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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Rumänisches Tagebuch - -Author: Hans Carossa - -Release Date: October 9, 2020 [EBook #63410] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - Hans Carossa - - - - - Rumänisches Tagebuch - - - 1924 - Im Insel-Verlag zu Leipzig - - - »Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!« - - - - - - -_Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916_ zerbrach ich am Waschtisch -den kleinen geschliffenen Spiegel der Madame Varniers und ging zu ihr, -um mich zu entschuldigen und Bezahlung anzubieten. Gewiß war der alten -Frau sehr leid um das hübsche Stück; sie ließ aber nichts merken und -versetzte lächelnd, es habe gar nichts zu sagen, wo doch die halbe Welt -in Trümmer gehe, was liege an einem Spiegel? Dann zählte sie die vielen -Besitztümer auf, die ihr im Kriege vernichtet worden, und alles »pour -rien«! Zum Glück war eben eine Sendung Schokolade-Makronen aus München -gekommen; ich gab ihr die volle Schachtel, die sie ohne Umstände in ihre -zittrigen Hände nahm und sogleich davontrug, um sie mit ihrem Manne zu -teilen. Später, gleichsam als Gegengabe, stellte sie mir ein -Zierbäumchen ans Fenster, eine Art Araukarie, dem Wuchse nach an eine -Fichte erinnernd, starrend von harten schwarzgrünen Blättchen, die sich -aufsträuben, als warnten sie jeden, sich an der strengen Schönheit des -Ganzen zu vergreifen. Von Zeit zu Zeit kommt sie wieder herein, tritt -zum Bäumchen, pustet über die Zweige hin, als läge Staub darauf, -trommelt eine Weile mit den Fingern an den Scheiben, seufzt, murmelt -etwas vor sich hin und geht wieder. Von der Somme herunter donnert es in -unsern Müßiggang; es klingt, als wäre im Kamin ein stark loderndes -Feuer. Alle Fenster klirren; die Türen, wie von Zornigen geworfen, -schlagen auf und zu. - - * * * * * - -Ich reite nun wieder täglich nach dem Dienst gegen Guiscard hinaus und -bilde mir dann ein, die See zu wittern, als käme mir ein Gruß aus der -freien großen Welt, von der uns Deutsche das Geschick ausgeschlossen -hat, wer weiß, für wie lange. Gefühl der Meeresnähe, ja, das ists, was -mir diese Landschaft ein wenig verklärt, in der sonst nicht gut wohnen -ist für unsereinen, so abgewandt ist jeder Baum, jeder Stein. Das immer -ein wenig verstimmte Blau des Himmels über den leeren Flächen und -flachen Hügeln, die gepflasterte Heerstraße, die Bonaparte mit dem -Lineal gezogen hat, die grauen, wie Negerhütten spitzdächigen -Streuschober, auf denen uns Raben und Elstern beobachten -- es kann uns -alles an nichts gemahnen und verrät uns nichts von seiner Innigkeit, die -man doch manchmal ahnt. Wären nicht die deutschen Bauernsöhne, die das -allen heilige Erdreich pflügen, und unsere jungen, starkbrüstigen -Pferde, die, frei von Zaum und Sattelzeug, in den Hürden grasen, der -Blick hätte nirgends ein freudiges Ruhen. - - - - - 5. Oktober - - -Die Division verlangt einen Bericht über unsere Gefechtsstärke. Die -Gasmasken sollen abermals geprüft werden. Das ganze Bataillon wird -morgen gemustert, und ich muß alle Mannschaften aussondern, denen ich -nicht genügend Kraft zu großen Leistungen zutraue. Sie kommen zu den -Ersatzbataillonen; die bleibenden werden gegen Cholera geimpft. Über das -Wohin verlautet nichts. Die Schutzimpfung gegen Cholera spricht für den -östlichen Kriegsschauplatz. Offiziere und Mannschaften sind, wie vor -jeder Veränderung, sehr aufgeräumt, obgleich ihnen Maurepas noch in den -Nerven zittert. Alle verwünschen schon wieder die sogenannte Ruhe mit -karger Kost, unaufhörlichen Besichtigungen, Übungen, Appellen, Alarmen -und Ehrfurchtsgebärden vor unversehrten Uniformen. Viele sehnen sich -wieder nach dem gefährlicheren und härteren, aber würdigeren und -freieren Leben vor dem Feind. - - - - - Abends - - -Eben las ich zum drittenmal Vallys Brief, der fast nur von dem kleinen -Wilhelm handelt. Wie schön ist es doch, wenn ein Mensch dem andern durch -feinste, beleuchtendste Züge versäumte Gegenwarten ersetzen möchte! -Neulich, während eines heftigen Sturms, läuft der Knabe im Garten von -Staude zu Staude, greift schließlich in eine Buchshecke hinein, wo der -Wind gerade am stärksten wühlt, preßt die Hand fest zusammen und rennt -zur Mutter: »Jetzt hab ich den Wind gefangen«, schreit er in atemlosem -Entzücken, indem er vorsichtig die Faust öffnet, und ist sehr erstaunt, -weil da nichts zu sehen ist, als ein paar Blätter und Stengel. - - - - - 8. Oktober - - -Die Musterung dauerte den ganzen Tag. Den Abend verbrachte ich mit -Leutnant T. in seinem Quartier. Er war verdrießlich, weil er solche -Massen abgehender Briefpost zensieren mußte, und gestattete nach einigem -Knurren, daß ich ihm wieder ein wenig dabei half. Kein Brief darf -durchkommen, durch den die bevorstehende Ablösung verraten werden -könnte. Fast unwillkürlich suchte ich nach der steilen, klaren -Handschrift des jungen Glavina, der oft an seine Freunde so wunderliche -Sätze schreibt. »Was wäre das für eine geistige Einheit, die wegen der -Explosion einer dummen Granate gleich auseinanderspränge?« las ich -diesmal. - - - - - Pronville, 9. Oktober 1916 - - -Um drei Uhr früh weckte mich Rehm. Ich trank den Tee im Bett, blieb noch -eine Viertelstunde liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging schnell. -Einige Bildchen ließ ich, den Dämonen zum Opfer, an der Wand hängen. -Wilhelms Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb wie ein Vogel, -nahm ich am Ende doch mit. Beinah wäre die rote Wachshand der kleinen -Regina in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das Kästchen gestern -beim Umräumen übersehen. Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern für -Einfälle kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter schuld daran. Warum -zwang sie das Mädchen, eine wächserne Hand auf den Mariahilfberg zu -tragen? Da wars kein Wunder, daß Regina dachte: der Doktor hat mehr Mühe -gehabt als die Mutter Gottes, warum soll er leer ausgehn? Daß ich die -Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich ein Verlangen. Aber -schließlich schleppe ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists -Aberglaube; auch der hat viel Gewalt. - -Die alten Varniers waren bereits aufgestanden und angekleidet, als ich -in die Küche kam, um Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie wehrten -ab, -- »on remplit son devoir«, sagte die Dame höflich. Doch drückten -wir uns kräftig die Hände. Um halbfünf Uhr, bei Finsternis, rückten wir -ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In sehr langsamer Fahrt, über -Cambrai hinaus, verging der kurze Tag; es dunkelte schon wieder, als der -Marsch nach Pronville begann. Der Mond stand hinter Wolken; doch ferne -Felder schimmerten von ihm. Im Winde war ein Gurren wie von Lachtauben; -dürres Laub lief über den Boden wie Mäuse. Von der Somme her tost es wie -Weltuntergang; von tausend Mündungsblitzen und Leuchtraketen fiebert der -Himmel. - -Um Mitternacht, auf der Landstraße, aßen wir bei den Feldküchen Bohnen -und Büchsenfleisch; das war Mittag- und Abendessen zugleich und -schmeckte köstlich. Gern hätte man sich den Teller noch einmal füllen -lassen; aber die Vorräte sind bedenklich knapp geworden, und der -Mannschaft ein Beispiel tüchtigen Hungers zu geben, kaum rätlich. -Während wir noch aßen, zersetzte sich das Gewölk zu Flocken; der Himmel -»häutete sich«, wie wir in Bayern sagen, der Mond wurde frei. - -Die Straße ist voll ziehender Kolonnen; erst kommt preußische -Infanterie, bringt böse Kunde, Maurebas verloren, Péronne gefährdet, -klagt über viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie, ja ohne die -ungeheure Leistung der Infanterie, meint ein Offizier, wäre die Front -gewiß bereits durchbrochen. Bald hierauf kommen preußische -Artilleristen, bestätigen die schlimmen Nachrichten, schmälen über das -arge Nachlassen der Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle -herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie ganz allein halte noch -die Front. - -Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern fröstelnd -hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. Einige von unseren jungen -Tapsen nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln zusammen, möchten -gerne wissen, wieviel sie drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann -Friede werde und dergleichen. Die Fremden scheinen nicht recht zu -verstehen; ihre bleichen Gesichter starren undurchdringlich im -Mondlicht, und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten Lande, ist es -ihnen kaum zu verdenken, wenn sie der naturhaften süddeutschen -Zutraulichkeit wenig entgegenkommen. - -Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg in Ruhequartiere. -Infanterist Wimmer von der 6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß, -rennt mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet jedem -Artilleristen mit der Taschenlampe ins Gesicht. »Licht aus!« ruft man -ihm zornig zu. »Es sind ja die Achter!« schreit er verzweifelt; »bei -denen ist mein Vater Kanonier«, dreht aber das Lämpchen doch ab. Zum -Glück wird bei den Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es durch -eifriges Fragen wirklich, den Kanonier Wimmer zu finden. Er ist ein -hagerer, schon ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht voll -kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; der Mondschein fiel gerade -auf ihn, so daß ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude groß -wurden. Die beiden schauten sich an, hielten sich bei den Händen, kamen -lange in kein Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen Zusammentreffen -läuft schnell herum, und man zieht sich zurück, um die zwei nicht zu -stören. Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus der Tasche und gibt -es dem Sohn. Die Kompagnieführer verzögern den Abmarsch; endlich aber -ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, schon eingereiht, gibt im -Augenblick des Abmarsches seiner Ergriffenheit unwillkürlich den -einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen Form zur Verfügung -sieht: er macht vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte -Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge bekleidet, eine -rührende Gebärde, die unter den anderen ein leises gutmütiges Lachen -hervorruft. - -Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich wurde in ein -schloßartiges, parkumgebenes Gebäude verwiesen. Auf dem Flur erschien -ein Offiziersdiener, der mir vertraulich riet, lieber in die -Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere Räume frei, hier dagegen -wimmele es von Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, daß der -Bursche auf einen Zweck hinredete. Sein Herr hatte bis jetzt in zwei -Zimmern recht bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir einräumen, -und diese Pein suchte der treue Diener von ihm abzuwenden. Auch Rehm -durchschaute den Schlauen und überhob mich der Antwort, indem er -freundlich erklärte, wir fürchteten uns nicht vor Läusen, es könnte -sogar sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener wie ein mit -Weihwasser besprengtes Gespenst verschwand. - - - - - 12. Oktober - - -Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers Quartiers entdeckt -worden; der Jubel war ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam, -behandelte die Sache sehr dienstlich; vor aller Augen sollte der Schatz -im Hof auf Zeltbahnen geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert und -unter die Kompagnien verteilt werden. Der Feldwebel, der die Käse -zählte, bemerkte, daß sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog -sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich aber als unmöglich -herausstellte; die Masse war wie verbeint. Schweigsam standen die -Soldaten umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten Schalen -mochte sich jeder ein fettes, weiches Gelb erträumt haben, und noch gab -keiner seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht mehr, zogen auch -ihre Messer und stachen in die nächsten Rotköpfe, fanden aber den -gleichen Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige mit Hohnrufen, -andere mit verzichtenden Mienen, als wüßten sie schon, daß ihnen nichts -Gutes gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors aber widerstrebte es, -den froh begrüßten Fund preiszugeben; er befahl, die Käse -auseinanderzusägen, indem er hoffte, sie würden sich wenigstens auf -Parmesanart zerpulvern lassen. Aber das Innere zeigte sich nicht nur -durchaus fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen -Zersetzungsnetz durchzogen, das freilich gleichfalls der Verhärtung -anheimgefallen ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, gingen jetzt -ärgerlich lachend auseinander, ohne sich jedoch zu äußern; nur -Infanterist Kristl mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden Grimm -entladen, indem er vorschlug, die Käse doch an des Kaisers Hoftafel nach -Spa zu schicken. Er sprach so laut, daß der Major es hören mußte; der -aber weiß ja längst, wie gerne Kristl in ein Strafverfahren verwickelt -würde, um auf Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen, und so nahm er -von dem frechen Wort keine Kenntnis. - -Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit den roten Kugeln im Gang. -Auch Kristl beruhigt sich. An einem Baum lehnend schnitzt er aus einem -abgesägten Stück eine Tierfigur, durch kluge Verwertung der -Schimmelstreifen schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch zu -brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig wirft er sie auf den -Kies. - -Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten Wolken stehen -schräge breite Strahlen wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume entsteht -eine neue Schlacht; viele glauben, daß man uns dort einsetzen wird. Eben -hüpft aber ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische Front -bestimmt. Feldpost kommt. Das Söhnchen ist wieder gesund und will immer -zeichnen und bauen. - - - - - - -_Am 13. Oktober_ gegen abend wurden wir in Aubigny-au-Bac mit -unbekanntem Ziele verladen. Es vollzog sich langsam und umständlich. Der -kleine Kommandeur hält noch immer nicht viel von schwäbisch-bayrischer -Gewandtheit und Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede -Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. Alles lacht und -schimpft über ihn wie über das Urböse, während er mit kummervoll -verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden Befehle bellt, -welche niemand versteht, bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig -wird und ihm hochmütig droht, er werde den Zug in fünf Minuten unter -allen Umständen abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten -Gebieter zum Heile; mit einem Schlag regen sich alle Hände für ihn. Denn -wenn er uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und mancher ihm eine -kleine Unannehmlichkeit wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und sein -dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen, stearinsteif von den -Kerzenlichtern vieler Unterstände und verdreckt von allen Erden -Frankreichs und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger als der -nagelneue Prunkmantel des Herrn Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen -greift jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug steht bereit. - -Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich fand Platz bei zwei -Kompagnieführern, aß noch einen Apfel und wickelte mich in die Decke. -Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, -- wie froh bin ich, daß -Ruhetage kommen und hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald ein -und träumte mancherlei. Einmal sah ich Vally mit Wilhelm an einem -Tischchen sitzen. Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und sahen, die -Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern ähnlich, darauf nieder. -Später kam auch die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat wie sie. -Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief hervor, hielt ihn mir hin, -ohne von den Karten aufzublicken und sagte: »Es ist nichts Eiliges. Nur -eine Botschaft vom Heiligen Geist.« Beim Erwachen war mein Rücken -feucht; ich merkte, daß das Fieber geschwunden war. - - - - - 14. Oktober - - -Frühstück in Charleroi. Vor einem Jahr, um die nämliche Stunde, bin ich -auf dem Wege zur Front hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen -ist seither noch etwas mehr Grün angeflogen; bald werden sich -Rasenflächen ausbreiten, dort und da steht schon ein Bäumchen. Ich -freute mich wieder der nahen Kanäle mit den Pappelreihen, die der -Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten Männer und Frauen, die an -Seilen ihre behäbigen Barken dahinziehen, der lieben blonden Kinder, die -zutraulich heranspringen und um Brot bitten. Am Fuß der schwarzen Berge -steht ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der wie Speere einer -versunkenen Phalanx lange dürre Schilfrohre schräg aufstarren. Schafe -liegen kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und grau, voll -silberheller narbiger Einziehungen. - - - - - 15. Oktober - - -Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Kälte geweckt. Der Zug -fährt auf hohem Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig -steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hügel, -darüber die Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem Gewölk. Essen -veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in -die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer gingen hin und -her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem -Anblick schlief ich noch einmal ein. - - * * * * * - -Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der -Bahnhöfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören, -wenn sich die andern darüber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft -will ich achten, wie sie sich leise ändert und die Tönung des Himmels -über ihr. - - - - - ½3 Uhr nachmittag - - -Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrün bestäubt, die -Bäume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine -rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und darüber hinaus zu Höhen -mit Gehölz und Gestrüpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof; -eine alte Bäuerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch -bildet über der Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch die vielen -tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf. -Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen, -aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, die -Sprüche und verzierenden Figuren mit nassen Blättern beklebt. Sie müssen -zum Einschmelzen für neue Geschütze bestimmt sein. So bin ich diesmal -schlafend über den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland. - - - - - 16. Oktober - - -Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht los. Als ich eben zu mir -kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwölf Stunden geschlafen -und schon zweimal das Essen versäumt. Einmal aber muß ich doch wach -gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig -vorbei, und ich erstaunte, daß die Stadt so unversehrt unter dem -Gewitterhimmel ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm zertrümmert war, -eine sonderbare Täuschung des Fiebers. - -Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe -einen Aufsatz über Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann -im Notizbuch abgerissene Sätze gefunden, die ich in Briefen Glavinas -gelesen und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie später leidlich -getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in -meiner Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann etwas anderes daraus -wird, daß der ursprüngliche Jugendklang verloren geht. - - * * * * * - -»Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus -der Brust und aß es auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte des -Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies ein kindisch-grausames -Verfahren war; aber so völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten -Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Haß, ist er mit Liebe nicht aus -einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit -zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige Seelen? Mir ist, als sei -keiner von uns zu langem Leben berufen, -- erkennen wir es doch! Opfern -wir uns bewußt und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns -ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!« - - * * * * * - -»Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in -der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah, -daß die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger! -Meistens, wenn die Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter -darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten, -es mußte ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten -nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche -Zustand vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles -Fremde war damit unschädlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte -ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging während eines -Gewitters über steinige Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und -wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weißen -Fläche stand, so muß ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift, -ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken darin. Tiefziehende Wolken -besprühten das Blatt, Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen -ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich -aber las auf dem leeren Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte -mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.« - - * * * * * - -»O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem -Feldzug; aber es ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren, -hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch läßt sich die Parole -ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da -unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne taten, einstweilen in einer -anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben -gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mühsal, wie sie sich gerade bieten, -so bereiten wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem -Täter, der seine Tat noch nicht kennt. >Raube das Licht aus dem Rachen -der Schlange!< Was ist es für eine Stimme, die mir dies Wort manchmal -zuruft aus tiefem Schlaf?« - - - - - - -_17. Oktober_ erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick, -doch gab es zunächst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar -die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der Kompaß zeigte Zugrichtung Südost. -Als es nach zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen -Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete Maisfelder -erklärten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in -unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als wäre fern im Raum ein -Lager weißer Zelte aufgeschlagen. In großflächiger Landschaft mit -Gebirgshintergründen kam die Donau näher, geschmückt mit herbstlichen -Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. Auf -rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing -sich der letzte Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter den roten -Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller -der ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen -bringend, verrät uns, stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest -Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude, -Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmützen -hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der -Andrássystraße zu besuchen, einer wünschte vor allem das -Parlamentsgebäude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir zum -Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Süden ab und -trug uns mit gewaltiger Eile von der türmeschimmernden Stadt hinweg in -die Nacht hinein. Mützen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer -die Kerzen angezündet und in leere Konservenbüchsen gestellt, ein -Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee, -Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, böser -Worte gewärtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er müsse eine -Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spät kam noch der Major -herüber, verdrießlichen Gesichts; es war, als ob er einem das bißchen -Licht wegnähme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu -sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte -er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht -genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu berichten. Er meinte, -darüber ließe sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wäre, -wenn ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt mit meinem -Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrücklich -fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen -bedenkend, ließ ich mir ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, was -der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und -verließ uns ohne Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile -von ihm. Leutnant H., der Götter- und Sagenkundige, erinnerte, daß nach -altem nordischen Glauben die bösesten Mächte sich in gute verwandeln, -wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum -Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei -unserem finstern Gebieter zu versuchen. - - - - - 18. Oktober - - - Im Uferwald verborgen - lag die Morgensonne. - Wir stießen vom Strand. - Sie sprang ins Wasser, - gab über den Strom uns - ein funkelnd Geleite. - -Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen ein, als wir eben über -einen Fluß fuhren, wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns mitreiste. -Nachts war ich mehrmals munter geworden, während irgendwo der Zug -stillstand; so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen und sprach den -Fluß noch als die Donau an, es war aber die Theiß. Bald sahen wir in -weiter Ebene Gehöfte mit haushohen Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig -behaarter Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weißen, blaugestreiften -Kopftüchern, die am Rand eines Kukuruzackers Kürbisse sammelten. Als die -Soldaten ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme heftig über der Brust, -um sie dann, mit fremdartigem Ungestüm, dem enteilenden Zuge -nachzustrecken. - - * * * * * - -In Békéscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen zu uns herein, -ungarischer Kavallerist, dessen knabenhafter Überschwang ein Weilchen -wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen Käuze unterhielt. Er duzte -uns alle, wie es im verbündeten Heere üblich ist, verteilte seinen -halben Zigarettenvorrat, ließ uns die Photographie seiner Braut -bewundern und versicherte uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft, -vergaß auch nicht, uns zu erinnern, es gäbe nur den Sieg oder den Tod -für uns, kein drittes. Als wir uns Arad näherten, überreichte er jedem -eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich Gegengaben. Vergeblich -suchten wir lange in allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir ein -wunderschönes Lichtbildchen der Tänzerin Clotilde von Derp, von Meister -Holdt wie ein Gemälde aufgenommen und nach Libermont gesandt; dies gab -ich schließlich mit bösem Gewissen hin. »Deine Braut?« schrie der Ungar -und äußerte maßlos Dank und Entzücken. Ich überlegte, während er die -Reize der zarten Gestalt wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen -sollte, daß ich leider nie die herrliche Künstlerin von Angesicht zu -Angesicht gesehen, sagte mir aber, daß dies albern wäre, und ließ mich -getrost als den glücklichsten der Männer feiern und beneiden. - -In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und verwahrte die eine im -Sanitätswagen; die andere teilte ich mit Raab, so daß wir bald in die -Laune gerieten, den Befehl von gestern auszuführen. Eindringlich fragten -wir vor jedem Wagen die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige -lächelten verlegen, andere erschraken sehr, da sie glaubten, wir hätten -irgend etwas Niederträchtiges mit ihnen vor. Als ihnen aber klar wurde, -daß die Frage ernst gemeint sei, da spürte der eine oder andere bald ein -Ziehen, Drücken oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der noch vor -fünf Minuten seiner Gesundheit allerhand Proben zugetraut hätte, begann -sich ein wenig lazarettreif zu fühlen. Ich begnügte mich für heute mit -zwölf Krankmeldungen; es wären aber leicht vierzig oder fünfzig zu -erreichen gewesen. Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen im Bahnhof -zu Arad erstattete, rief den erwarteten Schrecken hervor, und als ich -nun ehrerbietig meine Gründe gegen das neue Verfahren vorbrachte, fand -ich keinen Widerspruch. Besänftigend fügte ich übrigens hinzu, daß ich -bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett überwiesen habe, -sondern versuchen wolle, sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend -fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen Fluß entlang, der uns seither -nicht mehr verläßt; es ist die Maros. - - - - - Parajd, 19. Oktober 1916 - - -Kurz vor Mitternacht fuhren wir in den Bahnhof Maros-Vásárhely ein, doch -nur zu flüchtigstem Aufenthalt. Stab und fünfte Kompagnie sollten -bergaufwärts weiter bis Parajd. Während der Viertelstunde, die wir in -den Wartesälen verbrachten, umdrängten uns Frauen und alte Männer aller -Stände und baten mit einer verzweifelten Inständigkeit um etwas Tabak. -Unendliche Verdrossenheit spricht aus allen Mienen; die rasche -Entziehung des jahrhundertelang gewöhnten Giftes hat die Menschen -furchtbarer ernüchtert als feindlicher Einbruch und Hunger. - -Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn. Fünf Stunden -gedachte ichs im bloßen Mantel wohl auszuhalten und ließ meine beiden -Decken beim großen Gepäck zurück. Aber dem Wagen fehlten sämtliche -Fenster, die Kälte stieg mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee, den -der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich morgens um sechs Uhr das -Türmchen von Parajd. Wir standen vier Stunden in Bahnhofnähe zwischen -zerstörten Geleisen, auf welche wie zerrissene Nervenbündel abgesprengte -Telephonstränge niederhingen. Schließlich verlautete, unsere Nachtfahrt -sei unnötig und dem Versehen eines Generalstabsoffiziers zu verdanken -gewesen. Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten, als uns -echtes Unglück entgegentrat. Von der Bahnhofstraße, deren Rand -unabsehbare Reihen von Flüchtlingen besetzt hielten, sahen wir -österreichische Krankenträger auf uns zukommen, die vorsichtig auf -Bahren drei kleine verhüllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder -einer Flüchtlingsfamilie, die beim Spielen eine scharfe Handgranate -gefunden, sich darum gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten. -Die Explosion hatte die Mutter, die gerade Kochfeuer anzünden wollte, -getötet, die drei Kleinen schwer verwundet. Die Großmutter, Siebenbürger -Sächsin, die weinend den stillen Zug begleitete, meinte, man müsse -solche Vorfälle den Kaisern und Königen der ganzen Welt zu wissen -machen, damit sie traurig würden und von dem gottlosen Kriegführen -abließen. Indessen war auf einmal die Sonne frei geworden und -beleuchtete sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel. Der untere -Teil zeigte fahlgrüne, mit Steinen durchsetzte Matten, dann folgte, wie -mit Sorgfalt umgelegt, ein schmaler Tannengürtel, und aus diesem spitzte -sich schneeglänzend eine mächtige Pyramide in das zerfließende Grau. Der -feierliche Anblick bannte jeden; sogar die alte Frau verstummte, und -ich, darf ich mirs zugeben, daß das Jammerbild der zerfetzten Kinder mir -im Nu völlig ausgelöscht war? Daß es mir in der herrlichen Schau -zerschmolz, als wäre es zufällig und nur am Rande geschehen wie die -meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber, geltend und geisterbehütet, -stünde ein geheimes Gesetz, das längst all unsere Leiden und Schrecken -übernommen hat? - -Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte alle Müdigkeit zurück -und holte erst nach Revierdienst und Fußappell den versäumten Schlaf ein -wenig nach. Vor Mitternacht -- wir saßen noch lesend und plaudernd -beisammen -- hörte man auf der Straße Pferdegetrappel und -geklingel, -dann wurde schüchtern die Hausglocke geläutet. Jemand bat um Einlaß, -obgleich die Türe nicht verschlossen war. Es war der Eigentümer des -Hauses, ein älterer Mann, der mit seiner Familie vor den Rumänen -geflohen war und nun vorderhand allein zurückkehrte, um Lage und -Aussichten zu erfahren. Höflich ließ er um einen kleinen Schlafraum -bitten und blieb geduldig vor seinem erleuchteten, von Fremden besetzten -Hause stehen, bis er Bescheid erhielt. Der Major ging selbst hinunter, -um ihn zu begrüßen, und bot ihm ein Abendessen an, das jener bescheiden -ablehnte, völlig zufrieden, in seinem Anwesen ein dürftiges Obdach zu -erhalten. - - - - - 20. Oktober - - -Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die Typhusimpfung durch, die -schon seit August fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren -uns überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man die Bänke -übereinandergestellt. Auf dem Katheder lagen noch spanisches Röhrchen -und Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen von Pflanzen, -Tieren und allen Menschenrassen der Erde. Mir war ein wenig bang vor -dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch einmal verschoben. Denn -wieder sind die neuen Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht -eingetroffen; die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen an den -Spitzen, wodurch der Einstich und das Herausziehen sehr schmerzhaft -werden. Aber es gab kein Verzögern, und so half ich mir denn, wie ich -konnte, und verfiel schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen, -um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten abzulenken. Zuerst entkleidete -ich mich selbst und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft den bösen -Stich, wobei meine Mienen, glaube ich, in guter Ordnung blieben. Dann -kamen Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt und hüteten sich, zu -zucken. Später nahm ich die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern -zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der armen Burschen zerschund, -manches zum besten, was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen. -Sonderbarer Sitten der wilden Timmes wurde gedacht, die den Genossen, -den sie zum König wählen wollen, am Tage vor der Krönung fast zu Tode -prügeln, so daß er zuweilen seine Thronbesteigung nur kurze Zeit -überlebt, auch die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche Kinder -unter vielen Tränen ihren Vater lebendig begraben, festen Glaubens, daß -er dann jenseits in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages ewig -weiterleben werde. Die guten Soldaten lauschten aufmerksam und schienen -über jenen ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen wespigen -Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. Als alle Kompagnien -schon abgerückt waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich impfen zu -lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, daß die Nadel schier -zerbrach und äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften gegenüber war -er freilich sehr im Nachteil, da ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam -verletzen mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche der Wilden noch -sonst etwas erzählen konnte. - -Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. Das Impfgift wirkte wie -immer, ich träumte viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens, -nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun aber saßen wir im Kreis um -einen französischen Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die Freunde, -etwas abseits Regina. Wir froren und streckten die Hände zum Feuer. -Regina trug ihr schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband. Ihre Hand -war verbunden, aber auch alle anderen trugen Verbände. Wilhelm hatte -eine schwarze Binde über einem Auge. Doch waren wir guter Dinge und -plauderten viel von unserm früheren Leben. Auf einmal sagte Regina: Die -Männer sind schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen nach -Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die anderen hellauf; aber indem -sie lachten, wurden sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich -verzog sich eines nach dem andern in den Kamin hinein und entschwand mit -den Flammen. - -Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, und vor dem klaren -Klang des Lebens zerstob aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat ein -paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden sein. »Ein Urlauber«, -schreibt er, »hat uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst. Das -freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen und Flüssen. Der Oskar Appel -hat es in der Erdkunde gelernt. Nimm so viel du tragen kannst und bring -es mir mit! Ich kann es gut brauchen.« Der Brief war einem schönen -silbergrauen Umhang mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, den -mehrere unserer Offiziere, die ihn später sahen, mit Entrüstung als -vorschriftswidrig bezeichneten. Höchstens Generale der Artillerie -dürften einen so breiten Kragen haben, auf der Stelle müsse ich ihn von -einem Kompagnieschneider abändern lassen. Der Major aber sagte lachend, -für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen Vorschriften, ich -solle mir das Zeug ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil -gedeihen. - - - - - Szentlélek, 21. Oktober 1916 - - -Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen, konsultierte mich der -Major. Sein Hüftnerv ist entzündet; er hat Fieber und kann sich vor -Schmerz kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten nicht -aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. Schließlich gab er mir in -Scherz und Ernst den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen und bis -zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel ein, daß noch die starken -Maretin-Laudanon-Pulver in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte -ich nichts davon. - -Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr ist unbequem, -quälerisch, aufsässig; aber er ist es nicht nur nach unten, sondern mehr -noch nach oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt ers um sich -herum gemütlich werden -- aber sind wir denn hier, um es gemütlich zu -haben? Er weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen, -- soll ich -leugnen, daß ich mich gesund und frei dabei fühle? Und einer, der uns -öfters reizt und beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger als -einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein, der kleine graue Dämon -gehört schon einmal zu uns und unserm Schicksal, -- vielleicht helfen -die Pülverchen, er soll sie haben! - -Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek hinan, die ein heißer -Wind schnell auftrocknete. Der Himmel sah seltsam aus; mein früher -Traum, als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung ihrer Gewölke -mitwirke, meldete sich wieder. Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle, -dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem Schaum, dahinter eine graue -Bank, besetzt mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden wir inne, daß -wir uns durch eine der salzreichsten Gegenden Europas bewegen; rein und -weiß tritt hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. Mancher -bricht in der Marschpause ein Stückchen ab, wägt es betrachtend und -steckt es wie einen Edelstein in den Tornister. - -In den Dörfern sind alle Häuser mit gleichem stumpfem Blau getüncht; um -jedes läuft eine Galerie mit schlanken hölzernen Säulen, die das -vierflächige steile Walmdach tragen helfen. Die Grate, mit vielen -schrägen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte Wirbelsäulen aus. Alte -Leute, traurig und freundlich, standen vor den Türen; einmal drängten -sich schwarzäugige Madjarinnen heran und berichteten schreiend -schauerliche Untaten der Rumänen, worauf blonde deutsche Frauen, die -seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still, sichtlich auf -Gerechtigkeit bedacht, jene überschweren Anklagen auf ihr Maß -zurückführten. - -Gegen zwölf Uhr gelangten wir vor das große Dorf Szentlélek, rückten -aber nicht ein, sondern lagerten samt großer und kleiner Bagage auf -einem heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die Feldküchen geheizt -wurden. Kirchengänger, von der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure -Gebetbücher im Arm, näherten sich auf allen Wegen, die Männer zögernd, -die Frauen mit lüftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen Worten -machten diese verheißende Zeichen und liefen auf einmal alle in die -Häuser, von wo sie bald mit Körben voll Obst und Eimern voll Milch -zurückkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen unter dem rumänischen -Einbruch zu leiden gehabt; nun freut es sich über den Vormarsch der -Deutschen und erschöpft sich in Gebelust. Milch schäumt in alle -Feldbecher, und mit goldensten Parmänen füllen sich die Taschen. Langsam -kommen auch Männer herbei, voran der uralte Pfarrer. Ihm haben die -Eindringlinge, da sie deutsche Bücher in seiner Stube fanden, zur Strafe -den ganzen Meßwein und obendrein die goldene Brille weggenommen. Während -er dies in leidlichem Deutsch mit gelassenem Humor erzählt, packt -Leutnant N. seine lange gesparte Flasche Burgunder aus; der Greis nimmt -das Geschenk als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zögern an und -verspricht seine nächste Messe für den Spender zu lesen. Die übrigen -Männer treibt eine Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer näher. Seltsame -Tauschgeschäfte kommen zustande. Für drei Zigaretten erhält ein Soldat -ein Dutzend Eier, ein anderer für zwei Päckchen Knaster eine fette Gans. -Mich aber suchten die Kranken des Dorfes; der Sanitätswagen wird -erschlossen, Verbandstoff und Arzneien freigebig verspendet, bis Raab -erschrocken gemahnt, daß uns im Gebirge niemand ersetzen wird, was wir -hier unbedacht hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik eingeholt; -sie stellt sich in der Angermitte auf, spielt madjarische Lieder. Die -Kranken vergessen ihre Übel, Soldaten und Mädchen tanzen, die Stunde -wird zum Fest. - -Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen, damit uns nicht -nachrückende Bataillone die Quartiere wegnähmen. Mir ist eine -balkengedeckte Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen. Es ist sehr -dumpf und düster innen, die Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von -Bewohnern hab ich bisher nur den Bauer gesehen, einen kränklich und -grämlich aussehenden Mann, der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte -Galerie draußen ist ein singendes Geschwebe winziger Holzwespen; die -haben Säulen und Geländer tausendfach durchlöchert und schlüpfen -unermüdlich ein und aus. Morsch, einsinkend ist alles, um so wundersamer -das ganz neue, reichgeschmückte Hoftor. Es hat hohe, breite Flügel mit -zierlichen Gittern und schön geschnitzten und bemalten Flächen. Gewinde -von Tieren und Pflanzen umkränzen beiderseits einen blauen Leuchter mit -gelbrot brennender Kerze, zu der sich eine grüne Schlange hinaufringelt. -Oben auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehäuse, eine Art -Arche, bemalt mit roten Täubchen, zwischen denen durch runde Luken -wirkliche Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem ersten Blick so fremd -und gestohlen aus, als wärs von einem großen Gutshofe herverschleppt -worden, so merkt man bei längerem Vergleichen doch, daß es aus dem alten -Hauswesen hervorgewachsen ist. Ein sonderbarer Einfall war es freilich, -statt beim Hause beim Tor zu beginnen; immerhin errät man, wie das Ganze -werden soll. Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen, und -vielleicht ist nur darum der Bauer so gedrückt und scheu, weil er seinen -Hof nicht erneuern kann und sich dabei verkümmern fühlt. »Wer baut, -erbaut sich selber«, -- es gilt das alte heilige Wort. - - * * * * * - -Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen. Er lag in einem breiten -Bett, mit Schafpelzen bedeckt, vom Fieber geschüttelt. Sehr ungehalten -zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte. - -»Was soll mir das Gift?« rief er. »Gibt es etwas Frevelhafteres, als daß -man chemische Substanzen in das Blut bringt?« - -Ich entgegnete, daß wir doch selbst aus lauter chemischen -Zusammensetzungen bestünden, die nur zuweilen unrichtig -ineinandergriffen, und dann müßte eine neue eingeführt werden, welche -die falschen Verbindungen löste. Als er noch zögerte, erinnerte ich ihn -daran, daß erkrankte Tiere sich öfters Kräuter und Blätter suchten, die -sie sonst niemals fräßen, und rasch davon gesund würden. Dies ließ er -gelten und nahm nun das Pulver fast gierig. - -Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem Quartier. Eine der -Patientinnen vom Vormittag hat zwei Enten geschickt, die ließen wir -braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe Stunde auf dem Anger klingt -noch in allen; viele glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen -werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer vom russischen Kaiser, -ein dritter von Wilson das weltbefreiende Wort. Mancher dieser lieben -Menschen spürt im innersten Herzen vielleicht schon den nahen Tod und -sieht nun in wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges gekommen. - -Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau, ein nicht mehr junges -Weib, derbe Gestalt, welche sich aber im schönsten Maße bewegt, -hellgraue Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene Schatten, -die von feinen blauen Venen umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem -rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von Most und Speisen, bringt -Äpfel und Pflaumen dafür und lehrt uns madjarische und rumänische Worte. -Mich hatte sie zuerst für den Feldgeistlichen gehalten und mit großer -Scheu behandelt; nun sie weiß, daß ich ein ungesalbter Mann bin wie die -andern, wird sie sehr zutraulich und sucht mich als ihren Wohngast und -Ältesten der Tafelrunde zu ehren, indem sie oft nach meinen Wünschen -fragt und mich dabei jedesmal auf zeremoniöse Weise halb umarmt, ein -Benehmen, das am Tische viel Gelächter hervorruft; aber darum kümmert -sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit sich selber, in anmutigem -Wahnsinn scheint ihr Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in die -Wohnstube hinüber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend am Herde saß, gab -ihm Zigaretten, die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie mir -vorkam, begütigend zu. Zuletzt, wie ein Kind, brachte sie Schachteln mit -Karten, Briefen und Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte -ich, darunter ein Blättchen mit der Skizze jener am Hoftor ausgeführten -Zeichnung zu finden! Hier, wo sich das Ornament als ein erst -entstehendes zeigte, regte es die Einbildung stärker an: ich konnte es -nicht lassen, mußte ein Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen. -Dabei wurde, wie stets in solchen Fällen, etwas anderes daraus. Ein -stattliches siebenbürgisches Haus im Hintergrund anzugeben, gelang -einigermaßen; vorn am Tor aber hat die Schlange den Flammenkern von der -Kerze gebissen und trägt ihn zwischen den Zähnen fort. Darunter schrieb -ich den Satz, den ich einst bei Glavina gelesen: Raube das Licht aus dem -Rachen der Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten, der Most sei -mir beträchtlich in den Kopf gestiegen; die Frau sah lächelnd dem -Gekritzel zu, schließlich fragte sie mit Gebärden an, ob sie's nehmen -dürfe, worauf sie ging, um es ihrem Manne zu zeigen. - - - - - 22. Oktober - - -Um fünf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau, beim Abschied, brach -Zweige von einem getrockneten Pflanzenbüschel, der am Stubengebälk -befestigt ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem Blick. Vermutlich ist -es als Talisman gemeint; der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an -Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich, als ich das Pferd -bestieg; verstand ich recht, so wollte sie mich einladen, dereinst nach -dem Kriege wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren. -- -Der Major, noch vor neun Stunden im Fieber ächzend, sitzt fest auf -seinem Rappen und berserkert wider Offizier und Mann. »Was haben Sie dem -Kerl für Zeug gegeben?« schrie mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir könne -es recht sein, daß er meinen Mittelchen so viel Wirkung zutraue, aber -der Alte wisse genau, daß ihn viele weit weg wünschten, das sei auch -keine schlechte Arznei. - -In langen Märschen entschleppte sich der Tag. Es ging über kahle und -bewaldete Hügel, und immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft sah -man das gleiche stumpfe Blau der Häuser. Die Soldaten, geblendet noch -vom Glanz des Gestern, empfanden mürrisch Obdachlosigkeit, karges Essen, -zerrissene Stiefel und ungewisses Ziel, und an allem gaben sie dem Major -die Schuld, dem sie überdies seine Genesung nicht verzeihen können. -Laute Flüche schrieen sie ihm zu, wenn er vorüberritt; er stellte sich -taub und nahm Rache, indem er übermäßig lang auf eine Marschpause warten -ließ, die schließlich der Adjutant auf meinen Wunsch von ihm erbat. - -In Székely-Udvarhely waren mehrere Gebäude gründlich zerstört, die Luft -noch voll Brandgeruch. Auf den Hügeln aber, in geringen Abständen, -staken blanke Nähmaschinen, treffliche deutsche Ware, bald im -Straßenschlamm, bald in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende -Gegner dieser wertvollen Beutestücke entledigt haben. - -Abends klagten viele über äußerste Ermüdung. Vielleicht wirkt noch die -Typhusimpfung im Blut. Ich selbst spüre wenig, obgleich ich, um das -kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepäck beladen, zu Fuß -zurückgelegt habe. Die Mäßigkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne, -scheint zu nützen; auch lebe ich, vielleicht unter Glavinas Eingebungen, -wachsamer als früher und mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und -nicht viel weniger als ein großes Abenteuer. Damit gewinne ich viel: der -unfreie Dienst wird mir leichter und läßt einen freieren ahnen, der -vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den Mitteln, die man gegen -Erschöpfung anpreist, laß ich Tee und Kaffee gelten; grobtäuschende, wie -Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand ausgeschieden. Den leichtesten -und geistigsten möchte ich am liebsten trauen. Wie wenige kennen die -unbemeßbaren, immer wirkungsbereiten Energien des lebendigen Wortes! Daß -es bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen mit der Kraft -ganzer Geschlechter, vergleichbar den radioaktiven Elementen, aber weit -wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, noch die Kräfte der Welt -anziehen und Fluten von Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon? -Mächtig genug wären manche, um das Schwungrad auch der ermüdetsten Seele -neu anzutreiben, und vielleicht sind schon sie allein es wert, daß man -sich eine Weile auf den Bergen des Todes aufhalte, weil sie dort gewiß -am reinsten und stärksten klingen. Schwingt aber die Seele frei, was -brauchen die Sinne viel Aufreizung? Brot, Früchte, eine Handvoll -felsgeschöpften Wassers, ein Geruch wilder Minze sind Erquickung genug. - -Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den Namen des Dorfes hab ich -vergessen. Alle Häuser sind mit Infanterie bereits überfüllt; wir sind -gerade noch in einem verlassenen, ausgeplünderten Hüttchen -untergekommen, wo sich auch etwas Heu gefunden hat. Die anderen haben -sich schon unter ihre Decken und nassen Mäntel gestreckt, mein -Kerzenstümpfchen flackert zu Ende, ich muß eilen, mir noch ein Lager zu -sichern. - -»Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe jetzt in ihr wie in dem -Innern einer feinen, heftig schillernden Seifenblase und halte den Atem -an, um sie nicht zu zersprengen«, las ich bei Glavina. - - - - - Ottelve, 24. Oktober 1916 - - -Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken über bewaldete -Hügel. Nach ein Uhr klärte sich unter uns das Tal von Csik Szereda, in -das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still und warm. - -Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Gräber. Innen sind viele Gebäude -zerstört und ausgeraubt, die eisernen Schutzläden vielfach mittels -Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumänen hatten die Alutabrücke -gesprengt; nun ist von preußischen Pionieren eine hölzerne Notbrücke, -ein kühnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen Stunden errichtet -worden. - -Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause. Eben kamen die -siebenbürgisch-rumänischen Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da -erscholl aus einem der vorderen Züge ein lautes Halt!, das nach hinten -weitergegeben wurde. Die Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige -wollten stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte sich heraus, daß -weder der Major noch Leutnant Leverenz, die beide eine Strecke -vorausgeritten waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein Mann -mußte gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben haben. Der Marsch wurde -fortgesetzt. Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot -Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen der Tornister, ließ sie in voller -Ausrüstung antreten und erklärte, daß er sie so lange stehen lassen -werde, bis ihm der freche Störer gemeldet sei. Unterdrückte -Verwünschungen wurden hörbar; den Gehorsam zu verweigern wagte aber -keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt hatten, nahmen -ihn zwar murrend, aber hurtig wieder auf. An etwas erhöhter Stelle trat -Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte seinen Beschluß. Er -setze voraus, sagte er, daß nahezu alle den meuterischen Rufer -verurteilten; sei der zu feig, um sich zu nennen, so müsse es ein -anderer tun. Geschehe dies noch während der Ruhestunde, so werde der -Schuldige bestraft, und damit habe es sein Bewenden, wo nicht, so werde -die ganze Kompagnie, die Herren Zugführer nicht ausgenommen, zu büßen -haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr still, Soldaten anderer -Züge kamen auf einige Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen -werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand einer der besten Offiziere -der Division, mit seinen meisten Untergebenen stamm- und artverwandt, -vielgerühmt als furchtlos und besonnen, verehrt als einer, der niemals -aus bloßem Ehrgeiz die Seinigen in gefährliche Lagen brachte, im Kriege -früh alternd, mit Narben geschmückt, jetzt bleich vor Erbitterung über -die ihm vermeintlich angetane Schmach, die scharfen runden Augen ein -wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen Mann um den andern fixierend, -sichtlich entschlossen, die Sache zum Äußersten zu treiben, dennoch -weise genug, sie vorderhand gewissermaßen unter vier Augen austragen zu -wollen, -- ihm gegenüber die abgemattete Mannschaft, über sich selbst -erschrocken, eben sich noch dumpf in einem Rechte fühlend, das aber, -sobald es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel, im stillen die -Haltung des Führers vielleicht schon bewundernd, -- wo las ich doch -einmal, daß eulenhafte Menschen allen andern überlegen seien? - -Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, so sah man eigentlich -nur ein Übel akut aufbrechen, das nun schon lange unter uns umschleicht. -Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; der Soldat, vielfach unberufen, -spärlich ernährt, mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt, -im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert Nervenkraft und Zucht. Die -Offiziere wissen es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit -manches hingehen, überhören sträfliche Zurufe, reden sich auch wohl ein, -diese seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe des Feindes von -selber verstummen. Solch lax-zweideutiges Verhalten muß einer klaren -Kriegernatur wie Leverenz' durchaus bedenklich und unwürdig vorkommen, -und wenn er nun sein ganzes Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen -kleinen Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen, so fühlt man -mit ihm wie mit einem Arzt, welcher einen Eingriff auf Tod und Leben -wagt. - -Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch blätternd wie -unbeteiligt, und gewiß war es sein bester Geist, der ihm eingab, sich -zunächst nicht in den Handel zu mischen. - -Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich, da fand sie höchst -unverhofft eine Entspannung. Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat -Infanterist Kristl und bekannte sich klar und bündig als den Mann, der -»Halt« gerufen habe. Eine Weile standen alle wie erstarrt, dann ging -eine leichte behagliche Regung durch die büßende Kompagnie. Mir war ja -diese Selbstbezichtigung nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs -vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber wie er nun dastand, -bleich und zusammengenommen, in seinem ganz verfärbten Waffenrock, die -schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, Leverenz -anblinzelnd, als ob dessen Anblick ihn blende, da konnte einen sein -Geständnis wirklich überzeugen. Durch des Leutnants ernstes Gesicht -flimmerte jetzt ein überaus flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob -ein steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch würde. Vielleicht ging es -ihm wie mir, und er hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch -beschuldigte, um die ersehnte Entfernung von der Front zu bewirken, und -er bedauerte ihn ein wenig wie einen, der eine Sache immer wieder -verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich einigermaßen dafür dankbar, -daß der Bogen nicht mehr stärker gespannt zu werden brauchte, -- -jedenfalls griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte er den Täter -an und verkündete, daß er Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe -beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht, falls Kristl sich -vor dem Feind auszeichnen werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber -niemand lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie freigelassen, -während Kristl verwirrt und, wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile -stehen blieb. - -Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes Lilalicht -weithin durchatmete, zogen wir eine Stunde später nach Ottelve weiter; -Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens waren plötzlich mächtiger -als seit langer Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, Aufbrüche, -Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst, -- man merkt mit einer Art -Schrecken, daß es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, daß man -es, ohne von sich selber abzufallen, nicht mehr wegwerfen kann. Kristl, -heute der einzige Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem -wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich der Haltrufer gewesen, -danach fragt niemand. Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten, -Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen Kompagnien grüßen -freundlich den sonderbaren Menschen und bekräftigen sein Lob. - - - - - Koczmás, 25. Oktober 1916 - - -Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus dem Nebel. Eine Art -Blindheit befiel die Augen, und als wir nach vier Uhr in Koczmás -ankamen, erfuhr ich ein Verfließen äußeren und inneren Gesichts, von dem -ich mir guten Gewissens berichte, weil der Geist frei blieb und der -Täuschung gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fußkranken -aufgehalten, fand mich schließlich allein auf der Straße und suchte auf -einem Seitenweg mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet worden -war. Als ich einmal stehenblieb, um mich zurechtzufinden, hörte ich ein -Rauschen in der Nähe; es klang wie der Brunnen vor dem Hause der Mutter -in S., und gleich kamen mir Weg, Zaun und Nebelbäume bekannt vor. Jeden -Pfahl, jeden Stein hatte ich früher schon einmal gesehen, und nun hörte -ich auch das breite Brausen der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen -im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten zu dem mütterlichen -Häuschen aus. Kaum eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug; ich -folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal abschwächte, und als ich -vor der Haustür stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher mit -Kreide daran geschrieben hatte, war alles vorüber. Eine ganz alte Frau -trat heraus und führte mich in ein Stübchen, das ich mit Leutnant T. -teilen soll. Später brachte sie sonderbare Milchspeise, die mit einer -dicken Zimt- und Zuckerkruste überzogen war, dazu sehr scharfen, mir -ungenießbaren Schafkäse. Ich habe mich beim Stab entschuldigen lassen -und esse mit T. zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren der -Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu Zeit, stellt sich mit -verschränkten Armen in die Tür und betrachtet uns unverwandt. Ihre -Mienen sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und wenn ich der Frau von -Szentlélek gedenke, muß ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr -verwirrte und entrückte Menschen gibt als anderswo. Dann und wann kommt -eine stämmige blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen -Verweilens zur Rede und führt sie wie ein unverbesserliches Kind immer -wieder hinaus. - - - - - 26. Oktober. Auf dem Marsch - - -Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben -haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm -zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe -hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in -Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne -Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder -französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne -Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn -und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen -jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben; -seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt, -erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu -befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte -ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war, -breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich -sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich -stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken -gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally; -dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich -nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken -bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im -Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit -verstörten Gesichtern; keine kannte mich. »Der Wolf wird euch fressen, -wenn ihr schlaft auf der Heide!« rief ich ihnen zu. Sie lächelten -einander verlegen an. »Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen«, -setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es -kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten -sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und -rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu -Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren -grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar -das Söhnchen aus der Tiefe rufen: »Vater, bist du schon oben?« und war -wach. - -Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten -Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das -Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß -Kézdi-Vásárhely sein. - - - - - Esztelnek, 30. Oktober 1916 - - -Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig zu schlaunen: -Eilmärsche, mit Gefechtsübungen verbunden, brachten uns heute bis -Esztelnek, dessen weißer Turm, ein Campanile, sich einige Schritte vom -Kirchlein fernhält. Als mich meine Quartierwirtin im Hof willkommen -hieß, erschrak ich vor der fast unnatürlichen Ähnlichkeit, womit mich -Gesicht und Gebaren dieser Bäuerin an Frau Nikola, die verstorbene -Oberin, erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und immer schaut -gleiche Seele mit gleichen Augen durch die Schichten der Zeit. Jene zwar -verließ ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter, dabei aber -herb und ernst, wie vom Gesetz eines Ordens begrenzt, und all ihr Tun -spielt sich im Rhythmus geistlicher Übungen ab. Sie entschuldigte sich -sehr, daß sie fast kein Deutsch verstehe, und führte mich in eine Stube, -deren helle Nüchternheit mein Gefühl bestätigte. Die Frau brachte -Weißbrot und Äpfel, entfernte sich, kam aber bald wieder und stellte -Photographien ihres Mannes und ihrer zwei Söhne auf den Tisch. Dann -faltete sie in Schulterhöhe die Hände nach der Seite zusammen, neigte -den Kopf darauf, indem sie eine Schlafende nachahmte, deutete hierauf -zur Erde, sagte »In Galizia« und ging wieder. Die Bilder ließ sie bei -Brot und Früchten stehen, als wünschte sie, daß ich, die Gaben des -Hauses genießend, auch der Toten des Hauses gedächte. - -Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin ist noch immer unbekannt. -Die verheißene Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon wird -mit löchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg marschieren. Aus der Heimat -kommt keine Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum gewiesen, -bestieg ich den Campanile. Wenn das Dunkel die Grenzen der einzelnen -Besitztümer aufhebt und schließlich nur noch die staubweißen -allhinführenden Straßen erkennbar bleiben, die jedem und keinem gehören, -so schickt man gern seine besonderen Wünsche schlafen. - - - - - Esztelnek, 31. Oktober - - -Um fünf Uhr marschierten wir ab. Es wehte scharf aus Nordost. Bald fror -ich im Reiten und ging lieber zu Fuß. Dunkelgrüne Wintersaaten breiten -sich bis zu den Bergen hinan, denen wir uns rasch näherten. Über den -Gipfeln lagen erdgraue Wolkenschichten, die sich nach und nach rötlich -fleckten und auf einmal Feuer fingen. Schließlich aber ging die Sonne -nicht an dem Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern etwas links -davon in gleichmäßig hellem Gewölk. Wir erblickten bereits das Türmchen -von Bereczk, da kam ein Befehlträger nachgesprengt und übergab dem Major -ein Blatt, gleich scholl ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl: -Zurück in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten die Kompagnien -ihre Freude. Vielleicht war ich der einzige, der im Augenblick den -Marsch lieber fortgesetzt hätte. Ist Aufschub einer Entscheidung dem -vorwärtsgerichteten Geiste doch immer gespenstisch, als verböge sie den -geraden Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten wir nach Esztelnek -zurück, wo uns die gestern noch so freundlichen Dörfler mit bestürzter -Zurückhaltung betrachteten. Unsere Wiederkehr kommt ihnen überaus -verdächtig vor; sie vermuten dahinter den Beginn eines deutschen -Rückzugs und sehen uns im Geiste bereits über die Maros gejagt. Meine -gute Wirtin dagegen begrüßte mich mit unverhohlener Freude; sie schien -mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachträglich die ärztlichen -Zeichen an meinem Kragen gedeutet, nun wollte sie Versäumtes nachholen. -Über Stufen führte sie mich in eine Kammer, wo Heiligenbilder in -russischem Stil an den Wänden hängen und leere zierlich bemalte -Ostereier den Deckenbalken entlang an Nägelchen aufgespießt sind. In -einem zum Fenster gerückten Bett mit grellroter Decke lag eine kaum -Sechzehnjährige, von der Schwindsucht gezeichnet. Die Mutter geriet ganz -aus ihrer Gehaltenheit und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklären -versuchte, daß ich nicht eines ihrer Worte verstünde, nickte sie mir zu -mit solchem Beifall, als wärs gerade das, was sie zu hören wünschte. -Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war leicht zu begreifen. Das Kind -ist schön; schwarzes feuchtes Haar über dem Schwächeglanz der Stirne -hoch emporgekämmt, in den Augen brennt das ganze in die Enge getriebene -Leben, wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt. Der Leib ist -schrecklich eingeschmolzen; die Brüste nur, steil und straff, trotzen -noch selig dem Tod. - -Während des Untersuchens wurde wieder einmal offenbar, wie sehr doch das -lange Kriegsleben die innere Gestalt verändert. Was durch Jahre -tägliches Geschäft gewesen war, das Durchspüren der Organe nach den -Herden des Zerfalls, es will nicht mehr so recht von der Hand gehen. Ja, -mir kam vor, als wärs ein gröbliches verfängliches Beginnen, blasse -Magie, die weder guten Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher -Arzt wird künftig seinen Kranken anders gegenüberstehen als bisher. -Vielleicht müßte man sich selber gewissen Übungen und Enthaltungen -unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen einer anderen Natur -durchdringen und auflösen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen, -um wenige desto sicherer zu heilen. Für diesmal war es nur ein -Scheindienst, was ich leistete; und als ich nach der Untersuchung -andeutete, daß ich Arzneien aus dem Sanitätswagen holen wolle, waren -Mutter und Tochter für den Augenblick zufrieden und getröstet. Die Frau -ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot erst mir, dann der -Kranken und aß auch selber davon. Schweigend saßen wir nun beisammen, -sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heiße Nachmittagssonne schien -herein, sie durchleuchtete rötlich die braunen Paprikaschoten, die wie -kleine Hörner in Büscheln am Fenster hängen. Wespen summten, und leiser -Geschützdonner kam von den Bergen herüber. Auch die Mutter sprach nicht -mehr; zuweilen, wenn sie mich zum Essen ermahnen wollte, rührte sie mit -der Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf die Früchte. Bald -stand ich auf und ging. Wie ein ewiger Abschied von allem dumpf -Leidenden, Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam, nicht mehr als -niedrig-widriges Zehrergezücht erschien mir auf einmal das dunkle Reich -der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche Macht, verbunden und -pflichtig den stärksten Energien der Natur. Solche zu bekämpfen kann -jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten sich andere Gewalten an, -denen wir uns entgegenstellen oder denen wir uns verbünden müssen. - -»Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschädigen, solange sich -das vergiftete Wesen im Finstern hält, wogegen sie bei hellem Tage -sogleich zu gären und zu töten beginnen.« Wie klärt sich mir langsam -dies dunkle Wort! - -Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe Stunde. Mir träumte von -meinem Pferd. In dem Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte -es sich in ein junges nacktes Weib. - -Der Adjutant kündigt an, daß es morgen in aller Frühe weitergeht. Er -versichert uns, daß wir diesmal nicht zurückgerufen werden. - - - - - Bakó tetö, 1. November 1916 - - -Um die gleiche Stunde wie gestern verließen wir Esztelnek und erreichten -bei trüb grauendem Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand auf der -Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom Alter gekrümmtes Matrönchen -lief neben der Kolonne her und spähte aufgeregt von einem Kopf zum -andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern tragen müssen, haben ihrs -angetan. Endlich, da wir gerade langsamer marschierten, faßte sie Mut, -huschte an den kleinsten Flügelmann heran und beklopfte mit scharfem -Finger seinen Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei Holz oder -Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall ist, verschränkt zufrieden die -Arme und bleibt zurück. - -Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen und schrie, den Hut -schwingend, in schauerlichem Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den -Deutschen! Gott helfe den Deutschen! - -Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister und Verpflegungsoffiziere -nahmen Abschied und wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen ins -Gebirge empor. Man sah ferne Felsen mit schwarzen Klüften, die wie -Schlünde Nebel ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir auf dem -Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde und ihre Wärter uns verließen. -Auf sumpfiger Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab eine lange -notwendige Rast; schon hatten wir fünf Wegstunden hinter uns, und vor -uns ragten steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine Strecke voraus und -setzte mich auf einen Stein, wo ich zu warten beschloß, bis die andern -mich einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben, und während ich -ihm entgegensah, war ich von abgewehten Fransen schon überzüngelt und -umschlungen. Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten geistigen Wolke -berührt und aufgenommen zu werden wie von einem blütigen Wesen! Alle -Heimatgestalten glänzen auf, und zugleich erschwingt ein grenzenloses -Vertrauen in die strömenden und untergrabenden Kräfte der Welt. Wie aus -großer Ferne hörte ich das Bataillon aufbrechen und regte mich nicht, -bis die ersten Gruppen zu mir stießen. - -Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte, nur fünfzehn Kilometer -hätten wir bis zur Stellung zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß. -Der Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, strotzend von -lilagrünen Früchtchen, wuchert zwischen Felsblöcken. Viele Gräber -kommen; nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst fünf Tage -alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand auf einem Holzkreuz. Gegen zwei -Uhr durchstiegen wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke; dort wurde -uns ein rätselhafter, erschütternder Anblick. Ein einsames, -niedergebranntes Haus stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den -Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und unter der Verschwärzung -erkannte man die blaue Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte -Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte befanden sich zwei Gräber -ohne Kreuze, nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr alte Frau, -nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte nach Madjarin, das graue Haar -zerrauft und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete zutraulich mit -etwas Unsichtbarem. Als wir uns näherten, reckte sie sich auf und drohte -mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte verscheuchen. Plötzlich -wandte sie sich ab und rang unter grausigem Geheul die Hände gegen -Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein bißchen ungarische -Sprachkenntnis, versuchte mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich, -scharrte Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen; doch war -diese Bewegung mehr warnend und beschwörend als feindselig. F. sprang, -halb ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte mit seinem Zuge -weiter. Von den übrigen Offizieren und Mannschaften blieb niemand -stehen. Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, was der Frau widerfahren -sein könnte; die meisten aber mochten den Gang einer Tragödie spüren, -vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, und stiegen schweigsam -weiter im Gewölk empor, das die schauerlich große Erscheinung bald -verhüllte. - -Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen, tauchten wir aus der -Dunstwelt in blauen Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene -Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde als Rastplatz gewählt. -Riesige Haufen rostender Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns -bereits andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie die meisten, -wickelte mich in meine Decke und legte mich, schweißdampfend wie ich -war, auf den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief und nach einer -halben Stunde, trotz einigem Frösteln sehr erquickt, erwachte. - -Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem, grünem Mantel herab, den -turbandick verbundenen Kopf mit beiden Händen festhaltend. Es war ein -verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung, sich selbst überlassen, seinen -Weg in die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen sah man die -durchbluteten Kompressen und Mullbinden verschoben, am Hals eine -klaffende Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war schwarz -zugeschwollen, das unbeschädigte linke hatte ein schönes Hellbraun. Die -ärztlichen Zeichen erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, deutete -schweigend auf seine Wunde. Diese zu sondieren hüteten wir uns, nahmen -auch den ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht und fest einen -frischen darüber, worauf der Unglückliche seinen Kreuzweg -weiterschwankte, gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen, -die vielleicht, ohne es zu bedenken, in dem erniedrigten Bilde des -feindlichen Genossen sich selber verhöhnten: Heute du -- morgen wir! Wir -marschieren nicht weiter; Befehl ist gekommen, an Ort und Stelle zu -biwakieren. Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt, -die Helme darangehängt, Zelte aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen -über den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern vorbei. Der Mond, -blaßgrün, schmal wie ein Grashalm, geht in kleinem Bogen über den -Himmel, das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien haben Feuer -angezündet, um die sich bald alles versammelt. Auch österreichische -Offiziere kommen für eine Weile, um sich zu wärmen. Einer von ihnen hat -ebenfalls die Frau bei den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen -versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen umgesehen. Kleider, -Felle, bunte Decken und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. Er -habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen über ihre Nacktheit -gelegt, sie habe ihn wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus -ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem Vormarsch, hätten Vater -und Sohn, die beiden Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich aus -ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung ist. Fast war ich froh, als -das Gespräch zum Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen? Den -Schmerz, der den Menschen dahin verhärtet, wo es kein Hungern, kein -Frieren, keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit -weihender Beschwörung zurückweisen muß, dies letzte große Heiligtum der -Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine -Angelegenheit für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus machen? - -Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht sich ein, daß er für -einen Gebirgswinterkrieg eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner spürt -Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich will als Gast von Feuer zu -Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt. - - - - - 2. November - - -Ich erwachte mit dem Gefühl absterbender Zehen, verließ das Zelt und -umschritt stampfend das Lager. Später meldeten sich einige Soldaten mit -wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren. Bei mir brachten Gespräch, -Bewegung und heißer Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln -beigemischt waren, das Blut bald wieder in seinen Lauf. Aus den -rumänischen Bergen aber hob sich die Sonne, und wunderbar zeigte sich -heute die strahlenbeugende Kraft irdischer Atmosphäre: nicht als -kreisrunde Scheibe, sondern als mächtiges karminrotes Ei lag das Gestirn -minutenlang über schwarzen Wäldern, bis es nun, langsam steigend, sich -entrötet und rundet. In den Tiefen aber ist unermeßliches Weiß -ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit Gipfelinseln überstreutes Meer -von Flaum, das uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet. An dem uns -nahen Rande, wo es noch seicht ist, läßt es Felsen und Bäume -durchscheinen; man könnte glauben, diese spiegelten sich darin. - -Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft von Rastpausen unterbrochen; -vermutlich durften wir nicht zu früh ankommen. Die Mittagstunde -verbrachten wir nahe dem Gipfel des Berges Kishavas auf einer moosigen, -mit Steinblöcken und Wacholderbüschen besetzten Fläche voll neuer -Gräber. Einige Kreuze sind sorgfältig mit Grün umwunden, manchmal nur -ein kleiner Stecken einem größeren mit Waldreben zu flüchtigstem -Gedenken angeknüpft. Zwischen zwei Steinen steht ein Pfahl mit -aufgeschnitztem Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid, 29. X. 16. -Durch kalten Wind wirken scharfe Höhestrahlen, Reifkörner verdampfen an -den Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde bräunen sich die -Gesichter. Es ist sehr still, die Lust zu sprechen gering, der Geist -unterhält sich noch immer mit jenem unendlichen Weiß. - -Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns; er lud mich und H. -schließlich ein, auf seinem Standort mit ihm Tee zu trinken, und ließ -uns durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man das Blickfeld eines -Mikroskops nach den schädlichen rot oder blau gefärbten Pilzen absucht, -so wird hier nach den moosgrün gekleideten rumänischen Soldaten -gefahndet. Der Offizier hatte die Höhe Lespédii eingestellt; er verriet -uns, daß unser Bataillon sie werde erstürmen müssen, und zwar bald. Im -übrigen war er ärgerlich, weil keiner der Grünen sich zeigen wollte; gar -zu gern hätte er ihnen ein paar Granaten hinübergesandt. Ich sah im Glas -einen kleinen steinigen Hügel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrüpp. An -einem Schräubchen drehend, entdeckte ich auf einmal hinter -Wacholderbüschen eine ganze Gruppe schanzender Rumänen, wollte schon den -Beobachter aufmerksam machen, fühlte mich aber gehemmt und schwieg. Zum -ersten Male stand ich gewissermaßen vor der Pflicht, den Tod auf -Menschen zu lenken; denn der verschonte Gegner kann im nächsten -Augenblick die eigenen Landsleute gefährden. Anderseits waren die -arbeitenden Leute von drüben hier in dem kleinen Glase gleichsam in -meine Hand gegeben; ich sah, wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte, -ein anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich für völlig -sicher, und solange ich sie nicht verriet, geschah ihnen auch nichts, -- -ein seltsamer Fall für einen Menschen, der nicht Soldat ist und mit sich -selber in leidlichem Frieden lebt. Während mir das Herz wunderlich zu -klopfen begann, trat ein älterer bosnischer Hauptmann herzu, der nachts -aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, und wandte durch lebhaftes Erzählen -alle Aufmerksamkeit auf sich, so daß der magische Spiegel ganz in -Vergessenheit geriet. Die Hofburg in Wien, berichtete jener, soll Tag -und Nacht von Massen hungernden Volks umlagert sein, die den alten -Kaiser beschwören, er möge einen Schritt für den Frieden tun. - -Als wir zum Lager zurückkehrten, sahen wir eine Karawane von Tragtieren -dem großen Wolkenglanz entsteigen; die Führer sagen, es gebe drunten im -Lande einen trüben Tag. Um drei Uhr rückten wir, durch dichten Wald -absteigend, in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie ablösten. -Eine Moos- und Reisighütte wurde mir als Befehlsstelle bezeichnet; hier -ließ ich mein Gepäck zurück und ging weiter, um die Verteilung der -Kompagnien zu erfahren. Die Rumänen verhalten sich still; doch entgeht -ihnen schwerlich, daß eine neue Art Feind in den Wald eingezogen ist. -Hatten sich nämlich die tapferen, aber etwas bequemen Bosniaken lieber -der dauernden Todesgefahr ausgesetzt und Nächte durch gefroren, als daß -sie sich mit dem Ausbau der Stellung abgaben, so geht es jetzt unter -unbändigem Jauchzen und Gesang an ein deutsch-gründliches Graben, -Baumfällen, Sägen und Hämmern, als stünden wir auf heimatlichem Grund -und müßten für Kind und Kindeskind Häuser bauen. - - - - - 4. November - - -Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet und mit einer -Zeltbahn überdeckt hat, bewährte sich gut; wir schliefen alle weit in -den Morgen hinein. Die Rumänen bleiben ruhig. Die Unsrigen bauen -Unterstände. Es verlautet aber, daß wir nicht lange hierbleiben. - -Beim Frühstück, als der Major Marmelade aus dem Topf nehmen wollte, -brachte er mit dem Löffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie sie -in das Gefäß geraten ist, wer weiß es? Mäuse gibt es ja hier genug, es -sind hübsche bräunliche, mit Augen wie schwarze Fischrogenkörnchen; beim -Aufwachen heute sah ich eine über mir im Gezweig, die mich beobachtete. -Klingensteiner wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert, konnte -aber keine andere Erklärung abgeben, als daß der Topf über Nacht -vermutlich unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart angelassen, was -er schweigend hinnahm; schließlich erbot er sich schüchtern, eine neue -Büchse zu öffnen. Der Major schien zu schwanken, aber nur einen -Augenblick, dann wies er das Anerbieten zurück, ließ die Mäuschenleiche -entfernen und begann, während ihm vor Widerwillen die Augen aus dem -Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen, schob auch uns das -Marmeladegefäß zu. Da er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch -etwas dicker und erklärte knapp und brüsk, die Maus könne erst heute -nacht hineingefallen, von Verwesung also noch keine Rede sein, in den -Städten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend Mütter würden sich -dort glücklich schätzen, wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf ihr -elendes Kleienbrot schmieren dürften. Dabei kaute und schluckte er -gewaltsam, die Mienen von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand er -auf, strich sich stehend ein zweites Brot und ging, ohne abzuwarten, ob -wir seinem Beispiel folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer -nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse Angefochtenheit bei jedem -zu merken. Einer meinte schließlich, er hätte ja die Marmelade -stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen können; aber dies -Wort ging daneben, jeder hatte gespürt, daß der Alte den Ekel mit -Bewußtsein erleiden und zeigen, ja, daß er uns damit peinigen und -beschämen wollte. Im stillen mochte sich auch jeder sagen, daß ein Volk, -worin alle dächten und handelten wie er, ewig unüberwindbar bliebe; doch -scheint es manchem befremdlich, daß aus dem bitteren kleinen Greise, der -uns allzuoft halb eine Belustigung, halb ein Ärgernis gewesen ist, auf -einmal etwas wie echter Schmerz und echte Größe hervorwachsen will. Sich -selber traut ja jeder Erneuerungen zu; den andern aber, besonders den -älteren, hält man gern für eine starre Gewordenheit und ist fast -ungehalten, wenn er einem plötzlich Beweise vom Gegenteil gibt. - -Bald redete keiner mehr; nachdenklich saßen alle um den Marmeladetopf, -bereit, wenn es gegolten hätte, davon zu essen, aber einer durch des -andern Gegenwart gehemmt. - - * * * * * - -Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier unsern ganzen -Frontbereich. Die Gegend ist wie absterbend; manchmal knistert es im -Gezweig, eine Staude wird geschüttelt, aber man sieht kein Wild, keinen -Vogel. Der Wald ist Urwald; filzig-strähnige Flechtengewebe verbinden -die Baumkronen und verdünnen das Licht. Ungeheure Stämme, halb -aufgelöst, manche wie durchwärmte Kerzen verbogen, glühend in allen -Röten und Bräunen des Verwesungsrostes, liegen auf- und nebeneinander, -und überall ringt Alge, Moos und Pilz zur Welt. Ja, was höhere Natur in -veredelter und festerer Form lange bewahrt und entwickelt, bis es -endlich mit Augen blickt oder sich mit Flügeln auflüftet, hier, im -feilsten hinfälligsten Stoff, ist es vorgeträumt seit Äonen und -zerfällt, kaum geworden, in haltloser Brunst. Es gibt Schwämme, die wie -Rebhuhnfittiche den Boden überbreiten, andere gleichen schwarzen -Muschelschalen, aus denen ein amethystenes Geriesel kommt. Ein Flor -violetter Posaunen bedeckt ganze Flächen, aus lockigem Gekräusel stehen -weiße Glieder, und winzige verstümmelte Hände, lichtgrün, mit einem -siegellackroten Tröpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen aus -morschen Rinden hervor. - -Plötzlich standen wir vor einem Toten, und als hätte uns dieser den -Blick geöffnet, sahen wir nun den Wald voller Leichen. Um die Höhe -Lespédii herum liegen sie zu Reihen hingestürzt, lauter Rumänen; die -Österreicher hat man wohl bereits begraben. Sie tragen zwiefach -gespitzte Mützen, denen vorne bloß ein Goldknöpfchen fehlt, um an alte -deutsche Schalkskappen zu erinnern. Alle haben ganz neue Uniformen, dazu -Halbschuhe, die aus einem einzigen Stück Leder geschnitten und oben mit -starker grüner, durch Löcher laufender Schnur zusammengezogen sind. Der -Ausrüstung ist anzumerken, daß die Führer mit einem raschen Siegeslauf -gerechnet haben. - -Wir besuchten unsere sämtlichen Kompagnien; später gesellte sich -Leutnant K. zu uns, der vor acht Tagen zum erstenmal an die Front -gekommen ist, und wir schritten zu dritt einen weiten Bogen aus, wobei -der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich die Lage des Oitózpasses -beschrieb. Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn früher kein Heer -aufgenommen hätte, sein Gesicht so bleich, als wäre er erst vom -Krankenbett aufgestanden. Die Begegnung mit so vielen Toten schien ihn -anzugreifen; er fragte, wann sie denn begraben würden, worauf der -Ordonnanzoffizier meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre die -Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen, es gäbe für den -Augenblick Wichtigeres zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben wir -stehen und betrachteten die Höhe Lespédii, die das Bataillon in den -nächsten Tagen erstürmen soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender -aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein und braunem Gestrüpp -glich sie dem räudigen Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant K. -sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als er fragte, ob es denn -irgendeinen taktischen Zweck habe, für den elenden Steinhaufen deutsches -Blut zu opfern, man möge ihn doch in Gottes Namen den Rumänen lassen. -Der Ordonnanzoffizier sah den jungen Kameraden verwundert an wie einen -Mitspielenden, der sich nicht an die Spielregeln hält, und erklärte -dann, es handle sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern -feindliche Kräfte hier festzuhalten und wichtigere deutsche Fronten zu -entlasten, und übrigens sei es an der Zeit, daß wir ins Gefecht kämen, -eine lange Defensive zerstöre den Mut, ja der beste Soldat werde -schlecht ohne Kampf und Gefahr. - -Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon den Rückweg angetreten -hatten, fragte er unvermittelt, ob sich von den Friedensgerüchten, die -neulich umliefen, etwas bestätigt habe. Wir verneinten es. Nun geriet er -mehr und mehr in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein; schließlich, -lachend und doch sehr erregt, erzählte er von einer Tante in Augsburg, -die darauf schwöre, niemand anderer als Mars, der nahe rote Planet, habe -uns den Krieg gesandt, er herrsche auf sieben Jahre über die Erde und -sauge an ihren Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung des -Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier war immer einsilbiger geworden; auf -das letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er hatte recht. Vor den -Antlitzen der Toten erstirbt jedes nicht ganz wahre, nicht ganz -nüchterne Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fühlt wohl jeder einen -Sinn in sich, der mit und über allen Planeten weiß und wirkt. Bleiben -wir im engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen Mittelpunkt aus -das Nächste, Notwendige erkennt und löst, wie kann ein wandelnder Stern -gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen verbunden, immer -dient er den Gängen des ewigen Spiels. - -In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen wir die schwarze -Fichtenfensterung rot und blaugolden wie mit Scheiben ausgelegt, unter -uns aber, schon von Halbnacht umgeben, die große weiße Dunstsee -hingebreitet, an deren östlichem Saum einzelne kleine Lichter -flimmerten. Während wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen oder -schon der gegnerischen Zone angehörten, bemerkten wir am Boden etwas -Seltsames, ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren Blechmaus -ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich einen Baum umlief. Sein Gebaren -erinnerte an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm in Hellabrunn immer -so viel Spaß gemacht haben; es war aber größer und nahezu schwarz. Wir -näherten uns vorsichtig, da huschte es den Stamm hinauf und war -verschwunden. -- Im Unterstand wurde mir eröffnet, daß ich laut -Brigadebefehl für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert bin, wo -ich einen Verbandplatz errichten soll. Das bedeutet, aus Gefahr und -feuchter Niederung der Leichenwälder in Sicherheit und golden-trockene -Höhenluft versetzt werden. Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber -beim Bataillon geblieben. - - - - - - -_6. November_ stieg ich mit Rehm, Dehm und Raab auf den Gipfel des -Kishavas, meldete mich beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten -in Empfang. Er ist bei einer Erkundung in die linke Seite geschossen -worden; die Kugel steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, der ihm -wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus den schon umnebelten Augen -blickt, verlangt er hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine Schwäche -zu überwinden, um unzählige Rumänen erschießen zu können. Nie sah ich so -brennende Rachsucht in so leidender Natur. - -Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst Ort und Art des zu bauenden -Unterstandes. Wir einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand. -Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; aber bevor er nur -antworten konnte, erklangen von allen Seiten die schönsten -Versprechungen: Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier -überbieten sich in Hilfsbereitschaft, jeder wird mir morgen in aller -Frühe seinen Diener senden. - - - - - 7. November - - -Die Nächte sind hier kälter als unten. Wir haben Erde tief und breit -ausheben lassen und über diese Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert -man weniger. Noch etwas besser wäre das Lager ohne die vielen verholzten -Wacholderwurzeln, die sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen, -wenn man im Schlaf die Lage verändern möchte. Doch wacht man jetzt gern -einmal eine Stunde, wenn Mondlicht ist über unserer vorzeitigen Gruft -und Gräser und Stauden, zart abgeschattet, über dem Zelttuche schwanken. -Heut mußte ich viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde des -Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur als blaßgrauer Silberdunst -hinabreicht. Gern läse ich wieder einmal eins von seinen Worten oder -spräche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und Briefe gehen keine mehr -durch meine Hand. Oft ist mir, als ob mich seine Sprüche leicht und -stark in die Zukunft hinüberzögen. Es hat sich nun doch so lenken -lassen, daß er nicht mehr im Graben, sondern fast nur noch als -Befehlträger verwendet wird. - - - - - 8. November - - -Das Wetter hält an; jeder Morgen bringt Nebel und ist wie eine graue -Puppe, aus welcher blau der Tag emporfliegt. - -Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen, als ich gestern -meinte; aber er steht da, trotz allem, -- was will ich mehr? Es ist bei -einem Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man sieht einander -weniger in die Augen als auf die Achselstücke, und da mir solche fehlen, -so zeigten die Zusagen von gestern keine rechte Haltbarkeit; vielleicht -haben sie mehr dem Obersten gegolten als meinem Unternehmen. Als am -Morgen die Diener ausblieben, erlaubte ich mir die Herren an ihr -Versprechen zu erinnern; aber da war gerade jeder unmäßig in Anspruch -genommen, keiner könnte im Augenblick seinen Burschen entbehren, einer -um den anderen vertröstete mich auf später. Ich drängte nicht, sondern -begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm allein zu arbeiten. Das ging aber -gar langsam; wir mußten doch nach anderen Händen ausschauen. So nach -zehn Uhr, als ich die Offiziere fest in den Dienst gestrengt wußte, da -machte ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener heran und lockte -sie mit Geld und Tabak zur Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die -gleich auf alles eingingen. Doch beschäftigte ich nicht alle zugleich; -zwei mußten immer für die Herren erreichbar bleiben, um statt der -fehlenden einzuspringen. Das Werk schoß auf wie eine Morchel; mittags -waren aus Pfählen und Erdklötzen schon Wände errichtet, um ein Uhr hatte -Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich und Steinen darübergelegt, -bald sah ich Pritschen übereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei -Stühle aus Birkenästen gezimmert, dazu kam noch ein Felsenofen mit einem -Rauchrohr aus ineinandergesteckten Konservenbüchsen, denen man den Boden -ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit ließ ich mich bei der -Befehlsstelle sehen, wo nun alles kriegerisch webert und in -Ferngesprächen der Angriff erläutert wird. Der Ordonnanzoffizier, vom -Apparat herüber quer lächelnd, fragte nach meinem Unterstand. Ich klagte -über Arbeitermangel; er meinte zerstreut-verbindlich, das werde sich -geben, es eile ja nicht, auf jeden Fall werde er mir morgen seinen -Burschen schicken. Nun freute mich erst der Spaß. Meine lieben Jungen -werkten wie für die Ewigkeit; mir fiel der Bauer von Szentlélek ein, -- -möge ihm sein groß geplanter Hof so glücklich geraten wie mir diese -Hütte! Nach dem Abendessen fragte der Oberst, ob ich den Unterstandbau -bereits begonnen habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der sei fertig, -war lebhaft am ganzen Tisch. Alle wollten ihn sehen. Ich führte sie zum -Walde hinüber, lud sie ein, auf Stühlen und Pritschen Platz zu nehmen -und spendete Zigaretten. Die Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom -Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer sonst noch geholfen habe. - -Es ist ein Abend, so ätherhell wie man ihn auf geklärteren Planeten -ahnt. Herrlich brannte die Sonne hinab, und während noch der Westen -haselnußbräunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen rumänischen -Bergen der Mond. - - - - - 11. November - - -Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr grell gegen die feindliche -Stellung fiel, wurde durch verwegenen Überfall mit einer Handvoll Leuten -der 6. und 7. Kompagnie den Rumänen Lespédii entrissen. Jetzt ist es -vier Uhr, und bereits haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen, um -das Hügelchen zurückzugewinnen. Die Unsrigen rühmen die große -Todesverachtung der Gegner, sagen aber, daß es ihnen an Besonnenheit und -Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe sie ansetzen, hört man, wie drüben ein -Führer eine Rede hält, worauf ein wilder Marsch ertönt, bei dessen -Klängen sie heranrasen wie Trunkene. So wird Musik, die reine Kunst, zu -einem Fluidum, das den Menschen über seine Grenzen hinaustreibt und mit -Gefühl des Lebens dermaßen überlädt, daß er sich sehnt, es abzuwerfen. - -Schon zeigt sich, daß der kleine Gesteinshaufen weit mehr Opfer kosten -wird, als wir vermutet hatten; die Fortschaffung der Verwundeten muß bis -morgen in eine heillose Stockung geraten. Ich beschloß, noch einige -Gruppen von Trägern anzufordern. Unwillig überließ mir der Adjutant das -Telephon. Ich erfuhr, daß unser Divisionsarzt samt seiner -Sanitätskompagnie einem andern Frontabschnitt zugeteilt worden ist. -Andere deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertröstungen; schon sah -ich die mir anvertrauten Verwundeten der Erfrierung und dem Hunger -ausgesetzt und wollte den Apparat verlassen, um beim Oberst Gehör zu -erbitten, da lehnte an einer Fichte, schlank, leicht gebückt, mit -klarer, steiler Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir, dessen -kühle graue Augen mit einiger Teilnahme auf mich gerichtet waren. - -»Darf ich Ihnen einen Rat geben?« sagte er, höflich grüßend. »Wenn Sie -an irgend etwas Mangel haben, wenden Sie sich stets an den -österreichischen Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft immer.« - -Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten als einem Soldaten; -vielleicht gerade deshalb faßte ich Vertrauen. Und wirklich, sehr -aufgeräumt wie ein Kaufmann, der gute Geschäfte zustande kommen sieht, -antwortete der fern Gerufene: - -»Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber zwölf! Haben Sie denn genug -Verbandstoff?« - -Ich bat um eine mäßige Menge, und er versprach, ein Eselchen, mit -Kompressen und Binden beladen, den Trägern bald nachzuschicken. »Bis -fünf Uhr morgens ist alles bei Ihnen«, setzte er hinzu. Nie war ich -froheren Herzens von einem Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um dem -unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen; der aber hatte seine Natur auch -dadurch bewiesen, daß er indessen unsichtbar geworden war. - - - - - 12. November, sechs Uhr morgens - - -Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben wir die neuen Verwundeten -in ein ganz nahes Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, um die -Luft zu erwärmen. Die Toten werden auf einer moosigen Fläche -zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu -ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der -uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter -ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, daß die Rumänen von der -Front zurückgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden -seien. - -Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine -Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief -ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in -unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus; -fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller Sprünge, der Spiegel -blind. Vally, mit magerem weißem Gesicht, lag in einem schlechten, -zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, daß sie schon lange -nichts mehr zu essen hätten. Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb -auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm -ein Spritzkännchen, ging ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in -Scherben wuchsen. »Was tust du?« fragte ich. »Ich muß die Königsblumen -gießen«, gab er mit großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. »Ja, -das sind kostbare Gewächse,« sagte Vally, »schau sie dir an! Die -meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere -aber, die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns -alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.« -»Kleider, Schuhe, Brot und Wein«, wiederholte das Söhnchen in singendem -Ton, stand auf und begann wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze; -es war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe von unregelmäßiger -Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man -sie länger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem -unentfalteten grünen Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf -einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll -rätselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot und -Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weißes -Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum Bett, -und wir aßen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes -innigen Wortes, als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur Traumwesen -waren und uns durch Berührung oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls -zerstören konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten; der -Kleine wurde sehr fröhlich: »Ich will der Blume Wein zu trinken geben, -damit sie schneller wächst!« sagte er, schüttete ein wenig auf die hohle -Hand und ließ es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch -prägte sich die Figur deutlicher aus -- plötzlich, mit feinem Klingen, -zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern -hervor, der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen Schritt zurück --- »die Zeit ist da!« rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber -hörte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das -Zelt geöffnet, ich sah den rötlich dämmernden Himmel, darüber hart -funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebückten knienden Mann in, -österreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem -Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein -bosnischer Sanitätsfeldwebel, der Führer der eben eingetroffenen -Verwundetenträger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren -Ankunft unverzüglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine -Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen bekommen Rast und -Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige Männer -in reifem Alter; sämtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem -Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein -rabenschwarzes mit weißen Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch -dampfend von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich darum, jeder -streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Völker alter -Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das höchste -Göttliche zu verehren. - -Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf, -brodelt eine Schießmaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte -Gifte lösen den Schmerz, und das große Feuer heizt weithin die Luft; sie -flimmert wie fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt; -sie singen langtönige Lieder, in denen der Trochäus überwiegt. Ein -starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken -und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten. - - - - - 12. November, mittags - - -Die Kälte nimmt zu. Spärlich wirbeln Flocken, man weiß nicht recht, -woher; nur wenige lockere Wolken stehen über uns. Unruhiger Morgen. Der -Feind hat Geschütze herangeholt; man rechnet mit einem Gegenangriff. -Österreichische Truppen ziehen über den Berg, lagern zuweilen. Ich sah, -etwas abseits im Walde, einen polnischen Offizier, einen -bleichgesichtigen jungen Mann, wie er einen älteren Bosniaken, der -Befehle nicht zu verstehen schien, mit geballter Faust immer wieder auf -Kopf und Schultern schlug. Solche Szenen sollen sich seit kurzem in der -verbündeten Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig ist ja -dieses Heer, und eine Farbe haßt die andere; ja es kommt vor, daß der -Führer die Sprache seiner Leute weder spricht noch versteht und sich für -zu vornehm hält, sie zu lernen. Hier übrigens war das Empörende des -Vorgangs bis ins Lächerliche übertrieben und fast aufgehoben, und zwar -durch das Benehmen des Mißhandelten. Die gebührend ehrerbietige Haltung -nicht eine Sekunde lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit der -nachsichtigen Überlegenheit eines Riesen, der sich Püffe und Knüffe -eines betrunkenen Gnomen gefallen läßt. Spaßverstehen lag breit auf dem -ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum unterschied man, wer da schlug und -wer geschlagen wurde. Wäre der junge Offizier nicht von aller -Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen, er hätte das Unmögliche, -Unwirkliche seines Tuns entdecken müssen. Der Anblick war unerträglich: -man mußte sich abwenden oder auf Heilung sinnen. Da nahte mir ein -mutwilliger Geist; im Nu war der große silbergraue Umhang aus dem Sack -gezogen und angetan; ich nahm eine Zigarette in die Hand, ging zu dem -Tobenden und bat unbefangen um Feuer. Und schön entfaltete der -unstatthafte Kragen seine Magie: der Leutnant ließ die Hände sinken, -versicherte mich seines gehorsamsten Respekts und bediente mich mit -seinem silbernen Benzinbüchschen, das durchaus nicht brennen wollte, -geduldig und artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem Bosnier, daß -er sich entferne. Dieser ging davon, aufrecht, ungedemütigt; seinen -Schultern merkte man an, daß es ihn innerlich vor Lachen schüttelte. -Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, daß er seine Höflichkeit um keinen -Grad zurückschraubte, als er nach und nach die Hohlheit meiner -prächtigen Hülle erkannte. Die lange Dauer des Kriegs und die traurige -Verfassung seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch eine Strecke in -den Wald hinein und stellte mir in seinem nahen Unterstand einen Becher -Tee in Aussicht, als in der Tiefe plötzlich ungeheurer Lärm losbrach, -der uns beiden schnelle Rückkehr zu unseren Dienststellen befahl. Beim -Stab erfuhr ich, ein Angriff der Rumänen sei im Gang; man hatte sich -aber vorgesehen und erwartete ruhig die weiteren Meldungen. Nach einer -Viertelstunde waren die Gegner zurückgeschlagen, einige gefangen. Das -Gerücht vom Einsatz russischer Kräfte hat sich nicht bestätigt. - - - - - Abends - - -Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf der freien Fläche bei den -Gräbern zum Abmarsch aufgestellt. Man sieht es diesen Rumänen an, daß -sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen haben; der Offizier, ein -Unterleutnant, senkte beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst in -seiner gottväterlichen Breite an ihm vorüberging. Ein Jude von etwa -Dreißig, untersetzt, vollbärtig, macht sich durch Deutschsprechen -bemerkbar. »Wir alle«, sagte er, »sind verwundert gewesen, hier auf -Deutsche zu stoßen. Wir hassen die Ungarn, ja; aber wir bewundern die -Deutschen. Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man lernt von ihnen, -und sie haben uns nichts Böses getan.« Der Mann sprach in einem erregten -und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er Furcht, vielleicht war er -längere Zeit in Deutschland gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo er -hinredet, stößt er auf Schweigen; nicht einmal die naheliegende Frage, -welche die Franzosen den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in ihre -Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklärt? richtet man an ihn. -Endlich verstummt er. - - - - - 13. November - - -Nachts hatte man von den umliegenden Bergen herüber Wolfsgeheul -vernommen; die Maultierführer deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere -Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen um acht Uhr, bei -bedecktem Himmel, den Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon in der -Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen waren. Beim Hinuntersteigen mußte -ich der irren alten Frau gedenken, doch schlug der Stab einen anderen -Pfad ein, und später erfuhr ich, daß jener Steig, als beschwerlicher -Umweg, von den Truppen gemieden wird. Es mochte zehn Uhr sein, als uns -zum erstenmal die Ebene mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um -gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im tiefen Winkel zweier -blaudunkler Hänge, das Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. Alle -erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne Tornister, mit lautem Gesang, -eilten die Kolonnen. Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen, -holten uns österreichische Generalstabsoffiziere ein, winkten den Oberst -heran und breiteten Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt ertönte, -Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen, um die vorausmarschierenden -Kompagnien zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach ab; mißtrauisch im -beginnenden Regen wartete die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt -Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden Regenwolken in das -Gebirg zurück. Der Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen -verlorengegangen seien, darunter der wichtige Grenzberg Runcul mare, der -unverzüglich wiedererobert werden müsse. In Oitóz sahen wir den Grafen -Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, eine graue Mütze in der Hand zwischen -Offizieren stand und ein Szeklerregiment an sich vorbeiparadieren ließ. -Die Kompagnien wurden in ungeheuren Holzbaracken untergebracht. - -Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug den Major und meldete, daß -ich den Dienst beim Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in einem -armseligen Quartier auf zerbrochenem Stuhl und studierte Karten. Der -feuchte, finstere Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört; -er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver habe. Zum Glück war ein -kleiner Vorrat geblieben; auch von Vallys trefflicher Schokolade fand -sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen. Dieses verzehrend, saßen wir -eine halbe Stunde in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu reden. -Vom Lazarett will er auch jetzt nichts wissen, und ihm vorzuhalten, daß -er mit seinen fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen könnte, statt -hier in einem unübersehbaren Krieg immer neue winterliche Berge zu -erstürmen, hinter denen doch nur neue Feinde stehen werden, wäre kaum -angebracht. Im stillen ertappte ich mich auf einer rechten Freude, -wieder bei ihm zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der sein -scharfes aber würziges Kraut nach längerer Entbehrung wieder anzündet. - -Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier erhalten, und da sie -hören, daß wir vorerst nur in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht -gar nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie Kinder, gleich -wieder guter Dinge. Niemand will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis -Mitternacht. - - - - - 14. November - - -Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. Drei Leute mußten, als -Flecktyphusverdächtige, in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die -Einimpferin der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und ekelhaft, zeigt -sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer Feind. Seit Monaten quält -sie den Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend einzelnen -Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken und Träume, jetzt versucht sie -zu töten. Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle meines Hemdes, -über welcher die Zweige der Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei -geblieben ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen Öle gewisser -Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter sein müßten, als das Naphthalin, -das uns ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und raufte wilde Minze -ab, die dort noch vielfach in fetten bläulich-grünen Stauden wächst. -Zweimal am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an der Haut, habe -mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. Anfangs verschärften sich -Jucken und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand wohltätig. - -Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten über uns. Wir machten -halt an einem früheren Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres -Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht mit Rumänen im -Gefecht. Verwundete liegen in allen Räumen, viele draußen im Regen auf -Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen Gesichts, wandelt -zwischen Sterbenden, flüstert ihnen vertraulich zu, netzt sie mit -geweihtem Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und Wünschen, dazu -nach den Adressen ihrer Angehörigen; dies alles schreibt er sorglich in -ein dunkelgrün gebundenes Buch. - -Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, führen, von dem -ich Starrkrampf-Serum zu erhalten hoffte. In einem Saal neben dem -Hausflur bemühte er sich um gefährlich Verletzte; mein Eintreten -bemerkte er nicht. Jetzt ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein -Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer blieb ich gerne; denn nie -hatte ich einen schwierigen Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit, -Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt scheint nichts zu -drängen und zu hetzen, und ob er blutende Schlagadern unterbindet oder -zerbrochene Glieder in Schienen schmiegt, seinen Händen legt sich alles -wie von selber zurecht. Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir -hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer Zerstörungen still und -klar. - -Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt ich Serum zugeteilt, -soviel ich wünschte, hatte nur etwas Morphium dagegen zu liefern. - -Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert auf Stroh. Es sind -Bauchschüsse, für die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind; sie -bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen aufgelegt, und Fellerer -bittet mich, dieses Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters -davon Heilungen gesehen. - -Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; aber man bedarf -unser noch nicht. - -Unter einem Regen, der fallend gefror und halb in Tropfen, halb in -Eisperlen auftraf, stiegen wir in eine Schlucht hinab und schlugen -zwischen sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten die Zelte -auf. Ein hoher Berg deckt uns vor dem Feind; es ist gestattet, Feuer -anzuzünden, aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der Hunger -begann zu nagen. Das Brot ist diesmal schlecht gebacken, halb noch Teig, -halb verschimmelt. Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare -ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade dazu gefunden hätte; aber -diese ist ausgeblieben. Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche -die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich für längst verjährte -Hilfe gegen schleichende Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in -Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; schwerlich war er in -unsrer Lage unwillkommen. Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf -und schnitt behutsam den Deckel los; mit goldbraunflüssigem Bienenhonig -war sie bis zum Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder der -Vermehrung zu erneuern: die Bewohner dreier Zelte sind schon erquickt -und noch immer das Gefäß bis über die Hälfte voll. - - - - - Abends sechs Uhr - - -Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen. Als gar kein Feuer -zustande kommen wollte, fiel mit Reginas wächserne Reliquie ein, die -sich in einem Seitenfach der Verbandtasche befinden mußte. Mein Zelt -steht etwas abseits von den andern hinter einem Stamm; niemand gab -gerade auf mich acht. Im Nu war das Kästchen zu Spänen zerschnitzt und -angezündet, sodann die wächserne Hand daraufgelegt. Das Rot schmolz ab, -der weiße Kern kam zum Vorschein, und bald schlug mit Geprassel das -wachsbetropfte harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrüßten die -Genossen mein unverhofftes Opferfeuer, aus allen Zelten kamen sie, um -Glut zu holen, und Reginchen selber müßte sich daran freuen, wie nun die -ganze Schlucht von Bränden lodert und sprüht. - - - - - 16. November 1916 - Hallesul, am Fuß des Runcul mare - - -Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die Zelte abgebrochen, alles rasch -zusammengepackt; fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke -leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach, dann tappten wir in -Waldfinsternis aufwärts. Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur -des Vorausgehenden; mich führte der schwache Glanz eines Zinnbechers an -einem Gürtel. Schnee fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der Mond -mußte über uns stehen. Immer schneller vollzog sich die Bewegung, bald -an Abgründen, bald über Stege, bald um Felsen herum, stundenlang. Die -Soldaten trugen das leichteste Sturmgepäck; die Tornister sind in Oitóz -aufbewahrt. - -Als wir in das bewaldete Tälchen gelangten, das Hallesul heißt, erhob -sich durch den Dunst eine mächtige Bergform; im Nu spürte jeder: wir -sind da. Hier war eine andere Aufgabe gestellt als vor dem Hügelchen -Lespédii: ein steiler, vom Feinde stark besetzter Grenzberg, der, nahe -dem wichtigsten Paß, das Land Siebenbürgen bedrohte, war zu erstürmen. -In einer halben Stunde mußte es geschehen sein, oder es geschah -niemals. Auf Kanonenhilfe war verzichtet; indianerhaft, in weit -auseinandergezogenen Gruppen sollten zwei Kompagnien anschleichen, um -gewaltsamsten Angriffs von Mann zu Mann den Gegner in Entsetzen und -Flucht oder in den Tod zu jagen. Nahe dem Punkt, wo die Züge unter -Leitung des Majors zu gesondertem Vorgehen verteilt wurden, blieben wir -Ärzte mit dem Adjutanten zurück und erwarteten weitere Befehle. Wir -sahen uns um, wo vielleicht ein Verbandplatz zu errichten wäre; aber da -fand sich weder Unterstand noch fließendes Wasser. Schon zeigt die -phosphoreszierende Uhr die Zeit fast überschritten, ein vager Gedanke -regt sich, es könnte noch in letzter Sekunde die Aktion widerrufen -worden sein oder gar bereits eine Friedensbotschaft draußen die finstere -Welt umfliegen, -- da rast das deutsche Kampfgeschrei, ein Augenblick -tiefer Stille folgt, und nun setzt ein Feuer ein, wie wir es in solcher -Verdichtung nie gehört haben. Deutlich unterscheiden wir die hellen, -gezielten Salven der Unsrigen von den dumpfen vereinzelten Schüssen der -Aufgescheuchten. Ohne Befehl abzuwarten, verließen wir den Wald, und nun -war wie mit einem Ruck Morgen geworden. Entgegen stand uns ein kahler, -zerklüfteter Kegel, von dem dünne Dunstschwaden ins Blaue wehten. Als -erste Gestalten erblickten wir gefangene Rumänen, die behutsam deutsche -Schwerverwundete zu Tal trugen, und unversehens fanden wir uns unter -Leidenden und Sterbenden gezwungen, den ungeschützten Platz, wo wir uns -eben befanden, zum Verbandplatz zu machen. Schon hatte eine Granate -zwischen uns eingeschlagen und zwei Verwundete getötet, da kam der -Hauptmann einer ungarischen Reservekompagnie des Weges und verriet uns -die Nähe eines leidlich eingerichteten Sanitätsunterstandes, auf einem -Felsen im Walde. Wir ließen pfadweisende Täfelchen an Bäume nageln und -brachten die Verwundeten in den fast leeren Raum, dem eine schmale -Ärztezelle mit Pritschen und einem Tischchen angefügt ist. Zwei sehr -junge ungarische Sanitätsfähnriche geschmeidig-zart, rotseidene Genfer -Kreuze auf schneeweißen Armbinden, begrüßten uns, boten sich als -Gehilfen an und begannen die Arbeit mit einer Geübtheit, die wir ihren -feinen Knabenhänden kaum zugetraut hätten. In hundert Formen wogte -Leiden heran, und sehr ungelegen kam ein Bote des Majors, der um neun -Uhr mich und den Kollegen R. zur Befehlsstelle berief. Wir übereilten -uns nicht und begannen den Aufstieg erst nach zehn Uhr. - -Es ist ein Berg der Blindnis und des Todes, den wir langsam erklimmen. -Vom östlichen Hang herüber, wo der Kampf noch nicht abgeschlossen ist, -schallen durch Gewehrgeknatter wilde Schreie; hüben aber in unserem -Bereich beginnt eben der Feind, den Eroberern das Eroberte zu verleiden. -Wie Hornisse zerstechen Granaten das Gefelse, Fleisch reißend aus -Lebendigen und Toten. Bald rufen uns deutsche Verwundete an, bald -rumänische, die nun das Eisen ihrer Brüder zum zweiten Male verstümmelt -hat. Manche leiden regungslos; viele krümmen sich wie Schlangen. Mitten -aber durch tödliche Zone sahen wir deutsche Leichtverletzte nach unten -steigen, einige bleich, verstört, andere voll Übermut, mit bunten -Gürteln, Westen, Ordenszeichen toter Gegner wie zum Karneval aufgeputzt. -Einer hat aus der rumänischen Stellung ein Grammophon mitgenommen; nun -kommt ihm der Einfall, es aufzuziehen und auf einen Stein zu stellen, -der Page aus dem Figaro beginnt zu singen, und wie die Stimme eines -Irren klingt Mozarts Lied in zerrütteter Welt. An einer Granitplatte, -nahe der Kommandostelle, lehnte der Befehlträger Glavina, noch atmend, -aber schon ganz mit der einsichtigen Miene der Toten. Man sah kein Blut. -Schmerz und Schauder zurückscheuchend, suchten wir die Wunde und fanden -endlich einen feinen, in den Nacken eingedrungenen Splitter. Bald stand -die Atmung still. Einige dichtbeschriebene Meldezettel, die ihm aus der -Tasche gefallen sein mußten, nahm ich mit, um sie dem Adjutanten zu -geben, merkte aber auf dem Wege, daß sie nichts Dienstliches enthielten; -nun verwahre ich sie vorderhand bei mir. Dem Major sagten wir, daß die -bestellten bosnischen Verwundetenträger noch nicht eingetroffen seien; -er versprach, die Division anzurufen, und sandte uns bald in den -Hallesul zurück. - -Indessen hatte sich das Wetter verfinstert; es fing zu schneien an. Ein -fließender weißer Vorhang nahm den Geschützen das Ziel; eines nach dem -andern verstummte, fast ungefährdet gingen wir hinab. Ein Rumäne, -zwischen zwei Birkenstämmen hingestreckt, lag mir im Wege; ich hielt ihn -für tot und wollte über ihn wegsteigen, vernahm aber ein Ächzen und -fühlte mich mit schwacher, doch spürbarer Gewalt am Mantel gefaßt. -Zurücktretend sah ich das Leichengesicht eines kaum Dreißigjährigen, die -Lider fast geschlossen, die Mundwinkel äußerst schmerzlich verzogen. Die -Finger hielten noch immer den Zipfel meines Mantels fest. Durch einen -grauen Umhang, der seine Brust bedeckte, dampfte es leicht; R. schlug -zurück, unter aufgesprengten Rippen lagen die Brustorgane frei, das Herz -zuckte schlaff. Mehrere silberne und kupferne Heiligenmedaillen, die er -an schwarzem Band um den Hals getragen hatte, waren tief ins Fleisch -hineingetrieben, einige stark verbogen. Wir deckten wieder zu. Der Mann -öffnete halb die Augen, bewegte die Lippen. Um nur etwas zu tun, füllte -ich die Morphiumspritze, und wirklich schien er etwas dergleichen -gewünscht zu haben: er ließ den Mantel los und bemühte sich, mir den Arm -zurechtzulegen. Schwer erklärbares Verhalten eines fast schon -Gestorbenen! Aber vielleicht gibt es einen unendlich scharfen, unendlich -peinlichen Schmerz, den der wach Sterbende um jeden Preis los haben -will, weil er ihn brennend im Leben festhält, ihn am freien klaren -Scheiden hindert, wer weiß es? Nach der Einspritzung legte er fast -bequem seinen Kopf an der Birke zurecht und schloß die Augen, in deren -tiefe Höhlen sogleich große Schneeflocken fielen. Wir gingen eilig -weiter; es war fast ein Uhr, als wir im Hallesul ankamen. - -Der Schneefall dauert an. Die Geschütze ruhen. Immer aber streifen oben -Gewehrkugeln durch die Baumkronen; die Luft ist voll Harzgeruch des -tausendfach verletzten Waldes. Vergeblich warten wir auf die bosnischen -Träger. Sie müssen sich verirrt haben. Im Unterstand ist kaum noch Raum -für Madjaren und Deutsche; die schwerverwundeten Rumänen liegen draußen -zwischen den Fichten im Schnee. Einen ihrer Sanitätsunteroffiziere, -einen jungen Juden, haben wir bei ihnen gelassen. Er hat ihnen ein Feuer -angezündet, das kümmerlich brennt und unter Schneeflocken zischt. Einige -halten die Hände darüber. Ein anderer lächelt immer und bekreuzigt sich -von Zeit zu Zeit. - -Im Unterstand verdunstet immer dichter das Blut. Mit klebrig-tierischem -Gestank reizt und verdüstert es die Nerven; man läuft immer wieder ins -Freie. Der rote Saft, an den das Leben mit Lust, Qual, Wut, -Barmherzigkeit, Wahnsinn und Weisheit gebunden ist, warum erregt er, -sobald er verschüttet wird, unleidlichen Ekel? - - - - - Abends - - -Wirklich sind die Bosniaken ausgeblieben, vielleicht von einer anderen -Truppe weggefangen. Unsere gefährlichst Verwundeten nach Oitóz zu -tragen, haben sich mehrere Leichtverletzte erboten; bis Mitternacht -werden sie dort ankommen. Nun konnten die Bleibenden besser gelagert, -auch fünf Rumänen in den Unterstand aufgenommen werden. Von den übrigen -starben noch drei; die anderen drängten sich dicht um ihr Feuer, wobei -sich einige die Stiefel verbrannten. Es sind lauter junge Leute, -glattgefällige Vollgesichter, -- wie mager, wie geprägt, wie -grüblerisch-versonnen, wie kriegsgealtert sehen dagegen die jungen -deutschen Soldaten aus! Der jüdische Unteroffizier, des Deutschen -kundig, fragte mich im Namen aller, wann sie wohl in ein Lazarett -befördert würden, worauf ich nach der Wahrheit erklärte, daß das nächste -Lazarett mehr als zwanzig Stunden entfernt sei, auch daß die bestellten -Sanitätssoldaten uns verfehlt hätten und schwerlich vor morgen -eintreffen würden. Sichtlich ungern übersetzte der Dolmetsch die -schlimme Auskunft, und in der Tat war die Verzweiflung, die nun auf -allen Gesichtern erschien, so fürchterlich, daß ich mich zu einer -Torheit verleiten ließ, indem ich, wie man Kinder durch leichtfertige -Verheißungen zu beschwichtigen sucht, ihnen aufs Geratewohl sagte, sie -sollten sich nur noch ein Weilchen behelfen und gedulden, ob nun die -Träger kämen oder nicht, in jedem Fall würde ich sie alle noch vor -Dunkelheit unter Dach bringen und ihnen reichlich zu essen geben lassen. -Wort um Wort übersetzte der Jude; ermutigt horchten sie auf. Kaum aber -war das Versprechen gegeben, da fiel es mir in seiner ganzen -Unsinnigkeit auf das Herz. Wir haben kaum Unterkunft für die Unsrigen, -dazu so kärgliche Nahrung, daß immer die Lebenden sich gierig auf die -Brote der Gefallenen stürzen, auch fehlt mir jede Befehlsgewalt, -- wie -hatte ich dies alles vergessen können? Gefreiter W. meinte, die Kerle -verdienten nicht so viel Federlesens, auch unsere Kameraden lägen auf -dem Berg in Eis und Schnee, Krieg sei Krieg, die Rumänen hätten ihn vom -Zaun gebrochen, sie sollten ihn nur spüren. Darauf war im Augenblick -nichts zu erwidern; ich erneuerte mir indessen die Hoffnung, daß die -Bosniaken doch noch kommen Würden, und ging, da im Unterstand gerade -nichts zu tun war, ein wenig den Berg hinauf, anfangs dicht hinter der -Linie, wo Posten, bekleidet mit weißen Schneehemden und -mützen, wie -Priester, die eine stille Messe zelebrieren, hinter ihren Brustwehren -standen. Befehlbringer kamen und gingen; mit singendem Ton strichen -Kugeln. Höher gelangend, sah ich durch das Gestöber einen huschenden -rötlichen Schein; dieser konnte nicht mehr unserm Bereich angehören, da -schräg über die nächste Höhe schon die feindliche Stellung läuft. -Gestalten traten in den Glanz, nahmen eine Bahre auf und trugen sie -davon, da verlosch die Erscheinung. Ich stieg weiter und kam an einen -hohen Baum, durch dessen Astwerk ein weißgrauer Vogel flatterte, fast -amselgroß, vielleicht ein Schneefink, der erste Vogel, der mir in diesen -stummen Wäldern zu Gesicht gekommen ist. Schnee fiel noch immer; in -Millionen Stückchen schien der Weltraum herzusinken, man spürte die -saugenden und belebenden Wellen des Nichts. - -Als ich in den Hallesul zurückkehrte, wurde mir eine Überraschung. Ich -spähte nach meinen Rumänen; keiner war da. Nur die Toten, schon -zugeschneit, lagen bei den verrauchenden Kohlen. So sind die Träger doch -gekommen, dachte ich und wollte weitergehen, traf aber den ungarischen -Kompagnieführer, der uns am Morgen den Verbandplatz gezeigt hat; er -schien mich erwartet zu haben. Und nun erfuhr ich, was in kleiner wie -großer Menschenwelt hie und da einmal vorkommen mag, daß irgendeiner -halten muß, was ein anderer leichtfertig versprochen hat. Mit knappen -Worten entschuldigte sich der Hauptmann, weil er die deutschen -Kompetenzen ein wenig verletzt und in meiner Abwesenheit die Gefangenen -an einen anderen Ort habe schaffen lassen, seine Leute hätten mich -überall vergeblich gesucht. Durch das runde Fensterchen seines nahen -Unterstandes habe er den ganzen Tag wie vor einer Zauberlaterne die -Gruppe der Verwundeten und Sterbenden mit ihrem armseligen Feuer vor -Augen gehabt, allmählich sei es seinen etwas anfälligen Nerven zu viel -geworden. Abseits in einer Schlucht stehe eine leere Reisighütte, dort -befinden sich die Leute jetzt, er habe ihnen auch warmes Essen -geschickt. Ich erwiderte etwas Verbindliches; er wollte nichts hören. -»Ihr armen Deutschen«, sagte er lachend, »habt ja selber nichts mehr zu -brechen und zu beißen, während wir Ungarn vorderhand noch im Überflusse -schwimmen.« Damit führte er mich durch Gestrüpp und Schneewehen in die -Schlucht hinein. In der Hütte bei Kerzenschein lagen die Verwundeten auf -Tannenzweigen. Sie aßen Fleisch aus Blechbüchsen und tranken aus ihren -Feldbechern heißen Tee. Der Unteroffizier stand auf, erstattete dem -Offizier in deutscher Sprache eine Meldung, wandte sich sodann zu mir -und sprach im Namen aller für Unterkunft und Speisung seinen Dank aus. -Befremdet sah mich der Ungar an. Ich suchte den einen über seinen Irrtum -aufzuklären und bekannte dem andern mein unbesonnenes Versprechen; beide -lächelten höflich, doch scheint mich keiner so recht verstanden zu -haben. - -Als wir wieder ins Freie traten, hatten Deutsche und Rumänen schon -begonnen, durch Aufsenden unzähliger Leuchtkugeln einander zu warnen und -zu bewachen; grellrot und grün flackerte der ganze Hallesul bis zu den -Bergen hinauf, und wie Konfetti fiel durch die farbenwechselnde -Beglänzung der Schnee. Selten wird ein Schuß abgegeben; zuweilen, durch -das Raketenzischen, hört man wieder, wie am Kishavasberg, aus großer -Entfernung Wölfe heulen. - - - - - 17. November - - -Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte. Nach Sonnenaufgang -öffnete sich der trübe Himmel; man sah hinter durchsichtigem -Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als embryonenhafte Goldgestalt. Die -Krankenträger sind eingetroffen, und nach und nach werden alle -Verwundeten fortgetragen. Pirkl muß hierbleiben; er ist fast ohne Puls -und würde vermutlich als Leiche nach Ojtóz kommen. Sein Bruder hat auf -eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Da er sich nicht mehr -mit ihm verständigen kann, so benutzt er die Frist, um dem noch Lebenden -ein Grab zu graben und ein Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr -sorgfältig mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet. - -Um neun Uhr erscheinen unter Führung eines fahnentragenden Rabbiners -dreizehn Rumänen mit Gewehren und Munition, erbitten Gehör bei dem -ungarischen Hauptmann und ergeben sich ihm in aller Form. Der Aufzug war -ein bißchen bühnenmäßig, wofür Ungarn wie Rumänen gewiß mehr Sinn haben -als wir. Der Tag vergeht ruhig. Die Kälte hat nachgelassen; Föhnwind -leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen. Oft geht man durch eine -Welle sehr warmer Luft, als ob Öfen in der Nähe stünden. Blasse Sonne, -breit zerfließend, steht in löschpapierweißem Dunst. Am Abend ziehen die -ungarischen Sanitätsfähnriche lange Flaschen aus ihren geräumigen -Tragkörben, dazu feine geschliffene Gläser und erquicken sich und uns -mit heißem Wein. - - - - - 18. November - - -Kein Wunder, daß man viel schläft und viel träumt in dem -Winterwaldzwielicht. Wehrt man sich dagegen, so wird es nur schlimmer. -In Frankreich, vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr nahes Ende des -Krieges glaubte, war aller Traum nur Träumerei; locker und sinnlos fand -ich mich unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum wußte etwas vom -andern. Seit aber von Frieden und Heimkehr nicht mehr die Rede ist, -scheint nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; es ist -auch, als versteckten sie vor mir ein geheimes Ziel, dem sie mich auf -Umwegen zuführen wollen. Zuweilen werden sie durch ein äußeres Ereignis -von ihrer breiten Entwicklung abgedrängt und grob skizzenhaft beendet. -Heute morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand ein und weckte mich -aus einem Traum, der seltsam deutlich blieb, weil er, wie ein jäh -aufgedeckter Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich zu verschlüpfen. Ich -war nachts einmal aufgewacht und hatte bemerkt, daß der Unterstand von -Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das Tischchen, knabberten am Brot -und streiften einige Male so kunstreich an den geschliffenen Gläsern der -Ungarn hin, daß es eine gar liebliche Folge heller Klänge gab. Dadurch -war das Widerliche des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas geisterlich -Koboldisches lag in der Luft, und vor einem ganzen Theater lustigster -Mäusemetamorphosen schlief ich ein. Immer mehr entfärbten sich dabei die -Tiere; schließlich waren sie alle glänzend weiß und liefen auf einer -grünen Fläche hin und her. Als ich sie aber näher betrachten wollte, -stand ich am Billardtisch eines dunstigen Kaffeehauses, wo ein -unsichtbares Orchester fernher dudelte, und statt der Mäuse sah ich -weiße Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger Spieler am Billard -war jener Rumäne, dem wir auf dem Berge das Morphium eingespritzt haben. -Mit wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch und hielt mit leisen -deutenden Bewegungen seines Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu -berühren. Diese wurden immer glänzender; wie Kreisel summend, mit -sphärischer Sicherheit rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff; -keiner störte den andern, und wenn sie von einem Rande zurückschnellten, -verstärkten sie Geschwindigkeit und Licht. Eigentlich glichen sie -einander genau; doch dünkte mich bald einer besonders herrlich, ja, ich -fühlte mein ganzes Schicksal an ihn gebunden, -- wenn er stillstand oder -mit einem anderen zusammenstieß, mußte grenzenloses Unheil geschehen. In -einiger Entfernung ging Regina als Scheuermädchen von Tisch zu Tisch, -las Zigarrenstummel und zerbrochene Gläser auf und warf sie in einen -Kehrichteimer, den sie mühsam daherschleppte. Plötzlich stand sie bei -mir und flüsterte: »Weißt du's schon? Eben bin ich deinem Schatten -begegnet.« Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen meine -wunderbare Kugel, warf sie zu dem übrigen Kehricht und setzte den Deckel -auf den Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina glich, spielte -weiter; seine Augenhöhlen waren voll Schnee, er schien nichts zu -vermissen. Ich aber hob die Hand und schlug Regina auf die Stirne, da -schlief sie stehend mit unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball -jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn mit immer höherem Tone -weiter kreiseln und mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde der -Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. Alles schwankte; -Regina, die schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich wie eine -Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir herüber, wie um mich zu -erschlagen. Und das war die Sekunde, wo draußen mit heulendem Knall das -Geschoß zersprang! Ich stand im Nu auf den Beinen. Ein langhallender -Schrei erscholl, der plötzlich abbrach, als hätte er die Stimmbänder des -Schreienden zerrissen. Raab, Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür; -andere, schutzsuchend, drängten von außen herein. Neben dem Trichter lag -ein ungarischer Soldat, bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die -Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine weitere ist nachgefolgt. - - * * * * * - -Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang ohne Bewußtsein -im Verbandraum gelegen, bekam heute, nach der zehnten -Digipuratum-Einspritzung, einen kräftigen Puls, begann auch wieder tief -zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank er einen halben Feldkessel Tee -und aß Konservenfleisch. In seinem eignen Kote liegend, fühlte er sich -höchst unbehaglich, stand alsbald auf und ging ins Freie, sich zu -reinigen, wobei er plötzlich das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder -für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf seinen Namen, sah dann -ins offene Grab hinein und rieb sich lange die Augen. Auf einmal fing er -so herzlich zu lachen an, daß der Verband, der locker geworden war, wie -eine Haube hinten hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, wie -einer, der einem Mordsspaß auf die Spur gekommen ist, und setzte lachend -seinen Weg fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen ist seine -Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel ist augenscheinlich gar nicht in -den Schädel selbst eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule, -dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt. - - - - - 20. November - - -Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte. Regen hat alle Toten aus -dem Schnee hervorgewaschen; einer nach dem andern wird nun begraben. -Viele Leute melden sich krank; eine trockene, schmerzhafte -Augenentzündung befällt uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind -einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer wieder Unvorsichtige den -feindlichen Scharfschützen zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt -halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, ob keiner der Unsrigen -sich einmal vergißt und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen, -zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger taugt als der deutsche. Wer -noch leidlich gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung die -sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum entgegensinken, das Ablösung -bedeutet, und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn ich mich beim -Überweisen in die Lazarette ziemlich liberal verhalte. Leutnant Leverenz -behauptet freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand an Gewehren -vermindere, gibt aber zu, daß auch dem Tüchtigsten hier nicht mehr als -drei Tage und Nächte zugemutet werden können. Es gibt keine Unterstände -auf dem Berg; hinter Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen -Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang es hell ist, den Kopf -nicht erheben. Die größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der mit -ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden ist. Im Schmelzwasser, das von -den blutüberstrudelten Hängen heruntersickert, ist beginnende Verwesung -so reichlich gelöst, daß wir es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger -zum Trinken gebrauchen mögen. - - - - - Kézdi-Almás, 22. November 1916 - - -Gestern am Abend von preußischer Landwehr abgelöst, stiegen wir durch -feuchtes Gestöber nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im Dunkel der Weg -abhanden kam. Ob es möglich sei, daß der Kopf sekundenlang schläft, -während sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide ich nicht, -weiß nur, daß mir einmal auf diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit -goldenen Zeichen dicht vor den Augen erschien, worauf ich wie aufwachend -emporfuhr und mich deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten -wir die Baracken. Früh nach acht Uhr, bei aufgehelltem Wetter, zogen wir -weiter, nachdem die Leute ihre Tornister zurückerhalten hatten; die -Tornister der Toten wurden auf einem großen Wagen nachgefahren. Das -Bataillon ist klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht in die -Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen wir den Oberst mit -Regimentsstab und vollzähliger Musikkapelle stehen; sie warteten auf -uns. Als wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein heller -Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien folgten, dann schmetterte sich -ein Marsch aus >Carmen< gewaltig aus. Unsere schmutzgraue Schar, die so -gebeugt und müde dahinschwankte, als wäre sie besiegt, begann sich zu -straffen; allmählich begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst ihr -erweisen ließ. Nach >Carmen< folgte das Lied vom guten Kameraden, und -nun endete die Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf erreichte, -dessen Kinder, von den Klängen gelockt, uns mit entzückten Gesichtern -entgegenliefen. - -Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere Leute wegen -Brustbeklemmungen in das Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein -häufiges Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will keiner; jeder -hofft auf Ruhewochen und gibt sich mit Baldriantropfen zufrieden. Als -Raab den Sanitätswagen aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel, und kein -Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben. Für den Augenblick freilich -genügen die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen haben. Dehm und -Raab sind sich fast böse geworden, weil einer dem andern den -Schlüsselverlust vorwirft. - -Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große Stube, deren Boden mit -feinem Sande bestreut ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, ist -an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten Fellen -überbreitet. Das Schönste ist ein großer Apfelgarten hinter dem Hause. -Von hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt er wie in einem Korb. -In einer Ecke blüht noch ein hoher Sonnenblumenspätling. Der -schwarzgelbe Teller hat sich weit vorgestülpt und am Rande nach unten -umgebogen, so gewaltig war im Sommer der Wille der Blume, dem -Sonnenstand überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise der blühende -Samt leichenfarb gefleckt oder ausgefallen, die graue Samenmosaik -entblößt. Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer Vogel ab, einen Kern -im Schnabel, und entschwirrte in die Dämmerung. - - - - - Kézdi-Almás, 25. November 1916 - - -Für die nächsten zwei Tage scheinen wir noch sicher vor Alarmierung. Man -richtet sich ein; viele packen Bücher und gute Uniformen aus, mancher -stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein Quartier ist voll Unruhe; -alle Nachbarn gehen ein und aus, ein altes Weib war eben hier und -bettelte um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer Szene, die, für -sich betrachtet, vielleicht nichts bedeutet, und doch ist mir, als ginge -sie mich und manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause viele Katzen -zur Welt gekommen, die nun lästig werden, zumal es an Milch für sie -fehlt. Ein etwa fünfzehnjähriger Bursche, der hier bedienstet ist, -scheint Auftrag erhalten zu haben, die überzähligen Tiere zu beseitigen. -In der Stube schreibend, sah ich, wie er sie über den Hof trug, und, -bevor ich seine Absicht erkannte, eines nach dem andern unglaublich -geschwind an die Scheunenwand schmetterte, vor der sie liegen blieben; -dann kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie es seine Art ist, in -die Küche zurück, wo gerade das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu -den andern und aß gemütlich. Eines aber der hingerichteten Kätzchen, ein -blaugraues, weiß von Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen -Flöckchen im Nacken, von den anderen durchaus verschieden, war nur -betäubt worden und erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte es -kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit dem Pfötchen einige Male -über die Ohren, als ob es dadurch schneller zur Besinnung käme, und, -schlich sodann über den Hof in das Haus zurück. Nun erst bemerkte ich, -daß es am Kinn blutete, sonst schien es unversehrt. Zögernd kam es zur -Küchentür herein und blickte sich um. Als es die schmausenden Leute sah, -bemühte es sich, auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen -Ansätzen, auch gelang; dann saß es eine Weile still. Endlich schmiegte -es sich, zutraulich bittend, an den Ellenbogen seines behaglich kauenden -Mörders. Ich konnte ihn von meinem verborgenen Tischchen aus beobachten, -kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte, aß er zuerst noch -ein Weilchen weiter; auf einmal wars, als kämpfe er mit einer Übelkeit, -er bekam eine Art Schlucken und legte den Löffel weg. Sobald die andern -fortgegangen waren, berührte er das Kätzchen vorsichtig, wie wenn er -sich vor ihm fürchtete oder seine leibhaftige Gegenwart bezweifelte. -Schließlich stellte ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fähig ist, -als wärs eine Porzellanfigur, auf den Tisch und bröckelte ihm seine -stehengelassenen Fleisch- und Brotreste hin. Es fraß ein wenig davon, -und das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam, redete er sehr -eindringlich auf sie los; ich vernahm öfters das Wort Matschka, dabei -deutete er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das Tier schweigend -an und entfernte sich wieder. Der Bursche geht seither wieder auf dem -Hofe seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so vorsichtig wie das -lebendige aufgenommen und weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen -einigermaßen verändert vor, wacheres Gesicht, festerer Gang, auch hab -ich ihn seither nicht pfeifen gehört. - -Morgen kommt der österreichische Thronfolger und hält bei Lemhény eine -Truppenbesichtigung ab. Ich erkläre mich als erholungsbedürftig und -bitte, in Kézdi-Almás bleiben zu dürfen. Es wird sehr windig und kalt. - - - - - 28. November - - -Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und weil mir eine freie -Stunde gegönnt ist, will ich mir die kurze Geschichte seines Leidens -aufzeichnen; gehört sie doch auch zu meinem Tag. Früh weckte mich -gestern leises Wimmern und Murren. In der großen Stube, mit ganz -verschaudertem Gesicht, kauerte der junge Ungar am Boden und schob dem -Tier bald ein Wasser-, bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut, -morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es gar nicht; auf das Wasser -blickte es unverwandt. Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf wie -ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht war viel kleiner geworden, das -goldumrandete Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr heiß. Es -hatte gewiß Fieber und brennenden Durst. Bald weinend, bald brummend -näherte es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber bei jeder -Berührung mit einem zornigen Laut zurück; es war zu sehen, daß ihm der -Trinkversuch Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb es rasende -Begierde dem Wasser zu. Plötzlich tauchte es eine Vorderpfote ein, dann -die andere; schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, der -aber viel zu klein war. Man füllte eine große Schüssel; da legte es sich -hinein mit seinem ganzen inneren Brand und blieb eine Weile ruhig. - -Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder und Nachbarinnen kamen, ein -Kreis von Neugier und Erbarmen zog sich um das arme Tier und seine Qual. -Noch vorgestern hatte man es achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte -niemand daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder fand nur, daß -es ein reizendes Kätzchen sei, und wußte einen Rat, ein Mittelchen, um -es zu heilen. Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe gerückt, -hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders die Kinder. Und wirklich war -etwas Bewundernswertes in der Haltung der kleinen Katze, etwas kaum -Beschreibliches, das sie über ihren Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein -Bewußtsein ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der Tod wohl nach und -nach abtragen oder zertreten, aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom -eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem Wesen treu zu bleiben, -wie es, schon von der Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt und -die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab, dies war es, was alle -sicherlich viel stärker ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges -ist hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl gewußt, warum sie -dieses Tier heilig hielten und seine Mörder bestraften. - -Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás all ihren guten Rat -erschöpft und sahen schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der -gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab Atropin dazu. Wir ließen das -Kätzchen aus dem Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge der -Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines Mädchen laut aufschrie. -Matschka jedoch zuckte bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie -von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei Minuten ging sie auf -ein Fleckchen Sonnenschein zu, das auf der Diele leuchtete, streckte -sich behaglich aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief ein, -zuweilen im Traum leise knurrend. So fanden wir sie noch spät, als -längst keine Sonne mehr schien, da begann wieder das vergebliche Wandern -zum Wasser. Wir wiederholten die Einspritzung in dreifacher Stärke. -Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast ausgelassen und machte -sonderbar schelmische Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn -ihre Natur, doch blieb sie immer schön im Einklang ihrer Bewegungen. -Plötzlich sprang sie zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. Ich -hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie ließ es brummend geschehen und -schlief auf einmal ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich sie mit der -Taschenlampe; sie schlief unter leichten Zuckungen. Den Schweif hatte -sie bequem um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem linken Fuß. -Die Lage war lästig, und ich wollte den Fuß wegziehen, da erhob sie aber -ein sehr ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie mich in die -Zehen beißen. So faßte ich mich denn in Höflichkeit, die wir einem -sterbenden Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht weiter. Durch -das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, bemerkte ich übrigens bald eine -Veränderung an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, wie -sie, glaub ich, die Mönche als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand -sich leichter, das Denken geschah freier und sicherer als sonst. -Lebhafte Vorstellungen vom Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als -erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit einfacher behandeln -könnte als bisher. Dabei blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war, -der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und nie vielleicht bin ich -mehr davon überzeugt gewesen, daß wir nicht nur von Menschen, Geistern -und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, ja sogar von -unbelebten Stoffen unmerklich zu uns selber geführt werden, worauf am -Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. Und nun flog mir -geschwind und klar alles durch den Kopf, was ich jemals über Katzen -Gutes gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende Mythe von jener -sintflutartigen Überschwemmung, welche die Mutter so oft erzählt hatte. -Ein Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf dem unendlichen -windbewegten Gewässer. Bei ihm befand sich eine Katze, und jedesmal, -wenn die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende Tier auf die andere -Seite, um das Gleichgewicht herzustellen, bis endlich das kleine Boot in -der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die Flut verlief sich, man -holte die Wiege herunter und fand Kind und Katze lebend und unversehrt. -Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so nannte man es Dold, was -soviel heißt als Wipfel, und es wurde der Stammvater eines großen -berühmten Geschlechts. - -Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken weiter durch manches -Gebiet, um endlich in das nächste, nüchternste, für den Augenblick -erwünschteste heimzukehren. Mit einem Male wußte ich nämlich genau, daß -in einer der großen Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und -Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen liegen müsse; vermutlich -hab ich ihn selber dorthin verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast -wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, Tee bringend, weckte. -Sogleich ließ ich den Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der -gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht mehr. Während ich -aufstand, setzte ihr Atem aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn, -endlich noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug. - -Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl. Die Truppenbesichtigung bei -Lemhény ist abgebrochen worden. Wir packen ein. Welch Glück, daß der -Schlüssel gefunden ist! Die schönen Uniformen werden abgestreift, die -Bilder verschwinden von den Tischen. Der junge Ungar kniet vor der toten -Katze und streichelt sie weinend. Schön ist es immer anzuschauen, wenn -den rohen Menschen das Ewige anfällt, -- ehren wir jede Erleuchtung, -jeden verwandelnden Schrecken! -- ich möchte dafür einstehen, daß der -Knabe nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben wird, -- gebe Gott -jedem sein Tier und seine Sünde, die ihn erwecken! Es muß aber noch -andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel reinerem Schrecken eine Tat -aufsteigt wie ein Stern. - -Der Himmel hängt voll Schneewolken. Frost ist eingetreten, Reif liegt -auf der alten Sonnenblume. Die Samenkerne sind nun festgefroren, der -Abendvogel wird Mühe haben, sie herauszupicken. Der Osten dröhnt von -Geschützen. Es ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kézdi-Vásárhely ab. - - - - - Középlak, 29. November, abends - - -Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment über den Gyimespaß nach dem -Hidegségtal herübergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen, die Räder -bereits wie drinnen im Land ohne Gummireifen; immer gefährlicher -schwankte der unsrige auf dem holprigen Boden, und plötzlich fuhren wir -schräg in einen Straßengraben, gerade noch, ohne zu stürzen. Umsonst war -jeder Versuch, das Gefährt wieder heraufzuziehen. Von den Wagen, die, -glücklicher gelenkt, in großen Abständen nachfuhren, überholten uns -fünf; jeden riefen wir um Beistand an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut -harrte die Besatzung; nur da und dort lachte einer, als böte das -Ungemach des Augenblicks vor dem großen Schicksal einen Schlupf. War -Hilfe hier nicht erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich riet -den Leuten, sich in ganzer Straßenbreite aufzustellen und dem nächsten -Wagen eine drohende Haltung zu zeigen. Das höchst verfängliche Mittel -wirkte: der Führer, als er die entschlossene Gruppe bemerkte, stoppte -sofort. Nun ward in Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet und auf -die Straße gezerrt. - -So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch die sternenlose Nacht, -immer nur auf den grellen Lichtkegel blickend, den wir vor uns -herjagten. Ich saß vorne beim Lenker, einem sehr jungen Polen, dessen -ungeübte und ängstliche Hand uns noch öfters dicht an Abgründe brachte. -Mahnungen und Einreden konnten da wenig frommen; gewiß war es das beste, -ihn gewähren zu lassen und ihm heimlich alle guten Kräfte zuzubeten. Als -die Paßhöhe erreicht war, graute der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff -aus Nordosten; die Wolken standen hoch. Öde Landschaft erschien, greises -Gebirge, stark abgetragen, die kahlen Hänge voll kleiner Buckel und -grauer Steinwürfel, dazwischen Hütten, die den Steinen glichen, in der -Tiefe ein halbverkiester Fluß mit angelagerten Häusern. Beim -Hellerwerden erkannte man auf Tal- und Bergstraßen unübersehbare, gegen -Osten marschierende Kolonnen. Düster, schicksalshaft anzuschauen ist -solch ein Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen des nämlichen -Rades einer unsichtbaren glühenden Achse zustreben. Gäbe es doch ein -groß vorleuchtendes Zeichen, das allen ihre Mühsal süß macht! Aber ihr -Bestes ist verwahrt in einem Traum der Menschheit, den sie vielleicht -nie erfahren, und nur manchmal mag es einen gemahnen, daß er einem -unbekannten Herrn der Zukunft dient. - -Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf Középlak, dessen Gebäude -sehr weit auseinander liegen. Ein großes gelbes Haus, nah bei der -Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet. Es besteht aus zwei -kleinen Zimmern und einem geräumigen Saal, den ein brüchiger Ofen mit -Rauch erfüllt. Der Assistenzarzt lag schlafend in Mantel und Stiefeln am -Boden; das abgemagerte verstaubte Gesicht glich vor übermäßiger Ermüdung -dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt über Karten, saßen flüsternd -Major und Adjutant; gegenüber sprach ein rotbärtiger österreichischer -Hauptmann unter vielen Verbeugungen in ein Telephon hinein. Ich spürte -zwischen drüben und hüben eine Verstimmung ziehen, die mir später -erklärt wurde. Der Österreicher, zugleich Munitionsoffizier und -Ortskommandant, hatte unserem Major vorgestellt, es gebe kein -unbesetztes Haus mehr in ganz Középlak, und ihn höflich eingeladen, sein -eigenes bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren zu teilen, -worauf unser Gebieter ihn gleichwohl bündig ersuchte, das Gebäude zu -räumen. Dies Ansinnen wurde zurückgewiesen, und der Major brach die -Unterhaltung mit einigen allgemeinen Ausfällen gegen die österreichische -Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmännisch-gelassen zurück, nicht ohne -zu bemerken, er habe zwar bereits angeordnet, daß in seiner Küche für -die deutschen Herren mit gekocht werde, müsse dies aber, auf soviel -Unfreundlichkeit hin, leider zurücknehmen und sich auf den bloßen -Dienstverkehr beschränken. - -Ich legte mich neben den Assistenzarzt und schlief bis elf Uhr. Dann -ging ich nach kurzem Dienst zum Hidegség hinab. Wird einem doch, als -habe man teil an allen Gütern und Geistern der Länder, sobald man ein -Ufer betritt. Einwohner kamen des Weges, zuerst alte Männer, dann junge -Frauen und Mädchen. Diese sind ein stattlicher Schlag mit leichtem, -freiem, brüstestolzem Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist der Rasse -schön beherrscht, so daß immer eins das andere bestätigt. Man denkt -zuerst an Italien; aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft -Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes, nach innen Horchendes, wilder -alter Adel, der nach Asien weist. Die unechten städtischen Kostüme, die -wir noch gestern sahen, sind verschwunden; die Weiber scheinen hier nur -am Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben, statt des Rockes -ein dunkles buntgestreiftes Tuch, das einfach übereinandergeschlagen -wird, so daß man beim Gehen die Beine sieht, die in engen, weißwollenen -Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten, das Fell einwärts, das weiße, -kunstreich bestickte Leder nach außen gewendet, schwarzes Kopftuch, -spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen vorbeimarschieren, bleibt keine -stehen, um zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man spürt eine Gegend -beginnen, wo die Menschen hart und sich selber genug sind, und wo sich -Schicksale schnell und klar erfüllen. - -Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen muß es noch überschwemmt -gewesen sein; dann kam plötzlich die Kälte, eine dünne Eisdecke bildete -sich, unter der aber das Wasser bald wieder sank. Nun haftet noch das -Eis als brüchiger Glasring an Stamm und Strunk, als Brücke, mit -Glöckchen behangen, überbaut es den Spiegel oder umschließt als -muschelhaft geschweifte reifbefranste Schale die großen schwarzen -Ufersteine. - -Mittags, während wir Deutschen, feindselig abgesondert, bei bitterem -Kaffee sehr hartes Brot und überdrüssiges Büchsenfleisch aßen, erklang -im gleichen Saal an der Tafel der Verbündeten der Wein, und -österreichische Ordonnanzen, die Blicke mit vorgeschriebener Starrheit -auf uns gerichtet, schleppten schöne Braten und Pfannkuchen von der -Küche herein an uns vorüber. Wir jüngeren, Geringeren verschmerzten aber -die entgehenden Genüsse um so leichter, als unserm sonst so mäßigen -Befehlshaber gerade diesmal Entsagung unerträglich wurde. Allen Stolz -vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden, daß er sich mit den -österreichischen Küchensoldaten anfreunde und wenigstens etliche Kuchen -für uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung ab: »Die -Österreicher verkehren nicht mit uns«, sagte er. - -Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschützfeuer zu hören. Der -Adjutant blieb an das Telephon gebunden. Gegen fünf Uhr wurde -Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der Befehl wieder aufgehoben. - - - - - Hosszuhavas-Rakottyás, 1. Dezember - - -Die Nacht zum letzten November blieb ruhig. Um zwölf Uhr mittags wurden -wir alarmiert, und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete, Russen -und Rumänen hätten die ungarische Linie durchstoßen, den Berg -Mihályszállás erstürmt. Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind -aufzuhalten, den Berg zurückzunehmen. Man suchte auf der Karte den -Mihályszállás und war verwundert, sich in solcher Nähe des Gegners zu -befinden. Die Feldküchen, die bereits geheizt hatten, kochten während -des Marsches weiter. Auf dem Ufergeröll wurde das Essen eingenommen, -dann ging es eilig den Fluß entlang. Anfangs hatten uns Frauen und -Kinder von Középlak neugierig begleitet; bald blieben sie mit -zweifelnden Gebärden stehen. Ein verirrtes rabenschwarzes Schweinchen -lief arglos eine Weile zwischen unseren Leuten mit, schon stritten sich -zwei Gruppen der 8. Kompagnie um den sicheren Fang; aber ein kleiner -Junge kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen ins Dorf -zurück. - -Der Tag war kurz und düster. Nebel wuchs wie Schimmel um die niedrigen -Fichten, mit welchen die Hügel spärlich besetzt sind. Gruppen von -Flüchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen begegneten uns in der -Dämmerung, zuletzt ein kleiner Leiterwagen, von schön gehörnten -silbergrauen Stieren gezogen. Führerin des Gespanns war eine große Frau -mit schwarzem Kopftuch, langem braunem Mantel und einem Stab in der -Hand. Ein Kind, sein Püppchen an sich gepreßt, saß oben auf wirr -zusammengeraffter Habe; ein alter Mann und ein junges Mädchen schoben -nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe, kaum zehn Jahre alt, -mit wunderbar entrücktem, unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben -dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit eine Weise. Unter -dem linken Arm trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der Rechten -langte er von Zeit zu Zeit Maiskörner aus der Tasche und gab sie einem -Stierkälbchen zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithüpfte. Diese -Gestalten wurden mir im Geiste sogleich statuarisch, besonders die -mütterliche Führerin, und ich verstand, was Glavina meinte, als er -schrieb, es sei etwas Heiliges um den Fremdling, der nur einmal an uns -vorübergehe, nicht befleckt von gleichgültiger Erfahrung. Die Haltung -stolz, frei, das Antlitz reife, gebietende Jugend, die starken Brauen -schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus, ohne uns zu -beachten, als wäre sie das wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und -verirrt. - -Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos entzog sich das Tal. -Streckenweise wateten wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere löcherigen -Stiefel füllte. Einmal riß die 6. Kompagnie ab und verirrte sich in ein -Seitental: mit schreienden Boten und Lichtsignalen wurde nach einer -halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt. Unendliche Müdigkeit -zermürbt die Seelen. Mancher brüllt Wut und Verzweiflung geradehinaus: -»Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn ihr Krieg führen wollt!« murrt -eine Stimme. »Ein Narr, wer noch mitläuft! Ich bleibe zurück!« kreischt -eine andere. Die Offiziere aber kümmern sich nicht um aufrührerische -Rufe. Sie haben selber zu dulden genug. Auch wissen sie, daß die -Schreier ja doch mitkommen werden. Wer ohne gültiges Zeugnis die Truppe -verläßt, vermindert wohl Mühe und Gefahr, aber neue und schimpfliche -Leiden beginnen für ihn. Im fernen Dunkel flammt es zweimal bläulich, -man hört Abschüsse, dann heult es an, und scharf nacheinander stoßen -Granaten in den Kies. Ein Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist -verwundet. Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln geht. Vermutlich -hatten unsere Signale die Geschosse hergelenkt. Ein strenges Verbot, -Licht anzuzünden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren ist es zu Ende. -Vom Feinde selber in die Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu -plaudern; eine gefaßte, aufgeräumte Stimmung nimmt überhand. - -Um zwölf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen Boden. Der Adjutant, -der mit dem Major eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen. Von -einem Nachtgefecht, erklärte er, sei nicht mehr die Rede, die Gegner -hätten den Berg zur Hälfte wieder aufgegeben und sich in der Nähe -festgegraben, wir stünden in dem Dorfe Hosszuhavas und bekämen -Quartiere, freilich Alarmquartiere, niemand dürfe die Stiefel ausziehen. - -Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich Unterkunft in einem -Bauernhause, das von seinen Eigentümern verlassen war. Auf dem Tische -stand bei Brot und Äpfeln ein schräg abgeschabter Salzkegel, daneben, -mit Öl gefüllt, eine Lampe, die wir anzündeten. Ein Stapel Brennholz lag -hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Käfigen, waren Hühner -untergebracht. Auf diese stürzten sich im Nu die halbverhungerten -Soldaten, um sie einem Kochkundigen zu überliefern. Die Stube war voll -Zeichen übereilter Flucht. In dem gewaltigen Webstuhl steckte noch ein -Stück Leinwand. Schrank und Lade standen halb offen. Einiges war -herausgerissen und wieder hineingeworfen worden; darunter aber, in -schimmernder Ordnung, lagen ganze Schichten fein und rauh gewebter -Tücher und gestickter Hemden. Bunte Decken verkleideten die Wände; -darüber hingen Heiligenbilder mit getrockneten Sträußen, daneben ein -Teller mit dem goldgemalten Namen Julesa. - -Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr bewunderte, vermuteten -mehrere Leute, ich wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle -doch unbedenklich etwas besonders Hübsches zum Andenken mitnehmen. -Vielleicht gelüstete manchen selbst nach solchem Schatz, und hätte ich, -als einer der Älteren, mir ein Stück angeeignet, wärs am Ende die Losung -zum allgemeinen Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden -Muster sehr in die Augen, auch stellte ich mir Vallys und Wilhelms -Entzücken vor, falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende -Heimat käme, mußte überdies den Kameraden recht geben, die da sagten, -verloren sei doch einmal alles, in wenigen Stunden würden wir vor- oder -zurückgeben und das Verschonte andern deutschen Truppen oder dem Feind -überlassen. Auf einmal standen mir die Flüchtlinge vor dem Blick, die -uns begegnet waren; der Gedanke, daß gerade dieses Haus ihr verlassenes -Eigentum sein könnte, gewann eine seltsame Macht, und nun erst ermaß ich -die Größe ihres Unglücks. Gesichthaft nahe trat die königliche Führerin; -um Wirklichkeit unbekümmert sprach ich sie als Hausherrin an und schloß -mit ihr einen Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was willst du? Die -Winternächte des Wachens und Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier -für Großväter, Väter, Mütter und Kinder, -- auch unsere Leichenhemden, -bedenk es wohl! Möchtest du deine Frau oder dein Kind darein hüllen? Die -Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes, den andern oft schwer -begreifliches, im Grund aber ein frommes Volk, -- seht doch, wie alles -offen vor euch daliegt! Nichts haben wir vor euch versteckt, nichts -verhehlt, eurer Großmut alles anvertraut. Nehmt, was not ist, um Durst -und Hunger zu stillen, aber an den Geweben der Mütter geht vorüber! - -Plötzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen und Weinen kam wieder -durch die Luft, es war, als flöge feiner Flaum über die Wimpern, und in -größter Nähe fiel der Schlag. Das Haus schien sich in seinem Grunde zu -lockern, Geschirr und Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein -schlimmes Versäumnis kam in diesem Augenblick jedem zum Bewußtsein. -Keinem war eingefallen, die Fenster zu verhängen, und so hatte die -weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt. Im Finstern harrten wir auf -den zweiten Schuß, er blieb aus. Nun wurden sorgfältig alle Fenster von -außen mit Zelttüchern überspannt und erst nachher wieder Licht gemacht. -Der Koch war gelassen bei den Hühnern stehengeblieben, deren Bratenduft -allmählich die Luft würzte; ich aber hatte in aller Stille die lockenden -Laden hineingeschoben, fand es auch für gut, sie mit Unnahbarkeit zu -umgeben, indem ich die großen ledernen Verbandtaschen davor, aufbauen -ließ und meinen Mantel darüberlegte. - - - - - 2. Dezember - - -Das Schicksal geht gelinde mit mir um. Ich habe als Verbandplatz -ein leeres Gendarmeriewachthaus mit weitem Blick über die -Hidegséglandschaft, ungefähr in der Mitte zwischen Bataillonsstab und -Front. Während die Kompagnien in die Stellung stiegen, konnte ich den -ganz versäumten Nachtschlaf ein wenig ersetzen. Nach zwei Stunden -erwachte ich in einem Zustande, der in ähnlicher Form gewiß vielen -bekannt ist, nur achtet nicht jeder auf dergleichen. Ich empfand mich -als einen ovalen, durchaus leeren Raum, etwa drei Sekunden lang, dann -fing ich an, mit unbändiger Gewalt von der linken Seite her ein -unsichtbares Fluidum in mich hereinzusaugen, womit zugleich alle -möglichen Bilder, Gedanken und Worte einströmten, Bekanntes und -Unbekanntes. Plötzlich war ich angefüllt wie ein Luftballon, da wurde -ich erst vollends wach. Dabei hatte ich ein Empfinden, als wäre Glavina -in dem Fluidum aufgelöst gewesen. - -Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit und Frost. Die Russen -sitzen ruhig in ihren Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den -westlichen Hang haben sie aufgegeben. Unten im Tale läuft ihre Linie -dicht vor Hosszuhavas. Auf unserer Seite werden viele Geschütze -eingebaut. - - - - - 3. Dezember - - -Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang des Berges, während oben -schon um den Gipfel gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der Front, -liegt eine preußische Sanitätskompagnie; die fängt fast alle Verwundeten -ein und leitet sie weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel -für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in Glavinas Blättern. Die -Schrift ist undeutlich, zum Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich -aber herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne Sätze handelt, daß -aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht ein Gedicht, geplant war. Wären es -bloß feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich mir nicht viel Mühe -geben; aber oft klingt es wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt wie -Bienen das Herz, man möchte sich davon entfernen und muß doch immer -wieder hinhorchen. - -Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt man das ausgeweitete, -reif- und schneeglänzende Tal, über das die Siedelungen verstreut sind -wie Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, in dem die -Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar. Es hat sich gefügt, daß unsere -Telephonisten dort einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die -noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, frage nach der -eingelaufenen Post, überzeuge mich, daß alles unverändert ist, und kehre -zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im gemeinen Sinne gar nichts -bedeutet, ob unter tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne -unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter Schutzstätten bedarf der -Geist; sie sind ihm Horst und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß -er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für einen, der schon in der -Wiege liegt, einen, der alle schrecklichen Schreie der Wut und der -Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen ... Es ist ein kalter Tag. -Die Sonne glänzt weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend von -schwebenden Kristallen, an den Bäumen haftet Reif wie Stahlsplitter an -Magneten. - - - - - 4. Dezember - - -»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf -der bereiften Felsen- und Wacholderflur!« - -Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern; -aber da trafen unvermutet ganze Züge Verwundeter ein, deutsche und -russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás geworfen werden; -aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu -spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte gelang und der Gipfel dem Gegner -verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, blond, -blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne -Pausen auf uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie scheinen -vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander -ihre Wunden, und während die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeißen, -schreien sie die ihrigen geradehinaus. Übrigens sind wenig -Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln -heute große Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der -Verbandraum. Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man baut immer mehr -Geschütze ein. - -Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den -Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen, -hernach aber plötzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er -verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man -braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung zu -erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald -sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen -Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird -aber gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er auf die Knie und -bittet mit gefalteten Händen, ich möge ihn doch nicht den Russen -ausliefern, er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er sich -Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm -drei Goldstücke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind -hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in -die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reißt das Hemd noch -weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze -übrigens noch viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie -vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht -von ihm gewesen, hätte er die Finger davongelassen und das Gold in die -Reichsbank getragen, so wäre alles anders gekommen, und wir hätten einen -noblen Frieden. Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke auf -hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln. -Plötzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie -angesehen zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, es sei -höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu -toben, da man ihn zurückhalten will. - -Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr -verfügbar noch eine Begleitung; auch möchte man den Fall nicht gerade -der nächsten besten Hand überantworten. Meine Sachen durchkramend, fand -ich schließlich ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. Kristl wehrte -sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare -Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht -aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes -wieder aneinander zu heilen. - -Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen -sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren -durcheinandergeschossen; weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, winzige -gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgeführt, -stecken überall zwischen den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel sprießen -Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder wächst, und man merkt es -diesen Wölkchen an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen. - - - - - 5. Dezember - - -Ich verbrachte den Vormittag bei den Pionieren im Walde, wo sie einen -halb zugewachsenen Weg für die Verwundeten der nächsten Tage aushauen -müssen, da scholl über Hosszuhavas her Geschrei und Schießen. -Zurückgekehrt erfuhr ich, daß links von unserm Abschnitt Russen die -österreichische Linie durchbrochen haben, dadurch soll unsere Stellung -gefährdet und wertlos geworden sein. Um den Gipfel ist noch Ruhe. Eine -Ordonnanz überbringt Befehl zur Marschbereitschaft; Verletzte und Kranke -sind ohne Verzug nach Palanka zu schicken. Was fang ich mit Kristl an? -Er schläft noch immer. Ihn jetzt wegzuschaffen ist unmöglich; auch warnt -mich etwas davor. Das Getöse kommt näher. Rehm sieht mich immer an; er -errät meine Sorge. Endlich kann er nicht mehr schweigen. An der Somme, -meint er, habe die Lage zuweilen schrecklicher ausgesehen und sei -dennoch wiederhergestellt worden; drunten im Dorf, noch uneingesetzt, -lägen zwei Reservekompagnien unseres Regiments, da könne nichts fehlen. -Ich lasse ihn Tee bereiten und buchstabiere ein wenig in Glavinas -Zetteln. Die Schrift ist kaum lesbar; aber ich bin einem Rhythmus auf -der Spur. In diesem schwingend finde ich Sinn genug; schon hab ich mir -manches vereignet und verinnigt, und wo auch nur ein Wort hingeworfen -oder eine Strophe schwach angeschlagen ist, erklingt wie von selber die -Folge: - -»Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft -Gott. Ein wacher Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, -selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schläft!« - - * * * * * - -Es ist drei Uhr. Das Feuer hat zugenommen, doch überwiegt im Augenblick -das russische nicht. Ich ging wieder zu Kristl, schüttelte ihn an der -Schulter und rief ihn beim Namen. Umsonst. Er schläft zu tief. - -»Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben -tragen die goldnen Bücher aus dem Heiligtum.« - -»Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt -ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom -Pilgerbittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke.« - -»Der Geist wird stehn vor seinem eigenen Hause und nicht heim finden -...« - - * * * * * - -Einhalb vier Uhr. Der Lärm nimmt noch immer zu. Die Schau durchs Fenster -blendet. An einigen Erhebungen des Geländes treffen so viele -Schneeleuchten zusammen, daß das Auge kein Weiß mehr erträgt und es als -grünlich empfindet. -- Jetzt haben, in weiten Abständen, unsere -bereitgestellten Züge den Plan betreten. Der Gegner bemerkt sie. -Geschosse platzen über den blinkenden Helmen, eine neue Art von -Schrapnellen, welche zweifarbige Wölkchen ausstoßen: es ist, als ob aus -unsichtbaren Eiern Vögel schlüpften mit einem roten und einem schwarzen -Flügel. Die Soldaten eilen, sie laufen fast. Plötzlich fahren, kaum -gedeckt, preußische Kanonen am Dorfrand auf und feuern ohne Pause, -Schlag auf Schlag. Von dem Luftdruck zerspringt uns im Verbandraum ein -Fenster. - - * * * * * - -»Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften -Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! -Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude!« - - * * * * * - -Einhalb fünf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der Major, mit ihm der -Adjutant. Hinterher kommen verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet -ist nur ein junger Russe mit grünlichbraunem Gesicht und überhellen -Sperberaugen. Er soll vernommen werden; aber niemand spricht Russisch. -Aus verbündeten Truppenteilen, die in der Nähe liegen, werden Leute -zusammengeholt, ein Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl -Russisch, nicht aber Deutsch versteht. Durch vier Sprachen gehen Frage -und Antwort hin und her. Der junge Bursche, scharf befragt über Stellung -und Stärke seines Regiments, spielt auf kindlichste Weise den -Einfältigen, sagt lauter unmögliche Dinge. Der Major läßt ihm zwei -Fasttage androhen, falls er nicht vernünftig antworte. Er zuckt zusammen -wie gepeitscht, senkt den Kopf, spricht keine Silbe mehr. »Braver Kerl«, -brummt der Alte und bedrängt ihn nicht länger. Plötzlich sucht der Russe -in seinen Taschen herum, schüttelt verzweiflungsvoll den Kopf, redet -heiser auf den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlüsse werden -erwartet, der Adjutant überspitzt seinen Bleistift. Aber ein Dolmetsch -nach dem andern lacht. Was wir erfahren ist nur, daß der Gefangene im -Gefecht seinen Tabak verloren hat; flehentlich läßt er um etliche -Zigaretten bitten. Der Bosniak erfüllt seinen Wunsch, der Russe zündet -an und setzt sich, da sich niemand weiter um ihn kümmert, auf einen -nahen Stuhl, wo ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die Zigarette -entfällt seiner Hand; er schnarcht. - -Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen. Der Feind hat alles -gewonnene Gelände wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug -fliegt niedrig über das Tal. Der junge Russe wird unsanft zum Abmarsch -geweckt. Der Major befiehlt mich für morgen zum Mittagessen nach -Hosszuhavas. - -Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum nach Kristl umsah. -Er hatte sich aufgerichtet. - -»Sind Russen da?« - -»Ja, Gefangene. Sind schon abgeführt.« - -»Ach so, Gefangene«, wiederholt er mißtrauisch. - -»Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren auf einem feurigen -Wagen?« - -Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden Laternchen war vor -einer Minute am Fenster vorbeigekommen. Das muß der feurige Wagen -gewesen sein. Ich bewies es ihm umständlich, und er schien es nicht zu -verwerfen. Erklärte ihm auch, daß er morgen nach Palanka gehen und von -dort aus in die Heimat fahren dürfe. Er zeigte keine Freude. »Dahinten -sind lauter fremde Leute«, sagte er. - -Sehr bestimmt kündigte ich ihm schließlich an, er werde jetzt gleich -wieder einschlafen, morgen früh aber, sobald ich ihn kräftig anhauche, -wieder erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken, Weißbrot mit -Marmelade essen und guter Dinge sein. Er versuchte eine stramme Haltung -und sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender Bewegungen -über sein Gesicht, um ihn wieder einzuschläfern. - -Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu Glavina: - -»Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlaßt ihr einander -Zeichen, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, -vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel -vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.« - - - - - 6. Dezember, mittags - - -Die Aktion begann im Morgengrauen und ging auf wie eine Gleichung; seit -neun Uhr steht kein Russe mehr auf dem Mihályszállás; sie sind bis zum -Monte Ardelle zurückgegangen. Die Aufgabe ist gelöst; vor zehn Uhr sind -bereits ungarische Offiziere eingetroffen, um die Stellung kennen zu -lernen, die morgen ihr Bataillon von uns übernehmen soll. - -Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort auf, aß mit großem -Hunger. Nun wir ihm aber eröffnen, daß er, mit einem ärztlichen Bericht -versehen, nach Palanka gehen dürfe, um von dort aus nach Bayern zu -kommen, will sich sein Gesicht gleich wieder ins Störrische verziehen, -doch nimmt er sich zusammen und bittet schließlich mit überlegten und -herzlichen Worten, ich solle ihn doch hier lassen. Fast könnte man -glauben, sein Gedächtnis für die Heimat sei abgeschwächt; jede -Veränderung scheint er zu fürchten und an unseren paar Gesichtern zu -hängen, als wären sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so -zerspringlichen Wesen in dieser schwelenden Luft? Und der Major und -Leverenz, was werden sie dazu sagen? Voreilig äußert Raab, wir würden ja -nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom Sanitätsdienst etwas verstehe, -könne er wohl noch etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig helfen. -»Ich bin als Krankenträger ausgebildet«, fällt Kristl eifrig ein; -»Verbände mache ich die allerschönsten, auch Arm- und Beinschienen.« Ich -versprach, mir die Sache zu überlegen und mit Kommandeur und -Kompagnieführer zu besprechen. Vorderhand bleibt er als Revierkranker in -Beobachtung und meldet sich zweimal am Tage bei mir. Er geht sogleich -mit Raab, sucht sich nützlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente, -wickelt Mullbinden auf. - - - - - Abends - - -Während des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen, ein junger Mann in -ungarischer Tracht herein, lächelt freundlich nach allen Seiten, geht, -ohne den buntumschnürten braunen Filzhut abzunehmen, um uns herum, redet -kein Wort, betrachtet die Wände, betastet zärtlich Schrank, Bild, -Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit großer Innigkeit auf uns, man -merkt ihm an, daß er unendlich viel zu sagen hätte. Der Major, erzürnt -über die Störung, springt auf und bedeutet ihm, sich zu entfernen. Der -Bursche, ohne jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung, tritt -näher, streift den Ärmel hinauf und zeigt schweigend eine lange, tief -eingezogene noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der Major -weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus, nicht ohne uns unter der Tür -noch einmal zuzulächeln. Kaum ist er draußen, scheint unsern Gebieter -sein Zorn zu reuen, und schnell bediene ich mich der gemilderten -Stimmung, um mein Anliegen vorzutragen, sage, daß Kristl als Infanterist -nicht mehr tauge, daß er in die Heimat gesandt oder probeweise anderswie -verwendet werden müsse. »Wie wäre er verwendbar?« -- »Als -Krankenträger.« -- »Ist er als solcher ausgebildet?« -- »Ja.« Die -Versetzung wird gutgeheißen und gleich durch Ferngespräch mit Leverenz -geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl einen Weihnachtsurlaub zudenkt -und das Eiserne Kreuz für ihn bereitgelegt hat. - - - - - Bálványos-Patak, 7. Dezember 1916 - - -Mittags abgelöst brachen wir auf nach dem Bálványostal, das nahe bei -Gymesbükk zum Trotusul herabfällt. Auf Gebirgswegen zogen die -Kompagnien; wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten den zugefrorenen -Hidegség entlang, zuweilen über ihn weg. Vom starken Glanz eines -zertrümmerten Eisblocks geblendet, scheuten die drei Gäule auf einmal -und wollten in hohen Sprüngen davon, beruhigten sich aber bald. In -scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp, wozu die Pferde nicht viel -Ansporn brauchten; sie fühlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise -nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller Kraft einzuschlagen. -Wir holten einen Verwundeten ein, der durch gelockerten Verband -nachblutete; bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann allein weiter. -Der Himmel streifte sich, es roch nach Schnee. Schon traten die Häuser -von Gymesbükk hervor, da sah ich einen ländlichen Zug mit vielen -hochbepackten Wagen auf dem anderen Ufer entgegenkommen. Das erste -Gespann mutete mich bekannt an; ich lenkte hinüber und erkannte wirklich -die schönen silbergrauen Stiere, daneben die große Frau, die jetzt als -Führerin vieler Familien erschien. Als letzte mochte sie geflohen sein; -als erste kehrte sie zurück. Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen -bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter schob nach, der Greis, mit -bereiftem Bart, schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am Ufer, ging -der Knabe, dick behandschuht, das Bild unterm Arme, man sah unter -zersprungenem Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen auf -Silbergrund. Ich rief einen madjarischen Gruß, -- »Isten hozta« gab die -Mutter mit klarer Stimme zurück und näherte sich, wie um etwas zu -fragen. Ich mußte äußeres und inneres Ohr scharf anspannen, um sie zu -verstehen. Vor allem wünschte sie zu wissen, ob Häuser in Hosszuhavas -zerstört worden seien, und war sichtlich froh, als ich dies verneinte. -Dann fragte sie, was für Gegner wir gehabt hätten. Als ich sagte -»Russen«, lächelte sie und meinte, dann hätten sie kaum zu fliehen -brauchen, die Russen täten kleinen Bauersleuten nichts zuleide, auch -hätten sie mehr Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumänen. Als ich -weiterreiten wollte, zog sie ein Säckchen vom Wagen und reichte mir -daraus eine Handvoll gedörrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir, um -diese fromme Gebärde zu erwidern, als einen frischen Kommißlaib; aber -gerade damit schien ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir auf, -daß sie alle sehr blaß und elend aussahen, gewiß hatten sie Mangel -gelitten. Der Knabe wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel an -einen Stein und sprang vergnügt heran, um sein Stück zu erhalten. Beim -Eingang in das Tälchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal zurück: -die Karawane überquerte gerade den Hidegség, hell blinkte der -Silbergrund des Bildes in der Abendsonne. Um halb fünf Uhr erreichten -wir das Quartier. Es ist wieder eine Bauernstube mit niedrigen, -teppichverhangenen Wänden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der -Front; die Einwohner gehen wie im Frieden ihrem Tagewerk nach. - - - - - 9. Dezember - - -Seit ich mein Gepäck immer so klein und nah beisammenhalte, bin ich -stets zum Aufbruch bereit und kann mir in den Minuten, wo ich mich sonst -in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte, das eben Erlebte ein -wenig zu erklären suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und Schreiben; -auf drei Uhr war die Gesundheitsprüfung angesetzt, für welche sich der -große Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der Kälte wegen trieb ich -zur Eile. Niemand zeigte sich einer Ansteckung verdächtig; das Geschäft -verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schluß eine seltsame Störung. -Während an der hellsten Stelle der Scheune die letzte Reihe völlig -entkleideter Soldaten an mir vorüberzog, kam unversehens, halb -schwankend, halb tanzend, die junge Frau des Hauses herein, in der -linken Hand einen Krug schwingend, die Rechte wie zum Greifen -ausgestreckt, und ging geradenweges auf die nackten Männer zu, wobei sie -unverständliche Worte, rumänisch mit ungarisch vermischt, vor sich hin -sang. Wie wir gehört haben, ist sie die kinderlose Witwe eines in -Rußland Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines alten Knechtes und -einiger Mägde ihr Anwesen so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer -überhaupt der Trunksucht verfallen ist, wissen wir nicht; jedenfalls hat -sie gestern, als uns Freiwein gewährt wurde, mehreren Leuten einen Teil -ihres Maßes gegen Milch und Eier abgetauscht und, wie es scheint, einen -ansehnlichen Vorrat zusammengebracht. In ihrem Rausche muß sie, -vielleicht vom Stall aus, unsere ungewöhnliche Parade erspäht haben, und -es ließ ihr keine Ruhe, bis sie eingedrungen war. Eigentlich hätte ich -sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die Erscheinung war voll -bannender Kraft, nie vorher hatte ich Besessenheit so vollkommen -gesehen, man konnte sich nicht abwenden, und alle Bedenken schwiegen. -Das Gesicht ist von der halb madjarischen, halb romanischen Schönheit, -die einem hierzulande oft begegnet; bei nüchternen Sinnen mag es ein -sehr anmutiges, eher schüchternes Wesen sein. Jetzt aber drückten ihre -Züge zugleich Erstarrung und Entfesselung aus; kein Lachen oder Lächeln -hatte Raum in diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft. -Augenscheinlich ist auch, daß sie sich, trotz dem Werktag, mit ihrem -Sonntagsstaat angetan hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide, -die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien überreich -verziert. Es waren gerade die jüngsten Leute des Bataillons, die noch -nackt vor mir dastanden; ihnen näherte sie sich, hob ihnen den Krug -entgegen und trank ihnen zu. Nun merkte ich erst, daß ihre Augen fast -ganz geschlossen waren; sie schien durch die Lider zu blicken, als wären -diese von durchsichtigem Stoff. Als sie einem der Jünglinge den Krug -anbieten wollte, reichte sie ihn vorüber einem Unsichtbaren, so daß ihr -Gehaben ein wenig an jene wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas -erinnerte. Die jungen Leute hatten sich indessen von ihrem Staunen -erholt; sie begannen sich zu schämen und warfen ihre Hemden über. Nun -war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und Raab führten die Frau -hinaus. Sie ließ es geschehen, ging aber dabei rücklings, den Blick -immer ins Innere des Raums gerichtet, singend und mit dem erhobenen Krug -winkend. - -Nach beendetem Dienste stieß ich im Hof auf den Gefreiten, der den -Abmarschbefehl überbrachte. Ihm folgte ein sehr alter Mann in -rumänischer Tracht, ein dicht verhülltes Kind im Arm, nahm den Hut ab -und fragte, ob ich der Feldgeistliche wäre. Der Säugling, sein -Urenkelkind, sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft, kein Priester -weit und breit zu finden, ob ich es nicht übernehmen wolle, ihm das -Sakrament zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer ein; er ist -Kandidat der Theologie und hat bereits die niederen Weihen, -- ihn ließ -ich rufen und übergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand wenig Hoffnung -läßt. Auf der Straße sammelte sich bereits das Bataillon, keine Zeit war -zu verlieren, und so vollzog der künftige Priester die einfache -Handlung, zu der im Notfall eigentlich jeder Christ berechtigt wäre, -gleich in der Stube der jungen Bäuerin, die noch immer nicht aufhörte, -zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm sie heftig anfuhr und ihr -unverzüglich Wasser zu bringen befahl, was sie einigermaßen ernüchterte. -Die gelassene hart scheinende Art, wie er auch weiterhin mit dem Weibe -umging, gefiel mir sehr; sie hob ihn über sein gewöhnliches Wesen -hinaus, mir war, als sähe ich ihn zum erstenmal. Indem er fortfuhr, böse -mit ihr zu tun, legte er ihr schließlich das Kind in die Arme und gebot -ihr, es über das Becken zu halten und zu schweigen. Der junge Stelzer -waltete begeistert seines Amtes; klar und ohne Hast sprach er sein -lautes Ego te baptizo, während auf der Straße draußen die Kompagnien -bereits ihre Tornister aufnahmen. Die schöne Bacchantin nahm sich -gewaltig zusammen; eingeschüchtert von der Würde des Vorgangs wandte sie -keinen Blick von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens geworden -war. Allmählich war es, als füge sie sich mit heimlicher Lust in ihre -sanfte Demütigung; einmal hörte man sie schluchzen, und plötzlich fielen -Tränen auf den Täufling nieder, der immer schwächer dem Tod -entgegenröchelte. - -Ich muß schließen; das Pferd stampft und blickt wiehernd nach mir um. -Der Himmel wölkt sich tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und -Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort, wenn jemand sie nach dem -Ziel des Marsches fragt. Wieder soll ein großer Berg an die Russen -verloren gegangen sein. - - - - - Palanka, 10. Dezember 1916 - - -Erwachend glaubte ich durch das dunstige Fenster zwei weiße Tauben zu -sehen und stand auf, um mir das Pärchen genauer zu betrachten: da waren -es die zwei Ohren eines Maultierschimmels, die sich bewegten. Das -abgemagerte Tier stand eingespannt vor einem Schlitten, den Rücken ganz -verschneit, zuweilen den Boden aufscharrend, um ein Moos oder eine -Wurzel zu finden. Von der Brigade kommt ein Fernruf: der Marsch -unterbleibt! Gern läse ich in Glavinas Blättern, bin aber niemals allein -am Tisch, nun summen die Sprüche von selber dahin. Drunten am Trotusul -ist das Ufer stellenweise noch frei von Eis; klarstes Wasser läuft über -Kiesel, die so golden schimmern, daß mir Wilhelms Briefchen einfiel; dem -Kleinen zum Gedenken hob ich denn ein paar besonders glänzige heraus, -aber da war alles Leuchten verloschen. Dennoch steckte ich einige in die -Tasche; dem Söhnchen wird es nicht schaden, wenn ihm sein Vater statt -Gold Steine bringt, es sind gar hübsche darunter, alabasterweiße mit -lila Geäder, mattgrüne wie Vogeleier getupfte, rötliche und gelbe. -Emporsteigend kam ich durch Fichtenwald. Überhängender Fels hält von -einem kleinen mit Moos und breitblättrigem Efeu bewachsenen Flecken den -Schneefall ab. Dort fand ich auch die Pflanze wieder, die einst dem -Knaben palmenhaft begegnet war; in allen Stufen ihres Wachstums umsäumt -sie die grüne Insel. Aber liegt es an meinen Augen, die nicht mehr -kindlich sind, oder hat sich wirklich das Gewächs von seiner Grundfigur -entfernt: nur wenige Stauden erinnern hier ein wenig an die Palme, die -meisten sind, indem sie schon unten vom Schaft aus Blätter -hervortrieben, wuchernder Entartung verfallen. So mag es oft gehen, daß -der Geist des Lebens einen hohen Gedanken denkt; aber das Geschöpf, dem -er auferlegt ist, vermag sich beim Nahen der Entwicklung nicht zu -halten, lüstern, sich selbst übertreibend, zerbricht es die Melodie, und -alles zerstiebt. Was liegt aber dem Leben an milliardenfachem Mißlingen? -Es kann den Dorn zum Blatt, das Blatt zur Rose formen; es hat Zeiten und -Sterne genug, um umzuzeugen und umzugebären, einmal wird es doch -schwingen, wie der Geist es will. Am Heimweg hörte ich in den Baracken -fröhlichen Lärm und Gesang, Schnee fällt noch immer; eine stetige weiße -unendlich beschwichtigende Bewegung ist der Tag. - - - - - Kóstelek, 13. Dezember 1916, ½12 Uhr nachts - - -Alle schlafen, auch ich schon zur Hälfte; dennoch will ich mir Weg und -Ankunft vergegenwärtigen, morgen ist vielleicht keine Zeit. Früher wußte -ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen schreibt; jetzt aber sind sie mir -wie die Brotkrümchen, welche Hänsel und Gretel im Walde ausstreuten, um -gewiß wieder nach Hause zu finden. Freilich, als die Kinder dann -wirklich den Heimweg antreten wollten, da hatten die Vögel alles -aufgepickt, -- aber da beginnt ja auch erst das eigentliche Märchen. - -Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag. Die Leute hatten -innerhalb der Baracken in großen Blechkesseln Feuer angezündet; einige -wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend auf dem halbgrünen -Maisstroh. Jeder spürte nun erst seine ganze Ermüdung, jeder lobte das -beharrliche, ruheverbürgende Gestöber. Draußen sah ich einen Mann, der -aus Übermut Brot in Schnee packte und über das Barackendach warf. So -besprengt man da und dort in Niederbayern zur Weihnachtszeit -Schneeballen mit geweihtem Wein und schleudert sie über das Haus, um es -vor Unglück zu bewahren. Aber nach zwölf Uhr schneite es nicht mehr; -Ostwind öffnete den Himmel, und bald hörte man wieder Schüsse aus -schwerem Geschütz das Tal durchhallen. Um die zweite Stunde kam der -Marschbefehl. Dem Trotusul entlang zogen wir bald über ungarisches, bald -über rumänisches Gebiet. Eine Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der -Russen, deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen. Sie bemerkten -uns, zielten aber schlecht; Granaten schlugen in den Fluß und jagten -Wassersäulen auf, beschädigt wurde niemand. Ciugesu durcheilten wir ohne -Aufenthalt und stiegen dann durch ein Seitental aufwärts. Überall ist -Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut; blaue Schattenwände stießen -an Wände von brennendem Silber. In Cyges warteten wir über eine Stunde, -niemand wußte, worauf. Der Major war vorausgeritten; der Adjutant, -wunderlich verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft über das Ziel der -Bewegung. Einmal, an kahler Gegenwand, springt die Straße schräg nach -oben zurück, und während wir als Letzte noch tief unten in Schattenkälte -gingen, sahen wir unsere vordersten Gruppen bereits hoch über uns vor -orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und dahinter verschwinden. -Diese gehorsam-stetige Prozession grauer Männer, die aus der scharf -abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte, zog immer wieder den Blick -empor; man freute sich, auch bald auf den hochbeglänzten Steig zu -gelangen und vergaß darüber den beschwerlichen Weg. - -Oben, während einer kurzen Rast auf weitem Schneefeld, meldete sich ein -Infanterist krank, einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns -gekommen sind. Während er sich nähert, muß er von Leuten seines Zuges -harte Worte hören, ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten, und -weicht erst auf meinen Anruf zurück. »Achtundzwanzig Monate wart ich auf -Urlaub,« schreit der alte Lutz; »krumm und grau werd ich im Krieg, und -du, papieriger Kerl, willst dich am zweiten Tage drücken!« »Durchhalten, -Herr Kamerad, durchhalten!« höhnt ein anderer. Der junge Mensch, ein -verwöhntes Knabengesichtchen unter viel zu großem Stahlhelm, erklärt -fast weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet und werde -wiederkommen, sobald er gesund sei, jetzt aber könne er nicht mehr. Man -lacht ihn aus. Sein Atem stößt weißrauchend in die Kälte, und die Augen -glänzen von Fieber; aber dafür haben die andern jetzt keinen Blick. Von -Müdigkeit und ungewisser Zukunft überreizt, hassen sie wie Verdammte -einen jeden, der sich der gemeinsamen Hölle entziehen will. Ich -beschloß, die zudringlichen Schreier einfach zu überhören und die Sache -kurz zu machen, fühlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen und -wollte eben eins der rotgeränderten Täfelchen nehmen, um die nötigsten -Angaben daraufzuschreiben und es dem Kranken an den Mantel zu heften, -damit er seinen Weg ins Lazarett antreten könne, da rennt, mit -ängstlicher Miene, Dehm daher, entschuldigt sich wegen Verspätung und -beginnt nun aus der alltäglichen Sache eine große Angelegenheit zu -machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen auf dem Schnee zusammen, -läßt den Mann darauf lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen -und meldet mir gestreng, daß Infanterist Löhr zur Untersuchung -bereitliege. Nach und nach fing ich wieder einmal an, Dehms überlegene -Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht, wie gar ansteckend die Neigung, -sich krank zu melden, in solchen Fällen werden kann; selber Soldat von -festestem Holz, will er lieber grausam scheinen, als die längst -gefährdete Zucht gelockert sehen. Ja, die mißtrauischen Späher sollen -erfahren, daß es bei uns keine Läßlichkeit gibt, daß wir peinlich wie -Krämer die Schwere der Krankheit abwägen wollen. Achtungsvoll, doch -unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des höchst schwierigen -Sanitätsoffiziers hinein, -- was bleibt mir übrig, als den frierenden -Menschen umständlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den Fiebermesser -einführen zu lassen wie im Spital? Still wird es um uns; im Banne der -klinischen Zeremonien erstirbt jedes widerwärtige Wort. An dem schwach -Darniederliegenden erkennen die andern allmählich, wie sehr sie selber -doch stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder angekleidet, -gegürtet und mit seinem Krankentäfelchen behangen ist, stapft er -unbehelligt wie ein Räudiger gegen Palanka davon. - -Vor fünf Uhr hielten wir an einem hohen steilen Hang; man sah in das Tal -eines halbvereisten Flusses hinab. Zwischen Häusern brannten Lagerfeuer, -in deren Schein österreichische Soldaten ruhig hin und her gingen. Wir -standen und schauten. Von Osten scholl Kampflärm; ein breiter Gipfel -erschien von Leuchtraketen und Einschlägen vulkanisch, doch nur eine -Minute lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau zu vielen -andern. Rings aber schuf der letzte Sonnenrand ein seltsames Licht. -Hellgrün lagen die Schatten auf rötlichem Schnee, ein Birkenbäumchen war -mit reinstem Smaragd hingezeichnet, und wer vor sich hinsah, erblickte -sich selber als grüne Gestalt. Niemand hatte Lust zu reden; man hörte -Stückchen gefrorenen Schnees klingend hinunterhüpfen wie leichtes -Metall. Auf einmal wehte es kälter, da war auch schon das untergängliche -Licht vom Weiß der Landschaft abgelaufen wie von Porzellan. Der -Adjutant, auf der Karte suchend, erläuterte, wir stünden über dem -Sulta-Tal, und die Häuser gehörten zu dem ungarischen Grenzdorf -Sóstelek, von hier aus hätten wir noch sechs Kilometer nach Kóstelek -zurückzulegen. - -Da sich kein Fußweg fand, stiegen und rutschten wir hinunter wie es -ging. An den Feuern vorbei, deren Glut unsere Wangen streifte, zogen wir -auf der Straße weiter, von jetzt ab die Front im Rücken. Nach manchen -Aufenthalten erreichten wir Kóstelek um elf Uhr. Der abnehmende Mond -stand schon hoch, zwei ruhig leuchtende Planeten dicht über ihm. Mit dem -Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier und einigen -Telephonisten bin ich in der großen Stube eines Häuschens untergebracht, -das abgesondert auf einem Hügel steht. Von einem qualmenden Lämpchen war -der Raum halb hell. Ein schönes Weib erhob sich, als wir eintraten, -völlig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen Mädchen von einem -breiten, mit Heu gefüllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefaßt, wachsam. -Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste, gab sie zu verstehen, daß sie -uns das Lager abtreten und auf Stroh neben dem Ofen schlafen wollten, in -allen übrigen Räumen des Hauses sei es für die Kinder zu kalt. Wir -lehnten dies ab und ließen merken, daß wir für uns bleiben und ihre Ruhe -so wenig als möglich stören wollten. - -Während wir uns zu Tische setzten, kehrten sich die drei zur Wand und -sprachen halblaut ein Gebet, manchmal sich verneigend oder sich -bekreuzigend, wobei das kleine Schwesterchen sich jedesmal mit aller -Faustkraft in die Magengrube schlug. Ich beugte mich vor, um das -Kruzifix oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung erwiesen; -aber da war nur ein Haken, darunter ein heller viereckiger Fleck mit -schwarzem Saum an der leeren Wand. Hier also hatte das Bild gehangen, -gewiß viele Jahre; nun ist es verschwunden, vielleicht von Soldaten als -Brennholz verwendet, wer weiß es, dem Blick der Frommen aber sichtbar -alle Zeit. Glavinas Traum fiel mir ein, wie er als Kind über Gebirge -ging und auf einem leeren Blatt beseligende Dinge las, unbekümmert um -Gewitter und Rufe der Toten. - -Die Mädchen schliefen bald wieder; die Frau saß noch eine Zeit am Bette, -das Kinn in der Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch allen -Kummer hindurch von wunderbarer Beständigkeit und Klarheit. Sie muß -Böses erlitten haben und erwartet auch von uns nichts Gutes. Mir kam nun -erst die schreckliche Kahlheit des Zimmers zum Bewußtsein. Nicht nur das -eine Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie Kreuz und Uhr sind -bloß durch Staub und Spinnenweben angedeutet. - -Der Adjutant wurde jetzt gesprächiger; er verriet uns, daß die Russen -weit vorgedrungen seien und den Gymespaß gefährdeten, wir müßten uns auf -unruhige Tage gefaßt machen. Übrigens sei die Lage nicht klar, er -wenigstens wisse keineswegs genau, welche Berge vom Gegner besetzt -seien. - - - - - 13. Dezember, sieben Uhr morgens - - -Immer weniger gern ruf ich mir Träume zurück; der aber war so klar, so -voll Hindeutung. Wir lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen -verödeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft. Starker Wind -wehte; Granaten wechselten eintönig über uns. Furcht lag auf mir. Mein -Leib hatte nahezu völlig sein Gewicht verloren; ich fühlte mich wie eine -Flaumfeder leicht und mußte gewärtigen, daß der zunehmende Wind mich -alsbald emporheben und zu den Franzosen hinübertragen werde. Da -schmiegte sich etwas an meinen Ellenbogen, und siehe, es war Matschka, -das graue Kätzchen, das ich in Kézdi-Almás hatte sterben sehen. Groß und -hübsch war es geworden, das weiße Flöckchen im Nacken glänzte wie ein -Licht. »Wie geht es dir?« sagte ich und wollte es streicheln; da sprang -es mit weitem Satz in einen der wassergefüllten Granattrichter, -verschwand und tauchte nach einer Weile wieder auf, eine schimmernde, -mit roten Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug und in -demütiger Haltung vor mich hinlegte. Wie froh war ich! Die Granate ist -schwer, sagte ich mir, -- wenn ich sie in der Hand halte, kann mich der -stärkste Wind nicht mehr mitnehmen. Als ich sie aber ergriff, war es -kein Geschoß mehr, sondern ein zappelnder, goldgrauer Fisch mit -rötlichen Punkten. »Der muß gebraten werden!« rief eine wohlbekannte -Stimme hinter mir. Ich sah mich um, da stand Vally vor einem Herdfeuer, -neben ihr Wilhelm, und auch dieser schrie: »Der muß gebraten werden!« -Sonderbar lächelnd nahm Vally den Fisch und übergab ihn dem Söhnchen, -das ihn zum Herde trug. Dann legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten -uns und drängten uns innig aneinander, wobei mir ein wenig auffiel, daß -sie wohl Vally war, zugleich aber auch Regina, dann wieder die Ungarin, -die hier in der fremden Stube schlief. Aber wie liebte ich die drei -Frauen in der _einen_ Gestalt! Wie waren sie wirklich _ein_ Wesen, -mächtig seiend eine in der andern! Freilich, irgendwo in der Tiefe, wo -der Traum selber zu träumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller -Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen ließ; aber auch das ging -vorüber. Sie versteht kein Deutsch, ich kein Madjarisch, fuhr es mir -durch den Sinn, und dieser Gedanke gab mir unendliche Freiheit; selig -fühlte ich meine Schwere in mich zurückkehren. Dabei löste sich eine -blaue, aus innen leuchtende Wolke von uns ab, stieg empor und entfernte -sich bis zum Horizont hinaus. Wir standen auf und betrachteten -aufmerksam dieses Gewölk, an dessen Rande sich lange Reihen winziger -blinkender Wesen, Insekten ähnlich, entwickelten. Sie näherten sich und -wurden dabei groß und kriegerisch. Am Ende waren es wirkliche Soldaten -mit silberblauen Stahlhelmen, von rotgeflügelten Generalen geführt; in -schräger glänzender Flucht zogen sie zahllos über uns hin und durch uns -hindurch wie durch Rauch. Auf einmal stand Wilhelm neben mir, zur Reise -gegürtet, einen Stab in der rechten Hand, in der linken einen Teller mit -dem Fisch. Ich stand auf, gab dem Knaben zu essen und aß dann selber. -Kaum hatte ich einen Bissen hinuntergeschluckt, da begann ich zu -begreifen, daß es doch eigentlich drei verschiedene Frauen gewesen -waren, die ich umarmt hatte, und das bekümmerte mich sehr. Wilhelm aber -ließ mir keine Zeit zu grübeln, -- »Vater, es ist Zeit!« rief er und -stieß ungeduldig den Stab auf den Boden. Wir gingen einer Ferne -entgegen, die ganz in Flammen stand, da machte ich die Augen auf und sah -in ein helles Ofenfeuer hinein. Die junge Frau setzte gerade einen -großen Kessel auf die zischende Platte. - - * * * * * - -Alle sind nun aufgestanden; bloß die zwei Mädchen schlafen noch. Der -Adjutant wünschte guten Morgen und fragte, ob es mich nicht sehr ermüde, -immer so viel in mein Heftchen zu kritzeln; er zerbreche sich den Kopf -darüber, was ich denn so Merkwürdiges zu verzeichnen habe, im Grunde sei -der ganze Feldzug doch ein gräßlich langweiliges Einerlei. Übrigens möge -ich doch vorsichtig sein und keinerlei militärische Tatsachen erwähnen, -wir kämen in ein schwieriges, unübersichtliches Gelände, da seien die -größten Überraschungen denkbar, und falls ich das Unglück hätte, in -Gefangenschaft zu geraten, könnte wohl Schaden entstehen. Es gelang mir, -ihn zu beruhigen. -- Die junge Frau hantiert noch immer am Herde. Von -allen Gesichtern, die mir bisher in diesem Grenzgebiet begegneten, hat -sie das feinste, klarste, entschiedenste; nichts Verschwommenes, nichts -Liegengebliebenes findet sich darin; es verhält sich zu vielen anderen -wie die Ausführung zu den Skizzen. Meine Müdigkeit von gestern ist -verflogen, die ziemlich wunden Sohlen beinah geheilt. Gewiß ist es die -gesunde Urnähe des Weibes, die den Schlaf so erquickend gemacht hat. Die -Winterluft schmeckt, als wäre ein säuerliches Mineral darin aufgelöst. -Die Sonne saugt am bläulich morschen Mond. Im Osten schimmert himmelgelb -das Eis der Sulta. Auf einmal beginnen die Kanonen zu schlagen, da -werden die Kinder wach. - - - - - Sulta-Tal, elf Uhr vormittags - - -Um acht Uhr waren wir abgerückt und in kaum einer Stunde nach Sóstelek -zurückgelangt. In den Höfen sah man die Bewohner arbeiten; Knaben bauten -einen Schneemann. Staunendes Gedränge war um ein österreichisches -Brigadequartier; hier hing, an den Hintertatzen aufgeknebelt, eine -riesige tote Bärin zwischen ihren zwei Jungen von der Altane herab, und -eben erhoben zwei Husaren lange Messer, um die Tiere aufzuschneiden. -Soldaten und Volk, darunter viele Weiber mit mohnroten Kopftüchern, -sammelten sich um das ungewöhnliche Geschäft, und niemand verlor einen -Blick an unseren eiligen alltäglichen Zug. - -Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte Landschaft unter waldigen -Hügeln hin, aus denen graue Holzhütten preußischer Pioniere wie Klausen -von Einsiedlern hervorsahen; es war, als gingen wir mitten in ein altes -Bild hinein und würden ein Teil davon. Der Luft war etwas Föhn -beigemischt; abgleitender Schnee hing locker wie Tuch von starken Ästen. -Das Tal ist voller Vögel; wir sahen Raben, die immer sonderbare -Seitensprünge machten, als ob ihnen jemand auf die Zehen träte; -Dompfaffen, die Brust wie blutend, überflatterten die Straße. Auf einmal -bog sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen, und bald, im verengten -Flußbett, verkündete sich wieder der Krieg. Zerbrochene Räder und -Lafetten standen aus dem Eis, daneben Geschützrohre mit verkrümmten und -zerrissenen Mäulern. Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und -Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin, fast schneefrei, lag -ein vollkommenes Pferdegeripp, noch alle vier Eisen an den Hufen, das -Ganze wohl mehr vom Frost als von den mürben Kapseln der Gelenke -zusammengehalten, von Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut am -Schädel das einzige, was den spitzen Schnäbeln der zierlichen Vögel noch -abzupicken bleibt. Fast hätten wir daneben einen schön gesäuberten und -gebleichten Totenkopf übersehen, auf dem noch verwegen die Rumänenmütze -sitzt; was etwa sonst noch von dem Manne übrig ist, liegt im Schnee -verborgen. Etliche behaupteten, von links her Gefechtslärm zu hören, -auch mir kam es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es für -bedenklich, in der engen, blickverstellenden Schlucht vorzurücken, da -doch niemand genau die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben, -zunächst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das Tal östlich absperrt. -Er heißt Vadas; die Russen sollen sich vorgestern auf seinem Gipfel -verschanzt haben. Einmal teilt sich die Straße, um gleich wieder -zusammenzulaufen; in der Gabelung steht eine Dampfbrettersäge mit -ausgedehnten Seitengebäuden. Massen deutscher und österreichischer -Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem Fug rügte der Major, daß -dieser Vorrat, in dem ein einziges Feindgeschoß unermeßliche Wirkungen -auslösen könnte, noch nicht geräumt werden sei. Woher aber hätte man in -den zwei Tagen Fuhrwerke, Gäule und Leute genug nehmen sollen, um alles -zurückzuschaffen? So blieb auch uns nichts übrig, als tadelnd -vorbeizuziehen und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben Stunde -hatten wir die bretterne Hütte erreicht, in der ich jetzt mit meinen -Leuten hause. Sie ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet. -Stabsarzt S., den ich ablöste, erzählte sehr überzeugend seine -Erlebnisse von den letzten Tagen. Einige Züge seines Bataillons hatten -gerade das Dörfchen Sulta besetzt, das hinter dem Vadas liegt, als die -Russen, die man auf der Flucht glaubte, zurückkehrten und mitten im -Schneegestöber mit höchstem Ungestüm angriffen. Ein deutscher Zugführer -fiel; seine meisten Leute wurden gefangen oder getötet. Der Arzt konnte -sein Quartierhaus gerade noch durch die Stalltür verlassen, als bereits -ein tscherkessischer Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeißglas, -Verbandtasche und ein unersetzbar schöner Pelzmantel mußten -zurückbleiben. Am folgenden Morgen brachten pfälzische Truppen den -feindlichen Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel ist verloren. -Übrigens bezeichnet S. die beiden hier im Tälchen verbrachten Tage als -reine Erholung; kein Schuß ist bis jetzt hereingefallen. Freilich, -meinte er lachend, könne diese verwunderliche russische Friedsamkeit -auch von dem schwierigen und ganz verschneiten Gelände kommen, das die -Beförderung der Geschütze sehr verlangsame. Unser Major meinte, mit -seinen Fernrohren überblicke der Gegner das Tal bis in die letzten -Winkel, er werde nicht lange dulden, daß wir uns hier herumtummeln. »Der -Assistenzarzt«, entschied er, »geht auf alle Fälle bis zum Fuße des -Vadas mit. Wir bauen dort einen Unterstand ein; es kann keine besser -geschützte Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich Ihnen -nicht entgegen sein.« Ich hatte mir indessen schon die Verteilung des -Raums zurechtgedacht und fand allerlei Gründe für mein Bleiben, merkte -aber, daß mich der Alte ungern zurückließ. - - - - - Abends neun Uhr - - -Es ist ruhig; weder Kranke noch Verwundete kommen, selten fällt auf dem -Berg ein Infanterieschuß. Ich verfaßte mit Raab den fälligen Rapport, -begann auch noch Briefe zu schreiben, aber der Schlaf wird übermächtig. -Die Hütte ist voll Tabaksqualm; das Paraffinflämmchen leuchtet schlecht -und schneidet mir böse Gesichter. Alle haben sich schon hingelegt; nur -Kristl schnitzt noch Schienen. Er tut immer still und willig, nur -manchmal etwas ängstlich, seinen Dienst. - - - - - Freitag, 15. Dezember morgens - - -Im Traum sah ich eine schwarze Wolke, die sich um den Vadasgipfel legte, -und ging nach dem Erwachen gleich hinaus, um zu sehen, ob sich der erste -Traum im neuen Haus erfülle. Die Luft ist aber noch durchsichtiger als -gestern; der Frost, mit gläsernen Pranken, tritt weit in das fließende -Wasser hinein. Verwundete sind gekommen mit schlimmem Bericht; -unverhohlen freuen sie sich ihrer durchschossenen Hände und Arme. Die -Tscherkessen haben den ganzen Gipfelwald mit Stacheldraht umflochten; -unangreifbar sitzen sie hoch über der deutschen Stellung, die sie -durchaus überschauen. Die Unsrigen müssen bei Tage wieder geduckt hinter -Felsbrocken liegen; der gestrige Nachmittag kostete fünf Leuten das -Leben. Im Tälchen ist es noch still. Ich habe mir Wein eingeschenkt und -krame wieder einmal in Glavinas Zetteln. Leider sind mehrere verloren -gegangen, und ich muß wieder manches aus dem Gedächtnis hervorspinnen, -wobei wie von selber viel Eigenes dareinfließt. Was tuts! Genügen vom -Kalium permanganicum doch zwei, drei Körnchen, um ganze Krüge Wassers -rot zu färben. - - - - - Elf Uhr - - -Major und Stabsarzt haben doch recht vermutet: die Russen beginnen -leichte und mittlere Kaliber auf die Straße zu werfen, schon sind ihnen -einige Fußgänger zum Opfer gefallen. Viel gelacht wurde vorhin über -einen jungen Fußverletzten vom Vadas, der hartnäckig erklärte, nicht -laufen zu können und sich darauf versteifte, daß er nach Sóstelek -getragen oder gefahren werden müsse, beim ersten Granateinschlag aber -wie ein Wiesel davonlief. Rehm und Raab glauben, unser Hüttchen werde -bis in einer Stunde nicht mehr stehen. Meldung an den Major; Anfrage, ob -wir nunmehr den Verbandplatz zum Vadas vorverlegen sollen. Rehm erbietet -sich, das Blatt zu befördern, bedingt sich nur aus, daß er allein gehen -dürfe. Auf einen einzelnen Mann, meint er, werde Artillerie schwerlich -schießen. Ich gebe ihm den Rest des Weines mit und lasse zusammenpacken. - - - - - Zwölf Uhr - - -Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der Schluchtwand; ich glaube, -der Platz ist gut gewählt, eigentlich kommt weit und breit kein anderer -in Betracht. Die Russen möchten uns gerne herausschießen und sparen -keine Munition; Raab, als alter Artillerist, weiß uns aber zu -überzeugen, daß es nicht gelingen kann, sie mögen zielen wie sie wollen. -Ich hätte bei einem Haar den Augenblick verpaßt. Raab wird nicht müde zu -schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt habe, daß es an der -Zeit sei, den Platz aufzugeben, ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt, -ihnen vorauszugehen befohlen und unverzüglich zu folgen versprochen, -dann aber muß mich wohl Glavinas dunkle Rede länger festgehalten haben, -als mir bewußt war. Draußen fuhr eine Granate nieder, die blind im Boden -stecken blieb. Das Gebäudchen schwankte krachend; Staub und Schutt -fielen auf das Papier. Ich sah mich um und war allein, hörte aber -fernher meine Leute nach mir rufen. Sie konnten sich übrigens des -Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken Hand meine Blätter, in -der rechten das halbvolle Weinglas, durch die Sulta zu ihnen -hinüberstieg. Bald kamen weitere Schläge, und wie ein Kartenhaus flog -die Bretterbude auseinander. - - - - - Zwei Uhr - - -Rehm ist heil zurückgekehrt. Der Major befiehlt, in der nächsten -Feuerpause den Verbandplatz nach Sóstelek zu verlegen. Dort, meint er, -könnten wir mehr nützen als anderswo, Beschäftigung werde nicht lange -fehlen. Rehm sagt, er habe sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher -an ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen Leuten erkundigt und sich -über unsere Erhaltung sichtlich gefreut, im übrigen leider sehr gealtert -und bekümmert ausgesehen. Auch Leutnant H. sendet Grüße; von seiner -Stellung aus hat er die Talbeschießung verfolgt, freilich nur mit einem -einfachen Fernglas, und uns alle tot oder verwundet geglaubt. Noch ist -kein Gefecht im Gang, die Lage aber unerträglich; falls der Tscherkesse -nicht angreift, muß er angegriffen werden. Nächste Nacht sollen schwere -Minenwerfer hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz zu zerstören. Bei -uns ist es ruhiger geworden; selten fällt noch ein Geschoß. Verzeichnen -muß ich ein Gerücht, als habe der deutsche Kaiser den Feinden Frieden -angeboten. Wir bereiten uns zum Gang nach Sóstelek. - - - - - Drei Uhr - - -In künftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, werden sich -gewiß absonderliche Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige -schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten die Russen ihr Schießen -eingestellt; bei tiefer Stille waren wir, in gehörigen Abständen, -zurückmarschiert und etwa fünfhundert Schritt bis an das große Sägewerk -herangelangt, als eine der preußischen Batterien, die nahe vor Sóstelek -stehen, zu schießen begann. Sie muß dem Gegner etwas Arges angetan -haben; denn auf dem Fuße, Schlag um Schlag, erfolgte maßlose -Gegenwirkung, und bald konnten wir uns nicht mehr darüber täuschen, daß -auch unser kleiner Zug aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die Umkehr, -doch schien sie fast bedenklicher als der Weitermarsch, und so liefen -wir denn fort, auf das Gebäude zu. Viele Geschosse schon waren uns -nachgerasselt, das letzte gerade noch fehlend, da kam eines, dem gleich -nach dem Abschuß anzuhören war, daß es auf uns zuhielt. Funken flogen -auf, und während ich mir mit beiden Händen den Hinterkopf zu schützen -suchte, war ich niedergeworfen und von Erdklötzen halb eingegraben, dann -trat Stille ein. Glieder und Gelenke prüfend, erkannte ich mich als -unverwundet, stand auf und sah nach den übrigen. Rehm, behangen mit Erde -und Eis, die Wangen leicht blutend, richtete sich eben empor und -lächelte mich etwas betreten an; die andern standen seitlich, wie -Statuen an die Felsen gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen -Trichter, der nun in ganzer Breite die Straße unterbricht. Ernstlich -verwundet war niemand. Jetzt schien sich die russische Wut von uns -abzuwenden, und froh des glimpflichen Ausgangs wollten wir unsern Weg -fortsetzen, da geschah etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die Säge -hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine Explosion erfolgte, dann -eine zweite, dann fünf, dann unzählbare, und überall aus Dächern und -Wänden zwängten sich die Flammen. Wären wir in diesem Augenblick mit -aller Kraft weitergerannt, wir wären gewiß noch durchgekommen und säßen -vielleicht beim Bärenschmaus in Sóstelek. Aber ohnedies noch leicht -betäubt, sahen wir uns nur mit schauderndem Vergnügen das Ereignis an -und versäumten die günstige Minute. Die Gegner ihrerseits begriffen -schnell, was sie angerichtet hatten; übermütigen Knaben gleich, schossen -sie wie rasend in den Brand hinein, und noch immer, in schrecklich -langsamer Steigerung, entladen sich unaufhörlich die massenhaft -aufgeschichteten Patronen, Handgranaten, Schrapnelle, Granaten und -Minen. Wir brauchen uns nicht an die Wände der Schlucht zu schmiegen; -die starken Luftwellen pressen uns an. In uns und um uns ist ein Summen -und Beben, als würden Luft, Gestein und wir selber gleichmäßig -elektrisiert. Die Sprengstücke fliegen weit. Dem Gefreiten Junker hat -ein Splitterchen die Ohrspeicheldrüse durchschlagen; das Blut spritzt in -langem dünnem Strahl in den Schnee, ist aber leicht zu stillen. Mir ist -die linke Hand geritzt; es blutet wenig. An der Säge selbst, besonders -nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen geben. So hat uns -der Feind gewissermaßen eine Festung in den Weg gesetzt, an der wir -nicht vorbeigelangen können. Immer noch zürnt er gewaltig; unsere -fernversteckten Batterien fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie -nicht und rächt sich an den paar Leuten, die er sieht. Der kleine -Lüttich, vielleicht von einer Art Platzangst erfaßt, kam auf den -Einfall, aus der Schlucht herauszuklettern und das offene Gelände zu -erkunden; er ist mit zerschmetterter Schulter zurückgekehrt. Die -schlecht verwaltete Festung drüben fährt fort, zu verschwenden; bald -wird sie sich ausgegeben haben. Schließt man die Augen, so hat man das -Gesicht einer fürchterlichen, auf kleinsten Raum zusammengeballten -Schlacht, von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein. Wie langsam -rückt die Sonne! Aber auch durch böse Stunden läuft der Zeiger. Um fünf -Uhr muß es dunkeln. Um sieben Uhr können wir in Sóstelek sein. - - - - - ¾4 Uhr - - -Die Sonne verläßt schon die unteren Felsen. Man friert nicht; der Brand -wirkt herüber, Schnee tropft vom Gestein. Auch die rings -aufgeschichteten Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen dauern an. -Oben am Gipfel ist man noch wachsam. Rehm glaubte nicht mehr an die -Gefahr, ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen, erhielt -Feuer, kehrte zurück, unverwundet. Über uns ist starre Klarheit; das -Föhnige hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher Birke wippt ein -winziger grauer weißbauchiger Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige, -hüpft er unermüdlich auf und ab. Keiner der Genossen ist niedergedrückt. -Ja, die gepreßte Stunde, wo Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist, -als festige und läutere sie den Grundstoff der Naturen, und wie eine -schlechte Bleiglocke, getaucht in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt -wie eine silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten Wesen zu tönen. -Mancher erzählt von seiner Kindheit, und fast jeder will einen anderen -beschenken. Von Kristl befürchtete ich sehr einen Rückfall in die -Verstörung; aber er ist ganz gelassen. Den Lüttich hat er aufs beste -verbunden, dann aus Brot einen drolligen kleinen Bären geknetet und ihm -eine von seinen Goldmünzen ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt -er das Figürchen in einer Felsennische auf, die will er mit Hölzern und -Kieseln zubauen, einmal werde schon jemand das Bärlein finden, und es -solle ihm gehören samt dem Goldstück, auch wenns ein Rußki wäre. -Lüttich, unter Morphium gehalten, schläft. Mir aber vertreiben die -Sprüche des Toten die Zeit. Um einigen Überblick zu bekommen, las ich -sie einmal alle nacheinander herunter, zuerst leise für mich, bis ich -merkte, daß die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich ihnen, daß es ein -Gedicht sei, das man bei dem gefallenen Glavina gefunden habe, und -wiederholte mit lauter Stimme: - -»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf -der bereiften Felsen- und Wacholderflur! - -Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten sie hin auf den fremden -Steinen, wo kein Eichbaum grünt. - -Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker. Habet acht, o Freunde! -Seht ihr einen Sterbenden, demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe, -keine Flüche denke! Bald ist alles Vorspiel nur. Alle gehn wir morschen -Weg. Tote Hände, bedeckt sie mit Wacholderzweigen bläulich düster! - -Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft -Gott. Ein grader Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, -selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schläft! - -Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein traf die Länder. Kaum atmet -noch der Glühende, der vom Pol her den Fluch-Engeln wehrt. - -Unsern Schlaf überschleicht ein stummer Mut-Ermüder, Vogel von Antlitz, -doch nicht beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische Kräfte -verströmend. Wollüstig alle beugt er, selbst unbeugbar. - -Die strengen bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben tragen -die goldnen Bücher aus dem Heiligtum. - -Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt -ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom -Pilger-Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke. - -Der Geist wird stehn vor der Tür seines eigenen Hauses und nicht heim -finden. Gras wächst auf der Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen -Seele ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis, und alle Lust -wund und wirr wie der Fisch unterm Eise sich freut. - -Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab die kleinen Träume! -Stifte klares Vergessen! Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor -du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe nicht bei deiner -Braut! - -Selig, wer Flügel regt mitten in Zeiten-Gruft! Heil schöpft er aus -Unheil. O, und wenn Welt vergeht und neue erst unkenntlich gärt, immer -dann schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und voll Hellgesicht, -wo Rhythmus-Woge Geister hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun -erst recht sich freun des Flugs! - -Sonne, die große Seele, weiß nichts von Auf- und Untergang, und brennt -sie nicht in uns? Geschieht nicht stündlich fern und nah beherzte -Liebestat? Das Innig-Ewige, wehts über Meere nicht von Stirn zu Stirn -als wie ein Hauch? Und sinds die zarten Hauche nicht, aus denen -Gott-Sturm wächst? - -Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht länger auf Bergen, besucht von -toten Sehern, bei Adlern wolkenfeucht! Erscheinen herztrunken, wo bei -verloschnen Herden Geschwister glühend harren! Wecket, weckt uns den -Ruf! - -Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden! -Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es -heimlich ein unter die neuen Gebäude! Ihr kündet keine neue Lehre; schon -viel ist uns gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und Urnacht naht -ihr euch singend. Wen ihr grüßet, der ändert sein Leben. Euer -himmlisches Lied geht über in jedes Gewissen. - -Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel. Der Gefesselte lenkt -seinen Feßler, und beide erkennen die Freiheit. - -Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in Unterwelt, mit Milch und -Korn sparsam genährt, sich als ein Bleibender wandelt, suchet am Sonntag -ihn heim! Saget auch ihm Gefahr und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag -er dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen! Nur was ihm -zukommt, behält er. Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule des -ewigen Brandes, die Nahrung der Geister zu mehren. - -Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlasset ihr Zeichen -einander, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, -vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel -vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich pupurne Liebesrunen. - -Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, ein Mal unsern Toten auf -der bereiften Felsen- und Wacholderflur! - -Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel aber ist Frühling. Die Haut der -Birke wird bräunlich und blättert ab, darunter schimmert silbern schon -die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in fremde Felder, -- was quillt aus -unserm Tod? - -Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn mit beständigem Licht! -Vielleicht nach Monden und Jahren trifft es den reinen Kristall der -göttlich erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die schmilzt nicht mehr; -aber wie eine Linse, unwissend, biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem -Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme aus uraltem Boden. - -Vermorscht sind schon die Leichen am Berge Kishavas, verrostet unsre -Schwerter, vergessen unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder -unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert sind. Aus wildem -Ahnendrang ist lockere Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem -Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner, und die Satzungen -sind Gesang.« - - - - - Elf Uhr abends - - -Das Ganze war mit Schweigen angehört worden. Endlich äußerte Raab, er -habe nur Weniges recht verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz -fröhlich davon geworden. Die anderen schauten zu dem niederbrennenden -Gebäude hinüber und sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst -Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf einmal und ging stark -taumelnd auf die Säge zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach; -er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit, -schwankte weiter und fiel plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir -holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter stak in der -linken Schläfe. Um dreiviertel fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal -aus allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. Um fünf Uhr, wie auf -Befehl, hörten die Explosionen im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht -bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein Kreuz und schrieb Namen -und Datum darauf. Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen und -verwahrt, hierauf begruben wir ihn. Der Boden ist bis tief hinab -gefroren, wir brauchten über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben -schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir Sóstelek. - - - Gedruckt bei Fr. Richter - in Leipzig - - - Hans Carossa: - - Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines Tagebuchs. _Zweite - Auflage. In Pappband M 3.50, in Halbleder M 6.--_ - - Gedichte. _Dritte, veränderte Auflage. In Pappb. M 4.--_ - - Eine Kindheit. _In Pappband M 4.--_ - - Hier ist dies Lied einer Jugend: Ein Arzthaus in einem - oberbayrischen Dorf ist die unruhevolle Umgebung, in der ein Ich, - eine Menschenseele sich bildet. Die klare Epik großer deutscher - Erzählerart formt Szene um Szene, Bild um Bild in männlich - aufrichtiger Realistik: aber aus dieser Wirklichkeit steigt bald der - Duft der Liebe, blühende Lebensfroheit, ernste Gottestiefe. Diese - »Kindheit« wird bald zu den klassischen Büchern deutscher - Offenbarung gehören. - - Leipziger Neueste Nachrichten. - - Das Buch ist so ohne Anfang und ohne Ende, wie das Leben ohne Anfang - und ohne Ende ist, und hinter den alltäglichen Vorgängen lebt ein - Raunen und Wehen von dem tiefen Geheimnis, wie der Saft in der - Pflanze steigt, wie das Blut in den Adern kreist, wie die Erde um - die Sonne schwingt und wie alles untereinander zuinnerst verbunden - ist. Ein Buch, das oft zum Aufblicken und Augenschließen und - Nach-Denken, Nach-Fühlen zwingt, ein beseeltes Buch ist es, das von - innen heraus ganz eigen leuchtet. - - Frankfurter Zeitung. - - INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH *** - -***** This file should be named 63410-8.txt or 63410-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/4/1/63410/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Rumänisches Tagebuch - -Author: Hans Carossa - -Release Date: October 9, 2020 [EBook #63410] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -Hans Carossa -</p> - -<h1 class="title"> -Rumänisches Tagebuch -</h1> - -<p class="pub"> -1924<br /> -Im Insel-Verlag zu Leipzig -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="motto"> -„Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!“ -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="first date blank" id="part-1" title="Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="date">Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916</span> zerbrach -ich am Waschtisch den kleinen geschliffenen -Spiegel der Madame Varniers und ging zu -ihr, um mich zu entschuldigen und Bezahlung -anzubieten. Gewiß war der alten Frau sehr leid -um das hübsche Stück; sie ließ aber nichts merken -und versetzte lächelnd, es habe gar nichts -zu sagen, wo doch die halbe Welt in Trümmer -gehe, was liege an einem Spiegel? Dann zählte -sie die vielen Besitztümer auf, die ihr im Kriege -vernichtet worden, und alles „pour rien“! Zum -Glück war eben eine Sendung Schokolade-Makronen -aus München gekommen; ich gab ihr -die volle Schachtel, die sie ohne Umstände in -ihre zittrigen Hände nahm und sogleich davontrug, -um sie mit ihrem Manne zu teilen. Später, -gleichsam als Gegengabe, stellte sie mir ein -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -Zierbäumchen ans Fenster, eine Art Araukarie, -dem Wuchse nach an eine Fichte erinnernd, -starrend von harten schwarzgrünen Blättchen, -die sich aufsträuben, als warnten sie jeden, sich -an der strengen Schönheit des Ganzen zu vergreifen. -Von Zeit zu Zeit kommt sie wieder herein, -tritt zum Bäumchen, pustet über die Zweige -hin, als läge Staub darauf, trommelt eine Weile -mit den Fingern an den Scheiben, seufzt, murmelt -etwas vor sich hin und geht wieder. Von -der Somme herunter donnert es in unsern Müßiggang; -es klingt, als wäre im Kamin ein stark -loderndes Feuer. Alle Fenster klirren; die Türen, -wie von Zornigen geworfen, schlagen auf -und zu. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich reite nun wieder täglich nach dem Dienst -gegen Guiscard hinaus und bilde mir dann ein, -die See zu wittern, als käme mir ein Gruß aus -der freien großen Welt, von der uns Deutsche -das Geschick ausgeschlossen hat, wer weiß, für -wie lange. Gefühl der Meeresnähe, ja, das ists, -was mir diese Landschaft ein wenig verklärt, in -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -der sonst nicht gut wohnen ist für unsereinen, -so abgewandt ist jeder Baum, jeder Stein. Das -immer ein wenig verstimmte Blau des Himmels -über den leeren Flächen und flachen Hügeln, -die gepflasterte Heerstraße, die Bonaparte mit -dem Lineal gezogen hat, die grauen, wie Negerhütten -spitzdächigen Streuschober, auf denen -uns Raben und Elstern beobachten – es kann uns -alles an nichts gemahnen und verrät uns nichts -von seiner Innigkeit, die man doch manchmal -ahnt. Wären nicht die deutschen Bauernsöhne, -die das allen heilige Erdreich pflügen, und unsere -jungen, starkbrüstigen Pferde, die, frei von Zaum -und Sattelzeug, in den Hürden grasen, der Blick -hätte nirgends ein freudiges Ruhen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-2"> -5. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Division verlangt einen Bericht über unsere -Gefechtsstärke. Die Gasmasken sollen abermals -geprüft werden. Das ganze Bataillon wird morgen -gemustert, und ich muß alle Mannschaften -aussondern, denen ich nicht genügend Kraft zu -großen Leistungen zutraue. Sie kommen zu den -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Ersatzbataillonen; die bleibenden werden gegen -Cholera geimpft. Über das Wohin verlautet nichts. -Die Schutzimpfung gegen Cholera spricht für -den östlichen Kriegsschauplatz. Offiziere und -Mannschaften sind, wie vor jeder Veränderung, -sehr aufgeräumt, obgleich ihnen Maurepas noch -in den Nerven zittert. Alle verwünschen schon -wieder die sogenannte Ruhe mit karger Kost, -unaufhörlichen Besichtigungen, Übungen, Appellen, -Alarmen und Ehrfurchtsgebärden vor unversehrten -Uniformen. Viele sehnen sich wieder -nach dem gefährlicheren und härteren, -aber würdigeren und freieren Leben vor dem -Feind. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-3"> -Abends -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Eben las ich zum drittenmal Vallys Brief, der -fast nur von dem kleinen Wilhelm handelt. Wie -schön ist es doch, wenn ein Mensch dem andern -durch feinste, beleuchtendste Züge versäumte -Gegenwarten ersetzen möchte! Neulich, -während eines heftigen Sturms, läuft der Knabe -im Garten von Staude zu Staude, greift schließlich -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -in eine Buchshecke hinein, wo der Wind -gerade am stärksten wühlt, preßt die Hand fest -zusammen und rennt zur Mutter: „Jetzt hab ich -den Wind gefangen“, schreit er in atemlosem -Entzücken, indem er vorsichtig die Faust öffnet, -und ist sehr erstaunt, weil da nichts zu sehen -ist, als ein paar Blätter und Stengel. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-4"> -8. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Musterung dauerte den ganzen Tag. Den -Abend verbrachte ich mit Leutnant T. in seinem -Quartier. Er war verdrießlich, weil er solche Massen -abgehender Briefpost zensieren mußte, und -gestattete nach einigem Knurren, daß ich ihm -wieder ein wenig dabei half. Kein Brief darf -durchkommen, durch den die bevorstehende Ablösung -verraten werden könnte. Fast unwillkürlich -suchte ich nach der steilen, klaren Handschrift -des jungen Glavina, der oft an seine Freunde -so wunderliche Sätze schreibt. „Was wäre das -für eine geistige Einheit, die wegen der Explosion -einer dummen Granate gleich auseinanderspränge?“ -las ich diesmal. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-5"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Pronville, 9. Oktober 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um drei Uhr früh weckte mich Rehm. Ich trank -den Tee im Bett, blieb noch eine Viertelstunde -liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging -schnell. Einige Bildchen ließ ich, den Dämonen -zum Opfer, an der Wand hängen. Wilhelms -Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb -wie ein Vogel, nahm ich am Ende doch mit. Beinah -wäre die rote Wachshand der kleinen Regina -in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das -Kästchen gestern beim Umräumen übersehen. -Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern für Einfälle -kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter -schuld daran. Warum zwang sie das Mädchen, -eine wächserne Hand auf den Mariahilfberg zu -tragen? Da wars kein Wunder, daß Regina dachte: -der Doktor hat mehr Mühe gehabt als die Mutter -Gottes, warum soll er leer ausgehn? Daß ich -die Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich -ein Verlangen. Aber schließlich schleppe -ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists -Aberglaube; auch der hat viel Gewalt. -</p> - -<p> -Die alten Varniers waren bereits aufgestanden -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -und angekleidet, als ich in die Küche kam, um -Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie -wehrten ab, – „on remplit son devoir“, sagte die -Dame höflich. Doch drückten wir uns kräftig die -Hände. Um halbfünf Uhr, bei Finsternis, rückten -wir ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In -sehr langsamer Fahrt, über Cambrai hinaus, verging -der kurze Tag; es dunkelte schon wieder, -als der Marsch nach Pronville begann. Der Mond -stand hinter Wolken; doch ferne Felder schimmerten -von ihm. Im Winde war ein Gurren wie -von Lachtauben; dürres Laub lief über den Boden -wie Mäuse. Von der Somme her tost es wie -Weltuntergang; von tausend Mündungsblitzen -und Leuchtraketen fiebert der Himmel. -</p> - -<p> -Um Mitternacht, auf der Landstraße, aßen wir -bei den Feldküchen Bohnen und Büchsenfleisch; -das war Mittag- und Abendessen zugleich und -schmeckte köstlich. Gern hätte man sich den -Teller noch einmal füllen lassen; aber die Vorräte -sind bedenklich knapp geworden, und der -Mannschaft ein Beispiel tüchtigen Hungers zu -geben, kaum rätlich. Während wir noch aßen, -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -zersetzte sich das Gewölk zu Flocken; der Himmel -„häutete sich“, wie wir in Bayern sagen, -der Mond wurde frei. -</p> - -<p> -Die Straße ist voll ziehender Kolonnen; erst -kommt preußische Infanterie, bringt böse Kunde, -Maurebas verloren, Péronne gefährdet, klagt über -viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie, -ja ohne die ungeheure Leistung der Infanterie, -meint ein Offizier, wäre die Front gewiß bereits -durchbrochen. Bald hierauf kommen preußische -Artilleristen, bestätigen die schlimmen Nachrichten, -schmälen über das arge Nachlassen der -Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle -herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie -ganz allein halte noch die Front. -</p> - -<p> -Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern -fröstelnd hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. -Einige von unseren jungen Tapsen -nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln -zusammen, möchten gerne wissen, wieviel sie -drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann -Friede werde und dergleichen. Die Fremden -scheinen nicht recht zu verstehen; ihre bleichen -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Gesichter starren undurchdringlich im Mondlicht, -und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten -Lande, ist es ihnen kaum zu verdenken, -wenn sie der naturhaften süddeutschen Zutraulichkeit -wenig entgegenkommen. -</p> - -<p> -Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg -in Ruhequartiere. Infanterist Wimmer von der -6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß, rennt -mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet -jedem Artilleristen mit der Taschenlampe ins -Gesicht. „Licht aus!“ ruft man ihm zornig zu. -„Es sind ja die Achter!“ schreit er verzweifelt; -„bei denen ist mein Vater Kanonier“, dreht aber -das Lämpchen doch ab. Zum Glück wird bei den -Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es -durch eifriges Fragen wirklich, den Kanonier -Wimmer zu finden. Er ist ein hagerer, schon -ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht -voll kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; -der Mondschein fiel gerade auf ihn, so daß -ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude -groß wurden. Die beiden schauten sich an, hielten -sich bei den Händen, kamen lange in kein -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen -Zusammentreffen läuft schnell herum, und man -zieht sich zurück, um die zwei nicht zu stören. -Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus -der Tasche und gibt es dem Sohn. Die Kompagnieführer -verzögern den Abmarsch; endlich -aber ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, -schon eingereiht, gibt im Augenblick des Abmarsches -seiner Ergriffenheit unwillkürlich den -einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen -Form zur Verfügung sieht: er macht -vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte -Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge -bekleidet, eine rührende Gebärde, die unter -den anderen ein leises gutmütiges Lachen hervorruft. -</p> - -<p> -Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich -wurde in ein schloßartiges, parkumgebenes Gebäude -verwiesen. Auf dem Flur erschien ein Offiziersdiener, -der mir vertraulich riet, lieber in -die Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere -Räume frei, hier dagegen wimmele es von -Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -daß der Bursche auf einen Zweck hinredete. -Sein Herr hatte bis jetzt in zwei Zimmern recht -bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir -einräumen, und diese Pein suchte der treue Diener -von ihm abzuwenden. Auch Rehm durchschaute -den Schlauen und überhob mich der -Antwort, indem er freundlich erklärte, wir fürchteten -uns nicht vor Läusen, es könnte sogar -sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener -wie ein mit Weihwasser besprengtes Gespenst -verschwand. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-6"> -12. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers -Quartiers entdeckt worden; der Jubel war -ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam, behandelte -die Sache sehr dienstlich; vor aller -Augen sollte der Schatz im Hof auf Zeltbahnen -geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert -und unter die Kompagnien verteilt werden. Der -Feldwebel, der die Käse zählte, bemerkte, daß -sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog -sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -aber als unmöglich herausstellte; die Masse war -wie verbeint. Schweigsam standen die Soldaten -umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten -Schalen mochte sich jeder ein fettes, weiches -Gelb erträumt haben, und noch gab keiner -seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht -mehr, zogen auch ihre Messer und stachen in -die nächsten Rotköpfe, fanden aber den gleichen -Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige -mit Hohnrufen, andere mit verzichtenden Mienen, -als wüßten sie schon, daß ihnen nichts Gutes -gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors -aber widerstrebte es, den froh begrüßten -Fund preiszugeben; er befahl, die Käse auseinanderzusägen, -indem er hoffte, sie würden sich -wenigstens auf Parmesanart zerpulvern lassen. -Aber das Innere zeigte sich nicht nur durchaus -fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen -Zersetzungsnetz durchzogen, das -freilich gleichfalls der Verhärtung anheimgefallen -ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, -gingen jetzt ärgerlich lachend auseinander, ohne -sich jedoch zu äußern; nur Infanterist Kristl -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden -Grimm entladen, indem er vorschlug, die Käse -doch an des Kaisers Hoftafel nach Spa zu schicken. -Er sprach so laut, daß der Major es hören -mußte; der aber weiß ja längst, wie gerne Kristl -in ein Strafverfahren verwickelt würde, um auf -Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen, -und so nahm er von dem frechen Wort keine -Kenntnis. -</p> - -<p> -Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit -den roten Kugeln im Gang. Auch Kristl beruhigt -sich. An einem Baum lehnend schnitzt -er aus einem abgesägten Stück eine Tierfigur, -durch kluge Verwertung der Schimmelstreifen -schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch -zu brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig -wirft er sie auf den Kies. -</p> - -<p> -Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten -Wolken stehen schräge breite Strahlen -wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume -entsteht eine neue Schlacht; viele glauben, daß -man uns dort einsetzen wird. Eben hüpft aber -ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Front bestimmt. Feldpost kommt. Das -Söhnchen ist wieder gesund und will immer -zeichnen und bauen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date blank" id="part-7" title="Am 13. Oktober"> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="date">Am 13. Oktober</span> gegen abend wurden wir in -Aubigny-au-Bac mit unbekanntem Ziele verladen. -Es vollzog sich langsam und umständlich. -Der kleine Kommandeur hält noch immer nicht -viel von schwäbisch-bayrischer Gewandtheit und -Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede -Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. -Alles lacht und schimpft über ihn wie -über das Urböse, während er mit kummervoll -verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden -Befehle bellt, welche niemand versteht, -bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig -wird und ihm hochmütig droht, er werde -den Zug in fünf Minuten unter allen Umständen -abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten -Gebieter zum Heile; mit einem Schlag -regen sich alle Hände für ihn. Denn wenn er -uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und -mancher ihm eine kleine Unannehmlichkeit -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und -sein dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen, -stearinsteif von den Kerzenlichtern vieler Unterstände -und verdreckt von allen Erden Frankreichs -und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger -als der nagelneue Prunkmantel des Herrn -Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen greift -jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug -steht bereit. -</p> - -<p> -Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich -fand Platz bei zwei Kompagnieführern, aß noch -einen Apfel und wickelte mich in die Decke. -Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, -– wie froh bin ich, daß Ruhetage kommen und -hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald -ein und träumte mancherlei. Einmal sah ich -Vally mit Wilhelm an einem Tischchen sitzen. -Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und -sahen, die Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern -ähnlich, darauf nieder. Später kam auch -die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat -wie sie. Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief -hervor, hielt ihn mir hin, ohne von den Karten -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -aufzublicken und sagte: „Es ist nichts Eiliges. -Nur eine Botschaft vom Heiligen Geist.“ Beim -Erwachen war mein Rücken feucht; ich merkte, -daß das Fieber geschwunden war. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-8"> -14. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Frühstück in Charleroi. Vor einem Jahr, um die -nämliche Stunde, bin ich auf dem Wege zur Front -hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen -ist seither noch etwas mehr Grün angeflogen; -bald werden sich Rasenflächen ausbreiten, dort -und da steht schon ein Bäumchen. Ich freute mich -wieder der nahen Kanäle mit den Pappelreihen, -die der Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten -Männer und Frauen, die an Seilen ihre behäbigen -Barken dahinziehen, der lieben blonden -Kinder, die zutraulich heranspringen und um -Brot bitten. Am Fuß der schwarzen Berge steht -ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der -wie Speere einer versunkenen Phalanx lange -dürre Schilfrohre schräg aufstarren. Schafe liegen -kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und -grau, voll silberheller narbiger Einziehungen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-9"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -15. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Noch schlafen alle; mich allein haben Licht -und Kälte geweckt. Der Zug fährt auf hohem -Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig -steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau -durchscheinendem Hügel, darüber die -Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem -Gewölk. Essen veratmen graugelben Dampf, -der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in die -rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer -gingen hin und her, so hab ich mir als Kind -Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem Anblick -schlief ich noch einmal ein. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will -ich keine Bezeichnungen der Bahnhöfe, keine -Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören, -wenn sich die andern darüber unterhalten. -Auf die namenlose Landschaft will ich achten, -wie sie sich leise ändert und die Tönung -des Himmels über ihr. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-10"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -½3 Uhr nachmittag -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat -lichtgrün bestäubt, die Bäume schon viel mehr -vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine -rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und -darüber hinaus zu Höhen mit Gehölz und Gestrüpp. -Langsam fahren wir durch einen kleinen -Bahnhof; eine alte Bäuerin steht allein an der -Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch bildet über der -Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch -die vielen tiefen Furchen des Gesichtes streben -gotisch zueinander auf. Die Bahnhofuhr zeigt -eine falsche Stunde; darunter liegen, aneinandergefesselt, -Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, -die Sprüche und verzierenden Figuren mit -nassen Blättern beklebt. Sie müssen zum Einschmelzen -für neue Geschütze bestimmt sein. -So bin ich diesmal schlafend über den Rhein gefahren. -Wir sind in Deutschland. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-11"> -16. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht -los. Als ich eben zu mir kam, lachten die Kameraden -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -und sagten, ich habe zwölf Stunden -geschlafen und schon zweimal das Essen versäumt. -Einmal aber muß ich doch wach gewesen -sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade -an Leipzig vorbei, und ich erstaunte, daß -die Stadt so unversehrt unter dem Gewitterhimmel -ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm -zertrümmert war, eine sonderbare Täuschung -des Fiebers. -</p> - -<p> -Die Stunden werden lang; die andern spielen -Karten und rauchen; ich habe einen Aufsatz -über Atome und Elektronen nahezu auswendig -gelernt, sodann im Notizbuch abgerissene Sätze -gefunden, die ich in Briefen Glavinas gelesen -und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie -später leidlich getreu nachschreiben konnte. Nun -suche ich den einen oder andern in meiner -Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann -etwas anderes daraus wird, daß der ursprüngliche -Jugendklang verloren geht. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -„Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten -Feinde das Herz aus der Brust und aß es -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte -des Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies -ein kindisch-grausames Verfahren war; aber so -völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten -Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. -Haß, ist er mit Liebe nicht aus einer Wurzel? -Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit -zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige -Seelen? Mir ist, als sei keiner von uns zu -langem Leben berufen, – erkennen wir es doch! -Opfern wir uns bewußt und freudig dem unbekannten -Geiste der Zukunft, bevor uns ein -armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!“ -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -„Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo -man sich wunderte, weil in der Welt nur immer -gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah, -daß die Zeitung davon genau voll wurde, -nie mehr und nie weniger! Meistens, wenn die -Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und -Mutter darein; gespannt und sorgenvoll blickten -sie auf die bedruckten Seiten, es mußte ruhig -im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -nicht zur Sprache bringen. Aber -wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche Zustand -vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, -und alles Fremde war damit unschädlich -gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte -ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind -und ging während eines Gewitters über steinige -Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und -wandte keinen Blick davon. Frage ich mich -jetzt, was auf der weißen Fläche stand, so muß -ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift, -ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken -darin. Tiefziehende Wolken besprühten das Blatt, -Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen -ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die -Geister der Toten. Ich aber las auf dem leeren -Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte -mich nicht um Gewitter und Rufe der -Toten.“ -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -„O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu -wunderbarem, nie gewagtem Feldzug; aber es -ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren, -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache -noch läßt sich die Parole ausgeben, und die ich -wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da -unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne -taten, einstweilen in einer anderen Armee diene, -damit ich mich schon jetzt an kriegerisches -Treiben gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und -Mühsal, wie sie sich gerade bieten, so bereiten -wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir -ist wie einem Täter, der seine Tat noch nicht -kennt. ‚Raube das Licht aus dem Rachen der -Schlange!‘ Was ist es für eine Stimme, die mir -dies Wort manchmal zuruft aus tiefem Schlaf?“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date blank" id="part-12" title="17. Oktober"> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="date">17. Oktober</span> erwachte ich zum ersten Male wieder -mit gesundem Blick, doch gab es zunächst -nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der -sogar die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der -Kompaß zeigte Zugrichtung Südost. Als es nach -zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen -Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete -Maisfelder erklärten. Der Dunst stieg -auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als -wäre fern im Raum ein Lager weißer Zelte aufgeschlagen. -In großflächiger Landschaft mit Gebirgshintergründen -kam die Donau näher, geschmückt -mit herbstlichen Inseln, deren eine -von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. -Auf rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, -in dessen Kuppelmessing sich der letzte -Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter -den roten Gefiedern alter Akazien halb verborgen -liegt, fuhren wir immer schneller der -ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz -Klingensteiner, Kerzen bringend, verrät uns, -stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest -Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen -einander vor Freude, Koffer werden aufgesperrt, -leichte Stiefel und Urlaubsmützen hervorgeholt. -Leutnant H. und ich beschlossen, ein -Kaffeehaus in der Andrássystraße zu besuchen, -einer wünschte vor allem das Parlamentsgebäude -zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir -zum Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber -der Zug nach Süden ab und trug uns mit gewaltiger -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Eile von der türmeschimmernden Stadt -hinweg in die Nacht hinein. Mützen und Stiefel -wurden wieder eingepackt, wie immer die Kerzen -angezündet und in leere Konservenbüchsen -gestellt, ein Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn -begonnen. Klingensteiner, Tee, Brot und -Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich -kaum herein, böser Worte gewärtig; nahezu -weinend entschuldigt er sich, er müsse eine -Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. -Spät kam noch der Major herüber, verdrießlichen -Gesichts; es war, als ob er einem -das bißchen Licht wegnähme. Seine Natur ist -mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu sehen, -macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; -endlich erkundigte er sich bei mir nach der Gesundheit -der Mannschaft. Ich war unbedacht -genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu -berichten. Er meinte, darüber ließe sich doch -nicht so leichthin urteilen, das beste wäre, wenn -ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt -mit meinem Unteroffizier den Zug entlangginge -und von Wagen zu Wagen ausdrücklich -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive -Wirkung solcher Fragen bedenkend, ließ ich mir -ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, -was der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte -seinen Rat zum Befehl und verließ uns ohne -Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch -eine Weile von ihm. Leutnant H., der Götter- -und Sagenkundige, erinnerte, daß nach altem -nordischen Glauben die bösesten Mächte sich -in gute verwandeln, wenn es ein einziges Mal -gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum -Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte -er, dieses Mittel bei unserem finstern Gebieter -zu versuchen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-13"> -18. Oktober -</h2> - -</div> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse"><span class="large">I</span>m Uferwald verborgen</p> - <p class="verse">lag die Morgensonne.</p> - <p class="verse">Wir stießen vom Strand.</p> - <p class="verse">Sie sprang ins Wasser,</p> - <p class="verse">gab über den Strom uns</p> - <p class="verse">ein funkelnd Geleite.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="first"> -Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen -ein, als wir eben über einen Fluß fuhren, -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns -mitreiste. Nachts war ich mehrmals munter -geworden, während irgendwo der Zug stillstand; -so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen -und sprach den Fluß noch als die -Donau an, es war aber die Theiß. Bald sahen -wir in weiter Ebene Gehöfte mit haushohen -Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig behaarter -Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weißen, -blaugestreiften Kopftüchern, die am Rand eines -Kukuruzackers Kürbisse sammelten. Als die Soldaten -ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme -heftig über der Brust, um sie dann, mit fremdartigem -Ungestüm, dem enteilenden Zuge nachzustrecken. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -In Békéscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen -zu uns herein, ungarischer Kavallerist, -dessen knabenhafter Überschwang ein Weilchen -wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen -Käuze unterhielt. Er duzte uns alle, wie es im -verbündeten Heere üblich ist, verteilte seinen -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -halben Zigarettenvorrat, ließ uns die Photographie -seiner Braut bewundern und versicherte -uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft, -vergaß auch nicht, uns zu erinnern, es gäbe nur -den Sieg oder den Tod für uns, kein drittes. -Als wir uns Arad näherten, überreichte er jedem -eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich -Gegengaben. Vergeblich suchten wir lange in -allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir -ein wunderschönes Lichtbildchen der Tänzerin -Clotilde von Derp, von Meister Holdt wie ein -Gemälde aufgenommen und nach Libermont -gesandt; dies gab ich schließlich mit bösem Gewissen -hin. „Deine Braut?“ schrie der Ungar -und äußerte maßlos Dank und Entzücken. Ich -überlegte, während er die Reize der zarten Gestalt -wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen -sollte, daß ich leider nie die herrliche -Künstlerin von Angesicht zu Angesicht gesehen, -sagte mir aber, daß dies albern wäre, und ließ -mich getrost als den glücklichsten der Männer -feiern und beneiden. -</p> - -<p> -In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -verwahrte die eine im Sanitätswagen; die andere -teilte ich mit Raab, so daß wir bald in die -Laune gerieten, den Befehl von gestern auszuführen. -Eindringlich fragten wir vor jedem Wagen -die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige -lächelten verlegen, andere erschraken sehr, da -sie glaubten, wir hätten irgend etwas Niederträchtiges -mit ihnen vor. Als ihnen aber klar -wurde, daß die Frage ernst gemeint sei, da spürte -der eine oder andere bald ein Ziehen, Drücken -oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der -noch vor fünf Minuten seiner Gesundheit allerhand -Proben zugetraut hätte, begann sich ein -wenig lazarettreif zu fühlen. Ich begnügte mich -für heute mit zwölf Krankmeldungen; es wären -aber leicht vierzig oder fünfzig zu erreichen gewesen. -Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen -im Bahnhof zu Arad erstattete, rief den -erwarteten Schrecken hervor, und als ich nun -ehrerbietig meine Gründe gegen das neue Verfahren -vorbrachte, fand ich keinen Widerspruch. -Besänftigend fügte ich übrigens hinzu, daß ich -bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -überwiesen habe, sondern versuchen wolle, -sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend -fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen -Fluß entlang, der uns seither nicht mehr verläßt; -es ist die Maros. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-14"> -Parajd, 19. Oktober 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Kurz vor Mitternacht fuhren wir in den Bahnhof -Maros-Vásárhely ein, doch nur zu flüchtigstem -Aufenthalt. Stab und fünfte Kompagnie sollten -bergaufwärts weiter bis Parajd. Während der -Viertelstunde, die wir in den Wartesälen verbrachten, -umdrängten uns Frauen und alte Männer -aller Stände und baten mit einer verzweifelten -Inständigkeit um etwas Tabak. Unendliche -Verdrossenheit spricht aus allen Mienen; die -rasche Entziehung des jahrhundertelang gewöhnten -Giftes hat die Menschen furchtbarer ernüchtert -als feindlicher Einbruch und Hunger. -</p> - -<p> -Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn. -Fünf Stunden gedachte ichs im bloßen -Mantel wohl auszuhalten und ließ meine beiden -Decken beim großen Gepäck zurück. Aber dem -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Wagen fehlten sämtliche Fenster, die Kälte stieg -mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee, -den der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich -morgens um sechs Uhr das Türmchen von Parajd. -Wir standen vier Stunden in Bahnhofnähe zwischen -zerstörten Geleisen, auf welche wie zerrissene -Nervenbündel abgesprengte Telephonstränge -niederhingen. Schließlich verlautete, -unsere Nachtfahrt sei unnötig und dem Versehen -eines Generalstabsoffiziers zu verdanken gewesen. -Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten, -als uns echtes Unglück entgegentrat. -Von der Bahnhofstraße, deren Rand unabsehbare -Reihen von Flüchtlingen besetzt hielten, sahen -wir österreichische Krankenträger auf uns zukommen, -die vorsichtig auf Bahren drei kleine -verhüllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder -einer Flüchtlingsfamilie, die beim Spielen -eine scharfe Handgranate gefunden, sich darum -gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten. -Die Explosion hatte die Mutter, die gerade -Kochfeuer anzünden wollte, getötet, die drei Kleinen -schwer verwundet. Die Großmutter, Siebenbürger -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Sächsin, die weinend den stillen Zug begleitete, -meinte, man müsse solche Vorfälle den -Kaisern und Königen der ganzen Welt zu wissen -machen, damit sie traurig würden und von dem -gottlosen Kriegführen abließen. Indessen war auf -einmal die Sonne frei geworden und beleuchtete -sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel. -Der untere Teil zeigte fahlgrüne, mit Steinen -durchsetzte Matten, dann folgte, wie mit Sorgfalt -umgelegt, ein schmaler Tannengürtel, und -aus diesem spitzte sich schneeglänzend eine -mächtige Pyramide in das zerfließende Grau. -Der feierliche Anblick bannte jeden; sogar die -alte Frau verstummte, und ich, darf ich mirs -zugeben, daß das Jammerbild der zerfetzten Kinder -mir im Nu völlig ausgelöscht war? Daß es -mir in der herrlichen Schau zerschmolz, als wäre -es zufällig und nur am Rande geschehen wie -die meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber, -geltend und geisterbehütet, stünde ein geheimes -Gesetz, das längst all unsere Leiden und Schrecken -übernommen hat? -</p> - -<p> -Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -alle Müdigkeit zurück und holte erst nach Revierdienst -und Fußappell den versäumten Schlaf -ein wenig nach. Vor Mitternacht – wir saßen -noch lesend und plaudernd beisammen – hörte -man auf der Straße Pferdegetrappel und -geklingel, -dann wurde schüchtern die Hausglocke geläutet. -Jemand bat um Einlaß, obgleich die Türe -nicht verschlossen war. Es war der Eigentümer -des Hauses, ein älterer Mann, der mit seiner -Familie vor den Rumänen geflohen war und -nun vorderhand allein zurückkehrte, um Lage -und Aussichten zu erfahren. Höflich ließ er um -einen kleinen Schlafraum bitten und blieb geduldig -vor seinem erleuchteten, von Fremden -besetzten Hause stehen, bis er Bescheid erhielt. -Der Major ging selbst hinunter, um ihn zu begrüßen, -und bot ihm ein Abendessen an, das jener -bescheiden ablehnte, völlig zufrieden, in seinem -Anwesen ein dürftiges Obdach zu erhalten. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-15"> -20. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die -Typhusimpfung durch, die schon seit August -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren uns -überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man -die Bänke übereinandergestellt. Auf dem Katheder -lagen noch spanisches Röhrchen und -Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen -von Pflanzen, Tieren und allen Menschenrassen -der Erde. Mir war ein wenig bang -vor dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch -einmal verschoben. Denn wieder sind die neuen -Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht eingetroffen; -die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen -an den Spitzen, wodurch der Einstich -und das Herausziehen sehr schmerzhaft -werden. Aber es gab kein Verzögern, und so -half ich mir denn, wie ich konnte, und verfiel -schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen, -um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten -abzulenken. Zuerst entkleidete ich mich selbst -und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft -den bösen Stich, wobei meine Mienen, glaube -ich, in guter Ordnung blieben. Dann kamen -Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt -und hüteten sich, zu zucken. Später nahm ich -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern -zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der -armen Burschen zerschund, manches zum besten, -was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen. -Sonderbarer Sitten der wilden Timmes -wurde gedacht, die den Genossen, den sie zum -König wählen wollen, am Tage vor der Krönung -fast zu Tode prügeln, so daß er zuweilen seine -Thronbesteigung nur kurze Zeit überlebt, auch -die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche -Kinder unter vielen Tränen ihren Vater lebendig -begraben, festen Glaubens, daß er dann jenseits -in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages -ewig weiterleben werde. Die guten Soldaten -lauschten aufmerksam und schienen über jenen -ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen -wespigen Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. -Als alle Kompagnien schon abgerückt -waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich -impfen zu lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, -daß die Nadel schier zerbrach und -äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften -gegenüber war er freilich sehr im Nachteil, da -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam verletzen -mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche -der Wilden noch sonst etwas erzählen konnte. -</p> - -<p> -Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. -Das Impfgift wirkte wie immer, ich träumte -viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens, -nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun -aber saßen wir im Kreis um einen französischen -Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die -Freunde, etwas abseits Regina. Wir froren und -streckten die Hände zum Feuer. Regina trug ihr -schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband. -Ihre Hand war verbunden, aber auch alle anderen -trugen Verbände. Wilhelm hatte eine schwarze -Binde über einem Auge. Doch waren wir guter -Dinge und plauderten viel von unserm früheren -Leben. Auf einmal sagte Regina: Die Männer sind -schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen -nach Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die -anderen hellauf; aber indem sie lachten, wurden -sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich -verzog sich eines nach dem andern in den -Kamin hinein und entschwand mit den Flammen. -</p> - -<p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, -und vor dem klaren Klang des Lebens zerstob -aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat -ein paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden -sein. „Ein Urlauber“, schreibt er, „hat -uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst. -Das freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen -und Flüssen. Der Oskar Appel hat es in der Erdkunde -gelernt. Nimm so viel du tragen kannst -und bring es mir mit! Ich kann es gut brauchen.“ -Der Brief war einem schönen silbergrauen Umhang -mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, -den mehrere unserer Offiziere, die ihn später -sahen, mit Entrüstung als vorschriftswidrig bezeichneten. -Höchstens Generale der Artillerie -dürften einen so breiten Kragen haben, auf der -Stelle müsse ich ihn von einem Kompagnieschneider -abändern lassen. Der Major aber sagte lachend, -für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen -Vorschriften, ich solle mir das Zeug -ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil -gedeihen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-16"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Szentlélek, 21. Oktober 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen, -konsultierte mich der Major. Sein Hüftnerv ist entzündet; -er hat Fieber und kann sich vor Schmerz -kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten -nicht aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. -Schließlich gab er mir in Scherz und Ernst -den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen -und bis zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel -ein, daß noch die starken Maretin-Laudanon-Pulver -in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte -ich nichts davon. -</p> - -<p> -Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr -ist unbequem, quälerisch, aufsässig; aber er ist -es nicht nur nach unten, sondern mehr noch nach -oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt -ers um sich herum gemütlich werden – aber sind -wir denn hier, um es gemütlich zu haben? Er -weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen, -– soll ich leugnen, daß ich mich gesund und frei -dabei fühle? Und einer, der uns öfters reizt und -beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger -als einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein, -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -der kleine graue Dämon gehört schon einmal -zu uns und unserm Schicksal, – vielleicht helfen -die Pülverchen, er soll sie haben! -</p> - -<p> -Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek -hinan, die ein heißer Wind schnell auftrocknete. -Der Himmel sah seltsam aus; mein früher Traum, -als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung -ihrer Gewölke mitwirke, meldete sich wieder. -Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle, -dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem -Schaum, dahinter eine graue Bank, besetzt -mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden -wir inne, daß wir uns durch eine der salzreichsten -Gegenden Europas bewegen; rein und weiß tritt -hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. -Mancher bricht in der Marschpause ein Stückchen -ab, wägt es betrachtend und steckt es wie -einen Edelstein in den Tornister. -</p> - -<p> -In den Dörfern sind alle Häuser mit gleichem -stumpfem Blau getüncht; um jedes läuft eine Galerie -mit schlanken hölzernen Säulen, die das vierflächige -steile Walmdach tragen helfen. Die Grate, -mit vielen schrägen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Wirbelsäulen aus. Alte Leute, traurig und -freundlich, standen vor den Türen; einmal drängten -sich schwarzäugige Madjarinnen heran und -berichteten schreiend schauerliche Untaten der -Rumänen, worauf blonde deutsche Frauen, die -seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still, -sichtlich auf Gerechtigkeit bedacht, jene -überschweren Anklagen auf ihr Maß zurückführten. -</p> - -<p> -Gegen zwölf Uhr gelangten wir vor das große -Dorf Szentlélek, rückten aber nicht ein, sondern -lagerten samt großer und kleiner Bagage auf einem -heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die -Feldküchen geheizt wurden. Kirchengänger, von -der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure -Gebetbücher im Arm, näherten sich auf allen -Wegen, die Männer zögernd, die Frauen mit -lüftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen -Worten machten diese verheißende Zeichen und -liefen auf einmal alle in die Häuser, von wo sie -bald mit Körben voll Obst und Eimern voll Milch -zurückkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen -unter dem rumänischen Einbruch zu leiden gehabt; -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -nun freut es sich über den Vormarsch der -Deutschen und erschöpft sich in Gebelust. Milch -schäumt in alle Feldbecher, und mit goldensten -Parmänen füllen sich die Taschen. Langsam kommen -auch Männer herbei, voran der uralte Pfarrer. -Ihm haben die Eindringlinge, da sie deutsche -Bücher in seiner Stube fanden, zur Strafe den -ganzen Meßwein und obendrein die goldene -Brille weggenommen. Während er dies in leidlichem -Deutsch mit gelassenem Humor erzählt, -packt Leutnant N. seine lange gesparte Flasche -Burgunder aus; der Greis nimmt das Geschenk -als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zögern -an und verspricht seine nächste Messe für den -Spender zu lesen. Die übrigen Männer treibt eine -Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer näher. Seltsame -Tauschgeschäfte kommen zustande. Für -drei Zigaretten erhält ein Soldat ein Dutzend -Eier, ein anderer für zwei Päckchen Knaster eine -fette Gans. Mich aber suchten die Kranken des -Dorfes; der Sanitätswagen wird erschlossen, Verbandstoff -und Arzneien freigebig verspendet, bis -Raab erschrocken gemahnt, daß uns im Gebirge -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -niemand ersetzen wird, was wir hier unbedacht -hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik -eingeholt; sie stellt sich in der Angermitte auf, -spielt madjarische Lieder. Die Kranken vergessen -ihre Übel, Soldaten und Mädchen tanzen, die -Stunde wird zum Fest. -</p> - -<p> -Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen, -damit uns nicht nachrückende Bataillone die -Quartiere wegnähmen. Mir ist eine balkengedeckte -Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen. -Es ist sehr dumpf und düster innen, die -Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von Bewohnern -hab ich bisher nur den Bauer gesehen, -einen kränklich und grämlich aussehenden Mann, -der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte -Galerie draußen ist ein singendes Geschwebe -winziger Holzwespen; die haben Säulen und Geländer -tausendfach durchlöchert und schlüpfen -unermüdlich ein und aus. Morsch, einsinkend -ist alles, um so wundersamer das ganz neue, reichgeschmückte -Hoftor. Es hat hohe, breite Flügel -mit zierlichen Gittern und schön geschnitzten -und bemalten Flächen. Gewinde von Tieren und -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Pflanzen umkränzen beiderseits einen blauen -Leuchter mit gelbrot brennender Kerze, zu der -sich eine grüne Schlange hinaufringelt. Oben -auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehäuse, -eine Art Arche, bemalt mit roten Täubchen, -zwischen denen durch runde Luken wirkliche -Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem -ersten Blick so fremd und gestohlen aus, als wärs -von einem großen Gutshofe herverschleppt worden, -so merkt man bei längerem Vergleichen -doch, daß es aus dem alten Hauswesen hervorgewachsen -ist. Ein sonderbarer Einfall war es -freilich, statt beim Hause beim Tor zu beginnen; -immerhin errät man, wie das Ganze werden soll. -Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen, -und vielleicht ist nur darum der Bauer so -gedrückt und scheu, weil er seinen Hof nicht erneuern -kann und sich dabei verkümmern fühlt. -„Wer baut, erbaut sich selber“, – es gilt das alte -heilige Wort. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen. -Er lag in einem breiten Bett, mit Schafpelzen -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -bedeckt, vom Fieber geschüttelt. Sehr ungehalten -zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte. -</p> - -<p> -„Was soll mir das Gift?“ rief er. „Gibt es etwas -Frevelhafteres, als daß man chemische Substanzen -in das Blut bringt?“ -</p> - -<p> -Ich entgegnete, daß wir doch selbst aus lauter -chemischen Zusammensetzungen bestünden, die -nur zuweilen unrichtig ineinandergriffen, und -dann müßte eine neue eingeführt werden, welche -die falschen Verbindungen löste. Als er noch zögerte, -erinnerte ich ihn daran, daß erkrankte -Tiere sich öfters Kräuter und Blätter suchten, die -sie sonst niemals fräßen, und rasch davon gesund -würden. Dies ließ er gelten und nahm nun das -Pulver fast gierig. -</p> - -<p> -Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem -Quartier. Eine der Patientinnen vom Vormittag -hat zwei Enten geschickt, die ließen wir -braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe -Stunde auf dem Anger klingt noch in allen; viele -glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen -werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer -vom russischen Kaiser, ein dritter von Wilson -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -das weltbefreiende Wort. Mancher dieser -lieben Menschen spürt im innersten Herzen vielleicht -schon den nahen Tod und sieht nun in -wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges -gekommen. -</p> - -<p> -Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau, -ein nicht mehr junges Weib, derbe Gestalt, -welche sich aber im schönsten Maße bewegt, hellgraue -Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene -Schatten, die von feinen blauen Venen -umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem -rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von -Most und Speisen, bringt Äpfel und Pflaumen -dafür und lehrt uns madjarische und rumänische -Worte. Mich hatte sie zuerst für den Feldgeistlichen -gehalten und mit großer Scheu behandelt; -nun sie weiß, daß ich ein ungesalbter Mann bin -wie die andern, wird sie sehr zutraulich und sucht -mich als ihren Wohngast und Ältesten der Tafelrunde -zu ehren, indem sie oft nach meinen Wünschen -fragt und mich dabei jedesmal auf zeremoniöse -Weise halb umarmt, ein Benehmen, das -am Tische viel Gelächter hervorruft; aber darum -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -kümmert sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit -sich selber, in anmutigem Wahnsinn scheint ihr -Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in -die Wohnstube hinüber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend -am Herde saß, gab ihm Zigaretten, -die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie -mir vorkam, begütigend zu. Zuletzt, wie ein Kind, -brachte sie Schachteln mit Karten, Briefen und -Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte -ich, darunter ein Blättchen mit der Skizze -jener am Hoftor ausgeführten Zeichnung zu finden! -Hier, wo sich das Ornament als ein erst -entstehendes zeigte, regte es die Einbildung stärker -an: ich konnte es nicht lassen, mußte ein -Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen. -Dabei wurde, wie stets in solchen Fällen, -etwas anderes daraus. Ein stattliches siebenbürgisches -Haus im Hintergrund anzugeben, gelang -einigermaßen; vorn am Tor aber hat die Schlange -den Flammenkern von der Kerze gebissen und -trägt ihn zwischen den Zähnen fort. Darunter -schrieb ich den Satz, den ich einst bei Glavina -gelesen: Raube das Licht aus dem Rachen der -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten, -der Most sei mir beträchtlich in den Kopf gestiegen; -die Frau sah lächelnd dem Gekritzel zu, -schließlich fragte sie mit Gebärden an, ob sie’s -nehmen dürfe, worauf sie ging, um es ihrem -Manne zu zeigen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-17"> -22. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um fünf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau, -beim Abschied, brach Zweige von einem getrockneten -Pflanzenbüschel, der am Stubengebälk befestigt -ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem -Blick. Vermutlich ist es als Talisman gemeint; -der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an -Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich, -als ich das Pferd bestieg; verstand ich recht, so -wollte sie mich einladen, dereinst nach dem Kriege -wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren. -– Der Major, noch vor neun Stunden -im Fieber ächzend, sitzt fest auf seinem Rappen -und berserkert wider Offizier und Mann. „Was -haben Sie dem Kerl für Zeug gegeben?“ schrie -mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir könne es recht -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -sein, daß er meinen Mittelchen so viel Wirkung -zutraue, aber der Alte wisse genau, daß ihn viele -weit weg wünschten, das sei auch keine schlechte -Arznei. -</p> - -<p> -In langen Märschen entschleppte sich der Tag. -Es ging über kahle und bewaldete Hügel, und -immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft -sah man das gleiche stumpfe Blau der Häuser. -Die Soldaten, geblendet noch vom Glanz des Gestern, -empfanden mürrisch Obdachlosigkeit, -karges Essen, zerrissene Stiefel und ungewisses -Ziel, und an allem gaben sie dem Major die -Schuld, dem sie überdies seine Genesung nicht -verzeihen können. Laute Flüche schrieen sie ihm -zu, wenn er vorüberritt; er stellte sich taub und -nahm Rache, indem er übermäßig lang auf eine -Marschpause warten ließ, die schließlich der Adjutant -auf meinen Wunsch von ihm erbat. -</p> - -<p> -In Székely-Udvarhely waren mehrere Gebäude -gründlich zerstört, die Luft noch voll Brandgeruch. -Auf den Hügeln aber, in geringen Abständen, -staken blanke Nähmaschinen, treffliche -deutsche Ware, bald im Straßenschlamm, bald -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende -Gegner dieser wertvollen Beutestücke entledigt -haben. -</p> - -<p> -Abends klagten viele über äußerste Ermüdung. -Vielleicht wirkt noch die Typhusimpfung im -Blut. Ich selbst spüre wenig, obgleich ich, um -das kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepäck -beladen, zu Fuß zurückgelegt habe. Die -Mäßigkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne, -scheint zu nützen; auch lebe ich, vielleicht unter -Glavinas Eingebungen, wachsamer als früher und -mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und -nicht viel weniger als ein großes Abenteuer. Damit -gewinne ich viel: der unfreie Dienst wird -mir leichter und läßt einen freieren ahnen, der -vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den -Mitteln, die man gegen Erschöpfung anpreist, -laß ich Tee und Kaffee gelten; grobtäuschende, -wie Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand -ausgeschieden. Den leichtesten und geistigsten -möchte ich am liebsten trauen. Wie wenige -kennen die unbemeßbaren, immer wirkungsbereiten -Energien des lebendigen Wortes! Daß es -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen -mit der Kraft ganzer Geschlechter, vergleichbar -den radioaktiven Elementen, aber weit -wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, -noch die Kräfte der Welt anziehen und Fluten -von Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon? -Mächtig genug wären manche, um das -Schwungrad auch der ermüdetsten Seele neu anzutreiben, -und vielleicht sind schon sie allein es -wert, daß man sich eine Weile auf den Bergen -des Todes aufhalte, weil sie dort gewiß am reinsten -und stärksten klingen. Schwingt aber die -Seele frei, was brauchen die Sinne viel Aufreizung? -Brot, Früchte, eine Handvoll felsgeschöpften Wassers, -ein Geruch wilder Minze sind Erquickung -genug. -</p> - -<p> -Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den -Namen des Dorfes hab ich vergessen. Alle Häuser -sind mit Infanterie bereits überfüllt; wir sind gerade -noch in einem verlassenen, ausgeplünderten -Hüttchen untergekommen, wo sich auch etwas -Heu gefunden hat. Die anderen haben sich schon -unter ihre Decken und nassen Mäntel gestreckt, -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -mein Kerzenstümpfchen flackert zu Ende, ich -muß eilen, mir noch ein Lager zu sichern. -</p> - -<p> -„Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe -jetzt in ihr wie in dem Innern einer feinen, heftig -schillernden Seifenblase und halte den Atem an, -um sie nicht zu zersprengen“, las ich bei Glavina. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-18"> -Ottelve, 24. Oktober 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken -über bewaldete Hügel. Nach ein Uhr -klärte sich unter uns das Tal von Csik Szereda, -in das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still -und warm. -</p> - -<p> -Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Gräber. -Innen sind viele Gebäude zerstört und ausgeraubt, -die eisernen Schutzläden vielfach mittels -Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumänen -hatten die Alutabrücke gesprengt; nun ist von -preußischen Pionieren eine hölzerne Notbrücke, -ein kühnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen -Stunden errichtet worden. -</p> - -<p> -Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause. -Eben kamen die siebenbürgisch-rumänischen -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da -erscholl aus einem der vorderen Züge ein lautes -Halt!, das nach hinten weitergegeben wurde. Die -Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige wollten -stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte -sich heraus, daß weder der Major noch Leutnant -Leverenz, die beide eine Strecke vorausgeritten -waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein -Mann mußte gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben -haben. Der Marsch wurde fortgesetzt. -Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot -Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen -der Tornister, ließ sie in voller Ausrüstung antreten -und erklärte, daß er sie so lange stehen -lassen werde, bis ihm der freche Störer gemeldet -sei. Unterdrückte Verwünschungen wurden hörbar; -den Gehorsam zu verweigern wagte aber -keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt -hatten, nahmen ihn zwar murrend, aber -hurtig wieder auf. An etwas erhöhter Stelle trat -Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte -seinen Beschluß. Er setze voraus, sagte er, -daß nahezu alle den meuterischen Rufer verurteilten; -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -sei der zu feig, um sich zu nennen, so -müsse es ein anderer tun. Geschehe dies noch -während der Ruhestunde, so werde der Schuldige -bestraft, und damit habe es sein Bewenden, -wo nicht, so werde die ganze Kompagnie, die -Herren Zugführer nicht ausgenommen, zu büßen -haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr -still, Soldaten anderer Züge kamen auf einige -Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen -werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand -einer der besten Offiziere der Division, mit seinen -meisten Untergebenen stamm- und artverwandt, -vielgerühmt als furchtlos und besonnen, verehrt -als einer, der niemals aus bloßem Ehrgeiz die -Seinigen in gefährliche Lagen brachte, im Kriege -früh alternd, mit Narben geschmückt, jetzt bleich -vor Erbitterung über die ihm vermeintlich angetane -Schmach, die scharfen runden Augen ein -wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen -Mann um den andern fixierend, sichtlich entschlossen, -die Sache zum Äußersten zu treiben, -dennoch weise genug, sie vorderhand gewissermaßen -unter vier Augen austragen zu wollen, -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -– ihm gegenüber die abgemattete Mannschaft, -über sich selbst erschrocken, eben sich noch -dumpf in einem Rechte fühlend, das aber, sobald -es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel, -im stillen die Haltung des Führers vielleicht -schon bewundernd, – wo las ich doch einmal, -daß eulenhafte Menschen allen andern überlegen -seien? -</p> - -<p> -Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, -so sah man eigentlich nur ein Übel akut aufbrechen, -das nun schon lange unter uns umschleicht. -Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; -der Soldat, vielfach unberufen, spärlich ernährt, -mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt, -im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert -Nervenkraft und Zucht. Die Offiziere wissen -es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit -manches hingehen, überhören sträfliche -Zurufe, reden sich auch wohl ein, diese -seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe -des Feindes von selber verstummen. Solch lax-zweideutiges -Verhalten muß einer klaren Kriegernatur -wie Leverenz’ durchaus bedenklich und unwürdig -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -vorkommen, und wenn er nun sein ganzes -Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen kleinen -Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen, -so fühlt man mit ihm wie mit einem Arzt, -welcher einen Eingriff auf Tod und Leben wagt. -</p> - -<p> -Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch -blätternd wie unbeteiligt, und gewiß war -es sein bester Geist, der ihm eingab, sich zunächst -nicht in den Handel zu mischen. -</p> - -<p> -Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich, -da fand sie höchst unverhofft eine Entspannung. -Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat Infanterist -Kristl und bekannte sich klar und bündig -als den Mann, der „Halt“ gerufen habe. Eine -Weile standen alle wie erstarrt, dann ging eine -leichte behagliche Regung durch die büßende -Kompagnie. Mir war ja diese Selbstbezichtigung -nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs -vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber -wie er nun dastand, bleich und zusammengenommen, -in seinem ganz verfärbten Waffenrock, -die schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, -Leverenz anblinzelnd, als ob dessen -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Anblick ihn blende, da konnte einen sein Geständnis -wirklich überzeugen. Durch des Leutnants -ernstes Gesicht flimmerte jetzt ein überaus -flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob ein -steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch -würde. Vielleicht ging es ihm wie mir, und er -hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch beschuldigte, -um die ersehnte Entfernung von der -Front zu bewirken, und er bedauerte ihn ein -wenig wie einen, der eine Sache immer wieder -verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich -einigermaßen dafür dankbar, daß der Bogen nicht -mehr stärker gespannt zu werden brauchte, – jedenfalls -griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte -er den Täter an und verkündete, daß er -Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe -beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht, -falls Kristl sich vor dem Feind auszeichnen -werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber niemand -lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie -freigelassen, während Kristl verwirrt und, -wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile stehen -blieb. -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes -Lilalicht weithin durchatmete, -zogen wir eine Stunde später nach Ottelve -weiter; Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens -waren plötzlich mächtiger als seit langer -Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, -Aufbrüche, Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst, -– man merkt mit einer Art Schrecken, daß -es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, -daß man es, ohne von sich selber abzufallen, nicht -mehr wegwerfen kann. Kristl, heute der einzige -Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem -wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich -der Haltrufer gewesen, danach fragt niemand. -Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten, -Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen -Kompagnien grüßen freundlich den sonderbaren -Menschen und bekräftigen sein Lob. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-19"> -Koczmás, 25. Oktober 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus -dem Nebel. Eine Art Blindheit befiel die Augen, -und als wir nach vier Uhr in Koczmás ankamen, -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -erfuhr ich ein Verfließen äußeren und inneren -Gesichts, von dem ich mir guten Gewissens berichte, -weil der Geist frei blieb und der Täuschung -gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fußkranken -aufgehalten, fand mich schließlich allein -auf der Straße und suchte auf einem Seitenweg -mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet -worden war. Als ich einmal stehenblieb, um -mich zurechtzufinden, hörte ich ein Rauschen in -der Nähe; es klang wie der Brunnen vor dem -Hause der Mutter in S., und gleich kamen mir -Weg, Zaun und Nebelbäume bekannt vor. Jeden -Pfahl, jeden Stein hatte ich früher schon einmal -gesehen, und nun hörte ich auch das breite Brausen -der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen -im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten -zu dem mütterlichen Häuschen aus. Kaum -eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug; -ich folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal -abschwächte, und als ich vor der Haustür -stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher -mit Kreide daran geschrieben hatte, war -alles vorüber. Eine ganz alte Frau trat heraus und -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -führte mich in ein Stübchen, das ich mit Leutnant -T. teilen soll. Später brachte sie sonderbare -Milchspeise, die mit einer dicken Zimt- und -Zuckerkruste überzogen war, dazu sehr scharfen, -mir ungenießbaren Schafkäse. Ich habe mich -beim Stab entschuldigen lassen und esse mit T. -zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren -der Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu -Zeit, stellt sich mit verschränkten Armen in die -Tür und betrachtet uns unverwandt. Ihre Mienen -sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und -wenn ich der Frau von Szentlélek gedenke, muß -ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr -verwirrte und entrückte Menschen gibt als anderswo. -Dann und wann kommt eine stämmige -blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen -Verweilens zur Rede und führt sie -wie ein unverbesserliches Kind immer wieder -hinaus. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-20"> -26. Oktober. Auf dem Marsch -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen -Träume schnell; im trüben haften sie lang. Vor -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm -zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. -Ich stieg die Wendeltreppe hinauf. Die rohe Ziegelwand -hatte Nischen; die schienen tief in Katakombenfinsternis -hineinzuführen. Ich sah hohe -schmale silberne Wiegen; in jeder lag, puppenklein, -ein toter deutscher oder französischer Soldat, -die gläsernen Augen weit offen; einzelne Lorbeerblätter, -wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln -an Stirn und Haar. Ich stieg weiter -und befand mich auf einmal vor dem schönen -jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn -öfters gefüttert haben; seine rechte Vorderpfote -war zwischen zwei Stufen eingeklemmt, erwartungsvoll -sah er mich an. Eine Berührung genügte, -um ihn zu befreien; vorsichtig hinkend -ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte ich, -daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein -Gefieder war, breite graue, silbern geaugte Federn, -in einem Pfauenschweif endend. Ich sah empor, -da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um -die Ohren, ich stand auf weiter Heide. Drei weibliche -Gestalten, in weiße Decken gehüllt, schliefen -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war -Vally; dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter -und Schwester. Ich beugte mich nieder, da sah -ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken -bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. -Der Wolf ging im Kreise herum -und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten -sie, mit verstörten Gesichtern; keine kannte -mich. „Der Wolf wird euch fressen, wenn ihr -schlaft auf der Heide!“ rief ich ihnen zu. Sie -lächelten einander verlegen an. „Geht in den -Turm! Dort sind silberne Wiegen“, setzte ich hinzu. -Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, -aber es kam hart und drohend heraus. Sie erkannten -mich nicht und fürchteten sich vor mir. -Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über -sich und rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der -legte sich den Schläferinnen zu Füßen, schlug -ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem -ungeheuren grauen, silbern spiegelnden Gefieder. -Da hörte ich ganz laut und klar das Söhnchen -aus der Tiefe rufen: „Vater, bist du schon oben?“ -und war wach. -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich -zu hellen, tiefgekerbten Wolken auseinander. Die -Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das -Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße -Stadt; es muß Kézdi-Vásárhely sein. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-21"> -Esztelnek, 30. Oktober 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig -zu schlaunen: Eilmärsche, mit Gefechtsübungen -verbunden, brachten uns heute bis Esztelnek, -dessen weißer Turm, ein Campanile, sich einige -Schritte vom Kirchlein fernhält. Als mich meine -Quartierwirtin im Hof willkommen hieß, erschrak -ich vor der fast unnatürlichen Ähnlichkeit, -womit mich Gesicht und Gebaren dieser -Bäuerin an Frau Nikola, die verstorbene Oberin, -erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und -immer schaut gleiche Seele mit gleichen Augen -durch die Schichten der Zeit. Jene zwar verließ -ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter, -dabei aber herb und ernst, wie vom Gesetz eines -Ordens begrenzt, und all ihr Tun spielt sich im -Rhythmus geistlicher Übungen ab. Sie entschuldigte -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -sich sehr, daß sie fast kein Deutsch verstehe, -und führte mich in eine Stube, deren helle Nüchternheit -mein Gefühl bestätigte. Die Frau brachte -Weißbrot und Äpfel, entfernte sich, kam aber bald -wieder und stellte Photographien ihres Mannes -und ihrer zwei Söhne auf den Tisch. Dann faltete -sie in Schulterhöhe die Hände nach der Seite zusammen, -neigte den Kopf darauf, indem sie eine -Schlafende nachahmte, deutete hierauf zur Erde, -sagte „In Galizia“ und ging wieder. Die Bilder -ließ sie bei Brot und Früchten stehen, als wünschte -sie, daß ich, die Gaben des Hauses genießend, auch -der Toten des Hauses gedächte. -</p> - -<p> -Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin -ist noch immer unbekannt. Die verheißene -Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon -wird mit löchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg -marschieren. Aus der Heimat kommt keine -Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum -gewiesen, bestieg ich den Campanile. Wenn das -Dunkel die Grenzen der einzelnen Besitztümer -aufhebt und schließlich nur noch die staubweißen -allhinführenden Straßen erkennbar bleiben, die -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -jedem und keinem gehören, so schickt man gern -seine besonderen Wünsche schlafen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-22"> -Esztelnek, 31. Oktober -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um fünf Uhr marschierten wir ab. Es wehte -scharf aus Nordost. Bald fror ich im Reiten und -ging lieber zu Fuß. Dunkelgrüne Wintersaaten -breiten sich bis zu den Bergen hinan, denen wir -uns rasch näherten. Über den Gipfeln lagen erdgraue -Wolkenschichten, die sich nach und nach -rötlich fleckten und auf einmal Feuer fingen. -Schließlich aber ging die Sonne nicht an dem -Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern -etwas links davon in gleichmäßig hellem Gewölk. -Wir erblickten bereits das Türmchen von -Bereczk, da kam ein Befehlträger nachgesprengt -und übergab dem Major ein Blatt, gleich scholl -ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl: Zurück -in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten -die Kompagnien ihre Freude. Vielleicht war -ich der einzige, der im Augenblick den Marsch -lieber fortgesetzt hätte. Ist Aufschub einer Entscheidung -dem vorwärtsgerichteten Geiste doch -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -immer gespenstisch, als verböge sie den geraden -Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten -wir nach Esztelnek zurück, wo uns die gestern -noch so freundlichen Dörfler mit bestürzter Zurückhaltung -betrachteten. Unsere Wiederkehr -kommt ihnen überaus verdächtig vor; sie vermuten -dahinter den Beginn eines deutschen Rückzugs -und sehen uns im Geiste bereits über die -Maros gejagt. Meine gute Wirtin dagegen begrüßte -mich mit unverhohlener Freude; sie schien -mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachträglich -die ärztlichen Zeichen an meinem Kragen -gedeutet, nun wollte sie Versäumtes nachholen. -Über Stufen führte sie mich in eine Kammer, -wo Heiligenbilder in russischem Stil an den -Wänden hängen und leere zierlich bemalte Ostereier -den Deckenbalken entlang an Nägelchen aufgespießt -sind. In einem zum Fenster gerückten -Bett mit grellroter Decke lag eine kaum Sechzehnjährige, -von der Schwindsucht gezeichnet. -Die Mutter geriet ganz aus ihrer Gehaltenheit -und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklären -versuchte, daß ich nicht eines ihrer Worte -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -verstünde, nickte sie mir zu mit solchem Beifall, -als wärs gerade das, was sie zu hören wünschte. -Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war -leicht zu begreifen. Das Kind ist schön; schwarzes -feuchtes Haar über dem Schwächeglanz -der Stirne hoch emporgekämmt, in den Augen -brennt das ganze in die Enge getriebene Leben, -wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt. -Der Leib ist schrecklich eingeschmolzen; die -Brüste nur, steil und straff, trotzen noch selig -dem Tod. -</p> - -<p> -Während des Untersuchens wurde wieder einmal -offenbar, wie sehr doch das lange Kriegsleben -die innere Gestalt verändert. Was durch -Jahre tägliches Geschäft gewesen war, das Durchspüren -der Organe nach den Herden des Zerfalls, -es will nicht mehr so recht von der Hand gehen. -Ja, mir kam vor, als wärs ein gröbliches verfängliches -Beginnen, blasse Magie, die weder guten -Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher -Arzt wird künftig seinen Kranken anders -gegenüberstehen als bisher. Vielleicht müßte -man sich selber gewissen Übungen und Enthaltungen -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen -einer anderen Natur durchdringen und -auflösen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen, -um wenige desto sicherer zu heilen. Für -diesmal war es nur ein Scheindienst, was ich -leistete; und als ich nach der Untersuchung andeutete, -daß ich Arzneien aus dem Sanitätswagen -holen wolle, waren Mutter und Tochter für -den Augenblick zufrieden und getröstet. Die Frau -ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot -erst mir, dann der Kranken und aß auch selber -davon. Schweigend saßen wir nun beisammen, -sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heiße -Nachmittagssonne schien herein, sie durchleuchtete -rötlich die braunen Paprikaschoten, die wie -kleine Hörner in Büscheln am Fenster hängen. -Wespen summten, und leiser Geschützdonner -kam von den Bergen herüber. Auch die Mutter -sprach nicht mehr; zuweilen, wenn sie mich -zum Essen ermahnen wollte, rührte sie mit der -Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf -die Früchte. Bald stand ich auf und ging. Wie -ein ewiger Abschied von allem dumpf Leidenden, -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam, -nicht mehr als niedrig-widriges Zehrergezücht -erschien mir auf einmal das dunkle Reich -der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche -Macht, verbunden und pflichtig den stärksten -Energien der Natur. Solche zu bekämpfen -kann jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten -sich andere Gewalten an, denen wir uns entgegenstellen -oder denen wir uns verbünden -müssen. -</p> - -<p> -„Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschädigen, -solange sich das vergiftete Wesen im -Finstern hält, wogegen sie bei hellem Tage sogleich -zu gären und zu töten beginnen.“ Wie -klärt sich mir langsam dies dunkle Wort! -</p> - -<p> -Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe -Stunde. Mir träumte von meinem Pferd. In dem -Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte -es sich in ein junges nacktes Weib. -</p> - -<p> -Der Adjutant kündigt an, daß es morgen in aller -Frühe weitergeht. Er versichert uns, daß wir diesmal -nicht zurückgerufen werden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-23"> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Bakó tetö, 1. November 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um die gleiche Stunde wie gestern verließen -wir Esztelnek und erreichten bei trüb grauendem -Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand -auf der Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom -Alter gekrümmtes Matrönchen lief neben der Kolonne -her und spähte aufgeregt von einem Kopf -zum andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern -tragen müssen, haben ihrs angetan. Endlich, da -wir gerade langsamer marschierten, faßte sie -Mut, huschte an den kleinsten Flügelmann heran -und beklopfte mit scharfem Finger seinen -Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei -Holz oder Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall -ist, verschränkt zufrieden die Arme und bleibt -zurück. -</p> - -<p> -Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen -und schrie, den Hut schwingend, in schauerlichem -Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den -Deutschen! Gott helfe den Deutschen! -</p> - -<p> -Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister -und Verpflegungsoffiziere nahmen Abschied und -wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -ins Gebirge empor. Man sah ferne Felsen -mit schwarzen Klüften, die wie Schlünde Nebel -ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir -auf dem Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde -und ihre Wärter uns verließen. Auf sumpfiger -Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab -eine lange notwendige Rast; schon hatten wir -fünf Wegstunden hinter uns, und vor uns ragten -steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine -Strecke voraus und setzte mich auf einen Stein, -wo ich zu warten beschloß, bis die andern mich -einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben, -und während ich ihm entgegensah, war ich von -abgewehten Fransen schon überzüngelt und umschlungen. -Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten -geistigen Wolke berührt und aufgenommen -zu werden wie von einem blütigen -Wesen! Alle Heimatgestalten glänzen auf, und -zugleich erschwingt ein grenzenloses Vertrauen -in die strömenden und untergrabenden Kräfte -der Welt. Wie aus großer Ferne hörte ich das -Bataillon aufbrechen und regte mich nicht, bis -die ersten Gruppen zu mir stießen. -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte, -nur fünfzehn Kilometer hätten wir bis zur Stellung -zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß. Der -Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, -strotzend von lilagrünen Früchtchen, wuchert -zwischen Felsblöcken. Viele Gräber kommen; -nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst -fünf Tage alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand -auf einem Holzkreuz. Gegen zwei Uhr durchstiegen -wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke; -dort wurde uns ein rätselhafter, erschütternder -Anblick. Ein einsames, niedergebranntes Haus -stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den -Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und -unter der Verschwärzung erkannte man die blaue -Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte -Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte -befanden sich zwei Gräber ohne Kreuze, -nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr -alte Frau, nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte -nach Madjarin, das graue Haar zerrauft -und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete -zutraulich mit etwas Unsichtbarem. Als wir -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -uns näherten, reckte sie sich auf und drohte -mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte -verscheuchen. Plötzlich wandte sie sich ab und -rang unter grausigem Geheul die Hände gegen -Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein -bißchen ungarische Sprachkenntnis, versuchte -mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich, scharrte -Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen; -doch war diese Bewegung mehr warnend -und beschwörend als feindselig. F. sprang, halb -ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte -mit seinem Zuge weiter. Von den übrigen -Offizieren und Mannschaften blieb niemand stehen. -Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, -was der Frau widerfahren sein könnte; die meisten -aber mochten den Gang einer Tragödie spüren, -vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, -und stiegen schweigsam weiter im Gewölk empor, -das die schauerlich große Erscheinung bald -verhüllte. -</p> - -<p> -Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen, -tauchten wir aus der Dunstwelt in blauen -Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde -als Rastplatz gewählt. Riesige Haufen rostender -Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns bereits -andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie -die meisten, wickelte mich in meine Decke und -legte mich, schweißdampfend wie ich war, auf -den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief -und nach einer halben Stunde, trotz einigem -Frösteln sehr erquickt, erwachte. -</p> - -<p> -Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem, -grünem Mantel herab, den turbandick verbundenen -Kopf mit beiden Händen festhaltend. -Es war ein verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung, -sich selbst überlassen, seinen Weg in -die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen -sah man die durchbluteten Kompressen und Mullbinden -verschoben, am Hals eine klaffende -Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war -schwarz zugeschwollen, das unbeschädigte linke -hatte ein schönes Hellbraun. Die ärztlichen Zeichen -erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, -deutete schweigend auf seine Wunde. Diese zu -sondieren hüteten wir uns, nahmen auch den -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht -und fest einen frischen darüber, worauf der Unglückliche -seinen Kreuzweg weiterschwankte, -gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen, -die vielleicht, ohne es zu bedenken, -in dem erniedrigten Bilde des feindlichen Genossen -sich selber verhöhnten: Heute du – morgen -wir! Wir marschieren nicht weiter; Befehl -ist gekommen, an Ort und Stelle zu biwakieren. -Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt, -die Helme darangehängt, Zelte -aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen über -den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern -vorbei. Der Mond, blaßgrün, schmal wie ein -Grashalm, geht in kleinem Bogen über den Himmel, -das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien -haben Feuer angezündet, um die sich -bald alles versammelt. Auch österreichische Offiziere -kommen für eine Weile, um sich zu wärmen. -Einer von ihnen hat ebenfalls die Frau bei -den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen -versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen -umgesehen. Kleider, Felle, bunte Decken -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. -Er habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen -über ihre Nacktheit gelegt, sie habe ihn -wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus -ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem -Vormarsch, hätten Vater und Sohn, die beiden -Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich -aus ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung -ist. Fast war ich froh, als das Gespräch zum -Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen? -Den Schmerz, der den Menschen dahin -verhärtet, wo es kein Hungern, kein Frieren, -keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost -und Wohltat mit weihender Beschwörung zurückweisen -muß, dies letzte große Heiligtum der -Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, -soll man es zerschwatzen? Eine Angelegenheit -für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus -machen? -</p> - -<p> -Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht -sich ein, daß er für einen Gebirgswinterkrieg -eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner -spürt Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -will als Gast von Feuer zu Feuer wandern, bis -mich der Schlaf übermannt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-24"> -2. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Ich erwachte mit dem Gefühl absterbender -Zehen, verließ das Zelt und umschritt stampfend -das Lager. Später meldeten sich einige Soldaten -mit wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren. -Bei mir brachten Gespräch, Bewegung und -heißer Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln -beigemischt waren, das Blut bald wieder -in seinen Lauf. Aus den rumänischen Bergen -aber hob sich die Sonne, und wunderbar -zeigte sich heute die strahlenbeugende Kraft irdischer -Atmosphäre: nicht als kreisrunde Scheibe, -sondern als mächtiges karminrotes Ei lag das -Gestirn minutenlang über schwarzen Wäldern, -bis es nun, langsam steigend, sich entrötet und -rundet. In den Tiefen aber ist unermeßliches -Weiß ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit -Gipfelinseln überstreutes Meer von Flaum, das -uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet. -An dem uns nahen Rande, wo es noch seicht -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -ist, läßt es Felsen und Bäume durchscheinen; -man könnte glauben, diese spiegelten sich -darin. -</p> - -<p> -Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft -von Rastpausen unterbrochen; vermutlich durften -wir nicht zu früh ankommen. Die Mittagstunde -verbrachten wir nahe dem Gipfel des -Berges Kishavas auf einer moosigen, mit Steinblöcken -und Wacholderbüschen besetzten Fläche -voll neuer Gräber. Einige Kreuze sind sorgfältig -mit Grün umwunden, manchmal nur ein -kleiner Stecken einem größeren mit Waldreben -zu flüchtigstem Gedenken angeknüpft. Zwischen -zwei Steinen steht ein Pfahl mit aufgeschnitztem -Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid, -29. X. 16. Durch kalten Wind wirken scharfe -Höhestrahlen, Reifkörner verdampfen an den -Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde -bräunen sich die Gesichter. Es ist sehr still, die -Lust zu sprechen gering, der Geist unterhält sich -noch immer mit jenem unendlichen Weiß. -</p> - -<p> -Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns; -er lud mich und H. schließlich ein, auf seinem -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Standort mit ihm Tee zu trinken, und ließ uns -durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man -das Blickfeld eines Mikroskops nach den schädlichen -rot oder blau gefärbten Pilzen absucht, so -wird hier nach den moosgrün gekleideten rumänischen -Soldaten gefahndet. Der Offizier hatte -die Höhe Lespédii eingestellt; er verriet uns, daß -unser Bataillon sie werde erstürmen müssen, und -zwar bald. Im übrigen war er ärgerlich, weil -keiner der Grünen sich zeigen wollte; gar zu -gern hätte er ihnen ein paar Granaten hinübergesandt. -Ich sah im Glas einen kleinen steinigen -Hügel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrüpp. -An einem Schräubchen drehend, entdeckte ich -auf einmal hinter Wacholderbüschen eine ganze -Gruppe schanzender Rumänen, wollte schon den -Beobachter aufmerksam machen, fühlte mich -aber gehemmt und schwieg. Zum ersten Male -stand ich gewissermaßen vor der Pflicht, den Tod -auf Menschen zu lenken; denn der verschonte -Gegner kann im nächsten Augenblick die eigenen -Landsleute gefährden. Anderseits waren die -arbeitenden Leute von drüben hier in dem kleinen -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Glase gleichsam in meine Hand gegeben; ich sah, -wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte, ein -anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich -für völlig sicher, und solange ich sie nicht verriet, -geschah ihnen auch nichts, – ein seltsamer -Fall für einen Menschen, der nicht Soldat ist -und mit sich selber in leidlichem Frieden lebt. -Während mir das Herz wunderlich zu klopfen -begann, trat ein älterer bosnischer Hauptmann -herzu, der nachts aus dem Urlaub zurückgekehrt -ist, und wandte durch lebhaftes Erzählen alle Aufmerksamkeit -auf sich, so daß der magische Spiegel -ganz in Vergessenheit geriet. Die Hofburg -in Wien, berichtete jener, soll Tag und Nacht -von Massen hungernden Volks umlagert sein, -die den alten Kaiser beschwören, er möge einen -Schritt für den Frieden tun. -</p> - -<p> -Als wir zum Lager zurückkehrten, sahen wir -eine Karawane von Tragtieren dem großen Wolkenglanz -entsteigen; die Führer sagen, es gebe -drunten im Lande einen trüben Tag. Um drei -Uhr rückten wir, durch dichten Wald absteigend, -in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -ablösten. Eine Moos- und Reisighütte wurde mir -als Befehlsstelle bezeichnet; hier ließ ich mein -Gepäck zurück und ging weiter, um die Verteilung -der Kompagnien zu erfahren. Die Rumänen -verhalten sich still; doch entgeht ihnen schwerlich, -daß eine neue Art Feind in den Wald eingezogen -ist. Hatten sich nämlich die tapferen, -aber etwas bequemen Bosniaken lieber der dauernden -Todesgefahr ausgesetzt und Nächte durch -gefroren, als daß sie sich mit dem Ausbau der Stellung -abgaben, so geht es jetzt unter unbändigem -Jauchzen und Gesang an ein deutsch-gründliches -Graben, Baumfällen, Sägen und Hämmern, als -stünden wir auf heimatlichem Grund und müßten -für Kind und Kindeskind Häuser bauen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-25"> -4. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet -und mit einer Zeltbahn überdeckt -hat, bewährte sich gut; wir schliefen alle weit -in den Morgen hinein. Die Rumänen bleiben -ruhig. Die Unsrigen bauen Unterstände. Es verlautet -aber, daß wir nicht lange hierbleiben. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Beim Frühstück, als der Major Marmelade aus -dem Topf nehmen wollte, brachte er mit dem -Löffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie -sie in das Gefäß geraten ist, wer weiß es? Mäuse -gibt es ja hier genug, es sind hübsche bräunliche, -mit Augen wie schwarze Fischrogenkörnchen; -beim Aufwachen heute sah ich eine über mir im -Gezweig, die mich beobachtete. Klingensteiner -wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert, -konnte aber keine andere Erklärung abgeben, -als daß der Topf über Nacht vermutlich -unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart -angelassen, was er schweigend hinnahm; schließlich -erbot er sich schüchtern, eine neue Büchse -zu öffnen. Der Major schien zu schwanken, aber -nur einen Augenblick, dann wies er das Anerbieten -zurück, ließ die Mäuschenleiche entfernen -und begann, während ihm vor Widerwillen die -Augen aus dem Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen, -schob auch uns das Marmeladegefäß zu. Da -er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch -etwas dicker und erklärte knapp und brüsk, die -Maus könne erst heute nacht hineingefallen, von -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Verwesung also noch keine Rede sein, in den -Städten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend -Mütter würden sich dort glücklich schätzen, -wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf -ihr elendes Kleienbrot schmieren dürften. Dabei -kaute und schluckte er gewaltsam, die Mienen -von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand -er auf, strich sich stehend ein zweites Brot und -ging, ohne abzuwarten, ob wir seinem Beispiel -folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer -nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse -Angefochtenheit bei jedem zu merken. Einer -meinte schließlich, er hätte ja die Marmelade -stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen -können; aber dies Wort ging daneben, -jeder hatte gespürt, daß der Alte den Ekel -mit Bewußtsein erleiden und zeigen, ja, daß er -uns damit peinigen und beschämen wollte. Im -stillen mochte sich auch jeder sagen, daß ein -Volk, worin alle dächten und handelten wie er, -ewig unüberwindbar bliebe; doch scheint es -manchem befremdlich, daß aus dem bitteren kleinen -Greise, der uns allzuoft halb eine Belustigung, -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -halb ein Ärgernis gewesen ist, auf einmal -etwas wie echter Schmerz und echte Größe hervorwachsen -will. Sich selber traut ja jeder Erneuerungen -zu; den andern aber, besonders den -älteren, hält man gern für eine starre Gewordenheit -und ist fast ungehalten, wenn er einem plötzlich -Beweise vom Gegenteil gibt. -</p> - -<p> -Bald redete keiner mehr; nachdenklich saßen alle -um den Marmeladetopf, bereit, wenn es gegolten -hätte, davon zu essen, aber einer durch des andern -Gegenwart gehemmt. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier -unsern ganzen Frontbereich. Die Gegend -ist wie absterbend; manchmal knistert es im Gezweig, -eine Staude wird geschüttelt, aber man -sieht kein Wild, keinen Vogel. Der Wald ist Urwald; -filzig-strähnige Flechtengewebe verbinden -die Baumkronen und verdünnen das Licht. Ungeheure -Stämme, halb aufgelöst, manche wie -durchwärmte Kerzen verbogen, glühend in allen -Röten und Bräunen des Verwesungsrostes, liegen -auf- und nebeneinander, und überall ringt Alge, -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Moos und Pilz zur Welt. Ja, was höhere Natur -in veredelter und festerer Form lange bewahrt -und entwickelt, bis es endlich mit Augen blickt -oder sich mit Flügeln auflüftet, hier, im feilsten -hinfälligsten Stoff, ist es vorgeträumt seit Äonen -und zerfällt, kaum geworden, in haltloser Brunst. -Es gibt Schwämme, die wie Rebhuhnfittiche -den Boden überbreiten, andere gleichen schwarzen -Muschelschalen, aus denen ein amethystenes -Geriesel kommt. Ein Flor violetter Posaunen -bedeckt ganze Flächen, aus lockigem Gekräusel -stehen weiße Glieder, und winzige verstümmelte -Hände, lichtgrün, mit einem siegellackroten -Tröpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen -aus morschen Rinden hervor. -</p> - -<p> -Plötzlich standen wir vor einem Toten, und als -hätte uns dieser den Blick geöffnet, sahen wir -nun den Wald voller Leichen. Um die Höhe -Lespédii herum liegen sie zu Reihen hingestürzt, -lauter Rumänen; die Österreicher hat man wohl -bereits begraben. Sie tragen zwiefach gespitzte -Mützen, denen vorne bloß ein Goldknöpfchen -fehlt, um an alte deutsche Schalkskappen zu erinnern. -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Alle haben ganz neue Uniformen, dazu -Halbschuhe, die aus einem einzigen Stück Leder -geschnitten und oben mit starker grüner, durch -Löcher laufender Schnur zusammengezogen -sind. Der Ausrüstung ist anzumerken, daß die -Führer mit einem raschen Siegeslauf gerechnet -haben. -</p> - -<p> -Wir besuchten unsere sämtlichen Kompagnien; -später gesellte sich Leutnant K. zu uns, der vor -acht Tagen zum erstenmal an die Front gekommen -ist, und wir schritten zu dritt einen weiten -Bogen aus, wobei der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich -die Lage des Oitózpasses beschrieb. -Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn früher -kein Heer aufgenommen hätte, sein Gesicht so -bleich, als wäre er erst vom Krankenbett aufgestanden. -Die Begegnung mit so vielen Toten -schien ihn anzugreifen; er fragte, wann sie denn -begraben würden, worauf der Ordonnanzoffizier -meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre -die Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen, -es gäbe für den Augenblick Wichtigeres -zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -wir stehen und betrachteten die Höhe Lespédii, -die das Bataillon in den nächsten Tagen erstürmen -soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender -aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein -und braunem Gestrüpp glich sie dem räudigen -Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant -K. sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als -er fragte, ob es denn irgendeinen taktischen -Zweck habe, für den elenden Steinhaufen deutsches -Blut zu opfern, man möge ihn doch in -Gottes Namen den Rumänen lassen. Der Ordonnanzoffizier -sah den jungen Kameraden verwundert -an wie einen Mitspielenden, der sich nicht an -die Spielregeln hält, und erklärte dann, es handle -sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern -feindliche Kräfte hier festzuhalten und wichtigere -deutsche Fronten zu entlasten, und übrigens -sei es an der Zeit, daß wir ins Gefecht kämen, eine -lange Defensive zerstöre den Mut, ja der beste -Soldat werde schlecht ohne Kampf und Gefahr. -</p> - -<p> -Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon -den Rückweg angetreten hatten, fragte er unvermittelt, -ob sich von den Friedensgerüchten, -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -die neulich umliefen, etwas bestätigt habe. Wir -verneinten es. Nun geriet er mehr und mehr -in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein; -schließlich, lachend und doch sehr erregt, erzählte -er von einer Tante in Augsburg, die darauf -schwöre, niemand anderer als Mars, der nahe rote -Planet, habe uns den Krieg gesandt, er herrsche -auf sieben Jahre über die Erde und sauge an ihren -Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung -des Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier -war immer einsilbiger geworden; auf das -letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er -hatte recht. Vor den Antlitzen der Toten erstirbt -jedes nicht ganz wahre, nicht ganz nüchterne -Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fühlt -wohl jeder einen Sinn in sich, der mit und über -allen Planeten weiß und wirkt. Bleiben wir im -engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen -Mittelpunkt aus das Nächste, Notwendige -erkennt und löst, wie kann ein wandelnder Stern -gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen -verbunden, immer dient er den Gängen des -ewigen Spiels. -</p> - -<p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen -wir die schwarze Fichtenfensterung rot und blaugolden -wie mit Scheiben ausgelegt, unter uns -aber, schon von Halbnacht umgeben, die große -weiße Dunstsee hingebreitet, an deren östlichem -Saum einzelne kleine Lichter flimmerten. Während -wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen -oder schon der gegnerischen Zone angehörten, -bemerkten wir am Boden etwas Seltsames, -ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren -Blechmaus ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich -einen Baum umlief. Sein Gebaren erinnerte -an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm -in Hellabrunn immer so viel Spaß gemacht -haben; es war aber größer und nahezu schwarz. -Wir näherten uns vorsichtig, da huschte es den -Stamm hinauf und war verschwunden. – Im Unterstand -wurde mir eröffnet, daß ich laut Brigadebefehl -für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert -bin, wo ich einen Verbandplatz errichten -soll. Das bedeutet, aus Gefahr und feuchter -Niederung der Leichenwälder in Sicherheit -und golden-trockene Höhenluft versetzt werden. -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber -beim Bataillon geblieben. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date blank" id="part-26" title="6. November"> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="date">6. November</span> stieg ich mit Rehm, Dehm und -Raab auf den Gipfel des Kishavas, meldete mich -beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten -in Empfang. Er ist bei einer Erkundung -in die linke Seite geschossen worden; die Kugel -steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, -der ihm wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus -den schon umnebelten Augen blickt, verlangt er -hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine -Schwäche zu überwinden, um unzählige Rumänen -erschießen zu können. Nie sah ich so brennende -Rachsucht in so leidender Natur. -</p> - -<p> -Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst -Ort und Art des zu bauenden Unterstandes. Wir -einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand. -Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; -aber bevor er nur antworten konnte, -erklangen von allen Seiten die schönsten Versprechungen: -Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier -überbieten sich in Hilfsbereitschaft, -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -jeder wird mir morgen in aller Frühe seinen -Diener senden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-27"> -7. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Nächte sind hier kälter als unten. Wir haben -Erde tief und breit ausheben lassen und über diese -Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert man -weniger. Noch etwas besser wäre das Lager ohne -die vielen verholzten Wacholderwurzeln, die -sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen, -wenn man im Schlaf die Lage verändern möchte. -Doch wacht man jetzt gern einmal eine Stunde, -wenn Mondlicht ist über unserer vorzeitigen -Gruft und Gräser und Stauden, zart abgeschattet, -über dem Zelttuche schwanken. Heut mußte ich -viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde -des Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur -als blaßgrauer Silberdunst hinabreicht. Gern läse -ich wieder einmal eins von seinen Worten oder -spräche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und -Briefe gehen keine mehr durch meine Hand. Oft -ist mir, als ob mich seine Sprüche leicht und -stark in die Zukunft hinüberzögen. Es hat sich -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -nun doch so lenken lassen, daß er nicht mehr -im Graben, sondern fast nur noch als Befehlträger -verwendet wird. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-28"> -8. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Das Wetter hält an; jeder Morgen bringt Nebel -und ist wie eine graue Puppe, aus welcher blau -der Tag emporfliegt. -</p> - -<p> -Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen, -als ich gestern meinte; aber er steht da, -trotz allem, – was will ich mehr? Es ist bei einem -Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man -sieht einander weniger in die Augen als auf die -Achselstücke, und da mir solche fehlen, so -zeigten die Zusagen von gestern keine rechte -Haltbarkeit; vielleicht haben sie mehr dem -Obersten gegolten als meinem Unternehmen. -Als am Morgen die Diener ausblieben, erlaubte -ich mir die Herren an ihr Versprechen zu erinnern; -aber da war gerade jeder unmäßig in Anspruch -genommen, keiner könnte im Augenblick -seinen Burschen entbehren, einer um den anderen -vertröstete mich auf später. Ich drängte nicht, -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -sondern begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm -allein zu arbeiten. Das ging aber gar langsam; -wir mußten doch nach anderen Händen ausschauen. -So nach zehn Uhr, als ich die Offiziere -fest in den Dienst gestrengt wußte, da machte -ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener -heran und lockte sie mit Geld und Tabak zur -Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die -gleich auf alles eingingen. Doch beschäftigte ich -nicht alle zugleich; zwei mußten immer für die -Herren erreichbar bleiben, um statt der fehlenden -einzuspringen. Das Werk schoß auf wie eine -Morchel; mittags waren aus Pfählen und Erdklötzen -schon Wände errichtet, um ein Uhr hatte -Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich -und Steinen darübergelegt, bald sah ich Pritschen -übereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei -Stühle aus Birkenästen gezimmert, dazu kam noch -ein Felsenofen mit einem Rauchrohr aus ineinandergesteckten -Konservenbüchsen, denen man -den Boden ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit -ließ ich mich bei der Befehlsstelle sehen, wo nun -alles kriegerisch webert und in Ferngesprächen -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -der Angriff erläutert wird. Der Ordonnanzoffizier, -vom Apparat herüber quer lächelnd, fragte -nach meinem Unterstand. Ich klagte über Arbeitermangel; -er meinte zerstreut-verbindlich, -das werde sich geben, es eile ja nicht, auf jeden -Fall werde er mir morgen seinen Burschen -schicken. Nun freute mich erst der Spaß. Meine -lieben Jungen werkten wie für die Ewigkeit; mir -fiel der Bauer von Szentlélek ein, – möge ihm sein -groß geplanter Hof so glücklich geraten wie mir -diese Hütte! Nach dem Abendessen fragte der -Oberst, ob ich den Unterstandbau bereits begonnen -habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der -sei fertig, war lebhaft am ganzen Tisch. Alle -wollten ihn sehen. Ich führte sie zum Walde -hinüber, lud sie ein, auf Stühlen und Pritschen -Platz zu nehmen und spendete Zigaretten. Die -Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom -Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer -sonst noch geholfen habe. -</p> - -<p> -Es ist ein Abend, so ätherhell wie man ihn auf -geklärteren Planeten ahnt. Herrlich brannte die -Sonne hinab, und während noch der Westen -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -haselnußbräunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen -rumänischen Bergen der Mond. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-29"> -11. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr -grell gegen die feindliche Stellung fiel, wurde -durch verwegenen Überfall mit einer Handvoll -Leuten der 6. und 7. Kompagnie den Rumänen -Lespédii entrissen. Jetzt ist es vier Uhr, und bereits -haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen, -um das Hügelchen zurückzugewinnen. -Die Unsrigen rühmen die große Todesverachtung -der Gegner, sagen aber, daß es ihnen an -Besonnenheit und Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe -sie ansetzen, hört man, wie drüben ein Führer -eine Rede hält, worauf ein wilder Marsch ertönt, -bei dessen Klängen sie heranrasen wie Trunkene. -So wird Musik, die reine Kunst, zu einem Fluidum, -das den Menschen über seine Grenzen hinaustreibt -und mit Gefühl des Lebens dermaßen -überlädt, daß er sich sehnt, es abzuwerfen. -</p> - -<p> -Schon zeigt sich, daß der kleine Gesteinshaufen -weit mehr Opfer kosten wird, als wir vermutet -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -hatten; die Fortschaffung der Verwundeten muß -bis morgen in eine heillose Stockung geraten. -Ich beschloß, noch einige Gruppen von Trägern -anzufordern. Unwillig überließ mir der Adjutant -das Telephon. Ich erfuhr, daß unser Divisionsarzt -samt seiner Sanitätskompagnie einem andern -Frontabschnitt zugeteilt worden ist. Andere -deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertröstungen; -schon sah ich die mir anvertrauten Verwundeten -der Erfrierung und dem Hunger ausgesetzt -und wollte den Apparat verlassen, um -beim Oberst Gehör zu erbitten, da lehnte an einer -Fichte, schlank, leicht gebückt, mit klarer, steiler -Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir, -dessen kühle graue Augen mit einiger Teilnahme -auf mich gerichtet waren. -</p> - -<p> -„Darf ich Ihnen einen Rat geben?“ sagte er, höflich -grüßend. „Wenn Sie an irgend etwas Mangel -haben, wenden Sie sich stets an den österreichischen -Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft -immer.“ -</p> - -<p> -Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten -als einem Soldaten; vielleicht gerade deshalb -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -faßte ich Vertrauen. Und wirklich, sehr aufgeräumt -wie ein Kaufmann, der gute Geschäfte -zustande kommen sieht, antwortete der fern Gerufene: -</p> - -<p> -„Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber -zwölf! Haben Sie denn genug Verbandstoff?“ -</p> - -<p> -Ich bat um eine mäßige Menge, und er versprach, -ein Eselchen, mit Kompressen und Binden beladen, -den Trägern bald nachzuschicken. „Bis -fünf Uhr morgens ist alles bei Ihnen“, setzte er -hinzu. Nie war ich froheren Herzens von einem -Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um -dem unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen; -der aber hatte seine Natur auch dadurch bewiesen, -daß er indessen unsichtbar geworden war. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-30"> -12. November, sechs Uhr morgens -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben -wir die neuen Verwundeten in ein ganz nahes -Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, -um die Luft zu erwärmen. Die Toten werden -auf einer moosigen Fläche zusammengetragen, -etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Winde zu ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu -verzehren. Der junge Leutnant, der uns neulich -auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist -unter ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine -Meldung, daß die Rumänen von der Front zurückgezogen -und durch ein russisches Regiment -ersetzt worden seien. -</p> - -<p> -Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein -Uhr kamen keine Verwundeten mehr. Ich legte -mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief ein. -Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei -Vally und Wilhelm in unserm Wohnzimmer zu -Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus; -fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller -Sprünge, der Spiegel blind. Vally, mit magerem -weißem Gesicht, lag in einem schlechten, zerschlissenen -Bett und sagte gelassen, fast heiter, -daß sie schon lange nichts mehr zu essen hätten. -Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb -auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er -den Griffel weg, nahm ein Spritzkännchen, ging -ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in -Scherben wuchsen. „Was tust du?“ fragte ich. -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -„Ich muß die Königsblumen gießen“, gab er mit -großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. -„Ja, das sind kostbare Gewächse,“ sagte Vally, -„schau sie dir an! Die meisten, leider, verwelken, -bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere aber, -die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. -Sie wird uns alles geben, was wir brauchen, -Kleider und Schuhe, Brot und Wein.“ „Kleider, -Schuhe, Brot und Wein“, wiederholte das Söhnchen -in singendem Ton, stand auf und begann -wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze; es -war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe -von unregelmäßiger Form, die aus einem behaarten -fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah -man sie länger an, so konnte man in der Tat -finden, sie gleiche einem unentfalteten grünen -Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. -Und auf einmal war auch mir zumute wie den -beiden, so verarmt und so voll rätselhafter Hoffnung. -Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot -und Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad -gekauft, und frisches weißes Brot aus Esztelnek. -Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Bett, und wir aßen und tranken, enthielten uns -aber jeder Liebkosung, ja jedes innigen Wortes, -als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur -Traumwesen waren und uns durch Berührung -oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls zerstören -konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre -Augen glänzten; der Kleine wurde sehr fröhlich: -„Ich will der Blume Wein zu trinken geben, damit -sie schneller wächst!“ sagte er, schüttete -ein wenig auf die hohle Hand und ließ es auf -die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch -prägte sich die Figur deutlicher aus – plötzlich, -mit feinem Klingen, zuckte ein Licht, ein schmaler -Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern hervor, -der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen -Schritt zurück – „die Zeit ist da!“ rief Vally und -erhob sich aus den Kissen, ich aber hörte mich -mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand -hatte das Zelt geöffnet, ich sah den rötlich -dämmernden Himmel, darüber hart funkelnd -einen Stern, am Boden aber einen gebückten -knienden Mann in, österreichischer Uniform, -der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, -sagte, es sei ein bosnischer Sanitätsfeldwebel, -der Führer der eben eingetroffenen Verwundetenträger, -der Mann lasse sichs nicht nehmen, -er wolle deren Ankunft unverzüglich melden -und um Befehle bitten. Ich behalte eine -Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen -bekommen Rast und Speise, dann beginnen -sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige -Männer in reifem Alter; sämtliche haben den -sicheren federnden Gang, der dem Getragenen -viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist -schon da, ein rabenschwarzes mit weißen Ringen -um die Augen, am ganzen Leibe noch dampfend -von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich -darum, jeder streichelt es, jeder will sein Brot -mit ihm teilen, und wie Völker alter Zeit sind -wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose -als das höchste Göttliche zu verehren. -</p> - -<p> -Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie -Gasperlen aus einem Sumpf, brodelt eine Schießmaschine. -Die Verwundeten warten geduldig. -Leichte Gifte lösen den Schmerz, und das große -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Feuer heizt weithin die Luft; sie flimmert wie -fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt; -sie singen langtönige Lieder, in denen -der Trochäus überwiegt. Ein starker Wind zerrt -an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft -Funken und Fetzen brennenden Wacholders auf -die Toten. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-31"> -12. November, mittags -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Kälte nimmt zu. Spärlich wirbeln Flocken, -man weiß nicht recht, woher; nur wenige lockere -Wolken stehen über uns. Unruhiger Morgen. -Der Feind hat Geschütze herangeholt; man rechnet -mit einem Gegenangriff. Österreichische -Truppen ziehen über den Berg, lagern zuweilen. -Ich sah, etwas abseits im Walde, einen polnischen -Offizier, einen bleichgesichtigen jungen Mann, -wie er einen älteren Bosniaken, der Befehle nicht -zu verstehen schien, mit geballter Faust immer -wieder auf Kopf und Schultern schlug. Solche -Szenen sollen sich seit kurzem in der verbündeten -Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig -ist ja dieses Heer, und eine Farbe haßt die andere; -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -ja es kommt vor, daß der Führer die Sprache seiner -Leute weder spricht noch versteht und sich -für zu vornehm hält, sie zu lernen. Hier übrigens -war das Empörende des Vorgangs bis ins Lächerliche -übertrieben und fast aufgehoben, und zwar -durch das Benehmen des Mißhandelten. Die gebührend -ehrerbietige Haltung nicht eine Sekunde -lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit -der nachsichtigen Überlegenheit eines Riesen, -der sich Püffe und Knüffe eines betrunkenen -Gnomen gefallen läßt. Spaßverstehen lag breit -auf dem ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum -unterschied man, wer da schlug und wer geschlagen -wurde. Wäre der junge Offizier nicht von -aller Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen, -er hätte das Unmögliche, Unwirkliche seines -Tuns entdecken müssen. Der Anblick war unerträglich: -man mußte sich abwenden oder auf Heilung -sinnen. Da nahte mir ein mutwilliger Geist; -im Nu war der große silbergraue Umhang aus -dem Sack gezogen und angetan; ich nahm eine -Zigarette in die Hand, ging zu dem Tobenden -und bat unbefangen um Feuer. Und schön entfaltete -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -der unstatthafte Kragen seine Magie: der -Leutnant ließ die Hände sinken, versicherte mich -seines gehorsamsten Respekts und bediente mich -mit seinem silbernen Benzinbüchschen, das -durchaus nicht brennen wollte, geduldig und -artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem -Bosnier, daß er sich entferne. Dieser ging davon, -aufrecht, ungedemütigt; seinen Schultern merkte -man an, daß es ihn innerlich vor Lachen schüttelte. -Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, daß er -seine Höflichkeit um keinen Grad zurückschraubte, -als er nach und nach die Hohlheit -meiner prächtigen Hülle erkannte. Die lange -Dauer des Kriegs und die traurige Verfassung -seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch -eine Strecke in den Wald hinein und stellte mir -in seinem nahen Unterstand einen Becher Tee -in Aussicht, als in der Tiefe plötzlich ungeheurer -Lärm losbrach, der uns beiden schnelle Rückkehr -zu unseren Dienststellen befahl. Beim Stab erfuhr -ich, ein Angriff der Rumänen sei im Gang; man -hatte sich aber vorgesehen und erwartete ruhig -die weiteren Meldungen. Nach einer Viertelstunde -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -waren die Gegner zurückgeschlagen, -einige gefangen. Das Gerücht vom Einsatz russischer -Kräfte hat sich nicht bestätigt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-32"> -Abends -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf -der freien Fläche bei den Gräbern zum Abmarsch -aufgestellt. Man sieht es diesen Rumänen an, daß -sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen -haben; der Offizier, ein Unterleutnant, senkte -beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst -in seiner gottväterlichen Breite an ihm vorüberging. -Ein Jude von etwa Dreißig, untersetzt, vollbärtig, -macht sich durch Deutschsprechen bemerkbar. -„Wir alle“, sagte er, „sind verwundert -gewesen, hier auf Deutsche zu stoßen. Wir hassen -die Ungarn, ja; aber wir bewundern die Deutschen. -Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man -lernt von ihnen, und sie haben uns nichts Böses -getan.“ Der Mann sprach in einem erregten -und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er -Furcht, vielleicht war er längere Zeit in Deutschland -gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -er hinredet, stößt er auf Schweigen; nicht einmal -die naheliegende Frage, welche die Franzosen -den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in -ihre Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklärt? -richtet man an ihn. Endlich verstummt er. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-33"> -13. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Nachts hatte man von den umliegenden Bergen -herüber Wolfsgeheul vernommen; die Maultierführer -deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere -Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen -um acht Uhr, bei bedecktem Himmel, den -Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon -in der Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen -waren. Beim Hinuntersteigen mußte ich -der irren alten Frau gedenken, doch schlug der -Stab einen anderen Pfad ein, und später erfuhr -ich, daß jener Steig, als beschwerlicher Umweg, -von den Truppen gemieden wird. Es mochte -zehn Uhr sein, als uns zum erstenmal die Ebene -mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um -gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im -tiefen Winkel zweier blaudunkler Hänge, das -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. -Alle erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne -Tornister, mit lautem Gesang, eilten die Kolonnen. -Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen, -holten uns österreichische Generalstabsoffiziere -ein, winkten den Oberst heran und breiteten -Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt -ertönte, Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen, -um die vorausmarschierenden Kompagnien -zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach -ab; mißtrauisch im beginnenden Regen wartete -die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt -Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden -Regenwolken in das Gebirg zurück. Der -Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen verlorengegangen -seien, darunter der wichtige -Grenzberg Runcul mare, der unverzüglich wiedererobert -werden müsse. In Oitóz sahen wir -den Grafen Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, -eine graue Mütze in der Hand zwischen Offizieren -stand und ein Szeklerregiment an sich -vorbeiparadieren ließ. Die Kompagnien wurden -in ungeheuren Holzbaracken untergebracht. -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug -den Major und meldete, daß ich den Dienst beim -Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in -einem armseligen Quartier auf zerbrochenem -Stuhl und studierte Karten. Der feuchte, finstere -Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört; -er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver -habe. Zum Glück war ein kleiner Vorrat geblieben; -auch von Vallys trefflicher Schokolade -fand sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen. -Dieses verzehrend, saßen wir eine halbe Stunde -in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu -reden. Vom Lazarett will er auch jetzt nichts -wissen, und ihm vorzuhalten, daß er mit seinen -fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen -könnte, statt hier in einem unübersehbaren Krieg -immer neue winterliche Berge zu erstürmen, hinter -denen doch nur neue Feinde stehen werden, -wäre kaum angebracht. Im stillen ertappte ich -mich auf einer rechten Freude, wieder bei ihm -zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der -sein scharfes aber würziges Kraut nach längerer -Entbehrung wieder anzündet. -</p> - -<p> -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier -erhalten, und da sie hören, daß wir vorerst nur -in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht gar -nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie -Kinder, gleich wieder guter Dinge. Niemand -will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis -Mitternacht. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-34"> -14. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. -Drei Leute mußten, als Flecktyphusverdächtige, -in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die Einimpferin -der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und -ekelhaft, zeigt sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer -Feind. Seit Monaten quält sie den -Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend -einzelnen Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken -und Träume, jetzt versucht sie zu töten. -Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle -meines Hemdes, über welcher die Zweige der -Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei geblieben -ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen -Öle gewisser Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -sein müßten, als das Naphthalin, das uns -ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und -raufte wilde Minze ab, die dort noch vielfach in -fetten bläulich-grünen Stauden wächst. Zweimal -am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an -der Haut, habe mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. -Anfangs verschärften sich Jucken -und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand -wohltätig. -</p> - -<p> -Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten -über uns. Wir machten halt an einem früheren -Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres -Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht -mit Rumänen im Gefecht. Verwundete liegen -in allen Räumen, viele draußen im Regen auf -Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen -Gesichts, wandelt zwischen Sterbenden, flüstert -ihnen vertraulich zu, netzt sie mit geweihtem -Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und -Wünschen, dazu nach den Adressen ihrer Angehörigen; -dies alles schreibt er sorglich in ein -dunkelgrün gebundenes Buch. -</p> - -<p> -Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -führen, von dem ich Starrkrampf-Serum -zu erhalten hoffte. In einem Saal neben -dem Hausflur bemühte er sich um gefährlich -Verletzte; mein Eintreten bemerkte er nicht. Jetzt -ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein -Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer -blieb ich gerne; denn nie hatte ich einen schwierigen -Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit, -Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt -scheint nichts zu drängen und zu hetzen, und -ob er blutende Schlagadern unterbindet oder zerbrochene -Glieder in Schienen schmiegt, seinen -Händen legt sich alles wie von selber zurecht. -Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir -hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer -Zerstörungen still und klar. -</p> - -<p> -Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt -ich Serum zugeteilt, soviel ich wünschte, hatte -nur etwas Morphium dagegen zu liefern. -</p> - -<p> -Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert -auf Stroh. Es sind Bauchschüsse, für -die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind; -sie bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -aufgelegt, und Fellerer bittet mich, dieses -Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters -davon Heilungen gesehen. -</p> - -<p> -Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; -aber man bedarf unser noch nicht. -</p> - -<p> -Unter einem Regen, der fallend gefror und halb -in Tropfen, halb in Eisperlen auftraf, stiegen wir -in eine Schlucht hinab und schlugen zwischen -sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten -die Zelte auf. Ein hoher Berg deckt uns vor -dem Feind; es ist gestattet, Feuer anzuzünden, -aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der -Hunger begann zu nagen. Das Brot ist diesmal -schlecht gebacken, halb noch Teig, halb verschimmelt. -Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare -ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade -dazu gefunden hätte; aber diese ist ausgeblieben. -Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche -die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich -für längst verjährte Hilfe gegen schleichende -Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in -Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; -schwerlich war er in unsrer Lage unwillkommen. -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf -und schnitt behutsam den Deckel los; mit -goldbraunflüssigem Bienenhonig war sie bis zum -Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder -der Vermehrung zu erneuern: die Bewohner -dreier Zelte sind schon erquickt und noch immer -das Gefäß bis über die Hälfte voll. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-35"> -Abends sechs Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen. -Als gar kein Feuer zustande kommen -wollte, fiel mit Reginas wächserne Reliquie ein, -die sich in einem Seitenfach der Verbandtasche -befinden mußte. Mein Zelt steht etwas abseits -von den andern hinter einem Stamm; niemand -gab gerade auf mich acht. Im Nu war das Kästchen -zu Spänen zerschnitzt und angezündet, sodann -die wächserne Hand daraufgelegt. Das Rot -schmolz ab, der weiße Kern kam zum Vorschein, -und bald schlug mit Geprassel das wachsbetropfte -harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrüßten -die Genossen mein unverhofftes Opferfeuer, -aus allen Zelten kamen sie, um Glut zu -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -holen, und Reginchen selber müßte sich daran -freuen, wie nun die ganze Schlucht von Bränden -lodert und sprüht. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-36"> -16. November 1916<br /> -Hallesul, am Fuß des Runcul mare -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die -Zelte abgebrochen, alles rasch zusammengepackt; -fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke -leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach, -dann tappten wir in Waldfinsternis aufwärts. -Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur -des Vorausgehenden; mich führte der schwache -Glanz eines Zinnbechers an einem Gürtel. Schnee -fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der -Mond mußte über uns stehen. Immer schneller -vollzog sich die Bewegung, bald an Abgründen, -bald über Stege, bald um Felsen herum, stundenlang. -Die Soldaten trugen das leichteste Sturmgepäck; -die Tornister sind in Oitóz aufbewahrt. -</p> - -<p> -Als wir in das bewaldete Tälchen gelangten, das -Hallesul heißt, erhob sich durch den Dunst eine -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -mächtige Bergform; im Nu spürte jeder: wir -sind da. Hier war eine andere Aufgabe gestellt -als vor dem Hügelchen Lespédii: ein steiler, vom -Feinde stark besetzter Grenzberg, der, nahe dem -wichtigsten Paß, das Land Siebenbürgen bedrohte, -war zu erstürmen. In einer halben Stunde -mußte es geschehen sein, oder es geschah niemals. -Auf Kanonenhilfe war verzichtet; indianerhaft, -in weit auseinandergezogenen Gruppen -sollten zwei Kompagnien anschleichen, um gewaltsamsten -Angriffs von Mann zu Mann den -Gegner in Entsetzen und Flucht oder in den Tod -zu jagen. Nahe dem Punkt, wo die Züge unter -Leitung des Majors zu gesondertem Vorgehen -verteilt wurden, blieben wir Ärzte mit dem Adjutanten -zurück und erwarteten weitere Befehle. -Wir sahen uns um, wo vielleicht ein Verbandplatz -zu errichten wäre; aber da fand sich weder -Unterstand noch fließendes Wasser. Schon zeigt -die phosphoreszierende Uhr die Zeit fast überschritten, -ein vager Gedanke regt sich, es könnte -noch in letzter Sekunde die Aktion widerrufen -worden sein oder gar bereits eine Friedensbotschaft -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -draußen die finstere Welt umfliegen, – da -rast das deutsche Kampfgeschrei, ein Augenblick -tiefer Stille folgt, und nun setzt ein Feuer ein, -wie wir es in solcher Verdichtung nie gehört -haben. Deutlich unterscheiden wir die hellen, -gezielten Salven der Unsrigen von den dumpfen -vereinzelten Schüssen der Aufgescheuchten. -Ohne Befehl abzuwarten, verließen wir den -Wald, und nun war wie mit einem Ruck Morgen -geworden. Entgegen stand uns ein kahler, zerklüfteter -Kegel, von dem dünne Dunstschwaden -ins Blaue wehten. Als erste Gestalten erblickten -wir gefangene Rumänen, die behutsam deutsche -Schwerverwundete zu Tal trugen, und unversehens -fanden wir uns unter Leidenden und Sterbenden -gezwungen, den ungeschützten Platz, -wo wir uns eben befanden, zum Verbandplatz -zu machen. Schon hatte eine Granate zwischen -uns eingeschlagen und zwei Verwundete getötet, -da kam der Hauptmann einer ungarischen Reservekompagnie -des Weges und verriet uns die -Nähe eines leidlich eingerichteten Sanitätsunterstandes, -auf einem Felsen im Walde. Wir ließen -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -pfadweisende Täfelchen an Bäume nageln und -brachten die Verwundeten in den fast leeren -Raum, dem eine schmale Ärztezelle mit Pritschen -und einem Tischchen angefügt ist. Zwei sehr -junge ungarische Sanitätsfähnriche geschmeidig-zart, -rotseidene Genfer Kreuze auf schneeweißen -Armbinden, begrüßten uns, boten sich als Gehilfen -an und begannen die Arbeit mit einer Geübtheit, -die wir ihren feinen Knabenhänden kaum -zugetraut hätten. In hundert Formen wogte Leiden -heran, und sehr ungelegen kam ein Bote -des Majors, der um neun Uhr mich und den -Kollegen R. zur Befehlsstelle berief. Wir übereilten -uns nicht und begannen den Aufstieg erst -nach zehn Uhr. -</p> - -<p> -Es ist ein Berg der Blindnis und des Todes, den -wir langsam erklimmen. Vom östlichen Hang herüber, -wo der Kampf noch nicht abgeschlossen ist, -schallen durch Gewehrgeknatter wilde Schreie; -hüben aber in unserem Bereich beginnt eben -der Feind, den Eroberern das Eroberte zu verleiden. -Wie Hornisse zerstechen Granaten das -Gefelse, Fleisch reißend aus Lebendigen und Toten. -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Bald rufen uns deutsche Verwundete an, -bald rumänische, die nun das Eisen ihrer Brüder -zum zweiten Male verstümmelt hat. Manche leiden -regungslos; viele krümmen sich wie Schlangen. -Mitten aber durch tödliche Zone sahen -wir deutsche Leichtverletzte nach unten steigen, -einige bleich, verstört, andere voll Übermut, mit -bunten Gürteln, Westen, Ordenszeichen toter -Gegner wie zum Karneval aufgeputzt. Einer hat -aus der rumänischen Stellung ein Grammophon -mitgenommen; nun kommt ihm der Einfall, es -aufzuziehen und auf einen Stein zu stellen, der -Page aus dem Figaro beginnt zu singen, und -wie die Stimme eines Irren klingt Mozarts Lied -in zerrütteter Welt. An einer Granitplatte, nahe -der Kommandostelle, lehnte der Befehlträger -Glavina, noch atmend, aber schon ganz mit der -einsichtigen Miene der Toten. Man sah kein -Blut. Schmerz und Schauder zurückscheuchend, -suchten wir die Wunde und fanden endlich einen -feinen, in den Nacken eingedrungenen Splitter. -Bald stand die Atmung still. Einige dichtbeschriebene -Meldezettel, die ihm aus der Tasche -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -gefallen sein mußten, nahm ich mit, um sie dem -Adjutanten zu geben, merkte aber auf dem Wege, -daß sie nichts Dienstliches enthielten; nun verwahre -ich sie vorderhand bei mir. Dem Major -sagten wir, daß die bestellten bosnischen Verwundetenträger -noch nicht eingetroffen seien; -er versprach, die Division anzurufen, und sandte -uns bald in den Hallesul zurück. -</p> - -<p> -Indessen hatte sich das Wetter verfinstert; es -fing zu schneien an. Ein fließender weißer Vorhang -nahm den Geschützen das Ziel; eines -nach dem andern verstummte, fast ungefährdet -gingen wir hinab. Ein Rumäne, zwischen zwei -Birkenstämmen hingestreckt, lag mir im Wege; -ich hielt ihn für tot und wollte über ihn -wegsteigen, vernahm aber ein Ächzen und -fühlte mich mit schwacher, doch spürbarer Gewalt -am Mantel gefaßt. Zurücktretend sah ich -das Leichengesicht eines kaum Dreißigjährigen, -die Lider fast geschlossen, die Mundwinkel -äußerst schmerzlich verzogen. Die Finger hielten -noch immer den Zipfel meines Mantels fest. -Durch einen grauen Umhang, der seine Brust -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -bedeckte, dampfte es leicht; R. schlug zurück, -unter aufgesprengten Rippen lagen die Brustorgane -frei, das Herz zuckte schlaff. Mehrere silberne -und kupferne Heiligenmedaillen, die er -an schwarzem Band um den Hals getragen hatte, -waren tief ins Fleisch hineingetrieben, einige -stark verbogen. Wir deckten wieder zu. Der Mann -öffnete halb die Augen, bewegte die Lippen. Um -nur etwas zu tun, füllte ich die Morphiumspritze, -und wirklich schien er etwas dergleichen gewünscht -zu haben: er ließ den Mantel los und bemühte -sich, mir den Arm zurechtzulegen. Schwer -erklärbares Verhalten eines fast schon Gestorbenen! -Aber vielleicht gibt es einen unendlich -scharfen, unendlich peinlichen Schmerz, den der -wach Sterbende um jeden Preis los haben will, -weil er ihn brennend im Leben festhält, ihn am -freien klaren Scheiden hindert, wer weiß es? -Nach der Einspritzung legte er fast bequem seinen -Kopf an der Birke zurecht und schloß die Augen, -in deren tiefe Höhlen sogleich große Schneeflocken -fielen. Wir gingen eilig weiter; es war -fast ein Uhr, als wir im Hallesul ankamen. -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Der Schneefall dauert an. Die Geschütze ruhen. -Immer aber streifen oben Gewehrkugeln durch -die Baumkronen; die Luft ist voll Harzgeruch des -tausendfach verletzten Waldes. Vergeblich warten -wir auf die bosnischen Träger. Sie müssen sich -verirrt haben. Im Unterstand ist kaum noch -Raum für Madjaren und Deutsche; die schwerverwundeten -Rumänen liegen draußen zwischen -den Fichten im Schnee. Einen ihrer Sanitätsunteroffiziere, -einen jungen Juden, haben wir bei ihnen -gelassen. Er hat ihnen ein Feuer angezündet, das -kümmerlich brennt und unter Schneeflocken -zischt. Einige halten die Hände darüber. Ein -anderer lächelt immer und bekreuzigt sich von -Zeit zu Zeit. -</p> - -<p> -Im Unterstand verdunstet immer dichter das Blut. -Mit klebrig-tierischem Gestank reizt und verdüstert -es die Nerven; man läuft immer wieder -ins Freie. Der rote Saft, an den das Leben mit -Lust, Qual, Wut, Barmherzigkeit, Wahnsinn und -Weisheit gebunden ist, warum erregt er, sobald -er verschüttet wird, unleidlichen Ekel? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-37"> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Abends -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Wirklich sind die Bosniaken ausgeblieben, vielleicht -von einer anderen Truppe weggefangen. -Unsere gefährlichst Verwundeten nach Oitóz -zu tragen, haben sich mehrere Leichtverletzte -erboten; bis Mitternacht werden sie dort ankommen. -Nun konnten die Bleibenden besser gelagert, -auch fünf Rumänen in den Unterstand aufgenommen -werden. Von den übrigen starben noch -drei; die anderen drängten sich dicht um ihr -Feuer, wobei sich einige die Stiefel verbrannten. -Es sind lauter junge Leute, glattgefällige Vollgesichter, -– wie mager, wie geprägt, wie grüblerisch-versonnen, -wie kriegsgealtert sehen dagegen -die jungen deutschen Soldaten aus! Der -jüdische Unteroffizier, des Deutschen kundig, -fragte mich im Namen aller, wann sie wohl in -ein Lazarett befördert würden, worauf ich nach -der Wahrheit erklärte, daß das nächste Lazarett -mehr als zwanzig Stunden entfernt sei, auch daß -die bestellten Sanitätssoldaten uns verfehlt hätten -und schwerlich vor morgen eintreffen würden. -Sichtlich ungern übersetzte der Dolmetsch die -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -schlimme Auskunft, und in der Tat war die Verzweiflung, -die nun auf allen Gesichtern erschien, -so fürchterlich, daß ich mich zu einer Torheit -verleiten ließ, indem ich, wie man Kinder durch -leichtfertige Verheißungen zu beschwichtigen -sucht, ihnen aufs Geratewohl sagte, sie sollten -sich nur noch ein Weilchen behelfen und gedulden, -ob nun die Träger kämen oder nicht, in -jedem Fall würde ich sie alle noch vor Dunkelheit -unter Dach bringen und ihnen reichlich zu -essen geben lassen. Wort um Wort übersetzte -der Jude; ermutigt horchten sie auf. Kaum aber -war das Versprechen gegeben, da fiel es mir in -seiner ganzen Unsinnigkeit auf das Herz. Wir -haben kaum Unterkunft für die Unsrigen, dazu so -kärgliche Nahrung, daß immer die Lebenden -sich gierig auf die Brote der Gefallenen stürzen, -auch fehlt mir jede Befehlsgewalt, – wie hatte -ich dies alles vergessen können? Gefreiter W. -meinte, die Kerle verdienten nicht so viel Federlesens, -auch unsere Kameraden lägen auf dem -Berg in Eis und Schnee, Krieg sei Krieg, die -Rumänen hätten ihn vom Zaun gebrochen, sie -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -sollten ihn nur spüren. Darauf war im Augenblick -nichts zu erwidern; ich erneuerte mir indessen -die Hoffnung, daß die Bosniaken doch -noch kommen Würden, und ging, da im Unterstand -gerade nichts zu tun war, ein wenig den -Berg hinauf, anfangs dicht hinter der Linie, wo -Posten, bekleidet mit weißen Schneehemden und --mützen, wie Priester, die eine stille Messe zelebrieren, -hinter ihren Brustwehren standen. Befehlbringer -kamen und gingen; mit singendem -Ton strichen Kugeln. Höher gelangend, sah ich -durch das Gestöber einen huschenden rötlichen -Schein; dieser konnte nicht mehr unserm Bereich -angehören, da schräg über die nächste Höhe schon -die feindliche Stellung läuft. Gestalten traten in -den Glanz, nahmen eine Bahre auf und trugen -sie davon, da verlosch die Erscheinung. Ich -stieg weiter und kam an einen hohen Baum, -durch dessen Astwerk ein weißgrauer Vogel flatterte, -fast amselgroß, vielleicht ein Schneefink, -der erste Vogel, der mir in diesen stummen Wäldern -zu Gesicht gekommen ist. Schnee fiel noch -immer; in Millionen Stückchen schien der Weltraum -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -herzusinken, man spürte die saugenden -und belebenden Wellen des Nichts. -</p> - -<p> -Als ich in den Hallesul zurückkehrte, wurde mir -eine Überraschung. Ich spähte nach meinen Rumänen; -keiner war da. Nur die Toten, schon zugeschneit, -lagen bei den verrauchenden Kohlen. -So sind die Träger doch gekommen, dachte ich -und wollte weitergehen, traf aber den ungarischen -Kompagnieführer, der uns am Morgen den Verbandplatz -gezeigt hat; er schien mich erwartet -zu haben. Und nun erfuhr ich, was in kleiner -wie großer Menschenwelt hie und da einmal -vorkommen mag, daß irgendeiner halten muß, -was ein anderer leichtfertig versprochen hat. Mit -knappen Worten entschuldigte sich der Hauptmann, -weil er die deutschen Kompetenzen ein -wenig verletzt und in meiner Abwesenheit die -Gefangenen an einen anderen Ort habe schaffen -lassen, seine Leute hätten mich überall vergeblich -gesucht. Durch das runde Fensterchen seines -nahen Unterstandes habe er den ganzen Tag wie -vor einer Zauberlaterne die Gruppe der Verwundeten -und Sterbenden mit ihrem armseligen Feuer -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -vor Augen gehabt, allmählich sei es seinen etwas -anfälligen Nerven zu viel geworden. Abseits in -einer Schlucht stehe eine leere Reisighütte, dort -befinden sich die Leute jetzt, er habe ihnen auch -warmes Essen geschickt. Ich erwiderte etwas Verbindliches; -er wollte nichts hören. „Ihr armen -Deutschen“, sagte er lachend, „habt ja selber -nichts mehr zu brechen und zu beißen, während -wir Ungarn vorderhand noch im Überflusse -schwimmen.“ Damit führte er mich durch Gestrüpp -und Schneewehen in die Schlucht hinein. -In der Hütte bei Kerzenschein lagen die Verwundeten -auf Tannenzweigen. Sie aßen Fleisch aus -Blechbüchsen und tranken aus ihren Feldbechern -heißen Tee. Der Unteroffizier stand auf, erstattete -dem Offizier in deutscher Sprache eine Meldung, -wandte sich sodann zu mir und sprach im Namen -aller für Unterkunft und Speisung seinen Dank -aus. Befremdet sah mich der Ungar an. Ich suchte -den einen über seinen Irrtum aufzuklären und -bekannte dem andern mein unbesonnenes Versprechen; -beide lächelten höflich, doch scheint -mich keiner so recht verstanden zu haben. -</p> - -<p> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -Als wir wieder ins Freie traten, hatten Deutsche -und Rumänen schon begonnen, durch Aufsenden -unzähliger Leuchtkugeln einander zu warnen -und zu bewachen; grellrot und grün flackerte -der ganze Hallesul bis zu den Bergen hinauf, und -wie Konfetti fiel durch die farbenwechselnde Beglänzung -der Schnee. Selten wird ein Schuß abgegeben; -zuweilen, durch das Raketenzischen, -hört man wieder, wie am Kishavasberg, aus großer -Entfernung Wölfe heulen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-38"> -17. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte. -Nach Sonnenaufgang öffnete sich der -trübe Himmel; man sah hinter durchsichtigem -Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als -embryonenhafte Goldgestalt. Die Krankenträger -sind eingetroffen, und nach und nach werden -alle Verwundeten fortgetragen. Pirkl muß hierbleiben; -er ist fast ohne Puls und würde vermutlich -als Leiche nach Ojtóz kommen. Sein Bruder -hat auf eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu -besuchen. Da er sich nicht mehr mit ihm verständigen -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -kann, so benutzt er die Frist, um dem -noch Lebenden ein Grab zu graben und ein -Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr sorgfältig -mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet. -</p> - -<p> -Um neun Uhr erscheinen unter Führung eines -fahnentragenden Rabbiners dreizehn Rumänen -mit Gewehren und Munition, erbitten Gehör bei -dem ungarischen Hauptmann und ergeben sich -ihm in aller Form. Der Aufzug war ein bißchen -bühnenmäßig, wofür Ungarn wie Rumänen gewiß -mehr Sinn haben als wir. Der Tag vergeht -ruhig. Die Kälte hat nachgelassen; Föhnwind -leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen. -Oft geht man durch eine Welle sehr warmer -Luft, als ob Öfen in der Nähe stünden. Blasse -Sonne, breit zerfließend, steht in löschpapierweißem -Dunst. Am Abend ziehen die ungarischen -Sanitätsfähnriche lange Flaschen aus ihren -geräumigen Tragkörben, dazu feine geschliffene -Gläser und erquicken sich und uns mit heißem -Wein. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-39"> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -18. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Kein Wunder, daß man viel schläft und viel -träumt in dem Winterwaldzwielicht. Wehrt man -sich dagegen, so wird es nur schlimmer. In Frankreich, -vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr -nahes Ende des Krieges glaubte, war aller Traum -nur Träumerei; locker und sinnlos fand ich mich -unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum -wußte etwas vom andern. Seit aber von Frieden -und Heimkehr nicht mehr die Rede ist, scheint -nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; -es ist auch, als versteckten sie vor mir ein -geheimes Ziel, dem sie mich auf Umwegen zuführen -wollen. Zuweilen werden sie durch ein -äußeres Ereignis von ihrer breiten Entwicklung -abgedrängt und grob skizzenhaft beendet. Heute -morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand -ein und weckte mich aus einem Traum, der seltsam -deutlich blieb, weil er, wie ein jäh aufgedeckter -Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich -zu verschlüpfen. Ich war nachts einmal aufgewacht -und hatte bemerkt, daß der Unterstand -von Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Tischchen, knabberten am Brot und streiften -einige Male so kunstreich an den geschliffenen -Gläsern der Ungarn hin, daß es eine gar liebliche -Folge heller Klänge gab. Dadurch war das Widerliche -des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas -geisterlich Koboldisches lag in der Luft, und vor -einem ganzen Theater lustigster Mäusemetamorphosen -schlief ich ein. Immer mehr entfärbten -sich dabei die Tiere; schließlich waren sie alle -glänzend weiß und liefen auf einer grünen Fläche -hin und her. Als ich sie aber näher betrachten -wollte, stand ich am Billardtisch eines dunstigen -Kaffeehauses, wo ein unsichtbares Orchester fernher -dudelte, und statt der Mäuse sah ich weiße -Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger -Spieler am Billard war jener Rumäne, dem wir auf -dem Berge das Morphium eingespritzt haben. Mit -wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch -und hielt mit leisen deutenden Bewegungen seines -Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu berühren. -Diese wurden immer glänzender; wie -Kreisel summend, mit sphärischer Sicherheit -rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff; -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -keiner störte den andern, und wenn sie von einem -Rande zurückschnellten, verstärkten sie Geschwindigkeit -und Licht. Eigentlich glichen sie -einander genau; doch dünkte mich bald einer -besonders herrlich, ja, ich fühlte mein ganzes -Schicksal an ihn gebunden, – wenn er stillstand -oder mit einem anderen zusammenstieß, mußte -grenzenloses Unheil geschehen. In einiger Entfernung -ging Regina als Scheuermädchen von -Tisch zu Tisch, las Zigarrenstummel und zerbrochene -Gläser auf und warf sie in einen Kehrichteimer, -den sie mühsam daherschleppte. -Plötzlich stand sie bei mir und flüsterte: „Weißt -du’s schon? Eben bin ich deinem Schatten begegnet.“ -Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen -meine wunderbare Kugel, warf sie zu dem -übrigen Kehricht und setzte den Deckel auf den -Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina -glich, spielte weiter; seine Augenhöhlen -waren voll Schnee, er schien nichts zu vermissen. -Ich aber hob die Hand und schlug Regina -auf die Stirne, da schlief sie stehend mit -unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn -mit immer höherem Tone weiter kreiseln und -mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde -der Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. -Alles schwankte; Regina, die -schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich -wie eine Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir -herüber, wie um mich zu erschlagen. Und das -war die Sekunde, wo draußen mit heulendem -Knall das Geschoß zersprang! Ich stand im Nu -auf den Beinen. Ein langhallender Schrei erscholl, -der plötzlich abbrach, als hätte er die -Stimmbänder des Schreienden zerrissen. Raab, -Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür; -andere, schutzsuchend, drängten von außen herein. -Neben dem Trichter lag ein ungarischer Soldat, -bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die -Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine -weitere ist nachgefolgt. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang -ohne Bewußtsein im Verbandraum gelegen, bekam -heute, nach der zehnten Digipuratum-Einspritzung, -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -einen kräftigen Puls, begann auch wieder -tief zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank -er einen halben Feldkessel Tee und aß Konservenfleisch. -In seinem eignen Kote liegend, fühlte -er sich höchst unbehaglich, stand alsbald auf und -ging ins Freie, sich zu reinigen, wobei er plötzlich -das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder -für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf -seinen Namen, sah dann ins offene Grab hinein -und rieb sich lange die Augen. Auf einmal -fing er so herzlich zu lachen an, daß der Verband, -der locker geworden war, wie eine Haube hinten -hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, -wie einer, der einem Mordsspaß auf die Spur -gekommen ist, und setzte lachend seinen Weg -fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen -ist seine Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel -ist augenscheinlich gar nicht in den Schädel selbst -eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule, -dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-40"> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -20. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte. -Regen hat alle Toten aus dem Schnee hervorgewaschen; -einer nach dem andern wird nun -begraben. Viele Leute melden sich krank; eine -trockene, schmerzhafte Augenentzündung befällt -uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind -einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer -wieder Unvorsichtige den feindlichen Scharfschützen -zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt -halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, -ob keiner der Unsrigen sich einmal vergißt -und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen, -zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger -taugt als der deutsche. Wer noch leidlich -gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung -die sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum -entgegensinken, das Ablösung bedeutet, -und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn -ich mich beim Überweisen in die Lazarette ziemlich -liberal verhalte. Leutnant Leverenz behauptet -freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand -an Gewehren vermindere, gibt aber zu, daß auch -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -dem Tüchtigsten hier nicht mehr als drei Tage -und Nächte zugemutet werden können. Es -gibt keine Unterstände auf dem Berg; hinter -Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen -Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang -es hell ist, den Kopf nicht erheben. Die -größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der -mit ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden -ist. Im Schmelzwasser, das von den blutüberstrudelten -Hängen heruntersickert, ist beginnende -Verwesung so reichlich gelöst, daß wir -es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger -zum Trinken gebrauchen mögen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-41"> -Kézdi-Almás, 22. November 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Gestern am Abend von preußischer Landwehr -abgelöst, stiegen wir durch feuchtes Gestöber -nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im -Dunkel der Weg abhanden kam. Ob es möglich -sei, daß der Kopf sekundenlang schläft, während -sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide -ich nicht, weiß nur, daß mir einmal auf -diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit goldenen -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Zeichen dicht vor den Augen erschien, -worauf ich wie aufwachend emporfuhr und mich -deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten -wir die Baracken. Früh nach acht Uhr, -bei aufgehelltem Wetter, zogen wir weiter, nachdem -die Leute ihre Tornister zurückerhalten -hatten; die Tornister der Toten wurden auf einem -großen Wagen nachgefahren. Das Bataillon ist -klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht -in die Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen -wir den Oberst mit Regimentsstab und vollzähliger -Musikkapelle stehen; sie warteten auf uns. Als -wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein -heller Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien -folgten, dann schmetterte sich ein Marsch -aus ‚Carmen‘ gewaltig aus. Unsere schmutzgraue -Schar, die so gebeugt und müde dahinschwankte, -als wäre sie besiegt, begann sich zu straffen; allmählich -begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst -ihr erweisen ließ. Nach ‚Carmen‘ folgte das Lied -vom guten Kameraden, und nun endete die -Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf -erreichte, dessen Kinder, von den Klängen gelockt, -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -uns mit entzückten Gesichtern entgegenliefen. -</p> - -<p> -Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere -Leute wegen Brustbeklemmungen in das -Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein häufiges -Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will -keiner; jeder hofft auf Ruhewochen und gibt sich -mit Baldriantropfen zufrieden. Als Raab den Sanitätswagen -aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel, -und kein Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben. -Für den Augenblick freilich genügen -die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen -haben. Dehm und Raab sind sich fast böse geworden, -weil einer dem andern den Schlüsselverlust -vorwirft. -</p> - -<p> -Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große -Stube, deren Boden mit feinem Sande bestreut -ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, -ist an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten -Fellen überbreitet. Das Schönste ist -ein großer Apfelgarten hinter dem Hause. Von -hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt -er wie in einem Korb. In einer Ecke blüht noch -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -ein hoher Sonnenblumenspätling. Der schwarzgelbe -Teller hat sich weit vorgestülpt und am -Rande nach unten umgebogen, so gewaltig war -im Sommer der Wille der Blume, dem Sonnenstand -überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise -der blühende Samt leichenfarb gefleckt -oder ausgefallen, die graue Samenmosaik entblößt. -Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer -Vogel ab, einen Kern im Schnabel, und entschwirrte -in die Dämmerung. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-42"> -Kézdi-Almás, 25. November 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Für die nächsten zwei Tage scheinen wir noch -sicher vor Alarmierung. Man richtet sich ein; viele -packen Bücher und gute Uniformen aus, mancher -stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein -Quartier ist voll Unruhe; alle Nachbarn gehen ein -und aus, ein altes Weib war eben hier und bettelte -um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer -Szene, die, für sich betrachtet, vielleicht nichts -bedeutet, und doch ist mir, als ginge sie mich und -manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause -viele Katzen zur Welt gekommen, die nun lästig -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -werden, zumal es an Milch für sie fehlt. Ein etwa -fünfzehnjähriger Bursche, der hier bedienstet ist, -scheint Auftrag erhalten zu haben, die überzähligen -Tiere zu beseitigen. In der Stube schreibend, -sah ich, wie er sie über den Hof trug, und, bevor -ich seine Absicht erkannte, eines nach dem -andern unglaublich geschwind an die Scheunenwand -schmetterte, vor der sie liegen blieben; dann -kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie -es seine Art ist, in die Küche zurück, wo gerade -das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu den -andern und aß gemütlich. Eines aber der hingerichteten -Kätzchen, ein blaugraues, weiß von -Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen -Flöckchen im Nacken, von den anderen durchaus -verschieden, war nur betäubt worden und -erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte -es kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit -dem Pfötchen einige Male über die Ohren, als ob -es dadurch schneller zur Besinnung käme, und, -schlich sodann über den Hof in das Haus zurück. -Nun erst bemerkte ich, daß es am Kinn blutete, -sonst schien es unversehrt. Zögernd kam es zur -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Küchentür herein und blickte sich um. Als es -die schmausenden Leute sah, bemühte es sich, -auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen -Ansätzen, auch gelang; dann saß es eine -Weile still. Endlich schmiegte es sich, zutraulich -bittend, an den Ellenbogen seines behaglich -kauenden Mörders. Ich konnte ihn von -meinem verborgenen Tischchen aus beobachten, -kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte, -aß er zuerst noch ein Weilchen weiter; -auf einmal wars, als kämpfe er mit einer Übelkeit, -er bekam eine Art Schlucken und legte den -Löffel weg. Sobald die andern fortgegangen -waren, berührte er das Kätzchen vorsichtig, wie -wenn er sich vor ihm fürchtete oder seine leibhaftige -Gegenwart bezweifelte. Schließlich stellte -ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fähig -ist, als wärs eine Porzellanfigur, auf den Tisch -und bröckelte ihm seine stehengelassenen Fleisch- -und Brotreste hin. Es fraß ein wenig davon, und -das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam, -redete er sehr eindringlich auf sie los; ich -vernahm öfters das Wort Matschka, dabei deutete -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das -Tier schweigend an und entfernte sich wieder. -Der Bursche geht seither wieder auf dem Hofe -seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so -vorsichtig wie das lebendige aufgenommen und -weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen -einigermaßen verändert vor, wacheres Gesicht, -festerer Gang, auch hab ich ihn seither nicht -pfeifen gehört. -</p> - -<p> -Morgen kommt der österreichische Thronfolger -und hält bei Lemhény eine Truppenbesichtigung -ab. Ich erkläre mich als erholungsbedürftig -und bitte, in Kézdi-Almás bleiben zu dürfen. Es -wird sehr windig und kalt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-43"> -28. November -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und -weil mir eine freie Stunde gegönnt ist, will ich -mir die kurze Geschichte seines Leidens aufzeichnen; -gehört sie doch auch zu meinem Tag. -Früh weckte mich gestern leises Wimmern und -Murren. In der großen Stube, mit ganz verschaudertem -Gesicht, kauerte der junge Ungar am -Boden und schob dem Tier bald ein Wasser-, -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut, -morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es -gar nicht; auf das Wasser blickte es unverwandt. -Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf -wie ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht -war viel kleiner geworden, das goldumrandete -Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr -heiß. Es hatte gewiß Fieber und brennenden -Durst. Bald weinend, bald brummend näherte -es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber -bei jeder Berührung mit einem zornigen Laut -zurück; es war zu sehen, daß ihm der Trinkversuch -Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb -es rasende Begierde dem Wasser zu. Plötzlich -tauchte es eine Vorderpfote ein, dann die andere; -schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, -der aber viel zu klein war. Man füllte -eine große Schüssel; da legte es sich hinein mit -seinem ganzen inneren Brand und blieb eine -Weile ruhig. -</p> - -<p> -Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder -und Nachbarinnen kamen, ein Kreis von Neugier -und Erbarmen zog sich um das arme Tier -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -und seine Qual. Noch vorgestern hatte man es -achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte niemand -daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder -fand nur, daß es ein reizendes Kätzchen sei, und -wußte einen Rat, ein Mittelchen, um es zu heilen. -Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe -gerückt, hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders -die Kinder. Und wirklich war etwas Bewundernswertes -in der Haltung der kleinen Katze, -etwas kaum Beschreibliches, das sie über ihren -Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein Bewußtsein -ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der -Tod wohl nach und nach abtragen oder zertreten, -aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom -eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem -Wesen treu zu bleiben, wie es, schon von der -Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt -und die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab, -dies war es, was alle sicherlich viel stärker -ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges ist -hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl -gewußt, warum sie dieses Tier heilig hielten und -seine Mörder bestraften. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás -all ihren guten Rat erschöpft und sahen -schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der -gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab -Atropin dazu. Wir ließen das Kätzchen aus dem -Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge -der Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines -Mädchen laut aufschrie. Matschka jedoch zuckte -bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie -von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei -Minuten ging sie auf ein Fleckchen Sonnenschein -zu, das auf der Diele leuchtete, streckte sich behaglich -aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten -und schlief ein, zuweilen im Traum leise knurrend. -So fanden wir sie noch spät, als längst -keine Sonne mehr schien, da begann wieder das -vergebliche Wandern zum Wasser. Wir wiederholten -die Einspritzung in dreifacher Stärke. -Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast -ausgelassen und machte sonderbar schelmische -Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn -ihre Natur, doch blieb sie immer schön im -Einklang ihrer Bewegungen. Plötzlich sprang sie -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. -Ich hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie -ließ es brummend geschehen und schlief auf einmal -ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich -sie mit der Taschenlampe; sie schlief unter leichten -Zuckungen. Den Schweif hatte sie bequem -um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem -linken Fuß. Die Lage war lästig, und ich wollte -den Fuß wegziehen, da erhob sie aber ein sehr -ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie -mich in die Zehen beißen. So faßte ich mich -denn in Höflichkeit, die wir einem sterbenden -Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht -weiter. Durch das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, -bemerkte ich übrigens bald eine Veränderung -an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, -wie sie, glaub ich, die Mönche -als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand -sich leichter, das Denken geschah freier und -sicherer als sonst. Lebhafte Vorstellungen vom -Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als -erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit -einfacher behandeln könnte als bisher. Dabei -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war, -der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und -nie vielleicht bin ich mehr davon überzeugt gewesen, -daß wir nicht nur von Menschen, Geistern -und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, -ja sogar von unbelebten Stoffen unmerklich -zu uns selber geführt werden, worauf am -Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. -Und nun flog mir geschwind und klar alles -durch den Kopf, was ich jemals über Katzen Gutes -gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende -Mythe von jener sintflutartigen Überschwemmung, -welche die Mutter so oft erzählt hatte. Ein -Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf -dem unendlichen windbewegten Gewässer. Bei -ihm befand sich eine Katze, und jedesmal, wenn -die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende -Tier auf die andere Seite, um das Gleichgewicht -herzustellen, bis endlich das kleine Boot -in der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die -Flut verlief sich, man holte die Wiege herunter -und fand Kind und Katze lebend und unversehrt. -Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -nannte man es Dold, was soviel heißt als Wipfel, -und es wurde der Stammvater eines großen berühmten -Geschlechts. -</p> - -<p> -Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken -weiter durch manches Gebiet, um endlich in das -nächste, nüchternste, für den Augenblick erwünschteste -heimzukehren. Mit einem Male -wußte ich nämlich genau, daß in einer der großen -Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und -Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen -liegen müsse; vermutlich hab ich ihn selber dorthin -verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast -wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, -Tee bringend, weckte. Sogleich ließ ich den -Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der -gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht -mehr. Während ich aufstand, setzte ihr Atem -aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn, endlich -noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug. -</p> - -<p> -Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl. -Die Truppenbesichtigung bei Lemhény ist abgebrochen -worden. Wir packen ein. Welch Glück, -daß der Schlüssel gefunden ist! Die schönen Uniformen -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -werden abgestreift, die Bilder verschwinden -von den Tischen. Der junge Ungar kniet -vor der toten Katze und streichelt sie weinend. -Schön ist es immer anzuschauen, wenn den rohen -Menschen das Ewige anfällt, – ehren wir jede -Erleuchtung, jeden verwandelnden Schrecken! -– ich möchte dafür einstehen, daß der Knabe -nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben -wird, – gebe Gott jedem sein Tier und seine -Sünde, die ihn erwecken! Es muß aber noch -andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel -reinerem Schrecken eine Tat aufsteigt wie ein -Stern. -</p> - -<p> -Der Himmel hängt voll Schneewolken. Frost ist -eingetreten, Reif liegt auf der alten Sonnenblume. -Die Samenkerne sind nun festgefroren, der -Abendvogel wird Mühe haben, sie herauszupicken. -Der Osten dröhnt von Geschützen. Es -ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kézdi-Vásárhely -ab. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-44"> -Középlak, 29. November, abends -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment -über den Gyimespaß nach dem Hidegségtal -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -herübergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen, -die Räder bereits wie drinnen im Land -ohne Gummireifen; immer gefährlicher schwankte -der unsrige auf dem holprigen Boden, und -plötzlich fuhren wir schräg in einen Straßengraben, -gerade noch, ohne zu stürzen. Umsonst -war jeder Versuch, das Gefährt wieder heraufzuziehen. -Von den Wagen, die, glücklicher gelenkt, -in großen Abständen nachfuhren, überholten -uns fünf; jeden riefen wir um Beistand -an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut harrte die -Besatzung; nur da und dort lachte einer, als böte -das Ungemach des Augenblicks vor dem großen -Schicksal einen Schlupf. War Hilfe hier nicht -erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich -riet den Leuten, sich in ganzer Straßenbreite aufzustellen -und dem nächsten Wagen eine drohende -Haltung zu zeigen. Das höchst verfängliche Mittel -wirkte: der Führer, als er die entschlossene -Gruppe bemerkte, stoppte sofort. Nun ward in -Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet -und auf die Straße gezerrt. -</p> - -<p> -So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -die sternenlose Nacht, immer nur auf den grellen -Lichtkegel blickend, den wir vor uns herjagten. -Ich saß vorne beim Lenker, einem sehr jungen -Polen, dessen ungeübte und ängstliche Hand -uns noch öfters dicht an Abgründe brachte. Mahnungen -und Einreden konnten da wenig frommen; -gewiß war es das beste, ihn gewähren zu -lassen und ihm heimlich alle guten Kräfte zuzubeten. -Als die Paßhöhe erreicht war, graute -der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff aus Nordosten; -die Wolken standen hoch. Öde Landschaft -erschien, greises Gebirge, stark abgetragen, die -kahlen Hänge voll kleiner Buckel und grauer -Steinwürfel, dazwischen Hütten, die den Steinen -glichen, in der Tiefe ein halbverkiester Fluß mit -angelagerten Häusern. Beim Hellerwerden erkannte -man auf Tal- und Bergstraßen unübersehbare, -gegen Osten marschierende Kolonnen. -Düster, schicksalshaft anzuschauen ist solch ein -Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen -des nämlichen Rades einer unsichtbaren glühenden -Achse zustreben. Gäbe es doch ein groß vorleuchtendes -Zeichen, das allen ihre Mühsal süß -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -macht! Aber ihr Bestes ist verwahrt in einem -Traum der Menschheit, den sie vielleicht nie erfahren, -und nur manchmal mag es einen gemahnen, -daß er einem unbekannten Herrn der Zukunft -dient. -</p> - -<p> -Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf -Középlak, dessen Gebäude sehr weit auseinander -liegen. Ein großes gelbes Haus, nah bei der -Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet. -Es besteht aus zwei kleinen Zimmern und einem -geräumigen Saal, den ein brüchiger Ofen mit -Rauch erfüllt. Der Assistenzarzt lag schlafend -in Mantel und Stiefeln am Boden; das abgemagerte -verstaubte Gesicht glich vor übermäßiger -Ermüdung dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt -über Karten, saßen flüsternd Major und -Adjutant; gegenüber sprach ein rotbärtiger österreichischer -Hauptmann unter vielen Verbeugungen -in ein Telephon hinein. Ich spürte zwischen -drüben und hüben eine Verstimmung -ziehen, die mir später erklärt wurde. Der Österreicher, -zugleich Munitionsoffizier und Ortskommandant, -hatte unserem Major vorgestellt, -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -es gebe kein unbesetztes Haus mehr in ganz Középlak, -und ihn höflich eingeladen, sein eigenes -bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren -zu teilen, worauf unser Gebieter ihn -gleichwohl bündig ersuchte, das Gebäude zu -räumen. Dies Ansinnen wurde zurückgewiesen, -und der Major brach die Unterhaltung mit einigen -allgemeinen Ausfällen gegen die österreichische -Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmännisch-gelassen -zurück, nicht ohne zu bemerken, -er habe zwar bereits angeordnet, daß in -seiner Küche für die deutschen Herren mit gekocht -werde, müsse dies aber, auf soviel Unfreundlichkeit -hin, leider zurücknehmen und sich auf -den bloßen Dienstverkehr beschränken. -</p> - -<p> -Ich legte mich neben den Assistenzarzt und -schlief bis elf Uhr. Dann ging ich nach kurzem -Dienst zum Hidegség hinab. Wird einem doch, -als habe man teil an allen Gütern und Geistern -der Länder, sobald man ein Ufer betritt. Einwohner -kamen des Weges, zuerst alte Männer, -dann junge Frauen und Mädchen. Diese sind ein -stattlicher Schlag mit leichtem, freiem, brüstestolzem -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist -der Rasse schön beherrscht, so daß immer eins -das andere bestätigt. Man denkt zuerst an Italien; -aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft -Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes, -nach innen Horchendes, wilder alter Adel, der -nach Asien weist. Die unechten städtischen Kostüme, -die wir noch gestern sahen, sind verschwunden; -die Weiber scheinen hier nur am -Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben, -statt des Rockes ein dunkles buntgestreiftes Tuch, -das einfach übereinandergeschlagen wird, so daß -man beim Gehen die Beine sieht, die in engen, -weißwollenen Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten, -das Fell einwärts, das weiße, kunstreich -bestickte Leder nach außen gewendet, schwarzes -Kopftuch, spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen -vorbeimarschieren, bleibt keine stehen, um -zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man spürt -eine Gegend beginnen, wo die Menschen hart -und sich selber genug sind, und wo sich Schicksale -schnell und klar erfüllen. -</p> - -<p> -Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -muß es noch überschwemmt gewesen sein; dann -kam plötzlich die Kälte, eine dünne Eisdecke -bildete sich, unter der aber das Wasser bald wieder -sank. Nun haftet noch das Eis als brüchiger -Glasring an Stamm und Strunk, als Brücke, mit -Glöckchen behangen, überbaut es den Spiegel -oder umschließt als muschelhaft geschweifte reifbefranste -Schale die großen schwarzen Ufersteine. -</p> - -<p> -Mittags, während wir Deutschen, feindselig abgesondert, -bei bitterem Kaffee sehr hartes Brot und -überdrüssiges Büchsenfleisch aßen, erklang im -gleichen Saal an der Tafel der Verbündeten der -Wein, und österreichische Ordonnanzen, die -Blicke mit vorgeschriebener Starrheit auf uns -gerichtet, schleppten schöne Braten und Pfannkuchen -von der Küche herein an uns vorüber. -Wir jüngeren, Geringeren verschmerzten aber -die entgehenden Genüsse um so leichter, als unserm -sonst so mäßigen Befehlshaber gerade diesmal -Entsagung unerträglich wurde. Allen Stolz -vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden, -daß er sich mit den österreichischen Küchensoldaten -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -anfreunde und wenigstens etliche Kuchen -für uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung -ab: „Die Österreicher verkehren nicht mit -uns“, sagte er. -</p> - -<p> -Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschützfeuer -zu hören. Der Adjutant blieb an das -Telephon gebunden. Gegen fünf Uhr wurde -Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der -Befehl wieder aufgehoben. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-45"> -Hosszuhavas-Rakottyás, 1. Dezember -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Nacht zum letzten November blieb ruhig. -Um zwölf Uhr mittags wurden wir alarmiert, -und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete, -Russen und Rumänen hätten die ungarische Linie -durchstoßen, den Berg Mihályszállás erstürmt. -Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind -aufzuhalten, den Berg zurückzunehmen. Man -suchte auf der Karte den Mihályszállás und war -verwundert, sich in solcher Nähe des Gegners -zu befinden. Die Feldküchen, die bereits geheizt -hatten, kochten während des Marsches weiter. -Auf dem Ufergeröll wurde das Essen eingenommen, -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -dann ging es eilig den Fluß entlang. Anfangs -hatten uns Frauen und Kinder von Középlak -neugierig begleitet; bald blieben sie mit -zweifelnden Gebärden stehen. Ein verirrtes -rabenschwarzes Schweinchen lief arglos eine -Weile zwischen unseren Leuten mit, schon -stritten sich zwei Gruppen der 8. Kompagnie -um den sicheren Fang; aber ein kleiner Junge -kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen -ins Dorf zurück. -</p> - -<p> -Der Tag war kurz und düster. Nebel wuchs wie -Schimmel um die niedrigen Fichten, mit welchen -die Hügel spärlich besetzt sind. Gruppen von -Flüchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen -begegneten uns in der Dämmerung, zuletzt ein -kleiner Leiterwagen, von schön gehörnten silbergrauen -Stieren gezogen. Führerin des Gespanns -war eine große Frau mit schwarzem Kopftuch, -langem braunem Mantel und einem Stab in der -Hand. Ein Kind, sein Püppchen an sich gepreßt, -saß oben auf wirr zusammengeraffter Habe; ein -alter Mann und ein junges Mädchen schoben -nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe, -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -kaum zehn Jahre alt, mit wunderbar entrücktem, -unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben -dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit -eine Weise. Unter dem linken Arm -trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der -Rechten langte er von Zeit zu Zeit Maiskörner -aus der Tasche und gab sie einem Stierkälbchen -zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithüpfte. -Diese Gestalten wurden mir im Geiste -sogleich statuarisch, besonders die mütterliche -Führerin, und ich verstand, was Glavina meinte, -als er schrieb, es sei etwas Heiliges um -den Fremdling, der nur einmal an uns vorübergehe, -nicht befleckt von gleichgültiger Erfahrung. -Die Haltung stolz, frei, das Antlitz -reife, gebietende Jugend, die starken Brauen -schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus, -ohne uns zu beachten, als wäre sie das -wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und -verirrt. -</p> - -<p> -Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos -entzog sich das Tal. Streckenweise wateten -wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere löcherigen -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Stiefel füllte. Einmal riß die 6. Kompagnie -ab und verirrte sich in ein Seitental: mit schreienden -Boten und Lichtsignalen wurde nach einer -halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt. -Unendliche Müdigkeit zermürbt die Seelen. -Mancher brüllt Wut und Verzweiflung geradehinaus: -„Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn -ihr Krieg führen wollt!“ murrt eine Stimme. „Ein -Narr, wer noch mitläuft! Ich bleibe zurück!“ -kreischt eine andere. Die Offiziere aber kümmern -sich nicht um aufrührerische Rufe. Sie haben -selber zu dulden genug. Auch wissen sie, daß -die Schreier ja doch mitkommen werden. Wer -ohne gültiges Zeugnis die Truppe verläßt, vermindert -wohl Mühe und Gefahr, aber neue und -schimpfliche Leiden beginnen für ihn. Im fernen -Dunkel flammt es zweimal bläulich, man -hört Abschüsse, dann heult es an, und scharf -nacheinander stoßen Granaten in den Kies. Ein -Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist verwundet. -Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln -geht. Vermutlich hatten unsere Signale die Geschosse -hergelenkt. Ein strenges Verbot, Licht -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -anzuzünden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren -ist es zu Ende. Vom Feinde selber in die -Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu -plaudern; eine gefaßte, aufgeräumte Stimmung -nimmt überhand. -</p> - -<p> -Um zwölf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen -Boden. Der Adjutant, der mit dem Major -eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen. -Von einem Nachtgefecht, erklärte er, sei -nicht mehr die Rede, die Gegner hätten den Berg -zur Hälfte wieder aufgegeben und sich in der -Nähe festgegraben, wir stünden in dem Dorfe -Hosszuhavas und bekämen Quartiere, freilich -Alarmquartiere, niemand dürfe die Stiefel ausziehen. -</p> - -<p> -Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich -Unterkunft in einem Bauernhause, das von seinen -Eigentümern verlassen war. Auf dem Tische -stand bei Brot und Äpfeln ein schräg abgeschabter -Salzkegel, daneben, mit Öl gefüllt, eine Lampe, -die wir anzündeten. Ein Stapel Brennholz lag -hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Käfigen, -waren Hühner untergebracht. Auf diese stürzten -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -sich im Nu die halbverhungerten Soldaten, um -sie einem Kochkundigen zu überliefern. Die -Stube war voll Zeichen übereilter Flucht. In dem -gewaltigen Webstuhl steckte noch ein Stück Leinwand. -Schrank und Lade standen halb offen. -Einiges war herausgerissen und wieder hineingeworfen -worden; darunter aber, in schimmernder -Ordnung, lagen ganze Schichten fein und -rauh gewebter Tücher und gestickter Hemden. -Bunte Decken verkleideten die Wände; darüber -hingen Heiligenbilder mit getrockneten Sträußen, -daneben ein Teller mit dem goldgemalten Namen -Julesa. -</p> - -<p> -Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr -bewunderte, vermuteten mehrere Leute, ich -wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle -doch unbedenklich etwas besonders Hübsches -zum Andenken mitnehmen. Vielleicht gelüstete -manchen selbst nach solchem Schatz, und hätte -ich, als einer der Älteren, mir ein Stück angeeignet, -wärs am Ende die Losung zum allgemeinen -Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden -Muster sehr in die Augen, auch stellte -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -ich mir Vallys und Wilhelms Entzücken vor, -falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende -Heimat käme, mußte überdies den Kameraden -recht geben, die da sagten, verloren sei -doch einmal alles, in wenigen Stunden würden -wir vor- oder zurückgeben und das Verschonte -andern deutschen Truppen oder dem Feind überlassen. -Auf einmal standen mir die Flüchtlinge -vor dem Blick, die uns begegnet waren; der Gedanke, -daß gerade dieses Haus ihr verlassenes -Eigentum sein könnte, gewann eine seltsame -Macht, und nun erst ermaß ich die Größe ihres -Unglücks. Gesichthaft nahe trat die königliche -Führerin; um Wirklichkeit unbekümmert sprach -ich sie als Hausherrin an und schloß mit ihr einen -Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was -willst du? Die Winternächte des Wachens und -Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier für -Großväter, Väter, Mütter und Kinder, – auch -unsere Leichenhemden, bedenk es wohl! Möchtest -du deine Frau oder dein Kind darein hüllen? -Die Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes, -den andern oft schwer begreifliches, -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -im Grund aber ein frommes Volk, – seht doch, -wie alles offen vor euch daliegt! Nichts haben -wir vor euch versteckt, nichts verhehlt, eurer -Großmut alles anvertraut. Nehmt, was not ist, -um Durst und Hunger zu stillen, aber an den -Geweben der Mütter geht vorüber! -</p> - -<p> -Plötzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen -und Weinen kam wieder durch die Luft, es war, -als flöge feiner Flaum über die Wimpern, und -in größter Nähe fiel der Schlag. Das Haus schien -sich in seinem Grunde zu lockern, Geschirr und -Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein -schlimmes Versäumnis kam in diesem Augenblick -jedem zum Bewußtsein. Keinem war eingefallen, -die Fenster zu verhängen, und so hatte -die weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt. -Im Finstern harrten wir auf den zweiten Schuß, -er blieb aus. Nun wurden sorgfältig alle Fenster -von außen mit Zelttüchern überspannt und erst -nachher wieder Licht gemacht. Der Koch war gelassen -bei den Hühnern stehengeblieben, deren -Bratenduft allmählich die Luft würzte; ich aber -hatte in aller Stille die lockenden Laden hineingeschoben, -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -fand es auch für gut, sie mit Unnahbarkeit -zu umgeben, indem ich die großen ledernen -Verbandtaschen davor, aufbauen ließ und -meinen Mantel darüberlegte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-46"> -2. Dezember -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Das Schicksal geht gelinde mit mir um. Ich -habe als Verbandplatz ein leeres Gendarmeriewachthaus -mit weitem Blick über die Hidegséglandschaft, -ungefähr in der Mitte zwischen Bataillonsstab -und Front. Während die Kompagnien -in die Stellung stiegen, konnte ich den ganz -versäumten Nachtschlaf ein wenig ersetzen. Nach -zwei Stunden erwachte ich in einem Zustande, -der in ähnlicher Form gewiß vielen bekannt ist, -nur achtet nicht jeder auf dergleichen. Ich empfand -mich als einen ovalen, durchaus leeren -Raum, etwa drei Sekunden lang, dann fing ich -an, mit unbändiger Gewalt von der linken Seite -her ein unsichtbares Fluidum in mich hereinzusaugen, -womit zugleich alle möglichen Bilder, -Gedanken und Worte einströmten, Bekanntes -und Unbekanntes. Plötzlich war ich angefüllt -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -wie ein Luftballon, da wurde ich erst vollends -wach. Dabei hatte ich ein Empfinden, als wäre -Glavina in dem Fluidum aufgelöst gewesen. -</p> - -<p> -Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit -und Frost. Die Russen sitzen ruhig in ihren -Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den westlichen -Hang haben sie aufgegeben. Unten im -Tale läuft ihre Linie dicht vor Hosszuhavas. Auf -unserer Seite werden viele Geschütze eingebaut. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-47"> -3. Dezember -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang -des Berges, während oben schon um den Gipfel -gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der -Front, liegt eine preußische Sanitätskompagnie; -die fängt fast alle Verwundeten ein und leitet sie -weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel -für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in -Glavinas Blättern. Die Schrift ist undeutlich, zum -Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich aber -herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne -Sätze handelt, daß aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht -ein Gedicht, geplant war. Wären es bloß -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich -mir nicht viel Mühe geben; aber oft klingt es -wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt -wie Bienen das Herz, man möchte sich davon -entfernen und muß doch immer wieder hinhorchen. -</p> - -<p> -Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt -man das ausgeweitete, reif- und schneeglänzende -Tal, über das die Siedelungen verstreut sind wie -Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, -in dem die Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar. -Es hat sich gefügt, daß unsere Telephonisten dort -einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die -noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, -frage nach der eingelaufenen Post, überzeuge -mich, daß alles unverändert ist, und kehre -zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im -gemeinen Sinne gar nichts bedeutet, ob unter -tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne -unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter -Schutzstätten bedarf der Geist; sie sind ihm Horst -und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß -er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -einen, der schon in der Wiege liegt, einen, der -alle schrecklichen Schreie der Wut und der -Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen -... Es ist ein kalter Tag. Die Sonne glänzt -weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend -von schwebenden Kristallen, an den Bäumen -haftet Reif wie Stahlsplitter an Magneten. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-48"> -4. Dezember -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -„Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, -ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen- -und Wacholderflur!“ -</p> - -<p> -Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas -Aufzeichnungen entziffern; aber da trafen unvermutet -ganze Züge Verwundeter ein, deutsche -und russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás -geworfen werden; aber die 6. Kompagnie -verirrte sich im Nebel und kam um eine -Stunde zu spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte -gelang und der Gipfel dem Gegner verblieb. Die -Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, -blond, blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. -Zutraulich reden sie ohne Pausen auf -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie -scheinen vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. -Laut weinend zeigen sie einander ihre Wunden, -und während die Unsrigen ihre Schmerzen -stumm verbeißen, schreien sie die ihrigen geradehinaus. -Übrigens sind wenig Schwerverwundete -darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln -heute große Leiterwagen; es geht rasch -und sicher, schon leert sich der Verbandraum. -Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man -baut immer mehr Geschütze ein. -</p> - -<p> -Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier -Dehm den Infanteristen Kristl; er soll im -Gefecht ungemeinen Mut bewiesen, hernach aber -plötzlich den Verstand verloren haben. Einige -glaubten, er verstelle sich nur, um endlich dem -Kriegsdienst zu entkommen; aber man braucht -nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung -zu erkennen. Unendliche Angst verzerrt -das eckige, bleiche Gesicht; bald sucht er dem -Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er -sich an seinen Arm. Bei meinem Anruf nimmt -er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird aber -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er -auf die Knie und bittet mit gefalteten Händen, -ich möge ihn doch nicht den Russen ausliefern, -er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er -sich Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel -heraus und entnimmt ihm drei Goldstücke, -die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht -zum Feind hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er -zugerichtet, einer habe ihn in die linke Seite gestochen, -es blute noch immer. Er reißt das Hemd -noch weiter auf und deutet auf eine vermeintliche -Wunde. Sein Vater besitze übrigens noch -viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum -seien sie vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, -leider, das sei schlecht von ihm gewesen, -hätte er die Finger davongelassen und das Gold -in die Reichsbank getragen, so wäre alles anders -gekommen, und wir hätten einen noblen Frieden. -Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke -auf hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich -sehe, wie sie funkeln. Plötzlich erheitert er sich, -zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie angesehen -zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -es sei höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will -auf und davon und beginnt zu toben, da man -ihn zurückhalten will. -</p> - -<p> -Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. -Weder ein Wagen ist mehr verfügbar noch eine -Begleitung; auch möchte man den Fall nicht -gerade der nächsten besten Hand überantworten. -Meine Sachen durchkramend, fand ich schließlich -ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. -Kristl wehrte sich kaum gegen die Einspritzung. -Die sonst so wenig haltbare Zusammensetzung -wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht -aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden -des zerrissenen Geistes wieder aneinander zu -heilen. -</p> - -<p> -Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete -gekommen sind, zum Ufer. Das Eis -ist hier vielfach zu klaren Figuren durcheinandergeschossen; -weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, -winzige gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, -manchmal fein ausgeführt, stecken überall zwischen -den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel -sprießen Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -wächst, und man merkt es diesen Wölkchen -an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-49"> -5. Dezember -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Ich verbrachte den Vormittag bei den Pionieren -im Walde, wo sie einen halb zugewachsenen -Weg für die Verwundeten der nächsten Tage -aushauen müssen, da scholl über Hosszuhavas -her Geschrei und Schießen. Zurückgekehrt erfuhr -ich, daß links von unserm Abschnitt Russen -die österreichische Linie durchbrochen haben, -dadurch soll unsere Stellung gefährdet -und wertlos geworden sein. Um den Gipfel ist -noch Ruhe. Eine Ordonnanz überbringt Befehl -zur Marschbereitschaft; Verletzte und Kranke -sind ohne Verzug nach Palanka zu schicken. -Was fang ich mit Kristl an? Er schläft noch -immer. Ihn jetzt wegzuschaffen ist unmöglich; -auch warnt mich etwas davor. Das Getöse -kommt näher. Rehm sieht mich immer an; er -errät meine Sorge. Endlich kann er nicht mehr -schweigen. An der Somme, meint er, habe die -Lage zuweilen schrecklicher ausgesehen und sei -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -dennoch wiederhergestellt worden; drunten im -Dorf, noch uneingesetzt, lägen zwei Reservekompagnien -unseres Regiments, da könne nichts -fehlen. Ich lasse ihn Tee bereiten und buchstabiere -ein wenig in Glavinas Zetteln. Die Schrift -ist kaum lesbar; aber ich bin einem Rhythmus -auf der Spur. In diesem schwingend finde ich -Sinn genug; schon hab ich mir manches vereignet -und verinnigt, und wo auch nur ein Wort -hingeworfen oder eine Strophe schwach angeschlagen -ist, erklingt wie von selber die Folge: -</p> - -<p> -„Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden -mit anderer Stimme ruft Gott. Ein wacher Wandel -ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, -selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam -wie die Gemse schläft!“ -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Es ist drei Uhr. Das Feuer hat zugenommen, -doch überwiegt im Augenblick das russische -nicht. Ich ging wieder zu Kristl, schüttelte ihn -an der Schulter und rief ihn beim Namen. Umsonst. -Er schläft zu tief. -</p> - -<p> -„Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher -aus dem Heiligtum.“ -</p> - -<p> -„Opfer, was frommen sie noch dem, der den -Ruf überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar -und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom -Pilgerbittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, -schwimmt die Brücke.“ -</p> - -<p> -„Der Geist wird stehn vor seinem eigenen Hause -und nicht heim finden ...“ -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Einhalb vier Uhr. Der Lärm nimmt noch immer -zu. Die Schau durchs Fenster blendet. An einigen -Erhebungen des Geländes treffen so viele Schneeleuchten -zusammen, daß das Auge kein Weiß -mehr erträgt und es als grünlich empfindet. – -Jetzt haben, in weiten Abständen, unsere bereitgestellten -Züge den Plan betreten. Der Gegner -bemerkt sie. Geschosse platzen über den blinkenden -Helmen, eine neue Art von Schrapnellen, -welche zweifarbige Wölkchen ausstoßen: es ist, -als ob aus unsichtbaren Eiern Vögel schlüpften -mit einem roten und einem schwarzen Flügel. -Die Soldaten eilen, sie laufen fast. Plötzlich fahren, -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -kaum gedeckt, preußische Kanonen am Dorfrand -auf und feuern ohne Pause, Schlag auf Schlag. -Von dem Luftdruck zerspringt uns im Verbandraum -ein Fenster. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -„Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? -Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus -taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! -Mauert es heimlich ein unter die neuen -Gebäude!“ -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Einhalb fünf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der -Major, mit ihm der Adjutant. Hinterher kommen -verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet -ist nur ein junger Russe mit grünlichbraunem -Gesicht und überhellen Sperberaugen. Er soll -vernommen werden; aber niemand spricht Russisch. -Aus verbündeten Truppenteilen, die in der -Nähe liegen, werden Leute zusammengeholt, ein -Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl Russisch, -nicht aber Deutsch versteht. Durch vier -Sprachen gehen Frage und Antwort hin und her. -Der junge Bursche, scharf befragt über Stellung -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -und Stärke seines Regiments, spielt auf kindlichste -Weise den Einfältigen, sagt lauter unmögliche -Dinge. Der Major läßt ihm zwei Fasttage -androhen, falls er nicht vernünftig antworte. Er -zuckt zusammen wie gepeitscht, senkt den Kopf, -spricht keine Silbe mehr. „Braver Kerl“, brummt -der Alte und bedrängt ihn nicht länger. Plötzlich -sucht der Russe in seinen Taschen herum, schüttelt -verzweiflungsvoll den Kopf, redet heiser auf -den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlüsse -werden erwartet, der Adjutant überspitzt seinen -Bleistift. Aber ein Dolmetsch nach dem andern -lacht. Was wir erfahren ist nur, daß der Gefangene -im Gefecht seinen Tabak verloren hat; -flehentlich läßt er um etliche Zigaretten bitten. -Der Bosniak erfüllt seinen Wunsch, der Russe -zündet an und setzt sich, da sich niemand weiter -um ihn kümmert, auf einen nahen Stuhl, wo -ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die -Zigarette entfällt seiner Hand; er schnarcht. -</p> - -<p> -Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen. -Der Feind hat alles gewonnene Gelände -wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -fliegt niedrig über das Tal. Der junge Russe -wird unsanft zum Abmarsch geweckt. Der Major -befiehlt mich für morgen zum Mittagessen nach -Hosszuhavas. -</p> - -<p> -Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum -nach Kristl umsah. Er hatte sich aufgerichtet. -</p> - -<p> -„Sind Russen da?“ -</p> - -<p> -„Ja, Gefangene. Sind schon abgeführt.“ -</p> - -<p> -„Ach so, Gefangene“, wiederholt er mißtrauisch. -</p> - -<p> -„Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren -auf einem feurigen Wagen?“ -</p> - -<p> -Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden -Laternchen war vor einer Minute am -Fenster vorbeigekommen. Das muß der feurige -Wagen gewesen sein. Ich bewies es ihm umständlich, -und er schien es nicht zu verwerfen. -Erklärte ihm auch, daß er morgen nach Palanka -gehen und von dort aus in die Heimat fahren -dürfe. Er zeigte keine Freude. „Dahinten sind -lauter fremde Leute“, sagte er. -</p> - -<p> -Sehr bestimmt kündigte ich ihm schließlich an, -er werde jetzt gleich wieder einschlafen, morgen -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -früh aber, sobald ich ihn kräftig anhauche, wieder -erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken, -Weißbrot mit Marmelade essen und guter Dinge -sein. Er versuchte eine stramme Haltung und -sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender -Bewegungen über sein Gesicht, um ihn -wieder einzuschläfern. -</p> - -<p> -Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu -Glavina: -</p> - -<p> -„Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter -Zeit hinterlaßt ihr einander Zeichen, sogar in -Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am -Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und -sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, -schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-50"> -6. Dezember, mittags -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Aktion begann im Morgengrauen und ging -auf wie eine Gleichung; seit neun Uhr steht kein -Russe mehr auf dem Mihályszállás; sie sind bis -zum Monte Ardelle zurückgegangen. Die Aufgabe -ist gelöst; vor zehn Uhr sind bereits ungarische -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -Offiziere eingetroffen, um die Stellung -kennen zu lernen, die morgen ihr Bataillon von -uns übernehmen soll. -</p> - -<p> -Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort -auf, aß mit großem Hunger. Nun wir ihm aber -eröffnen, daß er, mit einem ärztlichen Bericht versehen, -nach Palanka gehen dürfe, um von dort -aus nach Bayern zu kommen, will sich sein Gesicht -gleich wieder ins Störrische verziehen, doch -nimmt er sich zusammen und bittet schließlich mit -überlegten und herzlichen Worten, ich solle ihn -doch hier lassen. Fast könnte man glauben, sein -Gedächtnis für die Heimat sei abgeschwächt; -jede Veränderung scheint er zu fürchten und an -unseren paar Gesichtern zu hängen, als wären -sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so zerspringlichen -Wesen in dieser schwelenden Luft? -Und der Major und Leverenz, was werden sie -dazu sagen? Voreilig äußert Raab, wir würden -ja nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom -Sanitätsdienst etwas verstehe, könne er wohl noch -etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig -helfen. „Ich bin als Krankenträger ausgebildet“, -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -fällt Kristl eifrig ein; „Verbände mache ich die -allerschönsten, auch Arm- und Beinschienen.“ -Ich versprach, mir die Sache zu überlegen und -mit Kommandeur und Kompagnieführer zu besprechen. -Vorderhand bleibt er als Revierkranker -in Beobachtung und meldet sich zweimal am -Tage bei mir. Er geht sogleich mit Raab, sucht -sich nützlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente, -wickelt Mullbinden auf. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-51"> -Abends -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Während des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen, -ein junger Mann in ungarischer Tracht -herein, lächelt freundlich nach allen Seiten, geht, -ohne den buntumschnürten braunen Filzhut abzunehmen, -um uns herum, redet kein Wort, -betrachtet die Wände, betastet zärtlich Schrank, -Bild, Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit -großer Innigkeit auf uns, man merkt ihm an, -daß er unendlich viel zu sagen hätte. Der Major, -erzürnt über die Störung, springt auf und bedeutet -ihm, sich zu entfernen. Der Bursche, ohne -jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung, -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -tritt näher, streift den Ärmel hinauf und -zeigt schweigend eine lange, tief eingezogene -noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der -Major weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus, -nicht ohne uns unter der Tür noch einmal zuzulächeln. -Kaum ist er draußen, scheint unsern -Gebieter sein Zorn zu reuen, und schnell bediene -ich mich der gemilderten Stimmung, um mein -Anliegen vorzutragen, sage, daß Kristl als Infanterist -nicht mehr tauge, daß er in die Heimat -gesandt oder probeweise anderswie verwendet -werden müsse. „Wie wäre er verwendbar?“ – -„Als Krankenträger.“ – „Ist er als solcher ausgebildet?“ -– „Ja.“ Die Versetzung wird gutgeheißen -und gleich durch Ferngespräch mit Leverenz -geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl -einen Weihnachtsurlaub zudenkt und das Eiserne -Kreuz für ihn bereitgelegt hat. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-52"> -Bálványos-Patak, 7. Dezember 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Mittags abgelöst brachen wir auf nach dem Bálványostal, -das nahe bei Gymesbükk zum Trotusul -herabfällt. Auf Gebirgswegen zogen die Kompagnien; -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten -den zugefrorenen Hidegség entlang, zuweilen -über ihn weg. Vom starken Glanz eines zertrümmerten -Eisblocks geblendet, scheuten die -drei Gäule auf einmal und wollten in hohen -Sprüngen davon, beruhigten sich aber bald. In -scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp, -wozu die Pferde nicht viel Ansporn brauchten; -sie fühlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise -nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller -Kraft einzuschlagen. Wir holten einen Verwundeten -ein, der durch gelockerten Verband nachblutete; -bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann -allein weiter. Der Himmel streifte sich, es -roch nach Schnee. Schon traten die Häuser von -Gymesbükk hervor, da sah ich einen ländlichen -Zug mit vielen hochbepackten Wagen auf dem -anderen Ufer entgegenkommen. Das erste Gespann -mutete mich bekannt an; ich lenkte hinüber -und erkannte wirklich die schönen silbergrauen -Stiere, daneben die große Frau, die jetzt -als Führerin vieler Familien erschien. Als letzte -mochte sie geflohen sein; als erste kehrte sie zurück. -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen -bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter -schob nach, der Greis, mit bereiftem Bart, -schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am -Ufer, ging der Knabe, dick behandschuht, das -Bild unterm Arme, man sah unter zersprungenem -Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen -auf Silbergrund. Ich rief einen madjarischen -Gruß, – „Isten hozta“ gab die Mutter mit klarer -Stimme zurück und näherte sich, wie um etwas -zu fragen. Ich mußte äußeres und inneres Ohr -scharf anspannen, um sie zu verstehen. Vor allem -wünschte sie zu wissen, ob Häuser in Hosszuhavas -zerstört worden seien, und war sichtlich froh, als -ich dies verneinte. Dann fragte sie, was für Gegner -wir gehabt hätten. Als ich sagte „Russen“, -lächelte sie und meinte, dann hätten sie kaum -zu fliehen brauchen, die Russen täten kleinen -Bauersleuten nichts zuleide, auch hätten sie mehr -Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumänen. Als -ich weiterreiten wollte, zog sie ein Säckchen -vom Wagen und reichte mir daraus eine Handvoll -gedörrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir, -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -um diese fromme Gebärde zu erwidern, als einen -frischen Kommißlaib; aber gerade damit schien -ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir -auf, daß sie alle sehr blaß und elend aussahen, -gewiß hatten sie Mangel gelitten. Der Knabe -wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel -an einen Stein und sprang vergnügt heran, um -sein Stück zu erhalten. Beim Eingang in das -Tälchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal -zurück: die Karawane überquerte gerade -den Hidegség, hell blinkte der Silbergrund des -Bildes in der Abendsonne. Um halb fünf Uhr -erreichten wir das Quartier. Es ist wieder eine -Bauernstube mit niedrigen, teppichverhangenen -Wänden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der -Front; die Einwohner gehen wie im Frieden -ihrem Tagewerk nach. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-53"> -9. Dezember -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Seit ich mein Gepäck immer so klein und nah -beisammenhalte, bin ich stets zum Aufbruch bereit -und kann mir in den Minuten, wo ich mich -sonst in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte, -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -das eben Erlebte ein wenig zu erklären -suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und -Schreiben; auf drei Uhr war die Gesundheitsprüfung -angesetzt, für welche sich der große -Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der -Kälte wegen trieb ich zur Eile. Niemand zeigte -sich einer Ansteckung verdächtig; das Geschäft -verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schluß -eine seltsame Störung. Während an der hellsten -Stelle der Scheune die letzte Reihe völlig entkleideter -Soldaten an mir vorüberzog, kam unversehens, -halb schwankend, halb tanzend, die -junge Frau des Hauses herein, in der linken Hand -einen Krug schwingend, die Rechte wie zum -Greifen ausgestreckt, und ging geradenweges -auf die nackten Männer zu, wobei sie unverständliche -Worte, rumänisch mit ungarisch vermischt, -vor sich hin sang. Wie wir gehört haben, -ist sie die kinderlose Witwe eines in Rußland -Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines -alten Knechtes und einiger Mägde ihr Anwesen -so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer überhaupt -der Trunksucht verfallen ist, wissen wir -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -nicht; jedenfalls hat sie gestern, als uns Freiwein -gewährt wurde, mehreren Leuten einen Teil -ihres Maßes gegen Milch und Eier abgetauscht -und, wie es scheint, einen ansehnlichen Vorrat -zusammengebracht. In ihrem Rausche muß sie, -vielleicht vom Stall aus, unsere ungewöhnliche -Parade erspäht haben, und es ließ ihr keine Ruhe, -bis sie eingedrungen war. Eigentlich hätte ich -sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die -Erscheinung war voll bannender Kraft, nie vorher -hatte ich Besessenheit so vollkommen gesehen, -man konnte sich nicht abwenden, und -alle Bedenken schwiegen. Das Gesicht ist von -der halb madjarischen, halb romanischen Schönheit, -die einem hierzulande oft begegnet; bei -nüchternen Sinnen mag es ein sehr anmutiges, -eher schüchternes Wesen sein. Jetzt aber drückten -ihre Züge zugleich Erstarrung und Entfesselung -aus; kein Lachen oder Lächeln hatte Raum in -diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft. -Augenscheinlich ist auch, daß sie sich, trotz -dem Werktag, mit ihrem Sonntagsstaat angetan -hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide, -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien -überreich verziert. Es waren gerade -die jüngsten Leute des Bataillons, die noch nackt -vor mir dastanden; ihnen näherte sie sich, hob -ihnen den Krug entgegen und trank ihnen zu. -Nun merkte ich erst, daß ihre Augen fast ganz -geschlossen waren; sie schien durch die Lider -zu blicken, als wären diese von durchsichtigem -Stoff. Als sie einem der Jünglinge den Krug anbieten -wollte, reichte sie ihn vorüber einem Unsichtbaren, -so daß ihr Gehaben ein wenig an jene -wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas erinnerte. -Die jungen Leute hatten sich indessen von -ihrem Staunen erholt; sie begannen sich zu -schämen und warfen ihre Hemden über. Nun -war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und -Raab führten die Frau hinaus. Sie ließ es geschehen, -ging aber dabei rücklings, den Blick -immer ins Innere des Raums gerichtet, singend -und mit dem erhobenen Krug winkend. -</p> - -<p> -Nach beendetem Dienste stieß ich im Hof auf -den Gefreiten, der den Abmarschbefehl überbrachte. -Ihm folgte ein sehr alter Mann in rumänischer -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Tracht, ein dicht verhülltes Kind im -Arm, nahm den Hut ab und fragte, ob ich der -Feldgeistliche wäre. Der Säugling, sein Urenkelkind, -sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft, -kein Priester weit und breit zu finden, -ob ich es nicht übernehmen wolle, ihm das Sakrament -zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer -ein; er ist Kandidat der Theologie und hat bereits -die niederen Weihen, – ihn ließ ich rufen -und übergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand -wenig Hoffnung läßt. Auf der Straße sammelte -sich bereits das Bataillon, keine Zeit war -zu verlieren, und so vollzog der künftige Priester -die einfache Handlung, zu der im Notfall eigentlich -jeder Christ berechtigt wäre, gleich in der -Stube der jungen Bäuerin, die noch immer nicht -aufhörte, zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm -sie heftig anfuhr und ihr unverzüglich Wasser -zu bringen befahl, was sie einigermaßen ernüchterte. -Die gelassene hart scheinende Art, -wie er auch weiterhin mit dem Weibe umging, -gefiel mir sehr; sie hob ihn über sein gewöhnliches -Wesen hinaus, mir war, als sähe ich ihn -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -zum erstenmal. Indem er fortfuhr, böse mit ihr -zu tun, legte er ihr schließlich das Kind in die -Arme und gebot ihr, es über das Becken zu halten -und zu schweigen. Der junge Stelzer waltete begeistert -seines Amtes; klar und ohne Hast sprach -er sein lautes Ego te baptizo, während auf der -Straße draußen die Kompagnien bereits ihre Tornister -aufnahmen. Die schöne Bacchantin nahm -sich gewaltig zusammen; eingeschüchtert von -der Würde des Vorgangs wandte sie keinen Blick -von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens -geworden war. Allmählich war es, als füge sie sich -mit heimlicher Lust in ihre sanfte Demütigung; -einmal hörte man sie schluchzen, und plötzlich -fielen Tränen auf den Täufling nieder, der immer -schwächer dem Tod entgegenröchelte. -</p> - -<p> -Ich muß schließen; das Pferd stampft und blickt -wiehernd nach mir um. Der Himmel wölkt sich -tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und -Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort, -wenn jemand sie nach dem Ziel des Marsches -fragt. Wieder soll ein großer Berg an die Russen -verloren gegangen sein. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-54"> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Palanka, 10. Dezember 1916 -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Erwachend glaubte ich durch das dunstige Fenster -zwei weiße Tauben zu sehen und stand auf, -um mir das Pärchen genauer zu betrachten: da -waren es die zwei Ohren eines Maultierschimmels, -die sich bewegten. Das abgemagerte Tier -stand eingespannt vor einem Schlitten, den -Rücken ganz verschneit, zuweilen den Boden -aufscharrend, um ein Moos oder eine Wurzel -zu finden. Von der Brigade kommt ein Fernruf: -der Marsch unterbleibt! Gern läse ich in Glavinas -Blättern, bin aber niemals allein am Tisch, -nun summen die Sprüche von selber dahin. -Drunten am Trotusul ist das Ufer stellenweise -noch frei von Eis; klarstes Wasser läuft über -Kiesel, die so golden schimmern, daß mir Wilhelms -Briefchen einfiel; dem Kleinen zum Gedenken -hob ich denn ein paar besonders glänzige -heraus, aber da war alles Leuchten verloschen. -Dennoch steckte ich einige in die Tasche; dem -Söhnchen wird es nicht schaden, wenn ihm sein -Vater statt Gold Steine bringt, es sind gar hübsche -darunter, alabasterweiße mit lila Geäder, mattgrüne -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -wie Vogeleier getupfte, rötliche und gelbe. -Emporsteigend kam ich durch Fichtenwald. -Überhängender Fels hält von einem kleinen mit -Moos und breitblättrigem Efeu bewachsenen -Flecken den Schneefall ab. Dort fand ich auch die -Pflanze wieder, die einst dem Knaben palmenhaft -begegnet war; in allen Stufen ihres Wachstums -umsäumt sie die grüne Insel. Aber liegt es an -meinen Augen, die nicht mehr kindlich sind, -oder hat sich wirklich das Gewächs von seiner -Grundfigur entfernt: nur wenige Stauden erinnern -hier ein wenig an die Palme, die meisten -sind, indem sie schon unten vom Schaft aus -Blätter hervortrieben, wuchernder Entartung verfallen. -So mag es oft gehen, daß der Geist des -Lebens einen hohen Gedanken denkt; aber das -Geschöpf, dem er auferlegt ist, vermag sich beim -Nahen der Entwicklung nicht zu halten, lüstern, -sich selbst übertreibend, zerbricht es die Melodie, -und alles zerstiebt. Was liegt aber dem Leben -an milliardenfachem Mißlingen? Es kann den -Dorn zum Blatt, das Blatt zur Rose formen; es -hat Zeiten und Sterne genug, um umzuzeugen -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -und umzugebären, einmal wird es doch schwingen, -wie der Geist es will. Am Heimweg hörte -ich in den Baracken fröhlichen Lärm und -Gesang, Schnee fällt noch immer; eine stetige -weiße unendlich beschwichtigende Bewegung -ist der Tag. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-55"> -Kóstelek, 13. Dezember 1916, ½12 Uhr nachts -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Alle schlafen, auch ich schon zur Hälfte; dennoch -will ich mir Weg und Ankunft vergegenwärtigen, -morgen ist vielleicht keine Zeit. Früher -wußte ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen -schreibt; jetzt aber sind sie mir wie die Brotkrümchen, -welche Hänsel und Gretel im Walde -ausstreuten, um gewiß wieder nach Hause zu -finden. Freilich, als die Kinder dann wirklich -den Heimweg antreten wollten, da hatten die -Vögel alles aufgepickt, – aber da beginnt ja auch -erst das eigentliche Märchen. -</p> - -<p> -Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag. -Die Leute hatten innerhalb der Baracken -in großen Blechkesseln Feuer angezündet; einige -wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -auf dem halbgrünen Maisstroh. Jeder spürte nun -erst seine ganze Ermüdung, jeder lobte das beharrliche, -ruheverbürgende Gestöber. Draußen -sah ich einen Mann, der aus Übermut Brot in -Schnee packte und über das Barackendach warf. -So besprengt man da und dort in Niederbayern -zur Weihnachtszeit Schneeballen mit geweihtem -Wein und schleudert sie über das Haus, um es -vor Unglück zu bewahren. Aber nach zwölf Uhr -schneite es nicht mehr; Ostwind öffnete den -Himmel, und bald hörte man wieder Schüsse -aus schwerem Geschütz das Tal durchhallen. -Um die zweite Stunde kam der Marschbefehl. -Dem Trotusul entlang zogen wir bald über ungarisches, -bald über rumänisches Gebiet. Eine -Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der Russen, -deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen. -Sie bemerkten uns, zielten aber schlecht; Granaten -schlugen in den Fluß und jagten Wassersäulen -auf, beschädigt wurde niemand. Ciugesu -durcheilten wir ohne Aufenthalt und stiegen -dann durch ein Seitental aufwärts. Überall ist -Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut; -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -blaue Schattenwände stießen an Wände von -brennendem Silber. In Cyges warteten wir über -eine Stunde, niemand wußte, worauf. Der Major -war vorausgeritten; der Adjutant, wunderlich -verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft -über das Ziel der Bewegung. Einmal, an kahler -Gegenwand, springt die Straße schräg nach oben -zurück, und während wir als Letzte noch tief -unten in Schattenkälte gingen, sahen wir unsere -vordersten Gruppen bereits hoch über uns vor -orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und -dahinter verschwinden. Diese gehorsam-stetige -Prozession grauer Männer, die aus der scharf -abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte, -zog immer wieder den Blick empor; man freute -sich, auch bald auf den hochbeglänzten Steig zu -gelangen und vergaß darüber den beschwerlichen -Weg. -</p> - -<p> -Oben, während einer kurzen Rast auf weitem -Schneefeld, meldete sich ein Infanterist krank, -einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns -gekommen sind. Während er sich nähert, muß -er von Leuten seines Zuges harte Worte hören, -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten, -und weicht erst auf meinen Anruf zurück. „Achtundzwanzig -Monate wart ich auf Urlaub,“ schreit -der alte Lutz; „krumm und grau werd ich im -Krieg, und du, papieriger Kerl, willst dich am -zweiten Tage drücken!“ „Durchhalten, Herr -Kamerad, durchhalten!“ höhnt ein anderer. Der -junge Mensch, ein verwöhntes Knabengesichtchen -unter viel zu großem Stahlhelm, erklärt fast -weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet -und werde wiederkommen, sobald er -gesund sei, jetzt aber könne er nicht mehr. Man -lacht ihn aus. Sein Atem stößt weißrauchend in -die Kälte, und die Augen glänzen von Fieber; -aber dafür haben die andern jetzt keinen Blick. -Von Müdigkeit und ungewisser Zukunft überreizt, -hassen sie wie Verdammte einen jeden, -der sich der gemeinsamen Hölle entziehen will. -Ich beschloß, die zudringlichen Schreier einfach -zu überhören und die Sache kurz zu machen, -fühlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen -und wollte eben eins der rotgeränderten -Täfelchen nehmen, um die nötigsten Angaben -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -daraufzuschreiben und es dem Kranken an den -Mantel zu heften, damit er seinen Weg ins -Lazarett antreten könne, da rennt, mit ängstlicher -Miene, Dehm daher, entschuldigt sich -wegen Verspätung und beginnt nun aus der alltäglichen -Sache eine große Angelegenheit zu -machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen -auf dem Schnee zusammen, läßt den Mann darauf -lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen -und meldet mir gestreng, daß Infanterist -Löhr zur Untersuchung bereitliege. Nach -und nach fing ich wieder einmal an, Dehms -überlegene Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht, -wie gar ansteckend die Neigung, sich krank zu -melden, in solchen Fällen werden kann; selber -Soldat von festestem Holz, will er lieber grausam -scheinen, als die längst gefährdete Zucht -gelockert sehen. Ja, die mißtrauischen Späher -sollen erfahren, daß es bei uns keine Läßlichkeit -gibt, daß wir peinlich wie Krämer die Schwere -der Krankheit abwägen wollen. Achtungsvoll, -doch unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des -höchst schwierigen Sanitätsoffiziers hinein, – -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -was bleibt mir übrig, als den frierenden Menschen -umständlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den -Fiebermesser einführen zu lassen wie im Spital? -Still wird es um uns; im Banne der klinischen -Zeremonien erstirbt jedes widerwärtige Wort. -An dem schwach Darniederliegenden erkennen -die andern allmählich, wie sehr sie selber doch -stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder -angekleidet, gegürtet und mit seinem Krankentäfelchen -behangen ist, stapft er unbehelligt wie -ein Räudiger gegen Palanka davon. -</p> - -<p> -Vor fünf Uhr hielten wir an einem hohen steilen -Hang; man sah in das Tal eines halbvereisten -Flusses hinab. Zwischen Häusern brannten -Lagerfeuer, in deren Schein österreichische Soldaten -ruhig hin und her gingen. Wir standen -und schauten. Von Osten scholl Kampflärm; -ein breiter Gipfel erschien von Leuchtraketen und -Einschlägen vulkanisch, doch nur eine Minute -lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau -zu vielen andern. Rings aber schuf der letzte -Sonnenrand ein seltsames Licht. Hellgrün lagen -die Schatten auf rötlichem Schnee, ein Birkenbäumchen -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -war mit reinstem Smaragd hingezeichnet, -und wer vor sich hinsah, erblickte sich -selber als grüne Gestalt. Niemand hatte Lust zu -reden; man hörte Stückchen gefrorenen Schnees -klingend hinunterhüpfen wie leichtes Metall. -Auf einmal wehte es kälter, da war auch schon -das untergängliche Licht vom Weiß der Landschaft -abgelaufen wie von Porzellan. Der Adjutant, -auf der Karte suchend, erläuterte, wir stünden -über dem Sulta-Tal, und die Häuser gehörten -zu dem ungarischen Grenzdorf Sóstelek, von -hier aus hätten wir noch sechs Kilometer nach -Kóstelek zurückzulegen. -</p> - -<p> -Da sich kein Fußweg fand, stiegen und rutschten -wir hinunter wie es ging. An den Feuern vorbei, -deren Glut unsere Wangen streifte, zogen -wir auf der Straße weiter, von jetzt ab die Front -im Rücken. Nach manchen Aufenthalten erreichten -wir Kóstelek um elf Uhr. Der abnehmende -Mond stand schon hoch, zwei ruhig -leuchtende Planeten dicht über ihm. Mit dem -Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier -und einigen Telephonisten bin ich in -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -der großen Stube eines Häuschens untergebracht, -das abgesondert auf einem Hügel steht. Von -einem qualmenden Lämpchen war der Raum -halb hell. Ein schönes Weib erhob sich, als wir -eintraten, völlig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen -Mädchen von einem breiten, mit Heu -gefüllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefaßt, wachsam. -Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste, -gab sie zu verstehen, daß sie uns das Lager abtreten -und auf Stroh neben dem Ofen schlafen -wollten, in allen übrigen Räumen des Hauses sei -es für die Kinder zu kalt. Wir lehnten dies ab -und ließen merken, daß wir für uns bleiben und -ihre Ruhe so wenig als möglich stören wollten. -</p> - -<p> -Während wir uns zu Tische setzten, kehrten sich -die drei zur Wand und sprachen halblaut ein -Gebet, manchmal sich verneigend oder sich bekreuzigend, -wobei das kleine Schwesterchen sich -jedesmal mit aller Faustkraft in die Magengrube -schlug. Ich beugte mich vor, um das Kruzifix -oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung -erwiesen; aber da war nur ein Haken, -darunter ein heller viereckiger Fleck mit schwarzem -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Saum an der leeren Wand. Hier also hatte -das Bild gehangen, gewiß viele Jahre; nun ist -es verschwunden, vielleicht von Soldaten als -Brennholz verwendet, wer weiß es, dem Blick -der Frommen aber sichtbar alle Zeit. Glavinas -Traum fiel mir ein, wie er als Kind über Gebirge -ging und auf einem leeren Blatt beseligende -Dinge las, unbekümmert um Gewitter und Rufe -der Toten. -</p> - -<p> -Die Mädchen schliefen bald wieder; die Frau -saß noch eine Zeit am Bette, das Kinn in der -Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch -allen Kummer hindurch von wunderbarer Beständigkeit -und Klarheit. Sie muß Böses erlitten -haben und erwartet auch von uns nichts Gutes. -Mir kam nun erst die schreckliche Kahlheit des -Zimmers zum Bewußtsein. Nicht nur das eine -Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie -Kreuz und Uhr sind bloß durch Staub und -Spinnenweben angedeutet. -</p> - -<p> -Der Adjutant wurde jetzt gesprächiger; er verriet -uns, daß die Russen weit vorgedrungen seien -und den Gymespaß gefährdeten, wir müßten uns -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -auf unruhige Tage gefaßt machen. Übrigens sei -die Lage nicht klar, er wenigstens wisse keineswegs -genau, welche Berge vom Gegner besetzt -seien. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-56"> -13. Dezember, sieben Uhr morgens -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Immer weniger gern ruf ich mir Träume zurück; -der aber war so klar, so voll Hindeutung. Wir -lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen -verödeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft. -Starker Wind wehte; Granaten wechselten -eintönig über uns. Furcht lag auf mir. Mein -Leib hatte nahezu völlig sein Gewicht verloren; -ich fühlte mich wie eine Flaumfeder leicht und -mußte gewärtigen, daß der zunehmende Wind -mich alsbald emporheben und zu den Franzosen -hinübertragen werde. Da schmiegte sich etwas -an meinen Ellenbogen, und siehe, es war -Matschka, das graue Kätzchen, das ich in Kézdi-Almás -hatte sterben sehen. Groß und hübsch war -es geworden, das weiße Flöckchen im Nacken -glänzte wie ein Licht. „Wie geht es dir?“ sagte -ich und wollte es streicheln; da sprang es mit -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -weitem Satz in einen der wassergefüllten Granattrichter, -verschwand und tauchte nach einer -Weile wieder auf, eine schimmernde, mit roten -Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug -und in demütiger Haltung vor mich hinlegte. -Wie froh war ich! Die Granate ist schwer, -sagte ich mir, – wenn ich sie in der Hand halte, -kann mich der stärkste Wind nicht mehr mitnehmen. -Als ich sie aber ergriff, war es kein -Geschoß mehr, sondern ein zappelnder, goldgrauer -Fisch mit rötlichen Punkten. „Der muß -gebraten werden!“ rief eine wohlbekannte Stimme -hinter mir. Ich sah mich um, da stand Vally -vor einem Herdfeuer, neben ihr Wilhelm, und -auch dieser schrie: „Der muß gebraten werden!“ -Sonderbar lächelnd nahm Vally den Fisch und -übergab ihn dem Söhnchen, das ihn zum Herde -trug. Dann legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten -uns und drängten uns innig aneinander, -wobei mir ein wenig auffiel, daß sie wohl Vally -war, zugleich aber auch Regina, dann wieder -die Ungarin, die hier in der fremden Stube schlief. -Aber wie liebte ich die drei Frauen in der <em>einen</em> -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -Gestalt! Wie waren sie wirklich <em>ein</em> Wesen, -mächtig seiend eine in der andern! Freilich, irgendwo -in der Tiefe, wo der Traum selber zu -träumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller -Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen -ließ; aber auch das ging vorüber. Sie versteht -kein Deutsch, ich kein Madjarisch, fuhr -es mir durch den Sinn, und dieser Gedanke gab -mir unendliche Freiheit; selig fühlte ich meine -Schwere in mich zurückkehren. Dabei löste -sich eine blaue, aus innen leuchtende Wolke -von uns ab, stieg empor und entfernte sich -bis zum Horizont hinaus. Wir standen auf und -betrachteten aufmerksam dieses Gewölk, an -dessen Rande sich lange Reihen winziger blinkender -Wesen, Insekten ähnlich, entwickelten. -Sie näherten sich und wurden dabei groß und -kriegerisch. Am Ende waren es wirkliche Soldaten -mit silberblauen Stahlhelmen, von rotgeflügelten -Generalen geführt; in schräger glänzender -Flucht zogen sie zahllos über uns hin und -durch uns hindurch wie durch Rauch. Auf einmal -stand Wilhelm neben mir, zur Reise gegürtet, -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -einen Stab in der rechten Hand, in der linken -einen Teller mit dem Fisch. Ich stand auf, gab -dem Knaben zu essen und aß dann selber. Kaum -hatte ich einen Bissen hinuntergeschluckt, da begann -ich zu begreifen, daß es doch eigentlich -drei verschiedene Frauen gewesen waren, die ich -umarmt hatte, und das bekümmerte mich sehr. -Wilhelm aber ließ mir keine Zeit zu grübeln, – -„Vater, es ist Zeit!“ rief er und stieß ungeduldig -den Stab auf den Boden. Wir gingen einer Ferne -entgegen, die ganz in Flammen stand, da machte -ich die Augen auf und sah in ein helles Ofenfeuer -hinein. Die junge Frau setzte gerade einen -großen Kessel auf die zischende Platte. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Alle sind nun aufgestanden; bloß die zwei Mädchen -schlafen noch. Der Adjutant wünschte guten -Morgen und fragte, ob es mich nicht sehr ermüde, -immer so viel in mein Heftchen zu kritzeln; er -zerbreche sich den Kopf darüber, was ich denn so -Merkwürdiges zu verzeichnen habe, im Grunde -sei der ganze Feldzug doch ein gräßlich langweiliges -Einerlei. Übrigens möge ich doch vorsichtig -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -sein und keinerlei militärische Tatsachen -erwähnen, wir kämen in ein schwieriges, unübersichtliches -Gelände, da seien die größten Überraschungen -denkbar, und falls ich das Unglück -hätte, in Gefangenschaft zu geraten, könnte wohl -Schaden entstehen. Es gelang mir, ihn zu beruhigen. -– Die junge Frau hantiert noch immer am -Herde. Von allen Gesichtern, die mir bisher in -diesem Grenzgebiet begegneten, hat sie das feinste, -klarste, entschiedenste; nichts Verschwommenes, -nichts Liegengebliebenes findet sich darin; -es verhält sich zu vielen anderen wie die Ausführung -zu den Skizzen. Meine Müdigkeit von -gestern ist verflogen, die ziemlich wunden Sohlen -beinah geheilt. Gewiß ist es die gesunde Urnähe -des Weibes, die den Schlaf so erquickend gemacht -hat. Die Winterluft schmeckt, als wäre ein säuerliches -Mineral darin aufgelöst. Die Sonne saugt -am bläulich morschen Mond. Im Osten schimmert -himmelgelb das Eis der Sulta. Auf einmal -beginnen die Kanonen zu schlagen, da werden -die Kinder wach. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-57"> -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Sulta-Tal, elf Uhr vormittags -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Um acht Uhr waren wir abgerückt und in kaum -einer Stunde nach Sóstelek zurückgelangt. In -den Höfen sah man die Bewohner arbeiten; Knaben -bauten einen Schneemann. Staunendes Gedränge -war um ein österreichisches Brigadequartier; -hier hing, an den Hintertatzen aufgeknebelt, -eine riesige tote Bärin zwischen ihren zwei Jungen -von der Altane herab, und eben erhoben -zwei Husaren lange Messer, um die Tiere aufzuschneiden. -Soldaten und Volk, darunter viele -Weiber mit mohnroten Kopftüchern, sammelten -sich um das ungewöhnliche Geschäft, und niemand -verlor einen Blick an unseren eiligen alltäglichen -Zug. -</p> - -<p> -Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte -Landschaft unter waldigen Hügeln hin, aus denen -graue Holzhütten preußischer Pioniere wie Klausen -von Einsiedlern hervorsahen; es war, als -gingen wir mitten in ein altes Bild hinein und -würden ein Teil davon. Der Luft war etwas Föhn -beigemischt; abgleitender Schnee hing locker -wie Tuch von starken Ästen. Das Tal ist voller -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -Vögel; wir sahen Raben, die immer sonderbare -Seitensprünge machten, als ob ihnen jemand auf -die Zehen träte; Dompfaffen, die Brust wie blutend, -überflatterten die Straße. Auf einmal bog -sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen, -und bald, im verengten Flußbett, verkündete sich -wieder der Krieg. Zerbrochene Räder und Lafetten -standen aus dem Eis, daneben Geschützrohre -mit verkrümmten und zerrissenen Mäulern. -Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und -Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin, -fast schneefrei, lag ein vollkommenes Pferdegeripp, -noch alle vier Eisen an den Hufen, das -Ganze wohl mehr vom Frost als von den mürben -Kapseln der Gelenke zusammengehalten, von -Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut -am Schädel das einzige, was den spitzen Schnäbeln -der zierlichen Vögel noch abzupicken bleibt. -Fast hätten wir daneben einen schön gesäuberten -und gebleichten Totenkopf übersehen, auf dem -noch verwegen die Rumänenmütze sitzt; was -etwa sonst noch von dem Manne übrig ist, liegt -im Schnee verborgen. Etliche behaupteten, von -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -links her Gefechtslärm zu hören, auch mir kam -es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es -für bedenklich, in der engen, blickverstellenden -Schlucht vorzurücken, da doch niemand genau -die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben, -zunächst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das -Tal östlich absperrt. Er heißt Vadas; die Russen sollen -sich vorgestern auf seinem Gipfel verschanzt -haben. Einmal teilt sich die Straße, um gleich -wieder zusammenzulaufen; in der Gabelung steht -eine Dampfbrettersäge mit ausgedehnten Seitengebäuden. -Massen deutscher und österreichischer -Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem -Fug rügte der Major, daß dieser Vorrat, in dem -ein einziges Feindgeschoß unermeßliche Wirkungen -auslösen könnte, noch nicht geräumt -werden sei. Woher aber hätte man in den zwei -Tagen Fuhrwerke, Gäule und Leute genug nehmen -sollen, um alles zurückzuschaffen? So blieb -auch uns nichts übrig, als tadelnd vorbeizuziehen -und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben -Stunde hatten wir die bretterne Hütte erreicht, -in der ich jetzt mit meinen Leuten hause. Sie -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet. -Stabsarzt S., den ich ablöste, erzählte sehr -überzeugend seine Erlebnisse von den letzten -Tagen. Einige Züge seines Bataillons hatten gerade -das Dörfchen Sulta besetzt, das hinter dem -Vadas liegt, als die Russen, die man auf der -Flucht glaubte, zurückkehrten und mitten im -Schneegestöber mit höchstem Ungestüm angriffen. -Ein deutscher Zugführer fiel; seine meisten -Leute wurden gefangen oder getötet. Der Arzt -konnte sein Quartierhaus gerade noch durch die -Stalltür verlassen, als bereits ein tscherkessischer -Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeißglas, -Verbandtasche und ein unersetzbar schöner Pelzmantel -mußten zurückbleiben. Am folgenden -Morgen brachten pfälzische Truppen den feindlichen -Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel -ist verloren. Übrigens bezeichnet S. die beiden -hier im Tälchen verbrachten Tage als reine -Erholung; kein Schuß ist bis jetzt hereingefallen. -Freilich, meinte er lachend, könne diese verwunderliche -russische Friedsamkeit auch von dem -schwierigen und ganz verschneiten Gelände kommen, -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -das die Beförderung der Geschütze sehr -verlangsame. Unser Major meinte, mit seinen -Fernrohren überblicke der Gegner das Tal bis -in die letzten Winkel, er werde nicht lange dulden, -daß wir uns hier herumtummeln. „Der Assistenzarzt“, -entschied er, „geht auf alle Fälle bis -zum Fuße des Vadas mit. Wir bauen dort einen -Unterstand ein; es kann keine besser geschützte -Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich -Ihnen nicht entgegen sein.“ Ich hatte mir indessen -schon die Verteilung des Raums zurechtgedacht -und fand allerlei Gründe für mein Bleiben, -merkte aber, daß mich der Alte ungern zurückließ. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-58"> -Abends neun Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Es ist ruhig; weder Kranke noch Verwundete -kommen, selten fällt auf dem Berg ein Infanterieschuß. -Ich verfaßte mit Raab den fälligen Rapport, -begann auch noch Briefe zu schreiben, aber -der Schlaf wird übermächtig. Die Hütte ist voll -Tabaksqualm; das Paraffinflämmchen leuchtet -schlecht und schneidet mir böse Gesichter. Alle -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -haben sich schon hingelegt; nur Kristl schnitzt -noch Schienen. Er tut immer still und willig, -nur manchmal etwas ängstlich, seinen Dienst. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-59"> -Freitag, 15. Dezember morgens -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Im Traum sah ich eine schwarze Wolke, die -sich um den Vadasgipfel legte, und ging nach -dem Erwachen gleich hinaus, um zu sehen, ob -sich der erste Traum im neuen Haus erfülle. Die -Luft ist aber noch durchsichtiger als gestern; -der Frost, mit gläsernen Pranken, tritt weit in -das fließende Wasser hinein. Verwundete sind -gekommen mit schlimmem Bericht; unverhohlen -freuen sie sich ihrer durchschossenen Hände und -Arme. Die Tscherkessen haben den ganzen Gipfelwald -mit Stacheldraht umflochten; unangreifbar -sitzen sie hoch über der deutschen Stellung, -die sie durchaus überschauen. Die Unsrigen müssen -bei Tage wieder geduckt hinter Felsbrocken -liegen; der gestrige Nachmittag kostete fünf Leuten -das Leben. Im Tälchen ist es noch still. Ich -habe mir Wein eingeschenkt und krame wieder -einmal in Glavinas Zetteln. Leider sind mehrere -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -verloren gegangen, und ich muß wieder manches -aus dem Gedächtnis hervorspinnen, wobei -wie von selber viel Eigenes dareinfließt. Was -tuts! Genügen vom Kalium permanganicum -doch zwei, drei Körnchen, um ganze Krüge -Wassers rot zu färben. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-60"> -Elf Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Major und Stabsarzt haben doch recht vermutet: -die Russen beginnen leichte und mittlere Kaliber -auf die Straße zu werfen, schon sind ihnen einige -Fußgänger zum Opfer gefallen. Viel gelacht -wurde vorhin über einen jungen Fußverletzten -vom Vadas, der hartnäckig erklärte, nicht laufen -zu können und sich darauf versteifte, daß er nach -Sóstelek getragen oder gefahren werden müsse, -beim ersten Granateinschlag aber wie ein Wiesel -davonlief. Rehm und Raab glauben, unser Hüttchen -werde bis in einer Stunde nicht mehr stehen. -Meldung an den Major; Anfrage, ob wir nunmehr -den Verbandplatz zum Vadas vorverlegen -sollen. Rehm erbietet sich, das Blatt zu befördern, -bedingt sich nur aus, daß er allein gehen -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -dürfe. Auf einen einzelnen Mann, meint er, werde -Artillerie schwerlich schießen. Ich gebe ihm den -Rest des Weines mit und lasse zusammenpacken. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-61"> -Zwölf Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der -Schluchtwand; ich glaube, der Platz ist gut gewählt, -eigentlich kommt weit und breit kein anderer -in Betracht. Die Russen möchten uns gerne -herausschießen und sparen keine Munition; -Raab, als alter Artillerist, weiß uns aber zu überzeugen, -daß es nicht gelingen kann, sie mögen -zielen wie sie wollen. Ich hätte bei einem Haar -den Augenblick verpaßt. Raab wird nicht müde -zu schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt -habe, daß es an der Zeit sei, den Platz aufzugeben, -ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt, -ihnen vorauszugehen befohlen und unverzüglich -zu folgen versprochen, dann aber muß mich wohl -Glavinas dunkle Rede länger festgehalten haben, -als mir bewußt war. Draußen fuhr eine Granate -nieder, die blind im Boden stecken blieb. Das -Gebäudchen schwankte krachend; Staub und -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Schutt fielen auf das Papier. Ich sah mich um -und war allein, hörte aber fernher meine Leute -nach mir rufen. Sie konnten sich übrigens des -Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken -Hand meine Blätter, in der rechten das halbvolle -Weinglas, durch die Sulta zu ihnen hinüberstieg. -Bald kamen weitere Schläge, und wie ein Kartenhaus -flog die Bretterbude auseinander. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-62"> -Zwei Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Rehm ist heil zurückgekehrt. Der Major befiehlt, -in der nächsten Feuerpause den Verbandplatz -nach Sóstelek zu verlegen. Dort, meint er, könnten -wir mehr nützen als anderswo, Beschäftigung -werde nicht lange fehlen. Rehm sagt, er habe -sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher an -ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen -Leuten erkundigt und sich über unsere Erhaltung -sichtlich gefreut, im übrigen leider sehr -gealtert und bekümmert ausgesehen. Auch Leutnant -H. sendet Grüße; von seiner Stellung aus -hat er die Talbeschießung verfolgt, freilich nur -mit einem einfachen Fernglas, und uns alle tot -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -oder verwundet geglaubt. Noch ist kein Gefecht -im Gang, die Lage aber unerträglich; falls der -Tscherkesse nicht angreift, muß er angegriffen -werden. Nächste Nacht sollen schwere Minenwerfer -hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz -zu zerstören. Bei uns ist es ruhiger geworden; -selten fällt noch ein Geschoß. Verzeichnen muß -ich ein Gerücht, als habe der deutsche Kaiser den -Feinden Frieden angeboten. Wir bereiten uns -zum Gang nach Sóstelek. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-63"> -Drei Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -In künftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und -in der Luft, werden sich gewiß absonderliche -Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige -schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten -die Russen ihr Schießen eingestellt; bei tiefer -Stille waren wir, in gehörigen Abständen, zurückmarschiert -und etwa fünfhundert Schritt bis -an das große Sägewerk herangelangt, als eine -der preußischen Batterien, die nahe vor Sóstelek -stehen, zu schießen begann. Sie muß dem Gegner -etwas Arges angetan haben; denn auf dem -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Fuße, Schlag um Schlag, erfolgte maßlose Gegenwirkung, -und bald konnten wir uns nicht mehr -darüber täuschen, daß auch unser kleiner Zug -aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die -Umkehr, doch schien sie fast bedenklicher als -der Weitermarsch, und so liefen wir denn fort, -auf das Gebäude zu. Viele Geschosse schon waren -uns nachgerasselt, das letzte gerade noch -fehlend, da kam eines, dem gleich nach dem Abschuß -anzuhören war, daß es auf uns zuhielt. -Funken flogen auf, und während ich mir mit -beiden Händen den Hinterkopf zu schützen -suchte, war ich niedergeworfen und von Erdklötzen -halb eingegraben, dann trat Stille ein. -Glieder und Gelenke prüfend, erkannte ich mich -als unverwundet, stand auf und sah nach den -übrigen. Rehm, behangen mit Erde und Eis, -die Wangen leicht blutend, richtete sich eben -empor und lächelte mich etwas betreten an; die -andern standen seitlich, wie Statuen an die Felsen -gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen -Trichter, der nun in ganzer Breite die Straße -unterbricht. Ernstlich verwundet war niemand. -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Jetzt schien sich die russische Wut von uns abzuwenden, -und froh des glimpflichen Ausgangs -wollten wir unsern Weg fortsetzen, da geschah -etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die -Säge hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine -Explosion erfolgte, dann eine zweite, dann fünf, -dann unzählbare, und überall aus Dächern und -Wänden zwängten sich die Flammen. Wären wir -in diesem Augenblick mit aller Kraft weitergerannt, -wir wären gewiß noch durchgekommen -und säßen vielleicht beim Bärenschmaus in Sóstelek. -Aber ohnedies noch leicht betäubt, sahen -wir uns nur mit schauderndem Vergnügen das -Ereignis an und versäumten die günstige Minute. -Die Gegner ihrerseits begriffen schnell, was sie -angerichtet hatten; übermütigen Knaben gleich, -schossen sie wie rasend in den Brand hinein, und -noch immer, in schrecklich langsamer Steigerung, -entladen sich unaufhörlich die massenhaft -aufgeschichteten Patronen, Handgranaten, -Schrapnelle, Granaten und Minen. Wir brauchen -uns nicht an die Wände der Schlucht zu schmiegen; -die starken Luftwellen pressen uns an. In -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -uns und um uns ist ein Summen und Beben, -als würden Luft, Gestein und wir selber gleichmäßig -elektrisiert. Die Sprengstücke fliegen weit. -Dem Gefreiten Junker hat ein Splitterchen die -Ohrspeicheldrüse durchschlagen; das Blut spritzt -in langem dünnem Strahl in den Schnee, ist aber -leicht zu stillen. Mir ist die linke Hand geritzt; -es blutet wenig. An der Säge selbst, besonders -nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen -geben. So hat uns der Feind gewissermaßen -eine Festung in den Weg gesetzt, an der -wir nicht vorbeigelangen können. Immer noch -zürnt er gewaltig; unsere fernversteckten Batterien -fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie nicht -und rächt sich an den paar Leuten, die er sieht. -Der kleine Lüttich, vielleicht von einer Art Platzangst -erfaßt, kam auf den Einfall, aus der Schlucht -herauszuklettern und das offene Gelände zu erkunden; -er ist mit zerschmetterter Schulter zurückgekehrt. -Die schlecht verwaltete Festung -drüben fährt fort, zu verschwenden; bald wird sie -sich ausgegeben haben. Schließt man die Augen, -so hat man das Gesicht einer fürchterlichen, auf -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -kleinsten Raum zusammengeballten Schlacht, -von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein. -Wie langsam rückt die Sonne! Aber auch -durch böse Stunden läuft der Zeiger. Um fünf -Uhr muß es dunkeln. Um sieben Uhr können -wir in Sóstelek sein. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-64"> -¾4 Uhr -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Sonne verläßt schon die unteren Felsen. Man -friert nicht; der Brand wirkt herüber, Schnee -tropft vom Gestein. Auch die rings aufgeschichteten -Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen -dauern an. Oben am Gipfel ist man noch wachsam. -Rehm glaubte nicht mehr an die Gefahr, -ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen, -erhielt Feuer, kehrte zurück, unverwundet. -Über uns ist starre Klarheit; das Föhnige -hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher -Birke wippt ein winziger grauer weißbauchiger -Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige, hüpft -er unermüdlich auf und ab. Keiner der Genossen -ist niedergedrückt. Ja, die gepreßte Stunde, wo -Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist, als -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -festige und läutere sie den Grundstoff der Naturen, -und wie eine schlechte Bleiglocke, getaucht -in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt wie eine -silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten -Wesen zu tönen. Mancher erzählt von seiner -Kindheit, und fast jeder will einen anderen beschenken. -Von Kristl befürchtete ich sehr einen -Rückfall in die Verstörung; aber er ist ganz gelassen. -Den Lüttich hat er aufs beste verbunden, -dann aus Brot einen drolligen kleinen Bären geknetet -und ihm eine von seinen Goldmünzen -ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt er -das Figürchen in einer Felsennische auf, die will -er mit Hölzern und Kieseln zubauen, einmal -werde schon jemand das Bärlein finden, und es -solle ihm gehören samt dem Goldstück, auch -wenns ein Rußki wäre. Lüttich, unter Morphium -gehalten, schläft. Mir aber vertreiben die Sprüche -des Toten die Zeit. Um einigen Überblick zu -bekommen, las ich sie einmal alle nacheinander -herunter, zuerst leise für mich, bis ich merkte, -daß die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich -ihnen, daß es ein Gedicht sei, das man bei dem -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -gefallenen Glavina gefunden habe, und wiederholte -mit lauter Stimme: -</p> - -<p> -„Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, -ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen- -und Wacholderflur! -</p> - -<p> -Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten -sie hin auf den fremden Steinen, wo kein -Eichbaum grünt. -</p> - -<p> -Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker. -Habet acht, o Freunde! Seht ihr einen Sterbenden, -demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe, -keine Flüche denke! Bald ist alles Vorspiel nur. -Alle gehn wir morschen Weg. Tote Hände, bedeckt -sie mit Wacholderzweigen bläulich düster! -</p> - -<p> -Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden -mit anderer Stimme ruft Gott. Ein grader Wandel -ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, -selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam -wie die Gemse schläft! -</p> - -<p> -Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein -traf die Länder. Kaum atmet noch der Glühende, -der vom Pol her den Fluch-Engeln wehrt. -</p> - -<p> -Unsern Schlaf überschleicht ein stummer -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -Mut-Ermüder, Vogel von Antlitz, doch nicht -beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische -Kräfte verströmend. Wollüstig alle beugt er, selbst -unbeugbar. -</p> - -<p> -Die strengen bindenden Worte fallen aus Kindes -Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher -aus dem Heiligtum. -</p> - -<p> -Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf -überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar und -Beter, und abgesprengt, noch klingend vom -Pilger-Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, -schwimmt die Brücke. -</p> - -<p> -Der Geist wird stehn vor der Tür seines eigenen -Hauses und nicht heim finden. Gras wächst auf der -Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen Seele -ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis, -und alle Lust wund und wirr wie der Fisch unterm -Eise sich freut. -</p> - -<p> -Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab -die kleinen Träume! Stifte klares Vergessen! -Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor -du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe -nicht bei deiner Braut! -</p> - -<p> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Selig, wer Flügel regt mitten in Zeiten-Gruft! Heil -schöpft er aus Unheil. O, und wenn Welt vergeht -und neue erst unkenntlich gärt, immer dann -schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und -voll Hellgesicht, wo Rhythmus-Woge Geister -hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun -erst recht sich freun des Flugs! -</p> - -<p> -Sonne, die große Seele, weiß nichts von Auf- -und Untergang, und brennt sie nicht in uns? -Geschieht nicht stündlich fern und nah beherzte -Liebestat? Das Innig-Ewige, wehts über Meere -nicht von Stirn zu Stirn als wie ein Hauch? Und -sinds die zarten Hauche nicht, aus denen Gott-Sturm -wächst? -</p> - -<p> -Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht länger -auf Bergen, besucht von toten Sehern, bei -Adlern wolkenfeucht! Erscheinen herztrunken, -wo bei verloschnen Herden Geschwister glühend -harren! Wecket, weckt uns den Ruf! -</p> - -<p> -Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? -Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem -Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! -Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude! -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -Ihr kündet keine neue Lehre; schon viel ist uns -gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und -Urnacht naht ihr euch singend. Wen ihr grüßet, -der ändert sein Leben. Euer himmlisches Lied -geht über in jedes Gewissen. -</p> - -<p> -Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel. -Der Gefesselte lenkt seinen Feßler, und beide -erkennen die Freiheit. -</p> - -<p> -Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in -Unterwelt, mit Milch und Korn sparsam genährt, -sich als ein Bleibender wandelt, suchet -am Sonntag ihn heim! Saget auch ihm Gefahr -und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag er -dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen! -Nur was ihm zukommt, behält er. -Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule -des ewigen Brandes, die Nahrung der Geister -zu mehren. -</p> - -<p> -Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter -Zeit hinterlasset ihr Zeichen einander, sogar in -Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am -Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und -sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -schreibt auf weißen Fittich pupurne Liebesrunen. -</p> - -<p> -Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, -ein Mal unsern Toten auf der bereiften Felsen- -und Wacholderflur! -</p> - -<p> -Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel -aber ist Frühling. Die Haut der Birke wird bräunlich -und blättert ab, darunter schimmert silbern -schon die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in -fremde Felder, – was quillt aus unserm Tod? -</p> - -<p> -Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn -mit beständigem Licht! Vielleicht nach Monden -und Jahren trifft es den reinen Kristall der göttlich -erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die -schmilzt nicht mehr; aber wie eine Linse, unwissend, -biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem -Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme -aus uraltem Boden. -</p> - -<p> -Vermorscht sind schon die Leichen am Berge -Kishavas, verrostet unsre Schwerter, vergessen -unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder -unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert -sind. Aus wildem Ahnendrang ist lockere -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem -Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner, -und die Satzungen sind Gesang.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="date" id="part-65"> -Elf Uhr abends -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Das Ganze war mit Schweigen angehört worden. -Endlich äußerte Raab, er habe nur Weniges recht -verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz fröhlich -davon geworden. Die anderen schauten zu -dem niederbrennenden Gebäude hinüber und -sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst -Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf -einmal und ging stark taumelnd auf die Säge -zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach; -er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit, -schwankte weiter und fiel -plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir -holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter -stak in der linken Schläfe. Um dreiviertel -fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal aus -allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. -Um fünf Uhr, wie auf Befehl, hörten die Explosionen -im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein -Kreuz und schrieb Namen und Datum darauf. -Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen -und verwahrt, hierauf begruben wir ihn. -Der Boden ist bis tief hinab gefroren, wir brauchten -über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben -schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir -Sóstelek. -</p> - -<p class="printer"> -Gedruckt bei Fr. Richter<br /> -in Leipzig -</p> - -<div class="ads chapter"> -<p class="hdr"> -Hans Carossa: -</p> - -<p class="book"> -Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines -Tagebuchs. <i>Zweite Auflage. In Pappband M 3.50, -in Halbleder M 6.–</i> -</p> - -<p class="book"> -Gedichte. <i>Dritte, veränderte Auflage. In Pappb. M 4.–</i> -</p> - -<p class="book"> -Eine Kindheit. <i>In Pappband M 4.–</i> -</p> - -<hr /> - -<p> -<span class="large">H</span>ier ist dies Lied einer Jugend: Ein Arzthaus in einem -oberbayrischen Dorf ist die unruhevolle Umgebung, -in der ein Ich, eine Menschenseele sich bildet. Die klare -Epik großer deutscher Erzählerart formt Szene um Szene, -Bild um Bild in männlich aufrichtiger Realistik: aber -aus dieser Wirklichkeit steigt bald der Duft der Liebe, -blühende Lebensfroheit, ernste Gottestiefe. Diese „Kindheit“ -wird bald zu den klassischen Büchern deutscher -Offenbarung gehören. -</p> - -<p class="attr"> -Leipziger Neueste Nachrichten. -</p> - -<p> -<span class="large">D</span>as Buch ist so ohne Anfang und ohne Ende, wie das -Leben ohne Anfang und ohne Ende ist, und hinter den -alltäglichen Vorgängen lebt ein Raunen und Wehen von -dem tiefen Geheimnis, wie der Saft in der Pflanze steigt, -wie das Blut in den Adern kreist, wie die Erde um die -Sonne schwingt und wie alles untereinander zuinnerst -verbunden ist. Ein Buch, das oft zum Aufblicken und -Augenschließen und Nach-Denken, Nach-Fühlen zwingt, -ein beseeltes Buch ist es, das von innen heraus ganz -eigen leuchtet. -</p> - -<p class="attr"> -Frankfurter Zeitung. -</p> - -<hr /> - -<p class="pub"> -INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG -</p> - -</div> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -</p> - -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Rumänisches Tagebuch, by Hans Carossa - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMÄNISCHES TAGEBUCH *** - -***** This file should be named 63410-h.htm or 63410-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/4/1/63410/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net. 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