt,
+wozu wir aber keineswegs berechtigt sind.
+
+Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch
+enthält, der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit anderen
+Erkenntnissen zusammenhängt, dessen objektive Realität aber auf keine
+Weise erkannt werden kann. Der Begriff eines Noumenon, d.i. eines
+Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein
+Ding an sich selbst, (lediglich durch einen reinen Verstand) gedacht
+werden soll, ist gar nicht widersprechend; denn man kann von der
+Sinnlichkeit doch nicht behaupten, daß sie die einzige mögliche Art
+der Anschauung sei. Ferner ist dieser Begriff notwendig, um die
+sinnliche Anschauung nicht bis über die Dinge an sich selbst
+auszudehnen, und also, um die objektive Gültigkeit der sinnlichen
+Erkenntnis einzuschränken, (denn das übrige, worauf jene nicht
+reicht, heißen eben darum Noumena, damit man dadurch anzeige, jene
+Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht über alles, was der Verstand
+denkt, erstrecken). Am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher
+Noumenorum gar nicht einzusehen, und der Umfang außer der Sphäre der
+Erscheinungen ist (für uns) leer, d.i. wir haben einen Verstand, der
+sich problematisch weiter erstreckt, als jene, aber keine Anschauung,
+ja auch nicht einmal den Begriff von einer möglichen Anschauung,
+wodurch uns außer dem Felde der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben, und
+der Verstand über dieselbe hinaus assertorisch gebraucht werden könne.
+Der Begriff eines Noumenon ist also bloß ein Grenzbegriff, um die
+Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken, und also nur von negativem
+Gebrauche. Er ist aber gleichwohl nicht willkürlich erdichtet, sondern
+hängt mit der Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen, ohne doch etwas
+Positives außer dem Umfange derselben setzen zu können.
+
+Die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, und der Welt
+in eine Sinnen- und Verstandeswelt, kann daher gar nicht zugelassen
+werden, obgleich Begriffe allerdings die Einteilung in sinnliche und
+intellektuelle zulassen; denn man kann den letzteren keinen Gegenstand
+bestimmen, und sie also auch nicht für objektiv gültig ausgeben. Wenn
+man von den Sinnen abgeht, wie will man begreiflich machen, daß unsere
+Kategorien (welche die einzigen übrigbleibenden Begriffe für Noumena
+sein würden) noch überall etwas bedeuten, da zu ihrer Beziehung auf
+irgendeinen Gegenstand noch etwas mehr, als bloß die Einheit des
+Denkens, nämlich überdem eine mögliche Anschauung gegeben sein muß,
+darauf jene angewandt werden können? Der Begriff eines Noumeni, bloß
+problematisch genommen, bleibt demungeachtet nicht allein zulässig,
+sondern, auch als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff,
+unvermeidlich. Aber alsdann ist das nicht ein besonderer intelligibler
+Gegenstand für unseren Verstand, sondern ein Verstand, für den es
+gehörte, ist selbst ein Problema, nämlich, nicht diskursiv durch
+Kategorien, sondern intuitiv in einer nichtsinnlichen Anschauung
+seinen Gegenstand zu erkennen, als von welchem wir uns nicht die
+geringste Vorstellung seiner Möglichkeit machen können. Unser Verstand
+bekommt nun auf diese Weise eine negative Erweiterung, d.i. er wird
+nicht durch die Sinnlichkeit eingeschränkt, sondern schränkt vielmehr
+dieselbe ein, dadurch, daß er Dinge an sich selbst (nicht als
+Erscheinungen betrachtet) Noumena nennt. Aber er setzt sich auch
+sofort selbst Grenzen, sie durch keine Kategorien zu erkennen, mithin
+sie nur unter dem Namen eines unbekannten Etwas zu denken.
+
+Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz anderen
+Gebrauch der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis, der
+von dem Sinne der Alten ganz abweicht, und wobei es freilich keine
+Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen
+wird. Nach demselben hat es einigen beliebt, den Inbegriff der
+Erscheinungen, sofern er angeschaut wird, die Sinnenwelt, sofern aber
+der Zusammenhang derselben nach allgemeinen Verstandesgesetzen gedacht
+wird, die Verstandeswelt zu nennen. Die theoretische Astronomie,
+welche die bloße Beobachtung des bestirnten Himmels vorträgt, würde
+die erstere, die kontemplative dagegen (etwa nach dem kopernikanischen
+Weltsystem, oder gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt), die
+zweite, nämlich eine intelligible Welt vorstellig machen. Aber eine
+solche Wortverdrehung ist eine bloße sophistische Ausflucht, um einer
+beschwerlichen Frage auszuweichen, dadurch, daß man ihren Sinn zu
+seiner Gemächlichkeit herabstimmt. In Ansehung der Erscheinungen läßt
+sich allerdings Verstand und Vernunft brauchen; aber es fragt sich,
+ob diese auch noch einigen Gebrauch haben, wenn der Gegenstand nicht
+Erscheinung (Noumenon) ist, und in diesem Sinne nimmt man ihn, wenn
+er an sich als bloß intelligibel, d.i. dem Verstande allein, und gar
+nicht den Sinnen gegeben, gedacht wird. Es ist also die Frage: ob
+außer jenem empirischen Gebrauche des Verstandes (selbst in der
+Newtonischen Vorstellung des Weltbaues) noch ein transzendentaler
+möglich sei, der, auf das Noumenon als einen Gegenstand gehe, welche
+Frage wir verneinend beantwortet haben.
+
+Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände vor,
+wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das
+letztere nicht in transzendentaler, sondern bloß empirischer Bedeutung
+zu nehmen, nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung, im
+durchgängigen Zusammenhange der Erscheinungen, müssen vorgestellt
+werden, und nicht nach dem, was sie, außer der Beziehung auf mögliche
+Erfahrung, und folglich auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände
+des reinen Verstandes sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt
+bleiben, sogar, daß es auch unbekannt bleibt, ob eine solche
+transzendentale (außerordentliche) Erkenntnis überall möglich sei, zum
+wenigsten als eine solche, die unter unseren gewöhnlichen Kategorien
+steht. Verstand und Sinnlichkeit können bei uns nur in Verbindung
+Gegenstände bestimmen. Wenn wir sie trennen, so haben wir Anschauungen
+ohne Begriffe, oder Begriffe ohne Anschauungen, in beiden Fällen aber
+Vorstellungen, die wir auf keinen bestimmten Gegenstand beziehen
+können.
+
+Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf alle diese Erörterungen dem bloß
+transzendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen, so mache er
+einen Versuch von ihnen in irgendeiner synthetischen Behauptung. Denn
+eine analytische bringt den Verstand nicht weiter, und da er nur mit
+dem beschäftigt ist, was in dem Begriffe schon gedacht wird, so läßt
+er es unausgemacht, ob dieser an sich selbst auf Gegenstände Beziehung
+habe, oder nur die Einheit des Denkens überhaupt bedeute, (welche von
+der Art, wie ein Gegenstand gegeben werden mag, völlig abstrahiert.)
+es ist ihm genug zu wissen, was in seinem Begriffe liegt; worauf
+der Begriff selber gehen möge, ist ihm gleichgültig. Er versuche
+es demnach mit irgendeinem synthetischen und vermeintlich
+transzendentalen Grundsatze, als: alles, was da ist, existiert als
+Substanz, oder eine derselben anhängende Bestimmung: alles Zufällige
+existiert als Wirkung eines anderen Dinges, nämlich seiner Ursache,
+usw. Nun frage ich: woher will er diese synthetischen Sätze nehmen, da
+die Begriffe nicht beziehungsweise auf mögliche Erfahrung, sondern von
+Dingen an sich selbst (Noumena) gelten sollen? Wo ist hier das Dritte,
+welches jederzeit zu einem synthetischen Satze erfordert wird,
+um in demselben Begriffe, die gar keine logische (analytische)
+Verwandtschaft haben, miteinander zu verknüpfen? Er wird seinen Satz
+niemals beweisen, ja was noch mehr ist, sich nicht einmal wegen der
+Möglichkeit einer solchen reinen Behauptung rechtfertigen können,
+ohne auf den empirischen Verstandesgebrauch Rücksicht zu nehmen, und
+dadurch dem reinen und sinnenfreien Urteile völlig zu entsagen. So ist
+denn der Begriff reiner bloß intelligibler Gegenstände gänzlich leer
+von allen Grundsätzen ihrer Anwendung, weil man keine Art ersinnen
+kann, wie sie gegeben werden sollten, und der problematische Gedanke,
+der doch einen Platz für sie offen läßt, dient nur, wie ein leerer
+Raum, die empirischen Grundsätze einzuschränken, ohne doch irgendein
+anderes Objekt der Erkenntnis, außer der Sphäre der letzteren, in sich
+zu enthalten und aufzuweisen.
+
+
+
+Anhang
+
+Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe
+durch die Verwechslung des empirischen Verstandesgebrauchs mit dem
+transzendentalen
+
+Die Überlegung (reflexio) hat es nicht mit den Gegenständen selbst
+zu tun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der
+Zustand des Gemüts, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um
+die subjektiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu
+Begriffen gelangen können. Sie ist das Bewußtsein des Verhältnisses
+gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnisquellen,
+durch welches allein ihr Verhältnis untereinander richtig bestimmt
+werden kann. Die erste Frage vor aller weiteren Behandlung unserer
+Vorstellung ist die: in welchem Erkenntnisvermögen gehören sie
+zusammen? Ist es der Verstand, oder sind es die Sinne, vor denen sie
+verknüpft, oder verglichen werden? Manches Urteil wird aus Gewohnheit
+angenommen, oder durch Neigung geknüpft; weil aber keine Überlegung
+vorhergeht, oder wenigstens kritisch darauf folgt, so gilt es für ein
+solches, das im Verstande seinen Ursprung erhalten hat. Nicht alle
+Urteile bedürfen einer Untersuchung, d.i. einer Aufmerksamkeit auf
+die Gründe der Wahrheit; denn, wenn sie unmittelbar gewiß sind: z.B.
+zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein; so läßt sich
+von ihnen kein noch näheres Merkmal der Wahrheit, als das sie selbst
+ausdrücken, anzeigen. Aber alle Urteile, ja alle Vergleichungen
+bedürfen einer Überlegung, d.i. einer Unterscheidung der
+Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören. Die Handlung,
+dadurch ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der
+Erkenntniskraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch
+ich unterscheide, ob sie als gehörig zum reinen Verstande oder zur
+sinnlichen Anschauung untereinander verglichen werden, nenne ich
+die transzendentale Überlegung. Das Verhältnis aber, in welchem die
+Begriffe in einem Gemütszustande zueinander gehören können, sind
+die der Einerleiheit und Verschiedenheit, der Einstimmung und des
+Widerstreits, des Inneren und des Äußeren, endlich des Bestimmbaren
+und der Bestimmung (Materie und Form). Die richtige Bestimmung dieses
+Verhältnisses beruht darauf, in welcher Erkenntniskraft sie subjektiv
+zueinander gehören, ob in der Sinnlichkeit oder dem Verstande. Denn
+der Unterschied der letzteren macht einen großen Unterschied in der
+Art, wie man sich die ersten denken solle.
+
+Vor allen objektiven Urteilen vergleichen wir die Begriffe, um auf die
+Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf
+der allgemeinen Urteile, oder der Verschiedenheit derselben, zur
+Erzeugung besonderer, auf die Einstimmung, daraus bejahende, und
+den Widerstreit, daraus verneinende Urteile werden können usw. Aus
+diesem Grunde sollten wir, wie es scheint, die angeführten Begriffe
+Vergleichungsbegriffe nennen (conceptus comparationis). Weil aber,
+wenn es nicht auf die logische Form, sondern auf den Inhalt der
+Begriffe ankommt, d.i. ob die Dinge selbst einerlei oder verschieden,
+einstimmig oder im Widerstreit sind usw., die Dinge aber ein
+zwiefaches Verhältnis zu unserer Erkenntniskraft, nämlich zur
+Sinnlichkeit und zum Verstande haben können, auf diese Stelle aber,
+darin sie gehören, die Art ankommt, wie sie zueinander gehören sollen:
+so wird die transzendentale Reflexion, d.i. das Verhältnis gegebener
+Vorstellungen zu einer oder der anderen Erkenntnisart, ihr Verhältnis
+untereinander allein bestimmen können, und ob die Dinge einerlei oder
+verschieden, einstimmig oder widerstreitend sind usw., wird nicht
+sofort aus den Begriffen selbst durch bloße Vergleichung (comparatio),
+sondern allererst durch die Unterscheidung der Erkenntnisart, wozu
+sie gehören, vermittelst einer transzendentalen Überlegung (reflexio)
+ausgemacht werden können. Man könnte also zwar sagen: daß die logische
+Reflexion eine bloße Komparation sei, denn bei ihr wird von der
+Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Vorstellungen gehören, gänzlich
+abstrahiert, und sie sind also so fern ihrem Sitze nach, im Gemüte,
+als gleichartig zu behandeln, die transzendentale Reflexion
+aber (welche auf die Gegenstände selbst geht) enthält den Grund
+der Möglichkeit der objektiven Komparation der Vorstellungen
+untereinander, und ist also von der letzteren gar sehr verschieden,
+weil die Erkenntniskraft, dazu sie gehören, nicht eben dieselbe ist.
+Diese transzendentale Überlegung ist eine Pflicht, von der sich
+niemand lossagen kann, wenn er a priori etwas über Dinge urteilen
+will. Wir wollen sie jetzt zur Hand nehmen, und werden daraus für die
+Bestimmung des eigentlichen Geschäfts des Verstandes nicht wenig Licht
+ziehen.
+
+1. Einerleiheit und Verschiedenheit. Wenn uns ein Gegenstand
+mehrmalen, jedesmal aber mit ebendenselben inneren Bestimmungen,
+(qualitas et quantitas) dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er
+als Gegenstand des reinen Verstandes gilt, immer eben derselbe, und
+nicht viel, sondern nur Ein Ding (numerica identitas); ist er aber
+Erscheinung, so kommt es auf die Vergleichung der Begriffe gar nicht
+an, sondern, so sehr auch in Ansehung derselben alles einerlei sein
+mag, ist doch die Verschiedenheit der Oerter dieser Erscheinung zu
+gleicher Zeit ein genugsamer Grund der numerischen Verschiedenheit des
+Gegenstandes (der Sinne) selbst. So kann man bei zwei Tropfen Wasser
+von aller inneren Verschiedenheit (der Qualität und Quantität) völlig
+abstrahieren, und es ist genug, daß sie in verschiedenen Örtern
+zugleich angeschaut werden, um sie numerisch verschieden zu halten.
+Leibniz nahm die Erscheinungen als Dinge an sich selbst, mithin
+für intelligibilia, d.i. Gegenstände des reinen Verstandes, (ob
+er gleich, wegen der Verworrenheit ihrer Vorstellungen, dieselben
+mit dem Namen der Phänomene belegte,) und da konnte sein Satz des
+Nichtzuunterscheidenden (principium identitatis indiscernibilium)
+allerdings nicht gestritten werden; da sie aber Gegenstände der
+Sinnlichkeit sind, und der Verstand in Ansehung ihrer nicht von
+reinem, sondern bloß empirischen Gebrauche ist, so wird die Vielheit
+und numerische Verschiedenheit schon durch den Raum selbst als die
+Bedingung der äußeren Erscheinungen angegeben. Denn ein Teil des
+Raums, ob er zwar einem anderen völlig ähnlich und gleich sein mag,
+ist doch außer ihm, und eben dadurch ein vom ersteren verschiedener
+Teil, der zu ihm hinzukommt, um einen größeren Raum auszumachen, und
+dieses muß daher von allem, was in den mancherlei Stellen des Raums
+zugleich ist, gelten, so sehr es sich sonsten auch ähnlich und gleich
+sein mag.
+
+2. Einstimmung und Widerstreit. Wenn Realität nur durch den reinen
+Verstand vorgestellt wird (realitas noumenon), so läßt sich zwischen
+den Realitäten kein Widerstreit denken, d.i. ein solches Verhältnis,
+da sie in einem Subjekt verbunden einander ihre Folgen aufheben,
+und 3-3=0 sei. Dagegen kann das Reale in der Erscheinung (realitas
+phaenomenon) untereinander allerdings im Widerstreit sein, und vereint
+in demselben Subjekt, eines die Folge des anderen ganz oder zum Teil
+vernichten, wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden Linie,
+sofern sie einen Punkt in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen,
+oder drücken, oder auch ein Vergnügen, was dem Schmerze die Wage hält.
+
+3. Das Innere und Äußere. An einem Gegenstande des reinen Verstandes
+ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Beziehung (dem Dasein
+nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat. Dagegen sind die
+inneren Bestimmungen einer substantia phaenomenon im Raume nichts als
+Verhältnisse, und sie selbst ganz und gar ein Inbegriff von lauter
+Relationen. Die Substanz im Raume können wir nur durch Kräfte, die in
+demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu treiben (Anziehung),
+oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurückstoßung und
+Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir nicht, die den
+Begriff von der Substanz, die im Raum erscheint, und die wir Materie
+nennen, ausmachen. Als Objekt des reinen Verstandes muß jede Substanz
+dagegen innere Bestimmungen und Kräfte haben, die auf die innere
+Realität gehen. Allein was kann ich mir für innere Akzidenzen denken,
+als diejenigen, so mein innerer Sinn mir darbietet? nämlich das
+entweder, was selbst ein Denken, oder mit diesem analogisch ist. Daher
+machte Leibniz aus allen Substanzen, weil er sie sich als Noumena
+vorstellte, selbst aus den Bestandteilen der Materie, nachdem er
+ihnen alles, was äußere Relation bedeuten mag, mithin auch die
+Zusammensetzung, in Gedanken genommen hatte, einfache Subjekte mit
+Vorstellungskräften begabt, mit einem Worte, Monaden.
+
+4. Materie und Form. Dieses sind zwei Begriffe, welche aller anderen
+Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem
+Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet
+das Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung, (beides in
+transzendentalem Verstande, da man von allem Unterschiede dessen, was
+gegeben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahiert). Die
+Logiker nannten ehedem das Allgemeine die Materie, den spezifischen
+Unterschied aber die Form. In jedem Urteile kann man die gegebenen
+Begriffe logische Materie (zum Urteile), das Verhältnis derselben
+(vermittelst der Copula) die Form des Urteils nennen. In jedem Wesen
+sind die Bestandstücke desselben (essentialia) die Materie; die Art,
+wie sie in einem Dinge verknüpft sind, die wesentliche Form. Auch
+wurde in Ansehung der Dinge überhaupt unbegrenzte Realität als die
+Materie aller Möglichkeit, Einschränkung derselben aber (Negation)
+als diejenige Form angesehen, wodurch sich ein Ding vom anderen
+nach transzendentalen Begriffen unterscheidet. Der Verstand nämlich
+verlangt zuerst, daß etwas gegeben sei, (wenigstens im Begriffe,)
+um es auf gewisse Art bestimmen zu können. Daher geht im Begriffe
+des reinen Verstandes die Materie der Form vor, und Leibniz
+nahm um deswillen zuerst Dinge an (Monaden) und innerlich eine
+Vorstellungskraft derselben, um danach das äußere Verhältnis derselben
+und die Gemeinschaft ihrer Zustände (nämlich der Vorstellungen) darauf
+zu gründen. Daher waren Raum und Zeit, jener nur durch das Verhältnis
+der Substanzen, diese durch die Verknüpfung der Bestimmungen derselben
+untereinander, als Gründe und Folgen, möglich. So würde es auch in der
+Tat sein müssen, wenn der reine Verstand unmittelbar auf Gegenstände
+bezogen werden könnte, und wenn Raum und Zeit Bestimmungen der Dinge
+an sich selbst wären. Sind es aber nur sinnliche Anschauungen, in
+denen wir alle Gegenstände lediglich als Erscheinungen bestimmen, so
+geht die Form der Anschauung (als eine subjektive Beschaffenheit der
+Sinnlichkeit) vor aller Materie (den Empfindungen), mithin Raum und
+Zeit vor allen Erscheinungen und allen datis der Erfahrung vorher,
+und macht diese vielmehr allererst möglich. Der Intellektualphilosoph
+konnte es nicht leiden: daß die Form vor den Dingen selbst
+vorhergehen, und dieser ihre Möglichkeit bestimmen sollte; eine ganz
+richtige Zensur, wenn er annahm, daß wir die Dinge anschauen, wie sie
+sind, (obgleich mit verworrener Vorstellung). Da aber die sinnliche
+Anschauung eine ganz besondere subjektive Bedingung ist, welche aller
+Wahrnehmung a priori zum Grunde liegt, und deren Form ursprünglich
+ist; so ist die Form für sich allein gegeben, und, weit gefehlt, daß
+die Materie (oder die Dinge selbst, welche erschienen) zum Grunde
+liegen sollten (wie man nach bloßen Begriffen urteilen müßte), so
+setzt die Möglichkeit derselben vielmehr eine formale Anschauung (Zeit
+und Raum) als gegeben voraus.
+
+
+
+Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe
+
+Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in der
+Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande erteilen, den transzendentalen
+Ort zu nennen. Auf solche Weise wäre die Beurteilung dieser Stelle,
+die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt, und
+die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen,
+die transzendentale Topik; eine Lehre, die vor Erschleichungen des
+reinen Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich
+bewahren würde, indem sie jederzeit unterschiede, welcher
+Erkenntniskraft die Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen
+jeden Begriff, einen jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören,
+einen logischen Ort nennen. Hierauf gründet sich die logische Topik
+des Aristoteles, deren sich Schullehrer und Redner bedienen konnten,
+um unter gewissen Titeln des Denkens nachzusehen, was sich am besten
+für seine vorliegende Materie schickte, und darüber, mit einem Schein
+von Gründlichkeit, zu vernünfteln, oder wortreich zu schwatzen.
+
+Die transzendentale Topik enthält dagegen nicht mehr, als die
+angeführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die
+sich dadurch von Kategorien unterscheiden, daß durch jene nicht der
+Gegenstand, nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht, (Größe,
+Realität,) sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor
+dem Begriffe von Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit
+dargestellt wird. Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst
+einer Überlegung, d.i. einer Bestimmung desjenigen Orts, wo die
+Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören, ob sie der
+reine Verstand denkt, oder die Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt.
+
+Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum
+zu bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als Noumena für den
+Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit
+diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst
+transzendentale Überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie
+Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die
+Sinnlichkeit. Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren
+Gebrauch von diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte
+synthetische Grundsätze, welche die kritische Vernunft nicht
+anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transzendentalen
+Amphibolie, d.i. einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit
+der Erscheinung, gründen.
+
+In Ermanglung einer solchen transzendentalen Topik, und mithin durch
+die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der
+berühmte Leibniz ein intellektuelles System der Welt, oder glaubte
+vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle
+Gegenstände nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen
+Begriffen seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe
+schafft uns den unerwarteten Vorteil, das Unterscheidende seines
+Lehrbegriffs in allen seinen Teilen, und zugleich den leitenden Grund
+dieser eigentümlichen Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts,
+als einem Mißverstande, beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch
+Begriffe miteinander, und fand, wie natürlich, keine anderen
+Verschiedenheiten, als die, durch welche der Verstand seine reinen
+Begriffe voneinander unterscheidet. Die Bedingungen der sinnlichen
+Anschauung, die ihre eigenen Unterschiede bei sich führen, sah
+er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit war ihm nur
+eine verworrene Vorstellungsart, und kein besonderer Quell der
+Vorstellungen; Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges an sich
+selbst, obgleich von der Erkenntnis durch den Verstand, der logischen
+Form nach, unterschieden, da nämlich jene, bei ihrem gewöhnlichen
+Mangel der Zergliederung, eine gewisse Vermischung von
+Nebenvorstellungen in den Begriff des Dinges zieht, die der Verstand
+davon abzusondern weiß. Mit einem Worte: Leibniz intellektuierte die
+Erscheinungen, so wie Locke die Verstandesbegriffe nach einem System
+der Noogonie (wenn es mir erlaubt ist, mich dieser Ausdrücke zu
+bedienen,) insgesamt sensifiziert, d.i. für nichts, als empirische,
+oder abgesonderte Reflexionsbegriffe ausgegeben hatte. Anstatt im
+Verstande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen von
+Vorstellungen zu suchen, die aber nur in Verknüpfung objektiv gültig
+von Dingen urteilen könnten, hielte sich ein jeder dieser großen
+Männer nur an eine von beiden, die sich ihrer Meinung nach unmittelbar
+auf Dinge an sich selbst bezöge, indessen daß die andere nichts tat,
+als die Vorstellungen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen.
+
+Leibniz verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge überhaupt
+bloß im Verstande untereinander. Erstlich, sofern sie von diesem
+als einerlei oder verschieden geurteilt werden sollen. Da er also
+lediglich ihre Begriffe, und nicht ihre Stelle in der Anschauung,
+darin die Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte,
+und den transzendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Objekt unter
+Erscheinungen, oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei,)
+gänzlich aus der acht ließ, so konnte es nicht anders ausfallen, als
+daß er seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden, der bloß von
+Begriffen der Dinge überhaupt gilt, auch auf die Gegenstände der Sinne
+(mundus phaenomenon) ausdehnte, und der Naturerkenntnis dadurch keine
+geringe Erweiterung verschafft zu haben glaubte. Freilich, wenn ich
+einen Tropfen Wasser als ein Ding an sich selbst nach allen seinen
+inneren Bestimmungen kenne, so kann ich keinen derselben von dem
+anderen für verschieden gelten lassen, wenn der ganze Begriff
+desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume, so
+hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern
+in der sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume), und da sind die
+physischen Örter, in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge, ganz
+gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem anderen
+in dem Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, ebensowohl aufnehmen,
+als wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die
+Verschiedenheit der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der
+Gegenstände, als Erscheinungen, ohne weitere Bedingungen, schon für
+sich nicht allein möglich, sondern auch notwendig. Also ist jenes
+scheinbare Gesetz kein Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine
+analytische Regel oder Vergleichung der Dinge durch bloße Begriffe.
+
+Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße Bejahungen)
+einander niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von
+dem Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber, weder in Ansehung der
+Natur, noch überall in Ansehung irgendeines Dinges an sich selbst,
+(von diesem haben wir gar keinen Begriff,) das mindeste. Denn der
+reale Widerstreit findet allerwärts statt, wo A - B = 0 ist, d.i.
+wo eine Realität mit der anderen, in einem Subjekt verbunden, eine
+die Wirkung der anderen aufhebt, welches alle Hindernisse und
+Gegenwirkungen in der Natur unaufhörlich vor Augen legen, die
+gleichwohl, da sie auf Kräften beruhen, realitates phaenomena genannt
+werden müssen. Die allgemeine Mechanik kann sogar die empirische
+Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel a priori angeben, indem
+sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht: eine Bedingung, von
+welcher der transzendentale Begriff der Realität gar nichts weiß.
+Obzwar Herr von Leibniz diesen Satz nicht eben mit dem Pomp eines
+neuen Grundsatzes ankündigte, so bediente er sich doch desselben zu
+neuen Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich in
+ihre Leibniz-Wolfianischen Lehrgebäude ein. Nach diesem Grundsatze
+sind z.E. alle Übel nichts als Folgen von den Schranken der
+Geschöpfe, d.i. Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende
+der Realität sind, (in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist
+es auch wirklich so, aber nicht in den Dingen als Erscheinungen).
+Imgleichen finden die Anhänger desselben es nicht allein möglich,
+sondern auch natürlich, alle Realität, ohne irgendeinen besorglichen
+Widerstreit, in einem Wesen zu vereinigen, weil sie keinen anderen,
+als den des Widerspruchs (durch den der Begriff eines Dinges selbst
+aufgehoben wird), nicht aber den des wechselseitigen Abbruchs kennen,
+da ein Realgrund die Wirkung des anderen aufhebt, und dazu wir nur
+in der Sinnlichkeit die Bedingungen antreffen, uns einen solchen
+vorzustellen.
+
+Drittens, die Leibnizische Monadologie hat gar keinen anderen Grund,
+als daß dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren bloß
+im Verhältnis auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen überhaupt
+müssen etwas Inneres haben, was also von allen äußeren Verhältnissen,
+folglich auch der Zusammensetzung, frei ist. Das Einfache ist also die
+Grundlage des Inneren der Dinge an sich selbst. Das Innere aber ihres
+Zustandes kann auch nicht in Ort, Gestalt, Berührung oder Bewegung,
+(welche Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind,) bestehen, und
+wir können daher den Substanzen keinen anderen inneren Zustand, als
+denjenigen, wodurch wir unseren Sinn selbst innerlich bestimmen,
+nämlich den Zustand der Vorstellungen, beilegen. So wurden denn die
+Monaden fertig, welche den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen
+sollen, deren tätige Kraft aber nur in Vorstellungen besteht, wodurch
+sie eigentlich bloß in sich selbst wirksam sind.
+
+Eben darum mußte aber auch sein Principium der möglichen Gemeinschaft
+der Substanzen untereinander eine vorherbestimmte Harmonie, und konnte
+kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur innerlich, d.i.
+mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der Zustand der
+Vorstellungen der einen mit dem der anderen Substanz in ganz und gar
+keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgendeine dritte
+und in alle insgesamt einfließende Ursache ihre Zustände einander
+korrespondierend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen und
+in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand (systema
+assistentiae), sondern durch die Einheit der Idee einer für
+alle gültigen Ursache, in welcher sie insgesamt ihr Dasein
+und Beharrlichkeit, mithin auch wechselseitige Korrespondenz
+untereinander, nach allgemeinen Gesetzen bekommen müssen.
+
+Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und Raum, darin
+er diese Formen der Sinnlichkeit intellektuierte, war lediglich aus
+eben derselben Täuschung der transzendentalen Reflexion entsprungen.
+Wenn ich mir durch den bloßen Verstand äußere Verhältnisse der Dinge
+vorstellen will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs
+ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand
+ebendesselben Dinges mit einem anderen Zustande verknüpfen, so
+kann dieses nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen. So
+dachte sich also Leibniz den Raum als eine gewisse Ordnung in der
+Gemeinschaft der Substanzen, und die Zeit als die dynamische Folge
+ihrer Zustände. Das Eigentümliche aber, und von Dingen Unabhängige,
+was beide an sich zu haben scheinen, schrieb er der Verworrenheit
+dieser Begriffe zu, welche machte, daß dasjenige, was eine bloße Form
+dynamischer Verhältnisse ist, für eine eigene für sich bestehende, und
+vor den Dingen selbst vorhergehende Anschauung gehalten wird. Also
+waren Raum und Zeit die intelligible Form der Verknüpfung der Dinge
+(Substanzen und ihrer Zustände) an sich selbst. Die Dinge aber waren
+intelligible Substanzen (substantiae noumena). Gleichwohl wollte
+er diese Begriffe für Erscheinungen geltend machen, weil er der
+Sinnlichkeit keine eigene Art der Anschauung zugestand, sondern alle,
+selbst die empirische Vorstellung der Gegenstände, im Verstande
+suchte, und den Sinnen nichts als das verächtliche Geschäft ließ, die
+Vorstellungen des ersteren zu verwirren und zu verunstalten.
+
+Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen
+Verstand synthetisch sagen könnten, (welches gleichwohl unmöglich
+ist,) so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht
+Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also
+in diesem letzteren Falle in der transzendentalen Überlegung meine
+Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit
+vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der
+Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein; was die Dinge an sich
+sein mögen, weiß ich nicht, und brauche es auch nicht zu wissen, weil
+mir doch niemals ein Ding anders, als in der Erscheinung vorkommen
+kann.
+
+So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie
+ist substantia phaenomenon. Was ihr innerlich zukomme, suche ich in
+allen Teilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen, die
+sie ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne
+sein können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin-, sondern lauter
+Komparativ-Innerliches, das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen
+besteht. Allein, das schlechthin, dem reinen Verstande nach,
+Innerliche der Materie ist auch eine bloße Grille; denn diese ist
+überall kein Gegenstand für den reinen Verstand, das transzendentale
+Objekt aber, welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir
+Materie nennen, ist ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen
+würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir
+können nichts verstehen, als was ein unseren Worten Korrespondierendes
+in der Anschauung mit sich führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das
+Innere der Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen, als, wir
+begreifen nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge, die uns
+erscheinen, an sich sein mögen; so sind sie ganz unbillig und
+unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen,
+mithin anschauen könne, folglich daß wir ein von dem menschlichen
+nicht bloß dem Grade, sondern sogar der Anschauung und Art nach,
+gänzlich unterschiedenes Erkenntnisvermögen haben, also nicht
+Menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht
+angeben können, ob sie einmal möglich, viel weniger, wie sie
+beschaffen sind. Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und
+Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit
+dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber,
+die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals
+beantworten können, wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, und
+es uns nicht einmal gegeben ist, unser eigenes Gemüt mit einer anderen
+Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu beobachten. Denn in
+demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre
+Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale Grund dieser
+Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die
+wir sogar uns selbst nur durch inneren Sinn, mithin als Erscheinung,
+kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu
+brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen,
+aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen
+wollten.
+
+Was diese Kritik der Schlüsse, aus den bloßen Handlungen der
+Reflexion, überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller
+Schlüsse über Gegenstände, die man lediglich im Verstande miteinander
+vergleicht, deutlich dartut, und dasjenige zugleich bestätigt, was wir
+hauptsächlich eingeschärft haben: daß, obgleich Erscheinungen nicht
+als Dinge an sich selbst unter den Objekten des reinen Verstandes mit
+begriffen sind, sie doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntnis
+objektive Realität haben kann, nämlich, wo den Begriffen Anschauung
+entspricht.
+
+Wenn wir bloß logisch reflektieren, so vergleichen wir lediglich
+unsere Begriffe untereinander im Verstande, ob beide eben dasselbe
+enthalten, ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem
+Begriffe innerlich enthalten sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher
+von beiden gegeben, welcher aber nur als eine Art, den gegebenen
+zu denken, gelten soll. Wende ich aber diese Begriffe auf einen
+Gegenstand überhaupt (im transz. Verstande) an, ohne diesen weiter zu
+bestimmen, ob er ein Gegenstand der sinnlichen oder intellektuellen
+Anschauung sei, so zeigen sich sofort Einschränkungen (nicht aus
+diesem Begriffe hinauszugehen), welche allen empirischen Gebrauch
+derselben verkehren, und eben dadurch beweisen, daß die Vorstellung
+eines Gegenstandes, als Dinges überhaupt, nicht etwa bloß
+unzureichend, sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben, und,
+unabhängig von empirischer Bedingung, in sich selbst widerstreitend
+sei, daß man also entweder von allem Gegenstande abstrahieren (in
+der Logik), oder, wenn man einen annimmt, ihn unter Bedingungen der
+sinnlichen Anschauung denken müsse, mithin das Intelligible eine ganz
+sondere Anschauung, die wir nicht haben, erfordern würde, und in
+Ermanglung derselben für uns nichts sei, dagegen aber auch die
+Erscheinungen nicht Gegenstände an sich selbst sein können. Denn,
+wenn ich mir bloß Dinge überhaupt denke, so kann freilich die
+Verschiedenheit der äußeren Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit
+der Sachen selbst ausmachen, sondern setzt diese vielmehr voraus,
+und, wenn der Begriff von dem Einen innerlich von dem des Andern gar
+nicht unterschieden ist, so setze ich nur ein und dasselbe Ding in
+verschiedene Verhältnisse. Ferner, durch Hinzukunft einer bloßen
+Bejahung (Realität) zur anderen, wird ja das Positive vermehrt, und
+ihm nichts entzogen, oder aufgehoben; daher kann das Reale in Dingen
+überhaupt einander nicht widerstreiten, usw.
+
+ * *
+ *
+
+Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine
+gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch,
+daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu
+einem vermeinten System intellektueller Erkenntnis, welches seine
+Gegenstände ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu
+verleiten imstande gewesen. Eben um deswillen ist die Entwicklung der
+täuschenden Ursache der Amphibolie dieser Begriffe, in Veranlassung
+falscher Grundsätze, von großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes
+zuverlässig zu bestimmen und zu sichern.
+
+Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein zukommt, oder
+widerspricht, das kommt auch zu, oder widerspricht, allem Besonderen,
+was unter jenem Begriff enthalten ist; (dictum de Omni et Nullo;) es
+wäre aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern,
+daß er so lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten
+ist, das ist auch in den besonderen nicht enthalten, die unter
+demselben stehen; denn diese sind eben darum besondere Begriffe, weil
+sie mehr in sich enthalten, als im allgemeinen gedacht wird. Nun ist
+doch wirklich auf diesen letzteren Grundsatz das ganze intellektuelle
+System Leibnizens erbaut; es fällt also zugleich mit demselben, samt
+aller aus ihm entspringenden Zweideutigkeit im Verstandesgebrauche.
+
+Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der
+Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt
+eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch
+nicht in den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge
+völlig einerlei (numero eadem), die sich nicht schon in ihrem Begriffe
+(der Qualität oder Quantität nach) voneinander unterscheiden. Weil
+aber bei dem bloßen Begriffe von irgendeinem Dinge von manchen
+notwendigen Bedingungen einer Anschauung abstrahiert worden, so wird,
+durch eine sonderbare Übereilung, das, wovon abstrahiert wird, dafür
+genommen, daß es überall nicht anzutreffen sei, und dem Dinge nichts
+eingeräumt, als was in seinem Begriffe enthalten ist.
+
+Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag mir diesen denken,
+wo und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei
+Kubikfüße sind im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden
+(numero diversa); diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das
+Objekt dieses Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch
+zur ganzen Sinnlichkeit gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe
+von einem Dinge gar kein Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit
+einem Bejahenden verbunden worden, und bloß bejahende Begriffe können,
+in Verbindung, gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen
+Anschauung, darin Realität (z.B. Bewegung) gegeben wird, finden sich
+Bedingungen (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe
+der Bewegung überhaupt abstrahiert war, die einen Widerstreit, der
+freilich nicht logisch ist, nämlich aus lauter Positivem ein Zero = 0
+möglich machen, und man konnte nicht sagen: daß darum alle Realität
+untereinander Einstimmung sei, weil unter ihren Begriffen kein
+Widerstreit angetroffen wird*. Nach bloßen Begriffen ist das Innere
+das Substratum aller Verhältnis oder äußeren Bestimmungen. Wenn ich
+also von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiere, und mich
+lediglich an den Begriff von einem Dinge überhaupt halte, so kann ich
+von allem äußeren Verhältnis abstrahieren, und es muß dennoch ein
+Begriff von dem übrigbleiben, das gar kein Verhältnis, sondern bloß
+innere Bestimmungen bedeutet. Da scheint es nun, es folge daraus: in
+jedem Dinge (Substanz) sei etwas, was schlechthin innerlich ist, und
+allen äußeren Bestimmungen vorgeht, indem es sie allererst möglich
+macht, mithin sei dieses Substratum so etwas, das keine äußeren
+Verhältnisse mehr in sich enthält, folglich einfach: (denn die
+körperlichen Dinge sind doch immer nur Verhältnisse, wenigstens
+der Teile außereinander;) und weil wir keine schlechthin inneren
+Bestimmungen kennen, als die durch unseren inneren Sinn, so sei dieses
+Substratum nicht allein einfach, sondern auch (nach der Analogie mit
+unserem inneren Sinn) durch Vorstellungen bestimmt, d.i. alle Dinge
+wären eigentlich Monaden, oder mit Vorstellungen begabte einfache
+Wesen. Dieses würde auch alles seine Richtigkeit haben, gehörte
+nicht etwa mehr, als der Begriff von einem Dinge überhaupt, zu den
+Bedingungen, unter denen allein uns Gegenstände der äußeren Anschauung
+gegeben werden können, und von denen der reine Begriff abstrahiert.
+Denn da zeigt sich, daß eine beharrliche Erscheinung im Raume
+(undurchdringliche Ausdehnung) lauter Verhältnisse, und gar nichts
+schlechthin Innerliches enthalten, und dennoch das erste Substratum
+aller äußeren Wahrnehmung sein könne. Durch bloße Begriffe kann ich
+freilich ohne etwas Innerem nichts Äußeres denken, eben darum, weil
+Verhältnisbegriffe doch schlechthin gegebene Dinge voraussetzen,
+und ohne diese nicht möglich sind. Aber, da in der Anschauung etwas
+enthalten ist, was im bloßen Begriffe von einem Dinge überhaupt gar
+nicht liegt, und dieses das Substratum, welches durch bloße Begriffe
+gar nicht erkannt werden würde, an die Hand gibt, nämlich, ein Raum,
+der, mit allem, was er enthält, aus lauter formalen, oder auch realen
+Verhältnissen besteht, so kann ich nicht sagen: weil, ohne ein
+Schlechthininneres, kein Ding durch bloße Begriffe vorgestellt werden
+kann, so sei auch in den Dingen selbst, die unter diesen Begriffen
+enthalten sind, und ihrer Anschauung nichts Äußeres, dem nicht etwas
+Schlechthininnerliches zum Grunde läge. Denn, wenn wir von allen
+Bedingungen der Anschauung abstrahiert haben, so bleibt uns freilich
+im bloßen Begriffe nichts übrig, als das Innere überhaupt, und das
+Verhältnis desselben untereinander, wodurch allein das Äußere möglich
+ist. Diese Notwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraktion
+gründet, findet nicht bei den Dingen statt, sofern sie in der
+Anschauung mit solchen Bestimmungen gegeben werden, die bloße
+Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres zum Grunde zu haben,
+darum, weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern lediglich
+Erscheinungen sind. Was wir auch nur an der Materie kennen, sind
+lauter Verhältnisse, (das, was wir innere Bestimmungen derselben
+nennen, ist nur komparativ innerlich;) aber es sind darunter
+selbständige und beharrliche, dadurch uns ein bestimmter Gegenstand
+gegeben wird. Daß ich, wenn ich von diesen Verhältnissen abstrahiere,
+gar nichts weiter zu denken habe, hebt den Begriff von einem Dinge,
+als Erscheinung, nicht auf, auch nicht den Begriff von einem
+Gegenstande in abstracto, wohl aber alle Möglichkeit eines solchen,
+der nach bloßen Begriffen bestimmbar ist, d.i. eines Noumenon.
+Freilich macht es stutzig, zu hören, daß ein Ding ganz und gar aus
+Verhältnissen bestehen solle, aber ein solches Ding ist auch bloße
+Erscheinung, und kann gar nicht durch reine Kategorien gedacht werden;
+es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von Etwas überhaupt zu
+den Sinnen. Ebenso kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto,
+wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt, wohl nicht anders denken,
+als daß eines die Ursache von Bestimmungen in dem anderen sei; denn
+das ist unser Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein, da
+wir alsdann von aller Anschauung abstrahieren, so fällt eine ganze
+Art, wie das Mannigfaltige einander seinen Ort bestimmen kann,
+nämlich die Form der Sinnlichkeit (der Raum), weg, der doch vor aller
+empirischen Kausalität vorhergeht.
+
+* Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen: daß
+ wenigstens realitates Noumena einander nicht entgegenwirken
+ können, so müßte man doch ein Beispiel von dergleichen reiner und
+ sinnenfreier Realität anführen, damit man verstände, ob eine solche
+ überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann kein
+ Beispiel woher anders, als aus der Erfahrung genommen werden, die
+ niemals mehr als Phänomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz
+ nichts weiter, als daß der Begriff, der lauter Bejahungen enthält,
+ nichts Verneinendes enthalte; ein Satz, an dem wir niemals
+ gezweifelt haben.
+
+Wenn wir unter bloß intelligiblen Gegenständen diejenigen Dinge
+verstehen, die durch reine Kategorien, ohne alles Schema der
+Sinnlichkeit, gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die
+Bedingung des objektiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe
+ist bloß die Art unserer sinnlichen Anschauung, wodurch uns
+Gegenstände gegeben werden, und, wenn wir von der letzteren
+abstrahieren, so haben die ersteren gar keine Beziehung auf irgendein
+Objekt. Ja, wenn man auch eine andere Art der Anschauung, als
+diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so würden doch unsere
+Funktionen zu denken in Ansehung derselben von gar keiner Bedeutung
+sein. Verstehen wir darunter nur Gegenstände einer nichtsinnlichen
+Anschauung, von denen unsere Kategorien zwar freilich nicht gelten,
+und von denen wir also gar keine Erkenntnis (weder Anschauung, noch
+Begriff) jemals haben können, so müssen Noumena in dieser bloß
+negativen Bedeutung allerdings zugelassen werden: da sie denn nichts
+anderes sagen, als: daß unsere Art der Anschauung nicht auf alle
+Dinge, sondern bloß auf Gegenstände unserer Sinne geht, folglich ihre
+objektive Gültigkeit begrenzt ist, und mithin für irgendeine andere
+Art Anschauung, und also auch für Dinge als Objekte derselben,
+Platz übrigbleibt. Aber alsdann ist der Begriff eines Noumenon
+problematisch, d.i. die Vorstellung eines Dinges, von dem wir weder
+sagen können, daß es möglich, noch daß es unmöglich sei, indem wir
+gar keine Art der Anschauung, als unsere sinnliche kennen, und keine
+Art der Begriffe, als die Kategorien, keine von beiden aber einem
+außersinnlichen Gegenstande angemessen ist. Wir können daher das
+Feld der Gegenstände unseres Denkens über die Bedingungen unserer
+Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitern, und außer den
+Erscheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens, d.i. Noumena,
+annehmen, weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben. Denn
+man muß von den Kategorien eingestehen: daß sie allein noch nicht zur
+Erkenntnis der Dinge an sich selbst zureichen, und ohne die data der
+Sinnlichkeit bloß subjektive Formen der Verstandeseinheit, aber ohne
+Gegenstand, sein würden. Das Denken ist zwar an sich kein Produkt
+der Sinne, und sofern durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum
+nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauche, ohne Beitritt der
+Sinnlichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist. Man kann auch das
+Noumenon nicht ein solches Objekt nennen; denn dieses bedeutet eben
+den problematischen Begriff von einem Gegenstande cor eine ganz andere
+Anschauung und einen ganz anderen Verstand, als der unsrige, der
+mithin selbst ein Problem ist. Der Begriff des Noumenon ist also
+nicht der Begriff von einem Objekt, sondern die unvermeidlich mit der
+Einschränkung unserer Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe, ob es
+nicht von jener ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben
+möge, welche Frage nur unbestimmt beantwortet werden kann, nämlich:
+daß, weil die sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne
+Unterschied geht, für mehr und andere Gegenstände Platz übrigbleibe,
+sie also nicht schlechthin abgeleugnet, in Ermanglung eines bestimmten
+Begriffs aber (da keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht als
+Gegenstände für unseren Verstand behauptet werden können.
+
+Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein
+eigenes Feld zu erweitern, und, indem er jene warnt, daß sie sich
+nicht anmaße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf
+Erscheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber
+nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung
+(mithin selbst nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als
+Realität, noch als Substanz usw. gedacht werden kann (weil diese
+Begriffe immer sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen
+Gegenstand bestimmen;) wovon also völlig unbekannt ist, ob es in
+uns, oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit
+zugleich aufgehoben werden, oder wenn wir jene wegnehmen, noch
+übrigbleiben würde. Wollen wir dieses Objekt Noumenon nennen, darum,
+weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so steht dieses
+uns frei. Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen darauf
+anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer, und
+dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu
+bezeichnen, und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch
+mögliche Erfahrung, noch durch den reinen Verstand ausfüllen können.
+
+Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein
+neues Feld von Gegenständen, außer denen, die ihm als Erscheinungen
+vorkommen können, zu schaffen, und in intelligible Welten, sogar nicht
+einmal in ihren Begriff, auszuschweifen. Der Fehler, welcher hierzu
+auf die allerscheinbarste Art verleitet, und allerdings entschuldigt,
+obgleich nicht gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der
+Gebrauch des Verstandes, wider seine Bestimmung, transzendental
+gemacht, und die Gegenstände, d.i. mögliche Anschauungen, sich nach
+Begriffen, nicht aber Begriffe sich nach möglichen Anschauungen (als
+auf denen allein ihre objektive Gültigkeit beruht) richten müssen. Die
+Ursache hiervon aber ist wiederum: daß die Apperzeption, und, mit ihr,
+das Denken vor aller möglichen bestimmten Anordnung der Vorstellungen
+vorhergeht. Wir denken also Etwas überhaupt, und bestimmen es
+einerseits sinnlich, allein unterscheiden doch den allgemeinen und in
+abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn anzuschauen; da
+bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu bestimmen, übrig,
+welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist, uns aber
+dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Objekt an sich existiere
+(Noumenon), ohne auf die Anschauung zu sehen, welche auf unsere Sinne
+eingeschränkt ist.
+
+ * *
+ *
+
+Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen, müssen wir noch
+etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher
+Erheblichkeit, dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich
+scheinen dürfte. Der höchste Begriff, von dem man eine
+Transzendentalphilosophie anzufangen pflegt, ist gemeiniglich die
+Einteilung in das Mögliche und Unmögliche. Da aber alle Einteilung
+einen eingeteilten Begriff voraussetzt, so muß noch ein höherer
+angegeben werden, und dieser ist der Begriff von einem Gegenstande
+überhaupt (problematisch genommen, und unausgemacht, ob er Etwas oder
+Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich
+auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die Unterscheidung eines
+Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei, nach der Ordnung und
+Anweisung der Kategorien fortgehen.
+
+1. Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles
+aufhebt, d.i. Keines, entgegengesetzt und so ist der Gegenstand eines
+Begriffs, dem gar keine anzugebende Anschauung korrespondiert, =
+Nichts, d.i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena, die nicht
+unter die Möglichkeiten gezählt werden können, obgleich auch darum
+nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen, (ens rationis,) oder
+wie etwa gewisse neue Grundkräfte, die man sich denkt, zwar ohne
+Widerspruch, aber auch ohne Beispiel aus der Erfahrung gedacht worden,
+und also nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden müssen.
+
+2. Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich, ein Begriff von
+dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte, (nihil
+privativum).
+
+3. Die bloße Form der Anschauung, ohne Substanz, ist an sich kein
+Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als
+Erscheinung), wie der reine Raum, und die reine Zeit (ens
+imaginarium), die zwar Etwas sind, als Formen anzuschauen, aber selbst
+keine Gegenstände sind, die angeschaut werden.
+
+4. Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist
+Nichts, weil der Begriff Nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die
+geradlinige Figur von zwei Seiten, (nihil negativum).
+
+Die Tafel dieser Einteilung des Begriffs von Nichts (denn die dieser
+gleichlaufende Einteilung des Etwas folgt von selber,) würde daher so
+angelegt werden müssen:
+
+ Nichts,
+ als
+
+ 1. Leerer Begriff ohne Gegenstand,
+ ens rationis.
+
+ 2. Leerer Gegenstand 3. Leere Anschauung
+ eines Begriffs, ohne Gegenstand,
+ nihil privativum. ens imaginarium.
+
+ 4. Leerer Gegenstand ohne Begriff,
+ nihil negativum.
+
+Man sieht, daß das Gedankending (n. 1.) von dem Undinge (n. 4.)
+dadurch unterschieden werde, daß jenes nicht unter die Möglichkeiten
+gezählt werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht
+widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt
+ist, indem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind aber
+leere Begriffe. Dagegen sind das nihil privativum (n. 2.) und ens
+imaginarium (n. 3.) leere Data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht
+den Sinnen gegeben worden, so kann man sich auch keine Finsternis,
+und, wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen worden, keinen Raum
+vorstellen. Die Negation sowohl, als die bloße Form der Anschauung,
+sind, ohne ein Reales, keine Objekte.
+
+
+
+Der transzendentalen Logik
+Zweite Abteilung
+Die transzendentale Dialektik
+
+Einleitung
+
+I. Vom transzendentalen Schein
+
+Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt.
+Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn
+diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren
+Erkenntnis also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist,
+und mithin von dem analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden
+muß. Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten
+werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, sofern er
+angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht
+wird. Man kann also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren,
+aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urteilen, sondern weil
+sie gar nicht urteilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin
+auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile,
+d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserem Verstande
+anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den Verstandesgesetzen
+durchgängig zusammenstimmt, ist kein Irrtum. In einer Vorstellung der
+Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum. Keine
+Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen
+abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein (ohne
+Einfluß einer anderen Ursache), noch die Sinne für sich, irren; der
+erstere darum nicht, weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt,
+die Wirkung (das Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen
+muß. In der Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes besteht
+aber das Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein Urteil,
+weder ein wahres, noch falsches. Weil wir nun außer diesen beiden
+Erkenntnisquellen keine anderen haben, so folgt: daß der Irrtum nur
+durch den unbemerkten Einfluß der Sinnlichkeit auf den Verstand
+bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß die subjektive Gründe des
+Urteils mit den objektiven zusammenfließen, und diese von ihrer
+Bestimmung abweichend machen*, so wie ein bewegter Körper zwar für
+sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten würde,
+die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung zugleich
+auf ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die
+eigentümliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit
+einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nötig sein, das irrige
+Urteil als die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das
+Urteil nach zwei verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam
+einen Winkel einschließen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die
+einfache des Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in
+reinen Urteilen a priori durch transzendentale Überlegung geschehen
+muß, wodurch (wie schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre
+Stelle in der ihr angemessenen Erkenntniskraft angewiesen, mithin auch
+der Einfluß der letzteren auf jene unterschieden wird.
+
+* Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Objekt, worauf
+ dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse.
+ Eben dieselbe aber, sofern sie auf die Verstandeshandlung selbst
+ einfließt, und ihn zum Urteilen bestimmt, ist der Grund des Irrtums.
+
+Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z.B. dem
+optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche
+sonst richtiger Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die
+Urteilskraft, durch den Einfluß der Einbildung verleitet wird, sondern
+wir haben es mit dem transzendentalen Scheine allein zu tun, der
+auf Grundsätze einfließt, deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung
+angelegt ist, als in welchem Falle wir doch wenigstens einen
+Probierstein ihrer Richtigkeit haben würden, sondern der uns selbst,
+wider alle Warnungen der Kritik, gänzlich über den empirischen
+Gebrauch der Kategorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer
+Erweiterung des reinen Verstandes hinhält. Wir wollen die Grundsätze,
+deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung
+hält, immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen
+sollen, transzendente Grundsätze nennen. Ich verstehe aber unter
+diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Mißbrauch der
+Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik
+gezügelten Urteilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf
+allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist, nicht genug
+achthat; sondern wirkliche Grundsätze, die uns zumuten, alle
+jene Grenzpfähle niederzureißen und sich einen ganz neuen Boden,
+der überall keine Demarkation erkennt, anzumaßen. Daher sind
+transzendental und transzendent nicht einerlei. Die Grundsätze des
+reinen Verstandes, die wir oben vortrugen, sollen bloß von empirischem
+und nicht von transzendentalem, d.i. über die Erfahrungsgrenze
+hinausreichendem Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese
+Schranken wegnimmt, ja gar gebietet, sie zu überschreiten, heißt
+transzendent. Kann unsere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser
+angemaßten Grundsätze aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloß
+empirischen Gebrauchs, im Gegensatz mit den letzteren, immanente
+Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden können.
+
+Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform
+besteht, (der Schein der Trugschlüsse,) entspringt lediglich aus einem
+Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. Sobald daher diese auf
+den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der
+transzendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn
+schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transzendentale
+Kritik deutlich eingesehen hat. (Z.B. der Schein in dem Satze: die
+Welt muß der Zeit nach einen Anfang haben.) Die Ursache hiervon
+ist diese, daß in unserer Vernunft (subjektiv als ein menschliches
+Erkenntnisvermögen betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs
+liegen, welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben, und
+wodurch es geschieht, daß die subjektive Notwendigkeit einer gewissen
+Verknüpfung unserer Begriffe, zugunsten des Verstandes, für eine
+objektive Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst,
+gehalten wird. Eine Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig
+als wir es vermeiden können, daß uns das Meer in der Mitte nicht höher
+scheine, wie an dem Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als
+diese sehen, oder, noch mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern
+kann, daß ihm der Mond im Aufgange nicht größer scheine, ob er gleich
+durch diesen Schein nicht betrogen wird.
+
+Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den
+Schein transzendenter Urteile aufzudecken, und zugleich zu verhüten,
+daß er nicht betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar
+verschwinde, und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals
+bewerkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und
+unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven
+Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt, anstatt daß
+die logische Dialektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem
+Fehler, in Befolgung der Grundsätze, oder mit einem gekünstelten
+Scheine, in Nachahmung derselben, zu tun hat. Es gibt also eine
+natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft, nicht
+eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen,
+selbst verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute
+zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen
+Vernunft unhintertreiblich anhängt, und selbst, nachdem wir ihr
+Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr
+vorzugaukeln und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen zu
+stoßen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen.
+
+
+
+II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transzendentalen Scheins
+
+A. Von der Vernunft überhaupt
+
+Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum
+Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in
+uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter
+die höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser
+obersten Erkenntniskraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich
+in einiger Verlegenheit. Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen
+bloß formalen, d.i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem
+Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, aber auch einen realen, da sie
+selbst den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält, die
+sie weder von den Sinnen, noch vom Verstande entlehnt. Das erstere
+Vermögen ist nun freilich vorlängst von den Logikern durch
+das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede von den
+unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erklärt worden;
+das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch
+nicht eingesehen. Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein
+logisches und transzendentales Vermögen vorkommt, so muß ein höherer
+Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide
+Begriffe unter sich befaßt, indessen wir nach der Analogie mit den
+Verstandesbegriffen erwarten können, daß der logische Begriff zugleich
+den Schlüssel zum transzendentalen, und die Tafel der Funktionen der
+ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand
+geben werde.
+
+Wir erklärten, im ersteren Teile unserer transzendentalen Logik,
+den Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir
+die Vernunft von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der
+Prinzipien nennen wollen.
+
+Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig, und bedeutet gemeiniglich
+nur ein Erkenntnis, das als Prinzip gebraucht werden kann, ob es zwar
+an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Prinzipium
+ist. Ein jeder allgemeiner Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung
+(durch Induktion) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem
+Vernunftschlusse dienen; er ist darum aber nicht selbst ein
+Prinzipium. Die mathematischen Axiome (z.B. zwischen zwei Punkten kann
+nur eine gerade Linie sein,) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a
+priori, und werden daher mit Recht, relativisch auf die Fälle, die
+unter ihnen subsumiert werden können, Prinzipien genannt. Aber ich
+kann darum doch nicht sagen, daß ich diese Eigenschaft der geraden
+Linien überhaupt und an sich, aus Prinzipien erkenne, sondern nur in
+der reinen Anschauung.
+
+Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen, da ich das
+Besondere im allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn ein jeder
+Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem
+Prinzip. Denn der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff, der da macht,
+daß alles, was unter der Bedingung desselben subsumiert wird, aus ihm
+nach einem Prinzip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntnis
+zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand
+dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können diese
+denn auch, in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs, Prinzipien genannt
+werden.
+
+Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an
+sich selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als
+Erkenntnisse aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a
+priori möglich sein, wenn wir nicht die reine Anschauung, (in der
+Mathematik,) oder Bedingungen einer möglichen Erfahrung überhaupt
+herbeizögen. Daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, kann gar
+nicht aus dem Begriffe dessen, was überhaupt geschieht, geschlossen
+werden; vielmehr zeigt der Grundsatz, wie man allererst von dem, was
+geschieht, einen bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen könne.
+
+Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also
+gar nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich
+schlechthin Prinzipien nenne; indessen, daß alle allgemeinen Sätze
+überhaupt komparative Prinzipien heißen können.
+
+Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal
+in Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal, statt der endlosen
+Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze, ihre Prinzipien aufsuchen möge;
+denn darin kann allein das Geheimnis bestehen, die Gesetzgebung, wie
+man sagt, zu simplifizieren. Aber die Gesetze sind hier auch nur
+Einschränkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie
+durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf
+etwas, was gänzlich unser eigen Werk ist, und wovon wir durch jene
+Begriffe selbst die Ursache sein können. Wie aber Gegenstände an sich
+selbst, wie die Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach bloßen
+Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unmögliches,
+wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung. Es mag
+aber hiermit bewandt sein, wie es wolle, (denn darüber haben wir
+die Untersuchung noch vor uns,) so erhellt wenigstens daraus: daß
+Erkenntnis aus Prinzipien (an sich selbst) ganz etwas anderes sei, als
+bloße Verstandeserkenntnis, die zwar auch anderen Erkenntnissen in der
+Form eines Prinzips vorgehen kann, an sich selbst aber (sofern sie
+synthetisch ist) nicht auf bloßem Denken beruht, noch ein Allgemeines
+nach Begriffen in sich enthält.
+
+Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen
+vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der
+Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien. Sie geht also niemals
+zunächst auf Erfahrung, oder auf irgendeinen Gegenstand, sondern auf
+den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a
+priori durch Begriffe zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag, und
+von ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden
+kann.
+
+Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit er,
+bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben
+werden sollen), hat begreiflich gemacht werden können.
+
+
+
+B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft
+
+Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar erkannt,
+und dem, was nur geschlossen wird. Daß in einer Figur, die durch
+drei gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar
+erkannt; daß diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist
+nur geschlossen. Weil wir des Schließens beständig bedürfen und es
+dadurch endlich ganz gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen
+Unterschied nicht mehr, und halten oft, wie bei dem sogenannten
+Betruge der Sinne, etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch
+nur geschlossen haben. Bei jedem Schlusse ist ein Satz, der zum Grunde
+liegt, ein anderer, nämlich die Folgerung, die aus jenem gezogen wird,
+und endlich die Schlußfolge (Konsequenz), nach welcher die Wahrheit
+des letzteren unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren verknüpft
+ist. Liegt das geschlossene Urteil schon so in dem ersten, daß es ohne
+Vermittlung einer dritten Vorstellung daraus abgeleitet werden kann,
+so heißt der Schluß unmittelbar (consequentia immediata); ich möchte
+ihn lieber den Verstandesschluß nennen. Ist aber, außer der zum Grunde
+gelegten Erkenntnis, noch ein anderes Urteil nötig, um die Folge zu
+bewirken, so heißt der Schluß ein Vernunftschluß. In dem Satze: alle
+Menschen sind sterblich, liegen schon die Sätze: einige Menschen sind
+sterblich, oder einige Sterbliche sind Menschen, oder nichts, was
+unsterblich ist, ist ein Mensch, und diese sind also unmittelbare
+Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen liegt der Satz: alle Gelehrten
+sind sterblich, nicht in dem untergelegten Urteile (denn der Begriff
+der Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor), und er kann nur vermittelst
+eines Zwischenurteils aus diesem gefolgert werden.
+
+In jedem Vernunftsschlusse denke ich zuerst eine Regel (major) durch
+den Verstand. Zweitens subsumiere ich ein Erkenntnis unter die
+Bedingung der Regel (minor) vermittelst der Urteilskraft. Endlich
+bestimme ich mein Erkenntnis durch das Prädikat der Regel (conclusio),
+mithin a priori durch die Vernunft. Das Verhältnis also, welches der
+Obersatz, als die Regel, zwischen einer Erkenntnis und ihrer Bedingung
+vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus.
+Sie sind also gerade dreifach, so wie alle Urteile überhaupt, sofern
+sie sich in der Art unterscheiden, wie sie das Verhältnis des
+Erkenntnisses im Verstande ausdrücken, nämlich: kategorische oder
+hypothetische oder disjunktive Vernunftschlüsse.
+
+Wenn, wie mehrenteils geschieht, die Konklusion als ein Urteil
+aufgegeben worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen
+Urteilen, durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird,
+fließe: so suche ich im Verstande die Assertion dieses Schlußsatzes
+auf, ob sie sich nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach
+einer allgemeinen Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Bedingung
+und läßt sich das Objekt des Schlußsatzes unter der gegebenen
+Bedingung subsumieren, so ist dieser aus der Regel, die auch für
+andere Gegenstände der Erkenntnis gilt, gefolgert. Man sieht daraus:
+daß die Vernunft im Schließen die große Mannigfaltigkeit der
+Erkenntnis des Verstandes auf die kleinste Zahl der Prinzipien
+(allgemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit
+derselben zu bewirken suche.
+
+
+
+C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft
+
+Kann man die Vernunft isolieren, und ist sie alsdann noch ein eigener
+Quell von Begriffen und Urteilen, die lediglich aus ihr entspringen,
+und dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß
+subalternes Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu
+geben, welche logisch heißt, und wodurch die Verstandeserkenntnisse
+nur einander und niedrige Regeln anderen höheren (deren Bedingung die
+Bedingung der ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden,
+so viel sich durch die Vergleichung derselben will bewerkstelligen
+lassen? Dies ist die Frage, mit der wir uns jetzt nur vorläufig
+beschäftigen. In der Tat ist Mannigfaltigkeit der Regeln und Einheit
+der Prinzipien eine Forderung der Vernunft, um den Verstand mit sich
+selbst in durchgängigen Zusammenhang zu bringen, so wie der Verstand
+das Mannigfaltige der Anschauung unter Begriffe und dadurch jene in
+Verknüpfung bringt. Aber ein solcher Grundsatz schreibt den Objekten
+kein Gesetz vor, und enthält nicht den Grund der Möglichkeit, sie als
+solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen, sondern ist bloß ein
+subjektives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrate unseres Verstandes,
+durch Vergleichung seiner Begriffe, den allgemeinen Gebrauch derselben
+auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen, ohne daß man
+deswegen von den Gegenständen selbst eine solche Einhelligkeit, die
+der Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub tue,
+zu fordern, und jener Maxime zugleich objektive Gültigkeit zu geben,
+berechtigt wäre. Mit einem Worte, die Frage ist: ob Vernunft an sich
+d.i. die reine Vernunft a priori synthetische Grundsätze und Regeln
+enthalte, und worin diese Prinzipien bestehen mögen?
+
+Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen gibt
+uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das
+transzendentale Prinzipium derselben in der synthetischen Erkenntnis
+durch reine Vernunft beruhen werde.
+
+Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen, um dieselbe
+unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien),
+sondern auf Begriffe und Urteile. Wenn also reine Vernunft auch auf
+Gegenstände geht, so hat sie doch darauf und deren Anschauung keine
+unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen
+Urteile, welche sich zunächst an die Sinne und deren Anschauung
+wenden, um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist
+also nicht Einheit einer möglichen Erfahrung, sondern von dieser,
+als der Verstandeseinheit, wesentlich unterschieden. Daß alles, was
+geschieht, eine Ursache habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter
+und vorgeschriebener Grundsatz. Er macht die Einheit der Erfahrung
+möglich und entlehnt nichts von der Vernunft, welche, ohne diese
+Beziehung auf mögliche Erfahrung, aus bloßen Begriffen keine solche
+synthetische Einheit hätte gebieten können.
+
+Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die
+allgemeine Bedingung ihres Urteils (des Schlußsatzes), und der
+Vernunftschluß ist selbst nichts anderes als ein Urteil, vermittelst
+der Subsumtion seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel
+(Obersatz). Da nun diese Regel wiederum eben demselben Versuche der
+Vernunft ausgesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung
+(vermittelst eines Prosyllogismus) gesucht werden muß, so lange es
+angeht, so sieht man wohl, der eigentümliche Grundsatz der Vernunft
+überhaupt (im logischen Gebrauche) sei: zu dem bedingten Erkenntnisse
+des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben
+vollendet wird.
+
+Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Prinzipium der reinen
+Vernunft werden, als dadurch, daß man annimmt: wenn das Bedingte
+gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter
+Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben, (d.i. in dem
+Gegenstande und seiner Verknüpfung enthalten).
+
+Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar
+synthetisch; denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf
+irgendeine Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus
+demselben auch verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon
+der reine Verstand nichts weiß, als der nur mit Gegenständen einer
+möglichen Erfahrung zu tun hat, deren Erkenntnis und Synthesis
+jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte aber, wenn es wirklich statthat,
+kann besonders erwogen werden, nach allen den Bestimmungen, die es
+von jedem Bedingten unterscheiden, und muß dadurch Stoff zu manchen
+synthetischen Sätzen a priori geben.
+
+Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft entspringenden
+Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transzendent
+sein, d.i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von
+demselben jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen
+Grundsätzen des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem
+sie nur die Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben,) gänzlich
+unterscheiden. Ob nun jener Grundsatz: daß sich die Reihe der
+Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens
+der Dinge überhaupt,) bis zum Unbedingten erstrecke, seine objektive
+Richtigkeit habe, oder nicht; welche Folgerungen daraus auf den
+empirischen Verstandesgebrauch fließen, oder ob es vielmehr überall
+keinen dergleichen objektivgültigen Vernunftsatz gebe, sondern
+eine bloß logische Vorschrift, sich im Aufsteigen zu immer höheren
+Bedingungen, der Vollständigkeit derselben zu nähern und dadurch die
+höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntnis zu bringen;
+ob, sage ich, dieses Bedürfnis der Vernunft durch einen Mißverstand
+für einen transzendentalen Grundsatz der reinen Vernunft gehalten
+worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilterweise
+von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postuliert;
+was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und Verblendungen in
+die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen
+worden, (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist,) und die
+von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen, einschleichen
+mögen: das wird unser Geschäft in der transzendentalen Dialektik sein,
+welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen
+Vernunft verborgen sind, entwickeln wollen. Wir werden sie in zwei
+Hauptstücke teilen, deren erstere von den transzendenten Begriffen
+der reinen Vernunft, der zweite von transzendenten und dialektischen
+Vernunftsschlüssen derselben handeln soll.
+
+
+
+Der transzendentalen Dialektik
+Erstes Buch
+Von den Begriffen der reinen Vernunft
+
+Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft für
+eine Bewandtnis haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflektierte,
+sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori
+vor der Erfahrung und zum Behuf derselben gedacht; aber sie enthalten
+nichts weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen,
+insofern sie notwendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein
+gehören sollen. Durch sie allein wird Erkenntnis und Bestimmung eines
+Gegenstandes möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und
+vor ihnen gehen keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher,
+aus denen sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich
+ihre objektive Realität doch lediglich darauf: daß, weil sie die
+intellektuelle Form aller Erfahrung ausmachen, ihre Anwendung
+jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt werden können.
+
+Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig: daß
+er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil
+er eine Erkenntnis betrifft, von der jede empirische nur ein Teil ist,
+(vielleicht das Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen
+Synthesis,) bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig
+zureicht, aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe
+dienen zum Begreifen, wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der
+Wahrnehmungen). Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen sie
+etwas, worunter alle Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals
+ein Gegenstand der Erfahrung ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren
+Schlüssen aus der Erfahrung führt, und wornach sie den Grad ihres
+empirischen Gebrauchs schätzt und abmißt, niemals aber ein Glied der
+empirischen Synthesis ausmacht. Haben dergleichen Begriffe dessen
+ungeachtet, objektive Gültigkeit, so können sie conceptus ratiocinati
+(richtig geschlossene Begriffe) heißen; wo nicht, so sind sie
+wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen, und mögen
+conceptus ratiocinantes (vernünftelnde Begriffe) genannt werden.
+Da dieses aber allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen
+Schlüssen der reinen Vernunft ausgemacht werden kann, so können wir
+darauf noch nicht Rücksicht nehmen, sondern werden vorläufig, so wie
+wir die reinen Verstandesbegriffe Kategorien nannten, die Begriffe der
+reinen Vernunft mit einem neuen Namen belegen und sie transzendentale
+Ideen nennen, diese Benennung aber jetzt erläutern und rechtfertigen.
+
+
+
+Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
+Erster Abschnitt
+Von den Ideen überhaupt
+
+Bei dem großen Reichtum unserer Sprachen findet sich doch oft der
+denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau
+anpaßt, und in dessen Ermanglung er weder anderen, noch sogar sich
+selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist
+eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe
+man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es ratsam, sich in
+einer toten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht
+dieser Begriff samt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde, und wenn
+der alte Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit ihrer Urheber auch
+etwas schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung,
+die ihm vorzüglich eigen war, zu befestigen, (sollte es auch
+zweifelhaft bleiben, ob man damals genau ebendieselbe im Sinne gehabt
+habe,) als sein Geschäft nur dadurch zu verderben, daß man sich
+unverständlich machte.
+
+Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein
+einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem
+Begriffe genau anpaßt, dessen Unterscheidung von anderen verwandten
+Begriffen von großer Wichtigkeit ist, so ist es ratsam, damit nicht
+verschwenderisch umzugehen, oder es bloß zur Abwechslung, synonymisch,
+statt anderer zu gebrauchen, sondern ihm seine eigentümliche Bedeutung
+sorgfältig aufzubehalten; weil es sonst leichtlich geschieht, daß,
+nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäftigt,
+sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung
+verliert, auch der Gedanke verloren gehe, den er allein hätte
+aufbehalten können.
+
+Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß man wohl sieht, er habe
+darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen
+entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit
+denen sich Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt, indem in der
+Erfahrung niemals etwas damit Kongruierendes angetroffen wird. Die
+Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloß Schlüssel
+zu möglichen Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung
+flossen sie aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der
+menschlichen zuteil geworden, die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem
+ursprünglichen Zustande befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt
+sehr verdunkelten, Ideen durch Erinnerung (die Philosophie heißt)
+zurückrufen muß. Ich will mich hier in keine literarische Untersuchung
+einlassen, um den Sinn auszumachen, den der erhabene Philosoph
+mit seinem Ausdrucke verband. Ich merke nur an, daß es gar nichts
+Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als in Schriften,
+durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen
+Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich selbst
+verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte, und
+dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete, oder auch
+dachte.
+
+Plato bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntniskraft ein weit höheres
+Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit
+buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere
+Vernunft natürlicherweise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel
+weiter gehen, als daß irgendein Gegenstand, den Erfahrung geben kann,
+jemals mit ihnen kongruieren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre
+Realität haben und keineswegs bloße Hirngespinste sind.
+
+Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem was praktisch ist*, d.i.
+auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die
+ein eigentümliches Produkt der Vernunft sind. Wer die Begriffe der
+Tugend aus Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allenfalls als
+Beispiel zur unvollkommenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum
+Erkenntnisquell machen wollte (wie wirklich viele getan haben), der
+würde aus der Tugend ein nach Zeit und Umständen wandelbares, zu
+keiner Regel brauchbares zweideutiges Unding machen. Dagegen wird ein
+jeder inne, daß, wenn ihm jemand als Muster der Tugend vorgestellt
+wird, er doch immer das wahre Original bloß in seinem eigenen Kopfe
+habe, womit er dieses angebliche Muster vergleicht, und es bloß
+darnach schätzt. Dieses ist aber die Idee der Tugend, in Ansehung
+deren alle möglichen Gegenstände der Erfahrung zwar als Beispiele,
+(Beweise der Tunlichkeit desjenigen im gewissen Grade, was der Begriff
+der Vernunft heischt,) aber nicht als Urbilder Dienste tun. Daß
+niemals ein Mensch demjenigen adäquat handeln werde, was die reine
+Idee der Tugend enthält, beweist gar nicht etwas Chimärisches in
+diesem Gedanken. Denn es ist gleichwohl alles Urteil, über den
+moralischen Wert oder Unwert, nur vermittelst dieser Idee möglich;
+mithin liegt sie jeder Annäherung zur moralischen Vollkommenheit
+notwendig zum Grunde, soweit auch die ihrem Grade nach nicht zu
+bestimmenden Hindernisse in der menschlichen Natur uns davon entfernt
+halten mögen.
+
+* Er dehnte seinen Begriff freilich auch auf spekulative Erkenntnisse
+ aus, wenn sie nur rein und völlig a priori gegeben waren, sogar über
+ die Mathematik, ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders,
+ als in der möglichen Erfahrung hat. Hierin kann ich ihm nun nicht
+ folgen, so wenig als in der mystischen Deduktion dieser Ideen, oder
+ den Übertreibungen, dadurch er sie gleichsam hypostasierte; wiewohl
+ die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer
+ milderen und der Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl
+ fähig ist.
+
+Die platonische Republik ist, als ein vermeintlich auffallendes
+Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen
+Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker
+findet es lächerlich, daß der Philosoph behauptete, niemals würde ein
+Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein
+man würde besser tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo
+der vortreffliche Mann uns ohne Hilfe läßt) durch neue Bemühung in
+Licht zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden und schädlichen
+Vorwande der Untunlichkeit, als unnütz beiseite zu stellen. Eine
+Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche
+machen, daß jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen bestehen
+kann, (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon
+von selbst folgen;) ist doch wenigstens eine notwendige Idee, die man
+nicht bloß im ersten Entwurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei
+allen Gesetzen zum Grunde legen muß, und wobei man anfänglich von den
+gegenwärtigen Hindernissen abstrahieren muß, die vielleicht nicht
+sowohl aus der menschlichen Natur unvermeidlich entspringen mögen,
+als vielmehr aus der Vernachlässigung der echten Ideen bei der
+Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen
+Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf
+vergeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht existieren
+würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen
+würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe, eben darum, weil sie
+aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten.
+Je übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung mit dieser Idee
+eingerichtet wären, desto seltener würden allerdings die Strafen
+werden, und da ist es denn ganz vernünftig, (wie Plato behauptet), daß
+bei einer vollkommenen Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig
+sein würden. Ob nun gleich das letztere niemals zustande kommen mag,
+so ist die Idee doch ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde
+aufstellt, um nach demselben die gesetzliche Verfassung der Menschen
+der möglich größten Vollkommenheit immer näher zu bringen. Denn
+welches der höchste Grad sein mag, bei welchem die Menschheit
+stehenbleiben müsse, und wie groß also die Kluft, die zwischen der
+Idee und ihrer Ausführung notwendig übrigbleibt, sein möge, das kann
+und soll niemand bestimmen, eben darum, weil es Freiheit ist, welche
+jede angegebene Grenze übersteigen kann.
+
+Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft
+wahrhafte Kausalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der
+Handlungen und ihrer Gegenstände) werden, nämlich in Sittlichen,
+sondern auch in Ansehung der Natur selbst, sieht Plato mit Recht
+deutliche Beweise ihres Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Tier,
+die regelmäßige Anordnung des Weltbaues (vermutlich also auch die
+ganze Naturordnung) zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich
+sind; daß zwar kein einzelnes Geschöpf, unter den einzelnen
+Bedingungen seines Daseins, mit der Idee des Vollkommensten seiner Art
+kongruiere (so wenig wie der Mensch mit der Idee der Menschheit, die
+er sogar selbst als das Urbild seiner Handlungen in seiner Seele
+trägt,) daß gleichwohl jene Ideen im höchsten Verstande einzeln,
+unveränderlich, durchgängig bestimmt, und die ursprünglichen Ursachen
+der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer Verbindung im Weltall einzig
+und allein jener Idee völlig adäquat sei. Wenn man das Übertriebene
+des Ausdrucks absondert, so ist der Geistesschwung des Philosophen,
+von der copeilichen Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der
+architektonischen Verknüpfung derselben nach Zwecken, d.i. nach Ideen,
+hinaufzusteigen, eine Bemühung, die Achtung und Nachfolge verdient,
+in Ansehung desjenigen aber, was die Prinzipien der Sittlichkeit, der
+Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen die Erfahrung
+selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals darin
+völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigentümliches Verdienst,
+welches man nur darum nicht erkennt, weil man es durch eben die
+empirischen Regeln beurteilt, deren Gültigkeit, als Prinzipien, eben
+durch sie hat aufgehoben werden sollen. Denn in Betracht der Natur
+gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der
+Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung
+(leider!) die Mutter des Scheins, und es ist höchst verwerflich, die
+Gesetze über das, was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen, oder
+dadurch einschränken zu wollen, was getan wird.
+
+Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der
+Tat die eigentümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen
+wir uns jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht
+verdienstlosen Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen
+sittlichen Gebäuden eben und baufest zu machen, in welchem sich
+allerlei Maulwurfsgänge einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht,
+auf Schätze grabenden Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk
+unsicher machen. Der transzendentale Gebrauch der reinen Vernunft,
+ihre Prinzipien und Ideen, sind es also, welche genau zu kennen
+uns jetzt obliegt, um den Einfluß der reinen Vernunft und den Wert
+derselben gehörig bestimmen und schätzen zu können. Doch, ehe ich
+diese vorläufige Einleitung beiseite lege, ersuche ich diejenige,
+denen Philosophie am Herzen liegt, (welches mehr gesagt ist, als
+man gemeiniglich antrifft,) wenn sie sich durch dieses und das
+Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner
+ursprünglichen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht
+fernerhin unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei
+Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerate,
+und die Wissenschaft dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an
+Benennungen, die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne
+daß wir nötig haben, in das Eigentum einer anderen einzugreifen. Hier
+ist eine Stufenleiter derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt
+(repraesentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewußtsein
+(perceptio). Eine Perception, die sich lediglich auf das Subjekt, als
+die Modifikation seines Zustandes bezieht, ist Empfindung (sensatio),
+eine objektive Perzeption ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist
+entweder Anschauung oder Begriff (intuitus vel conceptus). Jene
+bezieht sich unmittelbar auf den Gegenstand und ist einzeln; dieser
+mittelbar, vermittelst eines Merkmals, was mehreren Dingen gemein sein
+kann. Der Begriff ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff,
+und der reine Begriff, sofern er lediglich im Verstande seinen
+Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit) heißt Notio. Ein
+Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt,
+ist die Idee, oder der Vernunftbegriff. Dem, der sich einmal an
+diese Unterscheidung gewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die
+Vorstellung der roten Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist nicht einmal
+Notion (Verstandesbegriff) zu nennen.
+
+
+
+Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
+Zweiter Abschnitt
+Von den transzendentalen Ideen
+
+Die transzendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße
+logische Form unserer Erkenntnis den Ursprung von reinen Begriffen
+a priori enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände
+vorstellen, oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche
+allein eine empirische Erkenntnis von Gegenständen möglich macht. Die
+Form der Urteile (in einen Begriff von der Synthesis der Anschauungen
+verwandelt) brachte Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch
+in der Erfahrung leiten. Ebenso können wir erwarten, daß die Form
+der Vernunftschlüsse, wenn man sie auf die synthetische Einheit der
+Anschauungen, nach Maßgebung der Kategorien, anwendet, den Ursprung
+besonderer Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine
+Vernunftbegriffe, oder transzendentale Ideen nennen können, und
+die den Verstandesgebrauch im Ganzen der getarnten Erfahrung nach
+Prinzipien bestimmen werden.
+
+Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der
+Allgemeinheit der Erkenntnis nach Begriffen, und der Vernunftschluß
+selbst ist ein Urteil, welches a priori in dem ganzen Umfange seiner
+Bedingung bestimmt wird. Den Satz: Cajus ist sterblich, könnte ich
+auch bloß durch den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich
+suche einen Begriff, der die Bedingung enthält, unter welcher das
+Prädikat (Assertion überhaupt) dieses Urteils gegeben wird (d.i. hier,
+den Begriff des Menschen;) und nachdem ich unter diese Bedingung,
+in ihrem ganzen Umfange genommen, (alle Menschen sind sterblich)
+subsumiert habe; so bestimme ich darnach die Erkenntnis meines
+Gegenstandes (Cajus ist sterblich).
+
+Demnach restringieren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses
+ein Prädikat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in
+dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung
+gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges, in Beziehung auf
+eine solche Bedingung, heißt die Allgemeinheit (Universalitas). Dieser
+entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit (Universitas)
+oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transzendentale
+Vernunftbegriff kein anderer, als der von der Totalität der
+Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte
+allein die Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die
+Totalität der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist; so kann ein
+reiner Vernunftbegriff überhaupt durch den Begriff des Unbedingten,
+sofern er einen Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt
+werden.
+
+Soviel Arten des Verhältnisses es nun gibt, die der Verstand
+vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine
+Vernunftbegriffe wird es auch geben, und es wird also erstlich ein
+Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subjekt, zweitens
+der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der
+disjunktiven Synthesis der Teile in einem System zu suchen sein.
+
+Es gibt nämlich ebensoviel Arten von Vernunftschlüssen, deren jede
+durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet, die eine zum
+Subjekt, welches selbst nicht mehr Prädikat ist, die andere zur
+Voraussetzung, die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu
+einem Aggregat der Glieder der Einteilung, zu welchen nichts weiter
+erforderlich ist, um die Einteilung eines Begriffs zu vollenden. Daher
+sind die reinen Vernunftbegriffe von der Totalität in der Synthesis
+der Bedingungen wenigstens als Aufgaben, um die Einheit des
+Verstandes, womöglich, bis zum Unbedingten fortzusetzen, notwendig und
+in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet, es mag auch übrigens
+diesen transzendentalen Begriffen an einem ihnen angemessenen Gebrauch
+in concreto fehlen, und sie mithin keinen anderen Nutzen haben, als
+den Verstand in die Richtung zu bringen, darin sein Gebrauch, indem
+er aufs äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehende
+einstimmig gemacht wird.
+
+Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem
+Unbedingten, als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe
+reden, so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht
+entbehren und gleichwohl, nach einer ihm durch langen Mißbrauch
+anhängenden Zweideutigkeit, nicht sicher brauchen können. Das Wort
+absolut ist eines von den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen
+Bedeutung einem Begriffe angemessen worden, welchem nach der Hand gar
+kein anderes Wort eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen
+Verlust, oder welches ebensoviel ist, sein schwankender Gebrauch daher
+auch den Verlust des Begriffs selbst nach sich ziehen muß, und zwar
+eines Begriffs, der, weil er die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne
+großen Nachteil aller transzendentalen Beurteilungen nicht entbehrt
+werden kann. Das Wort absolut wird jetzt öfters gebraucht, um bloß
+anzuzeigen, daß etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und
+also innerlich gelte. In dieser Bedeutung würde absolutmöglich das
+bedeuten, was an sich selbst (interne) möglich ist, welches in der Tat
+das wenigste ist, was man von einem Gegenstande sagen kann. Dagegen
+wird es auch bisweilen gebraucht, um anzuzeigen, daß etwas in aller
+Beziehung (uneingeschränkt) gültig ist (z.B. die absolute Herrschaft,)
+und absolutmöglich würde in dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, was
+in aller Absicht in aller Beziehung möglich ist, welches wiederum das
+meiste ist, was ich über die Möglichkeit eines Dinges sagen kann. Nun
+treffen zwar diese Bedeutungen manchmal zusammen. So ist z.E., was
+innerlich unmöglich ist, auch in aller Beziehung, mithin absolut
+unmöglich. Aber in den meisten Fällen sind sie unendlich weit
+auseinander, und ich kann auf keine Weise schließen, daß, weil etwas
+an sich selbst möglich ist, es darum auch in aller Beziehung, mithin
+absolut, möglich sei. Ja von der absoluten Notwendigkeit werde ich in
+der Folge zeigen, daß sie keineswegs in allen Fällen von der inneren
+abhänge, und also mit dieser nicht als gleichbedeutend angesehen
+werden müsse. Dessen Gegenteil innerlich unmöglich ist, dessen
+Gegenteil ist freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es
+selbst absolut notwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was
+absolut notwendig ist, dessen Gegenteil ist innerlich unmöglich, d.i.
+die absolute Notwendigkeit der Dinge ist eine innere Notwendigkeit;
+denn diese innere Notwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer
+Ausdruck, mit welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden
+können; dagegen der von der Notwendigkeit eines Dinges in aller
+Beziehung (auf alles Mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich
+führt. Weil nun der Verlust eines Begriffs von großer Anwendung in der
+spekulativen Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgültig sein
+kann, so hoffe ich, es werde ihm die Bestimmung und sorgfältige
+Aufbewahrung des Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht
+gleichgültig sein.
+
+In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich dann des Wortes:
+absolut, bedienen und es dem bloß komparativ oder in besonderer
+Rücksicht Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf
+Bedingungen restringiert, jenes aber gilt ohne Restriktion.
+
+Nun geht der transzendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die
+absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen, und endigt
+niemals, als bei den schlechthin, d.i. in jeder Beziehung,
+Unbedingten. Denn die reine Vernunft überläßt alles dem Verstande, der
+sich zunächst auf die Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren
+Synthesis in der Einbildungskraft bezieht. Jene behält sich allein die
+absolute Totalität im Gebrauche der Verstandesbegriffe vor, und sucht
+die synthetische Einheit, welche in der Kategorie gedacht wird, bis
+zum Schlechthinunbedingten hinauszuführen. Man kann daher diese die
+Vernunfteinheit der Erscheinungen, so wie jene, welche die Kategorie
+ausdrückt, Verstandeseinheit nennen. So bezieht sich demnach die
+Vernunft nur auf den Verstandesgebrauch, und zwar nicht sofern dieser
+den Grund möglicher Erfahrung enthält, (denn die absolute Totalität
+der Bedingungen ist kein in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil
+keine Erfahrung unbedingt ist,) sondern um ihm die Richtung auf eine
+gewisse Einheit vorzuschreiben, von der der Verstand keinen Begriff
+hat, und die darauf hinausgeht, alle Verstandeshandlungen, in Ansehung
+eines jeden Gegenstandes, in ein absolutes Ganze zusammenzufassen.
+Daher ist der objektive Gebrauch der reinen Vernunftbegriffe jederzeit
+transzendent, indessen daß der von den reinen Verstandesbegriffen,
+seiner Natur nach, jederzeit immanent sein muß, indem er sich bloß auf
+mögliche Erfahrung einschränkt.
+
+Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff, dem
+kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann. Also
+sind unsere jetzt erwogenen reinen Vernunftbegriffe transzendentale
+Ideen. Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie betrachten
+alles Erfahrungserkenntnis als bestimmt durch eine absolute Totalität
+der Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch
+die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, und beziehen sich daher
+notwendigerweise auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich
+transzendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher
+also niemals ein Gegenstand vorkommen kann, der der transzendentalen
+Idee adäquat wäre. Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Objekt
+nach (als von einem Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel,
+dem Subjekte nach aber (d.i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter
+empirischer Bedingung) eben darum sehr wenig, weil sie, als der
+Begriff eines Maximum, in concreto niemals kongruent kann gegeben
+werden. Weil nun das letztere im bloß spekulativen Gebrauch der
+Vernunft eigentlich die ganze Absicht ist, und die Annäherung zu
+einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals erreicht wird,
+ebensoviel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt würde, so
+heißt es von einem dergleichen Begriffe: er ist nur eine Idee. So
+würde man sagen können: das absolute Ganze aller Erscheinungen ist nur
+eine Idee, denn, da wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können,
+so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung. Dagegen, weil es im
+praktischen Gebrauch des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach
+Regeln zu tun ist, so kann die Idee der praktischen Vernunft jederzeit
+wirklich, obzwar nur zum Teil, in concreto gegeben werden, ja sie ist
+die unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs der Vernunft.
+Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft, aber unter nicht
+bestimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflusse des Begriffs
+einer absoluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische Idee
+jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen
+unumgänglich notwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar
+Kausalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält;
+daher kann man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen:
+sie ist nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der
+notwendigen Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem
+Praktischen als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende, Bedingung
+zur Regel dienen.
+
+Ob wir nun gleich von den transzendentalen Vernunftbegriffen sagen
+müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für
+überflüssig und nichtig anzusehen haben. Denn, wenn schon dadurch
+kein Objekt bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde
+und unbemerkt dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und
+einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr
+erkennt, als er nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in
+dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen,
+daß sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen
+Übergang möglich machen, und den moralischen Ideen selbst auf solche
+Art Haltung und Zusammenhang mit den spekulativen Erkenntnissen der
+Vernunft verschaffen können. Über alles dieses muß man den Aufschluß
+in dem Verfolg erwarten.
+
+Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen
+beiseite, und betrachten daher die Vernunft nur im spekulativen,
+und in diesem noch enger, nämlich nur im transzendentalen Gebrauch.
+Hier müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der
+Deduktion der Kategorien nahmen; nämlich, die logische Form der
+Vernunfterkenntnis erwägen, und sehen, ob nicht etwa die Vernunft
+dadurch auch ein Quell von Begriffen werde, Objekte an sich selbst,
+als synthetisch a priori bestimmt, in Ansehung einer oder der anderen
+Funktion der Vernunft, anzusehen.
+
+Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntnis
+betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d.i. mittelbar (durch die
+Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung
+eines gegebenen) zu urteilen. Das gegebene Urteil ist die allgemeine
+Regel (Obersatz, Major). Die Subsumtion der Bedingung eines anderen
+möglichen Urteils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz
+(Minor). Das wirkliche Urteil, welches die Assertion der Regel in dem
+subsumierten Falle aussagt, ist der Schlußsatz (Conclusio). Die Regel
+nämlich sagt etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung. Nun
+findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt.
+Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, auch
+in dem vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt)
+als gültig angesehen. Man sieht leicht, daß die Vernunft durch
+Verstandeshandlungen, welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu
+einem Erkenntnisse gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind
+veränderlich, nur dadurch gelangen daß ich von dem entfernteren
+Erkenntnis (worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt,
+der aber doch davon die Bedingung enthält,) anfange: alles
+Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem zu einem näheren
+gehe, der unter der Bedingung des ersteren steht: die Körper sind
+zusammengesetzt; und von diesem allererst zu einem dritten, der
+nunmehr das entfernte Erkenntnis (veränderlich) mit der vorliegenden
+verknüpft: folglich sind die Körper veränderlich; so bin ich
+durch eine Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntnis
+(Conclusion) gelangt. Nun läßt sich eine jede Reihe, deren Exponent
+(des kategorischen oder hypothetischen Urteils) gegeben ist,
+fortsetzen; mithin führt ebendieselbe Vernunfthandlung zur
+ratiocinatio polysyllogistica, welches eine Reihe von Schlüssen ist,
+die entweder auf die Seite der Bedingungen (per prosyllogismos), oder
+des Bedingten (per episyllogismos), in unbestimmte Weiten fortgesetzt
+werden kann.
+
+Man wird aber bald inne, daß die Kette, oder Reihe der Prosyllogismen,
+d.i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe, oder
+der Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntnis, mit anderen Worten:
+die aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das
+Vernunftvermögen doch anders verhalten müsse, als die absteigende
+Reihe, d.i. der Fortgang der Vernunft auf der Seite des Bedingten
+durch Episyllogismen. Denn, da im ersteren Falle das Erkenntnis
+(conclusio) nur als bedingt gegeben ist; so kann man zu demselben
+vermittelst der Vernunft nicht anders gelangen, als wenigstens unter
+der Voraussetzung, daß alle Glieder der Reihe auf der Seite der
+Bedingungen gegeben sind, (Totalität in der Reihe der Prämissen,) weil
+nur unter deren Voraussetzung das vorliegende Urteil a priori möglich
+ist; dagegen auf der Seite des Bedingten, oder der Folgerungen, nur
+eine werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte oder gegebene Reihe,
+mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird. Daher, wenn eine
+Erkenntnis als bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft genötigt,
+die Reihe der Bedingungen in aufsteigender Linie als vollendet und
+ihrer Totalität nach gegeben anzusehen. Wenn aber eben dieselbe
+Erkenntnis zugleich als Bedingung anderer Erkenntnisse angesehen wird,
+die untereinander eine Reihe von Folgerungen in absteigender Linie
+ausmachen, so kann die Vernunft ganz gleichgültig sein, wie weit
+dieser Fortgang sich a parte posteriori erstrecke, und ob gar überall
+Totalität dieser Reihe möglich sei; weil sie einer dergleichen Reihe
+zu der vor ihr liegenden Konklusion nicht bedarf, indem diese durch
+ihre Gründe a parte priori schon hinreichend bestimmt und gesichert
+ist. Es mag nun sein, daß auf der Seite der Bedingungen die Reihe der
+Prämissen ein Erstes habe, als oberste Bedingung, oder nicht, und also
+a parte priori ohne Grenzen; so muß sie doch Totalität der Bedingung
+enthalten, gesetzt, daß wir niemals dahin gelangen könnten, sie
+zu fassen, und die ganze Reihe muß unbedingt wahr sein, wenn das
+Bedingte, welches als eine daraus entspringende Folgerung angesehen
+wird, als wahr gelten soll. Dieses ist eine Forderung der Vernunft,
+die ihr Erkenntnis als a priori bestimmt und als notwendig ankündigt,
+entweder an sich selbst, und dann bedarf es keiner Gründe, oder, wenn
+es abgeleitet ist, als ein Glied einer Reihe von Gründen, die selbst
+unbedingterweise wahr ist.
+
+
+
+Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
+Dritter Abschnitt
+System der transzendentalen Ideen
+
+Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu tun, welche
+von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, und lediglich den
+falschen Schein in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit
+einer transzendentalen, welche, völlig a priori, den Ursprung gewisser
+Erkenntnisse aus reiner Vernunft, und geschlossener Begriffe, deren
+Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich
+außer dem Vermögen des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir
+haben aus der natürlichen Beziehung, die der transzendentale Gebrauch
+unserer Erkenntnis, sowohl in Schlüssen als Urteilen, auf den
+logischen haben muß, abgenommen: daß es nur drei Arten von
+dialektischen Schlüssen geben werde, die sich auf die dreierlei
+Schlußarten beziehen, durch welche Vernunft aus Prinzipien zu
+Erkenntnissen gelangen kann, und daß in allem ihr Geschäft sei, von
+der bedingten Synthesis, an die der Verstand jederzeit gebunden
+bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er niemals erreichen kann.
+
+Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen haben
+können, 1. die Beziehung aufs Subjekt, 2. die Beziehung auf Objekte,
+und zwar entweder erstlich als Erscheinungen, oder als Gegenstände
+des Denkens überhaupt. Wenn man diese Untereinteilung mit der oberen
+verbindet, so ist alles Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns
+entweder einen Begriff, oder Idee machen können, dreifach: 1. das
+Verhältnis zum Subjekt, 2. zum Mannigfaltigen des Objekts in der
+Erscheinung, 3. zu allen Dingen überhaupt.
+
+Nun haben es alle reinen Begriffe überhaupt mit der synthetischen
+Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft
+(transszendentale Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen
+Einheit aller Bedingungen überhaupt zu tun. Folglich werden alle
+transzendentalen Ideen sich unter drei Klassen bringen lassen, davon
+die erste die absolute (unbedingte) Einheit des denkenden Subjekts,
+die zweite die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der
+Erscheinung, die dritte die absolute Einheit der Bedingung aller
+Gegenstände des Denkens überhaupt enthält.
+
+Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff
+aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie, und das
+Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem, was
+gedacht werden kann, enthält, (das Wesen aller Wesen) der Gegenstand
+der Theologie. Also gibt die reine Vernunft die Idee zu einer
+transzendentalen Seelenlehre (psychologia rationalis), zu einer
+transzendentalen Weltwissenschaft (cosmologia rationalis), endlich
+auch zu einer transzendentalen Gotteserkenntnis (Theologia
+transzendentalis) an die Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl
+als der anderen dieser Wissenschaften, schreibt sich gar nicht von
+dem Verstande her, selbst wenn er gleich mit dem höchsten logischen
+Gebrauche der Vernunft, d.i. allen erdenklichen Schlüssen, verbunden
+wäre, um von einem Gegenstande desselben (Erscheinung) zu allen
+anderen bis in die entlegensten Glieder der empirischen Synthesis
+fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines und echtes Produkt,
+oder Problem der reinen Vernunft.
+
+Was unter diesen drei Titeln aller transzendentalen Ideen für modi
+der reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke
+vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort.
+Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände,
+sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Ebenso wird sich
+auch nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die
+Vernunft lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben
+Funktion, deren sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient,
+notwendigerweise auf den Begriff der absoluten Einheit des denkenden
+Subjekts kommen müsse, wie das logische Verfahren in hypothetischen
+die Idee vom Schlechthinunbedingten in einer Reihe gegebener
+Bedingungen, endlich die bloße Form des disjunktiven Vernunftschlusses
+den höchsten Vernunftbegriff von einem Wesen aller Wesen
+notwendigerweise nach sich ziehen müsse; ein Gedanke, der beim ersten
+Anblick äußerst paradox zu sein scheint.
+
+Von diesen transzendentalen Ideen ist eigentlich keine objektive
+Deduktion möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten.
+Denn in der Tat haben sie keine Beziehung auf irgendein Objekt, was
+ihnen kongruent gegeben werden könnte, eben darum, weil sie nur Ideen
+sind. Aber eine subjektive Anleitung derselben aus der Natur unserer
+Vernunft konnten wir unternehmen, und die ist im gegenwärtigen
+Hauptstücke auch geleistet worden.
+
+Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anderes zur Absicht
+habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der
+Bedingungen, (es sei der Inhärenz, oder der Dependenz, oder der
+Konkurrenz,) und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von seiten
+des Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf
+sie, um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen, und sie
+dadurch dem Verstande a priori zu geben. Ist aber eine vollständig
+(und unbedingt) gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr
+eines Vernunftbegriffs in Ansehung der Fortsetzung der Reihe; denn der
+Verstand tut jeden Schritt abwärts, von der Bedingung zum Bedingten,
+von selber. Auf solche Weise dienen die transzendentalen Ideen nur zum
+Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen, bis zum Unbedingten, d.i. zu
+den Prinzipien. In Ansehung des Hinabgehens zum Bedingten aber, gibt
+es zwar einen weit erstreckten logischen Gebrauch, den unsere Vernunft
+von den Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen transzendentalen,
+und, wenn wir uns von der absoluten Totalität einer solchen Synthesis
+(des progressus) eine Idee machen, z.B. von der ganzen Reihe aller
+künftigen Weltveränderungen, so ist dieses ein Gedankending (ens
+rationis), welches nur willkürlich gedacht, und nicht durch die
+Vernunft notwendig vorausgesetzt wird. Denn zur Möglichkeit des
+Bedingten wird zwar die Totalität seiner Bedingungen, aber nicht
+seiner Folgen, vorausgesetzt. Folglich ist ein solcher Begriff keine
+transzendentale Idee, mit der wir es doch hier lediglich zu tun haben.
+
+Zuletzt wird man auch gewahr, daß unter den transzendentalen Ideen
+selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und daß
+die reine Vernunft, vermittelst ihrer, alle ihre Erkenntnisse in
+ein System bringe. Von der Erkenntnis seiner selbst (der Seele) zur
+Welterkenntnis, und, vermittelst dieser, zum Urwesen fortzugehen, ist
+ein so natürlicher Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der
+Vernunft von den Prämissen zum Schlußsatze ähnlich scheint. Ob nun
+hier wirklich eine Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem
+logischen und transzendentalen Verfahren, insgeheim zum Grunde liege,
+ist auch eine von den Fragen, deren Beantwortung man in dem Verfolg
+dieser Untersuchungen allererst erwarten muß. Wir haben vorläufig
+unseren Zweck schon erreicht, da wir die transzendentalen Begriffe
+der Vernunft, die sich sonst gewöhnlich in der Theorie der
+Philosophen unter andere mischen, ohne daß diese sie einmal von
+Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen
+Lage haben herausziehen, ihren Ursprung, und dadurch zugleich ihre
+bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und
+sie in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können,
+wodurch ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und
+eingeschränkt wird.
+
+
+
+Der transzendentalen Dialektik
+Zweites Buch
+Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft
+
+Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transzendentalen Idee
+sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz
+notwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt
+worden. Denn in der Tat ist auch von einem Gegenstande, der der
+Forderung der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff
+möglich, d.i. ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung
+gezeigt und anschaulich gemacht werden kann. Besser würde man sich
+doch und mit weniger Gefahr des Mißverständnisses, ausdrücken, wenn
+man sagte: daß wir vom Objekt, welches einer Idee korrespondiert,
+keine Kenntnis, obzwar einen problematischen Begriff, haben können.
+
+Nun beruht wenigstens die transzendentale (subjektive) Realität der
+reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen notwendigen
+Vernunftschluß auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es
+Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten, und
+vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes
+schließen, wovon wir doch keinen Begriff haben, und dem wir
+gleichwohl, durch einen unvermeidlichen Schein, objektive Realität
+geben. Dergleichen Schlüsse sind in Ansehung ihres Resultats also eher
+vernünftelnde, als Vernunftschlüsse zu nennen; wiewohl sie, ihrer
+Veranlassung wegen, wohl den letzteren Namen führen können, weil sie
+doch nicht erdichtet, oder zufällig entstanden, sondern aus der Natur
+der Vernunft entsprungen sind. Es sind Sophistikationen, nicht der
+Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der
+Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht
+zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der
+ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann.
+
+Dieser dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei
+Arten, so vielfach, als die Ideen sind, auf die ihre Schlußsätze
+auslaufen. In dem Vernunftschlusse der ersten Klasse schließe ich von
+dem transzendentalen Begriffe des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges
+enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjekts selber, von welchem
+ich auf diese Weise gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen
+Schluß werde ich den transzendentalen Paralogismus nennen. Die zweite
+Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den transzendentalen
+Begriff der absoluten Totalität, der Reihe der Bedingungen zu einer
+gegebenen Erscheinung überhaupt, angelegt, und ich schließe daraus,
+daß ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer
+Seite, jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe, auf
+die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich gleichwohl
+auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen
+dialektischen Schlüssen, werde ich die Antinomie der reinen Vernunft
+nennen. Endlich schließe ich, nach der dritten Art vernünftelnder
+Schlüsse, von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt,
+sofern sie mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute
+synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge
+überhaupt, d.i. von Dingen, die ich nach ihrem bloßen transzendentalen
+Begriff nicht kenne, auf ein Wesen aller Wesen, welches ich durch
+einen transzendenten Begriff noch weniger kenne, und von dessen
+unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. Diesen
+dialektischen Vernunftschluß werde ich das Ideal der reinen Vernunft
+nennen.
+
+
+
+Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik
+Erstes Hauptstück
+Von den Paralogismen der reinen Vernunft
+
+Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines
+Vernunftschlusses der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein,
+welcher er wolle. Ein transzendentaler Paralogismus aber hat einen
+transzendentalen Grund: der Form nach falsch zu schließen. Auf
+solche Weise wird ein dergleichen Fehlschluß in der Natur der
+Menschenvernunft seinen Grund haben, und eine unvermeidliche, obzwar
+nicht unauflösliche, Illusion bei sich führen.
+
+Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben, in der allgemeinen Liste
+der transzendentalen Begriffe, nicht verzeichnet worden, und dennoch
+dazu gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu
+verändern und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff,
+oder, wenn man lieber will, das Urteil: Ich denke. Man sieht aber
+leicht, daß er das Vehikel aller Begriffe überhaupt, und mithin
+auch der transzendentalen sei, und also unter diesen jederzeit mit
+begriffen werde, und daher ebensowohl transzendental sei, aber keinen
+besonderen Titel haben könne, weil er nur dazu dient, alles Denken,
+als zum Bewußtsein gehörig, aufzuführen. Indessen, so rein er auch
+vom Empirischen (dem Eindrucke der Sinne) ist, so dient er doch dazu,
+zweierlei Gegenstände aus der Natur unserer Vorstellungskraft zu
+unterscheiden. Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des inneren
+Sinnes, und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne
+ist, heißt Körper. Demnach bedeutet der Ausdruck: Ich, als ein denkend
+Wesen, schon den Gegenstand der Psychologie, welche die rationale
+Seelenlehre heißen kann, wenn ich von der Seele nichts weiter zu
+wissen verlange, als was unabhängig von aller Erfahrung (welche mich
+näher und in concreto bestimmt) aus diesem Begriffe Ich, sofern er bei
+allem Denken vorkommt, geschlossen werden kann.
+
+Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser
+Art; denn, wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgendeine
+besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die
+Erkenntnisgründe dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht
+mehr rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon
+eine angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze:
+Ich denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz
+schicklich, und der Natur einer Transzendentalphilosophie gemäß,
+untersuchen können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an
+diesem Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere
+Erfahrung habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche darauf
+erbaut wird, niemals rein, sondern zum Teil auf ein empirisches
+Prinzipium gegründet sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts
+weiter, als die bloße Apperzeption: Ich denke; welche sogar alle
+transzendentalen Begriffe möglich macht, in welchen es heißt: Ich
+denke die Substanz, die Ursache usw. Denn innere Erfahrung überhaupt
+und deren Möglichkeit, oder Wahrnehmung überhaupt und deren Verhältnis
+zu anderer Wahrnehmung, ohne daß irgendein besonderer Unterschied
+derselben und Bestimmung empirisch gegeben ist, kann nicht als
+empirische Erkenntnis, sondern muß als Erkenntnis des Empirischen
+überhaupt angesehen werden, und gehört zur Untersuchung der
+Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings transzendental
+ist. Das mindeste Objekt der Wahrnehmung (z.B. nur Lust oder Unlust),
+welche zu der allgemeinen Vorstellung des Selbstbewußtseins hinzukäme,
+würde die rationale Psychologie sogleich in eine empirische
+verwandeln.
+
+Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie, aus
+welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht, daß
+dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen
+werden soll, nichts anderes, als transzendentale Prädikate desselben,
+enthalten könne; weil das mindeste empirische Prädikat die rationale
+Reinigkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung,
+verderben würde.
+
+Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen
+haben, nur, da hier zuerst ein Ding, Ich, als denkend Wesen,
+gegeben worden, so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien
+untereinander, wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht
+verändern, aber doch hier von der Kategorie der Substanz anfangen,
+dadurch ein Ding an sich selbst vorgestellt wird, und so ihrer Reihe
+rückwärts nachgehen. Die Topik der rationalen Seelenlehre, woraus
+alles übrige, was sie nur enthalten mag, abgeleitet werden muß, ist
+demnach folgende:
+
+ 1. Die Seele ist Substanz.
+
+ 2. Ihrer Qualität nach 3. Den verschiedenen Zeiten nach,
+ einfach. in welchen sie da ist,
+ numerisch-identisch, d.i.
+ Einheit (nicht Vielheit).
+
+ 4. Im Verhältnisse
+ zu möglichen Gegenständen im Raume*.
+
+* Der Leser, der aus diesen Ausdrücken, in ihrer transzendentalen
+ Abgezogenheit, nicht so leicht den psychologischen Sinn derselben,
+ und warum das letztere Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz
+ gehöre, erraten wird, wird sie in dem Folgenden hinreichend erklärt
+ und gerechtfertigt finden. Übrigens habe ich wegen der lateinischen
+ Ausdrücke, die statt der gleichbedeutenden deutschen, wider den
+ Geschmack der guten Schreibart, eingeflossen sind, sowohl bei
+ diesem Abschnitte, als auch in Ansehung des ganzen Werks, zur
+ Entschuldigung anzuführen: daß ich lieber etwas der Zierlichkeit der
+ Sprache habe entziehen, als den Schulgebrauch durch die mindeste
+ Unverständlichkeit erschweren wollen.
+
+Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelenlehre,
+lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten ein anderes
+Prinzipium zu erkennen. Diese Substanz, bloß als Gegenstand des
+inneren Sinnes, gibt den Begriff der Immaterialität; als einfache
+Substanz, der Inkorruptibilität; die Identität derselben, als
+intellektueller Substanz, gibt die Personalität; alle diese drei
+Stücke zusammen die Spiritualität; das Verhältnis zu den Gegenständen
+im Raume gibt das Kommerzium mit Körpern; mithin stellt sie die
+denkende Substanz, als das Prinzipium des Lebens in der Materie, d.i.
+sie als Seele (anima) und als den Grund der Animalität vor; diese
+durch die Spiritualität eingeschränkt, Immortalität.
+
+Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transzendentalen
+Seelenlehre, welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen
+Vernunft, von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird.
+Zum Grunde derselben können wir aber nichts anderes legen, als die
+einfache und für sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung:
+Ich; von der man nicht einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei,
+sondern ein bloßes Bewußtsein, das alle Begriffe begleitet. Durch
+dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding), welches denkt, wird nun
+nichts weiter, als ein transzendentales Subjekt der Gedanken
+vorgestellt = x, welches nur durch die Gedanken, die seine Prädikate
+sind, erkannt wird, und wovon wir, abgesondert, niemals den mindesten
+Begriff haben können; um welches wir uns daher in einem beständigen
+Zirkel herumdrehen, indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit
+schon bedienen müssen, um irgend etwas von ihm zu urteilen; eine
+Unbequemlichkeit, die davon nicht zu trennen ist, weil das Bewußtsein
+an sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die ein besonderes Objekt
+unterscheidet, sondern eine Form derselben überhaupt, sofern sie
+Erkenntnis genannt werden soll; denn von der allein kann ich sagen,
+daß ich dadurch irgend etwas denke.
+
+Es muß aber gleich anfangs befremdlich scheinen, daß die Bedingung,
+unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloß eine Beschaffenheit
+meines Subjekts ist, zugleich für alles, was denkt, gültig sein solle,
+und daß wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und
+allgemeines Urteil zu gründen uns anmaßen können, nämlich: daß alles,
+was denkt, so beschaffen sei, als der Ausspruch des Selbstbewußtseins
+es an mir aussagt. Die Ursache aber hiervon liegt darin: daß wir den
+Dingen a priori alle die Eigenschaften notwendig beilegen müssen, die
+die Bedingungen ausmachen, unter welchen wir sie allein denken. Nun
+kann ich von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung,
+sondern bloß durch das Selbstbewußtsein die mindeste Vorstellung
+haben. Also sind dergleichen Gegenstände nichts weiter, als die
+Übertragung dieses meines Bewußtseins auf andere Dinge, welche nur
+dadurch als denkende Wesen vorgestellt werden. Der Satz: Ich denke,
+wird aber hierbei nur problematisch genommen; nicht sofern er eine
+Wahrnehmung von einem Dasein enthalten mag, (das Cartesianische
+cogito, ergo sum,) sondern seiner bloßen Möglichkeit nach, um zu
+sehen, welche Eigenschaften aus diesem so einfachen Satze auf das
+Subjekt desselben (es mag dergleichen nun existieren oder nicht)
+fließen mögen.
+
+Läge unserer reinen Vernunftserkenntnis von denkenden Wesen überhaupt
+mehr, als das cogito zum Grunde; würden wir die Beobachtungen, über
+das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfenden Naturgesetze
+des denkenden Selbst, auch zu Hilfe nehmen: so würde eine empirische
+Psychologie entspringen, welche eine Art der Physiologie des inneren
+Sinnes sein würde, und vielleicht die Erscheinungen desselben zu
+erklären, niemals aber dazu dienen könnte, solche Eigenschaften, die
+gar nicht zur möglichen Erfahrung gehören (als die des Einfachen), zu
+eröffnen, noch von denkenden Wesen überhaupt etwas, das ihre Natur
+betrifft, apodiktisch zu lehren; sie wäre also keine rationale
+Psychologie.
+
+Da nun der Satz: Ich denke (problematisch genommen), die Form eines
+jeden Verstandesurteils überhaupt enthält und alle Kategorien als ihr
+Vehikel begleitet, so ist klar: daß die Schlüsse aus demselben einen
+bloß transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können,
+welcher alle Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und an dessen
+Fortgang wir, nach dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum
+voraus keinen vorteilhaften Begriff machen können. Wir wollen ihn also
+durch alle Prädikamente der reinen Seelenlehre mit einem kritischen
+Auge verfolgen.
+
+
+
+Erster Paralogism der Substantialität
+
+Dasjenige, dessen Vorstellung das absolute Subjekt unserer Urteile ist
+und daher nicht als Bestimmung eines andern Dinges gebraucht werden
+kann, ist Substanz.
+
+Ich, als ein denkend Wesen, bin das absolute Subjekt aller meiner
+möglichen Urteile, und diese Vorstellung von mir selbst kann nicht zum
+Prädikat irgendeines andern Dinges gebraucht werden.
+
+Also bin ich, als denkend Wesen (Seele), Substanz.
+
+ Kritik des ersten Paralogism der reinen Psychologie
+
+Wir haben in dem analytischen Teile der transzendentalen Logik
+gezeigt: daß reine Kategorien (und unter diesen auch die der Substanz)
+an sich selbst gar keine objektive Bedeutung haben, wo ihnen nicht
+eine Anschauung untergelegt ist, auf deren Mannigfaltiges sie, als
+Funktionen der synthetischen Einheit, angewandt werden können. Ohne
+das sind sie lediglich Funktionen eines Urteils ohne Inhalt. Von jedem
+Dinge überhaupt kann ich sagen, es sei Substanz, sofern ich es von
+bloßen Prädikaten und Bestimmungen der Dinge unterscheide. Nun ist
+in allem unserem Denken das Ich das Subjekt, dem Gedanken nur als
+Bestimmungen inhärieren, und dieses Ich kann nicht als die Bestimmung
+eines andern Dinges gebraucht werden. Also muß jedermann Sich selbst
+notwendigerweise als die Substanz, das Denken aber nur als Akzidenzen
+seines Daseins und Bestimmungen seines Zustandes ansehen.
+
+Was soll ich aber nun von diesem Begriffe einer Substanz für einen
+Gebrauch machen. Daß ich, als ein denkend Wesen, für mich selbst
+fortdaure, natürlicherweise weder entstehe noch vergehe, das kann ich
+daraus keineswegs schließen und dazu allein kann mir doch der Begriff
+der Substantialität meines denkenden Subjekts nutzen, ohne welches ich
+ihn gar wohl entbehren könnte.
+
+Es fehlt so viel, daß man diese Eigenschaften aus der bloßen reinen
+Kategorie einer Substanz schließen könnte, daß wir vielmehr die
+Beharrlichkeit eines gegebenen Gegenstandes aus der Erfahrung zum
+Grunde legen müssen, wenn wir auf ihn den empirisch brauchbaren
+Begriff von einer Substanz anwenden wollen. Nun haben wir aber bei
+unserem Satze keine Erfahrung zum Grunde gelegt, sondern lediglich aus
+dem Begriffe der Beziehung, den alles Denken, auf das Ich, als das
+gemeinschaftliche Subjekt, hat, dem es inhäriert, geschlossen. Wir
+würden auch, wenn wir es gleich darauf anlegten, durch keine sichere
+Beobachtung eine solche Beharrlichkeit dartun können. Denn das Ich ist
+zwar in allen Gedanken, es ist aber mit dieser Vorstellung nicht die
+mindeste Anschauung verbunden, die es von anderen Gegenständen der
+Anschauung unterschiede. Man kann also zwar wahrnehmen, daß diese
+Vorstellung bei allem Denken immer wiederum vorkommt, nicht aber, daß
+es eine stehende und bleibende Anschauung sei, worin die Gedanken (als
+wandelbar) wechselten.
+
+Hieraus folgt: daß der erste Vernunftschluß der transzendentalen
+Psychologie uns nur eine vermeintliche neue Einsicht aufhefte, indem
+er das beständige logische Subjekt des Denkens, für die Erkenntnis
+des realen Subjekts der Inhärenz ausgibt, von welchem wir nicht die
+mindeste Kenntnis haben, noch haben können, weil das Bewußtsein das
+einzige ist, was alle Vorstellungen zu Gedanken macht, und worin
+mithin alle unsere Wahrnehmungen, als dem transzendentalen Subjekte,
+müssen angetroffen werden, und wir, außer dieser logischen Bedeutung
+des Ich, keine Kenntnis von dem Subjekte an sich selbst haben, was
+diesem, so wie allen Gedanken, als Substratum zum Grunde liegt.
+Indessen kann man den Satz: die Seele ist Substanz, gar wohl gelten
+lassen, wenn man sich nur bescheidet: daß unser dieser Begriff nicht
+im mindesten weiter führe, oder irgendeine von den gewöhnlichen
+Folgerungen der vernünftelnden Seelenlehre, als z.B. die immerwährende
+Dauer derselben bei allen Veränderungen und selbst dem Tode des
+Menschen lehren könne, daß er also nur eine Substanz in der Idee, aber
+nicht in der Realität bezeichne.
+
+
+
+Zweiter Paralogism der Simplizität
+
+Dasjenige Ding, dessen Handlung niemals als die Konkurrenz vieler
+handelnden Dinge angesehen werden kann, ist einfach.
+
+Nun ist die Seele, oder das denkende Ich, ein solches: Also usw.
+
+ Kritik des zweiten Paralogisms der transzendentalen
+ Psychologie
+
+Dies ist der Achilles aller dialektischen Schlüsse der reinen
+Seelenlehre, nicht etwa bloß ein sophistisches Spiel, welches ein
+Dogmatiker erkünstelt, um seinen Behauptungen einen flüchtigen Schein
+zu geben, sondern ein Schluß, der sogar die schärfste Prüfung und die
+größte Bedenklichkeit des Nachforschens auszuhalten scheint. Hier ist
+er.
+
+Eine jede zusammengesetzte Substanz ist ein Aggregat vieler, und
+die Handlung eines Zusammengesetzten, oder das, was ihm, als
+einem solchen, inhäriert, ist ein Aggregat vieler Handlungen oder
+Akzidenzen, welche unter der Menge der Substanzen verteilt sind.
+Nun ist zwar eine Wirkung, die aus der Konkurrenz vieler handelnden
+Substanzen entspringt, möglich, wenn diese Wirkung bloß äußerlich ist
+(wie z.B. die Bewegung eines Körpers die vereinigte Bewegung aller
+seiner Teile ist). Allein mit Gedanken, als innerlich zu einem
+denkenden Wesen gehörigen Akzidenzen, ist es anders beschaffen. Denn,
+setzt, das Zusammengesetzte dächte: so würde ein jeder Teil desselben
+einen Teil des Gedankens, alle aber zusammengenommen allererst den
+ganzen Gedanken enthalten. Nun ist dieses aber widersprechend. Denn,
+weil die Vorstellungen, die unter verschiedenen Wesen verteilt
+sind, (z.B. die einzelnen Wörter eines Verses) niemals einen ganzen
+Gedanken (einen Vers) ausmachen: so kann der Gedanke nicht einem
+Zusammengesetzten, als einem solchen, inhärieren. Er ist also nur in
+einer Substanz möglich, die nicht ein Aggregat von vielen, mithin
+schlechterdings einfach ist*.
+
+* Es ist sehr leicht, diesem Beweise die gewöhnliche schulgerechte
+ Abgemessenheit der Einkleidung zu geben. Allein, es ist zu meinem
+ Zwecke schon hinreichend, den bloßen Beweisgrund, allenfalls auf
+ populäre Art, vor Augen zu legen.
+
+Der sogenannte nervus probandi dieses Argumente liegt in dem Satze:
+daß viele Vorstellungen in der absoluten Einheit des denkenden
+Subjekts enthalten sein müssen, um einen Gedanken auszumachen. Diesen
+Satz aber kann niemand aus Begriffen beweisen. Denn, wie wollte er es
+wohl anfangen, um dies zu leisten? Der Satz: Ein Gedanke kann nur die
+Wirkung der absoluten Einheit des denkenden Wesens sein, kann nicht
+als analytisch behandelt werden. Denn die Einheit des Gedankens, der
+aus vielen Vorstellungen besteht, ist kollektiv und kann sich, den
+bloßen Begriffen nach, ebensowohl auf die kollektive Einheit der daran
+mitwirkenden Substanzen beziehen, (wie die Bewegung eines Körpers
+die zusammengesetzte Bewegung aller Teile desselben ist) als auf die
+absolute Einheit des Subjekts. Nach der Regel der Identität kann also
+die Notwendigkeit der Voraussetzung einer einfachen Substanz, bei
+einem zusammengesetzten Gedanken, nicht eingesehen werden. Daß aber
+ebenderselbe Satz synthetisch und völlig a priori aus lauter Begriffen
+erkannt werden solle, das wird sich niemand zu verantworten getrauen,
+der den Grund der Möglichkeit synthetischer Sätze a priori, so wie wir
+ihn oben dargestellt haben, einsieht.
+
+Nun ist es aber auch unmöglich, diese notwendige Einheit des Subjekts,
+als die Bedingung der Möglichkeit eines jeden Gedankens, aus der
+Erfahrung abzuleiten. Denn diese gibt keine Notwendigkeit zu erkennen,
+geschweige, daß der Begriff der absoluten Einheit weit über ihre
+Sphäre ist. Woher nehmen wir denn diesen Satz, worauf sich der ganze
+psychologische Vernunftschluß stützt?
+
+Es ist offenbar: daß, wenn man sich ein denkend Wesen vorstellen will,
+man sich selbst an seine Stelle setzen, und also dem Objekte, welches
+man erwägen wollte, sein eigenes Subjekt unterschieben müsse, (welches
+in keiner anderen Art der Nachforschung der Fall ist) und daß wir nur
+darum absolute Einheit des Subjekts zu einem Gedanken erfordern, weil
+sonst nicht gesagt werden könnte: Ich denke (das Mannigfaltige in
+einer Vorstellung). Denn obgleich das Ganze des Gedankens geteilt
+und unter viele Subjekte verteilt werden könnte, so kann doch das
+subjektive Ich nicht geteilt und verteilt werden, und dieses setzen
+wir doch bei allem Denken voraus.
+
+Also bleibt ebenso hier, wie in dem vorigen Paralogism, der formale
+Satz der Apperzeption: Ich denke, der ganze Grund, auf welchen die
+rationale Psychologie die Erweiterung ihrer Erkenntnisse wagt,
+welcher Satz zwar freilich keine Erfahrung ist, sondern die Form der
+Apperzeption, die jeder Erfahrung anhängt und ihr vorgeht, gleichwohl
+aber nur immer in Ansehung einer möglichen Erkenntnis überhaupt, als
+bloß subjektive Bedingung derselben, angesehen werden muß, die wir
+mit Unrecht zur Bedingung der Möglichkeit einer Erkenntnis der
+Gegenstände, nämlich zu einem Begriffe vom denkenden Wesen überhaupt
+machen, weil wir dieses uns nicht vorstellen können, ohne uns selbst
+mit der Formel unseres Bewußtseins an die Stelle jedes anderen
+intelligenten Wesens zu setzen.
+
+Aber die Einfachheit meiner selbst (als Seele) wird auch wirklich
+nicht aus dem Satze: Ich denke, geschlossen, sondern der erstere liegt
+schon in jedem Gedanken selbst. Der Satz: Ich bin einfach, muß als ein
+unmittelbarer Ausdruck der Apperzeption angesehen werden, so wie der
+vermeintliche kartesianische Schluß, cogito, ergo sum, in der Tat
+tautologisch ist, indem das cogito (sum cogitans) die Wirklichkeit
+unmittelbar aussagt. Ich bin einfach, bedeutet aber nichts mehr, als
+daß diese Vorstellung: Ich, nicht die mindeste Mannigfaltigkeit in
+sich lasse, und daß sie absolute (obzwar bloß logische) Einheit sei.
+
+Also ist der so berühmte psychologische Beweis lediglich auf der
+unteilbaren Einheit einer Vorstellung, die nur das Verbum in Ansehung
+einer Person dirigiert, gegründet. Es ist aber offenbar: daß das
+Subjekt der Inhärenz durch das dem Gedanken angehängte Ich nur
+transzendental bezeichnet werde, ohne die mindeste Eigenschaft
+desselben zu bemerken, oder überhaupt etwas von ihm zu kennen, oder zu
+wissen. Es bedeutet ein Etwas überhaupt (transzendentales Subjekt),
+dessen Vorstellung allerdings einfach sein muß, eben darum, weil
+man gar nichts an ihm bestimmt, wie denn gewiß nichts einfacher
+vorgestellt werden kann, als durch den Begriff von einem bloßen Etwas.
+Die Einfachheit aber der Vorstellung von einem Subjekt ist darum nicht
+eine Erkenntnis von der Einfachheit des Subjekts selbst, denn von
+dessen Eigenschaften wird gänzlich abstrahiert, wenn es lediglich
+durch den an Inhalt gänzlich leeren Ausdruck Ich, (welchen ich auf
+jedes denkende Subjekt anwenden kann), bezeichnet wird.
+
+Soviel ist gewiß: daß ich mir durch das Ich jederzeit eine absolute,
+aber logische Einheit des Subjekts (Einfachheit) gedenke, aber nicht,
+daß ich dadurch die wirkliche Einfachheit meines Subjekts erkenne.
+So wie der Satz: ich bin Substanz, nichts als die reine Kategorie
+bedeutete, von der ich in concreto keinen Gebrauch (empirischen)
+machen kann: so ist es mir auch erlaubt zu sagen: Ich bin eine
+einfache Substanz, d.i. deren Vorstellung niemals eine Synthesis des
+Mannigfaltigen enthält, aber dieser Begriff, oder auch dieser Satz,
+lehrt uns nicht das mindeste in Ansehung meiner selbst als eines
+Gegenstandes der Erfahrung, weil der Begriff der Substanz selbst nur
+als Funktion der Synthesis, ohne unterlegte Anschauung, mithin ohne
+Objekt gebraucht wird, und nur von der Bedingung unserer Erkenntnis,
+aber nicht von irgendeinem anzugebenden Gegenstande gilt. Wir wollen
+über die vermeintliche Brauchbarkeit dieses Satzes einen Versuch
+anstellen.
+
+Jedermann muß gestehen: daß die Behauptung von der einfachen Natur
+der Seele nur sofern von einigem Werte sei, als ich dadurch dieses
+Subjekt von aller Materie zu unterscheiden und sie folglich von der
+Hinfälligkeit ausnehmen kann, der diese jederzeit unterworfen ist. Auf
+diesen Gebrauch ist obiger Satz auch ganz eigentlich angelegt, daher
+er auch mehrerenteils so ausgedrückt wird: die Seele ist nicht
+körperlich. Wenn ich nun zeigen kann: daß, ob man gleich diesem
+Kardinalsatze der rationalen Seelenlehre, in der reinen Bedeutung
+eines bloßen Vernunftsurteils, (aus reinen Kategorien), alle objektive
+Gültigkeit einräumt, (alles, was denkt, ist einfache Substanz),
+dennoch nicht der mindeste Gebrauch von diesem Satze, in Ansehung der
+Ungleichartigkeit, oder Verwandtschaft derselben mit der Materie,
+gemacht werden könne: so wird dieses ebensoviel sein, als ob ich
+diese vermeintliche psychologische Einsicht in das Feld bloßer Ideen
+verwiesen hätte, denen es an Realität des objektiven Gebrauchs
+mangelt.
+
+Wir haben in der transzendentalen Ästhetik unleugbar bewiesen: daß
+Körper bloße Erscheinungen unseres äußeren Sinnes, und nicht Dinge an
+sich selbst sind. Diesem gemäß können wir mit Recht sagen: daß unser
+denkendes Subjekt nicht körperlich sei, das heißt: daß, da es als
+Gegenstand des inneren Sinnes von uns vorgestellt wird, es, insofern
+als es denkt, kein Gegenstand äußerer Sinne, d.i. keine Erscheinung im
+Raume sein könne. Dieses will nun so viel sagen: es können uns niemals
+unter äußeren Erscheinungen denkende Wesen, als solche, vorkommen,
+oder, wir können ihre Gedanken, ihr Bewußtsein, ihre Begierden usw.
+nicht äußerlich anschauen; denn dieses gehört alles vor den inneren
+Sinn. In der Tat scheint dieses Argument auch das natürliche und
+populäre, worauf selbst der gemeinste Verstand von jeher gefallen zu
+sein scheint, und dadurch schon sehr früh Seelen, als von den Körpern
+ganz unterschiedene Wesen, zu betrachten angefangen hat.
+
+Ob nun aber gleich die Ausdehnung, die Undurchdringlichkeit,
+Zusammenhang und Bewegung, kurz alles, was uns äußere Sinne nur
+liefern können, nicht Gedanken, Gefühl, Neigung oder Entschließung
+sein, oder solche enthalten werden, als die überall keine Gegenstände
+äußerer Anschauung sind, so konnte doch wohl dasjenige Etwas, welches
+den äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt, was unseren Sinn so
+affiziert, daß er die Vorstellungen von Raum, Materie, Gestalt usw.
+bekommt, dieses Etwas, als Noumenon (oder besser, als transzendentaler
+Gegenstand) betrachtet, könnte doch auch zugleich das Subjekt der
+Gedanken sein, wiewohl wir durch die Art, wie unser äußerer Sinn
+dadurch affiziert wird, keine Anschauung von Vorstellungen, Willen
+usw., sondern bloß vom Raum und dessen Bestimmungen bekommen. Dieses
+Etwas aber ist nicht ausgedehnt, nicht undurchdringlich, nicht
+zusammengesetzt, weil alle diese Prädikate nur die Sinnlichkeit und
+deren Anschauung angehen, sofern wir von dergleichen (uns übrigens
+unbekannten) Objekten affiziert werden. Diese Ausdrücke aber geben gar
+nicht zu erkennen, was für ein Gegenstand es sei, sondern nur: daß
+ihm, als einem solchen, der ohne Beziehung auf äußere Sinne an sich
+selbst betrachtet wird, diese Prädikate äußerer Erscheinungen nicht
+beigelegt werden können. Allein die Prädikate des innern Sinnes,
+Vorstellungen und Denken, widersprechen ihm nicht. Demnach ist selbst
+durch die eingeräumte Einfachheit der Natur die menschliche Seele
+von der Materie, wenn man sie (wie man soll) bloß als Erscheinung
+betrachtet, in Ansehung des Substrati derselben gar nicht hinreichend
+unterschieden.
+
+Wäre Materie ein Ding an sich selbst, so würde sie als ein
+zusammengesetztes Wesen von der Seele, als einem einfachen, sich ganz
+und gar unterscheiden. Nun ist sie aber bloß äußere Erscheinung, deren
+Substratum durch gar keine anzugebende Prädikate erkannt wird; mithin
+kann ich von diesem wohl annehmen, daß es an sich einfach sei, ob es
+zwar in der Art, wie es unsere Sinne affiziert, in uns die Anschauung
+des Ausgedehnten und mithin Zusammengesetzten hervorbringt, und daß
+also der Substanz, der in Ansehung unseres äußeren Sinnes Ausdehnung
+zukommt, an sich selbst Gedanken beiwohnen, die durch ihren eigenen
+inneren Sinn mit Bewußtsein vorgestellt werden können. Auf solche
+Weise würde ebendasselbe, was in einer Beziehung körperlich heißt, in
+einer andere zugleich ein denkend Wesen sein, dessen Gedanken wir zwar
+nicht, aber doch die Zeichen derselben in der Erscheinung, anschauen
+können. Dadurch würde der Ausdruck wegfallen, daß nur Seelen (als
+besondere Arten von Substanzen) denken; es würde vielmehr wie
+gewöhnlich heißen, daß Menschen denken, d.i. ebendasselbe, was, als
+äußere Erscheinung, ausgedehnt ist, innerlich (an sich selbst) ein
+Subjekt sei, was nicht zusammengesetzt, sondern einfach ist und denkt.
+
+Aber, ohne dergleichen Hypothesen zu erlauben, kann man allgemein
+bemerken: daß, wenn ich unter Seele ein denkend Wesen an sich
+verstehe, die Frage an sich schon unschicklich sei: ob sie nämlich mit
+der Materie (die gar kein Ding an sich selbst, sondern nur eine Art
+Vorstellungen in uns ist) von gleicher Art sei, oder nicht, denn
+das versteht sich schon von selbst, daß ein Ding an sich selbst von
+anderer Natur sei, als die Bestimmungen, die bloß seinen Zustand
+ausmachen.
+
+Vergleichen wir aber das denkende Ich nicht mit der Materie, sondern
+mit dem Intelligiblen, welches der äußeren Erscheinung, die wir
+Materie nennen, zum Grunde liegt: so können wir, weil wir vom
+letzteren gar nichts wissen, auch nicht sagen: daß die Seele sich von
+diesem irgend worin innerlich unterscheide.
+
+So ist demnach das einfache Bewußtsein keine Kenntnis der einfachen
+Natur unseres Subjekts, insofern, als dieses dadurch von der Materie,
+als einem zusammengesetzten Wesen, unterschieden werden soll.
+
+Wenn dieser Begriff aber dazu nicht taugt, ihn in dem einzigen Falle,
+da er brauchbar ist, nämlich in der Vergleichung meiner selbst mit
+Gegenständen äußerer Erfahrung, das Eigentümliche und Unterscheidende
+seiner Natur zu bestimmen, so mag man immer zu wissen vorgeben: das
+denkende Ich, die Seele, (ein Name für den transzendentalen Gegenstand
+des inneren Sinnes) sei einfach; dieser Ausdruck hat deshalb doch gar
+keinen auf wirkliche Gegenstände sich erstreckenden Gebrauch und kann
+daher unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitern.
+
+So fällt demnach die ganze rationale Psychologie mit ihrer
+Hauptstütze, und wir können so wenig hier, wie sonst jemals, hoffen,
+durch bloße Begriffe, (noch weniger aber durch die bloße subjektive
+Form aller unserer Begriffe, das Bewußtsein,) ohne Beziehung auf
+mögliche Erfahrung, Einsichten auszubreiten, zumalen, da selbst der
+Fundamentalbegriff einer einfachen Natur von der Art ist, daß er
+überall in keiner Erfahrung angetroffen werden kann, und es mithin gar
+keinen Weg gibt, zu demselben, als einem objektivgültigen Begriffe, zu
+gelangen.
+
+
+
+Dritter Paralogism der Personalität
+
+Was sich der numerischen Identität seiner Selbst in verschiedenen
+Zeiten bewußt ist, ist sofern eine Person:
+
+Nun ist die Seele usw.
+
+Also sie ist eine Person.
+
+ Kritik des dritten Paralogisms der transzendentalen
+ Psychologie
+
+Wenn ich die numerische Identität eines äußeren Gegenstandes durch
+Erfahrung erkennen will, so werde ich auf das Beharrliche derjenigen
+Erscheinung, worauf, als Subjekt, sich alles übrige als Bestimmung
+bezieht, achthaben und die Identität von jenem in der Zeit, da dieses
+wechselt, bemerken. Nun aber bin ich ein Gegenstand des inneren
+Sinnes und alle Zeit ist bloß die Form des inneren Sinnes. Folglich
+beziehe ich alle und jede meiner sukzessiven Bestimmungen auf
+das numerisch-identische Selbst, in aller Zeit, d.i. in der Form
+der inneren Anschauung meiner selbst. Auf diesen Fuß müßte die
+Persönlichkeit der Seele nicht einmal als geschlossen, sondern als ein
+völlig identischer Satz des Selbstbewußtseins in der Zeit angesehen
+werden, und das ist auch die Ursache, weswegen er a priori gilt. Denn
+er sagt wirklich nichts mehr, als in der ganzen Zeit, darin ich mir
+meiner bewußt bin, bin ich mir dieser Zeit, als zur Einheit meines
+Selbst gehörig, bewußt, und es ist einerlei, ob ich sage: diese
+ganze Zeit ist in Mir, als individueller Einheit, oder ich bin, mit
+numerischer Identität, in aller dieser Zeit befindlich.
+
+Die Identität der Person ist also in meinem eigenen Bewußtsein
+unausbleiblich anzutreffen. Wenn ich mich aber aus dem Gesichtspunkte
+eines andern (als Gegenstand seiner äußeren Anschauung) betrachte, so
+erwägt dieser äußere Beobachter mich allererst in der Zeit, denn in
+der Apperzeption ist die Zeit eigentlich nur in mir vorgestellt. Er
+wird also aus dem Ich, welches alle Vorstellungen zu aller Zeit in
+meinem Bewußtsein, und zwar mit völliger Identität, begleitet, ob er
+es gleich einräumt, doch noch nicht auf die objektive Beharrlichkeit
+meiner selbst schließen. Denn da alsdann die Zeit, in welche der
+Beobachter mich setzt, nicht diejenige ist, die in meiner eigenen,
+sondern die in seiner Sinnlichkeit angetroffen wird, so ist die
+Identität, die mit meinem Bewußtsein notwendig verbunden ist, nicht
+darum mit dem seinigen, d.i. mit der äußeren Anschauung meines
+Subjekts verbunden.
+
+Es ist also die Identität des Bewußtseins Meiner selbst in
+verschiedenen Zeiten nur eine normale Bedingung meiner Gedanken und
+ihres Zusammenhanges, beweist aber gar nicht die numerische Identität
+meines Subjekts, in welchem, ohnerachtet der logischen Identität des
+Ich, doch ein solcher Wechsel vorgegangen sein kann, der es nicht
+erlaubt, die Identität desselben beizubehalten; obzwar ihm immer noch
+das gleichlautende Ich zuzuteilen, welches in jedem andern Zustande,
+selbst der Umwandlung des Subjekts, doch immer den Gedanken des
+vorhergehenden Subjekts aufbehalten und so auch dem folgenden
+überliefern könnte*.
+
+* Eine elastische Kugel, die auf eine gleiche in gerader Richtung
+ stößt, teilt dieser ihre ganze Bewegung, mithin ihren ganzen Zustand
+ (wenn man bloß auf die Stellen im Raume sieht) mit. Nehmt nun, nach
+ der Analogie mit dergleichen Körpern, Substanzen an, deren die eine
+ der andere Vorstellungen, samt deren Bewußtsein einflößte, so wird
+ sich eine ganze Reihe derselben denken lassen, deren die erste ihren
+ Zustand, samt dessen Bewußtsein, der zweiten, diese ihren eigenen
+ Zustand, samt dem der vorigen Substanz, der dritten und diese ebenso
+ die Zustände aller vorigen, samt ihrem eigenen und deren Bewußtsein,
+ mitteilte. Die letzte Substanz würde also aller Zustände der vor ihr
+ veränderten Substanzen sich als ihrer eigenen bewußt sein, weil jene
+ zusamt dem Bewußtsein in sie übertragen worden, und demunerachtet,
+ würde sie doch nicht ebendieselbe Person in allen diesen Zuständen
+ gewesen sein.
+
+Wenngleich der Satz einiger alten Schulen: daß alles fließend und
+nichts in der Welt beharrlich und bleibend sei, nicht stattfinden
+kann, sobald man Substanzen annimmt, so ist er doch nicht durch die
+Einheit des Selbstbewußtseins widerlegt. Denn wir selbst können aus
+unserem Bewußtsein darüber nicht urteilen, ob wir als Seele beharrlich
+sind, oder nicht, weil wir zu unserem identischen Selbst nur dasjenige
+zählen, dessen wir uns bewußt sind, und so allerdings notwendig
+urteilen müssen: daß wir in der ganzen Zeit, deren wir uns bewußt
+sind, ebendieselbe sind. In dem Standpunkte eines Fremden aber können
+wir dieses darum noch nicht für gültig erklären, weil, da wir an der
+Seele keine beharrliche Erscheinung antreffen, als nur die Vorstellung
+Ich, welche sie alle begleitet und verknüpft, so können wir niemals
+ausmachen, ob dieses Ich (ein bloßer Gedanke) nicht ebensowohl fließe,
+als die übrigen Gedanken, die dadurch aneinander gekettet werden.
+
+Es ist aber merkwürdig, daß die Persönlichkeit und deren
+Voraussetzung, die Beharrlichkeit, mithin die Substanzialität der
+Seele jetzt allererst bewiesen werden muß. Denn könnten wir diese
+voraussetzen, so würde zwar daraus noch nicht die Fortdauer des
+Bewußtseins, aber doch die Möglichkeit eines fortwährenden Bewußtseins
+in einem bleibenden Subjekt folgen, welches zu der Persönlichkeit
+schon hinreichend ist, die dadurch, daß ihre Wirkung etwa eine Zeit
+hindurch unterbrochen wird, selbst nicht sofort aufhört. Aber diese
+Beharrlichkeit ist uns vor der numerischen Identität unserer Selbst,
+die wir aus der identischen Apperzeption folgern, durch nichts
+gegeben, sondern wird daraus allererst gefolgert, (und auf diese
+müßte, wenn es recht zuginge, allererst der Begriff der Substanz
+folgen, der allein empirisch brauchbar ist.) Da nun diese Identität
+der Person aus der Identität des Ich, in dem Bewußtsein aller Zeit,
+darin ich mich erkenne, keineswegs folgt: so hat auch oben die
+Substanzialität der Seele darauf nicht gegründet werden können.
+
+Indessen kann, so wie der Begriff der Substanz und des Einfachen,
+ebenso auch der Begriff der Persönlichkeit (sofern er bloß
+transzendental ist, d.i. Einheit des Subjekts, das uns übrigens
+unbekannt ist, in dessen Bestimmungen aber eine durchgängige
+Verknüpfung durch Apperzeption ist) bleiben, und sofern ist dieser
+Begriff auch zum praktischen Gebrauche nötig und hinreichend, aber auf
+ihn, als Erweiterung unserer Selbsterkenntnis durch reine Vernunft,
+welche uns eine ununterbrochene Fortdauer des Subjekts aus dem bloßen
+Begriffe des identischen Selbst vorspiegelt, können wir nimmermehr
+Staat machen, da dieser Begriff sich immer um sich selbst herumdreht,
+und uns in Ansehung keiner einzigen Frage, welche auf synthetische
+Erkenntnis angelegt ist, weiterbringt. Was Materie für ein Ding an
+sich selbst (transzendentales Objekt) sei, ist uns zwar gänzlich
+unbekannt; gleichwohl kann doch die Beharrlichkeit derselben als
+Erscheinung, dieweil sie als etwas Äußerliches vorgestellt wird,
+beobachtet werden. Da ich aber, wenn ich das bloße Ich bei dem Wechsel
+aller Vorstellungen beobachten will, kein ander Korrelatum meiner
+Vergleichungen habe, als wiederum Mich selbst, mit den allgemeinen
+Bedingungen meines Bewußtseins, so kann ich keine andere, als
+tautologische Beantwortungen auf alle Fragen geben, indem ich nämlich
+meinen Begriff und dessen Einheit den Eigenschaften, die mir selbst
+als Objekt zukommen, unterschiebe, und das voraussetze, was man zu
+wissen verlangte.
+
+
+
+Der vierte Paralogism der Idealität
+(des äußeren Verhältnisses)
+
+Dasjenige, auf dessen Dasein, nur als einer Ursache zu gegebenen
+Wahrnehmungen, geschlossen werden kann, hat eine nur zweifelhafte
+Existenz:
+
+Nun sind alle äußeren Erscheinungen von der Art: daß ihr Dasein nicht
+unmittelbar wahrgenommen, sondern auf sie, als die Ursache gegebener
+Wahrnehmungen, allein geschlossen werden kann:
+
+Also ist das Dasein aller Gegenstände äußerer Sinne zweifelhaft. Diese
+Ungewißheit nenne ich die Idealität äußerer Erscheinungen und die
+Lehre dieser Idealität heißt der Idealism, in Vergleichung mit welchem
+die Behauptung einer möglichen Gewißheit von Gegenständen äußerer
+Sinne, der Dualism genannt wird.
+
+ Kritik des vierten Paralogisms der transzendentalen
+ Psychologie
+
+Zuerst wollen wir die Prämissen der Prüfung unterwerfen. Wir kennen
+mit Recht behaupten, daß nur dasjenige, was in uns selbst ist,
+unmittelbar wahrgenommen werden könne, und daß meine eigene Existenz
+allein der Gegenstand einer bloßen Wahrnehmung sein könne. Also ist
+das Dasein eines wirklichen Gegenstandes außer mir (wenn dieses Wort
+in intellektueller Bedeutung genommen wird) niemals geradezu in
+der Wahrnehmung gegeben, sondern kann nur zu dieser, welche eine
+Modifikation des inneren Sinnes ist, als äußere Ursache derselben
+hinzugedacht und mithin geschlossen werden. Daher auch Cartesius
+mit Recht alle Wahrnehmung in der engsten Bedeutung auf den Satz
+einschränkte: Ich (als ein denkend Wesen) bin. Es ist nämlich
+klar: daß, da das Äußere nicht in mir ist, ich es nicht in meiner
+Apperzeption, mithin auch in keiner Wahrnehmung, welche eigentlich nur
+die Bestimmung der Apperzeption ist, antreffen könne.
+
+Ich kann also äußere Dinge eigentlich nicht wahrnehmen, sondern nur
+aus meiner inneren Wahrnehmung auf ihr Dasein schließen, indem ich
+diese als die Wirkung ansehe, wozu etwas Äußeres die nächste Ursache
+ist. Nun ist aber der Schluß von einer gegebenen Wirkung auf eine
+bestimmte Ursache jederzeit unsicher; weil die Wirkung aus mehr
+all einer Ursache entsprungen sein kann. Demnach bleibt es in der
+Beziehung der Wahrnehmung auf ihre Ursache jederzeit zweifelhaft: ob
+diese innerlich, oder äußerlich sei, ob also alle sogenannten äußeren
+Wahrnehmungen nicht ein bloßes Spiel unseres inneren Sinnes sind,
+oder ob sie sich auf äußere wirkliche Gegenstände, als ihre Ursache
+beziehen. Wenigstens ist das Dasein der letzteren nur geschlossen, und
+läuft die Gefahr aller Schlüsse, dahingegen der Gegenstand des inneren
+Sinnes (Ich selbst mit allen meinen Vorstellungen) unmittelbar
+wahrgenommen wird, und die Existenz desselben gar keinen Zweifel
+leidet.
+
+Unter einem Idealisten muß man also nicht denjenigen verstehen, der
+das Dasein äußerer Gegenstände der Sinne leugnet, sondern der nur
+nicht einräumt: daß es durch unmittelbare Wahrnehmung erkannt werde,
+daraus aber schließt, daß wir ihrer Wirklichkeit durch alle mögliche
+Erfahrung niemals völlig gewiß werden können.
+
+Ehe ich nun unseren Paralogismus seinem trüglichen Scheine nach
+darstelle, muß ich zuvor bemerken, daß man notwendig einen zweifachen
+Idealism unterscheiden müsse, den transzendentalen und den
+empirischen. Ich verstehe aber unter dem transzendentalen Idealism
+aller Erscheinungen den Lehrbegriff, nach welchem wir sie insgesamt
+als bloße Vorstellungen, und nicht als Dinge an sich selbst, ansehen,
+und demgemäß Zeit und Raum nur sinnliche Formen unserer Anschauung,
+nicht aber für sich gegebene Bestimmungen, oder Bedingungen der
+Objekte, als Dinge an sich selbst sind. Diesem Idealism ist ein
+transzendentaler Realism entgegengesetzt, der Zeit und Raum als etwas
+an sich (unabhängig von unserer Sinnlichkeit) Gegebenes ansieht. Der
+transzendentale Realist stellt sich also äußere Erscheinungen (wenn
+man ihre Wirklichkeit einräumt) als Dinge an sich selbst vor, die
+unabhängig von uns und unserer Sinnlichkeit existieren, also auch nach
+reinen Verstandesbegriffen außer uns wären. Dieser transzendentale
+Realist ist es eigentlich, welcher nachher den empirischen Idealisten
+spielt, und nachdem er fälschlich von Gegenständen der Sinne
+vorausgesetzt hat, daß, wenn sie äußere sein sollen, sie an sich
+selbst auch ohne Sinne ihre Existenz haben müßten, in diesem
+Gesichtspunkte alle unsere Vorstellungen der Sinne unzureichend
+findet, die Wirklichkeit derselben gewiß zu machen.
+
+Der transzendentale Idealist kann hingegen ein empirischer Realist,
+mithin, wie man ihn nennt, ein Dualist sein, d.i. die Existenz der
+Materie einräumen, ohne aus dem bloßen Selbstbewußtsein hinauszugehen,
+und etwas mehr, als die Gewißheit der Vorstellungen in mir, mithin das
+cogito, ergo sum, anzunehmen. Denn weil er diese Materie und sogar
+deren innere Möglichkeit bloß für Erscheinung gelten läßt, die, von
+unserer Sinnlichkeit abgetrennt, nichts ist: so ist sie bei ihm nur
+eine Art Vorstellungen (Anschauung), welche äußerlich heißen, nicht,
+als ob sie sich auf an sich selbst äußere Gegenstände bezögen, sondern
+weil sie Wahrnehmungen auf den Raum beziehen, in welchem alles
+außereinander, er selbst der Raum aber in uns ist.
+
+Für diesen transzendentalen Idealism haben wir uns nun schon
+im Anfange erklärt. Also fällt bei unserem Lehrbegriff alle
+Bedenklichkeit weg, das Dasein der Materie ebenso auf das Zeugnis
+unseres bloßen Selbstbewußtseins anzunehmen und dadurch für bewiesen
+zu erklären, wie das Dasein meiner selbst als eines denkenden Wesens.
+Denn ich bin mir doch meiner Vorstellungen bewußt; also existieren
+diese und ich selbst, der ich diese Vorstellungen habe. Nun sind aber
+äußere Gegenstände (die Körper) bloß Erscheinungen, mithin auch nichts
+anderes, als eine Art meiner Vorstellungen, deren Gegenstände nur
+durch diese Vorstellungen etwas sind, von ihnen abgesondert aber
+nichts sind. Also existieren ebensowohl äußere Dinge, als ich Selbst
+existiere, und zwar beide auf das unmittelbare Zeugnis meines
+Selbstbewußtseins, nur mit dem Unterschiede: daß die Vorstellung
+meiner Selbst, als des denkenden Subjekts, bloß auf den innern, die
+Vorstellungen aber, welche ausgedehnte Wesen bezeichnen, auch auf den
+äußeren Sinn bezogen werden. Ich habe in Absicht auf die Wirklichkeit
+äußerer Gegenstände ebensowenig nötig zu schließen, als in Ansehung
+der Wirklichkeit des Gegenstandes meines inneren Sinnes, (meiner
+Gedanken), denn sie sind beiderseitig nichts als Vorstellungen, deren
+unmittelbare Wahrnehmung (Bewußtsein) zugleich ein genügsamer Beweis
+ihrer Wirklichkeit ist.
+
+Also ist der transzendentale Idealist ein empirischer Realist und
+gesteht der Materie, als Erscheinung, eine Wirklichkeit zu, die nicht
+geschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird.
+Dagegen kommt der transzendentale Realismus notwendig in Verlegenheit,
+und sieht sich genötigt, dem empirischen Idealismus Platz einzuräumen,
+weil er die Gegenstände äußerer Sinne für etwas von den Sinnen selbst
+Unterschiedenes und bloße Erscheinungen für selbständige Wesen
+ansieht, die sich außer uns befinden; da denn freilich, bei unserem
+besten Bewußtsein unserer Vorstellung von diesen Dingen, noch lange
+nicht gewiß ist, daß, wenn die Vorstellung existiert, auch der ihr
+korrespondierende Gegenstand existiere; dahingegen in unserem System
+diese äußeren Dinge, die Materie nämlich, in allen ihren Gestalten und
+Veränderungen, nichts als bloße Erscheinungen, d.i. Vorstellungen in
+uns sind, deren Wirklichkeit wir uns unmittelbar bewußt werden.
+
+Da nun, soviel ich weiß, alle dem empirischen Idealismus anhängenden
+Psychologen transzendentale Realisten sind, so haben sie freilich
+ganz konsequent verfahren, dem empirischen Idealism große Wichtigkeit
+zuzugestehen, als einem von den Problemen, daraus die menschliche
+Vernunft sich schwerlich zu helfen wisse. Denn in der Tat, wenn
+man äußere Erscheinungen als Vorstellungen ansieht, die von ihren
+Gegenständen, als an sich außer uns befindlichen Dingen, in uns
+gewirkt werden, so ist nicht abzusehen, wie man dieser ihr Dasein
+anders, als durch den Schluß von der Wirkung auf die Ursache, erkennen
+könne, bei welchem es immer zweifelhaft bleiben muß, ob die letztere
+in uns, oder außer uns sei. Nun kann man zwar einräumen: daß von
+unseren äußeren Anschauungen etwas, was im transzendentalen Verstande
+außer uns sein mag, die Ursache sei, aber dieses ist nicht der
+Gegenstand, den wir unter den Vorstellungen der Materie und
+körperlicher Dinge verstehen; denn diese sind lediglich Erscheinungen,
+d.i. bloße Vorstellungsarten, die sich jederzeit nur in uns befinden,
+und deren Wirklichkeit auf dem unmittelbaren Bewußtsein ebenso, wie
+das Bewußtsein meiner eigenen Gedanken beruht. Der transzendentale
+Gegenstand ist, sowohl in Ansehung der inneren als äußeren Anschauung,
+gleich unbekannt. Von ihm aber ist auch nicht die Rede, sondern von
+dem empirischen, welcher alsdann ein äußerer heißt, wenn er im Raume,
+und ein innerer Gegenstand, wenn er lediglich im Zeitverhältnisse
+vorgestellt wird, Raum aber und Zeit sind beide nur in uns
+anzutreffen.
+
+Weil indessen der Ausdruck: außer uns, eine nicht zu vermeidende
+Zweideutigkeit bei sich führt, indem er bald etwas bedeutet, was als
+Ding an sich selbst von uns unterschieden existiert, bald was bloß zur
+äußeren Erscheinung gehört, so wollen wir, um diesen Begriff in der
+letzteren Bedeutung, als in welcher eigentlich die psychologische
+Frage, wegen der Realität unserer äußeren Anschauung, genommen wird,
+außer Unsicherheit zu setzen, empirisch äußerliche Gegenstände
+dadurch von denen, die so im transzendentalen Sinne heißen möchten,
+unterscheiden, daß wir sie geradezu Dinge nennen, die im Raume
+anzutreffen sind.
+
+Raum und Zeit sind zwar Vorstellungen a priori, welche uns als Formen
+unserer sinnlichen Anschauung beiwohnen, ehe noch ein wirklicher
+Gegenstand unseren Sinn durch Empfindung bestimmt hat, um ihn unter
+jenen sinnlichen Verhältnissen vorzustellen. Allein dieses Materielle
+oder Reale, dieses Etwas, was im Raume angeschaut werden soll,
+setzt notwendig Wahrnehmung voraus, und kann unabhängig von dieser,
+welche die Wirklichkeit von etwas im Raume anzeigt, durch keine
+Einbildungskraft gedichtet und hervorgebracht werden. Empfindung
+ist also dasjenige, was eine Wirklichkeit im Raume und der Zeit
+bezeichnet, nachdem sie auf die eine, oder die andere Art der
+sinnlichen Anschauung bezogen wird. Ist Empfindung einmal gegeben,
+(welche, wenn sie auf einen Gegenstand überhaupt, ohne diesen zu
+bestimmen, angewandt wird, Wahrnehmung heißt,) so kann durch die
+Mannigfaltigkeit derselben mancher Gegenstand in der Einbildung
+gedichtet werden, der außer der Einbildung im Raume oder der Zeit
+keine empirische Stelle hat. Dieses ist ungezweifelt gewiß, man mag
+nun die Empfindungen, Lust und Schmerz, oder auch der äußeren, als
+Farben, Wärme usw. nehmen, so ist Wahrnehmung dasjenige, wodurch der
+Stoff, um Gegenstände der sinnlichen Anschauung zu denken, zuerst
+gegeben werden muß. Diese Wahrnehmung stellt also, (damit wir diesmal
+nur bei äußeren Anschauungen bleiben) etwas Wirkliches im Raume vor.
+Denn erstlich ist Wahrnehmung die Vorstellung einer Wirklichkeit, so
+wie Raum die Vorstellung einer bloßen Möglichkeit des Beisammenseins.
+Zweitens wird diese Wirklichkeit vor dem äußeren Sinn, d.i. im Raume
+vorgestellt. Drittens ist der Raum selbst nichts anderes, als bloße
+Vorstellung, mithin kann in ihm nur das als wirklich gelten, was in
+ihm vorgestellt* wird, und umgekehrt, was in ihm gegeben, d.i. durch
+Wahrnehmung vorgestellt wird, ist in ihm auch wirklich; denn wäre es
+in ihm nicht wirklich, d.i. unmittelbar durch empirische Anschauung
+gegeben, so könnte es auch nicht erdichtet werden, weil man das Reale
+der Anschauungen gar nicht a priori erdenken kann.
+
+* Man muß diesen paradoxen, aber richtigen Satz wohl merken: daß im
+ Raume nichts sei, als was in ihm vorgestellt wird. Denn der Raum ist
+ selbst nichts anderes, als Vorstellung, folglich was in ihm ist,
+ muß in der Vorstellung enthalten sein, und im Raume ist gar nichts,
+ außer, sofern es in ihm wirklich vorgestellt wird. Ein Satz, der
+ allerdings befremdlich klingen muß: daß eine Sache nur in der
+ Vorstellung von ihr existieren könne, der aber hier das Anstößige
+ verliert, weil die Sachen, mit denen wir es zu tun haben, nicht
+ Dinge an sich, sondern nur Erscheinungen, d.i. Vorstellungen sind.
+
+Alle äußere Wahrnehmung also beweist unmittelbar etwas Wirkliches im
+Raume, oder ist vielmehr das Wirkliche selbst, und insofern ist also
+der empirische Realismus außer Zweifel, d.i. es korrespondiert unseren
+äußeren Anschauungen etwas Wirkliches im Raume. Freilich ist der Raum
+selbst, mit allen seinen Erscheinungen, als Vorstellungen, nur in mir,
+aber in diesem Raume ist doch gleichwohl das Reale, oder der Stoff
+aller Gegenstände äußerer Anschauung, wirklich und unabhängig von
+aller Erdichtung gegeben, und es ist auch unmöglich: daß in diesem
+Raume irgend etwas außer uns (im transzendentalen Sinne) gegeben
+werden sollte, weil der Raum selbst außer unserer Sinnlichkeit nichts
+ist. Also kann der strengste Idealist nicht verlangen, man solle
+beweisen: daß unserer Wahrnehmung der Gegenstand außer uns (in
+strikter Bedeutung) entspreche. Denn wenn es dergleichen gäbe, so
+würde es doch nicht als außer uns vorgestellt und angeschaut werden
+können, weil dieses den Raum voraussetzt, und die Wirklichkeit
+im Raume, als einer bloßen Vorstellung, nichts anderes als die
+Wahrnehmung selbst ist. Das Reale äußerer Erscheinungen ist also
+wirklich nur in der Wahrnehmung und kann auf keine andere Weise
+wirklich sein.
+
+Aus Wahrnehmungen kann nun, durch ein bloßes Spiel der Einbildung,
+oder auch vermittels der Erfahrung, Erkenntnis der Gegenstände erzeugt
+werden. Und da können allerdings trügliche Vorstellungen entspringen,
+denen die Gegenstände nicht entsprechen und wobei die Täuschung bald
+einem Blendwerke der Einbildung, (im Traume), bald einem Fehltritte
+der Urteilskraft (beim sogenannten Betruge der Sinne) beizumessen ist.
+Um nun hierin dem falschen Scheine zu entgehen, verfährt man nach
+der Regel: Was mit einer Wahrnehmung nach empirischen Gesetzen
+zusammenhängt, ist wirklich. Allein diese Täuschung sowohl, als die
+Verwahrung wider dieselbe, trifft ebensowohl den Idealismus als den
+Dualism, indem es dabei nur um die Form der Erfahrung zu tun ist. Den
+empirischen Idealismus, als eine falsche Bedenklichkeit wegen der
+objektiven Realität unserer äußeren Wahrnehmungen, zu widerlegen, ist
+schon hinreichend: daß äußere Wahrnehmung eine Wirklichkeit im Raume
+unmittelbar beweise, welcher Raum, ob er zwar an sich nur bloße Form
+der Vorstellungen ist, dennoch in Ansehung aller äußeren Erscheinungen
+(die auch nichts anderes als bloße Vorstellungen sind) objektive
+Realität hat; imgleichen: daß ohne Wahrnehmung selbst die Erdichtung
+und der Traum nicht möglich sind, unsere äußeren Sinne also, den
+datis nach, woraus Erfahrung entspringen kann, ihre wirklichen
+korrespondierenden Gegenstände im Raume haben.
+
+Der dogmatische Idealist würde derjenige sein, der das Dasein der
+Materie leugnet, der skeptische, der sie bezweifelt, weil er sie für
+unerweislich hält. Der erstere kann es nur darum sein, weil er in der
+Möglichkeit einer Materie überhaupt Widersprüche zu finden glaubt,
+und mit diesem haben wir es jetzt noch nicht zu tun. Der folgende
+Abschnitt von dialektischen Schlüssen, der die Vernunft in ihrem
+inneren Streite in Ansehung der Begriffe, die sich von der Möglichkeit
+dessen, was in den Zusammenhang der Erfahrung gehört, vorstellt, wird
+auch dieser Schwierigkeit abhelfen. Der skeptische Idealist aber, der
+bloß den Grund unserer Behauptung anficht und unsere Überredung von
+dem Dasein der Materie, die wir auf unmittelbare Wahrnehmung zu
+gründen glauben, für unzureichend erklärt, ist sofern ein Wohltäter
+der menschlichen Vernunft, als er uns nötigt, selbst bei dem kleinsten
+Schritte der gemeinen Erfahrung, die Augen wohl aufzutun, und, was
+wir vielleicht nur erschleichen, nicht sogleich als wohlerworben in
+unseren Besitz aufzunehmen. Der Nutzen, den diese idealistischen
+Entwürfe hier schaffen, fällt jetzt klar in die Augen. Sie treiben
+uns mit Gewalt dahin, wenn wir uns nicht in unseren gemeinsten
+Behauptungen verwickeln wollen, alle Wahrnehmungen, sie mögen nun
+innere, oder äußere heißen, bloß als ein Bewußtsein dessen, was
+unserer Sinnlichkeit anhängt und die äußeren Gegenstände derselben
+nicht für Dinge an sich selbst, sondern nur für Vorstellungen
+anzusehen, deren wir uns, wie jeder anderen Vorstellung, unmittelbar
+bewußt werden können, die aber darum äußere heißen, weil sie
+demjenigen Sinne anhängen, den wir den äußeren Sinn nennen, dessen
+Anschauung der Raum ist, der aber doch selbst nichts anders, als eine
+innere Vorstellungsart ist, in welcher sich gewisse Wahrnehmungen
+miteinander verknüpfen.
+
+Wenn wir äußere Gegenstände für Dinge an sich gelten lassen, so ist
+schlechthin unmöglich zu begreifen, wie wir zur Erkenntnis ihrer
+Wirklichkeit außer uns kommen sollten, indem wir um bloß auf die
+Vorstellung stützen, die in uns ist. Denn man kann doch außer
+sich nicht empfinden, sondern nur in sich selbst, und das ganze
+Selbstbewußtsein liefert daher nichts, als lediglich unsere eigenen
+Bestimmungen. Also nötigt uns der skeptische Idealism, die einzige
+Zuflucht, die uns übrig bleibt, nämlich zu der Idealität aller
+Erscheinungen zu ergreifen, welche wir in der transzendentalen
+Ästhetik unabhängig von diesen Folgen, die wir damals nicht
+voraussehen konnten, dargetan haben. Fragt man nun: ob denn diesem
+zufolge der Dualism allein in der Seelenlehre stattfinde, so ist die
+Antwort: Allerdings! aber nur im empirischen Verstande, d.i. in dem
+Zusammenhange der Erfahrung ist wirklich Materie, als Substanz in der
+Erscheinung, dem äußeren Sinne, so wie das denkende Ich, gleichfalls
+als Substanz in der Erscheinung, vor dem inneren Sinne gegeben und
+nach den Regeln, welche diese Kategorie in den Zusammenhang unserer
+äußerer sowohl als innerer Wahrnehmungen zu einer Erfahrung
+hineinbringt, müssen auch beiderseits Erscheinungen unter sich
+verknüpft werden. Wollte man aber den Begriff des Dualismus, wie es
+gewöhnlich geschieht, erweitern und ihn im transzendentalen Verstande
+nehmen, so hätten weder er, noch der ihm entgegengesetzte Pneumatismus
+einerseits, oder der Materialismus andererseits, nicht den mindesten
+Grund, indem man alsbald die Bestimmung seiner Begriffe verfehlte, und
+die Verschiedenheit der Vorstellungsart von Gegenständen, die uns nach
+dem, was sie an sich sind, unbekannt bleiben, für eine Verschiedenheit
+dieser Dinge selbst hält. Ich, durch den inneren Sinn in der Zeit
+vorgestellt, und Gegenstände im Raume, außer mir, sind zwar skeptisch
+ganz unterschiedene Erscheinungen, aber dadurch werden sie nicht als
+verschiedene Dinge gedacht. Das transzendentale Objekt, welches den
+äußeren Erscheinungen, imgleichen das, was der inneren Anschauung
+zum Grunde liegt, ist weder Materie, noch ein denkend Wesen an sich
+selbst, sondern ein uns unbekannter Grund der Erscheinungen, die den
+empirischen Begriff von der ersten sowohl als zweiten Art an die Hand
+geben.
+
+Wenn wir also, wie uns denn die gegenwärtige Kritik augenscheinlich
+dazu nötigt, der oben festgesetzten Regel treu bleiben, unsere Fragen
+nicht weiterzutreiben, als nur soweit mögliche Erfahrung uns das
+Objekt derselben an die Hand geben kann: so werden wir es uns nicht
+einmal einfallen lassen, über die Gegenstände unserer Sinne nach
+demjenigen, was sie an sich selbst, d.i. ohne alle Beziehung auf die
+Sinne sein mögen, Erkundigung anzustellen Wenn aber der Psycholog
+Erscheinungen für Dinge an sich selbst nimmt, so mag er als
+Materialist einzig und allein Materie, oder als Spiritualist bloß
+denkende Wesen (nämlich nach der Form unseres inneren Sinnes) oder als
+Dualist beide, als für sich existierende Dinge, in seinen Lehrbegriff
+aufnehmen, so ist er doch immer durch Mißverstand hingehalten über
+die Art zu vernünfteln, wie dasjenige an sich selbst existieren möge,
+was doch kein Ding an sich, sondern nur die Erscheinung eines Dinges
+überhaupt ist.
+
+
+
+Betrachtung über die Summe der reinen Seelenlehre, zufolge diesen
+Paralogismen
+
+Wenn wir die Seelenlehre, als die Physiologie der inneren Sinnes mit
+der Körperlehre, als einer Physiologie der Gegenstände äußerer Sinne
+vergleichen: so finden wir, außer dem, daß in beiden vieles empirisch
+erkannt werden kann, doch diesen merkwürdigen Unterschied, daß in der
+letzteren Wissenschaft doch vieles a priori, aus dem bloßen Begriffe
+eines ausgedehnten undurchdringlichen Wesens, in der ersteren
+aber, aus dem Begriffe eines denkenden Wesens, gar nichts a priori
+synthetisch erkannt werden kann. Die Ursache ist diese. Obgleich
+beides Erscheinungen sind, so hat doch die Erscheinung vor dem äußeren
+Sinne etwas Stehendes, oder Bleibendes, welches ein, den wandelbaren
+Bestimmungen zum Grunde liegendes Substratum und mithin einen
+synthetischen Begriff, nämlich den vom Raume und einer Erscheinung in
+demselben, an die Hand gibt, anstatt daß die Zeit, welche die einzige
+Form unserer inneren Anschauung ist, nichts Bleibendes hat, mithin nur
+den Wechsel der Bestimmungen, nicht aber den bestimmbaren Gegenstand
+zu erkennen gibt. Denn, in dem was wir Seele nennen, ist alles im
+kontinuierlichen Flusse und nichts Bleibendes, außer etwa (wenn man
+es durchaus will) das darum so einfache Ich, weil diese Vorstellung
+keinen Inhalt, mithin kein Mannigfaltiges hat, weswegen sie auch
+scheint ein einfaches Objekt vorzustellen, oder besser gesagt, zu
+bezeichnen. Dieses Ich müßte eine Anschauung sein, welche, da sie
+beim Denken überhaupt (vor aller Erfahrung) vorausgesetzt würde, als
+Anschauung a priori synthetische Sätze lieferte, wenn es möglich sein
+sollte, eine reine Vernunfterkenntnis von der Natur eines denkenden
+Wesens überhaupt zustande zu bringen. Allein dieses Ich ist sowenig
+Anschauung, als Begriff von irgendeinem Gegenstande, sondern die bloße
+Form des Bewußtseins, welches beiderlei Vorstellungen begleiten, und
+sie dadurch zu Erkenntnissen erheben kann, sofern nämlich dazu noch
+irgend etwas anderes in der Anschauung gegeben wird, welches zu einer
+Vorstellung von einem Gegenstande Stoff darreicht. Also fällt die
+ganze rationale Psychologie, als eine, alle Kräfte der menschlichen
+Vernunft übersteigende Wissenschaft, und es bleibt uns nichts übrig,
+als unsere Seele an dem Leitfaden der Erfahrung zu studieren und uns
+in den Schranken der Fragen zu halten, die nicht weiter gehen, als
+mögliche innere Erfahrung ihren Inhalt darlegen kann.
+
+Ob sie nun aber gleich als erweiternde Erkenntnis keinen Nutzen hat,
+sondern als solche aus lauter Paralogismen zusammengesetzt ist,
+so kann man ihr doch, wenn es für nichts mehr, als eine kritische
+Behandlung unserer dialektischer Schlüsse, und zwar der gemeinen und
+natürlichen Vernunft gelten soll, einen wichtigen negativen Nutzen
+nicht absprechen.
+
+Wozu haben wir wohl eine bloß auf reine Vernunftprinzipien gegründete
+Seelenlehre nötig? Ohne Zweifel vorzüglich in der Absicht, um unser
+denkendes Selbst wider die Gefahr des Materialismus zu sichern. Dieses
+leistet aber der Vernunftbegriff von unserem denkenden Selbst, den wir
+gegeben haben. Denn weit gefehlt, daß nach demselben einige Furcht
+übrig bliebe, daß, wenn man die Materie wegnähme, dadurch alles Denken
+und selbst die Existenz denkender Wesen aufgehoben werden würde,
+so wird vielmehr klar gezeigt: daß, wenn ich das denkende Subjekt
+wegnähme, die ganze Körperwelt wegfallen muß, als die nichts ist, als
+die Erscheinung in der Sinnlichkeit unseres Subjekts und eine Art
+Vorstellungen desselben.
+
+Dadurch erkenne ich zwar freilich dieses denkende Selbst seinen
+Eigenschaften nach nicht besser, noch kann ich seine Beharrlichkeit,
+ja selbst nicht einmal die Unabhängigkeit seiner Existenz, von dem
+etwaigen transzendentalen Substratum äußerer Erscheinungen einsehen,
+denn dieses ist mir, ebensowohl als jenes, unbekannt. Weil es aber
+gleichwohl möglich ist, daß ich anderswoher, als aus bloß spekulativen
+Gründen Ursache hernähme, eine selbständige und bei allem möglichen
+Wechsel meines Zustandes beharrliche Existenz meiner denkenden
+Natur zu hoffen, so ist dadurch schon viel gewonnen, bei dem freien
+Geständnis meiner eigenen Unwissenheit, dennoch die dogmatischen
+Angriffe eines spekulativen Gegners abtreiben zu können, und ihm zu
+zeigen: daß er niemals mehr von der Natur meines Subjekts wissen
+könne, um meinen Erwartungen die Möglichkeit abzusprechen, als ich, um
+mich an ihnen zu halten.
+
+Auf diesen transzendentalen Schein unserer psychologischen Begriffe
+gründen sich dann noch drei dialektische Fragen, welche das
+eigentliche Ziel der rationalen Psychologie ausmachen, und nirgends
+anders, als durch obige Untersuchungen entschieden werden können:
+nämlich 1) von der Möglichkeit der Gemeinschaft der Seele mit einem
+organischen Körper, d.i. der Animalität und dem Zustande der Seele im
+Leben des Menschen, 2) vom Anfange dieser Gemeinschaft, d.i. der Seele
+in und vor der Geburt des Menschen, 3) dem Ende dieser Gemeinschaft,
+d.i. der Seele im und nach dem Tode des Menschen (Frage wegen der
+Unsterblichkeit).
+
+Ich behaupte nun: daß alle Schwierigkeiten, die man bei diesen Fragen
+vorzufinden glaubt, und mit denen, als dogmatischen Einwürfen, man
+sich das Ansehen einer tieferen Einsicht in die Natur der Dinge,
+als der gemeine Verstand wohl haben kann, zu geben sucht, auf einem
+bloßen Blendwerke beruhe, nach welchem man das, was bloß in Gedanken
+existiert, hypostasiert, und in ebenderselben Qualität, als einen
+wirklichen Gegenstand außerhalb dem denkenden Subjekte annimmt,
+nämlich Ausdehnung, die nichts als Erscheinung ist, für eine, auch
+ohne unsere Sinnlichkeit, subsistierende Eigenschaft äußerer Dinge,
+und Bewegung für deren Wirkung, welche auch außer unseren Sinnen an
+sich wirklich vorgeht, zu halten. Denn die Materie, deren Gemeinschaft
+mit der Seele so großes Bedenken erregt, ist nichts anderes als eine
+bloße Form, oder eine gewisse Vorstellungsart eines unbekannten
+Gegenstandes, durch diejenige Anschauung, welche man den äußeren Sinn
+nennt. Es mag also wohl etwas außer uns sein, dem diese Erscheinung,
+welche wir Materie nennen, korrespondiert; aber, in derselben Qualität
+als Erscheinung ist es nicht außer uns, sondern lediglich als ein
+Gedanke in uns, wiewohl dieser Gedanke durch genannten Sinn, es als
+außer uns befindlich vorstellt. Materie bedeutet also nicht eine von
+dem Gegenstande des inneren Sinnes (Seele) so ganz unterschiedene und
+heterogene Art von Substanzen, sondern nur die Ungleichartigkeit der
+Erscheinungen von Gegenständen (die uns an sich selbst unbekannt
+sind), deren Vorstellungen wir äußere nennen, in Vergleichung mit
+denen, die wir zum inneren Sinne zählen, ob sie gleich ebensowohl bloß
+zum denkenden Subjekte, ab alle übrigen Gedanken, gehören, nur daß
+sie dieses Täuschende an sich haben: daß, da sie Gegenstände im Raume
+vorstellen, sich gleichsam von der Seele ablösen und außer ihr zu
+schweben scheinen, da doch selbst der Raum, darin sie angeschaut
+werden, nichts als eine Vorstellung ist, deren Gegenbild in derselben
+Qualität außer der Seele gar nicht angetroffen werden kann. Nun ist
+die Frage nicht mehr: von der Gemeinschaft der Seele mit anderen
+bekannten und fremdartigen Substanzen außer um, sondern bloß von
+der Verknüpfung der Vorstellungen des inneren Sinnes mit den
+Modifikationen unserer äußeren Sinnlichkeit, und wie diese
+untereinander nach beständigen Gesetzen verknüpft sein mögen, so daß
+sie in einer Erfahrung zusammenhängen.
+
+Solange wir innere und äußere Erscheinungen, als bloße Vorstellungen
+in der Erfahrung, miteinander zusammenhalten, so finden wir nichts
+Widersinnisches und welches die Gemeinschaft beider Art Sinne
+befremdlich machte. Sobald wir aber die äußeren Erscheinungen
+hypostasieren, sie nicht mehr als Vorstellungen, sondern in derselben
+Qualität, wie sie in uns sind, auch als außer uns für sich bestehende
+Dinge, ihre Handlungen aber, die sie als Erscheinungen gegeneinander
+im Verhältnis zeigen, auf unser denkendes Subjekts beziehen, so haben
+wir einen Charakter der wirkenden Ursachen außer uns, der sich mit
+ihren Wirkungen in uns nicht zusammenreimen will, weil jener sich bloß
+auf äußere Sinne, diese aber auf den inneren Sinn beziehen, welche,
+ob sie zwar in einem Subjekte vereinigt, dennoch höchst ungleichartig
+sind. Da haben wir denn keine anderen äußere Wirkungen, als
+Veränderungen des Ortes, und keine Kräfte, als bloß Bestrebungen,
+welche auf Verhältnisse im Raume, als ihre Wirkungen, auslaufen. In
+uns aber sind die Wirkungen Gedanken, unter denen kein Verhältnis des
+Ortes, Bewegung, Gestalt, oder Raumesbestimmung überhaupt stattfindet,
+und wir verlieren den Leitfaden der Ursachen gänzlich an den
+Wirkungen, die sich davon in dem inneren Sinne zeigen sollten. Aber
+wir sollten bedenken: daß nicht die Körper Gegenstände an sich sind,
+die uns gegenwärtig sind, sondern eine bloße Erscheinung, wer weiß,
+welches unbekannten Gegenstandes, daß die Bewegung nicht die Wirkung
+dieser unbekannten Ursache, sondern bloß die Erscheinung ihres
+Einflusses auf unsere Sinne sei, daß folglich beide nicht etwas außer
+uns, sondern bloß Vorstellungen in uns sind, mithin daß nicht die
+Bewegung der Materie in uns Vorstellungen wirke, sondern daß sie
+selbst (mithin auch die Materie, die sich dadurch kennbar macht) bloße
+Vorstellung sei und endlich die ganze selbstgemachte Schwierigkeit
+darauf hinauslaufe: wie und durch welche Ursache die Vorstellungen
+unserer Sinnlichkeit so untereinander in Verbindung stehen, daß
+diejenige, welche wir äußere Anschauungen nennen, nach empirischen
+Gesetzen, als Gegenstände außer uns, vorgestellt werden können, welche
+Frage nun ganz und gar nicht die vermeinte Schwierigkeit enthält,
+den Ursprung der Vorstellungen von außer uns befindlichen ganz
+fremdartigen wirkenden Ursachen zu erklären, indem wir die
+Erscheinungen einer unbekannten Ursache für die Ursache außer uns
+nehmen, welches nichts als Verwirrung veranlassen kann. In Urteilen,
+in denen eine durch lange Gewohnheit eingewurzelte Mißdeutung
+vorkommt, ist es unmöglich, die Berichtigung sofort zu derjenigen
+Faßlichkeit zu bringen, welche in anderen Fällen gefordert werden
+kann, wo keine dergleichen unvermeidliche Illusion den Begriff
+verwirrt. Daher wird diese unsere Befreiung der Vernunft von
+sophistischen Theorien schwerlich schon die Deutlichkeit haben, die
+ihr zur völligen Befriedigung nötig ist.
+
+Ich glaube, diese auf folgende Weise befördern zu können.
+
+Alle Einwürfe können in dogmatische, kritische und skeptische
+eingeteilt werden. Der dogmatische Einwurf ist, der wider einen Satz,
+der kritische, der wider den Beweis eines Satzes gerichtet ist. Der
+erstere bedarf einer Einsicht in die Beschaffenheit der Natur des
+Gegenstandes, um das Gegenteil von demjenigen behaupten zu können,
+was der Satz von diesem Gegenstande vorgibt, er ist daher selbst
+dogmatisch und gibt vor, die Beschaffenheit, von der die Rede, ist,
+besser zu kennen, als der Gegenteil. Der kritische Einwurf, weil er
+den Satz in seinem Werte oder Unwerte unangetastet läßt, und nur den
+Beweis anficht, bedarf gar nicht den Gegenstand besser zu kennen, oder
+sich einer besseren Kenntnis desselben anzumaßen; er zeigt nur, daß
+die Behauptung grundlos, nicht, daß sie unrichtig sei. Der skeptische
+stellt Satz und Gegensatz wechselseitig gegeneinander, als Einwürfe
+von gleicher Erheblichkeit, einen jeden derselben wechselweise
+als Dogma und den anderen als dessen Einwurf, ist also auf zwei
+entgegengesetzten Seiten dem Scheine nach dogmatisch, um alles Urteil
+über den Gegenstand gänzlich zu vernichten. Der dogmatische also
+sowohl, als skeptische Einwurf, müssen beide so viel Einsicht ihres
+Gegenstandes vorgeben, als nötig ist, etwas von ihm bejahend oder
+verneinend zu behaupten. Der kritische ist allein von der Art, daß,
+indem er bloß zeigt, man nehme zum Behuf seiner Behauptung etwas an,
+was nichtig und bloß eingebildet ist, die Theorie stürzt, dadurch, daß
+sie ihr die angemaßte Grundlage entzieht, ohne sonst etwas über die
+Beschaffenheit des Gegenstandes ausmachen zu wollen.
+
+Nun sind wir nach den gemeinen Begriffen unserer Vernunft in Ansehung
+der Gemeinschaft, darin unser denkendes Subjekt mit den Dingen außer
+uns steht, dogmatisch und sehen diese als wahrhafte unabhängig von
+uns bestehende Gegenstände an, nach einem gewissen transzendentalen
+Dualism, der jene äußeren Erscheinungen nicht als Vorstellungen zum
+Subjekte zählt, sondern sie, so wie sinnliche Anschauung sie uns
+liefert, außer uns als Objekte versetzt und sie von dem denkenden
+Subjekte gänzlich abtrennt. Diese Subreption ist nun die Grundlage
+aller Theorien über die Gemeinschaft zwischen Seele und Körper,
+und es wird niemals gefragt: ob denn diese objektive Realität der
+Erscheinungen so ganz richtig sei, sondern diese wird als zugestanden
+vorausgesetzt und nur über die Art vernünftelt, wie sie erklärt und
+begriffen werden müsse. Die gewöhnlichen drei hierüber erdachten und
+wirklich einzig möglichen Systeme sind die, des physischen Einflusses,
+der vorher bestimmten Harmonie und der übernatürlichen Assistenz.
+
+Die zwei letzteren Erklärungsarten der Gemeinschaft der Seele mit der
+Materie sind auf Einwürfe gegen die erstere, welche die Vorstellung
+des gemeinen Verstandes ist, gegründet, daß nämlich dasjenige, was
+als Materie erscheint, durch seinen unmittelbaren Einfluß nicht
+die Ursache von Vorstellungen, als einer ganz heterogenen Art von
+Wirkungen, sein könne. Sie können aber alsdann mit dem, was sie unter
+dem Gegenstande äußerer Sinne verstehen, nicht den Begriff einer
+Materie verbinden, welche nichts als Erscheinung, mithin schon an sich
+selbst bloße Vorstellung, die durch irgendwelche äußeren Gegenstände
+gewirkt worden, denn sonst würden sie sagen; daß die Vorstellungen
+äußerer Gegenstände (die Erscheinungen) nicht äußere Ursachen der
+Vorstellungen in unserem Gemüte sein können, welches ein ganz
+sinnleerer Einwurf sein würde, weil es niemanden einfallen wird, das,
+was er einmal als bloße Vorstellung anerkannt hat, für eine äußere
+Ursache zu halten. Sie müssen also nach unseren Grundsätzen ihre
+Theorie darauf richten: daß dasjenige, was der wahre (transzendentale)
+Gegenstand unsrer äußeren Sinne ist, nicht die Ursache derjenigen
+Vorstellungen (Erscheinungen) sein könne, die wir unter dem Namen
+Materie verstehen. Da nun niemand mit Grund vorgeben kann, etwas von
+der transzendentalen Ursache unserer Vorstellungen äußerer Sinne
+zu kennen, so ist ihre Behauptung ganz grundlos. Wollten aber die
+vermeinten Verbesserer der Lehre vom physischen Einflusse, nach der
+gemeinen Vorstellungsart eines transzendentalen Dualism, die Materie,
+als solche, für ein Ding an sich selbst (und nicht als bloße
+Erscheinung eines unbekannten Dinges) ansehen und ihren Einwurf dahin
+richten, zu zeigen: daß ein solcher äußerer Gegenstand, welcher keine
+andere Kausalität als die der Bewegungen an sich zeigt, nimmermehr
+die wirkende Ursache von Vorstellungen sein könne, sondern daß sich
+ein drittes Wesen deshalb ins Mittel schlagen müsse, um, wo nicht
+Wechselwirkung, doch wenigstens Korrespondenz und Harmonie zwischen
+beiden zu stiften: so würden sie ihre Widerlegung davon anfangen, das
+proton pheydos des physischen Einflusses in ihrem Dualismus anzunehmen,
+und also durch ihren Einwurf nicht sowohl den natürlichen Einfluß,
+sondern ihre eigene dualistische Voraussetzung widerlegen. Denn alle
+Schwierigkeiten, welche die Verbindung der denkenden Natur mit der
+Materie treffen, entspringen ohne Ausnahme lediglich aus jener
+erschlichenen dualistischen Vorstellung: daß Materie, als solche,
+nicht Erscheinung, d.i. bloße Vorstellung des Gemüts, der ein
+unbekannter Gegenstand entspricht, sondern der Gegenstand an sich
+selbst sei, so wie er außer uns und unabhängig von aller Sinnlichkeit
+existiert.
+
+Es kann also wider den gemein angenommenen physischen Einfluß kein
+dogmatischer Einwurf gemacht werden. Denn nimmt der Gegner an: daß
+Materie und ihre Bewegung bloße Erscheinungen und also selbst nur
+Vorstellungen seien, so kann er nur darin die Schwierigkeit setzen:
+daß der unbekannte Gegenstand unserer Sinnlichkeit nicht die Ursache
+der Vorstellungen in uns sein könne, welches aber vorzugeben ihn
+nicht das mindeste berechtigt, weil niemand von einem unbekannten
+Gegenstande ausmachen kann, was er tun oder nicht tun könne. Er muß
+aber, nach unseren obigen Beweisen, diesen transzendentalen Idealism
+notwendig einräumen, wofern er nicht offenbar Vorstellungen
+hypostasieren und sie, als wahre Dinge, außer sich versetzen will.
+
+Gleichwohl kann wider die gemeine Lehrmeinung des physischen
+Einflusses ein gegründeter kritischer Einwurf gemacht werden. Eine
+solche vorgegebene Gemeinschaft zwischen zwei Arten von Substanzen,
+der denkenden und der ausgedehnten, legt einen groben Dualism zum
+Grunde und macht die letztere, die doch nichts als bloße Vorstellungen
+des denkenden Subjekts sind, zu Dingen, die für sich bestehen. Also
+kann der mißverstandene physische Einfluß dadurch völlig vereitelt
+werden, daß man den Beweisgrund desselben als nichtig und erschlichen
+aufdeckt.
+
+Die berüchtigte Frage, wegen der Gemeinschaft des Denkenden und
+Ausgedehnten, würde also, wenn man alles Eingebildete absondert,
+lediglich darauf hinauslaufen: wie in einem denkenden Subjekt
+überhaupt, äußere Anschauung, nämlich die des Raumes (einer Erfüllung
+desselben Gestalt und Bewegung) möglich sei. Auf diese Frage aber
+ist es keinem Menschen möglich, eine Antwort zu finden, und man kann
+diese Lücke unseres Wissens niemals ausfüllen, sondern nur dadurch
+bezeichnen, daß man die äußeren Erscheinungen einem transzendentalen
+Gegenstande zuschreibt, welcher die Ursache dieser Art Vorstellungen
+ist, den wir aber gar nicht kennen, noch jemals einigen Begriff von
+ihm bekommen werden. In allen Aufgaben, die im Felde der Erfahrung
+vorkommen mögen, behandeln wir jene Erscheinungen als Gegenstände
+an sich selbst, ohne uns um den ersten Grund ihrer Möglichkeit (als
+Erscheinungen) zu bekümmern. Gehen wir aber über deren Grenze hinaus,
+so wird der Begriff eines transzendentalen Gegenstandes notwendig.
+
+Von diesen Erinnerungen, über die Gemeinschaft zwischen dem denkenden
+und den ausgedehnten Wesen, ist die Entscheidung aller Streitigkeiten
+oder Einwürfe, welche den Zustand der denkenden Natur vor dieser
+Gemeinschaft (dem Leben), oder nach aufgehobener solchen Gemeinschaft
+(im Tode) betreffen, eine unmittelbare Folge. Die Meinung, daß das
+denkende Subjekt vor aller Gemeinschaft mit Körpern habe denken
+können, würde sich so ausdrücken: daß vor dem Anfange dieser Art
+der Sinnlichkeit, wodurch uns etwas im Raume erscheint, dieselben
+transzendentalen Gegenstände, welche im gegenwärtigen Zustande als
+Körper erscheinen, auf ganz andere Art haben angeschaut werden können.
+Die Meinung aber, daß die Seele, nach Aufhebung aller Gemeinschaft mit
+der körperlichen Welt, noch fortfahren könne zu denken, würde sich in
+dieser Form ankündigen: daß, wenn die Art der Sinnlichkeit, wodurch
+uns transzendentale und für jetzt ganz unbekannte Gegenstände als
+materielle Welt erscheinen, aufhören sollte: so sei darum noch nicht
+alle Anschauung derselben aufgehoben und es sei ganz wohl möglich,
+daß ebendieselben unbekannten Gegenstände fortführen, obzwar freilich
+nicht mehr in der Qualität der Körper, von dem denkenden Subjekt
+erkannt zu werden.
+
+Nun kann zwar niemand den mindesten Grund zu einer solchen Behauptung
+aus spekulativen Prinzipien anführen, ja nicht einmal die Möglichkeit
+davon dartun, sondern nur voraussetzen; aber ebensowenig kann auch
+jemand irgendeinen gültigen dogmatischen Einwurf dagegen machen. Denn,
+wer er auch sei, so weiß er ebensowenig von der absoluten und inneren
+Ursache äußerer und körperlicher Erscheinungen, wie ich, oder jemand
+anders. Er kann also auch nicht mit Grund vorgeben, zu wissen, worauf
+die Wirklichkeit der äußeren Erscheinungen im jetzigen Zustande (im
+Leben) beruhe, mithin auch nicht: daß die Bedingung aller äußeren
+Anschauung, oder auch das denkende Subjekt selbst, nach demselben (im
+Tode) aufhören werde.
+
+So ist denn also aller Streit über die Natur unseres denkenden Wesens
+und der Verknüpfung desselben mit der Körperwelt lediglich eine Folge
+davon, daß man in Ansehung dessen, wovon man nichts weiß, die Lücke
+durch Paralogismen der Vernunft ausfüllt, da man seine Gedanken zu
+Sachen macht und sie hypostasiert, woraus eingebildete Wissenschaft,
+sowohl in Ansehung dessen, der bejahend, als dessen, der verneinend
+behauptet, entspringt, indem ein jeder entweder von Gegenständen etwas
+zu wissen vermeint, davon kein Mensch einigen Begriff hat, oder seine
+eigenen Vorstellungen zu Gegenständen macht, und sich so in einem
+ewigen Zirkel von Zweideutigkeiten und Widersprüchen herumdreht.
+Nichts, als die Nüchternheit einer strengen, aber gerechten Kritik,
+kann von diesem dogmatischen Blendwerke, der so viele durch
+eingebildete Glückseligkeit, unter Theorien und Systemen hinhält,
+befreien, und alle unsere spekulativen Ansprüche bloß auf das Feld
+möglicher Erfahrung einschränken, nicht etwa durch schalen Spott
+über so oft fehlgeschlagene Versuche, oder fromme Seufzer über die
+Schranken unserer Vernunft, sondern vermittels einer nach sicheren
+Grundsätzen vollzogenen Grenzbestimmung derselben, welche ihr nihil
+ulterius mit größter Zuverlässigkeit an die herkulischen Säulen
+heftet, die die Natur selbst aufgestellt hat, um die Fahrt unserer
+Vernunft nur so weit, als die stetig fortlaufenden Küsten der
+Erfahrung reichen, fortzusetzen, die wir nicht verlassen können, ohne
+uns auf einen uferlosen Ozean zu wagen, der uns unter immer trüglichen
+Aussichten, am Ende nötigt, alle beschwerliche und langwierige
+Bemühung, als hoffnungslos aufzugeben.
+
+ * *
+ *
+
+Wir sind noch eine deutliche und allgemeine Erörterung des
+transzendentalen und doch natürlichen Scheins in den Paralogismen der
+reinen Vernunft, imgleichen die Rechtfertigung der systematischen und
+der Tafel der Kategorien parallel laufenden Anordnungen derselben,
+bisher schuldig geblieben. Wir hätten sie im Anfange dieses
+Abschnittes nicht übernehmen können, ohne in Gefahr der Dunkelheit
+zu geraten, oder uns unschicklicherweise selbst vorzugreifen. Jetzt
+wollen wir diese Obliegenheit zu erfüllen suchen.
+
+Man kann allen Schein darin setzen. daß die subjektive Bedingung des
+Denkens für die Erkenntnis des Objekts gehalten wird. Ferner haben
+wir in der Einleitung in die transzendentale Dialektik gezeigt: daß
+reine Vernunft sich lediglich mit der Totalität der Synthesis der
+Bedingungen, zu einem gegebenen Bedingten, beschäftige. Da nun der
+dialektische Schein der reinen Vernunft kein empirischer Schein sein
+kann, der sich beim bestimmten empirischen Erkenntnisse vorfindet: so
+wird er das Allgemeine der Bedingungen des Denkens betreffen, und es
+wird nur drei Fälle des dialektischen Gebrauches der reinen Vernunft
+geben:
+
+ 1. Die Synthesis der Bedingungen eines Gedankens überhaupt.
+ 2. Die Synthesis der Bedingungen des empirischen Denkens.
+ 3. Die Synthesis der Bedingungen des reinen Denkens.
+
+In allen diesen dreien Fällen beschäftigt sich die reine Vernunft bloß
+mit der absoluten Totalität dieser Synthesis, d.i. mit derjenigen
+Bedingung, die selbst unbedingt ist. Auf diese Einteilung gründet sich
+auch der dreifache transzendentale Schein, der zu drei Abschnitten der
+Dialektik Anlaß gibt, und zu ebensoviel scheinbaren Wissenschaften
+aus reiner Vernunft, der transzendentalen Psychologie, Kosmologie und
+Theologie, die Idee an die Hand gibt. Wir haben es hier nur mit der
+ersteren zu tun.
+
+Weil wir beim Denken überhaupt von aller Beziehung des Gedankens
+auf irgendein Objekt (es sei der Sinne oder des reinen Verstandes)
+abstrahieren: so ist die Synthesis der Bedingungen eines Gedankens
+überhaupt (no. 1) gar nicht objektiv, sondern bloß eine Synthesis des
+Gedankens mit dem Subjekt, die aber fälschlich für eine synthetische
+Vorstellung eines Objekts gehalten wird.
+
+Es folgt aber auch hieraus: daß der dialektische Schluß auf die
+Bedingungen alles Denkens überhaupt, die selbst unbedingt ist, nicht
+einen Fehler im Inhalte begehe, (denn er abstrahiert von allem Inhalte
+oder Objekte) sondern, daß er allein in der Form fehle und Paralogism
+genannt werden müsse.
+
+Weil ferner die einzige Bedingung, die alles Denken begleitet, das
+Ich, in dem allgemeinen Satze Ich denke, ist, so hat die Vernunft es
+mit dieser Bedingung, sofern sie selbst unbedingt ist, zu tun. Sie ist
+aber nur die formale Bedingung, nämlich die logische Einheit eines
+jeden Gedankens, bei dem ich von allem Gegenstande abstrahiere, und
+wird gleichwohl als ein Gegenstand, den ich denke, nämlich: Ich selbst
+und die unbedingte Einheit desselben vorgestellt.
+
+Wenn mir jemand überhaupt die Frage aufwürfe: von welcher
+Beschaffenheit ist ein Ding, welches denkt? so weiß ich darauf a
+priori nicht das mindeste zu antworten, weil die Antwort synthetisch
+sein soll (denn eine analytische erklärt vielleicht wohl das Denken,
+aber gibt keine erweiterte Erkenntnis von demjenigen, worauf dieses
+Denken seiner Möglichkeit nach beruht). Zu jeder synthetischen
+Auflösung aber wird Anschauung erfordert, die in der so allgemeinen
+Aufgabe gänzlich weggelassen worden. Ebenso kann niemand die Frage in
+ihrer Allgemeinheit beantworten: was wohl das für ein Ding sein müsse,
+welches beweglich ist? Denn die undurchdringliche Ausdehnung (Materie)
+ist alsdann nicht gegeben. Ob ich nun zwar allgemein auf jene Frage
+keine Antwort weiß: so scheint es mir doch, daß ich sie im einzelnen
+Falle, in dem Satze, der das Selbstbewußtsein ausdrückt: Ich denke,
+geben könne. Denn dieses Ich ist das erste Subjekt, d.i. Substanz, es
+ist einfach usw. Dieses müßten aber alsdann lauter Erfahrungssätze
+sein, die gleichwohl ohne eine allgemeine Regel, welche die
+Bedingungen der Möglichkeit zu denken überhaupt und a priori aussagte,
+keine dergleichen Prädikate (welche nicht empirisch sind) enthalten
+könnte. Auf solche Weise wird mir meine anfänglich so scheinbare
+Einsicht, über der Natur eines denkenden Wesens, und zwar aus lauter
+Begriffen zu urteilen, verdächtig, ob ich gleich den Fehler derselben
+noch nicht entdeckt habe.
+
+Allein, das weitere Nachforschen hinter den Ursprung dieser Attribute,
+die ich Mir, als einem denkenden Wesen überhaupt, beilege, kann diesen
+Fehler aufdecken. Sie sind nichts mehr als reine Kategorien, wodurch
+ich niemals einen bestimmten Gegenstand, sondern nur die Einheit der
+Vorstellungen, um einen Gegenstand derselben zu bestimmen, denke. Ohne
+eine zum Grunde liegende Anschauung kann die Kategorie allein mir
+keinen Begriff von einem Gegenstande verschaffen, denn nur durch
+Anschauung wird der Gegenstand gegeben, der hernach der Kategorie
+gemäß gedacht wird. Wenn ich ein Ding für eine Substanz in der
+Erscheinung erkläre, so müssen mir vorher Prädikate seiner Anschauung
+gegeben sein, an denen ich das Beharrliche vom Wandelbaren und das
+Substratum (Ding selbst) von demjenigen, was ihm bloß anhängt,
+unterscheide. Wenn ich ein Ding einfach in der Erscheinung nenne, so
+verstehe ich darunter, daß die Anschauung desselben zwar ein Teil
+der Erscheinung sei, selbst aber nicht geteilt werden könne usw. Ist
+aber etwas nur für einfach im Begriffe und nicht in der Erscheinung
+erkannt, so habe ich dadurch wirklich gar keine Erkenntnis von dem
+Gegenstande, sondern nur von meinem Begriffe, den ich mir von etwas
+überhaupt mache, daß keiner eigentlichen Anschauung fähig ist. Ich
+sage nur, daß ich etwas ganz einfach denke, weil ich wirklich nichts
+weiter, als bloß, daß es etwas sei, zu sagen weiß.
+
+Nun ist die bloße Apperzeption (Ich) Substanz im Begriffe, einfach im
+Begriffe usw. und so haben alle jene psychologischen Lehrsätze ihre
+unstreitige Richtigkeit. Gleichwohl wird dadurch doch dasjenige
+keineswegs von der Seele erkannt, was man eigentlich wissen will, denn
+alle diese Prädikate gelten gar nicht von der Anschauung, und können
+daher auch keine Folgen haben, die auf Gegenstände der Erfahrung
+angewandt würden, mithin sind sie völlig leer. Denn jener Begriff der
+Substanz lehrt mich nicht: daß die Seele für sich selbst fortdaure,
+nicht, daß sie von den äußeren Anschauungen ein Teil sei, der
+selbst nicht mehr geteilt werden könne, und der also durch keine
+Veränderungen der Natur entstehen, oder vergehen könne; lauter
+Eigenschaften, die mir die Seele im Zusammenhange der Erfahrung
+kennbar machen, und, in Ansehung ihres Ursprungs und künftigen
+Zustandes, Eröffnung geben könnten. Wenn ich nun aber durch bloße
+Kategorie sage: die Seele ist eine einfache Substanz, so ist klar,
+daß, da der nackte Verstandesbegriff von Substanz nichts weiter
+enthält, als daß ein Ding, als Subjekt an sich, ohne wiederum Prädikat
+von einem andern zu sein, vorgestellt werden solle, daraus nichts
+von Beharrlichkeit folge, und das Attribut des Einfachen diese
+Beharrlichkeit gewiß nicht hinzusetzen könne, mithin man dadurch über
+das, was die Seele bei den Weltveränderungen treffen könne, nicht im
+mindesten unterrichtet werde. Würde man uns sagen können, sie ist
+ein einfacher Teil der Materie, würden wir von dieser, aus dem, was
+Erfahrung von ihr lehrt, die Beharrlichkeit und, mit der einfachen
+Natur zusammen, die Unzerstörlichkeit derselben ableiten können. Davon
+sagt uns aber der Begriff des Ich, in dem psychologischen Grundsatze
+(Ich denke), nicht ein Wort.
+
+Daß aber das Wesen, welches in uns denkt, durch reine Kategorien,
+und zwar diejenigen, welche die absolute Einheit unter jedem Titel
+derselben ausdrücken, sich selbst zu erkennen vermeine, rührt daher.
+Die Apperzeption ist selbst der Grund der Möglichkeit der Kategorien,
+welche ihrerseits nichts anderes vorstellen, als die Synthesis des
+Mannigfaltigen der Anschauung, sofern dasselbe in der Apperzeption
+Einheit hat. Daher ist das Selbstbewußtsein überhaupt die Vorstellung
+desjenigen, was die Bedingung aller Einheit, und doch selbst unbedingt
+ist. Man kann daher von dem denkenden Ich (Seele), das sich als
+Substanz, einfach, numerisch identisch in aller Zeit, und das
+Korrelatum alles Daseins, aus welchem alles andere Dasein geschlossen
+werden muß, sagen: daß es nicht sowohl sich selbst durch die
+Kategorien, sondern die Kategorien, und durch sie alle Gegenstände,
+in der absoluten Einheit der Apperzeption, mithin durch sich selbst
+erkennt. Nun ist zwar sehr einleuchtend: daß ich dasjenige, was ich
+voraussetzen muß, um überhaupt ein Objekt zu erkennen, nicht selbst
+als Objekt erkennen könne, und daß das bestimmende Selbst, (das
+Denken) von dem bestimmbaren Selbst (dem denkenden Subjekt), wie
+Erkenntnis vom Gegenstande unterschieden sei. Gleichwohl ist nichts
+natürlicher und verführerischer, als der Schein, die Einheit in der
+Synthesis der Gedanken für eine wahrgenommene Einheit im Subjekte
+dieser Gedanken zu halten. Man könnte ihn die Subreption des
+hypostasierten Bewußtseins (apperceptiones substantiatae) nennen.
+
+Wenn man den Paralogism in den dialektischen Vernunftschlüssen der
+rationalen Seelenlehre, sofern sie gleichwohl richtige Prämissen
+haben, logisch betiteln will: so kann er für ein sophisma figurae
+dictionis gelten, in welchem der Obersatz von der Kategorie, in
+Ansehung ihrer Bedingung, einen bloß transzendentalen Gebrauch, der
+Untersatz aber und der Schlußsatz in Ansehung der Seele, die unter
+diese Bedingung subsumiert worden, von ebender Kategorie einen
+empirischen Gebrauch macht. So ist z.B. der Begriff der Substanz in
+dem Paralogismus der Simplizität ein rein intellektueller Begriff, der
+ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung bloß von transzendentalen,
+d.i. von gar keinem Gebrauch ist. Im Untersatze aber ist ebenderselbe
+Begriff auf den Gegenstand aller inneren Erfahrung angewandt,
+ohne doch die Bedingung seiner Anwendung in concreto, nämlich die
+Beharrlichkeit desselben, voraus festzusetzen und zum Grunde zu legen,
+und daher ein empirischer, obzwar hier unzulässiger Gebrauch davon
+gemacht worden.
+
+Um endlich den systematischen Zusammenhang aller dieser dialektischen
+Behauptungen, in einer vernünftelnden Seelenlehre, in einem
+Zusammenhange der reinen Vernunft, mithin die Vollständigkeit
+derselben, zu zeigen, so merke man: daß die Apperzeption durch alle
+Klassen der Kategorien, aber nur auf diejenigen Verstandesbegriffe
+durchgeführt werde, welche in jeder derselben den übrigen zum
+Grunde der Einheit in einer möglichen Wahrnehmung liegen, folglich:
+Subsistenz, Realität, Einheit (nicht Vielheit) und Existenz, nur daß
+die Vernunft sie hier alle als Bedingungen der Möglichkeit eines
+denkenden Wesens, die selbst unbedingt sind, vorstellt. Also erkennt
+die Seele an sich selbst
+
+ 1. Die unbedingte Einheit des Verhältnisses
+ d.i.
+ sich selbst, nicht als inhärierend,
+ sondern subsistierend
+
+ 2. Die unbedingte Einheit 3. Die unbedingte Einheit
+ der Qualität bei der Vielheit in der Zeit,
+ d.i. d.i.
+ nicht als reales Ganze, nicht in verschiedenen Zeiten
+ sondern einfach* numerisch verschieden, sondern
+ als Eines und eben dasselbe
+ Subjekt
+
+ 4. Die unbedingte Einheit dem Daseins im Raume,
+ d.i.
+ nicht als das Bewußtsein mehrerer Dinge außer ihr,
+ sondern nur des Daseins ihrer selbst,
+ anderer Dinge aber, bloß
+ als ihrer Vorstellungen.
+
+* Wie das Einfache hier wiederum der Kategorie der Realität
+ entspreche, kann ich jetzt noch nicht zeigen, sondern wird
+ im folgenden Hauptstücke, bei Gelegenheit eines andern
+ Vernunftgebrauchs ebendesselben Begriffs, gewiesen werden.
+
+Vernunft ist das Vermögen der Prinzipien. Die Behauptungen der reinen
+Psychologie enthalten nicht empirische Prädikte von der Seele, sondern
+solche, die, wenn sie stattfinden, den Gegenstand an sich selbst
+unabhängig von der Erfahrung, mithin durch bloße Vernunft bestimmen
+sollen. Sie müßten also billig auf Prinzipien und allgemeine Begriffe
+von denkenden Naturen überhaupt gegründet sein. An dessen Statt findet
+sich: daß die einzelne Vorstellung, Ich bin, sie insgesamt regiert,
+welche eben darum, weil sie die reine Formel aller meiner Erfahrung
+(unbestimmt) ausdrückt, sich wie ein allgemeiner Satz, der für alle
+denkenden Wesen gelte, ankündigt, und, da er gleichwohl in aller
+Absicht einzeln ist, den Schein einer absoluten Einheit der
+Bedingungen des Denkens überhaupt bei sich führt, und dadurch sich
+weiter ausbreitet, als mögliche Erfahrung reichen könnte.
+
+
+
+Der transzendentalen Dialektik
+Zweites Buch
+
+Zweites Hauptstück
+Die Antinomie der reinen Vernunft
+
+Wir haben in der Einleitung zu diesem Teile unseres Werks gezeigt, daß
+aller transzendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen
+Schlüssen beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen Arten
+der Vernunftschlüsse überhaupt an die Hand gibt, so wie etwa die
+Kategorien ihr logisches Schema in den vier Funktionen aller Urteile
+antreffen. Die erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die
+unbedingte Einheit der subjektiven Bedingungen aller Vorstellungen
+überhaupt (des Subjekts oder der Seele), in Korrespondenz mit den
+kategorischen Vernunftschlüssen, deren Obersatz, als Prinzip, die
+Beziehung eines Prädikats auf ein Subjekt aussagt. Die zweite
+Art des dialektischen Arguments wird also, nach der Analogie mit
+hypothetischen Vernunftschlüssen, die unbedingte Einheit der
+objektiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem Inhalte machen, so
+wie die dritte Art, die im folgenden Hauptstücke vorkommen wird, die
+unbedingte Einheit der objektiven Bedingungen der Möglichkeit der
+Gegenstände überhaupt zum Thema hat.
+
+Es ist aber merkwürdig, daß der transzendentale Paralogismus einen
+bloß einseitigen Schein, in Ansehung der Idee von dem Subjekte unseres
+Denkens, bewirkte, und zur Behauptung des Gegenteils sich nicht der
+mindeste Schein aus Vernunftbegriffen vorfinden will. Der Vorteil ist
+gänzlich auf der Seite des Pneumatismus, obgleich dieser den Erbfehler
+nicht verleugnen kann, bei allem ihm günstigen Schein in der
+Feuerprobe der Kritik sich in lauter Dunst aufzulösen.
+
+Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objektive
+Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Prinzipium der
+unbedingten Einheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt,
+sich aber bald in solche Widersprüche verwickelt, daß sie genötigt
+wird, in kosmologischer Absicht, von ihrer Forderung abzustehen.
+
+Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft,
+nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln
+und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die
+Vernunft von selbst und zwar unvermeidlich gerät, und dadurch zwar
+vor den Schlummer einer eingebildeten Überzeugung, den ein bloß
+einseitiger Schein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung
+gebracht wird, sich entweder einer skeptischen Hoffnungslosigkeit zu
+überlassen, oder einen dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf
+steif auf gewisse Behauptungen zu setzen, ohne den Gründen des
+Gegenteils Gehör und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Beides ist
+der Tod einer gesunden Philosophie, wiewohl jener allenfalls noch die
+Euthanasie der reinen Vernunft genannt werden könnte.
+
+Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen
+lassen, welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) der reinen
+Vernunft veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche
+die Methode erläutern und rechtfertigen können, deren wir uns
+in Behandlung unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle
+transzendentalen Ideen, sofern sie die absolute Totalität in der
+Synthesis der Erscheinungen betreffen, Weltbegriffe, teils wegen eben
+dieser unbedingten Totalität, worauf auch der Begriff des Weltganzen
+beruht, der selbst nur eine Idee ist, teils weil sie lediglich auf die
+Synthesis der Erscheinungen, mithin die empirische, gehen, da hingegen
+die absolute Totalität, in der Synthesis der Bedingungen aller
+möglichen Dinge überhaupt, ein Ideal der reinen Vernunft veranlassen
+wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden ist, ob es
+gleich darauf in Beziehung steht. Daher, so wie die Paralogismen der
+reinen Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie legten,
+so wird die Antinomie der reinen Vernunft die transzendentalen
+Grundsätze einer vermeinten reinen (rationalen) Kosmologie vor Augen
+stellen, nicht, um sie gültig zu finden und sich zuzueignen, sondern,
+wie es auch schon die Benennung von einem Widerstreit der Vernunft
+anzeigt, um sie als eine Idee, die sich mit Erscheinungen nicht
+vereinbaren läßt, in ihrem blendenden aber falschen Scheine
+darzustellen.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Erster Abschnitt
+System der kosmologischen Ideen
+
+Um nun diese Ideen nach einem Prinzip mit systematischer Präzision
+aufzählen zu können, müssen wir erstlich bemerken, daß nur der
+Verstand es sei, aus welchem reine und transzendentale Begriffe
+entspringen können, daß die Vernunft eigentlich gar keinen Begriff
+erzeuge, sondern allenfalls nur den Verstandesbegriff, von den
+unvermeidlichen Einschränkungen einer möglichen Erfahrung, frei
+mache, und ihn also über die Grenzen des Empirischen, doch aber
+in Verknüpfung mit demselben zu erweitern suche. Dieses geschieht
+dadurch, daß sie zu einem gegebenen Bedingten auf der Seite der
+Bedingungen (unter denen der Verstand alle Erscheinungen der
+synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität fordert, und
+dadurch die Kategorie zur transzendentalen Idee macht, um der
+empirischen Synthesis, durch die Fortsetzung derselben bis zum
+Unbedingten, (welches niemals in der Erfahrung, sondern nur in der
+Idee angetroffen wird,) absolute Vollständigkeit zu geben. Die
+Vernunft fordert dieses nach dem Grundsatze: wenn das Bedingte
+gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der Bedingungen, mithin das
+schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein möglich war. Also
+werden erstlich die transzendentalen Ideen eigentlich nichts, als
+bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und jene werden sich
+in eine Tafel bringen lassen, die nach den Titeln der letzteren
+angeordnet ist. Zweitens aber werden doch auch nicht alle Kategorien
+dazu taugen, sondern nur diejenige, in welchen die Synthesis eine
+Reihe ausmacht, und zwar der einander untergeordneten (nicht
+beigeordneten) Bedingungen zu einem Bedingten. Die absolute Totalität
+wird von der Vernunft nur sofern gefordert, als sie die aufsteigende
+Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten angeht, mithin
+nicht, wenn von der absteigenden Linie der Folgen, noch auch von dem
+Aggregat koordinierter Bedingungen zu diesen Folgen, die Rede ist.
+Denn Bedingungen sind in Ansehung des gegebenen Bedingten schon
+vorausgesetzt und mit diesem auch als gegeben anzusehen, anstatt daß,
+da die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich machen, sondern vielmehr
+voraussetzen, man im Fortgange zu den Folgen (oder im Absteigen von
+der gegebenen Bedingung zu dem Bedingten) unbekümmert sein kann, ob
+die Reihe aufhöre oder nicht, und überhaupt die Frage, wegen ihrer
+Totalität, gar keine Voraussetzung der Vernunft ist.
+
+So denkt man sich notwendig eine bis auf den gegebenen Augenblick
+völlig abgelaufene Zeit, auch als gegeben, (wenngleich nicht durch
+uns bestimmbar). Was aber die künftige betrifft, da sie die Bedingung
+nicht ist, zu der Gegenwart zu gelangen, so ist es, um diese zu
+begreifen, ganz gleichgültig, wie wir es mit der künftigen Zeit halten
+wollen, ob man sie irgendwo aufhören, oder ins Unendliche laufen
+lassen will. Es sei die Reihe m, n, o, worin n als bedingt in Ansehung
+m, aber zugleich als Bedingung von o gegeben ist, die Reihe gehe
+aufwärts von dem bedingten n zu m (l, k, i, etc.), imgleichen abwärts
+von der Bedingung n zum bedingten o (p, q, r, etc.), so muß ich die
+erstere Reihe voraussetzen, um n als gegeben anzusehen, und n ist nach
+der Vernunft (der Totalität der Bedingungen) nur vermittelst jener
+Reihe möglich, seine Möglichkeit beruht aber nicht auf der folgenden
+Reihe o, p, q, r, die daher auch nicht als gegeben, sondern nur als
+dabilis angesehen werden könne.
+
+Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen, also
+von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist,
+und so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige
+aber, die auf der Seite des Bedingten, von der nächsten Folge zu den
+entfernteren fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere
+geht in antecedentia, die zweite in consequentia. Die kosmologischen
+Ideen also beschäftigen sich mit der Totalität der regressiven
+Synthesis, und gehen in antecedentia, nicht in consequentia. Wenn
+dieses letztere geschieht, so ist es ein willkürliches und nicht
+notwendiges Problem der reinen Vernunft, weil wir zur vollständigen
+Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung gegeben ist, wohl der
+Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen.
+
+Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten,
+so nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen quanta aller unserer
+Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe
+(und die formale Bedingung aller Reihen), und daher sind in ihr, in
+Ansehung einer gegebenen Gegenwart, die antecedentia als Bedingungen
+(das Vergangene) von den consequentibus (dem Künftigen) a priori zu
+unterscheiden. Folglich geht die transzendentale Idee, der absoluten
+Totalität der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, nur
+auf alle vergangene Zeit. Es wird nach der Idee der Vernunft die ganze
+verlaufene Zeit als Bedingung des gegebenen Augenblicks notwendig als
+gegeben gedacht. Was aber den Raum betrifft, so ist in ihm an sich
+selbst kein Unterschied des Progressus vom Regressus, weil er ein
+Aggregat, aber keine Reihe ausmacht, indem seine Teile insgesamt
+zugleich sind. Den gegenwärtigen Zeitpunkt konnte ich in Ansehung
+der vergangenen Zeit nur als bedingt, niemals aber als Bedingung
+derselben, ansehen, weil dieser Augenblick nur durch die verflossene
+Zeit (oder vielmehr durch das Verfliessen der vorhergehenden Zeit)
+allererst entspringt. Aber da die Teile des Raumes einander nicht
+untergeordnet, sondern beigeordnet sind, so ist ein Teil nicht die
+Bedingung der Möglichkeit des anderen, und er macht nicht, so wie
+die Zeit, an sich selbst eine Reihe aus. Allein die Synthesis der
+mannigfaltigen Teile des Raumes, wodurch wir ihn apprehendieren, ist
+doch successiv, geschieht also in der Zeit und enthält eine Reihe.
+Und da in dieser Reihe der aggregierten Räume (z.B. der Füße in einer
+Rute) von einem gegebenen an, die weiter hinzugedachten immer die
+Bedingung von der Grenze der vorigen sind, so ist das Messen eines
+Raumes auch als eine Synthesis einer Reihe der Bedingungen zu einem
+gegebenen Bedingten anzusehen, nur daß die Seite der Bedingungen, von
+der Seite, nach welcher das Bedingte hin liegt, an sich selbst nicht
+unterschieden ist, folglich regressus und progressus im Raume einerlei
+zu sein scheint. Weil indessen ein Teil des Raumes nicht durch den
+anderen gegeben, sondern nur begrenzt wird, so müssen wir jeden
+begrenzten Raum insofern auch als bedingt ansehen, der einen anderen
+Raum als die Bedingung seiner Grenze voraussetzt, und so fortan.
+In Ansehung der Begrenzung ist also der Fortgang im Raume auch ein
+Regressus, und die transzendentale Idee der absoluten Totalität der
+Synthesis in der Reihe der Bedingungen trifft auch den Raum, und ich
+kann ebensowohl nach der absoluten Totalität der Erscheinung im Raume,
+als der in der verflossenen Zeit, fragen. Ob aber überall darauf auch
+eine Antwort möglich sei, wird sich künftig bestimmen lassen.
+
+Zweitens, so ist die Realität im Raume, d.i. die Materie, ein
+Bedingtes, dessen innere Bedingungen seine Teile, und die Teile der
+Teile die entfernten Bedingungen sind, so daß hier eine regressive
+Synthesis stattfindet, deren absolute Totalität die Vernunft fordert,
+welche nicht anders als durch eine vollendete Teilung, dadurch die
+Realität der Materie entweder in Nichts oder doch in das, was nicht
+mehr Materie ist, nämlich das Einfache, verschwindet, stattfinden
+kann. Folglich ist hier auch eine Reihe von Bedingungen und ein
+Fortschritt zum Unbedingten.
+
+Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den
+Erscheinungen anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz
+mit ihren Akzidenzen nicht zu einer transzendentalen Idee; d.i.
+die Vernunft hat keinen Grund, in Ansehung ihrer, regressiv auf
+Bedingungen zu gehen. Denn Akzidenzen sind (sofern sie einer einigen
+Substanz inhärieren) einander koordiniert, und machen keine Reihe aus.
+In Ansehung der Substanz aber sind sie derselben eigentlich nicht
+subordiniert, sondern die Art zu existieren der Substanz selber. Was
+hierbei noch scheinen könnte eine Idee der transzendentalen Vernunft
+zu sein, wäre der Begriff von Substantiale. Allein, da dieses nichts
+anderes bedeutet, als den Begriff vom Gegenstande überhaupt, welcher
+subsistiert, sofern man an ihm bloß das transzendentale Subjekt ohne
+alle Prädikate denkt, hier aber nur die Rede vom Unbedingten in der
+Reihe der Erscheinungen ist, so ist klar, daß das Substantiale kein
+Glied in derselben ausmachen könne. Eben dasselbe gilt auch von
+Substanzen in Gemeinschaft, welche bloße Aggregate sind, und keinen
+Exponenten einer Reihe haben, indem sie nicht einander als Bedingungen
+ihrer Möglichkeit subordiniert sind, welches man wohl von den Räumen
+sagen konnte, deren Grenze niemals an sich, sondern immer durch einen
+anderen Raum bestimmt war. Es bleibt also nur die Kategorie der
+Kausalität übrig, welche eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen
+Wirkung darbietet, in welcher man von der letzteren, als dem
+Bedingten, zu jenen, als Bedingungen, aufsteigen und der Vernunftfrage
+antworten kann.
+
+Viertens, die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Notwendigen
+führen auf keine Reihe, außer nur, sofern das Zufällige im Dasein
+jederzeit als bedingt angesehen werden muß, und nach der Regel des
+Verstandes auf eine Bedingung weist, darunter es notwendig ist, diese
+auf eine höhere Bedingung zu weisen bis die Vernunft nur in der
+Totalität diese Reihe die unbedingte Notwendigkeit antrifft.
+
+Es sind demnach nicht mehr, als vier kosmologische Ideen, nach den
+vier Titeln der Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche eine
+Reihe in der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig bei sich führen.
+
+ 1. Die absolute Vollständigkeit
+ der Zusammensetzung
+ des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen
+
+ 2. Die absolute Vollständigkeit 3. Die absolute Vollständigkeit
+ der Teilung der Entstehung
+ eines gegebenen Ganzen einer Erscheinung
+ in der Erscheinung
+
+ 4. Die absolute Vollständigkeit
+ der Abhängigkeit des Daseins
+ des Veränderlichen in der Erscheinung
+
+Zuerst ist hierbei anzumerken, daß die Idee der absoluten Totalität
+nichts anderes, als die Exposition der Erscheinungen, betreffe,
+mithin nicht den reinen Verstandesbegriff von einen Ganzen der Dinge
+überhaupt. Es werden hier also Erscheinungen als gegeben betrachtet,
+und die Vernunft fordert die absolute Vollständigkeit der Bedingungen
+ihrer Möglichkeit, sofern diese eine Reihe ausmachen, mithin eine
+schlechthin (d.i. in aller Absicht) vollständige Synthesis, wodurch
+die Erscheinung nach Verstandesgesetzen exponiert werden könne.
+
+Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft, in
+dieser, reihenweise, und zwar reggressiv, fortgesetzten Synthesis der
+Bedingungen, sucht, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der
+Prämissen, die zusammen weiter keine andere voraussetzen. Dieses
+Unbedingte ist nun jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe,
+wenn man sie sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese
+schlechthin vollendete Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn
+man kann, wenigstens zum voraus, nicht wissen, ob eine solche bei
+Erscheinungen auch möglich sei. Wenn man sich alles durch bloße reine
+Verstandesbegriffe, ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung,
+vorstellt, so kann man geradezu sagen: daß zu einem gegebenen
+Bedingten auch die ganze Reihe einander subordinierter Bedingungen
+gegeben sei; denn jenes ist allein durch diese gegeben. Allein
+bei Erscheinungen ist eine besondere Einschränkung der Art, wie
+Bedingungen gegeben werden, anzutreffen, nämlich durch die sukzessive
+Synthesis des Mannigfaltigen der Anschauung, die im Regressus
+vollständig sein soll. Ob diese Vollständigkeit nun sinnlich möglich
+sei, ist noch ein Problem. Allein die Idee dieser Vollständigkeit
+liegt doch in der Vernunft, unangesehen der Möglichkeit, oder
+Unmöglichkeit, ihr adäquat empirische Begriffe zu verknüpfen.
+Also, da in der absoluten Totalität der regressiven Synthesis des
+Mannigfaltigen in der Erscheinung (nach Anleitung der Kategorien,
+die sie als eine Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten
+vorstellen,) das Unbedingte notwendig enthalten ist, man mag auch
+unausgemacht lassen, ob und wie diese Totalität zustande zu bringen
+sei: so nimmt die Vernunft hier den Weg, von der Idee der Totalität
+auszugehen, ob sie gleich eigentlich das Unbedingte, es sei der ganzen
+Reihe, oder eines Teils derselben, zur Endabsicht hat.
+
+Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken, entweder als bloß in der
+ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme bedingt
+und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und dann heißt
+der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist nur ein Teil
+der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind, er
+selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht.* In dem ersteren
+Falle ist die Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang), d.i.
+unendlich, und gleichwohl ganz gegeben, der Regressus in ihr aber
+ist niemals vollendet, und kann nur potentialiter unendlich genannt
+werden. Im zweiten Falle gibt es ein Erstes der Reihe, welches in
+Ansehung der verflossenen Zeit der Weltanfang, in Ansehung des Raums
+die Weltgrenze, in Ansehung der Teile, eines in seinen Grenzen
+gegebenen Ganzen, das Einfache, in Ansehung der Ursachen die absolute
+Selbsttätigkeit (Freiheit), in Ansehung des Daseins veränderlicher
+Dinge die absolute Naturnotwendigkeit heißt.
+
+* Das absolute Ganze der Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen
+ Bedingten ist jederzeit unbedingt; weil außer ihr keine Bedingungen
+ mehr sind, in Ansehung deren es bedingt sein könnte. Allein dieses
+ absolute Ganze einer solchen Reihe ist nur eine Idee, oder vielmehr
+ ein problematischer Begriff, dessen Möglichkeit untersucht werden
+ muß, und zwar in Beziehung auf die Art, wie das Unbedingte, als die
+ eigentliche transzendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten
+ sein mag.
+
+Wir haben zwei Ausdrücke: Welt und Natur, welche bisweilen ineinander
+laufen. Das erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen
+und die Totalität ihrer Synthesis, im Großen sowohl als im Kleinen,
+d.i. sowohl in dem Fortschritt derselben durch Zusammensetzung, als
+durch Teilung. Eben dieselbe Welt wird aber Natur* genannt, sofern sie
+als ein dynamisches Ganze betrachtet wird, und man nicht auf die
+Aggregation im Raume oder der Zeit, um sie als eine Größe zustande zu
+bringen, sondern auf die Einheit im Dasein der Erscheinungen sieht. Da
+heißt nun die Bedingung von dem, was geschieht, die Ursache, und die
+unbedingte Kausalität der Ursache in der Erscheinung die Freiheit, die
+bedingte dagegen heißt im engeren Verstande Naturursache. Das Bedingte
+im Dasein überhaupt heißt zufällig, und das Unbedingte notwendig. Die
+unbedingte Notwendigkeit der Erscheinungen kann Naturnotwendigkeit
+heißen.
+
+* Natur, adjektive (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang
+ der Bestimmungen eines Dinges nach einem inneren Prinzip der
+ Kausalität. Dagegen versteht man unter Natur, substantive
+ (materialiter), den Inbegriff der Erscheinungen, sofern diese
+ vermöge eines inneren Prinzips der Kausalität durchgängig
+ zusammenhängen. Im ersteren Verstande spricht man von der Natur der
+ flüssigen Materie, des Feuers etc., und bedient sich dieses Worts
+ adjective; dagegen wenn man von den Dingen der Natur redet, so hat
+ man ein bestehendes Ganzes in Gedanken.
+
+Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben
+kosmologische Ideen genannt, teils darum, weil unter Welt der
+Inbegriff aller Erscheinungen verstanden wird, und unsere Ideen auch
+nur auf das Unbedingte unter den Erscheinungen gerichtet sind, teils
+auch, weil das Wort Welt, im transzendentalen Verstande, die absolute
+Totalität des Inbegriffs existierender Dinge bedeutet, und wir auf die
+Vollständigkeit der Synthesis (wiewohl nur eigentlich im Regressus zu
+den Bedingungen) allein unser Augenmerk richten. In Betracht dessen,
+daß überdem diese Ideen insgesamt transzendent sind, und, ob sie zwar
+das Objekt, nämlich Erscheinungen, der Art nach nicht überschreiten,
+sondern es lediglich mit der Sinnenwelt (nicht mit Noumenis) zu tun
+haben, dennoch die Synthesis bis auf einen Grad, der alle mögliche
+Erfahrung übersteigt, treiben, so kann man sie insgesamt meiner
+Meinung nach ganz schicklich Weltbegriffe nennen. In Ansehung des
+Unterschiedes des Mathematisch- und des Dynamischunbedingten, worauf
+der Regressus abzielt, würde ich doch die zwei Erstere in engerer
+Bedeutung Weltbegriffe (der Welt im Großen und Kleinen), die zwei
+übrigen aber transzendente Naturbegriffe nennen. Diese Unterscheidung
+ist vorjetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit, sie kann aber
+im Fortgange wichtiger werden.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Zweiter Abschnitt
+Antithetik der reinen Vernunft
+
+Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so verstehe
+ich unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegenteils,
+sondern den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen
+Erkenntnisse, (thesin cum antithesi), ohne daß man einer vor der
+anderen einen vorzüglichen Anspruch auf Beifall beilegt. Die
+Antithetik beschäftigt sich also gar nicht mit einseitigen
+Behauptungen, sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse der Vernunft
+nur nach dem Widerstreite derselben untereinander und den Ursachen
+desselben. Die transzendentale Antithetik ist eine Untersuchung über
+die Antinomie der reinen Vernunft, die Ursachen und das Resultat
+derselben. Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß, zum Gebrauch der
+Verstandesgrundsätze, auf Gegenstände der Erfahrung verwenden, sondern
+jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen, so
+entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder
+Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen, und deren jeder
+nicht allein an sich selbst ohne Widerspruch ist, sondern sogar in der
+Natur der Vernunft Bedingungen seiner Notwendigkeit antrifft, nur daß
+unglücklicherweise der Gegensatz ebenso gültige und notwendige Gründe
+der Behauptung auf seiner Seite hat.
+
+Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft
+sich natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn
+eigentlich die reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich
+unterworfen sei. 2. Auf welchen Ursachen diese Antinomie beruhe. 3. Ob
+und auf welche Art dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein
+Weg zur Gewißheit offen bleibe.
+
+Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muß demnach dieses, ihn
+von allen sophistischen Sätzen unterscheidendes, an sich haben, daß
+er nicht eine willkürliche Frage betrifft, die man nur in gewisser
+beliebiger Absicht aufwirft, sondern eine solche, auf die jede
+menschliche Vernunft in ihrem Fortgange notwendig stoßen muß; und
+zweitens, daß er, mit seinem Gegensatze, nicht bloß einen gekünstelten
+Schein, der, wenn man ihn einsieht, sogleich verschwindet, sondern
+einen natürlichen und unvermeidlichen Schein bei sich führe, der
+selbst, wenn man nicht mehr durch ihn hintergangen wird, noch immer
+täuscht, obschon nicht betrügt, und also zwar unschädlich gemacht,
+aber niemals vertilgt werden kann.
+
+Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die
+Verstandeseinheit in Erfahrungsbegriffen, sondern auf die
+Vernunfteinheit in bloßen Ideen beziehen, deren Bedingungen, da sie
+erstlich, als Synthesis nach Regeln. dem Verstande, und doch zugleich,
+als absolute Einheit derselben, der Vernunft kongruieren soll, wenn
+sie der Vernunfteinheit adäquat ist, für den Verstand zu groß, und,
+wenn sie dem Verstande angemessen, für die Vernunft zu klein sein
+wird; woraus denn ein Widerstreit entspringen muß, der nicht vermieden
+werden kann, man mag es anfangen, wie man will.
+
+Diese vernünftelnden Behauptungen eröffnen also einen dialektischen
+Kampfplatz, wo jeder Teil die Oberhand behält, der die Erlaubnis
+hat, den Angriff zu tun, und derjenige gewiß unterliegt, der bloß
+verteidigungsweise zu führen genötigt ist. Daher auch rüstige Ritter,
+sie mögen sich für die gute oder schlimme Sache verbürgen, sicher
+sind, den Siegeskranz davon zu tragen, wenn sie nur dafür sorgen, daß
+sie den letzten Angriff zu tun das Vorrecht haben, und nicht verbunden
+sind, einen neuen Anfall des Gegners auszuhalten. Man kann sich leicht
+vorstellen, daß dieser Tummelplatz von jeher oft genug betreten
+worden, daß viele Siege von beiden Seiten erfochten, für den letzteren
+aber, der die Sache entschied, jederzeit so gesorgt worden sei, daß
+der Verfechter der guten Sache den Platz allein behielte, dadurch, daß
+seinem Gegner verboten wurde, fernerhin Waffen in die Hände zu nehmen.
+Als unparteiische Kampfrichter müssen wir es ganz beiseite setzen, ob
+es die gute oder die schlimme Sache sei, um welche die Streitenden
+fechten, und sie ihre Sache erst unter sich ausmachen lassen.
+Vielleicht daß, nachdem sie einander mehr ermüdet als geschadet haben,
+sie die Nichtigkeit ihres Streithandels von selbst einsehen und als
+gute Freunde auseinander gehen.
+
+Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen, oder vielmehr
+ihn selbst zu veranlassen, nicht, um endlich zum Vorteile des einen
+oder des anderen Teils zu entscheiden, sondern, um zu untersuchen, ob
+der Gegenstand desselben nicht vielleicht ein bloßes Blendwerk sei,
+wonach jeder vergeblich hascht, und bei welchem er nichts gewinnen
+kann, wenn ihm gleich gar nicht widerstanden würde, dieses Verfahren,
+sage ich, kann man die skeptische Methode nennen. Sie ist vom
+Skeptizismus gänzlich unterschieden, einem Grundsatze einer
+kunstmäßigen und szientifischen Unwissenheit, welcher die Grundlagen
+aller Erkenntnis untergräbt, um, wo möglich, überall keine
+Zuverlässigkeit und Sicherheit derselben übrigzulassen. Denn die
+skeptische Methode geht auf Gewißheit, dadurch, daß sie in einem
+solchen, auf beiden Seiten redlich gemeinten und mit Verstande
+geführten Streite, den Punkt des Mißverständnisses zu entdecken sucht,
+um, wie weise Gesetzgeber tun, aus der Verlegenheit der Richter bei
+Rechtshändeln für sich selbst Belehrung, von dem Mangelhaften und
+nicht genau Bestimmten in ihren Gesetzen, zu ziehen. Die Antinomie,
+die sich in der Anwendung der Gesetze offenbart, ist bei unserer
+eingeschränkten Weisheit der beste Prüfungsversuch der Nomothetik,
+um der Vernunft, die in abstrakter Spekulation ihre Fehltritte nicht
+leicht gewahr wird, dadurch auf die Momente in Bestimmung ihrer
+Grundsätze aufmerksam zu machen.
+
+Diese skeptische Methode ist aber nur der Transzendentalphilosophie
+allein wesentlich eigen, und kann allenfalls in jedem anderen Felde
+der Untersuchungen, nur in diesem nicht, entbehrt werden. In der
+Mathematik würde ihr Gebrauch ungereimt sein; weil sich in ihr keine
+falschen Behauptungen verbergen und unsichtbar machen können, indem
+die Beweise jederzeit an dem Faden der reinen Anschauung, und
+zwar durch jederzeit evidente Synthesis fortgehen müssen. In der
+Experimentalphilosophie kann wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich
+sein, allein es ist doch wenigstens kein Mißverstand möglich, der
+nicht leicht gehoben werden könnte, und in der Erfahrung müssen doch
+endlich die letzten Mittel der Entscheidung des Zwistes liegen, sie
+mögen nun früh oder spät aufgefunden werden. Die Moral kann ihre
+Grundsätze insgesamt auch in concreto, zusamt den praktischen Folgen,
+wenigstens in möglichen Erfahrungen geben und dadurch den Mißverstand
+der Abstraktion vermeiden. Dagegen sind die transzendentalen
+Behauptungen, welche selbst über das Feld aller möglichen Erfahrungen
+hinaus sich erweiternde Einsichten anmaßen, weder in dem Falle, daß
+ihre abstrakte Synthesis in irgendeiner Anschauung a priori könnte
+gegeben, noch so beschaffen, daß der Mißverstand vermittelst
+irgendeiner Erfahrung entdeckt werden könnte. Die transzendentale
+Vernunft also verstattet keinen anderen Probierstein, als den Versuch
+der Vereinigung ihrer Behauptungen unter sich selbst, und mithin zuvor
+des freien und ungehinderten Wettstreits derselben untereinander, und
+diesen wollen wir anjetzt anstellen.*
+
+* Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der oben angeführten
+ transzendentalen Ideen.
+
+
+
+Die Antinomie der reinen Vernunft
+
+Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen
+
+ Thesis
+
+Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in
+Grenzen eingeschlossen.
+
+ Beweis
+
+Denn, man nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang: so ist
+bis zu jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen, und mithin
+eine unendliche Reihe aufeinander folgenden Zustände der Dinge in der
+Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer
+Reihe, daß sie durch sukzessive Synthesis niemals vollendet sein kann.
+Also ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein
+Anfang der Welt eine notwendige Bedingung ihres Daseins; welches
+zuerst zu beweisen war.
+
+In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an: so wird
+die Welt ein unendliches gegebenes Ganze von zugleich existierenden
+Dingen sein. Nun können wir die Größe eines Quanti, welches nicht
+innerhalb gewissen Grenzen jeder Anschauung gegeben wird,* auf keine
+andere Art, als nur durch die Synthesis der Teile, und die Totalität
+eines solchen Quanti nur durch die vollendete Synthesis, oder durch
+wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst, gedenken.**
+Demnach, um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu
+denken, müßte die sukzessive Synthesis der Teile einer unendlichen
+Welt als vollendet angesehen, d.i., eine unendliche Zeit müßte, in der
+Durchzählung aller koexistierenden Dinge, als abgelaufen angesehen
+werden; welches unmöglich ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat
+wirklicher Dinge, nicht als ein gegebenes Ganze, mithin auch nicht
+als zugleich gegeben, angesehen werden. Eine Welt ist folglich, der
+Ausdehnung im Raume nach, nicht unendlich, sondern in ihren Grenzen
+eingeschlossen, welches das zweite war.
+
+* Wir können ein unbestimmtes Quantum als ein Ganzes anschauen, wenn
+ es in Grenzen eingeschlossen ist, ohne die Totalität desselben durch
+ Messung, d.i. die sukzessive Synthesis seiner Teile, konstruieren zu
+ dürfen. Denn die Grenzen bestimmen schon die Vollständigkeit, indem
+ sie alles Mehrere abschneiden.
+
+** Der Begriff der Totalität ist in diesem Falle nichts anderes, als
+ die Vorstellung der vollendeten Synthesis, seiner Teile, weil, da
+ wir nicht von der Anschauung des Ganzen (als welche in diesem Falle
+ unmöglich ist) den Begriff abziehen können, wir diesen nur durch
+ die Synthesis der Teile, bis zur Vollendung des Unendlichen,
+ wenigstens in der Idee fassen können.
+
+ Antithesis
+
+Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen im Raume, sondern ist,
+sowohl in Ansehung der Zeit, als des Raumes, unendlich.
+
+ Beweis
+
+Denn man setze: sie habe einen Anfang. Da der Anfang ein Dasein ist,
+wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muß eine
+Zeit vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d.i. eine leere
+Zeit. Nun ist aber in einer leeren Zeit kein Entstehen irgend eines
+Dinges möglich; weil kein Teil einer solchen Zeit vor einem anderen
+irgendeine unterscheidende Bedingung des Daseins, vor die des
+Nichtseins, an sich hat (man mag annehmen, daß sie von sich selbst,
+oder durch eine andere Ursache entstehe). Also kann zwar in der Welt
+manche Reihe der Dinge anfangen, die Welt selber aber kann keinen
+Anfang haben, und ist also in Ansehung der vergangenen Zeit unendlich.
+
+Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das Gegenteil an, daß
+nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist; so befindet
+sie sich in einem leeren Raum, der nicht begrenzt ist. Es würde also
+nicht allein ein Verhältnis der Dinge im Raum, sondern auch der Dinge
+zum Raume angetroffen werden. Da nun die Welt ein absolutes Ganze
+ist, außer welchem kein Gegenstand der Anschauung, und mithin kein
+Korrelatum der Welt, angetroffen wird, womit dieselbe im Verhältnis
+stehe, so würde das Verhältnis der Welt zum leeren Raum ein Verhältnis
+derselben zu keinem Gegenstande sein. Ein dergleichen Verhältnis aber,
+mithin auch die Begrenzung der Welt durch den leeren Raum, ist nichts;
+also ist die Welt, dem Raume nach, gar nicht begrenzt, d.i. sie ist in
+Ansehung der Ausdehnung unendlich.*
+
+* Der Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung (formale
+ Anschauung), aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich
+ angeschaut werden kann. Der Raum, vor allen Dingen, die ihn
+ bestimmen (erfüllen oder begrenzen), oder die vielmehr eine seiner
+ Form gemäße empirische Anschauung geben, ist, unter dem Namen des
+ absoluten Raumes, nichts anderes, als die bloße Möglichkeit äußerer
+ Erscheinungen, sofern sie entweder an sich existieren, oder zu
+ gegebenen Erscheinungen noch hinzukommen können. Die empirische
+ Anschauung ist also nicht zusammengesetzt aus Erscheinungen und dem
+ Raume (der Wahrnehmung und der leeren Anschauung). Eines ist nicht
+ des anderen Korrelatum der Synthesis, sondern nur in einer und
+ derselben empirischen Anschauung verbunden, als Materie und Form
+ derselben. Will man eine dieser zwei Stücke außer der anderen setzen
+ (Raum außerhalb allen Erscheinungen), so entstehen daraus allerlei
+ leere Bestimmungen der äußeren Anschauung, die doch nicht mögliche
+ Wahrnehmungen sind. Z.B. Bewegung oder Ruhe der Welt im unendlichen
+ leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses beider untereinander,
+ welche niemals wahrgenommen werden kann, und also auch das Prädikat
+ eines bloßen Gedankendinges ist.
+
+ Anmerkung zur ersten Antinomie
+ I. zur Thesis
+
+Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht
+Blendwerke gesucht, um etwa (wie man sagt) einen Advokatenbeweis zu
+führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vorteile
+bedient, und seine Berufung auf ein mißverstanden Gesetz gerne gelten
+läßt, um seine eigenen unrechtmäßigen Ansprüche auf die Widerlegung
+desselben zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Sache Natur
+gezogen und der Vorteil beiseite gesetzt worden, den uns die
+Fehlschlüsse der Dogmatiker von beiden Teilen geben könnten.
+
+Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können,
+daß ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe, nach der
+Gewohnheit der Dogmatiker, einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt
+hätte. Unendlich ist eine Größe, über die keine größere (d.i. über die
+darin enthaltene Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun ist
+keine Menge die größte, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten
+hinzugetan werden können. Also ist eine unendliche gegebene Größe,
+mithin auch eine (der verflossenen Reihe sowohl, als der Ausdehnung
+nach) unendliche Welt unmöglich: sie ist also beiderseitig begrenzt.
+So hätte ich meinen Beweis führen können: allein dieser Begriff stimmt
+nicht mit dem, was man unter einem unendlichen Ganzen versteht. Es
+wird dadurch nicht vorgestellt, wie groß es sei, mithin ist sein
+Begriff auch nicht der Begriff eines Maximum, sondern es wird dadurch
+nur sein Verhältnis zu einer beliebig anzunehmenden Einheit, in
+Ansehung deren dasselbe größer ist als alle Zahl, gedacht. Nachdem die
+Einheit nun größer oder kleiner angenommen wird, würde das Unendliche
+größer oder kleiner sein; allein die Unendlichkeit, da sie bloß in dem
+Verhältnisse zu dieser gegebenen Einheit besteht, würde immer dieselbe
+bleiben, obgleich freilich die absolute Größe des Ganzen dadurch gar
+nicht erkannt würde, davon auch hier nicht die Rede ist.
+
+Der wahre (transzendentale) Begriff der Unendlichkeit ist: daß die
+sukzessive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals
+vollendet sein kann.* Hieraus folgt ganz sicher, daß eine Ewigkeit
+wirklicher aufeinanderfolgenden Zustände bis zu einem gegebenen (dem
+gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also
+einen Anfang haben müsse.
+
+* Dieses enthält dadurch eine Menge (von gegebener Einheit), die
+ größer ist als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des
+ Unendlichen ist.
+
+In Ansehung des zweiten Teils der Thesis fällt die Schwierigkeit,
+von einer unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg; denn das
+Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich
+gegeben. Allein, um die Totalität einer solchen Menge zu denken, da
+wir uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität von
+selbst in der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Begriffe
+Rechenschaft geben, der in solchem Falle nicht vom Ganzen zu der
+bestimmten Menge der Teile gehen kann, sondern die Möglichkeit eines
+Ganzen durch die sukzessive Synthesis der Teile dartun muß. Da diese
+Synthesis nun eine nie zu vollendende Reihe ausmachen müßte; so
+kann man sich nicht vor ihr, und mithin auch nicht durch sie, eine
+Totalität denken. Denn der Begriff der Totalität selbst ist in diesem
+Falle die Vorstellung einer vollendeten Synthesis der Teile, und diese
+Vollendung, mithin auch der Begriff derselben, ist unmöglich.
+
+ II. Anmerkung zur Antithesis
+
+Der Beweis für die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des
+Weltinbegriffs beruht darauf: daß im entgegengesetzten Falle eine
+leere Zeit, imgleichen ein leerer Raum, die Weltgrenze ausmachen
+müßte. Nun ist mir nicht unbekannt, daß wider diese Konsequenz
+Ausflüchte gesucht werden, indem man vorgibt: es sei eine Grenze der
+Welt, der Zeit und dem Raume nach, ganz wohl möglich, ohne daß man
+eben eine absolute Zeit vor der Welt Anfang, oder einen absoluten,
+außer der wirklichen Welt ausgebreiteten Raum annehmen dürfe; welches
+unmöglich ist. Ich bin mit dem letzteren Teile dieser Meinung der
+Philosophen aus der Leibnitzischen Schule ganz wohl zufrieden. Der
+Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung, aber kein wirklicher
+Gegenstand, der äußerlich angeschaut werden kann, und kein Korrelatum
+der Erscheinungen, sondern die Form der Erscheinungen selbst. Der Raum
+also kann absolut (für sich allein) nicht als etwas Bestimmendes in
+dem Dasein der Dinge vorkommen, weil er gar kein Gegenstand ist,
+sondern nur die Form möglicher Gegenstände. Dinge also, als
+Erscheinungen, bestimmen wohl den Raum, d.i. unter allen möglichen
+Prädikaten desselben (Größe und Verhältnis) machen sie es, daß diese
+oder jene zur Wirklichkeit gehören; aber umgekehrt kann der Raum,
+als etwas, welches für sich besteht, die Wirklichkeit der Dinge in
+Ansehung der Größe oder Gestalt nicht bestimmen, weil er an sich
+selbst nichts Wirkliches ist. Es kann also wohl ein Raum (er sei voll
+oder leer)* durch Erscheinungen begrenzt, Erscheinungen aber können
+nicht durch einen leeren Raum außer denselben begrenzt werden. Eben
+dieses gilt auch von der Zeit. Alles dieses nun zugegeben, so ist
+gleichwohl unstreitig, daß man diese zwei Undinge, den leeren Raum
+außer und die leere Zeit vor der Welt, durchaus annehmen müsse, wenn
+man eine Weltgrenze, es sei dem Raume oder der Zeit nach, annimmt.
+
+* Man bemerkt leicht, daß hierdurch gesagt werden wolle: der
+ leere Raum, sofern er durch Erscheinungen begrenzt wird, mithin
+ derjenige innerhalb der Welt, widerspreche wenigstens nicht den
+ transzendentalen Prinzipien, und können also in Ansehung dieser
+ eingeräumt (obgleich darum seine Möglichkeit nicht sofort behauptet
+ werden).
+
+Denn was den Ausweg betrifft, durch den man der Konsequenz
+auszuweichen sucht, nach welcher wir sagen: daß, wenn die Welt (der
+Zeit und dem Raum nach) Grenzen hat, das unendliche Leere das Dasein
+wirklicher Dinge ihrer Größe nach bestimmen müsse, so besteht er
+insgeheim nur darin: daß man statt einer Sinnenwelt sich, wer weiß
+welche, intelligible Welt gedenkt, und, statt des ersten Anfanges,
+(ein Dasein, vor welchem eine Zeit des Nichtseins vorhergeht) sich
+überhaupt ein Dasein denkt, welches keine andere Bedingung in der Welt
+voraussetzt, statt der Grenze der Ausdehnung, Schranken des Weltganzen
+denkt, und dadurch der Zeit und dem Raume aus dem Wege geht. Es ist
+hier aber nur von dem mundus phaenomenon die Rede, und von dessen
+Größe, bei dem man von gedachten Bedingungen der Sinnlichkeit
+keineswegs abstrahieren kann, ohne das Wesen desselben aufzuheben. Die
+Sinnenwelt, wenn sie begrenzt ist, liegt notwendig in dem unendlichen
+Leeren. Will man dieses, und mithin den Raum überhaupt als Bedingung
+der Möglichkeit der Erscheinungen a priori weglassen, so fällt die
+ganze Sinnenwelt weg. In unserer Aufgabe ist uns diese allein gegeben.
+Der mundus intelligibilis ist nichts als der allgemeine Begriff einer
+Welt überhaupt, in welchem man von allen Bedingungen der Anschauung
+derselben abstrahiert, und in Ansehung dessen folglich gar kein
+synthetischer Satz, weder bejahend, noch verneinend möglich ist.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen
+
+ Thesis
+
+Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen
+Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das,
+was aus diesem zusammengesetzt ist.
+
+ Beweis
+
+Denn, nehmet an, die zusammengesetzten Substanzen beständen nicht
+aus einfachen Teilen; so würde wenn alle Zusammensetzung in Gedanken
+aufgehoben würde, kein zusammengesetzter Teil, und (da es keine
+einfachen Teile gibt) auch kein einfacher, mithin gar nichts
+übrigbleiben, folglich keine Substanz sein gegeben worden. Entweder
+also läßt sich unmöglich alle Zusammensetzung in Gedanken aufheben,
+oder es muß nach deren Aufhebung etwas ohne alle Zusammensetzung
+Bestehendes, d.i. das Einfache, übrigbleiben. Im ersteren Falle aber
+würde das Zusammengesetzte wiederum nicht aus Substanzen bestehen
+(weil bei diesen die Zusammensetzung nur eine zufällige Relation der
+Substanzen ist, ohne welche diese, als für sich beharrliche Wesen,
+bestehen müssen). Da nun dieser Fall der Voraussetzung widerspricht,
+so bleibt nur der zweite übrig: daß nämlich das substantielle
+Zusammengesetzte in der Welt aus einfachen Teilen bestehe.
+
+Hieraus folgt unmittelbar, daß die Dinge der Welt insgesamt einfache
+Wesen sind, daß die Zusammensetzung nur ein äußerer Zustand derselben
+sei, und daß, wenn wir die Elementarsubstanzen gleich niemals völlig
+aus diesem Zustande der Verbindung setzen und isolieren können, doch
+die Vernunft sie als die ersten Subjekte aller Komposition, und
+mithin, vor derselben, als einfache Wesen denken müsse.
+
+ Antithesis
+
+Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen,
+und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.
+
+ Beweis
+
+Setzet: ein zusammengesetztes Ding (als Substanz) bestehe aus
+einfachen Teilen. Weil alles äußere Verhältnis, mithin auch alle
+Zusammensetzung aus Substanzen, nur im Raume möglich ist: so muß, aus
+so viel Teilen das Zusammengesetzte besteht, aus ebensoviel Teilen
+auch der Raum bestehen, den es einnimmt. Nun besteht der Raum nicht
+aus einfachen Teilen, sondern aus Räumen. Also muß jeder Teil des
+Zusammengesetzten einen Raum einnehmen. Die schlechthin ersten Teile
+aber alles Zusammengesetzten sind einfach. Also nimmt das Einfache
+einen Raum ein. Da nun alles Reale, was einen Raum einnimmt, ein
+außerhalb einander befindliches Mannigfaltige in sich faßt, mithin
+zusammengesetzt ist, und zwar als ein reales Zusammengesetzte, nicht
+aus Akzidenzen, (denn die können nicht ohne Substanz außereinander
+sein,) mithin aus Substanzen; so würde das Einfache ein substantielles
+Zusammengesetzte sein, welches sich widerspricht.
+
+Der zweite Satz der Antithesis, daß in der Welt gar nichts Einfaches
+existiere, soll hier nur so viel bedeuten, als: Es könne das Dasein
+des schlechthin Einfachen aus keiner Erfahrung oder Wahrnehmung, weder
+äußeren, noch inneren, dargetan werden, und das schlechthin Einfache
+sei also eine bloße Idee, deren objektive Realität niemals in irgend
+einer möglichen Erfahrung kann dargetan werden, mithin in der
+Exposition der Erscheinungen ohne alle Anwendung und Gegenstand. Denn
+wir wollen annehmen, es ließe sich für diese transzendentale Idee ein
+Gegenstand der Erfahrung finden: so müßte die empirische Anschauung
+irgendeines Gegenstandes als eine solche erkannt werden, welche
+schlechthin kein Mannigfaltiges außerhalb einander, und zur
+Einheit verbunden, enthält. Da nun von dem Nichtbewußtsein eines
+Mannigfaltigen auf die gänzliche Unmöglichkeit ein solches in
+irgendeiner Anschauung des selben Objekts, kein Schluß gilt, dieses
+letztere aber zur absoluten Simplizität durchaus nötig ist, so
+folgt, daß diese aus keiner Wahrnehmung, welche sie auch sei, könne
+geschlossen werden. Da also etwas als ein schlechthin einfaches Objekt
+niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann gegeben werden,
+die Sinnenwelt aber als der Inbegriff aller möglichen Erfahrungen
+angesehen werden muß: so ist überall in ihr nichts Einfaches gegeben.
+
+Dieser zweite Satz der Antithesis geht viel weiter als der erste, der
+das Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt,
+da hingegen dieser es aus der ganzen Natur wegschafft; daher er auch
+nicht aus dem Begriffe eines gegebenen Gegenstandes der äußeren
+Anschauung (des Zusammengesetzten), sondern aus dem Verhältnis
+desselben zu einer möglichen Erfahrung überhaupt hat bewiesen werden
+können.
+
+ Anmerkung zur zweiten Antinomie
+ I. zur Thesis
+
+Wenn ich von einem Ganzen rede, welches notwendig aus einfachen Teilen
+besteht, so verstehe ich darunter nur ein substantielles Ganze als
+das eigentliche Kompositum, d.i. diejenige zufällige Einheit des
+Mannigfaltigen, welches abgesondert (wenigstens in Gedanken) gegeben,
+in eine wechselseitige Verbindung gesetzt wird, und dadurch Eines
+ausmacht. Den Raum sollte man eigentlich nicht Kompositium, sondern
+Totum nennen, weil die Teile desselben nur im Ganzen und nicht das
+Ganze durch die Teile möglich ist. Er würde allenfalls ein compositum
+ideale, aber nicht reale heißen können. Doch dieses ist nur
+Subtilität. Da der Raum kein Zusammengesetztes aus Substanzen
+(nicht einmal aus realen Akzidenzen) ist, so muß, wenn ich alle
+Zusammensetzung in ihm aufhebe, nichts, auch nicht einmal der Punkt
+übrigbleiben; denn dieser ist nur als die Grenze eines Raumes, (mithin
+eines Zusammengesetzten) möglich. Raum und Zeit bestehen also nicht
+aus einfachen Teilen. Was nur zum Zustande einer Substanz gehört, ob
+es gleich eine Größe hat (z.B. die Veränderung), besteht auch nicht
+aus dem Einfachen, d.i. ein gewisser Grad der Veränderung entsteht
+nicht durch einen Anwachs vieler einfachen Veränderungen. Unser Schluß
+vom Zusammengesetzten auf das Einfache gilt nur von für sich selbst
+bestehenden Dingen. Akzidenzen aber des Zustandes, bestehen nicht
+für sich selbst. Man kann also den Beweis für die Notwendigkeit
+des Einfachen, als dem Bestandteile alles substantiellen
+Zusammengesetzten, und dadurch überhaupt seine Sache leichtlich
+dadurch verderben, wenn man ihn zu weit ausdehnt und ihn für alles
+Zusammengesetzte ohne Unterschied geltend machen will, wie es wirklich
+mehrmalen schon geschehen ist.
+
+Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen, sofern es notwendig
+im Zusammengesetzten gegeben ist, indem dieses darin, als in seine
+Bestandteile, aufgelöst werden kann. Die eigentliche Bedeutung
+des Wortes Monas (nach Leibnitzens Gebrauch) sollte wohl nur auf
+das Einfache gehen, welches unmittelbar als einfache Substanz
+gegeben ist (z.B. im Selbstbewußtsein) und nicht als Element des
+Zusammengesetzten, welches man besser den Atomus nennen könnte. Und da
+ich nur in Ansehung des Zusammengesetzten die einfachen Substanzen,
+als deren Elemente, beweisen will, so könnte ich die Antithese der
+zweiten Antinomie die transzendentale Atomistik nennen. Weil aber
+dieses Wort schon vorlängst zur Bezeichnung einer besonderen
+Erklärungsart körperlicher Erscheinungen (molecularum) gebraucht
+worden, und also empirische Begriffe voraussetzt, so mag er der
+dialektische Grundsatz der Monadologie heißen.
+
+ II. Anmerkung zur Antithesis
+
+Wider diesen Satz einer unendlichen Teilung der Materie, dessen
+Beweisgrund bloß mathematisch ist, werden von den Monadisten Einwürfe
+vorgebracht, welche sich dadurch schon verdächtig machen, daß sie
+die klarsten mathematischen Beweise nicht für Einsichten in die
+Beschaffenheit des Raumes, sofern er in der Tat die formale Bedingung
+der Möglichkeit aller Materie ist, wollen gelten lassen, sondern sie
+nur als Schlüsse aus abstrakten aber willkürlichen Begriffen ansehen,
+die auf wirkliche Dinge nicht bezogen werden könnten. Gleich als wenn
+es auch nur möglich wäre, eine andere Art der Anschauung zu erdenken,
+als die in der ursprünglichen Anschauung des Raumes gegeben wird, und
+die Bestimmungen desselben a priori nicht zugleich alles dasjenige
+beträfen, was dadurch allein möglich ist, daß es diesen Raum erfüllt.
+Wenn man ihnen Gehör gibt, so müßte man, außer dem mathematischen
+Punkte, der einfach, aber kein Teil, sondern bloß die Grenze eines
+Raumes ist, sich noch physische Punkte denken, die zwar auch einfach
+sind, aber den Vorzug haben, als Teile des Raumes, durch ihre bloße
+Aggregation denselben zu erfüllen. Ohne nun hier die gemeinen und
+klaren Widerlegungen dieser Ungereimtheit, die man in Menge antrifft,
+zu wiederholen, wie es denn gänzlich umsonst ist, durch bloß
+diskursive Begriffe die Evidenz der Mathematik weg vernünfteln zu
+wollen, so bemerke ich nur, daß, wenn die Philosophie hier mit der
+Mathematik schikaniert, es darum geschehe, weil sie vergißt, daß es
+in dieser Frage nur um Erscheinungen und deren Bedingung zu tun sei.
+Hier ist es aber nicht genug, zum reinen Verstandesbegriffe des
+Zusammengesetzten den Begriff des Einfachen, sondern zur Anschauung
+des Zusammengesetzten (der Materie) die Anschauung des Einfachen zu
+finden, und dieses ist nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin auch
+bei Gegenständen der Sinne, gänzlich unmöglich. Es mag also von einem
+Ganzen aus Substanzen, welches bloß durch den reinen Verstand gedacht
+wird, immer gelten, daß wir vor aller Zusammensetzung desselben
+das Einfache haben müssen; so gilt dieses doch nicht vom totum
+substantiale phaenomenon, welches, als empirische Anschauung im Raume,
+die notwendige Eigenschaft bei sich führt, daß kein Teil desselben
+einfach ist, darum, weil kein Teil des Raumes einfach ist. Indessen
+sind die Monadisten fein genug gewesen, dieser Schwierigkeit dadurch
+ausweichen zu wollen, daß sie nicht den Raum als eine Bedingung der
+Möglichkeit der Gegenstände äußerer Anschauung (Körper), sondern
+diese, und das dynamische Verhältnis der Substanzen überhaupt, als die
+Bedingung der Möglichkeit des Raumes voraussetzen. Nun haben wir von
+Körpern nur als Erscheinungen einen Begriff, als solche aber setzen
+sie den Raum als die Bedingung der Möglichkeit aller äußeren
+Erscheinung notwendig voraus, und die Ausflucht ist also vergeblich,
+wie sie denn auch oben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend
+ist abgeschnitten worden. Wären sie Dinge an sich selbst, so würde der
+Beweis der Monadisten allerdings gelten.
+
+Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich, daß
+sie eine dogmatische Behauptung wider sich hat, die unter allen
+vernünftelnden die einzige ist, welche sich unternimmt, an einem
+Gegenstande der Erfahrung die Wirklichkeit dessen, was wir oben bloß
+zu transzendentalen Ideen rechneten, nämlich die absolute Simplizität
+der Substanz, augenscheinlich zu beweisen: nämlich daß der Gegenstand
+des inneren Sinnes, das Ich, was da denkt, eine schlechthin einfache
+Substanz sei. Ohne mich hierauf jetzt einzulassen, (da es oben
+ausführlicher erwogen ist,) so bemerke ich nur: daß wenn etwas bloß
+als Gegenstand gedacht wird, ohne irgendeine synthetische Bestimmung
+seiner Anschauung hinzuzusetzen, (wie denn dieses durch die ganz
+nackte Vorstellung: Ich, geschieht,) so könne freilich nichts
+Mannigfaltiges und keine Zusammensetzung in einer solchen Vorstellung
+wahrgenommen werden. Da überdem die Prädikate, wodurch ich diesen
+Gegenstand denke, bloß Anschauungen des inneren Sinnes sind, so kann
+darin auch nichts vorkommen, welches ein Mannigfaltiges außerhalb
+einander, mithin reale Zusammensetzung bewiese. Es bringt also nur das
+Selbstbewußtsein es so mit sich, daß, weil das Subjekt, welches denkt,
+zugleich sein eigen Objekt ist, es sich selber nicht teilen kann
+(obgleich die ihm inhärierenden Bestimmungen); denn in Ansehung seiner
+selbst ist jeder Gegenstand absolute Einheit. Nichtsdestoweniger,
+wenn dieses Subjekt äußerlich, als ein Gegenstand der Anschauung,
+betrachtet wird, so würde es doch wohl Zusammensetzung in der
+Erscheinung an sich zeigen. So muß es aber jederzeit betrachtet
+werden, wenn man wissen will, ob in ihm ein Mannigfaltiges außerhalb
+einander sei, oder nicht.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen
+
+ Thesis
+
+Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus
+welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können.
+
+ Beweis
+
+Man nehme an, es gebe keine andere Kausalität, als nach Gesetzen der
+Natur; so setzt alles, was geschieht, einen vorigen Zustand voraus,
+auf den es unausbleiblich nach einer Regel folgt. Nun muß aber der
+vorige Zustand selbst etwas sein, was geschehen ist (in der Zeit
+geworden, da es vorher nicht war), weil, wenn es jederzeit gewesen
+wäre, seine Folge auch nicht allererst entstanden, sondern immer
+gewesen sein würde. Also ist die Kausalität der Ursache, durch welche
+etwas geschieht, selbst etwas Geschehenes, welches nach dem Gesetz der
+Natur wiederum einen vorigen Zustand und dessen Kausalität, dieser
+aber eben so einen noch älteren voraussetzt usw. Wenn also alles nach
+bloßen Gesetzen der Natur geschieht, so gibt es jederzeit nur einen
+subalternen, niemals aber einen ersten Anfang, und also überhaupt
+keine Vollständigkeit der Reihe auf der Seite der voneinander
+abstammenden Ursachen. Nun besteht aber eben darin das Gesetz der
+Natur: daß ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache nichts
+geschehe. Also widerspricht der Satz, als wenn alle Kausalität nur
+nach Naturgesetzen möglich sei, sich selbst in seiner unbeschränkten
+Allgemeinheit, und diese kann also nicht als die einzige angenommen
+werden.
+
+Diesem nach muß eine Kausalität angenommen werden, durch welche etwas
+geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter, durch eine andere
+vorhergehende Ursache, nach notwendigen Gesetzen bestimmt sei, d.i.
+eine absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen,
+die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen, mithin
+transzendentale Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur die
+Reihenfolge der Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals
+vollständig ist.
+
+ Antithesis
+
+Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben
+anzunehmen notwendig. Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt
+geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur.
+
+ Beweis
+
+Setzet: es gehe eine Freiheit im transzendentalen Verstande, als eine
+besondere Art von Kausalität, nach welcher die Begebenheiten der Welt
+erfolgen könnten, nämlich ein Vermögen, einen Zustand, mithin auch
+eine Reihe von Folgen desselben, schlechthin anzufangen; so wird nicht
+allein eine Reihe durch diese Spontaneität, sondern die Bestimmung
+dieser Spontaneität selbst zur Hervorbringung der Reihe, d.i. die
+Kausalität, wird schlechthin anfangen, so daß nichts vorhergeht,
+wodurch diese geschehende Handlung nach beständigen Gesetzen bestimmt
+sei. Es setzt aber ein jeder Anfang zu handeln einen Zustand der noch
+nicht handelnden Ursache voraus, und ein dynamisch erster Anfang der
+Handlung einen Zustand, der mit dem vorhergehenden eben derselben
+Ursache gar keinen Zusammenhang der Kausalität hat, d.i. auf keine
+Weise daraus erfolgt. Also ist die transzendentale Freiheit dem
+Kausalgesetze entgegen, und eine solche Verbindung der sukzessiven
+Zustände wirkender Ursachen, nach welcher keine Einheit der Erfahrung
+möglich ist, die also auch in keiner Erfahrung angetroffen wird,
+mithin ein leeres Gedankending.
+
+Wir haben also nichts als Natur, in welcher wir den Zusammenhang
+und Ordnung der Weltbegebenheiten suchen müssen. Die Freiheit
+(Unabhängigkeit) von den Gesetzen der Natur, ist zwar eine Befreiung
+vom Zwange, aber auch vom Leitfaden aller Regeln. Denn man kann nicht
+sagen, daß, anstatt der Gesetze der Natur, Gesetze der Freiheit in die
+Kausalität des Weltlaufs eintreten, weil, wenn diese nach Gesetzen
+bestimmt wäre, so wäre sie nicht Freiheit, sondern selbst nichts
+anderes als Natur. Natur also und transzendentale Freiheit
+unterscheiden sich wie Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit, davon jene
+zwar den Verstand mit der Schwierigkeit belästigt, die Abstammung
+der Begebenheiten in der Reihe der Ursachen immer höher hinauf zu
+suchen, weil die Kausalität an ihnen jederzeit bedingt ist, aber zur
+Schadloshaltung durchgängige und gesetzmäßige Einheit der Erfahrung
+verspricht, dahingegen das Blendwerk von Freiheit zwar dem forschenden
+Verstande in der Kette der Ursachen Ruhe verheißt, indem sie ihn zu
+einer unbedingten Kausalität führt, die von selbst zu handeln anhebt,
+die aber, da sie selbst blind ist, den Leitfaden der Regeln abreißt,
+an welchem allein eine durchgängig zusammenhängende Erfahrung möglich
+ist.
+
+ Anmerkung zur dritten Antinomie
+ I. zur Thesis
+
+Die transzendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht den
+ganzen Inhalt des psychologischen Begriffs dieses Namens aus, welcher
+großenteils empirisch ist, sondern nur den der absoluten Spontaneität
+der Handlung, als den eigentlichen Grund der Imputabilität derselben;
+ist aber dennoch der eigentliche Stein des Anstoßes für die
+Philosophie, welche unüberwindliche Schwierigkeiten findet,
+dergleichen Art von unbedingter Kausalität einzuräumen. Dasjenige
+also in der Frage über die Freiheit des Willens, was die spekulative
+Vernunft von jeher in so große Verlegenheit gesetzt hat, ist
+eigentlich nur transzendental, und geht lediglich darauf, ob ein
+Vermögen angenommen werden müsse, eine Reihe von sukzessiven Dingen
+oder Zuständen von selbst anzufangen. Wie ein solches möglich sei, ist
+nicht ebenso notwendig beantworten zu können, da wir uns ebensowohl
+bei der Kausalität nach Naturgesetzen damit begnügen müssen, a priori
+zu erkennen, daß eine solche vorausgesetzt werden müsse, ob wir gleich
+die Möglichkeit, wie durch ein gewisses Dasein das Dasein eines
+anderen gesetzt werde, auf keine Weise begreifen, und uns desfalls
+lediglich an die Erfahrung halten müssen. Nun haben wir diese
+Notwendigkeit eines ersten Anfangs einer Reihe von Erscheinungen
+aus Freiheit, zwar nur eigentlich insofern dargetan, als zur
+Begreiflichkeit eines Ursprungs der Welt erforderlich ist, indessen
+daß man alle nachfolgenden Zustände für eine Abfolge nach bloßen
+Naturgesetzen nehmen kann. Weil aber dadurch doch einmal das Vermögen,
+eine Reihe in der Zeit ganz von selbst anzufangen, bewiesen (obzwar
+nicht eingesehen) ist, so ist es uns nunmehr auch erlaubt, mitten im
+Laufe der Welt verschiedene Reihen, der Kausalität nach, von selbst
+anfangen zu lassen, und den Substanzen derselben ein Vermögen
+beizulegen, aus Freiheit zu handeln. Man lasse sich aber hierbei nicht
+durch einen Mißverstand aufhalten: daß, da nämlich eine sukzessive
+Reihe in der Welt nur einen komparativ ersten Anfang haben kann, indem
+doch immer ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht, etwa kein
+absolut erster Anfang der Reihen während dem Weltlaufe möglich sei.
+Denn wir reden hier nicht vom absolutersten Anfange der Zeit nach,
+sondern der Kausalität nach. Wenn ich jetzt (zum Beispiel) völlig
+frei, und ohne den notwendig bestimmenden Einfluß der Naturursachen,
+von meinem Stuhle aufstehe, so fängt in dieser Begebenheit, samt deren
+natürlichen Folgen ins Unendliche, eine neue Reihe schlechthin an,
+obgleich der Zeit nach diese Begebenheit nur die Fortsetzung einer
+vorhergehenden Reihe ist. Denn diese Entschließung und Tat liegt gar
+nicht in der Abfolge bloßer Naturwirkungen, und ist nicht eine bloße
+Fortsetzung derselben, sondern die bestimmenden Naturursachen hören
+oberhalb derselben, in Ansehung dieser Ereignis, ganz auf, die zwar
+auf jene folgt, aber daraus nicht erfolgt, und daher zwar nicht der
+Zeit nach, aber doch in Ansehung der Kausalität, ein schlechthin
+erster Anfang einer Reihe von Erscheinungen genannt werden muß.
+
+Die Bestätigung von der Bedürfnis der Vernunft, in der Reihe der
+Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen,
+leuchtet daran sehr klar in die Augen: daß (die epikurische Schule
+ausgenommen) alle Philosophen des Altertums sich gedrungen sahen, zur
+Erklärung der Weltbewegungen einen ersten Beweger anzunehmen, d.i.
+eine freihandelnde Ursache, welche diese Reihe von Zuständen zuerst
+und von selbst anfing. Denn aus bloßer Natur unterfangen sie sich
+nicht, einen ersten Anfang begreiflich zu machen.
+
+ II. Anmerkung zur Antithesis
+
+Der Verteidiger der Allvermögenheit der Natur (transzendentale
+Physiokratie), im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit, würde
+seinen Satz, gegen die vernünftelnden Schlüsse der letzteren, auf
+folgende Art behaupten. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit
+nach in der Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nötig, ein dynamisch
+Erstes der Kausalität nach zu suchen. Wer hat euch geheißen, einen
+schlechthin ersten Zustand der Welt, und mithin einen absoluten Anfang
+der nach und nach ablaufenden Reihe der Erscheinungen, zu erdenken,
+und, damit ihr eurer Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget, der
+unumschränkten Natur Grenzen zu setzen? Da die Substanzen in der Welt
+jederzeit gewesen sind, wenigstens die Einheit der Erfahrung eine
+solche Voraussetzung notwendig macht, so hat es keine Schwierigkeit,
+auch anzunehmen, daß der Wechsel ihrer Zustände, d.i. eine Reihe ihrer
+Veränderungen, jederzeit gewesen sei, und mithin kein erster Anfang,
+weder mathematisch, noch dynamisch, gesucht werden dürfe. Die
+Möglichkeit einer solchen unendlichen Abstammung, ohne ein erstes
+Glied, in Ansehung dessen alles übrige bloß nachfolgend ist, läßt
+sich, seiner Möglichkeit nach, nicht begreiflich machen. Aber wenn ihr
+diese Naturrätsel darum wegwerfen wollt, so werdet ihr euch genötigt
+sehen, viel synthetische Grundbeschaffenheiten zu verwerfen,
+(Grundkräfte) die ihr ebensowenig begreifen könnt, und selbst die
+Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muß euch anstößig werden.
+Denn, wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet, daß sie wirklich ist,
+so würdet ihr niemals a priori ersinnen können, wie eine solche
+unaufhörliche Folge von Sein und Nichtsein möglich sei.
+
+Wenn auch indessen allenfalls ein transzendentales Vermögen der
+Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so
+würde dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein
+müssen, (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außerhalb
+dem Inbegriffe aller möglichen Anschauungen, noch einen Gegenstand
+anzunehmen, der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden kann).
+Allein, in der Welt selbst, den Substanzen ein solches Vermögen
+beizumessen, kann nimmermehr erlaubt sein, weil alsdann der
+Zusammenhang nach allgemeinen Gesetzen sich einander notwendig
+bestimmender Erscheinungen, den man Natur nennt, und mit ihm
+das Merkmal empirischer Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum
+unterscheidet, größtenteils verschwinden würde. Denn es läßt sich
+neben einem solchen gesetzlosen Vermögen der Freiheit, kaum mehr
+Natur denken; weil die Gesetze der letzteren durch die Einflüsse der
+ersteren unaufhörlich abgeändert, und das Spiel der Erscheinungen,
+welches nach der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig sein würde,
+dadurch verwirrt und unzusammenhängend gemacht wird.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen
+
+ Thesis
+
+Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil, oder ihre
+Ursache, ein schlechthin notwendig Wesen ist.
+
+ Beweis
+
+Die Sinnenwelt, als das Ganze aller Erscheinungen, enthält zugleich
+eine Reihe von Veränderungen. Denn, ohne diese, würde selbst die
+Vorstellung der Zeitreihe, als einer Bedingung der Möglichkeit der
+Sinnenwelt, uns nicht gegeben sein*. Eine jede Veränderung aber steht
+unter ihrer Bedingung, die der Zeit nach vorhergeht, und unter welcher
+sie notwendig ist. Nun setzt ein jedes Bedingte, das gegeben ist, in
+Ansehung seiner Existenz, eine vollständige Reihe von Bedingungen bis
+zum Schlechthinunbedingten voraus, welches allein absolutnotwendig
+ist. Also muß etwas Absolutnotwendiges existieren, wenn eine
+Veränderung als seine Folge existiert. Dieses Notwendige aber gehört
+selber zur Sinnenwelt. Denn setzet, es sei außer derselben, so würde
+von ihm die Reihe der Weltveränderungen ihren Anfang ableiten, ohne
+daß doch diese notwendige Ursache selbst zur Sinnenwelt gehörte. Nun
+ist dieses unmöglich. Denn, da der Anfang einer Zeitreihe nur durch
+dasjenige, was der Zeit nach vorhergeht, bestimmt werden kann: so muß
+die oberste Bedingung des Anfangs einer Reihe von Veränderungen in der
+Zeit existieren, da diese noch nicht war, (denn der Anfang ist ein
+Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht, darin das Ding, welches
+anfängt, noch nicht war). Also gehört die Kausalität der notwendigen
+Ursache der Veränderungen, mithin auch die Ursache selbst, zu der
+Zeit, mithin zur Erscheinung (an welcher die Zeit allein als deren
+Form möglich ist), folglich kann sie von der Sinnenwelt, als dem
+Inbegriff aller Erscheinungen, nicht abgesondert gedacht werden. Also
+ist in der Welt selbst etwas Schlechthinnotwendiges enthalten (es mag
+nun dieses die ganze Weltreihe selbst, oder ein Teil derselben sein).
+
+* Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Möglichkeit der
+ Veränderungen vor dieser objektiv vorher, allein subjektiv, und in
+ der Wirklichkeit des Bewußtseins, ist, diese Vorstellung doch nur,
+ so wie jede andere, durch Veranlassung der Wahrnehmungen gegeben.
+
+ Antithesis
+
+Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder in der
+Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache.
+
+ Beweis
+
+Setzet: die Welt selber, oder in ihr, sei ein notwendiges Wesen, so
+würde in der Reihe ihrer Veränderungen, entweder ein Anfang sein, der
+unbedingtnotwendig, mithin ohne Ursache wäre, welches dem dynamischen
+Gesetze der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit widerstreitet;
+oder die Reihe selbst wäre ohne allen Anfang, und, obgleich
+in allen ihren Teilen zufällig und bedingt, im Ganzen dennoch
+schlechthinnotwendig und unbedingt, welches sich selbst widerspricht,
+weil das Dasein einer Menge nicht notwendig sein kann, wenn kein
+einziger Teil derselben ein an sich notwendiges Dasein besitzt.
+
+Setzet dagegen: es gebe eine schlechthin notwendige Weltursache außer
+der Welt, so würde dieselbe als das oberste Glied in der Reihe der
+Ursachen der Weltveränderungen, das Dasein der letzteren und ihre
+Reihe zuerst anfangen*. Nun müßte sie aber alsdann auch anfangen zu
+handeln, und ihre Kausalität würde in die Zeit, eben darum aber in
+den Inbegriff der Erscheinungen, d.i. in die Welt gehören, folglich
+sie selbst, die Ursache, nicht außer der Welt sein, welches der
+Voraussetzung widerspricht. Also ist weder in der Welt, noch
+außer derselben (aber mit ihr in Kausalverbindung) irgendein
+schlechthinnotwendiges Wesen.
+
+* Das Wort: Anfangen, wird in zwiefacher Bedeutung genommen. Die erste
+ ist aktiv, da die Ursache eine Reihe von Zuständen als ihre Wirkung
+ anfängt (infit.). Die zweite passiv, da die Kausalität in der
+ Ursache selbst anhebt (fit.). Ich schließe hier aus der ersteren auf
+ die letzte.
+
+ Anmerkung zur vierten Antinomie
+ I. zur Thesis
+
+Um das Dasein eines notwendigen Wesens zu beweisen, liegt mir hier ob,
+kein anderes als kosmologisches Argument zu brauchen, welches nämlich
+von dem Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten im Begriffe
+aufsteigt, indem man dieses als die notwendige Bedingung der absoluten
+Totalität der Reihe ansieht. Den Beweis, aus der bloßen Idee eines
+obersten aller Wesen überhaupt, zu versuchen, gehört zu einem anderen
+Prinzip der Vernunft, und ein solcher wird daher besonders vorkommen
+müssen.
+
+Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines notwendigen
+Wesens nicht anders dartun, als daß er es zugleich unausgemacht lasse,
+ob dasselbe die Welt selbst, oder ein von ihr unterschiedenes Ding
+sei. Denn, um das letztere auszumitteln, dazu werden Grundsätze
+erfordert, die nicht mehr kosmologisch sind, und nicht in der Reihe
+der Erscheinungen fortgehen, sondern Begriffe von zufälligen Wesen
+überhaupt, (sofern sie bloß als Gegenstände des Verstandes erwogen
+werden,) und ein Prinzip, solche mit einem notwendigen Wesen, durch
+bloße Begriffe, zu verknüpfen, welches alles vor eine transzendente
+Philosophie gehört, für welche hier noch nicht der Platz ist.
+
+Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfängt, indem man
+die Reihe von Erscheinungen, und den Regressus in derselben nach
+empirischen Gesetzen der Kausalität, zum Grunde legt: so kann man
+nachher davon nicht abspringen und auf etwas übergehen, was gar nicht
+in die Reihe als ein Glied gehört. Denn in eben derselben Bedeutung
+muß etwas als Bedingung angesehen werden, in welcher die Relation des
+Bedingten zu seiner Bedingung in der Reihe genommen wurde, die auf
+diese höchste Bedingung in kontinuirlichem Fortschritte führen
+sollte. Ist nun dieses Verhältnis sinnlich und gehört zum möglichen
+empirischen Verstandesgebrauch, so kann die oberste Bedingung oder
+Ursache nur nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin nur als zur
+Zeitreihe gehörig den Regressus beschließen, und das notwendige Wesen
+muß als das oberste Glied der Weltreihe angesehen werden.
+
+Gleichwohl hat man sich die Freiheit genommen, einen solchen Absprung
+(metabasis eis allo genos) zu tun. Man schloß nämlich aus den
+Veränderungen in der Welt auf die empirische Zufälligkeit, d.i. die
+Abhängigkeit derselben von empirisch bestimmenden Ursachen, und bekam
+eine aufsteigende Reihe empirischer Bedingungen, welches auch ganz
+recht war. Da man aber hierin keinen ersten Anfang und kein oberstes
+Glied finden konnte, so ging man plötzlich vom empirischen Begriff der
+Zufälligkeit ab und nahm die reine Kategorie, welche alsdann eine bloß
+intelligible Reihe veranlaßte, deren Vollständigkeit auf dem Dasein
+einer schlechthin notwendigen Ursache beruhte, die nunmehr, da sie an
+keine sinnliche Bedingungen gebunden war, auch von der Zeitbedingung,
+ihre Kausalität selbst anzufangen, befreit wurde. Dieses Verfahren ist
+aber ganz widerrechtlich, wie man aus Folgenden schließen kann.
+
+Zufällig, im reinen Sinne der Kategorie, ist das, dessen
+kontradiktorisches Gegenteil möglich ist. Nun kann man aus der
+empirischen Zufälligkeit auf jene intelligible gar nicht schließen.
+Was verändert wird, dessen Gegenteil (seines Zustandes) ist zu einer
+anderen Zeit wirklich, mithin auch möglich; mithin ist dieses nicht
+das kontradiktorische Gegenteil des vorigen Zustandes, wozu erfordert
+wird, daß in derselben Zeit, da der vorige Zustand war, an die
+Stelle desselben sein Gegenteil hätte sein können, welches aus der
+Veränderung gar nicht geschlossen werden kann. Ein Körper, der
+in Bewegung war = A, kommt in Ruhe = non A. Daraus nun, daß ein
+entgegengesetzter Zustand vom Zustande A auf diesen folgt, kann gar
+nicht geschlossen werden, daß das kontradiktorische Gegenteil von A
+möglich, mithin A zufällig sei; denn dazu würde erfordert werden, daß
+in derselben Zeit, da die Bewegung war, anstatt derselben die Ruhe
+habe sein können. Nun wissen wir nichts weiter, als daß die Ruhe in
+der folgenden Zeit wirklich, mithin auch möglich war. Bewegung aber
+zu einer Zeit, und Ruhe zu einer anderen Zeit, sind einander nicht
+kontradiktorisch entgegengesetzt. Also beweist die Sukzession
+entgegengesetzter Bestimmungen, d.i. die Veränderung, keineswegs die
+Zufälligkeit nach Begriffen des reinen Verstandes, und kann also
+auch nicht auf das Dasein eines notwendigen Wesens, nach reinen
+Verstandesbegriffen, führen. Die Veränderung beweist nur die
+empirische Zufälligkeit, d.i. daß der neue Zustand für sich selbst,
+ohne eine Ursache, die zur vorigen Zeit gehört, gar nicht hätte
+stattfinden können, zufolge dem Gesetze der Kausalität. Diese Ursache,
+und wenn sie auch als schlechthin notwendig angenommen wird, muß auf
+diese Art doch in der Zeit angetroffen werden, und zur Reihe der
+Erscheinungen gehören.
+
+ II. Anmerkung zur Antithesis
+
+Wenn man, beim Aufsteigen in der Reihe der Erscheinungen, wider das
+Dasein einer schlechthin notwendigen obersten Ursache, Schwierigkeiten
+anzutreffen vermeint, so müssen sich diese auch nicht auf bloße
+Begriffe vom notwendigen Dasein eines Dinges überhaupt gründen, und
+mithin nicht ontologisch sein, sondern sich aus der Kausalverbindung
+mit einer Reihe von Erscheinungen, um zu derselben eine Bedingung
+anzunehmen, die selbst unbedingt ist, hervorfinden, folglich
+kosmologisch und nach empirischen Gesetzen gefolgert sein. Es muß sich
+nämlich zeigen, daß das Aufsteigen in der Reihe der Ursachen (in der
+Sinnenwelt) niemals bei einer empirischunbedingten Bedingung endigen
+könne, und daß das kosmologische Argument aus der Zufälligkeit der
+Weltzustände, laut ihren Veränderungen, wider die Annehmung einer
+ersten und die Reihe schlechthin zuerst anhebenden Ursache ausfalle.
+
+Es zeigt sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Kontrast: daß
+nämlich aus eben demselben Beweisgrunde, woraus in der Thesis das
+Dasein eines Urwesens geschlossen wurde, in der Antithesis das
+Nichtsein desselben, und zwar mit derselben Schärfe. geschlossen wird.
+Erst hieß es: es ist ein notwendiges Wesen, weil die ganze vergangene
+Zeit die Reihe aller Bedingungen und hiermit also auch das Unbedingte
+(Notwendige) in sich faßt. Nun heißt es: es ist kein notwendiges
+Wesen, eben darum, weil die ganze verflossene Zeit die Reihe aller
+Bedingungen (die mithin insgesamt wiederum bedingt sind) in sich faßt.
+Die Ursache hiervon ist diese. Das erste Argument sieht nur auf die
+absolute Totalität der Reihe der Bedingungen, deren eine die andere
+in der Zeit bestimmt, und bekommt dadurch ein Unbedingtes und
+Notwendiges. Das zweite zieht dagegen die Zufälligkeit alles dessen,
+was in der Zeitreihe bestimmt ist, in Betrachtung, (weil vor jedem
+eine Zeit vorhergeht, darin die Bedingung selbst wiederum als bedingt
+bestimmt sein muß,) wodurch denn alles Unbedingte, und alle absolute
+Notwendigkeit, gänzlich wegfällt. Indessen ist die Schlußart in
+beiden, selbst der gemeinen Menschenvernunft ganz angemessen, welche
+mehrmalen in den Fall gerät, sich mit sich selbst zu entzweien,
+nachdem sie ihren Gegenstand aus zwei verschiedenen Standpunkten
+erwägt. Herr von Mairan hielt den Streit zweier berühmter Astronomen,
+der aus einer ähnlichen Schwierigkeit über die Wahl des Standpunktes
+entsprang, für ein genugsam merkwürdiges Phänomen, um darüber eine
+besondere Abhandlung abzufassen. Der eine schloß nämlich so: der Mond
+dreht sich um seine Achse, darum, weil er der Erde beständig dieselbe
+Seite zukehrt; der andere: der Mond dreht sich nicht um seine Achse,
+eben darum, weil er der Erde beständig dieselbe Seite zukehrt. Beide
+Schlüsse waren richtig; je nachdem man den Standpunkt nahm, aus dem
+man die Mondbewegung beobachten wollte.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Dritter Abschnitt
+Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreite
+
+Da haben wir nun das ganze dialektische Spiel der kosmologischen
+Ideen, die es gar nicht verstatten, daß ihnen ein kongruierender
+Gegenstand in irgendeiner möglichen Erfahrung gegeben werde, ja
+nicht einmal, daß die Vernunft sie einstimmig mit allgemeinen
+Erfahrungsgesetzen denke, die gleichwohl doch nicht willkürlich
+erdacht sind, sondern auf welche die Vernunft im kontinuierlichen
+Fortgange der empirischen Synthesis notwendig geführt wird, wenn sie
+das, was nach Regeln der Erfahrung jederzeit nur bedingt bestimmt
+werden kann, von aller Bedingung befreien und in seiner unbedingten
+Totalität fassen will. Diese vernünftelnden Behauptungen sind so viele
+Versuche, vier natürliche und unvermeidliche Probleme der Vernunft
+aufzulösen, deren es also nur gerade so viel, nicht mehr, auch
+nicht weniger, geben kann, weil es nicht mehr Reihen synthetischer
+Voraussetzungen gibt, welche die empirische Synthesis a priori
+begrenzen.
+
+Wir haben die glänzenden Anmaßungen der ihr Gebiet über alle Grenzen
+der Erfahrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln, welche
+bloß den Grund ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten, vorgestellt,
+und, wie es einer Transzendentalphilosophie geziemt, diese von
+allem Empirischen entkleidet, obgleich die ganze Pracht der
+Vernunftbehauptungen nur in Verbindung mit demselben hervorleuchten
+kann. In dieser Anwendung aber, und der fortschreitenden Erweiterung
+des Vernunftgebrauchs, indem sie von dem Felde der Erfahrungen anhebt,
+und sich bis zu diesen erhabenen Ideen allmählich hinaufschwingt,
+zeigt die Philosophie eine Würde, welche, wenn sie ihre Anmaßungen nur
+behaupten könnte, den Wert aller anderen menschlichen Wissenschaft
+weit unter sich lassen würde, indem sie die Grundlage zu unseren
+größesten Erwartungen und Aussichten auf die letzten Zwecke, in
+welchen alle Vernunftbemühungen sich endlich vereinigen müssen,
+verheißt. Die Fragen: ob die Welt einen Anfang und irgendeine Grenze
+ihrer Ausdehnung im Raume habe, ob es irgendwo und vielleicht in
+meinem denkenden Selbst eine unteilbare und unzerstörliche Einheit,
+oder nichts als das Teilbare und Vergängliche gebe, ob ich in meinen
+Handlungen frei, oder, wie andere Wesen, an dem Faden der Natur und
+des Schicksals geleitet sei, ob es endlich eine oberste Weltursache
+gebe, oder die Naturdinge und deren Ordnung den letzten Gegenstand
+ausmachen, bei dem wir in allen unseren Betrachtungen stehenbleiben
+müssen: das sind Fragen, um deren Auflösung der Mathematiker gerne
+seine ganze Wissenschaft dahingäbe; denn diese kann ihm doch in
+Ansehung der höchsten und angelegentsten Zwecke der Menschheit keine
+Befriedigung verschaffen. Selbst die eigentliche Würde der Mathematik
+(diesem Stolze der menschlichen Vernunft) beruht darauf, daß, da sie
+der Vernunft die Leitung gibt, die Natur im Großen sowohl als im
+Kleinen in ihrer Ordnung und Regelmäßigkeit, imgleichen in der
+bewunderungswürdigen Einheit der sie bewegenden Kräfte, weit über alle
+Erwartung der auf gemeine Erfahrung bauenden Philosophie einzusehen,
+sie dadurch selbst zu dem über alle Erfahrung erweiterten Gebrauch
+der Vernunft, Anlaß und Aufmunterung gibt, imgleichen die damit
+beschäftigte Weltweisheit mit den vortrefflichsten Materialien
+versorgt, ihre Nachforschung, so viel deren Beschaffenheit es erlaubt,
+durch angemessene Anschauungen zu unterstützen.
+
+Unglücklicherweise für die Spekulation (vielleicht aber zum Glück
+für die praktische Bestimmung des Menschen) sieht sich die Vernunft,
+mitten unter ihren größesten Erwartungen, in einem Gedränge von
+Gründen und Gegengründen so befangen, daß, da es sowohl ihrer Ehre,
+als auch sogar ihrer Sicherheit wegen nicht tunlich ist, sich
+zurückzuziehen, und diesem Zwist als einem bloßen Spielgefechte
+gleichgültig zuzusehen, noch weniger schlechthin Friede zu gebieten,
+weil der Gegenstand des Streits sehr interessiert, ihr nichts weiter
+übrigbleibt, als über den Ursprung dieser Veruneinigung der Vernunft
+mit sich selbst nachzusinnen, ob nicht etwa ein bloßer Mißverstand
+daran schuld sei, nach dessen Erörterung zwar beiderseits stolze
+Ansprüche vielleicht wegfallen, aber dafür ein dauerhaft ruhiges
+Regiment der Vernunft über Verstand und Sinne seinen Anfang nehmen
+würde.
+
+Wir wollen vorjetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aussetzen,
+und zuvor in Erwägung ziehen: auf welche Seite wir uns wohl am
+liebsten schlagen möchten, wenn wir etwa genötigt würden, Partei zu
+nehmen. Da wir in diesem Falle, nicht den logischen Probierstein der
+Wahrheit, sondern bloß unser Interesse befragen, so wird eine solche
+Untersuchung, ob sie gleich in Ansehung des strittigen Rechts beider
+Teile nichts ausmacht, dennoch den Nutzen haben, es begreiflich zu
+machen, warum die Teilnehmer an diesem Streite sich lieber auf die
+eine Seite, als auf die andere geschlagen haben, ohne daß eben
+eine vorzügliche Einsicht des Gegenstandes daran Ursache gewesen,
+angleichen noch andere Nebendinge zu erklären, z.B. die zelotische
+Hitze des einen und die kalte Behauptung des anderen Teils, warum sie
+gerne der einen Partei freudigen Beifall zujauchzen, und wider die
+andere zum voraus, unversöhnlich eingenommen sind.
+
+Es ist aber etwas, das bei dieser vorläufigen Beurteilung den
+Gesichtspunkt bestimmt, aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit
+angestellt werden kann, und dieses ist die Vergleichung der
+Prinzipien, von denen beide Teile ausgehen. Man bemerkt unter den
+Behauptungen der Antithesis, eine vollkommene Gleichförmigkeit der
+Denkungsart und völlige Einheit der Maxime, nämlich ein Prinzipium
+des reinen Empirismus, nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in
+der Welt, sondern auch in Auflösung der transzendentalen Ideen, vom
+Weltall selbst. Dagegen legen die Behauptungen der Thesis, außer der
+empirischen Erklärungsart innerhalb der Reihe der Erscheinungen,
+noch intellektuelle Anfänge zum Grunde, und die Maxime ist
+sofern nicht einfach. Ich will sie aber, von ihrem wesentlichen
+Unterscheidungsmerkmal, den Dogmatism der reinen Vernunft nennen.
+
+Auf der Seite also des Dogmatismus, in Bestimmung der kosmologischen
+Vernunftideen, oder der Thesis, zeigt sich
+
+Zuerst ein gewisses praktisches Interesse, woran jeder wohlgesinnte,
+wenn er sich auf seinen wahren Vorteil versteht, herzlich teilnimmt.
+Daß die Welt einen Anfang habe, daß mein denkendes Selbst einfacher
+und daher unverweslicher Natur, daß dieses zugleich in seinen
+willkürlichen Handlungen frei und über den Naturzwang erhoben sei, und
+daß endlich die ganze Ordnung der Dinge, welche die Welt ausmachen,
+von einem Urwesen abstamme, von welchem alles seine Einheit und
+zweckmäßige Verknüpfung entlehnt, das sind so viel Grundsteine der
+Moral und Religion. Die Antithesis raubt uns alle diese Stützen, oder
+scheint wenigstens sie uns zu rauben.
+
+Zweitens äußert sich auch ein spekulatives Interesse der Vernunft auf
+dieser Seite. Denn, wenn man die transzendentalen Ideen auf solche Art
+annimmt und gebraucht, so kann man völlig a priori die ganze Kette der
+Bedingungen fassen, und die Ableitung des Bedingten begreifen, indem
+man vom Unbedingten anfängt, welches die Antithesis nicht leistet, die
+dadurch sich sehr übel empfiehlt, daß sie auf die Frage, wegen der
+Bedingungen ihrer Synthesis, keine Antwort geben kann, die nicht ohne
+Ende immer weiter zu fragen übrig ließe. Nach ihr muß man von einem
+gegebenen Anfange zu einem noch höheren aufsteigen, jeder Teil führt
+auf einen noch kleineren Teil, jede Begebenheit hat immer noch eine
+andere Begebenheit als Ursache über sich, und die Bedingungen des
+Daseins überhaupt stützen sich immer wiederum auf andere, ohne jemals
+in einem selbständigen Dinge als Urwesen unbedingte Haltung und Stütze
+zu bekommen.
+
+Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität, der gewiß
+nicht den kleinsten Teil seiner Empfehlung ausmacht. Der gemeine
+Verstand findet in den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synthesis
+nicht die mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem mehr gewohnt ist, zu
+den Folgen abwärts zu gehen, als zu den Gründen hinaufzusteigen, und
+hat in den Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit er
+nicht grübelt) eine Gemächlichkeit und zugleich einen festen Punkt, um
+die Leitschnur seiner Schritte daran zu knüpfen, da er hingegen an dem
+rastlosen Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingung, jederzeit mit einem
+Fuße in der Luft, gar keinen Wohlgefallen finden kann.
+
+Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen Ideen,
+oder der Antithesis, findet sich erstlich kein solches praktisches
+Interesse aus reinen Prinzipien der Vernunft, als Moral und Religion
+bei sich führen. Vielmehr scheint der bloße Empirism beiden alle Kraft
+und Einfluß zu benehmen. Wenn es kein von der Welt unterschiedenes
+Urwesen gibt, wenn die Welt ohne Anfang und also auch ohne Urheber,
+unser Wille nicht frei und die Seele von gleicher Teilbarkeit
+und Verweslichkeit mit der Materie ist, so verlieren auch die
+moralischen Ideen und Grundsätze alle Gültigkeit, und fallen mit den
+transzendentalen Ideen, welche ihre theoretische Stütze ausmachten.
+
+Dagegen bietet aber der Empirism dem spekulativen Interesse der
+Vernunft Vorteile an, die sehr anlockend sind und diejenigen weit
+übertreffen, die der dogmatische Lehrer der Vernunftideen versprechen
+mag. Nach jenem ist der Verstand jederzeit auf seinem eigentümlichen
+Boden, nämlich dem Felde von lauter möglichen Erfahrungen, deren
+Gesetzen er nachspüren, und vermittelst derselben er seine sichere und
+faßliche Erkenntnis ohne Ende erweitern kann. Hier kann und soll er
+den Gegenstand, sowohl an sich selbst, als in seinen Verhältnissen,
+der Anschauung darstellen, oder doch in Begriffen, deren Bild
+in gegebenen ähnlichen Anschauungen klar und deutlich vorgelegt
+werden kann. Nicht allein, daß er nicht nötig hat, diese Kette
+der Naturordnung zu verlassen, um sich an Ideen zu hängen, deren
+Gegenstände er nicht kennt, weil sie als Gedankendinge niemals gegeben
+werden können; sondern es ist ihm nicht einmal erlaubt, sein Geschäft
+zu verlassen, und unter dem Vorwande, es sei nunmehr zu Ende gebracht,
+in das Gebiet der idealisierenden Vernunft und zu transzendenten
+Begriffe überzugehen, wo er nicht weiter nötig hat zu beobachten und
+den Naturgesetzen gemäß zu forschen, sondern nur zu denken und zu
+dichten, sicher, daß er nicht durch Tatsachen der Natur widerlegt
+werden könne, weil er an ihr Zeugnis eben nicht gebunden ist, sondern
+sie vorbeigehen, oder sie sogar selbst einem höheren Ansehen, nämlich
+dem der reinen Vernunft, unterordnen darf.
+
+Der Empirist wird es daher niemals erlauben, irgendeine Epoche der
+Natur für die schlechthin erste anzunehmen, oder irgendeine Grenze
+seiner Aussicht in den Umfang derselben als die äußerste anzusehen,
+noch von den Gegenständen der Natur, die er durch Beobachtung und
+Mathematik auflösen und in der Anschauung synthetisch bestimmen
+kann, (dem Ausgedehnten,) zu denen überzugehen, die weder Sinn, noch
+Einbildungskraft jemals in concreto darstellen kann (dem Einfachen);
+noch einräumen, daß man selbst in der Natur ein Vermögen, unabhängig
+von Gesetzen der Natur zu wirken, (Freiheit,) zum Grunde lege, und
+dadurch dem Verstande sein Geschäft schmälere, an dem Leitfaden
+notwendiger Regeln dem Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren; noch
+endlich zugeben, daß man irgend wozu die Ursache außerhalb der Natur
+suche, (Urwesen,) weil wir nichts weiter, als diese kennen, indem
+sie es allein ist, welche uns Gegenstände darbietet, und von ihren
+Gesetzen unterrichten kann.
+
+Zwar, wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere
+Absicht hat, als, den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre
+Bestimmung verkennenden Vernunft niederzuschlagen, welche mit Einsicht
+und Wissen groß tut, da wo eigentlich Einsicht und Wissen aufhören,
+und das, was man in Ansehung des praktischen Interesse gelten läßt,
+für eine Beförderung des spekulativen Interesse ausgeben will, um,
+wo es ihrer Gemächlichkeit zuträglich ist, den Faden physischer
+Untersuchungen abzureißen, und mit einem Vorgeben von Erweiterung der
+Erkenntnis, ihn an transzendentale Ideen zu knüpfen, durch die man
+eigentlich nur erkennt, daß man nichts wisse; wenn, sage ich, der
+Empirist sich hiermit begnügte, so würde sein Grundsatz eine Maxime
+der Mäßigung in Ansprüchen, der Bescheidenheit in Behauptungen und
+zugleich der größest möglichen Erweiterung unseres Verstandes, durch
+den eigentlich uns vorgesetzten Lehrer, nämlich die Erfahrung, sein.
+Denn, in solchem Falle, würden uns intellektuelle Voraussetzungen und
+Glaube, zum Behuf unserer praktischen Angelegenheit, nicht genommen
+werden; nur könnte man sie nicht unter dem Titel und dem Pompe
+von Wissenschaft und Vernunfteinsicht auftreten lassen, weil das
+eigentliche spekulative Wissen überall keinen anderen Gegenstand,
+als den der Erfahrung treffen kann, und, wenn man ihre Grenze
+überschreitet, die Synthesis, welche neue und von jener unabhängige
+Erkenntnisse versucht, kein Substratum der Anschauung hat, an welchem
+sie ausgeübt werden könnte.
+
+So aber, wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen (wie es mehrenteils
+geschieht) selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneint,
+was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist, so fällt
+er selbst in den Fehler der Unbescheidenheit, der hier um desto
+tadelhafter ist, weil dadurch dem praktischen Interesse der Vernunft
+ein unersetzlicher Nachteil verursacht wird.
+
+Dies ist der Gegensatz des Epikureisms* gegen den Platonisms.
+
+* Es ist indessen noch die Frage, ob Epikur diese Grundsätze als
+ objektive Behauptungen jemals vorgetragen habe. Wenn sie etwa weiter
+ nichts als Maximen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft waren,
+ so zeigte er daran einen echteren philosophischen Geist, als
+ irgendeiner der Weltweisen des Altertums: daß man in Erklärung
+ der Erscheinungen so zu Werke gehen müsse, als ob das Feld der
+ Untersuchung durch keine Grenze oder Anfang der Welt abgeschnitten
+ sei; den Stoff der Welt so annehmen, wie er sein muß, wenn wir
+ von ihm durch Erfahrung belehrt werden wollen; daß keine andere
+ Erzeugung der Begebenheiten, als wie sie durch unveränderliche
+ Naturgesetze bestimmt werden, und endlich keine von der Welt
+ unterschiedene Ursache müsse gebraucht werden; sind noch jetzt
+ sehr richtige, aber wenig beobachtete Grundsätze, die spekulative
+ Philosophie zu erweitern, so wie auch die Prinzipien der Moral,
+ unabhängig von fremden Hilfsquellen auszufinden, ohne daß darum
+ derjenige, welcher verlangt, jene dogmatischen Sätze, so lange als
+ wir mit der bloßen Spekulation beschäftigt sind, zu ignorieren,
+ darum beschuldigt werden darf, er wolle sie leugnen.
+
+Ein jeder von beiden sagt mehr, als er weiß, doch so, daß der erstere
+das Wissen, obzwar zum Nachteile des Praktischen, aufmuntert und
+befördert, der zweite zwar zum Praktischen vortreffliche Prinzipien an
+die Hand gibt, aber eben dadurch in Ansehung alles dessen, worin uns
+allein ein spekulatives Wissen vergönnt ist, der Vernunft erlaubt,
+idealischen Erklärungen der Naturerscheinungen nachzuhängen und
+darüber die physische Nachforschung zu verabsäumen.
+
+Was endlich das dritte Moment, worauf bei der vorläufigen Wahl
+zwischen beiden strittigen Teilen gesehen werden kann, anlangt: so ist
+es überaus befremdlich, daß der Empirismus aller Popularität gänzlich
+zuwider ist, ob man gleich glauben sollte, der gemeine Verstand
+werde einen Entwurf begierig aufnehmen, der ihn durch nichts als
+Erfahrungserkenntnisse und deren vernunftmäßigen Zusammenhang zu
+befriedigen verspricht, anstatt daß die transzendentale Dogmatik ihn
+nötigt, zu Begriffen hinaufzusteigen, welche die Einsicht und das
+Vernunftvermögen der im Denken geübtesten Köpfe weit übersteigen. Aber
+eben dieses ist sein Bewegungsgrund. Denn er befindet sich alsdann in
+einem Zustande, in welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts
+herausnehmen kann. Wenn er wenig oder nichts davon versteht, so kann
+sich doch auch niemand rühmen, viel mehr davon zu verstehen, und, ob
+er gleich hierüber nicht so schulgerecht als andere sprechen kann, so
+kann er doch darüber unendlich mehr vernünfteln, weil er unter lauter
+Ideen herumwandelt, über die man eben darum am beredtsten ist,
+weil man davon nichts weiß; anstatt, daß er über der Nachforschung
+der Natur ganz verstummen und seine Unwissenheit gestehen müßte.
+Gemächlichkeit und Eitelkeit also sind schon eine starke Empfehlung
+dieser Grundsätze. Überdem, ob es gleich einem Philosophen sehr
+schwer wird, etwas als Grundsatz anzunehmen, ohne deshalb sich selbst
+Rechenschaft geben zu können, noch weniger Begriffe, deren objektive
+Realität nicht eingesehen werden kann, einzuführen: so ist doch dem
+gemeinen Verstande nichts gewöhnlicher. Er will etwas haben, womit
+er zuversichtlich anfangen könne. Die Schwierigkeit, eine solche
+Voraussetzung selbst zu begreifen, beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm,
+(der nicht weiß, was Begreifen heißt,) niemals in den Sinn kommt, und
+er hält das für bekannt, was ihm durch öfteren Gebrauch geläufig ist.
+Zuletzt aber verschwindet alles spekulative Interesse bei ihm vor dem
+Praktischen, und er bildet sich ein, das einzusehen und zu wissen, was
+anzunehmen, oder zu glauben, ihn seine Besorgnisse oder Hoffnungen
+antreiben. So ist der Empirismus der transzendental-idealisierenden
+Vernunft aller Popularität gänzlich beraubt, und, so viel Nachteiliges
+wider die obersten praktischen Grundsätze sie auch enthalten mag,
+so ist doch gar nicht zu besorgen, daß sie die Grenzen der Schule
+jemals überschreiten und im gemeinen Wesen ein nur einigermaßen
+beträchtliches Ansehen und einige Gunst bei der großen Menge erwerben
+werde.
+
+Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch, d.i.
+sie betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen
+System, und verstattet daher auch nur solche Prinzipien, die eine
+vorhabende Erkenntnis wenigstens nicht unfähig machen, in irgendeinem
+System mit anderen zusammen zu stehen. Die Sätze der Antithesis
+sind aber von der Art, daß sie die Vollendung eines Gebäudes von
+Erkenntnissen gänzlich unmöglich machen. Nach ihnen gibt es über einen
+Zustand der Welt immer einen noch älteren, in jedem Teile immer noch
+andere, wiederum teilbare, vor jeder Begebenheit eine andere, die
+wiederum ebensowohl anderweitig erzeugt war, und im Dasein überhaupt
+alles immer nur bedingt, ohne irgendein unbedingtes und erstes Dasein
+anzuerkennen. Da also die Antithesis nirgend ein Erstes einräumt, und
+keinen Anfang, der schlechthin zum Grunde des Baues dienen könnte,
+so ist ein vollständiges Gebäude der Erkenntnis, bei dergleichen
+Voraussetzungen, gänzlich unmöglich. Daher führt das architektonische
+Interesse der Vernunft (welches nicht empirische, sondern reine
+Vernunfteinheit a priori fordert,) eine natürliche Empfehlung für die
+Behauptungen der Thesis bei sich.
+
+Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen, und die
+Behauptungen der Vernunft, gleichgültig gegen alle Folgen, bloß nach
+dem Gehalte ihrer Gründe in Betrachtung ziehen: so würde ein solcher,
+gesetzt, daß er keinen Ausweg wüßte, anders aus dem Gedränge zu
+kommen, als daß er sich zu einer oder anderen der strittigen Lehren
+bekennte, in einem unaufhörlich schwankenden Zustande sein. Heute
+würde es ihm überzeugend vorkommen, der menschliche Wille sei frei;
+morgen, wenn er die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge,
+würde er dafür halten, die Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung,
+und alles sei bloß Natur. Wenn es nun aber zum Tun und Handeln
+käme, so würde dieses Spiel der bloß spekulativen Vernunft, wie
+Schattenbilder eines Traums, verschwinden, und er würde seine
+Prinzipien bloß nach dem praktischen Interesse wählen. Weil es aber
+doch einem nachdenkenden und forschenden Wesen anständig ist, gewisse
+Zeiten lediglich der Prüfung seiner eigenen Vernunft zu widmen,
+hierbei aber alle Parteilichkeit gänzlich auszuziehen, und so seine
+Bemerkungen anderen zur Beurteilung öffentlich mitzuteilen; so kann
+es niemanden verargt, noch weniger verwehrt werden, die Sätze und
+Gegensätze, so wie sie sich, durch keine Drohung geschreckt, vor
+Geschworenen von seinem eigenen Stande (nämlich dem Stande schwacher
+Menschen) verteidigen können, auftreten zu lassen.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Vierter Abschnitt
+Von den Transzendentalen Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie
+schlechterdings müssen aufgelöst werden können
+
+Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen,
+würde eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender
+Eigendünkel sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrauen
+bringen müßte. Gleichwohl gibt es Wissenschaften, deren Natur es so
+mit sich bringt, daß eine jede darin vorkommende Frage, aus dem, was
+man weiß, schlechthin beantwortlich sein muß, weil die Antwort aus
+denselben Quellen entspringen muß, daraus die Frage entspringt, und wo
+es keineswegs erlaubt ist, unvermeidliche Unwissenheit vorzuschützen,
+sondern die Auflösung gefordert werden kann. Was in allen möglichen
+Fällen Recht oder Unrecht sei, muß man der Regel nach wissen können,
+weil es unsere Verbindlichkeit betrifft, und wir zu dem, was wir nicht
+wissen können, auch keine Verbindlichkeit haben. In der Erklärung der
+Erscheinungen der Natur muß uns indessen vieles ungewiß und manche
+Frage unauflöslich bleiben, weil das, was wir von der Natur wissen,
+zu dem, was wir erklären sollen, bei weitem nicht in allen Fällen
+zureichend ist. Es fragt sich nun: ob in der Transzendentalphilosophie
+irgendeine Frage, die ein der Vernunft vorgelegtes Objekt betrifft,
+durch eben diese reine Vernunft unbeantwortlich sei, und ob man sich
+ihrer entscheidenden Beantwortung dadurch mit Recht entziehen könne,
+daß man es als schlechthin ungewiß (aus allem dem, was wir erkennen
+können) demjenigen beizählt, wovon wir zwar so viel Begriff haben,
+um eine Frage aufzuwerfen, es uns aber gänzlich an Mitteln oder am
+Vermögen fehlt, sie jemals zu beantworten.
+
+Ich behaupte nun, daß die Transzendentalphilosophie unter allem
+spekulativen Erkenntnis dieses Eigentümliche habe: daß gar keine
+Frage, welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft,
+für eben dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich sei, und daß kein
+Vorschützen einer unvermeidlichen Unwissenheit und unergründlicher
+Tiefe der Aufgabe von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie
+gründlich und vollständig zu beantworten; weil eben derselbe Begriff,
+der uns in den Stand setzt zu fragen, durchaus uns auch tüchtig machen
+muß, auf diese Frage zu antworten, indem der Gegenstand außer dem
+Begriffe gar nicht angetroffen wird (wie bei Recht und Unrecht).
+
+Es sind aber in der Transzendentalphilosophie keine anderen, als
+nur die kosmologischen Fragen, in Ansehung deren man mit Recht eine
+genugtuende Antwort, die die Beschaffenheit des Gegenstandes betrifft,
+fordern kann, ohne daß dem Philosophen erlaubt ist, sich derselben
+dadurch zu entziehen, daß er undurchdringliche Dunkelheit vorschützt,
+und diese Fragen können nur kosmologische Ideen betreffen. Denn der
+Gegenstand muß empirisch gegeben sein, und die Frage geht nur auf
+die Angemessenheit desselben mit einer Idee. Ist der Gegenstand
+transzendental und also selbst unbekannt, z.B. ob das Etwas, dessen
+Erscheinung (in uns selbst) das Denken ist, (Seele,) ein an sich
+einfaches Wesen sei, ob es eine Ursache aller Dinge insgesamt gebe,
+die schlechthin notwendig ist, usw., so sollen wir zu unserer Idee
+einen Gegenstand suchen, von welchem wir gestehen können, daß er uns
+unbekannt, aber deswegen doch nicht unmöglich sei.* Die kosmologischen
+Ideen haben allein das Eigentümliche an sich, daß sie ihren Gegenstand
+und die zu dessen Begriff erforderliche empirische Synthesis als
+gegeben voraussetzen können, und die Frage, die aus ihnen entspringt,
+betrifft nur den Fortgang dieser Synthesis, sofern er absolute
+Totalität enthalten soll, welche letztere nichts Empirisches mehr
+ist, indem sie in keiner Erfahrung gegeben werden kann. Da nun hier
+lediglich von einem Dinge als Gegenstande einer möglichen Erfahrung
+und nicht als einer Sache an sich selbst die Rede ist, so kann die
+Beantwortung der transzendenten kosmologischen Frage, außer der Idee
+sonst nirgend liegen, denn sie betrifft keinen Gegenstand an sich
+selbst; und in Ansehung der möglichen Erfahrung so wird nicht nach
+demjenigen gefragt, was in concreto in irgendeiner Erfahrung gegeben
+werden kann, sondern was in der Idee liegt, der sich die empirische
+Synthesis bloß nähern soll: also muß sie aus der Idee allein aufgelöst
+werden können; denn diese ist ein bloßes Geschöpf der Vernunft, welche
+also die Verantwortung nicht von sich abweisen und auf den unbekannten
+Gegenstand schieben kann.
+
+* Man kann zwar auf die Frage, was ein transzendentaler Gegenstand
+ für eine Beschaffenheit habe, keine Antwort geben, nämlich was er
+ sei, aber wohl, daß die Frage selbst nichts sei, darum, weil kein
+ Gegenstand derselben gegeben worden. Daher sind alle Fragen der
+ transzendentalen Seelenlehre auch beantwortlich und wirklich
+ beantwortet; denn sie betreffen das transz. Subjekt aller inneren
+ Erscheinungen, welches selbst nicht Erscheinung ist und also nicht
+ als Gegenstand gegeben ist, und worauf keine der Kategorien (auf
+ welche doch eigentlich die Frage gestellt ist) Bedingungen ihrer
+ Anwendung antreffen. Also ist hier der Fall, da der gemeine Ausdruck
+ gilt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, nämlich daß eine
+ Frage nach der Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein
+ bestimmtes Prädikat gedacht werden kann, weil es gänzlich außer der
+ Sphäre der Gegenstände gesetzt wird, die uns gegeben werden können,
+ gänzlich nichtig und leer sei.
+
+Es ist nicht so außerordentlich, als es anfangs scheint: daß eine
+Wissenschaft in Ansehung aller in ihren Inbegriff gehörigen Fragen
+(quaestiones domesticae) lauter gewisse Auflösungen fordern und
+erwarten könne, ob sie gleich zur Zeit noch vielleicht nicht gefunden
+sind. Außer der Transzendentalphilosophie gibt es noch zwei reine
+Vernunftwissenschaften, eine bloß spekulativen, die andere praktischen
+Inhalts: reine Mathematik, und reine Moral. Hat man wohl jemals
+gehört: daß, gleichsam wegen einer notwendigen Unwissenheit
+der Bedingungen, es für ungewiß sei ausgegeben worden, welches
+Verhältnis der Durchmesser zum Kreise ganz genau in Rational- oder
+Irrationalzahlen habe? Da es durch erstere gar nicht kongruent gegeben
+werden kann, durch die zweite aber noch nicht gefunden ist, so
+urteilte man, daß wenigstens die Unmöglichkeit solcher Auflösung mit
+Gewißheit erkannt werden könne, und Lambert gab einen Beweis davon.
+In den allgemeinen Prinzipien der Sitten kann nichts Ungewisses sein,
+weil die Sätze entweder ganz und gar nichtig und sinnleer sind, oder
+bloß aus unseren Vernunftbegriffen fließen müssen. Dagegen gibt es in
+der Naturkunde eine Unendlichkeit von Vermutungen, in Ansehung deren
+niemals Gewißheit erwartet werden kann, weil die Naturerscheinungen
+Gegenstände sind, die uns unabhängig von unseren Begriffen gegeben
+werden, zu denen also der Schlüssel nicht in uns und unserem reinen
+Denken, sondern außer uns liegt, und eben darum in vielen Fällen nicht
+aufgefunden, mithin kein sicherer Aufschluß erwartet werden kann. Ich
+rechne die Fragen der transzendentalen Analytik, welche die Deduktion
+unserer reinen Erkenntnis betreffen, nicht hierher, weil wir jetzt nur
+von der Gewißheit der Urteile in Ansehung der Gegenstände und nicht in
+Ansehung des Ursprungs unserer Begriffe selbst handeln.
+
+Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen
+Auflösung der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen
+können, daß wir über die engen Schranken unserer Vernunft Klagen
+erheben, und mit dem Scheine einer demutsvollen Selbsterkenntnis
+bekennen, es sei über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt
+von Ewigkeit her sei, oder einen Anfang habe; ob der Weltraum ins
+Unendliche mit Wesen erfüllt, oder innerhalb gewisser Grenzen
+eingeschlossen sei; ob irgend in der Welt etwas einfach sei, oder ob
+alles ins Unendliche geteilt werden müsse; ob es eine Erzeugung und
+Hervorbringung aus Freiheit gebe, oder ob alles an der Kette der
+Naturordnung hänge; endlich ob es irgendein gänzlich unbedingt und an
+sich notwendiges Wesen gebe, oder ob alles seinem Dasein nach bedingt
+und mithin äußerlich abhängend und an sich zufällig sei. Denn alle
+diese Fragen betreffen einen Gegenstand, der nirgend anders als
+in unseren Gedanken gegeben werden kann, nämlich die schlechthin
+unbedingte Totalität der Synthesis der Erscheinungen. Wenn wir darüber
+aus unseren eigenen Begriffen nichts Gewisses sagen und ausmachen
+können, so dürfen wir nicht die Schuld auf die Sache schieben, die
+sich uns verbirgt; denn es kann uns dergleichen Sache (weil sie außer
+unserer Idee nirgends angetroffen wird) gar nicht gegeben werden,
+sondern wir müssen die Ursache in unserer Idee selbst suchen, welche
+ein Problem ist, das keine Auflösung verstattet, und wovon wir doch
+hartnäckig annehmen, als entspreche ihr ein wirklicher Gegenstand.
+Eine deutliche Darlegung der Dialektik, die in unserem Begriffe selbst
+liegt, würde uns bald zur völligen Gewißheit bringen, von dem, was wir
+in Ansehung einer solchen Frage zu urteilen haben.
+
+Man kann euerem Vorwande der Ungewißheit in Ansehung dieser Probleme
+zuerst diese Frage entgegensetzen, die ihr wenigstens deutlich
+beantworten müßt: Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung euch
+hier in solche Schwierigkeit verwickelt? Sind es etwa Erscheinungen,
+deren Erklärung ihr bedürft, und wovon ihr, zufolge dieser Ideen, nur
+die Prinzipien, oder die Regel ihrer Exposition zu suchen habt? Nehmet
+an, die Natur sei ganz vor euch aufgedeckt; euren Sinnen, und dem
+Bewußtsein alles dessen, was eurer Anschauung vorgelegt ist, sei
+nichts verborgen: so werdet ihr doch durch keine einzige Erfahrung den
+Gegenstand eurer Ideen in concreto erkennen können, (denn es wird,
+außer dieser vollständigen Anschauung, noch eine vollendete Synthesis
+und das Bewußtsein ihrer absoluten Totalität erfordert, welches durch
+gar kein empirisches Erkenntnis möglich ist,) mithin kann eure Frage
+keineswegs zur Erklärung von irgendeiner vorkommenden Erscheinung
+notwendig und also gleichsam durch den Gegenstand selbst aufgegeben
+sein. Denn der Gegenstand kann euch niemals vorkommen, weil er durch
+keine mögliche Erfahrung gegeben werden kann. Ihr bleibt mit allen
+möglichen Wahrnehmungen immer unter Bedingungen, es sei im Raume,
+oder in der Zeit, befangen, und kommt an nichts Unbedingtes, um
+auszumachen, ob dieses Unbedingte in einem absoluten Anfange der
+Synthesis, oder einer absoluten Totalität der Reihe, ohne allen
+Anfang, zu setzen sei. Das All aber in empirischer Bedeutung ist
+jederzeit nur komparativ. Das absolute All der Größe (das Weltall),
+der Teilung, der Abstammung, der Bedingung des Daseins überhaupt, mit
+allen Fragen, ob es durch endliche, oder ins Unendliche fortzusetzende
+Synthesis zustande zu bringen sei, geht keine mögliche Erfahrung etwas
+an. Ihr würdet z.B. die Erscheinungen eines Körpers nicht im mindesten
+besser, oder auch nur anders erklären können, ob ihr annehmet, er
+bestehe aus einfachen, oder durchgehends immer aus zusammengesetzten
+Teilen; denn es kann euch keine einfache Erscheinung und ebensowenig
+auch eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen. Die
+Erscheinungen verlangen nur erklärt zu werden, so weit ihre
+Erklärungsbedingungen in der Wahrnehmung gegeben sind, alles aber,
+was jemals an ihnen gegeben werden mag, in einem absoluten Ganzen
+zusammengenommen, ist selbst eine Wahrnehmung. Dieses All aber ist es
+eigentlich, dessen Erklärung in den transzendentalen Vernunftaufgaben
+gefordert wird.
+
+Da also selbst die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Erfahrung
+vorkommen kann, so könnt ihr nicht sagen, daß es ungewiß sei, was
+hierüber dem Gegenstande beizulegen sei. Denn euer Gegenstand ist bloß
+in eurem Gehirne, und kann außer demselben gar nicht gegeben werden;
+daher ihr nur dafür zu sorgen habt, mit euch selbst einig zu werden,
+und die Amphibolie zu verhüten, die eure Idee zu einer vermeintlichen
+Vorstellung eines empirisch Gegebenen, und also auch nach
+Erfahrungsgesetzen zu erkennenden Objekts macht. Die dogmatische
+Auflösung ist also nicht etwa ungewiß, sondern unmöglich. Die
+kritische aber, welche völlig gewiß sein kann, betrachtet die Frage
+gar nicht objektiv, sondern nach dem Fundamente der Erkenntnis, worauf
+sie gegründet ist.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Fünfter Abschnitt
+Skeptische Vorstellung der kosmologischen Fragen durch alle vier
+transzendentalen Ideen
+
+Wir würden von der Forderung gern abstehen, unsere Fragen dogmatisch
+beantwortet zu sehen, wenn wir schon zum voraus begriffen: die Antwort
+möchte ausfallen, wie sie wollte, so würde sie unsere Unwissenheit nur
+noch vermehren, und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine andere,
+aus einer Dunkelheit in eine noch größere und vielleicht gar in
+Widersprüche stürzen. Wenn unsere Frage bloß auf Bejahung oder
+Verneinung gestellt ist, so ist es klüglich gehandelt, die
+vermutlichen Gründe der Beantwortung vorderhand dahingestellt sein zu
+lassen, und zuvörderst in Erwägung zu ziehen, was man denn gewinnen
+würde, wenn die Antwort auf die eine, und was, wenn sie auf der
+Gegenseite ausfiele. Trifft es sich nun, daß in beiden Fällen lauter
+Sinnleeres (Nonsens) herauskommt, so haben wir eine gegründete
+Aufforderung, unsere Frage selbst kritisch zu untersuchen, und zu
+sehen: ob sie nicht selbst auf einer grundlosen Voraussetzung beruhe,
+und mit einer Idee spiele, die ihre Falschheit besser in der Anwendung
+und durch ihre Folgen, als in der abgesonderten Vorstellung verrät.
+Das ist der große Nutzen, den die skeptische Art hat, die Fragen zu
+behandeln, welche reine Vernunft an reine Vernunft tut, und wodurch
+man eines großen dogmatischen Wustes mit wenig Aufwand überhoben sein
+kann, um an dessen Statt eine nüchterne Kritik zu setzen, die, als ein
+wahres Katarktikon den Wahn, zusamt seinem Gefolge, der Vielwisserei,
+glücklich abführen wird.
+
+Wenn ich demnach von einer kosmologischen Idee zum voraus einsehen
+könnte, daß, auf welche Seite des Unbedingten der regressiven
+Synthesis der Erscheinungen sie sich auch schlüge, so würde sie doch
+für einen jeden Verstandesbegriff entweder zu groß oder zu klein sein;
+so würde ich begreifen, daß, da jene doch es nur mit einem Gegenstande
+der Erfahrung zu tun hat, welche einem möglichen Verstandesbegriffe
+angemessen sein soll, sie ganz leer und ohne Bedeutung sein müsse,
+weil ihr der Gegenstand nicht anpaßt, ich mag ihn derselben
+bequemen, wie ich will. Und dieses ist wirklich der Fall mit allen
+Weltbegriffen, welche auch eben um deswillen, die Vernunft, so lange
+sie ihnen anhängt, in eine unvermeidliche Antinomie verwickeln. Denn
+nehmt
+
+Erstlich an: die Welt habe keinen Anfang, so ist sie für euren Begriff
+zu groß; denn dieser, welcher in einem sukzessiven Regressus besteht,
+kann die ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen. Setzet: sie
+habe einen Anfang, so ist sie wiederum für euren Verstandesbegriff in
+dem notwendigen empirischen Regressus zu klein. Denn, weil der Anfang
+noch immer eine Zeit, die vorhergeht, voraussetzt, so ist er noch
+nicht unbedingt, und das Gesetz des empirischen Gebrauchs des
+Verstandes legt es euch auf, noch nach einer höheren Zeitbedingung zu
+fragen, und die Welt ist also offenbar für dieses Gesetz zu klein.
+
+Ebenso ist es mit der doppelten Beantwortung der Frage, wegen der
+Weltgröße, dem Raum nach, bewandt. Denn, ist sie unendlich und
+unbegrenzt, so ist sie für allen möglichen empirischen Begriff zu
+groß. Ist sie endlich und begrenzt, so fragt ihr mit Recht noch:
+was bestimmt diese Grenze? Der leere Raum ist nicht ein für sich
+bestehendes Korrelatum der Dinge, und kann keine Bedingung sein,
+bei der ihr stehenbleiben könnt, noch viel weniger eine empirische
+Bedingung, die einen Teil einer möglichen Erfahrung ausmachte. (Denn
+wer kann eine Erfahrung vom Schlechthinleeren haben?) Zur absoluten
+Totalität aber der empirischen Synthesis wird jederzeit erfordert, daß
+das Unbedingte ein Erfahrungsbegriff sei. Also ist eine begrenzte Welt
+für euren Begriff zu klein.
+
+Zweitens, besteht jede Erscheinung im Raume (Materie) aus unendlich
+viel Teilen, so ist der Regressus der Teilung für euren Begriff
+jederzeit zu groß; und soll die Teilung des Raumes irgend bei einem
+Gliede derselben (dem Einfachen) aufhören, so ist er für die Idee
+des Unbedingten zu klein. Denn dieses Glied läßt noch immer einen
+Regressus zu mehreren in ihm enthaltenen Teilen übrig.
+
+Drittens, nehmt ihr an: in allem, was in der Welt geschieht, sei
+nichts, als Erfolg nach Gesetzen der Natur, so ist die Kausalität
+der Ursache immer wiederum etwas, das geschieht, und euren Regressus
+zu noch höherer Ursache, mithin die Verlängerung der Reihe von
+Bedingungen a parte priori ohne Aufhören notwendig macht. Die bloße
+wirkende Natur ist also für allen euren Begriff, in der Synthesis der
+Weltbegebenheiten, zu groß.
+
+Wählt ihr, hin und wieder, von selbst gewirkte Begebenheiten, mithin
+Erzeugung aus Freiheit: so verfolgt euch das Warum nach einem
+unvermeidlichen Naturgesetze, und nötigt euch, über diesen Punkt
+nach dem Kausalgesetze der Erfahrung hinauszugehen, und ihr findet,
+daß dergleichen Totalität der Verknüpfung für euren notwendigen
+empirischen Begriff zu klein ist.
+
+Viertens. Wenn ihr ein schlechthin notwendiges Wesen (es sei die Welt
+selbst, oder etwas in der Welt, oder die Weltursache) annehmt; so
+setzt ihr es in eine, von dem gegebenen Zeitpunkt unendlich entfernte
+Zeit; weil es sonst von einem anderen und älteren Dasein abhängend
+sein würde. Alsdann ist aber diese Existenz für euren empirischen
+Begriff unzugänglich und zu groß, als daß ihr jemals durch irgendeinen
+fortgesetzten Regressus dazu gelangen könntet.
+
+Ist aber, eurer Meinung nach, alles was zur Welt (es sei als Bedingt
+oder als Bedingung) gehört, zufällig: so ist jede euch gegebene
+Existenz für euren Begriff zu klein. Denn sie nötigt euch, euch noch
+immer nach einer anderen Existenz umzusehen, von der sie abhängig ist.
+
+Wir haben in allen diesen Fällen gesagt, daß die Weltidee für den
+empirischen Regressus, mithin jeden möglichen Verstandesbegriff,
+entweder zu groß, oder auch für denselben zu klein sei. Warum haben
+wir uns nicht umgekehrt ausgedrückt, und gesagt: daß im ersteren Falle
+der empirische Begriff für die Idee jederzeit zu klein, im zweiten
+aber zu groß sei, und mithin gleichsam die Schuld auf dem empirischen
+Regressus hafte; anstatt, daß wir die kosmologische Idee anklagten,
+daß sie im Zuviel oder Zuwenig von ihrem Zwecke, nämlich der möglichen
+Erfahrung, abwich? Der Grund war dieser. Mögliche Erfahrung ist das,
+was unseren Begriffen allein Realität geben kann; ohne das ist aller
+Begriff nur Idee, ohne Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand.
+Daher war der mögliche empirische Begriff das Richtmaß, wonach die
+Idee beurteilt werden mußte, ob sie bloße Idee und Gedankending sei,
+oder in der Welt ihren Gegenstand antreffe. Denn man sagt nur von
+demjenigen, daß es verhältnisweise auf etwas anderes zu groß oder
+zu klein sei, was nur um dieses letzteren willen angenommen wird,
+und darnach eingerichtet sein muß. Zu dem Spielwerke der alten
+dialektischen Schulen gehörte auch diese Frage: wenn eine Kugel nicht
+durch ein Loch geht, was soll man sagen: Ist die Kugel zu groß, oder
+das Loch zu klein? In diesem Falle ist es gleichgültig, wie ihr euch
+ausdrücken wollt; denn ihr wißt nicht, welches von beiden um des
+anderen willen da ist. Dagegen werdet ihr nicht sagen: der Mann ist
+für sein Kleid zu lang, sondern das Kleid ist für den Mann zu kurz.
+
+Wir sind also wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht. daß
+die kosmologischen Ideen, und mit ihnen alle untereinander in Streit
+gesetzten vernünftelnden Behauptungen, vielleicht einen leeren und
+bloß eingebildeten Begriff, von der Art, wie uns der Gegenstand dieser
+Ideen gegeben wird, zum Grunde liegen haben, und dieser Verdacht kann
+uns schon auf die rechte Spur führen, das Blendwerk zu entdecken, was
+uns so lange irregeführt hat.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Sechster Abschnitt
+Der transzendentale Idealism als der Schlüssel zu Auflösung der
+kosmologischen Dialektik
+
+Wir haben in der transzendentalen Ästhetik hinreichend bewiesen:
+daß alles, was im Raume oder der Zeit angeschaut wird, mithin alle
+Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung, nichts als Erscheinungen,
+d.i. bloße Vorstellungen sind, die, so wie sie vorgestellt werden,
+als ausgedehnte Wesen, oder Reihen von Veränderungen, außer
+unseren Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben. Diesen
+Lehrbegriff nenne ich den transzendentalen Idealism. Der Realist in
+transzendentaler Bedeutung macht aus diesen Modifikationen unserer
+Sinnlichkeit an sich subsistierende Dinge, und daher bloße
+Vorstellungen zu Sachen an sich selbst.
+
+Man würde uns Unrecht tun, wenn man uns den schon längst so
+verschrienen empirischen Idealismus zumuten wollte, der, indem er die
+eigene Wirklichkeit des Raumes annimmt, das Dasein der ausgedehnten
+Wesen in denselben leugnet, wenigstens zweifelhaft findet, und
+zwischen Traum und Wahrheit in diesem Stücke keinen genugsam
+erweislichen Unterschied einräumt. Was die Erscheinungen des inneren
+Sinnes in der Zeit betrifft, an denen, als wirklichen Dingen, findet
+er keine Schwierigkeit; ja er behauptet sogar, daß diese innere
+Erfahrung das wirkliche Dasein ihres Objekts (an sich selbst), (mit
+aller dieser Zeitbestimmung,) einzig und allein hinreichend beweise.
+
+Unser transzendentaler Idealism erlaubt es dagegen: daß die
+Gegenstände äußerer Anschauung, ebenso wie sie im Raume angeschaut
+werden, auch wirklich sind, und in der Zeit alle Veränderungen, so
+wie sie der innere Sinn vorstellt. Denn, da der Raum schon eine Form
+derjenigen Anschauung ist, die wir die äußere nennen, und, ohne
+Gegenstände in demselben, es gar keine empirische Vorstellung geben
+würde: so können und müssen wir darin ausgedehnte Wesen als wirklich
+annehmen, und ebenso ist es auch mit der Zeit. Jener Raum selber aber,
+samt dieser Zeit, und, zugleich mit beiden, alle Erscheinungen, sind
+doch an sich selbst keine Dinge, sondern nichts als Vorstellungen, und
+können gar nicht außer unserem Gemüt existieren, und selbst ist die
+innere und sinnliche Anschauung unseres Gemüts, (als Gegenstandes des
+Bewußtseins,) dessen Bestimmung durch die Sukzession verschiedener
+Zustände in der Zeit vorgestellt wird, auch nicht das eigentliche
+Selbst, so wie es an sich existiert, oder das transzendentale Subjekt,
+sondern nur eine Erscheinung, die der Sinnlichkeit dieses uns
+unbekannten Wesens gegeben worden. Das Dasein dieser inneren
+Erscheinung, als eines so an sich existierenden Dinges, kann nicht
+eingeräumt werden, weil ihre Bedingung die Zeit ist, welche keine
+Bestimmung irgendeines Dinges an sich selbst sein kann. In dem Raume
+aber und der Zeit ist die empirische Wahrheit der Erscheinungen
+genugsam gesichert, und von der Verwandtschaft mit dem Traume
+hinreichend unterschieden, wenn beide nach empirischen Gesetzen in
+einer Erfahrung richtig und durchgängig zusammenhängen.
+
+Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals an sich selbst,
+sondern nur in der Erfahrung gegeben, und existieren außer derselben
+gar nicht. Daß es Einwohner im Monde geben könne, ob sie gleich kein
+Mensch jemals wahrgenommen hat, muß allerdings eingeräumt werden, aber
+es bedeutet nur so viel: daß wir in dem möglichen Fortschritt der
+Erfahrung auf sie treffen könnten; denn alles ist wirklich, was mit
+einer Wahrnehmung nach Gesetzen des empirischen Fortgangs in einem
+Kontext steht. Sie sind also alsdann wirklich, wenn sie mit meinem
+wirklichen Bewußtsein in einem empirischen Zusammenhange stehen, ob
+sie gleich darum nicht an sich, d.i. außer diesem Fortschritt der
+Erfahrung, wirklich sind.
+
+Uns ist wirklich nichts gegeben, als die Wahrnehmung und der
+empirische Fortschritt von dieser zu anderen möglichen Wahrnehmungen.
+Denn an sich selbst sind die Erscheinungen, als bloße Vorstellungen,
+nur in der Wahrnehmung wirklich, die in der Tat nichts anderes ist,
+als die Wirklichkeit einer empirischen Vorstellung, d.i. Erscheinung.
+Vor der Wahrnehmung eine Erscheinung ein wirkliches Ding nennen,
+bedeutet entweder, daß wir im Fortgange der Erfahrung auf eine solche
+Wahrnehmung treffen müssen, oder es hat gar keine Bedeutung. Denn,
+daß sie an sich selbst, ohne Beziehung auf unsere Sinne und mögliche
+Erfahrung existiere, könnte allerdings gesagt werden, wenn von einem
+Dinge an sich selbst die Rede wäre. Es ist aber bloß von einer
+Erscheinung im Raume und der Zeit, die beides keine Bestimmungen der
+Dinge an sich selbst, sondern nur unserer Sinnlichkeit sind, die Rede;
+daher das, was in ihnen ist, (Erscheinungen) nicht an sich Etwas,
+sondern bloße Vorstellungen sind, die, wenn sie nicht in uns (in der
+Wahrnehmung) gegeben sind, überall nirgend angetroffen werden.
+
+Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine
+Rezeptivität, auf gewisse Weise mit Vorstellungen affiziert zu werden,
+deren Verhältnis zueinander eine reine Anschauung des Raumes und der
+Zeit ist, (lauter Formen unserer Sinnlichkeit,) und welche, sofern
+sie in diesem Verhältnisse (dem Raume und der Zeit) nach Gesetzen
+der Einheit der Erfahrung verknüpft und bestimmbar sind, Gegenstände
+heißen. Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns
+gänzlich unbekannt, und diese können wir daher nicht als Objekt
+anschauen; denn dergleichen Gegenstand würde weder im Raume, noch der
+Zeit (als bloßen Bedingungen der sinnlichen Vorstellung) vorgestellt
+werden müssen, ohne welche Bedingungen wir uns gar keine Anschauung
+denken können. Indessen können wir die bloß intelligible Ursache der
+Erscheinungen überhaupt, das transzendentale Objekt nennen, bloß,
+damit wir etwas haben, was der Sinnlichkeit als einer Rezeptivität
+korrespondiert. Diesem transzendentalen Objekt können wir allen Umfang
+und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen zuschreiben, und
+sagen: daß es vor aller Erfahrung an sich selbst gegeben sei. Die
+Erscheinungen aber sind, ihm gemäß, nicht an sich, sondern nur in
+dieser Erfahrung gegeben, weil sie bloße Vorstellungen sind, die
+nur als Wahrnehmungen einen wirklichen Gegenstand bedeuten, wenn
+nämlich diese Wahrnehmung mit allen anderen nach den Regeln der
+Erfahrungseinheit zusammenhängt. So kann man sagen: die wirklichen
+Dinge der vergangenen Zeit sind in dem transzendentalen Gegenstande
+der Erfahrung gegeben; sie sind aber für mich nur Gegenstände und in
+der vergangenen Zeit wirklich, sofern als ich mir vorstelle, daß eine
+regressive Reihe möglicher Wahrnehmungen, (es sei am Leitfaden der
+Geschichte, oder an den Fußtapfen der Ursachen und Wirkungen,)
+nach empirischen Gesetzen, mit einem Worte, der Weltlauf auf eine
+verflossene Zeitreihe als Bedingung der gegenwärtigen Zeit führt,
+welche alsdann doch nur in dem Zusammenhange einer möglichen Erfahrung
+und nicht an sich selbst als wirklich vorgestellt wird, so, daß alle
+von undenklicher Zeit her vor meinem Dasein verflossenen Begebenheiten
+doch nichts anderes bedeuten, als die Möglichkeit der Verlängerung der
+Kette der Erfahrung, von der gegenwärtigen Wahrnehmung an, aufwärts zu
+den Bedingungen, welche diese der Zeit nach bestimmen.
+
+Wenn ich mir demnach alle existierenden Gegenstände der Sinne in aller
+Zeit und allen Räumen insgesamt vorstelle: so setze ich solche nicht
+vor der Erfahrung in beide hinein, sondern diese Vorstellung ist
+nichts anderes, als der Gedanke von einer möglichen Erfahrung, in
+ihrer absoluten Vollständigkeit. In ihr allein sind jene Gegenstände
+(welche nichts als bloße Vorstellungen sind) gegeben. Daß man aber
+sagt, sie existieren vor aller meiner Erfahrung, bedeutet nur, daß
+sie in dem Teile der Erfahrung, zu welchem ich, von der Wahrnehmung
+anhebend, allererst fortschreiten muß, anzutreffen sind. Die Ursache
+der empirischen Bedingungen dieses Fortschritts, mithin auf welche
+Glieder, oder auch, wie weit ich auf dergleichen im Regressus treffen
+könne, ist transzendental und mir daher notwendig unbekannt. Aber
+um diese ist es auch nicht zu tun, sondern nur um die Regel des
+Fortschritts der Erfahrung, in der mir die Gegenstände, nämlich
+Erscheinungen, gegeben werden. Es ist auch im Ausgange ganz einerlei,
+ob ich sage, ich könne im empirischen Fortgange im Raume auf Sterne
+treffen, die hundertmal weiter entfernt sind, als die äußersten, die
+ich sehe: oder ob ich sage, es sind vielleicht deren im Weltraume
+anzutreffen, wenn sie gleich niemals ein Mensch wahrgenommen hat, oder
+wahrnehmen wird; denn, wenn sie gleich als Dinge an sich selbst, ohne
+Beziehung auf mögliche Erfahrung, überhaupt gegeben wären, so sind sie
+doch für mich nichts, mithin keine Gegenstände, als sofern sie in der
+Reihe des empirischen Regressus enthalten sind. Nur in anderweitiger
+Beziehung, wenn eben diese Erscheinungen zur kosmologischen Idee von
+einem absoluten Ganzen gebraucht werden sollen, und, wenn es also
+um eine Frage zu tun ist, die über die Grenzen möglicher Erfahrung
+hinausgeht, ist die Unterscheidung derart, wie man die Wirklichkeit
+gedachter Gegenstände der Sinne nimmt, von Erheblichkeit, um einem
+trüglichen Wahne vorzubeugen, welcher aus der Mißdeutung unserer
+eigenen Erfahrungsbegriffe unvermeidlich entspringen muß.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Siebenter Abschnitt
+Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Vernunft mit
+sich selbst
+
+Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialektischen
+Argumente: Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Reihe
+aller Bedingungen desselben gegeben: nun sind uns Gegenstände der
+Sinne als bedingt gegeben, folglich usw. Durch diesen Vernunftschluß,
+dessen Obersatz so natürlich und einleuchtend scheint, werden
+nun, nach Verschiedenheit der Bedingungen (in der Synthesis der
+Erscheinungen), sofern sie eine Reihe ausmachen, ebensoviel
+kosmologische Ideen eingeführt, welche die absolute Totalität dieser
+Reihen postulieren und eben dadurch die Vernunft unvermeidlich in
+Widerstreit mit sich selbst versetzen. Ehe wir aber das Trügliche
+dieses vernünftelnden Arguments aufdecken, müssen wir uns durch
+Berichtigung und Bestimmung gewisser darin vorkommender Begriffe dazu
+instand setzen.
+
+Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweifelt gewiß: daß, wenn das
+Bedingte gegeben ist, uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe
+aller Bedingungen zu demselben aufgegeben sei; denn dieses bringt
+schon der Begriff des Bedingten so mit sich, daß dadurch etwas auf
+eine Bedingung, und, wenn diese wiederum bedingt ist, auf eine
+entferntere Bedingung, und so durch alle Glieder der Reihe bezogen
+wird. Dieser Satz ist also analytisch und erhebt sich über alle Furcht
+vor eine transzendentale Kritik. Er ist ein logisches Postulat der
+Vernunft: diejenige Verknüpfung eines Begriffs mit seinen Bedingungen
+durch den Verstand zu verfolgen und soweit als möglich fortzusetzen,
+die schon dem Begriffe selbst anhängt.
+
+Ferner: wenn das Bedingte sowohl, als seine Bedingung, Dinge an sich
+selbst sind, so ist, wenn das Erstere gegeben worden, nicht bloß
+der Regressus zu dem Zweiten aufgegeben, sondern dieses ist dadurch
+wirklich schon mit gegeben, und, weil dieses von allen Gliedern der
+Reihe gilt, so ist die vollständige Reihe der Bedingungen, mithin auch
+das Unbedingte dadurch zugleich gegeben, oder vielmehr vorausgesetzt,
+daß das Bedingte, welches nur durch jene Reihe möglich war, gegeben
+ist. Hier ist die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine
+Synthesis des bloßen Verstandes, welcher die Dinge vorstellt, wie sie
+sind, ohne darauf zu achten, ob, und wie wir zur Kenntnis derselben
+gelangen können. Dagegen wenn ich es mit Erscheinungen zu tun habe,
+die, als bloße Vorstellungen, gar nicht gegeben sind, wenn ich nicht
+zu ihrer Kenntnis (d.i. zu ihnen selbst, denn sie sind nichts, als
+empirische Kenntnisse,) gelangen so kann ich nicht in eben der
+Bedeutung sagen: wenn das Bedingte gegeben ist, so sind auch alle
+Bedingungen (als Erscheinungen) zu demselben gegeben, und kann mithin
+auf die absolute Totalität der Reihe derselben keineswegs schließen.
+Denn die Erscheinungen sind, in der Apprehension, selber nichts
+anderes, als eine empirische Synthesis (im Raume und der Zeit) und
+sind also nur in dieser gegeben. Nun folgt es gar nicht, daß, wenn
+das Bedingte (in der Erscheinung) gegeben ist, auch die Synthesis,
+die seine empirische Bedingung ausmacht, dadurch mitgegeben und
+vorausgesetzt sei, sondern diese findet allererst im Regressus,
+und niemals ohne denselben, statt. Aber das kann man wohl in einem
+solchen Falle sagen, daß ein Regressus zu den Bedingungen, d.i. eine
+fortgesetzte empirische Synthesis auf dieser Seite geboten oder
+aufgegeben sei, und daß es nicht an Bedingungen fehlen könne, die
+durch diesen Regressus gegeben werden.
+
+Hieraus erhellt, daß der Obersatz des kosmologischen Vernunftschlusses
+das Bedingte in transzendentaler Bedeutung einer reinen Kategorie, der
+Untersatz aber in empirischer Bedeutung eines auf bloße Erscheinungen
+angewandten Verstandesbegriffs nehmen, folglich derjenige dialektische
+Betrug darin angetroffen werde, den man Sophisma figurae dictionis
+nennt. Dieser Betrug ist aber nicht erkünstelt, sondern eine ganz
+natürliche Täuschung der gemeinen Vernunft. Denn durch dieselbe
+setzen wir (im Obersatze) die Bedingungen und ihre Reihe, gleichsam
+unbesehen, voraus, wenn etwas als bedingt gegeben ist, weil dieses
+nichts anderes, als die logische Forderung ist, vollständige Prämissen
+zu einem gegebenen Schlußsatze anzunehmen, und da ist in der
+Verknüpfung des Bedingten mit seiner Bedingung keine Zeitordnung
+anzutreffen; sie werden an sich, als zugleich gegeben, vorausgesetzt.
+Ferner ist es ebenso natürlich (im Untersatze) Erscheinungen als Dinge
+an sich und ebensowohl dem bloßen Verstande gegebene Gegenstände
+anzusehen, wie es im Obersatze geschah, da ich von allen Bedingungen
+der Anschauung, unter denen allein Gegenstände gegeben werden
+können, abstrahierte. Nun hatten wir aber hierbei einen merkwürdigen
+Unterschied zwischen den Begriffen übersehen. Die Synthesis des
+Bedingten mit seiner Bedingung und die ganze Reihe der letzteren (im
+Obersatze) führte gar nichts von Einschränkung durch die Zeit und
+keinen Begriff der Sukzession bei sich. Dagegen ist die empirische
+Synthesis und die Reihe der Bedingungen in der Erscheinung (die im
+Untersatze subsumiert wird,) notwendig sukzessiv und nur in der Zeit
+nacheinander gegeben; folglich konnte ich die absolute Totalität der
+Synthesis und der dadurch vorgestellten Reihe hier nicht ebensowohl,
+als dort voraussetzen, weil dort alle Glieder der Reihe an sich (ohne
+Zeitbedingung) gegeben sind, hier aber nur durch den sukzessiven
+Regressus möglich sind, der nur dadurch gegeben ist, daß man ihn
+wirklich vollführt.
+
+Nach der Überweisung eines solchen Fehltritts, des gemeinschaftlich
+zum Grunde (der kosmologischen Behauptungen) gelegten Arguments,
+können beide streitenden Teile mit Recht, als solche, die ihre
+Forderung auf keinen gründlichen Titel gründen, abgewiesen werden.
+Dadurch aber ist ihr Zwist noch nicht insofern geendigt, daß sie
+überführt worden wären, sie, oder einer von beiden, hätte in der Sache
+selbst, die er behauptet, (im Schlußsatze) Unrecht, wenn er sie gleich
+nicht auf tüchtige Beweisgründe zu bauen wußte. Es scheint doch nichts
+klarer, als daß von zweien, deren der eine behauptet: die Welt hat
+einen Anfang, der andere: die Welt hat keinen Anfang, sondern sie
+ist von Ewigkeit her, doch einer Recht haben müsse. Ist aber dieses,
+so ist es, weil die Klarheit auf beiden Seiten gleich ist, doch
+unmöglich, jemals auszumitteln, auf welcher Seite das Recht sei, und
+der Streit dauert nach wie vor, wenn die Parteien gleich bei dem
+Gerichtshofe der Vernunft zur Ruhe verwiesen worden. Es bleibt also
+kein Mittel übrig, den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider
+Teile zu endigen, als daß, da sie einander doch so schön widerlegen
+können, endlich überführt werden, daß sie um nichts streiten, und ein
+gewisser transzendentaler Schein ihnen da eine Wirklichkeit vorgemalt
+habe, wo keine anzutreffen ist.
+
+Diesen Weg der Beilegung eines nicht abzuurteilenden Streits wollen
+wir jetzt einschlagen.
+
+ * *
+ *
+
+Der eleatische Zeno, ein subtiler Dialektiker, ist schon vom Plato als
+ein mutwilliger Sophist darüber sehr getadelt worden, daß er, um seine
+Kunst zu zeigen, einerlei Satz durch scheinbare Argumente zu beweisen
+und bald darauf durch andere ebenso starke wieder umzustürzen suchte.
+Er behauptete, Gott (vermutlich war es bei ihm nichts als die Welt)
+sei weder endlich, noch unendlich, er sei weder in Bewegung, noch
+in Ruhe, sei keinem anderen Dinge weder ähnlich, noch unähnlich. Es
+schien denen, die ihn hierüber beurteilten, er habe zwei einander
+widersprechende Sätze gänzlich ableugnen wollen, welches ungereimt
+ist. Allein ich finde nicht, daß ihm dieses mit Recht zur Last
+gelegt werden könne. Den ersteren dieser Sätze werde ich bald näher
+beleuchten. Was die übrigen betrifft, wenn er unter dem Worte: Gott,
+das Universum verstand, so mußte er allerdings sagen: daß dieses weder
+in seinem Orte beharrlich gegenwärtig (in Ruhe) sei, noch denselben
+verändere (sich bewege), weil alle Örter nur im Univers, dieses selbst
+also in keinem Orte ist. Wenn das Weltall alles, was existiert, in
+sich faßt, so ist es auch sofern keinem anderen Dinge, weder ähnlich
+noch unähnlich, weil es außer ihm kein anderes Ding gibt, mit dem es
+könnte verglichen werden. Wenn zwei einander entgegengesetzte Urteile
+eine unstatthafte Bedingung voraussetzen, so fallen sie, unerachtet
+ihres Widerstreits (der gleichwohl kein eigentlicher Widerspruch ist),
+alle beide weg, weil die Bedingung wegfällt, unter der allein jeder
+dieser Sätze gelten sollte.
+
+Wenn jemand sagte, ein jeder Körper riecht entweder gut, oder er
+riecht nicht gut, so findet ein Drittes statt, nämlich, daß er gar
+nicht rieche, (ausdufte) und so können beide widerstreitenden Sätze
+falsch sein. Sage ich, er ist entweder wohlriechend, oder er ist
+nicht wohlriechend: (vel suaveolens vel non suaveolens) so sind beide
+Urteile einander kontradiktorisch entgegengesetzt und nur der erste
+ist falsch, sein kontradiktorisches Gegenteil aber, nämlich einige
+Körper sind nicht wohlriechend, befaßt auch die Körper in sich, die
+gar nicht riechen. In der vorigen Entgegenstellung (per disparata)
+blieb die zufällige Bedingung des Begriffs der Körper (der Geruch)
+noch bei dem widerstreitenden Urteile, und wurde durch dieses
+also nicht mit aufgehoben, daher war das letztere nicht das
+kontradiktorische Gegenteil des ersteren.
+
+Sage ich demnach: die Welt ist dem Raume nach entweder unendlich, oder
+sie ist nicht unendlich (non est infinitus), so muß, wenn der erstere
+Satz falsch ist, sein kontradiktorisches Gegenteil: die Welt ist nicht
+unendlich, wahr sein. Dadurch würde ich nur eine unendliche Welt
+aufheben, ohne eine andere, nämlich die endliche, zu setzen. Hieße es
+aber: die Welt ist entweder unendlich, oder endlich (nichtunendlich,)
+so könnten beide falsch sein. Denn ich sehe alsdann die Welt, als an
+sich selbst, ihrer Größe nach bestimmt an, indem ich in dem Gegensatz
+nicht bloß die Unendlichkeit aufhebe, und, mit ihr, vielleicht ihre
+ganze abgesonderte Existenz, sondern eine Bestimmung zur Welt, als
+einem an sich selbst wirklichen Dinge, hinzusetzen welches ebensowohl
+falsch sein kann, wenn nämlich die Welt gar nicht als ein Ding an
+sich, mithin auch nicht ihrer Größe nach, weder als unendlich, noch
+als endlich gegeben sein sollte. Man erlaube mir, daß ich dergleichen
+Entgegensetzung die dialektische, die des Widerspruchs aber die
+analytische Opposition nennen darf. Also können von zwei dialektisch
+einander entgegengesetzten Urteilen alle beide falsch sein, darum,
+weil eines dem anderen nicht bloß widerspricht, sondern etwas mehr
+sagt, als zum Widerspruche erforderlich ist.
+
+Wenn man die zwei Sätze: die Welt ist der Größe nach unendlich, die
+Welt ist ihrer Größe nach endlich, als einander kontradiktorisch
+entgegengesetzte ansieht, so nimmt man an, daß die Welt (die ganze
+Reihe der Erscheinungen) ein Ding an sich selbst sei. Denn sie bleibt,
+ich mag den unendlichen oder endlichen Regressus in der Reihe ihrer
+Erscheinungen aufheben. Nehme ich aber diese Voraussetzung, oder
+diesen transzendentalen Schein weg, und leugne, daß sie ein Ding an
+sich selbst sei, so verwandelt sich der kontradiktorische Widerstreit
+beider Behauptungen in einen bloß dialektischen, und die Welt, weil
+sie gar nicht an sich (unabhängig von der regressiven Reihe meiner
+Vorstellungen) existiert, so existiert sie weder als ein an sich
+unendliches, noch als ein an sich endliches Ganze. Sie ist nur im
+empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen und für sich selbst
+gar nicht anzutreffen. Daher, wenn diese jederzeit bedingt ist, so
+ist sie niemals ganz gegeben, und die Welt ist also kein unbedingtes
+Ganze, existiert also auch nicht als ein solches, weder mit
+unendlicher, noch endlicher Größe.
+
+Was hier von der ersten kosmologischen Idee, nämlich der absoluten
+Totalität der Größe in der Erscheinung gesagt worden, gilt auch von
+allen übrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven
+Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung, als einem
+eigenen, vor allem Regressus gegebenen Dinge, anzutreffen. Daher
+werde ich auch sagen müssen: die Menge der Teile in einer gegebenen
+Erscheinung ist an sich weder endlich, noch unendlich, weil
+Erscheinung nichts an sich selbst Existierendes ist, und die Teile
+allererst durch den Regressus der dekomponierenden Synthesis, und in
+demselben, gegeben werden, welcher Regressus niemals schlechthin ganz,
+weder als endlich, noch als unendlich gegeben ist. Eben das gilt von
+der Reihe der übereinander geordneten Ursachen, oder der bedingten bis
+zur unbedingt notwendigen Existenz, welche niemals weder an sich ihrer
+Totalität nach als endlich, noch als unendlich angesehen werden kann,
+weil sie als Reihe subordinierter Vorstellungen nur im dynamischen
+Regressus besteht, vor demselben aber, und als für sich bestehende
+Reihe von Dingen, an sich selbst gar nicht existieren kann.
+
+So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren
+kosmologischen Ideen gehoben, dadurch, daß gezeigt wird, sie sei bloß
+dialektisch und ein Widerstreit eines Scheins, der daher entspringt,
+daß man die Idee der absoluten Totalität, welche nur als eine
+Bedingung der Dinge an sich selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt
+hat, die nur in der Vorstellung, und, wenn sie eine Reihe ausmachen,
+im sukzessiven Regressus, sonst aber gar nicht existieren. Man kann
+aber auch umgekehrt aus dieser Antinomie einen wahren, zwar nicht
+dogmatischen, aber doch so kritischen und doktrinalen Nutzen ziehen:
+nämlich die transzendentale Idealität der Erscheinungen dadurch
+indirekt zu beweisen, wenn jemand etwa an dem direkten Beweise in
+der transzendentalen Ästhetik nicht genug hätte. Der Beweis würde
+in diesem Dilemma bestehen. Wenn die Welt ein an sich existierendes
+Ganzes ist: so ist sie entweder endlich, oder unendlich. Nun ist
+das erstere sowohl als das zweite falsch (laut den oben angeführten
+Beweisen der Antithesis, einer-, und der Thesis andererseits). Also
+ist es auch falsch, daß die Welt (der Inbegriff aller Erscheinungen)
+ein an sich existierendes Ganzes sei. Woraus denn folgt, daß
+Erscheinungen überhaupt außer unseren Vorstellungen nichts sind,
+welches wir eben durch die transzendentale Idealität derselben sagen
+wollten.
+
+Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, daß die obigen
+Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke, sondern gründlich
+waren, unter der Voraussetzung nämlich, daß Erscheinungen oder eine
+Sinnenwelt, die sie insgesamt in sich begreift, Dinge an sich selbst
+wären. Der Widerstreit der daraus gezogenen Sätze entdeckt aber, daß
+in der Voraussetzung eine Falschheit liege, und bringt uns dadurch zu
+einer Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge, als Gegenstände
+der Sinne. Die transzendentale Dialektik tut also keineswegs dem
+Skeptizism einigen Vorschub, wohl aber der skeptischen Methode, welche
+an ihr ein Beispiel ihres großen Nutzens aufweisen kann, wenn man
+die Argumente der Vernunft in ihrer größten Freiheit gegeneinander
+auftreten läßt, die, ob sie gleich zuletzt nicht dasjenige, was man
+suchte, dennoch jederzeit etwas Nützliches und zur Berichtigung
+unserer Urteile Dienliches, liefern werden.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Achter Abschnitt
+Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in Ansehung der kosmologischen
+Ideen
+
+Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maximum der
+Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt, als einem Dinge an sich
+selbst, gegeben wird, sondern bloß im Regressus derselben aufgegeben
+werden kann, so behält der gedachte Grundsatz der reinen Vernunft,
+in seiner dergestalt berichtigten Bedeutung, annoch seine gute
+Gültigkeit, zwar nicht als Axiom, die Totalität im Objekt als wirklich
+zu denken, sondern als ein Problem für den Verstand, also für das
+Subjekt, um, der Vollständigkeit in der Idee gemäß, den Regressus in
+der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten anzustellen
+und fortzusetzen. Denn in der Sinnlichkeit, d.i. im Raume und der
+Zeit, ist jede Bedingung, zu der wir in der Exposition gegebener
+Erscheinungen gelangen können, wiederum bedingt; weil diese
+keine Gegenstände an sich selbst sind, an denen allenfalls das
+Schlechthinunbedingte stattfinden könnte, sondern bloß empirische
+Vorstellungen, die jederzeit in der Anschauung ihre Bedingung finden
+müssen, welche sie dem Raume oder der Zeit nach bestimmt. Der
+Grundsatz der Vernunft also ist eigentlich nur eine Regel, welche in
+der Reihe der Bedingungen gegebener Erscheinungen einen Regressus
+gebietet, dem es niemals erlaubt ist, bei einem Schlechthinunbedingten
+stehen zu bleiben. Er ist also kein Prinzipium der Möglichkeit der
+Erfahrung und der empirischen Erkenntnis der Gegenstände der Sinne,
+mithin kein Grundsatz des Verstandes; denn jede Erfahrung ist in ihren
+Grenzen (der gegebenen Anschauung gemäß) eingeschlossen, auch kein
+konstitutives Prinzip der Vernunft, den Begriff der Sinnenwelt über
+alle mögliche Erfahrung zu erweitern, sondern ein Grundsatz der
+größtmöglichen Fortsetzung und Erweiterung der Erfahrung, nach welchem
+keine empirische Grenze für absolute Grenze gelten muß, also ein
+Prinzipium der Vernunft, welches, als Regel, postuliert, was von uns
+im Regressus geschehen soll, und nicht antizipiert, was im Objekte
+vor allem Regressus an sich gegeben ist. Daher nenne ich es ein
+regulatives Prinzip der Vernunft, da hingegen der Grundsatz der
+absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen, als im Objekte
+(den Erscheinungen) an sich selbst gegeben, ein konstitutives
+kosmologisches Prinzip sein würde, dessen Nichtigkeit ich eben durch
+diese Unterscheidung habe anzeigen und dadurch verhindern wollen, daß
+man nicht, wie sonst unvermeidlich geschieht, (durch transzendentale
+Subreption,) einer Idee, welche bloß zur Regel dient, objektive
+Realität beimesse.
+
+Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu bestimmen,
+so ist zuvörderst zu bemerken, daß sie nicht sagen könne, was das
+Objekt sei, sondern wie der empirische Regressus anzustellen sei, um
+zu dem vollständigen Begriffe des Objekts zu gelangen. Denn, fände
+das erstere statt, so würde sie ein konstitutives Prinzipium sein,
+dergleichen aus reiner Vernunft niemals möglich ist. Man kann
+also damit keineswegs die Absicht haben, zu sagen, die Reihe der
+Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten sei an sich endlich, oder
+unendlich; denn dadurch würde eine bloße Idee der absoluten Totalität,
+die lediglich in ihr selbst geschaffen ist, einen Gegenstand denken,
+der in keiner Erfahrung gegeben werden kann, indem einer Reihe von
+Erscheinungen eine von der empirischen Synthesis unabhängige objektive
+Realität erteilt würde. Die Vernunftidee wird also nur der regressiven
+Synthesis in der Reihe der Bedingungen eine Regel vorschreiben, nach
+welcher sie vom Bedingten, vermittelst aller einander untergeordneten
+Bedingungen, zum Unbedingten fortgeht, obgleich dieses niemals
+erreicht wird. Denn das Schlechthinunbedingte wird in der Erfahrung
+gar nicht angetroffen.
+
+Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, sofern
+sie niemals vollständig ist, genau zu bestimmen. Man bedient sich
+in dieser Absicht gewöhnlich zweier Ausdrücke, die darin etwas
+unterscheiden sollen, ohne daß man doch den Grund dieser
+Unterscheidung recht anzugeben weiß. Die Mathematiker sprechen
+lediglich von einem progressus in infinitum. Die Forscher der Begriffe
+(Philosophen) wollen an dessen Statt nur den Ausdruck von einem
+progressus in indefinitum gelten lassen. Ohne mich bei der Prüfung der
+Bedenklichkeit, die diesen eine solche Unterscheidung angeraten hat,
+und dem guten oder fruchtlosen Gebrauch derselben aufzuhalten, will
+ich diese Begriffe in Beziehung auf meine Absicht genau zu bestimmen
+suchen.
+
+Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie könne ins
+Unendliche verlängert werden, und hier würde die Unterscheidung des
+Unendlichen und des unbestimmbar weiten Fortgangs (progressus in
+indefinitum) eine leere Subtilität sein. Denn, obgleich, wenn es
+heißt: ziehet eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man
+hinzusetzt, in indefinitum, als wenn es heißt, in infinitum; weil das
+erstere nicht mehr bedeutet, als: verlängert sie, so weit ihr wollt,
+das zweite aber: ihr sollt niemals aufhören sie zu verlängern,
+(welches hierbei eben nicht die Absicht ist,) so ist doch, wenn nur
+vom können die Rede ist, der erstere Ausdruck ganz richtig; denn ihr
+könnt sie ins Unendliche immer größer machen. Und so verhält es sich
+auch in allen Fällen, wo man nur vom Progressus, d.i. dem Fortgange
+von der Bedingung zum Bedingten, spricht; dieser mögliche Fortgang
+geht in der Reihe der Erscheinungen ins Unendliche. Von einem
+Elternpaar könnt ihr in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende
+fortgehen und euch auch ganz wohl denken, daß sie wirklich in der Welt
+so fortgehe. Denn hier bedarf die Vernunft niemals absolute Totalität
+der Reihe, weil sie solche nicht als Bedingung und wie gegeben (datum)
+vorausgesetzt, sondern nur als was Bedingtes, das nur angeblich
+(dabile) ist, und ohne Ende hinzugesetzt wird.
+
+Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt: wie weit sich der
+Regressus, der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer
+Reihe aufsteigt, erstrecke, ob ich sagen könne: es sei ein Rückgang
+ins Unendliche, oder nur ein unbestimmbar weit (in indefinitum)
+sich erstreckender Rückgang, und ob ich also von den jetztlebenden
+Menschen, in der Reihe ihrer Voreltern, ins Unendliche aufwärts
+steigen könne, oder ob nur gesagt werden könne: daß, so weit ich auch
+zurückgegangen bin, niemals ein empirischer Grund angetroffen werde,
+die Reihe irgendwo für begrenzt zu halten, so daß ich berechtigt und
+zugleich verbunden bin, zu jedem der Urväter noch fernerhin seinen
+Vorfahren aufzusuchen, obgleich eben nicht vorauszusetzen.
+
+Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung gegeben
+worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Bedingungen
+ins Unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, von welchem
+der Regressus zur absoluten Totalität allererst fortgehen soll: so
+findet nur ein Rückgang in unbestimmte Weise (in indefinitum) statt.
+So muß von der Teilung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen Materie
+(eines Körpers) gesagt werden: sie gehe ins Unendliche. Denn diese
+Materie ist ganz, folglich mit allen ihren möglichen Teilen, in der
+empirischen Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen
+sein Teil, und die Bedingung dieses Teils der Teil vom Teile usw. ist,
+und in diesem Regressus der Dekomposition niemals ein unbedingtes
+(unteilbares) Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird,
+so ist nicht allein nirgend ein empirischer Grund, in der Teilung
+aufzuhören, sondern die ferneren Glieder der fortzusetzenden Teilung
+sind selbst vor dieser weitergehenden Teilung empirisch gegeben, d.i.
+die Teilung geht ins Unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern
+zu einem gegebenen Menschen in keiner möglichen Erfahrung, in ihrer
+absoluten Totalität, gegeben, der Regressus aber geht doch von jedem
+Gliede dieser Zeugung zu einem höheren, so, daß keine empirische
+Grenze anzutreffen ist, die ein Glied, als schlechthin unbedingt,
+darstellte. Da aber gleichwohl auch die Glieder, die hierzu die
+Bedingung abgeben könnten, nicht in der empirischen Anschauung des
+Ganzen schon vor dem Regressus liegen: so geht dieser nicht ins
+Unendliche (der Teilung des Gegebenen), sondern in unbestimmbare
+Weite, der Aufsuchung mehrerer Glieder zu den gegebenen, die wiederum
+jederzeit nur bedingt gegeben sind.
+
+In keinem von beiden Fällen, sowohl dem regressus in infinitum, als
+dem in indefinitum, wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im
+Objekt gegeben angesehen. Es sind nicht Dinge, die an sich selbst,
+sondern nur Erscheinungen, die, als Bedingungen voneinander, nur im
+Regressus selbst gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr: wie
+groß diese Reihe der Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder
+unendlich, denn sie ist nichts an sich selbst, sondern: wie wir den
+empirischen Regressus anstellen, und wie weit wir ihn fortsetzen
+sollen. Und da ist denn ein namhafter Unterschied in Ansehung der
+Regel dieses Fortschritts. Wenn das Ganze empirisch gegeben worden, so
+ist es möglich, ins Unendliche in der Reihe seiner inneren Bedingungen
+zurückzugehen. Ist jenes aber nicht gegeben, sondern soll durch
+empirischen Regressus allererst gegeben werden, so kann ich nur sagen:
+es ist ins Unendliche möglich, zu noch höheren Bedingungen der Reihe
+fortzugehen. Im ersteren Falle konnte ich sagen: es sind immer mehr
+Glieder da, und empirisch gegeben, als ich durch den Regressus (der
+Dekomposition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im Regressus
+noch immer weiter gehen, weil kein Glied als schlechthin unbedingt
+empirisch gegeben ist, und also noch immer ein höheres Glied als
+möglich und mithin die Nachfrage nach demselben als notwendig zuläßt.
+Dort war es notwendig, mehr Glieder der Reihe anzutreffen, hier aber
+ist es immer notwendig, nach mehreren zu fragen, weil keine Erfahrung
+absolut begrenzt. Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung, die euren
+empirischen Regressus schlechthin begrenzt, und dann müßt ihr euren
+Regressus nicht für vollendet halten, oder habt eine solche eure
+Reihe begrenzende Wahrnehmung, so kann diese nicht ein Teil eurer
+zurückgelegten Reihe sein, (weil das, was begrenzt, von dem, was
+dadurch begrenzt wird, unterschieden sein muß,) und ihr müßt also
+euren Regressus auch zu dieser Bedingung weiter fortsetzen, und so
+fortan.
+
+Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung in
+ihr gehöriges Licht setzen.
+
+
+
+Der Antinomie der reinen Vernunft
+Neunter Abschnitt
+Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Prinzips der Vernunft,
+in Ansehung aller kosmologischen Ideen
+
+Da es, wie wir mehrmalen gezeigt haben, keinen transzendentalen
+Gebrauch so wenig von reinen Verstandes- als Vernunftbegriffen gibt,
+da die absolute Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt
+sich lediglich auf einen transzendentalen Gebrauch der Vernunft fußt,
+welche diese unbedingte Vollständigkeit von demjenigen fordert, was
+sie als Ding an sich selbst voraussetzt; da die Sinnenwelt aber
+dergleichen nicht enthält, so kann die Rede niemals mehr von der
+absoluten Größe der Reihen in derselben sein, ob sie begrenzt, oder an
+sich unbegrenzt sein mögen, sondern nur, wie weit wir im empirischen
+Regressus, bei Zurückführung der Erfahrung auf ihre Bedingungen,
+zurückgehen sollen, um nach der Regel der Vernunft bei keiner anderen,
+als dem Gegenstande angemessenen Beantwortung der Fragen derselben
+stehenzubleiben.
+
+Es ist also nur die Gültigkeit des Vernunftprinzips, als einer Regel
+der Fortsetzung und Größe einer möglichen Erfahrung, die uns allein
+übrig bleibt, nachdem seine Ungültigkeit, als eines konstitutiven
+Grundsatzes der Erscheinungen an sich selbst, hinlänglich dargetan
+worden. Auch wird, wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen können,
+der Streit der Vernunft mit sich selbst völlig geendigt, indem
+nicht allein durch kritische Auflösung der Schein, der sie mit sich
+entzweite, aufgehoben worden, sondern an dessen Statt der Sinn, in
+welchem sie mit sich selbst zusammenstimmt und dessen Mißdeutung
+allein den Streit veranlaßte, aufgeschlossen, und ein sonst
+dialektischer Grundsatz in einen doktrinalen verwandelt wird.
+In der Tat, wenn dieser, seiner subjektiven Bedeutung nach, den
+größtmöglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung den Gegenständen
+derselben angemessen zu bestimmen, bewährt werden kann: so ist es
+gerade ebensoviel, als ob er wie ein Axiom (welches aus reiner
+Vernunft unmöglich ist) die Gegenstände an sich selbst a priori
+bestimmte; denn auch dieses könnte in Ansehung der Objekte der
+Erfahrung keinen größeren Einfluß auf die Erweiterung und Berichtigung
+unserer Erkenntnis haben, als daß es sich in dem ausgebreitetsten
+Erfahrungsgebrauche unseres Verstandes tätig bewiese.
+
+
+
+I. Auflösung der kosmologischen Idee
+von der Totalität der Zusammensetzung der Erscheinungen von einem
+Weltganzen
+
+Sowohl hier, als bei den übrigen kosmologischen Fragen, ist der Grund
+des regulativen Prinzips der Vernunft der Satz: daß im empirischen
+Regressus keine Erfahrung von einer absoluten Grenze, mithin von
+keiner Bedingung, als einer solchen, die empirisch schlechthin
+unbedingt sei, angetroffen werden könne. Der Grund davon aber ist: daß
+eine dergleichen Erfahrung eine Begrenzung der Erscheinungen durch
+Nichts, oder das Leere, darauf der fortgeführte Regressus vermittelst
+einer Wahrnehmung stoßen könnte, in sich enthalten müßte, welches
+unmöglich ist.
+
+Dieser Satz nun, der ebensoviel sagt, als: daß ich im empirischen
+Regressus jederzeit nur zu einer Bedingung gelange, die selbst
+wiederum als empirisch bedingt angesehen werden muß, enthält die Regel
+in terminis: daß, so weit ich auch damit in der aufsteigenden Reihe
+gekommen sein möge, ich jederzeit nach einem höheren Gliede der Reihe
+fragen müsse, es mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt werden,
+oder nicht.
+
+Nun ist zur Auflösung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts weiter
+nötig, als noch auszumachen: ob in dem Regressus zu der unbedingten
+Größe des Weltganzen (der Zeit und dem Raume nach) dieses niemals
+begrenzte Aufsteigen ein Rückgang ins Unendliche heißen könne, oder
+nur ein unbestimmbar fortgesetzter Regressus (in indefinitum).
+
+Die bloße allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen
+Weltzustände, imgleichen der Dinge, welche im Weltraume zugleich sind,
+ist selbst nichts anderes, als ein möglicher empirischer Regressus,
+den ich mir, obzwar noch unbestimmt, denke, und wodurch der Begriff
+einer solchen Reihe von Bedingungen zu der gegebenen Wahrnehmung
+allein entstehen kann*. Nun habe ich das Weltganze jederzeit nur im
+Begriffe, keineswegs aber (als Ganzes) in der Anschauung. Also kann
+ich nicht von seiner Größe auf die Größe des Regressus schließen,
+und diese jener gemäß bestimmen, sondern ich muß mir allererst einen
+Begriff von der Weltgröße durch die Größe des empirischen Regressus
+machen. Von diesem aber weiß ich niemals etwas mehr, als daß ich von
+jedem gegebenen Gliede der Reihe von Bedingungen immer noch zu einem
+höheren (entfernteren) Gliede empirisch fortgehen müsse. Also ist
+dadurch die Größe des Ganzen der Erscheinungen gar nicht schlechthin
+bestimmt, mithin kann man auch nicht sagen, daß dieser Regressus ins
+Unendliche gehe, weil dieses die Glieder, dahin der Regressus noch
+nicht gelangt ist, antizipieren und ihre Menge so groß vorstellen
+würde, daß keine empirische Synthesis dazu gelangen kann, folglich die
+Weltgröße vor dem Regressus (wenn gleich nur negativ) bestimmen würde,
+welches unmöglich ist. Denn diese ist mir durch keine Anschauung
+(ihrer Totalität nach) mithin auch ihre Größe vor dem Regressus gar
+nicht gegeben. Demnach können wir von der Weltgröße an sich gar nichts
+sagen, auch nicht einmal, daß in ihr ein regressus in infinitum
+stattfinde, sondern müssen nur nach der Regel, die den empirischen
+Regressus in ihr bestimmt, den Begriff von ihrer Größe suchen. Diese
+Regel aber sagt nichts mehr, als daß, so weit wir auch in der Reihe
+der empirischen Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgend eine
+absolute Grenze annehmen sollen, sondern jede Erscheinung, als
+bedingt, einer anderen, als ihrer Bedingung, unterordnen, zu dieser
+also ferner fortschreiten müssen, welches der regressus in indefinitum
+ist, der, weil er keine Größe im Objekt bestimmt, von dem in infinitum
+deutlich genug zu unterscheiden ist.
+
+* Diese Weltreihe kann also auch weder größer, noch kleiner sein,
+ als der mögliche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff
+ beruht. Und da dieser kein bestimmtes Unendliche, ebensowenig aber
+ auch ein bestimmtendliches (schlechthin Begrenztes) geben kann:
+ so ist daraus klar, daß wir die Weltgröße weder als endlich,
+ noch unendlich annehmen können, weil der Regressus (dadurch jene
+ vorgestellt wird) keines von beiden zuläßt.
+
+Ich kann demnach nicht sagen: die Welt ist der vergangenen Zeit, oder
+dem Raume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Größe, als
+einer gegebenen Unendlichkeit, ist empirisch, mithin auch in Ansehung
+der Welt, als eines Gegenstandes der Sinne, schlechterdings unmöglich.
+Ich werde auch nicht sagen: der Regressus von einer gegebenen
+Wahrnehmung an, zu allen dem, was diese im Raume sowohl, als der
+vergangenen Zeit, in einer Reihe begrenzt, geht ins Unendliche; denn
+dieses setzt die unendliche Weltgröße voraus; auch nicht: sie ist
+endlich; denn die absolute Grenze ist gleichfalls empirisch unmöglich.
+Demnach werde ich nichts von dem ganzen Gegenstande der Erfahrung (der
+Sinnenwelt), sondern nur von der Regel, nach welcher Erfahrung ihrem
+Gegenstande angemessen, angestellt und fortgesetzt werden soll, sagen
+können.
+
+Auf die kosmologische Frage also, wegen der Weltgröße, ist die erste
+und negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und
+keine äußerste Grenze dem Raume nach.
+
+Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer-,
+und durch den leeren Raum andererseits begrenzt sein. Da sie nun,
+als Erscheinung, keines von beiden an sich selbst sein kann, denn
+Erscheinung ist kein Ding an sich selbst, so müßte eine Wahrnehmung
+der Begrenzung durch schlechthin leere Zeit, oder leeren Raum, möglich
+sein, durch welche diese Weltenden in einer möglichen Erfahrung
+gegeben wären. Eine solche Erfahrung aber, als völlig leer an Inhalt,
+ist unmöglich. Also ist eine absolute Weltgrenze empirisch, mithin
+auch schlechterdings unmöglich*.
+
+* Man wird bemerken: daß der Beweis hier auf ganz andere Art geführt
+ worden, als der dogmatische, oben in der Antithesis der ersten
+ Antinomie. Daselbst hatten wir die Sinnenwelt, nach der gemeinen und
+ dogmatischen Vorstellungsart, für ein Ding, was an sich selbst, vor
+ allem Regressus, seiner Totalität nach gegeben war, gelten lassen,
+ und hatten ihr, wenn sie nicht alle Zeit und alle Räume einnähme,
+ überhaupt irgendeine bestimmte Stelle in beiden abgesprochen. Daher
+ war die Folgerung auch anders, als hier, nämlich es wurde auf die
+ wirkliche Unendlichkeit derselben geschlossen.
+
+Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus in
+der Reihe der Welterscheinungen, als eine Bestimmung der Weltgröße,
+geht in indefinitum, welches ebenso viel sagt, als: die Sinnenwelt hat
+keine absolute Größe, sondern der empirische Regressus (wodurch sie
+auf der Seite ihrer Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine
+Regel, nämlich von einem jeden Gliede der Reihe, als einem Bedingten,
+jederzeit zu einem noch entfernteren (es sei durch eigene Erfahrung,
+oder den Leitfaden der Geschichte, oder die Kette der Wirkungen
+und ihrer Ursachen,) fortzuschreiten, und sich der Erweiterung
+des möglichen empirischen Gebrauchs seines Verstandes nirgend zu
+überheben, welches denn auch das eigentliche und einzige Geschäft der
+Vernunft bei ihren Prinzipien ist.
+
+Ein bestimmter empirischer Regressus, der in einer gewissen Art
+von Erscheinungen ohne Aufhören fortginge, wird hierdurch nicht
+vorgeschrieben, z.B. daß man von einem lebenden Menschen immer in
+einer Reihe von Voreltern aufwärts steigen müsse, ohne ein erstes Paar
+zu erwarten, oder in der Reihe der Weltkörper, ohne eine äußerste
+Sonne zuzulassen; sondern es wird nur der Fortschritt von
+Erscheinungen zu Erscheinungen geboten, sollten diese auch keine
+wirkliche Wahrnehmung (wenn sie dem Grade nach für unser Bewußtsein zu
+schwach ist, um Erfahrung zu werden) abgeben, weil sie dem ungeachtet
+doch zur möglichen Erfahrung gehören.
+
+Aller Anfang ist in der Zeit, und alle Grenze des Ausgedehnten im
+Raume. Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt. Mithin sind nur
+Erscheinungen in der Welt bedingterweise, die Welt aber selbst weder
+bedingt, noch auf unbedingte Art begrenzt.
+
+Eben um deswillen, und da die Welt niemals ganz, und selbst die Reihe
+der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht, als Weltreihe,
+ganz gegeben werden kann, ist der Begriff von der Weltgröße nur
+durch den Regressus, und nicht vor demselben in einer kollektiven
+Anschauung, gegeben. Jener besteht aber immer nur im Bestimmen der
+Größe, und gibt also keinen bestimmten Begriff, als auch keinen
+Begriff von einer Größe, die in Ansehung eines gewissen Maßes
+unendlich wäre, geht also nicht ins Unendliche (gleichsam gegebene),
+sondern in unbestimmte Weite, um eine Größe (der Erfahrung) zu geben,
+die allererst durch diesen Regressus wirklich wird.
+
+
+
+II. Auflösung der kosmologischen Idee
+von der Totalität der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Anschauung
+
+Wenn ich ein Ganzes, das in der Anschauung gegeben ist, teile, so gehe
+ich von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit. Die
+Teilung der Teile (subdivisio oder decompositio) ist ein Regressus
+in der Reihe dieser Bedingungen. Die absolute Totalität dieser Reihe
+würde nur alsdann gegeben sein, wenn der Regressus bis zu einfachen
+Teilen gelangen könnte. Sind aber alle Teile in einer kontinuierlich
+fortgehenden Dekomposition immer wiederum teilbar, so geht die
+Teilung, d.i. der Regressus, von dem Bedingten zu seinen Bedingungen
+in infinitum; weil die Bedingungen (die Teile) in dem Bedingten selbst
+enthalten sind, und, da dieses in einer zwischen seinen Grenzen
+eingeschlossenen Anschauung ganz gegeben ist, insgesamt auch mit
+gegeben sind. Der Regressus darf also nicht bloß ein Rückgang in
+indefinitum genannt werden, wie es die vorige kosmologische Idee
+allein erlaubte, da ich vom Bedingten zu seinen Bedingungen, die,
+außer demselben, mithin nicht dadurch zugleich mit so gegeben waren,
+sondern die im empirischen Regressus allererst hinzukamen, fortgehen
+sollte. Diesem ungeachtet ist es doch keineswegs erlaubt, von einem
+solchen Ganzen, das ins Unendliche teilbar ist, zu sagen: es bestehe
+aus unendlich viel Teilen. Denn obgleich alle Teile in der Anschauung
+des Ganzen enthalten sind, so ist doch darin nicht die ganze Teilung
+enthalten, welche nur in der fortgehenden Dekomposition, oder dem
+Regressus selbst besteht, der die Reihe allererst wirklich macht. Da
+dieser Regressus nun unendlich ist, so sind zwar alle Glieder (Teile),
+zu denen er gelangt, in dem gegebenen Ganzen als Aggregate enthalten,
+aber nicht die ganze Reihe der Teilung, welche sukzessivunendlich
+und niemals ganz ist, folglich keine unendliche Menge, und keine
+Zusammennehmung derselben in einem Ganzen darstellen kann.
+
+Diese allgemeine Erinnerung läßt sich zuerst sehr leicht auf den
+Raum anwenden. Ein jeder in seinen Grenzen angeschauter Raum ist ein
+solches Ganzes, dessen Teile bei aller Dekomposition immer wiederum
+Räume sind, und ist daher ins Unendliche teilbar.
+
+Hieraus folgt auch ganz natürlich die weite Anwendung, auf eine
+in ihren Grenzen eingeschlossene äußere Erscheinung (Körper). Die
+Teilbarkeit desselben gründet sich auf die Teilbarkeit des Raumes, der
+die Möglichkeit des Körpers, als eines ausgedehnten Ganzen, ausmacht.
+Dieser ist also ins Unendliche teilbar, ohne doch darum aus unendlich
+viel Teilen zu bestehen.
+
+Es scheint zwar: daß, da ein Körper als Substanz im Raume vorgestellt
+werden muß, er, was das Gesetz der Teilbarkeit des Raumes betrifft,
+hierin von diesem unterschieden sein werde: denn man kann es
+allenfalls wohl zugeben: daß die Dekomposition im letzteren niemals
+alle Zusammensetzung wegschaffen könne, indem alsdann sogar aller
+Raum, der sonst nichts Selbstständiges hat, aufhören würde (welches
+unmöglich ist); allein daß, wenn alle Zusammensetzung der Materie in
+Gedanken aufgehoben würde, gar nichts übrigbleiben solle, scheint
+sich nicht mit dem Begriffe einer Substanz vereinigen zu lassen, die
+eigentlich das Subjekt aller Zusammensetzung sein sollte, und in ihren
+Elementen übrigbleiben müßte, wenngleich die Verknüpfung derselben im
+Raume, dadurch sie einen Körper ausmachen, aufgehoben wäre. Allein mit
+dem, was in der Erscheinung Substanz heißt, ist es nicht so bewandt,
+als man es wohl von einem Dinge an sich selbst durch reinen
+Verstandesbegriff denken würde. Jenes ist nicht absolutes Subjekt,
+sondern beharrliches Bild der Sinnlichkeit und nichts als Anschauung,
+in der überall nichts Unbedingtes angetroffen wird.
+
+Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins Unendliche bei der
+Subdivision einer Erscheinung, als einer bloßen Erfüllung des Raumes,
+ohne allen Zweifel stattfindet: so kann sie doch nicht gelten, wenn
+wir sie auch auf die Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen
+Ganzen schon abgesonderten Teile, dadurch diese ein quantum discretum
+ausmachen, erstrecken wollen. Annehmen, daß in jedem gegliederten
+(organisierten) Ganzen ein jeder Teil wiederum gegliedert sei, und daß
+man auf solche Art, bei Zerlegung der Teile ins Unendliche, immer neue
+Kunstteile antreffe, mit einem Worte, daß das Ganze ins Unendliche
+gegliedert sei, will sich gar nicht denken lassen, obzwar wohl,
+daß die Teile der Materie, bei ihrer Dekomposition ins Unendliche,
+gegliedert werden könnten. Denn die Unendlichkeit der Teilung einer
+gegebenen Erscheinung im Raume gründet sich allein darauf, daß durch
+diese bloß die Teilbarkeit, d.i. eine an sich schlechthin unbestimmte
+Menge von Teilen gegeben ist, die Teile selbst aber nur durch die
+Subdivision gegeben und bestimmt werden, kurz, daß das Ganze nicht
+an sich selbst schon eingeteilt ist. Daher die Teilung eine Menge in
+demselben bestimmen kann, die so weit geht, als man im Regressus der
+Teilung fortschreiten will. Dagegen wird bei einem ins Unendliche
+gegliederten organischen Körper das Ganze eben durch diesen Begriff
+schon als eingeteilt vorgestellt, und eine an sich selbst bestimmte,
+aber unendliche Menge der Teile, vor allem Regressus der Teilung, in
+ihm angetroffen, wodurch man sich selbst widerspricht; indem diese
+unendliche Entwicklung als eine niemals zu vollendende Reihe
+(unendlich), und gleichwohl doch in einer Zusammennehmung als
+vollendet, angesehen wird. Die unendliche Teilung bezeichnet nur die
+Erscheinung als quantum continuum und ist von der Erfüllung des Raumes
+unzertrennlich; weil eben in derselben der Grund der unendlichen
+Teilbarkeit liegt. Sobald aber etwas als quantum discretum angenommen
+wird: so ist die Menge der Einheiten darin bestimmt; daher auch
+jederzeit einer Zahl gleich. Wie weit also die Organisierung in einem
+gegliederten Körper gehen möge, kann nur die Erfahrung ausmachen, und
+wenn sie gleich mit Gewißheit zu keinem unorganischen Teile gelangte,
+so müssen solche doch wenigstens in der möglichen Erfahrung liegen.
+Aber wie weit sich die transzendentale Teilung einer Erscheinung
+überhaupt erstrecke, ist gar keine Sache der Erfahrung, sondern
+ein Prinzipium der Vernunft, den empirischen Regressus, in der
+Dekomposition des Ausgedehnten, der Natur dieser Erscheinung gemäß,
+niemals für schlechthin vollendet zu halten.
+
+
+
+Schlußanmerkung
+zur Auflösung der mathematisch-transzendentalen, und Vorerinnerung zur
+Auflösung der dynamisch-transzendentalen Ideen
+
+Als wir die Antinomie der reinen Vernunft durch alle transzendentalen
+Ideen in einer Tafel vorstellten, da wir den Grund dieses Widerstreits
+und das einzige Mittel, ihn zu heben, anzeigten, welches darin
+bestand, daß beide entgegengesetzte Behauptungen für falsch erklärt
+wurden: so haben wir allenthalben die Bedingungen, als zu ihrem
+Bedingten nach Verhältnissen des Raumes und der Zeit gehörig,
+vorgestellt, welches die gewöhnliche Voraussetzung des gemeinen
+Menschenverstandes ist, worauf denn auch jener Widerstreit gänzlich
+beruhte. In dieser Rücksicht waren auch alle dialektischen
+Vorstellungen der Totalität, in der Reihe der Bedingungen zu einem
+gegebenen Bedingten, durch und durch von gleicher Art. Es war immer
+eine Reihe, in welcher die Bedingung mit dem Bedingten, als Glieder
+derselben, verknüpft und dadurch gleichartig waren, da denn der
+Regressus niemals vollendet gedacht, oder, wenn dieses geschehen
+sollte, ein an sich bedingtes Glied fälschlich als ein erstes, mithin
+als unbedingt angenommen werden müßte. Es würde also zwar nicht
+allerwärts das Objekt, d.i. das Bedingte, aber doch die Reihe der
+Bedingungen zu demselben, bloß ihrer Größe nach erwogen, und da
+bestand die Schwierigkeit, die durch keinen Vergleich, sondern durch
+gänzliche Abschneidung des Knotens allein gehoben werden konnte,
+darin, daß die Vernunft es dem Verstande entweder zu lang oder zu kurz
+machte, so, daß dieser ihrer Idee niemals gleich kommen konnte.
+
+Wir haben aber hierbei einen wesentlichen Unterschied übersehen, der
+unter den Objekten d.i. den Verstandesbegriffen herrscht, welche die
+Vernunft zu Ideen zu erheben trachtet, da nämlich, nach unserer obigen
+Tafel der Kategorien, zwei derselben mathematische, die zwei übrigen
+aber eine dynamische Synthesis der Erscheinungen bedeuten. Bis hierher
+konnte dieses auch gar wohl geschehen, indem, so wie wir in der
+allgemeinen Vorstellung aller transzendentalen Ideen immer nur unter
+Bedingungen in der Erscheinung blieben, eben so auch in den zwei
+mathematischtranszendentalen keinen anderen Gegenstand, als den in der
+Erscheinung hatten. Jetzt aber, da wir zu dynamischen Begriffen des
+Verstandes, sofern sie der Vernunftidee anpassen sollen, fortgehen,
+wird jene Unterscheidung wichtig, und eröffnet uns eine ganz neue
+Aussicht in Ansehung des Streithandels, darin die Vernunft verflochten
+ist, und welcher, da er vorher, als auf beiderseitige falsche
+Voraussetzungen gebaut, abgewiesen worden, jetzt, da vielleicht in
+der dynamischen Antinomie eine solche Voraussetzung stattfindet, die
+mit der Prätension der Vernunft zusammen bestehen kann, aus diesem
+Gesichtspunkte, und, da der Richter den Mangel der Rechtsgründe, die
+man beiderseits verkannt hatte, ergänzt, zu beider Teile Genugtuung
+verglichen werden kann, welches sich bei dem Streite in der
+mathematischen Antinomie nicht tun ließ.
+
+Die Reihen der Bedingungen sind freilich insofern alle gleichartig,
+als man lediglich auf die Erstreckung derselben sieht: ob sie der Idee
+angemessen sind, oder ob diese für jene zu groß, oder zu klein seien.
+Allein der Verstandesbegriff, der diesen Ideen zum Grunde liegt,
+enthält entweder lediglich eine Synthesis des Gleichartigen, (welches
+bei jeder Größe, in der Zusammensetzung sowohl als Teilung derselben,
+vorausgesetzt wird,) oder auch des Ungleichartigen, welches in der
+dynamischen Synthesis, der Kausalverbindung sowohl, als der des
+Notwendigen mit dem Zufälligen, wenigstens zugelassen werden kann.
+
+Daher kommt es, daß in der mathematischen Verknüpfung der Reihen der
+Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hineinkommen kann,
+d.i. eine solche, die selbst ein Teil der Reihe ist; da hingegen die
+dynamische Reihe sinnlicher Bedingungen doch noch eine ungleichartige
+Bedingung zuläßt, die nicht ein Teil der Reihe, sondern, als bloß
+intelligibel, außer der Reihe liegt, wodurch denn der Vernunft ein
+Genüge getan und das Unbedingte den Erscheinungen vorgesetzt wird,
+ohne die Reihe der letzteren, als jederzeit bedingt, dadurch zu
+verwirren und, den Verstandesgrundsätzen zuwider, abzubrechen.
+
+Dadurch nun, daß die dynamischen Ideen eine Bedingung der
+Erscheinungen außer der Reihe derselben, d.i. eine solche, die selbst
+nicht Erscheinung ist, zulassen, geschieht etwas, was von dem Erfolg
+der Antinomie gänzlich unterschieden ist. Diese nämlich verursachte,
+daß beide dialektischen Gegenbehauptungen für falsch erklärt werden
+mußten. Dagegen das Durchgängigbedingte der dynamischen Reihen,
+welches von ihnen als Erscheinungen unzertrennlich ist, mit der zwar
+empirischunbedingten, aber auch nichtsinnlichen Bedingung verknüpft,
+dem Verstande einerseits und der Vernunft andererseits* Genüge
+leisten, und, indem die dialektischen Argumente, welche unbedingte
+Totalität in bloßen Erscheinungen auf eine oder andere Art suchten,
+wegfallen, dagegen die Vernunftsätze, in der auf solche Weise
+berichtigten Bedeutung, alle beide wahr sein können; welches bei
+den kosmologischen Ideen, die bloß mathematischunbedingte Einheit
+betreffen, niemals stattfinden kann, weil bei ihnen keine Bedingung
+der Reihe der Erscheinungen angetroffen wird, als die auch selbst
+Erscheinung ist und als solche mit ein Glied der Reihe ausmacht.
+
+* Denn der Verstand erlaubt unter Erscheinungen keine Bedingung, die
+ selbst empirisch unbedingt wäre. Ließe sich aber eine intelligible
+ Bedingung, die also nicht in die Reihe der Erscheinungen, als
+ ein Glied, mit gehörte, zu einem Bedingten (in der Erscheinung)
+ gedenken, ohne doch dadurch die Reihe empirischer Bedingungen im
+ mindesten zu unterbrechen: so könnte eine solche als empirisch
+ unbedingt zugelassen werden, so daß dadurch dem empirischen
+ kontinuierlichen Regressus nirgend Abbruch geschähe.
+
+
+
+III. Auflösung der kosmologischen Ideen
+von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten aus ihren
+Ursachen
+
+Man kann sich nur zweierlei Kausalität in Ansehung dessen, was
+geschieht, denken, entweder nach der Natur, oder aus Freiheit. Die
+erste ist die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der
+Sinnenwelt, worauf jener nach einer Regel folgt. Da nun die Kausalität
+der Erscheinungen auf Zeitbedingungen beruht, und der vorige Zustand,
+wenn er jederzeit gewesen wäre, auch keine Wirkung, die allererst in
+der Zeit entspringt, hervorgebracht hätte: so ist die Kausalität der
+Ursache dessen, was geschieht, oder entsteht, auch entstanden, und
+bedarf nach dem Verstandesgrundsatze selbst wiederum eine Ursache.
+
+Dagegen verstehe ich unter Freiheit, im kosmologischen Verstande, das
+Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Kausalität also
+nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache
+steht, welche sie der Zeit nach bestimmte. Die Freiheit ist in dieser
+Bedeutung eine reine transzendentale Idee, die erstlich nichts von der
+Erfahrung Entlehntes enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner
+Erfahrung bestimmt gegeben werden kann, weil es ein allgemeines
+Gesetz, selbst der Möglichkeit aller Erfahrung, ist, daß alles, was
+geschieht, eine Ursache, mithin auch die Kausalität der Ursache, die
+selbst geschehen, oder entstanden, wiederum eine Ursache haben müsse;
+wodurch denn das ganze Feld der Erfahrung, so weit es sich erstrecken
+mag, in einen Inbegriff bloßer Natur verwandelt wird. Da aber
+auf solche Weise keine absolute Totalität der Bedingungen im
+Kausalverhältnisse herauszubekommen ist, so schafft sich die Vernunft
+die Idee von einer Spontaneität, die von selbst anheben könne zu
+handeln, ohne daß eine andere Ursache vorangeschickt werden dürfe,
+sie wiederum nach dem Gesetze der Kausalverknüpfung zur Handlung zu
+bestimmen.
+
+Es ist überaus merkwürdig, daß auf diese transzendentale Idee der
+Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und jene in
+dieser das eigentliche Moment der Schwierigkeiten ausmache, welche
+die Frage über ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben. Die Freiheit
+im praktischen Verstande ist die Unabhängigkeit der Willkür von
+der Nötigung durch Antriebe der Sinnlichkeit. Denn eine Willkür
+ist sinnlich, sofern sie pathologisch (durch Bewegursachen der
+Sinnlichkeit) affiziert ist; sie heißt tierisch (arbitrium brutum),
+wenn sie pathologisch necessitiert werden kann. Die menschliche
+Willkür ist zwar ein arbitrium sensitivum, aber nicht brutum, sondern
+liberum, weil Sinnlichkeit ihre Handlung nicht notwendig macht,
+sondern dem Menschen ein Vermögen beiwohnt, sich, unabhängig von der
+Nötigung durch sinnliche Antriebe, von selbst zu bestimmen.
+
+Man sieht leicht, daß, wenn alle Kausalität in der Sinnenwelt bloß
+Natur wäre, so würde jede Begebenheit durch eine andere in der
+Zeit nach notwendigen Gesetzen bestimmt sein, und mithin, da die
+Erscheinungen, sofern sie die Willkür bestimmen, jede Handlung als
+ihren natürlichen Erfolg notwendig machen müßten, so würde die
+Aufhebung der transzendentalen Freiheit zugleich alle praktische
+Freiheit vertilgen. Denn diese setzt voraus, daß, obgleich etwas nicht
+geschehen ist, es doch habe geschehen sollen, und seine Ursache in der
+Erscheinung also nicht so bestimmend war, daß nicht in unserer Willkür
+eine Kausalität liege, unabhängig von jenen Naturursachen und selbst
+wider ihre Gewalt und Einfluß etwas hervorzubringen, was in der
+Zeitordnung nach empirischen Gesetzen bestimmt ist, mithin eine Reihe
+von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen.
+
+Es geschieht also hier, was überhaupt indem Widerstreit einer
+sich über die Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagenden Vernunft
+angetroffen wird, daß die Aufgabe eigentlich nicht physiologisch,
+sondern transzendental ist. Daher die Frage von der Möglichkeit der
+Freiheit die Psychologie zwar anficht, aber, da sie auf dialektischen
+Argumenten der bloß reinen Vernunft beruht, samt ihrer Auflösung
+lediglich die Transzendentalphilosophie beschäftigen muß. Um nun
+diese, welche eine befriedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann,
+dazu in Stand zu setzen, muß ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser
+Aufgabe durch eine Bemerkung näher zu bestimmen suchen.
+
+Wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, mithin Raum und Zeit
+Formen des Daseins der Dinge an sich selbst: so würden die Bedingungen
+mit dem Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben
+Reihe gehören, und daraus auch in gegenwärtigem Falle die Antinomie
+entspringen, die allen transzendentalen Ideen gemein ist, daß diese
+Reihe unvermeidlich für den Verstand zu groß, oder zu klein ausfallen
+müßte. Die dynamischen Vernunftbegriffe aber, mit denen wir uns in
+dieser und der folgenden Nummer beschäftigen, haben dieses besondere:
+daß, da sie es nicht mit einem Gegenstande, als Größe betrachtet,
+sondern nur mit seinem Dasein zu tun haben, man auch von der Größe der
+Reihe der Bedingungen abstrahieren kann, und es bei ihnen bloß auf das
+dynamische Verhältnis der Bedingung zum Bedingten ankommt, so, daß
+wir in der Frage über Natur und Freiheit schon die Schwierigkeit
+antreffen, ob Freiheit überall nur möglich sei, und ob, wenn sie
+es ist, sie mit der Allgemeinheit des Naturgesetzes der Kausalität
+zusammen bestehen könne; mithin ob es ein richtigdisjunktiver Satz
+sei, daß eine jede Wirkung in der Welt entweder aus Natur, oder
+aus Freiheit entspringen müsse, oder ob nicht vielmehr beides in
+verschiedener Beziehung bei einer und derselben Begebenheit zugleich
+stattfinden könne. Die Richtigkeit jenes Grundsatzes, von dem
+durchgängigen Zusammenhange aller Begebenheiten der Sinnenwelt,
+nach unwandelbaren Naturgesetzen, steht schon als ein Grundsatz der
+transzendentalen Analytik fest und leidet keinen Abbruch. Es ist also
+nur die Frage: ob demungeachtet in Ansehung eben derselben Wirkung,
+die nach der Natur bestimmt ist, auch Freiheit stattfinden könne,
+oder diese durch jene unverletzliche Regel völlig ausgeschlossen sei.
+Und hier zeigt die zwar gemeine, aber betrügliche Voraussetzung der
+absoluten Realität der Erscheinungen, sogleich ihren nachteiligen
+Einfluß, die Vernunft zu verwirren. Denn, sind Erscheinungen Dinge
+an sich selbst, so ist Freiheit nicht zu retten. Alsdann ist Natur
+die vollständige und an sich hinreichend bestimmende Ursache jeder
+Begebenheit, und die Bedingung derselben ist jederzeit nur in der
+Reihe der Erscheinungen enthalten, die, samt ihrer Wirkung, unter
+jedem Naturgesetze notwendig sind. Wenn dagegen Erscheinungen für
+nichts mehr gelten, als sie in der Tat sind, nämlich nicht für Dinge
+an sich, sondern bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen
+zusammenhängen, so müssen sie selbst noch Gründe haben, die nicht
+Erscheinungen sind. Eine solche intelligible Ursache aber wird in
+Ansehung ihrer Kausalität nicht durch Erscheinungen bestimmt, obzwar
+ihre Wirkungen erscheinen, und so durch andere Erscheinungen bestimmt
+werden können. Sie ist also samt ihrer Kausalität außer der Reihe;
+dagegen ihre Wirkungen in der Reihe der empirischen Bedingungen
+angetroffen werden. Die Wirkung kann also in Ansehung ihrer
+intelligiblen Ursache als frei, und doch zugleich in Ansehung der
+Erscheinungen als Erfolg aus denselben nach der Notwendigkeit der
+Natur, angesehen werden; eine Unterscheidung, die, wenn sie im
+Allgemeinen und ganz abstrakt vorgetragen wird, äußerst subtil und
+dunkel erscheinen muß, die sich aber in der Anwendung aufklären
+wird. Hier habe ich nur die Anmerkung machen wollen: daß, da der
+durchgängige Zusammenhang aller Erscheinungen, in einem Kontext der
+Natur, ein unnachlaßliches Gesetz ist, dieses alle Freiheit notwendig
+umstürzen müßte, wenn man der Realität der Erscheinungen hartnäckig
+anhängen wollte. Daher auch diejenigen, welche hierin der gemeinen
+Meinung folgen, niemals dahin haben gelangen können, Natur und
+Freiheit miteinander zu vereinigen.
+
+
+
+Möglichkeit der Kausalität durch Freiheit,
+in Vereinigung mit dem allgemeinen Gesetze der Naturnotwendigkeit
+
+Ich nenne dasjenige an einem Gegenstande der Sinne, was selbst nicht
+Erscheinung ist, intelligibel. Wenn demnach dasjenige, was in der
+Sinnenwelt als Erscheinung angesehen werden muß, an sich selbst auch
+ein Vermögen hat, welches kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung
+ist, wodurch es aber doch die Ursache von Erscheinungen sein kann: so
+kann man die Kausalität dieses Wesens auf zwei Seiten betrachten, als
+intelligibel nach ihrer Handlung, als eines Dinges an sich selbst, und
+als sensibel, nach den Wirkungen derselben, als einer Erscheinung in
+der Sinnenwelt. Wir würden uns demnach von dem Vermögen eines solchen
+Subjekts einen empirischen, imgleichen auch einen intellektuellen
+Begriff seiner Kausalität machen, welche bei einer und derselben
+Wirkung zusammen stattfinden. Eine solche doppelte Seite, das Vermögen
+eines Gegenstandes der Sinne sich zu denken, widerspricht keinem von
+den Begriffen, die wir uns von Erscheinungen und von einer möglichen
+Erfahrung zu machen haben. Denn, da diesen, weil sie an sich keine
+Dinge sind, ein transzendentaler Gegenstand zum Grunde liegen muß,
+der sie als bloße Vorstellungen bestimmt, so hindert nichts, daß wir
+diesem transzendentalen Gegenstande, außer der Eigenschaft, dadurch
+er erscheint, nicht auch eine Kausalität beilegen sollten, die nicht
+Erscheinung ist, obgleich ihre Wirkung dennoch in der Erscheinung
+angetroffen wird. Es muß aber eine jede wirkende Ursache einen
+Charakter haben, d.i. ein Gesetz ihrer Kausalität, ohne welches sie
+gar nicht Ursache sein würde. Und da würden wir an einem Subjekte
+der Sinnenwelt erstlich einen empirischen Charakter haben, wodurch
+seine Handlungen, als Erscheinungen, durch und durch mit anderen
+Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange ständen,
+und von ihnen, als ihren Bedingungen, abgeleitet werden könnten,
+und also, mit diesen in Verbindung, Glieder einer einzigen Reihe
+der Naturordnung ausmachten. Zweitens würde man ihm noch einen
+intelligiblen Charakter einräumen müssen, dadurch es zwar die Ursache
+jener Handlungen als Erscheinungen ist, der aber selbst unter keinen
+Bedingungen der Sinnlichkeit steht, und selbst nicht Erscheinung ist.
+Man könnte auch den ersteren den Charakter eines solchen Dinges in
+der Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst
+nennen.
+
+Dieses handelnde Subjekt würde nun, nach seinem intelligiblen
+Charakter, unter keinen Zeitbedingungen stehen, denn die Zeit ist nur
+die Bedingung der Erscheinungen, nicht aber der Dinge an sich selbst.
+In ihm würde keine Handlung entstehen, oder vergehen, mithin würde es
+auch nicht dem Gesetze aller Zeitbestimmung, alles Veränderlichen,
+unterworfen sein: daß alles, was geschieht, in den Erscheinungen
+(des vorigen Zustandes) seine Ursache antreffe. Mit einem Worte, die
+Kausalität desselben, sofern sie intellektuell ist, stände gar nicht
+in der Reihe empirischer Bedingungen, welche die Begebenheit in der
+Sinnenwelt notwendig machen. Dieser intelligible Charakter könnte
+zwar niemals unmittelbar gekannt werden, weil wir nichts wahrnehmen
+können, als sofern es erscheint, aber er würde doch den empirischen
+Charakter gemäß gedacht werden müssen, so wie wir überhaupt einen
+transzendentalen Gegenstand den Erscheinungen in Gedanken zum Grunde
+legen müssen, ob wir zwar von ihm, was er an sich selbst sei, nichts
+wissen.
+
+Nach seinem empirischen Charakter würde also dieses Subjekt, als
+Erscheinung, allen Gesetzen der Bestimmung nach, der Kausalverbindung
+unterworfen sein, und es wäre sofern nichts, als ein Teil der
+Sinnenwelt, dessen Wirkungen, so wie jede andere Erscheinung, aus
+der Natur unausbleiblich abflossen. So wie äußere Erscheinungen in
+dasselbe einflössen, wie sein empirischer Charakter, d.i. das Gesetz
+seiner Kausalität, durch Erfahrung erkannt wäre, müßten sich alle
+seine Handlungen nach Naturgesetzen erklären lassen, und alle
+Requisite zu einer vollkommenen und notwendigen Bestimmung derselben
+müßten in einer möglichen Erfahrung angetroffen werden.
+
+Nach dem intelligiblen Charakter desselben aber (ob wir zwar davon
+nichts als bloß den allgemeinen Begriff desselben haben können) würde
+dasselbe Subjekt dennoch von allem Einflusse der Sinnlichkeit und
+Bestimmung durch Erscheinungen freigesprochen werden müssen, und, da
+in ihm, sofern es Noumenon ist, nichts geschieht, keine Veränderung,
+welche dynamische Zeitbestimmung erheischt, mithin keine Verknüpfung
+mit Erscheinungen als Ursachen angetroffen wird, so würde
+dieses tätige Wesen, so fern in seinen Handlungen von aller
+Naturnotwendigkeit, als die lediglich in der Sinnenwelt angetroffen
+wird, unabhängig und frei sein. Man würde von ihm ganz richtig sagen,
+daß es seine Wirkungen in der Sinnenwelt von selbst anfange, ohne daß
+die Handlung in ihm selbst anfängt; und dieses würde gültig sein, ohne
+daß die Wirkungen in der Sinnenwelt darum von selbst anfangen dürfen,
+weil sie in derselben jederzeit durch empirische Bedingungen in der
+vorigen Zeit, aber doch nur vermittelst des empirischen Charakters
+(der bloß die Erscheinung des intelligiblen ist), vorher bestimmt
+sein und nur als eine Fortsetzung der Reihe der Naturursachen möglich
+sind. So würde denn Freiheit und Natur, jedes in seiner vollständigen
+Bedeutung, bei eben denselben Handlungen, nachdem man sie mit ihrer
+intelligiblen oder sensiblen Ursache vergleicht, zugleich und ohne
+allen Widerstreit angetroffen werden.
+
+
+
+Erläuterung
+der kosmologischen Idee einer Freiheit in Verbindung mit der
+allgemeinen Naturnotwendigkeit
+
+Ich habe gut gefunden, zuerst den Schattenriß der Auflösung unseres
+transzendentalen Problems zu entwerfen, damit man den Gang der
+Vernunft in Auflösung desselben dadurch besser übersehen möge. Jetzt
+wollen wir die Momente ihrer Entscheidung, auf die es eigentlich
+ankommt, auseinander setzen, und jedes besonders in Erwägung ziehen.
+
+Das Naturgesetz, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, daß
+die Kausalität dieser Ursache, d.i. die Handlung, da sie in der Zeit
+vorhergeht und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst
+nicht immer gewesen sein kann, sondern geschehen sein muß, auch ihre
+Ursache unter den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird,
+und daß folglich alle Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch
+bestimmt sind; dieses Gesetz, durch welches Erscheinungen allererst
+eine Natur ausmachen und Gegenstände einer Erfahrung abgeben können,
+ist ein Verstandesgesetz, von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt
+ist abzugehen, oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen; weil
+man sie sonst außerhalb aller möglichen Erfahrung setzen, dadurch aber
+von allen Gegenständen möglicher Erfahrung unterscheiden und sie zum
+bloßen Gedankendinge und einem Hirngespinst machen würde.
+
+Ob es aber gleich hierbei lediglich nach einer Kette von Ursachen
+aussieht, die im Regressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute
+Totalität verstattet, so hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht
+auf; denn sie ist schon in der allgemeinen Beurteilung der Antinomie
+der Vernunft, wenn sie in der Reihe der Erscheinungen aufs Unbedingte
+ausgeht, gehoben worden. Wenn wir der Täuschung des transzendentalen
+Realismus nachgeben wollen: so bleibt weder Natur, noch Freiheit
+übrig. Hier ist nur die Frage: ob, wenn man in der ganzen Reihe aller
+Begebenheiten lauter Naturnotwendigkeit anerkennt, es doch möglich
+sei, eben dieselbe, die einerseits bloße Naturwirkung ist, doch
+andererseits als Wirkung aus Freiheit anzusehen, oder ob zwischen
+diesen zwei Arten von Kausalität ein gerader Widerspruch angetroffen
+werde.
+
+Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein,
+welches eine Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte. Jede
+Handlung, als Erscheinung, sofern sie eine Begebenheit hervorbringt,
+ist selbst Begebenheit, oder Ereignis, welche einen anderen Zustand
+voraussetzt, darin die Ursache angetroffen werde, und so ist alles,
+was geschieht, nur eine Fortsetzung der Reihe, und kein Anfang,
+der sich von selbst zutrüge, in derselben möglich. Also sind alle
+Handlungen der Naturursachen in der Zeitfolge selbst wiederum
+Wirkungen, die ihre Ursachen ebensowohl in der Zeitreihe voraussetzen.
+Eine ursprüngliche Handlung, wodurch etwas geschieht, was vorher
+nicht war, ist von der Kausalverknüpfung der Erscheinungen nicht zu
+erwarten.
+
+Ist es denn aber auch notwendig, daß, wenn die Wirkungen Erscheinungen
+sind, die Kausalität ihrer Ursache, die (nämlich Ursache) selbst auch
+Erscheinung ist, lediglich empirisch sein müsse? und ist es nicht
+vielmehr möglich, daß, obgleich zu jeder Wirkung in der Erscheinung
+eine Verknüpfung mit ihrer Ursache, nach Gesetzen der empirischen
+Kausalität, allerdings erfordert wird, dennoch diese empirische
+Kausalität selbst, ohne ihren Zusammenhang mit den Naturursachen im
+mindestens zu unterbrechen, doch einer Wirkung einer nichtempirischen,
+sondern intelligiblen Kausalität sein könne? d.i. einer, in Ansehung
+der Erscheinungen, ursprünglichen Handlung einer Ursache, die also
+insofern nicht Erscheinung, sondern diesem Vermögen nach intelligibel
+ist, ob sie gleich übrigens gänzlich, als ein Glied der Naturkette,
+mit zu der Sinnenwelt gezählt werden muß.
+
+Wir bedürfen des Satzes der Kausalität der Erscheinungen
+untereinander, um von Naturbegebenheiten Naturbedingungen, d.i.
+Ursachen in der Erscheinung, zu suchen und angeben zu können. Wenn
+dieses eingeräumt und durch keine Ausnahme geschwächt wird, so hat der
+Verstand, der bei seinem empirischen Gebrauche in allen Ereignissen
+nichts als Natur sieht, und dazu auch berechtigt ist, alles, was er
+fordern kann, und die physischen Erklärungen gehen ihren ungehinderten
+Gang fort. Nun tut ihm das nicht den mindesten Abbruch, gesetzt daß es
+übrigens auch bloß erdichtet sein sollte, wenn man annimmt, daß unter
+den Naturursachen es auch welche gebe, die ein Vermögen haben, welches
+nur intelligibel ist, indem die Bestimmung desselben zur Handlung
+niemals auf empirischen Bedingungen, sondern auf bloßen Gründen des
+Verstandes beruht, so doch, daß die Handlung in der Erscheinung von
+dieser Ursache allen Gesetzen der empirischen Kausalität gemäß sei.
+Denn auf diese Art würde das handelnde Subjekt, als causa phaenomenon,
+mit der Natur in unzertrennter Abhängigkeit aller ihrer Handlungen
+verkettet sein, und nur das phaenomenon, dieses Subjekts (mit aller
+Kausalität desselben in der Erscheinung) würde gewisse Bedingungen
+enthalten, die, wenn man von dem empirischen Gegenstande zu dem
+transzendentalen aufsteigen will, als bloß intelligibel müßten
+angesehen werden. Denn wenn wir nur in dem, was unter den
+Erscheinungen die Ursache sein mag, der Naturregel folgen: so können
+wir darüber unbekümmert sein, was in dem transzendentalen Subjekt,
+welches uns empirisch unbekannt ist, für ein Grund von diesen
+Erscheinungen und deren Zusammenhange gedacht werde. Dieser
+intelligible Grund ficht gar nicht die empirischen Fragen an, sondern
+betrifft etwa bloß das Denken im reinen Verstande und, obgleich die
+Wirkungen dieses Denkens und Handelns des reinen Verstandes in den
+Erscheinungen angetroffen werden, so müssen diese doch nichts desto
+minder aus ihrer Ursache in der Erscheinung nach Naturgesetzen
+vollkommen erklärt werden können, indem man den bloß empirischen
+Charakter derselben, als den obersten Erklärungsgrund, befolgt, und
+den intelligiblen Charakter, der die transzendentale Ursache von jenem
+ist, gänzlich als unbekannt vorbeigeht, außer sofern er nur durch
+den empirischen als das sinnliche Zeichen desselben angegeben wird.
+Laßt uns dieses auf Erfahrung anwenden. Der Mensch ist eine von
+den Erscheinungen der Sinnenwelt, und insofern auch eine der
+Naturursachen, deren Kausalität unter empirischen Gesetzen stehen muß.
+Als eine solche muß er demnach auch einen empirischen Charakter haben,
+so wie alle anderen Naturdinge. Wir bemerken denselben durch Kräfte
+und Vermögen, die es in seinen Wirkungen äußert. Bei der leblosen,
+oder bloß tierischbelebten Natur, finden wir keinen Grund, irgendein
+Vermögen uns anders als bloß sinnlich bedingt zu denken. Allein der
+Mensch, der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne kennt,
+erkennt sich selbst auch durch bloße Apperzeption, und zwar in
+Handlungen und inneren Bestimmungen, die er gar nicht zum Eindrucke
+der Sinne zählen kann, und ist sich selbst freilich einesteils
+Phänomen, anderenteils aber, nämlich in Ansehung gewisser Vermögen,
+ein bloß intelligibler Gegenstand, weil die Handlung desselben gar
+nicht zur Rezeptivität der Sinnlichkeit gezählt werden kann. Wir
+nennen diese Vermögen Verstand und Vernunft, vornehmlich wird
+die letztere ganz eigentlich und vorzüglicherweise von allen
+empirischbedingten Kräften unterschieden, da sie ihre Gegenstände bloß
+nach Ideen erwägt und den Verstand darnach bestimmt, der dann von
+seinen (zwar auch reinen) Begriffen einen empirischen Gebrauch macht.
+
+Daß diese Vernunft nun Kausalität habe, wenigstens wir uns eine
+dergleichen an ihr vorstellen, ist aus den Imperativen klar, welche
+wir in allem Praktischen den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben.
+Das Sollen drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit
+Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der
+Verstand kann von dieser nur erkennen, was da ist, oder gewesen ist,
+oder sein wird. Es ist unmöglich, daß etwas darin anders sein soll,
+als es in allen diesen Zeitverhältnissen in der Tat ist, ja das
+Sollen, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und
+gar keine Bedeutung. Wir können gar nicht fragen: was in der Natur
+geschehen soll; ebensowenig, als: was für Eigenschaften ein Zirkel
+haben soll, sondern, was darin geschieht, oder welche Eigenschaften
+der letztere hat.
+
+Dieses Sollen nun drückt eine mögliche Handlung aus, davon der Grund
+nichts anderes, als ein bloßer Begriff ist; da hingegen von einer
+bloßen Naturhandlung der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muß.
+Nun muß die Handlung allerdings unter Naturbedingungen möglich sein,
+wenn auf sie das Sollen gerichtet ist; aber diese Naturbedingungen
+betreffen nicht die Bestimmung der Willkür selbst, sondern nur die
+Wirkung und den Erfolg derselben in der Erscheinung. Es mögen noch so
+viel Naturgründe sein, die mich zum Wollen antreiben, noch so viel
+sinnliche Anreize, so können sie nicht das Sollen hervorbringen,
+sondern nur ein noch lange nicht notwendiges, sondern jederzeit
+bedingtes Wollen, dem dagegen das Sollen, das die Vernunft ausspricht,
+Maß und Ziel, ja Verbot und Ansehen entgegen setzt. Es mag ein
+Gegenstand der bloßen Sinnlichkeit (das Angenehme) oder auch der
+reinen Vernunft (das Gute) sein: so gibt die Vernunft nicht demjenigen
+Grunde, der empirisch gegeben ist, nach, und folgt nicht der Ordnung
+der Dinge, so wie sie sich in der Erscheinung darstellen, sondern
+macht sich mit völliger Spontaneität eine eigene Ordnung nach Ideen,
+in die sie die empirischen Bedingungen hinein paßt, und nach denen sie
+sogar Handlungen für notwendig erklärt, die doch nicht geschehen sind
+und vielleicht nicht geschehen werden, von allen aber gleichwohl
+voraussetzt, daß die Vernunft in Beziehung auf sie Kausalität haben
+könne; denn, ohne das, würde sie nicht von ihren Ideen Wirkungen in
+der Erfahrung erwarten.
+
+Nun laßt uns hierbei stehenbleiben und es wenigstens als möglich
+annehmen: die Vernunft habe wirklich Kausalität in Ansehung der
+Erscheinungen: so muß sie, so sehr sie auch Vernunft ist, dennoch
+einen empirischen Charakter von sich zeigen, weil jede Ursache eine
+Regel voraussetzt, darnach gewisse Erscheinungen als Wirkungen folgen,
+und jede Regel eine Gleichförmigkeit der Wirkungen erfordert, die den
+Begriff der Ursache (als eines Vermögens) gründet, welchen wir, sofern
+er aus bloßen Erscheinungen erhellen muß, seinen empirischen Charakter
+heißen können, der beständig ist, indessen die Wirkungen, nach
+Verschiedenheit der begleitenden und zum Teil einschränkenden
+Bedingungen, in veränderlichen Gestalten erscheinen.
+
+So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter seiner Willkür,
+welcher nichts anderes ist, als eine gewisse Kausalität seiner
+Vernunft, sofern diese an ihren Wirkungen in der Erscheinung eine
+Regel zeigt, darnach man die Vernunftgründe und die Handlungen
+derselben nach ihrer Art und ihren Graden abnehmen, und die
+subjektiven Prinzipien seiner Willkür beurteilen kann. Weil dieser
+empirische Charakter selbst aus den Erscheinungen als Wirkung und aus
+der Regel derselben, welche Erfahrung an die Hand gibt, gezogen werden
+muß: so sind alle Handlungen des Menschen in der Erscheinung aus
+seinem empirischen Charakter und den mitwirkenden anderen Ursachen
+nach der Ordnung der Natur bestimmt, und wenn wir alle Erscheinungen
+seiner Willkür bis auf den Grund erforschen könnten, so würde es
+keine einzige menschliche Handlung geben, die wir nicht mit Gewißheit
+vorhersagen und aus ihren vorhergehenden Bedingungen als notwendig
+erkennen könnten. In Ansehung dieses empirischen Charakters gibt
+es also keine Freiheit, und nach diesem können wir doch allein den
+Menschen betrachten, wenn wir lediglich beobachten, und, wie es in der
+Anthropologie geschieht, von seinen Handlungen die bewegenden Ursachen
+physiologisch erforschen wollen.
+
+Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die Vernunft
+erwägen, und zwar nicht die spekulative, um jene ihrem Ursprunge nach
+zu erklären, sondern ganz allein, sofern Vernunft die Ursache ist, sie
+selbst zu erzeugen; mit einem Worte, vergleichen wir sie mit dieser in
+praktischer Absicht, so finden wir eine ganz andere Regel und Ordnung,
+als die Naturordnung ist. Denn da sollte vielleicht alles das nicht
+geschehen sein, was doch nach dem Naturlaufe geschehen ist, und nach
+seinen empirischen Gründen unausbleiblich geschehen mußte. Bisweilen
+aber finden wir, oder glauben wenigstens zu finden, daß die Ideen der
+Vernunft wirklich Kausalität in Ansehung der Handlungen des Menschen,
+als Erscheinungen, bewiesen haben, und daß sie darum geschehen sind,
+nicht weil sie durch empirische Ursachen, nein, sondern weil sie durch
+Gründe der Vernunft bestimmt waren.
+
+Gesetzt nun, man könnte sagen: die Vernunft habe Kausalität in
+Ansehung der Erscheinung; könnte da wohl die Handlung derselben frei
+heißen, da sie im empirischen Charakter derselben (der Sinnesart) ganz
+genau bestimmt und notwendig ist? Dieser ist wiederum im intelligiblen
+Charakter (der Denkungsart) bestimmt. Die letztere kennen wir aber
+nicht, sondern bezeichnen sie durch Erscheinungen, welche eigentlich
+nur die Sinnesart (empirischen Charakter) unmittelbar zu erkennen
+geben*. Die Handlung nun, sofern sie der Denkungsart, als ihrer
+Ursache, beizumessen ist, erfolgt dennoch daraus gar nicht nach
+empirischen Gesetzen, d.i. so, daß die Bedingungen der reinen
+Vernunft, sondern nur so, daß deren Wirkungen in der Erscheinung
+des inneren Sinnes vorhergehen. Die reine Vernunft, als ein bloß
+intelligibles Vermögen, ist der Zeitform, und mithin auch den
+Bedingungen der Zeitfolge, nicht unterworfen. Die Kausalität der
+Vernunft im intelligiblen Charakter entsteht nicht, oder hebt nicht
+etwa zu einer gewissen Zeit an, um eine Wirkung hervorzubringen. Denn
+sonst würde sie selbst dem Naturgesetz der Erscheinungen, sofern
+es Kausalreihen der Zeit nach bestimmt, unterworfen sein, und die
+Kausalität wäre alsdann Natur, und nicht Freiheit. Also werden wir
+sagen können: wenn Vernunft Kausalität in Ansehung der Erscheinungen
+haben kann; so ist sie ein Vermögen, durch welches die sinnliche
+Bedingung einer empirischen Reihe von Wirkungen zuerst anfängt. Denn
+die Bedingung, die in der Vernunft liegt, ist nicht sinnlich, und
+fängt also selbst nicht an. Demnach findet alsdann dasjenige statt,
+was wir in allen empirischen Reihen vermißten: daß die Bedingung einer
+sukzessiven Reihe von Begebenheiten selbst empirischunbedingt sein
+konnte. Denn hier ist die Bedingung außer der Reihe der Erscheinungen
+(im Intelligiblen) und mithin keiner sinnlichen Bedingung und keiner
+Zeitbestimmung durch vorbeigehende Ursache unterworfen.
+
+* Die eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld)
+ bleibt uns daher, selbst die unseres eigenen Verhaltens, gänzlich
+ verborgen. Unsere Zurechnungen können nur auf den empirischen
+ Charakter bezogen werden. Wie viel aber davon reine Wirkung der
+ Freiheit, wie viel der bloßen Natur und dem unverschuldeten Fehler
+ des Temperaments, oder dessen glücklicher Beschaffenheit (merito
+ fortunae) zuzuschreiben sei, kann niemand ergründen, und daher auch
+ nicht nach völliger Gerechtigkeit richten.
+
+Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in einer anderen
+Beziehung auch zur Reihe der Erscheinungen. Der Mensch ist selbst
+Erscheinung. Seine Willkür hat einen empirischen Charakter, der die
+(empirische) Ursache aller seiner Handlungen ist. Es ist keine der
+Bedingungen, die den Menschen diesem Charakter gemäß bestimmen, welche
+nicht in der Reihe der Naturwirkungen enthalten wäre und dem Gesetze
+derselben gehorchte, nach welchem gar keine empirischunbedingte
+Kausalität von dem, was in der Zeit geschieht, angetroffen wird.
+Daher kann keine gegebene Handlung (weil sie nur als Erscheinung
+wahrgenommen werden kann) schlechthin von selbst anfangen. Aber von
+der Vernunft kann man nicht sagen, daß vor demjenigen Zustande, darin
+sie die Willkür bestimmt, ein anderer vorhergehe, darin dieser Zustand
+selbst bestimmt wird. Denn da Vernunft selbst keine Erscheinung und
+gar keinen Bedingungen der Sinnlichkeit unterworfen ist, so findet in
+ihr, selbst in Betreff ihrer Kausalität, keine Zeitfolge statt, und
+auf sie kann also das dynamische Gesetz der Natur, was die Zeitfolge
+nach Regeln bestimmt, nicht angewandt werden.
+
+Die Vernunft ist also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen
+Handlungen, unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist im
+empirischen Charakter des Menschen vorher bestimmt, ehe noch als sie
+geschieht. In Ansehung des intelligiblen Charakters, wovon jener nur
+das sinnliche Schema ist, gilt kein Vorher, oder Nachher, und jede
+Handlung, unangesehen des Zeitverhältnisses, darin sie mit anderen
+Erscheinungen steht, ist die unmittelbare Wirkung des intelligiblen
+Charakters der reinen Vernunft, welche mithin frei handelt, ohne in
+der Kette der Naturursachen, durch äußere oder innere, aber der Zeit
+nach vorhergehende Gründe, dynamisch bestimmt zu sein, und diese
+ihre Freiheit kann man nicht allein negativ als Unabhängigkeit
+von empirischen Bedingungen ansehen, (denn dadurch würde das
+Vernunftvermögen aufhören, eine Ursache der Erscheinungen zu sein,)
+sondern auch positiv durch ein Vermögen bezeichnen, eine Reihe von
+Begebenheiten von selbst anzufangen, so, daß in ihr selbst nichts
+anfängt, sondern sie, als unbedingte Bedingung jeder willkürlichen
+Handlung, über sich keine der Zeit nach vorhergehende Bedingungen
+verstattet, indessen daß doch ihre Wirkung in der Reihe der
+Erscheinungen anfängt, aber darin niemals einen schlechthin ersten
+Anfang ausmachen kann.
+
+Um das regulative Prinzip der Vernunft durch ein Beispiel aus
+dem empirischen Gebrauche desselben zu erläutern, nicht um es zu
+bestätigen (denn dergleichen Beweise sind zu transzendentalen
+Behauptungen untauglich), so nehme man eine willkürliche Handlung, z.
+E. eine boshafte Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in
+die Gesellschaft gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen
+nach, woraus sie entstanden, untersucht, und darauf beurteilt, wie sie
+samt ihren Folgen ihm zugerechnet werden können. In der ersten Absicht
+geht man seinen empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben
+durch, die man in der schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum
+Teil auch in der Bösartigkeit eines für Beschämung unempfindlichen
+Naturells, aufsucht, zum Teil auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit
+schiebt; wobei man denn die veranlassenden Gelegenheitsursachen nicht
+aus der Acht läßt. In allem diesem verfährt man, wie überhaupt in
+Untersuchung der Reihe bestimmender Ursachen zu einer gegebenen
+Naturwirkung. Ob man nun gleich die Handlung dadurch bestimmt zu sein
+glaubt: so tadelt man nichtsdestoweniger den Täter, und zwar nicht
+wegen seines unglücklichen Naturells, nicht wegen der auf ihn
+einfließenden Umstände, ja sogar nicht wegen seines vorher geführten
+Lebenswandels, denn man setzt voraus, man könne es gänzlich beiseite
+setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die verflossene Reihe von
+Bedingungen als ungeschehen, diese Tat aber als gänzlich unbedingt in
+Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der Täter damit eine
+Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe. Dieser Tadel gründet sich auf
+ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache ansieht,
+welche das Verhalten des Menschen, unangesehen aller genannten
+empirischen Bedingungen, anders habe bestimmen können und sollen.
+Und zwar sieht man die Kausalität der Vernunft nicht etwa bloß wie
+Konkurrenz, sondern an sich selbst als vollständig an, wenngleich
+die sinnlichen Triebfedern gar nicht dafür, sondern wohl gar dawider
+wären; die Handlung wird seinem intelligiblen Charakter beigemessen,
+er hat jetzt, in dem Augenblicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin
+war die Vernunft, unerachtet aller empirischen Bedingungen der Tat,
+völlig frei, und ihrer Unterlassung ist diese gänzlich beizumessen.
+
+Man sieht diesem zurechnenden Urteil es leicht an, daß man dabei
+in Gedanken habe, die Vernunft werde durch alle jene Sinnlichkeit
+gar nicht affiziert, sie verändere sich nicht (wenngleich ihre
+Erscheinungen, nämlich die Art, wie sie sich in ihren Wirkungen
+zeigt, verändern,) in ihr gehe kein Zustand vorher, der den folgenden
+bestimme, mithin sie gehöre gar nicht in die Reihe der sinnlichen
+Bedingungen, welche die Erscheinungen nach Naturgesetzen notwendig
+machen. Sie, die Vernunft, ist allen Handlungen des Menschen in allen
+Zeitumständen gegenwärtig und einerlei, selbst aber ist sie nicht in
+der Zeit, und gerät etwa in einen neuen Zustand, darin sie vorher
+nicht war; sie ist bestimmend, aber nicht bestimmbar in Ansehung
+desselben. Daher kann man nicht fragen: warum hat sich nicht die
+Vernunft anders bestimmt? sondern nur: warum hat sie die Erscheinungen
+durch ihre Kausalität nicht anders bestimmt? Darauf aber ist keine
+Antwort möglich. Denn ein anderer intelligibler Charakter würde einen
+anderen empirischen gegeben haben, und wenn wir sagen, daß unerachtet
+seines ganzen, bis dahin geführten, Lebenswandels, der Täter die
+Lüge doch hätte unterlassen können, so bedeutet dieses nur, daß sie
+unmittelbar unter der Macht der Vernunft stehe, und die Vernunft
+in ihrer Kausalität keinen Bedingungen der Erscheinung und des
+Zeitlaufs unterworfen ist, der Unterschied der Zeit auch, zwar einen
+Hauptunterschied der Erscheinungen respektive gegeneinander, da diese
+aber keine Sachen, mithin auch nicht Ursachen an sich selbst sind,
+keinen Unterschied der Handlung in Beziehung auf die Vernunft machen
+könne.
+
+Wir können also mit der Beurteilung freier Handlungen, in Ansehung
+ihrer Kausalität, nur bis an die intelligible Ursache, aber nicht
+über dieselbe hinaus kommen; wir können erkennen, daß sie frei, d.i.
+von der Sinnlichkeit unabhängig bestimmt, und, auf solche Art, die
+sinnlichunbedingte Bedingung der Erscheinungen sein könne. Warum aber
+der intelligible Charakter gerade diese Erscheinungen und diesen
+empirischen Charakter unter vorliegenden Umständen gebe, das
+überschreitet so weit alles Vermögen unserer Vernunft es zu
+beantworten, ja alle Befugnis derselben nur zu fragen, als ob man
+früge: woher der transzendentale Gegenstand unserer äußeren sinnlichen
+Anschauung gerade nur Anschauung im Raume und nicht irgendeine andere
+gibt. Allein die Aufgabe, die wir aufzulösen hatten, verbindet
+uns hierzu gar nicht, denn sie war nur diese: ob Freiheit der
+Naturnotwendigkeit in einer und derselben Handlung widerstreite, und
+dieses haben wir hinreichend beantwortet, da wir zeigten, daß, da bei
+jener eine Beziehung auf eine ganz andere Art von Bedingungen möglich
+ist, als bei dieser, das Gesetz der letzteren die erstere nicht
+affiziere, mithin beide voneinander unabhängig und durcheinander
+ungestört stattfinden können.
+
+ * *
+ *
+
+Man muß wohl bemerken: daß wir hierdurch nicht die Wirklichkeit
+der Freiheit, als eines der Vermögen, welche die Ursache von den
+Erscheinungen unserer Sinnenwelt enthalten, haben dartun wollen Denn,
+außer daß dieses gar keine transzendentale Betrachtung, die bloß mit
+Begriffen zu tun hat, gewesen sein würde, so könnte es auch nicht
+gelingen, indem wir aus der Erfahrung niemals auf etwas, was gar nicht
+nach Erfahrungsgesetzen gedacht werden muß, schließen können. Ferner
+haben wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit beweisen
+wollen; denn dieses wäre auch nicht gelungen, weil wir überhaupt
+von keinem Realgrunde und keiner Kausalität, aus bloßen Begriffen a
+priori, die Möglichkeit erkennen können. Die Freiheit wird hier nur
+als transzendentale Idee behandelt, wodurch die Vernunft die Reihe
+der Bedingungen in der Erscheinung durch das Sinnlichunbedingte
+schlechthin anzuheben denkt, dabei sich aber in eine Antinomie mit
+ihren eigenen Gesetzen, welche sie dem empirischen Gebrauche des
+Verstandes vorschreibt, verwickelt. Daß nun diese Antinomie auf einem
+bloßen Scheine beruhe, und, daß Natur der Kausalität aus Freiheit
+wenigstens nicht widerstreite, das war das einzige, was wir leisten
+konnten, und woran es uns auch einzig und allein gelegen war.
+
+
+
+IV. Auflösung der kosmologischen Idee
+von der Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein
+nach überhaupt
+
+In der vorigen Nummer betrachteten wir die Veränderungen der
+Sinnenwelt in ihrer dynamischen Reihe, da eine jede unter einer
+anderen, als ihrer Ursache, steht. Jetzt dient uns diese Reihe der
+Zustände nur zur Leitung, um zu einem Dasein zu gelangen, das die
+höchste Bedingung alles Veränderlichen sein könne, nämlich dem
+notwendigen Wesen. Es ist hier nicht um die unbedingte Kausalität,
+sondern die unbedingte Existenz der Substanz selbst zu tun. Also ist
+die Reihe, welche wir vor uns haben, eigentlich nur die von Begriffen,
+und nicht von Anschauungen, insofern die eine die Bedingung der
+anderen ist.
+
+Man sieht aber leicht: daß, da alles in dem Inbegriffe der
+Erscheinungen veränderlich, mithin im Dasein bedingt ist, es überall
+in der Reihe des abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben
+könne, dessen Existenz schlechthin notwendig wäre, und daß also,
+wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, eben darum aber ihre
+Bedingung mit dem Bedingten jederzeit zu einer und derselben Reihe der
+Anschauungen gehörte, ein notwendiges Wesen, als Bedingung des Daseins
+der Erscheinungen der Sinnenwelt, niemals stattfinden könnte.
+
+Es hat aber der dynamische Regressus dieses Eigentümliche und
+Unterscheidende von dem mathematischen an sich: daß, da dieser es
+eigentlich nur mit der Zusammensetzung der Teile zu einem Ganzen,
+oder der Zerfällung eines Ganzen in seine Teile, zu tun hat, die
+Bedingungen dieser Reihe immer als Teile derselben, mithin als
+gleichartig, folglich als Erscheinungen angesehen werden müssen,
+anstatt daß in jenem Regressus, da es nicht um die Möglichkeit eines
+unbedingten Ganzen aus gegebenen Teilen, oder eines unbedingten Teils
+zu einem gegebenen Ganzen, sondern um die Ableitung eines Zustandes
+von seiner Ursache, oder des zufälligen Daseins der Substanz selbst
+von der notwendigen zu tun ist, die Bedingung nicht eben notwendig mit
+dem Bedingten eine empirische Reihe ausmachen dürfe.
+
+Also bleibt uns, bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie, noch
+ein Ausweg offen, da nämlich alle beide einander widerstreitenden
+Sätze in verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können, so, daß
+alle Dinge der Sinnenwelt durchaus zufällig sind, mithin auch immer
+nur empirischbedingte Existenz haben, gleichwohl von der ganzen Reihe,
+auch eine nichtempirische Bedingung, d.i. ein unbedingtnotwendiges
+Wesen stattfinde. Denn dieses würde, als intelligible Bedingung, gar
+nicht zur Reihe als ein Glied derselben (nicht einmal als das oberste
+Glied) gehören, und auch kein Glied der Reihe empirischunbedingt
+machen, sondern die ganze Sinnenwelt in ihrem durch alle Glieder
+gehenden empirischbedingten Dasein lassen. Darin würde sich also diese
+Art, ein unbedingtes Dasein den Erscheinungen zum Grunde zu legen,
+von der empirischunbedingten Kausalität (der Freiheit), im vorigen
+Artikel, unterscheiden, daß bei der Freiheit das Ding selbst, als
+Ursache (Substantia phaenomenon), dennoch in die Reihe der Bedingungen
+gehörte, und nur seine Kausalität als intelligibel gedacht wurde, hier
+aber das notwendige Wesen ganz außer der Reihe der Sinnenwelt (als ens
+extramundanum) und bloß intelligibel gedacht werden müßte, wodurch
+allein es verhütet werden kann, daß es nicht selbst dem Gesetze der
+Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erscheinungen unterworfen werde.
+
+Das regulative Prinzip der Vernunft ist also in Ansehung dieser
+unserer Aufgabe: daß alles in der Sinnenwelt empirischbedingte
+Existenz habe, und daß es überall in ihr in Ansehung keiner
+Eigenschaft eine unbedingte Notwendigkeit gebe: daß kein Glied der
+Reihe von Bedingungen sei, davon man nicht immer die empirische
+Bedingung in einer möglichen Erfahrung erwarten, und, soweit man kann,
+suchen müsse, und nichts uns berechtige, irgendein Dasein von einer
+Bedingung außerhalb der empirischen Reihe abzuleiten, oder auch es als
+in der Reihe selbst für schlechterdings unabhängig und selbständig zu
+halten, gleichwohl aber dadurch gar nicht in Abrede zu ziehen, daß
+nicht die ganze Reihe in irgendeinem intelligiblen Wesen (welches
+darum von aller empirischen Bedingung frei ist, und vielmehr den Grund
+der Möglichkeit aller dieser Erscheinungen enthält,) gegründet sein
+könne.
+
+Es ist aber hierbei gar nicht die Meinung, das unbedingtnotwendige
+Dasein eines Wesens zu beweisen, oder auch nur die Möglichkeit einer
+bloß intelligiblen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der
+Sinnenwelt hierauf zu gründen, sondern nur eben so, wie wir die
+Vernunft einschränken, daß sie nicht den Faden der empirischen
+Bedingungen verlasse, und sich in transzendente und keiner Darstellung
+in concreto fähige Erklärungsgründe verlaufe, also auch, andererseits,
+das Gesetz des bloß empirischen Verstandesgebrauchs dahin
+einzuschränken, daß es nicht über die Möglichkeit der Dinge überhaupt
+entscheide, und das Intelligible, ob es gleich von uns zur Erklärung
+der Erscheinungen nicht zu gebrauchen ist, darum nicht für unmöglich
+erkläre. Es wird also dadurch nur gezeigt, daß die durchgängige
+Zufälligkeit aller Naturdinge und aller ihrer (empirischen)
+Bedingungen, ganz wohl mit der willkürlichen Voraussetzung einer
+notwendigen, obzwar bloß intelligiblen Bedingung zusammen bestehen
+könne, also kein wahrer Widerspruch zwischen diesen Behauptungen
+anzutreffen sei, mithin sie beiderseits wahr sein können. Es mag immer
+ein solches schlechthinnotwendiges Verstandeswesen an sich unmöglich
+sein, so kann dieses doch aus der allgemeinen Zufälligkeit und
+Abhängigkeit alles dessen, was zur Sinnenwelt gehört, imgleichen aus
+dem Prinzip, bei keinem einzigen Gliede derselben, sofern es zufällig
+ist, aufzuhören und sich auf eine Ursache außer der Welt zu berufen,
+keineswegs geschlossen werden. Die Vernunft geht ihren Gang im
+empirischen und ihren besonderen Gang im transzendentalen Gebrauche.
+
+Die Sinnenwelt enthält nichts als Erscheinungen, diese aber sind bloße
+Vorstellungen, die immer wiederum sinnlich bedingt sind, und, da wir
+hier niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben, so
+ist nicht zu verwundern, daß wir niemals berechtigt sind, von einem
+Gliede der empirischen Reihen, welches es auch sei, einen Sprung außer
+dem Zusammenhange der Sinnlichkeit zu tun, gleich als wenn es Dinge
+an sich selbst wären, die außer ihrem transzendentalen Grunde
+existierten, und die man verlassen könnte, um die Ursache ihres
+Daseins außer ihnen zu suchen; welches bei zufälligen Dingen
+allerdings endlich geschehen müßte, aber nicht bei blossen
+Vorstellungen von Dingen, deren Zufälligkeit selbst nur Phänomen ist,
+und auf keinen anderen Regressus, als denjenigen, der die Phänomena
+bestimmt, d.i. der empirisch ist, führen kann. Sich aber einen
+intelligiblen Grund der Erscheinungen, d.i. der Sinnenwelt, und
+denselben befreit von der Zufälligkeit der letzteren, denken, ist
+weder dem uneingeschränkten empirischen Regressus in der Reihe der
+Erscheinungen, noch der durchgängigen Zufälligkeit derselben entgegen.
+Das ist aber auch das Einzige, was wir zur Hebung der scheinbaren
+Antinomie zu leisten hatten, und was sich nur auf diese Weise tun
+ließ. Denn, ist die jedesmalige Bedingung zu jedem Bedingten (dem
+Dasein nach) sinnlich, und eben darum zur Reihe gehörig, so ist sie
+selbst wiederum bedingt (wie die Antithesis der vierten Antinomie es
+aufweist). Es mußte also entweder ein Widerstreit mit der Vernunft,
+die das Unbedingte fordert, bleiben, oder dieses außer der Reihe
+in dem Intelligiblen gesetzt werden, dessen Notwendigkeit keine
+empirische Bedingung erfordert, noch verstattet, und also, respektive
+auf Erscheinungen, unbedingt notwendig ist.
+
+Der empirische Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Bedingungen
+des Daseins in der Sinnenwelt) wird durch die Einräumung eines bloß
+intelligiblen Wesens nicht affiziert, sondern geht nach dem Prinzip
+der durchgängigen Zufälligkeit, von empirischen Bedingungen zu
+höheren, die immer ebensowohl empirisch sind. Ebensowenig schließt
+aber auch dieser regulative Grundsatz die Annehmung einer
+intelligiblen Ursache, die nicht in der Reihe ist, aus, wenn es um den
+reinen Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Zwecke) zu tun ist. Denn
+da bedeutet jene nur den für uns bloß transzendentalen und unbekannten
+Grund der Möglichkeit der sinnlichen Reihe überhaupt, dessen, von
+allen Bedingungen der letzteren unabhängiges und in Ansehung dieser
+unbedingtnotwendiges, Dasein der unbegrenzten Zufälligkeit der
+ersteren, und darum auch dem nirgend geendigten Regressus in der Reihe
+empirischer Bedingungen, gar nicht entgegen ist.
+
+
+
+Schlußanmerkung
+zur ganzen Antinomie der reinen Vernunft
+
+Solange wir mit unseren Vernunftbegriffen bloß die Totalität der
+Bedingungen in der Sinnenwelt, und was in Ansehung ihrer der Vernunft
+zu Diensten geschehen kann, zum Gegenstande haben: so sind unsere
+Ideen zwar transzendental, aber doch kosmologisch. Sobald wir aber
+das Unbedingte (um das es doch eigentlich zu tun ist) in demjenigen
+setzen, was ganz außerhalb der Sinnenwelt, mithin außer aller
+möglichen Erfahrung ist, so werden die Ideen transzendent; sie dienen
+nicht bloß zur Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs (der immer
+eine nie auszuführende, aber dennoch zu befolgende Idee bleibt),
+sondern sie trennen sich davon gänzlich, und machen sich selbst
+Gegenstände, deren Stoff nicht aus Erfahrung genommen, deren objektive
+Realität auch nicht auf der Vollendung der empirischen Reihe, sondern
+auf reinen Begriffen a priori beruht. Dergleichen transzendente
+Ideen haben einen bloß intelligiblen Gegenstand, welchen als ein
+transzendentales Objekt, von dem man übrigens nichts weiß, zuzulassen,
+es allerdings erlaubt ist, wozu aber, um es als ein durch seine
+unterscheidenden und inneren Prädikate bestimmbares Ding zu
+denken, wir weder Gründe der Möglichkeit (als unabhängig von allen
+Erfahrungsbegriffen), noch die mindeste Rechtfertigung, einen solchen
+Gegenstand anzunehmen, auf unserer Seite haben, und welches daher
+ein bloßes Gedankending ist. Gleichwohl dringt uns, unter allen
+kosmologischen Ideen, diejenige, so die vierte Antinomie veranlaßte,
+diesen Schritt zu wagen. Denn das in sich selbst ganz und gar nicht
+gegründete, sondern stets bedingte, Dasein der Erscheinungen fordert
+uns auf: uns nach etwas von allen Erscheinungen Unterschiedenem,
+mithin einem intelligiblen Gegenstande umzusehen, bei welchem diese
+Zufälligkeit aufhöre. Weil aber, wenn wir uns einmal die Erlaubnis
+genommen haben, außer dem Feld der gesamten Sinnlichkeit eine für sich
+bestehende Wirklichkeit anzunehmen, Erscheinungen nur als zufällige
+Vorstellungsarten intelligibler Gegenstände, von solchen Wesen, die
+selbst Intelligenzen sind, anzusehen: so bleibt uns nichts anderes
+übrig als die Analogie, nach der wir die Erfahrungsbegriffe nutzen, um
+uns von intelligiblen Dingen, von denen wir an sich nicht die mindeste
+Kenntnis haben, doch irgend einigen Begriff zu machen. Weil wir das
+Zufällige nicht anders als durch Erfahrung kennenlernen, hier aber von
+Dingen, die gar nicht Gegenstände der Erfahrung sein sollen, die Rede
+ist, so werden wir ihre Kenntnis aus dem, was an sich notwendig ist,
+aus reinen Begriffen von Dingen überhaupt, ableiten müssen. Daher
+nötigt uns der erste Schritt, den wir außer der Sinnenwelt tun, unsere
+neuen Kenntnisse von der Untersuchung des schlechthinnotwendigen
+Wesens anzufangen, und von den Begriffen desselben die Begriffe von
+allen Dingen, sofern sie bloß intelligibel sind, abzuleiten, und
+diesen Versuch wollen wir in dem folgenden Hauptstücke anstellen.
+
+
+
+Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik
+Drittes Hauptstück
+Das Ideal der reinen Vernunft
+
+Erster Abschnitt
+Von dem Ideal überhaupt
+
+Wir haben oben gesehen, daß durch reine Verstandesbegriffe, ohne alle
+Bedingungen der Sinnlichkeit, gar keine Gegenstände können vorgestellt
+werden, weil die Bedingungen der objektiven Realität derselben fehlen,
+und nichts, als die bloße Form des Denkens, in ihnen angetroffen wird.
+Gleichwohl können sie in concreto dargestellt werden, wenn man sie auf
+Erscheinungen anwendet; denn an ihnen haben sie eigentlich den Stoff
+zum Erfahrungsbegriffe, der nichts als ein Verstandesbegriff in
+concreto ist. Ideen aber sind noch weiter von der objektiven Realität
+entfernt, als Kategorien; denn es kann keine Erscheinung gefunden
+werden, an der sie sich in concreto vorstellen ließen. Sie enthalten
+eine gewisse Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische
+Erkenntnis zulangt, und die Vernunft hat dabei nur eine systematische
+Einheit im Sinne, welcher sie die empirischmögliche Einheit zu nähern
+sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen.
+
+Aber noch weiter, als die Idee, scheint dasjenige von der objektiven
+Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne, und worunter ich
+die Idee, nicht bloß in concreto, sondern in individuo, d.i. als ein
+einzelnes, durch die Idee allein bestimmbares, oder gar bestimmtes
+Ding, verstehe.
+
+Die Menschheit in ihrer ganzen Vollkommenheit, enthält nicht allein
+die Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen
+Eigenschaften, welche unseren Begriff von derselben ausmachen, bis zur
+vollständigen Kongruenz mit ihren Zwecken, welches unsere Idee der
+vollkommenen Menschheit sein würde, sondern auch alles, was außer
+diesem Begriffe zu der durchgängigen Bestimmung der Idee gehört; denn
+von allen entgegengesetzten Prädikaten kann sich doch nur ein einziges
+zu der Idee des vollkommensten Menschen schicken. Was uns ein Ideal
+ist, war dem Plato eine Idee des göttlichen Verstandes, ein einzelner
+Gegenstand in der reinen Anschauung desselben, das Vollkommenste einer
+jeden Art möglicher Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der
+Erscheinung.
+
+Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gestehen, daß die
+menschliche Vernunft nicht allein Ideen, sondern auch Ideale enthalte,
+die zwar nicht, wie die platonischen, schöpferische, aber doch
+praktische Kraft (als regulative Prinzipien) haben, und der
+Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser Handlungen zum Grunde liegen.
+Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe,
+weil ihnen etwas Empirisches (Lust oder Unlust) zum Grunde liegt.
+Gleichwohl können sie in Ansehung des Prinzips, wodurch die Vernunft
+der an sich gesetzlosen Freiheit Schranken setzt, (also wenn
+man bloß auf ihre Form acht hat,) gar wohl zum Beispiele reiner
+Vernunftbegriffe dienen. Tugend, und, mit ihr, menschliche Weisheit in
+ihrer ganzen Reinigkeit, sind Ideen. Aber der Weise (des Stoikers) ist
+ein Ideal, d.i. ein Mensch, der bloß in Gedanken existiert, der aber
+mit der Idee der Weisheit völlig kongruiert. So wie die Idee die
+Regel gibt, so dient das Ideal in solchem Falle zum Urbilde, der
+durchgängigen Bestimmung des Nachbildes, und wir haben kein anderes
+Richtmaß unserer Handlungen, als das Verhalten dieses göttlichen
+Menschen in uns, womit wir uns vergleichen, beurteilen, und dadurch
+uns bessern, obgleich es niemals erreichen können. Diese Ideale,
+ob man ihnen gleich nicht objektive Realität (Existenz) zugestehen
+möchte, sind doch um deswillen nicht für Hirngespinste anzusehen,
+sondern geben ein unentbehrliches Richtmaß der Vernunft ab, die des
+Begriffs von dem, was in seiner Art ganz vollständig ist, bedarf,
+um danach den Grad und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen
+und abzumessen. Das Ideal aber in einem Beispiele, d.i. in der
+Erscheinung, realisieren wollen, wie etwa den Weisen in einem Roman,
+ist untunlich, und hat überdem etwas Widersinnisches und wenig
+Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der
+Vollständigkeit in der Idee kontinuierlich Abbruch tun, alle Illusion
+in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee
+liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen.
+
+So ist es mit dem Ideale der Vernunft bewandt, welches jederzeit auf
+bestimmten Begriffen beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der
+Befolgung, oder Beurteilung, dienen muß. Ganz anders verhält es sich
+mit denen Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber sich niemand
+erklären und einen verständlichen Begriff geben kann, gleichsam
+Monogrammen, die nur einzelne, obzwar nach keiner angeblichen Regel
+bestimmte Züge sind, welche mehr eine im Mittel verschiedener
+Erfahrungen gleichsam schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes Bild
+ausmachen, dergleichen Maler und Physiognomen in ihrem Kopfe zu
+haben vorgeben, und die ein nicht mitzuteilendes Schattenbild ihrer
+Produkte oder auch Beurteilungen sein sollen. Sie können, obzwar nur
+uneigentlich, Ideale der Sinnlichkeit genannt werden, weil sie das
+nicht erreichbare Muster möglicher empirischer Anschauungen sein
+sollen, und gleichwohl keine der Erklärung und Prüfung fähige Regel
+abgeben.
+
+Die Absicht der Vernunft mit ihrem Ideale ist dagegen die durchgängige
+Bestimmung nach Regeln a priori; daher sie sich einen Gegenstand
+denkt, der nach Prinzipien durchgängig bestimmbar sein soll, obgleich
+dazu die hinreichenden Bedingungen in der Erfahrung mangeln und der
+Begriff selbst also transzendent ist.
+
+
+
+Des dritten Hauptstücks
+Zweiter Abschnitt
+Von dem transzendentalen Ideal
+(Prototypon transzendentale)
+
+Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, was in ihm selbst
+nicht enthalten ist, unbestimmt, und steht unter dem Grundsatze
+der Bestimmbarkeit; daß nur eines, von jeden zween einander
+kontradiktorischentgegengesetzten Prädikaten, ihm zukommen könne,
+welcher auf dem Satze des Widerspruchs beruht, und daher ein
+bloß logisches Prinzip ist, das von allem Inhalte der Erkenntnis
+abstrahiert, und nichts, als die logische Form derselben vor Augen
+hat.
+
+Ein jedes Ding aber, seiner Möglichkeit nach, steht noch unter dem
+Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von allen
+möglichen Prädikaten der Dinge, sofern sie mit ihren Gegenteilen
+verglichen werden, eines zukommen muß. Dieses beruht nicht bloß auf
+dem Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet, außer dem Verhältnis
+zweier einander widerstreitenden Prädikate, jedes Ding noch im
+Verhältnis auf die gesamte Möglichkeit, als den Inbegriff aller
+Prädikate der Dinge überhaupt, und, indem es solche als Bedingung a
+priori voraussetzt, so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es von
+dem Anteil, den es an jener gesamten Möglichkeit hat, seine eigene
+Möglichkeit ableite.* Das Prinzipium der durchgängigen Bestimmung
+betrifft also den Inhalt, und nicht bloß die logische Form. Es ist der
+Grundsatz der Synthesis aller Prädikate, die den vollständigen Begriff
+von einem Dinge machen sollen, und nicht bloß der analytischen
+Vorstellung, durch eines zweier entgegengesetzten Prädikate, und
+enthält eine transzendentale Voraussetzung, nämlich die der Materie zu
+aller Möglichkeit, welche a priori die Data zur besonderen Möglichkeit
+jedes Dinges enthalten soll.
+
+* Es wird also durch diesen Grundsatz jedes Ding auf ein
+ gemeinschaftliches Korrelatum, nämlich die gesamte Möglichkeit,
+ bezogen, welche, wenn sie (d.i. der Stoff zu allen möglichen
+ Prädikaten) in der Idee eines einzigen Dinges angetroffen würde,
+ eine Affinität alles Möglichen durch die Identität des Grundes
+ der durchgängigen Bestimmung desselben beweisen würde. Die
+ Bestimmbarkeit eines jeden Begriffs ist der Allgemeinheit
+ (Universalitas) des Grundsatzes der Ausschließung eines Mittleren
+ zwischen zwei entgegengesetzten Prädikaten, die Bestimmung aber
+ eines Dinges der Allheit (Universitas) oder dem Inbegriffe aller
+ möglichen Prädikate untergeordnet.
+
+Der Satz: alles Existierende ist durchgängig bestimmt, bedeutet nicht
+allein, daß von jedem Paare einander entgegengesetzten gegebenen,
+sondern auch von allen möglichen Prädikaten ihm immer eines zukomme;
+es werden durch diesen Satz nicht bloß Prädikate untereinander
+logisch, sondern das Ding selbst, mit dem Inbegriff aller möglichen
+Prädikate, transzendental verglichen. Er will so viel sagen, als: um
+ein Ding vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen,
+und es dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die
+durchgängige Bestimmung ist folglich ein Begriff, den wir niemals in
+concreto seiner Totalität nach darstellen können, und gründet sich
+also auf einer Idee, welche lediglich in der Vernunft ihren Sitz
+hat, die dem Verstande die Regel seines vollständigen Gebrauchs
+vorschreibt.
+
+Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit, sofern
+er als Bedingung der durchgängigen Bestimmung eines jeden Dinges zum
+Grunde liegt, in Ansehung der Prädikate, die denselben ausmachen
+mögen, selbst noch unbestimmt ist, und wir dadurch nichts weiter als
+einen Inbegriff aller möglichen Prädikate überhaupt denken, so finden
+wir doch bei näherer Untersuchung, daß diese Idee, als Urbegriff, eine
+Menge von Prädikaten ausstoße, die als abgeleitet durch andere schon
+gegeben sind, oder nebeneinander nicht stehen können, und daß sie sich
+bis zu einem durchgängig a priori bestimmten Begriffe läutere, und
+dadurch der Begriff von einem einzelnen Gegenstande werde, der durch
+die bloße Idee durchgängig bestimmt ist, mithin ein Ideal der reinen
+Vernunft genannt werden muß.
+
+Wenn wir alle möglichen Prädikate nicht bloß logisch, sondern
+transzendental, d.i. nach ihrem Inhalte, der an ihnen a priori gedacht
+werden kann, erwägen, so finden wir, daß durch einige derselben ein
+Sein, durch andere ein bloßes Nichtsein vorgestellt wird. Die logische
+Verneinung, die lediglich durch das Wörtchen: Nicht, angezeigt wird,
+hängt eigentlich niemals einem Begriffe, sondern nur dem Verhältnisse
+desselben zu einem anderen im Urteile an, und kann also dazu bei
+weitem nicht hinreichend sein, einen Begriff in Ansehung seines
+Inhaltes zu bezeichnen. Der Ausdruck: Nichtsterblich, kann gar nicht
+zu erkennen geben, daß dadurch ein bloßes Nichtsein am Gegenstande
+vorgestellt werde, sondern läßt allen Inhalt unberührt. Eine
+transzendentale Verneinung bedeutet dagegen das Nichtsein an sich
+selbst, dem die transzendentale Bejahung entgegengesetzt wird, welche
+ein Etwas ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein Sein ausdrückt,
+und daher Realität (Sachheit) genannt wird, weil durch sie allein,
+und so weit sie reicht, Gegenstände Etwas (Dinge) sind, die
+entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet, und,
+wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges vorgestellt
+wird.
+
+Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne daß er die
+entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der Blindgeborene
+kann sich nicht die mindeste Vorstellung von Finsternis machen, weil
+er keine vom Lichte hat; der Wilde nicht von der Armut, weil er den
+Wohlstand nicht kennt.* Der Unwissende hat keinen Begriff von seiner
+Unwissenheit, weil er keinen von der Wissenschaft hat, usw. Es
+sind also auch alle Begriffe der Negationen abgeleitet, und die
+Realitäten enthalten die Data und sozusagen die Materie, oder den
+transzendentalen Inhalt, zu der Möglichkeit und durchgängigen
+Bestimmung aller Dinge.
+
+* Die Beobachtungen und Berechnungen der Sternkundigen haben uns viel
+ Bewunderungswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste ist wohl, daß
+ sie uns den Abgrund der Unwissenheit aufgedeckt haben, den die
+ menschliche Vernunft, ohne diese Kenntnisse, sich niemals so
+ groß hätte vorstellen können, und worüber das Nachdenken eine
+ große Veränderung in der Bestimmung der Endabsichten unseres
+ Vernunftgebrauchs hervorbringen muß.
+
+Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein
+transzendentales Substratum zum Grunde gelegt wird, welches gleichsam
+den ganzen Vorrat des Stoffes, daher alle möglichen Prädikate der
+Dinge genommen werden können, enthält, so ist dieses Substratum
+nichts anderes, als die Idee von einem All der Realität (omnitudo
+realitatis). Alle wahren Verneinungen sind alsdann nichts als
+Schranken, welches sie nicht genannt werden könnten, wenn nicht das
+Unbeschränkte (das All) zum Grunde läge.
+
+Es ist aber auch durch diesen Allbesitz der Realität der Begriff eines
+Dinges an sich selbst, als durchgängig bestimmt, vorgestellt, und
+der Begriff eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen
+Wesens, weil von allen möglichen entgegengesetzten Prädikaten eines,
+nämlich das, was zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung
+angetroffen wird. Also ist es ein transzendentales Ideal, welches der
+durchgängigen Bestimmung, die notwendig bei allem, was existiert,
+angetroffen wird, zum Grunde liegt, und die oberste und vollständige
+materiale Bedingung seiner Möglichkeit ausmacht, auf welcher alles
+Denken der Gegenstände überhaupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt
+werden muß. Es ist aber auch das einzige eigentliche Ideal, dessen
+die menschliche Vernunft fähig ist; weil nur in diesem einzigen Falle
+ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge durch sich selbst
+durchgängig bestimmt, und als die Vorstellung von einem Individuum
+erkannt wird.
+
+Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht auf
+einem disjunktiven Vernunftschlusse, in welchem der Obersatz eine
+logische Einteilung (die Teilung der Sphäre eines allgemeinen
+Begriffs) enthält, der Untersatz diese Sphäre bis auf einen Teil
+einschränkt und der Schlußsatz den Begriff durch diesen bestimmt.
+Der allgemeine Begriff einer Realität überhaupt kann a priori nicht
+eingeteilt werden, weil man ohne Erfahrung keine bestimmten Arten von
+Realität kennt, die unter jener Gattung enthalten wären. Also ist der
+transzendentale Obersatz der durchgängigen Bestimmung aller Dinge
+nichts anderes, als die Vorstellung des Inbegriffs aller Realität,
+nicht bloß ein Begriff, der alle Prädikate ihrem transzendentalen
+Inhalte nach unter sich, sondern der sie in sich begreift, und
+die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht auf der
+Einschränkung dieses All der Realität, indem Einiges derselben dem
+Dinge beigelegt, das übrige aber ausgeschlossen wird, welches mit dem
+Entweder - Oder des disjunktiven Obersatzes und der Bestimmung des
+Gegenstandes, durch eins der Glieder dieser Teilung im Untersatze,
+übereinkommt. Demnach ist der Gebrauch der Vernunft, durch den sie
+das transzendentale Ideal zum Grunde ihrer Bestimmung aller möglichen
+Dinge legt, demjenigen analogisch, nach welchem sie in disjunktiven
+Vernunftschlüssen verfährt; welches der Satz war, den ich oben zum
+Grunde der systematischen Einteilung aller transzendentalen Ideen
+legte, nach welchem sie den drei Arten von Vernunftschlüssen parallel
+und korrespondierend erzeugt werden.
+
+Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht,
+nämlich sich lediglich die notwendige durchgängige Bestimmung der
+Dinge vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem
+Ideale gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von
+einer unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte,
+d.i. die des Eingeschränkten abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das
+Urbild (Prototypon) aller Dinge, welche insgesamt, als mangelhafte
+Kopien (ectypa), den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen, und
+indem sie demselben mehr oder weniger nahekommen, dennoch jederzeit
+unendlich weit daran fehlen, es zu erreichen.
+
+So wird denn alle Möglichkeit der Dinge (der Synthesis des
+Mannigfaltigen ihrem Inhalte nach) als abgeleitet, und nur allein
+die desjenigen, was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich
+angesehen. Denn alle Verneinungen (welche doch die einzigen Prädikate
+sind, wodurch sich alles andere vom realsten Wesen unterscheiden
+läßt,) sind bloße Einschränkungen einer größeren und endlich der
+höchsten Realität, mithin setzen sie diese voraus, und sind dem
+Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet. Alle Mannigfaltigkeit der
+Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den Begriff der höchsten
+Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist, einzuschränken,
+so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den unendlichen Raum
+einzuschränken, möglich sind. Daher wird der bloß in der Vernunft
+befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen (ens
+originarium), sofern es keines über sich hat, das höchste Wesen (ens
+summum), und, sofern alles, als bedingt, unter ihm steht, das Wesen
+aller Wesen (ens entium) genannt. Alles dieses aber bedeutet nicht das
+objektive Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu anderen Dingen,
+sondern der Idee zu Begriffen, und läßt uns wegen der Existenz eines
+Wesens von so ausnehmendem Vorzuge in völliger Unwissenheit.
+
+Weil man auch nicht sagen kann, daß ein Urwesen aus viel abgeleiteten
+Wesen bestehe, indem ein jedes derselben jenes voraussetzt, mithin es
+nicht ausmachen kann, so wird das Ideal des Urwesens auch als einfach
+gedacht werden müssen.
+
+Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen wird daher,
+genau zu reden, auch nicht als eine Einschränkung seiner höchsten
+Realität und gleichsam als eine Teilung derselben angesehen werden
+können; denn alsdann würde das Urwesen als ein bloßes Aggregat
+von abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem vorigen
+unmöglich ist, ob wir es gleich anfänglich im ersten rohen
+Schattenrisse so vorstellten. Vielmehr würde der Möglichkeit aller
+Dinge die höchste Realität als ein Grund und nichts als Inbegriff zum
+Grunde liegen, und die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der
+Einschränkung des Urwesens selbst, sondern seiner vollständigen Folge
+beruhen, zu welcher denn auch unsere ganze Sinnlichkeit, samt aller
+Realität in der Erscheinung, gehören würde, die zu der Idee des
+höchsten Wesens, als ein Ingredienz, nicht gehören kann.
+
+Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasieren, so
+ferner nachgehen, so werden wir das Urwesen durch den bloßen Begriff
+der höchsten Realität als ein einiges, einfaches, allgenugsames,
+ewiges usw., mit einem Worte, es in seiner unbedingten Vollständigkeit
+durch alle Prädikamente bestimmen können. Der Begriff eines solchen
+Wesens ist der von Gott, in transzendentalem Verstande gedacht,
+und so ist das Ideal der reinen Vernunft der Gegenstand einer
+transzendentalen Theologie, so wie ich es auch oben angeführt habe.
+
+Indessen würde dieser Gebrauch der transzendentalen Idee doch schon
+die Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. Denn
+die Vernunft legte sie nur, als den Begriff von aller Realität, der
+durchgängigen Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu
+verlangen, daß alle diese Realität objektiv gegeben sei und selbst
+ein Ding ausmache. Dieses letztere ist eine bloße Erdichtung, durch
+welche wir das Mannigfaltige unserer Idee in einem Ideale, als einem
+besonderen Wesen, zusammenfassen und realisieren, wozu wir keine
+Befugnis haben, sogar nicht einmal die Möglichkeit einer solchen
+Hypothese geradezu anzunehmen, wie denn auch alle Folgerungen, die aus
+einem solchen Ideale abfließen, die durchgängige Bestimmung der Dinge
+überhaupt, als zu deren Behuf die Idee allein nötig war, nichts
+angehen, und darauf nicht den mindesten Einfluß haben.
+
+Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik
+zu beschreiben, man muß auch die Quellen derselben zu entdecken
+suchen, um diesen Schein selbst, wie ein Phänomen des Verstandes,
+erklären zu können; denn das Ideal, wovon wir reden, ist auf einer
+natürlichen und nicht bloß willkürlichen Idee gegründet. Daher frage
+ich: wie kommt die Vernunft dazu, alle Möglichkeit der Dinge als
+abgeleitet von einer einzigen, die zum Grunde liegt, nämlich der
+der höchsten Realität, anzusehen, und diese sodann, als in einem
+besonderen Urwesen enthalten vorauszusetzen?
+
+Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transzendentalen
+Analytik von selbst dar. Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist
+ein Verhältnis derselben zu unserem Denken, worin etwas (nämlich die
+empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was die
+Materie ausmacht, die Realität in der Erscheinung, (was der Empfindung
+entspricht) gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht
+und mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden könnte. Nun kann
+ein Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er
+mit allen Prädikaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe
+bejahend oder verneinend vorgestellt wird. Weil aber darin dasjenige,
+was das Ding selbst (in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das Reale,
+gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht werden
+könnte; dasjenige aber, worin das Reale aller Erscheinungen gegeben
+ist, die einige allbefassende Erfahrung ist: so muß die Materie zur
+Möglichkeit aller Gegenstände der Sinne, als in einem Inbegriffe
+gegeben, vorausgesetzt werden, auf dessen Einschränkung allein alle
+Möglichkeit empirischer Gegenstände, ihr Unterschied voneinander und
+ihre durchgängige Bestimmung, beruhen kann. Nun können uns in der Tat
+keine anderen Gegenstände, als die der Sinne, und nirgends als in dem
+Kontext einer möglichen Erfahrung gegeben werden, folglich ist nichts
+für uns ein Gegenstand, wenn es nicht den Inbegriff aller empirischen
+Realität als Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt. Nach einer
+natürlichen Illusion sehen wir nun das für einen Grundsatz an, der von
+allen Dingen überhaupt gelten müsse, welcher eigentlich nur von denen
+gilt, die als Gegenstände unserer Sinne gegeben werden. Folglich
+werden wir das empirische Prinzip unserer Begriffe der Möglichkeit der
+Dinge, als Erscheinungen, durch Weglassung dieser Einschränkung, für
+ein transzendentales Prinzip der Möglichkeit der Dinge überhaupt
+halten.
+
+Daß wir aber hernach diese Idee vom Inbegriffe aller Realität
+hypostasieren, kommt daher: weil wir die distributive Einheit des
+Erfahrungsgebrauchs des Verstandes in die kollektive Einheit eines
+Erfahrungsganzen dialektisch verwandeln, und an diesem Ganzen der
+Erscheinung uns ein einzelnes Ding denken, was alle empirische
+Realität in sich enthält, welches dann, vermittelst der schon
+gedachten transzendentalen Subreption, mit dem Begriffe eines Dinges
+verwechselt wird, was an der Spitze der Möglichkeit aller Dinge steht,
+zu deren durchgängiger Bestimmung es die realen Bedingungen hergibt.*
+
+* Dieses Ideal des allerrealsten Wesens wird also, ob es zwar eine
+ bloße Vorstellung ist, zuerst realisiert, d.i. zum Objekt gemacht,
+ darauf hypostasiert, endlich, durch einen natürlichen Fortschritt
+ der Vernunft zur Vollendung der Einheit, sogar personifiziert, wie
+ wir bald anführen werden; weil die regulative Einheit der Erfahrung
+ nicht auf den Erscheinungen selbst (der Sinnlichkeit allein),
+ sondern auf der Verknüpfung ihres Mannigfaltigen durch den Verstand
+ (in einer Apperzeption) beruht, mithin die Einheit der höchsten
+ Realität und die durchgängige Bestimmbarkeit (Möglichkeit) aller
+ Dinge in einem höchsten Verstande, mithin in einer Intelligenz zu
+ liegen scheint.
+
+
+
+Des dritten Hauptstücks
+Dritter Abschnitt
+Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines
+höchsten Wesens zu schließen
+
+Ungeachtet dieser dringenden Bedürfnis der Vernunft, etwas
+vorauszusetzen, was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung
+seiner Begriffe vollständig zum Grunde liegen könne, so bemerkt sie
+doch das Idealische und bloß Gedichtete einer solchen Voraussetzung
+viel zu leicht, als daß sie dadurch allein überredet werden sollte,
+ein bloßes Selbstgeschöpf ihres Denkens sofort für ein wirkliches
+Wesen anzunehmen, wenn sie nicht wodurch anders gedrungen würde,
+irgendwo ihren Ruhestand, in dem Regressus vom Bedingten, das gegeben
+ist, zum Unbedingten, zu suchen, das zwar an sich und seinem bloßen
+Begriff noch nicht als wirklich gegeben ist, welches aber allein die
+Reihe der zu ihren Gründen hinausgeführten Bedingungen vollenden kann.
+Dieses ist nun der natürliche Gang, den jede menschliche Vernunft,
+selbst die gemeinste, nimmt, obgleich nicht eine jede in demselben
+aushält. Sie fängt nicht von Begriffen, sondern von der gemeinen
+Erfahrung an, und legt also etwas Existierendes zum Grunde. Dieser
+Boden aber sinkt, wenn er nicht auf dem unbeweglichen Felsen des
+Absolutnotwendigen ruht. Dieser selber aber schwebt ohne Stütze, wenn
+noch außer und unter ihm leerer Raum ist, und er nicht selbst alles
+erfüllt und dadurch keinen Platz zum Warum mehr übrig läßt, d.i. der
+Realität nach unendlich ist.
+
+Wenn etwas, was es auch sei, existiert, so muß auch eingeräumt werden,
+daß irgend etwas notwendigerweise existiere. Denn das Zufällige
+existiert nur unter der Bedingung eines anderen, als seiner Ursache,
+und von dieser gilt der Schluß fernerhin, bis zu einer Ursache, die
+nicht zufällig und eben darum ohne Bedingung notwendigerweise da
+ist. Das ist das Argument, worauf die Vernunft ihren Fortschritt zum
+Urwesen gründet.
+
+Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, das
+sich zu einem solchen Vorzuge der Existenz, als die unbedingte
+Notwendigkeit, schicke, nicht sowohl, um alsdann von dem Begriffe
+desselben a priori auf sein Dasein zu schließen, (denn, getraute
+sie sich dieses, so dürfte sie überhaupt nur unter bloßen Begriffen
+forschen, und hätte nicht nötig, ein gegebenes Dasein zum Grunde
+zu legen,) sondern nur um unter allen Begriffen möglicher Dinge
+denjenigen zu finden, der nichts der absoluten Notwendigkeit
+Widerstreitendes in sich hat. Denn, daß doch irgend etwas schlechthin
+notwendig existieren müsse, hält sie nach dem ersteren Schlusse schon
+für ausgemacht. Wenn sie nun alles wegschaffen kann, was sich mit
+dieser Notwendigkeit nicht verträgt, außer einem; so ist dieses das
+schlechthin notwendige Wesen, man mag nun die Notwendigkeit desselben
+begreifen, d.i. aus seinem Begriffe allein ableiten können, oder
+nicht.
+
+Nun scheint dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum in
+sich enthält, das in keinem Stücke und in keiner Absicht defekt
+ist, welches allerwärts als Bedingung hinreicht, eben darum das zur
+absoluten Notwendigkeit schickliche Wesen zu sein, weil es, bei dem
+Selbstbesitz aller Bedingungen zu allem Möglichen, selbst keiner
+Bedingung bedarf, ja derselben nicht einmal fähig ist, folglich,
+wenigstens in einem Stücke, dem Begriffe der unbedingten Notwendigkeit
+ein Genüge tut, darin es kein anderer Begriff ihm gleichtun kann,
+der, weil er mangelhaft und der Ergänzung bedürftig ist, kein solches
+Merkmal der Unabhängigkeit von allen ferneren Bedingungen an sich
+zeigt. Es ist wahr, daß hieraus noch nicht sicher gefolgert werden
+könne, daß, was nicht die höchste und in aller Absicht vollständige
+Bedingung in sich enthält, darum selbst seiner Existenz nach bedingt
+sein müsse; aber es hat denn doch das einzige Merkzeichen des
+unbedingten Daseins nicht an sich, dessen die Vernunft mächtig ist,
+um durch einen Begriff a priori irgendein Wesen als unbedingt zu
+erkennen.
+
+Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität würde sich also
+unter allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt
+notwendigen Wesens am besten schicken, und, wenn er diesem auch
+nicht völlig genugtut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen
+uns genötigt, uns an ihn zu halten, weil wir die Existenz eines
+notwendigen Wesens nicht in den Wind schlagen dürfen; geben wir sie
+aber zu, doch in dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts finden
+können, was auf einen solchen Vorzug im Dasein einen gegründeteren
+Anspruch machen könnte.
+
+So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaffen.
+Zuerst überzeugt sie sich vom Dasein irgendeines notwendigen Wesens.
+In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie den
+Begriff des Unabhängigen von aller Bedingung, und findet ihn in dem,
+was selbst die zureichende Bedingung zu allem anderen ist, d.i. in
+demjenigen, was alle Realität enthält. Das All aber ohne Schranken ist
+absolute Einheit, und führt den Begriff eines einigen, nämlich des
+höchsten Wesens bei sich, und so schließt sie, daß das höchste Wesen,
+als Urgrund aller Dinge, schlechthin notwendigerweise da sei.
+
+Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten
+werden, wenn von Entschließungen die Rede ist, nämlich, wenn einmal
+das Dasein irgendeines notwendigen Wesens zugegeben wird und man darin
+übereinkommt, daß man seine Partei ergreifen müsse, worin man dasselbe
+setzen wolle; denn alsdann kann man nicht schicklicher wählen, oder
+man hat vielmehr keine Wahl, sondern ist genötigt, der absoluten
+Einheit der vollständigen Realität, als dem Urquelle der Möglichkeit,
+seine Stimme zu geben. Wenn uns aber nichts treibt, uns zu
+entschließen, und wir lieber diese ganze Sache dahingestellt sein
+ließen, bis wir durch das volle Gewicht der Beweisgründe zum Beifalle
+gezwungen würden, d.i. wenn es bloß um Beurteilung zu tun ist, wie
+viel wir von dieser Aufgabe wissen, und was wir uns nur zu wissen
+schmeicheln; dann erscheint obiger Schluß bei weitem nicht in so
+vorteilhafter Gestalt, und bedarf Gunst, um den Mangel seiner
+Rechtsansprüche zu ersetzen.
+
+Denn, wenn wir alles so gut sein lassen, wie es hier vor uns liegt,
+daß nämlich erstlich von irgendeiner gegebenen Existenz (allenfalls
+auch bloß meiner eigenen) ein richtiger Schluß auf die Existenz eines
+unbedingt notwendigen Wesens stattfinde, zweitens, daß ich ein Wesen,
+welches alle Realität, mithin auch alle Bedingung enthält, als
+schlechthin unbedingt ansehen müsse, folglich der Begriff des Dinges,
+welches sich zur absoluten Notwendigkeit schickt, hierdurch gefunden
+sei: so kann daraus doch gar nicht geschlossen werden, daß der Begriff
+eines eingeschränkten Wesens, das nicht die höchste Realität hat,
+darum der absoluten Notwendigkeit widerspreche. Denn, ob ich gleich
+in seinem Begriffe nicht das Unbedingte antreffe, was das All der
+Bedingungen schon bei sich führt, so kann daraus doch gar nicht
+gefolgert werden, daß sein Dasein eben darum bedingt sein müsse; so
+wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht sagen kann:
+wo eine gewisse Bedingung (nämlich hier der Vollständigkeit nach
+Begriffen) nicht ist, da ist auch das Bedingte nicht. Es wird uns
+vielmehr unbenommen bleiben, alle übrigen eingeschränkten Wesen
+ebensowohl für unbedingt notwendig gelten zu lassen, ob wir gleich
+ihre Notwendigkeit aus dem allgemeinen Begriffe, den wir von ihnen
+haben, nicht schließen können. Auf diese Weise aber hätte dieses
+Argument uns nicht den mindesten Begriff von Eigenschaften eines
+notwendigen Wesens verschafft, und überall gar nichts geleistet.
+
+Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit, und ein
+Ansehen, das ihm, wegen dieser objektiven Unzulänglichkeit, noch nicht
+sofort genommen werden kann. Denn setzet, es gebe Verbindlichkeiten,
+die in der Idee der Vernunft ganz richtig, aber ohne alle Realität in
+Anwendung auf uns selbst, d.i. ohne Triebfedern sein würden, wo nicht
+ein höchstes Wesen vorausgesetzt würde, das den praktischen Gesetzen
+Wirkung und Nachdruck geben könnte: so würden wir auch eine
+Verbindlichkeit haben, den Begriffen zu folgen, die, wenn sie gleich
+nicht objektiv zulänglich sein möchten, doch nach dem Maße unserer
+Vernunft überwiegend sind, und in Vergleichung mit denen wir doch
+nichts Besseres und Überführenderes erkennen. Die Pflicht zu
+wählen, würde hier die Unschliessigkeit der Spekulation durch einen
+praktischen Zusatz aus dem Gleichgewichte bringen, ja die Vernunft
+würde bei ihr selbst, als dem nachsehendsten Richter, keine
+Rechtfertigung finden, wenn sie unter dringenden Bewegursachen, obzwar
+nur mangelhafter Einsicht, diesen Gründen ihres Urteils, über die wir
+doch wenigstens keine besseren kennen, nicht gefolgt wäre.
+
+Dieses Argument, ob es gleich in der Tat transzendental ist, indem
+es auf der inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht, ist doch
+so einfältig und natürlich, daß es dem gemeinsten Menschensinne
+angemessen ist, sobald dieser nur einmal darauf geführt wird. Man
+sieht Dinge sich verändern, entstehen und vergehen; sie müssen also,
+oder wenigstens ihr Zustand, eine Ursache haben. Von jeder Ursache
+aber, die jemals in der Erfahrung gegeben werden mag, läßt sich eben
+dieses wiederum fragen. Wohin sollen wir nun die oberste Kausalität
+billiger verlegen, als dahin, wo auch die höchste Kausalität ist, d.i.
+in dasjenige Wesen, was zu der möglichen Wirkung die Zulänglichkeit
+in sich selbst ursprünglich enthält, dessen Begriff auch durch den
+einzigen Zug einer allbefassenden Vollkommenheit sehr leicht zustande
+kommt. Diese höchste Ursache halten wir dann für schlechthin
+notwendig, weil wir es schlechterdings notwendig finden, bis zu ihr
+hinaufzusteigen, und keinen Grund, über sie noch weiter hinauszugehen.
+Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste Vielgötterei
+doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu nicht
+Nachdenken und tiefe Spekulation, sondern nur ein nach und nach
+verständlich gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes
+geführt hat.
+
+ Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus
+ spekulativer Vernunft möglich.
+
+Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder
+von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen
+Beschaffenheit unserer Sinnenwelt an, und steigen von ihr nach
+Gesetzen der Kausalität bis zur höchsten Ursache außer der Welt
+hinauf: oder sie legen nur unbestimmte Erfahrung, d.i. irgendein
+Dasein, empirisch zum Grunde, oder sie abstrahieren endlich von aller
+Erfahrung, und schließen gänzlich a priori aus bloßen Begriffen
+auf das Dasein einer höchsten Ursache. Der erste Beweis ist der
+physikotheologische, der zweite der kosmologische, der dritte der
+ontologische Beweis. Mehr gibt es ihrer nicht, und mehr kann es auch
+nicht geben.
+
+Ich werde dartun: daß die Vernunft, auf dem einen Wege (dem
+empirischen) so wenig, als auf dem anderen (dem transzendentalen),
+etwas ausrichte, und daß sie vergeblich ihre Flügel ausspanne, um über
+die Sinnenwelt durch die bloße Macht der Spekulation hinaus zu kommen.
+Was aber die Ordnung betrifft, in welcher diese Beweisarten der
+Prüfung vorgelegt werden müssen, so wird sie gerade die umgekehrte von
+derjenigen sein, welche die sich nach und nach erweiternde Vernunft
+nimmt, und in der wir sie auch zuerst gestellt haben. Denn es wird
+sich zeigen: daß, obgleich Erfahrung den ersten Anlaß dazu gibt,
+dennoch bloß der transzendentale Begriff die Vernunft in dieser ihrer
+Bestrebung leite und in allen solchen Versuchen das Ziel ausstecke,
+das sie sich vorgesetzt hat. Ich werde also von der Prüfung des
+transzendentalen Beweises anfangen, und nachher sehen, was der Zusatz
+des Empirischen zur Vergrößerung seiner Beweiskraft tun könne.
+
+
+
+Des dritten Hauptstücks
+Vierter Abschnitt
+Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes
+
+Man sieht aus dem bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolut
+notwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d.i. eine bloße Idee
+sei, deren objektive Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf,
+noch lange nicht bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse obzwar
+unerreichbare Vollständigkeit Anweisung gibt, und eigentlich mehr
+dazu dient, den Verstand zu begrenzen, als ihn auf neue Gegenstände
+zu erweitern. Es findet sich hier nun das Befremdliche und
+Widersinnische, daß der Schluß von einem gegebenen Dasein überhaupt
+auf irgendein schlechthin notwendiges Dasein, dringend und richtig zu
+sein scheint, und wir gleichwohl alle Bedingungen des Verstandes, sich
+einen Begriff von einer solchen Notwendigkeit zu machen, gänzlich
+wider uns haben.
+
+Man hat zu aller Zeit von dem absolut notwendigen Wesen geredet, und
+sich nicht sowohl Mühe gegeben, zu verstehen, ob und wie man sich ein
+Ding von dieser Art auch nur denken könne, als vielmehr dessen Dasein
+zu beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe
+ganz leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich
+ist; aber man wird hierdurch um nichts klüger, in Ansehung der
+Bedingungen, die es unmöglich machen, das Nichtsein eines Dinges als
+schlechterdings undenklich anzusehen, und die eigentlich dasjenige
+sind, was man wissen will, nämlich, ob wir uns durch diesen Begriff
+überall etwas denken, oder nicht. Denn alle Bedingungen, die der
+Verstand jederzeit bedarf, um etwas als notwendig anzusehen,
+vermittelst des Worts: Unbedingt, wegwerfen, macht mir noch lange
+nicht verständlich, ob ich alsdann durch einen Begriff eines
+Unbedingtnotwendigen noch etwas, oder vielleicht gar nichts denke.
+
+Noch mehr: diesen auf das bloße Geratewohl gewagten und endlich
+ganz geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge
+Beispiele zu erklären geglaubt, so, daß alle weitere Nachfrage wegen
+seiner Verständlichkeit ganz unnötig erschienen. Ein jeder Satz der
+Geometrie, z.B. daß ein Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin
+notwendig, und so redete man von einem Gegenstande, der ganz außerhalb
+der Sphäre unseres Verstandes liegt, als ob man ganz wohl verstände,
+was man mit dem Begriffe von ihm sagen wolle.
+
+Alle vorgegebenen Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urteilen,
+aber nicht von Dingen und deren Dasein hergenommen. Die unbedingte
+Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit
+der Sachen. Denn die absolute Notwendigkeit des Urteils ist nur eine
+bedingte Notwendigkeit der Sache, oder des Prädikats im Urteile. Der
+vorige Satz sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings notwendig
+sind, sondern, unter der Bedingung, daß ein Triangel da ist, (gegeben
+ist) sind auch drei Winkel (in ihm) notwendigerweise da. Gleichwohl
+hat diese logische Notwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion
+bewiesen, daß, indem man sich einen Begriff a priori von einem Dinge
+gemacht hatte, der so gestellt war, daß man seiner Meinung nach
+das Dasein mit in seinen Umfang begriff, man daraus glaubte sicher
+schließen zu können, daß, weil dem Objekt dieses Begriffs das Dasein
+notwendig zukommt, d.i. unter der Bedingung, daß ich dieses Ding als
+gegeben (existierend) setze, auch sein Dasein notwendig (nach der
+Regel der Identität) gesetzt werde, und dieses Wesen daher selbst
+schlechterdings notwendig sei, weil sein Dasein in einem nach Belieben
+angenommenen Begriffe und unter der Bedingung, daß ich den Gegenstand
+desselben setze, mitgedacht wird.
+
+Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte
+das Subjekt, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich: jenes
+kommt diesem notwendigerweise zu. Hebe ich aber das Subjekt zusamt
+dem Prädikate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es ist nichts
+mehr, welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel setzen und
+doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend; aber den
+Triangel samt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch.
+Gerade ebenso ist es mit dem Begriffe eines absolut notwendigen Wesens
+bewandt. Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das
+Ding selbst mit allen seinen Prädikaten auf; wo soll alsdann der
+Widerspruch herkommen? Äußerlich ist nichts, dem widersprochen würde,
+denn das Ding soll nicht äußerlich notwendig sein; innerlich auch
+nichts, denn ihr habt, durch Aufhebung des Dinges selbst, alles Innere
+zugleich aufgehoben. Gott ist allmächtig; das ist ein notwendiges
+Urteil. Die Allmacht kann nicht aufgehoben werden, wenn ihr eine
+Gottheit, d.i. ein unendlich Wesen, setzt, mit dessen Begriff jener
+identisch ist. Wenn ihr aber sagt: Gott ist nicht, so ist weder die
+Allmacht, noch irgendein anderes seiner Prädikate gegeben; denn sie
+sind alle zusamt dem Subjekte aufgehoben, und es zeigt sich in diesem
+Gedanken nicht der mindeste Widerspruch.
+
+Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädikat eines Urteils zusamt
+dem Subjekte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen
+könne, das Prädikat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt euch
+keine Ausflucht übrig, als, ihr müßt sagen: es gibt Subjekte, die gar
+nicht aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde
+aber ebensoviel sagen, als: es gibt schlechterdings notwendige
+Subjekte; eine Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt
+habe, und deren Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet. Denn ich kann mir
+nicht den geringsten Begriff von einem Dinge machen, welches, wenn es
+mit allen seinen Prädikaten aufgehoben würde, einen Widerspruch zurück
+ließe, und ohne den Widerspruch habe ich, durch bloße reine Begriffe a
+priori, kein Merkmal der Unmöglichkeit.
+
+Wider alle diese allgemeinen Schlüsse (deren sich kein Mensch weigern
+kann) fordert ihr mich durch einen Fall auf, den ihr, als einen Beweis
+durch die Tat, aufstellt: daß es doch einen und zwar nur diesen Einen
+Begriff gebe, da das Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes
+in sich selbst widersprechend sei, und dieses ist der Begriff des
+allerrealsten Wesens. Es hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid
+berechtigt, ein solches Wesen als möglich anzunehmen, (welches ich
+vorjetzt einwillige, obgleich der sich nicht widersprechende Begriff
+noch lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes beweist)*. Nun ist
+unter aller Realität auch das Dasein mitbegriffen: Also liegt das
+Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen. Wird dieses Ding nun
+aufgehoben, so wird die innere Möglichkeit des Dinges aufgehoben,
+welches widersprechend ist.
+
+* Der Begriff ist allemal möglich, wenn er sich nicht widerspricht.
+ Das ist das logische Merkmal der Möglichkeit, und dadurch wird
+ sein Gegenstand vom nihil negativum unterschieden. Allein er kann
+ nichtsdestoweniger ein leerer Begriff sein, wenn die objektive
+ Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird, nicht
+ besonders dargetan wird; welches aber jederzeit, wie oben gezeigt
+ worden, auf Prinzipien möglicher Erfahrung und nicht auf dem
+ Grundsatze der Analysis (dem Satze des Widerspruchs) beruht. Das
+ ist eine Warnung, von der Möglichkeit der Begriffe (logische) nicht
+ sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu schließen.
+
+Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr in
+den Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit
+nach denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den
+Begriff seiner Existenz hinein brachtet. Räumt man euch dieses ein,
+so habt ihr dem Scheine nach gewonnen Spiel, in der Tat aber nichts
+gesagt; denn ihr habt eine bloße Tautologie begangen. Ich frage euch,
+ist der Satz: dieses oder jenes Ding (welches ich euch als möglich
+einräume, es mag sein, welches es wolle,) existiert, ist, sage ich,
+dieser Satz ein analytischer oder synthetischer Satz? Wenn er das
+erstere ist, so tut ihr durch das Dasein des Dinges zu euerem Gedanken
+von dem Dinge nichts hinzu, aber alsdann müßte entweder der Gedanke,
+der in euch ist, das Ding selber sein, oder ihr habt ein Dasein, als
+zur Möglichkeit gehörig, vorausgesetzt, und alsdann das Dasein dem
+Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit geschlossen, welches nichts
+als eine elende Tautologie ist. Das Wort: Realität, welches im
+Begriffe des Dinges anders klingt, als Existenz im Begriffe des
+Prädikats, macht es nicht aus. Denn, wenn ihr auch alles Setzen
+(unbestimmt was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr das Ding schon
+mit allen seinen Prädikaten im Begriffe des Subjekts gesetzt und als
+wirklich angenommen, und im Prädikate wiederholt ihr es nur. Gesteht
+ihr dagegen, wie es billigermaßen jeder Vernünftige gestehen muß,
+daß ein jeder Existenzialsatz synthetisch sei, wie wollt ihr dann
+behaupten, daß das Prädikat der Existenz sich ohne Widerspruch nicht
+aufheben lasse? da dieser Vorzug nur den analytischen, als deren
+Charakter eben darauf beruht, eigentümlich zukommt.
+
+Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argutation, ohne allen
+Umschweif, durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz
+zunichte zu machen, wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion,
+in Verwechslung eines logischen Prädikats mit einem realen, (d.i.
+der Bestimmung eines Dinges,) beinahe alle Belehrung ausschlage. Zum
+logischen Prädikate kann alles dienen, was man will, sogar das Subjekt
+kann von sich selbst prädiziert werden; denn die Logik abstrahiert von
+allem Inhalte. Aber die Bestimmung ist ein Prädikat, welches über den
+Begriff des Subjekts hinzukommt und ihn vergrößert. Sie muß also nicht
+in ihm schon enthalten sein.
+
+Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d.i. ein Begriff von irgend
+etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloß
+die Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an sich selbst.
+Im logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urteils. Der
+Satz: Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte
+haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein
+Prädikat obenein, sondern nur das, was das Prädikat beziehungsweise
+aufs Subjekt setzt. Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit allen seinen
+Prädikaten (worunter auch die Allmacht gehört) zusammen, und sage:
+Gott ist, oder es ist ein Gott, so setze ich kein neues Prädikat zum
+Begriffe von Gott, sondern nur das Subjekt an sich selbst mit allen
+seinen Prädikaten, und zwar den Gegenstand in Beziehung auf meinen
+Begriff. Beide müssen genau einerlei enthalten, und es kann daher
+zu dem Begriffe, der bloß die Möglichkeit ausdrückt, darum, daß ich
+dessen Gegenstand als schlechthin gegeben (durch den Ausdruck: er ist)
+denke, nichts weiter hinzukommen. Und so enthält das Wirkliche nichts
+mehr als das bloß Mögliche. Hundert wirkliche Taler enthalten nicht
+das mindeste mehr, als hundert mögliche. Denn, da diese den Begriff,
+jene aber den Gegenstand und dessen Position an sich selbst bedeuten,
+so würde, im Fall dieser mehr enthielte als jener, mein Begriff nicht
+den ganzen Gegenstand ausdrücken, und also auch nicht der angemessene
+Begriff von ihm sein. Aber in meinem Vermögenszustande ist mehr bei
+hundert wirklichen Talern, als bei dem bloßen Begriffe derselben, (d.
+i. ihrer Möglichkeit). Denn der Gegenstand ist bei der Wirklichkeit
+nicht bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten, sondern kommt zu
+meinem Begriffe (der eine Bestimmung meines Zustandes ist) synthetisch
+hinzu, ohne daß durch dieses Sein außerhalb meinem Begriffe diese
+gedachten hundert Taler selbst im mindesten vermehrt werden.
+
+Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädikate ich will,
+(selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, daß
+ich noch hinzusetze, dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge
+hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren,
+als ich im Begriffe gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß
+gerade der Gegenstand meines Begriffs existiere. Denke ich mir auch
+sogar in einem Dinge alle Realität außer einer, so kommt dadurch,
+daß ich sage, ein solches mangelhaftes Ding existiert, die fehlende
+Realität nicht hinzu, sondern es existiert gerade mit demselben Mangel
+behaftet, als ich es gedacht habe, sonst würde etwas anderes, als
+ich dachte, existieren. Denke ich mir nun ein Wesen als die höchste
+Realität (ohne Mangel), so bleibt noch immer die Frage, ob es
+existiere, oder nicht. Denn, obgleich an meinem Begriffe, von dem
+möglichen realen Inhalte eines Dinges überhaupt, nichts fehlt, so
+fehlt doch noch etwas an dem Verhältnisse zu meinem ganzen Zustande
+des Denkens, nämlich daß die Erkenntnis jenes Objekts auch a
+posteriori möglich sei. Und hier zeigt sich auch die Ursache der
+hierbei obwaltenden Schwierigkeit. Wäre von einem Gegenstande der
+Sinne die Rede, so würde ich die Existenz des Dinges mit dem bloßen
+Begriffe des Dinges nicht verwechseln können. Denn durch den Begriff
+wird der Gegenstand nur mit den allgemeinen Bedingungen einer
+möglichen empirischen Erkenntnis überhaupt als einstimmig, durch die
+Existenz aber als in dem Kontext der gesamten Erfahrung enthalten
+gedacht; da denn durch die Verknüpfung mit dem Inhalte der gesamten
+Erfahrung der Begriff vom Gegenstande nicht im mindesten vermehrt
+wird, unser Denken aber durch denselben eine mögliche Wahrnehmung mehr
+bekommt. Wollen wir dagegen die Existenz durch die reine Kategorie
+allein denken, so ist kein Wunder, daß wir kein Merkmal angeben
+können, sie von der bloßen Möglichkeit zu unterscheiden.
+
+Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wie
+viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die
+Existenz zu erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses
+durch den Zusammenhang mit irgendeiner meiner Wahrnehmungen nach
+empirischen Gesetzen; aber für Objekte des reinen Denkens in ganz und
+gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori
+erkannt werden müßte, unser Bewußtsein aller Existenz aber (es sei
+durch Wahrnehmung unmittelbar, oder durch Schlüsse, die etwas mit
+der Wahrnehmung verknüpfen,) gehört ganz und gar zur Einheit der
+Erfahrung, und eine Existenz außer diesem Felde kann zwar nicht
+schlechterdings für unmöglich erklärt werden, sie ist aber eine
+Voraussetzung, die wir durch nichts rechtfertigen können.
+
+Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr
+nützliche Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz
+unfähig, um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntnis in Ansehung
+dessen, was existiert, zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel,
+daß sie uns in Ansehung der Möglichkeit eines Mehreren belehrte. Das
+analytische Merkmal der Möglichkeit, das darin besteht, daß bloße
+Positionen (Realitäten) keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm zwar
+nicht gestritten werden; weil aber die Verknüpfung aller realen
+Eigenschaften in einem Dinge eine Synthesis ist, über deren
+Möglichkeit wir a priori nicht urteilen können, weil uns die
+Realitäten spezifisch nicht gegeben sind, und, wenn dieses auch
+geschähe, überall gar kein Urteil darin stattfindet, weil das Merkmal
+der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung
+gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee nicht
+gehören kann; so hat der berühmte Leibniz bei weitem das nicht
+geleistet, wessen er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen
+idealischen Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen.
+
+Es ist also an dem so berühmten ontologischen (Cartesianischen)
+Beweise, vom Dasein eines höchsten Wesens, aus Begriffen, alle Mühe
+und Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl ebensowenig aus bloßen
+Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen, wenn
+er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Kassenbestande einige
+Nullen anhängen wollte.
+
+
+
+Des dritten Hauptstücks
+Fünfter Abschnitt
+Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes
+
+Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des
+Schulwitzes, aus einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein
+des ihr entsprechenden Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen. In
+der Tat würde man es nie auf diesem Wege versucht haben, wäre nicht
+die Bedürfnis unserer Vernunft, zur Existenz überhaupt irgend
+etwas Notwendiges (bei dem man im Aufsteigen stehenbleiben könne)
+anzunehmen, vorhergegangen, und wäre nicht die Vernunft, da diese
+Notwendigkeit unbedingt und a priori gewiß sein muß, gezwungen worden,
+einen Begriff zu suchen, der, wo möglich, einer solchen Forderung ein
+Genüge täte, und ein Dasein völlig a priori zu erkennen gebe. Diesen
+glaubte man nun in der Idee eines allerrealsten Wesens zu finden und
+so wurde diese nur zur bestimmteren Kenntnis desjenigen, wovon man
+schon anderweitig überzeugt oder überredet war, es müsse existieren,
+nämlich des notwendigen Wesens, gebraucht. Indes verhehlte man diesen
+natürlichen Gang der Vernunft, und, anstatt bei diesem Begriffe zu
+endigen, versuchte man von ihm anzufangen, um die Notwendigkeit des
+Daseins aus ihm abzuleiten, die er doch nur zu ergänzen bestimmt war.
+Hieraus entsprang nun der verunglückte ontologische Beweis, der weder
+für den natürlichen und gesunden Verstand, noch für die schulgerechte
+Prüfung etwas Genugtuendes bei sich führt.
+
+Der kosmologische Beweis, den wir jetzt untersuchen wollen, behält
+die Verknüpfung der absoluten Notwendigkeit mit der höchsten Realität
+bei, aber anstatt, wie der vorige, von der höchsten Realität auf die
+Notwendigkeit im Dasein zu schließen, schließt er vielmehr von der zum
+voraus gegebenen unbedingten Notwendigkeit irgendeines Wesens, auf
+dessen unbegrenzte Realität, und bringt sofern alles wenigstens in das
+Geleis einer, ich weiß nicht ob vernünftigen, oder vernünftelnden,
+wenigstens natürlichen Schlußart, welche nicht allein für den
+gemeinen, sondern auch den spekulativen Verstand die meiste Überredung
+bei sich führt; wie sie denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen
+der natürlichen Theologie die ersten Grundlinien zieht, denen man
+jederzeit nachgegangen ist und ferner nachgehen wird, man mag sie nun
+durch noch so viel Laubwerk und Schnörkel verzieren und verstecken,
+als man immer will. Diesen Beweis, den Leibniz auch den a contingentia
+mundi nannte, wollen wir jetzt vor Augen stellen und der Prüfung
+unterwerfen.
+
+Er lautet also: Wenn etwas existiert, so muß auch ein schlechterdings
+notwendiges Wesen existieren. Nun existiere, zum mindesten, ich
+selbst: also existiert ein absolut notwendiges Wesen. Der Untersatz
+enthält eine Erfahrung, der Obersatz die Schlußfolge aus einer
+Erfahrung überhaupt auf das Dasein des Notwendigen.* Also hebt der
+Beweis eigentlich von der Erfahrung an, mithin ist er nicht gänzlich
+a priori geführt, oder ontologisch, und weil der Gegenstand aller
+möglichen Erfahrung Welt heißt, so wird er darum der kosmologische
+Beweis genannt. Da er auch von aller besonderen Eigenschaft der
+Gegenstände der Erfahrung, dadurch sich diese Welt von jeder möglichen
+unterscheiden mag, abstrahiert: so wird er schon in seiner Benennung
+auch vom physikotheologischen Beweise unterschieden, welcher
+Beobachtungen der besonderen Beschaffenheit dieser unserer Sinnenwelt
+zu Beweisgründen braucht.
+
+* Diese Schlußfolge ist zu bekannt, als das es nötig wäre, sie
+ hier weitläufig vorzutragen. Sie beruht auf dem vermeintlich
+ transzendentalen Naturgesetz der Kausalität: daß alles Zufällige
+ seine Ursache habe, die, wenn sie wiederum zufällig ist, ebensowohl
+ eine Ursache haben muß, bis die Reihe der einander untergeordneten
+ Ursachen sich bei einer schlechthin notwendigen Ursache endigen muß,
+ ohne welche sie keine Vollständigkeit haben würde.
+
+Nun schließt der Beweis weiter: das notwendige Wesen kann nur auf
+eine einzige Art, d.i. in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten
+Prädikate nur durch eines derselben, bestimmt werden, folglich muß
+es durch seinen Begriff durchgängig bestimmt sein. Nun ist nur ein
+einziger Begriff von einem Dinge möglich, der dasselbe a priori
+durchgängig bestimmt, nämlich der des entis realissimi: Also ist der
+Begriff des allerrealsten Wesens der einzige, dadurch ein notwendiges
+Wesen gedacht werden kann, d.i. es existiert ein höchstes Wesen
+notwendigerweise.
+
+In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde
+Grundsätze zusammen, daß die spekulative Vernunft hier alle ihre
+dialektische Kunst aufgeboten zu haben scheint, um den größtmöglichen
+transzendentalen Schein zustande zu bringen. Wir wollen ihre Prüfung
+indessen eine Weile beiseite setzen, um nur eine List derselben
+offenbar zu machen, mit welcher sie ein altes Argument in verkleideter
+Gestalt für ein neues aufstellt und sich auf zweier Zeugen Einstimmung
+beruft, nämlich einem reinen Vernunftzeugen und einem anderen von
+empirischer Beglaubigung, da es doch nur der erstere allein ist,
+welcher bloß seinen Anzug und Stimme verändert, um für einen zweiten
+gehalten zu werden. Um seinen Grund recht sicher zu legen, fußt sich
+dieser Beweis auf Erfahrung und gibt sich dadurch das Ansehen, als
+sei er vom ontologischen Beweise unterschieden, der auf lauter reine
+Begriffe a priori sein ganzes Vertrauen setzt. Dieser Erfahrung aber
+bedient sich der kosmologische Beweis nur, um einen einzigen Schritt
+zu tun, nämlich zum Dasein eines notwendigen Wesens überhaupt. Was
+dieses für Eigenschaften habe, kann der empirische Beweisgrund nicht
+lehren, sondern da nimmt die Vernunft gänzlich von ihm Abschied und
+forscht hinter lauter Begriffen: was nämlich ein absolut notwendiges
+Wesen überhaupt für Eigenschaften haben müsse, (d.i. welches unter
+allen möglichen Dingen die erforderlichen Bedingungen (requisita) zu
+einer absoluten Notwendigkeit in sich enthalte. Nun glaubt sie im
+Begriffe eines allerrealsten Wesens einzig und allein diese Requisite
+anzutreffen, und schließt sodann: das ist das schlechterdings
+notwendige Wesen. Es ist aber klar, daß man hierbei voraussetzt, der
+Begriff eines Wesens von der höchsten Realität tue dem Begriffe der
+absoluten Notwendigkeit im Dasein völlig genug, d.i. es lasse sich aus
+jener auf diese schließen; ein Satz, den das ontologische Argument
+behauptete, welches man also im kosmologischen Beweise annimmt und zum
+Grunde legt, da man es doch hatte vermeiden wollen. Denn die absolute
+Notwendigkeit ist ein Dasein aus bloßen Begriffen. Sage ich nun: der
+Begriff des entis realissimi ist ein solcher Begriff, und zwar der
+einzige, der zu dem notwendigen Dasein passend und ihm adäquat ist; so
+muß ich auch einräumen, daß aus ihm das letztere geschlossen werden
+könne. Es ist also eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter
+Begriffen, der in dem sogenannten kosmologischen alle Beweiskraft
+enthält, und die angebliche Erfahrung ist ganz müßig, vielleicht, um
+uns nur auf den Begriff der absoluten Notwendigkeit zu führen, nicht
+aber um diese an irgendeinem bestimmten Dinge darzutun. Denn sobald
+wir dieses zur Absicht haben, müssen wir sofort alle Erfahrung
+verlassen, und unter reinen Begriffen suchen, welcher von ihnen wohl
+die Bedingungen der Möglichkeit eines absolut notwendigen Wesens
+enthalte. Ist aber auf solche Weise nur die Möglichkeit eines solchen
+Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargetan; denn es heißt so
+viel, als: unter allem Möglichen ist Eines, das absolute Notwendigkeit
+bei sich führt, d.i. dieses Wesen existiert schlechterdings notwendig.
+
+Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten, wenn man
+sie auf schulgerechte Art vor Augen stellt. Hier ist eine solche
+Darstellung.
+
+Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthin notwendiges Wesen ist
+zugleich das allerrealste Wesen; (als welches der nervus probandi des
+kosmologischen Beweises ist;) so muß er sich, wie alle bejahenden
+Urteile, wenigstens per accidens umkehren lassen; also: einige
+allerrealste Wesen sind zugleich schlechthin notwendige Wesen. Nun
+ist aber ein ens realissimum von einem anderen in keinem Stücke
+unterschieden, und, was also von einigen unter diesem Begriffe
+enthaltenen gilt, das gilt auch von allen. Mithin werde ich (in diesem
+Falle) auch schlechthin umkehren können, d.i. ein jedes allerrealste
+Wesen ist ein notwendiges Wesen. Weil nun dieser Satz bloß aus seinen
+Begriffen a priori bestimmt ist: so muß der bloße Begriff des realsten
+Wesens auch die absolute Notwendigkeit desselben bei sich führen;
+welches eben der ontologische Beweis behauptete, und der kosmologische
+nicht anerkennen wollte, gleichwohl aber seinen Schlüssen, obzwar
+versteckter Weise, unterlegte.
+
+So ist denn der zweite Weg, den die spekulative Vernunft nimmt, um das
+Dasein des höchsten Wesens zu beweisen, nicht allein mit dem ersten
+gleich trüglich, sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich, daß er
+eine ignoratio elenchi begeht, indem er uns verheißt, einen neuen
+Fußsteig zu führen, aber, nach einem kleinen Umschweif, uns wiederum
+auf den alten zurückbringt, den wir seinetwegen verlassen hatten.
+
+Ich habe kurz vorher gesagt, daß in diesem kosmologischen Argumente
+sich ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte,
+welches die transzendentale Kritik leicht entdecken und zerstören
+kann. Ich will sie jetzt nur anführen und es dem schon geübten Leser
+überlassen, den trüglichen Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie
+aufzuheben.
+
+Da befindet sich denn z.B. 1. der transzendentale Grundsatz, vom
+Zufälligen auf eine Ursache zu schließen, welcher nur in der
+Sinnenwelt von Bedeutung ist, außerhalb derselben aber auch nicht
+einmal einen Sinn hat. Denn der bloß intellektuelle Begriff des
+Zufälligen kann gar keinen synthetischen Satz, wie den der Kausalität,
+hervorbringen, und der Grundsatz der letzteren hat gar keine Bedeutung
+und kein Merkmal seines Gebrauchs, als nur in der Sinnenwelt; hier
+aber sollte er gerade dazu dienen, um über die Sinnenwelt hinaus zu
+kommen. 2. Der Schluß, von der Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe
+übereinander gegebenen Ursachen in der Sinnenwelt auf eine erste
+Ursache zu schließen, wozu uns die Prinzipien des Vernunftgebrauchs
+selbst in der Erfahrung nicht berechtigen, vielweniger diesen
+Grundsatz über dieselbe (wohin diese Kette gar nicht verlängert
+werden kann) ausdehnen können. 3. Die falsche Selbstbefriedigung
+der Vernunft, in Ansehung der Vollendung dieser Reihe, dadurch, daß
+man endlich alle Bedingung, ohne welche doch kein Begriff einer
+Notwendigkeit stattfinden kann, wegschafft, und, da man alsdann nichts
+weiter begreifen kann, dieses für eine Vollendung seines Begriffs
+annimmt. 4. Die Verwechslung der logischen Möglichkeit eines Begriffs
+von aller vereinigten Realität (ohne inneren Widerspruch) mit der
+transzendentalen, welche ein Prinzipium der Tunlichkeit einer solchen
+Synthesis bedarf, das aber wiederum nur auf das Feld möglicher
+Erfahrungen gehen kann, usw.
+
+Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielt bloß darauf ab, um
+dem Beweise des Daseins eines notwendigen Wesens a priori durch bloße
+Begriffe auszuweichen, der ontologisch geführt werden müßte, wozu wir
+uns aber gänzlich unvermögend fühlen. In dieser Absicht schließen
+wir aus einem zum Grunde gelegten wirklichen Dasein (einer Erfahrung
+überhaupt), so gut es sich will tun lassen, auf irgendeine
+schlechterdings notwendige Bedingung desselben. Wir haben alsdann
+dieser ihre Möglichkeit nicht nötig zu erklären. Denn, wenn bewiesen
+ist, daß sie da sei, so ist die Frage wegen ihrer Möglichkeit
+ganz unnötig. Wollen wir nun dieses notwendige Wesen nach seiner
+Beschaffenheit näher bestimmen, so suchen wir nicht dasjenige, was
+hinreichend ist, aus seinem Begriffe die Notwendigkeit des Daseins zu
+begreifen; denn, könnten wir dieses, so hätten wir keine empirische
+Voraussetzung nötig; nein, wir suchen nur die negative Bedingung,
+(conditio sine qua non,) ohne welche ein Wesen nicht absolut notwendig
+sein würde. Nun würde das in aller anderen Art von Schlüssen, aus
+einer gegebenen Folge auf ihren Grund, wohl angehen; es trifft sich
+aber hier unglücklicherweise, daß die Bedingung, die man zur absoluten
+Notwendigkeit fordert, nur in einem einzigen Wesen angetroffen werden
+kann, welches daher in seinem Begriffe alles, was zur absoluten
+Notwendigkeit erforderlich ist, enthalten müßte, und also einen Schluß
+a priori auf dieselbe möglich macht; d.i. ich müßte auch umgekehrt
+schließen können: welchem Dinge dieser Begriff (der höchsten Realität)
+zukommt, das ist schlechterdings notwendig, und, kann ich so
+nicht schließen, (wie ich denn dieses gestehen muß, wenn ich den
+ontologischen Beweis vermeiden will,) so bin ich auch auf meinem neuen
+Wege verunglückt und befinde mich wiederum da, von wo ich ausging. Der
+Begriff des höchsten Wesens tut wohl allen Fragen a priori ein Genüge,
+die wegen der inneren Bestimmungen eines Dinges können aufgeworfen
+werden, und ist darum auch ein Ideal ohne Gleichen, weil der
+allgemeine Begriff dasselbe zugleich als ein Individuum unter allen
+möglichen Dingen auszeichnet. Er tut aber der Frage wegen seines
+eigenen Daseins gar kein Genüge, als warum es doch eigentlich nur zu
+tun war, und man konnte auf die Erkundigung dessen, der das Dasein
+eines notwendigen Wesens annahm, und nur wissen wollte, welches denn
+unter allen Dingen dafür angesehen werden müsse, nicht antworten: Dies
+hier ist das notwendige Wesen.
+
+Es mag wohl erlaubt sein, das Dasein eines Wesens von der höchsten
+Zulänglichkeit, als Ursache zu allen möglichen Wirkungen, anzunehmen,
+um der Vernunft die Einheit der Erklärungsgründe, welche sie sucht, zu
+erleichtern. Allein, sich so viel herauszunehmen, daß man sogar sage:
+ein solches Wesen existiert notwendig, ist nicht mehr die bescheidene
+Äußerung einer erlaubten Hypothese, sondern die dreiste Anmaßung einer
+apodiktischen Gewißheit; denn, was man als schlechthin notwendig zu
+erkennen vorgibt, davon muß auch die Erkenntnis absolute Notwendigkeit
+bei sich führen.
+
+Die ganze Aufgabe des transzendentalen Ideals kommt darauf an:
+entweder zu der absoluten Notwendigkeit einen Begriff, oder zu dem
+Begriffe von irgendeinem Dinge die absolute Notwendigkeit desselben
+zu finden. Kann man das eine, so muß man auch das andere können; denn
+als schlechthin notwendig erkennt die Vernunft nur dasjenige, was
+aus seinem Begriffe notwendig ist. Aber beides übersteigt gänzlich
+alle äußersten Bestrebungen, unseren Verstand über diesen Punkt
+zu befriedigen, aber auch alle Versuche, ihn wegen dieses seines
+Unvermögens zu beruhigen.
+
+Die unbedingte Notwendigkeit, die wir, als den letzten Träger aller
+Dinge, so unentbehrlich bedürfen, ist der wahre Abgrund für die
+menschliche Vernunft. Selbst die Ewigkeit, so schauderhaft erhaben sie
+auch ein Haller schildern mag, macht lange den schwindligen Eindruck
+nicht auf das Gemüt; denn sie mißt nur die Dauer der Dinge, aber trägt
+sie nicht. Man kann sich des Gedanken nicht erwehren, man kann ihn
+aber auch nicht ertragen: daß ein Wesen, welches wir uns auch als das
+höchste unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst
+sage: Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts, ohne
+das, was bloß durch meinen Willen etwas ist; aber woher bin ich denn?
+Hier sinkt alles unter uns, und die größte Vollkommenheit, wie die
+kleinste, schwebt ohne Haltung bloß vor der spekulativen Vernunft,
+der es nichts kostet, die eine so wie die andere ohne die mindeste
+Hindernis verschwinden zu lassen.
+
+Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen
+äußern, bleiben für uns unerforschlich; denn wir können ihnen durch
+Beobachtung nicht weit genug nachspüren. Das den Erscheinungen
+zum Grunde liegende transzendentale Objekt, und mit demselben der
+Grund, warum unsere Sinnlichkeit diese vielmehr als andere oberste
+Bedingungen habe, sind und bleiben für uns unerforschlich, obzwar die
+Sache selbst übrigens gegeben, aber nur nicht eingesehen ist. Ein
+Ideal der reinen Vernunft kann aber nicht unerforschlich heißen, weil
+es weiter keine Beglaubigung seiner Realität aufzuweisen hat, als
+die Bedürfnis der Vernunft, vermittelst desselben alle synthetische
+Einheit zu vollenden. Da es also nicht einmal als denkbarer Gegenstand
+gegeben ist, so ist es auch nicht als ein solcher unerforschlich;
+vielmehr muß er, als bloße Idee, in der Natur der Vernunft seinen Sitz
+und seine Auflösung finden, und also erforscht werden können; denn
+eben darin besteht Vernunft, daß wir von allen unseren Begriffen,
+Meinungen und Behauptungen, es sei aus objektiven, oder, wenn sie ein
+bloßer Schein sind, aus subjektiven Gründen Rechenschaft geben können.
+
+
+
+Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins in allen
+transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen Wesens.
+
+Beide bisher geführten Beweise waren transzendental, d.i. unabhängig
+von empirischen Prinzipien versucht. Denn, obgleich der kosmologische
+eine Erfahrung überhaupt zum Grunde legt, so ist er doch nicht aus
+irgendeiner besonderen Beschaffenheit derselben, sondern aus reinen
+Vernunftprinzipien, in Beziehung auf eine durchs empirische Bewußtsein
+überhaupt gegebene Existenz, geführt und verläßt sogar diese
+Anleitung, um sich auf lauter reine Begriffe zu stützen. Was ist nun
+in diesen transzendentalen Beweisen die Ursache des dialektischen,
+aber natürlichen Scheins, welcher die Begriffe der Notwendigkeit
+und höchsten Realität verknüpft, und dasjenige, was doch nur Idee
+sein kann, realisiert und hypostasiert? Was ist die Ursache der
+Unvermeidlichkeit, etwas als an sich notwendig unter den existierenden
+Dingen anzunehmen, und doch zugleich vor dem Dasein eines solchen
+Wesens als einem Abgrunde zurückzubeben, und wie fängt man es an, daß
+sich die Vernunft hierüber selbst verstehe, und aus dem schwankenden
+Zustande eines schüchternen, und immer wiederum zurückgenommenen
+Beifalls, zur ruhigen Einsicht gelange?
+
+Es ist etwas überaus Merkwürdiges, daß, wenn man voraussetzt, etwas
+existiere, man der Folgerung nicht Umgang haben kann, daß auch irgend
+etwas notwendigerweise existiere. Auf diesem ganz natürlichen (obzwar
+darum noch nicht sicheren) Schlusse beruhte das kosmologische
+Argument. Dagegen mag ich einen Begriff von einem Dinge annehmen,
+welchen ich will, so finde ich, daß sein Dasein niemals von mir als
+schlechterdings notwendig vorgestellt werden könne, und daß mich
+nichts hindere, es mag existieren was da wolle, das Nichtsein
+desselben zu denken, mithin ich zwar zu dem Existierenden überhaupt
+etwas Notwendiges annehmen müsse, kein einziges Ding aber selbst als
+an sich notwendig denken könne. Das heißt: ich kann das Zurückgehen zu
+den Bedingungen des Existierens niemals vollenden, ohne ein notwendig
+Wesen anzunehmen, ich kann aber von demselben niemals anfangen.
+
+Wenn ich zu existierenden Dingen überhaupt etwas Notwendiges denken
+muß, kein Ding aber an sich selbst als notwendig zu denken befugt bin,
+so folgt daraus unvermeidlich, daß Notwendigkeit und Zufälligkeit
+nicht die Dinge selbst angehen und treffen müsse, weil sonst ein
+Widerspruch vorgehen würde; mithin keiner dieser beiden Grundsätze
+objektiv sei, sondern sie allenfalls nur subjektive Prinzipien der
+Vernunft sein können, nämlich einerseits zu allem, was als existierend
+gegeben ist, etwas zu suchen, das notwendig ist, d.i. niemals anderswo
+als bei einer a priori vollendeten Erklärung aufzuhören, andererseits
+aber auch diese Vollendung niemals zu hoffen, d.i. nichts Empirisches
+als unbedingt anzunehmen, und sich dadurch fernerer Ableitung zu
+überheben. In solcher Bedeutung können beide Grundsätze als bloß
+heuristisch und regulativ, die nichts als das formale Interesse der
+Vernunft besorgen, ganz wohl beieinander bestehen. Denn der eine sagt,
+ihr sollt so über die Natur philosophieren, als ob es zu allem, was
+zur Existenz gehört, einen notwendigen ersten Grund gebe, lediglich um
+systematische Einheit in eure Erkenntnis zu bringen, indem ihr einer
+solchen Idee, nämlich einem eingebildeten obersten Grunde, nachgeht:
+der andere aber warnt euch, keine einzige Bestimmung, die die Existenz
+der Dinge betrifft, für einen solchen obersten Grund, d.i. als absolut
+notwendig anzunehmen, sondern euch noch immer den Weg zur ferneren
+Ableitung offen zu erhalten, und sie daher jederzeit noch als bedingt
+zu behandeln. Wenn aber vor uns alles, was an den Dingen wahrgenommen
+wird, als bedingt notwendig betrachtet werden muß: so kann auch kein
+Ding (das empirisch gegeben sein mag) als absolut notwendig angesehen
+werden.
+
+Es folgt aber hieraus, daß ihr das absolut Notwendige außerhalb der
+Welt annehmen müßt; weil es nur zu einem Prinzip der größtmöglichen
+Einheit der Erscheinungen, als deren oberster Grund, dienen soll, und
+ihr in der Welt niemals dahin gelangen könnt, weil die zweite Regel
+euch gebietet, alle empirischen Ursachen der Einheit jederzeit als
+abgeleitet anzusehen.
+
+Die Philosophen des Altertums sahen alle Form der Natur als zufällig,
+die Materie aber, nach dem Urteile der gemeinen Vernunft, als
+ursprünglich und notwendig an. Würden sie aber die Materie nicht
+als Substratum der Erscheinungen respektive sondern an sich selbst
+ihrem Dasein nach betrachtet haben, so wäre die Idee der absoluten
+Notwendigkeit sogleich verschwunden. Denn es ist nichts, was die
+Vernunft an dieses Dasein schlechthin bindet, sondern sie kann
+solches, jederzeit und ohne Widerstreit, in Gedanken aufheben; in
+Gedanken aber lag auch allein die absolute Notwendigkeit. Es mußte
+also bei dieser Überredung ein gewisses regulatives Prinzip zum Grunde
+liegen. In der Tat ist auch Ausdehnung und Undurchdringlichkeit (die
+zusammen den Begriff von Materie ausmachen) das oberste empirische
+Prinzipium der Einheit der Erscheinungen, und hat, sofern als es
+empirisch unbedingt ist, eine Eigenschaft des regulativen Prinzips an
+sich. Gleichwohl, da jede Bestimmung der Materie, welche das Reale
+derselben ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit, eine Wirkung
+(Handlung) ist, die ihre Ursache haben muß, und daher immer noch
+abgeleitet ist, so schickt sich die Materie doch nicht zur Idee eines
+notwendigen Wesens, als eines Prinzips aller abgeleiteten Einheit;
+weil jede ihrer realen Eigenschaften, als abgeleitet, nur bedingt
+notwendig ist, und also an sich aufgehoben werden kann, hiermit aber
+das ganze Dasein der Materie aufgehoben werden würde, wenn dieses aber
+nicht geschähe, wir den höchsten Grund der Einheit empirisch erreicht
+haben würden, welches durch das zweite regulative Prinzip verboten
+wird, so folgt: daß die Materie, und überhaupt, was zur Welt gehörig
+ist, zu der Idee eines notwendigen Urwesens, als eines bloßen Prinzips
+der größten empirischen Einheit, nicht schicklich sei, sondern daß es
+außerhalb der Welt gesetzt werden müsse, da wir denn die Erscheinungen
+der Welt und ihr Dasein immer getrost von anderen ableiten können, als
+ob es kein notwendig Wesen gäbe, und dennoch zu der Vollständigkeit
+der Ableitung unaufhörlich streben können, als ob ein solches, als ein
+oberster Grund, vorausgesetzt wäre.
+
+Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts
+anderes, als ein regulatives Prinzip der Vernunft, alle Verbindung in
+der Welt so anzusehen, als ob sie aus einer allgenugsamen notwendigen
+Ursache entspränge, um darauf die Regel einer systematischen und nach
+allgemeinen Gesetzen notwendigen Einheit in der Erklärung derselben
+zu gründen, und ist nicht eine Behauptung einer an sich notwendigen
+Existenz. Es ist aber zugleich unvermeidlich, sich, vermittelst einer
+transzendentalen Subreption, dieses formale Prinzip als konstitutiv
+vorzustellen, und sich diese Einheit hypostatisch zu denken. Denn,
+so wie der Raum, weil er alle Gestalten, die lediglich verschiedene
+Einschränkungen desselben sind, ursprünglich möglich macht, ob er
+gleich nur ein Prinzipium der Sinnlichkeit, ist dennoch eben darum für
+ein schlechterdings notwendiges für sich bestehendes Etwas und einen a
+priori an sich selbst gegebenen Gegenstand gehalten wird, so geht es
+auch ganz natürlich zu, daß, da die systematische Einheit der Natur
+auf keinerlei Weise zum Prinzip des empirischen Gebrauchs unserer
+Vernunft aufgestellt werden kann, als sofern wir die Idee eines
+allerrealsten Wesens, als der obersten Ursache, zum Grunde legen,
+diese Idee dadurch als ein wirklicher Gegenstand, und dieser wiederum,
+weil er die oberste Bedingung ist, als notwendig vorgestellt, mithin
+ein regulatives Prinzip in ein konstitutives verwandelt werde; welche
+Unterschiebung sich dadurch offenbart, daß, wenn ich nun dieses
+oberste Wesen, welches respektiv auf die Welt schlechthin (unbedingt)
+notwendig war, als Ding für sich betrachte, diese Notwendigkeit keines
+Begriffs fähig ist, und also nur als formale Bedingung des Denkens,
+nicht aber als materiale und hypostatische Bedingung des Daseins, in
+meiner Vernunft anzutreffen gewesen sein müsse.
+
+
+
+Des dritten Hauptstücks
+Sechster Abschnitt
+Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises
+
+Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt, noch die Erfahrung
+von irgendeinem Dasein überhaupt, das, was gefordert wird, leisten
+kann, so bleibt noch ein Mittel übrig, zu versuchen, ob nicht eine
+bestimmte Erfahrung, mithin die der Dinge der gegenwärtigen Welt, ihre
+Beschaffenheit und Anordnung, einen Beweisgrund abgebe, der uns sicher
+zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten Wesens verhelfen könne.
+Einen solchen Beweis würden wir den physikotheologischen nennen.
+Sollte dieser auch unmöglich sein: so ist überall kein genugtuender
+Beweis aus bloß spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens,
+welches unserer transzendentalen Idee entspräche, möglich.
+
+Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen, daß der Bescheid
+auf diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden könne.
+Denn, wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee
+angemessen sein sollte? Darin besteht eben das Eigentümliche der
+letzteren, daß ihr niemals irgendeine Erfahrung kongruieren könne. Die
+transzendentale Idee von einem notwendigen allgenugsamen Urwesen ist
+so überschwenglich groß, so hoch über alles Empirische, das jederzeit
+bedingt ist, erhaben, daß man teils niemals Stoff genug in der
+Erfahrung auftreiben kann, um einen solchen Begriff zu füllen, teils
+immer unter dem Bedingten herumtappt, und stets vergeblich nach dem
+Unbedingten, wovon uns kein Gesetz irgendeiner empirischen Synthesis
+ein Beispiel oder dazu die mindeste Leitung gibt, suchen werden.
+
+Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen, so
+würde es selbst ein Glied der Reihe derselben sein, und, ebenso,
+wie die niederen Glieder, denen es vorgesetzt ist, noch fernere
+Untersuchung wegen seines noch höheren Grundes erfordern. Will man
+es dagegen von dieser Kette trennen, und, als ein bloß intelligibles
+Wesen, nicht in der Reihe der Naturursachen mitbegreifen: welche
+Brücke kann die Vernunft alsdann wohl schlagen, um zu demselben zu
+gelangen? Da alle Gesetze des Überganges von Wirkungen zu Ursachen, ja
+alle Synthesis und Erweiterung unserer Erkenntnis überhaupt auf nichts
+anderes, als mögliche Erfahrung, mithin bloß auf Gegenstände der
+Sinnenwelt gestellt sind und nur in Ansehung ihrer eine Bedeutung
+haben können.
+
+Die gegenwärtige Weit eröffnet uns einen so unermeßlichen Schauplatz
+von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man mag
+diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten
+Teilung desselben verfolgen, daß selbst nach den Kenntnissen, welche
+unser schwache Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache, über
+so viele und unabsehlich große Wunder, ihren Nachdruck, alle Zahlen
+ihre Kraft zu messen, und Selbst unsere Gedanken alle Begrenzung
+vermissen, so, daß sich unser Urteil vom Ganzen in ein sprachloses,
+aber desto beredteres Erstaunen auflösen muß. Allerwärts sehen wir
+eine Kette der Wirkungen und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln,
+Regelmäßigkeit im Entstehen oder Vergehen, und, indem nichts von
+selbst in den Zustand getreten ist, darin es sich befindet, so weist
+er immer weiter hin nach einem anderen Dinge, als seiner Ursache,
+welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage notwendig macht, so, daß
+auf solche Weise das ganze All im Abgrunde des Nichts versinken müßte,
+nähme man nicht etwas an, das außerhalb diesem unendlichen Zufälligen,
+für sich selbst ursprünglich und unabhängig bestehend, dasselbe
+hielte, und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich seine
+Fortdauer sicherte. Diese höchste Ursache (in Ansehung aller Dinge der
+Welt) wie groß soll man sie sich denken? Die Welt kennen wir nicht
+ihrem ganzen Inhalte nach, noch weniger wissen wir ihre Größe durch
+die Vergleichung mit allem, was möglich ist, zu schätzen. Was hindert
+uns aber, daß, da wir einmal in Absicht auf Kausalität ein äußerstes
+und oberstes Wesen bedürfen, es nicht zugleich dem Grade der
+Vollkommenheit nach über alles andere Mögliche setzen sollten?
+welches wir leicht, obzwar freilich nur durch den zarten Umriß eines
+abstrakten Begriffs, bewerkstelligen können, wenn wir uns in ihm,
+als einer einigen Substanz, alle mögliche Vollkommenheit vereinigt
+vorstellen; welcher Begriff der Forderung unserer Vernunft in der
+Ersparung der Prinzipien günstig, in sich selbst keinen Widersprüchen
+unterworfen und selbst der Erweiterung des Vernunftgebrauchs mitten in
+der Erfahrung, durch die Leitung, welche eine solche Idee auf Ordnung
+und Zweckmäßigkeit gibt, zuträglich, nirgend aber einer Erfahrung auf
+entschiedene Art zuwider ist.
+
+Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden. Er
+ist der älteste, klarste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten
+angemessene. Er belebt das Studium der Natur, so wie er selbst von
+diesem sein Dasein hat und dadurch immer neue Kraft bekommt. Er bringt
+Zwecke und Absichten dahin, wo sie unsere Beobachtung nicht von
+selbst entdeckt hätte, und erweitert unsere Naturkenntnisse durch den
+Leitfaden einer besonderen Einheit, deren Prinzip außer der Natur ist.
+Diese Kenntnisse wirken aber wieder auf ihre Ursache, nämlich die
+veranlassende Idee, zurück, und vermehren den Glauben an einen
+höchsten Urheber bis zu einer unwiderstehlichen Überzeugung.
+
+Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein,
+dem Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft,
+die durch so mächtige und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar
+nur empirische Beweisgründe, unablässig gehoben wird, kann durch keine
+Zweifel subtiler abgezogener Spekulation so niedergedrückt werden, daß
+sie nicht aus jeder grüblerischen Unentschlossenheit, gleich als aus
+einem Traume, durch einen Blick, den sie auf die Wunder der Natur und
+der Majestät des Weltbaues wirft, gerissen werden sollte, um sich von
+Größe zu Größe bis zur allerhöchsten, vom Bedingten zur Bedingung, bis
+zum obersten und unbedingten Urheber zu erheben.
+
+Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit dieses
+Verfahrens nichts einzuwenden, sondern es vielmehr zu empfehlen und
+aufzumuntern haben, so können wir darum doch die Ansprüche nicht
+billigen, welche diese Beweisart auf apodiktische Gewißheit und auf
+einen gar keiner Gunst oder fremden Unterstützung bedürftigen Beifall
+machen möchte, und es kann der guten Sache keineswegs schaden, die
+dogmatische Sprache eines hohnsprechenden Vernünftlers auf den Ton
+der Mäßigung und Bescheidenheit, eines zur Beruhigung hinreichenden,
+obgleich eben nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens,
+herabzustimmen. Ich behaupte demnach, daß der physikotheologische
+Beweis das Dasein eines höchsten Wesens niemals allein dartun
+könne, sondern es jederzeit dem ontologischen (welchem er nur zur
+Introduktion dient) überlassen müsse, diesen Mangel zu ergänzen,
+mithin dieser immer noch den einzig möglichen Beweisgrund (wofern
+überall nur ein spekulativer Beweis stattfindet) enthalte, den keine
+menschliche Vernunft vorbeigehen kann.
+
+Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen Beweises sind
+folgende: 1. In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen
+einer Anordnung nach bestimmter Absicht, mit großer Weisheit
+ausgeführt, und in einem Ganzen von unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit
+des Inhalts sowohl, als auch unbegrenzter Größe des Umfangs. 2. Den
+Dingen der Welt ist diese zweckmäßige Anordnung ganz fremd, und hängt
+ihnen nur zufällig an, d.i. die Natur verschiedener Dinge konnte von
+selbst, durch so vielerlei sich vereinigende Mittel, zu bestimmten
+Endabsichten nicht zusammenstimmen, wären sie nicht durch ein
+anordnendes vernünftiges Prinzip, nach zum Grunde liegenden Ideen,
+dazu ganz eigentlich gewählt und angelegt worden. 3. Es existiert also
+eine erhabene und weise Ursache (oder mehrere), die nicht bloß, als
+blindwirkende allvermögende Natur, durch Fruchtbarkeit, sondern, als
+Intelligenz, durch Freiheit die Ursache der Welt sein muß. 4. Die
+Einheit derselben läßt sich aus der Einheit der wechselseitigen
+Beziehung der Teile der Welt, als Glieder von einem künstlichen
+Bauwerk, an demjenigen, wohin unsere Beobachtung reicht, mit
+Gewißheit, weiterhin aber, nach allen Grundsätzen der Analogie, mit
+Wahrscheinlichkeit schließen.
+
+Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu
+schikanieren, da sie aus der Analogie einiger Naturprodukte mit
+demjenigen, was menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur
+Gewalt tut, und sie nötigt, nicht nach ihren Zwecken zu verfahren,
+sondern sich in die unsrigen zu schmiegen, (der Ähnlichkeit derselben
+mit Häusern, Schiffen, Uhren,) schließt, es werde eben eine solche
+Kausalität, nämlich Verstand und Wille, bei ihr zum Grunde liegen,
+wenn sie die innere Möglichkeit der freiwirkenden Natur (die alle
+Kunst und vielleicht selbst sogar die Vernunft zuerst möglich macht),
+noch von einer anderen, obgleich übermenschlichen Kunst ableitet,
+welche Schlußart vielleicht die schärfste transz. Kritik nicht
+aushalten dürfte; muß man doch gestehen, daß, wenn wir einmal eine
+Ursache nennen sollen, wir hier nicht sicherer, als nach der Analogie
+mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen sind,
+wovon uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind, verfahren
+können. Die Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten
+können, wenn sie von der Kausalität, die sie kennt, zu dunkeln und
+unerweislichen Erklärungsgründen, die sie nicht kennt, übergehen
+wollte.
+
+Nach diesem Schlusse müßte die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit so
+vieler Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form, aber nicht der
+Materie, d.i. der Substanz in der Welt beweisen; denn zu dem letzteren
+würde noch erfordert werden, daß bewiesen werden könnte, die Dinge
+der Welt wären an sich selbst zu dergleichen Ordnung und Einstimmung,
+nach allgemeinen Gesetzen, untauglich, wenn sie nicht, selbst ihrer
+Substanz nach, das Produkt einer höchsten Weisheit wären; wozu aber
+ganz andere Beweisgründe, als die von der Analogie mit menschlicher
+Kunst, erfordert werden würden. Der Beweis könnte also höchstens
+einen Weltbaumeister, der durch die Tauglichkeit des Stoffs, den
+er bearbeitet, immer sehr eingeschränkt wäre, aber nicht einen
+Weltschöpfer, dessen Idee alles unterworfen ist, dartun, welches zu
+der großen Absicht, die man vor Augen hat, nämlich ein allgenugsames
+Urwesen zu beweisen, bei weitem nicht hinreichend ist. Wollten wir
+die Zufälligkeit der Materie selbst beweisen, so müßten wir zu einem
+transzendentalen Argumente unsere Zuflucht nehmen, welches aber hier
+eben hat vermieden werden sollen.
+
+Der Schluß geht also von der in der Welt so durchgängig beobachtenden
+Ordnung und Zweckmäßigkeit, als einer durchaus zufälligen Einrichtung,
+auf das Dasein einer ihr proportionierten Ursache. Der Begriff dieser
+Ursache aber muß uns etwas ganz Bestimmtes von ihr zu erkennen geben,
+und er kann also kein anderer sein, als der von einem Wesen, das alle
+Macht, Weisheit usw., mit einem Worte alle Vollkommenheit, als ein
+allgenugsames Wesen, besitzt. Denn die Prädikate von sehr großer, von
+erstaunlicher, von unermeßlicher Macht und Trefflichkeit geben gar
+keinen bestimmten Begriff, und sagen eigentlich nicht, was das Ding
+an sich selbst sei, sondern sind nur Verhältnisvorstellungen von der
+Größe des Gegenstandes, den der Beobachter (der Welt) mit sich selbst
+und seiner Fassungskraft vergleicht, und die gleich hochpreisend
+ausfallen, man mag den Gegenstand vergrößern, oder das beobachtende
+Subjekt in Verhältnis auf ihn kleiner machen. Wo es auf Größe (der
+Vollkommenheit) eines Dinges überhaupt ankommt, da gibt es keinen
+bestimmten Begriff als der, so die ganze mögliche Vollkommenheit
+begreift, und nur das All (omnitudo) der Realität ist im Begriffe
+durchgängig bestimmt.
+
+Nun will ich nicht hoffen, daß sich jemand unterwinden sollte, das
+Verhältnis der von ihm beobachteten Weltgröße (nach Umfang sowohl
+als Inhalt) zur Allmacht, der Weltordnung zur höchsten Weisheit, der
+Welteinheit zur absoluten Einheit des Urhebers usw. einzusehen. Also
+kann die Physikotheologie keinen bestimmten Begriff von der obersten
+Weltursache geben, und daher zu einem Prinzip der Theologie, welche
+wiederum die Grundlage der Religion ausmachen soll nicht hinreichend
+sein.
+
+Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen
+Weg ganz und gar unmöglich. Nun tut man ihn doch aber im
+physischtheologischen Beweise. Welches Mittels bedient man sich also
+wohl, über eine so weite Kluft zu kommen?
+
+Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der Macht usw.
+des Welturhebers gelangt ist, und nicht weiter kommen kann, so verläßt
+man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte Argument,
+und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit der
+Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser Zufälligkeit
+allein geht man nun, lediglich durch transzendentale Begriffe, zum
+Dasein eines schlechthin Notwendigen, und von dem Begriffe der
+absoluten Notwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig
+bestimmten oder bestimmenden Begriff desselben, nämlich einer
+allbefassenden Realität. Also blieb der physischtheologische Beweis in
+seiner Unternehmung stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich
+zu dem kosmologischen Beweise über, und da dieser nur ein versteckter
+ontologischer Beweis ist, so vollführte er seine Absicht wirklich bloß
+durch reine Vernunft, ob er gleich anfänglich alle Verwandtschaft mit
+dieser abgeleugnet und alles auf einleuchtende Beweise aus Erfahrung
+ausgesetzt hatte.
+
+Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache, gegen die
+transzendentale Beweisart so spröde zu tun, und auf sie mit dem
+Eigendünkel hellsehender Naturkenner, als auf das Spinnengewebe
+finsterer Grübler, herabzusehen. Denn, wenn sie sich nur selbst prüfen
+wollten, so würden sie finden, daß, nachdem sie eine gute Strecke
+auf dem Boden der Natur und Erfahrung fortgegangen sind, und sich
+gleichwohl immer noch eben so weit von dem Gegenstande sehen, der
+ihrer Vernunft entgegen scheint, sie plötzlich diesen Boden verlassen,
+und ins Reich bloßer Möglichkeiten übergehen, wo sie auf den Flügeln
+der Ideen demjenigen nahe zu kommen hoffen, was sich aller ihrer
+empirischen Nachsuchung entzogen hatte. Nachdem sie endlich durch
+einen so mächtigen Sprung festen Fuß gefaßt zu haben vermeinen, so
+verbreiten sie den nunmehr bestimmten Begriff (in dessen Besitz sie,
+ohne zu wissen wie, gekommen sind,) über das ganze Feld der Schöpfung,
+und erläutern das Ideal, welches lediglich ein Produkt der reinen
+Vernunft war, obzwar kümmerlich genug, und weit unter der Würde seines
+Gegenstandes, durch Erfahrung, ohne doch gestehen zu wollen, daß sie
+zu dieser Kenntnis oder Voraussetzung durch einen anderen Fußsteig,
+als den der Erfahrung, gelangt sind.
+
+So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der kosmologische,
+diesem aber der ontologische Beweis, vom Dasein eines einigen Urwesens
+als höchsten Wesens, zum Grunde, und da außer diesen dreien Wegen
+keiner mehr der spekulativen Vernunft offen ist, so ist der
+ontologische Beweis, aus lauter reinen Vernunftbegriffen, der einzige
+mögliche, wenn überall nur ein Beweis von einem so weit über allen
+empirischen Verstandesgebrauch erhabenen Satze möglich ist.
+
+
+
+Des dritten Hauptstücks
+Siebenter Abschnitt
+Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft
+
+Wenn ich unter Theologie die Erkenntnis des Urwesens verstehe, so
+ist sie entweder die aus bloßer Vernunft (theologia rationalis)
+oder aus Offenbarung (revelata). Die erstere denkt sich nun ihren
+Gegenstand entweder bloß durch reine Vernunft, vermittelst lauter
+transzendentaler Begriffe, (ens originarium, realissimum, ens entium,)
+und heißt die transzendentale Theologie, oder durch einen Begriff,
+den sie aus der Natur (unserer Seele) entlehnt, als die höchste
+Intelligenz, und müßte die natürliche Theologie heißen. Der, so allein
+eine transzendentale Theologie einräumt, wird Deist, der, so auch eine
+natürliche Theologie annimmt, Theist genannt. Der erstere gibt zu, daß
+wir allenfalls das Dasein eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen
+können, aber unser Begriff von ihm bloß transzendental sei, nämlich
+nur als von einem Wesen, das alle Realität hat, die man aber nicht
+näher bestimmen kann. Der zweite behauptet, die Vernunft sei imstande,
+den Gegenstand nach der Analogie mit der Natur näher zu bestimmen,
+nämlich als ein Wesen, das durch Verstand und Freiheit den Urgrund
+aller anderen Dinge in sich enthalte. Jener stellt sich also unter
+demselben bloß eine Weltursache, (ob durch die Notwendigkeit seiner
+Natur, oder durch Freiheit, bleibt unentschieden,) dieser einen
+Welturheber vor.
+
+Die transzendentale Theologie ist entweder diejenige, welche das
+Dasein des Urwesens von einer Erfahrung überhaupt (ohne über die
+Welt, wozu sie gehört, etwas näher zu bestimmen,) abzuleiten gedenkt,
+und heißt Kosmotheologie, oder glaubt durch bloße Begriffe, ohne
+Beihilfe der mindesten Erfahrung, sein Dasein zu erkennen, und wird
+Ontotheologie genannt.
+
+Die natürliche Theologie schließt auf die Eigenschaften und das Dasein
+eines Welturhebers, aus der Beschaffenheit, der Ordnung und Einheit,
+die in dieser Welt angetroffen wird, in welcher zweierlei Kausalität
+und deren Regel angenommen werden muß, nämlich Natur und Freiheit.
+Daher steigt sie von dieser Welt zur höchsten Intelligenz auf,
+entweder als dem Prinzip aller natürlichen, oder aller sittlichen
+Ordnung und Vollkommenheit. Im ersteren Falle heißt sie
+Physikotheologie, im letzten Moraltheologie.*
+
+* Nicht theologische Moral; denn die enthält sittliche Gesetze, welche
+ das Dasein eines höchsten Weltregierers voraussetzen, da hingegen
+ die Moraltheologie eine Überzeugung vom Dasein eines höchsten Wesens
+ ist, welche auf sittliche Gesetze gründet ist.
+
+Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende
+ewige Natur, als die Wurzel der Dinge, sondern ein höchstes Wesen,
+das durch Verstand und Freiheit der Urheber der Dinge sein soll,
+zu verstehen gewohnt ist, und auch dieser Begriff allein uns
+interessiert, so könnte man, nach der Strenge, dem Deisten allen
+Glauben an Gott absprechen, und ihm lediglich die Behauptung eines
+Urwesens, oder obersten Ursache, übrig lassen. Indessen, da niemand
+darum, weil er etwas sich nicht zu behaupten getraut, beschuldigt
+werden darf, er wolle es gar leugnen, so ist es gelinder und billiger,
+zu sagen: der Deist glaube einen Gott, der Theist aber einen
+lebendigen Gott (summam intelligentiam). Jetzt wollen wir die
+Möglichen Quellen aller dieser Versuche der Vernunft aufsuchen.
+
+Ich begnüge mich hier, die theoretische Erkenntnis durch eine solche
+zu erklären, wodurch ich erkenne, was da ist, die praktische aber,
+dadurch ich mir vorstelle, was da sein soll. Diesem nach ist der
+theoretische Gebrauch der Vernunft derjenige, durch den ich a priori
+(als notwendig) erkenne, daß etwas sei; der praktische aber, durch den
+a priori erkannt wird, was geschehen solle. Wenn nun entweder, daß
+etwas sei, oder geschehen solle, ungezweifelt gewiß, aber doch nur
+bedingt ist: so kann doch entweder eine gewisse bestimmte Bedingung
+dazu schlechthin notwendig sein, oder sie kann nur als beliebig und
+zufällig vorausgesetzt werden. Im ersteren Falle wird die Bedingung
+postuliert (per thesin), im zweiten supponiert (per hypothesin).
+Da es praktische Gesetze gibt, die schlechthin notwendig sind (die
+moralischen), so muß, wenn diese irgendein Dasein, als die Bedingung
+der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft, notwendig voraussetzen,
+dieses Dasein postuliert werden, darum, weil das Bedingte, von welchem
+der Schluß auf diese bestimmte Bedingung geht, selbst a priori als
+schlechterdings notwendig erkannt wird. Wir werden künftig von den
+moralischen Gesetzen zeigen, daß sie das Dasein eines höchsten Wesens
+nicht bloß voraussetzen, sondern auch, da sie in anderweitiger
+Betrachtung schlechterdings notwendig sind, es mit Recht, aber
+freilich nur praktisch, postulieren; jetzt setzen wir diese Schlußart
+noch beiseite.
+
+Da, wenn bloß von dem, was da ist, (nicht, was sein soll,) die
+Rede ist, das Bedingte, welches uns in der Erfahrung gegeben wird,
+jederzeit auch als zufällig gedacht wird, so kann die zu ihm gehörige
+Bedingung daraus nicht als schlechthin notwendig erkannt werden,
+sondern dient nur als eine respektiv notwendige, oder vielmehr nötige,
+an sich selbst aber und a priori willkürliche Voraussetzung zum
+Vernunfterkenntnis des Bedingten. Soll also die absolute Notwendigkeit
+eines Dinges im theoretischen Erkenntnis erkannt werden, so könnte
+dieses allein aus Begriffen a priori geschehen, niemals aber als einer
+Ursache, in Beziehung auf ein Dasein, das durch Erfahrung gegeben ist.
+
+Eine theoretische Erkenntnis ist spekulativ, wenn sie auf einen
+Gegenstand, oder solche Begriffe von einem Gegenstande, geht,
+zu welchem man in keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird der
+Naturerkenntnis entgegengesetzt, welche auf keine anderen Gegenstände
+oder Prädikate derselben geht, als die in einer möglichen Erfahrung
+gegeben werden können.
+
+Der Grundsatz, von dem, was geschieht, (dem empirisch Zufälligen,)
+als Wirkung, auf eine Ursache zu schließen, ist ein Prinzip der
+Naturerkenntnis, aber nicht der spekulativen. Denn, wenn man von ihm,
+als einem Grundsatze, der die Bedingung möglicher Erfahrung überhaupt
+enthält, abstrahiert, und, indem man alles Empirische wegläßt, ihn
+vom Zufälligen überhaupt aussagen will, so bleibt nicht die mindeste
+Rechtfertigung eines solchen synthetischen Satzes übrig, um daraus
+zu ersehen, wie ich von etwas, was da ist, zu etwas davon ganz
+Verschiedenem (genannt Ursache) übergehen könne; ja der Begriff
+einer Ursache verliert ebenso, wie des Zufälligen, in solchem bloß
+spekulativen Gebrauche, alle Bedeutung, deren objektive Realität sich
+in concreto begreiflich machen lasse.
+
+Wenn man nun vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ursache
+schließt, so gehört dieses nicht zum natürlichen, sondern zum
+spekulativen Vernunftgebrauch; weil jener nicht die Dinge selbst
+(Substanzen), sondern nur das, was geschieht, also ihre Zustände, als
+empirisch zufällig, auf irgendeine Ursache bezieht; daß die Substanz
+selbst (die Materie) dem Dasein nach zufällig sei, würde ein bloß
+spekulatives Vernunfterkenntnis sein müssen. Wenn aber auch nur von
+der Form der Welt, der Art ihrer Verbindung und dem Wechsel derselben
+die Rede wäre, ich wollte aber daraus auf eine Ursache schließen, die
+von der Welt gänzlich unterschieden ist; so würde dieses wiederum ein
+Urteil der bloß spekulativen Vernunft sein, weil der Gegenstand hier
+gar kein Objekt einer möglichen Erfahrung ist. Aber alsdann würde der
+Grundsatz der Kausalität, der nur innerhalb dem Felde der Erfahrungen
+gilt, und außer demselben ohne Gebrauch, ja selbst ohne Bedeutung ist,
+von seiner Bestimmung gänzlich abgebracht.
+
+Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauchs
+der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer
+inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind; daß aber die
+Prinzipien ihres Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie
+führen, folglich, wenn man nicht moralische Gesetze zum Grunde legt,
+oder zum Leitfaden braucht, es überall keine Theologie der Vernunft
+geben könne. Denn alle synthetischen Grundsätze des Verstandes sind
+von immanentem Gebrauch; zu der Erkenntnis eines höchsten Wesens aber
+wird ein transzendenter Gebrauch derselben erfordert, wozu unser
+Verstand gar nicht ausgerüstet ist. Soll das empirisch gültige Gesetz
+der Kausalität zu dem Urwesen führen, so müßte dieses in die Kette
+der Gegenstände der Erfahrung mitgehören; alsdann wäre es aber, wie
+alle Erscheinungen, selbst wiederum bedingt. Erlaubte man aber auch
+den Sprung über die Grenze der Erfahrung hinaus, vermittelst des
+dynamischen Gesetzes der Beziehung der Wirkungen auf ihre Ursachen;
+welchen Begriff kann uns dieses Verfahren verschaffen? Bei weitem
+keinen Begriff von einem höchsten Wesen, weil uns Erfahrung niemals
+die größte aller möglichen Wirkungen (als welche das Zeugnis von ihrer
+Ursache ablegen soll) darreicht. Soll es uns erlaubt sein, bloß, um
+in unserer Vernunft nichts Leeres übrigzulassen, diesen Mangel der
+völligen Bestimmung durch eine bloße Idee der höchsten Vollkommenheit
+und ursprünglichen Notwendigkeit auszufüllen: so kann dieses zwar aus
+Gunst eingeräumt, aber nicht aus dem Rechte eines unwiderstehlichen
+Beweises gefordert werden. Der physischtheologische Beweis könnte also
+vielleicht wohl anderen Beweisen (wenn solche zu haben sind) Nachdruck
+geben, indem er Spekulation mit Anschauung verknüpft: für sich selbst
+aber bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntnis vor,
+und gibt ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung, als daß er
+allein das Geschäft vollenden könnte.
+
+Man sieht also hieraus wohl, daß transzendentale Fragen nur
+transzendentale Antworten, d.i. aus lauter Begriffen a priori ohne die
+mindeste empirische Beimischung, erlauben. Die Frage ist hier aber
+offenbar synthetisch und verlangt eine Erweiterung unserer Erkenntnis
+über alle Grenzen der Erfahrung hinaus, nämlich zu dem Dasein eines
+Wesens, was unserer bloßen Idee entsprechen soll, der niemals
+irgendeine Erfahrung gleichkommen kann. Nun ist, nach unseren obigen
+Beweisen, alle synthetische Erkenntnis a priori nur dadurch möglich,
+daß sie die formalen Bedingungen einer möglichen Erfahrung ausdrückt,
+und alle Grundsätze sind also nur von immanenter Gültigkeit, d.i. sie
+beziehen sich lediglich auf Gegenstände empirischer Erkenntnis, oder
+Erscheinungen. Also wird auch durch transzendentales Verfahren in
+Absicht auf die Theologie einer bloß spekulativen Vernunft nichts
+ausgerichtet.
+
+Wollte man aber lieber alle obigen Beweise der Analytik in Zweifel
+ziehen, als sich die Überredung von dem Gewichte der so lange
+gebrauchten Beweisgründe rauben lassen; so kann man sich doch nicht
+weigern, der Aufforderung ein Genüge zu tun, wenn ich verlange, man
+solle sich wenigstens darüber rechtfertigen, wie und vermittelst
+welcher Erleuchtung man sich denn getraue, alle mögliche Erfahrung
+durch die Macht bloßer Ideen zu überfliegen. Mit neuen Beweisen,
+oder ausgebesserter Arbeit alter Beweise, würde ich bitten mich zu
+verschonen. Denn, ob man zwar hierin eben nicht viel zu wählen hat,
+indem endlich doch alle bloß spekulativen Beweise auf einen einzigen,
+nämlich den ontologischen, hinauslaufen, und ich also eben nicht
+fürchten darf, sonderlich durch die Fruchtbarkeit der dogmatischen
+Verfechter jener sinnenfreien Vernunft belästigt zu werden; obgleich
+ich überdem auch, ohne mich darum sehr streitbar zu dünken, die
+Ausforderung nicht ausschlagen will, in jedem Versuche dieser Art den
+Fehlschluß aufzudecken, und dadurch seine Anmaßung zu vereiteln: so
+wird daher doch die Hoffnung besseren Glücks bei denen, welche einmal
+dogmatischer Überredungen gewohnt sind, niemals völlig aufgehoben, und
+ich halte mich daher an der einzigen billigen Forderung, daß man sich
+allgemein und aus der Natur des menschlichen Verstandes, samt allen
+übrigen Erkenntnisquellen, darüber rechtfertige, wie man es anfangen
+wolle, sein Erkenntnis ganz und gar a priori zu erweitern, und bis
+dahin zu erstrecken, wo keine mögliche Erfahrung und mithin kein
+Mittel hinreicht, irgendeinem von uns selbst ausgedachten Begriffe
+seine objektive Realität zu versichern. Wie der Verstand auch zu
+diesem Begriffe gelangt sein mag, so kann doch das Dasein des
+Gegenstandes desselben nicht analytisch in demselben gefunden werden,
+weil eben darin die Erkenntnis der Existenz des Objekts besteht, daß
+dieses außer dem Gedanken an sich selbst gesetzt ist. Es ist aber
+gänzlich unmöglich, aus einem Begriffe von selbst hinauszugehen,
+und, ohne daß man der empirischen Verknüpfung folgt, (wodurch aber
+jederzeit nur Erscheinungen gegeben werden,) zu Entdeckung neuer
+Gegenstände und überschwenglicher Wesen zu gelangen.
+
+Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß spekulativen Gebrauche zu
+dieser so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist, nämlich zum
+Dasein eines obersten Wesens zu gelangen; so hat sie doch darin sehr
+großen Nutzen, die Erkenntnis desselben, im Fall sie anders woher
+geschöpft werden könnte, zu berichtigen, mit sich selbst und jeder
+intelligiblen Absicht einstimmig zu machen, und von allem, was dem
+Begriffe eines Urwesens zuwider sein möchte, und aller Beimischung
+empirischer Einschränkungen zu reinigen.
+
+Die transzendentale Theologie bleibt demnach, aller ihrer
+Unzulänglichkeit ungeachtet, dennoch von wichtigem negativen
+Gebrauche, und ist eine beständige Zensur unserer Vernunft, wenn
+sie bloß mit reinen Ideen zu tun hat, die eben darum kein anderes,
+als transzendentales Richtmaß zulassen. Denn, wenn einmal, in
+anderweitiger, vielleicht praktischer Beziehung, die Voraussetzung
+eines höchsten und allgenugsamen Wesens, als oberster Intelligenz,
+ihre Gültigkeit ohne Widerrede behauptete: so wäre es von der größten
+Wichtigkeit, diesen Begriff auf seiner transzendentalen Seite, als
+den Begriff eines notwendigen und allerrealsten Wesens, genau zu
+bestimmen, und, was der höchsten Realität zuwider ist, was zur bloßen
+Erscheinung (dem Anthropomorphismus im weiteren Verstande) gehört,
+wegzuschaffen, und zugleich alle entgegengesetzten Behauptungen, sie
+mögen nun atheistisch, oder deistisch, oder anthropomorphistisch sein,
+aus dem Wege zu räumen; welches in einer solchen kritischen Behandlung
+sehr leicht ist, indem dieselben Gründe, durch welche das Unvermögen
+der menschlichen Vernunft, in Ansehung der Behauptung des Daseins
+eines dergleichen Wesens, vor Augen gelegt wird, notwendig auch
+zureichen, um die Untauglichkeit einer jeden Gegenbehauptung zu
+beweisen. Denn, wo will jemand durch reine Spekulation der Vernunft
+die Einsicht hernehmen, daß es kein höchstes Wesen, als Urgrund von
+Allem, gebe, oder daß ihm keine von den Eigenschaften zukomme, welche
+wir, ihren Folgen nach, als analogisch mit den dynamischen Realitäten
+eines denkenden Wesens, uns vorstellen, oder daß sie, in dem letzteren
+Falle, auch allen Einschränkungen unterworfen sein müßten, welche
+die Sinnlichkeit den Intelligenzen, die wir durch Erfahrung kennen,
+unvermeidlich auferlegt.
+
+Das höchste Wesen bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch
+der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff,
+welcher die ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönt, dessen
+objektive Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch
+nicht widerlegt werden kann, und, wenn es eine Moraltheologie geben
+sollte, die diesen Mangel ergänzen kann, so beweist alsdann die vorher
+nur problematische transzendentale Theologie ihre Unentbehrlichkeit,
+durch Bestimmung ihres Begriffs und unaufhörliche Zensur einer durch
+Sinnlichkeit oft genug getäuschten und mit ihren eigenen Ideen nicht
+immer einstimmigen Vernunft. Die Notwendigkeit, die Unendlichkeit,
+die Einheit, das Dasein außer der Welt (nicht als Weltseele),
+die Ewigkeit, ohne Bedingungen der Zeit, die Allgegenwart, ohne
+Bedingungen des Raumes, die Allmacht usw. sind lauter transzendentale
+Prädikate, und daher kann der gereinigte Begriff derselben, den eine
+jede Theologie so sehr nötig hat, bloß aus der transzendentalen
+gezogen werden.
+
+
+
+Anhang
+zur transzendentalen Dialektik
+Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft
+
+Der Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt
+nicht allein, was wir schon in der transzendentalen Analytik bewiesen,
+nämlich daß alle unsere Schlüsse, die uns über das Feld möglicher
+Erfahrung hinausführen wollen, trüglich und grundlos seien; sondern
+er lehrt uns zugleich dieses Besondere: daß die menschliche Vernunft
+dabei einen natürlichen Hang habe, diese Grenze zu überschreiten, daß
+transzendentale Ideen ihr ebenso natürlich seien, als dem Verstande
+die Kategorien, obgleich mit dem Unterschiede, daß, so wie die
+letzteren zur Wahrheit, d.i. der Übereinstimmung unserer Begriffe mit
+dem Objekte führen, die ersteren einen bloßen, aber unwiderstehlichen
+Schein bewirken, dessen Täuschung man kaum durch die schärfste Kritik
+abhalten kann.
+
+Alles, was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist, muß zweckmäßig
+und mit dem richtigen Gebrauche derselben einstimmig sein, wenn wir
+nur einen gewissen Mißverstand verhüten und die eigentliche Richtung
+derselben ausfindig machen können. Also werden die transzendentalen
+Ideen allem Vermuten nach ihren guten und folglich immanenten Gebrauch
+haben, obgleich, wenn ihre Bedeutung verkannt und sie für Begriffe von
+wirklichen Dingen genommen werden, sie transzendent in der Anwendung
+und eben darum trüglich sein können. Denn nicht die Idee an sich
+selbst, sondern bloß ihr Gebrauch kann, entweder in Ansehung der
+gesamten möglichen Erfahrung überfliegend (transzendent), oder
+einheimisch (immanent) sein, nachdem man sie entweder geradezu auf
+einen ihr vermeintlich entsprechenden Gegenstand, oder nur auf den
+Verstandesgebrauch überhaupt, in Ansehung der Gegenstände, mit welchen
+er zu tun hat, richtet, und alle Fehler der Subreption sind jederzeit
+einem Mangel der Urteilskraft, niemals aber dem Verstande oder der
+Vernunft zuzuschreiben.
+
+Die Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf einen Gegenstand,
+sondern lediglich auf den Verstand, und vermittelst desselben auf
+ihren eigenen empirischen Gebrauch, schafft also keine Begriffe (von
+Objekten), sondern ordnet sie nur, und gibt ihnen diejenige Einheit,
+welche sie in ihrer größtmöglichen Ausbreitung haben können, d.i. in
+Beziehung auf die Totalität der Reihen, als auf welche der Verstand
+gar nicht sieht, sondern nur auf diejenige Verknüpfung, dadurch
+allerwärts Reihen der Bedingungen nach Begriffen zustande kommen. Die
+Vernunft hat also eigentlich nur den Verstand und dessen zweckmäßige
+Anstellung zum Gegenstande, und, wie dieser das Mannigfaltige im
+Objekt durch Begriffe vereinigt, so vereinigt jene ihrerseits das
+Mannigfaltige der Begriffe durch Ideen, indem sie eine gewisse
+kollektive Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen setzt, welche
+sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt sind.
+
+Ich behaupte demnach: die transzendentalen Ideen sind niemals von
+konstitutivem Gebrauche, so, daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände
+gegeben würden, und in dem Falle, daß man sie so versteht, so sind es
+bloß vernünftelnde (dialektische) Begriffe. Dagegen aber haben sie
+einen vortrefflichen und unentbehrlich notwendigen regulativen
+Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten,
+in Aussicht auf welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in
+einen Punkt zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (focus
+imaginarius), d.i. ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe
+wirklich nicht ausgehen, indem er ganz außerhalb den Grenzen möglicher
+Erfahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen die größte Einheit neben
+der größten Ausbreitung zu verschaffen. Nun entspringt uns zwar
+hieraus die Täuschung, als wenn diese Richtungslinien von einem
+Gegenstande selbst, der außer dem Felde empirisch möglicher
+Erkenntnis läge, ausgeschlossen wären (so wie die Objekte hinter der
+Spiegelfläche gesehen werden), allein diese Illusion (welche man doch
+hindern kann, daß sie nicht betrügt,) ist gleichwohl unentbehrlich
+notwendig, wenn wir außer den Gegenständen, die uns vor Augen sind,
+auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im Rücken
+liegen, d.i. wenn wir, in unserem Falle, den Verstand über jede
+gegebene Erfahrung (dem Teile der gesamten möglichen Erfahrung)
+hinaus, mithin auch zur größtmöglichen und äußersten Erweiterung
+abrichten wollen.
+
+Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange,
+so finden wir, daß dasjenige, was Vernunft ganz eigentümlich darüber
+verfügt und zustande zu bringen sucht, das Systematische der
+Erkenntnis sei, d.i. der Zusammenhang derselben aus einem Prinzip.
+Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die
+von der Form eines Ganzen der Erkenntnis, welches von der bestimmten
+Erkenntnis der Teile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem
+Teile seine Stelle und Verhältnis zu den übrigen a priori zu
+bestimmen. Diese Idee postuliert demnach vollständige Einheit der
+Verstandeserkenntnis, wodurch diese nicht bloß ein zufälliges
+Aggregat, sondern ein nach notwendigen Gesetzen zusammenhängendes
+System wird. Man kann eigentlich nicht sagen, daß diese Idee ein
+Begriff vom Objekte sei, sondern von der durchgängigen Einheit dieser
+Begriffe, sofern dieselbe dem Verstande zur Regel dient. Dergleichen
+Vernunftbegriffe werden nicht aus der Natur geschöpft, vielmehr
+befragen wir die Natur nach diesen Ideen, und halten unsere Erkenntnis
+für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist. Man gesteht:
+daß sich schwerlich reine Erde, reines Wasser, reine Luft usw. finde.
+Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch nötig (die also, was die
+völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ihren Ursprung
+haben), um den Anteil, den jede dieser Naturursachen an der
+Erscheinung hat, gehörig zu bestimmen, und so bringt man alle Materien
+auf die Erden (gleichsam die bloße Last), Salze und brennliche Wesen
+(als die Kraft), endlich auf Wasser und Luft als Vehikeln (gleichsam
+Maschinen, vermittelst deren die vorigen wirken), um nach der Idee
+eines Mechanismus die chemischen Wirkungen der Materien untereinander
+zu erklären. Denn, wiewohl man sich nicht wirklich so ausdrückt, so
+ist doch ein solcher Einfluß der Vernunft auf die Einteilungen der
+Naturforscher sehr leicht zu entdecken.
+
+Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Besondere aus dem Allgemeinen
+abzuleiten, so ist entweder das Allgemeine schon an sich gewiß und
+gegeben, und alsdann erfordert es nur Urteilskraft zur Subsumtion, und
+das Besondere wird dadurch notwendig bestimmt. Dieses will ich den
+apodiktischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das Allgemeine wird
+nur problematisch angenommen, und ist eine bloße Idee, das Besondere
+ist gewiß, aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge ist noch
+ein Problem; so werden mehrere besondere Fälle, die insgesamt gewiß
+sind, an der Regel versucht, ob sie daraus fließen, und in diesem
+Falle, wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebenden besonderen
+Fälle daraus abfolgen, wird auf die Allgemeinheit der Regel, aus
+dieser aber nachher auf alle Fälle, die auch an sich nicht gegeben
+sind, geschlossen. Diesen will ich den hypothetischen Gebrauch der
+Vernunft nennen.
+
+Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus zum Grunde gelegten Ideen,
+als problematischer Begriffe, ist eigentlich nicht konstitutiv,
+nämlich nicht so beschaffen, daß dadurch, wenn man nach aller Strenge
+urteilen will, die Wahrheit der allgemeinen Regel, die als Hypothese
+angenommen worden, folge; denn wie will man alle möglichen Folgen
+wissen, die, indem sie aus demselben angenommenen Grundsatze folgen,
+seine Allgemeinheit beweisen, sondern er ist nur regulativ, um
+dadurch, soweit als es möglich ist, Einheit in die besonderen
+Erkenntnisse zu bringen, und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu
+nähern.
+
+Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische
+Einheit der Verstandeserkenntnisse, diese aber ist der Probierstein
+der Wahrheit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische Einheit (als
+bloße Idee) lediglich nur projektierte Einheit, die man an sich nicht
+als gegeben, sondern nur als Problem ansehen muß; welche aber dazu
+dient, zu dem Mannigfaltigen und besonderen Verstandesgebrauche ein
+Prinzipium zu finden, und diesen dadurch auch über die Fälle, die
+nicht gegeben sind, zu leiten und zusammenhängend zu machen.
+
+Man sieht aber hieraus nur, daß die systematische oder Vernunfteinheit
+der mannigfaltigen Verstandeserkenntnis ein logisches Prinzip sei,
+um, da wo der Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt, ihm durch
+Ideen fortzuhelfen, und zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln
+Einhelligkeit unter einem Prinzip (systematische) und dadurch
+Zusammenhang zu verschaffen, soweit als es sich tun läßt. Ob aber die
+Beschaffenheit der Gegenstände, oder die Natur des Verstandes, der
+sie als solche erkennt, an sich zur systematischen Einheit bestimmt
+sei, und ob man diese a priori, auch ohne Rücksicht auf ein solches
+Interesse der Vernunft in gewisser Maaße postulieren, und also
+sagen könne: alle möglichen Verstandeserkenntnisse (darunter
+die empirischen) haben Vernunfteinheit, und stehen unter
+gemeinschaftlichen Prinzipien, woraus sie, unerachtet ihrer
+Verschiedenheit, abgeleitet werden können; das würde ein
+transzendentaler Grundsatz der Vernunft sein, welcher die
+systematische Einheit nicht bloß subjektiv- und logisch-, als Methode,
+sondern objektiv notwendig machen würde.
+
+Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunftgebrauchs erläutern.
+Unter die verschiedenen Arten von Einheit nach Begriffen des
+Verstandes gehört auch die der Kausalität einer Substanz, welche Kraft
+genannt wird. Die verschiedenen Erscheinungen eben derselben Substanz
+zeigen beim ersten Anblicke soviel Ungleichartigkeit, daß man daher
+anfänglich beinahe so vielerlei Kräfte derselben annehmen muß,
+als Wirkungen sich hervortun, wie in dem menschlichen Gemüte
+die Empfindung, Bewußtsein, Einbildung, Erinnerung, Witz,
+Unterscheidungskraft, Lust, Begierde usw. Anfänglich gebietet eine
+logische Maxime, diese anscheinende Verschiedenheit soviel als möglich
+dadurch zu verringern, daß man durch Vergleichung die versteckte
+Identität entdecke, und nachsehe, ob nicht Einbildung, mit Bewußtsein
+verbunden, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, vielleicht gar
+Verstand und Vernunft sei. Die Idee einer Grundkraft, von welcher aber
+die Logik gar nicht ausmittelt, ob es dergleichen gebe, ist wenigstens
+das Problem einer systematischen Vorstellung der Mannigfaltigkeit von
+Kräften. Das logische Vernunftprinzip erfordert diese Einheit soweit
+als möglich zustande zu bringen, und je mehr die Erscheinungen der
+einen und anderen Kraft unter sich identisch gefunden werden, desto
+wahrscheinlicher wird es, daß sie nichts, als verschiedene Äußerungen
+einer und derselben Kraft seien, welche (komparativ) ihre Grundkraft
+heißen kann. Ebenso verfährt man mit den übrigen.
+
+Die komparativen Grundkräfte müssen wiederum untereinander verglichen
+werden, um sie dadurch, daß man ihre Einhelligkeit entdeckt, einer
+einzigen radikalen, d.i. absoluten Grundkraft nahe zu bringen. Diese
+Vernunfteinheit aber ist bloß hypothetisch. Man behauptet nicht, daß
+eine solche in der Tat angetroffen werden müsse, sondern, daß man sie
+zugunsten der Vernunft, nämlich zu Errichtung gewisser Prinzipien,
+für die mancherlei Regeln, die die Erfahrung an die Hand geben mag,
+suchen, und, wo es sich tun läßt, auf solche Weise systematische
+Einheit ins Erkenntnis bringen müsse.
+
+Es zeigt sich aber, wenn man auf den transzendentalen Gebrauch des
+Verstandes achthat, daß diese Idee einer Grundkraft überhaupt, nicht
+bloß als Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sei, sondern
+objektive Realität vorgebe, dadurch die systematische Einheit der
+mancherlei Kräfte einer Substanz postuliert und ein apodiktisches
+Vernunftprinzip errichtet wird. Denn, ohne daß wir einmal die
+Einhelligkeit der mancherlei Kräfte versucht haben, ja selbst wenn es
+uns nach allen Versuchen mißlingt, sie zu entdecken, setzen wir doch
+voraus: es werde eine solche anzutreffen sein, und dieses nicht
+allein, wie in dem angeführten Falle, wegen der Einheit der Substanz,
+sondern, wo so gar viele, obzwar in gewissem Grade gleichartige,
+angetroffen werden, wie an der Materie überhaupt, setzt die Vernunft
+systematische Einheit mannigfaltiger Kräfte voraus, da besondere
+Naturgesetze unter allgemeineren stehen, und die Ersparung der
+Prinzipien nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der Vernunft, sondern
+inneres Gesetz der Natur wird.
+
+In der Tat ist auch nicht abzusehen, wie ein logisches Prinzip
+der Vernunfteinheit der Regeln stattfinden könne, wenn nicht ein
+transzendentales vorausgesetzt würde, durch welches eine solche
+systematische Einheit, als den Objekten selbst anhängend, a priori als
+notwendig angenommen wird. Denn mit welcher Befugnis kann die Vernunft
+im logischen Gebrauche verlangen, die Mannigfaltigkeit der Kräfte,
+welche uns die Natur zu erkennen gibt, als eine bloß versteckte
+Einheit zu behandeln, und sie aus irgendeiner Grundkraft, soviel
+an ihr ist, abzuleiten, wenn es ihr freistände zuzugeben, daß es
+ebensowohl möglich sei, alle Kräfte wären ungleichartig, und die
+systematische Einheit ihrer Ableitung der Natur nicht gemäß? denn
+alsdann würde sie gerade wider ihre Bestimmung verfahren, indem
+sie sich eine Idee zum Ziele setzte, die der Natureinrichtung ganz
+widerspräche. Auch kann man nicht sagen, sie habe zuvor von der
+zufälligen Beschaffenheit der Natur diese Einheit nach Prinzipien der
+Vernunft abgenommen. Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu suchen, ist
+notwendig, weil wir ohne dasselbe gar keine Vernunft, ohne diese aber
+keinen zusammenhängenden Verstandesgebrauch, und in dessen Ermanglung
+kein zureichendes Merkmal empirischer Wahrheit haben würden, und wir
+also in Ansehung des letzteren die systematische Einheit der Natur
+durchaus als objektiv gültig und notwendig voraussetzen müssen.
+
+Wir finden diese transzendentale Voraussetzung auch auf eine
+bewundernswürdige Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt,
+wiewohl sie solche darin nicht immer erkannt, oder sich selbst
+gestanden haben. Daß alle Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die
+Identität der Art nicht ausschließen; daß die mancherlei Arten nur als
+verschiedentliche Bestimmungen von wenigen Gattungen, diese aber von
+noch höheren Geschlechtern usw. behandelt werden müssen; daß also eine
+gewisse systematische Einheit aller möglichen empirischen Begriffe,
+sofern sie von höheren und allgemeineren abgeleitet werden können,
+gesucht werden müsse; ist eine Schulregel oder logisches Prinzip, ohne
+welches kein Gebrauch der Vernunft stattfände, weil wir nur sofern
+vom Allgemeinen aufs Besondere schließen können, als allgemeine
+Eigenschaften der Dinge zum Grunde gelegt werden, unter denen die
+besonderen stehen.
+
+Daß aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen
+werde, setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus: daß
+man die Anfänge (Prinzipien) nicht ohne Not vervielfältigen müsse
+(entia praeter necessitatem non esse multiplicanda). Dadurch wird
+gesagt: daß die Natur der Dinge selbst zur Vernunfteinheit Stoff
+darbiete, und die anscheinende unendliche Verschiedenheit dürfe uns
+nicht abhalten, hinter ihr Einheit der Grundeigenschaften zu vermuten,
+von welchen die Mannigfaltigkeit nur durch mehrere Bestimmung
+abgeleitet werden kann. Dieser Einheit, ob sie gleich eine bloße
+Idee ist, ist man zu allen Zeiten so eifrig nachgegangen, daß man
+eher Ursache gefunden, die Begierde nach ihr zu mäßigen, als sie
+aufzumuntern. Es war schon viel, daß die Scheidekünstler alle Salze
+auf zwei Hauptgattungen, saure und laugenhafte, zurückführen konnten,
+sie versuchen sogar auch diesen Unterschied bloß als eine Varietät
+oder verschiedene Äußerung eines und desselben Grundstoffs anzusehen.
+Die mancherlei Arten von Erden (den Stoff der Steine und sogar der
+Metalle) hat man nach und nach auf drei, endlich auf zwei, zu bringen
+gesucht; allein damit noch nicht zufrieden, können sie sich des
+Gedankens nicht entschlagen, hinter diesen Varietäten dennoch
+eine einzige Gattung, ja wohl gar zu diesen und den Salzen ein
+gemeinschaftliches Prinzip zu vermuten. Man möchte vielleicht glauben,
+dieses sei ein bloß ökonomischer Handgriff der Vernunft, um sich
+soviel als möglich Mühe zu ersparen, und ein hypothetischer Versuch,
+der, wenn er gelingt, dem vorausgesetzten Erklärungsgrunde eben
+durch diese Einheit Wahrscheinlichkeit gibt. Allein eine solche
+selbstsüchtige Absicht ist sehr leicht von der Idee zu unterscheiden,
+nach welcher jedermann voraussetzt, diese Vernunfteinheit sei der
+Natur selbst angemessen, und daß die Vernunft hier nicht bettle,
+sondern gebiete, obgleich ohne die Grenzen dieser Einheit bestimmen zu
+können.
+
+Wäre unter den Erscheinungen, die sich uns darbieten, eine so große
+Verschiedenheit, ich will nicht sagen der Form (denn darin mögen sie
+einander ähnlich sein), sondern dem Inhalte, d.i. der Mannigfaltigkeit
+existierender Wesen nach, daß auch der allerschärfste menschliche
+Verstand durch Vergleichung der einen mit der anderen nicht die
+mindeste Ähnlichkeit ausfindig machen könnte (ein Fall, der sich wohl
+denken läßt), so würde das logische Gesetz der Gattungen ganz und gar
+nicht stattfinden, und es würde selbst kein Begriff von Gattung, oder
+irgendein allgemeiner Begriff, ja sogar kein Verstand stattfinden,
+als der es lediglich mit solchen zu tun hat. Das logische Prinzip der
+Gattungen setzt also ein transzendentales voraus, wenn es auf Natur
+(darunter ich hier nur Gegenstände, die uns gegeben werden, verstehe,)
+angewandt werden soll. Nach demselben wird in dem Mannigfaltigen einer
+möglichen Erfahrung notwendig Gleichartigkeit vorausgesetzt (ob wir
+gleich ihren Grad a priori nicht bestimmen können), weil ohne dieselbe
+keine empirischen Begriffe, mithin keine Erfahrung möglich wäre.
+
+Dem logischen Prinzip der Gattungen, welches Identität postuliert,
+steht ein anderes, nämlich das der Arten entgegen, welches
+Mannigfaltigkeit und Verschiedenheiten der Dinge, unerachtet
+ihrer Übereinstimmung unter derselben Gattung, bedarf, und es dem
+Verstande zur Vorschrift macht, auf diese nicht weniger als auf jene
+aufmerksam zu sein. Dieser Grundsatz (der Scharfsinnigkeit, oder des
+Unterscheidungsvermögens) schränkt den Leichtsinn des ersteren (des
+Witzes) sehr ein, und die Vernunft zeigt hier ein doppeltes, einander
+widerstreitendes Interesse, einerseits das Interesse des Umfanges (der
+Allgemeinheit) in Ansehung der Gattungen, andererseits des Inhalts
+(der Bestimmtheit), in Absicht auf die Mannigfaltigkeit der Arten,
+weil der Verstand im ersteren Falle zwar viel unter seinen Begriffen,
+im zweiten aber desto mehr in denselben denkt. Auch äußert sich dieses
+an der sehr verschiedenen Denkungsart der Naturforscher, deren einige
+(die vorzüglich spekulativ sind), der Ungleichartigkeit gleichsam
+feind, immer auf die Einheit der Gattung hinaussehen, die anderen
+(vorzüglich empirische Köpfe) die Natur unaufhörlich in so viel
+Mannigfaltigkeit zu spalten suchen, daß man beinahe die Hoffnung
+aufgeben müßte, ihre Erscheinungen nach allgemeinen Prinzipien zu
+beurteilen.
+
+Dieser letzteren Denkungsart liegt offenbar auch ein logisches
+Prinzip zum Grunde, welches die systematische Vollständigkeit aller
+Erkenntnisse zur Absicht hat, wenn ich, von der Gattung anhebend, zu
+dem Mannigfaltigen, das darunter enthalten sein mag, herabsteige, und
+auf solche Weise dem System Ausbreitung, wie im ersteren Falle, da
+ich zur Gattung aufsteige, Einfalt zu verschaffen suche. Denn aus der
+Sphäre des Begriffs, der eine Gattung bezeichnet, ist ebensowenig, wie
+aus dem Raume, den Materie einnehmen kann, zu ersehen, wie weit die
+Teilung derselben gehen könne. Daher jede Gattung verschiedene Arten,
+diese aber verschiedene Unterarten erfordert, und, da keine der
+letzteren stattfindet, die nicht immer wiederum eine Sphäre (Umfang
+als conceptus communis) hätte, so verlangt die Vernunft in ihrer
+ganzen Erweiterung, daß keine Art als die unterste an sich selbst
+angesehen werde, weil, da sie doch immer ein Begriff ist, der nur das,
+was verschiedenen Dingen gemein ist, in sich enthält, dieser nicht
+durchgängig bestimmt, mithin auch nicht zunächst auf ein Individuum
+bezogen sein könne, folglich jederzeit andere Begriffe, d.i.
+Unterarten, unter sich enthalten müsse. Dieses Gesetz der
+Spezifikation könnte so ausgedrückt werden: entium varietates non
+temere esse minuendas.
+
+Man sieht aber leicht, daß auch dieses logische Gesetz ohne Sinn und
+Anwendung sein würde, läge nicht ein transzendentales Gesetz der
+Spezifikation zum Grunde, welches zwar freilich nicht von den Dingen,
+die unsere Gegenstände werden können, eine wirkliche Unendlichkeit in
+Ansehung der Verschiedenheiten fordert; denn dazu gibt das logische
+Prinzip, als welches lediglich die Unbestimmtheit der logischen Sphäre
+in Ansehung der möglichen Einteilung behauptet, keinen Anlaß; aber
+dennoch dem Verstande auferlegt, unter jeder Art, die uns vorkommt,
+Unterarten, und zu jeder Verschiedenheit kleinere Verschiedenheiten zu
+suchen. Denn, würde es keine niederen Begriffe geben, so gäbe es auch
+keine höheren. Nun erkennt der Verstand alles nur durch Begriffe:
+folglich, soweit er in der Einteilung reicht, niemals durch bloße
+Anschauung, sondern immer wiederum durch niedere Begriffe. Die
+Erkenntnis der Erscheinungen in ihrer durchgängigen Bestimmung
+(welche nur durch Verstand möglich ist) fordert eine unaufhörlich
+fortzusetzende Spezifikation seiner Begriffe, und einen Fortgang zu
+immer noch bleibenden Verschiedenheiten, wovon in dem Begriffe der
+Art, und noch mehr dem der Gattung, abstrahiert worden.
+
+Auch kann dieses Gesetz der Spezifikation nicht von der Erfahrung
+entlehnt sein; denn diese kann keine so weitgehende Eröffnungen
+geben. Die empirische Spezifikation bleibt in der Unterscheidung
+des Mannigfaltigen bald stehen, wenn sie nicht durch das schon
+vorhergehende transzendentale Gesetz der Spezifikation, als einem
+Prinzip der Vernunft, geleitet worden, solche zu suchen, und sie noch
+immer zu vermuten, wenn sie sich gleich nicht den Sinnen offenbart.
+Daß absorbierende Erden nach verschiedener Art (Kalk- und muriatische
+Erden) sind, bedurfte zur Entdeckung eine zuvorkommende Regel
+der Vernunft, welche dem Verstande es zur Aufgabe machte, die
+Verschiedenheit zu suchen, indem sie die Natur so reichhaltig
+voraussetzte, sie zu vermuten. Denn wir haben ebensowohl nur unter
+Voraussetzung der Verschiedenheiten in der Natur Verstand, als unter
+der Bedingung, daß ihre Objekte Gleichartigkeit an sich haben, weil
+eben die Mannigfaltigkeit desjenigen, was unter einem Begriffe
+zusammengefaßt werden kann, den Gebrauch dieses Begriffs, und die
+Beschäftigung des Verstandes ausmacht.
+
+Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld, 1. durch ein
+Prinzip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren
+Gattungen, 2. durch einen Grundsatz der Varietät des Gleichartigen
+unter niederen Arten; und um die systematische Einheit zu vollenden,
+fügt sie 3. noch ein Gesetz der Affinität aller Begriffe hinzu,
+welches einen kontinuierlichen Übergang von einer jeden Art zu jeder
+anderen durch stufenartiges Wachstum der Verschiedenheit gebietet. Wir
+können sie die Prinzipien der Homogenität, der Spezifikation und der
+Kontinuität der Formen nennen. Das letztere entspringt dadurch, daß
+man die zwei ersteren vereinigt, nachdem man, sowohl im Aufsteigen
+zu höheren Gattungen, als im Herabsteigen zu niederen Arten, den
+systematischen Zusammenhang in der Idee vollendet hat; denn alsdann
+sind alle Mannigfaltigkeiten untereinander verwandt, weil sie
+insgesamt durch alle Grade der erweiterten Bestimmung von einer
+einzigen obersten Gattung abstammen.
+
+Man kann sich die systematische Einheit unter den drei logischen
+Prinzipien auf folgende Art sinnlich machen. Man kann einen jeden
+Begriff als einen Punkt ansehen, der, als der Standpunkt eines
+Zuschauers, seinen Horizont hat, d.i. eine Menge von Dingen, die
+aus demselben können vorgestellt und gleichsam überschaut werden.
+Innerhalb diesem Horizonte muß eine Menge von Punkten ins Unendliche
+angegeben werden können, deren jeder wiederum seinen engeren
+Gesichtskreis hat; d.i. jede Art enthält Unterarten, nach dem Prinzip
+der Spezifikation, und der logische Horizont besteht nur aus kleineren
+Horizonten (Unterarten), nicht aber aus Punkten, die keinen Umfang
+haben (Individuen). Aber zu verschiedenen Horizonten, d.i. Gattungen,
+die aus ebensoviel Begriffen bestimmt werden, läßt sich ein
+gemeinschaftlicher Horizont, daraus man sie insgesamt als aus einem
+Mittelpunkte überschaut, gezogen denken, welcher die höhere Gattung
+ist, bis endlich die höchste Gattung der allgemeine und wahre Horizont
+ist, der aus dem Standpunkte des höchsten Begriffs bestimmt wird, und
+alle Mannigfaltigkeit, als Gattungen, Arten und Unterarten, unter sich
+befaßt.
+
+Zu diesem höchsten Standpunkte führt mich das Gesetz der Homogenität,
+zu allen niedrigen und deren größten Varietät das Gesetz der
+Spezifikation. Da aber auf solche Weise in dem ganzen Umfange aller
+möglichen Begriffe nichts Leeres ist, und außer demselben nichts
+angetroffen werden kann, so entspringt aus der Voraussetzung jenes
+allgemeinen Gesichtskreises und der durchgängigen Einteilung desselben
+der Grundsatz: non datur vacuum formarum, d.i. es gibt nicht
+verschiedene ursprüngliche und erste Gattungen, die gleichsam isoliert
+und voneinander (durch einen leeren Zwischenraum) getrennt wären,
+sondern alle mannigfaltigen Gattungen sind nur Abteilungen einer
+einzigen obersten und allgemeinen Gattung; und aus diesem Grundsatze
+dessen unmittelbare Folge: datur continuum formarum, d.i. alle
+Verschiedenheiten der Arten grenzen aneinander und erlauben keinen
+Übergang zueinander durch einen Sprung, sondern nur durch alle
+kleineren Grade des Unterschiedes, dadurch man von einer zu der
+anderen gelangen kann; mit einem Worte, es gibt keine Arten oder
+Unterarten, die einander (im Begriffe der Vernunft) die nächsten
+wären, sondern es sind noch immer Zwischenarten möglich, deren
+Unterschied von der ersten und zweiten kleiner ist, als dieser ihr
+Unterschied voneinander.
+
+Das erste Gesetz also verhütet die Ausschweifung in die
+Mannigfaltigkeit verschiedener ursprünglichen Gattungen, und empfiehlt
+die Gleichartigkeit; das zweite schränkt dagegen diese Neigung
+zur Einhelligkeit wiederum ein, und gebietet Unterscheidung der
+Unterarten, bevor man sich mit seinem allgemeinen Begriffe zu den
+Individuen wende. Das dritte vereinigt jene beiden, indem sie bei
+der höchsten Mannigfaltigkeit dennoch die Gleichartigkeit durch den
+stufenartigen Übergang von einer Spezies zur anderen vorschreibt,
+welches eine Art von Verwandtschaft der verschiedenen Zweige anzeigt,
+insofern sie insgesamt aus einem Stamme entsprossen sind.
+
+Dieses logische Gesetz des continui specierum (formarum logicarum)
+setzt aber ein transzendentales voraus (lex continui in natura), ohne
+welches der Gebrauch des Verstandes durch jene Vorschrift nur irre
+geleitet werden würde, indem sie vielleicht einen der Natur gerade
+entgegengesetzten Weg nehmen würde. Es muß also dieses Gesetz auf
+reinen transzendentalen und nicht empirischen Gründen beruhen. Denn
+in dem letzteren Falle würde es später kommen als die Systeme; es
+hat aber eigentlich das Systematische der Naturerkenntnis zuerst
+hervorgebracht. Es sind hinter diesen Gesetzen auch nicht etwa
+Absichten auf eine mit ihnen, als bloßen Versuchen, anzustellende
+Probe verborgen, obwohl freilich dieser Zusammenhang, wo er zutrifft,
+einen mächtigen Grund abgibt, die hypothetisch ausgedachte Einheit für
+gegründet zu halten, und sie also auch in dieser Absicht ihren Nutzen
+haben, sondern man sieht es ihnen deutlich an, daß sie die Sparsamkeit
+der Grundursachen, die Mannigfaltigkeit der Wirkungen, und eine
+daherrührende Verwandtschaft der Glieder der Natur an sich selbst für
+vernunftmäßig und der Natur angemessen urteilen, und diese Grundsätze
+also direkt und nicht bloß als Handgriffe der Methode ihre Empfehlung
+bei sich führen.
+
+Man sieht aber leicht, daß diese Kontinuität der Formen eine bloße
+Idee sei, der ein kongruierender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht
+aufgewiesen werden kann, nicht allein um deswillen, weil die Spezies
+in der Natur wirklich abgeteilt sind, und daher an sich ein quantum
+discretum ausmachen müssen, und, wenn der stufenartige Fortgang in
+der Verwandtschaft derselben kontinuierlich wäre, sie auch eine wahre
+Unendlichkeit der Zwischenglieder, die innerhalb zweier gegebener
+Arten lägen, enthalten müßte, welches unmöglich ist: sondern auch,
+weil wir von diesem Gesetz gar keinen bestimmten empirischen Gebrauch
+machen können, indem dadurch nicht das geringste Merkmal der Affinität
+angezeigt wird, nach welchem und wie weit wir die Gradfolge ihrer
+Verschiedenheit zu suchen, sondern nichts weiter, als eine allgemeine
+Anzeige, daß wir sie zu suchen haben.
+
+Wenn wir die jetzt angeführten Prinzipien ihrer Ordnung nach
+versetzen, um sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen, so
+würden die Prinzipien der systematischen Einheit etwa so stehen:
+Mannigfaltigkeit, Verwandtschaft und Einheit, jede derselben aber als
+Ideen im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit genommen. Die Vernunft
+setzt die Verstandeserkenntnisse voraus, die zunächst auf Erfahrung
+angewandt werden, und sucht ihre Einheit nach Ideen, die viel
+weiter geht, als Erfahrung reichen kann. Die Verwandtschaft des
+Mannigfaltigen, unbeschadet seiner Verschiedenheit, unter einem
+Prinzip der Einheit, betrifft nicht bloß die Dinge, sondern weit
+mehr noch die bloßen Eigenschaften und Kräfte der Dinge. Daher, wenn
+uns z.B. durch eine (noch nicht völlig berichtigte) Erfahrung der
+Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben ist, und wir finden
+Verschiedenheiten, so vermuten wir sie in demjenigen, was den Zirkel
+nach einem beständigen Gesetze durch alle unendlichen Zwischengrade,
+zu einer dieser abweichenden Umläufe abändern kann, d.i. die
+Bewegungen der Planeten, die nicht Zirkel sind, werden etwa dessen
+Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen, und fallen auf die
+Ellipse. Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit ihrer
+Bahnen, da sie (soweit Beobachtung reicht) nicht einmal im Kreise
+zurückkehren; allein wir raten auf einen parabolischen Lauf, der doch
+mit der Ellipsis verwandt ist, und, wenn die lange Achse der letzteren
+sehr weit gestreckt ist, in allen unseren Beobachtungen von ihr
+nicht unterschieden werden kann. So kommen wir, nach Anleitung jener
+Prinzipien, auf Einheit der Gattungen dieser Bahnen in ihrer Gestalt,
+dadurch aber weiter auf Einheit der Ursache aller Gesetze ihrer
+Bewegung (die Gravitation), von da wir nachher unsere Eroberungen
+ausdehnen, und auch alle Varietäten und scheinbare Abweichungen von
+jenen Regeln aus demselben Prinzip zu erklären suchen, endlich gar
+mehr hinzufügen, als Erfahrung jemals bestätigen kann, nämlich, uns
+nach den Regeln der Verwandtschaft selbst hyperbolische Kometenbahnen
+zu denken, in welcher diese Körper ganz und gar unsere Sonnenwelt
+verlassen, und, indem sie von Sonne zu Sonne gehen, die entfernteren
+Teile eines für uns unbegrenzten Weltsystems, das durch eine und
+dieselbe bewegende Kraft zusammenhängt, in ihrem Laufe vereinigen.
+
+Was bei diesen Prinzipien merkwürdig ist, und uns auch allein
+beschäftigt, ist dieses: daß sie transzendental zu sein scheinen, und,
+ob sie gleich bloße Ideen zur Befolgung des empirischen Gebrauchs der
+Vernunft enthalten, denen der letztere nur gleichsam asymptotisch,
+d.i. bloß annähernd folgen kann, ohne sie jemals zu erreichen,
+sie gleichwohl, als synthetische Sätze a priori, objektive, aber
+unbestimmte Gültigkeit haben, und zur Regel möglicher Erfahrung
+dienen, auch wirklich in Bearbeitung derselben, als heuristische
+Grundsätze, mit gutem Glücke gebraucht werden, ohne daß man doch eine
+transzendentale Deduktion derselben zustande bringen kann, welches,
+wie oben bewiesen worden, in Ansehung der Ideen jederzeit unmöglich
+ist.
+
+Wir haben in der transzendentalen Analytik unter den Grundsätzen
+des Verstandes die dynamischen, als bloß regulativen Prinzipien der
+Anschauung, von den mathematischen, die in Ansehung der letzteren
+konstitutiv sind, unterschieden. Diesem ungeachtet sind gedachte
+dynamische Gesetze allerdings konstitutiv in Ansehung der Erfahrung,
+indem sie die Begriffe, ohne welche keine Erfahrung stattfindet, a
+priori möglich machen. Prinzipien der reinen Vernunft können dagegen
+nicht einmal in Ansehung der empirischen Begriffe konstitutiv sein,
+weil ihnen kein korrespondierendes Schema der Sinnlichkeit gegeben
+werden kann, und sie also keinen Gegenstand in konkreto haben können.
+Wenn ich nun von einem solchen empirischen Gebrauch derselben, als
+konstitutiver Grundsätze, abgehe, wie will ich ihnen dennoch einen
+regulativen Gebrauch, und mit demselben einige objektive Gültigkeit
+sichern, und was kann derselbe für Bedeutung haben?
+
+Der Verstand macht für die Vernunft ebenso einen so Gegenstand aus,
+als die Sinnlichkeit für den Verstand. Die Einheit aller möglichen
+empirischen Verstandeshandlungen systematisch zu machen, ist ein
+Geschäft der Vernunft, sowie der Verstand das Mannigfaltige der
+Erscheinungen durch Begriffe verknüpft und unter empirische Gesetze
+bringt. Die Verstandeshandlungen aber, ohne Schemate der Sinnlichkeit,
+sind unbestimmt: ebenso ist die Vernunfteinheit auch in Ansehung der
+Bedingungen, unter denen, und des Grades, wie weit, der Verstand seine
+Begriffe systematisch verbinden soll, an sich selbst unbestimmt.
+Allein, obgleich für die durchgängige systematische Einheit aller
+Verstandesbegriffe kein Schema in der Anschauung ausfindig gemacht
+werden kann, so kann und muß doch ein Analogon eines solchen Schema
+gegeben werden, welches die Idee des Maximum der Abteilung und der
+Vereinigung der Verstandeserkenntnis in einem Prinzip ist. Denn das
+Größeste und absolut Vollständige läßt sich bestimmt gedenken, weil
+alle restringierenden Bedingungen, welche unbestimmte Mannigfaltigkeit
+geben, weggelassen werden. Also ist die Idee der Vernunft ein Analogon
+von einem Schema der Sinnlichkeit, aber mit dem Unterschiede, daß die
+Anwendung der Verstandesbegriffe auf das Schema der Vernunft nicht
+ebenso eine Erkenntnis des Gegenstandes selbst ist (wie bei der
+Anwendung der Kategorien auf ihre sinnlichen Schemate), sondern
+nur eine Regel oder Prinzip der systematischen Einheit alles
+Verstandesgebrauchs. Da nun jeder Grundsatz, der dem Verstande
+durchgängige Einheit seines Gebrauchs a priori festsetzt, auch, obzwar
+nur indirekt, von dem Gegenstande der Erfahrung gilt: so werden die
+Grundsätze der reinen Vernunft auch in Ansehung dieses letzteren
+objektive Realität haben, allein nicht um etwas an ihnen zu bestimmen,
+sondern nur um das Verfahren anzuzeigen, nach welchem der empirische
+und bestimmte Erfahrungsgebrauch des Verstandes mit sich selbst
+durchgängig zusammenstimmend werden kann, dadurch, daß er mit dem
+Prinzip der durchgängigen Einheit, soviel als möglich, in Zusammenhang
+gebracht, und davon abgeleitet wird.
+
+Ich nenne alle subjektiven Grundsätze, die nicht von der
+Beschaffenheit des Objekts, sondern dem Interesse der Vernunft, in
+Ansehung einer gewissen möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis dieses
+Objekts, hergenommen sind, Maximen der Vernunft. So gibt es Maximen
+der spekulativen Vernunft, die lediglich auf dem spekulativen
+Interesse derselben beruhen, ob es zwar scheinen mag, sie wären
+objektive Prinzipien.
+
+Wenn bloß regulative Grundsätze als konstitutiv betrachtet werden, so
+können sie als objektive Prinzipien widerstreitend sein; betrachtet
+man sie aber bloß als Maximen, so ist kein wahrer Widerstreit, sondern
+bloß ein verschiedenes Interesse der Vernunft, welches die Trennung
+der Denkungsart verursacht. In der Tat hat die Vernunft nur ein
+einiges Interesse und der Streit ihrer Maximen ist nur eine
+Verschiedenheit und wechselseitige Einschränkung der Methoden, diesem
+Interesse ein Genüge zu tun.
+
+Auf solche Weise vermag bei diesem Vernünftler mehr das Interesse der
+Mannigfaltigkeit (nach dem Prinzip der Spezifikation), bei jenem aber
+das Interesse der Einheit (nach dem Prinzip der Aggregation). Ein
+jeder derselben glaubt sein Urteil aus der Einsicht des Objekts zu
+haben, und gründet es doch lediglich auf der größeren oder kleineren
+Anhänglichkeit an einen von beiden Grundsätzen, deren keine auf
+objektiven Gründen beruht, sondern nur auf dem Vernunftinteresse,
+und die daher besser Maximen als Prinzipien genannt werden könnten.
+Wenn ich einsehende Männer miteinander wegen der Charakteristik
+der Menschen, der Tiere oder Pflanzen, ja selbst der Körper des
+Mineralreichs im Streite sehe, da die einen z.B. besondere und in der
+Abstammung gegründete Volkscharaktere, oder auch entschiedene und
+erbliche Unterschiede der Familien, Rassen usw. annehmen, andere
+dagegen ihren Sinn darauf setzen, daß die Natur in diesem Stücke ganz
+und gar einerlei Anlagen gemacht habe, und aller Unterschied nur auf
+äußeren Zufälligkeiten beruhe, so darf ich nur die Beschaffenheit des
+Gegenstandes in Betrachtung ziehen, um zu begreifen, daß er für beide
+viel zu tief verborgen liege, als daß sie aus Einsicht in die Natur
+des Objekts sprechen könnten. Es ist nichts anderes, als das zwiefache
+Interesse der Vernunft, davon dieser Teil das eine, jener das andere
+zu Herzen nimmt, oder auch affektiert, mithin die Verschiedenheit der
+Maximen der Naturmannigfaltigkeit, oder der Natureinheit, welche sich
+gar wohl vereinigen lassen, aber solange sie für objektive Einsichten
+gehalten werden, nicht allein Streit, sondern auch Hindernisse
+veranlassen, welche die Wahrheit lange aufhalten, bis ein Mittel
+gefunden wird, das strittige Interesse zu vereinigen, und die Vernunft
+hierüber zufrieden zu stellen.
+
+Ebenso ist es mit der Behauptung oder Anfechtung des so berufenen, von
+Leibniz in Gang gebrachten und durch Bonnet trefflich aufgestutzten
+Gesetzes der kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe bewandt,
+welche nichts als eine Befolgung des auf dem Interesse der Vernunft
+beruhenden Grundsatzes der Affinität ist; denn Beobachtung und
+Einsicht in die Einrichtung der Natur konnte es gar nicht als
+objektive Behauptung an die Hand geben. Die Sprossen einer solchen
+Leiter, so wie sie uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit
+auseinander, und unsere vermeintlich kleinen Unterschiede sind
+gemeiniglich in der Natur selbst so weite Klüfte, daß auf solche
+Beobachtungen (vornehmlich bei einer großen Mannigfaltigkeit von
+Dingen, da es immer leicht sein muß, gewisse Ähnlichkeiten und
+Annäherungen zu finden,) als Absichten der Natur gar nichts zu rechnen
+ist. Dagegen ist die Methode, nach einem solchen Prinzip Ordnung in
+der Natur aufzusuchen, und die Maxime, eine solche, obzwar unbestimmt,
+wo, oder wie weit, in einer Natur überhaupt als gegründet anzusehen,
+allerdings ein rechtmäßiges und treffliches regulatives Prinzip der
+Vernunft; welches aber, als ein solches, viel weiter geht, als daß
+Erfahrung oder Beobachtung ihr gleichkommen könnte, doch ohne etwas
+zu bestimmen, sondern ihr nur zur systematischen Einheit den Weg
+vorzuzeichnen.
+
+
+
+Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen Vernunft
+
+Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst
+dialektisch sein, sondern ihr bloßer Mißbrauch muß es allein machen,
+daß uns von ihnen ein trüglicher Schein entspringt; denn sie sind
+uns durch die Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste
+Gerichtshof aller Rechte und Ansprüche unserer Spekulation kann
+unmöglich selbst ursprüngliche Täuschungen und Blendwerke enthalten.
+Vermutlich werden sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in der
+Naturanlage unserer Vernunft haben. Der Pöbel der Vernünftler schreit
+aber, wie gewöhnlich, über Ungereimtheit und Widersprüche, und schmäht
+auf die Regierung, in deren innerste Pläne er nicht zu dringen vermag,
+deren wohltätigen Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar
+die Kultur verdanken sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu tadeln
+und zu verurteilen.
+
+Man kann sich eines Begriffs a priori mit keiner Sicherheit bedienen,
+ohne seine transzendentale Deduktion zustande gebracht zu haben. Die
+Ideen der reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduktion von der Art,
+als die Kategorien; sollen sie aber im mindesten einige, wenn auch
+nur unbestimmte, objektive Gültigkeit haben, und nicht bloß leere
+Gedankendinge (entia rationis ratiocinantis) vorstellen, so muß
+durchaus eine Deduktion derselben möglich sein, gesetzt, daß sie auch
+von derjenigen weit abwichen die man mit den Kategorien vornehmen
+kann. Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der reinen
+Vernunft, und dieses wollen wir jetzt übernehmen.
+
+Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein
+Gegenstand schlechthin, oder nur als ein Gegenstand in der Idee
+gegeben wird. In dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin, den
+Gegenstand zu bestimmen; im zweiten ist es wirklich nur ein Schema,
+dem direkt kein Gegenstand, auch nicht einmal hypothetisch zugegeben
+wird, sondern welches nur dazu dient, um andere Gegenstände,
+vermittelst der Beziehung auf diese Idee, nach ihrer systematischen
+Einheit, mithin indirekt uns vorzustellen. So sage ich, der Begriff
+einer höchsten Intelligenz ist eine bloße Idee, d.i. seine objektive
+Realität soll nicht darin bestehen, daß er sich geradezu auf einen
+Gegenstand bezieht (denn in solcher Bedeutung würden wir seine
+objektive Gültigkeit nicht rechtfertigen können), sondern er ist nur
+ein nach Bedingungen der größten Vernunfteinheit geordnetes Schema,
+von dem Begriffe eines Dinges überhaupt, welches nur dazu dient, um
+die größte systematische Einheit im empirischen Gebrauche unserer
+Vernunft zu erhalten, indem man den Gegenstand der Erfahrung gleichsam
+von dem eingebildeten Gegenstande dieser Idee, als seinem Grunde, oder
+Ursache, ableitet. Alsdann heißt es z.B. die Dinge der Welt müssen
+so betrachtet werden, als ob sie von einer höchsten Intelligenz ihr
+Dasein hätten. Auf solche Weise ist die Idee eigentlich nur ein
+heuristischer und nicht ostensiver Begriff, und zeigt an, nicht wie
+ein Gegenstand beschaffen ist, sondern wie wir, unter der Leitung
+desselben, die Beschaffenheit und Verknüpfung der Gegenstände der
+Erfahrung überhaupt suchen sollen. Wenn man nun zeigen kann, daß,
+obgleich die dreierlei transzendentalen Ideen (die psychologische,
+kosmologische, und theologische) direkt auf keinen ihnen
+korrespondierenden Gegenstand und dessen Bestimmung bezogen werden,
+dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs der Vernunft unter
+Voraussetzung eines solchen Gegenstandes in der Idee auf systematische
+Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis jederzeit erweitern,
+niemals aber derselben zuwider sein können: so ist es eine notwendige
+Maxime der Vernunft, nach dergleichen Ideen zu verfahren. Und dieses
+ist die transzendentale Deduktion aller Ideen der spekulativen
+Vernunft, nicht als konstitutiver Prinzipien der Erweiterung
+unserer Erkenntnis über mehr Gegenstände, als Erfahrung geben kann,
+sondern als regulativer Prinzipien der systematischen Einheit des
+Mannigfaltigen der empirischen Erkenntnis überhaupt, welche dadurch in
+ihren eigenen Grenzen mehr angebaut und berichtigt wird, als es ohne
+solche Ideen durch den bloßen Gebrauch der Verstandesgrundsätze
+geschehen könnte.
+
+Ich will dieses deutlicher machen. Wir wollen den genannten Ideen als
+Prinzipien zufolge erstlich (in der Psychologie) alle Erscheinungen,
+Handlungen und Empfänglichkeit unseres Gemüts an dem Leitfaden der
+inneren Erfahrung so verknüpfen, als ob dasselbe eine einfache
+Substanz wäre, die, mit persönlicher Identität, beharrlich (wenigstens
+im Leben) existiert, indessen daß ihre Zustände, zu welcher die des
+Körpers nur als äußere Bedingungen gehören, kontinuierlich wechseln.
+Wir müssen zweitens (in der Kosmologie) die Bedingungen, der inneren
+sowohl als der äußeren Naturerscheinungen, in einer solchen nirgend zu
+vollendenden Untersuchung verfolgen, als ob dieselbe an sich unendlich
+und ohne ein erstes oder oberstes Glied sei, obgleich wir darum,
+außerhalb aller Erscheinungen, die bloß intelligiblen ersten Gründe
+derselben nicht leugnen, aber sie doch niemals in den Zusammenhang
+der Naturerklärungen bringen dürfen, weil wir sie gar nicht kennen.
+Endlich und drittens müssen wir (in Ansehung der Theologie) alles, was
+nur immer in den Zusammenhang der möglichen Erfahrung gehören mag, so
+betrachten, als ob diese eine absolute, aber durch und durch abhängige
+und immer noch innerhalb der Sinnenwelt bedingte Einheit ausmache,
+doch aber zugleich, als ob der Inbegriff aller Erscheinungen (die
+Sinnenwelt selbst) einen einzigen obersten und allgenugsamen Grund
+außer ihrem Umfange habe, nämlich eine gleichsam selbstständige,
+ursprüngliche und schöpferische Vernunft, in Beziehung auf welche
+wir allen empirischen Gebrauch unserer Vernunft in seiner größten
+Erweiterung so richten, als ob die Gegenstände selbst aus jenem
+Urbilde aller Vernunft entsprungen wären, das heißt: nicht von einer
+einfachen denkenden Substanz die inneren Erscheinungen der Seele,
+sondern nach der Idee eines einfachen Wesens jene voneinander
+ableiten; nicht von einer höchsten Intelligenz die Weltordnung und
+systematische Einheit derselben ableiten, sondern von der Idee einer
+höchstweisen Ursache die Regel hernehmen, nach welcher die Vernunft
+bei der Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen in der Welt zu ihrer
+eigenen Befriedigung am besten zu brauchen sei.
+
+Nun ist nicht das mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als
+objektiv und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische,
+wo die Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zustande
+bringen will (die psychologische und theologische enthalten
+dergleichen gar nicht). Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht, wie
+sollte uns daher jemand ihre objektive Realität streiten können, da er
+von ihrer Möglichkeit ebensowenig weiß, um sie zu verneinen, als wir,
+um sie zu bejahen. Gleichwohl ist's, um etwas anzunehmen, noch nicht
+genug, daß kein positives Hindernis dawider ist, und es kann uns nicht
+erlaubt sein, Gedankenwesen, welche alle unsere Begriffe übersteigen,
+obgleich keinem widersprechen, auf den bloßen Kredit der ihr Geschäft
+gern vollendenden spekulativen Vernunft, als wirkliche und bestimmte
+Gegenstände einzuführen. Also sollen sie an sich selbst nicht
+angenommen werden, sondern nur ihre Realität, als eines Schema des
+regulativen Prinzips der systematischen Einheit aller Naturerkenntnis,
+gelten, mithin sollen sie nur als Analoga von wirklichen Dingen, aber
+nicht als solche an sich selbst zum Grunde gelegt werden. Wir heben
+von dem Gegenstande der Idee die Bedingungen auf, welche unseren
+Verstandesbegriff einschränken, die aber es auch allein möglich
+machen, daß wir von irgendeinem Dinge einen bestimmten Begriff haben
+können. Und nun denken wir uns ein Etwas, wovon wir, was es an sich
+selbst sei, gar keinen Begriff haben, aber wovon wir uns doch ein
+Verhältnis zu dem Inbegriffe der Erscheinungen denken, das demjenigen
+analogisch ist, welches die Erscheinungen untereinander haben.
+
+Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, so erweitern
+wir eigentlich nicht unsere Erkenntnis über die Objekte möglicher
+Erfahrung, sondern nur die empirische Einheit der letzteren, durch
+die systematische Einheit, wozu uns die Idee das Schema gibt, welche
+mithin nicht als konstitutives, sondern bloß als regulatives Prinzip
+gilt. Denn, daß wir ein der Idee korrespondierendes Ding, ein Etwas,
+oder wirkliches Wesen setzen, dadurch ist nicht gesagt, wir wollten
+unsere Erkenntnis der Dinge mit transzendenten Begriffen erweitern;
+denn dieses Wesen wird nur in der Idee und nicht an sich selbst zum
+Grunde gelegt, mithin nur um die systematische Einheit auszudrücken,
+die uns zur Richtschnur des empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen
+soll, ohne doch etwas darüber auszumachen, was der Grund dieser
+Einheit, oder die innere Eigenschaft eines solchen Wesens sei, auf
+welchem, als Ursache, sie beruhe.
+
+So ist der transzendentale und einzige bestimmte Begriff, den uns
+die bloß spekulative Vernunft von Gott gibt, im genauesten Verstande
+deistisch, d.i. die Vernunft gibt nicht einmal die objektive
+Gültigkeit eines solchen Begriffs, sondern nur die Idee von Etwas an
+die Hand, worauf alle empirische Realität ihre höchste und notwendige
+Einheit gründet, und welches wir uns nicht anders, als nach der
+Analogie einer wirklichen Substanz, welche nach Vernunftgesetzen die
+Ursache aller Dinge sei, denken können, wofern wir es ja unternehmen,
+es überall als einen besonderen Gegenstand zu denken, und nicht
+lieber, mit der bloßen Idee des regulativen Prinzips der Vernunft
+zufrieden, die Vollendung aller Bedingungen des Denkens, als
+überschwenglich für den menschlichen Verstand, beiseite setzen wollen,
+welches aber mit der Absicht einer vollkommenen systematischen Einheit
+in unserem Erkenntnis, der wenigstens die Vernunft keine Schranken
+setzt, nicht zusammen bestehen kann.
+
+Daher geschieht's nun, daß, wenn ich ein göttliches Wesen annehme, ich
+zwar weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit,
+noch der Notwendigkeit seines Daseins, den mindesten Begriff habe,
+aber alsdann doch allen anderen Fragen, die das Zufällige betreffen,
+ein Genüge tun kann, und der Vernunft die vollkommenste Befriedigung
+in Ansehung der nachzuforschenden größten Einheit in ihrem empirischen
+Gebrauche, aber nicht in Ansehung dieser Voraussetzung selbst,
+verschaffen kann; welches beweist, daß ihr spekulatives Interesse und
+nicht ihre Einsicht sie berechtige, von einem Punkte, der so weit über
+ihrer Sphäre liegt, auszugehen, um daraus ihre Gegenstände in einem
+vollständigen Ganzen zu betrachten.
+
+Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart, bei einer und
+derselben Voraussetzung, der ziemlich subtil, aber gleichwohl in
+der Transzendentalphilosophie von großer Wichtigkeit ist. Ich
+kann genugsamen Grund haben, etwas relativ anzunehmen (suppositio
+relativa), ohne doch befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen
+(suppositio absoluta). Diese Unterscheidung trifft zu, wenn es bloß um
+ein regulatives Prinzip zu tun ist, wovon wir zwar die Notwendigkeit
+an sich selbst, aber nicht den Quell derselben erkennen, und dazu wir
+einen obersten Grund bloß in der Absicht annehmen, um desto bestimmter
+die Allgemeinheit des Prinzips zu denken, als z.B. wenn ich
+mir ein Wesen als existierend denke, das einer bloßen und zwar
+transzendentalen Idee korrespondiert. Denn, da kann ich das Dasein
+dieses Dinges niemals an sich selbst annehmen, weil keine Begriffe,
+dadurch ich mir irgend einen Gegenstand bestimmt denken kann, dazu
+gelangen, und die Bedingungen der objektiven Gültigkeit meiner
+Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind. Die Begriffe der
+Realität, der Substanz, der Kausalität, selbst die der Notwendigkeit
+im Dasein, haben, außer dem Gebrauche, da sie die empirische
+Erkenntnis eines Gegenstandes möglich machen, gar keine Bedeutung,
+die irgendein Objekt bestimmte. Sie können also zwar zu Erklärung der
+Möglichkeit der Dinge in der Sinnenwelt, aber nicht der Möglichkeit
+eines Weltganzen selbst gebraucht werden, weil dieser Erklärungsgrund
+außerhalb der Welt und mithin kein Gegenstand einer möglichen
+Erfahrung sein müßte. Nun kann ich gleichwohl ein solches
+unbegreifliches Wesen, den Gegenstand einer bloßen Idee, relativ auf
+die Sinnenwelt, obgleich nicht an sich selbst, annehmen. Denn, wenn
+dem größtmöglichen empirischen Gebrauche meiner Vernunft eine Idee
+(der systematisch vollständigen Einheit, von der ich bald bestimmter
+reden werde) zum Grunde liegt, die an sich selbst niemals adäquat
+in der Erfahrung kann dargestellt werden, ob sie gleich, um die
+empirische Einheit dem höchstmöglichen Grade zu nähern, unumgänglich
+notwendig ist, so werde ich nicht allein befugt, sondern auch genötigt
+sein, diese Idee zu realisieren, d.i. ihr einen wirklichen Gegenstand
+zu setzen, aber nur als ein Etwas überhaupt, das ich an sich
+selbst gar nicht kenne, und dem ich nur, als einem Grunde jener
+systematischen Einheit, in Beziehung auf diese letztere solche
+Eigenschaft gebe, als den Verstandesbegriffen im empirischen Gebrauche
+analogisch sind. Ich werde mir also nach der Analogie der Realitäten
+in der Welt der Substanzen, der Kausalität und der Notwendigkeit, ein
+Wesen denken, das alles dieses in der höchsten Vollkommenheit besitzt,
+und, indem diese Idee bloß auf meiner Vernunft beruht, dieses Wesen
+als selbstständige Vernunft, was durch Ideen der größten Harmonie und
+Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken können, so daß ich alle,
+die Idee einschränkenden, Bedingungen weglasse, lediglich um, unter
+dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische Einheit des
+Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den
+größtmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem
+ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anordnungen einer höchsten
+Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Nachbild ist. Ich
+denke mir alsdann dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die
+eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber
+auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem anderen als
+relativen Gebrauch habe, nämlich, daß sie das Substratum der
+größtmöglichen Erfahrungseinheit abgeben solle, so darf ich ein Wesen,
+das ich von der Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften
+denken, die lediglich zur Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange
+keineswegs, und bin auch nicht befugt es zu verlangen, diesen
+Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er an sich sein mag, zu
+erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die Begriffe
+von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der Notwendigkeit im
+Dasein, verlieren alle Bedeutung, und sind leere Titel zu Begriffen,
+ohne allen Inhalt, wenn ich mich außer dem Felde der Sinne damit
+hinauswage. Ich denke mir nur die Relation eines mir an sich ganz
+unbekannten Wesens zur größten systematischen Einheit des Weltganzen,
+lediglich um es zum Schema des regulativen Prinzips des größtmöglichen
+empirischen Gebrauchs meiner Vernunft zu machen.
+
+Werfen wir unseren Blick nun auf den transzendentalen Gegenstand
+unserer Idee, so sehen wir, daß wir seine Wirklichkeit nach den
+Begriffen von Realität, Substanz, Kausalität usw. an sich selbst
+nicht voraussetzen können, weil diese Begriffe auf etwas, das von der
+Sinnenwelt ganz unterschieden ist, nicht die mindeste Anwendung haben.
+Also ist die Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen, als
+oberster Ursache, bloß relativ, zum Behuf der systematischen Einheit
+der Sinnenwelt gedacht, und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir,
+was es an sich sei, keinen Begriff haben. Hierdurch erklärt sich
+auch, woher wir zwar in Beziehung auf das, was existierend den Sinnen
+gegeben ist, der Idee eines an sich notwendigen Urwesens bedürfen,
+niemals aber von diesem und seiner absoluten Notwendigkeit den
+mindesten Begriff haben können.
+
+Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transzendentalen Dialektik
+deutlich vor Augen stellen, und die Endabsicht der Ideen der reinen
+Vernunft, die nur durch Mißverstand und Unbehutsamkeit dialektisch
+werden, genau bestimmen. Die reine Vernunft ist in der Tat mit
+nichts als sich selbst beschäftigt, und kann auch kein anderes
+Geschäft haben, weil ihr nicht die Gegenstände zur Einheit des
+Erfahrungsbegriffs, sondern die Verstandeserkenntnisse zur Einheit des
+Vernunftbegriffs, d.i. des Zusammenhanges in einem Prinzip gegeben
+werden. Die Vernunfteinheit ist die Einheit des Systems, und diese
+systematische Einheit dient der Vernunft nicht objektiv zu einem
+Grundsatze, um sie über die Gegenstände, sondern subjektiv als Maxime,
+um sie über alles mögliche empirische Erkenntnis der Gegenstände zu
+verbreiten. Gleichwohl befördert der systematische Zusammenhang, den
+die Vernunft dem empirischen Verstandesgebrauche geben kann, nicht
+allein dessen Ausbreitung, sondern bewährt auch zugleich die
+Richtigkeit desselben, und das Prinzipium einer solchen systematischen
+Einheit ist auch objektiv, aber auf unbestimmte Art (principium
+vagum), nicht als konstitutives Prinzip, um etwas in Ansehung seines
+direkten Gegenstandes zu bestimmen, sondern um, als bloß regulativer
+Grundsatz und Maxime, den empirischen Gebrauch der Vernunft durch
+Eröffnung neuer Wege, die der Verstand nicht kennt, ins Unendliche
+(Unbestimmte) zu befördern und zu befestigen, ohne dabei jemals den
+Gesetzen des empirischen Gebrauchs im mindesten zuwider zu sein.
+
+Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders
+denken, als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand gibt, der
+aber durch keine Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung gibt
+niemals ein Beispiel vollkommener systematischer Einheit. Dieses
+Vernunftwesen (ens rationis ratiocinatae) ist nun zwar eine bloße
+Idee, und wird also nicht schlechthin und an sich selbst als etwas
+Wirkliches angenommen, sondern nur problematisch zum Grunde gelegt
+(weil wir es durch keine Verstandesbegriffe erreichen können), um
+alle Verknüpfung der Dinge der Sinnenwelt so anzusehen, als ob sie
+in diesem Vernunftwesen ihren Grund hätten, lediglich aber in der
+Absicht, um darauf die systematische Einheit zu gründen, die der
+Vernunft unentbehrlich, der empirischen Verstandeserkenntnis aber auf
+alle Weise beförderlich und ihr gleichwohl niemals hinderlich sein
+kann.
+
+Man verkennt sogleich die Bedeutung dieser Idee, wenn man sie für die
+Behauptung, oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen Sache
+hält, welcher man den Grund der systematischen Weltverfassung
+zuzuschreiben gedächte; vielmehr läßt man es gänzlich unausgemacht,
+was der unseren Begriffen sich entziehende Grund derselben an sich für
+Beschaffenheit habe, und setzt sich nur eine Idee zum Gesichtspunkte,
+aus welchem einzig und allein man jene, der Vernunft so wesentliche
+und dem Verstande so heilsame, Einheit verbreiten kann; mit einem
+Worte: dieses transzendentale Ding ist bloß das Schema jenes
+regulativen Prinzips, wodurch die Vernunft, so viel an ihr ist,
+systematische Einheit über alle Erfahrung verbreitet. Das erste Objekt
+einer solchen Idee bin ich selbst, bloß als denkende Natur (Seele)
+betrachtet. Will ich die Eigenschaften, mit denen ein denkendes Wesen
+an sich existiert, aufsuchen, so muß ich die Erfahrung befragen, und
+selbst von allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand
+anwenden, als insofern das Schema derselben in der sinnlichen
+Anschauung gegeben ist. Hiermit gelange ich aber niemals zu einer
+systematischen Einheit aller Erscheinungen des inneren Sinnes. Statt
+des Erfahrungsbegriffs also (von dem, was die Seele wirklich ist),
+der uns nicht weit führen kann, nimmt die Vernunft den Begriff der
+empirischen Einheit alles Denkens, und macht dadurch, daß sie diese
+Einheit unbedingt und ursprünglich denkt, aus demselben einen
+Vernunftbegriff (Idee) von einer einfachen Substanz, die an sich
+selbst unwandelbar (persönlich identisch), mit anderen wirklichen
+Dingen außer ihr in Gemeinschaft stehe; mit einem Worte: von einer
+einfachen selbständigen Intelligenz. Hierbei aber hat sie nichts
+anderes vor Augen, als Prinzipien der systematischen Einheit in
+Erklärung der Erscheinungen der Seele, nämlich: alle Bestimmungen,
+als in einem einigen Subjekte, alle Kräfte, so viel möglich, als
+abgeleitet von einer einigen Grundkraft, allen Wechsel, als gehörig zu
+den Zuständen eines und desselben beharrlichen Wesens zu betrachten,
+und alle Erscheinungen im Raume, als von den Handlungen des Denkens
+ganz unterschieden vorzustellen. Jene Einfachheit der Substanz
+usw. sollte nur das Schema zu diesem regulativen Prinzip sein,
+und wird nicht vorausgesetzt, als sei sie der wirkliche Grund der
+Seeleneigenschaften. Denn diese können auch auf ganz anderen Gründen
+beruhen, die wir gar nicht kennen, wie wir denn die Seele auch durch
+diese angenommenen Prädikate eigentlich nicht an sich selbst erkennen
+könnten, wenn wir sie gleich von ihr schlechthin wollten gelten
+lassen, indem sie eine bloße Idee ausmachen, die in concreto gar nicht
+vorgestellt werden kann. Aus einer solchen psychologischen Idee kann
+nun nichts anderes als Vorteil entspringen, wenn man sich nur hütet,
+sie für etwas mehr als bloße Idee, d.i. bloß relativisch auf den
+systematischen Vernunftsgebrauch in Ansehung der Erscheinungen unserer
+Seele, gelten zu lassen. Denn da mengen sich keine empirischen Gesetze
+körperlicher Erscheinungen, die ganz von anderer Art sind, in die
+Erklärungen dessen, was bloß vor den inneren Sinn gehört; da werden
+keine windigen Hypothesen, von Erzeugung, Zerstörung und Palingenesie
+der Seelen usw. zugelassen; also wird die Betrachtung dieses
+Gegenstandes des inneren Sinnes ganz rein und unvermengt
+mit ungleichartigen Eigenschaften angestellt, überdem die
+Vernunftuntersuchung darauf gerichtet, die Erklärungsgründe in diesem
+Subjekte, so weit es möglich ist, auf ein einziges Prinzip hinaus
+zu führen, welches alles durch ein solches Schema, als ob es ein
+wirkliches Wesen wäre, am besten, ja sogar einzig und allein, bewirkt
+wird. Die psychologische Idee kann auch nichts anderes als das Schema
+eines regulativen Begriffs bedeuten. Denn, wollte ich auch nur fragen,
+ob die Seele nicht an sich geistiger Natur sei, so hätte diese Frage
+gar keinen Sinn. Denn durch einen solchen Begriff nehme ich nicht bloß
+die körperliche Natur, sondern überhaupt alle Natur weg, d.i. alle
+Prädikate irgendeiner möglichen Erfahrung, mithin alle Bedingungen, zu
+einem solchen Begriffe einen Gegenstand zu denken, als welches doch
+einzig und allein es macht, daß man sagt, er habe einen Sinn.
+
+Die zweite regulative Idee der bloß spekulativen Vernunft ist der
+Weltbegriff überhaupt. Denn Natur ist eigentlich nur das einzige
+gegebene Objekt, in Ansehung dessen die Vernunft regulative Prinzipien
+bedarf. Diese Natur ist zwiefach, entweder die denkende, oder die
+körperliche Natur. Allein zu der letzteren, um sie ihrer inneren
+Möglichkeit nach zu denken, d.i. die Anwendung der Kategorien auf
+dieselbe zu bestimmen, bedürfen wir keiner Idee, d.i. einer die
+Erfahrung übersteigenden Vorstellung; es ist auch keine in Ansehung
+derselben möglich, weil wir darin bloß durch sinnliche Anschauung
+geleitet werden, und nicht wie in dem psychologischen Grundbegriffe
+(Ich), welcher eine gewisse Form des Denkens, nämlich die Einheit
+desselben, a priori enthält. Also bleibt uns für die reine Vernunft
+nichts übrig, als Natur überhaupt, und die Vollständigkeit der
+Bedingungen in derselben nach irgendeinem Prinzip. Die absolute
+Totalität der Reihen dieser Bedingungen, in der Ableitung ihrer
+Glieder, ist eine Idee, die zwar im empirischen Gebrauche der Vernunft
+niemals völlig zustande kommen kann, aber doch zur Regel dient, wie
+wir in Ansehung derselben verfahren sollen, nämlich in der Erklärung
+gegebener Erscheinungen (im Zurückgehen oder Aufsteigen) so, als ob
+die Reihe an sich unendlich wäre, d.i. in indefinitum, aber wo die
+Vernunft selbst als bestimmende Ursache betrachtet wird (in der
+Freiheit), also bei praktischen Prinzipien, als ob wir nicht ein
+Objekt der Sinne, sondern des reinen Verstandes vor uns hätten, wo die
+Bedingungen nicht mehr in der Reihe der Erscheinungen, sondern außer
+derselben gesetzt werden können, und die Reihe der Zustände angesehen
+werden kann, als ob sie schlechthin (durch eine intelligible Ursache)
+angefangen würde; welches alles beweist, daß die kosmologischen Ideen
+nichts als regulative Prinzipien, und weit davon entfernt sind,
+gleichsam konstitutiv, eine wirkliche Totalität solcher Reihen zu
+setzen. Das übrige kann man an seinem Orte unter der Antinomie der
+reinen Vernunft suchen.
+
+Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative
+Supposition eines Wesens enthält, als der einigen und allgenugsamen
+Ursache aller kosmologischen Reihen, ist der Vernunftbegriff von Gott.
+Den Gegenstand dieser Idee, haben wir nicht den mindesten Grund,
+schlechthin anzunehmen (an sich zu supponieren); denn was kann uns
+wohl dazu vermögen, oder auch nur berechtigen, ein Wesen von der
+höchsten Vollkommenheit, und als seiner Natur nach schlechthin
+notwendig, aus dessen bloßem Begriffe an sich selbst zu glauben, oder
+zu behaupten, wäre es nicht die Welt, in Beziehung auf welche diese
+Supposition allein notwendig sein kann; und da zeigt es sich klar,
+daß die Idee desselben, so wie alle spekulativen Ideen, nichts weiter
+sagen wolle, als daß die Vernunft gebiete, alle Verknüpfung der Welt
+nach Prinzipien einer systematischen Einheit zu betrachten, mithin als
+ob sie insgesamt aus einem einzigen allbefassenden Wesen, als oberster
+und allgenugsamer Ursache, entsprungen wären. Hieraus ist klar,
+daß die Vernunft hierbei nichts als ihre eigene formale Regel in
+Erweiterung ihres empirischen Gebrauchs zur Absicht haben könne,
+niemals aber eine Erweiterung über alle Grenzen des empirischen
+Gebrauchs, folglich unter dieser Idee kein konstitutives Prinzip ihres
+auf mögliche Erfahrung gerichteten Gebrauchs verborgen liege.
+
+Diese höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen
+beruht, ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das spekulative
+Interesse der Vernunft macht es notwendig, alle Anordnung in der Welt
+so anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft
+entsprossen wäre. Ein solches Prinzip eröffnet nämlich unserer auf das
+Feld der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz neue Aussichten, nach
+teleologischen Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen, und dadurch
+zu der größten systematischen Einheit derselben zu gelangen. Die
+Voraussetzung einer obersten Intelligenz, als der alleinigen Ursache
+des Weltganzen, aber freilich bloß in der Idee, kann also jederzeit
+der Vernunft nutzen und dabei doch niemals schaden. Denn, wenn wir in
+Ansehung der Figur der Erde (der runden, doch etwas abgeplatteten)*,
+der Gebirge und Meere usw. lauter weise Absichten eines Urhebers
+zum voraus annehmen, so können wir auf diesem Wege eine Menge von
+Entdeckungen machen. Bleiben wir nur bei dieser Voraussetzung, als
+einem bloß regulativen Prinzip, so kann selbst der Irrtum uns nicht
+schaden. Denn es kann allenfalls daraus nichts weiter folgen, als daß,
+wo wir einen teleologischen Zusammenhang (nexus finalis) erwarteten,
+ein bloß mechanischer oder physischer (nexus effectivus) angetroffen
+werde, wodurch wir, in einem solchen Falle, nur eine Einheit mehr
+vermissen, aber nicht die Vernunfteinheit in ihrem empirischen
+Gebrauche verderben. Aber sogar dieser Querstrich kann das Gesetz
+selbst in allgemeiner und teleologischer Absicht überhaupt nicht
+treffen. Denn, obzwar ein Zergliederer eines Irrtums überführt werden
+kann, wenn er irgend ein Gliedmaß eines tierischen Körpers auf einen
+Zweck bezieht, von welchem man deutlich zeigen kann, daß er daraus
+nicht erfolge: so ist es doch gänzlich unmöglich, in einem Falle zu
+beweisen, daß eine Natureinrichtung, es mag sein welche da wolle, ganz
+und gar keinen Zweck habe. Daher erweitert auch die Physiologie (der
+Ärzte) ihre sehr eingeschränkte empirische Kenntnis von den Zwecken
+des Gliederbaues eines organischen Körpers durch einen Grundsatz,
+welchen bloß reine Vernunft eingab, so weit, daß man darin ganz dreist
+und zugleich mit aller Verständigen Einstimmung annimmt, es habe alles
+an dem Tiere seinen Nutzen und gute Absicht; welche Voraussetzung,
+wenn sie konstitutiv sein sollte, viel weiter geht, als uns bisherige
+Beobachtung berechtigen kann; woraus denn zu ersehen ist, daß sie
+nichts als ein regulatives Prinzip der Vernunft sei, um zur höchsten
+systematischen Einheit, vermittelst der Idee der zweckmäßigen
+Kausalität der obersten Weltursache, und, als ob diese, als höchste
+Intelligenz, nach der weisesten Absicht die Ursache von allem sei, zu
+gelangen.
+
+* Der Vorteil, den eine kugelichte Erdgestalt schafft, ist bekannt
+ genug; aber wenige wissen, daß ihre Abplattung, als eines Sphäroids,
+ es allein verhindert, daß nicht die Hervorragungen des festen
+ Landes, oder auch kleinerer, vielleicht durch Erdbeben aufgeworfener
+ Berge, die Achse der Erde kontinuierlich und in nicht eben langer
+ Zeit ansehnlich verrücke, wäre nicht die Aufschwellung der Erde
+ unter der Linie ein so gewaltiger Berg, den der Schwung jedes
+ anderen Berges niemals merklich aus seiner Lage in Ansehung der
+ Achse bringen kann. Und doch erklärt man diese weise Anstalt ohne
+ Bedenken aus dem Gleichgewicht der ehemals flüssigen Erdmasse.
+
+Gehen wir aber von dieser Restriktion der Idee auf den bloß
+regulativen Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise
+irregeführt, indem sie alsdann den Boden der Erfahrung, der doch
+die Merkzeichen ihres Ganges enthalten muß, verläßt, und sich über
+denselben zu dem Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über
+dessen Höhe sie notwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem
+Standpunkte desselben von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch
+gänzlich abgeschnitten sieht.
+
+Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Idee eines
+höchsten Wesens nicht bloß regulativ, sondern (welches der Natur einer
+Idee zuwider ist) konstitutiv braucht, ist die faule Vernunft (ignava
+ratio)*. Man kann jeden Grundsatz so nennen, welcher macht, daß man
+seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet
+ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr
+Geschäft völlig ausgerichtet habe. Daher selbst die psychologische
+Idee, wenn sie als ein konstitutives Prinzip für die Erklärung der
+Erscheinungen unserer Seele, und hernach gar, zur Erweiterung unserer
+Erkenntnis dieses Subjekts, noch über alle Erfahrung hinaus (ihren
+Zustand nach dem Tode) gebraucht wird, es der Vernunft zwar sehr
+bequem macht, aber auch allen Naturgebrauch derselben nach der Leitung
+der Erfahrungen ganz verdirbt und zugrunde richtet. So erklärt
+der dogmatische Spiritualist die durch allen Wechsel der Zustände
+unverändert bestehende Einheit der Person aus der Einheit der
+denkenden Substanz, die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen glaubt,
+das Interesse, was wir an Dingen nehmen, die sich allererst nach
+unserem Tode zutragen sollen, aus dem Bewußtsein der immateriellen
+Natur unseres denkenden Subjekts usw. und überhebt sich aller
+Naturuntersuchung der Ursache dieser unserer inneren Erscheinungen aus
+physischen Erklärungsgründen, indem er gleichsam durch den Machtspruch
+einer transzendenten Vernunft die immanenten Erkenntnisquellen der
+Erfahrung, zum Behuf seiner Gemächlichkeit, aber mit Einbuße aller
+Einsicht, vorbeigeht. Noch deutlicher fällt diese nachteilige Folge
+bei dem Dogmatismus unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und
+dem darauf fälschlich gegründeten theologischen System der Natur
+(Physikotheologie) in die Augen. Denn da dienen alle sich in der Natur
+zeigenden, oft nur von uns selbst dazu gemachten Zwecke dazu, es uns
+in der Erforschung der Ursachen recht bequem zu machen, nämlich,
+anstatt sie in den allgemeinen Gesetzen des Mechanismus der Materie zu
+suchen, sich geradezu auf den unerforschlichen Ratschluß der höchsten
+Weisheit zu berufen, und die Vernunftbemühung alsdann für vollendet
+anzusehen, wenn man sich ihres Gebrauchs überhebt, der doch nirgend
+einen Leitfaden findet, als wo ihn uns die Ordnung der Natur und
+die Reihe der Veränderungen, nach ihren inneren und allgemeineren
+Gesetzen, an die Hand gibt. Dieser Fehler kann vermieden werden, wenn
+wir nicht bloß einige Naturstücke, als z.B. die Verteilung des festen
+Landes, das Bauwerk desselben, und die Beschaffenheit und Lage der
+Gebirge, oder wohl gar nur die Organisation im Gewächs- und Tierreiche
+aus dem Gesichtspunkte der Zwecke betrachten, sondern diese
+systematische Einheit der Natur, in Beziehung auf die Idee einer
+höchsten Intelligenz, ganz allgemein machen. Denn alsdann legen wir
+eine Zweckmäßigkeit nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum Grunde,
+von denen keine besondere Einrichtung ausgenommen, sondern nur mehr
+oder weniger kenntlich für uns ausgezeichnet worden, und haben ein
+regulatives Prinzip der systematischen Einheit einer teleologischen
+Verknüpfung, die wir aber nicht zum voraus bestimmen, sondern nur
+in Erwartung derselben die physischmechanische Verknüpfung nach
+allgemeinen Gesetzen verfolgen dürfen. Denn so allein kann das
+Prinzip der zweckmäßigen Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der
+Erfahrung jederzeit erweitern, ohne ihm in irgendeinem Falle Abbruch
+zu tun.
+
+* So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete:
+ Wenn es dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser
+ Krankheit genesen, so wird es geschehen, du magst einen Arzt
+ brauchen, oder nicht. Cicero sagt, daß diese Art zu schließen ihren
+ Namen daher habe, daß, wenn man ihr folgt, gar kein Gebrauch der
+ Vernunft im Leben übrig bleibe. Dieses ist die Ursache, warum ich
+ das sophistische Argument der reinen Vernunft mit demselben Namen
+ belege.
+
+Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Prinzips der
+systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft
+(perversa ratio, ysteron proteron rationis). Die Idee der
+systematischen Einheit sollte nur dazu dienen, um als regulatives
+Prinzip sie in der Verbindung der Dinge nach allgemeinen Naturgesetzen
+zu suchen, und, soweit sich etwas davon auf dem empirischen Wege
+antreffen läßt, um so viel auch zu glauben, daß man sich der
+Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert habe, ob man sie freilich
+niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man die Sache um,
+und fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Prinzips der
+zweckmäßigen Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, den Begriff
+einer solchen höchsten Intelligenz, weil er an sich gänzlich
+unerforschlich ist, anthropomorphistisch bestimmt, und dann der Natur
+Zwecke, gewaltsam und diktatorisch, aufdringt, anstatt sie, wie
+billig, auf dem Wege der physischen Nachforschung zu suchen, so
+daß nicht allein Teleologie, die bloß dazu dienen sollte, um die
+Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu ergänzen, nun vielmehr dahin
+wirkt, sie aufzuheben, sondern die Vernunft sich noch dazu selbst um
+ihren Zweck bringt, nämlich das Dasein einer solchen intelligenten
+obersten Ursache, nach diesem, aus der Natur zu beweisen. Denn, wenn
+man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur a priori, d.i. als
+zum Wesen derselben gehörig, voraussetzen kann, wie will man denn
+angewiesen sein, sie zu suchen und auf der Stufenleiter derselben sich
+der höchsten Vollkommenheit eines Urhebers, als einer schlechterdings
+notwendigen, mithin a priori erkennbaren Vollkommenheit, zu nähern?
+Das regulative Prinzip verlangt, die systematische Einheit als
+Natureinheit, welche nicht bloß empirisch erkannt, sondern a priori,
+obzwar noch unbestimmt, vorausgesetzt wird, schlechterdings, mithin
+als aus dem Wesen der Dinge folgend, vorauszusetzen. Lege ich
+aber zuvor ein höchstes ordnendes Wesen zum Grunde, so wird die
+Natureinheit in der Tat aufgehoben. Denn sie ist der Natur der Dinge
+ganz fremd und zufällig, und kann auch nicht aus allgemeinen Gesetzen
+derselben erkannt werden. Daher entspringt ein fehlerhafter Zirkel im
+Beweisen, da man das voraussetzt, was eigentlich hat bewiesen werden
+sollen.
+
+Das regulative Prinzip der systematischen Einheit der Natur für
+ein konstitutives zu nehmen, und, was nur in der Idee zum Grunde
+des einhelligen Gebrauchs der Vernunft gelegt wird, als Ursache
+hypostatisch voraussetzen, heißt nur die Vernunft verwirren.
+Die Naturforschung geht ihren Gang ganz allein an der Kette der
+Naturursachen nach allgemeinen Gesetzen derselben, zwar nach der Idee
+eines Urhebers, aber nicht um die Zweckmäßigkeit, der sie allerwärts
+nachgeht, von demselben abzuleiten, sondern sein Dasein aus dieser
+Zweckmäßigkeit, die in den Wesen der Naturdinge gesucht wird,
+womöglich auch in den Wesen aller Dinge überhaupt, mithin als
+schlechthin notwendig zu erkennen. Das Letztere mag nun gelingen oder
+nicht, so bleibt die Idee immer richtig, und ebensowohl auch deren
+Gebrauch, wenn er auf die Bedingungen eines bloß regulativen Prinzips
+restringiert worden.
+
+Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit (schlechthin
+betrachtet). Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge, welche den
+ganzen Gegenstand der Erfahrung, d.i. aller unserer objektiv gültigen
+Erkenntnis, ausmachen, mithin in allgemeinen und notwendigen
+Naturgesetzen finden; wie wollen wir daraus gerade auf die Idee einer
+höchsten und schlechthin notwendigen Vollkommenheit eines Urwesens
+schließen, welches der Ursprung aller Kausalität ist? Die größte
+systematische, folglich auch die zweckmäßige Einheit ist die Schule
+und selbst die Grundlage der Möglichkeit des größten Gebrauchs der
+Menschenvernunft. Die Idee derselben ist also mit dem Wesen unserer
+Vernunft unzertrennlich verbunden. Eben dieselbe Idee ist also für uns
+gesetzgebend, und so ist es sehr natürlich, eine ihr korrespondierende
+gesetzgebende Vernunft (intellectus archetypus) anzunehmen, von der
+alle systematische Einheit der Natur, als dem Gegenstande unserer
+Vernunft, abzuleiten sei.
+
+Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt:
+daß alle Fragen, welche die reine Vernunft aufwirft, schlechterdings
+beantwortlich sein müssen, und daß die Entschuldigung mit den
+Schranken unserer Erkenntnis, die in vielen Naturfragen ebenso
+unvermeidlich als billig ist, hier nicht gestattet werden könne, weil
+uns hier nicht von der Natur der Dinge, sondern allein durch die Natur
+der Vernunft und lediglich über ihre innere Einrichtung, die Fragen
+vorgelegt werden. Jetzt können wir diese dem ersten Anscheine nach
+kühne Behauptung in Ansehung der zwei Fragen, wobei die reine Vernunft
+ihr größtes Interesse hat, bestätigen, und dadurch unsere Betrachtung
+über die Dialektik derselben zur gänzlichen Vollendung bringen.
+
+Frägt man denn also (in Absicht auf eine transzendentale Theologie)*
+erstlich: ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe, was den Grund
+der Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen Gesetzen
+enthalte, so ist die Antwort: ohne Zweifel. Denn die Welt ist eine
+Summe von Erscheinungen, es muß also irgendein transzendentaler, d.i.
+bloß dem reinen Verstande denkbarer Grund derselben sein. Ist zweitens
+die Frage: ob dieses Wesen Substanz, von der größten Realität,
+notwendig usw. sei; so antworte ich: daß diese Frage gar keine
+Bedeutung habe. Denn alle Kategorien, durch welche ich mir einen
+Begriff von einem solchen Gegenstande zu machen versuche, sind von
+keinem anderen als empirischen Gebrauche, und haben gar keinen
+Sinn, wenn sie nicht auf Objekte möglicher Erfahrung, d.i. auf die
+Sinnenwelt angewandt werden. Außer diesem Felde sind sie bloß Titel zu
+Begriffen, die man einräumen, dadurch man aber auch nichts verstehen
+kann. Ist endlich drittens die Frage: ob wir nicht wenigstens dieses
+von der Welt unterschiedene Wesen nach einer Analogie mit den
+Gegenständen der Erfahrung denken dürfen? so ist die Antwort:
+allerdings, aber nur als Gegenstand in der Idee und nicht in der
+Realität, nämlich nur, sofern er ein uns unbekanntes Substratum der
+systematischen Einheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung
+ist, welche sich die Vernunft zum regulativen Prinzip ihrer
+Naturforschung machen muß. Noch mehr, wir können in dieser Idee
+gewisse Anthropomorphismen, die dem gedachten regulativen Prinzip
+beförderlich sind, ungescheut und ungetadelt erlauben. Denn es ist
+immer nur eine Idee, die gar nicht direkt auf ein von der Welt
+unterschiedenes Wesen, sondern auf das regulative Prinzip der
+systematischen Einheit der Welt, aber nur vermittelst eines Schema
+derselben, nämlich einer obersten Intelligenz, die nach weisen
+Absichten Urheber derselben sei, bezogen wird. Was dieser Urgrund
+der Welteinheit an sich selbst sei, hat dadurch nicht gedacht werden
+sollen, sondern wie wir ihn, oder vielmehr seine Idee, relativ auf den
+systematischen Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Dinge der Welt,
+brauchen sollen.
+
+* Dasjenige, was ich schon vorher von der psychologischen Idee und
+ deren eigentlichen Bestimmung, als Prinzips zum bloß regulativen
+ Vernunftgebrauch, gesagt habe, überhebt mich der Weitläufigkeit, die
+ transzendentale Illusion, nach der jene systematische Einheit aller
+ Mannigfaltigkeit des inneren Sinnes hypostatisch vorgestellt wird,
+ noch besonders zu erörtern. Das Verfahren hierbei ist demjenigen
+ sehr ähnlich, welches die Kritik in Ansehung des theologischen
+ Ideals beobachtet.
+
+Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren zu fragen)
+einen einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen? Ohne
+allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen solchen
+voraussetzen. Aber alsdann erweitern wir doch unsere Erkenntnis über
+das Feld möglicher Erfahrung? Keineswegs. Denn wir haben nur ein Etwas
+vorausgesetzt, wovon wir gar keinen Begriff haben, was es an sich
+selbst sei (einen bloß transzendentalen Gegenstand), aber, in
+Beziehung auf die systematische und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues,
+welche wir, wenn wir die Natur studieren, voraussetzen müssen, haben
+wir jenes uns unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer
+Intelligenz (ein empirischer Begriff) gedacht, d.i. es in Ansehung der
+Zwecke und der Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade
+mit denen Eigenschaften begabt, die nach den Bedingungen unserer
+Vernunft den Grund einer solchen systematischen Einheit enthalten
+können. Diese Idee ist also respektiv auf den Weltgebrauch unserer
+Vernunft ganz gegründet. Wollten wir ihr aber schlechthin objektive
+Gültigkeit erteilen, so würden wir vergessen, daß es lediglich ein
+Wesen in der Idee sei, das wir denken, und, indem wir alsdann von
+einem durch die Weltbetrachtung gar nicht bestimmbaren Grunde
+anfingen, würden wir dadurch außerstand gesetzt, dieses Prinzip dem
+empirischen Vernunftgebrauch angemessen anzuwenden.
+
+Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von
+dem Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der
+vernünftigen Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch
+eigentlich diese Idee von der Vernunft zum Grunde gelegt. Allein darf
+ich nun zweckähnliche Anordnungen als Absichten ansehen, indem ich sie
+vom göttlichen Willen, obzwar vermittelst besonderer dazu in der Welt
+darauf gestellten Anlagen, ableite? Ja, das könnt ihr auch tun, aber
+so, daß es euch gleich viel gelten muß, ob jemand sage, die göttliche
+Weisheit hat alles so zu seinen obersten Zwecken geordnet, oder die
+Idee der höchsten Weisheit ist ein Regulativ in der Nachforschung der
+Natur und ein Prinzip der systematischen und zweckmäßigen Einheit
+derselben nach allgemeinen Naturgesetzen, auch selbst da, wo wir jene
+nicht gewahr werden, d.i. es muß euch da, wo ihr sie wahrnehmt, völlig
+einerlei sein, zu sagen: Gott hat es weislich so gewollt, oder die
+Natur hat es also weislich geordnet. Denn die größte systematische und
+zweckmäßige Einheit, welche eure Vernunft aller Naturforschung als
+regulatives Prinzip zum Grunde zu legen verlangte, war eben das, was
+euch berechtigte, die Idee einer höchsten Intelligenz als ein Schema
+des regulativen Prinzips zum Grunde zu legen, und, so viel ihr nun,
+nach demselben, Zweckmäßigkeit in der Welt antrefft, so viel habt ihr
+Bestätigung der Rechtmäßigkeit eurer Idee; da aber gedachtes Prinzip
+nichts anderes zur Absicht hatte, als notwendige und größtmögliche
+Natureinheit zu suchen, so werden wir diese zwar, so weit als wir sie
+erreichen, der Idee eines höchsten Wesens zu danken haben, können aber
+die allgemeinen Gesetze der Natur, als in Absicht auf welche die Idee
+nur zum Grunde gelegt wurde, ohne mit uns selbst in Widerspruch zu
+geraten, nicht vorbeigehen, um diese Zweckmäßigkeit der Natur als
+zufällig und hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen, weil wir
+nicht berechtigt waren, ein Wesen über die Natur von den gedachten
+Eigenschaften anzunehmen, sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu
+legen, um nach der Analogie einer Kausalbestimmung der Erscheinungen
+als systematisch untereinander verknüpft anzusehen.
+
+Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in der Idee nicht
+allein nach einem subtileren Anthropomorphismus (ohne welchen sich
+gar nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, was
+Verstand, Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße
+Begierde und Willen hat usw. zu denken, sondern demselben unendliche
+Vollkommenheit beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu
+wir durch empirische Kenntnis der Weltordnung berechtigt sein können.
+Denn das regulative Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir
+die Natur so studieren sollen, als ob allenthalben ins Unendliche
+systematische und zweckmäßige Einheit, bei der größtmöglichen
+Mannigfaltigkeit, angetroffen würde. Denn, wiewohl wir nur wenig
+von dieser Weltvollkommenheit ausspähen, oder erreichen werden, so
+gehört es doch zur Gesetzgebung unserer Vernunft, sie allerwärts zu
+suchen und zu vermuten, und es muß uns jederzeit vorteilhaft sein,
+niemals aber kann es nachteilig werden, nach diesem Prinzip die
+Naturbetrachtung anzustellen. Es ist aber, unter dieser Vorstellung,
+der zum Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers, auch klar: daß
+ich nicht das Dasein und die Kenntnis eines solchen Wesens, sondern
+nur die Idee desselben zum Grunde lege, und also eigentlich nichts von
+diesem Wesen, sondern bloß von der Idee desselben, d.i. von der Natur
+der Dinge der Welt, nach einer solchen Idee, ableite. Auch scheint
+ein gewisses, obzwar unentwickeltes Bewußtsein, des echten Gebrauchs
+dieses unseren Vernunftbegriffs, die bescheidene und billige Sprache
+der Philosophen aller Zeiten veranlaßt zu haben, da sie von der
+Weisheit und Vorsorge der Natur, und der göttlichen Weisheit, als
+gleichbedeutenden Ausdrücken reden, ja den ersteren Ausdruck, so lange
+es um bloß spekulative Vernunft zu tun ist, vorziehen, weil er die
+Anmaßung einer größeren Behauptung, als die ist, wozu wir befugt sind,
+zurückhält, und zugleich die Vernunft auf ihr eigentümliches Feld, die
+Natur, zurückweist.
+
+So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts Geringeres,
+als Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung,
+zu versprechen schiene, wenn wir sie recht verstehen, nichts als
+regulative Prinzipien, die zwar größere Einheit gebieten, als der
+empirische Verstandesgebrauch erreichen kann, aber eben dadurch,
+daß sie das Ziel der Annäherung desselben so weit hinausrücken, die
+Zusammenstimmung desselben mit sich selbst durch systematische Einheit
+zum höchsten Grade bringen, wenn man sie aber mißversteht, und sie für
+konstitutive Prinzipien transzendenter Erkenntnisse hält, durch einen
+zwar glänzenden, aber trüglichen Schein, Überredung und eingebildetes
+Wissen, hiermit aber ewige Widersprüche und Streitigkeiten
+hervorbringen.
+
+ * *
+ *
+
+So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an, geht
+von da zu Begriffen, und endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung
+aller dreien Elemente Erkenntnisquellen a priori hat, die beim
+ersten Anblicke die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen,
+so überzeugt doch eine vollendete Kritik, daß alle Vernunft im
+spekulativen Gebrauche mit diesen Elementen niemals über das Feld
+möglicher Erfahrung hinauskommen könne, und daß die eigentliche
+Bestimmung dieses obersten Erkenntnisvermögens sei, sich aller
+Methoden und der Grundsätze derselben nur zu bedienen, um der Natur
+nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke
+die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber
+ihre Grenze zu überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als
+leerer Raum ist. Zwar hat uns die kritische Untersuchung aller Sätze,
+welche unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung hinaus erweitern
+können, in der transzendentalen Analytik hinreichend überzeugt, daß
+sie niemals zu etwas mehr, als einer möglichen Erfahrung leiten
+können, und, wenn man nicht selbst gegen die klarsten oder abstrakten
+und allgemeinen Lehrsätze mißtrauisch wäre, wenn nicht reizende und
+scheinbare Aussichten uns lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen,
+so hätten wir allerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen
+Zeugen, die eine transzendente Vernunft zum Behuf ihrer Anmaßungen
+auftreten läßt, überhoben sein können; denn wir wußten es schon zum
+voraus mit völliger Gewißheit, daß alles Vorgeben derselben zwar
+vielleicht ehrlich gemeint, aber schlechterdings nichtig sein müsse,
+weil es eine Kundschaft betraf, die kein Mensch jemals bekommen kann.
+Allein, weil doch des Redens kein Ende wird, wenn man nicht hinter
+die wahre Ursache des Scheins kommt, wodurch selbst der Vernünftigste
+hintergangen werden kann, und die Auflösung aller unserer
+transzendenten Erkenntnis in ihre Elemente (als ein Studium unserer
+inneren Natur) an sich selbst keinen geringen Wert hat, dem
+Philosophen aber sogar Pflicht ist, so war es nicht allein nötig,
+diese ganze, obzwar eitle Bearbeitung der spekulativen Vernunft bis
+zu ihren ersten Quellen ausführlich nachzusuchen, sondern, da der
+dialektische Schein hier nicht allein dem Urteile nach täuschend,
+sondern auch dem Interesse nach, das man hier am Urteile nimmt,
+anlockend, und jederzeit natürlich ist, und so in alle Zukunft
+bleiben wird, so war es ratsam, gleichsam die Akten dieses Prozesses
+ausführlich abzufassen, und sie im Archive der menschlichen Vernunft,
+zur Verhütung künftiger Irrungen ähnlicher Art, niederzulegen.
+
+
+
+II. Transzendentale Methodenlehre
+
+Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntnis der reinen und spekulativen
+Vernunft wie ein Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in
+uns haben, so kann ich sagen, wir haben in der transzendentalen
+Elementarlehre den Bauzeug überschlagen und bestimmt, zu welchem
+Gebäude, von welcher Höhe und Festigkeit er zulange. Freilich fand
+es sich, daß, ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den
+Himmel reichen sollte, der Vorrat der Materialien doch nur zu einem
+Wohnhause zureichte, welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der
+Erfahrung gerade geräumig und hoch genug war, sie zu übersehen; daß
+aber jene kühne Unternehmung aus Mangel an Stoff fehlschlagen mußte,
+ohne einmal auf die Sprachverwirrung zu rechnen, welche die Arbeiter
+über den Plan unvermeidlich entzweien, und sie in alle Welt zerstreuen
+mußte, um sich, ein jeder nach seinem Entwurfe, besonders anzubauen.
+Jetzt ist es uns nicht sowohl um die Materialien, als vielmehr um
+den Plan zu tun, und, indem wir gewarnt sind, es nicht auf einen
+beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht unser ganzes Vermögen
+übersteigen könnte, zu wagen, gleichwohl doch von der Errichtung eines
+festen Wohnsitzes nicht wohl abstehen können, den Anschlag zu einem
+Gebäude in Verhältnis auf den Vorrat, der uns gegeben und zugleich
+unserem Bedürfnis angemessen ist, zu machen.
+
+Ich verstehe also unter der transzendentalen Methodenlehre die
+Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der
+reinen Vernunft. Wir werden es in dieser Absicht mit einer Disziplin,
+einem Kanon, einer Architektonik, endlich einer Geschichte der reinen
+Vernunft zu tun haben, und dasjenige in transzendentaler Absicht
+leisten, was, unter dem Namen einer praktischen Logik, in Ansehung
+des Gebrauchs des Verstandes überhaupt in den Schulen gesucht, aber
+schlecht geleistet wird; weil, da die allgemeine Logik auf keine
+besondere Art der Verstandeserkenntnis (z.B. nicht auf die reine),
+auch nicht auf gewisse Gegenstände eingeschränkt ist, sie, ohne
+Kenntnisse aus anderen Wissenschaften zu borgen, nichts mehr tun
+kann, als Titel zu möglichen Methoden und technische Ausdrücke, deren
+man sich in Ansehung des Systematischen in allerlei Wissenschaften
+bedient, vorzutragen, die den Lehrling zum voraus mit Namen bekannt
+machen, deren Bedeutung und Gebrauch er künftig allererst soll
+kennenlernen.
+
+
+
+Der transzendentalen Methodenlehre
+Erstes Hauptstück
+Die Disziplin der reinen Vernunft
+
+Die negativen Urteile, die es nicht bloß der logischen Form, sondern
+auch dem Inhalte nach sind, stehen bei der Wißbegierde der Menschen
+in keiner sonderlichen Achtung, man sieht sie wohl gar als neidische
+Feinde unseres unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnistriebes
+an, und es bedarf beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung, und
+noch mehr, um ihnen Gunst und Hochschätzung zu verschaffen.
+
+Man kann zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken, in
+Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntnis überhaupt, ob sie durch
+ein Urteil erweitert, oder beschränkt wird, haben die verneinenden das
+eigentümliche Geschäft, lediglich den Irrtum abzuhalten. Daher auch
+negative Sätze, welche eine falsche Erkenntnis abhalten sollen, wo
+doch niemals ein Irrtum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer,
+d.i. ihrem Zwecke gar nicht angemessen, und eben darum oft lächerlich
+sind. Wie der Satz jenes Schulredners: daß Alexander ohne Kriegsheer
+keine Länder hätte erobern können.
+
+Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntnis sehr enge, der
+Anreiz zum Urteilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr
+betrüglich, und der Nachteil aus dem Irrtum erheblich ist, da hat
+das Negative der Unterweisung, welches bloß dazu dient, um uns vor
+Irrtümer zu verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manche positive
+Belehrung, dadurch unser Erkenntnis Zuwachs bekommen könnte. Man
+nennt den Zwang, wodurch der beständige Hang, von gewissen Regeln
+abzuweichen, eingeschränkt, und endlich vertilgt wird, die Disziplin.
+Sie ist von der Kultur unterschieden, welche bloß eine Fertigkeit
+verschaffen soll, ohne eine andere, schon vorhandene, dagegen
+aufzuheben. Zu der Bildung eines Talents, welches schon vor sich
+selbst einen Antrieb zur Äußerung hat, wird also die Disziplin einen
+negativen*, die Kultur aber und Doktrin einen positiven Beitrag
+leisten.
+
+* Ich weiß wohl, daß man in der Schulsprache den Namen der Disziplin
+ mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein,
+ es gibt dagegen so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck, als
+ Zucht, von dem zweiten, als Belehrung, sorgfältig unterschieden
+ wird, und die Natur der Dinge erheischt es auch selbst, für diesen
+ Unterschied die einzigen schicklichen Ausdrücke aufzubewahren, daß
+ ich wünsche, man möge niemals erlauben, jenes Wort in anderer als
+ negativer Bedeutung zu brauchen.
+
+Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine freie
+und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und
+Witz,) in mancher Absicht einer Disziplin bedürfen, wird jedermann
+leicht zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt,
+allen anderen Bestrebungen ihre Disziplin vorzuschreiben, selbst noch
+eine solche nötig habe, das mag allerdings befremdlich scheinen, und
+in der Tat ist sie auch einer solchen Demütigung eben darum bisher
+entgangen, weil, bei der Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande,
+womit sie auftritt, niemand auf den Verdacht eines leichtsinnigen
+Spiels, mit Einbildungen statt Begriffen, und Worten statt Sachen,
+leichtlich geraten konnte.
+
+Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil
+ihre Grundsätze am Probierstein der Erfahrung einer kontinuierlichen
+Prüfung unterworfen werden; imgleichen auch nicht in der Mathematik,
+wo ihre Begriffe an der reinen Anschauung sofort in concreto
+dargestellt werden müssen, und jedes Ungegründete und Willkürliche
+dadurch alsbald offenbar wird. Wo aber weder empirische noch reine
+Anschauung die Vernunft in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in
+ihrem transzendentalen Gebrauche, nach bloßen Begriffen, da bedarf sie
+so gar sehr einer Disziplin, die ihren Hang zur Erweiterung, über die
+engen Grenzen möglicher Erfahrung, bändige, und sie von Ausschweifung
+und Irrtum abhalte, daß auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft
+bloß mit diesem negativen Nutzen zu tun hat. Einzelnen Verirrungen
+kann durch Zensur und den Ursachen derselben durch Kritik abgeholfen
+werden. Wo aber, wie in der reinen Vernunft, ein ganzes System von
+Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird, die unter sich wohl
+verbunden und unter gemeinschaftlichen Prinzipien vereinigt sind, da
+scheint eine ganz eigene und zwar negative Gesetzgebung erforderlich
+zu sein, welche unter dem Namen einer Disziplin aus der Natur der
+Vernunft und der Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein
+System der Vorsicht und Selbstprüfung errichte, vor welchem kein
+falscher vernünftelnder Schein bestehen kann, sondern sich sofort,
+unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung, verraten muß.
+
+Es ist aber wohl zu merken: daß ich in diesem zweiten Hauptteile der
+transzendentalen Kritik die Disziplin der reinen Vernunft nicht auf
+den Inhalt, sondern bloß auf die Methode der Erkenntnis aus reiner
+Vernunft richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre
+geschehen. Es hat aber der Vernunftgebrauch so viel Ähnliches, auf
+welchen Gegenstand er auch angewandt werden mag, und ist doch, sofern
+er transzendental sein soll, zugleich von allem anderen so wesentlich
+unterschieden, daß, ohne die warnende Negativlehre einer besonders
+darauf gestellten Disziplin, die Irrtümer nicht zu verhüten sind, die
+aus einer unschicklichen Befolgung solcher Methoden, die zwar sonst
+der Vernunft, aber nur nicht hier wohl anpassen, notwendig entspringen
+müssen.
+
+
+
+Des ersten Hauptstücks
+Erster Abschnitt
+Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche
+
+Die Mathematik gibt das glänzendste Beispiel, einer sich, ohne
+Beihilfe der Erfahrung, von selbst glücklich erweiternden reinen
+Vernunft. Beispiele sind ansteckend, vornehmlich für dasselbe
+Vermögen, welches sich natürlicherweise schmeichelt, eben dasselbe
+Glück in anderen Fällen zu haben, welches ihm in einem Falle zuteil
+worden. Daher hofft reine Vernunft im transzendentalen Gebrauche sich
+ebenso glücklich und gründlich erweitern zu können, als es ihr im
+mathematischen gelungen ist, wenn sie vornehmlich dieselbe Methode
+dort anwendet, die hier von so augenscheinlichem Nutzen gewesen
+ist. Es liegt uns also viel daran, zu wissen: ob die Methode, zur
+apodiktischen Gewißheit zu gelangen, die man in der letzteren
+Wissenschaft mathematisch nennt, mit derjenigen einerlei sei, womit
+man eben dieselbe Gewißheit in der Philosophie sucht, und die daselbst
+dogmatisch genannt werden müßte.
+
+Die philosophische Erkenntnis ist die Vernunfterkenntnis aus
+Begriffen, die mathematische aus der Konstruktion der Begriffe. Einen
+Begriff aber konstruieren, heißt: die ihm korrespondierende Anschauung
+a priori darstellen. Zur Konstruktion eines Begriffs wird also eine
+nicht empirische Anschauung erfordert, die folglich, als Anschauung,
+ein einzelnes Objekt ist, aber nichtsdestoweniger, als die
+Konstruktion eines Begriffs (einer allgemeinen Vorstellung),
+Allgemeingültigkeit für alle möglichen Anschauungen, die unter
+denselben Begriff gehören, in der Vorstellung ausdrücken muß. So
+konstruiere ich einen Triangel, indem ich den diesem Begriffe
+entsprechenden Gegenstand, entweder durch bloße Einbildung, in der
+reinen, oder nach derselben auch auf dem Papier, in der empirischen
+Anschauung, beidemal aber völlig a priori, ohne das Muster dazu aus
+irgendeiner Erfahrung geborgt zu haben, darstelle. Die einzelne
+hingezeichnete Figur ist empirisch, und dient gleichwohl den Begriff,
+unbeschadet seiner Allgemeinheit, auszudrücken, weil bei dieser
+empirischen Anschauung immer nur auf die Handlung der Konstruktion
+des Begriffs, welchem viele Bestimmungen, z.E. der Größe, der Seiten
+und der Winkel, ganz gleichgültig sind, gesehen, und also von diesen
+Verschiedenheiten, die den Begriff des Triangels nicht verändern,
+abstrahiert wird.
+
+Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur im
+Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
+Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so
+daß, wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der
+Konstruktion bestimmt ist, ebenso der Gegenstand des Begriffs, dem
+dieses Einzelne nur als sein Schema korrespondiert, allgemein bestimmt
+gedacht werden muß.
+
+In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden
+Arten der Vernunfterkenntnis, und beruht nicht auf dem Unterschied
+ihrer Materie, oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von
+Mathematik dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener
+sagten, sie habe bloß die Qualität, diese aber nur die Quantität zum
+Objekt, haben die Wirkung für die Ursache genommen. Die Form der
+mathematischen Erkenntnis ist die Ursache, daß diese lediglich
+auf Quanta gehen kann. Denn nur der Begriff von Größen läßt sich
+konstruieren, d.i. a priori in der Anschauung darlegen, Qualitäten
+aber lassen sich in keiner anderen als empirischen Anschauung
+darstellen. Daher kann eine Vernunfterkenntnis derselben nur durch
+Begriffe möglich sein. So kann niemand eine dem Begriff der Realität
+korrespondierende Anschauung anders woher, als aus der Erfahrung
+nehmen, niemals aber a priori aus sich selbst und vor dem empirischen
+Bewußtsein derselben teilhaftig werden. Die konische Gestalt wird man
+ohne alle empirische Beihilfe, bloß nach dem Begriffe, anschauend
+machen können, aber die Farbe dieses Kegels wird in einer oder anderer
+Erfahrung zuvor gegeben sein müssen. Den Begriff einer Ursache
+überhaupt kann ich auf keine Weise in der Anschauung darstellen, als
+an einem Beispiele, das mir Erfahrung an die Hand gibt, usw. Übrigens
+handelt die Philosophie ebensowohl von Größen, als die Mathematik,
+z.B. von der Totalität, der Unendlichkeit usw. Die Mathematik
+beschäftigt sich auch mit dem Unterschiede der Linien und Flächen,
+als Räumen, von verschiedener Qualität, mit der Kontinuität der
+Ausdehnung, als einer Qualität derselben. Aber, obgleich sie in
+solchen Fällen einen gemeinschaftlichen Gegenstand haben, so ist die
+Art, ihn durch die Vernunft zu behandeln, doch ganz anders in der
+philosophischen, als mathematischen Betrachtung. Jene hält sich bloß
+an allgemeinen Begriffen, diese kann mit dem bloßen Begriffe nichts
+ausrichten, sondern eilt sogleich zur Anschauung, in welcher sie den
+Begriff in concreto betrachtet, aber doch nicht empirisch, sondern
+bloß in einer solchen, die sie a priori darstellt, d.i. konstruiert
+hat, und in welcher dasjenige, was aus den allgemeinen Bedingungen der
+Konstruktion folgt, auch von dem Objekte des konstruierten Begriffs
+allgemein gelten muß.
+
+Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels, und lasse
+ihn nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner
+Winkel zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff
+von einer Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und
+an ihr den Begriff von ebensoviel Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe
+nachdenken, so lange er will, er wird nichts Neues herausbringen.
+Er kann den Begriff der geraden Linie, oder eines Winkels, oder der
+Zahl drei zergliedern und deutlich machen, aber nicht auf andere
+Eigenschaften kommen, die in diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein
+der Geometer nehme diese Frage vor. Er fängt sofort davon an, einen
+Triangel zu konstruieren. Weil er weiß, daß zwei rechte Winkel
+zusammen gerade so viel austragen, als alle berührenden Winkel, die
+aus einem Punkte auf einer geraden Linie gezogen werden können,
+zusammen, so verlängert er eine Seite seines Triangels, und bekommt
+zwei berührende Winkel, die zweien rechten zusammen gleich sind. Nun
+teilt er den äußeren von diesen Winkeln, indem er eine Linie mit der
+gegenüberstehenden Seite des Triangels parallel zieht, und sieht, daß
+hier ein äußerer berührender Winkel entspringe, der einem inneren
+gleich ist, usw. Er gelangt auf solche Weise durch eine Kette
+von Schlüssen, immer von der Anschauung geleitet, zur völlig
+einleuchtenden und zugleich allgemeinen Auflösung der Frage.
+
+Die Mathematik aber konstruiert nicht bloß Größen (quanta), wie in
+der Geometrie, sondern auch die bloße Größe (quantitatem), wie in der
+Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes,
+der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich
+abstrahiert. Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller
+Konstruktionen von Größen überhaupt (Zahlen, als der Addition,
+Subtraktion usw.), Ausziehung der Wurzel, und, nachdem sie den
+allgemeinen Begriff der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen
+derselben auch bezeichnet hat, so stellt sie alle Behandlung, die
+durch die Größe erzeugt und verändert wird, nach gewissen allgemeinen
+Regeln in der Anschauung dar; wo eine Größe durch die andere dividiert
+werden soll, setzt sie beider ihre Charaktere nach der bezeichnenden
+Form der Division zusammen usw., und gelangt also vermittelst einer
+symbolischen Konstruktion ebensogut, wie die Geometrie nach einer
+ostensiven oder geometrischen (der Gegenstände selbst) dahin, wohin
+die diskursive Erkenntnis vermittelst bloßer Begriffe niemals gelangen
+könnte.
+
+Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein, darin sich zwei
+Vernunftkünstler befinden, deren der eine seinen Weg nach Begriffen,
+der andere nach Anschauungen nimmt, die er a priori den Begriffen
+gemäß darstellt. Nach den oben vorgetragenen transzendentalen
+Grundlehren ist diese Ursache klar. Es kommt hier nicht auf
+analytische Sätze an, die durch bloße Zergliederung der Begriffe
+erzeugt werden können, (hierin würde der Philosoph ohne Zweifel den
+Vorteil über seinen Nebenbuhler haben,) sondern auf synthetische, und
+zwar solche, die a priori sollen erkannt werden. Denn ich soll nicht
+auf dasjenige sehen, was ich in meinem Begriffe vom Triangel wirklich
+denke, (dieses ist nichts weiter, als die bloße Definition,) vielmehr
+soll ich über ihn zu Eigenschaften, die in diesem Begriffe nicht
+liegen, aber doch zu ihm gehören, hinausgehen. Nun ist dieses nicht
+anders möglich, als daß ich meinen Gegenstand nach den Bedingungen,
+entweder der empirischen Anschauung, oder der reinen Anschauung
+bestimme. Das erstere würde nur einen empirischen Satz (durch Messen
+seiner Winkel), der keine Allgemeinheit, noch weniger Notwendigkeit
+enthielte, abgeben, und von dergleichen ist gar nicht die Rede.
+Das zweite Verfahren aber ist die mathematische und zwar hier die
+geometrische Konstruktion, vermittelst deren ich in einer reinen
+Anschauung, ebenso wie in der empirischen, das Mannigfaltige, was
+zu dem Schema eines Triangels überhaupt, mithin zu seinem Begriffe
+gehört, hinzusetzen wodurch allerdings allgemeine synthetische Sätze
+konstruiert werden müssen.
+
+Ich würde also umsonst über den Triangel philosophieren, d.i.
+diskursiv nachdenken, ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen, als
+auf die bloße Definition, von der ich aber billig anfangen müßte. Es
+gibt zwar eine transzendentale Synthesis aus lauter Begriffen, die
+wiederum allein dem Philosophen gelingt, die aber niemals mehr als ein
+Ding überhaupt betrifft, unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung
+zur möglichen Erfahrung gehören könne. Aber in den mathematischen
+Aufgaben ist hiervon und überhaupt von der Existenz gar nicht die
+Frage, sondern von den Eigenschaften der Gegenstände an sich selbst,
+lediglich sofern diese mit dem Begriffe derselben verbunden sind.
+
+Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht,
+welcher große Unterschied zwischen dem diskursiven Vernunftgebrauch
+nach Begriffen und dem intuitiven durch die Konstruktion der Begriffe
+anzutreffen sei. Nun frägts sich natürlicherweise, was die Ursache
+sei, die einen solchen zwiefachen Vernunftgebrauch notwendig macht,
+und an welchen Bedingungen man erkennen könne, ob nur der erste, oder
+auch der zweite stattfinde.
+
+Alle unsere Erkenntnis bezieht sich doch zuletzt auf mögliche
+Anschauungen: denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben. Nun
+enthält ein Begriff a priori (ein nicht empirischer Begriff) entweder
+schon eine reine Anschauung in sich, und alsdann kann er konstruiert
+werden; oder nichts als die Synthesis möglicher Anschauungen, die a
+priori nicht gegeben sind, und alsdann kann man wohl zwar durch ihn
+synthetisch und a priori urteilen, aber nur diskursiv, nach Begriffen,
+niemals aber intuitiv durch die Konstruktion des Begriffes.
+
+Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben, als die bloße
+Form der Erscheinungen, Raum und Zeit, und ein Begriff von diesen, als
+Quantis, läßt sich entweder zugleich mit der Qualität derselben (ihre
+Gestalt), oder auch bloß ihre Quantität (die bloße Synthesis des
+gleichartig Mannigfaltigen) durch Zahl a priori in der Anschauung
+darstellen, d.i. konstruieren. Die Materie aber der Erscheinungen,
+wodurch uns Dinge im Raume und der Zeit gegeben werden, kann nur in
+der Wahrnehmung, mithin a posteriori vorgestellt werden. Der einzige
+Begriff, der a priori diesen empirischen Gehalt der Erscheinungen
+vorstellt, ist der Begriff des Dinges überhaupt, und die synthetische
+Erkenntnis von demselben a priori kann nichts weiter, als die bloße
+Regel der Synthesis desjenigen, was die Wahrnehmung a posteriori geben
+mag, niemals aber die Anschauung des realen Gegenstandes a priori
+liefern, weil diese notwendig empirisch sein muß.
+
+Synthetische Sätze, die auf Dinge überhaupt, deren Anschauung sich
+a priori gar nicht geben läßt, gehen, sind transzendental. Demnach
+lassen sich transzendentale Sätze niemals durch Konstruktion der
+Begriffe, sondern nur nach Begriffen a priori geben. Sie enthalten
+bloß die Regel, nach der eine gewisse synthetische Einheit desjenigen,
+was nicht a priori anschaulich vorgestellt werden kann, (der
+Wahrnehmungen,) empirisch gesucht werden soll. Sie können aber keinen
+einzigen ihrer Begriffe a priori in irgendeinem Falle darstellen,
+sondern tun dieses nur a posteriori, vermittelst der Erfahrung, die
+nach jenen synthetischen Grundsätzen allererst möglich wird.
+
+Wenn man von einem Begriffe synthetisch urteilen soll, so muß man
+aus diesem Begriffe hinausgehen, und zwar zur Anschauung, in welcher
+er gegeben ist. Denn, bliebe man bei dem stehen, was im Begriffe
+enthalten ist, so wäre das Urteil bloß analytisch, und eine Erklärung
+des Gedanken, nach demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist. Ich
+kann aber von dem Begriffe zu der ihm korrespondierenden reinen oder
+empirischen Anschauung gehen, um ihn in derselben in concreto zu
+erwägen, und, was dem Gegenstande desselben zukommt, a priori
+oder a posteriori zu erkennen. Das erstere ist die rationale und
+mathematische Erkenntnis durch die Konstruktion des Begriffs, das
+zweite die bloße empirische (mechanische) Erkenntnis, die niemals
+notwendige und apodiktische Sätze geben kann. So könnte ich meinen
+empirischen Begriff vom Golde zergliedern, ohne dadurch etwas weiter
+zu gewinnen, als alles, was ich bei diesem Worte wirklich denke,
+herzählen zu können, wodurch in meinem Erkenntnis zwar eine logische
+Verbesserung vorgeht, aber keine Vermehrung oder Zusatz erworben wird.
+Ich nehme aber die Materie, welche unter diesem Namen vorkommt, und
+stelle mit ihr Wahrnehmungen an, welche mir verschiedene synthetische,
+aber empirische Sätze an die Hand geben werden. Den mathematischen
+Begriff eines Triangels würde ich konstruieren, d.i. a priori in
+der Anschauung geben, und auf diesem Wege eine synthetische, aber
+rationale Erkenntnis bekommen. Aber, wenn mir der transzendentale
+Begriff einer Realität, Substanz, Kraft usw. gegeben ist, so
+bezeichnet er weder eine empirische, noch reine Anschauung, sondern
+lediglich die Synthesis der empirischen Anschauungen (die also a
+priori nicht gegeben werden können), und es kann also aus ihm,
+weil die Synthesis nicht a priori zu der Anschauung, die ihm
+korrespondiert, hinausgehen kann, auch kein bestimmender synthetischer
+Satz, sondern nur ein Grundsatz der Synthesis* möglicher empirischer
+Anschauungen entspringen. Also ist ein transzendentaler Satz ein
+synthetisches Vernunfterkenntnis nach bloßen Begriffen, und mithin
+diskursiv, indem dadurch alle synthetische Einheit der empirischen
+Erkenntnis allererst möglich, keine Anschauung aber dadurch a priori
+gegeben wird.
+
+* Vermittelst des Begriffs der Ursache gehe ich wirklich aus dem
+ empirischen Begriffe von einer Begebenheit (da etwas geschieht)
+ heraus, aber nicht zu der Anschauung, die den Begriff der Ursache in
+ concreto darstellt, sondern zu den Zeitbedingungen überhaupt, die
+ in der Erfahrung dem Begriffe der Ursache gemäß gefunden werden
+ möchten. Ich verfahre also bloß nach Begriffen, und kann nicht durch
+ Konstruktion der Begriffe verfahren, weil der Begriff eine Regel der
+ Synthesis der Wahrnehmungen ist, die keine reine Anschauungen sind,
+ und sich also a priori nicht geben lassen.
+
+So gibt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, der, unerachtet der
+Allgemeinheit der Erkenntnis und ihrer Erzeugung a priori, welche sie
+gemein haben, dennoch im Fortgange sehr verschieden ist, und zwar
+darum, weil in der Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände
+gegeben werden, zwei Stücke sind: die Form der Anschauung (Raum und
+Zeit), die völlig a priori erkannt und bestimmt werden kann, und die
+Materie (das Physische), oder der Gehalt, welcher ein Etwas bedeutet,
+das im Raume und der Zeit angetroffen wird, mithin ein Dasein enthält
+und der Empfindung korrespondiert. In Ansehung des letzteren, welches
+niemals anders auf bestimmte Art, als empirisch gegeben werden kann,
+können wir nichts a priori haben, als unbestimmte Begriffe der
+Synthesis möglicher Empfindungen, sofern sie zur Einheit der
+Apperzeption (in einer möglichen Erfahrung) gehören. In Ansehung
+der ersteren können wir unsere Begriffe in der Anschauung a priori
+bestimmen, indem wir uns im Raume und der Zeit die Gegenstände selbst
+durch gleichförmige Synthesis schaffen, indem wir sie bloß als Quanta
+betrachten. Jener heißt der Vernunftgebrauch nach Begriffen, indem wir
+nichts weiter tun können, als Erscheinungen dem realen Inhalte nach
+unter Begriffe zu bringen, welche darauf nicht anders als empirisch,
+d.i. a posteriori, (aber jenen Begriffen als Regeln einer
+empirischen Synthesis gemäß,) können bestimmt werden; dieser ist der
+Vernunftgebrauch durch Konstruktion der Begriffe, indem diese, da sie
+schon auf eine Anschauung a priori gehen, auch eben darum a priori und
+ohne alle empirische data in der reinen Anschauung bestimmt gegeben
+werden können. Alles, was da ist (ein Ding im Raum oder der Zeit), zu
+erwägen, ob und wiefern es ein Quantum ist oder nicht, daß ein Dasein
+in demselben oder Mangel vorgestellt werden müsse, wie fern dieses
+Etwas (welches Raum oder Zeit erfüllt) ein erstes Substratum, oder
+bloße Bestimmung sei, eine Beziehung seines Daseins auf etwas
+anderes, als Ursache oder Wirkung, habe, und endlich isoliert oder
+in wechselseitiger Abhängigkeit mit anderen in Ansehung des Daseins
+stehe, die Möglichkeit dieses Daseins, die Wirklichkeit und
+Notwendigkeit, oder die Gegenteile derselben zu erwägen: dieses alles
+gehört zum Vernunfterkenntnis aus Begriffen, welches philosophisch
+genannt wird. Aber im Raume eine Anschauung a priori zu bestimmen
+(Gestalt), die Zeit zu teilen (Dauer), oder bloß das Allgemeine der
+Synthesis von einem und demselben in der Zeit und dem Raume, und
+die daraus entspringende Größe einer Anschauung überhaupt (Zahl)
+zu erkennen, das ist ein Vernunftgeschäft durch Konstruktion der
+Begriffe, und heißt mathematisch.
+
+Das große Glück, welches die Vernunft vermittelst der Mathematik
+macht, bringt ganz natürlicherweise die Vermutung zuwege, daß es, wo
+nicht ihr selbst, doch ihrer Methode, auch außer dem Felde der Größen
+gelingen werde, indem sie alle ihre Begriffe auf Anschauungen bringt,
+die sie a priori geben kann, und wodurch sie, so zu reden, Meister
+über die Natur wird; da hingegen reine Philosophie mit diskursiven
+Begriffen a priori in der Natur herumpfuscht, ohne die Realität
+derselben a priori anschauend und eben dadurch beglaubigt machen
+zu können. Auch scheint es den Meistern in dieser Kunst an dieser
+Zuversicht zu sich selbst und dem gemeinen Wesen an großen Erwartungen
+von ihrer Geschicklichkeit, wenn sie sich einmal hiermit befassen
+sollten, gar nicht zu fehlen. Denn da sie kaum jemals über ihre
+Mathematik philosophiert haben, (ein schweres Geschäft!) so kommt
+ihnen der spezifische Unterschied des einen Vernunftgebrauchs von
+dem anderen gar nicht in Sinn und Gedanken. Gangbare und empirisch
+gebrauchte Regeln, die sie von der gemeinen Vernunft borgen, gelten
+ihnen dann statt Axiomen. Wo ihnen die Begriffe von Raum und Zeit,
+womit sie sich (als den einzigen ursprünglichen Quantis) beschäftigen,
+herkommen mögen, daran ist ihnen gar nichts gelegen, und
+ebenso scheint es ihnen unnütz zu sein, den Ursprung reiner
+Verstandesbegriffe, und hiermit auch den Umfang ihrer Gültigkeit zu
+erforschen, sondern nur sich ihrer zu bedienen. In allem diesem tun
+sie ganz recht, wenn sie nur ihre angewiesene Grenze, nämlich die der
+Natur nicht überschreiten. So aber geraten sie unvermerkt, von dem
+Felde der Sinnlichkeit, auf den unsicheren Boden reiner und selbst
+transzendentaler Begriffe, wo der Grund (instabilis tellus, innabilis
+unda) ihnen weder zu stehen, noch zu schwimmen erlaubt, und sich nur
+flüchtige Schritte tun lassen, von denen die Zeit nicht die mindeste
+Spur aufbehält, da hingegen ihr Gang in der Mathematik eine
+Heeresstraße macht, welche noch die späteste Nachkommenschaft mit
+Zuversicht betreten kann.
+
+Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben, die Grenzen der reinen
+Vernunft im transzendentalen Gebrauche genau und mit Gewißheit zu
+bestimmen, diese Art der Bestrebung aber das Besondere an sich hat,
+unerachtet der nachdrücklichsten und klarsten Warnungen, sich noch
+immer durch Hoffnung hinhalten zu lassen, ehe man den Anschlag
+gänzlich aufgibt, über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die reizenden
+Gegenden des Intellektuellen zu gelangen: so ist es notwendig,
+noch gleichsam den letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung
+wegzunehmen, und zu zeigen, daß die Befolgung der mathematischen
+Methode in dieser Art Erkenntnis nicht den mindesten Vorteil schaffen
+könne, es müßte denn der sein, die Blößen ihrer selbst desto
+deutlicher aufzudecken, daß Meßkunst und Philosophie zwei ganz
+verschiedene Dinge seien, ob sie sich zwar in der Naturwissenschaft
+einander die Hand bieten, mithin das Verfahren des einen niemals von
+dem anderen nachgeahmt werden könne.
+
+Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen, Axiomen,
+Demonstrationen. Ich werde mich damit begnügen, zu zeigen: daß keines
+dieser Stücke in dem Sinne, darin sie der Mathematiker nimmt, von
+der Philosophie könne geleistet, noch nachgeahmt werden. Daß der
+Meßkünstler, nach seiner Methode, in der Philosophie nichts als
+Kartengebäude zustande bringe, der Philosoph nach der seinigen in dem
+Anteil der Mathematik nur ein Geschwätz erregen könne, wiewohl eben
+darin Philosophie besteht, seine Grenzen zu kennen, und selbst der
+Mathematiker, wenn das Talent desselben nicht etwa schon von der
+Natur begrenzt und auf sein Fach eingeschränkt ist, die Warnungen der
+Philosophie nicht ausschlagen, noch sich über sie wegsetzen kann.
+
+1. Von den Definitionen. Definieren soll, wie es der Ausdruck selbst
+gibt, eigentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführlichen Begriff
+eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen*.
+Nach einer solchen Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht
+definiert, sondern nur expliziert werden. Denn, da wir an ihm nur
+einige Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der Sinne haben,
+so ist es niemals sicher, ob man unter dem Worte, der denselben
+Gegenstand bezeichnet, nicht einmal mehr, das andere Mal weniger
+Merkmale desselben denke. So kann der eine im Begriffe vom Golde sich
+außer dem Gewichte, der Farbe, der Zähigkeit, noch die Eigenschaft,
+daß es nicht rostet, denken, der andere davon vielleicht nichts
+wissen. Man bedient sich gewisser Merkmale nur so lange, als sie zum
+Unterscheiden hinreichend sind; neue Bemerkungen dagegen nehmen welche
+weg und setzen einige hinzu, der Begriff steht also niemals zwischen
+sicheren Grenzen. Und wozu sollte es auch dienen, einen solchen
+Begriff zu definieren, da, wenn z.B. von dem Wasser und dessen
+Eigenschaften die Rede ist, man sich bei dem nicht aufhalten wird, was
+man bei dem Worte Wasser denkt, sondern zu Versuchen schreitet, und
+das Wort, mit den wenigen Merkmalen, die ihm anhängen, nur eine
+Bezeichnung und nicht einen Begriff der Sache ausmachen soll, mithin
+die angebliche Definition nichts anderes als Wortbestimmung ist.
+Zweitens kann auch, genau zu reden, kein a priori gegebener Begriff
+definiert werden, z.B. Substanz, Ursache, Recht, Billigkeit usw. Denn
+ich kann niemals sicher sein, daß die deutliche Vorstellung eines
+(noch verworren) gegebenen Begriffs ausführlich entwickelt worden,
+als wenn ich weiß, daß dieselbe dem Gegenstande adäquat sei. Da
+der Begriff desselben aber, so wie er gegeben ist, viel dunkle
+Vorstellungen enthalten kann, die wir in der Zergliederung übergehen,
+ob wir sie zwar in der Anwendung jederzeit brauchen: so ist die
+Ausführlichkeit der Zergliederung meines Begriffs immer zweifelhaft,
+und kann nur durch vielfältig zutreffende Beispiele vermutlich,
+niemals aber apodiktisch gewiß gemacht werden. Anstatt des Ausdrucks:
+Definition, würde ich lieber den der Exposition brauchen, der immer
+noch behutsam bleibt, und bei dem der Kritiker sie auf einen gewissen
+Grad gelten lassen und doch wegen der Ausführlichkeit noch Bedenken
+tragen kann. Da also weder empirisch, noch a priori gegebene Begriffe
+definiert werden können, so bleiben keine anderen als willkürlich
+gedachte übrig, an denen man dieses Kunststück versuchen kann. Meinen
+Begriff kann ich in solchem Falle jederzeit definieren; denn ich muß
+doch wissen, was ich habe denken wollen, da ich ihn selbst vorsetzlich
+gemacht habe, und er mir weder durch die Natur des Verstandes, noch
+durch die Erfahrung gegeben worden, aber ich kann nicht sagen, daß ich
+dadurch einen wahren Gegenstand definiert habe. Denn, wenn der Begriff
+auf empirischen Bedingungen beruht, z.B. eine Schiffsuhr, so wird der
+Gegenstand und dessen Möglichkeit durch diesen willkürlichen Begriff
+noch nicht gegeben; ich weiß daraus nicht einmal, ob er überall einen
+Gegenstand habe, und meine Erklärung kann besser eine Deklaration
+(meines Projekts) als Definition eines Gegenstandes heißen. Also
+blieben keine anderen Begriffe übrig, die zum Definieren taugen, als
+solche, die eine willkürliche Synthesis enthalten, welche a priori
+konstruiert werden kann, mithin hat nur die Mathematik Definitionen.
+Denn, den Gegenstand, den sie denkt, stellt sie auch a priori in
+der Anschauung dar, und dieser kann sicher nicht mehr noch weniger
+enthalten, als der Begriff, weil durch die Erklärung der Begriff von
+dem Gegenstande ursprünglich, d.i. ohne die Erklärung irgend wovon
+abzuleiten, gegeben wurde. Die deutsche Sprache hat für die Ausdrücke
+der Exposition, Explikation, Deklaration und Definition nichts mehr,
+als das eine Wort: Erklärung, und daher müssen wir schon von der
+Strenge der Forderung, da wir nämlich den philosophischen Erklärungen
+den Ehrennamen der Definition verweigerten, etwas ablassen, und
+wollen diese ganze Anmerkung darauf einschränken, daß philosophische
+Definitionen nur als Expositionen gegebener, mathematische aber als
+Konstruktionen ursprünglich gemachter Begriffe, jene nur analytisch
+durch Zergliederung (deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiß
+ist), diese synthetisch zustande gebracht werden, und also den Begriff
+selbst machen, dagegen die ersteren ihn nur erklären. Hieraus folgt:
+
+* Ausführlichkeit bedeutet die Klarheit und Zulänglichkeit der
+ Merkmale; Grenzen die Präzision, daß deren nicht mehr sind, als
+ zum ausführlichen Begriffe gehören; ursprünglich aber, daß diese
+ Grenzbestimmung nicht irgend woher abgeleitet sei und also noch
+ eines Beweises bedürfe, welches die vermeintliche Erklärung unfähig
+ machen würde, an der Spitze aller Urteile über einen Gegenstand zu
+ stehen.
+
+a) daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachtun
+müsse, die Definition voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen
+Versuche. Denn, da sie Zergliederungen gegebener Begriffe sind, so
+gehen diese Begriffe, obzwar nur noch verworren, voran, und die
+unvollständige Exposition geht vor der vollständigen, so, daß wir aus
+einigen Merkmalen, die wir aus einer noch unvollendeten Zergliederung
+gezogen haben, manches vorher schließen können, ehe wir zur
+vollständigen Exposition, d.i. der Definition gelangt sind; mit
+einem Worte, daß in der Philosophie die Definition, als abgemessene
+Deutlichkeit, das Werk eher schließe, als anfangen müsse*. Dagegen
+haben wir in der Mathematik gar keinen Begriff vor der Definition, als
+durch welche der Begriff allererst gegeben wird, sie muß also und kann
+auch jederzeit davon anfangen.
+
+* Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen, vornehmlich
+ solchen, die zwar wirklich Elemente zur Definition, aber noch nicht
+ vollständig enthalten. Würde man nun eher gar nichts mit einem
+ Begriffe anfangen können, als bis man ihn definiert hätte, so würde
+ es gar schlecht mit allem Philosophieren stehen. Da aber, so weit
+ die Elemente (der Zergliederung) reichen, immer ein guter und
+ sicherer Gebrauch davon zu machen ist, so können auch mangelhafte
+ Definitionen, d.i. Sätze, die eigentlich noch nicht Definitionen,
+ aber übrigens wahr und also Annäherungen zu ihnen sind, sehr
+ nützlich gebraucht werden. In der Mathematik gehört die Definition
+ ad esse, in der Philosophie ad melius esse. Es ist schön, aber
+ oft sehr schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die Juristen eine
+ Definition zu ihrem Begriffe von Recht.
+
+b) Mathematische Definitionen können niemals irren. Denn, weil der
+Begriff durch die Definition zuerst gegeben wird, so enthält er gerade
+nur das, was die Definition durch ihn gedacht haben will. Aber,
+obgleich dem Inhalte nach nichts Unrichtiges darin vorkommen kann, so
+kann doch bisweilen, obzwar nur selten, in der Form (der Einkleidung)
+gefehlt werden, nämlich in Ansehung der Präzision. So hat die gemeine
+Erklärung der Kreislinie, daß sie eine krumme Linie sei, deren alle
+Punkte von einem einigen (dem Mittelpunkte) gleich weit abstehen, den
+Fehler, daß die Bestimmung krumm unnötiger Weise eingeflossen ist.
+Denn es muß einen besonderen Lehrsatz geben, der aus der Definition
+gefolgert wird und leicht bewiesen werden kann: daß eine jede Linie,
+deren alle Punkte von einem einigen gleich weit abstehen, krumm (kein
+Teil von ihr gerade) sei. Analytische Definitionen können dagegen auf
+vielfältige Art irren, entweder indem sie Merkmale hineinbringen,
+die wirklich nicht im Begriffe lagen, oder an der Ausführlichkeit
+ermangeln, die das Wesentliche einer Definition ausmacht, weil man der
+Vollständigkeit seiner Zergliederung nicht so völlig gewiß sein kann.
+Um deswillen läßt sich die Methode der Mathematik im Definieren in der
+Philosophie nicht nachahmen.
+
+2. Von den Axiomen. Diese sind synthetische Grundsätze a priori,
+sofern sie unmittelbar gewiß sind. Nun läßt sich nicht ein Begriff mit
+dem anderen synthetisch und doch unmittelbar verbinden, weil, damit
+wir über einen Begriff hinausgehen können, ein drittes vermittelnde
+Erkenntnis nötig ist. Da nun Philosophie bloß die Vernunfterkenntnis
+nach Begriffen ist, so wird in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein,
+der den Namen eines Axioms verdiene. Die Mathematik dagegen ist der
+Axiomen fähig, weil sie vermittelst der Konstruktion der Begriffe in
+der Anschauung des Gegenstandes die Prädikate desselben a priori und
+unmittelbar verknüpfen kann, z.B. daß drei Punkte jederzeit in einer
+Ebene liegen. Dagegen kann ein synthetischer Grundsatz bloß aus
+Begriffen niemals unmittelbar gewiß sein; z.B. der Satz: alles,
+was geschieht, hat seine Ursache, da ich mich nach einem dritten
+herumgehen muß, nämlich der Bedingung der Zeitbestimmung in einer
+Erfahrung, und nicht direkt unmittelbar aus den Begriffen allein einen
+solchen Grundsatz erkennen konnte. Diskursive Grundsätze sind also
+ganz etwas anderes als intuitive, d.i. Axiomen. Jene erfordern
+jederzeit noch eine Deduktion, deren die letzteren ganz und gar
+entbehren können, und, da diese eben um desselben Grundes wegen
+evident sind, welches die philosophischen Grundsätze, bei aller
+ihrer Gewißheit, doch niemals vorgeben können, so fehlt unendlich
+viel daran, daß irgendein synthetischer Satz der reinen und
+transzendentalen Vernunft so augenscheinlich sei (wie man sich trotzig
+auszudrücken pflegt), als der Satz: daß zweimal zwei vier geben. Ich
+habe zwar in der Analytik, bei der Tafel der Grundsätze des reinen
+Verstandes, auch gewisser Axiomen der Anschauung gedacht; allein der
+daselbst angeführte Grundsatz war selbst kein Axiom, sondern diente
+nur dazu, das Prinzipium der Möglichkeit der Axiomen überhaupt
+anzugeben, und selbst nur ein Grundsatz aus Begriffen. Denn sogar
+die Möglichkeit der Mathematik muß in der Transzendentalphilosophie
+gezeigt werden. Die Philosophie hat also keine Axiomen und darf
+niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten, sondern muß
+sich dazu bequemen, ihre Befugnis wegen derselben durch gründliche
+Deduktion zu rechtfertigen.
+
+3. Von den Demonstrationen. Nur ein apodiktischer Beweis, sofern er
+intuitiv ist, kann Demonstration heißen. Erfahrung lehrt uns wohl, was
+da sei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könne. Daher können
+empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus
+Begriffen a priori (im diskursiven Erkenntnisse) kann aber niemals
+anschauende Gewißheit d.i. Evidenz entspringen, so sehr auch sonst
+das Urteil apodiktisch gewiß sein mag. Nur die Mathematik enthält
+also Demonstrationen, weil sie nicht aus Begriffen, sondern der
+Konstruktion derselben, d.i. der Anschauung, die den Begriffen
+entsprechend a priori gegeben werden kann, ihr Erkenntnis ableitet.
+Selbst das Verfahren der Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie
+durch Reduktion die Wahrheit zusamt dem Beweise hervorbringt, ist
+zwar keine geometrische, aber doch charakteristische Konstruktion,
+in welcher man an den Zeichen die Begriffe, vornehmlich von dem
+Verhältnisse der Größen, in der Anschauung darlegt, und, ohne einmal
+auf das Heuristische zu sehen, alle Schlüsse vor Fehlern dadurch
+sichert, daß jeder derselben vor Augen gestellt wird. Da hingegen das
+philosophische Erkenntnis dieses Vorteils entbehren muß, indem es das
+Allgemeine jederzeit in abstracto (durch Begriffe) betrachten muß,
+indessen daß Mathematik das Allgemeine in concreto (in der einzelnen
+Anschauung) und doch durch reine Vorstellung a priori erwägen kann,
+wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die ersteren daher
+lieber akroamatische (diskursive) Beweise nennen, weil sie sich nur
+durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führen lassen, als
+Demonstrationen, welche, wie der Ausdruck es schon anzeigt, in der
+Anschauung des Gegenstandes fortgehen.
+
+Aus allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur der Philosophie
+gar nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit einem
+dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern der
+Mathematik auszuschmücken, in deren Orden sie doch nicht gehört, ob
+sie zwar auf schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle
+Ursache hat. Jene sind eitle Anmaßungen, die niemals gelingen können,
+vielmehr ihre Absicht rückgängig machen müssen, die Blendwerke einer
+ihre Grenzen verkennenden Vernunft zu entdecken, und, vermittelst
+hinreichender Aufklärung unserer Begriffe, den Eigendünkel der
+Spekulation auf das bescheidene, aber gründliche Selbsterkenntnis
+zurückzuführen. Die Vernunft wird also in ihren transzendentalen
+Versuchen nicht so zuversichtlich vor sich hinsehen können, gleich
+als wenn der Weg, den sie zurückgelegt hat, so ganz gerade zum Ziele
+führe, und auf ihre zum Grunde gelegten Prämissen nicht so mutig
+rechnen können, daß es nicht nötig wäre, öfters zurück zu sehen und
+achtzuhaben, ob sich nicht etwa im Fortgange der Schlüsse Fehler
+entdecken, die in den Prinzipien übersehen worden, und es nötig
+machen, sie entweder mehr zu bestimmen, oder ganz abzuändern.
+
+Ich teile alle apodiktischen Sätze (sie mögen nun erweislich oder
+auch unmittelbar gewiß sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein
+direkt synthetischer Satz aus Begriffen ist ein Dogma; dagegen ein
+dergleichen Satz durch Konstruktion der Begriffe, ist ein Mathema.
+Analytische Urteile lehren uns eigentlich nichts mehr vom Gegenstande,
+als was der Begriff, den wir von ihm haben, schon in sich enthält,
+weil sie die Erkenntnis über den Begriff des Subjekts nicht erweitern,
+sondern diesen nur erläutern. Sie können daher nicht füglich Dogmen
+heißen (welches Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen
+könnte). Aber unter den gedachten zwei Arten synthetischer Sätze
+a priori können, nach dem gewöhnlichen Redegebrauch, nur die zum
+philosophischen Erkenntnisse gehörigen diesen Namen führen, und man
+würde schwerlich die Sätze der Rechenkunst, oder Geometrie, Dogmata
+nennen. Also bestätigt dieser Gebrauch die Erklärung, die wir gaben,
+daß nur Urteile aus Begriffen, und nicht die aus der Konstruktion der
+Begriffe, dogmatisch heißen können.
+
+Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß spekulativen
+Gebrauche nicht ein einziges direkt synthetisches Urteil aus
+Begriffen. Denn durch Ideen ist sie, wie wir gezeigt haben, gar keiner
+synthetischen Urteile, die objektive Gültigkeit hätten, fähig; durch
+Verstandesbegriffe aber errichtet sie zwar sichere Grundsätze, aber
+gar nicht direkt aus Begriffen, sondern immer nur indirekt durch
+Beziehung dieser Begriffe auf etwas ganz Zufälliges, nämlich mögliche
+Erfahrung; da sie denn, wenn diese (etwas als Gegenstand möglicher
+Erfahrungen) vorausgesetzt wird, allerdings apodiktisch gewiß sind,
+an sich selbst aber (direkt) a priori gar nicht einmal erkannt werden
+können. So kann niemand den Satz: alles, was geschieht, hat seine
+Ursache, aus diesen gegebenen Begriffen allein gründlich einsehen.
+Daher ist er kein Dogma, ob er gleich in einem anderen Gesichtspunkte,
+nämlich dem einzigen Felde seines möglichen Gebrauchs, d.i. der
+Erfahrung, ganz wohl und apodiktisch bewiesen werden kann. Er heißt
+aber Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewiesen werden
+muß, darum, weil er die besondere Eigenschaft hat, daß er seinen
+Beweisgrund, nämlich Erfahrung, selbst zuerst möglich macht, und bei
+dieser immer vorausgesetzt werden muß.
+
+Gibt es nun im spekulativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem
+Inhalte nach gar keine Dogmate, so ist alle dogmatische Methode, sie
+mag nun dem Mathematiker abgeborgt sein, oder eine eigentümliche
+Manier werden sollen, für sich unschicklich. Denn sie verbirgt nur die
+Fehler und Irrtümer, und täuscht die Philosophie, deren eigentliche
+Absicht ist, alle Schritte der Vernunft in ihrem klarsten Lichte sehen
+zu lassen. Gleichwohl kann die Methode immer systematisch sein. Denn
+unsere Vernunft (subjektiv) ist selbst ein System, aber in ihrem
+reinen Gebrauche, vermittelst bloßer Begriffe, nur ein System der
+Nachforschung nach Grundsätzen der Einheit, zu welcher Erfahrung
+allein den Stoff hergeben kann. Von der eigentümlichen Methode einer
+Transzendentalphilosophie läßt sich aber hier nichts sagen, da wir es
+nur mit einer Kritik unserer Vermögensumstände zu tun haben, ob wir
+überall bauen, und wie hoch wir wohl unser Gebäude, aus dem Stoffe,
+den wir haben, (den reinen Begriffen a priori,) aufführen können.
+
+
+
+Des ersten Hauptstücks
+Zweiter Abschnitt
+Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen
+Gebrauchs
+
+Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik
+unterwerfen, und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch
+tun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachteiligen Verdacht
+auf sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtig, in Ansehung des
+Nutzens, nichts so heilig, daß sich dieser prüfenden und musternden
+Durchsuchung, die kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte.
+Auf dieser Freiheit beruht sogar die Existenz der Vernunft, die
+kein diktatorisches Ansehen hat, sondern deren Ausspruch jederzeit
+nichts als die Einstimmung freier Bürger ist, deren jeglicher seine
+Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto, ohne Zurückhalten muß äußern
+können.
+
+Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern
+kann, so hat sie doch nicht jederzeit Ursache, sie zu scheuen. Aber
+die reine Vernunft in ihrem dogmatischen (nicht mathematischen)
+Gebrauche ist sich nicht so sehr der genauesten Beobachtung ihrer
+obersten Gesetze bewußt, daß sie nicht mit Blödigkeit, ja mit
+gänzlicher Ablegung alles angemaßten dogmatischen Ansehens, vor dem
+kritischen Auge einer höheren und richterlichen Vernunft erscheinen
+müßte.
+
+Ganz anders ist es bewandt, wenn sie es nicht mit der Zensur des
+Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu tun hat, und sich
+dagegen bloß verteidigen soll. Denn, da diese ebensowohl dogmatisch
+sein wollen, obzwar im Verneinen, als jene im Bejahen: so findet eine
+Rechtfertigung kat' anthropon statt, die wider alle Beeinträchtigung
+sichert, und einen titulierten Besitz verschafft, der keine fremden
+Anmaßungen scheuen darf, ob er gleich selbst kat' aledeian nicht
+hinreichend bewiesen werden kann.
+
+Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich nun
+die Verteidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen
+derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihre Behauptungen
+nicht vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur, daß niemand
+das Gegenteil jemals mit apodiktischer Gewißheit (ja auch nur mit
+größerem Scheine) behaupten könne. Denn wir sind alsdann doch
+nicht bittweise in unserem Besitz, wenn wir einen, obzwar nicht
+hinreichenden, Titel derselben vor uns haben, und es völlig gewiß
+ist, daß niemand die Unrechtmäßigkeit dieses Besitzes jemals beweisen
+könne.
+
+Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes, daß es überhaupt eine
+Antithetik der reinen Vernunft geben, und diese, die doch den obersten
+Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mit sich selbst in
+Streit geraten soll. Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare
+Antithetik derselben vor uns; aber es zeigte sich, daß sie auf einem
+Mißverstande beruhte, da man nämlich, dem gemeinen Vorurteile gemäß,
+Erscheinungen für Sachen an sich selbst nahm, und dann eine absolute
+Vollständigkeit ihrer Synthesis, auf eine oder andere Art (die aber
+auf beiderlei Art gleich unmöglich war), verlangte, welches aber von
+Erscheinungen gar nicht erwartet werden kann. Es war also damals kein
+wirklicher Widerspruch der Vernunft mit ihr selbst bei den Sätzen: die
+Reihe an sich gegebener Erscheinungen hat einen absolut ersten Anfang,
+und: diese Reihe ist schlechthin und an sich selbst ohne allen Anfang;
+denn beide Sätze bestehen gar wohl zusammen, weil Erscheinungen nach
+ihrem Dasein (als Erscheinungen) an sich selbst gar nichts d.i. etwas
+Widersprechendes sind, und also deren Voraussetzung natürlicherweise
+widersprechende Folgerungen nach sich ziehen muß.
+
+Ein solcher Mißverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch der
+Streit der Vernunft beigelegt werden, wenn etwa theistisch behauptet
+würde: es ist ein höchstes Wesen, und dagegen atheistisch: es ist kein
+höchstes Wesen; oder, in der Psychologie: alles, was da denkt, ist
+von absoluter beharrlicher Einheit und also von aller vergänglichen
+materiellen Einheit unterschieden, welchem ein anderer
+entgegengesetzte: die Seele ist nicht immaterielle Einheit und kann
+von der Vergänglichkeit nicht ausgenommen werden. Denn der Gegenstand
+der Frage ist hier von allem Fremdartigen, das seiner Natur
+widerspricht, frei, und der Verstand hat es nur mit Sachen an sich
+selbst und nicht mit Erscheinungen zu tun. Es würde also hier freilich
+ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein, wenn nur die reine Vernunft
+auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte, was dem Grunde
+einer Behauptung nahe käme; denn was die Kritik der Beweisgründe des
+dogmatisch Bejahenden betrifft, die kann man ihm sehr wohl einräumen,
+ohne darum diese Sätze aufzugeben, die doch wenigstens das Interesse
+der Vernunft für sich haben, darauf sich der Gegner gar nicht berufen
+kann.
+
+Ich bin zwar nicht der Meinung, welche vortreffliche und nachdenkende
+Männer (z.B. Sulzer) so oft geäußert haben, da sie die Schwäche der
+bisherigen Beweise fühlten: daß man hoffen könne, man werde dereinst
+noch evidente Demonstrationen der zwei Kardinalsätze unserer reinen
+Vernunft: es ist ein Gott, es ist ein künftiges Leben, erfinden.
+Vielmehr bin ich gewiß, daß dieses niemals geschehen werde. Denn, wo
+will die Vernunft den Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die
+sich nicht auf Gegenstände der Erfahrung und deren innerer Möglichkeit
+beziehen, hernehmen? Aber es ist auch apodiktisch gewiß, daß niemals
+irgendein Mensch auftreten werde, der das Gegenteil mit dem mindesten
+Scheine, geschweige dogmatisch behaupten könne. Denn, weil er
+dieses doch bloß durch reine Vernunft dartun könnte, so müßte er es
+unternehmen, zu beweisen: daß ein höchstes Wesen, daß das in uns
+denkende Subjekt, als reine Intelligenz, unmöglich sei. Wo will er
+aber die Kenntnisse hernehmen, die ihn, von Dingen über alle mögliche
+Erfahrung hinaus so synthetisch zu urteilen, berechtigten. Wir können
+also darüber ganz unbekümmert sein, daß uns jemand das Gegenteil
+einstens beweisen werde; daß wir darum eben nicht nötig haben, auf
+schulgerechte Beweise zu sinnen, sondern immerhin diejenigen Sätze
+annehmen können, welche mit dem spekulativen Interesse unserer
+Vernunft im empirischen Gebrauch ganz wohl zusammenhängen, und überdem
+es mit dem praktischen Interesse zu vereinigen die einzigen Mittel
+sind. Für den Gegner (der hier nicht bloß als Kritiker betrachtet
+werden muß,) haben wir unser non liquet in Bereitschaft, welches ihn
+unfehlbar verwirren muß, indessen daß wir die Retorsion desselben
+auf uns nicht weigern, indem wir die subjektive Maxime der Vernunft
+beständig im Rückhalte haben, die dem Gegner notwendig fehlt,
+und unter deren Schutz wir alle seine Luftstreiche mit Ruhe und
+Gleichgültigkeit ansehen können.
+
+Auf solche Weise gibt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen
+Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der
+reinen Theologie und Psychologie zu suchen sein; dieser Boden aber
+trägt keinen Kämpfer in seiner ganzen Rüstung, und mit Waffen, die zu
+fürchten wären. Er kann nur mit Spott oder Großsprecherei auftreten,
+welches als ein Kinderspiel belacht werden kann. Das ist eine
+tröstende Bemerkung, die der Vernunft wieder Mut gibt; denn, worauf
+wollte sie sich sonst verlassen, wenn sie, die allein alle Irrungen
+abzutun berufen ist, in sich selbst zerrüttet wäre, ohne Frieden und
+ruhigen Besitz hoffen zu können?
+
+Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht
+gut. Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren
+eigenen Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer
+vollständigen Sammlung von Heilmitteln (Offizin) nicht fehlen. Die
+Einwürfe, wider die Überredungen und den Eigendünkel unserer bloß
+spekulativen Vernunft, sind selbst durch die Natur dieser Vernunft
+aufgegeben, und müssen also ihre gute Bestimmung und Absicht haben,
+die man nicht in den Wind schlagen muß. Wozu hat uns die Vorsehung
+manche Gegenstände, ob sie gleich mit unserem höchsten Interesse
+zusammenhängen, so hoch gestellt, daß uns fast nur vergönnt ist, sie
+in einer undeutlichen und von uns selbst bezweifelten Wahrnehmung
+anzutreffen, dadurch ausspähende Blicke mehr gereizt, als befriedigt
+werden, ob es nützlich sei, in Ansehung solcher Aussichten dreiste
+Bestimmungen zu wagen, ist wenigstens zweifelhaft, vielleicht gar
+schädlich. Allemal aber und ohne allen Zweifel ist es nützlich, die
+forschende sowohl, als prüfende Vernunft in völlige Freiheit zu
+versetzen, damit sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen könne,
+welches ebensowohl dadurch befördert wird, dadurch, daß sie ihren
+Einsichten Schranken setzt, als daß sie solche erweitert, und welches
+allemal leidet, wenn sich fremde Hände einmengen, um sie wider ihren
+natürlichen Gang nach erzwungenen Absichten zu lenken.
+
+Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft sagen, und bekämpfst ihn bloß
+mit Waffen der Vernunft. Übrigens seid wegen der guten Sache (des
+praktischen Interesses) außer Sorgen, denn die kommt in bloß
+spekulativem Streite niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt
+alsdann nichts, als eine gewisse Antinomie der Vernunft, die, da sie
+auf ihrer Natur beruht, notwendig angehört und geprüft werden muß. Er
+kultiviert dieselbe durch Betrachtung ihres Gegenstandes auf zweien
+Seiten, und berichtigt ihr Urteil dadurch, daß er solches einschränkt.
+Das, was hierbei streitig wird, ist nicht die Sache, sondern der
+Ton. Denn es bleibt euch noch genug übrig, um die vor der schärfsten
+Vernunft gerechtfertigte Sprache eines festen Glaubens zu sprechen,
+wenn ihr gleich die des Wissens habt aufgeben müssen.
+
+Wenn man den kaltblütigen, zum Gleichgewichte des Urteils eigentlich
+geschaffenen David Hume fragen sollte: was bewog euch, durch mühsam
+ergrübelte Bedenklichkeiten, die für den Menschen so tröstliche und
+nützliche Überredung, daß ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und dem
+bestimmten Begriff eines höchsten Wesens zulange, zu untergraben? so
+würde er antworten: nichts, als die Absicht, die Vernunft in ihrer
+Selbsterkenntnis weiter zu bringen, und zugleich ein gewisser Unwille
+über den Zwang, den man der Vernunft antun will, indem man mit ihr
+groß tut, und sie zugleich hindert, ein freimütiges Geständnis ihrer
+Schwächen abzulegen, die ihr bei der Prüfung ihrer Selbst offenbar
+werden. Fragt ihr dagegen den, den Grundsätzen des empirischen
+Vernunftgebrauchs allein ergebenen, und aller transzendenten
+Spekulation abgeneigten Priestley, was er für Bewegungsgründe gehabt
+habe, unserer Seele Freiheit und Unsterblichkeit (die Hoffnung
+des künftigen Lebens ist bei ihm nur die Erwartung eines Wunders
+der Wiedererweckung), zwei solche Grundpfeiler aller Religion
+niederzureißen, er, der selbst ein frommer und eifriger Lehrer der
+Religion ist; so würde er nichts anderes antworten können, als: das
+Interesse der Vernunft, welche dadurch verliert, daß man gewisse
+Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur, den einzigen, die wir
+genau kennen und bestimmen können, entziehen will. Es würde unbillig
+scheinen, den letzteren, der seine paradoxe Behauptung mit der
+Religionsabsicht zu vereinigen weiß, zu verschreien, und einem
+wohldenkenden Manne wehe zu tun, weil er sich nicht zurechtfinden
+kann, sobald er sich aus dem Felde der Naturlehre verloren hatte. Aber
+diese Gunst muß dem nicht minder gut gesinnten und seinem sittlichen
+Charakter nach untadelhaften Hume so wohl zustatten kommen, der
+seine abgezogene Spekulation darum nicht verlassen kann, weil er mit
+Recht dafür hält, daß ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der
+Naturwissenschaft im Felde reiner Ideen liege.
+
+Was ist nun hierbei zu tun, vornehmlich in Ansehung der Gefahr, die
+daraus dem gemeinen Besten zu drohen scheint? Nichts ist natürlicher,
+nichts billiger, als die Entschließung, die ihr deshalb zu nehmen
+habt. Laßt diese Leute nur machen; wenn sie Talent, wenn sie tiefe und
+neue Nachforschung, mit einem Worte, wenn sie nur Vernunft zeigen, so
+gewinnt jederzeit die Vernunft. Wenn ihr andere Mittel ergreift, als
+die einer zwanglosen Vernunft, wenn ihr über Hochverrat schreiet,
+das gemeine Wesen, das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht
+versteht, gleichsam als zum Feuerlöschen zusammenruft, so macht
+ihr euch lächerlich. Denn es ist die Rede gar nicht davon, was dem
+gemeinen Besten hierunter vorteilhaft, oder nachteilig sei, sondern
+nur, wie weit die Vernunft es wohl in ihrer von allem Interesse
+abstrahierenden Spekulation bringen könne, und ob man auf diese
+überhaupt etwas rechnen, oder sie lieber gegen das Praktische gar
+aufgeben müsse. Anstatt also mit dem Schwerte drein zu schlagen,
+so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der Kritik diesem Streite
+geruhig zu, der für die Kämpfenden mühsam, für euch unterhaltend, und
+bei einem gewiß unblutigen Ausgange, für eure Einsichten ersprießlich
+ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft
+Aufklärung zu erwarten, und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche
+Seite sie notwendig ausfallen müsse. Überdem wird Vernunft schon von
+selbst durch Vernunft so wohl gebändigt und in Schranken gehalten,
+daß ihr gar nicht nötig habt, Scharwachen aufzubieten, um demjenigen
+Teile, dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint,
+bürgerlichen Widerstand entgegenzusetzen. In dieser Dialektik gibt's
+keinen Sieg, über den ihr besorgt zu sein Ursache hättet.
+
+Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es wäre
+zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher
+Erlaubnis wäre geführt worden. Denn um desto früher wäre eine
+reife Kritik zustande gekommen, bei deren Erscheinung alle diese
+Streithändel von selbst wegfallen müssen, indem die Streitenden ihre
+Verblendung und Vorurteile, welche sie veruneinigt haben, einsehen
+lernen.
+
+Es gibt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am
+Ende doch, wie alles, was von der Natur kommt, eine Anlage zu guten
+Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung, seine wahren Gesinnungen
+zu verhehlen, und gewisse angenommene, die man für gut und rühmlich
+hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen
+Hang, sowohl sich zu verhehlen, als auch einen ihnen vorteilhaften
+Schein anzunehmen, sich nicht bloß zivilisiert, sondern nach und nach,
+in gewisser Maße, moralisiert, weil keiner durch die Schminke der
+Anständigkeit, Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte, also
+an vermeintlich echten Beispielen des Guten, die er um sich sah, eine
+Schule der Besserung für sich selbst fand. Allein diese Anlage, sich
+besser zu stellen, als man ist, und Gesinnungen zu äußern, die man
+nicht hat, dient nur gleichsam provisorisch dazu, um den Menschen aus
+der Rohigkeit zu bringen, und ihn zuerst wenigstens die Manier des
+Guten, das er kennt, annehmen zu lassen; denn nachher, wenn die echten
+Grundsätze einmal entwickelt und in die Denkungsart übergegangen sind,
+so muß jene Falschheit nach und nach kräftig bekämpft werden, weil sie
+sonst das Herz verdirbt, und gute Gesinnungen unter dem Wucherkraute
+des schönen Scheins nicht aufkommen läßt.
+
+Es tut mir leid, eben dieselbe Unlauterkeit, Verstellung und Heuchelei
+sogar in den Äußerungen der spekulativen Denkungsart wahrzunehmen,
+worin doch Menschen, das Geständnis ihrer Gedanken billigermaßen offen
+und unverhohlen zu entdecken, weit weniger Hindernisse und gar keinen
+Vorteil haben. Denn was kann den Einsichten nachteiliger sein, als
+sogar bloße Gedanken verfälscht einander mitzuteilen, Zweifel, die
+wir wider unsere eigenen Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder
+Beweisgründen, die uns selbst nicht genugtun, einen Anstrich von
+Evidenz zu geben? So lange indessen bloß die Privateitelkeit diese
+geheimen Ränke anstiftet (welches in spekulativen Urteilen, die kein
+besonderes Interesse haben und nicht leicht einer apodiktischen
+Gewißheit fähig sind, gemeiniglich der Fall ist), so widersteht
+denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher Genehmigung, und
+die Sachen kommen zuletzt dahin, wo die lauterste Gesinnung und
+Aufrichtigkeit, obgleich weit früher, sie gebracht haben würde. Wo
+aber das gemeine Wesen dafür hält, daß spitzfindige Vernünftler mit
+nichts minderem umgehen, als die Grundfeste der öffentlichen Wohlfahrt
+wankend zu machen, da scheint es nicht allein der Klugheit gemäß,
+sondern auch erlaubt und wohl gar rühmlich, der guten Sache eher
+durch Scheingründe zu Hilfe zu kommen, als den vermeintlichen Gegnern
+derselben auch nur den Vorteil zu lassen, unseren Ton zur Mäßigung
+einer bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen, und uns zu nötigen,
+den Mangel der spekulativen und apodiktischen Gewißheit zu gestehen.
+Indessen sollte ich denken, daß sich mit der Absicht, eine gute
+Sache zu behaupten, in der Welt wohl nichts übler, als Hinterlist,
+Verstellung und Betrug vereinigen lasse. Daß es in der Abwiegung der
+Vernunftgründe, einer bloßen Spekulation alles ehrlich zugehen müsse,
+ist wohl das wenigste, was man fordern kann. Könnte man aber auch nur
+auf dieses Wenige sicher rechnen, so wäre der Streit der spekulativen
+Vernunft über die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit (der
+Seele) und der Freiheit, entweder längst entschieden, oder würde sehr
+bald zu Ende gebracht werden. So steht öfters die Lauterkeit der
+Gesinnung im umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sache
+selbst, und diese hat vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner,
+als Verteidiger.
+
+Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht
+verteidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist es nun entschieden,
+daß, nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht auf dasjenige
+sieht, was geschieht, sondern was billig geschehen sollte, es
+eigentlich gar keine Polemik der reinen Vernunft geben müsse. Denn
+wie können zwei Personen einen Streit über eine Sache führen, deren
+Realität keiner von beiden in einer wirklichen, oder auch nur
+möglichen Erfahrung darstellen kann, über deren Idee er allein
+brütet, um aus ihr etwas mehr als Idee, nämlich die Wirklichkeit des
+Gegenstandes selbst, herauszubringen? Durch welches Mittel wollen
+sie aus dem Streite herauskommen, da keiner von beiden seine Sache
+geradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur die seines Gegners
+angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das Schicksal aller
+Behauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die Bedingungen
+aller möglichen Erfahrung hinausgehen, außerhalb welchen kein Dokument
+der Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich aber gleichwohl der
+Verstandesgesetze, die bloß zum empirischen Gebrauche bestimmt sind,
+ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken tun läßt,
+bedienen müssen, sie dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich
+gegenseitig die Blöße ihres Gegners zunutze machen können.
+
+Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof für
+alle Streitigkeiten derselben ansehen; denn sie ist in die letzteren,
+als welche auf Objekte unmittelbar gehen, nicht mit verwickelt,
+sondern ist dazu gesetzt, die Rechtsame der Vernunft überhaupt
+nach den Grundsätzen ihrer ersten Institution zu bestimmen und zu
+beurteilen.
+
+Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur, und
+kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen,
+oder sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, welche alle
+Entscheidungen aus den Grundregeln ihrer eigenen Einsetzung hernimmt,
+deren Ansehen keiner bezweifeln kann, verschafft uns die Ruhe eines
+gesetzlichen Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeit nicht
+anders führen sollen, als durch Prozeß. Was die Händel in dem ersten
+Zustande endigt, ist ein Sieg, dessen sich beide Teile rühmen, auf
+den mehrenteils ein nur unsicherer Friede folgt, den die Obrigkeit
+stiftet, welche sich ins Mittel legt, im zweiten aber die Sentenz,
+die, weil sie hier die Quelle der Streitigkeiten selbst trifft, einen
+ewigen Frieden gewähren muß. Auch nötigen die endlosen Streitigkeiten
+einer bloß dogmatischen Vernunft, endlich in irgendeiner Kritik dieser
+Vernunft selbst, und einer Gesetzgebung, die sich auf sie gründet,
+Ruhe zu suchen; so wie Hobbes behauptet: der Stand der Natur sei
+ein Stand des Unrechts und der Gewalttätigkeit, und man müsse ihn
+notwendig verlassen, um sich dem gesetzlichen Zwange zu unterwerfen,
+der allein unsere Freiheit dahin einschränkt, daß sie mit jedes
+anderen Freiheit und eben dadurch mit dem gemeinen Besten zusammen
+bestehen könne.
+
+Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine
+Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur
+Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und
+gefährlichen Bürger verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem
+ursprünglichen Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen anderen
+Richter erkennt, als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft,
+worin ein jeder seine Stimme hat; und, da von dieser alle Besserung,
+deren unser Zustand fähig ist, herkommen muß, so ist ein solches Recht
+heilig, und darf nicht geschmälert werden. Auch ist es sehr unweise,
+gewisse gewagte Behauptungen oder vermessene Angriffe auf die, welche
+schon die Beistimmung des größten und besten Teils des gemeinen Wesens
+auf ihrer Seite haben, für gefährlich auszuschreien: denn das heißt,
+ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie gar nicht haben sollten. Wenn
+ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopf die Freiheit des menschlichen
+Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens, und das Dasein Gottes
+wegdemonstriert haben solle, so bin ich begierig, das Buch zu lesen,
+denn ich erwarte von seinem Talent, daß er meine Einsichten weiter
+bringen werde. Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiß, daß er
+nichts von allem diesem wird geleistet haben, nicht darum, weil ich
+etwa schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze
+zu sein glaubte, sondern weil mich die transzendentale Kritik, die mir
+den ganzen Vorrat unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt
+hat, daß, so wie sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz
+unzulänglich ist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über
+diese Fragen etwas verneinend behaupten zu können. Denn, wo will
+der angebliche Freigeist seine Kenntnis hernehmen, daß es z.B. kein
+höchstes Wesen gebe? Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher
+Erfahrung, und darum auch außer den Grenzen aller menschlichen
+Einsicht. Den dogmatischen Verteidiger der guten Sache gegen diesen
+Feind würde ich gar nicht lesen, weil ich zum voraus weiß, daß er nur
+darum die Scheingründe des anderen angreifen werde, um seinen eigenen
+Eingang zu verschaffen, überdem ein alltägiger Schein doch nicht
+so viel Stoff zu neuen Bemerkungen gibt, als ein befremdlicher und
+sinnreich ausgedachter. Hingegen würde der nach seiner Art auch
+dogmatische Religionsgegner, meiner Kritik gewünschte Beschäftigung
+und Anlaß zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätze geben, ohne daß
+seinetwegen im mindesten etwas zu befürchten wäre.
+
+Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anvertraut ist,
+soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt, und von der
+frühen Kenntnis so gefährlicher Sätze abgehalten werden, ehe ihre
+Urteilskraft gereift, oder vielmehr die Lehre, welche man in ihnen
+gründen will, fest gewurzelt ist, um aller Überredung zum Gegenteil,
+woher sie auch kommen möge, kräftig zu widerstehen?
+
+Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen Vernunft
+bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch, d.i.
+so beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht einließe, und mit
+Beweisgründen zu entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete, so wäre
+freilich nichts ratsamer vor der Hand, aber zugleich nichts eitler und
+fruchtloser auf die Dauer, als die Vernunft der Jugend eine Zeitlang
+unter Vormundschaft zu setzen, und wenigstens so lange vor Verführung
+zu bewahren. Wenn aber in der Folge entweder Neugierde, oder der
+Modeton des Zeitalters ihr dergleichen Schriften in die Hände spielen:
+wird alsdann jene jugendliche Überredung noch Stich halten? Derjenige,
+der nichts als dogmatische Waffen mitbringt, um den Angriffen seines
+Gegners zu widerstehen, und die verborgene Dialektik, die nicht minder
+in seinem eigenen Busen, als in dem des Gegenteils liegt, nicht zu
+entwickeln weiß, sieht Scheingründe, die den Vorzug der Neuigkeit
+haben, gegen Scheingründe, welche dergleichen nicht mehr haben,
+sondern vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten Leichtgläubigkeit der
+Jugend erregen, auftreten. Er glaubt nicht besser zeigen zu können,
+daß er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sich über jene
+wohlgemeinten Warnungen wegsetzt, und, dogmatisch gewohnt, trinkt er
+das Gift, das seine Grundsätze dogmatisch verdirbt, in langen Zügen in
+sich.
+
+Gerade das Gegenteil von dem, was man hier anrät, muß in der
+akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unter der
+Voraussetzung eines gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen
+Vernunft. Denn, um die Prinzipien derselben so früh als möglich
+in Ausübung zu bringen, und ihre Zulänglichkeit bei dem größten
+dialektischen Scheine zu zeigen, ist es durchaus nötig, die für den
+Dogmatiker so furchtbaren Angriffe wider seine, obzwar noch schwache,
+aber durch Kritik aufgeklärte Vernunft zu richten, und ihn den Versuch
+machen zu lassen, die grundlosen Behauptungen des Gegners Stück für
+Stück an jenen Grundsätzen zu prüfen. Es kann ihm gar nicht schwer
+werden, sie in lauter Dunst aufzulösen, und so fühlt er frühzeitig
+seine eigene Kraft, sich wider dergleichen schädliche Blendwerke, die
+für ihn zuletzt allen Schein verlieren müssen, völlig zu sichern.
+Ob nun zwar eben dieselben Streiche, die das Gebäude des Feindes
+niederschlagen, auch seinem eigenen spekulativen Bauwerke, wenn er
+etwa dergleichen zu errichten gedächte, ebenso verderblich sein
+müssen: so ist er darüber doch gänzlich unbekümmert, indem er es gar
+nicht bedarf, darinnen zu wohnen, sondern noch eine Aussicht in das
+praktische Feld vor sich hat, wo er mit Grund einen festeren Boden
+hoffen kann, um darauf sein vernünftiges und heilsames System zu
+errichten.
+
+So gibts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen
+Vernunft. Beide Teile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten
+herumbalgen, denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre
+dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten
+ließe. Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen,
+wie die Helden in Walhalla, in einem Augenblicke wiederum zusammen, um
+sich aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können.
+
+Es gibt aber auch keinen zulässigen skeptischen Gebrauch der reinen
+Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren
+Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft wider sich selbst zu
+verhetzen, ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichen, und alsdann ihrem
+hitzigsten Gefechte ruhig und spöttisch zuzusehen, sieht aus einem
+dogmatischen Gesichtspunkte nicht wohl aus, sondern hat das Ansehen
+einer schadenfrohen und hämischen Gemütsart an sich. Wenn man indessen
+die unbezwingliche Verblendung und das Großtun der Vernünftler, die
+sich durch keine Kritik will mäßigen lassen, ansieht, so ist doch
+wirklich kein anderer Rat, als der Großsprecherei auf einer Seite,
+eine andere, welche auf eben dieselben Rechte fußt, entgegen zu
+setzen, damit die Vernunft durch den Widerstand eines Feindes
+wenigstens nur stutzig gemacht werde, um in ihre Anmaßungen einigen
+Zweifel zu setzen, und der Kritik Gehör zu geben. Allein es bei diesen
+Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen, und es darauf auszusetzen, die
+Überzeugung und das Geständnis seiner Unwissenheit, nicht bloß als
+ein Heilmittel wider den dogmatischen Eigendünkel, sondern zugleich
+als die Art, den Streit der Vernunft mit sich selbst zu beendigen,
+empfehlen zu wollen, ist ein ganz vergeblicher Anschlag, und kann
+keineswegs dazu tauglich sein, der Vernunft einen Ruhestand zu
+verschaffen, sondern ist höchstens nur ein Mittel, sie aus ihrem süßen
+dogmatischen Traume zu erwecken, um ihren Zustand in sorgfältigere
+Prüfung zu ziehen. Da indessen diese skeptische Manier, sich aus einem
+verdrießlichen Handel der Vernunft zu ziehen, gleichsam der kurze
+Weg zu sein scheint, zu einer beharrlichen philosophischen Ruhe
+zu gelangen, wenigstens die Heeresstraße, welche diejenigen gern
+einschlagen, die sich in einer spöttischen Verachtung aller
+Nachforschungen dieser Art ein philosophisches Ansehen zu geben
+meinen, so finde ich es nötig, diese Denkungsart in ihrem
+eigentümlichen Lichte darzustellen.
+
+
+
+Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der mit sich
+selbst veruneinigten reinen Vernunft
+
+Das Bewußtsein meiner Unwissenheit, (wenn diese nicht zugleich als
+notwendig erkannt wird,) statt daß sie meine Untersuchungen endigen
+sollte, ist vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken. Alle
+Unwissenheit ist entweder die der Sachen, oder der Bestimmung und
+Grenzen meiner Erkenntnis. Wenn die Unwissenheit nun zufällig ist, so
+muß sie mich antreiben, im ersteren Falle den Sachen (Gegenständen)
+dogmatisch, im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntnis
+kritisch nachzuforschen. Daß aber meine Unwissenheit schlechthin
+notwendig sei, und mich daher von aller weiteren Nachforschung
+freispreche, läßt sich nicht empirisch, aus Beobachtung, sondern
+allein kritisch, durch Ergründung der ersten Quellen unserer
+Erkenntnis ausmachen. Also kann die Grenzbestimmung unserer Vernunft
+nur nach Gründen a priori geschehen; die Einschränkung derselben aber,
+welche eine obgleich nur unbestimmte Erkenntnis einer nie völlig zu
+hebenden Unwissenheit ist, kann auch a posteriori, durch das, was uns
+bei allem Wissen immer noch zu wissen übrigbleibt, erkannt werden.
+Jene durch Kritik der Vernunft selbst allein mögliche Erkenntnis
+seiner Unwissenheit ist also Wissenschaft, diese ist nichts als
+Wahrnehmung, von der man nicht sagen kann, wie weit der Schluß aus
+selbiger reichen möge. Wenn ich mir die Erdfläche (dem sinnlichen
+Scheine gemäß) als einen Teller vorstelle, so kann ich nicht wissen,
+wie weit sie sich erstrecke. Aber das lehrt mich die Erfahrung:
+daß, wohin ich nur komme, ich immer einen Raum um mich sehe, dahin
+ich weiter fortgehen könnte; mithin erkenne ich Schranken meiner
+jedesmal wirklichen Erdkunde, aber nicht die Grenzen aller möglichen
+Erdbeschreibung. Bin ich aber doch so weit gekommen, zu wissen, daß
+die Erde eine Kugel und ihre Fläche eine Kugelfläche sei, so kann ich
+auch aus einem kleinen Teil derselben, z.B. der Größe eines Grades,
+den Durchmesser, und, durch diesen, die völlige Begrenzung der Erde,
+d.i. ihre Oberfläche, bestimmt und nach Prinzipien a priori erkennen;
+und ob ich gleich in Ansehung der Gegenstände, die diese Fläche
+enthalten mag, unwissend bin, so bin ich es doch nicht in Ansehung des
+Umfanges, der sie enthält, der Größe und Schranken derselben.
+
+Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntnis
+scheint uns eine ebene Fläche zu sein, die ihren scheinbaren Horizont
+hat, nämlich das, was den ganzen Umfang derselben befaßt und von
+uns der Vernunftbegriff der unbedingten Totalität genannt worden.
+Empirisch denselben zu erreichen, ist unmöglich, und nach einem
+gewissen Prinzip ihn a priori zu bestimmen, dazu sind alle Versuche
+vergeblich gewesen. Indessen gehen doch alle Fragen unserer reinen
+Vernunft auf das, was außerhalb diesem Horizonte, oder allenfalls auch
+in seiner Grenzlinie liegen möge.
+
+Der berühmte David Hume war einer dieser Geographen der menschlichen
+Vernunft, welcher jene Fragen insgesamt dadurch hinreichend
+abgefertigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb den Horizont
+derselben verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Er hielt sich
+vornehmlich bei dem Grundsatze der Kausalität auf, und bemerkte
+von ihm ganz richtig, daß man seine Wahrheit (ja nicht einmal die
+objektive Gültigkeit des Begriffs einer wirkenden Ursache überhaupt)
+auf gar keine Einsicht, d.i. Erkenntnis a priori, fuße, daß daher auch
+nicht im mindesten die Notwendigkeit dieses Gesetzes, sondern eine
+bloße allgemeine Brauchbarkeit desselben in dem Laufe der Erfahrung
+und eine daher entspringende subjektive Notwendigkeit, die er
+Gewohnheit nennt, sein ganzes Ansehen ausmache. Aus dem Unvermögen
+unserer Vernunft nun, von diesem Grundsatze einen über alle Erfahrung
+hinausgehenden Gebrauch zu machen, schloß er die Nichtigkeit aller
+Anmaßungen der Vernunft überhaupt über das Empirische hinauszugehen.
+
+Man kann ein Verfahren dieser Art, die Fakta der Vernunft der Prüfung
+und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, die Zensur der Vernunft
+nennen. Es ist außer Zweifel, daß diese Zensur unausbleiblich auf
+Zweifel gegen allen transzendenten Gebrauch der Grundsätze führe.
+Allein dies ist nur der zweite Schritt, der noch lange nicht das Werk
+vollendet. Der erste Schritt in Sachen der reinen Vernunft, der das
+Kindesalter derselben auszeichnet ist dogmatisch. Der obengenannte
+zweite Schritt ist skeptisch, und zeigt von Vorsichtigkeit der durch
+Erfahrung gewitzigten Urteilskraft. Nun ist aber noch ein dritter
+Schritt nötig, der nur der gereiften und männlichen Urteilskraft,
+welche feste und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen zum Grunde
+hat; nämlich, nicht die Fakta der Vernunft, sondern die Vernunft
+selbst, nach ihrem ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen
+Erkenntnissen a priori, der Schätzung zu unterwerfen; welches nicht
+die Zensur, sondern Kritik der Vernunft ist, wodurch nicht bloß
+Schranken, sondern die bestimmten Grenzen derselben, nicht bloß
+Unwissenheit an einem oder anderen Teil, sondern in Ansehung aller
+möglichen Fragen von einer gewissen Art, und zwar nicht etwa
+nur vermutet, sondern aus Prinzipien bewiesen wird. So ist der
+Skeptizismus ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft, da sie sich
+über ihre dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der
+Gegend machen kann, wo sie sich befindet, um ihren Weg fernerhin mit
+mehrerer Sicherheit wählen zu können, aber nicht ein Wohnplatz zum
+beständigen Aufenthalte; denn dieser kann nur in einer völligen
+Gewißheit angetroffen werden, es sei nun der Erkenntnis der
+Gegenstände selbst, oder der Grenzen, innerhalb denen alle unsere
+Erkenntnis von Gegenständen eingeschlossen ist.
+
+Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete
+Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt erkennt, sondern muß
+vielmehr mit einer Sphäre verglichen werden, deren Halbmesser sich aus
+der Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der Natur synthetischer
+Sätze a priori) finden, daraus aber auch der Inhalt und die Begrenzung
+derselben mit Sicherheit angeben läßt. Außer dieser Sphäre (Feld
+der Erfahrung) ist nichts von ihr Objekt, ja selbst Fragen über
+dergleichen vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjektive
+Prinzipien einer durchgängigen Bestimmung der Verhältnisse, welche
+unter den Verstandesbegriffen innerhalb dieser Sphäre vorkommen
+können.
+
+Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntnis a priori, wie
+dieses die Verstandesgrundsätze, welche die Erfahrung antizipieren,
+dartun. Kann jemand nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht
+begreiflich machen, so mag er zwar anfangs zweifeln, ob sie uns auch
+wirklich a priori beiwohnen; er kann dieses aber noch nicht für eine
+Unmöglichkeit derselben, durch bloße Kräfte des Verstandes, und alle
+Schritte, die die Vernunft nach der Richtschnur derselben tut, für
+nichtig ausgeben. Er kann nur sagen: wenn wir ihren Ursprung und
+Echtheit einsähen, so würden wir den Umfang und die Grenzen unserer
+Vernunft bestimmen können; ehe aber dieses geschehen ist, sind alle
+Behauptungen der letzten blindlings gewagt. Und auf solche Weise wäre
+ein durchgängiger Zweifel an alle dogmatischen Philosophie, die ohne
+Kritik der Vernunft selbst ihren Gang geht, ganz wohl gegründet;
+allein darum könnte doch der Vernunft nicht ein solcher Fortgang, wenn
+er durch bessere Grundlegung vorbereitet und gesichert würde, gänzlich
+abgesprochen werden. Denn, einmal liegen alle Begriffe, ja alle
+Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, nicht etwa in der
+Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft, und müssen
+daher können aufgelöst und ihrer Gültigkeit oder Nichtigkeit nach
+begriffen werden. Wir sind auch nicht berechtigt, diese Aufgaben, als
+läge ihre Auflösung wirklich in der Natur der Dinge, doch unter dem
+Vorwande unseres Unvermögens abzuweisen, und uns ihrer weiteren
+Nachforschung zu weigern, da die Vernunft in ihrem Schoße allein diese
+Ideen selbst erzeugt hat, von deren Gültigkeit oder dialektischen
+Scheine sie also Rechenschaft zu geben gehalten ist.
+
+Alles skeptische Polemisieren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker
+gekehrt, der, ohne ein Mißtrauen auf seine ursprünglichen objektiven
+Prinzipien zu setzen, d.i. ohne Kritik, gravitätisch seinen Gang
+fortsetzt, bloß um ihm das Konzept zu verrücken und ihn zur
+Selbsterkenntnis zu bringen. An sich macht sie in Ansehung dessen,
+was wir wissen und was wir dagegen nicht wissen können, ganz und gar
+nichts aus. Alle fehlgeschlagenen dogmatischen Versuche der Vernunft
+sind Fakta, die der Zensur zu unterwerfen immer nützlich ist. Dieses
+aber kann nichts über die Erwartungen der Vernunft entscheiden, einen
+besseren Erfolg ihrer künftigen Bemühungen zu hoffen und darauf
+Ansprüche zu machen; die bloße Zensur kann also die Streitigkeit über
+die Rechtsame der menschlichen Vernunft niemals zu Ende bringen.
+
+Da Hume vielleicht der geistreichste unter allen Skeptikern, und
+ohne Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist,
+den das skeptische Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen
+Vernunftprüfung haben kann, so verlohnt es wohl der Mühe, den Gang
+seiner Schlüsse und die Verirrungen eines einsehenden und schätzbaren
+Mannes, die doch auf der Spur der Wahrheit angefangen haben, so weit
+es zu meiner Absicht schicklich ist, vorstellig zu machen.
+
+Hume hatte es vielleicht in Gedanken, wiewohl er es niemals völlig
+entwickelte, daß wir in Urteilen von gewisser Art, über unseren
+Begriff vom Gegenstande hinausgehen. Ich habe diese Art von Urteilen
+synthetisch genannt. Wie ich aus meinem Begriffe, den ich bis dahin
+habe, vermittelst der Erfahrung hinausgehen könne, ist keiner
+Bedenklichkeit unterworfen. Erfahrung ist selbst eine solche Synthesis
+der Wahrnehmungen, welche meinen Begriff, den ich vermittelst einer
+Wahrnehmung habe, durch andere hinzukommende vermehrt. Allein wir
+glauben auch a priori aus unserem Begriffe hinausgehen und unsere
+Erkenntnis erweitern zu können. Dieses versuchen wir entweder durch
+den reinen Verstand, in Ansehung desjenigen, was wenigstens ein Objekt
+der Erfahrung sein kann, oder sogar durch reine Vernunft, in Ansehung
+solcher Eigenschaften der Dinge, oder auch wohl des Daseins solcher
+Gegenstände, die in der Erfahrung niemals vorkommen können. Unser
+Skeptiker unterschied diese beiden Arten der Urteile nicht, wie er
+es doch hätte tun sollen, und hielt geradezu diese Vermehrung der
+Begriffe aus sich selbst, und, sozusagen, die Selbstgebärung unseres
+Verstandes (samt der Vernunft), ohne durch Erfahrung geschwängert zu
+sein, für unmöglich, mithin alle vermeintlichen Prinzipien derselben
+a priori für eingebildet, und fand, daß sie nichts als eine aus
+Erfahrung und deren Gesetzen entspringende Gewohnheit, mithin bloß
+empirische d.i. an sich zufällige Regeln sind, denen wir eine
+vermeinte Notwendigkeit und Allgemeinheit beimessen. Er bezog sich
+aber zu Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein
+anerkannten Grundsatz von dem Verhältnis der Ursache zur Wirkung. Denn
+da uns kein Verstandesvermögen von dem Begriffe eines Dinges zu dem
+Dasein von etwas anderem, was dadurch allgemein und notwendig gegeben
+sei, führen kann: so glaubte er daraus folgern zu können, daß wir ohne
+Erfahrung nichts haben, was unseren Begriff vermehren und uns zu einem
+solchen a priori sich selbst erweiternden Urteile berechtigen könnte.
+Daß das Sonnenlicht, welches das Wachs beleuchtet, es zugleich
+schmelze, indessen es den Ton härtet, könne kein Verstand aus
+Begriffen, die wir vorher von diesen Dingen hatten, erraten, viel
+weniger gesetzmäßig schließen, und nur Erfahrung könne uns ein solches
+Gesetz lehren. Dagegen haben wir in der transzendentalen Logik
+gesehen: daß, ob wir zwar niemals unmittelbar über den Inhalt des
+Begriffs, der uns gegeben ist, hinausgehen können, wir doch völlig a
+priori, aber in Beziehung auf ein drittes, nämlich mögliche Erfahrung,
+also doch a priori, das Gesetz der Verknüpfung mit anderen Dingen
+erkennen können. Wenn also vorher fest gewesenes Wachs schmilzt, so
+kann ich a priori erkennen, daß etwas vorausgegangen sein müsse, (z.B.
+Sonnenwärme,) worauf dieses nach einem beständigen Gesetze gefolgt
+ist, ob ich zwar, ohne Erfahrung, aus der Wirkung weder die Ursache
+noch aus der Ursache, die Wirkung, a priori und ohne Belehrung der
+Erfahrung bestimmt erkennen könnte. Er schloß also fälschlich aus der
+Zufälligkeit unserer Bestimmung nach dem Gesetze, auf die Zufälligkeit
+des Gesetzes selbst, und das Herausgehen aus dem Begriffe eines Dinges
+auf mögliche Erfahrung (welche a priori geschieht und die objektive
+Realität desselben ausmacht,) verwechselte er mit der Synthesis der
+Gegenstände wirklicher Erfahrung, welche freilich jederzeit empirisch
+ist; dadurch machte er aber aus einem Prinzip der Affinität, welches
+im Verstande seinen Sitz hat, und notwendige Verknüpfung aussagt, eine
+Regel der Assoziation, die bloß in der nachbildenden Einbildungskraft
+angetroffen wird, und nur zufällige, gar nicht objektive Verbindungen
+darstellen kann.
+
+Die skeptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen
+Mannes entsprangen vornehmlich aus einem Mangel, den er doch mit
+allen Dogmatikern gemein hatte nämlich, daß er nicht alle Arten der
+Synthesis des Verstandes a priori systematisch übersah. Denn da würde
+er, ohne der übrigen hier Erwähnung zu tun, z.B. den Grundsatz der
+Beharrlichkeit als einen solchen gefunden haben, der ebensowohl, als
+der der Kausalität, die Erfahrung antizipiert. Dadurch würde er auch
+dem a priori sich erweiternden Verstande und der reinen Vernunft
+bestimmte Grenzen haben vorzeichnen können. Da er aber unseren
+Verstand nur einschränkt, ohne ihn zu begrenzen, und, zwar ein
+allgemeines Mißtrauen, aber keine bestimmte Kenntnis der uns
+unvermeidlichen Unwissenheit zustande bringt, da er einige Grundsätze
+des Verstandes unter Zensur bringt, ohne diesen Verstand in Ansehung
+seines ganzen Vermögens auf die Probierwage der Kritik zu bringen,
+und, indem er ihm dasjenige abspricht, was er wirklich nicht leisten
+kann, weiter geht, und ihm alles Vermögen, sich a priori zu erweitern,
+streitet, unerachtet er dieses ganze Vermögen nicht zur Schätzung
+gezogen; so widerfährt ihm das, was jederzeit den Skeptizismus
+niederschlägt, nämlich, daß er selbst bezweifelt wird, indem seine
+Einwürfe nur auf Faktis, welche zufällig sind, nicht aber auf
+Prinzipien beruhen, die eine notwendige Entsagung auf das Recht
+dogmatischer Behauptungen bewirken könnten.
+
+Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes und den
+dialektischen Anmaßungen der Vernunft, wider welche doch hauptsächlich
+seine Angriffe gerichtet sind, keinen Unterschied kennt: so fühlt die
+Vernunft, deren ganz eigentümlicher Schwung hierbei nicht im mindesten
+gestört, sondern nur gehindert worden, den Raum zu ihrer Ausbreitung
+nicht verschlossen, und kann von ihren Versuchen, unerachtet sie hier
+oder da gezwackt wird, niemals gänzlich abgebracht werden. Denn wider
+Angriffe rüstet man sich zur Gegenwehr, und setzt noch um desto
+steifer seinen Kopf darauf, um seine Forderungen durchzusetzen. Ein
+völliger Überschlag aber seines ganzen Vermögens und die daraus
+entspringende Überzeugung der Gewißheit eines kleinen Besitzes, bei
+der Eitelkeit höherer Ansprüche, hebt allen Streit auf, und bewegt,
+sich in einem eingeschränkten, aber unstrittigen Eigentume friedfertig
+zu begnügen.
+
+Wider den unkritischen Dogmatiker, der die Sphäre seines Verstandes
+nicht gemessen, mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntnis nicht
+nach Prinzipien bestimmt hat, der also nicht schon zum voraus weiß,
+wie viel er kann, sondern es durch bloße Versuche ausfindig zu machen
+denkt, sind diese skeptischen Angriffe nicht allein gefährlich,
+sondern ihm sogar verderblich. Denn, wenn er auf einer einzigen
+Behauptung betroffen wird, die er nicht rechtfertigen, deren Schein er
+aber auch nicht aus Prinzipien entwickeln kann, so fällt der Verdacht
+auf alle, so überredend sie auch sonst immer sein mögen.
+
+Und so ist der Skeptiker der Zuchtmeister des dogmatischen
+Vernünftlers auf eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft
+selbst. Wenn er dahin gelangt ist, so hat er weiter keine Anfechtung
+zu fürchten; denn er unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem, was
+gänzlich außerhalb demselben liegt, worauf er keine Ansprüche macht
+und darüber auch nicht in Streitigkeiten verwickelt werden kann.
+So ist das skeptische Verfahren zwar an sich selbst für die
+Vernunftfragen nicht befriedigend, aber doch vorübend, um ihre
+Vorsichtigkeit zu erwecken und auf gründliche Mittel zu weisen, die
+sie in ihren rechtmäßigen Besitzen sichern können.
+
+
+
+Des ersten Hauptstücks
+Dritter Abschnitt
+Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen
+
+Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich so viel wissen,
+daß wir in ihrem reinen und spekulativen Gebrauche in der Tat gar
+nichts wissen können; sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu
+Hypothesen eröffnen, da es wenigstens vergönnt ist, zu dichten und zu
+meinen, wenngleich nicht zu behaupten?
+
+Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen, sondern, unter der strengen
+Aufsicht der Vernunft, dichten soll, so muß immer vorher etwas völlig
+gewiß und nicht erdichtet, oder bloße Meinung sein, und das ist die
+Möglichkeit des Gegenstandes selbst. Alsdann ist es wohl erlaubt,
+wegen der Wirklichkeit desselben, zur Meinung seine Zuflucht zu
+nehmen, die aber, um nicht grundlos zu sein, mit dem, was wirklich
+gegeben und folglich gewiß ist, als Erklärungsgrund in Verknüpfung
+gebracht werden muß, und alsdann Hypothese heißt.
+
+Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung a
+priori nicht den mindesten Begriff machen können, und die Kategorie
+des reinen Verstandes nicht dazu dient, dergleichen zu erdenken,
+sondern nur, wo sie in der Erfahrung angetroffen wird, zu verstehen:
+so können wir nicht einen einzigen Gegenstand, nach einer neuen und
+empirisch nicht anzugebenden Beschaffenheit, diesen Kategorien gemäß,
+ursprünglich aussinnen und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde
+legen; denn dieses hieße, der Vernunft leere Hirngespinste, statt
+der Begriffe von Sachen, unterzulegen. So ist es nicht erlaubt, sich
+irgend neue ursprüngliche Kräfte zu erdenken, z.B. einen Verstand, der
+vermögend sei, seinen Gegenstand ohne Sinne anzuschauen, oder eine
+Anziehungskraft ohne alle Berührung, oder eine neue Art Substanzen,
+z.B. die ohne Undurchdringlichkeit im Raume gegenwärtig wäre, folglich
+auch keine Gemeinschaft der Substanzen, die von aller derjenigen
+unterschieden ist, welche Erfahrung an die Hand gibt: keine Gegenwart
+anders, als im Raume; keine Dauer, als bloß in der Zeit. Mit einem
+Worte: es ist unserer Vernunft nur möglich, die Bedingungen möglicher
+Erfahrung als Bedingungen der Möglichkeit der Sachen zu brauchen;
+keineswegs aber, ganz unabhängig von diesen, sich selbst welche
+gleichsam zu schaffen, weil dergleichen Begriffe, obzwar ohne
+Widerspruch, dennoch auch ohne Gegenstand sein würden.
+
+Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen, und haben freilich
+keinen Gegenstand in irgendeiner Erfahrung, aber bezeichnen darum
+doch nicht gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene
+Gegenstände. Sie sind bloß problematisch gedacht, um, in Beziehung
+auf sie (als heuristische Fiktionen), regulative Prinzipien des
+systematischen Verstandesgebrauchs im Felde der Erfahrung zu gründen.
+Geht man davon ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit
+nicht erweislich ist, und die daher auch nicht der Erklärung
+wirklicher Erscheinungen durch eine Hypothese zum Grunde gelegt werden
+können. Die Seele sich als einfach denken, ist ganz wohl erlaubt,
+um, nach dieser Idee, eine vollständige und notwendige Einheit aller
+Gemütskräfte, ob man sie gleich nicht in concreto einsehen kann, zum
+Prinzip unserer Beurteilung ihrer inneren Erscheinungen zu legen.
+Aber die Seele als einfache Substanz anzunehmen (ein transzendenter
+Begriff), wäre ein Satz, der nicht allein unerweislich, (wie es
+mehrere physische Hypothesen sind,) sondern auch ganz willkürlich und
+blindlings gewagt sein würde, weil das Einfache in ganz und gar keiner
+Erfahrung vorkommen kann, und, wenn man unter Substanz hier das
+beharrliche Objekt der sinnlichen Anschauung versteht, die Möglichkeit
+einer einfachen Erscheinung gar nicht einzusehen ist. Bloß
+intelligible Wesen, oder bloß intelligible Eigenschaften der Dinge der
+Sinnenwelt, lassen sich mit keiner gegründeten Befugnis der Vernunft
+als Meinung annehmen, obzwar (weil man von ihrer Möglichkeit oder
+Unmöglichkeit keine Begriffe hat) auch durch keine vermeinte bessere
+Einsicht dogmatisch ableugnen.
+
+Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine anderen Dinge
+und Erklärungsgründe, als die, so nach schon bekannten Gesetzen
+der Erscheinungen mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden,
+angeführt werden. Eine transzendentale Hypothese, bei der eine bloße
+Idee der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde
+daher gar keine Erklärung sein, indem das, was man aus bekannten
+empirischen Prinzipien nicht hinreichend versteht, durch etwas erklärt
+werden würde, davon man gar nichts versteht. Auch würde das Prinzip
+einer solchen Hypothese eigentlich nur zur Befriedigung der Vernunft
+und nicht zur Beförderung des Verstandesgebrauchs in Ansehung der
+Gegenstände dienen. Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muß
+wiederum aus Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und
+hier sind selbst die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind,
+erträglicher, als eine hyperphysische, d.i. die Berufung auf einen
+göttlichen Urheber, den man zu diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre
+ein Prinzip der faulen Vernunft (ignava ratio), alle Ursachen, deren
+objektive Realität, wenigstens der Möglichkeit nach, man noch durch
+fortgesetzte Erfahrung kann kennenlernen, auf einmal vorbeizugehen, um
+sich in einer bloßen Idee, die der Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen.
+Was aber die absolute Totalität des Erklärungsgrundes in der Reihe
+derselben betrifft, so kann das kein Hindernis in Ansehung der
+Weltobjekte machen, weil, da diese nichts als Erscheinungen sind,
+an ihnen niemals etwas Vollendetes in der Synthesis der Reihen von
+Bedingungen gehofft werden kann.
+
+Transzendentale Hypothesen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft,
+und eine Freiheit, zu Ersetzung des Mangels an physischen
+Erklärungsgründen, sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann
+gar nicht gestattet werden, teils weil die Vernunft dadurch gar nicht
+weiter gebracht wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres
+Gebrauchs abschneidet, teils weil diese Lizenz sie zuletzt um alle
+Früchte der Bearbeitung ihres eigentümlichen Bodens, nämlich der
+Erfahrung, bringen müßte. Denn, wenn uns die Naturerklärung hier
+oder da schwer wird, so haben wir beständig einen transzendenten
+Erklärungsgrund bei der Hand, der uns jener Untersuchung überhebt,
+und unsere Nachforschung schließt nicht durch Einsicht, sondern durch
+gänzliche Unbegreiflichkeit eines Prinzips, welches so schon zum
+voraus ausgedacht war, daß es den Begriff des absolut Ersten enthalten
+mußte.
+
+Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer
+Hypothese ist die Zulänglichkeit derselben, um daraus a priori die
+Folgen, welche gegeben sind, zu bestimmen. Wenn man zu diesem Zwecke
+hilfleistende Hypothesen herbeizurufen genötigt ist, so geben sie den
+Verdacht einer bloßen Erdichtung, weil jede derselben an sich dieselbe
+Rechtfertigung bedarf, welche der zum Grunde gelegte Gedanke nötig
+hatte, und daher keinen tüchtigen Zeugen abgeben kann. Wenn, unter
+Voraussetzung einer unbeschränkt vollkommenen Ursache, zwar an
+Erklärungsgründen aller Zweckmäßigkeit, Ordnung und Größe, die sich
+in der Welt finden, kein Mangel ist, so bedarf jene doch, bei den,
+wenigstens nach unseren Begriffen, sich zeigenden Abweichungen und
+Übeln, noch neuer Hypothesen, um gegen diese, als Einwürfe, gerettet
+zu werden. Wenn die einfache Selbständigkeit der menschlichen
+Seele, die zum Grunde ihrer Erscheinungen gelegt worden, durch die
+Schwierigkeiten ihrer, den Abänderungen einer Materie (dem Wachstum
+und Abnahme) ähnlichen Phänomene angefochten wird, so müssen neue
+Hypothesen zu Hilfe gerufen werden, die zwar nicht ohne Schein, aber
+doch ohne alle Beglaubigung sind, außer derjenigen, welche ihnen die
+zum Hauptgrunde angenommene Meinung gibt, der sie gleichwohl das Wort
+reden sollen.
+
+Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen
+(unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens)
+nicht als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmate gelten
+sollen, so ist alsdann von ihnen gar nicht die Rede. In solchem Falle
+aber sehe man sich ja vor, daß der Beweis die apodiktische Gewißheit
+einer Demonstration habe. Denn die Wirklichkeit solcher Ideen bloß
+wahrscheinlich machen zu wollen, ist ein ungereimter Vorsatz, ebenso,
+als wenn man einen Satz der Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen
+gedächte. Die von aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles
+nur a priori und als notwendig oder gar nicht erkennen; daher ist ihr
+Urteil niemals Meinung, sondern entweder Enthaltung von allem Urteile,
+oder apodiktische Gewißheit. Meinungen und wahrscheinliche Urteile
+von dem, was Dingen zukommt, können nur als Erklärungsgründe dessen,
+was wirklich gegeben ist, oder Folgen nach empirischen Gesetzen von
+dem, was als wirklich zum Grunde liegt, mithin nur in der Reihe der
+Gegenstände der Erfahrung vorkommen. Außer diesem Felde ist meinen so
+viel, als mit Gedanken spielen, es müßte denn sein, daß man von einem
+unsicheren Wege des Urteils bloß die Meinung hätte, vielleicht auf ihm
+die Wahrheit zu finden.
+
+Ob aber gleich bei bloß spekulativen Fragen der reinen Vernunft keine
+Hypothesen stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie
+dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu verteidigen, d.i.
+zwar nicht im dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche. Ich
+verstehe aber unter Verteidigung nicht die Vermehrung der Beweisgründe
+seiner Behauptung, sondern die bloße Vereitlung der Scheineinsichten
+des Gegners, welche unserem behaupteten Satze Abbruch tun sollen.
+Nun haben aber alle synthetischen Sätze aus reiner Vernunft das
+Eigentümliche an sich: daß, wenn der, welcher die Realität gewisser
+Ideen behauptet, gleich niemals so viel weiß, um diesen seinen Satz
+gewiß zu machen, auf der anderen Seite der Gegner ebensowenig wissen
+kann, um das Widerspiel zu behaupten. Diese Gleichheit des Loses
+der menschlichen Vernunft, begünstigt nun zwar im spekulativen
+Erkenntnisse keinen von beiden, und da ist auch der rechte Kampfplatz
+nimmer beizulegender Fehden. Es wird sich aber in der Folge zeigen,
+daß doch, in Ansehung des praktischen Gebrauchs, die Vernunft ein
+Recht habe, etwas anzunehmen, was sie auf keine Weise im Felde der
+bloßen Spekulation, ohne hinreichende Beweisgründe, vorauszusetzen
+befugt wäre; weil alle solche Voraussetzungen der Vollkommenheit
+der Spekulation Abbruch tun, um welche sich aber das praktische
+Interesse gar nicht bekümmert. Dort ist sie also im Besitze, dessen
+Rechtmäßigkeit sie nicht beweisen darf, und wovon sie in der Tat den
+Beweis auch nicht führen könnte. Der Gegner soll also beweisen. Da
+dieser aber ebensowenig etwas von dem bezweifelten Gegenstande weiß,
+um dessen Nichtsein darzutun, als der erstere, der dessen Wirklichkeit
+behauptet: so zeigt sich hier ein Vorteil auf der Seite desjenigen,
+der etwas als praktisch notwendige Voraussetzung behauptet (melior est
+conditio possidentis). Es steht ihm nämlich frei, sich gleichsam aus
+Notwehr eben derselben Mittel für seine gute Sache, als der Gegner
+wider dieselbe, d.i. der Hypothesen zu bedienen, die gar nicht dazu
+dienen sollen, um den Beweis derselben zu verstärken, sondern nur zu
+zeigen, daß der Gegner viel zu wenig von dem Gegenstande des Streites
+verstehe, als daß er sich eines Vorteils der spekulativen Einsicht in
+Ansehung unserer schmeicheln könne.
+
+Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen
+erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, sondern nur es zu
+verteidigen. Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst
+suchen. Denn spekulative Vernunft in ihrem transzendentalen Gebrauche
+ist an sich dialektisch. Die Einwürfe, die zu fürchten sein möchten,
+liegen in uns selbst. Wir müssen sie, gleich alten, aber niemals
+verjährenden Ansprüchen, hervorsuchen, um einen ewigen Frieden auf
+deren Vernichtigung zu gründen. Äußere Ruhe ist nur scheinbar. Der
+Keim der Anfechtungen, der in der Natur der Menschenvernunft liegt,
+muß ausgerottet werden; wie können wir ihn aber ausrotten, wenn wir
+ihm nicht Freiheit, ja selbst Nahrung geben, Kraut auszuschießen, um
+sich dadurch zu entdecken, und es nachher mit der Wurzel zu vertilgen?
+Sinnet demnach selbst auf Einwürfe, auf die noch kein Gegner gefallen
+ist, und leihet ihm sogar Waffen, oder räumet ihm den günstigsten
+Platz ein, den er sich nur wünschen kann. Es ist hierbei gar nichts
+zu fürchten, wohl aber zu hoffen, nämlich, daß ihr euch einen in alle
+Zukunft niemals mehr anzufechtenden Besitz verschaffen werdet.
+
+Zu euerer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen der
+reinen Vernunft, welche, obzwar nur bleierne Waffen (weil sie durch
+kein Erfahrungsgesetz gestählt sind), dennoch immer so viel vermögen,
+als die, deren sich irgendein Gegner wider euch bedienen mag. Wenn
+euch also, wider die (in irgendeiner anderen nicht spekulativen
+Rücksicht) angenommene immaterielle und keiner körperlichen Umwandlung
+unterworfene Natur der Seele, die Schwierigkeit aufstößt, daß
+gleichwohl die Erfahrung sowohl die Erhebung, als Zerrüttung unserer
+Geisteskräfte bloß als verschiedene Modifikation unserer Organen zu
+beweisen scheine; so könnt ihr die Kraft dieses Beweises dadurch
+schwächen, daß ihr annehmt, unser Körper sei nichts, als die
+Fundamentalerscheinung, worauf, als Bedingung, sich in dem jetzigen
+Zustande (im Leben) das ganze Vermögen der Sinnlichkeit und hiermit
+alles Denken bezieht. Die Trennung vom Körper sei das Ende dieses
+sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntniskraft und der Anfang des
+intellektuellen. Der Körper wäre also nicht die Ursache des Denkens,
+sondern eine bloß restringierende Bedingung desselben, mithin zwar
+als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto mehr auch
+als Hindernis des reinen und spirituellen Lebens anzusehen, und die
+Abhängigkeit des ersteren von der körperlichen Beschaffenheit bewiese
+nichts für die Abhängigkeit des ganzen Lebens von dem Zustande unserer
+Organen. Ihr könnt aber noch weiter gehen, und wohl gar neue, entweder
+nicht aufgeworfene, oder nicht weit genug getriebene Zweifel ausfindig
+machen.
+
+Die Zufälligkeit der Zeugungen, die bei Menschen, sowie beim
+vernunftslosen Geschöpfe, von der Gelegenheit, überdem aber auch oft
+vom Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Einfällen, oft
+sogar vom Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeit wider
+die Meinung der auf Ewigkeiten sich erstreckenden Fortdauer eines
+Geschöpfs, dessen Leben unter so unerheblichen und unserer Freiheit
+so ganz und gar überlassenen Umständen zuerst angefangen hat. Was die
+Fortdauer der ganzen Gattung (hier auf Erden) betrifft, so hat diese
+Schwierigkeit in Ansehung derselben wenig auf sich, weil der Zufall im
+Einzelnen nichtsdestoweniger einer Regel im Ganzen unterworfen ist;
+aber in Ansehung eines jeden Individuum eine so mächtige Wirkung von
+so geringfügigen Ursachen zu erwarten, scheint allerdings bedenklich.
+Hiewider könnt ihr aber eine transzendentale Hypothese aufbieten: daß
+alles Leben eigentlich nur intelligibel sei, den Zeitveränderungen
+gar nicht unterworfen, und weder durch Geburt angefangen habe, noch
+durch den Tod geendigt werde. Daß dieses Leben nichts als eine bloße
+Erscheinung, d.i. eine sinnliche Vorstellung von dem reinen geistigen
+Leben, und die ganze Sinnenwelt ein bloßes Bild sei, welches unserer
+jetzigen Erkenntnisart vorschwebt, und, wie ein Traum, an sich keine
+objektive Realität habe: dass, wenn wir die Sachen und uns selbst
+anschauen sollen, wie sie sind, wir uns in einer Welt geistiger
+Naturen sehen würden, mit welcher unsere einzig wahre Gemeinschaft
+weder durch Geburt angefangen habe, noch durch den Leibestod (als
+bloße Erscheinungen) aufhören werde, usw.
+
+Ob wir nun gleich von allem diesem, was wir hier wider den Angriff
+hypothetisch vorschützen, nicht das Mindeste wissen, noch im Ernste
+behaupten, sondern alles nicht einmal Vernunftidee, sondern bloß zur
+Gegenwehr ausgedachter Begriff ist, so verfahren wir doch hierbei
+ganz vernunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alle Möglichkeit
+erschöpft zu haben meint, indem er den Mangel ihrer empirischen
+Bedingungen für einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des von uns
+Geglaubten fälschlich ausgibt, nur zeigen: daß er ebensowenig durch
+bloße Erfahrungsgesetze das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst
+umspannen, als wir außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend
+etwas auf gegründete Art erwerben können. Der solche hypothetische
+Gegenmittel wider die Anmaßungen des dreist verneinenden Gegners
+verkehrt, muß nicht dafür gehalten werden, als wolle er sie sich
+als seine wahren Meinungen eigen machen. Er verläßt sie, sobald er
+den dogmatischen Eigendünkel des Gegners abgefertigt hat. Denn so
+bescheiden und gemäßigt es auch anzusehen ist, wenn jemand sich in
+Ansehung fremder Behauptungen bloß weigernd und verneinend verhält,
+so ist doch jederzeit, sobald er diese seine Einwürfe als Beweise des
+Gegenteils geltend machen will, der Anspruch nicht weniger stolz und
+eingebildet, als ob er die bejahende Partei und deren Behauptung
+ergriffen hätte.
+
+Man sieht also hieraus, daß im spekulativen Gebrauche der Vernunft
+Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur
+relativ auf entgegengesetzte transzendente Anmaßungen haben. Denn die
+Ausdehnung der Prinzipien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit der
+Dinge überhaupt ist ebensowohl transzendent, als die Behauptung der
+objektiven Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände nirgends
+als außerhalb der Grenze aller möglichen Erfahrung finden können. Was
+reine Vernunft assertorisch urteilt, muß (wie alles, was Vernunft
+erkennt,) notwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie
+in der Tat gar keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind
+nur problematische Urteile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich
+freilich durch nichts bewiesen werden können, und sind also keine
+Privatmeinungen, können aber doch nicht füglich (selbst zur inneren
+Beruhigung) gegen sich regende Skrupel entbehrt werden. In dieser
+Qualität aber muß man sie erhalten, und ja sorgfältig verhüten, daß
+sie nicht gleich als an sich selbst beglaubigt, und von einiger
+absoluten Gültigkeit, auftreten, und die Vernunft unter Erdichtungen
+und Blendwerken ersäufen.
+
+
+
+Des ersten Hauptstücks
+Vierter Abschnitt
+Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise
+
+Die Beweise transzendentaler und synthetischer Sätze haben das
+Eigentümliche, unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntnis
+a priori, an sich, daß die Vernunft bei jenen vermittelst seiner
+Begriffe sich nicht geradezu an den Gegenstand wenden darf, sondern
+zuvor die objektive Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der
+Synthesis derselben a priori dartun muß. Dieses ist nicht etwa bloß
+eine nötige Regel der Behutsamkeit, sondern betrifft das Wesen und die
+Möglichkeit der Beweise selbst. Wenn ich über den Begriff von einem
+Gegenstande a priori hinausgehen soll, so ist dieses, ohne einen
+besonderen und außerhalb diesem Begriffe befindlichen Leitfaden,
+unmöglich. In der Mathematik ist es die Anschauung a priori, die meine
+Synthesis leitet, und da können alle Schlüsse unmittelbar an der
+reinen Anschauung geführt werden. Im transzendentalen Erkenntnis,
+so lange es bloß mit Begriffen des Verstandes zu tun hat, ist diese
+Richtschnur die mögliche Erfahrung. Der Beweis zeigt nämlich nicht,
+daß der gegebene Begriff (z.B. von dem, was geschieht,) geradezu auf
+einen anderen Begriff (dem einer Ursache) führe; denn dergleichen
+Übergang wäre ein Sprung, der sich gar nicht verantworten ließe;
+sondern er zeigt, daß die Erfahrung selbst, mithin das Objekt der
+Erfahrung, ohne eine solche Verknüpfung unmöglich wäre. Also mußte der
+Beweis zugleich die Möglichkeit anzeigen, synthetisch und a priori zu
+einer gewissen Erkenntnis von Dingen zu gelangen, die in dem Begriffe
+von ihnen nicht enthalten war. Ohne diese Aufmerksamkeit laufen
+die Beweise wie Wasser, welche ihre Ufer durchbrechen, wild und
+querfeldein, dahin, wo der Hang der verborgenen Assoziation sie
+zufälligerweise herleitet. Der Schein der Überzeugung, welcher auf
+subjektiven Ursachen der Assoziation beruht, und für die Einsicht
+einer natürlichen Affinität gehalten wird, kann der Bedenklichkeit gar
+nicht die Wage halten, die sich billigermaßen über dergleichen gewagte
+Schritte einfinden muß. Daher sind auch alle Versuche, den Satz des
+zureichenden Grundes zu beweisen, nach dem allgemeinen Geständnisse
+der Kenner, vergeblich gewesen, und ehe die transzendentale Kritik
+auftrat, hat man lieber, da man diesen Grundsatz doch nicht verlassen
+konnte, sich trotzig auf den gesunden Menschenverstand berufen,
+(eine Zuflucht, die jederzeit beweist, daß die Sache der Vernunft
+verzweifelt ist,) als neue dogmatische Beweise versuchen wollen.
+
+Ist aber der Satz, über den ein Beweis geführt werden soll, eine
+Behauptung der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer
+Ideen über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müßte derselbe
+noch vielmehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der
+Synthesis (wenn er anders möglich wäre) als eine notwendige Bedingung
+seiner Beweiskraft in sich enthalten. So scheinbar daher auch der
+vermeintliche Beweis der einfachen Natur unserer denkenden Substanz
+aus der Einheit der Apperzeption sein mag, so steht ihm doch die
+Bedenklichkeit unabweislich entgegen: daß, da die absolute Einfachheit
+doch kein Begriff ist, der unmittelbar auf eine Wahrnehmung bezogen
+werden kann, sondern als Idee bloß geschlossen werden muß, gar nicht
+einzusehen ist, wie mich das bloße Bewußtsein, welches in allem Denken
+enthalten ist, oder wenigstens sein kann, ob es zwar sofern eine
+einfache Vorstellung ist, zu dem Bewußtsein und der Kenntnis eines
+Dinges überführen solle, in welchem das Denken allein enthalten
+sein kann. Denn, wenn ich mir die Kraft meines Körpers in Bewegung
+vorstelle, so ist er sofern für mich absolute Einheit, und meine
+Vorstellung von ihm ist einfach; daher kann ich diese auch durch die
+Bewegung eines Punkts ausdrücken, weil sein Volumen hierbei nichts
+tut, und, ohne Verminderung der Kraft, so klein, wie man will, und
+also auch als in einem Punkt befindlich gedacht werden kann. Hieraus
+werde ich aber doch nicht schließen: daß, wenn mir nichts, wie die
+bewegende Kraft eines Körpers, gegeben ist, der Körper als einfache
+Substanz gedacht werden könne, darum, weil seine Vorstellung von aller
+Größe des Raumesinhalts abstrahiert und also einfach ist. Hierdurch
+nun, daß das Einfache in der Abstraktion vom Einfachen im Objekt ganz
+unterschieden ist, und daß das Ich, welches im ersteren Verstande
+gar keine Mannigfaltigkeit in sich faßt, im zweiten, da es die Seele
+selbst bedeutet, ein sehr komplexen Begriff sein kann, nämlich sehr
+vieles unter sich zu enthalten und zu bezeichnen, entdecke ich einen
+Paralogismus. Allein, um diesen vorher zu ahnden, (denn ohne eine
+solche vorläufige Vermutung würde man gar keinen Verdacht gegen den
+Beweis fassen,) ist durchaus nötig, ein immerwährendes Kriterium der
+Möglichkeit solcher synthetischen Sätze die mehr beweisen sollen, als
+Erfahrung geben kann, bei Hand zu haben, welches darin besteht: daß
+der Beweis nicht geradezu auf das verlangte Prädikat, sondern nur
+vermittelst eines Prinzips der Möglichkeit, unseren gegebenen Begriff
+a priori bis zu Ideen zu erweitern, und diese zu realisieren, geführt
+werde. Wenn diese Behutsamkeit immer gebraucht wird, wenn man, ehe der
+Beweis noch versucht wird, zuvor weislich bei sich zu Rate geht, wie
+und mit welchem Grunde der Hoffnung man wohl eine solche Erweiterung
+durch reine Vernunft erwarten könne, und woher man, in dergleichen
+Falle, diese Einsichten, die nicht aus Begriffen entwickelt, und auch
+nicht in Beziehung auf mögliche Erfahrung antizipiert werden können,
+denn hernehmen wolle: so kann man sich viel schwere und dennoch
+fruchtlose Bemühungen ersparen, indem man der Vernunft nichts zumutet,
+was offenbar über ihr Vermögen geht, oder vielmehr sie, die, bei
+Anwandlungen ihrer spekulativen Erweiterungssucht, sich nicht gerne
+einschränken läßt, der Disziplin der Enthaltsamkeit unterwirft.
+
+Die erste Regel ist also diese: keine transzendentalen Beweise zu
+versuchen, ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu
+haben, woher man die Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie zu
+errichten gedenkt, und mit welchem Rechte man von ihnen den guten
+Erfolg der Schlüsse erwarten könne. Sind es Grundsätze des Verstandes
+(z.B. der Kausalität), so ist es umsonst, vermittelst ihrer zu Ideen
+der reinen Vernunft zu gelangen; denn jene gelten nur für Gegenstände
+möglicher Erfahrung. Sollen es Grundsätze aus reiner Vernunft sein,
+so ist wiederum alle Mühe umsonst. Denn die Vernunft hat deren zwar,
+aber als objektive Grundsätze sind sie insgesamt dialektisch, und
+können allenfalls nur wie regulative Prinzipien des systematisch
+zusammenhängenden Erfahrungsgebrauchs gültig sein. Sind aber
+dergleichen angebliche Beweise schon vorhanden: so setzet der
+trüglichen Überzeugung das non liquet eurer gereiften Urteilskraft
+entgegen, und, ob ihr gleich das Blendwerk derselben noch nicht
+durchdringen könnt, so habt ihr doch völliges Recht, die Deduktion der
+darin gebrauchten Grundsätze zu verlangen, welche, wenn sie aus bloßer
+Vernunft entsprungen sein sollen, euch niemals geschafft werden kann.
+Und so habt ihr nicht einmal nötig, euch mit der Entwicklung und
+Widerlegung eines jeden grundlosen Scheins zu befassen, sondern könnt
+alle an Kunstgriffen unerschöpfliche Dialektik am Gerichtshofe einer
+kritischen Vernunft, welche Gesetze verlangt, in ganzen Haufen auf
+einmal abweisen.
+
+Die zweite Eigentümlichkeit transzendentaler Beweise ist diese: daß zu
+jedem transzendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden werden
+könne. Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung, die
+einem Begriffe korrespondiert, es sei nun eine reine Anschauung, wie
+in der Mathematik, oder empirische, wie in der Naturwissenschaft,
+schließen: so gibt mir die zum Grunde gelegte Anschauung
+mannigfaltigen Stoff zu synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr wie
+eine Art verknüpfen, und, indem ich von mehr wie einem Punkte ausgehen
+darf, durch verschiedene Wege zu demselben Satze gelangen kann.
+
+Nun geht aber ein jeder transzendentaler Satz bloß von Einem Begriffe
+aus, und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des
+Gegenstandes nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein
+einziger sein, weil außer diesem Begriffe nichts weiter ist, wodurch
+der Gegenstand bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter,
+als die Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe,
+der auch nur ein einziger ist, enthalten kann. Wir hatten z.B. in der
+transzendentalen Analytik den Grundsatz: alles, was geschieht, hat
+eine Ursache, aus der einzigen Bedingung der objektiven Möglichkeit
+eines Begriffs, von dem, was überhaupt geschieht, gezogen: daß die
+Bestimmung einer Begebenheit in der Zeit, mithin diese (Begebenheit)
+als zur Erfahrung gehörig, ohne unter einer solchen dynamischen Regel
+zu stehen, unmöglich wäre. Dieses ist nun auch der einzig mögliche
+Beweisgrund; denn dadurch nur, daß dem Begriffe vermittelst des
+Gesetzes der Kausalität ein Gegenstand bestimmt wird, hat die
+vorgestellte Begebenheit objektive Gültigkeit, d.i. Wahrheit. Man
+hat zwar noch andere Beweise von diesem Grundsatze z.B. aus der
+Zufälligkeit versucht; allein, wenn dieser beim Lichten betrachtet
+wird, so kann man kein Kennzeichen der Zufälligkeit auffinden, als das
+Geschehen, d.i. das Dasein, vor welchem ein Nichtsein des Gegenstandes
+vorhergeht, und kommt also immer wiederum auf den nämlichen
+Beweisgrund zurück. Wenn der Satz bewiesen werden soll: alles, was
+denkt, ist einfach; so hält man sich nicht bei dem Mannigfaltigen des
+Denkens auf, sondern beharrt bloß bei dem Begriffe des Ich, welcher
+einfach ist und worauf alles Denken bezogen wird. Ebenso ist es mit
+dem transzendentalen Beweise vom Dasein Gottes bewandt, welcher
+lediglich auf der Reziprokabilität der Begriffe vom realsten und
+notwendigen Wesen beruht, und nirgends anders gesucht werden kann.
+
+Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der
+Vernunftbehauptungen sehr ins Kleine gebracht. Wo Vernunft ihr
+Geschäft durch bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis
+möglich, wenn überall nur irgendeiner möglich ist. Daher, wenn man
+schon den Dogmatiker mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man
+sicher glauben, daß er gar keinen habe. Denn, hätte er einen, der (wie
+es in Sachen der reinen Vernunft sein muß) apodiktisch bewiese, wozu
+bedürfte er der übrigen? Seine Absicht ist nur, wie die von jenem
+Parlamentsadvokaten: das eine Argument ist für diesen, das andere für
+jenen, nämlich, um sich die Schwäche seiner Richter zunutze zu machen,
+die, ohne sich tief einzulassen, und, um von dem Geschäft bald
+loszukommen, das Erstebeste, was ihnen eben auffällt, ergreifen und
+darnach entscheiden.
+
+Die dritte eigentümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in
+Ansehung transzendentaler Beweise einer Disziplin unterworfen wird,
+ist: daß ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv
+sein müssen. Der direkte oder ostensive Beweis ist in aller Art der
+Erkenntnis derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit,
+zugleich Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische
+dagegen kann zwar Gewißheit, aber nicht Begrifflichkeit der Wahrheit
+in Ansehung des Zusammenhanges mit den Gründen ihrer Möglichkeit
+hervorbringen. Daher sind die letzteren mehr eine Nothilfe, als ein
+Verfahren, welches allen Absichten der Vernunft ein Genüge tut. Doch
+haben diese einen Vorzug der Evidenz vor den direkten Beweisen, darin:
+daß der Widerspruch allemal mehr Klarheit in der Vorstellung bei sich
+führt, als die beste Verknüpfung, und sich dadurch dem Anschaulichen
+einer Demonstration mehr nähert.
+
+Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in
+verschiedenen Wissenschaften ist wohl diese. Wenn die Gründe, von
+denen eine gewisse Erkenntnis abgeleitet werden soll, zu mannigfaltig
+oder zu tief verborgen liegen: so versucht man, ob sie nicht durch die
+Folgen zu erreichen sei. Nun wäre der modus ponens, auf die Wahrheit
+einer Erkenntnis aus der Wahrheit ihrer Folgen zu schließen, nur
+alsdann erlaubt, wenn alle möglichen Folgen daraus wahr sind; denn
+alsdann ist zu diesem nur ein einziger Grund möglich, der also auch
+der wahre ist. Dieses Verfahren aber ist untunlich, weil es über
+unsere Kräfte geht, alle möglichen Folgen von irgendeinem angenommenen
+Satze einzusehen; doch bedient man sich dieser Art zu schließen,
+obzwar freilich mit einer gewissen Nachsicht, wenn es darum zu tun
+ist, um etwas bloß als Hypothese zu beweisen, indem man den Schluß
+nach der Analogie einräumt: daß, wenn so viele Folgen, als man
+nur immer versucht hat, mit einem angenommenen Grunde wohl
+zusammenstimmen, alle übrigen möglichen auch darauf einstimmen
+werden. Um deswillen kann durch diesen Weg niemals eine Hypothese
+in demonstrierte Wahrheit verwandelt werden. Der modus tollens der
+Vernunftschlüsse, die von den Folgen auf die Gründe schließen, beweist
+nicht allein ganz strenge, sondern auch überaus leicht. Denn, wenn
+auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden
+kann, so ist dieser Satz falsch. Anstatt nun die ganze Reihe der
+Gründe in einem ostensiven Beweise durchzulaufen, die auf die Wahrheit
+einer Erkenntnis, vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre
+Möglichkeit, führen kann, darf man nur unter den aus dem Gegenteil
+derselben fließenden Folgen eine einzige falsch finden, so ist dieses
+Gegenteil auch falsch, mithin die Erkenntnis, welche man zu beweisen
+hatte, wahr.
+
+Die apagogische Beweisart kann aber nur in den Wissenschaften erlaubt
+sein, wo es unmöglich ist, das Subjektive unserer Vorstellungen dem
+Objektiven, nämlich der Erkenntnis desjenigen, was am Gegenstande ist,
+unterzuschieben. Wo dieses letztere aber herrschend ist, da muß es
+sich häufig zutragen, daß das Gegenteil eines gewissen Satzes entweder
+bloß den subjektiven Bedingungen des Denkens widerspricht, aber nicht
+dem Gegenstande, oder daß beide Sätze nur unter einer subjektiven
+Bedingung, die, fälschlich für objektiv gehalten, einander
+widersprechen, und da die Bedingung falsch ist, alle beide falsch sein
+können, ohne daß von der Falschheit des einen auf die Wahrheit des
+anderen geschlossen werden kann.
+
+In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich; daher haben sie
+daselbst auch ihren eigentlichen Platz. In der Naturwissenschaft, weil
+sich daselbst alles auf empirische Anschauungen gründet, kann jene
+Erschleichung durch viel verglichene Beobachtungen zwar so mehrenteils
+verhütet werden; aber diese Beweisart ist daselbst doch mehrenteils
+unerheblich. Aber die transzendentalen Versuche der reinen Vernunft
+werden insgesamt innerhalb dem eigentlichen Medium des dialektischen
+Scheins angestellt, d.i. des Subjektiven, welches sich der Vernunft in
+ihren Prämissen als objektiv anbietet, oder gar aufdrängt. Hier nun
+kann es, was synthetische Sätze betrifft, gar nicht erlaubt werden,
+seine Behauptungen dadurch zu rechtfertigen, daß man das Gegenteil
+widerlegt. Denn, entweder diese Widerlegung ist nichts anderes, als
+die bloße Vorstellung des Widerstreits der entgegengesetzten Meinung,
+mit den subjektiven Bedingungen der Begreiflichkeit durch unsere
+Vernunft, welches gar nichts dazu tut, um die Sache selbst darum zu
+verwerfen, (sowie z.B. die unbedingte Notwendigkeit im Dasein eines
+Wesens schlechterdings von uns nicht begriffen werden kann, und sich
+daher subjektiv jedem spekulativen Beweise eines notwendigen obersten
+Wesens mit Recht, der Möglichkeit eines solchen Urwesens aber an sich
+selbst mit Unrecht widersetzt,) oder beide, sowohl der behauptende,
+als der verneinende Teil, legen, durch den transzendentalen Schein
+betrogen, einen unmöglichen Begriff vom Gegenstande zum Grunde, und da
+gilt die Regel: non entis nulla sunt praedicata, d.i. sowohl was man
+bejahend, als was man verneinend von dem Gegenstande behauptete, ist
+beides unrichtig, und man kann nicht apagogisch durch die Widerlegung
+des Gegenteils zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. So wie zum
+Beispiel, wenn vorausgesetzt wird, daß die Sinnenwelt an sich selbst
+ihrer Totalität nach gegeben sei, so ist es falsch, daß sie entweder
+unendlich dem Raume nach, oder endlich und begrenzt sein müsse, darum
+weil beides falsch ist. Denn Erscheinungen (als bloße Vorstellungen),
+die doch an sich selbst (als Objekte) gegeben wären, sind etwas
+Unmögliches, und die Unendlichkeit dieses eingebildeten Ganzen würde
+zwar unbedingt sein, widerspräche aber (weil alles an Erscheinungen
+bedingt ist) der unbedingten Größenbestimmung, die doch im Begriffe
+vorausgesetzt wird.
+
+Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk, womit
+die Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler
+jederzeit hingehalten worden: sie ist gleichsam der Champion, der
+die Ehre und das unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch
+beweisen will, daß er sich mit jedermann zu raufen anheischig macht,
+der es bezweifeln wollte, obgleich durch solche Großsprecherei nichts
+in der Sache, sondern nur der respektiven Stärke der Gegner ausgemacht
+wird, und zwar auch nur auf der Seite desjenigen, der sich angreifend
+verhält. Die Zuschauer, indem sie sehen, daß ein jeder in seiner
+Reihe bald Sieger ist, bald unterliegt, nehmen oftmals daraus Anlaß,
+das Objekt des Streites selbst skeptisch zu bezweifeln. Aber sie
+haben nicht Ursache dazu, und es ist genug, ihnen zuzurufen: non
+defensoribus istis tempus eget. Ein jeder muß seine Sache vermittelst
+eines durch transzendentale Deduktion der Beweisgründe geführten
+rechtlichen Beweises, d.i. direkt, führen, damit man sehe, was seine
+Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben. Denn, fußet sich
+sein Gegner auf subjektive Gründe, so ist er freilich leicht zu
+widerlegen, aber ohne Vorteil für den Dogmatiker, der gemeiniglich
+ebenso den subjektiven Ursachen des Urteils anhängt, und
+gleichergestalt von seinem Gegner in die Enge getrieben werden kann.
+Verfahren aber beide Teile bloß direkt, so werden sie entweder
+die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, den Titel ihrer Behauptungen
+auszufinden, von selbst bemerken, und sich zuletzt nur auf Verjährung
+berufen können, oder die Kritik wird den dogmatischen Schein leicht
+entdecken, und die reine Vernunft nötigen, ihre zu hoch getriebenen
+Anmaßungen im spekulativen Gebrauch aufzugeben, und sich innerhalb die
+Grenzen ihres eigentümlichen Bodens, nämlich praktischer Grundsätze,
+zurückzuziehen.
+
+
+
+Der transzendentalen Methodenlehre
+Zweites Hauptstück
+Der Kanon der reinen Vernunft
+
+Es ist demütigend für die menschliche Vernunft, daß sie in ihrem
+reinen Gebrauche nichts ausrichtet, und sogar noch einer Disziplin
+bedarf, um ihre Ausschweifungen zu bändigen, und die Blendwerke, die
+ihr daher kommen, zu verhüten. Allein andererseits erhebt es sie
+wiederum und gibt ihr ein Zutrauen zu sich selbst, daß sie diese
+Disziplin selbst ausüben kann und muß, ohne eine andere Zensur
+über sich zu gestatten, imgleichen daß die Grenzen, die sie ihrem
+spekulativen Gebrauche zu setzen genötigt ist, zugleich die
+vernünftelnden Anmaßungen jeden Gegners einschränken, und mithin
+alles, was ihr noch von ihren vorher übertriebenen Forderungen
+übrigbleiben möchte, gegen alle Angriffe sicherstellen könne. Der
+größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen
+Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organon,
+zur Erweiterung, sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient,
+und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat,
+Irrtümer zu verhüten.
+
+Indessen muß es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen
+geben, welche ins Gebiet der reinen Vernunft gehören, und die
+vielleicht nur durch Mißverstand zu Irrtümern Anlaß geben, in der Tat
+aber das Ziel der Beeiferung der Vernunft ausmachen. Denn welcher
+Ursache sollte sonst wohl die nicht zu dämpfende Begierde, durchaus
+über die Grenze der Erfahrung hinaus irgendwo festen Fuß zu fassen,
+zuzuschreiben sein? Sie ahndet Gegenstände, die ein großes Interesse
+für sie bei sich führen. Sie tritt den Weg der bloßen Spekulation
+an, um sich ihnen zu nähern; aber diese fliehen vor sie. Vermutlich
+wird auf dem einzigen Wege, der ihr noch übrig ist, nämlich dem des
+praktischen Gebrauchs, besseres Glück für sie zu hoffen sein.
+
+Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori
+des richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnisvermögen überhaupt. So
+ist die allgemeine Logik in ihrem analytischen Teile ein Kanon für
+Verstand und Vernunft überhaupt, aber nur der Form nach, denn sie
+abstrahiert von allem Inhalte. So war die transzendentale Analytik der
+Kanon des reinen Verstandes; denn der ist allein wahrer synthetischer
+Erkenntnisse a priori fähig. Wo aber kein richtiger Gebrauch einer
+Erkenntniskraft möglich ist, da gibt es keinen Kanon. Nun ist alle
+synthetische Erkenntnis der reinen Vernunft in ihrem spekulativen
+Gebrauche, nach allen bisher geführten Beweisen, gänzlich unmöglich.
+Also gibt es gar keinen Kanon des spekulativen Gebrauchs derselben
+(denn dieser ist durch und durch dialektisch), sondern alle
+transzendentale Logik ist in dieser Absicht nichts als Disziplin.
+Folglich, wenn es überall einen richtigen Gebrauch der reinen Vernunft
+gibt, in welchem Fall es auch einen Kanon derselben geben muß,
+so wird dieser nicht den spekulativen, sondern den praktischen
+Vernunftgebrauch betreffen, den wir also jetzt untersuchen wollen.
+
+
+
+Des Kanons der reinen Vernunft
+Erster Abschnitt
+Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer Vernunft
+
+Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über den
+Erfahrungsgebrauch hinauszugehen, sich in einem reinen Gebrauche und
+vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis
+hinaus zu wagen, und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in
+einem für sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden. Ist
+nun diese Bestrebung bloß auf ihr spekulatives, oder vielmehr einzig
+und allein auf ihr praktisches Interesse gegründet?
+
+Ich will das Glück, welches die reine Vernunft in spekulativer Absicht
+macht, jetzt beiseite setzen, und frage nur nach den Aufgaben, deren
+Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht, sie mag diesen nun erreichen
+oder nicht, und in Ansehung dessen alle anderen bloß den Wert der
+Mittel haben. Diese höchsten Zwecke werden, nach der Natur der
+Vernunft, wiederum Einheit haben müssen, um dasjenige Interesse der
+Menschheit, welches keinem höheren untergeordnet ist, vereinigt zu
+befördern.
+
+Die Endabsicht, worauf die Spekulation der Vernunft im
+transzendentalen Gebrauche zuletzt hinausläuft, betrifft drei
+Gegenstände: die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele,
+und das Dasein Gottes. In Ansehung aller drei ist bloß das spekulative
+Interesse der Vernunft nur sehr gering, und in Absicht auf dasselbe
+würde wohl schwerlich eine ermüdende, mit unaufhörlichen Hindernissen
+ringende Arbeit transz. Nachforschung übernommen werden, weil man von
+allen Entdeckungen, die hierüber zu machen sein möchten, doch keinen
+Gebrauch machen kann, der in concreto, d.i. in der Naturforschung,
+seinen Nutzen bewiese. Der Wille mag auch frei sein, so kann dieses
+doch nur die intelligible Ursache unseres Wollens angehen. Denn, was
+die Phänomene der Äußerungen desselben, d.i. die Handlungen betrifft,
+so müssen wir, nach einer unverletzlichen Grundmaxime, ohne welche wir
+keine Vernunft im empirischen Gebrauche ausüben können, sie niemals
+anders als alle übrigen Erscheinungen der Natur, nämlich nach
+unwandelbaren Gesetzen derselben, erklären. Es mag zweitens auch die
+geistige Natur der Seele (und mit derselben ihre Unsterblichkeit)
+eingesehen werden können, so kann darauf doch, weder in Ansehung der
+Erscheinungen dieses Lebens, als einen Erklärungsgrund, noch auf die
+besondere Beschaffenheit des künftigen Zustandes Rechnung gemacht
+werden, weil unser Begriff einer unkörperlichen Natur bloß negativ
+ist, und unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitert, noch einigen
+tauglichen Stoff zu Folgerungen darbietet, als etwa zu solchen, die
+nur für Erdichtungen gelten können, die aber von der Philosophie
+nicht gestattet werden. Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten
+Intelligenz bewiesen wäre: so würden wir uns zwar daraus das
+Zweckmäßige in der Welteinrichtung und Ordnung in allgemeinen
+begreiflich machen, keineswegs aber befugt sein, irgendeine besondere
+Anstalt und Ordnung daraus abzuleiten, oder, wo sie nicht wahrgenommen
+wird, darauf kühnlich zu schließen, indem es eine notwendige Regel
+des spekulativen Gebrauchs der Vernunft ist, Naturursachen nicht
+vorbeizugehen, und das, wovon wir uns durch Erfahrung belehren können,
+aufzugeben, um etwas, was wir kennen, von demjenigen abzuleiten, was
+alle unsere Kenntnis gänzlich übersteigt. Mit einem Worte, diese drei
+Sätze bleiben für die spekulative Vernunft jederzeit transzendent,
+und haben gar keinen immanenten, d.i. für Gegenstände der Erfahrung
+zulässigen, mithin für uns auf einige Art nützlichen Gebrauch, sondern
+sind an sich betrachtet ganz müßige und dabei noch äußert schwere
+Anstrengungen unserer Vernunft.
+
+Wenn demnach diese drei Kardinalsätze uns zum Wissen gar nicht nötig
+sind, und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen
+werden; so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische
+angehen müssen.
+
+Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist. Wenn die
+Bedingungen der Ausübung unserer freien Willkür aber empirisch sind,
+so kann die Vernunft dabei keinen anderen als regulativen Gebrauch
+haben, und nur die Einheit empirischer Gesetze zu bewirken dienen,
+wie z.B. in der Lehre der Klugheit die Vereinigung aller Zwecke,
+die uns von unseren Neigungen aufgegeben sind, in den einigen, die
+Glückseligkeit, und die Zusammenstimmung der Mittel, um dazu zu
+gelangen, das ganze Geschäft der Vernunft ausmacht, die um deswillen
+keine anderen als pragmatische Gesetze des freien Verhaltens, zu
+Erreichung der uns von den Sinnen empfohlenen Zwecke, und also keine
+reinen Gesetze, völlig a priori bestimmt, liefern kann. Dagegen würden
+reine praktische Gesetze, deren Zweck durch die Vernunft völlig
+a priori gegeben ist, und die nicht empirisch bedingt, sondern
+schlechthin gebieten, Produkte der reinen Vernunft sein. Dergleichen
+aber sind die moralischen Gesetze, mithin gehören diese allein zum
+praktischen Gebrauche der reinen Vernunft, und erlauben einen Kanon.
+
+Die ganze Zurüstung also der Vernunft, in der Bearbeitung, die man
+reine Philosophie nennen kann, ist in der Tat nur auf die drei
+gedachten Probleme gerichtet. Diese selber aber haben wiederum ihre
+entferntere Absicht, nämlich, was zu tun sei, wenn der Wille frei,
+wenn ein Gott und eine künftige Welt ist. Da dieses nun unser
+Verhalten in Beziehung auf den höchsten Zweck betrifft, so ist
+die letzte Absicht der weislich uns versorgenden Natur, bei der
+Einrichtung unserer Vernunft, eigentlich nur aufs Moralische gestellt.
+
+Es ist aber Behutsamkeit nötig, um, da wir unser Augenmerk auf einen
+Gegenstand werfen, der der transzendentalen Philosophie fremd* ist,
+nicht in Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu
+verletzen, andererseits auch, um, indem man von seinem neuen Stoffe
+zu wenig sagt, es an Deutlichkeit oder Überzeugung nicht fehlen zu
+lassen. Ich hoffe beides dadurch zu leisten, daß ich mich so nahe
+als möglich am Transzendentalen halte und das, was etwa hierbei
+psychologisch, d.h. empirisch sein möchte, gänzlich beiseite setze.
+
+* Alle praktischen Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens,
+ oder Mißfallens, d.i. der Lust oder Unlust, mithin, wenigstens
+ indirekt, auf Gegenstände unseres Gefühls. Da dieses aber keine
+ Vorstellungskraft der Dinge ist, sondern außer der gesamten
+ Erkenntniskraft liegt, so gehören die Elemente unserer Urteile,
+ sofern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der
+ praktischen, nicht in den Inbegriff der Transzendentalphilosophie,
+ welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a priori zu tun hat.
+
+Und da ist denn zuerst anzumerken, daß ich mich vorjetzt des Begriffs
+der Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde, und den in
+transzendentaler Bedeutung, welcher nicht als ein Erklärungsgrund der
+Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann, sondern selbst ein
+Problem für die Vernunft ist, hier, als oben abgetan, beiseite setze.
+Eine Willkür nämlich ist bloß tierisch (arbitrium brutum), die nicht
+anders als durch sinnliche Antriebe, d.i. pathologisch bestimmt werden
+kann. Diejenige aber, welche unabhängig von sinnlichen Antrieben,
+mithin durch Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt
+werden, bestimmt werden kann, heißt die freie Willkür (arbitrium
+liberum), und alles, was mit dieser, es sei als Grund oder Folge,
+zusammenhängt, wird Praktisch genannt. Die praktische Freiheit kann
+durch Erfahrung bewiesen werden. Denn, nicht bloß das, was reizt, d.i.
+die Sinne unmittelbar affiziert, bestimmt die menschliche Willkür,
+sondern wir haben ein Vermögen, durch Vorstellungen von dem, was
+selbst auf entfernete Art nützlich oder schädlich ist, die Eindrücke
+auf unser sinnliches Begehrungsvermögen zu überwinden; diese
+Überlegungen aber von dem, was in Ansehung unseres ganzen Zustandes
+begehrungswert, d.i. gut und nützlich ist, beruhen auf der Vernunft.
+Diese gibt daher auch Gesetze, welche Imperative, d.i. objektive
+Gesetze der Freiheit sind, und welche sagen, was geschehen soll, ob es
+gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die
+nur von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch
+praktische Gesetze genannt werden.
+
+Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen, dadurch sie Gesetze
+vorschreibt, nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei,
+und das, was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt, in
+Ansehung höherer und entfernetern wirkender Ursachen nicht wiederum
+Natur sein möge, das geht uns im Praktischen, da wir nur die Vernunft
+um die Vorschrift des Verhaltens zunächst befragen, nichts an, sondern
+ist eine bloß spekulative Frage, die wir, so lange als unsere Absicht
+aufs Tun oder Lassen gerichtet ist, beiseite setzen können. Wir
+erkennen also die praktische Freiheit durch Erfahrung, als eine von
+den Naturursachen, nämlich eine Kausalität der Vernunft in Bestimmung
+des Willens, indessen daß die transzendentale Freiheit eine
+Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in Ansehung ihrer Kausalität,
+eine Reihe von Erscheinungen anzufangen,) von allen bestimmenden
+Ursachen der Sinnenwelt fordert, und sofern dem Naturgesetze, mithin
+aller möglichen Erfahrung, zuwider zu sein scheint, und also ein
+Problem bleibt. Allein vor die Vernunft im praktischen Gebrauche
+gehört dieses Problem nicht, also haben wir es in einem Kanon der
+reinen Vernunft nur mit zwei Fragen zu tun, die das praktische
+Interesse der reinen Vernunft angehen, und in Ansehung deren ein Kanon
+ihres Gebrauchs möglich sein muß, nämlich: ist ein Gott? ist ein
+künftiges Leben? Die Frage wegen der transzendentalen Freiheit
+betrifft bloß das spekulative Wissen, welche wir als ganz gleichgültig
+beiseite setzen können, wenn es um das Praktische zu tun ist, und
+worüber in der Antinomie der reinen Vernunft schon hinreichende
+Erörterung zu finden ist.
+
+
+
+Des Kanons der reinen Vernunft
+Zweiter Abschnitt
+Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des
+letzten Zwecks der reinen Vernunft
+
+Die Vernunft führte uns in ihrem spekulativen Gebrauche durch das
+Feld der Erfahrungen, und, weil daselbst für sie niemals völlige
+Befriedigung anzutreffen ist, von da zu spekulativen Ideen, die uns
+aber am Ende wiederum auf Erfahrung zurückführten, und also ihre
+Absicht auf eine zwar nützliche, aber unserer Erwartung gar nicht
+gemäße Art erfüllten. Nun bleibt uns noch ein Versuch übrig: ob
+nämlich auch reine Vernunft im praktischen Gebrauche anzutreffen sei,
+ob sie in demselben zu den Ideen führe, welche die höchsten Zwecke der
+reinen Vernunft, die wir eben angeführt haben, erreichen, und diese
+also aus dem Gesichtspunkte ihres praktischen Interesses nicht
+dasjenige gewähren könne, was sie uns in Ansehung des spekulativen
+ganz und gar abschlägt.
+
+Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl, als das
+praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen:
+
+ 1. Was kann ich wissen?
+ 2. Was soll ich tun?
+ 3. Was darf ich hoffen?
+
+Die erste Frage ist bloß spekulativ. Wir haben (wie ich mir
+schmeichle) alle möglichen Beantwortungen derselben erschöpft und
+endlich diejenige gefunden, mit welcher sich die Vernunft zwar
+befriedigen muß, und, wenn sie nicht aufs Praktische sieht, auch
+Ursache hat zufrieden zu sein; sind aber von den zwei großen Zwecken,
+worauf diese ganze Bestrebung der reinen Vernunft eigentlich gerichtet
+war, ebenso weit entfernt geblieben, als ob wir uns aus Gemächlichkeit
+dieser Arbeit gleich anfangs verweigert hätten. Wenn es also um Wissen
+zu tun ist, so ist wenigstens so viel sicher und ausgemacht, daß uns
+dieses, in Ansehung jener zwei Aufgaben, niemals zuteil werden könne.
+
+Die zweite Frage ist bloß praktisch. Sie kann als eine solche zwar der
+reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann doch nicht transzendental,
+sondern moralisch, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht
+beschäftigen.
+
+Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun tue, was ich soll, was darf
+ich alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich, so,
+daß das Praktische nur als ein Leitfaden zur Beantwortung der
+theoretischen, und, wenn diese hoch geht, spekulativen Frage führt.
+Denn alles Hoffen geht auf Glückseligkeit, und ist in Absicht auf das
+Praktische und das Sittengesetz eben dasselbe, was das Wissen und das
+Naturgesetz in Ansehung der theoretischen Erkenntnis der Dinge ist.
+Jenes läuft zuletzt auf den Schluß hinaus, daß etwas sei (was den
+letzten möglichen Zweck bestimmt), weil etwas geschehen soll; dieses,
+daß etwas sei (was als oberste Ursache wirkt), weil etwas geschieht.
+
+Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen, (sowohl
+extensive, der Mannigfaltigkeit der selben, als intensive, dem Grade,
+als auch protensive, der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus
+dem Bewegungsgrunde der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch
+(Klugheitsregel); dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum
+Bewegungsgrunde nichts anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu
+sein, moralisch (Sittengesetz). Das erstere rät, was zu tun sei, wenn
+wir der Glückseligkeit wollen teilhaftig, das zweite gebietet, wie
+wir uns verhalten sollen, um nur der Glückseligkeit würdig zu werden.
+Das erstere gründet sich auf empirische Prinzipien; denn anders, wie
+vermittelst der Erfahrung, kann ich weder wissen, welche Neigungen da
+sind, die befriedigt werden wollen, noch welches die Naturursachen
+sind, die ihre Befriedigung bewirken können. Das zweite abstrahiert
+von Neigungen, und Naturmitteln sie zu befriedigen, und betrachtet nur
+die Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt, und die notwendigen
+Bedingungen, unter denen sie allein mit der Austeilung der
+Glückseligkeit nach Prinzipien zusammenstimmt, und kann also
+wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen und a priori
+erkannt werden.
+
+Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische Gesetze gebe, die
+völlig a priori (ohne Rücksicht auf empirische Bewegungsgründe, d.i.
+Glückseligkeit,) das Tun und Lassen, d.i. den Gebrauch der Freiheit
+eines vernünftigen Wesens überhaupt, bestimmen, und daß diese Gesetze
+schlechterdings (nicht bloß hypothetisch unter Voraussetzung anderer
+empirischen Zwecke) gebieten, und also in aller Absicht notwendig
+sind. Diesen Satz kann ich mit Recht voraussetzen, nicht allein, indem
+ich mich auf die Beweise der aufgeklärtesten Moralisten, sondern auf
+das sittliche Urteil eines jeden Menschen berufe, wenn er sich ein
+dergleichen Gesetz deutlich denken will.
+
+Die reine Vernunft enthält also, zwar nicht in ihrem spekulativen,
+aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen
+Gebrauche, Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher
+Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte
+des Menschen anzutreffen sein könnten. Denn, da sie gebietet, daß
+solche geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können, und es
+muß also eine besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die
+moralische, möglich sein, indessen daß die systematische Natureinheit
+nach spekulativen Prinzipien der Vernunft nicht bewiesen werden
+konnte, weil die Vernunft zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt,
+aber nicht in Ansehung der gesamten Natur Kausalität hat, und
+moralische Vernunftprinzipien zwar freie Handlungen, aber nicht
+Naturgesetze hervorbringen können. Demnach haben die Prinzipien der
+reinen Vernunft in ihrem praktischen, namentlich aber, dem moralischen
+Gebrauche, objektive Realität.
+
+Ich nenne die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre,
+(wie sie es denn, nach der Freiheit der vernünftigen Wesen, sein kann,
+und, nach den notwendigen Gesetzen der Sittlichkeit, sein soll,) eine
+moralische Welt. Diese wird sofern bloß als intelligible Welt gedacht,
+weil darin von allen Bedingungen (Zwecken) und selbst von allen
+Hindernissen der Moralität in derselben (Schwäche oder Unlauterkeit
+der menschlichen Natur) abstrahiert wird. Sofern ist sie also eine
+bloße, aber doch praktische Idee, die wirklich ihren Einfluß auf die
+Sinnenwelt haben kann und soll, um sie dieser Idee so viel als möglich
+gemäß zu machen. Die Idee einer moralischen Welt hat daher objektive
+Realität, nicht als wenn sie auf einen Gegenstand einer intelligiblen
+Anschauung ginge (dergleichen wir uns gar nicht denken können),
+sondern auf die Sinnenwelt, aber als einen Gegenstand der reinen
+Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, und ein corpus mysticum
+der vernünftigen Wesen in ihr, sofern deren freie Willkür unter
+moralischen Gesetzen sowohl mit sich selbst, als mit jedes anderen
+Freiheit durchgängige systematische Einheit an sich hat.
+
+Das war die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen
+Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Tue das, wodurch du
+würdig wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun: wie, wenn ich
+mich nun so verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig sei,
+darf ich auch hoffen, ihrer dadurch teilhaftig werden zu können? Es
+kommt bei der Beantwortung derselben darauf an, ob die Prinzipien der
+reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch diese
+Hoffnung notwendigerweise damit verknüpfen.
+
+Ich sage demnach: daß ebensowohl, als die moralischen Prinzipien nach
+der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche notwendig sind, ebenso
+notwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen
+anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben Maße zu
+hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten würdig
+gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem der
+Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen
+Vernunft verbunden sei.
+
+Nun läßt sich in einer intelligiblen, d.i. der moralischen Welt,
+in deren Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit (der
+Neigungen,) abstrahieren, ein solches System der mit der Moralität
+verbundenen proportionierten Glückseligkeit auch als notwendig denken,
+weil die durch sittliche Gesetze teils bewegte, teils restringierte
+Freiheit, selbst die Ursache der allgemeinen Glückseligkeit, die
+vernünftigen Wesen also selbst, unter der Leitung solcher Prinzipien,
+Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer dauerhafter Wohlfahrt sein
+würden. Aber dieses System der sich selbst lohnenden Moralität ist nur
+eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung beruht, daß jedermann
+tue, was er soll, d.i. alle Handlungen vernünftiger Wesen so
+geschehen, als ob sie aus einem obersten Willen, der alle
+Privatwillkür in sich, oder unter sich befaßt, entsprängen. Da aber
+die Verbindlichkeit aus dem moralischen Gesetze für jedes besonderen
+Gebrauch der Freiheit gültig bleibt, wenngleich andere diesem Gesetze
+sich nicht gemäß verhielten, so ist weder aus der Natur der Dinge der
+Welt, noch der Kausalität der Handlungen selbst und ihrem Verhältnisse
+zur Sittlichkeit bestimmt, wie sich ihre Folgen zur Glückseligkeit
+verhalten werden, und die angeführte notwendige Verknüpfung der
+Hoffnung, glücklich zu sein, mit dem unablässigen Bestreben, sich der
+Glückseligkeit würdig zu machen, kann durch die Vernunft nicht erkannt
+werden, wenn man bloß Natur zum Grunde legt, sondern darf nur gehofft
+werden, wenn eine höchste Vernunft, die nach moralischen Gesetzen
+gebietet, zugleich als Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird.
+
+Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch
+vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache
+aller Glückseligkeit in der Welt ist, sofern sie mit der Sittlichkeit
+(als der Würdigkeit glücklich zu sein) in genauem Verhältnisse steht,
+das Ideal des höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in
+dem Ideal des höchsten ursprünglichen Guts den Grund der praktisch
+notwendigen Verknüpfung beider Elemente des höchsten abgeleiteten
+Gutes, nämlich einer intelligiblen d.i. moralischen Welt, antreffen.
+Da wir uns nun notwendigerweise durch die Vernunft, als zu einer
+solchen Welt gehörig, vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts
+als eine Welt von Erscheinungen darstellen, so werden wir jene als
+eine Folge unseres Verhaltens in der Sinnenwelt, da uns diese eine
+solche Verknüpfung nicht darbietet, als eine für uns künftige Welt
+annehmen müssen. Gott also und ein künftiges Leben, sind zwei von der
+Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien
+eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen.
+
+Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die
+Glückseligkeit, außer, sofern sie der Moralität genau angemessen
+ausgeteilt ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligiblen Welt,
+unter einem weisen Urheber und Regierer. Einen solchen, samt dem Leben
+in einer solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht
+sich die Vernunft genötigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze
+als leere Hirngespinste anzusehen, weil der notwendige Erfolg
+derselben, den dieselbe Vernunft mit ihnen verknüpft, ohne jene
+Voraussetzung wegfallen müßte. Daher auch jedermann die moralischen
+Gesetze als Gebote ansieht, welches sie aber nicht sein könnten, wenn
+sie nicht a priori angemessene Folgen mit ihrer Regel verknüpften, und
+also Verheißungen und Drohungen bei sich führten. Dieses können sie
+aber auch nicht tun, wo sie nicht in einem notwendigen Wesen, als dem
+höchsten Gut liegen, welches eine solche zweckmäßige Einheit allein
+möglich machen kann.
+
+Leibnitz nannte die Welt, sofern man darin nur auf die vernünftigen
+Wesen und ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen unter der
+Regierung des höchsten Guts achthat, das Reich der Gnaden, und
+unterschied es vom Reiche der Natur, da sie zwar unter moralischen
+Gesetzen stehen, aber keine anderen Erfolge ihres Verhaltens erwarten,
+als nach dem Laufe der Natur unserer Sinnenwelt. Sich also im Reiche
+der Gnaden zu sehen, wo alle Glückseligkeit auf uns wartet, außer
+sofern wir unseren Anteil an derselben durch die Unwürdigkeit,
+glücklich zu sein, nicht selbst einschränken, ist eine praktisch
+notwendige Idee der Vernunft.
+
+Praktische Gesetze, sofern sie zugleich subjektive Gründe der
+Handlungen, d.i. subjektive Grundsätze werden, heißen Maximen. Die
+Beurteilung der Sittlichkeit, ihrer Reinigkeit und Folgen nach,
+geschieht nach Ideen, die Befolgung ihrer Gesetze nach Maximen.
+
+Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen
+untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses
+geschehe, wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches
+eine bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem
+Verhalten nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau
+entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben,
+bestimmt. Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare,
+aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar
+Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern
+des Vorsatzes und der Ausübung, weil sie nicht den ganzen Zweck, der
+einem jeden vernünftigen Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine
+Vernunft a priori bestimmt und notwendig ist, erfüllen.
+
+Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das
+vollständige Gut. Sie billigt solche nicht (so sehr als auch Neigung
+dieselbe wünschen mag), wofern sie nicht mit der Würdigkeit,
+glücklich zu sein, d.i. dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist.
+Sittlichkeit allein, und, mit ihr, die bloße Würdigkeit, glücklich zu
+sein, ist aber auch noch lange nicht das vollständige Gut. Um dieses
+zu vollenden, muß der, so sich als der Glückseligkeit nicht unwert
+verhalten hatte, hoffen können, ihrer teilhaftig zu werden. Selbst
+die von aller Privatabsicht freie Vernunft, wenn sie, ohne dabei ein
+eigenes Interesse in Betracht zu ziehen, sich in die Stelle eines
+Wesens setzte, das alle Glückseligkeit anderen auszuteilen hätte, kann
+nicht anders urteilen; denn in der praktischen Idee sind beide Stücke
+wesentlich verbunden, obzwar so, daß die moralische Gesinnung, als
+Bedingung, den Anteil an Glückseligkeit, und nicht umgekehrt die
+Aussicht auf Glückseligkeit die moralische Gesinnung zuerst möglich
+mache. Denn im letzteren Falle wäre sie nicht moralisch und also auch
+nicht der ganzen Glückseligkeit würdig, die vor der Vernunft keine
+andere Einschränkung erkennt, als die, welche von unserem eigenen
+unsittlichen Verhalten herrührt.
+
+Glückseligkeit also, in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der
+vernünftigen Wesen, dadurch sie derselben würdig sind, macht allein
+das höchste Gut einer Welt aus, darin wir uns nach den Vorschriften
+der reinen aber praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen, und
+welche freilich nur eine intelligible Welt ist, da die Sinnenwelt uns
+von der Natur der Dinge dergleichen systematische Einheit der Zwecke
+nicht verheißt, deren Realität auch auf nichts anders gegründet werden
+kann, als auf die Voraussetzung eines höchsten ursprünglichen Guts, da
+selbständige Vernunft, mit aller Zulänglichkeit einer obersten Ursache
+ausgerüstet, nach der vollkommensten Zweckmäßigkeit die allgemeine,
+obgleich in der Sinnenwelt uns sehr verborgene Ordnung der Dinge
+gründet, erhält und vollführt.
+
+Diese Moraltheologie hat nun den eigentümlichen Vorzug vor der
+spekulativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen,
+allervollkommensten und vernünftigen Urwesens führt, worauf uns
+spekulative Theologie nicht einmal aus objektiven Gründen hinweist,
+geschweige uns davon überzeugen konnte. Denn, wir finden weder in
+der transzendentalen, noch natürlichen Theologie, so weit uns auch
+Vernunft darin führen mag, einigen bedeutenden Grund, nur ein einiges
+Wesen anzunehmen, welches wir allen Naturursachen vorsetzen, und
+von dem wir zugleich diese in allen Stücken abhängend zu machen
+hinreichende Ursache hätten. Dagegen, wenn wir aus dem Gesichtspunkte
+der sittlichen Einheit, als einem notwendigen Weltgesetze, die Ursache
+erwägen, die diesem allein den angemessenen Effekt, mithin auch für
+uns verbindende Kraft geben kann, so muß es ein einiger oberster Wille
+sein, der alle diese Gesetze in sich befaßt. Denn, wie wollten wir
+unter verschiedenen Willen vollkommene Einheit der Zwecke finden?
+Dieser Wille muß allgewaltig sein, damit die ganze Natur und
+deren Beziehung auf Sittlichkeit in der Welt ihm unterworfen
+sei; allwissend, damit er das Innerste der Gesinnungen und deren
+moralischen Wert erkenne; allgegenwärtig, damit er unmittelbar allem
+Bedürfnisse, welche das höchste Weltbeste erfordert, nahe sei; ewig,
+damit in keiner Zeit diese Übereinstimmung der Natur und Freiheit
+ermangle, usw.
+
+Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der
+Intelligenzen, welche, obzwar, als bloße Natur, nur Sinnenwelt, als
+ein System der Freiheit aber, intelligible, d.i. moralische Welt
+(regnum gratiae) genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf
+die zweckmäßige Einheit aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen,
+nach allgemeinen Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen
+und notwendigen Sittengesetzen, und vereinigt die praktische Vernunft
+mit der spekulativen. Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen
+vorgestellt werden, wenn sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne
+welchen wir uns selbst der Vernunft unwürdig halten würden, nämlich
+dem moralischen, als welcher durchaus auf der Idee des höchsten Guts
+beruht, zusammenstimmen soll. Dadurch bekommt alle Naturforschung eine
+Richtung nach der Form eines Systems der Zwecke, und wird in ihrer
+höchsten Ausbreitung Physikotheologie. Diese aber, da sie doch von
+sittlicher Ordnung, als einer in dem Wesen der Freiheit gegründeten
+und nicht durch äußere Gebote zufällig gestifteten Einheit, anhob,
+bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe, die a priori mit der
+inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft sein müssen,
+und dadurch auf eine transzendentale Theologie, die sich das Ideal
+der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem Prinzip der
+systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und notwendigen
+Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der absoluten
+Notwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben.
+
+Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande machen, selbst
+in Ansehung der Erfahrung, wenn wir uns nicht Zwecke vorsetzen? Die
+höchsten Zwecke aber sind die der Moralität, und diese kann uns nur
+reine Vernunft zu erkennen geben. Mit diesen nun versehen, und an dem
+Leitfaden derselben, können wir von der Kenntnis der Natur selbst
+keinen zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der Erkenntnis machen, wo die
+Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat; denn ohne diese
+hätten wir sogar selbst keine Vernunft, weil wir keine Schule für
+dieselbe haben würden, und keine Kultur durch Gegenstände, welche den
+Stoff zu solchen Begriffen darböten. Jene zweckmäßige Einheit ist aber
+notwendig, und in dem Wesen der Willkür selbst gegründet, diese also,
+welche die Bedingung der Anwendung derselben in concreto enthält, muß
+es auch sein, und so würde die transzendentale Steigerung unserer
+Vernunfterkenntnis nicht die Ursache, sondern bloß die Wirkung von der
+praktischen Zweckmäßigkeit sein, die uns die reine Vernunft auferlegt.
+
+Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft:
+daß, ehe die moralischen Begriffe genugsam gereinigt, bestimmt, und
+die systematische Einheit der Zwecke nach denselben und zwar aus
+notwendigen Prinzipien eingesehen waren, die Kenntnis der Natur und
+selbst ein ansehnlicher Grad der Kultur der Vernunft in manchen
+anderen Wissenschaften, teils nur rohe und umherschweifende Begriffe
+von der Gottheit hervorbringen konnte, teils eine zu bewundernde
+Gleichgültigkeit überhaupt in Ansehung dieser Frage übrig ließ. Eine
+größere Bearbeitung sittlicher Ideen, die durch das äußerst reine
+Sittengesetz unserer Religion notwendig gemacht wurde, schärfte die
+Vernunft auf den Gegenstand, durch das Interesse, das sie an demselben
+zu nehmen nötigte, und, ohne daß weder erweiterte Naturerkenntnisse,
+noch richtige und zuverlässige transzendentale Einsichten (dergleichen
+zu aller Zeit gemangelt haben), dazu beitrugen, brachten sie einen
+Begriff vom göttlichen Wesen zustande, den wir jetzt für den richtigen
+halten, nicht weil uns spekulative Vernunft von dessen Richtigkeit
+überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Vernunftprinzipien
+vollkommen zusammenstimmt. Und so hat am Ende doch immer nur reine
+Vernunft, aber nur in ihrem praktischen Gebrauche, das Verdienst, ein
+Erkenntnis, das die bloße Spekulation nur wähnen, aber nicht geltend
+machen kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen, und dadurch
+zwar nicht zu einem demonstrierten Dogma, aber doch zu einer
+schlechterdings notwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten
+Zwecken zu machen.
+
+Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat,
+nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so
+darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über
+alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur
+unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von
+diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von
+ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische
+Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache,
+oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt
+zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als
+zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von
+einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden,
+wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden,
+soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen
+nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind,
+sondern sie als göttliche Gebote ansehen darum, weil wir dazu
+innerlich verbindlich sind. Wir werden die Freiheit, unter der
+zweckmäßigen Einheit nach Prinzipien der Vernunft, studieren, und
+nur sofern glauben dem göttlichen Willen gemäß zu sein, als wir das
+Sittengesetz, welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen
+selbst lehrt, heilig halten, ihm dadurch allein zu dienen glauben, daß
+wir das Weltbeste an uns und an anderen befördern. Die Moraltheologie
+ist also nur von immanentem Gebrauche, nämlich unsere Bestimmung hier
+in der Welt zu erfüllen, indem wir in das System aller Zwecke passen,
+und nicht schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer
+moralisch gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen,
+um ihn unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen, welches
+einen transzendenten Gebrauch geben würde, aber ebenso, wie der der
+bloßen Spekulation, die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und
+vereiteln muß.
+
+
+
+Des Kanons der reinen Vernunft
+Dritter Abschnitt
+Vom Meinen, Wissen und Glauben
+
+Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande, die auf
+objektiven Gründen beruhen mag, aber auch subjektive Ursachen im
+Gemüte dessen, der da urteilt, erfordert. Wenn es für jedermann gültig
+ist, sofern er nur Vernunft hat, so ist der Grund desselben objektiv
+hinreichend, und das Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung. Hat es
+nur in der besonderer Beschaffenheit des Subjekts seinen Grund, so
+wird es Überredung genannt.
+
+Überredung ist ein bloßer Schein, weil der Grund des Urteils, welcher
+lediglich im Subjekte liegt, für objektiv gehalten wird. Daher hat ein
+solches Urteil auch nur Privatgültigkeit, und das Fürwahrhalten läßt
+sich nicht mitteilen. Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung
+mit dem Objekte, in Ansehung dessen folglich die Urteile eines
+jeden Verstandes einstimmig sein müssen (consentientia uni tertio,
+consentiunt inter se). Der Probierstein des Fürwahrhaltens, ob es
+Überzeugung oder bloße Überredung sei, ist also, äußerlich, die
+Möglichkeit, dasselbe mitzuteilen und das Fürwahrhalten für jedes
+Menschen Vernunft gültig zu befinden; denn alsdann ist wenigstens
+eine Vermutung, der Grund der Einstimmung aller Urteile, unerachtet
+der Verschiedenheit der Subjekte untereinander, werde auf dem
+gemeinschaftlichen Grunde, nämlich dem Objekte, beruhen, mit welchem
+sie daher alle zusammenstimmen und dadurch die Wahrheit des Urteils
+beweisen werden.
+
+Überredung demnach kann von der Überzeugung subjektiv zwar nicht
+unterschieden werden, wenn das Subjekt das Fürwahrhalten, bloß als
+Erscheinung seines eigenen Gemüts, vor Augen hat; der Versuch aber,
+den man mit den Gründen desselben, die für uns gültig sind, an anderer
+Verstand macht, ob sie auf fremde Vernunft eben dieselbe Wirkung
+tun, als auf die unsrige, ist doch ein, obzwar nur subjektives,
+Mittel, zwar nicht Überzeugung zu bewirken, aber doch die bloße
+Privatgültigkeit des Urteils, d.i. etwas in ihm, was bloße Überredung
+ist, zu entdecken.
+
+Kann man überdem die subjektiven Ursachen des Urteils, welche wir
+für objektive Gründe desselben nehmen, entwickeln, und mithin das
+trügliche Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüte
+erklären, ohne dazu die Beschaffenheit des Objekts nötig zu haben, so
+entblößen wir den Schein und werden dadurch nicht mehr hintergangen,
+obgleich immer noch in gewissem Grade versucht, wenn die subjektive
+Ursache des Scheins unserer Natur anhängt.
+
+Ich kann nichts behaupten, d.i. als ein für jedermann notwendig
+gültiges Urteil aussprechen, als was Überzeugung wirkt. Überredung
+kann ich für mich behalten, wenn ich mich dabei wohlbefinde, kann sie
+aber und soll sie außer mir nicht geltend machen wollen.
+
+Das Fürwahrhalten, oder die subjektive Gültigkeit des Urteils, in
+Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat
+folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein
+mit Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes
+Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird
+zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben.
+Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende
+Fürwahrhalten das Wissen. Die subjektive Zulänglichkeit heißt
+Überzeugung (für mich selbst), die objektive, Gewißheit (für
+jedermann). Ich werde mich bei der Erläuterung so faßlicher Begriffe
+nicht aufhalten.
+
+Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens etwas
+zu wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urteil
+eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht
+vollständig, doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz
+einer solchen Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn, wenn ich in
+Ansehung dessen auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel
+der Einbildung, ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit. In Urteilen
+aus reiner Vernunft ist es gar nicht erlaubt, zu meinen. Denn, weil
+sie nicht auf Erfahrungsgründe gestützt werden, sondern alles a priori
+erkannt werden soll, wo alles notwendig ist, so erfordert das Prinzip
+der Verknüpfung Allgemeinheit und Notwendigkeit, mithin völlige
+Gewißheit, widrigenfalls gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen
+wird. Daher ist es ungereimt, in der reinen Mathematik zu meinen; man
+muß wissen, oder sich alles Urteilens enthalten. Ebenso ist es mit den
+Grundsätzen der Sittlichkeit bewandt, da man nicht auf bloße Meinung,
+daß etwas erlaubt sei, eine Handlung wagen darf, sondern dieses wissen
+muß.
+
+Im transzendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen freilich
+zu wenig, aber Wissen auch zu viel. In bloß spekulativer Absicht
+können wir also hier gar nicht urteilen; weil subjektive Gründe
+des Fürwahrhaltens, wie die, so das Glauben bewirken können, bei
+spekulativen Fragen keinen Beifall verdienen, da sie sich frei von
+aller empirischen Beihilfe nicht halten, noch in gleichem Maße anderen
+mitteilen lassen.
+
+Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch
+unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische
+Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit, oder der
+Sittlichkeit, die erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber
+zu schlechthin notwendigen Zwecken.
+
+Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist, so sind die Bedingungen der
+Erreichung desselben hypothetisch notwendig. Diese Notwendigkeit ist
+subjektiv, aber doch nur komparativ zureichend, wenn ich gar keine
+anderen Bedingungen weiß, unter denen der Zweck zu erreichen wäre;
+aber sie ist schlechthin und für jedermann zureichend, wenn ich
+gewiß weiß, daß niemand andere Bedingungen kennen könne, die auf den
+vorgesetzten Zweck führen. Im ersten Falle ist meine Voraussetzung und
+das Fürwahrhalten gewisser Bedingungen ein bloß zufälliger, im zweiten
+Falle aber ein notwendiger Glaube. Der Arzt muß bei einem Kranken, der
+in Gefahr ist, etwas tun, kennt aber die Krankheit nicht. Er sieht auf
+die Erscheinungen, und urteilt, weil er nichts Besseres weiß, es sei
+die Schwindsucht. Sein Glaube ist selbst in seinem eigenen Urteile
+bloß zufällig, ein anderer möchte es vielleicht besser treffen.
+Ich nenne dergleichen zufälligen Glauben, der aber dem wirklichen
+Gebrauche der Mittel zu gewissen Handlungen zum Grunde liegt, den
+pragmatischen Glauben.
+
+Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder
+wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand
+behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so
+zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis
+des Irrtums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn
+stutzig. Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf
+einen Dukaten an Wert geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn,
+besitze. Denn den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehn wird er
+allererst inne, was er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl
+möglich sei, er habe sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt,
+man solle worauf das Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet
+unser triumphierendes Urteil gar sehr, wir werden überaus schüchtern
+und entdecken so allererst, daß unser Glaube so weit nicht zulange. So
+hat der pragmatische Glaube nur einen Grad, der nach Verschiedenheit
+des Interesses, das dabei im Spiele ist, groß oder auch klein sein
+kann.
+
+Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Objekt gar nichts
+unternehmen können, also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist,
+wir doch in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und
+uns einbilden können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben
+vermeinen, wenn es ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache
+auszumachen, so gibt es in bloß theoretischen Urteilen ein Analogon
+von praktischen, auf deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und
+den wir den doktrinalen Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre
+durch irgendeine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das
+Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgendeinem von den
+Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht
+bloß Meinung, sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich
+schon viele Vorteile des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner
+anderer Welten gebe.
+
+Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Dasein Gottes zum
+doktrinalen Glauben gehöre. Denn, ob ich gleich in Ansehung der
+theoretischen Weltkenntnis nichts zu verfügen habe, was diesen
+Gedanken, als Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt,
+notwendig voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft
+mich so zu bedienen, als ob alles bloß Natur sei; so ist doch die
+zweckmäßige Einheit eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft
+auf Natur, daß ich, da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele
+darbietet, sie gar nicht vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit aber
+kenne ich keine andere Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der
+Naturforschung machte, als wenn ich voraussetze, daß eine höchste
+Intelligenz alles nach den weisesten Zwecken so geordnet habe.
+Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen, aber doch nicht
+unerheblichen Absicht, nämlich, um eine Leitung in der Nachforschung
+der Natur zu haben, einen weisen Welturheber vorauszusetzen. Der
+Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die Brauchbarkeit dieser
+Voraussetzung, und nichts kann auf entscheidende Art dawider angeführt
+werden; daß ich viel zu wenig sage, wenn ich mein Fürwahrhalten
+bloß ein Meinen nennen wollte, sondern es kann selbst in diesem
+theoretischen Verhältnisse gesagt werden, daß ich festiglich einen
+Gott glaube; aber alsdann ist dieser Glaube in strenger Bedeutung
+dennoch nicht praktisch, sondern muß ein doktrinaler Glaube genannt
+werden, den die Theologie der Natur (Physikotheologie) notwendig
+allerwärts bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in
+Rücksicht auf die vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur
+und die derselben so schlecht angemessene Kürze des Lebens, kann
+ebensowohl genugsamer Grund zu einem doktrinalen Glauben des künftigen
+Lebens der menschlichen Seele angetroffen werden.
+
+Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der
+Bescheidenheit in objektiver Absicht, aber doch zugleich der
+Festigkeit des Zutrauens in subjektiver. Wenn ich das bloß
+theoretische Fürwahrhalten hier auch nur Hypothese nennen wollte,
+die ich anzunehmen berechtigt wäre, so würde ich mich dadurch schon
+anheischig machen, mehr, von der Beschaffenheit einer Weltursache und
+einer anderen Welt, Begriff zu haben, als ich wirklich aufzeigen kann;
+denn was ich auch nur als Hypothese annehme, davon muß ich wenigstens
+seinen Eigenschaften nach so viel kennen, daß ich nicht seinen
+Begriff, sondern nur sein Dasein erdichten darf. Das Wort Glauben aber
+geht nur auf die Leitung, die mir eine Idee gibt, und den subjektiven
+Einfluß auf die Beförderung meiner Vernunfthandlungen, die mich an
+derselben festhält, ob ich gleich von ihr nicht imstande bin, in
+spekulativer Absicht Rechenschaft zu geben.
+
+Aber der bloß doktrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich; man wird
+oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Spekulation vorfinden, aus
+demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum
+zurückkehrt.
+
+Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist es
+schlechterdings notwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich, daß ich
+dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist
+hier unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung
+nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck
+mit allen gesamten Zwecken zusammenhängt, und dadurch praktische
+Gültigkeit habe, nämlich, daß ein Gott und eine künftige Welt sei: ich
+weiß auch ganz gewiß, daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf
+dieselbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führe. Da
+aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie
+denn die Vernunft gebietet, daß sie es sein soll), so werde ich
+unausbleiblich ein Dasein Gottes und ein künftiges Leben glauben,
+und ich bin sicher, daß diesen Glauben nichts wankend machen könnte,
+weil dadurch meine sittlichen Grundsätze selbst umgestürzt werden
+würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen eigenen Augen
+verabscheuungswürdig zu sein.
+
+Auf solche Weise bleibt uns, nach Vereitlung aller ehrsüchtigen
+Absichten einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus
+herumschweifenden Vernunft, noch genug übrig, daß wir damit in
+praktischer Absicht zufrieden zu sein Ursache haben. Zwar wird
+freilich sich niemand rühmen können: er wisse, daß ein Gott und daß
+ein künftig Leben sei; denn, wenn er das weiß, so ist er gerade
+der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen (wenn es einen
+Gegenstand der bloßen Vernunft betrifft) kann man mitteilen, und ich
+würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung mein Wissen in so
+bewunderungswürdigem Maße ausgedehnt zu sehen. Nein, die Überzeugung
+ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit, und, da sie auf
+subjektiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht, so muß ich
+nicht einmal sagen: es ist moralisch gewiß, daß ein Gott sei usw.,
+sondern, ich bin moralisch gewiß usw. Das heißt: der Glaube an einen
+Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so
+verwebt, daß, so wenig ich Gefahr laufe, die erstere einzubüßen,
+ebensowenig besorge ich, daß mir der zweite jemals entrissen werden
+könne.
+
+Das einzige Bedenkliche, das sich hierbei findet, ist, daß sich dieser
+Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet.
+Gehen wir davon ab, und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher
+Gesetze gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die
+Vernunft aufwirft, bloß eine Aufgabe für die Spekulation, und kann
+alsdann zwar noch mit starken Gründen aus der Analogie, aber nicht
+mit solchen, denen sich die hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte,
+unterstützt werden*. Es ist aber kein Mensch bei diesen Fragen frei
+von allem Interesse. Denn, ob er gleich von dem moralischen, durch den
+Mangel guter Gesinnungen, getrennt sein möchte: so bleibt doch auch in
+diesem Falle genug übrig, um zu machen, daß er ein göttliches Dasein
+und eine Zukunft fürchte. Denn hierzu wird nicht mehr erfordert, als
+daß er wenigstens keine Gewißheit vorschützen könne, daß kein solches
+Wesen und kein künftig Leben anzutreffen sei, wozu, weil es durch
+bloße Vernunft, mithin apodiktisch bewiesen werden müßte, er die
+Unmöglichkeit von beiden darzutun haben würde, welches gewiß kein
+vernünftiger Mensch übernehmen kann. Das würde ein negativer Glaube
+sein, der zwar nicht Moralität und gute Gesinnungen, aber doch das
+Analogon derselben bewirken, nämlich den Ausbruch der bösen mächtig
+zurückhalten könnte.
+
+* Das menschliche Gemüt nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem
+ vernünftigen Wesen notwendig geschieht) ein natürliches Interesse
+ an der Moralität, ob es gleich nicht ungeteilt und praktisch
+ überwiegend ist. Befestigt und vergrößert dieses Interesse, und ihr
+ werdet die Vernunft sehr gelehrig und selbst aufgeklärter finden, um
+ mit dem praktischen auch das spekulative Interesse zu vereinigen.
+ Sorget ihr aber nicht dafür, daß ihr vorher, wenigstens auf dem
+ halben Wege, gute Menschen macht, so werdet ihr auch niemals aus
+ ihnen aufrichtiggläubige Menschen machen!
+
+Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet,
+indem sie über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet?
+nichts mehr, als zwei Glaubensartikel? so viel hätte auch wohl der
+gemeine Verstand, ohne darüber den Philosophen zu Rate zu ziehen,
+ausrichten können!
+
+Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die
+mühsame Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe;
+gesetzt, es sollte auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden;
+denn davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber
+verlangt ihr denn, daß ein Erkenntnis, welches alle Menschen angeht,
+den gemeinen Verstand übersteigen, und euch nur von Philosophen
+entdeckt werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste
+Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es
+das, was man anfangs nicht vorhersehen konnte, entdeckt, nämlich,
+daß die Natur, in dem, was Menschen ohne Unterschied angelegen ist,
+keiner parteiischen Austeilung ihrer Gaben zu beschuldigen sei, und
+die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der
+menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne, als die Leitung,
+welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen lassen.
+
+
+
+Der transzendentalen Methodenlehre
+Drittes Hauptstück
+Die Architektonik der reinen Vernunft
+
+Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil die
+systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis allererst
+zur Wissenschaft, d.i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System
+macht, so ist Architektonik die Lehre des scientifischen in unserer
+Erkenntnis überhaupt, und sie gehört also notwendig zur Methodenlehre.
+
+Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt
+keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem
+sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und
+befördern können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit
+der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der
+Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, sofern durch denselben
+der Umfang des Mannigfaltigen sowohl, als die Stelle der Teile
+untereinander, a priori bestimmt wird. Der szientifische
+Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die Form des Ganzen, das
+mit demselben kongruiert. Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle
+Teile und in der Idee desselben auch untereinander beziehen, macht,
+daß ein jeder Teil bei der Kenntnis der übrigen vermißt werden
+kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe der
+Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmten Grenzen habe,
+stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und
+nicht gehäuft (coacervatio); es kann zwar innerlich (per intus
+susceptionem), aber nicht äußerlich (per appositionem) wachsen, wie
+ein tierischer Körper, dessen Wachstum kein Glied hinzusetzt, sondern,
+ohne Veränderung der Proportion, ein jedes zu seinen Zwecken stärker
+und tüchtiger macht.
+
+Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d.i. eine a priori aus dem
+Prinzip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und Ordnung
+der Teile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d.i. aus dem
+Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich
+darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kann),
+entworfen wird, gibt technische, dasjenige aber, was nur zufolge einer
+Idee entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgibt, und
+nicht empirisch erwartet), gründet architektonische Einheit. Nicht
+technisch, wegen der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des
+zufälligen Gebrauchs der Erkenntnis in concreto zu allerlei beliebigen
+äußeren Zwecken, sondern architektonisch, um der Verwandtschaft willen
+und der Ableitung von einem einigen obersten und inneren Zwecke, der
+das Ganze allererst möglich macht, kann dasjenige entspringen, was
+wir Wissenschaft nennen, dessen Schema den Umriß (monogramma) und
+die Einteilung des Ganzen in Glieder, der Idee gemäß, d.i. a priori
+enthalten, und dieses von allen anderen sicher und nach Prinzipien
+unterscheiden muß.
+
+Niemand versucht es, eine Wissenschaft zustande zu bringen, ohne daß
+ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein, in der Ausarbeitung derselben
+entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu
+Anfang von seiner Wissenschaft gibt, sehr selten seiner Idee; denn
+diese liegt, wie ein Keim, in der Vernunft, in welchem alle Teile noch
+sehr eingewickelt und kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar,
+verborgen liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch
+alle aus dem Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesses
+ausgedacht werden, nicht nach der Beschreibung, die der Urheber
+derselben davon gibt, sondern nach der Idee, welche man aus der
+natürlichen Einheit der Teile, die er zusammengebracht hat, in der
+Vernunft selbst gegründet findet, erklären und bestimmen. Denn da wird
+sich finden, daß der Urheber und oft noch seine spätesten Nachfolger
+um eine Idee herumirren, die sie sich selbst nicht haben deutlich
+machen und daher den eigentümlichen Inhalt, die Artikulation
+(systematische Einheit) und Grenzen der Wissenschaft nicht bestimmen
+können.
+
+Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach
+Anweisung einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele
+dahin sich beziehenden Erkenntnisse, als Bauzeug, gesammelt, ja gar
+lange Zeiten hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, es uns dann
+allererst möglich ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken, und
+ein Ganzes nach den Zwecken der Vernunft architektonisch zu entwerfen.
+Die Systeme scheinen, wie Gewürme, durch eine generatio equivoca,
+aus dem bloßen Zusammenfluß von aufgesammelten Begriffen, anfangs
+verstümmelt, mit der Zeit vollständig, gebildet worden zu sein, ob sie
+gleich alle insgesamt ihr Schema, als den ursprünglichen Keim, in der
+sich bloß auswickelnden Vernunft hatten, und darum, nicht allein ein
+jedes für sich nach einer Idee gegliedert, sondern noch dazu alle
+untereinander in einem System menschlicher Erkenntnis wiederum als
+Glieder eines Ganzen zweckmäßig vereinigt sind, und eine Architektonik
+alles menschlichen Wissens erlauben, die jetziger Zeit, da schon so
+viel Stoff gesammelt ist, oder aus Ruinen eingefallener alter Gebäude
+genommen werden kann, nicht allein möglich, sondern nicht einmal sogar
+schwer sein würde. Wir begnügen uns hier mit der Vollendung unseres
+Geschäftes, nämlich, lediglich die Architektonik aller Erkenntnis aus
+reiner Vernunft zu entwerfen, und fangen nur von dem Punkte an, wo
+sich die allgemeine Wurzel unserer Erkenntniskraft teilt und zwei
+Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich verstehe hier aber
+unter Vernunft das ganze obere Erkenntnisvermögen, und setze also das
+Rationale dem Empirischen entgegen.
+
+Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntnis, objektiv betrachtet,
+abstrahiere, so ist alles Erkenntnis, subjektiv, entweder historisch
+oder rational. Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis,
+die rationale aber cognitio ex principiis. Eine Erkenntnis mag
+ursprünglich gegeben sein, woher sie wolle, so ist sie doch bei dem,
+der sie besitzt, historisch, wenn er nur in dem Grade und so viel
+erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden, es mag dieses ihm nun
+durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder auch Belehrung
+(allgemeiner Erkenntnisse) gegeben sein. Daher hat der, welcher ein
+System der Philosophie, z.B. das Wolfische, eigentlich gelernt hat,
+ob er gleich alle Grundsätze, Erklärungen und Beweise, zusamt der
+Einteilung des ganzen Lehrgebäudes, im Kopfe hätte, und alles an
+den Fingern abzählen könnte, doch keine andere als vollständige
+historische Erkenntnis der Wolfischen Philosophie; er weiß und urteilt
+nur so viel, als ihm gegeben war. Streitet ihm eine Definition, so
+weiß er nicht, wo er eine andere hernehmen soll. Er bildete sich
+nach fremder Vernunft, aber das nachbildende Vermögen ist nicht das
+erzeugende, d.i. das Erkenntnis entsprang bei ihm nicht aus Vernunft,
+und, ob es gleich, objektiv, allerdings ein Vernunfterkenntnis war,
+so ist es doch, subjektiv, bloß historisch. Er hat gut gefaßt und
+behalten, d.i. gelernt, und ist ein Gipsabdruck von einem lebenden
+Menschen. Vernunfterkenntnisse, die es objektiv sind, (d.i. zu anfangs
+nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen können,) dürfen
+nur dann allein auch subjektiv diesen Namen führen, wenn sie aus
+allgemeinen Quellen der Vernunft, woraus auch die Kritik, ja selbst
+die Verwerfung des Gelernten entspringen kann, d.i. aus Prinzipien
+geschöpft worden.
+
+Alle Vernunfterkenntnis ist nun entweder die aus Begriffen, oder aus
+der Konstruktion der Begriffe; die erstere heißt philosophisch, die
+zweite mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich
+schon im ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkenntnis demnach kann
+objektiv philosophisch sein, und ist doch subjektiv historisch, wie
+bei den meisten Lehrlingen, und bei allen, die über die Schule niemals
+hinausgehen und zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch
+sonderbar, daß das mathematische Erkenntnis, so wie man es erlernt
+hat, doch auch subjektiv für Vernunfterkenntnis gelten kann, und ein
+solcher Unterschied bei ihr nicht so, wie bei dem philosophischen
+stattfindet. Die Ursache ist, weil die Erkenntnisquellen, aus
+denen der Lehrer allein schöpfen kann, nirgend anders als in den
+wesentlichen und echten Prinzipien der Vernunft liegen, und mithin von
+dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa gestritten werden
+können, und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der Vernunft hier nur
+in concreto, obzwar dennoch a priori, nämlich an der reinen, und eben
+deswegen fehlerfreien, Anschauung geschieht, und alle Täuschung und
+Irrtum ausschließt. Man kann also unter allen Vernunftwissenschaften
+(a priori) nur allein Mathematik, niemals aber Philosophie (es sei
+denn historisch), sondern, was die Vernunft betrifft, höchstens nur
+philosophieren lernen.
+
+Das System aller philosophischen Erkenntnis ist nun Philosophie. Man
+muß sie objektiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurteilung
+aller Versuche zu philosophieren versteht, welche jede subjektive
+Philosophie zu beurteilen dienen soll, deren Gebäude oft so
+mannigfaltig und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie
+eine bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in
+concreto gegeben ist, welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu
+nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit
+verwachsene Fußsteig entdeckt wird, und das bisher verfehlte Nachbild,
+so weit als es Menschen vergönnt ist, dem Urbilde gleich zu machen
+gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie lernen; denn, wo ist
+sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie sich erkennen? Man
+kann nur philosophieren lernen, d.i. das Talent der Vernunft in
+der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen
+Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft, jene
+selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder zu
+verwerfen.
+
+Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff,
+nämlich von einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft
+gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses
+Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke
+zu haben. Es gibt aber noch einen Weltbegriff (conceptus cosmicus),
+der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich
+wenn man ihn gleichsam personifizierte und in dem Ideal des
+Philosophen sich als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist
+Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf
+die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis
+humanae), und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern
+der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft. In solcher Bedeutung wäre
+es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosophen zu nennen, und sich
+anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt, gleichgekommen zu
+sein.
+
+Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortrefflich
+die ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse, die zweiten
+besonders im philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen, doch
+nur Vernunftkünstler. Es gibt noch einen Lehrer im Ideal, der alle
+diese ansetzt, sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke
+der menschlichen Vernunft zu befördern. Diesen allein müßten wir den
+Philosoph nennen; aber, da er selbst doch nirgend, die Idee aber
+seiner Gesetzgebung allenthalben in jeder Menschenvernunft angetroffen
+wird, so wollen wir uns lediglich an der letzteren halten, und
+näher bestimmen, was Philosophie, nach diesem Weltbegriffe*, für
+systematische Einheit aus dem Standpunkte der Zwecke vorschreibe.
+
+* Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann
+ notwendig interessiert; mithin bestimme ich die Absicht einer
+ Wissenschaft nach Schulbegriffen, wenn sie nur als eine von den
+ Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen Zwecken angesehen wird.
+
+Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bei
+vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger
+sein kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne
+Zwecke, die zu jenem als Mittel notwendig gehören. Der erstere
+ist kein anderer, als die ganze Bestimmung des Menschen, und die
+Philosophie über dieselbe heißt Moral. Um dieses Vorzugs willen, den
+die Moralphilosophie vor aller anderen Vernunftbewerbung hat, verstand
+man auch bei den Alten unter dem Namen des Philosophen jederzeit
+zugleich und vorzüglich den Moralist, und selbst macht der äußere
+Schein der Selbstbeherrschung durch Vernunft, daß man jemanden
+noch jetzt, bei seinem eingeschränkten Wissen, nach einer gewissen
+Analogie, Philosoph nennt.
+
+Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun
+zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das
+Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen,
+zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie
+der Natur geht auf alles, was da ist; die der Sitten, nur auf das, was
+da sein soll.
+
+Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft,
+oder Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien. Die erstere heißt
+reine, die zweite empirische Philosophie.
+
+Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik
+(Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen
+Erkenntnis a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das
+System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl
+als scheinbare) philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im
+systematischen Zusammenhange, und heißt Metaphysik; wiewohl dieser
+Name auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Kritik
+gegeben werden kann, um, sowohl die Untersuchung alles dessen,
+was jemals a priori erkannt werden kann, als auch die Darstellung
+desjenigen, was ein System reiner philosophischer Erkenntnisse
+dieser Art ausmacht, von allein empirischen aber, imgleichen dem
+mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden ist, zusammen zu
+fassen.
+
+Die Metaphysik teilt sich in die des spekulativen und praktischen
+Gebrauchs der reinen Vernunft, und ist also entweder Metaphysik
+der Natur, oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reinen
+Vernunftprinzipien aus bloßen Begriffen (mithin mit Ausschließung der
+Mathematik) von dem theoretischen Erkenntnisse aller Dinge; diese die
+Prinzipien, welche das Tun und Lassen a priori bestimmen und notwendig
+machen. Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der
+Handlungen, die völlig a priori aus Prinzipien abgeleitet werden kann.
+Daher ist die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral, in
+welcher keine Anthropologie (keine empirische Bedingung) zum Grunde
+gelegt wird. Die Metaphysik der spekulativen Vernunft ist nun das,
+was man im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; sofern
+aber reine Sittenlehre doch gleichwohl zu dem besonderen Stamme
+menschlicher und zwar philosophischer Erkenntnis aus reiner Vernunft
+gehört, so wollen wir ihr jene Benennung erhalten, obgleich wir sie,
+als zu unserem Zwecke jetzt nicht gehörig, hier beiseite setzen.
+
+Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer
+Gattung und Ursprunge nach von anderen unterschieden sind, zu
+isolieren, und sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit anderen, mit
+welchen sie im Gebrauche gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch
+zusammenfließen. Was Chemiker beim Scheiden der Materien, was
+Mathematiker in ihrer reinen Größenlehre tun, das liegt noch weit mehr
+dem Philosophen ob, damit er den Anteil, den eine besondere Art der
+Erkenntnis am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen
+Wert und Einfluß sicher bestimmen könne. Daher hat die menschliche
+Vernunft seitdem, daß sie gedacht, oder vielmehr nachgedacht hat,
+niemals einer Metaphysik entbehren, aber gleichwohl sie nicht,
+genugsam geläutert von allem Fremdartigen, darstellen können. Die
+Idee einer solchen Wissenschaft ist ebenso alt, als spekulative
+Menschenvernunft; und welche Vernunft spekuliert nicht, es mag nun auf
+scholastische, oder populäre Art geschehen? Man muß indessen gestehen,
+daß die Unterscheidung der zwei Elemente unserer Erkenntnis, deren
+die einen völlig a priori in unserer Gewalt sind, die anderen nur
+a posteriori aus der Erfahrung genommen werden können, selbst bei
+Denkern von Gewerbe, nur sehr undeutlich blieb, und daher niemals die
+Grenzbestimmung einer besonderen Art von Erkenntnis, mithin nicht
+die echte Idee einer Wissenschaft, die so lange und so sehr die
+menschliche Vernunft beschäftigt hat, zustande bringen konnte. Wenn
+man sagte: Metaphysik ist die Wissenschaft von den ersten Prinzipien
+der menschlichen Erkenntnis, so bemerkte man dadurch nicht eine ganz
+besondere Art, sondern nur einen Rang in Ansehung der Allgemeinheit,
+dadurch sie also vom Empirischen nicht kenntlich unterschieden
+werden konnte; denn auch unter empirischen Prinzipien sind einige
+allgemeiner, und darum höher als andere, und, in der Reihe einer
+solchen Unterordnung, (da man das, was völlig a priori, von dem, was
+nur a posteriori erkannt wird, nicht unterscheidet,) wo soll man den
+Abschnitt machen, der den ersten Teil und die obersten Glieder von
+dem letzten und den untergeordneten unterschiede? Was würde man dazu
+sagen, wenn die Zeitrechnung die Epochen der Welt nur so bezeichnen
+könnte, daß sie sie in die ersten Jahrhunderte und in die
+darauffolgenden einteilte? Gehört das fünfte, das zehnte usw.
+Jahrhundert auch zu den ersten? würde man fragen; ebenso frage ich:
+gehört der Begriff des Ausgedehnten zur Metaphysik? ihr antwortet, ja!
+ei, aber auch der des Körpers? ja! und der des flüssigen Körpers? ihr
+werdet stutzig, denn, wenn es so weiterfortgeht, so wird alles in
+die Metaphysik gehören. Hieraus sieht man, daß der bloße Grad der
+Unterordnung (das Besondere unter dem Allgemeinen) keine Grenzen einer
+Wissenschaft bestimmen könne, sondern in unserem Falle die gänzliche
+Ungleichartigkeit und Verschiedenheit des Ursprungs. Was aber die
+Grundidee der Metaphysik noch auf einer anderen Seite verdunkelte,
+war, daß sie als Erkenntnis a priori mit der Mathematik eine gewisse
+Gleichartigkeit zeigt, die zwar, was den Ursprung a priori betrifft,
+sie einander verwandt, was aber die Erkenntnisart aus Begriffen bei
+jener, in Vergleichung mit der Art, bloß durch Konstruktion der
+Begriffe a priori zu urteilen, bei dieser, mithin den Unterschied
+einer philosophischen Erkenntnis von der mathematischen anlangt;
+so zeigt sich eine so entschiedene Ungleichartigkeit, die man zwar
+jederzeit gleichsam fühlte, niemals aber auf deutliche Kriterien
+bringen konnte. Dadurch ist es nun geschehen, daß, da Philosophen
+selbst in der Entwicklung der Idee ihrer Wissenschaften fehlten,
+die Bearbeitung derselben keinen bestimmten Zweck und keine sichere
+Richtschnur haben konnte, und sie, bei einem so willkürlich gemachten
+Entwurfe, unwissend in dem Wege, den sie zu nehmen hätten, und
+jederzeit unter sich streitig, über die Entdeckungen, die ein jeder
+auf dem seinigen gemacht haben wollte, ihre Wissenschaft zuerst bei
+anderen und endlich sogar bei sich selbst in Verachtung brachten.
+
+Alle reine Erkenntnis a priori macht also, vermöge dem besonderen
+Erkenntnisvermögen, darin es allein seinen Sitz haben kann, eine
+besondere Einheit aus, und Metaphysik ist diejenige Philosophie,
+welche jene Erkenntnis in dieser systematischen Einheit darstellen
+soll. Der spekulative Teil derselben, der sich diesen Namen vorzüglich
+zugeeignet hat, nämlich die, welche wir Metaphysik der Natur nennen,
+und alles, sofern es ist, (nicht das, was sein soll,) aus Begriffen a
+priori erwägt, wird nun auf folgende Art eingeteilt.
+
+Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der
+Transzendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft.
+Die erstere betrachtet nur den Verstand, und Vernunft selbst in
+einem System aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände
+überhaupt beziehen, ohne Objekte anzunehmen, die gegeben wären
+(Ontologia); die zweite betrachtet Natur, d.i. den Inbegriff gegebener
+Gegenstände, (sie mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer
+anderen Art von Anschauung gegeben sein,) und ist also Physiologie
+(obgleich nur rationalis). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft
+in dieser rationalen Naturbetrachtung entweder physisch, oder
+hyperphysisch, oder besser, entweder immanent oder transzendent.
+Der erstere geht auf die Natur, so weit als ihre Erkenntnis in
+der Erfahrung (in concreto) kann angewandt werden, der zweite auf
+diejenige Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung, welche alle
+Erfahrung übersteigt. Diese transzendente Physiologie hat daher
+entweder eine innere Verknüpfung, oder äußere, die aber beide über
+mögliche Erfahrung hinausgehen, zu ihrem Gegenstande; jene ist
+die Physiologie der gesamten Natur, d.i. die transzendentale
+Welterkenntnis, diese des Zusammenhanges der gesamten Natur mit einem
+Wesen über der Natur, d.i. die transzendentale Gotteserkenntnis.
+
+Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff
+aller Gegenstände der Sinne, mithin so wie sie uns gegeben ist, aber
+nur nach Bedingungen a priori, unter denen sie uns überhaupt gegeben
+werden kann. Es sind aber nur zweierlei Gegenstände derselben. 1. Die
+der äußeren Sinne, mithin der Inbegriff derselben, die körperliche
+Natur. 2. Der Gegenstand des inneren Sinnes, die Seele, und, nach den
+Grundbegriffen derselben überhaupt, die denkende Natur. Die Metaphysik
+der körperlichen Natur heißt Physik, aber, weil sie nur die Prinzipien
+ihrer Erkenntnis a priori enthalten soll, rationale Physik. Die
+Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie und aus der eben
+angeführten Ursache ist hier nur die rationale Erkenntnis derselben zu
+verstehen.
+
+Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Hauptteilen.
+1. Der Ontologie. 2. Der rationalen Physiologie. 3. Der rationalen
+Kosmologie. 4. Der rationalen Theologie. Der zweite Teil, nämlich die
+Naturlehre der reinen Vernunft, enthält zwei Abteilungen, die physica
+rationalis* und psychologia rationalis.
+
+* Man denke ja nicht, daß ich hierunter dasjenige verstehe, was man
+ gemeiniglich physica generalis nennt, und mehr Mathematik, als
+ Philosophie der Natur ist. Denn die Metaphysik der Natur sondert
+ sich gänzlich von der Mathematik ab, hat auch bei weitem nicht so
+ viel erweiternde Einsichten anzubieten, als diese, ist aber doch
+ sehr wichtig, in Ansehung der Kritik des auf die Natur anzuwendenden
+ reinen Verstandeserkenntnisses überhaupt; in Ermanglung deren
+ selbst Mathematiker, indem sie gewissen gemeinen, in der Tat doch
+ metaphysischen Begriffen anhängen, die Naturlehre unvermerkt
+ mit Hypothesen belästigt haben, welche bei einer Kritik dieser
+ Prinzipien verschwinden, ohne dadurch doch dem Gebrauche der
+ Mathematik in diesem Felde (der ganz unentbehrlich ist) im mindesten
+ Abbruch zu tun.
+
+Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt
+diese Abteilung selbst vor; sie ist also architektonisch, ihren
+wesentlichen Zwecken gemäß, und nicht bloß technisch, nach zufällig
+wahrgenommenen Verwandtschaften und gleichsam auf gut Glück
+angestellt, eben darum aber auch unwandelbar und legislatorisch. Es
+finden sich aber hierbei einige Punkte, die Bedenklichkeit erregen,
+und die Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit derselben schwächen
+könnten.
+
+Zuerst, wie kann ich eine Erkenntnis a priori, mithin Metaphysik, von
+Gegenständen erwarten, sofern sie unseren Sinnen, mithin a posteriori
+gegeben sind? und, wie ist es möglich, nach Prinzipien a priori, die
+Natur der Dinge zu erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu
+gelangen? Die Antwort ist: wir nehmen aus der Erfahrung nichts weiter,
+als was nötig ist, uns ein Objekt, teils des äußeren, teils des
+inneren Sinnes zu geben. Jenes geschieht durch den bloßen Begriff
+Materie (undurchdringliche leblose Ausdehnung), dieses durch
+den Begriff eines denkenden Wesens (in der empirischen inneren
+Vorstellung: Ich denke). Übrigens müßten wir in der ganzen Metaphysik
+dieser Gegenstände, uns aller empirischen Prinzipien gänzlich
+enthalten, die über den Begriff noch irgendeine Erfahrung hinzusetzen
+möchten, um etwas über diese Gegenstände daraus zu urteilen.
+
+Zweitens: wo bleibt denn die empirische Psychologie, welche von jeher
+ihren Platz in der Metaphysik behauptet hat, und von welcher man in
+unseren Zeiten so gar große Dinge zur Aufklärung derselben erwartet
+hat, nachdem man die Hoffnung aufgab, etwas Taugliches a priori
+auszurichten? Ich antworte: sie kommt dahin, wo die eigentliche
+(empirische) Naturlehre hingestellt werden muß, nämlich auf die Seite
+der angewandten Philosophie, zu welcher die reine Philosophie die
+Prinzipien a priori enthält, die also mit jener zwar verbunden, aber
+nicht vermischt werden muß. Also muß empirische Psychologie aus der
+Metaphysik gänzlich verbannt sein, und ist schon durch die Idee
+derselben davon gänzlich ausgeschlossen. Gleichwohl wird man ihr
+nach dem Schulgebrauch doch noch immer (obzwar nur als Episode)
+ein Plätzchen darin verstatten müssen, und zwar aus ökonomischen
+Bewegursachen, weil sie noch nicht so reich ist, daß sie allein
+ein Studium ausmachen, und doch zu wichtig, als daß man sie ganz
+ausstoßen, oder anderwärts anheften sollte, wo sie noch weniger
+Verwandtschaft als in der Metaphysik antreffen dürfte. Es ist also
+bloß ein so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige Zeit
+einen Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie
+(dem Pendant zu der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung
+wird beziehen können.
+
+Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, welche, da man ihr
+anfänglich mehr zumutete, als billigerweise verlangt werden kann, und
+sich eine zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte, zuletzt in
+allgemeine Verachtung gefallen ist, da man sich in seiner Hoffnung
+betrogen fand. Aus dem ganzen Verlauf unserer Kritik wird man sich
+hinlänglich überzeugt haben: daß, wenngleich Metaphysik nicht die
+Grundfeste der Religion sein kann, so müsse sie doch jederzeit als die
+Schutzwehr derselben stehenbleiben, und daß die menschliche Vernunft,
+welche schon durch die Richtung ihrer Natur dialektisch ist, einer
+solchen Wissenschaft niemals entbehren könnte, die sie zügelt, und,
+durch ein szientifisches und völlig einleuchtendes Selbsterkenntnis,
+die Verwüstungen abhält, welche eine gesetzlose spekulative Vernunft
+sonst ganz unfehlbar, in Moral sowohl als Religion, anrichten würde.
+Man kann also sicher sein, so spröde, oder geringschätzend auch
+diejenigen tun, die eine Wissenschaft nicht nach ihrer Natur, sondern
+allein aus ihren zufälligen Wirkungen zu beurteilen wissen, man
+werde jederzeit zu ihr, wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten
+zurückkehren, weil die Vernunft, da es hier wesentliche Zwecke
+betrifft, rastlos, entweder auf gründliche Einsicht oder Zerstörung
+schon vorhandener guter Einsichten arbeiten muß.
+
+Metaphysik also, sowohl der Natur, als der Sitten, vornehmlich die
+Kritik der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend
+(propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus,
+was wir im echten Verstande Philosophie nennen können. Diese bezieht
+alles auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen,
+der, wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwächst, und keine
+Verirrungen verstattet. Mathematik, Naturwissenschaft, selbst die
+empirische Kenntnis des Menschen, haben einen hohen Wert als Mittel,
+größtenteils zu zufälligen, am Ende aber doch zu notwendigen
+und wesentlichen Zwecken der Menschheit, aber alsdann nur durch
+Vermittlung einer Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen, die, man
+mag sie benennen, wie man will, eigentlich nichts als Metaphysik ist.
+
+Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Kultur der
+menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren
+Einfluß, als Wissenschaft, auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite
+setzt. Denn sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und
+obersten Maximen, die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften,
+und dem Gebrauche aller, zum Grunde liegen müssen. Daß sie, als bloße
+Spekulation, mehr dazu dient, Irrtümer abzuhalten, als Erkenntnis zu
+erweitern, tut ihrem Werte keinen Abbruch, sondern gibt ihr vielmehr
+Würde und Ansehen durch das Zensoramt, welches die allgemeine Ordnung
+und Eintracht, ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens
+sichert, und dessen mutige und fruchtbare Bearbeitungen abhält,
+sich nicht von dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu
+entfernen.
+
+
+
+Der transzendentalen Methodenlehre
+Viertes Hauptstück
+Die Geschichte der reinen Vernunft
+
+Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im
+System übrigbleibt, und künftig ausgefüllt werden muß. Ich begnüge
+mich, aus einem bloß transzendentalen Gesichtspunkte, nämlich der
+Natur der reinen Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der
+bisherigen Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem
+Auge zwar Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt.
+
+Es ist merkwürdig genug, ob es gleich natürlicherweise nicht anders
+zugehen konnte, daß die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon
+anfingen, wo wir jetzt lieber endigen möchten, nämlich, zuerst die
+Erkenntnis Gottes, und Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit einer
+anderen Welt zu studieren. Was auch die alten Gebräuche, die noch von
+dem rohen Zustande der Völker übrig waren, für grobe Religionsbegriffe
+eingeführt haben mochten, so hinderte dieses doch nicht den
+aufgeklärteren Teil, sich freien Nachforschungen über diesen
+Gegenstand zu widmen, und man sah leicht ein, daß es keine gründliche
+und zuverlässigere Art geben könne, der unsichtbaren Macht, die
+die Welt regiert, zu gefallen, um wenigstens in einer anderen Welt
+glücklich zu sein, als den guten Lebenswandel. Daher waren Theologie
+und Moral die zwei Triebfedern, oder besser, Beziehungspunkte zu allen
+abgezogenen Vernunftforschungen, denen man sich nachher jederzeit
+gewidmet hat. Die erstere war indessen eigentlich das, was die bloß
+spekulative Vernunft nach und nach in das Geschäft zog, welches in der
+Folge unter dem Namen der Metaphysik so berühmt geworden.
+
+Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden, auf welche diese oder
+jene Veränderung der Metaphysik traf, sondern nur die Verschiedenheit
+der Idee, welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlaßte, in
+einem flüchtigen Abrisse darstellen. Und da finde ich eine dreifache
+Absicht, in welcher die namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne
+des Streits gestiftet worden.
+
+1. In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse,
+waren einige bloß Sensual-, andere bloß Intellektualphilosophen.
+Epikur kann der vornehmste Philosoph der Sinnlichkeit, Plato des
+Intellektuellen genannt werden. Dieser Unterschied der Schulen aber,
+so subtil er auch ist, hatte schon in den frühesten Zeiten angefangen,
+und hat sich lange ununterbrochen erhalten. Die von der ersteren
+behaupteten, in den Gegenständen der Sinne sei allein Wirklichkeit,
+alles übrige sei Einbildung; die von der zweiten sagten dagegen: in
+den Sinnen ist nichts als Schein, nur der Verstand erkennt das Wahre.
+Darum stritten aber die ersteren den Verstandesbegriffen doch eben
+nicht Realität ab, sie war aber bei ihnen nur logisch, bei den anderen
+aber mystisch. Jene räumten intellektuelle Begriffe ein, aber nahmen
+bloß sensible Gegenstände an. Diese verlangten, daß die wahren
+Gegenstände bloß intelligibel wären, und behaupteten eine Anschauung
+durch den von keinen Sinnen begleiteten und ihrer Meinung nach nur
+verwirrten reinen Verstand.
+
+2. In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse, ob sie aus
+der Erfahrung abgeleitet, oder, unabhängig von ihr, in der Vernunft
+ihre Quelle haben. Aristoteles kann als das Haupt der Empiristen,
+Plato aber der Noologisten angesehen werden. Locke, der in neueren
+Zeiten dem ersteren, und Leibnitz, der dem letzteren (obzwar in einer
+genugsamen Entfernung von dessen mystischem Systeme) folgte, haben
+es gleichwohl in diesem Streite noch zu keiner Entscheidung bringen
+können. Wenigstens verfuhr Epikur seinerseits viel konsequenter nach
+seinem Sensualsystem (denn er ging mit seinen Schlüssen niemals
+über die Grenze der Erfahrung hinaus), als Aristoteles und Locke,
+(vornehmlich aber der letztere,) der, nachdem er alle Begriffe und
+Grundsätze von der Erfahrung abgeleitet hatte, soweit im Gebrauche
+derselben geht, daß er behauptet, man könne das Dasein Gottes und die
+Unsterblichkeit der Seele (obzwar beide Gegenstände ganz außer den
+Grenzen möglicher Erfahrung liegen) ebenso evident beweisen, als
+irgendeinen mathematischen Lehrsatz.
+
+3. In Ansehung der Methode. Wenn man etwas Methode nennen soll, so
+muß es ein Verfahren nach Grundsätzen sein. Nun kann man die jetzt
+in diesem Fache der Naturforschung herrschende Methode in die
+naturalistische und szientifische einteilen. Der Naturalist der reinen
+Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze: daß durch gemeine Vernunft ohne
+Wissenschaft (welche er die gesunde Vernunft nennt) sich in Ansehung
+der erhabensten Fragen, die die Aufgabe der Metaphysik ausmachen, mehr
+ausrichten lasse, als durch Spekulation. Er behauptet also, daß man
+die Größe und Weite des Mondes sicherer nach dem Augenmaße, als durch
+mathematische Umschweife bestimmen könne. Es ist bloße Misologie,
+auf Grundsätze gebracht, und, welches das ungereimteste ist, die
+Vernachlässigung aller künstlichen Mittel, als eine eigene Methode
+angerühmt, seine Erkenntnis zu erweitern. Denn was die Naturalisten
+aus Mangel mehrer Einsicht betrifft, so kann man ihnen mit Grunde
+nichts zur Last legen. Sie folgen der gemeinen Vernunft, ohne sich
+ihrer Unwissenheit als einer Methode zu rühmen, die das Geheimnis
+enthalten solle, die Wahrheit aus Demokrits tiefem Brunnen
+herauszuholen. Quod sapio, satis est mihi; non ego curo, esse quod
+Arcesilas aerumnosique Solones, Pers. ist ihr Wahlspruch, bei dem
+sie vergnügt und beifallswürdig leben können, ohne sich um die
+Wissenschaft zu bekümmern, noch deren Geschäft zu verwirren.
+
+Was nun die Beobachter einer szientifischen Methode betrifft, so haben
+sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder skeptisch, in allen Fällen
+aber doch die Verbindlichkeit systematisch zu verfahren. Wenn ich hier
+in Ansehung der ersteren den berühmten Wolf, bei der zweiten David
+Hume nenne, so kann ich die übrigen, meiner jetzigen Absicht nach,
+ungenannt lassen. Der kritische Weg ist allein noch offen. Wenn der
+Leser diesen in meiner Gesellschaft durchzuwandern Gefälligkeit
+und Geduld gehabt hat, so mag er jetzt urteilen, ob nicht, wenn es
+ihm beliebt, das Seinige dazu beizutragen, um diesen Fußsteig zur
+Heeresstraße zu machen, dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht
+leisten konnten, noch vor Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden
+möge: nämlich, die menschliche Vernunft in dem, was ihre Wißbegierde
+jederzeit, bisher aber vergeblich, beschäftigt hat, zur völligen
+Befriedigung zu bringen.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KRITIK DER REINEN VERNUNFT (1ST EDITION) ***
+
+This file should be named 6342-8.txt or 6342-8.zip
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
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+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
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+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
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+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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