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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Über den Bildungstrieb - -Author: Johann Friedrich Blumenbach - -Release Date: May 2, 2020 [EBook #61997] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DEN BILDUNGSTRIEB *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. -This file was produced from images generously made available -by the Universitätsbibliothek Tübingen -(http://idb.ub.uni-tuebingen.de/digitue/tue/). - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1789 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Rechtschreibung - weicht teilweise stark von den heutigen Gewohnheiten ab; dennoch - wurde die Original-Schreibweise beibehalten, solange der Text - dadurch nicht missverständlich wird. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im Text als deren - Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die Fußnoten wurden der - Übersichtlichkeit halber an das Ende der betreffenden Abschnitte - versetzt. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - Kapitälchen: ~Tilden~ - - Caretsymbole (^) stehen für hochgestellten Text; mehrere - hochgestellte Zeichen werden dabei durch eine geschweifte Klammer - zusammengefasst, z. B. 13^{ten}. - - #################################################################### - - - - - Ueber den - - Bildungstrieb. - - - - - Joh. Fr. Blumenbach - - Prof. zu Gött. und Kön. Großbrit. Hofrath - - - über den - - Bildungstrieb. - - [Illustration] - - - Göttingen - - +bey Johann Christian Dieterich.+ - - 1789. - - - - -Ich habe seit der Zeit, da ich den ersten Aufsatz über den -Bildungstrieb im Göttingischen Magazin bekannt gemacht, keine -Gelegenheit versäumt, diesen Gegenstand durch Beobachtungen und -Nachdenken weiter zu verfolgen und in helleres Licht zu setzen, glaube -auch alles Wichtige gelesen, geprüft und benutzt zu haben, was von -andern seitdem für oder wider denselben in Schriften geäusert worden, -und habe gesucht den Kern aus dem, was ich schon davon bekannt -gemacht, und die Resultate meiner fernern zeitherigen Untersuchungen -darüber, in diesen Blättern zusammen zu fassen: und sie bey diesen -wesentlichen Vorzügen auch gleich im Aeusern von den vorigen unreifern -Ausgaben gänzlich auszuzeichnen. Göttingen, den 28ten Jan. 1789. - - - - -_Deutung der Kupfer-Verzierungen._ - - -1. Auf dem Titel, eine Brüt-Henne als Symbol des Bildungstriebes im -Thierreich. - -2. Auf der Anfangsleiste S. 1. ein aufkeimend Saamenkorn als Bild -dieses Triebes im Gewächsreich. Nach einer alten silbernen Münze von -Reggio in Calabrien beym ~Goltz~. - -3. Am Schluß S. 108. eine anständige und doch wie Naturkenner -wissen, sehr bedeutungsvolle Vorstellung des Genusses, der dann den -Bildungstrieb zur Folge hat. - - - - -[Illustration] - - - - -Erster Abschnitt. - - - _Von den verschiednen Wegen die man eingeschlagen hat, zu einigem - Aufschluß über das Zeugungsgeschäfte zu gelangen._ - -Was geht im Innern eines Geschöpfes vor, wenn es sich der süßesten -aller Regungen überlassen hat, und nun von einem zweyten befruchtet -einem dritten das Leben geben soll? - -Nicht leicht wird eine Frage dieser Art genannt werden können, die so -allgemein und so zu allen Zeiten die heiße Neugierde des Menschen, -gereizt haben muß, als eben diese. Denn so abentheuerlich es auch sonst -scheint, die Betrachtungen und Reflexionen des ersten Menschenpaars -bestimmen zu wollen, so natürlich bleibt doch die Voraussetzung, -daß dieses uns allen eben durch die Befolgung jenes süßesten -unwiderstehlichsten Triebes so wichtig gewordne Paar sehr bald erst zum -Staunen und dann zum Nachsinnen gekommen seyn mag, wie es allgemach -bemerkte, was dieselbe für eine große Wirkung -- eine gleichsam -wiederholte Schöpfung -- nach sich ziehe. So geläufig ihm aber gar bald -diese Erfahrung werden mußte, so sehr demüthigt es das menschliche -Wissen, daß die Urenkel jenes Paars nach so langen Jahrtausenden -über die _Erklärung_ dieser Erfahrung noch so weniges befriedigendes -Licht haben verbreiten können, ungeachtet dieselbe in der Folge gar -bald der allgemeinste Gegenstand für Untersuchung der nachdenkenden -Köpfe geworden zu seyn scheint. Wenigstens betrifft das was noch -von Bruchstücken physiologischer Lehren und Meinungen der ältesten -Weltweisen und Aerzte[1] bey spätern Schriftstellern aufbewahrt -worden, großentheils Untersuchungen über das Geheimnis der Zeugung: -und seitdem vollends ist in der Litterargeschichte der Philosophie und -Arzneywissenschaft keine Periode, worin sich nicht immer andre Männer -auf die weitere Verfolgung derselben eingelassen haben sollten. - -Selbst in den düstern Jahrhunderten des mittlern Zeitalters, wo sonst -aller übrige Forschungsgeist im tiefen Schlummer der Mönchsbarbarey -versenkt lag, wachte doch immer die rege Neugierde über diesen -Gegenstand, so daß uns von den geistlichen Herren jener Zeit noch -manche sehr fleischlich abgefaßte Bücher übrig sind[2], die zum Beweise -dienen, wie sehr sie sich auch die Theorie desselben haben angelegen -seyn lassen. - -Kein Wunder also, daß sich auch die Generations-Systeme, die Versuche -das große Problem zu lösen, nach und nach fast ins Unendliche -mehrten, und kein Zugang unbetreten blieb, wenn man nur irgend wähnen -konnte, daß er zu einem Aufschluß hierüber führen werde, so daß dann -freylich auch der offenbarsten Irrwege in keinem andern Felde der -Naturwissenschaft so viele geworden sind, als eben hier. - -Schon ~Boerhaave’s~ Lehrer, ~Drelincourt~, hat allein -262 grundlose Hypothesen über das Zeugungsgeschäfte aus den Schriften -seiner Vorgänger zusammen gestellt, -- und nichts ist gewisser, als daß -sein eignes System die 263^{te} ausmacht. - -Inzwischen lassen sich doch diese unzählig-scheinenden Pfade die -man sich zu bahnen versucht hat, um zur Lösung dieses größten aller -physiologischen Räthsel zu gelangen, am Ende alle auf zwey Hauptwege -hinausführen, die neuerlich unter den Namen der Evolution und der -Epigenese allgemein bekannt worden. - -Entweder nemlich man nimmt an, daß der reife, übrigens aber rohe -ungeformte Zeugungsstoff der Eltern, wenn er zu seiner Zeit und unter -den erforderlichen Umständen an den Ort seiner Bestimmung gelangt, -dann zum neuen Geschöpfe allmälig ausgebildet werde. Dieß lehrt die -Epigenese. - -Oder aber man verwirft alle Zeugung in der Welt, und glaubt dagegen, -daß zu allen Menschen und Thieren und Pflanzen, die je gelebt haben -und noch leben werden, _die Keime_ gleich bey der ersten Schöpfung -erschaffen worden, so daß sich nun eine Generation nach der andern blos -zu _entwickeln_ braucht. Deshalb heißt dieß die Lehre der Evolution. - -Allein die Art und Weise dieser Evolution selbst, hat man wieder durch -sehr verschiedne Theorien zu erklären versucht. - -~Heraclit~ nemlich (mit dem Zunamen, _der Düstere_) und ~Hippocrates~ -oder wer sonst der Verfasser der unter des letztern Werken befindlichen -Bücher von der Lebensordnung seyn mag, meinten, so wie manche -ihrer neuern Nachfolger, diese Keime seyen auf und in der ganzen -Erde verbreitet, wo sie so lange umherschwärmten, bis jeder die -Zeugungstheile eines seiner schon entwickelten Brüder von seiner Art -anträfe, in ihnen gleichsam Wurzel schlagen, seine bisherige Hülle -abwerfen, und nun selbst zur Entwickelung gelangen könne. - -Diese Theorie hat aber außer dem (hier freylich am wenigsten -blendenden) Ansehen des ~Hippocrates~ so schlechterdings nichts -vor sich, sondern ist so ganz blos aus den abentheuerlichsten -willkührlichsten Voraussetzungen aufgebaut, daß man nicht absieht, -was für irgend eine Hypothese man sich als unwahrscheinlich versagen -dürfte, wenn man sich eine solche, wie diese sogenannte _Panspermie_, -erlauben wollte. -- Auch entschuldigt unser sel. ~Gesner~ den Aufwand -von Gelehrsamkeit, womit er diesen Roman beym ~Hippocrates~ commentirt -hat, blos mit dem Bonmot der Königin ~Christina~: daß die Grillen der -Alten immer doch eben soviel werth seyen, als die Grillen der Neuern. - -Mehr Beyfall haben zwey andere Evolutionstheorien erhalten, nach -welchen beiden die Keime nicht umherschwärmen, sondern fein ruhig in -einander geschachtelt und bey der ersten Schöpfung gleich in die -ersten Stammeltern gelegt seyn sollten, so daß nun eine Generation -derselben nach der andern durch die Paarung oder Befruchtung zur -Entwickelung gelange. Der Unterschied zwischen beiden Theorien war blos -der, daß diese Keime nach der einen beym Vater, nach der andern aber -bey der Mutter liegen sollten. - -Wie nemlich im vorigen Jahrhundert die Vergrößerungsgläser -erfunden waren, und sich hiedurch Aussichten in eine neue Welt von -microscopischen Geschöpfen öffneten, so war bey der Neuheit dieser -Erfindung und der Leichtigkeit ihres Gebrauchs nichts natürlicher als -daß man nun aufs gerathewohl tausenderley Objecte unters Microscop -brachte, das so sehr mannichfaltige große Ueberraschungen gewährte. -So besah auch unter andern ein junger Danziger ~Ludw. von Hammen~, -der damals in Leiden Medicin studirte im Aug. 1677 einen Tropfen -männlichen Saamen von einem Hahn, den er eben geöffnet hatte, unter -seinem Glas, und erstaunte diesen Tropfen als einen Ocean zu erblicken, -der von unzähligen flinken, raschen kleinen Thierchen belebt war. -Diese unerwartete Erfahrung bestätigte sich im reifen Saamen anderer -männlichen Thiere, und nun glaubte man in diesen Saamenwürmchen die -Keime zu künftigen vollkommnen Geschöpfen und mit ihnen folglich auch -den Schlüssel zum Geheimnis der Zeugung gefunden zu haben. Nun begreife -ich zwar nicht wie Naturforscher und Physiologen von Profession den -Saamenthierchen die willkührliche Bewegung und überhaupt die Animalität -haben absprechen können: aber noch weit unbegreiflicher ist es, wie -andre Männer diese in einem stagnirenden thierischen Safte, (so wie -ähnliche Infusionsthierchen in andern Säften) zu erwartenden Würmchen -zu beseelten Keimen künftiger Menschen und Thiere haben hinaufwürdigen -und erheben dürfen. - -Ohne die längst bekannten, aber nie nur leidlich gehobnen Zweifel -zu wiederholen, die sich gegen eine so seltsame Behauptung empören, -so begnüge ich mich hier nur einige wenige Bedenklichkeiten -hinzuzusetzen, die doch auch ungelehrten Lesern diese vorgegebne Würde -der Saamenthierchen sehr verdächtig machen müssen. So z. B. daß die -Würmchen im Saamen der nächstverwandten Thiere in ihrer Bildung so -gänzlich von einander verschieden, und andre, von den unähnlichsten -Thieren einander so auffallend ähnlich sind! Es kan kaum eine -größere Unähnlichkeit geben, als die zwischen den Saamenthierchen -des Frosches beym Hrn. ~von Gleichen~ und denen vom Wassermolch -bey Hrn. ~Spallanzani~. Hingegen kan die Aehnlichkeit zwischen -zwey Wassertropfen nicht täuschender seyn, als die zwischen den -Saamenthierchen des Menschen und des Esels in den Kupfern des erstern -von jenen beiden Beobachtern. - -Eben dieser neuerliche, und hoffentlich letzte Verfechter jener Würde -der Saamenthierchen, hat beym Frosche gar zweyerley Arten dieser -Würmchen zugleich im gleichen Tropfen gesehen -- und doch sind wiederum -beide von derjenigen Gattung die ~Rösel~ im Froschsaamen gesehen, -gleich weit verschieden! und jene haben sich noch dazu in den Nieren -so gut, wie in den Saamenbläsgen gefunden etc. - -Lauter Erscheinungen, die die zufällige Unbestimtheit dieser fremden -_Gäste_ des männlichen Saamens so sehr erweisen, und die ihnen -aufgedrungene Würde so ganz vernichten, daß man wenigstens eben -so leicht hoffen darf mit dem sittsamen ~Paracelsus~[3] und dem -Mahler ~Gautier~[4] aus bloßem männlichen Saamen einen vollkommnen -menschlichen Embryo hervorzubringen, als ihn mit dem berühmten -Academisten ~Hartzoeker~[5] in jedem menschlichen Saamenthierchen -völlig schon so wie nachher im Mutterleibe krumm zusammen gebogen -sitzen zu sehen. - -Schon vor Entdeckung der Saamenthierchen hatte ein sonst wenig -bekannter Mann ~Joseph de Aromatariis~ einen dritten Weg eingeschlagen, -das Zeugungsgeschäfte durch Evolution zu erklären, denjenigen nemlich, -der auf die vorgeblichen im mütterlichen Eyerstock längst vor der -Empfängnis zur Entwickelung vorräthig liegenden präformirten Keime -hinausläuft. Auch ~Swammerdam~ hat ihn betreten, doch blieb er im -ganzen, vollends seit nun die Saamenwürmchen das große Aufsehn machten, -wenig besucht, bis er mit einem Male in neuern Zeiten durch die -Bemühungen der großen Männer ~Haller~ und ~Bonnet~ am gangbarsten von -allen gemacht ward. - -Nach _dieser_ Evolutionstheorie haben wir, so wie das ganze -Menschengeschlecht in den beiden Eyerstöcken unserer ersten -Stamm-Mutter in einander geschachtelt und wie im tiefsten Todesschlaf -versenkt beysammen gelegen. Zwar sehr im Kleinen, als Keime, aber, -versteht sich, als präformirte, völlig ausgebildete Miniaturen. Denn, -sagt Hr. ~v. Haller~, „_alle Eingeweide und die Knochen selbst waren -schon vorhero gebaut gegenwärtig, obgleich in einem fast flüssigen -Zustande_.“ Was man Empfängnis nennt, ist nichts als das Erwachen des -schlaftrunknen Keims durch den Reiz des auf ihn wirkenden männlichen -Saamens, der sein Herzchen zum ersten Schlage antreibt u. s. w. Auch -hat uns daher vor Kurzem einer der neuesten Verfechter dieser Theorie, -ein berühmter Genfer Naturforscher, mit nichts geringerm, als einem -Entwurf der Geschichte der organisirten Körper _vor ihrer Befruchtung_, -beschenkt, und uns darin belehrt, daß wir 1) alle weit älter sind als -wir geglaubt hatten; daß 2) alle Menschen in der Welt von gleichem -Alter sind, der Großvater nicht um einen Tag älter als sein neugeborner -Enkel etc. und daß sich 3) dieses ehrwürdige Alter aller Menschen, die -gegenwärtig auf dem Erdenrund leben, nahe gegen 6000 Jahre erstreckt. --- Auch tritt er ganz der Meinung bey, die schon ~Bazin~ behauptet, -daß wir seit der lieben langen Zeit da wir mit Cain und Abel und den -200,000 Millionen übrigen Menschen zusammen steckten, die der gemeinen -Rechnung nach, seitdem vor uns dahin gegangen sind _quo pius Aeneas -quo Tullus diues et Ancus_, kurz seit der ersten Schöpfung, zwar -_incognito_ und schlaftrunken, aber doch nicht ganz ohne Bewegung brach -gelegen haben, und daß wir während der 57 Jahrhunderte eh uns die Reihe -traf, daß wir durch den oberwähnten Reiz entwickelt wurden, doch immer -nach und nach sachte gewachsen sind: wir konnten uns nemlich bey Cains -Schwester schon ein bißgen mehr ausdehnen, als bey ihrer Mutter, wo -sie selbst nebst ihren Geschwistern noch bey uns lag und uns den Raum -beengte; und so kriegten wir mit jeder neuen Entwickelung eines unsrer -Vorfahren ein geräumiger Logis, und das that uns wohl, da streckten wir -uns immer mehr und mehr, bis endlich die Reihe der Entwickelung auch an -uns kam! - -So abentheuerlich romanhaft diese letztern Behauptungen scheinen -mögen, so fließen sie doch im Grunde ziemlich natürlich aus den -Grundsätzen jener Theorie. Für diese Grundsätze selbst aber führten -die Verfechter derselben, Hr. ~von Haller~, Hr. ~Spallanzani~ etc. -Erfahrungen und Beobachtungen an, die wir im nächsten Abschnitt näher -beleuchten werden, die aber auf den ersten Blick so einleuchtend und -entscheidend scheinen, daß sich der allgemeine Beyfall doch ganz wohl -begreifen läßt, womit, zumal in den letztern 30 Jahren, die Präexistenz -der präformirten Keime im weiblichen Eye lange vor ihrer Befruchtung -und Entwickelung, aufgenommen wurde. Auch ich habe ihr vorhin -beygepflichtet, habe sie gelehrt und in mehreren Schriften vertheidigt, -so daß in so fern hier diese Blätter das Geständnis eigner Irthümer -enthalten, denen ich nichts mehr wünsche, als was Hr. ~de Luc~ irgendwo -sagt: „ein verbesserter Irthum wird oft zu einer ungleich wichtigern -Wahrheit, als manche positive Wahrheiten, die unmittelbar als solche -anerkannt worden.“ - -Der unerwartete Erfolg eines kleinen Versuchs den ich doch recht in der -Absicht angestellt hatte, um die Richtigkeit jener Evolutionstheorie -und den Ungrund der allmäligen Bildung zu erweisen, brachte mich erst -zum Scheideweg zurück und öffnete mir bald eine neue der vorigen sehr -entgegengesetzte Bahn. Wer so wieder die Natur kämpft, dem geht’s doch -leicht bey einem unversehenen Blick in ihre enthülltern Reize, wie -dort dem Menelaus, da er ausgegangen war sein Schwerd gegen Helena zu -zucken: kaum sah sein Auge den Busen den er durchbohren wollte, so -sank sein gewaffneter Arm, und es war nun nicht um sie, sondern um ihn -geschehen[6]. - -Der Anlaß zu jenem Versuch war der: Ich fand, da ich einige Ferientage -auf dem Lande zubrachte, in einem Mühlbache eine Art grüner Armpolypen, -die sich durch einen langgestreckten spindelförmigen Körper, und kurze -meist steife Arme von der gemeinen grünen Gattung auszeichneten, und -mit deren Wundern ich meiner Gesellschaft einen Theil ihrer Zeit -vertreiben sollte. Theils das warme trockne Sommerwetter, noch mehr -aber die dauerhafte Constitution dieser Polypen begünstigte die -bekannten Reproductionsversuche die wir damit anstellten so, daß die -Wiederersetzung gleichsam zusehends von statten zu gehen schien. Schon -den zweyten, dritten Tag waren den verstümmelten Thieren wieder Arme, -Schwänze u. s. w. angewachsen; nur bemerkten wir immer sehr deutlich, -daß die neuergänzten Polypen bey allem reichlichen Futter, doch weit -_kleiner_ als vorher waren: und ein verstümmelter Rumpf, so wie er die -verlornen Theile wieder hervortrieb, auch im gleichen Maaße, recht -sichtlich einzukriechen, und kürzer und dünner zu werden schien -u. s. w.[7] - -Einige Zeit nachdem ich wieder zur Stadt gekommen war, mußte ich einen -Menschen besuchen, der schon lange am Winddorn krank gelegen hatte. -Der Schade war über dem Knie, und offen, und auch die weichen Theile -zu einer tiefen Grube ausgeeitert. Es besserte sich nachher, aber so -wie die Lücke im Fleisch nach und nach wieder mit plastischer Lymphe -zur Narbe angefüllt wurde, so senkte sich auch[8] das benachbarte -gesunde Fleisch im gleichen Grade allgemach nieder, schien gleichsam -zu schwinden, so daß endlich die Narbe in der Grube und das Fleisch -am Rande derselben wieder fast gleich standen, und jene nur noch eine -breite aber ziemlich flache Delle machten. Also _mutatis mutandis_ der -gleiche Fall, wie bey meinen grünen Armpolypen aus dem Mühlgraben. - -Ich habe seit der Zeit einen großen Theil meiner Muße auf die weitere -Prüfung und Untersuchung dieser damaligen Erfahrungen verwandt, und -alles was ich darin durch Beobachten und Nachdenken gelernt habe, führt -mich am Ende zu der Ueberzeugung: - - _Daß keine präformirten Keime präexistiren: sondern daß in dem - vorher rohen ungebildeten Zeugungsstoff der organisirten Körper - nachdem er zu seiner Reife und an den Ort seiner Bestimmung gelangt - ist, ein besonderer, dann lebenslang thätiger Trieb rege wird, ihre - bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann lebenslang zu erhalten, - und wenn sie ja etwa verstümmelt worden, wo möglich wieder - herzustellen._ - - _Ein Trieb, der folglich zu den Lebenskräften gehört, der aber - eben so deutlich von den übrigen Arten der Lebenskraft der - organisirten Körper (der Contractilität, Irritabilität, Sensilität - etc.) als von den allgemeinen physischen Kräften der Körper - überhaupt, verschieden ist; der die erste wichtigste Kraft zu aller - Zeugung, Ernährung, und Reproduction zu seyn scheint, und den man - um ihn von andern Lebenskräften zu unterscheiden, mit dem Namen - des_ Bildungstriebes (nisus formatiuus) _bezeichnen kan._ - -Hoffentlich ist für die mehresten Leser die Erinnerung sehr -überflüssig, daß _das Wort_ Bildungstrieb, so gut, wie _die Worte_ -Attraction[9], Schwere etc. zu nichts mehr und nichts weniger dienen -soll, als eine Kraft zu bezeichnen, deren constante Wirkung aus der -Erfahrung anerkannt worden, deren _Ursache_ aber so gut wie die Ursache -der genannten, noch so allgemein anerkannten Naturkräfte, für uns -_qualitas occulta_ ist. Es gilt von allen diesen Kräften was ~Ovid~ -sagt: -- _causa latet, vis est notissima_. Das Verdienst beym Studium -dieser Kräfte ist nur das, ihre Wirkungen näher zu bestimmen und auf -allgemeinere Gesetze zurück zu bringen. - -~d’Alembert’s~ Nachfolger, der Hr. ~M. de Condorcet~ sagt in seiner -Lobrede auf unsern ~Haller~ bey Gelegenheit der Irritabilität: „Man -fing wie gewöhnlich damit an, daß man die Wahrheit der Sache läugnete; --- und da das endlich doch nicht länger mit Ehren sich thun lies, so -endigte man damit, daß man nun sagte, das sey ja was altes längst -bekanntes!“ - -Da man nun neuerlich schon scharfsichtig genug worden ist, eben -die thierische Reizbarkeit schon im ~Homer~, und den Harveyischen -Blutumlauf im Prediger ~Salomo~ beschrieben zu finden, so müßte es -vollends nicht gut seyn, wenn sich nicht auch zur Noth der ganze -_nisus formativus_ aus allen den Werken über die Erzeugung, die seit -2000 Jahren geschrieben und nun zusammen zu keiner kleinen Bibliothek -angeschwollen sind, sollte herausdeuten lassen. Zumal da die _vis -plastica_ der Alten (besonders der peripatetischen Schule) bey der -Aehnlichkeit des Namens mit _nisus formativus_ zu einem solchen _qui -pro quo_ verleiten könnte. - -Es soll mich aber freuen, wenn man mir einen einzigen dieser Alten -aufstellt, der von seiner plastischen Kraft auch nur einigermaßen -die bestimmten und den Phänomenen des Zeugungsgeschäftes so genau -entsprechenden Begriffe gäbe[10], wie ich sie in diesen Blättern, -(besonders im dritten Abschnitt) vom Bildungstriebe zu geben versucht -habe. - -Ein sehr scharfsichtiger Physiologe Hr. ~C. F. Wolff~ in Petersburg hat -eine andre Kraft fürs Wachsthum der Thiere und Pflanzen angenommen, -die er _vis essentialis_ nennt: und die ebenfalls, wenn man sie blos -vom Hörensagen kennt, auf den ersten Blick mit dem _nisus formativus_ -vermengt werden könnte. - -Die gänzliche Verschiedenheit zwischen beiden muß aber einem jeden -einleuchten, sobald er sich die Mühe nimmt, den wahren Begriff den Hr. -~Wolff~ selbst von seiner _vis essentialis_ angiebt in seiner _theoria -generationis_ nachzulesen[11]. - -Ihm ist seine _vis essentialis_ blos diejenige Kraft, wodurch der -Nahrungsstoff in die Pflanze oder in das junge Thier getrieben wird. -Dieß ist folglich zwar ein Requisit _zum_ Bildungstrieb -- aber bey -weitem nicht der Bildungstrieb selbst. Denn jene _vis essentialis_ -wodurch die Nahrungssäfte in die Pflanze gebracht werden, zeigt -sich auch bey den unförmlichsten, widernatürlichsten, wuchernden -Auswüchsen der Gewächse, (an Baumstämmen etc.) wo gar kein bestimmter -Bildungstrieb statt hat. Eben so bey Mondkälbern etc. - -Umgekehrt kan die _vis essentialis_ bey schlecht ernährten organischen -Körpern sehr schwach seyn, dem eigentlichen Bildungstriebe übrigens -unbeschadet u. s. w. - - * * * * * - -So leid es mir thut, so bringt es doch die Natur der Sache einmal -nicht anders mit sich, als daß ich den Gründen und Erfahrungen für den -Bildungstrieb eine Wiederlegung der theils so blendenden Argumente -vorausschicken muß[12], deren sich zumal Hr. ~von Haller~ zu -Gunsten der Entwickelung aus dem weiblichen Eye bedient hat. Was mir -indeß diese Abweichung von dem Manne, dessen Schriften und dessen -Briefwechsel ich so unendlich viel verdanke, erleichtern kan, ist -theils die Gewißheit, daß selbst ein großer Theil des etwanigen Guten, -welches irgend in diesen Blättern enthalten seyn mag, doch in so fern -ihm zu verdanken ist, als es durch Prüfung und weitern Verfolg seiner -Untersuchungen veranlaßt wurde, und theils die Ungewißheit, ob er -nicht selbst wohl schon auf andre Spuren gekommen, und in dem noch -nicht bekannt gemachten Theil seines letzten großen Werks[13] von -seiner vorigen Meinung wieder abgegangen seyn mag. Auf keinen Fall -wird aber ~Haller’s~ Ruhm das mindeste von seinem verdienten -Glanze verlieren, wenn Er auch dennoch die eingewickelten Keime ferner -behauptet, und sich der allmäligen Bildung noch weiter wiedersetzt -haben sollte; so wenig als es ~Harvey’s~ und ~Newton’s~ -ewigen Nachruhm schwächen darf, daß Jener das Daseyn der Milchgefäße -im thierischen Körper, und Dieser die Möglichkeit der farbenlosen -Fernröhren geläugnet hat! - - - [1] Wie z. B. des ~Orpheus~, des ~Pythagoras~, ~Anaxagoras~ etc. - - [2] Z. B. von Pabst ~Johann XX.~, von Bischof ~Albert~ dem Großen - oder was sonst für ein ehrwürdiger Geistlicher der Verf. des - schmuzigen Büchleins von den Geheimnissen der Weiber ist. So - ~Mich. Scotus~ und viele a. m. - - [3] _Von Natur der Dinge an Johansen Winkelsteiner von Fryburg im - Uchtland._ im VIten B. der Huserschen Ausg. seiner sämtlichen - Werke. S. 263. u. f. - - Ein ähnliches Product beschreibt ~Amat. Lusitanus~ _curation. - medicinal._ Cent. VI. curat. 53. schol. p. 612. „_Certo scimus - chimico artificio puerum conflatum esse, et omnia sua membra - perfecta contraxisse, ac motum habuisse: qui cum a vase, vbi - continebatur, esset extractus, moueri desiit. Nouit haec - accuratius_ ~Julius Camillus~, _vir singularis doctrinae - et rerum occultarum et variarum hac nostra aetate magnus - scrutator, et Hetrusca sua lingua scriptor diligentissimus et - accuratissimus._“ - - [4] Man sehe seine _Génération de l’homme et des animaux._ Par. 1750. - 12. wie auch die _Observ. sur l’hist. nat._ I Th. und seinen - freylich etwas misgestalteten Fötus selbst mit lebendigen Farben - vorgestellt. Taf. A. fig. 3. - - [5] _Essay de Dioptrique._ Par. 1694. 4. S. 230. wo der - scharfsichtige Mann eine genaue Abbildung des in die Hülle - eines Saamenthierchens eingewickelten und auf seine Befreyung - harrenden Kindchens gibt. - - [6] ~Galenus~ von den Lehrsätzen des Hippocrates und Plato: im Vten - Band der +Chartier+. Ausg. S. 147. - - [7] Es ist zwar ganz wohl begreiflich, wie ein solcher kleiner - Umstand von manchen Beobachtern entweder in der Erwartung - größerer Merkwürdigkeiten ganz übersehen, oder aber nicht - anmerkenswerth gefunden wurde. Doch scheint der sorgfältige - ~Rösel~ darauf geachtet zu haben. _Hist. der Polypen._ im III B. - der _Insectenbelustig._ S. 490. - - [8] Eine gleichfalls schon anderwärts bemerkte Erscheinung. Man sehe - die Abh. der Hrn. ~Fabre~ und ~Louis~, _des playes avec perte de - substance_ in den _Mém. de l’ac. de Chirurgie. vol IV._ S. 64. - u. 106. - - [9] So sagt z. B. ~Newton~ in den Quästionen an der 2ten Ausg. - seiner Optik, S. 380. der +Clarkischen+ Uebers. „_Hanc vocem_ - attractionis _ita hic accipi velim, vt in vniuersum solummodo_ - vim aliquam _significare intelligatur, qua corpora ad se mutuo - tendant; cuicunque demum_ causae _attribuenda sit illa vis._“ - - [10] Noch am bestimmtesten druckt sich doch ~F. Bonamico~ der - bekannte Aristoteliker darüber aus, _de formatione foetus_ - p. 528. „_Spiritus in aërea seminis substantia comprehensus, - aspersus autem a calore caelesti, et vi a patre accepta, et ea - quam a coelo participat, in vterum foeminae coniectus, concoquit - materias a foemina infusas et pro ratione ipsarum variis modis - afficiens efficit instrumenta. Dum vero ea fabricat appellatur - Facultas_ διαπλαστικη seu δημιουργικη. _Sed vbi exstructa - fuerint instrumenta, vt iis vti queat, quae prius erat vis - formatrix, illis vtens degenerat in animam._“ - - [11] So z. B. S. 12. „_Vis vegetabilium essentialis ea est vis, qua - humores ex circumiacente terra, vel aliis corporibus - colliguntur, subire radicem coguntur, per omnem plantam - distribuuntur, partim ad diversa loca deponuntur, partim foras - expelluntur._“ - - S. 13. „_Quaecunque vero sit haec vis, sive attractrix, sive - propulsiva, sive aëri expanso debita, sive composita ex omnibus - hisce et pluribus; modo praestet enarratos effectus, et ponatur, - posita planta et humoribus nutritiis applicatis, id quod - experientia confirmatum est: sufficiet ea praesenti scopo et - vocabitur a me vis vegetabilium essentialis_“ - - und in Anwendung auf die Erzeugung der Thiere S. 73. „_Embryonem - hoc tempore (ovo sc. 36 horas incubato) ex substantia ovi - nutriri demonstrant illius volumen auctum, perfectiones - acquisitae, absentia cuiuscunque alius materiae, consumtio - albuminis et vitelli succedens, experimenta inferius recensenda; - consequenter: transire particulas nutrientes ex ovo ad - embryonem: et existere vim, qua id perficitur, quae non est - systaltica cordis et arteriarum, neque hinc facta pressio - in venas vicinas, neque harum compressio a motu musculorum, - dirigentem absque canalibus, viam determinantibus, adeoque - analogam illi (§. 1.) quam aeque vocabo_ essentialem.“ - - [12] Doch übergehe ich dabey alle diejenigen, zum Theil ausnehmend - scharfsinnigen Gegengründe, die schon in einer kürzlich unter - folgendem Titel erschienenen, überaus witzigen und angenehmen - Schrift der Evolution entgegen gestellt sind: _Zweifel gegen die - Entwickelungstheorie. Ein Brief an Hrn._ ~Senebier~ _von_ L.. - P.. (~Patrin~). _Aus der französischen Handschrift übersetzt - von_ ~G. Forster~, _Göttingen_, 1788. 8. - - [13] Er schrieb mir selbst d. 28. Aug. 1776. „Ich danke der - Vorsehung, die mir so viele Lebenszeit gegeben hat, daß ich eine - neue Auflage der Physiologie habe ausarbeiten können, ohne die - ich der Welt viele Fehler würde zu wiederlegen gelassen haben.“ - - - - -Zweyter Abschnitt. - - _Prüfung der Haupt-Gründe für die vorgegebne Präexistenz des - präformirten Keims im weiblichen Eye, und Gegengründe zu ihrer - Wiederlegung._ - - -Am 13^{ten} May 1758. ward in der Versammlung der königlichen Societät -der Wissenschaften zu Göttingen die berühmte Abhandlung des Hrn. ~von -Haller~ ihres damaligen Präsidenten über die Bildung des Herzens im -bebrüteten Küchelgen abgelesen, worin man nachher das _argumentum -crucis_ zu Gunsten der präformirten Keime zu finden geglaubt hat. Ihr -Verfasser sagt nemlich, er habe gefunden, daß die Haut des Dotters im -bebrüteten Ey mit den Häuten des daran hängenden Küchelgens, und die -Blutgefäße des letztern eben so mit den Adern der sogenannten _figura -venosa_ des Dotters continuirten. Nun aber habe der Dotter mit seiner -Haut schon im Eyerstock der unbefruchteten Henne präexistirt, folglich -nach aller Wahrscheinlichkeit auch zugleich mit derselben, obgleich -unsichtbar das damit continuirende Küchelgen. -- Doch druckte sich der -vorsichtige Mann anfangs immer noch behutsam und gleichsam schwankend -über diese Schlußfolge aus[14]. - -Hr. ~Bonnet~ hingegen, der bald nachher seine Betrachtungen über die -organisirten Körper herausgab, und schon vorher für die Entwickelung -der präformirten Keime eingenommen war, faßte gleich die Hallersche -Bemerkung, erklärte sie für schlechterdings unwiederredlich, und hielt -durch sie die Wahrheit jener Hypothese für ganz ausgemacht erwiesen[15]. - -Und nun erst ließ sich auch Hr. ~von Haller~ immer mehr und mehr von -der Wichtigkeit dieser seiner Bemerkung einnehmen, so daß er in den -spätern Schriften kein Bedenken trug, sie für eben so entscheidend -auszugeben, als sein Freund ~Bonnet~. - - * * * * * - -Da ich selbst ehedem in Schriften so gut wie hundert andre -Naturforscher und Physiologen auf diese berühmte Bemerkung als auf -den Grundpfeiler des Evolutionssystems gefußt habe, so darf ich um -so weniger Anstand nehmen, nun jetzt meine Verwunderung zu äußern, -wie in aller Welt wir allesammt einer im gegenwärtigen Falle so -schlechterdings nichts beweisenden Behauptung ein so vermeintlich -unwiederredliches Gewicht haben beylegen können! - -Denn -- gesetzt auch, daß jene Continuation der Häute und Blutgefäße -des Dotters mit den Häuten und Blutgefäßen des bebrüteten Küchelgens -seine Richtigkeit hätte (-- gesetzt nemlich; denn die Sache selbst -ist, wie die sorgfältigste genaueste Beobachtung gelehrt hat, noch -ganz und gar zweifelhaft, und, wie jeder zugeben wird, der selbst -bebrütete Eyer untersucht hat, sehr schwer mit Gewißheit zu behaupten ---): so folgt ja daraus noch bey weiten nicht, daß diese Häute und -Gefäße, wenn sie auch wirklich nun mit einander _continuirten_, deshalb -auch von je zusammen _coëxistirt_ haben müßten! Genug Erscheinungen -an organisirten Körpern zeigen das erstere, ohne daß man sich wird -beykommen lassen, daraus das zweyte zu folgern. So aus dem Gewächsreich -gleich ein Beyspiel statt vieler: die sonderbaren Vegetationen die an -allerhand Pflanzen durch den bloßen Stich der Gallwespen verursacht -werden, vorzüglich die sogenannten Schlafäpfel oder Bedeguar[16] an den -wilden Rosenstöcken. Die Rinde des Rosenstocks überzieht auch diese -ganzen moosartigen aber _zufällig_ entstandnen Gewächse, und wenn man -frische oder einige Tage lang eingeweichte Schlafäpfel mit dem Aste, -an welchem sie sitzen, durchschneidet, so zeigt sich der Uebergang der -holzigen Gefäße des Rosenstocks in den holzigen Kern des Bedeguar aufs -sichtlichste, und zuweilen mit einer ausnehmenden Sauberkeit. Sollen -aber darum auch diese so zufälligen Producte einer kleinen Mücke von -je mit dem Rosenstocke _coëxistirt_, und in allen Aesten und Blättern -aller Rosenstöcke der Welt auch überall eingewickelte Keime für -zahllose Schlafäpfel _präexistiert_ haben, die alle aufs Gerathewohl da -gelegen hätten, bis endlich das tausendmal tausendste von ihnen durch -den wohlthätigen Stachel eines hinzufliegenden Cynips zur Entwickelung -angetrieben worden? - -Und nun im Thierreich -- Wie oft werden nach den zufälligsten -Entzündungen von Eingeweiden etc. durch Ergießung plastischer Lymphe -neu erzeugte Häute und in diesen, oft binnen wenigen Tagen neue -Blutgefäße gebildet, die beiderseits mit den Häuten und Gefäßen -der benachbarten Eingeweide _continuiren_, ohne daß man daraus -ihre beständige _Coëxistenz_ mit denselben zu folgern, sich wird -einfallen lassen. Und damit man nicht etwa einwende, dieß seyen blos -widernatürliche Erscheinungen im krankhaften Zustande der Thiere, -so erinnere man sich der neuerlich so berühmt wordnen, sogenannten -_Hunterschen_ Haut, die jedesmal nach einer fruchtbaren Empfängnis den -künftigen Aufenthalt der nun zu erzeugenden Leibesfrucht und ihrer -Hüllen vom neuen auskleidet, und deren Blutgefäße, zumal da wo die -Adern der Nabelschnur in ihr Wurzel schlagen sollen, aufs sichtlichste -mit den Blutgefäßen der Mutter selbst continuiren. - -In allen diesen angeführten Fällen wuchert gleichsam die neu erzeugte -Haut und ihre Gefäße aus den benachbarten Eingeweiden heraus, und so -würden in der Anwendung aufs bebrütete Hühngen auch seine Gefäße und -Häute erst aus des Dotters seinen ausgetrieben werden können. - -Allein es läßt sich auch noch ein zweyter Fall gedenken, den auch schon -ein scharfsichtiger Naturforscher, Hr. ~Paul~[17] der Hallerschen -Demonstration entgegengesetzt hat. Gesetzt, daß jene Dotterhaut mit -ihren unsichtbaren Gefäßen schon im Eyerstock der Henne präexistirt -habe, so kan ja demohngeachtet das Küchelgen erst während des Bebrütens -erzeugt, und nur die Blutgefäße desselben in die Adern jener Haut -_eingepropft_, und so beide mit einander verbunden worden seyn. - -Hr. ~von Haller~ hat diesen Einwurf laut und geradezu verworfen, und -es für schlechterdings _unmöglich_ erklärt, daß die unendlich zarten -Adern des dann noch microscopisch kleinen Küchelgens in die großen -Gefäße des riesenmäßigen Dotters eingepfropft werden könnten[18]. - -Nun und eben dieser unendlich verdienstvolle Mann, der diese -Einpfropfung beym Küchelgen unmöglich nennt, der ergreift hingegen im -nemlichen Werke[19], da wo er von der menschlichen Befruchtung handelt, -eine völlig gleiche Einpfropfung der Blutgefäße ohne alles Bedenken! Er -nimmt nemlich an, der unendlich kleine menschliche Keim der nun aus -dem Eyerstocke in die Mutterhöhle angelangt sey, der solle nun mittelst -seines Mutterkuchen an derselben befestigt werden. Und wie das? Nicht -anders als durch Einpfropfung seiner microscopischen Nabelgefäßgen in -die riesenmäßigen Blutgefäße der Gebärmutter. -- - - * * * * * - -Die neuern Verfechter der Evolution machten, wie wir gesehen haben, den -Eydotter zur Stütze ihrer Hypothese. - -Weit früher schon hat man sich des _Froschlaichs_ zu gleichem Zweck -bedienen wollen. - -~Swammerdam~ nemlich verkündigte vor mehr als hundert Jahren die -wunderbare Entdeckung, daß der schwarze Punkt im Froschlaich das in -allen seinen Theilen vollkommen ausgebildete Fröschgen sey, das auch -schon im Eyerstock obschon fast unsichtbar präformirt gelegen habe -u. s. w.[20] - -Dem guten Mann scheint geahndet zu haben welch ein mißliches, -vergängliches Ding es mit aller zeitlichen eitlen Ehre solcher -Entdeckungen sey, und bekanntlich suchte er dafür bald hernach ein -solideres Glück der Mystik im Schooße bey Mamsell ~Bourignon~. Denn -wirklich hat nun jetzt die undankbare heutige Welt jene wunderbare -Entdeckung dem berühmten Hrn. Abt ~Spallanzani~ zugeschrieben, der -sie freylich in mehrern Schriften, zumal aber im zweyten Band seiner -Abhandlungen[21] mit vieler Umständlichkeit vorgetragen hat. - -Auch er nennt nemlich das schwarze Fleckgen im befruchteten Froschlaich -geradezu Kaulquappe oder junges Fröschgen[22]. Und da nun dieses -Fleckgen im unbefruchteten Laich doch schon eben so aussieht, wie im -befruchteten[23], so ist nach seiner Logik nichts natürlicher, als -daß dasselbe auch im erstern und schon in Mutterleibe Kaulquappe oder -junges Fröschgen gewesen ist[24]. - -Ich weis nicht, was man von einem Chemiker urtheilen würde, dem es -beliebte, ein Klümpgen Silberamalgama deswegen einen Dianenbaum zu -nennen, weil doch wenn nun verdünnte Silberauflösung dazu käme, sich -allerdings so ein Baum daraus bilden würde, und da nun ein solches -Klümpgen außer der Silbersolution übrigens eben so aussähe, als nachdem -es so eben unter dieselbe gebracht worden, so müsse folglich auch in -jenem der _präformirte_ Dianenbaum präexistirt haben u. s. w. - -Man muß sich schämen, eine Behauptung noch lange wiederlegen zu wollen, -von deren absoluten Ungrund sich jedes gesunde, präjudizlose und im -Beobachten nur nicht ganz ungeübte Auge alle Frühjahr überzeugen kan. -Wer sich je die kleine Mühe gegeben hat, das Froschlaich genau zu -untersuchen, der wird gestehen müssen, daß der Einfall, das schwarze -Fleckgen in demselben zum Kaulquappen zu demonstriren, die glücklichste -Anwendung von der Logik des Bruder +Peter+ im Mährgen von der Tonne -sey, der auch seinen Brüdern das hausbackne Brod für einen exquisiten -Hammelbraten andemonstriren wollte. - - * * * * * - -Doch die Verfechter der mütterlichen Keime sind weiter gegangen. Sie -haben sich geradezu auf Fälle berufen, wo sogar _Mädgen_ in aller ihrer -jungfräulichen Unschuld durch die unzeitige Entwickelung eines solchen -kleinen Keims guter Hoffnung worden. - -Wie doch die Dinge zuweilen sonderbar zusammentreffen müssen. Gerade -im nemlichen Jahre, da ~Swammerdam~ seine obgedachte Entdeckung im -Froschlaich kund that, ereignete sich, nach dem in den Tagebüchern der -kaiserlichen Akademie der Naturforscher von einem berühmten Leibarzt -seiner Zeit, dem Dr. ~Clauder~ gegebnen Bericht, in Sachsenland ein -_Casus_, der mit jener Entdeckung wie Schachtel und Deckel zusammen -paßte. Eine Müllersfrau kommt mit einem Mädgen in die Wochen, das -einen ungewöhnlich hohen Leib mit zur Welt bringt. Acht Tage hierauf -wird das kleine dickleibige Mädgen „mit großen Wehtagen und Unruhe -befallen, sehr weinend und ängstlich, daß alle die Umstehende nicht -anders vermeint, als es würde im Nu sterben. Immittelst gebieret das -kranke Kind ordentlicher Weise ein artiges, vollständiges, lebendiges -Töchterlein, in der Länge des mittlern Fingers, welches auch getauft -worden. Bey und während der Geburt ist alles an Afterbürde und andrer -Unreinigkeit abgegangen, beide Kinder aber sind kurz folgende Tage -hierauf gestorben.“[25] - -Der Hr. ~von Haller~ setzt richtig diese Geschichte nebst einer anderen -aus den Schwedischen Abhandlungen, wo man bey der Section eines Mädgen, -Knochen, Zähne und Haare in einer Geschwulst des Gekröses gefunden, -unter die Hauptstützen der Wahrheit der mütterlichen Keime[26]. - -Aber auch in ~Schmucker’s~ vermischten chirurgischen Schriften -beschreibt ein ~Anonymus~ die Leichenöffnung eines Mädgen, bey dem man -_statt der Gebärmutter_ einen runden, harten mit Haaren bewachsenen -Körper einer starken Wallnuß groß gefunden, der ein misgestaltnes -Kinderköpfgen vorgestellt. Das Köpfgen habe zwey vollkommne Zähne und -in seiner Cavität etwas Gehirn-ähnliches gehabt etc. - -Da die Verfechter der mütterlichen Keime immer so laut und dringend -protestiren, daß man doch ihren _Beobachtungen_ nicht bloßes -Räsonnement entgegen stellen solle, so enthalte ich mich auch hier -alles Räsonnements, sondern will ihnen blos Zug für Zug, Beobachtung -gegen Beobachtung vorlegen, nemlich von nicht minder merkwürdigen -und unterhaltenden und ungefähr eben so glaubwürdigen Fällen, wo -sich auch _Mannspersonen_ oder andre männliche Thiere in gesegneten -Leibesumständen befunden haben sollen, und ich hoffe nicht, daß diese -meine, den _mütterlichen_ Keimen gerade wiedersprechende Autoritäten, -der Gegenpartie ihren nachstehen dürfen. - - * * * * * - -Dem Fall z. B. aus den schwedischen Abhandlungen setze ich einem aus -der Geschichte der königl. Akad. der Wissenschaften zu Paris entgegen, -da ein _Abbé_ mitten in einem Versuche über das Zeugungsgeschäfte sehr -zur Unzeit unterbrochen ward, und von Stund an in gewissen Theilen die -einmal ein andrer _Abbé_ der heil. ~Abaelard~ durch einen ähnlichen -Anlaß ganz eingebüßt hat, eine harte Geschwulst fühlte. Es kam zur -Operation, und sein Wundarzt versichert der königlichen Akademie, -dem Hrn. Patienten ein verhärtetes Kindgen[27] aus besagten Theilen -geschnitten zu haben. - -Die Geschichte von der Müllersfrau in den Tagebüchern der kaiserlichen -Akad. der Naturforscher, denke ich mit einer andern in den -_Philosophical Transactions_ aufzuwiegen, da ein männliches Windspiel -ein lebendiges junges Hündgen _per anum_ von sich gegeben haben soll. -Statt der Hrn. ~Clauder~ und ~Otto~ die jene Geschichte bezeugen, nenne -ich zwey Gewährsleute, auf die England stolz seyn muß: Dr. ~Wallis~ und -~Edm. Halley~. - -Endlich dem _anonymus_ bey ~Schmucker~ setze ich einen _anonymus_ beym -ehrwürdigen ~Fr. Ruysch~ entgegen, der diesem ein ähnliches Product, -nemlich eine knochichte Schaale wie eine halbe Wallnuß verehrte, die er -nebst vier vollkommnen Backzähnen und einem Knaul Haare vom Magen einer -männlichen Leiche losgeschnitten zu haben versicherte. - -Das wäre denn also Autorität gegen Autorität. Ich glaube man kan nicht -gewissenhafter zu Werke gehn, als ich hier zu Werke gegangen bin; und -in so fern, dächte ich, wären wir wenigstens quitt. Doch riethe ich, -wenns gefällig wäre, überhaupt beym gegenwärtigen Streite, diese Art -von Hülfstruppen vor der Hand aus dem Spiele zu lassen; ich stellte die -meinigen blos darum auf, weil die Gegenpartie mit den ihrigen ins Feld -zu rücken für gut befunden hatte. - - * * * * * - -Das ist das Hauptsächlichste, was ich den berühmtesten Beweisen, die -von den Vertheidigern der präformirten mütterlichen Keime für die -sinnlichst entscheidenden ausgegeben werden, entgegen zu setzen habe. - -Diesen darf ich aber nun noch einige andere aus Erfahrung -bewiesene Gegengründe beyfügen, die ohnehin wohl den Werth jener -Einschachtelungshypothese bey unbefangenen und nachdenkenden Lesern zu -bestimmen, hinreichend seyn dürften. - -So z. B. die durchgehends bestätigte Erfahrung, daß sich auch dem -bewaffnetesten Auge doch nie sogleich -- sondern immer erst eine -geraume, zum Theil beträchtlich lange Zeit, nach der Befruchtung die -erste Spur des neuempfangnen Menschen oder Thiers, oder Gewächses -zeigt. Es lohnt sich nicht der Mühe, jetzt noch die fabelhaften Sagen -des ~Hippocrates~ und so vieler nachherigen guten Alten zu rügen, -die in den ersten Tagen nach der Empfängnis schon völlig kenntliche -ausgebildete menschliche Leibesfrüchte gesehen zu haben meinten. Sie -werden bey den wenigen Hülfsmitteln und der seltnen Gelegenheit in -jenen Zeiten um so verzeihlicher, wenn man bedenkt, daß selbst neuere -Aerzte von ungleich mehr ausgebreiteter Erfahrung in diesem Fache, noch -ähnliche solche Behauptungen gewagt haben. So hat uns ~Mauriceau~ mit -Abbildungen von Leibesfrüchten von 3⅓ Tagen, von einem Tag u. s. w. -beschenkt, und so haben ~Malpighi~ und ~Croune~ schon im unbebrüteten -Ey einer getretnen Henne, und letztrer sogar in Windeyern von Hünern, -denen sich noch nie ein Hahn genaht hatte, das Küchelgen und seine -Theile gesehn zu haben, versichern dürfen. - -Kein vorsichtiger und zuverlässiger Beobachter wird aber vor der -dritten Woche der Schwangerschaft einen ungezweifelt wahren, -menschlichen Embryo, oder im bebrüteten Hühnerey in den ersten -zwölf Stunden auch nur eine dunkle, und vor Ende des zweyten Tages, -eine deutliche Spur des Küchelgens gesehn haben. Vor diesem, einer -jeden Gattung von Thieren und Gewächsen von der Natur auf längere -oder kürzere Zeit vorgeschriebenen Termin[28], ist schlechterdings -ihre neuempfangene Brut nicht zu erkennen: ein Umstand, der bey der -Vollkommenheit unsrer Vergrößerungsgläser und andrer mechanischen -Hülfsmittel und Handgriffe der Theorie der präformirten Keime gewiß -nichts weniger als günstig seyn kan. - -Eben so wenig ist abzusehen, wie in aller Welt die Gönner der -präformirten Keime, die unzähligen Fälle von Entstehung und Ausbildung -ganz zufälliger Weise neuerzeugter, im natürlichen Bau gar nicht -existirender organischer Theile mit ihrer Einschachtelungshypothese -zusammen reimen wollen. - -Nur gleich wenige Beyspiele der Art statt vieler. - -Eine Frau wird guter Hoffnung, aber ihr Kind ist nicht in dem -eigentlichen Ort seiner Bestimmung, sondern darneben in einer der -beiden Fallopischen Röhren empfangen worden, die berstet endlich bey -zunehmendem Wachsthum des armen verirrten Geschöpfes, und dieses fällt -nun in die Bauchhöhle der Mutter. Was thut die Natur? Sie ergießt -eine Menge plastischer Lymphe, die sich zu deutlich organisirten -Häuten bildet, und den Fötus incrustirt, wie eine Mumie einwickelt und -dadurch die der Mutter sonst tödliche Fäulung desselben verhütet; so -daß sie nun noch lange Jahre mit dieser zwar lästigen, aber doch nicht -gefährlichen Bürde herumgehen kan. Die nachherigen Leichenöffnungen -aber zeigen offenbar, daß diese durch einen Zufall veranlaßten -neuerzeugten Membranen mit zahlreichen Blutgefäßen durchwebt sind[29], -die doch wohl schwerlich im vermeinten Keime schon präexistirt haben -können? - -Ein Mensch bricht beide Röhren im Vorderarm, hält sich bey der Heilung -nicht ruhig, so daß die Natur den Bruch nicht wie sonst durch eine -Beinschwiele zusammen leimen kan. Was thut sie dagegen? sie bildet im -Bruche für beide Röhren zwey neue Gelenke, im ganzen gleichsam einen -zweyten Ellnbogen, der für sich allein und ohne Hülfe der andern Hand -volle Beweglichkeit hat. - -Ein anderer verrenkt den Schenkelkopf aus dem Hüftknochen und die Natur -bildet ihm in selbigem eine neue Pfanne[30]. - -Ein Kind kriegt im Mutterleibe durch den zufälligsten Anlaß, z. B. -blos durch unmäßige Liebesbezeugungen des Vaters gegen die schwangere -Mutter, einen Wasserkopf, wodurch die Hirnschaale ungeheur -wassersüchtig aufgetrieben wird, und mächtige leere Zwischenräume -zwischen den ausgedehnten flachen Knochen derselben entstehen. Die -Natur sucht zu helfen, und sprengt einzelne kleine Knochenkernchen -in diese Zwischenräume, die zu Zwickelbeinchen werden und diese -gefährlichen Lücken möglichst ausfüllen, die sonst so weit auseinander -stehenden Knochen miteinander verbinden, und die Hirnschaale schließen -helfen. Diese Zwickelbeinchen gehören aber nicht zum natürlichen Bau, -und finden sich daher auch nur sehr selten bey Thieren oder an den -Schedeln von wilden Völkern; können folglich auch wohl schwerlich im -Keime präformirt gewesen seyn. Und doch sind es wahre, einzelne, -abgesonderte Knochen, mit _ächten_ Näthen eingefaßt. Und zwar werden -sie nicht etwa blos von den benachbarten natürlichen Näthen der flachen -Knochen umschlossen, sondern oft liegen ihrer so viele dicht neben- und -untereinander, daß die mittlern darunter ganz offenbar auch ihre eignen -neuerzeugten Näthe bilden. Wie kunstreich aber ist nicht der Bau einer -ächten Nath mit ihren doppelten und dreyfachen Reihen von Zäpfgen und -Grübgen, die so bewundernswürdig in einander greifen. - -Die Schlußfolgen aus allen diesen Beyspielen ergeben sich von selbst. -Können einmal vollkommne besondere Knochen, ganz neue ungewöhnliche -Gelenke, neue organische Häute mit eben so neuen Blutgefäßen, _da_ -gebildet werden, wo an keinen dazu präformirten Keim zu denken ist, -wozu brauchts denn überhaupt der ganzen Einschachtelungshypothese? - - * * * * * - -Allein auch selbst die Erscheinungen bey Zeugung der _Bastarde_ -wiedersprechen allen Begriffen von Präexistenz eines präformirten Keims -so schlechterdings, daß man kaum absieht, wie bey einer reifen Erwägung -der erstern, die letztern noch ernstliche Vertheidiger haben finden -können. Mich dünkt eine einzige Erfahrung wie die, da Hr. ~Kölreuter~ -durch wiederholte Erzeugung fruchtbarer Bastardpflanzen, endlich -die eine Gattung von Tabak (_+Nicotiana+ rustica_) so vollkommen in -eine andere (_+Nicotiana+ paniculata_) verwandelt und umgeschaffen, -daß sie nicht eine Spur von ihrer angestammten mütterlichen Bildung -übrig behalten hat, müßte doch die eingenommensten Verfechter -der Evolutionstheorie von ihrem Vorurtheil zurückbringen. Dieser -vortreffliche Beobachter hatte nemlich durch die künstliche Befruchtung -der erstern Gattung von Tabak mit dem Blumenstaube von der letztern, -fruchtbaren Bastard-saamen erhalten, und hatte dann die daraus -gezognen Pflanzen, (die in ihrer Bildung schon das Mittel zwischen -ihren beiden Stammeltern hielten), vom neuen und mit gleichen Erfolg -mit Blumenstaube von der _paniculata_ befruchtet. Da dieß wiederum -fruchtbaren Saamen, und dieser wiederum Pflanzen gab die von der -mütterlichen Gestaltung noch mehr abwichen, so hat er mit diesen -letztern den nemlichen Versuch noch einmal wiederholt, und so endlich -sechs Pflanzen erhalten, die sämmtlich, ihrer ganzen Bildung nach, mit -der natürlichen _paniculata_ vollkommen übereinstimmten, ohne sich im -mindesten weiter von derselben zu unterscheiden, so daß er in seinem -classischen Werke, der Nachricht von diesen berühmten Versuchen, mit -ganzem Rechte die Aufschrift giebt: _Gänzlich vollbrachte +Verwandlung+ -einer natürlichen Pflanzengattung in die andere._ - -Ich weis sehr wohl, daß die Gönner der Evolution sich bey Erklärung -der Bastarderzeugung damit auszuhelfen suchen, daß sie dem männlichen -Zeugungsstoffe, außer der reizenden Kraft, womit er den schlafenden -mütterlichen Keim _erwecken_ soll, in diesem Fall auch noch _bildende_ -Kräfte zugestehen, wodurch dann jene Keime freylich in etwas zur -väterlichen Gestaltung umgeformt würden etc. Was ist aber in aller -Welt eine solche Ausflucht anders, als ein stilles Geständnis der -gebrechlichen Unzulänglichkeit des Keim-systems und der Nothwendigkeit -zu Rettung desselben immer doch nebenher zu bildenden Kräften -Zuflucht nehmen zu müssen. Und wenn nun aber diese bildenden Kräfte -so stark sind, daß sie binnen wenigen Generationen die ganze Form des -mütterlichen Keims gleichsam vertilgen und in eine andere umschaffen, -so ist nicht abzusehen, wozu denn also überhaupt der Keim präformirt zu -seyn brauchte? - - - [14] „_l’evolution commence à me paroitre la plus probable etc._“ - - [15] Man sehe z. B. die Vorrede zu diesem seinen Werke S. ~IX~ u. f. - der Ausg. v. 1768. „_Enfin cette découverte importante“ (que le - Germe appartenoit à la Femelle, qu’il préexistoit ainsi à la - Fecondation, et que l’Evolution étoit la Loi universelle des - Etres organisés) „que j’attendois et que j’avois osé prédire, - me fut annoncée en 1757. par Mr. le Baron_ ~de Haller~, _qui la - tenoit de la Nature elle-même._“ -- „_La découverte de Mr._ ~de - Haller~ _prouvoit d’une manière incontestable, que le Poulet - appartenoit originairement à la Poule, et qu’il préexistoit à la - Conception._“ - - und in seinem Briefe an Hrn. ~v. Haller~ v. 30. Oct. 1758: „_Vos - Poulets m’enchantent: je n’avois pas espéré que le secret de la - Génération commenceroit sitôt à se dévoiler. C’est bien vous, - Monsieur, qui avez sçu prendre la Nature sur le fait._“ - - [16] Rosenschwämme, _spongiae cynosbati_. - - [17] In der Vorrede zum VIIIten Bande der _collection academique, P. - étrangere_. pag. 22 sqq. - - [18] „_Nunquam fieri potest, vt inter tubulum millionesies minorem, - et millionesies maiorem continuitas oriatur._“ _Elem. physiol._ - T. VIII. P. I. p. 94. vergl. mit den _prim. lin. physiol._ §. - 883. und den _operib. minorib._ T. II. pag. 419. - - [19] _Elem. physiol._ a. a. O. S. 257. - - [20] _Mirac. nat._ pag. 21. „_admiratione dignum est, nigrum illud - punctum, quod in ovis ranarum videre est, ipsum ranunculum - omnibus suis partibus absolutum; albicantem vero et circumfusum - illum liquorem non nisi alimentum eius esse; quod ipsum sensim - dilatatum ita attenuatur, vt exire cum velit possit_“ _etc._ - - „_Magis mirum est, hunc ipsum ranunculum in ovario vsque adeo - exiguum ortus et incrementi sui principium habere, vt fere visum - effugiat, vtut ipsum animal sub hac tantula mole delitescat._“ - - und bald hernach zieht er dann den allgemeinen Schluß: „_Nullus - mihi in rerum natura generationi, sed soli propagationi - vel incremento partium locus esse videtur, vbi casus omnis - excludatur._“ - - [21] _Dissertazioni di fisica animale, e vegetabile_ T. II. _in - Modena_ 1780. 8. - - [22] „_a parlare filosoficamente l’uovo non è che il girino medesimo - in se stesso concentrato, e ristretto, il quale mediante la - fecondazione si sviluppa, ed acquista le fatezze di animale._“ - pag. II. §.XVII. - - [23] „_questi globetti non fecondati non sono per verun conto - distinguibili dai fecondati_“ §. XVIII. - - [24] „_ma i globetti fecondati non sono che i feti ranini_ (§. - XVII.): _adunque i globetti non fecondati lo saronno altresi; e - conseguentemente nella nostra rana il feto esiste in lei pria - che abbiasi la fecondazione del maschio._“ pag. 12. §. XIX. - - [25] Ich liefre die eignen Worte eines andern gleichzeitigen Arztes - des Dr. ~Otto~, der von der Großmutter, nemlich von der - Müllersfrau in ihrer Schwangerschaft consultirt worden, und - dessen Enkel den ganzen Casus in einer besondern Abhandlung - unter folgendem Titel gar gelehrt und subtil vindicirt und - illustrirt hat. D. C. I. ~Aug. Ottonis~ _epistola de foetu - puerpera s. de foetu in foetu. Weissenfels, 1748. 4._ - - [26] In der _Yverduner Encyclopädie_ T. XVIII. art. FETVS. p. - 721. „_Il y a plus, on a vu dans une vierge constamment telle - et reconnoissable par l’integrité de son hymen, des dents, des - ossemens et des cheveux renfermés dans une tumeur du mésentere. - Ce phenomene rapporté dans les Mém. de l’ac. de Suede, a été - observé depuis peu en. Un_ fétus _femelle, incapable assurément - d’admettre le mâle est né avec un fêtus formé au dedans de lui_.“ - - [27] „_on y distinguoit la tête, les pieds et les yeux._“ - - [28] So zeigt sich z. B. beym trächtigen Caninchen die erste Spur der - neuempfangnen Frucht nicht vor dem 9ten Tage; bey der - Schaafmutter nicht vor dem 19ten; bey der Hirschkuh nicht vor - der 7ten Woche u. s. w. - - [29] Ich habe einen solchen Fötus, womit die Mutter 8 Jahr schwanger - gegangen, und den das academische Museum von meinem würdigen - Freunde dem Hrn. Hofr. ~Büchner~ in Gotha zum Geschenk erhalten, - im VIII B. der _Commentation. soc. reg. sc. Gottingens._ - beschrieben. - - [30] Ich habe von allen solchen Fällen in der _Gesch. und Beschreib. - der Knochen des menschl. Körp._ S. 43. Beyspiele gesammelt. - - - - -Dritter Abschnitt. - - _Erfahrungen zum Erweis des Bildungstriebes und zu näherer - Bestimmung einiger Gesetze desselben._ - - -Einreißen ist leichter denn aufbauen: und es ist ein alter Vorwurf, -den man manchen Reformatoren gemacht hat, daß ihnen das erstere mit -besserm Glück als das leztre von statten gegangen. Aber in der That -kan doch, wie Hr. ~Bonnet~ vortrefflich anmerkt[31], die Wiederlegung -eines Irthums wichtiger seyn, als die Erfindung einer neuen Wahrheit. -Und in so fern bliebe diesen Blättern immer einiges Verdienst, wenn -auch blos im vorigen Abschnitt der Ungrund einer neuerlich so beliebt -wordnen Hypothese erwiesen wäre. Allein ich hoffe, daß nun auch der -gegenwärtige würklich etwas der Natur angemeßneres an ihrer statt geben -soll. - -Man kan nicht inniger von etwas überzeugt seyn, als ich es von der -mächtigen Kluft bin, die die Natur zwischen der belebten und unbelebten -Schöpfung, zwischen den organisirten und unorganischen Geschöpfen -befestigt hat; und ich sehe bey aller meiner Hochachtung für den -Scharfsinn, womit die Verfechter der Stufenfolge oder Continuität der -Natur ihre Leitern angelegt haben, nicht ab, wie sie beym Uebergange -von den organisirten Reichen zum unorganischen ohne einen wirklich -etwas gewagten Sprung durchkommen wollen. Allein dieß hindert nicht, -daß man darum nicht Erscheinungen im einen dieser beiden Haupttheile -der Schöpfung zur Erläuterung von Erscheinungen im andern benutzen -dürfte: und so sehe ich es für keins der geringsten Argumente zum -Erweis des Bildungstriebes in den organisirten Reichen an, daß auch -im unorganischen die Spuren von bildenden Kräften so unverkennbar -und so allgemein sind. Von bildenden Kräften -- bey weiten nicht vom -Bildungstriebe (_nisus formativus_) in dem Sinne den dieses Wort in der -gegenwärtigen Untersuchung bezeichnet, denn der ist eine Lebenskraft -und folglich als solche in der unbelebten Schöpfung nicht denkbar, --- sondern von andern bildenden Kräften, von welchen sich in diesem -unbelebten Naturreiche die deutlichsten Beweise an so bestimmten, -überaus regelmäßigen Gestaltungen zeigen, die aus einem vorher -ungebildeten Stoffe geformt werden. - -Man kan doch, um nur ein Paar Beyspiele anzuführen, nichts ausnehmend -eleganteres sehen, als gewisse metallische Crystallisationen, die -in ihrer äußern Form eine so auffallende Aehnlichkeit mit gewissen -organischen Körpern haben, daß sie ein sehr fügliches Bild geben, um -die Vorstellung von der Formation aus ungebildeten Stoffen überhaupt -zu erleichtern. So z. B. das gediegene sogenannte Farnkraut-silber -zwischen dem eingebröckelten Quarz aus Peru; und um was Gemeineres zu -nennen, das unbeschreiblich saubere moosförmige Stückmessing, so wie -es sich nach dem ersten Gusse auf dem Bruche ausnimmt u. dergl. m. - - * * * * * - -Dieß wie gesagt nur als Beyspiele von bildenden Kräften im -unorganisirten Naturreiche. - -Nun zum wahren Bildungstriebe in der belebten Schöpfung. - -Für ein unbefangnes Auge weis ich kein sinnlicheres Mittel, sich das -Daseyn und die Wirksamkeit dieses Triebes anschaulich zu machen, -als die präjudizlose Beobachtung der Entstehung und Fortpflanzung -solcher organisirter Körper, die mit einer ganz ansehnlichen Größe ein -schnelles, so zu sagen zusehends merkliches Wachsthum und eine so zarte -halbdurchsichtige Textur verbinden, daß sie vollends in sattsamen -Lichte und unter einiger Vergrößerung aufs deutlichste, klarste -durchschaut werden können. - -Ein Beyspiel der Art aus dem Gewächsreiche giebt die überaus einfache -Fortpflanzungsweise einer eben so einfachen Wasserpflanze[32], die, -zumal im Frühjahr gar häufig am Ausfluß der Röhrenwasser, an Quellen, -in Gräben, Teichen etc. zu finden ist, und deren sich auch wohl -unbotanische Leser leicht aus der bloßen Beschreibung werden erinnern -können. - -Das ganze Gewächs besteht nemlich aus einem einfachen, (nie getheilten) -meist geraden, etwa einen halben Zoll langen, feinen Faden von -hellgrüner Farbe, der gewöhnlich mit seinem untern Ende im Schlamme -eingewurzelt ist. Da aber diese Faden meist zu vielen tausenden -dicht neben einander stehen, so kriegen sie dann das Ansehen eines -feinhaarichten Pelzes vom schönsten Grün, womit oft große Strecken an -den gedachten Orten unter Wasser bewachsen sind. - -Ich habe die Fortpflanzung dieses so äußerst einfachen Wassermooßes, -in den ersten Frühlingswochen beobachtet, da sie unter meinen Augen -blos dadurch erfolgte, daß die Spitzen der Fäden zu kleinen Knöpfgen -anschwollen, die sich zuletzt von den Fäden trennten, sich in den -Zuckergläsern, worin ich kleine Klumpen dieses Mooßes in hellen Wasser -liegen hatte, zu hunderten an die Wände des Glases anlegten, und nun -im Kurzen selbst wieder eine kleine Spitze austrieben, die sich fast -zusehends immer mehr verlängerte, bis sie endlich zu einem neuen -vollständigen Wasserfaden ausgewachsen war. Binnen zweymal 24 Stunden, -von der ersten Spur des Knöpfgens auf einem alten Faden an zu rechnen, -hatte der nachher daraus erwachsene neue schon seine völlige Länge -erreicht. - -Beides, sowohl das schnelle Wachsthum, als auch die durchsichtige -Textur des Gewächses, verschafften mir den Vortheil, seine völlige -Ausbildung ganz bequem abwarten und die mindeste in seinem Innern -vorgehende Veränderung aufs genaueste und deutlichste bemerken zu -können. Das innere Gewebe dieses Mooßes ist nemlich so einfach als -seine äußere Bildung. Auch bey der stärksten Vergrößerung und im -hellesten Lichte, ist in der ganzen Pflanze schlechterdings nichts -weiter als ein feines bläsriges Gewebe, (beynahe wie ein grüner Gescht -oder Schaum) zu erkennen, das durch eine äußerst feine, kaum merkliche -äußere Haut umschlossen wird. - -Nun aber war bey aller dieser untrüglichen Deutlichkeit in allen grünen -eyförmigen am Glase anliegenden Knöpfgen, doch auch nicht eine Spur, -nicht ein Schatten irgend eines solchen als Keim eingewickelten Fadens, -als in Kurzen aus diesen Knöpfgen gebildet werden sollte, aufzufinden: --- sondern, wenn jetzt der Knopf seine Reife erlangt hatte, so trieb -er aus einem seiner beiden Enden einen kleinen Auswuchs hervor, der -blos dadurch zusehends verlängert ward, daß das im Knopf ihm zunächst -liegende bläsrige Gewebe in ihn hinüber getrieben, und er so nach -und nach immer mehr zu einem cylindrischen Faden ausgedehnt ward. So -wie aber dieser Faden sich verlängerte, so ward im gleichen Maaße der -eyförmige Knopf, kleiner, kuglichter, blaßgrüner: so daß zulezt, wenn -das Gewächs nun seine bestimmte Größe erreicht hatte, nur noch ein kaum -merklicher kleiner Wulst am untern Ende übrig blieb, der nun dem neuen -Faden statt Wurzel diente. - -Mit der gleichen anschaulichen Klarheit aber, womit sich bey dieser -Pflanze die würksame Thätigkeit des Bildungstriebes beobachten läßt, -kan sie auch bey Ausbildung mancher Thiere aufs deutlichste anerkannt -werden; besonders wiederum bey solchen, die so wie dieses Moos den -Vortheil eines schnellen Wachsthums bey einer meist durchsichtigen -Textur ihres Körpers gewähren. Dieß ist bekantlich der Fall bey den -Armpolypen, diesen wegen der Wunder die die Natur in ihnen gehäuft hat, -seit den vierziger Jahren so allgemein berühmt wordnen Geschöpfen. -Alle bekannte Gattungen derselben haben einen gallertigen Körper, der, -seine Farbe mag seyn welche sie will, grün, gelb, braun etc. doch -immer durchsichtig genug ist, um in behöriger Beleuchtung und hinter -einer guten Linse so gut wie jene Wasserfäden rein durchschaut werden -zu können. Dabey ist ihre Textur so einfach, homogen, besteht blos -aus gallertigen Körnchen, die durch eine zartere gemeinschaftliche -gallertige Grundlage zusammen gehalten werden, daß auch von dieser -Seite dem beobachtenden Auge nichts dunkel oder versteckt bleibt. -Nun und wenn denn diese Thiere lebendige Junge austreiben wollen, -so schwillt blos eine Stelle dieses ihres aus so einfachen Stoffe -gebauten Körpers ein wenig an, und aus dieser ungeformten, aber -durchsichtigen kleinen Geschwulst wird gleichsam unter unsern Augen -zuerst der cylindrische Leib des jungen Polypen und dann auch seine -Arme ausgebildet, wie von unsichtbaren Händen aus der durchsichtigen -körnichten, aber übrigens ungeformten Gallerte modelirt; und das alles -gleich in einer so ansehnlichen, schon dem bloßen Auge so deutlich -erkennbaren Größe, die, in Verbindung mit allen den angeführten -Umständen, doch auch keinen Schatten von wahrscheinlicher Vermuthung -eines präformirten Keims gestattet der da vorräthig gelegen habe und -sich nun entwickele etc. - -Ich berufe mich dreist auf das innere Gefühl eines jeden, der nur -je die Fortpflanzung an so einfach gebauten Thieren und Pflanzen -beobachtet, und sich überdem von dem im vorigen Abschnitt erwiesenen -Ungrund der so decisiv behaupteten Präexistenz des Küchelgens am -Eydotter belehrt hat; daß er nun beym Uebergange zum Zeugungsgeschäfte -der sogenannten vollkommnern oder warmblütigen Thiere, (z. B. eben bey -der strengsten Untersuchung der Phänomene am bebrüteten Küchelgen, -des Anfangs und Fortgangs seiner Ausbildung, und überhaupt so vieler -neuentstehenden, im unbebrüteten Eye gar nicht existirenden Theile[33] -etc.), selbst entscheide, zu welcher von beiden Theorien ihn seine -Ueberzeugung führt, ob zum Glauben an Präexistenz eingeschachtelter -präformirter Keime -- oder aber an einen Bildungstrieb, der das neue -Geschöpf aus dem ungeformten Zeugungsstoff der alten ausbildet. - - * * * * * - -Alles was bisher von Phänomenen des Zeugungsgeschäftes selbst zum -Erweis des Bildungstriebes gesagt worden, erhält nun aber vollends ein -neues großes Gewicht, wenn man nun zweytens auch die Phänomene der -_Reproduction_, -- dieser, zumal in unsern Tagen so berufen wordnen -merkwürdigen Kraft der organisirten Körper, zufällig verlorne Theile, -Verstümmelungen ihres Leibes, von selbst wiederum hervorzutreiben und -zu ersetzen, -- mit denselben vergleicht. - -Generation und Reproduction -- Zeugung und diese Wiederersetzung, sind -beides Modificationen ein und eben derselben Kraft: die letztre ist -nichts anders, als eine partielle Wiederholung der erstern: und ein -Licht über die eine von beiden verbreitet, muß sicher auch die andre -zugleich mit aufhellen. - -Ich habe die oben im ersten Abschnitt angeführte Erfahrung über die -Reproduction der grünen Armpolypen, seitdem oft, und immer mit dem -gleichem Erfolg wiederholt: d. h. allemal ward anfangs das kürzlich -verstümmelte Thier fast im gleichen Maaße um etwas kleiner, so wie es -seine neuen Arme oder seinen neuen Hinterleib hervortrieb. Man sah -offenbar, wie die Natur eilte, dem verstümmelten Geschöpfe nur sobald -als möglich seine bestimmte _Bildung_ wieder zu ersetzen: und daß in -der Kürze der Zeit, da unmöglich schon durch die Nahrungsmittel (die -ohnehin ein verletzter Polype nicht so häufig zu sich nimmt als ein -gesunder) sattsamer _Stoff_ zu den neuen Gliedern wieder gesammelt seyn -konnte, der Rumpf einen Theil seines noch übrigen Stoffes hergeben -muß, der sich dann mittelst des ihm beywohnenden _Bildungstriebes_ in -die Gestalt der verlornen Glieder formt, und so die zerstörte Bildung -wieder ergänzt. - -Ich weis wohl, daß sich die Verfechter der präformirten Keime, hier mit -einer Hypothese durchhelfen wollen, die doch aber in der That von allen -unwahrscheinlichen Hypothesen wohl die allerunwahrscheinlichste und -gewiß abentheurlich genannt werden darf, nach welcher nemlich „in allen -Theilen jedes Polypen zerstreuete Keime so lange eingewickelt und im -erstarrenden Todesschlaf auf Reserve liegen sollen, bis sie nach der -Phantasie eines ihnen zu Hülfe kommenden Beobachters durch den Schnitt -einer Scheere ermuntert, aufgeweckt, aus ihrem Kerker befreyt, und zur -Entwickelung angereizt würden.“ - -Nun, mit dieser wunderbaren Erklärung vergleiche man den -nackten Augenschein bey dem obgedachten und vielen andern, an -den (glücklicherweise so leicht zu durchschauenden) Armpolypen -anzustellenden Versuchen, deren ich nur gleich ein Paar noch beysetze: --- Wenn man zwey verstümmelte halbe Polypen verschiedener Art (z. B. -die vordere Hälfte eines grünen, und das Hintertheil eines braunen) im -Boden eines Spitzglases aneinander bringt, so heilen sie bekanntlich -zusammen, und stellen dann, fast wie die Chimäre der Mythologie, eine -aus verschiednen Thiergattungen zusammengesetzte Gruppe vor. -- Nach -der angeführten Theorie der Evolution, hätten aber in diesem Fall -durch den doppelten Schnitt aus den beiden verstümmelten Polypen, sich -neue Keime entwickeln müssen -- allein, dieß erfolgt nicht; sondern es -war natürlicher, daß sich zwey Hälften mittelst ihres Bildungstriebes -zusammen paßten, und in Kurzem ein gehöriges Ganzes ausmachten, als -daß jede dieser beiden Hälften erst auf die oben beschriebene Weise zu -einem besondern Thiere wieder hätte ausgebildet werden sollen. - -Noch auffallender aber wird beides die Unwahrscheinlichkeit der -vermeynten präformirten Keime und hingegen die Würksamkeit des -Bildungstriebes bey dem bekannten Versuch, da man einen Armpolypen -nicht in Stücken oder entzwey zerschneidet, sondern ihm nur mit einer -feinen Scheere den Bauch der Länge nach aufschneidet und ausbreitet, -so daß er alsdann gar keine Bauchhöle mehr hat, und sein Körper keine -cylindrische Röhre, sondern ein flaches Streifgen Gallerte, wie ein -Riemgen, vorstellt. -- Statt daß nun alsdann durch den Schnitt an -beiden Seitenrändern dieses Riemgens zahlreiche vermeynte Keime in -Freyheit gesetzt werden, und sich entwickeln sollten, so erfolgt -hingegen blos einer von den beiden Fällen, die sich von selbst nach -der Würksamkeit des Bildungstriebes erwarten lassen -- entweder -nemlich, der aufgeschlitzte Polype _rollt_ sich wieder in seine vorige -Gestalt zusammen, so daß die wunden Seitenränder einander wieder -berühren und zusammen wachsen: oder aber wenn er als ein flaches -Riemgen ausgebreitet bleibt, so schwillt er nach einiger Zeit auf, -wird gleichsam aufgeblasen, und es bildet sich nach und nach in seinem -Innern eine neue _Bauchhöle_, so daß er auch dann binnen kurzer Zeit -seine angestammte Gestalt ergänzt erhält. - -In diesen beiden angeführten und vielen andern Fällen, braucht gar -kein _neuer Stoff_ erzeugt, -- sondern nur die zerstörte _Bildung -wieder hergestellt_ zu werden: eine Art von Reproduction, die um so -sorgfältiger von den übrigen unterschieden und abgesondert werden -muß, je weniger sie sich mit den prätendirten Keimen vergleichen -läßt, und je größer hingegen das Uebergewicht ist, das die Lehre vom -_Bildungstriebe_ durch sie erhält. - -Beym Menschen und andern warmblütigen Thieren, ist zwar die -Reproductionskraft bey der größern Mannichfaltigkeit des Stoffes woraus -ihr Körper gebaut ist, und bey der Verschiedenheit der Lebenskräfte -womit die verschiednen Arten von jenem Stoff belebt sind, und bey der -Einwürkung worin sie aufeinander stehen, ungleich eingeschränkter, -als freylich bey den Armpolypen. Und doch zeigen sich auch bey ihnen -zuweilen Reproductionsfälle, die alles das, weshalb die vorigen von -den Polypen hier angeführt waren, aufs unverkennbarste bestätigen. -Man hat z. B. mehr als einmal gesehen, daß bey Menschen die Nägel -der Finger, wenn auch selbst die vordern Gelenke von diesen amputirt -worden, nichts desto weniger sich an den verstümmelten Enden der -hintern Glieder wiederum erzeugt haben[34]. Es wäre eine starke -Zumuthung jemand überreden zu wollen, daß die Natur vorläufig auf -solche Amputationsfälle gerechnet, und daher längst der ganzen Finger -und Fuszehen Keime zu Nägeln auf solchen Nothfall ausgesäet hätte etc. -Und wie natürlich erklärt sich nicht hingegen die ganze Erscheinung -wenn man sie aus der Wirksamkeit des Bildungstriebes herleitet, dessen -Tendenz, die äußersten Extremitäten des Körpers, nemlich die Enden -der Finger und Fuszehen durch hornichte Nägel zu begrenzen, stark -genug ist, um sie im Nothfall auch sogar an ungewöhnlichen Stellen zu -reproduciren. - -Eine andere eben so bekannte und hier eben so sprechende Erfahrung ist -die, wo die Natur den Verlust eines Glieds dessen mannichfaltigen -Stoff sie nicht vollkommen hätte ersetzen können, dennoch mittelst -einer einfachern etwa knorplichten oder knochichten Substanz zu -vergüten sucht, die durch die Kraft des Bildungstriebes in die Gestalt -des verlornen Glieds geformt, und so wenigstens zu einigen Gebrauch -geschickt gemacht wird. So hat der berühmte Wundarzt ~Morand~ einen -Hasen beschrieben, dem lange vor seinem Tode einmal der eine Vorderfus -war abgeschossen worden, den ihm die Natur wenn gleich nicht _quoad -materiem_ doch wenigstens _taliter qualiter quoad formam_ durch ein -Surrogat, nemlich durch eine pfotenförmige Knochenmasse, die sie -hervortrieb, zu ersetzen gesucht hatte[35]. - -Wenn, wie ich mir schmeichle, schon die wenigen ausgehobnen -Phänomene der Zeugung und Reproduction die unleugbare Existenz -des Bildungstriebes überhaupt darthun, so giebt es nun unter den -zahllosen übrigen verschiedene, die dann ferner dazu dienen können, -die Würkungs-_Art_ dieser wichtigen Lebenskraft und gleichsam einige -ihrer _Gesetze_ näher zu bestimmen; und so glaube ich lassen sich vor -der Hand wenigstens nachstehende, als simple Resultate ungezweifelter -Erfahrungen angeben: - - -I. _Die Stärke des_ Bildungstriebes _steht mit dem zunehmenden Alter -der organisirten Körper in umgekehrten Verhältnis._ -- Denn, so -ausgemacht es z. B. ist, daß es wie oben gedacht, immer eine bestimmte -Zeit braucht, bevor sich die erste Spur der neuempfangnen Frucht -zeigen kan, eben so ausgemacht ist es hingegen, daß auch sogleich nach -Verlauf dieser Zeit die Ausbildung derselben zum Erstaunen schnell -und eiligst vor sich geht. Insgemein werden zwar die frühzeitigen -menschlichen Embryonen sehr unförmlich abgebildet: allein die -Schuld mag wohl mehr an den Zeichnern, oder auch daran liegen, daß -dergleichen Abortus etwa äußere Gewalt erlitten, verdruckt, entstellt -und unkenntlich worden, oder schon angefangen in Fäulnis zu gehen, und -dadurch viel von der ausnehmenden Eleganz verloren haben, die man sonst -an ihnen bewundern muß. Ich besitze dergleichen so ungemein saubere -menschliche Leibesfrüchte aus den ersten Monaten der Schwangerschaft, -zumal einige, die ich der Güte meines theuren Freundes des Hrn. -Hofr. ~Büchner~ in Gotha verdanke, wo man z. B. bey einer aus der -fünften Woche und von der Größe einer gemeinen Werkbiene, die völligen -Gesichtszüge, jede Fingerspitze, jede Fuszehe, die Geschlechtstheile -etc. aufs deutlichste erkennen kan. - -Und eben diese frühe Würksamkeit des Bildungstriebes erstreckt sich bey -weiten nicht blos auf die äußere Gestalt der Embryonen, sondern ist in -ihrem ganzen innern Bau fast noch auffallender merklich. Ich bin über -die frühzeitige Vollkommenheit der Eingeweide u. a. Theile erstaunt, -die ich bey der Zergliederung frischer menschlicher Leibesfrüchte -aus den ersten Monaten nach der Empfängnis, gefunden habe. Nur einen -Umstand anzuführen, so war im Kopf derselben, der ohngefähr die Größe -einer Zuckererbse hatte, und dessen Gehirn noch wie ein weicher Brey -war, schon der ganze knorplichte Boden der Hirnhöle (_basis cranii_) -mit allen seinen Gruben, Oeffnungen und Hügeln aufs schärfste und -deutlichste ausgewirkt, obgleich weder am Keilbein, noch am Felsenbein -etc. auch nur die mindeste Spur eines Knochenkerns zu finden war. - -So wenig nun bey Voraussetzung der präformirten Keime abzusehen -ist, was sie so lange Zeit, nachdem sie an den Ort ihrer Bestimmung -angelangt, befruchtet, und zur Entwickelung angereizt sind, -demohngeachtet davon zurückhalten kan; eben so wenig steht zu -begreifen, warum sie nun nach dieser räthselhaften Pause mit einem -mal so plötzlich und gleich zu einer so ansehnlichen Größe sich -auswickeln sollen u. s. w. Hingegen hat es nach dem was oben von der -nöthigen Vorbereitung der Zeugungssäfte, bevor der Bildungstrieb in -ihnen rege werden kan, gesagt worden, nichts schwieriges, daß alsdann -dieser neu erregte Trieb in seiner vollen Stärke, in aller seiner noch -ungetheilten Thätigkeit die Grundlage der Bildung des neuen Geschöpfs -so schnell bewirken kan. - -Wie aber auch selbst noch nach der Geburt das gleiche umgekehrte -Verhältnis zwischen der Stärke des Bildungstriebes und dem zunehmenden -Alter statt habe, ist aus der vorzüglichern Leichtigkeit der -Reproductionsversuche bey jugendlichen Thieren, jungen Wassermolchen -etc. bekannt. - - -II. _Wiederum ist dieser frühe_ Bildungstrieb _doch bey den -neuempfangenen Säugethieren noch ungleich stärker, als bey dem -bebrüteten Küchelgen im Eye._ Beym Hühnchen z. B. zeigt sich die -allererste Spur der neugebildeten Rippen erst in der 192ten Stunde -des Bebrütens. Dieser Termin aber, wenn die ganze Brützeit der Henne -mit der Schwangerschaft im Menschengeschlecht verglichen wird, fällt -ohngefähr mit der 16ten Woche derselben zusammen. Allein ich besitze -selbst menschliche Embryonen in meiner Sammlung, die nicht viel größer -als eine gemeine Ameise, die folglich höchstens in die 5te Woche -nach der Empfängnis zu setzen sind, und bey welchen sich dennoch die -knorplichte Grundlage der bogenförmigen scharfausgewirkten Rippen aufs -allerdeutlichste erkennen läßt. Es scheint die Natur eilt bey den -lebendig gebärenden Thieren der Frucht so früh als möglich gleich -bestimmte Ausbildung zu geben, und sie dadurch für vielen zufälligen -Verunstaltungen von gewaltsamen Druck u. a. dergl. Gefahren zu sichern, -denen hingegen das in seiner Eyerschaale festverwahrte Küchelgen bey -weiten nicht so leicht ausgesetzt ist. - - -III. _Aber auch bey Formation der einzelnen Theile des organisirten -Körpers ist der_ Bildungstrieb _bey manchen derselben von einer -festern, bestimmtern Wirksamkeit, als bey andern._ -- So hat z. B. -der alte, aber um die Physiologie unendlich verdiente ~Conr. Vict. -Schneider~ angemerkt, daß das Gehirn fast immer seine Bildung so -constant erhalte[36]. Wie unendlich häufiger sind hingegen die -Varietäten in der Gestaltung der Nieren, der Milchsaftröhre u. dergl. - - -IV. _Unter die mancherley Abweichungen des_ Bildungstriebes _von -seiner bestimmten Richtung gehört vorzüglich diejenige, wenn er bey -Bildung der_ einen _Art organischer Körper, die für eine_ andere _Art -derselben bestimmte Richtung annimmt._ -- So glaube ich mir einige -räthselhafte Phänomene erklären zu können, davon ich nicht absehe, -wie sie je nur irgend leidlich mit der Einschachtelungshypothese der -präformirten Keime sollten verglichen werden können. -- Bekanntlich -haben die Weiber nach dem ordentlichen Lauf der Natur zur Aufnahme -ihrer neuempfangnen Frucht ein einfaches Organ. Die mehresten übrigen -weiblichen Säugethiere hingegen ein doppeltes. Nun aber sind die Fälle -nicht selten, wo man auch bey Frauenzimmern einen förmlichen solchen -thierischen _vterus bicornis_ gefunden, so daß es dann von dieser -Seite geschienen, als wenn würklich die Iphigenia verschwunden, und -ein Reh an ihre Stelle gezaubert wäre. Irre ich nicht, so giebt hier -dieses vierte Gesetz des Bildungstriebes den Schlüssel dazu. -- Auch -die so oft bemerkten Beyspiele von gehörnten Haasen mit vollkommen -ausgebildeten kleinen Rehgeweihen auf dem Kopfe würde ich hieher -rechnen. Und vielleicht läßt sich eben dahin manche sonst räthselhafte -Abweichung im Bau gewisser Gewächse zählen, wie z. B. die von -~Gleditsch~ beschriebene Erle mit Eichenblättern etc.[37] - - -V. _Eine andre eben so merkwürdige Abweichung des_ Bildungstriebes -_ist, wenn bey Ausbildung der Sexualorgane, die beym_ einen _Geschlecht -mehr oder weniger von der Gestaltung des_ andern _annehmen._ Man hat in -unsern sceptischen Zeiten auch die Möglichkeit der Zwittergestaltung -beym Menschen u. a. warmblütigen Thieren zu bezweifeln beliebt. Und -doch hat Hr. ~von Haller~ hier in Göttingen und neuerlich Hr. ~Joh. -Hunter~ in London u. a. m. die genauesten Zergliederungen von Thieren, -zumal aus dem Ochsen- und Ziegengeschlechte gegeben, die über die -ausgemachte Würklichkeit solcher Zwittergestaltungen keinen Zweifel -mehr übrig lassen. In keinem dieser Fälle sind zwar würklich die -wesentlichsten Zeugungstheile der beiden Geschlechter, z. B. männliche -Geilen und weibliche Eyerstöcke, deutlich und vollkommen im gleichen -Individuo verbunden; sondern die Hauptbildung stellt immer die -Genitalien des einen von beiden Geschlechtern dar, offenbar aber zeigen -sich dabey im einen oder dem andern Theil die unverkennbarsten Spuren -von unvollkommnern Entwürfen zum Bau einiger Sexualorgane des andern. -Meist nemlich liegen inwendig wahre männliche Organe, und die äußern -hingegen haben dabey mehr oder weniger Aehnlichkeit mit den weiblichen. - - -VI. _Wenn aber endlich der_ Bildungstrieb _nicht blos wie in -den vorigen Fällen eine_ fremdartige, _sondern eine_ völlig -wiedernatürliche _Richtung befolgt, so entstehen_ eigentlich sogenannte -+Misgeburten+. -- Und dennoch ergiebt sich bey einer nähern Beleuchtung -aus der bewundernswürdigen Gleichförmigkeit die unter vielen Arten -von Monstrositäten herrscht, daß doch auch selbst die Ursachen, die -in diesen Fällen dem Bildungstriebe die falsche Richtung geben, -dennoch an sehr bestimmte Gesetze gebunden seyn müssen. Wer nur irgend -Gelegenheit gehabt hat, eine beträchtlichere Anzahl von Misgeburten -unter einander zu vergleichen, oder wer auch nur die sonst freylich so -schaalen compilirten Bilder-Bücher davon mit einiger Aufmerksamkeit -durchblättert hat, dem kan die auffallende Gleichheit nicht entgangen -seyn, mit welcher diese oder jene Art von Monstrosität sich immer -selbst bis auf Kleinigkeiten ähnlich bleibt, so daß die Stücke von so -einer Art alle wie aus einer Form gegossen scheinen. - -Und hier nun noch zuletzt abermals ein Phänomen, bey dessen -Erklärung es wieder den Lesern selbst überlassen bleiben mag, -zwischen präformirten Keimen oder Bildungstrieb zu wählen. -- -Manche thierische Misgeburten (z. B. die mit doppelten Leibern -und einem gemeinschaftlichen Kopf) sind von der Art, daß sie nach -der ausdrücklichen Behauptung des Hrn. ~von Haller~ und andrer -Verfechter der Keime nicht etwa durch das Zusammenwachsen zweyer -Keime und andere dergleichen Zufälle entstanden seyn, sondern in der -ursprünglich-monstrosen ersten Anlage eines einzelnen Keims ihren Grund -haben sollen: d. h. sie waren schon von je als Misgeburt präformirt. -Nun aber -- sind diese Misgeburten unter gewissen _Hausthieren_ -so gemein, und doch unter den wilden Thieren _derselben Art_ fast -unerhört. Soll das also der Schöpfer so prädestinirt haben, daß von -den in einander geschachtelten Keimen einer Gattung von Thieren, z. B. -von Schweinen, die monstrosen gerade dann erst an die Reihe der -Entwickelung kämen, wenn der Mensch sich diese Thiere unterjocht haben -würde; und daß diese Keime zu Misgeburten dann auch gerade blos den -unterjochten und nicht den zu gleicher Zeit wild lebenden Individuis -zur Entwickelung anheim fallen müßten. - -Hingegen hat es hoffentlich nichts wiedersinniges anzunehmen, daß nach -der Unterjochung der Hausthiere, wodurch ihr ganzes Naturel gleichsam -umgeschaffen worden, ihre ganze körperliche Oekonomie so viele -Veränderung erlitten; daß dann auch ihr Bildungstrieb etwas von seiner -sonstigen Bestimmtheit verloren hat, und daß folglich diese Thiere, -so wie sie dadurch in zahllose _Spielarten_ degeneriren, so auch den -Monstrositäten häufiger unterworfen seyn können. - - * * * * * - -Dieß wären dann meines Bedünkens die vorzüglichern Beobachtungen -und Erfahrungen, die zum Erweis des Bildungstriebes und der nähern -Bestimmung einiger seiner Gesetze dienen können, und die mich immer -mehr und mehr von der sonst von mir beyfälligst bewunderten Theorie -der eingeschachtelten Keime zurückgebracht und eben auf diese ihr -sehr entgegengesetzte Bahn geführt haben. Mit aller Hochachtung für -den behutsamsten philosophischen Scepticismus, konnte ich bey einem -solchen Ueberwicht von augenscheinlichen Gründen doch unmöglich meiner -sinnlichen Ueberzeugung entgegen kämpfen; unmöglich bey solchen -Beobachtungen so wie dort die gute Matrone in den Erzählungen der -~Margarethe~ von Navarra, -- da sie auch eine unerwartete, und ihrem -sonstigen System wiedersprechende Beobachtung machte die auf den -Bildungstrieb einen sehr directen Bezug hatte, -- ausrufen: „Behüte -mich der Himmel, daß mein Herz nicht etwa glaubt, was meine Augen -sehen!“ - - - [31] „_Démontrer une erreur, c’est plus que découvrir une verité: car - l’on peut ignorer beaucoup; mais le peu que l’on sait, il faut - au moins le savoir bien._“ in der Vorrede zum _Ess. anal. des - fac. de l’ame_. - - [32] Eine Gattung _Wasserfaden_, die ~Linné~ die _Brunnenconferve_ - (_+conferva+ fontinalis_) nennt. - - [33] Wie z. B. _nidus pulli_, _bulla_, _amnion_, _figura venosa_ etc. - - [34] ~Pechlin~ und ~Tulp~ haben dergleichen Fälle beschrieben. - - [35] „_c’etoit_“, wie er sich ausdruckt „_une espèce de jambe de - bois, dont la nature seule avoit fait les frais_.“ - - [36] „_In corpore humano_“ sagt er „_nulla pars faciem suam rarius - mutat quam cerebrum._“ - - [37] _+Betula+ alnus quercifolia._ s. ~Gleditsch~ _hinterlaßne - Abhandl. das practische Forstwesen betreffend_. - - -[Illustration] - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Über den Bildungstrieb, by -Johann Friedrich Blumenbach - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DEN BILDUNGSTRIEB *** - -***** This file should be named 61997-0.txt or 61997-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/9/9/61997/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. -This file was produced from images generously made available -by the Universitätsbibliothek Tübingen -(http://idb.ub.uni-tuebingen.de/digitue/tue/). - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Über den Bildungstrieb - -Author: Johann Friedrich Blumenbach - -Release Date: May 2, 2020 [EBook #61997] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DEN BILDUNGSTRIEB *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. -This file was produced from images generously made available -by the Universitätsbibliothek Tübingen -(http://idb.ub.uni-tuebingen.de/digitue/tue/). - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1789 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Rechtschreibung weicht teilweise stark von den heutigen Gewohnheiten -ab; dennoch wurde die Original-Schreibweise beibehalten, solange der -Text dadurch nicht missverständlich wird.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im Text als -deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die Fußnoten wurden -der Übersichtlichkeit halber an das Ende der betreffenden Abschnitte -versetzt.</p> - -</div> - -<p class="s3 center padtop3 break-before">Ueber den</p> - -<p class="s2 center padbot3">Bildungstrieb.</p> - -<p class="s3 center mtop3 break-before padtop3">Joh. Fr. Blumenbach</p> - -<p class="center">Prof. zu Gött. und Kön. Großbrit. Hofrath</p> - -<h1 title="Über den Bildungstrieb"><span class="s7">über den</span><br /> -Bildungstrieb.</h1> - -<div class="figcenter"> - <a id="bruet-henne" name="bruet-henne"> - <img class="w20em padtop2" src="images/bruet-henne.jpg" alt="Brüt-Henne" /></a> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="titel_trenn" name="titel_trenn"> - <img class="w22em padtop2" src="images/titel_trenn.jpg" alt="Trennleiste" /></a> -</div> - -<p class="s3 center">Göttingen</p> - -<p class="s4 center">bey Johann Christian Dieterich.</p> - -<p class="s4 center">1789.</p> - -<p class="p0 padtop3 mtop3 break-before"><span class="initial">I</span>ch habe seit der Zeit, da ich den ersten Aufsatz über den -Bildungstrieb im Göttingischen Magazin bekannt gemacht, keine -Gelegenheit versäumt, diesen Gegenstand durch Beobachtungen und -Nachdenken weiter zu verfolgen und in helleres Licht zu setzen, glaube -auch alles Wichtige gelesen, geprüft und benutzt zu haben, was von -andern seitdem für oder wider denselben in Schriften geäusert worden, -und habe gesucht den Kern aus dem, was ich schon davon bekannt -gemacht, und die Resultate meiner fernern zeitherigen Untersuchungen -darüber, in diesen Blättern zusammen zu fassen: und sie bey diesen -wesentlichen Vorzügen auch gleich im Aeusern von den vorigen unreifern -Ausgaben gänzlich auszuzeichnen. Göttingen, den 28ten Jan. 1789.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Deutung_der_Kupfer-Verzierungen"><i>Deutung der -Kupfer-Verzierungen.</i></h2> - -</div> - -<p>1. <a href="#bruet-henne">Auf dem Titel</a>, eine Brüt-Henne als Symbol des Bildungstriebes im -Thierreich.</p> - -<p>2. <a href="#kopfleiste">Auf der Anfangsleiste S. 1.</a> ein aufkeimend Saamenkorn als Bild -dieses Triebes im Gewächsreich. Nach einer alten silbernen Münze von -Reggio in Calabrien beym G<span class="smaller">OLTZ</span>.</p> - -<p>3. <a href="#ende">Am Schluß S. 108.</a> eine anständige und doch wie Naturkenner -wissen, sehr bedeutungsvolle Vorstellung des Genusses, der dann den -Bildungstrieb zur Folge hat.</p> - -<div class="chapter mtop3"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="kopfleiste" name="kopfleiste"> - <img class="mtop3" src="images/kopfleiste.jpg" alt="Kopfleiste" /></a> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Erster_Abschnitt">Erster Abschnitt.</h2> - -</div> - -<div class="inhalt"> - -<p>Von den verschiednen Wegen die man eingeschlagen hat, zu einigem -Aufschluß über das Zeugungsgeschäfte zu gelangen.</p> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>as geht im Innern eines Geschöpfes vor, wenn es sich der süßesten -aller Regungen überlassen hat, und nun von einem zweyten befruchtet -einem dritten das Leben geben soll?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> - -<p>Nicht leicht wird eine Frage dieser Art genannt werden können, die so -allgemein und so zu allen Zeiten die heiße Neugierde des Menschen, -gereizt haben muß, als eben diese. Denn so abentheuerlich es auch sonst -scheint, die Betrachtungen und Reflexionen des ersten Menschenpaars -bestimmen zu wollen, so natürlich bleibt doch die Voraussetzung, -daß dieses uns allen eben durch die Befolgung jenes süßesten -unwiderstehlichsten Triebes so wichtig gewordne Paar sehr bald erst zum -Staunen und dann zum Nachsinnen gekommen seyn mag, wie es allgemach -bemerkte, was dieselbe für eine große Wirkung — eine gleichsam -wiederholte Schöpfung — nach sich ziehe. So geläufig ihm aber gar bald -diese Erfahrung werden mußte, so sehr demüthigt es das menschliche -Wissen, daß die Urenkel jenes Paars nach so langen Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span>tausenden -über die <i>Erklärung</i> dieser Erfahrung noch so weniges befriedigendes -Licht haben verbreiten können, ungeachtet dieselbe in der Folge gar -bald der allgemeinste Gegenstand für Untersuchung der nachdenkenden -Köpfe geworden zu seyn scheint. Wenigstens betrifft das was noch -von Bruchstücken physiologischer Lehren und Meinungen der ältesten -Weltweisen und Aerzte<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> bey spätern Schriftstellern aufbewahrt -worden, großentheils Untersuchungen über das Geheimnis der Zeugung: -und seitdem vollends ist in der Litterargeschichte der Philosophie und -Arzneywissenschaft keine Periode, worin sich nicht immer andre Männer -auf die weitere Verfolgung derselben eingelassen haben sollten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> - -<p>Selbst in den düstern Jahrhunderten des mittlern Zeitalters, wo sonst -aller übrige Forschungsgeist im tiefen Schlummer der Mönchsbarbarey -versenkt lag, wachte doch immer die rege Neugierde über diesen -Gegenstand, so daß uns von den geistlichen Herren jener Zeit noch -manche sehr fleischlich abgefaßte Bücher übrig sind<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, die zum Beweise -dienen, wie sehr sie sich auch die Theorie desselben haben angelegen -seyn lassen.</p> - -<p>Kein Wunder also, daß sich auch die Generations-Systeme, die Versuche -das große Problem zu lösen, nach und nach fast ins Unendliche<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> -mehrten, und kein Zugang unbetreten blieb, wenn man nur irgend wähnen -konnte, daß er zu einem Aufschluß hierüber führen werde, so daß dann -freylich auch der offenbarsten Irrwege in keinem andern Felde der -Naturwissenschaft so viele geworden sind, als eben hier.</p> - -<p>Schon B<span class="smaller">OERHAAVE</span>’<span class="smaller">S</span> Lehrer, -D<span class="smaller">RELINCOURT</span>, hat allein -262 grundlose Hypothesen über das Zeugungsgeschäfte aus den Schriften -seiner Vorgänger zusammen gestellt, — und nichts ist gewisser, als daß -sein eignes System die 263<sup>te</sup> ausmacht.</p> - -<p class="mtop2">Inzwischen lassen sich doch diese unzählig-scheinenden Pfade die -man sich zu bahnen versucht hat, um zur Lösung dieses größten aller -physiologischen Räthsel zu gelangen, am Ende alle auf zwey Hauptwege -hinausführen, die neuerlich unter<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> den Namen der Evolution und der -Epigenese allgemein bekannt worden.</p> - -<p>Entweder nemlich man nimmt an, daß der reife, übrigens aber rohe -ungeformte Zeugungsstoff der Eltern, wenn er zu seiner Zeit und unter -den erforderlichen Umständen an den Ort seiner Bestimmung gelangt, -dann zum neuen Geschöpfe allmälig ausgebildet werde. Dieß lehrt die -Epigenese.</p> - -<p>Oder aber man verwirft alle Zeugung in der Welt, und glaubt dagegen, -daß zu allen Menschen und Thieren und Pflanzen, die je gelebt haben -und noch leben werden, <i>die Keime</i> gleich bey der ersten Schöpfung -erschaffen worden, so daß sich nun eine Generation nach der andern blos -zu <i>entwickeln</i> braucht. Deshalb heißt dieß die Lehre der Evolution.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<p>Allein die Art und Weise dieser Evolution selbst, hat man wieder durch -sehr verschiedne Theorien zu erklären versucht.</p> - -<p>H<span class="smaller">ERACLIT</span> nemlich (mit dem Zunamen, <i>der Düstere</i>) und -H<span class="smaller">IPPOCRATES</span> oder wer sonst der Verfasser der unter des -letztern Werken befindlichen Bücher von der Lebensordnung seyn mag, -meinten, so wie manche ihrer neuern Nachfolger, diese Keime seyen auf -und in der ganzen Erde verbreitet, wo sie so lange umherschwärmten, bis -jeder die Zeugungstheile eines seiner schon entwickelten Brüder von -seiner Art anträfe, in ihnen gleichsam Wurzel schlagen, seine bisherige -Hülle abwerfen, und nun selbst zur Entwickelung gelangen könne.</p> - -<p>Diese Theorie hat aber außer dem (hier freylich am wenigsten -blendenden) Ansehen des H<span class="smaller">IPPOCRATES</span><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> so schlechterdings -nichts vor sich, sondern ist so ganz blos aus den abentheuerlichsten -willkührlichsten Voraussetzungen aufgebaut, daß man nicht absieht, -was für irgend eine Hypothese man sich als unwahrscheinlich versagen -dürfte, wenn man sich eine solche, wie diese sogenannte <i>Panspermie</i>, -erlauben wollte. — Auch entschuldigt unser sel. G<span class="smaller">ESNER</span> -den Aufwand von Gelehrsamkeit, womit er diesen Roman beym -H<span class="smaller">IPPOCRATES</span> commentirt hat, blos mit dem Bonmot der Königin -C<span class="smaller">HRISTINA</span>: daß die Grillen der Alten immer doch eben soviel -werth seyen, als die Grillen der Neuern.</p> - -<p>Mehr Beyfall haben zwey andere Evolutionstheorien erhalten, nach -welchen beiden die Keime nicht umherschwärmen, sondern fein ruhig in -einander geschachtelt und<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> bey der ersten Schöpfung gleich in die -ersten Stammeltern gelegt seyn sollten, so daß nun eine Generation -derselben nach der andern durch die Paarung oder Befruchtung zur -Entwickelung gelange. Der Unterschied zwischen beiden Theorien war blos -der, daß diese Keime nach der einen beym Vater, nach der andern aber -bey der Mutter liegen sollten.</p> - -<p>Wie nemlich im vorigen Jahrhundert die Vergrößerungsgläser -erfunden waren, und sich hiedurch Aussichten in eine neue Welt von -microscopischen Geschöpfen öffneten, so war bey der Neuheit dieser -Erfindung und der Leichtigkeit ihres Gebrauchs nichts natürlicher als -daß man nun aufs gerathewohl tausenderley Objecte unters Microscop -brachte, das so sehr mannichfaltige große Ueberraschungen gewährte.<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> So -besah auch unter andern ein junger Danziger L<span class="smaller">UDW</span>. -<span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">AMMEN</span>, -der damals in Leiden Medicin studirte im Aug. 1677 einen Tropfen -männlichen Saamen von einem Hahn, den er eben geöffnet hatte, unter -seinem Glas, und erstaunte diesen Tropfen als einen Ocean zu erblicken, -der von unzähligen flinken, raschen kleinen Thierchen belebt war. -Diese unerwartete Erfahrung bestätigte sich im reifen Saamen anderer -männlichen Thiere, und nun glaubte man in diesen Saamenwürmchen die -Keime zu künftigen vollkommnen Geschöpfen und mit ihnen folglich auch -den Schlüssel zum Geheimnis der Zeugung gefunden zu haben. Nun begreife -ich zwar nicht wie Naturforscher und Physiologen von Profession den -Saamenthierchen die willkührliche Bewegung und überhaupt die Animalität -haben absprechen können: aber noch weit unbegreifli<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>cher ist es, wie -andre Männer diese in einem stagnirenden thierischen Safte, (so wie -ähnliche Infusionsthierchen in andern Säften) zu erwartenden Würmchen -zu beseelten Keimen künftiger Menschen und Thiere haben hinaufwürdigen -und erheben dürfen.</p> - -<p>Ohne die längst bekannten, aber nie nur leidlich gehobnen Zweifel -zu wiederholen, die sich gegen eine so seltsame Behauptung empören, -so begnüge ich mich hier nur einige wenige Bedenklichkeiten -hinzuzusetzen, die doch auch ungelehrten Lesern diese vorgegebne Würde -der Saamenthierchen sehr verdächtig machen müssen. So z. B. daß die -Würmchen im Saamen der nächstverwandten Thiere in ihrer Bildung so -gänzlich von einander verschieden, und andre, von den unähnlichsten -Thieren einander so auffallend ähn<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>lich sind! Es kan kaum eine -größere Unähnlichkeit geben, als die zwischen den Saamenthierchen des -Frosches beym Hrn. <span class="smaller">VON</span> G<span class="smaller">LEICHEN</span> und denen vom Wassermolch -bey Hrn. S<span class="smaller">PALLANZANI</span>. Hingegen kan die Aehnlichkeit zwischen -zwey Wassertropfen nicht täuschender seyn, als die zwischen den -Saamenthierchen des Menschen und des Esels in den Kupfern des erstern -von jenen beiden Beobachtern.</p> - -<p>Eben dieser neuerliche, und hoffentlich letzte Verfechter jener Würde -der Saamenthierchen, hat beym Frosche gar zweyerley Arten dieser -Würmchen zugleich im gleichen Tropfen gesehen — und doch sind wiederum -beide von derjenigen Gattung die R<span class="smaller">ÖSEL</span> im Froschsaamen -gesehen, gleich weit verschieden! und jene haben sich noch dazu in den<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> -Nieren so gut, wie in den Saamenbläsgen gefunden etc.</p> - -<p>Lauter Erscheinungen, die die zufällige Unbestimtheit dieser fremden -<i>Gäste</i> des männlichen Saamens so sehr erweisen, und die ihnen -aufgedrungene Würde so ganz vernichten, daß man wenigstens eben so -leicht hoffen darf mit dem sittsamen P<span class="smaller">ARACELSUS</span><a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> und -dem Mahler<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> G<span class="smaller">AUTIER</span><a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> aus bloßem männlichen Saamen einen -vollkommnen menschlichen Embryo hervorzubringen, als ihn mit dem -berühmten Academisten H<span class="smaller">ARTZOEKER</span><a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> in jedem menschlichen -Saamenthierchen völlig schon so wie nachher im Mutterleibe krumm -zusammen gebogen sitzen zu sehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<p>Schon vor Entdeckung der Saamenthierchen hatte ein sonst wenig -bekannter Mann J<span class="smaller">OSEPH</span> <span class="smaller">DE</span> A<span class="smaller">ROMATARIIS</span> einen dritten Weg -eingeschlagen, das Zeugungsgeschäfte durch Evolution zu erklären, -denjenigen nemlich, der auf die vorgeblichen im mütterlichen Eyerstock -längst vor der Empfängnis zur Entwickelung vorräthig liegenden -präformirten Keime hinausläuft. Auch S<span class="smaller">WAMMERDAM</span> hat ihn -betreten, doch blieb er im ganzen, vollends seit nun die Saamenwürmchen -das große Aufsehn machten, wenig besucht, bis er mit einem Male in -neuern Zeiten durch die Bemühungen der großen Männer H<span class="smaller">ALLER</span> -und B<span class="smaller">ONNET</span> am gangbarsten von allen gemacht ward.</p> - -<p>Nach <i>dieser</i> Evolutionstheorie haben wir, so wie das ganze -Menschengeschlecht in den beiden Eyer<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>stöcken unserer ersten -Stamm-Mutter in einander geschachtelt und wie im tiefsten Todesschlaf -versenkt beysammen gelegen. Zwar sehr im Kleinen, als Keime, aber, -versteht sich, als präformirte, völlig ausgebildete Miniaturen. -Denn, sagt Hr. <span class="smaller">V</span>. H<span class="smaller">ALLER</span>, “<i>alle Eingeweide und die Knochen -selbst waren schon vorhero gebaut gegenwärtig, obgleich in einem fast -flüssigen Zustande</i>.” Was man Empfängnis nennt, ist nichts als das -Erwachen des schlaftrunknen Keims durch den Reiz des auf ihn wirkenden -männlichen Saamens, der sein Herzchen zum ersten Schlage antreibt -u. s. w. Auch hat uns daher vor Kurzem einer der neuesten Verfechter dieser -Theorie, ein berühmter Genfer Naturforscher, mit nichts geringerm, -als einem Entwurf der Geschichte der organisirten Körper <i>vor ihrer -Befruchtung</i>, beschenkt, und uns darin belehrt, daß wir 1) alle<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> weit -älter sind als wir geglaubt hatten; daß 2) alle Menschen in der Welt -von gleichem Alter sind, der Großvater nicht um einen Tag älter als -sein neugeborner Enkel etc. und daß sich 3) dieses ehrwürdige Alter -aller Menschen, die gegenwärtig auf dem Erdenrund leben, nahe gegen -6000 Jahre erstreckt. — Auch tritt er ganz der Meinung bey, die schon -B<span class="smaller">AZIN</span> behauptet, daß wir seit der lieben langen Zeit da wir -mit Cain und Abel und den 200,000 Millionen übrigen Menschen zusammen -steckten, die der gemeinen Rechnung nach, seitdem vor uns dahin -gegangen sind <i>quo pius Aeneas quo Tullus diues et Ancus</i>, kurz seit -der ersten Schöpfung, zwar <i>incognito</i> und schlaftrunken, aber doch -nicht ganz ohne Bewegung brach gelegen haben, und daß wir während der -57 Jahrhunderte eh uns die Reihe traf, daß wir durch den oberwähn<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>ten -Reiz entwickelt wurden, doch immer nach und nach sachte gewachsen sind: -wir konnten uns nemlich bey Cains Schwester schon ein bißgen mehr -ausdehnen, als bey ihrer Mutter, wo sie selbst nebst ihren Geschwistern -noch bey uns lag und uns den Raum beengte; und so kriegten wir mit -jeder neuen Entwickelung eines unsrer Vorfahren ein geräumiger Logis, -und das that uns wohl, da streckten wir uns immer mehr und mehr, bis -endlich die Reihe der Entwickelung auch an uns kam!</p> - -<p>So abentheuerlich romanhaft diese letztern Behauptungen scheinen mögen, -so fließen sie doch im Grunde ziemlich natürlich aus den Grundsätzen -jener Theorie. Für diese Grundsätze selbst aber führten die Verfechter -derselben, Hr. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span>, -Hr. S<span class="smaller">PALLANZANI</span> etc.<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> -Erfahrungen und Beobachtungen an, die wir im nächsten Abschnitt näher -beleuchten werden, die aber auf den ersten Blick so einleuchtend und -entscheidend scheinen, daß sich der allgemeine Beyfall doch ganz wohl -begreifen läßt, womit, zumal in den letztern 30 Jahren, die Präexistenz -der präformirten Keime im weiblichen Eye lange vor ihrer Befruchtung -und Entwickelung, aufgenommen wurde. Auch ich habe ihr vorhin -beygepflichtet, habe sie gelehrt und in mehreren Schriften vertheidigt, -so daß in so fern hier diese Blätter das Geständnis eigner Irthümer -enthalten, denen ich nichts mehr wünsche, als was Hr. <span class="smaller">DE</span> L<span class="smaller">UC</span> -irgendwo sagt: “ein verbesserter Irthum wird oft zu einer ungleich -wichtigern Wahrheit, als manche positive Wahrheiten, die unmittelbar -als solche anerkannt worden.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Der unerwartete Erfolg eines kleinen Versuchs den ich doch recht in der -Absicht angestellt hatte, um die Richtigkeit jener Evolutionstheorie -und den Ungrund der allmäligen Bildung zu erweisen, brachte mich erst -zum Scheideweg zurück und öffnete mir bald eine neue der vorigen sehr -entgegengesetzte Bahn. Wer so wieder die Natur kämpft, dem geht’s doch -leicht bey einem unversehenen Blick in ihre enthülltern Reize, wie -dort dem Menelaus, da er ausgegangen war sein Schwerd gegen Helena zu -zucken: kaum sah sein Auge den Busen den er durchbohren wollte, so -sank sein gewaffneter Arm, und es war nun nicht um sie, sondern um ihn -geschehen<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p>Der Anlaß zu jenem Versuch war der: Ich fand, da ich einige Ferientage -auf dem Lande zubrachte, in einem Mühlbache eine Art grüner Armpolypen, -die sich durch einen langgestreckten spindelförmigen Körper, und kurze -meist steife Arme von der gemeinen grünen Gattung auszeichneten, und -mit deren Wundern ich meiner Gesellschaft einen Theil ihrer Zeit -vertreiben sollte. Theils das warme trockne Sommerwetter, noch mehr -aber die dauerhafte Constitution dieser Polypen begünstigte die -bekannten Reproductionsversuche die wir damit anstellten so, daß die -Wiederersetzung gleichsam zusehends von statten zu gehen schien. Schon -den zweyten, dritten Tag waren den verstümmelten Thieren wieder Arme, -Schwänze u. s. w. angewachsen; nur bemerkten wir immer sehr deutlich, -daß die neuergänzten<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Polypen bey allem reichlichen Futter, doch weit -<i>kleiner</i> als vorher waren: und ein verstümmelter Rumpf, so wie er die -verlornen Theile wieder hervortrieb, auch im gleichen Maaße, recht -sichtlich einzukriechen, und kürzer und dünner zu werden schien -u. s. w.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<p>Einige Zeit nachdem ich wieder zur Stadt gekommen war, mußte ich einen -Menschen besuchen, der schon lange am Winddorn krank gelegen hatte. -Der Schade war<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> über dem Knie, und offen, und auch die weichen Theile -zu einer tiefen Grube ausgeeitert. Es besserte sich nachher, aber so -wie die Lücke im Fleisch nach und nach wieder mit plastischer Lymphe -zur Narbe angefüllt wurde, so senkte sich auch<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> das benachbarte -gesunde Fleisch im gleichen Grade allgemach nieder, schien gleichsam -zu schwinden, so daß endlich die Narbe in der Grube und das Fleisch -am Rande derselben wieder fast gleich standen, und jene nur noch eine -breite aber ziemlich flache Delle machten. Also <i>mutatis mutandis</i> der -gleiche Fall, wie bey meinen grünen Armpolypen aus dem Mühlgraben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> - -<p>Ich habe seit der Zeit einen großen Theil meiner Muße auf die weitere -Prüfung und Untersuchung dieser damaligen Erfahrungen verwandt, und -alles was ich darin durch Beobachten und Nachdenken gelernt habe, führt -mich am Ende zu der Ueberzeugung:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><i>Daß keine präformirten Keime präexistiren: sondern daß in dem -vorher rohen ungebildeten Zeugungsstoff der organisirten Körper -nachdem er zu seiner Reife und an den Ort seiner Bestimmung gelangt -ist, ein besonderer, dann lebenslang thätiger Trieb rege wird, ihre -bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann lebenslang zu erhalten, -und wenn sie ja etwa verstümmelt worden, wo möglich wieder -herzustellen.</i></p> - -<p><i>Ein Trieb, der folglich zu den Lebenskräften gehört, der aber<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> -eben so deutlich von den übrigen Arten der Lebenskraft der -organisirten Körper (der Contractilität, Irritabilität, Sensilität -etc.) als von den allgemeinen physischen Kräften der Körper -überhaupt, verschieden ist; der die erste wichtigste Kraft zu aller -Zeugung, Ernährung, und Reproduction zu seyn scheint, und den man -um ihn von andern Lebenskräften zu unterscheiden, mit dem Namen -des</i> Bildungstriebes (nisus formatiuus) <i>bezeichnen kan.</i></p></div> - -<p>Hoffentlich ist für die mehresten Leser die Erinnerung sehr -überflüssig, daß <i>das Wort</i> Bildungstrieb, so gut, wie <i>die Worte</i> -Attraction<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>,<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Schwere etc. zu nichts mehr und nichts weniger dienen -soll, als eine Kraft zu bezeichnen, deren constante Wirkung aus der -Erfahrung anerkannt worden, deren <i>Ursache</i> aber so gut wie die -Ursache der genannten, noch so allgemein anerkannten Naturkräfte, -für uns <i>qualitas occulta</i> ist. Es gilt von allen diesen Kräften was -O<span class="smaller">VID</span> sagt: — <i>causa latet, vis est notissima</i>. Das Verdienst -beym Studium dieser Kräfte ist nur das, ihre Wirkungen näher zu -bestimmen und auf allgemeinere Gesetze zurück zu bringen.</p> - -<p><span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">LEMBERT</span>’<span class="smaller">S</span> Nachfolger, der Hr. -M. <span class="smaller">DE</span> C<span class="smaller">ONDORCET</span> -sagt in seiner Lobrede auf unsern H<span class="smaller">ALLER</span><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> bey Gelegenheit der -Irritabilität: “Man fing wie gewöhnlich damit an, daß man die Wahrheit -der Sache läugnete; — und da das endlich doch nicht länger mit Ehren -sich thun lies, so endigte man damit, daß man nun sagte, das sey ja was -altes längst bekanntes!”</p> - -<p>Da man nun neuerlich schon scharfsichtig genug worden ist, eben die -thierische Reizbarkeit schon im H<span class="smaller">OMER</span>, und den Harveyischen -Blutumlauf im Prediger S<span class="smaller">ALOMO</span> beschrieben zu finden, so müßte -es vollends nicht gut seyn, wenn sich nicht auch zur Noth der ganze -<i>nisus formativus</i> aus allen den Werken über die Erzeugung, die seit -2000 Jahren geschrieben und nun zusammen zu keiner kleinen Bibliothek -angeschwollen sind, sollte herausdeuten lassen. Zumal da die <i>vis -plastica</i> der Alten (besonders der<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> peripatetischen Schule) bey der -Aehnlichkeit des Namens mit <i>nisus formativus</i> zu einem solchen <i>qui -pro quo</i> verleiten könnte.</p> - -<p>Es soll mich aber freuen, wenn man mir einen einzigen dieser Alten -aufstellt, der von seiner plastischen Kraft auch nur einigermaßen -die bestimmten und den Phänomenen des Zeugungsgeschäftes so genau -entsprechenden Begriffe gäbe<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>,<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> wie ich sie in diesen Blättern, -(besonders im dritten Abschnitt) vom Bildungstriebe zu geben versucht -habe.</p> - -<p>Ein sehr scharfsichtiger Physiologe Hr. C. F. W<span class="smaller">OLFF</span> in -Petersburg hat eine andre Kraft fürs Wachsthum der Thiere und Pflanzen -angenommen, die er <i>vis essentialis</i> nennt: und die ebenfalls, wenn -man sie blos vom Hörensagen kennt, auf den ersten Blick mit dem <i>nisus -formativus</i> vermengt werden könnte.</p> - -<p>Die gänzliche Verschiedenheit zwischen beiden muß aber einem jeden -einleuchten, sobald er sich die Mühe nimmt, den wahren Begriff den Hr. -W<span class="smaller">OLFF</span> selbst von seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> <i>vis essentialis</i> angiebt in seiner -<i>theoria generationis</i> nachzulesen<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>Ihm ist seine <i>vis essentialis</i> blos diejenige Kraft, wodurch der -Nahrungsstoff in die Pflanze oder in das junge Thier getrieben wird. -Dieß ist folglich zwar ein Requisit <i>zum</i> Bildungstrieb — aber bey -weitem nicht der Bildungstrieb selbst. Denn jene <i>vis essentialis</i> -wodurch die Nahrungssäfte in die Pflanze gebracht werden, zeigt -sich auch bey den unförmlichsten, widernatürlichsten, wuchernden -Auswüchsen der Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span>wächse, (an Baumstämmen etc.) wo gar kein bestimmter -Bildungstrieb statt hat. Eben so bey Mondkälbern etc.</p> - -<p>Umgekehrt kan die <i>vis essentialis</i> bey schlecht ernährten organischen -Körpern sehr schwach seyn, dem eigentlichen Bildungstriebe übrigens -unbeschadet u. s. w.</p> - -<p class="mtop2">So leid es mir thut, so bringt es doch die Natur der Sache einmal -nicht anders mit sich, als daß ich den Gründen und Erfahrungen für den -Bildungstrieb eine Wiederlegung der theils so blendenden Argumente -vorausschicken muß<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>, deren sich<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> zumal -Hr. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> zu -Gunsten der Entwickelung aus dem weiblichen Eye bedient hat. Was mir -indeß diese Abweichung von dem Manne, dessen Schriften und dessen -Briefwechsel ich so unendlich viel verdanke, erleichtern kan, ist -theils die Gewißheit, daß selbst ein großer Theil des etwanigen Guten, -welches irgend in diesen Blättern enthalten seyn mag, doch in so fern -ihm zu verdanken ist, als es durch Prüfung und weitern Verfolg seiner -Untersuchungen veranlaßt wurde, und theils die Ungewißheit, ob er -nicht selbst wohl schon auf andre<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Spuren gekommen, und in dem noch -nicht bekannt gemachten Theil seines letzten großen Werks<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> von -seiner vorigen Meinung wieder abgegangen seyn mag. Auf keinen Fall -wird aber H<span class="smaller">ALLER</span>’<span class="smaller">S</span> Ruhm das mindeste von seinem verdienten -Glanze verlieren, wenn Er auch dennoch die eingewickelten Keime ferner -behauptet, und sich der allmäligen Bildung noch weiter wiedersetzt -haben sollte; so wenig als es H<span class="smaller">ARVEY</span>’<span class="smaller">S</span> -und N<span class="smaller">EWTON</span>’<span class="smaller">S</span> -ewigen Nachruhm schwächen darf, daß Jener das Daseyn der Milchgefäße -im thierischen Körper, und Dieser die Möglichkeit der farbenlosen -Fernröhren geläugnet hat!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Wie z. B. des O<span class="smaller">RPHEUS</span>, des -P<span class="smaller">YTHAGORAS</span>, -A<span class="smaller">NAXAGORAS</span> etc.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Z. B. von Pabst -J<span class="smaller">OHANN</span> XX., von Bischof -A<span class="smaller">LBERT</span> dem Großen oder was sonst für ein ehrwürdiger -Geistlicher der Verf. des schmuzigen Büchleins von den Geheimnissen der -Weiber ist. So M<span class="smaller">ICH. S<span class="smaller">COTUS</span></span> und viele a. m.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> <i>Von Natur der Dinge an Johansen Winkelsteiner von Fryburg -im Uchtland.</i> im VIten B. der Huserschen Ausg. seiner sämtlichen Werke. -S. 263. u. f.</p> - -<p>Ein ähnliches Product beschreibt A<span class="smaller">MAT</span>. -L<span class="smaller">USITANUS</span> <i>curation. -medicinal.</i> Cent. VI. curat. 53. schol. p. 612. “<i>Certo scimus -chimico artificio puerum conflatum esse, et omnia sua membra perfecta -contraxisse, ac motum habuisse: qui cum a vase, vbi continebatur, -esset extractus, moueri desiit. Nouit haec accuratius</i> -J<span class="smaller">ULIUS</span> C<span class="smaller">AMILLUS</span>, <i>vir singularis doctrinae et rerum occultarum et -variarum hac nostra aetate magnus scrutator, et Hetrusca sua lingua -scriptor diligentissimus et accuratissimus.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Man sehe seine <i>Génération de l’homme et des animaux.</i> -Par. 1750. 12. wie auch die <i>Observ. sur l’hist. nat.</i> I Th. und seinen -freylich etwas misgestalteten Fötus selbst mit lebendigen Farben -vorgestellt. Taf. A. fig. 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> <i>Essay de Dioptrique.</i> Par. 1694. 4. S. 230. wo der -scharfsichtige Mann eine genaue Abbildung des in die Hülle eines -Saamenthierchens eingewickelten und auf seine Befreyung harrenden -Kindchens gibt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> G<span class="smaller">ALENUS</span> von den Lehrsätzen des Hippocrates und -Plato: im Vten Band der C<span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span>. Ausg. S. 147.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Es ist zwar ganz wohl begreiflich, wie ein solcher kleiner -Umstand von manchen Beobachtern entweder in der Erwartung größerer -Merkwürdigkeiten ganz übersehen, oder aber nicht anmerkenswerth -gefunden wurde. Doch scheint der sorgfältige R<span class="smaller">ÖSEL</span> -darauf geachtet zu haben. <i>Hist. der Polypen.</i> im III B. der -<i>Insectenbelustig.</i> S. 490.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Eine gleichfalls schon anderwärts bemerkte Erscheinung. -Man sehe die Abh. der Hrn. F<span class="smaller">ABRE</span> und -L<span class="smaller">OUIS</span>, <i>des -playes avec perte de substance</i> in den <i>Mém. de l’ac. de Chirurgie. vol -IV.</i> S. 64. u. 106.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> So sagt z. B. -N<span class="smaller">EWTON</span> in den Quästionen an der -2ten Ausg. seiner Optik, S. 380. der C<span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">k</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">s</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span> Uebers. “<i>Hanc -vocem</i> attractionis <i>ita hic accipi velim, vt in vniuersum solummodo</i> -vim aliquam <i>significare intelligatur, qua corpora ad se mutuo tendant; -cuicunque demum</i> causae <i>attribuenda sit illa vis.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Noch am bestimmtesten druckt sich doch F. -B<span class="smaller">ONAMICO</span> der bekannte Aristoteliker darüber aus, <i>de formatione -foetus</i> p. 528. “<i>Spiritus in aërea seminis substantia comprehensus, -aspersus autem a calore caelesti, et vi a patre accepta, et ea quam a -coelo participat, in vterum foeminae coniectus, concoquit materias a -foemina infusas et pro ratione ipsarum variis modis afficiens efficit -instrumenta. Dum vero ea fabricat appellatur Facultas</i> διαπλαστικη seu -δημιουργικη. <i>Sed vbi exstructa fuerint instrumenta, vt iis vti queat, -quae prius erat vis formatrix, illis vtens degenerat in animam.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> So z. B. S. 12. “<i>Vis vegetabilium essentialis ea -est vis, qua humores ex circumiacente terra, vel aliis corporibus -colliguntur, subire radicem coguntur, per omnem plantam distribuuntur, -partim ad diversa loca deponuntur, partim foras expelluntur.</i>”</p> - -<p>S. 13. “<i>Quaecunque vero sit haec vis, sive attractrix, sive -propulsiva, sive aëri expanso debita, sive composita ex omnibus -hisce et pluribus; modo praestet enarratos effectus, et ponatur, -posita planta et humoribus nutritiis applicatis, id quod experientia -confirmatum est: sufficiet ea praesenti scopo et vocabitur a me vis -vegetabilium essentialis</i>”</p> - -<p>und in Anwendung auf die Erzeugung der Thiere S. 73. “<i>Embryonem -hoc tempore (ovo sc. 36 horas incubato) ex substantia ovi nutriri -demonstrant illius volumen auctum, perfectiones acquisitae, absentia -cuiuscunque alius materiae, consumtio albuminis et vitelli succedens, -experimenta inferius recensenda; consequenter: transire particulas -nutrientes ex ovo ad embryonem: et existere vim, qua id perficitur, -quae non est systaltica cordis et arteriarum, neque hinc facta pressio -in venas vicinas, neque harum compressio a motu musculorum, dirigentem -absque canalibus, viam determinantibus, adeoque analogam illi (§. 1.) -quam aeque vocabo</i> essentialem.”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Doch übergehe ich dabey alle diejenigen, zum Theil -ausnehmend scharfsinnigen Gegengründe, die schon in einer kürzlich -unter folgendem Titel erschienenen, überaus witzigen und angenehmen -Schrift der Evolution entgegen gestellt sind: <i>Zweifel gegen die -Entwickelungstheorie. Ein Brief an Hrn.</i> S<span class="smaller">ENEBIER</span> <i>von</i> L.. -P.. (P<span class="smaller">ATRIN</span>). <i>Aus der französischen Handschrift übersetzt -von</i> G. F<span class="smaller">ORSTER</span>, <i>Göttingen</i>, 1788. 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Er schrieb mir selbst d. 28. Aug. 1776. “Ich danke der -Vorsehung, die mir so viele Lebenszeit gegeben hat, daß ich eine neue -Auflage der Physiologie habe ausarbeiten können, ohne die ich der Welt -viele Fehler würde zu wiederlegen gelassen haben.”</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweyter_Abschnitt">Zweyter Abschnitt.</h2> - -</div> - -<div class="inhalt"> - -<p>Prüfung der Haupt-Gründe für die vorgegebne Präexistenz des -präformirten Keims im weiblichen Eye, und Gegengründe zu ihrer -Wiederlegung.</p> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>m 13<sup>ten</sup> May 1758. ward in der Versammlung der königlichen Societät -der Wissenschaften zu Göttingen die berühmte Abhandlung des Hrn. -<span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> ihres damaligen Präsidenten über die Bildung -des Herzens im bebrüteten Küchelgen abgelesen, worin man nachher -das <i>argumentum crucis</i> zu Gunsten der präformirten Keime zu finden -geglaubt hat. Ihr Verfasser sagt nemlich, er habe gefunden, daß die -Haut des Dotters im bebrüteten Ey mit den Häuten des daran hängen<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>den -Küchelgens, und die Blutgefäße des letztern eben so mit den Adern der -sogenannten <i>figura venosa</i> des Dotters continuirten. Nun aber habe -der Dotter mit seiner Haut schon im Eyerstock der unbefruchteten Henne -präexistirt, folglich nach aller Wahrscheinlichkeit auch zugleich mit -derselben, obgleich unsichtbar das damit continuirende Küchelgen. — -Doch druckte sich der vorsichtige Mann anfangs immer noch behutsam und -gleichsam schwankend über diese Schlußfolge aus<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>.</p> - -<p class="mtop2">Hr. B<span class="smaller">ONNET</span> hingegen, der bald nachher seine Betrachtungen -über die organisirten Körper herausgab, und schon vorher für die -Entwickelung der präformirten Keime<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> eingenommen war, faßte gleich die -Hallersche Bemerkung, erklärte sie für schlechterdings unwiederredlich, -und hielt durch sie die Wahrheit jener Hypothese für ganz ausgemacht -erwiesen<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>Und nun erst ließ sich auch Hr. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> immer mehr und mehr -von der Wichtigkeit dieser seiner Bemerkung einnehmen, so daß er in -den spätern Schriften kein Bedenken trug, sie für eben so entscheidend -auszugeben, als sein Freund B<span class="smaller">ONNET</span>.</p> - -<p class="mtop2">Da ich selbst ehedem in Schriften so gut wie hundert andre -Naturforscher und Physiologen auf diese berühmte Bemerkung als auf -den Grundpfeiler des Evolutionssystems gefußt habe, so darf ich um -so weniger Anstand nehmen, nun jetzt meine Verwunderung zu äußern, -wie in aller Welt wir allesammt einer im gegenwärtigen Falle so -schlechterdings nichts beweisenden<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Behauptung ein so vermeintlich -unwiederredliches Gewicht haben beylegen können!</p> - -<p>Denn — gesetzt auch, daß jene Continuation der Häute und Blutgefäße -des Dotters mit den Häuten und Blutgefäßen des bebrüteten Küchelgens -seine Richtigkeit hätte (— gesetzt nemlich; denn die Sache selbst -ist, wie die sorgfältigste genaueste Beobachtung gelehrt hat, noch -ganz und gar zweifelhaft, und, wie jeder zugeben wird, der selbst -bebrütete Eyer untersucht hat, sehr schwer mit Gewißheit zu behaupten -—): so folgt ja daraus noch bey weiten nicht, daß diese Häute und -Gefäße, wenn sie auch wirklich nun mit einander <i>continuirten</i>, deshalb -auch von je zusammen <i>coëxistirt</i> haben müßten! Genug Erscheinungen -an organisirten Körpern zeigen das erstere, ohne daß man sich wird<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -beykommen lassen, daraus das zweyte zu folgern. So aus dem Gewächsreich -gleich ein Beyspiel statt vieler: die sonderbaren Vegetationen die an -allerhand Pflanzen durch den bloßen Stich der Gallwespen verursacht -werden, vorzüglich die sogenannten Schlafäpfel oder Bedeguar<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> an den -wilden Rosenstöcken. Die Rinde des Rosenstocks überzieht auch diese -ganzen moosartigen aber <i>zufällig</i> entstandnen Gewächse, und wenn man -frische oder einige Tage lang eingeweichte Schlafäpfel mit dem Aste, -an welchem sie sitzen, durchschneidet, so zeigt sich der Uebergang der -holzigen Gefäße des Rosenstocks in den holzigen Kern des Bedeguar aufs -sichtlichste, und zuweilen mit einer ausnehmenden Sauberkeit. Sollen -aber darum auch diese so zu<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>fälligen Producte einer kleinen Mücke von -je mit dem Rosenstocke <i>coëxistirt</i>, und in allen Aesten und Blättern -aller Rosenstöcke der Welt auch überall eingewickelte Keime für -zahllose Schlafäpfel <i>präexistiert</i> haben, die alle aufs Gerathewohl da -gelegen hätten, bis endlich das tausendmal tausendste von ihnen durch -den wohlthätigen Stachel eines hinzufliegenden Cynips zur Entwickelung -angetrieben worden?</p> - -<p>Und nun im Thierreich — Wie oft werden nach den zufälligsten -Entzündungen von Eingeweiden etc. durch Ergießung plastischer Lymphe -neu erzeugte Häute und in diesen, oft binnen wenigen Tagen neue -Blutgefäße gebildet, die beiderseits mit den Häuten und Gefäßen -der benachbarten Eingeweide <i>continuiren</i>, ohne daß man daraus -ihre beständige <i>Coëxistenz</i> mit denselben zu folgern,<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> sich wird -einfallen lassen. Und damit man nicht etwa einwende, dieß seyen blos -widernatürliche Erscheinungen im krankhaften Zustande der Thiere, -so erinnere man sich der neuerlich so berühmt wordnen, sogenannten -<i>Hunterschen</i> Haut, die jedesmal nach einer fruchtbaren Empfängnis den -künftigen Aufenthalt der nun zu erzeugenden Leibesfrucht und ihrer -Hüllen vom neuen auskleidet, und deren Blutgefäße, zumal da wo die -Adern der Nabelschnur in ihr Wurzel schlagen sollen, aufs sichtlichste -mit den Blutgefäßen der Mutter selbst continuiren.</p> - -<p>In allen diesen angeführten Fällen wuchert gleichsam die neu erzeugte -Haut und ihre Gefäße aus den benachbarten Eingeweiden heraus, und so -würden in der Anwendung aufs bebrütete Hühngen auch<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> seine Gefäße und -Häute erst aus des Dotters seinen ausgetrieben werden können.</p> - -<p>Allein es läßt sich auch noch ein zweyter Fall gedenken, den auch -schon ein scharfsichtiger Naturforscher, Hr. P<span class="smaller">AUL</span><a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> der -Hallerschen Demonstration entgegengesetzt hat. Gesetzt, daß jene -Dotterhaut mit ihren unsichtbaren Gefäßen schon im Eyerstock der Henne -präexistirt habe, so kan ja demohngeachtet das Küchelgen erst während -des Bebrütens erzeugt, und nur die Blutgefäße desselben in die Adern -jener Haut <i>eingepropft</i>, und so beide mit einander verbunden worden -seyn.</p> - -<p>Hr. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> hat diesen Einwurf laut und geradezu -verworfen,<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> und es für schlechterdings <i>unmöglich</i> erklärt, daß die -unendlich zarten Adern des dann noch microscopisch kleinen Küchelgens -in die großen Gefäße des riesenmäßigen Dotters eingepfropft werden -könnten<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>.</p> - -<p>Nun und eben dieser unendlich verdienstvolle Mann, der diese -Einpfropfung beym Küchelgen unmöglich nennt, der ergreift hingegen im -nemlichen Werke<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>, da wo er von der menschlichen Befruchtung handelt, -eine völlig gleiche Einpfropfung der Blutgefäße ohne alles Bedenken! Er -nimmt nemlich an,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> der unendlich kleine menschliche Keim der nun aus -dem Eyerstocke in die Mutterhöhle angelangt sey, der solle nun mittelst -seines Mutterkuchen an derselben befestigt werden. Und wie das? Nicht -anders als durch Einpfropfung seiner microscopischen Nabelgefäßgen in -die riesenmäßigen Blutgefäße der Gebärmutter. —</p> - -<p class="mtop2">Die neuern Verfechter der Evolution machten, wie wir gesehen haben, den -Eydotter zur Stütze ihrer Hypothese.</p> - -<p>Weit früher schon hat man sich des <i>Froschlaichs</i> zu gleichem Zweck -bedienen wollen.</p> - -<p>S<span class="smaller">WAMMERDAM</span> nemlich verkündigte vor mehr als hundert Jahren die -wunderbare Entdeckung, daß der schwarze Punkt im Froschlaich<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> das in -allen seinen Theilen vollkommen ausgebildete Fröschgen sey, das auch -schon im Eyerstock obschon fast unsichtbar präformirt gelegen habe u. -s. w.<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p>Dem guten Mann scheint geahndet zu haben welch ein mißliches, -vergängliches Ding es mit aller zeitlichen eitlen Ehre solcher -Entdeckungen sey, und bekanntlich suchte er dafür bald hernach ein -solideres Glück der Mystik im Schooße bey Mamsell B<span class="smaller">OURIGNON</span>. -Denn wirklich hat nun jetzt die undankbare heutige Welt jene wunderbare -Entdeckung dem berühmten Hrn. Abt S<span class="smaller">PALLANZANI</span> zugeschrieben, -der sie freylich in mehrern Schriften, zumal aber im zweyten Band -seiner Abhandlungen<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> mit vieler Umständlichkeit vorgetragen hat.</p> - -<p>Auch er nennt nemlich das schwarze Fleckgen im befruchteten Froschlaich -geradezu Kaulquappe<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> oder junges Fröschgen<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>. Und da nun dieses -Fleckgen im unbefruchteten Laich doch schon eben so aussieht, wie im -befruchteten<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>, so ist nach seiner Logik nichts natürlicher, als -daß dasselbe auch im erstern und schon in Mutterleibe Kaulquappe oder -junges Fröschgen gewesen ist<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p> - -<p>Ich weis nicht, was man von einem Chemiker urtheilen würde, dem es -beliebte, ein Klümpgen Silberamalgama deswegen einen Dianenbaum zu -nennen, weil doch wenn nun verdünnte Silberauflösung dazu käme, sich -allerdings so ein Baum daraus bilden würde, und da nun ein solches -Klümpgen außer der Silbersolution übrigens eben so aussähe, als nachdem -es so eben unter dieselbe gebracht worden, so müsse folglich auch in -jenem der <i>präformirte</i> Dianenbaum präexistirt haben u. s. w.</p> - -<p>Man muß sich schämen, eine Behauptung noch lange wiederlegen zu wollen, -von deren absoluten Ungrund sich jedes gesunde, präjudizlose und im -Beobachten nur nicht ganz ungeübte Auge alle Frühjahr überzeugen kan. -Wer sich je die kleine Mühe gegeben hat, das<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Froschlaich genau zu -untersuchen, der wird gestehen müssen, daß der Einfall, das schwarze -Fleckgen in demselben zum Kaulquappen zu demonstriren, die glücklichste -Anwendung von der Logik des Bruder <span class="mleft0_2">P</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span> im Mährgen von der -Tonne sey, der auch seinen Brüdern das hausbackne Brod für einen -exquisiten Hammelbraten andemonstriren wollte.</p> - -<p class="mtop2">Doch die Verfechter der mütterlichen Keime sind weiter gegangen. Sie -haben sich geradezu auf Fälle berufen, wo sogar <i>Mädgen</i> in aller ihrer -jungfräulichen Unschuld durch die unzeitige Entwickelung eines solchen -kleinen Keims guter Hoffnung worden.</p> - -<p>Wie doch die Dinge zuweilen sonderbar zusammentreffen müssen.<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Gerade -im nemlichen Jahre, da S<span class="smaller">WAMMERDAM</span> seine obgedachte Entdeckung -im Froschlaich kund that, ereignete sich, nach dem in den Tagebüchern -der kaiserlichen Akademie der Naturforscher von einem berühmten -Leibarzt seiner Zeit, dem Dr. C<span class="smaller">LAUDER</span> gegebnen Bericht, in -Sachsenland ein <i>Casus</i>, der mit jener Entdeckung wie Schachtel und -Deckel zusammen paßte. Eine Müllersfrau kommt mit einem Mädgen in -die Wochen, das einen ungewöhnlich hohen Leib mit zur Welt bringt. -Acht Tage hierauf wird das kleine dickleibige Mädgen “mit großen -Wehtagen und Unruhe befallen, sehr weinend und ängstlich, daß alle -die Umstehende nicht anders vermeint, als es würde im Nu sterben. -Immittelst gebieret das kranke Kind ordentlicher Weise ein artiges, -vollständiges, lebendiges Töchterlein, in der Länge des mitt<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>lern -Fingers, welches auch getauft worden. Bey und während der Geburt ist -alles an Afterbürde und andrer Unreinigkeit abgegangen, beide Kinder -aber sind kurz folgende Tage hierauf gestorben.”<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a></p> - -<p>Der Hr. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> setzt richtig diese Geschichte nebst einer -anderen aus den Schwedischen Abhandlungen, wo man bey der Section -eines Mädgen, Knochen, Zähne<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> und Haare in einer Geschwulst des -Gekröses gefunden, unter die Hauptstützen der Wahrheit der mütterlichen -Keime<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>.</p> - -<p>Aber auch in S<span class="smaller">CHMUCKER</span>’<span class="smaller">S</span> vermischten chirurgischen Schriften -beschreibt ein A<span class="smaller">NONYMUS</span> die Leichenöffnung eines Mädgen, -bey dem man <i>statt der Gebärmutter</i> einen runden, harten mit Haaren -bewachsenen Körper einer starken Wall<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>nuß groß gefunden, der ein -misgestaltnes Kinderköpfgen vorgestellt. Das Köpfgen habe zwey -vollkommne Zähne und in seiner Cavität etwas Gehirn-ähnliches gehabt -etc.</p> - -<p>Da die Verfechter der mütterlichen Keime immer so laut und dringend -protestiren, daß man doch ihren <i>Beobachtungen</i> nicht bloßes -Räsonnement entgegen stellen solle, so enthalte ich mich auch hier -alles Räsonnements, sondern will ihnen blos Zug für Zug, Beobachtung -gegen Beobachtung vorlegen, nemlich von nicht minder merkwürdigen -und unterhaltenden und ungefähr eben so glaubwürdigen Fällen, wo -sich auch <i>Mannspersonen</i> oder andre männliche Thiere in gesegneten -Leibesumständen befunden haben sollen, und ich hoffe nicht, daß diese -meine, den <i>mütterlichen</i> Keimen gerade wiedersprechende Autoritäten,<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> -der Gegenpartie ihren nachstehen dürfen.</p> - -<p class="mtop2">Dem Fall z. B. aus den schwedischen Abhandlungen setze ich einem aus -der Geschichte der königl. Akad. der Wissenschaften zu Paris entgegen, -da ein <i>Abbé</i> mitten in einem Versuche über das Zeugungsgeschäfte sehr -zur Unzeit unterbrochen ward, und von Stund an in gewissen Theilen -die einmal ein andrer <i>Abbé</i> der heil. A<span class="smaller">BAELARD</span> durch einen -ähnlichen Anlaß ganz eingebüßt hat, eine harte Geschwulst fühlte. -Es kam zur Operation, und sein Wundarzt versichert der königlichen -Akademie, dem Hrn. Patienten ein verhärtetes Kindgen<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> aus besagten -Theilen geschnitten zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> - -<p>Die Geschichte von der Müllersfrau in den Tagebüchern der kaiserlichen -Akad. der Naturforscher, denke ich mit einer andern in den -<i>Philosophical Transactions</i> aufzuwiegen, da ein männliches Windspiel -ein lebendiges junges Hündgen <i>per anum</i> von sich gegeben haben soll. -Statt der Hrn. C<span class="smaller">LAUDER</span> und -O<span class="smaller">TTO</span> die jene Geschichte -bezeugen, nenne ich zwey Gewährsleute, auf die England stolz seyn muß: -Dr. W<span class="smaller">ALLIS</span> und -E<span class="smaller">DM</span>. H<span class="smaller">ALLEY</span>.</p> - -<p>Endlich dem <i>anonymus</i> bey S<span class="smaller">CHMUCKER</span> setze ich einen -<i>anonymus</i> beym ehrwürdigen F<span class="smaller">R</span>. R<span class="smaller">UYSCH</span> entgegen, der diesem -ein ähnliches Product, nemlich eine knochichte Schaale wie eine halbe -Wallnuß verehrte, die er nebst vier vollkommnen Backzähnen und einem -Knaul Haare vom Magen einer männlichen Leiche losgeschnitten zu haben -versicherte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>Das wäre denn also Autorität gegen Autorität. Ich glaube man kan nicht -gewissenhafter zu Werke gehn, als ich hier zu Werke gegangen bin; und -in so fern, dächte ich, wären wir wenigstens quitt. Doch riethe ich, -wenns gefällig wäre, überhaupt beym gegenwärtigen Streite, diese Art -von Hülfstruppen vor der Hand aus dem Spiele zu lassen; ich stellte die -meinigen blos darum auf, weil die Gegenpartie mit den ihrigen ins Feld -zu rücken für gut befunden hatte.</p> - -<p class="mtop2">Das ist das Hauptsächlichste, was ich den berühmtesten Beweisen, die -von den Vertheidigern der präformirten mütterlichen Keime für die -sinnlichst entscheidenden ausgegeben werden, entgegen zu setzen habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p>Diesen darf ich aber nun noch einige andere aus Erfahrung -bewiesene Gegengründe beyfügen, die ohnehin wohl den Werth jener -Einschachtelungshypothese bey unbefangenen und nachdenkenden Lesern zu -bestimmen, hinreichend seyn dürften.</p> - -<p>So z. B. die durchgehends bestätigte Erfahrung, daß sich auch dem -bewaffnetesten Auge doch nie sogleich — sondern immer erst eine -geraume, zum Theil beträchtlich lange Zeit, nach der Befruchtung die -erste Spur des neuempfangnen Menschen oder Thiers, oder Gewächses -zeigt. Es lohnt sich nicht der Mühe, jetzt noch die fabelhaften -Sagen des H<span class="smaller">IPPOCRATES</span> und so vieler nachherigen guten Alten -zu rügen, die in den ersten Tagen nach der Empfängnis schon völlig -kenntliche ausgebildete menschliche Leibesfrüchte<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> gesehen zu haben -meinten. Sie werden bey den wenigen Hülfsmitteln und der seltnen -Gelegenheit in jenen Zeiten um so verzeihlicher, wenn man bedenkt, daß -selbst neuere Aerzte von ungleich mehr ausgebreiteter Erfahrung in -diesem Fache, noch ähnliche solche Behauptungen gewagt haben. So hat -uns M<span class="smaller">AURICEAU</span> mit Abbildungen von Leibesfrüchten von 3⅓ Tagen, -von einem Tag u. s. w. beschenkt, und so haben M<span class="smaller">ALPIGHI</span> -und C<span class="smaller">ROUNE</span> schon im unbebrüteten Ey einer getretnen Henne, -und letztrer sogar in Windeyern von Hünern, denen sich noch nie ein -Hahn genaht hatte, das Küchelgen und seine Theile gesehn zu haben, -versichern dürfen.</p> - -<p>Kein vorsichtiger und zuverlässiger Beobachter wird aber vor der -dritten Woche der Schwangerschaft einen ungezweifelt wahren, -mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>lichen Embryo, oder im bebrüteten Hühnerey in den ersten -zwölf Stunden auch nur eine dunkle, und vor Ende des zweyten Tages, -eine deutliche Spur des Küchelgens gesehn haben. Vor diesem, einer -jeden Gattung von Thieren und Gewächsen von der Natur auf längere -oder kürzere Zeit vorgeschriebenen Termin<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>, ist schlechterdings -ihre neuempfangene Brut nicht zu erkennen: ein Umstand, der bey der -Vollkommenheit unsrer Vergrößerungsgläser und andrer mechanischen -Hülfsmittel und Handgriffe der Theorie der präformirten Keime gewiß -nichts weniger als günstig seyn kan.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>Eben so wenig ist abzusehen, wie in aller Welt die Gönner der -präformirten Keime, die unzähligen Fälle von Entstehung und Ausbildung -ganz zufälliger Weise neuerzeugter, im natürlichen Bau gar nicht -existirender organischer Theile mit ihrer Einschachtelungshypothese -zusammen reimen wollen.</p> - -<p>Nur gleich wenige Beyspiele der Art statt vieler.</p> - -<p>Eine Frau wird guter Hoffnung, aber ihr Kind ist nicht in dem -eigentlichen Ort seiner Bestimmung, sondern darneben in einer der -beiden Fallopischen Röhren empfangen worden, die berstet endlich bey -zunehmendem Wachsthum des armen verirrten Geschöpfes, und dieses fällt -nun in die Bauchhöhle der Mutter. Was thut die Natur? Sie ergießt -eine Menge plastischer Lymphe, die sich zu deutlich organisirten<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> -Häuten bildet, und den Fötus incrustirt, wie eine Mumie einwickelt und -dadurch die der Mutter sonst tödliche Fäulung desselben verhütet; so -daß sie nun noch lange Jahre mit dieser zwar lästigen, aber doch nicht -gefährlichen Bürde herumgehen kan. Die nachherigen Leichenöffnungen -aber zeigen offenbar, daß diese durch einen Zufall veranlaßten -neuerzeugten Membranen mit zahlreichen Blutgefäßen durchwebt sind<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>, -die doch wohl schwerlich im vermeinten Keime schon präexistirt haben -können?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p>Ein Mensch bricht beide Röhren im Vorderarm, hält sich bey der Heilung -nicht ruhig, so daß die Natur den Bruch nicht wie sonst durch eine -Beinschwiele zusammen leimen kan. Was thut sie dagegen? sie bildet im -Bruche für beide Röhren zwey neue Gelenke, im ganzen gleichsam einen -zweyten Ellnbogen, der für sich allein und ohne Hülfe der andern Hand -volle Beweglichkeit hat.</p> - -<p>Ein anderer verrenkt den Schenkelkopf aus dem Hüftknochen und die Natur -bildet ihm in selbigem eine neue Pfanne<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a>.</p> - -<p>Ein Kind kriegt im Mutterleibe durch den zufälligsten Anlaß, -z. B.<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> blos durch unmäßige Liebesbezeugungen des Vaters gegen die -schwangere Mutter, einen Wasserkopf, wodurch die Hirnschaale ungeheur -wassersüchtig aufgetrieben wird, und mächtige leere Zwischenräume -zwischen den ausgedehnten flachen Knochen derselben entstehen. Die -Natur sucht zu helfen, und sprengt einzelne kleine Knochenkernchen -in diese Zwischenräume, die zu Zwickelbeinchen werden und diese -gefährlichen Lücken möglichst ausfüllen, die sonst so weit auseinander -stehenden Knochen miteinander verbinden, und die Hirnschaale schließen -helfen. Diese Zwickelbeinchen gehören aber nicht zum natürlichen Bau, -und finden sich daher auch nur sehr selten bey Thieren oder an den -Schedeln von wilden Völkern; können folglich auch wohl schwerlich im -Keime präformirt gewesen seyn. Und doch sind es<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> wahre, einzelne, -abgesonderte Knochen, mit <i>ächten</i> Näthen eingefaßt. Und zwar werden -sie nicht etwa blos von den benachbarten natürlichen Näthen der flachen -Knochen umschlossen, sondern oft liegen ihrer so viele dicht neben- und -untereinander, daß die mittlern darunter ganz offenbar auch ihre eignen -neuerzeugten Näthe bilden. Wie kunstreich aber ist nicht der Bau einer -ächten Nath mit ihren doppelten und dreyfachen Reihen von Zäpfgen und -Grübgen, die so bewundernswürdig in einander greifen.</p> - -<p>Die Schlußfolgen aus allen diesen Beyspielen ergeben sich von selbst. -Können einmal vollkommne besondere Knochen, ganz neue ungewöhnliche -Gelenke, neue organische Häute mit eben so neuen Blutgefäßen, <i>da</i> -gebildet werden, wo an keinen dazu präformirten Keim<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> zu denken ist, -wozu brauchts denn überhaupt der ganzen Einschachtelungshypothese?</p> - -<p class="mtop2">Allein auch selbst die Erscheinungen bey Zeugung der <i>Bastarde</i> -wiedersprechen allen Begriffen von Präexistenz eines präformirten -Keims so schlechterdings, daß man kaum absieht, wie bey einer reifen -Erwägung der erstern, die letztern noch ernstliche Vertheidiger -haben finden können. Mich dünkt eine einzige Erfahrung wie die, -da Hr. K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> durch wiederholte Erzeugung fruchtbarer -Bastardpflanzen, endlich die eine Gattung von Tabak (<i>N<span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">a</span> -rustica</i>) so vollkommen in eine andere (<i>N<span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">a</span> paniculata</i>) -verwandelt und umgeschaffen, daß sie nicht eine Spur von ihrer -angestammten mütterlichen Bildung übrig behalten hat, müßte doch die -ein<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>genommensten Verfechter der Evolutionstheorie von ihrem Vorurtheil -zurückbringen. Dieser vortreffliche Beobachter hatte nemlich durch -die künstliche Befruchtung der erstern Gattung von Tabak mit dem -Blumenstaube von der letztern, fruchtbaren Bastard-saamen erhalten, und -hatte dann die daraus gezognen Pflanzen, (die in ihrer Bildung schon -das Mittel zwischen ihren beiden Stammeltern hielten), vom neuen und -mit gleichen Erfolg mit Blumenstaube von der <i>paniculata</i> befruchtet. -Da dieß wiederum fruchtbaren Saamen, und dieser wiederum Pflanzen gab -die von der mütterlichen Gestaltung noch mehr abwichen, so hat er mit -diesen letztern den nemlichen Versuch noch einmal wiederholt, und so -endlich sechs Pflanzen erhalten, die sämmtlich, ihrer ganzen Bildung -nach, mit der natürlichen <i>paniculata</i> vollkommen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> übereinstimmten, -ohne sich im mindesten weiter von derselben zu unterscheiden, so daß -er in seinem classischen Werke, der Nachricht von diesen berühmten -Versuchen, mit ganzem Rechte die Aufschrift giebt: <i>Gänzlich -vollbrachte V<span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">w</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">g</span> einer natürlichen Pflanzengattung in die -andere.</i></p> - -<p>Ich weis sehr wohl, daß die Gönner der Evolution sich bey Erklärung -der Bastarderzeugung damit auszuhelfen suchen, daß sie dem männlichen -Zeugungsstoffe, außer der reizenden Kraft, womit er den schlafenden -mütterlichen Keim <i>erwecken</i> soll, in diesem Fall auch noch <i>bildende</i> -Kräfte zugestehen, wodurch dann jene Keime freylich in etwas zur -väterlichen Gestaltung umgeformt würden etc. Was ist aber in aller -Welt eine solche Ausflucht anders, als ein stilles Geständ<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>nis der -gebrechlichen Unzulänglichkeit des Keim-systems und der Nothwendigkeit -zu Rettung desselben immer doch nebenher zu bildenden Kräften -Zuflucht nehmen zu müssen. Und wenn nun aber diese bildenden Kräfte -so stark sind, daß sie binnen wenigen Generationen die ganze Form des -mütterlichen Keims gleichsam vertilgen und in eine andere umschaffen, -so ist nicht abzusehen, wozu denn also überhaupt der Keim präformirt zu -seyn brauchte?</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> “<i>l’evolution commence à me paroitre la plus probable -etc.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Man sehe z. B. die Vorrede zu diesem seinen Werke -S. <span class="smaller">IX</span> u. f. der Ausg. v. 1768. “<i>Enfin cette découverte -importante” (que le Germe appartenoit à la Femelle, qu’il préexistoit -ainsi à la Fecondation, et que l’Evolution étoit la Loi universelle des -Etres organisés) “que j’attendois et que j’avois osé prédire, me fut -annoncée en 1757. par Mr. le Baron</i> <span class="smaller">DE</span> H<span class="smaller">ALLER</span>, <i>qui la tenoit -de la Nature elle-même.</i>” — “<i>La découverte de Mr.</i> <span class="smaller">DE</span> H<span class="smaller">ALLER</span> -<i>prouvoit d’une manière incontestable, que le Poulet appartenoit -originairement à la Poule, et qu’il préexistoit à la Conception.</i>”</p> - -<p>und in seinem Briefe an Hrn. <span class="smaller">V.</span> H<span class="smaller">ALLER</span> v. 30. Oct. 1758: -“<i>Vos Poulets m’enchantent: je n’avois pas espéré que le secret de la -Génération commenceroit sitôt à se dévoiler. C’est bien vous, Monsieur, -qui avez sçu prendre la Nature sur le fait.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Rosenschwämme, <i>spongiae cynosbati</i>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> In der Vorrede zum VIIIten Bande der <i>collection -academique, P. étrangere</i>. pag. 22 sqq.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> “<i>Nunquam fieri potest, vt inter tubulum millionesies -minorem, et millionesies maiorem continuitas oriatur.</i>” <i>Elem. -physiol.</i> T. VIII. P. I. p. 94. vergl. mit den <i>prim. lin. physiol.</i> §. -883. und den <i>operib. minorib.</i> T. II. pag. 419.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> <i>Elem. physiol.</i> a. a. O. S. 257.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <i>Mirac. nat.</i> pag. 21. “<i>admiratione dignum est, nigrum -illud punctum, quod in ovis ranarum videre est, ipsum ranunculum -omnibus suis partibus absolutum; albicantem vero et circumfusum illum -liquorem non nisi alimentum eius esse; quod ipsum sensim dilatatum ita -attenuatur, vt exire cum velit possit</i>” <i>etc.</i></p> - -<p>“<i>Magis mirum est, hunc ipsum ranunculum in ovario vsque adeo exiguum -ortus et incrementi sui principium habere, vt fere visum effugiat, vtut -ipsum animal sub hac tantula mole delitescat.</i>”</p> - -<p>und bald hernach zieht er dann den allgemeinen Schluß: “<i>Nullus mihi in -rerum natura generationi, sed soli propagationi vel incremento partium -locus esse videtur, vbi casus omnis excludatur.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> <i>Dissertazioni di fisica animale, e vegetabile</i> T. II. -<i>in Modena</i> 1780. 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> “<i>a parlare filosoficamente l’uovo non è che il girino -medesimo in se stesso concentrato, e ristretto, il quale mediante la -fecondazione si sviluppa, ed acquista le fatezze di animale.</i>” pag. II. -§. XVII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> “<i>questi globetti non fecondati non sono per verun conto -distinguibili dai fecondati</i>” §. XVIII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> “<i>ma i globetti fecondati non sono che i feti ranini</i> -(§. XVII.): <i>adunque i globetti non fecondati lo saronno altresi; e -conseguentemente nella nostra rana il feto esiste in lei pria che -abbiasi la fecondazione del maschio.</i>” pag. 12. §. XIX.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Ich liefre die eignen Worte eines andern gleichzeitigen -Arztes des Dr. O<span class="smaller">TTO</span>, der von der Großmutter, nemlich von der -Müllersfrau in ihrer Schwangerschaft consultirt worden, und dessen -Enkel den ganzen Casus in einer besondern Abhandlung unter folgendem -Titel gar gelehrt und subtil vindicirt und illustrirt hat. D. C. I. -A<span class="smaller">UG</span>. O<span class="smaller">TTONIS</span> <i>epistola de foetu puerpera s. de foetu in foetu. -Weissenfels, 1748. 4.</i></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> In der <i>Yverduner Encyclopädie</i> T. XVIII. art. FETVS. -p. 721. “<i>Il y a plus, on a vu dans une vierge constamment telle et -reconnoissable par l’integrité de son hymen, des dents, des ossemens -et des cheveux renfermés dans une tumeur du mésentere. Ce phenomene -rapporté dans les Mém. de l’ac. de Suede, a été observé depuis peu en. -Un</i> fétus <i>femelle, incapable assurément d’admettre le mâle est né avec -un fêtus formé au dedans de lui</i>.”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> “<i>on y distinguoit la tête, les pieds et les yeux.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> So zeigt sich z. B. beym trächtigen Caninchen die -erste Spur der neuempfangnen Frucht nicht vor dem 9ten Tage; bey der -Schaafmutter nicht vor dem 19ten; bey der Hirschkuh nicht vor der 7ten -Woche u. s. w.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Ich habe einen solchen Fötus, womit die Mutter 8 Jahr -schwanger gegangen, und den das academische Museum von meinem würdigen -Freunde dem Hrn. Hofr. B<span class="smaller">ÜCHNER</span> in Gotha zum Geschenk erhalten, -im VIII B. der <i>Commentation. soc. reg. sc. Gottingens.</i> beschrieben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Ich habe von allen solchen Fällen in der <i>Gesch. und -Beschreib. der Knochen des menschl. Körp.</i> S. 43. Beyspiele gesammelt.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt">Dritter Abschnitt.</h2> - -</div> - -<div class="inhalt"> - -<p><i>Erfahrungen zum Erweis des Bildungstriebes und zu näherer -Bestimmung einiger Gesetze desselben.</i></p></div> - -<p class="p0"><span class="initial">E</span>inreißen ist leichter denn aufbauen: und es ist ein alter Vorwurf, den -man manchen Reformatoren gemacht hat, daß ihnen das erstere mit besserm -Glück als das leztre von statten gegangen. Aber in der That kan doch, -wie Hr. B<span class="smaller">ONNET</span> vortrefflich anmerkt<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>, die Wiederlegung -eines Irthums wich<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>tiger seyn, als die Erfindung einer neuen Wahrheit. -Und in so fern bliebe diesen Blättern immer einiges Verdienst, wenn -auch blos im vorigen Abschnitt der Ungrund einer neuerlich so beliebt -wordnen Hypothese erwiesen wäre. Allein ich hoffe, daß nun auch der -gegenwärtige würklich etwas der Natur angemeßneres an ihrer statt geben -soll.</p> - -<p>Man kan nicht inniger von etwas überzeugt seyn, als ich es von der -mächtigen Kluft bin, die die Natur zwischen der belebten und unbelebten -Schöpfung, zwischen den organisirten und unorganischen Geschöpfen -befestigt hat; und ich sehe bey aller meiner Hochachtung für den -Scharfsinn, womit die Verfechter der Stufenfolge oder Continuität der -Natur ihre Leitern angelegt haben, nicht ab, wie sie beym Uebergange<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -von den organisirten Reichen zum unorganischen ohne einen wirklich -etwas gewagten Sprung durchkommen wollen. Allein dieß hindert nicht, -daß man darum nicht Erscheinungen im einen dieser beiden Haupttheile -der Schöpfung zur Erläuterung von Erscheinungen im andern benutzen -dürfte: und so sehe ich es für keins der geringsten Argumente zum -Erweis des Bildungstriebes in den organisirten Reichen an, daß auch -im unorganischen die Spuren von bildenden Kräften so unverkennbar -und so allgemein sind. Von bildenden Kräften — bey weiten nicht vom -Bildungstriebe (<i>nisus formativus</i>) in dem Sinne den dieses Wort in der -gegenwärtigen Untersuchung bezeichnet, denn der ist eine Lebenskraft -und folglich als solche in der unbelebten Schöpfung nicht denkbar, -— sondern von andern bilden<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>den Kräften, von welchen sich in diesem -unbelebten Naturreiche die deutlichsten Beweise an so bestimmten, -überaus regelmäßigen Gestaltungen zeigen, die aus einem vorher -ungebildeten Stoffe geformt werden.</p> - -<p>Man kan doch, um nur ein Paar Beyspiele anzuführen, nichts ausnehmend -eleganteres sehen, als gewisse metallische Crystallisationen, die -in ihrer äußern Form eine so auffallende Aehnlichkeit mit gewissen -organischen Körpern haben, daß sie ein sehr fügliches Bild geben, um -die Vorstellung von der Formation aus ungebildeten Stoffen überhaupt -zu erleichtern. So z. B. das gediegene sogenannte Farnkraut-silber -zwischen dem eingebröckelten Quarz aus Peru; und um was Gemeineres zu -nennen, das unbeschreiblich saubere moosförmige Stückmes<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>sing, so wie -es sich nach dem ersten Gusse auf dem Bruche ausnimmt u. dergl. m.</p> - -<p class="mtop2">Dieß wie gesagt nur als Beyspiele von bildenden Kräften im -unorganisirten Naturreiche.</p> - -<p>Nun zum wahren Bildungstriebe in der belebten Schöpfung.</p> - -<p>Für ein unbefangnes Auge weis ich kein sinnlicheres Mittel, sich das -Daseyn und die Wirksamkeit dieses Triebes anschaulich zu machen, -als die präjudizlose Beobachtung der Entstehung und Fortpflanzung -solcher organisirter Körper, die mit einer ganz ansehnlichen Größe ein -schnelles, so zu sagen zusehends merkliches Wachsthum und eine so zarte -halbdurchsichtige Textur ver<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>binden, daß sie vollends in sattsamen -Lichte und unter einiger Vergrößerung aufs deutlichste, klarste -durchschaut werden können.</p> - -<p>Ein Beyspiel der Art aus dem Gewächsreiche giebt die überaus einfache -Fortpflanzungsweise einer eben so einfachen Wasserpflanze<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a>, die, -zumal im Frühjahr gar häufig am Ausfluß der Röhrenwasser, an Quellen, -in Gräben, Teichen etc. zu finden ist, und deren sich auch wohl -unbotanische Leser leicht aus der bloßen Beschreibung werden erinnern -können.</p> - -<p>Das ganze Gewächs besteht nemlich aus einem einfachen, (nie getheilten) -meist geraden, etwa einen halben Zoll langen, feinen Faden<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> von -hellgrüner Farbe, der gewöhnlich mit seinem untern Ende im Schlamme -eingewurzelt ist. Da aber diese Faden meist zu vielen tausenden -dicht neben einander stehen, so kriegen sie dann das Ansehen eines -feinhaarichten Pelzes vom schönsten Grün, womit oft große Strecken an -den gedachten Orten unter Wasser bewachsen sind.</p> - -<p>Ich habe die Fortpflanzung dieses so äußerst einfachen Wassermooßes, -in den ersten Frühlingswochen beobachtet, da sie unter meinen Augen -blos dadurch erfolgte, daß die Spitzen der Fäden zu kleinen Knöpfgen -anschwollen, die sich zuletzt von den Fäden trennten, sich in den -Zuckergläsern, worin ich kleine Klumpen dieses Mooßes in hellen Wasser -liegen hatte, zu hunderten an die Wände des Glases anlegten, und nun -im Kurzen selbst wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> eine kleine Spitze austrieben, die sich fast -zusehends immer mehr verlängerte, bis sie endlich zu einem neuen -vollständigen Wasserfaden ausgewachsen war. Binnen zweymal 24 Stunden, -von der ersten Spur des Knöpfgens auf einem alten Faden an zu rechnen, -hatte der nachher daraus erwachsene neue schon seine völlige Länge -erreicht.</p> - -<p>Beides, sowohl das schnelle Wachsthum, als auch die durchsichtige -Textur des Gewächses, verschafften mir den Vortheil, seine völlige -Ausbildung ganz bequem abwarten und die mindeste in seinem Innern -vorgehende Veränderung aufs genaueste und deutlichste bemerken zu -können. Das innere Gewebe dieses Mooßes ist nemlich so einfach als -seine äußere Bildung. Auch bey der stärksten Vergrößerung und im -hellesten Lichte, ist in<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> der ganzen Pflanze schlechterdings nichts -weiter als ein feines bläsriges Gewebe, (beynahe wie ein grüner Gescht -oder Schaum) zu erkennen, das durch eine äußerst feine, kaum merkliche -äußere Haut umschlossen wird.</p> - -<p>Nun aber war bey aller dieser untrüglichen Deutlichkeit in allen grünen -eyförmigen am Glase anliegenden Knöpfgen, doch auch nicht eine Spur, -nicht ein Schatten irgend eines solchen als Keim eingewickelten Fadens, -als in Kurzen aus diesen Knöpfgen gebildet werden sollte, aufzufinden: -— sondern, wenn jetzt der Knopf seine Reife erlangt hatte, so trieb -er aus einem seiner beiden Enden einen kleinen Auswuchs hervor, der -blos dadurch zusehends verlängert ward, daß das im Knopf ihm zunächst -liegende bläsrige Gewebe in ihn hinüber ge<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>trieben, und er so nach -und nach immer mehr zu einem cylindrischen Faden ausgedehnt ward. So -wie aber dieser Faden sich verlängerte, so ward im gleichen Maaße der -eyförmige Knopf, kleiner, kuglichter, blaßgrüner: so daß zulezt, wenn -das Gewächs nun seine bestimmte Größe erreicht hatte, nur noch ein kaum -merklicher kleiner Wulst am untern Ende übrig blieb, der nun dem neuen -Faden statt Wurzel diente.</p> - -<p>Mit der gleichen anschaulichen Klarheit aber, womit sich bey dieser -Pflanze die würksame Thätigkeit des Bildungstriebes beobachten läßt, -kan sie auch bey Ausbildung mancher Thiere aufs deutlichste anerkannt -werden; besonders wiederum bey solchen, die so wie dieses Moos den -Vortheil eines schnellen Wachs<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>thums bey einer meist durchsichtigen -Textur ihres Körpers gewähren. Dieß ist bekantlich der Fall bey den -Armpolypen, diesen wegen der Wunder die die Natur in ihnen gehäuft hat, -seit den vierziger Jahren so allgemein berühmt wordnen Geschöpfen. -Alle bekannte Gattungen derselben haben einen gallertigen Körper, der, -seine Farbe mag seyn welche sie will, grün, gelb, braun etc. doch -immer durchsichtig genug ist, um in behöriger Beleuchtung und hinter -einer guten Linse so gut wie jene Wasserfäden rein durchschaut werden -zu können. Dabey ist ihre Textur so einfach, homogen, besteht blos -aus gallertigen Körnchen, die durch eine zartere gemeinschaftliche -gallertige Grundlage zusammen gehalten werden, daß auch von dieser -Seite dem beobachtenden Auge nichts dunkel oder versteckt bleibt. -Nun und wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> denn diese Thiere lebendige Junge austreiben wollen, -so schwillt blos eine Stelle dieses ihres aus so einfachen Stoffe -gebauten Körpers ein wenig an, und aus dieser ungeformten, aber -durchsichtigen kleinen Geschwulst wird gleichsam unter unsern Augen -zuerst der cylindrische Leib des jungen Polypen und dann auch seine -Arme ausgebildet, wie von unsichtbaren Händen aus der durchsichtigen -körnichten, aber übrigens ungeformten Gallerte modelirt; und das alles -gleich in einer so ansehnlichen, schon dem bloßen Auge so deutlich -erkennbaren Größe, die, in Verbindung mit allen den angeführten -Umständen, doch auch keinen Schatten von wahrscheinlicher Vermuthung -eines präformirten Keims gestattet der da vorräthig gelegen habe und -sich nun entwickele etc.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>Ich berufe mich dreist auf das innere Gefühl eines jeden, der nur -je die Fortpflanzung an so einfach gebauten Thieren und Pflanzen -beobachtet, und sich überdem von dem im vorigen Abschnitt erwiesenen -Ungrund der so decisiv behaupteten Präexistenz des Küchelgens am -Eydotter belehrt hat; daß er nun beym Uebergange zum Zeugungsgeschäfte -der sogenannten vollkommnern oder warmblütigen Thiere, (z. B. eben bey -der strengsten Untersuchung der Phänomene am bebrüteten Küchelgen, -des Anfangs und Fortgangs seiner Ausbildung, und überhaupt so vieler -neuentstehenden, im unbebrüteten Eye gar nicht existirenden Theile<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> -etc.), selbst entscheide, zu welcher von beiden Theorien ihn seine -Ueber<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>zeugung führt, ob zum Glauben an Präexistenz eingeschachtelter -präformirter Keime — oder aber an einen Bildungstrieb, der das neue -Geschöpf aus dem ungeformten Zeugungsstoff der alten ausbildet.</p> - -<p class="mtop2">Alles was bisher von Phänomenen des Zeugungsgeschäftes selbst zum -Erweis des Bildungstriebes gesagt worden, erhält nun aber vollends ein -neues großes Gewicht, wenn man nun zweytens auch die Phänomene der -<i>Reproduction</i>, — dieser, zumal in unsern Tagen so berufen wordnen -merkwürdigen Kraft der organisirten Körper, zufällig verlorne Theile, -Verstümmelungen ihres Leibes, von selbst wiederum hervorzutreiben und -zu ersetzen, — mit denselben vergleicht.</p> - -<p>Generation und Reproduction — Zeugung und diese Wiederer<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>setzung, sind -beides Modificationen ein und eben derselben Kraft: die letztre ist -nichts anders, als eine partielle Wiederholung der erstern: und ein -Licht über die eine von beiden verbreitet, muß sicher auch die andre -zugleich mit aufhellen.</p> - -<p>Ich habe die oben im ersten Abschnitt angeführte Erfahrung über die -Reproduction der grünen Armpolypen, seitdem oft, und immer mit dem -gleichem Erfolg wiederholt: d. h. allemal ward anfangs das kürzlich -verstümmelte Thier fast im gleichen Maaße um etwas kleiner, so wie es -seine neuen Arme oder seinen neuen Hinterleib hervortrieb. Man sah -offenbar, wie die Natur eilte, dem verstümmelten Geschöpfe nur sobald -als möglich seine bestimmte <i>Bildung</i> wieder zu ersetzen: und daß in -der Kürze der Zeit, da unmöglich schon durch die Nah<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>rungsmittel (die -ohnehin ein verletzter Polype nicht so häufig zu sich nimmt als ein -gesunder) sattsamer <i>Stoff</i> zu den neuen Gliedern wieder gesammelt seyn -konnte, der Rumpf einen Theil seines noch übrigen Stoffes hergeben -muß, der sich dann mittelst des ihm beywohnenden <i>Bildungstriebes</i> in -die Gestalt der verlornen Glieder formt, und so die zerstörte Bildung -wieder ergänzt.</p> - -<p>Ich weis wohl, daß sich die Verfechter der präformirten Keime, hier mit -einer Hypothese durchhelfen wollen, die doch aber in der That von allen -unwahrscheinlichen Hypothesen wohl die allerunwahrscheinlichste und -gewiß abentheurlich genannt werden darf, nach welcher nemlich “in allen -Theilen jedes Polypen zerstreuete Keime so lange eingewickelt und im -erstar<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>renden Todesschlaf auf Reserve liegen sollen, bis sie nach der -Phantasie eines ihnen zu Hülfe kommenden Beobachters durch den Schnitt -einer Scheere ermuntert, aufgeweckt, aus ihrem Kerker befreyt, und zur -Entwickelung angereizt würden.”</p> - -<p>Nun, mit dieser wunderbaren Erklärung vergleiche man den -nackten Augenschein bey dem obgedachten und vielen andern, an -den (glücklicherweise so leicht zu durchschauenden) Armpolypen -anzustellenden Versuchen, deren ich nur gleich ein Paar noch beysetze: -— Wenn man zwey verstümmelte halbe Polypen verschiedener Art (z. B. -die vordere Hälfte eines grünen, und das Hintertheil eines braunen) im -Boden eines Spitzglases aneinander bringt, so heilen sie bekanntlich -zusammen, und stellen dann, fast wie die Chi<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>märe der Mythologie, eine -aus verschiednen Thiergattungen zusammengesetzte Gruppe vor. — Nach -der angeführten Theorie der Evolution, hätten aber in diesem Fall -durch den doppelten Schnitt aus den beiden verstümmelten Polypen, sich -neue Keime entwickeln müssen — allein, dieß erfolgt nicht; sondern es -war natürlicher, daß sich zwey Hälften mittelst ihres Bildungstriebes -zusammen paßten, und in Kurzem ein gehöriges Ganzes ausmachten, als -daß jede dieser beiden Hälften erst auf die oben beschriebene Weise zu -einem besondern Thiere wieder hätte ausgebildet werden sollen.</p> - -<p>Noch auffallender aber wird beides die Unwahrscheinlichkeit der -vermeynten präformirten Keime und hingegen die Würksamkeit des -Bildungstriebes bey dem bekannten Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>such, da man einen Armpolypen -nicht in Stücken oder entzwey zerschneidet, sondern ihm nur mit einer -feinen Scheere den Bauch der Länge nach aufschneidet und ausbreitet, -so daß er alsdann gar keine Bauchhöle mehr hat, und sein Körper keine -cylindrische Röhre, sondern ein flaches Streifgen Gallerte, wie ein -Riemgen, vorstellt. — Statt daß nun alsdann durch den Schnitt an -beiden Seitenrändern dieses Riemgens zahlreiche vermeynte Keime in -Freyheit gesetzt werden, und sich entwickeln sollten, so erfolgt -hingegen blos einer von den beiden Fällen, die sich von selbst nach -der Würksamkeit des Bildungstriebes erwarten lassen — entweder -nemlich, der aufgeschlitzte Polype <i>rollt</i> sich wieder in seine vorige -Gestalt zusammen, so daß die wunden Seitenränder einander wieder -berühren und zusammen wachsen: oder aber<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> wenn er als ein flaches -Riemgen ausgebreitet bleibt, so schwillt er nach einiger Zeit auf, -wird gleichsam aufgeblasen, und es bildet sich nach und nach in seinem -Innern eine neue <i>Bauchhöle</i>, so daß er auch dann binnen kurzer Zeit -seine angestammte Gestalt ergänzt erhält.</p> - -<p>In diesen beiden angeführten und vielen andern Fällen, braucht gar -kein <i>neuer Stoff</i> erzeugt, — sondern nur die zerstörte <i>Bildung -wieder hergestellt</i> zu werden: eine Art von Reproduction, die um so -sorgfältiger von den übrigen unterschieden und abgesondert werden -muß, je weniger sie sich mit den prätendirten Keimen vergleichen -läßt, und je größer hingegen das Uebergewicht ist, das die Lehre vom -<i>Bildungstriebe</i> durch sie erhält.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p> - -<p>Beym Menschen und andern warmblütigen Thieren, ist zwar die -Reproductionskraft bey der größern Mannichfaltigkeit des Stoffes woraus -ihr Körper gebaut ist, und bey der Verschiedenheit der Lebenskräfte -womit die verschiednen Arten von jenem Stoff belebt sind, und bey der -Einwürkung worin sie aufeinander stehen, ungleich eingeschränkter, -als freylich bey den Armpolypen. Und doch zeigen sich auch bey ihnen -zuweilen Reproductionsfälle, die alles das, weshalb die vorigen von -den Polypen hier angeführt waren, aufs unverkennbarste bestätigen. -Man hat z. B. mehr als einmal gesehen, daß bey Menschen die Nägel -der Finger, wenn auch selbst die vordern Gelenke von diesen amputirt -worden, nichts desto weniger sich an den verstümmelten Enden der -hintern Glieder wiederum er<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>zeugt haben<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>. Es wäre eine starke -Zumuthung jemand überreden zu wollen, daß die Natur vorläufig auf -solche Amputationsfälle gerechnet, und daher längst der ganzen Finger -und Fuszehen Keime zu Nägeln auf solchen Nothfall ausgesäet hätte etc. -Und wie natürlich erklärt sich nicht hingegen die ganze Erscheinung -wenn man sie aus der Wirksamkeit des Bildungstriebes herleitet, dessen -Tendenz, die äußersten Extremitäten des Körpers, nemlich die Enden -der Finger und Fuszehen durch hornichte Nägel zu begrenzen, stark -genug ist, um sie im Nothfall auch sogar an ungewöhnlichen Stellen zu -reproduciren.</p> - -<p>Eine andere eben so bekannte und hier eben so sprechende Erfahrung ist -die, wo die Natur den<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> Verlust eines Glieds dessen mannichfaltigen -Stoff sie nicht vollkommen hätte ersetzen können, dennoch mittelst -einer einfachern etwa knorplichten oder knochichten Substanz zu -vergüten sucht, die durch die Kraft des Bildungstriebes in die Gestalt -des verlornen Glieds geformt, und so wenigstens zu einigen Gebrauch -geschickt gemacht wird. So hat der berühmte Wundarzt M<span class="smaller">ORAND</span> -einen Hasen beschrieben, dem lange vor seinem Tode einmal der eine -Vorderfus war abgeschossen worden, den ihm die Natur wenn gleich nicht -<i>quoad materiem</i> doch wenigstens <i>taliter qualiter quoad formam</i> durch -ein Surrogat, nemlich durch eine pfotenförmige Knochenmasse, die sie -hervortrieb, zu ersetzen gesucht hatte<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>Wenn, wie ich mir schmeichle, schon die wenigen ausgehobnen -Phänomene der Zeugung und Reproduction die unleugbare Existenz -des Bildungstriebes überhaupt darthun, so giebt es nun unter den -zahllosen übrigen verschiedene, die dann ferner dazu dienen können, -die Würkungs-<i>Art</i> dieser wichtigen Lebenskraft und gleichsam einige -ihrer <i>Gesetze</i> näher zu bestimmen; und so glaube ich lassen sich vor -der Hand wenigstens nachstehende, als simple Resultate ungezweifelter -Erfahrungen angeben:</p> - -<p class="mtop2">I. <i>Die Stärke des</i> Bildungstriebes <i>steht mit dem zunehmenden Alter -der organisirten Körper in umgekehrten Verhältnis.</i> — Denn, so -ausgemacht es z. B. ist, daß es wie oben gedacht, immer eine bestimmte -Zeit braucht, bevor sich die erste Spur<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> der neuempfangnen Frucht -zeigen kan, eben so ausgemacht ist es hingegen, daß auch sogleich nach -Verlauf dieser Zeit die Ausbildung derselben zum Erstaunen schnell -und eiligst vor sich geht. Insgemein werden zwar die frühzeitigen -menschlichen Embryonen sehr unförmlich abgebildet: allein die -Schuld mag wohl mehr an den Zeichnern, oder auch daran liegen, daß -dergleichen Abortus etwa äußere Gewalt erlitten, verdruckt, entstellt -und unkenntlich worden, oder schon angefangen in Fäulnis zu gehen, und -dadurch viel von der ausnehmenden Eleganz verloren haben, die man sonst -an ihnen bewundern muß. Ich besitze dergleichen so ungemein saubere -menschliche Leibesfrüchte aus den ersten Monaten der Schwangerschaft, -zumal einige, die ich der Güte meines theuren Freundes des Hrn. Hofr.<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> -B<span class="smaller">ÜCHNER</span> in Gotha verdanke, wo man z. B. bey einer aus der -fünften Woche und von der Größe einer gemeinen Werkbiene, die völligen -Gesichtszüge, jede Fingerspitze, jede Fuszehe, die Geschlechtstheile -etc. aufs deutlichste erkennen kan.</p> - -<p>Und eben diese frühe Würksamkeit des Bildungstriebes erstreckt sich bey -weiten nicht blos auf die äußere Gestalt der Embryonen, sondern ist in -ihrem ganzen innern Bau fast noch auffallender merklich. Ich bin über -die frühzeitige Vollkommenheit der Eingeweide u. a. Theile erstaunt, -die ich bey der Zergliederung frischer menschlicher Leibesfrüchte -aus den ersten Monaten nach der Empfängnis, gefunden habe. Nur einen -Umstand anzuführen, so war im Kopf derselben, der ohngefähr die Größe -einer Zuckererbse hatte, und dessen Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>hirn noch wie ein weicher Brey -war, schon der ganze knorplichte Boden der Hirnhöle (<i>basis cranii</i>) -mit allen seinen Gruben, Oeffnungen und Hügeln aufs schärfste und -deutlichste ausgewirkt, obgleich weder am Keilbein, noch am Felsenbein -etc. auch nur die mindeste Spur eines Knochenkerns zu finden war.</p> - -<p>So wenig nun bey Voraussetzung der präformirten Keime abzusehen -ist, was sie so lange Zeit, nachdem sie an den Ort ihrer Bestimmung -angelangt, befruchtet, und zur Entwickelung angereizt sind, -demohngeachtet davon zurückhalten kan; eben so wenig steht zu -begreifen, warum sie nun nach dieser räthselhaften Pause mit einem -mal so plötzlich und gleich zu einer so ansehnlichen Größe sich -auswickeln sollen u. s. w. Hingegen hat es nach dem<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> was oben von der -nöthigen Vorbereitung der Zeugungssäfte, bevor der Bildungstrieb in -ihnen rege werden kan, gesagt worden, nichts schwieriges, daß alsdann -dieser neu erregte Trieb in seiner vollen Stärke, in aller seiner noch -ungetheilten Thätigkeit die Grundlage der Bildung des neuen Geschöpfs -so schnell bewirken kan.</p> - -<p>Wie aber auch selbst noch nach der Geburt das gleiche umgekehrte -Verhältnis zwischen der Stärke des Bildungstriebes und dem zunehmenden -Alter statt habe, ist aus der vorzüglichern Leichtigkeit der -Reproductionsversuche bey jugendlichen Thieren, jungen Wassermolchen -etc. bekannt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> - -<p class="mtop2">II. <i>Wiederum ist dieser frühe</i> Bildungstrieb <i>doch bey den -neuempfangenen Säugethieren noch ungleich stärker, als bey dem -bebrüteten Küchelgen im Eye.</i> Beym Hühnchen z. B. zeigt sich die -allererste Spur der neugebildeten Rippen erst in der 192ten Stunde -des Bebrütens. Dieser Termin aber, wenn die ganze Brützeit der Henne -mit der Schwangerschaft im Menschengeschlecht verglichen wird, fällt -ohngefähr mit der 16ten Woche derselben zusammen. Allein ich besitze -selbst menschliche Embryonen in meiner Sammlung, die nicht viel größer -als eine gemeine Ameise, die folglich höchstens in die 5te Woche -nach der Empfängnis zu setzen sind, und bey welchen sich dennoch die -knorplichte Grundlage der bogenförmigen scharfausgewirkten Rippen aufs -allerdeutlichste erkennen läßt. Es scheint die Natur eilt bey den -lebendig ge<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>bärenden Thieren der Frucht so früh als möglich gleich -bestimmte Ausbildung zu geben, und sie dadurch für vielen zufälligen -Verunstaltungen von gewaltsamen Druck u. a. dergl. Gefahren zu sichern, -denen hingegen das in seiner Eyerschaale festverwahrte Küchelgen bey -weiten nicht so leicht ausgesetzt ist.</p> - -<p class="mtop2">III. <i>Aber auch bey Formation der einzelnen Theile des organisirten -Körpers ist der</i> Bildungstrieb <i>bey manchen derselben von einer -festern, bestimmtern Wirksamkeit, als bey andern.</i> — So hat z. B. -der alte, aber um die Physiologie unendlich verdiente C<span class="smaller">ONR</span>. V<span class="smaller">ICT</span>. -S<span class="smaller">CHNEIDER</span> angemerkt, daß das Gehirn fast immer seine Bildung -so constant erhalte<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>.<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> Wie unendlich häufiger sind hingegen die -Varietäten in der Gestaltung der Nieren, der Milchsaftröhre u. dergl.</p> - -<p class="mtop2">IV. <i>Unter die mancherley Abweichungen des</i> Bildungstriebes <i>von -seiner bestimmten Richtung gehört vorzüglich diejenige, wenn er bey -Bildung der</i> einen <i>Art organischer Körper, die für eine</i> andere <i>Art -derselben bestimmte Richtung annimmt.</i> — So glaube ich mir einige -räthselhafte Phänomene erklären zu können, davon ich nicht absehe, -wie sie je nur irgend leidlich mit der Einschachtelungshypothese der -präformirten Keime sollten verglichen werden können. — Bekanntlich -haben die Weiber nach dem ordentlichen Lauf der Natur zur Aufnahme -ihrer neuempfangnen Frucht ein einfaches Organ. Die mehresten übrigen -weiblichen Säugethiere hingegen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> doppeltes. Nun aber sind die Fälle -nicht selten, wo man auch bey Frauenzimmern einen förmlichen solchen -thierischen <i>vterus bicornis</i> gefunden, so daß es dann von dieser -Seite geschienen, als wenn würklich die Iphigenia verschwunden, und -ein Reh an ihre Stelle gezaubert wäre. Irre ich nicht, so giebt hier -dieses vierte Gesetz des Bildungstriebes den Schlüssel dazu. — Auch -die so oft bemerkten Beyspiele von gehörnten Haasen mit vollkommen -ausgebildeten kleinen Rehgeweihen auf dem Kopfe würde ich hieher -rechnen. Und vielleicht läßt sich eben dahin manche sonst räthselhafte -Abweichung im Bau gewisser Gewächse zählen, wie z. B. die von -G<span class="smaller">LEDITSCH</span> beschriebene Erle mit Eichenblättern etc.<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> - -<p class="mtop2">V. <i>Eine andre eben so merkwürdige Abweichung des</i> Bildungstriebes -<i>ist, wenn bey Ausbildung der Sexualorgane, die beym</i> einen <i>Geschlecht -mehr oder weniger von der Gestaltung des</i> andern <i>annehmen.</i> Man hat in -unsern sceptischen Zeiten auch die Möglichkeit der Zwittergestaltung -beym Menschen u. a. warmblütigen Thieren zu bezweifeln beliebt. Und -doch hat Hr. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> hier in Göttingen und neuerlich Hr. -<span class="smaller">JOH</span>. H<span class="smaller">UNTER</span> in London u. a. m. die genauesten Zergliederungen -von Thieren, zumal aus dem Ochsen- und Ziegengeschlechte gegeben, die -über die ausgemachte Würklichkeit solcher Zwittergestaltungen keinen -Zweifel mehr übrig lassen. In keinem dieser Fälle sind zwar würklich -die wesentlichsten Zeugungstheile der beiden Geschlechter, z. B. -männliche Geilen und weibliche Eyerstöcke, deutlich und vollkommen<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> im -gleichen Individuo verbunden; sondern die Hauptbildung stellt immer die -Genitalien des einen von beiden Geschlechtern dar, offenbar aber zeigen -sich dabey im einen oder dem andern Theil die unverkennbarsten Spuren -von unvollkommnern Entwürfen zum Bau einiger Sexualorgane des andern. -Meist nemlich liegen inwendig wahre männliche Organe, und die äußern -hingegen haben dabey mehr oder weniger Aehnlichkeit mit den weiblichen.</p> - -<p class="mtop2">VI. <i>Wenn aber endlich der</i> Bildungstrieb <i>nicht blos wie in -den vorigen Fällen eine</i> fremdartige, <i>sondern eine</i> völlig -wiedernatürliche <i>Richtung befolgt, so entstehen</i> eigentlich sogenannte -M<span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">s</span><span class="mleft0_2">g</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span>. — Und dennoch ergiebt sich bey einer nähern -Beleuchtung aus der bewundernswürdigen Gleichförmigkeit die<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> unter -vielen Arten von Monstrositäten herrscht, daß doch auch selbst die -Ursachen, die in diesen Fällen dem Bildungstriebe die falsche Richtung -geben, dennoch an sehr bestimmte Gesetze gebunden seyn müssen. Wer -nur irgend Gelegenheit gehabt hat, eine beträchtlichere Anzahl von -Misgeburten unter einander zu vergleichen, oder wer auch nur die sonst -freylich so schaalen compilirten Bilder-Bücher davon mit einiger -Aufmerksamkeit durchblättert hat, dem kan die auffallende Gleichheit -nicht entgangen seyn, mit welcher diese oder jene Art von Monstrosität -sich immer selbst bis auf Kleinigkeiten ähnlich bleibt, so daß die -Stücke von so einer Art alle wie aus einer Form gegossen scheinen.</p> - -<p>Und hier nun noch zuletzt abermals ein Phänomen, bey dessen<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> -Erklärung es wieder den Lesern selbst überlassen bleiben mag, -zwischen präformirten Keimen oder Bildungstrieb zu wählen. — -Manche thierische Misgeburten (z. B. die mit doppelten Leibern und -einem gemeinschaftlichen Kopf) sind von der Art, daß sie nach der -ausdrücklichen Behauptung des Hrn. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">ALLER</span> und andrer -Verfechter der Keime nicht etwa durch das Zusammenwachsen zweyer -Keime und andere dergleichen Zufälle entstanden seyn, sondern in der -ursprünglich-monstrosen ersten Anlage eines einzelnen Keims ihren Grund -haben sollen: d. h. sie waren schon von je als Misgeburt präformirt. -Nun aber — sind diese Misgeburten unter gewissen <i>Hausthieren</i> -so gemein, und doch unter den wilden Thieren <i>derselben Art</i> fast -unerhört. Soll das also der Schöpfer so prädestinirt haben, daß von -den in einander ge<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>schachtelten Keimen einer Gattung von Thieren, -z. B. von Schweinen, die monstrosen gerade dann erst an die Reihe der -Entwickelung kämen, wenn der Mensch sich diese Thiere unterjocht haben -würde; und daß diese Keime zu Misgeburten dann auch gerade blos den -unterjochten und nicht den zu gleicher Zeit wild lebenden Individuis -zur Entwickelung anheim fallen müßten.</p> - -<p>Hingegen hat es hoffentlich nichts wiedersinniges anzunehmen, daß nach -der Unterjochung der Hausthiere, wodurch ihr ganzes Naturel gleichsam -umgeschaffen worden, ihre ganze körperliche Oekonomie so viele -Veränderung erlitten; daß dann auch ihr Bildungstrieb etwas von seiner -sonstigen Bestimmtheit verloren hat, und daß folglich diese Thiere, -so wie sie dadurch in zahllose <i>Spielarten</i> degeneriren, so auch<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> den -Monstrositäten häufiger unterworfen seyn können.</p> - -<p class="mtop2">Dieß wären dann meines Bedünkens die vorzüglichern Beobachtungen -und Erfahrungen, die zum Erweis des Bildungstriebes und der nähern -Bestimmung einiger seiner Gesetze dienen können, und die mich immer -mehr und mehr von der sonst von mir beyfälligst bewunderten Theorie -der eingeschachtelten Keime zurückgebracht und eben auf diese ihr -sehr entgegengesetzte Bahn geführt haben. Mit aller Hochachtung für -den behutsamsten philosophischen Scepticismus, konnte ich bey einem -solchen Ueberwicht von augenscheinlichen Gründen doch unmöglich meiner -sinnlichen Ueberzeugung entgegen kämpfen; unmöglich bey solchen -Beobachtungen so wie dort die gute Matrone in den<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> Erzählungen der -M<span class="smaller">ARGARETHE</span> von Navarra, — da sie auch eine unerwartete, und -ihrem sonstigen System wiedersprechende Beobachtung machte die auf den -Bildungstrieb einen sehr directen Bezug hatte, — ausrufen: “Behüte -mich der Himmel, daß mein Herz nicht etwa glaubt, was meine Augen -sehen!”</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> “<i>Démontrer une erreur, c’est plus que découvrir une -verité: car l’on peut ignorer beaucoup; mais le peu que l’on sait, il -faut au moins le savoir bien.</i>” in der Vorrede zum <i>Ess. anal. des fac. -de l’ame</i>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Eine Gattung <i>Wasserfaden</i>, die L<span class="smaller">INNÉ</span> die -<i>Brunnenconferve</i> (<i>c<span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">f</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">a</span> fontinalis</i>) nennt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Wie z. B. <i>nidus pulli</i>, <i>bulla</i>, <i>amnion</i>, <i>figura -venosa</i> etc.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> -P<span class="smaller">ECHLIN</span> und T<span class="smaller">ULP</span> haben dergleichen -Fälle beschrieben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> “<i>c’etoit</i>”, wie er sich ausdruckt “<i>une espèce de jambe -de bois, dont la nature seule avoit fait les frais</i>.”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> “<i>In corpore humano</i>” sagt er “<i>nulla pars faciem suam -rarius mutat quam cerebrum.</i>”</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <i>B<span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">t</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span> alnus quercifolia.</i> s. -G<span class="smaller">LEDITSCH</span> -<i>hinterlaßne Abhandl. das practische Forstwesen betreffend</i>.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende" name="ende"> - <img class="padtop3" src="images/ende.jpg" alt="Schluß" /></a> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Über den Bildungstrieb, by -Johann Friedrich Blumenbach - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DEN BILDUNGSTRIEB *** - -***** This file should be named 61997-h.htm or 61997-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/9/9/61997/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. -This file was produced from images generously made available -by the Universitätsbibliothek Tübingen -(http://idb.ub.uni-tuebingen.de/digitue/tue/). - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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