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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:27:20 -0700 |
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Hoffmann + + + +Erster Teil + Der Sandmann + Ignaz Denner + Die Jesuitenkirche in G. + Das Sanctus + +Zweiter Teil + Das öde Haus + Das Majorat + Das Gelübde + Das steinerne Herz + + + +Erster Teil + + + +Der Sandmann + +Nathanael an Lothar + +Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange - lange nicht +geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier +in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir +in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so; +täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen +geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt +mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, +wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn Euch zu +schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher +alle Gedanken verstörte! - Etwas Entsetzliches ist in mein Leben +getreten! - Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden +Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, +undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir +sagen, was mir widerfuhr. Ich muß es, das sehe ich ein, aber nur es +denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber +Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden zu +lassen, daß das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein +Leben so feindlich zerstören konnte! Wärst Du nur hier, so könntest Du +selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich gewiß für einen aberwitzigen +Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, +dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe, +besteht in nichts anderm, als daß vor einigen Tagen, nämlich am 30. +Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat +und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe +herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging. + +Du ahnest, daß nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende +Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können, ja, daß wohl die +Person jenes unglückseligen Krämers gar feindlich auf mich wirken muß. +So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um +ruhig und geduldig Dir aus meiner frühern Jugendzeit so viel zu +erzählen, daß Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden +Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, höre ich Dich lachen +und Clara sagen: »Das sind ja rechte Kindereien!« - Lacht, ich bitte +Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott +im Himmel! die Haare sträuben sich mir und es ist, als flehe ich Euch +an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den +Daniel. - Nun fort zur Sache! + +Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagüber +den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein. +Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr +aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters +Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte +Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele +wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, daß ihm die +Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder +anzünden mußte, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er +uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem +Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, daß wir alle wie im +Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und +kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: »Nun Kinder! - zu Bette! zu +Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon.« Wirklich hörte ich dann +jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; +das mußte der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten +und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns +fortführte: »Ei Mama! wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer +von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?« - »Es gibt keinen +Sandmann, mein liebes Kind«, erwiderte die Mutter: »wenn ich sage, +der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig +und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand +hineingestreut.« - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in +meinem kindischen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, daß +die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht +fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll +Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns +Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste +Schwester wartete: was denn das für ein Mann sei, der Sandmann? »Ei +Thanelchen«, erwiderte diese, »weißt du das noch nicht? Das ist ein +böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen +wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum +Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in +den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im +Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der +unartigen Menschenkindlein Augen auf.« - Gräßlich malte sich nun im +Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die +Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts +als den unter Tränen hergestotterten Ruf. »Der Sandmann! der Sandmann! +« konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in +das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die +fürchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war +ich geworden, um einzusehen, daß das mit dem Sandmann und seinem +Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte, +wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indessen blieb mir der +Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff +mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch +meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte. +Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander. +Jahrelang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an den +unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen +Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr +und mehr zu beschäftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine +unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst - selbst das Geheimnis zu +erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den +Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf +die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon +leicht im kindlichen Gemüt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als +schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen usw. zu hören +oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den +seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke +und Wände mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt +geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen, +das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer +mußten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im +Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich, +wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als +verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer +höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des +Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem +Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber +nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur +Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar +werden mußte. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloß +ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu +erwarten. + +An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines +Abends, daß der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große +Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich +dicht neben der Türe in einen Schlupfwinkel. Die Haustür knarrte, +durch den Flur ging es, langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach +der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorüber. Leise - +leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß, wie gewöhnlich, stumm +und starr den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht, +schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben +der Türe stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen, +vorgezogen war. - Näher - immer näher dröhnten die Tritte - es hustete +und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst +und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt - ein +heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf! - Mit +Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht +mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter +brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist +der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage ißt! + +Aber die gräßlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen +erregen können, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen großen +breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem +Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche +Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe +gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen +Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar +und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen +Zähne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen +aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber +dazu schwarze Strümpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die +kleine Perücke reichte kaum bis über den Kopfwirbel heraus, die +Kleblocken standen hoch über den großen roten Ohren und ein breiter +verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so daß man die +silberne Schnalle sah, die die gefältelte Halsbinde schloß. Die ganze +Figur war überhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns +Kindern seine großen knotigten, haarigten Fäuste zuwider, so daß wir, +was er damit berührte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und +nun war es seine Freude, irgend ein Stückchen Kuchen, oder eine süße +Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter +diesem, oder jenem Vorwande zu berühren, daß wir, helle Tränen in +den Augen, die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr +genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns +an Feiertagen der Vater ein klein Gläschen süßen Weins eingeschenkt +hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber, oder brachte wohl +gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir +unsern Ärger nur leise schluchzend äußern durften. Er pflegte uns nur +immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen, +keinen Laut von uns geben und verwünschten den häßlichen, feindlichen +Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude +verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwärtigen +Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr +heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst. +Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen +Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten +müsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden +gekocht und seltene Weine kredenzt. + +Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in +meiner Seele auf, daß ja niemand anders, als er, der Sandmann sein +könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem +Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung +holt - nein! - ein häßlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er +einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt. + +Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich +dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend +durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius +feierlich. »Auf! - zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnurrender +Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen +Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. +Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die +Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich solange +dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze +Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und +eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames +Geräte stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater +zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein gräßlicher +krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum häßlichen +widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius +ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit +hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte. +Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber +ohne Augen - scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen +her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich +kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stürzte aus +meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, +»kleine Bestie! - kleine Bestie!« meckerte er zähnfletschend! - +riß mich auf und warf mich auf den Herd, daß die Flamme mein Haar +zu sengen begann: »Nun haben wir Augen - Augen - ein schön Paar +Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten +glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen +wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief. »Meister! +Meister! laß meinem Nathanael die Augen - laß sie ihm!« Coppelius +lachte gellend auf und rief. »Mag denn der Junge die Augen behalten +und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den +Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit faßte +er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände +ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »'s +steht doch überall nicht recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's +verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich +her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und +Gebein - ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über +mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte +sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte +ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir +keinen Schaden!« - So sprach die Mutter und küßte und herzte den +wiedergewonnenen Liebling. + +Was soll ich Dich ermüden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so +weitläufig einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu sagen übrig +bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von +Coppelius gemißhandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein +hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag. +»Ist der Sandmann noch da?« - Das war mein erstes gesundes Wort +und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den +schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzählen; dann +wirst Du überzeugt sein, daß es nicht meiner Augen Blödigkeit ist, +wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, daß ein dunkles +Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben +gehängt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreiße. + +Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt +verlassen. + +Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte +gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und +erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend +gemacht. Da hörten wir, als es neune schlug, plötzlich die Haustür in +den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch +den Hausflur die Treppe herauf. »Das ist Coppelius«, sagte meine +Mutter erblassend. »Ja! - es ist Coppelius«, wiederholte der Vater +mit matter gebrochener Stimme. Die Tränen stürzten der Mutter aus den +Augen. »Aber Vater, Vater!« rief sie, »muß es denn so sein?« - »Zum +letzten Male!« erwiderte dieser, »zum letzten Male kommt er zu mir, +ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu +Bette! Gute Nacht!« + +Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepreßt - mein +Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich +stehen blieb: »Komm Nathanael, komme nur!« Ich ließ mich fortführen, +ich trat in meine Kammer. »Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins +Bette! - schlafe - schlafe«, rief mir die Mutter nach; aber von +unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält, konnte ich kein +Auge zutun. Der verhaßte abscheuliche Coppelius stand vor mir mit +funkelnden Augen und lachte mich hämisch an, vergebens trachtete ich +sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als +ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert +würde. Das ganze Haus erdröhnte, es rasselte und rauschte bei meiner +Türe vorüber, die Haustüre wurde klirrend zugeworfen. »Das ist +Coppelius!« rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte +es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stürzte ich nach des +Vaters Zimmer, die Türe stand offen, erstickender Dampf quoll mir +entgegen, das Dienstmädchen schrie: »Ach, der Herr! - der Herr!« - +Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz +verbranntem gräßlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten +und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmächtig daneben! - +»Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!« - So +schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf +meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild +und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in meiner +Seele auf, daß sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins +ewige Verderben gestürzt haben könne. + +Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar +und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung +vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden. + +Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! daß jener +Wetterglashändler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es +nicht verargen, daß ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil +bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und +Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als daß hier +ein Irrtum möglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal +seinen Namen geändert. Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen +piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola. + +Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu +rächen, mag es denn nun gehen wie es will. + +Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des gräßlichen Unholds +- Grüße meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer +Gemütsstimmung. Lebe wohl etc. etc. + + +Clara an Nathanael + +Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber +dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn +meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief +an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an +mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum +erst bei den Worten inne: »Ach mein herzlieber Lothar!« - Nun hätte +ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen. +Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei +vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, daß +ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller +Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine +glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß +Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen, +es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael! +was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von +Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie +ein glühender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des +widerwärtigen Coppelius ist gräßlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein +guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder +Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, +aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe +Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich +mich, es zu gestehen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen +Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch +bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet. +Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa +sagen möchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde +Dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie +immer. + +Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, daß, wie ich meine, alles +Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem +Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig +teilhatte. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber +daß er Kinder haßte, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen +ihn hervor. + +Natürlich verknüpfte sich nun in Deinem kindischen Gemüt der +schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius, +der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer, +Kindern vorzüglich gefährlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben +mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als daß beide +insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht +zufrieden sein konnte, da gewiß viel Geld unnütz verschleudert und +obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll, +des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit +erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiß +durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius +ist nicht schuld daran: Glaubst Du, daß ich den erfahrnen Nachbar +Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine +solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei? Der sagte: »Ei +allerdings« und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und +umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar +klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst +Du wohl unwillig werden über Deine Clara, Du wirst sagen: »In dies +kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen +oft mit unsichtbaren Armen umfaßt; sie erschaut nur die bunte +Oberfläche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind über die +goldgleißende Frucht, in deren Innern tödliches Gift verborgen.« + +Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, daß auch in +heitern - unbefangenen - sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne +von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu +verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfältig Mädchen +mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich +eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar +am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil +ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle, +es zu sagen. + +Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch +einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und +fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst +nicht betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muß sie in +uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur +_so_ glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, +um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das +heitre Leben gestärkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken +als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und +Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl +jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der +Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch +gewiß, fügt Lothar hinzu, daß die dunkle psychische Macht, haben wir +uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die +Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so, +daß wir selbst nur den Geist entzünden, der, wie wir in wunderlicher +Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom +unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe +Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel +verzückt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! daß wir, ich und +Bruder Lothar uns recht über die Materie von dunklen Mächten und +Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe +das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt. +Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er +meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich, +schlage Dir den häßlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann +Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, daß diese fremden +Gestalten nichts über Dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche +Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen. Spräche nicht aus +jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemüts, +schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele, +wahrhaftig, ich könnte über den Advokaten Sandmann und den +Wetterglashändler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! - Ich habe +mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den +häßlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im +Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und +gar nicht fürchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fäusten, +er soll mir weder als Advokat eine Näscherei, noch als Sandmann die +Augen verderben. + +Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc. + + +Nathanael an Lothar + +Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus, +freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und +las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief +geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola +nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die +augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der +Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen +holdlächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum, +hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren +könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du +liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und +sondern lerne. - Laß das bleiben! - Übrigens ist es wohl gewiß, daß +der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat +Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor +der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt +und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon +seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an, +daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie +mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr, +Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los +kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf +mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir +Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein +kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner +Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als +in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er +von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht, +anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe +herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene +Gardine zur Seite einen kleinen Spalt läßt. Selbst weiß ich nicht, wie +ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im +reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß +im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände +zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß +ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu +bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht +ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen +Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort +ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, daß die +Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er +sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein +Mensch in ihre Nähe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit +ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe +ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das +mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage +bei Euch bin. Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara, +wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich +(ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner +bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie. + +Tausend Grüße etc. etc. etc. + + +Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige +ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten +Nathanael, zugetragen, und was ich dir, günstiger Leser! zu erzählen +unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das +deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere +daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut +entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine +Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem +andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in +dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter? +- Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit +allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und +mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir, +als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, +Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht +zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. +Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig +und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die +nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, +hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber, +wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß +deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe +immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl +mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie du, +sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen! - +Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich +niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weißt ja +aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre, +denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so +zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch +wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Erzählen Sie Liebster?« - +So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem +Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte +meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser! +gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts +Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend +- originell, ergreifend, anzufangen: »Es war einmal« - der schönste +Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! - »In der kleinen Provinzialstadt +S. lebte« - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder +gleich medias in res: »>Scher er sich zum Teufel<, rief, Wut +und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der +Wetterglashändler Giuseppe Coppola« - Das hatte ich in der Tat schon +aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael +etwas Possierliches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar +nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten +etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien. +Ich beschloß gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei +Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriß +des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe +hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche +Gestalt, wie ein guter Porträtmaler, so aufzufassen, daß du es ähnlich +findest, ohne das Original zu kennen, ja daß es dir ist, als hättest +du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen. +Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, daß nichts +wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses +der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem +Widerschein, auffassen könne. + +Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen +Briefen noch hinzuzufügen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater +gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten, +der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels +Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faßten eine +heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas +einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort +verließ um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem +letzten Brief und hört Kollegia bei dem berühmten Professor Physices, +Spalanzani. + +Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem +Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, daß ich nicht +wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlächelnd +anblickte. - Für schön konnte Clara keinesweges gelten; das meinten +alle, die sich von Amtswegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die +Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden +Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten +sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten +überhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein +wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen +mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines +Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, +heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und +sprachen: »Was See - was Spiegel! - Können wir denn das Mädchen +anschauen, ohne daß uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge +und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, daß da +alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft +Gescheutes, so ist überhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn +auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn +wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als +sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Töne verworren durcheinander +springen.« Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des +heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes +Gemüt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und +Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was +überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der +helle Blick, und jenes feine ironische Lächeln: Lieben Freunde! wie +möget ihr mir denn zumuten, daß ich eure verfließende Schattengebilde +für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara +wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber +andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das +gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr, als +Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter +bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten +Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte. +Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im +letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt +ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt; +denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an +den Advokaten Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede +Verstimmung war verschwunden. + +Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, +daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht +feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael +gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert +sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien, und trieb es bald so +seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze +Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie +jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen +Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man +sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit, +zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und +Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die +Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus +dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines außer uns +selbst liegenden höheren Prinzips. + +Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im höchsten +Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung +einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, daß Coppelius das böse +Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfaßt habe, als er hinter dem +Vorhange lauschte, und daß dieser widerwärtige _Dämon_ auf entsetzliche +Weise ihr Liebesglück stören werde, da wurde Clara sehr ernst und +sprach: »Ja Nathanael! du hast recht, Coppelius ist ein böses +feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische +Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn +nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, _ist_ +er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.« - Nathanael, ganz +erzürnt, daß Clara die Existenz des _Dämons_ nur in seinem eignen Innern +statuiere, wollte dann hervorrücken mit der ganzen mystischen Lehre +von Teufeln und grausen Mächten, Clara brach aber verdrüßlich ab, +indem sie irgend etwas Gleichgültiges dazwischen schob, zu Nathanaels +nicht geringem Ärger. _Der_ dachte, kalten unempfänglichen Gemütern +verschließen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewußt +zu sein, daß er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle, +weshalb er nicht abließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse +einzuweihen. Am frühen Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half, +stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Büchern vor, daß +Clara bat: »Aber lieber Nathanael, wenn ich _dich_ nun das böse Prinzip +schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn +ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem +du liesest, in die Augen schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins +Feuer und ihr bekommt alle kein Frühstück!« - Nathanael klappte das +Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte +er eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen, die er +aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte, jetzt +waren seine Dichtungen düster, unverständlich, gestaltlos, so daß, +wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fühlte, wie +wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war für Clara tötender, +als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu +besiegende geistige Schläfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in +der Tat sehr langweilig. Sein Verdruß über Claras kaltes prosaisches +Gemüt stieg höher, Clara konnte ihren Unmut über Nathanaels dunkle, +düstere, langweilige Mystik nicht überwinden, und so entfernten beide +im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken. +Die Gestalt des häßlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich +gestehen mußte, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft +Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz +auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene +düstre Ahnung, daß Coppelius sein Liebesglück stören werde, zum +Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar, +in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine +schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus, +die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, +erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Claras holde Augen; +die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und +brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden +Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn +sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan +grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie +schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber +durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme: »Kannst du mich denn +nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht +meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende +Tropfen deines eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich +doch nur an!« - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr eigen +ewiglich. - Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis +hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht +dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der +Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut. + +Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er +feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen +Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend +sich fügte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht +für sich laut las, da faßte ihn Grausen und wildes Entsetzen und er +schrie auf. »Wessen grauenvolle Stimme ist das?« - Bald schien ihm +jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war +ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl +er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet, und wozu es denn +nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu +ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick +weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem +Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen, +in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und +Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von +lustigen Dingen wie sonst, so, daß Clara sagte: »Nun erst habe ich +dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den häßlichen Coppelius +vertrieben haben?« Da fiel dem Nathanael erst ein, daß er ja die +Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog +auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas +Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing +an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das +düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte +starr dem Nathanael ins Auge. _Den_ riß seine Dichtung unaufhaltsam +fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm +aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer +Ermattung - er faßte Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in +trostlosem Jammer: »Ach! - Clara - Clara!« - Clara drückte ihn +sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst: +»Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige - +wahnsinnige Märchen ins Feuer.« Da sprang Nathanael entrüstet auf und +rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!« Er +rannte fort, bittre Tränen vergoß die tief verletzte Clara: »Ach er +hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht«, schluchzte +sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara mußte ihm erzählen was +vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort +ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, daß der Unmut, +den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen, +sich entzündete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das +unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor, +die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer, +wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen +erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am +folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte +mit scharfgeschliffenen Stoßrapieren zu schlagen. Stumm und finster +schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehört und +gesehen, daß der Fechtmeister in der Dämmerung die Rapiere brachte. +Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten +Lothar und Nathanael soeben düsterschweigend die Röcke abgeworfen, +blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander +ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte. Schluchzend +rief sie laut: »Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stoßt mich nur +gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger +leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder +den Geliebten ermordet hat!« - Lothar ließ die Waffe sinken und +sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in +herzzerreißender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals +in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara +empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras +Füßen. »Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine +herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder +Lothar!« - Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz; +unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und +schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue. + +Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn +zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand +leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem +Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei +den Lieben, dann kehrte er zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu +bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren +gedachte. + +Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen +worden; denn man wußte, daß sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken +konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab. + + +Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, daß +das ganze Haus niedergebrannt war, so daß aus dem Schutthaufen nur +die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem +Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen +war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch +den kühnen, rüstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in +Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Bücher, +Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in +ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen, +welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete +er darauf, daß er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und +ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, daß er +aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia +einsam saß, so, daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl +die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es +ihm endlich auf, daß Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung, +wie er sie einst durch die Glastüre entdeckte, ohne irgend eine +Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und daß sie offenbar +unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute; er mußte sich auch +selbst gestehen, daß er nie einen schöneren Wuchs gesehen; indessen, +Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia höchst +gleichgültig und nur zuweilen sah er flüchtig über sein Kompendium +herüber nach der schönen Bildsäule, das war alles. - Eben schrieb +er an Clara, als es leise an die Türe klopfte; sie öffnete sich auf +seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges Gesicht sah hinein. Nathanael +fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani +über den Landsmann Coppola gesagt und was er auch rücksichts des +Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er +sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit +aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als möglich: +»Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!« Da +trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton, +indem sich das weite Maul zum häßlichen Lachen verzog und die kleinen +Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: »Ei, +nix Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch sköne Oke - sköne Oke!« - +Entsetzt rief Nathanael: »Toller Mensch, wie kannst du Augen haben? +- Augen - Augen? -« Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine +Wettergläser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und +holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. - »Nu +- Nu - Brill - Brill auf der Nas su setze, das sein meine Oke - sköne +Oke!« - Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, daß +es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann. +Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum +Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer +mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen +flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in +Nathanaels Brust. Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- »Halt +ein! halt ein, fürchterlicher Mensch!« - Er hatte Coppola, der eben +in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet +schon der ganze Tisch überdeckt war, beim Arm festgepackt. Coppola +machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten: +»Ah! - nix für Sie - aber hier sköne Glas« - hatte er alle Brillen +zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine +Menge großer und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen +fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah +er wohl ein, daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern +hervorgegangen, sowie daß Coppola ein höchst ehrlicher Mechanikus +und Optikus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und +Revenant sein könne. Zudem hatten alle Gläser, die Coppola nun auf +den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas +Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gutzumachen, +beschloß Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er +ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und +sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein +Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich +dicht vor die Augen rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis +Zimmer; Olimpia saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Arme +darauf gelegt, die Hände gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst +Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar +seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch +das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte +Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft +entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke. +Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die +himmlisch-schöne Olimpia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte +ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: »Tre Zechini - +drei Dukat« - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte +er das Verlangte. »Nick so? - sköne Glas - sköne Glas!« frug Coppola +mit seiner widerwärtigen heisern Stimme und dem hämischen Lächeln. »Ja +ja, ja!« erwiderte Nathanael verdrießlich. »Adieu, lieber Freund!« - +Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael, +das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen. »Nun ja«, meinte +Nathanael, »er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv +gewiß viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt!« - Indem er +diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer +grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer +Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl. +»Clara«, sprach er zu sich selber, »hat wohl recht, daß sie mich für +einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch - +ach wohl mehr, als närrisch, daß mich der dumme Gedanke, ich hätte das +Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt; +den Grund davon sehe ich gar nicht ein.« - Jetzt setzte er sich +hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster +überzeugte ihn, daß Olimpia noch dasäße und im Augenblick, wie von +unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas +Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verführerischem Anblick, +bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem +Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war +dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden +folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er +kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Perspektiv +hinüberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt. +Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen +lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in +den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen +strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus +seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz +laut und weinerlich: »Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist +du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und +mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?« + +Als er zurückkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis +Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen, +man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks +waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten mit großen +Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und hämmerten +Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der +Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: »Nun, was +sagst du zu unserem alten Spalanzani?« Nathanael versicherte, daß er +gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse, +vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düstern +Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er +denn von Siegmund, daß Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle, +Konzert und Ball, und daß die halbe Universität eingeladen sei. +Allgemein verbreite man, daß Spalanzani seine Tochter Olimpia, die +er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum +erstenmal erscheinen lassen werde. + +Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen +zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in +den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft +war zahlreich und glänzend. Olimpia erschien sehr reich und +geschmackvoll gekleidet. Man mußte ihr schöngeformtes Gesicht, +ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die +wespenartige Dünne des Leibes schien von zu starkem Einschnüren +bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes +und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange +zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia +spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine +Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. +Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und +konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Züge nicht ganz erkennen. +Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin +nach der schönen Olimpia. Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll +Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in +dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen +Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe +verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange +Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von +glühenden Ärmen plötzlich erfaßt sich nicht mehr halten, er mußte vor +Schmerz und Entzücken laut aufschreien: »Olimpia!« - Alle sahen sich +um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein +finstreres Gesicht, als vorher und sagte bloß: »Nun nun!« - Das +Konzert war zu Ende, der Ball fing an. »Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!« +das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wünsche, alles Strebens; +aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Königin des Festes, +aufzufordern? Doch! - er selbst wußte nicht wie es geschah, daß er, +als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch +nicht aufgefordert worden, und daß er, kaum vermögend einige Worte zu +stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich +durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das +strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick +war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und +des Lebensblutes Ströme zu glühen. Und auch in Nathanaels Innerm +glühte höher auf die Liebeslust, er umschlang die schöne Olimpia und +durchflog mit ihr die Reihen. - Er glaubte sonst recht taktmäßig +getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit, +womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung +brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte +jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und hätte jeden, der +sich Olimpia näherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mögen. +Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf +Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder +sie aufzuziehen. Hätte Nathanael außer der schönen Olimpia noch etwas +andres zu sehen vermocht, so wäre allerlei fataler Zank und Streit +unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mühsam +unterdrückte Gelächter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den +jungen Leuten erhob, auf die schöne Olimpia, die sie mit ganz kuriosen +Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz +und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle +ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olimpia, ihre Hand in +der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe +in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese +vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal +übers andere: »Ach - Ach - Ach!« - worauf denn Nathanael also sprach: +»O du herrliche, himmlische Frau! - du Strahl aus dem verheißenen +Jenseits der Liebe - du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein +spiegelt« und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloß immer +wieder: »Ach, Ach!« - Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den +Glücklichen vorüber und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem +Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt +befand, mit einemmal, als würd es hienieden beim Professor Spalanzani +merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht +geringen Schreck gewahr, daß eben die zwei letzten Lichter in dem +leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Längst hatten Musik +und Tanz aufgehört. »Trennung, Trennung«, schrie er ganz wild und +verzweifelt, er küßte Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde, +eiskalte Lippen begegneten seinen glühenden! - So wie, als er Olimpias +kalte Hand berührte, fühlte er sich von innerem Grausen erfaßt, die +Legende von der toten Braut ging ihm plötzlich durch den Sinn; aber +fest hatte ihn Olimpia an sich gedrückt, und in dem Kuß schienen die +Lippen zum Leben zu erwarmen. - Der Professor Spalanzani schritt +langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder +und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein +grauliches gespenstisches Ansehen. »Liebst du mich - liebst du mich +Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du mich?« So flüsterte Nathanael, +aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: »Ach - Ach!« - »Ja +du mein holder, herrlicher Liebesstern«, sprach Nathanael, »bist +mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklären mein Inneres +immerdar!« - »Ach, ach!« replizierte Olimpia fortschreitend. +Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. »Sie haben sich +außerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten«, sprach dieser +lächelnd: »Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack +daran, mit dem blöden Mädchen zu konvergieren, so sollen mir Ihre +Besuche willkommen sein.« - Einen ganzen hellen strahlenden Himmel +in der Brust schied Nathanael von dannen. Spalanzanis Fest war der +Gegenstand des Gesprächs in den folgenden Tagen. Unerachtet der +Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wußten +doch die lustigen Köpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem +zu erzählen, das sich begeben, und vorzüglich fiel man über die +todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schönen Äußern +unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden +wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael +vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte +er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, daß eben ihr +eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches Gemüt zu +erkennen hindert? »Tu mir den Gefallen, Bruder«, sprach eines Tages +Siegmund, »tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl +möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drüben zu +vergaffen?« Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann +er sich und erwiderte: »Sage _du_ mir Siegmund, wie deinem, sonst +alles Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias +himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank +sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müßte +einer von uns blutend fallen.« Siegmund merkte wohl, wie es mit dem +Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fügte, nachdem er geäußert, +daß in der Liebe niemals über den Gegenstand zu richten sei, hinzu: +»Wunderlich ist es doch, daß viele von uns über Olimpia ziemlich +gleich urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht übel, Bruder! - auf +seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist +regelmäßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie könnte für schön +gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte +sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede +Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt. +Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der +singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz +unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben, +es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe +es mit ihr eine eigne Bewandtnis.« - Nathanael gab sich dem bittern +Gefühl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus +nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst: +»Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich +sein. Nur dem poetischen Gemüt entfaltet sich das gleich organisierte! +- Nur _mir_ ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und +Gedanken, nur in Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Euch mag +es nicht recht sein, daß sie nicht in platter Konversation faselt, wie +die andern flachen Gemüter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; +aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern +Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der +Anschauung des ewigen Jenseits. Doch für alles das habt ihr keinen +Sinn und alles sind verlorne Worte.« - »Behüte dich Gott, Herr +Bruder«, sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmütig, »aber mir +scheint es, du seist auf bösem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn +alles - Nein, ich mag nichts weiter sagen! -« Dem Nathanael war es +plötzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit +ihm, er schüttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich. + +Nathanael hatte rein vergessen, daß es eine Clara in der Welt gebe, +die er sonst geliebt; - die Mutter - Lothar - alle waren aus seinem +Gedächtnis entschwunden, er lebte nur für Olimpia, bei der er täglich +stundenlang saß und von seiner Liebe, von zum Leben erglühter +Sympathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches +alles Olimpia mit großer Andacht anhörte. Aus dem tiefsten Grunde des +Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben. +Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzählungen, das wurde täglich +vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen, +Kanzonen, und das alles las er der Olimpia stundenlang hintereinander +vor, ohne zu ermüden. Aber auch noch nie hatte er eine solche +herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah +nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit +keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine +Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein +Gähnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen - kurz! - +stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins +Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen und immer glühender, immer +lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und +ihr die Hand, auch wohl den Mund küßte, sagte sie: »Ach, Ach!« - dann +aber: »Gute Nacht, mein Lieber!« - »O du herrliches, du tiefes Gemüt«, +rief Nathanael auf seiner Stube: »nur von dir, von dir allein werd ich +ganz verstanden.« Er erbebte vor innerm Entzücken, wenn er bedachte, +welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemüt +täglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia über +seine Werke, über seine Dichtergabe überhaupt recht tief aus seinem +Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst +herausgetönt. Das mußte denn wohl auch sein; denn mehr Worte als +vorhin erwähnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch +Nathanael in hellen nüchternen Augenblicken, z.B. morgens gleich +nach dem Erwachen, wirklich an Olimpias gänzliche Passivität und +Wortkargheit, so sprach er doch: »Was sind Worte - Worte! - Der Blick +ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag +denn überhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen +Kreis, den ein klägliches irdisches Bedürfnis gezogen?« - Professor +Spalanzani schien hocherfreut über das Verhältnis seiner Tochter +mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines +Wohlwollens und als es Nathanael endlich wagte von ferne auf eine +Verbindung mit Olimpia anzuspielen, lächelte dieser mit dem ganzen +Gesicht und meinte: er werde seiner Tochter völlig freie Wahl lassen. +- Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloß +Nathanael, gleich am folgenden Tage Olimpia anzusehen, daß sie das +unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was längst ihr holder +Liebesblick ihm gesagt, daß sie sein eigen immerdar sein wolle. Er +suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um +ihn Olimpia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden, +blühenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm +dabei in die Hände; gleichgültig warf er sie beiseite, fand den Ring, +steckte ihn ein und rannte herüber zu Olimpia. Schon auf der Treppe, +auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getöse; es schien aus +Spalanzanis Studierzimmer herauszuschallen. - Ein Stampfen - ein +Klirren - ein Stoßen - Schlagen gegen die Tür, dazwischen Flüche und +Verwünschungen. Laß los - laß los - Infamer - Verruchter! - Darum Leib +und Leben daran gesetzt? - ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet +- ich, ich hab die Augen gemacht - ich das Räderwerk - dummer Teufel +mit deinem Räderwerk - verfluchter Hund von einfältigem Uhrmacher - +fort mit dir - Satan - halt - Peipendreher - teuflische Bestie! - halt +- fort - laß los! - Es waren Spalanzanis und des gräßlichen Coppelius +Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten. Hinein stürzte +Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine +weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei +den Füßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller +Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurück, +als er die Figur für Olimpia erkannte; aufflammend in wildem Zorn +wollte er den Wütenden die Geliebte entreißen, aber in dem Augenblick +wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend die Figur dem Professor aus +den Händen und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fürchterlichen +Schlag, daß er rücklings über den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten, +Flaschen, gläserne Zylinder standen, taumelte und hinstürzte; alles +Gerät klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola die Figur +über die Schulter und rannte mit fürchterlich gellendem Gelächter +rasch fort die Treppe herab, so daß die häßlich herunterhängenden Füße +der Figur auf den Stufen hölzern klapperten und dröhnten. - Erstarrt +stand Nathanael - nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias +toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze +Höhlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani wälzte sich auf der +Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie +aus Springquellen strömte das Blut empor. Aber er raffte seine Kräfte +zusammen. - »Ihm nach - ihm nach, was zauderst du? - Coppelius - +Coppelius, mein bestes Automat hat er mir geraubt - Zwanzig Jahre +daran gearbeitet - Leib und Leben daran gesetzt - das Räderwerk +- Sprache - Gang - mein - die Augen - die Augen dir gestohlen. - +Verdammter - Verfluchter - ihm nach - hol mir Olimpia - da hast du die +Augen! -« Nun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden +liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten +Hand und warf sie nach ihm, daß sie seine Brust trafen. - Da packte +ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres +hinein Sinn und Gedanken zerreißend. »Hui - hui - hui! - _Feuerkreis_ - +_Feuerkreis_! dreh dich _Feuerkreis_ - lustig - lustig! - Holzpüppchen hui +schön Holzpüppchen dreh dich -« damit warf er sich auf den Professor +und drückte ihm die Kehle zu. Er hätte ihn erwürgt, aber das Getöse +hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den +wütenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich +verbunden wurde. Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den +Rasenden zu bändigen; der schrie mit fürchterlicher Stimme immerfort: +»Holzpüppchen dreh dich« und schlug um sich mit geballten Fäusten. +Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu überwältigen, +indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter +in entsetzlichem tierischen Gebrüll. So in gräßlicher Raserei tobend +wurde er nach dem Tollhause gebracht. + +Ehe ich, günstiger Leser! dir zu erzählen fortfahre, was sich weiter +mit dem unglücklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du +einigen Anteil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten +Spalanzani nehmen, versichern, daß er von seinen Wunden völlig geheilt +wurde. Er mußte indes die Universität verlassen, weil Nathanaels +Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein für gänzlich +unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernünftigen Teezirkeln (Olimpia +hatte sie mit Glück besucht) statt der lebendigen Person eine +Holzpuppe einzuschwärzen. Juristen nannten es sogar einen feinen +und um so härter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum +gerichtet und so schlau angelegt worden, daß kein Mensch (ganz kluge +Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise +tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen +verdächtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich +nichts Gescheutes zutage. Denn konnte z.B. wohl irgend jemanden +verdächtig vorgekommen sein, daß nach der Aussage eines eleganten +Teeisten Olimpia gegen alle Sitte öfter genieset, als gegähnt hatte? +Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen +Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor +der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu, +räusperte sich und sprach feierlich: »Hochzuverehrende Herren und +Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze +ist eine Allegorie - eine fortgeführte Metapher! - Sie verstehen mich! +- Sapienti sat!« Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich +nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele +Wurzel gefaßt und es schlich sich in der Tat abscheuliches Mißtrauen +gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, daß +man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, daß +die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen +sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber, +daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, +daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das +Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen +gingen leise auseinander. »Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen«, +sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich gegähnt und +niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. - Spalanzani mußte, +wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen [des] der +menschlichen Gesellschaft betrüglicherweise eingeschobenen Automats zu +entgehen. Coppola war auch verschwunden. + +Nathanael erwachte wie aus schwerem, fürchterlichem Traum, er schlug +die Augen auf und fühlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefühl mit +sanfter himmlischer Wärme ihn durchströmte. Er lag in seinem Zimmer in +des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich über ihn hingebeugt +und unfern standen die Mutter und Lothar. »Endlich, endlich, o mein +herzlieber Nathanael - nun bist du genesen von schwerer Krankheit - +nun bist du wieder mein!« - So sprach Clara recht aus tiefer Seele und +faßte den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut +und Entzücken die hellen glühenden Tränen aus den Augen und er stöhnte +tief auf. »Meine - meine Clara!« - Siegmund, der getreulich ausgeharrt +bei dem Freunde in großer Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die +Hand: »Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.« - Jede Spur +des Wahnsinns war verschwunden, bald erkräftigte sich Nathanael in der +sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glück +war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim, +von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter +nebst einem nicht unbedeutenden Vermögen ein Gütchen in einer +angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie +hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu +heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher +geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras +himmlisch reines, herrliches Gemüt. Niemand erinnerte ihn auch nur +durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund +von ihm schied, sprach Nathanael: »Bei Gott Bruder! ich war auf +schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den +lichten Pfad! - Ach es war ja Clara! -« Siegmund ließ ihn nicht weiter +reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen möchten ihm +zu hell und flammend aufgehen. - Es war an der Zeit, daß die +vier glücklichen Menschen nach dem Gütchen ziehen wollten. Zur +Mittagsstunde gingen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten +manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten über +den Markt. »Ei!« sagte Clara: »steigen wir doch noch einmal herauf und +schauen in das ferne Gebirge hinein!« Gesagt, getan! Beide, Nathanael +und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach +Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern, +wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf +der höchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen +Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich +erhob. + +»Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich +auf uns los zu schreiten scheint«, frug Clara. - Nathanael faßte +mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv, +er schaute seitwärts - Clara stand vor dem Glase! - Da zuckte es +krampfhaft in seinen Pulsen und Adern - totenbleich starrte er Clara +an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme durch die rollenden +Augen, gräßlich brüllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang +er hoch in die Lüfte und grausig dazwischen lachend schrie er in +schneidendem Ton: »Holzpüppchen dreh dich - Holzpüppchen dreh +dich« - und mit gewaltiger Kraft faßte er Clara und wollte sie +herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst +fest an das Geländer. Lothar hörte den Rasenden toben, er hörte Claras +Angstgeschrei, gräßliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf, +die Tür der zweiten Treppe war verschlossen - stärker hallte Claras +Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stieß er gegen die Tür, die +endlich aufsprang - Matter und matter wurden nun Claras Laute: »Hülfe +- rettet - rettet -« so erstarb die Stimme in den Lüften. »Sie ist +hin - ermordet von dem Rasenden«, so schrie Lothar. Auch die Tür zur +Galerie war zugeschlagen. - Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er +sprengte die Tür aus den Angeln. Gott im Himmel - Clara schwebte von +dem rasenden Nathanael erfaßt über der Galerie in den Lüften - nur mit +einer Hand hatte sie noch die Eisenstäbe umklammert. Rasch wie der +Blitz erfaßte Lothar die Schwester, zog sie hinein, und schlug im +demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wütenden ins Gesicht, daß +er zurückprallte und die Todesbeute fallen ließ. + +Lothar rannte herab, die ohnmächtige Schwester in den Armen. - Sie war +gerettet. - Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch +in die Lüfte und schrie »_Feuerkreis_ dreh dich - _Feuerkreis_ dreh dich« +- Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen +ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt +gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte +herauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, da lachte Coppelius +sprechend: »Ha ha - wartet nur, der kommt schon herunter von selbst«, +und schaute wie die übrigen hinauf. Nathanael blieb plötzlich wie +erstarrt stehen, er bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und +mit dem gellenden Schrei: »Ha! Sköne Oke - Sköne Oke«, sprang er über +das Geländer. + +Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem, Steinpflaster lag, war +Coppelius im Gewühl verschwunden. + +Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen +haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Türe +eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten. +Es wäre daraus zu schließen, daß Clara das ruhige häusliche Glück noch +fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im +Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können. + + + +Ignaz Denner + +Vor alter längst verfloßner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst +des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jägersmann, Andres mit Namen. Er +war sonst Leibjäger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er +auf weiten Reisen durch das schöne Welschland begleitet, und einmal, +als sie auf den unsichern Wegen in dem Königreich Neapel von +Straßenräubern angefallen wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit +aus großer Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirtshause zu Neapel, +wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschönes Mädchen, +die von dem Hauswirt, der sie als eine Waise aufgenommen, gar hart +behandelt und zu den niedrigsten Arbeiten in Hof und Küche gebraucht +wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr verständlich machen +konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Mädchen faßte +solche Liebe zu ihm, daß sie sich nicht mehr von ihm trennen, sondern +mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach, +gerührt von Andres' Bitten und Giorginas Tränen, erlaubte, daß sie +sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschbock setzen, und so die +beschwerliche Reise machen durfte. Schon ehe sie über die Grenzen von +Italien hinausgekommen, ließ sich Andres mit seiner Giorgina trauen +und als sie dann nun endlich zurückgekehrt waren auf die Güter des +Grafen von Vach, glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen, +da er ihn zu seinem Revierjäger ernannte. Mit seiner Giorgina und +einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er +schützen sollte wider die Freijäger und Holzdiebe. Statt des geholten +Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheißen, führte er aber ein +beschwerliches, mühseliges, dürftiges Leben und geriet bald in Kummer +und Elend. Der kleine Lohn an barem Geld, den er von dem Grafen +erhielt, reichte kaum hin, sich und seine Giorgina zu kleiden; die +geringen Gefälle, die ihm bei Holzverkäufen zukamen, waren selten +und ungewiß und den Garten, auf dessen Bebauung und Benutzung er +angewiesen, verwüsteten oft die Wölfe und die wilden Schweine, er +mochte mit seinem Knecht auf der Hut sein, wie er wollte, so daß +bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts +vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben +und Freischützen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer +Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte +und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie +ihm nach auf gefährliche Weise, und nur seine treuen Doggen schützten +ihn vor nächtlichem Überfall des Raubgesindels. Giorgina, des Klimas +und der Lebensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte +zusehends hin. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe verwandelte sich in +fahles Gelb, ihre lebhaften blitzenden Augen wurden düster, und ihr +voller, üppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie +in mondheller Nacht. Schüsse krachten in der Ferne durch den Wald, die +Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit +dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbrünstig +zu Gott und zu den Heiligen, daß sie und ihr treuer Mann errettet +werden möchten aus dieser schrecklichen Einöde und aus der steten +Todesgefahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das +Krankenlager, und immer schwächer und schwächer werdend, sah sie ihr +Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbrütend, schlich der unglückliche +Andres umher; alles Glück war mit der Krankheit seines Weibes von ihm +gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den +Büschen; sowie er sein Gewehr abdrückte, war es verstoben in der Luft. +Er konnte kein Tier mehr treffen und nur sein Knecht, ein geübter +Schütze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu +liefern gehalten war. Einst saß er an Giorginas Bette, den starren +Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr +atmete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefaßt und +hörte nicht das Ächzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten +wollte. Der Knecht ging schon am frühen Morgen nach Fulda, um für das +letzte Ersparnis einige Erquickung für die Kranke herbeizuschaffen. +Kein menschliches tröstendes Wesen war weit und breit zu finden, nur +der Sturm heulte in schneidenden Tönen des entsetzlichen Jammers durch +die schwarzen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser +Klage, um den unglücklichen Herrn. Da hörte Andres auf einmal es vor +dem Hause daherschreiten, wie menschliche Fußtritte. Er glaubte, +es wäre der zurückkehrende Knecht, unerachtet er ihn nicht so früh +erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten heftig. Es +mußte ein Fremder sein. Andres ging selbst vor die Tür: da trat ihm +ein langer, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemütze +tief ins Gesicht gedrückt. »Ei«, sagte der Fremde: »wie bin ich doch +hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab, +wir bekommen ein schrecklich Wetter. Möchtet Ihr nicht erlauben, +lieber Herr! daß ich in Euer Haus eintreten und mich von dem +beschwerlichen Wege erholen und erquicken dürfte zur weitern Reise?« - +»Ach Herr«, erwiderte der betrübte Andres, »Ihr kommt in ein Haus der +Not und des Elends und außer dem Stuhl, auf dem Ihr ausruhen könnt, +vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen +kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich +nach Fulda geschickt, wird erst am späten Abend etwas zur Labung +herbeibringen.« Unter diesen Worten waren sie in die Stube getreten. +Der Fremde legte seine Reisemütze und seinen Mantel ab, unter dem er +ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilett und ein +paar Terzerole hervor, die er auf den Tisch legte. Andres war an +Giorginas Bett getreten, sie lag in bewußtlosem Zustande. Der +Fremde trat ebenfalls hinzu, schaute die Kranke lange mit scharfen, +bedächtigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich +erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: »Ach Gott, nun +stirbt sie wohl!« da sagte der Fremde: »Mit nichten, lieber Freund! +seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als kräftige, gute Nahrung, +und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und stärkt, +die besten Dienste tun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein +Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und +besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir +führe und auch wohl verkaufe.« Damit öffnete der Fremde sein Kistchen, +holte eine Phiole heraus, tröpfelte von dem ganz dunkelroten Liquor +etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem +Felleisen eine kleine geschliffene Flasche köstlichen Rheinweins und +flößte der Kranken ein paar Löffel voll ein. Den Knaben, befahl er, +nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der +Ruhe zu überlassen. Dem Andres war es zumute, als sei ein Heiliger +herabgestiegen in die Einöde, ihm Trost und Hülfe zu bringen. Anfangs +hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abgeschreckt, jetzt +wurde er durch die sorgliche Teilnahme, durch die augenscheinliche +Hülfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezogen. Er +erzählte dem Fremden unverhohlen, wie er eben durch die Gnade, die ihm +sein Herr, der Graf von Vach, angedeihen lassen wollen, in Not und +Elend geraten sei und wie er wohl Zeit seines Lebens nicht aus +drückender Armut und Dürftigkeit kommen werde. Der Fremde tröstete +ihn dagegen und meinte, wie oft ein unverhofftes Glück dem +Hoffnungslosesten alle Güter des Lebens bringe, und daß man wohl etwas +wagen müsse, das Glück selbst sich dienstbar zu machen. »Ach lieber +Herr!« erwiderte Andres, »ich vertraue Gott und der Fürsprache der +Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit +Inbrunst beten. Was soll ich denn tun, um mir Geld und Gut zu +verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so wäre +es ja sündlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt +zu Gütern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wünsche, +die ihr schönes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einöde +zu folgen, so kommt es wohl, ohne daß ich Leib und Leben wage um +schnödes, weltliches Gut.« Der Fremde lächelte bei diesen Reden des +frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu +erwidern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den +sie versunken, erwachte. Sie fühlte sich wunderbarlich gestärkt; auch +der Knabe lächelte hold und lieblich an ihrer Brust. Andres war außer +sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus. +Der Knecht war indessen zurückgekommen und bereitete, so gut er es +vermochte, von den mitgebrachten Lebensmitteln das Mahl, an dem nun +der Fremde teilnehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe +für Giorgina, und man sah, daß er allerlei Gewürz und andere +Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war später +Abend worden, der Fremde mußte daher bei dem Andres übernachten, +und er bat, daß man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina +schliefen, ein Strohlager bereiten möge. Das geschah. Andres, den die +Besorgnis um Giorgina nicht schlafen ließ, bemerkte, wie der Fremde +beinahe bei jedem stärkeren Atemzuge Giorginas auffuhr, wie er +stündlich aufstand, leise sich ihrem Bette näherte, ihren Puls +erforschte und ihr Arznei eintröpfelte. + +Als der Morgen angebrochen, war Giorgina wieder zusehends besser +geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte, +aus der Fülle seines Herzens. Auch Giorgina äußerte, wie ihn wohl, auf +ihr inbrünstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung. +Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbrüche des Danks in gewisser +Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und äußerte ein +Mal über das andere, wie er ja ein Unmensch sein müsse, wenn er nicht +der Kranken mit seiner Kenntnis und den Arzneimitteln, die er bei sich +führe, habe beistehen sollen. Übrigens sei nicht Andres, sondern er +zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Not unerachtet, die im Hause +herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keineswegs diese +Pflicht unerfüllt lassen. Er zog einen wohlgefüllten Beutel hervor +und nahm einige Goldstücke heraus, die er dem Andres hinreichte. »Ei +Herr«, sagte Andres, »wie und wofür sollte ich denn so vieles Geld von +Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da Ihr Euch in dem +wilden weitläufigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht, +und dünkte Euch das irgend eines Dankes wert, so habt Ihr mich ja +überreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch +belohnt, daß Ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib +vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir getan, +werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott möge es mir +verleihen, daß ich die edle Tat Euch mit meinem Leben und Blut lohnen +könne.« Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher +funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. »Ihr müßt, braver Mann«, +sprach er, »durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe +schuldig, der Ihr damit bessere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen +könnt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren +vorigen Zustand zurückzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu +können.« - »Ach Herr«, erwiderte Andres, »verzeiht es, aber eine +innere Stimme sagt mir, daß ich Euer unverdientes Geld nicht nehmen +darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der höhern Eingebung meines +Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben +geführt und mich beschützt vor allen Gefahren des Leibes und der +Seele. Wollt Ihr großmütig handeln und an mir Armen ein übriges tun, +so laßt mir ein Fläschlein von Eurer wundervollen Arznei zurück, damit +durch ihre Kraft mein Weib ganz genese.« Giorgina richtete sich im +Bette auf, und der schmerzvolle wehmütige Blick, den sie auf Andres +warf, schien ihn anzusehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres +Widerstreben zu achten, sondern die Gabe des mildtätigen Mannes +anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: »Nun wenn Ihr denn +durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm +lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Not zu +retten, nicht verschmähen wird.« Damit griff er noch einmal in den +Beutel, und sich der Giorgina nähernd, gab er ihr wohl noch einmal so +viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Giorgina sah das +schöne funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte +kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Tränen schossen ihr die +Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach +zu Andres: »Seht, lieber Mann! Ihr könnet meine Gabe getrost annehmen, +da ich nur etwas von großem Überfluß Euch mitteile. Gestehen will ich +Euch, daß ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten +Kleidung, und da ich wie ein dürftiger wandernder Krämer zu Fuß reise, +glaubt Ihr gewiß, daß ich arm bin und mich nur kümmerlich von kleinem +Verdienst auf Messen und Jahrmärkten nähre: ich muß Euch jedoch sagen, +daß ich durch glücklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den +ich seit vielen Jahren treibe, ein sehr reicher Mann geworden, und nur +die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In +diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und +köstliche, zum Teil noch im grauen Altertum geschnittene Steine, +welche viele, viele Tausende wert sind. Ich habe diesmal in Frankfurt +sehr glückliche Geschäfte gemacht, so daß das wohl noch lange nicht +der hundertste Teil des Gewinns sein mag, was ich Euerm lieben Weibe +schenkte. Überdem gebe ich Euch das Geld keineswegs umsonst, sondern +verlange von Euch dafür allerlei Gefälligkeiten. Ich wollte, wie +gewöhnlich, von Frankfurt nach Kassel gehen und kam von Schlüchtern +aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, daß der Weg +durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade für einen +Fußgänger recht anmutig ist, weshalb ich denn künftig auf gleicher +Reise immer diese Straße einschlagen und bei Euch einsprechen will. +Ihr werdet daher mich jährlich zweimal bei Euch eintreffen sehen; +nämlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Kassel wandere, und +im späten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelismesse nach +Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wohl auch nach Welschland +gehe. Dann sollt Ihr mich für gute Bezahlung - einen - zwei auch wohl +drei Tage bei Euch beherbergen und das ist die erste Gefälligkeit, um +die ich Euch ersuche. + +Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waren sind, die +ich in Kassel nicht brauche, und das mir beim Wandern hinderlich ist, +zu behalten, bis ich künftigen Herbst wieder bei Euch einspreche. +Nicht verhehlen will ich, daß die Waren viele Tausende wert sind, aber +ich mag Euch deshalb doch kaum größere Sorglichkeit empfehlen, da ich +nach der Treue und Frömmigkeit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue, +daß Ihr auch das Geringste, was ich Euch zurückließe, sorgfältig +aufbewahren würdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch großem +Werte, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich +tun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere. +Das Dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen, +unerachtet es mir jetzt am nötigsten tut. Ihr sollt Euer liebes Weib +nur auf diesen Tag verlassen und mich aus dem Forst bis auf die Straße +nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Bekannten einsprechen und dann +meine Reise nach Kassel fortsetzen will. Denn außer dem, daß ich des +Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal +verirren könnte, ohne von einem so wackern Mann, wie Ihr es seid, +aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer. +Euch als einem Jägersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber +ich, als einsamer Wanderer, könnte wohl gefährdet werden. Man sprach +in Frankfurt davon, daß eine Räuberbande, die sonst die Gegend von +Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Straßburg herauf +ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von +Leipzig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen reicheren Gewinst +versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht wär es möglich, +daß sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwelenhändler +kennten. Hab ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient, +so könnt Ihr mich dadurch reichlich lohnen, daß Ihr aus diesem Forste +mich auf Weg und Steg leitet.« Andres war mit Freuden bereit, alles zu +erfüllen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es +der Fremde wünschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jägeruniform +anzog, seine Doppelbüchse und seinen tüchtigen Hirschfänger +umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln. +Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geöffnet und die +prächtigsten Geschmeide, Halsketten - Ohrringe - Spangen +herausgenommen, die er auf Giorginas Bette ausbreitete, so daß sie +ihre Verwunderung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der +Fremde sie aufforderte, doch eine der schönsten Halsketten umzuhängen, +die reichen Spangen auf ihre wunderschön geformten Ärme zu streifen, +und ihr dann einen kleinen Taschenspiegel vorhielt, worin sie sich +nach Herzenslust beschauen konnte, so daß sie in kindischer Lust +aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: »Ach lieber Herr! wie +möget Ihr doch in meinem armen Weibe solche Lüsternheit erregen, daß +sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar +nicht anstehen. Nehmt mir es nicht übel, Herr! aber die einfache rote +Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehängt hatte, als ich +sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das +funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und trügerisch +vorkommt.« - »Ihr seid auch gar zu strenge«, erwiderte der Fremde +höhnisch lächelnd, »daß Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer +Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schönen +Geschmeiden herauszuputzen, die keineswegs trügerisch, sondern +wahrhaft echt sind. Wißt Ihr denn nicht, daß eben den Weibern solche +Dinge rechte Freude verursachen? Und was Ihr da sagt, daß solcher +Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so muß ich das Gegenteil +behaupten. Euer Weib ist hübsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr +wißt ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug sein wird, +dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen.« Andres sprach +mit sehr ernstem nachdrücklichen Ton: »Ich bitte Euch, Herr! führt +nicht solche geheimnisvolle verfängliche Reden! Wollt Ihr denn mein +armes Weib betören, daß sie von eitlem Gelüst nach solchem weltlichen +Prunk und Staat nur drückender unsere Armut fühle und um alle +Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schöne +Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis +Ihr zurückkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhüten +möge! Euch unterdessen ein Unglück zustoßen sollte, so daß Ihr nicht +mehr zurückkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen +abliefern, und wie lange soll ich auf Euch warten, ehe ich die Juwelen +_dem_ einhändige, den Ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt +um Euern Namen bitte?« - »Ich heiße«, erwiderte der Fremde, »Ignaz +Denner, und bin, wie Ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe +weder Weib, noch Kinder, und meine Verwandte wohnen im Walliser Lande. +_Die_ kann ich aber keineswegs lieben und achten, da sie sich, als ich +noch arm und bedürftig war, um mich gar nicht gekümmert haben. Sollte +ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behaltet das Kistchen +ruhig an Euch und, da ich wohl weiß, daß beide, Ihr und Giorgina, Euch +sträuben werdet, das reiche Vermächtnis von mir anzunehmen, so schenke +ich in jenem Fall das Kästchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich, +wenn Ihr ihn firmeln laßt, den Namen Ignatius beizugeben bitte.« +Andres wußte in der Tat nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit +und Großmut des fremden Mannes machen sollte. Er stand ganz verstummt +vor ihm, indes Giorgina ihm für seinen guten Willen dankte und +versicherte, zu Gott und den Heiligen fleißig beten zu wollen, daß sie +ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschützen und ihn stets +glücklich in ihr Haus zurückführen möchten. Der Fremde lächelte, so +wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, daß wohl das +Gebet einer schönen Frau mehr Kraft haben möge, als das seinige. Das +Beten wolle er daher ihr überlassen und übrigens seinem kräftigen +abgehärteten Körper und seinen guten Waffen vertrauen. + +Dem frommen Andres mißfiel diese Äußerung des Fremden höchlich; +indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwidern schon im Begriff +stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch +den Forst zu beginnen, da er sonst erst in später Nacht in sein Haus +zurückkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen würde. + +Der Fremde sagte beim Abschied noch Giorginen: daß er ausdrücklich ihr +erlaube, sich, wenn es ihr Vergnügen mache, mit seinen Geschmeiden zu +schmücken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an +jeder Belustigung mangle. Giorgina errötete vor innerm Vergnügen, +da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glänzendem Staat und +vorzüglich an kostbaren Steinen nicht unterdrücken konnte. - Nun +schritten Denner und Andres rasch vorwärts durch den finstern öden +Wald. In dem dicksten Gebüsch schnupperten die Doggen umher und +klafften, den Herrn mit klugen beredten Augen anschauend. »Hier ist +es nicht geheuer«, sprach Andres, spannte den Hahn seiner Büchse und +schritt mit den Hunden bedächtig vor dem fremden Kaufmann her. Oft +war es ihm, als rausche es in den Bäumen und bald erblickte er +in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebüsch +verschwanden. Er wollte seine Doggen loskuppeln. »Tut das nicht, +lieber Mann!« rief Denner, »denn ich kann Euch versichern, daß wir +nicht das mindeste zu fürchten haben.« Kaum hatte er diese Worte +gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein großer schwarzer +Kerl mit struppigen Haaren und großem Knebelbart, eine Büchse in der +Hand, aus dem Gebüsch heraustrat. Andres machte sich schußfertig; +»schießt nicht, schießt nicht!« rief Denner; der schwarze Kerl nickte +ihm freundlich zu und verlor sich in den Bäumen. Endlich waren sie aus +dem Walde heraus, auf der lebhaften Landstraße. »Nun danke ich Euch +herzlich für Euer Geleite«, sprach Denner; »kehrt nur jetzt in Eure +Wohnung zurück; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstoßen, wie +wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Straße fort, ohne Euch darum zu +kümmern. Tut, als wenn Ihr gar nichts bemerktet, behaltet Eure Doggen +am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung erreichen.« Andres +wußte nicht, was er von dem allen und von dem wunderlichen Kaufmann +denken sollte, der, wie ein Geisterbeschwörer, den Feind zu bannen und +von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn +erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres +durch den Forst zurück, es stieß ihm durchaus nichts Verdächtiges auf +und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Giorgina, die sich +munter und kräftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme +fiel. + +Durch die Freigebigkeit des fremden Kaufmanns bekam die kleine +Haushaltung des Andres eine ganz andere Gestalt. Kaum war nämlich +Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und außer +den nötigsten Bedürfnissen noch manches Stück einkaufte, das ihrer +häuslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines +gewissen Wohlstandes erhielt. Dazu kam, daß seit dem Besuch des +Fremden die Freijäger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen, +und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagdglück +war wiedergekehrt, so daß er, wie sonst, beinahe niemals einen +Fehlschuß tat. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und +blieb drei Tage. Der hartnäckigen Weigerung der Wirtsleute unerachtet +war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es +sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so +sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer +zu machen. + +Nun konnte die bildhübsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand +dem Andres, daß sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen +Nadel, wie sie die Mädchen und Weiber in mancher Gegend Italiens +durch das in Zöpfen zusammengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken +pflegen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in +dem Augenblick war Giorgina zur Tür herausgesprungen und nicht lange +dauerte es, so kehrte sie zurück ganz so gekleidet und geschmückt, wie +Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schöne goldne Nadel prangte +in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen +geflochten, und Andres mußte sich nun selbst gestehen, daß der Fremde +sein Geschenk recht sinnig gewählt hatte, um seine Giorgina wahrhaft +zu erfreuen. + +Andres äußerte dies unverhohlen und Giorgina meinte, daß der Fremde +wohl ihr Schutzengel sei, der sie aus der tiefsten Dürftigkeit zum +Wohlstande erhebe, und daß sie gar nicht begreife, wie Andres so +wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und überhaupt so traurig, +so in sich gekehrt, bleiben könne. »Ach, liebes Herzensweib!« sprach +Andres, »die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, daß ich +durchaus nichts von dem Fremden annehmen dürfe, die schweigt bis jetzt +keineswegs. Ich werde oft von innern Vorwürfen gemartert; es ist mir, +als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen +sei und deshalb kann mich nichts recht freuen, was dafür angeschafft +wurde. Ich kann mich jetzt wohl öfter mit einer kräftigen Speise, mit +einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina! war einmal +ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein +paar ehrlich verdiente Groschen mehr beschert, als gewöhnlich, dann +schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der +gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem +sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in +seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zumute. Hast du wohl bemerkt, +liebe Giorgina! daß er niemanden fest anzuschauen vermag? Und dabei +blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar +heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so - bübisch +möcht ich sagen, lachen, daß es mich eiskalt überläuft. - Ach, möchten +nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als +liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde +mit einemmal hervorrufen werde, nachdem er uns in seinen künstlichen +Schlingen gefangen.« + +Giorgina suchte ihrem Mann die schwarzen Vorstellungen auszureden, +indem sie versicherte, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzüglich +bei ihren Pflegeeltern im Wirtshause, Personen kennen gelernt, +deren Äußeres noch viel widriger gewesen sei, unerachtet es am Ende +grundgute Menschen waren. Andres schien getröstet, im Innern beschloß +er aber auf der Hut zu sein. + +Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein +wunderschönes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt +geworden. Es war Giorginas Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig +und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitanische +Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewöhnlich, bereitet, wozu +der Fremde eine Flasche köstlichen Weins aus dem Felleisen hergab. +Als sie nun fröhlich bei Tische saßen und der kleine Knabe mit solch +wunderbar verständigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: »Euer +Kind verspricht in der Tat mit seinem besondern Wesen schon jetzt +recht viel und es ist schade, daß ihr nicht imstande sein werdet, es +gehörig zu erziehen. Ich hätte euch wohl einen Vorschlag zu tun, ihr +werdet ihn aber verwerfen wollen, unerachtet ihr bedenken möchtet, daß +er nur euer Glück, euern Wohlstand bezweckt. Ihr wißt, daß ich reich +und ohne Kinder bin, ich fühle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung +zu euerm Knaben - Gebt mir ihn! - Ich bringe ihn nach Straßburg, wo er +von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste +erzogen werden und mir sowie euch große Freude machen soll. Ihr werdet +mit euerm Kinde einer großen Last frei; doch müßt ihr euern Entschluß +schnell fassen, da ich genötigt bin, noch heute abend abzureisen. Auf +meinen Armen trage ich das Kind bis in das nächste Dorf; dort nehme +ich dann ein Fuhrwerk.« Bei diesen Worten des Fremden riß Giorgina +das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und +drückte es an ihren Busen, indem ihr die Tränen in die Augen traten. +»Seht, lieber Herr!« sprach Andres, »wie meine Frau Euch auf Euern +Vorschlag antwortet, und ebenso bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag +recht gut sein; aber wie möget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen, +das wir auf Erden besitzen? wie möget Ihr doch das eine Last nennen, +was unser Leben aufheitern würde, wären wir auch noch in der tiefsten +Dürftigkeit, aus der uns Eure Güte gerissen? Seht, lieber Herr! Ihr +sagtet selbst, daß Ihr ohne Frau und ohne Kinder wäret; Euch ist daher +wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen +Himmelreichs herabströmt auf Mann und Weib bei der Geburt eines +Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und Himmelswonne selbst, von der +die Eltern erfüllt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und +still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von +ihrer Liebe, von ihrem höchsten Lebensglück spricht. - Nein, lieber +Herr! so groß auch die Wohltaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so +wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind wert ist; +denn wo gäbe es Schätze der Welt, die diesem Besitz gleichzustellen? +Scheltet uns daher nicht undankbar, lieber Herr! daß wir Euch Euer +Ansinnen so ganz und gar abschlagen. Wäret Ihr selbst Vater, so +bedürfte es weiter gar keiner Entschuldigung für uns.« - »Nun, nun«, +erwiderte der Fremde, indem er finster seitwärts blickte, »ich glaubte +Euch wohlzutun, indem ich Euern Sohn reich und glücklich machte. Seid +ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede.« - +Giorgina küßte und herzte den Knaben, als sei er aus großer Gefahr +errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich +wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch +nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung seiner Wirtsleute, ihm +den Knaben zu geben, verdrossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch +denselben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er +jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina verweilte, sondern mit Andres +auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen +Aloys von Vach erzählen ließ. Als in der Folge Ignaz Denner wieder bei +seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan, +den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freundlich wie +vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch +überdem wiederholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den +Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu +schmücken, welches sie auch wohl dann und wann heimlich tat. Oft +wollte Denner, wie sonst, mit dem Knaben spielen; dieser sträubte sich +aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen, +als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern +zu entführen. - Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen +Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die +Scheu, das Mißtrauen wider Denner endlich überwunden, so daß Andres +seinen Wohlstand ruhig und heiter genoß. Im Herbst des dritten Jahres, +als die Zeit, in der Denner gewöhnlich einzusprechen pflegte, schon +vorüber war, pochte es in einer stürmischen Nacht hart an Andres' Tür, +und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrocken sprang er +aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer +Nacht so störe und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um +solche ungebetene Gäste wegzuhetzen, da sagte einer, er möge nur +aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Denners Stimme. Als +er nun mit dem Licht in der Hand die Haustür öffnete, trat ihm Denner +allein entgegen. Andres äußerte, wie es ihm vorgekommen, als ob +mehrere Stimmen seinen Namen gerufen hätten; Denner meinte dagegen, +daß den Andres das Heulen des Windes getäuscht haben müsse. Als sie +in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner +näher betrachtete und seinen ganz veränderten Anzug gewahr wurde. +Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein +dunkelrotes Wams und einen breiten ledernen Gurt, in dem ein Stilett +und vier Pistolen staken; außerdem war er noch mit einem Säbel +bewaffnet, selbst das Gesicht schien verändert, indem auf der sonst +glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker +schwarzer Bart sich über Lippe und Wangen zog. »Andres!« sprach +Denner, indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, »Andres! +als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da +wünschtest du, daß Gott es dir verleihen möge, mir die dir erzeigte +Wohltat mit deinem Blut und Leben lohnen zu können. Dein Wunsch ist +erfüllt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir +deine Dankbarkeit, deine Treue beweisen kannst. Kleide dich an; nimm +deine Büchse und komme mit mir, nur wenige Schritte von deiner Wohnung +sollst du das übrige erfahren.« Andres wußte nicht, was er von Denners +Zumutung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl +eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur mögliche für +ihn zu unternehmen, sobald es nicht der Rechtschaffenheit, Tugend +und Religion zuwiderlaufe. »Darüber kannst du ganz ruhig sein«, rief +Denner, indem er ihm lächelnd auf die Schulter klopfte; und da er +bemerkte, daß Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und +bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach, +sie sanft zurückziehend: »Laßt Euern Mann nur immer mit mir ziehen, +in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch +vielleicht was Schönes mit. Hab ich es denn jemals böse mit euch +gemeint? Habe ich selbst dann, wenn ihr mich verkanntet, nicht immer +euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, ihr seid recht besondere mißtrauische +Leute.« Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner +sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: »Ich hoffe du wirst deine +Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der Tat, was +du gesprochen!« Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit +Denner zur Türe herausschritt, sprach er noch einmal: »Alles, lieber +Herr! will ich für Euch tun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wohl von +mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen +liefe, nicht vollbringen würde.« Denner antwortete nichts, sondern +schritt rasch vorwärts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf +einen ziemlich geräumigen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, daß der +Ton ringsumher aus den schaurigen Klüften widerhallte und überall in +den Büschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in +den dunklen Gängen, bis sich schwarze gräßliche Gestalten gespenstisch +hervordrängten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem +Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: »Das ist ja wohl +unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann?« - »Ja«, antwortete Denner, +»ich hab ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestück machen, es +kann nun gleich vorwärts gehen.« Andres erwachte bei diesen Worten wie +aus dumpfer Betäubung, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne; aber +er ermannte sich und rief heftig: »Was, du schändlicher Betrüger, +für einen Kaufmann gabst du dich aus, und treibst ein höllisches +verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Räuber? Nimmermehr will +ich dein Geselle sein und teilnehmen an deinen Schandtaten, zu denen +du mich, wie der Satan selbst, auf künstliche hämische Weise verlocken +wolltest? - Laß mich gleich fort, du frevelicher Bösewicht, und räume +mit deiner Rotte dies Gebiet, sonst verrate ich deine Schlupfwinkel +der Obrigkeit, und du bekommst den Lohn für deine Schandtaten; denn +nun weiß ich es wohl, daß du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit +seiner Bande an der Grenze gehauset und geraubt, und gemordet hat. - +Gleich lasse mich fort, ich will dich nie mehr schauen.« Denner lachte +laut auf. »Was, du feiger Bube?« sprach er: »du unterstehst dich, mir +zu trotzen, dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen? +Bist du nicht längst schon unser Geselle? lebst du nicht schon seit +beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmückt sich dein Weib nicht +mit unserm Raube? Nun stehst du unter uns und willst nicht arbeiten +dafür was du genossen? Folgst du uns nun nicht, zeigst du dich nicht +gleich als unsern rüstigen Kumpan, so lasse ich dich gebunden in +unsere Höhle werfen und meine Gesellen ziehen nach deiner Wohnung, +zünden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde +wohl diese Maßregel, die nur eine Folge deiner Halsstarrigkeit sein +würde, nicht ergreifen dürfen. Nun! - wähle! - es ist Zeit, wir müssen +fort!« - Andres sah nun wohl ein, daß die mindeste Weigerung seiner +geliebten Giorgina und dem Knaben das Leben kosten würde; den +verräterischen bübischen Denner im Innern zur Hölle verfluchend, +beschloß er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fügen, rein +von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die +Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten günstigen +Gelegenheit ihre Aufhebung und Einziehung zu bewirken. Nach diesem im +stillen gefaßten Entschluß erklärte er dem Denner, wie trotz seines +innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit für Giorginas Rettung +ihn verpflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition +mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, soviel möglich +mit dem tätigen Anteil daran zu verschonen. Denner lobte seinen +Entschluß, indem er hinzufügte, wie er keineswegs verlange, daß er +förmlich zur Bande übertreten solle, vielmehr müsse er Revierjäger +bleiben; denn so wäre er ihm und der Bande schon jetzt von großem +Nutzen gewesen, was denn auch künftig der Fall sein würde. + +Es war auf nichts Geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen +Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu +überfallen und auszuplündern. Man wußte, daß der Pachter außer dem +vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besaß, eben jetzt für +verkauftes Getreide eine sehr bedeutende Summe eingenommen hatte, die +er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Räuber einen +reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgelöscht und still zogen die +Räuber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebäude +standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen +stiegen über die Mauer, und sprengten von innen das Hoftor; einige +wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres. +Bald hörte er, wie die Räuber die Türen erbrachen und ins Haus +stürmten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der +Gemißhandelten. Es fiel ein Schuß; der Pachter, ein beherzter Mann, +mochte sich zur Wehre setzen - dann wurde es stiller - aufgesprengte +Schlösser klirrten, Räuber schleppten Kisten zum Hoftor heraus. Einer +von des Pachters Leuten mußte in der Finsternis entwischt und ins Dorf +gerannt sein; denn auf einmal tönte die Sturmglocke durch die Nacht, +und bald darauf strömten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die +Straße herauf nach der Pachterwohnung. Nun fiel Schuß auf Schuß, die +Räuber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der +Mauer näherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezündet. Andres, der auf +einer Anhöhe stand, konnte alles übersehen. Mit Entsetzen erblickte er +unter den Bauern, Jäger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von +Vach! - Was sollte er tun? - Sich zu ihnen zu begeben, war unmöglich, +nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert +stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer +mörderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite +waren die Vachschen Jäger gedrungen und mit den Räubern handgemein +geworden. Die Räuber mußten zurück, sie drängten sich fechtend +durch das Tor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern, +der unaufhörlich lud und schoß und niemals fehlte. Ein junger +reichgekleideten Mann, von Vachschen Jägern umgeben, schien den +Anführer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er +abdrückte, stürzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen +Schrei nieder. Die Räuber flohen - schon stürzten die Vachschen Jäger +herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, Andres +herbei und rettete Dennern, den er, stark wie er war, auf die +Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden, +erreichte er glücklich den Wald. Nur einzelne Schüsse fielen hin und +wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, daß es den Räubern, +die nicht verwundet auf dem Platze liegen geblieben, geglückt war, in +den Wald zu entkommen und daß es den Jägern und Bauern nicht ratsam +schien, in das Dickicht einzubrechen. »Setze mich nur nieder, Andres! +« sprach Denner, »ich bin in den Fuß verwundet und verdammt, daß ich +umstürzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub ich +doch nicht einmal, daß sie bedeutend ist.« Andres tat es, Denner holte +eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie öffnete, strahlte +ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen +konnte: Denner hatte recht; nur ein starker Streifschuß hatte den +rechten Fuß getroffen, der stark blutete. Andres verband die Wunde mit +seinem Schnupftuch, Denner ließ seine Pfeife ertönen, aus der Ferne +wurde geantwortet und nun bat er den Andres, ihn sachte den schmalen +Waldweg heraufzuführen, denn bald würden sie an Ort und Stelle sein. +Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von +Windlichtern durch das dunkle Gebüsch brechen und hatten jenen +Rasenplatz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die +übriggebliebenen Räuber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor +Freude auf, als Denner unter sie trat und rühmten den Andres, der, +tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich, +daß über die Hälfte der Bande tot, oder hart verwundet auf dem Platze +liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Räubern, die dazu +bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht +wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Gerät, sowie eine ansehnliche +Summe Geld, fortzuschaffen gewußt, so daß, unerachtet das Unternehmen +schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das +Nötige besprochen, wandte sich Denner, den man unterdessen ordentlich +verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fühlen +schien, zu Andres und sprach: »Ich habe dein Weib vom Tode errettet, +du hast mich in dieser Nacht der Gefangenschaft entzogen und mich +folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quitt! +du kannst in deine Wohnung zurückkehren. In den nächsten Tagen, +vielleicht schon morgen, verlassen wir die Gegend; du magst daher +ganz ruhig darüber sein, daß wir dir Ähnliches, so wie heute, zumuten +werden. Du bist ja so ein gottesfürchtiger Narr und uns nicht +brauchbar. Es ist indessen billig, daß du teil am heutigen Raube +nehmest und überdem für meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher +diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn übers +Jahr hoffe ich bei dir einzusprechen.« - »Gott der Herr soll mich +behüten«, erwiderte Andres heftig, »daß ich auch nur einen Pfennig von +Eurem schändlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch nur durch +die abscheulichsten Drohungen gezwungen mitzugehen, welches ich +ewiglich bereuen werde. Wohl mag es Sünde gewesen sein, daß ich dich, +du schändlicher Bösewicht! der gerechten Strafe entzogen habe; aber +Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmut verzeihen. Es war, als +flehe in dem Augenblick meine Giorgina um dein Leben, da du das ihrige +errettet, und ich konnte nicht anders, als daß ich dich mit Gefahr +meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und +meines Kindes aufs Spiel setzend, der Gefahr entriß. Denn sprich, was +wäre aus mir, wenn man mich verwundet, ja was wäre aus meinem armen +Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter deiner +verruchten Mörderbande gefunden hätte? - Aber sei überzeugt, daß, wenn +du die Gegend nicht verlässest, wenn nur ein einziger hier geschehener +Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und +der Obrigkeit deine Schlupfwinkel verrate.« - Die Räuber wollten über +den Andres herfallen, um ihn für seine Reden zu züchtigen; Denner +verbot es ihnen jedoch, indem er sagte: »Laßt doch den albernen Kerl +schwatzen, was tut das uns? - Andres«, fuhr Denner fort, »du bist in +meiner Gewalt, so wie dein Weib und dein Knabe. Du sowohl, als diese, +sollen aber ungefährdet bleiben, wenn du mir versprichst, dich ruhig +in deiner Wohnung zu halten und über deine Mitwissenschaft von dem +Vorfall dieser Nacht gänzlich zu schweigen. Das letzte rate ich dir +um so mehr, als meine Rache dich furchtbar treffen und überdem die +Obrigkeit dir selbst wohl deine Hülfe bei der Tat, sowie, daß du schon +lange von meinem Reichtum genossest, nicht so hingehen lassen würde. +Dagegen verspreche ich dir noch einmal, daß ich die Gegend gänzlich +räumen will und wenigstens von mir und meiner Bande hier kein +Unternehmen mehr ausgeführt werden soll.« Nachdem Andres notgedrungen +diese Bedingungen des Räuberhauptmanns eingegangen war und feierlich +versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Räubern durch +wildverwachsne Fußsteige auf den breiten Waldweg geführt und es war +längst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor +Sorge und Angst totenbleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im +allgemeinen, daß sich ihm Denner als der verruchteste Bösewicht +offenbart, und er daher alle Gemeinschaft mit ihm abgebrochen habe; +nie solle er mehr seine Schwelle betreten. »Aber das Juwelenkästchen?« +unterbrach ihn Giorgina. Da fiel es dem Andres wie eine schwere Last +aufs Herz. An die Kleinodien, die Denner bei ihm zurückgelassen, hatte +er nicht gedacht, und unerklärlich schien es ihm, daß Dennern auch +nicht ein Wort darüber entfallen war. Er ging mit sich zu Rate, was er +wohl mit diesem Kästchen anfangen solle. Zwar dachte er daran, es nach +Fulda zu bringen und der Obrigkeit zu übergeben; wie sollte er aber +den Besitz desselben beschönigen, ohne sich wenigstens dringender +Gefahr auszusetzen, das dem Denner einmal gegebene Wort zu brechen? Er +beschloß endlich, diesen Schatz getreulich zu bewahren, bis der Zufall +ihm Gelegenheit darbieten würde, es Dennern wieder zuzustellen, oder +besser noch, es, ohne sein Wort zu brechen, an die Obrigkeit zu +bringen. + +Der Überfall der Pachterwohnung hatte nicht geringen Schreck in der +ganzen Gegend verursacht; denn es war das kühnste Wagestück, das die +Räuber seit Jahren unternommen und ein sichrer Beweis, daß die Bande, +welche sich erst durch gemeine Diebereien, dann durch das Anhalten +und Berauben einzelner Reisenden kund tat, [sich] bedeutend verstärkt +haben mußte. Nur dem Zufall, daß der Neffe des Grafen von Vach, von +mehreren Leuten seines Oheims begleitet, eben in dem Dorfe, das unfern +der Pachterwohnung lag, übernachtete und auf den ersten Lärm den +Bauern, die gegen die Räuber auszogen, zu Hülfe eilte, hatte der +Pachter die Rettung seines Lebens und des größten Teils seiner +Barschaft zu verdanken. Drei von den Räubern, die auf dem Platz +geblieben waren, lebten noch den andern Tag und gaben Hoffnung, von +ihren Wunden zu genesen. Man hatte sie sorgfältig verbunden und in das +Dorfgefängnis gesperrt; als man indessen am frühen Morgen des dritten +Tages sie abführen wollte, fand man sie durch viele Stiche ermordet, +ohne daß man hätte erraten können, wie das zugegangen. Jede Hoffnung +der Gerichte, von den Gefangenen näheren Aufschluß über die Bande zu +erhalten, war daher vereitelt. Andres schauderte im Innern, als er das +alles erzählen hörte, als er vernahm, wie mehrere Bauern und Jäger des +Grafen von Vach zum Teil getötet, zum Teil schwer verwundet worden. - +Starke Patrouillen von Fuldaischen Reitern durchstreiften den Wald, +und sprachen öfters bei ihm ein; jeden Augenblick mußte Andres +befürchten, daß man Dennern selbst, oder wenigstens einen von der +Bande einbringen, und dieser ihn dann als Genosse jener kühnen +Freveltat erkennen und angeben werde. Zum erstenmal in seinem Leben +fühlte er die folternde Qual des bösen Gewissens, und doch hatte +ihn nur die Liebe zu seinem Weibe, zu dem Knaben, gezwungen, dem +frevelichen Ansinnen Denners nachzugeben. + +Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, es war unmöglich den Räubern +auf die Spur zu kommen, und Andres überzeugte sich bald, daß Denner +Wort gehalten und die Gegend mit seiner Bande verlassen hatte. Das +Geld, welches er noch von Denners Geschenken übrig behalten, sowie die +goldene Nadel, legte er zu den Kleinodien in das Kistchen; denn er +wollte nicht noch mehr Sünde auf sich laden und von geraubtem Gelde +sich gütlich tun. So kam es denn, daß Andres bald wieder in die vorige +Dürftigkeit und Armut geriet; aber immer mehr erheiterte sich sein +Inneres, je längere Zeit verstrich, ohne daß irgend etwas sein ruhiges +Leben verstört hätte. Nach zwei Jahren gebar ihm sein Weib noch einen +Knaben, ohne jedoch, wie das erstemal, zu erkranken, wiewohl sie sich +herzlich nach jener bessern Kost und Pflege sehnte, die ihr damals so +wohl getan. Andres saß einst in der Abenddämmerung traulich mit seinem +Weibe zusammen, die den jüngstgebornen Knaben an der Brust hatte, +während der ältere sich mit dem großen Hunde herumbalgte, der, als +Liebling seines Herrn, wohl in der Stube sein durfte. Da kam der +Knecht hinein und sagte, wie ein Mensch, der ihm ganz verdächtig +vorkomme, schon seit beinahe einer Stunde um das Haus herumschleiche. +Andres war im Begriff mit seiner Büchse hinauszugehen, als er vor dem +Hause seinen Namen rufen hörte. Er öffnete das Fenster und erkannte +auf den ersten Blick den verhaßten Ignaz Denner, der sich wieder in +den grauen Kaufmannshabit geworfen hatte, und ein Felleisen unter dem +Arme trug. »Andres«, rief Denner, »du mußt mir diese Nacht Herberge +geben in deinem Hause, morgen ziehe ich weiter.« - »Was? Du +unverschämter verruchter Bösewicht?« rief Andres in vollem Zorn, »du +wagst es dich wieder hier sehen zu lassen? Habe ich dir nicht treulich +Wort gehalten, nur damit du dein Versprechen erfüllen und auf immer +diese Gegend verlassen solltest? Du darfst nicht mehr meine Schwelle +betreten - entferne dich schnell, oder ich schieße dich mörderischen +Buben nieder! - Doch warte, ich will dir dein Gold, dein Geschmeide, +womit du Satan mein Weib verblenden wolltest, hinabwerfen; dann magst +du schnell forteilen. Ich lasse dir drei Tage Zeit, spüre ich aber +dann nur auf irgend eine Weise deine und deiner Bande Gegenwart, so +eile ich schnell nach Fulda und entdecke alles, was ich weiß, der +Obrigkeit. Magst du nun deine Drohungen gegen mich und mein Weib +erfüllen wollen, ich verlasse mich auf den Beistand Gottes, und werde +dich Bösewicht mit meinem guten Gewehr zu treffen wissen.« Nun holte +Andres schnell das Kästchen herbei, um es hinabzuwerfen; als er aber +ans Fenster trat, war Denner verschwunden, und unerachtet die Doggen +die ganze Gegend rings ums Haus durchspüren mußten, war es doch nicht +möglich ihn aufzufinden. Andres sah nun wohl ein, wie er, Denners +Bosheit ausgesetzt, nun in großer Gefahr schwebe; er war daher +allnächtlich auf seiner Hut, indessen blieb alles ruhig und Andres +überzeugte sich, daß Denner nur allein den Wald durchstrichen hatte. +Um indessen seinen ängstlichen Zustand zu enden, ja um sein Gewissen +zu beruhigen, das ihn mit Vorwürfen quälte, beschloß er nun +nicht länger zu schweigen, sondern dem Rat in Fulda sein ganzes +unverschuldetes Verhältnis mit Denner zu berichten und zugleich das +Kistchen mit den Kleinodien abzuliefern. Andres wußte wohl, daß er +ohne Strafe nicht abkommen würde, jedoch verließ er sich auf sein +reuiges Bekenntnis eines Fehltritts, zu dem ihn der verruchte Ignaz +Denner, wie der Satan selbst, verlockt und gezwungen, sowie auf die +Fürsprache seines Herrn, des Grafen von Vach, der dem treuen Diener +ein günstiges Zeugnis nicht versagen konnte. Er hatte mit seinem +Knechte mehrmals den Wald durchstreift und nie war ihm etwas +Verdächtiges aufgestoßen; für sein Weib war daher jetzt keine Gefahr +vorhanden und er wollte nun ungesäumt nach Fulda gehen, um seinen +Vorsatz auszufahren. An dem Morgen, als er sich zur Reise bereit +gemacht, kam ein Bote von dem Grafen von Vach, der ihn augenblicklich +auf das Schloß seines Herrn mitgehen hieß. Statt nach Fulda wanderte +er also fort mit dem Boten nach dem Schloß, nicht ohne Bangigkeit, +was wohl dieser ganz ungewöhnliche Ruf seines Herrn zu bedeuten haben +werde. Als er in dem Schloß angekommen, mußte er gleich in das Zimmer +des Grafen treten. »Freue dich, Andres«, rief dieser ihm entgegen, +»dich hat ein ganz unerwartetes Glück getroffen. Erinnerst du +dich wohl noch unsers alten mürrischen Hauswirts in Neapel, des +Pflegevaters deiner Giorgina? Der ist gestorben; aber auf dem +Sterbebette hatte ihn noch das Gewissen gerührt wegen der +abscheulichen Behandlung des armen verwaisten Kindes, und deshalb hat +er ihr zweitausend Dukaten vermacht, die bereits in Wechselbriefen in +Frankfurt angekommen sind und die du bei meinem Bankier heben kannst. +Willst du dich gleich nach Frankfurt aufmachen, so lasse ich dir auf +der Stelle das nötige Zertifikat ausfertigen, damit dir das Geld ohne +Anstand ausgezahlt werde.« Den Andres machte die Freude sprachlos, und +der Graf von Vach ergötzte sich nicht wenig an dem Entzücken seines +treuen Dieners. Andres beschloß, als er sich gefaßt hatte, seinem +Weibe eine unvermutete Freude zu bereiten; er nahm daher seines Herrn +gnädiges Anerbieten an, und machte sich, nachdem er die Urkunde zu +seiner Legitimation erhalten, auf den Weg nach Frankfurt. + +Seinem Weibe ließ er sagen, wie ihn der Graf mit wichtigen Aufträgen +verschickt habe, und er daher einige Tage ausbleiben werde. - Als er +in Frankfurt angekommen, wies ihn der Bankier des Grafen, bei dem er +sich meldete, an einen andern Kaufmann, der mit der Auszahlung des +Legats beauftragt sein sollte. Andres fand ihn endlich und erhielt die +ansehnliche Summe wirklich ausgezahlt. Immer nur an Giorgina denkend, +immer darnach trachtend, ihre Freude recht vollkommen zu machen, +kaufte er für sie allerlei schöne Sachen und auch eine goldene Nadel, +der ganz gleich, welche ihr Denner geschenkt hatte, und da er nun +das schwere Felleisen nicht wohl als Fußgänger fortbringen konnte, +verschaffte er sich ein Pferd. So trat er nun, nachdem er sechs Tage +abwesend gewesen, wohlgemut seine Rückreise an. Bald hatte er den +Forst und seine Wohnung erreicht. Er fand das Haus fest verschlossen. +Laut rief er den Knecht, seine Giorgina, niemand antwortete: die Hunde +winselten im Hause eingesperrt. Da ahnete er großes Unglück und schlug +heftig an die Tür und schrie laut: »Giorgina! - Giorgina!« - Nun +rauschte es am Bodenfenster, Giorgina schaute heraus und rief.- »Ach +Gott! - Ach Gott! Andres, bist du es? Gepriesen sei die Macht des +Himmels, daß du nur wieder da bist.« Als Andres nun durch die +geöffnete Tür eintrat, fiel ihm sein Weib totenbleich und laut heulend +in die Arme. Regungslos stand er da; endlich faßte er sein Weib, die +mit erschlafften Gliedern zu Boden sinken wollte, und trug sie in die +Stube. Aber wie mit eisigen Krallen packte ihn das Entsetzen bei dem +gräßlichen Anblick. Die ganze Stube voller Blutflecke an dem Boden, +an den Wänden, sein jüngster Knabe mit zerschnittener Brust tot auf +seinem Bettchen! - »Wo ist George, wo ist George?« schrie Andres +endlich auf in wilder Verzweiflung, aber in dem Augenblick hörte er, +wie der Knabe die Treppe herabtrippelte und nach dem Vater rief. - +Zerbrochene Gläser, Flaschen, Teller lagen umher. Der große schwere +Tisch, sonst an der Wand stehend, war in die Mitte des Zimmers +gerückt, eine sonderbar geformte Kohlpfanne, mehrere Phiolen und eine +Schüssel mit geronnenem Blut standen auf demselben. Andres nahm sein +armes Knäblein aus dem Bette. Giorgina verstand ihn, sie holte Tücher +herbei, in die sie den Leichnam wickelten und im Garten begruben. +Andres schnitt ein kleines Kreuz aus Eichenholz und setzte es auf den +Grabhügel. Kein Wort, kein Laut entfloh den Lippen der unglücklichen +Eltern. In dumpfem düsterem Schweigen hatten sie die Arbeit vollendet +und saßen nun vor dem Hause in der Abenddämmerung, den starren Blick +in die Ferne gerichtet. Erst den andern Tag konnte Giorgina den +Verlauf dessen, was sich in Andres' Abwesenheit zugetragen, erzählen. +Am vierten Tage, nachdem Andres sein Haus verlassen, hatte der Knecht +zur Mittagszeit wieder allerlei verdächtige Gestalten durch den Wald +wanken gesehen, und Giorgina deshalb des Mannes Rückkehr herzlich +gewünscht. Mitten in der Nacht wurde sie durch lautes Toben und +Schreien dicht vor dem Hause aus dem Schlafe geweckt, der Knecht +stürzte herein und verkündete voller Schreck, daß das ganze Haus von +Räubern umringt und an eine Gegenwehr gar nicht zu denken sei. Die +Doggen wüteten, aber bald schien es, als würden sie beschwichtigt und +man rief laut: »Andres! - Andres!« - Der Knecht faßte sich ein Herz, +öffnete ein Fenster und rief herab, daß der Revierjäger Andres nicht +zu Hause sei. »Nun, es tut nichts«, antwortete eine Stimme von unten +herauf, »öffne nur die Tür, denn wir müssen bei euch einkehren, Andres +wird bald nachfolgen.« Was blieb dem Knecht übrig, als die Tür zu +öffnen; da strömte der helle Haufe der Räuber herein und begrüßte +Giorgina als die Frau ihres Kameraden, dem der Hauptmann Freiheit und +Leben zu danken habe. Sie verlangten, daß Giorgina ihnen ein tüchtiges +Essen bereiten möge, weil sie nachts ein schweres Stück Arbeit +vollbracht, das aber herrlich gelungen sei. Zitternd und bebend machte +Giorgina in der Küche ein großes Feuer an und bereitete das Mahl, wozu +sie Wildpret, Wein und allerlei andere Ingredienzien von einem der +Räuber empfing, der der Küchen- und Kellermeister der Bande zu +sein schien. Der Knecht mußte den Tisch decken und das Geschirr +herbeibringen. Er nahm den Augenblick wahr und schlich sich fort +zu seiner Frau in die Küche. »Ach wißt Ihr wohl«, fing er voller +Entsetzen an, »was für eine Tat die Räuber in dieser Nacht verübt +haben? Nach langer Abwesenheit und nach langer Vorbereitung haben sie +vor etlichen Stunden das Schloß des Herrn Grafen von Vach überfallen, +und nach tapferer Gegenwehr mehrere seiner Leute und ihn selbst +getötet, das Schloß aber angezündet.« Giorgina schrie unaufhörlich: +»Ach mein Mann, wenn mein Mann nur auf dem Schlosse gewesen wäre - +Ach, der arme Herr!« - Die Räuber tobten und sangen unterdessen in +der Stube und ließen sich den Wein wohl schmecken, bis ihnen das +Mahl aufgetragen wurde. Der Morgen fing schon an zu dämmern als der +verhaßte Denner erschien; nun wurden die Kisten und Felleisen, die sie +auf ihren Packpferden mitgebracht hatten, geöffnet. Giorgina hörte, +wie sie vieles Geld zählten und wie die Silbergeschirre klirrten; es +schien alles verzeichnet zu werden. Endlich als es schon Lichter Tag +geworden, brachen die Räuber auf, nur Denner blieb zurück. Er nahm +eine freundliche leutselige Miene an, und sprach zu Giorgina: »Ihr +seid wohl recht erschreckt worden, liebe Frau; denn Euer Mann scheint +Euch nicht gesagt zu haben, daß er schon seit geraumer Zeit unser +Kamerad geworden. Es tut mir in der Tat leid, daß er nicht zu Hause +gekommen ist; er muß einen andern Weg eingeschlagen und uns verfehlt +haben. Er war mit uns auf dem Schlosse des Bösewichts, des Grafen von +Vach, der uns vor zwei Jahren auf alle nur mögliche Weise verfolgt hat +und an dem in voriger Nacht wir Rache nahmen. - Er fiel, kämpfend, von +Eures Mannes Hand. Beruhigt Euch nur, liebe Frau, und sagt dem Andres, +daß er mich nun so bald nicht wieder sehen würde, da die Bande sich +auf einige Zeit trennt. Heute abend verlasse ich Euch. - Ihr habt +lauter hübsche Kinder, liebe Frau! Das ist ja wieder ein herrlicher +Knabe.« Mit diesen Worten nahm er den Kleinen von Giorginas Arm und +wußte mit ihm so freundlich zu spielen, daß das Kind lachte und +jauchzte und gern bei ihm blieb, bis er es wieder der Mutter +zurückgab. Schon war es Abend geworden, als Denner zu Giorgina sagte: +»Ihr merkt wohl, daß ich, unerachtet ich kein Weib und keine Kinder +habe, welches mir manchmal recht nahe geht, doch gar zu gern mit +kleinen Kindern spiele und tändle. Gebt mir doch Euern Kleinen auf die +wenigen Augenblicke, die ich noch bei Euch zubringe. Nicht wahr? der +Kleine ist jetzt gerade neun Wochen alt.« Giorgina bejahte das und +gab, jedoch nicht ohne inneres Widerstreben, den kleinen Knaben +Dennern hin, der sich mit ihm vor die Haustür setzte und Giorgina +bat, ihm nun das Abendessen zu bereiten, weil er in einer Stunde fort +müßte. Kaum war Giorgina in die Küche getreten, als sie sah, wie +Denner mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube ging. Bald darauf +verbreitete sich ein seltsam riechender Dampf durch das Haus, der aus +der Stube zu quirlen schien. Giorgina wurde von unbeschreiblicher +Angst ergriffen; sie lief schnell nach der Stube und fand die Tür von +innen verriegelt. Es war ihr, als höre sie das Kind leise wimmern. +»Rette, rette mein Kind aus den Klauen des Bösewichts!« so schrie sie, +eine gräßliche Tat ahnend, dem Knecht entgegen, der eben in das Haus +trat. Dieser ergriff schnell die Axt und sprengte die Tür. Dicker +stinkender Dampf schlug ihnen entgegen. Mit einem Sprunge war Giorgina +im Zimmer; der Knabe lag nackt über einer Schüssel, in die sein Blut +tröpfelte. Sie sah nur noch, wie der Knecht mit der Axt ausholte, um +den Denner zu treffen, wie dieser dem Schlage auswich, den Knecht +unterlief und mit ihm rang. Es war ihr, als höre sie jetzt mehrere +Stimmen dicht vor den Fenstern, bewußtlos sank sie zu Boden. Als +sie wieder erwachte, war es finstre Nacht worden, aber ganz betäubt +vermochte sie nicht die erstarrten Glieder zu regen. Endlich wurde es +Tag und nun sah sie mit Entsetzen, wie das Blut im Zimmer schwamm. +Stücke von Denners Kleidern lagen überall umher - ein ausgerissener +Schopf von des Knechts Haaren - die Axt blutig daneben - der Knabe vom +Tische herabgeschleudert mit zerschnittener Brust. Aufs neue wurde +Giorgina ohnmächtig, sie glaubte zu sterben, aber sie erwachte wie +aus dem Todesschlummer, als es schon Mittag geworden. Sie raffte sich +mühsam auf, sie rief laut den Georg, aber als niemand antwortete, +glaubte sie, auch Georg sei ermordet. Die Verzweiflung gab ihr Kräfte, +sie floh aus dem Zimmer in den Hof und schrie laut: »Georg! - Georg!« +Da antwortete es mit matter kläglicher Stimme vom Bodenfenster herab: +»Mutter, ach liebe Mutter, bist du denn da? Komm herauf zu mir! mich +hungert sehr!« - Schnell sprang jetzt Giorgina hinauf und fand den +Kleinen, der vor Angst bei dem Lärm im Hause in die Bodenkammer +gekrochen war und nicht gewagt hatte herauszukommen. Mit Entzücken +drückte Giorgina den Kleinen an die Brust. Sie verschloß das Haus und +wartete nun von Stunde zu Stunde in der Bodenkammer auf Andres, den +sie auch verloren glaubte. Der Knabe hatte von oben herab gesehen, wie +mehrere Männer ins Haus gingen und mit Dennern einen toten Menschen +heraustrugen. - Endlich bemerkte auch Giorgina das Geld und die +schönen Sachen, die Andres mitgebracht hatte. »Ach, so ist es doch +wahr?« schrie sie entsetzt auf, »so bist du doch -« Andres ließ sie +nicht ausreden, sondern erzählte ausführlich, welches Glück sie +betroffen und wie er in Frankfurt gewesen sei, wo er sich ihre +Erbschaft habe auszahlen lassen. Der Neffe des ermordeten Grafen von +Vach war nun Besitzer der Güter worden; bei diesem wollte sich Andres +melden, getreulich alles Geschehene erzählen, Denners Schlupfwinkel +entdecken und bitten, ihn seines Dienstes zu entlassen, der ihm so +viel Not und Gefahr bringe. Giorgina durfte mit dem Knaben im Hause +nicht zurückbleiben. Andres beschloß daher, seine besten leicht +fortzuschaffenden Sachen auf einen kleinen Leiterwagen zu packen, das +Pferd vorzuspannen und so mit seinem Weibe und Kinde eine Gegend auf +immer zu verlassen, die ihm nur die schrecklichsten Erinnerungen +erregen und überdem niemals Ruhe und Sicherheit gewähren konnte. +Der dritte Tag war zur Abreise bestimmt, und eben packten sie einen +Kasten, als ein starkes Pferdegetrappel immer näher und näher kam. +Andres erkannte den Vachschen Förster, der bei dem Schlosse wohnte; +hinter ihm ritt ein Kommando Fuldaischer Dragoner. »Nun da finden wir +ja den Bösewicht gerade bei der Arbeit, seinen Raub in Sicherheit zu +bringen«, rief der Kommissarius des Gerichts, der mitgekommen. Andres +erstarrte vor Staunen und Schreck. Giorgina war halb ohnmächtig. Sie +fielen über ihn her, banden ihn und sein Weib mit Stricken und warfen +sie auf den Leiterwagen, der schon vor dem Hause stand. Giorgina +jammerte laut um den Knaben und flehte um Gottes willen, daß man +ihn ihr mitgeben möge. »Damit du deine Brut auch noch ins höllische +Verderben bringen kannst?« sprach der Kommissarius und riß den Knaben +mit Gewalt aus Giorginas Armen. Schon sollte es fortgehen, da trat der +alte Förster, ein rauher aber biederer Mann, noch einmal an den Wagen +und sagte: »Andres, Andres, wie hast du dich denn von dem Satan +verlocken lassen, solche Freveltaten zu begehen? Immer warst du ja +sonst so fromm und ehrlich!« - »Ach lieber Herr!« schrie Andres auf +im höchsten Jammer, »so wahr Gott im Himmel lebt, so wie ich dereinst +selig zu sterben hoffe, ich bin unschuldig. Ihr habt mich ja gekannt +von früher Jugend her; wie sollte ich, der ich niemals Unrechtes +getan, solch ein abscheulicher Bösewicht geworden sein? - denn ich +weiß wohl, daß Ihr mich für einen verruchten Räuber und Teilnehmer +an der Freveltat haltet, die auf dem Schlosse meines geliebten +unglücklichen Herrn verübt worden ist. Aber ich bin unschuldig bei +meinem Leben und meiner Seligkeit!« - »Nun«, sagte der alte Förster, +»wenn du unschuldig bist, so wird das an den Tag kommen, mag auch noch +so viel wider dich sprechen. Deines Knaben und des Besitztums, was du +zurücklässest, will ich mich getreulich annehmen, so daß, wenn deine +und deines Weibes Unschuld erwiesen, du den Jungen frisch und munter +und deine Sachen unversehrt wiederfinden sollst.« Das Geld nahm +der Kommissarius des Gerichts in Beschlag. Unterweges frug Andres +Giorginen, wo sie denn das Kästchen verwahrt habe; sie gestand, wie +es ihr jetzt leid tue, daß sie es dem Denner überliefert, da es jetzt +der Obrigkeit hätte übergeben werden können. In Fulda trennte man den +Andres von seinem Weibe und warf ihn in ein tiefes finstres Gefängnis. +Nach einigen Tagen wurde er zum Verhör geführt. Man beschuldigte ihn +der Teilnahme an dem im Vachschen Schlosse verübten Raubmorde und +ermahnte ihn die Wahrheit zu gestehen, da schon alles wider ihn so gut +als ausgemittelt sei. Andres erzählte nun getreulich alles, was sich +mit ihm zugetragen, von dem ersten Eintritt des abscheulichen Denners +in sein Haus bis zu dem Augenblick seiner Verhaftung. Er klagte sich +selbst voll Reue des einzigen Vergehens an, daß er, um Weib und Kind +zu retten, bei der Plünderung des Pachters zugegen war, und den Denner +von der Gefangennehmung befreite, und beteuerte seine gänzliche +Unschuld rücksichts des letzten von der Dennerschen Bande verübten +Raubmordes, da er zu ebenderselben Zeit in Frankfurt gewesen sei. +Jetzt öffneten sich die Türen des Gerichtssaals und der abscheuliche +Denner wurde hereingeführt. Als er den Andres erblickte, lachte er +auf in teuflischem Hohn und sprach: »Nun, Kamerad, hast du dich +auch erwischen lassen? Hat dir deines Weibes Gebet denn nicht +herausgeholfen?« Die Richter forderten Dennern auf, sein Bekenntnis +rücksichts des Andres zu wiederholen und er sagte aus, daß eben der +Vachsche Revierjäger Andres, der jetzt vor ihm stehe, schon seit fünf +Jahren mit ihm verbunden und das Jägerhaus sein bester und sicherster +Schlupfwinkel gewesen sei. Andres habe immer den ihm gebührenden +Anteil vom Raube erhalten, wiewohl er nur zweimal tätig bei den +Räubereien mitgewirkt. Einmal nämlich bei der Beraubung des Pachters, +wo er ihn, den Denner, aus der dringendsten Gefahr errettet, und dann +bei dem Unternehmen gegen den Grafen Aloys von Vach, der eben durch +einen glücklichen Schuß des Andres getötet worden sei. - Andres geriet +in Wut, als er diese schändliche Lüge hörte. »Was?« schrie er, »du +verruchter teuflischer Bösewicht, du wagst es, mich der Ermordung +meines lieben armen Herrn anzuklagen, die du selbst verübt? - Ja! +ich weiß es, nur du selbst bist solcher Tat fähig; aber deine Rache +verfolgt mich, weil ich aller Gemeinschaft mit dir entsagt habe, +weil ich drohte, dich als einen verruchten Räuber und Mörder +niederzuschießen, so wie du meine Schwelle betreten würdest. Darum +hast du mit deiner Bande mein Haus überfallen, als ich abwesend war; +darum hast du mein armes unschuldiges Kind und meinen braven Knecht +ermordet! - Aber du wirst der schrecklichen Strafe des gerechten +Gottes nicht entgehen, sollte ich auch deiner Bosheit unterliegen.« +Nun wiederholte Andres sein voriges Bekenntnis unter den heiligsten +Beteurungen der Wahrheit; aber Denner lachte höhnisch und meinte, +warum er denn aus allzugroßer Furcht vor dem Tode noch erst das +Gericht zu belügen sich unterfange, und daß es sich schlecht mit der +Frömmigkeit, von der er so viel Aufhebens mache, vereinbare, daß +er Gott und die Heiligen zur Bekräftigung seiner falschen Aussagen +anrufe. Die Richter wußten in der Tat nicht, was sie von dem Andres, +dessen Miene und Sprache die Wahrheit seiner Aussage zu bestätigen +schien, sowie von Denners kalter Festigkeit denken sollten. - Nun +wurde Giorgina vorgeführt, die in namenlosem Jammer laut weinend auf +den Mann zustürzte. Sie wußte nur Unzusammenhängendes zu erzählen, +und unerachtet sie den Denner des entsetzlichen Mordes ihres +Knaben anklagte, schien Denner doch keineswegs entrüstet, sondern +behauptete, wie er schon früher getan, daß Giorgina nie etwas von den +Unternehmungen ihres Mannes gewußt habe, sondern ganz unschuldig sei. +Andres wurde in sein Gefängnis zurückgeführt. + +Einige Tage nachher sagte ihm der ziemlich gutmütige Gefangenwärter, +daß sein Weib, da sowohl Denner, als die übrigen Räuber fortwährend +ihre Unschuld behauptet, sonst auch nichts wider sie ausgemittelt +worden, der Haft entlassen sei. Der junge Graf von Vach, ein +edelmütiger Herr, der sogar an seiner, des Andres, Schuld zu zweifeln +scheinen habe Kaution gestellt, und der alte Förster Giorginen in +einem schönen Wagen abgeholt. Vergebens habe Giorgina gebeten, ihren +Mann sehen zu dürfen; das sei ihr vom Gericht gänzlich abgeschlagen +worden. Den armen Andres tröstete diese Nachricht nicht wenig, da +mehr, als sein Unglück ihm seines Weibes elender Zustand im Gefängnis +zu Herzen ging. Sein Prozeß verschlimmerte sich indessen von Tage zu +Tage. Es war erwiesen, daß eben, wie Denner es angegeben, seit fünf +Jahren Andres in einen gewissen Wohlstand geriet, dessen Quelle nur +die Teilnahme an den Räubereien sein konnte. Ferner gestand Andres +selbst seine Abwesenheit von Hause während der auf dem Vachschen +Schlosse verübten Tat, und seine Angabe wegen seiner Erbschaft und +seines Aufenthalts in Frankfurt blieb verdächtig, weil er den Namen +des Kaufmanns, von dem er das Geld ausgezahlt erhalten haben wollte, +durchaus nicht anzugeben wußte. Der Bankier des Grafen von Vach, sowie +der Hauswirt in Frankfurt, bei dem Andres eingekehrt war, versicherten +einstimmig, wie sie sich des beschriebenen Revierjägers gar nicht +erinnern könnten; der Gerichtshalter des Grafen von Vach, der das +Zertifikat für den Andres ausgefertigt hatte, war gestorben, und +niemand von den Vachschen Dienern wußte etwas von der Erbschaft, da +der Graf nichts davon geäußert, Andres aber auch davon geschwiegen, +weil er, aus Frankfurt zurückkehrend, sein Weib mit dem Gelde +überraschen wollte. So blieb alles, was Andres vorbrachte, um +nachzuweisen, daß er zur Zeit des Raubes in Frankfurt gewesen und das +Geld ehrlich erworben sei, unausgemittelt. Denner blieb dagegen bei +seiner frühern Behauptung und ihm stimmten sämtliche Räuber, die +eingefangen worden, in allem bei. Alles dieses hätte aber die Richter +noch nicht so von der Schuld des unglücklichen Andres überzeugt, als +die Aussage von zwei Vachschen Jägern, die bei dem Schein der Flammen +ganz genau den Andres erkannt und gesehen haben wollten, wie von +ihm der Graf niedergestreckt wurde. Nun war Andres in den Augen des +Gerichts ein verstockter heuchlerischer Bösewicht und gestützt auf +das Resultat aller jener Aussagen und Beweise wurde ihm die Tortur +zuerkannt, um seinen starren Sinn zu beugen, und ihn zum Geständnis zu +bringen. Schon über ein Jahr schmachtete Andres im Kerker, der Gram +hatte seine Kräfte aufgezehrt, und sein sonst robuster starker Körper +war schwach und ohnmächtig geworden. Der schreckliche Tag, an dem +die Pein ihm das Geständnis einer Tat, welche er niemals begangen, +abdringen sollte, kam heran. Man führte ihn in die Folterkammer, wo +die entsetzlichen mit sinnreicher Grausamkeit erfundenen Instrumente +lagen, und die Henkersknechte sich bereiteten, den Unglücklichen zu +martern. Nochmals wurde Andres ermahnt, die Tat, deren er so dringend +verdächtig, ja deren er durch das Zeugnis jener Jäger überführt +worden, zu gestehen. Er beteuerte wiederum seine Unschuld, und +wiederholte alle Umstände seiner Bekanntschaft mit Dennern in +denselben Worten, wie er es im ersten Verhör getan. Da ergriffen ihn +die Knechte, banden ihn mit Stricken und marterten ihn, indem sie +seine Glieder ausrenkten und Stacheln einbohrten in das gedehnte +Fleisch. Andres vermochte nicht die Qual zu ertragen: vom Schmerz +gewaltsam zerrissen, den Tod wünschend, gestand er alles was man +wollte, und wurde ohnmächtig in den Kerker zurückgeschleppt. Man +stärkte ihn, wie es nach erlittener Tortur gewöhnlich, mit Wein und er +fiel in einen zwischen Wachen und Schlafen hinbrütenden Zustand. Da +war es ihm als lösten sich die Steine aus der Mauer, und als fielen +sie krachend herab auf den Boden des Kerkers. Ein blutroter Schimmer +drang durch und in ihm trat eine Gestalt hinein, die, unerachtet sie +Denners Züge hatte, ihm doch nicht Denner zu sein schien. Glühender +funkelten die Augen, schwärzer starrte das struppige Haar auf der +Stirn empor und tiefer senkten sich die finstern Augenbrauen in die +dicke Muskel herab, die über der krummgebogenen Habichtsnase lag. Auf +gräßlich seltsame Weise war das Gesicht verschrumpft und verzerrt, und +die Kleidung fremd und abenteuerlich, wie er Dennern niemals gesehen. +Ein feuerroter mit Gold stark verbrämter weiter Mantel hing in +bauschichten Falten der Gestalt über die Schultern, ein breiter +niedergekrempter spanischer Hut mit herabhängender roter Feder saß +schief auf dem Kopfe, ein langer Stoßdegen hing an der Seite, und +unter dem linken Arm trug die Gestalt ein kleines Kistchen. So +schritt der gespenstische Unhold auf Andres zu in hohlem dumpfen Tone +sprechend: »Nun, Kamerad, wie hat dir die Folter geschmeckt? Du hast +das alles bloß deinem Eigensinn zu verdanken; hättest du dich als zur +Bande gehörig bekannt, so wärst du nun schon gerettet. Versprichst du +aber, dich mir und meiner Leitung ganz zu ergeben, und gewinnst du +es über dich, von diesen Tropfen zu trinken, die aus deines Kindes +Herzblut gekocht sind, so bist du augenblicklich aller Qual entledigt. +Du fühlst dich gesund und kräftig, und für deine weitere Rettung will +ich dann sorgen.« - Andres konnte vor Schreck, Angst und Ermattung +nicht sprechen; er sah, wie seines Kindes Blut in der Phiole, die ihm +die Gestalt hinhielt, in roten Flämmchen spielte; inbrünstig betete er +zu Gott und den Heiligen, daß sie ihn retten möchten aus den Klauen +des Satans, der ihn verfolge und um die ewige Seligkeit bringen wolle, +die er zu erlangen hoffe, sollte er auch eines schimpflichen Todes +sterben. Nun lachte die Gestalt, daß es im Kerker widergellte, und +verschwand im dicken Dampf. Andres erwachte endlich aus dumpfer +Betäubung, er vermochte sich aufzurichten vom Lager; aber wie ward +ihm, als er sah, daß das Stroh, was unter seinem Haupte gelegen, sich +stärker und stärker zu rühren begann und endlich weggeschoben wurde. +Er gewahrte, daß ein Stein aus dem Fußboden von unten herausgedrängt +worden und hörte mehrmals seinen Namen leise rufen. Er erkannte +Denners Stimme und sprach: »Was willst du von mir? Laß mich ruhen, ich +habe mit dir nichts zu schaffen!«- »Andres«, sprach Denner, »ich bin +durch mehrere Gewölbe gedrungen, um dich zu retten; denn, wenn du auf +den Richtplatz kommst, von dem ich errettet wurde, bist du verloren. +Bloß um deines Weibes willen, die mir mehr angehört, als du wohl +denken magst, helfe ich dir. Du bist ein mutloser Feigling. Was +hat dir nun dein erbärmliches Leugnen gefruchtet? Bloß, daß du vom +Vachschen Schloß nicht zu rechter Zeit nach Hause zurückkehrtest und +ich mich zu lange bei deinem Weibe aufhielt, ist schuld, daß man mich +auffing! Da! nimm die Feile und die Säge, befreie dich in künftiger +Nacht von den Ketten und durchsage das Schloß der Kerkertüre; +schleiche durch den Gang! Die äußere Tür linker Hand wird offen stehn, +und draußen wirst du einen von uns finden, der dich weiter geleitet. +Halte dich gut!« Andres nahm die Säge und die Feile, die ihm Denner +hineinreichte und hob dann den Stein wieder in die Öffnung. Er war +entschlossen, _das_ zu tun, wozu ihn die innere Stimme des Gewissens +aufforderte. - Als es Tag geworden und der Gefangenwärter hineintrat, +da sagte er, wie er sehnlich wünsche vor den Richter geführt zu +werden, indem er Wichtiges zu entdecken habe. Noch an demselben +Vormittage wurde sein Verlangen erfüllt, weil man nicht anders +glaubte, als daß Andres neue, bisher noch unbekannt gebliebene, +Freveltaten der Bande gestehen werde. Andres überreichte den Richtern +die von Dennern erhaltenen Instrumente, und erzählte den Vorgang der +Nacht. »Unerachtet ich gewiß und wahrhaftig unschuldig leide, so +soll mich doch Gott behüten, daß ich darnach trachten sollte, meine +Freiheit auf unerlaubte Weise zu erlangen; denn das würde mich ja dem +verruchten Denner, der mich in Schande und Tod gestürzt hat, in die +Hände liefern und ich dann erst durch mein sündliches freveliches +Unternehmen die Strafe verdienen, die ich jetzt unschuldig leiden +werde.« So beschloß Andres seinen Vortrag. Die Richter schienen +erstaunt und von Mitleid für den Unglücklichen durchdrungen, wiewohl +sie durch die mannigfachen Tatsachen, die wider ihn sprachen, zu sehr +von seiner Schuld überzeugt waren, um sein jetziges Benehmen nicht +auch für zweifelhaft zu halten. Die Aufrichtigkeit des Andres und +vorzüglich der Umstand, daß nach jener Anzeige der von Denner +beabsichtigten Flucht, in der Stadt und zwar in der nächsten Umgebung +des Gefängnisses wirklich noch einige von der Bande ertappt und +aufgegriffen wurden, hatte jedoch den wohltätigen Einfluß auf ihn, +daß er aus dem unterirdischen Kerker, in den er gesperrt gewesen, +herausgenommen wurde, und eine lichte Gefängnisstube neben der Wohnung +des Gefangenwärters erhielt. Da brachte er seine Zeit mit Gedanken an +sein treues Weib, an seinen Knaben, und mit gottseligen Betrachtungen +hin, und bald fühlte er sich ermutigt, das Leben auch auf schmerzliche +Weise, wie eine Bürde, abzuwerfen. Nicht genug konnte sich der +Gefangenwärter über den frommen Verbrecher wundern und er mußte +notgedrungen beinahe an seine Unschuld glauben. + +Endlich, nachdem beinahe noch ein Jahr verflossen, war der schwierige +verwickelte Prozeß wider Denner und seine Mitschuldigen geschlossen. +Es hatte sich gefunden, daß die Bande bis an die Grenze von Italien +ausgebreitet war und schon seit geraumer Zeit überall raubte und +mordete. Denner sollte gehängt, und dann sein Körper verbrannt werden. +Auch dem unglücklichen Andres war der Strang zuerkannt; seiner Reue +halber, und da er durch das Bekenntnis der ihm von Denner geratenen +Flucht die Entdeckung des Anschlags der Bande, durchzubrechen, +veranlaßt hatte, durfte jedoch sein Körper herabgenommen, und auf der +Gerichtsstätte verscharrt werden. + +Der Morgen, an dem Denner und Andres hingerichtet werden sollten, war +angebrochen; da ging die Tür des Gefängnisses auf, und der junge Graf +von Vach trat hinein zum Andres, der auf den Knien lag und still +betete. »Andres«, sprach der Graf, »du mußt sterben. Erleichtere dein +Gewissen noch durch ein offnes Geständnis! Sage mir, hast du deinen +Herrn getötet? Bist du wirklich der Mörder meines Oheims?« - Da +stürzten dem Andres die Tränen aus den Augen, und er wiederholte +nochmals alles, was er vor Gericht ausgesagt, ehe ihm die unleidliche +Qual der Tortur eine Lüge auspreßte. Er rief Gott und die Heiligen an, +die Wahrheit seiner Aussage und seine gänzliche Unschuld an dem Tode +des geliebten Herrn zu bekräftigen. + +»So ist hier«, fuhr der Graf von Vach fort, »ein unerklärliches +Geheimnis im Spiele. Ich selbst, Andres, war von deiner Unschuld +überzeugt, unerachtet vieles wider dich sprach; denn ich wußte ja, daß +du von Jugend auf der treuste Diener meines Oheims gewesen bist, und +ihn selbst einmal in Neapel mit Gefahr deines Lebens aus Räuberhänden +gerettet hast. Allein nur noch gestern haben mir die beiden alten +Jäger meines Oheims Franz und Nikolaus geschworen, daß sie dich +leibhaftig unter den Räubern gesehen und genau bemerkt hätten, wie +du selbst meinen Oheim niederstrecktest.« Andres wurde von den +peinlichsten, schrecklichsten Gefühlen durchbohrt; es war ihm, als +wenn der Satan selbst seine Gestalt angenommen habe, um ihn zu +verderben; denn auch Denner hatte ja sogar im Kerker davon gesprochen, +daß er den Andres wirklich gesehen, und so schien selbst die falsche +Beschuldigung vor Gericht auf innerer wahrer Überzeugung zu beruhen. +Andres sagte dies alles unverhohlen, indem er hinzusetzte, daß er sich +der Schickung des Himmels ergebe, nach welcher er den schmählichen +Tod eines Verbrechers sterben solle, daß aber, sei es auch lange Zeit +nachher, seine Unschuld gewiß an den Tag kommen werde. Der Graf von +Vach schien tief erschüttert; er konnte kaum noch dem Andres sagen, +daß, nach seinem Wunsche, der Tag der Hinrichtung seinem unglücklichen +Weibe verschwiegen geblieben sei, und daß sie sich nebst dem Knaben +bei dem alten Förster aufhalte. Die Rathausglocke erklang dumpf und +schauerlich in abgemessenen Pulsen. Andres wurde angekleidet und der +Zug ging mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten unter dem Zuströmen +unzähligen Volks nach der Richtstätte. Andres betete laut und rührte +durch sein frommes Betragen alle, die ihn sahen. Denner hatte die +Miene des trotzigen verstockten Bösewichts. Er schaute munter und +kräftig um sich, und lachte oft den armen Andres tückisch und +schadenfroh an. Andres sollte zuerst hingerichtet werden; er bestieg +gefaßt mit dem Henker die Leiter, da kreischte ein Weib auf und sank +ohnmächtig einem alten Mann in die Arme. Andres blickte hin, es war +Giorgina; laut erflehte er vom Himmel Fassung und Stärke. »Dort, +dort, sehe ich dich wieder, mein armes unglückliches Weib, ich sterbe +unschuldig!« rief er, indem er den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel +erhob. Der Richter rief dem Henker zu, er möge sich fördern, denn es +entstand ein Murren unter dem Volke und es flogen Steine nach Dennern, +der ebenfalls schon die Leiter bestiegen hatte und die Zuschauer +verhöhnte ob ihres Mitleids mit dem frommen Andres. Der Henker legte +dem Andres den Strick um den Hals, da scholl es aus der Ferne her: +»Halt - halt - um Christus willen halt! - Der Mann ist unschuldig! +- ihr richtet einen Unschuldigen hin!« - »Halt - halt!« schrieen +tausend Stimmen und kaum vermochte die Wache zu steuern dem Volk, das +hinzudrang und den Andres von der Leiter herabreißen wollte. Näher +sprengte nun der Mann zu Pferde, der erst gerufen hatte, und Andres +erkannte auf den ersten Blick in dem Fremden den Kaufmann, der ihm in +Frankfurt Giorginas Erbschaft ausgezahlt hatte. Seine Brust wollte +zerspringen vor Freude und Seligkeit, kaum konnte er sich aufrecht +erhalten als er von der Leiter herabgestiegen. Der Kaufmann sagte dem +Richter, daß zu derselben Zeit, als der Raubmord im Vachschen Schlosse +verübt worden, Andres in Frankfurt, also viele Meilen davon entfernt, +gewesen sei, und daß er dies vor Gericht auf die unzweifelhafteste +Weise durch Urkunden und Zeugen dartun wolle. Da rief der Richter: +»Die Hinrichtung des Andres kann keineswegs geschehen; denn dieser +höchstwichtige Umstand beweiset, wenn er ausgemittelt wird, die +völlige Unschuld des Angeklagten. Man führe ihn sogleich nach dem +Gefängnisse zurück.« Denner hatte alles von der Leiter herab ruhig +angesehen; als aber der Richter diese Worte gesprochen, da rollten +seine glühenden Augen, er knirschte mit den Zähnen, er heulte in +wilder Verzweiflung, daß es gräßlich, wie der namenlose Jammer des +wütenden Wahnsinns, durch die Lüfte hallte: »Satan, Satan! du hast +mich betrogen - weh mir! weh mir! es ist aus - aus - alles verloren!« +Man brachte ihn von der Leiter herab, er fiel zu Boden und röchelte +dumpf: »Ich will alles bekennen - ich will alles bekennen!« Auch _seine_ +Hinrichtung wurde verschoben und er ins Gefängnis zurückgeführt, wo +ihm jedes Entspringen unmöglich gemacht worden. Der Haß seiner Wächter +war die beste Schutzwehr gegen die Schlauheit seiner Verbündeten. +- Wenige Augenblicke nachher, als Andres bei dem Gefangenenwärter +angekommen, lag Giorgina in seinen Armen. »Ach Andres, Andres«, rief +sie, »nun habe ich dich ganz wieder, da ich weiß, daß du unschuldig +bist; denn auch ich habe an deiner Redlichkeit, an deiner Frömmigkeit +gezweifelt!« - Unerachtet man Giorginen den Tag der Hinrichtung +verschwiegen, war sie doch von unbeschreiblicher Angst, von seltsamer +Ahnung getrieben, nach Fulda geeilt, und gerade auf die Richtstätte +gekommen, als ihr Mann die verhängnisvolle Leiter bestieg, die ihn +zum Tode führen sollte. Der Kaufmann war die ganze lange Zeit der +Untersuchung über auf Reisen in Frankreich und Italien gewesen, und +jetzt über Wien und Prag zurückgekehrt. Der Zufall, oder vielmehr +eine besondere Schickung des Himmels, wollte, daß er gerade in dem +entscheidendsten Augenblick auf dem Richtplatze ankam, und den armen +Andres von dem schmählichen Tode des Verbrechers rettete. Im Gasthofe +erfuhr er die ganze Geschichte des Andres und es fiel ihm gleich +schwer aufs Herz, daß Andres wohl derselbe Revierjäger sein könne, +der vor zwei Jahren eine Erbschaft, die seinem Weibe von Neapel aus +zugefallen, erhob. Schnell eilte er fort und überzeugte sich, als er +nur Andres sah, sogleich von der Wahrheit seiner Vermutung. Durch +die eifrigen Bemühungen des wackern Kaufmanns und des jungen Grafen +von Vach wurde Andres' Aufenthalt in Frankfurt bis auf die Stunde +ausgemittelt, dadurch aber seine völlige Unschuld an dem Raubmorde +dargetan. Denner selbst gestand nun die Richtigkeit der Angabe des +Andres über das Verhältnis mit ihm und meinte nur, der Satan müsse ihn +geblendet haben; denn in der Tat hätte er geglaubt, Andres fechte auf +dem Vachschen Schloß an seiner Seite. Für die erzwungene Teilnahme +an der Ausplünderung des Pachterhofes, sowie für die gesetzwidrige +Rettung Denners, hatte, nach dem Ausspruch der Richter, Andres genug +gebüßt durch das lange harte Gefängnis und durch die ausgestandene +Marter und Todesangst; er wurde daher durch Urtel und Recht von jeder +weiteren Strafe freigesprochen und eilte mit seiner Giorgina auf das +Vachsche Schloß, wo ihm der edle wohltätige Graf im Nebengebäude eine +Wohnung einräumte, von ihm nur die geringen Jagddienste fordernd, +die des Grafen persönliche Liebhaberei notwendig machte. Auch die +Gerichtskosten bezahlte der Graf, so daß Andres und Giorgina in dem +ungekränkten Besitz ihres Vermögens blieben. + +Der Prozeß wider den verruchten Ignaz Denner nahm jetzt eine ganz +andere Wendung. Die Begebenheit auf der Gerichtsstätte schien ihn ganz +umgewandelt zu haben. Sein höhnender teuflischer Stolz war gebeugt, +und aus seinem zerknirschten Innern brachen Geständnisse hervor, die +den Richtern das Haar sträubten. Denner klagte sich selbst mit allen +Zeichen tiefer Reue des Bündnisses mit dem Satan an, das er von seiner +frühen Jugendzeit unterhalten, und so wurde vorzüglich hierauf die +fernere Untersuchung mit dem Zutritt dazu verordneter Geistlichkeit +gerichtet. Über seine früheren Lebensverhältnisse erzählte Denner +so viel Sonderbares, daß man es für das Erzeugnis wahnsinniger +Überspannung hätte halten müssen, wenn nicht durch die Erkundigungen, +die man in Neapel, seinem angeblichen Geburtsort, einziehen ließ, +alles bestätigt worden wäre. Ein Auszug aus den von dem geistlichen +Gericht in Neapel verhandelten Akten ergab über Denners Herkunft +folgende merkwürdige Umstände. + +Vor langen Jahren lebte in Neapel ein alter wunderlicher Doktor, +Trabacchio mit Namen, den man seiner geheimnisvollen stets glücklichen +Kuren wegen insgemein den Wunderdoktor zu nennen pflegte. Es schien, +als wenn das Alter nichts über ihn vermöge; denn er schritt rasch +und jugendlich daher, unerachtet mehrere Eingeborne ihm nachrechnen +konnten, daß er an die achtzig Jahre alt sein müßte. Sein Gesicht war +auf eine seltsame grausige Weise verzerrt und verschrumpft, und seinen +Blick konnte man kaum ohne innern Schauer ertragen, wiewohl er oft +den Kranken wohl tat, so daß man sagte, bloß durch den scharf auf den +Kranken gehefteten Blick heile er oftmals schwere hartnäckige Übel. +Über seinen schwarzen Anzug warf er gewöhnlich einen weiten roten +Mantel mit goldnen Tressen und Troddeln, unter dessen bauschichten +Falten der lange Stoßdegen hervorragte. So lief er mit einer Kiste +seiner Arzneien, die er selbst bereitete, durch die Straßen von Neapel +zu seinen Kranken, und jeder wich ihm scheu aus. Nur in der höchsten +Not wandte man sich an ihn, aber niemals schlug er es aus einen +Kranken zu besuchen, hatte er dabei auch nicht sonderlichen Gewinn zu +hoffen. Mehrere Weiber starben ihm schnell; immer waren sie ausnehmend +schön und insgemein Landdirnen gewesen. Er sperrte sie ein und +erlaubte ihnen, nur unter Begleitung einer alten ekelhaft häßlichen +Frau die Messe zu hören. Diese Alte war unbestechlich; jeder noch so +listig angelegte Versuch junger Lüstlinge, den schönen Frauen des +Doktor Trabacchio näher zu kommen, blieb fruchtlos. Unerachtet Doktor +Trabacchio von Reichen sich gut bezahlen ließ, so stand doch seine +Einnahme mit dem Reichtum an Geld und Kleinodien, den er in seinem +Hause aufgehäuft hatte und den er niemanden verhehlte, in keinem +Verhältnis. Dabei war er zu Zeiten freigebig bis zur Verschwendung, +und hatte die Gewohnheit jedesmal, wenn ihm eine Frau gestorben, ein +Gastmahl zu geben, dessen Aufwand wohl doppelt soviel betrug, als +die reichste Einnahme, die ihm seine Praxis ein ganzes Jahr hindurch +verschaffte. Mit seiner letzten Frau hatte er einen Sohn erzeugt, den +er ebenso einsperrte, wie seine Weiber; niemand bekam ihn zu sehen. +Nur bei dem Gastmahl, das er nach dem Tode dieser Frau gab, saß der +kleine dreijährige Knabe an seiner Seite, und alle Gäste waren über +die Schönheit und die Klugheit des Kindes [verwundert], das man, +verriet sein körperliches Ansehen nicht sein Alter, seinem Benehmen +nach wenigstens für zwölfjährig hätte halten können. Eben bei diesem +Gastmahl äußerte der Doktor Trabacchio, daß, da nunmehr sein Wunsch, +einen Sohn zu haben, erreicht sei, er nicht mehr heiraten werde. Sein +übermäßiger Reichtum, aber noch mehr sein geheimnisvolles Wesen, seine +wunderbaren Kuren, die bis ins Unglaubliche gingen, da bloß einigen +von ihm bereiteten und eingeflößten Tropfen, ja oft bloß seiner +Betastung, seinem Blick, die hartnäckigsten Krankheiten wichen, gaben +endlich Anlaß zu allerlei seltsamen Gerüchten, die sich in Neapel +verbreiteten. Man hielt den Doktor Trabacchio für einen Alchymisten, +für einen Teufelsbeschwörer, ja man gab ihm endlich schuld, daß er +mit dem Satan im Bündnis stehe. Die letzte Sage entstand aus einer +seltsamen Begebenheit, die sich mit einigen Edelleuten in Neapel +zutrug. Diese kehrten einst spät in der Nacht von einem Gastmahl +zurück und gerieten, da sie im Weinrausch den Weg verfehlt, in eine +einsame verdächtige Gegend. Da rauschte und raschelte es vor ihnen und +sie wurden mit Entsetzen gewahr, daß ein großer leuchtendroter Hahn, +ein zackicht Hirschgeweihe auf dem Kopfe tragend, mit ausgebreiteten +Flügeln. daherschritt, und sie mit menschlichen funkelnden Augen +anstarrte. Sie drängten sich in eine Ecke, der Hahn schritt vorüber, +und ihm folgte eine große Figur im glänzenden goldverbrämten Mantel. +Sowie die Gestalten vorüber waren, sagte einer von den Edelleuten +leise: »Das war der Wunderdoktor Trabacchio.« Alle, nüchtern geworden +durch den entsetzlichen Spuk, ermutigten sich und folgten dem +angeblichen Doktor mit dem Hahn, dessen Leuchten den genommenen +Weg zeigte. Sie sahen, wie die Gestalten wirklich auf das Haus des +Doktors, das auf einem fernen leeren öden Platze stand, zuschritten. +Vor dem Hause angekommen, rauschte der Hahn in die Höhe, und schlug +mit den Flügeln an das große Fenster über dem Balkon, das sich +klirrend öffnete; die Stimme eines alten Weibes meckerte: »Kommt - +kommt nach Haus - kommt nach Haus - warm ist das Bett, und Liebchen +wartet lange schon - lange schon!« Da war es, als stiege der Doktor +auf einer unsichtbaren Leiter empor, und rausche nach dem Hahn durch +das Fenster, welches zugeschlagen wurde, daß es die einsame Straße +entlang klirrte und dröhnte. Alles war im schwarzen Dunkel der Nacht +verschwunden und die Edelleute standen stumm und starr vor Grausen +und Entsetzen. Dieser Spuk, die Überzeugung der Edelleute, daß die +Gestalt, der der teuflische Hahn vorleuchtete, niemand anders, als der +verrufene Doktor Trabacchio gewesen, war für das geistliche Gericht, +dem alles zu Ohren kam, genug, dem satanischen Wundermann sorglich in +aller Stille nachzuspüren. Man brachte in der Tat heraus, daß in den +Zimmern des Doktors sich oft ein roter Hahn befand, mit dem er auf +wunderliche Weise zu sprechen und zu disputieren schien, als sprächen +Gelehrte über zweifelhafte Gegenstände ihres Wissens. Das geistliche +Gericht war im Begriff den Doktor Trabacchio einzuziehen als +einen verruchten Hexenmeister; aber das weltliche Gericht kam dem +geistlichen zuvor und ließ den Doktor durch die Sbirren aufheben und +ins Gefängnis schleppen, da er eben von dem Besuch eines Kranken +heimkehrte. Die Alte war schon früher aus dem Hause geholt worden, +den Knaben hatte man nicht finden können. Die Türen der Zimmer wurden +verschlossen und versiegelt, Wachen rings um das Haus gestellt. - +Folgendes war der Grund dieses gerichtlichen Verfahrens. Seit einiger +Zeit starben mehrere angesehene Personen in Neapel und in der +umliegenden Gegend und zwar nach der Ärzte einstimmigem Urteil an +Gift. Dies hatte viele Untersuchungen veranlaßt, die fruchtlos +blieben, bis endlich ein junger Mann in Neapel, ein bekannter Lüstling +und Verschwender, dessen Oheim vergiftet worden, die gräßliche Tat +mit dem Zusatz eingestand, daß er das Gift von dem alten Weibe, der +Haushälterin Trabacchios, gekauft habe. Man spürte der Alten nach, und +ertappte sie, als sie eben ein festverschlossenes kleines Kistchen +forttragen wollte, in dem man kleine Phiolen fand, die mit dem Namen +von allerlei Arzneimitteln versehen waren, unerachtet sie flüssiges +Gift enthielten. Die Alte wollte nichts eingestehen; als man ihr +indessen mit der Tortur drohte, da bekannte sie, daß der Doktor +Trabacchio schon seit vielen Jahren jenes künstliche Gift, das unter +dem Namen Aqua Toffana bekannt sei, bereite, und daß der geheime +Verkauf dieses Gifts, der durch sie bewirkt worden, beständig seine +reichste Erwerbsquelle gewesen. Ferner sei es nur zu gewiß, daß er mit +dem Satan im Bündnis stehe, der in verschiedenen Gestalten bei ihm +einkehre. Jedes seiner Weiber habe ihm ein Kind geboren, ohne daß +es jemand außer dem Hause geahnet. Das Kind habe er denn allemal, +nachdem es neun Wochen, oder neun Monate alt worden, unter besonderen +Zurüstungen und Feierlichkeiten auf unmenschliche Weise geschlachtet, +indem er ihm die Brust aufgeschnitten und das Herz herausgenommen. +Jedesmal sei der Satan bei dieser Operation, bald in dieser, bald in +jener Gestalt, meistens aber als Fledermaus mit menschlicher Larve, +erschienen, und habe mit breiten Flügeln das Kohlfeuer angefacht, bei +dem Trabacchio aus des Kindes Herzblut köstliche Tropfen bereitet, +die jeder Siechheit kräftig widerständen. Die Weiber hätte Trabacchio +bald nachher auf diese, oder jene heimliche Weise getötet, so daß +der schärfste Blick des Arztes wohl nie auch die kleinste Spur der +Ermordung habe auffinden können. Nur Trabacchios letztes Weib, die +ihm einen Sohn geboren, der noch lebe, sei des natürlichen Todes +gestorben. + +Der Doktor Trabacchio gestand alles unverhohlen ein und schien eine +Freude daran zu finden, das Gericht mit den schauerlichen Erzählungen +seiner Untaten und vorzüglich der nähern Umstände seines entsetzlichen +Bündnisses mit dem Satan in Verwirrung zu setzen, Die Geistlichen, +welche dem Gericht beiwohnten, gaben sich alle nur ersinnliche Mühe, +den Doktor zur Reue und zur Erkenntnis seiner Sünden zu bringen; aber +es blieb vergebens, da Trabacchio sie nur verhöhnte und verlachte. +Beide, die Alte und Trabacchio, wurden zum Scheiterhaufen verurteilt. +- Man hatte unterdessen das Haus des Doktors untersucht und alle seine +Reichtümer hervorgeholt, die, nach Abzug der Gerichtskosten, an die +Hospitäler verteilt werden sollten. In Trabacchios Bibliothek fand +man nicht ein einziges verdächtiges Buch und noch viel weniger gab es +Gerätschaften, die auf die satanische Kunst, die der Doktor getrieben, +hätten hindeuten sollen. Nur ein verschlossenes Gewölbe, dessen viele +durch die Mauer herausragende Röhren das Laboratorium verrieten, +widerstand, als man es öffnen wollte, aller Kunst und aller Gewalt. +Ja, wenn Schlosser und Maurer unter der Aufsicht des Gerichts sich +eifrig bemühten, endlich durchzubrechen, so daß wohl der Zweck +erreicht worden wäre, da kreischten im Innern des Gewölbes +entsetzliche Stimmen, es rauschte auf und nieder, wie mit eiskalten +Flügeln schlug es an die Gesichter der Arbeiter und ein schneidender +Zugwind pfiff in gellenden gräßlichen Tönen durch den Gang, so daß von +Grausen und Entsetzen ergriffen alle flohen, und am Ende niemand mehr +sich an die Tür des Gewölbes wagen wollte, aus Furcht wahnsinnig zu +werden vor Angst und Schrecken. Den Geistlichen, die sich der Tür +nahten, ging es nicht besser und es blieb nichts übrig, als die +Ankunft eines alten Dominikaners aus Palermo zu erwarten, dessen +Standhaftigkeit und Frömmigkeit bisher alle Künste des Satans weichen +mußten. Als dieser Mönch sich nun in Neapel befand, war er bereit den +teuflischen Spuk in Trabacchios Gewölbe zu bekämpfen, und verfügte +sich hin, ausgerüstet mit Kreuz und Weihwasser, begleitet von mehreren +Geistlichen und Gerichtspersonen, die aber weit von der Tür entfernt +blieben. Der alte Dominikaner ging betend auf die Tür los; aber da +erhob sich heftiger das Rauschen und Brausen, und die entsetzlichen +Stimmen verworfener Geister lachten gellend heraus. Der Geistliche +ließ sich jedoch nicht irre machen; er betete kräftiger das Kruzifix +emporhaltend und die Tür mit Weihwasser besprengend. »Man gebe mir ein +Brecheisen!« rief er laut; zitternd reichte es ihm ein Maurerbursche +hin, aber kaum setzte es der alte Mönch an die Türe, als sie mit +furchtbar erschütterndem Knall aufsprang. Blaue Flammen leckten +überall an den Wänden des Gewölbes herauf und eine betäubende +erstickende Hitze strömte aus dem Innern. Demunerachtet wollte der +Dominikaner hineintreten; da stürzte der Boden des Gewölbes ein, daß +das ganze Haus erdröhnte und Flammen prasselten aus dem Abgrunde +hervor, die wütend um sich griffen und alles rings umher erfaßten. +Schnell mußte der Dominikaner mit seiner Begleitung fliehen, um nicht +zu verbrennen, oder verschüttet zu werden. Kaum waren sie auf der +Straße, als das ganze Haus des Doktor Trabacchio in Flammen stand. Das +Volk lief zusammen und jauchzte und jubelte, als es des verruchten +Hexenmeisters Wohnung brennen sah, ohne auch nur das mindeste zur +Rettung zu tun. Schon war das Dach eingestürzt, das inwendige Holzwerk +flammte zu den Wänden heraus und nur die starken Balken des obern +Stocks widerstanden noch der Gewalt des Feuers. Aber vor Entsetzen +schrie das Volk auf, als es Trabacchios zwölfjährigen Sohn mit +einem Kistchen unter dem Arm einen dieser glimmenden Balken entlang +schreiten sah. Nur einen Moment dauerte diese Erscheinung, sie +verschwand plötzlich in den hochaufschlagenden Flammen. - Der +Doktor Trabacchio schien sich herzinniglich zu freuen, als er diese +Begebenheit erfuhr und ging mit verwegener Frechheit zum Tode. Als man +ihn an den Pfahl band, lachte er hell auf und sagte zu dem Henker, der +ihn mordlustig recht fest anschnürte: »Sieh dich vor, Geselle, daß +diese Stricke nicht an deinen Fäusten brennen.« Dem Mönch, der sich +ihm zuletzt noch nahen wollte, rief er mit fürchterlicher Stimme zu: +»Fort! - zurück von mir! Glaubst du denn, daß ich so dumm sein werde, +euch zu Gefallen einen schmerzlichen Tod zu leiden? - noch ist +meine Stunde nicht gekommen.« - Nun fing das angezündete Holz an zu +prasseln; kaum erreichte aber die Flamme den Trabacchio, als es hell +aufloderte, wie Strohfeuer und von einer fernen Anhöhe ein gellendes +Hohngelächter sich hören ließ. Alles schaute hin und Grausen ergriff +das Volk, als [es] den Doktor Trabacchio leibhaftig in dem schwarzen +Kleide, dem goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den +niedergekrempten spanischen Hut mit der roten Feder auf dem Kopfe, das +Kistchen unter dem Arm, ganz wie er sonst durch die Straßen von Neapel +zu laufen pflegte, erblickte. Reiter, Sbirren, hundert andere aus +dem Volk stürzten hin nach dem Hügel, aber Trabacchio war und blieb +verschwunden. Die Alte gab ihren Geist auf unter den entsetzlichsten +Qualen, unter den gräßlichsten Verwünschungen ihres verruchten Herrn, +mit dem sie unzählige Verbrechen geteilt. + +Der sogenannte Ignaz Denner war nun kein anderer, als eben der Sohn +des Doktors, der sich damals durch die höllischen Künste seines Vaters +mit einem Kistchen der seltensten und geheimnisvollsten Kostbarkeiten +aus den Flammen rettete. Schon seit der frühesten Jugend unterrichtete +ihn der Vater in den geheimen Wissenschaften und seine Seele war dem +Teufel verschrieben, noch ehe er sein volles Bewußtsein erlangt. Als +man den Doktor Trabacchio ins Gefängnis warf, blieb der Knabe in dem +geheimnisvollen verschlossenen Gewölbe unter den verworfenen Geistern, +die des Vaters höllischer Zauber hineingebannt; da aber endlich dieser +Zauber der Macht des Dominikaners weichen mußte, ließ der Knabe die +verborgenen mechanischen Kräfte wirken, und Flammen entzündeten sich, +die in wenigen Minuten das ganze Haus in Brand steckten, während der +Knabe selbst unversehrt durch das Feuer fort zum Tore hinaus in den +Wald eilte, den ihm der Vater bezeichnet hatte. Nicht lange dauerte +es, so erschien auch Doktor Trabacchio, und floh schnell mit dem +Sohne, bis sie wohl an drei Tagereisen von Neapel in die Ruinen +eines alten römischen Gebäudes kamen, wo der Eingang zu einer weiten +geräumigen Höhle versteckt lag. Hier wurde der Doktor Trabacchio +von einer zahlreichen Räuberbande, mit der er längst in Verbindung +gestanden, und der er durch seine geheime Wissenschaft die +wesentlichsten Dienste geleistet, mit lautem Jubel empfangen. Die +Räuber wollten ihn mit nichts Geringerem lohnen, als mit der Krönung +zum Räuberkönige, wodurch er sich zum Oberhaupt aller Banden, die in +Italien und dem südlichen Deutschland verbreitet waren, aufgeschwungen +hätte. Der Doktor Trabacchio erklärte, diese Würde nicht annehmen +zu können, da er der besondern Konstellation wegen, die über ihn +walte, nunmehr ein ganz unstetes Leben führen müsse, und von keinem +Verhältnis gebunden werden könne; doch werde er noch immer den Räubern +mit seiner Kunst und Wissenschaft beistehn, und sich dann und wann +sehen lassen. Da beschlossen die Räuber, den zwölfjährigen Trabacchio +zum Räuberkönige zu wählen und damit war der Doktor höchlich +zufrieden, so daß der Knabe von Stund an unter den Räubern blieb, +und, als er funfzehn Jahr alt worden, schon als wirkliches Oberhaupt +mit ihnen auszog. Sein ganzes Leben war von nun an ein Gewebe von +Greueltaten und Teufelskünsten, in welche ihn der Vater, der sich +oftmals blicken ließ und zuweilen wochenlang einsam mit seinem Sohne +in der Höhle blieb, immer mehr einweihte. Die kräftigen Maßregeln +des Königs von Neapel gegen die Räuberbanden, die immer kecker und +verwegener wurden, noch mehr aber die entstandenen Zwistigkeiten der +Räuber hoben endlich das gefährliche Bündnis unter _einem_ Oberhaupte +auf und den Trabacchio selbst, der sich durch seinen Stolz und durch +seine Grausamkeit verhaßt gemacht hatte, konnten seine vom Vater +erlernte Teufelskünste nicht vor den Dolchen seiner Untergebenen +schützen. Er floh nach der Schweiz, gab sich den Namen Ignaz Denner, +und besuchte als reisender Kaufmann die Messen und Jahrmärkte in +Deutschland, bis sich aus den zerstreuten Gliedern jener großen +Bande eine kleinere bildete, die den vormaligen Räuberkönig zu ihrem +Oberhaupt wählte. Trabacchio versicherte, wie sein Vater noch zur +Stunde lebe, ihn noch im Gefängnis besucht, und Rettung von der +Gerichtsstätte versprochen habe. Nur dadurch, daß, wie er nun wohl +einsehe, göttliche Schickung den Andres vom Tode errettet, sei die +Macht seines Vaters entkräftet worden, und er wolle nun als reuiger +Sünder allen Teufelskünsten abschwören und geduldig die gerechte +Todesstrafe erleiden. + +Andres, der alles dieses aus dem Munde des Grafen von Vach erfuhr, +zweifelte keinen Augenblick, daß es wohl eben Trabacchios Bande +gewesen, die ehemals im Neapolitanischen seinen Herrn anfiel, so wie +er überzeugt war, daß der alte Doktor Trabacchio selbst im Gefängnis +ihm wie der leibhaftige Satan erschien und verlocken wollte zum +bösen Beginnen. Nun sah er erst recht ein, in welch großer Gefahr er +geschwebt hatte seit der Zeit, als Trabacchio in sein Haus getreten; +wiewohl er noch immer nicht begreifen konnte, warum es denn der +Verruchte so ganz und gar auf ihn und sein Weib gemünzt hatte, da der +Vorteil, den er aus seinem Aufenthalt in dem Jägerhause zog, nicht so +bedeutend sein konnte. + +Andres befand sich nach den entsetzlichen Stürmen nun in ruhiger +glücklicher Lage, allein zu erschütternd hatten jene Stürme getobt, +um nicht in seinem ganzen Leben dumpf nachzuhallen. Außer dem, daß +Andres, sonst ein starker kräftiger Mann, durch den Gram, durch +das lange Gefängnis, ja durch den unsäglichen Schmerz der Tortur +körperlich zugrunde gerichtet, siech und krank daherschwankte und kaum +noch die Jagd treiben konnte, so welkte auch Giorgina, deren südliche +Natur von dem Grame, von der Angst, von dem Entsetzen wie von +brennender Glut aufgezehrt wurde, zusehends hin. Keine Hülfe war +für sie mehr vorhanden, sie starb wenige Monate nach ihres Mannes +Rückkehr. Andres wollte verzweifeln und nur der wunderschöne kluge +Knabe, der Mutter getreues Ebenbild, vermochte ihn zu trösten. Um +dieses willen tat er alles, sein Leben zu erhalten, und sich soviel +als möglich zu kräftigen, so daß er nach Verlauf von beinahe zwei +Jahren wohl an Gesundheit zugenommen und manchen lustigen Jägergang in +den Forst unternehmen konnte. - Der Prozeß wider den Trabacchio hatte +endlich sein Ende erreicht und er war, so wie vor alter Zeit sein +Vater, zum Tode durchs Feuer verdammt worden, den er in weniger Zeit +erleiden sollte. + +Andres kam eines Tages, als die Abenddämmerung schon eingebrochen, mit +seinem Knaben aus dem Forst zurück; schon war er dem Schlosse nahe, +als er ein klägliches Gewimmer vernahm, das aus dem ihm nahen +ausgetrockneten Feldgraben zu kommen schien. Er eilte näher und +erblickte einen Menschen, der in elende schmutzige Lumpen gehüllt, im +Graben lag und unter großen Schmerzen den Geist aufgeben zu wollen +schien. Andres warf Flinte und Büchsensack ab, und zog mit Mühe +den Unglücklichen heraus; aber als er nun dem Menschen ins Gesicht +blickte, erkannte er mit Entsetzen den Trabacchio. Zurückschaudernd +ließ er von ihm ab; aber da wimmerte Trabacchio dumpf. »Andres, +Andres, bist du es? um der Barmherzigkeit Gottes willen, der ich meine +Seele empfohlen, habe Mitleid mit mir! Wenn du mich rettest, rettest +du eine Seele von ewiger Verdammnis; denn bald ereilt mich ja der Tod, +und noch nicht vollendet ist meine Buße!« - »Verdammter Heuchler«, +schrie Andres auf; »Mörder meines Kindes, meines Weibes, hat dich +nicht der Satan wieder hergeführt, damit du mich vielleicht noch +verderbest? Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Stirb und vermodere +wie ein Aas, Verruchter!« Andres wollte ihn zurückstoßen in den +Graben; da heulte Trabacchio in wildem Jammer: »Andres! du rettest den +Vater deines Weibes, deiner Giorgina, die für mich betet am Throne des +Höchsten!« Andres schauderte zusammen; mit Giorginas Namen fühlte er +sich von schmerzlicher Wehmut ergriffen. Mitleid mit dem Mörder seiner +Ruhe, seines Glücks, durchdrang ihn, er faßte den Trabacchio, lud +ihn mit Mühe auf und trug ihn nach seiner Wohnung, wo er ihn mit +stärkenden Mitteln erquickte. Bald erwachte Trabacchio aus der +Ohnmacht, in die er versunken. + +In der Nacht vor der Hinrichtung ergriff den Trabacchio die +entsetzlichste Todesangst; er war überzeugt, daß ihn nichts mehr +von der namenlosen Marter des Feuertodes retten würde. Da faßte +und rüttelte er in wahnsinniger Verzweiflung die Eisenstäbe des +Gitterfensters und zerbröckelt blieben sie in seinen Händen. Ein +Strahl der Hoffnung fiel in seine Seele. Man hatte ihn in einen Turm +dicht neben dem trocknen Stadtgraben gesperrt; er schaute in die Tiefe +und der Entschluß sich hinabzustürzen, und so sich zu retten, oder zu +sterben, war auf der Stelle gefaßt. Der Ketten hatte er sich bald mit +geringer Anstrengung entledigt. Als er sich hinauswarf, vergingen ihm +die Sinne, er erwachte, als die Sonne hell strahlte. Da sah er, wie er +zwischen Strauchwerk in hohes Gras gefallen, aber an allen Gliedern +verstaucht und verrenkt, vermochte er sich nicht zu regen und zu +rühren. Schmeißfliegen und anderes Ungeziefer setzten sich auf seinen +halbnackten Körper und stachen und leckten sein Blut, ohne daß er sie +abwehren konnte. So brachte er einen martervollen Tag hin. Erst des +Nachts gelang es ihm weiter zu kriechen und er war glücklich genug, +an eine Stelle zu kommen, wo sich etwas Regenwasser gesammelt hatte, +welches er begierig einschlürfte. Er fühlte sich gestärkt und +vermochte mühsam hinanzuklimmen und sich fortzuschleichen, bis er den +Forst erreichte, der unfern von Fulda anhob und sich beinahe bis an +das Vachsche Schloß erstreckte. So war er bis in die Gegend gekommen, +wo ihn Andres mit dem Tode ringend fand. Die entsetzliche Anstrengung +der letzten Kraft hatte ihn ganz erschöpft und wenige Minuten später +hätte ihn Andres sicherlich tot gefunden. Ohne daran zu denken, was +künftig mit dem Trabacchio, der der Obrigkeit entflohen, werden +sollte, brachte ihn Andres in ein einsames Zimmer und pflegte ihn auf +alle nur mögliche Weise, aber so behutsam ging er dabei zu Werke, daß +niemand die Anwesenheit des Fremden ahnte; denn selbst der Knabe, +gewohnt dem Vater blindlings zu gehorchen, verschwieg getreulich +das Geheimnis. Andres frug nun den Trabacchio, ob er denn gewiß und +wahrhaftig Giorginas Vater sei. »Allerdings bin ich das«, erwiderte +Trabacchio. »In der Gegend von Neapel entführte ich einst ein +bildschönes Mädchen, die mir eine Tochter gebar. Nun weißt du schon, +Andres, daß eines der größten Kunststücke meines Vaters die Bereitung +jenes köstlichen wundersamen Liquors war, wozu das Hauptingredienz +das Herzblut von Kindern ist, die neun Wochen, neun Monate, oder neun +Jahre alt und von den Eltern dem Laboranten freiwillig anvertraut sein +müssen. Je näher die Kinder mit dem Laboranten in Beziehung stehen, +desto wirkungsvoller entsteht aus ihrem Herzblut Lebenskraft, stete +Verjüngung, ja selbst die Bereitung des künstlichen Goldes. Deshalb +schlachtete mein Vater seine Kinder und ich war froh, das Töchterlein, +das mir mein Weib geboren, auf solche verruchte Weise höheren Zwecken +opfern zu können. Noch kann ich nicht begreifen, auf welche Weise mein +Weib die böse Absicht ahnte; aber sie war vor Ablauf der neunten Woche +verschwunden und erst nach mehrern Jahren erfuhr ich, daß sie in +Neapel gestorben sei und ihre Tochter Giorgina bei einem grämlichen +geizhalsigen Gastwirt erzogen würde. Ebenso wurde mir ihre +Verheiratung mit dir und dein Aufenthalt bekannt. Nun kannst du dir +erklären, Andres, warum ich deinem Weibe gewogen war und warum ich, +ganz erfüllt von meinen verruchten Teufelskünsten, deinen Kindern so +nachstellte. - Aber dir, Andres, dir allein und deiner wunderbaren +Rettung durch Gottes Allmacht verdanke ich meine tiefe Reue, meine +innere Zerknirschung. Übrigens ist das Kistchen mit Kleinodien, das +ich deinem Weibe gab, dasjenige, welches ich auf des Vaters Geheiß +aus den Flammen rettete, du kannst es getrost aufbewahren für deinen +Knaben.« - »Das Kistchen«, fiel Andres ein, »hat Euch ja Giorgina +wiedergegeben an jenem schrecklichen Tag, da Ihr den gräßlichen Mord +verübtet?« + +»Allerdings«, erwiderte Trabacchio; »allein ohne daß es Giorgina +wußte, kam es wieder in Euern Besitz. Seht nur nach in der großen +schwarzen Truhe, die in Euerm Hausflur steht, da werdet Ihr das +Kistchen auf dem Boden finden.« Andres suchte in der Truhe und fand +das Kistchen wirklich ganz in dem Zustande wieder, wie er es damals +zum erstenmal von Trabacchio in Verwahrung erhalten. + +Andres fühlte in sich unheimlichen Unmut, ja er konnte sich des +Wunsches nicht erwehren, daß Trabacchio tot gewesen sein möge, als er +ihn im Graben fand. Freilich schien Trabacchios Reue und Buße wahrhaft +zu sein; denn ohne seine Klause zu verlassen, brachte er seine Zeit +nur damit hin, in andächtigen Büchern zu lesen und seine einzige +Ergötzlichkeit war die Unterhaltung mit dem kleinen Georg, den er über +alles zu lieben schien. Andres beschloß indessen doch auf seiner Hut +zu sein und eröffnete bei erster Gelegenheit das ganze Geheimnis dem +Grafen von Vach, der über das seltene Spiel des Schicksals nicht +wenig verwundert war. So vergingen einige Monate, der Spätherbst +war eingetreten und Andres mehr auf der Jagd, als sonst. Der Kleine +blieb gewöhnlich bei dem Großvater und einem alten Jäger, der um das +Geheimnis wußte. Eines Abends war Andres von der Jagd zurückgekehrt, +als der alte Jäger hineintrat und nach seiner treuherzigen Weise +anfing: »Herr, Ihr habt einen bösen Kumpan im Hause. Zu dem kommt +der Gottseibeiuns! durchs Fenster und geht wieder ab in Rauch und +Dampf.« Dem Andres wurde es bei dieser Rede zumut, als hätt ihn ein +Blitzstrahl getroffen. Er wußte nur zu genau, was das zu bedeuten +hatte; als ihm der alte Jäger weiter erzählte, wie er schon mehrere +Tage hintereinander in später Abenddämmerung in Trabacchios Zimmer +seltsame Stimmen gehört, die wie im Zank durcheinander geplappert, und +heute zum zweitenmal habe es ihm, indem er Trabacchios Türe schnell +geöffnet, geschienen, als rausche eine Gestalt im roten goldverbrämten +Mantel zum Fenster hinaus. In vollem Zorn eilte Andres herauf zum +Trabacchio, hielt ihm vor, was sein Jäger ausgesagt und kündigte ihm +an, daß er sich's gefallen lassen müsse, ins Schloßgefängnis gesperrt +zu werden, wenn er nicht allen bösen Tritten entsage. Trabacchio blieb +ruhig, und erwiderte im wehmütigen Ton: »Ach, lieber Andres! nur +zu wahr ist es, daß mein Vater, dessen Stündlein noch immer nicht +gekommen, mich auf unerhörte Weise peinigt und quält. Er will, daß ich +mich ihm wieder zuwende, und der Frömmigkeit, dem Heil meiner Seele +entsage, allein ich bin standhaft geblieben, und glaube nicht, daß er +wiederkehren wird, da er gesehen, daß er nicht mehr über mich Macht +hat. Bleibe ruhig, lieber Sohn Andres! und laß mich bei dir als ein +frommer Christ versöhnt mit Gott sterben!« In der Tat schien auch +die feindliche Gestalt auszubleiben, indessen war es, als würden +Trabacchios Augen wieder glühender, er lächelte zuweilen so seltsam +höhnisch, wie sonst. Während der Betstunde, die Andres jeden Abend mit +ihm zu halten pflegte, schien er oft krampfhaft zu erzittern; zuweilen +strich eine seltsam pfeifende Zugluft durch das Zimmer, welche die +Blätter der Gebetbücher raschelnd umschlug, ja die Bücher selbst dem +Andres aus den Händen warf. »Gottloser Trabacchio, verruchter Satan! +_Du_ bist es, der hier höllischen Spuk treibt! Was willst du von mir? +hebe dich weg, denn du hast keine Macht über mich! - hebe dich weg!« +- So rief Andres mit starker Stimme! Da lachte es höhnisch durch das +Zimmer hin, und schlug wie mit schwarzen Fittigen an das Fenster. Und +doch war es nur der Regen, der an das Fenster geschlagen, und der +Herbstwind, der durch das Zimmer geheult, wie Trabacchio meinte, als +das Unwesen wieder einmal recht arg war und Georg vor Angst weinte. + +»Nein«, rief Andres: »Euer gottloser Vater könnte hier nicht so +herumspuken, wenn Ihr aller und jeder Gemeinschaft mit ihm entsagt +hättet. Ihr müßt fort von mir. Eure Wohnung ist Euch längst bereitet. +Ihr müßt fort ins Schloßgefängnis; dort möget Ihr Euern Spuk treiben +wie Ihr wollt.« Trabacchio weinte heftig, er bat um aller Heiligen +willen ihn im Hause zu dulden und Georg, ohne zu begreifen, was das +alles wohl bedeute, stimmte in seine Bitten ein. »So bleibt denn noch +morgen hier«, sagte Andres, »ich will sehen, wie es mit der Betstunde +gehen wird, wenn ich heimkomme von der Jagd.« Am andern Tage gab es +herrliches Herbstwetter, und Andres versprach sich eine reiche Beute. +Als er von dem Anstand zurückkehrte, war es ganz finster geworden. Er +fühlte sich im innersten Gemüt besonders bewegt; seine merkwürdigen +Schicksale, Giorginas Bild, sein ermordeter Knabe traten ihm so +lebendig vor Augen, daß er tief in sich gekehrt, immer langsamer und +langsamer den Jägern nachschlenderte, bis er sich endlich unversehends +auf einem Nebenwege allein im Forst befand. Im Begriff zurückzukehren +in den breiten Waldweg, wurde er ein blendendes Licht gewahr, welches +durch das dickste Gebüsch flackerte. Da ergriff ihn eine wunderbare +verworrene Ahnung großer Greueltat, die verübt werde; er drang durch +das Dickicht, er war dem Feuer nahe, da stand des alten Trabacchio +Gestalt im goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den +niedergekrempten Hut mit roter Feder auf dem Kopfe, das Arzneikistchen +unterm Arm. Mit glühenden Augen blickte die Gestalt in das Feuer, +das wie in rot und blau flammenden Schlangen unter einer Retorte +hervorloderte. Vor dem Feuer lag Georg nackt ausgebreitet auf einer +Art Rost und der verruchte Sohn des satanischen Doktors hatte hoch +das funkelnde Messer erhoben zum Todesstoß. Andres schrie auf vor +Entsetzen; aber sowie der Mörder sich umblickte, sauste schon die +Kugel aus Andres' Büchse und Trabacchio stürzte mit zerschmettertem +Gehirn über das Feuer hin, das im Augenblick erlosch. Die Gestalt des +Doktors war verschwunden. Andres sprang hinzu, stieß den Leichnam +beiseite, band den armen Georg los und trug ihn schnell fort bis +ins Haus. Dem Knaben fehlte nichts; nur die Todesangst hatte ihn +ohnmächtig gemacht. Den Andres trieb es heraus in den Wald, er +wollte sich von Trabacchios Tode überzeugen und den Leichnam gleich +verscharren; er weckte daher den alten Jäger, der in tiefen, +wahrscheinlich von Trabacchio bewirkten Schlaf gesunken, und beide +gingen mit Laterne, Hacke und Spaten an die nicht weit entlegene +Stelle. Da lag der blutige Trabacchio; aber sowie Andres sich näherte, +richtete er sich mit halbem Leibe auf, starrte ihn gräßlich an und +röchelte dumpf. »Mörder! Mörder des Vaters deines Weibes, aber meine +Teufel sollen dich quälen!« - »Fahre zur Hölle, du satanischer +Bösewicht«, schrie Andres, der dem Entsetzen, das ihn übermannen +wollte, widerstand; »fahre hin zur Hölle, du, der du den Tod +hundertfältig verdient hast, dem ich den Tod gab, weil er versuchten +Mord an meinem Kinde, an dem Kinde seiner Tochter verüben wollte! +Du hast nur Buße und Frömmigkeit geheuchelt um schändlichen Verrats +willen, aber nun bereitet der Satan manche Qual deiner Seele, die du +ihm verkauft.« Da sank Trabacchio heulend zurück und immer dumpfer und +dumpfer wimmernd gab er seinen Geist auf. Nun gruben die beiden Männer +ein tiefes Loch, in das sie Trabacchios Körper warfen. »Sein Blut +komme nicht über mich!« sprach Andres, »aber ich konnte nicht +anders, ich war dazu ausersehen von Gott, meinen Georg zu retten und +hundertfältige Frevel zu rächen. Doch will ich für seine Seele beten +und ein kleines Kreuz auf sein Grab stellen.« Als andern Tages Andres +dieses Vorhaben ausfahren wollte, fand er die Erde aufgewühlt, der +Leichnam war verschwunden. Ob das nun von wilden Tieren, oder wie +sonst bewirkt, blieb in Zweifel. Andres ging mit seinem Knaben und dem +alten Jäger zum Grafen von Vach, und berichtete treulich die ganze +Begebenheit. Der Graf von Vach billigte die Tat des Andres, der zur +Rettung seines Sohnes einen Räuber und Mörder niedergestreckt hatte +und ließ den ganzen Verlauf der Sache niederschreiben und im Archiv +des Schlosses aufbewahren. + +Die schreckliche Begebenheit hatte den Andres tief im Innersten +erschüttert, und wohl mochte er sich deshalb, wenn die Nacht +eingebrochen, schlaflos auf dem Lager wälzen. Aber wenn er so zwischen +Wachen und Träumen hinbrütete, da hörte er es im Zimmer knistern und +rauschen, und ein roter Schein fuhr hindurch und verschwand wieder. +Sowie er anfing zu horchen und zu schauen, da murmelte es dumpf. »Nun +bist du Meister - du hast den Schatz - du hast den Schatz - gebeut +über die Kraft, sie ist dein!« - Dem Andres war es, als wolle ein +unbekanntes Gefühl ganz eigner Wohlbehaglichkeit und Lebenslust in +ihm aufgehen; aber sowie die Morgenröte durch die Fenster brach, da +ermannte sich Andres und betete, wie er es zu tun gewohnt, kräftig und +inbrünstig zu dem Herrn, der seine Seele erleuchtete. »Ich weiß was +nun noch meines Amts und Berufs ist, um den Versucher zu bannen und +die Sünde abzuwenden von meinem Hause!« - So sprach Andres, nahm +Trabacchios Kistchen und warf es, ohne es zu öffnen, in eine tiefe +Bergschlucht. Nun genoß Andres eines ruhigen heitern Alters, das keine +feindliche Macht zu zerstören vermochte. + + + +Die Jesuiterkirche in G. + +In eine elende Postchaise gepackt, die die Motten, wie die Ratten +Prosperos Fahrzeug, aus Instinkt verlassen hatten, hielt ich endlich, +nach halsbrechender Fahrt, halbgerädert, vor dem Wirtshause auf dem +Markte in G. Alles Unglück, das mir selbst begegnen können, war auf +meinen Wagen gefallen, der zerbrochen bei dem Postmeister der letzten +Station lag. Vier magere abgetriebene Pferde schleppten nach mehrern +Stunden endlich mit Hülfe mehrerer Bauern und meines Bedienten das +baufällige Reisehaus herbei; die Sachverständigen kamen, schüttelten +die Köpfe und meinten, daß eine Hauptreparatur nötig sei, die zwei, +auch wohl drei Tage dauern könne. Der Ort schien mir freundlich, +die Gegend anmutig und doch erschrak ich nicht wenig über den mir +gedrohten Aufenthalt. Warst du, günstiger Leser! jemals genötigt, in +einer kleinen Stadt, wo du niemanden - niemanden kanntest, wo du jedem +fremd bliebst, drei Tage zu verweilen, und hat nicht irgend ein tiefer +Schmerz den Drang nach gemütlicher Mitteilung in dir weggezehrt, so +wirst du mein Unbehagen mit mir fühlen. In dem Wort geht ja erst der +Geist des Lebens auf in allem um uns her; aber die Kleinstädter sind +wie ein in sich selbst verübtes, abgeschlossenes Orchester eingespielt +und eingesungen, nur ihre eignen Stücke gehen rein und richtig, jeder +Ton des Fremden dissoniert ihren Ohren und bringt sie augenblicklich +zum Schweigen. - Recht mißlaunig schritt ich in meinem Zimmer auf +und ab; da fiel mir plötzlich ein, daß ein Freund in der Heimat, der +ehemals ein paar Jahre hindurch in G. gewesen, oft von einem gelehrten +geistreichen Manne sprach, mit dem er damals viel umgegangen. Auch des +Namens erinnerte ich mich: es war der Professor im Jesuiter-Kollegio +Aloysius Walther. Ich beschloß hinzugehen und meines Freundes +Bekanntschaft für mich selbst zu nutzen. Man sagte mir im Kollegio, +daß Professor Walther zwar eben lese, aber in kurzer Zeit endigen +werde, und stellte mir frei, ob ich wiederkommen, oder in den +äußeren Sälen verweilen wolle. Ich wählte das letzte. Überall sind +die Klöster, die Kollegien, die Kirchen der Jesuiten in jenem +italienischen Stil gebaut, der auf antike Form und Manier gestützt, +die Anmut und Pracht dem heiligen Ernst, der religiösen Würde +vorzieht. So waren auch hier die hohen, luftigen, hellen Säle mit +reicher Architektur geschmückt, und sonderbar genug stachen gegen +Heiligenbilder, die hie und da an den Wänden zwischen ionischen Säulen +hingen, die Superporten ab, welche durchgehends Genientänze, oder gar +Früchte und Leckerbissen der Küche darstellten. - Der Professor trat +ein, ich erinnerte ihn an meinen Freund, und nahm auf die Zeit meines +gezwungenen Aufenthalts seine Gastlichkeit in Anspruch. Ganz, wie ihn +mein Freund beschrieben, fand ich den Professor; hellgesprächig - +weltgewandt - kurz, ganz in der Manier des höheren Geistlichen, der +wissenschaftlich ausgebildet, oft genug über das Brevier hinweg in das +Leben geschaut hat, um genau zu wissen, wie es darin hergeht. Als ich +sein Zimmer auch mit moderner Eleganz eingerichtet fand, kam ich auf +meine vorigen Bemerkungen in den Sälen zurück, die ich gegen den +Professor laut werden ließ. »Es ist wahr«, erwiderte er, »wir haben +jenen düstern Ernst, jene sonderbare Majestät des niederschmetternden +Tyrannen, die im gotischen Bau unsere Brust beklemmt, ja wohl ein +unheimliches Grauen erregt, aus unseren Gebäuden verbannt, und es ist +wohl verdienstlich, unsern Werken die regsame Heiterkeit der Alten +anzueignen.« - »Sollte aber«, erwiderte ich, »nicht eben jene heilige +Würde, jene hohe zum Himmel strebende Majestät des gotischen Baues +recht von dem wahren Geist des Christentums erzeugt sein, der, +übersinnlich, dem sinnlichen, nur in dem Kreis des Irdischen +bleibenden Geiste der antiken Welt geradezu widerstrebt?« - Der +Professor lächelte. »Ei«, sprach er, »das höhere Reich soll man +erkennen in dieser Welt und diese Erkenntnis darf geweckt werden +durch heitere Symbole, wie sie das Leben, ja der aus jenem Reich ins +irdische Leben herabgekommene Geist, darbietet. Unsere Heimat ist wohl +dort droben; aber solange wir hier hausen, ist unser Reich auch von +dieser Welt.« Jawohl, dachte ich: in allem was ihr tatet, bewieset +ihr, daß euer Reich von dieser Welt, ja nur allein von dieser Welt +ist. Ich sagte aber das, was ich dachte, keinesweges dem Professor +Aloysius Walther, welcher also fortfuhr: »Was Sie von der Pracht +unserer Gebäude hier am Orte sagen, möchte sich wohl nur auf die +Annehmlichkeit der Form beziehen. Hier, wo der Marmor unerschwinglich +ist, wo große Meister der Malerkunst nicht arbeiten mögen, hat man +sich, der neuern Tendenz gemäß, mit Surrogaten behelfen müssen. Wir +tun viel, wenn wir uns zum polierten Gips versteigen, mehrenteils +schafft nur der Maler die verschiedenen Marmorarten, wie es eben +jetzt in unserer Kirche geschieht, die, Dank sei es der Freigebigkeit +unserer Patronen, neu dekoriert wird.« Ich äußerte den Wunsch, die +Kirche zu sehen; der Professor führte mich hinab, und als ich in den +korinthischen Säulengang, der das Schiff der Kirche formte, eintrat, +fühlte ich wohl den nur zu freundlichen Eindruck der zierlichen +Verhältnisse. Dem Hochaltare links war ein hohes Gerüste errichtet, +auf dem ein Mann stand, der die Wände in Giallo antik übermalte. »Nun +wie geht es, Berthold?« rief der Professor hinauf Der Maler wandte +sich nach uns um, aber gleich fuhr er wieder fort zu arbeiten, indem +er mit dumpfer beinahe unvernehmbarer Stimme sprach: »Viel Plage - +krummes verworrenes Zeug - kein Lineal zu brauchen - Tiere - Affen - +Menschengesichter - Menschengesichter - o ich elender Tor!« Das letzte +rief er laut mit einer Stimme, die nur der tiefste im Innersten +wühlende Schmerz erzeugt; ich fühlte mich auf die seltsamste Weise +angeregt, jene Worte und der Ausdruck des Gesichts, der Blick, womit +er zuvor den Professor anschaute, brachten mir das ganze zerrissene +Leben eines unglücklichen Künstlers vor Augen. Der Mann mochte kaum +über vierzig Jahre alt sein; seine Gestalt, war sie auch durch +den unförmlichen schmutzigen Maleranzug entstellt, hatte was +unbeschreiblich Edles, und der tiefe Gram konnte nur das Gesicht +entfärben, das Feuer, was in den schwarzen Augen strahlte, aber nicht +auslöschen. Ich frug den Professor, was es mit dem Maler wohl für eine +Bewandtnis hätte. »Es ist ein fremder Künstler«, erwiderte er, »der +sich gerade zu der Zeit hier einfand, als die Reparatur der Kirche +beschlossen worden. Er unternahm die Arbeit, die wir ihm antrugen, +mit Freuden, und in der Tat war seine Ankunft ein Glücksfall für uns; +denn weder hier, noch in der Gegend weit umher hätten wir einen Maler +auftreiben können, der für alles, dessen es hier zu malen bedarf, so +tüchtig gewesen wäre. Übrigens ist es der gutmütigste Mensch von der +Welt, den wir alle recht lieben, und so kommt es denn, daß er in +unserm Kollegio gut aufgenommen wurde. Außer dem ansehnlichen Honorar, +das er für seine Arbeit erhält, verköstigen wir ihn; dies ist aber für +uns ein sehr geringer Aufwand, denn er ist beinahe zu mäßig, welches +freilich seinem kränklichen Körper zusagen mag.« + +»Aber«, fiel ich ein, »er schien heute so mürrisch - so aufgeregt.« +- »Das hat seine besondere Ursache«, erwiderte der Professor, »doch +lassen Sie uns einige schöne Gemälde der Seiten-Altäre anschauen, +die vor einiger Zeit ein glücklicher Zufall uns verschaffte. Nur +ein einziges Original, ein Dominichino, ist dabei, die anderen +sind von unbekannten Meistern der italienischen Schule, aber, sind +Sie vorurteilsfrei, so werden Sie gestehen müssen, daß jedes den +berühmtesten Namen tragen dürfte.« Ich fand es ganz so, wie der +Professor gesagt hatte. Es war seltsam, daß das einzige Original +gerade zu den schwächern Stücken gehörte, war es nicht wirklich das +schwächste, und daß dagegen die Schönheit mancher Gemälde ohne Namen +mich unwiderstehlich hinriß. Über das Gemälde eines Altars war eine +Decke herabgelassen; ich frug nach der Ursache. »Dies Bild«, sprach +der Professor, »ist das schönste was wir besitzen, es ist das Werk +eines jungen Künstlers der neueren Zeit - gewiß sein letztes, denn +sein Flug ist gehemmt. - Wir mußten in diesen Tagen das Gemälde aus +gewissen Gründen verhängen lassen, doch bin ich vielleicht morgen, +oder übermorgen imstande, es Ihnen zu zeigen.« - Ich wollte weiter +fragen, indessen schritt der Professor rasch durch den Gang fort, und +das war genug, um seine Unlust zu zeigen, mir weiter zu antworten. +Wir gingen in das Kollegium zurück, und gern nahm ich des Professors +Einladung an, der mit mir nachmittags einen nahgelegenen Lustort +besuchen wollte. Spät kehrten wir heim, ein Gewitter war aufgestiegen, +und kaum langte ich in meiner Wohnung an, als der Regen herabströmte. +Es mochte wohl schon Mitternacht sein, da klärte sich der Himmel +auf, und nur noch entfernt murmelte der Donner. Durch die geöffneten +Fenster wehte die laue, mit Wohlgerüchen geschwängerte, Luft in das +dumpfe Zimmer, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, unerachtet +ich müde genug war, noch einen Gang zu machen; es glückte mir, den +mürrischen Hausknecht, der schon seit zwei Stunden schnarchen mochte, +zu erwecken, und ihn zu bedeuten, daß es kein Wahnsinn sei, noch um +Mitternacht spazieren zu gehen, bald befand ich mich auf der Straße. +Als ich bei der Jesuiterkirche vorüberging, fiel mir das blendende +Licht auf, das durch ein Fenster strahlte. Die kleine Seitenpforte war +nur angelehnt, ich trat hinein und wurde gewahr, daß vor einer hohen +Blende eine Wachsfackel brannte. Näher gekommen bemerkte ich, daß vor +der Blende ein Netz von Bindfaden ausgespannt war, hinter dem eine +dunkle Gestalt eine Leiter hinauf und hinunter sprang, und in die +Blende etwas hineinzuzeichnen schien. Es war Berthold, der den +Schatten des Netzes mit schwarzer Farbe genau überzog. Neben der +Leiter auf einer hohen Staffelei stand die Zeichnung eines Altars. Ich +erstaunte über den sinnreichen Einfall. Bist du, günstiger Leser, mit +der edlen Malerkunst was weniges vertraut, so wirst du ohne weitere +Erklärung sogleich wissen, was es mit dem Netz, dessen Schattenstriche +Berthold in die Blende hineinzeichnete, für eine Bewandtnis hat. +Berthold sollte in die Blende einen hervorspringenden Altar malen. +Um die kleine Zeichnung richtig in das Große zu übertragen, mußte er +beides, den Entwurf und die Fläche, worauf der Entwurf ausgeführt +werden sollte, dem gewöhnlichen Verfahren gemäß mit einem Netz +überziehn. Nun war es aber keine Fläche, sondern eine halbrunde +Blende, worauf gemalt werden sollte; die Gleichung der Quadrate, +die die krummen Linien des Netzes auf der Höhlung bildeten, mit den +geraden des Entwurfs und die Berichtigung der architektonischen +Verhältnisse, die sich herausspringend darstellen sollten, war daher +nicht anders zu finden, als auf jene einfache geniale Weise. Wohl +hütete ich mich vor die Fackel zu treten und mich so durch meinen +Schlagschatten zu verraten, aber nahe genug zur Seite stand ich, +um den Maler genau zu beobachten. Er schien mir ganz ein anderer, +vielleicht war es nur Wirkung des Fackelscheins, aber sein Gesicht +war gerötet, seine Augen blitzten wie vor innerm Wohlbehagen, und +als er seine Linien fertig gezeichnet, stellte er sich mit in die +Seite gestemmten Händen vor die Blende hin, und pfiff, die Arbeit +beschauend, ein muntres Liedchen. Nun wandte er sich um und riß das +ausgespannte Netz herunter. Da fiel ihm meine Gestalt ins Auge, »he +da! he da!« rief er laut: »seid Ihr es Christian?« - Ich trat auf ihn +zu, erklärte ihm was mich in die Kirche gelockt, und, den sinnreichen +Einfall mit dem Schattennetz hochpreisend, gab ich mich als Kenner und +Ausüber der edlen Malerkunst zu erkennen. Ohne mir darauf weiter zu +antworten, sprach Berthold: »Christian ist auch weiter nichts, als ein +Faulenzer; treu wollte er aushalten bei mir die ganze Nacht hindurch, +und nun liegt er gewiß irgendwo auf dem Ohr! - Mein Werk muß +vorrücken, denn morgen malt sich's vielleicht hier in der Blende +teufelmäßig schlecht - und allein kann ich doch jetzt nichts machen.« +Ich erbot mich ihm behilflich zu sein. Er lachte laut auf, faßte mich +bei beiden Schultern und rief.- »Das ist ein exzellenter Spaß; was +wird Christian sagen, wenn er morgen merkt, daß er ein Esel ist, und +ich seiner gar nicht bedurft habe? Nun so kommt, fremder Geselle und +Bruder, helft mir erst fein bauen.« Er zündete einige Kerzen an, wir +liefen durch die Kirche, schleppten Böcke und Bretter herbei und bald +stand ein hohes Gerüst in der Blende. + +»Nun frisch zugereicht«, rief Berthold, indem er heraufstieg. Ich +erstaunte über die Schnelligkeit, mit der Berthold die Zeichnung ins +Große übertrug; keck zog er seine Linien, niemals gefehlt, immer +richtig und rein. An dergleichen Dinge, in früherer Zeit gewöhnt, half +ich dem Maler treulich, indem ich, bald oben, bald unter ihm stehend, +die langen Lineale in die angedeuteten Punkte einsetzte und festhielt, +die Kohlen spitz schliff und ihm zureichte usw. »Ihr seid ja gar ein +wackerer Gehülfe«, rief Berthold ganz fröhlich, »und Ihr«, erwiderte +ich, »in der Tat einer der geübtesten Architektur-Maler, die es geben +mag; habt Ihr denn bei Eurer fertigen kecken Faust nie andere Malerei +getrieben als diese? - Verzeiht meine Frage.« - »Was meint ihr denn +eigentlich?« sprach Berthold, »Nun«, erwiderte ich, »ich meine, daß +Ihr zu etwas Besserem taugt, als Kirchenwände mit Marmorsäulen zu +bemalen. Architektur-Malerei bleibt doch immer etwas Untergeordnetes; +der Historien-Maler, der Landschafter steht unbedingt höher. Geist und +Fantasie, nicht in die engen Schranken geometrischer Linien gebannt, +erheben sich in freiem Fluge. Selbst das einzige Fantastische Eurer +Malerei, die sinnetäuschende Perspektive, hängt von genauer Berechnung +ab, und so ist die Wirkung das Erzeugnis, nicht des genialen +Gedankens, sondern nur mathematischer Spekulation.« Der Maler hatte, +während ich dies sprach, den Pinsel abgesetzt und den Kopf in die Hand +gestützt. »Unbekannter Freund«, fing er jetzt mit dumpfer feierlicher +Stimme an: »Unbekannter Freund, du frevelst, wenn du die verschiedenen +Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines +stolzen Königs. Und noch größerer Frevel ist es, wenn du nur die +Verwegenen achtest, welche taub für das Klirren der Sklavenkette, +fühllos für den Druck des Irdischen, sich frei, ja selbst sich Gott +wähnen und schaffen und herrschen wollen über Licht und Leben. - +Kennst du die Fabel von dem Prometheus, der Schöpfer sein wollte, und +das Feuer vom Himmel stahl, um seine toten Figuren zu beleben? - Es +gelang ihm, lebendig schritten die Gestalten daher, und aus ihren +Augen strahlte jenes himmlische Feuer, das in ihrem Innern brannte; +aber rettungslos wurde der Frevler, der sich angemaßt Göttliches zu +fahen, verdammt zu ewiger fürchterlicher Qual. Die Brust, die das +Göttliche geahnt, in der die Sehnsucht nach dem Überirdischen +aufgegangen, zerfleischte der Geier, den die Rache geboren und der +sich nun nährte von dem eignen Innern des Vermessenen. Der das +Himmlische gewollt, fühlte ewig den irdischen Schmerz.« - Der Maler +stand in sich versunken da. »Aber«, rief ich: »Aber Berthold, wie +beziehen Sie das alles auf Ihre Kunst? Ich glaube nicht, daß irgend +jemand es für vermessenen Frevel halten kann, Menschen zu bilden, sei +es durch Malerei, oder Plastik.« Wie in bitterm Hohn lachte Berthold +auf. »Ha ha - Kinderspiel ist kein Frevel! - Kinderspiel ist's wie +sie's machen, die Leute, die getrost ihre Pinsel in die Farbentöpfe +stecken und eine Leinwand beschmieren, mit der wahrhaftigen Begier, +Menschen darzustellen; aber es kommt so heraus, als habe, wie es in +jenem Trauerspiele steht, irgend ein Handlanger der Natur versucht +Menschen zu bilden, und es sei ihm mißlungen. - Das sind keine +freveliche Sünder, das sind nur arme unschuldige Narren! Aber Herr! - +wenn man nach dem Höchsten strebt - nicht Fleischeslust, wie Tizian +- nein das Höchste der göttlichen Natur, der Prometheusfunken im +Menschen - Herr! - es ist eine Klippe - ein schmaler Strich, auf dem +man steht - der Abgrund ist offen! - über ihm schwebt der kühne Segler +und ein teuflischer Trug läßt ihn unten - unten _das_ erblicken, was er +oben über den Sternen erschauen wollte!« - Tief seufzte der Maler auf, +er fuhr mit der Hand über die Stirn, und blickte dann in die Höhe. +»Aber was schwatze ich mit Euch, Geselle, da drunten für tolles Zeug, +und male nicht weiter? - Schaut her Geselle, das nenne ich treu und +ehrlich gezeichnet. Wie herrlich ist die Regel! - alle Linien einen +sich zum bestimmten Zweck, zu bestimmter deutlich gedachter Wirkung. +Nur das Gemessene ist rein menschlich; was drüber geht, vom Übel. Das +Übermenschliche muß Gott, oder Teufel sein; sollten beide nicht in der +Mathematik von Menschen übertroffen werden? Sollt es nicht denkbar +sein, daß Gott uns ausdrücklich erschaffen hätte, um das, was nach +gemessenen erkennbaren Regeln darzustellen ist, kurz, das rein +Kommensurable, zu besorgen für seinen Hausbedarf, so wie wir +unsrerseits wieder Sägemühlen und Spinnmaschinen bauen, als +mechanische Werkmeister unseres Bedarfs. Professor Walther behauptete +neulich, daß gewisse Tiere bloß erschaffen wären, um von andern +gefressen zu werden, und das käme doch am Ende zu unserm Nutzen +heraus, so wie z.B. die Katzen den angebornen Instinkt hätten, Mäuse +zu fressen, damit diese uns nicht den Zucker, der zum Frühstück bereit +läge, wegknappern sollten. Am Ende hat der Professor recht - Tiere +und wir selbst sind gut eingerichtete Maschinen, um gewisse Stoffe zu +verarbeiten, und zu verknoten für den Tisch des unbekannten Königs. +- Nun frisch - frisch, Geselle - reiche mir die Töpfe! - Alle Töne +hab ich gestern beim lieben Sonnenlicht abgestimmt, damit mich der +Fackelschein nicht trüge, sie stehn numeriert im Winkel. Reich mir +Numero eins, mein Junge! - Grau in Grau! - Und was wäre das trockne +mühselige Leben, wenn der Herr des Himmels uns nicht so manches bunte +Spielzeug in die Hände gegeben hätte! - Wer artig ist, trachtet nicht, +wie der neugierige Bube, den Kasten zu zerbrechen, in dem es orgelt, +wenn er die äußere Schraube dreht. - Man sagt, es ist ganz natürlich, +daß es drinnen klingt; denn ich drehe ja die Schraube! - Indem ich +dies Gebälk richtig aus dem Augenpunkt aufgezeichnet, weiß ich +bestimmt, daß es sich dem Beschauer plastisch darstellt - Numero +zwei heraufgereicht, Junge! - Nun male ich es aus in den regelrecht +abgestimmten Farben - es erscheint vier Ellen zurücktretend. Das weiß +ich alles gewiß; oh! man ist erstaunlich klug - wie kommt es, daß die +Gegenstände in der Ferne sich verkleinern? Die einzige dumme Frage +eines Chinesen könnte selbst den Professor Eytelwein in Verlegenheit +setzen; doch könnte er sich mit dem orgelnden Kasten helfen und +sprechen, er habe manchmal an der Schraube gedreht, und immer dieselbe +Wirkung erfahren - Violett Numero eins, Junge! - ein anderes Lineal +- dicken ausgewaschenen Pinsel! Ach, was ist all unser Ringen und +Streben nach dem Höheren anders, als das unbeholfene bewußtlose +Hantieren des Säuglings, der die Amme verletzt, die ihn wohltätig +nährt! - Violett Numero zwei - frisch Junge! - das Ideal ist ein +schnöder lügnerischer Traum vom gärenden Blute erzeugt. - Die Töpfe +weg, Junge - ich steige herab. - Der Teufel narrt uns mit Puppen, +denen er Engelsfittige angeleimt.« - Nicht möglich ist es mir, alles +das wörtlich zu wiederholen, was Berthold sprach, indem er rasch +fortmalte, und mich ganz wie seinen Handlanger brauchte. In der +angegebenen Manier fuhr er fort, die Beschränktheit alles irdischen +Beginnens auf das bitterste zu verhöhnen; ach er schaute in die +Tiefe eines auf den Tod verwundeten Gemüts, dessen Klage sich nur in +schneidender Ironie erhebt. Der Morgen dämmerte, der Schein der Fackel +verblaßte vor den hereinbrechenden Sonnenstrahlen. Berthold malte +eifrig fort, aber er wurde stiller und stiller und nur einzelne Laute +- zuletzt nur Seufzer, entflohen der gepreßten Brust. Er hatte den +ganzen Altar mit gehöriger Farbenabstufung angelegt, und schon jetzt, +ohne weiter ausgeführt zu sein, sprang das Gemälde wunderbar hervor. +»In der Tat herrlich - ganz herrlich«, rief ich voll Bewunderung aus. +»Meinen Sie«, sprach Berthold mit matter Stimme: »Meinen Sie, daß +etwas daraus werden wird? - Ich gab mir wenigstens alle Mühe richtig +zu zeichnen; aber nun kann ich nicht mehr.« - »Keinen Pinselstrich +weiter, lieber Berthold!« sprach ich: »es ist beinahe unglaublich, +wie Sie mit einem solchen Werk in wenigen Stunden so weit vorrücken +konnten; aber Sie greifen sich zu sehr an, und verschwenden +Ihre Kraft.« - »Und doch«, erwiderte Berthold, »sind das meine +glücklichsten Stunden. - Vielleicht schwatzte ich zu viel, aber es +sind ja nur Worte, in die sich der das Innere zerreißende Schmerz +auflöst.« - »Sie scheinen sich sehr unglücklich zu fühlen, mein armer +Freund«, sprach ich: »irgend ein furchtbares Ereignis trat feindlich +zerstörend in Ihr Leben!« - Der Maler trug langsam seine Gerätschaften +in die Kapelle, löschte die Fackel aus, kam dann auf mich zu, faßte +meine Hand und sprach mit gebrochener Stimme: »Könnten Sie einen +Augenblick Ihres Lebens ruhigen, heitern Geistes sein, wenn Sie sich +eines gräßlichen, nie zu sühnenden Verbrechens bewußt wären?« - +Erstarrt blieb ich stehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen in +des Malers leichenblasses zerstörtes Gesicht, und er war beinahe +gespenstisch anzusehen, als er fortwankte durch die kleine Pforte in +das Innere des Kollegiums. + +Kaum erwarten konnte ich am folgenden Tage die Stunde, die mir +Professor Walther zum Wiedersehen bestimmt hatte. Ich erzählte ihm +den ganzen Auftritt der vorigen Nacht, der mich nicht wenig aufgeregt +hatte; ich schilderte mit den lebendigsten Farben des Malers +wunderliches Benehmen, und verschwieg kein Wort, das er gesprochen, +selbst das nicht, was ihn selbst betroffen. Je mehr ich aber auf des +Professors Teilnahme hoffte, desto gleichgültiger schien er mir, ja er +lächelte selbst über mich auf eine höchst widrige Weise, als ich nicht +nachließ, von Berthold zu reden und in ihn zu dringen, mir ja alles, +was er von dem Unglücklichen wüßte, zu sagen. »Es ist ein wunderlicher +Mensch, dieser Maler«, fing der Professor an: »sanft - gutmütig - +arbeitsam - nüchtern, wie ich Ihnen schon früher sagte, aber schwachen +Verstandes; denn sonst hätte er sich nicht durch irgend ein Ereignis +im Leben, sei es selbst ein Verbrechen, das er beging, herabstimmen +lassen vom herrlichen Historienmaler zum dürftigen Wandpinsler. +« Der Ausdruck Wandpinsler ärgerte mich so wie des Professors +Gleichgültigkeit überhaupt. Ich suchte ihm darzutun, daß noch jetzt +Berthold ein höchst achtungswerten Künstler, und der höchsten regsamen +Teilnahme wert sei. »Nun«, fing der Professor endlich an: »wenn Sie +einmal unser Berthold in solch hohem Grade interessiert, so sollen +Sie alles, was ich von ihm weiß, und das ist nicht wenig, ganz genau +erfahren. Zur Einleitung dessen, lassen Sie uns gleich in die Kirche +gehen! Da Berthold die ganze Nacht hindurch mit Anstrengung gearbeitet +hat, wird er heute vormittags rasten. Wenn wir ihn in der Kirche +fänden, wäre mein Zweck verfehlt.« Wir gingen nach der Kirche, der +Professor ließ das Tuch von dem verhängten Gemälde herunternehmen und +in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemälde auf, wie ich es nie +gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch +erhaben! - Maria und Elisabeth in einem schönen Garten auf einem +Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus mit Blumen +spielend, im Hintergrunde seitwärts eine betende männliche Figur! - +Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frömmigkeit ihrer +ganzen Figur erfüllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie +war schön, schöner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels +Maria in der Dresdner Galerie verkündete ihr Blick die höhere Macht +der Gottes-Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem +Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die +ewigdürstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeöffneten +Lippen nicht tröstend, wie in holden Engels-Melodien, von der +unendlichen Seligkeit des Himmels? - Nieder mich zu werfen in den +Staub vor ihr, der Himmels-Königin, trieb mich ein unbeschreibliches +Gefühl - keines Wortes mächtig konnte ich den Blick nicht abwenden +von dem Bilde ohnegleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz +ausgeführt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen, +und der betende Mann war noch nicht übermalt. Näher getreten erkannte +ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Züge. Ich ahnte, was mir +der Professor gleich darauf sagte: »Dieses Bild«, sprach er, »ist +Bertholds letzte Arbeit, das wir vor mehreren Jahren aus N. in +Oberschlesien, wo es von einem unserer Kollegen in einer Versteigerung +gekauft wurde, erhielten. Unerachtet es nicht vollendet ist, ließen +wir es doch statt des elenden Altarblatts, das sonst hier stand, +einfügen. Als Berthold angekommen war und dies Gemälde erblickte, +schrie er laut auf und stürzte bewußtlos zu Boden. Nachher vermied +er sorgfältig, es anzublicken und vertraute mir, daß es seine +letzte Arbeit in diesem Fache sei. Ich hoffte ihn nach und nach zur +Vollendung des Bildes zu überreden, aber mit Entsetzen und Abscheu +wies er jeden Antrag der Art zurück. Um ihn nur einigermaßen heiter +und kräftig zu erhalten, mußte ich das Bild verhängen lassen, solange +er in der Kirche arbeitet. Fiel es ihm nur von ungefähr ins Auge, so +lief er wie von unwiderstehlicher Macht getrieben hin, warf sich laut +schluchzend nieder, bekam seinen Paroxysmus, und war auf mehrere Tage +unbrauchbar.« - »Armer - armer unglücklicher Mann!« rief ich aus, +»welch eine Teufelsfaust griff so grimmig zerstörend in dein +Leben.«-»Oh!« sprach der Professor: »die Hand samt dem Arm ist ihm an +den Leib gewachsen - ja ja! - er selbst war gewiß sein eigner Dämon - +sein Luzifer, der in sein Leben mit der Höllenfackel hineinleuchtete. +Wenigstens geht das aus seinem Leben sehr deutlich hervor.« Ich bat +den Professor, mir doch nur jetzt gleich alles zu sagen, was er über +des unglücklichen Malers Leben wüßte. »Das würde viel zu weitläufig +sein, und viel zu viel Atem kosten«, erwiderte der Professor. +»Verderben wir uns den heitern Tag nicht mit dem trüben Zeuge! Lassen +Sie uns frühstücken, und dann nach der Mühle gehen, wo uns ein tüchtig +zubereitetes Mittagsmahl erwartet.« Ich hörte nicht auf, in den +Professor zu dringen, und nach vielem Hin- und Herreden kam es endlich +heraus, daß gleich nach der Ankunft Bertholds sich ein Jüngling, der +auf dem Kollegio studierte, mit voller Liebe an ihn anschloß, daß +diesem Berthold nach und nach die Begebenheiten seines Lebens +vertraute, die der junge Mann sorglich aufschrieb und dem Professor +Walther das Manuskript übergab. »Es war«, sprach der Professor: »solch +ein Enthusiast, wie Sie, mein Herr, mit Ihrer Erlaubnis! Aber das +Aufschreiben der wunderlichen Begebenheiten des Malers diente ihm in +der Tat zur trefflichen Stilübung.« Mit vieler Mühe erhielt ich von +dem Professor das Versprechen, daß er mir abends nach geendeter +Lustpartie das Manuskript anvertrauen wolle. Sei es, daß es die +gespannte Neugierde war, oder war der Professor wirklich selbst daran +schuld, kurz, niemals hab ich mehr Langeweile empfunden, als _den_ Tag. +Schon die Eiskälte des Professors rücksichts Bertholds war mir fatal; +aber seine Gespräche, die er mit den Kollegen, die an dem Mahl +teilnahmen, führte, überzeugten mich, daß, trotz aller Gelehrsamkeit, +aller Weltgewandtheit, sein Sinn fürs Höhere gänzlich verschlossen, +und er der krasseste Materialist war, den es geben konnte. Das System +von dem Fressen und Gefressenwerden, wie es Berthold anführte, +hatte er wirklich adoptiert. Alles geistige Streben, Erfindungs-, +Schöpfungskraft leitete er aus gewissen Konjunkturen der Eingeweide +und des Magens her, und dabei kramte er noch mehr närrische abnorme +Einfälle aus. Er behauptete z.B. sehr ernsthaft, daß jeder Gedanke +durch die Begattung zweier Fäserchen im menschlichen Gehirne erzeugt +würde. Ich begriff, auf welche Weise der Professor mit solchen tollen +Dingen den armen Berthold, der in verzweifelter Ironie alle günstige +Einwirkung des Höheren anfocht, quälen, und in die noch blutenden +Wunden spitze Dolche einsetzen mußte. Endlich am Abend gab mir der +Professor ein paar beschriebene Bogen mit den Worten: »Hier, lieber +Enthusiast, ist das Studenten-Machwerk. Es ist nicht übel geschrieben, +aber höchst sonderbar und wider alle Regel rückt der Herr Verfasser, +ohne es weiter anzudeuten, Reden des Malers wörtlich in der ersten +Person ein. Übrigens mache ich Ihnen mit dem Aufsatz, über den ich +von Amtswegen verfügen kann, ein Geschenk, da ich weiß, daß Sie kein +Schriftsteller sind. Der Verfasser der Fantasiestücke in Callots +Manier hätte es eben nach seiner tollen Manier arg zugeschnitten und +gleich drucken lassen, welches ich nicht von Ihnen zu erwarten habe.« + +Der Professor Aloysius Walther wußte nicht, daß er wirklich +den reisenden Enthusiasten vor sich hatte, wiewohl er es hätte +merken können, und so gebe ich dir, mein günstiger Leser! des +Jesuiten-Studenten kurze Erzählung von dem Maler Berthold. Die Weise, +wie er sich mir zeigte, wird dadurch ganz erklärt, und du, o mein +Leser! wirst dann auch gewahren, wie des Schicksals wunderliches Spiel +uns oft zu verderblichem Irrtum treibt. + + +»Laßt euern Sohn nur getrost nach Italien reisen! Schon jetzt ist +er ein wackrer Künstler, und es fehlt ihm hier in D. keinesweges an +Gelegenheit, nach den trefflichsten Originalen jeder Art zu studieren, +aber dennoch darf er nicht hier bleiben. Das freie Künstlerleben muß +ihm in dem heitern Kunstlande aufgehen, sein Studium wird dort sich +erst lebendig gestalten, und den eignen Gedanken erzeugen. Das +Kopieren allein hilft ihm nun nichts mehr. Mehr Sonne muß die +aufsprießende Pflanze erhalten, um zu gedeihen und Blüt und Frucht zu +tragen. Euer Sohn hat ein reines wahrhaftiges Künstlergemüt, darum +seid um alles übrige unbesorgt!« So sprach der alte Maler Stephan +Birkner zu Bertholds Eltern. _Die_ rafften alles zusammen was ihr +dürftiger Haushalt entbehren konnte, und statteten den Jüngling aus +zur langen Reise. So ward Bertholds heißester Wunsch, nach Italien zu +gehen, erfüllt. + +»Als mir Birkner den Entschluß meiner Eltern verkündete, sprang ich +hoch auf vor Freude und Entzücken. - Wie im Traum ging ich umher die +Tage hindurch, bis zu meiner Abreise. Es war mir nicht möglich, auf +der Galerie einen Pinsel anzusetzen. Der Inspektor, alle Künstler, die +in Italien gewesen, mußten mir erzählen von dem Lande, wo die Kunst +gedeiht. Endlich war Tag und Stunde gekommen. Schmerzlich war der +Abschied von den Eltern, die von düstrer Ahnung gequält, daß sie mich +nicht wiedersehen würden, mich nicht lassen wollten. Selbst der Vater, +sonst ein entschlossener fester Mann, hatte Mühe, Fassung zu erringen. +>Italien - Italien wirst du sehen<, riefen die Kunstbrüder, da loderte +von tiefer Wehmut nur stärker entzündet das Verlangen auf und rasch +schritt ich fort - vor der Eltern Hause schien mir die Bahn des +Künstlers zu beginnen.« + +Berthold, in jedem Fache der Malerei vorbereitet, hatte sich doch +vorzüglich der Landschaftsmalerei ergeben, die er mit Liebe und Eifer +trieb. In Rom glaubte er reiche Nahrung für diesen Zweig der Kunst +zu finden; es war dem nicht so. Gerade in dem Kreis der Künstler +und Kunstfreunde, in dem er sich bewegte, wurde ihm unaufhörlich +vorgeredet, daß der Historienmaler allein auf der höchsten Spitze +stehe, und ihm alles übrige untergeordnet sei. Man riet ihm, wolle +er ein bedeutender Künstler werden, doch nur gleich von seinem Fach +abzugehen und sich dem Höheren zuzuwenden, und, dies, verbunden mit +dem nie sonst gefehlten Eindruck, den Raffaels mächtige Fresko-Gemälde +im Vatikan auf ihn machten, bestimmte ihn wirklich, die Landschaft +zu verlassen. Er zeichnete nach jenen Raffaels, er kopierte kleine +Ölgemälde anderer berühmter Meister; alles fiel bei seiner tüchtigen +Praktik recht wohl und schicklich aus, aber nur zu sehr fühlte er, daß +das Lob der Künstler und Kenner ihn nur trösten, aufmuntern sollte. Er +sah es ja selbst, daß seinen Zeichnungen, seinen Kopien alles Leben +des Originals fehle. Raffaels, Correggios himmlische Gedanken +begeisterten (so glaubte er) zum eignen Schaffen, aber sowie er sie +in der Fantasie festhalten wollte, verschwammen sie wie im Nebel, und +alles, was er auswendig zeichnete, hatte, wie jedes nur undeutlich, +verworren Gedachte, kein Regen, keine Bedeutung. Über dieses +vergebliche Ringen und Streben schlich trüber Unmut in seine Seele, +und oft entrann er den Freunden, um in der Gegend von Rom Baumgruppen +- einzelne landschaftliche Partien heimlich zu zeichnen und zu +malen. Aber auch dies geriet nicht mehr wie sonst, und zum erstenmal +zweifelte er an seinem wahren Künstlerberuf. Die schönsten Hoffnungen +schienen untergehn zu wollen. »Ach mein hochverehrter Freund und +Lehrer«, schrieb Berthold an Birkner, »Du hast mir Großes zugetraut, +aber - hier, wo es erst recht licht werden sollte in meiner Seele, bin +ich inne worden, daß das, was Du wahrhaftes Künstlergenie nanntest, +nur etwa Talent - äußere Fertigkeit der Hand war. Sage meinen Eltern, +daß ich bald zurückkehren würde, um irgend ein Handwerk zu erlernen, +das mich künftig ernähre usw.« Birkner schrieb zurück: »Oh, könnte ich +doch bei Dir sein, mein Sohn! um Dich aufzurichten in Deinem Unmut. +Aber glaube mir, Deine Zweifel sind es gerade, die für Dich, für +Deinen Künstlerberuf sprechen. Der, welcher in stetem unwandelbaren +Vertrauen auf seine Kraft immer fortzuschreiten gedenkt, ist ein +blöder Tor, der sich selbst täuscht; denn ihm fehlt ja der eigentliche +Impuls zum Streben, der nur in dem Gedanken der Mangelhaftigkeit ruht. +Harre aus! - Bald wirst Du Dich erkräftigen, und dann ruhig, nicht +durch das Urteil, durch den Rat der Freunde, die Dich zu verstehen +vielleicht gar nicht imstande, gezügelt, _den_ Weg fortwandeln, den Dir +Deines Ichs eigne Natur vorgeschrieben. Ob Du Landschafter bleiben, +ob Du Historienmaler werden willst, wirst Du dann selbst entscheiden +können, und an keine feindliche Absonderung der Zweige eines Stammes +denken.« + +Es begab sich, daß gerade zu der Zeit, als Berthold diesen tröstenden +Brief von seinem alten Lehrer und Freunde erhielt, sich Philipp +Hackerts Ruhm in Rom verbreitet hatte. Einige von ihm dort +aufgestellte Stücke von wunderbarer Anmut und Klarheit bewährten des +Künstlers Ruf und selbst die Historienmaler gestanden, es läge auch +in dieser reinen Nachahmung der Natur viel Großes und Vortreffliches. +Berthold schöpfte Atem - er hörte nicht mehr seine Lieblingskunst +verhöhnen, er sah einen Mann, der sie trieb, hochgestellt und verehrt; +wie ein Funke fiel es in seine Seele, daß er nach Neapel wandern und +unter Hackert studieren müsse. Ganz jubilierend schrieb er an Birkner +und an seine Eltern, daß er nun nach hartem Kampf den rechten Weg +gefunden habe, und bald in seinem Fach ein tüchtiger Künstler zu +werden hoffe. Freundlich nahm der ehrliche deutsche Hackert den +deutschen Schüler auf, und bald strebte dieser dem Lehrer in regem +Schwunge nach. Berthold erlangte große Fertigkeit, die verschiedenen +Baum- und Gesträucharten der Natur getreu darzustellen; auch +leistete er nicht Geringes in dem Dunstigen und Duftigen, wie es auf +Hackertschen Gemälden zu finden. Das erwarb ihm vieles Lob, aber auf +ganz eigene Weise schien es ihm bisweilen, als wenn seinen, ja selbst +den Landschaften des Lehrers etwas fehle, das er nicht zu nennen +wußte, und das ihm doch in Gemälden Claude Lorrains, ja selbst in +Salvator Rosas rauhen Wüsteneien entgegentrat. Es erhoben sich +allerlei Zweifel gegen den Lehrer in ihm, und er wurde vorzüglich ganz +unmutig, wenn Hackert mit angestrengter Mühe totes Wild malte, das +ihm der König zugeschickt. Doch überwand er bald dergleichen, wie er +glaubte, freveliche Gedanken und fuhrt fort, mit frommer Hingebung +und deutschem Fleiß nach seines Lehrers Muster zu arbeiten, so daß er +in kurzer Zeit es ihm beinahe gleichtat. So kam es denn, daß er auf +Hackerts ausdrücklichen Anlaß eine große Landschaft, die er treu nach +der Natur gemalt hatte, zu einer Ausstellung, die mehrenteils aus +Hackertschen Landschaften und Stilleben bestand, hergeben mußte. Alle +Künstler und Kenner bewunderten des Jünglings treue saubre Arbeit und +priesen ihn laut. Nur ein ältlicher, sonderbar gekleideter Mann sagte +selbst zu Hackerts Gemälden kein Wort, sondern lächelte nur bedeutsam, +wenn die Lobeserhebungen der Menge recht ausgelassen und toll +daherbrausten. Berthold bemerkte deutlich, wie der Fremde, als er +vor seiner Landschaft stand, mit einer Miene des tiefsten Bedauerns +den Kopf schüttelte und dann sich entfernen wollte. Berthold etwas +aufgebläht durch das allgemeine Lob, das ihm zuteil geworden, konnte +sich des innern Ärgers über den Fremden nicht erwehren. Er trat auf +ihn zu und frug, indem er die Worte schärfer betonte, als gerade +nötig. »Ihr scheint mit dem Bilde nicht zufrieden, mein Herr, +unerachtet es doch wackre Künstler und Kenner nicht ganz übel finden +wollen? Sagt mir gefälligst, woran es liegt, damit ich die Fehler nach +Euerm gütigen Rat abändere und bessere.« Mit scharfem Blicke schaute +der Fremde Berthold an, und sprach sehr ernst: »Jüngling, aus dir +hätte viel werden können.« Berthold erschrak bis ins Innerste vor des +Mannes Blick und seinen Worten; er hatte nicht den Mut, etwas weiter +zu sagen, oder ihm zu folgen, als er langsam zum Saale hinausschritt. +Hackert trat bald darauf selbst hinein, und Berthold eilte, ihm den +Vorfall mit dem wunderlichen Mann zu erzählen. »Ach!« rief Hackert +lachend: »Laß dir das ja nicht zu Herzen gehen! Das war ja unser +brummige Alte, dem nichts recht ist, der alles tadelt; ich begegnete +ihm auf dem Vorsaal. Er ist auf Malta von griechischen Eltern geboren, +ein reicher wunderlicher Kauz, gar kein übler Maler; aber alles was er +macht, hat ein fantastisches Ansehen, welches wohl daher rührt, weil +er über jede Darstellung durch die Kunst ganz tolle absurde Meinungen +und sich ein künstlerisches System gebaut hat, das den Teufel nichts +taugt. Ich weiß recht gut, daß er gar nichts auf mich hält, welches +ich ihm gern verzeihe, da er mir wohlerworbnen Ruhm nicht streitig +machen wird.« Dem Berthold war es zwar, als habe der Malteser irgend +einen wunden Fleck seines Innersten schmerzhaft berührt, aber so wie +der wohltätige Wundarzt, um zu forschen und zu heilen; indessen schlug +er sich das bald aus dem Sinn und arbeitete fröhlich fort, wie zuvor. + +Das große, wohlgelungene, allgemein bewunderte Bild hatte ihm Mut +gemacht, das Gegenstück zu beginnen. Einen der schönsten Punkte in +Neapels reicher Umgebung wählte Hackert selbst aus, und so wie jenes +Bild den Sonnenuntergang darstellte, sollte diese Landschaft im +Sonnenaufgang gehalten werden. Berthold bekam viel fremde Bäume, viele +Weinberge, vorzüglich aber viel Nebel und Duft zu malen. + +Auf der Platte eines großen Steins, eben in jenem von Hackert +gewählten Punkte, saß Berthold eines Tages, den Entwurf des großen +Bildes nach der Natur vollendend. »Wohl getroffen in der Tat!« sprach +es neben ihm. Berthold blickte auf, der Malteser sah in sein Blatt +hinein, und fügte mit sarkastischem Lächeln hinzu: »Nur eins habt Ihr +vergessen, lieber junger Freund! Schaut doch dort herüber nach der +grün berankten Mauer des fernen Weinbergs! Die Türe steht halb +offen; das müßt Ihr ja anbringen mit gehörigem Schlagschatten - die +halbgeöffnete Türe macht erstaunliche Wirkung!« - »Ihr spottet«, +erwiderte Berthold, »ohne Ursache, mein Herr! Solche Zufälligkeiten +sind keinesweges so verächtlich wie Ihr glaubt und deshalb mag sie +mein Meister wohl anbringen. Erinnert Euch doch nur des aufgehängten +weißen Tuchs in der Landschaft eines alten niederländischen Malers, +das nicht fehlen darf, ohne die Wirkung zu verderben. Aber Ihr scheint +überhaupt kein Freund der Landschaftsmalerei, der ich mich nun einmal +ganz ergeben habe mit Leib und Seele, und darum bitt ich Euch, laßt +mich ruhig fortarbeiten.« - »Du bist in großem Irrtum befangen, +Jüngling«, sprach der Malteser. »Noch einmal sage ich, aus dir hätte +viel werden können; denn sichtlich zeugen deine Werke das rastlose +Bestreben nach dem Höheren, aber nimmer wirst du dein Ziel erreichen, +denn der Weg, den du eingeschlagen, führt nicht dahin. Merk wohl auf, +was ich dir sagen werde! Vielleicht glückt es mir, die Flamme in +deinem Innern, die du, Unverständiger! zu überbauen trachtest, +anzumachen, daß sie hell auflodert und dich erleuchtet; dann wirst du +den wahren Geist, der in dir lebt, zu erschauen vermögen. Hältst du +mich denn für so töricht, daß ich die Landschaft dem historischen +Gemälde unterordne, daß ich nicht das gleiche Ziel, nach dem beide, +Landschafter und Historienmaler, streben sollen, erkenne? - Auffassung +der Natur in der tiefsten Bedeutung des höhern Sinns, der alle Wesen +zum höheren Leben entzündet, das ist der heilige Zweck aller Kunst. +Kann denn das bloße genaue Abschreiben der Natur jemals dahin +führen? - Wie ärmlich, wie steif und gezwungen sieht die nachgemalte +Handschrift in einer fremden Sprache aus, die der Abschreiber nicht +verstand und daher den Sinn der Züge, die er mühsam abschnörkelte, +nicht zu deuten wußte. So sind die Landschaften deines Meisters +korrekte Abschriften eines in ihm fremder Sprache geschriebenen +Originals. - Der Geweihte vernimmt die Stimme der Natur, die in +wunderbaren Lauten aus Baum, Gebüsch, Blume, Berg und Gewässer von +unerforschlichem Geheimnis spricht, die in seiner Brust sich zu +frommer Ahnung gestalten; dann kommt, wie der Geist Gottes selbst, die +Gabe über ihn, diese Ahnung sichtlich in seine Werke zu übertragen. +Ist dir, Jüngling! denn bei dem Beschauen der Landschaften alter +Meister nicht ganz wunderbarlich zumute geworden? Gewiß hast du nicht +daran gedacht, daß die Blätter des Lindenbaums, daß die Pinien, die +Platanen der Natur getreuer, daß der Hintergrund duftiger, das Wasser +klarer sein könnte; aber der Geist, der aus dem Ganzen wehte, hob dich +empor in ein höheres Reich, dessen Abglanz du zu schauen wähntest. +- Daher studiere die Natur zwar auch im Mechanischen fleißig und +sorgfältig, damit du die Praktik des Darstellens erlangen mögest, aber +halte die Praktik nicht für die Kunst selbst. Bist du eingedrungen in +den tiefern Sinn der Natur, so werden selbst in deinem Innern ihre +Bilder in hoher glänzender Pracht aufgehen.« - Der Malteser schwieg; +als aber Berthold tief ergriffen, gebückten Hauptes, keines Wortes +mächtig dastand, verließ ihn der Malteser mit den Worten: »Ich habe +dich durchaus nicht verwirren wollen in deinem Beruf; aber ich weiß, +daß ein hoher Geist in dir schlummert: ich rief ihn an mit starken +Worten, damit er erwache und frisch und frei seine Fittige rege. Lebe +wohl!« + +Dem Berthold war es so, als habe der Malteser nur dem, was in seiner +Seele gärte und brauste, Worte gegeben; die innere Stimme brach +hervor. - »Nein! Alles dieses Streben - dieses Mühen ist das +ungewisse, trügerische Umhertappen des Blinden, weg - weg mit allem, +was mich geblendet bis jetzt!« - Er war nicht imstande auch nur einen +Strich weiter an dem Bilde zu zeichnen. Er verließ seinen Meister, +und streifte voll wilder Unruhe umher und flehte laut, daß die höhere +Erkenntnis, von der der Malteser gesprochen, ihm aufgehen möge. + +»Nur in süßen Träumen war ich glücklich - selig. Da wurde alles wahr, +was der Malteser gesprochen. Ich lag von zauberischen Düften umspielt +im grünen Gebüsch, und die Stimme der Natur ging vernehmbar im +melodisch klingenden Wehen durch den dunklen Wald. - >Horch - horch +auf - Geweihter! Vernimm die Urtöne der Schöpfung, die sich gestalten +zu Wesen deinem Sinn empfänglich.< - Und indem ich die Akkorde +deutlicher und deutlicher erklingen hörte, war es, als sei ein neuer +Sinn in mir erwacht, der mit wunderbarer Klarheit das erfaßte, was mir +unerforschlich geschienen. - Wie in seltsamen Hieroglyphen zeichnete +ich das mir aufgeschlossene Geheimnis mit Flammenzügen in die Lüfte; +aber die Hieroglyphen-Schrift war eine wunderherrliche Landschaft, auf +der Baum, Gebüsch, Blume, Berg und Gewässer, wie in lautem wonnigem +Klingen sich regten und bewegten.« + +Doch eben nur im Traume kam solche Seligkeit über den armen Berthold, +dessen Kraft gebrochen, und der im Innersten verwirrter war, als in +Rom, da er Historienmaler werden wollte. Schritt er durch den dunklen +Wald, so überfiel ihn ein unheimliches Grauen; trat er heraus, und +schaute in die fernen Berge, so griff es wie mit eiskalten Krallen +in seine Brust - sein Atem stockte - er wollte vergehen vor innerer +Angst. Die ganze Natur, ihm sonst freundlich lächelnd, ward ihm zum +bedrohlichen Ungeheuer, und ihre Stimme, die sonst in des Abendwindes +Säuseln, in dem Plätschern des Baches, in dem Rauschen des Gebüsches +mit süßem Wort ihn begrüßt, verkündete ihm nun Untergang und +Verderben. Endlich wurde er, je mehr ihn jene holden Träume trösteten, +desto ruhiger, doch mied er es im Freien allein zu sein, und so kam +es, daß er sich zu ein paar muntern deutschen Malern gesellte, und mit +ihnen häufig Ausflüge nach den schönsten Gegenden Neapels machte. + +Einer von ihnen, wir wollen ihn Florentin nennen, hatte es in dem +Augenblick nicht sowohl auf tiefes Studium seiner Kunst, als auf +heitern Lebensgenuß abgesehen, seine Mappe zeugte davon. - Gruppen +tanzender Bauernmädchen - Prozessionen ländliche Feste - alles das +wußte Florentin, so wie es ihm aufstieß, mit sichrer leichter Hand +schnell aufs Blatt zu werfen. Jede Zeichnung, war sie auch kaum mehr +als Skizze, hatte Leben und Bewegung. Dabei war Florentins Sinn +keinesweges für das Höhere verschlossen; im Gegenteil drang er mehr, +als je ein moderner Maler, tief ein in den frommen Sinn der Gemälde +alter Meister. In sein Malerbuch hatte er die Fresko-Gemälde einer +alten Klosterkirche in Rom, ehe die Mauern eingerissen wurden, in +bloßen Umrissen hineingezeichnet. Sie stellten das Martyrium der +heiligen Katharina dar. Man konnte nichts Herrlicheres, reiner +Aufgefaßtes sehen, als jene Umrisse, die auf Berthold einen ganz +eignen Eindruck machten. Er sah Blitze leuchten durch die finstre Öde, +die ihn umfangene und es kam dahin, daß er für Florentins heiteren +Sinn empfänglich wurde, und da dieser zwar den Reiz der Natur, in ihr +aber beständig mehr das menschliche Prinzip mit reger Lebendigkeit +auffaßte, eben dieses Prinzip für den Stützpunkt erkannte, an den er +sich halten müsse, um nicht gestaltlos im leeren Raum zu verschwimmen. +Während Florentin irgend eine Gruppe, der er begegnete, schnell +zeichnete, hatte Berthold des Freundes Malerbuch aufgeschlagen, und +versuchte Katharinas wunderholde Gestalt nachzubilden, welches ihm +endlich so ziemlich glückte, wiewohl er, so wie in Rom vergebens +darnach strebte, seine Figuren dem Original gleich zu beleben. Er +klagte dies dem, wie er glaubte, an wahrer Künstlergenialität ihm weit +überlegenen Florentin, und erzählte zugleich, wie der Malteser zu +ihm über die Kunst gesprochen. »Ei, lieber Bruder Berthold!« sprach +Florentin: »der Malteser hat in der Tat recht, und ich stelle die +wahre Landschaft den tief bedeutsamen heiligen Historien, wie sie die +alten Maler darstellen, völlig gleich. Ja, ich halte sogar dafür, daß +man erst durch das Darstellen der uns näher liegenden organischen +Natur sich stärken müsse, um Licht zu finden in ihrem nächtlichen +Reich. Ich rate dir Berthold, daß du dich gewöhnst Figuren zu +zeichnen, und in ihnen deine Gedanken zu ordnen; vielleicht wird +es dann heller um dich werden.« Berthold tat so wie ihm der Freund +geboten, und es war ihm, als zögen die finstern Wolkenschatten, die +sich über sein Leben gelegt, vorüber. + +»Ich mühte mich, das, was nur wie dunkle Ahnung tief in meinem Innern +lag, wie in jenem Traum hieroglyphisch darzustellen, aber die Züge +dieser Hieroglyphenschrift waren menschliche Figuren, die sich in +wunderlicher Verschlingung um einen Lichtpunkt bewegten. - Dieser +Lichtpunkt sollte die herrlichste Gestalt sein, die je eines Bildners +Fantasie aufgegangen; aber vergebens strebte ich, wenn sie im Traume +von Himmelsstrahlen umflossen mir erschien, ihre Züge zu erfassen. +Jeder Versuch, sie darzustellen, mißlang auf schmähliche Weise, und +ich verging in heißer Sehnsucht.« - Florentin bemerkte den bis zur +Krankheit aufgeregten Zustand des Freundes, er tröstete ihn, so gut er +es vermochte. Oft sagte er ihm, daß dies eben die Zeit des Durchbruchs +zur Erleuchtung sei; aber wie ein Träumer schlich Berthold einher, +und alle seine Versuche blieben nur ohnmächtige Anstrengungen des +kraftlosen Kindes. + +Unfern Neapel lag die Villa eines Herzogs, die, weil sie die schönste +Aussicht nach dem Vesuv und ins Meer hinein gewährte, den fremden +Künstlern, vorzüglich den Landschaftern gastlich geöffnet war. +Berthold hatte hier öfters gearbeitet, öfter noch in einer Grotte +des Parks zur guten Zeit sich dem Spiel seiner fantastischen Träume +hingegeben. Hier in dieser Grotte saß er eines Tages, von glühender +Sehnsucht, die seine Brust zerriß, gemartert, und weinte heiße Tränen, +daß der Stern des Himmels seine dunkle Bahn erleuchten möge; da +rauschte es im Gebüsch, und die Gestalt eines hochherrlichen Weibes +stand vor der Grotte. + +»Die vollen Sonnenstrahlen fielen in das Engelsgesicht. - Sie schaute +mich an mit unbeschreiblichen Blick. - Die heilige Katharina - nein, +mehr als sie - mein Ideal, mein Ideal war es! Wahnsinnig vor Entzücken +stürzte ich nieder, da verschwebte die Gestalt freundlich lächelnd! - +Erhört war mein heißestes Gebet!« + +Florentin trat in die Grotte, er erstaunte über Berthold, der mit +verklärtem Blick ihn an sein Herz drückte. - Tränen stürzten ihm aus +den Augen - »Freund - Freund!« stammelte er: »ich bin glücklich - +selig - sie ist gefunden - gefunden!« Rasch schritt er fort, in seine +Werkstatt - er spannte die Leinwand auf, er fing an zu malen. Wie von +göttlicher Kraft beseelt, zauberte er mit der vollen Glut des Lebens +das überirdische Weib, wie es ihm erschienen, hervor. - Sein Innerstes +war von diesem Augenblicke ganz umgewendet. Statt des Trübsinns, der +an seinem Herzmark gezehrt hatte, erhob ihn Frohsinn und Heiterkeit. +Er studierte mit Fleiß und Anstrengung die Meisterwerke der alten +Maler. Mehrere Kopien gelangen ihm vortrefflich, und nun fing er an +selbst Gemälde zu schaffen, die alle Kenner in Erstaunen setzten. An +Landschaften war nicht mehr zu denken, und Hackert bekannte selbst, +daß der Jüngling nun erst seinen eigentlichen Beruf gefunden habe. +So kam es, daß er mehrere große Werke, Altarblätter für Kirchen, zu +malen bekam. Er wählte mehrenteils heitere Gegenstände christlicher +Legenden, aber überall strahlte die wunderherrliche Gestalt seines +Ideals hervor. Man fand, daß Gesicht und Gestalt der Prinzessin +Angiola T... zum Sprechen ähnlich sei, man äußerte dies dem jungen +Maler selbst, und Schlauköpfe gaben spöttisch zu verstehen, der +deutsche Maler sei von dem Feuerblick der wunderschönen Donna tief ins +Herz getroffen. Berthold war hoch erzürnt über das alberne Gewäsch der +Leute, die das Himmlische in das Gemeinirdische herabziehen wollten. +»Glaubt ihr denn«, sprach er, »daß solch ein Wesen wandeln könne +hier auf Erden? In einer wunderbaren Vision wurde mir das Höchste +erschlossen; es war der Moment der Künstlerweihe.« - Berthold lebte +nun froh und glücklich, bis nach Bonapartes Siegen in Italien sich die +französische Armee dem Königreich Neapel nahte, und die alle ruhigen +glücklichen Verhältnisse furchtbar zerstörende Revolution ausbrach. +Der König hatte mit der Königin Neapel verlassen, die Citta war +angeordnet. Der General-Vikar schloß mit dem französischen General +einen schmachvollen Waffenstillstand, und bald kamen die französischen +Kommissarien, um die Summe, die gezahlt werden sollte, in Empfang zu +nehmen. Der General-Vikar entfloh, um der Wut des Volks, das sich von +ihm, von der Citta, von allen, die ihm Schutz gewähren konnten gegen +den andringenden Feind, verlassen glaubte, zu entgehen. Da waren alle +Bande der Gesellschaft gelöst; in wilder Anarchie verhöhnte der Pöbel +Ordnung und Gesetz, und unter dem Geschrei: »Viva la santa fede« +rannten seine wahnsinnigen Horden durch die Straßen, die Häuser der +Großen, von welchen sie sich an den Feind verkauft wähnten, plündernd +und in Brand steckend. Vergebens waren die Bemühungen Moliternos und +Rocca Romanas, Günstlinge des Volks und zu Anführern gewählt, die +Rasenden zu bändigen. Die Herzoge della Torre und Clemens Filomarino +waren ermordet, aber noch war des wütenden Pöbels Blutdurst nicht +gestillt. - Berthold hatte sich aus einem brennenden Hause nur halb +angekleidet gerettet, er stieß auf einen Haufen des Volks, der mit +angezündeten Fackeln und blinkenden Messern nach dem Palast des +Herzogs von T. eilte. Ihn für ihresgleichen haltend, drängten sie ihn +mit sich fort - »viva la santa fede« brüllten die Wahnsinnigen, und in +wenigen Minuten waren der Herzog - die Bediensteten, alles was sich +widersetzte, ermordet, und der Palast loderte hoch in Flammen auf. +- Berthold war immer fort und fort in den Palast hineingedrängt. - +Dicker Rauch wallte durch die langen Gänge. - Er lief schnell durch +die aufgesprengten Zimmer, aufs neue in Gefahr, in den Flammen +umzukommen - vergebens den Ausgang suchend. - Ein schneidendes +Angstgeschrei schallt ihm entgegen - er stürzt durch den Saal. - Ein +Weib ringt mit einem Lazzarone, der es mit starker Faust erfaßt hat, +und im Begriff ist ihm das Messer in die Brust zu stoßen. - Es ist +die Prinzessin - es ist Bertholds Ideal! - Bewußtlos vor Entsetzen, +springt Berthold hinzu - den Lazzarone bei der Gurgel packen - ihn +zu Boden werfen, ihm sein eignes Messer in die Kehle stoßen - die +Prinzessin in die Arme nehmen - mit ihr fliehen durch die flammenden +Säle - die Treppen hinab - fort fort, durch das dickste Volksgewühl +- alles das ist die Tat eines Moments! - Keiner hielt den fliehenden +Berthold auf, mit dem blutigen Messer in der Hand, vom Dampfe schwarz +gefärbt, in zerrissenen Kleidern sah das Volk in ihm den Mörder und +Plünderer, und gönnte ihm seine Beute. In einem öden Winkel der Stadt +unter einem alten Gemäuer, in das er, wie aus Instinkt, sich vor +der Gefahr zu verbergen gelaufen, sank er ohnmächtig nieder. Als er +erwachte, kniete die Prinzessin neben ihm, und wusch seine Stirne mit +kaltem Wasser. »O Dank!« lispelte sie mit wunderlieblicher Stimme; +»Dank den Heiligen, daß du erwacht bist, du mein Rettet, mein alles!« +- Berthold richtete sich auf, er wähnte zu träumen, er blickte mit +starren Augen die Prinzessin an -ja sie war es selbst - die herrliche +Himmelsgestalt, die den Götterfunken in seiner Brust entzündet. - +»Ist es möglich - ist es wahr - lebe ich denn?« rief er aus. »Ja, du +lebst«, sprach die Prinzessin - »du lebst für mich; was du nicht zu +hoffen wagtest, geschah wie durch ein Wunder. Oh, ich kenne dich +wohl, du bist der deutsche Maler Berthold, du liebtest mich ja, und +verherrlichtest mich in deinen schönsten Gemälden. - Konnte ich denn +dein sein? - Aber nun bin ich es immerdar und ewig. - Laß uns fliehen, +o laß uns fliehen!« - Ein sonderbares Gefühl, wie wenn jählinger +Schmerz süße Träume zerstört, durchzuckte Berthold bei diesen +Worten der Prinzessin. Doch als das holde Weib ihn mit den vollen +schneeweißen Armen umfing, als er sie ungestüm an seinen Busen +drückte, da durchbebten ihn süße nie gekannte Schauer und im Wahnsinn +des Entzückens höchster Erdenlust rief er aus: »Oh, kein Trugbild des +Traumes - nein! es ist mein Weib, das ich umfange, es nie zu lassen - +das meine glühende dürstende Sehnsucht stillt!« + +Aus der Stadt zu fliehen war unmöglich; denn vor den Toren stand das +französische Heer, dem das Volk, war es gleich schlecht bewaffnet +und ohne alle Anführung, zwei Tage hindurch den Einzug in die +Stadt streitig machte. Endlich gelang es Berthold mit Angiola von +Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, und dann aus der Stadt zu fliehen. +Angiola, von heißer Liebe zu ihrem Retter entbrannt, verschmähte es +in Italien zu bleiben, die Familie sollte sie für tot halten, und so +Bertholds Besitz ihr gesichert bleiben. Ein diamantnes Halsband und +kostbare Ringe, die sie getragen, waren hinlänglich, in Rom (bis dahin +waren sie langsam fortgepilgert) sich mit allen nötigen Bedürfnissen +zu versehen, und so kamen sie glücklich nach M. im südlichen +Deutschland, wo Berthold sich niederzulassen, und durch die Kunst +sich zu ernähren gedachte. - War's denn nicht ein nie geträumtes, +nie geahntes Glück, daß Angiola, das himmlischschöne Weib, das Ideal +seiner wonnigsten Künstlerträume sein werden müßte, unerachtet sich +alle Verhältnisse des Lebens, wie eine unübersteigbare Mauer zwischen +ihm und der Geliebten auftürmten? - Berthold konnte in der Tat dies +Glück kaum fassen, und schwelgte in namenlosen Wonnen, bis lauter und +lauter die innere Stimme ihn mahnte, seiner Kunst zu gedenken. In M. +beschloß er seinen Ruf durch ein großes Gemälde zu begründen, das er +für die dortige Marienkirche malen wollte. Der einfache Gedanke, Maria +und Elisabeth in einem schönen Garten auf einem Rasen sitzend, die +Kinder Christus und Johannes vor ihnen im Grase spielend, sollte der +ganze Vorwurf des Bildes sein, aber vergebens war alles Ringen nach +einer reinen geistigen Anschauung des Gemäldes. So wie in jener +unglücklichen Zeit der Krisis, verschwammen ihm die Gestalten, und +nicht die himmlische Maria, nein, ein irdisches Weib, ach seine +Angiola selbst stand auf greuliche Weise verzerrt, vor seines Geistes +Augen. - Er gedachte Trotz zu bieten der unheimlichen Gewalt, die ihn +zu erfassen schien, er bereitete die Farben, er fing an zu malen; aber +seine Kraft war gebrochen, all sein Bemühen, so wie damals, nur die +ohnmächtige Anstrengung des unverständigen Kindes. Starr und leblos +blieb was er malte, und selbst Angiola - Angiola, sein Ideal, wurde, +wenn sie ihm saß und er sie malen wollte, auf der Leinwand zum toten +Wachsbilde, das ihn mit gläsernen Augen anstierte. Da schlich sich +immer mehr und mehr trüber Unmut in seine Seele, der alle Freude des +Lebens wegzehrte. Er wollte - er konnte nicht weiter arbeiten, und so +kam es, daß er in Dürftigkeit geriet, die ihn desto mehr niederbeugte, +je weniger Angiola auch nur ein Wort der Klage hören ließ. + +»Der immer mehr in mein Innerstes hereinzehrende Gram, erzeugt von +stets getäuschter Hoffnung, wenn ich immer vergebens Kräfte aufbot, +die nicht mehr mein waren, versetzte mich bald in einen Zustand, der +dem Wahnsinne gleich zu achten war. Mein Weib gebar mir einen Sohn, +das vollendete mein Elend und der lange verhaltene Groll brach aus +in hell aufflammenden Haß. _Sie_, _sie_ allein schuf mein Unglück. Nein - +sie war nicht das Ideal, das mir erschien, nur mir zum rettungslosen +Verderben hatte sie trügerisch jenes Himmelsweibes Gestalt und Gesicht +geborgt. In wilder Verzweiflung fluchte ich ihr und dem unschuldigen +Kinde. - Ich wünschte beider Tod, damit ich erlöst werden möge von der +unerträglichen Qual, die wie mit glühenden Messern in mir wühlte! - +Gedanken der Hölle stiegen in mir auf. Vergebens las ich in Angiolas +leichenblassem Gesicht, in ihren Tränen mein rasendes freveliches +Beginnen. - >Du hast mich um mein Leben betrogen, verruchtes Weib<, +brüllte ich auf, und stieß sie mit dem Fuße von mir, wenn sie +ohnmächtig niedersank, und meine Knie umfaßte.« + +Bertholds grausames wahnsinniges Betragen gegen Weib und Kind erregte +die Aufmerksamkeit der Nachbaren, die es der Obrigkeit anzeigten. Man +wollte ihn verhaften, als aber die Polizeidiener in seine Wohnung +traten, war er samt Frau und Kind spurlos verschwunden. Berthold +erschien bald darauf zu N. in Oberschlesien; er hatte sich seines +Weibes und Kindes entledigt, und fing voll heitern Mutes an, das Bild +zu malen, das er in M. vergebens begonnen hatte. Aber nur die Jungfrau +Maria und die Kinder Christus und Johannes konnte er vollenden, +dann fiel er in eine furchtbare Krankheit, die ihn dem Tode, den +er wünschte, nahe brachte. Um ihn zu pflegen, hatte man alle seine +Gerätschaften und auch jenes unvollendete Gemälde verkauft, und er +zog, nachdem er nur einigermaßen sich wieder erkräftigt, als ein +siecher elender Bettler von dannen. In der Folge nährte er sich +dürftig durch Wandmalerei, die ihm hie und da übertragen wurde. + + +»Bertholds Geschichte hat etwas Entsetzliches und Grauenvolles«, +sprach ich zu dem Professor, »ich halte ihn, unerachtet er es nicht +geradezu ausgesprochen, für den ruchlosen Mörder seines unschuldigen +Weibes und seines Kindes.« - »Es ist ein wahnsinniger Tor«, erwiderte +der Professor, »dem ich den Mut zu solcher Tat gar nicht zutraue. Über +diesen Punkt läßt er sich niemals deutlich aus, und es ist die Frage, +ob er sich nicht bloß einbildet, an dem Tode seiner Frau und seines +Kindes schuld zu sein; er malt eben wieder Marmor, erst in künftiger +Nacht vollendet er den Altar, dann ist er bei guter Laune, und +Sie können vielleicht mehr über jenen kitzlichen Punkt von ihm +herausbekommen.« - Ich muß gestehen, daß, dachte ich es mir lebhaft, +um Mitternacht mit Berthold allein in der Kirche mich zu befinden, +mir, nachdem ich seine Geschichte gelesen, ein leiser Schauer durch +die Glieder lief. Ich meinte, er könnte mitunter was weniges der +Teufel sein, trotz seiner Gutmütigkeit und seines treuherzigen Wesens, +und wollte mich deshalb lieber gleich mittags im lieben heitern +Sonnenschein mit ihm abfinden. + +Ich fand ihn auf dem Gerüste mürrisch und in sich gekehrt, Marmoradern +sprenkelnd; zu ihm herausgestiegen, reichte ich ihm stillschweigend +die Töpfe. Erstaunt sah er sich nach mir um, »ich bin ja Ihr +Handlanger«, sprach ich leise, das zwang ihm ein Lächeln ab. Nun fing +ich an von seinem Leben zu sprechen, so daß er merken mußte, ich wisse +alles, und er schien zu glauben, er habe mir alles selbst in jener +Nacht erzählt. Leise - leise kam ich auf die gräßliche Katastrophe, +dann sprach ich plötzlich: »Also in heillosem Wahnsinn mordeten Sie +Weib und Kind?« - Da ließ er Farbentopf und Pinsel fallen, und rief, +mich mit gräßlichem Blick anstarrend und beide Hände hoch erhebend: +»Rein sind diese Hände vom Blute meines Weibes, meines Sohnes! Noch +ein solches Wort, und ich stürze mich mit Euch hier vom Gerüste herab, +daß unsere Schädel zerschellen auf dem steinernen Boden der Kirche!« +- Ich befand mich in dem Augenblick wirklich in seltsamer Lage, am +besten schien es mir mit ganz Fremden hineinzufahren. »O sehn Sie +doch, lieber Berthold«, sprach ich so ruhig und kalt, als es mir +möglich war, »wie das häßliche Dunkelgelb auf der Wand dort so +verfließt.« Er schauete hin, und indem er das Gelb mit dem Pinsel +verstrich, stieg ich leise das Gerüst herab, verließ die Kirche und +ging zum Professor, um mich über meinen bestraften Vorwitz tüchtig +auslachen zu lassen. + +Mein Wagen war repariert und ich verließ G., nachdem mir der Professor +Aloysius Walther feierlich versprochen, sollte sich etwas Besonderes +mit Berthold ereignen, mir es gleich zu schreiben. + +Ein halbes Jahr mochte vergangen sein, als ich wirklich von dem +Professor einen Brief erhielt, in welchem er sehr weitschweifig unser +Beisammensein in G. rühmte. Über Berthold schrieb er mir folgendes: +»Bald nach Ihrer Abreise trug sich mit unserm wunderlichen Maler viel +Sonderbares zu. Er wurde plötzlich ganz heiter, und vollendete auf +die herrlichste Weise das große Altarblatt, welches nun vollends alle +Menschen in Erstaunen setzt. Dann verschwand er, und da er nicht das +mindeste mitgenommen, und man ein paar Tage darauf Hut und Stock +unfern des O - Stromes fand, glauben wir alle, er habe sich freiwillig +den Tod gegeben.« + + + +Das Sanctus + +Der Doktor schüttelte bedenklich den Kopf. - »Wie«, rief der +Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, »wie! so sollte +Bettinas Katarrh wirklich etwas zu bedeuten haben?« + +- Der Doktor stieß ganz leise drei- oder viermal mit seinem spanischen +Rohr auf den Fußboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein +ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zähle er die +Rosetten an der Decke und hüstelte mißtönig ohne ein Wort zu reden. +Das brachte den Kapellmeister außer sich, denn er wußte schon, solches +Gebärdenspiel des Doktors hieß in deutlichen lebendigen Worten nichts +anders, als: »Ein böser böser Fall - und ich weiß mir nicht zu raten +und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener +Doktor im Gilblas di Santillana.« - »Nun, so sag Er es denn nur +geradezu heraus«, rief der Kapellmeister erzürnt, »sag Er es heraus, +ohne so verdammt wichtig zu tun mit der simplen Heiserkeit, die sich +Bettina zugezogen, weil sie unvorsichtigerweise den Shawl nicht +umwarf, als sie die Kirche verließ - das Leben wird es ihr doch eben +nicht kosten, der Kleinen.« - »Mit nichten«, sprach der Doktor, indem +er nochmals die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, »mit +nichten, aber höchstwahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben +keine Note mehr singen!« Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Fäusten +sich in die Haare, daß der Puder weit umherstäubte und rannte im +Zimmer auf und ab, und schrie wie besessen: »Nicht mehr singen? - +nicht mehr singen? - Bettina nicht mehr singen? - Gestorben all die +herrlichen Kanzonette - die wunderbaren Boleros und Seguidillas, die +wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen strömten? - Kein frommes +Agnus, kein tröstendes Benedictus von ihr mehr hören? - Oh! oh! - Kein +Miserere, das mich reinbürstete von jedem irdischen Schmutz miserabler +Gedanken - das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser +Kirchenthemas aufgehen ließ? - Du lügst Doktor, du lügst! - Der Satan +versucht dich, mich aufs Eis zu führen. - Der Dom-Organist, der mich +mit schändlichem Neide verfolgt, seitdem ich ein achtstimmiges Qui +tollis ausgearbeitet zum Entzücken der Welt, _der_ hat dich bestochen! +Du sollst mich in schnöde Verzweiflung stürzen, damit ich meine neue +Messe ins Feuer werfe, aber es gelingt _ihm_ - es gelingt _dir_ nicht! - +Hier - hier trage ich sie bei mir, Bettinas Soli« (er schlug auf die +rechte Rocktasche, so daß es gewaltig darin klatschte) »und gleich +soll herrlicher, als je, die Kleine sie mir mit hocherhabener +Glockenstimme vorsingen.« Der Kapellmeister griff nach dem Hute und +wollte fort, der Doktor hielt ihn zurück, indem er sehr sanft und +leise sprach: »Ich ehre Ihren werten Enthusiasmus, holdseligster +Freund! aber ich übertreibe nichts und kenne den Dom-Organisten +gar nicht, es ist nun einmal so! Seit der Zeit, daß Bettina in +der katholischen Kirche bei dem Amt die Solos im Gloria und Credo +gesungen, ist sie von einer solch seltsamen Heiserkeit oder vielmehr +Stimmlosigkeit befallen, die meiner Kunst trotzt und die mich, wie +gesagt, befürchten läßt, daß sie nie mehr singen wird.« - »Gut denn«, +rief der Kapellmeister wie in resignierter Verzweiflung, »gut denn, so +gib ihr Opium - Opium und so lange Opium bis sie eines sanften Todes +dahinscheidet, denn singt Bettina nicht mehr, so darf sie auch nicht +mehr leben, denn sie lebt nur, wenn sie singt - sie existiert nur im +Gesange - himmlischer Doktor, tu mir den Gefallen, vergifte sie je +eher desto lieber. Ich habe Konnexionen im Kriminal-Kollegio, mit dem +Präsidenten studierte ich in Halle, es war ein großer Hornist, wir +bliesen Bizinien zur Nachtzeit mit einfallenden Chören obligater +Hündelein und Kater! - Sie sollen dir nichts tun des ehrlichen Mords +wegen. - Aber vergifte sie - vergifte sie« - »Man ist«, unterbrach der +Doktor den sprudelnden Kapellmeister, »man ist doch schon ziemlich +hoch in Jahren, muß sich das Haar pudern seit geraumer Zeit und doch +noch vorzüglich die Musik anlangend vel quasi ein Hasenfuß. Man +schreie nicht so, man spreche nicht so verwegen vom sündlichen Mord +und Totschlag, man setze sich ruhig hin dort in jenen bequemen +Lehnstuhl und höre mich gelassen an.« Der Kapellmeister rief mit sehr +weinerlicher Stimme: »Was werd ich hören?« und tat übrigens wie ihm +geheißen. »Es ist«, fing der Doktor an, »es ist in der Tat in Bettinas +Zustand etwas ganz Sonderbares und Verwunderliches. Sie spricht laut, +mit voller Kraft des Organs, an irgend eines der gewöhnlichen Halsübel +ist gar nicht zu denken, sie ist selbst imstande einen musikalischen +Ton anzugeben, aber sowie sie die Stimme zum Gesange erheben will, +lähmt ein unbegreifliches Etwas, das sich durch kein Stechen, +Prickeln, Kitzeln oder sonst als ein affirmatives krankhaftes Prinzip +dartut, ihre Kraft, so daß jeder versuchte Ton ohne gepreßt-unrein, +kurz katarrhalisch zu klingen, matt und farblos dahinschwindet. +Bettina selbst vergleicht ihren Zustand sehr richtig demjenigen im +Traum, wenn man mit dem vollsten Bewußtsein der Kraft zum Fliegen doch +vergebens strebt in die Höhe zu steigen. Dieser negative krankhafte +Zustand spottet meiner Kunst und wirkungslos bleiben alle Mittel. +Der Feind, den ich bekämpfen soll, gleicht einem körperlosen Spuk, +gegen den ich vergebens meine Streiche führe. Darin habt Ihr recht +Kapellmeister, daß Bettinas ganze Existenz im Leben durch den +Gesang bedingt ist, denn eben im Gesange kann man sich den kleinen +Paradiesvogel nur denken, deshalb ist sie aber schon durch die +Vorstellung, daß ihr Gesang und mit ihm sie selbst untergehe, so +im Innersten aufgeregt, und fast bin ich überzeugt, daß eben diese +fortwährende geistige Agitation ihr Übelbefinden fördert und meine +Bemühungen vereitelt. Sie ist, wie sie sich selbst ausdrückt, von +Natur sehr apprehensiv, und so glaube ich, nachdem ich monatelang, +wie ein Schiffbrüchiger, der nach jedem Splitter hascht, nach diesem, +jenem Mittel gegriffen und darüber ganz verzagt worden, daß Bettinas +ganze Krankheit mehr psychisch als physisch ist.« - »Recht Doktor«, +rief hier der reisende Enthusiast, der so lange schweigend mit +übereinander geschlagenen Ärmen im Winkel gesessen, »recht Doktor, mit +einemmal habt Ihr den richtigen Punkt getroffen, mein vortrefflicher +Arzt! Bettinas krankhaftes Gefühl ist die physische Rückwirkung +eines psychischen Eindrucks, eben deshalb aber desto schlimmer und +gefährlicher. _Ich_, _ich_ allein kann euch alles erklären, ihr Herren!« - +»Was werd ich hören«, sprach der Kapellmeister noch weinerlicher als +vorher, der Doktor rückte seinen Stuhl näher heran zum reisenden +Enthusiasten und guckte ihm mit sonderbar lächelnder Miene ins +Gesicht. Der reisende Enthusiast warf aber den Blick in die Höhe +und sprach ohne den Doktor oder den Kapellmeister anzusehen: +»Kapellmeister! ich sah einmal einen kleinen buntgefärbten +Schmetterling, der sich zwischen den Saiten Eures Doppelklavichords +eingefangen hatte. Das kleine Ding flatterte lustig auf und nieder und +mit den glänzenden Flügelein um sich schlagend berührte es bald die +obern bald die untern Saiten, die dann leise leise nur dem schärfsten +geübtesten Ohr vernehmbare Töne und Akkorde hauchten, so daß zuletzt +das Tierchen nur in den Schwingungen wie in sanftwogenden Wellen zu +schwimmen oder vielmehr von ihnen getragen zu werden schien. Aber oft +kam es, daß eine stärker berührte Saite, wie erzürnt in die Flügel des +fröhlichen Schwimmers schlug, so daß sie wund geworden den Schmuck +des bunten Blütenstaubs von sich streuten, doch dessen nicht achtend +kreiste der Schmetterling fort und fort im fröhlichen Klingen und +Singen bis schärfer und schärfer die Saiten ihn verwundeten, und er +lautlos hinabsank in die Öffnung des Resonanzbodens.« - »Was wollen +wir damit sagen«, frug der Kapellmeister, »fiat applicatio mein +Bester!« sprach der Doktor. »Von einer besonderen Anwendung ist +hier nicht die Rede«, fuhr der Enthusiast fort, »ich wollte, da ich +obbesagten Schmetterling wirklich auf des Kapellmeisters Klavichord +spielen gehört habe, nur im allgemeinen eine Idee andeuten, die mir +damals einkam, und die alles das, was ich über Bettinas Übel sagen +werde, so ziemlich einleitet. Ihr könnet das Ganze aber auch für eine +Allegorie ansehen, und es in das Stammbuch irgend einer reisenden +Virtuosin hineinzeichnen. Es schien mir nämlich damals, als habe die +Natur ein tausendchörigtes Klavichord um uns herum gebaut, in dessen +Saiten wir herumhantierten, ihre Töne und Akkorde für unsere eigne +willkürlich hervorgebrachte haltend und als würden wir oft zum Tode +wund, ohne zu ahnden, daß der unharmonisch berührte Ton uns die Wunde +schlug.« - »Sehr dunkel«, sprach der Kapellmeister. »Oh«, rief der +Doktor lachend, »o nur Geduld, er wird gleich auf seinem Steckenpferde +sitzen und gestreckten Galopps in die Welt der Ahnungen, Träume, +psychischen Einflüsse, Sympathien, Idiosynkrasien usw. hineinreiten, +bis er auf der Station des Magnetismus absitzt und ein Frühstück +nimmt.« - »Gemach gemach, mein weiser Doktor«, sprach der reisende +Enthusiast, »schmäht nicht auf Dinge, die Ihr, sträuben mögt Ihr Euch +auch wie Ihr wollt, doch mit Demut anerkennen und höchlich beachten +müßt. Habt Ihr es denn nicht selbst eben erst ausgesprochen, daß +Bettinas Krankheit von psychischer Anregung herbeigeführt oder +vielmehr nur ein psychisches Übel ist?« - »Wie kommt«, unterbrach +der Doktor den Enthusiasten, »wie kommt aber Bettina mit dem +unglückseligen Schmetterling zusammen?« - »Wenn man«, fuhr der +Enthusiast fort, »wenn man nun alles haarklein auseinandersieben soll, +und jedes Körnchen beäugeln und bekucken, so wird das eine Arbeit, die +selbst langweilig Langeweile verbreitet! - Laßt den Schmetterling im +Klavichordkasten des Kapellmeisters ruhen! - Übrigens, sagt selbst, +Kapellmeister! ist es nicht ein wahres Unglück, daß die hochheilige +Musik ein integrierender Teil unserer Konversation geworden ist? Die +herrlichsten Talente werden herabgezogen in das gemeine dürftige +Leben! Statt daß sonst aus heiliger Ferne wie aus dem wunderbaren +Himmelsreiche selbst, Ton und Gesang auf uns herniederstrahlte, hat +man jetzt alles hübsch bei der Hand und man weiß genau, wie viel +Tassen Tee die Sängerin oder wie viel Gläser Wein der Bassist trinken +muß, um in die gehörige Tramontane zu kommen. Ich weiß wohl, daß +es Vereine gibt, die ergriffen von dem wahren Geist der Musik sie +untereinander mit wahrhafter Andacht üben, aber jene miserablen +geschmückten, geschniegelten - doch ich will mich nicht ärgern! - Als +ich voriges Jahr hieher kam, war die arme Bettina gerade recht in +der Mode - sie war, wie man sagt, recherchiert, es konnte kaum +Tee getrunken werden ohne Zutat einer spanischen Romanze, einer +italienischen Kanzonetta oder auch wohl eines französischen Liedleins: +Souvent l'amour etc. zu dem sich Bettina hergeben mußte. Ich fürchtete +in der Tat, daß das gute Kind mit samt ihrem herrlichen Talent +untergehen würde in dem Meer von Teewasser, das man über sie +ausschüttete, das geschah nun nicht, aber die Katastrophe trat ein.« +- »Was für eine Katastrophe?« riefen Doktor und Kapellmeister. »Seht +liebe Herren!« fuhr der Enthusiast fort, »eigentlich ist die arme +Bettina - wie man so sagt, verwünscht oder verhext worden, und so hart +es mir ankommt, es zu bekennen, ich - ich selbst bin der Hexenmeister, +der das böse Werk vollbracht hat, und nun gleich dem Zauberlehrling +den Bann nicht zu lösen vermag.« - »Possen - Possen, und wir sitzen +hier und lassen uns mit der größten Ruhe von dem ironischen Bösewicht +mystifizieren.« So rief der Doktor, indem er aufsprang. »Aber zum +Teufel die Katastrophe - die Katastrophe«, schrie der Kapellmeister. +»Ruhig ihr Herren«, sprach der Enthusiast, »jetzt kommt eine Tatsache, +die ich verbürgen kann, haltet übrigens meine Hexerei für Scherz, +unerachtet es mir zuweilen recht schwer aufs Herz fällt, daß ich ohne +Wissen und Willen einer unbekannten psychischen Kraft zum Medium des +Entwickelns und Einwirkens auf Bettina gedient haben mag. Gleichsam +als Leiter mein ich, so wie in der elektrischen Reihe einer den andern +ohne Selbsttätigkeit und eignen Willen prügelt.« - »Hop hop«, rief der +Doktor, »seht wie das Steckenpferd gar herrliche Courbetten verführt.« +- »Aber die Geschichte - die Geschichte«, schrie der Kapellmeister +dazwischen! »Ihr erwähntet«, fuhr der Enthusiast fort, »Ihr erwähntet +Kapellmeister schon zuvor, daß Bettina das letztemal, ehe sie die +Stimme verlor, in der katholischen Kirche sang. Erinnert Euch, daß +dies am ersten Osterfeiertage vorigen Jahres geschah. Ihr hattet Euer +schwarzes Ehrenkleid angetan und dirigiertet die herrliche Haydnsche +Messe aus dem D-Moll. In dem Sopran tat sich ein Flor junger anmutig +gekleideter Mädchen auf, die zum Teil sangen, zum Teil auch nicht; +unter ihnen stand Bettina, die mit wunderbar starker voller Stimme +die kleinen Soli vortrug. Ihr wißt, daß ich mich im Tenor angestellt +hatte, das Sanctus war eingetreten, ich fühlte die Schauer der +tiefsten Andacht mich durchbeben, da rauschte es hinter mir störend, +unwillkürlich drehte ich mich um, und erblickte zu meinem Erstaunen +Bettina, die sich durch die Reihen der Spielenden und Singenden +drängte um den Chor zu verlassen. >Sie wollen fort?< redete ich sie +an. >Es ist die höchste Zeit<, erwiderte sie sehr freundlich, >daß ich +mich jetzt nach der ***Kirche begebe, um noch, wie ich versprochen, +dort in einer Kantate mitzusingen, auch muß ich noch vormittag ein +paar Duetts probieren, die ich heute abend in dem Singetee bei *** +vortragen werde, dann ist Souper bei ***. Sie kommen doch hin? es +werden ein paar Chöre aus dem Händelschen Messias und das erste Finale +aus Figaros Hochzeit gemacht.< Während dieses Gesprächs erklangen +die vollen Akkorde des Sanctus, und das Weihrauchopfer zog in blauen +Wolken durch das hohe Gewölbe der Kirche. >Wissen Sie denn nicht<, +sprach ich, >daß es sündlich ist, daß es nicht straflos bleibt, wenn +man während des Sanctus die Kirche verläßt? - Sie werden so bald nicht +mehr in der Kirche singen!< - Es sollte Scherz sein, aber ich weiß +nicht, wie es kam, daß mit einemmal meine Worte so feierlich klangen. +Bettina erblaßte und verließ schweigend die Kirche. Seit diesem Moment +verlor sie die Stimme. -« Der Doktor hatte sich während der Zeit +wieder gesetzt, und das Kinn auf den Stockknopf gestützt, er blieb +stumm, aber der Kapellmeister rief: »Wunderbar in der Tat, sehr +wunderbar!« - »Eigentlich«, fuhr der Enthusiast fort, »eigentlich +kam mir damals bei meinen Worten nichts Bestimmtes in den Sinn und +ebensowenig setzte ich Bettinas Stimmlosigkeit mit dem Vorfall in der +Kirche nur in den mindesten Bezug. Erst jetzt, als ich wieder hieher +kam und von Euch Doktor erfuhr, daß Bettina noch immer an der +verdrießlichen Kränklichkeit leide, war es mir, als hätte ich schon +damals an eine Geschichte gedacht, die ich vor mehreren Jahren in +einem alten Buche las, und die ich Euch, da sie mir anmutig und +rührend scheint, mitteilen will.« - »Erzählen Sie«, rief der +Kapellmeister, »vielleicht liegt ein guter Stoff zu einer tüchtigen +Oper darin.« - »Könnt Ihr«, sprach der Doktor, »könnt Ihr, +Kapellmeister, Träume - Ahnungen - magnetische Zustände in Musik +setzen, so wird Euch geholfen, auf so was wird die Geschichte doch +wieder herauslaufen.« Ohne dem Doktor zu antworten räusperte sich der +reisende Enthusiast und fing mit erhabener Stimme an: »Unabsehbar +breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von Aragonien +vor den Mauern von Granada aus.« - »Herr des Himmels und der Erden«, +unterbrach der Doktor den Erzähler, »das fängt an als wollt es in +neun Tagen und neun Nächten nicht endigen, und ich sitze hier und die +Patienten lamentieren. Ich schere mich den Teufel um Eure maurischen +Geschichten, den Gonzalvo von Cordova habe ich gelesen, und Bettinas +Seguidillas gehört, aber damit basta, alles was recht ist - Gott +befohlen!« Schnell sprang der Doktor zur Türe heraus, aber der +Kapellmeister blieb ruhig sitzen, indem er sprach: »Es wird eine +Geschichte aus den Kriegen der Mauren mit den Spaniern, wie ich merke, +so was hätt ich längst gar zu gern komponiert. - Gefechte - Tumult +- Romanzen - Aufzüge - Cymbeln - Choräle - Trommeln und Pauken - +ach Pauken! - Da wir nun einmal so zusammen sind, erzählen Sie, +liebenswürdiger Enthusiast, wer weiß, welches Samenkorn die erwünschte +Erzählung in mein Gemüt wirft und was für Riesenlilien daraus +entsprießen.« - »Euch wird«, erwiderte der Enthusiast, »Euch wird nun +Kapellmeister! alles einmal gleich zur Oper und daher kommt es denn +auch, daß die vernünftigen Leute, die die Musik behandeln wie einen +starken Schnaps, den man nur dann und wann in kleinen Portionen +genießt zur Magenstärkung, Euch manchmal für toll halten. Doch +erzählen will ich Euch, und keck möget Ihr, wandelt Euch die Lust an, +manchmal ein paar Akkorde dazwischen werfen.« - Schreiber dieses fühlt +sich gedrungen, ehe er dem Enthusiasten die Erzählung nachschreibt, +dich günstigen Leser zu bitten, du mögest ihm der Kürze halber +zugute halten, wenn er den dazwischen anschlagenden Akkorden den +Kapellmeister vorzeichnet. Statt also zu schreiben: Hier sprach der +Kapellmeister, heißt es bloß der Kapellmeister. + +Unabsehbar breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von +Aragonien vor den festen Mauern von Granada aus. Vergebens auf Hülfe +hoffend, immer enger und enger eingeschlossen, verzagte der feige +Boabdil und im bittern Hohn vom Volk, das ihn den kleinen König +nannte, verspottet, fand er nur in den Opfern blutdürstiger +Grausamkeit augenblicklichen Trost. Aber eben in dem Grade, wie die +Mutlosigkeit und Verzweiflung täglich mehr Volk und Kriegsheer in +Granada erfaßte, wurde lebendiger Siegeshoffnung und Kampfeslust +im spanischen Lager. Es bedurfte keines Sturms. Ferdinand begnügte +sich die Wälle zu beschießen, und die Ausfälle der Belagerten +zurückzutreiben. Diese kleinen Gefechte glichen mehr fröhlichen +Turnieren als ernsten Kämpfen und selbst der Tod der im Kampfe +Gefallnen konnte die Gemüter nur erheben, da sie hochgefeiert im +Gepränge des kirchlichen Kultus wie in der strahlenden Glorie des +Märtyrtums für den Glauben erschienen. Gleich nachdem Isabella in das +Lager eingezogen, ließ sie in dessen Mitte ein hohes hölzernes Gebäude +mit Türmen aufführen, von deren Spitzen die Kreuzesfahne herabwehte. +Das Innere wurde zum Kloster und zur Kirche eingerichtet, und +Benediktiner-Nonnen zogen ein, täglichen Gottesdienst übend. Die +Königin, von ihrem Gefolge, von ihren Rittern begleitet, [erschien] +jeden Morgen, die Messe zu hören, die ihr Beichtvater las, von dem +Gesange der im Chor versammelten Nonnen unterstützt. Da begab es sich, +daß Isabella an einem Morgen eine Stimme vernahm, die mit wunderbarem +Glockenklang die andern Stimmen im Chor übertönte. Der Gesang war +anzuhören wie das siegende Schmettern einer Nachtigall, die, die +Fürstin des Hains, dem jauchzenden Volk gebietet. Und doch war die +Aussprache der Worte so fremdartig und selbst die sonderbare ganz +eigentümliche Art des Gesanges tat kund, daß eine Sängerin des +kirchlichen Stils noch ungewohnt, vielleicht zum erstenmal das Amt +singen müsse. Verwundert schaute Isabella um sich und bemerkte, daß +ihr Gefolge von demselben Erstaunen ergriffen worden; doch ahnen mußte +sie wohl, daß hier ein besonderes Abenteuer im Spiel sein müsse, als +ihr der tapfere Heerführer Aguillar, der sich eben im Gefolge befand, +ins Auge fiel. Im Betstuhl kniend, die Hände gefaltet, starrte er zum +Gitter des Chors herauf, glühende inbrünstige Sehnsucht im düstern +Auge. Als die Messe geendet war, begab sich Isabella nach Donna +Marias, der Priorin, Zimmern und frug nach der fremden Sängerin. +»Wollet Euch o Königin«, sprach Donna Maria, »wollet Euch erinnern, +daß vor Mondesfrist Don Aguillar jenes Außenwerk zu überfallen und zu +erobern gedachte, das mit einer herrlichen Terrasse geziert den Mauren +zum Lustort dient. In jeder Nacht schallen die üppigen Gesänge der +Heiden in unser Lager herüber wie verlockende Sirenenstimmen und eben +deshalb wollte der tapfere Aguillar das Nest der Sünde zerstören. +Schon war das Werk genommen, schon wurden die gefangenen Weiber +während des Gefechts abgeführt, als eine unvermutete Verstärkung ihn +tapferer Wehr unerachtet nötigte, abzulassen und sich zurückzuziehen +in das Lager. Der Feind wagte nicht ihn zu verfolgen und so kam es, +daß die Gefangenen und reiche Beute sein blieben. Unter den gefangenen +Weibern befand sich eine, deren trostloses Jammern, deren Verzweiflung +Don Aguillars Aufmerksamkeit erregte. Er nahte sich der Verschleierten +mit freundlichen Worten, aber als hätte ihr Schmerz keine andere +Sprache als Gesang, fing sie, nachdem sie auf der Zither, die ihr +an einem goldnen Bande um den Hals hing, einige seltsame Akkorde +gegriffen hatte, eine Romanze an, die in tiefaufseufzenden +herzzerschneidenden Lauten die Trennung von dem Geliebten, von aller +Lebensfreude klagte. Aguillar tief ergriffen von den wunderbaren +Tönen, beschloß das Weib zurückbringen zu lassen nach Granada; sie +stürzte vor ihm nieder, indem sie den Schleier zurückschlug. Da rief +Aguillar wie außer sich: >Bist du denn nicht Zulema, das Licht des +Gesanges in Granada?< - Zulema, die der Feldherr bei einer Sendung an +Boabdils Hof gesehen, deren wunderbarer Gesang seitdem tief in seiner +Brust widerhallte, war es wirklich. >Ich gebe dir die Freiheit<, rief +Aguillar, aber da sprach der ehrwürdige Vater Agostino Sanchez, der +das Kreuz in der Hand mitgezogen: >Erinnere dich, Herr! daß du, indem +du die Gefangene freilässest, ihr großes Unrecht tust, da sie dem +Götzendienst entrissen, vielleicht bei uns von der Gnade des Herrn +erleuchtet, in den Schoß der Kirche zurückgekehrt wäre.< Aguillar +sprach: >Sie mag bei uns bleiben einen Monat hindurch und dann, fühlt +sie sich nicht durchdrungen von dem Geist des Herrn, zurückgebracht +werden nach Granada.< So kam es, o Herrin! daß Zulema von uns in +dem Kloster aufgenommen wurde. Anfangs überließ sie sich ganz dem +trostlosesten Schmerz und bald waren es wild und schauerlich tönende, +bald tiefklagende Romanzen, mit denen sie das Kloster erfüllte, denn +überall hörte man ihre durchdringende Glockenstimme. Es begab sich, +daß wir einst um Mitternacht im Chor der Kirche versammelt waren und +die Hora nach jener wundervollen heiligen Weise absangen, die der hohe +Meister des Gesanges, Ferreras, uns lehrte. Ich bemerkte im Schein +der Lichter Zulema in der offnen Pforte des Chors stehend und mit +ernstem Blick still und andächtig hineinschauend; als wir paarweise +daherziehend den Chor verließen, kniete Zulema im Gange unfern eines +Marienbildes. Den andern Tag sang sie keine Romanze, sondern blieb +still und in sich gekehrt. Bald versuchte sie auf der tiefgestimmten +Zither die Akkorde jenes Chorals, den wir in der Kirche gesungen, und +dann fing sie an leise leise zu singen, ja selbst die Worte unsers +Gesanges zu versuchen, die sie freilich wunderlich wie mit gebundener +Zunge aussprach. Ich merkte wohl, daß der Geist des Herrn mit milder +tröstender Stimme im Gesange zu ihr gesprochen, und daß sich ihre +Brust öffnen würde seiner Gnade, daher schickte ich Schwester +Emanuela, die Meisterin des Chors, zu ihr, daß sie den glimmenden +Funken anfache, und so geschah es, daß im heiligen Gesange der Kirche +der Glaube in ihr entzündet wurde. Noch ist Zulema nicht durch die +heilige Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, aber vergönnt wurde +es ihr unserm Chor sich beizugesellen, und so ihre wunderbare Stimme +zur Glorie der Religion zu erheben.« Die Königin wußte nun wohl, was +in Aguillars Innerm vorgegangen, als er auf Agostinos Einrede Zulema +nicht zurücksandte nach Granada, sondern sie im Kloster aufnehmen +ließ und um so mehr war sie erfreut über Zulemas Bekehrung zum wahren +Glauben. Nach wenigen Tagen wurde Zulema getauft und erhielt den Namen +Julia. Die Königin selbst, der Marquis von Cadix, Heinrich von Gusman, +die Feldherren Mendoza, Villena, waren die Zeugen des heiligen Akts. +Man hätte glauben sollen, daß Julias Gesang nun noch inniger und +wahrer die Herrlichkeit des Glaubens hätte verkünden müssen und so +geschah es auch wirklich eine kurze Zeit hindurch, indessen bemerkte +Emanuela bald, daß Julia oft auf seltsame Weise von dem Choral abwich, +fremdartige Töne einmischend. Oft hallte urplötzlich der dumpfe +Klang einer tiefgestimmten Zither durch den Chor. Der Ton glich dem +Nachklingen vom Sturm durchrauschter Saiten. Dann wurde Julia unruhig +und es geschah sogar, daß sie wie willkürlos in den lateinischen +Hymnus ein mohrisches Wort einwarf. Emanuela warnte die Neubekehrte, +standhaft zu widerstehen dem Feinde, aber leichtsinnig achtete Julia +dessen nicht und zum Ärgernis der Schwestern sang sie oft, wenn eben +die ernsten heiligen Choräle des alten Ferreras erklungen, tändelnde +mohrische Liebeslieder zur Zither, die sie wieder hochgestimmt hatte. +Sonderbarerweise klangen jetzt die Zithertöne, die oft durch den Chor +sausten, auch hoch und recht widrig beinahe wie das gellende Gepfeife +der kleinen mohrischen Flöten. + +Der Kapellmeister. Flauti piccoli - Oktavflötchen. Aber, mein Bester, +noch bis jetzt nichts, gar nichts für die Oper - keine Exposition und +das ist immer die Hauptsache, doch mit der tiefen und hohen Stimmung +der Zither, das hat mich angeregt. Glaubt Ihr nicht, daß der Teufel +ein Tenorist ist? Er ist falsch wie - der Teufel, und daher macht er +alles im Falsett! + +Der Enthusiast. Gott im Himmel! - Ihr werdet von Tage zu Tage +witziger, Kapellmeister! Aber Ihr habt recht, lassen wir dem +teuflischen Prinzip alles überhohe unnatürliche Gepfeife, Gequieke +etc. Doch weiter fort in der Erzählung, die mir eigentlich blutsauer +wird, weil ich jeden Augenblick Gefahr laufe, über irgend einen wohl +zu beachtenden Moment wegzuspringen. + +Es begab sich, daß die Königin, begleitet von den edlen Feldherren +des Lagers, nach der Kirche der Benedektiner-Nonnen schritt, um +wie gewöhnlich die Messe zu hören. Vor der Pforte lag ein elender +zerlumpter Bettler, die Trabanten wollten ihn fortschaffen, doch halb +erhoben riß er sich wieder los und warf sich heulend nieder, so daß er +die Königin berührte. Ergrimmt sprang Aguillar hervor und wollte den +Elenden mit dem Fuße fortstoßen. Der richtete sich aber mit halbem +Leibe gegen ihn empor und schrie: »Tritt die Schlange - tritt die +Schlange, sie wird dich stechen zum Tode!« und dazu griff er in die +Saiten der unter den Lumpen versteckten Zither, daß sie im gellenden +widrig pfeifenden Tone zerrissen und alle von unheimlichem Grauen +ergriffen, zurückbebten. Die Trabanten schafften das widrige Gespenst +fort und es hieß: der Mensch sei ein gefangener wahnsinniger Mohr, +der aber durch seine tollen Späße und durch sein verwunderliches +Zitherspiel die Soldaten im Lager belustige. Die Königin trat ein und +das Amt begann. Die Schwestern im Chor intonierten das Sanctus, eben +sollte Julia mit mächtiger Stimme wie sonst eintreten: »Pleni sunt +coeli gloria tua«, da ging ein gellender Zitherton durch den Chor, +Julia schlug schnell das Blatt zusammen und wollte den Chor verlassen. +»Was beginnst du?« rief Emanuela. »Oh!« sagte Julia, »hörst du denn +nicht die prächtigen Töne des Meisters? dort bei ihm, mit ihm muß ich +singen!« damit eilte Julia nach der Türe, aber Emanuela sprach mit +sehr ernster feierlicher Stimme: »Sünderin, die du den Dienst des +Herrn entweihst, da du mit dem Munde sein Lob verkündest und im Herzen +weltliche Gedanken trägst, flieh von hinnen, gebrochen ist die Kraft +des Gesanges in dir, verstummt sind die wunderbaren Laute in deiner +Brust die der Geist des Herrn entzündet!« - Von Emanuelas Worten wie +vom Blitz getroffen, schwankte Julia fort. Eben wollten die Nonnen zur +Nachtzeit sich versammeln, um die Hora zu singen, als ein dicker Qualm +schnell die ganze Kirche erfüllte. Bald darauf drangen die Flammen +zischend und prasselnd durch die Wände des Nebengebäudes und erfaßten +das Kloster. Mit Mühe gelang es den Nonnen ihr Leben zu retten, +Trompeten und Hörner schmetterten durch das Lager, aus dem ersten +Schlaf taumelten die Soldaten auf; man sah den Feldherrn Aguillar mit +versengtem Haar, mit halbverbrannten Kleidern aus dem Kloster stürzen, +er hatte Julia, die man vermißte, vergebens zu retten gesucht, keine +Spur von ihr war zu finden. Fruchtlos blieb der Kampf gegen das Feuer, +das von dem Sturm, der sich erhoben, angefacht, immer mehr um sich +griff: in kurzer Zeit lag Isabellens ganzes reiches herrliches Lager +in Asche. Die Mauren im Vertrauen, daß der Christen Unglück ihnen +Sieg bringen würde, wagten mit einer bedeutenden Macht einen Ausfall, +glänzender war aber für die Waffen der Spanier nie ein Kampf gewesen, +als eben dieser, und als sie unter dem jauchzenden Schall der +Trompeten sieggekrönt in ihre Verschanzungen zurückzogen, da bestieg +die Königin Isabella den Thron, den man im Freien errichtet hatte +und verordnete, daß an der Stelle des abgebrannten Lagers eine Stadt +gebaut werde! Zeigen sollte dies den Mauren in Granada, daß niemals +die Belagerung aufgehoben werden würde. + +Der Kapellmeister. Dürfte man sich nur mit geistlichen Dingen auf das +Theater wagen, hat man nicht schon seine Not mit dem lieben Publikum, +wenn man hie und da ein bißchen Choral anbringt. Sonst wär die Julia +gar keine üble Partie. Denkt Euch den doppelten Stil, in welchem sie +glänzen kann, erst die Romanzen, dann die Kirchengesänge. Einige +allerliebste spanische und mohrische Lieder hab ich bereits fertig, +auch ist der Sieges-Marsch der Spanier gar nicht übel, so wie ich +das Gebot der Königin melodramatisch zu behandeln willens bin, wie +indessen das Ganze sich zusammenfügen soll, das weiß der Himmel! - +Aber erzählt weiter, kommen wir wieder auf Julia, die hoffentlich +nicht verbrannt sein wird. + +Der Enthusiast. Denkt Euch, liebster Kapellmeister, daß jene Stadt, +die die Spanier in einundzwanzig Tagen aufbauten und mit Mauern +umgaben, eben das heute noch stehende Santa Fé ist. Doch indem ich +das Wort so unmittelbar an Euch richte, falle ich aus dem feierlichen +Ton, der allein sich zu dem feierlichen Stoffe paßt. Ich wollte Ihr +spieltet eins von Palestrinas Responsorien, die dort auf dem Pult des +Fortepianos aufgeschlagen liegen. + +Der Kapellmeister tat es und hierauf fuhr der reisende Enthusiast +fort: + +Die Mauren unterließen nicht, die Spanier während des Aufbaues ihrer +Stadt auf mannigfache Weise zu beunruhigen, die Verzweiflung trieb +sie zur verwegensten Kühnheit und so wurden die Gefechte ernster +als jemals. Aguillar hatte einst ein maurisches Geschwader, das +die spanischen Vorwachen überfallen, bis in die Mauern von Granada +zurückgetrieben. Er kehrte mit seinen Reitern zurück, und hielt unfern +den ersten Verschanzungen bei einem Myrtenwäldchen, sein Gefolge +fortschickend, um so ernstem Gedanken und wehmütiger Erinnerung sich +mit ganzem Gemüt hingeben zu können. Julias Bild stand lebendig vor +seines Geistes Augen. Schon während des Gefechts hörte er ihre Stimme +bald drohend bald klagend ertönen und auch jetzt war es ihm als +säusle ein seltsamer Gesang, halb mohrisches Lied halb christlicher +Kirchengesang, durch die dunklen Myrten. Da rauschte plötzlich +ein mohrischer Ritter im silbernen Schuppenharnisch auf leichtem +arabischen Pferde aus dem Walde hervor und gleich sauste auch der +geworfene Speer dicht bei Aguillars Haupt vorbei. Er wollte mit +gezogenem Schwert auf den Feind losstürzen, als der zweite Speer flog +und seinem Pferde tief in der Brust stecken blieb, daß es sich vor Wut +und Schmerz hoch emporbäumte und Aguillar sich schnell von der Seite +herabschwingen mußte, um schwerem Falle nicht zu erliegen. Der Mohr +war herangesprengt und hieb herab mit der Sichelklinge nach Aguillars +entblößtem Haupt. Aber geschickt parierte Aguillar den Todesstreich +und hieb so gewaltig nach, daß der Mohr sich nur rettete, indem er +tief vom Pferde niedertauchte. In demselben Augenblick drängte sich +des Mohren Pferd dicht an Aguillar, so daß er keinen zweiten Hieb +führen konnte, der Mohr riß seinen Dolch hervor, aber noch ehe er +zustoßen konnte, hatte ihn Aguillar mit Riesenstärke erfaßt, vom +Pferde heruntergezogen und ringend zu Boden geworfen. Er kniete auf +des Mohren Brust und indem er mit der linken Faust des Mohren rechten +Arm so gewaltig gepackt hatte, daß er regungslos blieb, zog er +seinen Dolch. Schon hatte er den Arm erhoben, um des Mohren Kehle zu +durchstoßen, als dieser tief aufseufzte: »Zulema!« - Zur Bildsäule +erstarrt vermochte Aguillar nicht die Tat zu vollenden. »Unseliger«, +rief er, »welch einen Namen nanntest du?« - »Stoße zu«, stöhnte der +Mohr, »stoße zu, du tötest den, der dir Tod und Verderben geschworen +hat. Ja! wisse, verräterischer Christ, wisse, daß es Hichem der letzte +des Stammes Alhamar ist, dem du Zulema raubtest! - Wisse, daß jener +zerlumpte Bettler, der mit den Gebärden des Wahnsinns in eurem +Lager umherschlich, Hichem war, wisse daß es mir gelang, das +dunkle Gefängnis, in dem ihr Verruchte das Licht meiner Gedanken +eingeschlossen, anzuzünden, und Zulema zu retten.« »Zulema -Julia +lebt?« rief Aguillar. Da lachte Hichem gellend auf im grausigen Hohn: +»Ja sie lebt, aber Euer blutiges dornengekröntes Götzenbild hat mit +fluchwürdigem Zauber sie befangen und die duftende glühende Blume des +Lebens eingehüllt in die Leichentücher der wahnsinnigen Weiber, die +Ihr Bräute Eures Götzen nennt. Wisse, daß Ton und Gesang in ihrer +Brust wie angeweht vom giftigen Hauch des Samums erstorben ist. Dahin +ist alle Lust des Lebens mit Zulemas süßen Liedern, darum töte mich +- töte mich, da ich nicht Rache zu nehmen vermag an dir, der du mir +schon mehr als mein Leben entrissest.« Aguillar ließ ab von Hichem und +erhob sich, sein Schwert von dem Boden aufnehmend langsam. »Hichem«, +sprach er: »Zulema, die in heiliger Taufe den Namen Julia empfing, +wurde meine Gefangene im ehrlichen offenen Kampf. Erleuchtet von +der Gnade des Herrn, entsagte sie Mahoms schnödem Dienst und was du +verblendeter Mohr bösen Zauber eines Götzenbildes nennst, war nur die +Versuchung des Bösen, dem sie nicht zu widerstehen vermochte. Nennst +du Zulema deine Geliebte, so sei Julia, die zum Glauben Bekehrte, +die Dame meiner Gedanken, und _sie_ im Herzen, zur Glorie des wahren +Glaubens will ich gegen dich bestehen im wackern Kampf. Nimm deine +Waffen und falle gegen mich aus wie du willst nach deiner Sitte.« +Schnell ergriff Hichem Schwert und Tartsche, aber auf Aguillar +losrennend, wankte er laut aufbrüllend zurück, warf sich auf das +Pferd, das neben ihm stehen geblieben und sprengte gestreckten Galopps +davon. Aguillar wußte nicht was das zu bedeuten haben könnte, aber in +dem Augenblick stand der ehrwürdige Greis Agostino Sanchez hinter ihm +und sprach sanft lächelnd: »Fürchtet Hichem mich oder den Herrn, der +in mir wohnt und dessen Liebe er verschmäht?« Aguillar erzählte alles +was er von Julia vernommen und beide erinnerten sich nun wohl an +die prophetischen Worte Emanuelas, als Julia verlockt von Hichems +Zithertönen alle Andacht im Innern ertötend, den Chor während des +Sanctus verließ. + +Der Kapellmeister. Ich denke an keine Oper mehr, aber das Gefecht +zwischen dem Mohren Hichem im Schuppenharnisch und dem Feldherrn +Aguillar ging mir auf in Musik. - Hol es der Teufel! - wie kann +man nun besser gegeneinander ausfallen lassen als es Mozart im Don +Giovanni getan hat. Ihr wißt doch - in der ersten - + +Der reisende Enthusiast. Still Kapellmeister! Ich werde nun meiner +schon zu langen Erzählung den letzten Ruck geben. Noch allerlei kommt +vor, und es ist nötig die Gedanken zusammenzuhalten, um so mehr, da +ich immer dabei an Bettina denke, welches mich nicht wenig verwirrt. +Vorzüglich möcht ich gar nicht, daß sie jemals etwas von meiner +spanischen Geschichte erführe und doch ist es mir so, als wenn sie +dort an jener Türe lauschte, welches natürlicherweise pure Einbildung +sein muß. Also weiter. + +Immer und immer geschlagen in allen Gefechten, von der +täglich-stündlich zunehmenden Hungersnot gedrückt, sahen sich die +Mauren endlich genötigt, zu kapitulieren und im festlichen Gepränge +unter dem Donner des Geschützes zogen Ferdinand und Isabella in +Granada ein. Priester hatten die große Moschee eingeweiht zur +Kathedrale und dorthin ging der Zug, um in andächtiger Messe, im +feierlichen Te deum laudamus dem Herrn der Heerscharen zu danken für +den glorreichen Sieg über die Diener Mahoms, des falschen Propheten. +Man kannte die nur mühsam unterdrückte, immer neu aufgeifernde Wut der +Mohren und daher deckten Truppenabteilungen, die durch entferntere +Straßen schlagfertig zogen, die durch die Hauptstraße sich bewegende +Prozession. So geschah es, daß Aguillar an der Spitze einer Abteilung +Fußvolks eben auf entfernterem Wege sich nach der Kathedrale, wo das +Amt schon begonnen, begeben wollte, als er sich plötzlich durch einen +Pfeilschuß an der linken Schulter verwundet fühlte. In demselben +Augenblick stürzte ein Haufen Mohren aus einem dunklen Bogengange +hervor, und überfiel die Christen mit verzweifelnder Wut. Hichem an +der Spitze rannte gegen Aguillar an, dieser nur leicht verletzt, kaum +den Schmerz der Wunde fühlend, parierte geschickt den gewaltigen Hieb +und in demselben Augenblick lag auch Hichem mit gespaltenem Kopf zu +seinen Füßen. Die Spanier drangen wütend ein auf die verräterischen +Mohren, die bald heulend flohen und sich in ein steinernes Haus +warfen, dessen Tor sie schnell verschlossen. Die Spanier stürmten +heran, aber da regnete es Pfeile aus den Fenstern, Aguillar befahl +Feuerbrände hineinzuwerfen. Schon loderten die Flammen aus dem Dache +hoch auf, als durch den Donner des Geschützes eine wunderbare Stimme +aus dem brennenden Gebäude erklang: »Sanctus - Sanctus Dominus deus +Sabaoth.« - »Julia - Julia!« rief Aguillar in trostlosem Schmerz, da +öffneten sich die Pforten, und Julia im Gewande der Benediktiner-Nonne +trat hervor mit starker Stimme singend: »Sanctus - Sanctus dominus +deus Sabaoth«, hinter ihr zogen die Mohren in gebeugter Stellung die +Hände auf der Brust zum Kreuz verschränkt. Erstaunt wichen die Spanier +zurück und durch ihre Reihen zog Julia mit den Mohren nach der +Kathedrale - hineintretend intonierte sie das: »Benedictus qui venit +in nomine domini.« Unwillkürlich, als komme die Heilige vom Himmel +gesendet, Heiliges zu verkünden den Gesegneten des Herrn, beugte das +Volk die Knie. Festen Schrittes, den verklärten Blick gen Himmel +gerichtet, trat Julia vor den Hochaltar zwischen Ferdinand und +Isabellen, das Amt singend und die heiligen Gebräuche mit inbrünstiger +Andacht übend. Bei den letzten Lauten des: »Dona nobis pacem«, sank +Julia entseelt der Königin in die Arme. Alle Mohren, die ihr gefolgt, +empfingen, zum Glauben bekehrt, selbigen Tages die heilige Taufe. + +So hatte der Enthusiast seine Geschichte geendet, als der Doktor mit +vielem Geräusch eintrat, heftig mit dem Stock auf die Erde stieß +und zornig schrie: »Da sitzen sie noch und erzählen sich tolle +fantastische Geschichten ohne Rücksicht auf Nachbarschaft und machen +die Leute kränker.« - »Was ist denn nun wieder geschehen, mein +Wertester«, sprach der Kapellmeister ganz erschrocken. »Ich weiß es +recht gut«, fiel der Enthusiast ganz gelassen ein. »Nichts mehr und +nichts weniger, als daß Bettina uns stark reden gehört hat, dort +ins Kabinett gegangen ist und alles weiß.« - »Das habt Ihr nun«, +sprudelte der Doktor, »von Euren verdammten lügenhaften Geschichten, +wahnsinniger Enthusiast, daß Ihr reizbare Gemüter vergiftet - +ruiniert, mit Eurem tollen Zeuge; aber ich werde Euch das Handwerk +legen.« - »Herrlicher Doktor!« unterbrach der Enthusiast den Zornigen, +»ereifert Euch nicht und bedenkt, daß Bettinas psychische Krankheit +psychische Mittel erfordert und daß vielleicht meine Geschichte« - +»Still still«, fiel der Doktor ganz gelassen ein, »ich weiß schon, +was Ihr sagen wollt.« - »Zu einer Oper taugt es nicht, aber sonst +gab es darin einige sonderbar klingende Akkorde.« So murmelte der +Kapellmeister, indem er den Hut ergriff und den Freunden folgte. + +Als drei Monat darauf der reisende Enthusiast der gesundeten Bettina, +die mit herrlicher Glocken-Stimme Pergoleses Stabat mater (jedoch +nicht in der Kirche, sondern im mäßig großen Zimmer) gesungen hatte, +voll Freude und andächtigen Entzückens die Hand küßte, sprach +sie: »Ein Hexenmeister sind Sie gerade nicht, aber zuweilen +etwas widerhaarigter Natur«, »wie alle Enthusiasten«, setzte der +Kapellmeister hinzu. + + + +Zweiter Teil + + + +Das öde Haus + +Man war darüber einig, daß die wirklichen Erscheinungen im Leben oft +viel wunderbarer sich gestalten, als alles, was die regste Fantasie +zu erfinden trachte. »Ich meine«, sprach Lelio, »daß die Geschichte +davon hinlänglichen Beweis gibt und daß eben deshalb die sogenannten +historischen Romane, worin der Verfasser, in seinem müßigen Gehirn +bei ärmlichem Feuer ausgebrütete Kindereien, den Taten der ewigen, +im Universum wartenden Macht beizugesellen sich unterfängt, so +abgeschmackt und widerlich sind.« - »Es ist«, nahm Franz das Wort, +»die tiefe Wahrheit der unerforschlichen Geheimnisse, von denen wir +umgeben, welche uns mit einer Gewalt ergreift, an der wir den über uns +herrschenden, uns selbst bedingenden Geist erkennen.« - »Ach!« fuhr +Lelio fort, »die Erkenntnis, von der du sprichst! - Ach das ist ja +eben die entsetzlichste Folge unserer Entartung nach dem Sündenfall, +daß diese Erkenntnis uns fehlt!« - »Viele«, unterbrach Franz den +Freund, »viele sind berufen und wenige auserwählt! Glaubst du denn +nicht, daß das Erkennen, das beinahe noch schönere Ahnen der Wunder +unseres Lebens manchem verliehen ist, wie ein besonderer Sinn? Um +nur gleich aus der dunklen Region, in die wir uns verlieren könnten, +heraufzuspringen in den heitren Augenblick, werf ich euch das skurrile +Gleichnis hin, daß Menschen, denen die Sehergabe [gegeben], das +Wunderbare zu schauen, mir wohl wie die Fledermäuse bedünken wollen, +an denen der gelehrte Anatom Spalanzani einen vortrefflichen sechsten +Sinn entdeckte, der als schalkhafter Stellvertreter nicht allein +alles, sondern viel mehr ausrichtet, als alle übrige Sinne +zusammengenommen.« - »Ho ho«, rief Franz lächelnd, »so wären denn die +Fledermäuse eigentlich recht die gebornen natürlichen Somnambulen! +Doch in dem heitern Augenblick, dessen du gedachtest, will ich Posto +fassen und bemerken, daß jener sechste bewundrungswürdige Sinn vermag +an jeder Erscheinung, sei es Person, Tat oder Begebenheit, sogleich +dasjenige Exzentrische zu schauen, zu dem wir in unserm gewöhnlichen +Leben keine Gleichung finden und es daher wunderbar nennen. Was ist +denn aber gewöhnliches Leben? - Ach das Drehen in dem engen Kreise, +an den unsere Nase überall stößt, und doch will man wohl Courbetten +versuchen im taktmäßigen Paßgang des Alltagsgeschäfts. Ich kenne +jemanden, dem jene Sehergabe, von der wir sprechen, ganz vorzüglich +eigen scheint. Daher kommt es, daß er oft unbekannten Menschen, die +irgend etwas Verwunderliches in Gang, Kleidung, Ton, Blick haben, +tagelang nachläuft, daß er über eine Begebenheit, über eine Tat, +leichthin erzählt, keiner Beachtung wert und von niemanden beachtet, +tiefsinnig wird, daß er antipodische Dinge zusammenstellt und +Beziehungen herausfantasiert, an die niemand denkt.« Lelio rief laut: +»Halt, halt, das ist ja unser Theodor, der ganz was Besonderes im +Kopfe zu haben scheint, da er mit solch seltsamen Blicken in das +Blaue herausschaut.« - »In der Tat«, fing Theodor an, der so lange +geschwiegen, »in der Tat, waren meine Blicke seltsam, solang darin +der Reflex des wahrhaft Seltsamen, das ich im Geiste schaute. Die +Erinnerung eines unlängst erlebten Abenteuers« - »O erzähle, erzähle«, +unterbrachen ihn die Freunde. »Erzählen«, fuhr Theodor fort, »möcht +ich wohl, doch muß ich zuvörderst dir, lieber Lelio, sagen, daß du +die Beispiele, die meine Sehergabe dartun sollten, ziemlich schlecht +wähltest. Aus Eberhards Synonymik mußt du wissen, daß _wunderlich_ alle +Äußerungen der Erkenntnis und des Begehrens genannt werden, die sich +durch keinen vernünftigen Grund rechtfertigen lassen, _wunderbar_ aber +dasjenige heißt, was man für unmöglich, für unbegreiflich hält, was +die bekannten Kräfte der Natur zu übersteigen, oder wie ich hinzufüge, +ihrem gewöhnlichen Gange entgegen zu sein scheint. Daraus wirst du +entnehmen, daß du vorhin rücksichts meiner angeblichen Sehergabe das +Wunderliche mit dem Wunderbaren verwechseltest. Aber gewiß ist es, daß +das anscheinend Wunderliche aus dem Wunderbaren sproßt, und daß wir +nur oft den wunderbaren Stamm nicht sehen, aus dem die wunderlichen +Zweige mit Blättern und Blüten hervorsprossen. In dem Abenteuer, das +ich euch mitteilen will, mischt sich beides, das Wunderliche und +Wunderbare, auf, wie mich dünkt, recht schauerliche Weise.« Mit diesen +Worten zog Theodor sein Taschenbuch hervor, worin er, wie die Freunde +wußten, allerlei Notizen von seiner Reise her eingetragen hatte, +und erzählte, dann und wann in dies Buch hineinblickend, folgende +Begebenheit, die der weiteren Mitteilung nicht unwert scheint. + +»Ihr wißt« (so fing Theodor an), »daß ich den ganzen vorigen Sommer +in ***n zubrachte. Die Menge alter Freunde und Bekannten, die ich +vorfand, das freie gemütliche Leben, die mannigfachen Anregungen der +Kunst und der Wissenschaft, das alles hielt mich fest. Nie war ich +heitrer, und meiner alten Neigung, oft allein durch die Straßen +zu wandeln, und mich an jedem ausgehängten Kupferstich, an jedem +Anschlagzettel zu ergötzen, oder die mir begegnenden Gestalten zu +betrachten, ja wohl manchem in Gedanken das Horoskop zu stellen, hing +ich hier mit Leidenschaft nach, da nicht allein der Reichtum der +ausgestellten Werke der Kunst und des Luxus, sondern der Anblick der +vielen herrlichen Prachtgebäude unwiderstehlich mich dazu antrieb. Die +mit Gebäuden jener Art eingeschlossene Allee, welche nach dem ***ger +Tore führt, ist der Sammelplatz des höheren, durch Stand oder Reichtum +zum üppigeren Lebensgenuß berechtigten Publikums. In dem Erdgeschoß +der hohen breiten Paläste werden meistenteils Waren des Luxus +feilgeboten, indes in den obern Stockwerken Leute der beschriebenen +Klasse hausen. Die vornehmsten Gasthäuser liegen in dieser Straße, +die fremden Gesandten wohnen meistens darin, und so könnt ihr denken, +daß hier ein besonderes Leben und Regen mehr als in irgend einem +andern Teile der Residenz stattfinden muß, die sich eben auch hier +volkreicher zeigt, als sie es wirklich ist. Das Zudrängen nach diesem +Orte macht es, daß mancher sich mit einer kleineren Wohnung, als sein +Bedürfnis eigentlich erfordert, begnügt, und so kommt es, daß manches +von mehreren Familien bewohnte Haus einem Bienenkorbe gleicht. Schon +oft war ich die Allee durchwandelt, als mir eines Tages plötzlich ein +Haus ins Auge fiel, das auf ganz wunderliche seltsame Weise von allen +übrigen abstach. Denkt euch ein niedriges, vier Fenster breites, von +zwei hohen schönen Gebäuden eingeklemmtes Haus, dessen Stock über dem +Erdgeschoß nur wenig über die Fenster im Erdgeschoß des nachbarlichen +Hauses hervorragt, dessen schlecht verwahrtes Dach, dessen zum Teil +mit Papier verklebte Fenster, dessen farblose Mauern von gänzlicher +Verwahrlosung des Eigentümers zeugen. Denkt euch, wie solch ein Haus +zwischen mit geschmackvollem Luxus ausstaffierten Prachtgebäuden sich +ausnehmen muß. Ich blieb stehen und bemerkte bei näherer Betrachtung, +daß alle Fenster dicht verzogen waren, ja daß vor die Fenster des +Erdgeschosses eine Mauer aufgeführt schien, daß die gewöhnliche Glocke +an dem Torwege, der, an der Seite angebracht, zugleich zur Haustüre +diente, fehlte, und daß an dem Torwege selbst nirgends ein Schloß, ein +Drücker zu entdecken war. Ich wurde überzeugt, daß dieses Haus ganz +unbewohnt sein müsse, da ich niemals, niemals, so oft und zu welcher +Tageszeit ich auch vorübergehen mochte, auch nur die Spur eines +menschlichen Wesens darin wahrnahm. Ein unbewohntes Haus in dieser +Gegend der Stadt! Eine wunderliche Erscheinung und doch findet das +Ding vielleicht darin seinen natürlichen einfachen Grund, daß der +Besitzer auf einer lange dauernden Reise begriffen oder auf fernen +Gütern hausend, dies Grundstück weder vermieten noch veräußern mag, +um, nach ***n zurückkehrend, augenblicklich seine Wohnung dort +aufschlagen zu können. - So dacht ich, und doch weiß ich selbst nicht +wie es kam, daß bei dem öden Hause vorüberschreitend ich jedesmal wie +festgebannt stehen bleiben und mich in ganz verwunderliche Gedanken +nicht sowohl vertiefen, als verstricken mußte. - Ihr wißt es ja alle, +ihr wackern Kumpane meines fröhlichen Jugendlebens, ihr wißt es ja +alle, wie ich mich von jeher als Geisterseher gebärdete und wie mir +nur einer wunderbaren Welt seltsame Erscheinungen ins Leben treten +wollten, die ihr mit derbem Verstande wegzuleugnen wußtet! - Nun! +zieht nur eure schlauen spitzfündigen Gesichter, wie ihr wollt, gern +zugestehen darf ich ja, daß ich oft mich selbst recht arg mystifiziert +habe, und daß mit dem öden Hause sich dasselbe ereignen zu wollen +schien, aber - am Ende kommt die Moral, die euch zu Boden schlägt, +horcht nur auf! - Zur Sache! - Eines Tages und zwar in der Stunde, +wenn der gute Ton gebietet, in der Allee auf und ab zu gehen, stehe +ich, wie gewöhnlich, in tiefen Gedanken hinstarrend vor dem öden +Hause. Plötzlich bemerke ich, ohne gerade hinzusehen, daß jemand neben +mir sich hingestellt und den Blick auf mich gerichtet hatte. Es ist +Graf P., der sich schon in vieler Hinsicht als mir geistesverwandt +kundgetan hat, und sogleich ist mir nichts gewisser, als daß auch ihm +das Geheimnisvolle des Hauses aufgegangen war. Um so mehr fiel es mir +auf, daß, als ich von dem seltsamen Eindruck sprach, den dies verödete +Gebäude hier in der belebtesten Gegend der Residenz auf mich gemacht +hatte, er sehr ironisch lächelte, bald war aber alles erklärt. +Graf P. war viel weiter gegangen als ich, aus manchen Bemerkungen, +Kombinationen etc. hatte er die Bewandtnis herausgefunden, die es mit +dem Hause hatte, und eben diese Bewandtnis lief auf eine solche ganz +seltsame Geschichte heraus, die nur die lebendigste Fantasie des +Dichters ins Leben treten lassen konnte. Es wäre wohl recht, daß ich +euch die Geschichte des Grafen, die ich noch klar und deutlich im Sinn +habe, mitteilte, doch schon jetzt fühle ich mich durch das, was sich +wirklich mit mir zutrug, so gespannt, daß ich unaufhaltsam fortfahren +muß. Wie war aber dem guten Grafen zu Mute, als er mit der Geschichte +fertig, erfuhr, daß das verödete Haus nichts anders enthalte, als die +Zuckerbäckerei des Konditors, dessen prachtvoll eingerichteter Laden +dicht anstieß. Daher waren die Fenster des Erdgeschosses, wo die Öfen +eingerichtet, vermauert und die zum Aufbewahren des Gebacknen im +obern Stock bestimmten Zimmer mit dicken Vorhängen gegen Sonne und +Ungeziefer verwahrt. Ich erfuhr, als der Graf mir dies mitteilte, so +wie er, die Wirkung des Sturzbades, oder es zupfte wenigstens der +allem Poetischen feindliche Dämon den Süßträumenden empfindlich und +schmerzhaft bei der Nase. - Unerachtet der prosaischen Aufklärung +mußte ich doch noch immer vorübergehend nach dem öden Hause +hinschauen, und noch immer gingen im leisen Frösteln, das mir durch +die Glieder bebte, allerlei seltsame Gebilde von dem auf, was +dort verschlossen. Durchaus konnte ich mich nicht an den Gedanken +der Zuckerbäckerei, des Marzipans, der Bonbons, der Torten, der +eingemachten Früchte usw. gewöhnen. Eine seltsame Ideen-Kombination +ließ mir das alles erscheinen wie süßes beschwichtigendes Zureden. +Ungefähr: >Erschrecken Sie nicht, Bester! wir alle sind liebe süße +Kinderchen, aber der Donner wird gleich ein bißchen einschlagen.< Dann +dachte ich wieder: >Bist du nicht ein recht wahnsinniger Tor, daß du +das Gewöhnlichste in das Wunderbare zu ziehen trachtest, schelten +deine Freunde dich nicht mit Recht einen überspannten Geisterseher?< +- Das Haus blieb, wie es bei der angeblichen Bestimmung auch nicht +anders sein konnte, immer unverändert, und so geschah es, daß +mein Blick sich daran gewöhnte, und die tollen Gebilde, die sonst +ordentlich aus den Mauern hervorzuschweben schienen, allmählig +verschwanden. Ein Zufall weckte alles, was eingeschlummert, wieder +auf. - Daß, unerachtet ich mich, so gut es gehen wollte, ins +Alltägliche gefügt hatte, ich doch nicht unterließ, das fabelhafte +Haus im Auge zu behalten, das könnt ihr euch bei meiner Sinnesart, die +nun einmal mit frommer ritterlicher Treue am Wunderbaren festhält, +wohl denken. + +So geschah es, daß ich eines Tages, als ich wie gewöhnlich zur +Mittagsstunde in der Allee lustwandelte meinen Blick auf die +verhängten Fenster des öden Hauses richtete. Da bemerkte ich, daß die +Gardine an dem letzten Fenster dicht neben dem Konditorladen sich zu +bewegen begann. Eine Hand, ein Arm kam zum Vorschein. Ich riß meinen +Operngucker heraus und gewahrte nun deutlich die blendend weiße, +schön geformte Hand eines Frauenzimmers, an deren kleinem Finger ein +Brillant mit ungewöhnlichem Feuer funkelte, ein reiches Band blitzte +an dem in üppiger Schönheit geründeten Arm. Die Hand setzte eine +hohe seltsam geformte Kristallflasche hin auf die Fensterbank und +verschwand hinter dem Vorhange. Erstarrt blieb ich stehen, ein +sonderbar bänglich wonniges Gefühl durchströmte mit elektrischer Wärme +mein Inneres, unverwandt blickte ich herauf nach dem verhängnisvollen +Fenster, und wohl mag ein sehnsuchtsvoller Seufzer meiner Brust +entflohen sein. Ich wurde endlich wach und fand mich umringt von +vielen Menschen allerlei Standes, die so wie ich mit neugierigen +Gesichtern heraufguckten. Das verdroß mich, aber gleich fiel mir ein, +daß jedes Hauptstadtvolk jenem gleiche, das zahllos vor dem Hause +versammelt, nicht zu gaffen und sich darüber zu verwundern aufhören +konnte, daß eine Schlafmütze aus dem sechsten Stock herabgestürzt, +ohne eine Masche zu zerreißen. - Ich schlich mich leise fort, und der +prosaische Dämon flüsterte mir sehr vernehmlich in die Ohren, daß +soeben die reiche, sonntäglich geschmückte Konditorsfrau eine geleerte +Flasche feinen Rosenwassers o. s. auf die Fensterbank gestellt. - +Seltner Fall! - mir kam urplötzlich ein sehr gescheuter Gedanke. - Ich +kehrte um und geradezu ein, in den leuchtenden Spiegelladen des dem +öden Hause nachbarlichen Konditors. - Mit kühlendem Atem den heißen +Schaum von der Schokolade wegblasend, fing ich leicht hingeworfen an: +>In der Tat, Sie haben da nebenbei Ihre Anstalt sehr schön erweitert.< +Der Konditor warf noch schnell ein paar bunte Bonbons in die +Viertel-Tüte, und diese dem lieblichen Mädchen, das darnach verlangte, +hinreichend, lehnte er sich mit aufgestemmtem Arm weit über den +Ladentisch herüber und schaute mich mit solch lächelnd fragendem Blick +an, als habe er mich gar nicht verstanden. Ich wiederholte, daß er +sehr zweckmäßig in dem benachbarten Hause seine Bäckerei angelegt, +wiewohl das dadurch verödete Gebäude in der lebendigen Reihe der +übrigen düster und traurig absteche. >Ei mein Herr!< fing nun der +Konditor an, >wer hat Ihnen denn gesagt, daß das Haus nebenan uns +gehört? - Leider blieb jeder Versuch es zu akquirieren vergebens, und +am Ende mag es auch gut sein, denn mit dem Hause nebenan hat es eine +eigne Bewandtnis.< - Ihr, meine treuen Freunde, könnt wohl denken, +wie mich des Konditors Antwort spannte, und wie sehr ich ihn bat, +mir mehr von dem Hause zu sagen. >Ja, mein Herr!< sprach er, >recht +Sonderliches weiß ich selbst nicht davon, so viel ist aber gewiß, +daß das Haus der Gräfin von S. gehört, die auf ihren Gütern lebt und +seit vielen Jahren nicht in ***n gewesen ist. Als noch keins der +Prachtgebäude existierte, die jetzt unsere Straße zieren, stand dies +Haus, wie man mir erzählt hat, schon in seiner jetzigen Gestalt da, +und seit der Zeit wurd es nur gerade vor dem gänzlichen Verfall +gesichert. Nur zwei lebendige Wesen hausen darin, ein steinalter +menschenfeindlicher Hausverwalter und ein grämlicher lebenssatter +Hund, der zuweilen auf dem Hinterhofe den Mond anheult. Nach der +allgemeinen Sage soll es in dem öden Gebäude häßlich spuken, und in +der Tat, mein Bruder (der Besitzer des Ladens) und ich, wir beide +haben in der Stille der Nacht, vorzüglich zur Weihnachtszeit, wenn uns +unser Geschäft hier im Laden wach erhielt, oft seltsame Klagelaute +vernommen, die offenbar sich hier hinter der Mauer im Nebenhause +erhoben. Und dann fing es an so häßlich zu scharren und zu rumoren, +daß uns beiden ganz graulich zumute wurde. Auch ist es nicht lange +her, daß sich zur Nachtzeit ein solch sonderbarer Gesang hören ließ, +den ich Ihnen nun gar nicht beschreiben kann. Es war offenbar die +Stimme eines alten Weibes, die wir vernahmen, aber die Töne waren so +gellend klar, und liefen in bunten Kadenzen und langen schneidenden +Trillern so hoch hinauf, wie ich es, unerachtet ich doch in Italien, +Frankreich und Deutschland so viel Sängerinnen gekannt, noch nie +gehört habe. Mir war so, als würden französische Worte gesungen, doch +konnt ich das nicht genau unterscheiden, und überhaupt das tolle +gespenstige Singen nicht lange anhören, denn mir standen die Haare zu +Berge. Zuweilen, wenn das Geräusch auf der Straße nachläßt, hören wir +auch in der hintern Stube tiefe Seufzer, und dann ein dumpfes Lachen, +das aus dem Boden hervor zu dröhnen scheint, aber das Ohr an die Wand +gelegt, vernimmt man bald, daß es eben auch im Hause nebenan so seufzt +und lacht. - Bemerken Sie< - (er führte mich in das hintere Zimmer und +zeigte durchs Fenster), >bemerken Sie jene eiserne Röhre, die aus der +Mauer hervorragt, die raucht zuweilen so stark, selbst im Sommer, +wenn doch gar nicht geheizt wird, daß mein Bruder schon oft wegen +Feuersgefahr mit dem alten Hausverwalter gezankt hat, der sich aber +damit entschuldigt, daß er sein Essen koche, was der aber essen mag, +das weiß der Himmel, denn oft verbreitet sich, eben wenn jene Röhre +recht stark raucht, ein sonderbarer ganz eigentümlicher Geruch.< - Die +Glastüre des Ladens knarrte, der Konditor eilte hinein und warf mir, +nach der hineingetretenen Figur hinnickend, einen bedeutenden Blick +zu. - Ich verstand ihn vollkommen. Konnte denn die sonderbare Gestalt +jemand anders sein als der Verwalter des geheimnisvollen Hauses? - +Denkt euch einen kleinen dürren Mann mit einem mumienfarbnen Gesichte, +spitzer Nase, zusammengekniffenen Lippen, grün funkelnden Katzenaugen, +stetem wahnsinnigem Lächeln, altmodig mit aufgetürmtem Toupet und +Klebelöckchen frisiertem stark gepudertem Haar, großem Haarbeutel, +Postillion d'Amour, kaffeebraunem altem verbleichtem, doch +wohlgeschontem, gebürstetem Kleide, grauen Strümpfen, großen +abgestumpften Schuhen mit Steinschnällchen. Denkt euch, daß diese +kleine dürre Figur doch, vorzüglich was die übergroßen Fäuste mit +langen starken Fingern betrifft, robust geformt ist, und kräftig +nach dem Ladentisch hinschreitet, dann aber stets lächelnd und starr +hinausschauend nach den in Kristallgläsern aufbewahrten Süßigkeiten +mit ohnmächtiger klagender Stimme herausweint: >Ein paar eingemachte +Pomeranzen - ein paar Makronen - ein paar Zuckerkastanien etc.< Denkt +euch das und urteilt selbst, ob hier Grund war, Seltsames zu ahnen +oder nicht. Der Konditor suchte alles, was der Alte gefordert, +zusammen. >Wiegen Sie, wiegen Sie, verehrter Herr Nachbar<, jammerte +der seltsame Mann, holte ächzend und keuchend einen kleinen ledernen +Beutel aus der Tasche, und suchte mühsam Geld hervor. Ich bemerkte, +daß das Geld, als er es auf den Ladentisch aufzählte, aus +verschiedenen alten zum Teil schon ganz aus dem gewöhnlichen Kurs +gekommenen Münzsorten bestand. Er tat dabei sehr kläglich und +murmelte: >Süß - süß - süß soll nun alles sein - süß meinethalben; +der Satan schmiert seiner Braut Honig ums Maul - puren Honig.< Der +Konditor schaute mich lachend an, und sprach dann zu dem Alten: >Sie +scheinen nicht recht wohl zu sein, ja, ja das Alter, das Alter, die +Kräfte nehmen ab immer mehr und mehr.< Ohne die Miene zu ändern rief +der Alte mit erhöhter Stimme: >Alter? - Alter? - Kräfte abnehmen? +Schwach - matt werden! Ho ho - ho ho - ho ho!< Und damit schlug er +die Fäuste zusammen, daß die Gelenke knackten und sprang, in der Luft +ebenso gewaltig die Füße zusammenklappend, hoch auf, daß der ganze +Laden dröhnte und alle Gläser zitternd erklangen. Aber in dem +Augenblick erhob sich auch ein gräßliches Geschrei, der Alte hatte den +schwarzen Hund getreten der hinter ihm hergeschlichen dicht an seine +Füße geschmiegt auf dem Boden lag. >Verruchte Bestie! satanischer +Höllenhund<, stöhnte leise im vorigen Ton der Alte, öffnete die Tüte +und reichte dem Hunde eine große Makrone hin. Der Hund, der in ein +menschliches Weinen ausgebrochen, war sogleich still, setzte sich auf +die Hinterpfoten und knapperte an der Makrone wie ein Eichhörnchen. +Beide waren zu gleicher Zeit fertig, der Hund mit seiner Makrone, der +Alte mit dem Verschließen und Einstecken seiner Tüte. >Gute Nacht, +verehrter Herr Nachbar<, sprach er jetzt, reichte dem Konditor die +Hand, und drückte die des Konditors so, daß er laut aufschrie vor +Schmerz. >Der alte schwächliche Greis wünscht Ihnen eine gute Nacht, +bester Herr Nachbar Konditor<, wiederholte er dann und schritt +zum Laden heraus, hinter ihm der schwarze Hund mit der Zunge die +Makronenreste vom Maule wegleckend. Mich schien der Alte gar nicht +bemerkt zu haben, ich stand da ganz erstarrt vor Erstaunen. >Sehn +Sie<, fing der Konditor an, >sehen Sie, so treibt es der wunderliche +Alte hier zuweilen, wenigstens in vier Wochen zwei-, dreimal, aber +nichts ist aus ihm herauszubringen, als daß er ehemals Kammerdiener +des Grafen von S. war, daß er jetzt hier das Haus verwaltet, und jeden +Tag (schon seit vielen Jahren) die Gräflich S-sche Familie erwartet, +weshalb auch nichts vermietet werden kann. Mein Bruder ging ihm einmal +zu Leibe wegen des wunderlichen Getöns zur Nachtzeit, da sprach er +aber sehr gelassen: ,Ja! - die Leute sagen alle, es spuke im Hause, +glauben Sie es aber nicht, es tut nicht wahr sein.`< - Die Stunde war +gekommen, in der der gute Ton gebot, diesen Laden zu besuchen, die Tür +öffnete sich, elegante Welt strömte hinein und ich konnte nicht weiter +fragen. + +So viel stand nun fest, daß die Nachrichten des Grafen P. über das +Eigentum und die Benutzung des Hauses falsch waren, daß der alte +Verwalter dasselbe seines Leugnens unerachtet nicht allein bewohnte, +und daß ganz gewiß irgend ein Geheimnis vor der Welt dort verhüllt +werden sollte. Mußte ich denn nicht die Erzählung von dem seltsamen, +schauerlichen Gesange mit dem Erscheinen des schönen Arms am Fenster +in Verbindung setzen? Der Arm saß nicht, konnte nicht sitzen an dem +Leibe eines alten verschrumpften Weibes, der Gesang nach des Konditors +Beschreibung nicht aus der Kehle des jungen blühenden Mädchens kommen. +Doch für das Merkzeichen des Arms entschieden, konnt ich leicht mich +selbst überreden, daß vielleicht nur eine akustische Täuschung die +Stimme alt und gellend klingen lassen, und daß ebenso vielleicht nur +des, vom Graulichen befangenen, Konditors trügliches Ohr die Töne so +vernommen. - Nun dacht ich an den Rauch, den seltsamen Geruch, an die +wunderlich geformte Kristallflasche, die ich sah, und bald stand das +Bild eines herrlichen, aber in verderblichen Zauberdingen befangenen +Geschöpfs mir lebendig vor Augen. Der Alte wurde mir zum fatalen +Hexenmeister, zum verdammten Zauberkerl, der vielleicht ganz +unabhängig von der Gräflich S-schen Familie geworden, nun auf seine +eigne Hand in dem verödeten Hause unheilbringendes Wesen trieb. Meine +Fantasie war im Arbeiten und noch in selbiger Nacht nicht sowohl im +Traum, als im Delirieren des Einschlafens, sah ich deutlich die Hand +mit dem funkelnden Diamant am Finger, den Arm mit der glänzenden +Spange. Wie aus dünnen grauen Nebeln trat nach und nach ein holdes +Antlitz mit wehmütig flehenden blauen Himmelsaugen, dann die +ganze wunderherrliche Gestalt eines Mädchens, in voller anmutiger +Jugendblüte hervor. Bald bemerkte ich, daß das, was ich für Nebel +hielt, der feine Dampf war, der aus der Kristallflasche, die die +Gestalt in den Händen hielt, in sich kreiselndem Gewirbel emporstieg. +>O du holdes Zauberbild<, rief ich voll Entzücken, >o du holdes +Zauberbild, tu es mir kund, wo du weilst, was dich gefangen hält? - +O wie du mich so voll Wehmut und Liebe anblickst! - Ich weiß es, die +schwarze Kunst ist es, die dich befangen, du bist die unglückselige +Sklavin des boshaften Teufels, der herumwandelt kaffeebraun und +behaarbeutelt in Zuckerladen und in gewaltigen Sprüngen alles +zerschmeißen will und Höllenhunde tritt, die er mit Makronen füttert, +nachdem sie den satanischen Murki im Fünfachteltakt abgeheult. - O +ich weiß ja alles, du holdes, anmutiges Wesen! - Der Diamant ist der +Reflex innerer Glut! - ach hättst du ihn nicht mit deinem Herzblut +getränkt, wie könnt er so funkeln, so tausendfarbig strahlen in den +allerherrlichsten Liebestönen, die je ein Sterblicher vernommen. +- Aber ich weiß es wohl, das Band, was deinen Arm umschlingt, ist +das Glied einer Kette, von der der Kaffeebraune spricht, sie sei +magnetisch - Glaub es nicht Herrliche! - ich sehe ja, wie sie +herabhängt in die, von blauem Feuer glühende Retorte. - Die werf ich +um und du bist befreit! - Weiß ich denn nicht alles - weiß ich denn +nicht alles, du Liebliche? Aber nun, Jungfrau! - nun öffne den +Rosenmund, o sage< - In dem Augenblick griff eine knotige Faust über +meine Schulter weg nach der Kristallflasche, die in tausend Stücke +zersplittert in der Luft verstäubte. Mit einem leisen Ton dumpfer +Wehklage war die anmutige Gestalt verschwunden in finstrer Nacht. - +Ha! - ich merk es an euerm Lächeln, daß ihr schon wieder in mir den +träumerischen Geisterseher findet, aber versichern kann ich euch, +daß der ganze Traum, wollt ihr nun einmal nicht abgehen von dieser +Benennung, den vollendeten Charakter der Vision hatte. Doch da ihr +fortfahrt, mich so im prosaischen Unglauben anzulächeln, so will ich +lieber gar nichts mehr davon sagen, sondern nur rasch weitergehen. - +Kaum war der Morgen angebrochen als ich voll Unruhe und Sehnsucht nach +der Allee lief, und mich hinstellte vor das öde Haus! - Außer den +innern Vorhängen waren noch dichte Jalousien vorgezogen. Die Straße +war noch völlig menschenleer, ich trat dicht an die Fenster des +Erdgeschosses und horchte und horchte, aber kein Laut ließ sich hören, +still blieb es wie im tiefen Grabe. - Der Tag kam herauf, das Gewerbe +rührte sich, ich mußte fort. Was soll ich euch damit ermüden, wie ich +viele Tage hindurch das Haus zu jeder Zeit umschlich, ohne auch nur +das mindeste zu entdecken, wie alle Erkundigung, alles Forschen zu +keiner bestimmten Notiz führte, und wie endlich das schöne Bild meiner +Vision zu verblassen begann. - Endlich, als ich einst am späten Abend +von einem Spaziergange heimkehrend bei dem öden Hause herangekommen, +bemerkte ich, daß das Tor halb geöffnet war; ich schritt heran, der +Kaffeebraune guckte heraus. Mein Entschluß war gefaßt. >Wohnt nicht +der Geheime Finanzrat Binder hier in diesem Hause?< So frug ich den +Alten, indem ich ihn beinahe zurückdrängend in den, von einer Lampe +matt erleuchteten Vorsaal trat. Der Alte blickte mich an mit seinem +stehenden Lächeln und sprach leise und gezogen: >Nein, _der_ wohnt nicht +hier, hat niemals hier gewohnt, wird niemals hier wohnen, wohnt auch +in der ganzen Allee nicht. - Aber die Leute sagen, es spuke hier in +diesem Hause, jedoch kann ich versichern, daß es nicht wahr ist, es +ist ein ruhiges, hübsches Haus, und morgen zieht die gnädige Gräfin +von S. ein und Gute Nacht, mein lieber Herr!< - Damit manövrierte +mich der Alte zum Hause hinaus, und verschloß hinter mir das Tor. Ich +vernahm, wie er keuchend und hustend mit dem klirrenden Schlüsselbunde +über den Flur wegscharrte und dann Stufen, wie mir vorkam, _herab_stieg. +Ich hatte in der kurzen Zeit so viel bemerkt, daß der Flur mit alten +bunten Tapeten behängt, und wie ein Saal mit großen, mit rotem +Damast beschlagenen Lehnsesseln möbliert war, welches denn doch ganz +verwunderlich aussah. + +Nun gingen, wie geweckt, durch mein Eindringen in das geheimnisvolle +Haus, die Abenteuer auf! - Denkt euch, denkt euch, sowie ich den +andern Tag in der Mittagsstunde die Allee durchwandere und mein Blick +schon in der Ferne sich unwillkürlich nach dem öden Hause richtet, +sehe ich an dem letzten Fenster des obern Stocks etwas schimmern. - +Näher getreten bemerke ich, daß die äußere Jalousie ganz, der innere +Vorhang halb aufgezogen ist. Der Diamant funkelt mir entgegen. - +O Himmel! gestützt auf den Arm blickt mich wehmütig flehend jenes +Antlitz meiner Vision an. - War es möglich in der auf- und abwogenden +Masse stehenzubleiben? - In dem Augenblick fiel mir die Bank ins Auge, +die für die Lustwandler in der Allee in der Richtung des öden Hauses, +wiewohl man sich darauf niederlassend dem Hause den Rücken kehrte, +angebracht war. Schnell sprang ich in die Allee, und mich über +die Lehne der Bank wegbeugend konnt ich nun ungestört nach dem +verhängnisvollen Fenster schauen. Ja! Sie war es, das anmutige, +holdselige Mädchen, Zug für Zug! - Nur schien ihr Blick ungewiß. Nicht +nach mir, wie es vorhin schien, blickte sie, vielmehr hatten die Augen +etwas Todstarres, und die Täuschung eines lebhaft gemalten Bildes wäre +möglich gewesen, hätten sich nicht Arm und Hand zuweilen bewegt. Ganz +versunken in den Anblick des verwunderlichen Wesens am Fenster, das +mein Innerstes so seltsam aufregte, hatte ich nicht die quäkende +Stimme des italienischen Tabulettkrämers gehört, der mir vielleicht +schon lange unaufhörlich seine Waren anbot. Er zupfte mich endlich am +Arm; schnell mich umdrehend, wies ich ihn ziemlich hart und zornig ab. +Er ließ aber nicht nach mit Bitten und Quälen. Noch gar nichts habe er +heute verdient, nur ein paar Bleifedern, ein Bündelchen Zahnstocher +möge ich ihm abkaufen. Voller Ungeduld, den Überlästigen nur geschwind +los zu werden, griff ich in die Tasche nach dem Geldbeutel. Mit den +Worten: >Auch hier hab ich noch schöne Sachen!< zog er den untern +Schub seines Kastens heraus, und hielt mir einen kleinen runden +Taschenspiegel, der in dem Schub unter andern Gläsern lag, in kleiner +Entfernung seitwärts vor. - Ich erblickte das öde Haus hinter mir, +das Fenster und in den schärfsten deutlichsten Zügen die holde +Engelsgestalt meiner Vision. - Schnell kaufte ich den kleinen Spiegel, +der mir es nun möglich machte, in bequemer Stellung, ohne den Nachbarn +aufzufallen, nach dem Fenster hinzuschauen. - Doch, indem ich nun +länger und länger das Gesicht im Fenster anblickte, wurd ich von einem +seltsamen, ganz unbeschreiblichen Gefühl, das ich beinahe waches +Träumen nennen möchte, befangen. Mir war es, als lähme eine Art +Starrsucht nicht sowohl mein ganzes Regen und Bewegen als vielmehr +nur meinen Blick, den ich nun niemals mehr würde abwenden können von +dem Spiegel. Mit Beschämung muß ich euch bekennen, daß mir jenes +Ammenmärchen einfiel, womit mich in früher Kindheit meine Wartfrau +augenblicklich zu Bette trieb, wenn ich mich etwa gelüsten ließ, +abends vor dem großen Spiegel in meines Vaters Zimmer stehen zu +bleiben und hinein zu gucken. Sie sagte nämlich, wenn Kinder nachts +in den Spiegel blickten, gucke ein fremdes, garstiges Gesicht heraus, +und der Kinder Augen blieben dann erstarrt stehen. Mir war das ganz +entsetzlich graulich, aber in vollem Grausen konnt ich doch oft nicht +unterlassen, wenigstens nach dem Spiegel hinzublinzeln, weil ich +neugierig war auf das fremde Gesicht. Einmal glaubt ich ein Paar +gräßliche glühende Augen aus dem Spiegel fürchterlich herausfunkeln zu +sehen, ich schrie auf und stürzte dann ohnmächtig nieder. In diesem +Zufall brach eine langwierige Krankheit aus, aber noch jetzt ist es +mir, als hätten jene Augen mich wirklich angefunkelt. - Kurz, alles +dieses tolle Zeug aus meiner frühen Kindheit fiel mir ein, Eiskälte +bebte durch meine Adern - ich wollte den Spiegel von mir schleudern - +ich vermocht es nicht - nun blickten mich die Himmelsaugen der holden +Gestalt an - ja ihr Blick war auf mich gerichtet und strahlte bis ins +Herz hinein. Jenes Grausen, das mich plötzlich ergriffen, ließ von +mir ab und gab Raum dem wonnigen Schmerz süßer Sehnsucht, die mich +mit elektrischer Wärme durchglüht. >Sie haben da einen niedlichen +Spiegel<, sprach eine Stimme neben mir. Ich erwachte aus dem Traum und +war nicht wenig betroffen, als ich neben mir von beiden Seiten mich +zweideutig anlächelnde Gesichter erblickte. Mehrere Personen hatten +auf derselben Bank Platz genommen, und nichts war gewisser, als daß +ich ihnen mit dem starren Hineinblicken in den Spiegel und vielleicht +auch mit einigen seltsamen Gesichtern, die ich in meinem exaltiertem +Zustande schnitt, auf meine Kosten ein ergötzliches Schauspiel +gegeben. >Sie haben da einen niedlichen Spiegel<, wiederholte der +Mann, als ich nicht antwortete, mit einem Blick, der jener Frage +noch hinzufügte: >Aber sagen Sie mir, was soll das wahnsinnige +Hineinstarren, erscheinen Ihnen Geister< etc. Der Mann, schon ziemlich +hoch in Jahren, sehr sauber gekleidet, hatte im Ton der Rede, im Blick +etwas ungemein Gutmütiges und Zutrauen Erweckendes. Ich nahm gar +keinen Anstand, ihm geradehin zu sagen, daß ich im Spiegel ein +wundervolles Mädchen erblickt, das hinter mir im Fenster des öden +Hauses gelegen. - Noch weiter ging ich, ich fragte den Alten, ob er +nicht auch das holde Antlitz gesehen. >Dort drüben? - in dem alten +Hause - in dem letzten Fenster?< so fragte mich nun wieder ganz +verwundert der Alte. >Allerdings, allerdings<, sprach ich; da lächelte +der Alte sehr und fing an: >Nun das ist doch eine wunderliche +Täuschung - nun meine alten Augen - Gott ehre mir meine alten Augen. +Ei ei, mein Herr, wohl habe ich mit unbewaffnetem Auge das hübsche +Gesicht dort im Fenster gesehen, aber es war ja ein, wie es mir +schien, recht gut und lebendig in Öl gemaltes Porträt.< Schnell drehte +ich mich um nach dem Fenster, alles war verschwunden, die Jalousie +heruntergelassen. >Ja!< fuhr der Alte fort, >ja, mein Herr, nun ist's +zu spät, sich davon zu überzeugen, denn eben nahm der Bediente, der +dort, wie ich weiß, als Kastellan das Absteigequartier der Gräfin +von S. ganz allein bewohnt, das Bild, nachdem er es abgestaubt, vom +Fenster fort und ließ die Jalousie herunter.< - >War es denn gewiß ein +Bild?< fragte ich nochmals ganz bestürzt. >Trauen Sie meinen Augen<, +erwiderte der Alte. >Daß Sie nur den Reflex des Bildes im Spiegel +sahen, vermehrte gewiß sehr die optische Täuschung und - wie ich +noch in Ihren Jahren war, hätt ich nicht auch das Bild eines schönen +Mädchens, kraft meiner Fantasie, ins Leben gerufen?< - >Aber Hand und +Arm bewegten sich doch<, fiel ich ein. >Ja, ja, sie regten sich, alles +regte sich<, sprach der Alte, lächelnd und sanft mich auf die Schulter +klopfend. Dann stand er auf und verließ mich, höflich sich verbeugend, +mit den Worten: >Nehmen Sie sich doch vor Taschenspiegeln in acht, die +so häßlich lügen. - Ganz gehorsamster Diener.< - Ihr könnt denken, wie +mir zu Mute war, als ich mich so als einen törichten, blödsichtigen +Fantasten behandelt sah. Mir kam die Überzeugung, daß der Alte recht +hatte, und daß nur in mir selbst das tolle Gaukelspiel aufgegangen, +das mich mit dem öden Hause, zu meiner eignen Beschämung, so garstig +mystifizierte. + +Ganz voller Unmut und Verdruß lief ich nach Hause, fest entschlossen, +mich ganz loszusagen von jedem Gedanken an die Mysterien des öden +Hauses, und wenigstens einige Tage hindurch die Allee zu vermeiden. +Dies hielt ich treulich, und kam noch hinzu, daß mich den Tag über +dringend gewordene Geschäfte am Schreibtisch, an den Abenden aber +geistreiche fröhliche Freunde in ihrem Kreise festhielten, so mußt es +wohl geschehen, daß ich beinahe gar nicht mehr an jene Geheimnisse +dachte. Nur begab es sich in dieser Zeit, daß ich zuweilen aus dem +Schlaf auffuhr, wie plötzlich durch äußere Berührung geweckt, und dann +war es mir doch deutlich, daß nur der Gedanke an das geheimnisvolle +Wesen, das ich in meiner Vision und in dem Fenster des öden Hauses +erblickt, mich geweckt hatte. Ja selbst während der Arbeit, während +der lebhaftesten Unterhaltung mit meinen Freunden, durchfuhr mich oft +plötzlich, ohne weitern Anlaß, jener Gedanke, wie ein elektrischer +Blitz. Doch waren dies nur schnell vorübergehende Momente. Den kleinen +Taschenspiegel, der mir so täuschend das anmutige Bildnis reflektiert, +hatte ich zum prosaischen Hausbedarf bestimmt. Ich pflegte mir vor +demselben die Halsbinde festzuknüpfen. So geschah es, daß er mir, als +ich einst dies wichtige Geschäft abtun wollte, blind schien, und ich +ihn nach bekannter Methode anhauchte, um ihn dann hell zu polieren. - +Alle meine Pulse stockten, mein innerstes bebte vor wonnigem Grauen! +- ja so muß ich das Gefühl nennen, das mich übermannte, als ich sowie +mein Hauch den Spiegel überlief, im bläulichen Nebel das holde Antlitz +sah, das mich mit jenem wehmütigem, das Herz durchbohrendem Blick +anschaute! - Ihr lacht? - Ihr seid mit mir fertig, ihr haltet mich für +einen unheilbaren Träumer, aber sprecht, denkt was ihr wollt, genug, +die Holde blickte mich an aus dem Spiegel, aber sowie der Hauch +zerrann, verschwand das Gesicht in dem Funkeln des Spiegels. - Ich +will euch nicht ermüden, ich will euch nicht herzählen alle Momente, +die sich, einer aus dem andern, entwickelten. Nur so viel will ich +sagen, daß ich unaufhörlich die Versuche mit dem Spiegel erneuerte, +daß es mir oft gelang, das geliebte Bild durch meinen Hauch +hervorzurufen, daß aber manchmal die angestrengtesten Bemühungen ohne +Erfolg blieben. Dann rannte ich wie wahnsinnig auf und ab vor dem öden +Hause und starrte in die Fenster, aber kein menschliches Wesen wollte +sich zeigen. - Ich lebte nur in dem Gedanken an _sie_, alles übrige +war abgestorben für mich, ich vernachlässigte meine Freunde, +meine Studien. - Dieser Zustand, wollte er in mildern Schmerz, in +träumerische Sehnsucht übergehen, ja schien es, als wolle das Bild +an Leben und Kraft verlieren, wurde oft bis zur höchsten Spitze +gesteigert, durch Momente, an die ich noch jetzt mit tiefem Entsetzen +denke. - Da ich von einem _Seelen_zustande rede, der mich hätte ins +Verderben stürzen können, so ist für euch, ihr Ungläubigen, da nichts +zu belächeln und zu bespötteln, hört und fühlt mit mir, was ich +ausgestanden. - Wie gesagt, oft, wenn jenes Bild ganz verblaßt war, +ergriff mich ein körperliches Übelbefinden, die Gestalt trat, wie +sonst niemals, mit einer Lebendigkeit, mit einem Glanz hervor, daß ich +sie zu erfassen wähnte. Aber dann kam es mir auf greuliche Weise vor, +ich sei selbst die Gestalt, und von den Nebeln des Spiegels umhüllt +und umschlossen. Ein empfindlicher Brustschmerz, und dann gänzliche +Apathie endigte den peinlichen Zustand, der immer eine, das innerste +Mark wegzehrende Erschöpfung hinterließ. In diesen Momenten mißlang +jeder Versuch mit dem Spiegel, hatte ich mich aber erkräftigt, und +trat dann das Bild wieder lebendig aus dem Spiegel hervor, so mag +ich nicht leugnen, daß sich damit ein besonderer, mir sonst fremder +physischer Reiz verband. - Diese ewige Spannung wirkte gar verderblich +auf mich ein, blaß wie der Tod und zerstört im ganzen Wesen schwankte +ich umher, meine Freunde hielten mich für krank, und ihre ewigen +Mahnungen brachten mich endlich dahin, über meinen Zustand, so wie ich +es nur vermochte, ernstlich nachzusinnen. War es Absicht oder Zufall, +daß einer der Freunde, welcher Arzneikunde studierte, bei einem Besuch +Reils Buch über Geisteszerrüttungen zurückließ. Ich fing an zu lesen, +das Werk zog mich unwiderstehlich an, aber wie ward mir, als ich in +allem, was über fixen Wahnsinn gesagt wird, mich selbst wiederfand! - +Das tiefe Entsetzen, das ich, mich selbst auf dem Wege zum Tollhause +erblickend, empfand, brachte mich zur Besinnung und zum festen +Entschluß, den ich rasch ausführte. Ich steckte meinen Taschenspiegel +ein und eilte schnell zu dem Doktor K., berühmt durch seine Behandlung +und Heilung der Wahnsinnigen, durch sein tieferes Eingehen in das +psychische Prinzip, welches oft sogar körperliche Krankheiten +hervorzubringen und wieder zu heilen vermag. Ich erzählte ihm alles, +ich verschwieg ihm nicht den kleinsten Umstand und beschwor ihn mich +zu retten, von dem ungeheuern Schicksal, von dem bedroht ich mich +glaubte. Er hörte mich sehr ruhig an, doch bemerkte ich wohl in seinem +Blick tiefes Erstaunen. >Noch<, fing er an, >noch ist die Gefahr +keinesweges so nahe als Sie glauben und ich kann mit Gewißheit +behaupten, daß ich sie ganz abzuwenden vermag. Daß Sie auf unerhörte +Weise psychisch angegriffen sind, leidet gar keinen Zweifel, aber die +völlige klare Erkenntnis dieses Angriffs irgend eines bösen Prinzips +gibt Ihnen selbst die Waffen in die Hand, sich dagegen zu wehren. +Lassen Sie mir Ihren Taschenspiegel, zwingen Sie sich zu irgend einer +Arbeit, die Ihre Geisteskräfte in Anspruch nimmt, meiden Sie die +Allee, arbeiten Sie von der Frühe an, solange Sie es nur auszuhalten +vermögen, dann aber, nach einem tüchtigen Spaziergange, fort in die +Gesellschaft Ihrer Freunde, die Sie so lange vermißt. Essen Sie +nahrhafte Speisen, trinken Sie starken kräftigen Wein. Sie sehen, daß +ich bloß die fixe Idee, das heißt, die Erscheinung des Sie betörenden +Antlitzes im Fenster des öden Hauses und im Spiegel vertilgen, Ihren +Geist auf andere Dinge leiten und Ihren Körper stärken will. Stehen +Sie selbst meiner Absicht redlich bei.< - Es wurde mir schwer, mich +von dem Spiegel zu trennen, der Arzt, der ihn schon genommen, schien +es zu bemerken, er hauchte ihn an und frug, indem er mir ihn vorhielt: +>Sehen Sie etwas?< - >Nicht das mindeste<, erwiderte ich, wie es sich +auch in der Tat verhielt. >Hauchen Sie den Spiegel an<, sprach dann +der Arzt, indem er mir den Spiegel in die Hand gab. Ich tat es, das +Wunderbild trat deutlicher als je hervor. >Da ist sie<, rief ich laut. +Der Arzt schaute hinein und sprach dann: >Ich sehe nicht das mindeste, +aber nicht verhehlen mag ich Ihnen, daß ich in dem Augenblick, als ich +in Ihren Spiegel sahe, einen unheimlichen Schauer fühlte, der aber +gleich vorüberging. Sie bemerken, daß ich ganz aufrichtig bin, und +eben deshalb wohl Ihr ganzes Zutrauen verdiene. Wiederholen Sie doch +den Versuch.< Ich tat es, der Arzt umfaßte mich, ich fühlte seine Hand +auf dem Rückenwirbel. - Die Gestalt kam wieder, der Arzt, mit mir +in den Spiegel schauend erblaßte, dann nahm er mir den Spiegel aus +der Hand, schauete nochmals hinein, verschloß ihn in dem Pult, und +kehrte erst, als er einige Sekunden hindurch die Hand vor der Stirn +schweigend dagestanden, zu mir zurück. >Befolgen Sie<, fing er an, +>befolgen Sie genau meine Vorschriften. Ich darf Ihnen bekennen, daß +jene Momente, in denen Sie außer sich selbst gesetzt Ihr eignes Ich in +physischem Schmerz fühlten, mir noch sehr geheimnisvoll sind, aber ich +hoffe Ihnen recht bald mehr darüber sagen zu können.< + +Mit festem, unabänderlichem Willen, so schwer es mir auch ankam, lebte +ich zur Stunde den Vorschriften des Arztes gemäß, und sosehr ich +auch bald den wohltätigen Einfluß anderer Geistesanstrengung und der +übrigen verordneten Diät verspürte, so blieb ich doch nicht frei von +jenen furchtbaren Anfällen, die mittags um zwölf Uhr, viel stärker +aber nachts um zwölf Uhr sich einzustellen pflegten. Selbst in +munterer Gesellschaft bei Wein und Gesang war es oft, als durchführen +plötzlich mein Inneres spitzige glühende Dolche, und alle Macht +des Geistes reichte dann nicht hin zum Widerstande, ich mußte +mich entfernen und durfte erst wiederkehren, wenn ich aus dem +ohnmachtähnlichen Zustande erwacht. - Es begab sich, daß ich mich +einst bei einer Abendgesellschaft befand, in der über psychische +Einflüsse und Wirkungen, über das dunkle unbekannte Gebiet des +Magnetismus gesprochen wurde. Man kam vorzüglich auf die Möglichkeit +der Einwirkung eines entfernten psychischen Prinzips, sie wurde aus +vielen Beispielen bewiesen, und vorzüglich führte ein junger, dem +Magnetismus ergebener, Arzt an, daß er, wie mehrere andere, oder +vielmehr wie _alle_ kräftige Magnetiseurs, es vermöge, aus der Ferne +bloß durch den festfixierten Gedanken und Willen auf seine Somnambulen +zu wirken. Alles was Kluge, Schubert, Bartels u.m. darüber gesagt +haben, kam nach und nach zum Vorschein. >Das Wichtigste<, fing endlich +einer der Anwesenden, ein als scharfsinniger Beobachter bekannter +Mediziner, an, >das Wichtigste von allem bleibt mir immer, daß +der Magnetismus manches Geheimnis, das wir als gemeine schlichte +Lebenserfahrung nun eben für kein Geheimnis erkennen wollen, zu +erschließen scheint. Nur müssen wir freilich behutsam zu Werke gehn. +- Wie kommt es denn, daß ohne allen äußern oder innern uns bekannten +Anlaß, ja unsere Ideenkette zerreißend, irgend eine Person, oder wohl +gar das treue Bild irgend einer Begebenheit so lebendig, so sich +unsers ganzen Ichs bemeisternd [uns] in den Sinn kommt, daß wir selbst +darüber erstaunen. Am merkwürdigsten ist es, daß wir oft im Traume +auffahren. Das ganze Traumbild ist in den schwarzen Abgrund versunken, +und im neuen, von jenem Bilde ganz unabhängigen Traum tritt uns mit +voller Kraft des Lebens ein Bild entgegen, das uns in ferne Gegenden +versetzt und plötzlich scheinbar uns ganz fremd gewordene Personen, an +die wir seit Jahren nicht mehr dachten, uns entgegenführt. Ja, noch +mehr! oft schauen wir auf eben die Weise ganz fremde unbekannte +Personen, die wir vielleicht Jahre nachher erst kennen lernen. Das +bekannte: ,Mein Gott, der Mann, die Frau, kommt mir so zum Erstaunen +bekannt vor, ich dächt, ich hätt ihn, sie, schon irgendwo gesehen`, +ist vielleicht, da dies oft schlechterdings unmöglich, die dunkle +Erinnerung an ein solches Traumbild. Wie wenn dies plötzliche +Hineinspringen fremder Bilder in unsere Ideenreihe, die uns gleich +mit besonderer Kraft zu ergreifen pflegen, eben durch ein fremdes +psychisches Prinzip veranlaßt würde? Wie wenn es dem fremden Geiste +unter gewissen Umständen möglich wäre, den magnetischen Rapport +auch ohne Vorbereitung so herbeizuführen, daß wir uns willenlos ihm +fügen müßten?< - >So kämen wir<, fiel ein anderer lachend ein, >mit +einem gar nicht zu großen Schritt auf die Lehre von Verhexungen, +Zauberbildern, Spiegeln und andern unsinnigen abergläubischen +Fantastereien längst verjährter alberner Zeit.< - >Ei<, unterbrach der +Mediziner den Ungläubigen, >keine Zeit kann verjähren und noch viel +weniger hat es jemals eine alberne Zeit gegeben, wenn wir nicht etwa +jede Zeit, in der Menschen zu denken sich unterfangen mögen, mithin +auch die unsrige, für albern erkennen wollen. - Es ist ein eignes +Ding, etwas geradezu wegleugnen zu wollen, was oft sogar durch streng +juristisch geführten Beweis festgestellt ist, und so wenig ich der +Meinung bin, daß in dem dunklen geheimnisvollen Reiche, welches +unseres Geistes Heimat ist, auch nur ein einziges, unserm blödem Auge +recht hell leuchtendes Lämpchen brennt, so ist doch so viel gewiß, daß +uns die Natur das Talent und die Neigung der Maulwürfe nicht versagt +hat. Wir suchen, verblindet wie wir sind, uns weiterzuarbeiten auf +finstern Wegen. Aber so wie der Blinde auf Erden an dem flüsternden +Rauschen der Bäume, an dem Murmeln und Plätschern des Wassers, die +Nähe des Waldes, der ihn in seinen kühlenden Schatten aufnimmt, des +Baches, der den Durstenden labt, erkennt, und so das Ziel seiner +Sehnsucht erreicht, so ahnen wir an dem tönenden Flügelschlag +unbekannter, uns mit Geisteratem berührender Wesen, daß der Pilgergang +uns zur Quelle des Lichts fährt, vor dem unsere Augen sich auftun!< +- Ich konnte mich nicht länger halten, >Sie statuieren also<, wandte +ich mich zu dem Mediziner, >die Einwirkung eines fremden geistigen +Prinzips, dem man sich willenlos fügen muß?< - >Ich halte<, erwiderte +der Mediziner, >ich halte, um nicht zu weit zu gehen, diese Einwirkung +nicht allein für möglich, sondern auch andern, durch den magnetischen +Zustand deutlicher gewordenen Operationen des psychischen Prinzips +für ganz homogen.< - >So könnt es auch<, fuhr ich fort, >dämonischen +Kräften verstattet sein, feindlich verderbend auf uns zu wirken?< +- >Schnöde Kunststücke gefallner Geister<, erwiderte der Mediziner +lächelnd. - >Nein, denen wollen wir nicht erliegen. Und überhaupt +bitt ich, meine Andeutungen für nichts anders zu nehmen, als eben nur +für Andeutungen, denen ich noch hinzufüge, daß ich keinesweges an +_unbedingte_ Herrschaft eines geistigen Prinzips über das andere +glauben, sondern vielmehr annehmen will, daß entweder irgend eine +Abhängigkeit, Schwäche des innern Willens, oder eine Wechselwirkung +stattfinden muß, die jener Herrschaft Raum gibt.< - >Nun erst<, fing +ein ältlicher Mann an, der so lange geschwiegen und nur aufmerksam +zugehört, >nun erst kann ich mich mit Ihren seltsamen Gedanken über +Geheimnisse, die uns verschlossen bleiben sollen, einigermaßen +befreunden. Gibt es geheimnisvolle tätige Kräfte, die mit bedrohlichen +Angriffen auf uns zutreten, so kann uns dagegen nur irgend eine +Abnormität im geistigen Organism Kraft und Mut zum sieghaften +Widerstande rauben. Mit einem Wort, nur geistige Krankheit - die Sünde +macht uns untertan dem dämonischen Prinzip. Merkwürdig ist es, daß von +den ältesten Zeiten her die den Menschen im Innersten verstörendste +Gemütsbewegung es war, an der sich dämonische Kräfte übten. Ich meine +nichts anders als die Liebesverzauberungen, von denen alle Chroniken +voll sind. In tollen Hexenprozessen kommt immer dergleichen vor, und +selbst in dem Gesetzbuch eines sehr aufgeklärten Staats wird von den +Liebestrünken gehandelt, die insofern auch rein psychisch zu wirken +bestimmt sind, als sie nicht Liebeslust im allgemeinen erwecken, +sondern unwiderstehlich an eine bestimmte Person bannen sollen. Ich +werde in diesen Gesprächen an eine tragische Begebenheit erinnert, die +sich in meinem eignen Hause vor weniger Zeit zutrug. Als Bonaparte +unser Land mit seinen Truppen überschwemmt hatte, wurde ein Obrister +von der italienischen Nobelgarde bei mir einquartiert. Er war einer +von den wenigen Offizieren der sogenannten Großen Armee, die sich +durch ein stilles bescheidnes edles Betragen auszeichneten. Sein +todbleiches Gesicht, seine düstern Augen zeugten von Krankheit oder +tiefer Schwermut. Nur wenige Tage war er bei mir, als sich auch der +besondere Zufall kund tat, von dem er behaftet. Eben befand ich mich +auf seinem Zimmer, als er plötzlich mit tiefen Seufzern die Hand auf +die Brust, oder vielmehr auf die Stelle des Magens legte, als empfinde +er tödliche Schmerzen. Er konnte bald nicht mehr sprechen, er war +genötigt sich in den Sofa zu werfen, dann aber verloren plötzlich +seine Augen die Sehkraft und er erstarrte zur bewußtlosen Bildsäule. +Mit einem Ruck wie aus dem Traume auffahrend, erwachte er endlich, +aber vor Mattigkeit konnte er mehrere Zeit hindurch sich nicht regen +und bewegen. Mein Arzt, den ich ihm sandte, behandelte ihn, nachdem +andere Mittel fruchtlos geblieben, magnetisch, und dies schien zu +wirken; wiewohl der Arzt bald davon ablassen mußte, da er selbst +beim Magnetisieren des Kranken von einem unerträglichen Gefühl des +Übelseins ergriffen wurde. Er hatte übrigens des Obristen Zutrauen +gewonnen, und dieser sagte ihm, daß in jenen Momenten sich ihm das +Bild eines Frauenzimmers nahe, die er in Pisa gekannt; dann würde +es ihm als wenn ihre glühenden Blicke in sein Inneres führen, +und er fühle die unerträglichsten Schmerzen, bis er in völlige +Bewußtlosigkeit versinke. Aus diesem Zustande bleibe ihm ein +dumpfer Kopfschmerz, und eine Abspannung, als habe er geschwelgt im +Liebesgenuß, zurück. Nie ließ er sich über die näheren Verhältnisse +aus, in denen er vielleicht mit jenem Frauenzimmer stand. Die Truppen +sollten aufbrechen, gepackt stand der Wagen des Obristen vor der Türe, +er frühstückte, aber in dem Augenblicke, als er ein Glas Madera zum +Munde fuhren wollte, stürzte er mit einem dumpfen Schrei vom Stuhle +herab. Er war tot. Die Ärzte fanden ihn vom Nervenschlag getroffen. +Einige Wochen nachher wurde ein an den Obristen adressierter Brief +bei mir abgegeben. Ich hatte gar kein Bedenken ihn zu öffnen, um +vielleicht ein Näheres von den Verwandten des Obristen zu erfahren, +und ihnen Nachricht von seinem plötzlichen Tode geben zu können. Der +Brief kam von Pisa und enthielt ohne Unterschrift die wenigen Worte: +,Unglückseliger! Heute, am 7. - um zwölf Uhr Mittag sank Antonia, dein +trügerisches Abbild mit liebenden Armen umschlingend, tot nieder!` - +Ich sah den Kalender nach, in dem ich des Obristen Tod angemerkt hatte +und fand, daß Antonias Todesstunde auch die seinige gewesen.< - Ich +hörte nicht mehr, was der Mann noch seiner Geschichte hinzusetzte; +denn in dem Entsetzen, das mich ergriffen, als ich in des +italienischen Obristen Zustand den meinigen erkannte, ging mit +wütendem Schmerz eine solche wahnsinnige Sehnsucht nach dem +unbekannten Bilde auf, daß ich davon überwältigt aufspringen und +hineilen mußte nach dem verhängnisvollen Hause. Es war mir in der +Ferne, als säh ich Lichter blitzen, durch die festverschlossenen +Jalousien, aber der Schein verschwand, als ich näher kam. Rasend vor +dürstendem Liebesverlangen stürzte ich auf die Tür; sie wich meinem +Druck, ich stand auf dem matt erleuchteten Hausflur, von einer +dumpfen, schwülen Luft umfangene Das Herz pochte mir vor seltsamer +Angst und Ungeduld, da ging ein langer, schneidender, aus weiblicher +Kehle strömender Ton durch das Haus, und ich weiß selbst nicht, +wie es geschah, daß ich mich plötzlich in einem mit vielen Kerzen +hellerleuchteten Saale befand, der in altertümlicher Pracht mit +vergoldeten Möbeln und seltsamen japanischen Gefäßen verziert war. +Starkduftendes Räucherwerk wallte in blauen Nebelwolken auf mich zu. +>Willkommen - willkommen, süßer Bräutigam - die Stunde ist da, die +Hochzeit nah!< - So rief laut und lauter die Stimme eines Weibes, +und ebensowenig, als ich weiß, wie ich plötzlich in den Saal kam, +ebensowenig vermag ich zu sagen, wie es sich begab, daß plötzlich +aus dem Nebel eine hohe jugendliche Gestalt in reichen Kleidern +hervorleuchtete. Mit dem wiederholten gellenden Ruf: >Willkommen süßer +Bräutigam<, trat sie mit ausgebreiteten Armen mir entgegen - und ein +gelbes, von Alter und Wahnsinn gräßlich verzerrtes Antlitz starrte +mir in die Augen. Von tiefem Entsetzen durchbebt wankte ich zurück; +wie durch den glühenden, durchbohrenden Blick der Klapperschlange +festgezaubert, konnte ich mein Auge nicht abwenden von dem greulichen +alten Weibe, konnte ich keinen Schritt weiter mich bewegen. Sie trat +näher auf mich zu, da war es mir, als sei das scheußliche Gesicht +nur eine Maske von dünnem Flor, durch den die Züge jenes holden +Spiegelbildes durchblickten. Schon fühlt ich mich von den Händen des +Weibes berührt, als sie laut aufkreischend vor mir zu Boden sank und +hinter mir eine Stimme rief. >Hu hu! - treibt schon wieder der Teufel +sein Bocksspiel mit Ew. Gnaden, zu Bette, zu Bette, meine Gnädigste, +sonst setzt es Hiebe, gewaltige Hiebe!< - Ich wandte mich rasch um +und erblickte den alten Hausverwalter im bloßen Hemde, eine tüchtige +Peitsche über dem Haupte schwingend. Er wollte losschlagen auf die +Alte, die sich heulend am Boden krümmte. Ich fiel ihm in den Arm, aber +mich von sich schleudernd rief er: >Donnerwetter, Herr, der alte Satan +hätte Sie ermordet, kam ich nicht dazwischen - fort, fort, fort.< - +Ich stürzte zum Saal heraus, vergebens sucht ich in dicker Finsternis +die Tür des Hauses. Nun hört ich die zischenden Hiebe der Peitsche und +das Jammergeschrei der Alten. Laut wollte ich um Hülfe rufen, als der +Boden unter meinen Füßen schwand, ich fiel eine Treppe herab und traf +auf eine Tür so hart, daß sie aufsprang und ich der Länge nach in ein +kleines Zimmer stürzte. An dem Bette, das jemand soeben verlassen +zu haben schien, an dem kaffeebraunen, über einen Stuhl gehängten +Rocke mußte ich augenblicklich die Wohnung des alten Hausverwalters +erkennen. Wenige Augenblicke nachher polterte es die Treppe herab, +der Hausverwalter stürzte herein und hin zu meinen Füßen. >Um aller +Seligkeit willen<, flehte er mit aufgehobenen Händen, >um aller +Seligkeit willen, wer Sie auch sein mögen, wie der alte gnädige +Hexensatan Sie auch hierher gelockt haben mag, verschweigen Sie, was +hier geschehen, sonst komme ich um Amt und Brot! - Die wahnsinnige +Exzellenz ist abgestraft und liegt gebunden im Bette. O schlafen Sie +doch, geehrtester Herr! recht sanft und süß. - Ja ja, das tun Sie +doch fein - eine schöne warme Juliusnacht, zwar kein Mondschein, aber +beglückter Sternenschimmer. - Nun ruhige, glückliche Nacht.< - Unter +diesen Reden war der Alte aufgesprungen, hatte ein Licht genommen, +mich herausgebracht aus dem Souterrain, mich zur Türe hinausgeschoben, +und diese fest verschlossen. Ganz verstört eilt ich nach Hause, und +ihr könnt wohl denken, daß ich, zu tief von dem grauenvollen Geheimnis +ergriffen, auch nicht den mindesten nur wahrscheinlichen Zusammenhang +der Sache mir in den ersten Tagen denken konnte. Nur so viel war +gewiß, daß, hielt mich so lange ein böser Zauber gefangen, dieser +jetzt in der Tat von mir abgelassen hatte. Alle schmerzliche Sehnsucht +nach dem Zauberbilde in dem Spiegel war gewichen, und bald gemahnte +mich jener Auftritt im öden Gebäude wie das unvermutete Hineingeraten +in ein Tollhaus. Daß der Hausverwalter zum tyrannischen Wächter einer +wahnsinnigen Frau von vornehmer Geburt, deren Zustand vielleicht der +Welt verborgen bleiben sollte, bestimmt worden, daran war nicht zu +zweifeln, wie aber der Spiegel - das tolle Zauberwesen überhaupt - +doch weiter - weiter! + +Später begab es sich, daß ich in zahlreicher Gesellschaft den Grafen +P. fand, der mich in eine Ecke zog und lachend sprach: >Wissen Sie +wohl, daß sich die Geheimnisse unseres öden Hauses zu enthüllen +anfangen?< Ich horchte hoch auf, aber indem der Graf weiter erzählen +wollte, öffneten sich die Flügeltüren des Eßsaals, man ging zur +Tafel. Ganz vertieft in Gedanken an die Geheimnisse, die mir der Graf +entwickeln wollte, hatte ich einer jungen Dame den Arm geboten und war +mechanisch der in steifem Zeremoniell sehr langsam daherschreitenden +Reihe gefolgt. Ich führe meine Dame zu dem offnen Platz, der sich +uns darbietet, schaue sie nun erst recht an und - erblicke mein +Spiegelbild in den getreusten Zügen, so daß gar keine Täuschung +möglich ist. Daß ich im Innersten erbebte, könnt ihr euch wohl denken, +aber ebenso muß ich euch versichern, daß sich auch nicht der leiseste +Anklang jener verderblichen wahnsinnigen Liebeswut in mir regte, die +mich ganz und gar befing, wenn mein Hauch das wunderbare Frauenbild +aus dem Spiegel hervorrief. - Meine Befremdung, noch mehr, mein +Erschrecken muß lesbar gewesen sein in meinem Blick, denn das Mädchen +sah mich ganz verwundert an, so daß ich für nötig hielt, mich so, +wie ich nur konnte, zusammen zu nehmen, und so gelassen als möglich +anzuführen, daß eine lebhafte Erinnerung mich gar nicht zweifeln +lasse, sie schon irgendwo gesehen zu haben. Die kurze Abfertigung, +daß dies wohl nicht gut der Fall sein könne, da sie gestern erst und +zwar das erstemal in ihrem Leben nach ***n gekommen, machte mich im +eigentlichsten Sinn des Worts etwas verblüfft. Ich verstummte. Nur der +Engelsblick, den die holdseligen Augen des Mädchens mir zuwarfen, half +mir wieder auf. Ihr wißt, wie man bei derlei Gelegenheit die geistigen +Fühlhörner ausstrecken und leise, leise tasten muß, bis man die Stelle +findet, wo der angegebene Ton widerklingt. So macht ich es und fand +bald, daß ich ein zartes, holdes, aber in irgend einem psychischen +Überreiz verkränkeltes Wesen neben mir hatte. Bei irgend einer heitern +Wendung des Geprächs, vorzüglich wenn ich zur Würze wie scharfen +Cayenne-Pfeffer irgend ein keckes bizarres Wort hineinstreute, +lächelte sie zwar, aber seltsam schmerzlich, wie zu hart berührt. >Sie +sind nicht heiter, meine Gnädige, vielleicht der Besuch heute morgen.< +- So redete ein nicht weit entfernt sitzender Offizier meine Dame an, +aber in dem Augenblick faßte ihn sein Nachbar schnell beim Arm und +sagte ihm etwas ins Ohr, während eine Frau an der andern Seite des +Tisches Glut auf den Wangen und im Blick laut der herrlichen Oper +erwähnte, deren Darstellung sie in Paris gesehen und mit der heutigen +vergleichen werde. - Meiner Nachbarin stürzten die Tränen aus den +Augen: >Bin ich nicht ein albernes Kind<, wandte sie sich zu mir. +Schon erst hatte sie über Migräne geklagt. >Die gewöhnliche Folge des +nervösen Kopfschmerzes<, erwiderte ich daher mit unbefangenem Ton, +>wofür nichts besser hilft, als der muntre kecke Geist, der in dem +Schaum dieses Dichtergetränks sprudelt.< Mit diesen Worten schenkte +ich Champagner, den sie erst abgelehnt, in ihr Glas ein, und indem +sie davon nippte, dankte ihr Blick meiner Deutung der Tränen, die sie +nicht zu bergen vermochte. Es schien heller geworden in ihrem Innern +und alles wäre gut gegangen, wenn ich nicht zuletzt unversehends +hart an das vor mir stehende englische Glas gestoßen, so daß es in +gellender schneidender Höhe ertönte. Da erbleichte meine Nachbarin bis +zum Tode, und auch mich ergriff ein plötzliches Grauen, weil der Ton +mir die Stimme der wahnsinnigen Alten im öden Hause schien. - Während +daß man Kaffee nahm, fand ich Gelegenheit, mich dem Grafen P. zu +nähern; er merkte gut, warum. >Wissen Sie wohl, daß ihre Nachbarin die +Gräfin Edwine von S. war? - Wissen Sie wohl, daß in dem öden Hause +die Schwester ihrer Mutter, schon seit Jahren unheilbar wahnsinnig, +eingesperrt gehalten wird? - Heute morgen waren beide, Mutter und +Tochter, bei der Unglücklichen. Der alte Hausverwalter, der einzige, +der den gewaltsamen Ausbrüchen des Wahnsinns der Gräfin zu steuern +wußte, und dem daher die Aufsicht über sie übertragen wurde, liegt +todkrank, und man sagt, daß die Schwester endlich dem Doktor K. das +Geheimnis anvertraut, und daß dieser noch die letzten Mittel versuchen +wird, die Kranke, wo nicht herzustellen, doch von der entsetzlichen +Tobsucht, in die sie zuweilen ausbrechen soll, zu retten. Mehr weiß +ich vorderhand nicht.< - Andere traten hinzu, das Gespräch brach +ab. - Doktor K. war nun gerade derjenige, an den ich mich meines +rätselhaften Zustandes halber, gewandt, und ihr möget euch wohl +vorstellen, daß ich, sobald es sein konnte, zu ihm eilte, und alles, +was mir seit der Zeit widerfahren, getreulich erzählte. Ich forderte +ihn auf zu meiner Beruhigung, so viel als er von der wahnsinnigen +Alten wisse, zu sagen, und er nahm keinen Anstand, mir, nachdem ich +ihm strenge Verschwiegenheit gelobt, folgendes anzuvertrauen. + +>Angelika, Gräfin von Z.< (so fing der Doktor an) >unerachtet in die +Dreißig vorgerückt, stand noch in der vollsten Blüte wunderbarer +Schönheit, als der Graf von S., der viel jünger an Jahren, sie hier +in ***n bei Hofe sah, und sich in ihren Reizen so verfing, daß er +zur Stunde die eifrigsten Bewerbungen begann und selbst, als zur +Sommerszeit die Gräfin auf die Güter ihres Vaters zurückkehrte, ihr +nachreiste, um seine Wünsche, die nach Angelikas Benehmen durchaus +nicht hoffnungslos zu sein schienen, dem alten Grafen zu eröffnen. +Kaum war Graf S. aber dort angekommen, kaum sah er Angelikas jüngere +Schwester Gabriele, als er wie aus einer Bezauberung erwachte. In +verblühter Farblosigkeit stand Angelika neben Gabrielen, deren +Schönheit und Anmut den Grafen S. unwiderstehlich hinriß, und so kam +es, daß er, ohne Angelika weiter zu beachten, um Gabrielens Hand warb, +die ihm der alte Graf Z. um so lieber zusagte, als Gabriele gleich +die entschiedenste Neigung für den Grafen S. zeigte. Angelika äußerte +nicht den mindesten Verdruß über die Untreue ihres Liebhabers. ,Er +glaubt mich verlassen zu haben. Der törichte Knabe! er merkt nicht, +daß nicht _ich_, daß _er_ mein Spielzeug war, das ich wegwarf!` - So +sprach sie in stolzem Hohn, und in der Tat, ihr ganzes Wesen zeigte, +daß es wohl Ernst sein mochte mit der Verachtung des Ungetreuen. +Übrigens sah man, sobald das Bündnis Gabrielens mit dem Grafen von S. +ausgesprochen war, Angelika sehr selten. Sie erschien nicht bei der +Tafel und man sagte, sie schweife einsam im nächsten Walde umher, +den sie längst zum Ziel ihrer Spaziergänge gewählt hatte. - Ein +sonderbarer Vorfall störte die einförmige Ruhe, die im Schlosse +herrschte. Es begab sich, daß die Jäger des Grafen von Z., unterstützt +von den in großer Anzahl aufgebotenen Bauern, endlich eine +Zigeunerbande eingefangen hatten, der man die Mordbrennereien und +Räubereien, welche seit kurzer Zeit so häufig in der Gegend vorfielen, +schuld gab. An eine lange Kette geschlossen brachte man die Männer, +gebunden auf einen Wagen gepackt die Weiber und Kinder auf den +Schloßhof. Manche trotzige Gestalt, die mit wildem funkelnden +Blick, wie ein gefesselter Tiger, keck umherschaute, schien den +entschlossenen Räuber und Mörder zu bezeichnen, vorzüglich fiel aber +ein langes, hageres, entsetzliches Weib, in einen blutroten Shawl vom +Kopf bis zu Fuß gewickelt, ins Auge, die aufrecht im Wagen stand, +und mit gebietender Stimme rief. man solle sie herabsteigen lassen, +welches auch geschah. Der Graf von Z. kam auf den Schloßhof und befahl +eben, wie man die Bande abgesondert in den festen Schloßgefängnissen +verteilen solle, als mit fliegenden Haaren, Entsetzen und Angst in +bleichem Gesicht, Gräfin Angelika aus der Tür hinausstürzte, und auf +die Kniee geworfen mit schneidender Stimme rief. ,Diese Leute los - +diese Leute los - sie sind unschuldig, unschuldig - Vater: laß diese +Leute los! - ein Tropfen Bluts vergossen an einem von diesen und ich +stoße mir dieses Messer in die Brust!` - Damit schwang die Gräfin ein +spiegelblankes Messer in den Lüften und sank ohnmächtig nieder. ,Ei +mein schönes Püppchen, mein trautes Goldkind, das wußt ich ja wohl, +daß du es nicht leiden würdest!` - So meckerte die rote Alte. Dann +kauerte sie nieder neben der Gräfin und bedeckte Gesicht und Busen mit +ekelhaften Küssen, indem sie fortwährend murmelte: ,Blanke Tochter, +blanke Tochter wach auf, wach auf, der Bräutigam kommt - hei hei +blanker Bräutigam kommt.` Damit nahm die Alte eine Phiole hervor, +in der ein kleiner Goldfisch in silberhellem Spiritus auf und ab zu +gaukeln schien. Diese Phiole hielt die Alte der Gräfin an das Herz, +augenblicklich erwachte sie, aber kaum erblickte sie das Zigeunerweib, +als sie aufsprang, das Weib heftig und brünstig umarmte und dann mit +ihr davoneilte in das Schloß hinein. Der Graf von Z. - Gabriele, ihr +Bräutigam, die unterdessen erschienen, schauten ganz erstarrt und von +seltsamen Grauen ergriffen, das alles an. Die Zigeuner blieben ganz +gleichgültig und ruhig, sie wurden nun abgelöst von der Kette, und +einzeln gefesselt in die Schloßgefängnisse geworfen. Am andern Morgen +ließ der Graf von Z. die Gemeinde versammeln, die Zigeuner wurden +vorgeführt, der Graf erklärte laut, daß sie ganz unschuldig wären an +allen Räubereien, die in der Gegend verübt, und daß er ihnen freien +Durchzug durch sein Gebiet verstatte, worauf sie entfesselt und zum +Erstaunen aller mit Pässen wohl versehen entlassen wurden. Das rote +Weib wurde vermißt. Man wollte wissen, daß der Zigeunerhauptmann, +kenntlich an den goldnen Ketten um den Hals und dem roten Federbusch +an dem spanisch niedergekrempten Hut, nachts auf dem Zimmer des Grafen +gewesen. Einige Zeit nachher ward es unbezweifelt dargetan, daß die +Zigeuner an dem Rauben und Morden in dem Gebiet umher in der Tat auch +nicht den mindesten Anteil hatten. - Gabrieles Hochzeit rückte heran, +mit Erstaunen bemerkte sie eines Tages, daß mehrere Rüstwagen mit +Meublen, Kleidungsstücken, Wäsche, kurz, mit einer ganz vollständigen +Hauseinrichtung bepackt wurden und abfuhren. Andern Morgens erfuhr +sie, daß Angelika begleitet von dem Kammerdiener des Grafen S. und +einer vermummten Frau, die der alten roten Zigeunerin ähnlich gesehen, +nachts abgereiset sei. Graf Z. löste das Rätsel, indem er erklärte, +daß er sich aus gewissen Ursachen genötiget gesehen, den freilich +seltsamen Wünschen Angelikas nachzugeben, und ihr nicht allein das in +***n belegne Haus in der Allee als Eigentum zu schenken, sondern auch +zu erlauben, daß sie dort einen eignen, ganz unabhängigen Haushalt +führe, wobei sie sich bedungen, daß keiner aus der Familie, ihn selbst +nicht ausgenommen, ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis das Haus betreten +solle. Der Graf von S. fügte hinzu, daß auf Angelikas dringenden +Wunsch er seinen Kammerdiener ihr überlassen müssen, der mitgereiset +sei nach ***n. Die Hochzeit wurde vollzogen, Graf S. ging mit seiner +Gemahlin nach D. und ein Jahr verging ihnen in ungetrübter Heiterkeit. +Dann fing aber der Graf an auf ganz eigne Weise zu kränkeln. Es war, +als wenn ihm ein geheimer Schmerz alle Lebenslust, alle Lebenskraft +raube, und vergebens waren alle Bemühungen seiner Gemahlin, das +Geheimnis ihm zu entreißen, das sein Innerstes verderblich zu +verstören schien. - Als endlich tiefe Ohnmachten seinen Zustand +lebensgefährlich machten, gab er den Ärzten nach und ging angeblich +nach Pisa. - Gabriele konnte nicht mitreisen, da sie ihrer Niederkunft +entgegensah, die indessen erst nach mehrern Wochen erfolgte. - Hier<, +sprach der Arzt, >werden die Mitteilungen der Gräfin Gabriele von S. +so rhapsodisch, daß nur ein tieferer Blick den näheren Zusammenhang +auffassen kann. - Genug - ihr Kind, ein Mädgen, verschwindet auf +unbegreifliche Weise aus der Wiege, alle Nachforschungen bleiben +vergebens - ihre Trostlosigkeit geht bis zur Verzweiflung, als zur +selbigen Zeit Graf von Z. ihr die entsetzliche Nachricht schreibt, daß +er den Schwiegersohn, den er auf dem Wege nach Pisa glaubte, in ***n +und zwar in Angelikas Hause, vom Nervenschlage zum Tode getroffen, +gefunden; daß Angelika in furchtbaren Wahnsinn geraten sei und daß er +solchen Jammer wohl nicht lange tragen werde. - Sowie Gabriele von +S. nur einige Kräfte gewonnen, eilt sie auf die Güter des Vaters; +in schlafloser Nacht das Bild des verlornen Gatten, des verlornen +Kindes vor Augen, glaubt sie ein leises Wimmern vor der Türe des +Schlafzimmers zu vernehmen; ermutigt, zündet sie die Kerzen des +Armleuchters bei der Nachtlampe an und tritt heraus. - Heiliger Gott! +niedergekauert zur Erde, in den roten Shawl gewickelt, starrt das +Zigeunerweib mit stierem, leblosem Blick ihr in die Augen - in den +Armen hält sie ein kleines Kind, das so ängstlich wimmert, das Herz +schlägt der Gräfin hoch auf in der Brust! - es ist ihr Kind! - es ist +die verlorne Tochter! - Sie reißt das Kind der Zigeunerin aus den +Armen, aber in diesem Augenblick kugelt diese um, wie eine leblose +Puppe. Auf das Angstgeschrei der Gräfin wird alles wach, man eilt +hinzu, man findet das Weib tot auf der Erde, kein Belebungsmittel +wirkt und der Graf läßt sie einscharren. - Was bleibt übrig, als nach +***n zur wahnsinnigen Angelika zu eilen, und vielleicht dort das +Geheimnis mit dem Kinde zu erforschen. Alles hat sich verändert. +Angelikas wilde Raserei hat alle weibliche Dienstboten entfernt, nur +der Kammerdiener ist geblieben. Angelika ist ruhig und vernünftig +geworden. Als der Graf die Geschichte von Gabrielens Kinde erzählt, +schlägt sie die Hände zusammen, und ruft mit lautem Lachen: ,Ist's +Püppgen angekommen? richtig angekommen? - eingescharrt, eingescharrt? +Ojemine, wie prächtig sich der Goldfasan schüttelt! wißt ihr nichts +vom grünen Löwen mit den blauen Glutaugen?` - Mit Entsetzen bemerkt +der Graf die Rückkehr des Wahnsinns, indem plötzlich Angelikas Gesicht +die Züge des Zigeunerweibes anzunehmen scheint, und beschließt, +die Arme mitzunehmen auf die Güter, welches der alte Kammerdiener +widerrät. In der Tat bricht auch der Wahnsinn Angelikas in Wut +und Raserei aus, sobald man Anstalten macht, sie aus dem Hause zu +entfernen. - In einem lichten Zwischenraum beschwört Angelika mit +heißen Tränen den Vater, sie in dem Hause sterben zu lassen, und +tiefgerührt bewilligt er dies, wiewohl er das Geständnis, das +dabei ihren Lippen entflieht, nur für das Erzeugnis des aufs neue +ausbrechenden Wahnsinns hält. Sie bekennt, daß Graf S. in ihre Arme +zurückgekehrt, und daß das Kind, welches die Zigeunerin ins Haus des +Grafen von Z. brachte, die Frucht dieses Bündnisses sei. - In der +Residenz glaubt man, daß der Graf von Z. die Unglückliche mitgenommen +hat auf die Güter, indessen sie hier tiefverborgen und der Aufsicht +des Kammerdieners übergeben in dem verödeten Hause bleibt. - Graf von +Z. ist gestorben vor einiger Zeit, und Gräfin Gabriele von S. kam mit +Edmonden her, um Familienangelegenheiten zu berichtigen. Sie durfte es +sich nicht versagen, die unglückliche Schwester zu sehen. Bei diesem +Besuch muß sich Wunderliches ereignet haben, doch hat mir die Gräfin +nichts darüber vertraut, sondern nur im allgemeinen gesagt, daß es nun +nötig geworden, dem alten Kammerdiener die Unglückliche zu entreißen. +Einmal habe er, wie es herausgekommen, durch harte grausame +Mißhandlungen den Ausbrüchen des Wahnsinns zu steuern gesucht, dann +aber, durch Angelikas Vorspieglung, daß sie Gold zu machen verstehe, +sich verleiten lassen, mit ihr allerlei sonderbare Operationen +vorzunehmen und ihr alles Nötige dazu herbeizuschaffen. - Es würde +wohl< (so schloß der Arzt seine Erzählung) >ganz überflüssig sein, +_Sie_, gerade _Sie_ auf den tiefern Zusammenhang aller dieser seltsamen +Dinge aufmerksam zu machen. Es ist mir gewiß, daß _Sie_ die Katastrophe +herbeigeführt haben, die der Alten Genesung oder baldigen Tod bringen +wird. Übrigens mag ich jetzt nicht verhehlen, daß ich mich nicht wenig +entsetzte, als ich, nachdem ich mich mit Ihnen in magnetischen Rapport +gesetzt, ebenfalls das Bild im Spiegel sah. Daß dies Bild Edmonde war, +wissen wir nun beide.< + +Ebenso, wie der Arzt glaubte, für mich nichts hinzufügen zu dürfen, +ebenso halte ich es für ganz unnütz, mich nun noch darüber etwa zu +verbreiten, in welchem geheimen Verhältnis Angelika, Edmonde, ich und +der alte Kammerdiener standen, und wie mystische Wechselwirkungen ein +dämonisches Spiel trieben. Nur so viel sage ich noch, daß mich nach +diesen Begebenheiten ein drückendes, unheimliches Gefühl aus der +Residenz trieb, welches erst nach einiger Zeit mich plötzlich verließ. +Ich glaube, daß die Alte in dem Augenblick, als ein ganz besonderes +Wohlsein mein Innerstes durchströmte, gestorben ist.« So endete +Theodor seine Erzählung. Noch manches sprachen die Freunde über +Theodors Abenteuer und gaben ihm recht, daß sich darin das Wunderliche +mit dem Wunderbaren auf seltsame greuliche Weise mische. - Als sie +schieden, nahm Franz Theodors Hand und sprach, sie leise schüttelnd, +mit beinahe wehmütigem Lächeln: »Gute Nacht, du Spalanzanische +Fledermaus!« + + + +Das Majorat + +Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich +von R..schen Familie, R..sitten genannt. Die Gegend ist rauh und öde, +kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, +und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, +schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein +dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck +des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens +der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze +der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen +widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur. +Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker +und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem +geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines +freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses +sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. +Die Nachfolger, auf ihren Gütern in Kurland hausend, ließen den Bau +liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen +Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem +finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam +liegenden Schlosse zusagte. + +Er ließ das verfallene Gebäude, so gut es gehen wollte, herstellen und +sperrte sich darin ein mit einem grämlichen Hausverwalter und geringer +Dienerschaft. Nur selten sah man ihn im Dorfe, dagegen ging und ritt +er oft am Meeresstrande hin und her, und man wollte aus der Ferne +bemerkt haben, wie er in die Wellen hineinsprach und dem Brausen und +Zischen der Brandung zuhorchte, als vernehme er die antwortende Stimme +des Meergeistes. + +Auf der höchsten Spitze des Wartturms hatte er ein Kabinett einrichten +und mit Fernröhren - mit einem vollständigen astronomischen +Apparat versehen lassen; da beobachtete er Tages, nach dem Meer +hinausschauend, die Schiffe, die oft gleich weißbeschwingten +Meervögeln am fernen Horizont vorüberflogen. Sternenhelle Nächte +brachte er hin mit astronomischer oder, wie man wissen wollte, mit +astrologischer Arbeit, worin ihm der alte Hausverwalter beistand. +Überhaupt ging zu seinen Lebzeiten die Sage, daß er geheimer +Wissenschaft, der sogenannten schwarzen Kunst, ergeben sei, und daß +eine verfehlte Operation, durch die ein hohes Fürstenhaus auf das +empfindlichste gekränkt wurde, ihn aus Kurland vertrieben habe. Die +leiseste Erinnerung an seinen dortigen Aufenthalt erfüllte ihn mit +Entsetzen, aber alles sein Leben Verstörende, was ihm dort geschehen, +schrieb er lediglich der Schuld der Vorfahren zu, die die Ahnenburg +böslich verließen. + +Um für die Zukunft wenigstens das Haupt der Familie an das Stammhaus +zu fesseln, bestimmte er es zu einem Majoratsbesitztum. Der +Landesherr bestätigte die Stiftung um so lieber, als dadurch eine an +ritterlicher Tugend reiche Familie, deren Zweige schon in das Ausland +herüberrankten, für das Vaterland gewonnen werden sollte. Weder +Roderichs Sohn, Hubert, noch der jetzige Majoratsherr, wie sein +Großvater Roderich geheißen, mochte indessen in dem Stammschlosse +hausen, beide blieben in Kurland. Man mußte glauben, daß sie, heitrer +und lebenslustiger gesinnt als der düstre Ahnherr, die schaurige Öde +des Aufenthaltes scheuten. + +Freiherr Roderich hatte zwei alten, unverheirateten Schwestern seines +Vaters, die, mager ausgestattet, in Dürftigkeit lebten, Wohnung und +Unterhalt auf dem Gute gestattet. Diese saßen mit einer bejahrten +Dienerin in den kleinen warmen Zimmern des Nebenflügels, und außer +ihnen und dem Koch, der im Erdgeschoß ein großes Gemach neben +der Küche inne hatte, wankte in den hohen Zimmern und Sälen des +Hauptgebäudes nur noch ein abgelebter Jäger umher, der zugleich die +Dienste des Kastellans versah. Die übrige Dienerschaft wohnte im Dorfe +bei dem Wirtschaftsinspektor. + +Nur in später Herbstzeit, wenn der erste Schnee zu fallen begann, und +die Wolfs-, die Schweinsjagden aufgingen, wurde das öde, verlassene +Schloß lebendig. Dann kam Freiherr Roderich mit seiner Gemahlin, +begleitet von Verwandten, Freunden und zahlreichem Jagdgefolge, +herüber aus Kurland. Der benachbarte Adel, ja selbst jagdlustige +Freunde aus der naheliegenden Stadt fanden sich ein, kaum vermochten +Hauptgebäude und Nebenflügel die zuströmenden Gäste zu fassen, in +allen Öfen und Kaminen knisterten reichlich zugeschürte Feuer, vom +grauen Morgen bis in die Nacht hinein schnurrten die Bratenwender, +Trepp' auf, Trepp' ab liefen hundert lustige Leute, Herren und Diener, +dort erklangen angestoßene Pokale und fröhliche Jägerlieder, hier die +Tritte der nach gellender Musik Tanzenden, überall lautes Jauchzen und +Gelächter, und so glich vier bis sechs Wochen hindurch das Schloß mehr +einer prächtigen, an vielbefahrner Landstraße liegenden Herberge, als +der Wohnung des Gutsherrn. + +Freiherr Roderich widmete diese Zeit, so gut es sich nur tun ließ, +ernstem Geschäfte, indem er, zurückgezogen aus dem Strudel der Gäste, +die Pflichten des Majoratsherrn erfüllte. Nicht allein, daß er sich +vollständige Rechnung der Einkünfte legen ließ, so hörte er auch jeden +Vorschlag irgendeiner Verbesserung, sowie die kleinste Beschwerde +seiner Untertanen an und suchte alles zu ordnen, jedem Unrechten oder +Unbilligen zu steuern, wie er es nur vermochte. In diesen Geschäften +stand ihm der alte Advokat V., von Vater auf Sohn vererbter +Geschäftsträger des R..schen Hauses und Justitiarius der in P. +liegenden Güter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht Tage vor +der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem Majoratsgute abzureisen. + +Im Jahre 179- war die Zeit gekommen, daß der alte V. nach R..sitten +reisen sollte. So lebenskräftig der Greis von siebzig Jahren sich auch +fühlte, mußte er doch glauben, daß eine hülfreiche Hand im Geschäft +ihm wohltun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir: + +»Vetter!« (so nannte er mich, seinen Großneffen, da ich seine Vornamen +erhielt) »Vetter! ich dächte, du ließest dir einmal etwas Seewind um +die Ohren sausen und kämst mit mir nach R..sitten. Außerdem, daß du +mir wacker beistehen kannst in meinem manchmal bösen Geschäft, so +magst du dich auch einmal im wilden Jägerleben versuchen und zusehen, +wie, nachdem du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben, +du den andern solch trotzigem Tier, als da ist ein langbehaarter, +greulicher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge +zu schauen oder gar es mit einem tüchtigen Büchsenschuß zu erlegen +verstehest.« + +Nicht so viel Seltsames von der lustigen Jagdzeit in R..sitten hätte +ich schon hören, nicht so mit ganzer Seele dem herrlichen alten +Großonkel anhängen müssen, um nicht hocherfreut zu sein, daß er mich +diesmal mitnehmen wolle. Schon ziemlich geübt in derlei Geschäften, +wie er sie vorhatte, versprach ich mit tapferm Fleiß ihm alle Mühe und +Sorge abzunehmen. + +Andern Tags saßen wir, in tüchtige Pelze eingehüllt, im Wagen +und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter verkündendes +Schneegestöber nach R..sitten. + +Unterwegs erzählte mir der Alte manches Wunderliche von dem Freiherrn +Roderich, der das Majorat stiftete und ihn, seines Jünglingsalters +ungeachtet, zu seinem Justitiarius und Testamentsvollstrecker +ernannte. Er sprach von dem rauhen, wilden Wesen, das der alte Herr +gehabt und das sich auf die ganze Familie zu vererben schiene, da +selbst der jetzige Majoratsherr, den er als sanftmütigen, beinahe +weichlichen Jüngling gekannt, von Jahr zu Jahr mehr davon ergriffen +werde. + +Er schrieb mir vor, wie ich mich keck und unbefangen betragen müßte, +um in des Freiherrn Augen was wert zu sein, und kam endlich auf die +Wohnung im Schlosse, die er ein für allemal gewählt, da sie warm, +bequem und so abgelegen sei, daß wir uns, wenn und wie wir wollten, +dem tollen Getöse der jubilierenden Gesellschaft entziehen könnten. In +zwei kleinen, mit warmen Tapeten behangenen Zimmern, dicht neben dem +großen Gerichtssaal im Seitenflügel, dem gegenüber, wo die alten +Fräuleins wohnten, da wäre ihm jedesmal seine Residenz bereitet. +Endlich nach schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer +Nacht nach R..sitten. + +Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade Sonntag, im Kruge Tanzmusik +und fröhlicher Jubel, des Wirtschaftsinspektors Haus von unten bis +oben erleuchtet, drinnen auch Musik und Gesang; desto schauerlicher +wurde die Öde, in die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in +schneidenden Jammertönen herüber und, als habe er sie aus tiefem +Zauberschlaf geweckt, stöhnten die düstern Föhren ihm nach in dumpfer +Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen empor aus +dem Schneegrunde, wir hielten an dem verschlossenen Tor. Aber da half +kein Rufen, kein Peitschengeknalle, kein Hämmern und Pochen, es war, +als sei alles ausgestorben, in keinem Fenster ein Licht sichtbar. + +Der Alte ließ seine starke dröhnende Stimme erschallen: »Franz - +Franz! Wo steckt Ihr denn? Zum Teufel, rührt Euch! - Wir erfrieren +hier am Tor! Der Schnee schmeißt einem ja das Gesicht blutrünstig +- rührt Euch, zum Teufel.« Da fing ein Hofhund zu winseln an, ein +wandelndes Licht wurde im Erdgeschosse sichtbar, Schlüssel klapperten, +und bald knarrten die gewichtigen Torflügel auf. + +»Ei, schön willkommen, schön willkommen, Herr Justitiarius, ei, in dem +unsaubern Wetter!« So rief der alte Franz, indem er die Laterne hoch +in die Hände hob, so daß das volle Licht auf sein verschrumpftes, zum +freundlichen Lachen sonderbar verzogenes Gesicht fiel. Der Wagen fuhr +in den Hof, wir stiegen aus, und nun gewahrte ich erst ganz des alten +Bedienten seltsame, in eine altmodische, weite, mit vielen Schnüren +wunderlich ausstaffierte Jägerlivrei gehüllte Gestalt. + +Über die breite weiße Stirn legten sich nur ein paar graue Löckchen, +der untere Teil des Gesichts hatte die robuste Jägerfarbe, und +unerachtet die verzogenen Muskeln das Gesicht zu einer beinahe +abenteuerlichen Maske formten, söhnte doch die etwas dümmliche +Gutmütigkeit, die aus den Augen leuchtete und um den Mund spielte, +alles wieder aus. + +»Nun, alter Franz«, fing der Großonkel an, indem er sich im Vorsaal +den Schnee vom Pelze abklopfte, »nun, alter Franz, ist alles bereitet, +sind die Tapeten in meinen Stuben abgestaubt, sind die Betten +hineingetragen, ist gestern und heute tüchtig geheizt worden?« »Nein«, +erwiderte Franz sehr gelassen, »nein, mein wertester Herr Justitiarius, +das ist alles nicht geschehen.« + +»Herr Gott«, fuhr der Großonkel auf, »ich habe ja zeitig genug +geschrieben, ich komme ja stets nach dem richtigen Datum, das ist +ja eine Tölpelei, nun kann ich in eiskalten Zimmern hausen.« »Ja, +wertester Herr Justitiarius«, sprach Franz weiter, indem er sehr +sorglich mit der Lichtschere von dem Docht einen glimmenden Räuber +abschnippte und ihn mit dem Fuße austrat, »ja, sehn Sie, das alles, +vorzüglich das Heizen, hätte nicht viel geholfen, denn der Wind und +der Schnee, die hausen gar zu sehr hinein durch die zerbrochenen +Fensterscheiben, und da« »Was«, fiel der Großonkel ihm in die Rede, +den Pelz weit auseinanderschlagend und beide Arme in die Seiten +stemmend, »was, die Fenster sind zerbrochen, und Ihr, des Hauses +Kastellan, habt nichts machen lassen?« + +»Ja, wertester Herr Justitiarius«, fuhr der Alte ruhig und gelassen +fort, »man kann nur nicht recht hinzu wegen des vielen Schutts und der +vielen Mauersteine, die in den Zimmern herumliegen.« »Wo zum Tausend +Himmel Sapperment kommen Schutt und Steine in meine Zimmer?« schrie +der Großonkel. »Zum beständigen fröhlichen Wohlsein, mein junger +Herr!« rief der Alte, sich höflich bückend, da ich eben nieste, +setzte aber gleich hinzu: »Es sind die Steine und der Kalk von der +Mittelwand, die von der großen Erschütterung einfiel.« + +»Habt Ihr ein Erdbeben gehabt?« platzte der Großonkel zornig heraus. +»Das nicht, wertester Herr Justitiarius«, erwiderte der Alte, mit +dem ganzen Gesicht lächelnd, »aber vor drei Tagen ist die schwere, +getäfelte Decke des Gerichtssaals mit gewaltigem Krachen eingestürzt.« +»So soll doch das« - Der Großonkel wollte, heftig und aufbrausend, +wie er war, einen schweren Fluch ausstoßen; aber indem er mit der +Rechten in die Höhe fuhr und mit der Linken die Fuchsmütze von der +Stirn rückte, hielt er plötzlich inne, wandte sich nach mir um und +sprach laut auflachend: »Wahrhaftig, Vetter! wir müssen das Maul +halten, wir dürfen nicht weiter fragen; sonst erfahren wir noch +ärgeres Unheil, oder das ganze Schloß stürzt uns über den Köpfen +zusammen.« + +»Aber«, fuhr er fort, sich nach dem Alten umdrehend, »aber, Franz, +konntet Ihr denn nicht so gescheit sein, mir ein anderes Zimmer +reinigen und heizen zu lassen? Konntet Ihr nicht irgendeinen Saal im +Hauptgebäude schnell einrichten zum Gerichtstage?« »Dieses ist auch +bereits alles geschehen«, sprach der Alte, indem er freundlich nach +der Treppe wies und sofort hinaufzusteigen begann. »Nun seht mir +doch den wunderlichen Kauz«, rief der Onkel, indem wir dem Alten +nachschritten. + +Es ging fort durch lange hochgewölbte Korridore, Franzens flackerndes +Licht warf einen wunderlichen Schein in die dicke Finsternis. +Säulen, Kapitäler und bunte Bogen zeigten sich oft wie in den Lüften +schwebend, riesengroß schritten unsere Schatten neben uns her, und die +seltsamen Gebilde an den Wänden, über die sie wegschlüpften, schienen +zu zittern und zu schwanken, und ihre Stimmen wisperten in den +dröhnenden Nachhall unserer Tritte hinein: »Weckt uns nicht, weckt uns +nicht, uns tolles Zaubervolk, das hier in den alten Steinen schläft!« + +Endlich öffnete Franz, nachdem wir eine Reihe kalter, finstrer +Gemächer durchgangen, einen Saal, in dem ein hellaufloderndes +Kaminfeuer uns mit seinem lustigen Knistern wie mit heimatlichem Gruß +empfing. Mir wurde gleich, sowie ich eintrat, ganz wohl zumute, doch +der Großonkel blieb mitten im Saal stehen, schaute ringsumher und +sprach mit sehr ernstem, beinahe feierlichem Ton: »Also hier, dies +soll der Gerichtssaal sein?« - Franz, in die Höhe leuchtend, so daß +an der breiten dunklen Wand ein heller Fleck, wie eine Türe groß, +ins Auge fiel, sprach dumpf und schmerzhaft: »Hier ist ja wohl schon +Gericht gehalten worden!« + +»Was kommt Euch ein, Alter?« rief der Onkel, indem er den Pelz schnell +abwarf und an das Kaminfeuer trat. »Es fuhr mir nur so heraus«, sprach +Franz, zündete die Lichter an und öffnete das Nebenzimmer, welches zu +unsrer Aufnahme ganz heimlich bereitet war. + +Nicht lange dauerte es, so stand ein gedeckter Tisch vor dem Kamin, +der Alte trug wohlzubereitete Schüsseln auf, denen, wie es uns beiden, +dem Großonkel und mir, recht behaglich war, eine tüchtige Schale nach +echt nordischer Art gebrauten Punsches folgte. Ermüdet von der Reise, +suchte der Großonkel, sowie er gegessen, das Bette; das Neue, Seltsame +des Aufenthalts, ja selbst der Punsch, hatte aber meine Lebensgeister +zu sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Franz räumte den Tisch +ab, schürte das Kaminfeuer zu und verließ mich mit freundlichen +Bücklingen. + +Nun saß ich allein in dem hohen, weiten Rittersaal. Das Schneegestöber +hatte zu schlackern, der Sturm zu sausen aufgehört, heitrer Himmel +war's geworden, und der helle Vollmond strahlte durch die breiten +Bogenfenster, alle finstre Ecken des wunderlichen Baues, wohin der +düstere Schein meiner Kerzen und des Kaminfeuers nicht dringen konnte, +magisch erleuchtend. + +So wie man es wohl noch in alten Schlössern antrifft, waren auf +seltsame altertümliche Weise Wände und Decke des Saals verziert, +diese mit schwerem Getäfel, jene mit fantastischer Bilderei und +buntgemaltem, vergoldetem Schnitzwerk. Aus den großen Gemälden, +mehrenteils das wilde Gewühl blutiger Bären- und Wolfsjagden +darstellend, sprangen in Holz geschnitzte Tier- und Menschenköpfe +hervor, den gemalten Leibern angesetzt, so daß, zumal bei der +flackernden, schimmernden Beleuchtung des Feuers und des Mondes, das +Ganze in greulicher Wahrheit lebte. + +Zwischen diesen Gemälden waren lebensgroße Bilder, in Jägertracht +dahinschreitende Ritter, wahrscheinlich der jagdlustigen Ahnherren, +eingefügt. Alles, Malerei und Schnitzwerk, trug die dunkle Farbe +langverjährter Zeit; um so mehr fiel der helle kahle Fleck an +derselben Wand, durch die zwei Türen in Nebengemächer führten, auf; +bald erkannte ich, daß dort auch eine Tür gewesen sein müßte, die +später zugemauert worden, und daß eben dies neue, nicht einmal der +übrigen Wand gleich gemalte oder mit Schnitzwerk verzierte Gemäuer auf +jene Art absteche. - + +Wer weiß es nicht, wie ein ungewöhnlicher, abenteuerlicher Aufenthalt +mit geheimnisvoller Macht den Geist zu erfassen vermag, selbst +die trägste Fantasie wird wach in dem von wunderlichen Felsen +umschlossenen Tal in den düstern Mauern einer Kirche o. s., und will +sonst nie Erfahrnes ahnen. + +Setze ich nun noch hinzu, daß ich zwanzig Jahr alt war und mehrere +Gläser starken Punsch getrunken hatte, so wird man es glauben, daß +mir in meinem Rittersaal seltsamer zumute wurde als jemals. Man denke +sich die Stille der Nacht, in der das dumpfe Brausen des Meers, das +seltsame Pfeifen des Nachtwindes wie die Töne eines mächtigen, von +Geistern gerührten Orgelwerks erklangen - die vorüberfliegenden +Wolken, die oft, hell und glänzend, wie vorbeistreifende Riesen durch +die klirrenden Bogenfenster zu gucken schienen - in der Tat, ich mußt' +es in dem leisen Schauer fühlen, der mich durchbebte, daß ein fremdes +Reich nun sichtbar und vernehmbar aufgehen könne. + +Doch dies Gefühl glich dem Frösteln, das man bei einer lebhaft +dargestellten Gespenstergeschichte empfindet und das man so gern +hat. Dabei fiel mir ein, daß in keiner günstigeren Stimmung das +Buch zu lesen sei, das ich so wie damals jeder, der nur irgend +dem Romantischen ergeben, in der Tasche trug. Es war Schillers +»Geisterseher«. Ich las und las und erhitzte meine Fantasie immer mehr +und mehr. + +Ich kam zu der mit dem mächtigsten Zauber ergreifenden Erzählung von +dem Hochzeitsfest bei dem Grafen von V.- Gerade wie Jeronimos blutige +Gestalt eintritt, springt mit einem gewaltigen Schlage die Tür auf, +die in den Vorsaal führt. - Entsetzt fahre ich in die Höhe, das Buch +fällt mir aus den Händen. Aber in demselben Augenblick ist alles +still, und ich schäme mich über mein kindliches Erschrecken. + +Mag es sein, daß durch die durchströmende Zugluft oder auf andere +Weise die Tür aufgesprengt wurde. - Es ist nichts - meine überreizte +Fantasie bildet jede natürliche Erscheinung gespenstisch! - So +beschwichtigt, nehme ich das Buch von der Erde auf und werfe +mich wieder in den Lehnstuhl - da geht es leise und langsam mit +abgemessenen Tritten quer über den Saal hin, und dazwischen seufzt und +ächzt es, und in diesem Seufzen, diesem Ächzen liegt der Ausdruck des +tiefsten menschlichen Leidens, des trostlosesten Jammers - Ha! das ist +irgendein eingesperrtes krankes Tier im untern Stock. Man kennt ja die +akustische Täuschung der Nacht, die alles entfernt Tönende in die Nähe +rückt - wer wird sich nur durch so etwas Grauen erregen lassen. - So +beschwichtige ich mich aufs neue, aber nun kratzt es, indem lautere, +tiefere Seufzer, wie in der entsetzlichen Angst der Todesnot +ausgestoßen, sich hören lassen, an jenem neuen Gemäuer. + +»Ja, es ist ein armes eingesperrtes Tier - ich werde jetzt laut rufen, +ich werde mit dem Fuß tüchtig auf den Boden stampfen, gleich wird +alles schweigen oder das Tier unten sich deutlicher in seinen +natürlichen Tönen hören lassen!«- So denke ich, aber das Blut gerinnt +in meinen Adern - kalter Schweiß steht auf der Stirne, erstarrt bleib' +ich im Lehnstuhle sitzen, nicht vermögend aufzustehen, viel weniger +noch zu rufen. + +Das abscheuliche Kratzen hört endlich auf - die Tritte lassen sich +aufs neue vernehmen - es ist, als wenn Leben und Regung in mir +erwachte, ich springe auf und trete zwei Schritte vor, aber da +streicht eine eiskalte Zugluft durch den Saal, und in demselben +Augenblick wirft der Mond sein helles Licht auf das Bildnis eines sehr +ernsten, beinahe schauerlich anzusehenden Mannes, und als säusle seine +warnende Stimme durch das stärkere Brausen der Meereswellen, durch +das gellendere Pfeifen des Nachtwindes, höre ich deutlich: »- Nicht +weiter - nicht weiter, sonst bist du verfallen dem entsetzlichen Graus +der Geisterwelt!« + +Nun fällt die Tür zu mit demselben starken Schlage wie zuvor, ich +höre die Tritte deutlich auf dem Vorsaal - es geht die Treppe hinab +- die Haupttür des Schlosses öffnet sich rasselnd und wird wieder +verschlossen. Dann ist es, als würde ein Pferd aus dem Stalle gezogen +und nach einer Weile wieder in den Stall zurückgeführt dann ist alles +still! In demselben Augenblick vernahm ich, wie der alte Großonkel im +Nebengemach ängstlich seufzte und stöhnte, dies gab mir alle Besinnung +wieder, ich ergriff die Leuchter und eilte hinein. Der Alte schien mit +einem bösen, schweren Traume zu kämpfen. + +»Erwachen Sie - erwachen Sie«, rief ich laut, indem ich ihn sanft bei +der Hand faßte und den hellen Kerzenschein auf sein Gesicht fallen +ließ. Der Alte fuhr auf mit einem dumpfen Ruf, dann schaute er mich +mit freundlichen Augen an und sprach: »Das hast du gut gemacht, +Vetter, daß du mich wecktest. Ei, ich hatte einen sehr häßlichen +Traum, und daran ist bloß hier das Gemach und der Saal schuld, denn +ich mußte dabei an die vergangene Zeit und an manches Verwunderliche +denken, was hier sich begab. Aber nun wollen wir recht tüchtig +ausschlafen!« + +Damit hüllte sich der Alte in die Decke und schien sofort +einzuschlafen. Als ich die Kerzen ausgelöscht und mich auch ins Bette +gelegt hatte, vernahm ich, daß der Alte leise betete. + +Am andern Morgen ging die Arbeit los, der Wirtschaftsinspektor kam +mit den Rechnungen, und Leute meldeten sich, die irgendeinen Streit +geschlichtet, irgendeine Angelegenheit geordnet haben wollten. Mittags +ging der Großonkel mit mir herüber in den Seitenflügel, um den beiden +alten Baronessen in aller Form aufzuwarten. Franz meldete uns, +wir mußten einige Augenblicke warten und wurden dann durch ein +sechzigjähriges gebeugtes, in bunte Seide gekleidetes Mütterchen, +die sich das Kammerfräulein der gnädigen Herrschaft nannte, in das +Heiligtum geführt. + +Da empfingen uns die alten, nach längst verjährter Mode abenteuerlich +geputzten Damen mit komischem Zeremoniell, und vorzüglich war ich ein +Gegenstand ihrer Verwunderung, als der Großonkel mich mit vieler Laune +als einen jungen, ihm beisteheenden Justizmann vorstellte. In ihren +Mienen lag es, daß sie bei meiner Jugend das Wohl der R..sittenschen +Untertanen gefährdet glaubten. + +Der ganze Auftritt bei den alten Damen hatte überhaupt viel +Lächerliches, die Schauer der vergangenen Nacht fröstelten aber noch +in meinem Innern, ich fühlte mich wie von einer unbekannten Macht +berührt, oder es war mir vielmehr, als habe ich schon an den Kreis +gestreift, den zu überschreiten und rettungslos unterzugehen es nur +noch eines Schritts bedürfte, als könne nur das Aufbieten aller mir +inwohnenden Kraft mich gegen das Entsetzen schützen, das nur dem +unheilbaren Wahnsinn zu weichen pflegt. So kam es, daß selbst die +alten Baronessen in ihren seltsamen hochaufgetürmten Frisuren, +in ihren wunderlichen stoffnen, mit bunten Blumen und Bändern +ausstaffierten Kleidern mir statt lächerlich, ganz graulich und +gespenstisch erschienen. + +In den alten gelbverschrumpften Gesichtern, in den blinzenden Augen +wollt' ich es lesen, in dem schlechten Französisch, das halb durch +die eingekniffenen blauen Lippen, halb durch die spitzen Nasen +herausschnarrte, wollt' ich es hören, wie sich die Alten mit den +unheimlichen, im Schlosse herumspukenden Wesen wenigstens auf guten +Fuß gesetzt hätten und auch wohl selbst Verstörendes und Entsetzliches +zu treiben vermochten. + +Der Großonkel, zu allem Lustigen aufgelegt, verstrickte mit seiner +Ironie die Alten in ein solches tolles Gewäsche, daß ich in anderer +Stimmung nicht gewußt hätte, wie das ausgelassenste Gelächter in mich +hineinschlucken, aber wie gesagt, die Baronessen samt ihrem Geplapper +waren und blieben gespenstisch, und der Alte, der mir eine besondere +Lust bereiten wollte, blickte mich ein Mal übers andere ganz +verwundert an. + +Sowie wir nach Tische in unserm Zimmer allein waren, brach er los: +»Aber, Vetter, sag' mir um des Himmels willen, was ist dir? - Du +lachst nicht, du sprichst nicht, du issest nicht, du trinkst nicht? +Bist du krank? oder fehlt es sonst woran?« + +Ich nahm jetzt gar keinen Anstand, ihm alles Grauliche, Entsetzliche, +was ich in voriger Nacht überstanden, ganz ausführlich zu erzählen. +Nichts verschwieg ich, vorzüglich auch nicht, daß ich viel Punsch +getrunken und in Schillers »Geisterseher« gelesen. »Bekennen muß +ich dies«, setzte ich hinzu, »denn so wird es glaublich, daß meine +überreizte arbeitende Fantasie all die Erscheinungen schuf, die nur +innerhalb den Wänden meines Gehirns existierten.« + +Ich glaubte, daß nun der Großonkel mir derb zusetzen würde mit +körnichten Späßen über meine Geisterseherei, statt dessen wurde er +sehr ernsthaft, starrte in den Boden hinein, warf dann den Kopf +schnell in die Höhe und sprach, mich mit dem brennenden Blick seiner +Augen anschauend: »Ich kenne dein Buch nicht, Vetter! aber weder +seinem, noch dem Geist des Punsches hast du jenen Geisterspuk zu +verdanken. Wisse, daß ich dasselbe, was dir widerfuhr, träumte. Ich +saß, so wie du (so kam es mir vor), im Lehnstuhl bei dem Kamin, aber +was sich dir nur in Tönen kundgetan, das sah ich, mit dem innern Auge +es deutlich erfassend. + +Ja! ich erblickte den greulichen Unhold, wie er hereintrat, wie +er kraftlos an die vermauerte Tür schlich, wie er in trostloser +Verzweiflung an der Wand kratzte, daß das Blut unter den zerrissenen +Nägeln herausquoll, wie er dann hinabstieg, das Pferd aus dem Stalle +zog und in den Stall zurückbrachte. Hast du es gehört, wie der Hahn +im fernen Gehöfte des Dorfes krähte? Da wecktest du mich, und ich +widerstand bald dem bösen Spuk des entsetzlichen Menchen, der noch +vermag, das heitre Leben grauenhaft zu verstören.« + +Der Alte hielt inne, aber ich mochte nicht fragen, wohlbedenkend, daß +er mir alles aufklären werde, wenn er es geraten finden sollte. Nach +einer Weile, in der er, tief in sich gekehrt, dagesessen, fuhr der +Alte fort: »Vetter, hast du Mut genug, jetzt nachdem du weißt, wie +sich alles begibt, den Spuk noch einmal zu bestehen? und zwar mit mir +zusammen?« + +Es war natürlich, daß ich erklärte, wie ich mich jetzt dazu ganz +entkräftigt fühle. »So wollen wir«, sprach der Alte weiter, »in +künftiger Nacht zusammen wachen. Eine innere Stimme sagt mir, daß +meiner geistigen Gewalt nicht sowohl, als meinem Mute, der sich auf +festes Vertrauen gründet, der böse Spuk weichen muß, und daß es kein +freveliches Beginnen, sondern ein frommes, tapferes Werk ist, wenn ich +Leib und Leben daran wage, den bösen Unhold zu bannen, der hier die +Söhne aus der Stammburg der Ahnherrn treibt. - + +Doch! von keiner Wagnis ist ja die Rede, denn in solch festem +redlichen Sinn, in solch frommen Vertrauen, wie es in mir lebt, ist +und bleibt man ein siegreicher Held. - Aber sollt' es dennoch Gottes +Wille sein, daß die böse Macht mich anzutasten vermag, so sollst du, +Vetter, es verkünden, daß ich im redlichen christlichen Kampf mit dem +Höllengeist, der hier sein verstörendes Wesen treibt, unterlag! - Du! +- halt dich ferne! dir wird dann nichts geschehen!« + +Unter mancherlei zerstreuenden Geschäften war der Abend herangekommen. +Franz hatte, wie gestern, das Abendessen abgeräumt und uns Punsch +gebracht, der Vollmond schien hell durch die glänzenden Wolken, die +Meereswellen brausten, und der Nachtwind heulte und schüttelte die +klirrenden Scheiben der Bogenfenster. Wir zwangen uns, im Innern +aufgeregt, zu gleichgültigen Gesprächen. Der Alte hatte seine +Schlaguhr auf den Tisch gelegt. Sie schlug zwölfe. Da sprang mit +entsetzlichem Krachen die Tür auf, und wie gestern schwebten leise und +langsam Tritte quer durch den Saal, und das Ächzen und Seufzen ließ +sich vernehmen. + +Der Alte war verblaßt, aber seine Augen erstrahlten in ungewöhnlichem +Feuer, er erhob sich vom Lehnstuhl, und indem er in seiner großen +Gestalt, hochaufgerichtet, den linken Arm in die Seite gestemmt, den +rechten weit vorstreckend nach der Mitte des Saals, dastand, war er +anzusehen, wie ein gebietender Held. + +Doch immer stärker und vernehmlicher wurde das Seufzen und Ächzen, und +nun fing es an abscheulicher als gestern an der Wand hin und her zu +kratzen. Da schritt der Alte vorwärts, gerade auf die zugemauerte Tür +los, mit festen Tritten, daß der Fußboden erdröhnte. Dicht vor der +Stelle, wo es toller und toller kratzte, stand er still und sprach mit +starkem, feierlichem Ton, wie ich ihn nie gehört: + +»Daniel, Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!« Da kreischte es +auf grauenvoll und entsetzlich, und ein dumpfer Schlag geschah, wie +wenn eine Last zu Boden stürzte. »Suche Gnade und Erbarmen vor dem +Thron des Höchsten, dort ist dein Platz! Fort mit dir aus dem Leben, +dem du niemals mehr angehören kannst!« + +So rief der Alte noch gewaltiger als vorher, es war, als ginge ein +leises Gewimmer durch die Lüfte und ersterbe im Sausen des Sturms, der +sich zu erheben begann. Da schritt der Alte nach der Tür und warf sie +zu, daß es laut durch den öden Vorsaal widerhallte. + +In seiner Sprache, in seinen Gebärden lag etwas Übermenschliches, das +mich mit tiefem Schauer erfüllte. Als er sich in den Lehnstuhl setzte, +war sein Blick wie verklärt, er faltete seine Hände, er betete im +Innern. So mochten einige Minuten vergangen sein, da frug er mit der +milden, tief in das Herz dringenden Stimme, die er so sehr in seiner +Macht hatte: »Nun, Vetter?« Von Schauer - Entsetzen - Angst - heiliger +Ehrfurcht und Liebe durchbebt, stürzte ich auf die Kniee und benetzte +die mir dargebotene Hand mit heißen Tränen. Der Alte schloß mich in +seine Arme, und indem er mich innig an sein Herz drückte, sprach er +sehr weich: »Nun wollen wir auch recht sanft schlafen, lieber Vetter!« + +Es geschah auch so, und als sich in der folgenden Nacht durchaus +nichts Unheimliches verspüren ließ, gewannen wir die alte Heiterkeit +wieder, zum Nachteil der alten Baronessen, die, blieben sie auch in +der Tat ein wenig gespenstisch, mit ihrem abenteuerlichen Wesen, doch +nur ergötzlichen Spuk trieben, den der Alte auf possierliche Weise +anzuregen wußte. + +Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner Gemahlin +und zahlreichem Jagdgefolge, die geladenen Gäste sammelten sich, und +nun ging in dem plötzlich lebendig gewordenen Schlosse das laute wilde +Treiben los, wie es vorhin beschrieben. + +Als der Baron gleich nach seiner Ankunft in unsern Saal trat, schien +er über unsern veränderten Aufenthalt auf seltsame Weise befremdet, +er warf einen düstern Blick auf die zugemauerte Tür, und schnell +sich abwendend, fuhr er mit der Hand über die Stirn, als wolle er +irgendeine böse Erinnerung verscheuchen. Der Großonkel sprach von der +Verwüstung des Gerichtssaals und der anstoßenden Gemächer, der Baron +tadelte es, daß Franz uns nicht besser einlogiert habe, und forderte +den Alten recht gemütlich auf, doch nur zu gebieten, wenn ihm irgend +etwas in dem neuen Gemach, das doch viel schlechter sei, als das, was +er sonst bewohnt, an seiner Bequemlichkeit abginge. + +Überhaupt war das Betragen des Barons gegen den alten Großonkel +nicht allein herzlich, sondern ihm mischte sich eine gewisse +kindliche Ehrfurcht bei, als stehe der Baron mit dem Alten in +verwandtschaftlichem Respektsverhältnis. Dies war aber auch das +einzige, was mich mit dem rauhen, gebieterischen Wesen des Barons, +das er immer mehr und mehr entwickelte, einigermaßen zu versöhnen +vermochte. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten, er sah in +mir den gewöhnlichen Schreiber. + +Gleich das erstemal, als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er +etwas in der Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und +ich war im Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern, als der +Großonkel, das Wort nehmend, versicherte, daß ich denn nun einmal +alles recht nach seinem Sinne mache, und daß dieser doch nur hier in +gerichtlicher Verhandlung walten könne. + +Als wir allein waren, beschwerte ich mich bitter über den Baron, +der mir immer mehr im Grunde der Seele zuwider werde. »Glaube +mir, Vetter!« erwiderte der Alte, »daß der Baron trotz seines +unfreundlichen Wesens der vortrefflichste, gutmütigste Mensch von der +Welt ist. Dieses Wesen hat er auch, wie ich dir schon sagte, erst seit +der Zeit angenommen, als er Majoratsherr wurde, vorher war er ein +sanfter, bescheidener Jüngling. Überhaupt ist es denn doch aber nicht +mit ihm so arg, wie du es machst, und ich möchte wohl wissen, warum er +dir so gar sehr zuwider ist.« + +Indem der Alte die letzten Worte sprach, lächelte er recht höhnisch, +und das Blut stieg mir siedend heiß ins Gesicht. Mußte mir nun nicht +mein Innres recht klar werden, mußte ich es nicht deutlich fühlen, daß +jenes wunderliche Hassen aufkeimte aus dem Lieben, oder vielmehr aus +dem Verlieben in ein Wesen, das mir das holdeste, hochherrlichste zu +sein schien, was jemals auf Erden gewandelt? + +Dieses Wesen war niemand als die Baronesse selbst. Schon gleich als +sie angekommen und in einem russischen Zobelpelz, der knapp anschloß +an den zierlich gebauten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt, +durch die Gemächer schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein +mächtiger unwiderstehlicher Zauber. Ja, selbst der Umstand, daß die +alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen, als ich +sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten und ihre +französischen Bewillkommnungen herschnatterten, während sie, die +Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um sich her schaute und +bald diesem, bald jenem freundlich zunickte, bald in dem rein tönenden +kurländischen Dialekt einige deutsche Worte dazwischen flötete, schon +dieses gab ein wunderbar fremdartiges Bild, und unwillkürlich reihte +die Fantasie dies Bild an jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse +wurde der Engel des Lichts, dem sich die bösen gespenstischen Mächte +beugen. + +Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes Augen. Sie +mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zählen, ihr Gesicht, ebenso +zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der höchsten Engelsgüte, +vorzüglich lag aber in dem Blick der dunklen Augen ein +unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondesstrahl ging darin eine +schwermütige Sehnsucht auf; so wie in ihrem holdseligen Lächeln ein +ganzer Himmel voll Wonne und Entzücken. Oft schien sie ganz in sich +selbst verloren, und dann gingen düstre Wolkenschatten über ihr holdes +Antlitz. + +Man hätte glauben sollen, irgendein verstörender Schmerz müsse sie +befangen, mir schien es aber, daß wohl die düstere Ahnung einer +trüben, unglücksschwangeren Zukunft es sei, von der sie in solchen +Augenblicken erfaßt werde, und auch damit setzte ich auf seltsame +Weise, die ich mir weiter gar nicht zu erklären wußte, den Spuk im +Schlosse in Verbindung. + +Den andern Morgen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die +Gesellschaft zum Frühstück, der Alte stellte mich der Baronesse vor, +und wie es in solcher Stimmung, wie die meinige war, zu geschehen +pflegt, ich nahm mich unbeschreiblich albern, indem ich auf die +einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem Schlosse gefalle +u.s., mich in die wunderlichsten sinnlosesten Reden verfing, so daß +die alten Tanten meine Verlegenheit wohl lediglich dem profunden +Respekt vor der Herrin zuschrieben, sich meiner huldreich annehmen +zu müssen glaubten und mich in französischer Sprache als einen ganz +artigen und geschickten jungen Menschen, als einen »garcon tres joli« +anpriesen. + +Das ärgerte mich, und plötzlich mich ganz beherrschend, fuhr mir ein +Witzwort heraus in besserem Französisch, als die Alten es sprachen, +worauf sie mich mit großen Augen anguckten und die langen spitzen +Nasen reichlich mit Tabak bedienten. + +An dem ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu +einer anderen Dame wandte, merkte ich, daß mein Witzwort hart an eine +Narrheit streifte, das ärgerte mich noch mehr, und ich verwünschte die +Alten in den Abgrund der Hölle. + +Die Zeit des schäferischen Schmachtens, des Liebesunglücks in +kindischer Selbstbetörung hatte in mir der alte Großonkel längst +wegironiert, und wohl merkt' ich, daß die Baronin tiefer und mächtiger +als noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemüt gefaßt +hatte. Ich sah, ich hörte nur sie, aber bewußt war ich mir deutlich +und bestimmt, daß es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein würde, +irgendeine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmöglichkeit +einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen und anzubeten, +dessen ich mich selbst hätte schämen müssen. + +Der herrlichen Frau näherzutreten, ohne ihr nur mein inneres Gefühl +ahnen zu lassen, das süße Gift ihrer Blicke, ihrer Worte einsaugen und +dann fern von ihr, sie lange, vielleicht immerdar im Herzen tragen, +das wollte und konnte ich. Diese romantische, ja wohl ritterliche +Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht, spannte mich +dermaßen, daß ich kindisch genug war, mich selbst auf pathetische +Weise zu haranguieren und zuletzt sehr kläglich zu seufzen: +»Seraphine, ach Seraphine!« so daß der Alte erwachte und mir zurief: +»Vetter! Vetter! ich glaube, du fantasierst mit lauter Stimme! Tu's +bei Tage, wenn's möglich ist, aber zur Nachtzeit laß mich schlafen!« + +Ich war nicht wenig besorgt, daß der Alte, der schon mein aufgeregtes +Wesen bei der Ankunft der Baronin wohl bemerkt, den Namen gehört haben +und mich mit einem sarkastischen Spott überschütten werde, er sagte +am andern Morgen aber nichts weiter, als bei dem Hineingehen in +den Gerichtssaal: »Gott gebe jedem gehörigen Menschenverstand und +Sorglichkeit, ihn in gutem Verschluß zu halten. Es ist schlimm, mir +nichts, dir nichts sich in einen Hasenfuß umzusetzen.« Hierauf nahm er +Platz an dem großen Tisch und sprach: »Schreibe fein deutlich, lieber +Vetter! damit ich's ohne Anstoß zu lesen vermag.« + +Die Hochachtung, ja die kindliche Ehrfurcht, die der Baron meinem +alten Großonkel erzeigte, sprach sich in allem aus. So mußte er auch +bei Tische den ihm von vielen beneideten Platz neben der Baronesse +einnehmen, mich warf der Zufall bald hier-, bald dorthin, doch +pflegten gewöhnlich ein paar Offiziere aus der nahen Hauptstadt mich +in Beschlag zu nehmen, um sich über alles Neue und Lustige, was dort +geschehen, recht auszusprechen und dabei wacker zu trinken. + +So kam es, daß ich mehrere Tage hindurch ganz fern von der Baronesse, +am untern Ende des Tisches saß, bis mich endlich ein Zufall in ihre +Nähe brachte. Als der versammelten Gesellschaft der Eßsaal geöffnet +wurde, hatte mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht +mehr ganz junges Fräulein, aber sonst nicht häßlich und nicht ohne +Geist, in ein Gespräch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der +Sitte gemäß mußte ich ihr den Arm geben, und nicht wenig erfreut war +ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die ihr freundlich +zunickte. + +Man kann denken, daß nun alle Worte, die ich sprach, nicht mehr der +Nachbarin allein, sondern hauptsächlich der Baronin galten. Mag es +sein, daß meine innere Spannung allem, was ich sprach, einen besondern +Schwung gab, genug, das Fräulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer, +ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets +wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen ließ. + +Sie war, wie gesagt, nicht ohne Geist, und so geschah es bald, daß +unser Gespräch, ganz unabhängig von den vielen Worten der Gäste, die +hin und her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin +ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt' ich nämlich, +daß das Fräulein der Baronin bedeutende Blicke zuwarf, und daß diese +sich mühte uns zu hören. Vorzüglich war dies der Fall, als ich, da +das Gespräch sich auf Musik gewandt, mit voller Begeisterung von +der herrlichen, heiligen Kunst sprach und zuletzt nicht verhehlte, +daß ich, trockner, langweiliger Juristerei, der ich mich ergeben, +unerachtet, den Flügel mit ziemlicher Fertigkeit spiele, singe und +auch wohl schon manches Lied gesetzt habe. + +Man war in den andern Saal getreten, um Kaffee und Liköre zu nehmen, +da stand ich unversehens, selbst wußte ich nicht wie, vor der Baronin, +die mit dem Fräulein gesprochen. Sie redete mich sogleich an, indem +sie, doch freundlicher und in dem Ton, wie man mit einem Bekannten +spricht, jene Fragen, wie mir der Aufenthalt im Schlosse zusage u.s., +wiederholte. Ich versicherte, daß in den ersten Tagen die schauerliche +Öde der Umgebung, ja selbst das altertümliche Schloß mich seltsam +gestimmt habe, daß aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches +aufgegangen und daß ich nur wünsche, der wilden Jagden, an die ich +nicht gewöhnt, überhoben zu sein. + +Die Baronin lächelte, indem sie sprach: »Wohl kann ich's mir denken, +daß Ihnen das wüste Treiben in unsern Föhrenwäldern nicht eben +behaglich sein kann. Sie sind Musiker, und täuscht mich nicht alles, +gewiß auch Dichter! Mit Leidenschaft liebe ich beide Künste! - ich +spiele selbst etwas die Harfe, das muß ich nun in R..sitten entbehren, +denn mein Mann mag es nicht, daß ich das Instrument mitnehme, dessen +sanftes Getön schlecht sich schicken würde zu dem wilden Halloh, zu +dem gellenden Hörnergetöse der Jagd, das sich hier nur hören lassen +soll! - O mein Gott! wie würde mich hier Musik erfreun!« + +Ich versicherte, daß ich meine ganze Kunst aufbieten werde, ihren +Wunsch zu erfüllen, daß es doch im Schlosse unbezweifelt ein +Instrument, sei es auch nur ein alter Flügel, geben werde. Da lachte +aber Fräulein Adelheid (der Baronin Gesellschafterin) hell auf und +frug, ob ich denn nicht wisse, daß seit Menschengedenken im Schlosse +keine andern Instrumente gehört worden, als krächzende Trompeten, im +Jubel lamentierende Hörner der Jäger und heisere Geigen, verstimmte +Bässe, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten. + +Die Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hören, fest, und +beide, sie und Adelheid, erschöpften sich in Vorschlägen, wie ein +leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden könne. In dem Augenblick +schritt der alte Franz durch den Saal. »Da haben wir den, der für +alles guten Rat weiß, der alles herbeischafft, selbst das Unerhörte +und Ungesehene!« + +Mit diesen Worten rief ihn Fräulein Adelheid heran, und indem sie +ihm begreiflich machte, worauf es ankomme, horchte die Baronin mit +gefalteten Händen, mit vorwärts gebeugtem Haupt, dem Alten mit mildem +Lächeln ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen, wie ein +holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu gern +schon in Händen hätte. Franz, nachdem er in seiner weitläufigen Manier +mehrere Ursachen hergezählt hatte, warum es denn schier unmöglich sei, +in der Geschwindigkeit solch ein rares Instrument herbeizuschaffen, +strich sich endlich mit behaglichem Schmunzeln den Bart und sprach: +»Aber die Frau Wirtschaftsinspektorin drüben im Dorfe schlägt ganz +ungemein geschickt das Clavizimbel, oder wie sie es jetzt nennen mit +dem ausländischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel, daß +einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man hüpfen möchte mit +beiden Beinen.« + +»Und besitzt ein Fortepiano!« fiel Fräulein Adelheid ihm in die +Rede. »Ei, freilich«, fuhr der Alte fort, »direkt aus Dresden ist es +gekommen - ein -« »O das ist herrlich«, unterbrach ihn die Baronin +»ein schönes Instrument«, sprach der Alte weiter, »aber ein wenig +schwächlich, denn als der Organist neulich das Lied: >In allen meinen +Taten< darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Boden, so +daß-« + +»O mein Gott«, riefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid, »so +daß«, fuhr der Alte fort, »es mit schweren Kosten nach R - geschafft +und dort repariert werden mußte.« »Ist es denn nun wieder hier?« frug +Fräulein Adelheid ungeduldig. »Ei freilich, gnädiges Fräulein! und die +Frau Wirtschaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen.« + +In diesem Augenblick streifte der Baron vorüber, er sah sich wie +befremdet nach unserer Gruppe um und flüsterte spöttisch lächelnd der +Baronin zu: »Muß Franz wieder guten Rat erteilen?« Die Baronin schlug +errötend die Augen nieder, und der alte Franz stand, erschrocken +abbrechend, den Kopf gerade gerichtet, die herabhängenden Arme dicht +an den Leib gedrückt, in soldatischer Stellung da. + +Die alten Tanten schwammen in ihren stoffnen Kleidern auf uns zu +und entführten die Baronin. Ihr folgte Fräulein Adelheid. Ich war +wie bezaubert stehen geblieben. Entzücken, daß ich nun ihr, der +Angebeteten, die mein ganzes Wesen beherrschte, mich nahen werde, +kämpfte mit düsterm Mißmut und Ärger über den Baron, der mir als ein +rauher Despot erschien. War er dies nicht, durfte dann wohl der alte +eisgraue Diener so sklavisch sich benehmen? + +»Hörst du, siehst du endlich?« rief der Großonkel, mir auf die +Schulter klopfend; wir gingen hinauf in unser Gemach. »Dränge dich +nicht so an die Baronin«, sprach er, als wir angekommen, »wozu soll +das, überlaß es den jungen Gecken, die gern den Hof machen, und an +denen es ja nicht mangelt.« - Ich erzählte, wie alles gekommen, und +forderte ihn auf mir nun zu sagen, ob ich seinen Vorwurf verdiene, er +erwiderte aber darauf nichts als: »Hm hm« - zog den Schlafrock an, +setzte sich mit angezündeter Pfeife in den Lehnstuhl und sprach +von den Ereignissen der gestrigen Jagd, mich foppend über meine +Fehlschüsse. + +Im Schloß war es still geworden, Herren und Damen beschäftigten sich +in ihren Zimmern mit dem Putz für die Nacht. Jene Musikanten mit den +heisern Geigen, mit den verstimmten Bässen und den meckernden Hoboen, +von denen Fräulein Adelheid gesprochen, waren nämlich angekommen, und +es sollte für die Nacht nichts Geringeres geben, als einen Ball in +bestmöglicher Form. + +Der Alte, den ruhigen Schlaf solch faselndem Treiben vorziehend, blieb +in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich eben zum Ball gekleidet, +als es leise an unsere Tür klopfte und Franz hineintrat, der mir mit +behaglichem Lächeln verkündete, daß soeben das Clavizimbel von der +Frau Wirtschaftsinspektorin in einem Schlitten angekommen und zur +gnädigen Frau Baronin getragen worden sei. Fräulein Adelheid ließe +mich einladen, nur gleich herüberzukommen. + +Man kann denken, wie mir alle Pulse schlugen, mit welchem innern süßen +Erbeben ich das Zimmer öffnete, in dem ich sie fand. Fräulein Adelheid +kam mir freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball völlig geputzt, +saß ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem die Töne +schlummern sollten, die zu wecken ich berufen. + +Sie stand auf, so in vollem Glanz der Schönheit strahlend, daß ich, +keines Wortes mächtig, sie anstarrte. »Nun Theodor«, (nach der +gemütlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Süden wiederfindet, +nannte sie jeden bei seinem Vornamen) »nun, Theodor«, sprach sie +freundlich, »das Instrument ist gekommen, gebe der Himmel, daß es +Ihrer Kunst nicht ganz unwürdig sein möge.« + +Sowie ich den Deckel öffnete, rauschten mir eine Menge gesprungener +Saiten entgegen, und sowie ich einen Akkord griff, klang es, da alle +Saiten, die noch ganz geblieben, durchaus verstimmt waren, widrig +und abscheulich. »Der Organist ist wieder mit seinen zarten Händchen +drüber her gewesen«, rief Fräulein Adelheid lachend, aber die Baronin +sprach ganz mißmutig: »Das ist denn doch ein rechtes Unglück! ach, +ich soll denn hier nun einmal keine Freude haben!« Ich suchte in dem +Behälter des Instruments und fand glücklicherweise einige Rollen +Saiten, aber durchaus keinen Stimmhammer! - Neue Klagen! - jeder +Schlüssel, dessen Bart in die Wirbel passe, könne gebraucht werden, +erklärte ich; da liefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid, +freudig hin und wieder, und nicht lange dauerte es, so lag ein ganzes +Magazin blanker Schlüsselchen vor mir auf dem Resonanzboden. + +Nun machte ich mich emsig drüber her - Fräulein Adelheid, die Baronin +selbst mühte sich mir beizu stehen, diesen - jenen Wirbel probierend +- Da zieht einer den trägen Schlüssel an, »es geht, es geht!« riefen +sie freudig - Da rauscht die Saite, die sich schier bis zur Reinheit +herangeächzt, gesprungen auf, und erschrocken fahren sie zurück! +Die Baronin hantiert mit den kleinen zarten Händchen in den spröden +Drahtsaiten, sie reicht mir die Nummern, die ich verlange, und hält +sorgsam die Rolle, die ich abwickle, plötzlich schnurrt eine auf, so +daß die Baronin ein ungeduldiges Ach! ausstößt - Fräulein Adelheid +lacht laut auf, ich verfolge den verwirrten Knäuel bis in die Ecke des +Zimmers, und wir alle suchen aus ihm noch eine gerade unzerknickte +Saite herauszuziehen, die dann aufgezogen zu unserm Leidwesen wieder +springt - aber endlich - endlich sind gute Rollen gefunden, die Saiten +fangen an zu stehen, und aus dem mißtönigen Summen gehen allmählich +klare, reine Akkorde hervor! + +»Ach, es glückt, es glückt - das lnstrument stimmt sich!« ruft die +Baronin, indem sie mich mit holdem Lächeln anblickt! - Wie schnell +vertrieb dies gemeinschaftliche Mühen alles Fremde, Nüchterne, +das die Konvenienz hinstellt, wie ging unter uns eine heimische +Vertraulichkeit auf, die, ein elektrischer Hauch mich durchglühend, +die verzagte Beklommenheit, welche wie Eis auf meiner Brust lag, +schnell wegzehrte. + +Jener seltsame Pathos, wie ihn solche Verliebtheit, wie die meinige, +wohl erzeugt, hatte mich ganz verlassen und so kam es, daß, als nun +endlich das Pianoforte leidlich gestimmt war, ich, statt, wie ich +gewollt, meine innern Gefühle in Fantasien recht laut werden zu +lassen, in jene süße liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem +Süden zu uns herübergeklungen. + +Während dieser »Senza di te« - dieser »Sentimi idol mio«, dieser +»Almen se non poss'io« und hundert »morir mi sento's« und »Addio's« +und »Oh dio's« wurden leuchtender und leuchtender Seraphinens Blicke. +Sie hatte sich dicht neben mir an das Instrument gesetzt, ich fühlte +ihren Atem an meiner Wange spielen; indem sie ihren Arm hinter mir +auf die Stuhllehne stützte, fiel ein weißes Band, das sich von dem +zierlichen Ballkleide losgenestelt, über meine Schulter und flatterte, +von meinen Tönen, von Seraphinens leisen Seufzern berührt, hin und +her wie ein getreuer Liebesbote! Es war zu verwundern, daß ich den +Verstand behielt! + +Als ich, mich auf irgendein neues Lied besinnend, in den Akkorden +herumfuhr, sprang Fräulein Adelheid, die in einer Ecke des Zimmers +gesessen, herbei, kniete vor der Baronin hin und bat, ihre beiden +Hände erfassend und an die Brust drückend: »O liebe Baronin +Seraphinchen, nun mußt du auch singen!« Die Baronin erwiderte: »Wo +denkst du aber auch hin, Adelheid! - wie mag ich mich denn vor unserm +Virtuosen da mit meiner elenden Singerei hören lassen!« + +Es war lieblich anzuschauen, wie sie, gleich einem frommverschämten +Kinde, die Augen niederschlagend und hocherrötend mit der Lust und mit +der Scheu kämpfte. + +Man kann denken, wie ich sie anflehte, und, als sie kleine +kurländische Volkslieder erwähnte, nicht nachließ, bis sie, mit der +linken Hand herüberlangend, einige Töne auf dem Instrument versuchte, +wie zur Einleitung. Ich wollte ihr Platz machen am Instrument, sie +ließ es aber nicht zu, indem sie versicherte, daß sie nicht eines +einzigen Akkordes mächtig sei, und daß ebendeshalb ihr Gesang ohne +Begleitung sehr mager und unsicher klingen werde. + +Nun fing sie mit zarter, glockenreiner, tief aus dem Herzen tönender +Stimme ein Lied an, dessen einfache Melodie ganz den Charakter jener +Volkslieder trug, die so klar aus dem Innern herausleuchten, daß wir +in dem hellen Schein, der uns umfließt, unsere höhere poetische Natur +erkennen müssen. + +Ein geheimnisvoller Zauber liegt in den unbedeutenden Worten des +Textes, der zur Hieroglyphe des Unaussprechlichen wird, von dem unsere +Brust erfüllt. Wer denkt nicht an jene spanische Kanzonetta, deren +Inhalt den Worten nach nicht viel mehr ist, als: »Mit meinem Mädchen +schifft' ich auf dem Meer, da wurd' es stürmisch, und mein Mädchen +wankte furchtsam hin und her. Nein! nicht schiff' ich wieder mit +meinem Mädchen auf dem Meer!« So sagte der Baronin Liedlein nichts +weiter: »Jüngst tanzt' ich mit meinem Schatz auf der Hochzeit, da +fiel mir eine Blume aus dem Haar, die hob er auf und gab sie mir und +sprach: >Wann, mein Mädchen, gehn wir wieder zur Hochzeit?<« + +Als ich bei der zweiten Strophe dies Liedchen in harpeggierenden +Akkorden begleitete, als ich in der Begeisterung, die mich erfaßt, +die Melodien der folgenden Lieder gleich von den Lippen der Baronin +wegstahl, da erschien ich ihr und der Fräulein Adelheid wie der größte +Meister der Tonkunst, sie überhäuften mich mit Lobsprüchen. Die +angezündeten Lichter des Ballsaals im Seitenflügel brannten hinein in +das Gemach der Baronin, und ein mißtöniges Geschrei von Trompeten und +Hörnern verkündete, daß es Zeit sei, sich zum Ball zu versammeln. + +»Ach, nun muß ich fort«, rief die Baronin, ich sprang auf vom +Instrument. »Sie haben mir eine herrliche Stunde bereitet - es waren +die heitersten Momente, die ich jemals hier in R..sitten verlebte.« + +Mit diesen Worten reichte mir die Baronin die Hand; als ich sie im +Rausch des höchsten Entzückens an die Lippen drückte, fühlte ich ihre +Finger heftig pulsierend an meiner Hand anschlagen! Ich weiß nicht, +wie ich in des Großonkels Zimmer, wie ich dann in den Ballsaal kam. - +Jener Gaskogner fürchtete die Schlacht, weil jede Wunde ihm tödlich +werden müsse, da er ganz Herz sei! - Ihm mochte ich, ihm mag jeder in +meiner Stimmung gleichen! Jede Berührung wird tödlich. Der Baronin +Hand, die pulsierenden Finger hatten mich getroffen wie vergiftete +Pfeile, mein Blut brannte in den Adern! + +Ohne mich gerade auszufragen, hatte der Alte am andern Morgen doch +bald die Geschichte des mit der Baronin verlebten Abends heraus, und +ich war nicht wenig betreten, als er, der mit lachendem Munde und +heitrem Tone gesprochen, plötzlich sehr ernst wurde und anfing: »Ich +bitte dich, Vetter, widerstehe der Narrheit, die dich mit aller Macht +ergriffen! Wisse, daß dein Beginnen, so harmlos wie es scheint, die +entsetzlichsten Folgen haben kann, du stehst in achtlosem Wahnsinn +auf dünner Eisdecke, die bricht unter dir, ehe du dich es versiehst, +und du plumpst hinein. Ich werde mich hüten, dich am Rockschoß +festzuhalten, denn ich weiß, du rappelst dich selbst wieder heraus +und sprichst, zum Tode erkrankt: >Das bißchen Schnupfen bekam ich +im Traume<; aber ein böses Fieber wird zehren an deinem Lebensmark, +und Jahre werden hingehen, ehe du dich ermannst. Hol' der Teufel +deine Musik, wenn du damit nichts Besseres anzufangen weißt, als +empfindelnde Weiber hinauszutrompeten aus friedlicher Ruhe.« + +»Aber«, unterbrach ich den Alten, »kommt es mir denn in den Sinn, mich +bei der Baronin einzuliebeln?« »Affe!« rief der Alte, »wüßt' ich das, +so würfe ich dich hier durchs Fenster!« + +Der Baron unterbrach das peinliche Gespräch, und das beginnende +Geschäft riß mich auf aus der Liebesträumerei, in der ich nur +Seraphinen sah und dachte. In der Gesellschaft sprach die Baronin nur +dann und wann mit mir einige freundliche Worte, aber beinahe kein +Abend verging, daß nicht heimliche Botschaft kam von Fräulein +Adelheid, die mich hinrief zu Seraphinen. Bald geschah es, daß +mannigfache Gespräche mit der Musik wechselten. Fräulein Adelheid, die +beinahe nicht jung genug war, um so naiv und drollig zu sei, sprang +mit allerlei lustigem und etwas konfusem Zeuge dazwischen, wenn ich +und Seraphine uns zu vertiefen begannen in sentimentale Ahnungen und +Träumereien. Aus mancher Andeutung mußt' ich bald erfahren, daß der +Baronin wirklich irgend etwas Verstörendes im Sinn liege, wie ich +es gleich, als ich sie zum ersten Male sah, in ihrem Blick zu lesen +glaubte, und die feindliche Wirkung des Hausgespenstes ging mir ganz +klar auf. Irgend etwas Entsetzliches war oder sollte geschehen. Wie +oft drängte es mich, Seraphinen zu erzählen, wie mich der unsichtbare +Feind berührt, und wie ihn der Alte, gewiß für immer, gebannt habe, +aber eine mir selbst unerklärliche Scheu fesselte mir die Zunge in dem +Augenblick, als ich reden wollte. + +Eines Tages fehlte die Baronin bei der Mittagstafel; es hieß, sie +kränkle und könne das Zimmer nicht verlassen. Teilnehmend frug man +den Baron, ob das Übel von Bedeutung sei. Er lächelte auf fatale +Art, recht wie bitter höhnend, und sprach: »Nichts als ein leichter +Katarrh, den ihr die rauhe Seeluft zugeweht, die nun einmal hier kein +süßes Stimmchen duldet und keine andern Töne leidet, als das derbe +Halloh der Jagd.« - Bei diesen Worten warf der Baron mir, der ihm +schrägüber saß, einen stechenden Blick zu. + +Nicht zu dem Nachbar, zu mir hatte er gesprochen. Fräulein Adelheid, +die neben mir saß, wurde blutrot; vor sich hin auf den Teller starrend +und mit der Gabel darauf herumkritzelnd, lispelte sie: »Und noch heute +siehst du Seraphinen, und noch heute werden deine süßen Liederchen +beruhigend sich an das kranke Herz legen.« Auch Adelheid sprach diese +Worte für mich, aber in dem Augenblick war es mir, als stehe ich mit +der Baronin in unlauterm verbotenem Liebesverhältnis, das nur mit dem +Entsetzlichen, mit einem Verbrechen, endigen könne. + +Die Warnungen des Alten fielen mir schwer aufs Herz. - Was sollte ich +beginnen! Sie nicht mehr sehen? - Das war, solange ich im Schlosse +blieb, unmöglich, und durfte ich auch das Schloß verlassen und nach K. +zurückgehen, ich vermochte es nicht. Ach! nur zu sehr fühlt' ich, daß +ich nicht stark genug war, mich selbst aufzurütteln aus dem Traum, +der mich mit fantastischem Liebesglück neckte. Adelheid erschien mir +beinahe als gemeine Kupplerin, ich wollte sie deshalb verachten und +doch, mich wieder besinnend, mußte ich mich meiner Albernheit schämen. + +Was geschah in jenen seligen Abendstunden, das nur im mindesten ein +näheres Verhältnis mit Seraphinen, als Sitte und Anstand es erlaubten, +herbeiführen konnte? Wie durfte es mir einfallen, daß die Baronin +irgend etwas für mich fühlen sollte, und doch war ich von der Gefahr +meiner Lage überzeugt! + +Die Tafel wurde zeitiger aufgehoben, weil es noch auf Wölfe gehen +sollte, die sich in dem Föhrenwalde, ganz nahe dem Schlosse, hatten +blicken lassen. Die Jagd war mir recht in meiner aufgeregten Stimmung, +ich erklärte dem Alten, mitziehn zu wollen, er lächelte mich zufrieden +an, sprechend: »Das ist brav, daß du auch einmal dich herausmachst, +ich bleibe heim, du kannst meine Büchse nehmen, und schnalle auch +meinen Hirschfänger um, im Fall der Not ist das eine gute sichre +Waffe, wenn man nur gleichmütig bleibt.« + +Der Teil des Waldes, in dem die Wölfe lagern mußten, wurde von den +Jägern umstellt. Es war schneidend kalt, der Wind heulte durch die +Föhren und trieb mir die hellen Schneeflocken ins Gesicht, daß ich, +als nun vollends die Dämmerung einbrach, kaum sechs Schritte vor mir +hinschauen konnte. Ganz erstarrt verließ ich den mir angewiesenen +Platz und suchte Schutz tiefer im Walde. Da lehnte ich an einem Baum, +die Büchse unterm Arm. Ich vergaß die Jagd, meine Gedanken trugen mich +fort zu Seraphinen ins heimische Zimmer. Ganz entfernt fielen Schüsse, +in demselben Moment rauschte es im Röhricht, und nicht zehn Schritte +von mir erblickte ich einen starken Wolf, der vorüberrennen wollte. + +Ich legte an, drückte ab, - ich hatte gefehlt, das Tier sprang mit +glühenden Augen auf mich zu, ich war verloren, hatte ich nicht +Besonnenheit genug, das Jagdmesser herauszureißen, das ich dem Tier, +als es mich packen wollte, tief in die Gurgel stieß, so daß das Blut +mir über Hand und Arm spritzte. Einer von den Jägern des Barons, der +mir unfern gestanden, kam nun mit vollem Geschrei herangelaufen, und +auf seinen wiederholten Jagdruf sammelten sich alle um uns. + +Der Baron eilte auf mich zu: »Um des Himmels willen. Sie bluten? - Sie +bluten - Sie sind verwundet?« Ich versicherte das Gegenteil; da fiel +der Baron über den Jäger her, der mir der nächste gestanden, und +überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er nicht nachgeschossen, als ich +gefehlt, und unerachtet dieser versicherte, daß das gar nicht möglich +gewesen, weil in derselben Sekunde der Wolf auf mich zugestürzt, so +daß jeder Schuß mich hätte treffen können, so blieb doch der Baron +dabei, daß er mich, als einen minder erfahrnen Jäger, in besondere +Obhut hätte nehmen sollen. + +Unterdessen hatten die Jäger das Tier aufgehoben, es war das größte +der Art, das sich seit langer Zeit hatte sehen lassen, und man +bewunderte allgemein meinen Mut und meine Entschlossenheit, unerachtet +mir mein Benehmen sehr natürlich schien, und ich in der Tat an die +Lebensgefahr, in der ich schwebte, gar nicht gedacht hatte. + +Vorzüglich bewies sich der Baron teilnehmend, er konnte gar nicht +aufhören zu fragen, ob ich, sei ich auch nicht von der Bestie +verwundet, doch nichts von den Folgen des Schrecks fürchte. Es ging +zurück nach dem Schlosse, der Baron faßte mich, wie einen Freund, +unter den Arm, die Büchse mußte ein Jäger tragen. Er sprach noch +immer von meiner heroischen Tat, so daß ich am Ende selbst an meinen +Heroismus glaubte, alle Befangenheit verlor und mich selbst dem +Baron gegenüber als ein Mann von Mut und seltener Entschlossenheit +festgestellt fühlte. + +Der Schulknabe hatte sein Examen glücklich bestanden, war kein +Schulknabe mehr, und alle demütige Ängstlichkeit des Schulknaben +war von ihm gewichen. Erworben schien mir jetzt das Recht, mich +um Seraphinens Gunst zu mühen. Man weiß ja, welcher albernen +Zusammenstellungen die Fantasie eines verliebten Jünglings fähig ist. + +Im Schlosse, am Kamin bei dem rauchenden Punschnapf, blieb ich der +Held des Tages; nur der Baron selbst hatte außer mir noch einen +tüchtigen Wolf erlegt, die übrigen mußten sich begnügen, ihre +Fehlschüsse dem Wetter - der Dunkelheit zuzuschreiben und greuliche +Geschichten von sonst auf der Jagd erlebtem Glück und überstandener +Gefahr zu erzählen. + +Von dem Alten glaubte ich nun gar sehr gelobt und bewundert zu werden; +mit diesem Anspruch erzählte ich ihm mein Abenteuer ziemlich breit und +vergaß nicht, das wilde, blutdürstige Ansehn der wilden Bestie mit +recht grellen Farben auszumalen. Der Alte lachte mir aber ins Gesicht +und sprach: »Gott ist mächtig in den Schwachen!« + +Als ich des Trinkens, der Gesellschaft überdrüssig, durch den Korridor +nach dem Gerichtssaal schlich, sah ich vor mir eine Gestalt, mit dem +Licht in der Hand, hineinschlüpfen. In den Saal tretend, erkannte ich +Fräulein Adelheid. »Muß man nicht umherirren wie ein Gespenst, wie ein +Nachtwandler, um Sie, mein tapferer Wolfsjäger, aufzufinden!« - So +lispelte sie mir zu, indem sie mich bei der Hand ergriff. + +Die Worte: »Nachtwandler - Gespenst«, fielen mir, hier an diesem Orte +ausgesprochen, schwer aufs Herz; augenblicklich brachten sie mir die +gespenstischen Erscheinungen jener beiden graulichen Nächte in Sinn +und Gedanken, wie damals heulte der Seewind in tiefen Orgeltönen +herüber, es knatterte und pfiff schauerlich durch die Bogenfenster, +und der Mond warf sein bleiches Licht gerade auf die geheimnisvolle +Wand, an der sich das Kratzen vernehmen ließ. Ich glaubte Blutflecke +daran zu erkennen. + +Fräulein Adelheid mußte, mich noch immer bei der Hand haltend, die +Eiskälte fühlen, die mich durchschauerte. »Was ist Ihnen, was ist +Ihnen«, sprach sie leise, »Sie erstarren ja ganz? - Nun, ich will +Sie ins Leben rufen. Wissen Sie wohl, daß die Baronin es gar nicht +erwarten kann, Sie zu sehen? Eher glaubt sie nicht, daß der böse Wolf +Sie wirklich nicht zerrissen hat. Sie ängstigt sich unglaublich! Ei, +ei, mein Freund, was haben Sie mit Seraphinchen angefangen! Noch +niemals habe ich sie so gesehen. - Hu! - wie jetzt der Puls anfängt zu +prickeln! - wie der tote Herr so plötzlich erwacht ist! Nein, kommen +Sie - fein leise - wir müssen zur kleinen Baronin!« + +Ich ließ mich schweigend fortziehen; die Art, wie Adelheid von der +Baronin sprach, schien mir unwürdig, und vorzüglich die Andeutung des +Verständnisses zwischen uns gemein. Als ich mit Adelheid eintrat, +kam Seraphine mir mit einem leisen Ach! drei - vier Schritte rasch +entgegen, dann blieb sie, wie sich besinnend, mitten im Zimmer stehen, +ich wagte, ihre Hand zu ergreifen und sie an meine Lippen zu drücken. + +Die Baronin ließ ihre Hand in der meinigen ruhen, indem sie sprach: +»Aber mein Gott, ist es denn Ihres Berufs, es mit Wölfen aufzunehmen? +Wissen Sie denn nicht, daß Orpheus', Amphions fabelhafte Zeit +längst vorüber ist, und daß die wilden Tiere allen Respekt vor den +vortrefflichsten Sängern ganz verloren haben?« + +Diese anmutige Wendung, mit der die Baronin ihrer lebhaften Teilnahme +sogleich alle Mißdeutung abschnitt, brachte mich augenblicklich in +richtigen Ton und Takt. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich +nicht, wie gewöhnlich, mich an das Instrument setzte, sondern neben +der Baronin auf dem Kanapee Platz nahm. + +Mit dem Wort: »Und wie kamen Sie denn in Gefahr?« erwies sich unser +Einverständnis, daß es heute nicht auf Musik, sondern auf Gespräch +abgesehen sei. Nachdem ich meine Abenteuer im Walde erzählt und der +lebhaften Teilnahme des Barons erwähnt, mit der leisen Andeutung, daß +ich ihn deren nicht für fähig gehalten, fing die Baronin mit sehr +weicher, beinahe wehmütiger Stimme an: »O, wie muß Ihnen der Baron so +stürmisch, so rauh vorkommen, aber glauben Sie mir, nur während des +Aufenthalts in diesen finstern unheimlichen Mauern, nur während des +wilden Jagens in den öden Föhrenwäldern ändert er sein ganzes Wesen, +wenigstens sein äußeres Betragen. Was ihn vorzüglich so ganz und gar +verstimmt, ist der Gedanke, der ihn beständig verfolgt, daß hier +irgend etwas Entsetzliches geschehen werde: daher hat ihn Ihr +Abenteuer, das zum Glück ohne üble Folgen blieb, gewiß tief +erschüttert. + +Nicht den geringsten seiner Diener will er der mindesten Gefahr +ausgesetzt wissen, viel weniger einen lieben neugewonnenen Freund, +und ich weiß gewiß, daß Gottlieb, dem er schuld gibt, Sie im Stiche +gelassen zu haben, wo nicht mit Gefängnis bestraft werden, doch die +beschämende Jägerstrafe dulden wird, ohne Gewehr, mit einem Knittel in +der Hand, sich dem Jagdgefolge anschließen zu müssen. + +Schon, daß solche Jagden, wie hier, nie ohne Gefahr sind, und daß der +Baron, immer Unglück befürchtend, doch in der Freude und Lust daran +selbst den bösen Dämon neckt, bringt etwas Zerrissenes in sein Leben, +das feindlich selbst auf mich wirken muß. Man erzählt viel Seltsames +von dem Ahnherrn, der das Majorat stiftete, und ich weiß es wohl, daß +ein düsteres Familiengeheimnis, das in diesen Mauern verschlossen, wie +ein entsetzlicher Spuk die Besitzer wegtreibt und es ihnen nur möglich +macht, eine kurze Zeit hindurch im lauten wilden Gewühl auszudauern. + +Aber ich! wie einsam muß ich mich in diesem Gewühl befinden, und wie +muß mich das Unheimliche, das aus allen Wänden weht, im Innersten +aufregen! Sie, mein lieber Freund, haben mir die ersten heitern +Augenblicke, die ich hier verlebte, durch Ihre Kunst verschafft! - wie +kann ich Ihnen denn herzlich genug dafür danken!« - Ich küßte die mir +dargebotenen Hand, indem ich erklärte, daß auch ich gleich am ersten +Tage oder vielmehr in der ersten Nacht das Unheimliche des Aufenthalts +bis zum tiefsten Entsetzen gefühlt habe. + +Die Baronin blickte mir starr ins Gesicht, als ich jenes Unheimliche +der Bauart des ganzen Schlosses, vorzüglich den Verzierungen im +Gerichtssaal, dem sausenden Seewinde u.s.w. zuschrieb. Es kann sein, +daß Ton und Ausdruck darauf hindeuteten, daß ich noch etwas anderes +meine, genug, als ich schwieg, rief die Baronin heftig: »Nein, nein - +es ist Ihnen irgend etwas Entsetzliches geschehen in jenem Saal, den +ich nie ohne Schauer betrete! - ich beschwöre Sie - sagen Sie mir +alles!«- + +Zur Totenblässe war Seraphinens Gesicht verbleicht, ich sah wohl +ein, daß es nun geratener sei, daß ich alles, was mir widerfahren, +getreulich zu erzählen, als Seraphinens aufgeregter Fantasie es zu +überlassen, vielleicht einen Spuk, der in mir unbekannter Beziehung, +noch schrecklicher sein konnte als der erlebte, sich auszubilden. Sie +hörte mich an, und immer mehr und mehr stieg ihre Beklommenheit und +Angst. Als ich des Kratzens an der Wand erwähnte, schrie sie auf: +»Das ist entsetzlich - ja, ja in dieser Mauer ist jenes fürchterliche +Geheimnis verborgen!« + +Als ich dann weiter erzählte, wie der Alte mit geistiger Gewalt und +Übermacht den Spuk gebannt, seufzte sie tief, als würde sie frei von +einer schweren Last, die ihre Brust gedrückt. Sich zurücklehnend, +hielt sie beide Hände vors Gesicht. Erst jetzt bemerkte ich, daß +Adelheid uns verlassen. + +Längst hatte ich geendet, und da Seraphine noch immer schwieg, +stand ich leise auf, ging an das Instrument und mühte mich, in +anschwellenden Akkorden tröstende Geister heraufzurufen, die +Seraphinen dem finstern Reiche, das sich ihr in meiner Erzählung +erschlossen, entführen sollten. Bald intonierte ich so zart, als ich +es vermochte, eine jener heiligen Kanzonen des Abbate Steffani. + +In den wehmutsvollen Klängen des: »Ooi, perchè piangete« - erwachte +Seraphine aus düstern Träumen und horchte mild lächelnd, glänzende +Perlen in den Augen, mir zu. - Wie geschah es denn, daß ich vor ihr +hinkniete, daß sie sich zu mir herabbeugte, daß ich sie mit meinen +Armen umschlang, daß ein langer glühender Kuß auf meinen Lippen +brannte? - Wie geschah es denn, daß ich nicht die Besinnung verlor, +daß ich es fühlte, wie sie sanft mich an sich drückte, daß ich sie aus +meinen Armen ließ und, schnell mich emporrichtend, an das Instrument +trat? + +Von mir abgewendet, ging die Baronin einige Schritte nach dem Fenster +hin, dann kehrte sie um und trat mit einem beinahe stolzen Anstande, +der ihr sonst gar nicht eigen, auf mich zu. Mir fest ins Auge +blickend, sprach sie: »Ihr Onkel ist der würdigste Greis, den +ich kenne, er ist der Schutzengel unserer Familie - möge er mich +einschließen in sein frommes Gebet!« + +Ich war keines Wortes mächtig, verderbliches Gift, das ich in jenem +Kusse eingezogen, gärte und flammte in allen Pulsen, in allen Nerven! +- Fräulein Adelheid trat herein - die Wut des innern Kampfes strömte +aus in heißen Tränen, die ich nicht zurückzudrängen vermochte! +Adelheid blickte mich verwundert und zweifelhaft lächelnd an - ich +hätte sie ermorden können. Die Baronin reichte mir die Hand und sprach +mit unbeschreiblicher Milde: »Leben Sie wohl, mein lieber Freund! - +Leben Sie recht wohl, denken Sie daran, daß vielleicht niemand besser +als ich Ihre Musik verstand. - Ach! diese Töne werden lange - lange in +meinem Innern wiederklingen.« + +Ich zwang mir einige unzusammenhängende alberne Worte ab und lief nach +unserm Gemach. Der Alte hatte sich schon zur Ruhe begeben. Ich blieb +im Saal, ich stürzte auf die Knie, ich weinte laut - ich rief den +Namen der Geliebten, kurz, ich überließ mich den Torheiten des +verliebten Wahnsinns trotz einem, und nur der laute Zuruf des über +mein Toben aufgewachten Alten: »Vetter, ich glaube du bist verrückt +geworden oder balgst dich aufs neue mit einem Wolf? - Schier dich zu +Bette, wenn es dir sonst gefällig ist«- nur dieser Zuruf trieb mich +hinein ins Gemach, wo ich mich mit dem festen Vorsatz niederlegte, nur +von Seraphinen zu träumen. + +Es mochte schon nach Mitternacht sein, als ich, noch nicht +eingeschlafen, entfernte Stimmen, ein Hin- und Herlaufen und das +Öffnen und Zuschlagen von Türen zu vernehmen glaubte. Ich horchte auf, +da hörte ich Tritte auf dem Korridor sich nahen, die Tür des Saals +wurde geöffnet, und bald klopfte es an unser Gemach. + +»Wer ist da?« rief ich laut; da sprach es draußen: »Herr Justitiarius +- Herr Justitiarius, wachen Sie auf - wachen Sie auf!« Ich erkannte +Franzens Stimme, und indem ich frug: »Brennt es im Schlosse?« wurde +der Alte wach und rief: »Wo brennt es? wo ist schon wieder verdammter +Teufelsspuk los?« »Ach, stehen Sie auf, Herr Justitiarius«, sprach +Franz, »stehen Sie auf, der Herr Baron verlangt nach Ihnen!« »Was will +der Baron von mir«, frug der Alte weiter, »was will er von mir zur +Nachtzeit? weiß er nicht, daß das Justitiariat mit dem Justitiarius zu +Bette geht und ebensogut schläft, als er?« + +»Ach«, rief nun Franz ängstlich, »lieber Herr Justitiarius, stehen Sie +doch nur auf - die gnädige Frau Baronin liegt im Sterben!« Mit einem +Schrei des Entsetzens fuhr ich auf. »Öffne Franzen die Tür«, rief mir +der Alte zu; besinnungslos wankte ich im Zimmer herum, ohne Tür und +Schloß zu finden. Der Alte mußte mir beistehen, Franz trat bleich mit +verstörtem Gesicht herein und zündete die Lichter an. + +Als wir uns kaum in die Kleider geworfen, hörten wir schon den Baron +im Saal rufen: »Kann ich Sie sprechen, lieber V?« »Warum hast du dich +angezogen, Vetter, der Baron hat nur nach mir verlangt?« frug der +Alte, im Begriff herauszutreten. »Ich muß hinab - ich muß sie sehen +und dann sterben«, sprach ich dumpf und wie vernichtet vom trostlosen +Schmerz. + +»Ja so! da hast du recht, Vetter!« Dies sprechend, warf mir der Alte +die Tür vor der Nase zu, daß die Angeln klirrten, und verschloß sie +von draußen. Im ersten Augenblick, über diesen Zwang empört, wollt' +ich die Tür einrennen, aber mich schnell besinnend, daß dieses nur die +verderblichen Folgen einer ungezügelten Raserei haben könne, beschloß +ich, die Rückkehr des Alten abzuwarten, dann aber, koste es, was es +wolle, seiner Aufsicht zu entschlüpfen. + +Ich hörte den Alten heftig mit dem Baron reden, ich hörte mehrmals +meinen Namen nennen, ohne weiteres verstehen zu können. Mit jeder +Sekunde wurde mir meine Lage tödlicher. Endlich vernahm ich, wie dem +Baron eine Botschaft gebracht wurde, und wie er schnell davonrannte. +Der Alte trat wieder in das Zimmer »Sie ist tot« mit diesem Schrei +stürzte ich dem Alten entgegen »Und du bist närrisch!« fiel er +gelassen ein, faßte mich und drückte mich in einen Stuhl. »lch muß +hinab«, schrie ich, »Ich muß hinab, sie sehen, und sollt' es mir das +Leben kosten!« + +»Tue das, lieber Vetter«, sprach der Alte, indem er die Tür verschloß, +den Schlüssel abzog und in die Tasche steckte. Nun flammte ich auf in +toller Wut, ich griff nach der geladenen Büchse und schrie: »Hier vor +Ihren Augen jage ich mir die Kugel durch den Kopf, wenn Sie nicht +sogleich mir die Tür öffnen.« Da trat der Alte dicht vor mir hin +und sprach, indem er mich mit durchbohrendem Blick ins Auge faßte: +»Glaubst du, Knabe, daß du mich mit deiner armseligen Drohung +erschrecken kannst? - Glaubst du, daß mir dein Leben was wert ist, +wenn du vermagst, es in kindischer Albernheit wie ein abgenutztes +Spielzeug wegzuwerfen? Was hast du mit dem Weibe des Barons zu +schaffen? - wer gibt dir das Recht, dich wie ein überlästiger Geck da +hinzudrängen, wo du nicht hingehörst, und wo man dich auch gar nicht +mag? Willst du den liebenden Schäfer machen in ernster Todesstunde?« + +Ich sank vernichtet in den Lehnstuhl - Nach einer Weile fuhr der +Alte mit milderer Stimme fort: »Und damit du es nur weißt, mit der +angeblichen Todesgefahr der Baronin ist es wahrscheinlich ganz und gar +nichts - Fräulein Adelheid ist denn nun gleich außer sich über alles, +wenn ihr ein Regentropfen auf die Nase fällt, so schreit sie: >Welch +ein schreckliches Unwetter!< Zum Unglück ist der Feuerlärm bis zu den +alten Tanten gedrungen, die sind unter unziemlichem Weinen mit einem +ganzen Arsenal von stärkenden Tropfen - Lebenselixieren, und was weiß +ich sonst, angerückt - Eine starke Anwandlung von Ohnmacht.« + +Der Alte hielt inne, er mochte bemerken, wie ich im Innern kämpfte. Er +ging einigemal die Stube auf und ab, stellte sich wieder vor mir hin, +lachte recht herzlich und sprach: »Vetter, Vetter! was treibst du für +närrisches Zeug? Nun! es ist einmal nicht anders, der Satan treibt +hier seinen Spuk auf mancherlei Weise, du bist ihm ganz lustig in die +Krallen gelaufen, und er macht jetzt sein Tänzchen mit dir.« + +Er ging wieder einige Schritte auf und ab, dann sprach er weiter: »Mit +dem Schlaf ist's nun einmal vorbei, und da dächt' ich, man rauchte +eine Pfeife und brächte so noch die paar Stündchen Nacht und +Finsternis hin!« - Mit diesen Worten nahm der Alte eine tönerne Pfeife +vom Wandschrank herab und stopfte sie, ein Liedchen brummend, langsam +und sorgfältig. Dann suchte er unter vielen Papieren, bis er ein Blatt +herausriß, es zum Fidibus zusammenknetete und ansteckte. + +Die dicken Rauchwolken von sich blasend, sprach er zwischen den +Zähnen: »Nun, Vetter, wie war es mit dem Wolf?« Ich weiß nicht, wie +dies ruhige Treiben des Alten seltsam auf mich wirkte. - Es war, als +sei ich gar nicht mehr in R..sitten - die Baronin weit weit von mir +entfernt, so daß ich sie nur mit den geflügelten Gedanken erreichen +könne! - Die letzte Frage des Alten verdroß mich. »Aber«, fiel ich +ein, »finden Sie mein Jagdabenteuer so lustig, so zum Bespötteln +geeignet?« + +»Mitnichten«, erwiderte der Alte, »mitnichten, Herr Vetter, aber du +glaubst nicht, welch komisches Gesicht solch ein Kiekindiewelt wie +du schneidet, und wie er sich überhaupt so possierlich dabei macht, +wenn der liebe Gott ihn einmal würdigt, was Besonderes ihm passieren +zu lassen. Ich hatte einen akademischen Freund, der ein stiller, +besonnener, mit sich einiger Mensch war. Der Zufall verwickelte ihn, +der nie Anlaß zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und er, den die +mehresten Burschen für einen Schwächling, für einen Pinsel hielten, +benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlossenem Mute, daß alle +ihn höchlich bewunderten. + +Aber seit der Zeit war er auch umgewandelt. Aus dem fleißigen +besonnenen Jünglinge wurde ein prahlhafter, unausstehlicher Raufbold. +Er kommerschierte und jubelte und schlug, dummer Kinderei halber, +sich so lange, bis ihn der Senior einer Landsmannschaft, die er auf +pöbelhafte Weise beleidigt, im Duell niederstieß. + +Ich erzähle dir das nur so, Vetter, du magst dir dabei denken, was du +willst! Um nun wieder auf die Baronin und ihre Krankheit zu kommen«- +Es ließen sich in dem Augenblick leise Tritte auf dem Saal hören, und +mir war es, als ginge ein schauerliches Ächzen durch die Lüfte! »Sie +ist hin!« - der Gedanke durchfuhr mich wie ein tötender Blitz! + +Der Alte stand rasch auf und rief laut: »Franz Franz!« »Ja, lieber +Herr Justitiarius«, antwortete es draußen. »Franz«, fuhr der Alte +fort, »schüre ein wenig das Feuer im Kamin zusammen, und ist es +tunlich, so magst du für uns ein paar Tassen guten Tee bereiten! - Es +ist verteufelt kalt«, wandte sich der Alte zu mir, »und da wollen wir +uns lieber draußen am Kamine was erzählen.« Der Alte schloß die Tür +auf, ich folgte ihm mechanisch. + +»Wie geht's unten?«, frug der Alte. »Ach«, erwiderte Franz, »es hatte +gar nicht viel zu bedeuten, die gnädige Frau Baronin sind wieder ganz +munter und schieben das bißchen Ohnmacht auf einen bösen Traum!« Ich +wollte aufjauchzen vor Freude und Entzücken, ein sehr ernster Blick +des Alten wies mich zur Ruhe. »Ja«, sprach der Alte, »im Grunde +genommen wär's doch besser, wir legten uns noch ein paar Stündchen +aufs Ohr - Laß es nur gut sein mit dem Tee, Franz!« + +»Wie Sie befehlen, Herr Justitiarius«, erwiderte Franz und verließ den +Saal mit dem Wunsch einer geruhsamen Nacht, unerachtet schon die Hähne +krähten. »Höre, Vetter«, sprach der Alte, indem er die Pfeife im +Kamin ausklopfte, »höre, Vetter, gut ist's doch, daß dir kein Malheur +passiert ist mit Wölfen und geladenen Büchsen!« Ich verstand jetzt +alles und schämte mich, daß ich dem Alten Anlaß gab, mich zu behandeln +wie ein ungezogenes Kind. + +»Sei so gut«, sprach der Alte am andern Morgen, »sei so gut, lieber +Vetter, steige herab und erkundige dich, wie es mit der Baronin steht. +Du kannst nur immer nach Fräulein Adelheid fragen, die wird dich denn +wohl mit einem tüchtigen Bulletin versehen.« - Man kann denken, wie +ich hinabeilte. Doch in dem Augenblick, als ich leise an das Vorgemach +der Baronin pochen wollte, trat mir der Baron rasch aus demselben +entgegen. + +Er blieb verwundert stehen und maß mich mit finsterm, durchbohrenden +Blick. »Was wollen Sie hier!« fuhr es ihm heraus. Unerachtet mir das +Herz im Innersten schlug, nahm ich mich zusammen und erwiderte mit +festem Ton: »Mich im Auftrage des Onkels nach dem Befinden der +gnädigen Frau erkundigen.« »O es war ja gar nichts - ihr gewöhnlicher +Nervenzufall. Sie schläft sanft, und ich weiß, daß sie wohl und munter +bei der Tafel erscheinen wird! Sagen Sie das - Sagen Sie das« Dies +sprach der Baron mit einer gewissen leidenschaftlichen Heftigkeit, die +mir anzudeuten schien, daß er um die Baronin besorgter sei, als er es +wolle merken lassen. + +Ich wandte mich, um zurückzukehren, da ergriff der Baron plötzlich +meinen Arm und rief mit flammendem Blick: »Ich habe mit Ihnen zu +sprechen, junger Mann!« Sah ich nicht den schwerbeleidigten Gatten vor +mir, und mußt' ich nicht einen Auftritt befürchten, der vielleicht +schmachvoll für mich enden konnte? Ich war unbewaffnet, doch im Moment +besann ich mich auf mein künstliches Jagdmesser, das mir der Alte erst +in R..sitten geschenkt und das ich noch in der Tasche trug. + +Nun folgte ich dem mich rasch fortziehenden Baron mit dem Entschluß, +keines Leben zu schonen, wenn ich Gefahr laufen sollte, unwürdig +behandelt zu werden. Wir waren in des Barons Zimmer eingetreten, +dessen Tür er hinter sich abschloß. Nun schritt er mit +übereinandergeschlagenen Armen heftig auf und ab, dann blieb er vor +mir stehen und wiederholte: »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, junger +Mann!« + +Der verwegenste Mut war mir gekommen, und ich wiederholte mit erhöhtem +Ton: »Ich hoffe, daß es Worte sein werden, die ich ungeahndet hören +darf!« Der Baron schaute mich verwundert an, als verstehe er mich +nicht. Dann blickte er finster zur Erde, schlug die Arme über den +Riicken und fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen. Er nahm die +Büchse herab und stieß den Ladestock hinein, als wolle er versuchen, +ob sie geladen sei oder nicht! + +Das Blut stieg mir in den Adern, ich faßte nach dem Messer und schritt +dicht auf den Baron zu, um es ihm unmöglich zu machen, auf mich +anzulegen. »Ein schönes Gewehr«, sprach der Baron, die Büchse wieder +in den Winkel stellend. Ich trat einige Schritte zurück und der Baron +an mich heran; kräftiger auf meine Schulter schlagend, als gerade +nötig, sprach er dann: »Ich muß Ihnen aufgeregt und verstört +vorkommen, Theodor, ich bin es auch wirklich von der in tausend +Ängsten durchwachten Nacht. + +Der Nervenzufall meiner Frau war durchaus nicht gefährlich, das sehe +ich jetzt ein, aber hier - hier in diesem Schloß, in das ein finstrer +Geist gebannt ist, fürcht' ich das Entsetzliche, und dann ist es auch +das erstemal, daß sie hier erkrankte. Sie - Sie allein sind schuld +daran!« + +Wie das möglich sein könne, davon hätte ich keine Ahnung, erwiderte +ich gelassen. »Oh«, fuhr der Baron fort, »o wäre der verdammte +Unglückskasten der Inspektorin auf blankem Eise zerbrochen in tausend +Stücke, o wären Sie doch nein! - nein! Es sollte, es mußte so sein, +und ich allein bin schuld an allem. An mir lag es, in dem Augenblick, +als Sie anfingen in dem Gemach meiner Frau Musik zu machen, Sie von +der ganzen Lage der Sache, von der Gemütsstimmung meiner Frau zu +unterrichten.« + +Ich machte Miene zu sprechen »Lassen Sie mich reden«, rief der Baron, +»ich muß im voraus Ihnen alles voreilige Urteil abschneiden. Sie +werden mich für einen rauhen, der Kunst abholden Mann halten. Ich bin +das keineswegs, aber eine auf tiefe Überzeugung gebaute Rücksicht +nötigt mich, hier womöglich solcher Musik, die jedes Gemüt und auch +gewiß das meinige ergreift, den Eingang zu versagen. Erfahren Sie, +daß meine Frau an einer Erregbarkeit kränkelt, die am Ende alle +Lebensfreude wegzehren muß. + +In diesen wunderlichen Mauern kommt sie gar nicht heraus aus dem +erhöhten, überreizten Zustande, der sonst nur momentan einzutreten +pflegt, und zwar oft als Vorbote einer ernsten Krankheit. Sie fragen +mit Recht, warum ich der zarten Frau diesen schauerlichen Aufenthalt, +dieses wilde verwirrte Jägerleben nicht erspare? Aber nennen Sie +es immerhin Schwäche, genug, mir ist es nicht möglich, sie allein +zurückzulassen. In tausend Ängsten und nicht fähig Ernstes zu +unternehmen würde ich sein, denn ich weiß es, die entsetzlichsten +Bilder von allerlei verstörendem Ungemach, das ihr widerfahren, +verließen mich nicht im Walde, nicht im Gerichtssaal. + +Dann aber glaube ich, daß dem schwächlichen Weibe gerade diese +Wirtschaft hier wie ein erkräftigendes Stahlbad anschlagen muß. +Wahrhaftig, der Seewind, der nach seiner Art tüchtig durch die Föhren +saust, das dumpfe Gebelle der Doggen, der keck und munter schmetternde +Hörnerklang muß hier siegen über die verweichelnden, schmachtelnden +Pinseleien am Klavier, das so kein Mann spielen sollte, aber Sie haben +es darauf angelegt, meine Frau methodisch zu Tode zu quälen!« + +Der Baron sagte dies mit verstärkter Stimme und wildfunkelnden Augen - +das Blut stieg mir in den Kopf, ich machte eine heftige Bewegung mit +der Hand gegen den Baron, ich wollte sprechen, er ließ mich nicht zu +Worte kommen »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, fing er an, »ich weiß +es und wiederhole es, daß Sie auf dem Wege waren, meine Frau zu töten, +und daß ich Ihnen dies auch nicht im mindesten zurechnen kann, wiewohl +Sie begreifen, daß ich dem Dinge Einhalt tun muß. - Kurz! - Sie +exaltieren meine Frau durch Spiel und Gesang, und als sie in dem +bodenlosen Meere träumerischer Visionen und Ahnungen, die Ihre Musik +wie ein böser Zauber heraufbeschworen hat, ohne Halt und Steuer +umherschwimmt, drücken Sie sie hinunter in die Tiefe mit der Erzählung +eines unheimlichen Spuks, der Sie oben im Gerichtssaal geneckt haben +soll. + +Ihr Großonkel hat mir alles erzählt, aber ich bitte Sie, wiederholen +Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht sahen - hörten - fühlten +- ahnten.« Ich nahm mich zusammen und erzählte ruhig, wie es sich +damit begeben, von Anfang bis zu Ende. Der Baron warf nur dann und +wann einzelne Worte, die sein Erstaunen ausdrückten, dazwischen. +Als ich darauf kam, wie der Alte sich mit frommem Mut dem Spuk +entgegengestellt und ihn gebannt habe mit kräftigen Worten, schlug +er die Hände zusammen, hob sie gefaltet zum Himmel empor und rief +begeistert: »Ja, er ist der Schutzgeist der Familie! ruhen soll in der +Gruft der Ahnen seine sterbliche Hülle!« + +Ich hatte geendet. »Daniel, Daniel! was machst du hier zu +dieser Stunde!« murmelte der Baron in sich hinein, indem er mit +übereinandergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abschritt. »Weiter +war es also nichts, Herr Baron?« frug ich laut, indem ich Miene machte +mich zu entfernen. Der Baron fuhr auf wie aus einem Traum, faßte +freundlich mich bei der Hand und sprach: »Ja lieber Freund, meine +Frau, der Sie so arg mitgespielt haben, ohne es zu wollen, die müssen +Sie wieder herstellen, - Sie allein können das.« + +Ich fühlte mich errötend, und stand ich dem Spiegel gegenüber, so +erblickte ich gewiß in demselben ein sehr albernes verdutztes Gesicht. +Der Baron schien sich an meiner Verlegenheit zu weiden, er blickte mir +unverwandt ins Auge mit einem recht fatalen ironischen Lächeln. »Wie +in aller Welt sollte ich es anfangen«, stotterte ich endlich mühsam +heraus. + +»Nun, nun«, unterbrach mich der Baron, »Sie haben es mit keiner +gefährlichen Patientin zu tun. Ich nehme jetzt ausdrücklich Ihre +Kunst in Anspruch. Die Baronin ist nun einmal hereingezogen in den +Zauberkreis Ihrer Musik, und sie plötzlich herauszureißen, würde +töricht und grausam sein. Setzen Sie die Musik fort. Sie werden zur +Abendstunde in den Zimmern meiner Frau jedesmal willkommen sein. Aber +gehen Sie nach und nach über zu kräftigerer Musik, verbinden Sie +geschickt das Heitere mit dem Ernsten und dann, vor allen Dingen, +wiederholen Sie die Erzählung von dem unheimlichen Spuk recht oft. Die +Baronin gewöhnt sich daran, sie vergißt, daß der Spuk hier in diesen +Mauern hauset, und die Geschichte wirkt nicht stärker auf sie, als +jedes andere Zaubermärchen, das in irgendeinem Roman, in irgendeinem +Gespensterbuch ihr aufgetischt worden. Das tun sie, lieber Freund.« + +Mit diesen Worten entließ mich der Baron. Ich ging - Ich war +vernichtet in meinem eignen Innern, herabgesunken zum bedeutungslosen, +törichten Kinde! Ich Wahnsinniger, der ich glaubte, Eifersucht könne +sich in seiner Brust regen; er selbst schickt mich zu Seraphinen, er +selbst sieht in mir nur das willenlose Mittel, das er braucht und +wegwirft, wie es ihm beliebt! Vor wenigen Minuten fürchtete ich den +Baron, es lag in mir tief im Hintergrunde verborgen das Bewußtsein +der Schuld, aber diese Schuld ließ mich das höhere, herrliche Leben +deutlich fühlen, dem ich zugereift; nun war alles versunken in +schwarze Nacht, und ich sah nur den albernen Knaben, der in kindischer +Verkehrtheit die papierne Krone, die er sich auf den heißen Kopf +stülpte, für echtes Gold gehalten. + +Ich eilte zum Alten, der schon auf mich wartete. »Nun Vetter, wo +bleibst du denn, wo bleibst du denn?« rief er mir entgegen. »lch habe +mit dem Baron gesprochen«, warf ich schnell und leise hin, ohne den +Alten anschauen zu können. »Tausend Sapperlot!« sprach der Alte wie +verwundert, »Tausend Sapperlot, dacht ich's doch gleich! - der Baron +hat dich gewiß herausgefordert, Vetter?« - Das schallende Gelächter, +das der Alte gleich hinterher aufschlug, bewies mir, daß er auch +dieses Mal, wie immer, ganz und gar mich durchschaute. + +Ich biß die Zähne zusammen ich mochte kein Wort erwidern, denn wohl +wußt' ich, daß es dessen nur bedurfte, um sogleich von den tausend +Neckereien überschüttet zu werden, die schon auf des Alten Lippen +schwebten. + +Die Baronin kam zur Tafel im zierlichen Morgenkleide, das, blendend +weiß, frisch gefallenen Schnee besiegte. Sie sah matt aus und +abgespannt, doch als sie nun, leise und melodisch sprechend, die +dunklen Augen erhob, da blitzte süßes, sehnsüchtiges Verlangen aus +düsterer Glut, und ein flüchtiges Rot überflog das lilienblasse +Antlitz. Sie war schöner als jemals. Wer ermißt die Torheiten eines +Jünglings mit zu heißem Blut im Kopf und Herzen! + +Den bittern Groll, den der Baron in mir aufgeregt, trug ich über auf +die Baronin. Alles erschien mir wie eine heillose Mystifikation, und +nun wollt' ich beweisen, daß ich gar sehr bei vollem Verstande sei und +über die Maßen scharfsichtig. - Wie ein schmollendes Kind vermied ich +die Baronin und entschlüpfte der mich verfolgenden Adelheid, so daß +ich, wie ich gewollt, ganz am Ende der Tafel zwischen den beiden +Offizieren meinen Platz fand, mit denen ich wacker zu zechen begann. +Beim Nachtisch stießen wir fleißig die Gläser zusammen, und, wie es in +solcher Stimmung zu geschehen pflegt, ich war ungewöhnlich laut und +lustig. + +Ein Bedienter hielt mir einen Teller hin, auf dem einige Bonbons +lagen, mit den Worten: »Von Fräulein Adelheid.« Ich nahm, und bemerkte +bald, daß auf einem der Bonbons mit Silberstift gekritzelt stand: »Und +Seraphine?«- Das Blut wallte mir auf in den Adern. Ich schaute hin +nach Adelheid, die sah mich an mit überaus schlauer, verschmitzter +Miene, nahm das Glas und nickte mir zu mit leisem Kopfnicken. + +Beinahe willkürlos murmelte ich still: »Seraphine«, nahm mein Glas und +leerte es mit einem Zuge. Mein Blick flog hin zu ihr, ich gewahrte, +daß sie auch in dem Augenblick getrunken hatte und ihr Glas eben +hinsetzte - ihre Augen trafen die meinen, und ein schadenfroher Teufel +raunte es mir in die Ohren: »Unseliger! - Sie liebt dich doch!« +Einer der Gäste stand auf und brachte, nordischer Sitte gemäß, die +Gesundheit der Frau vom Hause aus. Die Gläser erklangen im lauten +Jubel - Entzücken und Verzweiflung spalteten mir das Herz - die Glut +des Weins flammte in mir auf, alles drehte sich in Kreisen, es war, +als müßte ich vor aller Augen hinstürzen zu ihren Füßen und mein Leben +aushauchen! + +»Was ist Ihnen, lieber Freund?« Diese Frage meines Nachbars gab mir +die Besinnung wieder, aber Seraphine war verschwunden. - Die Tafel +wurde aufgehoben. Ich wollte fort, Adelheid hielt mich fest, sie +sprach allerlei, ich hörte, ich verstand kein Wort - sie faßte mich +bei beiden Händen und rief mir laut lachend etwas in die Ohren. - Wie +von der Starrsucht gelähmt, blieb ich stumm und regungslos. Ich weiß +nur, daß ich endlich mechanisch ein Glas Likör aus Adelheids Hand nahm +und es austrank, daß ich mich einsam in einem Fenster wiederfand, daß +ich dann hinausstürzte aus dem Saal, die Treppe hinab, und hinauslief +in den Wald. + +In dichten Flocken fiel der Schnee herab, die Föhren seufzten, vom +Sturm bewegt; wie ein Wahnsinniger sprang ich umher in weiten Kreisen, +und lachte und schrie wild auf: »Schaut zu, schaut zu! - Heisa! der +Teufel macht sein Tänzchen mit dem Knaben, der zu speisen gedachte +total verbotene Früchte.« + +Wer weiß, wie mein tolles Spiel geendet, wenn ich nicht meinen Namen +laut in den Wald hineinrufen gehört. Das Wetter hatte nachgelassen, +der Mond schien hell durch die zerrissenen Wolken, ich hörte Doggen +anschlagen und gewahrte eine finstere Gestalt, die sich mir näherte. +Es war der alte Jäger. »Ei, ei, lieber Herr Theodor!« fing er an, »wie +haben Sie sich denn verirrt in dem bösen Schneegestöber, der Herr +Justitiarius warten auf Sie mit vieler Ungeduld!« + +Schweigend folgte ich dem Alten. Ich fand den Großonkel im +Gerichtssaal arbeitend. »Das hast du gut gemacht«, rief er mir +entgegen, »das hast du sehr gut gemacht, daß du ein wenig ins Freie +gingst, um dich gehörig abzukühlen. Trinke doch nicht so viel Wein, du +bist noch viel zu jung dazu, das taugt nicht.« Ich brachte kein Wort +hervor, schweigend setzte ich mich hin an den Schreibtisch. + +»Aber sage mir nur, lieber Vetter, was wollte denn eigentlich der +Baron von dir?« - Ich erzählte alles und schloß damit, daß ich +mich nicht hergeben wollte zu der zweifelhaften Kur, die der Baron +vorgeschlagen. »Würde auch gar nicht angehen«, fiel der Alte mir in +die Rede, »denn wir reisen morgen in aller Frühe fort, lieber Vetter!« +Es geschah so, ich sah Seraphinen nicht wieder! + +Kaum angekommen in K., klagte der alte Großonkel, daß er mehr als +jemals sich von der beschwerlichen Fahrt angegriffen fühle. Sein +mürrisches Schweigen, nur unterbrochen von heftigen Ausbrüchen der +übelsten Laune, verkündete die Rückkehr seiner podagristischen +Zufälle. Eines Tages wurd' ich schnell hingerufen, ich fand den Alten, +vom Schlage getroffen, sprachlos auf dem Lager, einen zerknitterten +Brief in der krampfhaft geschlossenen Hand. + +Ich erkannte die Schriftzüge des Wirtschaftsinspektors aus R..sitten, +doch, von dem tiefsten Schmerz durchdrungen, wagte ich es nicht, den +Brief dem Alten zu entreißen, ich zweifelte nicht an seinem baldigen +Tod. Doch, noch ehe der Arzt kam, schlugen die Lebenspulse wieder, die +wunderbar kräftige Natur des siebzigjährigen Greises widerstand dem +tödlichen Anfall, noch desselben Tages erklärte ihn der Arzt außer +Gefahr. Der Winter war hartnäckiger als jemals, ihm folgte ein rauher, +düsterer Frühling, und so kam es, daß nicht jener Zufall sowohl, als +das Podagra, von dem bösen Klima wohl gehegt, den Alten für lange Zeit +auf das Krankenlager warf. + +In dieser Zeit beschloß er, sich von jedem Geschäft ganz +zurückzuziehen. Er trat seine Justitiariate an andere ab, und so +war mir jede Hoffnung verschwunden, jemals wieder nach R..sitten zu +kommen. Nur meine Pflege litt der Alte, nur von mir verlangte er +unterhalten, aufgeheitert zu werden. Aber wenn auch in schmerzlosen +Stunden seiner Heiterkeit wiedergekehrt war, wenn es an derben Späßen +nicht fehlte, wenn es selbst zu Jagdgeschichten kam, und ich jeden +Augenblick vermutete, meine Heldentat, wie ich den greulichen Wolf +mit dem Jagdmesser erlegt, würde herhalten müssen - niemals - niemals +erwähnte er unseres Aufenthalts in R..sitten, und wer mag nicht +einsehen, daß ich aus natürlicher Scheu mich wohl hütete, ihn geradezu +darauf zu bringen. + +Meine bittre Sorge, meine stete Mühe um den Alten hatte Seraphinens +Bild in den Hintergrund gestellt. Sowie des Alten Krankheit nachließ, +gedachte ich lebhafter wieder jenes Moments im Zimmer der Baronin, +der mir wie ein leuchtender, auf ewig für mich untergegangener Stern +erschien. Ein Ereignis rief allen empfundenen Schmerz hervor, indem es +mich zugleich, wie eine Erscheinung aus der Geisterweit, mit eiskalten +Schauern durchbebte! + +Als ich nämlich eines Abends die Brieftasche, die ich in R..sitten +getragen, öffne, fällt mir aus den aufgeblätterten Papieren eine +dunkle, mit einem weißen Bande umschlungene Locke entgegen, die ich +augenblicklich für Seraphinens Haar erkenne! Aber als ich das Band +näher betrachte, sehe ich deutlich die Spur eines Blutstropfens! +Vielleicht wußte Adelheid in jenen Augcnblicken des bewußtlosen +Wahnsinns, der mich am letzten Tage ergriffen, mir dies Andenken +geschickt zuzustellen, aber warum der Blutstropfe, der mich +Entsetzliches ahnen ließ und jenes beinahe zu schäfermäßige Pfand zur +schauervollen Mahnung an eine Leidenschaft, die teures Herzblut kosten +konnte, hinaufsteigerte? + +Das war jenes weiße Band, das mich, zum erstenmal Seraphinen nahe, wie +im leichten losen Spiel umflatterte, und dem nun die dunkle Macht das +Wahrzeichen der Verletzung zum Tode gegeben. Nicht spielen soll der +Knabe mit der Waffe, deren Gefährlichkeit er nicht ermißt! + +Endlich hatten die Frühlingsstürme zu toben aufgehört, der Sommer +behauptete sein Recht, und war erst die Kälte unerträglich, so wurd' +es nun, als der Julius begonnen, die Hitze. Der Alte erkräftigte sich +zusehends und zog, wie er sonst zu tun pflegte, in einen Garten der +Vorstadt. An einem stillen lauen Abende saßen wir in der duftenden +Jasminlaube, der Alte war ungewöhnlich heiter und dabei nicht, +wie sonst, voll sarkastischer Ironie, sondern mild, beinahe weich +gestimmt. + +»Vetter«, fing er an, »ich weiß nicht, wie mir heute ist, ein ganz +besonderes Wohlsein, wie ich es seit vielen Jahren nicht gefühlt, +durchdringt mich mit gleichsam elektrischer Wärme. Ich glaube, das +verkündet mir einen baldigen Tod.« Ich mühte mich, ihn von dem düstern +Gedanken abzubringen. »Laß es gut sein, Vetter«, sprach er, »lange +bleibe ich nicht mehr hier unten, und da will ich dir noch eine Schuld +abtragen! Denkst du noch an die Herbstzeit in R..sitten?« - Wie ein +Blitz durchfuhr mich diese Frage des Alten, noch ehe ich zu antworten +vermochte, fuhr er weiter fort: »Der Himmel wollte es, daß du dort +auf ganz eigne Weise eintratst und wider deinen Willen eingeflochten +wurdest in die tiefsten Geheimnisse des Hauses. Jetzt ist es an der +Zeit, daß Du alles erfahren mußt. + +Oft genug, Vetter, haben wir über Dinge gesprochen, die du mehr +ahntest als verstandest. Die Natur stellt den Zyklus des menschlichen +Lebens in dem Wechsel der Jahreszeiten symbolisch dar, das sagen sie +alle, aber ich meine das auf andere Weise als alle. Die Frühlingsnebel +fallen, die Dünste des Sommers verdampfen, und erst des Herbstes +reiner Äther zeigt deutlich die ferne Landschaft, bis das Hienieden +versinkt in die Nacht des Winters. + +Ich meine, daß im Hellsehen des Alters sich deutlicher das Walten der +unerforschlichen Macht zeigt. Es sind Blicke vergönnt in das gelobte +Land, zu dem die Pilgerfahrt beginnt mit dem zeitlichen Tode. + +Wie wird mir in diesem Augenblick so klar das dunkle Verhängnis +jenes Hauses, dem ich durch festere Bande, als Verwandtschaft sie zu +schlingen vermag, verknüpft wurde. Wie liegt alles so erschlossen vor +meines Geistes Augen! - doch, wie ich nun alles so gestaltet vor mir +sehe, das Eigentliche, das kann ich nicht mit Worten sagen, keines +Menschen Zunge ist dessen fähig. Höre, mein Sohn, das, was ich dir nur +wie eine merkwürdige Geschichte, die sich wohl zutragen konnte, zu +erzählen vermag. Bewahre tief in deiner Seele die Erkenntnis, daß die +geheimnisvollen Beziehungen, in die du dich vielleicht nicht unberufen +wagtest, dich verderben konnten! - doch das ist nun vorüber!« + +Die Ceschichte des R..schen Majorats, die der Alte jetzt erzählte, +trage ich so treu im Gedächtnis, daß ich sie beinahe mit seinen Worten +(er sprach von sich selbst in der dritten Person) zu wiederholen +vermag. + +In einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1760 weckte ein +entsetzlicher Schlag, als falle das ganze weitläuftige Schloß in +tausend Trümmer zusammen, das Hausgesinde in R..sitten aus tiefem +Schlafe. Im Nu war alles auf den Beinen, Lichter wurden angezündet, +Schrecken und Angst im leichenblassen Gesicht, keuchte der +Hausverwalter mit den Schlüsseln herbei, aber nicht gering war jedes +Erstaunen, als man in tiefer Totenstille, in der das pfeifende +Gerassel der mühsam geöffneten Schlösser, jeder Fußtritt recht +schauerlich widerhallte, durch unversehrte Gänge, Säle, Zimmer fort +und fort wandelte. + +Nirgends die mindeste Spur irgendeiner Verwüstung. Eine finstere +Ahnung erfaßte den alten Hausverwalter. Er schritt hinauf in den +großen Rittersaal, in dessen Seitenkabinett der Freiherr Roderich v. +R. zu ruhen pflegte, wenn er astronomische Beobachtungen angestellt. +Eine zwischen der Tür dieses und eines andern Kabinetts angebrachte +Pforte führte durch einen engen Gang unmittelbar in den astronomischen +Turm. + +Aber sowie Daniel (so war der Hausverwalter geheißen) diese Pforte +öffnete, warf ihm der Sturm, abscheulich heulend und sausend, Schutt +und zerbröckelte Mauersteine entgegen, so daß er von Entsetzen weit +zurückprallte und, indem er den Leuchter, dessen Kerzen prasselnd +verlöschten, an die Erde fallen ließ, laut aufschrie: »O Herr des +Himmels! der Baron ist jämmerlich zerschmettert!« + +In dem Augenlick ließen sich Klagelaute vernehmen, die aus dem +Schlafkabinett des Freiherrn kamen. Daniel fand die übrigen Diener um +den Leichnam ihres Herrn versammelt. Vollkommen und reicher gekleidet +als jemals, ruhigen Ernst im unentstellten Gesichte, fanden sie ihn +sitzend in dem großen, reich verzierten Lehnstuhle, als ruhe er aus +von gewichtiger Arbeit. + +Es war aber der Tod, in dem er ausruhte. Als es Tag geworden, +gewahrte man, daß die Krone des Turms in sich eingestürzt. Die großen +Quadersteine hatten Decke und Fußboden des astronomischen Zimmers +eingeschlagen, nebst den nun voranstürzenden mächtigen Balken mit +gedoppelter Kraft des Falles das untere Gewölbe durchbrochen und einen +Teil der Schloßmauer und des engen Ganges mit fortgerissen. Nicht +einen Schritt durch die Pforte des Saals durfte man tun, ohne Gefahr, +wenigstens achtzig Fuß hinabzustürzen in tiefe Gruft. + +Der alte Freiherr hatte seinen Tod bis auf die Stunde vorausgesehen +und seine Söhne davon benachrichtigt. So geschah es, daß gleich +folgenden Tages Wolfgang Freiherr von R., ältester Sohn des +Verstorbenen, mithin Majoratsherr, eintraf. Auf die Ahnung des alten +Vaters wohl bauend, hatte er, sowie er den verhängnisvollen Brief +erhalten, sogleich Wien, wo er auf der Reise sich gerade befand, +verlassen und war, so schnell es nur gehen wollte, nach R..sitten +geeilt. + +Der Hausverwalter hatte den großen Saal schwarz ausschlagen und +den alten Freiherrn in den Kleidern, wie man ihn gefunden, auf ein +prächtiges Paradebette, das hohe silberne Leuchter mit brennenden +Kerzen umgaben, legen lassen. Schweigend schritt Wolfgang die Treppe +herauf, in den Saal hinein und dicht hinan an die Leiche des Vaters. +Da blieb er mit über die Brust verschränkten Armen stehen und schaute +starr und düster mit zusammengezogenen Augenbrauen dem Vater ins +bleiche Antlitz. Er glich einer Bildsäule, keine Träne kam in seine +Augen. Endlich, mit einer beinahe krampfhaften Bewegung, den rechten +Arm hin nach der Leiche zuckend, murmelte er dumpf: + +»Zwangen dich die Gestirne, den Sohn, den du liebtest, elend zu +machen?« - Die Hände zurückgeworfen, einen kleinen Schritt hinter sich +getreten, warf nun der Baron den Blick in die Höhe und sprach mit +gesenkter, beinahe weicher Stimme: »Armer, betörter Greis! Das +Fastnachtsspiel mit seinen läppischen Täuschungen ist nun vorüber! Nun +magst du erkennen, daß das kärglich zugemessene Besitztum hienieden +nichts gemein hat mit dem jenseits über den Sternen - Welcher Wille, +welche Kraft reicht hinaus über das Grab?« + +Wieder schwieg der Baron einige Sekunden - dann rief er heftig: +»Nein, nicht ein Quentlein meines Erdenglücks, das du zu vernichten +trachtetest, soll mir dein Starrsinn rauben«, und damit riß er ein +zusammengelegtes Papier aus der Tasche und hielt es zwischen zwei +Fingern hoch empor an eine dicht bei der Leiche stehende brennende +Kerze. Das Papier, von der Kerze ergriffen, flackerte hoch auf, und +als der Widerschein der Flamme auf dem Gesicht des Leichnams hin und +her zuckte und spielte, war es, als rührten sich die Muskeln und der +Alte spräche tonlose Worte, so daß der entfernt stehenden Dienerschaft +tiefes Grauen und Entsetzen ankam. + +Der Baron vollendete sein Geschäft mit Ruhe, indem er das letzte +Stückchen Papier, das er flammend zu Boden fallen lassen, mit dem Fuße +sorglich austrat. Dann warf er noch einen düstern Blick auf den Vater +und eilte mit schnellen Schritten zum Saal hinaus. + +Andern Tages machte Daniel den Freiherrn mit der neuerlich geschehenen +Verwüstung des Turms bekannt und schilderte mit vielen Worten, wie +sich überhaupt alles in der Todesnacht des alten seligen Herrn +zugetragen, indem er damit endete, daß es wohl geraten sein würde, +sogleich den Turm herstellen zu lassen, da, stürze noch mehr zusammen, +das ganze Schloß in Gefahr stehe, wo nicht zertrümmert, doch hart +beschädigt zu werden. + +»Den Turm herstellen?« fuhr der Freiherr den alten Diener, funkelnden +Zorn in den Augen, an, »den Turm herstellen? Nimmermehr! - Merkst du +denn nicht«, fuhr er dann gelassener fort, »merkst du denn nicht, +Alter, daß der Turm nicht so, ohne weitern Anlaß, einstürzen konnte? +Wie, wenn mein Vater selbst die Vernichtung des Orts, wo er seine +unheimliche Sterndeuterei trieb, gewünscht, wie, wenn er selbst +gewisse Vorrichtungen getroffen hätte, die es ihm möglich machten, +die Krone des Turms, wenn er wollte, einstürzen und so das Innere des +Turms zerschmettern zu lassen? Doch dem sei, wie ihm wolle, und mag +auch das Schloß zusammenstürzen, mir ist es recht. Glaubt ihr denn, +daß ich in dem abenteuerlichen Eulenneste hier hausen werde? - Nein! +jener kluge Ahnherr, der in dem schönen Talgrunde die Fundamente zu +einem neuen Schloß legen ließ, der hat mir vorgearbeitet, dem will ich +folgen.« + +»Und so werden«, sprach Daniel kleinlaut, »dann auch wohl die +alten treuen Diener den Wanderstab zur Hand nehmen müssen.« »Daß +ich«, erwiderte der Freiherr, »mich nicht von unbehülflichen +schlotterbeinichten Greisen bedienen lassen werde, versteht sich von +selbst, aber verstoßen werde ich keinen. Arbeitslos soll euch das +Gnadenbrot gut genug schmecken.« + +»Mich«, rief der Alte voller Schmerz, »mich, den Hausverwalter, so +außer Aktivität -« Da wandte der Freiherr, der, dem Alten den Rücken +gekehrt, im Begriff stand, den Saal zu verlassen, sich plötzlich um, +blutrot im ganzen Gesichte vor Zorn, die geballte Faust vorgestreckt, +schritt er auf den Alten zu und schrie mit fürchterlicher Stimme: + +»Dich, du alter heuchlerischer Schurke, der du mit dem alten Vater das +unheimliche Wesen triebst dort oben, der du dich wie ein Vampir an +sein Herz legtest, der vielleicht des Alten Wahnsinn verbrecherisch +nützte, um in ihm die höllischen Entschlüsse zu erzeugen, die mich an +den Rand des Abgrunds brachten dich sollte ich hinausstoßen wie einen +räudigen Hund!« + +Der Alte war vor Schreck über diese entsetzlichen Reden dicht neben +dem Freiherrn auf beide Knie gesunken, und so mochte es geschehen, +daß dieser, indem er vielleicht unwillkürlich, wie denn im Zorn oft +der Körper dem Gedanken mechanisch folgt und das Gedachte mimisch +ausführt, bei den letzten Worten den rechten Fuß vorschleuderte, den +Alten so hart an der Brust traf, daß er mit einem dumpfen Schrei +umstürzte. Er raffte sich mühsam in die Höhe, und indem er einen +sonderbaren Laut, gleich dem heulenden Gewimmer eines auf den Tod +wunden Tieres, ausstieß, durchbohrte er den Freiherrn mit einem Blick, +in dem Wut und Verzweiflung glühten. Den Beutel mit Geld, den ihm +der Freiherr im Davonschreiten zugeworfen, ließ er unberührt auf dem +Fußboden liegen. + +Unterdessen hatten sich die in der Gegend befindlichen nächsten +Verwandten des Hauses eingefunden, mit vielem Prunk wurde der alte +Freiherr in der Familiengruft, die in der Kirche von R..sitten +befindlich, beigesetzt, und nun, da die geladenen Gäste sich wieder +entfernt, schien der neue Majoratsherr, von der düstern Stimmung +verlassen, sich des erworbenen Besitztums recht zu erfreuen. Mit V., +dem Justitiarius des alten Freiherrn, dem er gleich, nachdem er ihn +nur gesprochen, sein volles Vertrauen schenkte und ihn in seinem Amt +bestätigte, hielt er genaue Rechnung über die Einkünfte des Majorats +und überlegte, wieviel davon verwandt werden könne zu Verbesserungen +und zum Aufbau eines neuen Schlosses. + +V. meinte, daß der alte Freiherr unmöglich seine jährlichen Einkünfte +aufgezehrt haben könne, und daß, da sich unter den Briefschaften nur +ein paar unbedeutende Kapitalien in Bankoscheinen befanden, und die +in einem eisernen Kasten befindliche bare Summe tausend Taler nur um +weniges überstiege, gewiß irgendwo noch Geld verborgen sein müsse. Wer +anders konnte davon unterrichtet sein, als Daniel, der, störrisch und +eigensinnig, wie er war, vielleicht nur darauf wartete, daß man ihn +darum befrage. + +Der Baron war nicht wenig besorgt, daß Daniel, den er schwer +beleidigt, nun nicht sowohl aus Eigennutz, denn was konnte ihm, dem +kinderlosen Greise, der im Stammschlosse R..sitten sein Leben zu enden +wünschte, die größte Summe Geldes helfen, als vielmehr, um Rache zu +nehmen für den erlittenen Schimpf, irgendwo versteckte Schätze lieber +vermodern lassen, als ihm entdecken werde. Er erzählte V. den ganzen +Vorfall mit Daniel umständlich und schloß damit, daß nach mehreren +Nachrichten, die ihm zugekommen, Daniel allein es gewesen sei, der +in dem alten Freiherrn einen unerklärlichen Abscheu, seine Söhne in +R..sitten wiederzusehen, zu nähren gewußt habe. Der Justitiarius +erklärte diese Nachrichten durchaus für falsch, da kein menschliches +Wesen auf der Welt imstande gewesen sei, des alten Freiherrn +Entschlüsse nur einigermaßen zu lenken, viel weniger zu bestimmen, und +übernahm es übrigens, dem Daniel das Geheimnis wegen irgend in einem +verborgenen Winkel aufbewahrten Geldes zu entlocken. + +Es bedurfte dessen gar nicht, denn kaum fing der Justitiarius an: +»Aber wie kommt es denn, Daniel, daß der alte Herr so wenig bares Geld +hinterlassen?« so erwiderte Daniel mit widrigem Lächeln: »Meinen Sie +die paar Taler, Herr Justitiarius, die Sie in dem kleinen Kästchen +fanden? das übrige liegt ja im Gewölbe neben dem Schlafkabinett des +alten gnädigen Herrn! Aber das Beste«, fuhr er dann fort, indem sein +Lächeln sich zum abscheulichen Grinsen verzog und blutrotes Feuer +in seinen Augen funkelte, »aber das Beste, viele tausend Goldstücke +liegen da unten im Schutt vergraben!« + +Der Justitiarius rief sogleich den Freiherrn herbei, man begab sich +in das Schlafkabinett, in einer Ecke desselben rückte Daniel an dem +Getäfel der Wand, und ein Schloß wurde sichtbar. Indem der Freiherr +das Schloß mit gierigen Blicken anstarrte, dann aber Anstalt machte, +die Schlüssel, welche an dem großen Bunde hingen, den er mit vielem +Geklapper mühsam aus der Tasche gezerrt, an dem glänzenden Schlosse zu +versuchen, stand Daniel da, hoch aufgerichtet und wie mit hämischem +Stolz herabblickend auf den Freiherrn, der sich niedergebückt hatte, +um das Schloß besser in Augenschein zu nehmen. + +Den Tod im Antlitz, mit bebender Stimme, sprach er dann: »Bin ich ein +Hund, hochgnädiger Freiherr! - so bewahr' ich auch in mir des Hundes +Treue.« Damit reichte er dem Baron einen blanken stählernen Schlüssel +hin, den ihm dieser mit hastiger Begier aus der Hand riß und die Tür +mit leichter Mühe öffnete. Man trat in ein kleines, niedriges Gewölbe, +in welchem eine große eiserne Truhe mit geöffnetem Deckel stand. Auf +den vielen Geldsäcken lag ein Zettel. Der alte Freiherr hatte mit +seinen wohlbekannten großen altväterischen Schriftzügen darauf +geschrieben: + +Einmal hundert und fünfzigtausend Reichstaler in alten Friedrichsdor +erspartes Geld von den Einkünften des Majoratsgutes R..sitten, und +ist diese Summe bestimmt zum Bau des Schlosses. Es soll ferner der +Majoratsherr, der mir folgt, im Besitztum von diesem Gelde auf +dem höchsten Hügel, östlich gelegen dem alten Schloßturm, den er +eingestürzt finden wird, einen hohen Leuchtturm zum Besten der +Seefahrer aufführen und allnächtlich feuern lassen. + + R..sitten in der Michaelisnacht des Jahres 1760. + + Roderich Freiherr von R. + +Erst als der Freiherr die Beutel, einen nach dem andern, gehoben und +wieder in den Kasten fallen lassen, sich ergötzend an dem klirrenden +Klingen des Goldes, wandte er sich rasch zu dem alten Hausverwalter, +dankte ihm für die bewiesene Treue und versicherte, daß nur +verleumderische Klätschereien schuld daran wären, daß er ihm anfangs +übel begegnet. Nicht allein im Schlosse, sondern in vollem Dienst als +Hausverwalter, mit verdoppeltem Gehalt, solle er bleiben. + +»Ich bin dir volle Entschädigung schuldig, willst du Gold, so nimm dir +einen von jenen Beuteln!«- So schloß der Freiherr seine Rede, indem er +mit niedergeschlagenen Augen, vor dem Alten stehend, mit der Hand nach +dem Kasten hinzeigte, an den er nun aber noch einmal hintrat und die +Beutel musterte. Dem Hausverwalter trat plötzlich glühende Röte ins +Gesicht, und er stieß einen entsetzlichen, dem heulenden Gewimmer +eines auf den Tod wunden Tiers ähnlichen Laut aus, wie ihn der +Freiherr dem Jutistitiarius beschrieben. Dieser erbebte, denn was der +Alte nun zwischen den Zähnen murmelte, klang wie: »Blut für Gold!« Der +Freiherr, vertieft in den Anblick des Schatzes, hatte von allem nicht +das mindeste bemerkt; Daniel, den es wie im krampfigen Fieberfrost +durch alle Glieder geschüttelt, nahte sich mit gebeugtem Haupt in +demütiger Stellung dem Freiherrn, küßte ihm die Hand und sprach mit +weinerlicher Stimme, indem er mit dem Taschentuch sich über die Augen +fuhr, als ob er Tränen wegwische: + +»Ach, mein lieber gnädiger Herr, was soll ich armer, kinderloser +Greis mit dem Golde? - aber das doppelte Gehalt, das nehme ich an mit +Freuden und will mein Amt verwalten rüstig und unverdrossen!« + +Der Freiherr, der nicht sonderlich auf die Worte des Alten geachtet, +ließ nun den schweren Deckel der Truhe zufallen, daß das ganze Gewölbe +krachte und dröhnte, und sprach dann, indem er die Truhe verschloß +und die Schlüssel sorgfältig auszog, schnell hingeworfen: »Schon gut, +schon gut Alter! Aber du hast noch«, fuhr er fort, nachdem sie schon +in den Saal getreten waren, »aber du hast noch von vielen Goldstücken +gesprochen, die unten im zerstörten Turm liegen sollen« Der Alte trat +schweigend an die Pforte und schloß sie mit Mühe auf. Aber sowie er +die Flügel aufriß, trieb der Sturm dickes Schneegestöber in den Saal; +aufgescheucht flatterte ein Rabe kreischend und krächzend umher, +schlug mit schwarzen Schwingen gegen die Fenster und stürzte sich, als +er die offene Pforte wiedergewonnen, in den Abgrund. + +Der Freiherr trat hinaus in den Korridor, bebte aber zurück, als er +kaum einen Blick in die Tiefe geworfen. »Abscheulicher Anblick - +Schwindel«, stotterte er und sank wie ohnmächtig dem Justitiarius in +die Arme. Er raffte sich jedoch gleich wieder zusammen und frug, den +Alten mit scharfen Blicken erfassend: »Und da unten?« - + +Der Alte hatte indessen die Pforte wieder verschlossen, er drückte nun +noch mit ganzer Leibeskraft dagegen, so daß er keuchte und ächzte, um +nur die großen Schlüssel aus den ganz verrosteten Schlössern loswinden +zu können. Dies endlich zustande gebracht, wandte er sich um nach +dem Baron und sprach, die großen Schlüssel in der Hand hin und her +schiebend, mit seltsamen Lächeln: »Ja, da unten liegen tausend und +tausend - alle schönen Instrumente des seligen Herrn - Teleskope, +Quadranten - Globen - Nachtspiegel alles liegt zertrümmert im Schutt +zwischen den Steinen und Balken!« + +»Aber, bares Geld, bares Geld«, fiel der Freiherr ein, »du hast von +Goldstücken gesprochen, Alter?« + +»Ich meine nur«, erwiderte der Alte, »Sachen, welche viele tausend +Goldstücke gekostet.« + +Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen. Der Baron zeigte sich +hoch erfreut, nun, mit einemmal, zu allen Mitteln gelangt zu sein, +deren er bedurfte, seinen Lieblingsplan ausführen, nämlich ein neues +prächtiges Schloß aufbauen zu können. Zwar meinte der Justitiarius, +daß nach dem Willen des Verstorbenen nur von der Reparatur, von dem +völligen Ausbau des alten Schlosses, die Rede sein könne, und daß in +der Tat jeder neue Bau schwerlich die ehrwürdige Größe, den ernsten +einfachen Charakter des alten Stammhauses erreichen werde, der +Freiherr blieb aber bei seinem Vorsatz und meinte, daß in solchen +Verfügungen, die nicht durch die Stiftungsurkunde sanktioniert worden, +der tote Wille des Dahingeschiedenen weichen müsse. + +Er gab dabei zu verstehen, daß es seine Pflicht sei, den Aufenthalt +in R..sitten so zu verschönern, als es nur Klima, Boden und Umgebung +zulasse, da er gedenke, in kurzer Zeit als sein innig geliebtes Weib +ein Wesen heimzuführen, die in jeder Hinsicht der größten Opfer würdig +sei. + +Die geheimnisvolle Art, wie der Freiherr sich über das vielleicht +schon insgeheim geschlossene Bündnis äußerte, schnitt dem Justitiarius +jede weitere Frage ab, indessen fand er sich durch die Entscheidung +des Freiherrn insofern beruhigt, als er wirklich in seinem Streben +nach Reichtum mehr die Begier, eine geliebte Person das schönere +Vaterland, dem sie entsagen mußte, ganz vergessen zu lassen, als +eigentlichen Geiz finden wollte. + +Für geizig, wenigstens für unausstehlich habsüchtig mußte er sonst +den Baron halten, der, im Golde wühlend, die alten Friedrichsdor +beäugelnd, sich nicht enthalten konnte, mürrisch aufzufahren: »Der +alte Halunke hat uns gewiß den reichsten Schatz verschwiegen, aber +künftigen Frühling laß ich den Turm ausräumen unter meinen Augen.« + +Baumeister kamen, mit denen der Freiherr weitläufig überlegte, wie mit +dem Bau am zweckmäßigsten zu verfahren sei. Er verwarf Zeichnung auf +Zeichnung, keine Architektur war ihm reich, großartig genug. Nun +fing er an, selbst zu zeichnen, und, aufgeheitert durch diese +Beschäftigungen, die ihm beständig das sonnenhelle Bild der +glücklichsten Zukunft vor Augen stellten, erfaßte ihn eine frohe +Laune, die oft an Ausgelassenheit anstreifte, und die er allen +mitzuteilen wußte. + +Seine Freigebigkeit, die Opulenz seiner Bewirtung widerlegte +wenigstens jeden Verdacht des Geizes. Auch Daniel schien nun ganz +jenen Tort, der ihm geschehen, vergessen zu haben. Er betrug sich +still sind demütig gegen den Freiherrn, der ihn, des Schatzes in der +Tiefe halber, oft mit mißtrauischen Blicken verfolgte. Was aber allen +wunderbar vorkam, war, daß der Alte sich zu verjüngen schien von Tage +zu Tage. Es mochte sein, daß ihn der Schmerz um den alten Herrn tief +gebeugt hatte, und er nun den Verlust zu verschmerzen begann, wohl +aber auch, daß er nun nicht, wie sonst, kalte Nächte schlaflos auf +dem Turm zubringen und bessere Kost, guten Wein, wie es ihm gefiel, +genießen durfte, genug, aus dem Greise schien ein rüstiger Mann werden +zu wollen mit roten Wangen und wohlgenährtem Körper, der kräftig +auftrat und mit lauter Stimme mitlachte, wo es einen Spaß gab. + +Das lustige Leben in R..sitten wurde durch die Ankunft eines Mannes +unterbrochen, von dem man hätte denken sollen, er gehöre nun gerade +hin. Wolfgangs jüngerer Bruder, Hubert, war dieser Mann, bei dessen +Anblick Wolfgang, im Antlitz den bleichen Tod, laut aufschrie: +»Unglücklicher, was willst du hier!« Hubert stürzte dem Bruder in die +Arme, dieser faßte ihn aber und zog ihn mit sich fort und hinauf in +ein entferntes Zimmer, wo er sich mit ihm einschloß. Mehrere Stunden +blieben beide zusammen, bis endlich Hubert herabkam mit verstörtem +Wesen und nach seinen Pferden rief. + +Der Justitiarius trat ihm in den Weg, er wollte vorüber, V., von der +Ahnung ergriffen, daß vielleicht gerade hier ein tödlicher Bruderzwist +enden könnte, bat ihn, wenigstens ein paar Stunden zu verweilen, und +in dem Augenblick kam auch der Freiherr herab, laut rufend: »Bleibe +hier, Hubert! Du wirst dich besinnen!« - Huberts Blicke heiterten sich +auf, er gewann Fassung, und indem er den reichen Leibpelz, den er, +schnell abgezogen, hinter sich dem Bedienten zuwarf, nahm er V.s Hand +und sprach, mit ihm in die Zimmer schreitend, mit einem verhöhnenden +Lächeln: »Der Majoratsherr will mich doch also hier leiden.« + +V. meinte, daß gewiß sich jetzt das unglückliche Mißverständnis lösen +werde, welches nur bei getrenntem Leben habe gedeihen können. Hubert +nahm die stählerne Zange, die beim Kamin stand, zur Hand, und indem +er damit ein astiges, dampfendes Stück Holz auseinander klopfte und +das Feuer besser aufschürte, sprach er zu V.: »Sie merken, Herr +Justitiarius, daß ich ein gutmütiger Mensch bin und geschickt +zu allerlei häuslichen Diensten. Aber Wolfgang ist voll der +wunderlichsten Vorurteile und - ein kleiner Geizhals.« + +V. fand es nicht geraten, weiter in das Verhältnis der Brüder +einzudringen, zumal Wolfgangs Gesicht, sein Benehmen, sein Ton den +durch Leidenschaften jeder Art im Innersten zerrissenen Menschen ganz +deutlich zeigte. + +Um des Freiherrn Entschlüsse in irgendeiner das Majorat betreffenden +Angelegenheit zu vernehmen, ging V. noch am späten Abend hinauf +in sein Gemach. Er fand ihn, wie er, die Arme über den Rücken +zusammengeschränkt, ganz verstört mit großen Schritten das Zimmer maß. +Er blieb stehen, als er endlich den Justitiarius erblickte, faßte +seine beiden Hände, und düster ihm ins Auge schauend, sprach er mit +gebrochener Stimme: »Mein Bruder ist gekommen! Ich weiß«, fuhr er +fort, als V. kaum den Mund zur Frage geöffnet, »ich weiß, was Sie +sagen wollen. Ach, Sie wissen nichts. Sie wissen nicht, daß mein +unglücklicher Bruder - ja unglücklich nur will ich ihn nennen - daß er +wie ein böser Geist mir überall in den Weg tritt und meinen Frieden +stört. An ihm liegt es nicht, daß ich nicht unaussprechlich elend +wurde, er tat das Seinige dazu, doch der Himmel wollt' es nicht. + +Seit der Zeit, daß die Stiftung des Majorats bekannt wurde, verfolgt +er mich mit tödlichem Haß. Er beneidet mich um das Besitztum, das +in seinen Händen wie Spreu verflogen wäre. Er ist der wahnsinnigste +Verschwender, den es gibt. Seine Schuldenlast übersteigt bei weitem +die Hälfte des freien Vermögens in Kurland, die ihm zufällt, und nun, +verfolgt von Gläubigern die ihn quälen, eilt er her und bettelt um +Geld.« + +»Und Sie, der Bruder, verweigern« wollte ihm V. in die Rede fallen, +doch der Freiherr rief, indem er V.s Hände fahren ließ und einen +starken Schritt zurücktrat, laut und heftig: »Halten Sie ein! ja! +ich verweigere! Von den Einkünften des Majorats kann und werde ich +keinen Taler verschenken! Aber hören Sie, welchen Vorschlag ich dem +Unsinnigen vor wenigen Stunden vergebens machte, und dann richten Sie +über mein Pflichtgefühl. + +Das freie Vermögen in Kurland ist, wie Sie wissen, bedeutend, auf die +mir zufallende Hälfte wollt' ich verzichten, aber zugunsten seiner +Familie. Hubert ist verheiratet in Kurland an ein schönes armes +Fräulein. Sie hat ihm Kinder erzeugt und darbt mit ihnen. Die Güter +sollten administriert, aus den Revenüen ihm die nötigen Gelder zum +Unterhalt angewiesen, die Gläubiger vermöge Abkommens befriedigt +werden. Aber was gilt ihm ein ruhiges, sorgenfreies Leben, was gilt +ihm Frau und Kind! Geld, bares Geld in großen Summen will er haben, +damit er in verruchtem Leichtsinn es verprassen könne! + +Welcher Dämon hat ihm das Geheimnis mit den einhundert und +funfzigtausend Talern verraten, davon verlangt er die Hälfte nach +seiner wahnsinnigen Weise, behauptend, dies Geld sei, getrennt vom +Majorat, als freies Vermögen zu achten. Ich muß und werde ihm dies +verweigern, aber mir ahnt es, mein Verderben brütet er aus im Innern!« + +So sehr V. sich auch bemühte, dem Freiherrn den Verdacht wider seinen +Bruder auszureden, wobei er sich freilich, uneingeweiht in die näheren +Verhältnisse, mit ganz allgemeinen moralischen, ziemlich flachen +Gründen behelfen mußte, so gelang ihm dies doch ganz und gar nicht. +Der Freiherr gab ihm den Auftrag, mit dem feindseligen geldgierigen +Hubert zu unterhandeln. + +V. tat dies mit so viel Vorsicht, als ihm nur möglich war, und freute +sich nicht wenig, als Hubert endlich erklärte: »Mag es dann sein, ich +nehme die Vorschläge des Majoratsherrn an, doch unter der Bedingung, +daß er mir jetzt, da ich auf dem Punkt stehe, durch die Härte meiner +Gläubiger Ehre und guten Namen auf immer zu verlieren, tausend +Friedrichsdor bar vorschieße und erlaube, daß ich künftig, wenigstens +einige Zeit hindurch, meinen Wohnsitz in dem schönen R..sitten bei dem +gütigen Bruder nehme.« »Nimmermehr!« schrie der Freiherr auf, als ihm +V. diese Vorschläge des Bruders hinterbrachte, »nimmermehr werde ich's +zugeben, daß Hubert auch nur eine Minute in meinem Hause verweile, +sobald ich mein Weib hergebracht! - Gehen Sie, mein teurer Freund, +sagen Sie dem Friedenstörer, daß er zweitausend Friedrichsdor haben +soll, nicht als Vorschuß, nein als Geschenk, nur fort - fort!« + +V. wußte nun mit einemmal, daß der Freiherr sich ohne Wissen des +Vaters schon verheiratet hatte, und daß in dieser Heirat auch der +Grund des Bruderzwistes liegen mußte. Hubert hörte stolz und gelassen +den Justitiarius an und sprach, nachdem er geendet, dumpf und düster: +»Ich werde mich besinnen, vor der Hand aber noch einige Tage hier +bleiben!« + +V. bemühte sich, dem Unzufriedenen darzutun, daß der Freiherr doch +in der Tat alles tue, ihn durch die Abtretung des freien Vermögens, +soviel als möglich, zu entschädigen, und daß er über ihn sich durchaus +nicht zu beklagen habe, wenn er gleich bekennen müsse, daß jede +Stiftung, die den Erstgeborenen so vorwiegend begünstige und die +andern Kinder in den Hintergrund stelle, etwas Gehässiges habe. + +Hubert riß, wie einer, der Luft machen will der beklemmten Brust, die +Weste von oben bis unten auf; die eine Hand in die offne Busenkrause +begraben, die andere in die Seite gestemmt, drehte er sich mit einer +raschen Tänzerbewegung auf einem Fuße um und rief mit schneidender +Stimme: »Pah! - das Gehässige wird geboren vom Haß« dann schlug er ein +gellendes Gelächter auf und sprach: »Wie gnädig doch der Majoratsherr +dem armen Bettler seine Goldstücke zuzuwerfen gedenkt.« V. sah nun +wohl ein, daß von völliger Aussöhnung der Brüder gar nicht die Rede +sein könne. + +Hubert richtete sich in den Zimmern, die ihm in den Seitenflügeln des +Schlosses angewiesen worden, zu des Freiherrn Verdruß auf recht langes +Bleiben ein. Man merkte, daß er oft und lange mit dem Hausverwalter +sprach, ja, daß dieser sogar zuweilen mit ihm auf die Wolfsjagd zog. +Sonst ließ er sich wenig sehen und mied es ganz, mit dem Bruder allein +zusammen zu kommen, welches diesem eben ganz recht war. + +V. fühlte das Drückende dieses Verhältnisses, ja er mußte sich es +selbst gestehen, daß die ganz besondere unheimliche Manier Huberts +in allem, was er sprach und tat, alle Lust recht geflissentlich +zerstörend, eingriff. Jener Schreck des Freiherrn, als er den Bruder +eintreten sah, war ihm nun ganz erklärlich. + +V. saß allein in der Gerichtsstube unter den Akten, als Hubert +eintrat, ernster, gelassener als sonst, und mit beinahe wehmütiger +Stimme sprach: »Ich nehme auch die letzten Vorschläge des Bruders +an, bewirken Sie, daß ich die zweitausend Friedrichsdor noch heute +erhalte, in der Nacht will ich fort zu Pferde - ganz allein« »Mit dem +Geld?« frug V. »Sie haben recht«, erwiderte Hubert, »ich weiß, was Sie +sagen wollen - die Last! Stellen sie es in Wechsel auf Isak Lazarus +in K.! - Noch in dieser Nacht will ich hin nach K. Es treibt mich von +hier fort, der Alte hat seine bösen Geister hier hineingehext!« + +»Sprechen Sie von Ihrem Vater, Herr Baron?« frug V. sehr ernst. +Huberts Lippen bebten, er hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht +umzusinken, dann aber, sich plötzlich ermannend, rief er: »Also noch +heute, Herr Justitiarius«, und wankte, nicht ohne Anstrengung, zur Tür +hinaus. »Er sieht jetzt ein, daß keine Täuschungen mehr möglich sind, +daß er nichts vermag gegen meinen festen Willen«, sprach der Freiherr, +indem er den Wechsel auf Isak Lazarus in K. ausstellte. Eine Last +wurde seiner Brust entnommen durch die Abreise des feindlichen +Bruders, lange war er nicht so froh gewesen als bei der Abendtafel. +Hubert hatte sich entschuldigen lassen, alle vermißten ihn recht gern. + +V. wohnte in einem etwas abgelegenen Zimmer, dessen Fenster nach dem +Schloßhofe herausgingen. In der Nacht fuhr er plötzlich auf aus dem +Schlafe, und es war ihm, als habe ein fernes, klägliches Wimmern ihn +aus dem Schlafe geweckt. Mochte er aber auch horchen, wie er wollte, +es blieb alles totenstill, und so mußte er jenen Ton, der ihm in die +Ohren geklungen, für die Täuschung eines Traums halten. Ein ganz +besonderes Gefühl von Grauen und Angst bemächtigte sich seiner aber so +ganz und gar, daß er nicht im Bette bleiben konnte. Er stand auf und +trat ans Fenster. Nicht lange dauerte es, so wurde das Schloßtor +geöffnet, und eine Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand trat +heraus und schritt über den Schloßhof. V. erkannte in der Gestalt +den alten Daniel und sah, wie er die Stalltür öffnete, in den Stall +hineinging und bald darauf ein gesatteltes Pferd herausbrachte. + +Nun trat aus der Finsternis eine zweite Gestalt hervor, wohl +eingehüllt in einen Pelz, eine Fuchsmütze auf dem Kopf. V. erkannte +Hubert, der mit Daniel einige Minuten hindurch heftig sprach, dann +aber sich zurückzog. Daniel führte das Pferd wieder in den Stall, +verschloß diesen und ebenso die Tür des Schlosses, nachdem er über den +Hof, wie er gekommen, zurückgekehrt. Hubert hatte wegreisen wollen und +sich in dem Augenblick eines andern besonnen, das war nun klar. Ebenso +aber auch, daß Hubert gewiß mit dem alten Hausverwalter in irgendeinem +gefährlichen Bündnisse stand. V. konnte kaum den Morgen erwarten, um +den Freiherrn von den Ereignissen der Nacht zu unterrichten. Es galt +nun wirklich, sich gegen Anschläge des bösartigen Hubert zu waffnen, +die sich, wie V. jetzt überzeugt war, schon gestern in seinem +verstörten Wesen kundgetan. + +Andern Morgens zur Stunde, wenn der Freiherr aufzustehen pflegte, +vernahm V. ein Hin- und Herrennen, Türauf-, Türzuschlagen, ein +verwirrtes Durcheinander und Schreien. Er trat hinaus und stieß +überall auf Bediente, die, ohne auf ihn zu achten, mit leichenblassen +Gesichtern ihm vorbei - treppauf - treppab - hinaus - hinein durch die +Zimmer rannten. + +Endlich erfuhr er, daß der Freiherr vermißt und schon stundenlang +vergebens gesucht werde. In Gegenwart des Jägers hatte er sich ins +Bette gelegt, er mußte dann aufgestanden sein und sich im Schlafrock +und Pantoffeln, mit dem Armleuchter in der Hand, entfernt haben, +denn eben diese Stücke wurden vermißt. V. lief, von düsterer Ahnung +getrieben, in den verhängnisvollen Saal, dessen Seitenkabinett gleich +dem Vater Wolfgang zu seinem Schlafgemach gewählt hatte. + +Die Pforte zum Turm stand weit offen, tief entsetzt schrie V. laut +auf: »Dort in der Tiefe liegt er zerschmettert!« - Es war dem so. +Schnee war gefallen, so daß man von oben herab nur den zwischen +den Steinen hervorragenden starren Arm des Unglücklichen deutlich +wahrnehmen konnte. Viele Stunden gingen hin, ehe es den Arbeitern +gelang, mit Lebensgefahr auf zusammengebundenen Leitern herabzusteigen +und dann den Leichnam an Stricken heraufzuziehen. Im Krampf der +Todesangst hatte der Baron den silbernen Armleuchter festgepackt, die +Hand, die ihn noch festhielt, war der einzige unversehrte Teil des +ganzen Körpers, der sonst durch das Anprallen an die spitzen Steine +auf das gräßlichste zerschellt worden. + +Alle Furien der Verzweiflung im Antlitz, stürzte Hubert herbei, als +die Leiche eben hinaufgeborgen und in dem Saal, gerade an der Stelle +auf einen breiten Tisch gelegt worden, wo vor wenigen Wochen der alte +Roderich lag. Niedergeschmettert von dem gräßlichen Anblick, heulte +er: »Bruder - o mein armer Bruder nein, das hab' ich nicht erfleht +von den Teufeln, die über mir waren!« - V. erbebte vor dieser +verfänglichen Rede, es war ihm so, als müsse er zufahren auf Hubert, +als den Mörder seines Bruders. Hubert lag von Sinnen auf dem Fußboden, +man brachte ihn ins Bette, und er erholte sich, nachdem er stärkende +Mittel gebraucht, ziemlich bald. + +Sehr bleich, düstern Gram im halb erloschnen Auge, trat er dann bei V. +ins Zimmer und sprach, indem er, vor Mattigkeit nicht fähig zu stehen, +sich langsam in einen Lehnstuhl niederließ: »Ich habe meines Bruders +Tod gewünscht, weil der Vater ihm den besten Teil des Erbes zugewandt +durch eine törichte Stiftung - jetzt hat er seinen Tod gefunden +auf schreckliche Weise - ich bin Majoratsherr, aber mein Herz ist +zermalmt, ich kann, ich werde niemals glücklich sein. Ich bestätige +Sie im Amte, Sie erhalten die ausgedehntesten Vollmachten rücksichts +der Verwaltung des Majorats, auf dem ich nicht zu hausen vermag!« +Hubert verließ das Zimmer und war in ein paar Stunden schon auf dem +Wege nach K. + +Es schien, daß der unglückliche Wolfgang in der Nacht aufgestanden +war und sich vielleicht in das andere Kabinett, wo eine Bibliothek +aufgestellt, begeben wollen. In der Schlaftrunkenheit verfehlte er +die Tür, öffnete statt derselben die Pforte, schritt vor und stürzte +hinab. Diese Erklärung enthielt indessen immer viel Erzwungenes. +Konnte der Baron nicht schlafen, wollte er sich noch ein Buch aus der +Bibliothek holen, um zu lesen, so schloß dieses alle Schlaftrunkenheit +aus, aber nur so war es möglich, die Tür des Kabinetts zu verfehlen +und statt dieser die Pforte zu öffnen. Überdem war diese fest +verschlossen und mußte erst mit vieler Mühe aufgeschlossen werden. +»Ach«, fing endlich, als V. diese Unwahrscheinlichkeit vor +versammelter Dienerschaft entwickelte, des Freiherrn Jäger, Franz +geheißen, an, »ach, lieber Herr Justitiarius, so hat es wohl sich +nicht zugetragen!« - »Wie denn anders?« fuhr ihn V. an. + +Franz, ein ehrlicher treuer Kerl, der seinem Herrn hätte ins Grab +folgen mögen, wollte aber nicht vor den andern mit der Sprache heraus, +sondern behielt sich vor, das, was er davon zu sagen wisse, dem +Justistiarius allein zu vertrauen. V. erfuhr nun, daß der Freiherr zu +Franz sehr oft von den vielen Schätzen sprach, die da unten in dem +Schutt begraben lägen, und daß er oft, wie vom bösen Geist getrieben, +zur Nachtzeit noch die Pforte, zu der den Schlüssel ihm Daniel hatte +geben müssen, öffnete und mit Sehnsucht hinabschaute in die Tiefe nach +den vermeintlichen Reichtümern. Gewiß war es nun wohl so, daß in jener +verhängnisvollen Nacht der Freiherr, nachdem ihn der Jäger schon +verlassen, noch einen Gang nach dem Turm gemacht und ihn dort ein +plötzlicher Schwindel erfaßt und herabgestürzt hatte. + +Daniel, der von dem entsetzlichen Tode des Freiherrn auch sehr +erschüttert schien, meinte, daß es gut sein würde, die gefährliche +Pforte fest vermauern zu lassen, welches denn auch gleich geschah. +Freiherr Hubert von R., jetziger Majoratsbesitzer, ging, ohne sich +wieder in R..sitten sehen zu lassen, nach Kurland zurück. V. erhielt +alle Vollmachten, die zur unumschränkten Verwaltung des Majorats nötig +waren. + +Der Bau des neuen Schlosses unterblieb, wogegen, so viel möglich, das +alte Gebäude in guten Stand gesetzt wurde. Schon waren mehrere Jahre +verflossen, als Hubert zum erstenmal zur späten Herbstzeit sich in +R..sitten einfand, und nachdem er mehrere Tage mit V., in seinem +Zimmer eingeschlossen, zugebracht, wieder nach Kurland zurückging. Bei +seiner Durchreise durch K. hatte er bei der dortigen Landesregierung +sein Testament niedergelegt. + +Während seines Aufenthaltes in R..sitten sprach der Freiherr, der in +seinem tiefsten Wesen ganz geändert schien, viel von Ahnungen eines +nahen Todes. Diese gingen wirklich in Erfüllung, denn er starb schon +das Jahr darauf. Sein Sohn, wie er Hubert geheißen, kam schnell +herüber von Kurland, um das reiche Majorat in Besitz zu nehmen. Ihm +folgten Mutter und Schwester. + +Der Jüngling schien alle bösen Eigenschaften der Vorfahren in sich zu +vereinen, er bewies sich als stolz, hochfahrend, ungestüm, habsüchtig +gleich in den ersten Augenblicken seines Aufenthalts in R..sitten. Er +wollte auf der Stelle vieles ändern lassen, welches ihm nicht bequem, +nicht gehörig schien, den Koch warf er zum Hause hinaus, den Kutscher +versuchte er zu prügeln welches aber nicht gelang, da der baumstarke +Kerl die Frechheit hatte, es nicht leiden zu wollen; kurz, er war im +besten Zuge, die Rolle des strengen Majoratsherrn zu beginnen, als V. +ihm mit Ernst und Festigkeit entgegentrat, sehr bestimmt versichernd, +kein Stuhl solle hier gerückt werden, keine Katze das Haus verlassen, +wenn es ihr noch sonst darin gefalle, vor Eröffnung des Testaments. +»Sie unterstehen sich hier, dem Majoratsherrn« fing der Baron an. V. +ließ den vor Wut schäumenden Jüngling jedoch nicht ausreden, sondern +sprach, indem er ihn mit durchbohrenden Blicken maß: + +»Keine Übereilung, Herr Baron! Durchaus dürfen Sie hier nicht regieren +wollen vor Eröffnung des Testaments; jetzt bin ich, ich allein hier +Herr und werde Gewalt mit Gewalt zu vertreiben wissen. Erinnern Sie +sich, daß ich kraft meiner Vollmacht als Vollzieher des väterlichen +Testaments, kraft der getroffenen Verfügungen des Gerichts berechtigt +bin, Ihnen den Aufenthalt hier in R..sitten zu versagen, und ich rate +Ihnen, um das Unangenehme zu verhüten, sich ruhig nach K. zu begeben.« + +Der Ernst des Gerichtshalters, der entschiedene Ton, mit dem er +sprach, gab seinen Worten gehörigen Nachdruck, und so kam es, daß der +junge Baron, der mit gar zu spitzigen Hörnern anlaufen wollte wider +den festen Bau, die Schwäche seiner Waffen fühlte und für gut +fand, im Rückzuge seine Beschämung mit einem höhnischen Gelächter +auszugleichen. + +Drei Monate waren verflossen und der Tag gekommen, an dem nach dem +Willen des Verstorbenen das Testament in K., wo es niedergelegt +worden, eröffnet werden sollte. Außer den Gerichtspersonen, dem +Baron und V. befand sich noch ein junger Mensch von edlem Ansehn +in dem Gerichtssaal, den V. mitgebracht, und den man, da ihm ein +eingeknöpftes Aktenstück aus dem Busen hervorragte, für V.s Schreiber +hielt. Der Baron sah ihn, wie er es beinahe mit allen übrigen machte, +über die Achsel an und verlangte stürmisch, daß man die langweilige +überflüssige Zeremonie nur schnell und ohne viele Worte und +Schreiberei abmachen solle. Er begreife nicht, wie es überhaupt in +dieser Erbangelegenheit, wenigstens hinsichts des Majorats, auf ein +Testament ankommen könne, und werde, insofern hier irgend etwas +verfügt sein solle, es lediglich von seinem Willen abhängen, das zu +beachten oder nicht. + +Hand und Siegel des verstorbenen Vaters erkannte der Baron an, nachdem +er einen flüchtigen mürrischen Blick darauf geworfen, dann, indem der +Gerichtsschreiber sich zum lauten Ablesen des Testaments anschickte, +schaute er gleichgültig nach dem Fenster hin, den rechten Arm +nachlässig über die Stuhllehne geworfen, den linken Arm gelehnt +auf den Gerichtstisch, und auf dessen grüner Decke mit den Fingern +trommelnd. + +Nach einem kurzen Eingange erklärte der verstorbene Freiherr Hubert v. +R., daß er das Majorat niemals als wirklicher Majoratsherr besessen, +sondern dasselbe nur namens des einzigen Sohnes des verstorbenen +Freiherrn Wolfgang von R., nach seinem Großvater Roderich geheißen, +verwaltet habe; dieser sei derjenige, dem nach der Familiensukzession +durch seines Vaters Tod das Majorat zugefallen. Die genauesten +Rechnungen über Einnahme und Ausgabe, über den vorzufindenden Bestand +u.s.w. würde man in seinem Nachlaß finden. Wolfgang von R., so +erzählte Hubert in dem Testament, lernte auf seinen Reisen in Genf +das Fräulein Julie von St. Val kennen und faßte eine solche heftige +Neigung zu ihr, daß er sich nie mehr von ihr zu trennen beschloß. Sie +war sehr arm, und ihre Familie, unerachtet von gutem Adel, gehörte +eben nicht zu den glänzendsten. + +Schon deshalb durfte er auf die Einwilligung des alten Roderich, +dessen ganzes Streben dahin ging, das Majoratshaus auf alle nur +mögliche Weise zu erheben, nicht hoffen. Er wagte es dennoch, +von Paris aus dem Vater seine Neigung zu entdecken; was aber +vorauszusehen, geschah wirklich, indem der Alte bestimmt erklärte, daß +er schon selbst die Braut für den Majoratsherrn erkoren und von einer +andern niemals die Rede sein könne. + +Wolfgang, statt, wie er sollte, nach England hinüberzuschiffen, kehrte +unter dem Namen Born nach Genf zurück und vermählte sich mit Julien, +die ihm nach Verlauf eines Jahres den Sohn gebar, der mit dem Tode +Wolfgangs Majoratsherr wurde. Darüber, daß Hubert, von der ganzen +Sache unterrichtet, so lange schwieg und sich selbst als Majoratsherr +gerierte, waren verschiedene Ursachen angeführt, die sich auf frühere +Verabredungen mit Wolfgang bezogen, indessen unzureichend und aus der +Luft gegriffen schienen. + +Wie vom Donner gerührt, starrte der Baron den Gerichtsschreiber an, +der mit eintöniger schnarrender Stimme alles Unheil verkündete. Als er +geendet, stand V. auf, nahm den jungen Menschen, den er mitgebracht, +bei der Hand und sprach, indem er sich gegen die Anwesenden verbeugte: +»Hier, meine Herren, habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn Roderich +von R., Majoratsherrn von R..sitten, vorzustellen!« Baron Hubert +blickte den Jüngling, der, wie vom Himmel gefallen, ihn um das reiche +Majorat, um die Hälfte des freien Vermögens in Kurland brachte, +verhaltenen Grimm im glühenden Auge, an, drohte dann mit geballter +Faust und rannte, ohne ein Wort hervorbringen zu können, zum +Gerichtssaal hinaus. + +Von den Gerichtspersonen dazu aufgefordert, holte jetzt Baron Roderich +die Urkunden hervor, die ihn als die Person, für die er sich ausgab, +legitimieren sollten. Er überreichte den beglaubigten Auszug aus den +Registern der Kirche, wo sein Vater sich trauen lassen, worin bezeugt +wurde, daß an dem und dem Tage der Kaufmann Wolfgang Born, gebürtig +aus K., mit dem Fräulein Julie von St. Val in Gegenwart der genannten +Personen durch priesterliche Einsegnung getraut worden. Ebenso hatte +er seinen Taufschein (er war in Genf als von dem Kaufmann Born mit +seiner Gemahlin Julie, geb. v. St. Val, in gültiger Ehe erzeugtes Kind +getauft worden), verschiedene Briefe seines Vaters an seine schon +längst verstorbene Mutter, die aber alle nur mit W. unterzeichnet +waren. + +V. sah alle diese Papiere mit finsterm Gesichte durch und sprach, +ziemlich bekümmert, als er sie wieder zusammenschlug: »Nun, Gott wird +helfen!« + +Schon andern Tages reichte der Freiherr Hubert von R. durch +einen Advokaten, den er zu seinem Rechtsfreunde erkoren, bei der +Landesregierung in K. eine Vorstellung ein, worin er auf nichts +weniger antrug, als sofort die Übergabe des Majorats R..sitten an +ihn zu veranlassen. Es verstehe sich von selbst, sagte der Advokat, +daß weder testamentarisch, noch auf irgendeine andere Weise, +der verstorbene Freiherr Hubert von R. habe über das Majorat +verfügen können. Jenes Testament sei also nichts anders, als die +aufgeschriebene und gerichtlich übergebene Aussage, nach welcher der +Freiherr Wolfgang von R. das Majorat an einen Sohn vererbt haben +solle, der noch lebe, die keine höhere Beweiskraft, als jede andere +irgendeines Zeugen haben und also unmöglich die Legitimation des +angeblichen Freiherrn Roderich von R. bewirken könne. + +Vielmehr sei es die Sache dieses Prätendenten, sein vorgebliches +Erbrecht, dem hiermit ausdrücklich widersprochen werde, im Wege des +Prozesses darzutun und das Majorat, welches jetzt nach dem Recht +der Sukzession dem Baron Hubert von R. zugefallen, zu vindizieren. +Durch den Tod des Vaters sei der Besitz unmittelbar auf den Sohn +übergegangen; es habe keiner Erklärung über den Erbschaftsantritt +bedurft, da der Majoratsfolge nicht entsagt werden könne, mithin +dürfte der jetzige Majoratsherr in dem Besitze nicht durch ganz +illiquide Ansprüche turbiert werden. + +Was der Verstorbene für Grund gehabt habe, einen andern Majoratsherrn +aufzustellen, sei ganz gleichgültig, nur werde bemerkt, daß er selbst, +wie aus den nachgelassenen Papieren erforderlichen Falls nachgewiesen +werden könne, eine Liebschaft in der Schweiz gehabt habe, und so sei +vielleicht der angebliche Bruderssohn der eigne, in einer verbotenen +Liebe erzeugte, dem er in einem Anfall von Reue das reiche Majorat +zuwenden wollen. + +So sehr auch die Wahrscheinlichkeit für die im Testament behaupteten +Umstände sprach, so sehr auch die Richter hauptsächlich die letzte +Wendung, in der der Sohn sich nicht scheute, den Verstorbenen eines +Verbrechens anzuklagen, empörte, so blieb doch die Ansicht der Sache, +wie sie aufgestellt worden, die richtige, und nur den rastlosen +Bemühungen V.s, der bestimmten Versicherung, daß der die Legitimation +des Freiherrn Roderich von R. bewirkende Beweis in kurzer Zeit auf das +bündigste geführt werden solle, konnte es gelingen, daß die Übergabe +des Majorats noch ausgesetzt und die Fortdauer der Administration bis +nach entschiedener Sache verfügt wurde. + +V.sah nur zu gut ein, wie schwer es ihm werden würde, sein +Versprechen zu halten. Er hatte alle Briefschaften des alten Roderich +durchstöbert, ohne die Spur eines Briefes oder sonst eines Aufsatzes +zu finden, der Bezug auf jenes Verhältnis Wolfgangs mit dem Fräulein +von St. Val gehabt hätte. Gedankenvoll saß er in R..sitten in dem +Schlafkabinett des alten Roderich, das er ganz durchsucht, und +arbeitete an einem Aufsatze für den Notar in Genf, der ihm als ein +scharfsinniger tätiger Mann empfohlen worden, und der ihm einige +Notizen schaffen sollte, die die Sache des jungen Freiherrn ins klare +bringen konnten. + +Es war Mitternacht worden, der Vollmond schien heil hinein in den +anstoßenden Saal, dessen Tür offen stand. Da war es, als schritte +jemand langsam und schwer die Treppe herauf und klirre und klappere +mit Schlüsseln. V. wurde aufmerksam, er stand auf, ging in den Saal +und vernahm nun deutlich, daß jemand sich durch den Flur der Türe des +Saals nahte. Bald darauf wurde diese geöffnet, und ein Mensch mit +leichenblassem entstellten Antlitz, in Nachtkleidern, in der einen +Hand den Armleuchter mit brennenden Kerzen, in der andern den großen +Schlüsselbund, trat langsam hinein. + +V. erkannte augenblicklich den Hausverwalter und war im Begriff, +ihm zuzurufen, was er so spät in der Nacht wolle, als ihn in dem +ganzen Wesen des Alten, in dem zum Tode erstarrten Antlitz etwas +Unheimliches, Gespenstisches mit Eiskälte anhauchte. Er erkannte, daß +er einen Nachtwandler vor sich habe. Der Alte ging mit gemessenen +Schritten quer durch den Saal, gerade los auf die vermauerte Tür, die +ehemals zum Turm führte. Dicht vor derselben blieb er stehen und stieß +aus tiefer Brust einen heulenden Laut aus, der so entsetzlich in dem +ganzen Saale widerhallte, daß V. erbebte vor Grauen. + +Dann, den Armleuchter auf den Fußboden gestellt, den Schlüsselbund an +den Gürtel gehängt, fing Daniel an, mit beiden Händen an der Mauer zu +kratzen, daß bald das Blut unter den Nägeln hervorquoll, und dabei +stöhnte er und ächzte, wie gepeinigt von einer namenlosen Todesqual. +Nun legte er das Ohr an die Mauer, als wolle er irgend etwas +erlauschen, dann winkte er mit der Hand, wie jemanden beschwichtigend, +bückte sich, den Armleuchter wieder vom Boden aufhebend, und schlich +mit leisen gemessenen Schritten nach der Türe zurück. + +V. folgte ihm behutsam mit dem Leuchter in der Hand. Es ging die +Treppe herab, der Alte schloß die große Haupttür des Schlosses auf, V. +schlüpfte geschickt hindurch; nun begab er sich nach dem Stall, und +nachdem er zu V.s tiefem Erstaunen den Armleuchter so geschickt +hingestellt hatte, daß das ganze Gebäude genugsam erhellt wurde ohne +irgendeine Gefahr, holte er Sattel und Zeug herbei und rüstete mit +großer Sorglichkeit, den Gurt fest-, die Steigbügel hinaufschnallend, +ein Pferd aus, das er losgebunden von der Krippe. + +Nachdem er noch ein Büschel Haare über den Stirnriemen weg durch die +Hand gezogen, nahm er, mit der Zunge schnalzend und mit der einen Hand +ihm den Hals klopfend, das Pferd beim Zügel und führte es heraus. +Draußen im Hofe blieb er einige Sekunden stehen in der Stellung, als +erhalte er Befehle, die er kopfnickend auszuführen versprach. Dann +führte er das Pferd zurück in den Stall, sattelte es wieder ab und +band es an die Krippe. Nun nahm er den Armleuchter, verschloß den +Stall, kehrte in das Schloß zurück und verschwand endlich in sein +Zimmer, das er sorgfältig verriegelte. + +V. fühlte sich von diesem Auftritt im Innerstein ergriffen, die +Ahnung einer entsetzlichen Tat erhob sich vor ihm wie ein schwarzes +höllisches Gespenst, das ihn nicht mehr verließ. Ganz erfüllt von +der bedrohlichen Lage seines Schützlings, glaubte er wenigstens das, +was er gesehen, nützen zu müssen zu seinem Besten. Andern Tages, es +wollte schon die Dämmerung einbrechen, kam Daniel in sein Zimmer, um +irgendeine sich auf den Hausstand beziehende Anweisung einzuholen. + +Da faßte ihn V. bei beiden Armen und fing an, indem er ihn zutraulich +auf den Sessel niederdrückte: »Höre, alter Freund Daniel! lange habe +ich dich fragen wollen, was hältst du denn von dem verworrenen Kram, +den uns Huberts sonderbares Testament über den Hals gebracht hat? +Glaubst du denn wohl, daß der junge Mensch wirklich Wolfgangs in +rechtsgültiger Ehe erzeugter Sohn ist?« Der Alte, sich über die Lehne +des Stuhls wegbeugend und V.s starr auf ihn gerichteten Blicken +ausweichend, rief mürrisch: »Pah! er kann es sein; er kann es auch +nicht sein. Was schiert's mich, mag nun hier Herr werden, wer da +will.« + +»Aber ich meine«, fuhr V. fort, indem er dem Alten näher rückte und +die Hand auf seine Schulter legte, »aber ich meine, da du des alten +Freiherrn ganzes Vertrauen hattest, so verschwieg er dir gewiß nicht +die Verhältnisse seiner Söhne. Er erzählte dir von dem Bündnis, das +Wolfgang wider seinen Willen geschlossen?« - »Ich kann mich auf +dergleichen gar nicht besinnen«, erwiderte der Alte, indem er auf +eingezogene Art laut gähnte. »Du bist schläfrig, Alter«, sprach V., +»hast du vielleicht eine unruhige Nacht gehabt?« - »Daß ich nicht +wüßte«, entgegnete der Alte frostig, »aber ich will nun gehen und das +Abendessen bestellen.« + +Hiermit erhob er sich schwerfällig vom Stuhl, indem er sich den +gekrümmten Rücken rieb und abermals und zwar noch lauter gähnte als +zuvor. »Bleibe doch noch, Alter«, rief V., indem er ihn bei der Hand +ergriff und zum Sitzen nötigen wollte, der Alte blieb aber vor dem +Arbeitstisch stehen, auf den er sich mit beiden Händen stemmte, den +Leib übergebogen nach V. hin, und mürrisch fragend: »Nun was soll's +denn, was schiert mich das Testament, was schiert mich der Streit um +das Majorat« »Davon«, fiel ihm V. in die Rede, »wollen wir auch gar +nicht mehr sprechen: von ganz etwas anderm, lieber Daniel! - Du bist +mürrisch, du gähnst, das alles zeugt von besonderer Abspannung, und +nun möcht' ich beinahe glauben, daß du es wirklich gewesen bist in +dieser Nacht.« »Was bin ich gewesen in dieser Nacht«, frug der Alte, +in seiner Stellung verharrend. »Als ich« sprach V. weiter, »gestern +mitternacht dort oben in dem Kabinett des alten Herrn neben dem großen +Saal saß, kamst du zur Türe herein, ganz starr und bleich, schrittest +auf die zugemauerte Tür los, kratztest mit beiden Händen an der Mauer +und stöhntest, als wenn du große Qualen empfändest. Bist du denn ein +Nachtwandler, Daniel?« + +Der Alte sank zurück in den Stuhl, den ihm V. schnell unterschob. Er +gab keinen Laut von sich, die tiefe Dämmerung ließ sein Gesicht nicht +erkennen, V. bemerkte nur, daß er kurz Atem holte und mit den Zähnen +klapperte. + +»Ja«, fuhr V. nach kurzem Schweigen fort, »Ja, es ist ein eignes Ding +mit den Nachtwandlern. Andern Tages wissen sie von diesem sonderbaren +Zustande, von allem, was sie wie in vollem Wachen begonnen haben, +nicht das allermindeste.« - Daniel blieb still. »Ähnliches«, sprach V. +weiter, »wie gestern mit dir, habe ich schon erlebt. Ich hatte einen +Freund, der stellte so wie du, trat der Vollmond ein, regelmäßig +nächtliche Wanderungen an. Ja, manchmal setzte er sich hin und schrieb +Briefe. Am merkwürdigsten war es aber, daß, fing ich an, ihm ganz +leise ins Ohr zu flüstern, es mir bald gelang ihn zum Sprechen zu +bringen. Er antwortete gehörig auf alle Fragen, und selbst das, was er +im Wachen sorglich verschwiegen haben würde, floß nun unwillkürlich, +als könne er der Kraft nicht widerstehen, die auf ihn einwirkte, von +seinen Lippen. - Der Teufel! ich glaube, verschwiege ein Mondsüchtiger +irgendeine begangene Untat noch so lange, man könnte sie ihm abfragen +in dem seltsamen Zustande. - Wohl dem, der ein reines Gewissen hat, +wie wir beide, guter Daniel, wir können schon immer Nachtwandler sein, +uns wird man kein Verbrechen abfragen. + +Aber höre, Daniel, gewiß willst du herauf in den astronomischen Turm, +wenn du so abscheulich an der zugemauerten Türe kratzest? - Du willst +gewiß laborieren wie der alte Roderich? Nun, das werd' ich dir +nächstens abfragen!« Der Alte hatte, während V. dieses sprach, immer +stärker und stärker gezittert, jetzt flog sein ganzer Körper, von +heillosem Krampf hin- und hergeworfen, und er brach aus in ein +gellendes, unverständiges Geplapper. V. schellte die Diener herauf. +Man brachte Lichter, der Alte ließ nicht nach, wie ein willkürlos +bewegtes Automat hob man ihn auf und brachte ihn ins Bette. Nachdem +beinahe eine Stunde dieser heillose Zustand gedauert, verfiel er in +tiefer Ohnmacht ähnlichen Schlaf. Als er erwachte, verlangte er Wein +zu trinken, und als man ihm diesen gereicht, trieb er den Diener, der +bei ihm wachen wollte, fort und verschloß sich, wie gewöhnlich, in +sein Zimmer. + +V. hatte wirklich beschlossen, den Versuch anzustellen, in dem +Augenblick, als er davon gegen Daniel sprach, wiewohl er sich selbst +gestehen mußte, einmal, daß Daniel, vielleicht erst jetzt von seiner +Mondsucht unterrichtet, alles anwenden werde, ihm zu entgehen, dann +aber, daß Geständnisse, in diesem Zustande abgelegt, eben nicht +geeignet sein würden, darauf weiter fortzubauen. Demunerachtet begab +er sich gegen Mitternacht in den Saal, hoffend, daß Daniel, wie es +in dieser Krankheit geschieht, gezwungen werden würde, willkürlos zu +handeln. + +Um Mitternacht erhob sich ein großer Lärm auf dem Hofe. V. hörte +deutlich ein Fenster einschlagen, er eilte berab, und als er die Gänge +durchschritt, wallte ihm ein stinkender Dampf entgegen, der, wie +er bald gewahrte, aus dem geöffneten Zimmer des Hausverwalters +herausquoll. Diesen brachte man eben todstarr herausgetragen, um ihn +in einem andern Zimmer ins Bette zu legen. Um Mitternacht wurde ein +Knecht, so erzählten die Diener, durch ein seltsames dumpfes Pochen +geweckt, er glaubte, dem Alten sei etwas zugestoßen, und schickte sich +an aufzustehen, um ihm zu Hülfe zu kommen, als der Wächter auf dem +Hofe laut rief: »Feuer, Feuer! in der Stube des Herrn Verwalters +brennt's lichterloh!« + +Auf dies Geschrei waren gleich mehrere Diener bei der Hand, aber alles +Mühen, die Tür des Zimmers einzubrechen, blieb umsonst. Nun eilten +sie heraus auf den Hof, aber der entschlossene Wächter hatte schon +das Fenster des niedrigen, im Erdgeschosse befindlichen Zimmers +eingeschlagen die brennenden Gardinen herabgerissen, worauf ein paar +hineingegossene Eimer Wasser den Brand augenblicklich löschten. Den +Hausverwalter fand man mitten im Zimmer auf der Erde liegend in tiefer +Ohnmacht. Er hielt noch fest den Armleuchter in der Hand, dessen +brennende Kerzen die Gardinen erfaßt und so das Feuer veranlaßt +hatten. Brennende herabfallende Lappen hatten dem Alten die +Augenbrauen und ein gut Teil Kopfhaare weggesengt. Bemerkte der +Wächter nicht das Feuer, so hätte der Alte hülflos verbrennen müssen. +Zu nicht geringer Verwunderung fanden die Diener, daß die Tür des +Zimmers von innen durch zwei ganz neu angeschrobene Riegel, die noch +den Abend vorher nicht dagewesen, verwahrt war. + +V. sah ein, daß der Alte sich hatte das Hinausschreiten aus dem Zimmer +unmöglich machen wollen, widerstehen konnt er dem blinden Triebe +nicht. Der Alte verfiel in eine ernste Krankheit; er sprach nicht, er +nahm nur wenig Nahrung zu sich und starrte, wie festgeklammert von +einem entsetzlichen Gedanken, mit Blicken, in denen sich der Tod +malte, vor sich hin. V. glaubte, daß der Alte von dem Lager nicht +erstehen werde. + +Alles, was sich für seinen Schützling tun ließ, hatte V. getan, er +mußte ruhig den Erfolg abwarten und wollte deshalb nach K. zurück. Die +Abreise war für den folgenden Morgen bestimmt. V. packte spät abends +seine Skripturen zusammen, da fiel ihm ein kleines Paket in die +Hände, welches ihm der Freiherr Hubert von R. versiegelt und mit der +Aufschrift: »Nach Eröffnung meines Testaments zu lesen« zugestellt und +das er unbegreiflicherweise noch nicht beobachtet hatte. Er war im +Begriff dieses Paket zu entsiegeln, als die Tür aufging und mit leisen +gespenstischen Schritten Daniel hereintrat. Er legte eine schwarze +Mappe, die er unter dem Arm trug, auf den Schreibtisch, dann mit einem +tiefen Todesseufzer auf beide Knie sinkend, V.s Hände mit den seinen +krampfhaft fassend, sprach er hohl und dumpf, wie aus tiefem Grabe: +»Auf dem Schafott stürb' ich nicht gern! der dort oben richtet!« - +dann richtete er sich unter angstvollem Keuchen mühsam auf und verließ +das Zimmer, wie er gekommen. + +V. brachte die ganze Nacht hin, alles das zu lesen, was die schwarze +Mappe und Huberts Paket enthielt. Beides hing genau zusammen und +bestimmte von selbst die weitern Maßregeln, die nun zu ergreifen. +Sowie V. in K. angekommen, begab er sich zum Freiherrn Hubert von +R., der ihn mit rauhem Stolz empfing. Die merkwürdige Folge einer +Unterredung, welche mittags anfing und bis spät in die Nacht hinein +ununterbrochen fortdauerte, war aber, daß der Freiherr andern Tages +vor Gericht erklärte, daß er den Prätendenten des Majorats dem +Testamente seines Vaters gemäß für den in rechtsgültiger Ehe von dem +ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R., Wolfgang von R., mit dem +Fräulein Julie von St. Val erzeugten Sohn, mithin für den rechtgültig +legitimierten Majoratserben anerkenne. Als er von dem Gerichtssaal +herabstieg, stand sein Wagen mit Postpferden vor der Türe, er reiste +schnell ab und ließ Mutter und Schwester zurück. Sie würden ihn +vielleicht nie wiedersehen, hatte er ihnen mit andern rätselhaften +Äußerungen geschrieben. + +Roderichs Erstaunen über diese Wendung, die die Sache nahm, war nicht +gering, er drang in V. ihm doch nur zu erklären, wie dies Wunder habe +bewirkt werden können, welche geheimnisvolle Macht im Spiele sei. V. +vertröstete ihn indessen auf künftige Zeiten, und zwar, wenn er Besitz +genommen haben würde von dem Majorat. Die Übergabe des Majorats +konnte nämlich deshalb nicht geschehen, weil nun die Gerichte, nicht +befriedigt durch jene Erklärung Huberts, außerdem die vollständige +Legitimation Roderichs verlangten. V. bot dem Freiherrn die Wohnung in +R..sitten an und setzte hinzu, daß Huberts Mutter und Schwester, durch +seine schnelle Abreise in augenblickliche Verlegenheit gesetzt, den +stillen Aufenthalt auf dem Stammgute der geräuschvollen teuren Stadt +vorziehen würden. + +Das Entzücken, womit Roderich den Gedanken ergriff, mit der Baronin +und ihrer Tochter wenigstens eine Zeitlang unter einem Dache zu +wohnen, bewies, welchen tiefen Eindruck Seraphine, das holde, anmutige +Kind, auf ihn gemacht hatte. In der Tat wußte der Freiherr seinen +Aufenthalt in R..sitten so gut zu benutzen, daß er, wenige Wocben +waren vergangen, Seraphinens innige Liebe und der Mutter beifällig +Wort zur Verbindung mit ihr gewonnen hatte. + +Dem V. war das alles zu schnell, da bis jetzt Roderichs Legitimation +als Majoratsherr von R..sitten noch immer zweifelhaft geblieben. +Briefe aus Kurland unterbrachen das Idyllenleben auf dem Schlosse. +Hubert hatte sich gar nicht auf den Gütern sehen lassen, sondern war +unmittelbar nach Petersburg gegangen, dort in Militärdienste getreten +und stand jetzt auf dem Felde gegen die Perser, mit denen Rußland +gerade im Kriege begriffen. Dies machte die schnelle Abreise der +Baronin mit ihrer Tochter nach den Gütern, wo Unordnung und Verwirrung +herrschte, nötig. + +Roderich, der sich schon als den aufgenommenen Sohn betrachtete, +unterließ nicht die Geliebte zu begleiten, und so wurde, da V. +ebenfalls nach K. zurückkehrte, das Schloß einsam, wie vorher. Des +Hausverwalters böse Krankheit wurde schlimmer und schlimmer, so daß +er nicht mehr daraus zu erstehen glaubte, sein Amt wurde einem alten +Jäger, Wolfgangs treuem Diener, Franz geheißen, übertragen. Endlich +nach langem Harren erhielt V. die günstigsten Nachrichten aus der +Schweiz. Der Pfarrer, der Wolfgangs Trauung vollzogen, war längst +gestorben, indessen fand sich in dem Kirchenbuche von seiner Hand +notiert, daß derjenige, den er unter dem Namen Born mit dem Fräulein +Julie St. Val ehelich verbunden, sich bei ihm als Freiherr Wolfgang +von R., ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R. auf R..sitten, +vollständig legitimiert habe. + +Außerdem wurden noch zwei Trauzeugen, ein Kaufmann in Genf und ein +alter französischer Kapitän, der nach Lyon gezogen, ausgemittelt, +denen Wolfgang ebenfalls sich entdeckt hatte, und ihre eidlichen +Aussagen bekräftigten den Vermerk des Pfarrers im Kirchenbuche. +Mit den in rechtlicher Form ausgefertigten Verhandlungen in der +Hand, fuhrte nun V. den vollständigen Nachweis der Rechte seines +Machtgebers, und nichts stand der Übergabe des Majorats im Wege, die +im künftigen Herbst erfolgen sollte. Hubert war gleich in der ersten +Schlacht, der er beiwohnte, geblieben, ihn hatte das Schicksal seines +jüngern Bruders, der ein Jahr vor seines Vaters Tode ebenfalls im +Felde blieb, getroffen; so fielen die Güter in Kurland der Baronesse +Seraphine von R. zu und wurden eine schöne Mitgift für den +überglücklichen Roderich. + +Der November war angebrochen, als die Baronin, Roderich mit seiner +Braut in R..sitten anlangte. Die Übergabe des Majorats erfolgte und +dann Roderichs Verbindung mit Seraphinen. Manche Woche verging im +Taumel der Lust, bis endlich die übersättigten Gäste nach und nach das +Schloß verließen zur großen Zufriedenheit V.s, der von R..sitten nicht +scheiden wollte, ohne den jungen Majoratsherrn auf das genaueste +einzuweihen in alle Verhältnisse des neuen Besitztums. + +Mit der strengsten Genauigkeit hatte Roderichs Oheim die Rechnungen +über Einnahme und Ausgabe geführt, so daß, da Roderich nur eine +geringe Summe jährlich zu seinem Unterhalt bekam, durch die +Überschüsse der Einnahme jenes bares Kapital, das man in des alten +Freiherrn Nachlaß vorfand, einen bedeutenden Zuschuß erhielt. Nur in +den ersten drei Jahren hatte Hubert die Einkünfte des Majorats in +seinen Nutzen verwandt, darüber aber ein Schuldinstrument ausgestellt +und es auf den ihm zustehenden Anteil der Güter in Kurland versichern +lassen. + +V. hatte seit der Zeit, als ihm Daniel als Nachtwandler erschien, das +Schlafgemach des alten Roderich zu seinem Wohnzimmer gewählt, um desto +sicherer das erlauschen zu können, was ihm Daniel nachher freiwillig +offenbarte. So kam es, daß dies Gemach und der anstoßende große Saal +der Ort blieb, wo der Freiherr mit V. im Geschäft zusammenkam. Da +saßen nun beide beim hellodernden Kaminfeuer an dem großen Tische, V. +mit der Feder in der Hand, die Summen notierend und den Reichtum des +Majoratsherrn berechnend, dieser mit aufgestemmtem Arm hineinblinzelnd +in die aufgeschlagenen Rechnungsbücher, in die gewichtigen Dokumente. + +Keiner vernahm das dumpfe Brausen der See, das Angstgeschrei der +Möwen, die, das Unwetter verkündend, im Hin- und Herflattern an +die Fensterscheiben schlugen, keiner achtete des Sturms, der, um +Mitternacht heraufgekommen, in wildem Tosen das Schloß durchsauste, so +daß alle Unkenstimmen in den Kaminen, in den engen Gängen erwachten +und widerlich durcheinander pfiffen und heulten. Als endlich nach +einem Windstoß, vor dem der ganze Bau erdröhnte, plötzlich der ganze +Saal im düstern Feuer des Vollmonds stand, rief V.: »Ein böses +Wetter!« + +Der Freiherr, ganz vertieft in die Aussicht des Reichtums, der ihm +zugefallen, erwiderte gleichgültig, indem er mit zufriedenem Lächeln +ein Blatt des Einnahmebuchs umschlug: »In der Tat, sehr stürmisch.« +Aber wie fuhr er, von der eisigen Faust des Schreckens berührt, in die +Höhe, als die Tür des Saals aufsprang und eine bleiche, gespenstische +Gestalt sichtbar wurde, die, den Tod im Antlitz, hineinschritt. +Daniel, den V. so wie jedermann in tiefer Krankheit ohnmächtig +daliegend, nicht für fähig hielt ein Glied zu rühren, war es, der, +abermals von der Mondsucht befallen, seine nächtliche Wanderung +begonnen. + +Lautlos starrte der Freiherr den Alten an, als dieser nun aber unter +angstvollen Seufzern der Todesqual an der Wand kratzte, da faßte +den Freiherrn tiefes Entsetzen. Bleich im Gesicht wie der Tod, mit +emporgesträubtem Haar sprang er auf, schritt in bedrohlicher Stellung +zu auf den Alten und rief mit starker Stimme, daß der Saal dröhnte: +»Daniel! Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!« Da stieß der +Alte jenes grauenvolle heulende Gewimmer aus, gleich dem Todeslaut des +getroffenen Tiers, wie damals, als ihm Wolfgang Gold für seine Treue +bot, und sank zusammen. + +V. rief die Bedienten herbei, man hob den Alten auf, alle Versuche, +ihn zu beleben, blieben vergebens. Da schrie der Freiherr wie außer +sich: »Herr Gott! - Herr Gott! habe ich denn nicht gehört, daß +Nachtwandler auf der Stelle des Todes sein können, wenn man sie beim +Namen ruft? Ich! - Ich Unglückseligster - ich habe den armen Greis +erschlagen! - Zeit meines Lebens habe ich keine ruhige Stunde mehr!« + +V., als die Bedienten den Leichnam fortgetragen und der Saal leer +geworden, nahm den immerfort sich anklagenden Freiherrn bei der Hand, +führte ihn in tiefem Schweigen vor die zugemaurte Tür und sprach: +»Der hier tot zu Ihren Füßen niedersank, Freiherr Roderich, war der +verruchte Mörder Ihres Vaters!« Als säh' er Geister der Hölle, starrte +der Freiherr den V. an. Dieser fuhr fort: »Es ist nun wohl an der +Zeit, Ihnen das gräßliche Geheimnis zu enthüllen, das auf diesem +Unhold lastete und ihn, den Fluchbeladenen, in den Stunden des Schlafs +umhertrieb. Die ewige Macht ließ den Sohn Rache nehmen an dem Mörder +des Vaters. Die Worte, die Sie dem entsetzlichen Nachtwandler in +die Ohren donnerten, waren die letzten, die Ihr unglücklicher Vater +sprach!« + +Bebend, unfähig, ein Wort zu sprechen, hatte der Freiherr neben V., +der sich vor den Kamin setzte, Platz genommen. V. fing mit dem Inhalt +des Aufsatzes an, den Hubert für V. zurückgelassen und den er erst +nach Eröffnung des Testaments entsiegeln sollte. Hubert klagte sich +mit Ausdrücken, die von der tiefsten Reue zeigten, des unversöhnlichen +Hasses an, der in ihm gegen den ältern Bruder Wurzel faßte von dem +Augenblick, als der alte Roderich das Majorat gestiftet hatte. Jede +Waffe war ihm entrissen, denn wär' es ihm auch gelungen auf hämische +Weise, den Sohn mit dem Vater zu entzweien, so blieb dies ohne +Wirkung, da Roderich selbst nicht ermächtigt war, dem ältesten Sohn +die Rechte der Erstgeburt zu entreißen, und es, wandte sich auch sein +Herz und Sinn ganz ab von ihm, doch nach seinen Grundsätzen nimmermehr +getan hätte. + +Erst als Wolfgang in Genf das Liebesverhältnis mit Julien von St. +Val begonnen, glaubte Hubert den Bruder verderben zu können. Da fing +die Zeit an, in der er im Einverständnisse mit Daniel auf bübische +Weise den Alten zu Entschlüssen nötigen wollte, die den Sohn zur +Verzweiflung bringen mußten. + +Er wußte, daß nur die Verbindung mit einer der ältesten Familien des +Vaterlandes nach dem Sinn des alten Roderich den Glanz des Majorats +auf ewige Zeiten begründen konnte. Der Alte hatte diese Verbindung +in den Gestirnen gelesen, und jedes freveliche Zerstören der +Konstellation konnte nur Verderben bringen über die Stiftung. +Wolfgangs Verbindung mit Julien erschien in dieser Art dem Alten ein +verbrecherisches Attentat, wider Beschlüsse der Macht gerichtet, die +ihm beigestanden im irdischen Beginnen, und jeder Anschlag, Julien, +die wie ein dämonisches Prinzip sich ihm entgegengeworfen, zu +verderben, gerechtfertigt. + +Hubert kannte des Bruders an Wahnsinn streifende Liebe zu Julien, ihr +Verlust müßte ihn elend machen, vielleicht töten, und um so lieber +wurde er tätiger Helfershelfer bei den Plänen des Alten, als er selbst +sträfliche Neigung zu Julien gefaßt und sie für sich zu gewinnen +hoffte. Eine besondere Schickung des Himmels wollt' es, daß die +giftigsten Anschläge an Wolfgangs Entschlossenheit scheiterten, ja +daß es ihm gelang, den Bruder zu täuschen. Für Hubert blieb Wolfgangs +wirklich vollzogene Ehe sowie die Geburt eines Sohnes ein Geheimnis. + +Mit der Vorahnung des nahen Todes kam dem alten Roderich zugleich der +Gedanke, daß Wolfgang jene ihm feindliche Julie geheiratet habe, in +dem Briefe, der dem Sohn befahl, am bestimmten Tage nach R..sitten zu +kommen, um das Majorat anzutreten, fluchte er ihm, wenn er nicht jene +Verbindung zerreißen werde. Diesen Brief verbrannte Wolfgang bei der +Leiche des Vaters. + +An Hubert schrieb der Alte, daß Wolfgang Julien geheiratet habe, er +werde aber diese Verbindung zerreißen. Hubert hielt dies für die +Einbildung des träumerischen Vaters, erschrak aber nicht wenig, als +Wolfgang in R..sitten selbst mit vieler Freimütigkeit die Ahnung des +Alten nicht allein bestätigte, sondern auch hinzufügte, daß Julie ihm +einen Sohn geboren, und daß er nun in kurzer Zeit Julien, die ihn bis +jetzt für den Kaufmann Born aus M. gehalten, mit der Nachricht seines +Standes und seines reichen Besitztums hoch erfreuen werde. Selbst +wolle er hin nach Genf, um das geliebte Weib zu holen. + +Noch ehe er diesen Entschluß ausführen konnte, ereilte ihn der Tod. +Hubert verschwieg sorglich, was ihm von dem Dasein eines in der Ehe +mit Julien erzeugten Sohnes bekannt, und riß so das Majorat an sich, +das diesem gebührte. Doch nur wenige Jahre waren vergangen, als ihn +tiefe Reue ergriff. Das Schicksal mahnte ihn an seine Schuld auf +fürchterliche Weise durch den Haß, der zwischen seinen beiden Söhnen +mehr und mehr emporkeimte. »Du bist ein armer dürftiger Schlucker«, +sagte der älteste, ein zwölfjähriger Knabe, zu dem jüngsten, »aber ich +werde, wenn der Vater stirbt, Majoratsherr von R..sitten, und da mußt +du demütig sein und mir die Hand küssen, wenn ich dir Geld geben soll +zum neuen Rock.« - Der jüngste, in volle Wut geraten über des Bruders +höhnenden Stolz, warf das Messer, das er gerade in der Hand hatte, +nach ihm hin und traf ihn beinahe zum Tode. + +Hubert, großes Unglück fürchtend, schickte den jüngsten fort nach +Petersburg, wo er später als Offizier unter Suwarow wider die +Franzosen focht und blieb. Vor der Welt das Geheimnis seines +unredlichen betrügerischen Besitzes kundzutun, davon hielt ihn die +Scham, die Schande, die über ihn gekommen, zurück, aber entziehen +wollte er dem rechtmäßigen Besitzer keinen Groschen mehr. Er zog +Erkundigungen ein in Genf und erfuhr, daß die Frau Born, trostlos über +das unbegreifliche Verschwinden ihres Mannes gestorben, daß aber der +junge Roderich Born von einem wackern Mann, der ihn aufgenommen, +erzogen werde. Da kündigte sich Hubert unter fremdem Namen als +Verwandter des auf der See umgekommenen Kaufmann Born an und schickte +Summen ein, die hinreichten, den jungen Majoratsherrn sorglich und +anständig zu erziehn. + +Wie er die Überschüsse der Einkünfte des Majorats sorgfältig sammelte; +wie er dann testamentarisch verfügte, ist bekannt. Über den Tod seines +Bruders sprach Hubert in sonderbaren rätselhaften Ausdrücken, die +so viel erraten ließen, daß es damit eine geheimnisvolle Bewandtnis +haben mußte, und daß Hubert wenigstens mittelbar teilnahm an einer +gräßlichen Tat. Der Inhalt der schwarzen Mappe klärte alles auf. Der +verräterischen Korrespondenz Huberts mit Daniel lag ein Blatt bei, das +Daniel beschrieben und unterschrieben hatte. V. las ein Geständnis, +vor dem sein Innerstes erbebte. + +Auf Daniels Veranlassung war Hubert nach R..sitten gekommen, +Daniel war es, der ihm von den gefundenen einhundertfünfzigtausend +Reichstalern geschrieben. Man weiß, wie Hubert von dem Bruder +aufgenommen wurde, wie er, getäuscht in allen seinen Wünschen und +Hoffnungen, fort wollte, wie ihn V. zurückhielt. In Daniels Innerm +kochte blutige Rache, die er zu nehmen hatte an dem jungen Menschen, +der ihn ausstoßen wollen wie einen räudigen Hund. Der schürte und +schürte an dem Brande, von dem der verzweifelnde Hubert verzehrt +wurde. Im Föhrenwalde auf der Wolfsjagd, im Sturm und Schneegestöber +wurden sie einig über Wolfgangs Verderben. »Wegschaffen« murmelte +Hubert, indem er seitwärts wegblickte und die Büchse anlegte. »Ja, +wegschaffen,« grinste Daniel, »aber nicht so, nicht so.« + +Nun vermaß er sich hoch und teuer, er werde den Freiherrn ermorden, +und kein Hahn solle darnach krähen. Hubert, als er endlich Geld +erhalten, tat der Anschlag leid, er wollte fort, um jeder weitern +Versuchung zu widerstehen. Daniel selbst sattelte in der Nacht +das Pferd und führte es aus dem Stalle, als aber der Baron sich +aufschwingen wollte, sprach Daniel mit schneidender Stimme: »Ich +dächte, Freiherr Hubert, du bliebst auf dem Majorat, das dir in +diesem Augenblick zugefallen, denn der stolze Majoratsherr liegt +zerschmettert in der Gruft des Turms!« + +Daniel hatte beobachtet, daß, von Golddurst geplagt, Wolfgang oft in +der Nacht aufstand, vor die Tür trat, die sonst zum Turme führte, und +mit sehnsüchtigen Blicken hinabschaute in die Tiefe, die nach Daniels +Versicherung noch bedeutende Schätze bergen sollte. Darauf gefaßt, +stand in jener verhängnisvollen Nacht Daniel vor der Türe des Saals. +Sowie er den Freiherrn die zum Turm führende Tür öffnen hörte, trat er +hinein und dem Freiherrn nach, der dicht an dem Abgrunde stand. Der +Freiherr drehte sich um und rief, als er den verruchten Diener, dem +der Mord schon aus den Augen blitzte, gewahrte, entsetzt: »Daniel, +Daniel, was machst du hier zu dieser Stunde!« + +Aber da kreischte Daniel wild auf: »Hinab mit dir, du räudiger Hund« +und schleuderte mit einem kräftigen Fußstoß den Unglücklichen hinunter +in die Tiefe! - Ganz erschüttert von der gräßlichen Untat, fand der +Freiherr keine Ruhe auf dem Schlosse, wo sein Vater ermordet. Er ging +auf seine Güter nach Kurland und kam nur jedes Jahr zur Herbstzeit +nach R..sitten. Franz, der alte Franz, behauptete, daß Daniel, dessen +Verbrechen er ahnde, noch oft zur Zeit des Vollmonds spuke, und +beschrieb den Spuk gerade so, wie ihn V. später erfuhr und bannte. Die +Entdeckung dieser Umstände, welche das Andenken des Vaters schändeten, +trieben auch den jungen Freiherrn Hubert fort in die Welt. + +So hatte der Großonkel alles erzählt, nun nahm er meine Hand und +sprach, indem ihm volle Tränen in die Augen traten, mit sehr weicher +Stimme: »- Vetter - Vetter auch sie die holde Frau, hat das böse +Verhängnis, die unheimhche Macht, die dort auf dem Stammschlosse +hauset, ereilt! Zwei Tage nachdem wir R..sitten verlassen, +veranstaltete der Freiherr zum Beschluß eine Schlittenfahrt. Er selbst +fährt seine Gemahlin, doch, als es talabwärts geht, reißen die Pferde, +plötzlich auf unbegreifliche Weise scheu geworden, aus in vollem +wütenden Schnauben und Toben. >Der Alte - der alte ist hinter uns +her<, schreit die Baronin auf mit schneidender Stimme! In dem +Augenblick wird sie durch den Stoß, der den Schatten umwirft, weit +fortgeschleudert. - Man findet sie leblos - sie ist hin! Der Freiherr +kann sich nimmer trösten, seine Ruhe ist die eines Sterbenden! Nimmer +kommen wir wieder nach R..sitten, Vetter!« + +Der alte Großonkel schwieg, ich schied von ihm mit zerrissenem Herzen, +und nur die alles beschwichtigende Zeit konnte den tiefen Schmerz +lindern, in dem ich vergehen zu müssen glaubte. + +Jahre waren vergangen. V. ruhte längst im Grabe, ich hatte mein +Vaterland verlassen. Da trieb mich der Sturm des Krieges, der +verwüstend über ganz Deutschland hinbrauste, in den Norden hinein, +fort nach Petersburg. Auf der Rückreise, nicht mehr weit von K., fuhr +ich in einer finstern Sommernacht dem Gestade der Ostsee entlang, als +ich vor mir am Himmel einen großen funkelnden Stern erblickte. Näher +gekommen, gewahrte ich wohl an der roten flackernden Flamme, daß das, +was ich für einen Stern gehalten, ein starkes Feuer sein müsse, ohne +zu begreifen, wie es so hoch in den Lüften schweben könne. + +»Schwager! was ist das für ein Feuer dort vor uns?« frug ich den +Postillon. »Ei«, erwiderte dieser, »ei, das ist kein Feuer, das ist +der Leuchtturm von R..sitten.« R..sitten! sowie der Postillon den +Namen nannte, sprang in hellem Leben das Bild jener verhängnisvollen +Herbsttage hervor, die ich dort erlebte. Ich sah den Baron - +Seraphinen, aber auch die alten wunderlichen Tanten, mich selbst +mit blankem Milchgesicht, schön frisiert und gepudert, in zartes +Himmelblau gekleidet ja mich, den Verliebten, der wie ein Ofen seufzt, +mit Jammerlied auf seiner Liebsten Braue! + +In der tiefen Wehmut, die mich durchbebte, flackerten wie bunte +Lichterchen V.s derbe Späße auf, die mir nun ergötzlicher waren als +damals. So von Schmerz und wunderbarer Lust bewegt, stieg ich am +frühen Morgen in R..sitten aus dem Wagen, der vor der Postexpedition +hielt. Ich erkannte das Haus des Ökonomieinspektors, ich frug nach +ihm. »Mit Verlaub«, sprach der Postschreiber, indem er die Pfeife aus +dem Munde nahm und an der Nachtmütze rückte, »mit Verlaub, hier ist +kein Ökonomieinspektor, es ist ein königliches Amt, und der Herr +Amtsrat belieben noch zu schlafen.« + +Auf weiteres Fragen erfuhr ich, daß schon vor sechzehn Jahren +der Freiherr Roderich von R., der letzte Majoratsbesitzer, ohne +Deszendenten gestorben und das Majorat der Stiftungsurkunde gemäß dem +Staate anheimgefallen sei. Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag +in Ruinen zusammengestürzt. Man hatte einen großen Teil der Steine zu +dem Leuchtturm benutzt, so versicherte ein alter Bauer, der aus dem +Föhrenwalde kam und mit dem ich mich ins Gespräch einließ. Der wußte +auch von dem Spuk zu erzählen, wie er auf dem Schlosse gehaust +haben sollte, und versicherte, daß noch jetzt sich oft, zumal beim +Vollmonde, grauenvolle Klagelaute in dem Gestein hören ließen. + +Armer, alter, kurzsichtiger Roderich! Welche böse Macht beschworst du +herauf, die den Stamm, den du mit fester Wurzel für die Ewigkeit zu +pflanzen gedachtest, im ersten Aufkeimen zum Tode vergiftete. + + + +Das Gelübde + +Am Michaelistage, eben als bei den Karmelitern die Abendhora +eingeläutet wurde, fuhr ein mit vier Postpferden bespannter +stattlicher Reisewagen, donnernd und rasselnd durch die Gassen des +kleinen polnischen Grenzstädtchens L., und hielt endlich still vor der +Haustür des alten teutschen Bürgermeisters. Neugierig steckten die +Kinder die Köpfe zum Fenster heraus, aber die Hausfrau stand auf von +ihrem Sitze und rief, indem sie ganz unmutig ihr Nähzeug auf den Tisch +warf, dem Alten, der aus dem Nebenzimmer schnell eintrat, entgegen: +»Schon wieder Fremde, die unser stilles Haus für eine Gastwirtschaft +halten, das kommt aber von dem Wahrzeichen her. Warum hast du auch die +steinerne Taube über der Tür aufs neue vergolden lassen?« Der Alte +lächelte schlau und bedeutsam ohne etwas zu erwidern; im Augenblick +hatte er den Schlafrock abgeworfen, das Ehrenkleid, das vom Kirchgange +her noch wohlgebürstet über der Stuhllehne hing, angezogen, und ehe +die ganz erstaunte Frau den Mund zur Frage öffnen konnte, stand er +schon, sein Samtmützchen unterm Arm, so daß sein silberweißes Haupt +in der Dämmerung hell aufschimmerte, vor dem Kutschenschlage, den +indessen ein Diener geöffnet. Eine ältliche Frau im grauen Reisemantel +stieg aus dem Wagen, ihr folgte eine hohe jugendliche Gestalt mit +dicht verhülltem Antlitz die auf des Bürgermeisters Arm gestützt, in +das Haus hinein mehr wankte als schritt, und kaum ins Zimmer getreten, +wie halb entseelt in den Lehnstuhl sank, den die Hausfrau auf des +Alten Wink schnell herangerückt. Die ältere Frau sprach leise und sehr +wehmütig zu dem Bürgermeister: »Das arme Kind! - ich muß wohl noch +einige Augenblicke bei ihr verweilen«, damit machte sie Anstalt ihren +Reisemantel herunterzuziehen, worin ihr des Bürgermeisters ältere +Tochter beistand, so daß bald ihr Nonnengewand, sowie ein auf der +Brust funkelndes Kreuz sichtbar wurde, welches sie als Äbtissin eines +Zisterzienser Nonnenklosters darstellte. Die verhüllte Dame hatte +unterdessen nur durch ein leises, kaum vernehmbares Ächzen kund getan, +daß sie noch lebe und endlich die Hausfrau um ein Glas Wasser gebeten. +Die brachte aber allerlei stärkende Tropfen und Essenzen herbei, und +pries ihre Wunderkraft, indem sie die Dame bat, doch nur die dicken, +schweren Schleier, die ihr alles freie Atmen verhindern müßten, +abzulegen. Mit der Hand jede Annäherung der Hausfrau abwehrend, mit +allen Zeichen des Abscheues den Kopf zurückbeugend, verwarf aber die +Kranke den Vorschlag, und selbst, als sie endlich es sich gefallen +ließ, den Duft einer starken Lebensessenz einzuziehen, als sie etwas +von dem verlangten Wasser, in das die besorgte Hausfrau einige Tropfen +eines bewährten Elixiers hineingetan, genoß, tat sie alles dies unter +den Schleiern, ohne sie nur im mindesten zu lüpfen. »Ihr habt doch, +mein lieber, alter Herr!« wandte sich die Äbtissin zum Bürgermeister, +»Ihr habt doch alles so bereitet, wie es gewünscht worden?« +- »Jawohl«, erwiderte der Alte, »jawohl! ich hoffe, mein +durchlauchtigster Fürst soll mit mir zufrieden sein, so wie die Dame, +für die ich alles zu tun bereit bin, was nur in meinen Kräften steht.« +- »So laßt mich«, fuhr die Äbtissin fort, »mit meinem armen Kinde noch +einige Augenblicke allein.« Die Familie mußte das Zimmer verlassen. +Man hörte, wie die Äbtissin eifrig und salbungsvoll der Dame zusprach, +und wie diese endlich auch zu reden begann mit einem Ton, der tief bis +ins Herz drang. Ohne gerade zu horchen, blieb denn doch die Hausfrau +an der Türe des Zimmers stehen, indessen wurde italienisch gesprochen, +und selbst dies machte für sie den ganzen Auftritt geheimnisvoller und +vermehrte die Beklommenheit, welche ihr den Mund verschloß. Frau und +Tochter trieb der Alte fort, um für Wein und andere Erfrischungen zu +sorgen, er selbst ging in das Zimmer zurück. Getrösteter, gefaßter +schien die verschleierte Dame, welche mit gebeugtem Haupt und +gefalteten Händen vor der Äbtissin stand. Diese verschmähte es nicht, +etwas von den Erfrischungen anzunehmen, die ihr die Hausfrau darbot, +dann rief sie: »Nun ist es Zeit!« Die verschleierte Dame sank nieder +auf die Knie, die Äbtissin legte die Hände auf ihr Haupt und sprach +leise Gebete. Als diese geendet, schloß sie, indem häufige Tränen ihr +über die Wangen rollten, die Verschleierte in die Arme und drückte sie +heftig wie im Übermaß des Schmerzes an die Brust, dann gab sie gefaßt +und würdevoll der Familie die Benediktion und eilte, vom Alten +geleitet, rasch in den Wagen, vor dem die frisch angelegten Postpferde +laut wieherten. In vollem Juchzen und Blasen jug der Postillion durch +die Gassen zum Tore hinaus. Als nun die Hausfrau gewahrte, daß die +verschleierte Dame, für die man ein paar schwere Koffer vom Wagen +abgepackt und hineingetragen, dablieb, wohl gar auf lange Zeit +eingezogen sei, konnte sie sich gar nicht lassen vor peinlicher +Neugier und Sorge. Sie trat hinaus auf den Hausflur und dem Alten, der +eben in das Zimmer wollte, in den Weg. »Um Christus willen«, flüsterte +sie leise und ängstlich, »um Christus willen, welch einen Gast bringst +du mir ins Haus, denn du weißt doch ja von allem und hast es mir nur +verschwiegen.« - »Alles, was ich weiß, sollst du auch erfahren«, +erwiderte der Alte ganz ruhig. »Ach, ach!« fuhr die Frau noch +ängstlicher fort, »du weißt aber vielleicht nicht alles; wärst du nur +jetzt im Zimmer gewesen. Sowie die Frau Äbtissin abgefahren, mochte es +der Dame doch wohl zu beklommen werden in ihren dicken Schleiern. Sie +nahm den großen schwarzen Kreppflor, der ihr bis an die Knie reichte, +herab, und da sah ich« - »Nun was sahst du denn«, fiel der Alte der +Frau, die zitternd sich umschaute, als erblicke sie Gespenster, in die +Rede. »Nein«, sprach die Frau weiter, »die Gesichtszüge konnte ich +unter den dünnen Schleiern gar nicht deutlich erkennen, aber wohl die +Totenfarbe, ach die greuliche Totenfarbe. Aber nun Alter, nun merk +auf: deutlich, nur zu deutlich, ganz sonnenklar liegt's am Tage, +daß die Dame guter Hoffnung ist. In wenigen Wochen kommt sie ins +Kindbett.« - »Das weiß ich ja, Frau«, sprach der Alte ganz mürrisch, +»und damit du nur nicht umkommen mögest vor Neugier und Unruhe, will +ich dir mit zwei Worten alles erklären. Wisse also, daß Fürst Z., +unser hoher Gönner, mir vor einigen Wochen schrieb, die Äbtissin des +Zisterzienserklosters in O. werde mir eine Dame bringen, die ich bei +mir in meinem Hause aufnehmen solle, in aller Stille, jedes Aufsehen +sorglich vermeidend. Die Dame, welche nicht anders genannt sein +wolle, als schlechtweg Cölestine, werde bei mir ihre nahe Entbindung +abwarten, und dann nebst dem Kinde, das sie geboren, wieder +abgeholt werden. Füge ich nun noch hinzu, daß der Fürst mir mit den +eindringlichsten Worten die sorgsamste Pflege der Dame empfohlen und +für die ersten Auslagen und Bemühungen einen tüchtigen Beutel mit +Dukaten, den du in meiner Kommode finden und beäugeln kannst, +beigefügt hat, so werden wohl alle Bedenken aufhören.« - »So müssen +wir«, sprach die Hausfrau, »vielleicht arger Sünde, wie sie die +Vornehmen treiben, die Hand bieten.« Noch ehe der Alte darauf etwas +erwidern konnte, trat die Tochter zum Zimmer heraus, und rief ihn zur +Dame, welche sich nach Ruhe sehne und in das für sie bestimmte Gemach +geführt zu werden wünsche. Der Alte hatte die beiden Zimmerchen des +obern Stocks so gut ausschmücken lassen, als er es nur vermochte, +und war nicht wenig betreten, als Cölestine frug, ob er außer diesen +Gemächern nicht noch eins, dessen Fenster hintenheraus gingen, +besitze. Er verneinte das und fügte nur, um ganz gewissenhaft zu sein, +hinzu, daß zwar noch ein einziges Gemach mit einem Fenster nach dem +Garten heraus, vorhanden, dies dürfte aber gar kein Zimmer, sondern +nur eine schlechte Kammer genannt werden; kaum so geräumig, um ein +Bette, einen Tisch und einen Stuhl hineinzustellen, ganz einer elenden +Klosterzelle gleich. Cölestine verlangte augenblicklich, diese Kammer +zu sehen, und erklärte, kaum hineingekommen, daß eben dieses Gemach +ihren Wünschen und Bedürfnissen angemessen sei, daß sie nur in diesem +und keinem andern wohnen, und es nur dann, wenn ihr Zustand durchaus +größeren Raum und eine Krankenwärterin erfordern solle, mit einem +größern vertauschen werde. Verglich der Alte schon jetzt dieses enge +Gemach mit einer Klosterzelle, so war es andern Tages ganz dazu +geworden. Cölestine hatte ein Marienbild an die Wand geheftet und auf +den alten hölzernen Tisch, der unter dem Bilde stand, ein Kruzifix +hingestellt. Das Bette bestand in einem Strohsack und einer wollenen +Decke, und außer einem hölzernen Schemmel und noch einem kleinen +Tisch, litt Cölestine kein anderes Gerät. Die Hausfrau, ausgesöhnt +mit der Fremden durch den tiefen zehrenden Schmerz, der sich in +ihrem ganzen Wesen offenbarte, glaubte nach gewöhnlicher Weise sie +aufheitern, unterhalten zu müssen, die Fremde bat aber mit den +rührendsten Worten, eine Einsamkeit nicht zu verstören, in der allein +mit ganz der Jungfrau und den Heiligen zugewandtem Sinn sie Tröstung +finde. Jedes Tages, sowie der Morgen graute, begab sich Cölestine zu +den Karmelitern, um die Frühmesse zu hören; den übrigen Tag schien sie +unausgesetzt Andachtsübungen gewidmet zu haben, denn so oft es auch +nötig wurde sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, fand man sie entweder +betend oder in frommen Büchern lesend. Sie verschmähte andere Speise +als Gemüse, anderes Getränk als Wasser, und nur die dringendsten +Vorstellungen des Alten, daß ihr Zustand, das Wesen, das in ihr +lebe, bessere Kost fordere, konnte sie endlich vermögen, zuweilen +Fleischbrühe und etwas Wein zu genießen. Dieses strenge klösterliche +Leben, hielt es auch jeder im Hause für die Buße begangener Sünde, +erweckte doch zu gleicher Zeit inniges Mitleiden und tiefe Ehrfurcht, +wozu denn auch der Adel ihrer Gestalt, die siegende Anmut jeder ihrer +Bewegungen nicht wenig beitrug. Was aber diesen Gefühlen für die +fremde Heilige etwas Schauerliches beimischte, war der Umstand, daß +sie die Schleier durchaus nicht ablegte, so daß keiner ihr Gesicht zu +erschauen vermochte. Niemand kam in ihre Nähe, als der Alte und der +weibliche Teil seiner Familie, und diese, niemals aus dem Städtchen +gekommen, konnten unmöglich durch das Wiedererkennen eines Gesichts, +das sie vorher nicht gesehen, dem Geheimnis auf die Spur kommen. Wozu +also die Verhüllung? - Die geschäftige Fantasie der Weiber erfand bald +ein greuliches Märchen. Ein fürchterliches Abzeichen (so lautete die +Fabel), die Spur der Teufelskralle, hatte das Gesicht der Fremden +gräßlich verzerrt, und darum die dicken Schleier. Der Alte hatte Mühe +dem Gewäsche zu steuern und zu verhindern, daß wenigstens _vor_ der Türe +seines Hauses nicht Abenteuerliches von der Fremden geschwatzt wurde, +deren Aufenthalt in des Bürgermeisters Hause freilich in der Stadt +bekannt geworden. Ihre Gänge nach dem Karmeliterkloster blieben auch +nicht unbemerkt, und bald nannte man sie des Bürgermeisters schwarze +Frau, womit freilich sich von selbst die Idee einer spukhaften +Erscheinung verband. Der Zufall wollte, daß eines Tages, als die +Tochter der Fremden die Speisen in das Zimmer brachte, der Luftstrom +den Schleier erfaßte und aufhob; mit Blitzesschnelle wandte sich die +Fremde, so daß sie sich in demselben Moment dem Blick des Mädchens +entzog. Diese kam aber erblaßt und an allen Gliedern zitternd herab. +Keine Verzerrung, aber so wie die Mutter ein totenbleiches, hatte +sie ein marmorweißes Antlitz erschaut, aus dessen tiefen Augenhöhlen +es seltsam hervorblitzte. Der Alte schob mit Recht vieles auf des +Mädchens Einbildung, aber auch ihm war es, im Grunde genommen, so +zumute wie allen; er wünschte das verstörende Wesen, trotz aller +Frömmigkeit, die es bewies, fort aus seinem Hause. Bald darauf weckte +in einer Nacht der Alte die Hausfrau und sagte ihr, daß er schon seit +einigen Minuten ein leises Wimmern und Ächzen, ein Klopfen vernehme, +das von Cölestinens Zimmer zu kommen scheine. Die Frau, von der Ahnung +ergriffen, was das sein könne, eilte hinauf. Sie fand Cölestinen, +angezogen und in ihre Schleier gewickelt, auf dem Bette halb +ohnmächtig liegen und überzeugte sich bald, daß die Niederkunft nahe +sei. Schnell traf man die längst vorbereiteten Anstalten, und in +weniger Zeit war ein gesundes holdes Knäblein geboren. Dies Ereignis, +hatte man es auch längst vorausgesehen, trat doch wie unerwartet ein, +und vernichtete in seinen Folgen das drückende unheimliche Verhältnis +mit der Fremden, welches auf der Familie schwer gelastet hatte. Der +Knabe schien, wie ein sehnender Mittler, Cölestinen dem Menschlichen +wieder näher zu bringen. Ihr Zustand litt keine strenge asketische +Übungen, und indem ihre Hülflosigkeit ihr die Menschen, welche sie mit +liebender Sorgfalt pflegten, aufnötigte, gewöhnte sie sich mehr und +mehr an ihren Umgang. Die Hausfrau dagegen, die nun die Kranke warten, +ihr selbst die nahrhafte Suppe kochen und darreichen konnte, vergaß in +dieser häuslichen Sorge alles Böse, was ihr sonst über die rätselhafte +Fremde in den Sinn gekommen. Sie dachte nicht mehr daran, daß ihr +ehrbares Haus vielleicht zum Schlupfwinkel der Schande dienen sollte. +Der Alte jubelte ganz verjüngt und hätschelte den Knaben, als sei ihm +ein Enkelkind geboren, und er, wie alle übrige, hatten sich daran +gewöhnt, daß Cölestine verschleiert blieb, ja selbst während der +Entbindung. Die Wehmutter hatte ihr schwören müssen, daß, trete ja +ein Zustand der Bewußtlosigkeit ein, doch die Schleier nicht gelüpft +werden sollten, außer von ihr, der Wehmutter selbst, im Fall der +Todesgefahr. Es war gewiß, daß die Alte Cölestinen unverschleiert +gesehen, sie sagte aber darüber nichts, als: »Die arme junge Dame +muß sich ja wohl so verhüllen« - Nach einigen Tagen erschien der +Karmelitermönch, der den Knaben getauft hatte. Seine Unterredung mit +Cölestinen, niemand durfte zugegen sein, dauerte länger als zwei +Stunden. Man hörte ihn eifrig sprechen und beten. Als er fortgegangen, +fand man Cölestinen im Lehnstuhl sitzend, auf dem Schoße den Knaben, +um dessen kleine Schultern ein Skapulier gelegt war, und der ein +Agnusdei auf der Brust trug. Wochen und Monate vergingen, ohne daß, +wie der Bürgermeister geglaubt hatte, und wie es ihm auch vom Fürsten +Z. gesagt worden, Cölestine mit dem Kinde abgeholt wurde. Sie hätte +ganz eintreten können in den friedlichen Kreis der Familie, wären die +fatalen Schleier nicht gewesen, die immer den letzten Schritt zur +freundlichen Annährung hemmten. Der Alte nahm es sich heraus, dies +der Fremden selbst freimütig zu äußern, doch als sie mit dumpfem +feierlichen Ton erwiderte: »Nur im Tode fallen diese Schleier«, +schwieg er davon und wünschte aufs neue, daß der Wagen mit der +Äbtissin erscheinen möge. + +Der Frühling war herangekommen, von einem Spaziergange kehrte die +Familie des Bürgermeisters heim, Blumensträuße in den Händen tragend, +deren schönste der frommen Cölestine bestimmt waren. Eben als sie +ins Haus treten wollten, sprengte ein Reiter heran, eifrig nach +dem Bürgermeister fragend. Der Alte sprach, er sei selbst der +Bürgermeister und stehe vor seinem Hause. Da sprang der Reiter herab +vom Pferde, das er festband an den Pfosten und stürzte mit dem +gellenden Ruf. »Sie ist hier, sie ist hier«, ins Haus und die Treppe +herauf. Man hörte eine Tür einschlagen und Cölestinens Angstgeschrei. +Der Alte, von Entsetzen erfaßt, eilte nach. Der Reiter - wie nun +sichtlich, war ein Offizier von der französischen Jägergarde mit +vielen Orden geschmückt, hatte den Knaben aus der Wiege gerissen und +in den linken, mit dem Mantel umschlungenen Arm genommen; den rechten +hatte Cölestine erfaßt, alle Kraft aufbietend, den Räuber des Kindes +zurückzuhalten. Im Ringen riß der Offizier den Schleier herab ein +todstarres marmorweißes Antlitz, von schwarzen Locken umschattet, +blickte ihn an, glühende Strahlen aus den tiefen Augenhöhlen +schießend, während schneidende Jammertöne aus den halbgeöffneten +unbewegten Lippen quollen. Der Alte nahm wahr, daß Cölestine eine +weiße, dicht anschließende Maske trug. »Entsetzliches Weib! willst du, +daß auch mich deine Raserei ergreife?« schrie der Offizier, indem er +sich mit Gewalt losriß, so daß Cölestine zu Boden stürzte. Nun umfaßte +sie aber seine Knie, indem sie mit dem Ausdruck des unsäglichsten +Schmerzes, mit einem Ton, der das Herz durchschnitt, flehte: »Laß mir +das Kind! - o laß mir das Kind! - nicht um die ewige Seligkeit sollst +du mich bringen. - Um Christus - um der heiligen Jungfrau willen - laß +mir das Kind - laß mir das Kind.« - Und bei diesen Jammertönen regte +sich keine Muskel, regten sich nicht die Lippen des Totenantlitzes, so +daß dem Alten, der Hausfrau - allen, die ihm gefolgt, vor Grauen das +Blut in den Adern stockte! »Nein«, schrie der Offizier wie in heller +Verzweiflung, »nein, unmenschliches, unerbittliches Weib, das Herz +konntest du aus dieser Brust reißen, aber verderben sollst du nicht im +heillosen Wahnsinn das Wesen, das sich tröstend an die blutende Wunde +legt!« - Fester drückte der Offizier das Kind an sich, so daß es laut +zu weinen begann - da brach Cölestine aus in ein dumpfes Heulen: +»Rache - des Himmels Rache über dich - du Mörder!« - »Laß ab! - +laß ab - fort mit dir, du Höllenspuk!« kreischte der Offizier, und +schleuderte mit einer konvulsivischen Bewegung des Fußes Cölestinen +weit von sich, und wollte zur Türe heraus. Der Alte trat ihm in den +Weg, er riß aber schnell ein Terzerol hervor, rief, die Mündung gegen +den Alten gekehrt: »Die Kugel durch den Kopf dem, der dem Vater sein +Kind zu entreißen gedenkt«, stürzte die Treppe herab, schwang sich +aufs Pferd ohne das Kind zu lassen, und sprengte in vollem Galopp +davon. - Die Hausfrau voll Herzensangst, wie es nun um Cölestinen +stehen, und was nun mit ihr anzufangen sein würde, überwand ihr Grauen +vor der entsetzlichen Totenmaske, und eilte herauf ihr beizustehen. +Wie erstaunte sie, als sie Cölestinen mitten im Zimmer gleich einer +Statue mit herabhängenden Armen lautlos stehend fand. Sie redete sie +an, keine Antwort. Nicht vermögend den Anblick der Maske zu tragen, +hing sie ihr die Schleier um, die auf dem Boden lagen, kein Regen und +Bewegen. Cölestine war in einen automatähnlichen Zustand gesunken, +der die Hausfrau mit neuer Angst und Pein erfüllte, so daß sie ganz +inbrünstig zu Gott flehte, sie nur von dieser unheimlichen Fremden zu +befreien. Ihre Bitte wurde zur Stelle erhört, denn eben hielt derselbe +Wagen, der Cölestinen gebracht, vor der Türe. Die Äbtissin kam, mit +ihr Fürst Z. des alten Bürgermeisters hoher Gönner. Als der erfahren, +was sich soeben zugetragen, sprach er sehr mild und ruhig: »So kamen +wir zu spät, und müssen uns wohl in Gottes Fügung schicken.« Man +brachte Cölestinen herab, die sich starr und lautlos, ohne Zeichen +eignen Willens und eigner Willkür, fortführen und in den Wagen setzen +ließ, der schnell fortrollte. Dem Alten, der ganzen Familie war so +zumute, als erwachten sie nun erst aus einem bösen spukhaften Traum, +der sie sehr geängstet. + +Bald darauf, als sich dies in dem Hause des Bürgermeisters von +L. begeben, wurde in dem Zisterzienser Nonnenkloster zu O. eine +Logenschwester mit ungewöhnlicher Feierlichkeit begraben und ein +dumpfes Gerücht ging, daß diese Logenschwester die Gräfin Hermenegilda +von C. gewesen, von der man glaubte, sie sei mit ihres Vaters +Schwester, der Fürstin von Z., nach Italien gegangen. Zur selbigen +Zeit erschien Graf Nepomuk von C., Hermenegildas Vater, in Warschau +und trat, sich nur ein kleines Gütchen in der Ukraine vorbehaltend, +seine sämtlichen übrigen beträchtlichen Besitzungen den beiden Söhnen +des Fürsten Z., seinen Neffen, vermöge eines gerichtlichen Akts ohne +Einschränkung ab. Man fragte nach der Ausstattung seiner Tochter, +da hob er den düstern tränenschweren Blick gen Himmel und sagte mit +dumpfer Stimme: »Sie ist ausgestattet!« - Er nahm gar keinen Anstand, +nicht allein jenes Gerücht von Hermenegildas Tode im Kloster zu O. zu +bestätigen, sondern auch das besondere Verhängnis zu offenbaren, das +über Hermenegilda gewaltet und sie einer duldenden Märtyrin gleich +frühzeitig in das Grab gezogen. Manche Patrioten, gebeugt, aber nicht +zerknickt durch den Fall des Vaterlandes, gedachten den Grafen aufs +neue in geheime Verbindungen zu ziehen, die die Herstellung des +polnischen Staats bezweckten, aber nicht mehr den feurigen, für +Freiheit und Vaterland beseelten Mann, der sonst zu jeder gewagten +Unternehmung mit unerschütterlichem Mute die Hand bot, fanden sie, +sondern einen ohnmächtigen, von wildem Schmerz zerrissenen Greis, +der allen Welthändeln entfremdet im Begriff stand, sich in tiefer +Einsamkeit zu vergraben. Sonst, zu jener Zeit, als nach der ersten +Teilung Polens die Insurrektion vorbereitet wurde, war des Grafen +Nepomuk von C. Stammgut der geheime Sammelplatz der Patrioten. Dort +entzündeten sich die Gemüter bei feierlichen Mahlen zum Kampf für +das gefallene Vaterland. Dort erschien wie ein Engelsbild vom Himmel +gesendet zur heiligen Weihe Hermenegilda in dem Kreise der jungen +Helden. Wie es den Frauen ihrer Nation eigen, nahm sie teil an allen, +selbst an politischen Verhandlungen und äußerte, die Lage der Dinge +wohl beachtend und erwägend, in einem Alter von noch nicht siebzehn +Jahren, oft manchmal allen übrigen entgegen, eine Meinung, die von dem +außerordentlichsten Scharfsinn, von der klarsten Umsicht zeigte und +die mehrenteils den Ausschlag gab. Nächst ihr war niemanden das +Talent des schnellen Überblicks, des Auffassens und scharfgeründeten +Darstellens der Lage der Dinge mehr eigen, als dem Grafen Stanislaus +von R., einem feurigen, hochbegabten Jünglinge von zwanzig Jahren. +So geschah es, daß Hermenegilda und Stanislaus oft allein in raschen +Diskussionen die zur Sprache gebrachten Gegenstände verhandelten, +Vorschläge prüften - annahmen - verwarfen, andere aufstellten, und daß +die Resultate des Zweigesprächs zwischen dem Mädchen und dem Jünglinge +oft selbst von den alten staatsklugen Männern, die zu Rate saßen, als +das Klügste und Beste, was zu beginnen, anerkannt werden mußten. Was +war natürlicher, als an die Verbindung dieser beiden zu denken, in +deren wunderbaren Talenten das Heil des Vaterlandes emporzukeimen +schien. Außerdem war aber auch die nähere Verzweigung beider Familien +schon deshalb in dem Augenblick politisch wichtig, weil man sie von +verschiedenem Interesse beseelt glaubte, wie der Fall bei manchen +andern Familien in Polen zutraf. Hermenegilda, ganz durchdrungen von +diesen Ansichten, nahm den ihr bestimmten Gatten als ein Geschenk des +Vaterlandes auf, und so wurden mit ihrer feierlichen Verlobung die +patriotischen Zusammenkünfte auf dem Gute des Vaters beschlossen. Es +ist bekannt, daß die Polen unterlagen, daß mit Kosziuskos Fall eine +zu sehr auf Selbstvertrauen und falsch vorausgesetzte Rittertreue +basierte Unternehmung scheiterte. Graf Stanislaus, dem seine frühere +militärische Laufbahn, seine Jugend und Kraft eine Stelle im +Heer anwies, hatte mit Löwenmut gefochten. Mit Not schmählicher +Gefangenschaft entgangen, auf den Tod verwundet, kam er zurück. Nur +Hermenegilda fesselte ihn noch ans Leben, in ihren Armen glaubte er +Trost, verlorne Hoffnung wiederzufinden. Sowie er nur leidlich von +seinen Wunden genesen, eilte er auf die Güter des Grafen Nepomuk, um +dort aufs neue, aufs schmerzlichste verwundet zu werden. Hermenegilda +empfing ihn mit beinahe höhnender Verachtung. »Seh ich den Helden, +der in den Tod gehen wollte für das Vaterland?« - So rief sie ihm +entgegen; es war, als wenn sie in törichtem Wahnsinn den Bräutigam +für einen jener Paladine der fabelhaften Ritterzeit gehalten, dessen +Schwert allein Armeen vernichten konnte. Was halfen alle Beteuerungen, +daß keine menschliche Kraft zu widerstehen vermochte dem brausenden, +alles verschlingenden Strom, der sich über das Vaterland hinwälzte, +was half alles Flehen der inbrünstigen Liebe, Hermenegilda, als +könne sich ihr todkaltes Herz nur im wilden Treiben der Welthändel +entzünden, blieb bei dem Entschluß, ihre Hand nur dann dem Grafen +Stanislaus geben zu wollen, wenn die Fremden aus dem Vaterlande +vertrieben sein würden. Der Graf sah zu spät ein, daß Hermenegilda ihn +nie liebte, so wie er sich überzeugen mußte, daß die Bedingnis, die +Hermenegilda aufstellte, vielleicht niemals, wenigstens erst in +geraumer Zeit erfüllt werden konnte. Mit dem Schwur der Treue bis in +den Tod verließ er die Geliebte und nahm französische Dienste, die ihn +in den Krieg nach Italien führten. - Man sagt den polnischen Frauen +nach, daß ein eignes launisches Wesen sie auszeichne. Tiefes Gefühl, +sich hingebender Leichtsinn, stoische Selbstverleugnung, glühende +Leidenschaft, todstarre Kälte, alles das, wie es bunt gemischt in +ihrem Gemüte liegt, erzeugt das wunderliche unstete Treiben auf +der Oberfläche, das dem _Spiel_ gleicht der in stetem Wechsel +fortplätschernden Wellen des im tiefsten Grunde bewegten Bachs. - +Gleichgültig sah Hermenegilda den Bräutigam scheiden, aber kaum waren +einige Tage vergangen, als sie sich von solch unaussprechlicher +Sehnsucht befangen fühlte, wie sie nur die glühendste Liebe erzeugen +kann. Der Sturm des Krieges war verrauscht, die Amnestie wurde +proklamiert, man entließ die polnischen Offiziere aus der +Gefangenschaft. So geschah es, daß mehrere von Stanislaus' +Waffenbrüdern sich nach und nach auf des Grafen Gute einfanden. Mit +tiefem Schmerz gedachte man jener unglücklichen Tage, aber auch mit +hoher Begeisterung des Löwenmuts, womit alle, aber keiner mehr als +Stanislaus gefochten. Er hatte die zurückweichenden Bataillone, da, wo +schon alles verloren schien, aufs neue ins Feuer geführt, es war ihm +geglückt, die feindlichen Reihen mit seiner Reuterei zu durchbrechen. +Das Schicksal des Tages wankte, da traf ihn eine Kugel und mit dem +Ausruf: »Vaterland - Hermenegilda!« stürzte er in Blut gebadet vom +Pferde herab. Jedes Wort dieser Erzählung war ein Dolchstich, der tief +in Hermenegildas Herz fuhr. »Nein! ich wußt es nicht, daß ich ihn +unaussprechlich liebte seit dem ersten Augenblick, als ich ihn sah! +- Welch ein höllisches Blendwerk konnte mich Ärmste verführen, daß +ich zu leben gedachte ohne ihn, der mein einziges Leben ist! - Ich +habe ihn in den Tod geschickt - er kehrt nicht wieder!« - So brach +Hermenegilda aus in stürmische Klagen, die allen in die Seele drangen. +Schlaflos, von steter Unruhe gefoltert, durchirrte sie zur Nachtzeit +den Park, und, als vermöge der Nachtwind ihre Worte hinzutragen zu +dem fernen Geliebten, rief sie in die Lüfte hinein: »Stanislaus - +Stanislaus - kehre zurück - ich bin es - Hermenegilda ist es, die dich +ruft - hörst du mich denn nicht - kehre zurück, sonst muß ich vergehen +in banger Sehnsucht, in trostloser Verzweiflung!« + +Hermenegildas überreizter Zustand schien übergehen zu wollen in +wirklichen hellen Wahnsinn, der sie zu tausend Torheiten trieb. Graf +Nepomuk, voll Kummer und Angst um das geliebte Kind, glaubte, daß +ärztliche Hülfe hier vielleicht wirksam sein könnte, und es gelang ihm +in der Tat, einen Arzt zu finden, der es sich gefallen ließ einige +Zeit auf dem Gute zu bleiben und sich der Leidenden anzunehmen. So +richtig berechnet seine mehr psychische als physische Kurmethode aber +auch sein mochte, so wenig sich ihre Wirkung auch ganz ableugnen ließ, +so blieb es doch zweifelhaft, ob von wirklichem Genesen jemals die +Rede würde sein können, da nach langer Stille sich ganz unerwartet +wieder die seltsamsten Paroxismen einstellten. Ein eignes Abenteuer +gab der Sache eine andere Wendung. Hermenegilda hatte eben den kleinen +Ulanen, ein Püppchen, das sie sonst wie den Geliebten ans Herz +gedrückt, dem sie die süßesten Namen gegeben, unwillig ins Feuer +geworfen, weil er durchaus nicht singen wollte: »Podrosz twoia nam +niemila, milsza przyiaszn w Kraiwbyla etc.« Im Begriff, von dieser +Expedition in ihr Zimmer zurückzukehren, befand sie sich auf dem +Vorsaal, als es klingend und klirrend hinter ihr her schritt. Sie +schaute um sich, erblickte einen Offizier in voller Uniform der +französischen Jägergarde, der den linken Arm in der Binde trug, und +stürzte mit dem lauten Ruf.- »Stanislaus, mein Stanislaus!« ihm +ohnmächtig in die Arme. Der Offizier, eingewurzelt im Boden vor +Erstaunen und Überraschung, hatte nicht wenig Mühe Hermenegilda, die, +groß und üppig gebaut, eben keine geringe Last war, mit einem Arm, +dessen er nur mächtig, aufrecht zu erhalten. Er drückte sie fest +und fester an sich, und indem er Hermenegildas Herz an seiner +Brust schlagen fühlte, mußte er sich gestehen, daß dies eins der +entzückendsten Abenteuer sei, das er je erlebt. Sekunde auf Sekunde +verging, der Offizier ganz entzündet vom Liebesfeuer, das in tausend +elektrischen Funken der holden Gestalt, die er in seinen Armen hielt, +entströmte, drückte glühende Küsse auf die süßen Lippen. So fand ihn +Graf Nepomuk, der aus seinen Zimmern trat. Auch er rief aufjauchzend +vor Freude: »Graf Stanislaus!« - In dem Augenblick erwachte +Hermenegilda, und umschlang ihn inbrünstig, indem sie ganz außer sich +von neuem rief. »Stanislaus! - mein Geliebter! mein Gatte!« - Der +Offizier im ganzen Gesicht glühend, zitternd - außer aller Fassung, +trat einen Schritt zurück, indem er sich sanft Hermenegildas +stürmischer Umarmung entzog. »Es ist der süßeste Augenblick meines +Lebens - aber nicht schwelgen will ich in der Seligkeit, die mir nur +ein Irrtum bereitet - ich bin ja nicht Stanislaus - ach ich bin es +ja nicht.« - So sprach der Offizier stotternd und zagend; entsetzt +prallte Hermenegilda zurück, und als sie sich, den Offizier schärfer +ins Auge fassend, überzeugt, daß die freilich ganz wunderbare +Ähnlichkeit des Offiziers mit dem Geliebten sie getäuscht, eilte sie +fort laut jammernd und klagend. Graf Nepomuk konnte, da der Offizier +sich nun als den jüngern Vetter des Grafen Stanislaus, als den Grafen +Xaver von R. kund tat, es kaum für möglich halten, daß der Knabe in +so kurzer Zeit zum kräftigen Jünglinge herangewachsen. Freilich kam +hinzu, daß die Strapazen des Kriegs dem Gesicht, der ganzen Haltung, +einen männlichern Charakter gaben, als es sonst der Fall gewesen sein +würde. Graf Xaver hatte nämlich mit seinem ältern Vetter Stanislaus +zugleich das Vaterland verlassen, wie er, französische Kriegsdienste +genommen und in Italien gefochten. Damals kaum achtzehn Jahre alt, +zeichnete er sich doch bald, als besonnener und löwenkühner Kriegsheld +auf solche Weise aus, daß ihn der Feldherr zu seinem Adjutanten erhob, +und jetzt war er, ein zwanzigjähriger Jüngling, schon zum Obristen +heraufgestiegen. Erhaltene Wunden, nötigten ihn einige Zeit +auszuruhen. Er kehrte in das Vaterland zurück, und Aufträge von +Stanislaus an die Geliebte führten ihn auf den Landsitz des Grafen +Nepomuk, wo er empfangen wurde, als sei er der Geliebte selbst. Graf +Nepomuk und der Arzt, beide gaben sich alle nur ersinnliche Mühe, +Hermenegilda, die ganz vernichtet von Scham und bitterm Schmerz, ihr +Zimmer nicht verlassen wollte, solange Xaver im Hause, zu beruhigen, +aber umsonst. Xaver war außer sich, daß er Hermenegilda nicht +wiedersehen sollte. Er schrieb ihr, daß er unverschuldet eine für ihn +unglückliche Ähnlichkeit zu hart büße. Aber nicht ihn allein, sondern +den Geliebten Stanislaus selbst träfe das von jenem verhängnisvollen +Moment erzeugte Mißgeschick, da ihm, dem Überbringer süßer +Liebesbotschaft, jetzt alle Gelegenheit geraubt worden, ihr selbst, +wie er gesollt, den Brief, den er von Stanislaus bei sich trage, +einzuhändigen, und noch alles von Mund zu Mund hinzuzufügen, was +Stanislaus in der Hast des Augenblicks nicht mehr schreiben konnte. +Hermenegildas Kammerfrau, die Xaver in sein Interesse gezogen, +übernahm die Bestellung zur günstigen Stunde, und was dem Vater, dem +Arzt nicht gelungen, bewirkte Xaver durch sein Schreiben. Hermenegilda +entschloß sich ihn zu sehen. In tiefem Schweigen, mit niedergesenktem +Blick empfing sie ihn in ihrem Gemach. Xaver nahte sich mit leisem +schwankenden Schritt, er nahm Platz vor dem Sofa, auf dem sie saß, +aber indem er sich herabbeugte von dem Stuhl, kniete er mehr vor +Hermenegilda, als daß er saß, und so flehte er in den rührendsten +Ausdrücken, mit einem Ton, als habe er sich des unverzeihlichsten +Verbrechens anzuklagen, nicht auf sein Haupt möge sie die Schuld des +Irrtums laden, der ihn die Seligkeit des geliebten Freundes empfinden +lassen. Nicht ihn, nein Stanislaus selbst habe sie in der Wonne des +Wiedersehens umarmt. Er übergab den Brief, und fing an von Stanislaus +zu erzählen, wie er mit echt ritterlicher Treue selbst im blutigen +Kampf seiner Dame gedenke, wie nur sein Herz glühe für Freiheit +und Vaterland usw. Xaver erzählte mit lebendigem Feuer, er riß +Hermenegilden hin, die alle Scheu bald überwunden, den zauberischen +Blick ihrer Himmelsaugen unverwandt auf ihn richtete, so daß er, ein +neuer, von Turandots Blick getroffener, Kalaf, durchbebt von süßer +Wonne, nur mühsam die Erzählung fortspann. Ohne es selbst zu wissen, +bedrängt von dem innern Kampf gegen die Leidenschaft, die in hellen +Flammen auflodern wollte, verlor er sich in die weitläuftige +Beschreibung einzelner Gefechte. Er sprach von Kavallerieangriffen - +gesprengten Massen - eroberten Batterien. - Ungeduldig unterbrach ihn +Hermenegilda, indem sie rief. »Oh, weg mit diesen blutigen Szenen +eines Schauspiels der Hölle - sage - sage mir nur, daß er mich liebt, +daß Stanislaus mich liebt!« - Da ergriff Xaver, ganz ermutigt, +Hermenegildas Hand, die er heftig an seine Brust drückte. »Höre +ihn selbst, deinen Stanislaus!« so rief er, und nun strömten die +Beteurungen der glühendsten Liebe, wie sie nur dem Wahnsinn der +verzehrendsten Leidenschaft eigen, von seinen Lippen. Er war zu +Hermenegildas Füßen gesunken, sie hatte ihn mit beiden Armen +umschlungen, aber indem er, schnell aufgesprungen, sie an seine Brust +drücken wollte, fühlte er sich heftig zurückgestoßen. Hermenegilda +sah ihn mit starrem seltsamen Blick an und sprach mit dumpfer Stimme: +»Eitle Puppe, wenn ich dich auch zum Leben erwärme an meiner Brust, so +bist du doch nicht Stanislaus, und kannst es auch nimmer werden!« - +Hierauf verließ sie das Zimmer mit leisen langsamen Schritten. Xaver +sah zu spät seine Unbesonnenheit ein. Daß er bis zum Wahnsinn in +Hermenegilda, in die Braut des verwandten Freundes verliebt sei, +fühlte er nur zu lebhaft, ebenso aber auch, daß er bei jedem Schritt, +den er zugunsten seiner törichten Leidenschaft zu tun gesonnen, sich +würde treulosen Freundschaftsbruch vorwerfen müssen. Schnell abreisen, +ohne Hermenegilda wiederzusehen, das war der heroische Entschluß, den +er wirklich auf der Stelle so weit ausführte, daß er zu packen und +seinen Wagen anzuspannen befahl. Graf Nepomuk war hoch verwundert, als +Xaver von ihm Abschied nahm; er bot alles auf ihn festzuhalten, doch +mit einer Festigkeit, mehr von einer Art Krampf, als von wahrer +Geistesstärke erzeugt, blieb Xaver dabei, daß besondere Ursachen ihn +forttrieben. Den Säbel umgeschnallt, die Feldmütze in der Hand, stand +er in der Mitte des Zimmers, der Bediente mit dem Mantel auf dem +Vorsaal - unten vor der Türe wieherten ungeduldig die Pferde. - Da +ging die Tür auf, Hermenegilda trat herein, mit unbeschreiblicher +Anmut schritt sie auf den Grafen zu, und sprach hold lächelnd: »Sie +wollen fort, lieber Xaver? - und noch so vieles dacht ich von meinem +geliebten Stanislaus zu hören! - Wissen Sie wohl, daß mich Ihre +Erzählungen wunderbar trösten?« - Xaver schlug hocherrötend die Augen +nieder, man nahm Platz, Graf Nepomuk versicherte ein Mal über das +andere, seit vielen Monaten habe er Hermenegilda nicht in dieser +heitern unbefangenen Stimmung gesehen. Auf seinen Wink wurde, da die +Zeit herangekommen, die Abendtafel in demselben Zimmer bereitet. Der +edelste Ungarwein perlte in den Gläsern, und volle Glut auf den Wangen +nippte Hermenegilda aus dem gefüllten Pokal hochfeiernd das Andenken +des Geliebten, Freiheit und Vaterland. Zur Nacht reise ich fort, +dachte Xaver im Innern, und frug in der Tat, als die Tafel aufgehoben, +den Bedienten, ob der Wagen warte; der, erwiderte der Bediente, sei +längst, wie Graf Nepomuk befohlen, abgepackt und abgespannt in die +Remise geschoben, die Pferde fräßen im Stall und Woyciech schnarche +unten auf dem Strohsack. Xaver ließ es dabei bewenden. Hermenegildas +unvermutete Erscheinung hatte den Grafen überzeugt, daß es nicht +allein möglich, sondern auch rätlich und angenehm sei zu bleiben, und +von dieser Überzeugung kam er zu der andern, daß es nur darauf ankomme +sich zu besiegen, das heißt, Ausbrüchen der innern Leidenschaft zu +wehren, die, den geisteskranken Zustand Hermenegildas aufreizend, nur +ihm in jeder Hinsicht verderblich werden könnten. Wie dann nun alles +sich weiter fügen würde, so beschloß Xaver seine Betrachtung, sollte +selbst Hermenegilda aus ihren Träumen erwacht, die heitere Gegenwart +der düstern Zukunft vorziehen, das liege denn alles in der +Konstellation zusammenwirkender Umstände und an Treulosigkeit, an +Freundschaftsbruch sei nicht zu denken. Sowie Xaver andern Tages +Hermenegilden wiedersah, gelang es ihm in der Tat, indem er sorglich +auch das Kleinste vermied, was sein zu heißes Blut hätte in Wallung +setzen können, seine Leidenschaft niederzukämpfen. In den Schranken +der strengsten Sitte bleibend, ja selbst ein frostig Zeremoniell +beachtend, gab er nur dem Gespräch die Schwingen jener Galanterie, die +den Weibern mit süßem Zucker verderbliches Gift beibringt. Xaver, ein +zwanzigjähriger Jüngling, in eigentlichen Liebeshändeln unerfahren, +entfaltete, von dem sichern Takt fürs Böse im Innern geleitet, +die Kunst des erfahrenen Meisters. Nur von Stanislaus, von seiner +unaussprechlichen Liebe zur süßen Braut, sprach er, aber durch die +volle Glut, die er dann entzündet, wußte er geschickt sein eignes Bild +durchschimmern zu lassen, so daß Hermenegilda in arger Verwirrung +selbst nicht wußte, wie beide Bilder, das des abwesenden Stanislaus +und das des gegenwärtigen Xaver, trennen. Xavers Gesellschaft wurde +bald der aufgeregten Hermenegilda zum Bedürfnis, und so geschah +es, daß man sie beinahe beständig, und oft wie im traulichen +Liebesgespräch zusammen sah. Die Gewohnheit überwand mehr und mehr +Hermenegildas Scheu und in eben dem Grade überschritt Xaver jene +Schranken des frostigen Zeremoniells, in die er sich anfangs mit +klugem Vorbedacht gebannt hatte. Arm in Arm gingen Hermenegilda +und Xaver in dem Park umher, und sorglos ließ sie ihre Hand in der +seinigen, wenn er im Zimmer neben ihr sitzend von dem glücklichen +Stanislaus erzählte. Kam es nicht auf Staatshändel, auf die Sache +des Vaterlandes an, so war Graf Nepomuk eben keines Blickes in die +Tiefe fähig, er begnügte sich mit dem, was er auf der Oberfläche +wahrzunehmen imstande, sein für alles übrige totes Gemüt vermochte die +vorüberfliehenden Bilder des Lebens nur dem Spiegel gleich im Moment +zu reflektieren, spurlos schwanden sie dahin. Ohne Hermenegildas +inneres Wesen zu ahnen, hielt er es für gut, daß sie endlich die +Püppchen, die bei ihrem törigten wahnsinnigen Treiben den Geliebten +vorstellen mußten, mit einem lebendigen Jüngling vertauscht, und +glaubte mit vieler Schlauheit vorauszusehen, daß Xaver, der ihm als +Schwiegersohn ebenso lieb, bald ganz in Stanislaus' Stelle treten +werde. Er dachte nicht mehr an den treuen Stanislaus. Xaver glaubte +dieses ebenfalls, da nun, nachdem ein paar Monate vergangen, +Hermenegilda, so sehr ihr ganzes Wesen auch von dem Andenken an +Stanislaus erfüllt schien, es sich doch gefallen ließ, daß Xaver +mehr und mehr sich ihr annäherte mit eigner Bewerbung. Eines Morgens +hieß es, daß Hermenegilda sich in ihre Gemächer mit der Kammerfrau +eingeschlossen habe, und durchaus niemanden sehen wolle. Graf Nepomuk +glaubte nicht anders, als daß ein neuer Paroxismus eingetreten sei, +der sich bald legen werde. Er bat den Grafen Xaver, die Gewalt, die er +über Hermenegilda gewonnen, jetzt zu ihrem Heil zu üben, wie erstaunte +er aber, als Xaver es nicht allein durchaus verweigerte, sich +Hermenegilden auf irgend eine Weise zu nähern, sondern sich auch in +seinem ganzen Wesen auf eigne Art verändert zeigte. Statt wie sonst +beinahe zu keck aufzutreten, war er verschüchtert, als habe er +Gespenster gesehen, der Ton seiner Stimme schwankend - der Ausdruck +matt und unzusammenhängend. - Er sprach davon, daß er nun durchaus +nach Warschau müßte, daß er Hermenegilden wohl niemals wiedersehen +werde - daß in der letzten Zeit ihr verstörtes Wesen ihm Grauen +und Entsetzen erregt - daß er Verzicht geleistet auf alles Glück +der Liebe, daß er nun erst in der an Wahnsinn grenzenden Treue +Hermenegildas, die Treulosigkeit, die er an dem Freunde begehen +wollen, zu seiner tiefsten Beschämung fühle, daß schleunige Flucht +sein einziges Rettungsmittel sei. Graf Nepomuk begriff alles +nicht, nur schien es ihm endlich klar zu werden, daß Hermenegildas +wahnsinnige Schwärmerei den Jüngling angesteckt. Er suchte ihm dies +zu beweisen, doch umsonst. Xaver widerstrebte um so heftiger, als +dringender Nepomuk ihm die Notwendigkeit bewies, daß er Hermenegilda +von allen Bizarrerien heilen, folglich sie wiedersehen müsse. +Schnell war der Streit geendet, als Xaver, wie von unsichtbarer +unwiderstehlicher Gewalt getrieben, hinabrannte, sich in den Wagen +warf und davonfuhr. + +Graf Nepomuk, voller Gram und Zorn über Hermenegildas Betragen, +bekümmerte sich nicht mehr um sie, und so geschah es, daß mehrere Tage +vergingen, die sie ungestört, auf ihrem Zimmer eingeschlossen, von +niemanden als ihrer Kammerfrau gesehen, zubrachte. + +In tiefen Gedanken, ganz erfüllt von den Heldentaten jenes Mannes, den +die Polen damals anbeteten wie ein falsches Götzenbild, saß Nepomuk +eines Tages in seinem Zimmer, als die Tür aufging und Hermenegilda +in voller Trauer mit lang herabhängendem Witwenschleier eintrat. +Langsamen feierlichen Schrittes nahte sie sich dem Grafen, ließ sich +dann auf die Knie nieder und sprach mit bebender Stimme: »O mein Vater +- Graf Stanislaus, mein geliebter Gatte, ist hinüber - er fiel als +Held im blutigen Kampf: - vor dir kniet seine bejammernswerte Witwe!« +- Graf Nepomuk mußte dies um so mehr für einen neuen Ausbruch der +zerrütteten Gemütsstimmung Hermenegildas halten, als noch Tages zuvor +Nachrichten von dem Wohlbefinden des Grafen Stanislaus eingelaufen +waren. Er hob Hermenegilden sanft auf, indem er sprach: »Beruhige dich +liebe Tochter, Stanislaus ist wohl, bald eilt er in deine Arme.« - +Da atmete Hermenegilda auf wie im schweren Todesseufzer und sank von +wildem Schmerz zerrissen neben dem Grafen hin in die Polster des +Sofas. Doch nach wenigen Sekunden wieder zu sich selbst gekommen, +sprach sie mit wunderbarer Ruhe und Fassung: »Laß es mich dir sagen, +lieber Vater! wie sich alles begeben, denn du mußt es wissen, damit du +in mir die Witwe des Grafen Stanislaus von R. erkennest. - Wisse, daß +ich vor sechs Tagen in der Abenddämmerung mich in dem Pavillon an der +Südseite unseres Parks befand. Alle meine Gedanken, mein ganzes Wesen +dem Geliebten zugewendet, fühlt ich meine Augen sich unwillkürlich +schließen, nicht in Schlaf, nein, in einen seltsamen Zustand versank +ich, den ich nicht anders nennen kann, als waches Träumen. Aber bald +schwirrte und dröhnte es um mich her, ich vernahm ein wildes Getümmel, +es fiel ganz in der Nähe Schuß auf Schuß. Ich fuhr auf, und war nicht +wenig erstaunt mich in einer Feldhütte zu befinden. Vor mir kniete er +selbst - mein Stanislaus. - Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich +drückte ihn an meine Brust - >Gelobt sei Gott<, rief er, >du lebst, du +bist mein!< - Er sagte mir, ich sei gleich nach der Trauung in tiefe +Ohnmacht gesunken, und ich törigt Ding erinnerte mich jetzt erst, daß +ja Pater Cyprianus, den ich in diesem Augenblick erst zur Feldhütte +hinausschreiten sah, uns ja eben in der nahen Kapelle unter dem Donner +des Geschützes, unter dem wilden Toben der nahen Schlacht getraut +hatte. Der goldne Trauring blinkte an meinem Finger. Die Seligkeit, +mit der ich nun aufs neue den Gatten umarmte, war unbeschreiblich; nie +gefühltes namenloses Entzücken des beglückten Weibes durchbebte mein +Inneres - mir schwanden die Sinne - da wehte es mich an mit eiskaltem +Frost - ich schlug die Augen auf - entsetzlich! mitten im Gewühl der +wilden Schlacht - vor mir die brennende Feldhütte, aus der man mich +wahrscheinlich gerettet! - Stanislaus bedrängt von feindlichen Reitern +- Freunde sprengen heran ihn zu retten - zu spät, von hinten haut +ihn ein Reiter herab vom Pferde.« - Aufs neue sank Hermenegilda +überwältigt von dem entsetzlichen Schmerz ohnmächtig zusammen. Nepomuk +eilte nach stärkenden Mitteln, doch es bedurfte ihrer nicht, mit +wunderbarer Kraft faßte sich Hermenegilda zusammen. »Der Wille des +Himmels ist erfüllt«, sprach sie dumpf und feierlich, »nicht zu klagen +ziemt es mir, aber bis zum Tode dem Gatten treu, soll kein irdisches +Bündnis mich von ihm trennen. Um ihn trauern, für ihn, für unser Heil +beten, das ist jetzt meine Bestimmung, und nichts soll diese mir +verstören.« Graf Nepomuk mußte mit vollem Recht glauben, daß der +innerlich brütende Wahnsinn Hermenegildas sich durch jene Vision Luft +gemacht habe, und da die ruhige klösterliche Trauer Hermenegildas um +den Gatten kein ausschweifendes beunruhigendes Treiben zuließ, so +war dem Grafen Nepomuk dieser Zustand, den die Ankunft des Grafen +Stanislaus schnell enden mußte, ganz recht. Ließ Nepomuk zuweilen +etwas von Träumereien und Visionen fallen, so lächelte Hermenegilda +schmerzlich, dann drückte sie aber den goldnen Ring, den sie am Finger +trug, an den Mund und benetzte ihn mit heißen Tränen. Graf Nepomuk +bemerkte mit Erstaunen, daß dieser Ring wirklich ein ganz fremder war, +den er nie bei seiner Tochter gesehen, da es indessen tausend Fälle +gab, wie sie dazu gekommen sein konnte, so gab er sich nicht einmal +die Mühe weiter nachzuforschen. Wichtiger war ihm die böse Nachricht, +daß Graf Stanislaus in feindliche Gefangenschaft geraten sei. +Hermenegilda fing an auf eigne Weise zu kränkeln, sie klagte oft über +eine seltsame Empfindung, die sie eben nicht Krankheit nennen könne, +die aber ihr ganzes Wesen auf seltsame Art durchbebe. Um diese Zeit +kam Fürst Z. mit seiner Gemahlin. Die Fürstin hatte, als Hermenegildas +Mutter frühzeitig starb, ihre Stelle vertreten und schon deshalb wurde +sie von ihr mit kindlicher Hingebung empfangen. Hermenegilda erschloß +der würdigen Frau ihr ganzes Herz und klagte mit der bittersten +Wehmut, daß, unerachtet sie für die Wahrheit aller Umstände rücksichts +der wirklich vollzogenen Trauung mit Stanislaus, die überzeugendsten +Beweise habe, man sie doch eine wahnsinnige Träumerin schelte. Die +Fürstin, von allem unterrichtet und von Hermenegildas zerrüttetem +Gemütszustande überzeugt, hütete sich wohl ihr zu widersprechen; sie +begnügte sich damit, ihr zu versichern, daß die Zeit alles aufklären +werde und daß es wohlgetan sei, sich in frommer Demut dem Willen +des Himmels ganz zu ergeben. Aufmerksamer wurde die Fürstin, +als Hermenegilda von ihrem körperlichen Zustande sprach und die +sonderbaren Anfälle beschrieb, die ihr Inneres zu verstören schienen. +Man sah, wie die Fürstin mit der ängstlichsten Sorgfalt über +Hermenegilda wachte und wie ihre Bekümmernis in dem Grade stieg, als +Hermenegilda sich ganz zu erholen schien. Die todblassen Wangen und +Lippen röteten sich wieder, die Augen verloren das düstre unheimliche +Feuer, der Blick wurde mild und ruhig, die abgemagerten Formen +rundeten sich mehr und mehr, kurz Hermenegilda blühte ganz auf in +voller Jugend und Schönheit. Und doch schien die Fürstin sie für +kränker als jemals zu halten, denn: »Wie ist dir, was hast du mein +Kind? - was fühlst du?« so frug sie, quälende Besorgnis im Gesicht, +sobald Hermenegilda nur seufzte oder im mindesten erblaßte. Graf +Nepomuk, der Fürst, die Fürstin berateten sich, was es denn nun werden +solle mit Hermenegilda und ihrer fixen Idee, Stanislaus' Witwe zu +sein. »Ich glaube leider«, sprach der Fürst, »daß ihr Wahnsinn +unheilbar bleiben wird, denn sie ist körperlich kerngesund und nährt +den zerrütteten Zustand ihrer Seele mit voller Kraft. - Ja«, fuhr er +fort, als die Fürstin schmerzlich vor sich hinblickte, »ja sie ist +kerngesund, unerachtet sie zur Ungebühr und zu ihrem offenbaren +Nachteil wie eine Kranke gepflegt, gehätschelt und geängstet wird.« +Die Fürstin, welche diese Worte trafen, faßte den Grafen Nepomuk ins +Auge und sprach rasch und entschieden: »Nein! - Hermenegilda ist nicht +krank, aber, läge es nicht im Reich der Unmöglichkeit, daß sie sich +vergangen haben könnte, so würde ich überzeugt sein, daß sie sich in +guter Hoffnung befinde.« Damit stand sie auf und verließ das Zimmer. +Wie vom Blitz getroffen starrten sich Graf Nepomuk und der Fürst +an. Dieser, zuerst das Wort aufnehmend, meinte, daß seine Frau auch +zuweilen von den sonderbarsten Visionen heimgesucht werde. Graf +Nepomuk sprach aber sehr ernst: »Die Fürstin hat darin recht, daß +ein Vergehen der Art von seiten Hermenegildas durchaus im Reich der +Unmöglichkeit liegt, wenn ich dir aber sage, daß, als Hermenegilda +gestern vor mir herging, mir es selbst wie ein närrischer Gedanke +durch den Sinn fuhr: >Nun seht einmal, die junge Witwe ist ja guter +Hoffnung<; daß dieser Gedanke offenbar nur durch das Betrachten ihrer +Gestalt erzeugt werden konnte, wenn ich dir das alles sage, so wirst +du es natürlich finden, wie die Worte der Fürstin mich mit trüber +Besorgnis, ja mit der peinlichsten Angst erfüllen.« - »So muß«, +erwiderte der Fürst, »der Arzt oder die weise Frau entscheiden und +entweder das vielleicht voreilige Urteil der Fürstin vernichtet oder +unsere Schande bestätigst werden.« Mehrere Tage schwankten beide von +Entschluß zu Entschluß. Beiden wurden Hermenegildas Formen verdächtig, +die Fürstin sollte entscheiden was jetzt zu tun. Sie verwarf die +Einmischung eines vielleicht plauderhaften Arztes und meinte, daß +andere Hülfe wohl erst in fünf Monaten nötig sein würde. »Welche +Hülfe?« schrie Graf Nepomuk entsetzt. »Ja«, fuhr die Fürstin mit +erhöhter Stimme fort, »es ist nun gar kein Zweifel mehr, Hermenegilda +ist entweder die verruchteste Heuchlerin, die jemals geboren, oder +es waltet ein unerforschliches Geheimnis - genug, sie ist guter +Hoffnung!« Ganz erstarrt vor Schreck fand Graf Nepomuk keine Worte; +endlich sich mühsam ermannend beschwor er die Fürstin, koste es was es +wolle, von Hermenegilda selbst zu erforschen, wer der Unglückselige +sei, der die unauslöschliche Schmach über sein Haus gebracht. »Noch«, +sprach die Fürstin, »noch ahnet Hermenegilda nicht, daß ich um ihren +Zustand weiß. Von dem Moment, wenn ich es ihr sagen werde, wie es um +sie steht, verspreche ich mir alles. Überrascht wird sie die Larve der +Heuchlerin fallen lassen oder es muß sich sonst ihre Unschuld auf eine +wunderbare Weise offenbaren, unerachtet ich es auch nicht zu träumen +vermag, wie dies sollte geschehen können.« Noch denselben Abend war +die Fürstin mit Hermenegilda, deren mütterliches Ansehn mit jeder +Stunde zuzunehmen schien, allein auf ihrem Zimmer. Da ergriff die +Fürstin das arme Kind bei beiden Armen, blickte ihr scharf ins Auge +und sagte mit schneidendem Ton: »Liebe, du bist guter Hoffnung!« Da +schlug Hermenegilda den wie von himmlischer Wonne verklärten Blick +in die Höhe und rief mit dem Ton des höchsten Entzückens: »O Mutter, +Mutter, ich weiß es ja! - Lange fühlt ich es, daß ich, fiel auch +der teure Gatte unter den mörderischen Streichen der wilden Feinde, +dennoch unaussprechlich glücklich sein sollte. Ja! - jener Moment +meines höchsten irdischen Glücks lebt in mir fort, ich werde ihn ganz +wieder haben den geliebten Gatten in dem teuern Pfande des süßen +Bundes.« Der Fürstin war es, als finge sich alles an um sie zu drehen, +als wollten ihr die Sinne schwinden. Die Wahrheit in Hermenegildas +Ausdruck - ihr Entzücken, ihre wahrhafte Verklärung ließ keinen +Gedanken an erheucheltes Wesen, an Trug aufkommen und doch konnte +nur toller Wahnsinn auf ihre Behauptung etwas geben. Von dem letzten +Gedanken ganz erfaßt, stieß die Fürstin Hermenegilda von sich, indem +sie heftig rief. »Unsinnige! Ein Traum hätte dich in den Zustand +versetzt, der Schmach und Schande über uns alle bringt! - glaubst du, +daß du mich mit albernen Märchen zu hintergehen vermagst? - Besinne +dich - laß alle Ereignisse der vorigen Tage dir vorübergehen. Ein +reuiges Bekenntnis kann uns vielleicht versöhnen.« In Tränen gebadet, +ganz aufgelöst von herbem Schmerz sank Hermenegilda vor der Fürstin +auf die Knie und jammerte: »Mutter, auch du schiltst mich eine +Träumerin, auch du glaubst nicht daran, daß die Kirche mich mit +Stanislaus verband, daß ich sein Weib bin? - Aber sieh doch nur hier +den Ring an meinem Finger was sage ich! - _Du_, _du_ kennst ja meinen +Zustand, ist denn das nicht genug dich zu überzeugen, daß ich nicht +träumte?« Die Fürstin nahm mit dem tiefsten Erstaunen wahr, daß +Hermenegilden der Gedanke eines Vergehens gar nicht einkam, daß sie +die Hindeutung darauf gar nicht aufgefaßt, gar nicht verstanden. Der +Fürstin ihre Hände heftig an die Brust drückend, flehte Hermenegilda +immerfort, sie möge doch nur jetzt, da es ihr Zustand außer Zweifel +setze, an ihren Gatten glauben, und die ganz bestürzte, ganz außer +sich gesetzte Frau wußte in der Tat selbst nicht mehr, was sie der +Armen sagen, welchen Weg sie überhaupt einschlagen sollte, dem +Geheimnis, das hier walten mußte, auf die Spur zu kommen. Erst nach +mehreren Tagen erklärte die Fürstin dem Gemahl und dem Grafen Nepomuk, +daß es unmöglich sei von Hermenegilda, die sich von dem Gatten +schwanger glaube, mehr herauszubringen, als wovon sie selbst im +Innersten der Seele überzeugt sei. Die Männer voller Zorn schalten +Hermenegilda eine Heuchlerin und insonderheit schwur Graf Nepomuk, +daß, wenn gelinde Mittel sie nicht von dem wahnsinnigen Gedanken, ihm +ein abgeschmacktes Märchen aufzuheften, zurückbringen würden, er es +mit strengen Maßregeln versuchen werde. Die Fürstin meinte dagegen, +daß jede Strenge eine zwecklose Grausamkeit sein würde. Überzeugt sei +sie nämlich, wie gesagt, daß Hermenegilda keinesweges heuchle, sondern +daran, was sie sage, mit voller Seele glaube. »Es gibt«, fuhr sie +fort, »noch manches Geheimnis in der Welt, das zu begreifen wir +gänzlich außerstande sind. Wie, wenn das lebhafte Zusammenwirken des +Gedankens auch eine physische Wirkung haben könnte, wie wenn eine +geistige Zusammenkunft zwischen Stanislaus und Hermenegilda sie in den +uns unerklärlichen Zustand versetzte?« Unerachtet alles Zorns, aller +Bedrängnis des fatalen Augenblicks konnten sich der Fürst und Graf +Nepomuk doch des lauten Lachens nicht enthalten, als die Fürstin +diesen Gedanken äußerte, den die Männer den sublimsten nannten, der +je das Menschliche ätherisiert habe. Die Fürstin blutrot im ganzen +Gesicht meinte, daß den rohen Männern der Sinn für dergleichen +abginge, daß sie das ganze Verhältnis, in das ihr armes Kind, +an dessen Unschuld sie unbedingt glaube, geraten, anstößig und +abscheulich finde, und daß eine Reise, die sie mit ihr zu unternehmen +gedenke, das einzige und beste Mittel sei, sie der Arglist, dem Hohne +ihrer Umgebung zu entziehen. Graf Nepomuk war mit diesem Vorschlage +sehr zufrieden, denn da Hermenegilda selbst gar kein Geheimnis aus +ihrem Zustande machte, so mußte sie, sollte ihr Ruf verschont bleiben, +freilich aus dem Kreise der Bekannten entfernt werden. + +Dies ausgemacht, fühlten sich alle beruhigt. Graf Nepomuk dachte kaum +mehr an das beängstigende Geheimnis selbst, als er nur die Möglichkeit +sah, es der Welt, deren Hohn ihm das bitterste war, zu verbergen, und +der Fürst urteilte sehr richtig, daß bei der seltsamen Lage der Dinge, +bei Hermenegildas unerheucheltem Gemütszustande freilich gar nichts +anders zu tun sei, als die Auflösung des wunderbaren Rätsels der Zeit +zu überlassen. Eben wollte man nach geschlossener Beratung auseinander +gehen, als die plötzliche Ankunft des Grafen Xaver von R. über alle +neue Verlegenheit neue Kümmernis brachte. Erhitzt von dem scharfen +Ritt, über und über mit Staub bedeckt, mit der Hast eines von wilder +Leidenschaft Getriebenen stürzte er ins Zimmer und rief, ohne Gruß, +alle Sitte nicht beachtend, mit starker Stimme: »Er ist tot, Graf +Stanislaus! nicht in Gefangenschaft geriet er - nein - er wurde +niedergehauen von den Feinden - hier sind die Beweise!« - Damit +steckte er mehrere Briefe, die er schnell hervorgerissen, dem Grafen +Nepomuk in die Hände. Dieser fing ganz bestürzt an zu lesen. Die +Fürstin sah in die Blätter hinein, kaum hatte sie wenige Zeilen +erhascht, als sie mit zum Himmel emporgerichtetem Blick die Hände +zusammenschlug und schmerzlich ausrief: »Hermenegilda! - armes Kind! +- welches unerforschliche Geheimnis!« - Sie hatte gefunden, daß +Stanislaus' Todestag gerade mit Hermenegildas Angabe zusammentraf, daß +sich alles so begeben, wie sie es in dem verhängnisvollen Augenblick +geschaut hatte. »Er ist tot«, sprach nun Xaver rasch und feurig, +»Hermenegilda ist frei, mir, der ich sie liebe wie mein Leben, +steht nichts mehr entgegen, ich bitte um ihre Hand!« - Graf Nepomuk +vermochte nicht zu antworten, der Fürst nahm das Wort und erklärte, +daß gewisse Umstände es ganz unmöglich machten, jetzt auf seinen +Antrag einzugehen, daß er in diesem Augenblick nicht einmal +Hermenegilda sehen könne, daß es also das beste sei, sich wieder +schnell zu entfernen, wie er gekommen. Xaver entgegnete, daß er +Hermenegildas zerrütteten Gemütszustand, von dem wahrscheinlich die +Rede sei, recht gut kenne, daß er dies aber um so weniger für ein +Hindernis halte, als gerade seine Verbindung mit Hermenegilda jenen +Zustand enden würde. Die Fürstin versicherte ihm, daß Hermenegilda +ihrem Stanislaus Treue bis in den Tod geschworen, jede andere +Verbindung daher verwerfen würde, übrigens befinde sie sich gar nicht +mehr auf dem Schlosse. Da lachte Xaver laut auf und meinte, nur des +Vaters Einwilligung bedürfe er; Hermenegildas Herz zu rühren, das +solle man nur ihm überlassen. Ganz erzürnt über des Jünglings +ungestüme Zudringlichkeit erklärte Graf Nepomuk, daß er in diesem +Augenblick vergebens auf seine Einwilligung hoffe und nur sogleich +das Schloß verlassen möge. Graf Xaver sah ihn starr an, öffnete die +Tür des Vorsaals und rief hinaus, Woyciech solle den Mantelsack +hereinbringen, die Pferde absatteln und in den Stall führen. Dann kam +er ins Zimmer zurück, warf sich in den Lehnstuhl, der dicht am Fenster +stand, und erklärte ruhig und ernst: ehe er Hermenegilda gesehen und +gesprochen, werde ihn nur offne Gewalt vom Schlosse wegtreiben. Graf +Nepomuk meinte, daß er dann auf einen recht langen Aufenthalt rechnen +könne, übrigens aber erlauben müsse, daß er seinerseits das Schloß +verlasse. Alle, Graf Nepomuk, der Fürst und seine Gemahlin gingen +hierauf aus dem Zimmer, um so schnell als möglich Hermenegilda +fortzuschaffen. Der Zufall wollte indessen, daß sie gerade in dieser +Stunde, ganz wider ihre sonstige Gewohnheit, in den Park gegangen war. +Xaver, durch das Fenster blickend, an dem er saß, gewahrte sie ganz +in der Ferne wandelnd. Er rannte hinunter in den Park und erreichte +endlich Hermenegilda, als sie eben in jenen verhängnisvollen Pavillon +an der Südseite des Parks trat. Ihr Zustand war nun schon beinahe +jedem Auge sichtlich. »O all ihr Mächte des Himmels«, rief Xaver, als +er vor Hermenegilda stand, dann stürzte er aber zu ihren Füßen und +beschwor sie, unter den heiligsten Beteurungen seiner glühendsten +Liebe, ihn zum glücklichsten Gatten aufzunehmen. Hermenegilda, ganz +außer sich vor Schreck und Überraschung, sagte ihm: ein böses Geschick +habe ihn hergeführt, ihre Ruhe zu stören - niemals, niemals würde +sie, dem geliebten Stanislaus zur Treue bis in den Tod verbunden, die +Gattin eines andern werden. Als nun aber Xaver nicht aufhörte mit +Bitten und Beteurungen, als er endlich in toller Leidenschaft ihr +vorhielt, daß sie sich selbst täusche, daß sie _ihm_ ja schon die +süßesten Liebesaugenblicke geschenkt, als er, aufgesprungen vom Boden, +sie in seine Arme schließen wollte, da stieß sie ihn, den Tod im +Antlitz, mit Abscheu und Verachtung zurück, indem sie rief. »Elender, +selbstsüchtiger Tor, ebensowenig, wie du das süße Pfand meines Bundes +mit Stanislaus vernichten kannst, ebensowenig vermagst du mich zum +verbrecherischen Bruch der Treue zu verführen - fort aus meinen +Augen!« Da streckte Xaver die geballte Faust ihr entgegen, lachte laut +auf in wildem Hohn und schrie: »Wahnsinnige, brachst du denn nicht +selbst jenen albernen Schwur? - Das Kind, das du unter dem Herzen +trägst, _mein_ Kind ist es, _mich_ umarmtest du hier an dieser Stelle - +_meine_ Buhlschaft warst du und bleibst du, wenn ich dich nicht erhebe +zu meiner Gattin.« - Hermenegilda blickte ihn an, die Glut der Hölle +in den Augen, dann kreischte sie auf. »Ungeheuer!« und sank wie zum +Tode getroffen nieder auf den Boden. + +Wie von allen Furien verfolgt, rannte Xaver in das Schloß zurück, er +traf auf die Fürstin, die er mit Ungestüm bei der Hand ergriff und +hineinzog in die Zimmer. »Sie hat mich verworfen mit Abscheu - mich, +den Vater ihres Kindes!« - »Um aller Heiligen willen! Du? - Xaver! - +mein Gott! - sprich, wie war es möglich?« - so rief, von Entsetzen +ergriffen, die Fürstin. »Mag mich verdammen«, fuhr Xaver gefaßter +fort, »mag mich verdammen wer da will, aber glüht ihm gleich mir das +Blut in den Adern, gleich mir wird er in solchem Moment sündigen. +In dem Pavillon traf ich Hermenegilda in einem seltsamen Zustande, +den ich nicht zu beschreiben vermag. Sie lag wie festschlafend und +träumend auf dem Kanapee. Kaum war ich eingetreten, als sie sich +erhob, auf mich zukam, mich bei der Hand ergriff und feierlichen +Schritts durch den Pavillon ging. Dann kniete sie nieder, ich tat ein +gleiches, sie betete, und ich bemerkte bald, daß sie im Geiste einen +Priester vor uns sah. Sie zog einen Ring vom Finger, den sie dem +Priester darreichte, ich nahm ihn und steckte ihr einen goldnen +Ring an, den ich von meinem Finger zog, dann sank sie mit der +inbrünstigsten Liebe in meine Arme. - Als ich entfloh, lag sie in +tiefem bewußtlosen Schlaf.« - »Entsetzlicher Mensch! - ungeheurer +Frevel!« schrie die Fürstin ganz außer sich. - Graf Nepomuk und +der Fürst traten hinein, in wenigen Worten erfuhren sie Xavers +Bekenntnisse, und wie tief wurde der Fürstin zartes Gemüt verwundet, +als die Männer Xavers freveliche Tat sehr verzeihlich und durch +seine Verbindung mit Hermenegilda gesühnt fanden. »Nein«, sprach die +Fürstin, »nimmer wird Hermenegilda _dem_ die Hand als Gattin reichen, +der es wagte, wie der hämischte Geist der Hölle, den höchsten Moment +ihres Lebens mit dem ungeheuersten Frevel zu vergiften.« - »Sie wird«, +sprach Graf Xaver mit kaltem höhnenden Stolz, »sie wird mir die Hand +reichen müssen, um ihre Ehre zu retten - ich bleibe hier und alles +fügt sich.« - In diesem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch, man +brachte Hermenegilda, die der Gärtner im Pavillon leblos gefunden, +in das Schloß zurück. Man legte sie auf das Sofa; ehe es die Fürstin +verhindern konnte, trat Xaver hinan und faßte ihre Hand. Da fuhr sie +mit einem entsetzlichen Schrei, nicht menschlicher Ton, nein, dem +schneidenden Jammerlaut eines wilden Tiers ähnlich, in die Höhe und +starrte in gräßlicher Verzuckung den Grafen mit funkensprühenden Augen +an. Der taumelte wie vom tötenden Blitz getroffen zurück und lallte +kaum verständlich: »Pferde!« - Auf den Wink der Fürstin brachte +man ihn herab. - »Wein! - Wein!« schrie er, stürzte einige Gläser +hinunter, warf sich dann erkräftigt aufs Pferd und jug davon. - +Hermenegildas Zustand, der aus dumpfen Wahnsinn in wilde Raserei +übergehen zu wollen schien, änderte auch Nepomuks und des Fürsten +Gesinnungen, die nun erst das Entsetzliche, Unsühnbare von Xavers Tat +einsahen. Man wollte nach dem Arzt senden, aber die Fürstin verwarf +alle ärztliche Hülfe, wo nur geistlicher Trost vielleicht wirken +könne. Statt des Arztes erschien also der Karmelitermönch Cyprianus, +Beichtvater des Hauses. Auf wunderbare Weise gelang es ihm, +Hermenegilda aus der Bewußtlosigkeit des stieren Wahnsinns zu +erwecken. Noch mehr! - bald wurde sie ruhig und gefaßt; sie sprach +ganz zusammenhängend mit der Fürstin, der sie den Wunsch äußerte, nach +ihrer Niederkunft ihr Leben im Zisterzienserkloster zu O. in steter +Reue und Trauer hinzubringen. Ihren Trauerkleidern hatte sie Schleier +hinzugefügt, die ihr Gesicht undurchdringlich verhüllten und die +sie niemals lüpfte. Pater Cyprianus verließ das Schloß, kam aber +nach einigen Tagen wieder. Unterdessen hatte der Fürst Z. an den +Bürgermeister zu L. geschrieben, dort sollte Hermenegilda ihre +Niederkunft abwarten und von der Äbtissin des Zisterzienserklosters, +einer Verwandten des Hauses, dahingebracht werden, während die Fürstin +nach Italien reiste, und angeblich Hermenegilda mitnahm. - Es war +Mitternacht, der Wagen, der Hermenegilda nach dem Kloster bringen +sollte, stand vor der Türe. Von Gram gebeugt erwartete Nepomuk, der +Fürst, die Fürstin, das unglückliche Kind, um von ihr Abschied zu +nehmen. Da trat sie in Schleier gehüllt, an der Hand des Mönchs, +in das von Kerzen hell erleuchtete Zimmer. Cyprianus sprach mit +feierlicher Stimme: »Die Laienschwester Cölestina sündigte schwer, +als sie sich noch in der Welt befand, denn der Frevel des Teufels +befleckte ihr reines Gemüt, doch ein unauflösliches Gelübde bringt ihr +Trost - Ruhe und ewige Seligkeit! - Nie wird die Welt mehr das Antlitz +schauen, dessen Schönheit den Teufel anlockte - schaut her! - so +beginnt und vollendet Cölestina ihre Buße!« - Damit hob der Mönch +Hermenegildas Schleier auf, und schneidendes Weh durchfuhr alle, +da sie die blasse Totenlarve erblickten, in die Hermenegildas +engelschönes Antlitz auf immer verschlossen! - Sie schied, keines +Wortes mächtig, von dem Vater, der ganz aufgelöst von verzehrendem +Schmerz nicht mehr leben zu können dachte. Der Fürst, sonst ein +gefaßter Mann, badete sich in Tränen, nur der Fürstin gelang es, mit +aller Macht den Schrecken jenes grauenvollen Gelübdes niederkämpfend, +sich aufrecht zu erhalten in milder Fassung. + +Wie Graf Xaver Hermenegildas Aufenthalt und sogar den Umstand, daß +das geborne Kind der Kirche geweiht sein sollte, erfahren, ist +unerklärlich. Wenig nutzte ihm der Raub des Kindes, denn als er nach +P. gekommen, und es in die Hände einer vertrauten Frau zur Pflege +geben wollte, war es nicht, wie er glaubte, von der Kälte ohnmächtig +geworden, sondern tot. Darauf verschwand Graf Xaver spurlos, und man +glaubte, er habe sich den Tod gegeben. Mehrere Jahre waren vergangen, +als der junge Fürst Boleslaw von Z. auf seinen Reisen nach Neapel in +die Nähe des Posilippo kam. Dort in der anmutigsten Gegend liegt ein +Kamaldulenserkloster, zu dem der Fürst heraufstieg, um eine Aussicht +zu genießen, die ihm als die reizendste in ganz Neapel geschildert +worden. Eben im Begriff, auf die herausspringende Felsenspitze im +Garten zu treten, die ihm als der schönste Punkt beschrieben, bemerkte +er einen Mönch, der vor ihm auf einem großen Stein Platz genommen +und, ein aufgeschlagenes Gebetbuch auf dem Schoß, in die Ferne +hinausschaute. Sein Antlitz, in den Grundzügen noch jugendlich, war +nur durch tiefen Gram entstellt. Dem Fürsten kam, als er den Mönch +näher und näher betrachtete, eine dunkle Erinnerung. Er schlich näher +heran und es fiel ihm gleich ins Auge, daß das Gebetbuch in polnischer +Sprache abgefaßt war. Darauf redete er den Mönch polnisch an, dieser +wandte sich voller Schreck um, kaum hatte er aber den Fürsten +erblickt, als er sein Gesicht verhüllte und schnell, wie vom +bösen Geist getrieben, durch die Gebüsche entfloh. Fürst Boleslaw +versicherte, als er dem Grafen Nepomuk das Abenteuer erzählte, dieser +Mönch sei niemand anders gewesen, als der Graf Xaver von R. + + + +Das steinerne Herz + +Jedem Reisenden, der bei guter Tageszeit sich dem Städtchen G. von der +südlichen Seite bis auf eine halbe Stunde Weges genähert, fällt der +Landstraße rechts ein stattliches Landhaus in die Augen, welches mit +seinen wunderlichen bunten Zinnen aus finsterm Gebüsch blickend, +emporsteigt. Dieses Gebüsch umkränzte den weitläufigen Garten, +der sich in weiter Strecke talabwärts hinzieht. Kommst du einmal, +vielgeliebter Leser! des Weges, so scheue weder den kleinen Aufenthalt +deiner Reise, noch das kleine Trinkgeld, das du etwa dem Gärtner geben +dürftest, sondern steige fein aus dem Wagen, und laß dir Haus und +Garten aufschließen, vorgebend, du hättest den verstorbenen Eigentümer +des anmutigen Landsitzes, den Hofrat Reutlinger in G., recht gut +gekannt. Im Grunde genommen kannst du dies alsdann mit gutem Fug tun, +wenn es dir gefallen sollte, alles, was ich dir zu erzählen eben im +Begriff stehe, bis ans Ende durchzulesen; denn ich hoffe, der Hofrat +Reutlinger soll dir alsdann mit all seinem sonderbaren Tun und Treiben +so vor Augen stehen, als ob du ihn wirklich selbst gekannt hättest. +Schon von außen findest du das Landhaus auf altertümliche groteske +Weise mit bunten gemalten Zieraten verschmückt, du klagst mit Recht +über die Geschmacklosigkeit dieser zum Teil widersinnigen Wandgemälde, +aber bei näherer Betrachtung weht dich ein besonderer wunderbarer +Geist aus diesen bemalten Steinen an und mit einem leisen Schauer, der +dich überläuft, trittst du in die weite Vorhalle. Auf den in Felder +abgeteilten, mit weißem Gipsmarmor bekleideten Wänden erblickest +du mit grellen Farben gemalte Arabesken, die in den wunderlichsten +Verschlingungen, Menschen- und Tiergestalten, Blumen, Früchte, +Gesteine, darstellen, und deren Bedeutung du ohne weitere +Verdeutlichung zu ahnen glaubst. Im Saal, der den untern Stock in der +Breite einnimmt und bis über den zweiten Stock hinaufsteigt, scheint +in vergoldeter Bilderei alles das plastisch ausgeführt, was erst +durch Gemälde angedeutet wurde. Du wirst im ersten Augenblick vom +verdorbenen Geschmack des Zeitalters Ludwig des Vierzehnten reden, +du wirst weidlich schmälen über das Barocke, Überladene, Grelle, +Geschmacklose dieses Stils, aber bist du nur was weniges meines +Sinnes, fehlt es dir nicht an reger Fantasie, welches ich allemal bei +dir, mein gütiger Leser! voraussetze, so wirst du bald allen in der +Tat gegründeten Tadel vergessen. Es wird dir so zumute werden, als +sei die regellose Willkür nur das kecke Spiel des Meisters mit +Gestaltungen, über die er unumschränkt zu herrschen wußte, dann aber, +als verkette sich alles zur bittersten Ironie des irdischen Treibens, +die nur dem tiefen, aber an einer Todeswunde kränkelnden Gemüt eigen. +Ich rate dir, geliebter Leser! die kleinen Zimmer des zweiten Stocks, +die wie eine Galerie den Saal umgeben, und aus deren Fenstern man +hinabschaut in den Saal, zu durchwandern. Hier sind die Verzierungen +sehr einfach, aber hin und wieder stößest du auf teutsche, arabische +und türkische Inschriften, die sich wunderlich genug ausnehmen. Du +eilst jetzt nach dem Garten, er ist nach altfranzösischer Art mit +langen, breiten, von hohen Taxuswänden umschlossenen Gängen, mit +geräumigen [Bosketts] angelegt, und mit Statuen, mit Fontänen +geschmückt. Ich weiß nicht, ob du, geliebter Leser, nicht auch den +ernsten feierlichen Eindruck, den solch ein altfranzösischer Garten +macht, mit mir fühlst, und ob du solch ein Gartenkunstwerk nicht der +albernen Kleinigkeitskrämerei vorziehst, die in unsern sogenannten +englischen Gärten mit Brückchen und Flüßlein, und Tempelchen und +Gröttchen getrieben wird. Am Ende des Gartens trittst du in einen +finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern. +Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es von der Höhe des +Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens +hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in +der Form eines Herzens erbaut. Du tritts hinein, der Boden ist mit +weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz +in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter in den weißen Marmor +eingefugter Stein. Du bückst dich herab, und entdeckest die in den +Stein eingegrabenen Worte: _Es_ruht!_ In diesem Pavillon, bei diesem +dunkelroten steinernen Herzen, das damals jene Inschrift noch nicht +trug, standen am Tage Mariä Geburt, das heißt am achten September des +Jahres 180- ein großer stattlicher alter Herr und eine alte Dame, +beide sehr reich und schön nach der Mode der sechziger Jahre +gekleidet. »Aber«, sprach die alte Dame, »aber wie kam Ihnen, lieber +Hofrat, denn wieder die bizarre, ich möchte lieber sagen, die +schauervolle Idee, in diesem Pavillon das Grabmal Ihres Herzens, das +unter dem roten Stein ruhen soll, bauen zu lassen?« »Lassen Sie uns«, +erwiderte der alte Herr, »lassen Sie uns, liebe Geheime Rätin, von +diesen Dingen schweigen! - Nennen Sie es das krankhafte Spiel eines +wunden Gemüts, nennen Sie es wie Sie wollen, aber erfahren Sie, daß, +wenn mich mitten unter dem reichen Gut, das das hämische Glück wie ein +Spielzeug dem einfältigen Kinde, das darüber die Todeswunden vergißt, +mir zuwarf, der bitterste Unmut ergreift, wenn alles erfahrne Leid von +neuem auf mich zutritt, daß ich dann hier in diesen Mauern Trost und +Beruhigung finde. Meine Blutstropfen haben den Stein so rot gefärbt, +aber er ist eiskalt, bald liegt er auf meinem Herzen und kühlt die +verderbliche Glut, welche darin loderte.« Die alte Dame sah mit einem +Blick der tiefsten Wehmut herab zum steinernen Herzen, und indem sie +sich etwas herabbückte, fielen ein paar große perlenglänzende Tränen +auf den roten Stein. Da faßte der alte Herr schnell herüber und +ergriff ihre Hand. Seine Augen erblitzten im jugendlichen Feuer; wie +ein fernes mit Blüten und Blumen reich geschmücktes herrliches Land im +schimmernden Abendrot lag eine längst vergangene Zeit voll Liebe und +Seligkeit in seinen glühenden Blicken. »Julie! - Julie! und auch _Sie_ +konnten dieses arme Herz so auf den Tod verwunden.« - So rief der alte +Herr mit von der schmerzlichsten Wehmut halberstickter Stimme. »Nicht +mich«, erwiderte die alte Dame sehr weich und zärtlich, »nicht +mich, klagen Sie an, Maximilian! - War es denn nicht Ihr starrer +unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an +seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir, und +der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann, +der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben. +Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt +wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur +Todesermattung?« Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand +fahren ließ: »O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein +stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles was +Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem +steinernen Herzen.« - »Wie bitter«, fiel die Dame dem alten Herrn in +die Rede, »Wie bitter, wie ungerecht gegen sich selbst, und andere +sind Sie, Maximilian! - Wer kennt Sie denn nicht als den freigebigsten +Wohltäter der Bedürftigen, als den unwandelbarsten Verfechter des +Rechts, der Billigkeit, aber welches böse Geschick warf jenes +entsetzliche Mißtrauen in Ihre Seele, das in einem Wort, in einem +Blick, ja in irgend einem von jeder Willkür unabhängigen Ereignis +Verderben und Unheil ahnet?« - »Hege ich denn nicht alles«, sprach der +alte Herr mit weicherer Stimme und Tränen in den Augen, »hege ich denn +nicht alles, was sich mir nähert, mit der vollsten Liebe? Aber diese +Liebe zerreißt mir das Herz, statt es zu nähren. - Ha!« fuhr er mit +erhöhter Stimme fort, »dem unerforschlichen Geist der Welten gefiel es +mich mit einer Gabe auszustatten, die, mich dem Tode entreißend, mich +hundertmal tötet! - Gleich dem Ewigen Juden, sehe ich das unsichtbare +Kainszeichen auf der Stirne des gleisnerischen Meuters! - Ich +erkenne die geheimen Warnungen, die oft wie spielende Rätsel der +geheimnisvolle König der Welt, den wir Zufall nennen, uns in den Weg +wirft. Eine holde Jungfrau schaut uns mit hellen klaren Isisaugen +an, aber wer ihre Rätsel nicht löst, den ergreift sie mit kräftigen +Löwentatzen, und schleudert ihn in den Abgrund.« - »Noch immer«, +sprach die alte Dame, »noch immer diese verderblichen Träume. Wo blieb +der schöne, artige Knabe, Ihres jüngern Bruders Sohn, den Sie vor +einigen Jahren so liebreich aufgenommen, in dem so viel Liebe und +Trost für Sie aufzukeimen schien?« - »Den«, erwiderte der alte Herr +mit rauher Stimme, »den habe ich verstoßen, es war ein Bösewicht, +eine Schlange, die ich mir zum Verderben im Busen nährte.« - »Ein +Bösewicht! - der Knabe von sechs Jahren?« fragte die Dame ganz +bestürzt. »Sie wissen«, fuhr der alte Herr fort, »die Geschichte +meines jüngern Bruders; Sie wissen, daß er mich mehrmals auf bübische +Weise täuschte, daß, alles brüderliche Gefühl in seiner Brust +ertötend, ihm jede Wohltat, die ich ihm erzeigte, zur Waffe gegen mich +diente. An ihm, an seinem rastlosen Streben lag es nicht, daß nicht +meine Ehre, meine bürgerliche Existenz verloren ging. Sie wissen, wie +er vor mehreren Jahren, in das tiefste Elend versunken, zu mir kam, +wie er mir Änderung seiner verworrenen Lebensweise, wiedererwachte +Liebe heuchelte, wie ich ihn hegte und pflegte, wie er dann seinen +Aufenthalt in meinem Hause nutzte, um gewisse Dokumente - doch genug +davon. Sein Knabe gefiel mir, und diesen behielt ich bei mir, als +der Schändliche, nachdem seine Ränke, die mich in einen meine Ehre +vernichtenden Kriminalprozeß verwickeln sollten, entdeckt worden, +fliehen mußte. Ein warnender Wink des Schicksals befreiete mich von +dem Bösewicht.« - »Und dieser Wink des Schicksals war gewiß einer +Ihrer bösen Träume.« So sprach die alte Dame, doch der alte Herr fuhr +fort: »Hören Sie, urteilen Sie Julie! - Sie wissen, daß meines Bruders +Teufelei mir den härtesten Stoß gab, den ich erlitten - es sei denn, +daß - doch still davon. Mag es sein, daß ich der Seelenkrankheit, die +mich befallen, den Gedanken zuschreiben muß, mir in diesem Wäldchen +eine Grabstätte für mein Herz bereiten zu lassen. Genug, es geschah! +- Das Wäldchen war in Herzform angepflanzt, der Pavillon erbaut, die +Arbeiter beschäftigten sich mit der Marmortäfelung des Fußbodens. Ich +trete hinan, um nach dem Werk zu sehen. Da bemerke ich, daß in einiger +Entfernung der Knabe, so wie ich, Max geheißen, etwas hin- und +herkugelt unter allerlei tollen Bockssprüngen und lautem Gelächter. +Eine finstere Ahnung geht durch meine Seele! - Ich gehe los auf +den Knaben und erstarre, als ich sehe, daß es der rote herzförmig +ausgearbeitete Stein ist, der zum Einlegen in dem Pavillon bereit lag, +den er mit Mühe herausgekugelt hat und mit dem er nun spielt! >Bube! +du spielst mit meinem Herzen, wie dein Vater!< - Mit diesen Worten +stieß ich ihn voll Abscheu von mir, als er sich weinend mir nahte. - +Mein Verwalter erhielt die nötigen Befehle ihn fortzuschaffen, ich +habe den Knaben nicht wiedergesehen!« - »Entsetzlicher Mann!« rief die +alte Dame, die aber der alte Herr sich höflich verbeugend, und mit den +Worten: »Des Schicksals große Grundstriche fügen sich nicht dem feinen +Nonpareil der Damen«, unter dem Arm faßte, und aus dem Pavillon +hinausführte durch das Wäldchen in den Garten. - Der alte Herr war der +Hofrat Reutlinger, die alte Dame aber die Geheime Rätin Foerd. - - Der +Garten bot das allermerkwürdigste Schauspiel dar, was man nur sehen +konnte. Eine große Gesellschaft alter Herren, Geheime Räte, Hofräte +u.a. nebst ihren Familien aus den benachbarten Städtchen hatte sich +versammelt. Alle, selbst die jungen Leute und Mädchen waren ganz +streng nach der Mode des Jahres 1760 gekleidet mit großen Perücken, +gesteiften Kleidern, hohen Frisuren, Reifröcken usw., welches denn +um so mehr einen wunderlichen Eindruck machte, als die Anlagen des +Gartens ganz zu jenem Kostüm paßten. Jeder glaubte sich, wie durch +einen Zauberschlag, in eine längst verflossene Zeit zurückversetzt. +Der Maskerade lag eine wunderliche Idee Reutlingers zum Grunde. Er +pflegte alle drei Jahre am Tage Mariä Geburt auf seinem Landsitz das +»Fest der alten Zeit« zu feiern, wozu er alles aus dem Städtchen, was +nur kommen wollte, einlud, jedoch war es unerläßliche Bedingung, daß +jeder Gast sich in das Kostüm des Jahres 1760 werfen mußte. Jungen +Leuten, denen es lästig gewesen sein würde, dergleichen Kleider +herbeizuschaffen, half der Hofrat aus mit seiner eigenen reichen +Garderobe. - Offenbar wollte der Hofrat diese Zeit hindurch (das Fest +dauerte zwei bis drei Tage) in Rückerinnerungen der alten Jugendzeit +recht schwelgen. + +In einer Seitenallee begegneten sich Ernst und Willibald. Beide sahen +sich eine Weile schweigend an und brachen dann in ein helles Gelächter +aus. »Du kommst mir vor«, rief Willibald, »wie der im Irrgarten der +Liebe herumtaumelnde Kavalier.« »Und mich dünkt«, erwiderte Ernst, +»ich hätte dich schon in der asiatischen Banise erblickt.« - »Aber in +der Tat«, fuhr Willibald fort, »des alten Hofrats Einfall ist so übel +nicht. Er will nun einmal sich selbst mystifizieren, er will eine Zeit +hervorzaubern, in der er wahrhaft lebte, unerachtet er noch jetzt ein +munterer starker Greis mit unverwüstlicher Lebenskraft und herrlicher +Frischheit des Geistes, an Erregbarkeit und fantasiereicher Laune es +manchem vor der Zeit abgestumpften Jünglinge zuvortut. Er darf nicht +dafür sorgen, daß jemand in Wort und Gebärde aus dem Kostüm falle, +denn dafür steckt jeder eben in den Kleidern die ihm das ganz +unmöglich machen. Sieh nur wie jüngferlich und zunferlich unsere +jungen Damen in ihren Reifröcken einhertrippeln, wie sie sich des +Fächers zu bedienen wissen. - Wahrhaftig mich selbst ergreift unter +der Perücke, die ich auf meinen Titus gestülpt, ein ganz besonderer +Geist altertümlicher Courtoisie, da ich eben das allerliebste Kind, +des Geh. Rates Foerd jüngste Tochter, die holde Julie erblicke, so +weiß ich gar nicht was mich abhält, mich ihr in demütiger Stellung zu +nahen und mich also zu applizieren und explizieren: >Allerschönste +Julia! wenn wird mir doch die längst gewünschte Ruhe durch deine +Gegenliebe gewährt werden! Es ist ja unmöglich, daß den Tempel dieser +Schönheit ein steinerner Abgott bewohnen könne. Den Marmor bezwingt +der Regen und der Diamant wird durch schlechtes Blut erweichet; dein +Herz will aber einem Ambosse gleichen, welches sich nur durch Schläge +verhärtet; je mehr nun mein Herze klopfet, je unempfindlicher wirst +du. Laß mich doch das Ziel deines Blicks sein, schaue doch wie mein +Herz kocht und meine Seele nach der Erquickung lechzet, welche aus +deiner Anmut quillt. Ach! - willst du mich durch Schweigen betrüben, +unempfindliche Seele? Die toten Felsen antworten ja den Fragenden +durch ein Echo und du willst mich Trostlosen keiner Antwort würdigen? +- O Allerschönste<« - »Ich bitte dich«, unterbrach hier Ernst den +Freund, der mit dem wunderlichsten Gebärdenspiel das alles gesprochen, +»ich bitte dich, halt ein, du bist nun einmal wieder in deiner tollen +Laune und merkst nicht, wie Julie, erst sich uns freundlich nähernd, +mit einem Mal ganz scheu ausbog. Ohne dich zu verstehen, glaubt sie +gewiß so wie alle in gleichem Fall, schonungslos von dir bespöttelt zu +sein, und so bewährst du deinen Ruf als eingefleischten ironischen +Satan und ziehst mich neuen Ankömmling ins Unglück, denn schon +sprechen alle mit zweideutigem Seitenblick und bittersüßem Lächeln: +>Es ist Willibalds Freund.<« - »Laß es gut sein«, sprach Willibald, +»ich weiß es ja, daß viele Leute, zumal junge hoffnungsvolle Mädchen +von sechszehn, siebzehn Jahren mir sorglich ausweichen, aber ich kenne +das Ziel, wohin alle Wege führen, und weiß auch, daß sie dort mir +begegnend oder vielmehr mich wie im eignen Hause angesiedelt treffend, +recht mit vollem freundlichen Gemüt mir die Hand reichen werden.« +- »Du meinst«, sprach Ernst, »eine Versöhnung, wie im ewgen Leben, +wenn der Drang des Irdischen abgeschüttelt.« - »O ich bitte dich«, +unterbrach ihn Willibald, »laß uns doch gescheut sein und nicht alte, +längst besprochene Dinge aufs neue und gerade zur ungünstigsten Stunde +aufrühren. Ungünstig für derlei Gespräche nenne ich nämlich deshalb +eben diese Stunden, weil wir gar nichts Besseres tun können, als uns +dem seltsamen Eindruck alles des Wunderlichen, womit uns Reutlingers +Laune, wie in einen Rahmen eingefaßt hat, hingeben. Siehst du +wohl jenen Baum, dessen ungeheure weiße Blüten der Wind hin- und +herschüttelt? - Cactus grandiflorus kann es nicht sein, denn der blüht +nur mitternachts und ich spüre auch nicht das Aroma, welches sich bis +hierher verbreiten müßte. Weiß der Himmel, welchen Wunderbaum der +Hofrat wieder in sein Tusculum verpflanzt hat.« - Die Freunde gingen +auf den Wunderbaum los und wunderten sich in der Tat nicht wenig, als +sie einen dicken dunklen Holunderbusch trafen, dessen Blüten nichts +anders waren, als hineingehängte weißgepuderte Perücken, die mit +ihren darangehängten Haarbeuteln und Zöpfchen, ein kurioses Spielzeug +des launigten Südwinds, auf- und niederschaukelten. Lautes Lachen +verkündete was hinter den Büschen verborgen. Eine ganze Gesellschaft +alter gemütlicher lebenskräftiger Herren hatte sich auf einem breiten +von buntem Buschwerk umgebenen Rasenplatz versammelt. Die Röcke +ausgezogen, die lästigen Perücken in den Holunder gehängt, schlugen +sie Ballon. Aber niemand übertraf den Hofrat Reutlinger, der den +Ballon bis zu einer unglaublichen Höhe und so geschickt zu treiben +wußte, daß er jedesmal dem Gegenspieler schlaggerecht niederfiel. In +dem Augenblick ließ sich eine abscheuliche Musik von kleinen Pfeifen +und dumpfen Trommeln hören. Die Herren endeten schnell ihr Spiel und +griffen nach ihren Röcken und Perücken. »Was ist denn das nun wieder?« +sprach Ernst. »Ich wette«, erwiderte Willibald, »der türkische +Gesandte zieht ein.« - »Der türkische Gesandte?« frug Ernst ganz +erstaunt. »So nenne ich«, fuhr Willibald fort, »den Baron von Exter, +der sich in G. aufhält und den du noch viel zu wenig gesehen hast, um +in ihm nicht eins der wunderlichsten Originale zu erkennen, die es +geben mag. Er ist ehemals Gesandter unseres Hofes in Konstantinopel +gewesen und noch immer sonnt er sich in dem Reflex dieser +wahrscheinlich genußreichsten Frühlingszeit seines Lebens. Seine +Beschreibung des Palastes, den er in Pera bewohnte, erinnert an +die diamantnen Feen-Paläste in Tausendundeiner Nacht, und seine +Lebensweise an den weisen König Salomo, dem er auch darin gleichen +will, daß er sich wirklich der Herrschaft über unbekannte Naturkräfte +rühmt. In der Tat hat dieser Baron Exter seiner lügnerischen +Prahlerei, seiner Charlatanerie unerachtet, doch etwas Mystisches, das +mich wenigstens in drolligem Abstich mit seiner äußern etwas skurrilen +Erscheinung oft wirklich mystifiziert. Davon, ich meine von seinem +wirklich mystischen Treiben geheimer Wissenschaften, rührt auch seine +enge Verbindung mit Reutlingern her, der diesem Wesen ganz ergeben ist +mit Leib und Seele. - Beide sind wunderliche Träumer, aber jeder auf +seine Weise, übrigens aber entschiedene Mesmerianer.« - Unter diesem +Gespräch waren die Freunde bis an des Gartens großes Gattertor +gelangt, durch welches soeben der türkische Gesandte einzog. Ein +kleiner rundlicher Mann mit einem schönen türkischen Pelz und hohem +aus farbigten Shawls aufgewickeltem Turban angetan. Aus Gewohnheit +hatte er sich aber nicht von der eng anschließenden Zopfperücke +mit kleinen Löckchen, aus Bedürfnis nicht von den filznen +Podagristenstiefeln trennen können, wodurch freilich das türkische +Kostüm schwer verletzt wurde. Seine Begleiter, die das abscheuliche +musikalische Geräusch machten und in denen Willibald trotz der +Vermummung Exters Koch und anderes Hausgesinde erkannte, waren zu +Mohren angerußt und trugen spitze gemalte Papiermützen, den Sanbenitos +nicht unähnlich, welches drollig genug aussah. Den türkischen +Gesandten führte am Arm ein alter Offizier, nach seiner Tracht von +irgend einem Schlachtfelde des Siebenjährigen Krieges erwacht und +erstanden. Es war der General Rixendorf, Kommandant von G., der dem +Hofrat zu Gefallen samt seinen Offizieren sich in das alte Kostüm +geworfen hatte. »Salama milek!« sprach der Hofrat den Baron Exter +umarmend, der sofort den Turban abnahm, und ihn wieder auf die +Perücke stülpte, nachdem er sich den Schweiß von der Stirne mit einem +ostindischen Tuch weggetrocknet. In dem Augenblick bewegte sich auch +in den Zweigen eines Spätkirschenbaums der goldstrahlende Fleck, den +Ernst schon lange betrachtet hatte, ohne enträtseln zu können, was da +oben sitze. Es war bloß der Geheime Kommerzienrat Harscher in einem +goldstoffnen Ehrenkleide, ebensolchen Beinkleidern und silberstoffner +mit blauen Rosenboukets bestreuter Weste, der nun sich aus den +Blättern des Kirschbaums entwickelte, und für sein Alter behende +genug auf der angelehnten Leiter herabstieg und mit ganz feiner etwas +quäkender Stimme singend oder vielmehr kreischend: »Ah! che vedo - +o dio che sento!« dem türkischen Gesandten in die Arme eilte. Der +Kommerzienrat hatte seine Jugendzeit in Italien zugebracht, war ein +großer Musikus und wollte noch immer mittelst eines lang geübten +Falsetts singen wie Farinelli. »Ich weiß«, sprach Willibald, »daß +Harscher sich die Taschen mit Spätkirschen vollgestopft hat, die er, +irgend ein Madrigal süß lamentierend, den Damen präsentieren wird. Da +er aber wie Friedrich der Zweite den Spaniol ohne Dose in der Tasche +ausgeschüttet trägt, wird er mit seiner Galanterie nur widerwilliges +Ablehnen und finstre Gesichter einernten.« - Überall war nun der +türkische Gesandte sowie der Held des Siebenjährigen Krieges mit +Freude und Jubel empfangen worden. Letzterer wurde von Julchen Foerd +mit kindlicher Demut begrüßt, tief beugte sie sich vor dem alten Herrn +und wollte ihm die Hand küssen, da sprang aber der türkische Gesandte +wild dazwischen, rief. »Narrheiten, tolles Zeug!« umarmte Julchen mit +Heftigkeit, wobei er dem Kommerzienrat Harscher sehr hart auf die Füße +trat, der aber vor Schmerz nur ein ganz klein wenig miaute und rannte +dann mit Julien, die er unter den Arm gefaßt, davon. - Man sah, daß er +sehr eifrig mit den Händen focht, den Turban auf- und abstülpte usw. +»Was hat der Alte mit dem Mädchen vor?« sprach Ernst. »In der Tat«, +erwiderte Willibald, »es scheint Wichtiges, denn, ist Exter gleich +des Mädchens Pate und ganz vernarrt in sie, so pflegt er doch nicht +sogleich aus der Gesellschaft mit ihr davonzulaufen.« - In dem +Augenblick blieb der türkische Gesandte stehen, streckte den rechten +Arm weit von sich und rief mit starker Stimme, daß es im ganzen Garten +widerhallte: »Apporte!« - Willibald brach in ein lautes Gelächter aus. +»Wahrhaftig«, sprach er dann, »es ist weiter nichts, als daß Exter +Julien zum tausendstenmal die merkwürdige Geschichte vom Seehunde +erzählt.« Ernst wollte diese merkwürdige Geschichte durchaus wissen. +»Erfahre denn«, sprach Willibald, »daß Exters Palast dicht am Bosporus +lag, so daß Stufen von dem feinsten karrarischen Marmor hinabführten +ins Meer. Eines Tages steht Exter auf der Galerie in die +tiefsinnigsten Betrachtungen versunken, aus denen ihn ein +durchdringender gellender Schrei hinausreißt. Er schaut hinab und +siehe, ein ungeheurer Seehund ist aus dem Meer hinaufgetaucht und +hat einem armen türkischen Weibe, die auf den Marmorstufen saß, den +Knaben von dem Arm hinabgerissen, mit dem er eben abfährt in die +Meereswellen. Exter eilt hinab, das Weib fällt ihm trostlos weinend +und heulend zu Füßen. Exter besinnt sich nicht lange, er tritt dicht +ans Meer auf die letzte Stufe, streckt den Arm aus und ruft mit +starker Stimme: >Apporte!< - Sogleich steigt der Seehund aus der Tiefe +des Meers, im weiten Maule den Knaben, den er zierlich und geschickt, +wie auch ganz unversehrt dem Magier überreicht und sodann jedem Dank +ausweichend, sich wieder entfernt in das Meer niedertaucht.« - »Das +ist stark - das ist stark«, rief Ernst. »Siehst du wohl«, fuhr +Willibald fort, »siehst du wohl, wie Exter jetzt einen kleinen Ring +vom Finger zieht und ihn Julien zeigt? Keine Tugend bleibt unbelohnt! +- Außer dem, daß Exter dem türkischen Weibe den Knaben gerettet hatte, +so beschenkte er sie noch, als er vernahm, daß ihr Mann ein armer +Lastträger, kaum das tägliche Brot zu verdienen vermochte, mit einigen +Juwelen und Goldstücken, freilich nur eine Lumperei, höchstens +zwanzig- bis dreißigtausend Taler an Wert; darauf zog das Weib +einen kleinen Saphir vom Finger und drang ihn Extern auf mit der +Versicherung, es sei ein teures ererbtes Familienstück, das nur durch +Exters Tat gewonnen werden könne. Exter nahm den Ring, der ihm von +geringem Werte schien und erstaunte nicht wenig, als er später durch +eine kaum sichtbare arabische Inschrift an des Ringes Reif belehrt +wurde, daß er des großen Alis Siegelring am Finger trage, mit dem er +jetzt zuweilen Mahomeds Tauben heranlockt und mit ihnen konversiert.« +- »Das sind ganz erstaunliche Dinge«, rief Ernst lachend, »doch laß +uns sehen, was dort in dem geschlossenen Kreise vorgeht, in dessen +Mitte ein klein Ding, wie ein kartesianisches Teufelchen, auf- und +niedergaukelt und quinkeliert.« - + +Die Freunde traten auf einen runden Rasenplatz, ringsumher saßen +alte und junge Herren und Damen, in der Mitte sprang ein sehr bunt +gekleidetes, kaum vier Fuß hohes Dämchen, mit einem etwas zu großen +Apfelköpfchen umher, und schnappte mit den Fingerchen und sang mit +einem ganz kleinen, dünnen Stimmchen: »Amenez vos troupeaux bergères!« +- »Solltest du wohl glauben«, sprach Willibald, »daß dies putzige +Figurchen, die so überaus naiv und scharmant tut, Juliens ältere +Schwester ist? Du merkst, daß sie leider zu den Weibern gehört, die +die Natur mit recht bittrer Ironie mystifiziert, indem sie trotz alles +Sträubens zu ewiger Kindheit verdammt, vermöge ihrer Figur und ihres +ganzen Wesens im Alter noch mit jener kindischen Naivität kokettierend +sich und andern herzlich zur Last werden müssen, wobei es denn oft +an gehöriger Verhöhnung nicht mangelt.« - Beiden Freunden wurde das +Dämchen mit ihrer französischen Faselei recht fatal, sie schlichen +daher fort wie sie gekommen und schlossen sich lieber an den +türkischen Gesandten an, der sie fortführte in den Saal, wo eben, da +die Sonne schon niedersank, alles zu der Musik vorbereitet wurde, die +man heute zu geben im Sinne hatte. Der Österleinische Flügel wurde +geöffnet und jedes Pult für die Künstler an seinen Ort gestellt. +Die Gesellschaft sammelte sich nach und nach, Erfrischungen wurden +herumgereicht in altem reichen Porzellan; dann ergriff Reutlinger +eine Geige und führte mit Geschicklichkeit und Kraft eine Sonate von +Corelli aus, wozu ihn der General Rixendorf auf dem Flügel begleitete, +dann bewährte sich der goldstoffne Harscher als Meister auf +der Theorbe. Hierauf begann die Geheime Rätin Foerd eine große +italienische Szene von Anfossi mit seltenem Ausdruck. Die Stimme war +alt, tremulierend und ungleich, aber noch wurde alles dieses durch +die ihr eigne Meisterschaft des Gesanges besiegt. In Reutlingers +verklärtem Blick glänzte das Entzücken längst vergangener Jugend. +Das Adagio war geendet, Rixendorf begann das Allegro, als plötzlich +die Tür des Saals aufgerissen wurde und ein junger wohlgekleideter +Mensch, von hübschem Ansehen, ganz erhitzt und atemlos hinein und zu +Rixendorfs Füßen stürzte. »O Herr General! - Sie haben mich gerettet +- Sie allein - es ist alles gut alles gut! O mein Gott, wie soll ich +Ihnen denn danken.« So schrie der junge Mensch wie außer sich, der +General schien verlegen, er hob den jungen Menschen sanft auf und +führte ihn mit beschwichtigenden Worten heraus in den Garten. Die +Gesellschaft war von dem Auftritt überrascht worden, jeder hatte +in dem Jüngling den Schreiber des Geheimen Rates Foerd erkannt und +schaute diesen mit neugierigen Blicken an. Der nahm aber eine Prise +nach der andern und sprach mit seiner Frau französisch, bis er +endlich, da ihm der türkische Gesandte näher auf den Leib rückte, +rund heraus erklärte: »Ich weiß, Hochzuverehrende! durchaus mir nicht +zu erklären, welcher böse Geist meinen Max hier so plötzlich mit +exaltierten Danksagungen hineingeschleudert hat, werde aber sogleich +die Ehre haben.« - Damit schlüpfte er zur Türe heraus und Willibald +folgte ihm auf dem Fuße. Das dreiblättrige Kleeblatt der Foerdschen +Familie, nämlich die drei Schwestern, Nannette, Clementine und Julie, +äußerten sich auf ganz verschiedene Weise. Nannette ließ den Fächer +auf- und niederrauschen, sprach von Etourderie und wollte endlich +wieder singen: Amenez vos troupeaux, worauf aber niemand achtete. +Julie war abseits in den Winkel getreten und der Gesellschaft den +Rücken zugewendet, war es, als wolle sie nicht allein ihr glühendes +Gesicht, sondern auch einige Tränen verbergen, die ihr, wie man schon +bemerkt, in die Augen getreten. »Freude und Schmerz verwunden mit +gleichem Weh die Brust des armen Menschen, aber färbt der dem +verletzenden Dorn nachquillende Blutstropfe nicht mit höherem Rot die +verbleichende Rose?« So sprach mit vielem Pathos die jeanpaulisierende +Clementine, indem sie verstohlen die Hand eines hübschen jungen, +blonden Menschen faßte, der gar zu gern sich aus den Rosenbanden, +womit ihn Clementine bedrohlich umstrickt und in denen er etwas zu +spitze Dornen verspürt hatte, losgewickelt. Der lächelte aber etwas +fade und sprach nur: »O ja, Beste!« - Dabei schielte er nach einem +seitwärts stehenden Glase Wein, welches er gern auf Clementinens +sentimentalen Spruch geleert. Das ging aber nicht, da Clementine seine +linke Hand festhielt, er aber mit der Rechten soeben das Besitztum +eines Stücks Kuchen ergriffen. In dem Augenblick trat Willibald zur +Saaltür herein und alles stürzte auf ihn zu mit tausend Fragen, wie, +was, warum und woher? Er wollte durchaus nichts wissen, zog aber ein +verschmitzteres Gesicht als jemals. Man ließ nicht ab von ihm, weil +man deutlich bemerkt, daß er im Garten sich mit dem Geheimen Rat +Foerd zum General Rixendorf und zum Schreiber Max gesellt, und heftig +mitgesprochen hatte. »Soll ich denn«, fing er endlich an, »soll ich +denn in der Tat die wichtigste aller Begebenheiten vor der Zeit +ausplaudern, so muß es mir vergönnt werden, zuvörderst an Sie, meine +hochzuverehrenden Damen und Herren, einige Fragen zu richten.« - Man +erlaubte das gern. »Ist Ihnen«, fuhr Willibald nun pathetisch fort, +»ist Ihnen nicht allen der Schreiber des Herrn Geheimen Rat Foerd, +Max geheißen, als ein wohlgebildeten, von der Natur reichlich +ausgestatteter Jüngling bekannt?« - »Ja, ja, ja!« rief der Chor der +Damen. »Ist Ihnen«, frug Willibald weiter, »ist Ihnen nicht sein +Fleiß, seine wissenschaftliche Bildung, seine Geschicklichkeit im +Geschäft bekannt?« - »Ja -ja!« rief der Chor der Herren, und wieder +»Ja, ja, ja!« der vereinigte Chor der Herren und Damen, als Willibald +noch frug, ob Max nicht weiter als der aufgeweckteste Kopf, voller +Possen und Schnurren, sowie endlich als solch geschickter Zeichner +bekannt sei, daß Rixendorf, der als Dilettant in der Malerei +Ungewöhnliches leiste, es nicht verschmäht habe, selbst ihm +zweckmäßigen Unterricht zu erteilen. »Es begab sich«, erzählte nun +Willibald, »daß vor einiger Zeit ein junges Meisterlein von der +ehrsamen Schneiderzunft seine Hochzeit feierte. Es ging dabei hoch +her, Bässe schnurrten, Trompeten schmetterten durch die Gasse. Mit +rechter Wehmut sah des Herrn Geheimen Rats Bedienter, Johann, zu den +erleuchteten Fenstern herauf, das Herz wollte ihm springen, wenn er +unter den Tanzenden Jettchens Tritte zu vernehmen glaubte, die, wie +er wußte, auf der Hochzeit war. Als nun aber Jettchen wirklich zum +Fenster herausguckte, da konnte er es nicht länger aushalten, er lief +nach Hause, warf sich in seinen besten Staat und ging keck herauf in +den Hochzeitsaal. Er wurde wirklich zugelassen, freilich unter der +schmerzlichen Bedingung, daß im Tanz jeder Schneider vor ihm den +Vorzug haben sollte, wodurch er freilich auf die Mädchen angewiesen +wurde, mit denen ob ihrer Häßlichkeit oder sonstigen Untugenden, +niemand tanzen mochte. Jettchen war auf alle Tänze versagt, aber sowie +sie den Geliebten sah, vergaß sie alles, was sie versprochen, und der +beherzte Johann stieß das dünnleibige Schneiderlein, das ihm Jettchen +abtrotzen wollte, zu Boden, daß es über und über purzelte. Dies gab +das Signal zum allgemeinen Aufstande. Johann wehrte sich wie ein Löwe, +Rippenstöße und Ohrfeigen nach allen Seiten austeilend, doch er mußte +der Menge seiner Feinde erliegen und wurde auf schmähliche Weise von +Schneidergesellen die Treppe herabgeworfen. Voll Wut und Verzweiflung +wollte er die Fenster einwerfen, er schimpfte und fluchte, da kam Max, +der nach Hause ging, des Weges und befreite den unglücklichen Johann +aus den Händen der Scharwacht, die eben über ihn herzufallen im +Begriff stand. Nun klagte Johann sein Unglück und wollte durchaus +nicht abstehen von tumultuarischer Rache, doch gelang es endlich dem +klügern Max, ihn zu beruhigen, wiewohl nur unter dem Versprechen, daß +er sich seiner annehmen und die ihm geschehene Unbill so rächen wolle, +daß er ganz gewiß zufrieden sein werde« - Willibald hielt plötzlich +ein. - »Nun? - nun? Und weiter? - Eine Schneiderhochzeit - ein +Liebespaar - Prügel - was soll das dann werden?« So rief es von +allen Seiten. »Erlauben Sie«, fuhr Willibald fort, »erlauben Sie, +Hochzuverehrende! zu bemerken, daß, um mit dem berühmten Weber Zettel +zu reden, in dieser Komödie von Johann und Jettchen Dinge vorkommen, +die nimmermehr gefallen werden. - Es könnte sogar wider den feinsten +Anstand gesündigt werden.« - »Sie werden's schon einzurichten wissen, +lieber Herr Willibald«, sprach die alte Stiftsrätin von Krain, indem +sie ihn auf die Schulter klopfte, »ich für meinen Teil kann einen Puff +vertragen.« - »Der Schreiber Max«, erzählte Willibald weiter, »setzte +sich andern Tages hin, nahm ein großes schönes Blatt Velinpapier, +Bleifeder und Tusche, und zeichnete mit der vollendetsten Wahrheit +einen großen stattlichen Ziegenbock hin. Die Physiognomie dieses +wunderbaren Tiers gab jedem Physiognomen reichlichen Stoff +zum Studium. In dem Blick der geistreichen Augen lag etwas +Überschwengliches, wiewohl um das Maul und um den Bart herum einige +Konvulsionen zitternd zu spielen schienen. Das Ganze zeugte von +innerer unaussprechlicher Qual. In der Tat war auch der gute Bock +beschäftigt, auf eine sehr natürliche, wiewohl schmerzliche Weise +ganz kleine allerliebste, mit Schere und Bügeleisen bewaffnete +Schneiderlein zur Welt zu befördern, die in den wunderlichsten Gruppen +ihre Lebenstätigkeit bewiesen. Unter dem Bilde stand ein Vers, den ich +leider vergessen, doch irr ich nicht, so hieß die erste Zeile: >Ei was +hat der Bock - gegessen.< Ich kann übrigens versichern, daß dieser +wunderbare Bock« - »Genug - genug«, riefen die Damen, »genug von dem +garstigen Tier - von Max, von Max wollen wir hören.« - »Besagter +Max«, nahm Willibald das Wort wieder auf, »besagter Max gab das +wohlausgeführte und vollkommen geratene Tableau dem gekränkten Johann, +der es so geschickt an die Schneiderherberge anzuheften wußte, daß +einen ganzen Tag hindurch das müßige Volk nicht von dem Bildnis +wegkam. Die Straßenjungen schwenkten jubelnd die Mützen und tanzten +jedem Schneiderlein, das sich sehen ließ, hinterher, und sangen und +kreischten gewaltig: >Ei was hat der Bock gegessen.< - >Niemand anders +hat das Blatt gezeichnet, als des Geheimen Rats Max<, sagten die +Maler, >niemand hat die Worte geschrieben, als des Geheimen Rats Max<, +riefen die Schreibmeister, als die ehrsame Schneiderzunft die nötigen +Erkundigungen einzog. Max wurde verklagt und sah, da er nicht wohl +leugnen konnte, einer empfindlichen Gefängnisstrafe entgegen. Da +rannte er voll Verzweiflung zu seinem Gönner, dem General Rixendorf; +bei allen Advokaten war er schon gewesen. Die runzelten die Stirn, +schüttelten die Köpfe und sprachen von hartnäckigem Ableugnen usw., +was dem ehrlichen Max nicht wohlgefiel. Der General sprach dagegen: +>Du hast einen dummen Streich gemacht, lieber Sohn! die Advokaten +werden dich nicht retten, aber ich, und bloß darum, weil in deinem +Bilde, das ich bereits gesehen, korrekte Zeichnung und verständige +Anordnung ist. Der Bock, als Hauptfigur, hat Ausdruck und +Haltung, sowie die bereits auf dem Boden liegenden Schneider eine +gute Pyramidalgruppe bilden, die reich ist, ohne das Auge zu +verwirren. Sehr weise hast du den im Schmerz der Quetschung sich +hervorarbeitenden Schneider wieder als Hauptfigur der untern Gruppe +behandelt, in seinem Gesicht liegt laokoontisches Weh! Ebenso rühmlich +ist es, daß die fallenden Schneider nicht etwa schweben, sondern +wirklich fallen, wiewohl nicht aus dem Himmel; manche zu gewagte +Verkürzungen sind recht hübsch durch die Bügeleisen maskiert, auch +hast du mit reger Fantasie die Hoffnung neuer Geburten angedeutet.<« +- Die Damen fingen an ungeduldig zu murmeln, und der Goldstoffne +lispelte: »Aber Maxens Prozeß, Verehrter?« - »>Indessen nimm mir's +nicht übel<, sprach der General«, (so fuhr Willibald fort) »>die Idee +des Bildes ist nicht die deinige, sondern uralt; doch das ist es eben, +was dich rettet.< Mit diesen Worten kramte der General in seinem alten +Schreibschranke, holte einen Tabaksbeutel hervor, auf dem sich Maxens +Gedanke sauber und zwar beinahe ganz nach Maxens Weise ausgeführt +befand, überließ denselben seinem Liebling zum Gebrauch und nun war +alles gut.« - »Wie das, wie das?« rief alles durcheinander, aber die +Juristen, die sich in der Gesellschaft befanden, lachten laut, und der +Geheime Rat Foerd, der unterdessen auch hineingetreten war, sprach +lächelnd: »Er leugnete den animum injuriandi, die Absicht zu +beleidigen, und wurde freigesprochen.«- »Will soviel heißen«, fiel +Willibald ihm in die Rede, »als daß Max sprach: >Ich kann nicht +leugnen, daß das Bild von meiner Hand ist; absichtslos und ohne irgend +die von mir so hochverehrte Schneiderzunft kränken zu wollen, kopierte +ich das Blatt nach dem Original, das ich hier mit diesem Tabaksbeutel, +der dem General Rixendorf, meinem Lehrer in der Zeichenkunst, gehört, +überreiche. Einige Variationen habe ich meiner schaffenden Fantasie zu +danken. Das Bild ist mir aus den Händen gekommen, ich habe es weder +jemanden sonst gezeigt, noch gar etwa angeheftet. Über diesen Umstand, +in dem allein die Injurie liegt, erwarte ich den Nachweis.< - Diesen +Nachweis ist die ehrsame Schneiderzunft schuldig geblieben und Max +heute freigesprochen worden. Daher sein Dank, seine unmäßige Freude.« +- Man fand allgemein, daß doch die halb wahnsinnige Art und Weise, +wie Max seinen Dank geäußert, durch die erzählten Umstände nicht ganz +motiviert werde, nur die Geheime Rätin Foerd sprach mit bewegter +Stimme: »Der Jüngling hat ein leicht verwundbares Gemüt und ein +zarteres Ehrgefühl, als je ein anderer. Körperliche Strafe erdulden +zu müssen hätte ihn elend gemacht, ihn auf immer von G. vertrieben.« +- »Vielleicht«, fiel Willibald ein, »liegt hier noch etwas ganz +Besonderes im Hintergrunde.« - »So ist es, lieber Willibald«, sprach +Rixendorf, der hineingetreten war und die Worte der Geheimen Rätin +vernommen hatte, »so ist es, und will es Gott, so soll sich bald alles +recht hell und fröhlich aufklären.« - + +Clementine fand die ganze Geschichte sehr unzart, Nannette dachte +gar nichts, aber Julie war sehr heiter geworden. Jetzt ermunterte +Reutlinger die Gesellschaft zum Tanze. Sogleich spielten vier +Theorbisten, unterstützt von ein paar Zinken, Violinen und Bässen, +eine pathetische Sarabande. Die Alten tanzten, die Jungen schauten +zu. Der Goldstoffne zeichnete sich aus durch zierliche und gewagte +Sprünge. Der Abend ging ganz heiter hin, so auch der andere Morgen. +Wie gestern sollte auch heute Konzert und Ball den festlichen +Tag beschließen. Der General Rixendorf saß schon am Flügel, der +Goldstoffne hatte die Theorbe im Arm, die Geheime Rätin Foerd die +Partie in der Hand. Man wartete nur auf die Rückkehr des Hofrats +Reutlinger. Da hörte man im Garten ängstlich rufen und sah die +Bedienten herausrennen. Bald trugen sie den Hofrat mit geisterbleichem +entstelltem Gesicht herein, der Gärtner hatte ihn unweit des +Herzpavillons in tiefer Ohnmacht auf der Erde liegend gefunden. - Mit +einem Schrei des Entsetzens sprang Rixendorf auf vom Flügel. Man eilte +herbei mit spirituosen Mitteln, man fing an, dem Hofrat, der auf einem +Kanapee lag, die Stirne mit Kölnischem Wasser zu reiben, der türkische +Gesandte stieß aber alle zurück, indem er unaufhörlich rief. »Zurück, +zurück, ihr unwissenden ungeschickten Leute! - ihr macht mir den +kerngesunden, muntern Hofrat nur matt und elend!« - Damit schleuderte +er seinen Turban über alle Köpfe weg in den Garten hinein, den Pelz +hinterher. Nun beschrieb er mit der flachen Hand seltsame Kreise um +den Hofrat, die enger und enger werdend, zuletzt beinahe Schläfe und +Herzgrube berührten. Dann hauchte er den Hofrat an, der sogleich die +Augen aufschlug und mit matter Stimme sprach: »Exter! Du hast nicht +gut getan, mich zu wecken! - Die dunkle Macht hat mir den nahen +Tod verkündet, und vielleicht war es mir vergönnt in dieser tiefen +Ohnmacht hineinzuschlummern in den Tod.« - »Possen, Träumer«, rief +Exter, »deine Zeit ist noch nicht gekommen. Schau dich nur um, Herr +Bruder, wo du bist, und sei fein munter wie es sich schickt.« - Der +Hofrat wurde nun gewahr, daß er sich im Saal in voller Gesellschaft +befand. Er erhob sich rüstig vom Kanapee, trat in die Mitte des Saals, +und sprach mit anmutigem Lächeln: »Ich gab Ihnen ein böses Schauspiel, +Verehrte! aber an mir lag es nicht, daß das ungeschickte Volk mich +gerade in den Saal trug. Lassen Sie uns über das störende Intermezzo +schnell hinweggehen, lassen Sie uns tanzen!« - Die Musik begann +sofort, aber als sich alles in der ersten Menuett pathetisch wandte +und drehte, verschwand der Hofrat mit Exter und Rixendorf aus dem +Saal. Als sie in ein entferntes Zimmer gekommen, warf sich Reutlinger +erschöpft in einen Lehnsessel, hielt beide Hände vors Gesicht und +sprach mit von Schmerz gepreßter Stimme: »Oh, meine Freunde! meine +Freunde!« Exter und Rixendorf vermuteten mit Recht, daß irgend etwas +Entsetzliches den Hofrat erfaßt haben müsse, und daß er sich jetzt +darüber erklären werde. »Sag's nur heraus, alter Freund«, sprach +Rixendorf, »sag's nur heraus, dir ist, Gott weiß auf welche Weise, +Schlimmes im Garten begegnet.« - »Aber«, fiel Exter ein, »ich begreife +gar nicht, wie dem Hofrat heute, und überhaupt in diesen Tagen +Schlimmes begegnen konnte, da eben jetzt sein siderisches Prinzip +reiner und herrlicher sich gestaltet als jemals.« - »Doch, doch!« fing +der Hofrat mit dumpfer Stimme an, »Exter! es ist bald aus mit uns, der +kecke Geisterseher klopfte nicht ungestraft an die dunklen Pforten. +Ich wiederhole es dir, daß die geheimnisvolle Macht mich hinter den +Schleier schauen ließ - der nahe, vielleicht gräßliche Tod ist mir +verkündet.« - »So erzähle nur was dir geschah«, fiel Rixendorf ihm +ungeduldig in die Rede, »ich wette, daß alles auf eine wunderliche +Einbildung hinausläuft, ihr verderbt euch beide das Leben mit euern +Fantastereien, du und Exter.« + +»So vernehmt es denn«, fuhr der Hofrat fort, indem er aufstand von dem +Lehnstuhl, und zwischen beide Freunde trat, »so vernehmt es denn, was +mich vor Entsetzen und Graus in tiefe Ohnmacht warf. Ihr hattet euch +schon alle in dem Saal versammelt, als ich, selbst weiß ich nicht +wodurch, angetrieben wurde noch einsam einen Gang durch den Garten zu +machen. Unwillkürlich lenkten sich meine Schritte nach dem Wäldchen. +Es war mir, als höre ich ein leises, hohles Pochen und eine leise +klagende Stimme. - Die Töne schienen aus dem Pavillon zu kommen - ich +trete näher, die Tür des Pavillons steht offen - ich erblicke - mich +selbst! - mich selbst! - aber so wie ich war vor dreißig Jahren, in +demselben Kleide, das ich trug an jenem verhängnisvollen Tage, als ich +in trostloser Verzweiflung mein elendes Leben enden wollte, als Julie +wie ein Engel des Lichts mir erschien im bräutlichen Schmuck - es war +ihr Hochzeitstag - die Gestalt - ich - ich lag auf dem Boden vor dem +Herzen, und darauf klopfend, daß es hohl widerhallte, murmelte ich: +>Nie - nie kannst du dich erweichen, du steinernes Herz!< - Regungslos +starrte ich hin, wie der eiskalte Tod rannte es durch meine Adern. +Da trat Julie bräutlich geschmückt, in voller Pracht der blühendsten +Jugend, aus den Gebüschen hervor, und streckte voll süßen Verlangens +die Arme aus nach der Gestalt, nach mir - nach mir dem Jünglinge! +Bewußtlos stürzte ich zu Boden!« Der Hofrat sank halb ohnmächtig +in den Lehnstuhl zurück, aber Rixendorf faßte seine beiden Hände, +rüttelte sie, und rief mit starker Stimme: »Das sahst du, das sahst +du, Bruder, weiter nichts? - Viktoria laß ich schießen aus deinen +japanischen Kanonen! - mit deinem nahen Tode, mit der Erscheinung ist +es nichts, gar nichts! Ich rüttle dich auf aus deinen bösen Träumen, +damit du genesen, und noch lange leben mögest auf Erden.« - Damit +sprang Rixendorf schneller, als es sein Alter zuzulassen schien, zum +Zimmer heraus. Der Hofrat hatte wohl wenig von Rixendorfs Worten +vernommen, er saß da mit geschlossenen Augen. Exter ging mit großen +Schritten auf und ab, runzelte mißmütig die Stirn und sprach: »Ich +wette, der Mensch will wieder alles auf gewöhnliche Manier erklären, +aber das soll ihm schwer werden, nicht wahr, Hofrätchen? wir verstehen +uns auf Erscheinungen! - Ich wollt nur, ich hätte meinen Turban und +meinen Pelz!« - Dies wünschend pfiff er sehr stark auf einer kleinen +silbernen Pfeife, die er beständig bei sich trug, und sogleich brachte +auch ein Mohr aus seinem Gefolge beides, Turban und Pelz. Bald darauf +trat die Geheime Rätin Foerd hinein, ihr folgte der Geheime Rat mit +Julien. Der Hofrat raffte sich auf, und in den Versicherungen, daß ihm +wieder ganz wohl geworden, wurde er es wirklich. Er bat, des ganzen +Vorfalls zu vergessen, und eben wollten alle bis auf Exter, der sich +in seiner türkischen Kleidung aufs Sofa gestreckt, und aus einer +übermäßig langen Pfeife, deren Kopf, auf Räder gestellt, am Boden +hin und her schurrte, Tabak schmauchte und Kaffee trank, in den Saal +zurückkehren, als die Tür aufging, und Rixendorf hastig hereintrat. An +der Hand hielt er einen jungen Menschen in alttatarischer Kleidung. +Es war Max, bei dessen Anblick der Hofrat erstarrte. »Sieh hier dein +Ich, dein Traumbild«, hub Rixendorf an, »es ist mein Werk, daß mein +trefflicher Max hier blieb und von deinem Kammerdiener aus deiner +Garderobe Kleider empfing, um gehörig kostümiert erscheinen zu können. +Er war es, der im Pavillon an dem Herzen kniete. - Ja, an deinem +steinernen Herzen, du harter unempfindlicher Oheim! kniete der Neffe, +den du unbarmherzig verstießest, einer träumerischen Einbildung +halber! Verging sich der Bruder schwer gegen den Bruder, so hat er es +längst gebüßt mit dem Tode im tiefsten Elend - da steht die vaterlose +Waise, dein Neffe - Max, wie du geheißen, dir ähnlich an Leib und +Seele, wie der Sohn dem Vater - tapfer hielt sich der Knabe, der +Jüngling auf den Wellen des brausenden Lebensstroms empor - da - nimm +ihn auf - erweiche dein hartes Herz! - reiche ihm die wohltätige Hand, +daß er eine Stütze habe, wenn zu sehr der Sturm auf ihn einbricht.« - +In demütiger gebeugter Stellung, heiße Tränen in den Augen, hatte sich +der Jüngling dem Hofrat genähert. Der stand da geisterbleich, mit +blitzenden Augen, den Kopf stolz in die Höhe geworfen, stumm und +starr, aber sowie der Jüngling seine Hand erfassen wollte, wich er, +ihn mit beiden Händen von sich abwehrend, zwei Schritte zurück, und +rief mit fürchterlicher Stimme: »Verruchter - willst du mich morden? - +Fort - aus meinen Augen, ja du spielst mit meinem Herzen, mit mir! - +Und auch du Rixendorf verschworen zum läppischen Puppenspiel, das ihr +mir auftischt? - fort - fort aus meinen Augen - _du_ - _du_, der du zu +meinem Untergange geboren - du Sohn des schändlichsten Ver...« - »Halt +ein«, brach Max plötzlich los, indem Zorn und Verzweiflung glühende +Blitze aus seinen Augen schossen, »halt ein, unnatürlicher Oheim +- herzloser, unnatürlicher Bruder. Schuld auf Schuld, Schande und +Schmach hast du auf meines armen unglücklichen Vaters Haupt gehäuft, +der verderblichen Leichtsinn, aber nie Verbrechen in sich hegen +konnte! - Ich wahnsinniger Tor, daß ich glaubte, jemals dein +steinernes Herz rühren, jemals, mit Liebe dich umfangene, meines +Vaters Vergehen sühnen zu können! - Elend - verlassen von aller Welt, +aber an der Brust eines Sohnes hauchte mein Vater sein mühseliges +Leben aus - >Max! - sei brav! - sühne den unversöhnlichen Bruder +- werde sein Sohn<, das war das letzte, was er sprach. - Aber du +verwirfst mich, so wie du alles verwirfst, was sich dir naht mit Liebe +und Ergebung, während der Teufel selbst dich mit trügerischen Träumen +umgaukelt. - Nun, so stirb denn einsam und verlassen! - Mögen +habsüchtige Diener auf deinen Tod lauern und sich in die Beute teilen, +wenn du kaum die lebensmüden Augen geschlossen - statt der Seufzer, +statt der trostlosen Klagen derer, die dir mit treuer Liebe bis in +den Tod anhängen wollten, magst du sterbend das Hohngelächter, die +frechen Scherze der Unwürdigen hören, die dich pflegten, weil du sie +bezahltest mit schnödem Golde! - Niemals, niemals siehst du mich +wieder!« - + +Der Jüngling wollte zur Türe hinausstürzen, da sank Julie laut +schluchzend nieder, schnell sprang Max zurück, fing sie in seinen +Armen auf, und heftig sie an seine Brust drückend, rief er mit dem +herzzerreißenden Ton des trostlosesten Jammers: »O Julie, Julie, alle +Hoffnung ist verloren!« - Der Hofrat hatte dagestanden, zitternd +an allen Gliedern, sprachlos - kein Wort konnte sich entwinden den +bebenden Lippen, doch als er Julien in Maxens Armen sah, schrie er +laut auf, wie ein Wahnsinniger. Er ging mit starkem kräftigen Schritt +auf sie los, er riß sie von Maxens Brust hinweg, hob sie hoch in die +Höhe und frug kaum vernehmbar: »Liebst du diesen Max, Julie?« - »Wie +mein Leben«, erwiderte Julie voll tiefen Schmerzes, »wie mein Leben. +Der Dolch, den Sie in sein Herz stoßen, trifft auch das meine!« - Da +ließ sie der Hofrat langsam herab, und setzte sie behutsam nieder in +einen Lehnstuhl. Dann blieb er stehen, die gefalteten Hände an die +Stirn gedrückt. - Es war totenstill ringsumher. Kein Laut - keine +Bewegung der Anwesenden! - Dann sank der Hofrat auf beide Knie. +Lebensröte im Gesicht, helle Tränen in den Augen hob er das Haupt +empor, beide Arme hoch ausgestreckt zum Himmel, sprach er leise und +feierlich: »Ewig wartende unerforschliche Macht dort oben, das war +dein Wille - mein verworrenes Leben nur der Keim, der im Schoß der +Erde ruhend, den frischen Baum emportreibt mit herrlichen Blüten und +Früchten? - O Julie, Julie! - o ich armer verblendeter Tor!« - Der +Hofrat verhüllte sein Gesicht, man vernahm sein Weinen. - So dauerte +es einige Sekunden, dann sprang der Hofrat plötzlich auf, stürzte auf +Max, der wie betäubt dastand, los, riß ihn an seine Brust, und schrie, +wie außer sich: »Du liebst Julien, du bist mein Sohn - nein mehr als +das, du bist _ich_, _ich_ selbst - alles gehört dir - du bist reich, sehr +reich - du hast ein Landgut - Häuser, bares Geld - laß mich bei dir +bleiben, du sollst mir das Gnadenbrot geben in meinen alten Tagen - +nicht wahr, du tust das? - Du liebst mich ja! - nicht wahr, du mußt +mich ja lieben, du bist ja ich selbst - scheue dich nicht vor meinem +steinernen Herzen, drücke mich nur fest an deine Brust, deine +Lebenspulse erweichen es ja! - Max - Max mein Sohn - mein Freund, mein +Wohltäter!« - So ging es fort, daß allen vor diesen Ausbrüchen des +überreizten Gefühls bange wurde. Rixendorf, dem besonnenen Freunde, +gelang es endlich, den Hofrat zu beschwichtigen, der, ruhiger +geworden, nun erst ganz einsah, was er an dem herrlichen Jünglinge +gewonnen, und mit tiefer Rührung gewahrte, wie auch die Geheime Rätin +Foerd in der Verbindung ihrer Julie mit Reutlingers Neffen das neue +Aufkeimen einer alten verlornen Zeit erblickte. Großes Wohlgefallen +äußerte der Geheime Rat, der viel Tabak schnupfte und sich in +wohlgestelltem nationell ausgesprochenem Französisch darüber +ausließ. Zuvörderst sollten nun Juliens Schwestern von dem Ereignis +benachrichtigt werden, die waren aber nirgends aufzufinden. Nannettens +halber hatte man schon in allen großen japanischen Vasen, die in dem +Vestibule herumstanden, nachgesehen, ob sie, zu sehr sich über den +Rand beugend, vielleicht hineingefallen, aber vergebens, endlich fand +man die Kleine unter einem Rosenbüschchen eingeschlafen, wo man sie +nur nicht gleich bemerkt, und ebenso holte man Clementinen in einer +entfernteren Allee ein, wo sie dem entfliehenden blonden Jüngling, +dem sie vergebens nachgesetzt, eben mit lauter Stimme nachrief. »O +der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie +vergeßlich und undankbar er war und wie groß das verkannte Herz!« - +Beide Schwestern waren etwas mißmütig über die Heirat der jüngern, +wiewohl viel schöneren und reizenderen Schwester, und vorzüglich +rümpfte die schmähsüchtige Nannette das kleine Stülpnäschen; Rixendorf +nahm sie aber auf den Arm und meinte, sie könnte wohl einmal einen +viel vornehmeren Mann mit einem noch schöneren Gute bekommen. Da +wurde sie vergnügt und sang wieder: »Amenez vos troupeaux bergères!« +Clementine sprach aber sehr ernst und vornehm: »In der häuslichen +Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden +vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr +Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Naphthaquellen der Liebe, +die aus den verwandten Herzen ineinanderspringen.« - Die Gesellschaft +im Saal, die schon Kunde bekommen von den wunderlichen aber fröhlichen +Ereignissen, erwartete mit Ungeduld das Brautpaar, um mit den +gehörigen Glückwünschen losfahren zu können. Der Goldstoffne, der am +Fenster alles angehört und angeschaut, bemerkte schlau: »Nun weiß ich, +warum der Ziegenbock dem armen Max so wichtig war. Hätte er einmal im +Gefängnis gesteckt, so war durchaus an keine Aussöhnung zu denken.« +Alles applaudierte dieser Meinung, wozu Willibald die Losung gab. +Schon wollte man fort aus dem Nebenzimmer in den Saal, als der +türkische Gesandte, der so lange auf dem Sofa geblieben, nichts +gesprochen, sondern nur durch Hin- und Herrutschen und durch die +seltsamsten Grimassen seine Teilnahme zu erkennen gegeben hatte, wie +toll aufsprang und zwischen die Brautleute fuhr: »Was was«, rief er, +»nun gleich heiraten, gleich heiraten? - Deine Geschicklichkeit, +deinen Fleiß in Ehren, Max! aber du bist ein Kiek-in-die-Welt, ohne +Erfahrung, ohne Lebensklugheit, ohne Bildung. Du setzest deine Füße +einwärts und bist grob in deinen Redensarten wie ich vorhin vernommen, +als du deinen Oheim den Hofrat Reutlinger Du nanntest. Fort in die +Welt! nach Konstantinopel! - da lernst du alles was du brauchst fürs +Leben - dann kehre wieder und heirate getrost mein liebes holdes Kind, +das schöne Julchen.« Alle waren ganz erstaunt über Exters seltsames +Begehren. Der nahm aber den Hofrat auf die Seite; beide stellten sich +gegenüber, legten einander die Hände auf die Achseln und wechselten +einige arabische Worte. Darauf kam Reutlinger zurück, nahm Maxens Hand +und sprach sehr mild und freundlich: »Mein lieber guter Sohn, mein +teurer Max, tue mir den Gefallen und reise nach Konstantinopel, es +kann höchstens sechs Monate dauern, dann richte ich hier die Hochzeit +aus!« - Aller Protestationen der Braut unerachtet mußte Max fort nach +Konstantinopel. + + +Nun könnte ich, sehr geliebter Leser! wohl füglich meine Erzählung +schließen, denn du magst es dir vorstellen, daß Max, nachdem er aus +Konstantinopel, wo er die Marmorstufe, wohin der Seehund Extern das +Kind apportiert, nebst vielem andern Merkwürdigen geschaut hatte, +zurückgekehrt war, wirklich Julien heiratete, und verlangst wohl nicht +noch zu wissen, wie die Braut geputzt war und wieviel Kinder das Paar +bis jetzt erzeugt hat. Hinzusetzen will ich nur noch, daß am Tage +Mariä Geburt des Jahres 18- Max und Julie einander gegenüber im +Pavillon bei dem roten Herzen knieten. Häufige Tränen fielen auf den +kalten Stein, denn unter ihm lag das ach! nur zu oft blutende Herz des +wohltätigen Oheims. Nicht um des Lord Horions Grabmal nachzuahmen, +sondern weil er des armen Onkels ganze Lebens- und Leidensgeschichte +darin angedeutet fand, hatte Max mit eignet Hand die Worte in den +Stein gegraben: + + Es ruht! + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, NACHTSTUECKE *** + +This file should be named 6341-8.txt or 6341-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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