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-The Project Gutenberg EBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Rumänisches Tagebuch
-
-Author: Hans Carossa
-
-Release Date: October 9, 2020 [EBook #63410]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
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- Hans Carossa
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- Rumänisches Tagebuch
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- 1924
- Im Insel-Verlag zu Leipzig
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- »Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!«
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-_Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916_ zerbrach ich am Waschtisch
-den kleinen geschliffenen Spiegel der Madame Varniers und ging zu ihr,
-um mich zu entschuldigen und Bezahlung anzubieten. Gewiß war der alten
-Frau sehr leid um das hübsche Stück; sie ließ aber nichts merken und
-versetzte lächelnd, es habe gar nichts zu sagen, wo doch die halbe Welt
-in Trümmer gehe, was liege an einem Spiegel? Dann zählte sie die vielen
-Besitztümer auf, die ihr im Kriege vernichtet worden, und alles »pour
-rien«! Zum Glück war eben eine Sendung Schokolade-Makronen aus München
-gekommen; ich gab ihr die volle Schachtel, die sie ohne Umstände in ihre
-zittrigen Hände nahm und sogleich davontrug, um sie mit ihrem Manne zu
-teilen. Später, gleichsam als Gegengabe, stellte sie mir ein
-Zierbäumchen ans Fenster, eine Art Araukarie, dem Wuchse nach an eine
-Fichte erinnernd, starrend von harten schwarzgrünen Blättchen, die sich
-aufsträuben, als warnten sie jeden, sich an der strengen Schönheit des
-Ganzen zu vergreifen. Von Zeit zu Zeit kommt sie wieder herein, tritt
-zum Bäumchen, pustet über die Zweige hin, als läge Staub darauf,
-trommelt eine Weile mit den Fingern an den Scheiben, seufzt, murmelt
-etwas vor sich hin und geht wieder. Von der Somme herunter donnert es in
-unsern Müßiggang; es klingt, als wäre im Kamin ein stark loderndes
-Feuer. Alle Fenster klirren; die Türen, wie von Zornigen geworfen,
-schlagen auf und zu.
-
- * * * * *
-
-Ich reite nun wieder täglich nach dem Dienst gegen Guiscard hinaus und
-bilde mir dann ein, die See zu wittern, als käme mir ein Gruß aus der
-freien großen Welt, von der uns Deutsche das Geschick ausgeschlossen
-hat, wer weiß, für wie lange. Gefühl der Meeresnähe, ja, das ists, was
-mir diese Landschaft ein wenig verklärt, in der sonst nicht gut wohnen
-ist für unsereinen, so abgewandt ist jeder Baum, jeder Stein. Das immer
-ein wenig verstimmte Blau des Himmels über den leeren Flächen und
-flachen Hügeln, die gepflasterte Heerstraße, die Bonaparte mit dem
-Lineal gezogen hat, die grauen, wie Negerhütten spitzdächigen
-Streuschober, auf denen uns Raben und Elstern beobachten -- es kann uns
-alles an nichts gemahnen und verrät uns nichts von seiner Innigkeit, die
-man doch manchmal ahnt. Wären nicht die deutschen Bauernsöhne, die das
-allen heilige Erdreich pflügen, und unsere jungen, starkbrüstigen
-Pferde, die, frei von Zaum und Sattelzeug, in den Hürden grasen, der
-Blick hätte nirgends ein freudiges Ruhen.
-
-
-
-
- 5. Oktober
-
-
-Die Division verlangt einen Bericht über unsere Gefechtsstärke. Die
-Gasmasken sollen abermals geprüft werden. Das ganze Bataillon wird
-morgen gemustert, und ich muß alle Mannschaften aussondern, denen ich
-nicht genügend Kraft zu großen Leistungen zutraue. Sie kommen zu den
-Ersatzbataillonen; die bleibenden werden gegen Cholera geimpft. Über das
-Wohin verlautet nichts. Die Schutzimpfung gegen Cholera spricht für den
-östlichen Kriegsschauplatz. Offiziere und Mannschaften sind, wie vor
-jeder Veränderung, sehr aufgeräumt, obgleich ihnen Maurepas noch in den
-Nerven zittert. Alle verwünschen schon wieder die sogenannte Ruhe mit
-karger Kost, unaufhörlichen Besichtigungen, Übungen, Appellen, Alarmen
-und Ehrfurchtsgebärden vor unversehrten Uniformen. Viele sehnen sich
-wieder nach dem gefährlicheren und härteren, aber würdigeren und
-freieren Leben vor dem Feind.
-
-
-
-
- Abends
-
-
-Eben las ich zum drittenmal Vallys Brief, der fast nur von dem kleinen
-Wilhelm handelt. Wie schön ist es doch, wenn ein Mensch dem andern durch
-feinste, beleuchtendste Züge versäumte Gegenwarten ersetzen möchte!
-Neulich, während eines heftigen Sturms, läuft der Knabe im Garten von
-Staude zu Staude, greift schließlich in eine Buchshecke hinein, wo der
-Wind gerade am stärksten wühlt, preßt die Hand fest zusammen und rennt
-zur Mutter: »Jetzt hab ich den Wind gefangen«, schreit er in atemlosem
-Entzücken, indem er vorsichtig die Faust öffnet, und ist sehr erstaunt,
-weil da nichts zu sehen ist, als ein paar Blätter und Stengel.
-
-
-
-
- 8. Oktober
-
-
-Die Musterung dauerte den ganzen Tag. Den Abend verbrachte ich mit
-Leutnant T. in seinem Quartier. Er war verdrießlich, weil er solche
-Massen abgehender Briefpost zensieren mußte, und gestattete nach einigem
-Knurren, daß ich ihm wieder ein wenig dabei half. Kein Brief darf
-durchkommen, durch den die bevorstehende Ablösung verraten werden
-könnte. Fast unwillkürlich suchte ich nach der steilen, klaren
-Handschrift des jungen Glavina, der oft an seine Freunde so wunderliche
-Sätze schreibt. »Was wäre das für eine geistige Einheit, die wegen der
-Explosion einer dummen Granate gleich auseinanderspränge?« las ich
-diesmal.
-
-
-
-
- Pronville, 9. Oktober 1916
-
-
-Um drei Uhr früh weckte mich Rehm. Ich trank den Tee im Bett, blieb noch
-eine Viertelstunde liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging schnell.
-Einige Bildchen ließ ich, den Dämonen zum Opfer, an der Wand hängen.
-Wilhelms Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb wie ein Vogel,
-nahm ich am Ende doch mit. Beinah wäre die rote Wachshand der kleinen
-Regina in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das Kästchen gestern
-beim Umräumen übersehen. Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern für
-Einfälle kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter schuld daran. Warum
-zwang sie das Mädchen, eine wächserne Hand auf den Mariahilfberg zu
-tragen? Da wars kein Wunder, daß Regina dachte: der Doktor hat mehr Mühe
-gehabt als die Mutter Gottes, warum soll er leer ausgehn? Daß ich die
-Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich ein Verlangen. Aber
-schließlich schleppe ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists
-Aberglaube; auch der hat viel Gewalt.
-
-Die alten Varniers waren bereits aufgestanden und angekleidet, als ich
-in die Küche kam, um Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie wehrten
-ab, -- »on remplit son devoir«, sagte die Dame höflich. Doch drückten
-wir uns kräftig die Hände. Um halbfünf Uhr, bei Finsternis, rückten wir
-ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In sehr langsamer Fahrt, über
-Cambrai hinaus, verging der kurze Tag; es dunkelte schon wieder, als der
-Marsch nach Pronville begann. Der Mond stand hinter Wolken; doch ferne
-Felder schimmerten von ihm. Im Winde war ein Gurren wie von Lachtauben;
-dürres Laub lief über den Boden wie Mäuse. Von der Somme her tost es wie
-Weltuntergang; von tausend Mündungsblitzen und Leuchtraketen fiebert der
-Himmel.
-
-Um Mitternacht, auf der Landstraße, aßen wir bei den Feldküchen Bohnen
-und Büchsenfleisch; das war Mittag- und Abendessen zugleich und
-schmeckte köstlich. Gern hätte man sich den Teller noch einmal füllen
-lassen; aber die Vorräte sind bedenklich knapp geworden, und der
-Mannschaft ein Beispiel tüchtigen Hungers zu geben, kaum rätlich.
-Während wir noch aßen, zersetzte sich das Gewölk zu Flocken; der Himmel
-»häutete sich«, wie wir in Bayern sagen, der Mond wurde frei.
-
-Die Straße ist voll ziehender Kolonnen; erst kommt preußische
-Infanterie, bringt böse Kunde, Maurebas verloren, Péronne gefährdet,
-klagt über viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie, ja ohne die
-ungeheure Leistung der Infanterie, meint ein Offizier, wäre die Front
-gewiß bereits durchbrochen. Bald hierauf kommen preußische
-Artilleristen, bestätigen die schlimmen Nachrichten, schmälen über das
-arge Nachlassen der Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle
-herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie ganz allein halte noch
-die Front.
-
-Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern fröstelnd
-hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. Einige von unseren jungen
-Tapsen nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln zusammen, möchten
-gerne wissen, wieviel sie drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann
-Friede werde und dergleichen. Die Fremden scheinen nicht recht zu
-verstehen; ihre bleichen Gesichter starren undurchdringlich im
-Mondlicht, und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten Lande, ist es
-ihnen kaum zu verdenken, wenn sie der naturhaften süddeutschen
-Zutraulichkeit wenig entgegenkommen.
-
-Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg in Ruhequartiere.
-Infanterist Wimmer von der 6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß,
-rennt mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet jedem
-Artilleristen mit der Taschenlampe ins Gesicht. »Licht aus!« ruft man
-ihm zornig zu. »Es sind ja die Achter!« schreit er verzweifelt; »bei
-denen ist mein Vater Kanonier«, dreht aber das Lämpchen doch ab. Zum
-Glück wird bei den Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es durch
-eifriges Fragen wirklich, den Kanonier Wimmer zu finden. Er ist ein
-hagerer, schon ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht voll
-kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; der Mondschein fiel gerade
-auf ihn, so daß ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude groß
-wurden. Die beiden schauten sich an, hielten sich bei den Händen, kamen
-lange in kein Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen Zusammentreffen
-läuft schnell herum, und man zieht sich zurück, um die zwei nicht zu
-stören. Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus der Tasche und gibt
-es dem Sohn. Die Kompagnieführer verzögern den Abmarsch; endlich aber
-ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, schon eingereiht, gibt im
-Augenblick des Abmarsches seiner Ergriffenheit unwillkürlich den
-einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen Form zur Verfügung
-sieht: er macht vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte
-Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge bekleidet, eine
-rührende Gebärde, die unter den anderen ein leises gutmütiges Lachen
-hervorruft.
-
-Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich wurde in ein
-schloßartiges, parkumgebenes Gebäude verwiesen. Auf dem Flur erschien
-ein Offiziersdiener, der mir vertraulich riet, lieber in die
-Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere Räume frei, hier dagegen
-wimmele es von Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, daß der
-Bursche auf einen Zweck hinredete. Sein Herr hatte bis jetzt in zwei
-Zimmern recht bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir einräumen,
-und diese Pein suchte der treue Diener von ihm abzuwenden. Auch Rehm
-durchschaute den Schlauen und überhob mich der Antwort, indem er
-freundlich erklärte, wir fürchteten uns nicht vor Läusen, es könnte
-sogar sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener wie ein mit
-Weihwasser besprengtes Gespenst verschwand.
-
-
-
-
- 12. Oktober
-
-
-Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers Quartiers entdeckt
-worden; der Jubel war ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam,
-behandelte die Sache sehr dienstlich; vor aller Augen sollte der Schatz
-im Hof auf Zeltbahnen geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert und
-unter die Kompagnien verteilt werden. Der Feldwebel, der die Käse
-zählte, bemerkte, daß sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog
-sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich aber als unmöglich
-herausstellte; die Masse war wie verbeint. Schweigsam standen die
-Soldaten umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten Schalen
-mochte sich jeder ein fettes, weiches Gelb erträumt haben, und noch gab
-keiner seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht mehr, zogen auch
-ihre Messer und stachen in die nächsten Rotköpfe, fanden aber den
-gleichen Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige mit Hohnrufen,
-andere mit verzichtenden Mienen, als wüßten sie schon, daß ihnen nichts
-Gutes gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors aber widerstrebte es,
-den froh begrüßten Fund preiszugeben; er befahl, die Käse
-auseinanderzusägen, indem er hoffte, sie würden sich wenigstens auf
-Parmesanart zerpulvern lassen. Aber das Innere zeigte sich nicht nur
-durchaus fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen
-Zersetzungsnetz durchzogen, das freilich gleichfalls der Verhärtung
-anheimgefallen ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, gingen jetzt
-ärgerlich lachend auseinander, ohne sich jedoch zu äußern; nur
-Infanterist Kristl mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden Grimm
-entladen, indem er vorschlug, die Käse doch an des Kaisers Hoftafel nach
-Spa zu schicken. Er sprach so laut, daß der Major es hören mußte; der
-aber weiß ja längst, wie gerne Kristl in ein Strafverfahren verwickelt
-würde, um auf Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen, und so nahm er
-von dem frechen Wort keine Kenntnis.
-
-Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit den roten Kugeln im Gang.
-Auch Kristl beruhigt sich. An einem Baum lehnend schnitzt er aus einem
-abgesägten Stück eine Tierfigur, durch kluge Verwertung der
-Schimmelstreifen schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch zu
-brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig wirft er sie auf den
-Kies.
-
-Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten Wolken stehen
-schräge breite Strahlen wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume entsteht
-eine neue Schlacht; viele glauben, daß man uns dort einsetzen wird. Eben
-hüpft aber ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische Front
-bestimmt. Feldpost kommt. Das Söhnchen ist wieder gesund und will immer
-zeichnen und bauen.
-
-
-
-
-
-
-_Am 13. Oktober_ gegen abend wurden wir in Aubigny-au-Bac mit
-unbekanntem Ziele verladen. Es vollzog sich langsam und umständlich. Der
-kleine Kommandeur hält noch immer nicht viel von schwäbisch-bayrischer
-Gewandtheit und Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede
-Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. Alles lacht und
-schimpft über ihn wie über das Urböse, während er mit kummervoll
-verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden Befehle bellt,
-welche niemand versteht, bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig
-wird und ihm hochmütig droht, er werde den Zug in fünf Minuten unter
-allen Umständen abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten
-Gebieter zum Heile; mit einem Schlag regen sich alle Hände für ihn. Denn
-wenn er uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und mancher ihm eine
-kleine Unannehmlichkeit wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und sein
-dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen, stearinsteif von den
-Kerzenlichtern vieler Unterstände und verdreckt von allen Erden
-Frankreichs und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger als der
-nagelneue Prunkmantel des Herrn Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen
-greift jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug steht bereit.
-
-Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich fand Platz bei zwei
-Kompagnieführern, aß noch einen Apfel und wickelte mich in die Decke.
-Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, -- wie froh bin ich, daß
-Ruhetage kommen und hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald ein
-und träumte mancherlei. Einmal sah ich Vally mit Wilhelm an einem
-Tischchen sitzen. Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und sahen, die
-Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern ähnlich, darauf nieder.
-Später kam auch die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat wie sie.
-Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief hervor, hielt ihn mir hin,
-ohne von den Karten aufzublicken und sagte: »Es ist nichts Eiliges. Nur
-eine Botschaft vom Heiligen Geist.« Beim Erwachen war mein Rücken
-feucht; ich merkte, daß das Fieber geschwunden war.
-
-
-
-
- 14. Oktober
-
-
-Frühstück in Charleroi. Vor einem Jahr, um die nämliche Stunde, bin ich
-auf dem Wege zur Front hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen
-ist seither noch etwas mehr Grün angeflogen; bald werden sich
-Rasenflächen ausbreiten, dort und da steht schon ein Bäumchen. Ich
-freute mich wieder der nahen Kanäle mit den Pappelreihen, die der
-Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten Männer und Frauen, die an
-Seilen ihre behäbigen Barken dahinziehen, der lieben blonden Kinder, die
-zutraulich heranspringen und um Brot bitten. Am Fuß der schwarzen Berge
-steht ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der wie Speere einer
-versunkenen Phalanx lange dürre Schilfrohre schräg aufstarren. Schafe
-liegen kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und grau, voll
-silberheller narbiger Einziehungen.
-
-
-
-
- 15. Oktober
-
-
-Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Kälte geweckt. Der Zug
-fährt auf hohem Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig
-steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hügel,
-darüber die Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem Gewölk. Essen
-veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in
-die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer gingen hin und
-her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem
-Anblick schlief ich noch einmal ein.
-
- * * * * *
-
-Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der
-Bahnhöfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören,
-wenn sich die andern darüber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft
-will ich achten, wie sie sich leise ändert und die Tönung des Himmels
-über ihr.
-
-
-
-
- ½3 Uhr nachmittag
-
-
-Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrün bestäubt, die
-Bäume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine
-rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und darüber hinaus zu Höhen
-mit Gehölz und Gestrüpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof;
-eine alte Bäuerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch
-bildet über der Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch die vielen
-tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf.
-Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen,
-aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, die
-Sprüche und verzierenden Figuren mit nassen Blättern beklebt. Sie müssen
-zum Einschmelzen für neue Geschütze bestimmt sein. So bin ich diesmal
-schlafend über den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland.
-
-
-
-
- 16. Oktober
-
-
-Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht los. Als ich eben zu mir
-kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwölf Stunden geschlafen
-und schon zweimal das Essen versäumt. Einmal aber muß ich doch wach
-gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig
-vorbei, und ich erstaunte, daß die Stadt so unversehrt unter dem
-Gewitterhimmel ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm zertrümmert war,
-eine sonderbare Täuschung des Fiebers.
-
-Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe
-einen Aufsatz über Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann
-im Notizbuch abgerissene Sätze gefunden, die ich in Briefen Glavinas
-gelesen und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie später leidlich
-getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in
-meiner Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann etwas anderes daraus
-wird, daß der ursprüngliche Jugendklang verloren geht.
-
- * * * * *
-
-»Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus
-der Brust und aß es auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte des
-Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies ein kindisch-grausames
-Verfahren war; aber so völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten
-Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Haß, ist er mit Liebe nicht aus
-einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit
-zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige Seelen? Mir ist, als sei
-keiner von uns zu langem Leben berufen, -- erkennen wir es doch! Opfern
-wir uns bewußt und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns
-ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!«
-
- * * * * *
-
-»Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in
-der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah,
-daß die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger!
-Meistens, wenn die Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter
-darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten,
-es mußte ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten
-nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche
-Zustand vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles
-Fremde war damit unschädlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte
-ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging während eines
-Gewitters über steinige Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und
-wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weißen
-Fläche stand, so muß ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift,
-ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken darin. Tiefziehende Wolken
-besprühten das Blatt, Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen
-ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich
-aber las auf dem leeren Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte
-mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.«
-
- * * * * *
-
-»O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem
-Feldzug; aber es ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren,
-hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch läßt sich die Parole
-ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da
-unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne taten, einstweilen in einer
-anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben
-gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mühsal, wie sie sich gerade bieten,
-so bereiten wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem
-Täter, der seine Tat noch nicht kennt. >Raube das Licht aus dem Rachen
-der Schlange!< Was ist es für eine Stimme, die mir dies Wort manchmal
-zuruft aus tiefem Schlaf?«
-
-
-
-
-
-
-_17. Oktober_ erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick,
-doch gab es zunächst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar
-die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der Kompaß zeigte Zugrichtung Südost.
-Als es nach zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen
-Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete Maisfelder
-erklärten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in
-unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als wäre fern im Raum ein
-Lager weißer Zelte aufgeschlagen. In großflächiger Landschaft mit
-Gebirgshintergründen kam die Donau näher, geschmückt mit herbstlichen
-Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. Auf
-rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing
-sich der letzte Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter den roten
-Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller
-der ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen
-bringend, verrät uns, stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest
-Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude,
-Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmützen
-hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der
-Andrássystraße zu besuchen, einer wünschte vor allem das
-Parlamentsgebäude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir zum
-Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Süden ab und
-trug uns mit gewaltiger Eile von der türmeschimmernden Stadt hinweg in
-die Nacht hinein. Mützen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer
-die Kerzen angezündet und in leere Konservenbüchsen gestellt, ein
-Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee,
-Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, böser
-Worte gewärtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er müsse eine
-Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spät kam noch der Major
-herüber, verdrießlichen Gesichts; es war, als ob er einem das bißchen
-Licht wegnähme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu
-sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte
-er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht
-genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu berichten. Er meinte,
-darüber ließe sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wäre,
-wenn ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt mit meinem
-Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrücklich
-fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen
-bedenkend, ließ ich mir ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, was
-der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und
-verließ uns ohne Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile
-von ihm. Leutnant H., der Götter- und Sagenkundige, erinnerte, daß nach
-altem nordischen Glauben die bösesten Mächte sich in gute verwandeln,
-wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum
-Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei
-unserem finstern Gebieter zu versuchen.
-
-
-
-
- 18. Oktober
-
-
- Im Uferwald verborgen
- lag die Morgensonne.
- Wir stießen vom Strand.
- Sie sprang ins Wasser,
- gab über den Strom uns
- ein funkelnd Geleite.
-
-Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen ein, als wir eben über
-einen Fluß fuhren, wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns mitreiste.
-Nachts war ich mehrmals munter geworden, während irgendwo der Zug
-stillstand; so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen und sprach den
-Fluß noch als die Donau an, es war aber die Theiß. Bald sahen wir in
-weiter Ebene Gehöfte mit haushohen Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig
-behaarter Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weißen, blaugestreiften
-Kopftüchern, die am Rand eines Kukuruzackers Kürbisse sammelten. Als die
-Soldaten ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme heftig über der Brust,
-um sie dann, mit fremdartigem Ungestüm, dem enteilenden Zuge
-nachzustrecken.
-
- * * * * *
-
-In Békéscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen zu uns herein,
-ungarischer Kavallerist, dessen knabenhafter Überschwang ein Weilchen
-wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen Käuze unterhielt. Er duzte
-uns alle, wie es im verbündeten Heere üblich ist, verteilte seinen
-halben Zigarettenvorrat, ließ uns die Photographie seiner Braut
-bewundern und versicherte uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft,
-vergaß auch nicht, uns zu erinnern, es gäbe nur den Sieg oder den Tod
-für uns, kein drittes. Als wir uns Arad näherten, überreichte er jedem
-eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich Gegengaben. Vergeblich
-suchten wir lange in allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir ein
-wunderschönes Lichtbildchen der Tänzerin Clotilde von Derp, von Meister
-Holdt wie ein Gemälde aufgenommen und nach Libermont gesandt; dies gab
-ich schließlich mit bösem Gewissen hin. »Deine Braut?« schrie der Ungar
-und äußerte maßlos Dank und Entzücken. Ich überlegte, während er die
-Reize der zarten Gestalt wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen
-sollte, daß ich leider nie die herrliche Künstlerin von Angesicht zu
-Angesicht gesehen, sagte mir aber, daß dies albern wäre, und ließ mich
-getrost als den glücklichsten der Männer feiern und beneiden.
-
-In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und verwahrte die eine im
-Sanitätswagen; die andere teilte ich mit Raab, so daß wir bald in die
-Laune gerieten, den Befehl von gestern auszuführen. Eindringlich fragten
-wir vor jedem Wagen die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige
-lächelten verlegen, andere erschraken sehr, da sie glaubten, wir hätten
-irgend etwas Niederträchtiges mit ihnen vor. Als ihnen aber klar wurde,
-daß die Frage ernst gemeint sei, da spürte der eine oder andere bald ein
-Ziehen, Drücken oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der noch vor
-fünf Minuten seiner Gesundheit allerhand Proben zugetraut hätte, begann
-sich ein wenig lazarettreif zu fühlen. Ich begnügte mich für heute mit
-zwölf Krankmeldungen; es wären aber leicht vierzig oder fünfzig zu
-erreichen gewesen. Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen im Bahnhof
-zu Arad erstattete, rief den erwarteten Schrecken hervor, und als ich
-nun ehrerbietig meine Gründe gegen das neue Verfahren vorbrachte, fand
-ich keinen Widerspruch. Besänftigend fügte ich übrigens hinzu, daß ich
-bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett überwiesen habe,
-sondern versuchen wolle, sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend
-fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen Fluß entlang, der uns seither
-nicht mehr verläßt; es ist die Maros.
-
-
-
-
- Parajd, 19. Oktober 1916
-
-
-Kurz vor Mitternacht fuhren wir in den Bahnhof Maros-Vásárhely ein, doch
-nur zu flüchtigstem Aufenthalt. Stab und fünfte Kompagnie sollten
-bergaufwärts weiter bis Parajd. Während der Viertelstunde, die wir in
-den Wartesälen verbrachten, umdrängten uns Frauen und alte Männer aller
-Stände und baten mit einer verzweifelten Inständigkeit um etwas Tabak.
-Unendliche Verdrossenheit spricht aus allen Mienen; die rasche
-Entziehung des jahrhundertelang gewöhnten Giftes hat die Menschen
-furchtbarer ernüchtert als feindlicher Einbruch und Hunger.
-
-Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn. Fünf Stunden
-gedachte ichs im bloßen Mantel wohl auszuhalten und ließ meine beiden
-Decken beim großen Gepäck zurück. Aber dem Wagen fehlten sämtliche
-Fenster, die Kälte stieg mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee, den
-der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich morgens um sechs Uhr das
-Türmchen von Parajd. Wir standen vier Stunden in Bahnhofnähe zwischen
-zerstörten Geleisen, auf welche wie zerrissene Nervenbündel abgesprengte
-Telephonstränge niederhingen. Schließlich verlautete, unsere Nachtfahrt
-sei unnötig und dem Versehen eines Generalstabsoffiziers zu verdanken
-gewesen. Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten, als uns
-echtes Unglück entgegentrat. Von der Bahnhofstraße, deren Rand
-unabsehbare Reihen von Flüchtlingen besetzt hielten, sahen wir
-österreichische Krankenträger auf uns zukommen, die vorsichtig auf
-Bahren drei kleine verhüllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder
-einer Flüchtlingsfamilie, die beim Spielen eine scharfe Handgranate
-gefunden, sich darum gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten.
-Die Explosion hatte die Mutter, die gerade Kochfeuer anzünden wollte,
-getötet, die drei Kleinen schwer verwundet. Die Großmutter, Siebenbürger
-Sächsin, die weinend den stillen Zug begleitete, meinte, man müsse
-solche Vorfälle den Kaisern und Königen der ganzen Welt zu wissen
-machen, damit sie traurig würden und von dem gottlosen Kriegführen
-abließen. Indessen war auf einmal die Sonne frei geworden und
-beleuchtete sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel. Der untere
-Teil zeigte fahlgrüne, mit Steinen durchsetzte Matten, dann folgte, wie
-mit Sorgfalt umgelegt, ein schmaler Tannengürtel, und aus diesem spitzte
-sich schneeglänzend eine mächtige Pyramide in das zerfließende Grau. Der
-feierliche Anblick bannte jeden; sogar die alte Frau verstummte, und
-ich, darf ich mirs zugeben, daß das Jammerbild der zerfetzten Kinder mir
-im Nu völlig ausgelöscht war? Daß es mir in der herrlichen Schau
-zerschmolz, als wäre es zufällig und nur am Rande geschehen wie die
-meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber, geltend und geisterbehütet,
-stünde ein geheimes Gesetz, das längst all unsere Leiden und Schrecken
-übernommen hat?
-
-Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte alle Müdigkeit zurück
-und holte erst nach Revierdienst und Fußappell den versäumten Schlaf ein
-wenig nach. Vor Mitternacht -- wir saßen noch lesend und plaudernd
-beisammen -- hörte man auf der Straße Pferdegetrappel und -geklingel,
-dann wurde schüchtern die Hausglocke geläutet. Jemand bat um Einlaß,
-obgleich die Türe nicht verschlossen war. Es war der Eigentümer des
-Hauses, ein älterer Mann, der mit seiner Familie vor den Rumänen
-geflohen war und nun vorderhand allein zurückkehrte, um Lage und
-Aussichten zu erfahren. Höflich ließ er um einen kleinen Schlafraum
-bitten und blieb geduldig vor seinem erleuchteten, von Fremden besetzten
-Hause stehen, bis er Bescheid erhielt. Der Major ging selbst hinunter,
-um ihn zu begrüßen, und bot ihm ein Abendessen an, das jener bescheiden
-ablehnte, völlig zufrieden, in seinem Anwesen ein dürftiges Obdach zu
-erhalten.
-
-
-
-
- 20. Oktober
-
-
-Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die Typhusimpfung durch, die
-schon seit August fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren
-uns überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man die Bänke
-übereinandergestellt. Auf dem Katheder lagen noch spanisches Röhrchen
-und Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen von Pflanzen,
-Tieren und allen Menschenrassen der Erde. Mir war ein wenig bang vor
-dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch einmal verschoben. Denn
-wieder sind die neuen Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht
-eingetroffen; die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen an den
-Spitzen, wodurch der Einstich und das Herausziehen sehr schmerzhaft
-werden. Aber es gab kein Verzögern, und so half ich mir denn, wie ich
-konnte, und verfiel schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen,
-um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten abzulenken. Zuerst entkleidete
-ich mich selbst und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft den bösen
-Stich, wobei meine Mienen, glaube ich, in guter Ordnung blieben. Dann
-kamen Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt und hüteten sich, zu
-zucken. Später nahm ich die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern
-zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der armen Burschen zerschund,
-manches zum besten, was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen.
-Sonderbarer Sitten der wilden Timmes wurde gedacht, die den Genossen,
-den sie zum König wählen wollen, am Tage vor der Krönung fast zu Tode
-prügeln, so daß er zuweilen seine Thronbesteigung nur kurze Zeit
-überlebt, auch die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche Kinder
-unter vielen Tränen ihren Vater lebendig begraben, festen Glaubens, daß
-er dann jenseits in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages ewig
-weiterleben werde. Die guten Soldaten lauschten aufmerksam und schienen
-über jenen ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen wespigen
-Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. Als alle Kompagnien
-schon abgerückt waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich impfen zu
-lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, daß die Nadel schier
-zerbrach und äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften gegenüber war
-er freilich sehr im Nachteil, da ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam
-verletzen mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche der Wilden noch
-sonst etwas erzählen konnte.
-
-Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. Das Impfgift wirkte wie
-immer, ich träumte viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens,
-nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun aber saßen wir im Kreis um
-einen französischen Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die Freunde,
-etwas abseits Regina. Wir froren und streckten die Hände zum Feuer.
-Regina trug ihr schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband. Ihre Hand
-war verbunden, aber auch alle anderen trugen Verbände. Wilhelm hatte
-eine schwarze Binde über einem Auge. Doch waren wir guter Dinge und
-plauderten viel von unserm früheren Leben. Auf einmal sagte Regina: Die
-Männer sind schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen nach
-Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die anderen hellauf; aber indem
-sie lachten, wurden sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich
-verzog sich eines nach dem andern in den Kamin hinein und entschwand mit
-den Flammen.
-
-Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, und vor dem klaren
-Klang des Lebens zerstob aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat ein
-paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden sein. »Ein Urlauber«,
-schreibt er, »hat uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst. Das
-freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen und Flüssen. Der Oskar Appel
-hat es in der Erdkunde gelernt. Nimm so viel du tragen kannst und bring
-es mir mit! Ich kann es gut brauchen.« Der Brief war einem schönen
-silbergrauen Umhang mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, den
-mehrere unserer Offiziere, die ihn später sahen, mit Entrüstung als
-vorschriftswidrig bezeichneten. Höchstens Generale der Artillerie
-dürften einen so breiten Kragen haben, auf der Stelle müsse ich ihn von
-einem Kompagnieschneider abändern lassen. Der Major aber sagte lachend,
-für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen Vorschriften, ich
-solle mir das Zeug ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil
-gedeihen.
-
-
-
-
- Szentlélek, 21. Oktober 1916
-
-
-Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen, konsultierte mich der
-Major. Sein Hüftnerv ist entzündet; er hat Fieber und kann sich vor
-Schmerz kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten nicht
-aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. Schließlich gab er mir in
-Scherz und Ernst den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen und bis
-zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel ein, daß noch die starken
-Maretin-Laudanon-Pulver in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte
-ich nichts davon.
-
-Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr ist unbequem,
-quälerisch, aufsässig; aber er ist es nicht nur nach unten, sondern mehr
-noch nach oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt ers um sich
-herum gemütlich werden -- aber sind wir denn hier, um es gemütlich zu
-haben? Er weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen, -- soll ich
-leugnen, daß ich mich gesund und frei dabei fühle? Und einer, der uns
-öfters reizt und beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger als
-einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein, der kleine graue Dämon
-gehört schon einmal zu uns und unserm Schicksal, -- vielleicht helfen
-die Pülverchen, er soll sie haben!
-
-Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek hinan, die ein heißer
-Wind schnell auftrocknete. Der Himmel sah seltsam aus; mein früher
-Traum, als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung ihrer Gewölke
-mitwirke, meldete sich wieder. Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle,
-dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem Schaum, dahinter eine graue
-Bank, besetzt mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden wir inne, daß
-wir uns durch eine der salzreichsten Gegenden Europas bewegen; rein und
-weiß tritt hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. Mancher
-bricht in der Marschpause ein Stückchen ab, wägt es betrachtend und
-steckt es wie einen Edelstein in den Tornister.
-
-In den Dörfern sind alle Häuser mit gleichem stumpfem Blau getüncht; um
-jedes läuft eine Galerie mit schlanken hölzernen Säulen, die das
-vierflächige steile Walmdach tragen helfen. Die Grate, mit vielen
-schrägen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte Wirbelsäulen aus. Alte
-Leute, traurig und freundlich, standen vor den Türen; einmal drängten
-sich schwarzäugige Madjarinnen heran und berichteten schreiend
-schauerliche Untaten der Rumänen, worauf blonde deutsche Frauen, die
-seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still, sichtlich auf
-Gerechtigkeit bedacht, jene überschweren Anklagen auf ihr Maß
-zurückführten.
-
-Gegen zwölf Uhr gelangten wir vor das große Dorf Szentlélek, rückten
-aber nicht ein, sondern lagerten samt großer und kleiner Bagage auf
-einem heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die Feldküchen geheizt
-wurden. Kirchengänger, von der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure
-Gebetbücher im Arm, näherten sich auf allen Wegen, die Männer zögernd,
-die Frauen mit lüftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen Worten
-machten diese verheißende Zeichen und liefen auf einmal alle in die
-Häuser, von wo sie bald mit Körben voll Obst und Eimern voll Milch
-zurückkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen unter dem rumänischen
-Einbruch zu leiden gehabt; nun freut es sich über den Vormarsch der
-Deutschen und erschöpft sich in Gebelust. Milch schäumt in alle
-Feldbecher, und mit goldensten Parmänen füllen sich die Taschen. Langsam
-kommen auch Männer herbei, voran der uralte Pfarrer. Ihm haben die
-Eindringlinge, da sie deutsche Bücher in seiner Stube fanden, zur Strafe
-den ganzen Meßwein und obendrein die goldene Brille weggenommen. Während
-er dies in leidlichem Deutsch mit gelassenem Humor erzählt, packt
-Leutnant N. seine lange gesparte Flasche Burgunder aus; der Greis nimmt
-das Geschenk als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zögern an und
-verspricht seine nächste Messe für den Spender zu lesen. Die übrigen
-Männer treibt eine Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer näher. Seltsame
-Tauschgeschäfte kommen zustande. Für drei Zigaretten erhält ein Soldat
-ein Dutzend Eier, ein anderer für zwei Päckchen Knaster eine fette Gans.
-Mich aber suchten die Kranken des Dorfes; der Sanitätswagen wird
-erschlossen, Verbandstoff und Arzneien freigebig verspendet, bis Raab
-erschrocken gemahnt, daß uns im Gebirge niemand ersetzen wird, was wir
-hier unbedacht hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik eingeholt;
-sie stellt sich in der Angermitte auf, spielt madjarische Lieder. Die
-Kranken vergessen ihre Übel, Soldaten und Mädchen tanzen, die Stunde
-wird zum Fest.
-
-Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen, damit uns nicht
-nachrückende Bataillone die Quartiere wegnähmen. Mir ist eine
-balkengedeckte Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen. Es ist sehr
-dumpf und düster innen, die Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von
-Bewohnern hab ich bisher nur den Bauer gesehen, einen kränklich und
-grämlich aussehenden Mann, der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte
-Galerie draußen ist ein singendes Geschwebe winziger Holzwespen; die
-haben Säulen und Geländer tausendfach durchlöchert und schlüpfen
-unermüdlich ein und aus. Morsch, einsinkend ist alles, um so wundersamer
-das ganz neue, reichgeschmückte Hoftor. Es hat hohe, breite Flügel mit
-zierlichen Gittern und schön geschnitzten und bemalten Flächen. Gewinde
-von Tieren und Pflanzen umkränzen beiderseits einen blauen Leuchter mit
-gelbrot brennender Kerze, zu der sich eine grüne Schlange hinaufringelt.
-Oben auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehäuse, eine Art
-Arche, bemalt mit roten Täubchen, zwischen denen durch runde Luken
-wirkliche Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem ersten Blick so fremd
-und gestohlen aus, als wärs von einem großen Gutshofe herverschleppt
-worden, so merkt man bei längerem Vergleichen doch, daß es aus dem alten
-Hauswesen hervorgewachsen ist. Ein sonderbarer Einfall war es freilich,
-statt beim Hause beim Tor zu beginnen; immerhin errät man, wie das Ganze
-werden soll. Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen, und
-vielleicht ist nur darum der Bauer so gedrückt und scheu, weil er seinen
-Hof nicht erneuern kann und sich dabei verkümmern fühlt. »Wer baut,
-erbaut sich selber«, -- es gilt das alte heilige Wort.
-
- * * * * *
-
-Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen. Er lag in einem breiten
-Bett, mit Schafpelzen bedeckt, vom Fieber geschüttelt. Sehr ungehalten
-zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte.
-
-»Was soll mir das Gift?« rief er. »Gibt es etwas Frevelhafteres, als daß
-man chemische Substanzen in das Blut bringt?«
-
-Ich entgegnete, daß wir doch selbst aus lauter chemischen
-Zusammensetzungen bestünden, die nur zuweilen unrichtig
-ineinandergriffen, und dann müßte eine neue eingeführt werden, welche
-die falschen Verbindungen löste. Als er noch zögerte, erinnerte ich ihn
-daran, daß erkrankte Tiere sich öfters Kräuter und Blätter suchten, die
-sie sonst niemals fräßen, und rasch davon gesund würden. Dies ließ er
-gelten und nahm nun das Pulver fast gierig.
-
-Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem Quartier. Eine der
-Patientinnen vom Vormittag hat zwei Enten geschickt, die ließen wir
-braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe Stunde auf dem Anger klingt
-noch in allen; viele glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen
-werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer vom russischen Kaiser,
-ein dritter von Wilson das weltbefreiende Wort. Mancher dieser lieben
-Menschen spürt im innersten Herzen vielleicht schon den nahen Tod und
-sieht nun in wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges gekommen.
-
-Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau, ein nicht mehr junges
-Weib, derbe Gestalt, welche sich aber im schönsten Maße bewegt,
-hellgraue Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene Schatten,
-die von feinen blauen Venen umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem
-rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von Most und Speisen, bringt
-Äpfel und Pflaumen dafür und lehrt uns madjarische und rumänische Worte.
-Mich hatte sie zuerst für den Feldgeistlichen gehalten und mit großer
-Scheu behandelt; nun sie weiß, daß ich ein ungesalbter Mann bin wie die
-andern, wird sie sehr zutraulich und sucht mich als ihren Wohngast und
-Ältesten der Tafelrunde zu ehren, indem sie oft nach meinen Wünschen
-fragt und mich dabei jedesmal auf zeremoniöse Weise halb umarmt, ein
-Benehmen, das am Tische viel Gelächter hervorruft; aber darum kümmert
-sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit sich selber, in anmutigem
-Wahnsinn scheint ihr Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in die
-Wohnstube hinüber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend am Herde saß, gab
-ihm Zigaretten, die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie mir
-vorkam, begütigend zu. Zuletzt, wie ein Kind, brachte sie Schachteln mit
-Karten, Briefen und Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte
-ich, darunter ein Blättchen mit der Skizze jener am Hoftor ausgeführten
-Zeichnung zu finden! Hier, wo sich das Ornament als ein erst
-entstehendes zeigte, regte es die Einbildung stärker an: ich konnte es
-nicht lassen, mußte ein Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen.
-Dabei wurde, wie stets in solchen Fällen, etwas anderes daraus. Ein
-stattliches siebenbürgisches Haus im Hintergrund anzugeben, gelang
-einigermaßen; vorn am Tor aber hat die Schlange den Flammenkern von der
-Kerze gebissen und trägt ihn zwischen den Zähnen fort. Darunter schrieb
-ich den Satz, den ich einst bei Glavina gelesen: Raube das Licht aus dem
-Rachen der Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten, der Most sei
-mir beträchtlich in den Kopf gestiegen; die Frau sah lächelnd dem
-Gekritzel zu, schließlich fragte sie mit Gebärden an, ob sie's nehmen
-dürfe, worauf sie ging, um es ihrem Manne zu zeigen.
-
-
-
-
- 22. Oktober
-
-
-Um fünf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau, beim Abschied, brach
-Zweige von einem getrockneten Pflanzenbüschel, der am Stubengebälk
-befestigt ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem Blick. Vermutlich ist
-es als Talisman gemeint; der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an
-Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich, als ich das Pferd
-bestieg; verstand ich recht, so wollte sie mich einladen, dereinst nach
-dem Kriege wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren. --
-Der Major, noch vor neun Stunden im Fieber ächzend, sitzt fest auf
-seinem Rappen und berserkert wider Offizier und Mann. »Was haben Sie dem
-Kerl für Zeug gegeben?« schrie mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir könne
-es recht sein, daß er meinen Mittelchen so viel Wirkung zutraue, aber
-der Alte wisse genau, daß ihn viele weit weg wünschten, das sei auch
-keine schlechte Arznei.
-
-In langen Märschen entschleppte sich der Tag. Es ging über kahle und
-bewaldete Hügel, und immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft sah
-man das gleiche stumpfe Blau der Häuser. Die Soldaten, geblendet noch
-vom Glanz des Gestern, empfanden mürrisch Obdachlosigkeit, karges Essen,
-zerrissene Stiefel und ungewisses Ziel, und an allem gaben sie dem Major
-die Schuld, dem sie überdies seine Genesung nicht verzeihen können.
-Laute Flüche schrieen sie ihm zu, wenn er vorüberritt; er stellte sich
-taub und nahm Rache, indem er übermäßig lang auf eine Marschpause warten
-ließ, die schließlich der Adjutant auf meinen Wunsch von ihm erbat.
-
-In Székely-Udvarhely waren mehrere Gebäude gründlich zerstört, die Luft
-noch voll Brandgeruch. Auf den Hügeln aber, in geringen Abständen,
-staken blanke Nähmaschinen, treffliche deutsche Ware, bald im
-Straßenschlamm, bald in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende
-Gegner dieser wertvollen Beutestücke entledigt haben.
-
-Abends klagten viele über äußerste Ermüdung. Vielleicht wirkt noch die
-Typhusimpfung im Blut. Ich selbst spüre wenig, obgleich ich, um das
-kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepäck beladen, zu Fuß
-zurückgelegt habe. Die Mäßigkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne,
-scheint zu nützen; auch lebe ich, vielleicht unter Glavinas Eingebungen,
-wachsamer als früher und mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und
-nicht viel weniger als ein großes Abenteuer. Damit gewinne ich viel: der
-unfreie Dienst wird mir leichter und läßt einen freieren ahnen, der
-vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den Mitteln, die man gegen
-Erschöpfung anpreist, laß ich Tee und Kaffee gelten; grobtäuschende, wie
-Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand ausgeschieden. Den leichtesten
-und geistigsten möchte ich am liebsten trauen. Wie wenige kennen die
-unbemeßbaren, immer wirkungsbereiten Energien des lebendigen Wortes! Daß
-es bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen mit der Kraft
-ganzer Geschlechter, vergleichbar den radioaktiven Elementen, aber weit
-wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, noch die Kräfte der Welt
-anziehen und Fluten von Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon?
-Mächtig genug wären manche, um das Schwungrad auch der ermüdetsten Seele
-neu anzutreiben, und vielleicht sind schon sie allein es wert, daß man
-sich eine Weile auf den Bergen des Todes aufhalte, weil sie dort gewiß
-am reinsten und stärksten klingen. Schwingt aber die Seele frei, was
-brauchen die Sinne viel Aufreizung? Brot, Früchte, eine Handvoll
-felsgeschöpften Wassers, ein Geruch wilder Minze sind Erquickung genug.
-
-Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den Namen des Dorfes hab ich
-vergessen. Alle Häuser sind mit Infanterie bereits überfüllt; wir sind
-gerade noch in einem verlassenen, ausgeplünderten Hüttchen
-untergekommen, wo sich auch etwas Heu gefunden hat. Die anderen haben
-sich schon unter ihre Decken und nassen Mäntel gestreckt, mein
-Kerzenstümpfchen flackert zu Ende, ich muß eilen, mir noch ein Lager zu
-sichern.
-
-»Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe jetzt in ihr wie in dem
-Innern einer feinen, heftig schillernden Seifenblase und halte den Atem
-an, um sie nicht zu zersprengen«, las ich bei Glavina.
-
-
-
-
- Ottelve, 24. Oktober 1916
-
-
-Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken über bewaldete
-Hügel. Nach ein Uhr klärte sich unter uns das Tal von Csik Szereda, in
-das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still und warm.
-
-Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Gräber. Innen sind viele Gebäude
-zerstört und ausgeraubt, die eisernen Schutzläden vielfach mittels
-Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumänen hatten die Alutabrücke
-gesprengt; nun ist von preußischen Pionieren eine hölzerne Notbrücke,
-ein kühnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen Stunden errichtet
-worden.
-
-Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause. Eben kamen die
-siebenbürgisch-rumänischen Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da
-erscholl aus einem der vorderen Züge ein lautes Halt!, das nach hinten
-weitergegeben wurde. Die Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige
-wollten stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte sich heraus, daß
-weder der Major noch Leutnant Leverenz, die beide eine Strecke
-vorausgeritten waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein Mann
-mußte gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben haben. Der Marsch wurde
-fortgesetzt. Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot
-Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen der Tornister, ließ sie in voller
-Ausrüstung antreten und erklärte, daß er sie so lange stehen lassen
-werde, bis ihm der freche Störer gemeldet sei. Unterdrückte
-Verwünschungen wurden hörbar; den Gehorsam zu verweigern wagte aber
-keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt hatten, nahmen
-ihn zwar murrend, aber hurtig wieder auf. An etwas erhöhter Stelle trat
-Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte seinen Beschluß. Er
-setze voraus, sagte er, daß nahezu alle den meuterischen Rufer
-verurteilten; sei der zu feig, um sich zu nennen, so müsse es ein
-anderer tun. Geschehe dies noch während der Ruhestunde, so werde der
-Schuldige bestraft, und damit habe es sein Bewenden, wo nicht, so werde
-die ganze Kompagnie, die Herren Zugführer nicht ausgenommen, zu büßen
-haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr still, Soldaten anderer
-Züge kamen auf einige Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen
-werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand einer der besten Offiziere
-der Division, mit seinen meisten Untergebenen stamm- und artverwandt,
-vielgerühmt als furchtlos und besonnen, verehrt als einer, der niemals
-aus bloßem Ehrgeiz die Seinigen in gefährliche Lagen brachte, im Kriege
-früh alternd, mit Narben geschmückt, jetzt bleich vor Erbitterung über
-die ihm vermeintlich angetane Schmach, die scharfen runden Augen ein
-wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen Mann um den andern fixierend,
-sichtlich entschlossen, die Sache zum Äußersten zu treiben, dennoch
-weise genug, sie vorderhand gewissermaßen unter vier Augen austragen zu
-wollen, -- ihm gegenüber die abgemattete Mannschaft, über sich selbst
-erschrocken, eben sich noch dumpf in einem Rechte fühlend, das aber,
-sobald es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel, im stillen die
-Haltung des Führers vielleicht schon bewundernd, -- wo las ich doch
-einmal, daß eulenhafte Menschen allen andern überlegen seien?
-
-Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, so sah man eigentlich
-nur ein Übel akut aufbrechen, das nun schon lange unter uns umschleicht.
-Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; der Soldat, vielfach unberufen,
-spärlich ernährt, mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt,
-im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert Nervenkraft und Zucht. Die
-Offiziere wissen es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit
-manches hingehen, überhören sträfliche Zurufe, reden sich auch wohl ein,
-diese seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe des Feindes von
-selber verstummen. Solch lax-zweideutiges Verhalten muß einer klaren
-Kriegernatur wie Leverenz' durchaus bedenklich und unwürdig vorkommen,
-und wenn er nun sein ganzes Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen
-kleinen Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen, so fühlt man
-mit ihm wie mit einem Arzt, welcher einen Eingriff auf Tod und Leben
-wagt.
-
-Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch blätternd wie
-unbeteiligt, und gewiß war es sein bester Geist, der ihm eingab, sich
-zunächst nicht in den Handel zu mischen.
-
-Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich, da fand sie höchst
-unverhofft eine Entspannung. Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat
-Infanterist Kristl und bekannte sich klar und bündig als den Mann, der
-»Halt« gerufen habe. Eine Weile standen alle wie erstarrt, dann ging
-eine leichte behagliche Regung durch die büßende Kompagnie. Mir war ja
-diese Selbstbezichtigung nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs
-vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber wie er nun dastand,
-bleich und zusammengenommen, in seinem ganz verfärbten Waffenrock, die
-schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, Leverenz
-anblinzelnd, als ob dessen Anblick ihn blende, da konnte einen sein
-Geständnis wirklich überzeugen. Durch des Leutnants ernstes Gesicht
-flimmerte jetzt ein überaus flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob
-ein steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch würde. Vielleicht ging es
-ihm wie mir, und er hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch
-beschuldigte, um die ersehnte Entfernung von der Front zu bewirken, und
-er bedauerte ihn ein wenig wie einen, der eine Sache immer wieder
-verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich einigermaßen dafür dankbar,
-daß der Bogen nicht mehr stärker gespannt zu werden brauchte, --
-jedenfalls griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte er den Täter
-an und verkündete, daß er Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe
-beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht, falls Kristl sich
-vor dem Feind auszeichnen werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber
-niemand lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie freigelassen,
-während Kristl verwirrt und, wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile
-stehen blieb.
-
-Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes Lilalicht
-weithin durchatmete, zogen wir eine Stunde später nach Ottelve weiter;
-Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens waren plötzlich mächtiger
-als seit langer Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, Aufbrüche,
-Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst, -- man merkt mit einer Art
-Schrecken, daß es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, daß man
-es, ohne von sich selber abzufallen, nicht mehr wegwerfen kann. Kristl,
-heute der einzige Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem
-wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich der Haltrufer gewesen,
-danach fragt niemand. Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten,
-Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen Kompagnien grüßen
-freundlich den sonderbaren Menschen und bekräftigen sein Lob.
-
-
-
-
- Koczmás, 25. Oktober 1916
-
-
-Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus dem Nebel. Eine Art
-Blindheit befiel die Augen, und als wir nach vier Uhr in Koczmás
-ankamen, erfuhr ich ein Verfließen äußeren und inneren Gesichts, von dem
-ich mir guten Gewissens berichte, weil der Geist frei blieb und der
-Täuschung gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fußkranken
-aufgehalten, fand mich schließlich allein auf der Straße und suchte auf
-einem Seitenweg mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet worden
-war. Als ich einmal stehenblieb, um mich zurechtzufinden, hörte ich ein
-Rauschen in der Nähe; es klang wie der Brunnen vor dem Hause der Mutter
-in S., und gleich kamen mir Weg, Zaun und Nebelbäume bekannt vor. Jeden
-Pfahl, jeden Stein hatte ich früher schon einmal gesehen, und nun hörte
-ich auch das breite Brausen der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen
-im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten zu dem mütterlichen
-Häuschen aus. Kaum eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug; ich
-folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal abschwächte, und als ich
-vor der Haustür stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher mit
-Kreide daran geschrieben hatte, war alles vorüber. Eine ganz alte Frau
-trat heraus und führte mich in ein Stübchen, das ich mit Leutnant T.
-teilen soll. Später brachte sie sonderbare Milchspeise, die mit einer
-dicken Zimt- und Zuckerkruste überzogen war, dazu sehr scharfen, mir
-ungenießbaren Schafkäse. Ich habe mich beim Stab entschuldigen lassen
-und esse mit T. zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren der
-Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu Zeit, stellt sich mit
-verschränkten Armen in die Tür und betrachtet uns unverwandt. Ihre
-Mienen sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und wenn ich der Frau von
-Szentlélek gedenke, muß ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr
-verwirrte und entrückte Menschen gibt als anderswo. Dann und wann kommt
-eine stämmige blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen
-Verweilens zur Rede und führt sie wie ein unverbesserliches Kind immer
-wieder hinaus.
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- 26. Oktober. Auf dem Marsch
-
-
-Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben
-haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm
-zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe
-hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in
-Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne
-Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder
-französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne
-Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn
-und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen
-jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben;
-seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt,
-erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu
-befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte
-ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war,
-breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich
-sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich
-stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken
-gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally;
-dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich
-nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken
-bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im
-Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit
-verstörten Gesichtern; keine kannte mich. »Der Wolf wird euch fressen,
-wenn ihr schlaft auf der Heide!« rief ich ihnen zu. Sie lächelten
-einander verlegen an. »Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen«,
-setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es
-kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten
-sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und
-rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu
-Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren
-grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar
-das Söhnchen aus der Tiefe rufen: »Vater, bist du schon oben?« und war
-wach.
-
-Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten
-Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das
-Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß
-Kézdi-Vásárhely sein.
-
-
-
-
- Esztelnek, 30. Oktober 1916
-
-
-Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig zu schlaunen:
-Eilmärsche, mit Gefechtsübungen verbunden, brachten uns heute bis
-Esztelnek, dessen weißer Turm, ein Campanile, sich einige Schritte vom
-Kirchlein fernhält. Als mich meine Quartierwirtin im Hof willkommen
-hieß, erschrak ich vor der fast unnatürlichen Ähnlichkeit, womit mich
-Gesicht und Gebaren dieser Bäuerin an Frau Nikola, die verstorbene
-Oberin, erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und immer schaut
-gleiche Seele mit gleichen Augen durch die Schichten der Zeit. Jene zwar
-verließ ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter, dabei aber
-herb und ernst, wie vom Gesetz eines Ordens begrenzt, und all ihr Tun
-spielt sich im Rhythmus geistlicher Übungen ab. Sie entschuldigte sich
-sehr, daß sie fast kein Deutsch verstehe, und führte mich in eine Stube,
-deren helle Nüchternheit mein Gefühl bestätigte. Die Frau brachte
-Weißbrot und Äpfel, entfernte sich, kam aber bald wieder und stellte
-Photographien ihres Mannes und ihrer zwei Söhne auf den Tisch. Dann
-faltete sie in Schulterhöhe die Hände nach der Seite zusammen, neigte
-den Kopf darauf, indem sie eine Schlafende nachahmte, deutete hierauf
-zur Erde, sagte »In Galizia« und ging wieder. Die Bilder ließ sie bei
-Brot und Früchten stehen, als wünschte sie, daß ich, die Gaben des
-Hauses genießend, auch der Toten des Hauses gedächte.
-
-Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin ist noch immer unbekannt.
-Die verheißene Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon wird
-mit löchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg marschieren. Aus der Heimat
-kommt keine Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum gewiesen,
-bestieg ich den Campanile. Wenn das Dunkel die Grenzen der einzelnen
-Besitztümer aufhebt und schließlich nur noch die staubweißen
-allhinführenden Straßen erkennbar bleiben, die jedem und keinem gehören,
-so schickt man gern seine besonderen Wünsche schlafen.
-
-
-
-
- Esztelnek, 31. Oktober
-
-
-Um fünf Uhr marschierten wir ab. Es wehte scharf aus Nordost. Bald fror
-ich im Reiten und ging lieber zu Fuß. Dunkelgrüne Wintersaaten breiten
-sich bis zu den Bergen hinan, denen wir uns rasch näherten. Über den
-Gipfeln lagen erdgraue Wolkenschichten, die sich nach und nach rötlich
-fleckten und auf einmal Feuer fingen. Schließlich aber ging die Sonne
-nicht an dem Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern etwas links
-davon in gleichmäßig hellem Gewölk. Wir erblickten bereits das Türmchen
-von Bereczk, da kam ein Befehlträger nachgesprengt und übergab dem Major
-ein Blatt, gleich scholl ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl:
-Zurück in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten die Kompagnien
-ihre Freude. Vielleicht war ich der einzige, der im Augenblick den
-Marsch lieber fortgesetzt hätte. Ist Aufschub einer Entscheidung dem
-vorwärtsgerichteten Geiste doch immer gespenstisch, als verböge sie den
-geraden Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten wir nach Esztelnek
-zurück, wo uns die gestern noch so freundlichen Dörfler mit bestürzter
-Zurückhaltung betrachteten. Unsere Wiederkehr kommt ihnen überaus
-verdächtig vor; sie vermuten dahinter den Beginn eines deutschen
-Rückzugs und sehen uns im Geiste bereits über die Maros gejagt. Meine
-gute Wirtin dagegen begrüßte mich mit unverhohlener Freude; sie schien
-mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachträglich die ärztlichen
-Zeichen an meinem Kragen gedeutet, nun wollte sie Versäumtes nachholen.
-Über Stufen führte sie mich in eine Kammer, wo Heiligenbilder in
-russischem Stil an den Wänden hängen und leere zierlich bemalte
-Ostereier den Deckenbalken entlang an Nägelchen aufgespießt sind. In
-einem zum Fenster gerückten Bett mit grellroter Decke lag eine kaum
-Sechzehnjährige, von der Schwindsucht gezeichnet. Die Mutter geriet ganz
-aus ihrer Gehaltenheit und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklären
-versuchte, daß ich nicht eines ihrer Worte verstünde, nickte sie mir zu
-mit solchem Beifall, als wärs gerade das, was sie zu hören wünschte.
-Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war leicht zu begreifen. Das Kind
-ist schön; schwarzes feuchtes Haar über dem Schwächeglanz der Stirne
-hoch emporgekämmt, in den Augen brennt das ganze in die Enge getriebene
-Leben, wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt. Der Leib ist
-schrecklich eingeschmolzen; die Brüste nur, steil und straff, trotzen
-noch selig dem Tod.
-
-Während des Untersuchens wurde wieder einmal offenbar, wie sehr doch das
-lange Kriegsleben die innere Gestalt verändert. Was durch Jahre
-tägliches Geschäft gewesen war, das Durchspüren der Organe nach den
-Herden des Zerfalls, es will nicht mehr so recht von der Hand gehen. Ja,
-mir kam vor, als wärs ein gröbliches verfängliches Beginnen, blasse
-Magie, die weder guten Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher
-Arzt wird künftig seinen Kranken anders gegenüberstehen als bisher.
-Vielleicht müßte man sich selber gewissen Übungen und Enthaltungen
-unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen einer anderen Natur
-durchdringen und auflösen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen,
-um wenige desto sicherer zu heilen. Für diesmal war es nur ein
-Scheindienst, was ich leistete; und als ich nach der Untersuchung
-andeutete, daß ich Arzneien aus dem Sanitätswagen holen wolle, waren
-Mutter und Tochter für den Augenblick zufrieden und getröstet. Die Frau
-ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot erst mir, dann der
-Kranken und aß auch selber davon. Schweigend saßen wir nun beisammen,
-sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heiße Nachmittagssonne schien
-herein, sie durchleuchtete rötlich die braunen Paprikaschoten, die wie
-kleine Hörner in Büscheln am Fenster hängen. Wespen summten, und leiser
-Geschützdonner kam von den Bergen herüber. Auch die Mutter sprach nicht
-mehr; zuweilen, wenn sie mich zum Essen ermahnen wollte, rührte sie mit
-der Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf die Früchte. Bald
-stand ich auf und ging. Wie ein ewiger Abschied von allem dumpf
-Leidenden, Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam, nicht mehr als
-niedrig-widriges Zehrergezücht erschien mir auf einmal das dunkle Reich
-der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche Macht, verbunden und
-pflichtig den stärksten Energien der Natur. Solche zu bekämpfen kann
-jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten sich andere Gewalten an,
-denen wir uns entgegenstellen oder denen wir uns verbünden müssen.
-
-»Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschädigen, solange sich
-das vergiftete Wesen im Finstern hält, wogegen sie bei hellem Tage
-sogleich zu gären und zu töten beginnen.« Wie klärt sich mir langsam
-dies dunkle Wort!
-
-Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe Stunde. Mir träumte von
-meinem Pferd. In dem Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte
-es sich in ein junges nacktes Weib.
-
-Der Adjutant kündigt an, daß es morgen in aller Frühe weitergeht. Er
-versichert uns, daß wir diesmal nicht zurückgerufen werden.
-
-
-
-
- Bakó tetö, 1. November 1916
-
-
-Um die gleiche Stunde wie gestern verließen wir Esztelnek und erreichten
-bei trüb grauendem Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand auf der
-Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom Alter gekrümmtes Matrönchen
-lief neben der Kolonne her und spähte aufgeregt von einem Kopf zum
-andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern tragen müssen, haben ihrs
-angetan. Endlich, da wir gerade langsamer marschierten, faßte sie Mut,
-huschte an den kleinsten Flügelmann heran und beklopfte mit scharfem
-Finger seinen Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei Holz oder
-Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall ist, verschränkt zufrieden die
-Arme und bleibt zurück.
-
-Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen und schrie, den Hut
-schwingend, in schauerlichem Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den
-Deutschen! Gott helfe den Deutschen!
-
-Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister und Verpflegungsoffiziere
-nahmen Abschied und wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen ins
-Gebirge empor. Man sah ferne Felsen mit schwarzen Klüften, die wie
-Schlünde Nebel ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir auf dem
-Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde und ihre Wärter uns verließen.
-Auf sumpfiger Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab eine lange
-notwendige Rast; schon hatten wir fünf Wegstunden hinter uns, und vor
-uns ragten steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine Strecke voraus und
-setzte mich auf einen Stein, wo ich zu warten beschloß, bis die andern
-mich einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben, und während ich
-ihm entgegensah, war ich von abgewehten Fransen schon überzüngelt und
-umschlungen. Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten geistigen Wolke
-berührt und aufgenommen zu werden wie von einem blütigen Wesen! Alle
-Heimatgestalten glänzen auf, und zugleich erschwingt ein grenzenloses
-Vertrauen in die strömenden und untergrabenden Kräfte der Welt. Wie aus
-großer Ferne hörte ich das Bataillon aufbrechen und regte mich nicht,
-bis die ersten Gruppen zu mir stießen.
-
-Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte, nur fünfzehn Kilometer
-hätten wir bis zur Stellung zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß.
-Der Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, strotzend von
-lilagrünen Früchtchen, wuchert zwischen Felsblöcken. Viele Gräber
-kommen; nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst fünf Tage
-alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand auf einem Holzkreuz. Gegen zwei
-Uhr durchstiegen wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke; dort wurde
-uns ein rätselhafter, erschütternder Anblick. Ein einsames,
-niedergebranntes Haus stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den
-Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und unter der Verschwärzung
-erkannte man die blaue Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte
-Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte befanden sich zwei Gräber
-ohne Kreuze, nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr alte Frau,
-nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte nach Madjarin, das graue Haar
-zerrauft und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete zutraulich mit
-etwas Unsichtbarem. Als wir uns näherten, reckte sie sich auf und drohte
-mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte verscheuchen. Plötzlich
-wandte sie sich ab und rang unter grausigem Geheul die Hände gegen
-Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein bißchen ungarische
-Sprachkenntnis, versuchte mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich,
-scharrte Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen; doch war
-diese Bewegung mehr warnend und beschwörend als feindselig. F. sprang,
-halb ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte mit seinem Zuge
-weiter. Von den übrigen Offizieren und Mannschaften blieb niemand
-stehen. Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, was der Frau widerfahren
-sein könnte; die meisten aber mochten den Gang einer Tragödie spüren,
-vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, und stiegen schweigsam
-weiter im Gewölk empor, das die schauerlich große Erscheinung bald
-verhüllte.
-
-Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen, tauchten wir aus der
-Dunstwelt in blauen Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene
-Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde als Rastplatz gewählt.
-Riesige Haufen rostender Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns
-bereits andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie die meisten,
-wickelte mich in meine Decke und legte mich, schweißdampfend wie ich
-war, auf den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief und nach einer
-halben Stunde, trotz einigem Frösteln sehr erquickt, erwachte.
-
-Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem, grünem Mantel herab, den
-turbandick verbundenen Kopf mit beiden Händen festhaltend. Es war ein
-verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung, sich selbst überlassen, seinen
-Weg in die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen sah man die
-durchbluteten Kompressen und Mullbinden verschoben, am Hals eine
-klaffende Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war schwarz
-zugeschwollen, das unbeschädigte linke hatte ein schönes Hellbraun. Die
-ärztlichen Zeichen erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, deutete
-schweigend auf seine Wunde. Diese zu sondieren hüteten wir uns, nahmen
-auch den ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht und fest einen
-frischen darüber, worauf der Unglückliche seinen Kreuzweg
-weiterschwankte, gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen,
-die vielleicht, ohne es zu bedenken, in dem erniedrigten Bilde des
-feindlichen Genossen sich selber verhöhnten: Heute du -- morgen wir! Wir
-marschieren nicht weiter; Befehl ist gekommen, an Ort und Stelle zu
-biwakieren. Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt,
-die Helme darangehängt, Zelte aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen
-über den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern vorbei. Der Mond,
-blaßgrün, schmal wie ein Grashalm, geht in kleinem Bogen über den
-Himmel, das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien haben Feuer
-angezündet, um die sich bald alles versammelt. Auch österreichische
-Offiziere kommen für eine Weile, um sich zu wärmen. Einer von ihnen hat
-ebenfalls die Frau bei den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen
-versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen umgesehen. Kleider,
-Felle, bunte Decken und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. Er
-habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen über ihre Nacktheit
-gelegt, sie habe ihn wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus
-ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem Vormarsch, hätten Vater
-und Sohn, die beiden Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich aus
-ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung ist. Fast war ich froh, als
-das Gespräch zum Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen? Den
-Schmerz, der den Menschen dahin verhärtet, wo es kein Hungern, kein
-Frieren, keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit
-weihender Beschwörung zurückweisen muß, dies letzte große Heiligtum der
-Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine
-Angelegenheit für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus machen?
-
-Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht sich ein, daß er für
-einen Gebirgswinterkrieg eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner spürt
-Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich will als Gast von Feuer zu
-Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt.
-
-
-
-
- 2. November
-
-
-Ich erwachte mit dem Gefühl absterbender Zehen, verließ das Zelt und
-umschritt stampfend das Lager. Später meldeten sich einige Soldaten mit
-wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren. Bei mir brachten Gespräch,
-Bewegung und heißer Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln
-beigemischt waren, das Blut bald wieder in seinen Lauf. Aus den
-rumänischen Bergen aber hob sich die Sonne, und wunderbar zeigte sich
-heute die strahlenbeugende Kraft irdischer Atmosphäre: nicht als
-kreisrunde Scheibe, sondern als mächtiges karminrotes Ei lag das Gestirn
-minutenlang über schwarzen Wäldern, bis es nun, langsam steigend, sich
-entrötet und rundet. In den Tiefen aber ist unermeßliches Weiß
-ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit Gipfelinseln überstreutes Meer
-von Flaum, das uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet. An dem uns
-nahen Rande, wo es noch seicht ist, läßt es Felsen und Bäume
-durchscheinen; man könnte glauben, diese spiegelten sich darin.
-
-Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft von Rastpausen unterbrochen;
-vermutlich durften wir nicht zu früh ankommen. Die Mittagstunde
-verbrachten wir nahe dem Gipfel des Berges Kishavas auf einer moosigen,
-mit Steinblöcken und Wacholderbüschen besetzten Fläche voll neuer
-Gräber. Einige Kreuze sind sorgfältig mit Grün umwunden, manchmal nur
-ein kleiner Stecken einem größeren mit Waldreben zu flüchtigstem
-Gedenken angeknüpft. Zwischen zwei Steinen steht ein Pfahl mit
-aufgeschnitztem Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid, 29. X. 16.
-Durch kalten Wind wirken scharfe Höhestrahlen, Reifkörner verdampfen an
-den Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde bräunen sich die
-Gesichter. Es ist sehr still, die Lust zu sprechen gering, der Geist
-unterhält sich noch immer mit jenem unendlichen Weiß.
-
-Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns; er lud mich und H.
-schließlich ein, auf seinem Standort mit ihm Tee zu trinken, und ließ
-uns durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man das Blickfeld eines
-Mikroskops nach den schädlichen rot oder blau gefärbten Pilzen absucht,
-so wird hier nach den moosgrün gekleideten rumänischen Soldaten
-gefahndet. Der Offizier hatte die Höhe Lespédii eingestellt; er verriet
-uns, daß unser Bataillon sie werde erstürmen müssen, und zwar bald. Im
-übrigen war er ärgerlich, weil keiner der Grünen sich zeigen wollte; gar
-zu gern hätte er ihnen ein paar Granaten hinübergesandt. Ich sah im Glas
-einen kleinen steinigen Hügel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrüpp. An
-einem Schräubchen drehend, entdeckte ich auf einmal hinter
-Wacholderbüschen eine ganze Gruppe schanzender Rumänen, wollte schon den
-Beobachter aufmerksam machen, fühlte mich aber gehemmt und schwieg. Zum
-ersten Male stand ich gewissermaßen vor der Pflicht, den Tod auf
-Menschen zu lenken; denn der verschonte Gegner kann im nächsten
-Augenblick die eigenen Landsleute gefährden. Anderseits waren die
-arbeitenden Leute von drüben hier in dem kleinen Glase gleichsam in
-meine Hand gegeben; ich sah, wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte,
-ein anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich für völlig
-sicher, und solange ich sie nicht verriet, geschah ihnen auch nichts, --
-ein seltsamer Fall für einen Menschen, der nicht Soldat ist und mit sich
-selber in leidlichem Frieden lebt. Während mir das Herz wunderlich zu
-klopfen begann, trat ein älterer bosnischer Hauptmann herzu, der nachts
-aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, und wandte durch lebhaftes Erzählen
-alle Aufmerksamkeit auf sich, so daß der magische Spiegel ganz in
-Vergessenheit geriet. Die Hofburg in Wien, berichtete jener, soll Tag
-und Nacht von Massen hungernden Volks umlagert sein, die den alten
-Kaiser beschwören, er möge einen Schritt für den Frieden tun.
-
-Als wir zum Lager zurückkehrten, sahen wir eine Karawane von Tragtieren
-dem großen Wolkenglanz entsteigen; die Führer sagen, es gebe drunten im
-Lande einen trüben Tag. Um drei Uhr rückten wir, durch dichten Wald
-absteigend, in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie ablösten.
-Eine Moos- und Reisighütte wurde mir als Befehlsstelle bezeichnet; hier
-ließ ich mein Gepäck zurück und ging weiter, um die Verteilung der
-Kompagnien zu erfahren. Die Rumänen verhalten sich still; doch entgeht
-ihnen schwerlich, daß eine neue Art Feind in den Wald eingezogen ist.
-Hatten sich nämlich die tapferen, aber etwas bequemen Bosniaken lieber
-der dauernden Todesgefahr ausgesetzt und Nächte durch gefroren, als daß
-sie sich mit dem Ausbau der Stellung abgaben, so geht es jetzt unter
-unbändigem Jauchzen und Gesang an ein deutsch-gründliches Graben,
-Baumfällen, Sägen und Hämmern, als stünden wir auf heimatlichem Grund
-und müßten für Kind und Kindeskind Häuser bauen.
-
-
-
-
- 4. November
-
-
-Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet und mit einer
-Zeltbahn überdeckt hat, bewährte sich gut; wir schliefen alle weit in
-den Morgen hinein. Die Rumänen bleiben ruhig. Die Unsrigen bauen
-Unterstände. Es verlautet aber, daß wir nicht lange hierbleiben.
-
-Beim Frühstück, als der Major Marmelade aus dem Topf nehmen wollte,
-brachte er mit dem Löffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie sie
-in das Gefäß geraten ist, wer weiß es? Mäuse gibt es ja hier genug, es
-sind hübsche bräunliche, mit Augen wie schwarze Fischrogenkörnchen; beim
-Aufwachen heute sah ich eine über mir im Gezweig, die mich beobachtete.
-Klingensteiner wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert, konnte
-aber keine andere Erklärung abgeben, als daß der Topf über Nacht
-vermutlich unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart angelassen, was
-er schweigend hinnahm; schließlich erbot er sich schüchtern, eine neue
-Büchse zu öffnen. Der Major schien zu schwanken, aber nur einen
-Augenblick, dann wies er das Anerbieten zurück, ließ die Mäuschenleiche
-entfernen und begann, während ihm vor Widerwillen die Augen aus dem
-Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen, schob auch uns das
-Marmeladegefäß zu. Da er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch
-etwas dicker und erklärte knapp und brüsk, die Maus könne erst heute
-nacht hineingefallen, von Verwesung also noch keine Rede sein, in den
-Städten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend Mütter würden sich
-dort glücklich schätzen, wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf ihr
-elendes Kleienbrot schmieren dürften. Dabei kaute und schluckte er
-gewaltsam, die Mienen von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand er
-auf, strich sich stehend ein zweites Brot und ging, ohne abzuwarten, ob
-wir seinem Beispiel folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer
-nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse Angefochtenheit bei jedem
-zu merken. Einer meinte schließlich, er hätte ja die Marmelade
-stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen können; aber dies
-Wort ging daneben, jeder hatte gespürt, daß der Alte den Ekel mit
-Bewußtsein erleiden und zeigen, ja, daß er uns damit peinigen und
-beschämen wollte. Im stillen mochte sich auch jeder sagen, daß ein Volk,
-worin alle dächten und handelten wie er, ewig unüberwindbar bliebe; doch
-scheint es manchem befremdlich, daß aus dem bitteren kleinen Greise, der
-uns allzuoft halb eine Belustigung, halb ein Ärgernis gewesen ist, auf
-einmal etwas wie echter Schmerz und echte Größe hervorwachsen will. Sich
-selber traut ja jeder Erneuerungen zu; den andern aber, besonders den
-älteren, hält man gern für eine starre Gewordenheit und ist fast
-ungehalten, wenn er einem plötzlich Beweise vom Gegenteil gibt.
-
-Bald redete keiner mehr; nachdenklich saßen alle um den Marmeladetopf,
-bereit, wenn es gegolten hätte, davon zu essen, aber einer durch des
-andern Gegenwart gehemmt.
-
- * * * * *
-
-Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier unsern ganzen
-Frontbereich. Die Gegend ist wie absterbend; manchmal knistert es im
-Gezweig, eine Staude wird geschüttelt, aber man sieht kein Wild, keinen
-Vogel. Der Wald ist Urwald; filzig-strähnige Flechtengewebe verbinden
-die Baumkronen und verdünnen das Licht. Ungeheure Stämme, halb
-aufgelöst, manche wie durchwärmte Kerzen verbogen, glühend in allen
-Röten und Bräunen des Verwesungsrostes, liegen auf- und nebeneinander,
-und überall ringt Alge, Moos und Pilz zur Welt. Ja, was höhere Natur in
-veredelter und festerer Form lange bewahrt und entwickelt, bis es
-endlich mit Augen blickt oder sich mit Flügeln auflüftet, hier, im
-feilsten hinfälligsten Stoff, ist es vorgeträumt seit Äonen und
-zerfällt, kaum geworden, in haltloser Brunst. Es gibt Schwämme, die wie
-Rebhuhnfittiche den Boden überbreiten, andere gleichen schwarzen
-Muschelschalen, aus denen ein amethystenes Geriesel kommt. Ein Flor
-violetter Posaunen bedeckt ganze Flächen, aus lockigem Gekräusel stehen
-weiße Glieder, und winzige verstümmelte Hände, lichtgrün, mit einem
-siegellackroten Tröpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen aus
-morschen Rinden hervor.
-
-Plötzlich standen wir vor einem Toten, und als hätte uns dieser den
-Blick geöffnet, sahen wir nun den Wald voller Leichen. Um die Höhe
-Lespédii herum liegen sie zu Reihen hingestürzt, lauter Rumänen; die
-Österreicher hat man wohl bereits begraben. Sie tragen zwiefach
-gespitzte Mützen, denen vorne bloß ein Goldknöpfchen fehlt, um an alte
-deutsche Schalkskappen zu erinnern. Alle haben ganz neue Uniformen, dazu
-Halbschuhe, die aus einem einzigen Stück Leder geschnitten und oben mit
-starker grüner, durch Löcher laufender Schnur zusammengezogen sind. Der
-Ausrüstung ist anzumerken, daß die Führer mit einem raschen Siegeslauf
-gerechnet haben.
-
-Wir besuchten unsere sämtlichen Kompagnien; später gesellte sich
-Leutnant K. zu uns, der vor acht Tagen zum erstenmal an die Front
-gekommen ist, und wir schritten zu dritt einen weiten Bogen aus, wobei
-der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich die Lage des Oitózpasses
-beschrieb. Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn früher kein Heer
-aufgenommen hätte, sein Gesicht so bleich, als wäre er erst vom
-Krankenbett aufgestanden. Die Begegnung mit so vielen Toten schien ihn
-anzugreifen; er fragte, wann sie denn begraben würden, worauf der
-Ordonnanzoffizier meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre die
-Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen, es gäbe für den
-Augenblick Wichtigeres zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben wir
-stehen und betrachteten die Höhe Lespédii, die das Bataillon in den
-nächsten Tagen erstürmen soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender
-aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein und braunem Gestrüpp
-glich sie dem räudigen Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant K.
-sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als er fragte, ob es denn
-irgendeinen taktischen Zweck habe, für den elenden Steinhaufen deutsches
-Blut zu opfern, man möge ihn doch in Gottes Namen den Rumänen lassen.
-Der Ordonnanzoffizier sah den jungen Kameraden verwundert an wie einen
-Mitspielenden, der sich nicht an die Spielregeln hält, und erklärte
-dann, es handle sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern
-feindliche Kräfte hier festzuhalten und wichtigere deutsche Fronten zu
-entlasten, und übrigens sei es an der Zeit, daß wir ins Gefecht kämen,
-eine lange Defensive zerstöre den Mut, ja der beste Soldat werde
-schlecht ohne Kampf und Gefahr.
-
-Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon den Rückweg angetreten
-hatten, fragte er unvermittelt, ob sich von den Friedensgerüchten, die
-neulich umliefen, etwas bestätigt habe. Wir verneinten es. Nun geriet er
-mehr und mehr in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein; schließlich,
-lachend und doch sehr erregt, erzählte er von einer Tante in Augsburg,
-die darauf schwöre, niemand anderer als Mars, der nahe rote Planet, habe
-uns den Krieg gesandt, er herrsche auf sieben Jahre über die Erde und
-sauge an ihren Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung des
-Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier war immer einsilbiger geworden; auf
-das letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er hatte recht. Vor den
-Antlitzen der Toten erstirbt jedes nicht ganz wahre, nicht ganz
-nüchterne Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fühlt wohl jeder einen
-Sinn in sich, der mit und über allen Planeten weiß und wirkt. Bleiben
-wir im engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen Mittelpunkt aus
-das Nächste, Notwendige erkennt und löst, wie kann ein wandelnder Stern
-gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen verbunden, immer
-dient er den Gängen des ewigen Spiels.
-
-In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen wir die schwarze
-Fichtenfensterung rot und blaugolden wie mit Scheiben ausgelegt, unter
-uns aber, schon von Halbnacht umgeben, die große weiße Dunstsee
-hingebreitet, an deren östlichem Saum einzelne kleine Lichter
-flimmerten. Während wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen oder
-schon der gegnerischen Zone angehörten, bemerkten wir am Boden etwas
-Seltsames, ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren Blechmaus
-ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich einen Baum umlief. Sein Gebaren
-erinnerte an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm in Hellabrunn immer
-so viel Spaß gemacht haben; es war aber größer und nahezu schwarz. Wir
-näherten uns vorsichtig, da huschte es den Stamm hinauf und war
-verschwunden. -- Im Unterstand wurde mir eröffnet, daß ich laut
-Brigadebefehl für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert bin, wo
-ich einen Verbandplatz errichten soll. Das bedeutet, aus Gefahr und
-feuchter Niederung der Leichenwälder in Sicherheit und golden-trockene
-Höhenluft versetzt werden. Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber
-beim Bataillon geblieben.
-
-
-
-
-
-
-_6. November_ stieg ich mit Rehm, Dehm und Raab auf den Gipfel des
-Kishavas, meldete mich beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten
-in Empfang. Er ist bei einer Erkundung in die linke Seite geschossen
-worden; die Kugel steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, der ihm
-wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus den schon umnebelten Augen
-blickt, verlangt er hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine Schwäche
-zu überwinden, um unzählige Rumänen erschießen zu können. Nie sah ich so
-brennende Rachsucht in so leidender Natur.
-
-Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst Ort und Art des zu bauenden
-Unterstandes. Wir einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand.
-Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; aber bevor er nur
-antworten konnte, erklangen von allen Seiten die schönsten
-Versprechungen: Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier
-überbieten sich in Hilfsbereitschaft, jeder wird mir morgen in aller
-Frühe seinen Diener senden.
-
-
-
-
- 7. November
-
-
-Die Nächte sind hier kälter als unten. Wir haben Erde tief und breit
-ausheben lassen und über diese Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert
-man weniger. Noch etwas besser wäre das Lager ohne die vielen verholzten
-Wacholderwurzeln, die sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen,
-wenn man im Schlaf die Lage verändern möchte. Doch wacht man jetzt gern
-einmal eine Stunde, wenn Mondlicht ist über unserer vorzeitigen Gruft
-und Gräser und Stauden, zart abgeschattet, über dem Zelttuche schwanken.
-Heut mußte ich viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde des
-Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur als blaßgrauer Silberdunst
-hinabreicht. Gern läse ich wieder einmal eins von seinen Worten oder
-spräche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und Briefe gehen keine mehr
-durch meine Hand. Oft ist mir, als ob mich seine Sprüche leicht und
-stark in die Zukunft hinüberzögen. Es hat sich nun doch so lenken
-lassen, daß er nicht mehr im Graben, sondern fast nur noch als
-Befehlträger verwendet wird.
-
-
-
-
- 8. November
-
-
-Das Wetter hält an; jeder Morgen bringt Nebel und ist wie eine graue
-Puppe, aus welcher blau der Tag emporfliegt.
-
-Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen, als ich gestern
-meinte; aber er steht da, trotz allem, -- was will ich mehr? Es ist bei
-einem Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man sieht einander
-weniger in die Augen als auf die Achselstücke, und da mir solche fehlen,
-so zeigten die Zusagen von gestern keine rechte Haltbarkeit; vielleicht
-haben sie mehr dem Obersten gegolten als meinem Unternehmen. Als am
-Morgen die Diener ausblieben, erlaubte ich mir die Herren an ihr
-Versprechen zu erinnern; aber da war gerade jeder unmäßig in Anspruch
-genommen, keiner könnte im Augenblick seinen Burschen entbehren, einer
-um den anderen vertröstete mich auf später. Ich drängte nicht, sondern
-begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm allein zu arbeiten. Das ging aber
-gar langsam; wir mußten doch nach anderen Händen ausschauen. So nach
-zehn Uhr, als ich die Offiziere fest in den Dienst gestrengt wußte, da
-machte ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener heran und lockte
-sie mit Geld und Tabak zur Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die
-gleich auf alles eingingen. Doch beschäftigte ich nicht alle zugleich;
-zwei mußten immer für die Herren erreichbar bleiben, um statt der
-fehlenden einzuspringen. Das Werk schoß auf wie eine Morchel; mittags
-waren aus Pfählen und Erdklötzen schon Wände errichtet, um ein Uhr hatte
-Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich und Steinen darübergelegt,
-bald sah ich Pritschen übereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei
-Stühle aus Birkenästen gezimmert, dazu kam noch ein Felsenofen mit einem
-Rauchrohr aus ineinandergesteckten Konservenbüchsen, denen man den Boden
-ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit ließ ich mich bei der
-Befehlsstelle sehen, wo nun alles kriegerisch webert und in
-Ferngesprächen der Angriff erläutert wird. Der Ordonnanzoffizier, vom
-Apparat herüber quer lächelnd, fragte nach meinem Unterstand. Ich klagte
-über Arbeitermangel; er meinte zerstreut-verbindlich, das werde sich
-geben, es eile ja nicht, auf jeden Fall werde er mir morgen seinen
-Burschen schicken. Nun freute mich erst der Spaß. Meine lieben Jungen
-werkten wie für die Ewigkeit; mir fiel der Bauer von Szentlélek ein, --
-möge ihm sein groß geplanter Hof so glücklich geraten wie mir diese
-Hütte! Nach dem Abendessen fragte der Oberst, ob ich den Unterstandbau
-bereits begonnen habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der sei fertig,
-war lebhaft am ganzen Tisch. Alle wollten ihn sehen. Ich führte sie zum
-Walde hinüber, lud sie ein, auf Stühlen und Pritschen Platz zu nehmen
-und spendete Zigaretten. Die Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom
-Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer sonst noch geholfen habe.
-
-Es ist ein Abend, so ätherhell wie man ihn auf geklärteren Planeten
-ahnt. Herrlich brannte die Sonne hinab, und während noch der Westen
-haselnußbräunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen rumänischen
-Bergen der Mond.
-
-
-
-
- 11. November
-
-
-Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr grell gegen die feindliche
-Stellung fiel, wurde durch verwegenen Überfall mit einer Handvoll Leuten
-der 6. und 7. Kompagnie den Rumänen Lespédii entrissen. Jetzt ist es
-vier Uhr, und bereits haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen, um
-das Hügelchen zurückzugewinnen. Die Unsrigen rühmen die große
-Todesverachtung der Gegner, sagen aber, daß es ihnen an Besonnenheit und
-Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe sie ansetzen, hört man, wie drüben ein
-Führer eine Rede hält, worauf ein wilder Marsch ertönt, bei dessen
-Klängen sie heranrasen wie Trunkene. So wird Musik, die reine Kunst, zu
-einem Fluidum, das den Menschen über seine Grenzen hinaustreibt und mit
-Gefühl des Lebens dermaßen überlädt, daß er sich sehnt, es abzuwerfen.
-
-Schon zeigt sich, daß der kleine Gesteinshaufen weit mehr Opfer kosten
-wird, als wir vermutet hatten; die Fortschaffung der Verwundeten muß bis
-morgen in eine heillose Stockung geraten. Ich beschloß, noch einige
-Gruppen von Trägern anzufordern. Unwillig überließ mir der Adjutant das
-Telephon. Ich erfuhr, daß unser Divisionsarzt samt seiner
-Sanitätskompagnie einem andern Frontabschnitt zugeteilt worden ist.
-Andere deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertröstungen; schon sah
-ich die mir anvertrauten Verwundeten der Erfrierung und dem Hunger
-ausgesetzt und wollte den Apparat verlassen, um beim Oberst Gehör zu
-erbitten, da lehnte an einer Fichte, schlank, leicht gebückt, mit
-klarer, steiler Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir, dessen
-kühle graue Augen mit einiger Teilnahme auf mich gerichtet waren.
-
-»Darf ich Ihnen einen Rat geben?« sagte er, höflich grüßend. »Wenn Sie
-an irgend etwas Mangel haben, wenden Sie sich stets an den
-österreichischen Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft immer.«
-
-Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten als einem Soldaten;
-vielleicht gerade deshalb faßte ich Vertrauen. Und wirklich, sehr
-aufgeräumt wie ein Kaufmann, der gute Geschäfte zustande kommen sieht,
-antwortete der fern Gerufene:
-
-»Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber zwölf! Haben Sie denn genug
-Verbandstoff?«
-
-Ich bat um eine mäßige Menge, und er versprach, ein Eselchen, mit
-Kompressen und Binden beladen, den Trägern bald nachzuschicken. »Bis
-fünf Uhr morgens ist alles bei Ihnen«, setzte er hinzu. Nie war ich
-froheren Herzens von einem Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um dem
-unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen; der aber hatte seine Natur auch
-dadurch bewiesen, daß er indessen unsichtbar geworden war.
-
-
-
-
- 12. November, sechs Uhr morgens
-
-
-Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben wir die neuen Verwundeten
-in ein ganz nahes Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, um die
-Luft zu erwärmen. Die Toten werden auf einer moosigen Fläche
-zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu
-ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der
-uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter
-ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, daß die Rumänen von der
-Front zurückgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden
-seien.
-
-Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine
-Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief
-ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in
-unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus;
-fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller Sprünge, der Spiegel
-blind. Vally, mit magerem weißem Gesicht, lag in einem schlechten,
-zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, daß sie schon lange
-nichts mehr zu essen hätten. Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb
-auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm
-ein Spritzkännchen, ging ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in
-Scherben wuchsen. »Was tust du?« fragte ich. »Ich muß die Königsblumen
-gießen«, gab er mit großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. »Ja,
-das sind kostbare Gewächse,« sagte Vally, »schau sie dir an! Die
-meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere
-aber, die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns
-alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.«
-»Kleider, Schuhe, Brot und Wein«, wiederholte das Söhnchen in singendem
-Ton, stand auf und begann wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze;
-es war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe von unregelmäßiger
-Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man
-sie länger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem
-unentfalteten grünen Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf
-einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll
-rätselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot und
-Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weißes
-Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum Bett,
-und wir aßen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes
-innigen Wortes, als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur Traumwesen
-waren und uns durch Berührung oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls
-zerstören konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten; der
-Kleine wurde sehr fröhlich: »Ich will der Blume Wein zu trinken geben,
-damit sie schneller wächst!« sagte er, schüttete ein wenig auf die hohle
-Hand und ließ es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch
-prägte sich die Figur deutlicher aus -- plötzlich, mit feinem Klingen,
-zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern
-hervor, der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen Schritt zurück
--- »die Zeit ist da!« rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber
-hörte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das
-Zelt geöffnet, ich sah den rötlich dämmernden Himmel, darüber hart
-funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebückten knienden Mann in,
-österreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem
-Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein
-bosnischer Sanitätsfeldwebel, der Führer der eben eingetroffenen
-Verwundetenträger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren
-Ankunft unverzüglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine
-Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen bekommen Rast und
-Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige Männer
-in reifem Alter; sämtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem
-Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein
-rabenschwarzes mit weißen Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch
-dampfend von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich darum, jeder
-streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Völker alter
-Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das höchste
-Göttliche zu verehren.
-
-Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf,
-brodelt eine Schießmaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte
-Gifte lösen den Schmerz, und das große Feuer heizt weithin die Luft; sie
-flimmert wie fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt;
-sie singen langtönige Lieder, in denen der Trochäus überwiegt. Ein
-starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken
-und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten.
-
-
-
-
- 12. November, mittags
-
-
-Die Kälte nimmt zu. Spärlich wirbeln Flocken, man weiß nicht recht,
-woher; nur wenige lockere Wolken stehen über uns. Unruhiger Morgen. Der
-Feind hat Geschütze herangeholt; man rechnet mit einem Gegenangriff.
-Österreichische Truppen ziehen über den Berg, lagern zuweilen. Ich sah,
-etwas abseits im Walde, einen polnischen Offizier, einen
-bleichgesichtigen jungen Mann, wie er einen älteren Bosniaken, der
-Befehle nicht zu verstehen schien, mit geballter Faust immer wieder auf
-Kopf und Schultern schlug. Solche Szenen sollen sich seit kurzem in der
-verbündeten Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig ist ja
-dieses Heer, und eine Farbe haßt die andere; ja es kommt vor, daß der
-Führer die Sprache seiner Leute weder spricht noch versteht und sich für
-zu vornehm hält, sie zu lernen. Hier übrigens war das Empörende des
-Vorgangs bis ins Lächerliche übertrieben und fast aufgehoben, und zwar
-durch das Benehmen des Mißhandelten. Die gebührend ehrerbietige Haltung
-nicht eine Sekunde lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit der
-nachsichtigen Überlegenheit eines Riesen, der sich Püffe und Knüffe
-eines betrunkenen Gnomen gefallen läßt. Spaßverstehen lag breit auf dem
-ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum unterschied man, wer da schlug und
-wer geschlagen wurde. Wäre der junge Offizier nicht von aller
-Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen, er hätte das Unmögliche,
-Unwirkliche seines Tuns entdecken müssen. Der Anblick war unerträglich:
-man mußte sich abwenden oder auf Heilung sinnen. Da nahte mir ein
-mutwilliger Geist; im Nu war der große silbergraue Umhang aus dem Sack
-gezogen und angetan; ich nahm eine Zigarette in die Hand, ging zu dem
-Tobenden und bat unbefangen um Feuer. Und schön entfaltete der
-unstatthafte Kragen seine Magie: der Leutnant ließ die Hände sinken,
-versicherte mich seines gehorsamsten Respekts und bediente mich mit
-seinem silbernen Benzinbüchschen, das durchaus nicht brennen wollte,
-geduldig und artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem Bosnier, daß
-er sich entferne. Dieser ging davon, aufrecht, ungedemütigt; seinen
-Schultern merkte man an, daß es ihn innerlich vor Lachen schüttelte.
-Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, daß er seine Höflichkeit um keinen
-Grad zurückschraubte, als er nach und nach die Hohlheit meiner
-prächtigen Hülle erkannte. Die lange Dauer des Kriegs und die traurige
-Verfassung seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch eine Strecke in
-den Wald hinein und stellte mir in seinem nahen Unterstand einen Becher
-Tee in Aussicht, als in der Tiefe plötzlich ungeheurer Lärm losbrach,
-der uns beiden schnelle Rückkehr zu unseren Dienststellen befahl. Beim
-Stab erfuhr ich, ein Angriff der Rumänen sei im Gang; man hatte sich
-aber vorgesehen und erwartete ruhig die weiteren Meldungen. Nach einer
-Viertelstunde waren die Gegner zurückgeschlagen, einige gefangen. Das
-Gerücht vom Einsatz russischer Kräfte hat sich nicht bestätigt.
-
-
-
-
- Abends
-
-
-Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf der freien Fläche bei den
-Gräbern zum Abmarsch aufgestellt. Man sieht es diesen Rumänen an, daß
-sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen haben; der Offizier, ein
-Unterleutnant, senkte beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst in
-seiner gottväterlichen Breite an ihm vorüberging. Ein Jude von etwa
-Dreißig, untersetzt, vollbärtig, macht sich durch Deutschsprechen
-bemerkbar. »Wir alle«, sagte er, »sind verwundert gewesen, hier auf
-Deutsche zu stoßen. Wir hassen die Ungarn, ja; aber wir bewundern die
-Deutschen. Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man lernt von ihnen,
-und sie haben uns nichts Böses getan.« Der Mann sprach in einem erregten
-und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er Furcht, vielleicht war er
-längere Zeit in Deutschland gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo er
-hinredet, stößt er auf Schweigen; nicht einmal die naheliegende Frage,
-welche die Franzosen den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in ihre
-Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklärt? richtet man an ihn.
-Endlich verstummt er.
-
-
-
-
- 13. November
-
-
-Nachts hatte man von den umliegenden Bergen herüber Wolfsgeheul
-vernommen; die Maultierführer deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere
-Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen um acht Uhr, bei
-bedecktem Himmel, den Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon in der
-Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen waren. Beim Hinuntersteigen mußte
-ich der irren alten Frau gedenken, doch schlug der Stab einen anderen
-Pfad ein, und später erfuhr ich, daß jener Steig, als beschwerlicher
-Umweg, von den Truppen gemieden wird. Es mochte zehn Uhr sein, als uns
-zum erstenmal die Ebene mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um
-gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im tiefen Winkel zweier
-blaudunkler Hänge, das Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. Alle
-erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne Tornister, mit lautem Gesang,
-eilten die Kolonnen. Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen,
-holten uns österreichische Generalstabsoffiziere ein, winkten den Oberst
-heran und breiteten Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt ertönte,
-Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen, um die vorausmarschierenden
-Kompagnien zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach ab; mißtrauisch im
-beginnenden Regen wartete die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt
-Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden Regenwolken in das
-Gebirg zurück. Der Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen
-verlorengegangen seien, darunter der wichtige Grenzberg Runcul mare, der
-unverzüglich wiedererobert werden müsse. In Oitóz sahen wir den Grafen
-Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, eine graue Mütze in der Hand zwischen
-Offizieren stand und ein Szeklerregiment an sich vorbeiparadieren ließ.
-Die Kompagnien wurden in ungeheuren Holzbaracken untergebracht.
-
-Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug den Major und meldete, daß
-ich den Dienst beim Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in einem
-armseligen Quartier auf zerbrochenem Stuhl und studierte Karten. Der
-feuchte, finstere Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört;
-er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver habe. Zum Glück war ein
-kleiner Vorrat geblieben; auch von Vallys trefflicher Schokolade fand
-sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen. Dieses verzehrend, saßen wir
-eine halbe Stunde in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu reden.
-Vom Lazarett will er auch jetzt nichts wissen, und ihm vorzuhalten, daß
-er mit seinen fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen könnte, statt
-hier in einem unübersehbaren Krieg immer neue winterliche Berge zu
-erstürmen, hinter denen doch nur neue Feinde stehen werden, wäre kaum
-angebracht. Im stillen ertappte ich mich auf einer rechten Freude,
-wieder bei ihm zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der sein
-scharfes aber würziges Kraut nach längerer Entbehrung wieder anzündet.
-
-Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier erhalten, und da sie
-hören, daß wir vorerst nur in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht
-gar nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie Kinder, gleich
-wieder guter Dinge. Niemand will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis
-Mitternacht.
-
-
-
-
- 14. November
-
-
-Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. Drei Leute mußten, als
-Flecktyphusverdächtige, in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die
-Einimpferin der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und ekelhaft, zeigt
-sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer Feind. Seit Monaten quält
-sie den Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend einzelnen
-Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken und Träume, jetzt versucht sie
-zu töten. Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle meines Hemdes,
-über welcher die Zweige der Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei
-geblieben ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen Öle gewisser
-Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter sein müßten, als das Naphthalin,
-das uns ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und raufte wilde Minze
-ab, die dort noch vielfach in fetten bläulich-grünen Stauden wächst.
-Zweimal am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an der Haut, habe
-mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. Anfangs verschärften sich
-Jucken und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand wohltätig.
-
-Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten über uns. Wir machten
-halt an einem früheren Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres
-Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht mit Rumänen im
-Gefecht. Verwundete liegen in allen Räumen, viele draußen im Regen auf
-Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen Gesichts, wandelt
-zwischen Sterbenden, flüstert ihnen vertraulich zu, netzt sie mit
-geweihtem Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und Wünschen, dazu
-nach den Adressen ihrer Angehörigen; dies alles schreibt er sorglich in
-ein dunkelgrün gebundenes Buch.
-
-Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, führen, von dem
-ich Starrkrampf-Serum zu erhalten hoffte. In einem Saal neben dem
-Hausflur bemühte er sich um gefährlich Verletzte; mein Eintreten
-bemerkte er nicht. Jetzt ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein
-Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer blieb ich gerne; denn nie
-hatte ich einen schwierigen Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit,
-Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt scheint nichts zu
-drängen und zu hetzen, und ob er blutende Schlagadern unterbindet oder
-zerbrochene Glieder in Schienen schmiegt, seinen Händen legt sich alles
-wie von selber zurecht. Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir
-hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer Zerstörungen still und
-klar.
-
-Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt ich Serum zugeteilt,
-soviel ich wünschte, hatte nur etwas Morphium dagegen zu liefern.
-
-Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert auf Stroh. Es sind
-Bauchschüsse, für die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind; sie
-bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen aufgelegt, und Fellerer
-bittet mich, dieses Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters
-davon Heilungen gesehen.
-
-Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; aber man bedarf
-unser noch nicht.
-
-Unter einem Regen, der fallend gefror und halb in Tropfen, halb in
-Eisperlen auftraf, stiegen wir in eine Schlucht hinab und schlugen
-zwischen sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten die Zelte
-auf. Ein hoher Berg deckt uns vor dem Feind; es ist gestattet, Feuer
-anzuzünden, aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der Hunger
-begann zu nagen. Das Brot ist diesmal schlecht gebacken, halb noch Teig,
-halb verschimmelt. Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare
-ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade dazu gefunden hätte; aber
-diese ist ausgeblieben. Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche
-die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich für längst verjährte
-Hilfe gegen schleichende Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in
-Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; schwerlich war er in
-unsrer Lage unwillkommen. Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf
-und schnitt behutsam den Deckel los; mit goldbraunflüssigem Bienenhonig
-war sie bis zum Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder der
-Vermehrung zu erneuern: die Bewohner dreier Zelte sind schon erquickt
-und noch immer das Gefäß bis über die Hälfte voll.
-
-
-
-
- Abends sechs Uhr
-
-
-Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen. Als gar kein Feuer
-zustande kommen wollte, fiel mit Reginas wächserne Reliquie ein, die
-sich in einem Seitenfach der Verbandtasche befinden mußte. Mein Zelt
-steht etwas abseits von den andern hinter einem Stamm; niemand gab
-gerade auf mich acht. Im Nu war das Kästchen zu Spänen zerschnitzt und
-angezündet, sodann die wächserne Hand daraufgelegt. Das Rot schmolz ab,
-der weiße Kern kam zum Vorschein, und bald schlug mit Geprassel das
-wachsbetropfte harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrüßten die
-Genossen mein unverhofftes Opferfeuer, aus allen Zelten kamen sie, um
-Glut zu holen, und Reginchen selber müßte sich daran freuen, wie nun die
-ganze Schlucht von Bränden lodert und sprüht.
-
-
-
-
- 16. November 1916
- Hallesul, am Fuß des Runcul mare
-
-
-Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die Zelte abgebrochen, alles rasch
-zusammengepackt; fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke
-leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach, dann tappten wir in
-Waldfinsternis aufwärts. Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur
-des Vorausgehenden; mich führte der schwache Glanz eines Zinnbechers an
-einem Gürtel. Schnee fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der Mond
-mußte über uns stehen. Immer schneller vollzog sich die Bewegung, bald
-an Abgründen, bald über Stege, bald um Felsen herum, stundenlang. Die
-Soldaten trugen das leichteste Sturmgepäck; die Tornister sind in Oitóz
-aufbewahrt.
-
-Als wir in das bewaldete Tälchen gelangten, das Hallesul heißt, erhob
-sich durch den Dunst eine mächtige Bergform; im Nu spürte jeder: wir
-sind da. Hier war eine andere Aufgabe gestellt als vor dem Hügelchen
-Lespédii: ein steiler, vom Feinde stark besetzter Grenzberg, der, nahe
-dem wichtigsten Paß, das Land Siebenbürgen bedrohte, war zu erstürmen.
-In einer halben Stunde mußte es geschehen sein, oder es geschah
-niemals. Auf Kanonenhilfe war verzichtet; indianerhaft, in weit
-auseinandergezogenen Gruppen sollten zwei Kompagnien anschleichen, um
-gewaltsamsten Angriffs von Mann zu Mann den Gegner in Entsetzen und
-Flucht oder in den Tod zu jagen. Nahe dem Punkt, wo die Züge unter
-Leitung des Majors zu gesondertem Vorgehen verteilt wurden, blieben wir
-Ärzte mit dem Adjutanten zurück und erwarteten weitere Befehle. Wir
-sahen uns um, wo vielleicht ein Verbandplatz zu errichten wäre; aber da
-fand sich weder Unterstand noch fließendes Wasser. Schon zeigt die
-phosphoreszierende Uhr die Zeit fast überschritten, ein vager Gedanke
-regt sich, es könnte noch in letzter Sekunde die Aktion widerrufen
-worden sein oder gar bereits eine Friedensbotschaft draußen die finstere
-Welt umfliegen, -- da rast das deutsche Kampfgeschrei, ein Augenblick
-tiefer Stille folgt, und nun setzt ein Feuer ein, wie wir es in solcher
-Verdichtung nie gehört haben. Deutlich unterscheiden wir die hellen,
-gezielten Salven der Unsrigen von den dumpfen vereinzelten Schüssen der
-Aufgescheuchten. Ohne Befehl abzuwarten, verließen wir den Wald, und nun
-war wie mit einem Ruck Morgen geworden. Entgegen stand uns ein kahler,
-zerklüfteter Kegel, von dem dünne Dunstschwaden ins Blaue wehten. Als
-erste Gestalten erblickten wir gefangene Rumänen, die behutsam deutsche
-Schwerverwundete zu Tal trugen, und unversehens fanden wir uns unter
-Leidenden und Sterbenden gezwungen, den ungeschützten Platz, wo wir uns
-eben befanden, zum Verbandplatz zu machen. Schon hatte eine Granate
-zwischen uns eingeschlagen und zwei Verwundete getötet, da kam der
-Hauptmann einer ungarischen Reservekompagnie des Weges und verriet uns
-die Nähe eines leidlich eingerichteten Sanitätsunterstandes, auf einem
-Felsen im Walde. Wir ließen pfadweisende Täfelchen an Bäume nageln und
-brachten die Verwundeten in den fast leeren Raum, dem eine schmale
-Ärztezelle mit Pritschen und einem Tischchen angefügt ist. Zwei sehr
-junge ungarische Sanitätsfähnriche geschmeidig-zart, rotseidene Genfer
-Kreuze auf schneeweißen Armbinden, begrüßten uns, boten sich als
-Gehilfen an und begannen die Arbeit mit einer Geübtheit, die wir ihren
-feinen Knabenhänden kaum zugetraut hätten. In hundert Formen wogte
-Leiden heran, und sehr ungelegen kam ein Bote des Majors, der um neun
-Uhr mich und den Kollegen R. zur Befehlsstelle berief. Wir übereilten
-uns nicht und begannen den Aufstieg erst nach zehn Uhr.
-
-Es ist ein Berg der Blindnis und des Todes, den wir langsam erklimmen.
-Vom östlichen Hang herüber, wo der Kampf noch nicht abgeschlossen ist,
-schallen durch Gewehrgeknatter wilde Schreie; hüben aber in unserem
-Bereich beginnt eben der Feind, den Eroberern das Eroberte zu verleiden.
-Wie Hornisse zerstechen Granaten das Gefelse, Fleisch reißend aus
-Lebendigen und Toten. Bald rufen uns deutsche Verwundete an, bald
-rumänische, die nun das Eisen ihrer Brüder zum zweiten Male verstümmelt
-hat. Manche leiden regungslos; viele krümmen sich wie Schlangen. Mitten
-aber durch tödliche Zone sahen wir deutsche Leichtverletzte nach unten
-steigen, einige bleich, verstört, andere voll Übermut, mit bunten
-Gürteln, Westen, Ordenszeichen toter Gegner wie zum Karneval aufgeputzt.
-Einer hat aus der rumänischen Stellung ein Grammophon mitgenommen; nun
-kommt ihm der Einfall, es aufzuziehen und auf einen Stein zu stellen,
-der Page aus dem Figaro beginnt zu singen, und wie die Stimme eines
-Irren klingt Mozarts Lied in zerrütteter Welt. An einer Granitplatte,
-nahe der Kommandostelle, lehnte der Befehlträger Glavina, noch atmend,
-aber schon ganz mit der einsichtigen Miene der Toten. Man sah kein Blut.
-Schmerz und Schauder zurückscheuchend, suchten wir die Wunde und fanden
-endlich einen feinen, in den Nacken eingedrungenen Splitter. Bald stand
-die Atmung still. Einige dichtbeschriebene Meldezettel, die ihm aus der
-Tasche gefallen sein mußten, nahm ich mit, um sie dem Adjutanten zu
-geben, merkte aber auf dem Wege, daß sie nichts Dienstliches enthielten;
-nun verwahre ich sie vorderhand bei mir. Dem Major sagten wir, daß die
-bestellten bosnischen Verwundetenträger noch nicht eingetroffen seien;
-er versprach, die Division anzurufen, und sandte uns bald in den
-Hallesul zurück.
-
-Indessen hatte sich das Wetter verfinstert; es fing zu schneien an. Ein
-fließender weißer Vorhang nahm den Geschützen das Ziel; eines nach dem
-andern verstummte, fast ungefährdet gingen wir hinab. Ein Rumäne,
-zwischen zwei Birkenstämmen hingestreckt, lag mir im Wege; ich hielt ihn
-für tot und wollte über ihn wegsteigen, vernahm aber ein Ächzen und
-fühlte mich mit schwacher, doch spürbarer Gewalt am Mantel gefaßt.
-Zurücktretend sah ich das Leichengesicht eines kaum Dreißigjährigen, die
-Lider fast geschlossen, die Mundwinkel äußerst schmerzlich verzogen. Die
-Finger hielten noch immer den Zipfel meines Mantels fest. Durch einen
-grauen Umhang, der seine Brust bedeckte, dampfte es leicht; R. schlug
-zurück, unter aufgesprengten Rippen lagen die Brustorgane frei, das Herz
-zuckte schlaff. Mehrere silberne und kupferne Heiligenmedaillen, die er
-an schwarzem Band um den Hals getragen hatte, waren tief ins Fleisch
-hineingetrieben, einige stark verbogen. Wir deckten wieder zu. Der Mann
-öffnete halb die Augen, bewegte die Lippen. Um nur etwas zu tun, füllte
-ich die Morphiumspritze, und wirklich schien er etwas dergleichen
-gewünscht zu haben: er ließ den Mantel los und bemühte sich, mir den Arm
-zurechtzulegen. Schwer erklärbares Verhalten eines fast schon
-Gestorbenen! Aber vielleicht gibt es einen unendlich scharfen, unendlich
-peinlichen Schmerz, den der wach Sterbende um jeden Preis los haben
-will, weil er ihn brennend im Leben festhält, ihn am freien klaren
-Scheiden hindert, wer weiß es? Nach der Einspritzung legte er fast
-bequem seinen Kopf an der Birke zurecht und schloß die Augen, in deren
-tiefe Höhlen sogleich große Schneeflocken fielen. Wir gingen eilig
-weiter; es war fast ein Uhr, als wir im Hallesul ankamen.
-
-Der Schneefall dauert an. Die Geschütze ruhen. Immer aber streifen oben
-Gewehrkugeln durch die Baumkronen; die Luft ist voll Harzgeruch des
-tausendfach verletzten Waldes. Vergeblich warten wir auf die bosnischen
-Träger. Sie müssen sich verirrt haben. Im Unterstand ist kaum noch Raum
-für Madjaren und Deutsche; die schwerverwundeten Rumänen liegen draußen
-zwischen den Fichten im Schnee. Einen ihrer Sanitätsunteroffiziere,
-einen jungen Juden, haben wir bei ihnen gelassen. Er hat ihnen ein Feuer
-angezündet, das kümmerlich brennt und unter Schneeflocken zischt. Einige
-halten die Hände darüber. Ein anderer lächelt immer und bekreuzigt sich
-von Zeit zu Zeit.
-
-Im Unterstand verdunstet immer dichter das Blut. Mit klebrig-tierischem
-Gestank reizt und verdüstert es die Nerven; man läuft immer wieder ins
-Freie. Der rote Saft, an den das Leben mit Lust, Qual, Wut,
-Barmherzigkeit, Wahnsinn und Weisheit gebunden ist, warum erregt er,
-sobald er verschüttet wird, unleidlichen Ekel?
-
-
-
-
- Abends
-
-
-Wirklich sind die Bosniaken ausgeblieben, vielleicht von einer anderen
-Truppe weggefangen. Unsere gefährlichst Verwundeten nach Oitóz zu
-tragen, haben sich mehrere Leichtverletzte erboten; bis Mitternacht
-werden sie dort ankommen. Nun konnten die Bleibenden besser gelagert,
-auch fünf Rumänen in den Unterstand aufgenommen werden. Von den übrigen
-starben noch drei; die anderen drängten sich dicht um ihr Feuer, wobei
-sich einige die Stiefel verbrannten. Es sind lauter junge Leute,
-glattgefällige Vollgesichter, -- wie mager, wie geprägt, wie
-grüblerisch-versonnen, wie kriegsgealtert sehen dagegen die jungen
-deutschen Soldaten aus! Der jüdische Unteroffizier, des Deutschen
-kundig, fragte mich im Namen aller, wann sie wohl in ein Lazarett
-befördert würden, worauf ich nach der Wahrheit erklärte, daß das nächste
-Lazarett mehr als zwanzig Stunden entfernt sei, auch daß die bestellten
-Sanitätssoldaten uns verfehlt hätten und schwerlich vor morgen
-eintreffen würden. Sichtlich ungern übersetzte der Dolmetsch die
-schlimme Auskunft, und in der Tat war die Verzweiflung, die nun auf
-allen Gesichtern erschien, so fürchterlich, daß ich mich zu einer
-Torheit verleiten ließ, indem ich, wie man Kinder durch leichtfertige
-Verheißungen zu beschwichtigen sucht, ihnen aufs Geratewohl sagte, sie
-sollten sich nur noch ein Weilchen behelfen und gedulden, ob nun die
-Träger kämen oder nicht, in jedem Fall würde ich sie alle noch vor
-Dunkelheit unter Dach bringen und ihnen reichlich zu essen geben lassen.
-Wort um Wort übersetzte der Jude; ermutigt horchten sie auf. Kaum aber
-war das Versprechen gegeben, da fiel es mir in seiner ganzen
-Unsinnigkeit auf das Herz. Wir haben kaum Unterkunft für die Unsrigen,
-dazu so kärgliche Nahrung, daß immer die Lebenden sich gierig auf die
-Brote der Gefallenen stürzen, auch fehlt mir jede Befehlsgewalt, -- wie
-hatte ich dies alles vergessen können? Gefreiter W. meinte, die Kerle
-verdienten nicht so viel Federlesens, auch unsere Kameraden lägen auf
-dem Berg in Eis und Schnee, Krieg sei Krieg, die Rumänen hätten ihn vom
-Zaun gebrochen, sie sollten ihn nur spüren. Darauf war im Augenblick
-nichts zu erwidern; ich erneuerte mir indessen die Hoffnung, daß die
-Bosniaken doch noch kommen Würden, und ging, da im Unterstand gerade
-nichts zu tun war, ein wenig den Berg hinauf, anfangs dicht hinter der
-Linie, wo Posten, bekleidet mit weißen Schneehemden und -mützen, wie
-Priester, die eine stille Messe zelebrieren, hinter ihren Brustwehren
-standen. Befehlbringer kamen und gingen; mit singendem Ton strichen
-Kugeln. Höher gelangend, sah ich durch das Gestöber einen huschenden
-rötlichen Schein; dieser konnte nicht mehr unserm Bereich angehören, da
-schräg über die nächste Höhe schon die feindliche Stellung läuft.
-Gestalten traten in den Glanz, nahmen eine Bahre auf und trugen sie
-davon, da verlosch die Erscheinung. Ich stieg weiter und kam an einen
-hohen Baum, durch dessen Astwerk ein weißgrauer Vogel flatterte, fast
-amselgroß, vielleicht ein Schneefink, der erste Vogel, der mir in diesen
-stummen Wäldern zu Gesicht gekommen ist. Schnee fiel noch immer; in
-Millionen Stückchen schien der Weltraum herzusinken, man spürte die
-saugenden und belebenden Wellen des Nichts.
-
-Als ich in den Hallesul zurückkehrte, wurde mir eine Überraschung. Ich
-spähte nach meinen Rumänen; keiner war da. Nur die Toten, schon
-zugeschneit, lagen bei den verrauchenden Kohlen. So sind die Träger doch
-gekommen, dachte ich und wollte weitergehen, traf aber den ungarischen
-Kompagnieführer, der uns am Morgen den Verbandplatz gezeigt hat; er
-schien mich erwartet zu haben. Und nun erfuhr ich, was in kleiner wie
-großer Menschenwelt hie und da einmal vorkommen mag, daß irgendeiner
-halten muß, was ein anderer leichtfertig versprochen hat. Mit knappen
-Worten entschuldigte sich der Hauptmann, weil er die deutschen
-Kompetenzen ein wenig verletzt und in meiner Abwesenheit die Gefangenen
-an einen anderen Ort habe schaffen lassen, seine Leute hätten mich
-überall vergeblich gesucht. Durch das runde Fensterchen seines nahen
-Unterstandes habe er den ganzen Tag wie vor einer Zauberlaterne die
-Gruppe der Verwundeten und Sterbenden mit ihrem armseligen Feuer vor
-Augen gehabt, allmählich sei es seinen etwas anfälligen Nerven zu viel
-geworden. Abseits in einer Schlucht stehe eine leere Reisighütte, dort
-befinden sich die Leute jetzt, er habe ihnen auch warmes Essen
-geschickt. Ich erwiderte etwas Verbindliches; er wollte nichts hören.
-»Ihr armen Deutschen«, sagte er lachend, »habt ja selber nichts mehr zu
-brechen und zu beißen, während wir Ungarn vorderhand noch im Überflusse
-schwimmen.« Damit führte er mich durch Gestrüpp und Schneewehen in die
-Schlucht hinein. In der Hütte bei Kerzenschein lagen die Verwundeten auf
-Tannenzweigen. Sie aßen Fleisch aus Blechbüchsen und tranken aus ihren
-Feldbechern heißen Tee. Der Unteroffizier stand auf, erstattete dem
-Offizier in deutscher Sprache eine Meldung, wandte sich sodann zu mir
-und sprach im Namen aller für Unterkunft und Speisung seinen Dank aus.
-Befremdet sah mich der Ungar an. Ich suchte den einen über seinen Irrtum
-aufzuklären und bekannte dem andern mein unbesonnenes Versprechen; beide
-lächelten höflich, doch scheint mich keiner so recht verstanden zu
-haben.
-
-Als wir wieder ins Freie traten, hatten Deutsche und Rumänen schon
-begonnen, durch Aufsenden unzähliger Leuchtkugeln einander zu warnen und
-zu bewachen; grellrot und grün flackerte der ganze Hallesul bis zu den
-Bergen hinauf, und wie Konfetti fiel durch die farbenwechselnde
-Beglänzung der Schnee. Selten wird ein Schuß abgegeben; zuweilen, durch
-das Raketenzischen, hört man wieder, wie am Kishavasberg, aus großer
-Entfernung Wölfe heulen.
-
-
-
-
- 17. November
-
-
-Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte. Nach Sonnenaufgang
-öffnete sich der trübe Himmel; man sah hinter durchsichtigem
-Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als embryonenhafte Goldgestalt. Die
-Krankenträger sind eingetroffen, und nach und nach werden alle
-Verwundeten fortgetragen. Pirkl muß hierbleiben; er ist fast ohne Puls
-und würde vermutlich als Leiche nach Ojtóz kommen. Sein Bruder hat auf
-eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Da er sich nicht mehr
-mit ihm verständigen kann, so benutzt er die Frist, um dem noch Lebenden
-ein Grab zu graben und ein Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr
-sorgfältig mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet.
-
-Um neun Uhr erscheinen unter Führung eines fahnentragenden Rabbiners
-dreizehn Rumänen mit Gewehren und Munition, erbitten Gehör bei dem
-ungarischen Hauptmann und ergeben sich ihm in aller Form. Der Aufzug war
-ein bißchen bühnenmäßig, wofür Ungarn wie Rumänen gewiß mehr Sinn haben
-als wir. Der Tag vergeht ruhig. Die Kälte hat nachgelassen; Föhnwind
-leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen. Oft geht man durch eine
-Welle sehr warmer Luft, als ob Öfen in der Nähe stünden. Blasse Sonne,
-breit zerfließend, steht in löschpapierweißem Dunst. Am Abend ziehen die
-ungarischen Sanitätsfähnriche lange Flaschen aus ihren geräumigen
-Tragkörben, dazu feine geschliffene Gläser und erquicken sich und uns
-mit heißem Wein.
-
-
-
-
- 18. November
-
-
-Kein Wunder, daß man viel schläft und viel träumt in dem
-Winterwaldzwielicht. Wehrt man sich dagegen, so wird es nur schlimmer.
-In Frankreich, vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr nahes Ende des
-Krieges glaubte, war aller Traum nur Träumerei; locker und sinnlos fand
-ich mich unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum wußte etwas vom
-andern. Seit aber von Frieden und Heimkehr nicht mehr die Rede ist,
-scheint nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; es ist
-auch, als versteckten sie vor mir ein geheimes Ziel, dem sie mich auf
-Umwegen zuführen wollen. Zuweilen werden sie durch ein äußeres Ereignis
-von ihrer breiten Entwicklung abgedrängt und grob skizzenhaft beendet.
-Heute morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand ein und weckte mich
-aus einem Traum, der seltsam deutlich blieb, weil er, wie ein jäh
-aufgedeckter Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich zu verschlüpfen. Ich
-war nachts einmal aufgewacht und hatte bemerkt, daß der Unterstand von
-Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das Tischchen, knabberten am Brot
-und streiften einige Male so kunstreich an den geschliffenen Gläsern der
-Ungarn hin, daß es eine gar liebliche Folge heller Klänge gab. Dadurch
-war das Widerliche des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas geisterlich
-Koboldisches lag in der Luft, und vor einem ganzen Theater lustigster
-Mäusemetamorphosen schlief ich ein. Immer mehr entfärbten sich dabei die
-Tiere; schließlich waren sie alle glänzend weiß und liefen auf einer
-grünen Fläche hin und her. Als ich sie aber näher betrachten wollte,
-stand ich am Billardtisch eines dunstigen Kaffeehauses, wo ein
-unsichtbares Orchester fernher dudelte, und statt der Mäuse sah ich
-weiße Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger Spieler am Billard
-war jener Rumäne, dem wir auf dem Berge das Morphium eingespritzt haben.
-Mit wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch und hielt mit leisen
-deutenden Bewegungen seines Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu
-berühren. Diese wurden immer glänzender; wie Kreisel summend, mit
-sphärischer Sicherheit rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff;
-keiner störte den andern, und wenn sie von einem Rande zurückschnellten,
-verstärkten sie Geschwindigkeit und Licht. Eigentlich glichen sie
-einander genau; doch dünkte mich bald einer besonders herrlich, ja, ich
-fühlte mein ganzes Schicksal an ihn gebunden, -- wenn er stillstand oder
-mit einem anderen zusammenstieß, mußte grenzenloses Unheil geschehen. In
-einiger Entfernung ging Regina als Scheuermädchen von Tisch zu Tisch,
-las Zigarrenstummel und zerbrochene Gläser auf und warf sie in einen
-Kehrichteimer, den sie mühsam daherschleppte. Plötzlich stand sie bei
-mir und flüsterte: »Weißt du's schon? Eben bin ich deinem Schatten
-begegnet.« Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen meine
-wunderbare Kugel, warf sie zu dem übrigen Kehricht und setzte den Deckel
-auf den Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina glich, spielte
-weiter; seine Augenhöhlen waren voll Schnee, er schien nichts zu
-vermissen. Ich aber hob die Hand und schlug Regina auf die Stirne, da
-schlief sie stehend mit unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball
-jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn mit immer höherem Tone
-weiter kreiseln und mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde der
-Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. Alles schwankte;
-Regina, die schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich wie eine
-Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir herüber, wie um mich zu
-erschlagen. Und das war die Sekunde, wo draußen mit heulendem Knall das
-Geschoß zersprang! Ich stand im Nu auf den Beinen. Ein langhallender
-Schrei erscholl, der plötzlich abbrach, als hätte er die Stimmbänder des
-Schreienden zerrissen. Raab, Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür;
-andere, schutzsuchend, drängten von außen herein. Neben dem Trichter lag
-ein ungarischer Soldat, bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die
-Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine weitere ist nachgefolgt.
-
- * * * * *
-
-Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang ohne Bewußtsein
-im Verbandraum gelegen, bekam heute, nach der zehnten
-Digipuratum-Einspritzung, einen kräftigen Puls, begann auch wieder tief
-zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank er einen halben Feldkessel Tee
-und aß Konservenfleisch. In seinem eignen Kote liegend, fühlte er sich
-höchst unbehaglich, stand alsbald auf und ging ins Freie, sich zu
-reinigen, wobei er plötzlich das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder
-für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf seinen Namen, sah dann
-ins offene Grab hinein und rieb sich lange die Augen. Auf einmal fing er
-so herzlich zu lachen an, daß der Verband, der locker geworden war, wie
-eine Haube hinten hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, wie
-einer, der einem Mordsspaß auf die Spur gekommen ist, und setzte lachend
-seinen Weg fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen ist seine
-Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel ist augenscheinlich gar nicht in
-den Schädel selbst eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule,
-dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt.
-
-
-
-
- 20. November
-
-
-Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte. Regen hat alle Toten aus
-dem Schnee hervorgewaschen; einer nach dem andern wird nun begraben.
-Viele Leute melden sich krank; eine trockene, schmerzhafte
-Augenentzündung befällt uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind
-einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer wieder Unvorsichtige den
-feindlichen Scharfschützen zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt
-halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, ob keiner der Unsrigen
-sich einmal vergißt und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen,
-zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger taugt als der deutsche. Wer
-noch leidlich gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung die
-sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum entgegensinken, das Ablösung
-bedeutet, und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn ich mich beim
-Überweisen in die Lazarette ziemlich liberal verhalte. Leutnant Leverenz
-behauptet freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand an Gewehren
-vermindere, gibt aber zu, daß auch dem Tüchtigsten hier nicht mehr als
-drei Tage und Nächte zugemutet werden können. Es gibt keine Unterstände
-auf dem Berg; hinter Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen
-Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang es hell ist, den Kopf
-nicht erheben. Die größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der mit
-ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden ist. Im Schmelzwasser, das von
-den blutüberstrudelten Hängen heruntersickert, ist beginnende Verwesung
-so reichlich gelöst, daß wir es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger
-zum Trinken gebrauchen mögen.
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- Kézdi-Almás, 22. November 1916
-
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-Gestern am Abend von preußischer Landwehr abgelöst, stiegen wir durch
-feuchtes Gestöber nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im Dunkel der Weg
-abhanden kam. Ob es möglich sei, daß der Kopf sekundenlang schläft,
-während sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide ich nicht,
-weiß nur, daß mir einmal auf diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit
-goldenen Zeichen dicht vor den Augen erschien, worauf ich wie aufwachend
-emporfuhr und mich deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten
-wir die Baracken. Früh nach acht Uhr, bei aufgehelltem Wetter, zogen wir
-weiter, nachdem die Leute ihre Tornister zurückerhalten hatten; die
-Tornister der Toten wurden auf einem großen Wagen nachgefahren. Das
-Bataillon ist klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht in die
-Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen wir den Oberst mit
-Regimentsstab und vollzähliger Musikkapelle stehen; sie warteten auf
-uns. Als wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein heller
-Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien folgten, dann schmetterte sich
-ein Marsch aus >Carmen< gewaltig aus. Unsere schmutzgraue Schar, die so
-gebeugt und müde dahinschwankte, als wäre sie besiegt, begann sich zu
-straffen; allmählich begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst ihr
-erweisen ließ. Nach >Carmen< folgte das Lied vom guten Kameraden, und
-nun endete die Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf erreichte,
-dessen Kinder, von den Klängen gelockt, uns mit entzückten Gesichtern
-entgegenliefen.
-
-Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere Leute wegen
-Brustbeklemmungen in das Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein
-häufiges Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will keiner; jeder
-hofft auf Ruhewochen und gibt sich mit Baldriantropfen zufrieden. Als
-Raab den Sanitätswagen aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel, und kein
-Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben. Für den Augenblick freilich
-genügen die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen haben. Dehm und
-Raab sind sich fast böse geworden, weil einer dem andern den
-Schlüsselverlust vorwirft.
-
-Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große Stube, deren Boden mit
-feinem Sande bestreut ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, ist
-an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten Fellen
-überbreitet. Das Schönste ist ein großer Apfelgarten hinter dem Hause.
-Von hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt er wie in einem Korb.
-In einer Ecke blüht noch ein hoher Sonnenblumenspätling. Der
-schwarzgelbe Teller hat sich weit vorgestülpt und am Rande nach unten
-umgebogen, so gewaltig war im Sommer der Wille der Blume, dem
-Sonnenstand überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise der blühende
-Samt leichenfarb gefleckt oder ausgefallen, die graue Samenmosaik
-entblößt. Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer Vogel ab, einen Kern
-im Schnabel, und entschwirrte in die Dämmerung.
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- Kézdi-Almás, 25. November 1916
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-Für die nächsten zwei Tage scheinen wir noch sicher vor Alarmierung. Man
-richtet sich ein; viele packen Bücher und gute Uniformen aus, mancher
-stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein Quartier ist voll Unruhe;
-alle Nachbarn gehen ein und aus, ein altes Weib war eben hier und
-bettelte um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer Szene, die, für
-sich betrachtet, vielleicht nichts bedeutet, und doch ist mir, als ginge
-sie mich und manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause viele Katzen
-zur Welt gekommen, die nun lästig werden, zumal es an Milch für sie
-fehlt. Ein etwa fünfzehnjähriger Bursche, der hier bedienstet ist,
-scheint Auftrag erhalten zu haben, die überzähligen Tiere zu beseitigen.
-In der Stube schreibend, sah ich, wie er sie über den Hof trug, und,
-bevor ich seine Absicht erkannte, eines nach dem andern unglaublich
-geschwind an die Scheunenwand schmetterte, vor der sie liegen blieben;
-dann kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie es seine Art ist, in
-die Küche zurück, wo gerade das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu
-den andern und aß gemütlich. Eines aber der hingerichteten Kätzchen, ein
-blaugraues, weiß von Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen
-Flöckchen im Nacken, von den anderen durchaus verschieden, war nur
-betäubt worden und erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte es
-kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit dem Pfötchen einige Male
-über die Ohren, als ob es dadurch schneller zur Besinnung käme, und,
-schlich sodann über den Hof in das Haus zurück. Nun erst bemerkte ich,
-daß es am Kinn blutete, sonst schien es unversehrt. Zögernd kam es zur
-Küchentür herein und blickte sich um. Als es die schmausenden Leute sah,
-bemühte es sich, auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen
-Ansätzen, auch gelang; dann saß es eine Weile still. Endlich schmiegte
-es sich, zutraulich bittend, an den Ellenbogen seines behaglich kauenden
-Mörders. Ich konnte ihn von meinem verborgenen Tischchen aus beobachten,
-kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte, aß er zuerst noch
-ein Weilchen weiter; auf einmal wars, als kämpfe er mit einer Übelkeit,
-er bekam eine Art Schlucken und legte den Löffel weg. Sobald die andern
-fortgegangen waren, berührte er das Kätzchen vorsichtig, wie wenn er
-sich vor ihm fürchtete oder seine leibhaftige Gegenwart bezweifelte.
-Schließlich stellte ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fähig ist,
-als wärs eine Porzellanfigur, auf den Tisch und bröckelte ihm seine
-stehengelassenen Fleisch- und Brotreste hin. Es fraß ein wenig davon,
-und das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam, redete er sehr
-eindringlich auf sie los; ich vernahm öfters das Wort Matschka, dabei
-deutete er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das Tier schweigend
-an und entfernte sich wieder. Der Bursche geht seither wieder auf dem
-Hofe seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so vorsichtig wie das
-lebendige aufgenommen und weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen
-einigermaßen verändert vor, wacheres Gesicht, festerer Gang, auch hab
-ich ihn seither nicht pfeifen gehört.
-
-Morgen kommt der österreichische Thronfolger und hält bei Lemhény eine
-Truppenbesichtigung ab. Ich erkläre mich als erholungsbedürftig und
-bitte, in Kézdi-Almás bleiben zu dürfen. Es wird sehr windig und kalt.
-
-
-
-
- 28. November
-
-
-Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und weil mir eine freie
-Stunde gegönnt ist, will ich mir die kurze Geschichte seines Leidens
-aufzeichnen; gehört sie doch auch zu meinem Tag. Früh weckte mich
-gestern leises Wimmern und Murren. In der großen Stube, mit ganz
-verschaudertem Gesicht, kauerte der junge Ungar am Boden und schob dem
-Tier bald ein Wasser-, bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut,
-morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es gar nicht; auf das Wasser
-blickte es unverwandt. Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf wie
-ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht war viel kleiner geworden, das
-goldumrandete Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr heiß. Es
-hatte gewiß Fieber und brennenden Durst. Bald weinend, bald brummend
-näherte es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber bei jeder
-Berührung mit einem zornigen Laut zurück; es war zu sehen, daß ihm der
-Trinkversuch Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb es rasende
-Begierde dem Wasser zu. Plötzlich tauchte es eine Vorderpfote ein, dann
-die andere; schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, der
-aber viel zu klein war. Man füllte eine große Schüssel; da legte es sich
-hinein mit seinem ganzen inneren Brand und blieb eine Weile ruhig.
-
-Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder und Nachbarinnen kamen, ein
-Kreis von Neugier und Erbarmen zog sich um das arme Tier und seine Qual.
-Noch vorgestern hatte man es achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte
-niemand daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder fand nur, daß
-es ein reizendes Kätzchen sei, und wußte einen Rat, ein Mittelchen, um
-es zu heilen. Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe gerückt,
-hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders die Kinder. Und wirklich war
-etwas Bewundernswertes in der Haltung der kleinen Katze, etwas kaum
-Beschreibliches, das sie über ihren Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein
-Bewußtsein ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der Tod wohl nach und
-nach abtragen oder zertreten, aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom
-eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem Wesen treu zu bleiben,
-wie es, schon von der Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt und
-die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab, dies war es, was alle
-sicherlich viel stärker ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges
-ist hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl gewußt, warum sie
-dieses Tier heilig hielten und seine Mörder bestraften.
-
-Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás all ihren guten Rat
-erschöpft und sahen schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der
-gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab Atropin dazu. Wir ließen das
-Kätzchen aus dem Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge der
-Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines Mädchen laut aufschrie.
-Matschka jedoch zuckte bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie
-von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei Minuten ging sie auf
-ein Fleckchen Sonnenschein zu, das auf der Diele leuchtete, streckte
-sich behaglich aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief ein,
-zuweilen im Traum leise knurrend. So fanden wir sie noch spät, als
-längst keine Sonne mehr schien, da begann wieder das vergebliche Wandern
-zum Wasser. Wir wiederholten die Einspritzung in dreifacher Stärke.
-Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast ausgelassen und machte
-sonderbar schelmische Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn
-ihre Natur, doch blieb sie immer schön im Einklang ihrer Bewegungen.
-Plötzlich sprang sie zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. Ich
-hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie ließ es brummend geschehen und
-schlief auf einmal ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich sie mit der
-Taschenlampe; sie schlief unter leichten Zuckungen. Den Schweif hatte
-sie bequem um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem linken Fuß.
-Die Lage war lästig, und ich wollte den Fuß wegziehen, da erhob sie aber
-ein sehr ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie mich in die
-Zehen beißen. So faßte ich mich denn in Höflichkeit, die wir einem
-sterbenden Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht weiter. Durch
-das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, bemerkte ich übrigens bald eine
-Veränderung an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, wie
-sie, glaub ich, die Mönche als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand
-sich leichter, das Denken geschah freier und sicherer als sonst.
-Lebhafte Vorstellungen vom Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als
-erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit einfacher behandeln
-könnte als bisher. Dabei blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war,
-der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und nie vielleicht bin ich
-mehr davon überzeugt gewesen, daß wir nicht nur von Menschen, Geistern
-und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, ja sogar von
-unbelebten Stoffen unmerklich zu uns selber geführt werden, worauf am
-Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. Und nun flog mir
-geschwind und klar alles durch den Kopf, was ich jemals über Katzen
-Gutes gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende Mythe von jener
-sintflutartigen Überschwemmung, welche die Mutter so oft erzählt hatte.
-Ein Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf dem unendlichen
-windbewegten Gewässer. Bei ihm befand sich eine Katze, und jedesmal,
-wenn die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende Tier auf die andere
-Seite, um das Gleichgewicht herzustellen, bis endlich das kleine Boot in
-der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die Flut verlief sich, man
-holte die Wiege herunter und fand Kind und Katze lebend und unversehrt.
-Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so nannte man es Dold, was
-soviel heißt als Wipfel, und es wurde der Stammvater eines großen
-berühmten Geschlechts.
-
-Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken weiter durch manches
-Gebiet, um endlich in das nächste, nüchternste, für den Augenblick
-erwünschteste heimzukehren. Mit einem Male wußte ich nämlich genau, daß
-in einer der großen Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und
-Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen liegen müsse; vermutlich
-hab ich ihn selber dorthin verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast
-wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, Tee bringend, weckte.
-Sogleich ließ ich den Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der
-gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht mehr. Während ich
-aufstand, setzte ihr Atem aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn,
-endlich noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug.
-
-Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl. Die Truppenbesichtigung bei
-Lemhény ist abgebrochen worden. Wir packen ein. Welch Glück, daß der
-Schlüssel gefunden ist! Die schönen Uniformen werden abgestreift, die
-Bilder verschwinden von den Tischen. Der junge Ungar kniet vor der toten
-Katze und streichelt sie weinend. Schön ist es immer anzuschauen, wenn
-den rohen Menschen das Ewige anfällt, -- ehren wir jede Erleuchtung,
-jeden verwandelnden Schrecken! -- ich möchte dafür einstehen, daß der
-Knabe nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben wird, -- gebe Gott
-jedem sein Tier und seine Sünde, die ihn erwecken! Es muß aber noch
-andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel reinerem Schrecken eine Tat
-aufsteigt wie ein Stern.
-
-Der Himmel hängt voll Schneewolken. Frost ist eingetreten, Reif liegt
-auf der alten Sonnenblume. Die Samenkerne sind nun festgefroren, der
-Abendvogel wird Mühe haben, sie herauszupicken. Der Osten dröhnt von
-Geschützen. Es ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kézdi-Vásárhely ab.
-
-
-
-
- Középlak, 29. November, abends
-
-
-Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment über den Gyimespaß nach dem
-Hidegségtal herübergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen, die Räder
-bereits wie drinnen im Land ohne Gummireifen; immer gefährlicher
-schwankte der unsrige auf dem holprigen Boden, und plötzlich fuhren wir
-schräg in einen Straßengraben, gerade noch, ohne zu stürzen. Umsonst war
-jeder Versuch, das Gefährt wieder heraufzuziehen. Von den Wagen, die,
-glücklicher gelenkt, in großen Abständen nachfuhren, überholten uns
-fünf; jeden riefen wir um Beistand an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut
-harrte die Besatzung; nur da und dort lachte einer, als böte das
-Ungemach des Augenblicks vor dem großen Schicksal einen Schlupf. War
-Hilfe hier nicht erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich riet
-den Leuten, sich in ganzer Straßenbreite aufzustellen und dem nächsten
-Wagen eine drohende Haltung zu zeigen. Das höchst verfängliche Mittel
-wirkte: der Führer, als er die entschlossene Gruppe bemerkte, stoppte
-sofort. Nun ward in Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet und auf
-die Straße gezerrt.
-
-So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch die sternenlose Nacht,
-immer nur auf den grellen Lichtkegel blickend, den wir vor uns
-herjagten. Ich saß vorne beim Lenker, einem sehr jungen Polen, dessen
-ungeübte und ängstliche Hand uns noch öfters dicht an Abgründe brachte.
-Mahnungen und Einreden konnten da wenig frommen; gewiß war es das beste,
-ihn gewähren zu lassen und ihm heimlich alle guten Kräfte zuzubeten. Als
-die Paßhöhe erreicht war, graute der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff
-aus Nordosten; die Wolken standen hoch. Öde Landschaft erschien, greises
-Gebirge, stark abgetragen, die kahlen Hänge voll kleiner Buckel und
-grauer Steinwürfel, dazwischen Hütten, die den Steinen glichen, in der
-Tiefe ein halbverkiester Fluß mit angelagerten Häusern. Beim
-Hellerwerden erkannte man auf Tal- und Bergstraßen unübersehbare, gegen
-Osten marschierende Kolonnen. Düster, schicksalshaft anzuschauen ist
-solch ein Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen des nämlichen
-Rades einer unsichtbaren glühenden Achse zustreben. Gäbe es doch ein
-groß vorleuchtendes Zeichen, das allen ihre Mühsal süß macht! Aber ihr
-Bestes ist verwahrt in einem Traum der Menschheit, den sie vielleicht
-nie erfahren, und nur manchmal mag es einen gemahnen, daß er einem
-unbekannten Herrn der Zukunft dient.
-
-Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf Középlak, dessen Gebäude
-sehr weit auseinander liegen. Ein großes gelbes Haus, nah bei der
-Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet. Es besteht aus zwei
-kleinen Zimmern und einem geräumigen Saal, den ein brüchiger Ofen mit
-Rauch erfüllt. Der Assistenzarzt lag schlafend in Mantel und Stiefeln am
-Boden; das abgemagerte verstaubte Gesicht glich vor übermäßiger Ermüdung
-dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt über Karten, saßen flüsternd
-Major und Adjutant; gegenüber sprach ein rotbärtiger österreichischer
-Hauptmann unter vielen Verbeugungen in ein Telephon hinein. Ich spürte
-zwischen drüben und hüben eine Verstimmung ziehen, die mir später
-erklärt wurde. Der Österreicher, zugleich Munitionsoffizier und
-Ortskommandant, hatte unserem Major vorgestellt, es gebe kein
-unbesetztes Haus mehr in ganz Középlak, und ihn höflich eingeladen, sein
-eigenes bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren zu teilen,
-worauf unser Gebieter ihn gleichwohl bündig ersuchte, das Gebäude zu
-räumen. Dies Ansinnen wurde zurückgewiesen, und der Major brach die
-Unterhaltung mit einigen allgemeinen Ausfällen gegen die österreichische
-Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmännisch-gelassen zurück, nicht ohne
-zu bemerken, er habe zwar bereits angeordnet, daß in seiner Küche für
-die deutschen Herren mit gekocht werde, müsse dies aber, auf soviel
-Unfreundlichkeit hin, leider zurücknehmen und sich auf den bloßen
-Dienstverkehr beschränken.
-
-Ich legte mich neben den Assistenzarzt und schlief bis elf Uhr. Dann
-ging ich nach kurzem Dienst zum Hidegség hinab. Wird einem doch, als
-habe man teil an allen Gütern und Geistern der Länder, sobald man ein
-Ufer betritt. Einwohner kamen des Weges, zuerst alte Männer, dann junge
-Frauen und Mädchen. Diese sind ein stattlicher Schlag mit leichtem,
-freiem, brüstestolzem Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist der Rasse
-schön beherrscht, so daß immer eins das andere bestätigt. Man denkt
-zuerst an Italien; aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft
-Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes, nach innen Horchendes, wilder
-alter Adel, der nach Asien weist. Die unechten städtischen Kostüme, die
-wir noch gestern sahen, sind verschwunden; die Weiber scheinen hier nur
-am Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben, statt des Rockes
-ein dunkles buntgestreiftes Tuch, das einfach übereinandergeschlagen
-wird, so daß man beim Gehen die Beine sieht, die in engen, weißwollenen
-Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten, das Fell einwärts, das weiße,
-kunstreich bestickte Leder nach außen gewendet, schwarzes Kopftuch,
-spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen vorbeimarschieren, bleibt keine
-stehen, um zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man spürt eine Gegend
-beginnen, wo die Menschen hart und sich selber genug sind, und wo sich
-Schicksale schnell und klar erfüllen.
-
-Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen muß es noch überschwemmt
-gewesen sein; dann kam plötzlich die Kälte, eine dünne Eisdecke bildete
-sich, unter der aber das Wasser bald wieder sank. Nun haftet noch das
-Eis als brüchiger Glasring an Stamm und Strunk, als Brücke, mit
-Glöckchen behangen, überbaut es den Spiegel oder umschließt als
-muschelhaft geschweifte reifbefranste Schale die großen schwarzen
-Ufersteine.
-
-Mittags, während wir Deutschen, feindselig abgesondert, bei bitterem
-Kaffee sehr hartes Brot und überdrüssiges Büchsenfleisch aßen, erklang
-im gleichen Saal an der Tafel der Verbündeten der Wein, und
-österreichische Ordonnanzen, die Blicke mit vorgeschriebener Starrheit
-auf uns gerichtet, schleppten schöne Braten und Pfannkuchen von der
-Küche herein an uns vorüber. Wir jüngeren, Geringeren verschmerzten aber
-die entgehenden Genüsse um so leichter, als unserm sonst so mäßigen
-Befehlshaber gerade diesmal Entsagung unerträglich wurde. Allen Stolz
-vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden, daß er sich mit den
-österreichischen Küchensoldaten anfreunde und wenigstens etliche Kuchen
-für uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung ab: »Die
-Österreicher verkehren nicht mit uns«, sagte er.
-
-Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschützfeuer zu hören. Der
-Adjutant blieb an das Telephon gebunden. Gegen fünf Uhr wurde
-Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der Befehl wieder aufgehoben.
-
-
-
-
- Hosszuhavas-Rakottyás, 1. Dezember
-
-
-Die Nacht zum letzten November blieb ruhig. Um zwölf Uhr mittags wurden
-wir alarmiert, und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete, Russen
-und Rumänen hätten die ungarische Linie durchstoßen, den Berg
-Mihályszállás erstürmt. Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind
-aufzuhalten, den Berg zurückzunehmen. Man suchte auf der Karte den
-Mihályszállás und war verwundert, sich in solcher Nähe des Gegners zu
-befinden. Die Feldküchen, die bereits geheizt hatten, kochten während
-des Marsches weiter. Auf dem Ufergeröll wurde das Essen eingenommen,
-dann ging es eilig den Fluß entlang. Anfangs hatten uns Frauen und
-Kinder von Középlak neugierig begleitet; bald blieben sie mit
-zweifelnden Gebärden stehen. Ein verirrtes rabenschwarzes Schweinchen
-lief arglos eine Weile zwischen unseren Leuten mit, schon stritten sich
-zwei Gruppen der 8. Kompagnie um den sicheren Fang; aber ein kleiner
-Junge kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen ins Dorf
-zurück.
-
-Der Tag war kurz und düster. Nebel wuchs wie Schimmel um die niedrigen
-Fichten, mit welchen die Hügel spärlich besetzt sind. Gruppen von
-Flüchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen begegneten uns in der
-Dämmerung, zuletzt ein kleiner Leiterwagen, von schön gehörnten
-silbergrauen Stieren gezogen. Führerin des Gespanns war eine große Frau
-mit schwarzem Kopftuch, langem braunem Mantel und einem Stab in der
-Hand. Ein Kind, sein Püppchen an sich gepreßt, saß oben auf wirr
-zusammengeraffter Habe; ein alter Mann und ein junges Mädchen schoben
-nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe, kaum zehn Jahre alt,
-mit wunderbar entrücktem, unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben
-dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit eine Weise. Unter
-dem linken Arm trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der Rechten
-langte er von Zeit zu Zeit Maiskörner aus der Tasche und gab sie einem
-Stierkälbchen zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithüpfte. Diese
-Gestalten wurden mir im Geiste sogleich statuarisch, besonders die
-mütterliche Führerin, und ich verstand, was Glavina meinte, als er
-schrieb, es sei etwas Heiliges um den Fremdling, der nur einmal an uns
-vorübergehe, nicht befleckt von gleichgültiger Erfahrung. Die Haltung
-stolz, frei, das Antlitz reife, gebietende Jugend, die starken Brauen
-schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus, ohne uns zu
-beachten, als wäre sie das wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und
-verirrt.
-
-Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos entzog sich das Tal.
-Streckenweise wateten wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere löcherigen
-Stiefel füllte. Einmal riß die 6. Kompagnie ab und verirrte sich in ein
-Seitental: mit schreienden Boten und Lichtsignalen wurde nach einer
-halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt. Unendliche Müdigkeit
-zermürbt die Seelen. Mancher brüllt Wut und Verzweiflung geradehinaus:
-»Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn ihr Krieg führen wollt!« murrt
-eine Stimme. »Ein Narr, wer noch mitläuft! Ich bleibe zurück!« kreischt
-eine andere. Die Offiziere aber kümmern sich nicht um aufrührerische
-Rufe. Sie haben selber zu dulden genug. Auch wissen sie, daß die
-Schreier ja doch mitkommen werden. Wer ohne gültiges Zeugnis die Truppe
-verläßt, vermindert wohl Mühe und Gefahr, aber neue und schimpfliche
-Leiden beginnen für ihn. Im fernen Dunkel flammt es zweimal bläulich,
-man hört Abschüsse, dann heult es an, und scharf nacheinander stoßen
-Granaten in den Kies. Ein Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist
-verwundet. Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln geht. Vermutlich
-hatten unsere Signale die Geschosse hergelenkt. Ein strenges Verbot,
-Licht anzuzünden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren ist es zu Ende.
-Vom Feinde selber in die Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu
-plaudern; eine gefaßte, aufgeräumte Stimmung nimmt überhand.
-
-Um zwölf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen Boden. Der Adjutant,
-der mit dem Major eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen. Von
-einem Nachtgefecht, erklärte er, sei nicht mehr die Rede, die Gegner
-hätten den Berg zur Hälfte wieder aufgegeben und sich in der Nähe
-festgegraben, wir stünden in dem Dorfe Hosszuhavas und bekämen
-Quartiere, freilich Alarmquartiere, niemand dürfe die Stiefel ausziehen.
-
-Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich Unterkunft in einem
-Bauernhause, das von seinen Eigentümern verlassen war. Auf dem Tische
-stand bei Brot und Äpfeln ein schräg abgeschabter Salzkegel, daneben,
-mit Öl gefüllt, eine Lampe, die wir anzündeten. Ein Stapel Brennholz lag
-hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Käfigen, waren Hühner
-untergebracht. Auf diese stürzten sich im Nu die halbverhungerten
-Soldaten, um sie einem Kochkundigen zu überliefern. Die Stube war voll
-Zeichen übereilter Flucht. In dem gewaltigen Webstuhl steckte noch ein
-Stück Leinwand. Schrank und Lade standen halb offen. Einiges war
-herausgerissen und wieder hineingeworfen worden; darunter aber, in
-schimmernder Ordnung, lagen ganze Schichten fein und rauh gewebter
-Tücher und gestickter Hemden. Bunte Decken verkleideten die Wände;
-darüber hingen Heiligenbilder mit getrockneten Sträußen, daneben ein
-Teller mit dem goldgemalten Namen Julesa.
-
-Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr bewunderte, vermuteten
-mehrere Leute, ich wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle
-doch unbedenklich etwas besonders Hübsches zum Andenken mitnehmen.
-Vielleicht gelüstete manchen selbst nach solchem Schatz, und hätte ich,
-als einer der Älteren, mir ein Stück angeeignet, wärs am Ende die Losung
-zum allgemeinen Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden
-Muster sehr in die Augen, auch stellte ich mir Vallys und Wilhelms
-Entzücken vor, falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende
-Heimat käme, mußte überdies den Kameraden recht geben, die da sagten,
-verloren sei doch einmal alles, in wenigen Stunden würden wir vor- oder
-zurückgeben und das Verschonte andern deutschen Truppen oder dem Feind
-überlassen. Auf einmal standen mir die Flüchtlinge vor dem Blick, die
-uns begegnet waren; der Gedanke, daß gerade dieses Haus ihr verlassenes
-Eigentum sein könnte, gewann eine seltsame Macht, und nun erst ermaß ich
-die Größe ihres Unglücks. Gesichthaft nahe trat die königliche Führerin;
-um Wirklichkeit unbekümmert sprach ich sie als Hausherrin an und schloß
-mit ihr einen Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was willst du? Die
-Winternächte des Wachens und Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier
-für Großväter, Väter, Mütter und Kinder, -- auch unsere Leichenhemden,
-bedenk es wohl! Möchtest du deine Frau oder dein Kind darein hüllen? Die
-Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes, den andern oft schwer
-begreifliches, im Grund aber ein frommes Volk, -- seht doch, wie alles
-offen vor euch daliegt! Nichts haben wir vor euch versteckt, nichts
-verhehlt, eurer Großmut alles anvertraut. Nehmt, was not ist, um Durst
-und Hunger zu stillen, aber an den Geweben der Mütter geht vorüber!
-
-Plötzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen und Weinen kam wieder
-durch die Luft, es war, als flöge feiner Flaum über die Wimpern, und in
-größter Nähe fiel der Schlag. Das Haus schien sich in seinem Grunde zu
-lockern, Geschirr und Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein
-schlimmes Versäumnis kam in diesem Augenblick jedem zum Bewußtsein.
-Keinem war eingefallen, die Fenster zu verhängen, und so hatte die
-weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt. Im Finstern harrten wir auf
-den zweiten Schuß, er blieb aus. Nun wurden sorgfältig alle Fenster von
-außen mit Zelttüchern überspannt und erst nachher wieder Licht gemacht.
-Der Koch war gelassen bei den Hühnern stehengeblieben, deren Bratenduft
-allmählich die Luft würzte; ich aber hatte in aller Stille die lockenden
-Laden hineingeschoben, fand es auch für gut, sie mit Unnahbarkeit zu
-umgeben, indem ich die großen ledernen Verbandtaschen davor, aufbauen
-ließ und meinen Mantel darüberlegte.
-
-
-
-
- 2. Dezember
-
-
-Das Schicksal geht gelinde mit mir um. Ich habe als Verbandplatz
-ein leeres Gendarmeriewachthaus mit weitem Blick über die
-Hidegséglandschaft, ungefähr in der Mitte zwischen Bataillonsstab und
-Front. Während die Kompagnien in die Stellung stiegen, konnte ich den
-ganz versäumten Nachtschlaf ein wenig ersetzen. Nach zwei Stunden
-erwachte ich in einem Zustande, der in ähnlicher Form gewiß vielen
-bekannt ist, nur achtet nicht jeder auf dergleichen. Ich empfand mich
-als einen ovalen, durchaus leeren Raum, etwa drei Sekunden lang, dann
-fing ich an, mit unbändiger Gewalt von der linken Seite her ein
-unsichtbares Fluidum in mich hereinzusaugen, womit zugleich alle
-möglichen Bilder, Gedanken und Worte einströmten, Bekanntes und
-Unbekanntes. Plötzlich war ich angefüllt wie ein Luftballon, da wurde
-ich erst vollends wach. Dabei hatte ich ein Empfinden, als wäre Glavina
-in dem Fluidum aufgelöst gewesen.
-
-Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit und Frost. Die Russen
-sitzen ruhig in ihren Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den
-westlichen Hang haben sie aufgegeben. Unten im Tale läuft ihre Linie
-dicht vor Hosszuhavas. Auf unserer Seite werden viele Geschütze
-eingebaut.
-
-
-
-
- 3. Dezember
-
-
-Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang des Berges, während oben
-schon um den Gipfel gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der Front,
-liegt eine preußische Sanitätskompagnie; die fängt fast alle Verwundeten
-ein und leitet sie weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel
-für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in Glavinas Blättern. Die
-Schrift ist undeutlich, zum Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich
-aber herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne Sätze handelt, daß
-aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht ein Gedicht, geplant war. Wären es
-bloß feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich mir nicht viel Mühe
-geben; aber oft klingt es wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt wie
-Bienen das Herz, man möchte sich davon entfernen und muß doch immer
-wieder hinhorchen.
-
-Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt man das ausgeweitete,
-reif- und schneeglänzende Tal, über das die Siedelungen verstreut sind
-wie Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, in dem die
-Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar. Es hat sich gefügt, daß unsere
-Telephonisten dort einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die
-noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, frage nach der
-eingelaufenen Post, überzeuge mich, daß alles unverändert ist, und kehre
-zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im gemeinen Sinne gar nichts
-bedeutet, ob unter tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne
-unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter Schutzstätten bedarf der
-Geist; sie sind ihm Horst und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß
-er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für einen, der schon in der
-Wiege liegt, einen, der alle schrecklichen Schreie der Wut und der
-Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen ... Es ist ein kalter Tag.
-Die Sonne glänzt weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend von
-schwebenden Kristallen, an den Bäumen haftet Reif wie Stahlsplitter an
-Magneten.
-
-
-
-
- 4. Dezember
-
-
-»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf
-der bereiften Felsen- und Wacholderflur!«
-
-Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern;
-aber da trafen unvermutet ganze Züge Verwundeter ein, deutsche und
-russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás geworfen werden;
-aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu
-spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte gelang und der Gipfel dem Gegner
-verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, blond,
-blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne
-Pausen auf uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie scheinen
-vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander
-ihre Wunden, und während die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeißen,
-schreien sie die ihrigen geradehinaus. Übrigens sind wenig
-Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln
-heute große Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der
-Verbandraum. Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man baut immer mehr
-Geschütze ein.
-
-Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den
-Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen,
-hernach aber plötzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er
-verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man
-braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung zu
-erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald
-sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen
-Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird
-aber gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er auf die Knie und
-bittet mit gefalteten Händen, ich möge ihn doch nicht den Russen
-ausliefern, er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er sich
-Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm
-drei Goldstücke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind
-hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in
-die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reißt das Hemd noch
-weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze
-übrigens noch viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie
-vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht
-von ihm gewesen, hätte er die Finger davongelassen und das Gold in die
-Reichsbank getragen, so wäre alles anders gekommen, und wir hätten einen
-noblen Frieden. Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke auf
-hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln.
-Plötzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie
-angesehen zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, es sei
-höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu
-toben, da man ihn zurückhalten will.
-
-Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr
-verfügbar noch eine Begleitung; auch möchte man den Fall nicht gerade
-der nächsten besten Hand überantworten. Meine Sachen durchkramend, fand
-ich schließlich ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. Kristl wehrte
-sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare
-Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht
-aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes
-wieder aneinander zu heilen.
-
-Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen
-sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren
-durcheinandergeschossen; weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, winzige
-gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgeführt,
-stecken überall zwischen den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel sprießen
-Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder wächst, und man merkt es
-diesen Wölkchen an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen.
-
-
-
-
- 5. Dezember
-
-
-Ich verbrachte den Vormittag bei den Pionieren im Walde, wo sie einen
-halb zugewachsenen Weg für die Verwundeten der nächsten Tage aushauen
-müssen, da scholl über Hosszuhavas her Geschrei und Schießen.
-Zurückgekehrt erfuhr ich, daß links von unserm Abschnitt Russen die
-österreichische Linie durchbrochen haben, dadurch soll unsere Stellung
-gefährdet und wertlos geworden sein. Um den Gipfel ist noch Ruhe. Eine
-Ordonnanz überbringt Befehl zur Marschbereitschaft; Verletzte und Kranke
-sind ohne Verzug nach Palanka zu schicken. Was fang ich mit Kristl an?
-Er schläft noch immer. Ihn jetzt wegzuschaffen ist unmöglich; auch warnt
-mich etwas davor. Das Getöse kommt näher. Rehm sieht mich immer an; er
-errät meine Sorge. Endlich kann er nicht mehr schweigen. An der Somme,
-meint er, habe die Lage zuweilen schrecklicher ausgesehen und sei
-dennoch wiederhergestellt worden; drunten im Dorf, noch uneingesetzt,
-lägen zwei Reservekompagnien unseres Regiments, da könne nichts fehlen.
-Ich lasse ihn Tee bereiten und buchstabiere ein wenig in Glavinas
-Zetteln. Die Schrift ist kaum lesbar; aber ich bin einem Rhythmus auf
-der Spur. In diesem schwingend finde ich Sinn genug; schon hab ich mir
-manches vereignet und verinnigt, und wo auch nur ein Wort hingeworfen
-oder eine Strophe schwach angeschlagen ist, erklingt wie von selber die
-Folge:
-
-»Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft
-Gott. Ein wacher Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest,
-selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schläft!«
-
- * * * * *
-
-Es ist drei Uhr. Das Feuer hat zugenommen, doch überwiegt im Augenblick
-das russische nicht. Ich ging wieder zu Kristl, schüttelte ihn an der
-Schulter und rief ihn beim Namen. Umsonst. Er schläft zu tief.
-
-»Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben
-tragen die goldnen Bücher aus dem Heiligtum.«
-
-»Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt
-ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom
-Pilgerbittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke.«
-
-»Der Geist wird stehn vor seinem eigenen Hause und nicht heim finden
-...«
-
- * * * * *
-
-Einhalb vier Uhr. Der Lärm nimmt noch immer zu. Die Schau durchs Fenster
-blendet. An einigen Erhebungen des Geländes treffen so viele
-Schneeleuchten zusammen, daß das Auge kein Weiß mehr erträgt und es als
-grünlich empfindet. -- Jetzt haben, in weiten Abständen, unsere
-bereitgestellten Züge den Plan betreten. Der Gegner bemerkt sie.
-Geschosse platzen über den blinkenden Helmen, eine neue Art von
-Schrapnellen, welche zweifarbige Wölkchen ausstoßen: es ist, als ob aus
-unsichtbaren Eiern Vögel schlüpften mit einem roten und einem schwarzen
-Flügel. Die Soldaten eilen, sie laufen fast. Plötzlich fahren, kaum
-gedeckt, preußische Kanonen am Dorfrand auf und feuern ohne Pause,
-Schlag auf Schlag. Von dem Luftdruck zerspringt uns im Verbandraum ein
-Fenster.
-
- * * * * *
-
-»Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften
-Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild!
-Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude!«
-
- * * * * *
-
-Einhalb fünf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der Major, mit ihm der
-Adjutant. Hinterher kommen verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet
-ist nur ein junger Russe mit grünlichbraunem Gesicht und überhellen
-Sperberaugen. Er soll vernommen werden; aber niemand spricht Russisch.
-Aus verbündeten Truppenteilen, die in der Nähe liegen, werden Leute
-zusammengeholt, ein Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl
-Russisch, nicht aber Deutsch versteht. Durch vier Sprachen gehen Frage
-und Antwort hin und her. Der junge Bursche, scharf befragt über Stellung
-und Stärke seines Regiments, spielt auf kindlichste Weise den
-Einfältigen, sagt lauter unmögliche Dinge. Der Major läßt ihm zwei
-Fasttage androhen, falls er nicht vernünftig antworte. Er zuckt zusammen
-wie gepeitscht, senkt den Kopf, spricht keine Silbe mehr. »Braver Kerl«,
-brummt der Alte und bedrängt ihn nicht länger. Plötzlich sucht der Russe
-in seinen Taschen herum, schüttelt verzweiflungsvoll den Kopf, redet
-heiser auf den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlüsse werden
-erwartet, der Adjutant überspitzt seinen Bleistift. Aber ein Dolmetsch
-nach dem andern lacht. Was wir erfahren ist nur, daß der Gefangene im
-Gefecht seinen Tabak verloren hat; flehentlich läßt er um etliche
-Zigaretten bitten. Der Bosniak erfüllt seinen Wunsch, der Russe zündet
-an und setzt sich, da sich niemand weiter um ihn kümmert, auf einen
-nahen Stuhl, wo ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die Zigarette
-entfällt seiner Hand; er schnarcht.
-
-Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen. Der Feind hat alles
-gewonnene Gelände wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug
-fliegt niedrig über das Tal. Der junge Russe wird unsanft zum Abmarsch
-geweckt. Der Major befiehlt mich für morgen zum Mittagessen nach
-Hosszuhavas.
-
-Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum nach Kristl umsah.
-Er hatte sich aufgerichtet.
-
-»Sind Russen da?«
-
-»Ja, Gefangene. Sind schon abgeführt.«
-
-»Ach so, Gefangene«, wiederholt er mißtrauisch.
-
-»Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren auf einem feurigen
-Wagen?«
-
-Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden Laternchen war vor
-einer Minute am Fenster vorbeigekommen. Das muß der feurige Wagen
-gewesen sein. Ich bewies es ihm umständlich, und er schien es nicht zu
-verwerfen. Erklärte ihm auch, daß er morgen nach Palanka gehen und von
-dort aus in die Heimat fahren dürfe. Er zeigte keine Freude. »Dahinten
-sind lauter fremde Leute«, sagte er.
-
-Sehr bestimmt kündigte ich ihm schließlich an, er werde jetzt gleich
-wieder einschlafen, morgen früh aber, sobald ich ihn kräftig anhauche,
-wieder erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken, Weißbrot mit
-Marmelade essen und guter Dinge sein. Er versuchte eine stramme Haltung
-und sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender Bewegungen
-über sein Gesicht, um ihn wieder einzuschläfern.
-
-Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu Glavina:
-
-»Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlaßt ihr einander
-Zeichen, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege,
-vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel
-vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.«
-
-
-
-
- 6. Dezember, mittags
-
-
-Die Aktion begann im Morgengrauen und ging auf wie eine Gleichung; seit
-neun Uhr steht kein Russe mehr auf dem Mihályszállás; sie sind bis zum
-Monte Ardelle zurückgegangen. Die Aufgabe ist gelöst; vor zehn Uhr sind
-bereits ungarische Offiziere eingetroffen, um die Stellung kennen zu
-lernen, die morgen ihr Bataillon von uns übernehmen soll.
-
-Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort auf, aß mit großem
-Hunger. Nun wir ihm aber eröffnen, daß er, mit einem ärztlichen Bericht
-versehen, nach Palanka gehen dürfe, um von dort aus nach Bayern zu
-kommen, will sich sein Gesicht gleich wieder ins Störrische verziehen,
-doch nimmt er sich zusammen und bittet schließlich mit überlegten und
-herzlichen Worten, ich solle ihn doch hier lassen. Fast könnte man
-glauben, sein Gedächtnis für die Heimat sei abgeschwächt; jede
-Veränderung scheint er zu fürchten und an unseren paar Gesichtern zu
-hängen, als wären sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so
-zerspringlichen Wesen in dieser schwelenden Luft? Und der Major und
-Leverenz, was werden sie dazu sagen? Voreilig äußert Raab, wir würden ja
-nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom Sanitätsdienst etwas verstehe,
-könne er wohl noch etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig helfen.
-»Ich bin als Krankenträger ausgebildet«, fällt Kristl eifrig ein;
-»Verbände mache ich die allerschönsten, auch Arm- und Beinschienen.« Ich
-versprach, mir die Sache zu überlegen und mit Kommandeur und
-Kompagnieführer zu besprechen. Vorderhand bleibt er als Revierkranker in
-Beobachtung und meldet sich zweimal am Tage bei mir. Er geht sogleich
-mit Raab, sucht sich nützlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente,
-wickelt Mullbinden auf.
-
-
-
-
- Abends
-
-
-Während des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen, ein junger Mann in
-ungarischer Tracht herein, lächelt freundlich nach allen Seiten, geht,
-ohne den buntumschnürten braunen Filzhut abzunehmen, um uns herum, redet
-kein Wort, betrachtet die Wände, betastet zärtlich Schrank, Bild,
-Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit großer Innigkeit auf uns, man
-merkt ihm an, daß er unendlich viel zu sagen hätte. Der Major, erzürnt
-über die Störung, springt auf und bedeutet ihm, sich zu entfernen. Der
-Bursche, ohne jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung, tritt
-näher, streift den Ärmel hinauf und zeigt schweigend eine lange, tief
-eingezogene noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der Major
-weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus, nicht ohne uns unter der Tür
-noch einmal zuzulächeln. Kaum ist er draußen, scheint unsern Gebieter
-sein Zorn zu reuen, und schnell bediene ich mich der gemilderten
-Stimmung, um mein Anliegen vorzutragen, sage, daß Kristl als Infanterist
-nicht mehr tauge, daß er in die Heimat gesandt oder probeweise anderswie
-verwendet werden müsse. »Wie wäre er verwendbar?« -- »Als
-Krankenträger.« -- »Ist er als solcher ausgebildet?« -- »Ja.« Die
-Versetzung wird gutgeheißen und gleich durch Ferngespräch mit Leverenz
-geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl einen Weihnachtsurlaub zudenkt
-und das Eiserne Kreuz für ihn bereitgelegt hat.
-
-
-
-
- Bálványos-Patak, 7. Dezember 1916
-
-
-Mittags abgelöst brachen wir auf nach dem Bálványostal, das nahe bei
-Gymesbükk zum Trotusul herabfällt. Auf Gebirgswegen zogen die
-Kompagnien; wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten den zugefrorenen
-Hidegség entlang, zuweilen über ihn weg. Vom starken Glanz eines
-zertrümmerten Eisblocks geblendet, scheuten die drei Gäule auf einmal
-und wollten in hohen Sprüngen davon, beruhigten sich aber bald. In
-scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp, wozu die Pferde nicht viel
-Ansporn brauchten; sie fühlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise
-nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller Kraft einzuschlagen.
-Wir holten einen Verwundeten ein, der durch gelockerten Verband
-nachblutete; bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann allein weiter.
-Der Himmel streifte sich, es roch nach Schnee. Schon traten die Häuser
-von Gymesbükk hervor, da sah ich einen ländlichen Zug mit vielen
-hochbepackten Wagen auf dem anderen Ufer entgegenkommen. Das erste
-Gespann mutete mich bekannt an; ich lenkte hinüber und erkannte wirklich
-die schönen silbergrauen Stiere, daneben die große Frau, die jetzt als
-Führerin vieler Familien erschien. Als letzte mochte sie geflohen sein;
-als erste kehrte sie zurück. Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen
-bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter schob nach, der Greis, mit
-bereiftem Bart, schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am Ufer, ging
-der Knabe, dick behandschuht, das Bild unterm Arme, man sah unter
-zersprungenem Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen auf
-Silbergrund. Ich rief einen madjarischen Gruß, -- »Isten hozta« gab die
-Mutter mit klarer Stimme zurück und näherte sich, wie um etwas zu
-fragen. Ich mußte äußeres und inneres Ohr scharf anspannen, um sie zu
-verstehen. Vor allem wünschte sie zu wissen, ob Häuser in Hosszuhavas
-zerstört worden seien, und war sichtlich froh, als ich dies verneinte.
-Dann fragte sie, was für Gegner wir gehabt hätten. Als ich sagte
-»Russen«, lächelte sie und meinte, dann hätten sie kaum zu fliehen
-brauchen, die Russen täten kleinen Bauersleuten nichts zuleide, auch
-hätten sie mehr Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumänen. Als ich
-weiterreiten wollte, zog sie ein Säckchen vom Wagen und reichte mir
-daraus eine Handvoll gedörrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir, um
-diese fromme Gebärde zu erwidern, als einen frischen Kommißlaib; aber
-gerade damit schien ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir auf,
-daß sie alle sehr blaß und elend aussahen, gewiß hatten sie Mangel
-gelitten. Der Knabe wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel an
-einen Stein und sprang vergnügt heran, um sein Stück zu erhalten. Beim
-Eingang in das Tälchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal zurück:
-die Karawane überquerte gerade den Hidegség, hell blinkte der
-Silbergrund des Bildes in der Abendsonne. Um halb fünf Uhr erreichten
-wir das Quartier. Es ist wieder eine Bauernstube mit niedrigen,
-teppichverhangenen Wänden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der
-Front; die Einwohner gehen wie im Frieden ihrem Tagewerk nach.
-
-
-
-
- 9. Dezember
-
-
-Seit ich mein Gepäck immer so klein und nah beisammenhalte, bin ich
-stets zum Aufbruch bereit und kann mir in den Minuten, wo ich mich sonst
-in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte, das eben Erlebte ein
-wenig zu erklären suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und Schreiben;
-auf drei Uhr war die Gesundheitsprüfung angesetzt, für welche sich der
-große Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der Kälte wegen trieb ich
-zur Eile. Niemand zeigte sich einer Ansteckung verdächtig; das Geschäft
-verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schluß eine seltsame Störung.
-Während an der hellsten Stelle der Scheune die letzte Reihe völlig
-entkleideter Soldaten an mir vorüberzog, kam unversehens, halb
-schwankend, halb tanzend, die junge Frau des Hauses herein, in der
-linken Hand einen Krug schwingend, die Rechte wie zum Greifen
-ausgestreckt, und ging geradenweges auf die nackten Männer zu, wobei sie
-unverständliche Worte, rumänisch mit ungarisch vermischt, vor sich hin
-sang. Wie wir gehört haben, ist sie die kinderlose Witwe eines in
-Rußland Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines alten Knechtes und
-einiger Mägde ihr Anwesen so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer
-überhaupt der Trunksucht verfallen ist, wissen wir nicht; jedenfalls hat
-sie gestern, als uns Freiwein gewährt wurde, mehreren Leuten einen Teil
-ihres Maßes gegen Milch und Eier abgetauscht und, wie es scheint, einen
-ansehnlichen Vorrat zusammengebracht. In ihrem Rausche muß sie,
-vielleicht vom Stall aus, unsere ungewöhnliche Parade erspäht haben, und
-es ließ ihr keine Ruhe, bis sie eingedrungen war. Eigentlich hätte ich
-sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die Erscheinung war voll
-bannender Kraft, nie vorher hatte ich Besessenheit so vollkommen
-gesehen, man konnte sich nicht abwenden, und alle Bedenken schwiegen.
-Das Gesicht ist von der halb madjarischen, halb romanischen Schönheit,
-die einem hierzulande oft begegnet; bei nüchternen Sinnen mag es ein
-sehr anmutiges, eher schüchternes Wesen sein. Jetzt aber drückten ihre
-Züge zugleich Erstarrung und Entfesselung aus; kein Lachen oder Lächeln
-hatte Raum in diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft.
-Augenscheinlich ist auch, daß sie sich, trotz dem Werktag, mit ihrem
-Sonntagsstaat angetan hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide,
-die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien überreich
-verziert. Es waren gerade die jüngsten Leute des Bataillons, die noch
-nackt vor mir dastanden; ihnen näherte sie sich, hob ihnen den Krug
-entgegen und trank ihnen zu. Nun merkte ich erst, daß ihre Augen fast
-ganz geschlossen waren; sie schien durch die Lider zu blicken, als wären
-diese von durchsichtigem Stoff. Als sie einem der Jünglinge den Krug
-anbieten wollte, reichte sie ihn vorüber einem Unsichtbaren, so daß ihr
-Gehaben ein wenig an jene wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas
-erinnerte. Die jungen Leute hatten sich indessen von ihrem Staunen
-erholt; sie begannen sich zu schämen und warfen ihre Hemden über. Nun
-war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und Raab führten die Frau
-hinaus. Sie ließ es geschehen, ging aber dabei rücklings, den Blick
-immer ins Innere des Raums gerichtet, singend und mit dem erhobenen Krug
-winkend.
-
-Nach beendetem Dienste stieß ich im Hof auf den Gefreiten, der den
-Abmarschbefehl überbrachte. Ihm folgte ein sehr alter Mann in
-rumänischer Tracht, ein dicht verhülltes Kind im Arm, nahm den Hut ab
-und fragte, ob ich der Feldgeistliche wäre. Der Säugling, sein
-Urenkelkind, sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft, kein Priester
-weit und breit zu finden, ob ich es nicht übernehmen wolle, ihm das
-Sakrament zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer ein; er ist
-Kandidat der Theologie und hat bereits die niederen Weihen, -- ihn ließ
-ich rufen und übergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand wenig Hoffnung
-läßt. Auf der Straße sammelte sich bereits das Bataillon, keine Zeit war
-zu verlieren, und so vollzog der künftige Priester die einfache
-Handlung, zu der im Notfall eigentlich jeder Christ berechtigt wäre,
-gleich in der Stube der jungen Bäuerin, die noch immer nicht aufhörte,
-zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm sie heftig anfuhr und ihr
-unverzüglich Wasser zu bringen befahl, was sie einigermaßen ernüchterte.
-Die gelassene hart scheinende Art, wie er auch weiterhin mit dem Weibe
-umging, gefiel mir sehr; sie hob ihn über sein gewöhnliches Wesen
-hinaus, mir war, als sähe ich ihn zum erstenmal. Indem er fortfuhr, böse
-mit ihr zu tun, legte er ihr schließlich das Kind in die Arme und gebot
-ihr, es über das Becken zu halten und zu schweigen. Der junge Stelzer
-waltete begeistert seines Amtes; klar und ohne Hast sprach er sein
-lautes Ego te baptizo, während auf der Straße draußen die Kompagnien
-bereits ihre Tornister aufnahmen. Die schöne Bacchantin nahm sich
-gewaltig zusammen; eingeschüchtert von der Würde des Vorgangs wandte sie
-keinen Blick von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens geworden
-war. Allmählich war es, als füge sie sich mit heimlicher Lust in ihre
-sanfte Demütigung; einmal hörte man sie schluchzen, und plötzlich fielen
-Tränen auf den Täufling nieder, der immer schwächer dem Tod
-entgegenröchelte.
-
-Ich muß schließen; das Pferd stampft und blickt wiehernd nach mir um.
-Der Himmel wölkt sich tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und
-Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort, wenn jemand sie nach dem
-Ziel des Marsches fragt. Wieder soll ein großer Berg an die Russen
-verloren gegangen sein.
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- Palanka, 10. Dezember 1916
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-Erwachend glaubte ich durch das dunstige Fenster zwei weiße Tauben zu
-sehen und stand auf, um mir das Pärchen genauer zu betrachten: da waren
-es die zwei Ohren eines Maultierschimmels, die sich bewegten. Das
-abgemagerte Tier stand eingespannt vor einem Schlitten, den Rücken ganz
-verschneit, zuweilen den Boden aufscharrend, um ein Moos oder eine
-Wurzel zu finden. Von der Brigade kommt ein Fernruf: der Marsch
-unterbleibt! Gern läse ich in Glavinas Blättern, bin aber niemals allein
-am Tisch, nun summen die Sprüche von selber dahin. Drunten am Trotusul
-ist das Ufer stellenweise noch frei von Eis; klarstes Wasser läuft über
-Kiesel, die so golden schimmern, daß mir Wilhelms Briefchen einfiel; dem
-Kleinen zum Gedenken hob ich denn ein paar besonders glänzige heraus,
-aber da war alles Leuchten verloschen. Dennoch steckte ich einige in die
-Tasche; dem Söhnchen wird es nicht schaden, wenn ihm sein Vater statt
-Gold Steine bringt, es sind gar hübsche darunter, alabasterweiße mit
-lila Geäder, mattgrüne wie Vogeleier getupfte, rötliche und gelbe.
-Emporsteigend kam ich durch Fichtenwald. Überhängender Fels hält von
-einem kleinen mit Moos und breitblättrigem Efeu bewachsenen Flecken den
-Schneefall ab. Dort fand ich auch die Pflanze wieder, die einst dem
-Knaben palmenhaft begegnet war; in allen Stufen ihres Wachstums umsäumt
-sie die grüne Insel. Aber liegt es an meinen Augen, die nicht mehr
-kindlich sind, oder hat sich wirklich das Gewächs von seiner Grundfigur
-entfernt: nur wenige Stauden erinnern hier ein wenig an die Palme, die
-meisten sind, indem sie schon unten vom Schaft aus Blätter
-hervortrieben, wuchernder Entartung verfallen. So mag es oft gehen, daß
-der Geist des Lebens einen hohen Gedanken denkt; aber das Geschöpf, dem
-er auferlegt ist, vermag sich beim Nahen der Entwicklung nicht zu
-halten, lüstern, sich selbst übertreibend, zerbricht es die Melodie, und
-alles zerstiebt. Was liegt aber dem Leben an milliardenfachem Mißlingen?
-Es kann den Dorn zum Blatt, das Blatt zur Rose formen; es hat Zeiten und
-Sterne genug, um umzuzeugen und umzugebären, einmal wird es doch
-schwingen, wie der Geist es will. Am Heimweg hörte ich in den Baracken
-fröhlichen Lärm und Gesang, Schnee fällt noch immer; eine stetige weiße
-unendlich beschwichtigende Bewegung ist der Tag.
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- Kóstelek, 13. Dezember 1916, ½12 Uhr nachts
-
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-Alle schlafen, auch ich schon zur Hälfte; dennoch will ich mir Weg und
-Ankunft vergegenwärtigen, morgen ist vielleicht keine Zeit. Früher wußte
-ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen schreibt; jetzt aber sind sie mir
-wie die Brotkrümchen, welche Hänsel und Gretel im Walde ausstreuten, um
-gewiß wieder nach Hause zu finden. Freilich, als die Kinder dann
-wirklich den Heimweg antreten wollten, da hatten die Vögel alles
-aufgepickt, -- aber da beginnt ja auch erst das eigentliche Märchen.
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-Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag. Die Leute hatten
-innerhalb der Baracken in großen Blechkesseln Feuer angezündet; einige
-wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend auf dem halbgrünen
-Maisstroh. Jeder spürte nun erst seine ganze Ermüdung, jeder lobte das
-beharrliche, ruheverbürgende Gestöber. Draußen sah ich einen Mann, der
-aus Übermut Brot in Schnee packte und über das Barackendach warf. So
-besprengt man da und dort in Niederbayern zur Weihnachtszeit
-Schneeballen mit geweihtem Wein und schleudert sie über das Haus, um es
-vor Unglück zu bewahren. Aber nach zwölf Uhr schneite es nicht mehr;
-Ostwind öffnete den Himmel, und bald hörte man wieder Schüsse aus
-schwerem Geschütz das Tal durchhallen. Um die zweite Stunde kam der
-Marschbefehl. Dem Trotusul entlang zogen wir bald über ungarisches, bald
-über rumänisches Gebiet. Eine Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der
-Russen, deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen. Sie bemerkten
-uns, zielten aber schlecht; Granaten schlugen in den Fluß und jagten
-Wassersäulen auf, beschädigt wurde niemand. Ciugesu durcheilten wir ohne
-Aufenthalt und stiegen dann durch ein Seitental aufwärts. Überall ist
-Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut; blaue Schattenwände stießen
-an Wände von brennendem Silber. In Cyges warteten wir über eine Stunde,
-niemand wußte, worauf. Der Major war vorausgeritten; der Adjutant,
-wunderlich verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft über das Ziel der
-Bewegung. Einmal, an kahler Gegenwand, springt die Straße schräg nach
-oben zurück, und während wir als Letzte noch tief unten in Schattenkälte
-gingen, sahen wir unsere vordersten Gruppen bereits hoch über uns vor
-orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und dahinter verschwinden.
-Diese gehorsam-stetige Prozession grauer Männer, die aus der scharf
-abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte, zog immer wieder den Blick
-empor; man freute sich, auch bald auf den hochbeglänzten Steig zu
-gelangen und vergaß darüber den beschwerlichen Weg.
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-Oben, während einer kurzen Rast auf weitem Schneefeld, meldete sich ein
-Infanterist krank, einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns
-gekommen sind. Während er sich nähert, muß er von Leuten seines Zuges
-harte Worte hören, ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten, und
-weicht erst auf meinen Anruf zurück. »Achtundzwanzig Monate wart ich auf
-Urlaub,« schreit der alte Lutz; »krumm und grau werd ich im Krieg, und
-du, papieriger Kerl, willst dich am zweiten Tage drücken!« »Durchhalten,
-Herr Kamerad, durchhalten!« höhnt ein anderer. Der junge Mensch, ein
-verwöhntes Knabengesichtchen unter viel zu großem Stahlhelm, erklärt
-fast weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet und werde
-wiederkommen, sobald er gesund sei, jetzt aber könne er nicht mehr. Man
-lacht ihn aus. Sein Atem stößt weißrauchend in die Kälte, und die Augen
-glänzen von Fieber; aber dafür haben die andern jetzt keinen Blick. Von
-Müdigkeit und ungewisser Zukunft überreizt, hassen sie wie Verdammte
-einen jeden, der sich der gemeinsamen Hölle entziehen will. Ich
-beschloß, die zudringlichen Schreier einfach zu überhören und die Sache
-kurz zu machen, fühlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen und
-wollte eben eins der rotgeränderten Täfelchen nehmen, um die nötigsten
-Angaben daraufzuschreiben und es dem Kranken an den Mantel zu heften,
-damit er seinen Weg ins Lazarett antreten könne, da rennt, mit
-ängstlicher Miene, Dehm daher, entschuldigt sich wegen Verspätung und
-beginnt nun aus der alltäglichen Sache eine große Angelegenheit zu
-machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen auf dem Schnee zusammen,
-läßt den Mann darauf lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen
-und meldet mir gestreng, daß Infanterist Löhr zur Untersuchung
-bereitliege. Nach und nach fing ich wieder einmal an, Dehms überlegene
-Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht, wie gar ansteckend die Neigung,
-sich krank zu melden, in solchen Fällen werden kann; selber Soldat von
-festestem Holz, will er lieber grausam scheinen, als die längst
-gefährdete Zucht gelockert sehen. Ja, die mißtrauischen Späher sollen
-erfahren, daß es bei uns keine Läßlichkeit gibt, daß wir peinlich wie
-Krämer die Schwere der Krankheit abwägen wollen. Achtungsvoll, doch
-unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des höchst schwierigen
-Sanitätsoffiziers hinein, -- was bleibt mir übrig, als den frierenden
-Menschen umständlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den Fiebermesser
-einführen zu lassen wie im Spital? Still wird es um uns; im Banne der
-klinischen Zeremonien erstirbt jedes widerwärtige Wort. An dem schwach
-Darniederliegenden erkennen die andern allmählich, wie sehr sie selber
-doch stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder angekleidet,
-gegürtet und mit seinem Krankentäfelchen behangen ist, stapft er
-unbehelligt wie ein Räudiger gegen Palanka davon.
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-Vor fünf Uhr hielten wir an einem hohen steilen Hang; man sah in das Tal
-eines halbvereisten Flusses hinab. Zwischen Häusern brannten Lagerfeuer,
-in deren Schein österreichische Soldaten ruhig hin und her gingen. Wir
-standen und schauten. Von Osten scholl Kampflärm; ein breiter Gipfel
-erschien von Leuchtraketen und Einschlägen vulkanisch, doch nur eine
-Minute lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau zu vielen
-andern. Rings aber schuf der letzte Sonnenrand ein seltsames Licht.
-Hellgrün lagen die Schatten auf rötlichem Schnee, ein Birkenbäumchen war
-mit reinstem Smaragd hingezeichnet, und wer vor sich hinsah, erblickte
-sich selber als grüne Gestalt. Niemand hatte Lust zu reden; man hörte
-Stückchen gefrorenen Schnees klingend hinunterhüpfen wie leichtes
-Metall. Auf einmal wehte es kälter, da war auch schon das untergängliche
-Licht vom Weiß der Landschaft abgelaufen wie von Porzellan. Der
-Adjutant, auf der Karte suchend, erläuterte, wir stünden über dem
-Sulta-Tal, und die Häuser gehörten zu dem ungarischen Grenzdorf
-Sóstelek, von hier aus hätten wir noch sechs Kilometer nach Kóstelek
-zurückzulegen.
-
-Da sich kein Fußweg fand, stiegen und rutschten wir hinunter wie es
-ging. An den Feuern vorbei, deren Glut unsere Wangen streifte, zogen wir
-auf der Straße weiter, von jetzt ab die Front im Rücken. Nach manchen
-Aufenthalten erreichten wir Kóstelek um elf Uhr. Der abnehmende Mond
-stand schon hoch, zwei ruhig leuchtende Planeten dicht über ihm. Mit dem
-Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier und einigen
-Telephonisten bin ich in der großen Stube eines Häuschens untergebracht,
-das abgesondert auf einem Hügel steht. Von einem qualmenden Lämpchen war
-der Raum halb hell. Ein schönes Weib erhob sich, als wir eintraten,
-völlig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen Mädchen von einem
-breiten, mit Heu gefüllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefaßt, wachsam.
-Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste, gab sie zu verstehen, daß sie
-uns das Lager abtreten und auf Stroh neben dem Ofen schlafen wollten, in
-allen übrigen Räumen des Hauses sei es für die Kinder zu kalt. Wir
-lehnten dies ab und ließen merken, daß wir für uns bleiben und ihre Ruhe
-so wenig als möglich stören wollten.
-
-Während wir uns zu Tische setzten, kehrten sich die drei zur Wand und
-sprachen halblaut ein Gebet, manchmal sich verneigend oder sich
-bekreuzigend, wobei das kleine Schwesterchen sich jedesmal mit aller
-Faustkraft in die Magengrube schlug. Ich beugte mich vor, um das
-Kruzifix oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung erwiesen;
-aber da war nur ein Haken, darunter ein heller viereckiger Fleck mit
-schwarzem Saum an der leeren Wand. Hier also hatte das Bild gehangen,
-gewiß viele Jahre; nun ist es verschwunden, vielleicht von Soldaten als
-Brennholz verwendet, wer weiß es, dem Blick der Frommen aber sichtbar
-alle Zeit. Glavinas Traum fiel mir ein, wie er als Kind über Gebirge
-ging und auf einem leeren Blatt beseligende Dinge las, unbekümmert um
-Gewitter und Rufe der Toten.
-
-Die Mädchen schliefen bald wieder; die Frau saß noch eine Zeit am Bette,
-das Kinn in der Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch allen
-Kummer hindurch von wunderbarer Beständigkeit und Klarheit. Sie muß
-Böses erlitten haben und erwartet auch von uns nichts Gutes. Mir kam nun
-erst die schreckliche Kahlheit des Zimmers zum Bewußtsein. Nicht nur das
-eine Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie Kreuz und Uhr sind
-bloß durch Staub und Spinnenweben angedeutet.
-
-Der Adjutant wurde jetzt gesprächiger; er verriet uns, daß die Russen
-weit vorgedrungen seien und den Gymespaß gefährdeten, wir müßten uns auf
-unruhige Tage gefaßt machen. Übrigens sei die Lage nicht klar, er
-wenigstens wisse keineswegs genau, welche Berge vom Gegner besetzt
-seien.
-
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-
- 13. Dezember, sieben Uhr morgens
-
-
-Immer weniger gern ruf ich mir Träume zurück; der aber war so klar, so
-voll Hindeutung. Wir lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen
-verödeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft. Starker Wind
-wehte; Granaten wechselten eintönig über uns. Furcht lag auf mir. Mein
-Leib hatte nahezu völlig sein Gewicht verloren; ich fühlte mich wie eine
-Flaumfeder leicht und mußte gewärtigen, daß der zunehmende Wind mich
-alsbald emporheben und zu den Franzosen hinübertragen werde. Da
-schmiegte sich etwas an meinen Ellenbogen, und siehe, es war Matschka,
-das graue Kätzchen, das ich in Kézdi-Almás hatte sterben sehen. Groß und
-hübsch war es geworden, das weiße Flöckchen im Nacken glänzte wie ein
-Licht. »Wie geht es dir?« sagte ich und wollte es streicheln; da sprang
-es mit weitem Satz in einen der wassergefüllten Granattrichter,
-verschwand und tauchte nach einer Weile wieder auf, eine schimmernde,
-mit roten Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug und in
-demütiger Haltung vor mich hinlegte. Wie froh war ich! Die Granate ist
-schwer, sagte ich mir, -- wenn ich sie in der Hand halte, kann mich der
-stärkste Wind nicht mehr mitnehmen. Als ich sie aber ergriff, war es
-kein Geschoß mehr, sondern ein zappelnder, goldgrauer Fisch mit
-rötlichen Punkten. »Der muß gebraten werden!« rief eine wohlbekannte
-Stimme hinter mir. Ich sah mich um, da stand Vally vor einem Herdfeuer,
-neben ihr Wilhelm, und auch dieser schrie: »Der muß gebraten werden!«
-Sonderbar lächelnd nahm Vally den Fisch und übergab ihn dem Söhnchen,
-das ihn zum Herde trug. Dann legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten
-uns und drängten uns innig aneinander, wobei mir ein wenig auffiel, daß
-sie wohl Vally war, zugleich aber auch Regina, dann wieder die Ungarin,
-die hier in der fremden Stube schlief. Aber wie liebte ich die drei
-Frauen in der _einen_ Gestalt! Wie waren sie wirklich _ein_ Wesen,
-mächtig seiend eine in der andern! Freilich, irgendwo in der Tiefe, wo
-der Traum selber zu träumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller
-Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen ließ; aber auch das ging
-vorüber. Sie versteht kein Deutsch, ich kein Madjarisch, fuhr es mir
-durch den Sinn, und dieser Gedanke gab mir unendliche Freiheit; selig
-fühlte ich meine Schwere in mich zurückkehren. Dabei löste sich eine
-blaue, aus innen leuchtende Wolke von uns ab, stieg empor und entfernte
-sich bis zum Horizont hinaus. Wir standen auf und betrachteten
-aufmerksam dieses Gewölk, an dessen Rande sich lange Reihen winziger
-blinkender Wesen, Insekten ähnlich, entwickelten. Sie näherten sich und
-wurden dabei groß und kriegerisch. Am Ende waren es wirkliche Soldaten
-mit silberblauen Stahlhelmen, von rotgeflügelten Generalen geführt; in
-schräger glänzender Flucht zogen sie zahllos über uns hin und durch uns
-hindurch wie durch Rauch. Auf einmal stand Wilhelm neben mir, zur Reise
-gegürtet, einen Stab in der rechten Hand, in der linken einen Teller mit
-dem Fisch. Ich stand auf, gab dem Knaben zu essen und aß dann selber.
-Kaum hatte ich einen Bissen hinuntergeschluckt, da begann ich zu
-begreifen, daß es doch eigentlich drei verschiedene Frauen gewesen
-waren, die ich umarmt hatte, und das bekümmerte mich sehr. Wilhelm aber
-ließ mir keine Zeit zu grübeln, -- »Vater, es ist Zeit!« rief er und
-stieß ungeduldig den Stab auf den Boden. Wir gingen einer Ferne
-entgegen, die ganz in Flammen stand, da machte ich die Augen auf und sah
-in ein helles Ofenfeuer hinein. Die junge Frau setzte gerade einen
-großen Kessel auf die zischende Platte.
-
- * * * * *
-
-Alle sind nun aufgestanden; bloß die zwei Mädchen schlafen noch. Der
-Adjutant wünschte guten Morgen und fragte, ob es mich nicht sehr ermüde,
-immer so viel in mein Heftchen zu kritzeln; er zerbreche sich den Kopf
-darüber, was ich denn so Merkwürdiges zu verzeichnen habe, im Grunde sei
-der ganze Feldzug doch ein gräßlich langweiliges Einerlei. Übrigens möge
-ich doch vorsichtig sein und keinerlei militärische Tatsachen erwähnen,
-wir kämen in ein schwieriges, unübersichtliches Gelände, da seien die
-größten Überraschungen denkbar, und falls ich das Unglück hätte, in
-Gefangenschaft zu geraten, könnte wohl Schaden entstehen. Es gelang mir,
-ihn zu beruhigen. -- Die junge Frau hantiert noch immer am Herde. Von
-allen Gesichtern, die mir bisher in diesem Grenzgebiet begegneten, hat
-sie das feinste, klarste, entschiedenste; nichts Verschwommenes, nichts
-Liegengebliebenes findet sich darin; es verhält sich zu vielen anderen
-wie die Ausführung zu den Skizzen. Meine Müdigkeit von gestern ist
-verflogen, die ziemlich wunden Sohlen beinah geheilt. Gewiß ist es die
-gesunde Urnähe des Weibes, die den Schlaf so erquickend gemacht hat. Die
-Winterluft schmeckt, als wäre ein säuerliches Mineral darin aufgelöst.
-Die Sonne saugt am bläulich morschen Mond. Im Osten schimmert himmelgelb
-das Eis der Sulta. Auf einmal beginnen die Kanonen zu schlagen, da
-werden die Kinder wach.
-
-
-
-
- Sulta-Tal, elf Uhr vormittags
-
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-Um acht Uhr waren wir abgerückt und in kaum einer Stunde nach Sóstelek
-zurückgelangt. In den Höfen sah man die Bewohner arbeiten; Knaben bauten
-einen Schneemann. Staunendes Gedränge war um ein österreichisches
-Brigadequartier; hier hing, an den Hintertatzen aufgeknebelt, eine
-riesige tote Bärin zwischen ihren zwei Jungen von der Altane herab, und
-eben erhoben zwei Husaren lange Messer, um die Tiere aufzuschneiden.
-Soldaten und Volk, darunter viele Weiber mit mohnroten Kopftüchern,
-sammelten sich um das ungewöhnliche Geschäft, und niemand verlor einen
-Blick an unseren eiligen alltäglichen Zug.
-
-Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte Landschaft unter waldigen
-Hügeln hin, aus denen graue Holzhütten preußischer Pioniere wie Klausen
-von Einsiedlern hervorsahen; es war, als gingen wir mitten in ein altes
-Bild hinein und würden ein Teil davon. Der Luft war etwas Föhn
-beigemischt; abgleitender Schnee hing locker wie Tuch von starken Ästen.
-Das Tal ist voller Vögel; wir sahen Raben, die immer sonderbare
-Seitensprünge machten, als ob ihnen jemand auf die Zehen träte;
-Dompfaffen, die Brust wie blutend, überflatterten die Straße. Auf einmal
-bog sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen, und bald, im verengten
-Flußbett, verkündete sich wieder der Krieg. Zerbrochene Räder und
-Lafetten standen aus dem Eis, daneben Geschützrohre mit verkrümmten und
-zerrissenen Mäulern. Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und
-Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin, fast schneefrei, lag
-ein vollkommenes Pferdegeripp, noch alle vier Eisen an den Hufen, das
-Ganze wohl mehr vom Frost als von den mürben Kapseln der Gelenke
-zusammengehalten, von Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut am
-Schädel das einzige, was den spitzen Schnäbeln der zierlichen Vögel noch
-abzupicken bleibt. Fast hätten wir daneben einen schön gesäuberten und
-gebleichten Totenkopf übersehen, auf dem noch verwegen die Rumänenmütze
-sitzt; was etwa sonst noch von dem Manne übrig ist, liegt im Schnee
-verborgen. Etliche behaupteten, von links her Gefechtslärm zu hören,
-auch mir kam es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es für
-bedenklich, in der engen, blickverstellenden Schlucht vorzurücken, da
-doch niemand genau die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben,
-zunächst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das Tal östlich absperrt.
-Er heißt Vadas; die Russen sollen sich vorgestern auf seinem Gipfel
-verschanzt haben. Einmal teilt sich die Straße, um gleich wieder
-zusammenzulaufen; in der Gabelung steht eine Dampfbrettersäge mit
-ausgedehnten Seitengebäuden. Massen deutscher und österreichischer
-Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem Fug rügte der Major, daß
-dieser Vorrat, in dem ein einziges Feindgeschoß unermeßliche Wirkungen
-auslösen könnte, noch nicht geräumt werden sei. Woher aber hätte man in
-den zwei Tagen Fuhrwerke, Gäule und Leute genug nehmen sollen, um alles
-zurückzuschaffen? So blieb auch uns nichts übrig, als tadelnd
-vorbeizuziehen und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben Stunde
-hatten wir die bretterne Hütte erreicht, in der ich jetzt mit meinen
-Leuten hause. Sie ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet.
-Stabsarzt S., den ich ablöste, erzählte sehr überzeugend seine
-Erlebnisse von den letzten Tagen. Einige Züge seines Bataillons hatten
-gerade das Dörfchen Sulta besetzt, das hinter dem Vadas liegt, als die
-Russen, die man auf der Flucht glaubte, zurückkehrten und mitten im
-Schneegestöber mit höchstem Ungestüm angriffen. Ein deutscher Zugführer
-fiel; seine meisten Leute wurden gefangen oder getötet. Der Arzt konnte
-sein Quartierhaus gerade noch durch die Stalltür verlassen, als bereits
-ein tscherkessischer Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeißglas,
-Verbandtasche und ein unersetzbar schöner Pelzmantel mußten
-zurückbleiben. Am folgenden Morgen brachten pfälzische Truppen den
-feindlichen Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel ist verloren.
-Übrigens bezeichnet S. die beiden hier im Tälchen verbrachten Tage als
-reine Erholung; kein Schuß ist bis jetzt hereingefallen. Freilich,
-meinte er lachend, könne diese verwunderliche russische Friedsamkeit
-auch von dem schwierigen und ganz verschneiten Gelände kommen, das die
-Beförderung der Geschütze sehr verlangsame. Unser Major meinte, mit
-seinen Fernrohren überblicke der Gegner das Tal bis in die letzten
-Winkel, er werde nicht lange dulden, daß wir uns hier herumtummeln. »Der
-Assistenzarzt«, entschied er, »geht auf alle Fälle bis zum Fuße des
-Vadas mit. Wir bauen dort einen Unterstand ein; es kann keine besser
-geschützte Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich Ihnen
-nicht entgegen sein.« Ich hatte mir indessen schon die Verteilung des
-Raums zurechtgedacht und fand allerlei Gründe für mein Bleiben, merkte
-aber, daß mich der Alte ungern zurückließ.
-
-
-
-
- Abends neun Uhr
-
-
-Es ist ruhig; weder Kranke noch Verwundete kommen, selten fällt auf dem
-Berg ein Infanterieschuß. Ich verfaßte mit Raab den fälligen Rapport,
-begann auch noch Briefe zu schreiben, aber der Schlaf wird übermächtig.
-Die Hütte ist voll Tabaksqualm; das Paraffinflämmchen leuchtet schlecht
-und schneidet mir böse Gesichter. Alle haben sich schon hingelegt; nur
-Kristl schnitzt noch Schienen. Er tut immer still und willig, nur
-manchmal etwas ängstlich, seinen Dienst.
-
-
-
-
- Freitag, 15. Dezember morgens
-
-
-Im Traum sah ich eine schwarze Wolke, die sich um den Vadasgipfel legte,
-und ging nach dem Erwachen gleich hinaus, um zu sehen, ob sich der erste
-Traum im neuen Haus erfülle. Die Luft ist aber noch durchsichtiger als
-gestern; der Frost, mit gläsernen Pranken, tritt weit in das fließende
-Wasser hinein. Verwundete sind gekommen mit schlimmem Bericht;
-unverhohlen freuen sie sich ihrer durchschossenen Hände und Arme. Die
-Tscherkessen haben den ganzen Gipfelwald mit Stacheldraht umflochten;
-unangreifbar sitzen sie hoch über der deutschen Stellung, die sie
-durchaus überschauen. Die Unsrigen müssen bei Tage wieder geduckt hinter
-Felsbrocken liegen; der gestrige Nachmittag kostete fünf Leuten das
-Leben. Im Tälchen ist es noch still. Ich habe mir Wein eingeschenkt und
-krame wieder einmal in Glavinas Zetteln. Leider sind mehrere verloren
-gegangen, und ich muß wieder manches aus dem Gedächtnis hervorspinnen,
-wobei wie von selber viel Eigenes dareinfließt. Was tuts! Genügen vom
-Kalium permanganicum doch zwei, drei Körnchen, um ganze Krüge Wassers
-rot zu färben.
-
-
-
-
- Elf Uhr
-
-
-Major und Stabsarzt haben doch recht vermutet: die Russen beginnen
-leichte und mittlere Kaliber auf die Straße zu werfen, schon sind ihnen
-einige Fußgänger zum Opfer gefallen. Viel gelacht wurde vorhin über
-einen jungen Fußverletzten vom Vadas, der hartnäckig erklärte, nicht
-laufen zu können und sich darauf versteifte, daß er nach Sóstelek
-getragen oder gefahren werden müsse, beim ersten Granateinschlag aber
-wie ein Wiesel davonlief. Rehm und Raab glauben, unser Hüttchen werde
-bis in einer Stunde nicht mehr stehen. Meldung an den Major; Anfrage, ob
-wir nunmehr den Verbandplatz zum Vadas vorverlegen sollen. Rehm erbietet
-sich, das Blatt zu befördern, bedingt sich nur aus, daß er allein gehen
-dürfe. Auf einen einzelnen Mann, meint er, werde Artillerie schwerlich
-schießen. Ich gebe ihm den Rest des Weines mit und lasse zusammenpacken.
-
-
-
-
- Zwölf Uhr
-
-
-Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der Schluchtwand; ich glaube,
-der Platz ist gut gewählt, eigentlich kommt weit und breit kein anderer
-in Betracht. Die Russen möchten uns gerne herausschießen und sparen
-keine Munition; Raab, als alter Artillerist, weiß uns aber zu
-überzeugen, daß es nicht gelingen kann, sie mögen zielen wie sie wollen.
-Ich hätte bei einem Haar den Augenblick verpaßt. Raab wird nicht müde zu
-schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt habe, daß es an der
-Zeit sei, den Platz aufzugeben, ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt,
-ihnen vorauszugehen befohlen und unverzüglich zu folgen versprochen,
-dann aber muß mich wohl Glavinas dunkle Rede länger festgehalten haben,
-als mir bewußt war. Draußen fuhr eine Granate nieder, die blind im Boden
-stecken blieb. Das Gebäudchen schwankte krachend; Staub und Schutt
-fielen auf das Papier. Ich sah mich um und war allein, hörte aber
-fernher meine Leute nach mir rufen. Sie konnten sich übrigens des
-Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken Hand meine Blätter, in
-der rechten das halbvolle Weinglas, durch die Sulta zu ihnen
-hinüberstieg. Bald kamen weitere Schläge, und wie ein Kartenhaus flog
-die Bretterbude auseinander.
-
-
-
-
- Zwei Uhr
-
-
-Rehm ist heil zurückgekehrt. Der Major befiehlt, in der nächsten
-Feuerpause den Verbandplatz nach Sóstelek zu verlegen. Dort, meint er,
-könnten wir mehr nützen als anderswo, Beschäftigung werde nicht lange
-fehlen. Rehm sagt, er habe sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher
-an ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen Leuten erkundigt und sich
-über unsere Erhaltung sichtlich gefreut, im übrigen leider sehr gealtert
-und bekümmert ausgesehen. Auch Leutnant H. sendet Grüße; von seiner
-Stellung aus hat er die Talbeschießung verfolgt, freilich nur mit einem
-einfachen Fernglas, und uns alle tot oder verwundet geglaubt. Noch ist
-kein Gefecht im Gang, die Lage aber unerträglich; falls der Tscherkesse
-nicht angreift, muß er angegriffen werden. Nächste Nacht sollen schwere
-Minenwerfer hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz zu zerstören. Bei
-uns ist es ruhiger geworden; selten fällt noch ein Geschoß. Verzeichnen
-muß ich ein Gerücht, als habe der deutsche Kaiser den Feinden Frieden
-angeboten. Wir bereiten uns zum Gang nach Sóstelek.
-
-
-
-
- Drei Uhr
-
-
-In künftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, werden sich
-gewiß absonderliche Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige
-schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten die Russen ihr Schießen
-eingestellt; bei tiefer Stille waren wir, in gehörigen Abständen,
-zurückmarschiert und etwa fünfhundert Schritt bis an das große Sägewerk
-herangelangt, als eine der preußischen Batterien, die nahe vor Sóstelek
-stehen, zu schießen begann. Sie muß dem Gegner etwas Arges angetan
-haben; denn auf dem Fuße, Schlag um Schlag, erfolgte maßlose
-Gegenwirkung, und bald konnten wir uns nicht mehr darüber täuschen, daß
-auch unser kleiner Zug aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die Umkehr,
-doch schien sie fast bedenklicher als der Weitermarsch, und so liefen
-wir denn fort, auf das Gebäude zu. Viele Geschosse schon waren uns
-nachgerasselt, das letzte gerade noch fehlend, da kam eines, dem gleich
-nach dem Abschuß anzuhören war, daß es auf uns zuhielt. Funken flogen
-auf, und während ich mir mit beiden Händen den Hinterkopf zu schützen
-suchte, war ich niedergeworfen und von Erdklötzen halb eingegraben, dann
-trat Stille ein. Glieder und Gelenke prüfend, erkannte ich mich als
-unverwundet, stand auf und sah nach den übrigen. Rehm, behangen mit Erde
-und Eis, die Wangen leicht blutend, richtete sich eben empor und
-lächelte mich etwas betreten an; die andern standen seitlich, wie
-Statuen an die Felsen gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen
-Trichter, der nun in ganzer Breite die Straße unterbricht. Ernstlich
-verwundet war niemand. Jetzt schien sich die russische Wut von uns
-abzuwenden, und froh des glimpflichen Ausgangs wollten wir unsern Weg
-fortsetzen, da geschah etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die Säge
-hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine Explosion erfolgte, dann
-eine zweite, dann fünf, dann unzählbare, und überall aus Dächern und
-Wänden zwängten sich die Flammen. Wären wir in diesem Augenblick mit
-aller Kraft weitergerannt, wir wären gewiß noch durchgekommen und säßen
-vielleicht beim Bärenschmaus in Sóstelek. Aber ohnedies noch leicht
-betäubt, sahen wir uns nur mit schauderndem Vergnügen das Ereignis an
-und versäumten die günstige Minute. Die Gegner ihrerseits begriffen
-schnell, was sie angerichtet hatten; übermütigen Knaben gleich, schossen
-sie wie rasend in den Brand hinein, und noch immer, in schrecklich
-langsamer Steigerung, entladen sich unaufhörlich die massenhaft
-aufgeschichteten Patronen, Handgranaten, Schrapnelle, Granaten und
-Minen. Wir brauchen uns nicht an die Wände der Schlucht zu schmiegen;
-die starken Luftwellen pressen uns an. In uns und um uns ist ein Summen
-und Beben, als würden Luft, Gestein und wir selber gleichmäßig
-elektrisiert. Die Sprengstücke fliegen weit. Dem Gefreiten Junker hat
-ein Splitterchen die Ohrspeicheldrüse durchschlagen; das Blut spritzt in
-langem dünnem Strahl in den Schnee, ist aber leicht zu stillen. Mir ist
-die linke Hand geritzt; es blutet wenig. An der Säge selbst, besonders
-nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen geben. So hat uns
-der Feind gewissermaßen eine Festung in den Weg gesetzt, an der wir
-nicht vorbeigelangen können. Immer noch zürnt er gewaltig; unsere
-fernversteckten Batterien fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie
-nicht und rächt sich an den paar Leuten, die er sieht. Der kleine
-Lüttich, vielleicht von einer Art Platzangst erfaßt, kam auf den
-Einfall, aus der Schlucht herauszuklettern und das offene Gelände zu
-erkunden; er ist mit zerschmetterter Schulter zurückgekehrt. Die
-schlecht verwaltete Festung drüben fährt fort, zu verschwenden; bald
-wird sie sich ausgegeben haben. Schließt man die Augen, so hat man das
-Gesicht einer fürchterlichen, auf kleinsten Raum zusammengeballten
-Schlacht, von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein. Wie langsam
-rückt die Sonne! Aber auch durch böse Stunden läuft der Zeiger. Um fünf
-Uhr muß es dunkeln. Um sieben Uhr können wir in Sóstelek sein.
-
-
-
-
- ¾4 Uhr
-
-
-Die Sonne verläßt schon die unteren Felsen. Man friert nicht; der Brand
-wirkt herüber, Schnee tropft vom Gestein. Auch die rings
-aufgeschichteten Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen dauern an.
-Oben am Gipfel ist man noch wachsam. Rehm glaubte nicht mehr an die
-Gefahr, ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen, erhielt
-Feuer, kehrte zurück, unverwundet. Über uns ist starre Klarheit; das
-Föhnige hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher Birke wippt ein
-winziger grauer weißbauchiger Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige,
-hüpft er unermüdlich auf und ab. Keiner der Genossen ist niedergedrückt.
-Ja, die gepreßte Stunde, wo Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist,
-als festige und läutere sie den Grundstoff der Naturen, und wie eine
-schlechte Bleiglocke, getaucht in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt
-wie eine silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten Wesen zu tönen.
-Mancher erzählt von seiner Kindheit, und fast jeder will einen anderen
-beschenken. Von Kristl befürchtete ich sehr einen Rückfall in die
-Verstörung; aber er ist ganz gelassen. Den Lüttich hat er aufs beste
-verbunden, dann aus Brot einen drolligen kleinen Bären geknetet und ihm
-eine von seinen Goldmünzen ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt
-er das Figürchen in einer Felsennische auf, die will er mit Hölzern und
-Kieseln zubauen, einmal werde schon jemand das Bärlein finden, und es
-solle ihm gehören samt dem Goldstück, auch wenns ein Rußki wäre.
-Lüttich, unter Morphium gehalten, schläft. Mir aber vertreiben die
-Sprüche des Toten die Zeit. Um einigen Überblick zu bekommen, las ich
-sie einmal alle nacheinander herunter, zuerst leise für mich, bis ich
-merkte, daß die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich ihnen, daß es ein
-Gedicht sei, das man bei dem gefallenen Glavina gefunden habe, und
-wiederholte mit lauter Stimme:
-
-»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf
-der bereiften Felsen- und Wacholderflur!
-
-Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten sie hin auf den fremden
-Steinen, wo kein Eichbaum grünt.
-
-Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker. Habet acht, o Freunde!
-Seht ihr einen Sterbenden, demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe,
-keine Flüche denke! Bald ist alles Vorspiel nur. Alle gehn wir morschen
-Weg. Tote Hände, bedeckt sie mit Wacholderzweigen bläulich düster!
-
-Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft
-Gott. Ein grader Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest,
-selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schläft!
-
-Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein traf die Länder. Kaum atmet
-noch der Glühende, der vom Pol her den Fluch-Engeln wehrt.
-
-Unsern Schlaf überschleicht ein stummer Mut-Ermüder, Vogel von Antlitz,
-doch nicht beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische Kräfte
-verströmend. Wollüstig alle beugt er, selbst unbeugbar.
-
-Die strengen bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben tragen
-die goldnen Bücher aus dem Heiligtum.
-
-Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt
-ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom
-Pilger-Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke.
-
-Der Geist wird stehn vor der Tür seines eigenen Hauses und nicht heim
-finden. Gras wächst auf der Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen
-Seele ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis, und alle Lust
-wund und wirr wie der Fisch unterm Eise sich freut.
-
-Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab die kleinen Träume!
-Stifte klares Vergessen! Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor
-du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe nicht bei deiner
-Braut!
-
-Selig, wer Flügel regt mitten in Zeiten-Gruft! Heil schöpft er aus
-Unheil. O, und wenn Welt vergeht und neue erst unkenntlich gärt, immer
-dann schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und voll Hellgesicht,
-wo Rhythmus-Woge Geister hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun
-erst recht sich freun des Flugs!
-
-Sonne, die große Seele, weiß nichts von Auf- und Untergang, und brennt
-sie nicht in uns? Geschieht nicht stündlich fern und nah beherzte
-Liebestat? Das Innig-Ewige, wehts über Meere nicht von Stirn zu Stirn
-als wie ein Hauch? Und sinds die zarten Hauche nicht, aus denen
-Gott-Sturm wächst?
-
-Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht länger auf Bergen, besucht von
-toten Sehern, bei Adlern wolkenfeucht! Erscheinen herztrunken, wo bei
-verloschnen Herden Geschwister glühend harren! Wecket, weckt uns den
-Ruf!
-
-Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden!
-Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es
-heimlich ein unter die neuen Gebäude! Ihr kündet keine neue Lehre; schon
-viel ist uns gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und Urnacht naht
-ihr euch singend. Wen ihr grüßet, der ändert sein Leben. Euer
-himmlisches Lied geht über in jedes Gewissen.
-
-Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel. Der Gefesselte lenkt
-seinen Feßler, und beide erkennen die Freiheit.
-
-Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in Unterwelt, mit Milch und
-Korn sparsam genährt, sich als ein Bleibender wandelt, suchet am Sonntag
-ihn heim! Saget auch ihm Gefahr und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag
-er dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen! Nur was ihm
-zukommt, behält er. Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule des
-ewigen Brandes, die Nahrung der Geister zu mehren.
-
-Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlasset ihr Zeichen
-einander, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege,
-vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel
-vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich pupurne Liebesrunen.
-
-Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, ein Mal unsern Toten auf
-der bereiften Felsen- und Wacholderflur!
-
-Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel aber ist Frühling. Die Haut der
-Birke wird bräunlich und blättert ab, darunter schimmert silbern schon
-die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in fremde Felder, -- was quillt aus
-unserm Tod?
-
-Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn mit beständigem Licht!
-Vielleicht nach Monden und Jahren trifft es den reinen Kristall der
-göttlich erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die schmilzt nicht mehr;
-aber wie eine Linse, unwissend, biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem
-Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme aus uraltem Boden.
-
-Vermorscht sind schon die Leichen am Berge Kishavas, verrostet unsre
-Schwerter, vergessen unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder
-unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert sind. Aus wildem
-Ahnendrang ist lockere Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem
-Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner, und die Satzungen
-sind Gesang.«
-
-
-
-
- Elf Uhr abends
-
-
-Das Ganze war mit Schweigen angehört worden. Endlich äußerte Raab, er
-habe nur Weniges recht verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz
-fröhlich davon geworden. Die anderen schauten zu dem niederbrennenden
-Gebäude hinüber und sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst
-Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf einmal und ging stark
-taumelnd auf die Säge zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach;
-er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit,
-schwankte weiter und fiel plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir
-holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter stak in der
-linken Schläfe. Um dreiviertel fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal
-aus allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. Um fünf Uhr, wie auf
-Befehl, hörten die Explosionen im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht
-bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein Kreuz und schrieb Namen
-und Datum darauf. Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen und
-verwahrt, hierauf begruben wir ihn. Der Boden ist bis tief hinab
-gefroren, wir brauchten über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben
-schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir Sóstelek.
-
-
- Gedruckt bei Fr. Richter
- in Leipzig
-
-
- Hans Carossa:
-
- Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines Tagebuchs. _Zweite
- Auflage. In Pappband M 3.50, in Halbleder M 6.--_
-
- Gedichte. _Dritte, veränderte Auflage. In Pappb. M 4.--_
-
- Eine Kindheit. _In Pappband M 4.--_
-
- Hier ist dies Lied einer Jugend: Ein Arzthaus in einem
- oberbayrischen Dorf ist die unruhevolle Umgebung, in der ein Ich,
- eine Menschenseele sich bildet. Die klare Epik großer deutscher
- Erzählerart formt Szene um Szene, Bild um Bild in männlich
- aufrichtiger Realistik: aber aus dieser Wirklichkeit steigt bald der
- Duft der Liebe, blühende Lebensfroheit, ernste Gottestiefe. Diese
- »Kindheit« wird bald zu den klassischen Büchern deutscher
- Offenbarung gehören.
-
- Leipziger Neueste Nachrichten.
-
- Das Buch ist so ohne Anfang und ohne Ende, wie das Leben ohne Anfang
- und ohne Ende ist, und hinter den alltäglichen Vorgängen lebt ein
- Raunen und Wehen von dem tiefen Geheimnis, wie der Saft in der
- Pflanze steigt, wie das Blut in den Adern kreist, wie die Erde um
- die Sonne schwingt und wie alles untereinander zuinnerst verbunden
- ist. Ein Buch, das oft zum Aufblicken und Augenschließen und
- Nach-Denken, Nach-Fühlen zwingt, ein beseeltes Buch ist es, das von
- innen heraus ganz eigen leuchtet.
-
- Frankfurter Zeitung.
-
- INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa</title>
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- <!-- TITLE="Rumänisches Tagebuch" -->
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Rumänisches Tagebuch
-
-Author: Hans Carossa
-
-Release Date: October 9, 2020 [EBook #63410]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter chapter">
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-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-Hans Carossa
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Rumänisches Tagebuch
-</h1>
-
-<p class="pub">
-1924<br />
-Im Insel-Verlag zu Leipzig
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="motto">
-&bdquo;Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="first date blank" id="part-1" title="Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="date">Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916</span> zerbrach
-ich am Waschtisch den kleinen geschliffenen
-Spiegel der Madame Varniers und ging zu
-ihr, um mich zu entschuldigen und Bezahlung
-anzubieten. Gewiß war der alten Frau sehr leid
-um das hübsche Stück; sie ließ aber nichts merken
-und versetzte lächelnd, es habe gar nichts
-zu sagen, wo doch die halbe Welt in Trümmer
-gehe, was liege an einem Spiegel? Dann zählte
-sie die vielen Besitztümer auf, die ihr im Kriege
-vernichtet worden, und alles &bdquo;pour rien&ldquo;! Zum
-Glück war eben eine Sendung Schokolade-Makronen
-aus München gekommen; ich gab ihr
-die volle Schachtel, die sie ohne Umstände in
-ihre zittrigen Hände nahm und sogleich davontrug,
-um sie mit ihrem Manne zu teilen. Später,
-gleichsam als Gegengabe, stellte sie mir ein
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Zierbäumchen ans Fenster, eine Art Araukarie,
-dem Wuchse nach an eine Fichte erinnernd,
-starrend von harten schwarzgrünen Blättchen,
-die sich aufsträuben, als warnten sie jeden, sich
-an der strengen Schönheit des Ganzen zu vergreifen.
-Von Zeit zu Zeit kommt sie wieder herein,
-tritt zum Bäumchen, pustet über die Zweige
-hin, als läge Staub darauf, trommelt eine Weile
-mit den Fingern an den Scheiben, seufzt, murmelt
-etwas vor sich hin und geht wieder. Von
-der Somme herunter donnert es in unsern Müßiggang;
-es klingt, als wäre im Kamin ein stark
-loderndes Feuer. Alle Fenster klirren; die Türen,
-wie von Zornigen geworfen, schlagen auf
-und zu.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich reite nun wieder täglich nach dem Dienst
-gegen Guiscard hinaus und bilde mir dann ein,
-die See zu wittern, als käme mir ein Gruß aus
-der freien großen Welt, von der uns Deutsche
-das Geschick ausgeschlossen hat, wer weiß, für
-wie lange. Gefühl der Meeresnähe, ja, das ists,
-was mir diese Landschaft ein wenig verklärt, in
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-der sonst nicht gut wohnen ist für unsereinen,
-so abgewandt ist jeder Baum, jeder Stein. Das
-immer ein wenig verstimmte Blau des Himmels
-über den leeren Flächen und flachen Hügeln,
-die gepflasterte Heerstraße, die Bonaparte mit
-dem Lineal gezogen hat, die grauen, wie Negerhütten
-spitzdächigen Streuschober, auf denen
-uns Raben und Elstern beobachten &ndash; es kann uns
-alles an nichts gemahnen und verrät uns nichts
-von seiner Innigkeit, die man doch manchmal
-ahnt. Wären nicht die deutschen Bauernsöhne,
-die das allen heilige Erdreich pflügen, und unsere
-jungen, starkbrüstigen Pferde, die, frei von Zaum
-und Sattelzeug, in den Hürden grasen, der Blick
-hätte nirgends ein freudiges Ruhen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-2">
-5. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Division verlangt einen Bericht über unsere
-Gefechtsstärke. Die Gasmasken sollen abermals
-geprüft werden. Das ganze Bataillon wird morgen
-gemustert, und ich muß alle Mannschaften
-aussondern, denen ich nicht genügend Kraft zu
-großen Leistungen zutraue. Sie kommen zu den
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Ersatzbataillonen; die bleibenden werden gegen
-Cholera geimpft. Über das Wohin verlautet nichts.
-Die Schutzimpfung gegen Cholera spricht für
-den östlichen Kriegsschauplatz. Offiziere und
-Mannschaften sind, wie vor jeder Veränderung,
-sehr aufgeräumt, obgleich ihnen Maurepas noch
-in den Nerven zittert. Alle verwünschen schon
-wieder die sogenannte Ruhe mit karger Kost,
-unaufhörlichen Besichtigungen, Übungen, Appellen,
-Alarmen und Ehrfurchtsgebärden vor unversehrten
-Uniformen. Viele sehnen sich wieder
-nach dem gefährlicheren und härteren,
-aber würdigeren und freieren Leben vor dem
-Feind.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-3">
-Abends
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Eben las ich zum drittenmal Vallys Brief, der
-fast nur von dem kleinen Wilhelm handelt. Wie
-schön ist es doch, wenn ein Mensch dem andern
-durch feinste, beleuchtendste Züge versäumte
-Gegenwarten ersetzen möchte! Neulich,
-während eines heftigen Sturms, läuft der Knabe
-im Garten von Staude zu Staude, greift schließlich
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-in eine Buchshecke hinein, wo der Wind
-gerade am stärksten wühlt, preßt die Hand fest
-zusammen und rennt zur Mutter: &bdquo;Jetzt hab ich
-den Wind gefangen&ldquo;, schreit er in atemlosem
-Entzücken, indem er vorsichtig die Faust öffnet,
-und ist sehr erstaunt, weil da nichts zu sehen
-ist, als ein paar Blätter und Stengel.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-4">
-8. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Musterung dauerte den ganzen Tag. Den
-Abend verbrachte ich mit Leutnant T. in seinem
-Quartier. Er war verdrießlich, weil er solche Massen
-abgehender Briefpost zensieren mußte, und
-gestattete nach einigem Knurren, daß ich ihm
-wieder ein wenig dabei half. Kein Brief darf
-durchkommen, durch den die bevorstehende Ablösung
-verraten werden könnte. Fast unwillkürlich
-suchte ich nach der steilen, klaren Handschrift
-des jungen Glavina, der oft an seine Freunde
-so wunderliche Sätze schreibt. &bdquo;Was wäre das
-für eine geistige Einheit, die wegen der Explosion
-einer dummen Granate gleich auseinanderspränge?&ldquo;
-las ich diesmal.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-5">
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Pronville, 9. Oktober 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um drei Uhr früh weckte mich Rehm. Ich trank
-den Tee im Bett, blieb noch eine Viertelstunde
-liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging
-schnell. Einige Bildchen ließ ich, den Dämonen
-zum Opfer, an der Wand hängen. Wilhelms
-Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb
-wie ein Vogel, nahm ich am Ende doch mit. Beinah
-wäre die rote Wachshand der kleinen Regina
-in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das
-Kästchen gestern beim Umräumen übersehen.
-Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern für Einfälle
-kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter
-schuld daran. Warum zwang sie das Mädchen,
-eine wächserne Hand auf den Mariahilfberg zu
-tragen? Da wars kein Wunder, daß Regina dachte:
-der Doktor hat mehr Mühe gehabt als die Mutter
-Gottes, warum soll er leer ausgehn? Daß ich
-die Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich
-ein Verlangen. Aber schließlich schleppe
-ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists
-Aberglaube; auch der hat viel Gewalt.
-</p>
-
-<p>
-Die alten Varniers waren bereits aufgestanden
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-und angekleidet, als ich in die Küche kam, um
-Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie
-wehrten ab, &ndash; &bdquo;on remplit son devoir&ldquo;, sagte die
-Dame höflich. Doch drückten wir uns kräftig die
-Hände. Um halbfünf Uhr, bei Finsternis, rückten
-wir ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In
-sehr langsamer Fahrt, über Cambrai hinaus, verging
-der kurze Tag; es dunkelte schon wieder,
-als der Marsch nach Pronville begann. Der Mond
-stand hinter Wolken; doch ferne Felder schimmerten
-von ihm. Im Winde war ein Gurren wie
-von Lachtauben; dürres Laub lief über den Boden
-wie Mäuse. Von der Somme her tost es wie
-Weltuntergang; von tausend Mündungsblitzen
-und Leuchtraketen fiebert der Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Um Mitternacht, auf der Landstraße, aßen wir
-bei den Feldküchen Bohnen und Büchsenfleisch;
-das war Mittag- und Abendessen zugleich und
-schmeckte köstlich. Gern hätte man sich den
-Teller noch einmal füllen lassen; aber die Vorräte
-sind bedenklich knapp geworden, und der
-Mannschaft ein Beispiel tüchtigen Hungers zu
-geben, kaum rätlich. Während wir noch aßen,
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-zersetzte sich das Gewölk zu Flocken; der Himmel
-&bdquo;häutete sich&ldquo;, wie wir in Bayern sagen,
-der Mond wurde frei.
-</p>
-
-<p>
-Die Straße ist voll ziehender Kolonnen; erst
-kommt preußische Infanterie, bringt böse Kunde,
-Maurebas verloren, Péronne gefährdet, klagt über
-viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie,
-ja ohne die ungeheure Leistung der Infanterie,
-meint ein Offizier, wäre die Front gewiß bereits
-durchbrochen. Bald hierauf kommen preußische
-Artilleristen, bestätigen die schlimmen Nachrichten,
-schmälen über das arge Nachlassen der
-Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle
-herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie
-ganz allein halte noch die Front.
-</p>
-
-<p>
-Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern
-fröstelnd hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft.
-Einige von unseren jungen Tapsen
-nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln
-zusammen, möchten gerne wissen, wieviel sie
-drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann
-Friede werde und dergleichen. Die Fremden
-scheinen nicht recht zu verstehen; ihre bleichen
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Gesichter starren undurchdringlich im Mondlicht,
-und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten
-Lande, ist es ihnen kaum zu verdenken,
-wenn sie der naturhaften süddeutschen Zutraulichkeit
-wenig entgegenkommen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg
-in Ruhequartiere. Infanterist Wimmer von der
-6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß, rennt
-mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet
-jedem Artilleristen mit der Taschenlampe ins
-Gesicht. &bdquo;Licht aus!&ldquo; ruft man ihm zornig zu.
-&bdquo;Es sind ja die Achter!&ldquo; schreit er verzweifelt;
-&bdquo;bei denen ist mein Vater Kanonier&ldquo;, dreht aber
-das Lämpchen doch ab. Zum Glück wird bei den
-Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es
-durch eifriges Fragen wirklich, den Kanonier
-Wimmer zu finden. Er ist ein hagerer, schon
-ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht
-voll kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen;
-der Mondschein fiel gerade auf ihn, so daß
-ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude
-groß wurden. Die beiden schauten sich an, hielten
-sich bei den Händen, kamen lange in kein
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen
-Zusammentreffen läuft schnell herum, und man
-zieht sich zurück, um die zwei nicht zu stören.
-Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus
-der Tasche und gibt es dem Sohn. Die Kompagnieführer
-verzögern den Abmarsch; endlich
-aber ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange,
-schon eingereiht, gibt im Augenblick des Abmarsches
-seiner Ergriffenheit unwillkürlich den
-einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen
-Form zur Verfügung sieht: er macht
-vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte
-Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge
-bekleidet, eine rührende Gebärde, die unter
-den anderen ein leises gutmütiges Lachen hervorruft.
-</p>
-
-<p>
-Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich
-wurde in ein schloßartiges, parkumgebenes Gebäude
-verwiesen. Auf dem Flur erschien ein Offiziersdiener,
-der mir vertraulich riet, lieber in
-die Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere
-Räume frei, hier dagegen wimmele es von
-Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam,
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-daß der Bursche auf einen Zweck hinredete.
-Sein Herr hatte bis jetzt in zwei Zimmern recht
-bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir
-einräumen, und diese Pein suchte der treue Diener
-von ihm abzuwenden. Auch Rehm durchschaute
-den Schlauen und überhob mich der
-Antwort, indem er freundlich erklärte, wir fürchteten
-uns nicht vor Läusen, es könnte sogar
-sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener
-wie ein mit Weihwasser besprengtes Gespenst
-verschwand.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-6">
-12. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers
-Quartiers entdeckt worden; der Jubel war
-ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam, behandelte
-die Sache sehr dienstlich; vor aller
-Augen sollte der Schatz im Hof auf Zeltbahnen
-geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert
-und unter die Kompagnien verteilt werden. Der
-Feldwebel, der die Käse zählte, bemerkte, daß
-sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog
-sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-aber als unmöglich herausstellte; die Masse war
-wie verbeint. Schweigsam standen die Soldaten
-umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten
-Schalen mochte sich jeder ein fettes, weiches
-Gelb erträumt haben, und noch gab keiner
-seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht
-mehr, zogen auch ihre Messer und stachen in
-die nächsten Rotköpfe, fanden aber den gleichen
-Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige
-mit Hohnrufen, andere mit verzichtenden Mienen,
-als wüßten sie schon, daß ihnen nichts Gutes
-gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors
-aber widerstrebte es, den froh begrüßten
-Fund preiszugeben; er befahl, die Käse auseinanderzusägen,
-indem er hoffte, sie würden sich
-wenigstens auf Parmesanart zerpulvern lassen.
-Aber das Innere zeigte sich nicht nur durchaus
-fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen
-Zersetzungsnetz durchzogen, das
-freilich gleichfalls der Verhärtung anheimgefallen
-ist. Die Leute, die noch gewartet hatten,
-gingen jetzt ärgerlich lachend auseinander, ohne
-sich jedoch zu äußern; nur Infanterist Kristl
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden
-Grimm entladen, indem er vorschlug, die Käse
-doch an des Kaisers Hoftafel nach Spa zu schicken.
-Er sprach so laut, daß der Major es hören
-mußte; der aber weiß ja längst, wie gerne Kristl
-in ein Strafverfahren verwickelt würde, um auf
-Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen,
-und so nahm er von dem frechen Wort keine
-Kenntnis.
-</p>
-
-<p>
-Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit
-den roten Kugeln im Gang. Auch Kristl beruhigt
-sich. An einem Baum lehnend schnitzt
-er aus einem abgesägten Stück eine Tierfigur,
-durch kluge Verwertung der Schimmelstreifen
-schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch
-zu brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig
-wirft er sie auf den Kies.
-</p>
-
-<p>
-Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten
-Wolken stehen schräge breite Strahlen
-wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume
-entsteht eine neue Schlacht; viele glauben, daß
-man uns dort einsetzen wird. Eben hüpft aber
-ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Front bestimmt. Feldpost kommt. Das
-Söhnchen ist wieder gesund und will immer
-zeichnen und bauen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date blank" id="part-7" title="Am 13. Oktober">
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="date">Am 13. Oktober</span> gegen abend wurden wir in
-Aubigny-au-Bac mit unbekanntem Ziele verladen.
-Es vollzog sich langsam und umständlich.
-Der kleine Kommandeur hält noch immer nicht
-viel von schwäbisch-bayrischer Gewandtheit und
-Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede
-Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen.
-Alles lacht und schimpft über ihn wie
-über das Urböse, während er mit kummervoll
-verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden
-Befehle bellt, welche niemand versteht,
-bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig
-wird und ihm hochmütig droht, er werde
-den Zug in fünf Minuten unter allen Umständen
-abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten
-Gebieter zum Heile; mit einem Schlag
-regen sich alle Hände für ihn. Denn wenn er
-uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und
-mancher ihm eine kleine Unannehmlichkeit
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und
-sein dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen,
-stearinsteif von den Kerzenlichtern vieler Unterstände
-und verdreckt von allen Erden Frankreichs
-und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger
-als der nagelneue Prunkmantel des Herrn
-Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen greift
-jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug
-steht bereit.
-</p>
-
-<p>
-Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich
-fand Platz bei zwei Kompagnieführern, aß noch
-einen Apfel und wickelte mich in die Decke.
-Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken,
-&ndash; wie froh bin ich, daß Ruhetage kommen und
-hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald
-ein und träumte mancherlei. Einmal sah ich
-Vally mit Wilhelm an einem Tischchen sitzen.
-Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und
-sahen, die Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern
-ähnlich, darauf nieder. Später kam auch
-die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat
-wie sie. Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief
-hervor, hielt ihn mir hin, ohne von den Karten
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-aufzublicken und sagte: &bdquo;Es ist nichts Eiliges.
-Nur eine Botschaft vom Heiligen Geist.&ldquo; Beim
-Erwachen war mein Rücken feucht; ich merkte,
-daß das Fieber geschwunden war.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-8">
-14. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Frühstück in Charleroi. Vor einem Jahr, um die
-nämliche Stunde, bin ich auf dem Wege zur Front
-hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen
-ist seither noch etwas mehr Grün angeflogen;
-bald werden sich Rasenflächen ausbreiten, dort
-und da steht schon ein Bäumchen. Ich freute mich
-wieder der nahen Kanäle mit den Pappelreihen,
-die der Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten
-Männer und Frauen, die an Seilen ihre behäbigen
-Barken dahinziehen, der lieben blonden
-Kinder, die zutraulich heranspringen und um
-Brot bitten. Am Fuß der schwarzen Berge steht
-ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der
-wie Speere einer versunkenen Phalanx lange
-dürre Schilfrohre schräg aufstarren. Schafe liegen
-kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und
-grau, voll silberheller narbiger Einziehungen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-9">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-15. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Noch schlafen alle; mich allein haben Licht
-und Kälte geweckt. Der Zug fährt auf hohem
-Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig
-steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau
-durchscheinendem Hügel, darüber die
-Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem
-Gewölk. Essen veratmen graugelben Dampf,
-der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in die
-rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer
-gingen hin und her, so hab ich mir als Kind
-Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem Anblick
-schlief ich noch einmal ein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will
-ich keine Bezeichnungen der Bahnhöfe, keine
-Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören,
-wenn sich die andern darüber unterhalten.
-Auf die namenlose Landschaft will ich achten,
-wie sie sich leise ändert und die Tönung
-des Himmels über ihr.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-10">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-½3 Uhr nachmittag
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat
-lichtgrün bestäubt, die Bäume schon viel mehr
-vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine
-rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und
-darüber hinaus zu Höhen mit Gehölz und Gestrüpp.
-Langsam fahren wir durch einen kleinen
-Bahnhof; eine alte Bäuerin steht allein an der
-Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch bildet über der
-Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch
-die vielen tiefen Furchen des Gesichtes streben
-gotisch zueinander auf. Die Bahnhofuhr zeigt
-eine falsche Stunde; darunter liegen, aneinandergefesselt,
-Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen,
-die Sprüche und verzierenden Figuren mit
-nassen Blättern beklebt. Sie müssen zum Einschmelzen
-für neue Geschütze bestimmt sein.
-So bin ich diesmal schlafend über den Rhein gefahren.
-Wir sind in Deutschland.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-11">
-16. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht
-los. Als ich eben zu mir kam, lachten die Kameraden
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-und sagten, ich habe zwölf Stunden
-geschlafen und schon zweimal das Essen versäumt.
-Einmal aber muß ich doch wach gewesen
-sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade
-an Leipzig vorbei, und ich erstaunte, daß
-die Stadt so unversehrt unter dem Gewitterhimmel
-ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm
-zertrümmert war, eine sonderbare Täuschung
-des Fiebers.
-</p>
-
-<p>
-Die Stunden werden lang; die andern spielen
-Karten und rauchen; ich habe einen Aufsatz
-über Atome und Elektronen nahezu auswendig
-gelernt, sodann im Notizbuch abgerissene Sätze
-gefunden, die ich in Briefen Glavinas gelesen
-und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie
-später leidlich getreu nachschreiben konnte. Nun
-suche ich den einen oder andern in meiner
-Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann
-etwas anderes daraus wird, daß der ursprüngliche
-Jugendklang verloren geht.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten
-Feinde das Herz aus der Brust und aß es
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte
-des Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies
-ein kindisch-grausames Verfahren war; aber so
-völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten
-Blick erscheinen mag, ist es doch nicht.
-Haß, ist er mit Liebe nicht aus einer Wurzel?
-Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit
-zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige
-Seelen? Mir ist, als sei keiner von uns zu
-langem Leben berufen, &ndash; erkennen wir es doch!
-Opfern wir uns bewußt und freudig dem unbekannten
-Geiste der Zukunft, bevor uns ein
-armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo
-man sich wunderte, weil in der Welt nur immer
-gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah,
-daß die Zeitung davon genau voll wurde,
-nie mehr und nie weniger! Meistens, wenn die
-Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und
-Mutter darein; gespannt und sorgenvoll blickten
-sie auf die bedruckten Seiten, es mußte ruhig
-im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-nicht zur Sprache bringen. Aber
-wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche Zustand
-vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt,
-und alles Fremde war damit unschädlich
-gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte
-ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind
-und ging während eines Gewitters über steinige
-Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und
-wandte keinen Blick davon. Frage ich mich
-jetzt, was auf der weißen Fläche stand, so muß
-ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift,
-ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken
-darin. Tiefziehende Wolken besprühten das Blatt,
-Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen
-ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die
-Geister der Toten. Ich aber las auf dem leeren
-Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte
-mich nicht um Gewitter und Rufe der
-Toten.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu
-wunderbarem, nie gewagtem Feldzug; aber es
-ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren,
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache
-noch läßt sich die Parole ausgeben, und die ich
-wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da
-unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne
-taten, einstweilen in einer anderen Armee diene,
-damit ich mich schon jetzt an kriegerisches
-Treiben gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und
-Mühsal, wie sie sich gerade bieten, so bereiten
-wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir
-ist wie einem Täter, der seine Tat noch nicht
-kennt. &sbquo;Raube das Licht aus dem Rachen der
-Schlange!&lsquo; Was ist es für eine Stimme, die mir
-dies Wort manchmal zuruft aus tiefem Schlaf?&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date blank" id="part-12" title="17. Oktober">
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="date">17. Oktober</span> erwachte ich zum ersten Male wieder
-mit gesundem Blick, doch gab es zunächst
-nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der
-sogar die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der
-Kompaß zeigte Zugrichtung Südost. Als es nach
-zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen
-Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete
-Maisfelder erklärten. Der Dunst stieg
-auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als
-wäre fern im Raum ein Lager weißer Zelte aufgeschlagen.
-In großflächiger Landschaft mit Gebirgshintergründen
-kam die Donau näher, geschmückt
-mit herbstlichen Inseln, deren eine
-von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte.
-Auf rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen,
-in dessen Kuppelmessing sich der letzte
-Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter
-den roten Gefiedern alter Akazien halb verborgen
-liegt, fuhren wir immer schneller der
-ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz
-Klingensteiner, Kerzen bringend, verrät uns,
-stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest
-Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen
-einander vor Freude, Koffer werden aufgesperrt,
-leichte Stiefel und Urlaubsmützen hervorgeholt.
-Leutnant H. und ich beschlossen, ein
-Kaffeehaus in der Andrássystraße zu besuchen,
-einer wünschte vor allem das Parlamentsgebäude
-zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir
-zum Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber
-der Zug nach Süden ab und trug uns mit gewaltiger
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Eile von der türmeschimmernden Stadt
-hinweg in die Nacht hinein. Mützen und Stiefel
-wurden wieder eingepackt, wie immer die Kerzen
-angezündet und in leere Konservenbüchsen
-gestellt, ein Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn
-begonnen. Klingensteiner, Tee, Brot und
-Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich
-kaum herein, böser Worte gewärtig; nahezu
-weinend entschuldigt er sich, er müsse eine
-Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben.
-Spät kam noch der Major herüber, verdrießlichen
-Gesichts; es war, als ob er einem
-das bißchen Licht wegnähme. Seine Natur ist
-mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu sehen,
-macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern;
-endlich erkundigte er sich bei mir nach der Gesundheit
-der Mannschaft. Ich war unbedacht
-genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu
-berichten. Er meinte, darüber ließe sich doch
-nicht so leichthin urteilen, das beste wäre, wenn
-ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt
-mit meinem Unteroffizier den Zug entlangginge
-und von Wagen zu Wagen ausdrücklich
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive
-Wirkung solcher Fragen bedenkend, ließ ich mir
-ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen,
-was der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte
-seinen Rat zum Befehl und verließ uns ohne
-Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch
-eine Weile von ihm. Leutnant H., der Götter-
-und Sagenkundige, erinnerte, daß nach altem
-nordischen Glauben die bösesten Mächte sich
-in gute verwandeln, wenn es ein einziges Mal
-gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum
-Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte
-er, dieses Mittel bei unserem finstern Gebieter
-zu versuchen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-13">
-18. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse"><span class="large">I</span>m Uferwald verborgen</p>
- <p class="verse">lag die Morgensonne.</p>
- <p class="verse">Wir stießen vom Strand.</p>
- <p class="verse">Sie sprang ins Wasser,</p>
- <p class="verse">gab über den Strom uns</p>
- <p class="verse">ein funkelnd Geleite.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen
-ein, als wir eben über einen Fluß fuhren,
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns
-mitreiste. Nachts war ich mehrmals munter
-geworden, während irgendwo der Zug stillstand;
-so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen
-und sprach den Fluß noch als die
-Donau an, es war aber die Theiß. Bald sahen
-wir in weiter Ebene Gehöfte mit haushohen
-Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig behaarter
-Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weißen,
-blaugestreiften Kopftüchern, die am Rand eines
-Kukuruzackers Kürbisse sammelten. Als die Soldaten
-ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme
-heftig über der Brust, um sie dann, mit fremdartigem
-Ungestüm, dem enteilenden Zuge nachzustrecken.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-In Békéscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen
-zu uns herein, ungarischer Kavallerist,
-dessen knabenhafter Überschwang ein Weilchen
-wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen
-Käuze unterhielt. Er duzte uns alle, wie es im
-verbündeten Heere üblich ist, verteilte seinen
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-halben Zigarettenvorrat, ließ uns die Photographie
-seiner Braut bewundern und versicherte
-uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft,
-vergaß auch nicht, uns zu erinnern, es gäbe nur
-den Sieg oder den Tod für uns, kein drittes.
-Als wir uns Arad näherten, überreichte er jedem
-eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich
-Gegengaben. Vergeblich suchten wir lange in
-allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir
-ein wunderschönes Lichtbildchen der Tänzerin
-Clotilde von Derp, von Meister Holdt wie ein
-Gemälde aufgenommen und nach Libermont
-gesandt; dies gab ich schließlich mit bösem Gewissen
-hin. &bdquo;Deine Braut?&ldquo; schrie der Ungar
-und äußerte maßlos Dank und Entzücken. Ich
-überlegte, während er die Reize der zarten Gestalt
-wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen
-sollte, daß ich leider nie die herrliche
-Künstlerin von Angesicht zu Angesicht gesehen,
-sagte mir aber, daß dies albern wäre, und ließ
-mich getrost als den glücklichsten der Männer
-feiern und beneiden.
-</p>
-
-<p>
-In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-verwahrte die eine im Sanitätswagen; die andere
-teilte ich mit Raab, so daß wir bald in die
-Laune gerieten, den Befehl von gestern auszuführen.
-Eindringlich fragten wir vor jedem Wagen
-die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige
-lächelten verlegen, andere erschraken sehr, da
-sie glaubten, wir hätten irgend etwas Niederträchtiges
-mit ihnen vor. Als ihnen aber klar
-wurde, daß die Frage ernst gemeint sei, da spürte
-der eine oder andere bald ein Ziehen, Drücken
-oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der
-noch vor fünf Minuten seiner Gesundheit allerhand
-Proben zugetraut hätte, begann sich ein
-wenig lazarettreif zu fühlen. Ich begnügte mich
-für heute mit zwölf Krankmeldungen; es wären
-aber leicht vierzig oder fünfzig zu erreichen gewesen.
-Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen
-im Bahnhof zu Arad erstattete, rief den
-erwarteten Schrecken hervor, und als ich nun
-ehrerbietig meine Gründe gegen das neue Verfahren
-vorbrachte, fand ich keinen Widerspruch.
-Besänftigend fügte ich übrigens hinzu, daß ich
-bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-überwiesen habe, sondern versuchen wolle,
-sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend
-fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen
-Fluß entlang, der uns seither nicht mehr verläßt;
-es ist die Maros.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-14">
-Parajd, 19. Oktober 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Kurz vor Mitternacht fuhren wir in den Bahnhof
-Maros-Vásárhely ein, doch nur zu flüchtigstem
-Aufenthalt. Stab und fünfte Kompagnie sollten
-bergaufwärts weiter bis Parajd. Während der
-Viertelstunde, die wir in den Wartesälen verbrachten,
-umdrängten uns Frauen und alte Männer
-aller Stände und baten mit einer verzweifelten
-Inständigkeit um etwas Tabak. Unendliche
-Verdrossenheit spricht aus allen Mienen; die
-rasche Entziehung des jahrhundertelang gewöhnten
-Giftes hat die Menschen furchtbarer ernüchtert
-als feindlicher Einbruch und Hunger.
-</p>
-
-<p>
-Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn.
-Fünf Stunden gedachte ichs im bloßen
-Mantel wohl auszuhalten und ließ meine beiden
-Decken beim großen Gepäck zurück. Aber dem
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Wagen fehlten sämtliche Fenster, die Kälte stieg
-mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee,
-den der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich
-morgens um sechs Uhr das Türmchen von Parajd.
-Wir standen vier Stunden in Bahnhofnähe zwischen
-zerstörten Geleisen, auf welche wie zerrissene
-Nervenbündel abgesprengte Telephonstränge
-niederhingen. Schließlich verlautete,
-unsere Nachtfahrt sei unnötig und dem Versehen
-eines Generalstabsoffiziers zu verdanken gewesen.
-Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten,
-als uns echtes Unglück entgegentrat.
-Von der Bahnhofstraße, deren Rand unabsehbare
-Reihen von Flüchtlingen besetzt hielten, sahen
-wir österreichische Krankenträger auf uns zukommen,
-die vorsichtig auf Bahren drei kleine
-verhüllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder
-einer Flüchtlingsfamilie, die beim Spielen
-eine scharfe Handgranate gefunden, sich darum
-gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten.
-Die Explosion hatte die Mutter, die gerade
-Kochfeuer anzünden wollte, getötet, die drei Kleinen
-schwer verwundet. Die Großmutter, Siebenbürger
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Sächsin, die weinend den stillen Zug begleitete,
-meinte, man müsse solche Vorfälle den
-Kaisern und Königen der ganzen Welt zu wissen
-machen, damit sie traurig würden und von dem
-gottlosen Kriegführen abließen. Indessen war auf
-einmal die Sonne frei geworden und beleuchtete
-sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel.
-Der untere Teil zeigte fahlgrüne, mit Steinen
-durchsetzte Matten, dann folgte, wie mit Sorgfalt
-umgelegt, ein schmaler Tannengürtel, und
-aus diesem spitzte sich schneeglänzend eine
-mächtige Pyramide in das zerfließende Grau.
-Der feierliche Anblick bannte jeden; sogar die
-alte Frau verstummte, und ich, darf ich mirs
-zugeben, daß das Jammerbild der zerfetzten Kinder
-mir im Nu völlig ausgelöscht war? Daß es
-mir in der herrlichen Schau zerschmolz, als wäre
-es zufällig und nur am Rande geschehen wie
-die meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber,
-geltend und geisterbehütet, stünde ein geheimes
-Gesetz, das längst all unsere Leiden und Schrecken
-übernommen hat?
-</p>
-
-<p>
-Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-alle Müdigkeit zurück und holte erst nach Revierdienst
-und Fußappell den versäumten Schlaf
-ein wenig nach. Vor Mitternacht &ndash; wir saßen
-noch lesend und plaudernd beisammen &ndash; hörte
-man auf der Straße Pferdegetrappel und -geklingel,
-dann wurde schüchtern die Hausglocke geläutet.
-Jemand bat um Einlaß, obgleich die Türe
-nicht verschlossen war. Es war der Eigentümer
-des Hauses, ein älterer Mann, der mit seiner
-Familie vor den Rumänen geflohen war und
-nun vorderhand allein zurückkehrte, um Lage
-und Aussichten zu erfahren. Höflich ließ er um
-einen kleinen Schlafraum bitten und blieb geduldig
-vor seinem erleuchteten, von Fremden
-besetzten Hause stehen, bis er Bescheid erhielt.
-Der Major ging selbst hinunter, um ihn zu begrüßen,
-und bot ihm ein Abendessen an, das jener
-bescheiden ablehnte, völlig zufrieden, in seinem
-Anwesen ein dürftiges Obdach zu erhalten.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-15">
-20. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die
-Typhusimpfung durch, die schon seit August
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren uns
-überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man
-die Bänke übereinandergestellt. Auf dem Katheder
-lagen noch spanisches Röhrchen und
-Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen
-von Pflanzen, Tieren und allen Menschenrassen
-der Erde. Mir war ein wenig bang
-vor dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch
-einmal verschoben. Denn wieder sind die neuen
-Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht eingetroffen;
-die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen
-an den Spitzen, wodurch der Einstich
-und das Herausziehen sehr schmerzhaft
-werden. Aber es gab kein Verzögern, und so
-half ich mir denn, wie ich konnte, und verfiel
-schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen,
-um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten
-abzulenken. Zuerst entkleidete ich mich selbst
-und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft
-den bösen Stich, wobei meine Mienen, glaube
-ich, in guter Ordnung blieben. Dann kamen
-Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt
-und hüteten sich, zu zucken. Später nahm ich
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern
-zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der
-armen Burschen zerschund, manches zum besten,
-was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen.
-Sonderbarer Sitten der wilden Timmes
-wurde gedacht, die den Genossen, den sie zum
-König wählen wollen, am Tage vor der Krönung
-fast zu Tode prügeln, so daß er zuweilen seine
-Thronbesteigung nur kurze Zeit überlebt, auch
-die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche
-Kinder unter vielen Tränen ihren Vater lebendig
-begraben, festen Glaubens, daß er dann jenseits
-in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages
-ewig weiterleben werde. Die guten Soldaten
-lauschten aufmerksam und schienen über jenen
-ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen
-wespigen Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen.
-Als alle Kompagnien schon abgerückt
-waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich
-impfen zu lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen,
-daß die Nadel schier zerbrach und
-äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften
-gegenüber war er freilich sehr im Nachteil, da
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam verletzen
-mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche
-der Wilden noch sonst etwas erzählen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich.
-Das Impfgift wirkte wie immer, ich träumte
-viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens,
-nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun
-aber saßen wir im Kreis um einen französischen
-Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die
-Freunde, etwas abseits Regina. Wir froren und
-streckten die Hände zum Feuer. Regina trug ihr
-schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband.
-Ihre Hand war verbunden, aber auch alle anderen
-trugen Verbände. Wilhelm hatte eine schwarze
-Binde über einem Auge. Doch waren wir guter
-Dinge und plauderten viel von unserm früheren
-Leben. Auf einmal sagte Regina: Die Männer sind
-schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen
-nach Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die
-anderen hellauf; aber indem sie lachten, wurden
-sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich
-verzog sich eines nach dem andern in den
-Kamin hinein und entschwand mit den Flammen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen,
-und vor dem klaren Klang des Lebens zerstob
-aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat
-ein paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden
-sein. &bdquo;Ein Urlauber&ldquo;, schreibt er, &bdquo;hat
-uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst.
-Das freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen
-und Flüssen. Der Oskar Appel hat es in der Erdkunde
-gelernt. Nimm so viel du tragen kannst
-und bring es mir mit! Ich kann es gut brauchen.&ldquo;
-Der Brief war einem schönen silbergrauen Umhang
-mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet,
-den mehrere unserer Offiziere, die ihn später
-sahen, mit Entrüstung als vorschriftswidrig bezeichneten.
-Höchstens Generale der Artillerie
-dürften einen so breiten Kragen haben, auf der
-Stelle müsse ich ihn von einem Kompagnieschneider
-abändern lassen. Der Major aber sagte lachend,
-für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen
-Vorschriften, ich solle mir das Zeug
-ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil
-gedeihen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-16">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Szentlélek, 21. Oktober 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen,
-konsultierte mich der Major. Sein Hüftnerv ist entzündet;
-er hat Fieber und kann sich vor Schmerz
-kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten
-nicht aufgeben und daher das Lazarett vermeiden.
-Schließlich gab er mir in Scherz und Ernst
-den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen
-und bis zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel
-ein, daß noch die starken Maretin-Laudanon-Pulver
-in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte
-ich nichts davon.
-</p>
-
-<p>
-Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr
-ist unbequem, quälerisch, aufsässig; aber er ist
-es nicht nur nach unten, sondern mehr noch nach
-oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt
-ers um sich herum gemütlich werden &ndash; aber sind
-wir denn hier, um es gemütlich zu haben? Er
-weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen,
-&ndash; soll ich leugnen, daß ich mich gesund und frei
-dabei fühle? Und einer, der uns öfters reizt und
-beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger
-als einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein,
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-der kleine graue Dämon gehört schon einmal
-zu uns und unserm Schicksal, &ndash; vielleicht helfen
-die Pülverchen, er soll sie haben!
-</p>
-
-<p>
-Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek
-hinan, die ein heißer Wind schnell auftrocknete.
-Der Himmel sah seltsam aus; mein früher Traum,
-als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung
-ihrer Gewölke mitwirke, meldete sich wieder.
-Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle,
-dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem
-Schaum, dahinter eine graue Bank, besetzt
-mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden
-wir inne, daß wir uns durch eine der salzreichsten
-Gegenden Europas bewegen; rein und weiß tritt
-hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel.
-Mancher bricht in der Marschpause ein Stückchen
-ab, wägt es betrachtend und steckt es wie
-einen Edelstein in den Tornister.
-</p>
-
-<p>
-In den Dörfern sind alle Häuser mit gleichem
-stumpfem Blau getüncht; um jedes läuft eine Galerie
-mit schlanken hölzernen Säulen, die das vierflächige
-steile Walmdach tragen helfen. Die Grate,
-mit vielen schrägen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Wirbelsäulen aus. Alte Leute, traurig und
-freundlich, standen vor den Türen; einmal drängten
-sich schwarzäugige Madjarinnen heran und
-berichteten schreiend schauerliche Untaten der
-Rumänen, worauf blonde deutsche Frauen, die
-seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still,
-sichtlich auf Gerechtigkeit bedacht, jene
-überschweren Anklagen auf ihr Maß zurückführten.
-</p>
-
-<p>
-Gegen zwölf Uhr gelangten wir vor das große
-Dorf Szentlélek, rückten aber nicht ein, sondern
-lagerten samt großer und kleiner Bagage auf einem
-heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die
-Feldküchen geheizt wurden. Kirchengänger, von
-der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure
-Gebetbücher im Arm, näherten sich auf allen
-Wegen, die Männer zögernd, die Frauen mit
-lüftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen
-Worten machten diese verheißende Zeichen und
-liefen auf einmal alle in die Häuser, von wo sie
-bald mit Körben voll Obst und Eimern voll Milch
-zurückkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen
-unter dem rumänischen Einbruch zu leiden gehabt;
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-nun freut es sich über den Vormarsch der
-Deutschen und erschöpft sich in Gebelust. Milch
-schäumt in alle Feldbecher, und mit goldensten
-Parmänen füllen sich die Taschen. Langsam kommen
-auch Männer herbei, voran der uralte Pfarrer.
-Ihm haben die Eindringlinge, da sie deutsche
-Bücher in seiner Stube fanden, zur Strafe den
-ganzen Meßwein und obendrein die goldene
-Brille weggenommen. Während er dies in leidlichem
-Deutsch mit gelassenem Humor erzählt,
-packt Leutnant N. seine lange gesparte Flasche
-Burgunder aus; der Greis nimmt das Geschenk
-als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zögern
-an und verspricht seine nächste Messe für den
-Spender zu lesen. Die übrigen Männer treibt eine
-Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer näher. Seltsame
-Tauschgeschäfte kommen zustande. Für
-drei Zigaretten erhält ein Soldat ein Dutzend
-Eier, ein anderer für zwei Päckchen Knaster eine
-fette Gans. Mich aber suchten die Kranken des
-Dorfes; der Sanitätswagen wird erschlossen, Verbandstoff
-und Arzneien freigebig verspendet, bis
-Raab erschrocken gemahnt, daß uns im Gebirge
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-niemand ersetzen wird, was wir hier unbedacht
-hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik
-eingeholt; sie stellt sich in der Angermitte auf,
-spielt madjarische Lieder. Die Kranken vergessen
-ihre Übel, Soldaten und Mädchen tanzen, die
-Stunde wird zum Fest.
-</p>
-
-<p>
-Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen,
-damit uns nicht nachrückende Bataillone die
-Quartiere wegnähmen. Mir ist eine balkengedeckte
-Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen.
-Es ist sehr dumpf und düster innen, die
-Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von Bewohnern
-hab ich bisher nur den Bauer gesehen,
-einen kränklich und grämlich aussehenden Mann,
-der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte
-Galerie draußen ist ein singendes Geschwebe
-winziger Holzwespen; die haben Säulen und Geländer
-tausendfach durchlöchert und schlüpfen
-unermüdlich ein und aus. Morsch, einsinkend
-ist alles, um so wundersamer das ganz neue, reichgeschmückte
-Hoftor. Es hat hohe, breite Flügel
-mit zierlichen Gittern und schön geschnitzten
-und bemalten Flächen. Gewinde von Tieren und
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Pflanzen umkränzen beiderseits einen blauen
-Leuchter mit gelbrot brennender Kerze, zu der
-sich eine grüne Schlange hinaufringelt. Oben
-auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehäuse,
-eine Art Arche, bemalt mit roten Täubchen,
-zwischen denen durch runde Luken wirkliche
-Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem
-ersten Blick so fremd und gestohlen aus, als wärs
-von einem großen Gutshofe herverschleppt worden,
-so merkt man bei längerem Vergleichen
-doch, daß es aus dem alten Hauswesen hervorgewachsen
-ist. Ein sonderbarer Einfall war es
-freilich, statt beim Hause beim Tor zu beginnen;
-immerhin errät man, wie das Ganze werden soll.
-Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen,
-und vielleicht ist nur darum der Bauer so
-gedrückt und scheu, weil er seinen Hof nicht erneuern
-kann und sich dabei verkümmern fühlt.
-&bdquo;Wer baut, erbaut sich selber&ldquo;, &ndash; es gilt das alte
-heilige Wort.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen.
-Er lag in einem breiten Bett, mit Schafpelzen
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-bedeckt, vom Fieber geschüttelt. Sehr ungehalten
-zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll mir das Gift?&ldquo; rief er. &bdquo;Gibt es etwas
-Frevelhafteres, als daß man chemische Substanzen
-in das Blut bringt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich entgegnete, daß wir doch selbst aus lauter
-chemischen Zusammensetzungen bestünden, die
-nur zuweilen unrichtig ineinandergriffen, und
-dann müßte eine neue eingeführt werden, welche
-die falschen Verbindungen löste. Als er noch zögerte,
-erinnerte ich ihn daran, daß erkrankte
-Tiere sich öfters Kräuter und Blätter suchten, die
-sie sonst niemals fräßen, und rasch davon gesund
-würden. Dies ließ er gelten und nahm nun das
-Pulver fast gierig.
-</p>
-
-<p>
-Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem
-Quartier. Eine der Patientinnen vom Vormittag
-hat zwei Enten geschickt, die ließen wir
-braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe
-Stunde auf dem Anger klingt noch in allen; viele
-glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen
-werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer
-vom russischen Kaiser, ein dritter von Wilson
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-das weltbefreiende Wort. Mancher dieser
-lieben Menschen spürt im innersten Herzen vielleicht
-schon den nahen Tod und sieht nun in
-wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges
-gekommen.
-</p>
-
-<p>
-Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau,
-ein nicht mehr junges Weib, derbe Gestalt,
-welche sich aber im schönsten Maße bewegt, hellgraue
-Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene
-Schatten, die von feinen blauen Venen
-umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem
-rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von
-Most und Speisen, bringt Äpfel und Pflaumen
-dafür und lehrt uns madjarische und rumänische
-Worte. Mich hatte sie zuerst für den Feldgeistlichen
-gehalten und mit großer Scheu behandelt;
-nun sie weiß, daß ich ein ungesalbter Mann bin
-wie die andern, wird sie sehr zutraulich und sucht
-mich als ihren Wohngast und Ältesten der Tafelrunde
-zu ehren, indem sie oft nach meinen Wünschen
-fragt und mich dabei jedesmal auf zeremoniöse
-Weise halb umarmt, ein Benehmen, das
-am Tische viel Gelächter hervorruft; aber darum
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-kümmert sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit
-sich selber, in anmutigem Wahnsinn scheint ihr
-Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in
-die Wohnstube hinüber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend
-am Herde saß, gab ihm Zigaretten,
-die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie
-mir vorkam, begütigend zu. Zuletzt, wie ein Kind,
-brachte sie Schachteln mit Karten, Briefen und
-Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte
-ich, darunter ein Blättchen mit der Skizze
-jener am Hoftor ausgeführten Zeichnung zu finden!
-Hier, wo sich das Ornament als ein erst
-entstehendes zeigte, regte es die Einbildung stärker
-an: ich konnte es nicht lassen, mußte ein
-Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen.
-Dabei wurde, wie stets in solchen Fällen,
-etwas anderes daraus. Ein stattliches siebenbürgisches
-Haus im Hintergrund anzugeben, gelang
-einigermaßen; vorn am Tor aber hat die Schlange
-den Flammenkern von der Kerze gebissen und
-trägt ihn zwischen den Zähnen fort. Darunter
-schrieb ich den Satz, den ich einst bei Glavina
-gelesen: Raube das Licht aus dem Rachen der
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten,
-der Most sei mir beträchtlich in den Kopf gestiegen;
-die Frau sah lächelnd dem Gekritzel zu,
-schließlich fragte sie mit Gebärden an, ob sie&rsquo;s
-nehmen dürfe, worauf sie ging, um es ihrem
-Manne zu zeigen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-17">
-22. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um fünf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau,
-beim Abschied, brach Zweige von einem getrockneten
-Pflanzenbüschel, der am Stubengebälk befestigt
-ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem
-Blick. Vermutlich ist es als Talisman gemeint;
-der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an
-Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich,
-als ich das Pferd bestieg; verstand ich recht, so
-wollte sie mich einladen, dereinst nach dem Kriege
-wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren.
-&ndash; Der Major, noch vor neun Stunden
-im Fieber ächzend, sitzt fest auf seinem Rappen
-und berserkert wider Offizier und Mann. &bdquo;Was
-haben Sie dem Kerl für Zeug gegeben?&ldquo; schrie
-mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir könne es recht
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-sein, daß er meinen Mittelchen so viel Wirkung
-zutraue, aber der Alte wisse genau, daß ihn viele
-weit weg wünschten, das sei auch keine schlechte
-Arznei.
-</p>
-
-<p>
-In langen Märschen entschleppte sich der Tag.
-Es ging über kahle und bewaldete Hügel, und
-immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft
-sah man das gleiche stumpfe Blau der Häuser.
-Die Soldaten, geblendet noch vom Glanz des Gestern,
-empfanden mürrisch Obdachlosigkeit,
-karges Essen, zerrissene Stiefel und ungewisses
-Ziel, und an allem gaben sie dem Major die
-Schuld, dem sie überdies seine Genesung nicht
-verzeihen können. Laute Flüche schrieen sie ihm
-zu, wenn er vorüberritt; er stellte sich taub und
-nahm Rache, indem er übermäßig lang auf eine
-Marschpause warten ließ, die schließlich der Adjutant
-auf meinen Wunsch von ihm erbat.
-</p>
-
-<p>
-In Székely-Udvarhely waren mehrere Gebäude
-gründlich zerstört, die Luft noch voll Brandgeruch.
-Auf den Hügeln aber, in geringen Abständen,
-staken blanke Nähmaschinen, treffliche
-deutsche Ware, bald im Straßenschlamm, bald
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende
-Gegner dieser wertvollen Beutestücke entledigt
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Abends klagten viele über äußerste Ermüdung.
-Vielleicht wirkt noch die Typhusimpfung im
-Blut. Ich selbst spüre wenig, obgleich ich, um
-das kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepäck
-beladen, zu Fuß zurückgelegt habe. Die
-Mäßigkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne,
-scheint zu nützen; auch lebe ich, vielleicht unter
-Glavinas Eingebungen, wachsamer als früher und
-mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und
-nicht viel weniger als ein großes Abenteuer. Damit
-gewinne ich viel: der unfreie Dienst wird
-mir leichter und läßt einen freieren ahnen, der
-vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den
-Mitteln, die man gegen Erschöpfung anpreist,
-laß ich Tee und Kaffee gelten; grobtäuschende,
-wie Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand
-ausgeschieden. Den leichtesten und geistigsten
-möchte ich am liebsten trauen. Wie wenige
-kennen die unbemeßbaren, immer wirkungsbereiten
-Energien des lebendigen Wortes! Daß es
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen
-mit der Kraft ganzer Geschlechter, vergleichbar
-den radioaktiven Elementen, aber weit
-wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet,
-noch die Kräfte der Welt anziehen und Fluten
-von Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon?
-Mächtig genug wären manche, um das
-Schwungrad auch der ermüdetsten Seele neu anzutreiben,
-und vielleicht sind schon sie allein es
-wert, daß man sich eine Weile auf den Bergen
-des Todes aufhalte, weil sie dort gewiß am reinsten
-und stärksten klingen. Schwingt aber die
-Seele frei, was brauchen die Sinne viel Aufreizung?
-Brot, Früchte, eine Handvoll felsgeschöpften Wassers,
-ein Geruch wilder Minze sind Erquickung
-genug.
-</p>
-
-<p>
-Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den
-Namen des Dorfes hab ich vergessen. Alle Häuser
-sind mit Infanterie bereits überfüllt; wir sind gerade
-noch in einem verlassenen, ausgeplünderten
-Hüttchen untergekommen, wo sich auch etwas
-Heu gefunden hat. Die anderen haben sich schon
-unter ihre Decken und nassen Mäntel gestreckt,
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-mein Kerzenstümpfchen flackert zu Ende, ich
-muß eilen, mir noch ein Lager zu sichern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe
-jetzt in ihr wie in dem Innern einer feinen, heftig
-schillernden Seifenblase und halte den Atem an,
-um sie nicht zu zersprengen&ldquo;, las ich bei Glavina.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-18">
-Ottelve, 24. Oktober 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken
-über bewaldete Hügel. Nach ein Uhr
-klärte sich unter uns das Tal von Csik Szereda,
-in das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still
-und warm.
-</p>
-
-<p>
-Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Gräber.
-Innen sind viele Gebäude zerstört und ausgeraubt,
-die eisernen Schutzläden vielfach mittels
-Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumänen
-hatten die Alutabrücke gesprengt; nun ist von
-preußischen Pionieren eine hölzerne Notbrücke,
-ein kühnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen
-Stunden errichtet worden.
-</p>
-
-<p>
-Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause.
-Eben kamen die siebenbürgisch-rumänischen
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da
-erscholl aus einem der vorderen Züge ein lautes
-Halt!, das nach hinten weitergegeben wurde. Die
-Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige wollten
-stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte
-sich heraus, daß weder der Major noch Leutnant
-Leverenz, die beide eine Strecke vorausgeritten
-waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein
-Mann mußte gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben
-haben. Der Marsch wurde fortgesetzt.
-Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot
-Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen
-der Tornister, ließ sie in voller Ausrüstung antreten
-und erklärte, daß er sie so lange stehen
-lassen werde, bis ihm der freche Störer gemeldet
-sei. Unterdrückte Verwünschungen wurden hörbar;
-den Gehorsam zu verweigern wagte aber
-keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt
-hatten, nahmen ihn zwar murrend, aber
-hurtig wieder auf. An etwas erhöhter Stelle trat
-Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte
-seinen Beschluß. Er setze voraus, sagte er,
-daß nahezu alle den meuterischen Rufer verurteilten;
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-sei der zu feig, um sich zu nennen, so
-müsse es ein anderer tun. Geschehe dies noch
-während der Ruhestunde, so werde der Schuldige
-bestraft, und damit habe es sein Bewenden,
-wo nicht, so werde die ganze Kompagnie, die
-Herren Zugführer nicht ausgenommen, zu büßen
-haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr
-still, Soldaten anderer Züge kamen auf einige
-Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen
-werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand
-einer der besten Offiziere der Division, mit seinen
-meisten Untergebenen stamm- und artverwandt,
-vielgerühmt als furchtlos und besonnen, verehrt
-als einer, der niemals aus bloßem Ehrgeiz die
-Seinigen in gefährliche Lagen brachte, im Kriege
-früh alternd, mit Narben geschmückt, jetzt bleich
-vor Erbitterung über die ihm vermeintlich angetane
-Schmach, die scharfen runden Augen ein
-wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen
-Mann um den andern fixierend, sichtlich entschlossen,
-die Sache zum Äußersten zu treiben,
-dennoch weise genug, sie vorderhand gewissermaßen
-unter vier Augen austragen zu wollen,
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-&ndash; ihm gegenüber die abgemattete Mannschaft,
-über sich selbst erschrocken, eben sich noch
-dumpf in einem Rechte fühlend, das aber, sobald
-es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel,
-im stillen die Haltung des Führers vielleicht
-schon bewundernd, &ndash; wo las ich doch einmal,
-daß eulenhafte Menschen allen andern überlegen
-seien?
-</p>
-
-<p>
-Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken,
-so sah man eigentlich nur ein Übel akut aufbrechen,
-das nun schon lange unter uns umschleicht.
-Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg;
-der Soldat, vielfach unberufen, spärlich ernährt,
-mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt,
-im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert
-Nervenkraft und Zucht. Die Offiziere wissen
-es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit
-manches hingehen, überhören sträfliche
-Zurufe, reden sich auch wohl ein, diese
-seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe
-des Feindes von selber verstummen. Solch lax-zweideutiges
-Verhalten muß einer klaren Kriegernatur
-wie Leverenz&rsquo; durchaus bedenklich und unwürdig
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-vorkommen, und wenn er nun sein ganzes
-Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen kleinen
-Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen,
-so fühlt man mit ihm wie mit einem Arzt,
-welcher einen Eingriff auf Tod und Leben wagt.
-</p>
-
-<p>
-Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch
-blätternd wie unbeteiligt, und gewiß war
-es sein bester Geist, der ihm eingab, sich zunächst
-nicht in den Handel zu mischen.
-</p>
-
-<p>
-Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich,
-da fand sie höchst unverhofft eine Entspannung.
-Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat Infanterist
-Kristl und bekannte sich klar und bündig
-als den Mann, der &bdquo;Halt&ldquo; gerufen habe. Eine
-Weile standen alle wie erstarrt, dann ging eine
-leichte behagliche Regung durch die büßende
-Kompagnie. Mir war ja diese Selbstbezichtigung
-nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs
-vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber
-wie er nun dastand, bleich und zusammengenommen,
-in seinem ganz verfärbten Waffenrock,
-die schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen,
-Leverenz anblinzelnd, als ob dessen
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Anblick ihn blende, da konnte einen sein Geständnis
-wirklich überzeugen. Durch des Leutnants
-ernstes Gesicht flimmerte jetzt ein überaus
-flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob ein
-steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch
-würde. Vielleicht ging es ihm wie mir, und er
-hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch beschuldigte,
-um die ersehnte Entfernung von der
-Front zu bewirken, und er bedauerte ihn ein
-wenig wie einen, der eine Sache immer wieder
-verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich
-einigermaßen dafür dankbar, daß der Bogen nicht
-mehr stärker gespannt zu werden brauchte, &ndash; jedenfalls
-griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte
-er den Täter an und verkündete, daß er
-Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe
-beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht,
-falls Kristl sich vor dem Feind auszeichnen
-werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber niemand
-lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie
-freigelassen, während Kristl verwirrt und,
-wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile stehen
-blieb.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes
-Lilalicht weithin durchatmete,
-zogen wir eine Stunde später nach Ottelve
-weiter; Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens
-waren plötzlich mächtiger als seit langer
-Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate,
-Aufbrüche, Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst,
-&ndash; man merkt mit einer Art Schrecken, daß
-es Eigentum und innerster Bestand geworden ist,
-daß man es, ohne von sich selber abzufallen, nicht
-mehr wegwerfen kann. Kristl, heute der einzige
-Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem
-wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich
-der Haltrufer gewesen, danach fragt niemand.
-Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten,
-Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen
-Kompagnien grüßen freundlich den sonderbaren
-Menschen und bekräftigen sein Lob.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-19">
-Koczmás, 25. Oktober 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus
-dem Nebel. Eine Art Blindheit befiel die Augen,
-und als wir nach vier Uhr in Koczmás ankamen,
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-erfuhr ich ein Verfließen äußeren und inneren
-Gesichts, von dem ich mir guten Gewissens berichte,
-weil der Geist frei blieb und der Täuschung
-gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fußkranken
-aufgehalten, fand mich schließlich allein
-auf der Straße und suchte auf einem Seitenweg
-mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet
-worden war. Als ich einmal stehenblieb, um
-mich zurechtzufinden, hörte ich ein Rauschen in
-der Nähe; es klang wie der Brunnen vor dem
-Hause der Mutter in S., und gleich kamen mir
-Weg, Zaun und Nebelbäume bekannt vor. Jeden
-Pfahl, jeden Stein hatte ich früher schon einmal
-gesehen, und nun hörte ich auch das breite Brausen
-der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen
-im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten
-zu dem mütterlichen Häuschen aus. Kaum
-eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug;
-ich folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal
-abschwächte, und als ich vor der Haustür
-stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher
-mit Kreide daran geschrieben hatte, war
-alles vorüber. Eine ganz alte Frau trat heraus und
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-führte mich in ein Stübchen, das ich mit Leutnant
-T. teilen soll. Später brachte sie sonderbare
-Milchspeise, die mit einer dicken Zimt- und
-Zuckerkruste überzogen war, dazu sehr scharfen,
-mir ungenießbaren Schafkäse. Ich habe mich
-beim Stab entschuldigen lassen und esse mit T.
-zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren
-der Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu
-Zeit, stellt sich mit verschränkten Armen in die
-Tür und betrachtet uns unverwandt. Ihre Mienen
-sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und
-wenn ich der Frau von Szentlélek gedenke, muß
-ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr
-verwirrte und entrückte Menschen gibt als anderswo.
-Dann und wann kommt eine stämmige
-blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen
-Verweilens zur Rede und führt sie
-wie ein unverbesserliches Kind immer wieder
-hinaus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-20">
-26. Oktober. Auf dem Marsch
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen
-Träume schnell; im trüben haften sie lang. Vor
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm
-zurückgelassen und ihm zu warten befohlen.
-Ich stieg die Wendeltreppe hinauf. Die rohe Ziegelwand
-hatte Nischen; die schienen tief in Katakombenfinsternis
-hineinzuführen. Ich sah hohe
-schmale silberne Wiegen; in jeder lag, puppenklein,
-ein toter deutscher oder französischer Soldat,
-die gläsernen Augen weit offen; einzelne Lorbeerblätter,
-wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln
-an Stirn und Haar. Ich stieg weiter
-und befand mich auf einmal vor dem schönen
-jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn
-öfters gefüttert haben; seine rechte Vorderpfote
-war zwischen zwei Stufen eingeklemmt, erwartungsvoll
-sah er mich an. Eine Berührung genügte,
-um ihn zu befreien; vorsichtig hinkend
-ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte ich,
-daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein
-Gefieder war, breite graue, silbern geaugte Federn,
-in einem Pfauenschweif endend. Ich sah empor,
-da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um
-die Ohren, ich stand auf weiter Heide. Drei weibliche
-Gestalten, in weiße Decken gehüllt, schliefen
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war
-Vally; dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter
-und Schwester. Ich beugte mich nieder, da sah
-ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken
-bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen.
-Der Wolf ging im Kreise herum
-und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten
-sie, mit verstörten Gesichtern; keine kannte
-mich. &bdquo;Der Wolf wird euch fressen, wenn ihr
-schlaft auf der Heide!&ldquo; rief ich ihnen zu. Sie
-lächelten einander verlegen an. &bdquo;Geht in den
-Turm! Dort sind silberne Wiegen&ldquo;, setzte ich hinzu.
-Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen,
-aber es kam hart und drohend heraus. Sie erkannten
-mich nicht und fürchteten sich vor mir.
-Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über
-sich und rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der
-legte sich den Schläferinnen zu Füßen, schlug
-ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem
-ungeheuren grauen, silbern spiegelnden Gefieder.
-Da hörte ich ganz laut und klar das Söhnchen
-aus der Tiefe rufen: &bdquo;Vater, bist du schon oben?&ldquo;
-und war wach.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich
-zu hellen, tiefgekerbten Wolken auseinander. Die
-Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das
-Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße
-Stadt; es muß Kézdi-Vásárhely sein.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-21">
-Esztelnek, 30. Oktober 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig
-zu schlaunen: Eilmärsche, mit Gefechtsübungen
-verbunden, brachten uns heute bis Esztelnek,
-dessen weißer Turm, ein Campanile, sich einige
-Schritte vom Kirchlein fernhält. Als mich meine
-Quartierwirtin im Hof willkommen hieß, erschrak
-ich vor der fast unnatürlichen Ähnlichkeit,
-womit mich Gesicht und Gebaren dieser
-Bäuerin an Frau Nikola, die verstorbene Oberin,
-erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und
-immer schaut gleiche Seele mit gleichen Augen
-durch die Schichten der Zeit. Jene zwar verließ
-ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter,
-dabei aber herb und ernst, wie vom Gesetz eines
-Ordens begrenzt, und all ihr Tun spielt sich im
-Rhythmus geistlicher Übungen ab. Sie entschuldigte
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-sich sehr, daß sie fast kein Deutsch verstehe,
-und führte mich in eine Stube, deren helle Nüchternheit
-mein Gefühl bestätigte. Die Frau brachte
-Weißbrot und Äpfel, entfernte sich, kam aber bald
-wieder und stellte Photographien ihres Mannes
-und ihrer zwei Söhne auf den Tisch. Dann faltete
-sie in Schulterhöhe die Hände nach der Seite zusammen,
-neigte den Kopf darauf, indem sie eine
-Schlafende nachahmte, deutete hierauf zur Erde,
-sagte &bdquo;In Galizia&ldquo; und ging wieder. Die Bilder
-ließ sie bei Brot und Früchten stehen, als wünschte
-sie, daß ich, die Gaben des Hauses genießend, auch
-der Toten des Hauses gedächte.
-</p>
-
-<p>
-Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin
-ist noch immer unbekannt. Die verheißene
-Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon
-wird mit löchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg
-marschieren. Aus der Heimat kommt keine
-Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum
-gewiesen, bestieg ich den Campanile. Wenn das
-Dunkel die Grenzen der einzelnen Besitztümer
-aufhebt und schließlich nur noch die staubweißen
-allhinführenden Straßen erkennbar bleiben, die
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-jedem und keinem gehören, so schickt man gern
-seine besonderen Wünsche schlafen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-22">
-Esztelnek, 31. Oktober
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um fünf Uhr marschierten wir ab. Es wehte
-scharf aus Nordost. Bald fror ich im Reiten und
-ging lieber zu Fuß. Dunkelgrüne Wintersaaten
-breiten sich bis zu den Bergen hinan, denen wir
-uns rasch näherten. Über den Gipfeln lagen erdgraue
-Wolkenschichten, die sich nach und nach
-rötlich fleckten und auf einmal Feuer fingen.
-Schließlich aber ging die Sonne nicht an dem
-Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern
-etwas links davon in gleichmäßig hellem Gewölk.
-Wir erblickten bereits das Türmchen von
-Bereczk, da kam ein Befehlträger nachgesprengt
-und übergab dem Major ein Blatt, gleich scholl
-ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl: Zurück
-in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten
-die Kompagnien ihre Freude. Vielleicht war
-ich der einzige, der im Augenblick den Marsch
-lieber fortgesetzt hätte. Ist Aufschub einer Entscheidung
-dem vorwärtsgerichteten Geiste doch
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-immer gespenstisch, als verböge sie den geraden
-Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten
-wir nach Esztelnek zurück, wo uns die gestern
-noch so freundlichen Dörfler mit bestürzter Zurückhaltung
-betrachteten. Unsere Wiederkehr
-kommt ihnen überaus verdächtig vor; sie vermuten
-dahinter den Beginn eines deutschen Rückzugs
-und sehen uns im Geiste bereits über die
-Maros gejagt. Meine gute Wirtin dagegen begrüßte
-mich mit unverhohlener Freude; sie schien
-mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachträglich
-die ärztlichen Zeichen an meinem Kragen
-gedeutet, nun wollte sie Versäumtes nachholen.
-Über Stufen führte sie mich in eine Kammer,
-wo Heiligenbilder in russischem Stil an den
-Wänden hängen und leere zierlich bemalte Ostereier
-den Deckenbalken entlang an Nägelchen aufgespießt
-sind. In einem zum Fenster gerückten
-Bett mit grellroter Decke lag eine kaum Sechzehnjährige,
-von der Schwindsucht gezeichnet.
-Die Mutter geriet ganz aus ihrer Gehaltenheit
-und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklären
-versuchte, daß ich nicht eines ihrer Worte
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-verstünde, nickte sie mir zu mit solchem Beifall,
-als wärs gerade das, was sie zu hören wünschte.
-Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war
-leicht zu begreifen. Das Kind ist schön; schwarzes
-feuchtes Haar über dem Schwächeglanz
-der Stirne hoch emporgekämmt, in den Augen
-brennt das ganze in die Enge getriebene Leben,
-wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt.
-Der Leib ist schrecklich eingeschmolzen; die
-Brüste nur, steil und straff, trotzen noch selig
-dem Tod.
-</p>
-
-<p>
-Während des Untersuchens wurde wieder einmal
-offenbar, wie sehr doch das lange Kriegsleben
-die innere Gestalt verändert. Was durch
-Jahre tägliches Geschäft gewesen war, das Durchspüren
-der Organe nach den Herden des Zerfalls,
-es will nicht mehr so recht von der Hand gehen.
-Ja, mir kam vor, als wärs ein gröbliches verfängliches
-Beginnen, blasse Magie, die weder guten
-Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher
-Arzt wird künftig seinen Kranken anders
-gegenüberstehen als bisher. Vielleicht müßte
-man sich selber gewissen Übungen und Enthaltungen
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen
-einer anderen Natur durchdringen und
-auflösen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen,
-um wenige desto sicherer zu heilen. Für
-diesmal war es nur ein Scheindienst, was ich
-leistete; und als ich nach der Untersuchung andeutete,
-daß ich Arzneien aus dem Sanitätswagen
-holen wolle, waren Mutter und Tochter für
-den Augenblick zufrieden und getröstet. Die Frau
-ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot
-erst mir, dann der Kranken und aß auch selber
-davon. Schweigend saßen wir nun beisammen,
-sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heiße
-Nachmittagssonne schien herein, sie durchleuchtete
-rötlich die braunen Paprikaschoten, die wie
-kleine Hörner in Büscheln am Fenster hängen.
-Wespen summten, und leiser Geschützdonner
-kam von den Bergen herüber. Auch die Mutter
-sprach nicht mehr; zuweilen, wenn sie mich
-zum Essen ermahnen wollte, rührte sie mit der
-Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf
-die Früchte. Bald stand ich auf und ging. Wie
-ein ewiger Abschied von allem dumpf Leidenden,
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam,
-nicht mehr als niedrig-widriges Zehrergezücht
-erschien mir auf einmal das dunkle Reich
-der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche
-Macht, verbunden und pflichtig den stärksten
-Energien der Natur. Solche zu bekämpfen
-kann jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten
-sich andere Gewalten an, denen wir uns entgegenstellen
-oder denen wir uns verbünden
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschädigen,
-solange sich das vergiftete Wesen im
-Finstern hält, wogegen sie bei hellem Tage sogleich
-zu gären und zu töten beginnen.&ldquo; Wie
-klärt sich mir langsam dies dunkle Wort!
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe
-Stunde. Mir träumte von meinem Pferd. In dem
-Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte
-es sich in ein junges nacktes Weib.
-</p>
-
-<p>
-Der Adjutant kündigt an, daß es morgen in aller
-Frühe weitergeht. Er versichert uns, daß wir diesmal
-nicht zurückgerufen werden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-23">
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Bakó tetö, 1. November 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um die gleiche Stunde wie gestern verließen
-wir Esztelnek und erreichten bei trüb grauendem
-Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand
-auf der Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom
-Alter gekrümmtes Matrönchen lief neben der Kolonne
-her und spähte aufgeregt von einem Kopf
-zum andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern
-tragen müssen, haben ihrs angetan. Endlich, da
-wir gerade langsamer marschierten, faßte sie
-Mut, huschte an den kleinsten Flügelmann heran
-und beklopfte mit scharfem Finger seinen
-Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei
-Holz oder Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall
-ist, verschränkt zufrieden die Arme und bleibt
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen
-und schrie, den Hut schwingend, in schauerlichem
-Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den
-Deutschen! Gott helfe den Deutschen!
-</p>
-
-<p>
-Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister
-und Verpflegungsoffiziere nahmen Abschied und
-wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-ins Gebirge empor. Man sah ferne Felsen
-mit schwarzen Klüften, die wie Schlünde Nebel
-ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir
-auf dem Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde
-und ihre Wärter uns verließen. Auf sumpfiger
-Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab
-eine lange notwendige Rast; schon hatten wir
-fünf Wegstunden hinter uns, und vor uns ragten
-steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine
-Strecke voraus und setzte mich auf einen Stein,
-wo ich zu warten beschloß, bis die andern mich
-einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben,
-und während ich ihm entgegensah, war ich von
-abgewehten Fransen schon überzüngelt und umschlungen.
-Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten
-geistigen Wolke berührt und aufgenommen
-zu werden wie von einem blütigen
-Wesen! Alle Heimatgestalten glänzen auf, und
-zugleich erschwingt ein grenzenloses Vertrauen
-in die strömenden und untergrabenden Kräfte
-der Welt. Wie aus großer Ferne hörte ich das
-Bataillon aufbrechen und regte mich nicht, bis
-die ersten Gruppen zu mir stießen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte,
-nur fünfzehn Kilometer hätten wir bis zur Stellung
-zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß. Der
-Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder,
-strotzend von lilagrünen Früchtchen, wuchert
-zwischen Felsblöcken. Viele Gräber kommen;
-nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst
-fünf Tage alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand
-auf einem Holzkreuz. Gegen zwei Uhr durchstiegen
-wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke;
-dort wurde uns ein rätselhafter, erschütternder
-Anblick. Ein einsames, niedergebranntes Haus
-stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den
-Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und
-unter der Verschwärzung erkannte man die blaue
-Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte
-Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte
-befanden sich zwei Gräber ohne Kreuze,
-nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr
-alte Frau, nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte
-nach Madjarin, das graue Haar zerrauft
-und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete
-zutraulich mit etwas Unsichtbarem. Als wir
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-uns näherten, reckte sie sich auf und drohte
-mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte
-verscheuchen. Plötzlich wandte sie sich ab und
-rang unter grausigem Geheul die Hände gegen
-Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein
-bißchen ungarische Sprachkenntnis, versuchte
-mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich, scharrte
-Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen;
-doch war diese Bewegung mehr warnend
-und beschwörend als feindselig. F. sprang, halb
-ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte
-mit seinem Zuge weiter. Von den übrigen
-Offizieren und Mannschaften blieb niemand stehen.
-Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt,
-was der Frau widerfahren sein könnte; die meisten
-aber mochten den Gang einer Tragödie spüren,
-vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt,
-und stiegen schweigsam weiter im Gewölk empor,
-das die schauerlich große Erscheinung bald
-verhüllte.
-</p>
-
-<p>
-Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen,
-tauchten wir aus der Dunstwelt in blauen
-Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde
-als Rastplatz gewählt. Riesige Haufen rostender
-Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns bereits
-andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie
-die meisten, wickelte mich in meine Decke und
-legte mich, schweißdampfend wie ich war, auf
-den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief
-und nach einer halben Stunde, trotz einigem
-Frösteln sehr erquickt, erwachte.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem,
-grünem Mantel herab, den turbandick verbundenen
-Kopf mit beiden Händen festhaltend.
-Es war ein verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung,
-sich selbst überlassen, seinen Weg in
-die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen
-sah man die durchbluteten Kompressen und Mullbinden
-verschoben, am Hals eine klaffende
-Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war
-schwarz zugeschwollen, das unbeschädigte linke
-hatte ein schönes Hellbraun. Die ärztlichen Zeichen
-erkennend, blieb er vor mir und R. stehen,
-deutete schweigend auf seine Wunde. Diese zu
-sondieren hüteten wir uns, nahmen auch den
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht
-und fest einen frischen darüber, worauf der Unglückliche
-seinen Kreuzweg weiterschwankte,
-gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen,
-die vielleicht, ohne es zu bedenken,
-in dem erniedrigten Bilde des feindlichen Genossen
-sich selber verhöhnten: Heute du &ndash; morgen
-wir! Wir marschieren nicht weiter; Befehl
-ist gekommen, an Ort und Stelle zu biwakieren.
-Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt,
-die Helme darangehängt, Zelte
-aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen über
-den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern
-vorbei. Der Mond, blaßgrün, schmal wie ein
-Grashalm, geht in kleinem Bogen über den Himmel,
-das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien
-haben Feuer angezündet, um die sich
-bald alles versammelt. Auch österreichische Offiziere
-kommen für eine Weile, um sich zu wärmen.
-Einer von ihnen hat ebenfalls die Frau bei
-den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen
-versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen
-umgesehen. Kleider, Felle, bunte Decken
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug.
-Er habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen
-über ihre Nacktheit gelegt, sie habe ihn
-wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus
-ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem
-Vormarsch, hätten Vater und Sohn, die beiden
-Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich
-aus ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung
-ist. Fast war ich froh, als das Gespräch zum
-Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen?
-Den Schmerz, der den Menschen dahin
-verhärtet, wo es kein Hungern, kein Frieren,
-keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost
-und Wohltat mit weihender Beschwörung zurückweisen
-muß, dies letzte große Heiligtum der
-Menschen, jedem höchsten Genius verwandt,
-soll man es zerschwatzen? Eine Angelegenheit
-für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus
-machen?
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht
-sich ein, daß er für einen Gebirgswinterkrieg
-eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner
-spürt Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-will als Gast von Feuer zu Feuer wandern, bis
-mich der Schlaf übermannt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-24">
-2. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ich erwachte mit dem Gefühl absterbender
-Zehen, verließ das Zelt und umschritt stampfend
-das Lager. Später meldeten sich einige Soldaten
-mit wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren.
-Bei mir brachten Gespräch, Bewegung und
-heißer Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln
-beigemischt waren, das Blut bald wieder
-in seinen Lauf. Aus den rumänischen Bergen
-aber hob sich die Sonne, und wunderbar
-zeigte sich heute die strahlenbeugende Kraft irdischer
-Atmosphäre: nicht als kreisrunde Scheibe,
-sondern als mächtiges karminrotes Ei lag das
-Gestirn minutenlang über schwarzen Wäldern,
-bis es nun, langsam steigend, sich entrötet und
-rundet. In den Tiefen aber ist unermeßliches
-Weiß ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit
-Gipfelinseln überstreutes Meer von Flaum, das
-uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet.
-An dem uns nahen Rande, wo es noch seicht
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-ist, läßt es Felsen und Bäume durchscheinen;
-man könnte glauben, diese spiegelten sich
-darin.
-</p>
-
-<p>
-Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft
-von Rastpausen unterbrochen; vermutlich durften
-wir nicht zu früh ankommen. Die Mittagstunde
-verbrachten wir nahe dem Gipfel des
-Berges Kishavas auf einer moosigen, mit Steinblöcken
-und Wacholderbüschen besetzten Fläche
-voll neuer Gräber. Einige Kreuze sind sorgfältig
-mit Grün umwunden, manchmal nur ein
-kleiner Stecken einem größeren mit Waldreben
-zu flüchtigstem Gedenken angeknüpft. Zwischen
-zwei Steinen steht ein Pfahl mit aufgeschnitztem
-Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid,
-29. X. 16. Durch kalten Wind wirken scharfe
-Höhestrahlen, Reifkörner verdampfen an den
-Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde
-bräunen sich die Gesichter. Es ist sehr still, die
-Lust zu sprechen gering, der Geist unterhält sich
-noch immer mit jenem unendlichen Weiß.
-</p>
-
-<p>
-Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns;
-er lud mich und H. schließlich ein, auf seinem
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Standort mit ihm Tee zu trinken, und ließ uns
-durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man
-das Blickfeld eines Mikroskops nach den schädlichen
-rot oder blau gefärbten Pilzen absucht, so
-wird hier nach den moosgrün gekleideten rumänischen
-Soldaten gefahndet. Der Offizier hatte
-die Höhe Lespédii eingestellt; er verriet uns, daß
-unser Bataillon sie werde erstürmen müssen, und
-zwar bald. Im übrigen war er ärgerlich, weil
-keiner der Grünen sich zeigen wollte; gar zu
-gern hätte er ihnen ein paar Granaten hinübergesandt.
-Ich sah im Glas einen kleinen steinigen
-Hügel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrüpp.
-An einem Schräubchen drehend, entdeckte ich
-auf einmal hinter Wacholderbüschen eine ganze
-Gruppe schanzender Rumänen, wollte schon den
-Beobachter aufmerksam machen, fühlte mich
-aber gehemmt und schwieg. Zum ersten Male
-stand ich gewissermaßen vor der Pflicht, den Tod
-auf Menschen zu lenken; denn der verschonte
-Gegner kann im nächsten Augenblick die eigenen
-Landsleute gefährden. Anderseits waren die
-arbeitenden Leute von drüben hier in dem kleinen
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Glase gleichsam in meine Hand gegeben; ich sah,
-wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte, ein
-anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich
-für völlig sicher, und solange ich sie nicht verriet,
-geschah ihnen auch nichts, &ndash; ein seltsamer
-Fall für einen Menschen, der nicht Soldat ist
-und mit sich selber in leidlichem Frieden lebt.
-Während mir das Herz wunderlich zu klopfen
-begann, trat ein älterer bosnischer Hauptmann
-herzu, der nachts aus dem Urlaub zurückgekehrt
-ist, und wandte durch lebhaftes Erzählen alle Aufmerksamkeit
-auf sich, so daß der magische Spiegel
-ganz in Vergessenheit geriet. Die Hofburg
-in Wien, berichtete jener, soll Tag und Nacht
-von Massen hungernden Volks umlagert sein,
-die den alten Kaiser beschwören, er möge einen
-Schritt für den Frieden tun.
-</p>
-
-<p>
-Als wir zum Lager zurückkehrten, sahen wir
-eine Karawane von Tragtieren dem großen Wolkenglanz
-entsteigen; die Führer sagen, es gebe
-drunten im Lande einen trüben Tag. Um drei
-Uhr rückten wir, durch dichten Wald absteigend,
-in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-ablösten. Eine Moos- und Reisighütte wurde mir
-als Befehlsstelle bezeichnet; hier ließ ich mein
-Gepäck zurück und ging weiter, um die Verteilung
-der Kompagnien zu erfahren. Die Rumänen
-verhalten sich still; doch entgeht ihnen schwerlich,
-daß eine neue Art Feind in den Wald eingezogen
-ist. Hatten sich nämlich die tapferen,
-aber etwas bequemen Bosniaken lieber der dauernden
-Todesgefahr ausgesetzt und Nächte durch
-gefroren, als daß sie sich mit dem Ausbau der Stellung
-abgaben, so geht es jetzt unter unbändigem
-Jauchzen und Gesang an ein deutsch-gründliches
-Graben, Baumfällen, Sägen und Hämmern, als
-stünden wir auf heimatlichem Grund und müßten
-für Kind und Kindeskind Häuser bauen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-25">
-4. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet
-und mit einer Zeltbahn überdeckt
-hat, bewährte sich gut; wir schliefen alle weit
-in den Morgen hinein. Die Rumänen bleiben
-ruhig. Die Unsrigen bauen Unterstände. Es verlautet
-aber, daß wir nicht lange hierbleiben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Beim Frühstück, als der Major Marmelade aus
-dem Topf nehmen wollte, brachte er mit dem
-Löffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie
-sie in das Gefäß geraten ist, wer weiß es? Mäuse
-gibt es ja hier genug, es sind hübsche bräunliche,
-mit Augen wie schwarze Fischrogenkörnchen;
-beim Aufwachen heute sah ich eine über mir im
-Gezweig, die mich beobachtete. Klingensteiner
-wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert,
-konnte aber keine andere Erklärung abgeben,
-als daß der Topf über Nacht vermutlich
-unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart
-angelassen, was er schweigend hinnahm; schließlich
-erbot er sich schüchtern, eine neue Büchse
-zu öffnen. Der Major schien zu schwanken, aber
-nur einen Augenblick, dann wies er das Anerbieten
-zurück, ließ die Mäuschenleiche entfernen
-und begann, während ihm vor Widerwillen die
-Augen aus dem Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen,
-schob auch uns das Marmeladegefäß zu. Da
-er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch
-etwas dicker und erklärte knapp und brüsk, die
-Maus könne erst heute nacht hineingefallen, von
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Verwesung also noch keine Rede sein, in den
-Städten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend
-Mütter würden sich dort glücklich schätzen,
-wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf
-ihr elendes Kleienbrot schmieren dürften. Dabei
-kaute und schluckte er gewaltsam, die Mienen
-von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand
-er auf, strich sich stehend ein zweites Brot und
-ging, ohne abzuwarten, ob wir seinem Beispiel
-folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer
-nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse
-Angefochtenheit bei jedem zu merken. Einer
-meinte schließlich, er hätte ja die Marmelade
-stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen
-können; aber dies Wort ging daneben,
-jeder hatte gespürt, daß der Alte den Ekel
-mit Bewußtsein erleiden und zeigen, ja, daß er
-uns damit peinigen und beschämen wollte. Im
-stillen mochte sich auch jeder sagen, daß ein
-Volk, worin alle dächten und handelten wie er,
-ewig unüberwindbar bliebe; doch scheint es
-manchem befremdlich, daß aus dem bitteren kleinen
-Greise, der uns allzuoft halb eine Belustigung,
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-halb ein Ärgernis gewesen ist, auf einmal
-etwas wie echter Schmerz und echte Größe hervorwachsen
-will. Sich selber traut ja jeder Erneuerungen
-zu; den andern aber, besonders den
-älteren, hält man gern für eine starre Gewordenheit
-und ist fast ungehalten, wenn er einem plötzlich
-Beweise vom Gegenteil gibt.
-</p>
-
-<p>
-Bald redete keiner mehr; nachdenklich saßen alle
-um den Marmeladetopf, bereit, wenn es gegolten
-hätte, davon zu essen, aber einer durch des andern
-Gegenwart gehemmt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier
-unsern ganzen Frontbereich. Die Gegend
-ist wie absterbend; manchmal knistert es im Gezweig,
-eine Staude wird geschüttelt, aber man
-sieht kein Wild, keinen Vogel. Der Wald ist Urwald;
-filzig-strähnige Flechtengewebe verbinden
-die Baumkronen und verdünnen das Licht. Ungeheure
-Stämme, halb aufgelöst, manche wie
-durchwärmte Kerzen verbogen, glühend in allen
-Röten und Bräunen des Verwesungsrostes, liegen
-auf- und nebeneinander, und überall ringt Alge,
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Moos und Pilz zur Welt. Ja, was höhere Natur
-in veredelter und festerer Form lange bewahrt
-und entwickelt, bis es endlich mit Augen blickt
-oder sich mit Flügeln auflüftet, hier, im feilsten
-hinfälligsten Stoff, ist es vorgeträumt seit Äonen
-und zerfällt, kaum geworden, in haltloser Brunst.
-Es gibt Schwämme, die wie Rebhuhnfittiche
-den Boden überbreiten, andere gleichen schwarzen
-Muschelschalen, aus denen ein amethystenes
-Geriesel kommt. Ein Flor violetter Posaunen
-bedeckt ganze Flächen, aus lockigem Gekräusel
-stehen weiße Glieder, und winzige verstümmelte
-Hände, lichtgrün, mit einem siegellackroten
-Tröpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen
-aus morschen Rinden hervor.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich standen wir vor einem Toten, und als
-hätte uns dieser den Blick geöffnet, sahen wir
-nun den Wald voller Leichen. Um die Höhe
-Lespédii herum liegen sie zu Reihen hingestürzt,
-lauter Rumänen; die Österreicher hat man wohl
-bereits begraben. Sie tragen zwiefach gespitzte
-Mützen, denen vorne bloß ein Goldknöpfchen
-fehlt, um an alte deutsche Schalkskappen zu erinnern.
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Alle haben ganz neue Uniformen, dazu
-Halbschuhe, die aus einem einzigen Stück Leder
-geschnitten und oben mit starker grüner, durch
-Löcher laufender Schnur zusammengezogen
-sind. Der Ausrüstung ist anzumerken, daß die
-Führer mit einem raschen Siegeslauf gerechnet
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Wir besuchten unsere sämtlichen Kompagnien;
-später gesellte sich Leutnant K. zu uns, der vor
-acht Tagen zum erstenmal an die Front gekommen
-ist, und wir schritten zu dritt einen weiten
-Bogen aus, wobei der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich
-die Lage des Oitózpasses beschrieb.
-Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn früher
-kein Heer aufgenommen hätte, sein Gesicht so
-bleich, als wäre er erst vom Krankenbett aufgestanden.
-Die Begegnung mit so vielen Toten
-schien ihn anzugreifen; er fragte, wann sie denn
-begraben würden, worauf der Ordonnanzoffizier
-meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre
-die Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen,
-es gäbe für den Augenblick Wichtigeres
-zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-wir stehen und betrachteten die Höhe Lespédii,
-die das Bataillon in den nächsten Tagen erstürmen
-soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender
-aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein
-und braunem Gestrüpp glich sie dem räudigen
-Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant
-K. sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als
-er fragte, ob es denn irgendeinen taktischen
-Zweck habe, für den elenden Steinhaufen deutsches
-Blut zu opfern, man möge ihn doch in
-Gottes Namen den Rumänen lassen. Der Ordonnanzoffizier
-sah den jungen Kameraden verwundert
-an wie einen Mitspielenden, der sich nicht an
-die Spielregeln hält, und erklärte dann, es handle
-sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern
-feindliche Kräfte hier festzuhalten und wichtigere
-deutsche Fronten zu entlasten, und übrigens
-sei es an der Zeit, daß wir ins Gefecht kämen, eine
-lange Defensive zerstöre den Mut, ja der beste
-Soldat werde schlecht ohne Kampf und Gefahr.
-</p>
-
-<p>
-Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon
-den Rückweg angetreten hatten, fragte er unvermittelt,
-ob sich von den Friedensgerüchten,
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-die neulich umliefen, etwas bestätigt habe. Wir
-verneinten es. Nun geriet er mehr und mehr
-in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein;
-schließlich, lachend und doch sehr erregt, erzählte
-er von einer Tante in Augsburg, die darauf
-schwöre, niemand anderer als Mars, der nahe rote
-Planet, habe uns den Krieg gesandt, er herrsche
-auf sieben Jahre über die Erde und sauge an ihren
-Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung
-des Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier
-war immer einsilbiger geworden; auf das
-letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er
-hatte recht. Vor den Antlitzen der Toten erstirbt
-jedes nicht ganz wahre, nicht ganz nüchterne
-Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fühlt
-wohl jeder einen Sinn in sich, der mit und über
-allen Planeten weiß und wirkt. Bleiben wir im
-engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen
-Mittelpunkt aus das Nächste, Notwendige
-erkennt und löst, wie kann ein wandelnder Stern
-gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen
-verbunden, immer dient er den Gängen des
-ewigen Spiels.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen
-wir die schwarze Fichtenfensterung rot und blaugolden
-wie mit Scheiben ausgelegt, unter uns
-aber, schon von Halbnacht umgeben, die große
-weiße Dunstsee hingebreitet, an deren östlichem
-Saum einzelne kleine Lichter flimmerten. Während
-wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen
-oder schon der gegnerischen Zone angehörten,
-bemerkten wir am Boden etwas Seltsames,
-ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren
-Blechmaus ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich
-einen Baum umlief. Sein Gebaren erinnerte
-an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm
-in Hellabrunn immer so viel Spaß gemacht
-haben; es war aber größer und nahezu schwarz.
-Wir näherten uns vorsichtig, da huschte es den
-Stamm hinauf und war verschwunden. &ndash; Im Unterstand
-wurde mir eröffnet, daß ich laut Brigadebefehl
-für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert
-bin, wo ich einen Verbandplatz errichten
-soll. Das bedeutet, aus Gefahr und feuchter
-Niederung der Leichenwälder in Sicherheit
-und golden-trockene Höhenluft versetzt werden.
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber
-beim Bataillon geblieben.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date blank" id="part-26" title="6. November">
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="date">6. November</span> stieg ich mit Rehm, Dehm und
-Raab auf den Gipfel des Kishavas, meldete mich
-beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten
-in Empfang. Er ist bei einer Erkundung
-in die linke Seite geschossen worden; die Kugel
-steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes,
-der ihm wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus
-den schon umnebelten Augen blickt, verlangt er
-hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine
-Schwäche zu überwinden, um unzählige Rumänen
-erschießen zu können. Nie sah ich so brennende
-Rachsucht in so leidender Natur.
-</p>
-
-<p>
-Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst
-Ort und Art des zu bauenden Unterstandes. Wir
-einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand.
-Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen;
-aber bevor er nur antworten konnte,
-erklangen von allen Seiten die schönsten Versprechungen:
-Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier
-überbieten sich in Hilfsbereitschaft,
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-jeder wird mir morgen in aller Frühe seinen
-Diener senden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-27">
-7. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Nächte sind hier kälter als unten. Wir haben
-Erde tief und breit ausheben lassen und über diese
-Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert man
-weniger. Noch etwas besser wäre das Lager ohne
-die vielen verholzten Wacholderwurzeln, die
-sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen,
-wenn man im Schlaf die Lage verändern möchte.
-Doch wacht man jetzt gern einmal eine Stunde,
-wenn Mondlicht ist über unserer vorzeitigen
-Gruft und Gräser und Stauden, zart abgeschattet,
-über dem Zelttuche schwanken. Heut mußte ich
-viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde
-des Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur
-als blaßgrauer Silberdunst hinabreicht. Gern läse
-ich wieder einmal eins von seinen Worten oder
-spräche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und
-Briefe gehen keine mehr durch meine Hand. Oft
-ist mir, als ob mich seine Sprüche leicht und
-stark in die Zukunft hinüberzögen. Es hat sich
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-nun doch so lenken lassen, daß er nicht mehr
-im Graben, sondern fast nur noch als Befehlträger
-verwendet wird.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-28">
-8. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das Wetter hält an; jeder Morgen bringt Nebel
-und ist wie eine graue Puppe, aus welcher blau
-der Tag emporfliegt.
-</p>
-
-<p>
-Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen,
-als ich gestern meinte; aber er steht da,
-trotz allem, &ndash; was will ich mehr? Es ist bei einem
-Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man
-sieht einander weniger in die Augen als auf die
-Achselstücke, und da mir solche fehlen, so
-zeigten die Zusagen von gestern keine rechte
-Haltbarkeit; vielleicht haben sie mehr dem
-Obersten gegolten als meinem Unternehmen.
-Als am Morgen die Diener ausblieben, erlaubte
-ich mir die Herren an ihr Versprechen zu erinnern;
-aber da war gerade jeder unmäßig in Anspruch
-genommen, keiner könnte im Augenblick
-seinen Burschen entbehren, einer um den anderen
-vertröstete mich auf später. Ich drängte nicht,
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-sondern begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm
-allein zu arbeiten. Das ging aber gar langsam;
-wir mußten doch nach anderen Händen ausschauen.
-So nach zehn Uhr, als ich die Offiziere
-fest in den Dienst gestrengt wußte, da machte
-ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener
-heran und lockte sie mit Geld und Tabak zur
-Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die
-gleich auf alles eingingen. Doch beschäftigte ich
-nicht alle zugleich; zwei mußten immer für die
-Herren erreichbar bleiben, um statt der fehlenden
-einzuspringen. Das Werk schoß auf wie eine
-Morchel; mittags waren aus Pfählen und Erdklötzen
-schon Wände errichtet, um ein Uhr hatte
-Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich
-und Steinen darübergelegt, bald sah ich Pritschen
-übereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei
-Stühle aus Birkenästen gezimmert, dazu kam noch
-ein Felsenofen mit einem Rauchrohr aus ineinandergesteckten
-Konservenbüchsen, denen man
-den Boden ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit
-ließ ich mich bei der Befehlsstelle sehen, wo nun
-alles kriegerisch webert und in Ferngesprächen
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-der Angriff erläutert wird. Der Ordonnanzoffizier,
-vom Apparat herüber quer lächelnd, fragte
-nach meinem Unterstand. Ich klagte über Arbeitermangel;
-er meinte zerstreut-verbindlich,
-das werde sich geben, es eile ja nicht, auf jeden
-Fall werde er mir morgen seinen Burschen
-schicken. Nun freute mich erst der Spaß. Meine
-lieben Jungen werkten wie für die Ewigkeit; mir
-fiel der Bauer von Szentlélek ein, &ndash; möge ihm sein
-groß geplanter Hof so glücklich geraten wie mir
-diese Hütte! Nach dem Abendessen fragte der
-Oberst, ob ich den Unterstandbau bereits begonnen
-habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der
-sei fertig, war lebhaft am ganzen Tisch. Alle
-wollten ihn sehen. Ich führte sie zum Walde
-hinüber, lud sie ein, auf Stühlen und Pritschen
-Platz zu nehmen und spendete Zigaretten. Die
-Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom
-Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer
-sonst noch geholfen habe.
-</p>
-
-<p>
-Es ist ein Abend, so ätherhell wie man ihn auf
-geklärteren Planeten ahnt. Herrlich brannte die
-Sonne hinab, und während noch der Westen
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-haselnußbräunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen
-rumänischen Bergen der Mond.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-29">
-11. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr
-grell gegen die feindliche Stellung fiel, wurde
-durch verwegenen Überfall mit einer Handvoll
-Leuten der 6. und 7. Kompagnie den Rumänen
-Lespédii entrissen. Jetzt ist es vier Uhr, und bereits
-haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen,
-um das Hügelchen zurückzugewinnen.
-Die Unsrigen rühmen die große Todesverachtung
-der Gegner, sagen aber, daß es ihnen an
-Besonnenheit und Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe
-sie ansetzen, hört man, wie drüben ein Führer
-eine Rede hält, worauf ein wilder Marsch ertönt,
-bei dessen Klängen sie heranrasen wie Trunkene.
-So wird Musik, die reine Kunst, zu einem Fluidum,
-das den Menschen über seine Grenzen hinaustreibt
-und mit Gefühl des Lebens dermaßen
-überlädt, daß er sich sehnt, es abzuwerfen.
-</p>
-
-<p>
-Schon zeigt sich, daß der kleine Gesteinshaufen
-weit mehr Opfer kosten wird, als wir vermutet
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-hatten; die Fortschaffung der Verwundeten muß
-bis morgen in eine heillose Stockung geraten.
-Ich beschloß, noch einige Gruppen von Trägern
-anzufordern. Unwillig überließ mir der Adjutant
-das Telephon. Ich erfuhr, daß unser Divisionsarzt
-samt seiner Sanitätskompagnie einem andern
-Frontabschnitt zugeteilt worden ist. Andere
-deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertröstungen;
-schon sah ich die mir anvertrauten Verwundeten
-der Erfrierung und dem Hunger ausgesetzt
-und wollte den Apparat verlassen, um
-beim Oberst Gehör zu erbitten, da lehnte an einer
-Fichte, schlank, leicht gebückt, mit klarer, steiler
-Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir,
-dessen kühle graue Augen mit einiger Teilnahme
-auf mich gerichtet waren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich Ihnen einen Rat geben?&ldquo; sagte er, höflich
-grüßend. &bdquo;Wenn Sie an irgend etwas Mangel
-haben, wenden Sie sich stets an den österreichischen
-Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft
-immer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten
-als einem Soldaten; vielleicht gerade deshalb
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-faßte ich Vertrauen. Und wirklich, sehr aufgeräumt
-wie ein Kaufmann, der gute Geschäfte
-zustande kommen sieht, antwortete der fern Gerufene:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber
-zwölf! Haben Sie denn genug Verbandstoff?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich bat um eine mäßige Menge, und er versprach,
-ein Eselchen, mit Kompressen und Binden beladen,
-den Trägern bald nachzuschicken. &bdquo;Bis
-fünf Uhr morgens ist alles bei Ihnen&ldquo;, setzte er
-hinzu. Nie war ich froheren Herzens von einem
-Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um
-dem unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen;
-der aber hatte seine Natur auch dadurch bewiesen,
-daß er indessen unsichtbar geworden war.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-30">
-12. November, sechs Uhr morgens
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben
-wir die neuen Verwundeten in ein ganz nahes
-Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet,
-um die Luft zu erwärmen. Die Toten werden
-auf einer moosigen Fläche zusammengetragen,
-etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Winde zu ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu
-verzehren. Der junge Leutnant, der uns neulich
-auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist
-unter ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine
-Meldung, daß die Rumänen von der Front zurückgezogen
-und durch ein russisches Regiment
-ersetzt worden seien.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein
-Uhr kamen keine Verwundeten mehr. Ich legte
-mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief ein.
-Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei
-Vally und Wilhelm in unserm Wohnzimmer zu
-Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus;
-fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller
-Sprünge, der Spiegel blind. Vally, mit magerem
-weißem Gesicht, lag in einem schlechten, zerschlissenen
-Bett und sagte gelassen, fast heiter,
-daß sie schon lange nichts mehr zu essen hätten.
-Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb
-auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er
-den Griffel weg, nahm ein Spritzkännchen, ging
-ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in
-Scherben wuchsen. &bdquo;Was tust du?&ldquo; fragte ich.
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-&bdquo;Ich muß die Königsblumen gießen&ldquo;, gab er mit
-großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder.
-&bdquo;Ja, das sind kostbare Gewächse,&ldquo; sagte Vally,
-&bdquo;schau sie dir an! Die meisten, leider, verwelken,
-bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere aber,
-die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug.
-Sie wird uns alles geben, was wir brauchen,
-Kleider und Schuhe, Brot und Wein.&ldquo; &bdquo;Kleider,
-Schuhe, Brot und Wein&ldquo;, wiederholte das Söhnchen
-in singendem Ton, stand auf und begann
-wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze; es
-war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe
-von unregelmäßiger Form, die aus einem behaarten
-fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah
-man sie länger an, so konnte man in der Tat
-finden, sie gleiche einem unentfalteten grünen
-Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken.
-Und auf einmal war auch mir zumute wie den
-beiden, so verarmt und so voll rätselhafter Hoffnung.
-Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot
-und Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad
-gekauft, und frisches weißes Brot aus Esztelnek.
-Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Bett, und wir aßen und tranken, enthielten uns
-aber jeder Liebkosung, ja jedes innigen Wortes,
-als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur
-Traumwesen waren und uns durch Berührung
-oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls zerstören
-konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre
-Augen glänzten; der Kleine wurde sehr fröhlich:
-&bdquo;Ich will der Blume Wein zu trinken geben, damit
-sie schneller wächst!&ldquo; sagte er, schüttete
-ein wenig auf die hohle Hand und ließ es auf
-die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch
-prägte sich die Figur deutlicher aus &ndash; plötzlich,
-mit feinem Klingen, zuckte ein Licht, ein schmaler
-Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern hervor,
-der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen
-Schritt zurück &ndash; &bdquo;die Zeit ist da!&ldquo; rief Vally und
-erhob sich aus den Kissen, ich aber hörte mich
-mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand
-hatte das Zelt geöffnet, ich sah den rötlich
-dämmernden Himmel, darüber hart funkelnd
-einen Stern, am Boden aber einen gebückten
-knienden Mann in, österreichischer Uniform,
-der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat,
-sagte, es sei ein bosnischer Sanitätsfeldwebel,
-der Führer der eben eingetroffenen Verwundetenträger,
-der Mann lasse sichs nicht nehmen,
-er wolle deren Ankunft unverzüglich melden
-und um Befehle bitten. Ich behalte eine
-Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen
-bekommen Rast und Speise, dann beginnen
-sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige
-Männer in reifem Alter; sämtliche haben den
-sicheren federnden Gang, der dem Getragenen
-viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist
-schon da, ein rabenschwarzes mit weißen Ringen
-um die Augen, am ganzen Leibe noch dampfend
-von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich
-darum, jeder streichelt es, jeder will sein Brot
-mit ihm teilen, und wie Völker alter Zeit sind
-wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose
-als das höchste Göttliche zu verehren.
-</p>
-
-<p>
-Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie
-Gasperlen aus einem Sumpf, brodelt eine Schießmaschine.
-Die Verwundeten warten geduldig.
-Leichte Gifte lösen den Schmerz, und das große
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Feuer heizt weithin die Luft; sie flimmert wie
-fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt;
-sie singen langtönige Lieder, in denen
-der Trochäus überwiegt. Ein starker Wind zerrt
-an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft
-Funken und Fetzen brennenden Wacholders auf
-die Toten.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-31">
-12. November, mittags
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Kälte nimmt zu. Spärlich wirbeln Flocken,
-man weiß nicht recht, woher; nur wenige lockere
-Wolken stehen über uns. Unruhiger Morgen.
-Der Feind hat Geschütze herangeholt; man rechnet
-mit einem Gegenangriff. Österreichische
-Truppen ziehen über den Berg, lagern zuweilen.
-Ich sah, etwas abseits im Walde, einen polnischen
-Offizier, einen bleichgesichtigen jungen Mann,
-wie er einen älteren Bosniaken, der Befehle nicht
-zu verstehen schien, mit geballter Faust immer
-wieder auf Kopf und Schultern schlug. Solche
-Szenen sollen sich seit kurzem in der verbündeten
-Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig
-ist ja dieses Heer, und eine Farbe haßt die andere;
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-ja es kommt vor, daß der Führer die Sprache seiner
-Leute weder spricht noch versteht und sich
-für zu vornehm hält, sie zu lernen. Hier übrigens
-war das Empörende des Vorgangs bis ins Lächerliche
-übertrieben und fast aufgehoben, und zwar
-durch das Benehmen des Mißhandelten. Die gebührend
-ehrerbietige Haltung nicht eine Sekunde
-lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit
-der nachsichtigen Überlegenheit eines Riesen,
-der sich Püffe und Knüffe eines betrunkenen
-Gnomen gefallen läßt. Spaßverstehen lag breit
-auf dem ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum
-unterschied man, wer da schlug und wer geschlagen
-wurde. Wäre der junge Offizier nicht von
-aller Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen,
-er hätte das Unmögliche, Unwirkliche seines
-Tuns entdecken müssen. Der Anblick war unerträglich:
-man mußte sich abwenden oder auf Heilung
-sinnen. Da nahte mir ein mutwilliger Geist;
-im Nu war der große silbergraue Umhang aus
-dem Sack gezogen und angetan; ich nahm eine
-Zigarette in die Hand, ging zu dem Tobenden
-und bat unbefangen um Feuer. Und schön entfaltete
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-der unstatthafte Kragen seine Magie: der
-Leutnant ließ die Hände sinken, versicherte mich
-seines gehorsamsten Respekts und bediente mich
-mit seinem silbernen Benzinbüchschen, das
-durchaus nicht brennen wollte, geduldig und
-artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem
-Bosnier, daß er sich entferne. Dieser ging davon,
-aufrecht, ungedemütigt; seinen Schultern merkte
-man an, daß es ihn innerlich vor Lachen schüttelte.
-Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, daß er
-seine Höflichkeit um keinen Grad zurückschraubte,
-als er nach und nach die Hohlheit
-meiner prächtigen Hülle erkannte. Die lange
-Dauer des Kriegs und die traurige Verfassung
-seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch
-eine Strecke in den Wald hinein und stellte mir
-in seinem nahen Unterstand einen Becher Tee
-in Aussicht, als in der Tiefe plötzlich ungeheurer
-Lärm losbrach, der uns beiden schnelle Rückkehr
-zu unseren Dienststellen befahl. Beim Stab erfuhr
-ich, ein Angriff der Rumänen sei im Gang; man
-hatte sich aber vorgesehen und erwartete ruhig
-die weiteren Meldungen. Nach einer Viertelstunde
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-waren die Gegner zurückgeschlagen,
-einige gefangen. Das Gerücht vom Einsatz russischer
-Kräfte hat sich nicht bestätigt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-32">
-Abends
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf
-der freien Fläche bei den Gräbern zum Abmarsch
-aufgestellt. Man sieht es diesen Rumänen an, daß
-sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen
-haben; der Offizier, ein Unterleutnant, senkte
-beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst
-in seiner gottväterlichen Breite an ihm vorüberging.
-Ein Jude von etwa Dreißig, untersetzt, vollbärtig,
-macht sich durch Deutschsprechen bemerkbar.
-&bdquo;Wir alle&ldquo;, sagte er, &bdquo;sind verwundert
-gewesen, hier auf Deutsche zu stoßen. Wir hassen
-die Ungarn, ja; aber wir bewundern die Deutschen.
-Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man
-lernt von ihnen, und sie haben uns nichts Böses
-getan.&ldquo; Der Mann sprach in einem erregten
-und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er
-Furcht, vielleicht war er längere Zeit in Deutschland
-gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-er hinredet, stößt er auf Schweigen; nicht einmal
-die naheliegende Frage, welche die Franzosen
-den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in
-ihre Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklärt?
-richtet man an ihn. Endlich verstummt er.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-33">
-13. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Nachts hatte man von den umliegenden Bergen
-herüber Wolfsgeheul vernommen; die Maultierführer
-deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere
-Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen
-um acht Uhr, bei bedecktem Himmel, den
-Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon
-in der Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen
-waren. Beim Hinuntersteigen mußte ich
-der irren alten Frau gedenken, doch schlug der
-Stab einen anderen Pfad ein, und später erfuhr
-ich, daß jener Steig, als beschwerlicher Umweg,
-von den Truppen gemieden wird. Es mochte
-zehn Uhr sein, als uns zum erstenmal die Ebene
-mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um
-gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im
-tiefen Winkel zweier blaudunkler Hänge, das
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte.
-Alle erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne
-Tornister, mit lautem Gesang, eilten die Kolonnen.
-Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen,
-holten uns österreichische Generalstabsoffiziere
-ein, winkten den Oberst heran und breiteten
-Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt
-ertönte, Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen,
-um die vorausmarschierenden Kompagnien
-zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach
-ab; mißtrauisch im beginnenden Regen wartete
-die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt
-Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden
-Regenwolken in das Gebirg zurück. Der
-Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen verlorengegangen
-seien, darunter der wichtige
-Grenzberg Runcul mare, der unverzüglich wiedererobert
-werden müsse. In Oitóz sahen wir
-den Grafen Tisza, der in bequemer Pelzjoppe,
-eine graue Mütze in der Hand zwischen Offizieren
-stand und ein Szeklerregiment an sich
-vorbeiparadieren ließ. Die Kompagnien wurden
-in ungeheuren Holzbaracken untergebracht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug
-den Major und meldete, daß ich den Dienst beim
-Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in
-einem armseligen Quartier auf zerbrochenem
-Stuhl und studierte Karten. Der feuchte, finstere
-Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört;
-er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver
-habe. Zum Glück war ein kleiner Vorrat geblieben;
-auch von Vallys trefflicher Schokolade
-fand sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen.
-Dieses verzehrend, saßen wir eine halbe Stunde
-in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu
-reden. Vom Lazarett will er auch jetzt nichts
-wissen, und ihm vorzuhalten, daß er mit seinen
-fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen
-könnte, statt hier in einem unübersehbaren Krieg
-immer neue winterliche Berge zu erstürmen, hinter
-denen doch nur neue Feinde stehen werden,
-wäre kaum angebracht. Im stillen ertappte ich
-mich auf einer rechten Freude, wieder bei ihm
-zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der
-sein scharfes aber würziges Kraut nach längerer
-Entbehrung wieder anzündet.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier
-erhalten, und da sie hören, daß wir vorerst nur
-in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht gar
-nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie
-Kinder, gleich wieder guter Dinge. Niemand
-will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis
-Mitternacht.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-34">
-14. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel.
-Drei Leute mußten, als Flecktyphusverdächtige,
-in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die Einimpferin
-der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und
-ekelhaft, zeigt sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer
-Feind. Seit Monaten quält sie den
-Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend
-einzelnen Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken
-und Träume, jetzt versucht sie zu töten.
-Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle
-meines Hemdes, über welcher die Zweige der
-Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei geblieben
-ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen
-Öle gewisser Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-sein müßten, als das Naphthalin, das uns
-ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und
-raufte wilde Minze ab, die dort noch vielfach in
-fetten bläulich-grünen Stauden wächst. Zweimal
-am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an
-der Haut, habe mir auch einen guten Vorrat mitgenommen.
-Anfangs verschärften sich Jucken
-und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand
-wohltätig.
-</p>
-
-<p>
-Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten
-über uns. Wir machten halt an einem früheren
-Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres
-Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht
-mit Rumänen im Gefecht. Verwundete liegen
-in allen Räumen, viele draußen im Regen auf
-Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen
-Gesichts, wandelt zwischen Sterbenden, flüstert
-ihnen vertraulich zu, netzt sie mit geweihtem
-Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und
-Wünschen, dazu nach den Adressen ihrer Angehörigen;
-dies alles schreibt er sorglich in ein
-dunkelgrün gebundenes Buch.
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt,
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-führen, von dem ich Starrkrampf-Serum
-zu erhalten hoffte. In einem Saal neben
-dem Hausflur bemühte er sich um gefährlich
-Verletzte; mein Eintreten bemerkte er nicht. Jetzt
-ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein
-Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer
-blieb ich gerne; denn nie hatte ich einen schwierigen
-Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit,
-Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt
-scheint nichts zu drängen und zu hetzen, und
-ob er blutende Schlagadern unterbindet oder zerbrochene
-Glieder in Schienen schmiegt, seinen
-Händen legt sich alles wie von selber zurecht.
-Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir
-hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer
-Zerstörungen still und klar.
-</p>
-
-<p>
-Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt
-ich Serum zugeteilt, soviel ich wünschte, hatte
-nur etwas Morphium dagegen zu liefern.
-</p>
-
-<p>
-Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert
-auf Stroh. Es sind Bauchschüsse, für
-die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind;
-sie bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-aufgelegt, und Fellerer bittet mich, dieses
-Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters
-davon Heilungen gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden;
-aber man bedarf unser noch nicht.
-</p>
-
-<p>
-Unter einem Regen, der fallend gefror und halb
-in Tropfen, halb in Eisperlen auftraf, stiegen wir
-in eine Schlucht hinab und schlugen zwischen
-sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten
-die Zelte auf. Ein hoher Berg deckt uns vor
-dem Feind; es ist gestattet, Feuer anzuzünden,
-aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der
-Hunger begann zu nagen. Das Brot ist diesmal
-schlecht gebacken, halb noch Teig, halb verschimmelt.
-Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare
-ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade
-dazu gefunden hätte; aber diese ist ausgeblieben.
-Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche
-die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich
-für längst verjährte Hilfe gegen schleichende
-Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in
-Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht;
-schwerlich war er in unsrer Lage unwillkommen.
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf
-und schnitt behutsam den Deckel los; mit
-goldbraunflüssigem Bienenhonig war sie bis zum
-Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder
-der Vermehrung zu erneuern: die Bewohner
-dreier Zelte sind schon erquickt und noch immer
-das Gefäß bis über die Hälfte voll.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-35">
-Abends sechs Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen.
-Als gar kein Feuer zustande kommen
-wollte, fiel mit Reginas wächserne Reliquie ein,
-die sich in einem Seitenfach der Verbandtasche
-befinden mußte. Mein Zelt steht etwas abseits
-von den andern hinter einem Stamm; niemand
-gab gerade auf mich acht. Im Nu war das Kästchen
-zu Spänen zerschnitzt und angezündet, sodann
-die wächserne Hand daraufgelegt. Das Rot
-schmolz ab, der weiße Kern kam zum Vorschein,
-und bald schlug mit Geprassel das wachsbetropfte
-harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrüßten
-die Genossen mein unverhofftes Opferfeuer,
-aus allen Zelten kamen sie, um Glut zu
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-holen, und Reginchen selber müßte sich daran
-freuen, wie nun die ganze Schlucht von Bränden
-lodert und sprüht.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-36">
-16. November 1916<br />
-Hallesul, am Fuß des Runcul mare
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die
-Zelte abgebrochen, alles rasch zusammengepackt;
-fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke
-leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach,
-dann tappten wir in Waldfinsternis aufwärts.
-Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur
-des Vorausgehenden; mich führte der schwache
-Glanz eines Zinnbechers an einem Gürtel. Schnee
-fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der
-Mond mußte über uns stehen. Immer schneller
-vollzog sich die Bewegung, bald an Abgründen,
-bald über Stege, bald um Felsen herum, stundenlang.
-Die Soldaten trugen das leichteste Sturmgepäck;
-die Tornister sind in Oitóz aufbewahrt.
-</p>
-
-<p>
-Als wir in das bewaldete Tälchen gelangten, das
-Hallesul heißt, erhob sich durch den Dunst eine
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-mächtige Bergform; im Nu spürte jeder: wir
-sind da. Hier war eine andere Aufgabe gestellt
-als vor dem Hügelchen Lespédii: ein steiler, vom
-Feinde stark besetzter Grenzberg, der, nahe dem
-wichtigsten Paß, das Land Siebenbürgen bedrohte,
-war zu erstürmen. In einer halben Stunde
-mußte es geschehen sein, oder es geschah niemals.
-Auf Kanonenhilfe war verzichtet; indianerhaft,
-in weit auseinandergezogenen Gruppen
-sollten zwei Kompagnien anschleichen, um gewaltsamsten
-Angriffs von Mann zu Mann den
-Gegner in Entsetzen und Flucht oder in den Tod
-zu jagen. Nahe dem Punkt, wo die Züge unter
-Leitung des Majors zu gesondertem Vorgehen
-verteilt wurden, blieben wir Ärzte mit dem Adjutanten
-zurück und erwarteten weitere Befehle.
-Wir sahen uns um, wo vielleicht ein Verbandplatz
-zu errichten wäre; aber da fand sich weder
-Unterstand noch fließendes Wasser. Schon zeigt
-die phosphoreszierende Uhr die Zeit fast überschritten,
-ein vager Gedanke regt sich, es könnte
-noch in letzter Sekunde die Aktion widerrufen
-worden sein oder gar bereits eine Friedensbotschaft
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-draußen die finstere Welt umfliegen, &ndash; da
-rast das deutsche Kampfgeschrei, ein Augenblick
-tiefer Stille folgt, und nun setzt ein Feuer ein,
-wie wir es in solcher Verdichtung nie gehört
-haben. Deutlich unterscheiden wir die hellen,
-gezielten Salven der Unsrigen von den dumpfen
-vereinzelten Schüssen der Aufgescheuchten.
-Ohne Befehl abzuwarten, verließen wir den
-Wald, und nun war wie mit einem Ruck Morgen
-geworden. Entgegen stand uns ein kahler, zerklüfteter
-Kegel, von dem dünne Dunstschwaden
-ins Blaue wehten. Als erste Gestalten erblickten
-wir gefangene Rumänen, die behutsam deutsche
-Schwerverwundete zu Tal trugen, und unversehens
-fanden wir uns unter Leidenden und Sterbenden
-gezwungen, den ungeschützten Platz,
-wo wir uns eben befanden, zum Verbandplatz
-zu machen. Schon hatte eine Granate zwischen
-uns eingeschlagen und zwei Verwundete getötet,
-da kam der Hauptmann einer ungarischen Reservekompagnie
-des Weges und verriet uns die
-Nähe eines leidlich eingerichteten Sanitätsunterstandes,
-auf einem Felsen im Walde. Wir ließen
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-pfadweisende Täfelchen an Bäume nageln und
-brachten die Verwundeten in den fast leeren
-Raum, dem eine schmale Ärztezelle mit Pritschen
-und einem Tischchen angefügt ist. Zwei sehr
-junge ungarische Sanitätsfähnriche geschmeidig-zart,
-rotseidene Genfer Kreuze auf schneeweißen
-Armbinden, begrüßten uns, boten sich als Gehilfen
-an und begannen die Arbeit mit einer Geübtheit,
-die wir ihren feinen Knabenhänden kaum
-zugetraut hätten. In hundert Formen wogte Leiden
-heran, und sehr ungelegen kam ein Bote
-des Majors, der um neun Uhr mich und den
-Kollegen R. zur Befehlsstelle berief. Wir übereilten
-uns nicht und begannen den Aufstieg erst
-nach zehn Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Es ist ein Berg der Blindnis und des Todes, den
-wir langsam erklimmen. Vom östlichen Hang herüber,
-wo der Kampf noch nicht abgeschlossen ist,
-schallen durch Gewehrgeknatter wilde Schreie;
-hüben aber in unserem Bereich beginnt eben
-der Feind, den Eroberern das Eroberte zu verleiden.
-Wie Hornisse zerstechen Granaten das
-Gefelse, Fleisch reißend aus Lebendigen und Toten.
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Bald rufen uns deutsche Verwundete an,
-bald rumänische, die nun das Eisen ihrer Brüder
-zum zweiten Male verstümmelt hat. Manche leiden
-regungslos; viele krümmen sich wie Schlangen.
-Mitten aber durch tödliche Zone sahen
-wir deutsche Leichtverletzte nach unten steigen,
-einige bleich, verstört, andere voll Übermut, mit
-bunten Gürteln, Westen, Ordenszeichen toter
-Gegner wie zum Karneval aufgeputzt. Einer hat
-aus der rumänischen Stellung ein Grammophon
-mitgenommen; nun kommt ihm der Einfall, es
-aufzuziehen und auf einen Stein zu stellen, der
-Page aus dem Figaro beginnt zu singen, und
-wie die Stimme eines Irren klingt Mozarts Lied
-in zerrütteter Welt. An einer Granitplatte, nahe
-der Kommandostelle, lehnte der Befehlträger
-Glavina, noch atmend, aber schon ganz mit der
-einsichtigen Miene der Toten. Man sah kein
-Blut. Schmerz und Schauder zurückscheuchend,
-suchten wir die Wunde und fanden endlich einen
-feinen, in den Nacken eingedrungenen Splitter.
-Bald stand die Atmung still. Einige dichtbeschriebene
-Meldezettel, die ihm aus der Tasche
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-gefallen sein mußten, nahm ich mit, um sie dem
-Adjutanten zu geben, merkte aber auf dem Wege,
-daß sie nichts Dienstliches enthielten; nun verwahre
-ich sie vorderhand bei mir. Dem Major
-sagten wir, daß die bestellten bosnischen Verwundetenträger
-noch nicht eingetroffen seien;
-er versprach, die Division anzurufen, und sandte
-uns bald in den Hallesul zurück.
-</p>
-
-<p>
-Indessen hatte sich das Wetter verfinstert; es
-fing zu schneien an. Ein fließender weißer Vorhang
-nahm den Geschützen das Ziel; eines
-nach dem andern verstummte, fast ungefährdet
-gingen wir hinab. Ein Rumäne, zwischen zwei
-Birkenstämmen hingestreckt, lag mir im Wege;
-ich hielt ihn für tot und wollte über ihn
-wegsteigen, vernahm aber ein Ächzen und
-fühlte mich mit schwacher, doch spürbarer Gewalt
-am Mantel gefaßt. Zurücktretend sah ich
-das Leichengesicht eines kaum Dreißigjährigen,
-die Lider fast geschlossen, die Mundwinkel
-äußerst schmerzlich verzogen. Die Finger hielten
-noch immer den Zipfel meines Mantels fest.
-Durch einen grauen Umhang, der seine Brust
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-bedeckte, dampfte es leicht; R. schlug zurück,
-unter aufgesprengten Rippen lagen die Brustorgane
-frei, das Herz zuckte schlaff. Mehrere silberne
-und kupferne Heiligenmedaillen, die er
-an schwarzem Band um den Hals getragen hatte,
-waren tief ins Fleisch hineingetrieben, einige
-stark verbogen. Wir deckten wieder zu. Der Mann
-öffnete halb die Augen, bewegte die Lippen. Um
-nur etwas zu tun, füllte ich die Morphiumspritze,
-und wirklich schien er etwas dergleichen gewünscht
-zu haben: er ließ den Mantel los und bemühte
-sich, mir den Arm zurechtzulegen. Schwer
-erklärbares Verhalten eines fast schon Gestorbenen!
-Aber vielleicht gibt es einen unendlich
-scharfen, unendlich peinlichen Schmerz, den der
-wach Sterbende um jeden Preis los haben will,
-weil er ihn brennend im Leben festhält, ihn am
-freien klaren Scheiden hindert, wer weiß es?
-Nach der Einspritzung legte er fast bequem seinen
-Kopf an der Birke zurecht und schloß die Augen,
-in deren tiefe Höhlen sogleich große Schneeflocken
-fielen. Wir gingen eilig weiter; es war
-fast ein Uhr, als wir im Hallesul ankamen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Der Schneefall dauert an. Die Geschütze ruhen.
-Immer aber streifen oben Gewehrkugeln durch
-die Baumkronen; die Luft ist voll Harzgeruch des
-tausendfach verletzten Waldes. Vergeblich warten
-wir auf die bosnischen Träger. Sie müssen sich
-verirrt haben. Im Unterstand ist kaum noch
-Raum für Madjaren und Deutsche; die schwerverwundeten
-Rumänen liegen draußen zwischen
-den Fichten im Schnee. Einen ihrer Sanitätsunteroffiziere,
-einen jungen Juden, haben wir bei ihnen
-gelassen. Er hat ihnen ein Feuer angezündet, das
-kümmerlich brennt und unter Schneeflocken
-zischt. Einige halten die Hände darüber. Ein
-anderer lächelt immer und bekreuzigt sich von
-Zeit zu Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Im Unterstand verdunstet immer dichter das Blut.
-Mit klebrig-tierischem Gestank reizt und verdüstert
-es die Nerven; man läuft immer wieder
-ins Freie. Der rote Saft, an den das Leben mit
-Lust, Qual, Wut, Barmherzigkeit, Wahnsinn und
-Weisheit gebunden ist, warum erregt er, sobald
-er verschüttet wird, unleidlichen Ekel?
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-37">
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Abends
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Wirklich sind die Bosniaken ausgeblieben, vielleicht
-von einer anderen Truppe weggefangen.
-Unsere gefährlichst Verwundeten nach Oitóz
-zu tragen, haben sich mehrere Leichtverletzte
-erboten; bis Mitternacht werden sie dort ankommen.
-Nun konnten die Bleibenden besser gelagert,
-auch fünf Rumänen in den Unterstand aufgenommen
-werden. Von den übrigen starben noch
-drei; die anderen drängten sich dicht um ihr
-Feuer, wobei sich einige die Stiefel verbrannten.
-Es sind lauter junge Leute, glattgefällige Vollgesichter,
-&ndash; wie mager, wie geprägt, wie grüblerisch-versonnen,
-wie kriegsgealtert sehen dagegen
-die jungen deutschen Soldaten aus! Der
-jüdische Unteroffizier, des Deutschen kundig,
-fragte mich im Namen aller, wann sie wohl in
-ein Lazarett befördert würden, worauf ich nach
-der Wahrheit erklärte, daß das nächste Lazarett
-mehr als zwanzig Stunden entfernt sei, auch daß
-die bestellten Sanitätssoldaten uns verfehlt hätten
-und schwerlich vor morgen eintreffen würden.
-Sichtlich ungern übersetzte der Dolmetsch die
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-schlimme Auskunft, und in der Tat war die Verzweiflung,
-die nun auf allen Gesichtern erschien,
-so fürchterlich, daß ich mich zu einer Torheit
-verleiten ließ, indem ich, wie man Kinder durch
-leichtfertige Verheißungen zu beschwichtigen
-sucht, ihnen aufs Geratewohl sagte, sie sollten
-sich nur noch ein Weilchen behelfen und gedulden,
-ob nun die Träger kämen oder nicht, in
-jedem Fall würde ich sie alle noch vor Dunkelheit
-unter Dach bringen und ihnen reichlich zu
-essen geben lassen. Wort um Wort übersetzte
-der Jude; ermutigt horchten sie auf. Kaum aber
-war das Versprechen gegeben, da fiel es mir in
-seiner ganzen Unsinnigkeit auf das Herz. Wir
-haben kaum Unterkunft für die Unsrigen, dazu so
-kärgliche Nahrung, daß immer die Lebenden
-sich gierig auf die Brote der Gefallenen stürzen,
-auch fehlt mir jede Befehlsgewalt, &ndash; wie hatte
-ich dies alles vergessen können? Gefreiter W.
-meinte, die Kerle verdienten nicht so viel Federlesens,
-auch unsere Kameraden lägen auf dem
-Berg in Eis und Schnee, Krieg sei Krieg, die
-Rumänen hätten ihn vom Zaun gebrochen, sie
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-sollten ihn nur spüren. Darauf war im Augenblick
-nichts zu erwidern; ich erneuerte mir indessen
-die Hoffnung, daß die Bosniaken doch
-noch kommen Würden, und ging, da im Unterstand
-gerade nichts zu tun war, ein wenig den
-Berg hinauf, anfangs dicht hinter der Linie, wo
-Posten, bekleidet mit weißen Schneehemden und
--mützen, wie Priester, die eine stille Messe zelebrieren,
-hinter ihren Brustwehren standen. Befehlbringer
-kamen und gingen; mit singendem
-Ton strichen Kugeln. Höher gelangend, sah ich
-durch das Gestöber einen huschenden rötlichen
-Schein; dieser konnte nicht mehr unserm Bereich
-angehören, da schräg über die nächste Höhe schon
-die feindliche Stellung läuft. Gestalten traten in
-den Glanz, nahmen eine Bahre auf und trugen
-sie davon, da verlosch die Erscheinung. Ich
-stieg weiter und kam an einen hohen Baum,
-durch dessen Astwerk ein weißgrauer Vogel flatterte,
-fast amselgroß, vielleicht ein Schneefink,
-der erste Vogel, der mir in diesen stummen Wäldern
-zu Gesicht gekommen ist. Schnee fiel noch
-immer; in Millionen Stückchen schien der Weltraum
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-herzusinken, man spürte die saugenden
-und belebenden Wellen des Nichts.
-</p>
-
-<p>
-Als ich in den Hallesul zurückkehrte, wurde mir
-eine Überraschung. Ich spähte nach meinen Rumänen;
-keiner war da. Nur die Toten, schon zugeschneit,
-lagen bei den verrauchenden Kohlen.
-So sind die Träger doch gekommen, dachte ich
-und wollte weitergehen, traf aber den ungarischen
-Kompagnieführer, der uns am Morgen den Verbandplatz
-gezeigt hat; er schien mich erwartet
-zu haben. Und nun erfuhr ich, was in kleiner
-wie großer Menschenwelt hie und da einmal
-vorkommen mag, daß irgendeiner halten muß,
-was ein anderer leichtfertig versprochen hat. Mit
-knappen Worten entschuldigte sich der Hauptmann,
-weil er die deutschen Kompetenzen ein
-wenig verletzt und in meiner Abwesenheit die
-Gefangenen an einen anderen Ort habe schaffen
-lassen, seine Leute hätten mich überall vergeblich
-gesucht. Durch das runde Fensterchen seines
-nahen Unterstandes habe er den ganzen Tag wie
-vor einer Zauberlaterne die Gruppe der Verwundeten
-und Sterbenden mit ihrem armseligen Feuer
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-vor Augen gehabt, allmählich sei es seinen etwas
-anfälligen Nerven zu viel geworden. Abseits in
-einer Schlucht stehe eine leere Reisighütte, dort
-befinden sich die Leute jetzt, er habe ihnen auch
-warmes Essen geschickt. Ich erwiderte etwas Verbindliches;
-er wollte nichts hören. &bdquo;Ihr armen
-Deutschen&ldquo;, sagte er lachend, &bdquo;habt ja selber
-nichts mehr zu brechen und zu beißen, während
-wir Ungarn vorderhand noch im Überflusse
-schwimmen.&ldquo; Damit führte er mich durch Gestrüpp
-und Schneewehen in die Schlucht hinein.
-In der Hütte bei Kerzenschein lagen die Verwundeten
-auf Tannenzweigen. Sie aßen Fleisch aus
-Blechbüchsen und tranken aus ihren Feldbechern
-heißen Tee. Der Unteroffizier stand auf, erstattete
-dem Offizier in deutscher Sprache eine Meldung,
-wandte sich sodann zu mir und sprach im Namen
-aller für Unterkunft und Speisung seinen Dank
-aus. Befremdet sah mich der Ungar an. Ich suchte
-den einen über seinen Irrtum aufzuklären und
-bekannte dem andern mein unbesonnenes Versprechen;
-beide lächelten höflich, doch scheint
-mich keiner so recht verstanden zu haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-Als wir wieder ins Freie traten, hatten Deutsche
-und Rumänen schon begonnen, durch Aufsenden
-unzähliger Leuchtkugeln einander zu warnen
-und zu bewachen; grellrot und grün flackerte
-der ganze Hallesul bis zu den Bergen hinauf, und
-wie Konfetti fiel durch die farbenwechselnde Beglänzung
-der Schnee. Selten wird ein Schuß abgegeben;
-zuweilen, durch das Raketenzischen,
-hört man wieder, wie am Kishavasberg, aus großer
-Entfernung Wölfe heulen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-38">
-17. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte.
-Nach Sonnenaufgang öffnete sich der
-trübe Himmel; man sah hinter durchsichtigem
-Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als
-embryonenhafte Goldgestalt. Die Krankenträger
-sind eingetroffen, und nach und nach werden
-alle Verwundeten fortgetragen. Pirkl muß hierbleiben;
-er ist fast ohne Puls und würde vermutlich
-als Leiche nach Ojtóz kommen. Sein Bruder
-hat auf eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu
-besuchen. Da er sich nicht mehr mit ihm verständigen
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-kann, so benutzt er die Frist, um dem
-noch Lebenden ein Grab zu graben und ein
-Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr sorgfältig
-mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet.
-</p>
-
-<p>
-Um neun Uhr erscheinen unter Führung eines
-fahnentragenden Rabbiners dreizehn Rumänen
-mit Gewehren und Munition, erbitten Gehör bei
-dem ungarischen Hauptmann und ergeben sich
-ihm in aller Form. Der Aufzug war ein bißchen
-bühnenmäßig, wofür Ungarn wie Rumänen gewiß
-mehr Sinn haben als wir. Der Tag vergeht
-ruhig. Die Kälte hat nachgelassen; Föhnwind
-leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen.
-Oft geht man durch eine Welle sehr warmer
-Luft, als ob Öfen in der Nähe stünden. Blasse
-Sonne, breit zerfließend, steht in löschpapierweißem
-Dunst. Am Abend ziehen die ungarischen
-Sanitätsfähnriche lange Flaschen aus ihren
-geräumigen Tragkörben, dazu feine geschliffene
-Gläser und erquicken sich und uns mit heißem
-Wein.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-39">
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-18. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Kein Wunder, daß man viel schläft und viel
-träumt in dem Winterwaldzwielicht. Wehrt man
-sich dagegen, so wird es nur schlimmer. In Frankreich,
-vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr
-nahes Ende des Krieges glaubte, war aller Traum
-nur Träumerei; locker und sinnlos fand ich mich
-unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum
-wußte etwas vom andern. Seit aber von Frieden
-und Heimkehr nicht mehr die Rede ist, scheint
-nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen;
-es ist auch, als versteckten sie vor mir ein
-geheimes Ziel, dem sie mich auf Umwegen zuführen
-wollen. Zuweilen werden sie durch ein
-äußeres Ereignis von ihrer breiten Entwicklung
-abgedrängt und grob skizzenhaft beendet. Heute
-morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand
-ein und weckte mich aus einem Traum, der seltsam
-deutlich blieb, weil er, wie ein jäh aufgedeckter
-Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich
-zu verschlüpfen. Ich war nachts einmal aufgewacht
-und hatte bemerkt, daß der Unterstand
-von Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Tischchen, knabberten am Brot und streiften
-einige Male so kunstreich an den geschliffenen
-Gläsern der Ungarn hin, daß es eine gar liebliche
-Folge heller Klänge gab. Dadurch war das Widerliche
-des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas
-geisterlich Koboldisches lag in der Luft, und vor
-einem ganzen Theater lustigster Mäusemetamorphosen
-schlief ich ein. Immer mehr entfärbten
-sich dabei die Tiere; schließlich waren sie alle
-glänzend weiß und liefen auf einer grünen Fläche
-hin und her. Als ich sie aber näher betrachten
-wollte, stand ich am Billardtisch eines dunstigen
-Kaffeehauses, wo ein unsichtbares Orchester fernher
-dudelte, und statt der Mäuse sah ich weiße
-Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger
-Spieler am Billard war jener Rumäne, dem wir auf
-dem Berge das Morphium eingespritzt haben. Mit
-wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch
-und hielt mit leisen deutenden Bewegungen seines
-Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu berühren.
-Diese wurden immer glänzender; wie
-Kreisel summend, mit sphärischer Sicherheit
-rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff;
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-keiner störte den andern, und wenn sie von einem
-Rande zurückschnellten, verstärkten sie Geschwindigkeit
-und Licht. Eigentlich glichen sie
-einander genau; doch dünkte mich bald einer
-besonders herrlich, ja, ich fühlte mein ganzes
-Schicksal an ihn gebunden, &ndash; wenn er stillstand
-oder mit einem anderen zusammenstieß, mußte
-grenzenloses Unheil geschehen. In einiger Entfernung
-ging Regina als Scheuermädchen von
-Tisch zu Tisch, las Zigarrenstummel und zerbrochene
-Gläser auf und warf sie in einen Kehrichteimer,
-den sie mühsam daherschleppte.
-Plötzlich stand sie bei mir und flüsterte: &bdquo;Weißt
-du&rsquo;s schon? Eben bin ich deinem Schatten begegnet.&ldquo;
-Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen
-meine wunderbare Kugel, warf sie zu dem
-übrigen Kehricht und setzte den Deckel auf den
-Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina
-glich, spielte weiter; seine Augenhöhlen
-waren voll Schnee, er schien nichts zu vermissen.
-Ich aber hob die Hand und schlug Regina
-auf die Stirne, da schlief sie stehend mit
-unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn
-mit immer höherem Tone weiter kreiseln und
-mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde
-der Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten.
-Alles schwankte; Regina, die
-schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich
-wie eine Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir
-herüber, wie um mich zu erschlagen. Und das
-war die Sekunde, wo draußen mit heulendem
-Knall das Geschoß zersprang! Ich stand im Nu
-auf den Beinen. Ein langhallender Schrei erscholl,
-der plötzlich abbrach, als hätte er die
-Stimmbänder des Schreienden zerrissen. Raab,
-Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür;
-andere, schutzsuchend, drängten von außen herein.
-Neben dem Trichter lag ein ungarischer Soldat,
-bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die
-Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine
-weitere ist nachgefolgt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang
-ohne Bewußtsein im Verbandraum gelegen, bekam
-heute, nach der zehnten Digipuratum-Einspritzung,
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-einen kräftigen Puls, begann auch wieder
-tief zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank
-er einen halben Feldkessel Tee und aß Konservenfleisch.
-In seinem eignen Kote liegend, fühlte
-er sich höchst unbehaglich, stand alsbald auf und
-ging ins Freie, sich zu reinigen, wobei er plötzlich
-das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder
-für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf
-seinen Namen, sah dann ins offene Grab hinein
-und rieb sich lange die Augen. Auf einmal
-fing er so herzlich zu lachen an, daß der Verband,
-der locker geworden war, wie eine Haube hinten
-hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern,
-wie einer, der einem Mordsspaß auf die Spur
-gekommen ist, und setzte lachend seinen Weg
-fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen
-ist seine Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel
-ist augenscheinlich gar nicht in den Schädel selbst
-eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule,
-dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-40">
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-20. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte.
-Regen hat alle Toten aus dem Schnee hervorgewaschen;
-einer nach dem andern wird nun
-begraben. Viele Leute melden sich krank; eine
-trockene, schmerzhafte Augenentzündung befällt
-uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind
-einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer
-wieder Unvorsichtige den feindlichen Scharfschützen
-zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt
-halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld,
-ob keiner der Unsrigen sich einmal vergißt
-und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen,
-zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger
-taugt als der deutsche. Wer noch leidlich
-gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung
-die sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum
-entgegensinken, das Ablösung bedeutet,
-und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn
-ich mich beim Überweisen in die Lazarette ziemlich
-liberal verhalte. Leutnant Leverenz behauptet
-freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand
-an Gewehren vermindere, gibt aber zu, daß auch
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-dem Tüchtigsten hier nicht mehr als drei Tage
-und Nächte zugemutet werden können. Es
-gibt keine Unterstände auf dem Berg; hinter
-Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen
-Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang
-es hell ist, den Kopf nicht erheben. Die
-größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der
-mit ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden
-ist. Im Schmelzwasser, das von den blutüberstrudelten
-Hängen heruntersickert, ist beginnende
-Verwesung so reichlich gelöst, daß wir
-es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger
-zum Trinken gebrauchen mögen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-41">
-Kézdi-Almás, 22. November 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Gestern am Abend von preußischer Landwehr
-abgelöst, stiegen wir durch feuchtes Gestöber
-nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im
-Dunkel der Weg abhanden kam. Ob es möglich
-sei, daß der Kopf sekundenlang schläft, während
-sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide
-ich nicht, weiß nur, daß mir einmal auf
-diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit goldenen
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-Zeichen dicht vor den Augen erschien,
-worauf ich wie aufwachend emporfuhr und mich
-deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten
-wir die Baracken. Früh nach acht Uhr,
-bei aufgehelltem Wetter, zogen wir weiter, nachdem
-die Leute ihre Tornister zurückerhalten
-hatten; die Tornister der Toten wurden auf einem
-großen Wagen nachgefahren. Das Bataillon ist
-klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht
-in die Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen
-wir den Oberst mit Regimentsstab und vollzähliger
-Musikkapelle stehen; sie warteten auf uns. Als
-wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein
-heller Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien
-folgten, dann schmetterte sich ein Marsch
-aus &sbquo;Carmen&lsquo; gewaltig aus. Unsere schmutzgraue
-Schar, die so gebeugt und müde dahinschwankte,
-als wäre sie besiegt, begann sich zu straffen; allmählich
-begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst
-ihr erweisen ließ. Nach &sbquo;Carmen&lsquo; folgte das Lied
-vom guten Kameraden, und nun endete die
-Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf
-erreichte, dessen Kinder, von den Klängen gelockt,
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-uns mit entzückten Gesichtern entgegenliefen.
-</p>
-
-<p>
-Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere
-Leute wegen Brustbeklemmungen in das
-Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein häufiges
-Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will
-keiner; jeder hofft auf Ruhewochen und gibt sich
-mit Baldriantropfen zufrieden. Als Raab den Sanitätswagen
-aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel,
-und kein Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben.
-Für den Augenblick freilich genügen
-die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen
-haben. Dehm und Raab sind sich fast böse geworden,
-weil einer dem andern den Schlüsselverlust
-vorwirft.
-</p>
-
-<p>
-Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große
-Stube, deren Boden mit feinem Sande bestreut
-ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen,
-ist an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten
-Fellen überbreitet. Das Schönste ist
-ein großer Apfelgarten hinter dem Hause. Von
-hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt
-er wie in einem Korb. In einer Ecke blüht noch
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-ein hoher Sonnenblumenspätling. Der schwarzgelbe
-Teller hat sich weit vorgestülpt und am
-Rande nach unten umgebogen, so gewaltig war
-im Sommer der Wille der Blume, dem Sonnenstand
-überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise
-der blühende Samt leichenfarb gefleckt
-oder ausgefallen, die graue Samenmosaik entblößt.
-Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer
-Vogel ab, einen Kern im Schnabel, und entschwirrte
-in die Dämmerung.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-42">
-Kézdi-Almás, 25. November 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Für die nächsten zwei Tage scheinen wir noch
-sicher vor Alarmierung. Man richtet sich ein; viele
-packen Bücher und gute Uniformen aus, mancher
-stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein
-Quartier ist voll Unruhe; alle Nachbarn gehen ein
-und aus, ein altes Weib war eben hier und bettelte
-um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer
-Szene, die, für sich betrachtet, vielleicht nichts
-bedeutet, und doch ist mir, als ginge sie mich und
-manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause
-viele Katzen zur Welt gekommen, die nun lästig
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-werden, zumal es an Milch für sie fehlt. Ein etwa
-fünfzehnjähriger Bursche, der hier bedienstet ist,
-scheint Auftrag erhalten zu haben, die überzähligen
-Tiere zu beseitigen. In der Stube schreibend,
-sah ich, wie er sie über den Hof trug, und, bevor
-ich seine Absicht erkannte, eines nach dem
-andern unglaublich geschwind an die Scheunenwand
-schmetterte, vor der sie liegen blieben; dann
-kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie
-es seine Art ist, in die Küche zurück, wo gerade
-das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu den
-andern und aß gemütlich. Eines aber der hingerichteten
-Kätzchen, ein blaugraues, weiß von
-Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen
-Flöckchen im Nacken, von den anderen durchaus
-verschieden, war nur betäubt worden und
-erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte
-es kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit
-dem Pfötchen einige Male über die Ohren, als ob
-es dadurch schneller zur Besinnung käme, und,
-schlich sodann über den Hof in das Haus zurück.
-Nun erst bemerkte ich, daß es am Kinn blutete,
-sonst schien es unversehrt. Zögernd kam es zur
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Küchentür herein und blickte sich um. Als es
-die schmausenden Leute sah, bemühte es sich,
-auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen
-Ansätzen, auch gelang; dann saß es eine
-Weile still. Endlich schmiegte es sich, zutraulich
-bittend, an den Ellenbogen seines behaglich
-kauenden Mörders. Ich konnte ihn von
-meinem verborgenen Tischchen aus beobachten,
-kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte,
-aß er zuerst noch ein Weilchen weiter;
-auf einmal wars, als kämpfe er mit einer Übelkeit,
-er bekam eine Art Schlucken und legte den
-Löffel weg. Sobald die andern fortgegangen
-waren, berührte er das Kätzchen vorsichtig, wie
-wenn er sich vor ihm fürchtete oder seine leibhaftige
-Gegenwart bezweifelte. Schließlich stellte
-ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fähig
-ist, als wärs eine Porzellanfigur, auf den Tisch
-und bröckelte ihm seine stehengelassenen Fleisch-
-und Brotreste hin. Es fraß ein wenig davon, und
-das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam,
-redete er sehr eindringlich auf sie los; ich
-vernahm öfters das Wort Matschka, dabei deutete
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das
-Tier schweigend an und entfernte sich wieder.
-Der Bursche geht seither wieder auf dem Hofe
-seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so
-vorsichtig wie das lebendige aufgenommen und
-weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen
-einigermaßen verändert vor, wacheres Gesicht,
-festerer Gang, auch hab ich ihn seither nicht
-pfeifen gehört.
-</p>
-
-<p>
-Morgen kommt der österreichische Thronfolger
-und hält bei Lemhény eine Truppenbesichtigung
-ab. Ich erkläre mich als erholungsbedürftig
-und bitte, in Kézdi-Almás bleiben zu dürfen. Es
-wird sehr windig und kalt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-43">
-28. November
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und
-weil mir eine freie Stunde gegönnt ist, will ich
-mir die kurze Geschichte seines Leidens aufzeichnen;
-gehört sie doch auch zu meinem Tag.
-Früh weckte mich gestern leises Wimmern und
-Murren. In der großen Stube, mit ganz verschaudertem
-Gesicht, kauerte der junge Ungar am
-Boden und schob dem Tier bald ein Wasser-,
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut,
-morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es
-gar nicht; auf das Wasser blickte es unverwandt.
-Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf
-wie ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht
-war viel kleiner geworden, das goldumrandete
-Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr
-heiß. Es hatte gewiß Fieber und brennenden
-Durst. Bald weinend, bald brummend näherte
-es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber
-bei jeder Berührung mit einem zornigen Laut
-zurück; es war zu sehen, daß ihm der Trinkversuch
-Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb
-es rasende Begierde dem Wasser zu. Plötzlich
-tauchte es eine Vorderpfote ein, dann die andere;
-schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen,
-der aber viel zu klein war. Man füllte
-eine große Schüssel; da legte es sich hinein mit
-seinem ganzen inneren Brand und blieb eine
-Weile ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder
-und Nachbarinnen kamen, ein Kreis von Neugier
-und Erbarmen zog sich um das arme Tier
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-und seine Qual. Noch vorgestern hatte man es
-achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte niemand
-daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder
-fand nur, daß es ein reizendes Kätzchen sei, und
-wußte einen Rat, ein Mittelchen, um es zu heilen.
-Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe
-gerückt, hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders
-die Kinder. Und wirklich war etwas Bewundernswertes
-in der Haltung der kleinen Katze,
-etwas kaum Beschreibliches, das sie über ihren
-Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein Bewußtsein
-ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der
-Tod wohl nach und nach abtragen oder zertreten,
-aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom
-eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem
-Wesen treu zu bleiben, wie es, schon von der
-Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt
-und die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab,
-dies war es, was alle sicherlich viel stärker
-ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges ist
-hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl
-gewußt, warum sie dieses Tier heilig hielten und
-seine Mörder bestraften.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás
-all ihren guten Rat erschöpft und sahen
-schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der
-gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab
-Atropin dazu. Wir ließen das Kätzchen aus dem
-Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge
-der Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines
-Mädchen laut aufschrie. Matschka jedoch zuckte
-bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie
-von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei
-Minuten ging sie auf ein Fleckchen Sonnenschein
-zu, das auf der Diele leuchtete, streckte sich behaglich
-aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten
-und schlief ein, zuweilen im Traum leise knurrend.
-So fanden wir sie noch spät, als längst
-keine Sonne mehr schien, da begann wieder das
-vergebliche Wandern zum Wasser. Wir wiederholten
-die Einspritzung in dreifacher Stärke.
-Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast
-ausgelassen und machte sonderbar schelmische
-Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn
-ihre Natur, doch blieb sie immer schön im
-Einklang ihrer Bewegungen. Plötzlich sprang sie
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht.
-Ich hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie
-ließ es brummend geschehen und schlief auf einmal
-ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich
-sie mit der Taschenlampe; sie schlief unter leichten
-Zuckungen. Den Schweif hatte sie bequem
-um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem
-linken Fuß. Die Lage war lästig, und ich wollte
-den Fuß wegziehen, da erhob sie aber ein sehr
-ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie
-mich in die Zehen beißen. So faßte ich mich
-denn in Höflichkeit, die wir einem sterbenden
-Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht
-weiter. Durch das kleine Tier zur Ruhe gezwungen,
-bemerkte ich übrigens bald eine Veränderung
-an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit,
-wie sie, glaub ich, die Mönche
-als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand
-sich leichter, das Denken geschah freier und
-sicherer als sonst. Lebhafte Vorstellungen vom
-Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als
-erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit
-einfacher behandeln könnte als bisher. Dabei
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war,
-der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und
-nie vielleicht bin ich mehr davon überzeugt gewesen,
-daß wir nicht nur von Menschen, Geistern
-und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen,
-ja sogar von unbelebten Stoffen unmerklich
-zu uns selber geführt werden, worauf am
-Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen.
-Und nun flog mir geschwind und klar alles
-durch den Kopf, was ich jemals über Katzen Gutes
-gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende
-Mythe von jener sintflutartigen Überschwemmung,
-welche die Mutter so oft erzählt hatte. Ein
-Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf
-dem unendlichen windbewegten Gewässer. Bei
-ihm befand sich eine Katze, und jedesmal, wenn
-die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende
-Tier auf die andere Seite, um das Gleichgewicht
-herzustellen, bis endlich das kleine Boot
-in der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die
-Flut verlief sich, man holte die Wiege herunter
-und fand Kind und Katze lebend und unversehrt.
-Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-nannte man es Dold, was soviel heißt als Wipfel,
-und es wurde der Stammvater eines großen berühmten
-Geschlechts.
-</p>
-
-<p>
-Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken
-weiter durch manches Gebiet, um endlich in das
-nächste, nüchternste, für den Augenblick erwünschteste
-heimzukehren. Mit einem Male
-wußte ich nämlich genau, daß in einer der großen
-Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und
-Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen
-liegen müsse; vermutlich hab ich ihn selber dorthin
-verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast
-wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm,
-Tee bringend, weckte. Sogleich ließ ich den
-Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der
-gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht
-mehr. Während ich aufstand, setzte ihr Atem
-aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn, endlich
-noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug.
-</p>
-
-<p>
-Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl.
-Die Truppenbesichtigung bei Lemhény ist abgebrochen
-worden. Wir packen ein. Welch Glück,
-daß der Schlüssel gefunden ist! Die schönen Uniformen
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-werden abgestreift, die Bilder verschwinden
-von den Tischen. Der junge Ungar kniet
-vor der toten Katze und streichelt sie weinend.
-Schön ist es immer anzuschauen, wenn den rohen
-Menschen das Ewige anfällt, &ndash; ehren wir jede
-Erleuchtung, jeden verwandelnden Schrecken!
-&ndash; ich möchte dafür einstehen, daß der Knabe
-nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben
-wird, &ndash; gebe Gott jedem sein Tier und seine
-Sünde, die ihn erwecken! Es muß aber noch
-andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel
-reinerem Schrecken eine Tat aufsteigt wie ein
-Stern.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel hängt voll Schneewolken. Frost ist
-eingetreten, Reif liegt auf der alten Sonnenblume.
-Die Samenkerne sind nun festgefroren, der
-Abendvogel wird Mühe haben, sie herauszupicken.
-Der Osten dröhnt von Geschützen. Es
-ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kézdi-Vásárhely
-ab.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-44">
-Középlak, 29. November, abends
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment
-über den Gyimespaß nach dem Hidegségtal
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-herübergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen,
-die Räder bereits wie drinnen im Land
-ohne Gummireifen; immer gefährlicher schwankte
-der unsrige auf dem holprigen Boden, und
-plötzlich fuhren wir schräg in einen Straßengraben,
-gerade noch, ohne zu stürzen. Umsonst
-war jeder Versuch, das Gefährt wieder heraufzuziehen.
-Von den Wagen, die, glücklicher gelenkt,
-in großen Abständen nachfuhren, überholten
-uns fünf; jeden riefen wir um Beistand
-an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut harrte die
-Besatzung; nur da und dort lachte einer, als böte
-das Ungemach des Augenblicks vor dem großen
-Schicksal einen Schlupf. War Hilfe hier nicht
-erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich
-riet den Leuten, sich in ganzer Straßenbreite aufzustellen
-und dem nächsten Wagen eine drohende
-Haltung zu zeigen. Das höchst verfängliche Mittel
-wirkte: der Führer, als er die entschlossene
-Gruppe bemerkte, stoppte sofort. Nun ward in
-Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet
-und auf die Straße gezerrt.
-</p>
-
-<p>
-So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-die sternenlose Nacht, immer nur auf den grellen
-Lichtkegel blickend, den wir vor uns herjagten.
-Ich saß vorne beim Lenker, einem sehr jungen
-Polen, dessen ungeübte und ängstliche Hand
-uns noch öfters dicht an Abgründe brachte. Mahnungen
-und Einreden konnten da wenig frommen;
-gewiß war es das beste, ihn gewähren zu
-lassen und ihm heimlich alle guten Kräfte zuzubeten.
-Als die Paßhöhe erreicht war, graute
-der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff aus Nordosten;
-die Wolken standen hoch. Öde Landschaft
-erschien, greises Gebirge, stark abgetragen, die
-kahlen Hänge voll kleiner Buckel und grauer
-Steinwürfel, dazwischen Hütten, die den Steinen
-glichen, in der Tiefe ein halbverkiester Fluß mit
-angelagerten Häusern. Beim Hellerwerden erkannte
-man auf Tal- und Bergstraßen unübersehbare,
-gegen Osten marschierende Kolonnen.
-Düster, schicksalshaft anzuschauen ist solch ein
-Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen
-des nämlichen Rades einer unsichtbaren glühenden
-Achse zustreben. Gäbe es doch ein groß vorleuchtendes
-Zeichen, das allen ihre Mühsal süß
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-macht! Aber ihr Bestes ist verwahrt in einem
-Traum der Menschheit, den sie vielleicht nie erfahren,
-und nur manchmal mag es einen gemahnen,
-daß er einem unbekannten Herrn der Zukunft
-dient.
-</p>
-
-<p>
-Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf
-Középlak, dessen Gebäude sehr weit auseinander
-liegen. Ein großes gelbes Haus, nah bei der
-Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet.
-Es besteht aus zwei kleinen Zimmern und einem
-geräumigen Saal, den ein brüchiger Ofen mit
-Rauch erfüllt. Der Assistenzarzt lag schlafend
-in Mantel und Stiefeln am Boden; das abgemagerte
-verstaubte Gesicht glich vor übermäßiger
-Ermüdung dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt
-über Karten, saßen flüsternd Major und
-Adjutant; gegenüber sprach ein rotbärtiger österreichischer
-Hauptmann unter vielen Verbeugungen
-in ein Telephon hinein. Ich spürte zwischen
-drüben und hüben eine Verstimmung
-ziehen, die mir später erklärt wurde. Der Österreicher,
-zugleich Munitionsoffizier und Ortskommandant,
-hatte unserem Major vorgestellt,
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-es gebe kein unbesetztes Haus mehr in ganz Középlak,
-und ihn höflich eingeladen, sein eigenes
-bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren
-zu teilen, worauf unser Gebieter ihn
-gleichwohl bündig ersuchte, das Gebäude zu
-räumen. Dies Ansinnen wurde zurückgewiesen,
-und der Major brach die Unterhaltung mit einigen
-allgemeinen Ausfällen gegen die österreichische
-Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmännisch-gelassen
-zurück, nicht ohne zu bemerken,
-er habe zwar bereits angeordnet, daß in
-seiner Küche für die deutschen Herren mit gekocht
-werde, müsse dies aber, auf soviel Unfreundlichkeit
-hin, leider zurücknehmen und sich auf
-den bloßen Dienstverkehr beschränken.
-</p>
-
-<p>
-Ich legte mich neben den Assistenzarzt und
-schlief bis elf Uhr. Dann ging ich nach kurzem
-Dienst zum Hidegség hinab. Wird einem doch,
-als habe man teil an allen Gütern und Geistern
-der Länder, sobald man ein Ufer betritt. Einwohner
-kamen des Weges, zuerst alte Männer,
-dann junge Frauen und Mädchen. Diese sind ein
-stattlicher Schlag mit leichtem, freiem, brüstestolzem
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist
-der Rasse schön beherrscht, so daß immer eins
-das andere bestätigt. Man denkt zuerst an Italien;
-aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft
-Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes,
-nach innen Horchendes, wilder alter Adel, der
-nach Asien weist. Die unechten städtischen Kostüme,
-die wir noch gestern sahen, sind verschwunden;
-die Weiber scheinen hier nur am
-Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben,
-statt des Rockes ein dunkles buntgestreiftes Tuch,
-das einfach übereinandergeschlagen wird, so daß
-man beim Gehen die Beine sieht, die in engen,
-weißwollenen Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten,
-das Fell einwärts, das weiße, kunstreich
-bestickte Leder nach außen gewendet, schwarzes
-Kopftuch, spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen
-vorbeimarschieren, bleibt keine stehen, um
-zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man spürt
-eine Gegend beginnen, wo die Menschen hart
-und sich selber genug sind, und wo sich Schicksale
-schnell und klar erfüllen.
-</p>
-
-<p>
-Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-muß es noch überschwemmt gewesen sein; dann
-kam plötzlich die Kälte, eine dünne Eisdecke
-bildete sich, unter der aber das Wasser bald wieder
-sank. Nun haftet noch das Eis als brüchiger
-Glasring an Stamm und Strunk, als Brücke, mit
-Glöckchen behangen, überbaut es den Spiegel
-oder umschließt als muschelhaft geschweifte reifbefranste
-Schale die großen schwarzen Ufersteine.
-</p>
-
-<p>
-Mittags, während wir Deutschen, feindselig abgesondert,
-bei bitterem Kaffee sehr hartes Brot und
-überdrüssiges Büchsenfleisch aßen, erklang im
-gleichen Saal an der Tafel der Verbündeten der
-Wein, und österreichische Ordonnanzen, die
-Blicke mit vorgeschriebener Starrheit auf uns
-gerichtet, schleppten schöne Braten und Pfannkuchen
-von der Küche herein an uns vorüber.
-Wir jüngeren, Geringeren verschmerzten aber
-die entgehenden Genüsse um so leichter, als unserm
-sonst so mäßigen Befehlshaber gerade diesmal
-Entsagung unerträglich wurde. Allen Stolz
-vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden,
-daß er sich mit den österreichischen Küchensoldaten
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-anfreunde und wenigstens etliche Kuchen
-für uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung
-ab: &bdquo;Die Österreicher verkehren nicht mit
-uns&ldquo;, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschützfeuer
-zu hören. Der Adjutant blieb an das
-Telephon gebunden. Gegen fünf Uhr wurde
-Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der
-Befehl wieder aufgehoben.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-45">
-Hosszuhavas-Rakottyás, 1. Dezember
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Nacht zum letzten November blieb ruhig.
-Um zwölf Uhr mittags wurden wir alarmiert,
-und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete,
-Russen und Rumänen hätten die ungarische Linie
-durchstoßen, den Berg Mihályszállás erstürmt.
-Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind
-aufzuhalten, den Berg zurückzunehmen. Man
-suchte auf der Karte den Mihályszállás und war
-verwundert, sich in solcher Nähe des Gegners
-zu befinden. Die Feldküchen, die bereits geheizt
-hatten, kochten während des Marsches weiter.
-Auf dem Ufergeröll wurde das Essen eingenommen,
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-dann ging es eilig den Fluß entlang. Anfangs
-hatten uns Frauen und Kinder von Középlak
-neugierig begleitet; bald blieben sie mit
-zweifelnden Gebärden stehen. Ein verirrtes
-rabenschwarzes Schweinchen lief arglos eine
-Weile zwischen unseren Leuten mit, schon
-stritten sich zwei Gruppen der 8. Kompagnie
-um den sicheren Fang; aber ein kleiner Junge
-kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen
-ins Dorf zurück.
-</p>
-
-<p>
-Der Tag war kurz und düster. Nebel wuchs wie
-Schimmel um die niedrigen Fichten, mit welchen
-die Hügel spärlich besetzt sind. Gruppen von
-Flüchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen
-begegneten uns in der Dämmerung, zuletzt ein
-kleiner Leiterwagen, von schön gehörnten silbergrauen
-Stieren gezogen. Führerin des Gespanns
-war eine große Frau mit schwarzem Kopftuch,
-langem braunem Mantel und einem Stab in der
-Hand. Ein Kind, sein Püppchen an sich gepreßt,
-saß oben auf wirr zusammengeraffter Habe; ein
-alter Mann und ein junges Mädchen schoben
-nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe,
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-kaum zehn Jahre alt, mit wunderbar entrücktem,
-unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben
-dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit
-eine Weise. Unter dem linken Arm
-trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der
-Rechten langte er von Zeit zu Zeit Maiskörner
-aus der Tasche und gab sie einem Stierkälbchen
-zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithüpfte.
-Diese Gestalten wurden mir im Geiste
-sogleich statuarisch, besonders die mütterliche
-Führerin, und ich verstand, was Glavina meinte,
-als er schrieb, es sei etwas Heiliges um
-den Fremdling, der nur einmal an uns vorübergehe,
-nicht befleckt von gleichgültiger Erfahrung.
-Die Haltung stolz, frei, das Antlitz
-reife, gebietende Jugend, die starken Brauen
-schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus,
-ohne uns zu beachten, als wäre sie das
-wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und
-verirrt.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos
-entzog sich das Tal. Streckenweise wateten
-wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere löcherigen
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Stiefel füllte. Einmal riß die 6. Kompagnie
-ab und verirrte sich in ein Seitental: mit schreienden
-Boten und Lichtsignalen wurde nach einer
-halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt.
-Unendliche Müdigkeit zermürbt die Seelen.
-Mancher brüllt Wut und Verzweiflung geradehinaus:
-&bdquo;Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn
-ihr Krieg führen wollt!&ldquo; murrt eine Stimme. &bdquo;Ein
-Narr, wer noch mitläuft! Ich bleibe zurück!&ldquo;
-kreischt eine andere. Die Offiziere aber kümmern
-sich nicht um aufrührerische Rufe. Sie haben
-selber zu dulden genug. Auch wissen sie, daß
-die Schreier ja doch mitkommen werden. Wer
-ohne gültiges Zeugnis die Truppe verläßt, vermindert
-wohl Mühe und Gefahr, aber neue und
-schimpfliche Leiden beginnen für ihn. Im fernen
-Dunkel flammt es zweimal bläulich, man
-hört Abschüsse, dann heult es an, und scharf
-nacheinander stoßen Granaten in den Kies. Ein
-Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist verwundet.
-Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln
-geht. Vermutlich hatten unsere Signale die Geschosse
-hergelenkt. Ein strenges Verbot, Licht
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-anzuzünden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren
-ist es zu Ende. Vom Feinde selber in die
-Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu
-plaudern; eine gefaßte, aufgeräumte Stimmung
-nimmt überhand.
-</p>
-
-<p>
-Um zwölf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen
-Boden. Der Adjutant, der mit dem Major
-eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen.
-Von einem Nachtgefecht, erklärte er, sei
-nicht mehr die Rede, die Gegner hätten den Berg
-zur Hälfte wieder aufgegeben und sich in der
-Nähe festgegraben, wir stünden in dem Dorfe
-Hosszuhavas und bekämen Quartiere, freilich
-Alarmquartiere, niemand dürfe die Stiefel ausziehen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich
-Unterkunft in einem Bauernhause, das von seinen
-Eigentümern verlassen war. Auf dem Tische
-stand bei Brot und Äpfeln ein schräg abgeschabter
-Salzkegel, daneben, mit Öl gefüllt, eine Lampe,
-die wir anzündeten. Ein Stapel Brennholz lag
-hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Käfigen,
-waren Hühner untergebracht. Auf diese stürzten
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-sich im Nu die halbverhungerten Soldaten, um
-sie einem Kochkundigen zu überliefern. Die
-Stube war voll Zeichen übereilter Flucht. In dem
-gewaltigen Webstuhl steckte noch ein Stück Leinwand.
-Schrank und Lade standen halb offen.
-Einiges war herausgerissen und wieder hineingeworfen
-worden; darunter aber, in schimmernder
-Ordnung, lagen ganze Schichten fein und
-rauh gewebter Tücher und gestickter Hemden.
-Bunte Decken verkleideten die Wände; darüber
-hingen Heiligenbilder mit getrockneten Sträußen,
-daneben ein Teller mit dem goldgemalten Namen
-Julesa.
-</p>
-
-<p>
-Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr
-bewunderte, vermuteten mehrere Leute, ich
-wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle
-doch unbedenklich etwas besonders Hübsches
-zum Andenken mitnehmen. Vielleicht gelüstete
-manchen selbst nach solchem Schatz, und hätte
-ich, als einer der Älteren, mir ein Stück angeeignet,
-wärs am Ende die Losung zum allgemeinen
-Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden
-Muster sehr in die Augen, auch stellte
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-ich mir Vallys und Wilhelms Entzücken vor,
-falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende
-Heimat käme, mußte überdies den Kameraden
-recht geben, die da sagten, verloren sei
-doch einmal alles, in wenigen Stunden würden
-wir vor- oder zurückgeben und das Verschonte
-andern deutschen Truppen oder dem Feind überlassen.
-Auf einmal standen mir die Flüchtlinge
-vor dem Blick, die uns begegnet waren; der Gedanke,
-daß gerade dieses Haus ihr verlassenes
-Eigentum sein könnte, gewann eine seltsame
-Macht, und nun erst ermaß ich die Größe ihres
-Unglücks. Gesichthaft nahe trat die königliche
-Führerin; um Wirklichkeit unbekümmert sprach
-ich sie als Hausherrin an und schloß mit ihr einen
-Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was
-willst du? Die Winternächte des Wachens und
-Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier für
-Großväter, Väter, Mütter und Kinder, &ndash; auch
-unsere Leichenhemden, bedenk es wohl! Möchtest
-du deine Frau oder dein Kind darein hüllen?
-Die Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes,
-den andern oft schwer begreifliches,
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-im Grund aber ein frommes Volk, &ndash; seht doch,
-wie alles offen vor euch daliegt! Nichts haben
-wir vor euch versteckt, nichts verhehlt, eurer
-Großmut alles anvertraut. Nehmt, was not ist,
-um Durst und Hunger zu stillen, aber an den
-Geweben der Mütter geht vorüber!
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen
-und Weinen kam wieder durch die Luft, es war,
-als flöge feiner Flaum über die Wimpern, und
-in größter Nähe fiel der Schlag. Das Haus schien
-sich in seinem Grunde zu lockern, Geschirr und
-Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein
-schlimmes Versäumnis kam in diesem Augenblick
-jedem zum Bewußtsein. Keinem war eingefallen,
-die Fenster zu verhängen, und so hatte
-die weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt.
-Im Finstern harrten wir auf den zweiten Schuß,
-er blieb aus. Nun wurden sorgfältig alle Fenster
-von außen mit Zelttüchern überspannt und erst
-nachher wieder Licht gemacht. Der Koch war gelassen
-bei den Hühnern stehengeblieben, deren
-Bratenduft allmählich die Luft würzte; ich aber
-hatte in aller Stille die lockenden Laden hineingeschoben,
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-fand es auch für gut, sie mit Unnahbarkeit
-zu umgeben, indem ich die großen ledernen
-Verbandtaschen davor, aufbauen ließ und
-meinen Mantel darüberlegte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-46">
-2. Dezember
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das Schicksal geht gelinde mit mir um. Ich
-habe als Verbandplatz ein leeres Gendarmeriewachthaus
-mit weitem Blick über die Hidegséglandschaft,
-ungefähr in der Mitte zwischen Bataillonsstab
-und Front. Während die Kompagnien
-in die Stellung stiegen, konnte ich den ganz
-versäumten Nachtschlaf ein wenig ersetzen. Nach
-zwei Stunden erwachte ich in einem Zustande,
-der in ähnlicher Form gewiß vielen bekannt ist,
-nur achtet nicht jeder auf dergleichen. Ich empfand
-mich als einen ovalen, durchaus leeren
-Raum, etwa drei Sekunden lang, dann fing ich
-an, mit unbändiger Gewalt von der linken Seite
-her ein unsichtbares Fluidum in mich hereinzusaugen,
-womit zugleich alle möglichen Bilder,
-Gedanken und Worte einströmten, Bekanntes
-und Unbekanntes. Plötzlich war ich angefüllt
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-wie ein Luftballon, da wurde ich erst vollends
-wach. Dabei hatte ich ein Empfinden, als wäre
-Glavina in dem Fluidum aufgelöst gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit
-und Frost. Die Russen sitzen ruhig in ihren
-Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den westlichen
-Hang haben sie aufgegeben. Unten im
-Tale läuft ihre Linie dicht vor Hosszuhavas. Auf
-unserer Seite werden viele Geschütze eingebaut.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-47">
-3. Dezember
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang
-des Berges, während oben schon um den Gipfel
-gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der
-Front, liegt eine preußische Sanitätskompagnie;
-die fängt fast alle Verwundeten ein und leitet sie
-weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel
-für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in
-Glavinas Blättern. Die Schrift ist undeutlich, zum
-Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich aber
-herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne
-Sätze handelt, daß aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht
-ein Gedicht, geplant war. Wären es bloß
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich
-mir nicht viel Mühe geben; aber oft klingt es
-wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt
-wie Bienen das Herz, man möchte sich davon
-entfernen und muß doch immer wieder hinhorchen.
-</p>
-
-<p>
-Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt
-man das ausgeweitete, reif- und schneeglänzende
-Tal, über das die Siedelungen verstreut sind wie
-Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus,
-in dem die Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar.
-Es hat sich gefügt, daß unsere Telephonisten dort
-einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die
-noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter,
-frage nach der eingelaufenen Post, überzeuge
-mich, daß alles unverändert ist, und kehre
-zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im
-gemeinen Sinne gar nichts bedeutet, ob unter
-tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne
-unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter
-Schutzstätten bedarf der Geist; sie sind ihm Horst
-und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß
-er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-einen, der schon in der Wiege liegt, einen, der
-alle schrecklichen Schreie der Wut und der
-Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen
-... Es ist ein kalter Tag. Die Sonne glänzt
-weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend
-von schwebenden Kristallen, an den Bäumen
-haftet Reif wie Stahlsplitter an Magneten.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-48">
-4. Dezember
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas,
-ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen-
-und Wacholderflur!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas
-Aufzeichnungen entziffern; aber da trafen unvermutet
-ganze Züge Verwundeter ein, deutsche
-und russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás
-geworfen werden; aber die 6. Kompagnie
-verirrte sich im Nebel und kam um eine
-Stunde zu spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte
-gelang und der Gipfel dem Gegner verblieb. Die
-Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten,
-blond, blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren.
-Zutraulich reden sie ohne Pausen auf
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie
-scheinen vorauszusetzen, daß wir sie verstehen.
-Laut weinend zeigen sie einander ihre Wunden,
-und während die Unsrigen ihre Schmerzen
-stumm verbeißen, schreien sie die ihrigen geradehinaus.
-Übrigens sind wenig Schwerverwundete
-darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln
-heute große Leiterwagen; es geht rasch
-und sicher, schon leert sich der Verbandraum.
-Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man
-baut immer mehr Geschütze ein.
-</p>
-
-<p>
-Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier
-Dehm den Infanteristen Kristl; er soll im
-Gefecht ungemeinen Mut bewiesen, hernach aber
-plötzlich den Verstand verloren haben. Einige
-glaubten, er verstelle sich nur, um endlich dem
-Kriegsdienst zu entkommen; aber man braucht
-nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung
-zu erkennen. Unendliche Angst verzerrt
-das eckige, bleiche Gesicht; bald sucht er dem
-Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er
-sich an seinen Arm. Bei meinem Anruf nimmt
-er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird aber
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er
-auf die Knie und bittet mit gefalteten Händen,
-ich möge ihn doch nicht den Russen ausliefern,
-er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er
-sich Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel
-heraus und entnimmt ihm drei Goldstücke,
-die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht
-zum Feind hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er
-zugerichtet, einer habe ihn in die linke Seite gestochen,
-es blute noch immer. Er reißt das Hemd
-noch weiter auf und deutet auf eine vermeintliche
-Wunde. Sein Vater besitze übrigens noch
-viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum
-seien sie vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen,
-leider, das sei schlecht von ihm gewesen,
-hätte er die Finger davongelassen und das Gold
-in die Reichsbank getragen, so wäre alles anders
-gekommen, und wir hätten einen noblen Frieden.
-Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke
-auf hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich
-sehe, wie sie funkeln. Plötzlich erheitert er sich,
-zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie angesehen
-zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt,
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-es sei höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will
-auf und davon und beginnt zu toben, da man
-ihn zurückhalten will.
-</p>
-
-<p>
-Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit.
-Weder ein Wagen ist mehr verfügbar noch eine
-Begleitung; auch möchte man den Fall nicht
-gerade der nächsten besten Hand überantworten.
-Meine Sachen durchkramend, fand ich schließlich
-ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin.
-Kristl wehrte sich kaum gegen die Einspritzung.
-Die sonst so wenig haltbare Zusammensetzung
-wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht
-aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden
-des zerrissenen Geistes wieder aneinander zu
-heilen.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete
-gekommen sind, zum Ufer. Das Eis
-ist hier vielfach zu klaren Figuren durcheinandergeschossen;
-weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden,
-winzige gotische Gestaltungen, oft nur begonnen,
-manchmal fein ausgeführt, stecken überall zwischen
-den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel
-sprießen Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-wächst, und man merkt es diesen Wölkchen
-an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-49">
-5. Dezember
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ich verbrachte den Vormittag bei den Pionieren
-im Walde, wo sie einen halb zugewachsenen
-Weg für die Verwundeten der nächsten Tage
-aushauen müssen, da scholl über Hosszuhavas
-her Geschrei und Schießen. Zurückgekehrt erfuhr
-ich, daß links von unserm Abschnitt Russen
-die österreichische Linie durchbrochen haben,
-dadurch soll unsere Stellung gefährdet
-und wertlos geworden sein. Um den Gipfel ist
-noch Ruhe. Eine Ordonnanz überbringt Befehl
-zur Marschbereitschaft; Verletzte und Kranke
-sind ohne Verzug nach Palanka zu schicken.
-Was fang ich mit Kristl an? Er schläft noch
-immer. Ihn jetzt wegzuschaffen ist unmöglich;
-auch warnt mich etwas davor. Das Getöse
-kommt näher. Rehm sieht mich immer an; er
-errät meine Sorge. Endlich kann er nicht mehr
-schweigen. An der Somme, meint er, habe die
-Lage zuweilen schrecklicher ausgesehen und sei
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-dennoch wiederhergestellt worden; drunten im
-Dorf, noch uneingesetzt, lägen zwei Reservekompagnien
-unseres Regiments, da könne nichts
-fehlen. Ich lasse ihn Tee bereiten und buchstabiere
-ein wenig in Glavinas Zetteln. Die Schrift
-ist kaum lesbar; aber ich bin einem Rhythmus
-auf der Spur. In diesem schwingend finde ich
-Sinn genug; schon hab ich mir manches vereignet
-und verinnigt, und wo auch nur ein Wort
-hingeworfen oder eine Strophe schwach angeschlagen
-ist, erklingt wie von selber die Folge:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden
-mit anderer Stimme ruft Gott. Ein wacher Wandel
-ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest,
-selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam
-wie die Gemse schläft!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es ist drei Uhr. Das Feuer hat zugenommen,
-doch überwiegt im Augenblick das russische
-nicht. Ich ging wieder zu Kristl, schüttelte ihn
-an der Schulter und rief ihn beim Namen. Umsonst.
-Er schläft zu tief.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher
-aus dem Heiligtum.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Opfer, was frommen sie noch dem, der den
-Ruf überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar
-und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom
-Pilgerbittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend,
-schwimmt die Brücke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Geist wird stehn vor seinem eigenen Hause
-und nicht heim finden ...&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Einhalb vier Uhr. Der Lärm nimmt noch immer
-zu. Die Schau durchs Fenster blendet. An einigen
-Erhebungen des Geländes treffen so viele Schneeleuchten
-zusammen, daß das Auge kein Weiß
-mehr erträgt und es als grünlich empfindet. &ndash;
-Jetzt haben, in weiten Abständen, unsere bereitgestellten
-Züge den Plan betreten. Der Gegner
-bemerkt sie. Geschosse platzen über den blinkenden
-Helmen, eine neue Art von Schrapnellen,
-welche zweifarbige Wölkchen ausstoßen: es ist,
-als ob aus unsichtbaren Eiern Vögel schlüpften
-mit einem roten und einem schwarzen Flügel.
-Die Soldaten eilen, sie laufen fast. Plötzlich fahren,
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-kaum gedeckt, preußische Kanonen am Dorfrand
-auf und feuern ohne Pause, Schlag auf Schlag.
-Von dem Luftdruck zerspringt uns im Verbandraum
-ein Fenster.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Wie soll auferstehn, was nie begraben ward?
-Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus
-taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild!
-Mauert es heimlich ein unter die neuen
-Gebäude!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Einhalb fünf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der
-Major, mit ihm der Adjutant. Hinterher kommen
-verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet
-ist nur ein junger Russe mit grünlichbraunem
-Gesicht und überhellen Sperberaugen. Er soll
-vernommen werden; aber niemand spricht Russisch.
-Aus verbündeten Truppenteilen, die in der
-Nähe liegen, werden Leute zusammengeholt, ein
-Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl Russisch,
-nicht aber Deutsch versteht. Durch vier
-Sprachen gehen Frage und Antwort hin und her.
-Der junge Bursche, scharf befragt über Stellung
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-und Stärke seines Regiments, spielt auf kindlichste
-Weise den Einfältigen, sagt lauter unmögliche
-Dinge. Der Major läßt ihm zwei Fasttage
-androhen, falls er nicht vernünftig antworte. Er
-zuckt zusammen wie gepeitscht, senkt den Kopf,
-spricht keine Silbe mehr. &bdquo;Braver Kerl&ldquo;, brummt
-der Alte und bedrängt ihn nicht länger. Plötzlich
-sucht der Russe in seinen Taschen herum, schüttelt
-verzweiflungsvoll den Kopf, redet heiser auf
-den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlüsse
-werden erwartet, der Adjutant überspitzt seinen
-Bleistift. Aber ein Dolmetsch nach dem andern
-lacht. Was wir erfahren ist nur, daß der Gefangene
-im Gefecht seinen Tabak verloren hat;
-flehentlich läßt er um etliche Zigaretten bitten.
-Der Bosniak erfüllt seinen Wunsch, der Russe
-zündet an und setzt sich, da sich niemand weiter
-um ihn kümmert, auf einen nahen Stuhl, wo
-ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die
-Zigarette entfällt seiner Hand; er schnarcht.
-</p>
-
-<p>
-Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen.
-Der Feind hat alles gewonnene Gelände
-wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-fliegt niedrig über das Tal. Der junge Russe
-wird unsanft zum Abmarsch geweckt. Der Major
-befiehlt mich für morgen zum Mittagessen nach
-Hosszuhavas.
-</p>
-
-<p>
-Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum
-nach Kristl umsah. Er hatte sich aufgerichtet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind Russen da?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Gefangene. Sind schon abgeführt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach so, Gefangene&ldquo;, wiederholt er mißtrauisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren
-auf einem feurigen Wagen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden
-Laternchen war vor einer Minute am
-Fenster vorbeigekommen. Das muß der feurige
-Wagen gewesen sein. Ich bewies es ihm umständlich,
-und er schien es nicht zu verwerfen.
-Erklärte ihm auch, daß er morgen nach Palanka
-gehen und von dort aus in die Heimat fahren
-dürfe. Er zeigte keine Freude. &bdquo;Dahinten sind
-lauter fremde Leute&ldquo;, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Sehr bestimmt kündigte ich ihm schließlich an,
-er werde jetzt gleich wieder einschlafen, morgen
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-früh aber, sobald ich ihn kräftig anhauche, wieder
-erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken,
-Weißbrot mit Marmelade essen und guter Dinge
-sein. Er versuchte eine stramme Haltung und
-sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender
-Bewegungen über sein Gesicht, um ihn
-wieder einzuschläfern.
-</p>
-
-<p>
-Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu
-Glavina:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter
-Zeit hinterlaßt ihr einander Zeichen, sogar in
-Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am
-Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und
-sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel,
-schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-50">
-6. Dezember, mittags
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Aktion begann im Morgengrauen und ging
-auf wie eine Gleichung; seit neun Uhr steht kein
-Russe mehr auf dem Mihályszállás; sie sind bis
-zum Monte Ardelle zurückgegangen. Die Aufgabe
-ist gelöst; vor zehn Uhr sind bereits ungarische
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-Offiziere eingetroffen, um die Stellung
-kennen zu lernen, die morgen ihr Bataillon von
-uns übernehmen soll.
-</p>
-
-<p>
-Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort
-auf, aß mit großem Hunger. Nun wir ihm aber
-eröffnen, daß er, mit einem ärztlichen Bericht versehen,
-nach Palanka gehen dürfe, um von dort
-aus nach Bayern zu kommen, will sich sein Gesicht
-gleich wieder ins Störrische verziehen, doch
-nimmt er sich zusammen und bittet schließlich mit
-überlegten und herzlichen Worten, ich solle ihn
-doch hier lassen. Fast könnte man glauben, sein
-Gedächtnis für die Heimat sei abgeschwächt;
-jede Veränderung scheint er zu fürchten und an
-unseren paar Gesichtern zu hängen, als wären
-sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so zerspringlichen
-Wesen in dieser schwelenden Luft?
-Und der Major und Leverenz, was werden sie
-dazu sagen? Voreilig äußert Raab, wir würden
-ja nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom
-Sanitätsdienst etwas verstehe, könne er wohl noch
-etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig
-helfen. &bdquo;Ich bin als Krankenträger ausgebildet&ldquo;,
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-fällt Kristl eifrig ein; &bdquo;Verbände mache ich die
-allerschönsten, auch Arm- und Beinschienen.&ldquo;
-Ich versprach, mir die Sache zu überlegen und
-mit Kommandeur und Kompagnieführer zu besprechen.
-Vorderhand bleibt er als Revierkranker
-in Beobachtung und meldet sich zweimal am
-Tage bei mir. Er geht sogleich mit Raab, sucht
-sich nützlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente,
-wickelt Mullbinden auf.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-51">
-Abends
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Während des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen,
-ein junger Mann in ungarischer Tracht
-herein, lächelt freundlich nach allen Seiten, geht,
-ohne den buntumschnürten braunen Filzhut abzunehmen,
-um uns herum, redet kein Wort,
-betrachtet die Wände, betastet zärtlich Schrank,
-Bild, Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit
-großer Innigkeit auf uns, man merkt ihm an,
-daß er unendlich viel zu sagen hätte. Der Major,
-erzürnt über die Störung, springt auf und bedeutet
-ihm, sich zu entfernen. Der Bursche, ohne
-jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung,
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-tritt näher, streift den Ärmel hinauf und
-zeigt schweigend eine lange, tief eingezogene
-noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der
-Major weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus,
-nicht ohne uns unter der Tür noch einmal zuzulächeln.
-Kaum ist er draußen, scheint unsern
-Gebieter sein Zorn zu reuen, und schnell bediene
-ich mich der gemilderten Stimmung, um mein
-Anliegen vorzutragen, sage, daß Kristl als Infanterist
-nicht mehr tauge, daß er in die Heimat
-gesandt oder probeweise anderswie verwendet
-werden müsse. &bdquo;Wie wäre er verwendbar?&ldquo; &ndash;
-&bdquo;Als Krankenträger.&ldquo; &ndash; &bdquo;Ist er als solcher ausgebildet?&ldquo;
-&ndash; &bdquo;Ja.&ldquo; Die Versetzung wird gutgeheißen
-und gleich durch Ferngespräch mit Leverenz
-geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl
-einen Weihnachtsurlaub zudenkt und das Eiserne
-Kreuz für ihn bereitgelegt hat.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-52">
-Bálványos-Patak, 7. Dezember 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Mittags abgelöst brachen wir auf nach dem Bálványostal,
-das nahe bei Gymesbükk zum Trotusul
-herabfällt. Auf Gebirgswegen zogen die Kompagnien;
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten
-den zugefrorenen Hidegség entlang, zuweilen
-über ihn weg. Vom starken Glanz eines zertrümmerten
-Eisblocks geblendet, scheuten die
-drei Gäule auf einmal und wollten in hohen
-Sprüngen davon, beruhigten sich aber bald. In
-scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp,
-wozu die Pferde nicht viel Ansporn brauchten;
-sie fühlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise
-nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller
-Kraft einzuschlagen. Wir holten einen Verwundeten
-ein, der durch gelockerten Verband nachblutete;
-bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann
-allein weiter. Der Himmel streifte sich, es
-roch nach Schnee. Schon traten die Häuser von
-Gymesbükk hervor, da sah ich einen ländlichen
-Zug mit vielen hochbepackten Wagen auf dem
-anderen Ufer entgegenkommen. Das erste Gespann
-mutete mich bekannt an; ich lenkte hinüber
-und erkannte wirklich die schönen silbergrauen
-Stiere, daneben die große Frau, die jetzt
-als Führerin vieler Familien erschien. Als letzte
-mochte sie geflohen sein; als erste kehrte sie zurück.
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen
-bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter
-schob nach, der Greis, mit bereiftem Bart,
-schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am
-Ufer, ging der Knabe, dick behandschuht, das
-Bild unterm Arme, man sah unter zersprungenem
-Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen
-auf Silbergrund. Ich rief einen madjarischen
-Gruß, &ndash; &bdquo;Isten hozta&ldquo; gab die Mutter mit klarer
-Stimme zurück und näherte sich, wie um etwas
-zu fragen. Ich mußte äußeres und inneres Ohr
-scharf anspannen, um sie zu verstehen. Vor allem
-wünschte sie zu wissen, ob Häuser in Hosszuhavas
-zerstört worden seien, und war sichtlich froh, als
-ich dies verneinte. Dann fragte sie, was für Gegner
-wir gehabt hätten. Als ich sagte &bdquo;Russen&ldquo;,
-lächelte sie und meinte, dann hätten sie kaum
-zu fliehen brauchen, die Russen täten kleinen
-Bauersleuten nichts zuleide, auch hätten sie mehr
-Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumänen. Als
-ich weiterreiten wollte, zog sie ein Säckchen
-vom Wagen und reichte mir daraus eine Handvoll
-gedörrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir,
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-um diese fromme Gebärde zu erwidern, als einen
-frischen Kommißlaib; aber gerade damit schien
-ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir
-auf, daß sie alle sehr blaß und elend aussahen,
-gewiß hatten sie Mangel gelitten. Der Knabe
-wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel
-an einen Stein und sprang vergnügt heran, um
-sein Stück zu erhalten. Beim Eingang in das
-Tälchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal
-zurück: die Karawane überquerte gerade
-den Hidegség, hell blinkte der Silbergrund des
-Bildes in der Abendsonne. Um halb fünf Uhr
-erreichten wir das Quartier. Es ist wieder eine
-Bauernstube mit niedrigen, teppichverhangenen
-Wänden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der
-Front; die Einwohner gehen wie im Frieden
-ihrem Tagewerk nach.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-53">
-9. Dezember
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Seit ich mein Gepäck immer so klein und nah
-beisammenhalte, bin ich stets zum Aufbruch bereit
-und kann mir in den Minuten, wo ich mich
-sonst in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte,
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-das eben Erlebte ein wenig zu erklären
-suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und
-Schreiben; auf drei Uhr war die Gesundheitsprüfung
-angesetzt, für welche sich der große
-Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der
-Kälte wegen trieb ich zur Eile. Niemand zeigte
-sich einer Ansteckung verdächtig; das Geschäft
-verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schluß
-eine seltsame Störung. Während an der hellsten
-Stelle der Scheune die letzte Reihe völlig entkleideter
-Soldaten an mir vorüberzog, kam unversehens,
-halb schwankend, halb tanzend, die
-junge Frau des Hauses herein, in der linken Hand
-einen Krug schwingend, die Rechte wie zum
-Greifen ausgestreckt, und ging geradenweges
-auf die nackten Männer zu, wobei sie unverständliche
-Worte, rumänisch mit ungarisch vermischt,
-vor sich hin sang. Wie wir gehört haben,
-ist sie die kinderlose Witwe eines in Rußland
-Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines
-alten Knechtes und einiger Mägde ihr Anwesen
-so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer überhaupt
-der Trunksucht verfallen ist, wissen wir
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-nicht; jedenfalls hat sie gestern, als uns Freiwein
-gewährt wurde, mehreren Leuten einen Teil
-ihres Maßes gegen Milch und Eier abgetauscht
-und, wie es scheint, einen ansehnlichen Vorrat
-zusammengebracht. In ihrem Rausche muß sie,
-vielleicht vom Stall aus, unsere ungewöhnliche
-Parade erspäht haben, und es ließ ihr keine Ruhe,
-bis sie eingedrungen war. Eigentlich hätte ich
-sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die
-Erscheinung war voll bannender Kraft, nie vorher
-hatte ich Besessenheit so vollkommen gesehen,
-man konnte sich nicht abwenden, und
-alle Bedenken schwiegen. Das Gesicht ist von
-der halb madjarischen, halb romanischen Schönheit,
-die einem hierzulande oft begegnet; bei
-nüchternen Sinnen mag es ein sehr anmutiges,
-eher schüchternes Wesen sein. Jetzt aber drückten
-ihre Züge zugleich Erstarrung und Entfesselung
-aus; kein Lachen oder Lächeln hatte Raum in
-diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft.
-Augenscheinlich ist auch, daß sie sich, trotz
-dem Werktag, mit ihrem Sonntagsstaat angetan
-hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide,
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien
-überreich verziert. Es waren gerade
-die jüngsten Leute des Bataillons, die noch nackt
-vor mir dastanden; ihnen näherte sie sich, hob
-ihnen den Krug entgegen und trank ihnen zu.
-Nun merkte ich erst, daß ihre Augen fast ganz
-geschlossen waren; sie schien durch die Lider
-zu blicken, als wären diese von durchsichtigem
-Stoff. Als sie einem der Jünglinge den Krug anbieten
-wollte, reichte sie ihn vorüber einem Unsichtbaren,
-so daß ihr Gehaben ein wenig an jene
-wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas erinnerte.
-Die jungen Leute hatten sich indessen von
-ihrem Staunen erholt; sie begannen sich zu
-schämen und warfen ihre Hemden über. Nun
-war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und
-Raab führten die Frau hinaus. Sie ließ es geschehen,
-ging aber dabei rücklings, den Blick
-immer ins Innere des Raums gerichtet, singend
-und mit dem erhobenen Krug winkend.
-</p>
-
-<p>
-Nach beendetem Dienste stieß ich im Hof auf
-den Gefreiten, der den Abmarschbefehl überbrachte.
-Ihm folgte ein sehr alter Mann in rumänischer
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Tracht, ein dicht verhülltes Kind im
-Arm, nahm den Hut ab und fragte, ob ich der
-Feldgeistliche wäre. Der Säugling, sein Urenkelkind,
-sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft,
-kein Priester weit und breit zu finden,
-ob ich es nicht übernehmen wolle, ihm das Sakrament
-zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer
-ein; er ist Kandidat der Theologie und hat bereits
-die niederen Weihen, &ndash; ihn ließ ich rufen
-und übergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand
-wenig Hoffnung läßt. Auf der Straße sammelte
-sich bereits das Bataillon, keine Zeit war
-zu verlieren, und so vollzog der künftige Priester
-die einfache Handlung, zu der im Notfall eigentlich
-jeder Christ berechtigt wäre, gleich in der
-Stube der jungen Bäuerin, die noch immer nicht
-aufhörte, zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm
-sie heftig anfuhr und ihr unverzüglich Wasser
-zu bringen befahl, was sie einigermaßen ernüchterte.
-Die gelassene hart scheinende Art,
-wie er auch weiterhin mit dem Weibe umging,
-gefiel mir sehr; sie hob ihn über sein gewöhnliches
-Wesen hinaus, mir war, als sähe ich ihn
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-zum erstenmal. Indem er fortfuhr, böse mit ihr
-zu tun, legte er ihr schließlich das Kind in die
-Arme und gebot ihr, es über das Becken zu halten
-und zu schweigen. Der junge Stelzer waltete begeistert
-seines Amtes; klar und ohne Hast sprach
-er sein lautes Ego te baptizo, während auf der
-Straße draußen die Kompagnien bereits ihre Tornister
-aufnahmen. Die schöne Bacchantin nahm
-sich gewaltig zusammen; eingeschüchtert von
-der Würde des Vorgangs wandte sie keinen Blick
-von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens
-geworden war. Allmählich war es, als füge sie sich
-mit heimlicher Lust in ihre sanfte Demütigung;
-einmal hörte man sie schluchzen, und plötzlich
-fielen Tränen auf den Täufling nieder, der immer
-schwächer dem Tod entgegenröchelte.
-</p>
-
-<p>
-Ich muß schließen; das Pferd stampft und blickt
-wiehernd nach mir um. Der Himmel wölkt sich
-tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und
-Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort,
-wenn jemand sie nach dem Ziel des Marsches
-fragt. Wieder soll ein großer Berg an die Russen
-verloren gegangen sein.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-54">
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Palanka, 10. Dezember 1916
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Erwachend glaubte ich durch das dunstige Fenster
-zwei weiße Tauben zu sehen und stand auf,
-um mir das Pärchen genauer zu betrachten: da
-waren es die zwei Ohren eines Maultierschimmels,
-die sich bewegten. Das abgemagerte Tier
-stand eingespannt vor einem Schlitten, den
-Rücken ganz verschneit, zuweilen den Boden
-aufscharrend, um ein Moos oder eine Wurzel
-zu finden. Von der Brigade kommt ein Fernruf:
-der Marsch unterbleibt! Gern läse ich in Glavinas
-Blättern, bin aber niemals allein am Tisch,
-nun summen die Sprüche von selber dahin.
-Drunten am Trotusul ist das Ufer stellenweise
-noch frei von Eis; klarstes Wasser läuft über
-Kiesel, die so golden schimmern, daß mir Wilhelms
-Briefchen einfiel; dem Kleinen zum Gedenken
-hob ich denn ein paar besonders glänzige
-heraus, aber da war alles Leuchten verloschen.
-Dennoch steckte ich einige in die Tasche; dem
-Söhnchen wird es nicht schaden, wenn ihm sein
-Vater statt Gold Steine bringt, es sind gar hübsche
-darunter, alabasterweiße mit lila Geäder, mattgrüne
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-wie Vogeleier getupfte, rötliche und gelbe.
-Emporsteigend kam ich durch Fichtenwald.
-Überhängender Fels hält von einem kleinen mit
-Moos und breitblättrigem Efeu bewachsenen
-Flecken den Schneefall ab. Dort fand ich auch die
-Pflanze wieder, die einst dem Knaben palmenhaft
-begegnet war; in allen Stufen ihres Wachstums
-umsäumt sie die grüne Insel. Aber liegt es an
-meinen Augen, die nicht mehr kindlich sind,
-oder hat sich wirklich das Gewächs von seiner
-Grundfigur entfernt: nur wenige Stauden erinnern
-hier ein wenig an die Palme, die meisten
-sind, indem sie schon unten vom Schaft aus
-Blätter hervortrieben, wuchernder Entartung verfallen.
-So mag es oft gehen, daß der Geist des
-Lebens einen hohen Gedanken denkt; aber das
-Geschöpf, dem er auferlegt ist, vermag sich beim
-Nahen der Entwicklung nicht zu halten, lüstern,
-sich selbst übertreibend, zerbricht es die Melodie,
-und alles zerstiebt. Was liegt aber dem Leben
-an milliardenfachem Mißlingen? Es kann den
-Dorn zum Blatt, das Blatt zur Rose formen; es
-hat Zeiten und Sterne genug, um umzuzeugen
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-und umzugebären, einmal wird es doch schwingen,
-wie der Geist es will. Am Heimweg hörte
-ich in den Baracken fröhlichen Lärm und
-Gesang, Schnee fällt noch immer; eine stetige
-weiße unendlich beschwichtigende Bewegung
-ist der Tag.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-55">
-Kóstelek, 13. Dezember 1916, ½12 Uhr nachts
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Alle schlafen, auch ich schon zur Hälfte; dennoch
-will ich mir Weg und Ankunft vergegenwärtigen,
-morgen ist vielleicht keine Zeit. Früher
-wußte ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen
-schreibt; jetzt aber sind sie mir wie die Brotkrümchen,
-welche Hänsel und Gretel im Walde
-ausstreuten, um gewiß wieder nach Hause zu
-finden. Freilich, als die Kinder dann wirklich
-den Heimweg antreten wollten, da hatten die
-Vögel alles aufgepickt, &ndash; aber da beginnt ja auch
-erst das eigentliche Märchen.
-</p>
-
-<p>
-Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag.
-Die Leute hatten innerhalb der Baracken
-in großen Blechkesseln Feuer angezündet; einige
-wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-auf dem halbgrünen Maisstroh. Jeder spürte nun
-erst seine ganze Ermüdung, jeder lobte das beharrliche,
-ruheverbürgende Gestöber. Draußen
-sah ich einen Mann, der aus Übermut Brot in
-Schnee packte und über das Barackendach warf.
-So besprengt man da und dort in Niederbayern
-zur Weihnachtszeit Schneeballen mit geweihtem
-Wein und schleudert sie über das Haus, um es
-vor Unglück zu bewahren. Aber nach zwölf Uhr
-schneite es nicht mehr; Ostwind öffnete den
-Himmel, und bald hörte man wieder Schüsse
-aus schwerem Geschütz das Tal durchhallen.
-Um die zweite Stunde kam der Marschbefehl.
-Dem Trotusul entlang zogen wir bald über ungarisches,
-bald über rumänisches Gebiet. Eine
-Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der Russen,
-deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen.
-Sie bemerkten uns, zielten aber schlecht; Granaten
-schlugen in den Fluß und jagten Wassersäulen
-auf, beschädigt wurde niemand. Ciugesu
-durcheilten wir ohne Aufenthalt und stiegen
-dann durch ein Seitental aufwärts. Überall ist
-Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut;
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-blaue Schattenwände stießen an Wände von
-brennendem Silber. In Cyges warteten wir über
-eine Stunde, niemand wußte, worauf. Der Major
-war vorausgeritten; der Adjutant, wunderlich
-verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft
-über das Ziel der Bewegung. Einmal, an kahler
-Gegenwand, springt die Straße schräg nach oben
-zurück, und während wir als Letzte noch tief
-unten in Schattenkälte gingen, sahen wir unsere
-vordersten Gruppen bereits hoch über uns vor
-orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und
-dahinter verschwinden. Diese gehorsam-stetige
-Prozession grauer Männer, die aus der scharf
-abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte,
-zog immer wieder den Blick empor; man freute
-sich, auch bald auf den hochbeglänzten Steig zu
-gelangen und vergaß darüber den beschwerlichen
-Weg.
-</p>
-
-<p>
-Oben, während einer kurzen Rast auf weitem
-Schneefeld, meldete sich ein Infanterist krank,
-einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns
-gekommen sind. Während er sich nähert, muß
-er von Leuten seines Zuges harte Worte hören,
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten,
-und weicht erst auf meinen Anruf zurück. &bdquo;Achtundzwanzig
-Monate wart ich auf Urlaub,&ldquo; schreit
-der alte Lutz; &bdquo;krumm und grau werd ich im
-Krieg, und du, papieriger Kerl, willst dich am
-zweiten Tage drücken!&ldquo; &bdquo;Durchhalten, Herr
-Kamerad, durchhalten!&ldquo; höhnt ein anderer. Der
-junge Mensch, ein verwöhntes Knabengesichtchen
-unter viel zu großem Stahlhelm, erklärt fast
-weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet
-und werde wiederkommen, sobald er
-gesund sei, jetzt aber könne er nicht mehr. Man
-lacht ihn aus. Sein Atem stößt weißrauchend in
-die Kälte, und die Augen glänzen von Fieber;
-aber dafür haben die andern jetzt keinen Blick.
-Von Müdigkeit und ungewisser Zukunft überreizt,
-hassen sie wie Verdammte einen jeden,
-der sich der gemeinsamen Hölle entziehen will.
-Ich beschloß, die zudringlichen Schreier einfach
-zu überhören und die Sache kurz zu machen,
-fühlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen
-und wollte eben eins der rotgeränderten
-Täfelchen nehmen, um die nötigsten Angaben
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-daraufzuschreiben und es dem Kranken an den
-Mantel zu heften, damit er seinen Weg ins
-Lazarett antreten könne, da rennt, mit ängstlicher
-Miene, Dehm daher, entschuldigt sich
-wegen Verspätung und beginnt nun aus der alltäglichen
-Sache eine große Angelegenheit zu
-machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen
-auf dem Schnee zusammen, läßt den Mann darauf
-lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen
-und meldet mir gestreng, daß Infanterist
-Löhr zur Untersuchung bereitliege. Nach
-und nach fing ich wieder einmal an, Dehms
-überlegene Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht,
-wie gar ansteckend die Neigung, sich krank zu
-melden, in solchen Fällen werden kann; selber
-Soldat von festestem Holz, will er lieber grausam
-scheinen, als die längst gefährdete Zucht
-gelockert sehen. Ja, die mißtrauischen Späher
-sollen erfahren, daß es bei uns keine Läßlichkeit
-gibt, daß wir peinlich wie Krämer die Schwere
-der Krankheit abwägen wollen. Achtungsvoll,
-doch unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des
-höchst schwierigen Sanitätsoffiziers hinein, &ndash;
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-was bleibt mir übrig, als den frierenden Menschen
-umständlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den
-Fiebermesser einführen zu lassen wie im Spital?
-Still wird es um uns; im Banne der klinischen
-Zeremonien erstirbt jedes widerwärtige Wort.
-An dem schwach Darniederliegenden erkennen
-die andern allmählich, wie sehr sie selber doch
-stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder
-angekleidet, gegürtet und mit seinem Krankentäfelchen
-behangen ist, stapft er unbehelligt wie
-ein Räudiger gegen Palanka davon.
-</p>
-
-<p>
-Vor fünf Uhr hielten wir an einem hohen steilen
-Hang; man sah in das Tal eines halbvereisten
-Flusses hinab. Zwischen Häusern brannten
-Lagerfeuer, in deren Schein österreichische Soldaten
-ruhig hin und her gingen. Wir standen
-und schauten. Von Osten scholl Kampflärm;
-ein breiter Gipfel erschien von Leuchtraketen und
-Einschlägen vulkanisch, doch nur eine Minute
-lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau
-zu vielen andern. Rings aber schuf der letzte
-Sonnenrand ein seltsames Licht. Hellgrün lagen
-die Schatten auf rötlichem Schnee, ein Birkenbäumchen
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-war mit reinstem Smaragd hingezeichnet,
-und wer vor sich hinsah, erblickte sich
-selber als grüne Gestalt. Niemand hatte Lust zu
-reden; man hörte Stückchen gefrorenen Schnees
-klingend hinunterhüpfen wie leichtes Metall.
-Auf einmal wehte es kälter, da war auch schon
-das untergängliche Licht vom Weiß der Landschaft
-abgelaufen wie von Porzellan. Der Adjutant,
-auf der Karte suchend, erläuterte, wir stünden
-über dem Sulta-Tal, und die Häuser gehörten
-zu dem ungarischen Grenzdorf Sóstelek, von
-hier aus hätten wir noch sechs Kilometer nach
-Kóstelek zurückzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Da sich kein Fußweg fand, stiegen und rutschten
-wir hinunter wie es ging. An den Feuern vorbei,
-deren Glut unsere Wangen streifte, zogen
-wir auf der Straße weiter, von jetzt ab die Front
-im Rücken. Nach manchen Aufenthalten erreichten
-wir Kóstelek um elf Uhr. Der abnehmende
-Mond stand schon hoch, zwei ruhig
-leuchtende Planeten dicht über ihm. Mit dem
-Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier
-und einigen Telephonisten bin ich in
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-der großen Stube eines Häuschens untergebracht,
-das abgesondert auf einem Hügel steht. Von
-einem qualmenden Lämpchen war der Raum
-halb hell. Ein schönes Weib erhob sich, als wir
-eintraten, völlig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen
-Mädchen von einem breiten, mit Heu
-gefüllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefaßt, wachsam.
-Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste,
-gab sie zu verstehen, daß sie uns das Lager abtreten
-und auf Stroh neben dem Ofen schlafen
-wollten, in allen übrigen Räumen des Hauses sei
-es für die Kinder zu kalt. Wir lehnten dies ab
-und ließen merken, daß wir für uns bleiben und
-ihre Ruhe so wenig als möglich stören wollten.
-</p>
-
-<p>
-Während wir uns zu Tische setzten, kehrten sich
-die drei zur Wand und sprachen halblaut ein
-Gebet, manchmal sich verneigend oder sich bekreuzigend,
-wobei das kleine Schwesterchen sich
-jedesmal mit aller Faustkraft in die Magengrube
-schlug. Ich beugte mich vor, um das Kruzifix
-oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung
-erwiesen; aber da war nur ein Haken,
-darunter ein heller viereckiger Fleck mit schwarzem
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Saum an der leeren Wand. Hier also hatte
-das Bild gehangen, gewiß viele Jahre; nun ist
-es verschwunden, vielleicht von Soldaten als
-Brennholz verwendet, wer weiß es, dem Blick
-der Frommen aber sichtbar alle Zeit. Glavinas
-Traum fiel mir ein, wie er als Kind über Gebirge
-ging und auf einem leeren Blatt beseligende
-Dinge las, unbekümmert um Gewitter und Rufe
-der Toten.
-</p>
-
-<p>
-Die Mädchen schliefen bald wieder; die Frau
-saß noch eine Zeit am Bette, das Kinn in der
-Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch
-allen Kummer hindurch von wunderbarer Beständigkeit
-und Klarheit. Sie muß Böses erlitten
-haben und erwartet auch von uns nichts Gutes.
-Mir kam nun erst die schreckliche Kahlheit des
-Zimmers zum Bewußtsein. Nicht nur das eine
-Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie
-Kreuz und Uhr sind bloß durch Staub und
-Spinnenweben angedeutet.
-</p>
-
-<p>
-Der Adjutant wurde jetzt gesprächiger; er verriet
-uns, daß die Russen weit vorgedrungen seien
-und den Gymespaß gefährdeten, wir müßten uns
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-auf unruhige Tage gefaßt machen. Übrigens sei
-die Lage nicht klar, er wenigstens wisse keineswegs
-genau, welche Berge vom Gegner besetzt
-seien.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-56">
-13. Dezember, sieben Uhr morgens
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Immer weniger gern ruf ich mir Träume zurück;
-der aber war so klar, so voll Hindeutung. Wir
-lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen
-verödeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft.
-Starker Wind wehte; Granaten wechselten
-eintönig über uns. Furcht lag auf mir. Mein
-Leib hatte nahezu völlig sein Gewicht verloren;
-ich fühlte mich wie eine Flaumfeder leicht und
-mußte gewärtigen, daß der zunehmende Wind
-mich alsbald emporheben und zu den Franzosen
-hinübertragen werde. Da schmiegte sich etwas
-an meinen Ellenbogen, und siehe, es war
-Matschka, das graue Kätzchen, das ich in Kézdi-Almás
-hatte sterben sehen. Groß und hübsch war
-es geworden, das weiße Flöckchen im Nacken
-glänzte wie ein Licht. &bdquo;Wie geht es dir?&ldquo; sagte
-ich und wollte es streicheln; da sprang es mit
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-weitem Satz in einen der wassergefüllten Granattrichter,
-verschwand und tauchte nach einer
-Weile wieder auf, eine schimmernde, mit roten
-Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug
-und in demütiger Haltung vor mich hinlegte.
-Wie froh war ich! Die Granate ist schwer,
-sagte ich mir, &ndash; wenn ich sie in der Hand halte,
-kann mich der stärkste Wind nicht mehr mitnehmen.
-Als ich sie aber ergriff, war es kein
-Geschoß mehr, sondern ein zappelnder, goldgrauer
-Fisch mit rötlichen Punkten. &bdquo;Der muß
-gebraten werden!&ldquo; rief eine wohlbekannte Stimme
-hinter mir. Ich sah mich um, da stand Vally
-vor einem Herdfeuer, neben ihr Wilhelm, und
-auch dieser schrie: &bdquo;Der muß gebraten werden!&ldquo;
-Sonderbar lächelnd nahm Vally den Fisch und
-übergab ihn dem Söhnchen, das ihn zum Herde
-trug. Dann legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten
-uns und drängten uns innig aneinander,
-wobei mir ein wenig auffiel, daß sie wohl Vally
-war, zugleich aber auch Regina, dann wieder
-die Ungarin, die hier in der fremden Stube schlief.
-Aber wie liebte ich die drei Frauen in der <em>einen</em>
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-Gestalt! Wie waren sie wirklich <em>ein</em> Wesen,
-mächtig seiend eine in der andern! Freilich, irgendwo
-in der Tiefe, wo der Traum selber zu
-träumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller
-Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen
-ließ; aber auch das ging vorüber. Sie versteht
-kein Deutsch, ich kein Madjarisch, fuhr
-es mir durch den Sinn, und dieser Gedanke gab
-mir unendliche Freiheit; selig fühlte ich meine
-Schwere in mich zurückkehren. Dabei löste
-sich eine blaue, aus innen leuchtende Wolke
-von uns ab, stieg empor und entfernte sich
-bis zum Horizont hinaus. Wir standen auf und
-betrachteten aufmerksam dieses Gewölk, an
-dessen Rande sich lange Reihen winziger blinkender
-Wesen, Insekten ähnlich, entwickelten.
-Sie näherten sich und wurden dabei groß und
-kriegerisch. Am Ende waren es wirkliche Soldaten
-mit silberblauen Stahlhelmen, von rotgeflügelten
-Generalen geführt; in schräger glänzender
-Flucht zogen sie zahllos über uns hin und
-durch uns hindurch wie durch Rauch. Auf einmal
-stand Wilhelm neben mir, zur Reise gegürtet,
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-einen Stab in der rechten Hand, in der linken
-einen Teller mit dem Fisch. Ich stand auf, gab
-dem Knaben zu essen und aß dann selber. Kaum
-hatte ich einen Bissen hinuntergeschluckt, da begann
-ich zu begreifen, daß es doch eigentlich
-drei verschiedene Frauen gewesen waren, die ich
-umarmt hatte, und das bekümmerte mich sehr.
-Wilhelm aber ließ mir keine Zeit zu grübeln, &ndash;
-&bdquo;Vater, es ist Zeit!&ldquo; rief er und stieß ungeduldig
-den Stab auf den Boden. Wir gingen einer Ferne
-entgegen, die ganz in Flammen stand, da machte
-ich die Augen auf und sah in ein helles Ofenfeuer
-hinein. Die junge Frau setzte gerade einen
-großen Kessel auf die zischende Platte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Alle sind nun aufgestanden; bloß die zwei Mädchen
-schlafen noch. Der Adjutant wünschte guten
-Morgen und fragte, ob es mich nicht sehr ermüde,
-immer so viel in mein Heftchen zu kritzeln; er
-zerbreche sich den Kopf darüber, was ich denn so
-Merkwürdiges zu verzeichnen habe, im Grunde
-sei der ganze Feldzug doch ein gräßlich langweiliges
-Einerlei. Übrigens möge ich doch vorsichtig
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-sein und keinerlei militärische Tatsachen
-erwähnen, wir kämen in ein schwieriges, unübersichtliches
-Gelände, da seien die größten Überraschungen
-denkbar, und falls ich das Unglück
-hätte, in Gefangenschaft zu geraten, könnte wohl
-Schaden entstehen. Es gelang mir, ihn zu beruhigen.
-&ndash; Die junge Frau hantiert noch immer am
-Herde. Von allen Gesichtern, die mir bisher in
-diesem Grenzgebiet begegneten, hat sie das feinste,
-klarste, entschiedenste; nichts Verschwommenes,
-nichts Liegengebliebenes findet sich darin;
-es verhält sich zu vielen anderen wie die Ausführung
-zu den Skizzen. Meine Müdigkeit von
-gestern ist verflogen, die ziemlich wunden Sohlen
-beinah geheilt. Gewiß ist es die gesunde Urnähe
-des Weibes, die den Schlaf so erquickend gemacht
-hat. Die Winterluft schmeckt, als wäre ein säuerliches
-Mineral darin aufgelöst. Die Sonne saugt
-am bläulich morschen Mond. Im Osten schimmert
-himmelgelb das Eis der Sulta. Auf einmal
-beginnen die Kanonen zu schlagen, da werden
-die Kinder wach.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-57">
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Sulta-Tal, elf Uhr vormittags
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Um acht Uhr waren wir abgerückt und in kaum
-einer Stunde nach Sóstelek zurückgelangt. In
-den Höfen sah man die Bewohner arbeiten; Knaben
-bauten einen Schneemann. Staunendes Gedränge
-war um ein österreichisches Brigadequartier;
-hier hing, an den Hintertatzen aufgeknebelt,
-eine riesige tote Bärin zwischen ihren zwei Jungen
-von der Altane herab, und eben erhoben
-zwei Husaren lange Messer, um die Tiere aufzuschneiden.
-Soldaten und Volk, darunter viele
-Weiber mit mohnroten Kopftüchern, sammelten
-sich um das ungewöhnliche Geschäft, und niemand
-verlor einen Blick an unseren eiligen alltäglichen
-Zug.
-</p>
-
-<p>
-Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte
-Landschaft unter waldigen Hügeln hin, aus denen
-graue Holzhütten preußischer Pioniere wie Klausen
-von Einsiedlern hervorsahen; es war, als
-gingen wir mitten in ein altes Bild hinein und
-würden ein Teil davon. Der Luft war etwas Föhn
-beigemischt; abgleitender Schnee hing locker
-wie Tuch von starken Ästen. Das Tal ist voller
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-Vögel; wir sahen Raben, die immer sonderbare
-Seitensprünge machten, als ob ihnen jemand auf
-die Zehen träte; Dompfaffen, die Brust wie blutend,
-überflatterten die Straße. Auf einmal bog
-sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen,
-und bald, im verengten Flußbett, verkündete sich
-wieder der Krieg. Zerbrochene Räder und Lafetten
-standen aus dem Eis, daneben Geschützrohre
-mit verkrümmten und zerrissenen Mäulern.
-Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und
-Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin,
-fast schneefrei, lag ein vollkommenes Pferdegeripp,
-noch alle vier Eisen an den Hufen, das
-Ganze wohl mehr vom Frost als von den mürben
-Kapseln der Gelenke zusammengehalten, von
-Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut
-am Schädel das einzige, was den spitzen Schnäbeln
-der zierlichen Vögel noch abzupicken bleibt.
-Fast hätten wir daneben einen schön gesäuberten
-und gebleichten Totenkopf übersehen, auf dem
-noch verwegen die Rumänenmütze sitzt; was
-etwa sonst noch von dem Manne übrig ist, liegt
-im Schnee verborgen. Etliche behaupteten, von
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-links her Gefechtslärm zu hören, auch mir kam
-es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es
-für bedenklich, in der engen, blickverstellenden
-Schlucht vorzurücken, da doch niemand genau
-die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben,
-zunächst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das
-Tal östlich absperrt. Er heißt Vadas; die Russen sollen
-sich vorgestern auf seinem Gipfel verschanzt
-haben. Einmal teilt sich die Straße, um gleich
-wieder zusammenzulaufen; in der Gabelung steht
-eine Dampfbrettersäge mit ausgedehnten Seitengebäuden.
-Massen deutscher und österreichischer
-Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem
-Fug rügte der Major, daß dieser Vorrat, in dem
-ein einziges Feindgeschoß unermeßliche Wirkungen
-auslösen könnte, noch nicht geräumt
-werden sei. Woher aber hätte man in den zwei
-Tagen Fuhrwerke, Gäule und Leute genug nehmen
-sollen, um alles zurückzuschaffen? So blieb
-auch uns nichts übrig, als tadelnd vorbeizuziehen
-und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben
-Stunde hatten wir die bretterne Hütte erreicht,
-in der ich jetzt mit meinen Leuten hause. Sie
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet.
-Stabsarzt S., den ich ablöste, erzählte sehr
-überzeugend seine Erlebnisse von den letzten
-Tagen. Einige Züge seines Bataillons hatten gerade
-das Dörfchen Sulta besetzt, das hinter dem
-Vadas liegt, als die Russen, die man auf der
-Flucht glaubte, zurückkehrten und mitten im
-Schneegestöber mit höchstem Ungestüm angriffen.
-Ein deutscher Zugführer fiel; seine meisten
-Leute wurden gefangen oder getötet. Der Arzt
-konnte sein Quartierhaus gerade noch durch die
-Stalltür verlassen, als bereits ein tscherkessischer
-Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeißglas,
-Verbandtasche und ein unersetzbar schöner Pelzmantel
-mußten zurückbleiben. Am folgenden
-Morgen brachten pfälzische Truppen den feindlichen
-Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel
-ist verloren. Übrigens bezeichnet S. die beiden
-hier im Tälchen verbrachten Tage als reine
-Erholung; kein Schuß ist bis jetzt hereingefallen.
-Freilich, meinte er lachend, könne diese verwunderliche
-russische Friedsamkeit auch von dem
-schwierigen und ganz verschneiten Gelände kommen,
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-das die Beförderung der Geschütze sehr
-verlangsame. Unser Major meinte, mit seinen
-Fernrohren überblicke der Gegner das Tal bis
-in die letzten Winkel, er werde nicht lange dulden,
-daß wir uns hier herumtummeln. &bdquo;Der Assistenzarzt&ldquo;,
-entschied er, &bdquo;geht auf alle Fälle bis
-zum Fuße des Vadas mit. Wir bauen dort einen
-Unterstand ein; es kann keine besser geschützte
-Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich
-Ihnen nicht entgegen sein.&ldquo; Ich hatte mir indessen
-schon die Verteilung des Raums zurechtgedacht
-und fand allerlei Gründe für mein Bleiben,
-merkte aber, daß mich der Alte ungern zurückließ.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-58">
-Abends neun Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Es ist ruhig; weder Kranke noch Verwundete
-kommen, selten fällt auf dem Berg ein Infanterieschuß.
-Ich verfaßte mit Raab den fälligen Rapport,
-begann auch noch Briefe zu schreiben, aber
-der Schlaf wird übermächtig. Die Hütte ist voll
-Tabaksqualm; das Paraffinflämmchen leuchtet
-schlecht und schneidet mir böse Gesichter. Alle
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-haben sich schon hingelegt; nur Kristl schnitzt
-noch Schienen. Er tut immer still und willig,
-nur manchmal etwas ängstlich, seinen Dienst.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-59">
-Freitag, 15. Dezember morgens
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Im Traum sah ich eine schwarze Wolke, die
-sich um den Vadasgipfel legte, und ging nach
-dem Erwachen gleich hinaus, um zu sehen, ob
-sich der erste Traum im neuen Haus erfülle. Die
-Luft ist aber noch durchsichtiger als gestern;
-der Frost, mit gläsernen Pranken, tritt weit in
-das fließende Wasser hinein. Verwundete sind
-gekommen mit schlimmem Bericht; unverhohlen
-freuen sie sich ihrer durchschossenen Hände und
-Arme. Die Tscherkessen haben den ganzen Gipfelwald
-mit Stacheldraht umflochten; unangreifbar
-sitzen sie hoch über der deutschen Stellung,
-die sie durchaus überschauen. Die Unsrigen müssen
-bei Tage wieder geduckt hinter Felsbrocken
-liegen; der gestrige Nachmittag kostete fünf Leuten
-das Leben. Im Tälchen ist es noch still. Ich
-habe mir Wein eingeschenkt und krame wieder
-einmal in Glavinas Zetteln. Leider sind mehrere
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-verloren gegangen, und ich muß wieder manches
-aus dem Gedächtnis hervorspinnen, wobei
-wie von selber viel Eigenes dareinfließt. Was
-tuts! Genügen vom Kalium permanganicum
-doch zwei, drei Körnchen, um ganze Krüge
-Wassers rot zu färben.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-60">
-Elf Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Major und Stabsarzt haben doch recht vermutet:
-die Russen beginnen leichte und mittlere Kaliber
-auf die Straße zu werfen, schon sind ihnen einige
-Fußgänger zum Opfer gefallen. Viel gelacht
-wurde vorhin über einen jungen Fußverletzten
-vom Vadas, der hartnäckig erklärte, nicht laufen
-zu können und sich darauf versteifte, daß er nach
-Sóstelek getragen oder gefahren werden müsse,
-beim ersten Granateinschlag aber wie ein Wiesel
-davonlief. Rehm und Raab glauben, unser Hüttchen
-werde bis in einer Stunde nicht mehr stehen.
-Meldung an den Major; Anfrage, ob wir nunmehr
-den Verbandplatz zum Vadas vorverlegen
-sollen. Rehm erbietet sich, das Blatt zu befördern,
-bedingt sich nur aus, daß er allein gehen
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-dürfe. Auf einen einzelnen Mann, meint er, werde
-Artillerie schwerlich schießen. Ich gebe ihm den
-Rest des Weines mit und lasse zusammenpacken.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-61">
-Zwölf Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der
-Schluchtwand; ich glaube, der Platz ist gut gewählt,
-eigentlich kommt weit und breit kein anderer
-in Betracht. Die Russen möchten uns gerne
-herausschießen und sparen keine Munition;
-Raab, als alter Artillerist, weiß uns aber zu überzeugen,
-daß es nicht gelingen kann, sie mögen
-zielen wie sie wollen. Ich hätte bei einem Haar
-den Augenblick verpaßt. Raab wird nicht müde
-zu schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt
-habe, daß es an der Zeit sei, den Platz aufzugeben,
-ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt,
-ihnen vorauszugehen befohlen und unverzüglich
-zu folgen versprochen, dann aber muß mich wohl
-Glavinas dunkle Rede länger festgehalten haben,
-als mir bewußt war. Draußen fuhr eine Granate
-nieder, die blind im Boden stecken blieb. Das
-Gebäudchen schwankte krachend; Staub und
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-Schutt fielen auf das Papier. Ich sah mich um
-und war allein, hörte aber fernher meine Leute
-nach mir rufen. Sie konnten sich übrigens des
-Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken
-Hand meine Blätter, in der rechten das halbvolle
-Weinglas, durch die Sulta zu ihnen hinüberstieg.
-Bald kamen weitere Schläge, und wie ein Kartenhaus
-flog die Bretterbude auseinander.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-62">
-Zwei Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Rehm ist heil zurückgekehrt. Der Major befiehlt,
-in der nächsten Feuerpause den Verbandplatz
-nach Sóstelek zu verlegen. Dort, meint er, könnten
-wir mehr nützen als anderswo, Beschäftigung
-werde nicht lange fehlen. Rehm sagt, er habe
-sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher an
-ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen
-Leuten erkundigt und sich über unsere Erhaltung
-sichtlich gefreut, im übrigen leider sehr
-gealtert und bekümmert ausgesehen. Auch Leutnant
-H. sendet Grüße; von seiner Stellung aus
-hat er die Talbeschießung verfolgt, freilich nur
-mit einem einfachen Fernglas, und uns alle tot
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-oder verwundet geglaubt. Noch ist kein Gefecht
-im Gang, die Lage aber unerträglich; falls der
-Tscherkesse nicht angreift, muß er angegriffen
-werden. Nächste Nacht sollen schwere Minenwerfer
-hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz
-zu zerstören. Bei uns ist es ruhiger geworden;
-selten fällt noch ein Geschoß. Verzeichnen muß
-ich ein Gerücht, als habe der deutsche Kaiser den
-Feinden Frieden angeboten. Wir bereiten uns
-zum Gang nach Sóstelek.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-63">
-Drei Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-In künftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und
-in der Luft, werden sich gewiß absonderliche
-Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige
-schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten
-die Russen ihr Schießen eingestellt; bei tiefer
-Stille waren wir, in gehörigen Abständen, zurückmarschiert
-und etwa fünfhundert Schritt bis
-an das große Sägewerk herangelangt, als eine
-der preußischen Batterien, die nahe vor Sóstelek
-stehen, zu schießen begann. Sie muß dem Gegner
-etwas Arges angetan haben; denn auf dem
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-Fuße, Schlag um Schlag, erfolgte maßlose Gegenwirkung,
-und bald konnten wir uns nicht mehr
-darüber täuschen, daß auch unser kleiner Zug
-aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die
-Umkehr, doch schien sie fast bedenklicher als
-der Weitermarsch, und so liefen wir denn fort,
-auf das Gebäude zu. Viele Geschosse schon waren
-uns nachgerasselt, das letzte gerade noch
-fehlend, da kam eines, dem gleich nach dem Abschuß
-anzuhören war, daß es auf uns zuhielt.
-Funken flogen auf, und während ich mir mit
-beiden Händen den Hinterkopf zu schützen
-suchte, war ich niedergeworfen und von Erdklötzen
-halb eingegraben, dann trat Stille ein.
-Glieder und Gelenke prüfend, erkannte ich mich
-als unverwundet, stand auf und sah nach den
-übrigen. Rehm, behangen mit Erde und Eis,
-die Wangen leicht blutend, richtete sich eben
-empor und lächelte mich etwas betreten an; die
-andern standen seitlich, wie Statuen an die Felsen
-gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen
-Trichter, der nun in ganzer Breite die Straße
-unterbricht. Ernstlich verwundet war niemand.
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-Jetzt schien sich die russische Wut von uns abzuwenden,
-und froh des glimpflichen Ausgangs
-wollten wir unsern Weg fortsetzen, da geschah
-etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die
-Säge hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine
-Explosion erfolgte, dann eine zweite, dann fünf,
-dann unzählbare, und überall aus Dächern und
-Wänden zwängten sich die Flammen. Wären wir
-in diesem Augenblick mit aller Kraft weitergerannt,
-wir wären gewiß noch durchgekommen
-und säßen vielleicht beim Bärenschmaus in Sóstelek.
-Aber ohnedies noch leicht betäubt, sahen
-wir uns nur mit schauderndem Vergnügen das
-Ereignis an und versäumten die günstige Minute.
-Die Gegner ihrerseits begriffen schnell, was sie
-angerichtet hatten; übermütigen Knaben gleich,
-schossen sie wie rasend in den Brand hinein, und
-noch immer, in schrecklich langsamer Steigerung,
-entladen sich unaufhörlich die massenhaft
-aufgeschichteten Patronen, Handgranaten,
-Schrapnelle, Granaten und Minen. Wir brauchen
-uns nicht an die Wände der Schlucht zu schmiegen;
-die starken Luftwellen pressen uns an. In
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-uns und um uns ist ein Summen und Beben,
-als würden Luft, Gestein und wir selber gleichmäßig
-elektrisiert. Die Sprengstücke fliegen weit.
-Dem Gefreiten Junker hat ein Splitterchen die
-Ohrspeicheldrüse durchschlagen; das Blut spritzt
-in langem dünnem Strahl in den Schnee, ist aber
-leicht zu stillen. Mir ist die linke Hand geritzt;
-es blutet wenig. An der Säge selbst, besonders
-nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen
-geben. So hat uns der Feind gewissermaßen
-eine Festung in den Weg gesetzt, an der
-wir nicht vorbeigelangen können. Immer noch
-zürnt er gewaltig; unsere fernversteckten Batterien
-fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie nicht
-und rächt sich an den paar Leuten, die er sieht.
-Der kleine Lüttich, vielleicht von einer Art Platzangst
-erfaßt, kam auf den Einfall, aus der Schlucht
-herauszuklettern und das offene Gelände zu erkunden;
-er ist mit zerschmetterter Schulter zurückgekehrt.
-Die schlecht verwaltete Festung
-drüben fährt fort, zu verschwenden; bald wird sie
-sich ausgegeben haben. Schließt man die Augen,
-so hat man das Gesicht einer fürchterlichen, auf
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-kleinsten Raum zusammengeballten Schlacht,
-von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein.
-Wie langsam rückt die Sonne! Aber auch
-durch böse Stunden läuft der Zeiger. Um fünf
-Uhr muß es dunkeln. Um sieben Uhr können
-wir in Sóstelek sein.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-64">
-¾4 Uhr
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Sonne verläßt schon die unteren Felsen. Man
-friert nicht; der Brand wirkt herüber, Schnee
-tropft vom Gestein. Auch die rings aufgeschichteten
-Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen
-dauern an. Oben am Gipfel ist man noch wachsam.
-Rehm glaubte nicht mehr an die Gefahr,
-ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen,
-erhielt Feuer, kehrte zurück, unverwundet.
-Über uns ist starre Klarheit; das Föhnige
-hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher
-Birke wippt ein winziger grauer weißbauchiger
-Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige, hüpft
-er unermüdlich auf und ab. Keiner der Genossen
-ist niedergedrückt. Ja, die gepreßte Stunde, wo
-Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist, als
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-festige und läutere sie den Grundstoff der Naturen,
-und wie eine schlechte Bleiglocke, getaucht
-in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt wie eine
-silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten
-Wesen zu tönen. Mancher erzählt von seiner
-Kindheit, und fast jeder will einen anderen beschenken.
-Von Kristl befürchtete ich sehr einen
-Rückfall in die Verstörung; aber er ist ganz gelassen.
-Den Lüttich hat er aufs beste verbunden,
-dann aus Brot einen drolligen kleinen Bären geknetet
-und ihm eine von seinen Goldmünzen
-ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt er
-das Figürchen in einer Felsennische auf, die will
-er mit Hölzern und Kieseln zubauen, einmal
-werde schon jemand das Bärlein finden, und es
-solle ihm gehören samt dem Goldstück, auch
-wenns ein Rußki wäre. Lüttich, unter Morphium
-gehalten, schläft. Mir aber vertreiben die Sprüche
-des Toten die Zeit. Um einigen Überblick zu
-bekommen, las ich sie einmal alle nacheinander
-herunter, zuerst leise für mich, bis ich merkte,
-daß die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich
-ihnen, daß es ein Gedicht sei, das man bei dem
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-gefallenen Glavina gefunden habe, und wiederholte
-mit lauter Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas,
-ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen-
-und Wacholderflur!
-</p>
-
-<p>
-Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten
-sie hin auf den fremden Steinen, wo kein
-Eichbaum grünt.
-</p>
-
-<p>
-Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker.
-Habet acht, o Freunde! Seht ihr einen Sterbenden,
-demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe,
-keine Flüche denke! Bald ist alles Vorspiel nur.
-Alle gehn wir morschen Weg. Tote Hände, bedeckt
-sie mit Wacholderzweigen bläulich düster!
-</p>
-
-<p>
-Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden
-mit anderer Stimme ruft Gott. Ein grader Wandel
-ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest,
-selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam
-wie die Gemse schläft!
-</p>
-
-<p>
-Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein
-traf die Länder. Kaum atmet noch der Glühende,
-der vom Pol her den Fluch-Engeln wehrt.
-</p>
-
-<p>
-Unsern Schlaf überschleicht ein stummer
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-Mut-Ermüder, Vogel von Antlitz, doch nicht
-beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische
-Kräfte verströmend. Wollüstig alle beugt er, selbst
-unbeugbar.
-</p>
-
-<p>
-Die strengen bindenden Worte fallen aus Kindes
-Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher
-aus dem Heiligtum.
-</p>
-
-<p>
-Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf
-überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar und
-Beter, und abgesprengt, noch klingend vom
-Pilger-Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend,
-schwimmt die Brücke.
-</p>
-
-<p>
-Der Geist wird stehn vor der Tür seines eigenen
-Hauses und nicht heim finden. Gras wächst auf der
-Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen Seele
-ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis,
-und alle Lust wund und wirr wie der Fisch unterm
-Eise sich freut.
-</p>
-
-<p>
-Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab
-die kleinen Träume! Stifte klares Vergessen!
-Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor
-du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe
-nicht bei deiner Braut!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Selig, wer Flügel regt mitten in Zeiten-Gruft! Heil
-schöpft er aus Unheil. O, und wenn Welt vergeht
-und neue erst unkenntlich gärt, immer dann
-schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und
-voll Hellgesicht, wo Rhythmus-Woge Geister
-hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun
-erst recht sich freun des Flugs!
-</p>
-
-<p>
-Sonne, die große Seele, weiß nichts von Auf-
-und Untergang, und brennt sie nicht in uns?
-Geschieht nicht stündlich fern und nah beherzte
-Liebestat? Das Innig-Ewige, wehts über Meere
-nicht von Stirn zu Stirn als wie ein Hauch? Und
-sinds die zarten Hauche nicht, aus denen Gott-Sturm
-wächst?
-</p>
-
-<p>
-Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht länger
-auf Bergen, besucht von toten Sehern, bei
-Adlern wolkenfeucht! Erscheinen herztrunken,
-wo bei verloschnen Herden Geschwister glühend
-harren! Wecket, weckt uns den Ruf!
-</p>
-
-<p>
-Wie soll auferstehn, was nie begraben ward?
-Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem
-Schutte das oft zerbrochne Menschenbild!
-Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude!
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-Ihr kündet keine neue Lehre; schon viel ist uns
-gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und
-Urnacht naht ihr euch singend. Wen ihr grüßet,
-der ändert sein Leben. Euer himmlisches Lied
-geht über in jedes Gewissen.
-</p>
-
-<p>
-Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel.
-Der Gefesselte lenkt seinen Feßler, und beide
-erkennen die Freiheit.
-</p>
-
-<p>
-Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in
-Unterwelt, mit Milch und Korn sparsam genährt,
-sich als ein Bleibender wandelt, suchet
-am Sonntag ihn heim! Saget auch ihm Gefahr
-und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag er
-dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen!
-Nur was ihm zukommt, behält er.
-Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule
-des ewigen Brandes, die Nahrung der Geister
-zu mehren.
-</p>
-
-<p>
-Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter
-Zeit hinterlasset ihr Zeichen einander, sogar in
-Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am
-Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und
-sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel,
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-schreibt auf weißen Fittich pupurne Liebesrunen.
-</p>
-
-<p>
-Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas,
-ein Mal unsern Toten auf der bereiften Felsen-
-und Wacholderflur!
-</p>
-
-<p>
-Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel
-aber ist Frühling. Die Haut der Birke wird bräunlich
-und blättert ab, darunter schimmert silbern
-schon die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in
-fremde Felder, &ndash; was quillt aus unserm Tod?
-</p>
-
-<p>
-Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn
-mit beständigem Licht! Vielleicht nach Monden
-und Jahren trifft es den reinen Kristall der göttlich
-erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die
-schmilzt nicht mehr; aber wie eine Linse, unwissend,
-biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem
-Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme
-aus uraltem Boden.
-</p>
-
-<p>
-Vermorscht sind schon die Leichen am Berge
-Kishavas, verrostet unsre Schwerter, vergessen
-unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder
-unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert
-sind. Aus wildem Ahnendrang ist lockere
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem
-Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner,
-und die Satzungen sind Gesang.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="date" id="part-65">
-Elf Uhr abends
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das Ganze war mit Schweigen angehört worden.
-Endlich äußerte Raab, er habe nur Weniges recht
-verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz fröhlich
-davon geworden. Die anderen schauten zu
-dem niederbrennenden Gebäude hinüber und
-sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst
-Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf
-einmal und ging stark taumelnd auf die Säge
-zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach;
-er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit,
-schwankte weiter und fiel
-plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir
-holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter
-stak in der linken Schläfe. Um dreiviertel
-fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal aus
-allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang.
-Um fünf Uhr, wie auf Befehl, hörten die Explosionen
-im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein
-Kreuz und schrieb Namen und Datum darauf.
-Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen
-und verwahrt, hierauf begruben wir ihn.
-Der Boden ist bis tief hinab gefroren, wir brauchten
-über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben
-schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir
-Sóstelek.
-</p>
-
-<p class="printer">
-Gedruckt bei Fr. Richter<br />
-in Leipzig
-</p>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="hdr">
-Hans Carossa:
-</p>
-
-<p class="book">
-Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines
-Tagebuchs. <i>Zweite Auflage. In Pappband M 3.50,
-in Halbleder M 6.&ndash;</i>
-</p>
-
-<p class="book">
-Gedichte. <i>Dritte, veränderte Auflage. In Pappb. M 4.&ndash;</i>
-</p>
-
-<p class="book">
-Eine Kindheit. <i>In Pappband M 4.&ndash;</i>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p>
-<span class="large">H</span>ier ist dies Lied einer Jugend: Ein Arzthaus in einem
-oberbayrischen Dorf ist die unruhevolle Umgebung,
-in der ein Ich, eine Menschenseele sich bildet. Die klare
-Epik großer deutscher Erzählerart formt Szene um Szene,
-Bild um Bild in männlich aufrichtiger Realistik: aber
-aus dieser Wirklichkeit steigt bald der Duft der Liebe,
-blühende Lebensfroheit, ernste Gottestiefe. Diese &bdquo;Kindheit&ldquo;
-wird bald zu den klassischen Büchern deutscher
-Offenbarung gehören.
-</p>
-
-<p class="attr">
-Leipziger Neueste Nachrichten.
-</p>
-
-<p>
-<span class="large">D</span>as Buch ist so ohne Anfang und ohne Ende, wie das
-Leben ohne Anfang und ohne Ende ist, und hinter den
-alltäglichen Vorgängen lebt ein Raunen und Wehen von
-dem tiefen Geheimnis, wie der Saft in der Pflanze steigt,
-wie das Blut in den Adern kreist, wie die Erde um die
-Sonne schwingt und wie alles untereinander zuinnerst
-verbunden ist. Ein Buch, das oft zum Aufblicken und
-Augenschließen und Nach-Denken, Nach-Fühlen zwingt,
-ein beseeltes Buch ist es, das von innen heraus ganz
-eigen leuchtet.
-</p>
-
-<p class="attr">
-Frankfurter Zeitung.
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="pub">
-INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-</p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH ***
-
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-
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