summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:27:20 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:27:20 -0700
commit98f6595b2ca40971502bd8009e78da264f30085e (patch)
treee1fb56262b1a6567b1358f9a8c5a2b5ddd54d570
initial commit of ebook 6341HEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--6341-8.txt11161
-rw-r--r--6341-8.zipbin0 -> 276268 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
5 files changed, 11177 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/6341-8.txt b/6341-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..df1bf19
--- /dev/null
+++ b/6341-8.txt
@@ -0,0 +1,11161 @@
+The Project Gutenberg EBook of Nachtstuecke, by E.T.A. Hoffmann
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Nachtstuecke
+
+Author: E.T.A. Hoffmann
+
+Release Date: August, 2004 [EBook #6341]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on November 28, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: Latin1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, NACHTSTUECKE ***
+
+
+
+
+This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
+(http://www.gutenberg2000.de/etahoff/nachtst.htm), prepared by
+Gerd Bouillon (gerd.bouillon@t-online.de), (reuter@abc.de), and
+Gunter Hille (hille@abc.de).
+
+
+
+
+Nachtstücke
+
+
+
+Erzählungen von E.T.A. Hoffmann
+
+
+
+Erster Teil
+ Der Sandmann
+ Ignaz Denner
+ Die Jesuitenkirche in G.
+ Das Sanctus
+
+Zweiter Teil
+ Das öde Haus
+ Das Majorat
+ Das Gelübde
+ Das steinerne Herz
+
+
+
+Erster Teil
+
+
+
+Der Sandmann
+
+Nathanael an Lothar
+
+Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange - lange nicht
+geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier
+in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir
+in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so;
+täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen
+geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt
+mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte,
+wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn Euch zu
+schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher
+alle Gedanken verstörte! - Etwas Entsetzliches ist in mein Leben
+getreten! - Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden
+Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus,
+undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir
+sagen, was mir widerfuhr. Ich muß es, das sehe ich ein, aber nur es
+denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber
+Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden zu
+lassen, daß das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein
+Leben so feindlich zerstören konnte! Wärst Du nur hier, so könntest Du
+selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich gewiß für einen aberwitzigen
+Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah,
+dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe,
+besteht in nichts anderm, als daß vor einigen Tagen, nämlich am 30.
+Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat
+und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe
+herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging.
+
+Du ahnest, daß nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende
+Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können, ja, daß wohl die
+Person jenes unglückseligen Krämers gar feindlich auf mich wirken muß.
+So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um
+ruhig und geduldig Dir aus meiner frühern Jugendzeit so viel zu
+erzählen, daß Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden
+Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, höre ich Dich lachen
+und Clara sagen: »Das sind ja rechte Kindereien!« - Lacht, ich bitte
+Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott
+im Himmel! die Haare sträuben sich mir und es ist, als flehe ich Euch
+an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den
+Daniel. - Nun fort zur Sache!
+
+Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagüber
+den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein.
+Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr
+aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters
+Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte
+Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele
+wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, daß ihm die
+Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder
+anzünden mußte, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er
+uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem
+Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, daß wir alle wie im
+Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und
+kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: »Nun Kinder! - zu Bette! zu
+Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon.« Wirklich hörte ich dann
+jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern;
+das mußte der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten
+und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns
+fortführte: »Ei Mama! wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer
+von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?« - »Es gibt keinen
+Sandmann, mein liebes Kind«, erwiderte die Mutter: »wenn ich sage,
+der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig
+und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand
+hineingestreut.« - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in
+meinem kindischen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, daß
+die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht
+fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll
+Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns
+Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste
+Schwester wartete: was denn das für ein Mann sei, der Sandmann? »Ei
+Thanelchen«, erwiderte diese, »weißt du das noch nicht? Das ist ein
+böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen
+wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum
+Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in
+den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im
+Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der
+unartigen Menschenkindlein Augen auf.« - Gräßlich malte sich nun im
+Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die
+Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts
+als den unter Tränen hergestotterten Ruf. »Der Sandmann! der Sandmann!
+« konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in
+das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die
+fürchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war
+ich geworden, um einzusehen, daß das mit dem Sandmann und seinem
+Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte,
+wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indessen blieb mir der
+Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff
+mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch
+meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte.
+Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander.
+Jahrelang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an den
+unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen
+Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr
+und mehr zu beschäftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine
+unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst - selbst das Geheimnis zu
+erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den
+Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf
+die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon
+leicht im kindlichen Gemüt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als
+schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen usw. zu hören
+oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den
+seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke
+und Wände mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt
+geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen,
+das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer
+mußten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im
+Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich,
+wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als
+verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer
+höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des
+Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem
+Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber
+nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur
+Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar
+werden mußte. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloß
+ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu
+erwarten.
+
+An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines
+Abends, daß der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große
+Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich
+dicht neben der Türe in einen Schlupfwinkel. Die Haustür knarrte,
+durch den Flur ging es, langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach
+der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorüber. Leise -
+leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß, wie gewöhnlich, stumm
+und starr den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht,
+schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben
+der Türe stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen,
+vorgezogen war. - Näher - immer näher dröhnten die Tritte - es hustete
+und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst
+und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt - ein
+heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf! - Mit
+Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht
+mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter
+brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist
+der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage ißt!
+
+Aber die gräßlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen
+erregen können, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen großen
+breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem
+Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche
+Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe
+gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen
+Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar
+und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen
+Zähne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen
+aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber
+dazu schwarze Strümpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die
+kleine Perücke reichte kaum bis über den Kopfwirbel heraus, die
+Kleblocken standen hoch über den großen roten Ohren und ein breiter
+verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so daß man die
+silberne Schnalle sah, die die gefältelte Halsbinde schloß. Die ganze
+Figur war überhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns
+Kindern seine großen knotigten, haarigten Fäuste zuwider, so daß wir,
+was er damit berührte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und
+nun war es seine Freude, irgend ein Stückchen Kuchen, oder eine süße
+Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter
+diesem, oder jenem Vorwande zu berühren, daß wir, helle Tränen in
+den Augen, die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr
+genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns
+an Feiertagen der Vater ein klein Gläschen süßen Weins eingeschenkt
+hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber, oder brachte wohl
+gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir
+unsern Ärger nur leise schluchzend äußern durften. Er pflegte uns nur
+immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen,
+keinen Laut von uns geben und verwünschten den häßlichen, feindlichen
+Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude
+verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwärtigen
+Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr
+heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst.
+Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen
+Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten
+müsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden
+gekocht und seltene Weine kredenzt.
+
+Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in
+meiner Seele auf, daß ja niemand anders, als er, der Sandmann sein
+könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem
+Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung
+holt - nein! - ein häßlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er
+einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt.
+
+Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich
+dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend
+durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius
+feierlich. »Auf! - zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnurrender
+Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen
+Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel.
+Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die
+Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich solange
+dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze
+Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und
+eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames
+Geräte stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater
+zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein gräßlicher
+krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum häßlichen
+widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius
+ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit
+hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte.
+Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber
+ohne Augen - scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen
+her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich
+kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stürzte aus
+meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius,
+»kleine Bestie! - kleine Bestie!« meckerte er zähnfletschend! -
+riß mich auf und warf mich auf den Herd, daß die Flamme mein Haar
+zu sengen begann: »Nun haben wir Augen - Augen - ein schön Paar
+Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten
+glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen
+wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief. »Meister!
+Meister! laß meinem Nathanael die Augen - laß sie ihm!« Coppelius
+lachte gellend auf und rief. »Mag denn der Junge die Augen behalten
+und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den
+Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit faßte
+er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände
+ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »'s
+steht doch überall nicht recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's
+verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich
+her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und
+Gebein - ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über
+mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte
+sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte
+ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir
+keinen Schaden!« - So sprach die Mutter und küßte und herzte den
+wiedergewonnenen Liebling.
+
+Was soll ich Dich ermüden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so
+weitläufig einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu sagen übrig
+bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von
+Coppelius gemißhandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein
+hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag.
+»Ist der Sandmann noch da?« - Das war mein erstes gesundes Wort
+und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den
+schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzählen; dann
+wirst Du überzeugt sein, daß es nicht meiner Augen Blödigkeit ist,
+wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, daß ein dunkles
+Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben
+gehängt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreiße.
+
+Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt
+verlassen.
+
+Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte
+gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und
+erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend
+gemacht. Da hörten wir, als es neune schlug, plötzlich die Haustür in
+den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch
+den Hausflur die Treppe herauf. »Das ist Coppelius«, sagte meine
+Mutter erblassend. »Ja! - es ist Coppelius«, wiederholte der Vater
+mit matter gebrochener Stimme. Die Tränen stürzten der Mutter aus den
+Augen. »Aber Vater, Vater!« rief sie, »muß es denn so sein?« - »Zum
+letzten Male!« erwiderte dieser, »zum letzten Male kommt er zu mir,
+ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu
+Bette! Gute Nacht!«
+
+Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepreßt - mein
+Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich
+stehen blieb: »Komm Nathanael, komme nur!« Ich ließ mich fortführen,
+ich trat in meine Kammer. »Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins
+Bette! - schlafe - schlafe«, rief mir die Mutter nach; aber von
+unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält, konnte ich kein
+Auge zutun. Der verhaßte abscheuliche Coppelius stand vor mir mit
+funkelnden Augen und lachte mich hämisch an, vergebens trachtete ich
+sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als
+ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert
+würde. Das ganze Haus erdröhnte, es rasselte und rauschte bei meiner
+Türe vorüber, die Haustüre wurde klirrend zugeworfen. »Das ist
+Coppelius!« rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte
+es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stürzte ich nach des
+Vaters Zimmer, die Türe stand offen, erstickender Dampf quoll mir
+entgegen, das Dienstmädchen schrie: »Ach, der Herr! - der Herr!« -
+Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz
+verbranntem gräßlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten
+und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmächtig daneben! -
+»Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!« - So
+schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf
+meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild
+und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in meiner
+Seele auf, daß sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins
+ewige Verderben gestürzt haben könne.
+
+Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar
+und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung
+vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.
+
+Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! daß jener
+Wetterglashändler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es
+nicht verargen, daß ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil
+bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und
+Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als daß hier
+ein Irrtum möglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal
+seinen Namen geändert. Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen
+piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.
+
+Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu
+rächen, mag es denn nun gehen wie es will.
+
+Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des gräßlichen Unholds
+- Grüße meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer
+Gemütsstimmung. Lebe wohl etc. etc.
+
+
+Clara an Nathanael
+
+Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber
+dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn
+meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief
+an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an
+mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum
+erst bei den Worten inne: »Ach mein herzlieber Lothar!« - Nun hätte
+ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen.
+Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei
+vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, daß
+ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller
+Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine
+glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß
+Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen,
+es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael!
+was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von
+Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie
+ein glühender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des
+widerwärtigen Coppelius ist gräßlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein
+guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder
+Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen,
+aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe
+Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich
+mich, es zu gestehen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen
+Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch
+bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet.
+Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa
+sagen möchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde
+Dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie
+immer.
+
+Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, daß, wie ich meine, alles
+Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem
+Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig
+teilhatte. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber
+daß er Kinder haßte, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen
+ihn hervor.
+
+Natürlich verknüpfte sich nun in Deinem kindischen Gemüt der
+schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius,
+der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer,
+Kindern vorzüglich gefährlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben
+mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als daß beide
+insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht
+zufrieden sein konnte, da gewiß viel Geld unnütz verschleudert und
+obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll,
+des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit
+erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiß
+durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius
+ist nicht schuld daran: Glaubst Du, daß ich den erfahrnen Nachbar
+Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine
+solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei? Der sagte: »Ei
+allerdings« und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und
+umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar
+klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst
+Du wohl unwillig werden über Deine Clara, Du wirst sagen: »In dies
+kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen
+oft mit unsichtbaren Armen umfaßt; sie erschaut nur die bunte
+Oberfläche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind über die
+goldgleißende Frucht, in deren Innern tödliches Gift verborgen.«
+
+Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, daß auch in
+heitern - unbefangenen - sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne
+von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu
+verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfältig Mädchen
+mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich
+eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar
+am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil
+ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle,
+es zu sagen.
+
+Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch
+einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und
+fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst
+nicht betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muß sie in
+uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur
+_so_ glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf,
+um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das
+heitre Leben gestärkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken
+als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und
+Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl
+jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der
+Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch
+gewiß, fügt Lothar hinzu, daß die dunkle psychische Macht, haben wir
+uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die
+Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so,
+daß wir selbst nur den Geist entzünden, der, wie wir in wunderlicher
+Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom
+unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe
+Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel
+verzückt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! daß wir, ich und
+Bruder Lothar uns recht über die Materie von dunklen Mächten und
+Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe
+das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt.
+Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er
+meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich,
+schlage Dir den häßlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann
+Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, daß diese fremden
+Gestalten nichts über Dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche
+Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen. Spräche nicht aus
+jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemüts,
+schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele,
+wahrhaftig, ich könnte über den Advokaten Sandmann und den
+Wetterglashändler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! - Ich habe
+mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den
+häßlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im
+Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und
+gar nicht fürchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fäusten,
+er soll mir weder als Advokat eine Näscherei, noch als Sandmann die
+Augen verderben.
+
+Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc.
+
+
+Nathanael an Lothar
+
+Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus,
+freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und
+las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief
+geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola
+nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die
+augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der
+Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen
+holdlächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum,
+hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren
+könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du
+liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und
+sondern lerne. - Laß das bleiben! - Übrigens ist es wohl gewiß, daß
+der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat
+Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor
+der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt
+und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon
+seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an,
+daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie
+mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr,
+Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los
+kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf
+mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir
+Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein
+kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner
+Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als
+in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er
+von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht,
+anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe
+herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene
+Gardine zur Seite einen kleinen Spalt läßt. Selbst weiß ich nicht, wie
+ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im
+reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß
+im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände
+zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß
+ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu
+bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht
+ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen
+Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort
+ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, daß die
+Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er
+sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein
+Mensch in ihre Nähe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit
+ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe
+ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das
+mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage
+bei Euch bin. Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara,
+wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich
+(ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner
+bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.
+
+Tausend Grüße etc. etc. etc.
+
+
+Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige
+ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten
+Nathanael, zugetragen, und was ich dir, günstiger Leser! zu erzählen
+unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das
+deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere
+daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut
+entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine
+Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem
+andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in
+dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter?
+- Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit
+allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und
+mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir,
+als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche,
+Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht
+zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe.
+Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig
+und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die
+nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche,
+hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber,
+wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß
+deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe
+immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl
+mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie du,
+sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen! -
+Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich
+niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weißt ja
+aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre,
+denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so
+zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch
+wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Erzählen Sie Liebster?« -
+So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem
+Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte
+meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser!
+gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts
+Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend
+- originell, ergreifend, anzufangen: »Es war einmal« - der schönste
+Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! - »In der kleinen Provinzialstadt
+S. lebte« - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder
+gleich medias in res: »>Scher er sich zum Teufel<, rief, Wut
+und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der
+Wetterglashändler Giuseppe Coppola« - Das hatte ich in der Tat schon
+aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael
+etwas Possierliches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar
+nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten
+etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien.
+Ich beschloß gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei
+Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriß
+des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe
+hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche
+Gestalt, wie ein guter Porträtmaler, so aufzufassen, daß du es ähnlich
+findest, ohne das Original zu kennen, ja daß es dir ist, als hättest
+du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen.
+Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, daß nichts
+wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses
+der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem
+Widerschein, auffassen könne.
+
+Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen
+Briefen noch hinzuzufügen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater
+gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten,
+der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels
+Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faßten eine
+heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas
+einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort
+verließ um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem
+letzten Brief und hört Kollegia bei dem berühmten Professor Physices,
+Spalanzani.
+
+Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem
+Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, daß ich nicht
+wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlächelnd
+anblickte. - Für schön konnte Clara keinesweges gelten; das meinten
+alle, die sich von Amtswegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die
+Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden
+Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten
+sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten
+überhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein
+wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen
+mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines
+Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes,
+heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und
+sprachen: »Was See - was Spiegel! - Können wir denn das Mädchen
+anschauen, ohne daß uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge
+und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, daß da
+alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft
+Gescheutes, so ist überhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn
+auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn
+wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als
+sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Töne verworren durcheinander
+springen.« Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des
+heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes
+Gemüt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und
+Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was
+überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der
+helle Blick, und jenes feine ironische Lächeln: Lieben Freunde! wie
+möget ihr mir denn zumuten, daß ich eure verfließende Schattengebilde
+für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara
+wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber
+andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das
+gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr, als
+Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter
+bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten
+Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte.
+Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im
+letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt
+ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt;
+denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an
+den Advokaten Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede
+Verstimmung war verschwunden.
+
+Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb,
+daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht
+feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael
+gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert
+sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien, und trieb es bald so
+seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze
+Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie
+jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen
+Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man
+sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit,
+zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und
+Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die
+Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus
+dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines außer uns
+selbst liegenden höheren Prinzips.
+
+Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im höchsten
+Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung
+einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, daß Coppelius das böse
+Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfaßt habe, als er hinter dem
+Vorhange lauschte, und daß dieser widerwärtige _Dämon_ auf entsetzliche
+Weise ihr Liebesglück stören werde, da wurde Clara sehr ernst und
+sprach: »Ja Nathanael! du hast recht, Coppelius ist ein böses
+feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische
+Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn
+nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, _ist_
+er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.« - Nathanael, ganz
+erzürnt, daß Clara die Existenz des _Dämons_ nur in seinem eignen Innern
+statuiere, wollte dann hervorrücken mit der ganzen mystischen Lehre
+von Teufeln und grausen Mächten, Clara brach aber verdrüßlich ab,
+indem sie irgend etwas Gleichgültiges dazwischen schob, zu Nathanaels
+nicht geringem Ärger. _Der_ dachte, kalten unempfänglichen Gemütern
+verschließen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewußt
+zu sein, daß er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle,
+weshalb er nicht abließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse
+einzuweihen. Am frühen Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half,
+stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Büchern vor, daß
+Clara bat: »Aber lieber Nathanael, wenn ich _dich_ nun das böse Prinzip
+schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn
+ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem
+du liesest, in die Augen schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins
+Feuer und ihr bekommt alle kein Frühstück!« - Nathanael klappte das
+Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte
+er eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen, die er
+aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte, jetzt
+waren seine Dichtungen düster, unverständlich, gestaltlos, so daß,
+wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fühlte, wie
+wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war für Clara tötender,
+als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu
+besiegende geistige Schläfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in
+der Tat sehr langweilig. Sein Verdruß über Claras kaltes prosaisches
+Gemüt stieg höher, Clara konnte ihren Unmut über Nathanaels dunkle,
+düstere, langweilige Mystik nicht überwinden, und so entfernten beide
+im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken.
+Die Gestalt des häßlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich
+gestehen mußte, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft
+Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz
+auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene
+düstre Ahnung, daß Coppelius sein Liebesglück stören werde, zum
+Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar,
+in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine
+schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus,
+die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen,
+erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Claras holde Augen;
+die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und
+brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden
+Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn
+sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan
+grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie
+schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber
+durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme: »Kannst du mich denn
+nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht
+meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende
+Tropfen deines eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich
+doch nur an!« - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr eigen
+ewiglich. - Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis
+hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht
+dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der
+Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.
+
+Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er
+feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen
+Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend
+sich fügte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht
+für sich laut las, da faßte ihn Grausen und wildes Entsetzen und er
+schrie auf. »Wessen grauenvolle Stimme ist das?« - Bald schien ihm
+jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war
+ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl
+er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet, und wozu es denn
+nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu
+ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick
+weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem
+Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen,
+in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und
+Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von
+lustigen Dingen wie sonst, so, daß Clara sagte: »Nun erst habe ich
+dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den häßlichen Coppelius
+vertrieben haben?« Da fiel dem Nathanael erst ein, daß er ja die
+Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog
+auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas
+Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing
+an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das
+düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte
+starr dem Nathanael ins Auge. _Den_ riß seine Dichtung unaufhaltsam
+fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm
+aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer
+Ermattung - er faßte Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in
+trostlosem Jammer: »Ach! - Clara - Clara!« - Clara drückte ihn
+sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst:
+»Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige -
+wahnsinnige Märchen ins Feuer.« Da sprang Nathanael entrüstet auf und
+rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!« Er
+rannte fort, bittre Tränen vergoß die tief verletzte Clara: »Ach er
+hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht«, schluchzte
+sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara mußte ihm erzählen was
+vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort
+ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, daß der Unmut,
+den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen,
+sich entzündete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das
+unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor,
+die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer,
+wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen
+erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am
+folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte
+mit scharfgeschliffenen Stoßrapieren zu schlagen. Stumm und finster
+schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehört und
+gesehen, daß der Fechtmeister in der Dämmerung die Rapiere brachte.
+Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten
+Lothar und Nathanael soeben düsterschweigend die Röcke abgeworfen,
+blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander
+ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte. Schluchzend
+rief sie laut: »Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stoßt mich nur
+gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger
+leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder
+den Geliebten ermordet hat!« - Lothar ließ die Waffe sinken und
+sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in
+herzzerreißender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals
+in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara
+empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras
+Füßen. »Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine
+herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder
+Lothar!« - Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz;
+unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und
+schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue.
+
+Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn
+zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand
+leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem
+Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei
+den Lieben, dann kehrte er zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu
+bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren
+gedachte.
+
+Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen
+worden; denn man wußte, daß sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken
+konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab.
+
+
+Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, daß
+das ganze Haus niedergebrannt war, so daß aus dem Schutthaufen nur
+die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem
+Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen
+war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch
+den kühnen, rüstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in
+Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Bücher,
+Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in
+ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen,
+welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete
+er darauf, daß er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und
+ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, daß er
+aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia
+einsam saß, so, daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl
+die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es
+ihm endlich auf, daß Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung,
+wie er sie einst durch die Glastüre entdeckte, ohne irgend eine
+Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und daß sie offenbar
+unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute; er mußte sich auch
+selbst gestehen, daß er nie einen schöneren Wuchs gesehen; indessen,
+Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia höchst
+gleichgültig und nur zuweilen sah er flüchtig über sein Kompendium
+herüber nach der schönen Bildsäule, das war alles. - Eben schrieb
+er an Clara, als es leise an die Türe klopfte; sie öffnete sich auf
+seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges Gesicht sah hinein. Nathanael
+fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani
+über den Landsmann Coppola gesagt und was er auch rücksichts des
+Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er
+sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit
+aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als möglich:
+»Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!« Da
+trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton,
+indem sich das weite Maul zum häßlichen Lachen verzog und die kleinen
+Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: »Ei,
+nix Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch sköne Oke - sköne Oke!« -
+Entsetzt rief Nathanael: »Toller Mensch, wie kannst du Augen haben?
+- Augen - Augen? -« Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine
+Wettergläser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und
+holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. - »Nu
+- Nu - Brill - Brill auf der Nas su setze, das sein meine Oke - sköne
+Oke!« - Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, daß
+es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann.
+Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum
+Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer
+mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen
+flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in
+Nathanaels Brust. Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- »Halt
+ein! halt ein, fürchterlicher Mensch!« - Er hatte Coppola, der eben
+in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet
+schon der ganze Tisch überdeckt war, beim Arm festgepackt. Coppola
+machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten:
+»Ah! - nix für Sie - aber hier sköne Glas« - hatte er alle Brillen
+zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine
+Menge großer und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen
+fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah
+er wohl ein, daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern
+hervorgegangen, sowie daß Coppola ein höchst ehrlicher Mechanikus
+und Optikus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und
+Revenant sein könne. Zudem hatten alle Gläser, die Coppola nun auf
+den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas
+Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gutzumachen,
+beschloß Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er
+ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und
+sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein
+Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich
+dicht vor die Augen rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis
+Zimmer; Olimpia saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Arme
+darauf gelegt, die Hände gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst
+Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar
+seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch
+das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte
+Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft
+entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.
+Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die
+himmlisch-schöne Olimpia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte
+ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: »Tre Zechini -
+drei Dukat« - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte
+er das Verlangte. »Nick so? - sköne Glas - sköne Glas!« frug Coppola
+mit seiner widerwärtigen heisern Stimme und dem hämischen Lächeln. »Ja
+ja, ja!« erwiderte Nathanael verdrießlich. »Adieu, lieber Freund!« -
+Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael,
+das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen. »Nun ja«, meinte
+Nathanael, »er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv
+gewiß viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt!« - Indem er
+diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer
+grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer
+Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl.
+»Clara«, sprach er zu sich selber, »hat wohl recht, daß sie mich für
+einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch -
+ach wohl mehr, als närrisch, daß mich der dumme Gedanke, ich hätte das
+Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt;
+den Grund davon sehe ich gar nicht ein.« - Jetzt setzte er sich
+hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster
+überzeugte ihn, daß Olimpia noch dasäße und im Augenblick, wie von
+unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas
+Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verführerischem Anblick,
+bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem
+Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war
+dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden
+folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er
+kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Perspektiv
+hinüberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt.
+Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen
+lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in
+den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen
+strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus
+seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz
+laut und weinerlich: »Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist
+du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und
+mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?«
+
+Als er zurückkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis
+Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen,
+man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks
+waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten mit großen
+Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und hämmerten
+Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der
+Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: »Nun, was
+sagst du zu unserem alten Spalanzani?« Nathanael versicherte, daß er
+gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse,
+vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düstern
+Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er
+denn von Siegmund, daß Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle,
+Konzert und Ball, und daß die halbe Universität eingeladen sei.
+Allgemein verbreite man, daß Spalanzani seine Tochter Olimpia, die
+er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum
+erstenmal erscheinen lassen werde.
+
+Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen
+zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in
+den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft
+war zahlreich und glänzend. Olimpia erschien sehr reich und
+geschmackvoll gekleidet. Man mußte ihr schöngeformtes Gesicht,
+ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die
+wespenartige Dünne des Leibes schien von zu starkem Einschnüren
+bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes
+und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange
+zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia
+spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine
+Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor.
+Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und
+konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Züge nicht ganz erkennen.
+Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin
+nach der schönen Olimpia. Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll
+Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in
+dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen
+Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe
+verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange
+Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von
+glühenden Ärmen plötzlich erfaßt sich nicht mehr halten, er mußte vor
+Schmerz und Entzücken laut aufschreien: »Olimpia!« - Alle sahen sich
+um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein
+finstreres Gesicht, als vorher und sagte bloß: »Nun nun!« - Das
+Konzert war zu Ende, der Ball fing an. »Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!«
+das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wünsche, alles Strebens;
+aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Königin des Festes,
+aufzufordern? Doch! - er selbst wußte nicht wie es geschah, daß er,
+als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch
+nicht aufgefordert worden, und daß er, kaum vermögend einige Worte zu
+stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich
+durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das
+strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick
+war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und
+des Lebensblutes Ströme zu glühen. Und auch in Nathanaels Innerm
+glühte höher auf die Liebeslust, er umschlang die schöne Olimpia und
+durchflog mit ihr die Reihen. - Er glaubte sonst recht taktmäßig
+getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit,
+womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung
+brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte
+jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und hätte jeden, der
+sich Olimpia näherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mögen.
+Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf
+Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder
+sie aufzuziehen. Hätte Nathanael außer der schönen Olimpia noch etwas
+andres zu sehen vermocht, so wäre allerlei fataler Zank und Streit
+unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mühsam
+unterdrückte Gelächter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den
+jungen Leuten erhob, auf die schöne Olimpia, die sie mit ganz kuriosen
+Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz
+und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle
+ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olimpia, ihre Hand in
+der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe
+in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese
+vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal
+übers andere: »Ach - Ach - Ach!« - worauf denn Nathanael also sprach:
+»O du herrliche, himmlische Frau! - du Strahl aus dem verheißenen
+Jenseits der Liebe - du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein
+spiegelt« und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloß immer
+wieder: »Ach, Ach!« - Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den
+Glücklichen vorüber und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem
+Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt
+befand, mit einemmal, als würd es hienieden beim Professor Spalanzani
+merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht
+geringen Schreck gewahr, daß eben die zwei letzten Lichter in dem
+leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Längst hatten Musik
+und Tanz aufgehört. »Trennung, Trennung«, schrie er ganz wild und
+verzweifelt, er küßte Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde,
+eiskalte Lippen begegneten seinen glühenden! - So wie, als er Olimpias
+kalte Hand berührte, fühlte er sich von innerem Grausen erfaßt, die
+Legende von der toten Braut ging ihm plötzlich durch den Sinn; aber
+fest hatte ihn Olimpia an sich gedrückt, und in dem Kuß schienen die
+Lippen zum Leben zu erwarmen. - Der Professor Spalanzani schritt
+langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder
+und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein
+grauliches gespenstisches Ansehen. »Liebst du mich - liebst du mich
+Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du mich?« So flüsterte Nathanael,
+aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: »Ach - Ach!« - »Ja
+du mein holder, herrlicher Liebesstern«, sprach Nathanael, »bist
+mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklären mein Inneres
+immerdar!« - »Ach, ach!« replizierte Olimpia fortschreitend.
+Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. »Sie haben sich
+außerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten«, sprach dieser
+lächelnd: »Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack
+daran, mit dem blöden Mädchen zu konvergieren, so sollen mir Ihre
+Besuche willkommen sein.« - Einen ganzen hellen strahlenden Himmel
+in der Brust schied Nathanael von dannen. Spalanzanis Fest war der
+Gegenstand des Gesprächs in den folgenden Tagen. Unerachtet der
+Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wußten
+doch die lustigen Köpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem
+zu erzählen, das sich begeben, und vorzüglich fiel man über die
+todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schönen Äußern
+unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden
+wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael
+vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte
+er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, daß eben ihr
+eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches Gemüt zu
+erkennen hindert? »Tu mir den Gefallen, Bruder«, sprach eines Tages
+Siegmund, »tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl
+möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drüben zu
+vergaffen?« Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann
+er sich und erwiderte: »Sage _du_ mir Siegmund, wie deinem, sonst
+alles Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias
+himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank
+sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müßte
+einer von uns blutend fallen.« Siegmund merkte wohl, wie es mit dem
+Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fügte, nachdem er geäußert,
+daß in der Liebe niemals über den Gegenstand zu richten sei, hinzu:
+»Wunderlich ist es doch, daß viele von uns über Olimpia ziemlich
+gleich urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht übel, Bruder! - auf
+seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist
+regelmäßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie könnte für schön
+gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte
+sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede
+Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt.
+Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der
+singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz
+unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben,
+es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe
+es mit ihr eine eigne Bewandtnis.« - Nathanael gab sich dem bittern
+Gefühl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus
+nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst:
+»Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich
+sein. Nur dem poetischen Gemüt entfaltet sich das gleich organisierte!
+- Nur _mir_ ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und
+Gedanken, nur in Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Euch mag
+es nicht recht sein, daß sie nicht in platter Konversation faselt, wie
+die andern flachen Gemüter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr;
+aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern
+Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der
+Anschauung des ewigen Jenseits. Doch für alles das habt ihr keinen
+Sinn und alles sind verlorne Worte.« - »Behüte dich Gott, Herr
+Bruder«, sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmütig, »aber mir
+scheint es, du seist auf bösem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn
+alles - Nein, ich mag nichts weiter sagen! -« Dem Nathanael war es
+plötzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit
+ihm, er schüttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich.
+
+Nathanael hatte rein vergessen, daß es eine Clara in der Welt gebe,
+die er sonst geliebt; - die Mutter - Lothar - alle waren aus seinem
+Gedächtnis entschwunden, er lebte nur für Olimpia, bei der er täglich
+stundenlang saß und von seiner Liebe, von zum Leben erglühter
+Sympathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches
+alles Olimpia mit großer Andacht anhörte. Aus dem tiefsten Grunde des
+Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben.
+Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzählungen, das wurde täglich
+vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen,
+Kanzonen, und das alles las er der Olimpia stundenlang hintereinander
+vor, ohne zu ermüden. Aber auch noch nie hatte er eine solche
+herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah
+nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit
+keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine
+Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein
+Gähnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen - kurz! -
+stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins
+Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen und immer glühender, immer
+lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und
+ihr die Hand, auch wohl den Mund küßte, sagte sie: »Ach, Ach!« - dann
+aber: »Gute Nacht, mein Lieber!« - »O du herrliches, du tiefes Gemüt«,
+rief Nathanael auf seiner Stube: »nur von dir, von dir allein werd ich
+ganz verstanden.« Er erbebte vor innerm Entzücken, wenn er bedachte,
+welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemüt
+täglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia über
+seine Werke, über seine Dichtergabe überhaupt recht tief aus seinem
+Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst
+herausgetönt. Das mußte denn wohl auch sein; denn mehr Worte als
+vorhin erwähnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch
+Nathanael in hellen nüchternen Augenblicken, z.B. morgens gleich
+nach dem Erwachen, wirklich an Olimpias gänzliche Passivität und
+Wortkargheit, so sprach er doch: »Was sind Worte - Worte! - Der Blick
+ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag
+denn überhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen
+Kreis, den ein klägliches irdisches Bedürfnis gezogen?« - Professor
+Spalanzani schien hocherfreut über das Verhältnis seiner Tochter
+mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines
+Wohlwollens und als es Nathanael endlich wagte von ferne auf eine
+Verbindung mit Olimpia anzuspielen, lächelte dieser mit dem ganzen
+Gesicht und meinte: er werde seiner Tochter völlig freie Wahl lassen.
+- Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloß
+Nathanael, gleich am folgenden Tage Olimpia anzusehen, daß sie das
+unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was längst ihr holder
+Liebesblick ihm gesagt, daß sie sein eigen immerdar sein wolle. Er
+suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um
+ihn Olimpia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden,
+blühenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm
+dabei in die Hände; gleichgültig warf er sie beiseite, fand den Ring,
+steckte ihn ein und rannte herüber zu Olimpia. Schon auf der Treppe,
+auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getöse; es schien aus
+Spalanzanis Studierzimmer herauszuschallen. - Ein Stampfen - ein
+Klirren - ein Stoßen - Schlagen gegen die Tür, dazwischen Flüche und
+Verwünschungen. Laß los - laß los - Infamer - Verruchter! - Darum Leib
+und Leben daran gesetzt? - ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet
+- ich, ich hab die Augen gemacht - ich das Räderwerk - dummer Teufel
+mit deinem Räderwerk - verfluchter Hund von einfältigem Uhrmacher -
+fort mit dir - Satan - halt - Peipendreher - teuflische Bestie! - halt
+- fort - laß los! - Es waren Spalanzanis und des gräßlichen Coppelius
+Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten. Hinein stürzte
+Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine
+weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei
+den Füßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller
+Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurück,
+als er die Figur für Olimpia erkannte; aufflammend in wildem Zorn
+wollte er den Wütenden die Geliebte entreißen, aber in dem Augenblick
+wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend die Figur dem Professor aus
+den Händen und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fürchterlichen
+Schlag, daß er rücklings über den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten,
+Flaschen, gläserne Zylinder standen, taumelte und hinstürzte; alles
+Gerät klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola die Figur
+über die Schulter und rannte mit fürchterlich gellendem Gelächter
+rasch fort die Treppe herab, so daß die häßlich herunterhängenden Füße
+der Figur auf den Stufen hölzern klapperten und dröhnten. - Erstarrt
+stand Nathanael - nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias
+toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze
+Höhlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani wälzte sich auf der
+Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie
+aus Springquellen strömte das Blut empor. Aber er raffte seine Kräfte
+zusammen. - »Ihm nach - ihm nach, was zauderst du? - Coppelius -
+Coppelius, mein bestes Automat hat er mir geraubt - Zwanzig Jahre
+daran gearbeitet - Leib und Leben daran gesetzt - das Räderwerk
+- Sprache - Gang - mein - die Augen - die Augen dir gestohlen. -
+Verdammter - Verfluchter - ihm nach - hol mir Olimpia - da hast du die
+Augen! -« Nun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden
+liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten
+Hand und warf sie nach ihm, daß sie seine Brust trafen. - Da packte
+ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres
+hinein Sinn und Gedanken zerreißend. »Hui - hui - hui! - _Feuerkreis_ -
+_Feuerkreis_! dreh dich _Feuerkreis_ - lustig - lustig! - Holzpüppchen hui
+schön Holzpüppchen dreh dich -« damit warf er sich auf den Professor
+und drückte ihm die Kehle zu. Er hätte ihn erwürgt, aber das Getöse
+hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den
+wütenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich
+verbunden wurde. Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den
+Rasenden zu bändigen; der schrie mit fürchterlicher Stimme immerfort:
+»Holzpüppchen dreh dich« und schlug um sich mit geballten Fäusten.
+Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu überwältigen,
+indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter
+in entsetzlichem tierischen Gebrüll. So in gräßlicher Raserei tobend
+wurde er nach dem Tollhause gebracht.
+
+Ehe ich, günstiger Leser! dir zu erzählen fortfahre, was sich weiter
+mit dem unglücklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du
+einigen Anteil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten
+Spalanzani nehmen, versichern, daß er von seinen Wunden völlig geheilt
+wurde. Er mußte indes die Universität verlassen, weil Nathanaels
+Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein für gänzlich
+unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernünftigen Teezirkeln (Olimpia
+hatte sie mit Glück besucht) statt der lebendigen Person eine
+Holzpuppe einzuschwärzen. Juristen nannten es sogar einen feinen
+und um so härter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum
+gerichtet und so schlau angelegt worden, daß kein Mensch (ganz kluge
+Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise
+tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen
+verdächtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich
+nichts Gescheutes zutage. Denn konnte z.B. wohl irgend jemanden
+verdächtig vorgekommen sein, daß nach der Aussage eines eleganten
+Teeisten Olimpia gegen alle Sitte öfter genieset, als gegähnt hatte?
+Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen
+Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor
+der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu,
+räusperte sich und sprach feierlich: »Hochzuverehrende Herren und
+Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze
+ist eine Allegorie - eine fortgeführte Metapher! - Sie verstehen mich!
+- Sapienti sat!« Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich
+nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele
+Wurzel gefaßt und es schlich sich in der Tat abscheuliches Mißtrauen
+gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, daß
+man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, daß
+die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen
+sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber,
+daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche,
+daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das
+Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen
+gingen leise auseinander. »Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen«,
+sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich gegähnt und
+niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. - Spalanzani mußte,
+wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen [des] der
+menschlichen Gesellschaft betrüglicherweise eingeschobenen Automats zu
+entgehen. Coppola war auch verschwunden.
+
+Nathanael erwachte wie aus schwerem, fürchterlichem Traum, er schlug
+die Augen auf und fühlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefühl mit
+sanfter himmlischer Wärme ihn durchströmte. Er lag in seinem Zimmer in
+des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich über ihn hingebeugt
+und unfern standen die Mutter und Lothar. »Endlich, endlich, o mein
+herzlieber Nathanael - nun bist du genesen von schwerer Krankheit -
+nun bist du wieder mein!« - So sprach Clara recht aus tiefer Seele und
+faßte den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut
+und Entzücken die hellen glühenden Tränen aus den Augen und er stöhnte
+tief auf. »Meine - meine Clara!« - Siegmund, der getreulich ausgeharrt
+bei dem Freunde in großer Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die
+Hand: »Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.« - Jede Spur
+des Wahnsinns war verschwunden, bald erkräftigte sich Nathanael in der
+sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glück
+war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim,
+von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter
+nebst einem nicht unbedeutenden Vermögen ein Gütchen in einer
+angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie
+hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu
+heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher
+geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras
+himmlisch reines, herrliches Gemüt. Niemand erinnerte ihn auch nur
+durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund
+von ihm schied, sprach Nathanael: »Bei Gott Bruder! ich war auf
+schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den
+lichten Pfad! - Ach es war ja Clara! -« Siegmund ließ ihn nicht weiter
+reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen möchten ihm
+zu hell und flammend aufgehen. - Es war an der Zeit, daß die
+vier glücklichen Menschen nach dem Gütchen ziehen wollten. Zur
+Mittagsstunde gingen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten
+manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten über
+den Markt. »Ei!« sagte Clara: »steigen wir doch noch einmal herauf und
+schauen in das ferne Gebirge hinein!« Gesagt, getan! Beide, Nathanael
+und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach
+Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern,
+wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf
+der höchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen
+Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich
+erhob.
+
+»Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich
+auf uns los zu schreiten scheint«, frug Clara. - Nathanael faßte
+mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv,
+er schaute seitwärts - Clara stand vor dem Glase! - Da zuckte es
+krampfhaft in seinen Pulsen und Adern - totenbleich starrte er Clara
+an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme durch die rollenden
+Augen, gräßlich brüllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang
+er hoch in die Lüfte und grausig dazwischen lachend schrie er in
+schneidendem Ton: »Holzpüppchen dreh dich - Holzpüppchen dreh
+dich« - und mit gewaltiger Kraft faßte er Clara und wollte sie
+herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst
+fest an das Geländer. Lothar hörte den Rasenden toben, er hörte Claras
+Angstgeschrei, gräßliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf,
+die Tür der zweiten Treppe war verschlossen - stärker hallte Claras
+Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stieß er gegen die Tür, die
+endlich aufsprang - Matter und matter wurden nun Claras Laute: »Hülfe
+- rettet - rettet -« so erstarb die Stimme in den Lüften. »Sie ist
+hin - ermordet von dem Rasenden«, so schrie Lothar. Auch die Tür zur
+Galerie war zugeschlagen. - Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er
+sprengte die Tür aus den Angeln. Gott im Himmel - Clara schwebte von
+dem rasenden Nathanael erfaßt über der Galerie in den Lüften - nur mit
+einer Hand hatte sie noch die Eisenstäbe umklammert. Rasch wie der
+Blitz erfaßte Lothar die Schwester, zog sie hinein, und schlug im
+demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wütenden ins Gesicht, daß
+er zurückprallte und die Todesbeute fallen ließ.
+
+Lothar rannte herab, die ohnmächtige Schwester in den Armen. - Sie war
+gerettet. - Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch
+in die Lüfte und schrie »_Feuerkreis_ dreh dich - _Feuerkreis_ dreh dich«
+- Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen
+ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt
+gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte
+herauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, da lachte Coppelius
+sprechend: »Ha ha - wartet nur, der kommt schon herunter von selbst«,
+und schaute wie die übrigen hinauf. Nathanael blieb plötzlich wie
+erstarrt stehen, er bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und
+mit dem gellenden Schrei: »Ha! Sköne Oke - Sköne Oke«, sprang er über
+das Geländer.
+
+Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem, Steinpflaster lag, war
+Coppelius im Gewühl verschwunden.
+
+Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen
+haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Türe
+eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten.
+Es wäre daraus zu schließen, daß Clara das ruhige häusliche Glück noch
+fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im
+Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.
+
+
+
+Ignaz Denner
+
+Vor alter längst verfloßner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst
+des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jägersmann, Andres mit Namen. Er
+war sonst Leibjäger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er
+auf weiten Reisen durch das schöne Welschland begleitet, und einmal,
+als sie auf den unsichern Wegen in dem Königreich Neapel von
+Straßenräubern angefallen wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit
+aus großer Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirtshause zu Neapel,
+wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschönes Mädchen,
+die von dem Hauswirt, der sie als eine Waise aufgenommen, gar hart
+behandelt und zu den niedrigsten Arbeiten in Hof und Küche gebraucht
+wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr verständlich machen
+konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Mädchen faßte
+solche Liebe zu ihm, daß sie sich nicht mehr von ihm trennen, sondern
+mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach,
+gerührt von Andres' Bitten und Giorginas Tränen, erlaubte, daß sie
+sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschbock setzen, und so die
+beschwerliche Reise machen durfte. Schon ehe sie über die Grenzen von
+Italien hinausgekommen, ließ sich Andres mit seiner Giorgina trauen
+und als sie dann nun endlich zurückgekehrt waren auf die Güter des
+Grafen von Vach, glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen,
+da er ihn zu seinem Revierjäger ernannte. Mit seiner Giorgina und
+einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er
+schützen sollte wider die Freijäger und Holzdiebe. Statt des geholten
+Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheißen, führte er aber ein
+beschwerliches, mühseliges, dürftiges Leben und geriet bald in Kummer
+und Elend. Der kleine Lohn an barem Geld, den er von dem Grafen
+erhielt, reichte kaum hin, sich und seine Giorgina zu kleiden; die
+geringen Gefälle, die ihm bei Holzverkäufen zukamen, waren selten
+und ungewiß und den Garten, auf dessen Bebauung und Benutzung er
+angewiesen, verwüsteten oft die Wölfe und die wilden Schweine, er
+mochte mit seinem Knecht auf der Hut sein, wie er wollte, so daß
+bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts
+vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben
+und Freischützen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer
+Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte
+und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie
+ihm nach auf gefährliche Weise, und nur seine treuen Doggen schützten
+ihn vor nächtlichem Überfall des Raubgesindels. Giorgina, des Klimas
+und der Lebensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte
+zusehends hin. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe verwandelte sich in
+fahles Gelb, ihre lebhaften blitzenden Augen wurden düster, und ihr
+voller, üppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie
+in mondheller Nacht. Schüsse krachten in der Ferne durch den Wald, die
+Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit
+dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbrünstig
+zu Gott und zu den Heiligen, daß sie und ihr treuer Mann errettet
+werden möchten aus dieser schrecklichen Einöde und aus der steten
+Todesgefahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das
+Krankenlager, und immer schwächer und schwächer werdend, sah sie ihr
+Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbrütend, schlich der unglückliche
+Andres umher; alles Glück war mit der Krankheit seines Weibes von ihm
+gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den
+Büschen; sowie er sein Gewehr abdrückte, war es verstoben in der Luft.
+Er konnte kein Tier mehr treffen und nur sein Knecht, ein geübter
+Schütze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu
+liefern gehalten war. Einst saß er an Giorginas Bette, den starren
+Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr
+atmete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefaßt und
+hörte nicht das Ächzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten
+wollte. Der Knecht ging schon am frühen Morgen nach Fulda, um für das
+letzte Ersparnis einige Erquickung für die Kranke herbeizuschaffen.
+Kein menschliches tröstendes Wesen war weit und breit zu finden, nur
+der Sturm heulte in schneidenden Tönen des entsetzlichen Jammers durch
+die schwarzen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser
+Klage, um den unglücklichen Herrn. Da hörte Andres auf einmal es vor
+dem Hause daherschreiten, wie menschliche Fußtritte. Er glaubte,
+es wäre der zurückkehrende Knecht, unerachtet er ihn nicht so früh
+erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten heftig. Es
+mußte ein Fremder sein. Andres ging selbst vor die Tür: da trat ihm
+ein langer, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemütze
+tief ins Gesicht gedrückt. »Ei«, sagte der Fremde: »wie bin ich doch
+hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab,
+wir bekommen ein schrecklich Wetter. Möchtet Ihr nicht erlauben,
+lieber Herr! daß ich in Euer Haus eintreten und mich von dem
+beschwerlichen Wege erholen und erquicken dürfte zur weitern Reise?« -
+»Ach Herr«, erwiderte der betrübte Andres, »Ihr kommt in ein Haus der
+Not und des Elends und außer dem Stuhl, auf dem Ihr ausruhen könnt,
+vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen
+kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich
+nach Fulda geschickt, wird erst am späten Abend etwas zur Labung
+herbeibringen.« Unter diesen Worten waren sie in die Stube getreten.
+Der Fremde legte seine Reisemütze und seinen Mantel ab, unter dem er
+ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilett und ein
+paar Terzerole hervor, die er auf den Tisch legte. Andres war an
+Giorginas Bett getreten, sie lag in bewußtlosem Zustande. Der
+Fremde trat ebenfalls hinzu, schaute die Kranke lange mit scharfen,
+bedächtigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich
+erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: »Ach Gott, nun
+stirbt sie wohl!« da sagte der Fremde: »Mit nichten, lieber Freund!
+seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als kräftige, gute Nahrung,
+und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und stärkt,
+die besten Dienste tun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein
+Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und
+besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir
+führe und auch wohl verkaufe.« Damit öffnete der Fremde sein Kistchen,
+holte eine Phiole heraus, tröpfelte von dem ganz dunkelroten Liquor
+etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem
+Felleisen eine kleine geschliffene Flasche köstlichen Rheinweins und
+flößte der Kranken ein paar Löffel voll ein. Den Knaben, befahl er,
+nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der
+Ruhe zu überlassen. Dem Andres war es zumute, als sei ein Heiliger
+herabgestiegen in die Einöde, ihm Trost und Hülfe zu bringen. Anfangs
+hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abgeschreckt, jetzt
+wurde er durch die sorgliche Teilnahme, durch die augenscheinliche
+Hülfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezogen. Er
+erzählte dem Fremden unverhohlen, wie er eben durch die Gnade, die ihm
+sein Herr, der Graf von Vach, angedeihen lassen wollen, in Not und
+Elend geraten sei und wie er wohl Zeit seines Lebens nicht aus
+drückender Armut und Dürftigkeit kommen werde. Der Fremde tröstete
+ihn dagegen und meinte, wie oft ein unverhofftes Glück dem
+Hoffnungslosesten alle Güter des Lebens bringe, und daß man wohl etwas
+wagen müsse, das Glück selbst sich dienstbar zu machen. »Ach lieber
+Herr!« erwiderte Andres, »ich vertraue Gott und der Fürsprache der
+Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit
+Inbrunst beten. Was soll ich denn tun, um mir Geld und Gut zu
+verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so wäre
+es ja sündlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt
+zu Gütern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wünsche,
+die ihr schönes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einöde
+zu folgen, so kommt es wohl, ohne daß ich Leib und Leben wage um
+schnödes, weltliches Gut.« Der Fremde lächelte bei diesen Reden des
+frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu
+erwidern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den
+sie versunken, erwachte. Sie fühlte sich wunderbarlich gestärkt; auch
+der Knabe lächelte hold und lieblich an ihrer Brust. Andres war außer
+sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus.
+Der Knecht war indessen zurückgekommen und bereitete, so gut er es
+vermochte, von den mitgebrachten Lebensmitteln das Mahl, an dem nun
+der Fremde teilnehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe
+für Giorgina, und man sah, daß er allerlei Gewürz und andere
+Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war später
+Abend worden, der Fremde mußte daher bei dem Andres übernachten,
+und er bat, daß man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina
+schliefen, ein Strohlager bereiten möge. Das geschah. Andres, den die
+Besorgnis um Giorgina nicht schlafen ließ, bemerkte, wie der Fremde
+beinahe bei jedem stärkeren Atemzuge Giorginas auffuhr, wie er
+stündlich aufstand, leise sich ihrem Bette näherte, ihren Puls
+erforschte und ihr Arznei eintröpfelte.
+
+Als der Morgen angebrochen, war Giorgina wieder zusehends besser
+geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte,
+aus der Fülle seines Herzens. Auch Giorgina äußerte, wie ihn wohl, auf
+ihr inbrünstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung.
+Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbrüche des Danks in gewisser
+Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und äußerte ein
+Mal über das andere, wie er ja ein Unmensch sein müsse, wenn er nicht
+der Kranken mit seiner Kenntnis und den Arzneimitteln, die er bei sich
+führe, habe beistehen sollen. Übrigens sei nicht Andres, sondern er
+zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Not unerachtet, die im Hause
+herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keineswegs diese
+Pflicht unerfüllt lassen. Er zog einen wohlgefüllten Beutel hervor
+und nahm einige Goldstücke heraus, die er dem Andres hinreichte. »Ei
+Herr«, sagte Andres, »wie und wofür sollte ich denn so vieles Geld von
+Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da Ihr Euch in dem
+wilden weitläufigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht,
+und dünkte Euch das irgend eines Dankes wert, so habt Ihr mich ja
+überreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch
+belohnt, daß Ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib
+vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir getan,
+werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott möge es mir
+verleihen, daß ich die edle Tat Euch mit meinem Leben und Blut lohnen
+könne.« Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher
+funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. »Ihr müßt, braver Mann«,
+sprach er, »durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe
+schuldig, der Ihr damit bessere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen
+könnt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren
+vorigen Zustand zurückzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu
+können.« - »Ach Herr«, erwiderte Andres, »verzeiht es, aber eine
+innere Stimme sagt mir, daß ich Euer unverdientes Geld nicht nehmen
+darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der höhern Eingebung meines
+Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben
+geführt und mich beschützt vor allen Gefahren des Leibes und der
+Seele. Wollt Ihr großmütig handeln und an mir Armen ein übriges tun,
+so laßt mir ein Fläschlein von Eurer wundervollen Arznei zurück, damit
+durch ihre Kraft mein Weib ganz genese.« Giorgina richtete sich im
+Bette auf, und der schmerzvolle wehmütige Blick, den sie auf Andres
+warf, schien ihn anzusehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres
+Widerstreben zu achten, sondern die Gabe des mildtätigen Mannes
+anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: »Nun wenn Ihr denn
+durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm
+lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Not zu
+retten, nicht verschmähen wird.« Damit griff er noch einmal in den
+Beutel, und sich der Giorgina nähernd, gab er ihr wohl noch einmal so
+viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Giorgina sah das
+schöne funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte
+kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Tränen schossen ihr die
+Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach
+zu Andres: »Seht, lieber Mann! Ihr könnet meine Gabe getrost annehmen,
+da ich nur etwas von großem Überfluß Euch mitteile. Gestehen will ich
+Euch, daß ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten
+Kleidung, und da ich wie ein dürftiger wandernder Krämer zu Fuß reise,
+glaubt Ihr gewiß, daß ich arm bin und mich nur kümmerlich von kleinem
+Verdienst auf Messen und Jahrmärkten nähre: ich muß Euch jedoch sagen,
+daß ich durch glücklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den
+ich seit vielen Jahren treibe, ein sehr reicher Mann geworden, und nur
+die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In
+diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und
+köstliche, zum Teil noch im grauen Altertum geschnittene Steine,
+welche viele, viele Tausende wert sind. Ich habe diesmal in Frankfurt
+sehr glückliche Geschäfte gemacht, so daß das wohl noch lange nicht
+der hundertste Teil des Gewinns sein mag, was ich Euerm lieben Weibe
+schenkte. Überdem gebe ich Euch das Geld keineswegs umsonst, sondern
+verlange von Euch dafür allerlei Gefälligkeiten. Ich wollte, wie
+gewöhnlich, von Frankfurt nach Kassel gehen und kam von Schlüchtern
+aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, daß der Weg
+durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade für einen
+Fußgänger recht anmutig ist, weshalb ich denn künftig auf gleicher
+Reise immer diese Straße einschlagen und bei Euch einsprechen will.
+Ihr werdet daher mich jährlich zweimal bei Euch eintreffen sehen;
+nämlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Kassel wandere, und
+im späten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelismesse nach
+Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wohl auch nach Welschland
+gehe. Dann sollt Ihr mich für gute Bezahlung - einen - zwei auch wohl
+drei Tage bei Euch beherbergen und das ist die erste Gefälligkeit, um
+die ich Euch ersuche.
+
+Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waren sind, die
+ich in Kassel nicht brauche, und das mir beim Wandern hinderlich ist,
+zu behalten, bis ich künftigen Herbst wieder bei Euch einspreche.
+Nicht verhehlen will ich, daß die Waren viele Tausende wert sind, aber
+ich mag Euch deshalb doch kaum größere Sorglichkeit empfehlen, da ich
+nach der Treue und Frömmigkeit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue,
+daß Ihr auch das Geringste, was ich Euch zurückließe, sorgfältig
+aufbewahren würdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch großem
+Werte, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich
+tun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere.
+Das Dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen,
+unerachtet es mir jetzt am nötigsten tut. Ihr sollt Euer liebes Weib
+nur auf diesen Tag verlassen und mich aus dem Forst bis auf die Straße
+nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Bekannten einsprechen und dann
+meine Reise nach Kassel fortsetzen will. Denn außer dem, daß ich des
+Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal
+verirren könnte, ohne von einem so wackern Mann, wie Ihr es seid,
+aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer.
+Euch als einem Jägersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber
+ich, als einsamer Wanderer, könnte wohl gefährdet werden. Man sprach
+in Frankfurt davon, daß eine Räuberbande, die sonst die Gegend von
+Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Straßburg herauf
+ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von
+Leipzig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen reicheren Gewinst
+versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht wär es möglich,
+daß sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwelenhändler
+kennten. Hab ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient,
+so könnt Ihr mich dadurch reichlich lohnen, daß Ihr aus diesem Forste
+mich auf Weg und Steg leitet.« Andres war mit Freuden bereit, alles zu
+erfüllen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es
+der Fremde wünschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jägeruniform
+anzog, seine Doppelbüchse und seinen tüchtigen Hirschfänger
+umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln.
+Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geöffnet und die
+prächtigsten Geschmeide, Halsketten - Ohrringe - Spangen
+herausgenommen, die er auf Giorginas Bette ausbreitete, so daß sie
+ihre Verwunderung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der
+Fremde sie aufforderte, doch eine der schönsten Halsketten umzuhängen,
+die reichen Spangen auf ihre wunderschön geformten Ärme zu streifen,
+und ihr dann einen kleinen Taschenspiegel vorhielt, worin sie sich
+nach Herzenslust beschauen konnte, so daß sie in kindischer Lust
+aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: »Ach lieber Herr! wie
+möget Ihr doch in meinem armen Weibe solche Lüsternheit erregen, daß
+sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar
+nicht anstehen. Nehmt mir es nicht übel, Herr! aber die einfache rote
+Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehängt hatte, als ich
+sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das
+funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und trügerisch
+vorkommt.« - »Ihr seid auch gar zu strenge«, erwiderte der Fremde
+höhnisch lächelnd, »daß Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer
+Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schönen
+Geschmeiden herauszuputzen, die keineswegs trügerisch, sondern
+wahrhaft echt sind. Wißt Ihr denn nicht, daß eben den Weibern solche
+Dinge rechte Freude verursachen? Und was Ihr da sagt, daß solcher
+Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so muß ich das Gegenteil
+behaupten. Euer Weib ist hübsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr
+wißt ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug sein wird,
+dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen.« Andres sprach
+mit sehr ernstem nachdrücklichen Ton: »Ich bitte Euch, Herr! führt
+nicht solche geheimnisvolle verfängliche Reden! Wollt Ihr denn mein
+armes Weib betören, daß sie von eitlem Gelüst nach solchem weltlichen
+Prunk und Staat nur drückender unsere Armut fühle und um alle
+Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schöne
+Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis
+Ihr zurückkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhüten
+möge! Euch unterdessen ein Unglück zustoßen sollte, so daß Ihr nicht
+mehr zurückkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen
+abliefern, und wie lange soll ich auf Euch warten, ehe ich die Juwelen
+_dem_ einhändige, den Ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt
+um Euern Namen bitte?« - »Ich heiße«, erwiderte der Fremde, »Ignaz
+Denner, und bin, wie Ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe
+weder Weib, noch Kinder, und meine Verwandte wohnen im Walliser Lande.
+_Die_ kann ich aber keineswegs lieben und achten, da sie sich, als ich
+noch arm und bedürftig war, um mich gar nicht gekümmert haben. Sollte
+ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behaltet das Kistchen
+ruhig an Euch und, da ich wohl weiß, daß beide, Ihr und Giorgina, Euch
+sträuben werdet, das reiche Vermächtnis von mir anzunehmen, so schenke
+ich in jenem Fall das Kästchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich,
+wenn Ihr ihn firmeln laßt, den Namen Ignatius beizugeben bitte.«
+Andres wußte in der Tat nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit
+und Großmut des fremden Mannes machen sollte. Er stand ganz verstummt
+vor ihm, indes Giorgina ihm für seinen guten Willen dankte und
+versicherte, zu Gott und den Heiligen fleißig beten zu wollen, daß sie
+ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschützen und ihn stets
+glücklich in ihr Haus zurückführen möchten. Der Fremde lächelte, so
+wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, daß wohl das
+Gebet einer schönen Frau mehr Kraft haben möge, als das seinige. Das
+Beten wolle er daher ihr überlassen und übrigens seinem kräftigen
+abgehärteten Körper und seinen guten Waffen vertrauen.
+
+Dem frommen Andres mißfiel diese Äußerung des Fremden höchlich;
+indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwidern schon im Begriff
+stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch
+den Forst zu beginnen, da er sonst erst in später Nacht in sein Haus
+zurückkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen würde.
+
+Der Fremde sagte beim Abschied noch Giorginen: daß er ausdrücklich ihr
+erlaube, sich, wenn es ihr Vergnügen mache, mit seinen Geschmeiden zu
+schmücken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an
+jeder Belustigung mangle. Giorgina errötete vor innerm Vergnügen,
+da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glänzendem Staat und
+vorzüglich an kostbaren Steinen nicht unterdrücken konnte. - Nun
+schritten Denner und Andres rasch vorwärts durch den finstern öden
+Wald. In dem dicksten Gebüsch schnupperten die Doggen umher und
+klafften, den Herrn mit klugen beredten Augen anschauend. »Hier ist
+es nicht geheuer«, sprach Andres, spannte den Hahn seiner Büchse und
+schritt mit den Hunden bedächtig vor dem fremden Kaufmann her. Oft
+war es ihm, als rausche es in den Bäumen und bald erblickte er
+in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebüsch
+verschwanden. Er wollte seine Doggen loskuppeln. »Tut das nicht,
+lieber Mann!« rief Denner, »denn ich kann Euch versichern, daß wir
+nicht das mindeste zu fürchten haben.« Kaum hatte er diese Worte
+gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein großer schwarzer
+Kerl mit struppigen Haaren und großem Knebelbart, eine Büchse in der
+Hand, aus dem Gebüsch heraustrat. Andres machte sich schußfertig;
+»schießt nicht, schießt nicht!« rief Denner; der schwarze Kerl nickte
+ihm freundlich zu und verlor sich in den Bäumen. Endlich waren sie aus
+dem Walde heraus, auf der lebhaften Landstraße. »Nun danke ich Euch
+herzlich für Euer Geleite«, sprach Denner; »kehrt nur jetzt in Eure
+Wohnung zurück; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstoßen, wie
+wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Straße fort, ohne Euch darum zu
+kümmern. Tut, als wenn Ihr gar nichts bemerktet, behaltet Eure Doggen
+am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung erreichen.« Andres
+wußte nicht, was er von dem allen und von dem wunderlichen Kaufmann
+denken sollte, der, wie ein Geisterbeschwörer, den Feind zu bannen und
+von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn
+erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres
+durch den Forst zurück, es stieß ihm durchaus nichts Verdächtiges auf
+und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Giorgina, die sich
+munter und kräftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme
+fiel.
+
+Durch die Freigebigkeit des fremden Kaufmanns bekam die kleine
+Haushaltung des Andres eine ganz andere Gestalt. Kaum war nämlich
+Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und außer
+den nötigsten Bedürfnissen noch manches Stück einkaufte, das ihrer
+häuslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines
+gewissen Wohlstandes erhielt. Dazu kam, daß seit dem Besuch des
+Fremden die Freijäger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen,
+und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagdglück
+war wiedergekehrt, so daß er, wie sonst, beinahe niemals einen
+Fehlschuß tat. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und
+blieb drei Tage. Der hartnäckigen Weigerung der Wirtsleute unerachtet
+war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es
+sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so
+sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer
+zu machen.
+
+Nun konnte die bildhübsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand
+dem Andres, daß sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen
+Nadel, wie sie die Mädchen und Weiber in mancher Gegend Italiens
+durch das in Zöpfen zusammengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken
+pflegen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in
+dem Augenblick war Giorgina zur Tür herausgesprungen und nicht lange
+dauerte es, so kehrte sie zurück ganz so gekleidet und geschmückt, wie
+Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schöne goldne Nadel prangte
+in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen
+geflochten, und Andres mußte sich nun selbst gestehen, daß der Fremde
+sein Geschenk recht sinnig gewählt hatte, um seine Giorgina wahrhaft
+zu erfreuen.
+
+Andres äußerte dies unverhohlen und Giorgina meinte, daß der Fremde
+wohl ihr Schutzengel sei, der sie aus der tiefsten Dürftigkeit zum
+Wohlstande erhebe, und daß sie gar nicht begreife, wie Andres so
+wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und überhaupt so traurig,
+so in sich gekehrt, bleiben könne. »Ach, liebes Herzensweib!« sprach
+Andres, »die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, daß ich
+durchaus nichts von dem Fremden annehmen dürfe, die schweigt bis jetzt
+keineswegs. Ich werde oft von innern Vorwürfen gemartert; es ist mir,
+als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen
+sei und deshalb kann mich nichts recht freuen, was dafür angeschafft
+wurde. Ich kann mich jetzt wohl öfter mit einer kräftigen Speise, mit
+einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina! war einmal
+ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein
+paar ehrlich verdiente Groschen mehr beschert, als gewöhnlich, dann
+schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der
+gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem
+sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in
+seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zumute. Hast du wohl bemerkt,
+liebe Giorgina! daß er niemanden fest anzuschauen vermag? Und dabei
+blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar
+heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so - bübisch
+möcht ich sagen, lachen, daß es mich eiskalt überläuft. - Ach, möchten
+nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als
+liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde
+mit einemmal hervorrufen werde, nachdem er uns in seinen künstlichen
+Schlingen gefangen.«
+
+Giorgina suchte ihrem Mann die schwarzen Vorstellungen auszureden,
+indem sie versicherte, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzüglich
+bei ihren Pflegeeltern im Wirtshause, Personen kennen gelernt,
+deren Äußeres noch viel widriger gewesen sei, unerachtet es am Ende
+grundgute Menschen waren. Andres schien getröstet, im Innern beschloß
+er aber auf der Hut zu sein.
+
+Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein
+wunderschönes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt
+geworden. Es war Giorginas Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig
+und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitanische
+Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewöhnlich, bereitet, wozu
+der Fremde eine Flasche köstlichen Weins aus dem Felleisen hergab.
+Als sie nun fröhlich bei Tische saßen und der kleine Knabe mit solch
+wunderbar verständigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: »Euer
+Kind verspricht in der Tat mit seinem besondern Wesen schon jetzt
+recht viel und es ist schade, daß ihr nicht imstande sein werdet, es
+gehörig zu erziehen. Ich hätte euch wohl einen Vorschlag zu tun, ihr
+werdet ihn aber verwerfen wollen, unerachtet ihr bedenken möchtet, daß
+er nur euer Glück, euern Wohlstand bezweckt. Ihr wißt, daß ich reich
+und ohne Kinder bin, ich fühle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung
+zu euerm Knaben - Gebt mir ihn! - Ich bringe ihn nach Straßburg, wo er
+von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste
+erzogen werden und mir sowie euch große Freude machen soll. Ihr werdet
+mit euerm Kinde einer großen Last frei; doch müßt ihr euern Entschluß
+schnell fassen, da ich genötigt bin, noch heute abend abzureisen. Auf
+meinen Armen trage ich das Kind bis in das nächste Dorf; dort nehme
+ich dann ein Fuhrwerk.« Bei diesen Worten des Fremden riß Giorgina
+das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und
+drückte es an ihren Busen, indem ihr die Tränen in die Augen traten.
+»Seht, lieber Herr!« sprach Andres, »wie meine Frau Euch auf Euern
+Vorschlag antwortet, und ebenso bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag
+recht gut sein; aber wie möget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen,
+das wir auf Erden besitzen? wie möget Ihr doch das eine Last nennen,
+was unser Leben aufheitern würde, wären wir auch noch in der tiefsten
+Dürftigkeit, aus der uns Eure Güte gerissen? Seht, lieber Herr! Ihr
+sagtet selbst, daß Ihr ohne Frau und ohne Kinder wäret; Euch ist daher
+wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen
+Himmelreichs herabströmt auf Mann und Weib bei der Geburt eines
+Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und Himmelswonne selbst, von der
+die Eltern erfüllt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und
+still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von
+ihrer Liebe, von ihrem höchsten Lebensglück spricht. - Nein, lieber
+Herr! so groß auch die Wohltaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so
+wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind wert ist;
+denn wo gäbe es Schätze der Welt, die diesem Besitz gleichzustellen?
+Scheltet uns daher nicht undankbar, lieber Herr! daß wir Euch Euer
+Ansinnen so ganz und gar abschlagen. Wäret Ihr selbst Vater, so
+bedürfte es weiter gar keiner Entschuldigung für uns.« - »Nun, nun«,
+erwiderte der Fremde, indem er finster seitwärts blickte, »ich glaubte
+Euch wohlzutun, indem ich Euern Sohn reich und glücklich machte. Seid
+ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede.« -
+Giorgina küßte und herzte den Knaben, als sei er aus großer Gefahr
+errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich
+wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch
+nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung seiner Wirtsleute, ihm
+den Knaben zu geben, verdrossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch
+denselben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er
+jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina verweilte, sondern mit Andres
+auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen
+Aloys von Vach erzählen ließ. Als in der Folge Ignaz Denner wieder bei
+seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan,
+den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freundlich wie
+vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch
+überdem wiederholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den
+Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu
+schmücken, welches sie auch wohl dann und wann heimlich tat. Oft
+wollte Denner, wie sonst, mit dem Knaben spielen; dieser sträubte sich
+aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen,
+als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern
+zu entführen. - Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen
+Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die
+Scheu, das Mißtrauen wider Denner endlich überwunden, so daß Andres
+seinen Wohlstand ruhig und heiter genoß. Im Herbst des dritten Jahres,
+als die Zeit, in der Denner gewöhnlich einzusprechen pflegte, schon
+vorüber war, pochte es in einer stürmischen Nacht hart an Andres' Tür,
+und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrocken sprang er
+aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer
+Nacht so störe und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um
+solche ungebetene Gäste wegzuhetzen, da sagte einer, er möge nur
+aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Denners Stimme. Als
+er nun mit dem Licht in der Hand die Haustür öffnete, trat ihm Denner
+allein entgegen. Andres äußerte, wie es ihm vorgekommen, als ob
+mehrere Stimmen seinen Namen gerufen hätten; Denner meinte dagegen,
+daß den Andres das Heulen des Windes getäuscht haben müsse. Als sie
+in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner
+näher betrachtete und seinen ganz veränderten Anzug gewahr wurde.
+Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein
+dunkelrotes Wams und einen breiten ledernen Gurt, in dem ein Stilett
+und vier Pistolen staken; außerdem war er noch mit einem Säbel
+bewaffnet, selbst das Gesicht schien verändert, indem auf der sonst
+glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker
+schwarzer Bart sich über Lippe und Wangen zog. »Andres!« sprach
+Denner, indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, »Andres!
+als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da
+wünschtest du, daß Gott es dir verleihen möge, mir die dir erzeigte
+Wohltat mit deinem Blut und Leben lohnen zu können. Dein Wunsch ist
+erfüllt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir
+deine Dankbarkeit, deine Treue beweisen kannst. Kleide dich an; nimm
+deine Büchse und komme mit mir, nur wenige Schritte von deiner Wohnung
+sollst du das übrige erfahren.« Andres wußte nicht, was er von Denners
+Zumutung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl
+eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur mögliche für
+ihn zu unternehmen, sobald es nicht der Rechtschaffenheit, Tugend
+und Religion zuwiderlaufe. »Darüber kannst du ganz ruhig sein«, rief
+Denner, indem er ihm lächelnd auf die Schulter klopfte; und da er
+bemerkte, daß Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und
+bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach,
+sie sanft zurückziehend: »Laßt Euern Mann nur immer mit mir ziehen,
+in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch
+vielleicht was Schönes mit. Hab ich es denn jemals böse mit euch
+gemeint? Habe ich selbst dann, wenn ihr mich verkanntet, nicht immer
+euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, ihr seid recht besondere mißtrauische
+Leute.« Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner
+sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: »Ich hoffe du wirst deine
+Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der Tat, was
+du gesprochen!« Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit
+Denner zur Türe herausschritt, sprach er noch einmal: »Alles, lieber
+Herr! will ich für Euch tun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wohl von
+mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen
+liefe, nicht vollbringen würde.« Denner antwortete nichts, sondern
+schritt rasch vorwärts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf
+einen ziemlich geräumigen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, daß der
+Ton ringsumher aus den schaurigen Klüften widerhallte und überall in
+den Büschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in
+den dunklen Gängen, bis sich schwarze gräßliche Gestalten gespenstisch
+hervordrängten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem
+Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: »Das ist ja wohl
+unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann?« - »Ja«, antwortete Denner,
+»ich hab ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestück machen, es
+kann nun gleich vorwärts gehen.« Andres erwachte bei diesen Worten wie
+aus dumpfer Betäubung, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne; aber
+er ermannte sich und rief heftig: »Was, du schändlicher Betrüger,
+für einen Kaufmann gabst du dich aus, und treibst ein höllisches
+verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Räuber? Nimmermehr will
+ich dein Geselle sein und teilnehmen an deinen Schandtaten, zu denen
+du mich, wie der Satan selbst, auf künstliche hämische Weise verlocken
+wolltest? - Laß mich gleich fort, du frevelicher Bösewicht, und räume
+mit deiner Rotte dies Gebiet, sonst verrate ich deine Schlupfwinkel
+der Obrigkeit, und du bekommst den Lohn für deine Schandtaten; denn
+nun weiß ich es wohl, daß du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit
+seiner Bande an der Grenze gehauset und geraubt, und gemordet hat. -
+Gleich lasse mich fort, ich will dich nie mehr schauen.« Denner lachte
+laut auf. »Was, du feiger Bube?« sprach er: »du unterstehst dich, mir
+zu trotzen, dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen?
+Bist du nicht längst schon unser Geselle? lebst du nicht schon seit
+beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmückt sich dein Weib nicht
+mit unserm Raube? Nun stehst du unter uns und willst nicht arbeiten
+dafür was du genossen? Folgst du uns nun nicht, zeigst du dich nicht
+gleich als unsern rüstigen Kumpan, so lasse ich dich gebunden in
+unsere Höhle werfen und meine Gesellen ziehen nach deiner Wohnung,
+zünden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde
+wohl diese Maßregel, die nur eine Folge deiner Halsstarrigkeit sein
+würde, nicht ergreifen dürfen. Nun! - wähle! - es ist Zeit, wir müssen
+fort!« - Andres sah nun wohl ein, daß die mindeste Weigerung seiner
+geliebten Giorgina und dem Knaben das Leben kosten würde; den
+verräterischen bübischen Denner im Innern zur Hölle verfluchend,
+beschloß er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fügen, rein
+von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die
+Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten günstigen
+Gelegenheit ihre Aufhebung und Einziehung zu bewirken. Nach diesem im
+stillen gefaßten Entschluß erklärte er dem Denner, wie trotz seines
+innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit für Giorginas Rettung
+ihn verpflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition
+mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, soviel möglich
+mit dem tätigen Anteil daran zu verschonen. Denner lobte seinen
+Entschluß, indem er hinzufügte, wie er keineswegs verlange, daß er
+förmlich zur Bande übertreten solle, vielmehr müsse er Revierjäger
+bleiben; denn so wäre er ihm und der Bande schon jetzt von großem
+Nutzen gewesen, was denn auch künftig der Fall sein würde.
+
+Es war auf nichts Geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen
+Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu
+überfallen und auszuplündern. Man wußte, daß der Pachter außer dem
+vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besaß, eben jetzt für
+verkauftes Getreide eine sehr bedeutende Summe eingenommen hatte, die
+er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Räuber einen
+reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgelöscht und still zogen die
+Räuber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebäude
+standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen
+stiegen über die Mauer, und sprengten von innen das Hoftor; einige
+wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres.
+Bald hörte er, wie die Räuber die Türen erbrachen und ins Haus
+stürmten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der
+Gemißhandelten. Es fiel ein Schuß; der Pachter, ein beherzter Mann,
+mochte sich zur Wehre setzen - dann wurde es stiller - aufgesprengte
+Schlösser klirrten, Räuber schleppten Kisten zum Hoftor heraus. Einer
+von des Pachters Leuten mußte in der Finsternis entwischt und ins Dorf
+gerannt sein; denn auf einmal tönte die Sturmglocke durch die Nacht,
+und bald darauf strömten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die
+Straße herauf nach der Pachterwohnung. Nun fiel Schuß auf Schuß, die
+Räuber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der
+Mauer näherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezündet. Andres, der auf
+einer Anhöhe stand, konnte alles übersehen. Mit Entsetzen erblickte er
+unter den Bauern, Jäger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von
+Vach! - Was sollte er tun? - Sich zu ihnen zu begeben, war unmöglich,
+nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert
+stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer
+mörderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite
+waren die Vachschen Jäger gedrungen und mit den Räubern handgemein
+geworden. Die Räuber mußten zurück, sie drängten sich fechtend
+durch das Tor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern,
+der unaufhörlich lud und schoß und niemals fehlte. Ein junger
+reichgekleideten Mann, von Vachschen Jägern umgeben, schien den
+Anführer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er
+abdrückte, stürzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen
+Schrei nieder. Die Räuber flohen - schon stürzten die Vachschen Jäger
+herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, Andres
+herbei und rettete Dennern, den er, stark wie er war, auf die
+Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden,
+erreichte er glücklich den Wald. Nur einzelne Schüsse fielen hin und
+wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, daß es den Räubern,
+die nicht verwundet auf dem Platze liegen geblieben, geglückt war, in
+den Wald zu entkommen und daß es den Jägern und Bauern nicht ratsam
+schien, in das Dickicht einzubrechen. »Setze mich nur nieder, Andres!
+« sprach Denner, »ich bin in den Fuß verwundet und verdammt, daß ich
+umstürzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub ich
+doch nicht einmal, daß sie bedeutend ist.« Andres tat es, Denner holte
+eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie öffnete, strahlte
+ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen
+konnte: Denner hatte recht; nur ein starker Streifschuß hatte den
+rechten Fuß getroffen, der stark blutete. Andres verband die Wunde mit
+seinem Schnupftuch, Denner ließ seine Pfeife ertönen, aus der Ferne
+wurde geantwortet und nun bat er den Andres, ihn sachte den schmalen
+Waldweg heraufzuführen, denn bald würden sie an Ort und Stelle sein.
+Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von
+Windlichtern durch das dunkle Gebüsch brechen und hatten jenen
+Rasenplatz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die
+übriggebliebenen Räuber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor
+Freude auf, als Denner unter sie trat und rühmten den Andres, der,
+tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich,
+daß über die Hälfte der Bande tot, oder hart verwundet auf dem Platze
+liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Räubern, die dazu
+bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht
+wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Gerät, sowie eine ansehnliche
+Summe Geld, fortzuschaffen gewußt, so daß, unerachtet das Unternehmen
+schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das
+Nötige besprochen, wandte sich Denner, den man unterdessen ordentlich
+verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fühlen
+schien, zu Andres und sprach: »Ich habe dein Weib vom Tode errettet,
+du hast mich in dieser Nacht der Gefangenschaft entzogen und mich
+folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quitt!
+du kannst in deine Wohnung zurückkehren. In den nächsten Tagen,
+vielleicht schon morgen, verlassen wir die Gegend; du magst daher
+ganz ruhig darüber sein, daß wir dir Ähnliches, so wie heute, zumuten
+werden. Du bist ja so ein gottesfürchtiger Narr und uns nicht
+brauchbar. Es ist indessen billig, daß du teil am heutigen Raube
+nehmest und überdem für meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher
+diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn übers
+Jahr hoffe ich bei dir einzusprechen.« - »Gott der Herr soll mich
+behüten«, erwiderte Andres heftig, »daß ich auch nur einen Pfennig von
+Eurem schändlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch nur durch
+die abscheulichsten Drohungen gezwungen mitzugehen, welches ich
+ewiglich bereuen werde. Wohl mag es Sünde gewesen sein, daß ich dich,
+du schändlicher Bösewicht! der gerechten Strafe entzogen habe; aber
+Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmut verzeihen. Es war, als
+flehe in dem Augenblick meine Giorgina um dein Leben, da du das ihrige
+errettet, und ich konnte nicht anders, als daß ich dich mit Gefahr
+meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und
+meines Kindes aufs Spiel setzend, der Gefahr entriß. Denn sprich, was
+wäre aus mir, wenn man mich verwundet, ja was wäre aus meinem armen
+Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter deiner
+verruchten Mörderbande gefunden hätte? - Aber sei überzeugt, daß, wenn
+du die Gegend nicht verlässest, wenn nur ein einziger hier geschehener
+Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und
+der Obrigkeit deine Schlupfwinkel verrate.« - Die Räuber wollten über
+den Andres herfallen, um ihn für seine Reden zu züchtigen; Denner
+verbot es ihnen jedoch, indem er sagte: »Laßt doch den albernen Kerl
+schwatzen, was tut das uns? - Andres«, fuhr Denner fort, »du bist in
+meiner Gewalt, so wie dein Weib und dein Knabe. Du sowohl, als diese,
+sollen aber ungefährdet bleiben, wenn du mir versprichst, dich ruhig
+in deiner Wohnung zu halten und über deine Mitwissenschaft von dem
+Vorfall dieser Nacht gänzlich zu schweigen. Das letzte rate ich dir
+um so mehr, als meine Rache dich furchtbar treffen und überdem die
+Obrigkeit dir selbst wohl deine Hülfe bei der Tat, sowie, daß du schon
+lange von meinem Reichtum genossest, nicht so hingehen lassen würde.
+Dagegen verspreche ich dir noch einmal, daß ich die Gegend gänzlich
+räumen will und wenigstens von mir und meiner Bande hier kein
+Unternehmen mehr ausgeführt werden soll.« Nachdem Andres notgedrungen
+diese Bedingungen des Räuberhauptmanns eingegangen war und feierlich
+versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Räubern durch
+wildverwachsne Fußsteige auf den breiten Waldweg geführt und es war
+längst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor
+Sorge und Angst totenbleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im
+allgemeinen, daß sich ihm Denner als der verruchteste Bösewicht
+offenbart, und er daher alle Gemeinschaft mit ihm abgebrochen habe;
+nie solle er mehr seine Schwelle betreten. »Aber das Juwelenkästchen?«
+unterbrach ihn Giorgina. Da fiel es dem Andres wie eine schwere Last
+aufs Herz. An die Kleinodien, die Denner bei ihm zurückgelassen, hatte
+er nicht gedacht, und unerklärlich schien es ihm, daß Dennern auch
+nicht ein Wort darüber entfallen war. Er ging mit sich zu Rate, was er
+wohl mit diesem Kästchen anfangen solle. Zwar dachte er daran, es nach
+Fulda zu bringen und der Obrigkeit zu übergeben; wie sollte er aber
+den Besitz desselben beschönigen, ohne sich wenigstens dringender
+Gefahr auszusetzen, das dem Denner einmal gegebene Wort zu brechen? Er
+beschloß endlich, diesen Schatz getreulich zu bewahren, bis der Zufall
+ihm Gelegenheit darbieten würde, es Dennern wieder zuzustellen, oder
+besser noch, es, ohne sein Wort zu brechen, an die Obrigkeit zu
+bringen.
+
+Der Überfall der Pachterwohnung hatte nicht geringen Schreck in der
+ganzen Gegend verursacht; denn es war das kühnste Wagestück, das die
+Räuber seit Jahren unternommen und ein sichrer Beweis, daß die Bande,
+welche sich erst durch gemeine Diebereien, dann durch das Anhalten
+und Berauben einzelner Reisenden kund tat, [sich] bedeutend verstärkt
+haben mußte. Nur dem Zufall, daß der Neffe des Grafen von Vach, von
+mehreren Leuten seines Oheims begleitet, eben in dem Dorfe, das unfern
+der Pachterwohnung lag, übernachtete und auf den ersten Lärm den
+Bauern, die gegen die Räuber auszogen, zu Hülfe eilte, hatte der
+Pachter die Rettung seines Lebens und des größten Teils seiner
+Barschaft zu verdanken. Drei von den Räubern, die auf dem Platz
+geblieben waren, lebten noch den andern Tag und gaben Hoffnung, von
+ihren Wunden zu genesen. Man hatte sie sorgfältig verbunden und in das
+Dorfgefängnis gesperrt; als man indessen am frühen Morgen des dritten
+Tages sie abführen wollte, fand man sie durch viele Stiche ermordet,
+ohne daß man hätte erraten können, wie das zugegangen. Jede Hoffnung
+der Gerichte, von den Gefangenen näheren Aufschluß über die Bande zu
+erhalten, war daher vereitelt. Andres schauderte im Innern, als er das
+alles erzählen hörte, als er vernahm, wie mehrere Bauern und Jäger des
+Grafen von Vach zum Teil getötet, zum Teil schwer verwundet worden. -
+Starke Patrouillen von Fuldaischen Reitern durchstreiften den Wald,
+und sprachen öfters bei ihm ein; jeden Augenblick mußte Andres
+befürchten, daß man Dennern selbst, oder wenigstens einen von der
+Bande einbringen, und dieser ihn dann als Genosse jener kühnen
+Freveltat erkennen und angeben werde. Zum erstenmal in seinem Leben
+fühlte er die folternde Qual des bösen Gewissens, und doch hatte
+ihn nur die Liebe zu seinem Weibe, zu dem Knaben, gezwungen, dem
+frevelichen Ansinnen Denners nachzugeben.
+
+Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, es war unmöglich den Räubern
+auf die Spur zu kommen, und Andres überzeugte sich bald, daß Denner
+Wort gehalten und die Gegend mit seiner Bande verlassen hatte. Das
+Geld, welches er noch von Denners Geschenken übrig behalten, sowie die
+goldene Nadel, legte er zu den Kleinodien in das Kistchen; denn er
+wollte nicht noch mehr Sünde auf sich laden und von geraubtem Gelde
+sich gütlich tun. So kam es denn, daß Andres bald wieder in die vorige
+Dürftigkeit und Armut geriet; aber immer mehr erheiterte sich sein
+Inneres, je längere Zeit verstrich, ohne daß irgend etwas sein ruhiges
+Leben verstört hätte. Nach zwei Jahren gebar ihm sein Weib noch einen
+Knaben, ohne jedoch, wie das erstemal, zu erkranken, wiewohl sie sich
+herzlich nach jener bessern Kost und Pflege sehnte, die ihr damals so
+wohl getan. Andres saß einst in der Abenddämmerung traulich mit seinem
+Weibe zusammen, die den jüngstgebornen Knaben an der Brust hatte,
+während der ältere sich mit dem großen Hunde herumbalgte, der, als
+Liebling seines Herrn, wohl in der Stube sein durfte. Da kam der
+Knecht hinein und sagte, wie ein Mensch, der ihm ganz verdächtig
+vorkomme, schon seit beinahe einer Stunde um das Haus herumschleiche.
+Andres war im Begriff mit seiner Büchse hinauszugehen, als er vor dem
+Hause seinen Namen rufen hörte. Er öffnete das Fenster und erkannte
+auf den ersten Blick den verhaßten Ignaz Denner, der sich wieder in
+den grauen Kaufmannshabit geworfen hatte, und ein Felleisen unter dem
+Arme trug. »Andres«, rief Denner, »du mußt mir diese Nacht Herberge
+geben in deinem Hause, morgen ziehe ich weiter.« - »Was? Du
+unverschämter verruchter Bösewicht?« rief Andres in vollem Zorn, »du
+wagst es dich wieder hier sehen zu lassen? Habe ich dir nicht treulich
+Wort gehalten, nur damit du dein Versprechen erfüllen und auf immer
+diese Gegend verlassen solltest? Du darfst nicht mehr meine Schwelle
+betreten - entferne dich schnell, oder ich schieße dich mörderischen
+Buben nieder! - Doch warte, ich will dir dein Gold, dein Geschmeide,
+womit du Satan mein Weib verblenden wolltest, hinabwerfen; dann magst
+du schnell forteilen. Ich lasse dir drei Tage Zeit, spüre ich aber
+dann nur auf irgend eine Weise deine und deiner Bande Gegenwart, so
+eile ich schnell nach Fulda und entdecke alles, was ich weiß, der
+Obrigkeit. Magst du nun deine Drohungen gegen mich und mein Weib
+erfüllen wollen, ich verlasse mich auf den Beistand Gottes, und werde
+dich Bösewicht mit meinem guten Gewehr zu treffen wissen.« Nun holte
+Andres schnell das Kästchen herbei, um es hinabzuwerfen; als er aber
+ans Fenster trat, war Denner verschwunden, und unerachtet die Doggen
+die ganze Gegend rings ums Haus durchspüren mußten, war es doch nicht
+möglich ihn aufzufinden. Andres sah nun wohl ein, wie er, Denners
+Bosheit ausgesetzt, nun in großer Gefahr schwebe; er war daher
+allnächtlich auf seiner Hut, indessen blieb alles ruhig und Andres
+überzeugte sich, daß Denner nur allein den Wald durchstrichen hatte.
+Um indessen seinen ängstlichen Zustand zu enden, ja um sein Gewissen
+zu beruhigen, das ihn mit Vorwürfen quälte, beschloß er nun
+nicht länger zu schweigen, sondern dem Rat in Fulda sein ganzes
+unverschuldetes Verhältnis mit Denner zu berichten und zugleich das
+Kistchen mit den Kleinodien abzuliefern. Andres wußte wohl, daß er
+ohne Strafe nicht abkommen würde, jedoch verließ er sich auf sein
+reuiges Bekenntnis eines Fehltritts, zu dem ihn der verruchte Ignaz
+Denner, wie der Satan selbst, verlockt und gezwungen, sowie auf die
+Fürsprache seines Herrn, des Grafen von Vach, der dem treuen Diener
+ein günstiges Zeugnis nicht versagen konnte. Er hatte mit seinem
+Knechte mehrmals den Wald durchstreift und nie war ihm etwas
+Verdächtiges aufgestoßen; für sein Weib war daher jetzt keine Gefahr
+vorhanden und er wollte nun ungesäumt nach Fulda gehen, um seinen
+Vorsatz auszufahren. An dem Morgen, als er sich zur Reise bereit
+gemacht, kam ein Bote von dem Grafen von Vach, der ihn augenblicklich
+auf das Schloß seines Herrn mitgehen hieß. Statt nach Fulda wanderte
+er also fort mit dem Boten nach dem Schloß, nicht ohne Bangigkeit,
+was wohl dieser ganz ungewöhnliche Ruf seines Herrn zu bedeuten haben
+werde. Als er in dem Schloß angekommen, mußte er gleich in das Zimmer
+des Grafen treten. »Freue dich, Andres«, rief dieser ihm entgegen,
+»dich hat ein ganz unerwartetes Glück getroffen. Erinnerst du
+dich wohl noch unsers alten mürrischen Hauswirts in Neapel, des
+Pflegevaters deiner Giorgina? Der ist gestorben; aber auf dem
+Sterbebette hatte ihn noch das Gewissen gerührt wegen der
+abscheulichen Behandlung des armen verwaisten Kindes, und deshalb hat
+er ihr zweitausend Dukaten vermacht, die bereits in Wechselbriefen in
+Frankfurt angekommen sind und die du bei meinem Bankier heben kannst.
+Willst du dich gleich nach Frankfurt aufmachen, so lasse ich dir auf
+der Stelle das nötige Zertifikat ausfertigen, damit dir das Geld ohne
+Anstand ausgezahlt werde.« Den Andres machte die Freude sprachlos, und
+der Graf von Vach ergötzte sich nicht wenig an dem Entzücken seines
+treuen Dieners. Andres beschloß, als er sich gefaßt hatte, seinem
+Weibe eine unvermutete Freude zu bereiten; er nahm daher seines Herrn
+gnädiges Anerbieten an, und machte sich, nachdem er die Urkunde zu
+seiner Legitimation erhalten, auf den Weg nach Frankfurt.
+
+Seinem Weibe ließ er sagen, wie ihn der Graf mit wichtigen Aufträgen
+verschickt habe, und er daher einige Tage ausbleiben werde. - Als er
+in Frankfurt angekommen, wies ihn der Bankier des Grafen, bei dem er
+sich meldete, an einen andern Kaufmann, der mit der Auszahlung des
+Legats beauftragt sein sollte. Andres fand ihn endlich und erhielt die
+ansehnliche Summe wirklich ausgezahlt. Immer nur an Giorgina denkend,
+immer darnach trachtend, ihre Freude recht vollkommen zu machen,
+kaufte er für sie allerlei schöne Sachen und auch eine goldene Nadel,
+der ganz gleich, welche ihr Denner geschenkt hatte, und da er nun
+das schwere Felleisen nicht wohl als Fußgänger fortbringen konnte,
+verschaffte er sich ein Pferd. So trat er nun, nachdem er sechs Tage
+abwesend gewesen, wohlgemut seine Rückreise an. Bald hatte er den
+Forst und seine Wohnung erreicht. Er fand das Haus fest verschlossen.
+Laut rief er den Knecht, seine Giorgina, niemand antwortete: die Hunde
+winselten im Hause eingesperrt. Da ahnete er großes Unglück und schlug
+heftig an die Tür und schrie laut: »Giorgina! - Giorgina!« - Nun
+rauschte es am Bodenfenster, Giorgina schaute heraus und rief.- »Ach
+Gott! - Ach Gott! Andres, bist du es? Gepriesen sei die Macht des
+Himmels, daß du nur wieder da bist.« Als Andres nun durch die
+geöffnete Tür eintrat, fiel ihm sein Weib totenbleich und laut heulend
+in die Arme. Regungslos stand er da; endlich faßte er sein Weib, die
+mit erschlafften Gliedern zu Boden sinken wollte, und trug sie in die
+Stube. Aber wie mit eisigen Krallen packte ihn das Entsetzen bei dem
+gräßlichen Anblick. Die ganze Stube voller Blutflecke an dem Boden,
+an den Wänden, sein jüngster Knabe mit zerschnittener Brust tot auf
+seinem Bettchen! - »Wo ist George, wo ist George?« schrie Andres
+endlich auf in wilder Verzweiflung, aber in dem Augenblick hörte er,
+wie der Knabe die Treppe herabtrippelte und nach dem Vater rief. -
+Zerbrochene Gläser, Flaschen, Teller lagen umher. Der große schwere
+Tisch, sonst an der Wand stehend, war in die Mitte des Zimmers
+gerückt, eine sonderbar geformte Kohlpfanne, mehrere Phiolen und eine
+Schüssel mit geronnenem Blut standen auf demselben. Andres nahm sein
+armes Knäblein aus dem Bette. Giorgina verstand ihn, sie holte Tücher
+herbei, in die sie den Leichnam wickelten und im Garten begruben.
+Andres schnitt ein kleines Kreuz aus Eichenholz und setzte es auf den
+Grabhügel. Kein Wort, kein Laut entfloh den Lippen der unglücklichen
+Eltern. In dumpfem düsterem Schweigen hatten sie die Arbeit vollendet
+und saßen nun vor dem Hause in der Abenddämmerung, den starren Blick
+in die Ferne gerichtet. Erst den andern Tag konnte Giorgina den
+Verlauf dessen, was sich in Andres' Abwesenheit zugetragen, erzählen.
+Am vierten Tage, nachdem Andres sein Haus verlassen, hatte der Knecht
+zur Mittagszeit wieder allerlei verdächtige Gestalten durch den Wald
+wanken gesehen, und Giorgina deshalb des Mannes Rückkehr herzlich
+gewünscht. Mitten in der Nacht wurde sie durch lautes Toben und
+Schreien dicht vor dem Hause aus dem Schlafe geweckt, der Knecht
+stürzte herein und verkündete voller Schreck, daß das ganze Haus von
+Räubern umringt und an eine Gegenwehr gar nicht zu denken sei. Die
+Doggen wüteten, aber bald schien es, als würden sie beschwichtigt und
+man rief laut: »Andres! - Andres!« - Der Knecht faßte sich ein Herz,
+öffnete ein Fenster und rief herab, daß der Revierjäger Andres nicht
+zu Hause sei. »Nun, es tut nichts«, antwortete eine Stimme von unten
+herauf, »öffne nur die Tür, denn wir müssen bei euch einkehren, Andres
+wird bald nachfolgen.« Was blieb dem Knecht übrig, als die Tür zu
+öffnen; da strömte der helle Haufe der Räuber herein und begrüßte
+Giorgina als die Frau ihres Kameraden, dem der Hauptmann Freiheit und
+Leben zu danken habe. Sie verlangten, daß Giorgina ihnen ein tüchtiges
+Essen bereiten möge, weil sie nachts ein schweres Stück Arbeit
+vollbracht, das aber herrlich gelungen sei. Zitternd und bebend machte
+Giorgina in der Küche ein großes Feuer an und bereitete das Mahl, wozu
+sie Wildpret, Wein und allerlei andere Ingredienzien von einem der
+Räuber empfing, der der Küchen- und Kellermeister der Bande zu
+sein schien. Der Knecht mußte den Tisch decken und das Geschirr
+herbeibringen. Er nahm den Augenblick wahr und schlich sich fort
+zu seiner Frau in die Küche. »Ach wißt Ihr wohl«, fing er voller
+Entsetzen an, »was für eine Tat die Räuber in dieser Nacht verübt
+haben? Nach langer Abwesenheit und nach langer Vorbereitung haben sie
+vor etlichen Stunden das Schloß des Herrn Grafen von Vach überfallen,
+und nach tapferer Gegenwehr mehrere seiner Leute und ihn selbst
+getötet, das Schloß aber angezündet.« Giorgina schrie unaufhörlich:
+»Ach mein Mann, wenn mein Mann nur auf dem Schlosse gewesen wäre -
+Ach, der arme Herr!« - Die Räuber tobten und sangen unterdessen in
+der Stube und ließen sich den Wein wohl schmecken, bis ihnen das
+Mahl aufgetragen wurde. Der Morgen fing schon an zu dämmern als der
+verhaßte Denner erschien; nun wurden die Kisten und Felleisen, die sie
+auf ihren Packpferden mitgebracht hatten, geöffnet. Giorgina hörte,
+wie sie vieles Geld zählten und wie die Silbergeschirre klirrten; es
+schien alles verzeichnet zu werden. Endlich als es schon Lichter Tag
+geworden, brachen die Räuber auf, nur Denner blieb zurück. Er nahm
+eine freundliche leutselige Miene an, und sprach zu Giorgina: »Ihr
+seid wohl recht erschreckt worden, liebe Frau; denn Euer Mann scheint
+Euch nicht gesagt zu haben, daß er schon seit geraumer Zeit unser
+Kamerad geworden. Es tut mir in der Tat leid, daß er nicht zu Hause
+gekommen ist; er muß einen andern Weg eingeschlagen und uns verfehlt
+haben. Er war mit uns auf dem Schlosse des Bösewichts, des Grafen von
+Vach, der uns vor zwei Jahren auf alle nur mögliche Weise verfolgt hat
+und an dem in voriger Nacht wir Rache nahmen. - Er fiel, kämpfend, von
+Eures Mannes Hand. Beruhigt Euch nur, liebe Frau, und sagt dem Andres,
+daß er mich nun so bald nicht wieder sehen würde, da die Bande sich
+auf einige Zeit trennt. Heute abend verlasse ich Euch. - Ihr habt
+lauter hübsche Kinder, liebe Frau! Das ist ja wieder ein herrlicher
+Knabe.« Mit diesen Worten nahm er den Kleinen von Giorginas Arm und
+wußte mit ihm so freundlich zu spielen, daß das Kind lachte und
+jauchzte und gern bei ihm blieb, bis er es wieder der Mutter
+zurückgab. Schon war es Abend geworden, als Denner zu Giorgina sagte:
+»Ihr merkt wohl, daß ich, unerachtet ich kein Weib und keine Kinder
+habe, welches mir manchmal recht nahe geht, doch gar zu gern mit
+kleinen Kindern spiele und tändle. Gebt mir doch Euern Kleinen auf die
+wenigen Augenblicke, die ich noch bei Euch zubringe. Nicht wahr? der
+Kleine ist jetzt gerade neun Wochen alt.« Giorgina bejahte das und
+gab, jedoch nicht ohne inneres Widerstreben, den kleinen Knaben
+Dennern hin, der sich mit ihm vor die Haustür setzte und Giorgina
+bat, ihm nun das Abendessen zu bereiten, weil er in einer Stunde fort
+müßte. Kaum war Giorgina in die Küche getreten, als sie sah, wie
+Denner mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube ging. Bald darauf
+verbreitete sich ein seltsam riechender Dampf durch das Haus, der aus
+der Stube zu quirlen schien. Giorgina wurde von unbeschreiblicher
+Angst ergriffen; sie lief schnell nach der Stube und fand die Tür von
+innen verriegelt. Es war ihr, als höre sie das Kind leise wimmern.
+»Rette, rette mein Kind aus den Klauen des Bösewichts!« so schrie sie,
+eine gräßliche Tat ahnend, dem Knecht entgegen, der eben in das Haus
+trat. Dieser ergriff schnell die Axt und sprengte die Tür. Dicker
+stinkender Dampf schlug ihnen entgegen. Mit einem Sprunge war Giorgina
+im Zimmer; der Knabe lag nackt über einer Schüssel, in die sein Blut
+tröpfelte. Sie sah nur noch, wie der Knecht mit der Axt ausholte, um
+den Denner zu treffen, wie dieser dem Schlage auswich, den Knecht
+unterlief und mit ihm rang. Es war ihr, als höre sie jetzt mehrere
+Stimmen dicht vor den Fenstern, bewußtlos sank sie zu Boden. Als
+sie wieder erwachte, war es finstre Nacht worden, aber ganz betäubt
+vermochte sie nicht die erstarrten Glieder zu regen. Endlich wurde es
+Tag und nun sah sie mit Entsetzen, wie das Blut im Zimmer schwamm.
+Stücke von Denners Kleidern lagen überall umher - ein ausgerissener
+Schopf von des Knechts Haaren - die Axt blutig daneben - der Knabe vom
+Tische herabgeschleudert mit zerschnittener Brust. Aufs neue wurde
+Giorgina ohnmächtig, sie glaubte zu sterben, aber sie erwachte wie
+aus dem Todesschlummer, als es schon Mittag geworden. Sie raffte sich
+mühsam auf, sie rief laut den Georg, aber als niemand antwortete,
+glaubte sie, auch Georg sei ermordet. Die Verzweiflung gab ihr Kräfte,
+sie floh aus dem Zimmer in den Hof und schrie laut: »Georg! - Georg!«
+Da antwortete es mit matter kläglicher Stimme vom Bodenfenster herab:
+»Mutter, ach liebe Mutter, bist du denn da? Komm herauf zu mir! mich
+hungert sehr!« - Schnell sprang jetzt Giorgina hinauf und fand den
+Kleinen, der vor Angst bei dem Lärm im Hause in die Bodenkammer
+gekrochen war und nicht gewagt hatte herauszukommen. Mit Entzücken
+drückte Giorgina den Kleinen an die Brust. Sie verschloß das Haus und
+wartete nun von Stunde zu Stunde in der Bodenkammer auf Andres, den
+sie auch verloren glaubte. Der Knabe hatte von oben herab gesehen, wie
+mehrere Männer ins Haus gingen und mit Dennern einen toten Menschen
+heraustrugen. - Endlich bemerkte auch Giorgina das Geld und die
+schönen Sachen, die Andres mitgebracht hatte. »Ach, so ist es doch
+wahr?« schrie sie entsetzt auf, »so bist du doch -« Andres ließ sie
+nicht ausreden, sondern erzählte ausführlich, welches Glück sie
+betroffen und wie er in Frankfurt gewesen sei, wo er sich ihre
+Erbschaft habe auszahlen lassen. Der Neffe des ermordeten Grafen von
+Vach war nun Besitzer der Güter worden; bei diesem wollte sich Andres
+melden, getreulich alles Geschehene erzählen, Denners Schlupfwinkel
+entdecken und bitten, ihn seines Dienstes zu entlassen, der ihm so
+viel Not und Gefahr bringe. Giorgina durfte mit dem Knaben im Hause
+nicht zurückbleiben. Andres beschloß daher, seine besten leicht
+fortzuschaffenden Sachen auf einen kleinen Leiterwagen zu packen, das
+Pferd vorzuspannen und so mit seinem Weibe und Kinde eine Gegend auf
+immer zu verlassen, die ihm nur die schrecklichsten Erinnerungen
+erregen und überdem niemals Ruhe und Sicherheit gewähren konnte.
+Der dritte Tag war zur Abreise bestimmt, und eben packten sie einen
+Kasten, als ein starkes Pferdegetrappel immer näher und näher kam.
+Andres erkannte den Vachschen Förster, der bei dem Schlosse wohnte;
+hinter ihm ritt ein Kommando Fuldaischer Dragoner. »Nun da finden wir
+ja den Bösewicht gerade bei der Arbeit, seinen Raub in Sicherheit zu
+bringen«, rief der Kommissarius des Gerichts, der mitgekommen. Andres
+erstarrte vor Staunen und Schreck. Giorgina war halb ohnmächtig. Sie
+fielen über ihn her, banden ihn und sein Weib mit Stricken und warfen
+sie auf den Leiterwagen, der schon vor dem Hause stand. Giorgina
+jammerte laut um den Knaben und flehte um Gottes willen, daß man
+ihn ihr mitgeben möge. »Damit du deine Brut auch noch ins höllische
+Verderben bringen kannst?« sprach der Kommissarius und riß den Knaben
+mit Gewalt aus Giorginas Armen. Schon sollte es fortgehen, da trat der
+alte Förster, ein rauher aber biederer Mann, noch einmal an den Wagen
+und sagte: »Andres, Andres, wie hast du dich denn von dem Satan
+verlocken lassen, solche Freveltaten zu begehen? Immer warst du ja
+sonst so fromm und ehrlich!« - »Ach lieber Herr!« schrie Andres auf
+im höchsten Jammer, »so wahr Gott im Himmel lebt, so wie ich dereinst
+selig zu sterben hoffe, ich bin unschuldig. Ihr habt mich ja gekannt
+von früher Jugend her; wie sollte ich, der ich niemals Unrechtes
+getan, solch ein abscheulicher Bösewicht geworden sein? - denn ich
+weiß wohl, daß Ihr mich für einen verruchten Räuber und Teilnehmer
+an der Freveltat haltet, die auf dem Schlosse meines geliebten
+unglücklichen Herrn verübt worden ist. Aber ich bin unschuldig bei
+meinem Leben und meiner Seligkeit!« - »Nun«, sagte der alte Förster,
+»wenn du unschuldig bist, so wird das an den Tag kommen, mag auch noch
+so viel wider dich sprechen. Deines Knaben und des Besitztums, was du
+zurücklässest, will ich mich getreulich annehmen, so daß, wenn deine
+und deines Weibes Unschuld erwiesen, du den Jungen frisch und munter
+und deine Sachen unversehrt wiederfinden sollst.« Das Geld nahm
+der Kommissarius des Gerichts in Beschlag. Unterweges frug Andres
+Giorginen, wo sie denn das Kästchen verwahrt habe; sie gestand, wie
+es ihr jetzt leid tue, daß sie es dem Denner überliefert, da es jetzt
+der Obrigkeit hätte übergeben werden können. In Fulda trennte man den
+Andres von seinem Weibe und warf ihn in ein tiefes finstres Gefängnis.
+Nach einigen Tagen wurde er zum Verhör geführt. Man beschuldigte ihn
+der Teilnahme an dem im Vachschen Schlosse verübten Raubmorde und
+ermahnte ihn die Wahrheit zu gestehen, da schon alles wider ihn so gut
+als ausgemittelt sei. Andres erzählte nun getreulich alles, was sich
+mit ihm zugetragen, von dem ersten Eintritt des abscheulichen Denners
+in sein Haus bis zu dem Augenblick seiner Verhaftung. Er klagte sich
+selbst voll Reue des einzigen Vergehens an, daß er, um Weib und Kind
+zu retten, bei der Plünderung des Pachters zugegen war, und den Denner
+von der Gefangennehmung befreite, und beteuerte seine gänzliche
+Unschuld rücksichts des letzten von der Dennerschen Bande verübten
+Raubmordes, da er zu ebenderselben Zeit in Frankfurt gewesen sei.
+Jetzt öffneten sich die Türen des Gerichtssaals und der abscheuliche
+Denner wurde hereingeführt. Als er den Andres erblickte, lachte er
+auf in teuflischem Hohn und sprach: »Nun, Kamerad, hast du dich
+auch erwischen lassen? Hat dir deines Weibes Gebet denn nicht
+herausgeholfen?« Die Richter forderten Dennern auf, sein Bekenntnis
+rücksichts des Andres zu wiederholen und er sagte aus, daß eben der
+Vachsche Revierjäger Andres, der jetzt vor ihm stehe, schon seit fünf
+Jahren mit ihm verbunden und das Jägerhaus sein bester und sicherster
+Schlupfwinkel gewesen sei. Andres habe immer den ihm gebührenden
+Anteil vom Raube erhalten, wiewohl er nur zweimal tätig bei den
+Räubereien mitgewirkt. Einmal nämlich bei der Beraubung des Pachters,
+wo er ihn, den Denner, aus der dringendsten Gefahr errettet, und dann
+bei dem Unternehmen gegen den Grafen Aloys von Vach, der eben durch
+einen glücklichen Schuß des Andres getötet worden sei. - Andres geriet
+in Wut, als er diese schändliche Lüge hörte. »Was?« schrie er, »du
+verruchter teuflischer Bösewicht, du wagst es, mich der Ermordung
+meines lieben armen Herrn anzuklagen, die du selbst verübt? - Ja!
+ich weiß es, nur du selbst bist solcher Tat fähig; aber deine Rache
+verfolgt mich, weil ich aller Gemeinschaft mit dir entsagt habe,
+weil ich drohte, dich als einen verruchten Räuber und Mörder
+niederzuschießen, so wie du meine Schwelle betreten würdest. Darum
+hast du mit deiner Bande mein Haus überfallen, als ich abwesend war;
+darum hast du mein armes unschuldiges Kind und meinen braven Knecht
+ermordet! - Aber du wirst der schrecklichen Strafe des gerechten
+Gottes nicht entgehen, sollte ich auch deiner Bosheit unterliegen.«
+Nun wiederholte Andres sein voriges Bekenntnis unter den heiligsten
+Beteurungen der Wahrheit; aber Denner lachte höhnisch und meinte,
+warum er denn aus allzugroßer Furcht vor dem Tode noch erst das
+Gericht zu belügen sich unterfange, und daß es sich schlecht mit der
+Frömmigkeit, von der er so viel Aufhebens mache, vereinbare, daß
+er Gott und die Heiligen zur Bekräftigung seiner falschen Aussagen
+anrufe. Die Richter wußten in der Tat nicht, was sie von dem Andres,
+dessen Miene und Sprache die Wahrheit seiner Aussage zu bestätigen
+schien, sowie von Denners kalter Festigkeit denken sollten. - Nun
+wurde Giorgina vorgeführt, die in namenlosem Jammer laut weinend auf
+den Mann zustürzte. Sie wußte nur Unzusammenhängendes zu erzählen,
+und unerachtet sie den Denner des entsetzlichen Mordes ihres
+Knaben anklagte, schien Denner doch keineswegs entrüstet, sondern
+behauptete, wie er schon früher getan, daß Giorgina nie etwas von den
+Unternehmungen ihres Mannes gewußt habe, sondern ganz unschuldig sei.
+Andres wurde in sein Gefängnis zurückgeführt.
+
+Einige Tage nachher sagte ihm der ziemlich gutmütige Gefangenwärter,
+daß sein Weib, da sowohl Denner, als die übrigen Räuber fortwährend
+ihre Unschuld behauptet, sonst auch nichts wider sie ausgemittelt
+worden, der Haft entlassen sei. Der junge Graf von Vach, ein
+edelmütiger Herr, der sogar an seiner, des Andres, Schuld zu zweifeln
+scheinen habe Kaution gestellt, und der alte Förster Giorginen in
+einem schönen Wagen abgeholt. Vergebens habe Giorgina gebeten, ihren
+Mann sehen zu dürfen; das sei ihr vom Gericht gänzlich abgeschlagen
+worden. Den armen Andres tröstete diese Nachricht nicht wenig, da
+mehr, als sein Unglück ihm seines Weibes elender Zustand im Gefängnis
+zu Herzen ging. Sein Prozeß verschlimmerte sich indessen von Tage zu
+Tage. Es war erwiesen, daß eben, wie Denner es angegeben, seit fünf
+Jahren Andres in einen gewissen Wohlstand geriet, dessen Quelle nur
+die Teilnahme an den Räubereien sein konnte. Ferner gestand Andres
+selbst seine Abwesenheit von Hause während der auf dem Vachschen
+Schlosse verübten Tat, und seine Angabe wegen seiner Erbschaft und
+seines Aufenthalts in Frankfurt blieb verdächtig, weil er den Namen
+des Kaufmanns, von dem er das Geld ausgezahlt erhalten haben wollte,
+durchaus nicht anzugeben wußte. Der Bankier des Grafen von Vach, sowie
+der Hauswirt in Frankfurt, bei dem Andres eingekehrt war, versicherten
+einstimmig, wie sie sich des beschriebenen Revierjägers gar nicht
+erinnern könnten; der Gerichtshalter des Grafen von Vach, der das
+Zertifikat für den Andres ausgefertigt hatte, war gestorben, und
+niemand von den Vachschen Dienern wußte etwas von der Erbschaft, da
+der Graf nichts davon geäußert, Andres aber auch davon geschwiegen,
+weil er, aus Frankfurt zurückkehrend, sein Weib mit dem Gelde
+überraschen wollte. So blieb alles, was Andres vorbrachte, um
+nachzuweisen, daß er zur Zeit des Raubes in Frankfurt gewesen und das
+Geld ehrlich erworben sei, unausgemittelt. Denner blieb dagegen bei
+seiner frühern Behauptung und ihm stimmten sämtliche Räuber, die
+eingefangen worden, in allem bei. Alles dieses hätte aber die Richter
+noch nicht so von der Schuld des unglücklichen Andres überzeugt, als
+die Aussage von zwei Vachschen Jägern, die bei dem Schein der Flammen
+ganz genau den Andres erkannt und gesehen haben wollten, wie von
+ihm der Graf niedergestreckt wurde. Nun war Andres in den Augen des
+Gerichts ein verstockter heuchlerischer Bösewicht und gestützt auf
+das Resultat aller jener Aussagen und Beweise wurde ihm die Tortur
+zuerkannt, um seinen starren Sinn zu beugen, und ihn zum Geständnis zu
+bringen. Schon über ein Jahr schmachtete Andres im Kerker, der Gram
+hatte seine Kräfte aufgezehrt, und sein sonst robuster starker Körper
+war schwach und ohnmächtig geworden. Der schreckliche Tag, an dem
+die Pein ihm das Geständnis einer Tat, welche er niemals begangen,
+abdringen sollte, kam heran. Man führte ihn in die Folterkammer, wo
+die entsetzlichen mit sinnreicher Grausamkeit erfundenen Instrumente
+lagen, und die Henkersknechte sich bereiteten, den Unglücklichen zu
+martern. Nochmals wurde Andres ermahnt, die Tat, deren er so dringend
+verdächtig, ja deren er durch das Zeugnis jener Jäger überführt
+worden, zu gestehen. Er beteuerte wiederum seine Unschuld, und
+wiederholte alle Umstände seiner Bekanntschaft mit Dennern in
+denselben Worten, wie er es im ersten Verhör getan. Da ergriffen ihn
+die Knechte, banden ihn mit Stricken und marterten ihn, indem sie
+seine Glieder ausrenkten und Stacheln einbohrten in das gedehnte
+Fleisch. Andres vermochte nicht die Qual zu ertragen: vom Schmerz
+gewaltsam zerrissen, den Tod wünschend, gestand er alles was man
+wollte, und wurde ohnmächtig in den Kerker zurückgeschleppt. Man
+stärkte ihn, wie es nach erlittener Tortur gewöhnlich, mit Wein und er
+fiel in einen zwischen Wachen und Schlafen hinbrütenden Zustand. Da
+war es ihm als lösten sich die Steine aus der Mauer, und als fielen
+sie krachend herab auf den Boden des Kerkers. Ein blutroter Schimmer
+drang durch und in ihm trat eine Gestalt hinein, die, unerachtet sie
+Denners Züge hatte, ihm doch nicht Denner zu sein schien. Glühender
+funkelten die Augen, schwärzer starrte das struppige Haar auf der
+Stirn empor und tiefer senkten sich die finstern Augenbrauen in die
+dicke Muskel herab, die über der krummgebogenen Habichtsnase lag. Auf
+gräßlich seltsame Weise war das Gesicht verschrumpft und verzerrt, und
+die Kleidung fremd und abenteuerlich, wie er Dennern niemals gesehen.
+Ein feuerroter mit Gold stark verbrämter weiter Mantel hing in
+bauschichten Falten der Gestalt über die Schultern, ein breiter
+niedergekrempter spanischer Hut mit herabhängender roter Feder saß
+schief auf dem Kopfe, ein langer Stoßdegen hing an der Seite, und
+unter dem linken Arm trug die Gestalt ein kleines Kistchen. So
+schritt der gespenstische Unhold auf Andres zu in hohlem dumpfen Tone
+sprechend: »Nun, Kamerad, wie hat dir die Folter geschmeckt? Du hast
+das alles bloß deinem Eigensinn zu verdanken; hättest du dich als zur
+Bande gehörig bekannt, so wärst du nun schon gerettet. Versprichst du
+aber, dich mir und meiner Leitung ganz zu ergeben, und gewinnst du
+es über dich, von diesen Tropfen zu trinken, die aus deines Kindes
+Herzblut gekocht sind, so bist du augenblicklich aller Qual entledigt.
+Du fühlst dich gesund und kräftig, und für deine weitere Rettung will
+ich dann sorgen.« - Andres konnte vor Schreck, Angst und Ermattung
+nicht sprechen; er sah, wie seines Kindes Blut in der Phiole, die ihm
+die Gestalt hinhielt, in roten Flämmchen spielte; inbrünstig betete er
+zu Gott und den Heiligen, daß sie ihn retten möchten aus den Klauen
+des Satans, der ihn verfolge und um die ewige Seligkeit bringen wolle,
+die er zu erlangen hoffe, sollte er auch eines schimpflichen Todes
+sterben. Nun lachte die Gestalt, daß es im Kerker widergellte, und
+verschwand im dicken Dampf. Andres erwachte endlich aus dumpfer
+Betäubung, er vermochte sich aufzurichten vom Lager; aber wie ward
+ihm, als er sah, daß das Stroh, was unter seinem Haupte gelegen, sich
+stärker und stärker zu rühren begann und endlich weggeschoben wurde.
+Er gewahrte, daß ein Stein aus dem Fußboden von unten herausgedrängt
+worden und hörte mehrmals seinen Namen leise rufen. Er erkannte
+Denners Stimme und sprach: »Was willst du von mir? Laß mich ruhen, ich
+habe mit dir nichts zu schaffen!«- »Andres«, sprach Denner, »ich bin
+durch mehrere Gewölbe gedrungen, um dich zu retten; denn, wenn du auf
+den Richtplatz kommst, von dem ich errettet wurde, bist du verloren.
+Bloß um deines Weibes willen, die mir mehr angehört, als du wohl
+denken magst, helfe ich dir. Du bist ein mutloser Feigling. Was
+hat dir nun dein erbärmliches Leugnen gefruchtet? Bloß, daß du vom
+Vachschen Schloß nicht zu rechter Zeit nach Hause zurückkehrtest und
+ich mich zu lange bei deinem Weibe aufhielt, ist schuld, daß man mich
+auffing! Da! nimm die Feile und die Säge, befreie dich in künftiger
+Nacht von den Ketten und durchsage das Schloß der Kerkertüre;
+schleiche durch den Gang! Die äußere Tür linker Hand wird offen stehn,
+und draußen wirst du einen von uns finden, der dich weiter geleitet.
+Halte dich gut!« Andres nahm die Säge und die Feile, die ihm Denner
+hineinreichte und hob dann den Stein wieder in die Öffnung. Er war
+entschlossen, _das_ zu tun, wozu ihn die innere Stimme des Gewissens
+aufforderte. - Als es Tag geworden und der Gefangenwärter hineintrat,
+da sagte er, wie er sehnlich wünsche vor den Richter geführt zu
+werden, indem er Wichtiges zu entdecken habe. Noch an demselben
+Vormittage wurde sein Verlangen erfüllt, weil man nicht anders
+glaubte, als daß Andres neue, bisher noch unbekannt gebliebene,
+Freveltaten der Bande gestehen werde. Andres überreichte den Richtern
+die von Dennern erhaltenen Instrumente, und erzählte den Vorgang der
+Nacht. »Unerachtet ich gewiß und wahrhaftig unschuldig leide, so
+soll mich doch Gott behüten, daß ich darnach trachten sollte, meine
+Freiheit auf unerlaubte Weise zu erlangen; denn das würde mich ja dem
+verruchten Denner, der mich in Schande und Tod gestürzt hat, in die
+Hände liefern und ich dann erst durch mein sündliches freveliches
+Unternehmen die Strafe verdienen, die ich jetzt unschuldig leiden
+werde.« So beschloß Andres seinen Vortrag. Die Richter schienen
+erstaunt und von Mitleid für den Unglücklichen durchdrungen, wiewohl
+sie durch die mannigfachen Tatsachen, die wider ihn sprachen, zu sehr
+von seiner Schuld überzeugt waren, um sein jetziges Benehmen nicht
+auch für zweifelhaft zu halten. Die Aufrichtigkeit des Andres und
+vorzüglich der Umstand, daß nach jener Anzeige der von Denner
+beabsichtigten Flucht, in der Stadt und zwar in der nächsten Umgebung
+des Gefängnisses wirklich noch einige von der Bande ertappt und
+aufgegriffen wurden, hatte jedoch den wohltätigen Einfluß auf ihn,
+daß er aus dem unterirdischen Kerker, in den er gesperrt gewesen,
+herausgenommen wurde, und eine lichte Gefängnisstube neben der Wohnung
+des Gefangenwärters erhielt. Da brachte er seine Zeit mit Gedanken an
+sein treues Weib, an seinen Knaben, und mit gottseligen Betrachtungen
+hin, und bald fühlte er sich ermutigt, das Leben auch auf schmerzliche
+Weise, wie eine Bürde, abzuwerfen. Nicht genug konnte sich der
+Gefangenwärter über den frommen Verbrecher wundern und er mußte
+notgedrungen beinahe an seine Unschuld glauben.
+
+Endlich, nachdem beinahe noch ein Jahr verflossen, war der schwierige
+verwickelte Prozeß wider Denner und seine Mitschuldigen geschlossen.
+Es hatte sich gefunden, daß die Bande bis an die Grenze von Italien
+ausgebreitet war und schon seit geraumer Zeit überall raubte und
+mordete. Denner sollte gehängt, und dann sein Körper verbrannt werden.
+Auch dem unglücklichen Andres war der Strang zuerkannt; seiner Reue
+halber, und da er durch das Bekenntnis der ihm von Denner geratenen
+Flucht die Entdeckung des Anschlags der Bande, durchzubrechen,
+veranlaßt hatte, durfte jedoch sein Körper herabgenommen, und auf der
+Gerichtsstätte verscharrt werden.
+
+Der Morgen, an dem Denner und Andres hingerichtet werden sollten, war
+angebrochen; da ging die Tür des Gefängnisses auf, und der junge Graf
+von Vach trat hinein zum Andres, der auf den Knien lag und still
+betete. »Andres«, sprach der Graf, »du mußt sterben. Erleichtere dein
+Gewissen noch durch ein offnes Geständnis! Sage mir, hast du deinen
+Herrn getötet? Bist du wirklich der Mörder meines Oheims?« - Da
+stürzten dem Andres die Tränen aus den Augen, und er wiederholte
+nochmals alles, was er vor Gericht ausgesagt, ehe ihm die unleidliche
+Qual der Tortur eine Lüge auspreßte. Er rief Gott und die Heiligen an,
+die Wahrheit seiner Aussage und seine gänzliche Unschuld an dem Tode
+des geliebten Herrn zu bekräftigen.
+
+»So ist hier«, fuhr der Graf von Vach fort, »ein unerklärliches
+Geheimnis im Spiele. Ich selbst, Andres, war von deiner Unschuld
+überzeugt, unerachtet vieles wider dich sprach; denn ich wußte ja, daß
+du von Jugend auf der treuste Diener meines Oheims gewesen bist, und
+ihn selbst einmal in Neapel mit Gefahr deines Lebens aus Räuberhänden
+gerettet hast. Allein nur noch gestern haben mir die beiden alten
+Jäger meines Oheims Franz und Nikolaus geschworen, daß sie dich
+leibhaftig unter den Räubern gesehen und genau bemerkt hätten, wie
+du selbst meinen Oheim niederstrecktest.« Andres wurde von den
+peinlichsten, schrecklichsten Gefühlen durchbohrt; es war ihm, als
+wenn der Satan selbst seine Gestalt angenommen habe, um ihn zu
+verderben; denn auch Denner hatte ja sogar im Kerker davon gesprochen,
+daß er den Andres wirklich gesehen, und so schien selbst die falsche
+Beschuldigung vor Gericht auf innerer wahrer Überzeugung zu beruhen.
+Andres sagte dies alles unverhohlen, indem er hinzusetzte, daß er sich
+der Schickung des Himmels ergebe, nach welcher er den schmählichen
+Tod eines Verbrechers sterben solle, daß aber, sei es auch lange Zeit
+nachher, seine Unschuld gewiß an den Tag kommen werde. Der Graf von
+Vach schien tief erschüttert; er konnte kaum noch dem Andres sagen,
+daß, nach seinem Wunsche, der Tag der Hinrichtung seinem unglücklichen
+Weibe verschwiegen geblieben sei, und daß sie sich nebst dem Knaben
+bei dem alten Förster aufhalte. Die Rathausglocke erklang dumpf und
+schauerlich in abgemessenen Pulsen. Andres wurde angekleidet und der
+Zug ging mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten unter dem Zuströmen
+unzähligen Volks nach der Richtstätte. Andres betete laut und rührte
+durch sein frommes Betragen alle, die ihn sahen. Denner hatte die
+Miene des trotzigen verstockten Bösewichts. Er schaute munter und
+kräftig um sich, und lachte oft den armen Andres tückisch und
+schadenfroh an. Andres sollte zuerst hingerichtet werden; er bestieg
+gefaßt mit dem Henker die Leiter, da kreischte ein Weib auf und sank
+ohnmächtig einem alten Mann in die Arme. Andres blickte hin, es war
+Giorgina; laut erflehte er vom Himmel Fassung und Stärke. »Dort,
+dort, sehe ich dich wieder, mein armes unglückliches Weib, ich sterbe
+unschuldig!« rief er, indem er den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel
+erhob. Der Richter rief dem Henker zu, er möge sich fördern, denn es
+entstand ein Murren unter dem Volke und es flogen Steine nach Dennern,
+der ebenfalls schon die Leiter bestiegen hatte und die Zuschauer
+verhöhnte ob ihres Mitleids mit dem frommen Andres. Der Henker legte
+dem Andres den Strick um den Hals, da scholl es aus der Ferne her:
+»Halt - halt - um Christus willen halt! - Der Mann ist unschuldig!
+- ihr richtet einen Unschuldigen hin!« - »Halt - halt!« schrieen
+tausend Stimmen und kaum vermochte die Wache zu steuern dem Volk, das
+hinzudrang und den Andres von der Leiter herabreißen wollte. Näher
+sprengte nun der Mann zu Pferde, der erst gerufen hatte, und Andres
+erkannte auf den ersten Blick in dem Fremden den Kaufmann, der ihm in
+Frankfurt Giorginas Erbschaft ausgezahlt hatte. Seine Brust wollte
+zerspringen vor Freude und Seligkeit, kaum konnte er sich aufrecht
+erhalten als er von der Leiter herabgestiegen. Der Kaufmann sagte dem
+Richter, daß zu derselben Zeit, als der Raubmord im Vachschen Schlosse
+verübt worden, Andres in Frankfurt, also viele Meilen davon entfernt,
+gewesen sei, und daß er dies vor Gericht auf die unzweifelhafteste
+Weise durch Urkunden und Zeugen dartun wolle. Da rief der Richter:
+»Die Hinrichtung des Andres kann keineswegs geschehen; denn dieser
+höchstwichtige Umstand beweiset, wenn er ausgemittelt wird, die
+völlige Unschuld des Angeklagten. Man führe ihn sogleich nach dem
+Gefängnisse zurück.« Denner hatte alles von der Leiter herab ruhig
+angesehen; als aber der Richter diese Worte gesprochen, da rollten
+seine glühenden Augen, er knirschte mit den Zähnen, er heulte in
+wilder Verzweiflung, daß es gräßlich, wie der namenlose Jammer des
+wütenden Wahnsinns, durch die Lüfte hallte: »Satan, Satan! du hast
+mich betrogen - weh mir! weh mir! es ist aus - aus - alles verloren!«
+Man brachte ihn von der Leiter herab, er fiel zu Boden und röchelte
+dumpf: »Ich will alles bekennen - ich will alles bekennen!« Auch _seine_
+Hinrichtung wurde verschoben und er ins Gefängnis zurückgeführt, wo
+ihm jedes Entspringen unmöglich gemacht worden. Der Haß seiner Wächter
+war die beste Schutzwehr gegen die Schlauheit seiner Verbündeten.
+- Wenige Augenblicke nachher, als Andres bei dem Gefangenenwärter
+angekommen, lag Giorgina in seinen Armen. »Ach Andres, Andres«, rief
+sie, »nun habe ich dich ganz wieder, da ich weiß, daß du unschuldig
+bist; denn auch ich habe an deiner Redlichkeit, an deiner Frömmigkeit
+gezweifelt!« - Unerachtet man Giorginen den Tag der Hinrichtung
+verschwiegen, war sie doch von unbeschreiblicher Angst, von seltsamer
+Ahnung getrieben, nach Fulda geeilt, und gerade auf die Richtstätte
+gekommen, als ihr Mann die verhängnisvolle Leiter bestieg, die ihn
+zum Tode führen sollte. Der Kaufmann war die ganze lange Zeit der
+Untersuchung über auf Reisen in Frankreich und Italien gewesen, und
+jetzt über Wien und Prag zurückgekehrt. Der Zufall, oder vielmehr
+eine besondere Schickung des Himmels, wollte, daß er gerade in dem
+entscheidendsten Augenblick auf dem Richtplatze ankam, und den armen
+Andres von dem schmählichen Tode des Verbrechers rettete. Im Gasthofe
+erfuhr er die ganze Geschichte des Andres und es fiel ihm gleich
+schwer aufs Herz, daß Andres wohl derselbe Revierjäger sein könne,
+der vor zwei Jahren eine Erbschaft, die seinem Weibe von Neapel aus
+zugefallen, erhob. Schnell eilte er fort und überzeugte sich, als er
+nur Andres sah, sogleich von der Wahrheit seiner Vermutung. Durch
+die eifrigen Bemühungen des wackern Kaufmanns und des jungen Grafen
+von Vach wurde Andres' Aufenthalt in Frankfurt bis auf die Stunde
+ausgemittelt, dadurch aber seine völlige Unschuld an dem Raubmorde
+dargetan. Denner selbst gestand nun die Richtigkeit der Angabe des
+Andres über das Verhältnis mit ihm und meinte nur, der Satan müsse ihn
+geblendet haben; denn in der Tat hätte er geglaubt, Andres fechte auf
+dem Vachschen Schloß an seiner Seite. Für die erzwungene Teilnahme
+an der Ausplünderung des Pachterhofes, sowie für die gesetzwidrige
+Rettung Denners, hatte, nach dem Ausspruch der Richter, Andres genug
+gebüßt durch das lange harte Gefängnis und durch die ausgestandene
+Marter und Todesangst; er wurde daher durch Urtel und Recht von jeder
+weiteren Strafe freigesprochen und eilte mit seiner Giorgina auf das
+Vachsche Schloß, wo ihm der edle wohltätige Graf im Nebengebäude eine
+Wohnung einräumte, von ihm nur die geringen Jagddienste fordernd,
+die des Grafen persönliche Liebhaberei notwendig machte. Auch die
+Gerichtskosten bezahlte der Graf, so daß Andres und Giorgina in dem
+ungekränkten Besitz ihres Vermögens blieben.
+
+Der Prozeß wider den verruchten Ignaz Denner nahm jetzt eine ganz
+andere Wendung. Die Begebenheit auf der Gerichtsstätte schien ihn ganz
+umgewandelt zu haben. Sein höhnender teuflischer Stolz war gebeugt,
+und aus seinem zerknirschten Innern brachen Geständnisse hervor, die
+den Richtern das Haar sträubten. Denner klagte sich selbst mit allen
+Zeichen tiefer Reue des Bündnisses mit dem Satan an, das er von seiner
+frühen Jugendzeit unterhalten, und so wurde vorzüglich hierauf die
+fernere Untersuchung mit dem Zutritt dazu verordneter Geistlichkeit
+gerichtet. Über seine früheren Lebensverhältnisse erzählte Denner
+so viel Sonderbares, daß man es für das Erzeugnis wahnsinniger
+Überspannung hätte halten müssen, wenn nicht durch die Erkundigungen,
+die man in Neapel, seinem angeblichen Geburtsort, einziehen ließ,
+alles bestätigt worden wäre. Ein Auszug aus den von dem geistlichen
+Gericht in Neapel verhandelten Akten ergab über Denners Herkunft
+folgende merkwürdige Umstände.
+
+Vor langen Jahren lebte in Neapel ein alter wunderlicher Doktor,
+Trabacchio mit Namen, den man seiner geheimnisvollen stets glücklichen
+Kuren wegen insgemein den Wunderdoktor zu nennen pflegte. Es schien,
+als wenn das Alter nichts über ihn vermöge; denn er schritt rasch
+und jugendlich daher, unerachtet mehrere Eingeborne ihm nachrechnen
+konnten, daß er an die achtzig Jahre alt sein müßte. Sein Gesicht war
+auf eine seltsame grausige Weise verzerrt und verschrumpft, und seinen
+Blick konnte man kaum ohne innern Schauer ertragen, wiewohl er oft
+den Kranken wohl tat, so daß man sagte, bloß durch den scharf auf den
+Kranken gehefteten Blick heile er oftmals schwere hartnäckige Übel.
+Über seinen schwarzen Anzug warf er gewöhnlich einen weiten roten
+Mantel mit goldnen Tressen und Troddeln, unter dessen bauschichten
+Falten der lange Stoßdegen hervorragte. So lief er mit einer Kiste
+seiner Arzneien, die er selbst bereitete, durch die Straßen von Neapel
+zu seinen Kranken, und jeder wich ihm scheu aus. Nur in der höchsten
+Not wandte man sich an ihn, aber niemals schlug er es aus einen
+Kranken zu besuchen, hatte er dabei auch nicht sonderlichen Gewinn zu
+hoffen. Mehrere Weiber starben ihm schnell; immer waren sie ausnehmend
+schön und insgemein Landdirnen gewesen. Er sperrte sie ein und
+erlaubte ihnen, nur unter Begleitung einer alten ekelhaft häßlichen
+Frau die Messe zu hören. Diese Alte war unbestechlich; jeder noch so
+listig angelegte Versuch junger Lüstlinge, den schönen Frauen des
+Doktor Trabacchio näher zu kommen, blieb fruchtlos. Unerachtet Doktor
+Trabacchio von Reichen sich gut bezahlen ließ, so stand doch seine
+Einnahme mit dem Reichtum an Geld und Kleinodien, den er in seinem
+Hause aufgehäuft hatte und den er niemanden verhehlte, in keinem
+Verhältnis. Dabei war er zu Zeiten freigebig bis zur Verschwendung,
+und hatte die Gewohnheit jedesmal, wenn ihm eine Frau gestorben, ein
+Gastmahl zu geben, dessen Aufwand wohl doppelt soviel betrug, als
+die reichste Einnahme, die ihm seine Praxis ein ganzes Jahr hindurch
+verschaffte. Mit seiner letzten Frau hatte er einen Sohn erzeugt, den
+er ebenso einsperrte, wie seine Weiber; niemand bekam ihn zu sehen.
+Nur bei dem Gastmahl, das er nach dem Tode dieser Frau gab, saß der
+kleine dreijährige Knabe an seiner Seite, und alle Gäste waren über
+die Schönheit und die Klugheit des Kindes [verwundert], das man,
+verriet sein körperliches Ansehen nicht sein Alter, seinem Benehmen
+nach wenigstens für zwölfjährig hätte halten können. Eben bei diesem
+Gastmahl äußerte der Doktor Trabacchio, daß, da nunmehr sein Wunsch,
+einen Sohn zu haben, erreicht sei, er nicht mehr heiraten werde. Sein
+übermäßiger Reichtum, aber noch mehr sein geheimnisvolles Wesen, seine
+wunderbaren Kuren, die bis ins Unglaubliche gingen, da bloß einigen
+von ihm bereiteten und eingeflößten Tropfen, ja oft bloß seiner
+Betastung, seinem Blick, die hartnäckigsten Krankheiten wichen, gaben
+endlich Anlaß zu allerlei seltsamen Gerüchten, die sich in Neapel
+verbreiteten. Man hielt den Doktor Trabacchio für einen Alchymisten,
+für einen Teufelsbeschwörer, ja man gab ihm endlich schuld, daß er
+mit dem Satan im Bündnis stehe. Die letzte Sage entstand aus einer
+seltsamen Begebenheit, die sich mit einigen Edelleuten in Neapel
+zutrug. Diese kehrten einst spät in der Nacht von einem Gastmahl
+zurück und gerieten, da sie im Weinrausch den Weg verfehlt, in eine
+einsame verdächtige Gegend. Da rauschte und raschelte es vor ihnen und
+sie wurden mit Entsetzen gewahr, daß ein großer leuchtendroter Hahn,
+ein zackicht Hirschgeweihe auf dem Kopfe tragend, mit ausgebreiteten
+Flügeln. daherschritt, und sie mit menschlichen funkelnden Augen
+anstarrte. Sie drängten sich in eine Ecke, der Hahn schritt vorüber,
+und ihm folgte eine große Figur im glänzenden goldverbrämten Mantel.
+Sowie die Gestalten vorüber waren, sagte einer von den Edelleuten
+leise: »Das war der Wunderdoktor Trabacchio.« Alle, nüchtern geworden
+durch den entsetzlichen Spuk, ermutigten sich und folgten dem
+angeblichen Doktor mit dem Hahn, dessen Leuchten den genommenen
+Weg zeigte. Sie sahen, wie die Gestalten wirklich auf das Haus des
+Doktors, das auf einem fernen leeren öden Platze stand, zuschritten.
+Vor dem Hause angekommen, rauschte der Hahn in die Höhe, und schlug
+mit den Flügeln an das große Fenster über dem Balkon, das sich
+klirrend öffnete; die Stimme eines alten Weibes meckerte: »Kommt -
+kommt nach Haus - kommt nach Haus - warm ist das Bett, und Liebchen
+wartet lange schon - lange schon!« Da war es, als stiege der Doktor
+auf einer unsichtbaren Leiter empor, und rausche nach dem Hahn durch
+das Fenster, welches zugeschlagen wurde, daß es die einsame Straße
+entlang klirrte und dröhnte. Alles war im schwarzen Dunkel der Nacht
+verschwunden und die Edelleute standen stumm und starr vor Grausen
+und Entsetzen. Dieser Spuk, die Überzeugung der Edelleute, daß die
+Gestalt, der der teuflische Hahn vorleuchtete, niemand anders, als der
+verrufene Doktor Trabacchio gewesen, war für das geistliche Gericht,
+dem alles zu Ohren kam, genug, dem satanischen Wundermann sorglich in
+aller Stille nachzuspüren. Man brachte in der Tat heraus, daß in den
+Zimmern des Doktors sich oft ein roter Hahn befand, mit dem er auf
+wunderliche Weise zu sprechen und zu disputieren schien, als sprächen
+Gelehrte über zweifelhafte Gegenstände ihres Wissens. Das geistliche
+Gericht war im Begriff den Doktor Trabacchio einzuziehen als
+einen verruchten Hexenmeister; aber das weltliche Gericht kam dem
+geistlichen zuvor und ließ den Doktor durch die Sbirren aufheben und
+ins Gefängnis schleppen, da er eben von dem Besuch eines Kranken
+heimkehrte. Die Alte war schon früher aus dem Hause geholt worden,
+den Knaben hatte man nicht finden können. Die Türen der Zimmer wurden
+verschlossen und versiegelt, Wachen rings um das Haus gestellt. -
+Folgendes war der Grund dieses gerichtlichen Verfahrens. Seit einiger
+Zeit starben mehrere angesehene Personen in Neapel und in der
+umliegenden Gegend und zwar nach der Ärzte einstimmigem Urteil an
+Gift. Dies hatte viele Untersuchungen veranlaßt, die fruchtlos
+blieben, bis endlich ein junger Mann in Neapel, ein bekannter Lüstling
+und Verschwender, dessen Oheim vergiftet worden, die gräßliche Tat
+mit dem Zusatz eingestand, daß er das Gift von dem alten Weibe, der
+Haushälterin Trabacchios, gekauft habe. Man spürte der Alten nach, und
+ertappte sie, als sie eben ein festverschlossenes kleines Kistchen
+forttragen wollte, in dem man kleine Phiolen fand, die mit dem Namen
+von allerlei Arzneimitteln versehen waren, unerachtet sie flüssiges
+Gift enthielten. Die Alte wollte nichts eingestehen; als man ihr
+indessen mit der Tortur drohte, da bekannte sie, daß der Doktor
+Trabacchio schon seit vielen Jahren jenes künstliche Gift, das unter
+dem Namen Aqua Toffana bekannt sei, bereite, und daß der geheime
+Verkauf dieses Gifts, der durch sie bewirkt worden, beständig seine
+reichste Erwerbsquelle gewesen. Ferner sei es nur zu gewiß, daß er mit
+dem Satan im Bündnis stehe, der in verschiedenen Gestalten bei ihm
+einkehre. Jedes seiner Weiber habe ihm ein Kind geboren, ohne daß
+es jemand außer dem Hause geahnet. Das Kind habe er denn allemal,
+nachdem es neun Wochen, oder neun Monate alt worden, unter besonderen
+Zurüstungen und Feierlichkeiten auf unmenschliche Weise geschlachtet,
+indem er ihm die Brust aufgeschnitten und das Herz herausgenommen.
+Jedesmal sei der Satan bei dieser Operation, bald in dieser, bald in
+jener Gestalt, meistens aber als Fledermaus mit menschlicher Larve,
+erschienen, und habe mit breiten Flügeln das Kohlfeuer angefacht, bei
+dem Trabacchio aus des Kindes Herzblut köstliche Tropfen bereitet,
+die jeder Siechheit kräftig widerständen. Die Weiber hätte Trabacchio
+bald nachher auf diese, oder jene heimliche Weise getötet, so daß
+der schärfste Blick des Arztes wohl nie auch die kleinste Spur der
+Ermordung habe auffinden können. Nur Trabacchios letztes Weib, die
+ihm einen Sohn geboren, der noch lebe, sei des natürlichen Todes
+gestorben.
+
+Der Doktor Trabacchio gestand alles unverhohlen ein und schien eine
+Freude daran zu finden, das Gericht mit den schauerlichen Erzählungen
+seiner Untaten und vorzüglich der nähern Umstände seines entsetzlichen
+Bündnisses mit dem Satan in Verwirrung zu setzen, Die Geistlichen,
+welche dem Gericht beiwohnten, gaben sich alle nur ersinnliche Mühe,
+den Doktor zur Reue und zur Erkenntnis seiner Sünden zu bringen; aber
+es blieb vergebens, da Trabacchio sie nur verhöhnte und verlachte.
+Beide, die Alte und Trabacchio, wurden zum Scheiterhaufen verurteilt.
+- Man hatte unterdessen das Haus des Doktors untersucht und alle seine
+Reichtümer hervorgeholt, die, nach Abzug der Gerichtskosten, an die
+Hospitäler verteilt werden sollten. In Trabacchios Bibliothek fand
+man nicht ein einziges verdächtiges Buch und noch viel weniger gab es
+Gerätschaften, die auf die satanische Kunst, die der Doktor getrieben,
+hätten hindeuten sollen. Nur ein verschlossenes Gewölbe, dessen viele
+durch die Mauer herausragende Röhren das Laboratorium verrieten,
+widerstand, als man es öffnen wollte, aller Kunst und aller Gewalt.
+Ja, wenn Schlosser und Maurer unter der Aufsicht des Gerichts sich
+eifrig bemühten, endlich durchzubrechen, so daß wohl der Zweck
+erreicht worden wäre, da kreischten im Innern des Gewölbes
+entsetzliche Stimmen, es rauschte auf und nieder, wie mit eiskalten
+Flügeln schlug es an die Gesichter der Arbeiter und ein schneidender
+Zugwind pfiff in gellenden gräßlichen Tönen durch den Gang, so daß von
+Grausen und Entsetzen ergriffen alle flohen, und am Ende niemand mehr
+sich an die Tür des Gewölbes wagen wollte, aus Furcht wahnsinnig zu
+werden vor Angst und Schrecken. Den Geistlichen, die sich der Tür
+nahten, ging es nicht besser und es blieb nichts übrig, als die
+Ankunft eines alten Dominikaners aus Palermo zu erwarten, dessen
+Standhaftigkeit und Frömmigkeit bisher alle Künste des Satans weichen
+mußten. Als dieser Mönch sich nun in Neapel befand, war er bereit den
+teuflischen Spuk in Trabacchios Gewölbe zu bekämpfen, und verfügte
+sich hin, ausgerüstet mit Kreuz und Weihwasser, begleitet von mehreren
+Geistlichen und Gerichtspersonen, die aber weit von der Tür entfernt
+blieben. Der alte Dominikaner ging betend auf die Tür los; aber da
+erhob sich heftiger das Rauschen und Brausen, und die entsetzlichen
+Stimmen verworfener Geister lachten gellend heraus. Der Geistliche
+ließ sich jedoch nicht irre machen; er betete kräftiger das Kruzifix
+emporhaltend und die Tür mit Weihwasser besprengend. »Man gebe mir ein
+Brecheisen!« rief er laut; zitternd reichte es ihm ein Maurerbursche
+hin, aber kaum setzte es der alte Mönch an die Türe, als sie mit
+furchtbar erschütterndem Knall aufsprang. Blaue Flammen leckten
+überall an den Wänden des Gewölbes herauf und eine betäubende
+erstickende Hitze strömte aus dem Innern. Demunerachtet wollte der
+Dominikaner hineintreten; da stürzte der Boden des Gewölbes ein, daß
+das ganze Haus erdröhnte und Flammen prasselten aus dem Abgrunde
+hervor, die wütend um sich griffen und alles rings umher erfaßten.
+Schnell mußte der Dominikaner mit seiner Begleitung fliehen, um nicht
+zu verbrennen, oder verschüttet zu werden. Kaum waren sie auf der
+Straße, als das ganze Haus des Doktor Trabacchio in Flammen stand. Das
+Volk lief zusammen und jauchzte und jubelte, als es des verruchten
+Hexenmeisters Wohnung brennen sah, ohne auch nur das mindeste zur
+Rettung zu tun. Schon war das Dach eingestürzt, das inwendige Holzwerk
+flammte zu den Wänden heraus und nur die starken Balken des obern
+Stocks widerstanden noch der Gewalt des Feuers. Aber vor Entsetzen
+schrie das Volk auf, als es Trabacchios zwölfjährigen Sohn mit
+einem Kistchen unter dem Arm einen dieser glimmenden Balken entlang
+schreiten sah. Nur einen Moment dauerte diese Erscheinung, sie
+verschwand plötzlich in den hochaufschlagenden Flammen. - Der
+Doktor Trabacchio schien sich herzinniglich zu freuen, als er diese
+Begebenheit erfuhr und ging mit verwegener Frechheit zum Tode. Als man
+ihn an den Pfahl band, lachte er hell auf und sagte zu dem Henker, der
+ihn mordlustig recht fest anschnürte: »Sieh dich vor, Geselle, daß
+diese Stricke nicht an deinen Fäusten brennen.« Dem Mönch, der sich
+ihm zuletzt noch nahen wollte, rief er mit fürchterlicher Stimme zu:
+»Fort! - zurück von mir! Glaubst du denn, daß ich so dumm sein werde,
+euch zu Gefallen einen schmerzlichen Tod zu leiden? - noch ist
+meine Stunde nicht gekommen.« - Nun fing das angezündete Holz an zu
+prasseln; kaum erreichte aber die Flamme den Trabacchio, als es hell
+aufloderte, wie Strohfeuer und von einer fernen Anhöhe ein gellendes
+Hohngelächter sich hören ließ. Alles schaute hin und Grausen ergriff
+das Volk, als [es] den Doktor Trabacchio leibhaftig in dem schwarzen
+Kleide, dem goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den
+niedergekrempten spanischen Hut mit der roten Feder auf dem Kopfe, das
+Kistchen unter dem Arm, ganz wie er sonst durch die Straßen von Neapel
+zu laufen pflegte, erblickte. Reiter, Sbirren, hundert andere aus
+dem Volk stürzten hin nach dem Hügel, aber Trabacchio war und blieb
+verschwunden. Die Alte gab ihren Geist auf unter den entsetzlichsten
+Qualen, unter den gräßlichsten Verwünschungen ihres verruchten Herrn,
+mit dem sie unzählige Verbrechen geteilt.
+
+Der sogenannte Ignaz Denner war nun kein anderer, als eben der Sohn
+des Doktors, der sich damals durch die höllischen Künste seines Vaters
+mit einem Kistchen der seltensten und geheimnisvollsten Kostbarkeiten
+aus den Flammen rettete. Schon seit der frühesten Jugend unterrichtete
+ihn der Vater in den geheimen Wissenschaften und seine Seele war dem
+Teufel verschrieben, noch ehe er sein volles Bewußtsein erlangt. Als
+man den Doktor Trabacchio ins Gefängnis warf, blieb der Knabe in dem
+geheimnisvollen verschlossenen Gewölbe unter den verworfenen Geistern,
+die des Vaters höllischer Zauber hineingebannt; da aber endlich dieser
+Zauber der Macht des Dominikaners weichen mußte, ließ der Knabe die
+verborgenen mechanischen Kräfte wirken, und Flammen entzündeten sich,
+die in wenigen Minuten das ganze Haus in Brand steckten, während der
+Knabe selbst unversehrt durch das Feuer fort zum Tore hinaus in den
+Wald eilte, den ihm der Vater bezeichnet hatte. Nicht lange dauerte
+es, so erschien auch Doktor Trabacchio, und floh schnell mit dem
+Sohne, bis sie wohl an drei Tagereisen von Neapel in die Ruinen
+eines alten römischen Gebäudes kamen, wo der Eingang zu einer weiten
+geräumigen Höhle versteckt lag. Hier wurde der Doktor Trabacchio
+von einer zahlreichen Räuberbande, mit der er längst in Verbindung
+gestanden, und der er durch seine geheime Wissenschaft die
+wesentlichsten Dienste geleistet, mit lautem Jubel empfangen. Die
+Räuber wollten ihn mit nichts Geringerem lohnen, als mit der Krönung
+zum Räuberkönige, wodurch er sich zum Oberhaupt aller Banden, die in
+Italien und dem südlichen Deutschland verbreitet waren, aufgeschwungen
+hätte. Der Doktor Trabacchio erklärte, diese Würde nicht annehmen
+zu können, da er der besondern Konstellation wegen, die über ihn
+walte, nunmehr ein ganz unstetes Leben führen müsse, und von keinem
+Verhältnis gebunden werden könne; doch werde er noch immer den Räubern
+mit seiner Kunst und Wissenschaft beistehn, und sich dann und wann
+sehen lassen. Da beschlossen die Räuber, den zwölfjährigen Trabacchio
+zum Räuberkönige zu wählen und damit war der Doktor höchlich
+zufrieden, so daß der Knabe von Stund an unter den Räubern blieb,
+und, als er funfzehn Jahr alt worden, schon als wirkliches Oberhaupt
+mit ihnen auszog. Sein ganzes Leben war von nun an ein Gewebe von
+Greueltaten und Teufelskünsten, in welche ihn der Vater, der sich
+oftmals blicken ließ und zuweilen wochenlang einsam mit seinem Sohne
+in der Höhle blieb, immer mehr einweihte. Die kräftigen Maßregeln
+des Königs von Neapel gegen die Räuberbanden, die immer kecker und
+verwegener wurden, noch mehr aber die entstandenen Zwistigkeiten der
+Räuber hoben endlich das gefährliche Bündnis unter _einem_ Oberhaupte
+auf und den Trabacchio selbst, der sich durch seinen Stolz und durch
+seine Grausamkeit verhaßt gemacht hatte, konnten seine vom Vater
+erlernte Teufelskünste nicht vor den Dolchen seiner Untergebenen
+schützen. Er floh nach der Schweiz, gab sich den Namen Ignaz Denner,
+und besuchte als reisender Kaufmann die Messen und Jahrmärkte in
+Deutschland, bis sich aus den zerstreuten Gliedern jener großen
+Bande eine kleinere bildete, die den vormaligen Räuberkönig zu ihrem
+Oberhaupt wählte. Trabacchio versicherte, wie sein Vater noch zur
+Stunde lebe, ihn noch im Gefängnis besucht, und Rettung von der
+Gerichtsstätte versprochen habe. Nur dadurch, daß, wie er nun wohl
+einsehe, göttliche Schickung den Andres vom Tode errettet, sei die
+Macht seines Vaters entkräftet worden, und er wolle nun als reuiger
+Sünder allen Teufelskünsten abschwören und geduldig die gerechte
+Todesstrafe erleiden.
+
+Andres, der alles dieses aus dem Munde des Grafen von Vach erfuhr,
+zweifelte keinen Augenblick, daß es wohl eben Trabacchios Bande
+gewesen, die ehemals im Neapolitanischen seinen Herrn anfiel, so wie
+er überzeugt war, daß der alte Doktor Trabacchio selbst im Gefängnis
+ihm wie der leibhaftige Satan erschien und verlocken wollte zum
+bösen Beginnen. Nun sah er erst recht ein, in welch großer Gefahr er
+geschwebt hatte seit der Zeit, als Trabacchio in sein Haus getreten;
+wiewohl er noch immer nicht begreifen konnte, warum es denn der
+Verruchte so ganz und gar auf ihn und sein Weib gemünzt hatte, da der
+Vorteil, den er aus seinem Aufenthalt in dem Jägerhause zog, nicht so
+bedeutend sein konnte.
+
+Andres befand sich nach den entsetzlichen Stürmen nun in ruhiger
+glücklicher Lage, allein zu erschütternd hatten jene Stürme getobt,
+um nicht in seinem ganzen Leben dumpf nachzuhallen. Außer dem, daß
+Andres, sonst ein starker kräftiger Mann, durch den Gram, durch
+das lange Gefängnis, ja durch den unsäglichen Schmerz der Tortur
+körperlich zugrunde gerichtet, siech und krank daherschwankte und kaum
+noch die Jagd treiben konnte, so welkte auch Giorgina, deren südliche
+Natur von dem Grame, von der Angst, von dem Entsetzen wie von
+brennender Glut aufgezehrt wurde, zusehends hin. Keine Hülfe war
+für sie mehr vorhanden, sie starb wenige Monate nach ihres Mannes
+Rückkehr. Andres wollte verzweifeln und nur der wunderschöne kluge
+Knabe, der Mutter getreues Ebenbild, vermochte ihn zu trösten. Um
+dieses willen tat er alles, sein Leben zu erhalten, und sich soviel
+als möglich zu kräftigen, so daß er nach Verlauf von beinahe zwei
+Jahren wohl an Gesundheit zugenommen und manchen lustigen Jägergang in
+den Forst unternehmen konnte. - Der Prozeß wider den Trabacchio hatte
+endlich sein Ende erreicht und er war, so wie vor alter Zeit sein
+Vater, zum Tode durchs Feuer verdammt worden, den er in weniger Zeit
+erleiden sollte.
+
+Andres kam eines Tages, als die Abenddämmerung schon eingebrochen, mit
+seinem Knaben aus dem Forst zurück; schon war er dem Schlosse nahe,
+als er ein klägliches Gewimmer vernahm, das aus dem ihm nahen
+ausgetrockneten Feldgraben zu kommen schien. Er eilte näher und
+erblickte einen Menschen, der in elende schmutzige Lumpen gehüllt, im
+Graben lag und unter großen Schmerzen den Geist aufgeben zu wollen
+schien. Andres warf Flinte und Büchsensack ab, und zog mit Mühe
+den Unglücklichen heraus; aber als er nun dem Menschen ins Gesicht
+blickte, erkannte er mit Entsetzen den Trabacchio. Zurückschaudernd
+ließ er von ihm ab; aber da wimmerte Trabacchio dumpf. »Andres,
+Andres, bist du es? um der Barmherzigkeit Gottes willen, der ich meine
+Seele empfohlen, habe Mitleid mit mir! Wenn du mich rettest, rettest
+du eine Seele von ewiger Verdammnis; denn bald ereilt mich ja der Tod,
+und noch nicht vollendet ist meine Buße!« - »Verdammter Heuchler«,
+schrie Andres auf; »Mörder meines Kindes, meines Weibes, hat dich
+nicht der Satan wieder hergeführt, damit du mich vielleicht noch
+verderbest? Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Stirb und vermodere
+wie ein Aas, Verruchter!« Andres wollte ihn zurückstoßen in den
+Graben; da heulte Trabacchio in wildem Jammer: »Andres! du rettest den
+Vater deines Weibes, deiner Giorgina, die für mich betet am Throne des
+Höchsten!« Andres schauderte zusammen; mit Giorginas Namen fühlte er
+sich von schmerzlicher Wehmut ergriffen. Mitleid mit dem Mörder seiner
+Ruhe, seines Glücks, durchdrang ihn, er faßte den Trabacchio, lud
+ihn mit Mühe auf und trug ihn nach seiner Wohnung, wo er ihn mit
+stärkenden Mitteln erquickte. Bald erwachte Trabacchio aus der
+Ohnmacht, in die er versunken.
+
+In der Nacht vor der Hinrichtung ergriff den Trabacchio die
+entsetzlichste Todesangst; er war überzeugt, daß ihn nichts mehr
+von der namenlosen Marter des Feuertodes retten würde. Da faßte
+und rüttelte er in wahnsinniger Verzweiflung die Eisenstäbe des
+Gitterfensters und zerbröckelt blieben sie in seinen Händen. Ein
+Strahl der Hoffnung fiel in seine Seele. Man hatte ihn in einen Turm
+dicht neben dem trocknen Stadtgraben gesperrt; er schaute in die Tiefe
+und der Entschluß sich hinabzustürzen, und so sich zu retten, oder zu
+sterben, war auf der Stelle gefaßt. Der Ketten hatte er sich bald mit
+geringer Anstrengung entledigt. Als er sich hinauswarf, vergingen ihm
+die Sinne, er erwachte, als die Sonne hell strahlte. Da sah er, wie er
+zwischen Strauchwerk in hohes Gras gefallen, aber an allen Gliedern
+verstaucht und verrenkt, vermochte er sich nicht zu regen und zu
+rühren. Schmeißfliegen und anderes Ungeziefer setzten sich auf seinen
+halbnackten Körper und stachen und leckten sein Blut, ohne daß er sie
+abwehren konnte. So brachte er einen martervollen Tag hin. Erst des
+Nachts gelang es ihm weiter zu kriechen und er war glücklich genug,
+an eine Stelle zu kommen, wo sich etwas Regenwasser gesammelt hatte,
+welches er begierig einschlürfte. Er fühlte sich gestärkt und
+vermochte mühsam hinanzuklimmen und sich fortzuschleichen, bis er den
+Forst erreichte, der unfern von Fulda anhob und sich beinahe bis an
+das Vachsche Schloß erstreckte. So war er bis in die Gegend gekommen,
+wo ihn Andres mit dem Tode ringend fand. Die entsetzliche Anstrengung
+der letzten Kraft hatte ihn ganz erschöpft und wenige Minuten später
+hätte ihn Andres sicherlich tot gefunden. Ohne daran zu denken, was
+künftig mit dem Trabacchio, der der Obrigkeit entflohen, werden
+sollte, brachte ihn Andres in ein einsames Zimmer und pflegte ihn auf
+alle nur mögliche Weise, aber so behutsam ging er dabei zu Werke, daß
+niemand die Anwesenheit des Fremden ahnte; denn selbst der Knabe,
+gewohnt dem Vater blindlings zu gehorchen, verschwieg getreulich
+das Geheimnis. Andres frug nun den Trabacchio, ob er denn gewiß und
+wahrhaftig Giorginas Vater sei. »Allerdings bin ich das«, erwiderte
+Trabacchio. »In der Gegend von Neapel entführte ich einst ein
+bildschönes Mädchen, die mir eine Tochter gebar. Nun weißt du schon,
+Andres, daß eines der größten Kunststücke meines Vaters die Bereitung
+jenes köstlichen wundersamen Liquors war, wozu das Hauptingredienz
+das Herzblut von Kindern ist, die neun Wochen, neun Monate, oder neun
+Jahre alt und von den Eltern dem Laboranten freiwillig anvertraut sein
+müssen. Je näher die Kinder mit dem Laboranten in Beziehung stehen,
+desto wirkungsvoller entsteht aus ihrem Herzblut Lebenskraft, stete
+Verjüngung, ja selbst die Bereitung des künstlichen Goldes. Deshalb
+schlachtete mein Vater seine Kinder und ich war froh, das Töchterlein,
+das mir mein Weib geboren, auf solche verruchte Weise höheren Zwecken
+opfern zu können. Noch kann ich nicht begreifen, auf welche Weise mein
+Weib die böse Absicht ahnte; aber sie war vor Ablauf der neunten Woche
+verschwunden und erst nach mehrern Jahren erfuhr ich, daß sie in
+Neapel gestorben sei und ihre Tochter Giorgina bei einem grämlichen
+geizhalsigen Gastwirt erzogen würde. Ebenso wurde mir ihre
+Verheiratung mit dir und dein Aufenthalt bekannt. Nun kannst du dir
+erklären, Andres, warum ich deinem Weibe gewogen war und warum ich,
+ganz erfüllt von meinen verruchten Teufelskünsten, deinen Kindern so
+nachstellte. - Aber dir, Andres, dir allein und deiner wunderbaren
+Rettung durch Gottes Allmacht verdanke ich meine tiefe Reue, meine
+innere Zerknirschung. Übrigens ist das Kistchen mit Kleinodien, das
+ich deinem Weibe gab, dasjenige, welches ich auf des Vaters Geheiß
+aus den Flammen rettete, du kannst es getrost aufbewahren für deinen
+Knaben.« - »Das Kistchen«, fiel Andres ein, »hat Euch ja Giorgina
+wiedergegeben an jenem schrecklichen Tag, da Ihr den gräßlichen Mord
+verübtet?«
+
+»Allerdings«, erwiderte Trabacchio; »allein ohne daß es Giorgina
+wußte, kam es wieder in Euern Besitz. Seht nur nach in der großen
+schwarzen Truhe, die in Euerm Hausflur steht, da werdet Ihr das
+Kistchen auf dem Boden finden.« Andres suchte in der Truhe und fand
+das Kistchen wirklich ganz in dem Zustande wieder, wie er es damals
+zum erstenmal von Trabacchio in Verwahrung erhalten.
+
+Andres fühlte in sich unheimlichen Unmut, ja er konnte sich des
+Wunsches nicht erwehren, daß Trabacchio tot gewesen sein möge, als er
+ihn im Graben fand. Freilich schien Trabacchios Reue und Buße wahrhaft
+zu sein; denn ohne seine Klause zu verlassen, brachte er seine Zeit
+nur damit hin, in andächtigen Büchern zu lesen und seine einzige
+Ergötzlichkeit war die Unterhaltung mit dem kleinen Georg, den er über
+alles zu lieben schien. Andres beschloß indessen doch auf seiner Hut
+zu sein und eröffnete bei erster Gelegenheit das ganze Geheimnis dem
+Grafen von Vach, der über das seltene Spiel des Schicksals nicht
+wenig verwundert war. So vergingen einige Monate, der Spätherbst
+war eingetreten und Andres mehr auf der Jagd, als sonst. Der Kleine
+blieb gewöhnlich bei dem Großvater und einem alten Jäger, der um das
+Geheimnis wußte. Eines Abends war Andres von der Jagd zurückgekehrt,
+als der alte Jäger hineintrat und nach seiner treuherzigen Weise
+anfing: »Herr, Ihr habt einen bösen Kumpan im Hause. Zu dem kommt
+der Gottseibeiuns! durchs Fenster und geht wieder ab in Rauch und
+Dampf.« Dem Andres wurde es bei dieser Rede zumut, als hätt ihn ein
+Blitzstrahl getroffen. Er wußte nur zu genau, was das zu bedeuten
+hatte; als ihm der alte Jäger weiter erzählte, wie er schon mehrere
+Tage hintereinander in später Abenddämmerung in Trabacchios Zimmer
+seltsame Stimmen gehört, die wie im Zank durcheinander geplappert, und
+heute zum zweitenmal habe es ihm, indem er Trabacchios Türe schnell
+geöffnet, geschienen, als rausche eine Gestalt im roten goldverbrämten
+Mantel zum Fenster hinaus. In vollem Zorn eilte Andres herauf zum
+Trabacchio, hielt ihm vor, was sein Jäger ausgesagt und kündigte ihm
+an, daß er sich's gefallen lassen müsse, ins Schloßgefängnis gesperrt
+zu werden, wenn er nicht allen bösen Tritten entsage. Trabacchio blieb
+ruhig, und erwiderte im wehmütigen Ton: »Ach, lieber Andres! nur
+zu wahr ist es, daß mein Vater, dessen Stündlein noch immer nicht
+gekommen, mich auf unerhörte Weise peinigt und quält. Er will, daß ich
+mich ihm wieder zuwende, und der Frömmigkeit, dem Heil meiner Seele
+entsage, allein ich bin standhaft geblieben, und glaube nicht, daß er
+wiederkehren wird, da er gesehen, daß er nicht mehr über mich Macht
+hat. Bleibe ruhig, lieber Sohn Andres! und laß mich bei dir als ein
+frommer Christ versöhnt mit Gott sterben!« In der Tat schien auch
+die feindliche Gestalt auszubleiben, indessen war es, als würden
+Trabacchios Augen wieder glühender, er lächelte zuweilen so seltsam
+höhnisch, wie sonst. Während der Betstunde, die Andres jeden Abend mit
+ihm zu halten pflegte, schien er oft krampfhaft zu erzittern; zuweilen
+strich eine seltsam pfeifende Zugluft durch das Zimmer, welche die
+Blätter der Gebetbücher raschelnd umschlug, ja die Bücher selbst dem
+Andres aus den Händen warf. »Gottloser Trabacchio, verruchter Satan!
+_Du_ bist es, der hier höllischen Spuk treibt! Was willst du von mir?
+hebe dich weg, denn du hast keine Macht über mich! - hebe dich weg!«
+- So rief Andres mit starker Stimme! Da lachte es höhnisch durch das
+Zimmer hin, und schlug wie mit schwarzen Fittigen an das Fenster. Und
+doch war es nur der Regen, der an das Fenster geschlagen, und der
+Herbstwind, der durch das Zimmer geheult, wie Trabacchio meinte, als
+das Unwesen wieder einmal recht arg war und Georg vor Angst weinte.
+
+»Nein«, rief Andres: »Euer gottloser Vater könnte hier nicht so
+herumspuken, wenn Ihr aller und jeder Gemeinschaft mit ihm entsagt
+hättet. Ihr müßt fort von mir. Eure Wohnung ist Euch längst bereitet.
+Ihr müßt fort ins Schloßgefängnis; dort möget Ihr Euern Spuk treiben
+wie Ihr wollt.« Trabacchio weinte heftig, er bat um aller Heiligen
+willen ihn im Hause zu dulden und Georg, ohne zu begreifen, was das
+alles wohl bedeute, stimmte in seine Bitten ein. »So bleibt denn noch
+morgen hier«, sagte Andres, »ich will sehen, wie es mit der Betstunde
+gehen wird, wenn ich heimkomme von der Jagd.« Am andern Tage gab es
+herrliches Herbstwetter, und Andres versprach sich eine reiche Beute.
+Als er von dem Anstand zurückkehrte, war es ganz finster geworden. Er
+fühlte sich im innersten Gemüt besonders bewegt; seine merkwürdigen
+Schicksale, Giorginas Bild, sein ermordeter Knabe traten ihm so
+lebendig vor Augen, daß er tief in sich gekehrt, immer langsamer und
+langsamer den Jägern nachschlenderte, bis er sich endlich unversehends
+auf einem Nebenwege allein im Forst befand. Im Begriff zurückzukehren
+in den breiten Waldweg, wurde er ein blendendes Licht gewahr, welches
+durch das dickste Gebüsch flackerte. Da ergriff ihn eine wunderbare
+verworrene Ahnung großer Greueltat, die verübt werde; er drang durch
+das Dickicht, er war dem Feuer nahe, da stand des alten Trabacchio
+Gestalt im goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den
+niedergekrempten Hut mit roter Feder auf dem Kopfe, das Arzneikistchen
+unterm Arm. Mit glühenden Augen blickte die Gestalt in das Feuer,
+das wie in rot und blau flammenden Schlangen unter einer Retorte
+hervorloderte. Vor dem Feuer lag Georg nackt ausgebreitet auf einer
+Art Rost und der verruchte Sohn des satanischen Doktors hatte hoch
+das funkelnde Messer erhoben zum Todesstoß. Andres schrie auf vor
+Entsetzen; aber sowie der Mörder sich umblickte, sauste schon die
+Kugel aus Andres' Büchse und Trabacchio stürzte mit zerschmettertem
+Gehirn über das Feuer hin, das im Augenblick erlosch. Die Gestalt des
+Doktors war verschwunden. Andres sprang hinzu, stieß den Leichnam
+beiseite, band den armen Georg los und trug ihn schnell fort bis
+ins Haus. Dem Knaben fehlte nichts; nur die Todesangst hatte ihn
+ohnmächtig gemacht. Den Andres trieb es heraus in den Wald, er
+wollte sich von Trabacchios Tode überzeugen und den Leichnam gleich
+verscharren; er weckte daher den alten Jäger, der in tiefen,
+wahrscheinlich von Trabacchio bewirkten Schlaf gesunken, und beide
+gingen mit Laterne, Hacke und Spaten an die nicht weit entlegene
+Stelle. Da lag der blutige Trabacchio; aber sowie Andres sich näherte,
+richtete er sich mit halbem Leibe auf, starrte ihn gräßlich an und
+röchelte dumpf. »Mörder! Mörder des Vaters deines Weibes, aber meine
+Teufel sollen dich quälen!« - »Fahre zur Hölle, du satanischer
+Bösewicht«, schrie Andres, der dem Entsetzen, das ihn übermannen
+wollte, widerstand; »fahre hin zur Hölle, du, der du den Tod
+hundertfältig verdient hast, dem ich den Tod gab, weil er versuchten
+Mord an meinem Kinde, an dem Kinde seiner Tochter verüben wollte!
+Du hast nur Buße und Frömmigkeit geheuchelt um schändlichen Verrats
+willen, aber nun bereitet der Satan manche Qual deiner Seele, die du
+ihm verkauft.« Da sank Trabacchio heulend zurück und immer dumpfer und
+dumpfer wimmernd gab er seinen Geist auf. Nun gruben die beiden Männer
+ein tiefes Loch, in das sie Trabacchios Körper warfen. »Sein Blut
+komme nicht über mich!« sprach Andres, »aber ich konnte nicht
+anders, ich war dazu ausersehen von Gott, meinen Georg zu retten und
+hundertfältige Frevel zu rächen. Doch will ich für seine Seele beten
+und ein kleines Kreuz auf sein Grab stellen.« Als andern Tages Andres
+dieses Vorhaben ausfahren wollte, fand er die Erde aufgewühlt, der
+Leichnam war verschwunden. Ob das nun von wilden Tieren, oder wie
+sonst bewirkt, blieb in Zweifel. Andres ging mit seinem Knaben und dem
+alten Jäger zum Grafen von Vach, und berichtete treulich die ganze
+Begebenheit. Der Graf von Vach billigte die Tat des Andres, der zur
+Rettung seines Sohnes einen Räuber und Mörder niedergestreckt hatte
+und ließ den ganzen Verlauf der Sache niederschreiben und im Archiv
+des Schlosses aufbewahren.
+
+Die schreckliche Begebenheit hatte den Andres tief im Innersten
+erschüttert, und wohl mochte er sich deshalb, wenn die Nacht
+eingebrochen, schlaflos auf dem Lager wälzen. Aber wenn er so zwischen
+Wachen und Träumen hinbrütete, da hörte er es im Zimmer knistern und
+rauschen, und ein roter Schein fuhr hindurch und verschwand wieder.
+Sowie er anfing zu horchen und zu schauen, da murmelte es dumpf. »Nun
+bist du Meister - du hast den Schatz - du hast den Schatz - gebeut
+über die Kraft, sie ist dein!« - Dem Andres war es, als wolle ein
+unbekanntes Gefühl ganz eigner Wohlbehaglichkeit und Lebenslust in
+ihm aufgehen; aber sowie die Morgenröte durch die Fenster brach, da
+ermannte sich Andres und betete, wie er es zu tun gewohnt, kräftig und
+inbrünstig zu dem Herrn, der seine Seele erleuchtete. »Ich weiß was
+nun noch meines Amts und Berufs ist, um den Versucher zu bannen und
+die Sünde abzuwenden von meinem Hause!« - So sprach Andres, nahm
+Trabacchios Kistchen und warf es, ohne es zu öffnen, in eine tiefe
+Bergschlucht. Nun genoß Andres eines ruhigen heitern Alters, das keine
+feindliche Macht zu zerstören vermochte.
+
+
+
+Die Jesuiterkirche in G.
+
+In eine elende Postchaise gepackt, die die Motten, wie die Ratten
+Prosperos Fahrzeug, aus Instinkt verlassen hatten, hielt ich endlich,
+nach halsbrechender Fahrt, halbgerädert, vor dem Wirtshause auf dem
+Markte in G. Alles Unglück, das mir selbst begegnen können, war auf
+meinen Wagen gefallen, der zerbrochen bei dem Postmeister der letzten
+Station lag. Vier magere abgetriebene Pferde schleppten nach mehrern
+Stunden endlich mit Hülfe mehrerer Bauern und meines Bedienten das
+baufällige Reisehaus herbei; die Sachverständigen kamen, schüttelten
+die Köpfe und meinten, daß eine Hauptreparatur nötig sei, die zwei,
+auch wohl drei Tage dauern könne. Der Ort schien mir freundlich,
+die Gegend anmutig und doch erschrak ich nicht wenig über den mir
+gedrohten Aufenthalt. Warst du, günstiger Leser! jemals genötigt, in
+einer kleinen Stadt, wo du niemanden - niemanden kanntest, wo du jedem
+fremd bliebst, drei Tage zu verweilen, und hat nicht irgend ein tiefer
+Schmerz den Drang nach gemütlicher Mitteilung in dir weggezehrt, so
+wirst du mein Unbehagen mit mir fühlen. In dem Wort geht ja erst der
+Geist des Lebens auf in allem um uns her; aber die Kleinstädter sind
+wie ein in sich selbst verübtes, abgeschlossenes Orchester eingespielt
+und eingesungen, nur ihre eignen Stücke gehen rein und richtig, jeder
+Ton des Fremden dissoniert ihren Ohren und bringt sie augenblicklich
+zum Schweigen. - Recht mißlaunig schritt ich in meinem Zimmer auf
+und ab; da fiel mir plötzlich ein, daß ein Freund in der Heimat, der
+ehemals ein paar Jahre hindurch in G. gewesen, oft von einem gelehrten
+geistreichen Manne sprach, mit dem er damals viel umgegangen. Auch des
+Namens erinnerte ich mich: es war der Professor im Jesuiter-Kollegio
+Aloysius Walther. Ich beschloß hinzugehen und meines Freundes
+Bekanntschaft für mich selbst zu nutzen. Man sagte mir im Kollegio,
+daß Professor Walther zwar eben lese, aber in kurzer Zeit endigen
+werde, und stellte mir frei, ob ich wiederkommen, oder in den
+äußeren Sälen verweilen wolle. Ich wählte das letzte. Überall sind
+die Klöster, die Kollegien, die Kirchen der Jesuiten in jenem
+italienischen Stil gebaut, der auf antike Form und Manier gestützt,
+die Anmut und Pracht dem heiligen Ernst, der religiösen Würde
+vorzieht. So waren auch hier die hohen, luftigen, hellen Säle mit
+reicher Architektur geschmückt, und sonderbar genug stachen gegen
+Heiligenbilder, die hie und da an den Wänden zwischen ionischen Säulen
+hingen, die Superporten ab, welche durchgehends Genientänze, oder gar
+Früchte und Leckerbissen der Küche darstellten. - Der Professor trat
+ein, ich erinnerte ihn an meinen Freund, und nahm auf die Zeit meines
+gezwungenen Aufenthalts seine Gastlichkeit in Anspruch. Ganz, wie ihn
+mein Freund beschrieben, fand ich den Professor; hellgesprächig -
+weltgewandt - kurz, ganz in der Manier des höheren Geistlichen, der
+wissenschaftlich ausgebildet, oft genug über das Brevier hinweg in das
+Leben geschaut hat, um genau zu wissen, wie es darin hergeht. Als ich
+sein Zimmer auch mit moderner Eleganz eingerichtet fand, kam ich auf
+meine vorigen Bemerkungen in den Sälen zurück, die ich gegen den
+Professor laut werden ließ. »Es ist wahr«, erwiderte er, »wir haben
+jenen düstern Ernst, jene sonderbare Majestät des niederschmetternden
+Tyrannen, die im gotischen Bau unsere Brust beklemmt, ja wohl ein
+unheimliches Grauen erregt, aus unseren Gebäuden verbannt, und es ist
+wohl verdienstlich, unsern Werken die regsame Heiterkeit der Alten
+anzueignen.« - »Sollte aber«, erwiderte ich, »nicht eben jene heilige
+Würde, jene hohe zum Himmel strebende Majestät des gotischen Baues
+recht von dem wahren Geist des Christentums erzeugt sein, der,
+übersinnlich, dem sinnlichen, nur in dem Kreis des Irdischen
+bleibenden Geiste der antiken Welt geradezu widerstrebt?« - Der
+Professor lächelte. »Ei«, sprach er, »das höhere Reich soll man
+erkennen in dieser Welt und diese Erkenntnis darf geweckt werden
+durch heitere Symbole, wie sie das Leben, ja der aus jenem Reich ins
+irdische Leben herabgekommene Geist, darbietet. Unsere Heimat ist wohl
+dort droben; aber solange wir hier hausen, ist unser Reich auch von
+dieser Welt.« Jawohl, dachte ich: in allem was ihr tatet, bewieset
+ihr, daß euer Reich von dieser Welt, ja nur allein von dieser Welt
+ist. Ich sagte aber das, was ich dachte, keinesweges dem Professor
+Aloysius Walther, welcher also fortfuhr: »Was Sie von der Pracht
+unserer Gebäude hier am Orte sagen, möchte sich wohl nur auf die
+Annehmlichkeit der Form beziehen. Hier, wo der Marmor unerschwinglich
+ist, wo große Meister der Malerkunst nicht arbeiten mögen, hat man
+sich, der neuern Tendenz gemäß, mit Surrogaten behelfen müssen. Wir
+tun viel, wenn wir uns zum polierten Gips versteigen, mehrenteils
+schafft nur der Maler die verschiedenen Marmorarten, wie es eben
+jetzt in unserer Kirche geschieht, die, Dank sei es der Freigebigkeit
+unserer Patronen, neu dekoriert wird.« Ich äußerte den Wunsch, die
+Kirche zu sehen; der Professor führte mich hinab, und als ich in den
+korinthischen Säulengang, der das Schiff der Kirche formte, eintrat,
+fühlte ich wohl den nur zu freundlichen Eindruck der zierlichen
+Verhältnisse. Dem Hochaltare links war ein hohes Gerüste errichtet,
+auf dem ein Mann stand, der die Wände in Giallo antik übermalte. »Nun
+wie geht es, Berthold?« rief der Professor hinauf Der Maler wandte
+sich nach uns um, aber gleich fuhr er wieder fort zu arbeiten, indem
+er mit dumpfer beinahe unvernehmbarer Stimme sprach: »Viel Plage -
+krummes verworrenes Zeug - kein Lineal zu brauchen - Tiere - Affen -
+Menschengesichter - Menschengesichter - o ich elender Tor!« Das letzte
+rief er laut mit einer Stimme, die nur der tiefste im Innersten
+wühlende Schmerz erzeugt; ich fühlte mich auf die seltsamste Weise
+angeregt, jene Worte und der Ausdruck des Gesichts, der Blick, womit
+er zuvor den Professor anschaute, brachten mir das ganze zerrissene
+Leben eines unglücklichen Künstlers vor Augen. Der Mann mochte kaum
+über vierzig Jahre alt sein; seine Gestalt, war sie auch durch
+den unförmlichen schmutzigen Maleranzug entstellt, hatte was
+unbeschreiblich Edles, und der tiefe Gram konnte nur das Gesicht
+entfärben, das Feuer, was in den schwarzen Augen strahlte, aber nicht
+auslöschen. Ich frug den Professor, was es mit dem Maler wohl für eine
+Bewandtnis hätte. »Es ist ein fremder Künstler«, erwiderte er, »der
+sich gerade zu der Zeit hier einfand, als die Reparatur der Kirche
+beschlossen worden. Er unternahm die Arbeit, die wir ihm antrugen,
+mit Freuden, und in der Tat war seine Ankunft ein Glücksfall für uns;
+denn weder hier, noch in der Gegend weit umher hätten wir einen Maler
+auftreiben können, der für alles, dessen es hier zu malen bedarf, so
+tüchtig gewesen wäre. Übrigens ist es der gutmütigste Mensch von der
+Welt, den wir alle recht lieben, und so kommt es denn, daß er in
+unserm Kollegio gut aufgenommen wurde. Außer dem ansehnlichen Honorar,
+das er für seine Arbeit erhält, verköstigen wir ihn; dies ist aber für
+uns ein sehr geringer Aufwand, denn er ist beinahe zu mäßig, welches
+freilich seinem kränklichen Körper zusagen mag.«
+
+»Aber«, fiel ich ein, »er schien heute so mürrisch - so aufgeregt.«
+- »Das hat seine besondere Ursache«, erwiderte der Professor, »doch
+lassen Sie uns einige schöne Gemälde der Seiten-Altäre anschauen,
+die vor einiger Zeit ein glücklicher Zufall uns verschaffte. Nur
+ein einziges Original, ein Dominichino, ist dabei, die anderen
+sind von unbekannten Meistern der italienischen Schule, aber, sind
+Sie vorurteilsfrei, so werden Sie gestehen müssen, daß jedes den
+berühmtesten Namen tragen dürfte.« Ich fand es ganz so, wie der
+Professor gesagt hatte. Es war seltsam, daß das einzige Original
+gerade zu den schwächern Stücken gehörte, war es nicht wirklich das
+schwächste, und daß dagegen die Schönheit mancher Gemälde ohne Namen
+mich unwiderstehlich hinriß. Über das Gemälde eines Altars war eine
+Decke herabgelassen; ich frug nach der Ursache. »Dies Bild«, sprach
+der Professor, »ist das schönste was wir besitzen, es ist das Werk
+eines jungen Künstlers der neueren Zeit - gewiß sein letztes, denn
+sein Flug ist gehemmt. - Wir mußten in diesen Tagen das Gemälde aus
+gewissen Gründen verhängen lassen, doch bin ich vielleicht morgen,
+oder übermorgen imstande, es Ihnen zu zeigen.« - Ich wollte weiter
+fragen, indessen schritt der Professor rasch durch den Gang fort, und
+das war genug, um seine Unlust zu zeigen, mir weiter zu antworten.
+Wir gingen in das Kollegium zurück, und gern nahm ich des Professors
+Einladung an, der mit mir nachmittags einen nahgelegenen Lustort
+besuchen wollte. Spät kehrten wir heim, ein Gewitter war aufgestiegen,
+und kaum langte ich in meiner Wohnung an, als der Regen herabströmte.
+Es mochte wohl schon Mitternacht sein, da klärte sich der Himmel
+auf, und nur noch entfernt murmelte der Donner. Durch die geöffneten
+Fenster wehte die laue, mit Wohlgerüchen geschwängerte, Luft in das
+dumpfe Zimmer, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, unerachtet
+ich müde genug war, noch einen Gang zu machen; es glückte mir, den
+mürrischen Hausknecht, der schon seit zwei Stunden schnarchen mochte,
+zu erwecken, und ihn zu bedeuten, daß es kein Wahnsinn sei, noch um
+Mitternacht spazieren zu gehen, bald befand ich mich auf der Straße.
+Als ich bei der Jesuiterkirche vorüberging, fiel mir das blendende
+Licht auf, das durch ein Fenster strahlte. Die kleine Seitenpforte war
+nur angelehnt, ich trat hinein und wurde gewahr, daß vor einer hohen
+Blende eine Wachsfackel brannte. Näher gekommen bemerkte ich, daß vor
+der Blende ein Netz von Bindfaden ausgespannt war, hinter dem eine
+dunkle Gestalt eine Leiter hinauf und hinunter sprang, und in die
+Blende etwas hineinzuzeichnen schien. Es war Berthold, der den
+Schatten des Netzes mit schwarzer Farbe genau überzog. Neben der
+Leiter auf einer hohen Staffelei stand die Zeichnung eines Altars. Ich
+erstaunte über den sinnreichen Einfall. Bist du, günstiger Leser, mit
+der edlen Malerkunst was weniges vertraut, so wirst du ohne weitere
+Erklärung sogleich wissen, was es mit dem Netz, dessen Schattenstriche
+Berthold in die Blende hineinzeichnete, für eine Bewandtnis hat.
+Berthold sollte in die Blende einen hervorspringenden Altar malen.
+Um die kleine Zeichnung richtig in das Große zu übertragen, mußte er
+beides, den Entwurf und die Fläche, worauf der Entwurf ausgeführt
+werden sollte, dem gewöhnlichen Verfahren gemäß mit einem Netz
+überziehn. Nun war es aber keine Fläche, sondern eine halbrunde
+Blende, worauf gemalt werden sollte; die Gleichung der Quadrate,
+die die krummen Linien des Netzes auf der Höhlung bildeten, mit den
+geraden des Entwurfs und die Berichtigung der architektonischen
+Verhältnisse, die sich herausspringend darstellen sollten, war daher
+nicht anders zu finden, als auf jene einfache geniale Weise. Wohl
+hütete ich mich vor die Fackel zu treten und mich so durch meinen
+Schlagschatten zu verraten, aber nahe genug zur Seite stand ich,
+um den Maler genau zu beobachten. Er schien mir ganz ein anderer,
+vielleicht war es nur Wirkung des Fackelscheins, aber sein Gesicht
+war gerötet, seine Augen blitzten wie vor innerm Wohlbehagen, und
+als er seine Linien fertig gezeichnet, stellte er sich mit in die
+Seite gestemmten Händen vor die Blende hin, und pfiff, die Arbeit
+beschauend, ein muntres Liedchen. Nun wandte er sich um und riß das
+ausgespannte Netz herunter. Da fiel ihm meine Gestalt ins Auge, »he
+da! he da!« rief er laut: »seid Ihr es Christian?« - Ich trat auf ihn
+zu, erklärte ihm was mich in die Kirche gelockt, und, den sinnreichen
+Einfall mit dem Schattennetz hochpreisend, gab ich mich als Kenner und
+Ausüber der edlen Malerkunst zu erkennen. Ohne mir darauf weiter zu
+antworten, sprach Berthold: »Christian ist auch weiter nichts, als ein
+Faulenzer; treu wollte er aushalten bei mir die ganze Nacht hindurch,
+und nun liegt er gewiß irgendwo auf dem Ohr! - Mein Werk muß
+vorrücken, denn morgen malt sich's vielleicht hier in der Blende
+teufelmäßig schlecht - und allein kann ich doch jetzt nichts machen.«
+Ich erbot mich ihm behilflich zu sein. Er lachte laut auf, faßte mich
+bei beiden Schultern und rief.- »Das ist ein exzellenter Spaß; was
+wird Christian sagen, wenn er morgen merkt, daß er ein Esel ist, und
+ich seiner gar nicht bedurft habe? Nun so kommt, fremder Geselle und
+Bruder, helft mir erst fein bauen.« Er zündete einige Kerzen an, wir
+liefen durch die Kirche, schleppten Böcke und Bretter herbei und bald
+stand ein hohes Gerüst in der Blende.
+
+»Nun frisch zugereicht«, rief Berthold, indem er heraufstieg. Ich
+erstaunte über die Schnelligkeit, mit der Berthold die Zeichnung ins
+Große übertrug; keck zog er seine Linien, niemals gefehlt, immer
+richtig und rein. An dergleichen Dinge, in früherer Zeit gewöhnt, half
+ich dem Maler treulich, indem ich, bald oben, bald unter ihm stehend,
+die langen Lineale in die angedeuteten Punkte einsetzte und festhielt,
+die Kohlen spitz schliff und ihm zureichte usw. »Ihr seid ja gar ein
+wackerer Gehülfe«, rief Berthold ganz fröhlich, »und Ihr«, erwiderte
+ich, »in der Tat einer der geübtesten Architektur-Maler, die es geben
+mag; habt Ihr denn bei Eurer fertigen kecken Faust nie andere Malerei
+getrieben als diese? - Verzeiht meine Frage.« - »Was meint ihr denn
+eigentlich?« sprach Berthold, »Nun«, erwiderte ich, »ich meine, daß
+Ihr zu etwas Besserem taugt, als Kirchenwände mit Marmorsäulen zu
+bemalen. Architektur-Malerei bleibt doch immer etwas Untergeordnetes;
+der Historien-Maler, der Landschafter steht unbedingt höher. Geist und
+Fantasie, nicht in die engen Schranken geometrischer Linien gebannt,
+erheben sich in freiem Fluge. Selbst das einzige Fantastische Eurer
+Malerei, die sinnetäuschende Perspektive, hängt von genauer Berechnung
+ab, und so ist die Wirkung das Erzeugnis, nicht des genialen
+Gedankens, sondern nur mathematischer Spekulation.« Der Maler hatte,
+während ich dies sprach, den Pinsel abgesetzt und den Kopf in die Hand
+gestützt. »Unbekannter Freund«, fing er jetzt mit dumpfer feierlicher
+Stimme an: »Unbekannter Freund, du frevelst, wenn du die verschiedenen
+Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines
+stolzen Königs. Und noch größerer Frevel ist es, wenn du nur die
+Verwegenen achtest, welche taub für das Klirren der Sklavenkette,
+fühllos für den Druck des Irdischen, sich frei, ja selbst sich Gott
+wähnen und schaffen und herrschen wollen über Licht und Leben. -
+Kennst du die Fabel von dem Prometheus, der Schöpfer sein wollte, und
+das Feuer vom Himmel stahl, um seine toten Figuren zu beleben? - Es
+gelang ihm, lebendig schritten die Gestalten daher, und aus ihren
+Augen strahlte jenes himmlische Feuer, das in ihrem Innern brannte;
+aber rettungslos wurde der Frevler, der sich angemaßt Göttliches zu
+fahen, verdammt zu ewiger fürchterlicher Qual. Die Brust, die das
+Göttliche geahnt, in der die Sehnsucht nach dem Überirdischen
+aufgegangen, zerfleischte der Geier, den die Rache geboren und der
+sich nun nährte von dem eignen Innern des Vermessenen. Der das
+Himmlische gewollt, fühlte ewig den irdischen Schmerz.« - Der Maler
+stand in sich versunken da. »Aber«, rief ich: »Aber Berthold, wie
+beziehen Sie das alles auf Ihre Kunst? Ich glaube nicht, daß irgend
+jemand es für vermessenen Frevel halten kann, Menschen zu bilden, sei
+es durch Malerei, oder Plastik.« Wie in bitterm Hohn lachte Berthold
+auf. »Ha ha - Kinderspiel ist kein Frevel! - Kinderspiel ist's wie
+sie's machen, die Leute, die getrost ihre Pinsel in die Farbentöpfe
+stecken und eine Leinwand beschmieren, mit der wahrhaftigen Begier,
+Menschen darzustellen; aber es kommt so heraus, als habe, wie es in
+jenem Trauerspiele steht, irgend ein Handlanger der Natur versucht
+Menschen zu bilden, und es sei ihm mißlungen. - Das sind keine
+freveliche Sünder, das sind nur arme unschuldige Narren! Aber Herr! -
+wenn man nach dem Höchsten strebt - nicht Fleischeslust, wie Tizian
+- nein das Höchste der göttlichen Natur, der Prometheusfunken im
+Menschen - Herr! - es ist eine Klippe - ein schmaler Strich, auf dem
+man steht - der Abgrund ist offen! - über ihm schwebt der kühne Segler
+und ein teuflischer Trug läßt ihn unten - unten _das_ erblicken, was er
+oben über den Sternen erschauen wollte!« - Tief seufzte der Maler auf,
+er fuhr mit der Hand über die Stirn, und blickte dann in die Höhe.
+»Aber was schwatze ich mit Euch, Geselle, da drunten für tolles Zeug,
+und male nicht weiter? - Schaut her Geselle, das nenne ich treu und
+ehrlich gezeichnet. Wie herrlich ist die Regel! - alle Linien einen
+sich zum bestimmten Zweck, zu bestimmter deutlich gedachter Wirkung.
+Nur das Gemessene ist rein menschlich; was drüber geht, vom Übel. Das
+Übermenschliche muß Gott, oder Teufel sein; sollten beide nicht in der
+Mathematik von Menschen übertroffen werden? Sollt es nicht denkbar
+sein, daß Gott uns ausdrücklich erschaffen hätte, um das, was nach
+gemessenen erkennbaren Regeln darzustellen ist, kurz, das rein
+Kommensurable, zu besorgen für seinen Hausbedarf, so wie wir
+unsrerseits wieder Sägemühlen und Spinnmaschinen bauen, als
+mechanische Werkmeister unseres Bedarfs. Professor Walther behauptete
+neulich, daß gewisse Tiere bloß erschaffen wären, um von andern
+gefressen zu werden, und das käme doch am Ende zu unserm Nutzen
+heraus, so wie z.B. die Katzen den angebornen Instinkt hätten, Mäuse
+zu fressen, damit diese uns nicht den Zucker, der zum Frühstück bereit
+läge, wegknappern sollten. Am Ende hat der Professor recht - Tiere
+und wir selbst sind gut eingerichtete Maschinen, um gewisse Stoffe zu
+verarbeiten, und zu verknoten für den Tisch des unbekannten Königs.
+- Nun frisch - frisch, Geselle - reiche mir die Töpfe! - Alle Töne
+hab ich gestern beim lieben Sonnenlicht abgestimmt, damit mich der
+Fackelschein nicht trüge, sie stehn numeriert im Winkel. Reich mir
+Numero eins, mein Junge! - Grau in Grau! - Und was wäre das trockne
+mühselige Leben, wenn der Herr des Himmels uns nicht so manches bunte
+Spielzeug in die Hände gegeben hätte! - Wer artig ist, trachtet nicht,
+wie der neugierige Bube, den Kasten zu zerbrechen, in dem es orgelt,
+wenn er die äußere Schraube dreht. - Man sagt, es ist ganz natürlich,
+daß es drinnen klingt; denn ich drehe ja die Schraube! - Indem ich
+dies Gebälk richtig aus dem Augenpunkt aufgezeichnet, weiß ich
+bestimmt, daß es sich dem Beschauer plastisch darstellt - Numero
+zwei heraufgereicht, Junge! - Nun male ich es aus in den regelrecht
+abgestimmten Farben - es erscheint vier Ellen zurücktretend. Das weiß
+ich alles gewiß; oh! man ist erstaunlich klug - wie kommt es, daß die
+Gegenstände in der Ferne sich verkleinern? Die einzige dumme Frage
+eines Chinesen könnte selbst den Professor Eytelwein in Verlegenheit
+setzen; doch könnte er sich mit dem orgelnden Kasten helfen und
+sprechen, er habe manchmal an der Schraube gedreht, und immer dieselbe
+Wirkung erfahren - Violett Numero eins, Junge! - ein anderes Lineal
+- dicken ausgewaschenen Pinsel! Ach, was ist all unser Ringen und
+Streben nach dem Höheren anders, als das unbeholfene bewußtlose
+Hantieren des Säuglings, der die Amme verletzt, die ihn wohltätig
+nährt! - Violett Numero zwei - frisch Junge! - das Ideal ist ein
+schnöder lügnerischer Traum vom gärenden Blute erzeugt. - Die Töpfe
+weg, Junge - ich steige herab. - Der Teufel narrt uns mit Puppen,
+denen er Engelsfittige angeleimt.« - Nicht möglich ist es mir, alles
+das wörtlich zu wiederholen, was Berthold sprach, indem er rasch
+fortmalte, und mich ganz wie seinen Handlanger brauchte. In der
+angegebenen Manier fuhr er fort, die Beschränktheit alles irdischen
+Beginnens auf das bitterste zu verhöhnen; ach er schaute in die
+Tiefe eines auf den Tod verwundeten Gemüts, dessen Klage sich nur in
+schneidender Ironie erhebt. Der Morgen dämmerte, der Schein der Fackel
+verblaßte vor den hereinbrechenden Sonnenstrahlen. Berthold malte
+eifrig fort, aber er wurde stiller und stiller und nur einzelne Laute
+- zuletzt nur Seufzer, entflohen der gepreßten Brust. Er hatte den
+ganzen Altar mit gehöriger Farbenabstufung angelegt, und schon jetzt,
+ohne weiter ausgeführt zu sein, sprang das Gemälde wunderbar hervor.
+»In der Tat herrlich - ganz herrlich«, rief ich voll Bewunderung aus.
+»Meinen Sie«, sprach Berthold mit matter Stimme: »Meinen Sie, daß
+etwas daraus werden wird? - Ich gab mir wenigstens alle Mühe richtig
+zu zeichnen; aber nun kann ich nicht mehr.« - »Keinen Pinselstrich
+weiter, lieber Berthold!« sprach ich: »es ist beinahe unglaublich,
+wie Sie mit einem solchen Werk in wenigen Stunden so weit vorrücken
+konnten; aber Sie greifen sich zu sehr an, und verschwenden
+Ihre Kraft.« - »Und doch«, erwiderte Berthold, »sind das meine
+glücklichsten Stunden. - Vielleicht schwatzte ich zu viel, aber es
+sind ja nur Worte, in die sich der das Innere zerreißende Schmerz
+auflöst.« - »Sie scheinen sich sehr unglücklich zu fühlen, mein armer
+Freund«, sprach ich: »irgend ein furchtbares Ereignis trat feindlich
+zerstörend in Ihr Leben!« - Der Maler trug langsam seine Gerätschaften
+in die Kapelle, löschte die Fackel aus, kam dann auf mich zu, faßte
+meine Hand und sprach mit gebrochener Stimme: »Könnten Sie einen
+Augenblick Ihres Lebens ruhigen, heitern Geistes sein, wenn Sie sich
+eines gräßlichen, nie zu sühnenden Verbrechens bewußt wären?« -
+Erstarrt blieb ich stehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen in
+des Malers leichenblasses zerstörtes Gesicht, und er war beinahe
+gespenstisch anzusehen, als er fortwankte durch die kleine Pforte in
+das Innere des Kollegiums.
+
+Kaum erwarten konnte ich am folgenden Tage die Stunde, die mir
+Professor Walther zum Wiedersehen bestimmt hatte. Ich erzählte ihm
+den ganzen Auftritt der vorigen Nacht, der mich nicht wenig aufgeregt
+hatte; ich schilderte mit den lebendigsten Farben des Malers
+wunderliches Benehmen, und verschwieg kein Wort, das er gesprochen,
+selbst das nicht, was ihn selbst betroffen. Je mehr ich aber auf des
+Professors Teilnahme hoffte, desto gleichgültiger schien er mir, ja er
+lächelte selbst über mich auf eine höchst widrige Weise, als ich nicht
+nachließ, von Berthold zu reden und in ihn zu dringen, mir ja alles,
+was er von dem Unglücklichen wüßte, zu sagen. »Es ist ein wunderlicher
+Mensch, dieser Maler«, fing der Professor an: »sanft - gutmütig -
+arbeitsam - nüchtern, wie ich Ihnen schon früher sagte, aber schwachen
+Verstandes; denn sonst hätte er sich nicht durch irgend ein Ereignis
+im Leben, sei es selbst ein Verbrechen, das er beging, herabstimmen
+lassen vom herrlichen Historienmaler zum dürftigen Wandpinsler.
+« Der Ausdruck Wandpinsler ärgerte mich so wie des Professors
+Gleichgültigkeit überhaupt. Ich suchte ihm darzutun, daß noch jetzt
+Berthold ein höchst achtungswerten Künstler, und der höchsten regsamen
+Teilnahme wert sei. »Nun«, fing der Professor endlich an: »wenn Sie
+einmal unser Berthold in solch hohem Grade interessiert, so sollen
+Sie alles, was ich von ihm weiß, und das ist nicht wenig, ganz genau
+erfahren. Zur Einleitung dessen, lassen Sie uns gleich in die Kirche
+gehen! Da Berthold die ganze Nacht hindurch mit Anstrengung gearbeitet
+hat, wird er heute vormittags rasten. Wenn wir ihn in der Kirche
+fänden, wäre mein Zweck verfehlt.« Wir gingen nach der Kirche, der
+Professor ließ das Tuch von dem verhängten Gemälde herunternehmen und
+in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemälde auf, wie ich es nie
+gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch
+erhaben! - Maria und Elisabeth in einem schönen Garten auf einem
+Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus mit Blumen
+spielend, im Hintergrunde seitwärts eine betende männliche Figur! -
+Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frömmigkeit ihrer
+ganzen Figur erfüllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie
+war schön, schöner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels
+Maria in der Dresdner Galerie verkündete ihr Blick die höhere Macht
+der Gottes-Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem
+Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die
+ewigdürstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeöffneten
+Lippen nicht tröstend, wie in holden Engels-Melodien, von der
+unendlichen Seligkeit des Himmels? - Nieder mich zu werfen in den
+Staub vor ihr, der Himmels-Königin, trieb mich ein unbeschreibliches
+Gefühl - keines Wortes mächtig konnte ich den Blick nicht abwenden
+von dem Bilde ohnegleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz
+ausgeführt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen,
+und der betende Mann war noch nicht übermalt. Näher getreten erkannte
+ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Züge. Ich ahnte, was mir
+der Professor gleich darauf sagte: »Dieses Bild«, sprach er, »ist
+Bertholds letzte Arbeit, das wir vor mehreren Jahren aus N. in
+Oberschlesien, wo es von einem unserer Kollegen in einer Versteigerung
+gekauft wurde, erhielten. Unerachtet es nicht vollendet ist, ließen
+wir es doch statt des elenden Altarblatts, das sonst hier stand,
+einfügen. Als Berthold angekommen war und dies Gemälde erblickte,
+schrie er laut auf und stürzte bewußtlos zu Boden. Nachher vermied
+er sorgfältig, es anzublicken und vertraute mir, daß es seine
+letzte Arbeit in diesem Fache sei. Ich hoffte ihn nach und nach zur
+Vollendung des Bildes zu überreden, aber mit Entsetzen und Abscheu
+wies er jeden Antrag der Art zurück. Um ihn nur einigermaßen heiter
+und kräftig zu erhalten, mußte ich das Bild verhängen lassen, solange
+er in der Kirche arbeitet. Fiel es ihm nur von ungefähr ins Auge, so
+lief er wie von unwiderstehlicher Macht getrieben hin, warf sich laut
+schluchzend nieder, bekam seinen Paroxysmus, und war auf mehrere Tage
+unbrauchbar.« - »Armer - armer unglücklicher Mann!« rief ich aus,
+»welch eine Teufelsfaust griff so grimmig zerstörend in dein
+Leben.«-»Oh!« sprach der Professor: »die Hand samt dem Arm ist ihm an
+den Leib gewachsen - ja ja! - er selbst war gewiß sein eigner Dämon -
+sein Luzifer, der in sein Leben mit der Höllenfackel hineinleuchtete.
+Wenigstens geht das aus seinem Leben sehr deutlich hervor.« Ich bat
+den Professor, mir doch nur jetzt gleich alles zu sagen, was er über
+des unglücklichen Malers Leben wüßte. »Das würde viel zu weitläufig
+sein, und viel zu viel Atem kosten«, erwiderte der Professor.
+»Verderben wir uns den heitern Tag nicht mit dem trüben Zeuge! Lassen
+Sie uns frühstücken, und dann nach der Mühle gehen, wo uns ein tüchtig
+zubereitetes Mittagsmahl erwartet.« Ich hörte nicht auf, in den
+Professor zu dringen, und nach vielem Hin- und Herreden kam es endlich
+heraus, daß gleich nach der Ankunft Bertholds sich ein Jüngling, der
+auf dem Kollegio studierte, mit voller Liebe an ihn anschloß, daß
+diesem Berthold nach und nach die Begebenheiten seines Lebens
+vertraute, die der junge Mann sorglich aufschrieb und dem Professor
+Walther das Manuskript übergab. »Es war«, sprach der Professor: »solch
+ein Enthusiast, wie Sie, mein Herr, mit Ihrer Erlaubnis! Aber das
+Aufschreiben der wunderlichen Begebenheiten des Malers diente ihm in
+der Tat zur trefflichen Stilübung.« Mit vieler Mühe erhielt ich von
+dem Professor das Versprechen, daß er mir abends nach geendeter
+Lustpartie das Manuskript anvertrauen wolle. Sei es, daß es die
+gespannte Neugierde war, oder war der Professor wirklich selbst daran
+schuld, kurz, niemals hab ich mehr Langeweile empfunden, als _den_ Tag.
+Schon die Eiskälte des Professors rücksichts Bertholds war mir fatal;
+aber seine Gespräche, die er mit den Kollegen, die an dem Mahl
+teilnahmen, führte, überzeugten mich, daß, trotz aller Gelehrsamkeit,
+aller Weltgewandtheit, sein Sinn fürs Höhere gänzlich verschlossen,
+und er der krasseste Materialist war, den es geben konnte. Das System
+von dem Fressen und Gefressenwerden, wie es Berthold anführte,
+hatte er wirklich adoptiert. Alles geistige Streben, Erfindungs-,
+Schöpfungskraft leitete er aus gewissen Konjunkturen der Eingeweide
+und des Magens her, und dabei kramte er noch mehr närrische abnorme
+Einfälle aus. Er behauptete z.B. sehr ernsthaft, daß jeder Gedanke
+durch die Begattung zweier Fäserchen im menschlichen Gehirne erzeugt
+würde. Ich begriff, auf welche Weise der Professor mit solchen tollen
+Dingen den armen Berthold, der in verzweifelter Ironie alle günstige
+Einwirkung des Höheren anfocht, quälen, und in die noch blutenden
+Wunden spitze Dolche einsetzen mußte. Endlich am Abend gab mir der
+Professor ein paar beschriebene Bogen mit den Worten: »Hier, lieber
+Enthusiast, ist das Studenten-Machwerk. Es ist nicht übel geschrieben,
+aber höchst sonderbar und wider alle Regel rückt der Herr Verfasser,
+ohne es weiter anzudeuten, Reden des Malers wörtlich in der ersten
+Person ein. Übrigens mache ich Ihnen mit dem Aufsatz, über den ich
+von Amtswegen verfügen kann, ein Geschenk, da ich weiß, daß Sie kein
+Schriftsteller sind. Der Verfasser der Fantasiestücke in Callots
+Manier hätte es eben nach seiner tollen Manier arg zugeschnitten und
+gleich drucken lassen, welches ich nicht von Ihnen zu erwarten habe.«
+
+Der Professor Aloysius Walther wußte nicht, daß er wirklich
+den reisenden Enthusiasten vor sich hatte, wiewohl er es hätte
+merken können, und so gebe ich dir, mein günstiger Leser! des
+Jesuiten-Studenten kurze Erzählung von dem Maler Berthold. Die Weise,
+wie er sich mir zeigte, wird dadurch ganz erklärt, und du, o mein
+Leser! wirst dann auch gewahren, wie des Schicksals wunderliches Spiel
+uns oft zu verderblichem Irrtum treibt.
+
+
+»Laßt euern Sohn nur getrost nach Italien reisen! Schon jetzt ist
+er ein wackrer Künstler, und es fehlt ihm hier in D. keinesweges an
+Gelegenheit, nach den trefflichsten Originalen jeder Art zu studieren,
+aber dennoch darf er nicht hier bleiben. Das freie Künstlerleben muß
+ihm in dem heitern Kunstlande aufgehen, sein Studium wird dort sich
+erst lebendig gestalten, und den eignen Gedanken erzeugen. Das
+Kopieren allein hilft ihm nun nichts mehr. Mehr Sonne muß die
+aufsprießende Pflanze erhalten, um zu gedeihen und Blüt und Frucht zu
+tragen. Euer Sohn hat ein reines wahrhaftiges Künstlergemüt, darum
+seid um alles übrige unbesorgt!« So sprach der alte Maler Stephan
+Birkner zu Bertholds Eltern. _Die_ rafften alles zusammen was ihr
+dürftiger Haushalt entbehren konnte, und statteten den Jüngling aus
+zur langen Reise. So ward Bertholds heißester Wunsch, nach Italien zu
+gehen, erfüllt.
+
+»Als mir Birkner den Entschluß meiner Eltern verkündete, sprang ich
+hoch auf vor Freude und Entzücken. - Wie im Traum ging ich umher die
+Tage hindurch, bis zu meiner Abreise. Es war mir nicht möglich, auf
+der Galerie einen Pinsel anzusetzen. Der Inspektor, alle Künstler, die
+in Italien gewesen, mußten mir erzählen von dem Lande, wo die Kunst
+gedeiht. Endlich war Tag und Stunde gekommen. Schmerzlich war der
+Abschied von den Eltern, die von düstrer Ahnung gequält, daß sie mich
+nicht wiedersehen würden, mich nicht lassen wollten. Selbst der Vater,
+sonst ein entschlossener fester Mann, hatte Mühe, Fassung zu erringen.
+>Italien - Italien wirst du sehen<, riefen die Kunstbrüder, da loderte
+von tiefer Wehmut nur stärker entzündet das Verlangen auf und rasch
+schritt ich fort - vor der Eltern Hause schien mir die Bahn des
+Künstlers zu beginnen.«
+
+Berthold, in jedem Fache der Malerei vorbereitet, hatte sich doch
+vorzüglich der Landschaftsmalerei ergeben, die er mit Liebe und Eifer
+trieb. In Rom glaubte er reiche Nahrung für diesen Zweig der Kunst
+zu finden; es war dem nicht so. Gerade in dem Kreis der Künstler
+und Kunstfreunde, in dem er sich bewegte, wurde ihm unaufhörlich
+vorgeredet, daß der Historienmaler allein auf der höchsten Spitze
+stehe, und ihm alles übrige untergeordnet sei. Man riet ihm, wolle
+er ein bedeutender Künstler werden, doch nur gleich von seinem Fach
+abzugehen und sich dem Höheren zuzuwenden, und, dies, verbunden mit
+dem nie sonst gefehlten Eindruck, den Raffaels mächtige Fresko-Gemälde
+im Vatikan auf ihn machten, bestimmte ihn wirklich, die Landschaft
+zu verlassen. Er zeichnete nach jenen Raffaels, er kopierte kleine
+Ölgemälde anderer berühmter Meister; alles fiel bei seiner tüchtigen
+Praktik recht wohl und schicklich aus, aber nur zu sehr fühlte er, daß
+das Lob der Künstler und Kenner ihn nur trösten, aufmuntern sollte. Er
+sah es ja selbst, daß seinen Zeichnungen, seinen Kopien alles Leben
+des Originals fehle. Raffaels, Correggios himmlische Gedanken
+begeisterten (so glaubte er) zum eignen Schaffen, aber sowie er sie
+in der Fantasie festhalten wollte, verschwammen sie wie im Nebel, und
+alles, was er auswendig zeichnete, hatte, wie jedes nur undeutlich,
+verworren Gedachte, kein Regen, keine Bedeutung. Über dieses
+vergebliche Ringen und Streben schlich trüber Unmut in seine Seele,
+und oft entrann er den Freunden, um in der Gegend von Rom Baumgruppen
+- einzelne landschaftliche Partien heimlich zu zeichnen und zu
+malen. Aber auch dies geriet nicht mehr wie sonst, und zum erstenmal
+zweifelte er an seinem wahren Künstlerberuf. Die schönsten Hoffnungen
+schienen untergehn zu wollen. »Ach mein hochverehrter Freund und
+Lehrer«, schrieb Berthold an Birkner, »Du hast mir Großes zugetraut,
+aber - hier, wo es erst recht licht werden sollte in meiner Seele, bin
+ich inne worden, daß das, was Du wahrhaftes Künstlergenie nanntest,
+nur etwa Talent - äußere Fertigkeit der Hand war. Sage meinen Eltern,
+daß ich bald zurückkehren würde, um irgend ein Handwerk zu erlernen,
+das mich künftig ernähre usw.« Birkner schrieb zurück: »Oh, könnte ich
+doch bei Dir sein, mein Sohn! um Dich aufzurichten in Deinem Unmut.
+Aber glaube mir, Deine Zweifel sind es gerade, die für Dich, für
+Deinen Künstlerberuf sprechen. Der, welcher in stetem unwandelbaren
+Vertrauen auf seine Kraft immer fortzuschreiten gedenkt, ist ein
+blöder Tor, der sich selbst täuscht; denn ihm fehlt ja der eigentliche
+Impuls zum Streben, der nur in dem Gedanken der Mangelhaftigkeit ruht.
+Harre aus! - Bald wirst Du Dich erkräftigen, und dann ruhig, nicht
+durch das Urteil, durch den Rat der Freunde, die Dich zu verstehen
+vielleicht gar nicht imstande, gezügelt, _den_ Weg fortwandeln, den Dir
+Deines Ichs eigne Natur vorgeschrieben. Ob Du Landschafter bleiben,
+ob Du Historienmaler werden willst, wirst Du dann selbst entscheiden
+können, und an keine feindliche Absonderung der Zweige eines Stammes
+denken.«
+
+Es begab sich, daß gerade zu der Zeit, als Berthold diesen tröstenden
+Brief von seinem alten Lehrer und Freunde erhielt, sich Philipp
+Hackerts Ruhm in Rom verbreitet hatte. Einige von ihm dort
+aufgestellte Stücke von wunderbarer Anmut und Klarheit bewährten des
+Künstlers Ruf und selbst die Historienmaler gestanden, es läge auch
+in dieser reinen Nachahmung der Natur viel Großes und Vortreffliches.
+Berthold schöpfte Atem - er hörte nicht mehr seine Lieblingskunst
+verhöhnen, er sah einen Mann, der sie trieb, hochgestellt und verehrt;
+wie ein Funke fiel es in seine Seele, daß er nach Neapel wandern und
+unter Hackert studieren müsse. Ganz jubilierend schrieb er an Birkner
+und an seine Eltern, daß er nun nach hartem Kampf den rechten Weg
+gefunden habe, und bald in seinem Fach ein tüchtiger Künstler zu
+werden hoffe. Freundlich nahm der ehrliche deutsche Hackert den
+deutschen Schüler auf, und bald strebte dieser dem Lehrer in regem
+Schwunge nach. Berthold erlangte große Fertigkeit, die verschiedenen
+Baum- und Gesträucharten der Natur getreu darzustellen; auch
+leistete er nicht Geringes in dem Dunstigen und Duftigen, wie es auf
+Hackertschen Gemälden zu finden. Das erwarb ihm vieles Lob, aber auf
+ganz eigene Weise schien es ihm bisweilen, als wenn seinen, ja selbst
+den Landschaften des Lehrers etwas fehle, das er nicht zu nennen
+wußte, und das ihm doch in Gemälden Claude Lorrains, ja selbst in
+Salvator Rosas rauhen Wüsteneien entgegentrat. Es erhoben sich
+allerlei Zweifel gegen den Lehrer in ihm, und er wurde vorzüglich ganz
+unmutig, wenn Hackert mit angestrengter Mühe totes Wild malte, das
+ihm der König zugeschickt. Doch überwand er bald dergleichen, wie er
+glaubte, freveliche Gedanken und fuhrt fort, mit frommer Hingebung
+und deutschem Fleiß nach seines Lehrers Muster zu arbeiten, so daß er
+in kurzer Zeit es ihm beinahe gleichtat. So kam es denn, daß er auf
+Hackerts ausdrücklichen Anlaß eine große Landschaft, die er treu nach
+der Natur gemalt hatte, zu einer Ausstellung, die mehrenteils aus
+Hackertschen Landschaften und Stilleben bestand, hergeben mußte. Alle
+Künstler und Kenner bewunderten des Jünglings treue saubre Arbeit und
+priesen ihn laut. Nur ein ältlicher, sonderbar gekleideter Mann sagte
+selbst zu Hackerts Gemälden kein Wort, sondern lächelte nur bedeutsam,
+wenn die Lobeserhebungen der Menge recht ausgelassen und toll
+daherbrausten. Berthold bemerkte deutlich, wie der Fremde, als er
+vor seiner Landschaft stand, mit einer Miene des tiefsten Bedauerns
+den Kopf schüttelte und dann sich entfernen wollte. Berthold etwas
+aufgebläht durch das allgemeine Lob, das ihm zuteil geworden, konnte
+sich des innern Ärgers über den Fremden nicht erwehren. Er trat auf
+ihn zu und frug, indem er die Worte schärfer betonte, als gerade
+nötig. »Ihr scheint mit dem Bilde nicht zufrieden, mein Herr,
+unerachtet es doch wackre Künstler und Kenner nicht ganz übel finden
+wollen? Sagt mir gefälligst, woran es liegt, damit ich die Fehler nach
+Euerm gütigen Rat abändere und bessere.« Mit scharfem Blicke schaute
+der Fremde Berthold an, und sprach sehr ernst: »Jüngling, aus dir
+hätte viel werden können.« Berthold erschrak bis ins Innerste vor des
+Mannes Blick und seinen Worten; er hatte nicht den Mut, etwas weiter
+zu sagen, oder ihm zu folgen, als er langsam zum Saale hinausschritt.
+Hackert trat bald darauf selbst hinein, und Berthold eilte, ihm den
+Vorfall mit dem wunderlichen Mann zu erzählen. »Ach!« rief Hackert
+lachend: »Laß dir das ja nicht zu Herzen gehen! Das war ja unser
+brummige Alte, dem nichts recht ist, der alles tadelt; ich begegnete
+ihm auf dem Vorsaal. Er ist auf Malta von griechischen Eltern geboren,
+ein reicher wunderlicher Kauz, gar kein übler Maler; aber alles was er
+macht, hat ein fantastisches Ansehen, welches wohl daher rührt, weil
+er über jede Darstellung durch die Kunst ganz tolle absurde Meinungen
+und sich ein künstlerisches System gebaut hat, das den Teufel nichts
+taugt. Ich weiß recht gut, daß er gar nichts auf mich hält, welches
+ich ihm gern verzeihe, da er mir wohlerworbnen Ruhm nicht streitig
+machen wird.« Dem Berthold war es zwar, als habe der Malteser irgend
+einen wunden Fleck seines Innersten schmerzhaft berührt, aber so wie
+der wohltätige Wundarzt, um zu forschen und zu heilen; indessen schlug
+er sich das bald aus dem Sinn und arbeitete fröhlich fort, wie zuvor.
+
+Das große, wohlgelungene, allgemein bewunderte Bild hatte ihm Mut
+gemacht, das Gegenstück zu beginnen. Einen der schönsten Punkte in
+Neapels reicher Umgebung wählte Hackert selbst aus, und so wie jenes
+Bild den Sonnenuntergang darstellte, sollte diese Landschaft im
+Sonnenaufgang gehalten werden. Berthold bekam viel fremde Bäume, viele
+Weinberge, vorzüglich aber viel Nebel und Duft zu malen.
+
+Auf der Platte eines großen Steins, eben in jenem von Hackert
+gewählten Punkte, saß Berthold eines Tages, den Entwurf des großen
+Bildes nach der Natur vollendend. »Wohl getroffen in der Tat!« sprach
+es neben ihm. Berthold blickte auf, der Malteser sah in sein Blatt
+hinein, und fügte mit sarkastischem Lächeln hinzu: »Nur eins habt Ihr
+vergessen, lieber junger Freund! Schaut doch dort herüber nach der
+grün berankten Mauer des fernen Weinbergs! Die Türe steht halb
+offen; das müßt Ihr ja anbringen mit gehörigem Schlagschatten - die
+halbgeöffnete Türe macht erstaunliche Wirkung!« - »Ihr spottet«,
+erwiderte Berthold, »ohne Ursache, mein Herr! Solche Zufälligkeiten
+sind keinesweges so verächtlich wie Ihr glaubt und deshalb mag sie
+mein Meister wohl anbringen. Erinnert Euch doch nur des aufgehängten
+weißen Tuchs in der Landschaft eines alten niederländischen Malers,
+das nicht fehlen darf, ohne die Wirkung zu verderben. Aber Ihr scheint
+überhaupt kein Freund der Landschaftsmalerei, der ich mich nun einmal
+ganz ergeben habe mit Leib und Seele, und darum bitt ich Euch, laßt
+mich ruhig fortarbeiten.« - »Du bist in großem Irrtum befangen,
+Jüngling«, sprach der Malteser. »Noch einmal sage ich, aus dir hätte
+viel werden können; denn sichtlich zeugen deine Werke das rastlose
+Bestreben nach dem Höheren, aber nimmer wirst du dein Ziel erreichen,
+denn der Weg, den du eingeschlagen, führt nicht dahin. Merk wohl auf,
+was ich dir sagen werde! Vielleicht glückt es mir, die Flamme in
+deinem Innern, die du, Unverständiger! zu überbauen trachtest,
+anzumachen, daß sie hell auflodert und dich erleuchtet; dann wirst du
+den wahren Geist, der in dir lebt, zu erschauen vermögen. Hältst du
+mich denn für so töricht, daß ich die Landschaft dem historischen
+Gemälde unterordne, daß ich nicht das gleiche Ziel, nach dem beide,
+Landschafter und Historienmaler, streben sollen, erkenne? - Auffassung
+der Natur in der tiefsten Bedeutung des höhern Sinns, der alle Wesen
+zum höheren Leben entzündet, das ist der heilige Zweck aller Kunst.
+Kann denn das bloße genaue Abschreiben der Natur jemals dahin
+führen? - Wie ärmlich, wie steif und gezwungen sieht die nachgemalte
+Handschrift in einer fremden Sprache aus, die der Abschreiber nicht
+verstand und daher den Sinn der Züge, die er mühsam abschnörkelte,
+nicht zu deuten wußte. So sind die Landschaften deines Meisters
+korrekte Abschriften eines in ihm fremder Sprache geschriebenen
+Originals. - Der Geweihte vernimmt die Stimme der Natur, die in
+wunderbaren Lauten aus Baum, Gebüsch, Blume, Berg und Gewässer von
+unerforschlichem Geheimnis spricht, die in seiner Brust sich zu
+frommer Ahnung gestalten; dann kommt, wie der Geist Gottes selbst, die
+Gabe über ihn, diese Ahnung sichtlich in seine Werke zu übertragen.
+Ist dir, Jüngling! denn bei dem Beschauen der Landschaften alter
+Meister nicht ganz wunderbarlich zumute geworden? Gewiß hast du nicht
+daran gedacht, daß die Blätter des Lindenbaums, daß die Pinien, die
+Platanen der Natur getreuer, daß der Hintergrund duftiger, das Wasser
+klarer sein könnte; aber der Geist, der aus dem Ganzen wehte, hob dich
+empor in ein höheres Reich, dessen Abglanz du zu schauen wähntest.
+- Daher studiere die Natur zwar auch im Mechanischen fleißig und
+sorgfältig, damit du die Praktik des Darstellens erlangen mögest, aber
+halte die Praktik nicht für die Kunst selbst. Bist du eingedrungen in
+den tiefern Sinn der Natur, so werden selbst in deinem Innern ihre
+Bilder in hoher glänzender Pracht aufgehen.« - Der Malteser schwieg;
+als aber Berthold tief ergriffen, gebückten Hauptes, keines Wortes
+mächtig dastand, verließ ihn der Malteser mit den Worten: »Ich habe
+dich durchaus nicht verwirren wollen in deinem Beruf; aber ich weiß,
+daß ein hoher Geist in dir schlummert: ich rief ihn an mit starken
+Worten, damit er erwache und frisch und frei seine Fittige rege. Lebe
+wohl!«
+
+Dem Berthold war es so, als habe der Malteser nur dem, was in seiner
+Seele gärte und brauste, Worte gegeben; die innere Stimme brach
+hervor. - »Nein! Alles dieses Streben - dieses Mühen ist das
+ungewisse, trügerische Umhertappen des Blinden, weg - weg mit allem,
+was mich geblendet bis jetzt!« - Er war nicht imstande auch nur einen
+Strich weiter an dem Bilde zu zeichnen. Er verließ seinen Meister,
+und streifte voll wilder Unruhe umher und flehte laut, daß die höhere
+Erkenntnis, von der der Malteser gesprochen, ihm aufgehen möge.
+
+»Nur in süßen Träumen war ich glücklich - selig. Da wurde alles wahr,
+was der Malteser gesprochen. Ich lag von zauberischen Düften umspielt
+im grünen Gebüsch, und die Stimme der Natur ging vernehmbar im
+melodisch klingenden Wehen durch den dunklen Wald. - >Horch - horch
+auf - Geweihter! Vernimm die Urtöne der Schöpfung, die sich gestalten
+zu Wesen deinem Sinn empfänglich.< - Und indem ich die Akkorde
+deutlicher und deutlicher erklingen hörte, war es, als sei ein neuer
+Sinn in mir erwacht, der mit wunderbarer Klarheit das erfaßte, was mir
+unerforschlich geschienen. - Wie in seltsamen Hieroglyphen zeichnete
+ich das mir aufgeschlossene Geheimnis mit Flammenzügen in die Lüfte;
+aber die Hieroglyphen-Schrift war eine wunderherrliche Landschaft, auf
+der Baum, Gebüsch, Blume, Berg und Gewässer, wie in lautem wonnigem
+Klingen sich regten und bewegten.«
+
+Doch eben nur im Traume kam solche Seligkeit über den armen Berthold,
+dessen Kraft gebrochen, und der im Innersten verwirrter war, als in
+Rom, da er Historienmaler werden wollte. Schritt er durch den dunklen
+Wald, so überfiel ihn ein unheimliches Grauen; trat er heraus, und
+schaute in die fernen Berge, so griff es wie mit eiskalten Krallen
+in seine Brust - sein Atem stockte - er wollte vergehen vor innerer
+Angst. Die ganze Natur, ihm sonst freundlich lächelnd, ward ihm zum
+bedrohlichen Ungeheuer, und ihre Stimme, die sonst in des Abendwindes
+Säuseln, in dem Plätschern des Baches, in dem Rauschen des Gebüsches
+mit süßem Wort ihn begrüßt, verkündete ihm nun Untergang und
+Verderben. Endlich wurde er, je mehr ihn jene holden Träume trösteten,
+desto ruhiger, doch mied er es im Freien allein zu sein, und so kam
+es, daß er sich zu ein paar muntern deutschen Malern gesellte, und mit
+ihnen häufig Ausflüge nach den schönsten Gegenden Neapels machte.
+
+Einer von ihnen, wir wollen ihn Florentin nennen, hatte es in dem
+Augenblick nicht sowohl auf tiefes Studium seiner Kunst, als auf
+heitern Lebensgenuß abgesehen, seine Mappe zeugte davon. - Gruppen
+tanzender Bauernmädchen - Prozessionen ländliche Feste - alles das
+wußte Florentin, so wie es ihm aufstieß, mit sichrer leichter Hand
+schnell aufs Blatt zu werfen. Jede Zeichnung, war sie auch kaum mehr
+als Skizze, hatte Leben und Bewegung. Dabei war Florentins Sinn
+keinesweges für das Höhere verschlossen; im Gegenteil drang er mehr,
+als je ein moderner Maler, tief ein in den frommen Sinn der Gemälde
+alter Meister. In sein Malerbuch hatte er die Fresko-Gemälde einer
+alten Klosterkirche in Rom, ehe die Mauern eingerissen wurden, in
+bloßen Umrissen hineingezeichnet. Sie stellten das Martyrium der
+heiligen Katharina dar. Man konnte nichts Herrlicheres, reiner
+Aufgefaßtes sehen, als jene Umrisse, die auf Berthold einen ganz
+eignen Eindruck machten. Er sah Blitze leuchten durch die finstre Öde,
+die ihn umfangene und es kam dahin, daß er für Florentins heiteren
+Sinn empfänglich wurde, und da dieser zwar den Reiz der Natur, in ihr
+aber beständig mehr das menschliche Prinzip mit reger Lebendigkeit
+auffaßte, eben dieses Prinzip für den Stützpunkt erkannte, an den er
+sich halten müsse, um nicht gestaltlos im leeren Raum zu verschwimmen.
+Während Florentin irgend eine Gruppe, der er begegnete, schnell
+zeichnete, hatte Berthold des Freundes Malerbuch aufgeschlagen, und
+versuchte Katharinas wunderholde Gestalt nachzubilden, welches ihm
+endlich so ziemlich glückte, wiewohl er, so wie in Rom vergebens
+darnach strebte, seine Figuren dem Original gleich zu beleben. Er
+klagte dies dem, wie er glaubte, an wahrer Künstlergenialität ihm weit
+überlegenen Florentin, und erzählte zugleich, wie der Malteser zu
+ihm über die Kunst gesprochen. »Ei, lieber Bruder Berthold!« sprach
+Florentin: »der Malteser hat in der Tat recht, und ich stelle die
+wahre Landschaft den tief bedeutsamen heiligen Historien, wie sie die
+alten Maler darstellen, völlig gleich. Ja, ich halte sogar dafür, daß
+man erst durch das Darstellen der uns näher liegenden organischen
+Natur sich stärken müsse, um Licht zu finden in ihrem nächtlichen
+Reich. Ich rate dir Berthold, daß du dich gewöhnst Figuren zu
+zeichnen, und in ihnen deine Gedanken zu ordnen; vielleicht wird
+es dann heller um dich werden.« Berthold tat so wie ihm der Freund
+geboten, und es war ihm, als zögen die finstern Wolkenschatten, die
+sich über sein Leben gelegt, vorüber.
+
+»Ich mühte mich, das, was nur wie dunkle Ahnung tief in meinem Innern
+lag, wie in jenem Traum hieroglyphisch darzustellen, aber die Züge
+dieser Hieroglyphenschrift waren menschliche Figuren, die sich in
+wunderlicher Verschlingung um einen Lichtpunkt bewegten. - Dieser
+Lichtpunkt sollte die herrlichste Gestalt sein, die je eines Bildners
+Fantasie aufgegangen; aber vergebens strebte ich, wenn sie im Traume
+von Himmelsstrahlen umflossen mir erschien, ihre Züge zu erfassen.
+Jeder Versuch, sie darzustellen, mißlang auf schmähliche Weise, und
+ich verging in heißer Sehnsucht.« - Florentin bemerkte den bis zur
+Krankheit aufgeregten Zustand des Freundes, er tröstete ihn, so gut er
+es vermochte. Oft sagte er ihm, daß dies eben die Zeit des Durchbruchs
+zur Erleuchtung sei; aber wie ein Träumer schlich Berthold einher,
+und alle seine Versuche blieben nur ohnmächtige Anstrengungen des
+kraftlosen Kindes.
+
+Unfern Neapel lag die Villa eines Herzogs, die, weil sie die schönste
+Aussicht nach dem Vesuv und ins Meer hinein gewährte, den fremden
+Künstlern, vorzüglich den Landschaftern gastlich geöffnet war.
+Berthold hatte hier öfters gearbeitet, öfter noch in einer Grotte
+des Parks zur guten Zeit sich dem Spiel seiner fantastischen Träume
+hingegeben. Hier in dieser Grotte saß er eines Tages, von glühender
+Sehnsucht, die seine Brust zerriß, gemartert, und weinte heiße Tränen,
+daß der Stern des Himmels seine dunkle Bahn erleuchten möge; da
+rauschte es im Gebüsch, und die Gestalt eines hochherrlichen Weibes
+stand vor der Grotte.
+
+»Die vollen Sonnenstrahlen fielen in das Engelsgesicht. - Sie schaute
+mich an mit unbeschreiblichen Blick. - Die heilige Katharina - nein,
+mehr als sie - mein Ideal, mein Ideal war es! Wahnsinnig vor Entzücken
+stürzte ich nieder, da verschwebte die Gestalt freundlich lächelnd! -
+Erhört war mein heißestes Gebet!«
+
+Florentin trat in die Grotte, er erstaunte über Berthold, der mit
+verklärtem Blick ihn an sein Herz drückte. - Tränen stürzten ihm aus
+den Augen - »Freund - Freund!« stammelte er: »ich bin glücklich -
+selig - sie ist gefunden - gefunden!« Rasch schritt er fort, in seine
+Werkstatt - er spannte die Leinwand auf, er fing an zu malen. Wie von
+göttlicher Kraft beseelt, zauberte er mit der vollen Glut des Lebens
+das überirdische Weib, wie es ihm erschienen, hervor. - Sein Innerstes
+war von diesem Augenblicke ganz umgewendet. Statt des Trübsinns, der
+an seinem Herzmark gezehrt hatte, erhob ihn Frohsinn und Heiterkeit.
+Er studierte mit Fleiß und Anstrengung die Meisterwerke der alten
+Maler. Mehrere Kopien gelangen ihm vortrefflich, und nun fing er an
+selbst Gemälde zu schaffen, die alle Kenner in Erstaunen setzten. An
+Landschaften war nicht mehr zu denken, und Hackert bekannte selbst,
+daß der Jüngling nun erst seinen eigentlichen Beruf gefunden habe.
+So kam es, daß er mehrere große Werke, Altarblätter für Kirchen, zu
+malen bekam. Er wählte mehrenteils heitere Gegenstände christlicher
+Legenden, aber überall strahlte die wunderherrliche Gestalt seines
+Ideals hervor. Man fand, daß Gesicht und Gestalt der Prinzessin
+Angiola T... zum Sprechen ähnlich sei, man äußerte dies dem jungen
+Maler selbst, und Schlauköpfe gaben spöttisch zu verstehen, der
+deutsche Maler sei von dem Feuerblick der wunderschönen Donna tief ins
+Herz getroffen. Berthold war hoch erzürnt über das alberne Gewäsch der
+Leute, die das Himmlische in das Gemeinirdische herabziehen wollten.
+»Glaubt ihr denn«, sprach er, »daß solch ein Wesen wandeln könne
+hier auf Erden? In einer wunderbaren Vision wurde mir das Höchste
+erschlossen; es war der Moment der Künstlerweihe.« - Berthold lebte
+nun froh und glücklich, bis nach Bonapartes Siegen in Italien sich die
+französische Armee dem Königreich Neapel nahte, und die alle ruhigen
+glücklichen Verhältnisse furchtbar zerstörende Revolution ausbrach.
+Der König hatte mit der Königin Neapel verlassen, die Citta war
+angeordnet. Der General-Vikar schloß mit dem französischen General
+einen schmachvollen Waffenstillstand, und bald kamen die französischen
+Kommissarien, um die Summe, die gezahlt werden sollte, in Empfang zu
+nehmen. Der General-Vikar entfloh, um der Wut des Volks, das sich von
+ihm, von der Citta, von allen, die ihm Schutz gewähren konnten gegen
+den andringenden Feind, verlassen glaubte, zu entgehen. Da waren alle
+Bande der Gesellschaft gelöst; in wilder Anarchie verhöhnte der Pöbel
+Ordnung und Gesetz, und unter dem Geschrei: »Viva la santa fede«
+rannten seine wahnsinnigen Horden durch die Straßen, die Häuser der
+Großen, von welchen sie sich an den Feind verkauft wähnten, plündernd
+und in Brand steckend. Vergebens waren die Bemühungen Moliternos und
+Rocca Romanas, Günstlinge des Volks und zu Anführern gewählt, die
+Rasenden zu bändigen. Die Herzoge della Torre und Clemens Filomarino
+waren ermordet, aber noch war des wütenden Pöbels Blutdurst nicht
+gestillt. - Berthold hatte sich aus einem brennenden Hause nur halb
+angekleidet gerettet, er stieß auf einen Haufen des Volks, der mit
+angezündeten Fackeln und blinkenden Messern nach dem Palast des
+Herzogs von T. eilte. Ihn für ihresgleichen haltend, drängten sie ihn
+mit sich fort - »viva la santa fede« brüllten die Wahnsinnigen, und in
+wenigen Minuten waren der Herzog - die Bediensteten, alles was sich
+widersetzte, ermordet, und der Palast loderte hoch in Flammen auf.
+- Berthold war immer fort und fort in den Palast hineingedrängt. -
+Dicker Rauch wallte durch die langen Gänge. - Er lief schnell durch
+die aufgesprengten Zimmer, aufs neue in Gefahr, in den Flammen
+umzukommen - vergebens den Ausgang suchend. - Ein schneidendes
+Angstgeschrei schallt ihm entgegen - er stürzt durch den Saal. - Ein
+Weib ringt mit einem Lazzarone, der es mit starker Faust erfaßt hat,
+und im Begriff ist ihm das Messer in die Brust zu stoßen. - Es ist
+die Prinzessin - es ist Bertholds Ideal! - Bewußtlos vor Entsetzen,
+springt Berthold hinzu - den Lazzarone bei der Gurgel packen - ihn
+zu Boden werfen, ihm sein eignes Messer in die Kehle stoßen - die
+Prinzessin in die Arme nehmen - mit ihr fliehen durch die flammenden
+Säle - die Treppen hinab - fort fort, durch das dickste Volksgewühl
+- alles das ist die Tat eines Moments! - Keiner hielt den fliehenden
+Berthold auf, mit dem blutigen Messer in der Hand, vom Dampfe schwarz
+gefärbt, in zerrissenen Kleidern sah das Volk in ihm den Mörder und
+Plünderer, und gönnte ihm seine Beute. In einem öden Winkel der Stadt
+unter einem alten Gemäuer, in das er, wie aus Instinkt, sich vor
+der Gefahr zu verbergen gelaufen, sank er ohnmächtig nieder. Als er
+erwachte, kniete die Prinzessin neben ihm, und wusch seine Stirne mit
+kaltem Wasser. »O Dank!« lispelte sie mit wunderlieblicher Stimme;
+»Dank den Heiligen, daß du erwacht bist, du mein Rettet, mein alles!«
+- Berthold richtete sich auf, er wähnte zu träumen, er blickte mit
+starren Augen die Prinzessin an -ja sie war es selbst - die herrliche
+Himmelsgestalt, die den Götterfunken in seiner Brust entzündet. -
+»Ist es möglich - ist es wahr - lebe ich denn?« rief er aus. »Ja, du
+lebst«, sprach die Prinzessin - »du lebst für mich; was du nicht zu
+hoffen wagtest, geschah wie durch ein Wunder. Oh, ich kenne dich
+wohl, du bist der deutsche Maler Berthold, du liebtest mich ja, und
+verherrlichtest mich in deinen schönsten Gemälden. - Konnte ich denn
+dein sein? - Aber nun bin ich es immerdar und ewig. - Laß uns fliehen,
+o laß uns fliehen!« - Ein sonderbares Gefühl, wie wenn jählinger
+Schmerz süße Träume zerstört, durchzuckte Berthold bei diesen
+Worten der Prinzessin. Doch als das holde Weib ihn mit den vollen
+schneeweißen Armen umfing, als er sie ungestüm an seinen Busen
+drückte, da durchbebten ihn süße nie gekannte Schauer und im Wahnsinn
+des Entzückens höchster Erdenlust rief er aus: »Oh, kein Trugbild des
+Traumes - nein! es ist mein Weib, das ich umfange, es nie zu lassen -
+das meine glühende dürstende Sehnsucht stillt!«
+
+Aus der Stadt zu fliehen war unmöglich; denn vor den Toren stand das
+französische Heer, dem das Volk, war es gleich schlecht bewaffnet
+und ohne alle Anführung, zwei Tage hindurch den Einzug in die
+Stadt streitig machte. Endlich gelang es Berthold mit Angiola von
+Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, und dann aus der Stadt zu fliehen.
+Angiola, von heißer Liebe zu ihrem Retter entbrannt, verschmähte es
+in Italien zu bleiben, die Familie sollte sie für tot halten, und so
+Bertholds Besitz ihr gesichert bleiben. Ein diamantnes Halsband und
+kostbare Ringe, die sie getragen, waren hinlänglich, in Rom (bis dahin
+waren sie langsam fortgepilgert) sich mit allen nötigen Bedürfnissen
+zu versehen, und so kamen sie glücklich nach M. im südlichen
+Deutschland, wo Berthold sich niederzulassen, und durch die Kunst
+sich zu ernähren gedachte. - War's denn nicht ein nie geträumtes,
+nie geahntes Glück, daß Angiola, das himmlischschöne Weib, das Ideal
+seiner wonnigsten Künstlerträume sein werden müßte, unerachtet sich
+alle Verhältnisse des Lebens, wie eine unübersteigbare Mauer zwischen
+ihm und der Geliebten auftürmten? - Berthold konnte in der Tat dies
+Glück kaum fassen, und schwelgte in namenlosen Wonnen, bis lauter und
+lauter die innere Stimme ihn mahnte, seiner Kunst zu gedenken. In M.
+beschloß er seinen Ruf durch ein großes Gemälde zu begründen, das er
+für die dortige Marienkirche malen wollte. Der einfache Gedanke, Maria
+und Elisabeth in einem schönen Garten auf einem Rasen sitzend, die
+Kinder Christus und Johannes vor ihnen im Grase spielend, sollte der
+ganze Vorwurf des Bildes sein, aber vergebens war alles Ringen nach
+einer reinen geistigen Anschauung des Gemäldes. So wie in jener
+unglücklichen Zeit der Krisis, verschwammen ihm die Gestalten, und
+nicht die himmlische Maria, nein, ein irdisches Weib, ach seine
+Angiola selbst stand auf greuliche Weise verzerrt, vor seines Geistes
+Augen. - Er gedachte Trotz zu bieten der unheimlichen Gewalt, die ihn
+zu erfassen schien, er bereitete die Farben, er fing an zu malen; aber
+seine Kraft war gebrochen, all sein Bemühen, so wie damals, nur die
+ohnmächtige Anstrengung des unverständigen Kindes. Starr und leblos
+blieb was er malte, und selbst Angiola - Angiola, sein Ideal, wurde,
+wenn sie ihm saß und er sie malen wollte, auf der Leinwand zum toten
+Wachsbilde, das ihn mit gläsernen Augen anstierte. Da schlich sich
+immer mehr und mehr trüber Unmut in seine Seele, der alle Freude des
+Lebens wegzehrte. Er wollte - er konnte nicht weiter arbeiten, und so
+kam es, daß er in Dürftigkeit geriet, die ihn desto mehr niederbeugte,
+je weniger Angiola auch nur ein Wort der Klage hören ließ.
+
+»Der immer mehr in mein Innerstes hereinzehrende Gram, erzeugt von
+stets getäuschter Hoffnung, wenn ich immer vergebens Kräfte aufbot,
+die nicht mehr mein waren, versetzte mich bald in einen Zustand, der
+dem Wahnsinne gleich zu achten war. Mein Weib gebar mir einen Sohn,
+das vollendete mein Elend und der lange verhaltene Groll brach aus
+in hell aufflammenden Haß. _Sie_, _sie_ allein schuf mein Unglück. Nein -
+sie war nicht das Ideal, das mir erschien, nur mir zum rettungslosen
+Verderben hatte sie trügerisch jenes Himmelsweibes Gestalt und Gesicht
+geborgt. In wilder Verzweiflung fluchte ich ihr und dem unschuldigen
+Kinde. - Ich wünschte beider Tod, damit ich erlöst werden möge von der
+unerträglichen Qual, die wie mit glühenden Messern in mir wühlte! -
+Gedanken der Hölle stiegen in mir auf. Vergebens las ich in Angiolas
+leichenblassem Gesicht, in ihren Tränen mein rasendes freveliches
+Beginnen. - >Du hast mich um mein Leben betrogen, verruchtes Weib<,
+brüllte ich auf, und stieß sie mit dem Fuße von mir, wenn sie
+ohnmächtig niedersank, und meine Knie umfaßte.«
+
+Bertholds grausames wahnsinniges Betragen gegen Weib und Kind erregte
+die Aufmerksamkeit der Nachbaren, die es der Obrigkeit anzeigten. Man
+wollte ihn verhaften, als aber die Polizeidiener in seine Wohnung
+traten, war er samt Frau und Kind spurlos verschwunden. Berthold
+erschien bald darauf zu N. in Oberschlesien; er hatte sich seines
+Weibes und Kindes entledigt, und fing voll heitern Mutes an, das Bild
+zu malen, das er in M. vergebens begonnen hatte. Aber nur die Jungfrau
+Maria und die Kinder Christus und Johannes konnte er vollenden,
+dann fiel er in eine furchtbare Krankheit, die ihn dem Tode, den
+er wünschte, nahe brachte. Um ihn zu pflegen, hatte man alle seine
+Gerätschaften und auch jenes unvollendete Gemälde verkauft, und er
+zog, nachdem er nur einigermaßen sich wieder erkräftigt, als ein
+siecher elender Bettler von dannen. In der Folge nährte er sich
+dürftig durch Wandmalerei, die ihm hie und da übertragen wurde.
+
+
+»Bertholds Geschichte hat etwas Entsetzliches und Grauenvolles«,
+sprach ich zu dem Professor, »ich halte ihn, unerachtet er es nicht
+geradezu ausgesprochen, für den ruchlosen Mörder seines unschuldigen
+Weibes und seines Kindes.« - »Es ist ein wahnsinniger Tor«, erwiderte
+der Professor, »dem ich den Mut zu solcher Tat gar nicht zutraue. Über
+diesen Punkt läßt er sich niemals deutlich aus, und es ist die Frage,
+ob er sich nicht bloß einbildet, an dem Tode seiner Frau und seines
+Kindes schuld zu sein; er malt eben wieder Marmor, erst in künftiger
+Nacht vollendet er den Altar, dann ist er bei guter Laune, und
+Sie können vielleicht mehr über jenen kitzlichen Punkt von ihm
+herausbekommen.« - Ich muß gestehen, daß, dachte ich es mir lebhaft,
+um Mitternacht mit Berthold allein in der Kirche mich zu befinden,
+mir, nachdem ich seine Geschichte gelesen, ein leiser Schauer durch
+die Glieder lief. Ich meinte, er könnte mitunter was weniges der
+Teufel sein, trotz seiner Gutmütigkeit und seines treuherzigen Wesens,
+und wollte mich deshalb lieber gleich mittags im lieben heitern
+Sonnenschein mit ihm abfinden.
+
+Ich fand ihn auf dem Gerüste mürrisch und in sich gekehrt, Marmoradern
+sprenkelnd; zu ihm herausgestiegen, reichte ich ihm stillschweigend
+die Töpfe. Erstaunt sah er sich nach mir um, »ich bin ja Ihr
+Handlanger«, sprach ich leise, das zwang ihm ein Lächeln ab. Nun fing
+ich an von seinem Leben zu sprechen, so daß er merken mußte, ich wisse
+alles, und er schien zu glauben, er habe mir alles selbst in jener
+Nacht erzählt. Leise - leise kam ich auf die gräßliche Katastrophe,
+dann sprach ich plötzlich: »Also in heillosem Wahnsinn mordeten Sie
+Weib und Kind?« - Da ließ er Farbentopf und Pinsel fallen, und rief,
+mich mit gräßlichem Blick anstarrend und beide Hände hoch erhebend:
+»Rein sind diese Hände vom Blute meines Weibes, meines Sohnes! Noch
+ein solches Wort, und ich stürze mich mit Euch hier vom Gerüste herab,
+daß unsere Schädel zerschellen auf dem steinernen Boden der Kirche!«
+- Ich befand mich in dem Augenblick wirklich in seltsamer Lage, am
+besten schien es mir mit ganz Fremden hineinzufahren. »O sehn Sie
+doch, lieber Berthold«, sprach ich so ruhig und kalt, als es mir
+möglich war, »wie das häßliche Dunkelgelb auf der Wand dort so
+verfließt.« Er schauete hin, und indem er das Gelb mit dem Pinsel
+verstrich, stieg ich leise das Gerüst herab, verließ die Kirche und
+ging zum Professor, um mich über meinen bestraften Vorwitz tüchtig
+auslachen zu lassen.
+
+Mein Wagen war repariert und ich verließ G., nachdem mir der Professor
+Aloysius Walther feierlich versprochen, sollte sich etwas Besonderes
+mit Berthold ereignen, mir es gleich zu schreiben.
+
+Ein halbes Jahr mochte vergangen sein, als ich wirklich von dem
+Professor einen Brief erhielt, in welchem er sehr weitschweifig unser
+Beisammensein in G. rühmte. Über Berthold schrieb er mir folgendes:
+»Bald nach Ihrer Abreise trug sich mit unserm wunderlichen Maler viel
+Sonderbares zu. Er wurde plötzlich ganz heiter, und vollendete auf
+die herrlichste Weise das große Altarblatt, welches nun vollends alle
+Menschen in Erstaunen setzt. Dann verschwand er, und da er nicht das
+mindeste mitgenommen, und man ein paar Tage darauf Hut und Stock
+unfern des O - Stromes fand, glauben wir alle, er habe sich freiwillig
+den Tod gegeben.«
+
+
+
+Das Sanctus
+
+Der Doktor schüttelte bedenklich den Kopf. - »Wie«, rief der
+Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, »wie! so sollte
+Bettinas Katarrh wirklich etwas zu bedeuten haben?«
+
+- Der Doktor stieß ganz leise drei- oder viermal mit seinem spanischen
+Rohr auf den Fußboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein
+ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zähle er die
+Rosetten an der Decke und hüstelte mißtönig ohne ein Wort zu reden.
+Das brachte den Kapellmeister außer sich, denn er wußte schon, solches
+Gebärdenspiel des Doktors hieß in deutlichen lebendigen Worten nichts
+anders, als: »Ein böser böser Fall - und ich weiß mir nicht zu raten
+und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener
+Doktor im Gilblas di Santillana.« - »Nun, so sag Er es denn nur
+geradezu heraus«, rief der Kapellmeister erzürnt, »sag Er es heraus,
+ohne so verdammt wichtig zu tun mit der simplen Heiserkeit, die sich
+Bettina zugezogen, weil sie unvorsichtigerweise den Shawl nicht
+umwarf, als sie die Kirche verließ - das Leben wird es ihr doch eben
+nicht kosten, der Kleinen.« - »Mit nichten«, sprach der Doktor, indem
+er nochmals die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, »mit
+nichten, aber höchstwahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben
+keine Note mehr singen!« Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Fäusten
+sich in die Haare, daß der Puder weit umherstäubte und rannte im
+Zimmer auf und ab, und schrie wie besessen: »Nicht mehr singen? -
+nicht mehr singen? - Bettina nicht mehr singen? - Gestorben all die
+herrlichen Kanzonette - die wunderbaren Boleros und Seguidillas, die
+wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen strömten? - Kein frommes
+Agnus, kein tröstendes Benedictus von ihr mehr hören? - Oh! oh! - Kein
+Miserere, das mich reinbürstete von jedem irdischen Schmutz miserabler
+Gedanken - das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser
+Kirchenthemas aufgehen ließ? - Du lügst Doktor, du lügst! - Der Satan
+versucht dich, mich aufs Eis zu führen. - Der Dom-Organist, der mich
+mit schändlichem Neide verfolgt, seitdem ich ein achtstimmiges Qui
+tollis ausgearbeitet zum Entzücken der Welt, _der_ hat dich bestochen!
+Du sollst mich in schnöde Verzweiflung stürzen, damit ich meine neue
+Messe ins Feuer werfe, aber es gelingt _ihm_ - es gelingt _dir_ nicht! -
+Hier - hier trage ich sie bei mir, Bettinas Soli« (er schlug auf die
+rechte Rocktasche, so daß es gewaltig darin klatschte) »und gleich
+soll herrlicher, als je, die Kleine sie mir mit hocherhabener
+Glockenstimme vorsingen.« Der Kapellmeister griff nach dem Hute und
+wollte fort, der Doktor hielt ihn zurück, indem er sehr sanft und
+leise sprach: »Ich ehre Ihren werten Enthusiasmus, holdseligster
+Freund! aber ich übertreibe nichts und kenne den Dom-Organisten
+gar nicht, es ist nun einmal so! Seit der Zeit, daß Bettina in
+der katholischen Kirche bei dem Amt die Solos im Gloria und Credo
+gesungen, ist sie von einer solch seltsamen Heiserkeit oder vielmehr
+Stimmlosigkeit befallen, die meiner Kunst trotzt und die mich, wie
+gesagt, befürchten läßt, daß sie nie mehr singen wird.« - »Gut denn«,
+rief der Kapellmeister wie in resignierter Verzweiflung, »gut denn, so
+gib ihr Opium - Opium und so lange Opium bis sie eines sanften Todes
+dahinscheidet, denn singt Bettina nicht mehr, so darf sie auch nicht
+mehr leben, denn sie lebt nur, wenn sie singt - sie existiert nur im
+Gesange - himmlischer Doktor, tu mir den Gefallen, vergifte sie je
+eher desto lieber. Ich habe Konnexionen im Kriminal-Kollegio, mit dem
+Präsidenten studierte ich in Halle, es war ein großer Hornist, wir
+bliesen Bizinien zur Nachtzeit mit einfallenden Chören obligater
+Hündelein und Kater! - Sie sollen dir nichts tun des ehrlichen Mords
+wegen. - Aber vergifte sie - vergifte sie« - »Man ist«, unterbrach der
+Doktor den sprudelnden Kapellmeister, »man ist doch schon ziemlich
+hoch in Jahren, muß sich das Haar pudern seit geraumer Zeit und doch
+noch vorzüglich die Musik anlangend vel quasi ein Hasenfuß. Man
+schreie nicht so, man spreche nicht so verwegen vom sündlichen Mord
+und Totschlag, man setze sich ruhig hin dort in jenen bequemen
+Lehnstuhl und höre mich gelassen an.« Der Kapellmeister rief mit sehr
+weinerlicher Stimme: »Was werd ich hören?« und tat übrigens wie ihm
+geheißen. »Es ist«, fing der Doktor an, »es ist in der Tat in Bettinas
+Zustand etwas ganz Sonderbares und Verwunderliches. Sie spricht laut,
+mit voller Kraft des Organs, an irgend eines der gewöhnlichen Halsübel
+ist gar nicht zu denken, sie ist selbst imstande einen musikalischen
+Ton anzugeben, aber sowie sie die Stimme zum Gesange erheben will,
+lähmt ein unbegreifliches Etwas, das sich durch kein Stechen,
+Prickeln, Kitzeln oder sonst als ein affirmatives krankhaftes Prinzip
+dartut, ihre Kraft, so daß jeder versuchte Ton ohne gepreßt-unrein,
+kurz katarrhalisch zu klingen, matt und farblos dahinschwindet.
+Bettina selbst vergleicht ihren Zustand sehr richtig demjenigen im
+Traum, wenn man mit dem vollsten Bewußtsein der Kraft zum Fliegen doch
+vergebens strebt in die Höhe zu steigen. Dieser negative krankhafte
+Zustand spottet meiner Kunst und wirkungslos bleiben alle Mittel.
+Der Feind, den ich bekämpfen soll, gleicht einem körperlosen Spuk,
+gegen den ich vergebens meine Streiche führe. Darin habt Ihr recht
+Kapellmeister, daß Bettinas ganze Existenz im Leben durch den
+Gesang bedingt ist, denn eben im Gesange kann man sich den kleinen
+Paradiesvogel nur denken, deshalb ist sie aber schon durch die
+Vorstellung, daß ihr Gesang und mit ihm sie selbst untergehe, so
+im Innersten aufgeregt, und fast bin ich überzeugt, daß eben diese
+fortwährende geistige Agitation ihr Übelbefinden fördert und meine
+Bemühungen vereitelt. Sie ist, wie sie sich selbst ausdrückt, von
+Natur sehr apprehensiv, und so glaube ich, nachdem ich monatelang,
+wie ein Schiffbrüchiger, der nach jedem Splitter hascht, nach diesem,
+jenem Mittel gegriffen und darüber ganz verzagt worden, daß Bettinas
+ganze Krankheit mehr psychisch als physisch ist.« - »Recht Doktor«,
+rief hier der reisende Enthusiast, der so lange schweigend mit
+übereinander geschlagenen Ärmen im Winkel gesessen, »recht Doktor, mit
+einemmal habt Ihr den richtigen Punkt getroffen, mein vortrefflicher
+Arzt! Bettinas krankhaftes Gefühl ist die physische Rückwirkung
+eines psychischen Eindrucks, eben deshalb aber desto schlimmer und
+gefährlicher. _Ich_, _ich_ allein kann euch alles erklären, ihr Herren!« -
+»Was werd ich hören«, sprach der Kapellmeister noch weinerlicher als
+vorher, der Doktor rückte seinen Stuhl näher heran zum reisenden
+Enthusiasten und guckte ihm mit sonderbar lächelnder Miene ins
+Gesicht. Der reisende Enthusiast warf aber den Blick in die Höhe
+und sprach ohne den Doktor oder den Kapellmeister anzusehen:
+»Kapellmeister! ich sah einmal einen kleinen buntgefärbten
+Schmetterling, der sich zwischen den Saiten Eures Doppelklavichords
+eingefangen hatte. Das kleine Ding flatterte lustig auf und nieder und
+mit den glänzenden Flügelein um sich schlagend berührte es bald die
+obern bald die untern Saiten, die dann leise leise nur dem schärfsten
+geübtesten Ohr vernehmbare Töne und Akkorde hauchten, so daß zuletzt
+das Tierchen nur in den Schwingungen wie in sanftwogenden Wellen zu
+schwimmen oder vielmehr von ihnen getragen zu werden schien. Aber oft
+kam es, daß eine stärker berührte Saite, wie erzürnt in die Flügel des
+fröhlichen Schwimmers schlug, so daß sie wund geworden den Schmuck
+des bunten Blütenstaubs von sich streuten, doch dessen nicht achtend
+kreiste der Schmetterling fort und fort im fröhlichen Klingen und
+Singen bis schärfer und schärfer die Saiten ihn verwundeten, und er
+lautlos hinabsank in die Öffnung des Resonanzbodens.« - »Was wollen
+wir damit sagen«, frug der Kapellmeister, »fiat applicatio mein
+Bester!« sprach der Doktor. »Von einer besonderen Anwendung ist
+hier nicht die Rede«, fuhr der Enthusiast fort, »ich wollte, da ich
+obbesagten Schmetterling wirklich auf des Kapellmeisters Klavichord
+spielen gehört habe, nur im allgemeinen eine Idee andeuten, die mir
+damals einkam, und die alles das, was ich über Bettinas Übel sagen
+werde, so ziemlich einleitet. Ihr könnet das Ganze aber auch für eine
+Allegorie ansehen, und es in das Stammbuch irgend einer reisenden
+Virtuosin hineinzeichnen. Es schien mir nämlich damals, als habe die
+Natur ein tausendchörigtes Klavichord um uns herum gebaut, in dessen
+Saiten wir herumhantierten, ihre Töne und Akkorde für unsere eigne
+willkürlich hervorgebrachte haltend und als würden wir oft zum Tode
+wund, ohne zu ahnden, daß der unharmonisch berührte Ton uns die Wunde
+schlug.« - »Sehr dunkel«, sprach der Kapellmeister. »Oh«, rief der
+Doktor lachend, »o nur Geduld, er wird gleich auf seinem Steckenpferde
+sitzen und gestreckten Galopps in die Welt der Ahnungen, Träume,
+psychischen Einflüsse, Sympathien, Idiosynkrasien usw. hineinreiten,
+bis er auf der Station des Magnetismus absitzt und ein Frühstück
+nimmt.« - »Gemach gemach, mein weiser Doktor«, sprach der reisende
+Enthusiast, »schmäht nicht auf Dinge, die Ihr, sträuben mögt Ihr Euch
+auch wie Ihr wollt, doch mit Demut anerkennen und höchlich beachten
+müßt. Habt Ihr es denn nicht selbst eben erst ausgesprochen, daß
+Bettinas Krankheit von psychischer Anregung herbeigeführt oder
+vielmehr nur ein psychisches Übel ist?« - »Wie kommt«, unterbrach
+der Doktor den Enthusiasten, »wie kommt aber Bettina mit dem
+unglückseligen Schmetterling zusammen?« - »Wenn man«, fuhr der
+Enthusiast fort, »wenn man nun alles haarklein auseinandersieben soll,
+und jedes Körnchen beäugeln und bekucken, so wird das eine Arbeit, die
+selbst langweilig Langeweile verbreitet! - Laßt den Schmetterling im
+Klavichordkasten des Kapellmeisters ruhen! - Übrigens, sagt selbst,
+Kapellmeister! ist es nicht ein wahres Unglück, daß die hochheilige
+Musik ein integrierender Teil unserer Konversation geworden ist? Die
+herrlichsten Talente werden herabgezogen in das gemeine dürftige
+Leben! Statt daß sonst aus heiliger Ferne wie aus dem wunderbaren
+Himmelsreiche selbst, Ton und Gesang auf uns herniederstrahlte, hat
+man jetzt alles hübsch bei der Hand und man weiß genau, wie viel
+Tassen Tee die Sängerin oder wie viel Gläser Wein der Bassist trinken
+muß, um in die gehörige Tramontane zu kommen. Ich weiß wohl, daß
+es Vereine gibt, die ergriffen von dem wahren Geist der Musik sie
+untereinander mit wahrhafter Andacht üben, aber jene miserablen
+geschmückten, geschniegelten - doch ich will mich nicht ärgern! - Als
+ich voriges Jahr hieher kam, war die arme Bettina gerade recht in
+der Mode - sie war, wie man sagt, recherchiert, es konnte kaum
+Tee getrunken werden ohne Zutat einer spanischen Romanze, einer
+italienischen Kanzonetta oder auch wohl eines französischen Liedleins:
+Souvent l'amour etc. zu dem sich Bettina hergeben mußte. Ich fürchtete
+in der Tat, daß das gute Kind mit samt ihrem herrlichen Talent
+untergehen würde in dem Meer von Teewasser, das man über sie
+ausschüttete, das geschah nun nicht, aber die Katastrophe trat ein.«
+- »Was für eine Katastrophe?« riefen Doktor und Kapellmeister. »Seht
+liebe Herren!« fuhr der Enthusiast fort, »eigentlich ist die arme
+Bettina - wie man so sagt, verwünscht oder verhext worden, und so hart
+es mir ankommt, es zu bekennen, ich - ich selbst bin der Hexenmeister,
+der das böse Werk vollbracht hat, und nun gleich dem Zauberlehrling
+den Bann nicht zu lösen vermag.« - »Possen - Possen, und wir sitzen
+hier und lassen uns mit der größten Ruhe von dem ironischen Bösewicht
+mystifizieren.« So rief der Doktor, indem er aufsprang. »Aber zum
+Teufel die Katastrophe - die Katastrophe«, schrie der Kapellmeister.
+»Ruhig ihr Herren«, sprach der Enthusiast, »jetzt kommt eine Tatsache,
+die ich verbürgen kann, haltet übrigens meine Hexerei für Scherz,
+unerachtet es mir zuweilen recht schwer aufs Herz fällt, daß ich ohne
+Wissen und Willen einer unbekannten psychischen Kraft zum Medium des
+Entwickelns und Einwirkens auf Bettina gedient haben mag. Gleichsam
+als Leiter mein ich, so wie in der elektrischen Reihe einer den andern
+ohne Selbsttätigkeit und eignen Willen prügelt.« - »Hop hop«, rief der
+Doktor, »seht wie das Steckenpferd gar herrliche Courbetten verführt.«
+- »Aber die Geschichte - die Geschichte«, schrie der Kapellmeister
+dazwischen! »Ihr erwähntet«, fuhr der Enthusiast fort, »Ihr erwähntet
+Kapellmeister schon zuvor, daß Bettina das letztemal, ehe sie die
+Stimme verlor, in der katholischen Kirche sang. Erinnert Euch, daß
+dies am ersten Osterfeiertage vorigen Jahres geschah. Ihr hattet Euer
+schwarzes Ehrenkleid angetan und dirigiertet die herrliche Haydnsche
+Messe aus dem D-Moll. In dem Sopran tat sich ein Flor junger anmutig
+gekleideter Mädchen auf, die zum Teil sangen, zum Teil auch nicht;
+unter ihnen stand Bettina, die mit wunderbar starker voller Stimme
+die kleinen Soli vortrug. Ihr wißt, daß ich mich im Tenor angestellt
+hatte, das Sanctus war eingetreten, ich fühlte die Schauer der
+tiefsten Andacht mich durchbeben, da rauschte es hinter mir störend,
+unwillkürlich drehte ich mich um, und erblickte zu meinem Erstaunen
+Bettina, die sich durch die Reihen der Spielenden und Singenden
+drängte um den Chor zu verlassen. >Sie wollen fort?< redete ich sie
+an. >Es ist die höchste Zeit<, erwiderte sie sehr freundlich, >daß ich
+mich jetzt nach der ***Kirche begebe, um noch, wie ich versprochen,
+dort in einer Kantate mitzusingen, auch muß ich noch vormittag ein
+paar Duetts probieren, die ich heute abend in dem Singetee bei ***
+vortragen werde, dann ist Souper bei ***. Sie kommen doch hin? es
+werden ein paar Chöre aus dem Händelschen Messias und das erste Finale
+aus Figaros Hochzeit gemacht.< Während dieses Gesprächs erklangen
+die vollen Akkorde des Sanctus, und das Weihrauchopfer zog in blauen
+Wolken durch das hohe Gewölbe der Kirche. >Wissen Sie denn nicht<,
+sprach ich, >daß es sündlich ist, daß es nicht straflos bleibt, wenn
+man während des Sanctus die Kirche verläßt? - Sie werden so bald nicht
+mehr in der Kirche singen!< - Es sollte Scherz sein, aber ich weiß
+nicht, wie es kam, daß mit einemmal meine Worte so feierlich klangen.
+Bettina erblaßte und verließ schweigend die Kirche. Seit diesem Moment
+verlor sie die Stimme. -« Der Doktor hatte sich während der Zeit
+wieder gesetzt, und das Kinn auf den Stockknopf gestützt, er blieb
+stumm, aber der Kapellmeister rief: »Wunderbar in der Tat, sehr
+wunderbar!« - »Eigentlich«, fuhr der Enthusiast fort, »eigentlich
+kam mir damals bei meinen Worten nichts Bestimmtes in den Sinn und
+ebensowenig setzte ich Bettinas Stimmlosigkeit mit dem Vorfall in der
+Kirche nur in den mindesten Bezug. Erst jetzt, als ich wieder hieher
+kam und von Euch Doktor erfuhr, daß Bettina noch immer an der
+verdrießlichen Kränklichkeit leide, war es mir, als hätte ich schon
+damals an eine Geschichte gedacht, die ich vor mehreren Jahren in
+einem alten Buche las, und die ich Euch, da sie mir anmutig und
+rührend scheint, mitteilen will.« - »Erzählen Sie«, rief der
+Kapellmeister, »vielleicht liegt ein guter Stoff zu einer tüchtigen
+Oper darin.« - »Könnt Ihr«, sprach der Doktor, »könnt Ihr,
+Kapellmeister, Träume - Ahnungen - magnetische Zustände in Musik
+setzen, so wird Euch geholfen, auf so was wird die Geschichte doch
+wieder herauslaufen.« Ohne dem Doktor zu antworten räusperte sich der
+reisende Enthusiast und fing mit erhabener Stimme an: »Unabsehbar
+breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von Aragonien
+vor den Mauern von Granada aus.« - »Herr des Himmels und der Erden«,
+unterbrach der Doktor den Erzähler, »das fängt an als wollt es in
+neun Tagen und neun Nächten nicht endigen, und ich sitze hier und die
+Patienten lamentieren. Ich schere mich den Teufel um Eure maurischen
+Geschichten, den Gonzalvo von Cordova habe ich gelesen, und Bettinas
+Seguidillas gehört, aber damit basta, alles was recht ist - Gott
+befohlen!« Schnell sprang der Doktor zur Türe heraus, aber der
+Kapellmeister blieb ruhig sitzen, indem er sprach: »Es wird eine
+Geschichte aus den Kriegen der Mauren mit den Spaniern, wie ich merke,
+so was hätt ich längst gar zu gern komponiert. - Gefechte - Tumult
+- Romanzen - Aufzüge - Cymbeln - Choräle - Trommeln und Pauken -
+ach Pauken! - Da wir nun einmal so zusammen sind, erzählen Sie,
+liebenswürdiger Enthusiast, wer weiß, welches Samenkorn die erwünschte
+Erzählung in mein Gemüt wirft und was für Riesenlilien daraus
+entsprießen.« - »Euch wird«, erwiderte der Enthusiast, »Euch wird nun
+Kapellmeister! alles einmal gleich zur Oper und daher kommt es denn
+auch, daß die vernünftigen Leute, die die Musik behandeln wie einen
+starken Schnaps, den man nur dann und wann in kleinen Portionen
+genießt zur Magenstärkung, Euch manchmal für toll halten. Doch
+erzählen will ich Euch, und keck möget Ihr, wandelt Euch die Lust an,
+manchmal ein paar Akkorde dazwischen werfen.« - Schreiber dieses fühlt
+sich gedrungen, ehe er dem Enthusiasten die Erzählung nachschreibt,
+dich günstigen Leser zu bitten, du mögest ihm der Kürze halber
+zugute halten, wenn er den dazwischen anschlagenden Akkorden den
+Kapellmeister vorzeichnet. Statt also zu schreiben: Hier sprach der
+Kapellmeister, heißt es bloß der Kapellmeister.
+
+Unabsehbar breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von
+Aragonien vor den festen Mauern von Granada aus. Vergebens auf Hülfe
+hoffend, immer enger und enger eingeschlossen, verzagte der feige
+Boabdil und im bittern Hohn vom Volk, das ihn den kleinen König
+nannte, verspottet, fand er nur in den Opfern blutdürstiger
+Grausamkeit augenblicklichen Trost. Aber eben in dem Grade, wie die
+Mutlosigkeit und Verzweiflung täglich mehr Volk und Kriegsheer in
+Granada erfaßte, wurde lebendiger Siegeshoffnung und Kampfeslust
+im spanischen Lager. Es bedurfte keines Sturms. Ferdinand begnügte
+sich die Wälle zu beschießen, und die Ausfälle der Belagerten
+zurückzutreiben. Diese kleinen Gefechte glichen mehr fröhlichen
+Turnieren als ernsten Kämpfen und selbst der Tod der im Kampfe
+Gefallnen konnte die Gemüter nur erheben, da sie hochgefeiert im
+Gepränge des kirchlichen Kultus wie in der strahlenden Glorie des
+Märtyrtums für den Glauben erschienen. Gleich nachdem Isabella in das
+Lager eingezogen, ließ sie in dessen Mitte ein hohes hölzernes Gebäude
+mit Türmen aufführen, von deren Spitzen die Kreuzesfahne herabwehte.
+Das Innere wurde zum Kloster und zur Kirche eingerichtet, und
+Benediktiner-Nonnen zogen ein, täglichen Gottesdienst übend. Die
+Königin, von ihrem Gefolge, von ihren Rittern begleitet, [erschien]
+jeden Morgen, die Messe zu hören, die ihr Beichtvater las, von dem
+Gesange der im Chor versammelten Nonnen unterstützt. Da begab es sich,
+daß Isabella an einem Morgen eine Stimme vernahm, die mit wunderbarem
+Glockenklang die andern Stimmen im Chor übertönte. Der Gesang war
+anzuhören wie das siegende Schmettern einer Nachtigall, die, die
+Fürstin des Hains, dem jauchzenden Volk gebietet. Und doch war die
+Aussprache der Worte so fremdartig und selbst die sonderbare ganz
+eigentümliche Art des Gesanges tat kund, daß eine Sängerin des
+kirchlichen Stils noch ungewohnt, vielleicht zum erstenmal das Amt
+singen müsse. Verwundert schaute Isabella um sich und bemerkte, daß
+ihr Gefolge von demselben Erstaunen ergriffen worden; doch ahnen mußte
+sie wohl, daß hier ein besonderes Abenteuer im Spiel sein müsse, als
+ihr der tapfere Heerführer Aguillar, der sich eben im Gefolge befand,
+ins Auge fiel. Im Betstuhl kniend, die Hände gefaltet, starrte er zum
+Gitter des Chors herauf, glühende inbrünstige Sehnsucht im düstern
+Auge. Als die Messe geendet war, begab sich Isabella nach Donna
+Marias, der Priorin, Zimmern und frug nach der fremden Sängerin.
+»Wollet Euch o Königin«, sprach Donna Maria, »wollet Euch erinnern,
+daß vor Mondesfrist Don Aguillar jenes Außenwerk zu überfallen und zu
+erobern gedachte, das mit einer herrlichen Terrasse geziert den Mauren
+zum Lustort dient. In jeder Nacht schallen die üppigen Gesänge der
+Heiden in unser Lager herüber wie verlockende Sirenenstimmen und eben
+deshalb wollte der tapfere Aguillar das Nest der Sünde zerstören.
+Schon war das Werk genommen, schon wurden die gefangenen Weiber
+während des Gefechts abgeführt, als eine unvermutete Verstärkung ihn
+tapferer Wehr unerachtet nötigte, abzulassen und sich zurückzuziehen
+in das Lager. Der Feind wagte nicht ihn zu verfolgen und so kam es,
+daß die Gefangenen und reiche Beute sein blieben. Unter den gefangenen
+Weibern befand sich eine, deren trostloses Jammern, deren Verzweiflung
+Don Aguillars Aufmerksamkeit erregte. Er nahte sich der Verschleierten
+mit freundlichen Worten, aber als hätte ihr Schmerz keine andere
+Sprache als Gesang, fing sie, nachdem sie auf der Zither, die ihr
+an einem goldnen Bande um den Hals hing, einige seltsame Akkorde
+gegriffen hatte, eine Romanze an, die in tiefaufseufzenden
+herzzerschneidenden Lauten die Trennung von dem Geliebten, von aller
+Lebensfreude klagte. Aguillar tief ergriffen von den wunderbaren
+Tönen, beschloß das Weib zurückbringen zu lassen nach Granada; sie
+stürzte vor ihm nieder, indem sie den Schleier zurückschlug. Da rief
+Aguillar wie außer sich: >Bist du denn nicht Zulema, das Licht des
+Gesanges in Granada?< - Zulema, die der Feldherr bei einer Sendung an
+Boabdils Hof gesehen, deren wunderbarer Gesang seitdem tief in seiner
+Brust widerhallte, war es wirklich. >Ich gebe dir die Freiheit<, rief
+Aguillar, aber da sprach der ehrwürdige Vater Agostino Sanchez, der
+das Kreuz in der Hand mitgezogen: >Erinnere dich, Herr! daß du, indem
+du die Gefangene freilässest, ihr großes Unrecht tust, da sie dem
+Götzendienst entrissen, vielleicht bei uns von der Gnade des Herrn
+erleuchtet, in den Schoß der Kirche zurückgekehrt wäre.< Aguillar
+sprach: >Sie mag bei uns bleiben einen Monat hindurch und dann, fühlt
+sie sich nicht durchdrungen von dem Geist des Herrn, zurückgebracht
+werden nach Granada.< So kam es, o Herrin! daß Zulema von uns in
+dem Kloster aufgenommen wurde. Anfangs überließ sie sich ganz dem
+trostlosesten Schmerz und bald waren es wild und schauerlich tönende,
+bald tiefklagende Romanzen, mit denen sie das Kloster erfüllte, denn
+überall hörte man ihre durchdringende Glockenstimme. Es begab sich,
+daß wir einst um Mitternacht im Chor der Kirche versammelt waren und
+die Hora nach jener wundervollen heiligen Weise absangen, die der hohe
+Meister des Gesanges, Ferreras, uns lehrte. Ich bemerkte im Schein
+der Lichter Zulema in der offnen Pforte des Chors stehend und mit
+ernstem Blick still und andächtig hineinschauend; als wir paarweise
+daherziehend den Chor verließen, kniete Zulema im Gange unfern eines
+Marienbildes. Den andern Tag sang sie keine Romanze, sondern blieb
+still und in sich gekehrt. Bald versuchte sie auf der tiefgestimmten
+Zither die Akkorde jenes Chorals, den wir in der Kirche gesungen, und
+dann fing sie an leise leise zu singen, ja selbst die Worte unsers
+Gesanges zu versuchen, die sie freilich wunderlich wie mit gebundener
+Zunge aussprach. Ich merkte wohl, daß der Geist des Herrn mit milder
+tröstender Stimme im Gesange zu ihr gesprochen, und daß sich ihre
+Brust öffnen würde seiner Gnade, daher schickte ich Schwester
+Emanuela, die Meisterin des Chors, zu ihr, daß sie den glimmenden
+Funken anfache, und so geschah es, daß im heiligen Gesange der Kirche
+der Glaube in ihr entzündet wurde. Noch ist Zulema nicht durch die
+heilige Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, aber vergönnt wurde
+es ihr unserm Chor sich beizugesellen, und so ihre wunderbare Stimme
+zur Glorie der Religion zu erheben.« Die Königin wußte nun wohl, was
+in Aguillars Innerm vorgegangen, als er auf Agostinos Einrede Zulema
+nicht zurücksandte nach Granada, sondern sie im Kloster aufnehmen
+ließ und um so mehr war sie erfreut über Zulemas Bekehrung zum wahren
+Glauben. Nach wenigen Tagen wurde Zulema getauft und erhielt den Namen
+Julia. Die Königin selbst, der Marquis von Cadix, Heinrich von Gusman,
+die Feldherren Mendoza, Villena, waren die Zeugen des heiligen Akts.
+Man hätte glauben sollen, daß Julias Gesang nun noch inniger und
+wahrer die Herrlichkeit des Glaubens hätte verkünden müssen und so
+geschah es auch wirklich eine kurze Zeit hindurch, indessen bemerkte
+Emanuela bald, daß Julia oft auf seltsame Weise von dem Choral abwich,
+fremdartige Töne einmischend. Oft hallte urplötzlich der dumpfe
+Klang einer tiefgestimmten Zither durch den Chor. Der Ton glich dem
+Nachklingen vom Sturm durchrauschter Saiten. Dann wurde Julia unruhig
+und es geschah sogar, daß sie wie willkürlos in den lateinischen
+Hymnus ein mohrisches Wort einwarf. Emanuela warnte die Neubekehrte,
+standhaft zu widerstehen dem Feinde, aber leichtsinnig achtete Julia
+dessen nicht und zum Ärgernis der Schwestern sang sie oft, wenn eben
+die ernsten heiligen Choräle des alten Ferreras erklungen, tändelnde
+mohrische Liebeslieder zur Zither, die sie wieder hochgestimmt hatte.
+Sonderbarerweise klangen jetzt die Zithertöne, die oft durch den Chor
+sausten, auch hoch und recht widrig beinahe wie das gellende Gepfeife
+der kleinen mohrischen Flöten.
+
+Der Kapellmeister. Flauti piccoli - Oktavflötchen. Aber, mein Bester,
+noch bis jetzt nichts, gar nichts für die Oper - keine Exposition und
+das ist immer die Hauptsache, doch mit der tiefen und hohen Stimmung
+der Zither, das hat mich angeregt. Glaubt Ihr nicht, daß der Teufel
+ein Tenorist ist? Er ist falsch wie - der Teufel, und daher macht er
+alles im Falsett!
+
+Der Enthusiast. Gott im Himmel! - Ihr werdet von Tage zu Tage
+witziger, Kapellmeister! Aber Ihr habt recht, lassen wir dem
+teuflischen Prinzip alles überhohe unnatürliche Gepfeife, Gequieke
+etc. Doch weiter fort in der Erzählung, die mir eigentlich blutsauer
+wird, weil ich jeden Augenblick Gefahr laufe, über irgend einen wohl
+zu beachtenden Moment wegzuspringen.
+
+Es begab sich, daß die Königin, begleitet von den edlen Feldherren
+des Lagers, nach der Kirche der Benedektiner-Nonnen schritt, um
+wie gewöhnlich die Messe zu hören. Vor der Pforte lag ein elender
+zerlumpter Bettler, die Trabanten wollten ihn fortschaffen, doch halb
+erhoben riß er sich wieder los und warf sich heulend nieder, so daß er
+die Königin berührte. Ergrimmt sprang Aguillar hervor und wollte den
+Elenden mit dem Fuße fortstoßen. Der richtete sich aber mit halbem
+Leibe gegen ihn empor und schrie: »Tritt die Schlange - tritt die
+Schlange, sie wird dich stechen zum Tode!« und dazu griff er in die
+Saiten der unter den Lumpen versteckten Zither, daß sie im gellenden
+widrig pfeifenden Tone zerrissen und alle von unheimlichem Grauen
+ergriffen, zurückbebten. Die Trabanten schafften das widrige Gespenst
+fort und es hieß: der Mensch sei ein gefangener wahnsinniger Mohr,
+der aber durch seine tollen Späße und durch sein verwunderliches
+Zitherspiel die Soldaten im Lager belustige. Die Königin trat ein und
+das Amt begann. Die Schwestern im Chor intonierten das Sanctus, eben
+sollte Julia mit mächtiger Stimme wie sonst eintreten: »Pleni sunt
+coeli gloria tua«, da ging ein gellender Zitherton durch den Chor,
+Julia schlug schnell das Blatt zusammen und wollte den Chor verlassen.
+»Was beginnst du?« rief Emanuela. »Oh!« sagte Julia, »hörst du denn
+nicht die prächtigen Töne des Meisters? dort bei ihm, mit ihm muß ich
+singen!« damit eilte Julia nach der Türe, aber Emanuela sprach mit
+sehr ernster feierlicher Stimme: »Sünderin, die du den Dienst des
+Herrn entweihst, da du mit dem Munde sein Lob verkündest und im Herzen
+weltliche Gedanken trägst, flieh von hinnen, gebrochen ist die Kraft
+des Gesanges in dir, verstummt sind die wunderbaren Laute in deiner
+Brust die der Geist des Herrn entzündet!« - Von Emanuelas Worten wie
+vom Blitz getroffen, schwankte Julia fort. Eben wollten die Nonnen zur
+Nachtzeit sich versammeln, um die Hora zu singen, als ein dicker Qualm
+schnell die ganze Kirche erfüllte. Bald darauf drangen die Flammen
+zischend und prasselnd durch die Wände des Nebengebäudes und erfaßten
+das Kloster. Mit Mühe gelang es den Nonnen ihr Leben zu retten,
+Trompeten und Hörner schmetterten durch das Lager, aus dem ersten
+Schlaf taumelten die Soldaten auf; man sah den Feldherrn Aguillar mit
+versengtem Haar, mit halbverbrannten Kleidern aus dem Kloster stürzen,
+er hatte Julia, die man vermißte, vergebens zu retten gesucht, keine
+Spur von ihr war zu finden. Fruchtlos blieb der Kampf gegen das Feuer,
+das von dem Sturm, der sich erhoben, angefacht, immer mehr um sich
+griff: in kurzer Zeit lag Isabellens ganzes reiches herrliches Lager
+in Asche. Die Mauren im Vertrauen, daß der Christen Unglück ihnen
+Sieg bringen würde, wagten mit einer bedeutenden Macht einen Ausfall,
+glänzender war aber für die Waffen der Spanier nie ein Kampf gewesen,
+als eben dieser, und als sie unter dem jauchzenden Schall der
+Trompeten sieggekrönt in ihre Verschanzungen zurückzogen, da bestieg
+die Königin Isabella den Thron, den man im Freien errichtet hatte
+und verordnete, daß an der Stelle des abgebrannten Lagers eine Stadt
+gebaut werde! Zeigen sollte dies den Mauren in Granada, daß niemals
+die Belagerung aufgehoben werden würde.
+
+Der Kapellmeister. Dürfte man sich nur mit geistlichen Dingen auf das
+Theater wagen, hat man nicht schon seine Not mit dem lieben Publikum,
+wenn man hie und da ein bißchen Choral anbringt. Sonst wär die Julia
+gar keine üble Partie. Denkt Euch den doppelten Stil, in welchem sie
+glänzen kann, erst die Romanzen, dann die Kirchengesänge. Einige
+allerliebste spanische und mohrische Lieder hab ich bereits fertig,
+auch ist der Sieges-Marsch der Spanier gar nicht übel, so wie ich
+das Gebot der Königin melodramatisch zu behandeln willens bin, wie
+indessen das Ganze sich zusammenfügen soll, das weiß der Himmel! -
+Aber erzählt weiter, kommen wir wieder auf Julia, die hoffentlich
+nicht verbrannt sein wird.
+
+Der Enthusiast. Denkt Euch, liebster Kapellmeister, daß jene Stadt,
+die die Spanier in einundzwanzig Tagen aufbauten und mit Mauern
+umgaben, eben das heute noch stehende Santa Fé ist. Doch indem ich
+das Wort so unmittelbar an Euch richte, falle ich aus dem feierlichen
+Ton, der allein sich zu dem feierlichen Stoffe paßt. Ich wollte Ihr
+spieltet eins von Palestrinas Responsorien, die dort auf dem Pult des
+Fortepianos aufgeschlagen liegen.
+
+Der Kapellmeister tat es und hierauf fuhr der reisende Enthusiast
+fort:
+
+Die Mauren unterließen nicht, die Spanier während des Aufbaues ihrer
+Stadt auf mannigfache Weise zu beunruhigen, die Verzweiflung trieb
+sie zur verwegensten Kühnheit und so wurden die Gefechte ernster
+als jemals. Aguillar hatte einst ein maurisches Geschwader, das
+die spanischen Vorwachen überfallen, bis in die Mauern von Granada
+zurückgetrieben. Er kehrte mit seinen Reitern zurück, und hielt unfern
+den ersten Verschanzungen bei einem Myrtenwäldchen, sein Gefolge
+fortschickend, um so ernstem Gedanken und wehmütiger Erinnerung sich
+mit ganzem Gemüt hingeben zu können. Julias Bild stand lebendig vor
+seines Geistes Augen. Schon während des Gefechts hörte er ihre Stimme
+bald drohend bald klagend ertönen und auch jetzt war es ihm als
+säusle ein seltsamer Gesang, halb mohrisches Lied halb christlicher
+Kirchengesang, durch die dunklen Myrten. Da rauschte plötzlich
+ein mohrischer Ritter im silbernen Schuppenharnisch auf leichtem
+arabischen Pferde aus dem Walde hervor und gleich sauste auch der
+geworfene Speer dicht bei Aguillars Haupt vorbei. Er wollte mit
+gezogenem Schwert auf den Feind losstürzen, als der zweite Speer flog
+und seinem Pferde tief in der Brust stecken blieb, daß es sich vor Wut
+und Schmerz hoch emporbäumte und Aguillar sich schnell von der Seite
+herabschwingen mußte, um schwerem Falle nicht zu erliegen. Der Mohr
+war herangesprengt und hieb herab mit der Sichelklinge nach Aguillars
+entblößtem Haupt. Aber geschickt parierte Aguillar den Todesstreich
+und hieb so gewaltig nach, daß der Mohr sich nur rettete, indem er
+tief vom Pferde niedertauchte. In demselben Augenblick drängte sich
+des Mohren Pferd dicht an Aguillar, so daß er keinen zweiten Hieb
+führen konnte, der Mohr riß seinen Dolch hervor, aber noch ehe er
+zustoßen konnte, hatte ihn Aguillar mit Riesenstärke erfaßt, vom
+Pferde heruntergezogen und ringend zu Boden geworfen. Er kniete auf
+des Mohren Brust und indem er mit der linken Faust des Mohren rechten
+Arm so gewaltig gepackt hatte, daß er regungslos blieb, zog er
+seinen Dolch. Schon hatte er den Arm erhoben, um des Mohren Kehle zu
+durchstoßen, als dieser tief aufseufzte: »Zulema!« - Zur Bildsäule
+erstarrt vermochte Aguillar nicht die Tat zu vollenden. »Unseliger«,
+rief er, »welch einen Namen nanntest du?« - »Stoße zu«, stöhnte der
+Mohr, »stoße zu, du tötest den, der dir Tod und Verderben geschworen
+hat. Ja! wisse, verräterischer Christ, wisse, daß es Hichem der letzte
+des Stammes Alhamar ist, dem du Zulema raubtest! - Wisse, daß jener
+zerlumpte Bettler, der mit den Gebärden des Wahnsinns in eurem
+Lager umherschlich, Hichem war, wisse daß es mir gelang, das
+dunkle Gefängnis, in dem ihr Verruchte das Licht meiner Gedanken
+eingeschlossen, anzuzünden, und Zulema zu retten.« »Zulema -Julia
+lebt?« rief Aguillar. Da lachte Hichem gellend auf im grausigen Hohn:
+»Ja sie lebt, aber Euer blutiges dornengekröntes Götzenbild hat mit
+fluchwürdigem Zauber sie befangen und die duftende glühende Blume des
+Lebens eingehüllt in die Leichentücher der wahnsinnigen Weiber, die
+Ihr Bräute Eures Götzen nennt. Wisse, daß Ton und Gesang in ihrer
+Brust wie angeweht vom giftigen Hauch des Samums erstorben ist. Dahin
+ist alle Lust des Lebens mit Zulemas süßen Liedern, darum töte mich
+- töte mich, da ich nicht Rache zu nehmen vermag an dir, der du mir
+schon mehr als mein Leben entrissest.« Aguillar ließ ab von Hichem und
+erhob sich, sein Schwert von dem Boden aufnehmend langsam. »Hichem«,
+sprach er: »Zulema, die in heiliger Taufe den Namen Julia empfing,
+wurde meine Gefangene im ehrlichen offenen Kampf. Erleuchtet von
+der Gnade des Herrn, entsagte sie Mahoms schnödem Dienst und was du
+verblendeter Mohr bösen Zauber eines Götzenbildes nennst, war nur die
+Versuchung des Bösen, dem sie nicht zu widerstehen vermochte. Nennst
+du Zulema deine Geliebte, so sei Julia, die zum Glauben Bekehrte,
+die Dame meiner Gedanken, und _sie_ im Herzen, zur Glorie des wahren
+Glaubens will ich gegen dich bestehen im wackern Kampf. Nimm deine
+Waffen und falle gegen mich aus wie du willst nach deiner Sitte.«
+Schnell ergriff Hichem Schwert und Tartsche, aber auf Aguillar
+losrennend, wankte er laut aufbrüllend zurück, warf sich auf das
+Pferd, das neben ihm stehen geblieben und sprengte gestreckten Galopps
+davon. Aguillar wußte nicht was das zu bedeuten haben könnte, aber in
+dem Augenblick stand der ehrwürdige Greis Agostino Sanchez hinter ihm
+und sprach sanft lächelnd: »Fürchtet Hichem mich oder den Herrn, der
+in mir wohnt und dessen Liebe er verschmäht?« Aguillar erzählte alles
+was er von Julia vernommen und beide erinnerten sich nun wohl an
+die prophetischen Worte Emanuelas, als Julia verlockt von Hichems
+Zithertönen alle Andacht im Innern ertötend, den Chor während des
+Sanctus verließ.
+
+Der Kapellmeister. Ich denke an keine Oper mehr, aber das Gefecht
+zwischen dem Mohren Hichem im Schuppenharnisch und dem Feldherrn
+Aguillar ging mir auf in Musik. - Hol es der Teufel! - wie kann
+man nun besser gegeneinander ausfallen lassen als es Mozart im Don
+Giovanni getan hat. Ihr wißt doch - in der ersten -
+
+Der reisende Enthusiast. Still Kapellmeister! Ich werde nun meiner
+schon zu langen Erzählung den letzten Ruck geben. Noch allerlei kommt
+vor, und es ist nötig die Gedanken zusammenzuhalten, um so mehr, da
+ich immer dabei an Bettina denke, welches mich nicht wenig verwirrt.
+Vorzüglich möcht ich gar nicht, daß sie jemals etwas von meiner
+spanischen Geschichte erführe und doch ist es mir so, als wenn sie
+dort an jener Türe lauschte, welches natürlicherweise pure Einbildung
+sein muß. Also weiter.
+
+Immer und immer geschlagen in allen Gefechten, von der
+täglich-stündlich zunehmenden Hungersnot gedrückt, sahen sich die
+Mauren endlich genötigt, zu kapitulieren und im festlichen Gepränge
+unter dem Donner des Geschützes zogen Ferdinand und Isabella in
+Granada ein. Priester hatten die große Moschee eingeweiht zur
+Kathedrale und dorthin ging der Zug, um in andächtiger Messe, im
+feierlichen Te deum laudamus dem Herrn der Heerscharen zu danken für
+den glorreichen Sieg über die Diener Mahoms, des falschen Propheten.
+Man kannte die nur mühsam unterdrückte, immer neu aufgeifernde Wut der
+Mohren und daher deckten Truppenabteilungen, die durch entferntere
+Straßen schlagfertig zogen, die durch die Hauptstraße sich bewegende
+Prozession. So geschah es, daß Aguillar an der Spitze einer Abteilung
+Fußvolks eben auf entfernterem Wege sich nach der Kathedrale, wo das
+Amt schon begonnen, begeben wollte, als er sich plötzlich durch einen
+Pfeilschuß an der linken Schulter verwundet fühlte. In demselben
+Augenblick stürzte ein Haufen Mohren aus einem dunklen Bogengange
+hervor, und überfiel die Christen mit verzweifelnder Wut. Hichem an
+der Spitze rannte gegen Aguillar an, dieser nur leicht verletzt, kaum
+den Schmerz der Wunde fühlend, parierte geschickt den gewaltigen Hieb
+und in demselben Augenblick lag auch Hichem mit gespaltenem Kopf zu
+seinen Füßen. Die Spanier drangen wütend ein auf die verräterischen
+Mohren, die bald heulend flohen und sich in ein steinernes Haus
+warfen, dessen Tor sie schnell verschlossen. Die Spanier stürmten
+heran, aber da regnete es Pfeile aus den Fenstern, Aguillar befahl
+Feuerbrände hineinzuwerfen. Schon loderten die Flammen aus dem Dache
+hoch auf, als durch den Donner des Geschützes eine wunderbare Stimme
+aus dem brennenden Gebäude erklang: »Sanctus - Sanctus Dominus deus
+Sabaoth.« - »Julia - Julia!« rief Aguillar in trostlosem Schmerz, da
+öffneten sich die Pforten, und Julia im Gewande der Benediktiner-Nonne
+trat hervor mit starker Stimme singend: »Sanctus - Sanctus dominus
+deus Sabaoth«, hinter ihr zogen die Mohren in gebeugter Stellung die
+Hände auf der Brust zum Kreuz verschränkt. Erstaunt wichen die Spanier
+zurück und durch ihre Reihen zog Julia mit den Mohren nach der
+Kathedrale - hineintretend intonierte sie das: »Benedictus qui venit
+in nomine domini.« Unwillkürlich, als komme die Heilige vom Himmel
+gesendet, Heiliges zu verkünden den Gesegneten des Herrn, beugte das
+Volk die Knie. Festen Schrittes, den verklärten Blick gen Himmel
+gerichtet, trat Julia vor den Hochaltar zwischen Ferdinand und
+Isabellen, das Amt singend und die heiligen Gebräuche mit inbrünstiger
+Andacht übend. Bei den letzten Lauten des: »Dona nobis pacem«, sank
+Julia entseelt der Königin in die Arme. Alle Mohren, die ihr gefolgt,
+empfingen, zum Glauben bekehrt, selbigen Tages die heilige Taufe.
+
+So hatte der Enthusiast seine Geschichte geendet, als der Doktor mit
+vielem Geräusch eintrat, heftig mit dem Stock auf die Erde stieß
+und zornig schrie: »Da sitzen sie noch und erzählen sich tolle
+fantastische Geschichten ohne Rücksicht auf Nachbarschaft und machen
+die Leute kränker.« - »Was ist denn nun wieder geschehen, mein
+Wertester«, sprach der Kapellmeister ganz erschrocken. »Ich weiß es
+recht gut«, fiel der Enthusiast ganz gelassen ein. »Nichts mehr und
+nichts weniger, als daß Bettina uns stark reden gehört hat, dort
+ins Kabinett gegangen ist und alles weiß.« - »Das habt Ihr nun«,
+sprudelte der Doktor, »von Euren verdammten lügenhaften Geschichten,
+wahnsinniger Enthusiast, daß Ihr reizbare Gemüter vergiftet -
+ruiniert, mit Eurem tollen Zeuge; aber ich werde Euch das Handwerk
+legen.« - »Herrlicher Doktor!« unterbrach der Enthusiast den Zornigen,
+»ereifert Euch nicht und bedenkt, daß Bettinas psychische Krankheit
+psychische Mittel erfordert und daß vielleicht meine Geschichte« -
+»Still still«, fiel der Doktor ganz gelassen ein, »ich weiß schon,
+was Ihr sagen wollt.« - »Zu einer Oper taugt es nicht, aber sonst
+gab es darin einige sonderbar klingende Akkorde.« So murmelte der
+Kapellmeister, indem er den Hut ergriff und den Freunden folgte.
+
+Als drei Monat darauf der reisende Enthusiast der gesundeten Bettina,
+die mit herrlicher Glocken-Stimme Pergoleses Stabat mater (jedoch
+nicht in der Kirche, sondern im mäßig großen Zimmer) gesungen hatte,
+voll Freude und andächtigen Entzückens die Hand küßte, sprach
+sie: »Ein Hexenmeister sind Sie gerade nicht, aber zuweilen
+etwas widerhaarigter Natur«, »wie alle Enthusiasten«, setzte der
+Kapellmeister hinzu.
+
+
+
+Zweiter Teil
+
+
+
+Das öde Haus
+
+Man war darüber einig, daß die wirklichen Erscheinungen im Leben oft
+viel wunderbarer sich gestalten, als alles, was die regste Fantasie
+zu erfinden trachte. »Ich meine«, sprach Lelio, »daß die Geschichte
+davon hinlänglichen Beweis gibt und daß eben deshalb die sogenannten
+historischen Romane, worin der Verfasser, in seinem müßigen Gehirn
+bei ärmlichem Feuer ausgebrütete Kindereien, den Taten der ewigen,
+im Universum wartenden Macht beizugesellen sich unterfängt, so
+abgeschmackt und widerlich sind.« - »Es ist«, nahm Franz das Wort,
+»die tiefe Wahrheit der unerforschlichen Geheimnisse, von denen wir
+umgeben, welche uns mit einer Gewalt ergreift, an der wir den über uns
+herrschenden, uns selbst bedingenden Geist erkennen.« - »Ach!« fuhr
+Lelio fort, »die Erkenntnis, von der du sprichst! - Ach das ist ja
+eben die entsetzlichste Folge unserer Entartung nach dem Sündenfall,
+daß diese Erkenntnis uns fehlt!« - »Viele«, unterbrach Franz den
+Freund, »viele sind berufen und wenige auserwählt! Glaubst du denn
+nicht, daß das Erkennen, das beinahe noch schönere Ahnen der Wunder
+unseres Lebens manchem verliehen ist, wie ein besonderer Sinn? Um
+nur gleich aus der dunklen Region, in die wir uns verlieren könnten,
+heraufzuspringen in den heitren Augenblick, werf ich euch das skurrile
+Gleichnis hin, daß Menschen, denen die Sehergabe [gegeben], das
+Wunderbare zu schauen, mir wohl wie die Fledermäuse bedünken wollen,
+an denen der gelehrte Anatom Spalanzani einen vortrefflichen sechsten
+Sinn entdeckte, der als schalkhafter Stellvertreter nicht allein
+alles, sondern viel mehr ausrichtet, als alle übrige Sinne
+zusammengenommen.« - »Ho ho«, rief Franz lächelnd, »so wären denn die
+Fledermäuse eigentlich recht die gebornen natürlichen Somnambulen!
+Doch in dem heitern Augenblick, dessen du gedachtest, will ich Posto
+fassen und bemerken, daß jener sechste bewundrungswürdige Sinn vermag
+an jeder Erscheinung, sei es Person, Tat oder Begebenheit, sogleich
+dasjenige Exzentrische zu schauen, zu dem wir in unserm gewöhnlichen
+Leben keine Gleichung finden und es daher wunderbar nennen. Was ist
+denn aber gewöhnliches Leben? - Ach das Drehen in dem engen Kreise,
+an den unsere Nase überall stößt, und doch will man wohl Courbetten
+versuchen im taktmäßigen Paßgang des Alltagsgeschäfts. Ich kenne
+jemanden, dem jene Sehergabe, von der wir sprechen, ganz vorzüglich
+eigen scheint. Daher kommt es, daß er oft unbekannten Menschen, die
+irgend etwas Verwunderliches in Gang, Kleidung, Ton, Blick haben,
+tagelang nachläuft, daß er über eine Begebenheit, über eine Tat,
+leichthin erzählt, keiner Beachtung wert und von niemanden beachtet,
+tiefsinnig wird, daß er antipodische Dinge zusammenstellt und
+Beziehungen herausfantasiert, an die niemand denkt.« Lelio rief laut:
+»Halt, halt, das ist ja unser Theodor, der ganz was Besonderes im
+Kopfe zu haben scheint, da er mit solch seltsamen Blicken in das
+Blaue herausschaut.« - »In der Tat«, fing Theodor an, der so lange
+geschwiegen, »in der Tat, waren meine Blicke seltsam, solang darin
+der Reflex des wahrhaft Seltsamen, das ich im Geiste schaute. Die
+Erinnerung eines unlängst erlebten Abenteuers« - »O erzähle, erzähle«,
+unterbrachen ihn die Freunde. »Erzählen«, fuhr Theodor fort, »möcht
+ich wohl, doch muß ich zuvörderst dir, lieber Lelio, sagen, daß du
+die Beispiele, die meine Sehergabe dartun sollten, ziemlich schlecht
+wähltest. Aus Eberhards Synonymik mußt du wissen, daß _wunderlich_ alle
+Äußerungen der Erkenntnis und des Begehrens genannt werden, die sich
+durch keinen vernünftigen Grund rechtfertigen lassen, _wunderbar_ aber
+dasjenige heißt, was man für unmöglich, für unbegreiflich hält, was
+die bekannten Kräfte der Natur zu übersteigen, oder wie ich hinzufüge,
+ihrem gewöhnlichen Gange entgegen zu sein scheint. Daraus wirst du
+entnehmen, daß du vorhin rücksichts meiner angeblichen Sehergabe das
+Wunderliche mit dem Wunderbaren verwechseltest. Aber gewiß ist es, daß
+das anscheinend Wunderliche aus dem Wunderbaren sproßt, und daß wir
+nur oft den wunderbaren Stamm nicht sehen, aus dem die wunderlichen
+Zweige mit Blättern und Blüten hervorsprossen. In dem Abenteuer, das
+ich euch mitteilen will, mischt sich beides, das Wunderliche und
+Wunderbare, auf, wie mich dünkt, recht schauerliche Weise.« Mit diesen
+Worten zog Theodor sein Taschenbuch hervor, worin er, wie die Freunde
+wußten, allerlei Notizen von seiner Reise her eingetragen hatte,
+und erzählte, dann und wann in dies Buch hineinblickend, folgende
+Begebenheit, die der weiteren Mitteilung nicht unwert scheint.
+
+»Ihr wißt« (so fing Theodor an), »daß ich den ganzen vorigen Sommer
+in ***n zubrachte. Die Menge alter Freunde und Bekannten, die ich
+vorfand, das freie gemütliche Leben, die mannigfachen Anregungen der
+Kunst und der Wissenschaft, das alles hielt mich fest. Nie war ich
+heitrer, und meiner alten Neigung, oft allein durch die Straßen
+zu wandeln, und mich an jedem ausgehängten Kupferstich, an jedem
+Anschlagzettel zu ergötzen, oder die mir begegnenden Gestalten zu
+betrachten, ja wohl manchem in Gedanken das Horoskop zu stellen, hing
+ich hier mit Leidenschaft nach, da nicht allein der Reichtum der
+ausgestellten Werke der Kunst und des Luxus, sondern der Anblick der
+vielen herrlichen Prachtgebäude unwiderstehlich mich dazu antrieb. Die
+mit Gebäuden jener Art eingeschlossene Allee, welche nach dem ***ger
+Tore führt, ist der Sammelplatz des höheren, durch Stand oder Reichtum
+zum üppigeren Lebensgenuß berechtigten Publikums. In dem Erdgeschoß
+der hohen breiten Paläste werden meistenteils Waren des Luxus
+feilgeboten, indes in den obern Stockwerken Leute der beschriebenen
+Klasse hausen. Die vornehmsten Gasthäuser liegen in dieser Straße,
+die fremden Gesandten wohnen meistens darin, und so könnt ihr denken,
+daß hier ein besonderes Leben und Regen mehr als in irgend einem
+andern Teile der Residenz stattfinden muß, die sich eben auch hier
+volkreicher zeigt, als sie es wirklich ist. Das Zudrängen nach diesem
+Orte macht es, daß mancher sich mit einer kleineren Wohnung, als sein
+Bedürfnis eigentlich erfordert, begnügt, und so kommt es, daß manches
+von mehreren Familien bewohnte Haus einem Bienenkorbe gleicht. Schon
+oft war ich die Allee durchwandelt, als mir eines Tages plötzlich ein
+Haus ins Auge fiel, das auf ganz wunderliche seltsame Weise von allen
+übrigen abstach. Denkt euch ein niedriges, vier Fenster breites, von
+zwei hohen schönen Gebäuden eingeklemmtes Haus, dessen Stock über dem
+Erdgeschoß nur wenig über die Fenster im Erdgeschoß des nachbarlichen
+Hauses hervorragt, dessen schlecht verwahrtes Dach, dessen zum Teil
+mit Papier verklebte Fenster, dessen farblose Mauern von gänzlicher
+Verwahrlosung des Eigentümers zeugen. Denkt euch, wie solch ein Haus
+zwischen mit geschmackvollem Luxus ausstaffierten Prachtgebäuden sich
+ausnehmen muß. Ich blieb stehen und bemerkte bei näherer Betrachtung,
+daß alle Fenster dicht verzogen waren, ja daß vor die Fenster des
+Erdgeschosses eine Mauer aufgeführt schien, daß die gewöhnliche Glocke
+an dem Torwege, der, an der Seite angebracht, zugleich zur Haustüre
+diente, fehlte, und daß an dem Torwege selbst nirgends ein Schloß, ein
+Drücker zu entdecken war. Ich wurde überzeugt, daß dieses Haus ganz
+unbewohnt sein müsse, da ich niemals, niemals, so oft und zu welcher
+Tageszeit ich auch vorübergehen mochte, auch nur die Spur eines
+menschlichen Wesens darin wahrnahm. Ein unbewohntes Haus in dieser
+Gegend der Stadt! Eine wunderliche Erscheinung und doch findet das
+Ding vielleicht darin seinen natürlichen einfachen Grund, daß der
+Besitzer auf einer lange dauernden Reise begriffen oder auf fernen
+Gütern hausend, dies Grundstück weder vermieten noch veräußern mag,
+um, nach ***n zurückkehrend, augenblicklich seine Wohnung dort
+aufschlagen zu können. - So dacht ich, und doch weiß ich selbst nicht
+wie es kam, daß bei dem öden Hause vorüberschreitend ich jedesmal wie
+festgebannt stehen bleiben und mich in ganz verwunderliche Gedanken
+nicht sowohl vertiefen, als verstricken mußte. - Ihr wißt es ja alle,
+ihr wackern Kumpane meines fröhlichen Jugendlebens, ihr wißt es ja
+alle, wie ich mich von jeher als Geisterseher gebärdete und wie mir
+nur einer wunderbaren Welt seltsame Erscheinungen ins Leben treten
+wollten, die ihr mit derbem Verstande wegzuleugnen wußtet! - Nun!
+zieht nur eure schlauen spitzfündigen Gesichter, wie ihr wollt, gern
+zugestehen darf ich ja, daß ich oft mich selbst recht arg mystifiziert
+habe, und daß mit dem öden Hause sich dasselbe ereignen zu wollen
+schien, aber - am Ende kommt die Moral, die euch zu Boden schlägt,
+horcht nur auf! - Zur Sache! - Eines Tages und zwar in der Stunde,
+wenn der gute Ton gebietet, in der Allee auf und ab zu gehen, stehe
+ich, wie gewöhnlich, in tiefen Gedanken hinstarrend vor dem öden
+Hause. Plötzlich bemerke ich, ohne gerade hinzusehen, daß jemand neben
+mir sich hingestellt und den Blick auf mich gerichtet hatte. Es ist
+Graf P., der sich schon in vieler Hinsicht als mir geistesverwandt
+kundgetan hat, und sogleich ist mir nichts gewisser, als daß auch ihm
+das Geheimnisvolle des Hauses aufgegangen war. Um so mehr fiel es mir
+auf, daß, als ich von dem seltsamen Eindruck sprach, den dies verödete
+Gebäude hier in der belebtesten Gegend der Residenz auf mich gemacht
+hatte, er sehr ironisch lächelte, bald war aber alles erklärt.
+Graf P. war viel weiter gegangen als ich, aus manchen Bemerkungen,
+Kombinationen etc. hatte er die Bewandtnis herausgefunden, die es mit
+dem Hause hatte, und eben diese Bewandtnis lief auf eine solche ganz
+seltsame Geschichte heraus, die nur die lebendigste Fantasie des
+Dichters ins Leben treten lassen konnte. Es wäre wohl recht, daß ich
+euch die Geschichte des Grafen, die ich noch klar und deutlich im Sinn
+habe, mitteilte, doch schon jetzt fühle ich mich durch das, was sich
+wirklich mit mir zutrug, so gespannt, daß ich unaufhaltsam fortfahren
+muß. Wie war aber dem guten Grafen zu Mute, als er mit der Geschichte
+fertig, erfuhr, daß das verödete Haus nichts anders enthalte, als die
+Zuckerbäckerei des Konditors, dessen prachtvoll eingerichteter Laden
+dicht anstieß. Daher waren die Fenster des Erdgeschosses, wo die Öfen
+eingerichtet, vermauert und die zum Aufbewahren des Gebacknen im
+obern Stock bestimmten Zimmer mit dicken Vorhängen gegen Sonne und
+Ungeziefer verwahrt. Ich erfuhr, als der Graf mir dies mitteilte, so
+wie er, die Wirkung des Sturzbades, oder es zupfte wenigstens der
+allem Poetischen feindliche Dämon den Süßträumenden empfindlich und
+schmerzhaft bei der Nase. - Unerachtet der prosaischen Aufklärung
+mußte ich doch noch immer vorübergehend nach dem öden Hause
+hinschauen, und noch immer gingen im leisen Frösteln, das mir durch
+die Glieder bebte, allerlei seltsame Gebilde von dem auf, was
+dort verschlossen. Durchaus konnte ich mich nicht an den Gedanken
+der Zuckerbäckerei, des Marzipans, der Bonbons, der Torten, der
+eingemachten Früchte usw. gewöhnen. Eine seltsame Ideen-Kombination
+ließ mir das alles erscheinen wie süßes beschwichtigendes Zureden.
+Ungefähr: >Erschrecken Sie nicht, Bester! wir alle sind liebe süße
+Kinderchen, aber der Donner wird gleich ein bißchen einschlagen.< Dann
+dachte ich wieder: >Bist du nicht ein recht wahnsinniger Tor, daß du
+das Gewöhnlichste in das Wunderbare zu ziehen trachtest, schelten
+deine Freunde dich nicht mit Recht einen überspannten Geisterseher?<
+- Das Haus blieb, wie es bei der angeblichen Bestimmung auch nicht
+anders sein konnte, immer unverändert, und so geschah es, daß
+mein Blick sich daran gewöhnte, und die tollen Gebilde, die sonst
+ordentlich aus den Mauern hervorzuschweben schienen, allmählig
+verschwanden. Ein Zufall weckte alles, was eingeschlummert, wieder
+auf. - Daß, unerachtet ich mich, so gut es gehen wollte, ins
+Alltägliche gefügt hatte, ich doch nicht unterließ, das fabelhafte
+Haus im Auge zu behalten, das könnt ihr euch bei meiner Sinnesart, die
+nun einmal mit frommer ritterlicher Treue am Wunderbaren festhält,
+wohl denken.
+
+So geschah es, daß ich eines Tages, als ich wie gewöhnlich zur
+Mittagsstunde in der Allee lustwandelte meinen Blick auf die
+verhängten Fenster des öden Hauses richtete. Da bemerkte ich, daß die
+Gardine an dem letzten Fenster dicht neben dem Konditorladen sich zu
+bewegen begann. Eine Hand, ein Arm kam zum Vorschein. Ich riß meinen
+Operngucker heraus und gewahrte nun deutlich die blendend weiße,
+schön geformte Hand eines Frauenzimmers, an deren kleinem Finger ein
+Brillant mit ungewöhnlichem Feuer funkelte, ein reiches Band blitzte
+an dem in üppiger Schönheit geründeten Arm. Die Hand setzte eine
+hohe seltsam geformte Kristallflasche hin auf die Fensterbank und
+verschwand hinter dem Vorhange. Erstarrt blieb ich stehen, ein
+sonderbar bänglich wonniges Gefühl durchströmte mit elektrischer Wärme
+mein Inneres, unverwandt blickte ich herauf nach dem verhängnisvollen
+Fenster, und wohl mag ein sehnsuchtsvoller Seufzer meiner Brust
+entflohen sein. Ich wurde endlich wach und fand mich umringt von
+vielen Menschen allerlei Standes, die so wie ich mit neugierigen
+Gesichtern heraufguckten. Das verdroß mich, aber gleich fiel mir ein,
+daß jedes Hauptstadtvolk jenem gleiche, das zahllos vor dem Hause
+versammelt, nicht zu gaffen und sich darüber zu verwundern aufhören
+konnte, daß eine Schlafmütze aus dem sechsten Stock herabgestürzt,
+ohne eine Masche zu zerreißen. - Ich schlich mich leise fort, und der
+prosaische Dämon flüsterte mir sehr vernehmlich in die Ohren, daß
+soeben die reiche, sonntäglich geschmückte Konditorsfrau eine geleerte
+Flasche feinen Rosenwassers o. s. auf die Fensterbank gestellt. -
+Seltner Fall! - mir kam urplötzlich ein sehr gescheuter Gedanke. - Ich
+kehrte um und geradezu ein, in den leuchtenden Spiegelladen des dem
+öden Hause nachbarlichen Konditors. - Mit kühlendem Atem den heißen
+Schaum von der Schokolade wegblasend, fing ich leicht hingeworfen an:
+>In der Tat, Sie haben da nebenbei Ihre Anstalt sehr schön erweitert.<
+Der Konditor warf noch schnell ein paar bunte Bonbons in die
+Viertel-Tüte, und diese dem lieblichen Mädchen, das darnach verlangte,
+hinreichend, lehnte er sich mit aufgestemmtem Arm weit über den
+Ladentisch herüber und schaute mich mit solch lächelnd fragendem Blick
+an, als habe er mich gar nicht verstanden. Ich wiederholte, daß er
+sehr zweckmäßig in dem benachbarten Hause seine Bäckerei angelegt,
+wiewohl das dadurch verödete Gebäude in der lebendigen Reihe der
+übrigen düster und traurig absteche. >Ei mein Herr!< fing nun der
+Konditor an, >wer hat Ihnen denn gesagt, daß das Haus nebenan uns
+gehört? - Leider blieb jeder Versuch es zu akquirieren vergebens, und
+am Ende mag es auch gut sein, denn mit dem Hause nebenan hat es eine
+eigne Bewandtnis.< - Ihr, meine treuen Freunde, könnt wohl denken,
+wie mich des Konditors Antwort spannte, und wie sehr ich ihn bat,
+mir mehr von dem Hause zu sagen. >Ja, mein Herr!< sprach er, >recht
+Sonderliches weiß ich selbst nicht davon, so viel ist aber gewiß,
+daß das Haus der Gräfin von S. gehört, die auf ihren Gütern lebt und
+seit vielen Jahren nicht in ***n gewesen ist. Als noch keins der
+Prachtgebäude existierte, die jetzt unsere Straße zieren, stand dies
+Haus, wie man mir erzählt hat, schon in seiner jetzigen Gestalt da,
+und seit der Zeit wurd es nur gerade vor dem gänzlichen Verfall
+gesichert. Nur zwei lebendige Wesen hausen darin, ein steinalter
+menschenfeindlicher Hausverwalter und ein grämlicher lebenssatter
+Hund, der zuweilen auf dem Hinterhofe den Mond anheult. Nach der
+allgemeinen Sage soll es in dem öden Gebäude häßlich spuken, und in
+der Tat, mein Bruder (der Besitzer des Ladens) und ich, wir beide
+haben in der Stille der Nacht, vorzüglich zur Weihnachtszeit, wenn uns
+unser Geschäft hier im Laden wach erhielt, oft seltsame Klagelaute
+vernommen, die offenbar sich hier hinter der Mauer im Nebenhause
+erhoben. Und dann fing es an so häßlich zu scharren und zu rumoren,
+daß uns beiden ganz graulich zumute wurde. Auch ist es nicht lange
+her, daß sich zur Nachtzeit ein solch sonderbarer Gesang hören ließ,
+den ich Ihnen nun gar nicht beschreiben kann. Es war offenbar die
+Stimme eines alten Weibes, die wir vernahmen, aber die Töne waren so
+gellend klar, und liefen in bunten Kadenzen und langen schneidenden
+Trillern so hoch hinauf, wie ich es, unerachtet ich doch in Italien,
+Frankreich und Deutschland so viel Sängerinnen gekannt, noch nie
+gehört habe. Mir war so, als würden französische Worte gesungen, doch
+konnt ich das nicht genau unterscheiden, und überhaupt das tolle
+gespenstige Singen nicht lange anhören, denn mir standen die Haare zu
+Berge. Zuweilen, wenn das Geräusch auf der Straße nachläßt, hören wir
+auch in der hintern Stube tiefe Seufzer, und dann ein dumpfes Lachen,
+das aus dem Boden hervor zu dröhnen scheint, aber das Ohr an die Wand
+gelegt, vernimmt man bald, daß es eben auch im Hause nebenan so seufzt
+und lacht. - Bemerken Sie< - (er führte mich in das hintere Zimmer und
+zeigte durchs Fenster), >bemerken Sie jene eiserne Röhre, die aus der
+Mauer hervorragt, die raucht zuweilen so stark, selbst im Sommer,
+wenn doch gar nicht geheizt wird, daß mein Bruder schon oft wegen
+Feuersgefahr mit dem alten Hausverwalter gezankt hat, der sich aber
+damit entschuldigt, daß er sein Essen koche, was der aber essen mag,
+das weiß der Himmel, denn oft verbreitet sich, eben wenn jene Röhre
+recht stark raucht, ein sonderbarer ganz eigentümlicher Geruch.< - Die
+Glastüre des Ladens knarrte, der Konditor eilte hinein und warf mir,
+nach der hineingetretenen Figur hinnickend, einen bedeutenden Blick
+zu. - Ich verstand ihn vollkommen. Konnte denn die sonderbare Gestalt
+jemand anders sein als der Verwalter des geheimnisvollen Hauses? -
+Denkt euch einen kleinen dürren Mann mit einem mumienfarbnen Gesichte,
+spitzer Nase, zusammengekniffenen Lippen, grün funkelnden Katzenaugen,
+stetem wahnsinnigem Lächeln, altmodig mit aufgetürmtem Toupet und
+Klebelöckchen frisiertem stark gepudertem Haar, großem Haarbeutel,
+Postillion d'Amour, kaffeebraunem altem verbleichtem, doch
+wohlgeschontem, gebürstetem Kleide, grauen Strümpfen, großen
+abgestumpften Schuhen mit Steinschnällchen. Denkt euch, daß diese
+kleine dürre Figur doch, vorzüglich was die übergroßen Fäuste mit
+langen starken Fingern betrifft, robust geformt ist, und kräftig
+nach dem Ladentisch hinschreitet, dann aber stets lächelnd und starr
+hinausschauend nach den in Kristallgläsern aufbewahrten Süßigkeiten
+mit ohnmächtiger klagender Stimme herausweint: >Ein paar eingemachte
+Pomeranzen - ein paar Makronen - ein paar Zuckerkastanien etc.< Denkt
+euch das und urteilt selbst, ob hier Grund war, Seltsames zu ahnen
+oder nicht. Der Konditor suchte alles, was der Alte gefordert,
+zusammen. >Wiegen Sie, wiegen Sie, verehrter Herr Nachbar<, jammerte
+der seltsame Mann, holte ächzend und keuchend einen kleinen ledernen
+Beutel aus der Tasche, und suchte mühsam Geld hervor. Ich bemerkte,
+daß das Geld, als er es auf den Ladentisch aufzählte, aus
+verschiedenen alten zum Teil schon ganz aus dem gewöhnlichen Kurs
+gekommenen Münzsorten bestand. Er tat dabei sehr kläglich und
+murmelte: >Süß - süß - süß soll nun alles sein - süß meinethalben;
+der Satan schmiert seiner Braut Honig ums Maul - puren Honig.< Der
+Konditor schaute mich lachend an, und sprach dann zu dem Alten: >Sie
+scheinen nicht recht wohl zu sein, ja, ja das Alter, das Alter, die
+Kräfte nehmen ab immer mehr und mehr.< Ohne die Miene zu ändern rief
+der Alte mit erhöhter Stimme: >Alter? - Alter? - Kräfte abnehmen?
+Schwach - matt werden! Ho ho - ho ho - ho ho!< Und damit schlug er
+die Fäuste zusammen, daß die Gelenke knackten und sprang, in der Luft
+ebenso gewaltig die Füße zusammenklappend, hoch auf, daß der ganze
+Laden dröhnte und alle Gläser zitternd erklangen. Aber in dem
+Augenblick erhob sich auch ein gräßliches Geschrei, der Alte hatte den
+schwarzen Hund getreten der hinter ihm hergeschlichen dicht an seine
+Füße geschmiegt auf dem Boden lag. >Verruchte Bestie! satanischer
+Höllenhund<, stöhnte leise im vorigen Ton der Alte, öffnete die Tüte
+und reichte dem Hunde eine große Makrone hin. Der Hund, der in ein
+menschliches Weinen ausgebrochen, war sogleich still, setzte sich auf
+die Hinterpfoten und knapperte an der Makrone wie ein Eichhörnchen.
+Beide waren zu gleicher Zeit fertig, der Hund mit seiner Makrone, der
+Alte mit dem Verschließen und Einstecken seiner Tüte. >Gute Nacht,
+verehrter Herr Nachbar<, sprach er jetzt, reichte dem Konditor die
+Hand, und drückte die des Konditors so, daß er laut aufschrie vor
+Schmerz. >Der alte schwächliche Greis wünscht Ihnen eine gute Nacht,
+bester Herr Nachbar Konditor<, wiederholte er dann und schritt
+zum Laden heraus, hinter ihm der schwarze Hund mit der Zunge die
+Makronenreste vom Maule wegleckend. Mich schien der Alte gar nicht
+bemerkt zu haben, ich stand da ganz erstarrt vor Erstaunen. >Sehn
+Sie<, fing der Konditor an, >sehen Sie, so treibt es der wunderliche
+Alte hier zuweilen, wenigstens in vier Wochen zwei-, dreimal, aber
+nichts ist aus ihm herauszubringen, als daß er ehemals Kammerdiener
+des Grafen von S. war, daß er jetzt hier das Haus verwaltet, und jeden
+Tag (schon seit vielen Jahren) die Gräflich S-sche Familie erwartet,
+weshalb auch nichts vermietet werden kann. Mein Bruder ging ihm einmal
+zu Leibe wegen des wunderlichen Getöns zur Nachtzeit, da sprach er
+aber sehr gelassen: ,Ja! - die Leute sagen alle, es spuke im Hause,
+glauben Sie es aber nicht, es tut nicht wahr sein.`< - Die Stunde war
+gekommen, in der der gute Ton gebot, diesen Laden zu besuchen, die Tür
+öffnete sich, elegante Welt strömte hinein und ich konnte nicht weiter
+fragen.
+
+So viel stand nun fest, daß die Nachrichten des Grafen P. über das
+Eigentum und die Benutzung des Hauses falsch waren, daß der alte
+Verwalter dasselbe seines Leugnens unerachtet nicht allein bewohnte,
+und daß ganz gewiß irgend ein Geheimnis vor der Welt dort verhüllt
+werden sollte. Mußte ich denn nicht die Erzählung von dem seltsamen,
+schauerlichen Gesange mit dem Erscheinen des schönen Arms am Fenster
+in Verbindung setzen? Der Arm saß nicht, konnte nicht sitzen an dem
+Leibe eines alten verschrumpften Weibes, der Gesang nach des Konditors
+Beschreibung nicht aus der Kehle des jungen blühenden Mädchens kommen.
+Doch für das Merkzeichen des Arms entschieden, konnt ich leicht mich
+selbst überreden, daß vielleicht nur eine akustische Täuschung die
+Stimme alt und gellend klingen lassen, und daß ebenso vielleicht nur
+des, vom Graulichen befangenen, Konditors trügliches Ohr die Töne so
+vernommen. - Nun dacht ich an den Rauch, den seltsamen Geruch, an die
+wunderlich geformte Kristallflasche, die ich sah, und bald stand das
+Bild eines herrlichen, aber in verderblichen Zauberdingen befangenen
+Geschöpfs mir lebendig vor Augen. Der Alte wurde mir zum fatalen
+Hexenmeister, zum verdammten Zauberkerl, der vielleicht ganz
+unabhängig von der Gräflich S-schen Familie geworden, nun auf seine
+eigne Hand in dem verödeten Hause unheilbringendes Wesen trieb. Meine
+Fantasie war im Arbeiten und noch in selbiger Nacht nicht sowohl im
+Traum, als im Delirieren des Einschlafens, sah ich deutlich die Hand
+mit dem funkelnden Diamant am Finger, den Arm mit der glänzenden
+Spange. Wie aus dünnen grauen Nebeln trat nach und nach ein holdes
+Antlitz mit wehmütig flehenden blauen Himmelsaugen, dann die
+ganze wunderherrliche Gestalt eines Mädchens, in voller anmutiger
+Jugendblüte hervor. Bald bemerkte ich, daß das, was ich für Nebel
+hielt, der feine Dampf war, der aus der Kristallflasche, die die
+Gestalt in den Händen hielt, in sich kreiselndem Gewirbel emporstieg.
+>O du holdes Zauberbild<, rief ich voll Entzücken, >o du holdes
+Zauberbild, tu es mir kund, wo du weilst, was dich gefangen hält? -
+O wie du mich so voll Wehmut und Liebe anblickst! - Ich weiß es, die
+schwarze Kunst ist es, die dich befangen, du bist die unglückselige
+Sklavin des boshaften Teufels, der herumwandelt kaffeebraun und
+behaarbeutelt in Zuckerladen und in gewaltigen Sprüngen alles
+zerschmeißen will und Höllenhunde tritt, die er mit Makronen füttert,
+nachdem sie den satanischen Murki im Fünfachteltakt abgeheult. - O
+ich weiß ja alles, du holdes, anmutiges Wesen! - Der Diamant ist der
+Reflex innerer Glut! - ach hättst du ihn nicht mit deinem Herzblut
+getränkt, wie könnt er so funkeln, so tausendfarbig strahlen in den
+allerherrlichsten Liebestönen, die je ein Sterblicher vernommen.
+- Aber ich weiß es wohl, das Band, was deinen Arm umschlingt, ist
+das Glied einer Kette, von der der Kaffeebraune spricht, sie sei
+magnetisch - Glaub es nicht Herrliche! - ich sehe ja, wie sie
+herabhängt in die, von blauem Feuer glühende Retorte. - Die werf ich
+um und du bist befreit! - Weiß ich denn nicht alles - weiß ich denn
+nicht alles, du Liebliche? Aber nun, Jungfrau! - nun öffne den
+Rosenmund, o sage< - In dem Augenblick griff eine knotige Faust über
+meine Schulter weg nach der Kristallflasche, die in tausend Stücke
+zersplittert in der Luft verstäubte. Mit einem leisen Ton dumpfer
+Wehklage war die anmutige Gestalt verschwunden in finstrer Nacht. -
+Ha! - ich merk es an euerm Lächeln, daß ihr schon wieder in mir den
+träumerischen Geisterseher findet, aber versichern kann ich euch,
+daß der ganze Traum, wollt ihr nun einmal nicht abgehen von dieser
+Benennung, den vollendeten Charakter der Vision hatte. Doch da ihr
+fortfahrt, mich so im prosaischen Unglauben anzulächeln, so will ich
+lieber gar nichts mehr davon sagen, sondern nur rasch weitergehen. -
+Kaum war der Morgen angebrochen als ich voll Unruhe und Sehnsucht nach
+der Allee lief, und mich hinstellte vor das öde Haus! - Außer den
+innern Vorhängen waren noch dichte Jalousien vorgezogen. Die Straße
+war noch völlig menschenleer, ich trat dicht an die Fenster des
+Erdgeschosses und horchte und horchte, aber kein Laut ließ sich hören,
+still blieb es wie im tiefen Grabe. - Der Tag kam herauf, das Gewerbe
+rührte sich, ich mußte fort. Was soll ich euch damit ermüden, wie ich
+viele Tage hindurch das Haus zu jeder Zeit umschlich, ohne auch nur
+das mindeste zu entdecken, wie alle Erkundigung, alles Forschen zu
+keiner bestimmten Notiz führte, und wie endlich das schöne Bild meiner
+Vision zu verblassen begann. - Endlich, als ich einst am späten Abend
+von einem Spaziergange heimkehrend bei dem öden Hause herangekommen,
+bemerkte ich, daß das Tor halb geöffnet war; ich schritt heran, der
+Kaffeebraune guckte heraus. Mein Entschluß war gefaßt. >Wohnt nicht
+der Geheime Finanzrat Binder hier in diesem Hause?< So frug ich den
+Alten, indem ich ihn beinahe zurückdrängend in den, von einer Lampe
+matt erleuchteten Vorsaal trat. Der Alte blickte mich an mit seinem
+stehenden Lächeln und sprach leise und gezogen: >Nein, _der_ wohnt nicht
+hier, hat niemals hier gewohnt, wird niemals hier wohnen, wohnt auch
+in der ganzen Allee nicht. - Aber die Leute sagen, es spuke hier in
+diesem Hause, jedoch kann ich versichern, daß es nicht wahr ist, es
+ist ein ruhiges, hübsches Haus, und morgen zieht die gnädige Gräfin
+von S. ein und Gute Nacht, mein lieber Herr!< - Damit manövrierte
+mich der Alte zum Hause hinaus, und verschloß hinter mir das Tor. Ich
+vernahm, wie er keuchend und hustend mit dem klirrenden Schlüsselbunde
+über den Flur wegscharrte und dann Stufen, wie mir vorkam, _herab_stieg.
+Ich hatte in der kurzen Zeit so viel bemerkt, daß der Flur mit alten
+bunten Tapeten behängt, und wie ein Saal mit großen, mit rotem
+Damast beschlagenen Lehnsesseln möbliert war, welches denn doch ganz
+verwunderlich aussah.
+
+Nun gingen, wie geweckt, durch mein Eindringen in das geheimnisvolle
+Haus, die Abenteuer auf! - Denkt euch, denkt euch, sowie ich den
+andern Tag in der Mittagsstunde die Allee durchwandere und mein Blick
+schon in der Ferne sich unwillkürlich nach dem öden Hause richtet,
+sehe ich an dem letzten Fenster des obern Stocks etwas schimmern. -
+Näher getreten bemerke ich, daß die äußere Jalousie ganz, der innere
+Vorhang halb aufgezogen ist. Der Diamant funkelt mir entgegen. -
+O Himmel! gestützt auf den Arm blickt mich wehmütig flehend jenes
+Antlitz meiner Vision an. - War es möglich in der auf- und abwogenden
+Masse stehenzubleiben? - In dem Augenblick fiel mir die Bank ins Auge,
+die für die Lustwandler in der Allee in der Richtung des öden Hauses,
+wiewohl man sich darauf niederlassend dem Hause den Rücken kehrte,
+angebracht war. Schnell sprang ich in die Allee, und mich über
+die Lehne der Bank wegbeugend konnt ich nun ungestört nach dem
+verhängnisvollen Fenster schauen. Ja! Sie war es, das anmutige,
+holdselige Mädchen, Zug für Zug! - Nur schien ihr Blick ungewiß. Nicht
+nach mir, wie es vorhin schien, blickte sie, vielmehr hatten die Augen
+etwas Todstarres, und die Täuschung eines lebhaft gemalten Bildes wäre
+möglich gewesen, hätten sich nicht Arm und Hand zuweilen bewegt. Ganz
+versunken in den Anblick des verwunderlichen Wesens am Fenster, das
+mein Innerstes so seltsam aufregte, hatte ich nicht die quäkende
+Stimme des italienischen Tabulettkrämers gehört, der mir vielleicht
+schon lange unaufhörlich seine Waren anbot. Er zupfte mich endlich am
+Arm; schnell mich umdrehend, wies ich ihn ziemlich hart und zornig ab.
+Er ließ aber nicht nach mit Bitten und Quälen. Noch gar nichts habe er
+heute verdient, nur ein paar Bleifedern, ein Bündelchen Zahnstocher
+möge ich ihm abkaufen. Voller Ungeduld, den Überlästigen nur geschwind
+los zu werden, griff ich in die Tasche nach dem Geldbeutel. Mit den
+Worten: >Auch hier hab ich noch schöne Sachen!< zog er den untern
+Schub seines Kastens heraus, und hielt mir einen kleinen runden
+Taschenspiegel, der in dem Schub unter andern Gläsern lag, in kleiner
+Entfernung seitwärts vor. - Ich erblickte das öde Haus hinter mir,
+das Fenster und in den schärfsten deutlichsten Zügen die holde
+Engelsgestalt meiner Vision. - Schnell kaufte ich den kleinen Spiegel,
+der mir es nun möglich machte, in bequemer Stellung, ohne den Nachbarn
+aufzufallen, nach dem Fenster hinzuschauen. - Doch, indem ich nun
+länger und länger das Gesicht im Fenster anblickte, wurd ich von einem
+seltsamen, ganz unbeschreiblichen Gefühl, das ich beinahe waches
+Träumen nennen möchte, befangen. Mir war es, als lähme eine Art
+Starrsucht nicht sowohl mein ganzes Regen und Bewegen als vielmehr
+nur meinen Blick, den ich nun niemals mehr würde abwenden können von
+dem Spiegel. Mit Beschämung muß ich euch bekennen, daß mir jenes
+Ammenmärchen einfiel, womit mich in früher Kindheit meine Wartfrau
+augenblicklich zu Bette trieb, wenn ich mich etwa gelüsten ließ,
+abends vor dem großen Spiegel in meines Vaters Zimmer stehen zu
+bleiben und hinein zu gucken. Sie sagte nämlich, wenn Kinder nachts
+in den Spiegel blickten, gucke ein fremdes, garstiges Gesicht heraus,
+und der Kinder Augen blieben dann erstarrt stehen. Mir war das ganz
+entsetzlich graulich, aber in vollem Grausen konnt ich doch oft nicht
+unterlassen, wenigstens nach dem Spiegel hinzublinzeln, weil ich
+neugierig war auf das fremde Gesicht. Einmal glaubt ich ein Paar
+gräßliche glühende Augen aus dem Spiegel fürchterlich herausfunkeln zu
+sehen, ich schrie auf und stürzte dann ohnmächtig nieder. In diesem
+Zufall brach eine langwierige Krankheit aus, aber noch jetzt ist es
+mir, als hätten jene Augen mich wirklich angefunkelt. - Kurz, alles
+dieses tolle Zeug aus meiner frühen Kindheit fiel mir ein, Eiskälte
+bebte durch meine Adern - ich wollte den Spiegel von mir schleudern -
+ich vermocht es nicht - nun blickten mich die Himmelsaugen der holden
+Gestalt an - ja ihr Blick war auf mich gerichtet und strahlte bis ins
+Herz hinein. Jenes Grausen, das mich plötzlich ergriffen, ließ von
+mir ab und gab Raum dem wonnigen Schmerz süßer Sehnsucht, die mich
+mit elektrischer Wärme durchglüht. >Sie haben da einen niedlichen
+Spiegel<, sprach eine Stimme neben mir. Ich erwachte aus dem Traum und
+war nicht wenig betroffen, als ich neben mir von beiden Seiten mich
+zweideutig anlächelnde Gesichter erblickte. Mehrere Personen hatten
+auf derselben Bank Platz genommen, und nichts war gewisser, als daß
+ich ihnen mit dem starren Hineinblicken in den Spiegel und vielleicht
+auch mit einigen seltsamen Gesichtern, die ich in meinem exaltiertem
+Zustande schnitt, auf meine Kosten ein ergötzliches Schauspiel
+gegeben. >Sie haben da einen niedlichen Spiegel<, wiederholte der
+Mann, als ich nicht antwortete, mit einem Blick, der jener Frage
+noch hinzufügte: >Aber sagen Sie mir, was soll das wahnsinnige
+Hineinstarren, erscheinen Ihnen Geister< etc. Der Mann, schon ziemlich
+hoch in Jahren, sehr sauber gekleidet, hatte im Ton der Rede, im Blick
+etwas ungemein Gutmütiges und Zutrauen Erweckendes. Ich nahm gar
+keinen Anstand, ihm geradehin zu sagen, daß ich im Spiegel ein
+wundervolles Mädchen erblickt, das hinter mir im Fenster des öden
+Hauses gelegen. - Noch weiter ging ich, ich fragte den Alten, ob er
+nicht auch das holde Antlitz gesehen. >Dort drüben? - in dem alten
+Hause - in dem letzten Fenster?< so fragte mich nun wieder ganz
+verwundert der Alte. >Allerdings, allerdings<, sprach ich; da lächelte
+der Alte sehr und fing an: >Nun das ist doch eine wunderliche
+Täuschung - nun meine alten Augen - Gott ehre mir meine alten Augen.
+Ei ei, mein Herr, wohl habe ich mit unbewaffnetem Auge das hübsche
+Gesicht dort im Fenster gesehen, aber es war ja ein, wie es mir
+schien, recht gut und lebendig in Öl gemaltes Porträt.< Schnell drehte
+ich mich um nach dem Fenster, alles war verschwunden, die Jalousie
+heruntergelassen. >Ja!< fuhr der Alte fort, >ja, mein Herr, nun ist's
+zu spät, sich davon zu überzeugen, denn eben nahm der Bediente, der
+dort, wie ich weiß, als Kastellan das Absteigequartier der Gräfin
+von S. ganz allein bewohnt, das Bild, nachdem er es abgestaubt, vom
+Fenster fort und ließ die Jalousie herunter.< - >War es denn gewiß ein
+Bild?< fragte ich nochmals ganz bestürzt. >Trauen Sie meinen Augen<,
+erwiderte der Alte. >Daß Sie nur den Reflex des Bildes im Spiegel
+sahen, vermehrte gewiß sehr die optische Täuschung und - wie ich
+noch in Ihren Jahren war, hätt ich nicht auch das Bild eines schönen
+Mädchens, kraft meiner Fantasie, ins Leben gerufen?< - >Aber Hand und
+Arm bewegten sich doch<, fiel ich ein. >Ja, ja, sie regten sich, alles
+regte sich<, sprach der Alte, lächelnd und sanft mich auf die Schulter
+klopfend. Dann stand er auf und verließ mich, höflich sich verbeugend,
+mit den Worten: >Nehmen Sie sich doch vor Taschenspiegeln in acht, die
+so häßlich lügen. - Ganz gehorsamster Diener.< - Ihr könnt denken, wie
+mir zu Mute war, als ich mich so als einen törichten, blödsichtigen
+Fantasten behandelt sah. Mir kam die Überzeugung, daß der Alte recht
+hatte, und daß nur in mir selbst das tolle Gaukelspiel aufgegangen,
+das mich mit dem öden Hause, zu meiner eignen Beschämung, so garstig
+mystifizierte.
+
+Ganz voller Unmut und Verdruß lief ich nach Hause, fest entschlossen,
+mich ganz loszusagen von jedem Gedanken an die Mysterien des öden
+Hauses, und wenigstens einige Tage hindurch die Allee zu vermeiden.
+Dies hielt ich treulich, und kam noch hinzu, daß mich den Tag über
+dringend gewordene Geschäfte am Schreibtisch, an den Abenden aber
+geistreiche fröhliche Freunde in ihrem Kreise festhielten, so mußt es
+wohl geschehen, daß ich beinahe gar nicht mehr an jene Geheimnisse
+dachte. Nur begab es sich in dieser Zeit, daß ich zuweilen aus dem
+Schlaf auffuhr, wie plötzlich durch äußere Berührung geweckt, und dann
+war es mir doch deutlich, daß nur der Gedanke an das geheimnisvolle
+Wesen, das ich in meiner Vision und in dem Fenster des öden Hauses
+erblickt, mich geweckt hatte. Ja selbst während der Arbeit, während
+der lebhaftesten Unterhaltung mit meinen Freunden, durchfuhr mich oft
+plötzlich, ohne weitern Anlaß, jener Gedanke, wie ein elektrischer
+Blitz. Doch waren dies nur schnell vorübergehende Momente. Den kleinen
+Taschenspiegel, der mir so täuschend das anmutige Bildnis reflektiert,
+hatte ich zum prosaischen Hausbedarf bestimmt. Ich pflegte mir vor
+demselben die Halsbinde festzuknüpfen. So geschah es, daß er mir, als
+ich einst dies wichtige Geschäft abtun wollte, blind schien, und ich
+ihn nach bekannter Methode anhauchte, um ihn dann hell zu polieren. -
+Alle meine Pulse stockten, mein innerstes bebte vor wonnigem Grauen!
+- ja so muß ich das Gefühl nennen, das mich übermannte, als ich sowie
+mein Hauch den Spiegel überlief, im bläulichen Nebel das holde Antlitz
+sah, das mich mit jenem wehmütigem, das Herz durchbohrendem Blick
+anschaute! - Ihr lacht? - Ihr seid mit mir fertig, ihr haltet mich für
+einen unheilbaren Träumer, aber sprecht, denkt was ihr wollt, genug,
+die Holde blickte mich an aus dem Spiegel, aber sowie der Hauch
+zerrann, verschwand das Gesicht in dem Funkeln des Spiegels. - Ich
+will euch nicht ermüden, ich will euch nicht herzählen alle Momente,
+die sich, einer aus dem andern, entwickelten. Nur so viel will ich
+sagen, daß ich unaufhörlich die Versuche mit dem Spiegel erneuerte,
+daß es mir oft gelang, das geliebte Bild durch meinen Hauch
+hervorzurufen, daß aber manchmal die angestrengtesten Bemühungen ohne
+Erfolg blieben. Dann rannte ich wie wahnsinnig auf und ab vor dem öden
+Hause und starrte in die Fenster, aber kein menschliches Wesen wollte
+sich zeigen. - Ich lebte nur in dem Gedanken an _sie_, alles übrige
+war abgestorben für mich, ich vernachlässigte meine Freunde,
+meine Studien. - Dieser Zustand, wollte er in mildern Schmerz, in
+träumerische Sehnsucht übergehen, ja schien es, als wolle das Bild
+an Leben und Kraft verlieren, wurde oft bis zur höchsten Spitze
+gesteigert, durch Momente, an die ich noch jetzt mit tiefem Entsetzen
+denke. - Da ich von einem _Seelen_zustande rede, der mich hätte ins
+Verderben stürzen können, so ist für euch, ihr Ungläubigen, da nichts
+zu belächeln und zu bespötteln, hört und fühlt mit mir, was ich
+ausgestanden. - Wie gesagt, oft, wenn jenes Bild ganz verblaßt war,
+ergriff mich ein körperliches Übelbefinden, die Gestalt trat, wie
+sonst niemals, mit einer Lebendigkeit, mit einem Glanz hervor, daß ich
+sie zu erfassen wähnte. Aber dann kam es mir auf greuliche Weise vor,
+ich sei selbst die Gestalt, und von den Nebeln des Spiegels umhüllt
+und umschlossen. Ein empfindlicher Brustschmerz, und dann gänzliche
+Apathie endigte den peinlichen Zustand, der immer eine, das innerste
+Mark wegzehrende Erschöpfung hinterließ. In diesen Momenten mißlang
+jeder Versuch mit dem Spiegel, hatte ich mich aber erkräftigt, und
+trat dann das Bild wieder lebendig aus dem Spiegel hervor, so mag
+ich nicht leugnen, daß sich damit ein besonderer, mir sonst fremder
+physischer Reiz verband. - Diese ewige Spannung wirkte gar verderblich
+auf mich ein, blaß wie der Tod und zerstört im ganzen Wesen schwankte
+ich umher, meine Freunde hielten mich für krank, und ihre ewigen
+Mahnungen brachten mich endlich dahin, über meinen Zustand, so wie ich
+es nur vermochte, ernstlich nachzusinnen. War es Absicht oder Zufall,
+daß einer der Freunde, welcher Arzneikunde studierte, bei einem Besuch
+Reils Buch über Geisteszerrüttungen zurückließ. Ich fing an zu lesen,
+das Werk zog mich unwiderstehlich an, aber wie ward mir, als ich in
+allem, was über fixen Wahnsinn gesagt wird, mich selbst wiederfand! -
+Das tiefe Entsetzen, das ich, mich selbst auf dem Wege zum Tollhause
+erblickend, empfand, brachte mich zur Besinnung und zum festen
+Entschluß, den ich rasch ausführte. Ich steckte meinen Taschenspiegel
+ein und eilte schnell zu dem Doktor K., berühmt durch seine Behandlung
+und Heilung der Wahnsinnigen, durch sein tieferes Eingehen in das
+psychische Prinzip, welches oft sogar körperliche Krankheiten
+hervorzubringen und wieder zu heilen vermag. Ich erzählte ihm alles,
+ich verschwieg ihm nicht den kleinsten Umstand und beschwor ihn mich
+zu retten, von dem ungeheuern Schicksal, von dem bedroht ich mich
+glaubte. Er hörte mich sehr ruhig an, doch bemerkte ich wohl in seinem
+Blick tiefes Erstaunen. >Noch<, fing er an, >noch ist die Gefahr
+keinesweges so nahe als Sie glauben und ich kann mit Gewißheit
+behaupten, daß ich sie ganz abzuwenden vermag. Daß Sie auf unerhörte
+Weise psychisch angegriffen sind, leidet gar keinen Zweifel, aber die
+völlige klare Erkenntnis dieses Angriffs irgend eines bösen Prinzips
+gibt Ihnen selbst die Waffen in die Hand, sich dagegen zu wehren.
+Lassen Sie mir Ihren Taschenspiegel, zwingen Sie sich zu irgend einer
+Arbeit, die Ihre Geisteskräfte in Anspruch nimmt, meiden Sie die
+Allee, arbeiten Sie von der Frühe an, solange Sie es nur auszuhalten
+vermögen, dann aber, nach einem tüchtigen Spaziergange, fort in die
+Gesellschaft Ihrer Freunde, die Sie so lange vermißt. Essen Sie
+nahrhafte Speisen, trinken Sie starken kräftigen Wein. Sie sehen, daß
+ich bloß die fixe Idee, das heißt, die Erscheinung des Sie betörenden
+Antlitzes im Fenster des öden Hauses und im Spiegel vertilgen, Ihren
+Geist auf andere Dinge leiten und Ihren Körper stärken will. Stehen
+Sie selbst meiner Absicht redlich bei.< - Es wurde mir schwer, mich
+von dem Spiegel zu trennen, der Arzt, der ihn schon genommen, schien
+es zu bemerken, er hauchte ihn an und frug, indem er mir ihn vorhielt:
+>Sehen Sie etwas?< - >Nicht das mindeste<, erwiderte ich, wie es sich
+auch in der Tat verhielt. >Hauchen Sie den Spiegel an<, sprach dann
+der Arzt, indem er mir den Spiegel in die Hand gab. Ich tat es, das
+Wunderbild trat deutlicher als je hervor. >Da ist sie<, rief ich laut.
+Der Arzt schaute hinein und sprach dann: >Ich sehe nicht das mindeste,
+aber nicht verhehlen mag ich Ihnen, daß ich in dem Augenblick, als ich
+in Ihren Spiegel sahe, einen unheimlichen Schauer fühlte, der aber
+gleich vorüberging. Sie bemerken, daß ich ganz aufrichtig bin, und
+eben deshalb wohl Ihr ganzes Zutrauen verdiene. Wiederholen Sie doch
+den Versuch.< Ich tat es, der Arzt umfaßte mich, ich fühlte seine Hand
+auf dem Rückenwirbel. - Die Gestalt kam wieder, der Arzt, mit mir
+in den Spiegel schauend erblaßte, dann nahm er mir den Spiegel aus
+der Hand, schauete nochmals hinein, verschloß ihn in dem Pult, und
+kehrte erst, als er einige Sekunden hindurch die Hand vor der Stirn
+schweigend dagestanden, zu mir zurück. >Befolgen Sie<, fing er an,
+>befolgen Sie genau meine Vorschriften. Ich darf Ihnen bekennen, daß
+jene Momente, in denen Sie außer sich selbst gesetzt Ihr eignes Ich in
+physischem Schmerz fühlten, mir noch sehr geheimnisvoll sind, aber ich
+hoffe Ihnen recht bald mehr darüber sagen zu können.<
+
+Mit festem, unabänderlichem Willen, so schwer es mir auch ankam, lebte
+ich zur Stunde den Vorschriften des Arztes gemäß, und sosehr ich
+auch bald den wohltätigen Einfluß anderer Geistesanstrengung und der
+übrigen verordneten Diät verspürte, so blieb ich doch nicht frei von
+jenen furchtbaren Anfällen, die mittags um zwölf Uhr, viel stärker
+aber nachts um zwölf Uhr sich einzustellen pflegten. Selbst in
+munterer Gesellschaft bei Wein und Gesang war es oft, als durchführen
+plötzlich mein Inneres spitzige glühende Dolche, und alle Macht
+des Geistes reichte dann nicht hin zum Widerstande, ich mußte
+mich entfernen und durfte erst wiederkehren, wenn ich aus dem
+ohnmachtähnlichen Zustande erwacht. - Es begab sich, daß ich mich
+einst bei einer Abendgesellschaft befand, in der über psychische
+Einflüsse und Wirkungen, über das dunkle unbekannte Gebiet des
+Magnetismus gesprochen wurde. Man kam vorzüglich auf die Möglichkeit
+der Einwirkung eines entfernten psychischen Prinzips, sie wurde aus
+vielen Beispielen bewiesen, und vorzüglich führte ein junger, dem
+Magnetismus ergebener, Arzt an, daß er, wie mehrere andere, oder
+vielmehr wie _alle_ kräftige Magnetiseurs, es vermöge, aus der Ferne
+bloß durch den festfixierten Gedanken und Willen auf seine Somnambulen
+zu wirken. Alles was Kluge, Schubert, Bartels u.m. darüber gesagt
+haben, kam nach und nach zum Vorschein. >Das Wichtigste<, fing endlich
+einer der Anwesenden, ein als scharfsinniger Beobachter bekannter
+Mediziner, an, >das Wichtigste von allem bleibt mir immer, daß
+der Magnetismus manches Geheimnis, das wir als gemeine schlichte
+Lebenserfahrung nun eben für kein Geheimnis erkennen wollen, zu
+erschließen scheint. Nur müssen wir freilich behutsam zu Werke gehn.
+- Wie kommt es denn, daß ohne allen äußern oder innern uns bekannten
+Anlaß, ja unsere Ideenkette zerreißend, irgend eine Person, oder wohl
+gar das treue Bild irgend einer Begebenheit so lebendig, so sich
+unsers ganzen Ichs bemeisternd [uns] in den Sinn kommt, daß wir selbst
+darüber erstaunen. Am merkwürdigsten ist es, daß wir oft im Traume
+auffahren. Das ganze Traumbild ist in den schwarzen Abgrund versunken,
+und im neuen, von jenem Bilde ganz unabhängigen Traum tritt uns mit
+voller Kraft des Lebens ein Bild entgegen, das uns in ferne Gegenden
+versetzt und plötzlich scheinbar uns ganz fremd gewordene Personen, an
+die wir seit Jahren nicht mehr dachten, uns entgegenführt. Ja, noch
+mehr! oft schauen wir auf eben die Weise ganz fremde unbekannte
+Personen, die wir vielleicht Jahre nachher erst kennen lernen. Das
+bekannte: ,Mein Gott, der Mann, die Frau, kommt mir so zum Erstaunen
+bekannt vor, ich dächt, ich hätt ihn, sie, schon irgendwo gesehen`,
+ist vielleicht, da dies oft schlechterdings unmöglich, die dunkle
+Erinnerung an ein solches Traumbild. Wie wenn dies plötzliche
+Hineinspringen fremder Bilder in unsere Ideenreihe, die uns gleich
+mit besonderer Kraft zu ergreifen pflegen, eben durch ein fremdes
+psychisches Prinzip veranlaßt würde? Wie wenn es dem fremden Geiste
+unter gewissen Umständen möglich wäre, den magnetischen Rapport
+auch ohne Vorbereitung so herbeizuführen, daß wir uns willenlos ihm
+fügen müßten?< - >So kämen wir<, fiel ein anderer lachend ein, >mit
+einem gar nicht zu großen Schritt auf die Lehre von Verhexungen,
+Zauberbildern, Spiegeln und andern unsinnigen abergläubischen
+Fantastereien längst verjährter alberner Zeit.< - >Ei<, unterbrach der
+Mediziner den Ungläubigen, >keine Zeit kann verjähren und noch viel
+weniger hat es jemals eine alberne Zeit gegeben, wenn wir nicht etwa
+jede Zeit, in der Menschen zu denken sich unterfangen mögen, mithin
+auch die unsrige, für albern erkennen wollen. - Es ist ein eignes
+Ding, etwas geradezu wegleugnen zu wollen, was oft sogar durch streng
+juristisch geführten Beweis festgestellt ist, und so wenig ich der
+Meinung bin, daß in dem dunklen geheimnisvollen Reiche, welches
+unseres Geistes Heimat ist, auch nur ein einziges, unserm blödem Auge
+recht hell leuchtendes Lämpchen brennt, so ist doch so viel gewiß, daß
+uns die Natur das Talent und die Neigung der Maulwürfe nicht versagt
+hat. Wir suchen, verblindet wie wir sind, uns weiterzuarbeiten auf
+finstern Wegen. Aber so wie der Blinde auf Erden an dem flüsternden
+Rauschen der Bäume, an dem Murmeln und Plätschern des Wassers, die
+Nähe des Waldes, der ihn in seinen kühlenden Schatten aufnimmt, des
+Baches, der den Durstenden labt, erkennt, und so das Ziel seiner
+Sehnsucht erreicht, so ahnen wir an dem tönenden Flügelschlag
+unbekannter, uns mit Geisteratem berührender Wesen, daß der Pilgergang
+uns zur Quelle des Lichts fährt, vor dem unsere Augen sich auftun!<
+- Ich konnte mich nicht länger halten, >Sie statuieren also<, wandte
+ich mich zu dem Mediziner, >die Einwirkung eines fremden geistigen
+Prinzips, dem man sich willenlos fügen muß?< - >Ich halte<, erwiderte
+der Mediziner, >ich halte, um nicht zu weit zu gehen, diese Einwirkung
+nicht allein für möglich, sondern auch andern, durch den magnetischen
+Zustand deutlicher gewordenen Operationen des psychischen Prinzips
+für ganz homogen.< - >So könnt es auch<, fuhr ich fort, >dämonischen
+Kräften verstattet sein, feindlich verderbend auf uns zu wirken?<
+- >Schnöde Kunststücke gefallner Geister<, erwiderte der Mediziner
+lächelnd. - >Nein, denen wollen wir nicht erliegen. Und überhaupt
+bitt ich, meine Andeutungen für nichts anders zu nehmen, als eben nur
+für Andeutungen, denen ich noch hinzufüge, daß ich keinesweges an
+_unbedingte_ Herrschaft eines geistigen Prinzips über das andere
+glauben, sondern vielmehr annehmen will, daß entweder irgend eine
+Abhängigkeit, Schwäche des innern Willens, oder eine Wechselwirkung
+stattfinden muß, die jener Herrschaft Raum gibt.< - >Nun erst<, fing
+ein ältlicher Mann an, der so lange geschwiegen und nur aufmerksam
+zugehört, >nun erst kann ich mich mit Ihren seltsamen Gedanken über
+Geheimnisse, die uns verschlossen bleiben sollen, einigermaßen
+befreunden. Gibt es geheimnisvolle tätige Kräfte, die mit bedrohlichen
+Angriffen auf uns zutreten, so kann uns dagegen nur irgend eine
+Abnormität im geistigen Organism Kraft und Mut zum sieghaften
+Widerstande rauben. Mit einem Wort, nur geistige Krankheit - die Sünde
+macht uns untertan dem dämonischen Prinzip. Merkwürdig ist es, daß von
+den ältesten Zeiten her die den Menschen im Innersten verstörendste
+Gemütsbewegung es war, an der sich dämonische Kräfte übten. Ich meine
+nichts anders als die Liebesverzauberungen, von denen alle Chroniken
+voll sind. In tollen Hexenprozessen kommt immer dergleichen vor, und
+selbst in dem Gesetzbuch eines sehr aufgeklärten Staats wird von den
+Liebestrünken gehandelt, die insofern auch rein psychisch zu wirken
+bestimmt sind, als sie nicht Liebeslust im allgemeinen erwecken,
+sondern unwiderstehlich an eine bestimmte Person bannen sollen. Ich
+werde in diesen Gesprächen an eine tragische Begebenheit erinnert, die
+sich in meinem eignen Hause vor weniger Zeit zutrug. Als Bonaparte
+unser Land mit seinen Truppen überschwemmt hatte, wurde ein Obrister
+von der italienischen Nobelgarde bei mir einquartiert. Er war einer
+von den wenigen Offizieren der sogenannten Großen Armee, die sich
+durch ein stilles bescheidnes edles Betragen auszeichneten. Sein
+todbleiches Gesicht, seine düstern Augen zeugten von Krankheit oder
+tiefer Schwermut. Nur wenige Tage war er bei mir, als sich auch der
+besondere Zufall kund tat, von dem er behaftet. Eben befand ich mich
+auf seinem Zimmer, als er plötzlich mit tiefen Seufzern die Hand auf
+die Brust, oder vielmehr auf die Stelle des Magens legte, als empfinde
+er tödliche Schmerzen. Er konnte bald nicht mehr sprechen, er war
+genötigt sich in den Sofa zu werfen, dann aber verloren plötzlich
+seine Augen die Sehkraft und er erstarrte zur bewußtlosen Bildsäule.
+Mit einem Ruck wie aus dem Traume auffahrend, erwachte er endlich,
+aber vor Mattigkeit konnte er mehrere Zeit hindurch sich nicht regen
+und bewegen. Mein Arzt, den ich ihm sandte, behandelte ihn, nachdem
+andere Mittel fruchtlos geblieben, magnetisch, und dies schien zu
+wirken; wiewohl der Arzt bald davon ablassen mußte, da er selbst
+beim Magnetisieren des Kranken von einem unerträglichen Gefühl des
+Übelseins ergriffen wurde. Er hatte übrigens des Obristen Zutrauen
+gewonnen, und dieser sagte ihm, daß in jenen Momenten sich ihm das
+Bild eines Frauenzimmers nahe, die er in Pisa gekannt; dann würde
+es ihm als wenn ihre glühenden Blicke in sein Inneres führen,
+und er fühle die unerträglichsten Schmerzen, bis er in völlige
+Bewußtlosigkeit versinke. Aus diesem Zustande bleibe ihm ein
+dumpfer Kopfschmerz, und eine Abspannung, als habe er geschwelgt im
+Liebesgenuß, zurück. Nie ließ er sich über die näheren Verhältnisse
+aus, in denen er vielleicht mit jenem Frauenzimmer stand. Die Truppen
+sollten aufbrechen, gepackt stand der Wagen des Obristen vor der Türe,
+er frühstückte, aber in dem Augenblicke, als er ein Glas Madera zum
+Munde fuhren wollte, stürzte er mit einem dumpfen Schrei vom Stuhle
+herab. Er war tot. Die Ärzte fanden ihn vom Nervenschlag getroffen.
+Einige Wochen nachher wurde ein an den Obristen adressierter Brief
+bei mir abgegeben. Ich hatte gar kein Bedenken ihn zu öffnen, um
+vielleicht ein Näheres von den Verwandten des Obristen zu erfahren,
+und ihnen Nachricht von seinem plötzlichen Tode geben zu können. Der
+Brief kam von Pisa und enthielt ohne Unterschrift die wenigen Worte:
+,Unglückseliger! Heute, am 7. - um zwölf Uhr Mittag sank Antonia, dein
+trügerisches Abbild mit liebenden Armen umschlingend, tot nieder!` -
+Ich sah den Kalender nach, in dem ich des Obristen Tod angemerkt hatte
+und fand, daß Antonias Todesstunde auch die seinige gewesen.< - Ich
+hörte nicht mehr, was der Mann noch seiner Geschichte hinzusetzte;
+denn in dem Entsetzen, das mich ergriffen, als ich in des
+italienischen Obristen Zustand den meinigen erkannte, ging mit
+wütendem Schmerz eine solche wahnsinnige Sehnsucht nach dem
+unbekannten Bilde auf, daß ich davon überwältigt aufspringen und
+hineilen mußte nach dem verhängnisvollen Hause. Es war mir in der
+Ferne, als säh ich Lichter blitzen, durch die festverschlossenen
+Jalousien, aber der Schein verschwand, als ich näher kam. Rasend vor
+dürstendem Liebesverlangen stürzte ich auf die Tür; sie wich meinem
+Druck, ich stand auf dem matt erleuchteten Hausflur, von einer
+dumpfen, schwülen Luft umfangene Das Herz pochte mir vor seltsamer
+Angst und Ungeduld, da ging ein langer, schneidender, aus weiblicher
+Kehle strömender Ton durch das Haus, und ich weiß selbst nicht,
+wie es geschah, daß ich mich plötzlich in einem mit vielen Kerzen
+hellerleuchteten Saale befand, der in altertümlicher Pracht mit
+vergoldeten Möbeln und seltsamen japanischen Gefäßen verziert war.
+Starkduftendes Räucherwerk wallte in blauen Nebelwolken auf mich zu.
+>Willkommen - willkommen, süßer Bräutigam - die Stunde ist da, die
+Hochzeit nah!< - So rief laut und lauter die Stimme eines Weibes,
+und ebensowenig, als ich weiß, wie ich plötzlich in den Saal kam,
+ebensowenig vermag ich zu sagen, wie es sich begab, daß plötzlich
+aus dem Nebel eine hohe jugendliche Gestalt in reichen Kleidern
+hervorleuchtete. Mit dem wiederholten gellenden Ruf: >Willkommen süßer
+Bräutigam<, trat sie mit ausgebreiteten Armen mir entgegen - und ein
+gelbes, von Alter und Wahnsinn gräßlich verzerrtes Antlitz starrte
+mir in die Augen. Von tiefem Entsetzen durchbebt wankte ich zurück;
+wie durch den glühenden, durchbohrenden Blick der Klapperschlange
+festgezaubert, konnte ich mein Auge nicht abwenden von dem greulichen
+alten Weibe, konnte ich keinen Schritt weiter mich bewegen. Sie trat
+näher auf mich zu, da war es mir, als sei das scheußliche Gesicht
+nur eine Maske von dünnem Flor, durch den die Züge jenes holden
+Spiegelbildes durchblickten. Schon fühlt ich mich von den Händen des
+Weibes berührt, als sie laut aufkreischend vor mir zu Boden sank und
+hinter mir eine Stimme rief. >Hu hu! - treibt schon wieder der Teufel
+sein Bocksspiel mit Ew. Gnaden, zu Bette, zu Bette, meine Gnädigste,
+sonst setzt es Hiebe, gewaltige Hiebe!< - Ich wandte mich rasch um
+und erblickte den alten Hausverwalter im bloßen Hemde, eine tüchtige
+Peitsche über dem Haupte schwingend. Er wollte losschlagen auf die
+Alte, die sich heulend am Boden krümmte. Ich fiel ihm in den Arm, aber
+mich von sich schleudernd rief er: >Donnerwetter, Herr, der alte Satan
+hätte Sie ermordet, kam ich nicht dazwischen - fort, fort, fort.< -
+Ich stürzte zum Saal heraus, vergebens sucht ich in dicker Finsternis
+die Tür des Hauses. Nun hört ich die zischenden Hiebe der Peitsche und
+das Jammergeschrei der Alten. Laut wollte ich um Hülfe rufen, als der
+Boden unter meinen Füßen schwand, ich fiel eine Treppe herab und traf
+auf eine Tür so hart, daß sie aufsprang und ich der Länge nach in ein
+kleines Zimmer stürzte. An dem Bette, das jemand soeben verlassen
+zu haben schien, an dem kaffeebraunen, über einen Stuhl gehängten
+Rocke mußte ich augenblicklich die Wohnung des alten Hausverwalters
+erkennen. Wenige Augenblicke nachher polterte es die Treppe herab,
+der Hausverwalter stürzte herein und hin zu meinen Füßen. >Um aller
+Seligkeit willen<, flehte er mit aufgehobenen Händen, >um aller
+Seligkeit willen, wer Sie auch sein mögen, wie der alte gnädige
+Hexensatan Sie auch hierher gelockt haben mag, verschweigen Sie, was
+hier geschehen, sonst komme ich um Amt und Brot! - Die wahnsinnige
+Exzellenz ist abgestraft und liegt gebunden im Bette. O schlafen Sie
+doch, geehrtester Herr! recht sanft und süß. - Ja ja, das tun Sie
+doch fein - eine schöne warme Juliusnacht, zwar kein Mondschein, aber
+beglückter Sternenschimmer. - Nun ruhige, glückliche Nacht.< - Unter
+diesen Reden war der Alte aufgesprungen, hatte ein Licht genommen,
+mich herausgebracht aus dem Souterrain, mich zur Türe hinausgeschoben,
+und diese fest verschlossen. Ganz verstört eilt ich nach Hause, und
+ihr könnt wohl denken, daß ich, zu tief von dem grauenvollen Geheimnis
+ergriffen, auch nicht den mindesten nur wahrscheinlichen Zusammenhang
+der Sache mir in den ersten Tagen denken konnte. Nur so viel war
+gewiß, daß, hielt mich so lange ein böser Zauber gefangen, dieser
+jetzt in der Tat von mir abgelassen hatte. Alle schmerzliche Sehnsucht
+nach dem Zauberbilde in dem Spiegel war gewichen, und bald gemahnte
+mich jener Auftritt im öden Gebäude wie das unvermutete Hineingeraten
+in ein Tollhaus. Daß der Hausverwalter zum tyrannischen Wächter einer
+wahnsinnigen Frau von vornehmer Geburt, deren Zustand vielleicht der
+Welt verborgen bleiben sollte, bestimmt worden, daran war nicht zu
+zweifeln, wie aber der Spiegel - das tolle Zauberwesen überhaupt -
+doch weiter - weiter!
+
+Später begab es sich, daß ich in zahlreicher Gesellschaft den Grafen
+P. fand, der mich in eine Ecke zog und lachend sprach: >Wissen Sie
+wohl, daß sich die Geheimnisse unseres öden Hauses zu enthüllen
+anfangen?< Ich horchte hoch auf, aber indem der Graf weiter erzählen
+wollte, öffneten sich die Flügeltüren des Eßsaals, man ging zur
+Tafel. Ganz vertieft in Gedanken an die Geheimnisse, die mir der Graf
+entwickeln wollte, hatte ich einer jungen Dame den Arm geboten und war
+mechanisch der in steifem Zeremoniell sehr langsam daherschreitenden
+Reihe gefolgt. Ich führe meine Dame zu dem offnen Platz, der sich
+uns darbietet, schaue sie nun erst recht an und - erblicke mein
+Spiegelbild in den getreusten Zügen, so daß gar keine Täuschung
+möglich ist. Daß ich im Innersten erbebte, könnt ihr euch wohl denken,
+aber ebenso muß ich euch versichern, daß sich auch nicht der leiseste
+Anklang jener verderblichen wahnsinnigen Liebeswut in mir regte, die
+mich ganz und gar befing, wenn mein Hauch das wunderbare Frauenbild
+aus dem Spiegel hervorrief. - Meine Befremdung, noch mehr, mein
+Erschrecken muß lesbar gewesen sein in meinem Blick, denn das Mädchen
+sah mich ganz verwundert an, so daß ich für nötig hielt, mich so,
+wie ich nur konnte, zusammen zu nehmen, und so gelassen als möglich
+anzuführen, daß eine lebhafte Erinnerung mich gar nicht zweifeln
+lasse, sie schon irgendwo gesehen zu haben. Die kurze Abfertigung,
+daß dies wohl nicht gut der Fall sein könne, da sie gestern erst und
+zwar das erstemal in ihrem Leben nach ***n gekommen, machte mich im
+eigentlichsten Sinn des Worts etwas verblüfft. Ich verstummte. Nur der
+Engelsblick, den die holdseligen Augen des Mädchens mir zuwarfen, half
+mir wieder auf. Ihr wißt, wie man bei derlei Gelegenheit die geistigen
+Fühlhörner ausstrecken und leise, leise tasten muß, bis man die Stelle
+findet, wo der angegebene Ton widerklingt. So macht ich es und fand
+bald, daß ich ein zartes, holdes, aber in irgend einem psychischen
+Überreiz verkränkeltes Wesen neben mir hatte. Bei irgend einer heitern
+Wendung des Geprächs, vorzüglich wenn ich zur Würze wie scharfen
+Cayenne-Pfeffer irgend ein keckes bizarres Wort hineinstreute,
+lächelte sie zwar, aber seltsam schmerzlich, wie zu hart berührt. >Sie
+sind nicht heiter, meine Gnädige, vielleicht der Besuch heute morgen.<
+- So redete ein nicht weit entfernt sitzender Offizier meine Dame an,
+aber in dem Augenblick faßte ihn sein Nachbar schnell beim Arm und
+sagte ihm etwas ins Ohr, während eine Frau an der andern Seite des
+Tisches Glut auf den Wangen und im Blick laut der herrlichen Oper
+erwähnte, deren Darstellung sie in Paris gesehen und mit der heutigen
+vergleichen werde. - Meiner Nachbarin stürzten die Tränen aus den
+Augen: >Bin ich nicht ein albernes Kind<, wandte sie sich zu mir.
+Schon erst hatte sie über Migräne geklagt. >Die gewöhnliche Folge des
+nervösen Kopfschmerzes<, erwiderte ich daher mit unbefangenem Ton,
+>wofür nichts besser hilft, als der muntre kecke Geist, der in dem
+Schaum dieses Dichtergetränks sprudelt.< Mit diesen Worten schenkte
+ich Champagner, den sie erst abgelehnt, in ihr Glas ein, und indem
+sie davon nippte, dankte ihr Blick meiner Deutung der Tränen, die sie
+nicht zu bergen vermochte. Es schien heller geworden in ihrem Innern
+und alles wäre gut gegangen, wenn ich nicht zuletzt unversehends
+hart an das vor mir stehende englische Glas gestoßen, so daß es in
+gellender schneidender Höhe ertönte. Da erbleichte meine Nachbarin bis
+zum Tode, und auch mich ergriff ein plötzliches Grauen, weil der Ton
+mir die Stimme der wahnsinnigen Alten im öden Hause schien. - Während
+daß man Kaffee nahm, fand ich Gelegenheit, mich dem Grafen P. zu
+nähern; er merkte gut, warum. >Wissen Sie wohl, daß ihre Nachbarin die
+Gräfin Edwine von S. war? - Wissen Sie wohl, daß in dem öden Hause
+die Schwester ihrer Mutter, schon seit Jahren unheilbar wahnsinnig,
+eingesperrt gehalten wird? - Heute morgen waren beide, Mutter und
+Tochter, bei der Unglücklichen. Der alte Hausverwalter, der einzige,
+der den gewaltsamen Ausbrüchen des Wahnsinns der Gräfin zu steuern
+wußte, und dem daher die Aufsicht über sie übertragen wurde, liegt
+todkrank, und man sagt, daß die Schwester endlich dem Doktor K. das
+Geheimnis anvertraut, und daß dieser noch die letzten Mittel versuchen
+wird, die Kranke, wo nicht herzustellen, doch von der entsetzlichen
+Tobsucht, in die sie zuweilen ausbrechen soll, zu retten. Mehr weiß
+ich vorderhand nicht.< - Andere traten hinzu, das Gespräch brach
+ab. - Doktor K. war nun gerade derjenige, an den ich mich meines
+rätselhaften Zustandes halber, gewandt, und ihr möget euch wohl
+vorstellen, daß ich, sobald es sein konnte, zu ihm eilte, und alles,
+was mir seit der Zeit widerfahren, getreulich erzählte. Ich forderte
+ihn auf zu meiner Beruhigung, so viel als er von der wahnsinnigen
+Alten wisse, zu sagen, und er nahm keinen Anstand, mir, nachdem ich
+ihm strenge Verschwiegenheit gelobt, folgendes anzuvertrauen.
+
+>Angelika, Gräfin von Z.< (so fing der Doktor an) >unerachtet in die
+Dreißig vorgerückt, stand noch in der vollsten Blüte wunderbarer
+Schönheit, als der Graf von S., der viel jünger an Jahren, sie hier
+in ***n bei Hofe sah, und sich in ihren Reizen so verfing, daß er
+zur Stunde die eifrigsten Bewerbungen begann und selbst, als zur
+Sommerszeit die Gräfin auf die Güter ihres Vaters zurückkehrte, ihr
+nachreiste, um seine Wünsche, die nach Angelikas Benehmen durchaus
+nicht hoffnungslos zu sein schienen, dem alten Grafen zu eröffnen.
+Kaum war Graf S. aber dort angekommen, kaum sah er Angelikas jüngere
+Schwester Gabriele, als er wie aus einer Bezauberung erwachte. In
+verblühter Farblosigkeit stand Angelika neben Gabrielen, deren
+Schönheit und Anmut den Grafen S. unwiderstehlich hinriß, und so kam
+es, daß er, ohne Angelika weiter zu beachten, um Gabrielens Hand warb,
+die ihm der alte Graf Z. um so lieber zusagte, als Gabriele gleich
+die entschiedenste Neigung für den Grafen S. zeigte. Angelika äußerte
+nicht den mindesten Verdruß über die Untreue ihres Liebhabers. ,Er
+glaubt mich verlassen zu haben. Der törichte Knabe! er merkt nicht,
+daß nicht _ich_, daß _er_ mein Spielzeug war, das ich wegwarf!` - So
+sprach sie in stolzem Hohn, und in der Tat, ihr ganzes Wesen zeigte,
+daß es wohl Ernst sein mochte mit der Verachtung des Ungetreuen.
+Übrigens sah man, sobald das Bündnis Gabrielens mit dem Grafen von S.
+ausgesprochen war, Angelika sehr selten. Sie erschien nicht bei der
+Tafel und man sagte, sie schweife einsam im nächsten Walde umher,
+den sie längst zum Ziel ihrer Spaziergänge gewählt hatte. - Ein
+sonderbarer Vorfall störte die einförmige Ruhe, die im Schlosse
+herrschte. Es begab sich, daß die Jäger des Grafen von Z., unterstützt
+von den in großer Anzahl aufgebotenen Bauern, endlich eine
+Zigeunerbande eingefangen hatten, der man die Mordbrennereien und
+Räubereien, welche seit kurzer Zeit so häufig in der Gegend vorfielen,
+schuld gab. An eine lange Kette geschlossen brachte man die Männer,
+gebunden auf einen Wagen gepackt die Weiber und Kinder auf den
+Schloßhof. Manche trotzige Gestalt, die mit wildem funkelnden
+Blick, wie ein gefesselter Tiger, keck umherschaute, schien den
+entschlossenen Räuber und Mörder zu bezeichnen, vorzüglich fiel aber
+ein langes, hageres, entsetzliches Weib, in einen blutroten Shawl vom
+Kopf bis zu Fuß gewickelt, ins Auge, die aufrecht im Wagen stand,
+und mit gebietender Stimme rief. man solle sie herabsteigen lassen,
+welches auch geschah. Der Graf von Z. kam auf den Schloßhof und befahl
+eben, wie man die Bande abgesondert in den festen Schloßgefängnissen
+verteilen solle, als mit fliegenden Haaren, Entsetzen und Angst in
+bleichem Gesicht, Gräfin Angelika aus der Tür hinausstürzte, und auf
+die Kniee geworfen mit schneidender Stimme rief. ,Diese Leute los -
+diese Leute los - sie sind unschuldig, unschuldig - Vater: laß diese
+Leute los! - ein Tropfen Bluts vergossen an einem von diesen und ich
+stoße mir dieses Messer in die Brust!` - Damit schwang die Gräfin ein
+spiegelblankes Messer in den Lüften und sank ohnmächtig nieder. ,Ei
+mein schönes Püppchen, mein trautes Goldkind, das wußt ich ja wohl,
+daß du es nicht leiden würdest!` - So meckerte die rote Alte. Dann
+kauerte sie nieder neben der Gräfin und bedeckte Gesicht und Busen mit
+ekelhaften Küssen, indem sie fortwährend murmelte: ,Blanke Tochter,
+blanke Tochter wach auf, wach auf, der Bräutigam kommt - hei hei
+blanker Bräutigam kommt.` Damit nahm die Alte eine Phiole hervor,
+in der ein kleiner Goldfisch in silberhellem Spiritus auf und ab zu
+gaukeln schien. Diese Phiole hielt die Alte der Gräfin an das Herz,
+augenblicklich erwachte sie, aber kaum erblickte sie das Zigeunerweib,
+als sie aufsprang, das Weib heftig und brünstig umarmte und dann mit
+ihr davoneilte in das Schloß hinein. Der Graf von Z. - Gabriele, ihr
+Bräutigam, die unterdessen erschienen, schauten ganz erstarrt und von
+seltsamen Grauen ergriffen, das alles an. Die Zigeuner blieben ganz
+gleichgültig und ruhig, sie wurden nun abgelöst von der Kette, und
+einzeln gefesselt in die Schloßgefängnisse geworfen. Am andern Morgen
+ließ der Graf von Z. die Gemeinde versammeln, die Zigeuner wurden
+vorgeführt, der Graf erklärte laut, daß sie ganz unschuldig wären an
+allen Räubereien, die in der Gegend verübt, und daß er ihnen freien
+Durchzug durch sein Gebiet verstatte, worauf sie entfesselt und zum
+Erstaunen aller mit Pässen wohl versehen entlassen wurden. Das rote
+Weib wurde vermißt. Man wollte wissen, daß der Zigeunerhauptmann,
+kenntlich an den goldnen Ketten um den Hals und dem roten Federbusch
+an dem spanisch niedergekrempten Hut, nachts auf dem Zimmer des Grafen
+gewesen. Einige Zeit nachher ward es unbezweifelt dargetan, daß die
+Zigeuner an dem Rauben und Morden in dem Gebiet umher in der Tat auch
+nicht den mindesten Anteil hatten. - Gabrieles Hochzeit rückte heran,
+mit Erstaunen bemerkte sie eines Tages, daß mehrere Rüstwagen mit
+Meublen, Kleidungsstücken, Wäsche, kurz, mit einer ganz vollständigen
+Hauseinrichtung bepackt wurden und abfuhren. Andern Morgens erfuhr
+sie, daß Angelika begleitet von dem Kammerdiener des Grafen S. und
+einer vermummten Frau, die der alten roten Zigeunerin ähnlich gesehen,
+nachts abgereiset sei. Graf Z. löste das Rätsel, indem er erklärte,
+daß er sich aus gewissen Ursachen genötiget gesehen, den freilich
+seltsamen Wünschen Angelikas nachzugeben, und ihr nicht allein das in
+***n belegne Haus in der Allee als Eigentum zu schenken, sondern auch
+zu erlauben, daß sie dort einen eignen, ganz unabhängigen Haushalt
+führe, wobei sie sich bedungen, daß keiner aus der Familie, ihn selbst
+nicht ausgenommen, ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis das Haus betreten
+solle. Der Graf von S. fügte hinzu, daß auf Angelikas dringenden
+Wunsch er seinen Kammerdiener ihr überlassen müssen, der mitgereiset
+sei nach ***n. Die Hochzeit wurde vollzogen, Graf S. ging mit seiner
+Gemahlin nach D. und ein Jahr verging ihnen in ungetrübter Heiterkeit.
+Dann fing aber der Graf an auf ganz eigne Weise zu kränkeln. Es war,
+als wenn ihm ein geheimer Schmerz alle Lebenslust, alle Lebenskraft
+raube, und vergebens waren alle Bemühungen seiner Gemahlin, das
+Geheimnis ihm zu entreißen, das sein Innerstes verderblich zu
+verstören schien. - Als endlich tiefe Ohnmachten seinen Zustand
+lebensgefährlich machten, gab er den Ärzten nach und ging angeblich
+nach Pisa. - Gabriele konnte nicht mitreisen, da sie ihrer Niederkunft
+entgegensah, die indessen erst nach mehrern Wochen erfolgte. - Hier<,
+sprach der Arzt, >werden die Mitteilungen der Gräfin Gabriele von S.
+so rhapsodisch, daß nur ein tieferer Blick den näheren Zusammenhang
+auffassen kann. - Genug - ihr Kind, ein Mädgen, verschwindet auf
+unbegreifliche Weise aus der Wiege, alle Nachforschungen bleiben
+vergebens - ihre Trostlosigkeit geht bis zur Verzweiflung, als zur
+selbigen Zeit Graf von Z. ihr die entsetzliche Nachricht schreibt, daß
+er den Schwiegersohn, den er auf dem Wege nach Pisa glaubte, in ***n
+und zwar in Angelikas Hause, vom Nervenschlage zum Tode getroffen,
+gefunden; daß Angelika in furchtbaren Wahnsinn geraten sei und daß er
+solchen Jammer wohl nicht lange tragen werde. - Sowie Gabriele von
+S. nur einige Kräfte gewonnen, eilt sie auf die Güter des Vaters;
+in schlafloser Nacht das Bild des verlornen Gatten, des verlornen
+Kindes vor Augen, glaubt sie ein leises Wimmern vor der Türe des
+Schlafzimmers zu vernehmen; ermutigt, zündet sie die Kerzen des
+Armleuchters bei der Nachtlampe an und tritt heraus. - Heiliger Gott!
+niedergekauert zur Erde, in den roten Shawl gewickelt, starrt das
+Zigeunerweib mit stierem, leblosem Blick ihr in die Augen - in den
+Armen hält sie ein kleines Kind, das so ängstlich wimmert, das Herz
+schlägt der Gräfin hoch auf in der Brust! - es ist ihr Kind! - es ist
+die verlorne Tochter! - Sie reißt das Kind der Zigeunerin aus den
+Armen, aber in diesem Augenblick kugelt diese um, wie eine leblose
+Puppe. Auf das Angstgeschrei der Gräfin wird alles wach, man eilt
+hinzu, man findet das Weib tot auf der Erde, kein Belebungsmittel
+wirkt und der Graf läßt sie einscharren. - Was bleibt übrig, als nach
+***n zur wahnsinnigen Angelika zu eilen, und vielleicht dort das
+Geheimnis mit dem Kinde zu erforschen. Alles hat sich verändert.
+Angelikas wilde Raserei hat alle weibliche Dienstboten entfernt, nur
+der Kammerdiener ist geblieben. Angelika ist ruhig und vernünftig
+geworden. Als der Graf die Geschichte von Gabrielens Kinde erzählt,
+schlägt sie die Hände zusammen, und ruft mit lautem Lachen: ,Ist's
+Püppgen angekommen? richtig angekommen? - eingescharrt, eingescharrt?
+Ojemine, wie prächtig sich der Goldfasan schüttelt! wißt ihr nichts
+vom grünen Löwen mit den blauen Glutaugen?` - Mit Entsetzen bemerkt
+der Graf die Rückkehr des Wahnsinns, indem plötzlich Angelikas Gesicht
+die Züge des Zigeunerweibes anzunehmen scheint, und beschließt,
+die Arme mitzunehmen auf die Güter, welches der alte Kammerdiener
+widerrät. In der Tat bricht auch der Wahnsinn Angelikas in Wut
+und Raserei aus, sobald man Anstalten macht, sie aus dem Hause zu
+entfernen. - In einem lichten Zwischenraum beschwört Angelika mit
+heißen Tränen den Vater, sie in dem Hause sterben zu lassen, und
+tiefgerührt bewilligt er dies, wiewohl er das Geständnis, das
+dabei ihren Lippen entflieht, nur für das Erzeugnis des aufs neue
+ausbrechenden Wahnsinns hält. Sie bekennt, daß Graf S. in ihre Arme
+zurückgekehrt, und daß das Kind, welches die Zigeunerin ins Haus des
+Grafen von Z. brachte, die Frucht dieses Bündnisses sei. - In der
+Residenz glaubt man, daß der Graf von Z. die Unglückliche mitgenommen
+hat auf die Güter, indessen sie hier tiefverborgen und der Aufsicht
+des Kammerdieners übergeben in dem verödeten Hause bleibt. - Graf von
+Z. ist gestorben vor einiger Zeit, und Gräfin Gabriele von S. kam mit
+Edmonden her, um Familienangelegenheiten zu berichtigen. Sie durfte es
+sich nicht versagen, die unglückliche Schwester zu sehen. Bei diesem
+Besuch muß sich Wunderliches ereignet haben, doch hat mir die Gräfin
+nichts darüber vertraut, sondern nur im allgemeinen gesagt, daß es nun
+nötig geworden, dem alten Kammerdiener die Unglückliche zu entreißen.
+Einmal habe er, wie es herausgekommen, durch harte grausame
+Mißhandlungen den Ausbrüchen des Wahnsinns zu steuern gesucht, dann
+aber, durch Angelikas Vorspieglung, daß sie Gold zu machen verstehe,
+sich verleiten lassen, mit ihr allerlei sonderbare Operationen
+vorzunehmen und ihr alles Nötige dazu herbeizuschaffen. - Es würde
+wohl< (so schloß der Arzt seine Erzählung) >ganz überflüssig sein,
+_Sie_, gerade _Sie_ auf den tiefern Zusammenhang aller dieser seltsamen
+Dinge aufmerksam zu machen. Es ist mir gewiß, daß _Sie_ die Katastrophe
+herbeigeführt haben, die der Alten Genesung oder baldigen Tod bringen
+wird. Übrigens mag ich jetzt nicht verhehlen, daß ich mich nicht wenig
+entsetzte, als ich, nachdem ich mich mit Ihnen in magnetischen Rapport
+gesetzt, ebenfalls das Bild im Spiegel sah. Daß dies Bild Edmonde war,
+wissen wir nun beide.<
+
+Ebenso, wie der Arzt glaubte, für mich nichts hinzufügen zu dürfen,
+ebenso halte ich es für ganz unnütz, mich nun noch darüber etwa zu
+verbreiten, in welchem geheimen Verhältnis Angelika, Edmonde, ich und
+der alte Kammerdiener standen, und wie mystische Wechselwirkungen ein
+dämonisches Spiel trieben. Nur so viel sage ich noch, daß mich nach
+diesen Begebenheiten ein drückendes, unheimliches Gefühl aus der
+Residenz trieb, welches erst nach einiger Zeit mich plötzlich verließ.
+Ich glaube, daß die Alte in dem Augenblick, als ein ganz besonderes
+Wohlsein mein Innerstes durchströmte, gestorben ist.« So endete
+Theodor seine Erzählung. Noch manches sprachen die Freunde über
+Theodors Abenteuer und gaben ihm recht, daß sich darin das Wunderliche
+mit dem Wunderbaren auf seltsame greuliche Weise mische. - Als sie
+schieden, nahm Franz Theodors Hand und sprach, sie leise schüttelnd,
+mit beinahe wehmütigem Lächeln: »Gute Nacht, du Spalanzanische
+Fledermaus!«
+
+
+
+Das Majorat
+
+Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich
+von R..schen Familie, R..sitten genannt. Die Gegend ist rauh und öde,
+kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande,
+und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt,
+schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein
+dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck
+des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens
+der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze
+der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen
+widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur.
+Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker
+und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem
+geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines
+freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses
+sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte.
+Die Nachfolger, auf ihren Gütern in Kurland hausend, ließen den Bau
+liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen
+Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem
+finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam
+liegenden Schlosse zusagte.
+
+Er ließ das verfallene Gebäude, so gut es gehen wollte, herstellen und
+sperrte sich darin ein mit einem grämlichen Hausverwalter und geringer
+Dienerschaft. Nur selten sah man ihn im Dorfe, dagegen ging und ritt
+er oft am Meeresstrande hin und her, und man wollte aus der Ferne
+bemerkt haben, wie er in die Wellen hineinsprach und dem Brausen und
+Zischen der Brandung zuhorchte, als vernehme er die antwortende Stimme
+des Meergeistes.
+
+Auf der höchsten Spitze des Wartturms hatte er ein Kabinett einrichten
+und mit Fernröhren - mit einem vollständigen astronomischen
+Apparat versehen lassen; da beobachtete er Tages, nach dem Meer
+hinausschauend, die Schiffe, die oft gleich weißbeschwingten
+Meervögeln am fernen Horizont vorüberflogen. Sternenhelle Nächte
+brachte er hin mit astronomischer oder, wie man wissen wollte, mit
+astrologischer Arbeit, worin ihm der alte Hausverwalter beistand.
+Überhaupt ging zu seinen Lebzeiten die Sage, daß er geheimer
+Wissenschaft, der sogenannten schwarzen Kunst, ergeben sei, und daß
+eine verfehlte Operation, durch die ein hohes Fürstenhaus auf das
+empfindlichste gekränkt wurde, ihn aus Kurland vertrieben habe. Die
+leiseste Erinnerung an seinen dortigen Aufenthalt erfüllte ihn mit
+Entsetzen, aber alles sein Leben Verstörende, was ihm dort geschehen,
+schrieb er lediglich der Schuld der Vorfahren zu, die die Ahnenburg
+böslich verließen.
+
+Um für die Zukunft wenigstens das Haupt der Familie an das Stammhaus
+zu fesseln, bestimmte er es zu einem Majoratsbesitztum. Der
+Landesherr bestätigte die Stiftung um so lieber, als dadurch eine an
+ritterlicher Tugend reiche Familie, deren Zweige schon in das Ausland
+herüberrankten, für das Vaterland gewonnen werden sollte. Weder
+Roderichs Sohn, Hubert, noch der jetzige Majoratsherr, wie sein
+Großvater Roderich geheißen, mochte indessen in dem Stammschlosse
+hausen, beide blieben in Kurland. Man mußte glauben, daß sie, heitrer
+und lebenslustiger gesinnt als der düstre Ahnherr, die schaurige Öde
+des Aufenthaltes scheuten.
+
+Freiherr Roderich hatte zwei alten, unverheirateten Schwestern seines
+Vaters, die, mager ausgestattet, in Dürftigkeit lebten, Wohnung und
+Unterhalt auf dem Gute gestattet. Diese saßen mit einer bejahrten
+Dienerin in den kleinen warmen Zimmern des Nebenflügels, und außer
+ihnen und dem Koch, der im Erdgeschoß ein großes Gemach neben
+der Küche inne hatte, wankte in den hohen Zimmern und Sälen des
+Hauptgebäudes nur noch ein abgelebter Jäger umher, der zugleich die
+Dienste des Kastellans versah. Die übrige Dienerschaft wohnte im Dorfe
+bei dem Wirtschaftsinspektor.
+
+Nur in später Herbstzeit, wenn der erste Schnee zu fallen begann, und
+die Wolfs-, die Schweinsjagden aufgingen, wurde das öde, verlassene
+Schloß lebendig. Dann kam Freiherr Roderich mit seiner Gemahlin,
+begleitet von Verwandten, Freunden und zahlreichem Jagdgefolge,
+herüber aus Kurland. Der benachbarte Adel, ja selbst jagdlustige
+Freunde aus der naheliegenden Stadt fanden sich ein, kaum vermochten
+Hauptgebäude und Nebenflügel die zuströmenden Gäste zu fassen, in
+allen Öfen und Kaminen knisterten reichlich zugeschürte Feuer, vom
+grauen Morgen bis in die Nacht hinein schnurrten die Bratenwender,
+Trepp' auf, Trepp' ab liefen hundert lustige Leute, Herren und Diener,
+dort erklangen angestoßene Pokale und fröhliche Jägerlieder, hier die
+Tritte der nach gellender Musik Tanzenden, überall lautes Jauchzen und
+Gelächter, und so glich vier bis sechs Wochen hindurch das Schloß mehr
+einer prächtigen, an vielbefahrner Landstraße liegenden Herberge, als
+der Wohnung des Gutsherrn.
+
+Freiherr Roderich widmete diese Zeit, so gut es sich nur tun ließ,
+ernstem Geschäfte, indem er, zurückgezogen aus dem Strudel der Gäste,
+die Pflichten des Majoratsherrn erfüllte. Nicht allein, daß er sich
+vollständige Rechnung der Einkünfte legen ließ, so hörte er auch jeden
+Vorschlag irgendeiner Verbesserung, sowie die kleinste Beschwerde
+seiner Untertanen an und suchte alles zu ordnen, jedem Unrechten oder
+Unbilligen zu steuern, wie er es nur vermochte. In diesen Geschäften
+stand ihm der alte Advokat V., von Vater auf Sohn vererbter
+Geschäftsträger des R..schen Hauses und Justitiarius der in P.
+liegenden Güter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht Tage vor
+der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem Majoratsgute abzureisen.
+
+Im Jahre 179- war die Zeit gekommen, daß der alte V. nach R..sitten
+reisen sollte. So lebenskräftig der Greis von siebzig Jahren sich auch
+fühlte, mußte er doch glauben, daß eine hülfreiche Hand im Geschäft
+ihm wohltun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir:
+
+»Vetter!« (so nannte er mich, seinen Großneffen, da ich seine Vornamen
+erhielt) »Vetter! ich dächte, du ließest dir einmal etwas Seewind um
+die Ohren sausen und kämst mit mir nach R..sitten. Außerdem, daß du
+mir wacker beistehen kannst in meinem manchmal bösen Geschäft, so
+magst du dich auch einmal im wilden Jägerleben versuchen und zusehen,
+wie, nachdem du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben,
+du den andern solch trotzigem Tier, als da ist ein langbehaarter,
+greulicher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge
+zu schauen oder gar es mit einem tüchtigen Büchsenschuß zu erlegen
+verstehest.«
+
+Nicht so viel Seltsames von der lustigen Jagdzeit in R..sitten hätte
+ich schon hören, nicht so mit ganzer Seele dem herrlichen alten
+Großonkel anhängen müssen, um nicht hocherfreut zu sein, daß er mich
+diesmal mitnehmen wolle. Schon ziemlich geübt in derlei Geschäften,
+wie er sie vorhatte, versprach ich mit tapferm Fleiß ihm alle Mühe und
+Sorge abzunehmen.
+
+Andern Tags saßen wir, in tüchtige Pelze eingehüllt, im Wagen
+und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter verkündendes
+Schneegestöber nach R..sitten.
+
+Unterwegs erzählte mir der Alte manches Wunderliche von dem Freiherrn
+Roderich, der das Majorat stiftete und ihn, seines Jünglingsalters
+ungeachtet, zu seinem Justitiarius und Testamentsvollstrecker
+ernannte. Er sprach von dem rauhen, wilden Wesen, das der alte Herr
+gehabt und das sich auf die ganze Familie zu vererben schiene, da
+selbst der jetzige Majoratsherr, den er als sanftmütigen, beinahe
+weichlichen Jüngling gekannt, von Jahr zu Jahr mehr davon ergriffen
+werde.
+
+Er schrieb mir vor, wie ich mich keck und unbefangen betragen müßte,
+um in des Freiherrn Augen was wert zu sein, und kam endlich auf die
+Wohnung im Schlosse, die er ein für allemal gewählt, da sie warm,
+bequem und so abgelegen sei, daß wir uns, wenn und wie wir wollten,
+dem tollen Getöse der jubilierenden Gesellschaft entziehen könnten. In
+zwei kleinen, mit warmen Tapeten behangenen Zimmern, dicht neben dem
+großen Gerichtssaal im Seitenflügel, dem gegenüber, wo die alten
+Fräuleins wohnten, da wäre ihm jedesmal seine Residenz bereitet.
+Endlich nach schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer
+Nacht nach R..sitten.
+
+Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade Sonntag, im Kruge Tanzmusik
+und fröhlicher Jubel, des Wirtschaftsinspektors Haus von unten bis
+oben erleuchtet, drinnen auch Musik und Gesang; desto schauerlicher
+wurde die Öde, in die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in
+schneidenden Jammertönen herüber und, als habe er sie aus tiefem
+Zauberschlaf geweckt, stöhnten die düstern Föhren ihm nach in dumpfer
+Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen empor aus
+dem Schneegrunde, wir hielten an dem verschlossenen Tor. Aber da half
+kein Rufen, kein Peitschengeknalle, kein Hämmern und Pochen, es war,
+als sei alles ausgestorben, in keinem Fenster ein Licht sichtbar.
+
+Der Alte ließ seine starke dröhnende Stimme erschallen: »Franz -
+Franz! Wo steckt Ihr denn? Zum Teufel, rührt Euch! - Wir erfrieren
+hier am Tor! Der Schnee schmeißt einem ja das Gesicht blutrünstig
+- rührt Euch, zum Teufel.« Da fing ein Hofhund zu winseln an, ein
+wandelndes Licht wurde im Erdgeschosse sichtbar, Schlüssel klapperten,
+und bald knarrten die gewichtigen Torflügel auf.
+
+»Ei, schön willkommen, schön willkommen, Herr Justitiarius, ei, in dem
+unsaubern Wetter!« So rief der alte Franz, indem er die Laterne hoch
+in die Hände hob, so daß das volle Licht auf sein verschrumpftes, zum
+freundlichen Lachen sonderbar verzogenes Gesicht fiel. Der Wagen fuhr
+in den Hof, wir stiegen aus, und nun gewahrte ich erst ganz des alten
+Bedienten seltsame, in eine altmodische, weite, mit vielen Schnüren
+wunderlich ausstaffierte Jägerlivrei gehüllte Gestalt.
+
+Über die breite weiße Stirn legten sich nur ein paar graue Löckchen,
+der untere Teil des Gesichts hatte die robuste Jägerfarbe, und
+unerachtet die verzogenen Muskeln das Gesicht zu einer beinahe
+abenteuerlichen Maske formten, söhnte doch die etwas dümmliche
+Gutmütigkeit, die aus den Augen leuchtete und um den Mund spielte,
+alles wieder aus.
+
+»Nun, alter Franz«, fing der Großonkel an, indem er sich im Vorsaal
+den Schnee vom Pelze abklopfte, »nun, alter Franz, ist alles bereitet,
+sind die Tapeten in meinen Stuben abgestaubt, sind die Betten
+hineingetragen, ist gestern und heute tüchtig geheizt worden?« »Nein«,
+erwiderte Franz sehr gelassen, »nein, mein wertester Herr Justitiarius,
+das ist alles nicht geschehen.«
+
+»Herr Gott«, fuhr der Großonkel auf, »ich habe ja zeitig genug
+geschrieben, ich komme ja stets nach dem richtigen Datum, das ist
+ja eine Tölpelei, nun kann ich in eiskalten Zimmern hausen.« »Ja,
+wertester Herr Justitiarius«, sprach Franz weiter, indem er sehr
+sorglich mit der Lichtschere von dem Docht einen glimmenden Räuber
+abschnippte und ihn mit dem Fuße austrat, »ja, sehn Sie, das alles,
+vorzüglich das Heizen, hätte nicht viel geholfen, denn der Wind und
+der Schnee, die hausen gar zu sehr hinein durch die zerbrochenen
+Fensterscheiben, und da« »Was«, fiel der Großonkel ihm in die Rede,
+den Pelz weit auseinanderschlagend und beide Arme in die Seiten
+stemmend, »was, die Fenster sind zerbrochen, und Ihr, des Hauses
+Kastellan, habt nichts machen lassen?«
+
+»Ja, wertester Herr Justitiarius«, fuhr der Alte ruhig und gelassen
+fort, »man kann nur nicht recht hinzu wegen des vielen Schutts und der
+vielen Mauersteine, die in den Zimmern herumliegen.« »Wo zum Tausend
+Himmel Sapperment kommen Schutt und Steine in meine Zimmer?« schrie
+der Großonkel. »Zum beständigen fröhlichen Wohlsein, mein junger
+Herr!« rief der Alte, sich höflich bückend, da ich eben nieste,
+setzte aber gleich hinzu: »Es sind die Steine und der Kalk von der
+Mittelwand, die von der großen Erschütterung einfiel.«
+
+»Habt Ihr ein Erdbeben gehabt?« platzte der Großonkel zornig heraus.
+»Das nicht, wertester Herr Justitiarius«, erwiderte der Alte, mit
+dem ganzen Gesicht lächelnd, »aber vor drei Tagen ist die schwere,
+getäfelte Decke des Gerichtssaals mit gewaltigem Krachen eingestürzt.«
+»So soll doch das« - Der Großonkel wollte, heftig und aufbrausend,
+wie er war, einen schweren Fluch ausstoßen; aber indem er mit der
+Rechten in die Höhe fuhr und mit der Linken die Fuchsmütze von der
+Stirn rückte, hielt er plötzlich inne, wandte sich nach mir um und
+sprach laut auflachend: »Wahrhaftig, Vetter! wir müssen das Maul
+halten, wir dürfen nicht weiter fragen; sonst erfahren wir noch
+ärgeres Unheil, oder das ganze Schloß stürzt uns über den Köpfen
+zusammen.«
+
+»Aber«, fuhr er fort, sich nach dem Alten umdrehend, »aber, Franz,
+konntet Ihr denn nicht so gescheit sein, mir ein anderes Zimmer
+reinigen und heizen zu lassen? Konntet Ihr nicht irgendeinen Saal im
+Hauptgebäude schnell einrichten zum Gerichtstage?« »Dieses ist auch
+bereits alles geschehen«, sprach der Alte, indem er freundlich nach
+der Treppe wies und sofort hinaufzusteigen begann. »Nun seht mir
+doch den wunderlichen Kauz«, rief der Onkel, indem wir dem Alten
+nachschritten.
+
+Es ging fort durch lange hochgewölbte Korridore, Franzens flackerndes
+Licht warf einen wunderlichen Schein in die dicke Finsternis.
+Säulen, Kapitäler und bunte Bogen zeigten sich oft wie in den Lüften
+schwebend, riesengroß schritten unsere Schatten neben uns her, und die
+seltsamen Gebilde an den Wänden, über die sie wegschlüpften, schienen
+zu zittern und zu schwanken, und ihre Stimmen wisperten in den
+dröhnenden Nachhall unserer Tritte hinein: »Weckt uns nicht, weckt uns
+nicht, uns tolles Zaubervolk, das hier in den alten Steinen schläft!«
+
+Endlich öffnete Franz, nachdem wir eine Reihe kalter, finstrer
+Gemächer durchgangen, einen Saal, in dem ein hellaufloderndes
+Kaminfeuer uns mit seinem lustigen Knistern wie mit heimatlichem Gruß
+empfing. Mir wurde gleich, sowie ich eintrat, ganz wohl zumute, doch
+der Großonkel blieb mitten im Saal stehen, schaute ringsumher und
+sprach mit sehr ernstem, beinahe feierlichem Ton: »Also hier, dies
+soll der Gerichtssaal sein?« - Franz, in die Höhe leuchtend, so daß
+an der breiten dunklen Wand ein heller Fleck, wie eine Türe groß,
+ins Auge fiel, sprach dumpf und schmerzhaft: »Hier ist ja wohl schon
+Gericht gehalten worden!«
+
+»Was kommt Euch ein, Alter?« rief der Onkel, indem er den Pelz schnell
+abwarf und an das Kaminfeuer trat. »Es fuhr mir nur so heraus«, sprach
+Franz, zündete die Lichter an und öffnete das Nebenzimmer, welches zu
+unsrer Aufnahme ganz heimlich bereitet war.
+
+Nicht lange dauerte es, so stand ein gedeckter Tisch vor dem Kamin,
+der Alte trug wohlzubereitete Schüsseln auf, denen, wie es uns beiden,
+dem Großonkel und mir, recht behaglich war, eine tüchtige Schale nach
+echt nordischer Art gebrauten Punsches folgte. Ermüdet von der Reise,
+suchte der Großonkel, sowie er gegessen, das Bette; das Neue, Seltsame
+des Aufenthalts, ja selbst der Punsch, hatte aber meine Lebensgeister
+zu sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Franz räumte den Tisch
+ab, schürte das Kaminfeuer zu und verließ mich mit freundlichen
+Bücklingen.
+
+Nun saß ich allein in dem hohen, weiten Rittersaal. Das Schneegestöber
+hatte zu schlackern, der Sturm zu sausen aufgehört, heitrer Himmel
+war's geworden, und der helle Vollmond strahlte durch die breiten
+Bogenfenster, alle finstre Ecken des wunderlichen Baues, wohin der
+düstere Schein meiner Kerzen und des Kaminfeuers nicht dringen konnte,
+magisch erleuchtend.
+
+So wie man es wohl noch in alten Schlössern antrifft, waren auf
+seltsame altertümliche Weise Wände und Decke des Saals verziert,
+diese mit schwerem Getäfel, jene mit fantastischer Bilderei und
+buntgemaltem, vergoldetem Schnitzwerk. Aus den großen Gemälden,
+mehrenteils das wilde Gewühl blutiger Bären- und Wolfsjagden
+darstellend, sprangen in Holz geschnitzte Tier- und Menschenköpfe
+hervor, den gemalten Leibern angesetzt, so daß, zumal bei der
+flackernden, schimmernden Beleuchtung des Feuers und des Mondes, das
+Ganze in greulicher Wahrheit lebte.
+
+Zwischen diesen Gemälden waren lebensgroße Bilder, in Jägertracht
+dahinschreitende Ritter, wahrscheinlich der jagdlustigen Ahnherren,
+eingefügt. Alles, Malerei und Schnitzwerk, trug die dunkle Farbe
+langverjährter Zeit; um so mehr fiel der helle kahle Fleck an
+derselben Wand, durch die zwei Türen in Nebengemächer führten, auf;
+bald erkannte ich, daß dort auch eine Tür gewesen sein müßte, die
+später zugemauert worden, und daß eben dies neue, nicht einmal der
+übrigen Wand gleich gemalte oder mit Schnitzwerk verzierte Gemäuer auf
+jene Art absteche. -
+
+Wer weiß es nicht, wie ein ungewöhnlicher, abenteuerlicher Aufenthalt
+mit geheimnisvoller Macht den Geist zu erfassen vermag, selbst
+die trägste Fantasie wird wach in dem von wunderlichen Felsen
+umschlossenen Tal in den düstern Mauern einer Kirche o. s., und will
+sonst nie Erfahrnes ahnen.
+
+Setze ich nun noch hinzu, daß ich zwanzig Jahr alt war und mehrere
+Gläser starken Punsch getrunken hatte, so wird man es glauben, daß
+mir in meinem Rittersaal seltsamer zumute wurde als jemals. Man denke
+sich die Stille der Nacht, in der das dumpfe Brausen des Meers, das
+seltsame Pfeifen des Nachtwindes wie die Töne eines mächtigen, von
+Geistern gerührten Orgelwerks erklangen - die vorüberfliegenden
+Wolken, die oft, hell und glänzend, wie vorbeistreifende Riesen durch
+die klirrenden Bogenfenster zu gucken schienen - in der Tat, ich mußt'
+es in dem leisen Schauer fühlen, der mich durchbebte, daß ein fremdes
+Reich nun sichtbar und vernehmbar aufgehen könne.
+
+Doch dies Gefühl glich dem Frösteln, das man bei einer lebhaft
+dargestellten Gespenstergeschichte empfindet und das man so gern
+hat. Dabei fiel mir ein, daß in keiner günstigeren Stimmung das
+Buch zu lesen sei, das ich so wie damals jeder, der nur irgend
+dem Romantischen ergeben, in der Tasche trug. Es war Schillers
+»Geisterseher«. Ich las und las und erhitzte meine Fantasie immer mehr
+und mehr.
+
+Ich kam zu der mit dem mächtigsten Zauber ergreifenden Erzählung von
+dem Hochzeitsfest bei dem Grafen von V.- Gerade wie Jeronimos blutige
+Gestalt eintritt, springt mit einem gewaltigen Schlage die Tür auf,
+die in den Vorsaal führt. - Entsetzt fahre ich in die Höhe, das Buch
+fällt mir aus den Händen. Aber in demselben Augenblick ist alles
+still, und ich schäme mich über mein kindliches Erschrecken.
+
+Mag es sein, daß durch die durchströmende Zugluft oder auf andere
+Weise die Tür aufgesprengt wurde. - Es ist nichts - meine überreizte
+Fantasie bildet jede natürliche Erscheinung gespenstisch! - So
+beschwichtigt, nehme ich das Buch von der Erde auf und werfe
+mich wieder in den Lehnstuhl - da geht es leise und langsam mit
+abgemessenen Tritten quer über den Saal hin, und dazwischen seufzt und
+ächzt es, und in diesem Seufzen, diesem Ächzen liegt der Ausdruck des
+tiefsten menschlichen Leidens, des trostlosesten Jammers - Ha! das ist
+irgendein eingesperrtes krankes Tier im untern Stock. Man kennt ja die
+akustische Täuschung der Nacht, die alles entfernt Tönende in die Nähe
+rückt - wer wird sich nur durch so etwas Grauen erregen lassen. - So
+beschwichtige ich mich aufs neue, aber nun kratzt es, indem lautere,
+tiefere Seufzer, wie in der entsetzlichen Angst der Todesnot
+ausgestoßen, sich hören lassen, an jenem neuen Gemäuer.
+
+»Ja, es ist ein armes eingesperrtes Tier - ich werde jetzt laut rufen,
+ich werde mit dem Fuß tüchtig auf den Boden stampfen, gleich wird
+alles schweigen oder das Tier unten sich deutlicher in seinen
+natürlichen Tönen hören lassen!«- So denke ich, aber das Blut gerinnt
+in meinen Adern - kalter Schweiß steht auf der Stirne, erstarrt bleib'
+ich im Lehnstuhle sitzen, nicht vermögend aufzustehen, viel weniger
+noch zu rufen.
+
+Das abscheuliche Kratzen hört endlich auf - die Tritte lassen sich
+aufs neue vernehmen - es ist, als wenn Leben und Regung in mir
+erwachte, ich springe auf und trete zwei Schritte vor, aber da
+streicht eine eiskalte Zugluft durch den Saal, und in demselben
+Augenblick wirft der Mond sein helles Licht auf das Bildnis eines sehr
+ernsten, beinahe schauerlich anzusehenden Mannes, und als säusle seine
+warnende Stimme durch das stärkere Brausen der Meereswellen, durch
+das gellendere Pfeifen des Nachtwindes, höre ich deutlich: »- Nicht
+weiter - nicht weiter, sonst bist du verfallen dem entsetzlichen Graus
+der Geisterwelt!«
+
+Nun fällt die Tür zu mit demselben starken Schlage wie zuvor, ich
+höre die Tritte deutlich auf dem Vorsaal - es geht die Treppe hinab
+- die Haupttür des Schlosses öffnet sich rasselnd und wird wieder
+verschlossen. Dann ist es, als würde ein Pferd aus dem Stalle gezogen
+und nach einer Weile wieder in den Stall zurückgeführt dann ist alles
+still! In demselben Augenblick vernahm ich, wie der alte Großonkel im
+Nebengemach ängstlich seufzte und stöhnte, dies gab mir alle Besinnung
+wieder, ich ergriff die Leuchter und eilte hinein. Der Alte schien mit
+einem bösen, schweren Traume zu kämpfen.
+
+»Erwachen Sie - erwachen Sie«, rief ich laut, indem ich ihn sanft bei
+der Hand faßte und den hellen Kerzenschein auf sein Gesicht fallen
+ließ. Der Alte fuhr auf mit einem dumpfen Ruf, dann schaute er mich
+mit freundlichen Augen an und sprach: »Das hast du gut gemacht,
+Vetter, daß du mich wecktest. Ei, ich hatte einen sehr häßlichen
+Traum, und daran ist bloß hier das Gemach und der Saal schuld, denn
+ich mußte dabei an die vergangene Zeit und an manches Verwunderliche
+denken, was hier sich begab. Aber nun wollen wir recht tüchtig
+ausschlafen!«
+
+Damit hüllte sich der Alte in die Decke und schien sofort
+einzuschlafen. Als ich die Kerzen ausgelöscht und mich auch ins Bette
+gelegt hatte, vernahm ich, daß der Alte leise betete.
+
+Am andern Morgen ging die Arbeit los, der Wirtschaftsinspektor kam
+mit den Rechnungen, und Leute meldeten sich, die irgendeinen Streit
+geschlichtet, irgendeine Angelegenheit geordnet haben wollten. Mittags
+ging der Großonkel mit mir herüber in den Seitenflügel, um den beiden
+alten Baronessen in aller Form aufzuwarten. Franz meldete uns,
+wir mußten einige Augenblicke warten und wurden dann durch ein
+sechzigjähriges gebeugtes, in bunte Seide gekleidetes Mütterchen,
+die sich das Kammerfräulein der gnädigen Herrschaft nannte, in das
+Heiligtum geführt.
+
+Da empfingen uns die alten, nach längst verjährter Mode abenteuerlich
+geputzten Damen mit komischem Zeremoniell, und vorzüglich war ich ein
+Gegenstand ihrer Verwunderung, als der Großonkel mich mit vieler Laune
+als einen jungen, ihm beisteheenden Justizmann vorstellte. In ihren
+Mienen lag es, daß sie bei meiner Jugend das Wohl der R..sittenschen
+Untertanen gefährdet glaubten.
+
+Der ganze Auftritt bei den alten Damen hatte überhaupt viel
+Lächerliches, die Schauer der vergangenen Nacht fröstelten aber noch
+in meinem Innern, ich fühlte mich wie von einer unbekannten Macht
+berührt, oder es war mir vielmehr, als habe ich schon an den Kreis
+gestreift, den zu überschreiten und rettungslos unterzugehen es nur
+noch eines Schritts bedürfte, als könne nur das Aufbieten aller mir
+inwohnenden Kraft mich gegen das Entsetzen schützen, das nur dem
+unheilbaren Wahnsinn zu weichen pflegt. So kam es, daß selbst die
+alten Baronessen in ihren seltsamen hochaufgetürmten Frisuren,
+in ihren wunderlichen stoffnen, mit bunten Blumen und Bändern
+ausstaffierten Kleidern mir statt lächerlich, ganz graulich und
+gespenstisch erschienen.
+
+In den alten gelbverschrumpften Gesichtern, in den blinzenden Augen
+wollt' ich es lesen, in dem schlechten Französisch, das halb durch
+die eingekniffenen blauen Lippen, halb durch die spitzen Nasen
+herausschnarrte, wollt' ich es hören, wie sich die Alten mit den
+unheimlichen, im Schlosse herumspukenden Wesen wenigstens auf guten
+Fuß gesetzt hätten und auch wohl selbst Verstörendes und Entsetzliches
+zu treiben vermochten.
+
+Der Großonkel, zu allem Lustigen aufgelegt, verstrickte mit seiner
+Ironie die Alten in ein solches tolles Gewäsche, daß ich in anderer
+Stimmung nicht gewußt hätte, wie das ausgelassenste Gelächter in mich
+hineinschlucken, aber wie gesagt, die Baronessen samt ihrem Geplapper
+waren und blieben gespenstisch, und der Alte, der mir eine besondere
+Lust bereiten wollte, blickte mich ein Mal übers andere ganz
+verwundert an.
+
+Sowie wir nach Tische in unserm Zimmer allein waren, brach er los:
+»Aber, Vetter, sag' mir um des Himmels willen, was ist dir? - Du
+lachst nicht, du sprichst nicht, du issest nicht, du trinkst nicht?
+Bist du krank? oder fehlt es sonst woran?«
+
+Ich nahm jetzt gar keinen Anstand, ihm alles Grauliche, Entsetzliche,
+was ich in voriger Nacht überstanden, ganz ausführlich zu erzählen.
+Nichts verschwieg ich, vorzüglich auch nicht, daß ich viel Punsch
+getrunken und in Schillers »Geisterseher« gelesen. »Bekennen muß
+ich dies«, setzte ich hinzu, »denn so wird es glaublich, daß meine
+überreizte arbeitende Fantasie all die Erscheinungen schuf, die nur
+innerhalb den Wänden meines Gehirns existierten.«
+
+Ich glaubte, daß nun der Großonkel mir derb zusetzen würde mit
+körnichten Späßen über meine Geisterseherei, statt dessen wurde er
+sehr ernsthaft, starrte in den Boden hinein, warf dann den Kopf
+schnell in die Höhe und sprach, mich mit dem brennenden Blick seiner
+Augen anschauend: »Ich kenne dein Buch nicht, Vetter! aber weder
+seinem, noch dem Geist des Punsches hast du jenen Geisterspuk zu
+verdanken. Wisse, daß ich dasselbe, was dir widerfuhr, träumte. Ich
+saß, so wie du (so kam es mir vor), im Lehnstuhl bei dem Kamin, aber
+was sich dir nur in Tönen kundgetan, das sah ich, mit dem innern Auge
+es deutlich erfassend.
+
+Ja! ich erblickte den greulichen Unhold, wie er hereintrat, wie
+er kraftlos an die vermauerte Tür schlich, wie er in trostloser
+Verzweiflung an der Wand kratzte, daß das Blut unter den zerrissenen
+Nägeln herausquoll, wie er dann hinabstieg, das Pferd aus dem Stalle
+zog und in den Stall zurückbrachte. Hast du es gehört, wie der Hahn
+im fernen Gehöfte des Dorfes krähte? Da wecktest du mich, und ich
+widerstand bald dem bösen Spuk des entsetzlichen Menchen, der noch
+vermag, das heitre Leben grauenhaft zu verstören.«
+
+Der Alte hielt inne, aber ich mochte nicht fragen, wohlbedenkend, daß
+er mir alles aufklären werde, wenn er es geraten finden sollte. Nach
+einer Weile, in der er, tief in sich gekehrt, dagesessen, fuhr der
+Alte fort: »Vetter, hast du Mut genug, jetzt nachdem du weißt, wie
+sich alles begibt, den Spuk noch einmal zu bestehen? und zwar mit mir
+zusammen?«
+
+Es war natürlich, daß ich erklärte, wie ich mich jetzt dazu ganz
+entkräftigt fühle. »So wollen wir«, sprach der Alte weiter, »in
+künftiger Nacht zusammen wachen. Eine innere Stimme sagt mir, daß
+meiner geistigen Gewalt nicht sowohl, als meinem Mute, der sich auf
+festes Vertrauen gründet, der böse Spuk weichen muß, und daß es kein
+freveliches Beginnen, sondern ein frommes, tapferes Werk ist, wenn ich
+Leib und Leben daran wage, den bösen Unhold zu bannen, der hier die
+Söhne aus der Stammburg der Ahnherrn treibt. -
+
+Doch! von keiner Wagnis ist ja die Rede, denn in solch festem
+redlichen Sinn, in solch frommen Vertrauen, wie es in mir lebt, ist
+und bleibt man ein siegreicher Held. - Aber sollt' es dennoch Gottes
+Wille sein, daß die böse Macht mich anzutasten vermag, so sollst du,
+Vetter, es verkünden, daß ich im redlichen christlichen Kampf mit dem
+Höllengeist, der hier sein verstörendes Wesen treibt, unterlag! - Du!
+- halt dich ferne! dir wird dann nichts geschehen!«
+
+Unter mancherlei zerstreuenden Geschäften war der Abend herangekommen.
+Franz hatte, wie gestern, das Abendessen abgeräumt und uns Punsch
+gebracht, der Vollmond schien hell durch die glänzenden Wolken, die
+Meereswellen brausten, und der Nachtwind heulte und schüttelte die
+klirrenden Scheiben der Bogenfenster. Wir zwangen uns, im Innern
+aufgeregt, zu gleichgültigen Gesprächen. Der Alte hatte seine
+Schlaguhr auf den Tisch gelegt. Sie schlug zwölfe. Da sprang mit
+entsetzlichem Krachen die Tür auf, und wie gestern schwebten leise und
+langsam Tritte quer durch den Saal, und das Ächzen und Seufzen ließ
+sich vernehmen.
+
+Der Alte war verblaßt, aber seine Augen erstrahlten in ungewöhnlichem
+Feuer, er erhob sich vom Lehnstuhl, und indem er in seiner großen
+Gestalt, hochaufgerichtet, den linken Arm in die Seite gestemmt, den
+rechten weit vorstreckend nach der Mitte des Saals, dastand, war er
+anzusehen, wie ein gebietender Held.
+
+Doch immer stärker und vernehmlicher wurde das Seufzen und Ächzen, und
+nun fing es an abscheulicher als gestern an der Wand hin und her zu
+kratzen. Da schritt der Alte vorwärts, gerade auf die zugemauerte Tür
+los, mit festen Tritten, daß der Fußboden erdröhnte. Dicht vor der
+Stelle, wo es toller und toller kratzte, stand er still und sprach mit
+starkem, feierlichem Ton, wie ich ihn nie gehört:
+
+»Daniel, Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!« Da kreischte es
+auf grauenvoll und entsetzlich, und ein dumpfer Schlag geschah, wie
+wenn eine Last zu Boden stürzte. »Suche Gnade und Erbarmen vor dem
+Thron des Höchsten, dort ist dein Platz! Fort mit dir aus dem Leben,
+dem du niemals mehr angehören kannst!«
+
+So rief der Alte noch gewaltiger als vorher, es war, als ginge ein
+leises Gewimmer durch die Lüfte und ersterbe im Sausen des Sturms, der
+sich zu erheben begann. Da schritt der Alte nach der Tür und warf sie
+zu, daß es laut durch den öden Vorsaal widerhallte.
+
+In seiner Sprache, in seinen Gebärden lag etwas Übermenschliches, das
+mich mit tiefem Schauer erfüllte. Als er sich in den Lehnstuhl setzte,
+war sein Blick wie verklärt, er faltete seine Hände, er betete im
+Innern. So mochten einige Minuten vergangen sein, da frug er mit der
+milden, tief in das Herz dringenden Stimme, die er so sehr in seiner
+Macht hatte: »Nun, Vetter?« Von Schauer - Entsetzen - Angst - heiliger
+Ehrfurcht und Liebe durchbebt, stürzte ich auf die Kniee und benetzte
+die mir dargebotene Hand mit heißen Tränen. Der Alte schloß mich in
+seine Arme, und indem er mich innig an sein Herz drückte, sprach er
+sehr weich: »Nun wollen wir auch recht sanft schlafen, lieber Vetter!«
+
+Es geschah auch so, und als sich in der folgenden Nacht durchaus
+nichts Unheimliches verspüren ließ, gewannen wir die alte Heiterkeit
+wieder, zum Nachteil der alten Baronessen, die, blieben sie auch in
+der Tat ein wenig gespenstisch, mit ihrem abenteuerlichen Wesen, doch
+nur ergötzlichen Spuk trieben, den der Alte auf possierliche Weise
+anzuregen wußte.
+
+Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner Gemahlin
+und zahlreichem Jagdgefolge, die geladenen Gäste sammelten sich, und
+nun ging in dem plötzlich lebendig gewordenen Schlosse das laute wilde
+Treiben los, wie es vorhin beschrieben.
+
+Als der Baron gleich nach seiner Ankunft in unsern Saal trat, schien
+er über unsern veränderten Aufenthalt auf seltsame Weise befremdet,
+er warf einen düstern Blick auf die zugemauerte Tür, und schnell
+sich abwendend, fuhr er mit der Hand über die Stirn, als wolle er
+irgendeine böse Erinnerung verscheuchen. Der Großonkel sprach von der
+Verwüstung des Gerichtssaals und der anstoßenden Gemächer, der Baron
+tadelte es, daß Franz uns nicht besser einlogiert habe, und forderte
+den Alten recht gemütlich auf, doch nur zu gebieten, wenn ihm irgend
+etwas in dem neuen Gemach, das doch viel schlechter sei, als das, was
+er sonst bewohnt, an seiner Bequemlichkeit abginge.
+
+Überhaupt war das Betragen des Barons gegen den alten Großonkel
+nicht allein herzlich, sondern ihm mischte sich eine gewisse
+kindliche Ehrfurcht bei, als stehe der Baron mit dem Alten in
+verwandtschaftlichem Respektsverhältnis. Dies war aber auch das
+einzige, was mich mit dem rauhen, gebieterischen Wesen des Barons,
+das er immer mehr und mehr entwickelte, einigermaßen zu versöhnen
+vermochte. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten, er sah in
+mir den gewöhnlichen Schreiber.
+
+Gleich das erstemal, als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er
+etwas in der Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und
+ich war im Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern, als der
+Großonkel, das Wort nehmend, versicherte, daß ich denn nun einmal
+alles recht nach seinem Sinne mache, und daß dieser doch nur hier in
+gerichtlicher Verhandlung walten könne.
+
+Als wir allein waren, beschwerte ich mich bitter über den Baron,
+der mir immer mehr im Grunde der Seele zuwider werde. »Glaube
+mir, Vetter!« erwiderte der Alte, »daß der Baron trotz seines
+unfreundlichen Wesens der vortrefflichste, gutmütigste Mensch von der
+Welt ist. Dieses Wesen hat er auch, wie ich dir schon sagte, erst seit
+der Zeit angenommen, als er Majoratsherr wurde, vorher war er ein
+sanfter, bescheidener Jüngling. Überhaupt ist es denn doch aber nicht
+mit ihm so arg, wie du es machst, und ich möchte wohl wissen, warum er
+dir so gar sehr zuwider ist.«
+
+Indem der Alte die letzten Worte sprach, lächelte er recht höhnisch,
+und das Blut stieg mir siedend heiß ins Gesicht. Mußte mir nun nicht
+mein Innres recht klar werden, mußte ich es nicht deutlich fühlen, daß
+jenes wunderliche Hassen aufkeimte aus dem Lieben, oder vielmehr aus
+dem Verlieben in ein Wesen, das mir das holdeste, hochherrlichste zu
+sein schien, was jemals auf Erden gewandelt?
+
+Dieses Wesen war niemand als die Baronesse selbst. Schon gleich als
+sie angekommen und in einem russischen Zobelpelz, der knapp anschloß
+an den zierlich gebauten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt,
+durch die Gemächer schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein
+mächtiger unwiderstehlicher Zauber. Ja, selbst der Umstand, daß die
+alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen, als ich
+sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten und ihre
+französischen Bewillkommnungen herschnatterten, während sie, die
+Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um sich her schaute und
+bald diesem, bald jenem freundlich zunickte, bald in dem rein tönenden
+kurländischen Dialekt einige deutsche Worte dazwischen flötete, schon
+dieses gab ein wunderbar fremdartiges Bild, und unwillkürlich reihte
+die Fantasie dies Bild an jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse
+wurde der Engel des Lichts, dem sich die bösen gespenstischen Mächte
+beugen.
+
+Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes Augen. Sie
+mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zählen, ihr Gesicht, ebenso
+zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der höchsten Engelsgüte,
+vorzüglich lag aber in dem Blick der dunklen Augen ein
+unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondesstrahl ging darin eine
+schwermütige Sehnsucht auf; so wie in ihrem holdseligen Lächeln ein
+ganzer Himmel voll Wonne und Entzücken. Oft schien sie ganz in sich
+selbst verloren, und dann gingen düstre Wolkenschatten über ihr holdes
+Antlitz.
+
+Man hätte glauben sollen, irgendein verstörender Schmerz müsse sie
+befangen, mir schien es aber, daß wohl die düstere Ahnung einer
+trüben, unglücksschwangeren Zukunft es sei, von der sie in solchen
+Augenblicken erfaßt werde, und auch damit setzte ich auf seltsame
+Weise, die ich mir weiter gar nicht zu erklären wußte, den Spuk im
+Schlosse in Verbindung.
+
+Den andern Morgen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die
+Gesellschaft zum Frühstück, der Alte stellte mich der Baronesse vor,
+und wie es in solcher Stimmung, wie die meinige war, zu geschehen
+pflegt, ich nahm mich unbeschreiblich albern, indem ich auf die
+einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem Schlosse gefalle
+u.s., mich in die wunderlichsten sinnlosesten Reden verfing, so daß
+die alten Tanten meine Verlegenheit wohl lediglich dem profunden
+Respekt vor der Herrin zuschrieben, sich meiner huldreich annehmen
+zu müssen glaubten und mich in französischer Sprache als einen ganz
+artigen und geschickten jungen Menschen, als einen »garcon tres joli«
+anpriesen.
+
+Das ärgerte mich, und plötzlich mich ganz beherrschend, fuhr mir ein
+Witzwort heraus in besserem Französisch, als die Alten es sprachen,
+worauf sie mich mit großen Augen anguckten und die langen spitzen
+Nasen reichlich mit Tabak bedienten.
+
+An dem ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu
+einer anderen Dame wandte, merkte ich, daß mein Witzwort hart an eine
+Narrheit streifte, das ärgerte mich noch mehr, und ich verwünschte die
+Alten in den Abgrund der Hölle.
+
+Die Zeit des schäferischen Schmachtens, des Liebesunglücks in
+kindischer Selbstbetörung hatte in mir der alte Großonkel längst
+wegironiert, und wohl merkt' ich, daß die Baronin tiefer und mächtiger
+als noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemüt gefaßt
+hatte. Ich sah, ich hörte nur sie, aber bewußt war ich mir deutlich
+und bestimmt, daß es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein würde,
+irgendeine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmöglichkeit
+einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen und anzubeten,
+dessen ich mich selbst hätte schämen müssen.
+
+Der herrlichen Frau näherzutreten, ohne ihr nur mein inneres Gefühl
+ahnen zu lassen, das süße Gift ihrer Blicke, ihrer Worte einsaugen und
+dann fern von ihr, sie lange, vielleicht immerdar im Herzen tragen,
+das wollte und konnte ich. Diese romantische, ja wohl ritterliche
+Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht, spannte mich
+dermaßen, daß ich kindisch genug war, mich selbst auf pathetische
+Weise zu haranguieren und zuletzt sehr kläglich zu seufzen:
+»Seraphine, ach Seraphine!« so daß der Alte erwachte und mir zurief:
+»Vetter! Vetter! ich glaube, du fantasierst mit lauter Stimme! Tu's
+bei Tage, wenn's möglich ist, aber zur Nachtzeit laß mich schlafen!«
+
+Ich war nicht wenig besorgt, daß der Alte, der schon mein aufgeregtes
+Wesen bei der Ankunft der Baronin wohl bemerkt, den Namen gehört haben
+und mich mit einem sarkastischen Spott überschütten werde, er sagte
+am andern Morgen aber nichts weiter, als bei dem Hineingehen in
+den Gerichtssaal: »Gott gebe jedem gehörigen Menschenverstand und
+Sorglichkeit, ihn in gutem Verschluß zu halten. Es ist schlimm, mir
+nichts, dir nichts sich in einen Hasenfuß umzusetzen.« Hierauf nahm er
+Platz an dem großen Tisch und sprach: »Schreibe fein deutlich, lieber
+Vetter! damit ich's ohne Anstoß zu lesen vermag.«
+
+Die Hochachtung, ja die kindliche Ehrfurcht, die der Baron meinem
+alten Großonkel erzeigte, sprach sich in allem aus. So mußte er auch
+bei Tische den ihm von vielen beneideten Platz neben der Baronesse
+einnehmen, mich warf der Zufall bald hier-, bald dorthin, doch
+pflegten gewöhnlich ein paar Offiziere aus der nahen Hauptstadt mich
+in Beschlag zu nehmen, um sich über alles Neue und Lustige, was dort
+geschehen, recht auszusprechen und dabei wacker zu trinken.
+
+So kam es, daß ich mehrere Tage hindurch ganz fern von der Baronesse,
+am untern Ende des Tisches saß, bis mich endlich ein Zufall in ihre
+Nähe brachte. Als der versammelten Gesellschaft der Eßsaal geöffnet
+wurde, hatte mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht
+mehr ganz junges Fräulein, aber sonst nicht häßlich und nicht ohne
+Geist, in ein Gespräch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der
+Sitte gemäß mußte ich ihr den Arm geben, und nicht wenig erfreut war
+ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die ihr freundlich
+zunickte.
+
+Man kann denken, daß nun alle Worte, die ich sprach, nicht mehr der
+Nachbarin allein, sondern hauptsächlich der Baronin galten. Mag es
+sein, daß meine innere Spannung allem, was ich sprach, einen besondern
+Schwung gab, genug, das Fräulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer,
+ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets
+wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen ließ.
+
+Sie war, wie gesagt, nicht ohne Geist, und so geschah es bald, daß
+unser Gespräch, ganz unabhängig von den vielen Worten der Gäste, die
+hin und her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin
+ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt' ich nämlich,
+daß das Fräulein der Baronin bedeutende Blicke zuwarf, und daß diese
+sich mühte uns zu hören. Vorzüglich war dies der Fall, als ich, da
+das Gespräch sich auf Musik gewandt, mit voller Begeisterung von
+der herrlichen, heiligen Kunst sprach und zuletzt nicht verhehlte,
+daß ich, trockner, langweiliger Juristerei, der ich mich ergeben,
+unerachtet, den Flügel mit ziemlicher Fertigkeit spiele, singe und
+auch wohl schon manches Lied gesetzt habe.
+
+Man war in den andern Saal getreten, um Kaffee und Liköre zu nehmen,
+da stand ich unversehens, selbst wußte ich nicht wie, vor der Baronin,
+die mit dem Fräulein gesprochen. Sie redete mich sogleich an, indem
+sie, doch freundlicher und in dem Ton, wie man mit einem Bekannten
+spricht, jene Fragen, wie mir der Aufenthalt im Schlosse zusage u.s.,
+wiederholte. Ich versicherte, daß in den ersten Tagen die schauerliche
+Öde der Umgebung, ja selbst das altertümliche Schloß mich seltsam
+gestimmt habe, daß aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches
+aufgegangen und daß ich nur wünsche, der wilden Jagden, an die ich
+nicht gewöhnt, überhoben zu sein.
+
+Die Baronin lächelte, indem sie sprach: »Wohl kann ich's mir denken,
+daß Ihnen das wüste Treiben in unsern Föhrenwäldern nicht eben
+behaglich sein kann. Sie sind Musiker, und täuscht mich nicht alles,
+gewiß auch Dichter! Mit Leidenschaft liebe ich beide Künste! - ich
+spiele selbst etwas die Harfe, das muß ich nun in R..sitten entbehren,
+denn mein Mann mag es nicht, daß ich das Instrument mitnehme, dessen
+sanftes Getön schlecht sich schicken würde zu dem wilden Halloh, zu
+dem gellenden Hörnergetöse der Jagd, das sich hier nur hören lassen
+soll! - O mein Gott! wie würde mich hier Musik erfreun!«
+
+Ich versicherte, daß ich meine ganze Kunst aufbieten werde, ihren
+Wunsch zu erfüllen, daß es doch im Schlosse unbezweifelt ein
+Instrument, sei es auch nur ein alter Flügel, geben werde. Da lachte
+aber Fräulein Adelheid (der Baronin Gesellschafterin) hell auf und
+frug, ob ich denn nicht wisse, daß seit Menschengedenken im Schlosse
+keine andern Instrumente gehört worden, als krächzende Trompeten, im
+Jubel lamentierende Hörner der Jäger und heisere Geigen, verstimmte
+Bässe, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten.
+
+Die Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hören, fest, und
+beide, sie und Adelheid, erschöpften sich in Vorschlägen, wie ein
+leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden könne. In dem Augenblick
+schritt der alte Franz durch den Saal. »Da haben wir den, der für
+alles guten Rat weiß, der alles herbeischafft, selbst das Unerhörte
+und Ungesehene!«
+
+Mit diesen Worten rief ihn Fräulein Adelheid heran, und indem sie
+ihm begreiflich machte, worauf es ankomme, horchte die Baronin mit
+gefalteten Händen, mit vorwärts gebeugtem Haupt, dem Alten mit mildem
+Lächeln ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen, wie ein
+holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu gern
+schon in Händen hätte. Franz, nachdem er in seiner weitläufigen Manier
+mehrere Ursachen hergezählt hatte, warum es denn schier unmöglich sei,
+in der Geschwindigkeit solch ein rares Instrument herbeizuschaffen,
+strich sich endlich mit behaglichem Schmunzeln den Bart und sprach:
+»Aber die Frau Wirtschaftsinspektorin drüben im Dorfe schlägt ganz
+ungemein geschickt das Clavizimbel, oder wie sie es jetzt nennen mit
+dem ausländischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel, daß
+einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man hüpfen möchte mit
+beiden Beinen.«
+
+»Und besitzt ein Fortepiano!« fiel Fräulein Adelheid ihm in die
+Rede. »Ei, freilich«, fuhr der Alte fort, »direkt aus Dresden ist es
+gekommen - ein -« »O das ist herrlich«, unterbrach ihn die Baronin
+»ein schönes Instrument«, sprach der Alte weiter, »aber ein wenig
+schwächlich, denn als der Organist neulich das Lied: >In allen meinen
+Taten< darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Boden, so
+daß-«
+
+»O mein Gott«, riefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid, »so
+daß«, fuhr der Alte fort, »es mit schweren Kosten nach R - geschafft
+und dort repariert werden mußte.« »Ist es denn nun wieder hier?« frug
+Fräulein Adelheid ungeduldig. »Ei freilich, gnädiges Fräulein! und die
+Frau Wirtschaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen.«
+
+In diesem Augenblick streifte der Baron vorüber, er sah sich wie
+befremdet nach unserer Gruppe um und flüsterte spöttisch lächelnd der
+Baronin zu: »Muß Franz wieder guten Rat erteilen?« Die Baronin schlug
+errötend die Augen nieder, und der alte Franz stand, erschrocken
+abbrechend, den Kopf gerade gerichtet, die herabhängenden Arme dicht
+an den Leib gedrückt, in soldatischer Stellung da.
+
+Die alten Tanten schwammen in ihren stoffnen Kleidern auf uns zu
+und entführten die Baronin. Ihr folgte Fräulein Adelheid. Ich war
+wie bezaubert stehen geblieben. Entzücken, daß ich nun ihr, der
+Angebeteten, die mein ganzes Wesen beherrschte, mich nahen werde,
+kämpfte mit düsterm Mißmut und Ärger über den Baron, der mir als ein
+rauher Despot erschien. War er dies nicht, durfte dann wohl der alte
+eisgraue Diener so sklavisch sich benehmen?
+
+»Hörst du, siehst du endlich?« rief der Großonkel, mir auf die
+Schulter klopfend; wir gingen hinauf in unser Gemach. »Dränge dich
+nicht so an die Baronin«, sprach er, als wir angekommen, »wozu soll
+das, überlaß es den jungen Gecken, die gern den Hof machen, und an
+denen es ja nicht mangelt.« - Ich erzählte, wie alles gekommen, und
+forderte ihn auf mir nun zu sagen, ob ich seinen Vorwurf verdiene, er
+erwiderte aber darauf nichts als: »Hm hm« - zog den Schlafrock an,
+setzte sich mit angezündeter Pfeife in den Lehnstuhl und sprach
+von den Ereignissen der gestrigen Jagd, mich foppend über meine
+Fehlschüsse.
+
+Im Schloß war es still geworden, Herren und Damen beschäftigten sich
+in ihren Zimmern mit dem Putz für die Nacht. Jene Musikanten mit den
+heisern Geigen, mit den verstimmten Bässen und den meckernden Hoboen,
+von denen Fräulein Adelheid gesprochen, waren nämlich angekommen, und
+es sollte für die Nacht nichts Geringeres geben, als einen Ball in
+bestmöglicher Form.
+
+Der Alte, den ruhigen Schlaf solch faselndem Treiben vorziehend, blieb
+in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich eben zum Ball gekleidet,
+als es leise an unsere Tür klopfte und Franz hineintrat, der mir mit
+behaglichem Lächeln verkündete, daß soeben das Clavizimbel von der
+Frau Wirtschaftsinspektorin in einem Schlitten angekommen und zur
+gnädigen Frau Baronin getragen worden sei. Fräulein Adelheid ließe
+mich einladen, nur gleich herüberzukommen.
+
+Man kann denken, wie mir alle Pulse schlugen, mit welchem innern süßen
+Erbeben ich das Zimmer öffnete, in dem ich sie fand. Fräulein Adelheid
+kam mir freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball völlig geputzt,
+saß ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem die Töne
+schlummern sollten, die zu wecken ich berufen.
+
+Sie stand auf, so in vollem Glanz der Schönheit strahlend, daß ich,
+keines Wortes mächtig, sie anstarrte. »Nun Theodor«, (nach der
+gemütlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Süden wiederfindet,
+nannte sie jeden bei seinem Vornamen) »nun, Theodor«, sprach sie
+freundlich, »das Instrument ist gekommen, gebe der Himmel, daß es
+Ihrer Kunst nicht ganz unwürdig sein möge.«
+
+Sowie ich den Deckel öffnete, rauschten mir eine Menge gesprungener
+Saiten entgegen, und sowie ich einen Akkord griff, klang es, da alle
+Saiten, die noch ganz geblieben, durchaus verstimmt waren, widrig
+und abscheulich. »Der Organist ist wieder mit seinen zarten Händchen
+drüber her gewesen«, rief Fräulein Adelheid lachend, aber die Baronin
+sprach ganz mißmutig: »Das ist denn doch ein rechtes Unglück! ach,
+ich soll denn hier nun einmal keine Freude haben!« Ich suchte in dem
+Behälter des Instruments und fand glücklicherweise einige Rollen
+Saiten, aber durchaus keinen Stimmhammer! - Neue Klagen! - jeder
+Schlüssel, dessen Bart in die Wirbel passe, könne gebraucht werden,
+erklärte ich; da liefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid,
+freudig hin und wieder, und nicht lange dauerte es, so lag ein ganzes
+Magazin blanker Schlüsselchen vor mir auf dem Resonanzboden.
+
+Nun machte ich mich emsig drüber her - Fräulein Adelheid, die Baronin
+selbst mühte sich mir beizu stehen, diesen - jenen Wirbel probierend
+- Da zieht einer den trägen Schlüssel an, »es geht, es geht!« riefen
+sie freudig - Da rauscht die Saite, die sich schier bis zur Reinheit
+herangeächzt, gesprungen auf, und erschrocken fahren sie zurück!
+Die Baronin hantiert mit den kleinen zarten Händchen in den spröden
+Drahtsaiten, sie reicht mir die Nummern, die ich verlange, und hält
+sorgsam die Rolle, die ich abwickle, plötzlich schnurrt eine auf, so
+daß die Baronin ein ungeduldiges Ach! ausstößt - Fräulein Adelheid
+lacht laut auf, ich verfolge den verwirrten Knäuel bis in die Ecke des
+Zimmers, und wir alle suchen aus ihm noch eine gerade unzerknickte
+Saite herauszuziehen, die dann aufgezogen zu unserm Leidwesen wieder
+springt - aber endlich - endlich sind gute Rollen gefunden, die Saiten
+fangen an zu stehen, und aus dem mißtönigen Summen gehen allmählich
+klare, reine Akkorde hervor!
+
+»Ach, es glückt, es glückt - das lnstrument stimmt sich!« ruft die
+Baronin, indem sie mich mit holdem Lächeln anblickt! - Wie schnell
+vertrieb dies gemeinschaftliche Mühen alles Fremde, Nüchterne,
+das die Konvenienz hinstellt, wie ging unter uns eine heimische
+Vertraulichkeit auf, die, ein elektrischer Hauch mich durchglühend,
+die verzagte Beklommenheit, welche wie Eis auf meiner Brust lag,
+schnell wegzehrte.
+
+Jener seltsame Pathos, wie ihn solche Verliebtheit, wie die meinige,
+wohl erzeugt, hatte mich ganz verlassen und so kam es, daß, als nun
+endlich das Pianoforte leidlich gestimmt war, ich, statt, wie ich
+gewollt, meine innern Gefühle in Fantasien recht laut werden zu
+lassen, in jene süße liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem
+Süden zu uns herübergeklungen.
+
+Während dieser »Senza di te« - dieser »Sentimi idol mio«, dieser
+»Almen se non poss'io« und hundert »morir mi sento's« und »Addio's«
+und »Oh dio's« wurden leuchtender und leuchtender Seraphinens Blicke.
+Sie hatte sich dicht neben mir an das Instrument gesetzt, ich fühlte
+ihren Atem an meiner Wange spielen; indem sie ihren Arm hinter mir
+auf die Stuhllehne stützte, fiel ein weißes Band, das sich von dem
+zierlichen Ballkleide losgenestelt, über meine Schulter und flatterte,
+von meinen Tönen, von Seraphinens leisen Seufzern berührt, hin und
+her wie ein getreuer Liebesbote! Es war zu verwundern, daß ich den
+Verstand behielt!
+
+Als ich, mich auf irgendein neues Lied besinnend, in den Akkorden
+herumfuhr, sprang Fräulein Adelheid, die in einer Ecke des Zimmers
+gesessen, herbei, kniete vor der Baronin hin und bat, ihre beiden
+Hände erfassend und an die Brust drückend: »O liebe Baronin
+Seraphinchen, nun mußt du auch singen!« Die Baronin erwiderte: »Wo
+denkst du aber auch hin, Adelheid! - wie mag ich mich denn vor unserm
+Virtuosen da mit meiner elenden Singerei hören lassen!«
+
+Es war lieblich anzuschauen, wie sie, gleich einem frommverschämten
+Kinde, die Augen niederschlagend und hocherrötend mit der Lust und mit
+der Scheu kämpfte.
+
+Man kann denken, wie ich sie anflehte, und, als sie kleine
+kurländische Volkslieder erwähnte, nicht nachließ, bis sie, mit der
+linken Hand herüberlangend, einige Töne auf dem Instrument versuchte,
+wie zur Einleitung. Ich wollte ihr Platz machen am Instrument, sie
+ließ es aber nicht zu, indem sie versicherte, daß sie nicht eines
+einzigen Akkordes mächtig sei, und daß ebendeshalb ihr Gesang ohne
+Begleitung sehr mager und unsicher klingen werde.
+
+Nun fing sie mit zarter, glockenreiner, tief aus dem Herzen tönender
+Stimme ein Lied an, dessen einfache Melodie ganz den Charakter jener
+Volkslieder trug, die so klar aus dem Innern herausleuchten, daß wir
+in dem hellen Schein, der uns umfließt, unsere höhere poetische Natur
+erkennen müssen.
+
+Ein geheimnisvoller Zauber liegt in den unbedeutenden Worten des
+Textes, der zur Hieroglyphe des Unaussprechlichen wird, von dem unsere
+Brust erfüllt. Wer denkt nicht an jene spanische Kanzonetta, deren
+Inhalt den Worten nach nicht viel mehr ist, als: »Mit meinem Mädchen
+schifft' ich auf dem Meer, da wurd' es stürmisch, und mein Mädchen
+wankte furchtsam hin und her. Nein! nicht schiff' ich wieder mit
+meinem Mädchen auf dem Meer!« So sagte der Baronin Liedlein nichts
+weiter: »Jüngst tanzt' ich mit meinem Schatz auf der Hochzeit, da
+fiel mir eine Blume aus dem Haar, die hob er auf und gab sie mir und
+sprach: >Wann, mein Mädchen, gehn wir wieder zur Hochzeit?<«
+
+Als ich bei der zweiten Strophe dies Liedchen in harpeggierenden
+Akkorden begleitete, als ich in der Begeisterung, die mich erfaßt,
+die Melodien der folgenden Lieder gleich von den Lippen der Baronin
+wegstahl, da erschien ich ihr und der Fräulein Adelheid wie der größte
+Meister der Tonkunst, sie überhäuften mich mit Lobsprüchen. Die
+angezündeten Lichter des Ballsaals im Seitenflügel brannten hinein in
+das Gemach der Baronin, und ein mißtöniges Geschrei von Trompeten und
+Hörnern verkündete, daß es Zeit sei, sich zum Ball zu versammeln.
+
+»Ach, nun muß ich fort«, rief die Baronin, ich sprang auf vom
+Instrument. »Sie haben mir eine herrliche Stunde bereitet - es waren
+die heitersten Momente, die ich jemals hier in R..sitten verlebte.«
+
+Mit diesen Worten reichte mir die Baronin die Hand; als ich sie im
+Rausch des höchsten Entzückens an die Lippen drückte, fühlte ich ihre
+Finger heftig pulsierend an meiner Hand anschlagen! Ich weiß nicht,
+wie ich in des Großonkels Zimmer, wie ich dann in den Ballsaal kam. -
+Jener Gaskogner fürchtete die Schlacht, weil jede Wunde ihm tödlich
+werden müsse, da er ganz Herz sei! - Ihm mochte ich, ihm mag jeder in
+meiner Stimmung gleichen! Jede Berührung wird tödlich. Der Baronin
+Hand, die pulsierenden Finger hatten mich getroffen wie vergiftete
+Pfeile, mein Blut brannte in den Adern!
+
+Ohne mich gerade auszufragen, hatte der Alte am andern Morgen doch
+bald die Geschichte des mit der Baronin verlebten Abends heraus, und
+ich war nicht wenig betreten, als er, der mit lachendem Munde und
+heitrem Tone gesprochen, plötzlich sehr ernst wurde und anfing: »Ich
+bitte dich, Vetter, widerstehe der Narrheit, die dich mit aller Macht
+ergriffen! Wisse, daß dein Beginnen, so harmlos wie es scheint, die
+entsetzlichsten Folgen haben kann, du stehst in achtlosem Wahnsinn
+auf dünner Eisdecke, die bricht unter dir, ehe du dich es versiehst,
+und du plumpst hinein. Ich werde mich hüten, dich am Rockschoß
+festzuhalten, denn ich weiß, du rappelst dich selbst wieder heraus
+und sprichst, zum Tode erkrankt: >Das bißchen Schnupfen bekam ich
+im Traume<; aber ein böses Fieber wird zehren an deinem Lebensmark,
+und Jahre werden hingehen, ehe du dich ermannst. Hol' der Teufel
+deine Musik, wenn du damit nichts Besseres anzufangen weißt, als
+empfindelnde Weiber hinauszutrompeten aus friedlicher Ruhe.«
+
+»Aber«, unterbrach ich den Alten, »kommt es mir denn in den Sinn, mich
+bei der Baronin einzuliebeln?« »Affe!« rief der Alte, »wüßt' ich das,
+so würfe ich dich hier durchs Fenster!«
+
+Der Baron unterbrach das peinliche Gespräch, und das beginnende
+Geschäft riß mich auf aus der Liebesträumerei, in der ich nur
+Seraphinen sah und dachte. In der Gesellschaft sprach die Baronin nur
+dann und wann mit mir einige freundliche Worte, aber beinahe kein
+Abend verging, daß nicht heimliche Botschaft kam von Fräulein
+Adelheid, die mich hinrief zu Seraphinen. Bald geschah es, daß
+mannigfache Gespräche mit der Musik wechselten. Fräulein Adelheid, die
+beinahe nicht jung genug war, um so naiv und drollig zu sei, sprang
+mit allerlei lustigem und etwas konfusem Zeuge dazwischen, wenn ich
+und Seraphine uns zu vertiefen begannen in sentimentale Ahnungen und
+Träumereien. Aus mancher Andeutung mußt' ich bald erfahren, daß der
+Baronin wirklich irgend etwas Verstörendes im Sinn liege, wie ich
+es gleich, als ich sie zum ersten Male sah, in ihrem Blick zu lesen
+glaubte, und die feindliche Wirkung des Hausgespenstes ging mir ganz
+klar auf. Irgend etwas Entsetzliches war oder sollte geschehen. Wie
+oft drängte es mich, Seraphinen zu erzählen, wie mich der unsichtbare
+Feind berührt, und wie ihn der Alte, gewiß für immer, gebannt habe,
+aber eine mir selbst unerklärliche Scheu fesselte mir die Zunge in dem
+Augenblick, als ich reden wollte.
+
+Eines Tages fehlte die Baronin bei der Mittagstafel; es hieß, sie
+kränkle und könne das Zimmer nicht verlassen. Teilnehmend frug man
+den Baron, ob das Übel von Bedeutung sei. Er lächelte auf fatale
+Art, recht wie bitter höhnend, und sprach: »Nichts als ein leichter
+Katarrh, den ihr die rauhe Seeluft zugeweht, die nun einmal hier kein
+süßes Stimmchen duldet und keine andern Töne leidet, als das derbe
+Halloh der Jagd.« - Bei diesen Worten warf der Baron mir, der ihm
+schrägüber saß, einen stechenden Blick zu.
+
+Nicht zu dem Nachbar, zu mir hatte er gesprochen. Fräulein Adelheid,
+die neben mir saß, wurde blutrot; vor sich hin auf den Teller starrend
+und mit der Gabel darauf herumkritzelnd, lispelte sie: »Und noch heute
+siehst du Seraphinen, und noch heute werden deine süßen Liederchen
+beruhigend sich an das kranke Herz legen.« Auch Adelheid sprach diese
+Worte für mich, aber in dem Augenblick war es mir, als stehe ich mit
+der Baronin in unlauterm verbotenem Liebesverhältnis, das nur mit dem
+Entsetzlichen, mit einem Verbrechen, endigen könne.
+
+Die Warnungen des Alten fielen mir schwer aufs Herz. - Was sollte ich
+beginnen! Sie nicht mehr sehen? - Das war, solange ich im Schlosse
+blieb, unmöglich, und durfte ich auch das Schloß verlassen und nach K.
+zurückgehen, ich vermochte es nicht. Ach! nur zu sehr fühlt' ich, daß
+ich nicht stark genug war, mich selbst aufzurütteln aus dem Traum,
+der mich mit fantastischem Liebesglück neckte. Adelheid erschien mir
+beinahe als gemeine Kupplerin, ich wollte sie deshalb verachten und
+doch, mich wieder besinnend, mußte ich mich meiner Albernheit schämen.
+
+Was geschah in jenen seligen Abendstunden, das nur im mindesten ein
+näheres Verhältnis mit Seraphinen, als Sitte und Anstand es erlaubten,
+herbeiführen konnte? Wie durfte es mir einfallen, daß die Baronin
+irgend etwas für mich fühlen sollte, und doch war ich von der Gefahr
+meiner Lage überzeugt!
+
+Die Tafel wurde zeitiger aufgehoben, weil es noch auf Wölfe gehen
+sollte, die sich in dem Föhrenwalde, ganz nahe dem Schlosse, hatten
+blicken lassen. Die Jagd war mir recht in meiner aufgeregten Stimmung,
+ich erklärte dem Alten, mitziehn zu wollen, er lächelte mich zufrieden
+an, sprechend: »Das ist brav, daß du auch einmal dich herausmachst,
+ich bleibe heim, du kannst meine Büchse nehmen, und schnalle auch
+meinen Hirschfänger um, im Fall der Not ist das eine gute sichre
+Waffe, wenn man nur gleichmütig bleibt.«
+
+Der Teil des Waldes, in dem die Wölfe lagern mußten, wurde von den
+Jägern umstellt. Es war schneidend kalt, der Wind heulte durch die
+Föhren und trieb mir die hellen Schneeflocken ins Gesicht, daß ich,
+als nun vollends die Dämmerung einbrach, kaum sechs Schritte vor mir
+hinschauen konnte. Ganz erstarrt verließ ich den mir angewiesenen
+Platz und suchte Schutz tiefer im Walde. Da lehnte ich an einem Baum,
+die Büchse unterm Arm. Ich vergaß die Jagd, meine Gedanken trugen mich
+fort zu Seraphinen ins heimische Zimmer. Ganz entfernt fielen Schüsse,
+in demselben Moment rauschte es im Röhricht, und nicht zehn Schritte
+von mir erblickte ich einen starken Wolf, der vorüberrennen wollte.
+
+Ich legte an, drückte ab, - ich hatte gefehlt, das Tier sprang mit
+glühenden Augen auf mich zu, ich war verloren, hatte ich nicht
+Besonnenheit genug, das Jagdmesser herauszureißen, das ich dem Tier,
+als es mich packen wollte, tief in die Gurgel stieß, so daß das Blut
+mir über Hand und Arm spritzte. Einer von den Jägern des Barons, der
+mir unfern gestanden, kam nun mit vollem Geschrei herangelaufen, und
+auf seinen wiederholten Jagdruf sammelten sich alle um uns.
+
+Der Baron eilte auf mich zu: »Um des Himmels willen. Sie bluten? - Sie
+bluten - Sie sind verwundet?« Ich versicherte das Gegenteil; da fiel
+der Baron über den Jäger her, der mir der nächste gestanden, und
+überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er nicht nachgeschossen, als ich
+gefehlt, und unerachtet dieser versicherte, daß das gar nicht möglich
+gewesen, weil in derselben Sekunde der Wolf auf mich zugestürzt, so
+daß jeder Schuß mich hätte treffen können, so blieb doch der Baron
+dabei, daß er mich, als einen minder erfahrnen Jäger, in besondere
+Obhut hätte nehmen sollen.
+
+Unterdessen hatten die Jäger das Tier aufgehoben, es war das größte
+der Art, das sich seit langer Zeit hatte sehen lassen, und man
+bewunderte allgemein meinen Mut und meine Entschlossenheit, unerachtet
+mir mein Benehmen sehr natürlich schien, und ich in der Tat an die
+Lebensgefahr, in der ich schwebte, gar nicht gedacht hatte.
+
+Vorzüglich bewies sich der Baron teilnehmend, er konnte gar nicht
+aufhören zu fragen, ob ich, sei ich auch nicht von der Bestie
+verwundet, doch nichts von den Folgen des Schrecks fürchte. Es ging
+zurück nach dem Schlosse, der Baron faßte mich, wie einen Freund,
+unter den Arm, die Büchse mußte ein Jäger tragen. Er sprach noch
+immer von meiner heroischen Tat, so daß ich am Ende selbst an meinen
+Heroismus glaubte, alle Befangenheit verlor und mich selbst dem
+Baron gegenüber als ein Mann von Mut und seltener Entschlossenheit
+festgestellt fühlte.
+
+Der Schulknabe hatte sein Examen glücklich bestanden, war kein
+Schulknabe mehr, und alle demütige Ängstlichkeit des Schulknaben
+war von ihm gewichen. Erworben schien mir jetzt das Recht, mich
+um Seraphinens Gunst zu mühen. Man weiß ja, welcher albernen
+Zusammenstellungen die Fantasie eines verliebten Jünglings fähig ist.
+
+Im Schlosse, am Kamin bei dem rauchenden Punschnapf, blieb ich der
+Held des Tages; nur der Baron selbst hatte außer mir noch einen
+tüchtigen Wolf erlegt, die übrigen mußten sich begnügen, ihre
+Fehlschüsse dem Wetter - der Dunkelheit zuzuschreiben und greuliche
+Geschichten von sonst auf der Jagd erlebtem Glück und überstandener
+Gefahr zu erzählen.
+
+Von dem Alten glaubte ich nun gar sehr gelobt und bewundert zu werden;
+mit diesem Anspruch erzählte ich ihm mein Abenteuer ziemlich breit und
+vergaß nicht, das wilde, blutdürstige Ansehn der wilden Bestie mit
+recht grellen Farben auszumalen. Der Alte lachte mir aber ins Gesicht
+und sprach: »Gott ist mächtig in den Schwachen!«
+
+Als ich des Trinkens, der Gesellschaft überdrüssig, durch den Korridor
+nach dem Gerichtssaal schlich, sah ich vor mir eine Gestalt, mit dem
+Licht in der Hand, hineinschlüpfen. In den Saal tretend, erkannte ich
+Fräulein Adelheid. »Muß man nicht umherirren wie ein Gespenst, wie ein
+Nachtwandler, um Sie, mein tapferer Wolfsjäger, aufzufinden!« - So
+lispelte sie mir zu, indem sie mich bei der Hand ergriff.
+
+Die Worte: »Nachtwandler - Gespenst«, fielen mir, hier an diesem Orte
+ausgesprochen, schwer aufs Herz; augenblicklich brachten sie mir die
+gespenstischen Erscheinungen jener beiden graulichen Nächte in Sinn
+und Gedanken, wie damals heulte der Seewind in tiefen Orgeltönen
+herüber, es knatterte und pfiff schauerlich durch die Bogenfenster,
+und der Mond warf sein bleiches Licht gerade auf die geheimnisvolle
+Wand, an der sich das Kratzen vernehmen ließ. Ich glaubte Blutflecke
+daran zu erkennen.
+
+Fräulein Adelheid mußte, mich noch immer bei der Hand haltend, die
+Eiskälte fühlen, die mich durchschauerte. »Was ist Ihnen, was ist
+Ihnen«, sprach sie leise, »Sie erstarren ja ganz? - Nun, ich will
+Sie ins Leben rufen. Wissen Sie wohl, daß die Baronin es gar nicht
+erwarten kann, Sie zu sehen? Eher glaubt sie nicht, daß der böse Wolf
+Sie wirklich nicht zerrissen hat. Sie ängstigt sich unglaublich! Ei,
+ei, mein Freund, was haben Sie mit Seraphinchen angefangen! Noch
+niemals habe ich sie so gesehen. - Hu! - wie jetzt der Puls anfängt zu
+prickeln! - wie der tote Herr so plötzlich erwacht ist! Nein, kommen
+Sie - fein leise - wir müssen zur kleinen Baronin!«
+
+Ich ließ mich schweigend fortziehen; die Art, wie Adelheid von der
+Baronin sprach, schien mir unwürdig, und vorzüglich die Andeutung des
+Verständnisses zwischen uns gemein. Als ich mit Adelheid eintrat,
+kam Seraphine mir mit einem leisen Ach! drei - vier Schritte rasch
+entgegen, dann blieb sie, wie sich besinnend, mitten im Zimmer stehen,
+ich wagte, ihre Hand zu ergreifen und sie an meine Lippen zu drücken.
+
+Die Baronin ließ ihre Hand in der meinigen ruhen, indem sie sprach:
+»Aber mein Gott, ist es denn Ihres Berufs, es mit Wölfen aufzunehmen?
+Wissen Sie denn nicht, daß Orpheus', Amphions fabelhafte Zeit
+längst vorüber ist, und daß die wilden Tiere allen Respekt vor den
+vortrefflichsten Sängern ganz verloren haben?«
+
+Diese anmutige Wendung, mit der die Baronin ihrer lebhaften Teilnahme
+sogleich alle Mißdeutung abschnitt, brachte mich augenblicklich in
+richtigen Ton und Takt. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich
+nicht, wie gewöhnlich, mich an das Instrument setzte, sondern neben
+der Baronin auf dem Kanapee Platz nahm.
+
+Mit dem Wort: »Und wie kamen Sie denn in Gefahr?« erwies sich unser
+Einverständnis, daß es heute nicht auf Musik, sondern auf Gespräch
+abgesehen sei. Nachdem ich meine Abenteuer im Walde erzählt und der
+lebhaften Teilnahme des Barons erwähnt, mit der leisen Andeutung, daß
+ich ihn deren nicht für fähig gehalten, fing die Baronin mit sehr
+weicher, beinahe wehmütiger Stimme an: »O, wie muß Ihnen der Baron so
+stürmisch, so rauh vorkommen, aber glauben Sie mir, nur während des
+Aufenthalts in diesen finstern unheimlichen Mauern, nur während des
+wilden Jagens in den öden Föhrenwäldern ändert er sein ganzes Wesen,
+wenigstens sein äußeres Betragen. Was ihn vorzüglich so ganz und gar
+verstimmt, ist der Gedanke, der ihn beständig verfolgt, daß hier
+irgend etwas Entsetzliches geschehen werde: daher hat ihn Ihr
+Abenteuer, das zum Glück ohne üble Folgen blieb, gewiß tief
+erschüttert.
+
+Nicht den geringsten seiner Diener will er der mindesten Gefahr
+ausgesetzt wissen, viel weniger einen lieben neugewonnenen Freund,
+und ich weiß gewiß, daß Gottlieb, dem er schuld gibt, Sie im Stiche
+gelassen zu haben, wo nicht mit Gefängnis bestraft werden, doch die
+beschämende Jägerstrafe dulden wird, ohne Gewehr, mit einem Knittel in
+der Hand, sich dem Jagdgefolge anschließen zu müssen.
+
+Schon, daß solche Jagden, wie hier, nie ohne Gefahr sind, und daß der
+Baron, immer Unglück befürchtend, doch in der Freude und Lust daran
+selbst den bösen Dämon neckt, bringt etwas Zerrissenes in sein Leben,
+das feindlich selbst auf mich wirken muß. Man erzählt viel Seltsames
+von dem Ahnherrn, der das Majorat stiftete, und ich weiß es wohl, daß
+ein düsteres Familiengeheimnis, das in diesen Mauern verschlossen, wie
+ein entsetzlicher Spuk die Besitzer wegtreibt und es ihnen nur möglich
+macht, eine kurze Zeit hindurch im lauten wilden Gewühl auszudauern.
+
+Aber ich! wie einsam muß ich mich in diesem Gewühl befinden, und wie
+muß mich das Unheimliche, das aus allen Wänden weht, im Innersten
+aufregen! Sie, mein lieber Freund, haben mir die ersten heitern
+Augenblicke, die ich hier verlebte, durch Ihre Kunst verschafft! - wie
+kann ich Ihnen denn herzlich genug dafür danken!« - Ich küßte die mir
+dargebotenen Hand, indem ich erklärte, daß auch ich gleich am ersten
+Tage oder vielmehr in der ersten Nacht das Unheimliche des Aufenthalts
+bis zum tiefsten Entsetzen gefühlt habe.
+
+Die Baronin blickte mir starr ins Gesicht, als ich jenes Unheimliche
+der Bauart des ganzen Schlosses, vorzüglich den Verzierungen im
+Gerichtssaal, dem sausenden Seewinde u.s.w. zuschrieb. Es kann sein,
+daß Ton und Ausdruck darauf hindeuteten, daß ich noch etwas anderes
+meine, genug, als ich schwieg, rief die Baronin heftig: »Nein, nein -
+es ist Ihnen irgend etwas Entsetzliches geschehen in jenem Saal, den
+ich nie ohne Schauer betrete! - ich beschwöre Sie - sagen Sie mir
+alles!«-
+
+Zur Totenblässe war Seraphinens Gesicht verbleicht, ich sah wohl
+ein, daß es nun geratener sei, daß ich alles, was mir widerfahren,
+getreulich zu erzählen, als Seraphinens aufgeregter Fantasie es zu
+überlassen, vielleicht einen Spuk, der in mir unbekannter Beziehung,
+noch schrecklicher sein konnte als der erlebte, sich auszubilden. Sie
+hörte mich an, und immer mehr und mehr stieg ihre Beklommenheit und
+Angst. Als ich des Kratzens an der Wand erwähnte, schrie sie auf:
+»Das ist entsetzlich - ja, ja in dieser Mauer ist jenes fürchterliche
+Geheimnis verborgen!«
+
+Als ich dann weiter erzählte, wie der Alte mit geistiger Gewalt und
+Übermacht den Spuk gebannt, seufzte sie tief, als würde sie frei von
+einer schweren Last, die ihre Brust gedrückt. Sich zurücklehnend,
+hielt sie beide Hände vors Gesicht. Erst jetzt bemerkte ich, daß
+Adelheid uns verlassen.
+
+Längst hatte ich geendet, und da Seraphine noch immer schwieg,
+stand ich leise auf, ging an das Instrument und mühte mich, in
+anschwellenden Akkorden tröstende Geister heraufzurufen, die
+Seraphinen dem finstern Reiche, das sich ihr in meiner Erzählung
+erschlossen, entführen sollten. Bald intonierte ich so zart, als ich
+es vermochte, eine jener heiligen Kanzonen des Abbate Steffani.
+
+In den wehmutsvollen Klängen des: »Ooi, perchè piangete« - erwachte
+Seraphine aus düstern Träumen und horchte mild lächelnd, glänzende
+Perlen in den Augen, mir zu. - Wie geschah es denn, daß ich vor ihr
+hinkniete, daß sie sich zu mir herabbeugte, daß ich sie mit meinen
+Armen umschlang, daß ein langer glühender Kuß auf meinen Lippen
+brannte? - Wie geschah es denn, daß ich nicht die Besinnung verlor,
+daß ich es fühlte, wie sie sanft mich an sich drückte, daß ich sie aus
+meinen Armen ließ und, schnell mich emporrichtend, an das Instrument
+trat?
+
+Von mir abgewendet, ging die Baronin einige Schritte nach dem Fenster
+hin, dann kehrte sie um und trat mit einem beinahe stolzen Anstande,
+der ihr sonst gar nicht eigen, auf mich zu. Mir fest ins Auge
+blickend, sprach sie: »Ihr Onkel ist der würdigste Greis, den
+ich kenne, er ist der Schutzengel unserer Familie - möge er mich
+einschließen in sein frommes Gebet!«
+
+Ich war keines Wortes mächtig, verderbliches Gift, das ich in jenem
+Kusse eingezogen, gärte und flammte in allen Pulsen, in allen Nerven!
+- Fräulein Adelheid trat herein - die Wut des innern Kampfes strömte
+aus in heißen Tränen, die ich nicht zurückzudrängen vermochte!
+Adelheid blickte mich verwundert und zweifelhaft lächelnd an - ich
+hätte sie ermorden können. Die Baronin reichte mir die Hand und sprach
+mit unbeschreiblicher Milde: »Leben Sie wohl, mein lieber Freund! -
+Leben Sie recht wohl, denken Sie daran, daß vielleicht niemand besser
+als ich Ihre Musik verstand. - Ach! diese Töne werden lange - lange in
+meinem Innern wiederklingen.«
+
+Ich zwang mir einige unzusammenhängende alberne Worte ab und lief nach
+unserm Gemach. Der Alte hatte sich schon zur Ruhe begeben. Ich blieb
+im Saal, ich stürzte auf die Knie, ich weinte laut - ich rief den
+Namen der Geliebten, kurz, ich überließ mich den Torheiten des
+verliebten Wahnsinns trotz einem, und nur der laute Zuruf des über
+mein Toben aufgewachten Alten: »Vetter, ich glaube du bist verrückt
+geworden oder balgst dich aufs neue mit einem Wolf? - Schier dich zu
+Bette, wenn es dir sonst gefällig ist«- nur dieser Zuruf trieb mich
+hinein ins Gemach, wo ich mich mit dem festen Vorsatz niederlegte, nur
+von Seraphinen zu träumen.
+
+Es mochte schon nach Mitternacht sein, als ich, noch nicht
+eingeschlafen, entfernte Stimmen, ein Hin- und Herlaufen und das
+Öffnen und Zuschlagen von Türen zu vernehmen glaubte. Ich horchte auf,
+da hörte ich Tritte auf dem Korridor sich nahen, die Tür des Saals
+wurde geöffnet, und bald klopfte es an unser Gemach.
+
+»Wer ist da?« rief ich laut; da sprach es draußen: »Herr Justitiarius
+- Herr Justitiarius, wachen Sie auf - wachen Sie auf!« Ich erkannte
+Franzens Stimme, und indem ich frug: »Brennt es im Schlosse?« wurde
+der Alte wach und rief: »Wo brennt es? wo ist schon wieder verdammter
+Teufelsspuk los?« »Ach, stehen Sie auf, Herr Justitiarius«, sprach
+Franz, »stehen Sie auf, der Herr Baron verlangt nach Ihnen!« »Was will
+der Baron von mir«, frug der Alte weiter, »was will er von mir zur
+Nachtzeit? weiß er nicht, daß das Justitiariat mit dem Justitiarius zu
+Bette geht und ebensogut schläft, als er?«
+
+»Ach«, rief nun Franz ängstlich, »lieber Herr Justitiarius, stehen Sie
+doch nur auf - die gnädige Frau Baronin liegt im Sterben!« Mit einem
+Schrei des Entsetzens fuhr ich auf. »Öffne Franzen die Tür«, rief mir
+der Alte zu; besinnungslos wankte ich im Zimmer herum, ohne Tür und
+Schloß zu finden. Der Alte mußte mir beistehen, Franz trat bleich mit
+verstörtem Gesicht herein und zündete die Lichter an.
+
+Als wir uns kaum in die Kleider geworfen, hörten wir schon den Baron
+im Saal rufen: »Kann ich Sie sprechen, lieber V?« »Warum hast du dich
+angezogen, Vetter, der Baron hat nur nach mir verlangt?« frug der
+Alte, im Begriff herauszutreten. »Ich muß hinab - ich muß sie sehen
+und dann sterben«, sprach ich dumpf und wie vernichtet vom trostlosen
+Schmerz.
+
+»Ja so! da hast du recht, Vetter!« Dies sprechend, warf mir der Alte
+die Tür vor der Nase zu, daß die Angeln klirrten, und verschloß sie
+von draußen. Im ersten Augenblick, über diesen Zwang empört, wollt'
+ich die Tür einrennen, aber mich schnell besinnend, daß dieses nur die
+verderblichen Folgen einer ungezügelten Raserei haben könne, beschloß
+ich, die Rückkehr des Alten abzuwarten, dann aber, koste es, was es
+wolle, seiner Aufsicht zu entschlüpfen.
+
+Ich hörte den Alten heftig mit dem Baron reden, ich hörte mehrmals
+meinen Namen nennen, ohne weiteres verstehen zu können. Mit jeder
+Sekunde wurde mir meine Lage tödlicher. Endlich vernahm ich, wie dem
+Baron eine Botschaft gebracht wurde, und wie er schnell davonrannte.
+Der Alte trat wieder in das Zimmer »Sie ist tot« mit diesem Schrei
+stürzte ich dem Alten entgegen »Und du bist närrisch!« fiel er
+gelassen ein, faßte mich und drückte mich in einen Stuhl. »lch muß
+hinab«, schrie ich, »Ich muß hinab, sie sehen, und sollt' es mir das
+Leben kosten!«
+
+»Tue das, lieber Vetter«, sprach der Alte, indem er die Tür verschloß,
+den Schlüssel abzog und in die Tasche steckte. Nun flammte ich auf in
+toller Wut, ich griff nach der geladenen Büchse und schrie: »Hier vor
+Ihren Augen jage ich mir die Kugel durch den Kopf, wenn Sie nicht
+sogleich mir die Tür öffnen.« Da trat der Alte dicht vor mir hin
+und sprach, indem er mich mit durchbohrendem Blick ins Auge faßte:
+»Glaubst du, Knabe, daß du mich mit deiner armseligen Drohung
+erschrecken kannst? - Glaubst du, daß mir dein Leben was wert ist,
+wenn du vermagst, es in kindischer Albernheit wie ein abgenutztes
+Spielzeug wegzuwerfen? Was hast du mit dem Weibe des Barons zu
+schaffen? - wer gibt dir das Recht, dich wie ein überlästiger Geck da
+hinzudrängen, wo du nicht hingehörst, und wo man dich auch gar nicht
+mag? Willst du den liebenden Schäfer machen in ernster Todesstunde?«
+
+Ich sank vernichtet in den Lehnstuhl - Nach einer Weile fuhr der
+Alte mit milderer Stimme fort: »Und damit du es nur weißt, mit der
+angeblichen Todesgefahr der Baronin ist es wahrscheinlich ganz und gar
+nichts - Fräulein Adelheid ist denn nun gleich außer sich über alles,
+wenn ihr ein Regentropfen auf die Nase fällt, so schreit sie: >Welch
+ein schreckliches Unwetter!< Zum Unglück ist der Feuerlärm bis zu den
+alten Tanten gedrungen, die sind unter unziemlichem Weinen mit einem
+ganzen Arsenal von stärkenden Tropfen - Lebenselixieren, und was weiß
+ich sonst, angerückt - Eine starke Anwandlung von Ohnmacht.«
+
+Der Alte hielt inne, er mochte bemerken, wie ich im Innern kämpfte. Er
+ging einigemal die Stube auf und ab, stellte sich wieder vor mir hin,
+lachte recht herzlich und sprach: »Vetter, Vetter! was treibst du für
+närrisches Zeug? Nun! es ist einmal nicht anders, der Satan treibt
+hier seinen Spuk auf mancherlei Weise, du bist ihm ganz lustig in die
+Krallen gelaufen, und er macht jetzt sein Tänzchen mit dir.«
+
+Er ging wieder einige Schritte auf und ab, dann sprach er weiter: »Mit
+dem Schlaf ist's nun einmal vorbei, und da dächt' ich, man rauchte
+eine Pfeife und brächte so noch die paar Stündchen Nacht und
+Finsternis hin!« - Mit diesen Worten nahm der Alte eine tönerne Pfeife
+vom Wandschrank herab und stopfte sie, ein Liedchen brummend, langsam
+und sorgfältig. Dann suchte er unter vielen Papieren, bis er ein Blatt
+herausriß, es zum Fidibus zusammenknetete und ansteckte.
+
+Die dicken Rauchwolken von sich blasend, sprach er zwischen den
+Zähnen: »Nun, Vetter, wie war es mit dem Wolf?« Ich weiß nicht, wie
+dies ruhige Treiben des Alten seltsam auf mich wirkte. - Es war, als
+sei ich gar nicht mehr in R..sitten - die Baronin weit weit von mir
+entfernt, so daß ich sie nur mit den geflügelten Gedanken erreichen
+könne! - Die letzte Frage des Alten verdroß mich. »Aber«, fiel ich
+ein, »finden Sie mein Jagdabenteuer so lustig, so zum Bespötteln
+geeignet?«
+
+»Mitnichten«, erwiderte der Alte, »mitnichten, Herr Vetter, aber du
+glaubst nicht, welch komisches Gesicht solch ein Kiekindiewelt wie
+du schneidet, und wie er sich überhaupt so possierlich dabei macht,
+wenn der liebe Gott ihn einmal würdigt, was Besonderes ihm passieren
+zu lassen. Ich hatte einen akademischen Freund, der ein stiller,
+besonnener, mit sich einiger Mensch war. Der Zufall verwickelte ihn,
+der nie Anlaß zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und er, den die
+mehresten Burschen für einen Schwächling, für einen Pinsel hielten,
+benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlossenem Mute, daß alle
+ihn höchlich bewunderten.
+
+Aber seit der Zeit war er auch umgewandelt. Aus dem fleißigen
+besonnenen Jünglinge wurde ein prahlhafter, unausstehlicher Raufbold.
+Er kommerschierte und jubelte und schlug, dummer Kinderei halber,
+sich so lange, bis ihn der Senior einer Landsmannschaft, die er auf
+pöbelhafte Weise beleidigt, im Duell niederstieß.
+
+Ich erzähle dir das nur so, Vetter, du magst dir dabei denken, was du
+willst! Um nun wieder auf die Baronin und ihre Krankheit zu kommen«-
+Es ließen sich in dem Augenblick leise Tritte auf dem Saal hören, und
+mir war es, als ginge ein schauerliches Ächzen durch die Lüfte! »Sie
+ist hin!« - der Gedanke durchfuhr mich wie ein tötender Blitz!
+
+Der Alte stand rasch auf und rief laut: »Franz Franz!« »Ja, lieber
+Herr Justitiarius«, antwortete es draußen. »Franz«, fuhr der Alte
+fort, »schüre ein wenig das Feuer im Kamin zusammen, und ist es
+tunlich, so magst du für uns ein paar Tassen guten Tee bereiten! - Es
+ist verteufelt kalt«, wandte sich der Alte zu mir, »und da wollen wir
+uns lieber draußen am Kamine was erzählen.« Der Alte schloß die Tür
+auf, ich folgte ihm mechanisch.
+
+»Wie geht's unten?«, frug der Alte. »Ach«, erwiderte Franz, »es hatte
+gar nicht viel zu bedeuten, die gnädige Frau Baronin sind wieder ganz
+munter und schieben das bißchen Ohnmacht auf einen bösen Traum!« Ich
+wollte aufjauchzen vor Freude und Entzücken, ein sehr ernster Blick
+des Alten wies mich zur Ruhe. »Ja«, sprach der Alte, »im Grunde
+genommen wär's doch besser, wir legten uns noch ein paar Stündchen
+aufs Ohr - Laß es nur gut sein mit dem Tee, Franz!«
+
+»Wie Sie befehlen, Herr Justitiarius«, erwiderte Franz und verließ den
+Saal mit dem Wunsch einer geruhsamen Nacht, unerachtet schon die Hähne
+krähten. »Höre, Vetter«, sprach der Alte, indem er die Pfeife im
+Kamin ausklopfte, »höre, Vetter, gut ist's doch, daß dir kein Malheur
+passiert ist mit Wölfen und geladenen Büchsen!« Ich verstand jetzt
+alles und schämte mich, daß ich dem Alten Anlaß gab, mich zu behandeln
+wie ein ungezogenes Kind.
+
+»Sei so gut«, sprach der Alte am andern Morgen, »sei so gut, lieber
+Vetter, steige herab und erkundige dich, wie es mit der Baronin steht.
+Du kannst nur immer nach Fräulein Adelheid fragen, die wird dich denn
+wohl mit einem tüchtigen Bulletin versehen.« - Man kann denken, wie
+ich hinabeilte. Doch in dem Augenblick, als ich leise an das Vorgemach
+der Baronin pochen wollte, trat mir der Baron rasch aus demselben
+entgegen.
+
+Er blieb verwundert stehen und maß mich mit finsterm, durchbohrenden
+Blick. »Was wollen Sie hier!« fuhr es ihm heraus. Unerachtet mir das
+Herz im Innersten schlug, nahm ich mich zusammen und erwiderte mit
+festem Ton: »Mich im Auftrage des Onkels nach dem Befinden der
+gnädigen Frau erkundigen.« »O es war ja gar nichts - ihr gewöhnlicher
+Nervenzufall. Sie schläft sanft, und ich weiß, daß sie wohl und munter
+bei der Tafel erscheinen wird! Sagen Sie das - Sagen Sie das« Dies
+sprach der Baron mit einer gewissen leidenschaftlichen Heftigkeit, die
+mir anzudeuten schien, daß er um die Baronin besorgter sei, als er es
+wolle merken lassen.
+
+Ich wandte mich, um zurückzukehren, da ergriff der Baron plötzlich
+meinen Arm und rief mit flammendem Blick: »Ich habe mit Ihnen zu
+sprechen, junger Mann!« Sah ich nicht den schwerbeleidigten Gatten vor
+mir, und mußt' ich nicht einen Auftritt befürchten, der vielleicht
+schmachvoll für mich enden konnte? Ich war unbewaffnet, doch im Moment
+besann ich mich auf mein künstliches Jagdmesser, das mir der Alte erst
+in R..sitten geschenkt und das ich noch in der Tasche trug.
+
+Nun folgte ich dem mich rasch fortziehenden Baron mit dem Entschluß,
+keines Leben zu schonen, wenn ich Gefahr laufen sollte, unwürdig
+behandelt zu werden. Wir waren in des Barons Zimmer eingetreten,
+dessen Tür er hinter sich abschloß. Nun schritt er mit
+übereinandergeschlagenen Armen heftig auf und ab, dann blieb er vor
+mir stehen und wiederholte: »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, junger
+Mann!«
+
+Der verwegenste Mut war mir gekommen, und ich wiederholte mit erhöhtem
+Ton: »Ich hoffe, daß es Worte sein werden, die ich ungeahndet hören
+darf!« Der Baron schaute mich verwundert an, als verstehe er mich
+nicht. Dann blickte er finster zur Erde, schlug die Arme über den
+Riicken und fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen. Er nahm die
+Büchse herab und stieß den Ladestock hinein, als wolle er versuchen,
+ob sie geladen sei oder nicht!
+
+Das Blut stieg mir in den Adern, ich faßte nach dem Messer und schritt
+dicht auf den Baron zu, um es ihm unmöglich zu machen, auf mich
+anzulegen. »Ein schönes Gewehr«, sprach der Baron, die Büchse wieder
+in den Winkel stellend. Ich trat einige Schritte zurück und der Baron
+an mich heran; kräftiger auf meine Schulter schlagend, als gerade
+nötig, sprach er dann: »Ich muß Ihnen aufgeregt und verstört
+vorkommen, Theodor, ich bin es auch wirklich von der in tausend
+Ängsten durchwachten Nacht.
+
+Der Nervenzufall meiner Frau war durchaus nicht gefährlich, das sehe
+ich jetzt ein, aber hier - hier in diesem Schloß, in das ein finstrer
+Geist gebannt ist, fürcht' ich das Entsetzliche, und dann ist es auch
+das erstemal, daß sie hier erkrankte. Sie - Sie allein sind schuld
+daran!«
+
+Wie das möglich sein könne, davon hätte ich keine Ahnung, erwiderte
+ich gelassen. »Oh«, fuhr der Baron fort, »o wäre der verdammte
+Unglückskasten der Inspektorin auf blankem Eise zerbrochen in tausend
+Stücke, o wären Sie doch nein! - nein! Es sollte, es mußte so sein,
+und ich allein bin schuld an allem. An mir lag es, in dem Augenblick,
+als Sie anfingen in dem Gemach meiner Frau Musik zu machen, Sie von
+der ganzen Lage der Sache, von der Gemütsstimmung meiner Frau zu
+unterrichten.«
+
+Ich machte Miene zu sprechen »Lassen Sie mich reden«, rief der Baron,
+»ich muß im voraus Ihnen alles voreilige Urteil abschneiden. Sie
+werden mich für einen rauhen, der Kunst abholden Mann halten. Ich bin
+das keineswegs, aber eine auf tiefe Überzeugung gebaute Rücksicht
+nötigt mich, hier womöglich solcher Musik, die jedes Gemüt und auch
+gewiß das meinige ergreift, den Eingang zu versagen. Erfahren Sie,
+daß meine Frau an einer Erregbarkeit kränkelt, die am Ende alle
+Lebensfreude wegzehren muß.
+
+In diesen wunderlichen Mauern kommt sie gar nicht heraus aus dem
+erhöhten, überreizten Zustande, der sonst nur momentan einzutreten
+pflegt, und zwar oft als Vorbote einer ernsten Krankheit. Sie fragen
+mit Recht, warum ich der zarten Frau diesen schauerlichen Aufenthalt,
+dieses wilde verwirrte Jägerleben nicht erspare? Aber nennen Sie
+es immerhin Schwäche, genug, mir ist es nicht möglich, sie allein
+zurückzulassen. In tausend Ängsten und nicht fähig Ernstes zu
+unternehmen würde ich sein, denn ich weiß es, die entsetzlichsten
+Bilder von allerlei verstörendem Ungemach, das ihr widerfahren,
+verließen mich nicht im Walde, nicht im Gerichtssaal.
+
+Dann aber glaube ich, daß dem schwächlichen Weibe gerade diese
+Wirtschaft hier wie ein erkräftigendes Stahlbad anschlagen muß.
+Wahrhaftig, der Seewind, der nach seiner Art tüchtig durch die Föhren
+saust, das dumpfe Gebelle der Doggen, der keck und munter schmetternde
+Hörnerklang muß hier siegen über die verweichelnden, schmachtelnden
+Pinseleien am Klavier, das so kein Mann spielen sollte, aber Sie haben
+es darauf angelegt, meine Frau methodisch zu Tode zu quälen!«
+
+Der Baron sagte dies mit verstärkter Stimme und wildfunkelnden Augen -
+das Blut stieg mir in den Kopf, ich machte eine heftige Bewegung mit
+der Hand gegen den Baron, ich wollte sprechen, er ließ mich nicht zu
+Worte kommen »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, fing er an, »ich weiß
+es und wiederhole es, daß Sie auf dem Wege waren, meine Frau zu töten,
+und daß ich Ihnen dies auch nicht im mindesten zurechnen kann, wiewohl
+Sie begreifen, daß ich dem Dinge Einhalt tun muß. - Kurz! - Sie
+exaltieren meine Frau durch Spiel und Gesang, und als sie in dem
+bodenlosen Meere träumerischer Visionen und Ahnungen, die Ihre Musik
+wie ein böser Zauber heraufbeschworen hat, ohne Halt und Steuer
+umherschwimmt, drücken Sie sie hinunter in die Tiefe mit der Erzählung
+eines unheimlichen Spuks, der Sie oben im Gerichtssaal geneckt haben
+soll.
+
+Ihr Großonkel hat mir alles erzählt, aber ich bitte Sie, wiederholen
+Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht sahen - hörten - fühlten
+- ahnten.« Ich nahm mich zusammen und erzählte ruhig, wie es sich
+damit begeben, von Anfang bis zu Ende. Der Baron warf nur dann und
+wann einzelne Worte, die sein Erstaunen ausdrückten, dazwischen.
+Als ich darauf kam, wie der Alte sich mit frommem Mut dem Spuk
+entgegengestellt und ihn gebannt habe mit kräftigen Worten, schlug
+er die Hände zusammen, hob sie gefaltet zum Himmel empor und rief
+begeistert: »Ja, er ist der Schutzgeist der Familie! ruhen soll in der
+Gruft der Ahnen seine sterbliche Hülle!«
+
+Ich hatte geendet. »Daniel, Daniel! was machst du hier zu
+dieser Stunde!« murmelte der Baron in sich hinein, indem er mit
+übereinandergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abschritt. »Weiter
+war es also nichts, Herr Baron?« frug ich laut, indem ich Miene machte
+mich zu entfernen. Der Baron fuhr auf wie aus einem Traum, faßte
+freundlich mich bei der Hand und sprach: »Ja lieber Freund, meine
+Frau, der Sie so arg mitgespielt haben, ohne es zu wollen, die müssen
+Sie wieder herstellen, - Sie allein können das.«
+
+Ich fühlte mich errötend, und stand ich dem Spiegel gegenüber, so
+erblickte ich gewiß in demselben ein sehr albernes verdutztes Gesicht.
+Der Baron schien sich an meiner Verlegenheit zu weiden, er blickte mir
+unverwandt ins Auge mit einem recht fatalen ironischen Lächeln. »Wie
+in aller Welt sollte ich es anfangen«, stotterte ich endlich mühsam
+heraus.
+
+»Nun, nun«, unterbrach mich der Baron, »Sie haben es mit keiner
+gefährlichen Patientin zu tun. Ich nehme jetzt ausdrücklich Ihre
+Kunst in Anspruch. Die Baronin ist nun einmal hereingezogen in den
+Zauberkreis Ihrer Musik, und sie plötzlich herauszureißen, würde
+töricht und grausam sein. Setzen Sie die Musik fort. Sie werden zur
+Abendstunde in den Zimmern meiner Frau jedesmal willkommen sein. Aber
+gehen Sie nach und nach über zu kräftigerer Musik, verbinden Sie
+geschickt das Heitere mit dem Ernsten und dann, vor allen Dingen,
+wiederholen Sie die Erzählung von dem unheimlichen Spuk recht oft. Die
+Baronin gewöhnt sich daran, sie vergißt, daß der Spuk hier in diesen
+Mauern hauset, und die Geschichte wirkt nicht stärker auf sie, als
+jedes andere Zaubermärchen, das in irgendeinem Roman, in irgendeinem
+Gespensterbuch ihr aufgetischt worden. Das tun sie, lieber Freund.«
+
+Mit diesen Worten entließ mich der Baron. Ich ging - Ich war
+vernichtet in meinem eignen Innern, herabgesunken zum bedeutungslosen,
+törichten Kinde! Ich Wahnsinniger, der ich glaubte, Eifersucht könne
+sich in seiner Brust regen; er selbst schickt mich zu Seraphinen, er
+selbst sieht in mir nur das willenlose Mittel, das er braucht und
+wegwirft, wie es ihm beliebt! Vor wenigen Minuten fürchtete ich den
+Baron, es lag in mir tief im Hintergrunde verborgen das Bewußtsein
+der Schuld, aber diese Schuld ließ mich das höhere, herrliche Leben
+deutlich fühlen, dem ich zugereift; nun war alles versunken in
+schwarze Nacht, und ich sah nur den albernen Knaben, der in kindischer
+Verkehrtheit die papierne Krone, die er sich auf den heißen Kopf
+stülpte, für echtes Gold gehalten.
+
+Ich eilte zum Alten, der schon auf mich wartete. »Nun Vetter, wo
+bleibst du denn, wo bleibst du denn?« rief er mir entgegen. »lch habe
+mit dem Baron gesprochen«, warf ich schnell und leise hin, ohne den
+Alten anschauen zu können. »Tausend Sapperlot!« sprach der Alte wie
+verwundert, »Tausend Sapperlot, dacht ich's doch gleich! - der Baron
+hat dich gewiß herausgefordert, Vetter?« - Das schallende Gelächter,
+das der Alte gleich hinterher aufschlug, bewies mir, daß er auch
+dieses Mal, wie immer, ganz und gar mich durchschaute.
+
+Ich biß die Zähne zusammen ich mochte kein Wort erwidern, denn wohl
+wußt' ich, daß es dessen nur bedurfte, um sogleich von den tausend
+Neckereien überschüttet zu werden, die schon auf des Alten Lippen
+schwebten.
+
+Die Baronin kam zur Tafel im zierlichen Morgenkleide, das, blendend
+weiß, frisch gefallenen Schnee besiegte. Sie sah matt aus und
+abgespannt, doch als sie nun, leise und melodisch sprechend, die
+dunklen Augen erhob, da blitzte süßes, sehnsüchtiges Verlangen aus
+düsterer Glut, und ein flüchtiges Rot überflog das lilienblasse
+Antlitz. Sie war schöner als jemals. Wer ermißt die Torheiten eines
+Jünglings mit zu heißem Blut im Kopf und Herzen!
+
+Den bittern Groll, den der Baron in mir aufgeregt, trug ich über auf
+die Baronin. Alles erschien mir wie eine heillose Mystifikation, und
+nun wollt' ich beweisen, daß ich gar sehr bei vollem Verstande sei und
+über die Maßen scharfsichtig. - Wie ein schmollendes Kind vermied ich
+die Baronin und entschlüpfte der mich verfolgenden Adelheid, so daß
+ich, wie ich gewollt, ganz am Ende der Tafel zwischen den beiden
+Offizieren meinen Platz fand, mit denen ich wacker zu zechen begann.
+Beim Nachtisch stießen wir fleißig die Gläser zusammen, und, wie es in
+solcher Stimmung zu geschehen pflegt, ich war ungewöhnlich laut und
+lustig.
+
+Ein Bedienter hielt mir einen Teller hin, auf dem einige Bonbons
+lagen, mit den Worten: »Von Fräulein Adelheid.« Ich nahm, und bemerkte
+bald, daß auf einem der Bonbons mit Silberstift gekritzelt stand: »Und
+Seraphine?«- Das Blut wallte mir auf in den Adern. Ich schaute hin
+nach Adelheid, die sah mich an mit überaus schlauer, verschmitzter
+Miene, nahm das Glas und nickte mir zu mit leisem Kopfnicken.
+
+Beinahe willkürlos murmelte ich still: »Seraphine«, nahm mein Glas und
+leerte es mit einem Zuge. Mein Blick flog hin zu ihr, ich gewahrte,
+daß sie auch in dem Augenblick getrunken hatte und ihr Glas eben
+hinsetzte - ihre Augen trafen die meinen, und ein schadenfroher Teufel
+raunte es mir in die Ohren: »Unseliger! - Sie liebt dich doch!«
+Einer der Gäste stand auf und brachte, nordischer Sitte gemäß, die
+Gesundheit der Frau vom Hause aus. Die Gläser erklangen im lauten
+Jubel - Entzücken und Verzweiflung spalteten mir das Herz - die Glut
+des Weins flammte in mir auf, alles drehte sich in Kreisen, es war,
+als müßte ich vor aller Augen hinstürzen zu ihren Füßen und mein Leben
+aushauchen!
+
+»Was ist Ihnen, lieber Freund?« Diese Frage meines Nachbars gab mir
+die Besinnung wieder, aber Seraphine war verschwunden. - Die Tafel
+wurde aufgehoben. Ich wollte fort, Adelheid hielt mich fest, sie
+sprach allerlei, ich hörte, ich verstand kein Wort - sie faßte mich
+bei beiden Händen und rief mir laut lachend etwas in die Ohren. - Wie
+von der Starrsucht gelähmt, blieb ich stumm und regungslos. Ich weiß
+nur, daß ich endlich mechanisch ein Glas Likör aus Adelheids Hand nahm
+und es austrank, daß ich mich einsam in einem Fenster wiederfand, daß
+ich dann hinausstürzte aus dem Saal, die Treppe hinab, und hinauslief
+in den Wald.
+
+In dichten Flocken fiel der Schnee herab, die Föhren seufzten, vom
+Sturm bewegt; wie ein Wahnsinniger sprang ich umher in weiten Kreisen,
+und lachte und schrie wild auf: »Schaut zu, schaut zu! - Heisa! der
+Teufel macht sein Tänzchen mit dem Knaben, der zu speisen gedachte
+total verbotene Früchte.«
+
+Wer weiß, wie mein tolles Spiel geendet, wenn ich nicht meinen Namen
+laut in den Wald hineinrufen gehört. Das Wetter hatte nachgelassen,
+der Mond schien hell durch die zerrissenen Wolken, ich hörte Doggen
+anschlagen und gewahrte eine finstere Gestalt, die sich mir näherte.
+Es war der alte Jäger. »Ei, ei, lieber Herr Theodor!« fing er an, »wie
+haben Sie sich denn verirrt in dem bösen Schneegestöber, der Herr
+Justitiarius warten auf Sie mit vieler Ungeduld!«
+
+Schweigend folgte ich dem Alten. Ich fand den Großonkel im
+Gerichtssaal arbeitend. »Das hast du gut gemacht«, rief er mir
+entgegen, »das hast du sehr gut gemacht, daß du ein wenig ins Freie
+gingst, um dich gehörig abzukühlen. Trinke doch nicht so viel Wein, du
+bist noch viel zu jung dazu, das taugt nicht.« Ich brachte kein Wort
+hervor, schweigend setzte ich mich hin an den Schreibtisch.
+
+»Aber sage mir nur, lieber Vetter, was wollte denn eigentlich der
+Baron von dir?« - Ich erzählte alles und schloß damit, daß ich
+mich nicht hergeben wollte zu der zweifelhaften Kur, die der Baron
+vorgeschlagen. »Würde auch gar nicht angehen«, fiel der Alte mir in
+die Rede, »denn wir reisen morgen in aller Frühe fort, lieber Vetter!«
+Es geschah so, ich sah Seraphinen nicht wieder!
+
+Kaum angekommen in K., klagte der alte Großonkel, daß er mehr als
+jemals sich von der beschwerlichen Fahrt angegriffen fühle. Sein
+mürrisches Schweigen, nur unterbrochen von heftigen Ausbrüchen der
+übelsten Laune, verkündete die Rückkehr seiner podagristischen
+Zufälle. Eines Tages wurd' ich schnell hingerufen, ich fand den Alten,
+vom Schlage getroffen, sprachlos auf dem Lager, einen zerknitterten
+Brief in der krampfhaft geschlossenen Hand.
+
+Ich erkannte die Schriftzüge des Wirtschaftsinspektors aus R..sitten,
+doch, von dem tiefsten Schmerz durchdrungen, wagte ich es nicht, den
+Brief dem Alten zu entreißen, ich zweifelte nicht an seinem baldigen
+Tod. Doch, noch ehe der Arzt kam, schlugen die Lebenspulse wieder, die
+wunderbar kräftige Natur des siebzigjährigen Greises widerstand dem
+tödlichen Anfall, noch desselben Tages erklärte ihn der Arzt außer
+Gefahr. Der Winter war hartnäckiger als jemals, ihm folgte ein rauher,
+düsterer Frühling, und so kam es, daß nicht jener Zufall sowohl, als
+das Podagra, von dem bösen Klima wohl gehegt, den Alten für lange Zeit
+auf das Krankenlager warf.
+
+In dieser Zeit beschloß er, sich von jedem Geschäft ganz
+zurückzuziehen. Er trat seine Justitiariate an andere ab, und so
+war mir jede Hoffnung verschwunden, jemals wieder nach R..sitten zu
+kommen. Nur meine Pflege litt der Alte, nur von mir verlangte er
+unterhalten, aufgeheitert zu werden. Aber wenn auch in schmerzlosen
+Stunden seiner Heiterkeit wiedergekehrt war, wenn es an derben Späßen
+nicht fehlte, wenn es selbst zu Jagdgeschichten kam, und ich jeden
+Augenblick vermutete, meine Heldentat, wie ich den greulichen Wolf
+mit dem Jagdmesser erlegt, würde herhalten müssen - niemals - niemals
+erwähnte er unseres Aufenthalts in R..sitten, und wer mag nicht
+einsehen, daß ich aus natürlicher Scheu mich wohl hütete, ihn geradezu
+darauf zu bringen.
+
+Meine bittre Sorge, meine stete Mühe um den Alten hatte Seraphinens
+Bild in den Hintergrund gestellt. Sowie des Alten Krankheit nachließ,
+gedachte ich lebhafter wieder jenes Moments im Zimmer der Baronin,
+der mir wie ein leuchtender, auf ewig für mich untergegangener Stern
+erschien. Ein Ereignis rief allen empfundenen Schmerz hervor, indem es
+mich zugleich, wie eine Erscheinung aus der Geisterweit, mit eiskalten
+Schauern durchbebte!
+
+Als ich nämlich eines Abends die Brieftasche, die ich in R..sitten
+getragen, öffne, fällt mir aus den aufgeblätterten Papieren eine
+dunkle, mit einem weißen Bande umschlungene Locke entgegen, die ich
+augenblicklich für Seraphinens Haar erkenne! Aber als ich das Band
+näher betrachte, sehe ich deutlich die Spur eines Blutstropfens!
+Vielleicht wußte Adelheid in jenen Augcnblicken des bewußtlosen
+Wahnsinns, der mich am letzten Tage ergriffen, mir dies Andenken
+geschickt zuzustellen, aber warum der Blutstropfe, der mich
+Entsetzliches ahnen ließ und jenes beinahe zu schäfermäßige Pfand zur
+schauervollen Mahnung an eine Leidenschaft, die teures Herzblut kosten
+konnte, hinaufsteigerte?
+
+Das war jenes weiße Band, das mich, zum erstenmal Seraphinen nahe, wie
+im leichten losen Spiel umflatterte, und dem nun die dunkle Macht das
+Wahrzeichen der Verletzung zum Tode gegeben. Nicht spielen soll der
+Knabe mit der Waffe, deren Gefährlichkeit er nicht ermißt!
+
+Endlich hatten die Frühlingsstürme zu toben aufgehört, der Sommer
+behauptete sein Recht, und war erst die Kälte unerträglich, so wurd'
+es nun, als der Julius begonnen, die Hitze. Der Alte erkräftigte sich
+zusehends und zog, wie er sonst zu tun pflegte, in einen Garten der
+Vorstadt. An einem stillen lauen Abende saßen wir in der duftenden
+Jasminlaube, der Alte war ungewöhnlich heiter und dabei nicht,
+wie sonst, voll sarkastischer Ironie, sondern mild, beinahe weich
+gestimmt.
+
+»Vetter«, fing er an, »ich weiß nicht, wie mir heute ist, ein ganz
+besonderes Wohlsein, wie ich es seit vielen Jahren nicht gefühlt,
+durchdringt mich mit gleichsam elektrischer Wärme. Ich glaube, das
+verkündet mir einen baldigen Tod.« Ich mühte mich, ihn von dem düstern
+Gedanken abzubringen. »Laß es gut sein, Vetter«, sprach er, »lange
+bleibe ich nicht mehr hier unten, und da will ich dir noch eine Schuld
+abtragen! Denkst du noch an die Herbstzeit in R..sitten?« - Wie ein
+Blitz durchfuhr mich diese Frage des Alten, noch ehe ich zu antworten
+vermochte, fuhr er weiter fort: »Der Himmel wollte es, daß du dort
+auf ganz eigne Weise eintratst und wider deinen Willen eingeflochten
+wurdest in die tiefsten Geheimnisse des Hauses. Jetzt ist es an der
+Zeit, daß Du alles erfahren mußt.
+
+Oft genug, Vetter, haben wir über Dinge gesprochen, die du mehr
+ahntest als verstandest. Die Natur stellt den Zyklus des menschlichen
+Lebens in dem Wechsel der Jahreszeiten symbolisch dar, das sagen sie
+alle, aber ich meine das auf andere Weise als alle. Die Frühlingsnebel
+fallen, die Dünste des Sommers verdampfen, und erst des Herbstes
+reiner Äther zeigt deutlich die ferne Landschaft, bis das Hienieden
+versinkt in die Nacht des Winters.
+
+Ich meine, daß im Hellsehen des Alters sich deutlicher das Walten der
+unerforschlichen Macht zeigt. Es sind Blicke vergönnt in das gelobte
+Land, zu dem die Pilgerfahrt beginnt mit dem zeitlichen Tode.
+
+Wie wird mir in diesem Augenblick so klar das dunkle Verhängnis
+jenes Hauses, dem ich durch festere Bande, als Verwandtschaft sie zu
+schlingen vermag, verknüpft wurde. Wie liegt alles so erschlossen vor
+meines Geistes Augen! - doch, wie ich nun alles so gestaltet vor mir
+sehe, das Eigentliche, das kann ich nicht mit Worten sagen, keines
+Menschen Zunge ist dessen fähig. Höre, mein Sohn, das, was ich dir nur
+wie eine merkwürdige Geschichte, die sich wohl zutragen konnte, zu
+erzählen vermag. Bewahre tief in deiner Seele die Erkenntnis, daß die
+geheimnisvollen Beziehungen, in die du dich vielleicht nicht unberufen
+wagtest, dich verderben konnten! - doch das ist nun vorüber!«
+
+Die Ceschichte des R..schen Majorats, die der Alte jetzt erzählte,
+trage ich so treu im Gedächtnis, daß ich sie beinahe mit seinen Worten
+(er sprach von sich selbst in der dritten Person) zu wiederholen
+vermag.
+
+In einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1760 weckte ein
+entsetzlicher Schlag, als falle das ganze weitläuftige Schloß in
+tausend Trümmer zusammen, das Hausgesinde in R..sitten aus tiefem
+Schlafe. Im Nu war alles auf den Beinen, Lichter wurden angezündet,
+Schrecken und Angst im leichenblassen Gesicht, keuchte der
+Hausverwalter mit den Schlüsseln herbei, aber nicht gering war jedes
+Erstaunen, als man in tiefer Totenstille, in der das pfeifende
+Gerassel der mühsam geöffneten Schlösser, jeder Fußtritt recht
+schauerlich widerhallte, durch unversehrte Gänge, Säle, Zimmer fort
+und fort wandelte.
+
+Nirgends die mindeste Spur irgendeiner Verwüstung. Eine finstere
+Ahnung erfaßte den alten Hausverwalter. Er schritt hinauf in den
+großen Rittersaal, in dessen Seitenkabinett der Freiherr Roderich v.
+R. zu ruhen pflegte, wenn er astronomische Beobachtungen angestellt.
+Eine zwischen der Tür dieses und eines andern Kabinetts angebrachte
+Pforte führte durch einen engen Gang unmittelbar in den astronomischen
+Turm.
+
+Aber sowie Daniel (so war der Hausverwalter geheißen) diese Pforte
+öffnete, warf ihm der Sturm, abscheulich heulend und sausend, Schutt
+und zerbröckelte Mauersteine entgegen, so daß er von Entsetzen weit
+zurückprallte und, indem er den Leuchter, dessen Kerzen prasselnd
+verlöschten, an die Erde fallen ließ, laut aufschrie: »O Herr des
+Himmels! der Baron ist jämmerlich zerschmettert!«
+
+In dem Augenlick ließen sich Klagelaute vernehmen, die aus dem
+Schlafkabinett des Freiherrn kamen. Daniel fand die übrigen Diener um
+den Leichnam ihres Herrn versammelt. Vollkommen und reicher gekleidet
+als jemals, ruhigen Ernst im unentstellten Gesichte, fanden sie ihn
+sitzend in dem großen, reich verzierten Lehnstuhle, als ruhe er aus
+von gewichtiger Arbeit.
+
+Es war aber der Tod, in dem er ausruhte. Als es Tag geworden,
+gewahrte man, daß die Krone des Turms in sich eingestürzt. Die großen
+Quadersteine hatten Decke und Fußboden des astronomischen Zimmers
+eingeschlagen, nebst den nun voranstürzenden mächtigen Balken mit
+gedoppelter Kraft des Falles das untere Gewölbe durchbrochen und einen
+Teil der Schloßmauer und des engen Ganges mit fortgerissen. Nicht
+einen Schritt durch die Pforte des Saals durfte man tun, ohne Gefahr,
+wenigstens achtzig Fuß hinabzustürzen in tiefe Gruft.
+
+Der alte Freiherr hatte seinen Tod bis auf die Stunde vorausgesehen
+und seine Söhne davon benachrichtigt. So geschah es, daß gleich
+folgenden Tages Wolfgang Freiherr von R., ältester Sohn des
+Verstorbenen, mithin Majoratsherr, eintraf. Auf die Ahnung des alten
+Vaters wohl bauend, hatte er, sowie er den verhängnisvollen Brief
+erhalten, sogleich Wien, wo er auf der Reise sich gerade befand,
+verlassen und war, so schnell es nur gehen wollte, nach R..sitten
+geeilt.
+
+Der Hausverwalter hatte den großen Saal schwarz ausschlagen und
+den alten Freiherrn in den Kleidern, wie man ihn gefunden, auf ein
+prächtiges Paradebette, das hohe silberne Leuchter mit brennenden
+Kerzen umgaben, legen lassen. Schweigend schritt Wolfgang die Treppe
+herauf, in den Saal hinein und dicht hinan an die Leiche des Vaters.
+Da blieb er mit über die Brust verschränkten Armen stehen und schaute
+starr und düster mit zusammengezogenen Augenbrauen dem Vater ins
+bleiche Antlitz. Er glich einer Bildsäule, keine Träne kam in seine
+Augen. Endlich, mit einer beinahe krampfhaften Bewegung, den rechten
+Arm hin nach der Leiche zuckend, murmelte er dumpf:
+
+»Zwangen dich die Gestirne, den Sohn, den du liebtest, elend zu
+machen?« - Die Hände zurückgeworfen, einen kleinen Schritt hinter sich
+getreten, warf nun der Baron den Blick in die Höhe und sprach mit
+gesenkter, beinahe weicher Stimme: »Armer, betörter Greis! Das
+Fastnachtsspiel mit seinen läppischen Täuschungen ist nun vorüber! Nun
+magst du erkennen, daß das kärglich zugemessene Besitztum hienieden
+nichts gemein hat mit dem jenseits über den Sternen - Welcher Wille,
+welche Kraft reicht hinaus über das Grab?«
+
+Wieder schwieg der Baron einige Sekunden - dann rief er heftig:
+»Nein, nicht ein Quentlein meines Erdenglücks, das du zu vernichten
+trachtetest, soll mir dein Starrsinn rauben«, und damit riß er ein
+zusammengelegtes Papier aus der Tasche und hielt es zwischen zwei
+Fingern hoch empor an eine dicht bei der Leiche stehende brennende
+Kerze. Das Papier, von der Kerze ergriffen, flackerte hoch auf, und
+als der Widerschein der Flamme auf dem Gesicht des Leichnams hin und
+her zuckte und spielte, war es, als rührten sich die Muskeln und der
+Alte spräche tonlose Worte, so daß der entfernt stehenden Dienerschaft
+tiefes Grauen und Entsetzen ankam.
+
+Der Baron vollendete sein Geschäft mit Ruhe, indem er das letzte
+Stückchen Papier, das er flammend zu Boden fallen lassen, mit dem Fuße
+sorglich austrat. Dann warf er noch einen düstern Blick auf den Vater
+und eilte mit schnellen Schritten zum Saal hinaus.
+
+Andern Tages machte Daniel den Freiherrn mit der neuerlich geschehenen
+Verwüstung des Turms bekannt und schilderte mit vielen Worten, wie
+sich überhaupt alles in der Todesnacht des alten seligen Herrn
+zugetragen, indem er damit endete, daß es wohl geraten sein würde,
+sogleich den Turm herstellen zu lassen, da, stürze noch mehr zusammen,
+das ganze Schloß in Gefahr stehe, wo nicht zertrümmert, doch hart
+beschädigt zu werden.
+
+»Den Turm herstellen?« fuhr der Freiherr den alten Diener, funkelnden
+Zorn in den Augen, an, »den Turm herstellen? Nimmermehr! - Merkst du
+denn nicht«, fuhr er dann gelassener fort, »merkst du denn nicht,
+Alter, daß der Turm nicht so, ohne weitern Anlaß, einstürzen konnte?
+Wie, wenn mein Vater selbst die Vernichtung des Orts, wo er seine
+unheimliche Sterndeuterei trieb, gewünscht, wie, wenn er selbst
+gewisse Vorrichtungen getroffen hätte, die es ihm möglich machten,
+die Krone des Turms, wenn er wollte, einstürzen und so das Innere des
+Turms zerschmettern zu lassen? Doch dem sei, wie ihm wolle, und mag
+auch das Schloß zusammenstürzen, mir ist es recht. Glaubt ihr denn,
+daß ich in dem abenteuerlichen Eulenneste hier hausen werde? - Nein!
+jener kluge Ahnherr, der in dem schönen Talgrunde die Fundamente zu
+einem neuen Schloß legen ließ, der hat mir vorgearbeitet, dem will ich
+folgen.«
+
+»Und so werden«, sprach Daniel kleinlaut, »dann auch wohl die
+alten treuen Diener den Wanderstab zur Hand nehmen müssen.« »Daß
+ich«, erwiderte der Freiherr, »mich nicht von unbehülflichen
+schlotterbeinichten Greisen bedienen lassen werde, versteht sich von
+selbst, aber verstoßen werde ich keinen. Arbeitslos soll euch das
+Gnadenbrot gut genug schmecken.«
+
+»Mich«, rief der Alte voller Schmerz, »mich, den Hausverwalter, so
+außer Aktivität -« Da wandte der Freiherr, der, dem Alten den Rücken
+gekehrt, im Begriff stand, den Saal zu verlassen, sich plötzlich um,
+blutrot im ganzen Gesichte vor Zorn, die geballte Faust vorgestreckt,
+schritt er auf den Alten zu und schrie mit fürchterlicher Stimme:
+
+»Dich, du alter heuchlerischer Schurke, der du mit dem alten Vater das
+unheimliche Wesen triebst dort oben, der du dich wie ein Vampir an
+sein Herz legtest, der vielleicht des Alten Wahnsinn verbrecherisch
+nützte, um in ihm die höllischen Entschlüsse zu erzeugen, die mich an
+den Rand des Abgrunds brachten dich sollte ich hinausstoßen wie einen
+räudigen Hund!«
+
+Der Alte war vor Schreck über diese entsetzlichen Reden dicht neben
+dem Freiherrn auf beide Knie gesunken, und so mochte es geschehen,
+daß dieser, indem er vielleicht unwillkürlich, wie denn im Zorn oft
+der Körper dem Gedanken mechanisch folgt und das Gedachte mimisch
+ausführt, bei den letzten Worten den rechten Fuß vorschleuderte, den
+Alten so hart an der Brust traf, daß er mit einem dumpfen Schrei
+umstürzte. Er raffte sich mühsam in die Höhe, und indem er einen
+sonderbaren Laut, gleich dem heulenden Gewimmer eines auf den Tod
+wunden Tieres, ausstieß, durchbohrte er den Freiherrn mit einem Blick,
+in dem Wut und Verzweiflung glühten. Den Beutel mit Geld, den ihm
+der Freiherr im Davonschreiten zugeworfen, ließ er unberührt auf dem
+Fußboden liegen.
+
+Unterdessen hatten sich die in der Gegend befindlichen nächsten
+Verwandten des Hauses eingefunden, mit vielem Prunk wurde der alte
+Freiherr in der Familiengruft, die in der Kirche von R..sitten
+befindlich, beigesetzt, und nun, da die geladenen Gäste sich wieder
+entfernt, schien der neue Majoratsherr, von der düstern Stimmung
+verlassen, sich des erworbenen Besitztums recht zu erfreuen. Mit V.,
+dem Justitiarius des alten Freiherrn, dem er gleich, nachdem er ihn
+nur gesprochen, sein volles Vertrauen schenkte und ihn in seinem Amt
+bestätigte, hielt er genaue Rechnung über die Einkünfte des Majorats
+und überlegte, wieviel davon verwandt werden könne zu Verbesserungen
+und zum Aufbau eines neuen Schlosses.
+
+V. meinte, daß der alte Freiherr unmöglich seine jährlichen Einkünfte
+aufgezehrt haben könne, und daß, da sich unter den Briefschaften nur
+ein paar unbedeutende Kapitalien in Bankoscheinen befanden, und die
+in einem eisernen Kasten befindliche bare Summe tausend Taler nur um
+weniges überstiege, gewiß irgendwo noch Geld verborgen sein müsse. Wer
+anders konnte davon unterrichtet sein, als Daniel, der, störrisch und
+eigensinnig, wie er war, vielleicht nur darauf wartete, daß man ihn
+darum befrage.
+
+Der Baron war nicht wenig besorgt, daß Daniel, den er schwer
+beleidigt, nun nicht sowohl aus Eigennutz, denn was konnte ihm, dem
+kinderlosen Greise, der im Stammschlosse R..sitten sein Leben zu enden
+wünschte, die größte Summe Geldes helfen, als vielmehr, um Rache zu
+nehmen für den erlittenen Schimpf, irgendwo versteckte Schätze lieber
+vermodern lassen, als ihm entdecken werde. Er erzählte V. den ganzen
+Vorfall mit Daniel umständlich und schloß damit, daß nach mehreren
+Nachrichten, die ihm zugekommen, Daniel allein es gewesen sei, der
+in dem alten Freiherrn einen unerklärlichen Abscheu, seine Söhne in
+R..sitten wiederzusehen, zu nähren gewußt habe. Der Justitiarius
+erklärte diese Nachrichten durchaus für falsch, da kein menschliches
+Wesen auf der Welt imstande gewesen sei, des alten Freiherrn
+Entschlüsse nur einigermaßen zu lenken, viel weniger zu bestimmen, und
+übernahm es übrigens, dem Daniel das Geheimnis wegen irgend in einem
+verborgenen Winkel aufbewahrten Geldes zu entlocken.
+
+Es bedurfte dessen gar nicht, denn kaum fing der Justitiarius an:
+»Aber wie kommt es denn, Daniel, daß der alte Herr so wenig bares Geld
+hinterlassen?« so erwiderte Daniel mit widrigem Lächeln: »Meinen Sie
+die paar Taler, Herr Justitiarius, die Sie in dem kleinen Kästchen
+fanden? das übrige liegt ja im Gewölbe neben dem Schlafkabinett des
+alten gnädigen Herrn! Aber das Beste«, fuhr er dann fort, indem sein
+Lächeln sich zum abscheulichen Grinsen verzog und blutrotes Feuer
+in seinen Augen funkelte, »aber das Beste, viele tausend Goldstücke
+liegen da unten im Schutt vergraben!«
+
+Der Justitiarius rief sogleich den Freiherrn herbei, man begab sich
+in das Schlafkabinett, in einer Ecke desselben rückte Daniel an dem
+Getäfel der Wand, und ein Schloß wurde sichtbar. Indem der Freiherr
+das Schloß mit gierigen Blicken anstarrte, dann aber Anstalt machte,
+die Schlüssel, welche an dem großen Bunde hingen, den er mit vielem
+Geklapper mühsam aus der Tasche gezerrt, an dem glänzenden Schlosse zu
+versuchen, stand Daniel da, hoch aufgerichtet und wie mit hämischem
+Stolz herabblickend auf den Freiherrn, der sich niedergebückt hatte,
+um das Schloß besser in Augenschein zu nehmen.
+
+Den Tod im Antlitz, mit bebender Stimme, sprach er dann: »Bin ich ein
+Hund, hochgnädiger Freiherr! - so bewahr' ich auch in mir des Hundes
+Treue.« Damit reichte er dem Baron einen blanken stählernen Schlüssel
+hin, den ihm dieser mit hastiger Begier aus der Hand riß und die Tür
+mit leichter Mühe öffnete. Man trat in ein kleines, niedriges Gewölbe,
+in welchem eine große eiserne Truhe mit geöffnetem Deckel stand. Auf
+den vielen Geldsäcken lag ein Zettel. Der alte Freiherr hatte mit
+seinen wohlbekannten großen altväterischen Schriftzügen darauf
+geschrieben:
+
+Einmal hundert und fünfzigtausend Reichstaler in alten Friedrichsdor
+erspartes Geld von den Einkünften des Majoratsgutes R..sitten, und
+ist diese Summe bestimmt zum Bau des Schlosses. Es soll ferner der
+Majoratsherr, der mir folgt, im Besitztum von diesem Gelde auf
+dem höchsten Hügel, östlich gelegen dem alten Schloßturm, den er
+eingestürzt finden wird, einen hohen Leuchtturm zum Besten der
+Seefahrer aufführen und allnächtlich feuern lassen.
+
+ R..sitten in der Michaelisnacht des Jahres 1760.
+
+ Roderich Freiherr von R.
+
+Erst als der Freiherr die Beutel, einen nach dem andern, gehoben und
+wieder in den Kasten fallen lassen, sich ergötzend an dem klirrenden
+Klingen des Goldes, wandte er sich rasch zu dem alten Hausverwalter,
+dankte ihm für die bewiesene Treue und versicherte, daß nur
+verleumderische Klätschereien schuld daran wären, daß er ihm anfangs
+übel begegnet. Nicht allein im Schlosse, sondern in vollem Dienst als
+Hausverwalter, mit verdoppeltem Gehalt, solle er bleiben.
+
+»Ich bin dir volle Entschädigung schuldig, willst du Gold, so nimm dir
+einen von jenen Beuteln!«- So schloß der Freiherr seine Rede, indem er
+mit niedergeschlagenen Augen, vor dem Alten stehend, mit der Hand nach
+dem Kasten hinzeigte, an den er nun aber noch einmal hintrat und die
+Beutel musterte. Dem Hausverwalter trat plötzlich glühende Röte ins
+Gesicht, und er stieß einen entsetzlichen, dem heulenden Gewimmer
+eines auf den Tod wunden Tiers ähnlichen Laut aus, wie ihn der
+Freiherr dem Jutistitiarius beschrieben. Dieser erbebte, denn was der
+Alte nun zwischen den Zähnen murmelte, klang wie: »Blut für Gold!« Der
+Freiherr, vertieft in den Anblick des Schatzes, hatte von allem nicht
+das mindeste bemerkt; Daniel, den es wie im krampfigen Fieberfrost
+durch alle Glieder geschüttelt, nahte sich mit gebeugtem Haupt in
+demütiger Stellung dem Freiherrn, küßte ihm die Hand und sprach mit
+weinerlicher Stimme, indem er mit dem Taschentuch sich über die Augen
+fuhr, als ob er Tränen wegwische:
+
+»Ach, mein lieber gnädiger Herr, was soll ich armer, kinderloser
+Greis mit dem Golde? - aber das doppelte Gehalt, das nehme ich an mit
+Freuden und will mein Amt verwalten rüstig und unverdrossen!«
+
+Der Freiherr, der nicht sonderlich auf die Worte des Alten geachtet,
+ließ nun den schweren Deckel der Truhe zufallen, daß das ganze Gewölbe
+krachte und dröhnte, und sprach dann, indem er die Truhe verschloß
+und die Schlüssel sorgfältig auszog, schnell hingeworfen: »Schon gut,
+schon gut Alter! Aber du hast noch«, fuhr er fort, nachdem sie schon
+in den Saal getreten waren, »aber du hast noch von vielen Goldstücken
+gesprochen, die unten im zerstörten Turm liegen sollen« Der Alte trat
+schweigend an die Pforte und schloß sie mit Mühe auf. Aber sowie er
+die Flügel aufriß, trieb der Sturm dickes Schneegestöber in den Saal;
+aufgescheucht flatterte ein Rabe kreischend und krächzend umher,
+schlug mit schwarzen Schwingen gegen die Fenster und stürzte sich, als
+er die offene Pforte wiedergewonnen, in den Abgrund.
+
+Der Freiherr trat hinaus in den Korridor, bebte aber zurück, als er
+kaum einen Blick in die Tiefe geworfen. »Abscheulicher Anblick -
+Schwindel«, stotterte er und sank wie ohnmächtig dem Justitiarius in
+die Arme. Er raffte sich jedoch gleich wieder zusammen und frug, den
+Alten mit scharfen Blicken erfassend: »Und da unten?« -
+
+Der Alte hatte indessen die Pforte wieder verschlossen, er drückte nun
+noch mit ganzer Leibeskraft dagegen, so daß er keuchte und ächzte, um
+nur die großen Schlüssel aus den ganz verrosteten Schlössern loswinden
+zu können. Dies endlich zustande gebracht, wandte er sich um nach
+dem Baron und sprach, die großen Schlüssel in der Hand hin und her
+schiebend, mit seltsamen Lächeln: »Ja, da unten liegen tausend und
+tausend - alle schönen Instrumente des seligen Herrn - Teleskope,
+Quadranten - Globen - Nachtspiegel alles liegt zertrümmert im Schutt
+zwischen den Steinen und Balken!«
+
+»Aber, bares Geld, bares Geld«, fiel der Freiherr ein, »du hast von
+Goldstücken gesprochen, Alter?«
+
+»Ich meine nur«, erwiderte der Alte, »Sachen, welche viele tausend
+Goldstücke gekostet.«
+
+Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen. Der Baron zeigte sich
+hoch erfreut, nun, mit einemmal, zu allen Mitteln gelangt zu sein,
+deren er bedurfte, seinen Lieblingsplan ausführen, nämlich ein neues
+prächtiges Schloß aufbauen zu können. Zwar meinte der Justitiarius,
+daß nach dem Willen des Verstorbenen nur von der Reparatur, von dem
+völligen Ausbau des alten Schlosses, die Rede sein könne, und daß in
+der Tat jeder neue Bau schwerlich die ehrwürdige Größe, den ernsten
+einfachen Charakter des alten Stammhauses erreichen werde, der
+Freiherr blieb aber bei seinem Vorsatz und meinte, daß in solchen
+Verfügungen, die nicht durch die Stiftungsurkunde sanktioniert worden,
+der tote Wille des Dahingeschiedenen weichen müsse.
+
+Er gab dabei zu verstehen, daß es seine Pflicht sei, den Aufenthalt
+in R..sitten so zu verschönern, als es nur Klima, Boden und Umgebung
+zulasse, da er gedenke, in kurzer Zeit als sein innig geliebtes Weib
+ein Wesen heimzuführen, die in jeder Hinsicht der größten Opfer würdig
+sei.
+
+Die geheimnisvolle Art, wie der Freiherr sich über das vielleicht
+schon insgeheim geschlossene Bündnis äußerte, schnitt dem Justitiarius
+jede weitere Frage ab, indessen fand er sich durch die Entscheidung
+des Freiherrn insofern beruhigt, als er wirklich in seinem Streben
+nach Reichtum mehr die Begier, eine geliebte Person das schönere
+Vaterland, dem sie entsagen mußte, ganz vergessen zu lassen, als
+eigentlichen Geiz finden wollte.
+
+Für geizig, wenigstens für unausstehlich habsüchtig mußte er sonst
+den Baron halten, der, im Golde wühlend, die alten Friedrichsdor
+beäugelnd, sich nicht enthalten konnte, mürrisch aufzufahren: »Der
+alte Halunke hat uns gewiß den reichsten Schatz verschwiegen, aber
+künftigen Frühling laß ich den Turm ausräumen unter meinen Augen.«
+
+Baumeister kamen, mit denen der Freiherr weitläufig überlegte, wie mit
+dem Bau am zweckmäßigsten zu verfahren sei. Er verwarf Zeichnung auf
+Zeichnung, keine Architektur war ihm reich, großartig genug. Nun
+fing er an, selbst zu zeichnen, und, aufgeheitert durch diese
+Beschäftigungen, die ihm beständig das sonnenhelle Bild der
+glücklichsten Zukunft vor Augen stellten, erfaßte ihn eine frohe
+Laune, die oft an Ausgelassenheit anstreifte, und die er allen
+mitzuteilen wußte.
+
+Seine Freigebigkeit, die Opulenz seiner Bewirtung widerlegte
+wenigstens jeden Verdacht des Geizes. Auch Daniel schien nun ganz
+jenen Tort, der ihm geschehen, vergessen zu haben. Er betrug sich
+still sind demütig gegen den Freiherrn, der ihn, des Schatzes in der
+Tiefe halber, oft mit mißtrauischen Blicken verfolgte. Was aber allen
+wunderbar vorkam, war, daß der Alte sich zu verjüngen schien von Tage
+zu Tage. Es mochte sein, daß ihn der Schmerz um den alten Herrn tief
+gebeugt hatte, und er nun den Verlust zu verschmerzen begann, wohl
+aber auch, daß er nun nicht, wie sonst, kalte Nächte schlaflos auf
+dem Turm zubringen und bessere Kost, guten Wein, wie es ihm gefiel,
+genießen durfte, genug, aus dem Greise schien ein rüstiger Mann werden
+zu wollen mit roten Wangen und wohlgenährtem Körper, der kräftig
+auftrat und mit lauter Stimme mitlachte, wo es einen Spaß gab.
+
+Das lustige Leben in R..sitten wurde durch die Ankunft eines Mannes
+unterbrochen, von dem man hätte denken sollen, er gehöre nun gerade
+hin. Wolfgangs jüngerer Bruder, Hubert, war dieser Mann, bei dessen
+Anblick Wolfgang, im Antlitz den bleichen Tod, laut aufschrie:
+»Unglücklicher, was willst du hier!« Hubert stürzte dem Bruder in die
+Arme, dieser faßte ihn aber und zog ihn mit sich fort und hinauf in
+ein entferntes Zimmer, wo er sich mit ihm einschloß. Mehrere Stunden
+blieben beide zusammen, bis endlich Hubert herabkam mit verstörtem
+Wesen und nach seinen Pferden rief.
+
+Der Justitiarius trat ihm in den Weg, er wollte vorüber, V., von der
+Ahnung ergriffen, daß vielleicht gerade hier ein tödlicher Bruderzwist
+enden könnte, bat ihn, wenigstens ein paar Stunden zu verweilen, und
+in dem Augenblick kam auch der Freiherr herab, laut rufend: »Bleibe
+hier, Hubert! Du wirst dich besinnen!« - Huberts Blicke heiterten sich
+auf, er gewann Fassung, und indem er den reichen Leibpelz, den er,
+schnell abgezogen, hinter sich dem Bedienten zuwarf, nahm er V.s Hand
+und sprach, mit ihm in die Zimmer schreitend, mit einem verhöhnenden
+Lächeln: »Der Majoratsherr will mich doch also hier leiden.«
+
+V. meinte, daß gewiß sich jetzt das unglückliche Mißverständnis lösen
+werde, welches nur bei getrenntem Leben habe gedeihen können. Hubert
+nahm die stählerne Zange, die beim Kamin stand, zur Hand, und indem
+er damit ein astiges, dampfendes Stück Holz auseinander klopfte und
+das Feuer besser aufschürte, sprach er zu V.: »Sie merken, Herr
+Justitiarius, daß ich ein gutmütiger Mensch bin und geschickt
+zu allerlei häuslichen Diensten. Aber Wolfgang ist voll der
+wunderlichsten Vorurteile und - ein kleiner Geizhals.«
+
+V. fand es nicht geraten, weiter in das Verhältnis der Brüder
+einzudringen, zumal Wolfgangs Gesicht, sein Benehmen, sein Ton den
+durch Leidenschaften jeder Art im Innersten zerrissenen Menschen ganz
+deutlich zeigte.
+
+Um des Freiherrn Entschlüsse in irgendeiner das Majorat betreffenden
+Angelegenheit zu vernehmen, ging V. noch am späten Abend hinauf
+in sein Gemach. Er fand ihn, wie er, die Arme über den Rücken
+zusammengeschränkt, ganz verstört mit großen Schritten das Zimmer maß.
+Er blieb stehen, als er endlich den Justitiarius erblickte, faßte
+seine beiden Hände, und düster ihm ins Auge schauend, sprach er mit
+gebrochener Stimme: »Mein Bruder ist gekommen! Ich weiß«, fuhr er
+fort, als V. kaum den Mund zur Frage geöffnet, »ich weiß, was Sie
+sagen wollen. Ach, Sie wissen nichts. Sie wissen nicht, daß mein
+unglücklicher Bruder - ja unglücklich nur will ich ihn nennen - daß er
+wie ein böser Geist mir überall in den Weg tritt und meinen Frieden
+stört. An ihm liegt es nicht, daß ich nicht unaussprechlich elend
+wurde, er tat das Seinige dazu, doch der Himmel wollt' es nicht.
+
+Seit der Zeit, daß die Stiftung des Majorats bekannt wurde, verfolgt
+er mich mit tödlichem Haß. Er beneidet mich um das Besitztum, das
+in seinen Händen wie Spreu verflogen wäre. Er ist der wahnsinnigste
+Verschwender, den es gibt. Seine Schuldenlast übersteigt bei weitem
+die Hälfte des freien Vermögens in Kurland, die ihm zufällt, und nun,
+verfolgt von Gläubigern die ihn quälen, eilt er her und bettelt um
+Geld.«
+
+»Und Sie, der Bruder, verweigern« wollte ihm V. in die Rede fallen,
+doch der Freiherr rief, indem er V.s Hände fahren ließ und einen
+starken Schritt zurücktrat, laut und heftig: »Halten Sie ein! ja!
+ich verweigere! Von den Einkünften des Majorats kann und werde ich
+keinen Taler verschenken! Aber hören Sie, welchen Vorschlag ich dem
+Unsinnigen vor wenigen Stunden vergebens machte, und dann richten Sie
+über mein Pflichtgefühl.
+
+Das freie Vermögen in Kurland ist, wie Sie wissen, bedeutend, auf die
+mir zufallende Hälfte wollt' ich verzichten, aber zugunsten seiner
+Familie. Hubert ist verheiratet in Kurland an ein schönes armes
+Fräulein. Sie hat ihm Kinder erzeugt und darbt mit ihnen. Die Güter
+sollten administriert, aus den Revenüen ihm die nötigen Gelder zum
+Unterhalt angewiesen, die Gläubiger vermöge Abkommens befriedigt
+werden. Aber was gilt ihm ein ruhiges, sorgenfreies Leben, was gilt
+ihm Frau und Kind! Geld, bares Geld in großen Summen will er haben,
+damit er in verruchtem Leichtsinn es verprassen könne!
+
+Welcher Dämon hat ihm das Geheimnis mit den einhundert und
+funfzigtausend Talern verraten, davon verlangt er die Hälfte nach
+seiner wahnsinnigen Weise, behauptend, dies Geld sei, getrennt vom
+Majorat, als freies Vermögen zu achten. Ich muß und werde ihm dies
+verweigern, aber mir ahnt es, mein Verderben brütet er aus im Innern!«
+
+So sehr V. sich auch bemühte, dem Freiherrn den Verdacht wider seinen
+Bruder auszureden, wobei er sich freilich, uneingeweiht in die näheren
+Verhältnisse, mit ganz allgemeinen moralischen, ziemlich flachen
+Gründen behelfen mußte, so gelang ihm dies doch ganz und gar nicht.
+Der Freiherr gab ihm den Auftrag, mit dem feindseligen geldgierigen
+Hubert zu unterhandeln.
+
+V. tat dies mit so viel Vorsicht, als ihm nur möglich war, und freute
+sich nicht wenig, als Hubert endlich erklärte: »Mag es dann sein, ich
+nehme die Vorschläge des Majoratsherrn an, doch unter der Bedingung,
+daß er mir jetzt, da ich auf dem Punkt stehe, durch die Härte meiner
+Gläubiger Ehre und guten Namen auf immer zu verlieren, tausend
+Friedrichsdor bar vorschieße und erlaube, daß ich künftig, wenigstens
+einige Zeit hindurch, meinen Wohnsitz in dem schönen R..sitten bei dem
+gütigen Bruder nehme.« »Nimmermehr!« schrie der Freiherr auf, als ihm
+V. diese Vorschläge des Bruders hinterbrachte, »nimmermehr werde ich's
+zugeben, daß Hubert auch nur eine Minute in meinem Hause verweile,
+sobald ich mein Weib hergebracht! - Gehen Sie, mein teurer Freund,
+sagen Sie dem Friedenstörer, daß er zweitausend Friedrichsdor haben
+soll, nicht als Vorschuß, nein als Geschenk, nur fort - fort!«
+
+V. wußte nun mit einemmal, daß der Freiherr sich ohne Wissen des
+Vaters schon verheiratet hatte, und daß in dieser Heirat auch der
+Grund des Bruderzwistes liegen mußte. Hubert hörte stolz und gelassen
+den Justitiarius an und sprach, nachdem er geendet, dumpf und düster:
+»Ich werde mich besinnen, vor der Hand aber noch einige Tage hier
+bleiben!«
+
+V. bemühte sich, dem Unzufriedenen darzutun, daß der Freiherr doch
+in der Tat alles tue, ihn durch die Abtretung des freien Vermögens,
+soviel als möglich, zu entschädigen, und daß er über ihn sich durchaus
+nicht zu beklagen habe, wenn er gleich bekennen müsse, daß jede
+Stiftung, die den Erstgeborenen so vorwiegend begünstige und die
+andern Kinder in den Hintergrund stelle, etwas Gehässiges habe.
+
+Hubert riß, wie einer, der Luft machen will der beklemmten Brust, die
+Weste von oben bis unten auf; die eine Hand in die offne Busenkrause
+begraben, die andere in die Seite gestemmt, drehte er sich mit einer
+raschen Tänzerbewegung auf einem Fuße um und rief mit schneidender
+Stimme: »Pah! - das Gehässige wird geboren vom Haß« dann schlug er ein
+gellendes Gelächter auf und sprach: »Wie gnädig doch der Majoratsherr
+dem armen Bettler seine Goldstücke zuzuwerfen gedenkt.« V. sah nun
+wohl ein, daß von völliger Aussöhnung der Brüder gar nicht die Rede
+sein könne.
+
+Hubert richtete sich in den Zimmern, die ihm in den Seitenflügeln des
+Schlosses angewiesen worden, zu des Freiherrn Verdruß auf recht langes
+Bleiben ein. Man merkte, daß er oft und lange mit dem Hausverwalter
+sprach, ja, daß dieser sogar zuweilen mit ihm auf die Wolfsjagd zog.
+Sonst ließ er sich wenig sehen und mied es ganz, mit dem Bruder allein
+zusammen zu kommen, welches diesem eben ganz recht war.
+
+V. fühlte das Drückende dieses Verhältnisses, ja er mußte sich es
+selbst gestehen, daß die ganz besondere unheimliche Manier Huberts
+in allem, was er sprach und tat, alle Lust recht geflissentlich
+zerstörend, eingriff. Jener Schreck des Freiherrn, als er den Bruder
+eintreten sah, war ihm nun ganz erklärlich.
+
+V. saß allein in der Gerichtsstube unter den Akten, als Hubert
+eintrat, ernster, gelassener als sonst, und mit beinahe wehmütiger
+Stimme sprach: »Ich nehme auch die letzten Vorschläge des Bruders
+an, bewirken Sie, daß ich die zweitausend Friedrichsdor noch heute
+erhalte, in der Nacht will ich fort zu Pferde - ganz allein« »Mit dem
+Geld?« frug V. »Sie haben recht«, erwiderte Hubert, »ich weiß, was Sie
+sagen wollen - die Last! Stellen sie es in Wechsel auf Isak Lazarus
+in K.! - Noch in dieser Nacht will ich hin nach K. Es treibt mich von
+hier fort, der Alte hat seine bösen Geister hier hineingehext!«
+
+»Sprechen Sie von Ihrem Vater, Herr Baron?« frug V. sehr ernst.
+Huberts Lippen bebten, er hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht
+umzusinken, dann aber, sich plötzlich ermannend, rief er: »Also noch
+heute, Herr Justitiarius«, und wankte, nicht ohne Anstrengung, zur Tür
+hinaus. »Er sieht jetzt ein, daß keine Täuschungen mehr möglich sind,
+daß er nichts vermag gegen meinen festen Willen«, sprach der Freiherr,
+indem er den Wechsel auf Isak Lazarus in K. ausstellte. Eine Last
+wurde seiner Brust entnommen durch die Abreise des feindlichen
+Bruders, lange war er nicht so froh gewesen als bei der Abendtafel.
+Hubert hatte sich entschuldigen lassen, alle vermißten ihn recht gern.
+
+V. wohnte in einem etwas abgelegenen Zimmer, dessen Fenster nach dem
+Schloßhofe herausgingen. In der Nacht fuhr er plötzlich auf aus dem
+Schlafe, und es war ihm, als habe ein fernes, klägliches Wimmern ihn
+aus dem Schlafe geweckt. Mochte er aber auch horchen, wie er wollte,
+es blieb alles totenstill, und so mußte er jenen Ton, der ihm in die
+Ohren geklungen, für die Täuschung eines Traums halten. Ein ganz
+besonderes Gefühl von Grauen und Angst bemächtigte sich seiner aber so
+ganz und gar, daß er nicht im Bette bleiben konnte. Er stand auf und
+trat ans Fenster. Nicht lange dauerte es, so wurde das Schloßtor
+geöffnet, und eine Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand trat
+heraus und schritt über den Schloßhof. V. erkannte in der Gestalt
+den alten Daniel und sah, wie er die Stalltür öffnete, in den Stall
+hineinging und bald darauf ein gesatteltes Pferd herausbrachte.
+
+Nun trat aus der Finsternis eine zweite Gestalt hervor, wohl
+eingehüllt in einen Pelz, eine Fuchsmütze auf dem Kopf. V. erkannte
+Hubert, der mit Daniel einige Minuten hindurch heftig sprach, dann
+aber sich zurückzog. Daniel führte das Pferd wieder in den Stall,
+verschloß diesen und ebenso die Tür des Schlosses, nachdem er über den
+Hof, wie er gekommen, zurückgekehrt. Hubert hatte wegreisen wollen und
+sich in dem Augenblick eines andern besonnen, das war nun klar. Ebenso
+aber auch, daß Hubert gewiß mit dem alten Hausverwalter in irgendeinem
+gefährlichen Bündnisse stand. V. konnte kaum den Morgen erwarten, um
+den Freiherrn von den Ereignissen der Nacht zu unterrichten. Es galt
+nun wirklich, sich gegen Anschläge des bösartigen Hubert zu waffnen,
+die sich, wie V. jetzt überzeugt war, schon gestern in seinem
+verstörten Wesen kundgetan.
+
+Andern Morgens zur Stunde, wenn der Freiherr aufzustehen pflegte,
+vernahm V. ein Hin- und Herrennen, Türauf-, Türzuschlagen, ein
+verwirrtes Durcheinander und Schreien. Er trat hinaus und stieß
+überall auf Bediente, die, ohne auf ihn zu achten, mit leichenblassen
+Gesichtern ihm vorbei - treppauf - treppab - hinaus - hinein durch die
+Zimmer rannten.
+
+Endlich erfuhr er, daß der Freiherr vermißt und schon stundenlang
+vergebens gesucht werde. In Gegenwart des Jägers hatte er sich ins
+Bette gelegt, er mußte dann aufgestanden sein und sich im Schlafrock
+und Pantoffeln, mit dem Armleuchter in der Hand, entfernt haben,
+denn eben diese Stücke wurden vermißt. V. lief, von düsterer Ahnung
+getrieben, in den verhängnisvollen Saal, dessen Seitenkabinett gleich
+dem Vater Wolfgang zu seinem Schlafgemach gewählt hatte.
+
+Die Pforte zum Turm stand weit offen, tief entsetzt schrie V. laut
+auf: »Dort in der Tiefe liegt er zerschmettert!« - Es war dem so.
+Schnee war gefallen, so daß man von oben herab nur den zwischen
+den Steinen hervorragenden starren Arm des Unglücklichen deutlich
+wahrnehmen konnte. Viele Stunden gingen hin, ehe es den Arbeitern
+gelang, mit Lebensgefahr auf zusammengebundenen Leitern herabzusteigen
+und dann den Leichnam an Stricken heraufzuziehen. Im Krampf der
+Todesangst hatte der Baron den silbernen Armleuchter festgepackt, die
+Hand, die ihn noch festhielt, war der einzige unversehrte Teil des
+ganzen Körpers, der sonst durch das Anprallen an die spitzen Steine
+auf das gräßlichste zerschellt worden.
+
+Alle Furien der Verzweiflung im Antlitz, stürzte Hubert herbei, als
+die Leiche eben hinaufgeborgen und in dem Saal, gerade an der Stelle
+auf einen breiten Tisch gelegt worden, wo vor wenigen Wochen der alte
+Roderich lag. Niedergeschmettert von dem gräßlichen Anblick, heulte
+er: »Bruder - o mein armer Bruder nein, das hab' ich nicht erfleht
+von den Teufeln, die über mir waren!« - V. erbebte vor dieser
+verfänglichen Rede, es war ihm so, als müsse er zufahren auf Hubert,
+als den Mörder seines Bruders. Hubert lag von Sinnen auf dem Fußboden,
+man brachte ihn ins Bette, und er erholte sich, nachdem er stärkende
+Mittel gebraucht, ziemlich bald.
+
+Sehr bleich, düstern Gram im halb erloschnen Auge, trat er dann bei V.
+ins Zimmer und sprach, indem er, vor Mattigkeit nicht fähig zu stehen,
+sich langsam in einen Lehnstuhl niederließ: »Ich habe meines Bruders
+Tod gewünscht, weil der Vater ihm den besten Teil des Erbes zugewandt
+durch eine törichte Stiftung - jetzt hat er seinen Tod gefunden
+auf schreckliche Weise - ich bin Majoratsherr, aber mein Herz ist
+zermalmt, ich kann, ich werde niemals glücklich sein. Ich bestätige
+Sie im Amte, Sie erhalten die ausgedehntesten Vollmachten rücksichts
+der Verwaltung des Majorats, auf dem ich nicht zu hausen vermag!«
+Hubert verließ das Zimmer und war in ein paar Stunden schon auf dem
+Wege nach K.
+
+Es schien, daß der unglückliche Wolfgang in der Nacht aufgestanden
+war und sich vielleicht in das andere Kabinett, wo eine Bibliothek
+aufgestellt, begeben wollen. In der Schlaftrunkenheit verfehlte er
+die Tür, öffnete statt derselben die Pforte, schritt vor und stürzte
+hinab. Diese Erklärung enthielt indessen immer viel Erzwungenes.
+Konnte der Baron nicht schlafen, wollte er sich noch ein Buch aus der
+Bibliothek holen, um zu lesen, so schloß dieses alle Schlaftrunkenheit
+aus, aber nur so war es möglich, die Tür des Kabinetts zu verfehlen
+und statt dieser die Pforte zu öffnen. Überdem war diese fest
+verschlossen und mußte erst mit vieler Mühe aufgeschlossen werden.
+»Ach«, fing endlich, als V. diese Unwahrscheinlichkeit vor
+versammelter Dienerschaft entwickelte, des Freiherrn Jäger, Franz
+geheißen, an, »ach, lieber Herr Justitiarius, so hat es wohl sich
+nicht zugetragen!« - »Wie denn anders?« fuhr ihn V. an.
+
+Franz, ein ehrlicher treuer Kerl, der seinem Herrn hätte ins Grab
+folgen mögen, wollte aber nicht vor den andern mit der Sprache heraus,
+sondern behielt sich vor, das, was er davon zu sagen wisse, dem
+Justistiarius allein zu vertrauen. V. erfuhr nun, daß der Freiherr zu
+Franz sehr oft von den vielen Schätzen sprach, die da unten in dem
+Schutt begraben lägen, und daß er oft, wie vom bösen Geist getrieben,
+zur Nachtzeit noch die Pforte, zu der den Schlüssel ihm Daniel hatte
+geben müssen, öffnete und mit Sehnsucht hinabschaute in die Tiefe nach
+den vermeintlichen Reichtümern. Gewiß war es nun wohl so, daß in jener
+verhängnisvollen Nacht der Freiherr, nachdem ihn der Jäger schon
+verlassen, noch einen Gang nach dem Turm gemacht und ihn dort ein
+plötzlicher Schwindel erfaßt und herabgestürzt hatte.
+
+Daniel, der von dem entsetzlichen Tode des Freiherrn auch sehr
+erschüttert schien, meinte, daß es gut sein würde, die gefährliche
+Pforte fest vermauern zu lassen, welches denn auch gleich geschah.
+Freiherr Hubert von R., jetziger Majoratsbesitzer, ging, ohne sich
+wieder in R..sitten sehen zu lassen, nach Kurland zurück. V. erhielt
+alle Vollmachten, die zur unumschränkten Verwaltung des Majorats nötig
+waren.
+
+Der Bau des neuen Schlosses unterblieb, wogegen, so viel möglich, das
+alte Gebäude in guten Stand gesetzt wurde. Schon waren mehrere Jahre
+verflossen, als Hubert zum erstenmal zur späten Herbstzeit sich in
+R..sitten einfand, und nachdem er mehrere Tage mit V., in seinem
+Zimmer eingeschlossen, zugebracht, wieder nach Kurland zurückging. Bei
+seiner Durchreise durch K. hatte er bei der dortigen Landesregierung
+sein Testament niedergelegt.
+
+Während seines Aufenthaltes in R..sitten sprach der Freiherr, der in
+seinem tiefsten Wesen ganz geändert schien, viel von Ahnungen eines
+nahen Todes. Diese gingen wirklich in Erfüllung, denn er starb schon
+das Jahr darauf. Sein Sohn, wie er Hubert geheißen, kam schnell
+herüber von Kurland, um das reiche Majorat in Besitz zu nehmen. Ihm
+folgten Mutter und Schwester.
+
+Der Jüngling schien alle bösen Eigenschaften der Vorfahren in sich zu
+vereinen, er bewies sich als stolz, hochfahrend, ungestüm, habsüchtig
+gleich in den ersten Augenblicken seines Aufenthalts in R..sitten. Er
+wollte auf der Stelle vieles ändern lassen, welches ihm nicht bequem,
+nicht gehörig schien, den Koch warf er zum Hause hinaus, den Kutscher
+versuchte er zu prügeln welches aber nicht gelang, da der baumstarke
+Kerl die Frechheit hatte, es nicht leiden zu wollen; kurz, er war im
+besten Zuge, die Rolle des strengen Majoratsherrn zu beginnen, als V.
+ihm mit Ernst und Festigkeit entgegentrat, sehr bestimmt versichernd,
+kein Stuhl solle hier gerückt werden, keine Katze das Haus verlassen,
+wenn es ihr noch sonst darin gefalle, vor Eröffnung des Testaments.
+»Sie unterstehen sich hier, dem Majoratsherrn« fing der Baron an. V.
+ließ den vor Wut schäumenden Jüngling jedoch nicht ausreden, sondern
+sprach, indem er ihn mit durchbohrenden Blicken maß:
+
+»Keine Übereilung, Herr Baron! Durchaus dürfen Sie hier nicht regieren
+wollen vor Eröffnung des Testaments; jetzt bin ich, ich allein hier
+Herr und werde Gewalt mit Gewalt zu vertreiben wissen. Erinnern Sie
+sich, daß ich kraft meiner Vollmacht als Vollzieher des väterlichen
+Testaments, kraft der getroffenen Verfügungen des Gerichts berechtigt
+bin, Ihnen den Aufenthalt hier in R..sitten zu versagen, und ich rate
+Ihnen, um das Unangenehme zu verhüten, sich ruhig nach K. zu begeben.«
+
+Der Ernst des Gerichtshalters, der entschiedene Ton, mit dem er
+sprach, gab seinen Worten gehörigen Nachdruck, und so kam es, daß der
+junge Baron, der mit gar zu spitzigen Hörnern anlaufen wollte wider
+den festen Bau, die Schwäche seiner Waffen fühlte und für gut
+fand, im Rückzuge seine Beschämung mit einem höhnischen Gelächter
+auszugleichen.
+
+Drei Monate waren verflossen und der Tag gekommen, an dem nach dem
+Willen des Verstorbenen das Testament in K., wo es niedergelegt
+worden, eröffnet werden sollte. Außer den Gerichtspersonen, dem
+Baron und V. befand sich noch ein junger Mensch von edlem Ansehn
+in dem Gerichtssaal, den V. mitgebracht, und den man, da ihm ein
+eingeknöpftes Aktenstück aus dem Busen hervorragte, für V.s Schreiber
+hielt. Der Baron sah ihn, wie er es beinahe mit allen übrigen machte,
+über die Achsel an und verlangte stürmisch, daß man die langweilige
+überflüssige Zeremonie nur schnell und ohne viele Worte und
+Schreiberei abmachen solle. Er begreife nicht, wie es überhaupt in
+dieser Erbangelegenheit, wenigstens hinsichts des Majorats, auf ein
+Testament ankommen könne, und werde, insofern hier irgend etwas
+verfügt sein solle, es lediglich von seinem Willen abhängen, das zu
+beachten oder nicht.
+
+Hand und Siegel des verstorbenen Vaters erkannte der Baron an, nachdem
+er einen flüchtigen mürrischen Blick darauf geworfen, dann, indem der
+Gerichtsschreiber sich zum lauten Ablesen des Testaments anschickte,
+schaute er gleichgültig nach dem Fenster hin, den rechten Arm
+nachlässig über die Stuhllehne geworfen, den linken Arm gelehnt
+auf den Gerichtstisch, und auf dessen grüner Decke mit den Fingern
+trommelnd.
+
+Nach einem kurzen Eingange erklärte der verstorbene Freiherr Hubert v.
+R., daß er das Majorat niemals als wirklicher Majoratsherr besessen,
+sondern dasselbe nur namens des einzigen Sohnes des verstorbenen
+Freiherrn Wolfgang von R., nach seinem Großvater Roderich geheißen,
+verwaltet habe; dieser sei derjenige, dem nach der Familiensukzession
+durch seines Vaters Tod das Majorat zugefallen. Die genauesten
+Rechnungen über Einnahme und Ausgabe, über den vorzufindenden Bestand
+u.s.w. würde man in seinem Nachlaß finden. Wolfgang von R., so
+erzählte Hubert in dem Testament, lernte auf seinen Reisen in Genf
+das Fräulein Julie von St. Val kennen und faßte eine solche heftige
+Neigung zu ihr, daß er sich nie mehr von ihr zu trennen beschloß. Sie
+war sehr arm, und ihre Familie, unerachtet von gutem Adel, gehörte
+eben nicht zu den glänzendsten.
+
+Schon deshalb durfte er auf die Einwilligung des alten Roderich,
+dessen ganzes Streben dahin ging, das Majoratshaus auf alle nur
+mögliche Weise zu erheben, nicht hoffen. Er wagte es dennoch,
+von Paris aus dem Vater seine Neigung zu entdecken; was aber
+vorauszusehen, geschah wirklich, indem der Alte bestimmt erklärte, daß
+er schon selbst die Braut für den Majoratsherrn erkoren und von einer
+andern niemals die Rede sein könne.
+
+Wolfgang, statt, wie er sollte, nach England hinüberzuschiffen, kehrte
+unter dem Namen Born nach Genf zurück und vermählte sich mit Julien,
+die ihm nach Verlauf eines Jahres den Sohn gebar, der mit dem Tode
+Wolfgangs Majoratsherr wurde. Darüber, daß Hubert, von der ganzen
+Sache unterrichtet, so lange schwieg und sich selbst als Majoratsherr
+gerierte, waren verschiedene Ursachen angeführt, die sich auf frühere
+Verabredungen mit Wolfgang bezogen, indessen unzureichend und aus der
+Luft gegriffen schienen.
+
+Wie vom Donner gerührt, starrte der Baron den Gerichtsschreiber an,
+der mit eintöniger schnarrender Stimme alles Unheil verkündete. Als er
+geendet, stand V. auf, nahm den jungen Menschen, den er mitgebracht,
+bei der Hand und sprach, indem er sich gegen die Anwesenden verbeugte:
+»Hier, meine Herren, habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn Roderich
+von R., Majoratsherrn von R..sitten, vorzustellen!« Baron Hubert
+blickte den Jüngling, der, wie vom Himmel gefallen, ihn um das reiche
+Majorat, um die Hälfte des freien Vermögens in Kurland brachte,
+verhaltenen Grimm im glühenden Auge, an, drohte dann mit geballter
+Faust und rannte, ohne ein Wort hervorbringen zu können, zum
+Gerichtssaal hinaus.
+
+Von den Gerichtspersonen dazu aufgefordert, holte jetzt Baron Roderich
+die Urkunden hervor, die ihn als die Person, für die er sich ausgab,
+legitimieren sollten. Er überreichte den beglaubigten Auszug aus den
+Registern der Kirche, wo sein Vater sich trauen lassen, worin bezeugt
+wurde, daß an dem und dem Tage der Kaufmann Wolfgang Born, gebürtig
+aus K., mit dem Fräulein Julie von St. Val in Gegenwart der genannten
+Personen durch priesterliche Einsegnung getraut worden. Ebenso hatte
+er seinen Taufschein (er war in Genf als von dem Kaufmann Born mit
+seiner Gemahlin Julie, geb. v. St. Val, in gültiger Ehe erzeugtes Kind
+getauft worden), verschiedene Briefe seines Vaters an seine schon
+längst verstorbene Mutter, die aber alle nur mit W. unterzeichnet
+waren.
+
+V. sah alle diese Papiere mit finsterm Gesichte durch und sprach,
+ziemlich bekümmert, als er sie wieder zusammenschlug: »Nun, Gott wird
+helfen!«
+
+Schon andern Tages reichte der Freiherr Hubert von R. durch
+einen Advokaten, den er zu seinem Rechtsfreunde erkoren, bei der
+Landesregierung in K. eine Vorstellung ein, worin er auf nichts
+weniger antrug, als sofort die Übergabe des Majorats R..sitten an
+ihn zu veranlassen. Es verstehe sich von selbst, sagte der Advokat,
+daß weder testamentarisch, noch auf irgendeine andere Weise,
+der verstorbene Freiherr Hubert von R. habe über das Majorat
+verfügen können. Jenes Testament sei also nichts anders, als die
+aufgeschriebene und gerichtlich übergebene Aussage, nach welcher der
+Freiherr Wolfgang von R. das Majorat an einen Sohn vererbt haben
+solle, der noch lebe, die keine höhere Beweiskraft, als jede andere
+irgendeines Zeugen haben und also unmöglich die Legitimation des
+angeblichen Freiherrn Roderich von R. bewirken könne.
+
+Vielmehr sei es die Sache dieses Prätendenten, sein vorgebliches
+Erbrecht, dem hiermit ausdrücklich widersprochen werde, im Wege des
+Prozesses darzutun und das Majorat, welches jetzt nach dem Recht
+der Sukzession dem Baron Hubert von R. zugefallen, zu vindizieren.
+Durch den Tod des Vaters sei der Besitz unmittelbar auf den Sohn
+übergegangen; es habe keiner Erklärung über den Erbschaftsantritt
+bedurft, da der Majoratsfolge nicht entsagt werden könne, mithin
+dürfte der jetzige Majoratsherr in dem Besitze nicht durch ganz
+illiquide Ansprüche turbiert werden.
+
+Was der Verstorbene für Grund gehabt habe, einen andern Majoratsherrn
+aufzustellen, sei ganz gleichgültig, nur werde bemerkt, daß er selbst,
+wie aus den nachgelassenen Papieren erforderlichen Falls nachgewiesen
+werden könne, eine Liebschaft in der Schweiz gehabt habe, und so sei
+vielleicht der angebliche Bruderssohn der eigne, in einer verbotenen
+Liebe erzeugte, dem er in einem Anfall von Reue das reiche Majorat
+zuwenden wollen.
+
+So sehr auch die Wahrscheinlichkeit für die im Testament behaupteten
+Umstände sprach, so sehr auch die Richter hauptsächlich die letzte
+Wendung, in der der Sohn sich nicht scheute, den Verstorbenen eines
+Verbrechens anzuklagen, empörte, so blieb doch die Ansicht der Sache,
+wie sie aufgestellt worden, die richtige, und nur den rastlosen
+Bemühungen V.s, der bestimmten Versicherung, daß der die Legitimation
+des Freiherrn Roderich von R. bewirkende Beweis in kurzer Zeit auf das
+bündigste geführt werden solle, konnte es gelingen, daß die Übergabe
+des Majorats noch ausgesetzt und die Fortdauer der Administration bis
+nach entschiedener Sache verfügt wurde.
+
+V.sah nur zu gut ein, wie schwer es ihm werden würde, sein
+Versprechen zu halten. Er hatte alle Briefschaften des alten Roderich
+durchstöbert, ohne die Spur eines Briefes oder sonst eines Aufsatzes
+zu finden, der Bezug auf jenes Verhältnis Wolfgangs mit dem Fräulein
+von St. Val gehabt hätte. Gedankenvoll saß er in R..sitten in dem
+Schlafkabinett des alten Roderich, das er ganz durchsucht, und
+arbeitete an einem Aufsatze für den Notar in Genf, der ihm als ein
+scharfsinniger tätiger Mann empfohlen worden, und der ihm einige
+Notizen schaffen sollte, die die Sache des jungen Freiherrn ins klare
+bringen konnten.
+
+Es war Mitternacht worden, der Vollmond schien heil hinein in den
+anstoßenden Saal, dessen Tür offen stand. Da war es, als schritte
+jemand langsam und schwer die Treppe herauf und klirre und klappere
+mit Schlüsseln. V. wurde aufmerksam, er stand auf, ging in den Saal
+und vernahm nun deutlich, daß jemand sich durch den Flur der Türe des
+Saals nahte. Bald darauf wurde diese geöffnet, und ein Mensch mit
+leichenblassem entstellten Antlitz, in Nachtkleidern, in der einen
+Hand den Armleuchter mit brennenden Kerzen, in der andern den großen
+Schlüsselbund, trat langsam hinein.
+
+V. erkannte augenblicklich den Hausverwalter und war im Begriff,
+ihm zuzurufen, was er so spät in der Nacht wolle, als ihn in dem
+ganzen Wesen des Alten, in dem zum Tode erstarrten Antlitz etwas
+Unheimliches, Gespenstisches mit Eiskälte anhauchte. Er erkannte, daß
+er einen Nachtwandler vor sich habe. Der Alte ging mit gemessenen
+Schritten quer durch den Saal, gerade los auf die vermauerte Tür, die
+ehemals zum Turm führte. Dicht vor derselben blieb er stehen und stieß
+aus tiefer Brust einen heulenden Laut aus, der so entsetzlich in dem
+ganzen Saale widerhallte, daß V. erbebte vor Grauen.
+
+Dann, den Armleuchter auf den Fußboden gestellt, den Schlüsselbund an
+den Gürtel gehängt, fing Daniel an, mit beiden Händen an der Mauer zu
+kratzen, daß bald das Blut unter den Nägeln hervorquoll, und dabei
+stöhnte er und ächzte, wie gepeinigt von einer namenlosen Todesqual.
+Nun legte er das Ohr an die Mauer, als wolle er irgend etwas
+erlauschen, dann winkte er mit der Hand, wie jemanden beschwichtigend,
+bückte sich, den Armleuchter wieder vom Boden aufhebend, und schlich
+mit leisen gemessenen Schritten nach der Türe zurück.
+
+V. folgte ihm behutsam mit dem Leuchter in der Hand. Es ging die
+Treppe herab, der Alte schloß die große Haupttür des Schlosses auf, V.
+schlüpfte geschickt hindurch; nun begab er sich nach dem Stall, und
+nachdem er zu V.s tiefem Erstaunen den Armleuchter so geschickt
+hingestellt hatte, daß das ganze Gebäude genugsam erhellt wurde ohne
+irgendeine Gefahr, holte er Sattel und Zeug herbei und rüstete mit
+großer Sorglichkeit, den Gurt fest-, die Steigbügel hinaufschnallend,
+ein Pferd aus, das er losgebunden von der Krippe.
+
+Nachdem er noch ein Büschel Haare über den Stirnriemen weg durch die
+Hand gezogen, nahm er, mit der Zunge schnalzend und mit der einen Hand
+ihm den Hals klopfend, das Pferd beim Zügel und führte es heraus.
+Draußen im Hofe blieb er einige Sekunden stehen in der Stellung, als
+erhalte er Befehle, die er kopfnickend auszuführen versprach. Dann
+führte er das Pferd zurück in den Stall, sattelte es wieder ab und
+band es an die Krippe. Nun nahm er den Armleuchter, verschloß den
+Stall, kehrte in das Schloß zurück und verschwand endlich in sein
+Zimmer, das er sorgfältig verriegelte.
+
+V. fühlte sich von diesem Auftritt im Innerstein ergriffen, die
+Ahnung einer entsetzlichen Tat erhob sich vor ihm wie ein schwarzes
+höllisches Gespenst, das ihn nicht mehr verließ. Ganz erfüllt von
+der bedrohlichen Lage seines Schützlings, glaubte er wenigstens das,
+was er gesehen, nützen zu müssen zu seinem Besten. Andern Tages, es
+wollte schon die Dämmerung einbrechen, kam Daniel in sein Zimmer, um
+irgendeine sich auf den Hausstand beziehende Anweisung einzuholen.
+
+Da faßte ihn V. bei beiden Armen und fing an, indem er ihn zutraulich
+auf den Sessel niederdrückte: »Höre, alter Freund Daniel! lange habe
+ich dich fragen wollen, was hältst du denn von dem verworrenen Kram,
+den uns Huberts sonderbares Testament über den Hals gebracht hat?
+Glaubst du denn wohl, daß der junge Mensch wirklich Wolfgangs in
+rechtsgültiger Ehe erzeugter Sohn ist?« Der Alte, sich über die Lehne
+des Stuhls wegbeugend und V.s starr auf ihn gerichteten Blicken
+ausweichend, rief mürrisch: »Pah! er kann es sein; er kann es auch
+nicht sein. Was schiert's mich, mag nun hier Herr werden, wer da
+will.«
+
+»Aber ich meine«, fuhr V. fort, indem er dem Alten näher rückte und
+die Hand auf seine Schulter legte, »aber ich meine, da du des alten
+Freiherrn ganzes Vertrauen hattest, so verschwieg er dir gewiß nicht
+die Verhältnisse seiner Söhne. Er erzählte dir von dem Bündnis, das
+Wolfgang wider seinen Willen geschlossen?« - »Ich kann mich auf
+dergleichen gar nicht besinnen«, erwiderte der Alte, indem er auf
+eingezogene Art laut gähnte. »Du bist schläfrig, Alter«, sprach V.,
+»hast du vielleicht eine unruhige Nacht gehabt?« - »Daß ich nicht
+wüßte«, entgegnete der Alte frostig, »aber ich will nun gehen und das
+Abendessen bestellen.«
+
+Hiermit erhob er sich schwerfällig vom Stuhl, indem er sich den
+gekrümmten Rücken rieb und abermals und zwar noch lauter gähnte als
+zuvor. »Bleibe doch noch, Alter«, rief V., indem er ihn bei der Hand
+ergriff und zum Sitzen nötigen wollte, der Alte blieb aber vor dem
+Arbeitstisch stehen, auf den er sich mit beiden Händen stemmte, den
+Leib übergebogen nach V. hin, und mürrisch fragend: »Nun was soll's
+denn, was schiert mich das Testament, was schiert mich der Streit um
+das Majorat« »Davon«, fiel ihm V. in die Rede, »wollen wir auch gar
+nicht mehr sprechen: von ganz etwas anderm, lieber Daniel! - Du bist
+mürrisch, du gähnst, das alles zeugt von besonderer Abspannung, und
+nun möcht' ich beinahe glauben, daß du es wirklich gewesen bist in
+dieser Nacht.« »Was bin ich gewesen in dieser Nacht«, frug der Alte,
+in seiner Stellung verharrend. »Als ich« sprach V. weiter, »gestern
+mitternacht dort oben in dem Kabinett des alten Herrn neben dem großen
+Saal saß, kamst du zur Türe herein, ganz starr und bleich, schrittest
+auf die zugemauerte Tür los, kratztest mit beiden Händen an der Mauer
+und stöhntest, als wenn du große Qualen empfändest. Bist du denn ein
+Nachtwandler, Daniel?«
+
+Der Alte sank zurück in den Stuhl, den ihm V. schnell unterschob. Er
+gab keinen Laut von sich, die tiefe Dämmerung ließ sein Gesicht nicht
+erkennen, V. bemerkte nur, daß er kurz Atem holte und mit den Zähnen
+klapperte.
+
+»Ja«, fuhr V. nach kurzem Schweigen fort, »Ja, es ist ein eignes Ding
+mit den Nachtwandlern. Andern Tages wissen sie von diesem sonderbaren
+Zustande, von allem, was sie wie in vollem Wachen begonnen haben,
+nicht das allermindeste.« - Daniel blieb still. »Ähnliches«, sprach V.
+weiter, »wie gestern mit dir, habe ich schon erlebt. Ich hatte einen
+Freund, der stellte so wie du, trat der Vollmond ein, regelmäßig
+nächtliche Wanderungen an. Ja, manchmal setzte er sich hin und schrieb
+Briefe. Am merkwürdigsten war es aber, daß, fing ich an, ihm ganz
+leise ins Ohr zu flüstern, es mir bald gelang ihn zum Sprechen zu
+bringen. Er antwortete gehörig auf alle Fragen, und selbst das, was er
+im Wachen sorglich verschwiegen haben würde, floß nun unwillkürlich,
+als könne er der Kraft nicht widerstehen, die auf ihn einwirkte, von
+seinen Lippen. - Der Teufel! ich glaube, verschwiege ein Mondsüchtiger
+irgendeine begangene Untat noch so lange, man könnte sie ihm abfragen
+in dem seltsamen Zustande. - Wohl dem, der ein reines Gewissen hat,
+wie wir beide, guter Daniel, wir können schon immer Nachtwandler sein,
+uns wird man kein Verbrechen abfragen.
+
+Aber höre, Daniel, gewiß willst du herauf in den astronomischen Turm,
+wenn du so abscheulich an der zugemauerten Türe kratzest? - Du willst
+gewiß laborieren wie der alte Roderich? Nun, das werd' ich dir
+nächstens abfragen!« Der Alte hatte, während V. dieses sprach, immer
+stärker und stärker gezittert, jetzt flog sein ganzer Körper, von
+heillosem Krampf hin- und hergeworfen, und er brach aus in ein
+gellendes, unverständiges Geplapper. V. schellte die Diener herauf.
+Man brachte Lichter, der Alte ließ nicht nach, wie ein willkürlos
+bewegtes Automat hob man ihn auf und brachte ihn ins Bette. Nachdem
+beinahe eine Stunde dieser heillose Zustand gedauert, verfiel er in
+tiefer Ohnmacht ähnlichen Schlaf. Als er erwachte, verlangte er Wein
+zu trinken, und als man ihm diesen gereicht, trieb er den Diener, der
+bei ihm wachen wollte, fort und verschloß sich, wie gewöhnlich, in
+sein Zimmer.
+
+V. hatte wirklich beschlossen, den Versuch anzustellen, in dem
+Augenblick, als er davon gegen Daniel sprach, wiewohl er sich selbst
+gestehen mußte, einmal, daß Daniel, vielleicht erst jetzt von seiner
+Mondsucht unterrichtet, alles anwenden werde, ihm zu entgehen, dann
+aber, daß Geständnisse, in diesem Zustande abgelegt, eben nicht
+geeignet sein würden, darauf weiter fortzubauen. Demunerachtet begab
+er sich gegen Mitternacht in den Saal, hoffend, daß Daniel, wie es
+in dieser Krankheit geschieht, gezwungen werden würde, willkürlos zu
+handeln.
+
+Um Mitternacht erhob sich ein großer Lärm auf dem Hofe. V. hörte
+deutlich ein Fenster einschlagen, er eilte berab, und als er die Gänge
+durchschritt, wallte ihm ein stinkender Dampf entgegen, der, wie
+er bald gewahrte, aus dem geöffneten Zimmer des Hausverwalters
+herausquoll. Diesen brachte man eben todstarr herausgetragen, um ihn
+in einem andern Zimmer ins Bette zu legen. Um Mitternacht wurde ein
+Knecht, so erzählten die Diener, durch ein seltsames dumpfes Pochen
+geweckt, er glaubte, dem Alten sei etwas zugestoßen, und schickte sich
+an aufzustehen, um ihm zu Hülfe zu kommen, als der Wächter auf dem
+Hofe laut rief: »Feuer, Feuer! in der Stube des Herrn Verwalters
+brennt's lichterloh!«
+
+Auf dies Geschrei waren gleich mehrere Diener bei der Hand, aber alles
+Mühen, die Tür des Zimmers einzubrechen, blieb umsonst. Nun eilten
+sie heraus auf den Hof, aber der entschlossene Wächter hatte schon
+das Fenster des niedrigen, im Erdgeschosse befindlichen Zimmers
+eingeschlagen die brennenden Gardinen herabgerissen, worauf ein paar
+hineingegossene Eimer Wasser den Brand augenblicklich löschten. Den
+Hausverwalter fand man mitten im Zimmer auf der Erde liegend in tiefer
+Ohnmacht. Er hielt noch fest den Armleuchter in der Hand, dessen
+brennende Kerzen die Gardinen erfaßt und so das Feuer veranlaßt
+hatten. Brennende herabfallende Lappen hatten dem Alten die
+Augenbrauen und ein gut Teil Kopfhaare weggesengt. Bemerkte der
+Wächter nicht das Feuer, so hätte der Alte hülflos verbrennen müssen.
+Zu nicht geringer Verwunderung fanden die Diener, daß die Tür des
+Zimmers von innen durch zwei ganz neu angeschrobene Riegel, die noch
+den Abend vorher nicht dagewesen, verwahrt war.
+
+V. sah ein, daß der Alte sich hatte das Hinausschreiten aus dem Zimmer
+unmöglich machen wollen, widerstehen konnt er dem blinden Triebe
+nicht. Der Alte verfiel in eine ernste Krankheit; er sprach nicht, er
+nahm nur wenig Nahrung zu sich und starrte, wie festgeklammert von
+einem entsetzlichen Gedanken, mit Blicken, in denen sich der Tod
+malte, vor sich hin. V. glaubte, daß der Alte von dem Lager nicht
+erstehen werde.
+
+Alles, was sich für seinen Schützling tun ließ, hatte V. getan, er
+mußte ruhig den Erfolg abwarten und wollte deshalb nach K. zurück. Die
+Abreise war für den folgenden Morgen bestimmt. V. packte spät abends
+seine Skripturen zusammen, da fiel ihm ein kleines Paket in die
+Hände, welches ihm der Freiherr Hubert von R. versiegelt und mit der
+Aufschrift: »Nach Eröffnung meines Testaments zu lesen« zugestellt und
+das er unbegreiflicherweise noch nicht beobachtet hatte. Er war im
+Begriff dieses Paket zu entsiegeln, als die Tür aufging und mit leisen
+gespenstischen Schritten Daniel hereintrat. Er legte eine schwarze
+Mappe, die er unter dem Arm trug, auf den Schreibtisch, dann mit einem
+tiefen Todesseufzer auf beide Knie sinkend, V.s Hände mit den seinen
+krampfhaft fassend, sprach er hohl und dumpf, wie aus tiefem Grabe:
+»Auf dem Schafott stürb' ich nicht gern! der dort oben richtet!« -
+dann richtete er sich unter angstvollem Keuchen mühsam auf und verließ
+das Zimmer, wie er gekommen.
+
+V. brachte die ganze Nacht hin, alles das zu lesen, was die schwarze
+Mappe und Huberts Paket enthielt. Beides hing genau zusammen und
+bestimmte von selbst die weitern Maßregeln, die nun zu ergreifen.
+Sowie V. in K. angekommen, begab er sich zum Freiherrn Hubert von
+R., der ihn mit rauhem Stolz empfing. Die merkwürdige Folge einer
+Unterredung, welche mittags anfing und bis spät in die Nacht hinein
+ununterbrochen fortdauerte, war aber, daß der Freiherr andern Tages
+vor Gericht erklärte, daß er den Prätendenten des Majorats dem
+Testamente seines Vaters gemäß für den in rechtsgültiger Ehe von dem
+ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R., Wolfgang von R., mit dem
+Fräulein Julie von St. Val erzeugten Sohn, mithin für den rechtgültig
+legitimierten Majoratserben anerkenne. Als er von dem Gerichtssaal
+herabstieg, stand sein Wagen mit Postpferden vor der Türe, er reiste
+schnell ab und ließ Mutter und Schwester zurück. Sie würden ihn
+vielleicht nie wiedersehen, hatte er ihnen mit andern rätselhaften
+Äußerungen geschrieben.
+
+Roderichs Erstaunen über diese Wendung, die die Sache nahm, war nicht
+gering, er drang in V. ihm doch nur zu erklären, wie dies Wunder habe
+bewirkt werden können, welche geheimnisvolle Macht im Spiele sei. V.
+vertröstete ihn indessen auf künftige Zeiten, und zwar, wenn er Besitz
+genommen haben würde von dem Majorat. Die Übergabe des Majorats
+konnte nämlich deshalb nicht geschehen, weil nun die Gerichte, nicht
+befriedigt durch jene Erklärung Huberts, außerdem die vollständige
+Legitimation Roderichs verlangten. V. bot dem Freiherrn die Wohnung in
+R..sitten an und setzte hinzu, daß Huberts Mutter und Schwester, durch
+seine schnelle Abreise in augenblickliche Verlegenheit gesetzt, den
+stillen Aufenthalt auf dem Stammgute der geräuschvollen teuren Stadt
+vorziehen würden.
+
+Das Entzücken, womit Roderich den Gedanken ergriff, mit der Baronin
+und ihrer Tochter wenigstens eine Zeitlang unter einem Dache zu
+wohnen, bewies, welchen tiefen Eindruck Seraphine, das holde, anmutige
+Kind, auf ihn gemacht hatte. In der Tat wußte der Freiherr seinen
+Aufenthalt in R..sitten so gut zu benutzen, daß er, wenige Wocben
+waren vergangen, Seraphinens innige Liebe und der Mutter beifällig
+Wort zur Verbindung mit ihr gewonnen hatte.
+
+Dem V. war das alles zu schnell, da bis jetzt Roderichs Legitimation
+als Majoratsherr von R..sitten noch immer zweifelhaft geblieben.
+Briefe aus Kurland unterbrachen das Idyllenleben auf dem Schlosse.
+Hubert hatte sich gar nicht auf den Gütern sehen lassen, sondern war
+unmittelbar nach Petersburg gegangen, dort in Militärdienste getreten
+und stand jetzt auf dem Felde gegen die Perser, mit denen Rußland
+gerade im Kriege begriffen. Dies machte die schnelle Abreise der
+Baronin mit ihrer Tochter nach den Gütern, wo Unordnung und Verwirrung
+herrschte, nötig.
+
+Roderich, der sich schon als den aufgenommenen Sohn betrachtete,
+unterließ nicht die Geliebte zu begleiten, und so wurde, da V.
+ebenfalls nach K. zurückkehrte, das Schloß einsam, wie vorher. Des
+Hausverwalters böse Krankheit wurde schlimmer und schlimmer, so daß
+er nicht mehr daraus zu erstehen glaubte, sein Amt wurde einem alten
+Jäger, Wolfgangs treuem Diener, Franz geheißen, übertragen. Endlich
+nach langem Harren erhielt V. die günstigsten Nachrichten aus der
+Schweiz. Der Pfarrer, der Wolfgangs Trauung vollzogen, war längst
+gestorben, indessen fand sich in dem Kirchenbuche von seiner Hand
+notiert, daß derjenige, den er unter dem Namen Born mit dem Fräulein
+Julie St. Val ehelich verbunden, sich bei ihm als Freiherr Wolfgang
+von R., ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R. auf R..sitten,
+vollständig legitimiert habe.
+
+Außerdem wurden noch zwei Trauzeugen, ein Kaufmann in Genf und ein
+alter französischer Kapitän, der nach Lyon gezogen, ausgemittelt,
+denen Wolfgang ebenfalls sich entdeckt hatte, und ihre eidlichen
+Aussagen bekräftigten den Vermerk des Pfarrers im Kirchenbuche.
+Mit den in rechtlicher Form ausgefertigten Verhandlungen in der
+Hand, fuhrte nun V. den vollständigen Nachweis der Rechte seines
+Machtgebers, und nichts stand der Übergabe des Majorats im Wege, die
+im künftigen Herbst erfolgen sollte. Hubert war gleich in der ersten
+Schlacht, der er beiwohnte, geblieben, ihn hatte das Schicksal seines
+jüngern Bruders, der ein Jahr vor seines Vaters Tode ebenfalls im
+Felde blieb, getroffen; so fielen die Güter in Kurland der Baronesse
+Seraphine von R. zu und wurden eine schöne Mitgift für den
+überglücklichen Roderich.
+
+Der November war angebrochen, als die Baronin, Roderich mit seiner
+Braut in R..sitten anlangte. Die Übergabe des Majorats erfolgte und
+dann Roderichs Verbindung mit Seraphinen. Manche Woche verging im
+Taumel der Lust, bis endlich die übersättigten Gäste nach und nach das
+Schloß verließen zur großen Zufriedenheit V.s, der von R..sitten nicht
+scheiden wollte, ohne den jungen Majoratsherrn auf das genaueste
+einzuweihen in alle Verhältnisse des neuen Besitztums.
+
+Mit der strengsten Genauigkeit hatte Roderichs Oheim die Rechnungen
+über Einnahme und Ausgabe geführt, so daß, da Roderich nur eine
+geringe Summe jährlich zu seinem Unterhalt bekam, durch die
+Überschüsse der Einnahme jenes bares Kapital, das man in des alten
+Freiherrn Nachlaß vorfand, einen bedeutenden Zuschuß erhielt. Nur in
+den ersten drei Jahren hatte Hubert die Einkünfte des Majorats in
+seinen Nutzen verwandt, darüber aber ein Schuldinstrument ausgestellt
+und es auf den ihm zustehenden Anteil der Güter in Kurland versichern
+lassen.
+
+V. hatte seit der Zeit, als ihm Daniel als Nachtwandler erschien, das
+Schlafgemach des alten Roderich zu seinem Wohnzimmer gewählt, um desto
+sicherer das erlauschen zu können, was ihm Daniel nachher freiwillig
+offenbarte. So kam es, daß dies Gemach und der anstoßende große Saal
+der Ort blieb, wo der Freiherr mit V. im Geschäft zusammenkam. Da
+saßen nun beide beim hellodernden Kaminfeuer an dem großen Tische, V.
+mit der Feder in der Hand, die Summen notierend und den Reichtum des
+Majoratsherrn berechnend, dieser mit aufgestemmtem Arm hineinblinzelnd
+in die aufgeschlagenen Rechnungsbücher, in die gewichtigen Dokumente.
+
+Keiner vernahm das dumpfe Brausen der See, das Angstgeschrei der
+Möwen, die, das Unwetter verkündend, im Hin- und Herflattern an
+die Fensterscheiben schlugen, keiner achtete des Sturms, der, um
+Mitternacht heraufgekommen, in wildem Tosen das Schloß durchsauste, so
+daß alle Unkenstimmen in den Kaminen, in den engen Gängen erwachten
+und widerlich durcheinander pfiffen und heulten. Als endlich nach
+einem Windstoß, vor dem der ganze Bau erdröhnte, plötzlich der ganze
+Saal im düstern Feuer des Vollmonds stand, rief V.: »Ein böses
+Wetter!«
+
+Der Freiherr, ganz vertieft in die Aussicht des Reichtums, der ihm
+zugefallen, erwiderte gleichgültig, indem er mit zufriedenem Lächeln
+ein Blatt des Einnahmebuchs umschlug: »In der Tat, sehr stürmisch.«
+Aber wie fuhr er, von der eisigen Faust des Schreckens berührt, in die
+Höhe, als die Tür des Saals aufsprang und eine bleiche, gespenstische
+Gestalt sichtbar wurde, die, den Tod im Antlitz, hineinschritt.
+Daniel, den V. so wie jedermann in tiefer Krankheit ohnmächtig
+daliegend, nicht für fähig hielt ein Glied zu rühren, war es, der,
+abermals von der Mondsucht befallen, seine nächtliche Wanderung
+begonnen.
+
+Lautlos starrte der Freiherr den Alten an, als dieser nun aber unter
+angstvollen Seufzern der Todesqual an der Wand kratzte, da faßte
+den Freiherrn tiefes Entsetzen. Bleich im Gesicht wie der Tod, mit
+emporgesträubtem Haar sprang er auf, schritt in bedrohlicher Stellung
+zu auf den Alten und rief mit starker Stimme, daß der Saal dröhnte:
+»Daniel! Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!« Da stieß der
+Alte jenes grauenvolle heulende Gewimmer aus, gleich dem Todeslaut des
+getroffenen Tiers, wie damals, als ihm Wolfgang Gold für seine Treue
+bot, und sank zusammen.
+
+V. rief die Bedienten herbei, man hob den Alten auf, alle Versuche,
+ihn zu beleben, blieben vergebens. Da schrie der Freiherr wie außer
+sich: »Herr Gott! - Herr Gott! habe ich denn nicht gehört, daß
+Nachtwandler auf der Stelle des Todes sein können, wenn man sie beim
+Namen ruft? Ich! - Ich Unglückseligster - ich habe den armen Greis
+erschlagen! - Zeit meines Lebens habe ich keine ruhige Stunde mehr!«
+
+V., als die Bedienten den Leichnam fortgetragen und der Saal leer
+geworden, nahm den immerfort sich anklagenden Freiherrn bei der Hand,
+führte ihn in tiefem Schweigen vor die zugemaurte Tür und sprach:
+»Der hier tot zu Ihren Füßen niedersank, Freiherr Roderich, war der
+verruchte Mörder Ihres Vaters!« Als säh' er Geister der Hölle, starrte
+der Freiherr den V. an. Dieser fuhr fort: »Es ist nun wohl an der
+Zeit, Ihnen das gräßliche Geheimnis zu enthüllen, das auf diesem
+Unhold lastete und ihn, den Fluchbeladenen, in den Stunden des Schlafs
+umhertrieb. Die ewige Macht ließ den Sohn Rache nehmen an dem Mörder
+des Vaters. Die Worte, die Sie dem entsetzlichen Nachtwandler in
+die Ohren donnerten, waren die letzten, die Ihr unglücklicher Vater
+sprach!«
+
+Bebend, unfähig, ein Wort zu sprechen, hatte der Freiherr neben V.,
+der sich vor den Kamin setzte, Platz genommen. V. fing mit dem Inhalt
+des Aufsatzes an, den Hubert für V. zurückgelassen und den er erst
+nach Eröffnung des Testaments entsiegeln sollte. Hubert klagte sich
+mit Ausdrücken, die von der tiefsten Reue zeigten, des unversöhnlichen
+Hasses an, der in ihm gegen den ältern Bruder Wurzel faßte von dem
+Augenblick, als der alte Roderich das Majorat gestiftet hatte. Jede
+Waffe war ihm entrissen, denn wär' es ihm auch gelungen auf hämische
+Weise, den Sohn mit dem Vater zu entzweien, so blieb dies ohne
+Wirkung, da Roderich selbst nicht ermächtigt war, dem ältesten Sohn
+die Rechte der Erstgeburt zu entreißen, und es, wandte sich auch sein
+Herz und Sinn ganz ab von ihm, doch nach seinen Grundsätzen nimmermehr
+getan hätte.
+
+Erst als Wolfgang in Genf das Liebesverhältnis mit Julien von St.
+Val begonnen, glaubte Hubert den Bruder verderben zu können. Da fing
+die Zeit an, in der er im Einverständnisse mit Daniel auf bübische
+Weise den Alten zu Entschlüssen nötigen wollte, die den Sohn zur
+Verzweiflung bringen mußten.
+
+Er wußte, daß nur die Verbindung mit einer der ältesten Familien des
+Vaterlandes nach dem Sinn des alten Roderich den Glanz des Majorats
+auf ewige Zeiten begründen konnte. Der Alte hatte diese Verbindung
+in den Gestirnen gelesen, und jedes freveliche Zerstören der
+Konstellation konnte nur Verderben bringen über die Stiftung.
+Wolfgangs Verbindung mit Julien erschien in dieser Art dem Alten ein
+verbrecherisches Attentat, wider Beschlüsse der Macht gerichtet, die
+ihm beigestanden im irdischen Beginnen, und jeder Anschlag, Julien,
+die wie ein dämonisches Prinzip sich ihm entgegengeworfen, zu
+verderben, gerechtfertigt.
+
+Hubert kannte des Bruders an Wahnsinn streifende Liebe zu Julien, ihr
+Verlust müßte ihn elend machen, vielleicht töten, und um so lieber
+wurde er tätiger Helfershelfer bei den Plänen des Alten, als er selbst
+sträfliche Neigung zu Julien gefaßt und sie für sich zu gewinnen
+hoffte. Eine besondere Schickung des Himmels wollt' es, daß die
+giftigsten Anschläge an Wolfgangs Entschlossenheit scheiterten, ja
+daß es ihm gelang, den Bruder zu täuschen. Für Hubert blieb Wolfgangs
+wirklich vollzogene Ehe sowie die Geburt eines Sohnes ein Geheimnis.
+
+Mit der Vorahnung des nahen Todes kam dem alten Roderich zugleich der
+Gedanke, daß Wolfgang jene ihm feindliche Julie geheiratet habe, in
+dem Briefe, der dem Sohn befahl, am bestimmten Tage nach R..sitten zu
+kommen, um das Majorat anzutreten, fluchte er ihm, wenn er nicht jene
+Verbindung zerreißen werde. Diesen Brief verbrannte Wolfgang bei der
+Leiche des Vaters.
+
+An Hubert schrieb der Alte, daß Wolfgang Julien geheiratet habe, er
+werde aber diese Verbindung zerreißen. Hubert hielt dies für die
+Einbildung des träumerischen Vaters, erschrak aber nicht wenig, als
+Wolfgang in R..sitten selbst mit vieler Freimütigkeit die Ahnung des
+Alten nicht allein bestätigte, sondern auch hinzufügte, daß Julie ihm
+einen Sohn geboren, und daß er nun in kurzer Zeit Julien, die ihn bis
+jetzt für den Kaufmann Born aus M. gehalten, mit der Nachricht seines
+Standes und seines reichen Besitztums hoch erfreuen werde. Selbst
+wolle er hin nach Genf, um das geliebte Weib zu holen.
+
+Noch ehe er diesen Entschluß ausführen konnte, ereilte ihn der Tod.
+Hubert verschwieg sorglich, was ihm von dem Dasein eines in der Ehe
+mit Julien erzeugten Sohnes bekannt, und riß so das Majorat an sich,
+das diesem gebührte. Doch nur wenige Jahre waren vergangen, als ihn
+tiefe Reue ergriff. Das Schicksal mahnte ihn an seine Schuld auf
+fürchterliche Weise durch den Haß, der zwischen seinen beiden Söhnen
+mehr und mehr emporkeimte. »Du bist ein armer dürftiger Schlucker«,
+sagte der älteste, ein zwölfjähriger Knabe, zu dem jüngsten, »aber ich
+werde, wenn der Vater stirbt, Majoratsherr von R..sitten, und da mußt
+du demütig sein und mir die Hand küssen, wenn ich dir Geld geben soll
+zum neuen Rock.« - Der jüngste, in volle Wut geraten über des Bruders
+höhnenden Stolz, warf das Messer, das er gerade in der Hand hatte,
+nach ihm hin und traf ihn beinahe zum Tode.
+
+Hubert, großes Unglück fürchtend, schickte den jüngsten fort nach
+Petersburg, wo er später als Offizier unter Suwarow wider die
+Franzosen focht und blieb. Vor der Welt das Geheimnis seines
+unredlichen betrügerischen Besitzes kundzutun, davon hielt ihn die
+Scham, die Schande, die über ihn gekommen, zurück, aber entziehen
+wollte er dem rechtmäßigen Besitzer keinen Groschen mehr. Er zog
+Erkundigungen ein in Genf und erfuhr, daß die Frau Born, trostlos über
+das unbegreifliche Verschwinden ihres Mannes gestorben, daß aber der
+junge Roderich Born von einem wackern Mann, der ihn aufgenommen,
+erzogen werde. Da kündigte sich Hubert unter fremdem Namen als
+Verwandter des auf der See umgekommenen Kaufmann Born an und schickte
+Summen ein, die hinreichten, den jungen Majoratsherrn sorglich und
+anständig zu erziehn.
+
+Wie er die Überschüsse der Einkünfte des Majorats sorgfältig sammelte;
+wie er dann testamentarisch verfügte, ist bekannt. Über den Tod seines
+Bruders sprach Hubert in sonderbaren rätselhaften Ausdrücken, die
+so viel erraten ließen, daß es damit eine geheimnisvolle Bewandtnis
+haben mußte, und daß Hubert wenigstens mittelbar teilnahm an einer
+gräßlichen Tat. Der Inhalt der schwarzen Mappe klärte alles auf. Der
+verräterischen Korrespondenz Huberts mit Daniel lag ein Blatt bei, das
+Daniel beschrieben und unterschrieben hatte. V. las ein Geständnis,
+vor dem sein Innerstes erbebte.
+
+Auf Daniels Veranlassung war Hubert nach R..sitten gekommen,
+Daniel war es, der ihm von den gefundenen einhundertfünfzigtausend
+Reichstalern geschrieben. Man weiß, wie Hubert von dem Bruder
+aufgenommen wurde, wie er, getäuscht in allen seinen Wünschen und
+Hoffnungen, fort wollte, wie ihn V. zurückhielt. In Daniels Innerm
+kochte blutige Rache, die er zu nehmen hatte an dem jungen Menschen,
+der ihn ausstoßen wollen wie einen räudigen Hund. Der schürte und
+schürte an dem Brande, von dem der verzweifelnde Hubert verzehrt
+wurde. Im Föhrenwalde auf der Wolfsjagd, im Sturm und Schneegestöber
+wurden sie einig über Wolfgangs Verderben. »Wegschaffen« murmelte
+Hubert, indem er seitwärts wegblickte und die Büchse anlegte. »Ja,
+wegschaffen,« grinste Daniel, »aber nicht so, nicht so.«
+
+Nun vermaß er sich hoch und teuer, er werde den Freiherrn ermorden,
+und kein Hahn solle darnach krähen. Hubert, als er endlich Geld
+erhalten, tat der Anschlag leid, er wollte fort, um jeder weitern
+Versuchung zu widerstehen. Daniel selbst sattelte in der Nacht
+das Pferd und führte es aus dem Stalle, als aber der Baron sich
+aufschwingen wollte, sprach Daniel mit schneidender Stimme: »Ich
+dächte, Freiherr Hubert, du bliebst auf dem Majorat, das dir in
+diesem Augenblick zugefallen, denn der stolze Majoratsherr liegt
+zerschmettert in der Gruft des Turms!«
+
+Daniel hatte beobachtet, daß, von Golddurst geplagt, Wolfgang oft in
+der Nacht aufstand, vor die Tür trat, die sonst zum Turme führte, und
+mit sehnsüchtigen Blicken hinabschaute in die Tiefe, die nach Daniels
+Versicherung noch bedeutende Schätze bergen sollte. Darauf gefaßt,
+stand in jener verhängnisvollen Nacht Daniel vor der Türe des Saals.
+Sowie er den Freiherrn die zum Turm führende Tür öffnen hörte, trat er
+hinein und dem Freiherrn nach, der dicht an dem Abgrunde stand. Der
+Freiherr drehte sich um und rief, als er den verruchten Diener, dem
+der Mord schon aus den Augen blitzte, gewahrte, entsetzt: »Daniel,
+Daniel, was machst du hier zu dieser Stunde!«
+
+Aber da kreischte Daniel wild auf: »Hinab mit dir, du räudiger Hund«
+und schleuderte mit einem kräftigen Fußstoß den Unglücklichen hinunter
+in die Tiefe! - Ganz erschüttert von der gräßlichen Untat, fand der
+Freiherr keine Ruhe auf dem Schlosse, wo sein Vater ermordet. Er ging
+auf seine Güter nach Kurland und kam nur jedes Jahr zur Herbstzeit
+nach R..sitten. Franz, der alte Franz, behauptete, daß Daniel, dessen
+Verbrechen er ahnde, noch oft zur Zeit des Vollmonds spuke, und
+beschrieb den Spuk gerade so, wie ihn V. später erfuhr und bannte. Die
+Entdeckung dieser Umstände, welche das Andenken des Vaters schändeten,
+trieben auch den jungen Freiherrn Hubert fort in die Welt.
+
+So hatte der Großonkel alles erzählt, nun nahm er meine Hand und
+sprach, indem ihm volle Tränen in die Augen traten, mit sehr weicher
+Stimme: »- Vetter - Vetter auch sie die holde Frau, hat das böse
+Verhängnis, die unheimhche Macht, die dort auf dem Stammschlosse
+hauset, ereilt! Zwei Tage nachdem wir R..sitten verlassen,
+veranstaltete der Freiherr zum Beschluß eine Schlittenfahrt. Er selbst
+fährt seine Gemahlin, doch, als es talabwärts geht, reißen die Pferde,
+plötzlich auf unbegreifliche Weise scheu geworden, aus in vollem
+wütenden Schnauben und Toben. >Der Alte - der alte ist hinter uns
+her<, schreit die Baronin auf mit schneidender Stimme! In dem
+Augenblick wird sie durch den Stoß, der den Schatten umwirft, weit
+fortgeschleudert. - Man findet sie leblos - sie ist hin! Der Freiherr
+kann sich nimmer trösten, seine Ruhe ist die eines Sterbenden! Nimmer
+kommen wir wieder nach R..sitten, Vetter!«
+
+Der alte Großonkel schwieg, ich schied von ihm mit zerrissenem Herzen,
+und nur die alles beschwichtigende Zeit konnte den tiefen Schmerz
+lindern, in dem ich vergehen zu müssen glaubte.
+
+Jahre waren vergangen. V. ruhte längst im Grabe, ich hatte mein
+Vaterland verlassen. Da trieb mich der Sturm des Krieges, der
+verwüstend über ganz Deutschland hinbrauste, in den Norden hinein,
+fort nach Petersburg. Auf der Rückreise, nicht mehr weit von K., fuhr
+ich in einer finstern Sommernacht dem Gestade der Ostsee entlang, als
+ich vor mir am Himmel einen großen funkelnden Stern erblickte. Näher
+gekommen, gewahrte ich wohl an der roten flackernden Flamme, daß das,
+was ich für einen Stern gehalten, ein starkes Feuer sein müsse, ohne
+zu begreifen, wie es so hoch in den Lüften schweben könne.
+
+»Schwager! was ist das für ein Feuer dort vor uns?« frug ich den
+Postillon. »Ei«, erwiderte dieser, »ei, das ist kein Feuer, das ist
+der Leuchtturm von R..sitten.« R..sitten! sowie der Postillon den
+Namen nannte, sprang in hellem Leben das Bild jener verhängnisvollen
+Herbsttage hervor, die ich dort erlebte. Ich sah den Baron -
+Seraphinen, aber auch die alten wunderlichen Tanten, mich selbst
+mit blankem Milchgesicht, schön frisiert und gepudert, in zartes
+Himmelblau gekleidet ja mich, den Verliebten, der wie ein Ofen seufzt,
+mit Jammerlied auf seiner Liebsten Braue!
+
+In der tiefen Wehmut, die mich durchbebte, flackerten wie bunte
+Lichterchen V.s derbe Späße auf, die mir nun ergötzlicher waren als
+damals. So von Schmerz und wunderbarer Lust bewegt, stieg ich am
+frühen Morgen in R..sitten aus dem Wagen, der vor der Postexpedition
+hielt. Ich erkannte das Haus des Ökonomieinspektors, ich frug nach
+ihm. »Mit Verlaub«, sprach der Postschreiber, indem er die Pfeife aus
+dem Munde nahm und an der Nachtmütze rückte, »mit Verlaub, hier ist
+kein Ökonomieinspektor, es ist ein königliches Amt, und der Herr
+Amtsrat belieben noch zu schlafen.«
+
+Auf weiteres Fragen erfuhr ich, daß schon vor sechzehn Jahren
+der Freiherr Roderich von R., der letzte Majoratsbesitzer, ohne
+Deszendenten gestorben und das Majorat der Stiftungsurkunde gemäß dem
+Staate anheimgefallen sei. Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag
+in Ruinen zusammengestürzt. Man hatte einen großen Teil der Steine zu
+dem Leuchtturm benutzt, so versicherte ein alter Bauer, der aus dem
+Föhrenwalde kam und mit dem ich mich ins Gespräch einließ. Der wußte
+auch von dem Spuk zu erzählen, wie er auf dem Schlosse gehaust
+haben sollte, und versicherte, daß noch jetzt sich oft, zumal beim
+Vollmonde, grauenvolle Klagelaute in dem Gestein hören ließen.
+
+Armer, alter, kurzsichtiger Roderich! Welche böse Macht beschworst du
+herauf, die den Stamm, den du mit fester Wurzel für die Ewigkeit zu
+pflanzen gedachtest, im ersten Aufkeimen zum Tode vergiftete.
+
+
+
+Das Gelübde
+
+Am Michaelistage, eben als bei den Karmelitern die Abendhora
+eingeläutet wurde, fuhr ein mit vier Postpferden bespannter
+stattlicher Reisewagen, donnernd und rasselnd durch die Gassen des
+kleinen polnischen Grenzstädtchens L., und hielt endlich still vor der
+Haustür des alten teutschen Bürgermeisters. Neugierig steckten die
+Kinder die Köpfe zum Fenster heraus, aber die Hausfrau stand auf von
+ihrem Sitze und rief, indem sie ganz unmutig ihr Nähzeug auf den Tisch
+warf, dem Alten, der aus dem Nebenzimmer schnell eintrat, entgegen:
+»Schon wieder Fremde, die unser stilles Haus für eine Gastwirtschaft
+halten, das kommt aber von dem Wahrzeichen her. Warum hast du auch die
+steinerne Taube über der Tür aufs neue vergolden lassen?« Der Alte
+lächelte schlau und bedeutsam ohne etwas zu erwidern; im Augenblick
+hatte er den Schlafrock abgeworfen, das Ehrenkleid, das vom Kirchgange
+her noch wohlgebürstet über der Stuhllehne hing, angezogen, und ehe
+die ganz erstaunte Frau den Mund zur Frage öffnen konnte, stand er
+schon, sein Samtmützchen unterm Arm, so daß sein silberweißes Haupt
+in der Dämmerung hell aufschimmerte, vor dem Kutschenschlage, den
+indessen ein Diener geöffnet. Eine ältliche Frau im grauen Reisemantel
+stieg aus dem Wagen, ihr folgte eine hohe jugendliche Gestalt mit
+dicht verhülltem Antlitz die auf des Bürgermeisters Arm gestützt, in
+das Haus hinein mehr wankte als schritt, und kaum ins Zimmer getreten,
+wie halb entseelt in den Lehnstuhl sank, den die Hausfrau auf des
+Alten Wink schnell herangerückt. Die ältere Frau sprach leise und sehr
+wehmütig zu dem Bürgermeister: »Das arme Kind! - ich muß wohl noch
+einige Augenblicke bei ihr verweilen«, damit machte sie Anstalt ihren
+Reisemantel herunterzuziehen, worin ihr des Bürgermeisters ältere
+Tochter beistand, so daß bald ihr Nonnengewand, sowie ein auf der
+Brust funkelndes Kreuz sichtbar wurde, welches sie als Äbtissin eines
+Zisterzienser Nonnenklosters darstellte. Die verhüllte Dame hatte
+unterdessen nur durch ein leises, kaum vernehmbares Ächzen kund getan,
+daß sie noch lebe und endlich die Hausfrau um ein Glas Wasser gebeten.
+Die brachte aber allerlei stärkende Tropfen und Essenzen herbei, und
+pries ihre Wunderkraft, indem sie die Dame bat, doch nur die dicken,
+schweren Schleier, die ihr alles freie Atmen verhindern müßten,
+abzulegen. Mit der Hand jede Annäherung der Hausfrau abwehrend, mit
+allen Zeichen des Abscheues den Kopf zurückbeugend, verwarf aber die
+Kranke den Vorschlag, und selbst, als sie endlich es sich gefallen
+ließ, den Duft einer starken Lebensessenz einzuziehen, als sie etwas
+von dem verlangten Wasser, in das die besorgte Hausfrau einige Tropfen
+eines bewährten Elixiers hineingetan, genoß, tat sie alles dies unter
+den Schleiern, ohne sie nur im mindesten zu lüpfen. »Ihr habt doch,
+mein lieber, alter Herr!« wandte sich die Äbtissin zum Bürgermeister,
+»Ihr habt doch alles so bereitet, wie es gewünscht worden?«
+- »Jawohl«, erwiderte der Alte, »jawohl! ich hoffe, mein
+durchlauchtigster Fürst soll mit mir zufrieden sein, so wie die Dame,
+für die ich alles zu tun bereit bin, was nur in meinen Kräften steht.«
+- »So laßt mich«, fuhr die Äbtissin fort, »mit meinem armen Kinde noch
+einige Augenblicke allein.« Die Familie mußte das Zimmer verlassen.
+Man hörte, wie die Äbtissin eifrig und salbungsvoll der Dame zusprach,
+und wie diese endlich auch zu reden begann mit einem Ton, der tief bis
+ins Herz drang. Ohne gerade zu horchen, blieb denn doch die Hausfrau
+an der Türe des Zimmers stehen, indessen wurde italienisch gesprochen,
+und selbst dies machte für sie den ganzen Auftritt geheimnisvoller und
+vermehrte die Beklommenheit, welche ihr den Mund verschloß. Frau und
+Tochter trieb der Alte fort, um für Wein und andere Erfrischungen zu
+sorgen, er selbst ging in das Zimmer zurück. Getrösteter, gefaßter
+schien die verschleierte Dame, welche mit gebeugtem Haupt und
+gefalteten Händen vor der Äbtissin stand. Diese verschmähte es nicht,
+etwas von den Erfrischungen anzunehmen, die ihr die Hausfrau darbot,
+dann rief sie: »Nun ist es Zeit!« Die verschleierte Dame sank nieder
+auf die Knie, die Äbtissin legte die Hände auf ihr Haupt und sprach
+leise Gebete. Als diese geendet, schloß sie, indem häufige Tränen ihr
+über die Wangen rollten, die Verschleierte in die Arme und drückte sie
+heftig wie im Übermaß des Schmerzes an die Brust, dann gab sie gefaßt
+und würdevoll der Familie die Benediktion und eilte, vom Alten
+geleitet, rasch in den Wagen, vor dem die frisch angelegten Postpferde
+laut wieherten. In vollem Juchzen und Blasen jug der Postillion durch
+die Gassen zum Tore hinaus. Als nun die Hausfrau gewahrte, daß die
+verschleierte Dame, für die man ein paar schwere Koffer vom Wagen
+abgepackt und hineingetragen, dablieb, wohl gar auf lange Zeit
+eingezogen sei, konnte sie sich gar nicht lassen vor peinlicher
+Neugier und Sorge. Sie trat hinaus auf den Hausflur und dem Alten, der
+eben in das Zimmer wollte, in den Weg. »Um Christus willen«, flüsterte
+sie leise und ängstlich, »um Christus willen, welch einen Gast bringst
+du mir ins Haus, denn du weißt doch ja von allem und hast es mir nur
+verschwiegen.« - »Alles, was ich weiß, sollst du auch erfahren«,
+erwiderte der Alte ganz ruhig. »Ach, ach!« fuhr die Frau noch
+ängstlicher fort, »du weißt aber vielleicht nicht alles; wärst du nur
+jetzt im Zimmer gewesen. Sowie die Frau Äbtissin abgefahren, mochte es
+der Dame doch wohl zu beklommen werden in ihren dicken Schleiern. Sie
+nahm den großen schwarzen Kreppflor, der ihr bis an die Knie reichte,
+herab, und da sah ich« - »Nun was sahst du denn«, fiel der Alte der
+Frau, die zitternd sich umschaute, als erblicke sie Gespenster, in die
+Rede. »Nein«, sprach die Frau weiter, »die Gesichtszüge konnte ich
+unter den dünnen Schleiern gar nicht deutlich erkennen, aber wohl die
+Totenfarbe, ach die greuliche Totenfarbe. Aber nun Alter, nun merk
+auf: deutlich, nur zu deutlich, ganz sonnenklar liegt's am Tage,
+daß die Dame guter Hoffnung ist. In wenigen Wochen kommt sie ins
+Kindbett.« - »Das weiß ich ja, Frau«, sprach der Alte ganz mürrisch,
+»und damit du nur nicht umkommen mögest vor Neugier und Unruhe, will
+ich dir mit zwei Worten alles erklären. Wisse also, daß Fürst Z.,
+unser hoher Gönner, mir vor einigen Wochen schrieb, die Äbtissin des
+Zisterzienserklosters in O. werde mir eine Dame bringen, die ich bei
+mir in meinem Hause aufnehmen solle, in aller Stille, jedes Aufsehen
+sorglich vermeidend. Die Dame, welche nicht anders genannt sein
+wolle, als schlechtweg Cölestine, werde bei mir ihre nahe Entbindung
+abwarten, und dann nebst dem Kinde, das sie geboren, wieder
+abgeholt werden. Füge ich nun noch hinzu, daß der Fürst mir mit den
+eindringlichsten Worten die sorgsamste Pflege der Dame empfohlen und
+für die ersten Auslagen und Bemühungen einen tüchtigen Beutel mit
+Dukaten, den du in meiner Kommode finden und beäugeln kannst,
+beigefügt hat, so werden wohl alle Bedenken aufhören.« - »So müssen
+wir«, sprach die Hausfrau, »vielleicht arger Sünde, wie sie die
+Vornehmen treiben, die Hand bieten.« Noch ehe der Alte darauf etwas
+erwidern konnte, trat die Tochter zum Zimmer heraus, und rief ihn zur
+Dame, welche sich nach Ruhe sehne und in das für sie bestimmte Gemach
+geführt zu werden wünsche. Der Alte hatte die beiden Zimmerchen des
+obern Stocks so gut ausschmücken lassen, als er es nur vermochte,
+und war nicht wenig betreten, als Cölestine frug, ob er außer diesen
+Gemächern nicht noch eins, dessen Fenster hintenheraus gingen,
+besitze. Er verneinte das und fügte nur, um ganz gewissenhaft zu sein,
+hinzu, daß zwar noch ein einziges Gemach mit einem Fenster nach dem
+Garten heraus, vorhanden, dies dürfte aber gar kein Zimmer, sondern
+nur eine schlechte Kammer genannt werden; kaum so geräumig, um ein
+Bette, einen Tisch und einen Stuhl hineinzustellen, ganz einer elenden
+Klosterzelle gleich. Cölestine verlangte augenblicklich, diese Kammer
+zu sehen, und erklärte, kaum hineingekommen, daß eben dieses Gemach
+ihren Wünschen und Bedürfnissen angemessen sei, daß sie nur in diesem
+und keinem andern wohnen, und es nur dann, wenn ihr Zustand durchaus
+größeren Raum und eine Krankenwärterin erfordern solle, mit einem
+größern vertauschen werde. Verglich der Alte schon jetzt dieses enge
+Gemach mit einer Klosterzelle, so war es andern Tages ganz dazu
+geworden. Cölestine hatte ein Marienbild an die Wand geheftet und auf
+den alten hölzernen Tisch, der unter dem Bilde stand, ein Kruzifix
+hingestellt. Das Bette bestand in einem Strohsack und einer wollenen
+Decke, und außer einem hölzernen Schemmel und noch einem kleinen
+Tisch, litt Cölestine kein anderes Gerät. Die Hausfrau, ausgesöhnt
+mit der Fremden durch den tiefen zehrenden Schmerz, der sich in
+ihrem ganzen Wesen offenbarte, glaubte nach gewöhnlicher Weise sie
+aufheitern, unterhalten zu müssen, die Fremde bat aber mit den
+rührendsten Worten, eine Einsamkeit nicht zu verstören, in der allein
+mit ganz der Jungfrau und den Heiligen zugewandtem Sinn sie Tröstung
+finde. Jedes Tages, sowie der Morgen graute, begab sich Cölestine zu
+den Karmelitern, um die Frühmesse zu hören; den übrigen Tag schien sie
+unausgesetzt Andachtsübungen gewidmet zu haben, denn so oft es auch
+nötig wurde sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, fand man sie entweder
+betend oder in frommen Büchern lesend. Sie verschmähte andere Speise
+als Gemüse, anderes Getränk als Wasser, und nur die dringendsten
+Vorstellungen des Alten, daß ihr Zustand, das Wesen, das in ihr
+lebe, bessere Kost fordere, konnte sie endlich vermögen, zuweilen
+Fleischbrühe und etwas Wein zu genießen. Dieses strenge klösterliche
+Leben, hielt es auch jeder im Hause für die Buße begangener Sünde,
+erweckte doch zu gleicher Zeit inniges Mitleiden und tiefe Ehrfurcht,
+wozu denn auch der Adel ihrer Gestalt, die siegende Anmut jeder ihrer
+Bewegungen nicht wenig beitrug. Was aber diesen Gefühlen für die
+fremde Heilige etwas Schauerliches beimischte, war der Umstand, daß
+sie die Schleier durchaus nicht ablegte, so daß keiner ihr Gesicht zu
+erschauen vermochte. Niemand kam in ihre Nähe, als der Alte und der
+weibliche Teil seiner Familie, und diese, niemals aus dem Städtchen
+gekommen, konnten unmöglich durch das Wiedererkennen eines Gesichts,
+das sie vorher nicht gesehen, dem Geheimnis auf die Spur kommen. Wozu
+also die Verhüllung? - Die geschäftige Fantasie der Weiber erfand bald
+ein greuliches Märchen. Ein fürchterliches Abzeichen (so lautete die
+Fabel), die Spur der Teufelskralle, hatte das Gesicht der Fremden
+gräßlich verzerrt, und darum die dicken Schleier. Der Alte hatte Mühe
+dem Gewäsche zu steuern und zu verhindern, daß wenigstens _vor_ der Türe
+seines Hauses nicht Abenteuerliches von der Fremden geschwatzt wurde,
+deren Aufenthalt in des Bürgermeisters Hause freilich in der Stadt
+bekannt geworden. Ihre Gänge nach dem Karmeliterkloster blieben auch
+nicht unbemerkt, und bald nannte man sie des Bürgermeisters schwarze
+Frau, womit freilich sich von selbst die Idee einer spukhaften
+Erscheinung verband. Der Zufall wollte, daß eines Tages, als die
+Tochter der Fremden die Speisen in das Zimmer brachte, der Luftstrom
+den Schleier erfaßte und aufhob; mit Blitzesschnelle wandte sich die
+Fremde, so daß sie sich in demselben Moment dem Blick des Mädchens
+entzog. Diese kam aber erblaßt und an allen Gliedern zitternd herab.
+Keine Verzerrung, aber so wie die Mutter ein totenbleiches, hatte
+sie ein marmorweißes Antlitz erschaut, aus dessen tiefen Augenhöhlen
+es seltsam hervorblitzte. Der Alte schob mit Recht vieles auf des
+Mädchens Einbildung, aber auch ihm war es, im Grunde genommen, so
+zumute wie allen; er wünschte das verstörende Wesen, trotz aller
+Frömmigkeit, die es bewies, fort aus seinem Hause. Bald darauf weckte
+in einer Nacht der Alte die Hausfrau und sagte ihr, daß er schon seit
+einigen Minuten ein leises Wimmern und Ächzen, ein Klopfen vernehme,
+das von Cölestinens Zimmer zu kommen scheine. Die Frau, von der Ahnung
+ergriffen, was das sein könne, eilte hinauf. Sie fand Cölestinen,
+angezogen und in ihre Schleier gewickelt, auf dem Bette halb
+ohnmächtig liegen und überzeugte sich bald, daß die Niederkunft nahe
+sei. Schnell traf man die längst vorbereiteten Anstalten, und in
+weniger Zeit war ein gesundes holdes Knäblein geboren. Dies Ereignis,
+hatte man es auch längst vorausgesehen, trat doch wie unerwartet ein,
+und vernichtete in seinen Folgen das drückende unheimliche Verhältnis
+mit der Fremden, welches auf der Familie schwer gelastet hatte. Der
+Knabe schien, wie ein sehnender Mittler, Cölestinen dem Menschlichen
+wieder näher zu bringen. Ihr Zustand litt keine strenge asketische
+Übungen, und indem ihre Hülflosigkeit ihr die Menschen, welche sie mit
+liebender Sorgfalt pflegten, aufnötigte, gewöhnte sie sich mehr und
+mehr an ihren Umgang. Die Hausfrau dagegen, die nun die Kranke warten,
+ihr selbst die nahrhafte Suppe kochen und darreichen konnte, vergaß in
+dieser häuslichen Sorge alles Böse, was ihr sonst über die rätselhafte
+Fremde in den Sinn gekommen. Sie dachte nicht mehr daran, daß ihr
+ehrbares Haus vielleicht zum Schlupfwinkel der Schande dienen sollte.
+Der Alte jubelte ganz verjüngt und hätschelte den Knaben, als sei ihm
+ein Enkelkind geboren, und er, wie alle übrige, hatten sich daran
+gewöhnt, daß Cölestine verschleiert blieb, ja selbst während der
+Entbindung. Die Wehmutter hatte ihr schwören müssen, daß, trete ja
+ein Zustand der Bewußtlosigkeit ein, doch die Schleier nicht gelüpft
+werden sollten, außer von ihr, der Wehmutter selbst, im Fall der
+Todesgefahr. Es war gewiß, daß die Alte Cölestinen unverschleiert
+gesehen, sie sagte aber darüber nichts, als: »Die arme junge Dame
+muß sich ja wohl so verhüllen« - Nach einigen Tagen erschien der
+Karmelitermönch, der den Knaben getauft hatte. Seine Unterredung mit
+Cölestinen, niemand durfte zugegen sein, dauerte länger als zwei
+Stunden. Man hörte ihn eifrig sprechen und beten. Als er fortgegangen,
+fand man Cölestinen im Lehnstuhl sitzend, auf dem Schoße den Knaben,
+um dessen kleine Schultern ein Skapulier gelegt war, und der ein
+Agnusdei auf der Brust trug. Wochen und Monate vergingen, ohne daß,
+wie der Bürgermeister geglaubt hatte, und wie es ihm auch vom Fürsten
+Z. gesagt worden, Cölestine mit dem Kinde abgeholt wurde. Sie hätte
+ganz eintreten können in den friedlichen Kreis der Familie, wären die
+fatalen Schleier nicht gewesen, die immer den letzten Schritt zur
+freundlichen Annährung hemmten. Der Alte nahm es sich heraus, dies
+der Fremden selbst freimütig zu äußern, doch als sie mit dumpfem
+feierlichen Ton erwiderte: »Nur im Tode fallen diese Schleier«,
+schwieg er davon und wünschte aufs neue, daß der Wagen mit der
+Äbtissin erscheinen möge.
+
+Der Frühling war herangekommen, von einem Spaziergange kehrte die
+Familie des Bürgermeisters heim, Blumensträuße in den Händen tragend,
+deren schönste der frommen Cölestine bestimmt waren. Eben als sie
+ins Haus treten wollten, sprengte ein Reiter heran, eifrig nach
+dem Bürgermeister fragend. Der Alte sprach, er sei selbst der
+Bürgermeister und stehe vor seinem Hause. Da sprang der Reiter herab
+vom Pferde, das er festband an den Pfosten und stürzte mit dem
+gellenden Ruf. »Sie ist hier, sie ist hier«, ins Haus und die Treppe
+herauf. Man hörte eine Tür einschlagen und Cölestinens Angstgeschrei.
+Der Alte, von Entsetzen erfaßt, eilte nach. Der Reiter - wie nun
+sichtlich, war ein Offizier von der französischen Jägergarde mit
+vielen Orden geschmückt, hatte den Knaben aus der Wiege gerissen und
+in den linken, mit dem Mantel umschlungenen Arm genommen; den rechten
+hatte Cölestine erfaßt, alle Kraft aufbietend, den Räuber des Kindes
+zurückzuhalten. Im Ringen riß der Offizier den Schleier herab ein
+todstarres marmorweißes Antlitz, von schwarzen Locken umschattet,
+blickte ihn an, glühende Strahlen aus den tiefen Augenhöhlen
+schießend, während schneidende Jammertöne aus den halbgeöffneten
+unbewegten Lippen quollen. Der Alte nahm wahr, daß Cölestine eine
+weiße, dicht anschließende Maske trug. »Entsetzliches Weib! willst du,
+daß auch mich deine Raserei ergreife?« schrie der Offizier, indem er
+sich mit Gewalt losriß, so daß Cölestine zu Boden stürzte. Nun umfaßte
+sie aber seine Knie, indem sie mit dem Ausdruck des unsäglichsten
+Schmerzes, mit einem Ton, der das Herz durchschnitt, flehte: »Laß mir
+das Kind! - o laß mir das Kind! - nicht um die ewige Seligkeit sollst
+du mich bringen. - Um Christus - um der heiligen Jungfrau willen - laß
+mir das Kind - laß mir das Kind.« - Und bei diesen Jammertönen regte
+sich keine Muskel, regten sich nicht die Lippen des Totenantlitzes, so
+daß dem Alten, der Hausfrau - allen, die ihm gefolgt, vor Grauen das
+Blut in den Adern stockte! »Nein«, schrie der Offizier wie in heller
+Verzweiflung, »nein, unmenschliches, unerbittliches Weib, das Herz
+konntest du aus dieser Brust reißen, aber verderben sollst du nicht im
+heillosen Wahnsinn das Wesen, das sich tröstend an die blutende Wunde
+legt!« - Fester drückte der Offizier das Kind an sich, so daß es laut
+zu weinen begann - da brach Cölestine aus in ein dumpfes Heulen:
+»Rache - des Himmels Rache über dich - du Mörder!« - »Laß ab! -
+laß ab - fort mit dir, du Höllenspuk!« kreischte der Offizier, und
+schleuderte mit einer konvulsivischen Bewegung des Fußes Cölestinen
+weit von sich, und wollte zur Türe heraus. Der Alte trat ihm in den
+Weg, er riß aber schnell ein Terzerol hervor, rief, die Mündung gegen
+den Alten gekehrt: »Die Kugel durch den Kopf dem, der dem Vater sein
+Kind zu entreißen gedenkt«, stürzte die Treppe herab, schwang sich
+aufs Pferd ohne das Kind zu lassen, und sprengte in vollem Galopp
+davon. - Die Hausfrau voll Herzensangst, wie es nun um Cölestinen
+stehen, und was nun mit ihr anzufangen sein würde, überwand ihr Grauen
+vor der entsetzlichen Totenmaske, und eilte herauf ihr beizustehen.
+Wie erstaunte sie, als sie Cölestinen mitten im Zimmer gleich einer
+Statue mit herabhängenden Armen lautlos stehend fand. Sie redete sie
+an, keine Antwort. Nicht vermögend den Anblick der Maske zu tragen,
+hing sie ihr die Schleier um, die auf dem Boden lagen, kein Regen und
+Bewegen. Cölestine war in einen automatähnlichen Zustand gesunken,
+der die Hausfrau mit neuer Angst und Pein erfüllte, so daß sie ganz
+inbrünstig zu Gott flehte, sie nur von dieser unheimlichen Fremden zu
+befreien. Ihre Bitte wurde zur Stelle erhört, denn eben hielt derselbe
+Wagen, der Cölestinen gebracht, vor der Türe. Die Äbtissin kam, mit
+ihr Fürst Z. des alten Bürgermeisters hoher Gönner. Als der erfahren,
+was sich soeben zugetragen, sprach er sehr mild und ruhig: »So kamen
+wir zu spät, und müssen uns wohl in Gottes Fügung schicken.« Man
+brachte Cölestinen herab, die sich starr und lautlos, ohne Zeichen
+eignen Willens und eigner Willkür, fortführen und in den Wagen setzen
+ließ, der schnell fortrollte. Dem Alten, der ganzen Familie war so
+zumute, als erwachten sie nun erst aus einem bösen spukhaften Traum,
+der sie sehr geängstet.
+
+Bald darauf, als sich dies in dem Hause des Bürgermeisters von
+L. begeben, wurde in dem Zisterzienser Nonnenkloster zu O. eine
+Logenschwester mit ungewöhnlicher Feierlichkeit begraben und ein
+dumpfes Gerücht ging, daß diese Logenschwester die Gräfin Hermenegilda
+von C. gewesen, von der man glaubte, sie sei mit ihres Vaters
+Schwester, der Fürstin von Z., nach Italien gegangen. Zur selbigen
+Zeit erschien Graf Nepomuk von C., Hermenegildas Vater, in Warschau
+und trat, sich nur ein kleines Gütchen in der Ukraine vorbehaltend,
+seine sämtlichen übrigen beträchtlichen Besitzungen den beiden Söhnen
+des Fürsten Z., seinen Neffen, vermöge eines gerichtlichen Akts ohne
+Einschränkung ab. Man fragte nach der Ausstattung seiner Tochter,
+da hob er den düstern tränenschweren Blick gen Himmel und sagte mit
+dumpfer Stimme: »Sie ist ausgestattet!« - Er nahm gar keinen Anstand,
+nicht allein jenes Gerücht von Hermenegildas Tode im Kloster zu O. zu
+bestätigen, sondern auch das besondere Verhängnis zu offenbaren, das
+über Hermenegilda gewaltet und sie einer duldenden Märtyrin gleich
+frühzeitig in das Grab gezogen. Manche Patrioten, gebeugt, aber nicht
+zerknickt durch den Fall des Vaterlandes, gedachten den Grafen aufs
+neue in geheime Verbindungen zu ziehen, die die Herstellung des
+polnischen Staats bezweckten, aber nicht mehr den feurigen, für
+Freiheit und Vaterland beseelten Mann, der sonst zu jeder gewagten
+Unternehmung mit unerschütterlichem Mute die Hand bot, fanden sie,
+sondern einen ohnmächtigen, von wildem Schmerz zerrissenen Greis,
+der allen Welthändeln entfremdet im Begriff stand, sich in tiefer
+Einsamkeit zu vergraben. Sonst, zu jener Zeit, als nach der ersten
+Teilung Polens die Insurrektion vorbereitet wurde, war des Grafen
+Nepomuk von C. Stammgut der geheime Sammelplatz der Patrioten. Dort
+entzündeten sich die Gemüter bei feierlichen Mahlen zum Kampf für
+das gefallene Vaterland. Dort erschien wie ein Engelsbild vom Himmel
+gesendet zur heiligen Weihe Hermenegilda in dem Kreise der jungen
+Helden. Wie es den Frauen ihrer Nation eigen, nahm sie teil an allen,
+selbst an politischen Verhandlungen und äußerte, die Lage der Dinge
+wohl beachtend und erwägend, in einem Alter von noch nicht siebzehn
+Jahren, oft manchmal allen übrigen entgegen, eine Meinung, die von dem
+außerordentlichsten Scharfsinn, von der klarsten Umsicht zeigte und
+die mehrenteils den Ausschlag gab. Nächst ihr war niemanden das
+Talent des schnellen Überblicks, des Auffassens und scharfgeründeten
+Darstellens der Lage der Dinge mehr eigen, als dem Grafen Stanislaus
+von R., einem feurigen, hochbegabten Jünglinge von zwanzig Jahren.
+So geschah es, daß Hermenegilda und Stanislaus oft allein in raschen
+Diskussionen die zur Sprache gebrachten Gegenstände verhandelten,
+Vorschläge prüften - annahmen - verwarfen, andere aufstellten, und daß
+die Resultate des Zweigesprächs zwischen dem Mädchen und dem Jünglinge
+oft selbst von den alten staatsklugen Männern, die zu Rate saßen, als
+das Klügste und Beste, was zu beginnen, anerkannt werden mußten. Was
+war natürlicher, als an die Verbindung dieser beiden zu denken, in
+deren wunderbaren Talenten das Heil des Vaterlandes emporzukeimen
+schien. Außerdem war aber auch die nähere Verzweigung beider Familien
+schon deshalb in dem Augenblick politisch wichtig, weil man sie von
+verschiedenem Interesse beseelt glaubte, wie der Fall bei manchen
+andern Familien in Polen zutraf. Hermenegilda, ganz durchdrungen von
+diesen Ansichten, nahm den ihr bestimmten Gatten als ein Geschenk des
+Vaterlandes auf, und so wurden mit ihrer feierlichen Verlobung die
+patriotischen Zusammenkünfte auf dem Gute des Vaters beschlossen. Es
+ist bekannt, daß die Polen unterlagen, daß mit Kosziuskos Fall eine
+zu sehr auf Selbstvertrauen und falsch vorausgesetzte Rittertreue
+basierte Unternehmung scheiterte. Graf Stanislaus, dem seine frühere
+militärische Laufbahn, seine Jugend und Kraft eine Stelle im
+Heer anwies, hatte mit Löwenmut gefochten. Mit Not schmählicher
+Gefangenschaft entgangen, auf den Tod verwundet, kam er zurück. Nur
+Hermenegilda fesselte ihn noch ans Leben, in ihren Armen glaubte er
+Trost, verlorne Hoffnung wiederzufinden. Sowie er nur leidlich von
+seinen Wunden genesen, eilte er auf die Güter des Grafen Nepomuk, um
+dort aufs neue, aufs schmerzlichste verwundet zu werden. Hermenegilda
+empfing ihn mit beinahe höhnender Verachtung. »Seh ich den Helden,
+der in den Tod gehen wollte für das Vaterland?« - So rief sie ihm
+entgegen; es war, als wenn sie in törichtem Wahnsinn den Bräutigam
+für einen jener Paladine der fabelhaften Ritterzeit gehalten, dessen
+Schwert allein Armeen vernichten konnte. Was halfen alle Beteuerungen,
+daß keine menschliche Kraft zu widerstehen vermochte dem brausenden,
+alles verschlingenden Strom, der sich über das Vaterland hinwälzte,
+was half alles Flehen der inbrünstigen Liebe, Hermenegilda, als
+könne sich ihr todkaltes Herz nur im wilden Treiben der Welthändel
+entzünden, blieb bei dem Entschluß, ihre Hand nur dann dem Grafen
+Stanislaus geben zu wollen, wenn die Fremden aus dem Vaterlande
+vertrieben sein würden. Der Graf sah zu spät ein, daß Hermenegilda ihn
+nie liebte, so wie er sich überzeugen mußte, daß die Bedingnis, die
+Hermenegilda aufstellte, vielleicht niemals, wenigstens erst in
+geraumer Zeit erfüllt werden konnte. Mit dem Schwur der Treue bis in
+den Tod verließ er die Geliebte und nahm französische Dienste, die ihn
+in den Krieg nach Italien führten. - Man sagt den polnischen Frauen
+nach, daß ein eignes launisches Wesen sie auszeichne. Tiefes Gefühl,
+sich hingebender Leichtsinn, stoische Selbstverleugnung, glühende
+Leidenschaft, todstarre Kälte, alles das, wie es bunt gemischt in
+ihrem Gemüte liegt, erzeugt das wunderliche unstete Treiben auf
+der Oberfläche, das dem _Spiel_ gleicht der in stetem Wechsel
+fortplätschernden Wellen des im tiefsten Grunde bewegten Bachs. -
+Gleichgültig sah Hermenegilda den Bräutigam scheiden, aber kaum waren
+einige Tage vergangen, als sie sich von solch unaussprechlicher
+Sehnsucht befangen fühlte, wie sie nur die glühendste Liebe erzeugen
+kann. Der Sturm des Krieges war verrauscht, die Amnestie wurde
+proklamiert, man entließ die polnischen Offiziere aus der
+Gefangenschaft. So geschah es, daß mehrere von Stanislaus'
+Waffenbrüdern sich nach und nach auf des Grafen Gute einfanden. Mit
+tiefem Schmerz gedachte man jener unglücklichen Tage, aber auch mit
+hoher Begeisterung des Löwenmuts, womit alle, aber keiner mehr als
+Stanislaus gefochten. Er hatte die zurückweichenden Bataillone, da, wo
+schon alles verloren schien, aufs neue ins Feuer geführt, es war ihm
+geglückt, die feindlichen Reihen mit seiner Reuterei zu durchbrechen.
+Das Schicksal des Tages wankte, da traf ihn eine Kugel und mit dem
+Ausruf: »Vaterland - Hermenegilda!« stürzte er in Blut gebadet vom
+Pferde herab. Jedes Wort dieser Erzählung war ein Dolchstich, der tief
+in Hermenegildas Herz fuhr. »Nein! ich wußt es nicht, daß ich ihn
+unaussprechlich liebte seit dem ersten Augenblick, als ich ihn sah!
+- Welch ein höllisches Blendwerk konnte mich Ärmste verführen, daß
+ich zu leben gedachte ohne ihn, der mein einziges Leben ist! - Ich
+habe ihn in den Tod geschickt - er kehrt nicht wieder!« - So brach
+Hermenegilda aus in stürmische Klagen, die allen in die Seele drangen.
+Schlaflos, von steter Unruhe gefoltert, durchirrte sie zur Nachtzeit
+den Park, und, als vermöge der Nachtwind ihre Worte hinzutragen zu
+dem fernen Geliebten, rief sie in die Lüfte hinein: »Stanislaus -
+Stanislaus - kehre zurück - ich bin es - Hermenegilda ist es, die dich
+ruft - hörst du mich denn nicht - kehre zurück, sonst muß ich vergehen
+in banger Sehnsucht, in trostloser Verzweiflung!«
+
+Hermenegildas überreizter Zustand schien übergehen zu wollen in
+wirklichen hellen Wahnsinn, der sie zu tausend Torheiten trieb. Graf
+Nepomuk, voll Kummer und Angst um das geliebte Kind, glaubte, daß
+ärztliche Hülfe hier vielleicht wirksam sein könnte, und es gelang ihm
+in der Tat, einen Arzt zu finden, der es sich gefallen ließ einige
+Zeit auf dem Gute zu bleiben und sich der Leidenden anzunehmen. So
+richtig berechnet seine mehr psychische als physische Kurmethode aber
+auch sein mochte, so wenig sich ihre Wirkung auch ganz ableugnen ließ,
+so blieb es doch zweifelhaft, ob von wirklichem Genesen jemals die
+Rede würde sein können, da nach langer Stille sich ganz unerwartet
+wieder die seltsamsten Paroxismen einstellten. Ein eignes Abenteuer
+gab der Sache eine andere Wendung. Hermenegilda hatte eben den kleinen
+Ulanen, ein Püppchen, das sie sonst wie den Geliebten ans Herz
+gedrückt, dem sie die süßesten Namen gegeben, unwillig ins Feuer
+geworfen, weil er durchaus nicht singen wollte: »Podrosz twoia nam
+niemila, milsza przyiaszn w Kraiwbyla etc.« Im Begriff, von dieser
+Expedition in ihr Zimmer zurückzukehren, befand sie sich auf dem
+Vorsaal, als es klingend und klirrend hinter ihr her schritt. Sie
+schaute um sich, erblickte einen Offizier in voller Uniform der
+französischen Jägergarde, der den linken Arm in der Binde trug, und
+stürzte mit dem lauten Ruf.- »Stanislaus, mein Stanislaus!« ihm
+ohnmächtig in die Arme. Der Offizier, eingewurzelt im Boden vor
+Erstaunen und Überraschung, hatte nicht wenig Mühe Hermenegilda, die,
+groß und üppig gebaut, eben keine geringe Last war, mit einem Arm,
+dessen er nur mächtig, aufrecht zu erhalten. Er drückte sie fest
+und fester an sich, und indem er Hermenegildas Herz an seiner
+Brust schlagen fühlte, mußte er sich gestehen, daß dies eins der
+entzückendsten Abenteuer sei, das er je erlebt. Sekunde auf Sekunde
+verging, der Offizier ganz entzündet vom Liebesfeuer, das in tausend
+elektrischen Funken der holden Gestalt, die er in seinen Armen hielt,
+entströmte, drückte glühende Küsse auf die süßen Lippen. So fand ihn
+Graf Nepomuk, der aus seinen Zimmern trat. Auch er rief aufjauchzend
+vor Freude: »Graf Stanislaus!« - In dem Augenblick erwachte
+Hermenegilda, und umschlang ihn inbrünstig, indem sie ganz außer sich
+von neuem rief. »Stanislaus! - mein Geliebter! mein Gatte!« - Der
+Offizier im ganzen Gesicht glühend, zitternd - außer aller Fassung,
+trat einen Schritt zurück, indem er sich sanft Hermenegildas
+stürmischer Umarmung entzog. »Es ist der süßeste Augenblick meines
+Lebens - aber nicht schwelgen will ich in der Seligkeit, die mir nur
+ein Irrtum bereitet - ich bin ja nicht Stanislaus - ach ich bin es
+ja nicht.« - So sprach der Offizier stotternd und zagend; entsetzt
+prallte Hermenegilda zurück, und als sie sich, den Offizier schärfer
+ins Auge fassend, überzeugt, daß die freilich ganz wunderbare
+Ähnlichkeit des Offiziers mit dem Geliebten sie getäuscht, eilte sie
+fort laut jammernd und klagend. Graf Nepomuk konnte, da der Offizier
+sich nun als den jüngern Vetter des Grafen Stanislaus, als den Grafen
+Xaver von R. kund tat, es kaum für möglich halten, daß der Knabe in
+so kurzer Zeit zum kräftigen Jünglinge herangewachsen. Freilich kam
+hinzu, daß die Strapazen des Kriegs dem Gesicht, der ganzen Haltung,
+einen männlichern Charakter gaben, als es sonst der Fall gewesen sein
+würde. Graf Xaver hatte nämlich mit seinem ältern Vetter Stanislaus
+zugleich das Vaterland verlassen, wie er, französische Kriegsdienste
+genommen und in Italien gefochten. Damals kaum achtzehn Jahre alt,
+zeichnete er sich doch bald, als besonnener und löwenkühner Kriegsheld
+auf solche Weise aus, daß ihn der Feldherr zu seinem Adjutanten erhob,
+und jetzt war er, ein zwanzigjähriger Jüngling, schon zum Obristen
+heraufgestiegen. Erhaltene Wunden, nötigten ihn einige Zeit
+auszuruhen. Er kehrte in das Vaterland zurück, und Aufträge von
+Stanislaus an die Geliebte führten ihn auf den Landsitz des Grafen
+Nepomuk, wo er empfangen wurde, als sei er der Geliebte selbst. Graf
+Nepomuk und der Arzt, beide gaben sich alle nur ersinnliche Mühe,
+Hermenegilda, die ganz vernichtet von Scham und bitterm Schmerz, ihr
+Zimmer nicht verlassen wollte, solange Xaver im Hause, zu beruhigen,
+aber umsonst. Xaver war außer sich, daß er Hermenegilda nicht
+wiedersehen sollte. Er schrieb ihr, daß er unverschuldet eine für ihn
+unglückliche Ähnlichkeit zu hart büße. Aber nicht ihn allein, sondern
+den Geliebten Stanislaus selbst träfe das von jenem verhängnisvollen
+Moment erzeugte Mißgeschick, da ihm, dem Überbringer süßer
+Liebesbotschaft, jetzt alle Gelegenheit geraubt worden, ihr selbst,
+wie er gesollt, den Brief, den er von Stanislaus bei sich trage,
+einzuhändigen, und noch alles von Mund zu Mund hinzuzufügen, was
+Stanislaus in der Hast des Augenblicks nicht mehr schreiben konnte.
+Hermenegildas Kammerfrau, die Xaver in sein Interesse gezogen,
+übernahm die Bestellung zur günstigen Stunde, und was dem Vater, dem
+Arzt nicht gelungen, bewirkte Xaver durch sein Schreiben. Hermenegilda
+entschloß sich ihn zu sehen. In tiefem Schweigen, mit niedergesenktem
+Blick empfing sie ihn in ihrem Gemach. Xaver nahte sich mit leisem
+schwankenden Schritt, er nahm Platz vor dem Sofa, auf dem sie saß,
+aber indem er sich herabbeugte von dem Stuhl, kniete er mehr vor
+Hermenegilda, als daß er saß, und so flehte er in den rührendsten
+Ausdrücken, mit einem Ton, als habe er sich des unverzeihlichsten
+Verbrechens anzuklagen, nicht auf sein Haupt möge sie die Schuld des
+Irrtums laden, der ihn die Seligkeit des geliebten Freundes empfinden
+lassen. Nicht ihn, nein Stanislaus selbst habe sie in der Wonne des
+Wiedersehens umarmt. Er übergab den Brief, und fing an von Stanislaus
+zu erzählen, wie er mit echt ritterlicher Treue selbst im blutigen
+Kampf seiner Dame gedenke, wie nur sein Herz glühe für Freiheit
+und Vaterland usw. Xaver erzählte mit lebendigem Feuer, er riß
+Hermenegilden hin, die alle Scheu bald überwunden, den zauberischen
+Blick ihrer Himmelsaugen unverwandt auf ihn richtete, so daß er, ein
+neuer, von Turandots Blick getroffener, Kalaf, durchbebt von süßer
+Wonne, nur mühsam die Erzählung fortspann. Ohne es selbst zu wissen,
+bedrängt von dem innern Kampf gegen die Leidenschaft, die in hellen
+Flammen auflodern wollte, verlor er sich in die weitläuftige
+Beschreibung einzelner Gefechte. Er sprach von Kavallerieangriffen -
+gesprengten Massen - eroberten Batterien. - Ungeduldig unterbrach ihn
+Hermenegilda, indem sie rief. »Oh, weg mit diesen blutigen Szenen
+eines Schauspiels der Hölle - sage - sage mir nur, daß er mich liebt,
+daß Stanislaus mich liebt!« - Da ergriff Xaver, ganz ermutigt,
+Hermenegildas Hand, die er heftig an seine Brust drückte. »Höre
+ihn selbst, deinen Stanislaus!« so rief er, und nun strömten die
+Beteurungen der glühendsten Liebe, wie sie nur dem Wahnsinn der
+verzehrendsten Leidenschaft eigen, von seinen Lippen. Er war zu
+Hermenegildas Füßen gesunken, sie hatte ihn mit beiden Armen
+umschlungen, aber indem er, schnell aufgesprungen, sie an seine Brust
+drücken wollte, fühlte er sich heftig zurückgestoßen. Hermenegilda
+sah ihn mit starrem seltsamen Blick an und sprach mit dumpfer Stimme:
+»Eitle Puppe, wenn ich dich auch zum Leben erwärme an meiner Brust, so
+bist du doch nicht Stanislaus, und kannst es auch nimmer werden!« -
+Hierauf verließ sie das Zimmer mit leisen langsamen Schritten. Xaver
+sah zu spät seine Unbesonnenheit ein. Daß er bis zum Wahnsinn in
+Hermenegilda, in die Braut des verwandten Freundes verliebt sei,
+fühlte er nur zu lebhaft, ebenso aber auch, daß er bei jedem Schritt,
+den er zugunsten seiner törichten Leidenschaft zu tun gesonnen, sich
+würde treulosen Freundschaftsbruch vorwerfen müssen. Schnell abreisen,
+ohne Hermenegilda wiederzusehen, das war der heroische Entschluß, den
+er wirklich auf der Stelle so weit ausführte, daß er zu packen und
+seinen Wagen anzuspannen befahl. Graf Nepomuk war hoch verwundert, als
+Xaver von ihm Abschied nahm; er bot alles auf ihn festzuhalten, doch
+mit einer Festigkeit, mehr von einer Art Krampf, als von wahrer
+Geistesstärke erzeugt, blieb Xaver dabei, daß besondere Ursachen ihn
+forttrieben. Den Säbel umgeschnallt, die Feldmütze in der Hand, stand
+er in der Mitte des Zimmers, der Bediente mit dem Mantel auf dem
+Vorsaal - unten vor der Türe wieherten ungeduldig die Pferde. - Da
+ging die Tür auf, Hermenegilda trat herein, mit unbeschreiblicher
+Anmut schritt sie auf den Grafen zu, und sprach hold lächelnd: »Sie
+wollen fort, lieber Xaver? - und noch so vieles dacht ich von meinem
+geliebten Stanislaus zu hören! - Wissen Sie wohl, daß mich Ihre
+Erzählungen wunderbar trösten?« - Xaver schlug hocherrötend die Augen
+nieder, man nahm Platz, Graf Nepomuk versicherte ein Mal über das
+andere, seit vielen Monaten habe er Hermenegilda nicht in dieser
+heitern unbefangenen Stimmung gesehen. Auf seinen Wink wurde, da die
+Zeit herangekommen, die Abendtafel in demselben Zimmer bereitet. Der
+edelste Ungarwein perlte in den Gläsern, und volle Glut auf den Wangen
+nippte Hermenegilda aus dem gefüllten Pokal hochfeiernd das Andenken
+des Geliebten, Freiheit und Vaterland. Zur Nacht reise ich fort,
+dachte Xaver im Innern, und frug in der Tat, als die Tafel aufgehoben,
+den Bedienten, ob der Wagen warte; der, erwiderte der Bediente, sei
+längst, wie Graf Nepomuk befohlen, abgepackt und abgespannt in die
+Remise geschoben, die Pferde fräßen im Stall und Woyciech schnarche
+unten auf dem Strohsack. Xaver ließ es dabei bewenden. Hermenegildas
+unvermutete Erscheinung hatte den Grafen überzeugt, daß es nicht
+allein möglich, sondern auch rätlich und angenehm sei zu bleiben, und
+von dieser Überzeugung kam er zu der andern, daß es nur darauf ankomme
+sich zu besiegen, das heißt, Ausbrüchen der innern Leidenschaft zu
+wehren, die, den geisteskranken Zustand Hermenegildas aufreizend, nur
+ihm in jeder Hinsicht verderblich werden könnten. Wie dann nun alles
+sich weiter fügen würde, so beschloß Xaver seine Betrachtung, sollte
+selbst Hermenegilda aus ihren Träumen erwacht, die heitere Gegenwart
+der düstern Zukunft vorziehen, das liege denn alles in der
+Konstellation zusammenwirkender Umstände und an Treulosigkeit, an
+Freundschaftsbruch sei nicht zu denken. Sowie Xaver andern Tages
+Hermenegilden wiedersah, gelang es ihm in der Tat, indem er sorglich
+auch das Kleinste vermied, was sein zu heißes Blut hätte in Wallung
+setzen können, seine Leidenschaft niederzukämpfen. In den Schranken
+der strengsten Sitte bleibend, ja selbst ein frostig Zeremoniell
+beachtend, gab er nur dem Gespräch die Schwingen jener Galanterie, die
+den Weibern mit süßem Zucker verderbliches Gift beibringt. Xaver, ein
+zwanzigjähriger Jüngling, in eigentlichen Liebeshändeln unerfahren,
+entfaltete, von dem sichern Takt fürs Böse im Innern geleitet,
+die Kunst des erfahrenen Meisters. Nur von Stanislaus, von seiner
+unaussprechlichen Liebe zur süßen Braut, sprach er, aber durch die
+volle Glut, die er dann entzündet, wußte er geschickt sein eignes Bild
+durchschimmern zu lassen, so daß Hermenegilda in arger Verwirrung
+selbst nicht wußte, wie beide Bilder, das des abwesenden Stanislaus
+und das des gegenwärtigen Xaver, trennen. Xavers Gesellschaft wurde
+bald der aufgeregten Hermenegilda zum Bedürfnis, und so geschah
+es, daß man sie beinahe beständig, und oft wie im traulichen
+Liebesgespräch zusammen sah. Die Gewohnheit überwand mehr und mehr
+Hermenegildas Scheu und in eben dem Grade überschritt Xaver jene
+Schranken des frostigen Zeremoniells, in die er sich anfangs mit
+klugem Vorbedacht gebannt hatte. Arm in Arm gingen Hermenegilda
+und Xaver in dem Park umher, und sorglos ließ sie ihre Hand in der
+seinigen, wenn er im Zimmer neben ihr sitzend von dem glücklichen
+Stanislaus erzählte. Kam es nicht auf Staatshändel, auf die Sache
+des Vaterlandes an, so war Graf Nepomuk eben keines Blickes in die
+Tiefe fähig, er begnügte sich mit dem, was er auf der Oberfläche
+wahrzunehmen imstande, sein für alles übrige totes Gemüt vermochte die
+vorüberfliehenden Bilder des Lebens nur dem Spiegel gleich im Moment
+zu reflektieren, spurlos schwanden sie dahin. Ohne Hermenegildas
+inneres Wesen zu ahnen, hielt er es für gut, daß sie endlich die
+Püppchen, die bei ihrem törigten wahnsinnigen Treiben den Geliebten
+vorstellen mußten, mit einem lebendigen Jüngling vertauscht, und
+glaubte mit vieler Schlauheit vorauszusehen, daß Xaver, der ihm als
+Schwiegersohn ebenso lieb, bald ganz in Stanislaus' Stelle treten
+werde. Er dachte nicht mehr an den treuen Stanislaus. Xaver glaubte
+dieses ebenfalls, da nun, nachdem ein paar Monate vergangen,
+Hermenegilda, so sehr ihr ganzes Wesen auch von dem Andenken an
+Stanislaus erfüllt schien, es sich doch gefallen ließ, daß Xaver
+mehr und mehr sich ihr annäherte mit eigner Bewerbung. Eines Morgens
+hieß es, daß Hermenegilda sich in ihre Gemächer mit der Kammerfrau
+eingeschlossen habe, und durchaus niemanden sehen wolle. Graf Nepomuk
+glaubte nicht anders, als daß ein neuer Paroxismus eingetreten sei,
+der sich bald legen werde. Er bat den Grafen Xaver, die Gewalt, die er
+über Hermenegilda gewonnen, jetzt zu ihrem Heil zu üben, wie erstaunte
+er aber, als Xaver es nicht allein durchaus verweigerte, sich
+Hermenegilden auf irgend eine Weise zu nähern, sondern sich auch in
+seinem ganzen Wesen auf eigne Art verändert zeigte. Statt wie sonst
+beinahe zu keck aufzutreten, war er verschüchtert, als habe er
+Gespenster gesehen, der Ton seiner Stimme schwankend - der Ausdruck
+matt und unzusammenhängend. - Er sprach davon, daß er nun durchaus
+nach Warschau müßte, daß er Hermenegilden wohl niemals wiedersehen
+werde - daß in der letzten Zeit ihr verstörtes Wesen ihm Grauen
+und Entsetzen erregt - daß er Verzicht geleistet auf alles Glück
+der Liebe, daß er nun erst in der an Wahnsinn grenzenden Treue
+Hermenegildas, die Treulosigkeit, die er an dem Freunde begehen
+wollen, zu seiner tiefsten Beschämung fühle, daß schleunige Flucht
+sein einziges Rettungsmittel sei. Graf Nepomuk begriff alles
+nicht, nur schien es ihm endlich klar zu werden, daß Hermenegildas
+wahnsinnige Schwärmerei den Jüngling angesteckt. Er suchte ihm dies
+zu beweisen, doch umsonst. Xaver widerstrebte um so heftiger, als
+dringender Nepomuk ihm die Notwendigkeit bewies, daß er Hermenegilda
+von allen Bizarrerien heilen, folglich sie wiedersehen müsse.
+Schnell war der Streit geendet, als Xaver, wie von unsichtbarer
+unwiderstehlicher Gewalt getrieben, hinabrannte, sich in den Wagen
+warf und davonfuhr.
+
+Graf Nepomuk, voller Gram und Zorn über Hermenegildas Betragen,
+bekümmerte sich nicht mehr um sie, und so geschah es, daß mehrere Tage
+vergingen, die sie ungestört, auf ihrem Zimmer eingeschlossen, von
+niemanden als ihrer Kammerfrau gesehen, zubrachte.
+
+In tiefen Gedanken, ganz erfüllt von den Heldentaten jenes Mannes, den
+die Polen damals anbeteten wie ein falsches Götzenbild, saß Nepomuk
+eines Tages in seinem Zimmer, als die Tür aufging und Hermenegilda
+in voller Trauer mit lang herabhängendem Witwenschleier eintrat.
+Langsamen feierlichen Schrittes nahte sie sich dem Grafen, ließ sich
+dann auf die Knie nieder und sprach mit bebender Stimme: »O mein Vater
+- Graf Stanislaus, mein geliebter Gatte, ist hinüber - er fiel als
+Held im blutigen Kampf: - vor dir kniet seine bejammernswerte Witwe!«
+- Graf Nepomuk mußte dies um so mehr für einen neuen Ausbruch der
+zerrütteten Gemütsstimmung Hermenegildas halten, als noch Tages zuvor
+Nachrichten von dem Wohlbefinden des Grafen Stanislaus eingelaufen
+waren. Er hob Hermenegilden sanft auf, indem er sprach: »Beruhige dich
+liebe Tochter, Stanislaus ist wohl, bald eilt er in deine Arme.« -
+Da atmete Hermenegilda auf wie im schweren Todesseufzer und sank von
+wildem Schmerz zerrissen neben dem Grafen hin in die Polster des
+Sofas. Doch nach wenigen Sekunden wieder zu sich selbst gekommen,
+sprach sie mit wunderbarer Ruhe und Fassung: »Laß es mich dir sagen,
+lieber Vater! wie sich alles begeben, denn du mußt es wissen, damit du
+in mir die Witwe des Grafen Stanislaus von R. erkennest. - Wisse, daß
+ich vor sechs Tagen in der Abenddämmerung mich in dem Pavillon an der
+Südseite unseres Parks befand. Alle meine Gedanken, mein ganzes Wesen
+dem Geliebten zugewendet, fühlt ich meine Augen sich unwillkürlich
+schließen, nicht in Schlaf, nein, in einen seltsamen Zustand versank
+ich, den ich nicht anders nennen kann, als waches Träumen. Aber bald
+schwirrte und dröhnte es um mich her, ich vernahm ein wildes Getümmel,
+es fiel ganz in der Nähe Schuß auf Schuß. Ich fuhr auf, und war nicht
+wenig erstaunt mich in einer Feldhütte zu befinden. Vor mir kniete er
+selbst - mein Stanislaus. - Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich
+drückte ihn an meine Brust - >Gelobt sei Gott<, rief er, >du lebst, du
+bist mein!< - Er sagte mir, ich sei gleich nach der Trauung in tiefe
+Ohnmacht gesunken, und ich törigt Ding erinnerte mich jetzt erst, daß
+ja Pater Cyprianus, den ich in diesem Augenblick erst zur Feldhütte
+hinausschreiten sah, uns ja eben in der nahen Kapelle unter dem Donner
+des Geschützes, unter dem wilden Toben der nahen Schlacht getraut
+hatte. Der goldne Trauring blinkte an meinem Finger. Die Seligkeit,
+mit der ich nun aufs neue den Gatten umarmte, war unbeschreiblich; nie
+gefühltes namenloses Entzücken des beglückten Weibes durchbebte mein
+Inneres - mir schwanden die Sinne - da wehte es mich an mit eiskaltem
+Frost - ich schlug die Augen auf - entsetzlich! mitten im Gewühl der
+wilden Schlacht - vor mir die brennende Feldhütte, aus der man mich
+wahrscheinlich gerettet! - Stanislaus bedrängt von feindlichen Reitern
+- Freunde sprengen heran ihn zu retten - zu spät, von hinten haut
+ihn ein Reiter herab vom Pferde.« - Aufs neue sank Hermenegilda
+überwältigt von dem entsetzlichen Schmerz ohnmächtig zusammen. Nepomuk
+eilte nach stärkenden Mitteln, doch es bedurfte ihrer nicht, mit
+wunderbarer Kraft faßte sich Hermenegilda zusammen. »Der Wille des
+Himmels ist erfüllt«, sprach sie dumpf und feierlich, »nicht zu klagen
+ziemt es mir, aber bis zum Tode dem Gatten treu, soll kein irdisches
+Bündnis mich von ihm trennen. Um ihn trauern, für ihn, für unser Heil
+beten, das ist jetzt meine Bestimmung, und nichts soll diese mir
+verstören.« Graf Nepomuk mußte mit vollem Recht glauben, daß der
+innerlich brütende Wahnsinn Hermenegildas sich durch jene Vision Luft
+gemacht habe, und da die ruhige klösterliche Trauer Hermenegildas um
+den Gatten kein ausschweifendes beunruhigendes Treiben zuließ, so
+war dem Grafen Nepomuk dieser Zustand, den die Ankunft des Grafen
+Stanislaus schnell enden mußte, ganz recht. Ließ Nepomuk zuweilen
+etwas von Träumereien und Visionen fallen, so lächelte Hermenegilda
+schmerzlich, dann drückte sie aber den goldnen Ring, den sie am Finger
+trug, an den Mund und benetzte ihn mit heißen Tränen. Graf Nepomuk
+bemerkte mit Erstaunen, daß dieser Ring wirklich ein ganz fremder war,
+den er nie bei seiner Tochter gesehen, da es indessen tausend Fälle
+gab, wie sie dazu gekommen sein konnte, so gab er sich nicht einmal
+die Mühe weiter nachzuforschen. Wichtiger war ihm die böse Nachricht,
+daß Graf Stanislaus in feindliche Gefangenschaft geraten sei.
+Hermenegilda fing an auf eigne Weise zu kränkeln, sie klagte oft über
+eine seltsame Empfindung, die sie eben nicht Krankheit nennen könne,
+die aber ihr ganzes Wesen auf seltsame Art durchbebe. Um diese Zeit
+kam Fürst Z. mit seiner Gemahlin. Die Fürstin hatte, als Hermenegildas
+Mutter frühzeitig starb, ihre Stelle vertreten und schon deshalb wurde
+sie von ihr mit kindlicher Hingebung empfangen. Hermenegilda erschloß
+der würdigen Frau ihr ganzes Herz und klagte mit der bittersten
+Wehmut, daß, unerachtet sie für die Wahrheit aller Umstände rücksichts
+der wirklich vollzogenen Trauung mit Stanislaus, die überzeugendsten
+Beweise habe, man sie doch eine wahnsinnige Träumerin schelte. Die
+Fürstin, von allem unterrichtet und von Hermenegildas zerrüttetem
+Gemütszustande überzeugt, hütete sich wohl ihr zu widersprechen; sie
+begnügte sich damit, ihr zu versichern, daß die Zeit alles aufklären
+werde und daß es wohlgetan sei, sich in frommer Demut dem Willen
+des Himmels ganz zu ergeben. Aufmerksamer wurde die Fürstin,
+als Hermenegilda von ihrem körperlichen Zustande sprach und die
+sonderbaren Anfälle beschrieb, die ihr Inneres zu verstören schienen.
+Man sah, wie die Fürstin mit der ängstlichsten Sorgfalt über
+Hermenegilda wachte und wie ihre Bekümmernis in dem Grade stieg, als
+Hermenegilda sich ganz zu erholen schien. Die todblassen Wangen und
+Lippen röteten sich wieder, die Augen verloren das düstre unheimliche
+Feuer, der Blick wurde mild und ruhig, die abgemagerten Formen
+rundeten sich mehr und mehr, kurz Hermenegilda blühte ganz auf in
+voller Jugend und Schönheit. Und doch schien die Fürstin sie für
+kränker als jemals zu halten, denn: »Wie ist dir, was hast du mein
+Kind? - was fühlst du?« so frug sie, quälende Besorgnis im Gesicht,
+sobald Hermenegilda nur seufzte oder im mindesten erblaßte. Graf
+Nepomuk, der Fürst, die Fürstin berateten sich, was es denn nun werden
+solle mit Hermenegilda und ihrer fixen Idee, Stanislaus' Witwe zu
+sein. »Ich glaube leider«, sprach der Fürst, »daß ihr Wahnsinn
+unheilbar bleiben wird, denn sie ist körperlich kerngesund und nährt
+den zerrütteten Zustand ihrer Seele mit voller Kraft. - Ja«, fuhr er
+fort, als die Fürstin schmerzlich vor sich hinblickte, »ja sie ist
+kerngesund, unerachtet sie zur Ungebühr und zu ihrem offenbaren
+Nachteil wie eine Kranke gepflegt, gehätschelt und geängstet wird.«
+Die Fürstin, welche diese Worte trafen, faßte den Grafen Nepomuk ins
+Auge und sprach rasch und entschieden: »Nein! - Hermenegilda ist nicht
+krank, aber, läge es nicht im Reich der Unmöglichkeit, daß sie sich
+vergangen haben könnte, so würde ich überzeugt sein, daß sie sich in
+guter Hoffnung befinde.« Damit stand sie auf und verließ das Zimmer.
+Wie vom Blitz getroffen starrten sich Graf Nepomuk und der Fürst
+an. Dieser, zuerst das Wort aufnehmend, meinte, daß seine Frau auch
+zuweilen von den sonderbarsten Visionen heimgesucht werde. Graf
+Nepomuk sprach aber sehr ernst: »Die Fürstin hat darin recht, daß
+ein Vergehen der Art von seiten Hermenegildas durchaus im Reich der
+Unmöglichkeit liegt, wenn ich dir aber sage, daß, als Hermenegilda
+gestern vor mir herging, mir es selbst wie ein närrischer Gedanke
+durch den Sinn fuhr: >Nun seht einmal, die junge Witwe ist ja guter
+Hoffnung<; daß dieser Gedanke offenbar nur durch das Betrachten ihrer
+Gestalt erzeugt werden konnte, wenn ich dir das alles sage, so wirst
+du es natürlich finden, wie die Worte der Fürstin mich mit trüber
+Besorgnis, ja mit der peinlichsten Angst erfüllen.« - »So muß«,
+erwiderte der Fürst, »der Arzt oder die weise Frau entscheiden und
+entweder das vielleicht voreilige Urteil der Fürstin vernichtet oder
+unsere Schande bestätigst werden.« Mehrere Tage schwankten beide von
+Entschluß zu Entschluß. Beiden wurden Hermenegildas Formen verdächtig,
+die Fürstin sollte entscheiden was jetzt zu tun. Sie verwarf die
+Einmischung eines vielleicht plauderhaften Arztes und meinte, daß
+andere Hülfe wohl erst in fünf Monaten nötig sein würde. »Welche
+Hülfe?« schrie Graf Nepomuk entsetzt. »Ja«, fuhr die Fürstin mit
+erhöhter Stimme fort, »es ist nun gar kein Zweifel mehr, Hermenegilda
+ist entweder die verruchteste Heuchlerin, die jemals geboren, oder
+es waltet ein unerforschliches Geheimnis - genug, sie ist guter
+Hoffnung!« Ganz erstarrt vor Schreck fand Graf Nepomuk keine Worte;
+endlich sich mühsam ermannend beschwor er die Fürstin, koste es was es
+wolle, von Hermenegilda selbst zu erforschen, wer der Unglückselige
+sei, der die unauslöschliche Schmach über sein Haus gebracht. »Noch«,
+sprach die Fürstin, »noch ahnet Hermenegilda nicht, daß ich um ihren
+Zustand weiß. Von dem Moment, wenn ich es ihr sagen werde, wie es um
+sie steht, verspreche ich mir alles. Überrascht wird sie die Larve der
+Heuchlerin fallen lassen oder es muß sich sonst ihre Unschuld auf eine
+wunderbare Weise offenbaren, unerachtet ich es auch nicht zu träumen
+vermag, wie dies sollte geschehen können.« Noch denselben Abend war
+die Fürstin mit Hermenegilda, deren mütterliches Ansehn mit jeder
+Stunde zuzunehmen schien, allein auf ihrem Zimmer. Da ergriff die
+Fürstin das arme Kind bei beiden Armen, blickte ihr scharf ins Auge
+und sagte mit schneidendem Ton: »Liebe, du bist guter Hoffnung!« Da
+schlug Hermenegilda den wie von himmlischer Wonne verklärten Blick
+in die Höhe und rief mit dem Ton des höchsten Entzückens: »O Mutter,
+Mutter, ich weiß es ja! - Lange fühlt ich es, daß ich, fiel auch
+der teure Gatte unter den mörderischen Streichen der wilden Feinde,
+dennoch unaussprechlich glücklich sein sollte. Ja! - jener Moment
+meines höchsten irdischen Glücks lebt in mir fort, ich werde ihn ganz
+wieder haben den geliebten Gatten in dem teuern Pfande des süßen
+Bundes.« Der Fürstin war es, als finge sich alles an um sie zu drehen,
+als wollten ihr die Sinne schwinden. Die Wahrheit in Hermenegildas
+Ausdruck - ihr Entzücken, ihre wahrhafte Verklärung ließ keinen
+Gedanken an erheucheltes Wesen, an Trug aufkommen und doch konnte
+nur toller Wahnsinn auf ihre Behauptung etwas geben. Von dem letzten
+Gedanken ganz erfaßt, stieß die Fürstin Hermenegilda von sich, indem
+sie heftig rief. »Unsinnige! Ein Traum hätte dich in den Zustand
+versetzt, der Schmach und Schande über uns alle bringt! - glaubst du,
+daß du mich mit albernen Märchen zu hintergehen vermagst? - Besinne
+dich - laß alle Ereignisse der vorigen Tage dir vorübergehen. Ein
+reuiges Bekenntnis kann uns vielleicht versöhnen.« In Tränen gebadet,
+ganz aufgelöst von herbem Schmerz sank Hermenegilda vor der Fürstin
+auf die Knie und jammerte: »Mutter, auch du schiltst mich eine
+Träumerin, auch du glaubst nicht daran, daß die Kirche mich mit
+Stanislaus verband, daß ich sein Weib bin? - Aber sieh doch nur hier
+den Ring an meinem Finger was sage ich! - _Du_, _du_ kennst ja meinen
+Zustand, ist denn das nicht genug dich zu überzeugen, daß ich nicht
+träumte?« Die Fürstin nahm mit dem tiefsten Erstaunen wahr, daß
+Hermenegilden der Gedanke eines Vergehens gar nicht einkam, daß sie
+die Hindeutung darauf gar nicht aufgefaßt, gar nicht verstanden. Der
+Fürstin ihre Hände heftig an die Brust drückend, flehte Hermenegilda
+immerfort, sie möge doch nur jetzt, da es ihr Zustand außer Zweifel
+setze, an ihren Gatten glauben, und die ganz bestürzte, ganz außer
+sich gesetzte Frau wußte in der Tat selbst nicht mehr, was sie der
+Armen sagen, welchen Weg sie überhaupt einschlagen sollte, dem
+Geheimnis, das hier walten mußte, auf die Spur zu kommen. Erst nach
+mehreren Tagen erklärte die Fürstin dem Gemahl und dem Grafen Nepomuk,
+daß es unmöglich sei von Hermenegilda, die sich von dem Gatten
+schwanger glaube, mehr herauszubringen, als wovon sie selbst im
+Innersten der Seele überzeugt sei. Die Männer voller Zorn schalten
+Hermenegilda eine Heuchlerin und insonderheit schwur Graf Nepomuk,
+daß, wenn gelinde Mittel sie nicht von dem wahnsinnigen Gedanken, ihm
+ein abgeschmacktes Märchen aufzuheften, zurückbringen würden, er es
+mit strengen Maßregeln versuchen werde. Die Fürstin meinte dagegen,
+daß jede Strenge eine zwecklose Grausamkeit sein würde. Überzeugt sei
+sie nämlich, wie gesagt, daß Hermenegilda keinesweges heuchle, sondern
+daran, was sie sage, mit voller Seele glaube. »Es gibt«, fuhr sie
+fort, »noch manches Geheimnis in der Welt, das zu begreifen wir
+gänzlich außerstande sind. Wie, wenn das lebhafte Zusammenwirken des
+Gedankens auch eine physische Wirkung haben könnte, wie wenn eine
+geistige Zusammenkunft zwischen Stanislaus und Hermenegilda sie in den
+uns unerklärlichen Zustand versetzte?« Unerachtet alles Zorns, aller
+Bedrängnis des fatalen Augenblicks konnten sich der Fürst und Graf
+Nepomuk doch des lauten Lachens nicht enthalten, als die Fürstin
+diesen Gedanken äußerte, den die Männer den sublimsten nannten, der
+je das Menschliche ätherisiert habe. Die Fürstin blutrot im ganzen
+Gesicht meinte, daß den rohen Männern der Sinn für dergleichen
+abginge, daß sie das ganze Verhältnis, in das ihr armes Kind,
+an dessen Unschuld sie unbedingt glaube, geraten, anstößig und
+abscheulich finde, und daß eine Reise, die sie mit ihr zu unternehmen
+gedenke, das einzige und beste Mittel sei, sie der Arglist, dem Hohne
+ihrer Umgebung zu entziehen. Graf Nepomuk war mit diesem Vorschlage
+sehr zufrieden, denn da Hermenegilda selbst gar kein Geheimnis aus
+ihrem Zustande machte, so mußte sie, sollte ihr Ruf verschont bleiben,
+freilich aus dem Kreise der Bekannten entfernt werden.
+
+Dies ausgemacht, fühlten sich alle beruhigt. Graf Nepomuk dachte kaum
+mehr an das beängstigende Geheimnis selbst, als er nur die Möglichkeit
+sah, es der Welt, deren Hohn ihm das bitterste war, zu verbergen, und
+der Fürst urteilte sehr richtig, daß bei der seltsamen Lage der Dinge,
+bei Hermenegildas unerheucheltem Gemütszustande freilich gar nichts
+anders zu tun sei, als die Auflösung des wunderbaren Rätsels der Zeit
+zu überlassen. Eben wollte man nach geschlossener Beratung auseinander
+gehen, als die plötzliche Ankunft des Grafen Xaver von R. über alle
+neue Verlegenheit neue Kümmernis brachte. Erhitzt von dem scharfen
+Ritt, über und über mit Staub bedeckt, mit der Hast eines von wilder
+Leidenschaft Getriebenen stürzte er ins Zimmer und rief, ohne Gruß,
+alle Sitte nicht beachtend, mit starker Stimme: »Er ist tot, Graf
+Stanislaus! nicht in Gefangenschaft geriet er - nein - er wurde
+niedergehauen von den Feinden - hier sind die Beweise!« - Damit
+steckte er mehrere Briefe, die er schnell hervorgerissen, dem Grafen
+Nepomuk in die Hände. Dieser fing ganz bestürzt an zu lesen. Die
+Fürstin sah in die Blätter hinein, kaum hatte sie wenige Zeilen
+erhascht, als sie mit zum Himmel emporgerichtetem Blick die Hände
+zusammenschlug und schmerzlich ausrief: »Hermenegilda! - armes Kind!
+- welches unerforschliche Geheimnis!« - Sie hatte gefunden, daß
+Stanislaus' Todestag gerade mit Hermenegildas Angabe zusammentraf, daß
+sich alles so begeben, wie sie es in dem verhängnisvollen Augenblick
+geschaut hatte. »Er ist tot«, sprach nun Xaver rasch und feurig,
+»Hermenegilda ist frei, mir, der ich sie liebe wie mein Leben,
+steht nichts mehr entgegen, ich bitte um ihre Hand!« - Graf Nepomuk
+vermochte nicht zu antworten, der Fürst nahm das Wort und erklärte,
+daß gewisse Umstände es ganz unmöglich machten, jetzt auf seinen
+Antrag einzugehen, daß er in diesem Augenblick nicht einmal
+Hermenegilda sehen könne, daß es also das beste sei, sich wieder
+schnell zu entfernen, wie er gekommen. Xaver entgegnete, daß er
+Hermenegildas zerrütteten Gemütszustand, von dem wahrscheinlich die
+Rede sei, recht gut kenne, daß er dies aber um so weniger für ein
+Hindernis halte, als gerade seine Verbindung mit Hermenegilda jenen
+Zustand enden würde. Die Fürstin versicherte ihm, daß Hermenegilda
+ihrem Stanislaus Treue bis in den Tod geschworen, jede andere
+Verbindung daher verwerfen würde, übrigens befinde sie sich gar nicht
+mehr auf dem Schlosse. Da lachte Xaver laut auf und meinte, nur des
+Vaters Einwilligung bedürfe er; Hermenegildas Herz zu rühren, das
+solle man nur ihm überlassen. Ganz erzürnt über des Jünglings
+ungestüme Zudringlichkeit erklärte Graf Nepomuk, daß er in diesem
+Augenblick vergebens auf seine Einwilligung hoffe und nur sogleich
+das Schloß verlassen möge. Graf Xaver sah ihn starr an, öffnete die
+Tür des Vorsaals und rief hinaus, Woyciech solle den Mantelsack
+hereinbringen, die Pferde absatteln und in den Stall führen. Dann kam
+er ins Zimmer zurück, warf sich in den Lehnstuhl, der dicht am Fenster
+stand, und erklärte ruhig und ernst: ehe er Hermenegilda gesehen und
+gesprochen, werde ihn nur offne Gewalt vom Schlosse wegtreiben. Graf
+Nepomuk meinte, daß er dann auf einen recht langen Aufenthalt rechnen
+könne, übrigens aber erlauben müsse, daß er seinerseits das Schloß
+verlasse. Alle, Graf Nepomuk, der Fürst und seine Gemahlin gingen
+hierauf aus dem Zimmer, um so schnell als möglich Hermenegilda
+fortzuschaffen. Der Zufall wollte indessen, daß sie gerade in dieser
+Stunde, ganz wider ihre sonstige Gewohnheit, in den Park gegangen war.
+Xaver, durch das Fenster blickend, an dem er saß, gewahrte sie ganz
+in der Ferne wandelnd. Er rannte hinunter in den Park und erreichte
+endlich Hermenegilda, als sie eben in jenen verhängnisvollen Pavillon
+an der Südseite des Parks trat. Ihr Zustand war nun schon beinahe
+jedem Auge sichtlich. »O all ihr Mächte des Himmels«, rief Xaver, als
+er vor Hermenegilda stand, dann stürzte er aber zu ihren Füßen und
+beschwor sie, unter den heiligsten Beteurungen seiner glühendsten
+Liebe, ihn zum glücklichsten Gatten aufzunehmen. Hermenegilda, ganz
+außer sich vor Schreck und Überraschung, sagte ihm: ein böses Geschick
+habe ihn hergeführt, ihre Ruhe zu stören - niemals, niemals würde
+sie, dem geliebten Stanislaus zur Treue bis in den Tod verbunden, die
+Gattin eines andern werden. Als nun aber Xaver nicht aufhörte mit
+Bitten und Beteurungen, als er endlich in toller Leidenschaft ihr
+vorhielt, daß sie sich selbst täusche, daß sie _ihm_ ja schon die
+süßesten Liebesaugenblicke geschenkt, als er, aufgesprungen vom Boden,
+sie in seine Arme schließen wollte, da stieß sie ihn, den Tod im
+Antlitz, mit Abscheu und Verachtung zurück, indem sie rief. »Elender,
+selbstsüchtiger Tor, ebensowenig, wie du das süße Pfand meines Bundes
+mit Stanislaus vernichten kannst, ebensowenig vermagst du mich zum
+verbrecherischen Bruch der Treue zu verführen - fort aus meinen
+Augen!« Da streckte Xaver die geballte Faust ihr entgegen, lachte laut
+auf in wildem Hohn und schrie: »Wahnsinnige, brachst du denn nicht
+selbst jenen albernen Schwur? - Das Kind, das du unter dem Herzen
+trägst, _mein_ Kind ist es, _mich_ umarmtest du hier an dieser Stelle -
+_meine_ Buhlschaft warst du und bleibst du, wenn ich dich nicht erhebe
+zu meiner Gattin.« - Hermenegilda blickte ihn an, die Glut der Hölle
+in den Augen, dann kreischte sie auf. »Ungeheuer!« und sank wie zum
+Tode getroffen nieder auf den Boden.
+
+Wie von allen Furien verfolgt, rannte Xaver in das Schloß zurück, er
+traf auf die Fürstin, die er mit Ungestüm bei der Hand ergriff und
+hineinzog in die Zimmer. »Sie hat mich verworfen mit Abscheu - mich,
+den Vater ihres Kindes!« - »Um aller Heiligen willen! Du? - Xaver! -
+mein Gott! - sprich, wie war es möglich?« - so rief, von Entsetzen
+ergriffen, die Fürstin. »Mag mich verdammen«, fuhr Xaver gefaßter
+fort, »mag mich verdammen wer da will, aber glüht ihm gleich mir das
+Blut in den Adern, gleich mir wird er in solchem Moment sündigen.
+In dem Pavillon traf ich Hermenegilda in einem seltsamen Zustande,
+den ich nicht zu beschreiben vermag. Sie lag wie festschlafend und
+träumend auf dem Kanapee. Kaum war ich eingetreten, als sie sich
+erhob, auf mich zukam, mich bei der Hand ergriff und feierlichen
+Schritts durch den Pavillon ging. Dann kniete sie nieder, ich tat ein
+gleiches, sie betete, und ich bemerkte bald, daß sie im Geiste einen
+Priester vor uns sah. Sie zog einen Ring vom Finger, den sie dem
+Priester darreichte, ich nahm ihn und steckte ihr einen goldnen
+Ring an, den ich von meinem Finger zog, dann sank sie mit der
+inbrünstigsten Liebe in meine Arme. - Als ich entfloh, lag sie in
+tiefem bewußtlosen Schlaf.« - »Entsetzlicher Mensch! - ungeheurer
+Frevel!« schrie die Fürstin ganz außer sich. - Graf Nepomuk und
+der Fürst traten hinein, in wenigen Worten erfuhren sie Xavers
+Bekenntnisse, und wie tief wurde der Fürstin zartes Gemüt verwundet,
+als die Männer Xavers freveliche Tat sehr verzeihlich und durch
+seine Verbindung mit Hermenegilda gesühnt fanden. »Nein«, sprach die
+Fürstin, »nimmer wird Hermenegilda _dem_ die Hand als Gattin reichen,
+der es wagte, wie der hämischte Geist der Hölle, den höchsten Moment
+ihres Lebens mit dem ungeheuersten Frevel zu vergiften.« - »Sie wird«,
+sprach Graf Xaver mit kaltem höhnenden Stolz, »sie wird mir die Hand
+reichen müssen, um ihre Ehre zu retten - ich bleibe hier und alles
+fügt sich.« - In diesem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch, man
+brachte Hermenegilda, die der Gärtner im Pavillon leblos gefunden,
+in das Schloß zurück. Man legte sie auf das Sofa; ehe es die Fürstin
+verhindern konnte, trat Xaver hinan und faßte ihre Hand. Da fuhr sie
+mit einem entsetzlichen Schrei, nicht menschlicher Ton, nein, dem
+schneidenden Jammerlaut eines wilden Tiers ähnlich, in die Höhe und
+starrte in gräßlicher Verzuckung den Grafen mit funkensprühenden Augen
+an. Der taumelte wie vom tötenden Blitz getroffen zurück und lallte
+kaum verständlich: »Pferde!« - Auf den Wink der Fürstin brachte
+man ihn herab. - »Wein! - Wein!« schrie er, stürzte einige Gläser
+hinunter, warf sich dann erkräftigt aufs Pferd und jug davon. -
+Hermenegildas Zustand, der aus dumpfen Wahnsinn in wilde Raserei
+übergehen zu wollen schien, änderte auch Nepomuks und des Fürsten
+Gesinnungen, die nun erst das Entsetzliche, Unsühnbare von Xavers Tat
+einsahen. Man wollte nach dem Arzt senden, aber die Fürstin verwarf
+alle ärztliche Hülfe, wo nur geistlicher Trost vielleicht wirken
+könne. Statt des Arztes erschien also der Karmelitermönch Cyprianus,
+Beichtvater des Hauses. Auf wunderbare Weise gelang es ihm,
+Hermenegilda aus der Bewußtlosigkeit des stieren Wahnsinns zu
+erwecken. Noch mehr! - bald wurde sie ruhig und gefaßt; sie sprach
+ganz zusammenhängend mit der Fürstin, der sie den Wunsch äußerte, nach
+ihrer Niederkunft ihr Leben im Zisterzienserkloster zu O. in steter
+Reue und Trauer hinzubringen. Ihren Trauerkleidern hatte sie Schleier
+hinzugefügt, die ihr Gesicht undurchdringlich verhüllten und die
+sie niemals lüpfte. Pater Cyprianus verließ das Schloß, kam aber
+nach einigen Tagen wieder. Unterdessen hatte der Fürst Z. an den
+Bürgermeister zu L. geschrieben, dort sollte Hermenegilda ihre
+Niederkunft abwarten und von der Äbtissin des Zisterzienserklosters,
+einer Verwandten des Hauses, dahingebracht werden, während die Fürstin
+nach Italien reiste, und angeblich Hermenegilda mitnahm. - Es war
+Mitternacht, der Wagen, der Hermenegilda nach dem Kloster bringen
+sollte, stand vor der Türe. Von Gram gebeugt erwartete Nepomuk, der
+Fürst, die Fürstin, das unglückliche Kind, um von ihr Abschied zu
+nehmen. Da trat sie in Schleier gehüllt, an der Hand des Mönchs,
+in das von Kerzen hell erleuchtete Zimmer. Cyprianus sprach mit
+feierlicher Stimme: »Die Laienschwester Cölestina sündigte schwer,
+als sie sich noch in der Welt befand, denn der Frevel des Teufels
+befleckte ihr reines Gemüt, doch ein unauflösliches Gelübde bringt ihr
+Trost - Ruhe und ewige Seligkeit! - Nie wird die Welt mehr das Antlitz
+schauen, dessen Schönheit den Teufel anlockte - schaut her! - so
+beginnt und vollendet Cölestina ihre Buße!« - Damit hob der Mönch
+Hermenegildas Schleier auf, und schneidendes Weh durchfuhr alle,
+da sie die blasse Totenlarve erblickten, in die Hermenegildas
+engelschönes Antlitz auf immer verschlossen! - Sie schied, keines
+Wortes mächtig, von dem Vater, der ganz aufgelöst von verzehrendem
+Schmerz nicht mehr leben zu können dachte. Der Fürst, sonst ein
+gefaßter Mann, badete sich in Tränen, nur der Fürstin gelang es, mit
+aller Macht den Schrecken jenes grauenvollen Gelübdes niederkämpfend,
+sich aufrecht zu erhalten in milder Fassung.
+
+Wie Graf Xaver Hermenegildas Aufenthalt und sogar den Umstand, daß
+das geborne Kind der Kirche geweiht sein sollte, erfahren, ist
+unerklärlich. Wenig nutzte ihm der Raub des Kindes, denn als er nach
+P. gekommen, und es in die Hände einer vertrauten Frau zur Pflege
+geben wollte, war es nicht, wie er glaubte, von der Kälte ohnmächtig
+geworden, sondern tot. Darauf verschwand Graf Xaver spurlos, und man
+glaubte, er habe sich den Tod gegeben. Mehrere Jahre waren vergangen,
+als der junge Fürst Boleslaw von Z. auf seinen Reisen nach Neapel in
+die Nähe des Posilippo kam. Dort in der anmutigsten Gegend liegt ein
+Kamaldulenserkloster, zu dem der Fürst heraufstieg, um eine Aussicht
+zu genießen, die ihm als die reizendste in ganz Neapel geschildert
+worden. Eben im Begriff, auf die herausspringende Felsenspitze im
+Garten zu treten, die ihm als der schönste Punkt beschrieben, bemerkte
+er einen Mönch, der vor ihm auf einem großen Stein Platz genommen
+und, ein aufgeschlagenes Gebetbuch auf dem Schoß, in die Ferne
+hinausschaute. Sein Antlitz, in den Grundzügen noch jugendlich, war
+nur durch tiefen Gram entstellt. Dem Fürsten kam, als er den Mönch
+näher und näher betrachtete, eine dunkle Erinnerung. Er schlich näher
+heran und es fiel ihm gleich ins Auge, daß das Gebetbuch in polnischer
+Sprache abgefaßt war. Darauf redete er den Mönch polnisch an, dieser
+wandte sich voller Schreck um, kaum hatte er aber den Fürsten
+erblickt, als er sein Gesicht verhüllte und schnell, wie vom
+bösen Geist getrieben, durch die Gebüsche entfloh. Fürst Boleslaw
+versicherte, als er dem Grafen Nepomuk das Abenteuer erzählte, dieser
+Mönch sei niemand anders gewesen, als der Graf Xaver von R.
+
+
+
+Das steinerne Herz
+
+Jedem Reisenden, der bei guter Tageszeit sich dem Städtchen G. von der
+südlichen Seite bis auf eine halbe Stunde Weges genähert, fällt der
+Landstraße rechts ein stattliches Landhaus in die Augen, welches mit
+seinen wunderlichen bunten Zinnen aus finsterm Gebüsch blickend,
+emporsteigt. Dieses Gebüsch umkränzte den weitläufigen Garten,
+der sich in weiter Strecke talabwärts hinzieht. Kommst du einmal,
+vielgeliebter Leser! des Weges, so scheue weder den kleinen Aufenthalt
+deiner Reise, noch das kleine Trinkgeld, das du etwa dem Gärtner geben
+dürftest, sondern steige fein aus dem Wagen, und laß dir Haus und
+Garten aufschließen, vorgebend, du hättest den verstorbenen Eigentümer
+des anmutigen Landsitzes, den Hofrat Reutlinger in G., recht gut
+gekannt. Im Grunde genommen kannst du dies alsdann mit gutem Fug tun,
+wenn es dir gefallen sollte, alles, was ich dir zu erzählen eben im
+Begriff stehe, bis ans Ende durchzulesen; denn ich hoffe, der Hofrat
+Reutlinger soll dir alsdann mit all seinem sonderbaren Tun und Treiben
+so vor Augen stehen, als ob du ihn wirklich selbst gekannt hättest.
+Schon von außen findest du das Landhaus auf altertümliche groteske
+Weise mit bunten gemalten Zieraten verschmückt, du klagst mit Recht
+über die Geschmacklosigkeit dieser zum Teil widersinnigen Wandgemälde,
+aber bei näherer Betrachtung weht dich ein besonderer wunderbarer
+Geist aus diesen bemalten Steinen an und mit einem leisen Schauer, der
+dich überläuft, trittst du in die weite Vorhalle. Auf den in Felder
+abgeteilten, mit weißem Gipsmarmor bekleideten Wänden erblickest
+du mit grellen Farben gemalte Arabesken, die in den wunderlichsten
+Verschlingungen, Menschen- und Tiergestalten, Blumen, Früchte,
+Gesteine, darstellen, und deren Bedeutung du ohne weitere
+Verdeutlichung zu ahnen glaubst. Im Saal, der den untern Stock in der
+Breite einnimmt und bis über den zweiten Stock hinaufsteigt, scheint
+in vergoldeter Bilderei alles das plastisch ausgeführt, was erst
+durch Gemälde angedeutet wurde. Du wirst im ersten Augenblick vom
+verdorbenen Geschmack des Zeitalters Ludwig des Vierzehnten reden,
+du wirst weidlich schmälen über das Barocke, Überladene, Grelle,
+Geschmacklose dieses Stils, aber bist du nur was weniges meines
+Sinnes, fehlt es dir nicht an reger Fantasie, welches ich allemal bei
+dir, mein gütiger Leser! voraussetze, so wirst du bald allen in der
+Tat gegründeten Tadel vergessen. Es wird dir so zumute werden, als
+sei die regellose Willkür nur das kecke Spiel des Meisters mit
+Gestaltungen, über die er unumschränkt zu herrschen wußte, dann aber,
+als verkette sich alles zur bittersten Ironie des irdischen Treibens,
+die nur dem tiefen, aber an einer Todeswunde kränkelnden Gemüt eigen.
+Ich rate dir, geliebter Leser! die kleinen Zimmer des zweiten Stocks,
+die wie eine Galerie den Saal umgeben, und aus deren Fenstern man
+hinabschaut in den Saal, zu durchwandern. Hier sind die Verzierungen
+sehr einfach, aber hin und wieder stößest du auf teutsche, arabische
+und türkische Inschriften, die sich wunderlich genug ausnehmen. Du
+eilst jetzt nach dem Garten, er ist nach altfranzösischer Art mit
+langen, breiten, von hohen Taxuswänden umschlossenen Gängen, mit
+geräumigen [Bosketts] angelegt, und mit Statuen, mit Fontänen
+geschmückt. Ich weiß nicht, ob du, geliebter Leser, nicht auch den
+ernsten feierlichen Eindruck, den solch ein altfranzösischer Garten
+macht, mit mir fühlst, und ob du solch ein Gartenkunstwerk nicht der
+albernen Kleinigkeitskrämerei vorziehst, die in unsern sogenannten
+englischen Gärten mit Brückchen und Flüßlein, und Tempelchen und
+Gröttchen getrieben wird. Am Ende des Gartens trittst du in einen
+finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern.
+Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es von der Höhe des
+Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens
+hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in
+der Form eines Herzens erbaut. Du tritts hinein, der Boden ist mit
+weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz
+in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter in den weißen Marmor
+eingefugter Stein. Du bückst dich herab, und entdeckest die in den
+Stein eingegrabenen Worte: _Es_ruht!_ In diesem Pavillon, bei diesem
+dunkelroten steinernen Herzen, das damals jene Inschrift noch nicht
+trug, standen am Tage Mariä Geburt, das heißt am achten September des
+Jahres 180- ein großer stattlicher alter Herr und eine alte Dame,
+beide sehr reich und schön nach der Mode der sechziger Jahre
+gekleidet. »Aber«, sprach die alte Dame, »aber wie kam Ihnen, lieber
+Hofrat, denn wieder die bizarre, ich möchte lieber sagen, die
+schauervolle Idee, in diesem Pavillon das Grabmal Ihres Herzens, das
+unter dem roten Stein ruhen soll, bauen zu lassen?« »Lassen Sie uns«,
+erwiderte der alte Herr, »lassen Sie uns, liebe Geheime Rätin, von
+diesen Dingen schweigen! - Nennen Sie es das krankhafte Spiel eines
+wunden Gemüts, nennen Sie es wie Sie wollen, aber erfahren Sie, daß,
+wenn mich mitten unter dem reichen Gut, das das hämische Glück wie ein
+Spielzeug dem einfältigen Kinde, das darüber die Todeswunden vergißt,
+mir zuwarf, der bitterste Unmut ergreift, wenn alles erfahrne Leid von
+neuem auf mich zutritt, daß ich dann hier in diesen Mauern Trost und
+Beruhigung finde. Meine Blutstropfen haben den Stein so rot gefärbt,
+aber er ist eiskalt, bald liegt er auf meinem Herzen und kühlt die
+verderbliche Glut, welche darin loderte.« Die alte Dame sah mit einem
+Blick der tiefsten Wehmut herab zum steinernen Herzen, und indem sie
+sich etwas herabbückte, fielen ein paar große perlenglänzende Tränen
+auf den roten Stein. Da faßte der alte Herr schnell herüber und
+ergriff ihre Hand. Seine Augen erblitzten im jugendlichen Feuer; wie
+ein fernes mit Blüten und Blumen reich geschmücktes herrliches Land im
+schimmernden Abendrot lag eine längst vergangene Zeit voll Liebe und
+Seligkeit in seinen glühenden Blicken. »Julie! - Julie! und auch _Sie_
+konnten dieses arme Herz so auf den Tod verwunden.« - So rief der alte
+Herr mit von der schmerzlichsten Wehmut halberstickter Stimme. »Nicht
+mich«, erwiderte die alte Dame sehr weich und zärtlich, »nicht
+mich, klagen Sie an, Maximilian! - War es denn nicht Ihr starrer
+unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an
+seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir, und
+der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann,
+der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben.
+Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt
+wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur
+Todesermattung?« Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand
+fahren ließ: »O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein
+stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles was
+Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem
+steinernen Herzen.« - »Wie bitter«, fiel die Dame dem alten Herrn in
+die Rede, »Wie bitter, wie ungerecht gegen sich selbst, und andere
+sind Sie, Maximilian! - Wer kennt Sie denn nicht als den freigebigsten
+Wohltäter der Bedürftigen, als den unwandelbarsten Verfechter des
+Rechts, der Billigkeit, aber welches böse Geschick warf jenes
+entsetzliche Mißtrauen in Ihre Seele, das in einem Wort, in einem
+Blick, ja in irgend einem von jeder Willkür unabhängigen Ereignis
+Verderben und Unheil ahnet?« - »Hege ich denn nicht alles«, sprach der
+alte Herr mit weicherer Stimme und Tränen in den Augen, »hege ich denn
+nicht alles, was sich mir nähert, mit der vollsten Liebe? Aber diese
+Liebe zerreißt mir das Herz, statt es zu nähren. - Ha!« fuhr er mit
+erhöhter Stimme fort, »dem unerforschlichen Geist der Welten gefiel es
+mich mit einer Gabe auszustatten, die, mich dem Tode entreißend, mich
+hundertmal tötet! - Gleich dem Ewigen Juden, sehe ich das unsichtbare
+Kainszeichen auf der Stirne des gleisnerischen Meuters! - Ich
+erkenne die geheimen Warnungen, die oft wie spielende Rätsel der
+geheimnisvolle König der Welt, den wir Zufall nennen, uns in den Weg
+wirft. Eine holde Jungfrau schaut uns mit hellen klaren Isisaugen
+an, aber wer ihre Rätsel nicht löst, den ergreift sie mit kräftigen
+Löwentatzen, und schleudert ihn in den Abgrund.« - »Noch immer«,
+sprach die alte Dame, »noch immer diese verderblichen Träume. Wo blieb
+der schöne, artige Knabe, Ihres jüngern Bruders Sohn, den Sie vor
+einigen Jahren so liebreich aufgenommen, in dem so viel Liebe und
+Trost für Sie aufzukeimen schien?« - »Den«, erwiderte der alte Herr
+mit rauher Stimme, »den habe ich verstoßen, es war ein Bösewicht,
+eine Schlange, die ich mir zum Verderben im Busen nährte.« - »Ein
+Bösewicht! - der Knabe von sechs Jahren?« fragte die Dame ganz
+bestürzt. »Sie wissen«, fuhr der alte Herr fort, »die Geschichte
+meines jüngern Bruders; Sie wissen, daß er mich mehrmals auf bübische
+Weise täuschte, daß, alles brüderliche Gefühl in seiner Brust
+ertötend, ihm jede Wohltat, die ich ihm erzeigte, zur Waffe gegen mich
+diente. An ihm, an seinem rastlosen Streben lag es nicht, daß nicht
+meine Ehre, meine bürgerliche Existenz verloren ging. Sie wissen, wie
+er vor mehreren Jahren, in das tiefste Elend versunken, zu mir kam,
+wie er mir Änderung seiner verworrenen Lebensweise, wiedererwachte
+Liebe heuchelte, wie ich ihn hegte und pflegte, wie er dann seinen
+Aufenthalt in meinem Hause nutzte, um gewisse Dokumente - doch genug
+davon. Sein Knabe gefiel mir, und diesen behielt ich bei mir, als
+der Schändliche, nachdem seine Ränke, die mich in einen meine Ehre
+vernichtenden Kriminalprozeß verwickeln sollten, entdeckt worden,
+fliehen mußte. Ein warnender Wink des Schicksals befreiete mich von
+dem Bösewicht.« - »Und dieser Wink des Schicksals war gewiß einer
+Ihrer bösen Träume.« So sprach die alte Dame, doch der alte Herr fuhr
+fort: »Hören Sie, urteilen Sie Julie! - Sie wissen, daß meines Bruders
+Teufelei mir den härtesten Stoß gab, den ich erlitten - es sei denn,
+daß - doch still davon. Mag es sein, daß ich der Seelenkrankheit, die
+mich befallen, den Gedanken zuschreiben muß, mir in diesem Wäldchen
+eine Grabstätte für mein Herz bereiten zu lassen. Genug, es geschah!
+- Das Wäldchen war in Herzform angepflanzt, der Pavillon erbaut, die
+Arbeiter beschäftigten sich mit der Marmortäfelung des Fußbodens. Ich
+trete hinan, um nach dem Werk zu sehen. Da bemerke ich, daß in einiger
+Entfernung der Knabe, so wie ich, Max geheißen, etwas hin- und
+herkugelt unter allerlei tollen Bockssprüngen und lautem Gelächter.
+Eine finstere Ahnung geht durch meine Seele! - Ich gehe los auf
+den Knaben und erstarre, als ich sehe, daß es der rote herzförmig
+ausgearbeitete Stein ist, der zum Einlegen in dem Pavillon bereit lag,
+den er mit Mühe herausgekugelt hat und mit dem er nun spielt! >Bube!
+du spielst mit meinem Herzen, wie dein Vater!< - Mit diesen Worten
+stieß ich ihn voll Abscheu von mir, als er sich weinend mir nahte. -
+Mein Verwalter erhielt die nötigen Befehle ihn fortzuschaffen, ich
+habe den Knaben nicht wiedergesehen!« - »Entsetzlicher Mann!« rief die
+alte Dame, die aber der alte Herr sich höflich verbeugend, und mit den
+Worten: »Des Schicksals große Grundstriche fügen sich nicht dem feinen
+Nonpareil der Damen«, unter dem Arm faßte, und aus dem Pavillon
+hinausführte durch das Wäldchen in den Garten. - Der alte Herr war der
+Hofrat Reutlinger, die alte Dame aber die Geheime Rätin Foerd. - - Der
+Garten bot das allermerkwürdigste Schauspiel dar, was man nur sehen
+konnte. Eine große Gesellschaft alter Herren, Geheime Räte, Hofräte
+u.a. nebst ihren Familien aus den benachbarten Städtchen hatte sich
+versammelt. Alle, selbst die jungen Leute und Mädchen waren ganz
+streng nach der Mode des Jahres 1760 gekleidet mit großen Perücken,
+gesteiften Kleidern, hohen Frisuren, Reifröcken usw., welches denn
+um so mehr einen wunderlichen Eindruck machte, als die Anlagen des
+Gartens ganz zu jenem Kostüm paßten. Jeder glaubte sich, wie durch
+einen Zauberschlag, in eine längst verflossene Zeit zurückversetzt.
+Der Maskerade lag eine wunderliche Idee Reutlingers zum Grunde. Er
+pflegte alle drei Jahre am Tage Mariä Geburt auf seinem Landsitz das
+»Fest der alten Zeit« zu feiern, wozu er alles aus dem Städtchen, was
+nur kommen wollte, einlud, jedoch war es unerläßliche Bedingung, daß
+jeder Gast sich in das Kostüm des Jahres 1760 werfen mußte. Jungen
+Leuten, denen es lästig gewesen sein würde, dergleichen Kleider
+herbeizuschaffen, half der Hofrat aus mit seiner eigenen reichen
+Garderobe. - Offenbar wollte der Hofrat diese Zeit hindurch (das Fest
+dauerte zwei bis drei Tage) in Rückerinnerungen der alten Jugendzeit
+recht schwelgen.
+
+In einer Seitenallee begegneten sich Ernst und Willibald. Beide sahen
+sich eine Weile schweigend an und brachen dann in ein helles Gelächter
+aus. »Du kommst mir vor«, rief Willibald, »wie der im Irrgarten der
+Liebe herumtaumelnde Kavalier.« »Und mich dünkt«, erwiderte Ernst,
+»ich hätte dich schon in der asiatischen Banise erblickt.« - »Aber in
+der Tat«, fuhr Willibald fort, »des alten Hofrats Einfall ist so übel
+nicht. Er will nun einmal sich selbst mystifizieren, er will eine Zeit
+hervorzaubern, in der er wahrhaft lebte, unerachtet er noch jetzt ein
+munterer starker Greis mit unverwüstlicher Lebenskraft und herrlicher
+Frischheit des Geistes, an Erregbarkeit und fantasiereicher Laune es
+manchem vor der Zeit abgestumpften Jünglinge zuvortut. Er darf nicht
+dafür sorgen, daß jemand in Wort und Gebärde aus dem Kostüm falle,
+denn dafür steckt jeder eben in den Kleidern die ihm das ganz
+unmöglich machen. Sieh nur wie jüngferlich und zunferlich unsere
+jungen Damen in ihren Reifröcken einhertrippeln, wie sie sich des
+Fächers zu bedienen wissen. - Wahrhaftig mich selbst ergreift unter
+der Perücke, die ich auf meinen Titus gestülpt, ein ganz besonderer
+Geist altertümlicher Courtoisie, da ich eben das allerliebste Kind,
+des Geh. Rates Foerd jüngste Tochter, die holde Julie erblicke, so
+weiß ich gar nicht was mich abhält, mich ihr in demütiger Stellung zu
+nahen und mich also zu applizieren und explizieren: >Allerschönste
+Julia! wenn wird mir doch die längst gewünschte Ruhe durch deine
+Gegenliebe gewährt werden! Es ist ja unmöglich, daß den Tempel dieser
+Schönheit ein steinerner Abgott bewohnen könne. Den Marmor bezwingt
+der Regen und der Diamant wird durch schlechtes Blut erweichet; dein
+Herz will aber einem Ambosse gleichen, welches sich nur durch Schläge
+verhärtet; je mehr nun mein Herze klopfet, je unempfindlicher wirst
+du. Laß mich doch das Ziel deines Blicks sein, schaue doch wie mein
+Herz kocht und meine Seele nach der Erquickung lechzet, welche aus
+deiner Anmut quillt. Ach! - willst du mich durch Schweigen betrüben,
+unempfindliche Seele? Die toten Felsen antworten ja den Fragenden
+durch ein Echo und du willst mich Trostlosen keiner Antwort würdigen?
+- O Allerschönste<« - »Ich bitte dich«, unterbrach hier Ernst den
+Freund, der mit dem wunderlichsten Gebärdenspiel das alles gesprochen,
+»ich bitte dich, halt ein, du bist nun einmal wieder in deiner tollen
+Laune und merkst nicht, wie Julie, erst sich uns freundlich nähernd,
+mit einem Mal ganz scheu ausbog. Ohne dich zu verstehen, glaubt sie
+gewiß so wie alle in gleichem Fall, schonungslos von dir bespöttelt zu
+sein, und so bewährst du deinen Ruf als eingefleischten ironischen
+Satan und ziehst mich neuen Ankömmling ins Unglück, denn schon
+sprechen alle mit zweideutigem Seitenblick und bittersüßem Lächeln:
+>Es ist Willibalds Freund.<« - »Laß es gut sein«, sprach Willibald,
+»ich weiß es ja, daß viele Leute, zumal junge hoffnungsvolle Mädchen
+von sechszehn, siebzehn Jahren mir sorglich ausweichen, aber ich kenne
+das Ziel, wohin alle Wege führen, und weiß auch, daß sie dort mir
+begegnend oder vielmehr mich wie im eignen Hause angesiedelt treffend,
+recht mit vollem freundlichen Gemüt mir die Hand reichen werden.«
+- »Du meinst«, sprach Ernst, »eine Versöhnung, wie im ewgen Leben,
+wenn der Drang des Irdischen abgeschüttelt.« - »O ich bitte dich«,
+unterbrach ihn Willibald, »laß uns doch gescheut sein und nicht alte,
+längst besprochene Dinge aufs neue und gerade zur ungünstigsten Stunde
+aufrühren. Ungünstig für derlei Gespräche nenne ich nämlich deshalb
+eben diese Stunden, weil wir gar nichts Besseres tun können, als uns
+dem seltsamen Eindruck alles des Wunderlichen, womit uns Reutlingers
+Laune, wie in einen Rahmen eingefaßt hat, hingeben. Siehst du
+wohl jenen Baum, dessen ungeheure weiße Blüten der Wind hin- und
+herschüttelt? - Cactus grandiflorus kann es nicht sein, denn der blüht
+nur mitternachts und ich spüre auch nicht das Aroma, welches sich bis
+hierher verbreiten müßte. Weiß der Himmel, welchen Wunderbaum der
+Hofrat wieder in sein Tusculum verpflanzt hat.« - Die Freunde gingen
+auf den Wunderbaum los und wunderten sich in der Tat nicht wenig, als
+sie einen dicken dunklen Holunderbusch trafen, dessen Blüten nichts
+anders waren, als hineingehängte weißgepuderte Perücken, die mit
+ihren darangehängten Haarbeuteln und Zöpfchen, ein kurioses Spielzeug
+des launigten Südwinds, auf- und niederschaukelten. Lautes Lachen
+verkündete was hinter den Büschen verborgen. Eine ganze Gesellschaft
+alter gemütlicher lebenskräftiger Herren hatte sich auf einem breiten
+von buntem Buschwerk umgebenen Rasenplatz versammelt. Die Röcke
+ausgezogen, die lästigen Perücken in den Holunder gehängt, schlugen
+sie Ballon. Aber niemand übertraf den Hofrat Reutlinger, der den
+Ballon bis zu einer unglaublichen Höhe und so geschickt zu treiben
+wußte, daß er jedesmal dem Gegenspieler schlaggerecht niederfiel. In
+dem Augenblick ließ sich eine abscheuliche Musik von kleinen Pfeifen
+und dumpfen Trommeln hören. Die Herren endeten schnell ihr Spiel und
+griffen nach ihren Röcken und Perücken. »Was ist denn das nun wieder?«
+sprach Ernst. »Ich wette«, erwiderte Willibald, »der türkische
+Gesandte zieht ein.« - »Der türkische Gesandte?« frug Ernst ganz
+erstaunt. »So nenne ich«, fuhr Willibald fort, »den Baron von Exter,
+der sich in G. aufhält und den du noch viel zu wenig gesehen hast, um
+in ihm nicht eins der wunderlichsten Originale zu erkennen, die es
+geben mag. Er ist ehemals Gesandter unseres Hofes in Konstantinopel
+gewesen und noch immer sonnt er sich in dem Reflex dieser
+wahrscheinlich genußreichsten Frühlingszeit seines Lebens. Seine
+Beschreibung des Palastes, den er in Pera bewohnte, erinnert an
+die diamantnen Feen-Paläste in Tausendundeiner Nacht, und seine
+Lebensweise an den weisen König Salomo, dem er auch darin gleichen
+will, daß er sich wirklich der Herrschaft über unbekannte Naturkräfte
+rühmt. In der Tat hat dieser Baron Exter seiner lügnerischen
+Prahlerei, seiner Charlatanerie unerachtet, doch etwas Mystisches, das
+mich wenigstens in drolligem Abstich mit seiner äußern etwas skurrilen
+Erscheinung oft wirklich mystifiziert. Davon, ich meine von seinem
+wirklich mystischen Treiben geheimer Wissenschaften, rührt auch seine
+enge Verbindung mit Reutlingern her, der diesem Wesen ganz ergeben ist
+mit Leib und Seele. - Beide sind wunderliche Träumer, aber jeder auf
+seine Weise, übrigens aber entschiedene Mesmerianer.« - Unter diesem
+Gespräch waren die Freunde bis an des Gartens großes Gattertor
+gelangt, durch welches soeben der türkische Gesandte einzog. Ein
+kleiner rundlicher Mann mit einem schönen türkischen Pelz und hohem
+aus farbigten Shawls aufgewickeltem Turban angetan. Aus Gewohnheit
+hatte er sich aber nicht von der eng anschließenden Zopfperücke
+mit kleinen Löckchen, aus Bedürfnis nicht von den filznen
+Podagristenstiefeln trennen können, wodurch freilich das türkische
+Kostüm schwer verletzt wurde. Seine Begleiter, die das abscheuliche
+musikalische Geräusch machten und in denen Willibald trotz der
+Vermummung Exters Koch und anderes Hausgesinde erkannte, waren zu
+Mohren angerußt und trugen spitze gemalte Papiermützen, den Sanbenitos
+nicht unähnlich, welches drollig genug aussah. Den türkischen
+Gesandten führte am Arm ein alter Offizier, nach seiner Tracht von
+irgend einem Schlachtfelde des Siebenjährigen Krieges erwacht und
+erstanden. Es war der General Rixendorf, Kommandant von G., der dem
+Hofrat zu Gefallen samt seinen Offizieren sich in das alte Kostüm
+geworfen hatte. »Salama milek!« sprach der Hofrat den Baron Exter
+umarmend, der sofort den Turban abnahm, und ihn wieder auf die
+Perücke stülpte, nachdem er sich den Schweiß von der Stirne mit einem
+ostindischen Tuch weggetrocknet. In dem Augenblick bewegte sich auch
+in den Zweigen eines Spätkirschenbaums der goldstrahlende Fleck, den
+Ernst schon lange betrachtet hatte, ohne enträtseln zu können, was da
+oben sitze. Es war bloß der Geheime Kommerzienrat Harscher in einem
+goldstoffnen Ehrenkleide, ebensolchen Beinkleidern und silberstoffner
+mit blauen Rosenboukets bestreuter Weste, der nun sich aus den
+Blättern des Kirschbaums entwickelte, und für sein Alter behende
+genug auf der angelehnten Leiter herabstieg und mit ganz feiner etwas
+quäkender Stimme singend oder vielmehr kreischend: »Ah! che vedo -
+o dio che sento!« dem türkischen Gesandten in die Arme eilte. Der
+Kommerzienrat hatte seine Jugendzeit in Italien zugebracht, war ein
+großer Musikus und wollte noch immer mittelst eines lang geübten
+Falsetts singen wie Farinelli. »Ich weiß«, sprach Willibald, »daß
+Harscher sich die Taschen mit Spätkirschen vollgestopft hat, die er,
+irgend ein Madrigal süß lamentierend, den Damen präsentieren wird. Da
+er aber wie Friedrich der Zweite den Spaniol ohne Dose in der Tasche
+ausgeschüttet trägt, wird er mit seiner Galanterie nur widerwilliges
+Ablehnen und finstre Gesichter einernten.« - Überall war nun der
+türkische Gesandte sowie der Held des Siebenjährigen Krieges mit
+Freude und Jubel empfangen worden. Letzterer wurde von Julchen Foerd
+mit kindlicher Demut begrüßt, tief beugte sie sich vor dem alten Herrn
+und wollte ihm die Hand küssen, da sprang aber der türkische Gesandte
+wild dazwischen, rief. »Narrheiten, tolles Zeug!« umarmte Julchen mit
+Heftigkeit, wobei er dem Kommerzienrat Harscher sehr hart auf die Füße
+trat, der aber vor Schmerz nur ein ganz klein wenig miaute und rannte
+dann mit Julien, die er unter den Arm gefaßt, davon. - Man sah, daß er
+sehr eifrig mit den Händen focht, den Turban auf- und abstülpte usw.
+»Was hat der Alte mit dem Mädchen vor?« sprach Ernst. »In der Tat«,
+erwiderte Willibald, »es scheint Wichtiges, denn, ist Exter gleich
+des Mädchens Pate und ganz vernarrt in sie, so pflegt er doch nicht
+sogleich aus der Gesellschaft mit ihr davonzulaufen.« - In dem
+Augenblick blieb der türkische Gesandte stehen, streckte den rechten
+Arm weit von sich und rief mit starker Stimme, daß es im ganzen Garten
+widerhallte: »Apporte!« - Willibald brach in ein lautes Gelächter aus.
+»Wahrhaftig«, sprach er dann, »es ist weiter nichts, als daß Exter
+Julien zum tausendstenmal die merkwürdige Geschichte vom Seehunde
+erzählt.« Ernst wollte diese merkwürdige Geschichte durchaus wissen.
+»Erfahre denn«, sprach Willibald, »daß Exters Palast dicht am Bosporus
+lag, so daß Stufen von dem feinsten karrarischen Marmor hinabführten
+ins Meer. Eines Tages steht Exter auf der Galerie in die
+tiefsinnigsten Betrachtungen versunken, aus denen ihn ein
+durchdringender gellender Schrei hinausreißt. Er schaut hinab und
+siehe, ein ungeheurer Seehund ist aus dem Meer hinaufgetaucht und
+hat einem armen türkischen Weibe, die auf den Marmorstufen saß, den
+Knaben von dem Arm hinabgerissen, mit dem er eben abfährt in die
+Meereswellen. Exter eilt hinab, das Weib fällt ihm trostlos weinend
+und heulend zu Füßen. Exter besinnt sich nicht lange, er tritt dicht
+ans Meer auf die letzte Stufe, streckt den Arm aus und ruft mit
+starker Stimme: >Apporte!< - Sogleich steigt der Seehund aus der Tiefe
+des Meers, im weiten Maule den Knaben, den er zierlich und geschickt,
+wie auch ganz unversehrt dem Magier überreicht und sodann jedem Dank
+ausweichend, sich wieder entfernt in das Meer niedertaucht.« - »Das
+ist stark - das ist stark«, rief Ernst. »Siehst du wohl«, fuhr
+Willibald fort, »siehst du wohl, wie Exter jetzt einen kleinen Ring
+vom Finger zieht und ihn Julien zeigt? Keine Tugend bleibt unbelohnt!
+- Außer dem, daß Exter dem türkischen Weibe den Knaben gerettet hatte,
+so beschenkte er sie noch, als er vernahm, daß ihr Mann ein armer
+Lastträger, kaum das tägliche Brot zu verdienen vermochte, mit einigen
+Juwelen und Goldstücken, freilich nur eine Lumperei, höchstens
+zwanzig- bis dreißigtausend Taler an Wert; darauf zog das Weib
+einen kleinen Saphir vom Finger und drang ihn Extern auf mit der
+Versicherung, es sei ein teures ererbtes Familienstück, das nur durch
+Exters Tat gewonnen werden könne. Exter nahm den Ring, der ihm von
+geringem Werte schien und erstaunte nicht wenig, als er später durch
+eine kaum sichtbare arabische Inschrift an des Ringes Reif belehrt
+wurde, daß er des großen Alis Siegelring am Finger trage, mit dem er
+jetzt zuweilen Mahomeds Tauben heranlockt und mit ihnen konversiert.«
+- »Das sind ganz erstaunliche Dinge«, rief Ernst lachend, »doch laß
+uns sehen, was dort in dem geschlossenen Kreise vorgeht, in dessen
+Mitte ein klein Ding, wie ein kartesianisches Teufelchen, auf- und
+niedergaukelt und quinkeliert.« -
+
+Die Freunde traten auf einen runden Rasenplatz, ringsumher saßen
+alte und junge Herren und Damen, in der Mitte sprang ein sehr bunt
+gekleidetes, kaum vier Fuß hohes Dämchen, mit einem etwas zu großen
+Apfelköpfchen umher, und schnappte mit den Fingerchen und sang mit
+einem ganz kleinen, dünnen Stimmchen: »Amenez vos troupeaux bergères!«
+- »Solltest du wohl glauben«, sprach Willibald, »daß dies putzige
+Figurchen, die so überaus naiv und scharmant tut, Juliens ältere
+Schwester ist? Du merkst, daß sie leider zu den Weibern gehört, die
+die Natur mit recht bittrer Ironie mystifiziert, indem sie trotz alles
+Sträubens zu ewiger Kindheit verdammt, vermöge ihrer Figur und ihres
+ganzen Wesens im Alter noch mit jener kindischen Naivität kokettierend
+sich und andern herzlich zur Last werden müssen, wobei es denn oft
+an gehöriger Verhöhnung nicht mangelt.« - Beiden Freunden wurde das
+Dämchen mit ihrer französischen Faselei recht fatal, sie schlichen
+daher fort wie sie gekommen und schlossen sich lieber an den
+türkischen Gesandten an, der sie fortführte in den Saal, wo eben, da
+die Sonne schon niedersank, alles zu der Musik vorbereitet wurde, die
+man heute zu geben im Sinne hatte. Der Österleinische Flügel wurde
+geöffnet und jedes Pult für die Künstler an seinen Ort gestellt.
+Die Gesellschaft sammelte sich nach und nach, Erfrischungen wurden
+herumgereicht in altem reichen Porzellan; dann ergriff Reutlinger
+eine Geige und führte mit Geschicklichkeit und Kraft eine Sonate von
+Corelli aus, wozu ihn der General Rixendorf auf dem Flügel begleitete,
+dann bewährte sich der goldstoffne Harscher als Meister auf
+der Theorbe. Hierauf begann die Geheime Rätin Foerd eine große
+italienische Szene von Anfossi mit seltenem Ausdruck. Die Stimme war
+alt, tremulierend und ungleich, aber noch wurde alles dieses durch
+die ihr eigne Meisterschaft des Gesanges besiegt. In Reutlingers
+verklärtem Blick glänzte das Entzücken längst vergangener Jugend.
+Das Adagio war geendet, Rixendorf begann das Allegro, als plötzlich
+die Tür des Saals aufgerissen wurde und ein junger wohlgekleideter
+Mensch, von hübschem Ansehen, ganz erhitzt und atemlos hinein und zu
+Rixendorfs Füßen stürzte. »O Herr General! - Sie haben mich gerettet
+- Sie allein - es ist alles gut alles gut! O mein Gott, wie soll ich
+Ihnen denn danken.« So schrie der junge Mensch wie außer sich, der
+General schien verlegen, er hob den jungen Menschen sanft auf und
+führte ihn mit beschwichtigenden Worten heraus in den Garten. Die
+Gesellschaft war von dem Auftritt überrascht worden, jeder hatte
+in dem Jüngling den Schreiber des Geheimen Rates Foerd erkannt und
+schaute diesen mit neugierigen Blicken an. Der nahm aber eine Prise
+nach der andern und sprach mit seiner Frau französisch, bis er
+endlich, da ihm der türkische Gesandte näher auf den Leib rückte,
+rund heraus erklärte: »Ich weiß, Hochzuverehrende! durchaus mir nicht
+zu erklären, welcher böse Geist meinen Max hier so plötzlich mit
+exaltierten Danksagungen hineingeschleudert hat, werde aber sogleich
+die Ehre haben.« - Damit schlüpfte er zur Türe heraus und Willibald
+folgte ihm auf dem Fuße. Das dreiblättrige Kleeblatt der Foerdschen
+Familie, nämlich die drei Schwestern, Nannette, Clementine und Julie,
+äußerten sich auf ganz verschiedene Weise. Nannette ließ den Fächer
+auf- und niederrauschen, sprach von Etourderie und wollte endlich
+wieder singen: Amenez vos troupeaux, worauf aber niemand achtete.
+Julie war abseits in den Winkel getreten und der Gesellschaft den
+Rücken zugewendet, war es, als wolle sie nicht allein ihr glühendes
+Gesicht, sondern auch einige Tränen verbergen, die ihr, wie man schon
+bemerkt, in die Augen getreten. »Freude und Schmerz verwunden mit
+gleichem Weh die Brust des armen Menschen, aber färbt der dem
+verletzenden Dorn nachquillende Blutstropfe nicht mit höherem Rot die
+verbleichende Rose?« So sprach mit vielem Pathos die jeanpaulisierende
+Clementine, indem sie verstohlen die Hand eines hübschen jungen,
+blonden Menschen faßte, der gar zu gern sich aus den Rosenbanden,
+womit ihn Clementine bedrohlich umstrickt und in denen er etwas zu
+spitze Dornen verspürt hatte, losgewickelt. Der lächelte aber etwas
+fade und sprach nur: »O ja, Beste!« - Dabei schielte er nach einem
+seitwärts stehenden Glase Wein, welches er gern auf Clementinens
+sentimentalen Spruch geleert. Das ging aber nicht, da Clementine seine
+linke Hand festhielt, er aber mit der Rechten soeben das Besitztum
+eines Stücks Kuchen ergriffen. In dem Augenblick trat Willibald zur
+Saaltür herein und alles stürzte auf ihn zu mit tausend Fragen, wie,
+was, warum und woher? Er wollte durchaus nichts wissen, zog aber ein
+verschmitzteres Gesicht als jemals. Man ließ nicht ab von ihm, weil
+man deutlich bemerkt, daß er im Garten sich mit dem Geheimen Rat
+Foerd zum General Rixendorf und zum Schreiber Max gesellt, und heftig
+mitgesprochen hatte. »Soll ich denn«, fing er endlich an, »soll ich
+denn in der Tat die wichtigste aller Begebenheiten vor der Zeit
+ausplaudern, so muß es mir vergönnt werden, zuvörderst an Sie, meine
+hochzuverehrenden Damen und Herren, einige Fragen zu richten.« - Man
+erlaubte das gern. »Ist Ihnen«, fuhr Willibald nun pathetisch fort,
+»ist Ihnen nicht allen der Schreiber des Herrn Geheimen Rat Foerd,
+Max geheißen, als ein wohlgebildeten, von der Natur reichlich
+ausgestatteter Jüngling bekannt?« - »Ja, ja, ja!« rief der Chor der
+Damen. »Ist Ihnen«, frug Willibald weiter, »ist Ihnen nicht sein
+Fleiß, seine wissenschaftliche Bildung, seine Geschicklichkeit im
+Geschäft bekannt?« - »Ja -ja!« rief der Chor der Herren, und wieder
+»Ja, ja, ja!« der vereinigte Chor der Herren und Damen, als Willibald
+noch frug, ob Max nicht weiter als der aufgeweckteste Kopf, voller
+Possen und Schnurren, sowie endlich als solch geschickter Zeichner
+bekannt sei, daß Rixendorf, der als Dilettant in der Malerei
+Ungewöhnliches leiste, es nicht verschmäht habe, selbst ihm
+zweckmäßigen Unterricht zu erteilen. »Es begab sich«, erzählte nun
+Willibald, »daß vor einiger Zeit ein junges Meisterlein von der
+ehrsamen Schneiderzunft seine Hochzeit feierte. Es ging dabei hoch
+her, Bässe schnurrten, Trompeten schmetterten durch die Gasse. Mit
+rechter Wehmut sah des Herrn Geheimen Rats Bedienter, Johann, zu den
+erleuchteten Fenstern herauf, das Herz wollte ihm springen, wenn er
+unter den Tanzenden Jettchens Tritte zu vernehmen glaubte, die, wie
+er wußte, auf der Hochzeit war. Als nun aber Jettchen wirklich zum
+Fenster herausguckte, da konnte er es nicht länger aushalten, er lief
+nach Hause, warf sich in seinen besten Staat und ging keck herauf in
+den Hochzeitsaal. Er wurde wirklich zugelassen, freilich unter der
+schmerzlichen Bedingung, daß im Tanz jeder Schneider vor ihm den
+Vorzug haben sollte, wodurch er freilich auf die Mädchen angewiesen
+wurde, mit denen ob ihrer Häßlichkeit oder sonstigen Untugenden,
+niemand tanzen mochte. Jettchen war auf alle Tänze versagt, aber sowie
+sie den Geliebten sah, vergaß sie alles, was sie versprochen, und der
+beherzte Johann stieß das dünnleibige Schneiderlein, das ihm Jettchen
+abtrotzen wollte, zu Boden, daß es über und über purzelte. Dies gab
+das Signal zum allgemeinen Aufstande. Johann wehrte sich wie ein Löwe,
+Rippenstöße und Ohrfeigen nach allen Seiten austeilend, doch er mußte
+der Menge seiner Feinde erliegen und wurde auf schmähliche Weise von
+Schneidergesellen die Treppe herabgeworfen. Voll Wut und Verzweiflung
+wollte er die Fenster einwerfen, er schimpfte und fluchte, da kam Max,
+der nach Hause ging, des Weges und befreite den unglücklichen Johann
+aus den Händen der Scharwacht, die eben über ihn herzufallen im
+Begriff stand. Nun klagte Johann sein Unglück und wollte durchaus
+nicht abstehen von tumultuarischer Rache, doch gelang es endlich dem
+klügern Max, ihn zu beruhigen, wiewohl nur unter dem Versprechen, daß
+er sich seiner annehmen und die ihm geschehene Unbill so rächen wolle,
+daß er ganz gewiß zufrieden sein werde« - Willibald hielt plötzlich
+ein. - »Nun? - nun? Und weiter? - Eine Schneiderhochzeit - ein
+Liebespaar - Prügel - was soll das dann werden?« So rief es von
+allen Seiten. »Erlauben Sie«, fuhr Willibald fort, »erlauben Sie,
+Hochzuverehrende! zu bemerken, daß, um mit dem berühmten Weber Zettel
+zu reden, in dieser Komödie von Johann und Jettchen Dinge vorkommen,
+die nimmermehr gefallen werden. - Es könnte sogar wider den feinsten
+Anstand gesündigt werden.« - »Sie werden's schon einzurichten wissen,
+lieber Herr Willibald«, sprach die alte Stiftsrätin von Krain, indem
+sie ihn auf die Schulter klopfte, »ich für meinen Teil kann einen Puff
+vertragen.« - »Der Schreiber Max«, erzählte Willibald weiter, »setzte
+sich andern Tages hin, nahm ein großes schönes Blatt Velinpapier,
+Bleifeder und Tusche, und zeichnete mit der vollendetsten Wahrheit
+einen großen stattlichen Ziegenbock hin. Die Physiognomie dieses
+wunderbaren Tiers gab jedem Physiognomen reichlichen Stoff
+zum Studium. In dem Blick der geistreichen Augen lag etwas
+Überschwengliches, wiewohl um das Maul und um den Bart herum einige
+Konvulsionen zitternd zu spielen schienen. Das Ganze zeugte von
+innerer unaussprechlicher Qual. In der Tat war auch der gute Bock
+beschäftigt, auf eine sehr natürliche, wiewohl schmerzliche Weise
+ganz kleine allerliebste, mit Schere und Bügeleisen bewaffnete
+Schneiderlein zur Welt zu befördern, die in den wunderlichsten Gruppen
+ihre Lebenstätigkeit bewiesen. Unter dem Bilde stand ein Vers, den ich
+leider vergessen, doch irr ich nicht, so hieß die erste Zeile: >Ei was
+hat der Bock - gegessen.< Ich kann übrigens versichern, daß dieser
+wunderbare Bock« - »Genug - genug«, riefen die Damen, »genug von dem
+garstigen Tier - von Max, von Max wollen wir hören.« - »Besagter
+Max«, nahm Willibald das Wort wieder auf, »besagter Max gab das
+wohlausgeführte und vollkommen geratene Tableau dem gekränkten Johann,
+der es so geschickt an die Schneiderherberge anzuheften wußte, daß
+einen ganzen Tag hindurch das müßige Volk nicht von dem Bildnis
+wegkam. Die Straßenjungen schwenkten jubelnd die Mützen und tanzten
+jedem Schneiderlein, das sich sehen ließ, hinterher, und sangen und
+kreischten gewaltig: >Ei was hat der Bock gegessen.< - >Niemand anders
+hat das Blatt gezeichnet, als des Geheimen Rats Max<, sagten die
+Maler, >niemand hat die Worte geschrieben, als des Geheimen Rats Max<,
+riefen die Schreibmeister, als die ehrsame Schneiderzunft die nötigen
+Erkundigungen einzog. Max wurde verklagt und sah, da er nicht wohl
+leugnen konnte, einer empfindlichen Gefängnisstrafe entgegen. Da
+rannte er voll Verzweiflung zu seinem Gönner, dem General Rixendorf;
+bei allen Advokaten war er schon gewesen. Die runzelten die Stirn,
+schüttelten die Köpfe und sprachen von hartnäckigem Ableugnen usw.,
+was dem ehrlichen Max nicht wohlgefiel. Der General sprach dagegen:
+>Du hast einen dummen Streich gemacht, lieber Sohn! die Advokaten
+werden dich nicht retten, aber ich, und bloß darum, weil in deinem
+Bilde, das ich bereits gesehen, korrekte Zeichnung und verständige
+Anordnung ist. Der Bock, als Hauptfigur, hat Ausdruck und
+Haltung, sowie die bereits auf dem Boden liegenden Schneider eine
+gute Pyramidalgruppe bilden, die reich ist, ohne das Auge zu
+verwirren. Sehr weise hast du den im Schmerz der Quetschung sich
+hervorarbeitenden Schneider wieder als Hauptfigur der untern Gruppe
+behandelt, in seinem Gesicht liegt laokoontisches Weh! Ebenso rühmlich
+ist es, daß die fallenden Schneider nicht etwa schweben, sondern
+wirklich fallen, wiewohl nicht aus dem Himmel; manche zu gewagte
+Verkürzungen sind recht hübsch durch die Bügeleisen maskiert, auch
+hast du mit reger Fantasie die Hoffnung neuer Geburten angedeutet.<«
+- Die Damen fingen an ungeduldig zu murmeln, und der Goldstoffne
+lispelte: »Aber Maxens Prozeß, Verehrter?« - »>Indessen nimm mir's
+nicht übel<, sprach der General«, (so fuhr Willibald fort) »>die Idee
+des Bildes ist nicht die deinige, sondern uralt; doch das ist es eben,
+was dich rettet.< Mit diesen Worten kramte der General in seinem alten
+Schreibschranke, holte einen Tabaksbeutel hervor, auf dem sich Maxens
+Gedanke sauber und zwar beinahe ganz nach Maxens Weise ausgeführt
+befand, überließ denselben seinem Liebling zum Gebrauch und nun war
+alles gut.« - »Wie das, wie das?« rief alles durcheinander, aber die
+Juristen, die sich in der Gesellschaft befanden, lachten laut, und der
+Geheime Rat Foerd, der unterdessen auch hineingetreten war, sprach
+lächelnd: »Er leugnete den animum injuriandi, die Absicht zu
+beleidigen, und wurde freigesprochen.«- »Will soviel heißen«, fiel
+Willibald ihm in die Rede, »als daß Max sprach: >Ich kann nicht
+leugnen, daß das Bild von meiner Hand ist; absichtslos und ohne irgend
+die von mir so hochverehrte Schneiderzunft kränken zu wollen, kopierte
+ich das Blatt nach dem Original, das ich hier mit diesem Tabaksbeutel,
+der dem General Rixendorf, meinem Lehrer in der Zeichenkunst, gehört,
+überreiche. Einige Variationen habe ich meiner schaffenden Fantasie zu
+danken. Das Bild ist mir aus den Händen gekommen, ich habe es weder
+jemanden sonst gezeigt, noch gar etwa angeheftet. Über diesen Umstand,
+in dem allein die Injurie liegt, erwarte ich den Nachweis.< - Diesen
+Nachweis ist die ehrsame Schneiderzunft schuldig geblieben und Max
+heute freigesprochen worden. Daher sein Dank, seine unmäßige Freude.«
+- Man fand allgemein, daß doch die halb wahnsinnige Art und Weise,
+wie Max seinen Dank geäußert, durch die erzählten Umstände nicht ganz
+motiviert werde, nur die Geheime Rätin Foerd sprach mit bewegter
+Stimme: »Der Jüngling hat ein leicht verwundbares Gemüt und ein
+zarteres Ehrgefühl, als je ein anderer. Körperliche Strafe erdulden
+zu müssen hätte ihn elend gemacht, ihn auf immer von G. vertrieben.«
+- »Vielleicht«, fiel Willibald ein, »liegt hier noch etwas ganz
+Besonderes im Hintergrunde.« - »So ist es, lieber Willibald«, sprach
+Rixendorf, der hineingetreten war und die Worte der Geheimen Rätin
+vernommen hatte, »so ist es, und will es Gott, so soll sich bald alles
+recht hell und fröhlich aufklären.« -
+
+Clementine fand die ganze Geschichte sehr unzart, Nannette dachte
+gar nichts, aber Julie war sehr heiter geworden. Jetzt ermunterte
+Reutlinger die Gesellschaft zum Tanze. Sogleich spielten vier
+Theorbisten, unterstützt von ein paar Zinken, Violinen und Bässen,
+eine pathetische Sarabande. Die Alten tanzten, die Jungen schauten
+zu. Der Goldstoffne zeichnete sich aus durch zierliche und gewagte
+Sprünge. Der Abend ging ganz heiter hin, so auch der andere Morgen.
+Wie gestern sollte auch heute Konzert und Ball den festlichen
+Tag beschließen. Der General Rixendorf saß schon am Flügel, der
+Goldstoffne hatte die Theorbe im Arm, die Geheime Rätin Foerd die
+Partie in der Hand. Man wartete nur auf die Rückkehr des Hofrats
+Reutlinger. Da hörte man im Garten ängstlich rufen und sah die
+Bedienten herausrennen. Bald trugen sie den Hofrat mit geisterbleichem
+entstelltem Gesicht herein, der Gärtner hatte ihn unweit des
+Herzpavillons in tiefer Ohnmacht auf der Erde liegend gefunden. - Mit
+einem Schrei des Entsetzens sprang Rixendorf auf vom Flügel. Man eilte
+herbei mit spirituosen Mitteln, man fing an, dem Hofrat, der auf einem
+Kanapee lag, die Stirne mit Kölnischem Wasser zu reiben, der türkische
+Gesandte stieß aber alle zurück, indem er unaufhörlich rief. »Zurück,
+zurück, ihr unwissenden ungeschickten Leute! - ihr macht mir den
+kerngesunden, muntern Hofrat nur matt und elend!« - Damit schleuderte
+er seinen Turban über alle Köpfe weg in den Garten hinein, den Pelz
+hinterher. Nun beschrieb er mit der flachen Hand seltsame Kreise um
+den Hofrat, die enger und enger werdend, zuletzt beinahe Schläfe und
+Herzgrube berührten. Dann hauchte er den Hofrat an, der sogleich die
+Augen aufschlug und mit matter Stimme sprach: »Exter! Du hast nicht
+gut getan, mich zu wecken! - Die dunkle Macht hat mir den nahen
+Tod verkündet, und vielleicht war es mir vergönnt in dieser tiefen
+Ohnmacht hineinzuschlummern in den Tod.« - »Possen, Träumer«, rief
+Exter, »deine Zeit ist noch nicht gekommen. Schau dich nur um, Herr
+Bruder, wo du bist, und sei fein munter wie es sich schickt.« - Der
+Hofrat wurde nun gewahr, daß er sich im Saal in voller Gesellschaft
+befand. Er erhob sich rüstig vom Kanapee, trat in die Mitte des Saals,
+und sprach mit anmutigem Lächeln: »Ich gab Ihnen ein böses Schauspiel,
+Verehrte! aber an mir lag es nicht, daß das ungeschickte Volk mich
+gerade in den Saal trug. Lassen Sie uns über das störende Intermezzo
+schnell hinweggehen, lassen Sie uns tanzen!« - Die Musik begann
+sofort, aber als sich alles in der ersten Menuett pathetisch wandte
+und drehte, verschwand der Hofrat mit Exter und Rixendorf aus dem
+Saal. Als sie in ein entferntes Zimmer gekommen, warf sich Reutlinger
+erschöpft in einen Lehnsessel, hielt beide Hände vors Gesicht und
+sprach mit von Schmerz gepreßter Stimme: »Oh, meine Freunde! meine
+Freunde!« Exter und Rixendorf vermuteten mit Recht, daß irgend etwas
+Entsetzliches den Hofrat erfaßt haben müsse, und daß er sich jetzt
+darüber erklären werde. »Sag's nur heraus, alter Freund«, sprach
+Rixendorf, »sag's nur heraus, dir ist, Gott weiß auf welche Weise,
+Schlimmes im Garten begegnet.« - »Aber«, fiel Exter ein, »ich begreife
+gar nicht, wie dem Hofrat heute, und überhaupt in diesen Tagen
+Schlimmes begegnen konnte, da eben jetzt sein siderisches Prinzip
+reiner und herrlicher sich gestaltet als jemals.« - »Doch, doch!« fing
+der Hofrat mit dumpfer Stimme an, »Exter! es ist bald aus mit uns, der
+kecke Geisterseher klopfte nicht ungestraft an die dunklen Pforten.
+Ich wiederhole es dir, daß die geheimnisvolle Macht mich hinter den
+Schleier schauen ließ - der nahe, vielleicht gräßliche Tod ist mir
+verkündet.« - »So erzähle nur was dir geschah«, fiel Rixendorf ihm
+ungeduldig in die Rede, »ich wette, daß alles auf eine wunderliche
+Einbildung hinausläuft, ihr verderbt euch beide das Leben mit euern
+Fantastereien, du und Exter.«
+
+»So vernehmt es denn«, fuhr der Hofrat fort, indem er aufstand von dem
+Lehnstuhl, und zwischen beide Freunde trat, »so vernehmt es denn, was
+mich vor Entsetzen und Graus in tiefe Ohnmacht warf. Ihr hattet euch
+schon alle in dem Saal versammelt, als ich, selbst weiß ich nicht
+wodurch, angetrieben wurde noch einsam einen Gang durch den Garten zu
+machen. Unwillkürlich lenkten sich meine Schritte nach dem Wäldchen.
+Es war mir, als höre ich ein leises, hohles Pochen und eine leise
+klagende Stimme. - Die Töne schienen aus dem Pavillon zu kommen - ich
+trete näher, die Tür des Pavillons steht offen - ich erblicke - mich
+selbst! - mich selbst! - aber so wie ich war vor dreißig Jahren, in
+demselben Kleide, das ich trug an jenem verhängnisvollen Tage, als ich
+in trostloser Verzweiflung mein elendes Leben enden wollte, als Julie
+wie ein Engel des Lichts mir erschien im bräutlichen Schmuck - es war
+ihr Hochzeitstag - die Gestalt - ich - ich lag auf dem Boden vor dem
+Herzen, und darauf klopfend, daß es hohl widerhallte, murmelte ich:
+>Nie - nie kannst du dich erweichen, du steinernes Herz!< - Regungslos
+starrte ich hin, wie der eiskalte Tod rannte es durch meine Adern.
+Da trat Julie bräutlich geschmückt, in voller Pracht der blühendsten
+Jugend, aus den Gebüschen hervor, und streckte voll süßen Verlangens
+die Arme aus nach der Gestalt, nach mir - nach mir dem Jünglinge!
+Bewußtlos stürzte ich zu Boden!« Der Hofrat sank halb ohnmächtig
+in den Lehnstuhl zurück, aber Rixendorf faßte seine beiden Hände,
+rüttelte sie, und rief mit starker Stimme: »Das sahst du, das sahst
+du, Bruder, weiter nichts? - Viktoria laß ich schießen aus deinen
+japanischen Kanonen! - mit deinem nahen Tode, mit der Erscheinung ist
+es nichts, gar nichts! Ich rüttle dich auf aus deinen bösen Träumen,
+damit du genesen, und noch lange leben mögest auf Erden.« - Damit
+sprang Rixendorf schneller, als es sein Alter zuzulassen schien, zum
+Zimmer heraus. Der Hofrat hatte wohl wenig von Rixendorfs Worten
+vernommen, er saß da mit geschlossenen Augen. Exter ging mit großen
+Schritten auf und ab, runzelte mißmütig die Stirn und sprach: »Ich
+wette, der Mensch will wieder alles auf gewöhnliche Manier erklären,
+aber das soll ihm schwer werden, nicht wahr, Hofrätchen? wir verstehen
+uns auf Erscheinungen! - Ich wollt nur, ich hätte meinen Turban und
+meinen Pelz!« - Dies wünschend pfiff er sehr stark auf einer kleinen
+silbernen Pfeife, die er beständig bei sich trug, und sogleich brachte
+auch ein Mohr aus seinem Gefolge beides, Turban und Pelz. Bald darauf
+trat die Geheime Rätin Foerd hinein, ihr folgte der Geheime Rat mit
+Julien. Der Hofrat raffte sich auf, und in den Versicherungen, daß ihm
+wieder ganz wohl geworden, wurde er es wirklich. Er bat, des ganzen
+Vorfalls zu vergessen, und eben wollten alle bis auf Exter, der sich
+in seiner türkischen Kleidung aufs Sofa gestreckt, und aus einer
+übermäßig langen Pfeife, deren Kopf, auf Räder gestellt, am Boden
+hin und her schurrte, Tabak schmauchte und Kaffee trank, in den Saal
+zurückkehren, als die Tür aufging, und Rixendorf hastig hereintrat. An
+der Hand hielt er einen jungen Menschen in alttatarischer Kleidung.
+Es war Max, bei dessen Anblick der Hofrat erstarrte. »Sieh hier dein
+Ich, dein Traumbild«, hub Rixendorf an, »es ist mein Werk, daß mein
+trefflicher Max hier blieb und von deinem Kammerdiener aus deiner
+Garderobe Kleider empfing, um gehörig kostümiert erscheinen zu können.
+Er war es, der im Pavillon an dem Herzen kniete. - Ja, an deinem
+steinernen Herzen, du harter unempfindlicher Oheim! kniete der Neffe,
+den du unbarmherzig verstießest, einer träumerischen Einbildung
+halber! Verging sich der Bruder schwer gegen den Bruder, so hat er es
+längst gebüßt mit dem Tode im tiefsten Elend - da steht die vaterlose
+Waise, dein Neffe - Max, wie du geheißen, dir ähnlich an Leib und
+Seele, wie der Sohn dem Vater - tapfer hielt sich der Knabe, der
+Jüngling auf den Wellen des brausenden Lebensstroms empor - da - nimm
+ihn auf - erweiche dein hartes Herz! - reiche ihm die wohltätige Hand,
+daß er eine Stütze habe, wenn zu sehr der Sturm auf ihn einbricht.« -
+In demütiger gebeugter Stellung, heiße Tränen in den Augen, hatte sich
+der Jüngling dem Hofrat genähert. Der stand da geisterbleich, mit
+blitzenden Augen, den Kopf stolz in die Höhe geworfen, stumm und
+starr, aber sowie der Jüngling seine Hand erfassen wollte, wich er,
+ihn mit beiden Händen von sich abwehrend, zwei Schritte zurück, und
+rief mit fürchterlicher Stimme: »Verruchter - willst du mich morden? -
+Fort - aus meinen Augen, ja du spielst mit meinem Herzen, mit mir! -
+Und auch du Rixendorf verschworen zum läppischen Puppenspiel, das ihr
+mir auftischt? - fort - fort aus meinen Augen - _du_ - _du_, der du zu
+meinem Untergange geboren - du Sohn des schändlichsten Ver...« - »Halt
+ein«, brach Max plötzlich los, indem Zorn und Verzweiflung glühende
+Blitze aus seinen Augen schossen, »halt ein, unnatürlicher Oheim
+- herzloser, unnatürlicher Bruder. Schuld auf Schuld, Schande und
+Schmach hast du auf meines armen unglücklichen Vaters Haupt gehäuft,
+der verderblichen Leichtsinn, aber nie Verbrechen in sich hegen
+konnte! - Ich wahnsinniger Tor, daß ich glaubte, jemals dein
+steinernes Herz rühren, jemals, mit Liebe dich umfangene, meines
+Vaters Vergehen sühnen zu können! - Elend - verlassen von aller Welt,
+aber an der Brust eines Sohnes hauchte mein Vater sein mühseliges
+Leben aus - >Max! - sei brav! - sühne den unversöhnlichen Bruder
+- werde sein Sohn<, das war das letzte, was er sprach. - Aber du
+verwirfst mich, so wie du alles verwirfst, was sich dir naht mit Liebe
+und Ergebung, während der Teufel selbst dich mit trügerischen Träumen
+umgaukelt. - Nun, so stirb denn einsam und verlassen! - Mögen
+habsüchtige Diener auf deinen Tod lauern und sich in die Beute teilen,
+wenn du kaum die lebensmüden Augen geschlossen - statt der Seufzer,
+statt der trostlosen Klagen derer, die dir mit treuer Liebe bis in
+den Tod anhängen wollten, magst du sterbend das Hohngelächter, die
+frechen Scherze der Unwürdigen hören, die dich pflegten, weil du sie
+bezahltest mit schnödem Golde! - Niemals, niemals siehst du mich
+wieder!« -
+
+Der Jüngling wollte zur Türe hinausstürzen, da sank Julie laut
+schluchzend nieder, schnell sprang Max zurück, fing sie in seinen
+Armen auf, und heftig sie an seine Brust drückend, rief er mit dem
+herzzerreißenden Ton des trostlosesten Jammers: »O Julie, Julie, alle
+Hoffnung ist verloren!« - Der Hofrat hatte dagestanden, zitternd
+an allen Gliedern, sprachlos - kein Wort konnte sich entwinden den
+bebenden Lippen, doch als er Julien in Maxens Armen sah, schrie er
+laut auf, wie ein Wahnsinniger. Er ging mit starkem kräftigen Schritt
+auf sie los, er riß sie von Maxens Brust hinweg, hob sie hoch in die
+Höhe und frug kaum vernehmbar: »Liebst du diesen Max, Julie?« - »Wie
+mein Leben«, erwiderte Julie voll tiefen Schmerzes, »wie mein Leben.
+Der Dolch, den Sie in sein Herz stoßen, trifft auch das meine!« - Da
+ließ sie der Hofrat langsam herab, und setzte sie behutsam nieder in
+einen Lehnstuhl. Dann blieb er stehen, die gefalteten Hände an die
+Stirn gedrückt. - Es war totenstill ringsumher. Kein Laut - keine
+Bewegung der Anwesenden! - Dann sank der Hofrat auf beide Knie.
+Lebensröte im Gesicht, helle Tränen in den Augen hob er das Haupt
+empor, beide Arme hoch ausgestreckt zum Himmel, sprach er leise und
+feierlich: »Ewig wartende unerforschliche Macht dort oben, das war
+dein Wille - mein verworrenes Leben nur der Keim, der im Schoß der
+Erde ruhend, den frischen Baum emportreibt mit herrlichen Blüten und
+Früchten? - O Julie, Julie! - o ich armer verblendeter Tor!« - Der
+Hofrat verhüllte sein Gesicht, man vernahm sein Weinen. - So dauerte
+es einige Sekunden, dann sprang der Hofrat plötzlich auf, stürzte auf
+Max, der wie betäubt dastand, los, riß ihn an seine Brust, und schrie,
+wie außer sich: »Du liebst Julien, du bist mein Sohn - nein mehr als
+das, du bist _ich_, _ich_ selbst - alles gehört dir - du bist reich, sehr
+reich - du hast ein Landgut - Häuser, bares Geld - laß mich bei dir
+bleiben, du sollst mir das Gnadenbrot geben in meinen alten Tagen -
+nicht wahr, du tust das? - Du liebst mich ja! - nicht wahr, du mußt
+mich ja lieben, du bist ja ich selbst - scheue dich nicht vor meinem
+steinernen Herzen, drücke mich nur fest an deine Brust, deine
+Lebenspulse erweichen es ja! - Max - Max mein Sohn - mein Freund, mein
+Wohltäter!« - So ging es fort, daß allen vor diesen Ausbrüchen des
+überreizten Gefühls bange wurde. Rixendorf, dem besonnenen Freunde,
+gelang es endlich, den Hofrat zu beschwichtigen, der, ruhiger
+geworden, nun erst ganz einsah, was er an dem herrlichen Jünglinge
+gewonnen, und mit tiefer Rührung gewahrte, wie auch die Geheime Rätin
+Foerd in der Verbindung ihrer Julie mit Reutlingers Neffen das neue
+Aufkeimen einer alten verlornen Zeit erblickte. Großes Wohlgefallen
+äußerte der Geheime Rat, der viel Tabak schnupfte und sich in
+wohlgestelltem nationell ausgesprochenem Französisch darüber
+ausließ. Zuvörderst sollten nun Juliens Schwestern von dem Ereignis
+benachrichtigt werden, die waren aber nirgends aufzufinden. Nannettens
+halber hatte man schon in allen großen japanischen Vasen, die in dem
+Vestibule herumstanden, nachgesehen, ob sie, zu sehr sich über den
+Rand beugend, vielleicht hineingefallen, aber vergebens, endlich fand
+man die Kleine unter einem Rosenbüschchen eingeschlafen, wo man sie
+nur nicht gleich bemerkt, und ebenso holte man Clementinen in einer
+entfernteren Allee ein, wo sie dem entfliehenden blonden Jüngling,
+dem sie vergebens nachgesetzt, eben mit lauter Stimme nachrief. »O
+der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie
+vergeßlich und undankbar er war und wie groß das verkannte Herz!« -
+Beide Schwestern waren etwas mißmütig über die Heirat der jüngern,
+wiewohl viel schöneren und reizenderen Schwester, und vorzüglich
+rümpfte die schmähsüchtige Nannette das kleine Stülpnäschen; Rixendorf
+nahm sie aber auf den Arm und meinte, sie könnte wohl einmal einen
+viel vornehmeren Mann mit einem noch schöneren Gute bekommen. Da
+wurde sie vergnügt und sang wieder: »Amenez vos troupeaux bergères!«
+Clementine sprach aber sehr ernst und vornehm: »In der häuslichen
+Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden
+vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr
+Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Naphthaquellen der Liebe,
+die aus den verwandten Herzen ineinanderspringen.« - Die Gesellschaft
+im Saal, die schon Kunde bekommen von den wunderlichen aber fröhlichen
+Ereignissen, erwartete mit Ungeduld das Brautpaar, um mit den
+gehörigen Glückwünschen losfahren zu können. Der Goldstoffne, der am
+Fenster alles angehört und angeschaut, bemerkte schlau: »Nun weiß ich,
+warum der Ziegenbock dem armen Max so wichtig war. Hätte er einmal im
+Gefängnis gesteckt, so war durchaus an keine Aussöhnung zu denken.«
+Alles applaudierte dieser Meinung, wozu Willibald die Losung gab.
+Schon wollte man fort aus dem Nebenzimmer in den Saal, als der
+türkische Gesandte, der so lange auf dem Sofa geblieben, nichts
+gesprochen, sondern nur durch Hin- und Herrutschen und durch die
+seltsamsten Grimassen seine Teilnahme zu erkennen gegeben hatte, wie
+toll aufsprang und zwischen die Brautleute fuhr: »Was was«, rief er,
+»nun gleich heiraten, gleich heiraten? - Deine Geschicklichkeit,
+deinen Fleiß in Ehren, Max! aber du bist ein Kiek-in-die-Welt, ohne
+Erfahrung, ohne Lebensklugheit, ohne Bildung. Du setzest deine Füße
+einwärts und bist grob in deinen Redensarten wie ich vorhin vernommen,
+als du deinen Oheim den Hofrat Reutlinger Du nanntest. Fort in die
+Welt! nach Konstantinopel! - da lernst du alles was du brauchst fürs
+Leben - dann kehre wieder und heirate getrost mein liebes holdes Kind,
+das schöne Julchen.« Alle waren ganz erstaunt über Exters seltsames
+Begehren. Der nahm aber den Hofrat auf die Seite; beide stellten sich
+gegenüber, legten einander die Hände auf die Achseln und wechselten
+einige arabische Worte. Darauf kam Reutlinger zurück, nahm Maxens Hand
+und sprach sehr mild und freundlich: »Mein lieber guter Sohn, mein
+teurer Max, tue mir den Gefallen und reise nach Konstantinopel, es
+kann höchstens sechs Monate dauern, dann richte ich hier die Hochzeit
+aus!« - Aller Protestationen der Braut unerachtet mußte Max fort nach
+Konstantinopel.
+
+
+Nun könnte ich, sehr geliebter Leser! wohl füglich meine Erzählung
+schließen, denn du magst es dir vorstellen, daß Max, nachdem er aus
+Konstantinopel, wo er die Marmorstufe, wohin der Seehund Extern das
+Kind apportiert, nebst vielem andern Merkwürdigen geschaut hatte,
+zurückgekehrt war, wirklich Julien heiratete, und verlangst wohl nicht
+noch zu wissen, wie die Braut geputzt war und wieviel Kinder das Paar
+bis jetzt erzeugt hat. Hinzusetzen will ich nur noch, daß am Tage
+Mariä Geburt des Jahres 18- Max und Julie einander gegenüber im
+Pavillon bei dem roten Herzen knieten. Häufige Tränen fielen auf den
+kalten Stein, denn unter ihm lag das ach! nur zu oft blutende Herz des
+wohltätigen Oheims. Nicht um des Lord Horions Grabmal nachzuahmen,
+sondern weil er des armen Onkels ganze Lebens- und Leidensgeschichte
+darin angedeutet fand, hatte Max mit eignet Hand die Worte in den
+Stein gegraben:
+
+ Es ruht!
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, NACHTSTUECKE ***
+
+This file should be named 6341-8.txt or 6341-8.zip
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
+
+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/6341-8.zip b/6341-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..c610b08
--- /dev/null
+++ b/6341-8.zip
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..bedcf6c
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #6341 (https://www.gutenberg.org/ebooks/6341)