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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Pastor Hallin - -Author: Gustaf af Geijerstam - -Translator: Ingeborg Klett - -Release Date: February 22, 2020 [EBook #61480] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt. Alle - Buchanzeigen wurden zusammengefasst am Ende des Texts wiedergegeben. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - unterstrichen: _Unterstriche_ - - #################################################################### - - - - - [Illustration] - - - - - Pastor Hallin - - Roman von - - Gustaf af Geijerstam - - [Illustration] - - S. Fischer, Verlag, Berlin - - - - - Autorisierte Übertragung - aus dem Schwedischen von Gertrud Ingeborg Klett. - - Alle Rechte vorbehalten. - - - - -Inhalt - - - Seite - - Erstes Kapitel 5 - Zweites Kapitel 18 - Drittes Kapitel 24 - Viertes Kapitel 34 - Fünftes Kapitel 46 - Sechstes Kapitel 54 - Siebentes Kapitel 66 - Achtes Kapitel 79 - Neuntes Kapitel 92 - Zehntes Kapitel 97 - Elftes Kapitel 115 - Zwölftes Kapitel 125 - Dreizehntes Kapitel 151 - Vierzehntes Kapitel 164 - Fünfzehntes Kapitel 173 - Sechzehntes Kapitel 180 - Siebzehntes Kapitel 192 - Achtzehntes Kapitel 204 - Neunzehntes Kapitel 215 - Zwanzigstes Kapitel 227 - - - - -Erstes Kapitel - - -Eine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch -das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und -einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch. -Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden -Tageshelle. - -Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem -Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen -weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart -bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er -liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht, -daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die -Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der -Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es -nicht. - -Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar -Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge -und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn -bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt -sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der -Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht. - -Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem -Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem -überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er -legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt -hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen, -während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt -dazu schlug. - -Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben -ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute -zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er -plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht -gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und -begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen. -Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief: - -„Bist du fertig?“ - -Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und -begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing, -seine Toilette in Ordnung zu bringen. - -„Guten Morgen, Tante... Gleich!“ - -Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch -und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag. - -Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf -dem die Teemaschine dampfte und pustete. - -„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie. - -Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie -müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“ - -Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch. - -„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte -er. - -„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du -reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine -Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“ - -Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend seinen Tee. -Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute, -Tante?“ - -Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus. - -„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht. -Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“ - -Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um -nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte. - -Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach -der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in -all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach -dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und -angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung -abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes -Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht -zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags -studieren wollte. - -Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er -auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund. - -Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war -überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil -sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter -den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum -erstenmal in die Welt hinaus zu schicken. - -Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär --- eben Ernst Hallin -- und im übrigen einen Kosttisch für Studenten -hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in -Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren -Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die -populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren -ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie -immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das -alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen -fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte, -für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte. - -Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen -gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh -außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken -ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief -zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch -gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des -Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag. - -Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die -„akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und -wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab -zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam -er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich -bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft. - -Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala -blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt -hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte -er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte -er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht -wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von -der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig, -friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des -Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden -und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht. - -Und er +hatte+ studiert. Wie friedlich und wohltuend waren -nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum -durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben, -Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und -seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen -können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder -unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige -Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder -über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und -Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte -er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren, -der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand, -gelesen. - -Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke -und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen, -desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er -zurecht mit seinen Zweifeln. - -Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran, -daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere -heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen -herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich -barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können, -wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine -derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah. - -Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war -diese Zeit gleichsam vergessen -- verschwunden. Jetzt ward er von -unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht -quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so -ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner -Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte, sie täglich -und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten -Erscheinungen und beunruhigten ihn. - -Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit -sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als -fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte. - -Fertig! - -Ja, er wußte ja, daß er fertig werden +mußte+. Der Vater hatte es -ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und -der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu -unterhalten. - -Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die -Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde -Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten -weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks. - -Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art -seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar -nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch -nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die -Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der -seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in -ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat. - -Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor -sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte -um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts. -Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht -wie er hier herumlief -- um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor -dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an -ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß -noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder in seinen -Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu -setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen. - -So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war -fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte -solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte -Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das -vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich -nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er -+könne+ gar nicht durchfallen. - -Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer -in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar -Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den -Schaukelstuhl. - -Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer -Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie -an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen. - -Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen -auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört -hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die -Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das -Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen. - -Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag -auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er -sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer -auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte -sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter -Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit -des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach -dem Abiturientenexamen war er so kränklich gewesen, daß er nicht -einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens -zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß -bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und -in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn -beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er -haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige -Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige -Fähigkeit -- das Gedächtnis -- bis aufs äußerste anstrengen, während -die andern alle ruhten -- das wars, was ihm einen Knacks gegeben -hatte! Aber er wußte -- er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit -wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken -besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch -oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft, -stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine -schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug -er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit -dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken -haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut -die Worte des Kollegs dazu murmelte. - -Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten. -Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich -ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit -Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder -Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans -Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte, -bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein -paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter -daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den -Seinen sein würde. - -Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das -er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden, -der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder -eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die -ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe -hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer -gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen -berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte, -wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte -er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen, -auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern -Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich -ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen -Finger aufhörten. - -Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu -sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl -sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in -den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich -instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und -sah, daß es fast halb Zwei war. - -Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben -- -bis zum Mittagessen. - -Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen -und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen -im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte. - -Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still -verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte. -Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu -lesen und zu denken, das wußte sie. Darum achtete sie genau darauf, -daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des -Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre. -Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin -und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht -einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür -dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer -selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit -Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern. - -So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man -mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der -hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in -seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls, -wenn er über eine unebene Diele ging. - -Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und -die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach -Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins -Zimmertür. - -„Es ist angerichtet.“ - -Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das -Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt -hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend, -während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte. - -Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei -jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie, -einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich -gesinnt waren. - -Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser -Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das -Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer eine ganze Menge -Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des -Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen -zu entscheiden. Mit einem Wort -- er war die Seele der Gesellschaft -gewesen. - -Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder -einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt -der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte -abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten. - -Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im -Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den -Kaffee zu nehmen. - -Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden -und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil -altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen -Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes -Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen -weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker -Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar -war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete, -entgegenschlug. - -Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng -verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt, -und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets. -Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas -außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu -riechen. - -Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit -andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die -andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle -gegangen, so zog er sich zum zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen -Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte. - -Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und -abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume -verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte -für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes. - -Hier waren seine Gedanken am freiesten. - -Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen -gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus -Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam. - -Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der -längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er -dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe -und studierte. - -Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger, -als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem -Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz -von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern -des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich -zu rauchen pflegte. - -In diesen Stunden arbeitete er immer am besten. - -Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue -„Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken -verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, -- er hielt -es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger -jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung -löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der -andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden -Lampe saß und auf ihn wartete. - -Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als -hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte -die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter -nie hatte reden können! - -An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund -hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden -Seele von Nutzen sein durfte. - -Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches, -freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat. - -„Ist Schluß für heute?“ fragte sie. - -„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken. -„Jetzt ist Schluß.“ - -Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“. - -„Wollen wir weitermachen?“ fragte er. - -Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht -und begann zu lesen. - -Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von -einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich -selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der -Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil -eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen. - -Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still -in dem kleinen Zimmer. - -„Das ist Christentum!“ sagte er endlich. - -Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit -Brand gemeint hätte. - -Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam -das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem -bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts -Elternhaus. - - - - -Zweites Kapitel - - -Gammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum -Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des -Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des -Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu -beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die -Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine -alte Brücke über den Fluß führt. - -Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen, -wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen, -über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind -die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im -Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und -der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein -Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße -stehen. - -Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder -sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen, -dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die -Volksvermehrung. - -Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern. -Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen -die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad, -grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der -kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein -Holz in ihren Herd zu schieben haben. - -Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen -die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter -auf den großen Holzplätzen. Hier sind die großen Höfe, auf denen -Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die -Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet -oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber -haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen -sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des -Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr -geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden. - -Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine -Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil. - -Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen -Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite -an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig -vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen -Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten -verdrängen will. - -Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten -Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen -in großen Karren den überflüssigen Schnee fort. - -Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die -Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen -in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil -und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große, -lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären -sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu -oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen -Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat. - -Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden -Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien -wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten -Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet, -sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß -der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn -nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie -wissen, Einigkeit macht stark. - -Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was -man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem -kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter, -gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken -angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten -anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten -niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne -Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus -diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien. - -Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage, -und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings -versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten -Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei -denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen -die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte -ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern -verborgen lagen. - -Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht -wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen. -Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine -Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und -Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine -neue Lebensweise mit sich. - -Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag -an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen -den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um -jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen -und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn -die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer -Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die -Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter -hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da -ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie -gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch -ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer -neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei -Jahre leben, solange er eins lebt. - -Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt -sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt -Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen, -verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an -das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten -Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird. - -Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz, -das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in -der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und -reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in -dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals -und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber -in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch, -das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch -eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen -Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes -oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen, -oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und -in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen -Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft -in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich -abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt -oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die -Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die -Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des -Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll -von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen, -davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen -Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist -es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern -sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des -Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht. - -Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern, -mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien. - -Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der -gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus -den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und -der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten -aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte -dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren -Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer -Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt. - -Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder -haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben -sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im -Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine -Kleinstadt, wo -- bestenfalls -- die ersten zehn Jahre zur Bezahlung -der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen -und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war. - -Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer -„Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr -Urteil und nennen sie Bücherwürmer. - -Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an -jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären. -Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft -von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter -gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so -heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern, -die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben -diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich -auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie -leben und sich entwickeln. - -Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und -formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer -besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes -Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der -großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist. - - - - -Drittes Kapitel - - -Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der -untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche -Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; -die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie -schwanzwedelnde Hunde. - -„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den -Unterschied zwischen ~cado~ und ~caedo~ merken kannst! Wie war das? -~Cado, cecidi, casum -- casum~, sag’ ich -- ~cadere~. Also -- sprich es -nach. Wie war es?“ - -Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges -Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem -unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf -einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen, -ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts -besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit -leiser Stimme: „~Cado, cecidi, casum, cadere.~“ - -„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede -die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und -du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und -lauter!“ - -Lundberg wiederholte mit lauter Stimme. - -„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit ~caedo~?“ - -Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und -schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern. - -Aber es war eine alte Geschichte -- Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt -Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester -Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen, -der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen -um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine -Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln, -das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör -mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes -an dem kleinen Petterson da neben dir links?“ - -Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen -sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit -niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht, -das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit -Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune. - -„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest -du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann -vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse -auf das unglückselige Verb ~caedo~ zu übertragen? Mit ~ae~.“ - -Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig: -„~Caedo, cecídi, caesum, caedere.~“ - -„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“ - -Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer -ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen. - -„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal -wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten -Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist -ein langer Satz. ~Qui quum~ usw.“ - -Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten -Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben, -leicht, rasch, sicher und ruhig. - -Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch -das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob sich, und im Nu entstand -ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher -zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen -zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge; -Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten -Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein -dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er -hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes -Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte. - -Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen -wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das -Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen -blieben. - -„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er. - -„Und nicht zu vergessen -- wer ~cado~ oder ~fallo~ nicht -kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“ - -Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs -Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die -Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule -durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte. - -Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken -Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf -dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war, -in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen -Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte. - -Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die -zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz -gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er -machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er -seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit -langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem -er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten -sich, als spräche er mit sich selber. - -Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn -der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau -zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht -einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er -grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man -doch einen viel besseren. - -Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich -ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als -die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten -begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten -und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu -schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem -heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz -allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn -doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch -sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten -daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen -kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und -so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues -Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der -städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes -Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen -brauchte. - -Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft -- bloß ein -„paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum -Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama -für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein, -und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und -Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch. - -Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden. -Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die -Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von -morgens bis abends in Tätigkeit. - -Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die -Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis -der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in -diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der -Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin -ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß -nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß -seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten -hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben. -Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war; -er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt -auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen -beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz -nach seiner Wohnung ging. - -Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen -vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein -Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die -durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner -Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am -Mittagstisch. - -Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo -sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen -Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer -trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß. - -„Wie geht’s heut, Papa?“ - -„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf -erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf. - -„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im -selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein -aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften -grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar -lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht -sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug -frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte. - -„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und -wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“ - -Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung -ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten -werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern -kommen könne. - -Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den -Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er -es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah, -wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und -nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete -er es überhaupt noch. - -Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater, -Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch. - -„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte -Frau Hallin. - -Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer -den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man -anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten -Häuptern da; dann setzten sie sich. - -Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber; -zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck -bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem -Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf -jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas -- die Gläser waren -alle sehr klein -- vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor -dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche. -Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne -Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die -das Mädchen eben herumbot. - -Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den -Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den -Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die -Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und -bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen -Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder -Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas -bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen -hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von -der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich -unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich -kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten -fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam -ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären, -wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder -dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß -für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem -väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte, -aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief. - -Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester -vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen -suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs -Fleischklöße auf meinem Teller!“ - -Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen, -wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch -war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr -unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die -Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den -Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis, -die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, -- ein Bedürfnis, -das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen -Widerwärtigkeiten heimgesucht werden. - -„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun -einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es -so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren -Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich -nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist -ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um -seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin, -was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im -stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte, -weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen -hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme, -würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem -Adjunkten in der Seele weh tun müsse! - -Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich -ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf übrig. -Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte -gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein -langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen -Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig -zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte, -guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas -drin sei. - -Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen -begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob -er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des -Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle -im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende -Handbewegung und sagte: „Frag doch +mich+ nicht! +Ich+ hab -doch nichts zu sagen hier im Haus!“ - -Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das -andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam; -man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob -er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr -lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft, -als das Gespräch auf den Sohn kam. - -„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann. - -Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht -bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung. - -Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein -geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert. -Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter -erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die -Geschwister stimmten ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt -und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten, -die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war. -Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der -Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit, -noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich -sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit -möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein -bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier -machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein -Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche -tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf -schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede -war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es -Weihnachtsbier gab -- das wußte er -- so brauchte er wenigstens nicht -von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben! - -Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem -zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig -auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei -ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische -Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen -Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die -Reihe kam --, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet, -wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller -geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende -Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch. - -Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als -Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich -auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte. -Dann trank man im Wohnzimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte -dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte -verschlucken müssen. - -Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein -Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus -- die Zeitung auf dem -Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen -und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber -seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf -ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen -Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe -hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen, -eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und -dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte -Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete. - -Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe. -Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte -die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich. - - - - -Viertes Kapitel - - -Am folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur -Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern -kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn -war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets -Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer -reisen zu können. - -Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war -zu sehen. - -Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach -sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit -den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge -des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während -die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den -Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit -das Szepter führten. - -Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er -eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann -sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen -sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen, -unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten, -daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens -würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial -aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr -treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen. - -Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein -kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und -einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in -Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war -klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine -Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und -her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein -flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen -Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen -und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg, -sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch, -mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann -einen scharfen, stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und -außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion. - -Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und -er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson -war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern -wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten. -Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren -schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der -Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in -all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand -schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen -zu verbergen. - -Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem -Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht -war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil -seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und -mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein -mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht -ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher -und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt. -Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte, -hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich -Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten -sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam -abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen -Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her -hingen und schleiften. - -Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen -Bewegung den Überzieher aus und hängte -- oder schmiß -- ihn auf den -Kleiderständer, warf dann den Hut mit einem Klatsch auf einen Sessel -und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor -Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der -Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit -dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen -gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so -dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und -schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und -Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm. - -„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er -schließlich. „Ich möchte wohl wissen, +ob’s+ in Rußland irgendwas -Neues gibt!“ - -Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß -nichts darin stünde. - -„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor -dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im -Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben. - -Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut -der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu -kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen -Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen -energisch einstimmten. - -Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht, -die aussah wie eine einzige große Grimasse. - -„Satansmusik!“ äußerte er. - -Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen -- der beiden jungen Lehrer -wegen -- einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch -seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende -Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es -seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen -amüsierte. - -Professor Bruhn kümmerte sich keineswegs um die Warnung, die im Blick -des Adjunkten lag; ruhig fuhr er in seinen Bemerkungen fort. - -„Eine Satansmusik! sag ich! Ist’s etwa ein Verbrechen, wenn man das -sagt? Ist vielleicht die Orgel, die da droben in dem alten Saal steht, -und vor der Petterson sitzt und aus Haeffners Choralbuch spielt, so was -ganz besonders Heiliges? Spielt man vielleicht jetzt Gottes Wort? Und -wird es etwa heiliger darum, daß die Jungens hinter ihren Choralbüchern -dazu grinsen?“ - -Pastor Simonsons Nasenflügel bebten. Er hegte eine Antipathie gegen -Bruhn; denn er ahnte instinktiv in ihm den Gegner und hielt ihn -außerdem für roh und ungeschliffen. Auch führte er lieber selber das -Wort. - -„Für mich“, sagte er, „hat der Ton der Orgel immer etwas Ehrwürdiges, -auch wenn man sich -- in künstlerischer Hinsicht -- eine vollendetere -Ausführung vorstellen könnte.“ - -Professor Bruhn schneuzte sich. - -„O!“ sagte er ruhig. „Das ist ja eine sehr interessante Erklärung!“ - -Der junge Lehrer lachte laut auf, und Pastor Simonson sah aus, als -ertrage er mit christlicher Geduld eine unerhörte Verunglimpfung. - -Plötzlich verstummte die Orgel oben. Eine kleine Weile herrschte -Schweigen. - -„Glauben Sie, daß die Jungens jetzt beten, Herr Pastor? Wenn sie auch -ihre Choralbücher unter der Nase haben?“ fragte Professor Bruhn und -nahm eine gewaltige Prise. - -„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß -bebte. „Ich +möchte+ es zum mindesten glauben.“ - -„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na -- ich nicht!“ - -Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur -Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die ungeduldig ausgestreckt -wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren -aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der -unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme -drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den -Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als -sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem -der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches, -wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge, -Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es -stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm -der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des -Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer -schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“ - -Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in -sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er -sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele -- nach all dem -Gebet und Choralsingen! - -Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn -den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die -inzwischen gekommen waren. - -Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten -sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam -pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den -obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten. -Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine -Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer -von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den -Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären. -Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab, mußte er wohl -oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte -auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz, -daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren -konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er -treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die -Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte -mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend: -„Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt -auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte, -welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander -bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe -erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war, -und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und -krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben. - -Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte. -Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen. -Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des -Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf -den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu -reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch -immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade -nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte, -daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten. - -Dennoch -- er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte -tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter, -lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten -fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am -Kachelofen. „Daß er sich auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken -müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“ - -„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer -schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten. - -„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt! -Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“ -lautete die Antwort. - -Und Bruhn machte eine ungeduldige Bewegung mit den Achseln und warf den -Kopf herum. - -Adjunkt Hallin saß eine Weile ganz still da und blätterte im Cavallin. -Es wurde doch mit jedem Jahre schwerer, um Geld zu bitten, wenn auch -manche behaupteten, der Anfang wäre das schlimmste. Schließlich legte -er das Buch weg, erhob sich und sagte mit gedämpfter Stimme, als wolle -er eine lange Einleitung machen: „Ich möchte dich um einen Gefallen -bitten.“ - -Professor Bruhn ließ den Rockschoß fallen und holte die -Schnupftabaksdose heraus, die er von nun an unaufhörlich zwischen den -Fingern drehte. - -„So!“ sagte er. „Und was denn?“ - -„Weihnachten hat recht viel gekostet heuer.... Und in ein paar Tagen -kommt Ernst heim.... Am ersten habe ich die Miete bezahlen müssen.... -Ich hätt’ mich ja ganz gut einrichten können.... aber es kamen -unerwartete Ausgaben.... könntest du mir fünfzig Kronen leihen bis zum -nächsten Quartal?“ - -Der erste Teil der Rede ward langsam, in eigentümlich scharfem Ton, -leise und mit beinah zitternder Stimme gesprochen. Der letzte Satz -dagegen kam heftig und überstürzt heraus, ungefähr, wie wenn man eine -schlechtschmeckende Arznei nimmt. - -Professor Bruhns Gesichtsausdruck veränderte sich ganz plötzlich. Er -brach in ein gutmütiges, geräuschvolles Lachen aus und machte die -fürchterlichsten Grimassen, während die Schnupftabaksdose wie ein Ball -in seinen Händen tanzte. - -„Bist +du+ ein verdammt komischer Kerl, Hallin!“ sagte er. „Gehst -wie die Katze um den heißen Brei herum und mühst dich ab und schwitzst, -wegen fünfzig Kronen! Selbstverständlich kannst du sie haben; mir -liegen sie ja bloß da. Ich geh gleich und hole sie; dann hast du sie in -der Pause.“ - -Und Professor Bruhn lachte immer lauter vor seinem Kachelofen, -trampelte mit beiden Füßen auf den Boden, wand sich aus purer guter -Laune und wiederholte in einem fort: „So ein komischer Kauz! Fünfzig -Kronen! Hahaha! Das kommt davon, wenn man verheiratet ist! Jawohl!“ Und -dabei sah er aus, wie ein vergnügter Tanzbär. - -Adjunkt Hallin fühlte sich plötzlich wie ein ganz anderer Mensch. Er -war froh, daß es so leicht und gut abgelaufen war. Er hatte seine -fünfzig Kronen und war wieder ein freier Mann. Und er lachte und -schüttelte Bruhn freundschaftlich am Arm. - -„Dank dir, Kamerad“, sagte er. „Aber sag, warum warst du denn gegen -unsern jungen Kollegen, den Pastor, so ausfällig?“ - -Professor Bruhn hielt plötzlich mitten in seiner Frohlaune inne; sein -Gesicht sah auf einmal ganz anders aus. Die Augen hatten einen fast -grimmigen Ausdruck und er schlug mit der rechten Hand in die Luft, daß -man fürchten mußte, der Arm würde aus dem Schulterblatt gehen. - -„Kollege!“ sagte er. „Meinst du, so einen jungen Hund nehm’ ich als -Kollegen? Noch vor fünf Jahren war er mein Schüler. Er taugte nichts, -verstand nichts, wußte nichts. Dann ist er fünf Jahre lang in Upsala -gewesen und hat es zu einem jämmerlichen Examen gebracht. Und dann -kommt er hierher und legt los, als hätt’ er mittlerweile alle Weisheit -der Welt mit Löffeln gefressen! Meinethalben -- ich gönn ihm ja seinen -Glauben! Mag er ein Idiot sein -- meinethalben! Aber aus +meinem+ -Bereich soll er wegbleiben. Hab ich nicht recht? War die Musik nicht -unter der Kanone? Na also, warum braucht er mit mir anzubändeln? Kann -ich dafür?“ - -Professor Bruhn war keineswegs gut auf Pfarrer zu sprechen und versagte -es sich im allgemeinen nicht, seiner Antipathie sehr freien Lauf zu -lassen. Besonders wenn er ärgerlich war bediente er sich einer fast -affektierten, regelrechten und grammatikalischen Redeweise, die ihm -gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Diese Redeweise klang um so -komischer, als er sie immer mit den kräftigsten Flüchen vermischte. -Er redete heftig und lange und ging schließlich zu einem stillen, -inwendigen Gebrumm über. - -Der Adjunkt sah ein bißchen geniert aus. - -„Mein Sohn ist ja auch Theologe!“ sagte er endlich. - -„Ja -- aber der ist aus ganz anderem Stoff!“ sagte der Professor -heftig. „Freilich -- er kann sich ja auch verändert haben. Man kann ja -nie wissen.“ - -Er schwieg, wie beschämt ob seiner eigenen Grobheit. - -„Es wird am besten sein, du gehst in deine Klasse!“ sagte er dann -plötzlich. „Das Geld kriegst du in der Pause.“ Hallin blickte rasch -in den Schulhof hinaus. Über die Staffel, die zwischen Eisengeländern -zur Schule hinaufführte, schritt soeben ein ungewöhnlich kleiner Mann -von intelligentem, gewecktem Aussehen. Seine kleinen, scharfen Augen -sahen sich lebhaft um, sein Stock stieß energisch gegen die Staffel, -und er setzte die Füße auf eine Weise, die ein cholerisches Temperament -andeutete. - -„Ich danke dir!“ sagte der Adjunkt. Und indem er seinen Virgil zur -Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch, -in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor -trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf -- mit -gespreizten Beinen -- den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände -in den Hosentaschen. - -Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den -Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt -von der Sorge, die am schwersten und bittersten ist und am meisten -schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die -Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung -ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und -er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten -ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht -gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das -so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen, -wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden -Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen, -wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen -war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten. -Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der -ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und -Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht -- vielleicht -urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies -alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil -ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie -früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war -- man -lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte, -so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren, -als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim -geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem -es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen -tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb? - -Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es -quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte. -Wie sie auch sparte -- nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die -Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es -nannten. Begriffen sie denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um -ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden -sollten? - -Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von -unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte -ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe -aus und prüfte ihn. - -Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden. -Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht -wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den -Füßen gegangen -- weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die -weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern -benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber -hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten -gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen -gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn -hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die -Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast -zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich -mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf -und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest -entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint -hatte. - -Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen -gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie -den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen, -und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn -um Verzeihung bitten. - -Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es -war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas -erzwungenen Stimme sagte er: „Weine doch nicht. Es hilft ja doch -nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“ - -Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen, -das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen -hervor. - -„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort, -„so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die -tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt. - - - - -Fünftes Kapitel - - -Der Gymnasiallehrer Hallin war der Sohn eines Pastors, der ein paar -Meilen südlich von Gammelby ein großes Pastorat gehabt hatte. In der -ganzen Familie waren überhaupt immer viele Geistliche gewesen; und -alle hatten sie zu dem Stift Gammelby gehört, und alle hatten sie ihr -Teil gehabt an den Gütern dieser Welt. Der alte Propst war ein recht -gedeihlicher Mann, das wußte alle Welt, und daß man im Pastorat gut -und behaglich lebte, das sah man dem Propst und seiner Frau Propstin -deutlich genug an. - -Wenn nur nicht die vielen Kinder gewesen wären! Aber es schien, als -wolle Gottes Segen in dieser Beziehung überhaupt kein Ende nehmen. -Jedes liebe geschlagene Jahr war bei Propstens Kindtaufe; und wären die -Kinder alle am Leben geblieben -- die Zahl wäre weit über die Zehne -hinausgewachsen. So waren es, als der Propst starb, neun. - -Das Vermögen reichte natürlich nicht so weit; wenn die Söhne mit der -Schule fertig waren, mußte der Propst Geld aufnehmen, um ihnen auf der -Universität und der landwirtschaftlichen Hochschule weiterzuhelfen. -Und als der Alte nicht mehr da war, wunderten sich noch alle höchlich -darüber, daß er mit seinem guten Pastorat so große Schulden hatte -machen können. Jene von den Söhnen, die mit ihren Studien noch nicht -fertig waren, mußten nun selber mit Schuldenmachen anfangen, damit sie -zu Ende studieren konnten. - -Adjunkt Erik Hallin war der dritte der Söhne. Daheim, wo alles -reichlich zuging, hatte er sich Gewohnheiten zugelegt, die während der -Universitätszeit keineswegs eingeschränkt wurden, und er kam von Upsala -zurück mit viertausend Kronen Schulden, die sich in den zwei Jahren -seit des Vaters Tod so angesammelt hatten. - -Also jetzt galt’s sparen! Er erhielt eine Anstellung als Hilfslehrer an -einer fünfklassigen Lateinschule mit ein paar hundert Kronen Gehalt, -kam bald in den Ruf eines guten Lehrers und erteilte in fast allen -seinen freien Stunden Privatunterricht. Man rechnete ihm nach, daß er -im Durchschnitt täglich zehn Stunden gab. Und im ersten Jahr sparte -er wirklich so viel, daß er fünfhundert Kronen an seinen Schulden -abbezahlen konnte. - -Dann verliebte und verlobte er sich, bewarb sich um die -Gymnasiallehrerstelle in Gammelby, erhielt sie und heiratete. - -In dieser Zeit, jung, fröhlich, glücklich verlobt, ganz mit -Zukunftsplänen beschäftigt, konnte er natürlich keine Schulden -bezahlen. Es war noch alles mögliche, daß er bei der Einrichtung nicht -noch neue dazu machte. Aber das tat er nicht, wenigstens keine, die -der Rede wert waren. Nur ein paar hundert Kronen für Möbel, die in den -ersten zwei Jahren abbezahlt werden mußten. - -Sie wurden auch abbezahlt; der Möbelhändler konnte selbstverständlich -nicht warten. - -Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam -ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf -Gustaf. - -Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben, und in all -den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr -als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig -Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert -Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen -beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt -noch die Kraft dazu hatten? - -Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr -- sie -hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren -gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit -brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens -aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt -manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich -bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der -liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn -er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend -nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel. - -Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie, -das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte -nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die -Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die -Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las -täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis. - -Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für -sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte. -Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich -bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche -stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem -ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie -zwischendurch oft die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel -mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann -las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den -Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde -dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte -sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die -täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale, -ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken -- all das ward ihr zu -Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen -würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden -stört, der höher ist denn alle Vernunft. - -Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die -Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer -an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher -Ausdruck. - -Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war -dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den -er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß -er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres -Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward -lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der -schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte. - -Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren -Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr, -besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend. -Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was -sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun -er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie -oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder -Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin -den Schlüssel zum richtigen Verständnis finden möchte! Denn in -erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer -Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete -es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche -Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine -reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr -zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte, -nur +ein+ Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war -verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete -manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und -ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit -hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage, -bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen -Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach -sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine -Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom -Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr -als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele? - -Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie -fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich -von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über -sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das -Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte -Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma -verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte -den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still -war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus -sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer -Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar -nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auftritten zwischen Mutter -und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was -sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch -der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das -Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie -Tränen in den Augen, wenn sie hinausging. - -Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen -und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz -bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde -mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache -zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren -Gefahren, Freiheiten und Verführungen. - -Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre. -Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen. -Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der -städtischen Mädchenschule. - -Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und -den Eltern. - -Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu -können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und -wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder -auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte -natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich -mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin -oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das -Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte, -wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es -niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer -Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war. - -Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen. Sie hatten -alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht -und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen -zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte -kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die -Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in -ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen. - -Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte -ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem -Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre -umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß -sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und -trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit -den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung -außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel -oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden, -mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde -Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern -entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die -Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst; -dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre -Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie, -abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und -Lächeln. - -Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr -als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich -auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der -Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden -sich mehr ans Vaterhaus anschließen. - -Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Niedergeschlagenheit -über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte -und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie -nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer, -bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger -Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung -an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und -wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und -sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott -darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben, -als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu -verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung, -ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder -entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie, -ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze -Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? - -Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im -Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von -sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben. -Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die -Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand -sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu -demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß -ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber -ihr Vertrauen. - -Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie -ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht -gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch -er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin -sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der -Natur.“ - -Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen -Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug -Widerwärtigkeiten. - -Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den -Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. +Die+ -Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner -Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit, -die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen; -+die+ Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim -ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich. - -Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der -Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und -die Freude floh vor etwas anderem -- vor den kleinen, drückenden, -wirtschaftlichen Sorgen -- +sie+ verscheuchten die starken Mächte -des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen -- und -was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg. - -Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne -Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen -hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im -Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der -Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“ - - - - -Sechstes Kapitel - - -Adjunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem -Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der -Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem -ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer -Kindheit gut Freund gewesen, und nichts war darum natürlicher, als daß -der eine dem andern half. - -Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im -Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens -grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden -nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor, -auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen, -die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen -bildeten. - -In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man -schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr -Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten. -Beide hatten -- nur mit einem Semester Zwischenraum -- ihr Examen -gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde, -bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine -solche frei war -- und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war, -daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während -der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben -schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch -keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt -immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich -morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit -einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor, -der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen -Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“ - -Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder -aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal -die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen -hatte. Wie der Kleine drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause -widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach -ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß -zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und -brüllte dann wieder weiter. - -Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte. -Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte, -den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden. - -Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder -hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel. - -Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche -behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im -Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er -sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen -Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum -Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer -weiß wie oft heiraten können. - -Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte -er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen -- -wenn er überhaupt solche hatte -- schüttelte er ab wie eine Möve, die -ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht -ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte -Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher -anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig -Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich -ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer -Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die -Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der -Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ. - -Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei -Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße -erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht -miteinander aus, und, wie das meist so ist, -- die Antipathie zwischen -ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der -Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn -es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht -zu wissen. - -Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres -Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah -in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als -der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne -einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem -es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend -zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube, -und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden -Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und -flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und -würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin -sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! -- - -Als er dann eine so reiche Heirat machte -- er heiratete zwei Jahre -später als der Adjunkt -- da konnte sie es nicht lassen, immerwährend -Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des -Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen; -und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so -ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann -gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht -gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie -den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau -bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des -Weibes zum Herrn gezogen worden. - -Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau -Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz -frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich -immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf -sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend -einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits -meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie -redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr -machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein -Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war -tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen, -aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß -ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald -die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen, -die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen. - -Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch -zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher -um Kindererziehung oder Religion. - -Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber -ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur -möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer -war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so -ganz das Gepräge der Weltlichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch -nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die -Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten, -vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was -sie daheim vermißten. - -Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur -Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde, -begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren -ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und -schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der -Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und -Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn -tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie -besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und -als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit -des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein. -Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen -und dann natürlich „der Sprachen wegen“. - -Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah -jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren -Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der -Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück, -gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine -Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er -ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des -Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht -des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als -wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem -Gefühl der Verachtung zu betrachten. - -„Wenn man schon nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“ hatte der -Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und -das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden. - -„Wenn man nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“ - -Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann -auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er -so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um -die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem -Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur -Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen -er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An -solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit -sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen -hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute, -die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der -Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann -Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen -Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit -entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig -aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den -Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch! -Papa schläft!“ - -Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt -daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet -und plagt sich für uns alle!“ - -Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam -ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine -scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen -Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang -dann resigniert den Arm um ihre Taille, und sie schlichen heimlich -in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das -schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und -- die Arme um seinen Hals -geschlungen -- die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa -schläft!“ - -Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete. -Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen -Augenblicken nannte -- so hatte sich nämlich Gabrielle in den -unschuldigen Kindheitstagen selber genannt -- hatte eine große Schwäche -für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß -zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der -Professor pflegte manchmal -- zum Entsetzen seiner Frau -- zu sagen, -diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm -sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr -den Reiz der Neuheit. - -Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser -Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten -entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut -war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche -Eingriffe seitens der Eltern gestört. - -Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war. - -Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in -jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt -hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa -Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so -konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat -und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du -willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater.. -sein?“ - -„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebenswürdigstem Ton. -„Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“ - -„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir -derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz -zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern. - -„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner -Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr -vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine -Erik es nicht hören sollte. „Freilich, +du+ weißt es nicht mehr. -Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von -ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter! -Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem -Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja -schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und -die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die -schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte. - -Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie -gezweifelt!“ - -Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe -weiter ins Jenseits befördern. - -Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein -Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just -in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten -lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben -Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge -entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der -neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie -ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der -nichts ahnt, kommt; weil aber im Gesicht der Mutter etwas Drohendes -liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis -unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf. - -„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten -Stimme. - -Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch -dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem -Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich -erschrocken um. - -„Steh still, Junge!“ kommt es aus dem gefühlvollen Mutterherzen; -und dabei packt sie ihn am Arm, daß die Gelenke krachen. „Kannst du -nicht still stehen, damit ich nachsehen kann?“ Einen Augenblick lang -verstummt sie, während ihre Finger den Riß untersuchen. - -„Herrgott im Himmel! Und ganz neue Hosen! Hab ich dir nicht gesagt, du -sollst nicht wie ein Wilder herumtollen? Wie oft hab ich dir’s nicht -gesagt! Antworte, Junge!“ - -Klein Erik weiß nichts zu antworten. Er steht bloß und schweigt, -blickt abwechselnd auf seine Mutter und schielt nach dem Ende seines -Rückgrats, bis ihn die Mutter plötzlich von sich schiebt, zu ihres -Mannes Zimmer hinüber geht, die Tür öffnet und ruft: „Abel, komm einmal -her!“ - -Der Professor kommt, im Schlafrock, in der einen Hand eine Zigarre, -in der anderen einen französischen Roman. Die Professorin packt den -Missetäter am Schlafittich, zerrt ihn mitten ins Zimmer und kehrt sein -Hinterteil dem Oberhaupt der Familie zu. - -„Was sagst du dazu, Abel? Die neuen Hosen, die er gestern zum erstenmal -angehabt hat!“ - -„Verwünscht noch Eins!“ sagt der Professor. - -„Abel“, sagt die Professorin, „verschon mich mit deinem Fluchen in -Gegenwart der Kinder. Ich dachte, du hättest denn doch was anderes zu -sagen, wenn du siehst, wie dein Kind sich seiner Mutter gegenüber -aufführt! Aber +du+ kümmerst dich natürlich um nichts! +Du+ -brauchst sie ja nicht zu flicken. Herrgott, was das dir gut täte, wenn -du auch nur ein einziges Mal seine Hosen flicken müßtest! Da würdest du -dich schon drum kümmern, wenn er sie zerreißt!“ - -„Vielleicht kann er gar nichts dafür!“ sagt der Professor. „Man kann -die Jungens ja doch nicht am Strick führen!“ - -Die Professorin schreitet majestätisch zum Sofa und setzt sich. „Erik“, -sagt sie, „geh ins Kinderzimmer und sag Ida, sie soll dir die Samthosen -anziehen. Die kannst du ja dann auch zerreißen, wenn du willst! Du -hörst doch -- Papa sagt es ja. Jedenfalls bring mir die, die du jetzt -anhast; vielleicht kann ich sie flicken, eh du die andern kaputt -gerissen hast!“ - -Erik geht ab. Die Professorin sitzt mit gefalteten Händen im Sofa und -wiegt sich hin und her. - -„Glaubst du, daß dies die richtige Art ist mit den Kindern?“ fragt der -Professor. - -„Abel!“ antwortet die gekränkte Gattin. „Ich weiß ja wohl, was ich -tue, ist überhaupt nie recht. Aber ich meine, ein bißchen energischer -könntest du denn doch auftreten, wenn deine Kinder so wenig Rücksicht -für ihre Mutter zeigen. Ich bin ja eine Null hier im Hause, Abel, -das weiß ich wohl, wenn du auch das bißchen, was wir haben, mir zu -verdanken hast! Und was aus meinen armen Kindern werden soll, wenn sie -nicht einmal lernen sollen, was Zucht und Ordnung heißt, das weiß der -liebe Gott. Und der weiß auch, wie schwer es eine arme Mutter hat, wenn -sie die Sorge für die Erziehung der Kinder ganz allein tragen muß. Ich -wollte bloß, ich könnte mehr leisten. Aber ich fühl’s, es zehrt an -meiner Kraft, und ich kann nur jeden Abend zu Gott beten, Abel, daß dir -nicht noch einmal die Reue kommt, wenn es zu spät ist!“ - -Die Professorin weint und der Professor geht auf sein Zimmer und macht -die Tür hinter sich zu. - -Wenn die Kinder Streit haben, schreit wohl manchmal eins in -überquellender gerechter Entrüstung: „Wart du nur, ich sag’s der Mama!“ - -Aber die Drohung hat keine besondere Wirkung. Das andere antwortet -bloß: „Ach was, die Mama!“ - -So ganz unmöglich ist es nicht, daß die Frau Adjunkt am Ende doch recht -haben könnte, wenn sie sagt: „Was ich besonders mißbillige an Aurora -ist ihre Art mit ihren Kindern. Sie sind von einer Eigenwilligkeit, daß -einem wild und weh wird vom bloßen Mitansehen. Wenn das nur gut geht!“ - -Einmal aber war der Konflikt zwischen den Ehegatten doch schärfer als -gewöhnlich. Das war, als Gabrielle heim kam, und den Eltern mitteilte, -Leutnant Hagelin habe ihr einen Antrag gemacht. - -Der Professor fragte bloß: „Hast du ihn lieb?“ - -Und Gabrielle antwortete: „Ich weiß nicht, Papa. Aber ich glaube.“ - -Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein -zurück. - -Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf -bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für -ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin, -der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer -die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in -seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften -befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen -Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht -ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach -ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt. - -Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der -Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten -vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen, und gab dazu eine auf -Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn -begann und mit der Geldheirat schloß. - -Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal -aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld -gehabt hätte?“ - -Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin -fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann -glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder -ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“ - -Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor -unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme -um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch -unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so -glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor -ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der -Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die -Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern -ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein -sein wollte. - -Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und -sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer -mit ansehen zu müssen!“ - - - - -Siebentes Kapitel - - -Die Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten -zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten -Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier -Uhr Nachmittag; binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine -Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem -Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages. -Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein -Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch -alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen. - -Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die -Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging -heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die -Kognakflasche und Gläser zu holen. - -Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er -war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu -sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große, -etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch -nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten, -die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und -wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das -braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben -hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat -oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange -ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert? - -Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein -Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als -daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die -für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er -- auf dem -besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal -sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine -Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war und sie sozusagen -von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging -vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war -etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte. - -Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und -streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie, -ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen -forschte. - -„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist -es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte. - -„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der -großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen -und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist. -Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab -auch meine Arbeit -- drunten in der Küche und mit euren zerrissenen -Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat. -Das war gerade vor Weihnachten.“ - -Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na, -ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt -lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten -Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm -mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut -noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich -ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle. -Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt -man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm -scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle -zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast -Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden -Augenblick bersten vor Fett!“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr -dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen -wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum -Besten dienen.“ - -Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu -erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht -gehört zu haben. - -Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen -hin. - -„Nein, Junge -- zwei Kognaks zum Kaffee -- das gibt’s nicht vor -Maturitas!“ lachte der Adjunkt. - -Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige -Miene auf. - -„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants -Stelle sein“, bemerkte er. - -Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in -das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser -Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die -über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in -der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die -durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so -viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der -Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da -stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet -hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er -hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von -Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll -von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen -warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte -ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als -Geistlicher ins Leben hinaustrat! - -Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu -weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde -von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die -Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten, -mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er -- -er brauchte doch gerade jetzt einen +Menschen+! Einfach einen -ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er -war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf. - -Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm -auf: „Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!“ - -Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er -schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden -bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte, -hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt, -daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu -ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog! - -Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen, -daß er sich hatte ertappen lassen. - -„Danke, es geht mir ganz gut!“ sagte er. „Ich bin bloß ein bißchen -müde.“ - -„Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?“ fragte Gustaf plötzlich mit -neugieriger Miene. - -Ein allgemeines Lachen brach los. Gustaf hatte doch auch immer zu -wunderbare Einfälle! Und mit dem Lachen senkte sich eine stille, warme -Ruhe über das Gemüt des ältesten Sohnes. Er dachte an die Tage, da er -noch ein Kind gewesen war, als die Mutter ihnen ihre Lieblingsspeisen -gekocht hatte und sie ihre Freunde einladen durften, und ein Gefühl der -Zufriedenheit und Freude überkam ihn. - -Selma betrachtete inzwischen den Bruder forschend; irgend etwas in -seinem Aussehen störte sie. Er sah unmännlich aus. Etwas Energieloses, -Müdes lag schon in der Art, wie er sich in den Stuhl zurück lehnte. -Verstohlen betrachtete sie ihre eigene volle Figur, ihre kraftvollen -Glieder, und dachte: Wenn ich ein Mann geworden wäre und mir meinen Weg -im Leben selber suchen dürfte! - -Der Bruder paßte viel besser zum Haushammel, fand sie. Der Adjunkt -dachte allerlei alte Gedanken aus alten Zeiten. - -„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie merkwürdig mich das berührt, -daß du jetzt Geistlicher bist!“ sagte er. Seine Stimme hatte einen -ungewöhnlich weichen Klang, und die Augen unter der Brille glänzten. -„Es war meines alten Vaters großer Kummer, daß keiner von uns diesen -Weg einschlug. Und ich hab’s oft bereut, daß ich’s nicht getan hab,“ -schloß er seufzend. - -Er dachte an seine ärmlichen finanziellen Verhältnisse und hustete -ein paarmal, um seine Stimme wieder zu klären. Frau Hallin blickte -wieder nach dem Sohn hin, um zu sehen, was er wohl denken mochte. -Der aber sagte gar nichts; und in der Dämmerung konnte sie seinen -Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen. - -Ja, ja, dachte er. Es ist wohl am besten so, wie es ist. Sein -aufrührerisches Herz mußte sich beugen; und Gott hatte verheißen: dem, -der Vater und Mutter ehrte, sollte es wohlergehen auf Erden. - -Eine lebhafte Bewegung ergriff ihn; und fast hoffte er, alle Zweifel, -die ihn noch quälten, müßten jetzt verstummen, nun er wieder daheim -war. Ja, alles würde gut werden! Jetzt hieß es bloß, vorwärts gehen, -vorwärts auf dem Weg, der vor ihm lag. Nicht zu viel denken, nicht -grübeln! Wenn er bloß die dummen Gedanken los würde.... - -Die Lampe kam. Selma hatte sie angezündet. Das grelle Licht tat ihnen -allen in den Augen weh; eine Weile saßen sie mit der Hand vor dem -Gesicht da. Dann wirkte der Lampenschein belebend; das Gespräch kam -besser in Fluß. Alle drängten sich um Ernst, alle wandten sich ihm -zu, alle hatten sie ihm irgend was zu erzählen. Der Adjunkt brachte -ein paar von seinen letzten Anekdoten an, die die übrigen Glieder der -Familie schon einen ganzen Monat lang gehört hatten, so oft Besuch -da war; und als er sie erzählt hatte, fragte er Ernst, ob er nicht -ein paar neue Upsalaer Anekdoten wisse, zum Beispiel von Ribbing oder -Svedelius. Da aber Ernst nicht aussah, als wäre er dazu besonders -aufgelegt, verzichtete der Adjunkt und erzählte selber weiter. Frau -Hallin erzählte auch. Sie sprach von allerhand Bekannten, von einem -Diner beim Bischof und einem Souper beim Dompropst und fing dann wieder -von der Familie des Schwagers und der Verlobung an. Selma sagte nicht -viel, half nur aus, wenn die Mutter etwas vergaß. Und Gustaf brachte -ein paar wenig respektvolle Anekdoten von seinen geliebten Lehrern -aufs Tapet, die der Adjunkt aus Gewissenhaftigkeit manchmal zu stoppen -versuchte, und die er doch mit heimlichem Vergnügen anhörte. Ganz -besonders freute es ihn, wenn Gustaf erzählte, wie sie Onkel Abel an -der Nase herumführten. +Die+ Anekdoten merkte sich der Adjunkt -immer ganz besonders, um später den Bruder damit zu erbauen. - -So ging der Abend hin. Als man zu Nacht gegessen hatte, wurde -Abendandacht gehalten. So wurde es zehn Uhr, und der Adjunkt drang -eifrig darauf, daß man zu Bett gehen sollte. - -„Denkt doch, morgen müssen wir um Sieben aufstehen!“ sagte er. - -Frau Hallin umarmte den heimgekehrten Sohn und sah ihm lange ins -Gesicht, um zu ergründen, was es nun eigentlich war, was sie so gar -nicht recht wiedererkannte. - -„Denk auch dran, daß du wieder daheim bist!“ sagte sie... - -„Geh mit Papa. Du schläfst in seinem Zimmer.“ - -Und als alle fort waren, saß sie noch eine Weile bei der Lampe, ehe sie -sie löschte. Sie wußte nicht so recht, woran es eigentlich lag. Aber -sie hatte sich die Heimkehr des Sohnes ganz anders gedacht. - -Das Studierzimmer des Adjunkten Hallin lag unter dem Dach. Eine -Holztreppe führte hinauf. Der Adjunkt ging voraus, der Sohn folgte. -Schwatzend tasteten sie sich durchs Dunkel, der Adjunkt langte den -Schlüssel herunter, der an seinem gewohnten Platz über der Tür lag, und -sie traten ein. - -Durch das Fenster erblickte man den beschneiten Domplatz, über den -hartgestampfte Wege führten und wo die Ulmen ihre nackten, knackenden -Zweige im Februarsturm bogen. - -Ernst war es wunderlich zu mut. Wie oft hatte er das Verlangen gehabt, -hierher, in dies Zimmer, zu gehen und mit dem Vater zu sprechen, -vertraulich, wie mit einem Freund. Aber im Erziehungsprogramm des -Vaters hatte etwas derartiges nicht gestanden, und heut, wo der Vater -es vielleicht selber wünschte, heut wußte er nicht mehr, wo er anfangen -sollte. - -Der Adjunkt zündete die Kerze an, ließ den Vorhang herab und fing -an, sich auszukleiden. Ernst setzte sich in die Sofaecke; sein -langgezogenes Gesicht sah im matten Schein der Kerze ganz graubleich -aus. - -„Gehst du noch nicht zu Bett?“ fragte der Adjunkt. - -„Ich glaube, ich möchte noch eine Weile aufbleiben!“ - -„Ich denke, du bist müde!“ - -„Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.“ - -Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und -fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er -hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es -jetzt wiedersah. - -„Morgen schlaf’ ich recht lang!“ sagte er. - -Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging. - -Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn verlassen hatte. -Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf -und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz -vor dem Haus deutlich sehen konnte. - -Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den -Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im -Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein -seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz. - -Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen -gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten -Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne -sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der -Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die -Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die -Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine -Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen -wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach -trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und -mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im -Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas -der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider, -brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen -seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der -Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um -den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut. - -Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen -ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht -hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins -Gedächtnis zu rufen. Die Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen -auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel. -Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des -gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er -einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen -Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der -Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des -Frühlings. - -Des Frühlings! - -Einsam war er gewesen -- immer -- seine ganze Jugend lang! Mit ein -paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er -doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen -der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für -sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und -gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht -alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer -fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er -wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran -erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein -anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen. -Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe -zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und -glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das -er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die -Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte. - -Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er -hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im -Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark -und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach -seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam -und in seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde -auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei -ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein -Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen -nur antworten kann: „Ich weiß nicht!“ - -Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das -leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben -zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm -blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die -Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den -Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die -Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes -ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie -sie sich paarten und Nester bauten. - -Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff -durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er -ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper -hin und her schwang. - -Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast, -als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen? -Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und -jetzt saß er da -- als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als -Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten. -Durfte er sich „bereit“ nennen? - -Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz -erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast -vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm -das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen -härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: „Wer ist da?“ - -Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war -ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein -leichter Rauch aufstieg. - -„Darf ich hereinkommen?“ fragte er. - -Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte, -und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward -seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und -fragte: „Stör’ ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?“ - -Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre -jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast -aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals -viel Wesens aus sich selber Und seinen Ansichten, aber er hatte mit -seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so -ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu -als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in -diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging. - -Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher -werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als -habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die -Szene sei recht gut arrangiert -- die Gardine aufgezogen, damit man die -Kirche sehen konnte -- und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten! -Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu -dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder -gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte. - -Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruder nicht ganz; -aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte, -daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu -Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer -Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack von Kindischem hat. -Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren -gewöhnlichen Platz zurück. - -„Ich hab’ am Fenster gesessen und hinausgeschaut,“ sagte er. „Weißt du, -auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.“ - -Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn -nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll -Befriedigung: „Ach so, ja, das ist was anderes!“ - -Laut sagte er: „Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz -zu dir kommen.“ - -Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen -einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es -war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war. - -Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein -Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer -gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und -kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Propsten -und halbverhungerten Vikaren. Aber dies „Geistliche“ konnte er bei -seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen -Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach, -ob dies „Geistliche“, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen -noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl -kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der -Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule -ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare „Geistliche“ in hohem -Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den -Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte -er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war. -Und er beschloß, diese Entdeckung bei Gelegenheit auch seinen besten -Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete -seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der -Geistlicher war. - - - - -Achtes Kapitel - - -Frau Hallin hatte eine kleine Schwäche, die mit den Jahren zunahm. Im -Gegensatz zu ihrem jüngsten Sohn hatte sie nämlich eine ganz besondere -Vorliebe für Geistliche, und so oft der Weinberg des Herrn in Gammelby -mit einem neuen Arbeiter gesegnet ward, machte sie es immer irgendwie -möglich, ihn binnen kurzem in ihren Verkehr zu ziehen. - -„Hat Mama wieder mal einen neuen Pastor am Bändel?“ war Gustafs -ständige Frage an die Schwester, wenn er ab und zu nachmittags heimkam -und durch die offene Wohnzimmertür den Klang einer männlichen Stimme -vernahm, die in tiefen Gutturaltönen mit der Mutter redete. Wenn er -nachher die Mutter selber sah, pflegte er in teilnehmendem Ton zu -fragen, wie der Pastor heiße. Die Mutter argwöhnte auch immer die -Ironie, die in der Frage lag, antwortete aber stets, als wäre sie ganz -in Ernst gestellt. - -Der Umgang mit Geistlichen war ihr zu einem wahren Bedürfnis geworden. -Sie hielt das für eines der wirksamsten Mittel zur Erhaltung ihres -geistigen Lebens, und sie war unerschöpflich erfinderisch darauf -bedacht, daß die Quelle nicht versiegte. - -Hallins verkehrten auch mit Bischofs, und ein großer Trost war ihr -die Erinnerung, daß der Bischof einmal in einem Gespräch darüber, -wie man erfolgreich gegen den gefährlichen Geist der Zeit ankämpfen -sollte, zu ihr gesagt hatte, wenn die Streiter der Kirche viele solche -Bundesgenossen daheim hätten, wie sie, würde der Streit ihnen leichter -werden! Sie bewunderte nämlich den Bischof, weil er in ihren Augen der -Gnade näher stand als ein gewöhnlicher Geistlicher. Und doch hegte sie -in ihrem Herzen manchmal gewisse Zweifel, die ihr aber nie über die -Lippen gekommen wären. Wenn sie die hohe, stattliche Gestalt erblickte, -auf deren Brust bei festlichen Gelegenheiten das goldene Kreuz -funkelte, wenn sie die herrische, gebieterische Miene sah, die Stimme -hörte, die sie gewöhnlich „männlich“ nannte, und die ihr doch manchmal -fast roh klang, wenn sie die fleischigen, schwellenden Lippen und den -kalten Blick der grauen Augen sah, die oft fast ein bißchen höhnisch -unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorschauten, da konnte ihr -wahrhaftig manchmal fast der sündhafte Gedanke kommen: Ist der Mann -das, was der Herr meinte, wenn er vom Kreuzaufsichnehmen redete? Sie -machte sich freilich immer die bittersten Vorwürfe, wenn sie solchen -Gedanken in sich Raum gegeben hatte. Denn es steht einem wahren -Christen nicht an, die Werkzeuge zu tadeln, die der Herr auserkoren -hat, sein Werk zu fördern! - -Ihr Herz zog sie viel mehr zum Dompropst von Gammelby. Wenn der am -Sonnabendnachmittag zu ihr kam und sie Gelegenheit fand, ihm manches -von dem anzuvertrauen, was sie beschäftigte, oder ihn über eine dunkle -Stelle in der Heiligen Schrift zu Rate zu ziehen, über die sie lang -einsam nachgedacht hatte, während die Nadel emsig in ihren fleißigen -Fingern ab und zu ging, da überkam sie ein Friede, eine Ruhe, die viele -Tage lang noch vorhielten. Der Dompropst war ein frommer Christ und -ein guter Mensch. Sein Blick war so mild und sein Lächeln so licht, -daß es das lange hagere Gesicht mit dem dunkeln Backenbart und den -hervorstehenden Backenknochen fast schön machte. Und sie konnte nicht -anders, sie mußte zugeben, daß er in ganz anderer Weise als der Bischof -ein Diener des Geistes war. - -Sonst waren es meist die jüngeren Geistlichen, die sie bei sich sah. -Der Bischof stand zu hoch über ihnen, als daß sie ihn, mit Ausnahme -von ganz besonderen Gelegenheiten, hätten einladen können. Und der -Dompropst hielt sich im allgemeinen jedem gesellschaftlichen Verkehr -fern. In letzter Zeit hatte Frau Hallin viel Freude vom Umgang mit -Pastor Simonson gehabt. Er war im Lauf des Jahres als Hilfslehrer am -Gymnasium angestellt worden, und es war ihr nicht schwer gefallen, ihn -in ihren Umgangskreis zu ziehen. Er war ja doch von Upsala her Ernsts -Freund und hatte, sobald er in die Stadt gekommen war, seinen Besuch -gemacht und die Grüße des Sohnes überbracht. - -Seitdem kam er oft zu Adjunktens. Meist kam er nachmittags, so gegen -sechs Uhr, und ward dann auch gewöhnlich aufgefordert, zum Tee zu -bleiben. Zuerst saß er dann immer allein bei Frau Hallin, während -die übrigen Glieder der Familie noch auf ihren verschiedenen Zimmern -beschäftigt waren. Nach und nach sammelten sich alle im Wohnzimmer, -jedes von seiner Arbeit weg. Gustaf hatte an solchen Tagen meist -länger als gewöhnlich zu tun. Und die Mutter warf ihm immer einen -mißbilligenden Blick zu, wenn er grade erst in dem Augenblick eintrat, -wenn man sich zu Tisch setzte. Frau Hallin hatte immer irgendeinen -religiösen Gesprächsstoff zur Hand, wenn Pastor Simonson kam. Manchmal -wollte sie auch Dinge profanerer Natur wissen. So konnte sie ihn zum -Beispiel fragen, wie Jünglinge, die ernstlich den Herrn suchten, in -Upsala ihre Abende zubrächten. Der Pastor erwiderte darauf, das wäre -sehr verschieden. Meist wohl auf ihrem Zimmer bei der Arbeit. Oder auch -in irgendeiner Familie. Oder auch mit Kameraden in irgendeinem Café. - -Frau Hallin machte große Augen. - -In einem Café? Gingen solche Jünglinge denn überhaupt ins Café? - -Ja, das heißt natürlich, nicht zu oft. Und natürlich auch nur in ganz -respektable Cafés. Aber gegenwärtig gestalte sich eben der Verkehr -zwischen den jungen Leuten so, daß man meist im Café zusammen wäre. -Er wolle ja gewiß nicht leugnen, daß ein derartiges Leben recht viele -Versuchungen mit sich brächte. Und er danke Gott, daß er ihm glücklich -entronnen sei; denn er hätte gar manchmal den schädlichen Einfluß eines -derartigen Lebens an sich selber empfunden und tief beklagt. - -Und der Pastor kniff die Lippen zusammen, daß tiefe Falten in seinen -Mundwinkeln entstanden. Frau Hallin aber kam durch diese und andere -ähnliche Unterredungen auf ganz merkwürdige Gedanken. Sie fühlte sich -gar nicht mehr so recht sicher in Beziehung auf Pastor Simonson. - -Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere -Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau -Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei -jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem -der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen. -Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor -Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als -wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm. - -Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen -Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden -hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines -der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich -einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger -Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, -- leicht -möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden -wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen gegeben hätte, daß -junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen. - -Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie -in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab -und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis -besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit -allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie -überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft -so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage -sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich -ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig -verstehen könne. - -Eines Abends, als Mutter und Tochter nach einem solchen Gespräch allein -beisammen saßen, fragte Selma die Mutter mit vor Ärger zitternder -Stimme: „Wie kannst du dich nur so herabwürdigen, Mama, und in solch -einem Ton mit Pastor Simonson sprechen!“ - -Frau Hallin sah ganz verwundert aus. Sie begriff gar nicht. - -„Mich herabwürdigen! Was willst du denn damit sagen?“ - -Selma ward ganz rot vor Eifer. - -„Ich will damit sagen,“ erwiderte sie, „daß du mit ihm redest, als -wüßte er wer weiß wie viel mehr als du und hätte wer weiß wie viel mehr -Erfahrung. Mir scheint, darin liegt etwas Herabwürdigendes. Er ist doch -schließlich nichts weiter, als ein gewöhnlicher Vikar! Und dazu noch -wirklich ein recht gewöhnlicher!“ - -Und der Tochter standen wahrhaftig die Tränen in den Augen. - -Aber die Mutter schüttelte bloß den Kopf und sagte: - -„Wir müssen das Gute, das uns geboten wird, im wahren Sinn -entgegennehmen und uns nicht zu Richtern über die Menschen aufwerfen!“ - -Pastor Simonson selber wußte Frau Hallins Art, seinen Worten zu -lauschen, wohl zu würdigen; er dachte darum auch sehr hoch von Frau -Hallins Klugheit und Menschenkenntnis. Er fand es sehr lehrreich, sich -mit dieser frommen Frau zu unterhalten und Blicke in ihre verborgenen -Kämpfe zu tun. Es war dies um so merkwürdiger, als Frau Hallin fast nie -selber sprach, sondern den jungen Geistlichen reden ließ und meist nur -dasaß und andächtig lauschte. - -Mit Selma dagegen kam er nicht recht vom Fleck. Sie widersprach ihm nur -selten, vor allem nie in Gegenwart der Mutter. Aber wenn er so recht -lang und eifrig eine Ansicht verfochten hatte, konnte sie auf eine Art -dasitzen und schweigen, die ganz wie eine eigensinnige, hartnäckige -Opposition aussah. Und Opposition -- das konnte der Pastor nicht -vertragen. - -Übrigens war Pastor Simonson in letzter Zeit seltener gekommen. Er -hatte über seine Besuche in der Hallinschen Familie nachgedacht und war -zu dem Schluß gekommen, wenn ein junges Mädchen im Haus wäre, müsse -man, in Rücksicht auf ihren Ruf, vermeiden, Anlaß zum Klatsch zu geben. -Pastor Simonson wollte gern auch aus Rücksicht auf sich selbst jedes -Gerede vermeiden. Er wußte ja, wie gern man sich in einer Kleinstadt -wie Gammelby grade mit der Zukunft der jungen Geistlichen beschäftigt. -Er wußte auch, wie leicht ein derartiges Geschwätz das Glück zerstören -kann, wenn es sich eines Tages einmal unerwartet in solider Form -präsentiert. Und Pastor Simonson fand, man könne in solchen Sachen gar -nicht vorsichtig genug sein. - -Frau Hallin glaubte die Gründe, weshalb des Pastors Besuche in -letzter Zeit seltener geworden waren, zu durchschauen und war ihm im -Grund ihres Herzens dankbar für solches Zartgefühl. Aber jetzt war -ja Ernst heimgekehrt, jetzt, hoffte sie, würde er wieder um so öfter -kommen. Sie kannte ja ihren Ernst; sie wußte, der konnte tagelang -seinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne überhaupt von selber auf -die Idee zu verfallen, unter Menschen zu gehen. Darum gab sie ihm -ein paar deutliche Winke, um ihn zu veranlassen, seine alten Freunde -aufzusuchen. Sie sehnte sich danach, ihren Sohn auch einmal so reden zu -hören, wie Pastor Simonson so oft vor ihr geredet hatte. Und daheim, im -Alltagsleben, wollte das nicht so recht gehen. Aber alle ihre Versuche -in dieser Richtung scheiterten. Der Sohn schien ihre Andeutungen nicht -zu verstehen oder kümmerte sich nicht darum. - -Eines Nachmittags aber -- um sechs Uhr, grad wie gewöhnlich -- läutete -es, und gleich darauf trat Pastor Simonson ein. Er ging, wie immer, auf -Frau Hallin zu, begrüßte sie und machte sich’s dann in seinem gewohnten -Stuhl bequem, während Frau Hallin das Dienstmädchen hinaufschickte, um -zu fragen, ob Herr Ernst, wie er zu Hause noch immer genannt wurde, -nicht herunterkommen möchte. Das Mädchen kam zurück und richtete aus: -einen schönen Gruß, und ob Herr Pastor Simonson nicht ein bißchen zu -Herrn Ernst auf seine Stube kommen würde. Der Adjunkt wäre ausgegangen, -und so hätten sie das Reich für sich. - -Frau Hallin sah etwas enttäuscht aus, beherrschte sich aber und bat den -Pastor, noch eine Treppe höher zu steigen. „Bleiben Sie nicht zu lange -weg!“ fügte sie hinzu. - -Als Pastor Simonson in die Stube des Adjunkten kam, fand er den Freund -dort auf dem Sofa sitzen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und -in seiner ganzen Haltung lag etwas so Schlaffes, Zusammengesunkenes, -daß der Pastor schon Unrat witterte. Sollte wirklich der Geist des -Zweifels Herr geworden sein...? - -„Guten Tag!“ sagte er und machte ein paar Schritte auf Ernst zu. - -Ernst Hallin richtete sich auf und schaute sich mit müdem und wirrem -Blick um. Langsam hob er die Hand zum Kopf und fuhr sich mit -einer seltsamen Bewegung durchs Haar. Dann erhob er sich wie ein -Schlafwandler und ergriff des Freundes Hand. - -„Ach so, du bist’s!“ sagte er. „Ja, es ist ja wahr. Grüß Gott! Wie -geht’s dir denn?“ - -Es kam hastig und eintönig heraus, wie eine auswendig gelernte Aufgabe. - -Der Pastor sah ihn scharf an. „Mir? Danke, gut. Ich glaube, ich kann -eher fragen, wie es dir geht?“ - -In Ernsts Gesicht kam plötzlich ein sehr klarer und bestimmter Ausdruck. - -„Mir geht es ganz gut!“ sagte er kurz. „Magst du dich nicht setzen?“ - -Der andere setzte sich rasch, ohne dabei den Blick vom Gesicht -des Freundes zu wenden. Ernst hatte sich in der letzten Zeit sehr -verändert. Die Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren -Höhlen, und der dunkle Rand um sie war breiter und dunkler als je -zuvor. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fürchte er sich vor dem -andern. Pastor Simonson merkte, wie Ernst ihn von der Seite beobachtete -und wie es um seine Mundwinkel zuckte, während er schweigend dasaß. -Keine Sekunde konnte er seine Hände ruhig halten. Die langen, schmalen -Finger liefen in fieberhafter Hast auf der Sofalehne hin und her; -ein paarmal lachte er auch, nervös, kurz, als wolle er die Tränen -zurückhalten. - -Dann erhob er sich plötzlich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. -Manchmal blieb er stehen und betrachtete Simonson mit einem Ausdruck, -in dem dieser etwas Spöttisches zu lesen glaubte. Doch sagte er nichts, -sondern setzte seine Wanderung fort und blieb nur manchmal stehen, -um den Pastor zu betrachten und die Finger durch den weichen Bart zu -ziehen. - -„Du hast mich gebeten, heraufzukommen“, sagte der Pastor. - -„Ich dachte, du wolltest was von mir. -- Es ist lang her, seit wir -uns zuletzt gesehen haben!“ fuhr er dann fort, da der andere nicht -antwortete. - -Ernst brach ganz unmotiviert in ein heiteres Lachen aus, wurde dann -aber plötzlich wieder ernst. - -„Ja, es ist lang her!“ sagte er mit Betonung. „Und in einem Jahr kann -sich viel ereignen. Früher haben wir uns ja gekannt. Waren es wirklich -vier volle Jahre, daß wir täglich miteinander zu Mittag aßen?“ - -Pastor Simonson hatte fast ein Gefühl von Angst. Er begriff nicht, -worauf der andere hinauswollte; und so fragte er zögernd: „Was soll das -heißen: früher haben wir einander gekannt? Kennst du mich etwa jetzt -nicht mehr?“ - -Er blickte an sich herunter und sah den schwarzen Gehrock. Und -er errötete. Es war eine seiner Schwächen, daß er gern einen -hochschließenden, doppelreihigen Gehrock trug, der dem Pastorenrock so -ähnlich wie möglich war. Einesteils glaubte er, daß der Rock ihn gut -kleide. Und dann verlieh er ihm eine gewisse Würde; und darauf legte -der Pastor Wert. - -Ernst sah, wie er errötete, und schwieg eine Weile lächelnd. Es sah -aus, als amüsiere er sich. - -„Doch, natürlich kenn’ ich dich!“ sagte er dann, das letzte Wort leicht -betonend und mit einem Versuch, in seine Stimme Herzlichkeit zu legen. - -Aber beide Männer fühlten in diesem Augenblick, daß etwas Feindliches -zwischen sie gekommen war, und wußten, es war gekommen in dem -Augenblick, in dem sie sich beide -- jeder nach seiner Seite hin -- -entwickeln mußten. Es war, als wenn verschiedene Lebensmächte sie -beherrschten, und als wenn jeder fürchtete, in dem ehemaligen Freund -einen gefährlichen Gegner zu finden. Das Widerstreben gegen seine -Persönlichkeit, das Pastor Simonson hinter dem seltsamen Wesen des -andern ahnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. In ihrem ganzen Kreis war -immer er es gewesen, der das Wort geführt hatte. Auch wenn sie beide -allein gewesen waren, hatte immer Pastor Simonson geredet, und Ernst -hatte zugehört. Einen Augenblick kam Simonson ein ganz merkwürdiger -Gedanke. Jawohl, so war es, tatsächlich! Ihm war es ja nie in den -Sinn gekommen -- aber Ernst Hallin hatte ihm überhaupt nie sein -Vertrauen geschenkt; sondern wenn der Freund nicht widersprach, hatte -er, Simonson, immer einfach angenommen, daß er ihm beistimme. Aber -den Gedanken schob er denn doch von sich. Es war ihm ganz unmöglich, -ihn festzuhalten. Hallin, der weiche, stille Hallin, den er immer -nur in den Vorhof stellte, wenn er ihn mit sich selber verglich -- -Ernst Hallin, den er eigentlich nur als seinen Jünger betrachtete --, -der sollte in den fünf Jahren in aller Stille und Verschlossenheit -seine eigenen Wege gewandelt sein? Nein, nie und nimmer konnte er das -glauben! Aber er beschloß doch, vorsichtig und aufmerksam zu sein. - -Er blickte wieder nach Ernst hinüber. Der gespannte Ausdruck in des -Freundes Gesicht war gewichen; er lächelte. - -„Ja -- jetzt muß man sich also seine milchende Kuh verschaffen -- zum -Lohn für die Studienjahre!“ sagte er. - -Pastor Simonson sah ihn forschend an. Er wußte absolut nicht, ob der -andere ironisch sprach oder ernsthaft. - -Ernst Hallin schien das gar nicht zu bemerken. - -„Darauf läuft’s ja doch hinaus“, fuhr er fort. „Sieh bloß meinen Vater -an. Wie ein Sklave hat er gearbeitet. Achtundzwanzig Jahre oder mehr -steht er jetzt im Dienst der Schule, hat geschuftet und geochst, und -Hefte korrigiert und den Jungens lateinische Grammatik eingetrichtert. -Fast sechzig Jahr ist er jetzt. Und ich weiß, noch immer hat er -Schulden, die nicht abbezahlt sind. Ich weiß es!“ wiederholte er -heftig, als hätte der andere ihm widersprochen, und sein Gesicht -zuckte. „Was sagst du dazu?“ Er blieb vor Simonson stehen. - -„Ach, das ist ja bei dir was ganz anderes“, sagte der. „Du bist ja doch -Theologe.“ - -Ernst verzog keine Miene, sondern fuhr im selben Ton fort: „Ja -freilich, da hast du recht. Ich werd’ Geistlicher. Die haben’s -leichter, ihre Schulden zu zahlen. Und man ist ein rangierter Mann, eh -man’s überhaupt ahnt! Ich hab’ daran gar nicht gedacht!“ - -Er setzte sich neben den andern ins Sofa und gab ihm einen -freundschaftlichen Klaps aufs Knie. - -„Na, wie geht’s dir denn hier? Gut?“ - -Pastor Simonson sah ganz erleichtert aus. Wenn er von sich selber -sprechen konnte, so fand er sich immer besser zurecht. - -„Freilich. Mir geht’s gut hier“, sagte er. „Es geht einem immer gut, -wenn man seine geordnete Arbeit hat. Ich glaube, ich darf wohl sagen, -meine Vorgesetzten sind zufrieden mit mir. Ein paarmal hab’ ich auch -gepredigt. Und meine letzte Predigt hat Aufsehen erregt. Der Bischof -fand, es wäre gut, wenn ich sie drucken ließe. Überhaupt hat er mir -viel Freundlichkeit erwiesen.“ - -„So, so!“ sagte Ernst zögernd. „Das freut mich.“ - -Aber er blickte dabei zur Seite, und über sein Gesicht flog eine -hastige Röte. - -„Wollen wir hinuntergehen?“ fragte er dann plötzlich. - -Drunten im Wohnzimmer hatte der Adjunkt eben einen kleinen Streit mit -seiner Frau gehabt. - -Er hatte am Nachmittag seinen Bruder, den Professor, besucht, und als -die Brüder eine Weile beieinander gesessen hatten, war der Professor -aufgestanden und hatte mit seinem alten gassenjungenhaften Ton gesagt: -„Du, Erker! Wie wär’s, wenn wir uns heut einen vergnügten Abend -machten? Ich hab’ eine ganz verwünschte Lust dazu!“ - -Und er zog an seinem wohlgepflegten Backenbart und schnitt eine -Grimasse, die dem Adjunkten unwillkürlich ein Lachen ablockte. - -„Na, was meinst du dazu?“ - -Der Adjunkt lächelte -- ein bißchen gezwungen, wie es dem Bruder -schien. - -„Ich weiß nicht recht...“ - -Der Professor kannte dies Lächeln. Er verstand den Bruder. - -„Freilich, Ebbas strenge Grundsätze -- na, usw. usw. Aber wart’ einmal. -Da, stell dich hinter die Tür, so sollst du mal hören, wie das ein -alter Diplomat macht!“ - -„Zu was soll ich mich denn hinter die Tür stellen?“ - -Der Professor kratzte sich am Kopf und lachte, daß sein Bauch wackelte. - -„Zu was du dich hinter die Tür stellen sollst? Du bist doch ein -unverbesserlicher Schafskopf! Oder ein Idiot -- wie man das heutzutag -nennt! Um was zu lernen, verstehst du? Also sei mal still!“ - -Sein wohlgenährter Körper verschwand geschmeidig durch die Tür, die er -halb offen ließ. - -Der Adjunkt sah recht kläglich aus, wie er so dastand. Aber neugierig -war er doch. Darum blieb er und horchte. Erst war eine ganze Weile lang -alles still. Er dachte schon, der Bruder hätte seine Frau gar nicht -getroffen. Endlich hörte er ein Husten, das anscheinend vom Bruder kam. -Dann eine sanfte Stimme, die sagte: „Du bist recht lieb, daß du mir -Gesellschaft leistest!“ - -„Ja, siehst du, ich wollte eigentlich heut abend ein bißchen ausgehen. -Eine Verabredung... ein paar Kollegen...“ - -Dann ein Flüstern, das nicht zu verstehen war. Und darauf die Stimme -der Professorin: „Laß schon, Abel! Du weißt, ich mag keine Judasküsse! -Geh nur mit deinen Kollegen! Du weißt ja, ich schlaf’ doch nicht, eh du -daheim bist!“ - -Und dann des Professors Stimme: „Adieu, lieber Schatz! Halt gut Haus, -solang ich fort bin! Schlafen wirst du schon, paß nur auf, -- wenn du -nur erst zu Bett bist!“ - -Im nächsten Augenblick witschte der Professor wieder ins Zimmer, den -Finger auf die Lippen gedrückt. - -„So, jetzt weißt du, wie man’s macht! Jetzt rasch, geh heim, und -nachher treffen wir uns im Ratskeller! Bruhn ist auch da und Kumlander -und noch ein paar. Heut abend ist was ganz Besonderes los, mußt du -wissen!“ - -Der Adjunkt ging sehr eilig nach Hause an solchen Abenden. Er machte -kleine, rasche Schritte; sein Gesicht hatte einen ganz besonders -belebten Ausdruck. Für einen Abend wollte er einmal den Schulzwang und -die Familienbürde von sich werfen! Wollte sich einmal wieder ledig -fühlen und frei! Er war auch ganz sicher -- seine Frau würde ihn -verstehen und ihm die Freude durch kein saures Gesicht stören. Sie -wußte ja, wie nötig er’s hatte, einmal so recht herauszukommen! - -Mit behutsamen Schritten trat er ins Wohnzimmer, in dem seine Frau saß. -Er hatte noch den Mantel an und den Stock in der Hand. Und ohne weitere -Vorbereitung brachte er sein Anliegen vor; so sicher, wie vorhin auf -der Straße, fühlte er sich freilich nicht mehr. - -Frau Hallin sah eigensinnig auf ihre Arbeit. Um ihren Mund legte sich -ein strenger Zug. - -„Pastor Simonson war hier; und ich hab’ ihn auf heut abend eingeladen!“ -sagte sie. - -„Er hat ja Ernst!“ meinte der Adjunkt eifrig. - -Frau Hallin blickte von ihrer Arbeit auf und sagte ernsthaft: „Um -unsres Sohnes willen müßtest du das nicht tun!“ - -Ein ziemlich lebhafter Wortwechsel entspann sich. Aber der Adjunkt -bestand auf seinem Recht. Er wollte ausgehen, und er würde ausgehen. -Außerdem hatte er es schon versprochen. Was ging ihn überhaupt Pastor -Simonson an? Es war doch gewiß keine Sünde, wenn man einmal abends -ausging! - -Frau Hallin setzte ihre allerverstockteste, vorwurfsvollste Miene -auf und bat ihn, doch ja zu gehen. Sie hatte getan, was sie konnte! -+Ihrethalben+ konnte es die ganze Stadt wissen, daß Pastor Hallins -Vater abends in den Wirtschaften hockte -- in der allerschlechtesten -Gesellschaft. - -Frau Hallin war böse, und zwar ganz ernstlich. Es regte sie immer -auf, wenn der Adjunkt abends fort war. Sie hatte es ja, Gott sei Dank, -dahin gebracht, daß es nicht mehr oft vorkam. Daß er aber grad heute, -wo Pastor Simonson da war, ausgehen wollte -- das reizte sie. Denn sie -war ganz sicher -- der Pastor würde die Geschichte weitererzählen. -Und den ganzen Abend lang würde es sie quälen, daß das grade in ihrem -christlichen Haus passieren mußte! - -Als auf der Treppe Schritte laut wurden, verschwand der Adjunkt. Frau -Hallin hatte auf jeder Backe einen kleinen roten Fleck, als sie die -Herren in Empfang nahm. - -Aber sie sagte nichts, eh man zu Tisch ging. Während sie dann die -Herren bat, ins Eßzimmer zu gehen, sagte sie mit einer Stimme, der sie -vergeblich einen gleichgültigen Ausdruck zu geben versuchte: „Papa ist -aus heut abend!“ - -Pastor Simonson warf einen raschen Blick auf ihr Gesicht und verstand -mit einmal, weshalb die Stimmung den ganzen Abend so gedrückt war. Man -führte ein sündhaftes Leben in Gammelby -- mit Schwelgen und Prassen! -Und er beugte in einer Art diskreten Mitleidens das Haupt. - -Ernst dagegen setzte seine Mutter höchlich in Erstaunen dadurch, daß er -in die Hände klatschte und heiter rief: „Das ist nett, daß Papa sich -auch mal ein Vergnügen gönnt! Er hat’s nötig!“ - - - - -Neuntes Kapitel - - -Als das Abendbrot vorüber war, versammelten sich alle im Wohnzimmer. -Eine gewisse Verstimmung lag in der Luft, und keiner hatte Lust, ein -Gespräch anzufangen. Ab und zu sagte jemand ein paar Worte, wie um -pflichtschuldigst zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Ernst sah -überhaupt ganz geistesabwesend aus, und Gustaf gähnte unverhohlen. - -Frau Hallin erhob sich und ging auf einen Augenblick hinaus. Als sie -zurückkam, hatte sie Bibel und Andachtsbuch bei sich, die sie beide -vor Ernst hinlegte, während sie mit einem forschenden Blick sagte: -„Vielleicht liest du heute das Abendgebet, da Papa fort ist!“ - -Ernst fuhr zusammen. Er sah so erschrocken aus, als mute ihm die Mutter -das halsbrecherischste Wagestück zu; und er blickte sich nach allen -Seiten um, als erwarte er Hilfe und Unterstützung von den andern. - -„Meinst du?“ fragte er halblaut. „Grad heute abend?“ - -„Ich meine, wir sollten auch heut abend nicht auseinandergehen, ohne -Gottes Wort miteinander gelesen zu haben!“ antwortete Frau Hallin -ebenfalls in einem Ton, der nicht für die andern berechnet war. - -„Wir sind ja aber nicht allein!“ fuhr Ernst widerwillig fort. - -„Pastor Simonson hat unserer Andacht schon öfter beigewohnt“, erwiderte -Frau Hallin, indem sie sich dem jungen Pastor zuwandte. - -Ernst Hallin erhob sich. Sein Antlitz war düster; er schob die Bücher -von sich. - -„Ich kann nicht!“ sagte er mit leiser Stimme, die aber durchs ganze -Zimmer zu hören war. „Quäl’ mich nicht!“ - -Eine Weile hatten ihm seine Gedanken Ruhe gelassen. Jetzt brachte die -Mutter sie ihm wieder so recht handgreiflich in Erinnerung. Er, der so -gar nicht wußte, was er eigentlich glaubte oder dachte, er, der selber -ein Suchender war, ein Tastender, ein Ringender, er sollte seinen Beruf -ausüben und andern, die Suchende waren, gleich ihm, predigen? - -Er entfernte sich vom Tisch, auf dem die Lampe stand, und setzte sich -in den dunkelsten Winkel des Zimmers. - -Pastor Simonson trat vor und nahm die Bücher an sich. - -„Gestatten Sie, daß ich ein Kapitel aus der Bibel lese, Frau Hallin?“ -sagte er. Es lag eine fast unmerkliche Betonung auf dem „ich“. - -Frau Hallin warf ihm einen dankbaren Blick zu; aber es tat ihr weh, daß -sie die Stimme eines Fremden statt der ihres Sohnes hören mußte; und -Tränen flossen in ihr Taschentuch, während sie das Haupt beugte. - -Warum hab’ ich es nur nicht tun können? fragte Ernst Hallin sich. Warum -hab’ ich es nicht tun können? Es kam ihm selber ganz unbegreiflich vor. -Er saß ganz stumm da und rang in Gedanken mit sich selbst, um der Sache -auf den Grund zu kommen. Warum nur nicht! Es war doch sonderbar! - -Er ward aus seinen Gedanken gerissen durch Pastor Simonsons Stimme, -die leise und scharf die Einleitungsworte sprach: „Im Namen Gottes des -Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ - -Er las darauf ein Kapitel aus der Bergpredigt; die milden Worte hatten -einen seltsam fremden Klang. Leblos und kalt fielen sie von seinen -Lippen, als hätten sie nie eine Seele gehabt, als wären sie nie von -Lippen gefallen, die von Liebe zur Menschheit, von Trauer über ihren -Fall zitterten. Korrekt und starr kamen sie heraus, als trockene, -dogmatische Sentenzen, die man bei der Hand haben muß, wenn es drauf -ankommt. - -Ernst empfand ein unsägliches Unbehagen, eine rein körperliche Qual, -die für ihn ebenso unleidlich wie neu war. Als Simonson zu Ende gelesen -hatte, dankte die Mutter ihm. Ernst saß in der Sofaecke. Niemand konnte -sein Gesicht sehen. - -Dann sagten alle Gutenacht. Pastor Simonson zog seinen Überzieher an -und Gustaf begleitete ihn, um ihn zur Haustür hinauszulassen. Selma -ging auf ihr Zimmer. - -Ernst trat zur Mutter, um ihr Gutenacht zu sagen. Sie sah ihn einen -Augenblick lang ernsthaft an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte -sie: „Ernst, mit dir geht etwas vor. Aber ich weiß nicht, was.“ - -„Mit mir?“ erwiderte Ernst. „Nein.“ - -Er ging von ihr fort und durchs Zimmer. - -„Ich versichere dich, Mama, es ist nichts!“ sagte er. „Was sollte es -auch sein?“ - -Bei sich aber dachte er: Was kann sie nur damit meinen? Mit mir -vorgehen? Was soll denn mit mir vorgehen? Etwas muß es ja freilich -sein. Seit ich aus Upsala zurück bin, ist es in mir wie eine Unruhe. -Ich muß Zeit haben -- ich muß zu mir selber kommen. So kann das -nicht weitergehen. Ah -- was die Menschen alle mich quälen! Und ganz -besonders Mama mit ihrem Inmichdringen! Wenn ich mich doch verstecken -könnte, irgendwohin, wo keiner mich sieht, und wo ich keinen sehe! -Unerträglich ist es hier! - -Aber die Mutter ließ sich so leicht nicht abweisen. Sie ging ihm nach -und legte ihm die Hand auf die Achsel. - -„Sag’ mir, was es ist!“ bat sie. - -Jetzt wurde Ernst heftig. - -„Laß mich in Frieden!“ rief er. „Was hab’ ich denn getan? Ich hab’ die -Abendandacht nicht lesen wollen. Ich weiß selber nicht, warum. Es war -mir zuwider. Simonson hat es ja an meiner Statt getan. Und das war ja -ebensogut. Warum läßt man mich nicht in Frieden? Siehst du denn nicht, -daß ich grade das brauche, Mama? Ich ertrag’ es nicht, daß man so um -mich herumgeht und lauert und mich überwacht, als wüßt’ ich selber -nicht, was ich wollte! Ich bitt’ dich ganz ernstlich, Mama, laß das!“ - -Und mit einem freundlicheren Gesichtsausdruck als zuvor bog er sich -nieder zu ihr, küßte sie und wollte gehen. - -Frau Hallin blickte ihm bekümmert nach. - -Er blieb stehen. - -„Wenn du bloß nichts tust, was gegen Gottes Willen ist!“ sagte sie. - -Ein Lächeln flog über sein Antlitz. - -„Was ist das -- gegen Gottes Willen?“ fragte er. - -„Ernst!“ erwiderte Frau Hallin, und in ihren Augen blitzte es. „Das -weißt du nicht?“ - -„Doch, doch!“ sagte er rasch. „Ich wollte ja nur sagen, daß ich mich -davor in acht nehme!“ - -Und mit hastigen Schritten lief er die Treppe hinauf und in sein -Zimmer. Als er Licht angesteckt hatte, saß er lange mit pochendem -Herzen und hämmernden Schläfen da und grübelte darüber nach, was denn -eigentlich geschehen war. Warum war er denn so heftig geworden gegen -die Mutter? Und was bedeutete überhaupt das alles? - -Dann dachte er plötzlich an Simonson, und etwas wie Zorn erwachte -in ihm. Ja, der war anders geworden! Oder seh ich ihn vielleicht in -einem so andern Licht? dachte Ernst. Sogar seine Stimme ist anders -als früher. Und er sieht aus, als liefe er mit einer Maske herum! -Kämmt sein Haar so glatt und kleidet sich so feierlich und spricht so -herablassend mit den Frauen! - -Ernst mußte lachen, als er daran dachte. Aber das Lachen verging ihm -rasch. - -„Er ist kein ehrlicher Mensch!“ dachte er. Aber im selben Augenblick -errötete er über seinen Argwohn. - -Es gärte und kochte in ihm, als wäre sein ganzes Innere in Aufruhr. -Er riß das Fenster auf und atmete die frische Luft ein. Es war dunkel -draußen. Aber schön war es. Erquickung für die kranken Lungen, die sich -von verdorbener Luft erholten. Er zog, noch immer unschlüssig, die Uhr. -Es war kaum Zehn. Durchs Fenster strömte die kühle Luft. - -Mit einem hastigen Entschluß hüllte er sich in den Überzieher und -zündete sich eine Zigarre an. Dann steckte er eine Streichholzschachtel -zu sich, löschte das Licht und schlich mit leisen Schritten die Treppe -hinab, hinaus auf die Straße. - - - - -Zehntes Kapitel - - -Adjunkt Hallin schlug den Weg zum Ratskeller nach der Unterredung mit -seiner Frau keineswegs so fröhlich ein, wie er vor kurzem noch von -seinem Bruder nach Hause gekommen war. Seine heitere Laune war ganz -weg; und er ging eigentlich bloß, weil er nicht gern umkehren mochte. -Wäre nicht Pastor Simonson daheim gewesen -- er wäre wahrhaftig zu -Hause geblieben. Aber so schämte er sich, einen Fremden zum Zeugen -seiner Niederlage werden zu lassen. - -Die Luft war schwer und kalt. Grau und wolkig hing der Himmel über -der Stadt. Als der Adjunkt die Lange Straße hinab ging, sah er, -wie hinter der Brücke, wo die Straße endet, die Wolken sich ganz -zusammenschlossen. Ab und zu fuhr ein scharfer Windstoß einher. Die -grauen und roten Holzhäuser sahen feucht aus. Der Schnee, der auf der -Straße lag, war an vielen Stellen ganz überdeckt von Schmutz und Unrat. - -Die ganze Stadt sah zu dieser Tageszeit aus, als hätte alles, was Leben -und Atem hat, sich in die Häuser zurückgezogen. An dem einen oder -andern Fenster zeigte sich neben dem angelaufenen Straßenspiegel ein -haubengeschmücktes Altfrauengesicht, das eifrig nach den Ereignissen -draußen ausspähte. Ein kleines Stück vor sich bemerkte der Adjunkt -den Laternenanzünder. Er trug eine Leiter, die er an jeder Laterne -aufstellte; dann kletterte er hinauf, und gleich darauf glimmte eine -gelbe Flamme durch die Dämmerung, beleuchtete Straße und Häuser und -warf da und dort ihren Schein in ein Zimmer, in dem die Menschen saßen -und warteten, bis das Erscheinen des Laternenmanns das Zeichen gab, -daß die offizielle Dämmerstunde zu Ende und es Zeit war, die Lampe -anzuzünden. Die haubenumrahmten Gesichter hinter den Spiegeln bewegten -sich, und die alten Augen wurden lebendiger, wenn sie den kleinen Mann -in seinem grauen Kittel und der Mütze langsam die Leiter emporklimmen -und die Gaslaternen von Gammelby anstecken sahen. - -Es war für den Adjunkt ein ganz besonderes Vergnügen, die Arbeit -des Laternenmanns zu verfolgen, auf der Straße stehenzubleiben und -zuzusehen, wie die Lichter sich entzündeten, eins nach dem andern, im -Zickzack, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken, die ganze -Lange Straße hinunter, bis die gelben Flammen sich in einer langen -Zickzacklinie bis zur Brücke hin zogen, hinter der das Dunkel anfing. - -Auch jetzt blieb er eine Weile stehen und sah zu, wie die Flamme in der -Dunkelheit aufloderte und ihren zuckenden Schein über Straße und Häuser -warf. - -Da fühlte er, wie eine Hand ihm von hintenher auf die Schulter schlug. -Es war Professor Kumlander, der ihm mit seiner langen Nase ins Gesicht -schnüffelte. - -„Guten Abend, Hallin!“ sagte er. „Du kommst doch auch heut?“ - -„Ja“, erwiderte der aus seinen Betrachtungen gerissene Adjunkt. -„Beabsichtige es wenigstens. Bist du denn noch nicht dort?“ - -Professor Kumlander war nämlich im allgemeinen keiner von denen, die -zu einem Zechgelage zu spät kommen. Heut aber sah er aus wie einer, -der gewichtige Gründe zum Zuspätkommen hat. Sein Gesicht trug einen -verschämten und gleichzeitig befriedigten Ausdruck. Und in der Art, wie -er den Kollegen betrachtete, lag etwas jungenhaft Verschmitztes. Er -schlug mit seinem Stock aufs Pflaster und schnaubte ein paarmal sehr -ausdrucksvoll. - -„Ich habe so meine Gründe!“ sagte er. - -Adjunkt Hallin sah noch immer gänzlich unbeeindruckt aus und begriff -augenscheinlich nicht, worauf der andere hinaus wollte. Jetzt aber ward -für Professor Kumlander die Versuchung zu stark. Mit einer Miene, die -zwischen Verschämtheit und Selbstzufriedenheit schwankte, sagte er: -„Eigentlich sollt’ ich ja nichts sagen, eh’ wir dort sind. Aber weißt -du -- meine Frau hat heut ein Mädelchen gekriegt!“ - -Der Adjunkt mußte es wohl nicht ganz schicklich finden, in lautes -Gelächter auszubrechen, obwohl ihm das am nächsten lag. Jedenfalls -aber sah er sehr erheitert aus. Er wußte, heut gab es einen lustigen -Abend, einen, von dem man noch wochenlang zehren konnte. Wenn bei -Kumlanders wieder ein Töchterchen angelangt war, -- das war eine Freude -für das ganze Lehrerpersonal und auch für die Schüler. Acht Jahre war -der Professor verheiratet. Und jedes Jahr kriegte er ein Mädchen, und -bei jedem Mädchen hatte er, all die acht Jahre her, sich gewünscht, -es möchte ein Junge sein. Er rechnete es immer ganz genau aus, daß es -diesmal ein Junge sein müßte. Ganz fest war er davon überzeugt; es war -überhaupt gar nicht anders möglich. Alle Wahrscheinlichkeiten sprachen -dafür, daß es diesmal ein Junge war. Es gab da so gewisse Anzeichen, -die die Hebamme beobachtet hatte. Und der Professor flüsterte seinem -Nebensitzer ein paar Worte ins Ohr. Und kurz -- es war so gut wie -sicher. - -Und jedesmal war es ein Mädchen. - -Fünfmal war es jetzt schon so gegangen. Immer war der Professor ganz -unerschütterlich in seinem Glauben, immer war er gleich mitteilsam und -vertrauensvoll den Kollegen gegenüber, immer ward er betrogen und immer -hoffte er gleich unverdrossen auf mehr Glück das nächstemal. Weshalb es -auch unter den Kollegen zum stehenden Scherz wurde, Kumlanders könnten -bloß Mädchen kriegen. - -Diesmal genierte er sich aber doch ein bißchen. Er wußte, heute würde -es über ihn hergehen! Und mag man noch so gutmütig sein, -- ein bißchen -peinlich ist so was doch. - -Der Adjunkt bezwang einstweilen seine Lachlust noch und fragte nur -boshaft: „Na, wie ist’s denn? Achte hast du jetzt, was?“ - -„Quatsch!“ sagte der Professor gutmütig. „Ich bin doch überhaupt erst -acht Jahre verheiratet.“ - -Und lachend gingen die beiden Herren die Ratskellertreppe hinab. - -Daß die Herren grade heute abend zusammenkamen, das hatte Professor -Hallin zuwege gebracht. Er hatte niemand gesagt, warum; denn der -„Anlaß“ sollte eine Überraschung sein. Er hatte es nur eingerichtet, -daß sie alle sich an diesem Abend treffen wollten, so viele von denen, -die zu einem lustigen Abend gehörten, er überhaupt zusammentrommeln -konnte. Daß bei Kumlanders etwas erwartet wurde, hatte er durch seine -Frau erfahren. Seitdem hatte er nach besten Kräften seine Vorkehrungen -getroffen. Gradezu gefiebert vor Unruhe hatte er beim Gedanken, es -könnte doch möglicherweise ein Junge sein. Das hätte ja den ganzen -Spaß verdorben. Vormittags war Professor Kumlander nicht in der Schule -gewesen; und Professor Hallin hatte sich in einer der Pausen die -Nachricht zu verschaffen gewußt, daß das große Ereignis stattgefunden -hatte. Er hüpfte vor Freude, als er hörte, daß das Kleine ein Mädchen -war. Professor Kumlander pflegte jeden Abend um sieben Uhr auf ein -Stündchen zum Abendschoppen in den Ratskeller zu gehen; und daß er an -einem so wichtigen Tag nicht ausbleiben würde, war ziemlich sicher. - -Als darum Hallin und Kumlander jetzt zusammen in das kleine Nebenzimmer -traten, fanden sie vor dem Sofa einen langen Tisch, auf dem heftig -dampfende Groggläser winkten, und um den Tisch den ganzen Kreis der -älteren Lehrer versammelt. Es mochten alles in allem etwa zehn Personen -sein. - -Da saß Doktor Björkén, ein langer, hagerer Magister, dessen Adlernase -in dem üppigen Bart fast begraben war. Daneben Professor Eneman, -ein kleiner, fetter Herr mit Glatze und Brille. Seine Augen fuhren -beständig nach allen Seiten umher, als fordre er den Beifall seiner -Nebensitzer heraus, und um seine Lippen lag ein Lächeln, das bezeugen -sollte, daß ein guter Witz bei ihm stets eine gute Statt finde. Da -saß der lustige alte Svartengren, ein alter Junggesell, der bloß die -Augen zu verdrehen brauchte, um alle Welt zum Lachen zu bringen. Er -saß da und zog die Mundwinkel vor Lachen bis an die Ohren, während -sein unmäßig dicker Bauch sich wie ein Berg vom Tischrand zur Brust -emporwölbte. Da saß Magister Barfoot, ein brünetter Mann mit schwarzem -Spitzbart und dem Monokle im Auge. Er war ein Misanthrop und nur aus -Versehen in die Gesellschaft geraten. Auf dem Sofa saß Professor -Hallin, und hinter ihm waren Professor Bruhns gewaltige Figur und noch -ein paar andere sichtbar. - -Professor Hallin hatte „den Anlaß“ schon mitgeteilt. Er war frühzeitig -gekommen und hatte seine Truppen um sich versammelt. Als darum -Kumlander in der Tür erschien, erhob sich die ganze Gesellschaft und -verbeugte sich ernsthaft. - -„Wir gratulieren!“ - -„Danke! Die Herren sind sehr aufmerksam!“ erwiderte der -Theologieprofessor. - -„Wie geht’s der Frau?“ fragte Professor Hallin. - -„Und der Kleinen?“ fiel Professor Eneman ein und machte eine -liebenswürdige Bewegung mit seiner fetten, kleinen Hand. - -„Mutter und Kind befinden sich den Umständen gemäß!“ antwortete der -glückliche Vater mit erzwungenem Ernst. - -Professor Hallin schob sich vor und umarmte den Festhammel. - -„Und wie viele spendierst du heut? Sieben doch wohl, der -Übereinstimmung halber! Sieben? Was?“ - -„Den Teufel werd’ ich!“ antwortet der unglückliche Kumlander in einem -solchen Brustton der Überzeugung, daß ein allgemeines Gelächter sich -erhob. „Spendier’ doch du, wenn dich danach gelüstet!“ - -Professor Bruhn betrachtete die Kollegen mit einem gutmütigen Lächeln, -etwa wie ein Erwachsener auf Kinder herunterblickt, deren Vergnügen er -nicht stören will. - -„Können wir das nicht ebensogut im Sitzen abmachen?“ sagte er. - -Jetzt machte man Raum für Kumlander. Er mußte auf den Ehrenplatz. Auf -das Sofa gehörte er. - -Er sah auch ganz so aus, als fühle er sich als Held des Tages. Die -Aufmerksamkeit, die einen andern in Verlegenheit gesetzt hätte, -genierte ihn nicht im geringsten. All die Scherze genierten ihn -höchstens in der Phantasie. In Wirklichkeit freute ihn diese ganze -Hänselei, die so grob, so alles andere eher als zartfühlend war, weit -mehr, als wenn man ihn ernst genommen hätte. Als er jetzt zwischen -die Professoren Eneman und Hallin gesetzt wurde, sah er ordentlich -strahlend aus und mischte sich seinen Grog mit einem Selbstgefühl, als -wäre er ein junger Ehemann, der sein Erstgeborenes feiert. - -Es war eine Freude zu sehen, wie Professor Kumlander seinen Grog -braute. Mit welch vergnügter und gleichzeitig wichtiger Miene er die -Zuckerstücke in der Hand wog, eh er sie ins Glas warf. Wie dicht er -das Glas an das Licht hielt, um ja genau zu sehen, daß er auch nicht -zuviel, aber ja auch nicht zuwenig einschenkte. Genau einen Viertelzoll -über das Geschliffene hinaus mußte es sein. Und der Zucker mußte -zergehen. Kein noch so winziges Stückchen durfte zurückbleiben; sonst -sah es trüb aus. Wenn dann die Mischung klar war, goß der Professor -langsam und bedächtig den Kognak zu, und wenn das Getränk die richtige -braune Färbung hatte, schmunzelte er übers ganze Gesicht, nahm sein -Glas mit einer liebkosenden Bewegung in die Hand und sagte: „Jetzt, -glaub’ ich, kann man das Gesöff trinken. Prost!“ - -Und er führte es mit prüfender Miene an die Lippen. Ja, es war recht. -Ein winziger Tropfen Kognak noch, dann war’s noch besser. Und dann ein -langer, wollüstiger Zug aus dem dampfenden Glas. - -Einen Augenblick war es still um den Tisch. Kumlander sah sich um mit -einem Gesicht, als fühle er die Verpflichtung, etwas zu sagen. - -„Tja -- es ist wieder ein Mädchen geworden!“ sagte er. - -Natürlich platzte die ganze Gesellschaft los. Durch den Lärm hindurch -hörte man Professor Hallins lärmendes, klingendes Lachen. Aber alle -übertönte Bruhns gewaltiger Baß. - -Dann erhob sich Professor Hallin. Alles verstummte. Er faßte sein Glas -und bat ums Wort. - -„Meine Herren!“ begann er mit gut gespieltem Pathos, „lassen Sie uns -einen Augenblick gemeinsam andächtigen Herzens das wichtige Ereignis -betrachten, das uns heute hier zusammenführt. Wir dürfen es ja wohl, -ohne allzu indiskret zu erscheinen, bei Namen zu nennen. Unserem Freund -Kumlander ist ein Töchterchen geboren. - -Hierbei ist vor allem zu beachten, daß ein +Töchterchen+ ihm -geboren ist, mit andern Worten, daß ihm kein Junge geschenkt ward. Wenn -ich daran erinnere, so tue ich es in der Hoffnung, es möchte dies auf -unseres Freundes Kumlander Gefühle in keiner Weise verletzend wirken. -Es soll dies keineswegs ein Mißtrauen in eine Fähigkeit ausdrücken, von -der wir schon oft genug zu leuchtende Beweise empfangen haben, als daß -wir Zweifel in sie setzen dürften.“ - -Ein kurzes Gelächter bezeugte, daß die Zuhörer dem Vortrag mit -Interesse folgten. - -„Es wird indessen behauptet,“ fuhr der Redner fort, „daß unser Freund -Kumlander mit dieser Tatsache nicht völlig einverstanden ist. Er findet -es eintönig und wünscht sich Abwechslung. Doch, meine Herren, die -Geschichte lehrt uns, daß rascher Wechsel gefährlich ist, und daß man -unter allen Umständen gut daran tut, sich an das zu halten, was man -die ‚historische Kontinuität‘ nennt.“ - -Diese witzige Wendung wurde nur von Professor Bruhn gewürdigt, der -Bravo schrie. - -„Da nun alle plötzlichen Übergänge als im höchsten Grad gefährlich -bezeichnet werden müssen, so möchte ich bei dem Anlaß, zu dessen Feier -wir hier zusammengekommen sind, auf einen Umstand hinweisen, der -für unsern Freund Kumlander als ein ganz unbestreitbarer Vorteil zu -betrachten ist. Ich habe gesagt, das Bemerkenswerte bei dieser Sache -sei, daß Kumlander Vater eines Töchterchens geworden ist. Aber ich -möchte zugleich noch einen zweiten beachtenswerten Umstand betonen -- -nämlich, daß er Vater +eines+ Töchterchens geworden ist, das heißt -nicht Vater von zweien oder dreien oder gar vieren!“ (Bravo!) - -„Tja, man kann ja nie wissen! Und man muß zugeben -- besser ist besser. -Meine Herren! Man spricht von Shakespeare, von seiner schöpferischen -Kraft, Frauentypen zu gestalten! Aber was ist das gegen Professor -Kumlander? Darum, meine Herren, schlage ich vor, daß wir auf das Wohl -unseres Freundes Kumlander trinken! Und zugleich mit den herzlichsten -Wünschen für das Wohlergehen seiner Frau und des kleinen Neugeborenen -wage ich die Hoffnung auszusprechen, es möge dies nicht das letztemal -sein, daß wir aus diesem Anlaß hier versammelt sind!“ - -Professor Kumlander stieß mit dem Redner an und dankte ihm. - -„Danke dir, Hallin! Aber ich hoffe trotzdem, daß der Anlaß nächstesmal -ein anderer sein wird!“ - -Und indem er einen tüchtigen Schluck Grog nahm, setzte er sich wieder -auf seinen Platz und zwinkerte vergnügt mit den Augen. - -„Nächstesmal wird es ein Junge!“ sagte er. „Dafür will ich, hol’s der -Kuckuck, schon sorgen!“ - -Jetzt ward das Gelächter geradezu zu einem Tumult. Dies prahlerische -Versprechen war es ja, was man hatte aus ihm herauslocken wollen! Auf -den Augenblick hatte Professor Hallin ja nur gewartet! Seit zwei Tagen -schon hatte er sich darauf gefreut, und als es endlich so weit war, -kannte sein Entzücken keine Grenzen. Er stand auf und schrie, halb -erstickt vor Lachen: - -„Prost, Kumlander! Sag’ das noch einmal!“ - -„So ist’s recht, Kumlander!“ - -„Nur nicht nachgeben!“ - -Es war wie eine Bande von losgelassenen Schuljungen. Alle schrien -durcheinander, voller Freude und Ausgelassenheit. Die Feststimmung des -Augenblicks ließ all die kleinen Widerwärtigkeiten des Tages vergessen, -den Ärger, die Sorgen, die Einförmigkeit ihres Lebens, den Überdruß -an diesem Leben, den so manche hegten, die unbezahlten Rechnungen, -Schulden, Kautionen und Wechsel! - -Nach einer Weile schlug Professor Hallin auf den Tisch und rief nach -heißem Wasser. Ringsum wurden die Groggläser geleert und wieder frisch -gefüllt. - -Die Unterhaltung war jetzt allgemein geworden. Professor Eneman -hielt Kumlander am Rockaufschlag fest und erzählte mit strahlenden -Augen und lebhaften Gesten eine Geschichte, die sich bei der letzten -Stadtratssitzung ereignet hatte. „Denk’, das haben sie gewagt -- dem -Bürgermeister gegenüber! Hahaha! Das tut ihm gut!“ Professor Hallin -unterhielt sich mit Barfoot, der bitter und satirisch war. „Tja, wenn’s -mit rechten Dingen zuginge auf der Welt, da wär’ manch einer an einem -ganz andern Platz!“ Und der Magister berichtete zum zehntenmal von den -Beiträgen zur Flora der Umgegend, die er aus seiner vieljährigen Praxis -heraus einem Stockholmer Professor geliefert hatte. - -„Und wer hat die Ehre davon? Wer, frag’ ich?“ - -Mit der brennenden Zigarre im Mund, und den dampfenden Grog vor sich, -saß Professor Bruhn ganz allein, schaukelte sich in seinem Stuhl -hin und her, und durch die gewaltigen Tabakswolken, die er von sich -blies, schimmerte die mächtige Denkerstirn über einem Paar freundlich -blickender, tiefliegender Augen. Dann geriet man aufs Gebiet der -Anekdoten. Magister Björkén machte den Anfang. Schüchtern und unsicher, -fast als fürchte er sich vor seiner eigenen Stimme, begann er eine -Geschichte aus seiner Studienzeit zu erzählen. Dabei leuchteten seine -Augen so hell und fröhlich über dem dichten Bart, als lebe er die -glücklichen Tage der Jugend noch einmal durch, und als er fertig war -und alle lachten, sah er vor sich nieder und nickte mit einem kleinen -Lächeln: „Ja, das waren frohe Tage, damals! Was war man da für ein -Kerl! Und was ist man später geworden!“ - -Jetzt fingen alle an, Studentengeschichten zu erzählen. Eine um die -andere kamen sie; alte, wohlbekannte Anekdoten, die die meisten kannten -und in denen oft der oder jener der Anwesenden eine Rolle gespielt -hatte, zogen herauf mit ihrer Erinnerung an eine entschwundene Zeit, -mit ihren heiteren Jugendstreichen, mit dem ganzen unwiderstehlichen -Jugendrausch, ihren wundervollen, starken Eindrücken! Sie zogen -vorüber, eine um die andere, keiner wog seine Worte, keiner machte sich -Gedanken über das, was er sagte. Ein ganzes Jahrzehnt Upsala lebte -wieder auf. Jeder hatte diese oder jene hervorragende Persönlichkeit -gekannt, die jetzt eine Stellung im Lande einnahm, und jeder wußte -Geschichten von ihr zu berichten, Geschichten, zu denen sich keiner -von ihnen in nüchternem Zustand hätte bekennen mögen. Es war ganz -merkwürdig, wie aufgeknöpft die alten Schulfüchse sein konnten. Wenn -der eine aufhörte, fing der andere an. Ja, das waren freilich andere -Zeiten gewesen! Herrgott, wie man sich verändert hatte, und wie die -Jahre vergangen waren, fast ohne daß man es gemerkt hatte! Aber im -Herzen waren sie doch noch alle Studenten, alte, fröhliche, ehrliche -Bursche, solang sie lebten! - -Und was die alten Namen alle für frohe Erinnerungen und Gelächter -weckten: die St.-Eriksgasse, das Gustavianum, der Karolinenhügel und -der Schloßberg, die Königsau und Fjärdingen, Åkersten und Novum, Hof -und Dragarbrunn. Es waren oft recht ärmliche kleine Anekdoten. Aber sie -wurden trotzdem mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit erzählt. -Alle kannten ja die Orte, wußten von den Personen, und alle hörten -all die alten Dinge immer wieder gern. Am meisten erzählte Professor -Hallin. Er erzählte zu famos und hatte ein Gedächtnis, ganz was -Merkwürdiges von Gedächtnis! Hatte er eine Anekdote erzählt, so kam -ein anderer mit einer neuen. Aber jede zweite Anekdote erzählte doch -Professor Hallin. - -Dazwischen stieß irgendeiner sein Glas auf den Tisch und rief: „Prost! -Es lebe der Festhammel!“ - -„Wir dürfen doch ‚den Anlaß‘ nicht vergessen! Prost, Kumlander! Sollst -wachsen und blühen und gedeihen!“ - -Und dann lachten alle, daß es in der Stube widerhallte! - -Adjunkt Hallin fühlte sich ganz unbändig wohl. Er hatte den -Meinungsaustausch mit seiner Frau und Pastor Simonson und die -Abendandacht, die ihn bei solchen Gelegenheiten daheim erwartete, -ganz und gar vergessen. Er gehörte zu denen, die in einer großen -Gesellschaft ungemein lebendig werden, die aber selber nicht viel -reden, sondern meist still dasitzen und sich an der allgemeinen -Heiterkeit freuen, mit ihren Nachbarn sich ganz lebhaft unterhalten, -aber nie über den Tisch weg schreien. Er lachte über die Anekdoten, -stieß mit Kumlander an, redete mit Bruhn über seinen Sohn und trank -viele Groge. Und fühlte sich dabei unendlich wohl und war unbändig -vergnügt. Als Professor Hallin -- mit Rücksicht auf die allseitig nicht -besonders glänzenden Kassenverhältnisse -- vorsichtig anfragte, ob man -sich zum Abendbrot einen Sherry gestatten oder lieber sich mit Bier -und dem „Appetitschnäpschen“ begnügen wolle, war der Adjunkt der erste, -der die Lippen spitzte und, dem Bruder lustig zublinzelnd, antwortete: -natürlich müßte Sherry her. Heut sei doch ein Festtag. Worauf er laut -auflachte, mit Kumlander anstieß und darauf in einem Zuge sein Glas -Grog leerte. - -Er war ein ganz anderer Mensch hier. Nicht mehr der unnatürlich -barsche Lehrer, der sein ~cado~ und ~caedo~ durch die Klasse -schrie, nicht mehr der um seine Würde ängstlich besorgte Vater, der -aus Eitelkeit die Heiterkeit im Familienkreis eindämmte, nicht mehr -der bedrückte Familienversorger, der sich mit ängstlichen Gedanken an -unbezahlte Rechnungen und drängende Gläubiger herumschlug. In diesem -Augenblick war Adjunkt Hallin frei von allem, was ihn in langen, langen -Jahren zu dem lebensmüden, überanstrengten Menschen gemacht hatte, der -er für gewöhnlich war, so frei, als existierte das alles gar nicht. -Er war in diesem Augenblick weiter nichts als einfach ein Mensch, ein -Mensch, der den Staub des Alltags von sich abgeschüttelt hat. Und in -solchen Stunden sind wir Menschen ja so liebenswürdig, vertrauend, -offenherzig und gemütlich. - -Während des Abendessens zog Professor Eneman den Adjunkten in eine Ecke -und teilte ihm mit, wie wohl er sich in Gammelby fühle. - -„Wirklich, eine so prächtige alte Stadt! Und heut hab’ ich das Gefühl, -als wär’ ich überhaupt hier geboren. Mit knapper Not hab’ ich mich heut -abend frei machen können. In zwei Häusern war ich zu Mittag eingeladen, -und auch zu heut abend war ich schon versagt.“ - -Und Professor Eneman lachte voll innigster Befriedigung, während er den -Rest Büchsenhummer aufaß, den er auf seinem Teller hatte. - -Professor Bruhn war den ganzen Abend über bei merkwürdig guter Laune -gewesen. Er paßte sonst nicht in größere Gesellschaft; denn er besaß -den Fehler, sich immerfort an den lächerlichen und kleinlichen Seiten -anderer Leute zu stoßen. Seine große Rechtschaffenheit hatte ihm in -seiner Karriere oft im Weg gestanden und ihm mehr als einen bösen -Streich im Leben gespielt. Er pflegte oft mit einem Sarkasmus mitten in -die Unterhaltung zu platzen, der viel zu ernst war, um amüsant zu sein. -Jetzt stieß Adjunkt Hallin sein Bierglas gegen das des Professors und -sagte: „Prost, Bruhn! Es tut einem gut, zu sehen, daß du auch vergnügt -sein kannst!“ - -„Warum sollte ich nicht vergnügt sein können?“ erwiderte der mit einer -Art mürrischer Freundlichkeit. „Man wird eben alt, siehst du; ganz -verdammt alt wird man!“ - -„Du hast dich bei mir daheim schon lang nicht mehr sehen lassen“, fuhr -der Adjunkt fort, um auf ein anderes Thema zu kommen. - -„Hahaha!“ lachte Bruhn und nahm sich ein paar Lammkoteletten auf seinen -Teller, die er stehenden Fußes zerschnitt und in großen Bissen mit dem -Messer in den Mund schob. „Siehst du, ich seh’ wohl, daß deine Frau -meine Junggesellenmanieren und meine Junggesellensprache nicht leiden -kann. Es ist ganz logisch, siehst du. Wenn man sich nicht wohl fühlt im -Familienleben, -- na -- so kann man ihm ja aus dem Weg gehen. Die Leute -finden, daß ich nicht fein genug bin für sie. Da zieh’ ich mich ganz -einfach zurück, verstehst du. Ist im übrigen auch nichts, was man nicht -verschmerzen könnte.“ - -Der Adjunkt sagte etwas, wie, das wäre ja doch nur Einbildung. - -„Nein, du!“ antwortete Bruhn. „Das bild’ ich mir nicht nur ein.“ - -Er nahm eine gewaltige Prise und steckte dann die Daumen in seine -Armlöcher, während er sich auf den Absätzen hin und her wiegte. - -„Es sind keine Einbildungen, sag’ ich dir. Ich mach’ dir und deiner -Frau ja keinen Vorwurf. Wir, du und ich, können auch so zusammen sein. -Und jedenfalls muß man mit seinen Besuchen den Leuten nicht zur Last -fallen.“ - -Er faßte den Adjunkt am Arm und führte ihn, von den andern fort, in -eine Ecke. - -„Weiß der Kuckuck, was heut los ist mit mir“, sagte er. „Ich fühl’ -mich ganz verdammt mitteilsam. Muß wohl ganz viele Grogs getrunken -haben. Na -- also ich werd’ dir was erzählen. Als ich ganz jung war, -war ich einmal sehr verliebt und wollte heiraten. Sie war ein nettes -kleines Ding mit blauen Augen und feinem Gesicht und kleinen Händen -und all so was. Ganz verdammt fein war sie. So fein war sie, daß sie -eines Tages zu mir sagte, sie könne mich nicht nehmen, weil ich ihr zu -ungeschliffen sei. Hahaha! Siehst du, so geht’s einem, wenn man nicht -fein genug ist! Seither hab’ ich mich mit schlechter Gesellschaft -begnügen müssen -- und schlechten Mädels. Aber es ist schon lang her!“ -fügte er hinzu, als fürchte er, zu sentimental zu erscheinen. - -Und er ging zum Tisch zurück und goß ein Glas Sherry hinunter. - -Der Tisch sah recht abgegessen aus. - -„Ordentlich mit Plan und Überlegung ausgeführt!“ sagte Professor Hallin -zu Magister Barfoot, der durch sein Monokel aus dem linken Augenwinkel -melancholische Blicke auf das Schlachtfeld warf. - -Die Butterpyramide mit ihrem Gipfel von Petersilienblättern war zu -einem Nichts zusammengesunken; der Kaviar zwischen den gehackten -Zwiebeln war ganz verschwunden. Da und dort lagen auf einer Platte noch -ein paar Scheiben kalten Fleisches, ein paar Lammkoteletten hatten sich -am äußersten Rand einer länglichen Schüssel unter ein paar gedämpften -Mohrrüben verkrochen; nur der Büchsenlachs und der geräucherte Aal -standen noch unberührt da. Von dem frischen Lachs mit verlorenen Eiern, -der vorher in feingeschnittenen Scheiben, Seite an Seite mit einem -Haufen ebenfalls verschwundener Entrecotes, den Appetit herausgefordert -hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Am Rand des Tisches stand eine -Schale, auf deren Grund die Überbleibsel des geschmolzenen Gefrorenen -schwammen. - -„Ja, essen, das kann man hier in Gammelby, dafür ist es bekannt!“ sagte -Professor Bruhn. - -„Na, nun wollen wir lustig sein und weitermachen!“ schlug Professor -Hallin vor und setzte sich. „Jetzt kommt der Kaffee und der Punsch.“ - -Der Kaffee kam, und der Punsch kam. Und alle wurden lustig und immer -lustiger. Jetzt war die Reihe an Svartengren; jetzt wurde der amüsant. -Vor dem Abendessen sagte der nie viel, und während des Abendessens war -er mit Essen beschäftigt. Es war nicht zu glauben, was er alles in -sich hineinaß. Dafür war er aber auch, wenn man beim Kaffee und Punsch -angelangt war, der Vergnügungsmeister. Das erwartete die Gesellschaft -von ihm. Er konnte Hühner und Katzen und Schweine nachmachen. Er wußte -allerhand Lieder und trommelte „Hör uns, Svea!“ auf seinem Bauch, -während er mit dem Mund die Klarinette dazu blies. Und noch eine Menge -andere amüsante Kunststücke konnte er. Er war sich dessen auch wohl -bewußt; und er schickte sich eben an, den Mund aufzutun, um ein paar -einleitende Worte zu sagen, während er seinen dicken Bauch unter den -Tisch schob. Da ging die Tür auf; und Professor Eneman, der ein bißchen -auf die Straße gegangen war, um sich auszulüften, kam wieder herein. -Er blieb mitten in der Tür stehen und winkte jemand, der im Korridor -draußen wartete. - -„Kommen Sie, junger Freund!“ sagte er und fuhr mit seiner runden -kleinen Rechten durch die Luft. „Wir sind lauter gute Kameraden hier, -und wir vermehren uns gern um einen neuen!“ - -Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst -Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als -blende ihn der allzu grelle Lichtschein. - -Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine -gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte -sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn -vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche -Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob -sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken -von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin -tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann -und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine -Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer -saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch -und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein -bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man -fragte ihn, was er trinken wolle. - -„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“ - -Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben -aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen. - -Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er -war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn -draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten -seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren. - -Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und -er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er -sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und -lächelte -- ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie -aussahen. Als hätte die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm -nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr -Antlitz bespült -- viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen -oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche -Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die -eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und -der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen, -erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es -sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch -trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte -Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der -Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin -ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht -hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige -Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün -des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen -Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie -möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen -würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn! - -Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was -ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft. - -Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder -andere, trotzdem er so jung war? - -Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein -parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken: - - „Stand bei der Ecke am Tore - Jung-Daphnis ~titiens amore~. - Du böse Zauberin Natur, - Was schufst du sie so lieblich nur!“ - -Ernst hatte dies selbe Lied von den Freunden in Upsala gehört, und es -kam ihm komisch vor, es hier, unter alten, gesetzten Männern, von denen -die meisten schon graues Haar hatten, wiederzuhören. Gleichzeitig aber -fing er doch an, sie mit andern Augen anzusehen, menschlich und weniger -mit Studentenkritik. Sie gefielen ihm in ihrer Fröhlichkeit; er begann -die unterdrückte Lebenslust zu verstehen, die sich hier zwischen vier -Wänden Bahn brach, in einer engen, verrauchten Kneipe, weil die schwere -Arbeit ums tägliche Brot sie hinderte, die Freude täglich zu Gast zu -laden. - -Professor Bruhn, den er so oft verspottet hatte, war sicher ein -prächtiger Kerl. Und Svartengren, der ihm gegenübersaß, voll -Befriedigung über den Beifall für sein Lied, und sich eben anschickte, -ein zweites zu singen -- wie seine Augen strahlten durch die -Rauchwolken, die um ihn her qualmten! - -Und sein Vater! Wie frei er aussah, wie lebhaft er sich bewegte, -wie jugendlich seine Rede klang! Ohne sich zu besinnen, erhob Ernst -sein Glas und trank mit einem Lächeln dem Vater zu. Aber im gleichen -Augenblick errötete er über das Gefühl, das ihn dazu antrieb. - -Der Adjunkt trank sein Glas aus und nickte dem Sohn auch zu. „Prosit, -mein Junge! Das ist nett, daß du gekommen bist!“ - -Bis nach zwölf Uhr saß die Gesellschaft beisammen. Anekdoten wurden -erzählt, Lieder gesungen. Als man endlich ans Aufbrechen dachte, erhob -sich Professor Bruhn, der sonst nie eine Rede hielt, und bat die -Anwesenden, den frohen Anlaß, der sie zusammengeführt hatte, nicht zu -vergessen. - -„Ich hoffe, alle Anwesenden werden sich mir anschließen und ein Hoch -ausbringen auf Kumlander, und ihm danken, daß er so liebenswürdig war, -uns den Anlaß zu diesem frohen Abend zu verschaffen!“ - -Das Hoch wurde jubelnd ausgebracht. Eine Viertelstunde darauf drehte -die Kellnerin in dem leeren Zimmer das Gas aus. - -Durch die dunkeln Straßen strebten einsame Gestalten ihren Wohnungen in -den verschiedenen Teilen der Stadt zu. Und diejenigen, die um sieben -Uhr am nächsten Morgen heraus mußten, schüttelten sich und hasteten -vorwärts, um möglichst bald zu Bett zu kommen. - -Aber man mußte ein bißchen vorsichtig sein. Denn Punkt zwölf Uhr -nachts kam der Laternenmann und löschte die gelben flackernden Flammen -aus, eine um die andere, die ganze Lange Straße hinunter. Es wurde -dunkel; nur der Ruf des Nachtwächters störte noch das Schweigen in der -schlafenden Stadt. - - - - -Elftes Kapitel - - -Es war wie ein stummes Übereinkommen zwischen Ernst und dem Vater, -daß Frau Hallin nicht zu wissen brauchte, wo Ernst am Abend gewesen -war. Das heißt, keinem von beiden wäre es eingefallen, ihr die Sache -mitzuteilen. Aber als Ernst morgens zum Frühstück herunterkam, war er -doch ein bißchen verlegen, fast, als hätte er etwas Verbotenes getan. -Er merkte, daß die Augen der Mutter sich mit einem ängstlich fragenden -Ausdruck ihm zuwandten, und er entsann sich plötzlich wieder des -Auftritts zwischen ihnen vom Abend zuvor. Er hatte die ganze Nacht gut -geschlafen und als er aufwachte, dachte er bloß an das Zusammensein vom -gestrigen Abend. Ein angenehmes, heiteres Gefühl erfüllte ihn; und als -er aufstand und zum Fenster hinausschaute, schien die Sonne über die -Schneewehen auf dem Domplatz und der Himmel lachte so blau zwischen -den Zweigen der Ulmen herab. Da ward ihm noch viel leichter ums Herz; -er summte ein paar heitere Melodien vor sich hin, während er die Weste -zuknöpfte und vor dem Spiegel seine Krawatte band. - -Als er jetzt dem Blick der Mutter begegnete, fiel ihm auf einmal -der ganze vorhergehende Abend ein. Seine heitere Stimmung verschwand -und machte derselben Unruhe und Reizbarkeit Platz, die ihn den -ganzen gestrigen Tag über beherrscht hatten. Er dachte wieder an den -Unwillen, den er Simonson gegenüber plötzlich empfunden hatte, an -seine Heftigkeit gegen die Mutter und wie rasch er dann das alles beim -Glase vergessen hatte. Er wich dem Blick der Mutter aus und zwang -sich, Gutenmorgen zu sagen, als wäre nichts geschehen. Dann setzte er -sich allein zu seinem Frühstück. Man versammelte sich dazu nicht im -Hallinschen Haus, sondern jeder kam und ging nach eigenem Belieben. - -Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Als er fertig war, hatte er -einen unbestimmten Drang nach Einsamkeit; und mit einem Gefühl der -Ungeduld dachte er an sein kleines Zimmer in Upsala, wo er wußte, er -konnte immer ungestört sein. Er erhob sich und ging nach der Tür. - -„Wo gehst du hin?“ hörte er die Mutter aus dem Wohnzimmer rufen. - -„Auf Papas Zimmer“, erwiderte er und blieb unschlüssig stehen. - -„Willst du nicht vorher zu mir kommen?“ - -„Doch, gern.“ - -Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich. - -„Ich möchte wohl wissen, wie’s mit deiner Probepredigt geht“, sagte -Frau Hallin. - -Seiner Probepredigt? Herrgott! Sollte das Schreiben und Studieren schon -wieder losgehen? Er war ja doch eben erst von Upsala gekommen. - -„Es ist ja noch ein voller Monat, bis ich die halten muß“, sagte er -widerwillig. - -Frau Hallin sah auf ihre Arbeit. - -„Aber du wirst doch jedenfalls schon daran gedacht haben. Ich möchte so -gern ein bißchen wissen, wie du den Text auslegen willst. Ich habe ihn -schon so oft durchgelesen“, fügte sie hinzu. Es lag etwas Bewegliches -in ihrer Stimme. - -Ernst sah verlegen aus. Ein ungeduldiger Ausdruck flog über sein -Gesicht. - -„Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte er. „Aber ich kann nicht -gut über so was reden, eh’ ich’s aufs Papier gebracht habe.“ - -Frau Hallin sah auf und nickte. Etwas Altes kam in ihr Gesicht, das dem -Sohn weh tat. - -„Ich werde warten, bis du selber davon sprechen magst“, sagte sie -einfach. - -Mit einem Gefühl der Reue ging Ernst auf des Vaters Stube. Es bedrückte -ihn unsagbar, daß er der Mutter nicht hatte anders antworten können. - -Er verstand ja, daß sie seit Tagen, seit Wochen darauf wartete, daß -er etwas über die Sache sagen sollte. Seit der Tag für die Predigt -bestimmt war, dachte die Mutter unaufhörlich an ihn, das wußte er, und -machte sich vielleicht große Vorstellungen von dem reichen geistigen -Leben, das solch ein wichtiger Entschluß in ihm wecken müßte. Sie hatte -kaum an etwas anderes gedacht, hatte den Text für sich durchgelesen, -hatte versucht, sich auszudenken, wie er, so wie sie ihn kannte, -diesen Text auffassen würde. Sie sah in ihm nur noch den zukünftigen -Verkünder der Heiligen Schrift; sie erwartete von ihm, er müsse ein -Streiter für die Sache Gottes werden, ein gewaltiger Erwecker, der die -Gemüter bewegen und die Seelen für Gottes Reich gewinnen würde. Und es -hatte sie danach verlangt, daß er von selber kommen und mit ihr reden -würde, so stark danach verlangt, daß sie es nicht lassen konnte, ihn zu -fragen, obwohl sie begriff, daß ihm das unangenehm sein mußte. - -Er sah das alles, ganz deutlich, als ob sie selbst es ihm erzählt -hätte, und trotzdem konnte er seine Unlust, daß sie ihn hatte -ausfragen wollen, nicht überwinden. Er war so daran gewöhnt, einsam, -nur mit seinen Gedanken, zu leben, daß er jeden Versuch, in ihn -einzudringen, fürchtete. - -Was hätte er ihr auch sagen sollen? - -Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab. - -Was sollte er sagen? - -Er hatte ja die ganze Zeit her gar nicht an derartiges gedacht; und das -beunruhigte ihn jetzt. An alle möglichen gleichgültigen Dinge dachte -er. Alles, was er sah, interessierte ihn, fremde Menschen, mit denen -er bekannt wurde, die Geschwister daheim, die Eltern, die Menschen -in Gammelby, das Wetter, das Leben auf den Straßen, die Umgebung der -Stadt, in der er täglich seinen Spaziergang machte. Alles interessierte -ihn. Alles, bloß nicht Bücher. - -Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch -zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas -Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der -Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt. - -Und dann auf der Universität! - -Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den -letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des -Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine -auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf -den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s, -als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen -gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle -Bücher hindurch, ihnen zum Trotz! - -Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee, -der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde -Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der -Schnee, der dortlag, zu schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen, -die an den Rinnen hingen, herabtropfte. - -Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen -Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen -Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt -zu denken. - -Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe -hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt. -Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte, -verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem, -was grade vor ihm lag. - -Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen -zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen -Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand. -Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit -Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne -funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen -Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße -Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte -man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag, -während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der -Sonne glänzte. - -Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen, -die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über -einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und -verschwand zwischen den dämmerigen Tannen. - -Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch -eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt, -griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre -Pflicht. Und damit war’s fertig. - -Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach, -bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War -es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon -öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch -nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar -ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er. - -Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung, -mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte -- was tat das? -Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine -Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es -war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“ -genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden. -Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben. -Sollte er da nicht auch eintreten können? - -Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole -und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es +sein+ Fehler, -daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu -schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als -das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen, -und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare, -unwiderlegliche Gründe. - -Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne -davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson. -Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson? - -Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben -führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar -alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne -Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen -unter der Brücke lag Schnee. Aber unter der Eisdecke murmelte und -sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis -Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in -der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und -mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete. - -Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine -Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen -blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das -sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte -sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen -Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust -überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang -er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis -zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er -arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er -hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter, -brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und -fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als -beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten -Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in -die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er -plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und -blickte auf. - -Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als -der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen -an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus. - -„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben -zu komisch ausgesehen!“ - -Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen -sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne -blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen. - -Ernst Hallin fühlte sich recht beschämt. Es war Eva Baumann, eine -Freundin seiner Schwester, die er seit seiner Heimkehr noch nicht -wiedergesehen hatte. Ohne ein Wort herauszubringen stand er da und -sah sie an. Wie hübsch und lieb sie aussah, wie sie sich so über das -Brückengeländer beugte! Die kurze Jacke umschloß eng ihre schlanke -Gestalt, an der rechten Hand, die sie aus dem Muff gezogen hatte, trug -sie einen schwarzen Handschuh, und zwischen dem und dem Ärmel guckte -ein rundes kleines Handgelenk hervor. - -Verwirrt zog er endlich den Hut und grüßte. Das junge Mädchen neigte -den Kopf und lächelte wieder. Dann richtete sie sich aus ihrer -gebückten Stellung auf und steckte die Hand in den Muff. - -„Adieu, Herr Hallin!“ sagte sie. „Pastor Hallin müßte ich eigentlich -sagen.“ - -Seine Verlegenheit war plötzlich verschwunden. Sie sah so -unwiderstehlich lieblich aus, wie sie dastand und die Sonnenstrahlen in -den ungebärdigen Nackenlöckchen spielten. - -„Warten Sie doch, daß ich Sie begrüßen kann!“ rief er und kletterte den -Rain hinauf. Er trat zu ihr hin und faßte ihre Hand. - -Daß er das früher gar nicht bemerkt hatte, wie hübsch sie war mit ihrem -frischen Lächeln und den tiefen, warmen Augen! - -„Ich gehe immer diesen Weg“, sagte sie wie zur Erklärung. „Natürlich -konnt’ ich ja nicht denken, daß ich Sie hier treffen würde. Willkommen -wieder daheim!“ fügte sie dann hinzu. - -„Danke!“ - -„Was machten Sie denn eigentlich da drunten?“ fuhr sie fröhlich fort. - -„Nichts“, erwiderte er, indem er neben ihr herschritt. Eine Weile -schwiegen sie beide. Ernst sah zu, wie sie mit kleinen, raschen, -gleitenden Schritten neben ihm herging. - -„Das Frühlingswetter hat mich zum Narren gehalten!“ sagte er. - -„Finden Sie, daß es Frühlingswetter ist?“ Sie lachte, ein kurzes, -lustiges Lachen. „Wir sind doch erst im Februar.“ „Freilich ist -Frühlingswetter“, sagte er. „Merken Sie es denn nicht an der Luft? Es -ist so warm in der Sonne, daß einem der Rock zu heiß wird!“ - -Er knöpfte den Überzieher auf und nahm den Hut ab, während er sich mit -dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. - -Sie sah ihn ganz erschrocken an. - -„Nehmen Sie sich in acht, Sie werden sich erkälten“, meinte sie. „Sie -sind doch nicht besonders kräftig.“ - -Er sah sehr verwundert aus. - -„Wollen Sie mich auch ermahnen?“ fragte er fast ein bißchen ärgerlich. -„Alle tun es. Aber woher wissen Sie das denn eigentlich?“ - -„Selma und ich haben so oft von Ihnen gesprochen,“ sagte sie; sie -errötete dabei und wandte das Gesicht ab. - -Zusammen gingen sie zur Stadt zurück und schwatzten dabei von allem -möglichen, von gemeinsamen Bekannten, von alten Zeiten, als sie sich -noch auf Kinderbällen und Kindergesellschaften getroffen hatten. Sie -hatte immer gefunden, Ernst wäre so sonderbar, und hatte immer Angst -vor ihm gehabt, weil er so ernst war, so schrecklich ernst. Heute -freilich hatte sie ihn von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. - -„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind! -Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich -vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst -dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut -war, wie sie. - -„Sind +Sie+ denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz -erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter -und stark klang sie. - -„Ich!“ - -Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im -Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen. - -„Wissen Sie, wenn ich so allein daheim bin, und Tante in der Küche -draußen kocht -- Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in -der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension -- ah -- was die -gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! -- da weiß -ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes -Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes -zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten -weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß -ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit -fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen -und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die -Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser -schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das -ist ja alles dummes Zeug!“ - -Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb -sie stehen. - -„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“ - -Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm -sie und blickte ihr in die klaren Augen. - -„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff -selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm. - -„Ich weiß nicht, ob ich darf, wenn ein junger Herr im Haus ist!“ -erwiderte sie. - -Er sah so hilflos niedergeschlagen aus, daß sie lachen mußte. - -„Es kann schon sein, daß ich doch komme!“ sagte sie ermutigend. - -Dann zog sie ihre Hand aus der seinen und nickte ihm kurz zu, bog -in die Querstraße ein und entfernte sich mit kleinen, munteren, -trippelnden Schritten. - -Er stand und sah ihr nach. Es war, als höre man Musik, wenn man sie -gehen sah. Alles ward so ruhig in einem. - -Und Ernst ging schnurstracks heim und schrieb bis zum Mittagessen an -seiner Predigt. - - - - -Zwölftes Kapitel - - -Am 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle -Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und -in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß -man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und -Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren -vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern. - -„Geht Ernst heut abend mit?“ fragte Frau Hallin, als die Familie nach -Tisch um den Kaffeetisch versammelt war. - -„Ja natürlich“, sagte der Adjunkt. „Warum sollte er nicht mitgehen?“ - -„Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der -Woche, eh er seine Probepredigt hält?“ fragte Frau Hallin in ihrem -allerernstesten Ton. - -„Ach, was tut denn das!“ erwiderte der Adjunkt. - -Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich -direkt an seinen Sohn. - -„Was sagst du selbst dazu?“ fragte er. - -Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich -entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu -fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er -antwortete doch, wenngleich etwas zögernd: - -„Ja, ich wollte eigentlich gehen.“ - -Frau Hallin äußerte nur: „Selbstverständlich mußt du in einer solchen -Sache tun, wie du willst.“ - -Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen -schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich -Gewissensbisse zu machen. - -Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen -anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es -von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte. -Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei -Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste -es, was es wolle. - -Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt. -Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter -Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das -Allermerkwürdigste war -- er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar -ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel! - -Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben. - -Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine -ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte. -Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im -Wohnzimmer. - -In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt, -das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch -ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und -in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter. - -Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer -und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen, -daß er schon über sechzig Jahre alt war. Der Bart war freilich grau -und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch -viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz -mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher -Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre -schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu -haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich -verjüngte. - -Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe -- er wußte, bei -einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen -- -und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte. - -Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der -größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in -diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl -von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas -Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf -denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden -brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über -der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die -in der Mitte des kleineren Zimmers hing. - -Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die -Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und -klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste -auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem -eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen -Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte -sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen. - -Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob -sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt -hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte zurecht. Die flotte -Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein -Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine -französische Operettenmelodie. - -Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die -teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon. - -Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch -hinaufgeschraubt war. - -Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es -war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren -Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte -ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen -Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße -Weichheit der Jugend zeigten. - -Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die -Arme um den Hals. - -„Abel!“ sagte sie. - -Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von -sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten. - -„Ja, lieber Schatz,“ sagte er, „die Zeit vergeht!“ - -Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die -Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die -Professorin segelte durch das Zimmer -- mit dem eigentümlichen Gang, -den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen. - -„Gabrielle!“ rief sie zur Tür hinaus. - -„Ja, Mama!“ klang es von einem Nebenzimmer zurück. - -„Beeile dich!“ sagte die Mutter. „Ich höre Axel schon auf der Treppe.“ - -Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun. - -„So -- muß der noch +vor+ den andern kommen?“ - -Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die -Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar -Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen! - -Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem -Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und -wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte. - -Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete -mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um -die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen -mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten -unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform. -Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden -Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen -einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu -genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf -sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an -seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen. - -„Du bist süß, süß, süß!“ flüsterte sie dazwischen durch. „Komm auf mein -Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!“ - -„Meine kleine Gabby!“ sagte der Leutnant, während er ihr folgte. - -Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama -rief, „Axel“ sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen -Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf, -daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine -Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen -stand. - -„Sei still!“ sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna. - -Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen. -Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse -nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das -Lachen. - -„Herrje, sind die albern!“ sagte Anna. - -Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig -durch die offene Tür. - -„Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!“ sagte sie zu der Schwester. - -Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen, -um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: „Kuckuck!“ in -Gabrielles Zimmer zu stürzen. - -Gabrielle fuhr auf und rief außer sich: - -„Herrgott, die so ungezogenen Rangen!“ - -Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu -stiften. - -„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht -gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick -ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das -Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin -eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing -sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz -extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen -Rangen!“ - -Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und -Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube -und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden -Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit -kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem -Scheitel und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und -einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht, -die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur -kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten, -auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige -Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich -mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem -Hochzeitstag gratulieren mußte. - -Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen, -behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die -in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den -Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten, -in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter -Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum -Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und -her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß -je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser -Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe, -liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie -sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus -wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig -Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären -- man könnt’ -es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn -man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb -von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal -ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen -Winter so schlecht!“ -- Dies letztere war die Bischofin. - -Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen, -bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten äußerten: -„Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während -die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger -ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch -viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die -Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw. - -Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen -nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und -war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste -hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies -allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch -die verschiedenen Antipathien. - -Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob -er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den -Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die -anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche -Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches -Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du -stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den -Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern -Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die -zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin -in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen, -puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf -dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren -Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art -hatte ganz Gammelby nur +ein+ Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben -Professor Hallin!“ - -Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich -ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete, -weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten wollen. Als sie -nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die -Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte: -„Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit -Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie -beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich -nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich. -„Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig. - -Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten -Bäumen wächst Moos!“ - -Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen -Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große -Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte -er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen, -begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah -sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam -eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn -verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus. - -Auf dem Sofa saß die Bischofin, auf ihrer einen Seite die Rektorin -Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen -von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines -Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn -wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen -redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin -beugten sich beide zur Bischofin hin, die mit ihrer Teetasse in der -Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre -Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem -Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß. - -Die Bischofin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem -Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als -stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen Haushalt vor; und ihr -Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger, -als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke -vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf -bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es -konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit -mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel, -sich auf Kosten der „kleinen Bischofin“ ein bißchen zu amüsieren. - -Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau -Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau -Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach -von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand -in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte -viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde -betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen -war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau -Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war -in der Gnade Gottes als sie. - -Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der -Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante, -bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um -Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau -Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum -Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht -erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort -triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken -hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben -könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das -bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken -konnte. - -Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit -ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die -Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie -fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt. - -Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte, -wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu -gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons -scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen. - -Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen -in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte, -die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein -paar Herren auf und ab und politisierten. - -Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf -seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht -lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch -bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft -erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich -eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich -im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah -heimlich auf die Uhr. - -Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der -Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr -und schmunzelte und verbeugte sich. - -Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht -ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen... -recht gut... hm ja... recht gut... Die Bürgermeisterin legte den Kopf -auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen -Kavalier auf: - -„Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken -habt!“ - -Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit -gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere -auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne -blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über -die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ. - -Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer, -blätterte in einem Album und schnupfte. - -Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den -Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen -Herren in der Mitte des Salons zu: „Ist’s den Herren gefällig, daß wir -zu dem solideren Teil des Abends übergehen?“ - -Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten -im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller -Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile -stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung -besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand, -die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die -Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon -alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten -Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Na, endlich!“ - -Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen. - -„Ich komme in einem Weilchen auch“, sagte er. - -Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den -Damen bleiben. - -Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen, -mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der -Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen Tisch -und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch -zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden -mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie -machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die -übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder -hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht -hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder -irgend so was Ähnliches. - -Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand -Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich -vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein- -und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die -Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören. - -Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie -ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür -herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit -unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre -Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt -dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste. - -Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz -zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in -einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva -Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen. -Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein -sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten. -Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen -anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten. - -Ernst warf einen Blick auf die Damen im Salon. Seine Mutter und Frau -Pegrelli waren ins Wohnzimmer übergesiedelt; alle andern hatten sich -um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der -Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf -verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt -zu den Herren droben zurückziehen wolle. - -Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu. - -„Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder -bleiben Sie bei den Damen?“ fragte er mit einem Lächeln, das Ernst -unangenehm berührte. - -„Ich glaube, ich gehe hinauf!“ antwortete er; gleichzeitig bemerkte er, -daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete. - -Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er -noch röter. - -„Noch bin ich kein Vorgesetzter“, sagte der Bischof, der die Verwirrung -des jungen Mannes mißdeutete. - -Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes, -gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte -und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem -Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man -am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und -beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie, -über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können. - -Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als -sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht. - -Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er -feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren -in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich? -Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner -Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine -Probepredigt halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die -mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich -leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit -seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das -schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof -hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach -beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva! -Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar -nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes -Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von -ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den -Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang -beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere -waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein -Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es -soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich -umkehren, und ich werde es. - -Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte: -„Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so -leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch. - -Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den -Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter, -die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein -armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten -seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde, -imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen -würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen -voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan -hatten. - -Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben -den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine -Stimme aus seinen Gedanken. - -„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“ - -Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen, -der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir -nicht ein Gläschen miteinander trinken?“ - -Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand. -Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an. - -„Auf gestern abend!“ sagte er lächelnd. - -„Ja, das war ein verdammt lustiger Abend“, sagte Bruhn. - -„Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer -Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders -aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen -Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird, -verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den -Füßen.“ - -Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor -sich hin. - -„Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?“ sagte Bruhn. Ernst wich -den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen. - -„Na -- -- so -- --“ sagte er achselzuckend. - -Professor Bruhn lachte. - -„Ich hab’ auch einmal Pastor werden wollen“, sagte er. „Aber es ist -nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn -später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das -ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu -sein!“ - -Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn -die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte -die Empfindung, als müsse dieser barsche, eckige Mensch ihn verstehen -und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können. -Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die -Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes. - -„Wollen wir uns nicht setzen?“ meinte Professor Bruhn. - -Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und, -die Groggläser vor sich, schwatzte. - -Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter -der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im -Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien -wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst -Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und -Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby, -mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und -seiner Perücke, die nie sitzen wollte. - -Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt -sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß -er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte. - -Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und -unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für -alle da und sah zu, daß nichts fehlte. - -Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die -rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch -niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten -und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug. -Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste -Lachen hatte gleichsam einen andern Klang. - -„Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch -präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!“ sagte Professor -Bruhn. - -Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin. - -Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit -glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet -und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann. - -Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und -nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in -seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei. - -Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es -dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man -erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine -Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg. - -Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von -Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen -hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus, -daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um „uns Damen“ -kümmerte. - -„Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!“ sagte -Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand, -aufgeräumt an. - -Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm -die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen -Schwachheiten. - -„Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren“, -erwiderte er. - -Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer. - -Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf -kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe -Botschaft ins Ohr: „Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!“ - -Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig, -daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu -wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: „Meine Herren -- -ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu -Tisch zu führen!“ - -Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden -Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur -mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter, -streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann -hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten -werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem -Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig. - -„Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!“ - -„Das war in früheren Zeiten... Ich bitte doch...“ - -Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof -behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward -die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen. - -„Teufel, was ich hungrig bin!“ - -„Wer erst sein Schnäpschen ~intus~ hätte!“ - -Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren -im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein -ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer -Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen. -Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und -Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel -durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor -den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen -machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der -Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf Hallin und zeigte durch ein -verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute. - -Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war -ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen. -Da gab’s Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene -Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering, -gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust. - -Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit -Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten -die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe -Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache -feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser. - -Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der -Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab’s Lachs und -junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit -Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und -junges Geflügel. - -„Ich kenn’ das Menü von Gustafva Björklund her“, flüsterte die -Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu. - -„Ich auch,“ erwiderte die; „aber es ist gut.“ - -„Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn -man nicht fragen braucht, was es kostet!“ gab die Bürgermeisterin -zurück und warf den Kopf in den Nacken. - -Die Bischofin trat mittlerweile auf die Professorin zu. - -„Aber Aurora!“ sagte sie. „Du machst zu viel Umstände für deine Gäste! -Diese Unmasse von Gerichten!“ - -Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn -nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das -wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie -brauchte sich nicht zu schämen. - -Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden. -Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen, -und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte -den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert. - -„Ißt du dich auch satt, Erker?“ sagte der Professor, indem er dem -Bruder ein Glas Rotwein zutrank. - -Der Gymnasiallehrer nickte und lachte. - -„Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!“ meinte er. - -Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man -Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte -ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte -bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher -sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand -darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen. - -Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin -unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf. -Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der -Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in -irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte -sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen. - -Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben -hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren -dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten. - -Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den -Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine -gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren. -Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete -mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten -andachtsvoll. Und niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und -die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren. - -Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die -schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu. -Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber -alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und -sagte: „Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu -verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat“. - -Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt. -Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch -sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch -eine Verstimmung er hervorgerufen hatte. - -Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion -beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt -ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie -doch recht gehabt hätte. - -Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel -vergaß man Bruhn. - -Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh, -man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß -man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am -folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem -ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen. - -Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer -bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der -Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den -Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der -Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte, -der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden -Einfluß auf den Menschen haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz -unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu -schätzen wußte. - -Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt, -er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen, -weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann -schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu -ertragen. - -Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die -Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich -diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte -jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz -für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“ -ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“ -verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“. - -Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und -gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen. -Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen, -um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen -geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre -Studentenanekdoten erzählten. - -Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und -aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und -mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar -von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin. - -„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie -es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte -ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie -ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche -Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut -abend?“ - -Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er -dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte. - -„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie -ihm zumute war. - -Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva -Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so -zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, -so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie -saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen -Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete: -„Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal -herunterzukommen!“ - -Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff, -daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über -seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm -entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute. -Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die -ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre -Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten -zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor. - -„Ich weiß nicht, warum!“ sagte er. „Aber ich konnte nicht. Nicht vor -all diesen Menschen.“ - -Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen. Über Evas -Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis -hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher, -als sie erwiderte: „Still! Jetzt kommt die Rede!“ - -Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof -ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch -aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner Frau, die schon das -Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres -Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben. - -„Meine Damen und Herren!“ begann der Bischof, und in dem großen Zimmer -ward es ganz still. - -Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die -Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden. - -„Meine Damen und Herren!“ - -Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der -Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete. - -Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt -habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die -Dichterworte: - - Was auf der Erde ist so wert, - So traut, als Haus und Herd? - -Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims. - -„Es ist nicht das erstemal,“ schloß er, „daß ich an diesem Tag in -diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit -jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das -vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die -Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander -durchs Leben zu wandern.“ - -„Bravo!“ rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit -einem funkelnden, triumphierenden Blick. - -„In Lust und Leid, wie das alte Wort sagt“, fuhr der Bischof fort. -„Und in unsern Tagen, da man von allen Seiten die Heiligkeit der Ehe -antastet, da die Menschen nicht mehr die Bande der Familie achten, -sondern selber sich an die Stelle der göttlichen Autorität setzen, -grade in diesen Tagen, meine Damen und Herren, möchte ich wünschen, -ich könnte ein paar von diesen Großsprechern einführen in -- ich kann -Gott sei Dank sagen, viele -- unserer alten nordischen Heime und ihnen -sagen: Seht dies Glück, das ihr zerstören wollt, diese Treue durch -Glück und Leid“ -- der Bischof sprach die Worte aus wie Hammerschläge --- „die ihr abschaffen wollt!“ - -„Meine Damen und Herren!“ der Bischof schlug jetzt einen leichteren Ton -an -- „ich bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen, unsern werten Wirten -für den angenehmen Abend zu danken und ihnen gleichzeitig noch viele -weitere Jahre wie das eben verflossene zu wünschen. Glück und Segen -ihnen beiden!“ - -Die Gäste drängten sich um die Hauswirte. Frau Hallin dankte mit heißen -Wangen und Tränen in den Augen. Professor Hallin versuchte einen -leichten Ton anzuschlagen und verbeugte sich lächelnd nach rechts und -links. - -Nach dem Abendessen begannen die Gäste aufzubrechen. Eine Weile -versuchte man noch, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber der zweite -Versuch erstarb ganz von selbst. Alle fühlten, der Anlaß zu der -Zusammenkunft war nun vorüber. Alle waren satt und alle sehnten sich -nach Hause, ins Bett. - -Im Vorzimmer war wieder ein großes Gedränge; schläfrige Dienstmädchen, -die seit zwei Stunden dastanden und warteten, halfen den Damen in -ihre Mäntel und Pelze. Die Herren liefen noch einmal die Wendeltreppe -hinauf, um sich noch eine Zigarre zu holen. Drunten vor der Tür -stand Gustaf Hallin, überglücklich mit seinen zwei Zigarren, die er -erschmuggelt hatte, und wartete auf die Seinen. Wenn er daheim auf -seiner Stube war, wollte er rauchen! Jetzt wagte er’s nicht. Es waren -so viele Lehrer um den Weg. - -Als alle Gäste fort waren, ging der Professor zufällig noch einmal -durchs Vorzimmer. Die Korridortür war angelehnt, und durch die Tür -hörten des Professors geübte Ohren einen verdächtigen Laut, der wie ein -Kuß klang. - -Er blickte hinaus. Im Halbdunkel glaubte er einen Offiziersmantel zu -sehen, der die Treppe hinunter verschwand. Und zur Tür herein kam -eines der Hausmädchen, rot wie eine Päonie. „Wer ging denn da eben -fort?“ fragte der Professor und legte die Sicherheitskette vor. - -Das Mädchen sah ganz erschrocken aus. - -„Ich weiß nicht“, sagte sie stotternd. „Ich glaube, es war der Herr -Leutnant.“ - -Der Professor erwiderte nichts und das Mädchen verschwand eilig in der -Küche. - -„Pfui Teufel!“ sagte der Professor vor sich hin. Auf seinem jovialen -Gesicht spielte ein pfiffiges Lächeln. „Steht die Sache so?“ - -Und raschen Schrittes ging er in den Salon, um seiner Frau zu helfen, -die Lichter zu löschen. - -Als Adjunkts auf dem Heimweg endlich allein waren, nahm Frau Hallin -Ernsts Arm und fragte: „Was hast du denn mit dem Bischof gesprochen?“ - -Ernst Hallin erwachte plötzlich aus seinen Träumen und blickte die -Mutter lächelnd an. - -„Er fragte mich, ob ich einen Grog nehmen wollte“, erwiderte er. - -„Ob du einen Grog nehmen wolltest?“ wiederholte sie. - -„Ja. Was dachtest du denn sonst, Mama?“ - -Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause. - - - - -Dreizehntes Kapitel - - -Ernst Hallin fühlte sich an diesem Abend, als er heimkam, viel zu müde -zum Denken. Das Gespräch mit Eva Baumann klang in seinen Ohren nach, -ohne jedoch sein Gehirn zu lebhafterer Tätigkeit zu erwecken, und er -schlief bald ein und schlief tief und schwer. - -Als der Adjunkt eben zur Tür hinausging, um nach der Schule zu eilen, -erwachte Ernst. Eine Weile lag er ganz still und schloß die Augen; er -wollte wieder einschlafen. Auf der Treppe hörte man knarrende Schritte. -Dann fiel wieder Schweigen über das dunkle Zimmer. - -Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Ein unbestimmtes Unruhegefühl -quälte ihn; ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als wäre er -zu einem schweren, qualvollen Tag erwacht. Heute, dachte er im -Halbschlummer, wartet etwas Schlimmes auf mich. Wenn ich aufwache, wird -es kommen. Sobald ich ganz wach bin, werd’ ich auch wissen, was es ist. -Sie werden mich packen und quälen und an mir zerren und mich nicht aus -ihren Klauen lassen. Ich muß sehen, daß ich so schnell wie möglich -wieder einschlafe. Man kann gar nicht lang genug schlafen, wenn man zu -etwas Schlimmem erwachen muß! - -Und er schloß die Augen und bohrte den Kopf ins Kissen, um wieder -einzuschlafen. Aber er konnte nicht; er lag und horchte auf die -Uhr, die auf dem Nachttisch tickte. Das quälte ihn so, daß er sich -aufrichtete und sie unters Kopfkissen stopfte, bloß damit er sie nicht -mehr zu hören brauchte. - -Und plötzlich stand der gestrige Tag vor ihm. Der ganze lange, -unerträgliche Abend. Dann das Gespräch mit Eva Baumann. Er zog die -Decke über den Kopf und drehte sich nach der Wand, in der Hoffnung, die -Gedanken würden ihn dann verlassen. Aber sie ließen ihn nicht. Einer -nach dem andern kamen sie und klopften an und wollten in sein Gehirn, -um ihn zu beunruhigen und zu quälen. Und alle sagten sie das gleiche: -daß er ein Esel war, ein dummer, unglaublicher, unverbesserlicher Esel! - -Er hatte Eva in den letzten Monaten oft getroffen. Er war ihr begegnet, -wenn sie von ihren Klavierstunden kam; hatte sie bei Selma drunten -gesehen. Er war mit ihr und Selma spazieren gegangen, hatte bei Frau -Pegrelli Besuch gemacht, war zum Abendbrot dort gewesen. - -Die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, seit er Eva entdeckt hatte. -Er begriff gar nicht, daß er sie früher nicht beachtet hatte. Er -hatte nie so recht ernsthaft mit ihr geredet, nie über sich selber -mit ihr gesprochen, nie etwas von ihr gefordert. Er hatte nur neben -ihr gesessen, war neben ihr hergegangen, hatte über alles mögliche -Gleichgültige mit ihr geredet. Oder er hatte sie sprechen lassen und -hatte selber kein Wort gesagt. Aber in ihm war es dabei so ruhig -geworden, so still, als ob nichts auf der ganzen Welt ihn je mehr aus -dem Gleichgewicht reißen könnte. - -Und doch war er den ganzen Abend bei einer dummen Gesellschaft gewesen -und hatte kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum begrüßt. Es war -gradezu eine Kränkung, die er ihr da zugefügt hatte; und wenn er sie -jetzt wiedersah, würde alles leer und öde und gräßlich zwischen ihnen -beiden sein. Kein heiteres Lächeln würde ihn begrüßen, wenn er kam, -kein zutrauliches Nicken, wenn er ging. Und er konnte es nicht einmal -erklären. Esel, der er war! Er würde auch gewiß keinen Versuch mehr -machen! Was war da überhaupt zu erklären? - -Er sah sie wieder vor sich in dem kleinen Wohnzimmer, wo ihre Tante -nachmittagelang auf dem Sofa saß und strickte, mit auf die Nase -gerutschter Brille und unaufhörlich sich bewegenden Lippen, als zähle -sie immerwährend Maschen. Eva saß auf dem Sofa neben der Tante und -unterhielt sich mit ihm, der in einem Lehnstuhl auf ihrer andern Seite -saß. Ihre weichen Handgelenke bewegten sich emsig, während sie häkelte, -und sie lachte ihn an mit den lebhaften Augen, die aussahen, als hätte -sie ihr Leben lang keinen Zweifel und kein Kopfzerbrechen gekannt. - -Er vermochte nicht länger still zu liegen, sondern stand auf und zog -sich an. Die ganze Welt war ein einziger großer Wirrwarr! Es graute ihn -beim Gedanken, daß er hinuntergehen mußte zu den Seinen. - -Aber schließlich war er doch fertig. Und auch der Hunger machte sich -geltend -- er hatte am Abend vorher kaum einen Bissen gegessen --, und -so ging er hinunter zum Frühstück. Selma saß am Frühstückstisch. Ernst -bemerkte, daß sie sehr müde aussah, und mehr um seinen eigenen Gedanken -aus dem Weg zu gehen, als aus dem Drang, sich um andere zu kümmern, -fragte er: „Was ist mit dir?“ - -Selma stellte mit einer matten Bewegung das Milchglas weg, ohne zu -trinken. - -„Ich bin so müde!“ antwortete sie. - -Es lag in ihrem Ton etwas, das Ernst veranlaßte, die Schwester genauer -anzusehen. Sie war ein kräftiges, ziemlich großes Mädchen mit reichem -blondem Haar, derber Gesundheit und frischen, roten Lippen. Nur ihr -Teint war verräterisch durchsichtig und blaß, und ihre Hände waren fast -krankhaft weiß. - -„Hm!“ sagte Ernst. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Sie sah -tatsächlich gar nicht gesund aus. Vielleicht lastete auch auf ihr -etwas, etwas, von dem sie nicht sprechen konnte, nicht der Mutter, -nicht dem Vater, nicht Bruder oder Freund gegenüber? Ob es wohl ein -Familienzug bei ihnen war, daß jedes von ihnen sein Leben für sich -leben und sich vor den andern abschließen mußte? - -Keinen Augenblick lang war es Ernst in den Sinn gekommen, daß seine -Schwester, seine tüchtige, kräftige Schwester, die seit fünf Jahren -Lehrerin an der Mädchenschule war, und eine so vortreffliche Lehrerin, -die sich selber ihr Brot verdiente, etwa nicht glücklich sein könne, -mit sich selber nicht fertig wurde, sondern vielleicht in aller Stille -träumte -- sich sehnte -- fort -- in eine Welt -- wer weiß, in was für -eine! - -Aber heute hatte sein eigenes kleines Erleben ihn scharfsichtiger -gemacht. Darum wollte er versuchen, ihr zu helfen. - -„Liebe Selma!“ sagte er und strich ihr leise übers Haar. „Was fehlt -dir?“ - -Die Schwester blickte vor sich nieder und errötete. - -„Glaubst du, es sei besonders nett, so jahraus, jahrein bei den Eltern -zu leben und kleine Kinder zu unterrichten?“ sagte sie hart. „Du weißt -ja gar nicht, wie einsam ich bin!“ Ernst war ganz verwundert. - -„Einsam?“ sagte er zögernd. „Du hast doch die Eltern. Und mich!“ fügte -er hinzu. - -Er fühlte ganz gut, daß das nicht wahr war, daß sie weder die Eltern -noch ihn hatte, und daß das auch gar nicht genug gewesen wäre. Aber die -Worte fuhren ihm heraus, ehe er sie zurückhalten konnte. - -Die Schwester blickte auf. Auf ihrer Stirn lagen Falten, die sie -plötzlich alt machten. - -„Du bist ein Mann!“ sagte sie. „Sei froh. Du kannst deinen eigenen Weg -gehen. Keiner hindert dich. Aber ich...“ - -Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in -heftiges Weinen aus und verließ das Zimmer. - -Ernst sah ihr nach. Ein plötzlicher Instinkt sagte ihm, daß er hier zum -Zeugen eines Leides geworden war, dessen Wurzel sehr tief lag; aber er -wußte doch keine Antwort auf die Frage, was dieser Ausbruch eigentlich -zu bedeuten habe. Nur ein Gefühl der Reue beschlich ihn, daß er immer -so achtlos an der Schwester vorübergegangen war. Gewiß hatte er sie -ja nicht mißachtet, aber es war ihm doch auch nie eingefallen, zu -versuchen, ihr näher zu kommen. - -Voll von Grübeleien und neuen Gedanken ging er auf sein Zimmer. Nach -dem Mittagessen versuchte er, mit der Schwester zu reden, sie zu -fragen, weshalb sie geweint hätte. Aber sie sah ganz ruhig aus und -erwiderte nur, sie wäre eben ein bißchen nervös. - -Das konnte Ernst nun wieder nicht verstehen. Er hatte versucht, sich -der Schwester zu nähern, war zurückgewiesen worden, und seine Gedanken -nahmen ihren gewöhnlichen Kreislauf um sich selber wieder auf. - -Den Vormittag über war er in einer ganz eigentümlichen Stimmung -gewesen. Der Eindruck vom Ausbruch der Schwester hatte sich mit seiner -eigenen Melancholie vermischt und die wunderlichsten Gedanken in ihm -hervorgerufen. - -Aber jetzt schlugen diese Gedanken wieder die alte Richtung ein. Mit -verdoppelter Stärke stand seine Dummheit von gestern wieder vor ihm. -Ihm war plötzlich, als müsse er um jeden Preis zu Eva und alles mit -ihr ins Reine bringen. Es war wie eine fixe Idee bei ihm, daß etwas -da unklar war und ins Reine gebracht werden müßte. Er mußte zu ihr, -sie sehen, sie sprechen, sich mit ihr versöhnen und fühlen, daß alles -wieder war, wie vorher. Aber die Mutter durfte nicht sehen, daß er -ausging. Sonst würde sie ihn fragen, wo er hinginge. Lügen konnte er -nicht, und sagen, wohin er ginge, wollte er nicht. Wenn er nur an -den forschenden Blick dachte, den sie auf ihn richten würde, wenn er -antwortete: Zu Frau Pegrelli! so empfand er schon ein Unbehagen, als -stünde ihm ein Unglück bevor. - -Wie ein Schuljunge schlich er sich die Treppe hinunter und hinaus. - -Hastig ging er die vertrauten Straßen entlang und läutete schließlich -an einer Klingel, die vor einer weißen Tür ohne Schild hing. Ein -zersprungener Klang kam von der alten Glocke, die drinnen gegen die Tür -schlug. So stark hatte er am Glockenstrang gerissen. - -Er war ganz rot im Gesicht und atmete kurz, als das Mädchen kam und -öffnete. „Ist Fräulein Baumann zu Hause?“ wollte er fragen, besann sich -aber und fragte mit erzwungener Ruhe nach „den Damen“. - -Frau Pegrelli wäre ausgegangen, aber das Fräulein sei daheim. Ernst -wäre am liebsten wieder umgekehrt. Es war ja gar nicht anders möglich, -als daß sie wegen seines unverzeihlichen Betragens am Abend zuvor -böse auf ihn war, und er hatte ja nichts zu seiner Entschuldigung -anzuführen, nichts -- außer er bekannte ihr alles... alles, was ihn -bewegte, alles. Und das konnte er doch nicht. Und darum wär es am -besten gewesen, er wäre wieder gegangen. Aber das ging auch nicht. - -Er hörte sie drinnen Klavier spielen. Ein rettender Gedanke kam ihm. - -„Fräulein Baumann ist gewiß beschäftigt?“ sagte er zu dem Mädchen. - -„Das glaub’ ich nicht; aber ich kann ja fragen.“ - -„Bitte, treten Sie doch ein!“ rief da schon eine fröhliche Stimme aus -dem Wohnzimmer, und als Ernst über die Schwelle trat, stand Fräulein -Eva mitten im Zimmer und machte ihm einen tiefen Knix. - -Ernst war aufs äußerste überrascht. Sie sah so schalkhaft und sicher -aus, nicht ein bißchen böse, nur froh und heiter. Und schön. So -unwiderstehlich schön! Und er stand da, unendlich linkisch, und fragte -bloß: „Sind Sie mir nicht böse?“ - -Sie schüttelte den Kopf und lachte, und wieder sah sie dabei so sicher -aus, als wüßte sie ganz genau Bescheid über ihn. - -„Nein.“ - -„Gar kein bißchen?“ - -„Nein, kein bißchen.“ - -Eva hatte Ernst während der Zeit ihrer Bekanntschaft verstehen gelernt. -Sie begriff, daß er auch nicht einen Augenblick lang den Mut haben -würde, ein entscheidendes Wort in ihrem beiderseitigen Verhältnis -zu sprechen. Daß sie sich selbst auf eine ganz eigene Art zu dem -verschlossenen, sonderbaren jungen Theologen hingezogen fühlte, -darüber war sie sich klar. Er hatte etwas so Impulsives. Einmal war -er fröhlich wie ein Kind, dann wieder niedergeschlagen und lebensmüde -wie ein Greis, dem das Leben nichts mehr zu bieten hat. Und sie -begriff, daß etwas war, was ihn drückte und quälte; wenn man ihm das -abnehmen könnte, so würde er aufrecht und frei und froh werden, so wie -damals, als sie ihm von der Brücke herab zugesehen hatte, wie er dran -arbeitete, mitten im Winter der Frühlingsflut vorwärts zu helfen. - -Wäre es nicht vielleicht möglich, daß sie es war, die ihm helfen -konnte? Es war etwas in ihm, das sie nicht kannte, das er sorgfältig -vor ihr verbarg, und das reizte ihre Neugier, während sie es zugleich -als eine Kränkung empfand, daß er, der doch so viele Interessen haben -mußte, nie ein ernsthaftes Wort mit ihr sprach. Warum tat er das nicht? -Warum sprach er nie über seine Zukunft? Glaubte er vielleicht, sie sei -so dumm oder oberflächlich, daß sie an nichts anderes denken könne als -an Spiel und Tand? - -Aber irgend etwas lastete auf ihm. Und ihrer lebhaften Natur, die -nach Tätigkeit dürstete, schien es, als eröffne sich ihr hier eine -Möglichkeit. - -Da saß er nun und sah sie mit seinen klaren, lichten Augen an, zupfte -an seinem Bart und lachte vor sich hin aus hellem Behagen. Im Anfang -hatte sie das verlegen gemacht, dann hatte sie sich daran gewöhnt, -jetzt reizte es sie. So viel hatte sie jedoch schon gelernt, daß man -mit Gewalt nichts aus ihm herauskriegte. Versucht hatte sie es schon. -Aber es war immer mißlungen. - -Sie bemühte sich daher, einen möglichst gleichgültigen Ton -anzuschlagen, während sie fragte: „Übermorgen werden Sie ja predigen?“ - -Wäre Ernst der raffinierteste Don Juan gewesen, statt des unerfahrenen, -mit Welt und Frauenherzen unbekannten jungen Mannes, der er war, er -hätte auf keine geschicktere Art verfallen können, Eva Baumanns Herz -zu gewinnen, als indem er sich so völlig über sich selbst ausschwieg. -Im Anfang mochte sie ihn gern seiner Einfachheit halber, wie sie -es nannte. Aber je mehr seine Persönlichkeit sie zu beschäftigen -anfing, desto eifriger strebte sie danach, ihm auf den Grund zu -kommen. Sie wollte wissen, was es war, das ihn zu manchen Stunden so -geistesabwesend machte und zu andern so fröhlich, als wäre er aus -einem bösen Traum erwacht. Als sie jetzt ihre Frage vorgebracht hatte, -war sie ganz ängstlich, was darauf kommen würde. Und sie ward ganz rot -vor Schreck, als sie sah, was für eine Wirkung es auf Ernst hatte. - -Sein froher, sorgloser Gesichtsausdruck verschwand plötzlich, und er -senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnte, was er dachte. - -So saß er lang und schwieg. - -So lange schwieg er, daß ihr angst wurde. Es war so still, daß sie ihr -eigenes Herz hämmern hörte; sie wäre am liebsten davongelaufen, um -sich allein auszuweinen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, legte -ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die jeden -Augenblick in Weinen umschlagen konnte: „Was ist? Warum antworten Sie -denn nicht? Es ist so schrecklich, wie Sie dasitzen und schweigen!“ - -Er richtete sich auf und setzte sich im Stuhl zurück. Sein Blick war -wie erloschen; sein ganzes Gesicht zuckte nervös. „Warum müssen Sie -auch gerade davon sprechen?“ rief er. „Warum kann ich nicht wenigstens -bei Ihnen damit verschont sein? Sie sind so gut zu mir gewesen, und ich -war Ihnen so dankbar! Ich hab’ zu Ihnen kommen und mit Ihnen über alles -sprechen können, und ich war so froh und war Ihnen so gut! Und jetzt -ist’s aus. Nie wieder wird es, wie es gewesen ist.“ - -Sie war verwundert und zugleich ärgerlich. - -„Was wollen Sie denn damit sagen: Nie wieder, wie es gewesen ist? -Weil ich Sie nach Ihrer Predigt gefragt habe? Glauben Sie, ich sei -eine Puppe, die Sie wegwerfen können, weil sie nicht mehr in dem -Ton schreit, der Ihnen paßt? Nein, Herr Hallin, da kennen Sie mich -schlecht.“ - -Er schüttelte den Kopf; aber der gequälte Ausdruck wich nicht aus -seinem Gesicht. - -„Ach, was Sie kindisch sind!“ sagte er. „Macht es Ihnen so viel Spaß, -mich zu quälen? Sie sind doch auch vorher mit mir zufrieden gewesen, so -wie ich war. Kann das nicht auch jetzt so sein?“ - -Er schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. „Oder -vielleicht sind Sie gar nicht mit mir zufrieden gewesen?“ fragte er -dann. - -Ihre Neugier oder vielleicht eher ihr Verlangen, sein Geheimnis zu -ergründen, erwachte aufs neue. Gleichzeitig empfand sie etwas, das sie -rührte und ängstigte. Wie eine Mutter hätte sie ihn mögen in die Arme -nehmen, ihn beruhigen, ihm über die Stirn streichen, die feucht von -Schweiß war. - -„Es bedrückt Sie etwas“, sagte sie mit ganz anderer Stimme. „Können Sie -es mir nicht sagen?“ - -Er fuhr auf und wurde totenblaß. Seine Hände ballten sich, seine Brust -keuchte. - -„Nein!“ schrie er fast überlaut. „Nein, ich kann nicht. Nicht jetzt. -Nicht jetzt.“ - -Sie verstummte und blickte weg. In diesem Augenblick durchflog sie die -Ahnung, daß sie aus eigenem Antrieb einen Kummer auf sich lud, der ihr -junges Leben vielleicht zu Boden ziehen würde. Aber es war Genuß in dem -Gefühl, ein Genuß, dem sie nicht widerstehen konnte. Und eine Lockung. - -„Warum?“ sagte sie und blickte ihm grade in die Augen. „Warum?“ - -Er erfaßte ihre Hände und erwiderte leise und langsam: „Doch, ich -möchte gern mit Ihnen reden. Aber ich kann nicht.“ Dann ließ er sie -los und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. „Sie wollen also -wissen, warum ich nicht mit Ihnen darüber sprechen möchte?“ sagte er -schließlich. Er blieb ein paar Schritte von ihr stehen und sprach, ohne -sie dabei anzusehen: - -„Nun ja, so will ich es Ihnen sagen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn -jemand es weiß. Ich wollte, ich wäre weit fort von hier, oder tot, oder -nie geboren. Wenn ich doch ruhig einschlafen könnte und nie wieder -aufwachen! Bloß schlafen, schlafen, ohne daß ein Morgen käme und ein -neuer Tag! Das möchte ich. Alles lieber, als am Sonntag auf der Kanzel -stehen und den Leuten etwas vorlügen!“ - -„Lügen?“ - -Sie sah ihn voll Spannung an. - -„Glauben Sie denn nicht?“ - -„Ich weiß nicht“, antwortete er zögernd. „Manchmal glaube ich und -manchmal glaube ich nicht. Was weiß ich? Ich habe ja doch nie gelebt. -Nur gelernt und gelernt und gelernt. Mein Vater schlug mir vor, ich -solle Geistlicher werden. Ich sah, daß meine Mutter so froh war -darüber. So entschloß ich mich, Pastor zu werden. Seither habe ich -wieder gelernt, gelernt, gelernt. Was weiß ich, was ich glaube?“ - -Sie sah ihn bestimmt und klar an: „Dann dürfen Sie am Sonntag nicht -predigen.“ - -„Aber das ist unmöglich. Ich habe es versprochen. Jetzt ist es zu spät.“ - -Sie wurde immer eifriger. - -„Wie können Sie so sprechen?“ rief sie. „Das ist eine Sünde! Sagen Sie, -daß Ihnen Zweifel gekommen sind, daß Sie Bedenkzeit brauchen. Schaffen -Sie sich eine Weile Ruhe, und wenn Sie nicht wissen, was Sie glauben -sollen, so werden Sie eben nicht Geistlicher!“ - -Er sah sie an und lächelte. Aber sein Lächeln war traurig und freudlos. -Wie alles so einfach war für sie! Entweder -- oder! Sie wußte nichts -von Nebenwegen. - -„Glauben Sie, das geht so leicht, Fräulein Eva?“ sagte er. „Wollen Sie, -ich soll zu meinem Vater gehen, der sein ganzes Leben lang Geldsorgen -gehabt hat, und ihm sagen: ‚Ich muß Bedenkzeit haben. Du mußt noch eine -Weile für mich sorgen?‘ Hätte er nicht das Recht, mir zu antworten: ‚Du -hast lang genug Zeit gehabt. Warum hast du dich nicht eher bedacht?‘ -Aber, du lieber Gott, es hat mich ja keiner denken gelehrt! Und wie -sollte ich zu meiner Mutter gehen, die mich mehr als alles in der Welt -liebt, und sagen: ‚Ich habe keinen Glauben? Ich will eine Zeitlang Ruhe -haben, um mir ihn zu verschaffen?‘ Es ist traurig, daß die Armut uns -manchmal am Rechttun hindert. Aber es läßt sich nicht ändern.“ - -Er brach plötzlich ab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Es war -lieb von Ihnen, daß Sie mich zum Sprechen veranlaßt haben,“ sagte er. -„Ich glaube, es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.“ - -Sie hielt seine Hand mit ihren beiden Händen fest, und Ernst war -erstaunt, welch ernster Ausdruck in ihr Gesicht gekommen war. „So -dürfen Sie nicht gehen“, sagte sie. „Wie können Sie sich durch -derartige Bedenken bestimmen lassen? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre -- -ich würde keine Minute zögern. Sie haben sich früher nicht genügend -bedacht? Ist das ein Grund, daß Sie sich auch jetzt nicht bedenken -wollen? Das dürfen Sie nicht! Hören Sie, Sie dürfen nicht!“ Er zog -seine Hand zurück und ging nach der Tür. - -„Machen Sie mir meinen Weg nicht schwerer, als er schon ist!“ murmelte -er. - -„Das ist eine Feigheit, was Sie da begehen wollen“, sagte sie plötzlich -mit zitternden Lippen. „Eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben -rächen wird!“ - -Er wandte sich um und sein Ton ward gereizt. - -„Mit welchem Recht sprechen Sie so zu mir?“ sagte er. „Und wer hat Sie -gelehrt, so klar und sicher zu denken? Ihr Vater ist ja ein Pastor, wie -ich einer sein werde. Wissen Sie so gewiß, was er glaubt oder nicht?“ - -„Das gehört nicht hierher“, erwiderte sie. „Das Recht, zu reden, haben -Sie selber mir gegeben. Und wenn Sie wissen wollen, wer mich denken -gelehrt hat -- Ihre Schwester! Sie ist älter als ich; von ihr hab’ ich -gelernt, was ich Ihnen eben gesagt habe.“ - -Ernst dachte eine Weile schweigend nach. Selma? Wieder Selma? „Glaubt -sie denn so fest?“ fragte er dann. - -„Nein“, erwiderte Eva, und ein Zug von Ironie überflog ihr Gesicht. -„Sie glaubt nicht. Aber sie ist sich darüber klar.“ - -„Was sagen Sie da?“ - -Diese Entdeckung schmetterte ihn fast zu Boden. Er hatte eine -Schwester, die nicht glaubte! Ganz allein hatte sie sich zu der -Erkenntnis durchgerungen, vor der er zurückwich. Und diese Schwester -war ihm eine Fremde. Er hatte sie vernachlässigt, und sie konnte ihm -jetzt nicht helfen. - -Er trat noch einmal auf Eva zu und ergriff wieder ihre Hand. „Leben Sie -wohl“, sagte er. „Ich muß nach Hause. Denken Sie nicht allzu schlecht -von mir. Oder tun Sie das?“ fügte er hinzu. - -Sie schüttelte den Kopf. - -„Nein. Sie sind nur schwach“, sagte sie. - -„Ja“, sagte er still. „Ich bin schwach.“ - -Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um -die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte -raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins -fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen. -Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte -er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den -Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht -für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch -einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach -Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich -diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. -Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“ - -Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte -ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage? - -Er wußte es nicht. - - - - -Vierzehntes Kapitel - - -Der Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der -Kanzel herab. - -Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle -wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der -die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten -ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt -hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin -davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit -sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe -Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs -Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach, -daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über -die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte, -da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es -nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben. - -Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt, -wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der -Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die -Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen, -daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte. - -Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an -seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater, -den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so -gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich, -wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen -Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam -die Familie wieder ins rechte Geleise. Die alten Traditionen würden -wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben -und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte. -Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte -haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren -nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn -zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm -ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal -mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er -Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte -er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten -alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er -nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in -ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben -können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde -er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in -das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein -Seufzer über sein eigenes Leben. - -Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es -nur verstanden hätte! Nur daran zu denken! - -Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und -scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem -Sohn dachte. - -Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er -drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über -das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu -unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese -arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß, -die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand -seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen. -Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich. - -Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz -vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach -Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig. -Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren -eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König, -die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und -legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen -getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang, -seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen -hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen -war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes -Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott. - -Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes -Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie -sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber -sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der -Bischof und ging in die Sakristei. - -Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast -strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß -die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz -unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner -selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so -ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und -seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war -nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin -von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit -sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann, -hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er -später von Gottes Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein -kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat -hohe Anforderungen -- in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen -sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich -weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden, -sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich, -daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen! - -Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach -Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt -gefallen habe. - -Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten -auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem -freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm -schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche -strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie -konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere -am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen -Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen -der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch -ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so -heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten -ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle -Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin -und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen -Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der -Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch, -den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun -einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen. - -Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als sie ihren -Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem -religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es -doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering -achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch -nicht reden konnte wie ein Buch. - -„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie -glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute -gehört haben!“ - -Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen -voraus. - -Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie -konnte; aber ihr danken -- das war unmöglich. - -„Möchte er seinen Erfolg doch in der rechten Weise aufnehmen!“ sagte -sie. - -Aber ihre Stimmung war gestört; und als sie sich von Professors -verabschiedet hatte und am Arm ihres Mannes den kurzen Weg nach Hause -ging, dachte sie mehr an die Schwägerin als an den Sohn. Und sie warf -sich selber vor, daß sie sich von den kleinen Widerwärtigkeiten des -Lebens beeinflussen ließ. - -Als Ernst Hallin in die Sakristei trat, hatte er zuerst nur ein Gefühl -der Scham. Er konnte gar nichts anderes denken, als daß alle Menschen -ihn durchschaut haben müßten, gesehen, was für ein Zweifler er war. -Und dennoch hatte er nicht gezittert. Klar und deutlich hatte er alles -ausgesprochen -- all das, was ihm und seinem Leben das Urteil sprach. - -Ganz in Gedanken trat er vor den Spiegel. Er betrachtete sein Gesicht, -und etwas wie Mitleid mit sich selbst überkam ihn. Ein forschender -Blick kam in seine Augen, als suche er nach irgendeinem Zug, der seine -geheimen Gedanken verraten könnte. Da öffnete sich die Tür und der -Bischof trat über die Schwelle. Hoch und gebieterisch, den Rock bis -an den Hals zugeknöpft, das Käppchen auf dem kahlen Scheitel, stand -er da und betrachtete den jungen Geistlichen. Etwas Drohendes lag in -seiner Erscheinung, fand Ernst. Und die Kehle ward ihm ganz trocken vor -Schreck. - -Jetzt kommt das Urteil! dachte er. Und gleichzeitig empfand er eine Art -dumpfer Ruhe. Es war ihm alles im Grunde so gleichgültig. Mochte denn -kommen, was kommen wollte. - -Er sah auf und begegnete dem Blick des Bischofs. - -Der war aber ganz klar und ruhig, und Ernst glaubte sogar Zufriedenheit -darin zu lesen. - -„Ich wollte Ihnen Glück wünschen!“ sagte der Bischof. Und er streckte -seine Hand aus und schüttelte die des jungen Geistlichen. - -„Solche junge Kräfte können wir brauchen -- wir brauchen sie, um den -Kampf gegen all das Schlimme zu führen, das sich in unserer Zeit regt.“ - -Es dauerte eine Weile, ehe Ernst Hallin sich von seiner Überraschung -erholte. Aber nach und nach begriff er doch, daß er sich über die -Absichten des Bischofs getäuscht hatte. Er begriff, daß er einen Erfolg -gehabt hatte, daß dieser Tag für ihn ein Tag des Triumphes war, und daß -der, der ihm das jetzt sagte, der Oberste im ganzen Stift war. - -Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast -gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast -des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern, -die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter, -freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter -vier Augen. - -Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der -durchdringend auf ihm ruhte. - -„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof. -„Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“ - -Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern -aufforderte, Platz zu nehmen. - -„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er, -„die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen -sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden. -Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und -das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man -muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des -Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als -jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das -ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit --- man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche, -zurückschrecken. Es wäre z. B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit, -wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde, -weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher -fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie -mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche -gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es -ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft -verleiht.“ - -Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als -ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in -das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der -Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie -er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig -am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen -erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er -schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen -Mißtrauens. - -Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das Haupt. Und -der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten -Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz -und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und -bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort -- irgendwohin, wo er -sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte. - -Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut. - -„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß -aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“ - -„Ich habe immer eine schwache Brust gehabt“, sagte Ernst. - -Beide Herren erhoben sich. Der Bischof lächelte freundlich und klopfte -dem jungen Mann väterlich auf die Schulter. - -„Wir müssen irgendeinen ruhigen Platz auf dem Land für Sie ausfindig -machen. Das wird Ihnen körperlich gut tun -- und auch seelisch“, fügte -er hinzu. - -Ernst versuchte einen Dank hervorzustottern; aber die Worte wollten ihm -nicht über die Lippen. Der Bischof schüttelte ihm ruhig die Hand und -ging. - -Als Ernst allein war, zog er hastig den Überzieher an und eilte hinaus, -um heim zu kommen, ehe die Leute aus der Kirche strömten. - -In seinem Zimmer setzte er sich ans Fenster und blickte auf den -Domplatz hinab. Die Glocken fingen an zu läuten, Menschen gingen in -Scharen, lebhaft plaudernd, unter den hohen Bäumen hin, und auf den -schmelzenden Schnee schien warm die Sonne. - -Lange blickte er auf die Aussicht, die er so wohl kannte. Wie oft hatte -er diese selben Menschen in ganz derselben Weise so daherkommen und auf -der Straße um die Ecke verschwinden sehen. Jetzt sprachen die alle von -ihm. Er zog sich vom Fenster zurück, hinter die Gardine, damit niemand -ihn sehen sollte. Aber er fuhr fort, hinauszuschauen, als wolle er -gierig nachzählen, wie viele von seinen Bekannten da wären. - -Da sah er Vater und Mutter, die vom Onkel und seiner Frau Abschied -nahmen und dann unter dem Fenster, wo er stand, vorübergingen. Sie -blickten suchend herauf. Und Ernst trat hastig ins Zimmer zurück. Er -hielt den Atem an und lauschte. - -Jetzt traten sie unten ins Haus. Es war ganz still; er wußte, daß sie -ihn suchten. - -Zuletzt hörte er des Vaters Stimme auf der Treppe: „Bist du droben?“ - -Und dann Schritte, die sich näherten. - -Die Tür ging auf und die Eltern traten ein. Beider Gesichter strahlten; -der Mutter sah man es an, daß sie geweint hatte. - -„Warum bist du denn hier?“ fragte sie. „Allein, wie gewöhnlich. Wir -haben drunten überall nach dir gesucht.“ - -Sie umarmte ihn, während ihr die Tränen aus den Augen strömten. - -„Laß mich dich ansehen“, sagte sie. „Ich kann es noch gar nicht fassen!“ - -Nach ihr kam die Reihe an den Vater. - -„Du hast deinen Eltern eine große Freude gemacht, mein Junge. Gott -segne dich!“ - -Und die Hand, mit der er die des Sohnes drückte, zitterte. - -Ernst fühlte sich ganz unbeschreiblich glücklich. Fast kamen ihm -Zweifel, ob er auch an dies Glück glauben dürfe. Aber vor allem -brauchte er Ruhe, er mußte wenigstens ein paar Augenblicke ungestörte -Ruhe haben. Die Freude der Eltern machte ihn seiner selbst so sicher. - -Als die erste Erregung sich etwas gelegt hatte, fragte die Mutter: -„Nun, und was hat der Bischof gesagt?“ - -„Der Bischof war sehr zufrieden“, erwiderte Ernst. - -Und der Adjunkt seufzte erleichtert auf. - - - - -Fünfzehntes Kapitel - - -Professor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten -Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu -entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn -denn doch den Abschied zu geben. - -Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu -seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich -wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte, -den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl -gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer -Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht -und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor -zweifellos geantwortet haben: „Lieber Schatz, warum soll man das -Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor -und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach’ um -Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als -eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber -lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!“ -Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die -Geschichte in Gammelby herausfordern würde. - -Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter -auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen -widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges, -vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es -wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte. -Und schließlich -- er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen -Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant -zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte. - -So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung -mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese -Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne -daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können; -und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen -Haus ein und aus. Es war seltsam -- sooft der Professor von der Sache -anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte -schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser -heiklen Geschichte machen würde. - -Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem -Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die -aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte. -Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht -Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am -Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen -Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten. - -Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach. - -„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“ - -Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und -verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle, -die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants -als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr -Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und -schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging. -Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie. - -Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen -blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte -eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese -Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Professor ganz plötzlich aufstand -und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen -ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den -Arm. - -„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich -heut’ mit dir sprechen muß.“ - -Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen. - -„Gott, Abel, was ist denn?“ - -„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme -Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles -gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“ - -Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm -und faltete nervös die Hände. - -„Was ist es, Abel?“ fragte sie. „Quäl mich nicht länger. Du jagst mir -einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag’ mir doch -um Gottes willen, was es ist.“ - -Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah -ungeheuer ernsthaft aus. - -„Es betrifft unsere Kinder, Aurora“, sagte er. - -„So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos -bist!“ - -„Tja“, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache -los. „Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle -muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh’ ich keinen andern Ausweg.“ - -„Sie muß mit dem Leutnant brechen?“ - -Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle -sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck -keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie -immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen -und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze -hervor, die so gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber -immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt -geschaffen war. Aber auf den Professor hatte das leider keine Wirkung. -Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche -keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten. - -„Wein’ doch nicht, Aurora,“ sagte er gereizt, „sondern hör’ auf das, -was ich sage.“ - -„Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel... Und -was soll dann aus Gabrielle werden?... Mein Kind... unser Kind... Sie -überlebt es nicht... und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen...“ - -Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so -bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte. - -Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich -müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt -wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte. - -Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig: - -„Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie -er das Zimmermädchen küßte.“ - -Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem -Male gänzlich verrauscht. - -„Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel“, sagte sie -giftig. - -„Aha, nun kommt’s!“ dachte der Professor. - -Laut sagte er: „Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem -Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.“ - -„Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der -Hochzeit wartete. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt? Hab’ ich’s nicht -immer gesagt?“ - -„Was hast du gesagt?“ - -Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft. - -„Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du -kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich -wohl. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt, -- die Sophie ist eine -gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab’ ich’s nicht -gesagt?“ - -„Doch, Schatz“, sagte der Professor sanftmütig. „Das hast du freilich. -Aber was hat das damit zu schaffen?“ - -„Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh’ dich nicht, Abel! Was es -damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese -ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst -du das denn nicht?“ - -Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies -deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da -der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine -Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er -sich damit, zu erwidern: „Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal -geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was -wir in der Sache am besten tun!“ - -Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das -Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände. - -„Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke -an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört -haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich -dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da -sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz -stoßen. Das bedenk doch, Abel!“ - -„Nein,“ sagte der Professor, „das verlange ich auch gar nicht. Aber -sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem -Verderben in die Arme wirft.“ - -Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf -und begann wieder, sich hin und her zu wiegen. - -„Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!“ - -Jetzt kam die Reihe, den Überlegenen zu spielen, an den Professor. - -„Ich“, sagte er. „Ich hab’ es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen -und die ganze Geschichte eingefädelt?“ - -Das hätte der Professor nicht sagen sollen. - -Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte -die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte, -sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. „Ich, meinst du wohl?“ -sagte sie. „Kannst du ehrlich sagen, ich sei’s gewesen? Abel! Gott -ist mein Zeuge -- nie hab’ ich was anderes gewollt, als meiner Kinder -Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch -behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!“ - -Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas -profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld. - -„Herrgott!“ sagte er. „Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir -reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?“ - -Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines -Opferlammes an. - -„Was willst du denn, das ich tun soll?“ fragte sie. „Du weißt doch, -ich gehorche dir in allem, soweit ich’s vor Gott und meinem Gewissen -verantworten kann.“ - -„Also“, sagte der Professor, „dann geh hinein zu Gabrielle und sprich -mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann -auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!“ schloß er voller List. - -Dies letzte Argument bewegte die Professorin. - -„Ich werd’s schon tun, Abel“, sagte sie. „Aber --“ und sie ballte -erbost die Hände -- „diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!“ - -„Meinethalben“, sagte der Professor. „Nur daß der Skandal nicht ärger -wird, als notwendig ist!“ - -Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem -Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages -leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte -nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten, -längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der -Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine -Zigarre an. - -Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein -Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der -unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen, -daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte. -Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet -zurückgeschickt. - -Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten -und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden. - -Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber -das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller -Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die -Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen -ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in -Vergessenheit geraten konnte. - -Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte -vor allen -- bei Tisch -- mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere -behaupteten, es wären... Umstände ...... die ihre Entfernung dringend -forderten. Alle aber waren darin einig, die Professorin wäre eine -prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt, -ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle. -Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit, -die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und -gefunden habe. - -Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen -Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig -„weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht -sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte -über die ganze Geschichte bloß gelacht. - -Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es -kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“ - - - - -Sechzehntes Kapitel - - -Es war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von -Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit -zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein -Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von -Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte. - -Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für -einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst -zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können. -Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte -nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei -dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte, daß er -es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte -alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst -unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die -Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen -Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau -Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß -damit in Zusammenhang. - -Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur -gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war -er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht -angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen. - -Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der -Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in -ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte, -schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben, -wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es -nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die -Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen -wird“. - -Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte, -ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern -ein Echo fand. - -Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt, -wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den -Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit, -daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst. - -So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu -denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit -im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er -sehnte sich danach, endlich wegzukommen von allem, von der Stadt, der -Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo -man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken. - -Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas -Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und -wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte -auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist -gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger -gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft -und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee -geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau -gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen, -Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den -Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und -die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft -und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war -gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen -und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war -seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in -ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche -zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den -Platz vor der Kirche. - -Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem -steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte -er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen -und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er -holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und -Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie -ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte -auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung -und Befreiung. - -Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und -erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen -tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun -einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung, -vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand -und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen. -Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem -andern gemein hatte. - -Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie -ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten -sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben, -das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war. - -Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und -lehnte sich in den Wagen zurück. - -Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der -Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust -dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm -Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser -Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens, -die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen, -die Gegend, durch die sie fuhren -- alles gab ihm ein großes, fast -unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen. -Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er -genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen. - -Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und -gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal -hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen, -mit dem Propst von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um -das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu -kosten bekam. - -Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte -es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt -immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor -etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen -Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der -eine nichts von der Gegenwart des andern. - -„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt -schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu -bringen. - -„Ja, die Birken haben schon große Knospen“, antwortete Ernst. - -Die Fahrt ging in gemütlichem Tempo. Es waren des Propstes eigene -Kutsche und des Propstes eigene Pferde, mit denen sie fuhren, und die -Pferde waren nicht gewöhnt, sich zu überanstrengen. Fett und glänzend -und braun standen sie winters und sommers in ihrem Stall und fraßen -ihren Hafer und ihr Heu. Mußten sie einmal eine Meile oder zwei laufen, -so ging der Propst immer erst selber in den Stall hinunter und fragte -Johann, ob sie in der letzten Zeit viel hätten laufen müssen, und wenn -Johann grade bei guter Laune war, so antwortete er: „Nein, sie können’s -schon leisten“. War er aber aus irgend einem Anlaß schlechter Laune, -so machte er alle nur möglichen Einwendungen. Entweder mußte das eine -Pferd frisch beschlagen oder der Wagen geschmiert werden, oder auch -hatte er einen ganzen Tag lang Wasser geführt und die Pferde mußten -rasten. Dann mußte der Propst parlamentieren und Johann gut zureden. -Denn Johann war schon lang auf dem Hof und hatte seinen eigenen Kopf. -Und in dieser Sache hatte er fast ebensoviel zu bestimmen, als der -Propst. - -Diese Fahrt hauptsächlich war ihm ein Dorn im Auge. Der Propst hatte -nämlich angedeutet, er müsse am Sonntagabend wieder nach der Stadt -zurückfahren. Und Johann fand, das wären allzu große Umstände wegen -eines armen Vikars. Von so einem machte man doch sonst kein so großes -Wesen, meinte er. Der Propst hatte ihm ja freilich erklärt, der Vater -des jungen Pastors sei ein alter Freund von ihm, und er besuche ihn -nur auf seinen, des Propstes, ausdrücklichen Wunsch. Aber Johann hatte -diese Erklärung nicht gelten lassen. Er glaubte steif und fest, es -wäre nichts als eine Laune des neuen Vikars. Und darum fuhr er den -ganzen Weg in möglichst sachtem Tempo und ließ die Pferde jede kleinste -Steigung Schritt gehen. Als sie eine Meile gefahren waren, hielt Johann -mitten in einem Wald an und fütterte die Pferde. - -„Es ist zuviel für sie, wenn sie zwei Tage hintereinander vier Meilen -machen müssen!“ sagte er. - -Der Weg führte jetzt durch Waldgegend. Von den Tannen kam ein frischer -Duft und die Sonne schien warm auf das feuchte Moos unter den Bäumen. - -Plötzlich brach Ernst das Schweigen. - -„Bist du hier schon einmal gewesen, Papa?“ fragte er. - -„Nein“, sagte der Adjunkt. „Aber ich habe dir ja gesagt, daß du nicht -zu Fremden kommst. Vor zeiten saß ein Bruder meines Großvaters hier -als Propst bis zu seinem Tod.“ Ernst seufzte. Es irritierte ihn stets, -wenn der Gymnasiallehrer von der Familie sprach, dieser entsetzlichen -Familie, der er zum Opfer gebracht wurde. Und eine unerklärliche Angst -bemächtigte sich seiner. - -„Ist es noch weit?“ fragte er. - -„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock. - -Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige -Minuten! Wenn sie vorüber waren, so würden sie dort sein. Er erinnerte -sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle -hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem -Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er -fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei. -Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm. - -„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen -seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater. - -Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der -Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot -angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen. -Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht -und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten -sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas -schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in -Sollösa!“ - -Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt -die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes -Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei. - -„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“ - -Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging -den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung -nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem -kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch -größer. - -„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten -Sie doch ein!“ - -Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte. - -Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus, eine Stille, die -aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen -Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete. -Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen -Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen -rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die -fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie -schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten -Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von -Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo -im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der -alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im -Stall standen. - -Bis zum Viehstall hin breitete sich die Stille. Die Kuhmagd sang -nicht, wenn sie melkte, sie schrie nicht durch den Wald, wenn sie die -Kühe zusammentrieb, sondern diese kamen ganz von selber, fromm und -sittig, stellten sich am Gatter auf und ließen geduldig ihre vollen -Euter in den dampfenden Kübel leeren. Still standen sie auch im Stall, -wedelten in einförmigem Takt mit den Schwänzen, kauten melancholisch -das trockene Heu oder lagen wiederkäuend da und starrten mit großen -glänzenden Augen nachdenklich die Holzbalken der Decke an. Sogar der -Stier schien sich das Brüllen abgewöhnt zu haben, und wenn ab und zu -ein Hahn krähte, so klang das so störend schrill in die allgemeine -Stille hinein, daß die Propstin von ihrem Stuhl im Wohnzimmer, wo sie -saß und häkelte, auffuhr und sich die Ohren zuhielt. - -Ebenso still ging es draußen auf Feld und Wiese zu. Die Knechte schrien -die Ochsen, die am Pflug gingen, nicht an, und ein Fluch wäre hier -ebenso undenkbar gewesen wie ein Mord. Schweigsam und ruhig zogen sie -an den Zügeln, oder gebrauchten ärgerlich und wortlos die Peitsche; und -die geduldigen Tiere beugten den Nacken unter dem Joch und zogen den -Pflug durch die langen graden Furchen oder die Holzfuhre vom Wald heim -oder die Heuwagen vor die Tür der großen, geräumigen Scheuer. - -Denn dies Haus war ein heiliges Haus, und die darinnen wohnten, waren -Diener des Herrn. Es lag keinerlei Heuchelei in ihrer Frömmigkeit; sie -hatte nur dem ganzen Pastorat ein Gepräge aufgedrückt, als wären das -Haus und seine Bewohner nicht von dieser Welt; und wenn die Bauern -etwas mit dem Propst zu reden hatten und durch das grüne Gatter traten, -so gingen sie immer mit sachten, zögernden Schritten über den Hof, und -mancher gebeugte, grauhaarige Alte zog auf der Treppe die schweren -Schuhe aus, eh er es wagte, vor die weiß angestrichene Türe zu treten, -die sich so still in ihren wohlgeölten Angeln drehte. - -Im Wohnzimmer mit seinen weißen Läufern, überzogenen Möbeln und halb -herabgelassenen Gardinen saßen jetzt Ernst Hallin und sein Vater mit -dem Propst, während die Propstin in der Küche ihre Befehle gab. Die -drei Herren warteten auf das Mittagessen; sie schwiegen so lang, -daß man das Ticken der alten Standuhr zählen konnte, die auf der -Marmorplatte vor dem hohen Wandspiegel stand. - -„Ja, es ist still und ruhig hier“, sagte der Propst endlich. „Aber der -Friede des Herrn wohnt bei uns.“ - -Kaum ein Geräusch war im ganzen Haus vernehmbar. Durch die geschlossene -Eßzimmertür drang nur ein undeutliches Klappern von Tellern, die leise -aufeinander gestellt, und von Silber, das auf das Tischtuch gelegt -wurde. - -Der Propst hustete; denn keiner von den Herren antwortete. - -„Hier wohnt der Friede des Herrn!“ sagte er ein zweites Mal. Der -Adjunkt beeilte sich, die Worte durch ein Kopfnicken zu bekräftigen; -Ernst hob die Gardine ein wenig und sah auf den Hof hinaus. - -Vier Hunde lagen da und wärmten sich in der Sonne. Es waren zwei -Hühnerhunde und zwei kolossale Hofhunde, von jeder Sorte ein Paar. - -„Ja, die bewachen das Haus“, sagte der Propst und hustete. „Es ist nur -schwer, ihnen das Bellen abzugewöhnen.“ - -„So“, sagte Ernst und fuhr fort, hinauszusehen. Der Adjunkt und der -Propst fingen eine Unterhaltung über die letzten Veränderungen im Stift -an. - -Ernst beobachtete inzwischen, wie der Hühnerhund dalag und die große -Hündin anblinzelte. Aber er wagte sich augenscheinlich nicht an sie, -weil er vor dem großen Hofhund Angst hatte. - -Die große Hündin blinzelte zurück; zuletzt erhob sie sich, gähnte -laut auf, streckte sich und verschwand gemächlich hinter dem einen -Nebengebäude. - -Jetzt erhob sich auch der Hühnerhund, warf einen forschenden Blick -auf den anscheinend schlafenden Hofhund, gähnte, streckte sich und -verschwand ebenfalls hinter demselben Nebengebäude, aber in der -entgegengesetzten Richtung. - -Die verlassene Hühnerhündin und der große Hofhund lagen jetzt einsam -auf dem sandigen Hofplatz. - -Der Hofhund hob langsam den Kopf und blickte sich um. Er knurrte, das -Fell sträubte sich auf dem kraftvollen Rücken, und mit majestätischen -Schritten verschwand auch er hinter dem Nebengebäude, auf derselben -Seite wie die Hündin. - -Mit einer gewissen Spannung wartete Ernst auf den Tumult, der jetzt -gleich die quälende Stille unterbrechen mußte. - -Aber es entstand kein Tumult. Der Hühnerhund und die große Hündin kamen -mit hängenden Ohren jedes von seiner Seite des Nebengebäudes und legten -sich auf ihre alten Plätze in den Sand, gähnten und blinzelten ins -Leere, als hätten sie nie andere als die allerunschuldigsten Absichten -von der Welt gehabt. - -Zuletzt kam auch der große Hofhund wieder, einsam und majestätisch, und -legte sich auf seinen Platz vor der Treppe. Einmal noch hob er den Kopf -und knurrte den Hühnerhund an. Dann glättete sich das Fell auf seinem -Rücken, der Kopf sank zwischen die gewaltigen Vordertatzen und die -Augen schlossen sich. - -Ernst unterdrückte ein Lachen. - -„Beißen sie sich nie?“ fragte er und errötete selbst über seine -kindische Frage. - -„Nein“, erwiderte der Propst und schüttelte den Kopf. „Die beißen sich -nie.“ - -Wieder hörte man das gleichmäßige Ticken der Uhr durch die Stille. -Von der Eßzimmertür zum Fenster lief ein langer Streifen von -Staubwirbelchen, die in allen Regenbogenfarben spielten. - -Nun öffnete sich leise die Tür; ein Dienstmädchen in schlichter -Kleidung mit glattgestrichenem Haar verkündete, das Essen wäre bereit. - -Im Speisezimmer wartete die Propstin und bat die Herren, vorlieb -zu nehmen. Neben ihr stand eine kleine, dicke Blondine mit blauen -schläfrigen Augen und zartem Teint, die sie als „meine Tochter“ -vorstellte. Sie sprach während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aß aber -von allen Gerichten; und wenn die andern sich unterhielten, faltete sie -die kleinen fetten Hände im Schoß, starrte die Wand an oder senkte den -Kopf, daß, wo das schwarze Kleid sich um den weichen Hals schloß, eine -kleine Speckfalte entstand. - -Der Propst ging zu ihr hin und strich ihr übers Haar. - -„Was hast du gemacht heut, Amelie?“ fragte er. - -„Ich habe meine neuen Taschentücher gesäumt“, antwortete Amelie und -warf von der Seite her einen Blick auf die Gäste. - -„Das ist recht, mein Kind“, sagte der Propst. „Es ist des Herrn Wille, -daß wir arbeiten sollen!“ - -Der Propst schenkte die Schnapsgläschen voll und die Mahlzeit nahm -ihren Anfang. - -Gottes Gaben waren reichlich vorhanden, vier volle Gerichte und ein -reicher Butterbrottisch. Es gab zweierlei Wein, Rotwein und Sherry. Und -zum Fleisch trank man Bier. - -Man aß viel und redete wenig. Teller wurden gebracht und wieder -abgenommen, Platten umhergereicht, Wein und Bier ward eingeschenkt. -Still und vorsichtig bewegte sich das Mädchen mit dem glattgekämmten -Haar und dem schlichten Kleid um den Tisch. Niemand lachte oder stieß -mit seinem Nachbar an. Jeder trank sein Glas aus und aß seinen Teller -ab, ohne dem andern auch nur einen Gedanken zu schenken. Ab und zu -ward die Stimme des Propstes oder der Propstin laut, die die Gäste -aufforderten, doch mehr zu essen. - -Nach dem Essen verschwand der Propst auf ein Weilchen, und die Gäste -blieben mit den Damen allein, bis der Kaffee serviert wurde. - -„Samuel ist so an sein Mittagsschläfchen gewöhnt!“ sagte die Propstin -entschuldigend. „Er sagt, es sei nötig zur Verdauung.“ - -Der Abend schleppte sich langsam und einförmig hin. Die Herren gingen -mit dem Propst auf sein Zimmer, um eine Zigarre zu rauchen. Später -mußte Amelie singen. „Amelie singt wirklich reizend“, sagte die -Propstin. Sie sang Heines leidenschaftliche Lieder in der Schumannschen -Musik, und sang sie vollständig ausdruckslos und rein, ohne zu wissen, -was sie sang. Der Propst und die Propstin hörten andächtig zu. Der -Propst hatte die Hände gefaltet. - - „Im wunderschönen Monat Mai.“ - -„Ach ja, Musik ist eine herrliche Gabe Gottes!“ - -Nachdem man zu Abend gegessen hatte, versammelten sich alle -Hausbewohner in dem großen Speisezimmer. Dort waren Stühle aufgestellt -und Amelie ging von einem zum andern und teilte Choralbücher aus. Die -Propstin brachte ihrem Mann, der im Schaukelstuhl saß, ein paar alte -Bücher; und er hustete und las seinen Leuten aus der Bibel vor. Dann -betete er, Gott möge das ganze Land schützen, insbesondere das Pastorat -zu Sollösa. Die ruhigen Knechte und Mägde hielten die Hände vors -Gesicht, während der Propst das Vaterunser und den Segen sprach. - -Eine Stunde später schlief das ganze Haus. Stiller als vorher konnte es -kaum sein. Nur der Hofhund und seine Hündin wachten mit einem Auge je -an einer Seite der Treppe. - -Dem Adjunkten Hallin und seinem Sohn war ein Gastzimmer im ersten Stock -angewiesen worden. Zwei hochaufgebauschte Betten standen da mit weichen -Polstern und Federkissen. - -Und in Ernst erwachte eine Erinnerung. Er gedachte seiner -Studentenjahre in Upsala, der guten Jahre bei Fräulein Lund. Als er -einschlummerte, hatte er eine leise Empfindung von Lavendelduft. - - - - -Siebzehntes Kapitel - - -Als Ernst aufwachte, war es schon acht Uhr. Hastig sprang er aus dem -Bett, um den Vater zu wecken. Die weichen Kissen und Decken hatte sie -beide wie mit einem Nebel von Stille und Schlaflust umhüllt, daß sie -zehn volle Stunden geschlafen hatten. Das Hausmädchen war so still -durchs Zimmer gegangen, daß sie die Schläfer nicht geweckt hatte. -Aber in den Flaschen war frisches Wasser, die Kleider lagen schmuck -und ordentlich ausgebürstet auf den Stühlen, die Schuhe standen blank -gewichst davor, und im Ofen verglomm die letzte Glut des Holzfeuers -hinter dem Eisengitter, das geräuschlos zur Vorsicht vorgesetzt worden -war. - -Als sie ins Wohnzimmer kamen, mußten sie eine gute Weile warten, eh -jemand von den Wirten sich zeigte. Im Eßzimmer sahen sie das stille -Mädchen mit dem schlichten Kleid und dem glattgekämmten Haar den Tisch -decken. - -Der erste, der erschien, war der Propst. Der kleine Mann sah ganz -unerhört feierlich aus. Die Bäffchen saßen steif über dem halb -zugeknöpften Rock und machten sein fettes Gesicht noch fetter. Sein -Mund sah ganz absonderlich aus, gespitzt wie eine Tüte, und die Augen -blinzelten feucht und schräg unter den dichten Augenbrauen hervor. - -Er hustete und ging auf seine Gäste zu. - -„Ein köstliches Wetter hat der Herr uns heute geschenkt!“ sagte er. - -Die drei Herren setzten sich. Wie gewohnheitsmäßig nahmen sie ihre -alten Plätze ein, Ernst saß am Fenster und blickte hinaus auf den Hof, -wo die Hunde lagen und sich sonnten, die Hühnerhunde an der großen -Treppe, die Hofhunde vor der Treppe, die zum Nebengebäude führte. - -Jetzt kam die Propstin. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine goldene -Brosche und hatte, wie der Propst, rote Augen. Sie erzählte, Amelie -wäre noch nicht ganz fertig. Die arme Amelie! Sie hatte solche Angst, -zu spät zur Kirche zu kommen! - -„Wir haben alle ein bißchen zu lang geschlafen!“ fügte sie hinzu. - -„Ja,“ sagte der Propst und hustete; „es ist Sabbat heute, der Ruhetag -des Herrn!“ - -Langsam setzten sich alle um den Tisch, und das glattgekämmte Mädchen -servierte still große Platten mit gebratenem Schinken, Beefsteak und -Eiern. - -Es war heute womöglich noch stiller als sonst im Pastorat. Kein Laut -war zuhören im ganzen Haus; nur Löffel, Messer und Gabeln schienen -in Bewegung zu sein. Aber auch sie wurden ängstlich gehandhabt, und -wenn jemand ein Wort äußerte, so geschah es mit einer Stimme, die um -Entschuldigung zu bitten schien: „Darf ich um das Salz bitten?“ „Ein -bißchen Brot, wenn ich bitten darf!“ klang es halblaut. Ab und zu -erklang die Stimme der Propstin, die den Gästen zusprach, doch mehr zu -essen. - -Nach dem Frühstück gingen alle in die Kirche, die jenseits der Straße -lag. - -Es war eine niedrige, altmodische Kirche, ohne Turm. Der Adjunkt und -Ernst hatten sie nicht einmal bemerkt, als sie am Tag vorher daran -vorbeigefahren waren. Sie lag ein bißchen abseits von der Straße auf -einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer hohen steinernen Mauer; daneben -stand ein rot angestrichenes baufälliges Glockenhaus, von dem gerade -der Klang der alten Glocken über die Häupter der versammelten Gemeinde -hinklang. - -Keinerlei Geräusch auf dem Platz vor der Kirche, trotzdem eine Menge -Menschen da waren. Auf der einen Seite standen die Männer, auf der -andern die Frauen. Die jungen Mädchen standen bei den Frauen, die -Burschen bei den Männern. Kein Getändel, kein Geliebäugel zwischen -Burschen und Mädchen; alle, die vor der Kirche standen, alt und jung, -waren ganz still und unterhielten sich nur im Flüsterton, während sie -auf den Propst warteten. - -Der dämpfende und beruhigende Geist des Pastorats hatte sich noch bis -über die Landstraße hinaus erstreckt, weit über die Anhöhe, auf der -die Kirche lag und wo das rote Glockenhaus einsam seine Glocken ins -schweigende Land hinausrufen ließ. - -Es gab viele „Erweckte“ in der Gemeinde Sollösa. Stille, schweigsame -Menschen, die den Frieden liebten und die Welt fürchteten, Menschen -nach dem Herzen des Propstes, die seine Gattertore nicht zuschlugen und -auf dem Kirchplatz nicht lärmten. Menschen, die nach Sollösa paßten. -Heute füllten sie den Platz vor der Kirche und den ganzen Kirchhof. Um -sie her spielte die laue Frühlingsluft, hoch über ihnen trillerten -die Lerchen im klaren Sonnenlicht. Die Birken auf dem Kirchhof trugen -schwellende, drängende Knospen, und in den Beeten des Pastoratsgartens -standen Aurikeln und Perlhyazinthen schon fast in Blüte. - -Der Propst, die Propstin und ihre Gäste kamen durch den Kirchhof -herauf. Sie gingen durch das offene Gittertor die verwitterten -Steinstufen hinan; und vor ihnen her ging ein Flüstern, das plötzlich -jedes Gespräch verstummen machte. Ein breiter Weg bildete sich ganz von -selbst vor ihnen bis zur Kirche, und ruhig wanderten die Herrschaften -der Kirche zu. Die Frauen und Mädchen knixten, die Männer nahmen die -Hüte ab. Aber nicht ein Wort ward gesprochen, nur freundliches Nicken -und Lächeln flog hin und wieder. Als die Herrschaften durch die niedere -Kirchentür verschwunden waren, setzte sich die ganze Menschenmenge -in Bewegung. Ohne Lärm, ohne Gedränge füllte sie die Kirchenstühle, -die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der andern, und still -und lautlos schloß sich hinter ihnen die breite Tür, während von der -geschnitzten Empore über dem Eingang die Orgel ertönte. Als der Choral -gesungen war, stand der Propst vor dem Altar und betete mit zitternder, -hustender Stimme: - -„Heilig! heilig! heilig!“ - -Und die Gemeinde von Sollösa beugte das Haupt und lauschte -andachtsvoll. Denn sie glaubte an ihren Propst und war stolz auf ihn. - -Der Propst genoß nämlich unter den Kindern Gottes eines hohen Rufes. Er -hatte ihn nicht immer gehabt. Und es war nur ein kleines Ereignis, das -ihm die Gnadengabe verlieh, daß die Menschen an ihn glaubten. - -Ehe er als Propst nach Sollösa kam, predigte er einmal während eines -Gewitters. Und während er auf der Kanzel stand und das Gebet für die -Verstorbenen betete, der Küster neben ihm, schlug der Blitz in die -Kirche und tötete den Küster. Der Pastor selber blieb unversehrt. - -Und die Frommen sagten, dies sei geschehen, weil ihr Hirte erhalten -bleiben mußte für Gottes Reich. - -Still, aber sicher verbreitete sich sein Ruf über das ganze Stift. -Als er als Propst nach Sollösa kam, war er ihm schon vorausgegangen -und hatte ihm die Herzen der Leute gewonnen. Darum lauschten sie auch -seinen Worten so andächtig, als ob Gott selbst zu ihnen spräche. - -Denn das war wahrlich Gottes Finger! Daran konnten alle deutlich seinen -Willen und seine Absicht erkennen! - -Drückend und betäubend lag die Wärme über der ganzen Kirche. Langsam -schleppte der Gottesdienst sich hin, bis die Predigt begann. Und die -Predigt ging ebenso langsam, und ebenso träge klangen die Choralverse -durch den niedrig gewölbten Raum. Da und dort nickte ein Kopf im -Schlummer, einer oder der andere lag vornübergebeugt in den Händen, die -auf dem Kirchstuhl ruhten. - -Niemand entfernte sich, ehe der ganze Gottesdienst zu Ende war. Erst -als die letzten Akkorde des Schlußchorals verklangen, erhoben sich -alle sachte von ihren Plätzen, dehnten in aller Stille ein bißchen -die Glieder und blieben in den Bänken stehen, um erst die Herrschaft -hinauszulassen. Dann leerte sich die Kirche, die Türen schlossen sich -und der Küster ging, mit den großen Schlüsseln klappernd, heim. Auf -allen Wegen und Pfaden wandelten Scharen stiller Menschen nach allen -Richtungen durch das sabbatstille Land. - -Im Pastorat setzten die Herren sich wieder auf ihren Platz im -Wohnzimmer und warteten auf das Mittagessen. Draußen auf dem Hof -schliefen die Hunde. - -„Es ist gut, daß ich eine kleine Hilfe bekomme!“ sagte der Propst zu -Ernst. „Und hier ist dankbares Erdreich!“ - -Er schneuzte sich und hustete. - -„Kein Geist des Aufruhrs, Gott sei Dank! Dankbares Erdreich!“ Und durch -das Zimmer klang das einförmige Ticken der Uhr. - -Die Tür zum Eßzimmer ging auf und das Mädchen meldete, daß serviert sei. - -Fräulein Amelie stand mit der Propstin im Eßzimmer. Sie gab den fremden -Herren die Hand und knixte. Der Propst strich ihr, wie am Tage vorher, -übers Haar. - -„Du bist nicht in der Kirche gewesen heute“, sagte er. - -„Nein“, erwiderte Amelie. „Es tat mir so leid, aber ich mochte nicht zu -spät kommen und die Gemeinde stören.“ - -„Das ist recht, mein Kind!“ lobte der Propst. - -„Du magst ja nicht, wenn man kommt, nachdem der Gottesdienst schon -angefangen hat, Papa“, sagte die Propstin. - -Nach dem Essen kam der Kaffee, genau wie am Tag vorher. Der Propst -verschwand für ein Weilchen und ließ die Gäste mit den Damen allein. - -Nach dem Kaffee reisten die Gäste ab. - -„Willkommen nächstes Mal auf unserm lieben, stillen Sollösa“, sagte der -Propst, als er Ernst beim Abschied die Hand drückte. Der Wagen fuhr -durch den weichen Sand zum Gattertor hinaus; als er auf die Landstraße -einbog, zogen die beiden Herren noch einmal die Hüte vor dem Propst, -der Propstin und Fräulein Amelie, die auf der Treppe standen und -winkten. Die Hunde sahen dem Wagen nach, ohne zu bellen. - -Eine Weile saßen der Adjunkt und Ernst schweigend nebeneinander. Jeder -war in seiner Art mit dem beschäftigt, was sie erlebt und gesehen -hatten. - -Schließlich sagte der Adjunkt -- und seine Stimme klang wehmütig: - -„Es wird recht einsam für dich hier draußen.“ - -Über des Sohnes Lippen flog ein Lächeln, das der Vater nicht verstand. - -„Vielleicht ist es grade das, was ich brauche“, sagte er. Es lag etwas -so Scheues und zugleich Bitteres in seiner Stimme, daß der Vater -aufmerksam wurde. Er kannte ja den Sohn überhaupt so wenig; er hatte, -während er aufwuchs, nie Zeit gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen; -und der Adjunkt liebte es im allgemeinen, sich die Dinge so einfach -wie möglich zu machen. Diesmal aber drängte sich ihm doch mit -unausweichbarer Gewalt der Gedanke auf, daß da etwas nicht stimmte, -etwas, an dem ein Vater teilhaben müßte. Mit bekümmerter Miene sah er -den Sohn an und fragte: „Was ist mit dir? Du siehst so düster aus, -seitdem du wieder daheim bist. Hast du etwas auf dem Gewissen?“ - -Ernst konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater glaubte -offenbar, er hätte etwas zu bereuen, vielleicht Schulden gemacht, -schlechte Beziehungen angeknüpft oder etwas Ähnliches. Er, der fast das -Leben eines Asketen geführt hatte! Dieser Argwohn kam ihm unendlich -komisch vor. Er hätte jetzt um keinen Preis der Welt offen reden -können, und antwortete deshalb nur mit demselben Lächeln, das er nicht -zu unterdrücken vermochte: „Nichts von dem, was du glaubst, Papa, das -kann ich dir versichern!“ - -„Gott sei Dank!“ dachte der Adjunkt. - -„Man kann auch so grade genug haben!“ fügte Ernst hart hinzu. Es kam so -plötzlich, daß die Worte ihm entschlüpft waren, ehe er es wußte. Eine -brennende Röte ergoß sich über seine Wangen und Stirn, und er schaute -zum Wagenfenster hinaus. - -Der Adjunkt ward nachdenklich; eine dunkle Ahnung bemächtigte sich -seiner. Gleichzeitig aber sagte er sich auch, wenn es wirklich etwas -derartiges wäre, wenn der Sohn tatsächlich unzufrieden sei mit dem -Beruf, den er gewählt hatte, so wäre es am besten, wenn gar nicht -darüber gesprochen würde. Ein ausgesprochenes Wort war hier gefährlich. -Er wußte, wie empfindlich der Sohn war, und begriff, daß der kleinste -Versuch, auf sein Gewissen einzuwirken, in ihm die zu einer -Katastrophe notwendige Energie wecken würde. Und an diese Katastrophe -mochte der Adjunkt gar nicht denken. - -Darum war es am besten, es wurde gar nichts zwischen ihnen gesprochen, -Ernst machte die Sache mit Gott und sich selber ab. Und so schwieg denn -der Vater in dem elterlichen Egoismus, der nicht mit den Kindern oder -für sie leiden will. - -Die alten braunen Gäule stapften gemächlich durch den hohen Wald, -durch den die Sonne schräg fiel und zwischen den feuchtglänzenden -Zweigen funkelte. In der Ferne härte man das einförmige Rauschen eines -Bergwassers. - -Ernst versank in Gedanken. Gefühle und Eindrücke arbeiteten in ihm, die -ihm ganz neu waren. Es waren nicht seine alten Kämpfe und Träume. Es -war nicht der kleine Kampf zwischen geistlich und nichtgeistlich. Es -war auch nicht seine verschmähte Liebe, die in ihm redete. Nichts von -all dem. Die Fahrt aufs Land, der kurze Weg zur Kirche, die Landluft, -der Sonnenschein, die Frühlingsgewalt in den brausenden Wassern und -schwellenden Knospen -- all das erfüllte ihn mit einem Gefühl, das -ihm ebenso neu wie unverständlich war. Wenn jemand ihn gefragt hätte, -was er fühle oder denke, er hätte nichts darauf antworten können. -Aber er war erregt, ohne zu wissen, weshalb, krank von Gemüt, ohne -zu wissen, wovon, traurig, ohne die Ursache zu kennen. Seine ganze -unterdrückte Jugend, all die erstickten Gedanken, Wünsche und Begierden -waren es, die sich in ihm empörten, und Worte entschlüpften ihm, ohne -Zusammenhang und ohne Sinn, deuchte ihm selbst. Und doch hätte er keins -davon unterdrücken können, nicht ein einziges; so einsam hatte er immer -gelebt, so unterdrückt und erstickt war jeder eigene Gedanke, jeder -eigene Wille stets in ihm gewesen, daß er das Bedürfnis, das seine -Seele erfüllte, gar nicht einmal verstand. Seine eigene Stimme klang -ihm fremd, wie sie so das Leid, das die Frucht seines ganzen Lebens -war, aussprach. - -Und als der Adjunkt nicht antwortete, sagte er kurz und hart: „Ist es -nicht sonderbar, daß wir einander überhaupt gar nicht kennen?“ - -„Wir kennen einander nicht?“ - -Der Adjunkt sah auf mit einem Blick, der noch vom Essen schwer war. - -Ernst lachte laut auf. Er beugte sich vor und redete weiter, eifrig -gestikulierend, mit einem Versuch, ruhig und geordnet zu sprechen; aber -seine Stimme zitterte nur noch heftiger. - -„Nein“, sagte er. „Wir kennen einander nicht. Als Kind hab’ ich meinen -Vater nicht gekannt, als Knabe nicht, als Jüngling nicht, und auch -jetzt nicht, als Mann, der ich sein sollte und nicht bin! Und auch er -hat mich nicht gekannt. Sonst hätte er mich nicht so grausam verkennen -können. Sonst hätte er mich nicht so gedankenlos und herzlos aufs -Gratewohl ins Leben hinauswerfen können, ohne auch nur einen Augenblick -danach zu fragen, ob meine Natur mich zu etwas anderem zog, oder ob sie -nur schwieg und sich fügte.“ - -Er sprach, als habe er die Gegenwart des Vaters ganz vergessen, -und fuhr dabei fort, starr vor sich hinzublicken und lebhaft zu -gestikulieren. - -„Warum bin ich nicht ein Bauer geworden?“ rief er. „Warum geh’ ich -nicht hinter dem Pflug und grabe die Erde um und dünge und mache Heu? -Warum mäh’ ich nicht und hacke Holz und arbeite und lebe, statt meinen -Rücken über die Bücher zu beugen?“ - -Er ballte die Hand, seine lange, hagere Hand, mit einer drohenden -Gebärde, in der zugleich etwas Hilfloses lag. - -„Die Bücher!“ sagte er mit gedämpfter Stimme, damit der Kutscher ihn -nicht hören sollte. „Wie ich sie hasse! Sie haben mein Leben zerstört, -statt daß sie mich leben gelehrt haben. Sie haben meinen Kopf mit -unnützen Dingen angefüllt und mir meine Kraft gestohlen, statt sie -zu mehren. Tote sind sie, die die Lebenden beherrschen. Gespenster, -die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu schrecken, statt -stillzuliegen und zu schlafen! Unheimliche Gespenster, an die wir -glauben, und die uns hinter unserm Rücken auslachen, weil wir uns haben -narren lassen von ihnen!“ - -Der Adjunkt packte ihn erschrocken am Arm. - -„Du bist krank, Ernst!“ sagte er. - -„Krank? Ja, ich bin krank, bin nie was anderes gewesen, als krank. -Vielleicht ist’s das, was mein ganzes Unglück verschuldet hat! -Vielleicht ist’s das, was mich fortgezogen hat von der frischen Luft -und der Arbeit, die stählt, und mich eingeschlossen in dumpfe Zimmer, -meine Brust eingedrückt, meine Schultern zusammengepreßt, mein Gesicht -gebleicht hat! Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen, frage ich? -Vielleicht wär’ ich dann stark geworden! Vielleicht wär’ ich dann ein -Mann geworden!“ - -Er entzog sich dem Griff des Vaters und lehnte sich schlaff in die -Wagenecke zurück. Beide schwiegen; der eine, weil er sich erschöpft -hatte, der andere, weil er nichts zu sagen wußte. - -Aber im Adjunkt erwachte die ganze Liebe einer alten Pastorenfamilie -für das Land mit seinem Behagen und seiner Arbeit. Und wie sonderbar -seltsam des Sohnes Worte ihm auch vorkamen, und wie überzeugt er auch -war, daß dies nur eine Überreiztheit war, die vorübergehen würde, so -stieg in ihm doch auch noch ein anderes Gefühl auf. Immer hatte er sich -gewünscht, ein kleines Eigentum zu besitzen, das er sein hätte nennen -können; er pflegte oft im Scherz zu sagen, sobald er nur erst seine -Schulden bezahlt habe, würde er anfangen zu sparen und ein kleines -Anwesen kaufen, auf dem er seine alten Tage verbringen könnte. - -Des Sohnes Worte klangen seltsam an sein Ohr. Vorwürfe waren es, -daß der Vater nicht mit dem Sohn gelebt hatte, damit er dessen Leben -verstehen möchte. Sie schmerzten und quälten ihn. Sie kamen so heftig -und unüberlegt, wie von einem zornigen, erbitterten Kind. Aber der -Adjunkt wurde nicht böse. Denn in ernsten Augenblicken kann es -geschehen, daß sogar die Eigenliebe sich verkriecht. Er fühlte nur eine -große Leere zwischen sich und dem Sohn; und er klagte sich selbst an. -In ihm klangen des Sohnes Worte: Warum hat man mich nicht Bauer werden -lassen? Es war ja Unsinn, das wußte er wohl. Und dennoch! Er sah auf -des Sohnes magere Gestalt mit dem blassen Gesicht und der eingesunkenen -Brust. Und er begriff noch deutlicher, daß es Unsinn war. Aber trotzdem -quälten ihn die Worte, quälten ihn und zerrten an ihm. Ein Mitleid -packte ihn, als trüge er die Schuld an dieser Schwächlichkeit; und mit -einem Male kam ihm das Verlangen, alles wieder gutzumachen, in einem -Augenblick wieder aufzubauen, was nur in langen Jahren aufgebaut werden -kann, wenn das Gebäude sicher und fest werden soll. - -Er legte seine Hand auf des Sohnes Knie und fragte mit zitternder -Stimme: „Was fehlt dir? Verheimliche mir nichts!“ - -Ernst sah auf. Sein Atem ging kurz und hastig, wie nach einer großen -Anstrengung. Und er sah so geistesabwesend aus wie gewöhnlich, als -wisse er kaum von dem heftigen Ausbruch, der Geschehenes ja doch nicht -mehr ungeschehen machen konnte. - -„Verheimliche mir nichts!“ wiederholte der Vater. - -Ernst ergriff mit bittendem Blick seine Hand. - -„Verzeih!“ sagte er. „Ich bin nur müde. Es war schlecht von mir, so zu -sprechen, wie ich’s getan habe.“ - -Der Gedanke, der sich schon vorhin dem Adjunkt aufgedrängt hatte, kam -wieder. Und jetzt kam er mit solcher Gewalt, daß alle egoistischen -Bedenken wichen. Mit einer plötzlichen Anstrengung sagte er: „Ist es -dein Beruf, der dich quält?“ - -Ernst schwieg einen Augenblick und blickte zur Seite. Und schon -bereute der Adjunkt seine Frage. Er fühlte, daß er richtig geraten -hatte, und der peinigende Gedanke an die Zukunft ergriff ihn. Er dachte -an des Sohnes Stellung, an das, was die Leute, was seine Frau sagen -würden. Und mit lähmendem Schreck fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: - -„Und das Geld! Die Ausgabe! Neue Schulden! Neue Sorgen!“ Atemlos -wartete er auf die Antwort des Sohnes. - -Ernst saß ganz stumm. Jetzt war die Stunde da. Jetzt sollte es gesagt -werden. Jetzt würde er es sagen. Und in der Einbildung war ihm so -leicht zumut, als wäre es bereits gesagt. - -Dann aber kehrten seine Gedanken in ihren gewohnten Kreislauf zurück; -mit einer unerhörten Kraftanstrengung bezwang er sich, sah dem Vater in -die Augen und antwortete, ohne zu zittern: „Du irrst, Papa. Ich habe -meinen Beruf aus freiem Willen gewählt.“ - -Der Adjunkt fühlte, daß der Sohn log. Aber er wagte nicht, die Frage zu -wiederholen, aus Angst, eine andere Antwort hervorzulocken. Er hatte -sein möglichstes getan, um sein Gewissen zu befreien, und ein Seufzer -der Erleichterung entschlüpfte ihm, während er seine Hand aus der des -Sohnes zog. - -„Gott sei Dank!“ sagte er leise. - -Der Wagen rollte weiter. Die beiden Männer saßen lange schweigend -nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ernst -führte mit einer Bewegung, die ihm eigen war, oft die Hand zum Gesicht -und zupfte an einem weichen Bart. - -Der Adjunkt bemerkte es; und, um durch einen Scherz das peinliche -Schweigen zu brechen, sagte er: - -„Bald hast du überhaupt keinen Bart mehr zum Dranziehen.“ Ernst ließ -hastig die Hand sinken und lächelte gezwungen. „Das ist wahr!“ sagte er. - -Und der Wagen rollte eine Anhöhe hinauf und vor ihnen lag Gammelby. -Hoch über den übrigen Gebäuden ragte der Turm der Domkirche. - - - - -Achtzehntes Kapitel - - -Die Ordination war nun auf Anfang Juni festgesetzt. Ernst Hallin, -Simonson und noch ein paar andere sollten zusammen in ihr Amt -eingesetzt werden, und gleich darauf sollte Ernst nach seiner neuen -Heimat, dem Pfarrhof von Sollösa, fahren. - -Ernst Hallin sehnte sich nur noch danach, daß alles vorüber sein -möchte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und wußte, daß nichts ihn -mehr ändern konnte. Jetzt galt es nur noch, alles Zweifeln und Zaudern -von sich fernzuhalten, damit er Ruhe hatte, bis er allein war mit -sich selbst. Die Einsamkeit, das fühlte er, würde ihn heilen, ihn -weniger empfindlich, kräftiger machen und ihn vor allem lehren, sich -in demutvollem Genügen unter das Kreuz zu beugen, das der Herr ihm -auferlegt hatte. Er fühlte mehr und mehr die Überzeugung in sich, daß -der Priesterberuf gerade das war, was der Herr von ihm forderte, damit -er auf Erden Frieden finden möchte; und ohne zu fragen, ohne am Willen -des Herrn zu deuteln, wollte er treulich den schmalen, dornenvollen -Pfad wandeln, bis er nach seiner steilen und mühevollen Wanderung vor -der engen Pforte stehen würde, die zum Leben führt. - -Nach dem letzten Ausbruch, als er und der Vater von dem alten Pastorat -heimgefahren waren, hatte er das Gefühl gehabt, als ob ein Teil seines -alten Menschen von ihm gewichen sei. Eine Art dumpfer Resignation -bemächtigte sich seiner, und er erkannte, daß in dieser Resignation die -Möglichkeit lag, das Leben, das ihn jetzt erwartete, zu leben. Keine -andern Hoffnungen, keine andern Gedanken und Interessen durften diese -Resignation verdrängen, die allein imstande war, ihn aufrechtzuhalten, -wie das Rettungsboot den Schiffbrüchigen über Wasser hält. Ganz und -ausschließlich mußte sie ihn beherrschen; keine unterdrückte Sehnsucht, -keine verwegene irdische Hoffnung sollte mehr ihre frischen, -gefahrvollen Winde über die stille See dieser Resignation blasen. - -Er dachte auch selten an Eva Baumann. Sie war ihm nur noch eine -lockende Erinnerung, die keine Macht mehr über ihn hatte. Und er konnte -von ihr sprechen hören oder ihr auf der Straße begegnen, ohne daß er -errötete, ohne daß es seine Gemütsruhe störte. - -Dagegen hatte er sich in letzter Zeit mehr und mehr zu Simonson -hingezogen gefühlt. - -Simonson war so klar in allem, so klar und fertig. Er wußte Antwort -auf jede Frage, Widerlegung für jeden Zweifel. Seine Stimmung war -immer gleichmäßig, und Ernst fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm -stets ruhiger. Wenn er einen Nachmittag lang ihm gegenübersaß und das -sichere Gesicht betrachtete, das so überzeugt schien, daß alles in -der Welt war, wie es sein sollte, und der scharfen Stimme lauschte, -die alle aufrührerischen Gedanken gleichsam zerkrümelte und ihn einen -klaren Blick in das ganze geordnete Gemeinwesen tun ließ, das seit -Jahrtausenden auf dem Grund des Christentums erwachsen war, da fühlte -Ernst ganz deutlich, auf welchen gefährlichen Abwegen er gewandelt war, -und er ging nach Hause, froh und gestärkt, voller Dankbarkeit gegen -Gott, der ihn aus den Irrgängen seiner eigenen Gedanken errettet hatte. -Es lag so viel Demut in all seiner Schwachheit, daß Pastor Simonson -sich oft ganz verlegen vorkam und fast zu stottern begann, wenn er vom -christlichen Sinn sprach, der alles duldet und alles erträgt. - -Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute -sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen. -Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse -Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein -schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische -Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine -Entwicklung geleitet hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der -Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum -Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war -mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox -kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen -gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen -gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts -Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn -widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen -Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu -schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von -Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß -er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache -in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich -auch darüber. - -Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune -und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer. - -Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam -gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen -mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es -Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern -zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer -Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem -König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes -Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit -gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament -handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über -diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf -antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber -gehabt und eins der sinnlichste und anstößigsten Gedichte geschrieben -habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing -der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben -verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor -dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern, -beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme. - -Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in -sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene, -nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja -nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme -Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten. - -Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen -entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus -verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der -Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus -noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor -einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine -derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der -jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die -andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um -so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame -Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle -fühlten sie, aber keines sagte was. - -Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den -Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „In einem Jahr bin ich -endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!“ sagte er. - -Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an. - -„So darfst du nicht reden“, ermahnte er. - -Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an -Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie -mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht -länger schweigen. - -„Laß Gustaf sagen, was er will!“ sagte sie. „Er ist kein Kind mehr. -Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber -schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?“ - -„In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!“ -sagte der junge Pastor. - -Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde -war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und -schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen. - -„Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten, -daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je -daheim glücklich gewesen? Bist du’s jetzt? Hast du gar nicht gemerkt, -wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ‚Peer Gynt‘: - - Keiner weint um des andern Weh, - Keiner hat Sinn für des andern Idee? - -Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden, -daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern -verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst -und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es -ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und -glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich -ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich’s jetzt -bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich, -er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, -- ich übrigens -auch --. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte -- -was glaubst du, daß die Folge wäre? Das Leben hier im Haus würde nur -noch unerträglicher werden, als es schon ist.“ - -Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und -ab. - -Ernst sah unsicher vom einen zum andern. - -„Ist das wahr?“ fragte er. - -Gustaf lächelte. Es lag nichts Herausforderndes in seinem Lächeln, -nichts Selbstbewußtes. Nur Verwunderung, daß der ältere Bruder etwas so -Einfaches nicht wußte. - -„Es kann ja doch gar nicht anders sein“, sagte er. - -„Aber -- in deinem Alter...“ - -Ernst brach ab. - -„Ich habe nichts dazu getan“, sagte Gustaf. „Es kam von selbst. Wenn -man Hunger hat, so ißt man. Und von der Speise bildet sich frisches -Blut. Es ist dasselbe...“ - -Selma blieb vor Ernst stehen und sah ihm grad in die Augen. - -„Glaubst du?“ fragte sie. - -Ernst wollte der Frage ausweichen, aber die Schwester ließ ihn nicht -los. - -„Ja“, sagte er schließlich, lauter als notwendig war. „Aber du -- wenn -du dich von hier wegsehnst -- was bindet dich?“ Selma konnte ein Lachen -nicht zurückhalten. - -„Sieh mal, wie gut es ist, wenn man einmal miteinander redet“, sagte -sie. „Nicht einmal das weiß er, obschon es das große Ereignis meines -Lebens ist. Was mich bindet? Nun ja, ich ging einmal zu Papa und sagte -ihm, ich möchte eine Zeitlang fort, nach Stockholm oder irgendwohin, -um ein bißchen mehr zu sehen und zu lernen -- und ein bißchen mehr zu -leben“, fügte sie bitter hinzu. „Aber er wollte es nicht. Ich weiß, daß -er und Mama die Sache miteinander berieten. Aber dann baten sie mich, -und Mama weinte, und ich gab nach und blieb.“ - -„Aber warum wollten sie denn nicht?“ - -All das war Ernst etwas ganz Neues. - -„Warum?“ wiederholte Selma. „Lieber Ernst, was du blind bist! Nun, -weil die Welt schlecht ist und mir meinen Glauben nehmen würde. -Und darum schließt man einen ein, bis man so stumpf wird, daß man -überhaupt alles glaubt. Das ist ihre Taktik. Und manchmal hilft sie -ja auch. Aber manchmal kommt es auch vor, daß eins oder das andere -sich trotzdem aufrecht hält. Wie lang, das weiß freilich Gott. Das ist -die Familientyrannei unsrer Zeit, und sie ist niedriger, gemeiner und -kleinlicher, als es die alte, die auf Faustrecht gegründet war, je war.“ - -Ihre Augen leuchteten; sie setzte sich hart in einen Stuhl. - -„Es tut einem ordentlich wohl, sich mal aussprechen zu können“, sagte -sie. - -„Ja, aber es hat so wenig Zweck“, bemerkte Gustaf. - -„Wir werden sehen!“ erwiderte die Schwester. - -Ernst erhob sich und ging hinauf in sein und des Vaters Zimmer. Auf all -das hatte er keine Antwort. Aber das fühlte er, daß zwischen ihm und -den Geschwistern etwas Gemeinschaftliches war, ein gemeinsamer Mangel, -den sie deutlicher erkannten als er, unter dem sie aber alle litten. - -Als er auf der Treppe war, begegnete er der Mutter, die aus des -Vaters Zimmers kam. Sie gingen schweigend aneinander vorüber. Aber -als Frau Hallin ins Wohnzimmer kam, warf sie Gustaf und Selma einen -mißtrauischen Blick zu, um zu ergründen, von was die Kinder wohl -geredet hätten. - -Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in -ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und -erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte. - -Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der -Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten. - -„Kommst du nicht?“ sagte sie. - -„Doch, doch“, erwiderte er. „Ich komme.“ - -Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in -den Korridor. - -Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um. - -„Ist sie da drin?“ fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig. - -„Ja“, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, -sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer. - -Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete -heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder -was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr -gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem -ausgewichen war, er dachte nur noch an eins -- daß sie ihn nicht -vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie -brauchte. - -Er drückte auf die Klinke und trat ein. - -Eva Baumann saß auf dem Sofa, das an der Wand der Tür gegenüber stand. -Ihre Augen hatten einen Glanz, als hätten sie viel gewacht, und als sie -Ernst erblickte, errötete sie heftig. - -Er blieb vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht verlegen stehen; mit einmal -fiel ihm alles ein, was gewesen war, eine peinvolle Ahnung bemächtigte -sich seiner; und im selben Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß sie -sich seinetwillen preisgab. - -„Eva“, sagte er und streckte ihr die Hand hin. - -Sie ergriff sie und sah ihm ins Gesicht, frei und offen. Ihr Gesicht -war noch rot, aber die Augen waren ruhig und ihre Stimme lebhaft und -klar. - -„Es war mir etwas Natürliches, daß ich noch einmal herkam“, sagte sie. -„Sie müssen mir darum nicht böse sein!“ - -„Ihnen böse sein...“ - -Er setzte sich neben sie aufs Sofa, aber sie rückte etwas von ihm fort. - -„Doch“, sagte sie. „Es ist ja ein sonderbarer Einfall von mir. Aber ich -konnte es nicht lassen. Ich bin ja nur ein Mädchen und habe so wenig -gesehen von der Welt. Aber es ist etwas, was ich Sie fragen muß.“ - -Seine Miene ward düster, als er antwortete: - -„Was?“ - -Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte -sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin -- einer -Freundin, die Ernsts Schwester war -- allein in einer kleinen -abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die -Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge -Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem -Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in -der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener -Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen -lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie -sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch -anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben, -der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und -aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben -versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen -ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären. - -Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung -leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu -ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war -der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie -hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt. - -Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem -sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab, -fragte sie: „Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?“ - -Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch -hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in -einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat. -Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet -hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er -wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und -klare Antwort. Ja oder nein. - -Er schwieg und blickte vor sich nieder. - -„Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?“ sagte er tonlos. - -Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins -Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an -sie gerichtet. - -„Antworten Sie mir“, sagte sie atemlos. „Antworten Sie mir!“ Sie -hatte die Hände gefaltet; ihre schlanke Gestalt zitterte wie in einem -Schüttelfrost. - -Aber er hatte nichts zu antworten. Voll Verzweiflung blickte er -auf ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen und den fest -zusammengepreßten Lippen. - -„Sehen Sie mich nicht so an!“ sagte er. „Wenn Sie wüßten, wie Sie mich -quälen!“ - -Da begriff sie, daß es wahr, daß nichts mehr zu retten war. Sie hatte -ein Gefühl, als habe er sie betrogen, betrogen um alles Glück und allen -Frieden im Leben. Sie wandte sich von ihm ab und brach in heftiges -Weinen aus. Und sie weinte lange. - -Ernst wußte nicht, was er tun sollte. Er wagte nicht, sich ihr zu -nähern, und schämte sich, zu gehen. - -Mit einmal wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht wieder zu und -strich sich das Haar aus der Stirn mit einer Bewegung, die Ernst fast -Furcht einflößte. - -„Sie haben mich betrogen“, sagte sie. „Wenn Sie so erbärmlich sind, -wie Sie sind, so hätten Sie mich in Frieden lassen müssen! Alles hab’ -ich von Ihnen geglaubt, was edel ist und gut! Keine gute, schöne -Eigenschaft gibt es, die ich nicht Ihnen beigelegt, keine männliche -Tat, die ich nicht Ihnen zugetraut hätte. Hätten Sie mich in den Staub -getreten, mich unglücklich gemacht, mich beschimpft, geschlagen -- ich -hätte es Ihnen verziehen. Aber daß Sie mich genarrt haben, mir meinen -Glauben an Sie gestohlen, das verzeihe ich Ihnen nie!“ - -Wie unter einem Schlag beugte Ernst sich vor jedem ihrer Worte. Als sie -fertig war, sagte er: „Ich habe nichts dazu getan, daß Sie mich für -besser halten sollten, als ich bin.“ - -Sie trocknete sich die Tränen ab und blickte eine Weile vor sich hin. - -„Nein“, sagte sie. „Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war’s -- -ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh...“ - -Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer -Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber -sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr -frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie -allein. - -Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte -über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht, -daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie -eine Heldentat vollbracht. - -Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam, -fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen -treten; und dann -- ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war? - -Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt, -entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre -Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein -bißchen besser zu sehen. - - - - -Neunzehntes Kapitel - - -Als Ernst Hallin am Morgen des Sonntags, an dem die Ordination -stattfand, ins Frühstückszimmer trat, war er glatt rasiert und trug zum -erstenmal den bis unters Kinn zugeknöpften Pastorenrock. Er fühlte sich -verlegen über dies neue Aussehen; und keins von der Familie vermochte -ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihn begrüßten. - -Er hatte sich bisher noch nie rasiert; und seine Haut unter dem Bart -hatte eine feine Blässe, die seinem Gesicht etwas Mädchenhaftes gegeben -hätte, wenn nicht die Brille gewesen wäre. Das Gesicht war durch das -Fehlen des Bartes kürzer geworden und wäre in der Form rund gewesen, -wenn nicht die Hagerkeit es doch hätte länglich erscheinen lassen. -Die nervösen Linien um den Mund, die der Bart früher verborgen hatte, -traten jetzt deutlich hervor. Der ganze Ausdruck des Gesichts war ein -anderer. Wer ihn nicht oft gesehen hatte, hätte ihn kaum wiedererkannt. - -Ernst selbst war während des ganzen Frühstücks mit seinem veränderten -Aussehen beschäftigt und schämte sich darüber. Der Adjunkt ulkte ihn -ab und zu ein bißchen an; und Gustaf lachte über die Späße des Vaters. -Aber es lag keine Fröhlichkeit in dem Lachen, eher eine Ironie, die -einen starken Anstrich von Ernst zeigte. Selma wurde rot, als er -ins Zimmer trat, saß aber nachher stillschweigend da, unberührt von -Scherzen und Anspielungen. - -Frau Hallin lachte anfänglich mit den andern; später versuchte sie, -die Heiterkeit etwas zu dämpfen. Wie sie sich den Sohn so betrachtete, -sah sie in ihm nicht nur das Kind, auf das sie stolz war, um das sie -gebangt, für das sie gebetet und gelebt hatte, sondern sie sah in ihm -den Priester, den Verkünder des Gotteswortes, den Mann, zu dem sie -aufsehen konnte, wie sie instinktiv zu allen aufsah, die das heilige -schwarze Ornat trugen; das Fremdartige seines Aussehens trug nur dazu -bei, in ihr das Gefühl der Ehrfurcht zu verstärken, das sich in ihre -Freude, daß der so lang ersehnte Tag nun endlich gekommen war, mischte. - -In der Domkirche drängten sich andächtige oder neugierige Scharen -um die Plätze heute; man wollte doch den feierlichen Akt sehen, der -den heutigen Gottesdienst beschließen sollte. Draußen vor der Kirche -strahlte die warme Junisonne; durch die Äste der Ulmen mit ihren -kleinen lichten Blättern leuchteten ihre Strahlen heiter auf die -Menschenströme herab, die aus allen Teilen der Stadt auf die Kirche -zufluteten. - -Vornehme Leute kamen, aus dem schönen Villenviertel, wo die Birken -in frischem Grün prunkten, aus den stolzen Häusern in der Langen -Straße und am Markt, der heute reingefegt und leer sein Pflaster der -Sonnenhitze darbot. Neue Frühlingstoiletten, große helle Feder- und -Blumenhüte, wie sie die letzte Stockholmer Mode vorschrieb, elegante -Mäntel, purpurrote Sonnenschirme, die unter dem lichtgrünen Laub in -der Sonne erstrahlten. Aber heute war ein Tag, an dem sogar die Herren -zur Kirche gingen. Hellgraue oder braune Hüte, hohe schwarze oder -niedere graue Zylinder, gelbe Stöcke mit weißen Elfenbeinkrücken neben -einfacheren aus Eiche und Weichselholz -- alles sah so neu aus, voll -Frühlingsfrische und Sommerahnung. Die Herren selbst, junge und alte, -kamen so elastisch daher, wie verjüngt vom Sommer, der seine Wärme über -das alte Schweden und Gammelby ergossen hatte. Aber sie unterhielten -sich bloß flüsternd, und kein Lachen ward hörbar auf dem Weg zur Kirche. - -Die alten Domglocken läuteten mit feierlichem Klang über den Köpfen -der Menge den Gottesdienst ein. Sie läuteten alle weltlichen -Gedanken hinweg und mahnten mit ihrem Klang all die Menschen mit -ihren verschiedenen Trieben und wechselnden Gedanken, sich in Gottes -Heiligtum zu versammeln, abzulegen alle eiteln Gedanken an die Welt und -was von der Welt ist, zu vergessen den Unterschied zwischen arm und -reich, hoch und niedrig, Gerechtem und Ungerechtem, und einzutreten in -das kühle, himmelanstrebende Gewölbe, wo die Sonne in langen bunten -Streifen ein phantastisches Licht über die hohen Säulenreihen und -die Menschen warf, einzutreten als eine einzige große Familie von -Brüdern und Schwestern, die für ein paar kurze Stunden in der Woche -gemeinschaftlich die Knie beugen und sich gleich fühlen vor Gott, der -unser aller Vater ist. - -Aber zwischen den feinen Kleidern sah man auch die schwarzen Kopftücher -und altmodischen Hüte des Armenviertels. Sachte gingen die Leute ihres -Wegs, grüßten demütig ihre „besseren“ Brüder im Herrn und nahmen in den -hintersten Kirchenstühlen oder im Seitenschiff Platz, in den Stühlen, -die den Armen offen standen, wo niemand sich einen Platz oder einen -Schlüssel kaufte, um nicht mit groben Kleidern und derbem Geruch in -Berührung zu kommen. - -Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen, -und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft. - -Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in -Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe -ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die -alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch -die hohe Wölbung klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten -Ecke des großen Domes zu verstehen. - -Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht -beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und -die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich -gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche -gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der -Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise -recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und -dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in -den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die -feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral -begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor, -wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die -nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später, -in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu -stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor -vorging. - -Vorn gingen die Meßner eifrig und geschäftig umher, trieben die -drängenden Volksmassen zurück und stellten sie in geordneten Reihen auf. - -„Nicht so nah zum Altar. Platz für die Prozession und den Bischof!“ - -Dann hängten sie die vier Meßgewänder in geziemenden Zwischenräumen an -den Altarschranken auf. - -Plötzlich ward es ganz still in der Menge; der Weg zum Altar -verbreiterte sich, die Hintenstehenden stellten sich auf die Zehen, um -besser zu sehen, und durch die niedere Sakristeitür betrat die kleine -Prozession die Kirche. - -Zuerst kam der Bischof, hoch und gebieterisch, die goldene dreieckige -Mitra auf dem Kopf, den goldenen Stab in der Hand. Um seine mächtige -Gestalt hing das weite, in Seide und Gold gestickte und in allen -Regenbogenfarben schimmernde Bischofsornat. Am Hals sah das faltige -weiße Meßhemd hervor. - -Hinter ihm kamen die Hilfsgeistlichen, je zwei und zwei. Vorn der -Professor der Theologie Kumlander, neben ihm der Konsistorialnotar. -Die Geistlichen im Ornat, der Konsistorialnotar in Frack und weißer -Halsbinde. Nach ihnen kamen die vier, die ordiniert werden sollten, -voraus Simonson und Ernst Hallin, alle in weißen Meßgewändern, die um -die Mitte anschlossen und bis auf die Füße herunterreichten. - -Unter den Klängen der Orgel schritten sie leise durch die Volksmenge -und stellten sich um den Altar auf. Die vier Kandidaten in ihren weißen -Gewändern beugten das Knie. - -Als der letzte Akkord des Chorals verklang, wandte sich der Bischof der -versammelten Menge zu. In der einen Hand hielt er das Meßbuch, in der -andern ein langes feines Battisttaschentuch. - -„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ -begann er. - -Über der großen Menschenmenge lag vollkommenes Schweigen. Nicht ein -Flüstern war hörbar, nicht ein Laut. Die jungen Kandidaten hatten sich -erhoben und standen aufrecht in einem Halbkreis um den Altar. - -Der Bischof begann mit seiner Rede, die er von einem Papier ablas, das -er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die -einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon -Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete: -Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide -meine Lämmer!“ - -Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte, -über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten -hatte. Im Gegenteil -- schon damals war dem Bischof der Gedanke -gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die -jungen Leute, die das schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten. -Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der -Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem -Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte. -Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern. -Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er -dereinst von Petrus forderte. - -Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die -ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als -Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den -er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der -Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit -alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich -in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen -sollte. - -Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten -Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann -gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder -hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“ -Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand -wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen, -durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte. -Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer -Halluzination -- sein ganzer Körper glühte im Fieber. - -Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die -gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt -des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis -hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien -am Ornat des Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und -blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts. - -Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der -Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die -Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete. - -Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten, -warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis -vor dem Altar standen. - -Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder -als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore -gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das -Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem -lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche -war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die -Fenster. - -Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und -bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den -verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel, -als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr -strahlender Weg sich Bahn brach. - -Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als -wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören. - -Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte -nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn -wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden -Sonnenstrahlen. - -Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich -einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine -Phantasie war. Aber die Phantasie war so mächtig in ihm, daß er es sah -wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige -Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit -tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche. -Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht -in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben -geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der -Domkirche hereinleuchtete. - -Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er, -wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und -doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende -Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie -schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden -Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er -bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen! - -Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der -Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn -niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen -jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte. - -Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde. - -Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich -umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und -dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen -und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht -spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden -Sonnenstrahlen: - -„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das -Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“ - -Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen -Puff in die Seite aufgerüttelt. - -Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf -aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel -vorzusprechen. - -Ernst Hallin wiederholte die Worte, wie sie ihm in den Mund gelegt -wurden. - -„Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen...“ - -„Ich glaube an Jesum Christum...“ - -„Ich glaube an den Heiligen Geist...“ - -Er war blaß vor Gemütsbewegung; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. -„Die Sonne hat gesiegt!“ klang es in ihm. Was waren das für sonderbare -Gedanken, die manchmal in ihm erwachten und ihn nicht einmal jetzt in -Ruhe ließen! Was waren das für Gedanken? - -Mit schwacher Stimme und niedergeschlagenen Augen beantwortete er -des Bischofs Fragen; und als das Gelübde abgelegt werden mußte, das -entsetzliche Gelübde, vor dem er sich so lang gefürchtet hatte, sprach -er es ganz gedankenlos, ohne daß die Worte ihm einen tieferen Eindruck -machten als jede beliebigen andern Worte: - -„Ich, Ernst Hallin schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium, zu -dessen Verkündigung ich hiermit berufen und ausersehen werde, daß ich -stets bei der reinen evangelischen Lehre verbleiben will, so wie sie -im Worte Gottes, den heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments -offenbart und durch das Augsburgische Glaubensbekenntnis und den -Beschluß des Konzils zu Upsala im Jahre 1593 angenommen und verkündigt -worden ist, also daß ich dawiderstreitende Lehren weder offenbarlich -verkünden noch heimlich fördern will.“ - -Klar bewußt, was eigentlich vor sich ging, ward er sich erst, als der -Bischof nach Ablegung des Gelübdes mit starker und gebieterischer -Stimme die Worte sprach: - -„Kraft der Vollmacht, die mir aus Gottes Gnaden von seiner Gemeinde -anvertraut ist, erteile ich euch hiermit das Predigeramt, im Namen -Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ - -Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig -um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis, -hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da -oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß -alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte -er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte. - -Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein -Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm -über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er -vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach. - -Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in -die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren -Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen. - -Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter -Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen -fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er -des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße -Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken, -die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke -hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit -seinen Amtsbrüdern wieder hinausging. - -Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den -Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der -ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt für Schritt mit ihm -gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und -ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt. - -Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen -Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die -Tränen zurückzuhalten. - -Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge -und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen -Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah. - -Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum -Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten -auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander; -alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2 -Uhr wartete daheim das Mittagessen. - -Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und -hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als -ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen -Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf -einem Stuhl hinter der Tür. - -Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war +ein+ Zimmer, und er -wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster -und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster -lag. - -Es war ihm so seltsam zumut -- so einsam. Es war das erste Mal, daß -er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung -begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen -Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es -von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in -die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an sein -eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von -dem er nicht mehr zurück konnte. - -So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde. - -Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß -Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der -Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen -Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf -andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen -bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen -paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht -hervorzurufen. - -Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom -Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte. - -Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah, -wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die -Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte. -Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine -Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er -überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser -Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang -er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu -ihr nieder und küßte sie auf die Stirn. - -Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich -über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie -fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt -hatte, so alltäglich, so trocken. - -Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem -Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden -Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte -sich, es wäre alles so, wie es sein sollte. Sie wußte ja, hätte der -Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht -getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im -Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind -behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später -am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen -Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ -ihn ohne eine Frage gehen. - -Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche -machen. - -Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa -anzutreten. - - - - -Zwanzigstes Kapitel - - -Ein Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten -und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen -ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre -veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der -steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh -der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten, -Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir -Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist. - -Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung -durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung -gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor -sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem -ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück. - -Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson. - -Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine Karriere -in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache -Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in -der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war -zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter -aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des -Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale -legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen -verknüpften. - -Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des -häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte. -Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau -stellte, entsprach, und da sie vor allem -- dank der zurückgegangenen -Verlobung -- aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er -um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort -erhielt. - -Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam -mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen. -Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und -ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt -es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß, -daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas -geführt hat? - -Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor -Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert, -sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche -Persönlichkeit begünstige. - -Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender. - -Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen, -arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld, -das nie reichen wollte, und hatte seine Anfälle von schlechter Laune, -die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten. - -Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr -Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen -Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer -mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des -Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht. - -Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil -sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten. - -Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt. - -Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige -Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen -den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen. - -„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“, -sagte sie. - -Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar -nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich -zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge -sie ihren Rücken unter einem Schlag. - -„So“, sagte sie einsilbig. - -„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter. - -„Du konntest nicht anders?“ - -Frau Hallin sah wieder auf. - -„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können, -daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“ - -„Ihr hättet es nicht zugelassen.“ - -Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eine Weile. Die Mutter -konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber -der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein, -besiegt zu sein. - -„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma. - -Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr -Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte. - -„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern -in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je -geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das -ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens -arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so -tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so. -Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“ - -Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre -Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das -Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können. - -Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das -bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können. - -Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein -Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit -der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und -mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer -Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der -Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur -ein einfacher Landwirt werden sollte. - -„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja -gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war. - -Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn verloren hatte, wie -die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten, -die Jahre und die Einsamkeit. - -Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke -an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn -sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit -und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte -einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm -allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche. - -Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als -früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war, -hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“ -ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm -geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch -und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein -Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit -an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine -ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner -selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets -mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur -Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war, -schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein -bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm -vorgegangen war. - -Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte. -Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa -hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren, -gaben sie eine kleine Gesellschaft -- lauter junges Volk. Frau Hallin -hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt. - -Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden -und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da -- auf Selmas ganz -besonderen Wunsch. - -Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden -Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für -einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden, -ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug -zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die -anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze -Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte. - -Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn -nicht interessiert. - -Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an, -daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht -länger schweigen durfte. - -„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg, -der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des -Herrn weiht.“ - -Seine Stimme war klar und beherrscht, und er blickte dem Bruder ruhig -ins Gesicht. Man sah es ihm an, daß ihm das Landleben gut getan -hatte. Er war dicker geworden, das Gesicht hatte Farbe und ein leiser -Bartansatz zeichnete sich von den Wangen ab. - -„Aber,“ fuhr er fort, „die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich; -und wer mit reinem Willen in den priesterlichen Stand tritt, dem -wird der Herr auch zu einem rechten Glauben verhelfen, mag er auch -anfänglich schwach und schwankend sein. Ist die Zeit so böse, ist der -Unglaube so stark, daß sie, wenn möglich, sogar die Auserwählten zu -verführen drohen, so steht um so fester die Verheißung unseres Herrn, -daß dem, der am eifrigsten in seinem Dienst gearbeitet hat, im Himmel -seine Stätte bereitet ist, die ihn für seine Arbeit auf Erden belohnen -wird.“ - -Frau Hallin nickte dem Sohn zu. Wieder einmal freute sie sich, daß der -Herr doch eins ihrer Kinder bewahrt hatte... - -Im selben Augenblick aber begegnet Ernst Hallins Auge einem Blick, der -einen ganz anderen Ausdruck hatte. Eva Baumann war es, die ihn ansah. -Ihr Blick war kalt, fragend, neugierig. Sie hatte ihn im letzten Jahre -da und dort getroffen und sich selber immer wieder gefragt, wie es -möglich sei, daß sie so gleichgültig sein konnte. So ganz, als wäre -zwischen ihnen gar nichts vorgefallen. - -Und jetzt fühlte Ernst diesen forschenden Blick auf sich ruhen. -Er drückte keinerlei Interesse für seine Person aus, nichts als -unbezwingliche Wißbegierde. Es sah aus, als möchte sie bloß um jeden -Preis ergründen, wie er eigentlich innerlich zusammengesetzt war. Und -zugleich bemerkte er ein fast unsichtbares ironisches Lächeln auf ihren -Lippen. - -Pastor Hallin war sehr unbehaglich zumut. Er sagte sich selber, er -habe ja doch nicht gelogen. Es war wirklich seine Überzeugung, die -er da ausgesprochen hatte; und er freute sich darüber, daß er sie -ausgesprochen hatte. - -Dennoch stand er auf und wechselte den Platz; und dabei konnte er es -nicht hindern, daß er tief errötete. - - -Ende - - - - -Fischers Bibliothek - -zeitgenössischer Romane - -Dritter Jahrgang - -(Oktober 1910-September 1911) - - 1. Bd. Th. Fontane, Irrungen Wirrungen - - 2. Bd. Björnstjerne Björnson, Mary - - 3. Bd. Gabriele Reuter, Frauenseelen - - 4. Bd. Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung - - 5. Bd. Sophie Hoechstetter, Passion - - 6. Bd. Knut Hamsun, Redakteur Lynge - - 7. Bd. Hermann Bahr, Theater - - 8. Bd. Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin - - 9. Bd. Bernhard Kellermann, Yester und Li - - 10. Bd. Felix Hollaender, Das letzte Glück - - 11. Bd. Jonas Lie, Auf Irrwegen - - 12. Bd. J. Wassermann, Der niegeküßte Mund - - -Jeden Monat erscheint ein Band - - - - -Gustaf af Geijerstam - -Gesammelte Romane in fünf Bänden - - Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des - Dichters. Entwurf des Einbandes von E. R. Weiß. Geheftet 12 M, in - Leinen gebunden 15 M. - - 1. Bd.: Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des - Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas - Geheimnis. - - 2. Bd.: Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe. - - 3. Bd.: Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht. - - 4. Bd.: Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte. - - 5. Bd.: Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee. - -Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter -uns. Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke --- rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise, -die denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe -- -ist Beweis dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser -Auswahl ganz. Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in -einer Einleitung von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine -seelisch eindringliche, man könnte beinahe sagen, erschöpfende Analyse -von Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt -sich eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den -Rahmen von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich -die Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die -Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. -- Eine neue Frucht der -Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen! -Aus dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit -verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden -- wie -das immer war -- beides daraus schmecken: Tod und Leben. - - (Frankfurter Zeitung) - - - - -_Das Buch vom Brüderchen_ - - -Wir haben es hier mit einem wundervollen, tief melancholischen Buch -der Liebe und Ehe zu tun, das ein bedeutender Dichter geschrieben hat. -Das Buch ist reich an lyrischen Stimmungen, ja es ist eigentlich nur -eine Kette von solchen, und durchpulst von dem echtesten Empfinden. Es -sind die Aufzeichnungen eines glücklich-unglücklichen Mannes, der ein -schönes, kluges und geliebtes Weib besitzt und drei Kinder, nach deren -jüngstem dieses Buch benannt worden ist. - -Dieses keusche, zarte, liebenswerte Buch sollten alle lesen: die Alten -und die Jungen. Besonders die jungen Mädchen sollten es lesen, anstatt -der verlogenen Liebesgeschichten, die zumeist ihre Lektüre bilden. Und -dann die Mütter. Dieses Buch ist wie eine kleine Bibel. Es ist reich an -allem Guten und Heiligen. Es ist reich an tiefen mystischen Beziehungen -zwischen Mensch und Mensch, und die Natur -- Schweden und seine Schären -und das Meer -- steht leuchtend und groß darin auf. Das Buch ist ein -Kunstwerk und ein Werk des Lebens zugleich. So sollen gute Bücher sein. - - (Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen) - - -_Nils Tufvesson und seine Mutter_ - -Der dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer -Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend -wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt -man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen -Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche -Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein -herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist -auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen -immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist -Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte -zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord, -noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend -dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen -Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden. -Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat -ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor, -in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und -doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas -Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem -Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt -und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam -mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe -seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel -Tausende von neuen Lesern gewinnen. - - (Neue Zürcher Zeitung) - - -_Frauenmacht_ - -Nachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson -grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und -entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten -Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der -Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben -läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die -Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein -Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt. - -Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von -einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches -vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und -Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch -und Mensch, und die Natur -- Schweden mit seinen Schären und das Meer --- steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk, -durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu -werden. - - (Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin) - - -_Wald und See_ - -Geijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger -Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen -kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen, -tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern -wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können -sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie -die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie -beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen, -was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu -können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur. -Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt -ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend -still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam, -dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während -unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was -sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder. - - (Die Zeit, Wien) - - -_Karin Brandts Traum_ - -Ein Lebenssiegerbuch, wie selten in unserer Literatur der Ohnmacht -und Schwäche! Es ist, als ob von Geijerstam immer mehr und mehr alles -Überflüssige abfiele, alles, was dekorativ ist und Füllwerk. Er wird -einfacher mit jedem Buch. Klar und rein hebt sich der Kern heraus. -Dieser neue Roman sieht sich zuerst beinahe ärmlich an. Ein schlichtes -Menschenschicksal, das nicht über die Alltäglichkeit hinausging, wird -erzählt. Aber dann quillt aus der Schlichtheit ein Reichtum auf. Man -fühlt deutlicher und eindringlicher der Schlichtheit zweites Gesicht: -die Echtheit. Da ist keine Mache mehr, kein Aufputz, kein Künsteln -mit den narkotischen Mitteln der Unehrlichen im Romangewerbe. In -Geijerstams Romankunst ist Ehrlichkeit, Leben, Wahrheit. Erst wenn man -sich so aller blendenden Äußerlichkeiten begibt, kann man so innerlich -werden wie der Autor von Karins Traum. - - (Münchener Post) - - -_Gefährliche Mächte_ - -Der Roman „Gefährliche Mächte“ bietet uns Geijerstams tiefste, -gedankenreichste Schöpfung. Wieder beschäftigt sich der Eheprediger mit -dem Problem der Ehe. Wieder behandelt er die Hauptlehre seines Lebens, -daß wir uns selber nicht, geschweige denn einen anderen erkennen, -daß wir alle im Dunkeln herumirren. Heller und lauter, ernster und -nachdrücklicher aber erhebt Geijerstam diesmal seine Stimme. Die -beiden großen alltäglichen Tragödien des menschlichen Lebens, den -Zusammensturz ehelichen Glückes und die Tragödie des Verkanntseins, -der Vereinsamung verschmilzt er zu einer ergreifenden Einheit. Klänge -nicht überall seine alles begreifende, alles verzeihende Menschenliebe -hindurch, so könnte das Buch als eine niederschmetternde Anklage die -Freude am Leben aus unserem Herzen verjagen. - - (Allgemeine Zeitung, München) - - -_Das ewige Rätsel_ - -Das Problem der Ehe, das Problem der Geschlechter -- das „ewige -Rätsel“ -- wird hier von einer ganz neuen Seite und mit neuen Mitteln -behandelt. Dieser Roman enthält, abgesehen von einer sehr spannenden, -aber kurzen Episode, fast gar kein Geschehen im Sinne der epischen -Kunst. Es ist alles Psychologie, spinnwebdünnes seelisches Ereignis... -Mit unendlich feiner, subtiler Kunst hat Geijerstam das innerste -Verhältnis zwischen Mann und Weib geschildert. Er hat aus dem Problem -der Ehe das weitere, größere Problem herausgelöst, das Problem der -Fremdheit der Menschen zueinander. - - (Pester Lloyd) - - -_Die alte Herrenhofallee_ - -In diesem letzten Roman, den uns der schwedische Dichter hinterlassen -hat, behandelt er noch einmal das Problem der Ehe, dem er in der -„Komödie der Ehe“ mit feinem psychologischen Tasten nachgegangen war. -Die Umwelt verlegt Geijerstam in eine längst vergangene Zeit, „noch -ehe der Ton der Dampfpfeife das Rauschen der schwedischen Wälder -durchschnitt“. Durch die alte Herrenhofallee ist einst eine Vorfahrin -der Heldin seiner Erzählung ihrem Gatten davongefahren, und dieser -hat alsbald, um jede äußere Spur, die ihn an seinen Unglückstag -erinnert, zu vertilgen, die alte Allee umhauen lassen -- ein Symbol, -das gleichsam mit vererbender Schicksalskraft im Leben der Heldin -wiederkehrt. Es ist ein abgeklärtes Können, eine von einer ausgeprägten -dichterischen Persönlichkeit geführte Objektivität, die in allem -Geschehenen die seelischen Fäden erkennt und auflegt. - - (Breslauer Morgenzeitung) - - - - -Werke von Gustaf af Geijerstam - - - Das Haupt der Medusa. Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - Das Buch vom Brüderchen. Roman einer Ehe. 18. Tausend. Geh. M 3.50, - geb. M 4.50 - - Die Komödie der Ehe. Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - Nils Tufvesson und seine Mutter. Bauernroman. 4. Tausend. Geh. M - 3.50, geb. M 4.50 - - Frauenmacht. Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.--, geb. M 4.-- - - Wald und See. Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - Kampf der Seelen. Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - Alte Briefe. Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - Karin Brandts Traum. Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.-- geb. M 4.-- - - Gefährliche Mächte. Roman. 6. Tausend. Geh. M 4.--, geb. M 5.-- - - Die Brüder Mörk. Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - Das ewige Rätsel. Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.--, geb. M 4.-- - - Die alte Herrenhofallee. Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50 - - -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN *** - -***** This file should be named 61480-0.txt or 61480-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/4/8/61480/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Pastor Hallin - -Author: Gustaf af Geijerstam - -Translator: Ingeborg Klett - -Release Date: February 22, 2020 [EBook #61480] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0">Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> wurde vom Bearbeiter eingefügt. -Alle <a href="#anzeigen">Buchanzeigen</a> wurden zusammengefasst am Ende des Texts -wiedergegeben.</p> - -<p class="p0">Die Buchausgabe wurde in Frakturschrift gedruckt. <span -class="antiqua">Antiquaschrift</span> wird hier kursiv wiedergegeben. -<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="figcenter break-before showhtml"> - <a id="einband" name="einband"> - <img class="w25em" src="images/cover.jpg" alt="" /></a> - <p class="s5 center mbot3">Original-Einband</p> -</div> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="illu_001" name="illu_001"> - <img class="mtop1 w6em" src="images/illu_001.jpg" alt="Verlagssignet" /></a> - </div> - -<h1><b>Pastor Hallin</b></h1> - -<p class="s3 center">Roman von</p> - -<p class="s1 center">Gustaf af Geijerstam</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu_003" name="illu_003"> - <img class="mtop3 w6em" src="images/illu_003.jpg" alt="Deko" /></a> -</div> - -<p class="s2 center mtop3">S. Fischer, Verlag, Berlin</p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Autorisierte Übertragung<br /> -aus dem Schwedischen von Gertrud Ingeborg Klett.</p> - -<p class="s5 center">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Erstes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">5</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Zweites Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">18</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Drittes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">24</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Viertes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">34</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Fünftes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">46</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Sechstes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">54</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Siebentes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">66</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Achtes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">79</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Neuntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">92</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Zehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">97</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Elftes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">115</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Zwölftes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">125</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Dreizehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">151</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Vierzehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">164</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Fünfzehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">173</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Sechzehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">180</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Siebzehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">192</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Achtzehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">204</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Neunzehntes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">215</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="mright3">Zwanzigstes Kapitel</span> - </td> - <td> - <div class="right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">227</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">E</div> - -<p class="p0"><span class="transp">E</span>ine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch -das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und -einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch. -Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden -Tageshelle.</p> - -<p>Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem -Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen -weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart -bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er -liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht, -daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die -Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der -Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es -nicht.</p> - -<p>Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar -Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge -und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn -bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt -sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der -Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht.</p> - -<p>Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem -Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem -überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er -legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt -hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen, -während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt -dazu schlug.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p>Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben -ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute -zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er -plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht -gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und -begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen. -Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief:</p> - -<p>„Bist du fertig?“</p> - -<p>Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und -begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing, -seine Toilette in Ordnung zu bringen.</p> - -<p>„Guten Morgen, Tante... Gleich!“</p> - -<p>Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch -und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag.</p> - -<p>Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf -dem die Teemaschine dampfte und pustete.</p> - -<p>„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie.</p> - -<p>Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie -müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“</p> - -<p>Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch.</p> - -<p>„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte -er.</p> - -<p>„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du -reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine -Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“</p> - -<p>Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> seinen Tee. -Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute, -Tante?“</p> - -<p>Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus.</p> - -<p>„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht. -Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“</p> - -<p>Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um -nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte.</p> - -<p>Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach -der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in -all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach -dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und -angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung -abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes -Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht -zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags -studieren wollte.</p> - -<p>Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er -auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.</p> - -<p>Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war -überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil -sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter -den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum -erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.</p> - -<p>Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär -— eben Ernst Hallin — und im übrigen einen Kosttisch für Studenten -hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in -Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren -Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die -populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> -ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie -immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das -alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen -fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte, -für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.</p> - -<p>Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen -gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh -außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken -ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief -zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch -gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des -Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.</p> - -<p>Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die -„akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und -wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab -zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam -er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich -bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.</p> - -<p>Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala -blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt -hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte -er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte -er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht -wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von -der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig, -friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des -Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden -und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>Und er <em class="gesperrt">hatte</em> studiert. Wie friedlich und wohltuend waren -nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum -durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben, -Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und -seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen -können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder -unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige -Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder -über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und -Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte -er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren, -der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand, -gelesen.</p> - -<p>Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke -und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen, -desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er -zurecht mit seinen Zweifeln.</p> - -<p>Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran, -daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere -heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen -herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich -barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können, -wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine -derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.</p> - -<p>Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war -diese Zeit gleichsam vergessen — verschwunden. Jetzt ward er von -unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht -quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so -ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner -Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> sie täglich -und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten -Erscheinungen und beunruhigten ihn.</p> - -<p>Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit -sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als -fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.</p> - -<p>Fertig!</p> - -<p>Ja, er wußte ja, daß er fertig werden <em class="gesperrt">mußte</em>. Der Vater hatte es -ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und -der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu -unterhalten.</p> - -<p>Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die -Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde -Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten -weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.</p> - -<p>Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art -seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar -nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch -nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die -Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der -seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in -ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.</p> - -<p>Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor -sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte -um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts. -Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht -wie er hier herumlief — um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor -dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an -ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß -noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> in seinen -Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu -setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.</p> - -<p>So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war -fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte -solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte -Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das -vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich -nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er -<em class="gesperrt">könne</em> gar nicht durchfallen.</p> - -<p>Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer -in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar -Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den -Schaukelstuhl.</p> - -<p>Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer -Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie -an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.</p> - -<p>Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen -auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört -hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die -Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das -Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.</p> - -<p>Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag -auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er -sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer -auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte -sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter -Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit -des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach -dem Abiturientenexamen war er so<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> kränklich gewesen, daß er nicht -einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens -zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß -bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und -in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn -beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er -haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige -Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige -Fähigkeit — das Gedächtnis — bis aufs äußerste anstrengen, während -die andern alle ruhten — das wars, was ihm einen Knacks gegeben -hatte! Aber er wußte — er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit -wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken -besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch -oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft, -stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine -schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug -er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit -dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken -haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut -die Worte des Kollegs dazu murmelte.</p> - -<p>Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten. -Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich -ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit -Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder -Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans -Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte, -bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein -paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter -daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den -Seinen sein würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p>Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das -er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden, -der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder -eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die -ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe -hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer -gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen -berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte, -wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte -er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen, -auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern -Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich -ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen -Finger aufhörten.</p> - -<p>Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu -sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl -sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in -den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich -instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und -sah, daß es fast halb Zwei war.</p> - -<p>Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben — -bis zum Mittagessen.</p> - -<p>Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen -und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen -im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.</p> - -<p>Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still -verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte. -Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu -lesen und zu denken, das wußte sie.<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> Darum achtete sie genau darauf, -daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des -Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre. -Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin -und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht -einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür -dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer -selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit -Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.</p> - -<p>So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man -mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der -hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in -seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls, -wenn er über eine unebene Diele ging.</p> - -<p>Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und -die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach -Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins -Zimmertür.</p> - -<p>„Es ist angerichtet.“</p> - -<p>Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das -Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt -hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend, -während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.</p> - -<p>Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei -jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie, -einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich -gesinnt waren.</p> - -<p>Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser -Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das -Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> eine ganze Menge -Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des -Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen -zu entscheiden. Mit einem Wort — er war die Seele der Gesellschaft -gewesen.</p> - -<p>Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder -einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt -der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte -abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.</p> - -<p>Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im -Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den -Kaffee zu nehmen.</p> - -<p>Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden -und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil -altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen -Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes -Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen -weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker -Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar -war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete, -entgegenschlug.</p> - -<p>Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng -verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt, -und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets. -Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas -außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu -riechen.</p> - -<p>Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit -andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die -andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle -gegangen, so zog er sich zum<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen -Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.</p> - -<p>Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und -abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume -verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte -für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.</p> - -<p>Hier waren seine Gedanken am freiesten.</p> - -<p>Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen -gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus -Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.</p> - -<p>Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der -längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er -dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe -und studierte.</p> - -<p>Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger, -als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem -Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz -von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern -des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich -zu rauchen pflegte.</p> - -<p>In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.</p> - -<p>Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue -„Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken -verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, — er hielt -es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger -jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung -löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der -andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden -Lampe saß und auf ihn wartete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als -hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte -die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter -nie hatte reden können!</p> - -<p>An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund -hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden -Seele von Nutzen sein durfte.</p> - -<p>Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches, -freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.</p> - -<p>„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.</p> - -<p>„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken. -„Jetzt ist Schluß.“</p> - -<p>Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.</p> - -<p>„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.</p> - -<p>Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht -und begann zu lesen.</p> - -<p>Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von -einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich -selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der -Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil -eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.</p> - -<p>Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still -in dem kleinen Zimmer.</p> - -<p>„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.</p> - -<p>Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit -Brand gemeint hätte.</p> - -<p>Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam -das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem -bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts -Elternhaus.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">G</div> - -<p class="p0"><span class="transp">G</span>ammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum -Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des -Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des -Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu -beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die -Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine -alte Brücke über den Fluß führt.</p> - -<p>Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen, -wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen, -über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind -die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im -Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und -der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein -Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße -stehen.</p> - -<p>Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder -sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen, -dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die -Volksvermehrung.</p> - -<p>Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern. -Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen -die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad, -grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der -kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein -Holz in ihren Herd zu schieben haben.</p> - -<p>Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen -die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter -auf den großen Holzplätzen. Hier sind die<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> großen Höfe, auf denen -Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die -Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet -oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber -haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen -sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des -Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr -geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.</p> - -<p>Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine -Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.</p> - -<p>Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen -Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite -an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig -vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen -Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten -verdrängen will.</p> - -<p>Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten -Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen -in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.</p> - -<p>Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die -Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen -in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil -und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große, -lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären -sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu -oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen -Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.</p> - -<p>Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden -Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> alte, ehrwürdige Familien -wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten -Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet, -sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß -der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn -nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie -wissen, Einigkeit macht stark.</p> - -<p>Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was -man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem -kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter, -gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken -angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten -anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten -niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne -Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus -diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.</p> - -<p>Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage, -und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings -versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten -Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei -denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen -die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte -ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern -verborgen lagen.</p> - -<p>Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht -wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen. -Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine -Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und -Aktienbanken ins Leben. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> die neuen Lebensbedingungen brachten eine -neue Lebensweise mit sich.</p> - -<p>Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag -an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen -den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um -jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen -und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn -die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer -Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die -Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter -hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da -ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie -gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch -ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer -neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei -Jahre leben, solange er eins lebt.</p> - -<p>Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt -sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt -Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen, -verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an -das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten -Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.</p> - -<p>Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz, -das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in -der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und -reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in -dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals -und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber -in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesang<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>buch, -das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch -eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen -Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes -oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen, -oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und -in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen -Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft -in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich -abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt -oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die -Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die -Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des -Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll -von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen, -davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen -Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist -es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern -sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des -Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.</p> - -<p>Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern, -mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.</p> - -<p>Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der -gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus -den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und -der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten -aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte -dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren -Gesellschaft bilden, was sich hier, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> anderswo, bei näherer -Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.</p> - -<p>Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder -haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben -sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im -Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine -Kleinstadt, wo — bestenfalls — die ersten zehn Jahre zur Bezahlung -der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen -und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.</p> - -<p>Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer -„Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr -Urteil und nennen sie Bücherwürmer.</p> - -<p>Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an -jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären. -Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft -von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter -gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so -heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern, -die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben -diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich -auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie -leben und sich entwickeln.</p> - -<p>Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und -formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer -besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes -Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der -großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">D</div> - -<p class="p0"><span class="transp">D</span>er Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der -untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche -Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; -die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie -schwanzwedelnde Hunde.</p> - -<p>„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den -Unterschied zwischen <span class="antiqua">cado</span> und <span class="antiqua">caedo</span> merken kannst! -Wie war das? <span class="antiqua">Cado, cecidi, casum — casum</span>, sag’ ich — -<span class="antiqua">cadere</span>. Also — sprich es nach. Wie war es?“</p> - -<p>Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges -Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem -unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf -einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen, -ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts -besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit -leiser Stimme: „<span class="antiqua">Cado, cecidi, casum, cadere.</span>“</p> - -<p>„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede -die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und -du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und -lauter!“</p> - -<p>Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.</p> - -<p>„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit <span class="antiqua">caedo</span>?“</p> - -<p>Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und -schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.</p> - -<p>Aber es war eine alte Geschichte — Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt -Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester -Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen, -der so unvorsichtig war, einem andern<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> zu helfen oder mit den Augen -um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine -Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln, -das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör -mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes -an dem kleinen Petterson da neben dir links?“</p> - -<p>Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen -sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit -niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht, -das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit -Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.</p> - -<p>„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest -du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann -vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse -auf das unglückselige Verb <span class="antiqua">caedo</span> zu übertragen? Mit <span class="antiqua">ae</span>.“</p> - -<p>Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig: -„<span class="antiqua">Caedo, cecídi, caesum, caedere.</span>“</p> - -<p>„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“</p> - -<p>Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer -ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.</p> - -<p>„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal -wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten -Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist -ein langer Satz. <span class="antiqua">Qui quum</span> usw.“</p> - -<p>Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten -Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben, -leicht, rasch, sicher und ruhig.</p> - -<p>Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch -das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> sich, und im Nu entstand -ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher -zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen -zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge; -Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten -Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein -dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er -hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes -Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.</p> - -<p>Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen -wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das -Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen -blieben.</p> - -<p>„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er.</p> - -<p>„Und nicht zu vergessen — wer <span class="antiqua">cado</span> oder <span class="antiqua">fallo</span> nicht -kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“</p> - -<p>Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs -Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die -Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule -durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.</p> - -<p>Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken -Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf -dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war, -in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen -Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.</p> - -<p>Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die -zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz -gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er -machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er -seine Brust dehnen; dann senkte<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit -langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem -er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten -sich, als spräche er mit sich selber.</p> - -<p>Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn -der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau -zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht -einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er -grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man -doch einen viel besseren.</p> - -<p>Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich -ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als -die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten -begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten -und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu -schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem -heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz -allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn -doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch -sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten -daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen -kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und -so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues -Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der -städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes -Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen -brauchte.</p> - -<p>Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft — bloß ein -„paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum -Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama -für Papa. Und ein paar Flaschen Wein<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> mußten doch auch da sein, -und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und -Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.</p> - -<p>Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden. -Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die -Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von -morgens bis abends in Tätigkeit.</p> - -<p>Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die -Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis -der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in -diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der -Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin -ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß -nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß -seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten -hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben. -Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war; -er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt -auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen -beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz -nach seiner Wohnung ging.</p> - -<p>Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen -vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein -Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die -durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner -Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am -Mittagstisch.</p> - -<p>Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo -sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen -Haufen blaueingebundener Hefte<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer -trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.</p> - -<p>„Wie geht’s heut, Papa?“</p> - -<p>„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf -erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.</p> - -<p>„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im -selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein -aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften -grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar -lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht -sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug -frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.</p> - -<p>„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und -wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“</p> - -<p>Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung -ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten -werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern -kommen könne.</p> - -<p>Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den -Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er -es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah, -wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und -nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete -er es überhaupt noch.</p> - -<p>Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater, -Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.</p> - -<p>„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte -Frau Hallin.</p> - -<p>Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer -den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Zeichen, daß man -anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten -Häuptern da; dann setzten sie sich.</p> - -<p>Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber; -zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck -bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem -Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf -jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas — die Gläser waren -alle sehr klein — vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor -dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche. -Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne -Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die -das Mädchen eben herumbot.</p> - -<p>Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den -Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den -Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die -Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und -bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen -Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder -Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas -bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen -hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von -der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich -unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich -kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten -fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam -ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären, -wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder -dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß -für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem -väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte,<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> -aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.</p> - -<p>Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester -vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen -suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs -Fleischklöße auf meinem Teller!“</p> - -<p>Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen, -wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch -war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr -unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die -Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den -Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis, -die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, — ein Bedürfnis, -das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen -Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.</p> - -<p>„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun -einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es -so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren -Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich -nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist -ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um -seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin, -was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im -stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte, -weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen -hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme, -würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem -Adjunkten in der Seele weh tun müsse!</p> - -<p>Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich -ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> übrig. -Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte -gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein -langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen -Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig -zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte, -guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas -drin sei.</p> - -<p>Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen -begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob -er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des -Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle -im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende -Handbewegung und sagte: „Frag doch <em class="gesperrt">mich</em> nicht! <em class="gesperrt">Ich</em> hab -doch nichts zu sagen hier im Haus!“</p> - -<p>Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das -andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam; -man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob -er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr -lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft, -als das Gespräch auf den Sohn kam.</p> - -<p>„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann.</p> - -<p>Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht -bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.</p> - -<p>Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein -geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert. -Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter -erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die -Geschwister stimmten<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt -und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten, -die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war. -Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der -Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit, -noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich -sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit -möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein -bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier -machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein -Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche -tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf -schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede -war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es -Weihnachtsbier gab — das wußte er — so brauchte er wenigstens nicht -von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!</p> - -<p>Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem -zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig -auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei -ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische -Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen -Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die -Reihe kam —, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet, -wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller -geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende -Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.</p> - -<p>Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als -Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich -auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte. -Dann trank man im Wohn<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>zimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte -dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte -verschlucken müssen.</p> - -<p>Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein -Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus — die Zeitung auf dem -Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen -und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber -seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf -ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen -Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe -hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen, -eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und -dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte -Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.</p> - -<p>Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe. -Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte -die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>m folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur -Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern -kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn -war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets -Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer -reisen zu können.</p> - -<p>Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war -zu sehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p>Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach -sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit -den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge -des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während -die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den -Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit -das Szepter führten.</p> - -<p>Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er -eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann -sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen -sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen, -unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten, -daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens -würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial -aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr -treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen.</p> - -<p>Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein -kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und -einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in -Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war -klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine -Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und -her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein -flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen -Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen -und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg, -sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch, -mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann -einen scharfen,<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und -außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion.</p> - -<p>Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und -er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson -war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern -wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten. -Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren -schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der -Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in -all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand -schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen -zu verbergen.</p> - -<p>Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem -Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht -war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil -seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und -mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein -mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht -ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher -und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt. -Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte, -hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich -Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten -sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam -abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen -Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her -hingen und schleiften.</p> - -<p>Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen -Bewegung den Überzieher aus und hängte — oder schmiß — ihn auf den -Kleiderständer, warf dann den Hut mit<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> einem Klatsch auf einen Sessel -und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor -Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der -Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit -dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen -gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so -dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und -schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und -Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm.</p> - -<p>„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er -schließlich. „Ich möchte wohl wissen, <em class="gesperrt">ob’s</em> in Rußland irgendwas -Neues gibt!“</p> - -<p>Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß -nichts darin stünde.</p> - -<p>„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor -dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im -Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben.</p> - -<p>Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut -der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu -kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen -Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen -energisch einstimmten.</p> - -<p>Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht, -die aussah wie eine einzige große Grimasse.</p> - -<p>„Satansmusik!“ äußerte er.</p> - -<p>Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen — der beiden jungen Lehrer -wegen — einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch -seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende -Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es -seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen -amüsierte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>Professor Bruhn kümmerte sich keineswegs um die Warnung, die im Blick -des Adjunkten lag; ruhig fuhr er in seinen Bemerkungen fort.</p> - -<p>„Eine Satansmusik! sag ich! Ist’s etwa ein Verbrechen, wenn man das -sagt? Ist vielleicht die Orgel, die da droben in dem alten Saal steht, -und vor der Petterson sitzt und aus Haeffners Choralbuch spielt, so was -ganz besonders Heiliges? Spielt man vielleicht jetzt Gottes Wort? Und -wird es etwa heiliger darum, daß die Jungens hinter ihren Choralbüchern -dazu grinsen?“</p> - -<p>Pastor Simonsons Nasenflügel bebten. Er hegte eine Antipathie gegen -Bruhn; denn er ahnte instinktiv in ihm den Gegner und hielt ihn -außerdem für roh und ungeschliffen. Auch führte er lieber selber das -Wort.</p> - -<p>„Für mich“, sagte er, „hat der Ton der Orgel immer etwas Ehrwürdiges, -auch wenn man sich — in künstlerischer Hinsicht — eine vollendetere -Ausführung vorstellen könnte.“</p> - -<p>Professor Bruhn schneuzte sich.</p> - -<p>„O!“ sagte er ruhig. „Das ist ja eine sehr interessante Erklärung!“</p> - -<p>Der junge Lehrer lachte laut auf, und Pastor Simonson sah aus, als -ertrage er mit christlicher Geduld eine unerhörte Verunglimpfung.</p> - -<p>Plötzlich verstummte die Orgel oben. Eine kleine Weile herrschte -Schweigen.</p> - -<p>„Glauben Sie, daß die Jungens jetzt beten, Herr Pastor? Wenn sie auch -ihre Choralbücher unter der Nase haben?“ fragte Professor Bruhn und -nahm eine gewaltige Prise.</p> - -<p>„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß -bebte. „Ich <em class="gesperrt">möchte</em> es zum mindesten glauben.“</p> - -<p>„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na — ich nicht!“</p> - -<p>Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur -Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die unge<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>duldig ausgestreckt -wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren -aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der -unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme -drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den -Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als -sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem -der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches, -wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge, -Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es -stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm -der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des -Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer -schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“</p> - -<p>Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in -sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er -sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele — nach all dem -Gebet und Choralsingen!</p> - -<p>Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn -den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die -inzwischen gekommen waren.</p> - -<p>Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten -sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam -pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den -obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten. -Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine -Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer -von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den -Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären. -Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab,<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> mußte er wohl -oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte -auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz, -daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren -konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er -treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die -Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte -mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend: -„Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt -auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte, -welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander -bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe -erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war, -und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und -krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben.</p> - -<p>Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte. -Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen. -Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des -Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf -den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu -reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch -immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade -nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte, -daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten.</p> - -<p>Dennoch — er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte -tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter, -lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten -fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am -Kachelofen. „Daß er sich<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken -müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“</p> - -<p>„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer -schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten.</p> - -<p>„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt! -Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“ -lautete die Antwort.</p> - -<p>Und Bruhn machte eine ungeduldige Bewegung mit den Achseln und warf den -Kopf herum.</p> - -<p>Adjunkt Hallin saß eine Weile ganz still da und blätterte im Cavallin. -Es wurde doch mit jedem Jahre schwerer, um Geld zu bitten, wenn auch -manche behaupteten, der Anfang wäre das schlimmste. Schließlich legte -er das Buch weg, erhob sich und sagte mit gedämpfter Stimme, als wolle -er eine lange Einleitung machen: „Ich möchte dich um einen Gefallen -bitten.“</p> - -<p>Professor Bruhn ließ den Rockschoß fallen und holte die -Schnupftabaksdose heraus, die er von nun an unaufhörlich zwischen den -Fingern drehte.</p> - -<p>„So!“ sagte er. „Und was denn?“</p> - -<p>„Weihnachten hat recht viel gekostet heuer.... Und in ein paar Tagen -kommt Ernst heim.... Am ersten habe ich die Miete bezahlen müssen.... -Ich hätt’ mich ja ganz gut einrichten können.... aber es kamen -unerwartete Ausgaben.... könntest du mir fünfzig Kronen leihen bis zum -nächsten Quartal?“</p> - -<p>Der erste Teil der Rede ward langsam, in eigentümlich scharfem Ton, -leise und mit beinah zitternder Stimme gesprochen. Der letzte Satz -dagegen kam heftig und überstürzt heraus, ungefähr, wie wenn man eine -schlechtschmeckende Arznei nimmt.</p> - -<p>Professor Bruhns Gesichtsausdruck veränderte sich ganz plötzlich. Er -brach in ein gutmütiges, geräuschvolles Lachen aus und machte die -fürchterlichsten Grimassen, während die Schnupftabaksdose wie ein Ball -in seinen Händen tanzte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> - -<p>„Bist <em class="gesperrt">du</em> ein verdammt komischer Kerl, Hallin!“ sagte er. „Gehst -wie die Katze um den heißen Brei herum und mühst dich ab und schwitzst, -wegen fünfzig Kronen! Selbstverständlich kannst du sie haben; mir -liegen sie ja bloß da. Ich geh gleich und hole sie; dann hast du sie in -der Pause.“</p> - -<p>Und Professor Bruhn lachte immer lauter vor seinem Kachelofen, -trampelte mit beiden Füßen auf den Boden, wand sich aus purer guter -Laune und wiederholte in einem fort: „So ein komischer Kauz! Fünfzig -Kronen! Hahaha! Das kommt davon, wenn man verheiratet ist! Jawohl!“ Und -dabei sah er aus, wie ein vergnügter Tanzbär.</p> - -<p>Adjunkt Hallin fühlte sich plötzlich wie ein ganz anderer Mensch. Er -war froh, daß es so leicht und gut abgelaufen war. Er hatte seine -fünfzig Kronen und war wieder ein freier Mann. Und er lachte und -schüttelte Bruhn freundschaftlich am Arm.</p> - -<p>„Dank dir, Kamerad“, sagte er. „Aber sag, warum warst du denn gegen -unsern jungen Kollegen, den Pastor, so ausfällig?“</p> - -<p>Professor Bruhn hielt plötzlich mitten in seiner Frohlaune inne; sein -Gesicht sah auf einmal ganz anders aus. Die Augen hatten einen fast -grimmigen Ausdruck und er schlug mit der rechten Hand in die Luft, daß -man fürchten mußte, der Arm würde aus dem Schulterblatt gehen.</p> - -<p>„Kollege!“ sagte er. „Meinst du, so einen jungen Hund nehm’ ich als -Kollegen? Noch vor fünf Jahren war er mein Schüler. Er taugte nichts, -verstand nichts, wußte nichts. Dann ist er fünf Jahre lang in Upsala -gewesen und hat es zu einem jämmerlichen Examen gebracht. Und dann -kommt er hierher und legt los, als hätt’ er mittlerweile alle Weisheit -der Welt mit Löffeln gefressen! Meinethalben — ich gönn ihm ja seinen -Glauben! Mag er ein Idiot sein — meinethalben! Aber aus <em class="gesperrt">meinem</em> -Bereich soll er wegbleiben. Hab ich nicht recht? War die Musik nicht -unter der Kanone? Na also, warum braucht er mit mir anzubändeln? Kann -ich dafür?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> - -<p>Professor Bruhn war keineswegs gut auf Pfarrer zu sprechen und versagte -es sich im allgemeinen nicht, seiner Antipathie sehr freien Lauf zu -lassen. Besonders wenn er ärgerlich war bediente er sich einer fast -affektierten, regelrechten und grammatikalischen Redeweise, die ihm -gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Diese Redeweise klang um so -komischer, als er sie immer mit den kräftigsten Flüchen vermischte. -Er redete heftig und lange und ging schließlich zu einem stillen, -inwendigen Gebrumm über.</p> - -<p>Der Adjunkt sah ein bißchen geniert aus.</p> - -<p>„Mein Sohn ist ja auch Theologe!“ sagte er endlich.</p> - -<p>„Ja — aber der ist aus ganz anderem Stoff!“ sagte der Professor -heftig. „Freilich — er kann sich ja auch verändert haben. Man kann ja -nie wissen.“</p> - -<p>Er schwieg, wie beschämt ob seiner eigenen Grobheit.</p> - -<p>„Es wird am besten sein, du gehst in deine Klasse!“ sagte er dann -plötzlich. „Das Geld kriegst du in der Pause.“ Hallin blickte rasch -in den Schulhof hinaus. Über die Staffel, die zwischen Eisengeländern -zur Schule hinaufführte, schritt soeben ein ungewöhnlich kleiner Mann -von intelligentem, gewecktem Aussehen. Seine kleinen, scharfen Augen -sahen sich lebhaft um, sein Stock stieß energisch gegen die Staffel, -und er setzte die Füße auf eine Weise, die ein cholerisches Temperament -andeutete.</p> - -<p>„Ich danke dir!“ sagte der Adjunkt. Und indem er seinen Virgil zur -Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch, -in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor -trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf — mit -gespreizten Beinen — den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände -in den Hosentaschen.</p> - -<p>Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den -Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt -von der Sorge, die am schwersten und<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> bittersten ist und am meisten -schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die -Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung -ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und -er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten -ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht -gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das -so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen, -wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden -Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen, -wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen -war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten. -Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der -ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und -Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht — vielleicht -urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies -alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil -ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie -früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war — man -lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte, -so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren, -als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim -geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem -es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen -tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb?</p> - -<p>Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es -quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte. -Wie sie auch sparte — nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die -Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es -nannten. Begriffen sie<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um -ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden -sollten?</p> - -<p>Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von -unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte -ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe -aus und prüfte ihn.</p> - -<p>Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden. -Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht -wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den -Füßen gegangen — weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die -weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern -benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber -hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten -gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen -gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn -hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die -Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast -zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich -mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf -und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest -entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint -hatte.</p> - -<p>Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen -gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie -den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen, -und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn -um Verzeihung bitten.</p> - -<p>Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es -war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas -erzwungenen Stimme sagte er: „Weine<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> doch nicht. Es hilft ja doch -nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“</p> - -<p>Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen, -das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen -hervor.</p> - -<p>„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort, -„so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die -tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">D</div> - -<p class="p0"><span class="transp">D</span>er Gymnasiallehrer Hallin war der Sohn eines Pastors, der ein paar -Meilen südlich von Gammelby ein großes Pastorat gehabt hatte. In der -ganzen Familie waren überhaupt immer viele Geistliche gewesen; und -alle hatten sie zu dem Stift Gammelby gehört, und alle hatten sie ihr -Teil gehabt an den Gütern dieser Welt. Der alte Propst war ein recht -gedeihlicher Mann, das wußte alle Welt, und daß man im Pastorat gut -und behaglich lebte, das sah man dem Propst und seiner Frau Propstin -deutlich genug an.</p> - -<p>Wenn nur nicht die vielen Kinder gewesen wären! Aber es schien, als -wolle Gottes Segen in dieser Beziehung überhaupt kein Ende nehmen. -Jedes liebe geschlagene Jahr war bei Propstens Kindtaufe; und wären die -Kinder alle am Leben geblieben — die Zahl wäre weit über die Zehne -hinausgewachsen. So waren es, als der Propst starb, neun.</p> - -<p>Das Vermögen reichte natürlich nicht so weit; wenn die Söhne mit der -Schule fertig waren, mußte der Propst Geld aufnehmen, um ihnen auf der -Universität und der landwirtschaftlichen Hochschule weiterzuhelfen. -Und als der Alte nicht mehr da war, wunderten sich noch alle höchlich -darüber, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> er mit seinem guten Pastorat so große Schulden hatte -machen können. Jene von den Söhnen, die mit ihren Studien noch nicht -fertig waren, mußten nun selber mit Schuldenmachen anfangen, damit sie -zu Ende studieren konnten.</p> - -<p>Adjunkt Erik Hallin war der dritte der Söhne. Daheim, wo alles -reichlich zuging, hatte er sich Gewohnheiten zugelegt, die während der -Universitätszeit keineswegs eingeschränkt wurden, und er kam von Upsala -zurück mit viertausend Kronen Schulden, die sich in den zwei Jahren -seit des Vaters Tod so angesammelt hatten.</p> - -<p>Also jetzt galt’s sparen! Er erhielt eine Anstellung als Hilfslehrer an -einer fünfklassigen Lateinschule mit ein paar hundert Kronen Gehalt, -kam bald in den Ruf eines guten Lehrers und erteilte in fast allen -seinen freien Stunden Privatunterricht. Man rechnete ihm nach, daß er -im Durchschnitt täglich zehn Stunden gab. Und im ersten Jahr sparte -er wirklich so viel, daß er fünfhundert Kronen an seinen Schulden -abbezahlen konnte.</p> - -<p>Dann verliebte und verlobte er sich, bewarb sich um die -Gymnasiallehrerstelle in Gammelby, erhielt sie und heiratete.</p> - -<p>In dieser Zeit, jung, fröhlich, glücklich verlobt, ganz mit -Zukunftsplänen beschäftigt, konnte er natürlich keine Schulden -bezahlen. Es war noch alles mögliche, daß er bei der Einrichtung nicht -noch neue dazu machte. Aber das tat er nicht, wenigstens keine, die -der Rede wert waren. Nur ein paar hundert Kronen für Möbel, die in den -ersten zwei Jahren abbezahlt werden mußten.</p> - -<p>Sie wurden auch abbezahlt; der Möbelhändler konnte selbstverständlich -nicht warten.</p> - -<p>Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam -ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf -Gustaf.</p> - -<p>Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> und in all -den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr -als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig -Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert -Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen -beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt -noch die Kraft dazu hatten?</p> - -<p>Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr — sie -hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren -gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit -brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens -aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt -manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich -bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der -liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn -er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend -nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel.</p> - -<p>Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie, -das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte -nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die -Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die -Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las -täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis.</p> - -<p>Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für -sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte. -Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich -bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche -stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem -ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie -zwischendurch oft<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel -mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann -las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den -Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde -dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte -sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die -täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale, -ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken — all das ward ihr zu -Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen -würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden -stört, der höher ist denn alle Vernunft.</p> - -<p>Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die -Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer -an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher -Ausdruck.</p> - -<p>Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war -dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den -er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß -er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres -Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward -lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der -schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte.</p> - -<p>Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren -Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr, -besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend. -Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was -sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun -er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie -oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder -Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin -den Schlüssel zum rich<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>tigen Verständnis finden möchte! Denn in -erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer -Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete -es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche -Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine -reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr -zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte, -nur <em class="gesperrt">ein</em> Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war -verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete -manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und -ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit -hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage, -bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen -Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach -sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine -Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom -Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr -als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele?</p> - -<p>Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie -fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich -von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über -sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das -Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte -Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma -verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte -den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still -war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus -sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer -Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar -nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>tritten zwischen Mutter -und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was -sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch -der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das -Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie -Tränen in den Augen, wenn sie hinausging.</p> - -<p>Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen -und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz -bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde -mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache -zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren -Gefahren, Freiheiten und Verführungen.</p> - -<p>Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre. -Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen. -Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der -städtischen Mädchenschule.</p> - -<p>Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und -den Eltern.</p> - -<p>Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu -können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und -wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder -auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte -natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich -mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin -oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das -Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte, -wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es -niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer -Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war.</p> - -<p>Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen.<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Sie hatten -alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht -und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen -zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte -kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die -Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in -ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen.</p> - -<p>Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte -ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem -Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre -umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß -sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und -trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit -den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung -außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel -oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden, -mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde -Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern -entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die -Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst; -dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre -Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie, -abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und -Lächeln.</p> - -<p>Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr -als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich -auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der -Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden -sich mehr ans Vaterhaus anschließen.</p> - -<p>Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Nieder<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>geschlagenheit -über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte -und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie -nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer, -bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger -Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung -an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und -wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und -sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott -darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben, -als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu -verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung, -ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder -entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie, -ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze -Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?</p> - -<p>Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im -Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von -sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben. -Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die -Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand -sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu -demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß -ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber -ihr Vertrauen.</p> - -<p>Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie -ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht -gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch -er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin -sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der -Natur.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p> - -<p>Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen -Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug -Widerwärtigkeiten.</p> - -<p>Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den -Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. <em class="gesperrt">Die</em> -Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner -Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit, -die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen; -<em class="gesperrt">die</em> Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim -ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich.</p> - -<p>Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der -Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und -die Freude floh vor etwas anderem — vor den kleinen, drückenden, -wirtschaftlichen Sorgen — <em class="gesperrt">sie</em> verscheuchten die starken Mächte -des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen — und -was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg.</p> - -<p>Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne -Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen -hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im -Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der -Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>djunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem -Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der -Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem -ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer -Kindheit gut Freund ge<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>wesen, und nichts war darum natürlicher, als daß -der eine dem andern half.</p> - -<p>Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im -Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens -grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden -nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor, -auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen, -die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen -bildeten.</p> - -<p>In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man -schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr -Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten. -Beide hatten — nur mit einem Semester Zwischenraum — ihr Examen -gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde, -bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine -solche frei war — und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war, -daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während -der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben -schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch -keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt -immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich -morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit -einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor, -der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen -Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“</p> - -<p>Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder -aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal -die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen -hatte. Wie der Kleine<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause -widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach -ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß -zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und -brüllte dann wieder weiter.</p> - -<p>Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte. -Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte, -den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden.</p> - -<p>Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder -hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel.</p> - -<p>Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche -behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im -Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er -sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen -Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum -Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer -weiß wie oft heiraten können.</p> - -<p>Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte -er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen — -wenn er überhaupt solche hatte — schüttelte er ab wie eine Möve, die -ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht -ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte -Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher -anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig -Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich -ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer -Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die -Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.</p> - -<p>Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei -Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße -erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht -miteinander aus, und, wie das meist so ist, — die Antipathie zwischen -ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der -Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn -es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht -zu wissen.</p> - -<p>Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres -Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah -in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als -der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne -einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem -es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend -zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube, -und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden -Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und -flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und -würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin -sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! —</p> - -<p>Als er dann eine so reiche Heirat machte — er heiratete zwei Jahre -später als der Adjunkt — da konnte sie es nicht lassen, immerwährend -Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des -Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen; -und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so -ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> -gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht -gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie -den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau -bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des -Weibes zum Herrn gezogen worden.</p> - -<p>Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau -Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz -frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich -immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf -sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend -einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits -meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie -redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr -machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein -Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war -tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen, -aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß -ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald -die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen, -die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.</p> - -<p>Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch -zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher -um Kindererziehung oder Religion.</p> - -<p>Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber -ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur -möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer -war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so -ganz das Gepräge der Welt<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>lichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch -nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die -Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten, -vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was -sie daheim vermißten.</p> - -<p>Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur -Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde, -begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren -ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und -schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der -Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und -Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn -tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie -besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und -als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit -des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein. -Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen -und dann natürlich „der Sprachen wegen“.</p> - -<p>Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah -jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren -Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der -Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück, -gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine -Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er -ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des -Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht -des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als -wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem -Gefühl der Verachtung zu betrachten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p> - -<p>„Wenn man schon nicht liegen kann — dann wenigstens sitzen!“ hatte der -Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und -das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden.</p> - -<p>„Wenn man nicht liegen kann — dann wenigstens sitzen!“</p> - -<p>Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann -auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er -so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um -die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem -Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur -Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen -er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An -solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit -sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen -hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute, -die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der -Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann -Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen -Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit -entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig -aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den -Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch! -Papa schläft!“</p> - -<p>Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt -daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet -und plagt sich für uns alle!“</p> - -<p>Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam -ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine -scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen -Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang -dann resigniert den Arm<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> um ihre Taille, und sie schlichen heimlich -in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das -schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und — die Arme um seinen Hals -geschlungen — die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa -schläft!“</p> - -<p>Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete. -Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen -Augenblicken nannte — so hatte sich nämlich Gabrielle in den -unschuldigen Kindheitstagen selber genannt — hatte eine große Schwäche -für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß -zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der -Professor pflegte manchmal — zum Entsetzen seiner Frau — zu sagen, -diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm -sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr -den Reiz der Neuheit.</p> - -<p>Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser -Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten -entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut -war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche -Eingriffe seitens der Eltern gestört.</p> - -<p>Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war.</p> - -<p>Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in -jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt -hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa -Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so -konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat -und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du -willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater.. -sein?“</p> - -<p>„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebens<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>würdigstem Ton. -„Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“</p> - -<p>„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir -derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz -zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern.</p> - -<p>„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner -Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr -vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine -Erik es nicht hören sollte. „Freilich, <em class="gesperrt">du</em> weißt es nicht mehr. -Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von -ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter! -Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem -Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja -schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und -die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die -schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte.</p> - -<p>Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie -gezweifelt!“</p> - -<p>Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe -weiter ins Jenseits befördern.</p> - -<p>Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein -Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just -in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten -lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben -Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge -entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der -neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie -ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der -nichts ahnt, kommt; weil aber im<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Gesicht der Mutter etwas Drohendes -liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis -unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf.</p> - -<p>„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten -Stimme.</p> - -<p>Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch -dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem -Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich -erschrocken um.</p> - -<p>„Steh still, Junge!“ kommt es aus dem gefühlvollen Mutterherzen; -und dabei packt sie ihn am Arm, daß die Gelenke krachen. „Kannst du -nicht still stehen, damit ich nachsehen kann?“ Einen Augenblick lang -verstummt sie, während ihre Finger den Riß untersuchen.</p> - -<p>„Herrgott im Himmel! Und ganz neue Hosen! Hab ich dir nicht gesagt, du -sollst nicht wie ein Wilder herumtollen? Wie oft hab ich dir’s nicht -gesagt! Antworte, Junge!“</p> - -<p>Klein Erik weiß nichts zu antworten. Er steht bloß und schweigt, -blickt abwechselnd auf seine Mutter und schielt nach dem Ende seines -Rückgrats, bis ihn die Mutter plötzlich von sich schiebt, zu ihres -Mannes Zimmer hinüber geht, die Tür öffnet und ruft: „Abel, komm einmal -her!“</p> - -<p>Der Professor kommt, im Schlafrock, in der einen Hand eine Zigarre, -in der anderen einen französischen Roman. Die Professorin packt den -Missetäter am Schlafittich, zerrt ihn mitten ins Zimmer und kehrt sein -Hinterteil dem Oberhaupt der Familie zu.</p> - -<p>„Was sagst du dazu, Abel? Die neuen Hosen, die er gestern zum erstenmal -angehabt hat!“</p> - -<p>„Verwünscht noch Eins!“ sagt der Professor.</p> - -<p>„Abel“, sagt die Professorin, „verschon mich mit deinem Fluchen in -Gegenwart der Kinder. Ich dachte, du hättest denn doch was anderes zu -sagen, wenn du siehst, wie dein<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Kind sich seiner Mutter gegenüber -aufführt! Aber <em class="gesperrt">du</em> kümmerst dich natürlich um nichts! <em class="gesperrt">Du</em> -brauchst sie ja nicht zu flicken. Herrgott, was das dir gut täte, wenn -du auch nur ein einziges Mal seine Hosen flicken müßtest! Da würdest du -dich schon drum kümmern, wenn er sie zerreißt!“</p> - -<p>„Vielleicht kann er gar nichts dafür!“ sagt der Professor. „Man kann -die Jungens ja doch nicht am Strick führen!“</p> - -<p>Die Professorin schreitet majestätisch zum Sofa und setzt sich. „Erik“, -sagt sie, „geh ins Kinderzimmer und sag Ida, sie soll dir die Samthosen -anziehen. Die kannst du ja dann auch zerreißen, wenn du willst! Du -hörst doch — Papa sagt es ja. Jedenfalls bring mir die, die du jetzt -anhast; vielleicht kann ich sie flicken, eh du die andern kaputt -gerissen hast!“</p> - -<p>Erik geht ab. Die Professorin sitzt mit gefalteten Händen im Sofa und -wiegt sich hin und her.</p> - -<p>„Glaubst du, daß dies die richtige Art ist mit den Kindern?“ fragt der -Professor.</p> - -<p>„Abel!“ antwortet die gekränkte Gattin. „Ich weiß ja wohl, was ich -tue, ist überhaupt nie recht. Aber ich meine, ein bißchen energischer -könntest du denn doch auftreten, wenn deine Kinder so wenig Rücksicht -für ihre Mutter zeigen. Ich bin ja eine Null hier im Hause, Abel, -das weiß ich wohl, wenn du auch das bißchen, was wir haben, mir zu -verdanken hast! Und was aus meinen armen Kindern werden soll, wenn sie -nicht einmal lernen sollen, was Zucht und Ordnung heißt, das weiß der -liebe Gott. Und der weiß auch, wie schwer es eine arme Mutter hat, wenn -sie die Sorge für die Erziehung der Kinder ganz allein tragen muß. Ich -wollte bloß, ich könnte mehr leisten. Aber ich fühl’s, es zehrt an -meiner Kraft, und ich kann nur jeden Abend zu Gott beten, Abel, daß dir -nicht noch einmal die Reue kommt, wenn es zu spät ist!“</p> - -<p>Die Professorin weint und der Professor geht auf sein Zimmer und macht -die Tür hinter sich zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Wenn die Kinder Streit haben, schreit wohl manchmal eins in -überquellender gerechter Entrüstung: „Wart du nur, ich sag’s der Mama!“</p> - -<p>Aber die Drohung hat keine besondere Wirkung. Das andere antwortet -bloß: „Ach was, die Mama!“</p> - -<p>So ganz unmöglich ist es nicht, daß die Frau Adjunkt am Ende doch recht -haben könnte, wenn sie sagt: „Was ich besonders mißbillige an Aurora -ist ihre Art mit ihren Kindern. Sie sind von einer Eigenwilligkeit, daß -einem wild und weh wird vom bloßen Mitansehen. Wenn das nur gut geht!“</p> - -<p>Einmal aber war der Konflikt zwischen den Ehegatten doch schärfer als -gewöhnlich. Das war, als Gabrielle heim kam, und den Eltern mitteilte, -Leutnant Hagelin habe ihr einen Antrag gemacht.</p> - -<p>Der Professor fragte bloß: „Hast du ihn lieb?“</p> - -<p>Und Gabrielle antwortete: „Ich weiß nicht, Papa. Aber ich glaube.“</p> - -<p>Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein -zurück.</p> - -<p>Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf -bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für -ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin, -der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer -die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in -seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften -befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen -Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht -ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach -ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt.</p> - -<p>Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der -Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten -vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen,<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> und gab dazu eine auf -Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn -begann und mit der Geldheirat schloß.</p> - -<p>Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal -aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld -gehabt hätte?“</p> - -<p>Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin -fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann -glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder -ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“</p> - -<p>Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor -unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme -um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch -unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so -glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor -ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der -Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die -Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern -ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein -sein wollte.</p> - -<p>Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und -sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer -mit ansehen zu müssen!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">D</div> - -<p class="p0"><span class="transp">D</span>ie Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten -zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten -Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier -Uhr Nachmittag;<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine -Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem -Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages. -Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein -Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch -alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.</p> - -<p>Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die -Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging -heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die -Kognakflasche und Gläser zu holen.</p> - -<p>Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er -war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu -sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große, -etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch -nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten, -die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und -wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das -braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben -hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat -oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange -ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?</p> - -<p>Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein -Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als -daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die -für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er — auf dem -besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal -sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine -Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> und sie sozusagen -von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging -vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war -etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.</p> - -<p>Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und -streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie, -ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen -forschte.</p> - -<p>„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist -es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte.</p> - -<p>„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der -großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen -und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist. -Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab -auch meine Arbeit — drunten in der Küche und mit euren zerrissenen -Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat. -Das war gerade vor Weihnachten.“</p> - -<p>Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na, -ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt -lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten -Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm -mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut -noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich -ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle. -Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt -man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm -scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle -zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast -Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden -Augenblick bersten vor Fett!“ Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> schwieg einen Augenblick und fuhr -dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen -wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum -Besten dienen.“</p> - -<p>Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu -erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht -gehört zu haben.</p> - -<p>Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen -hin.</p> - -<p>„Nein, Junge — zwei Kognaks zum Kaffee — das gibt’s nicht vor -Maturitas!“ lachte der Adjunkt.</p> - -<p>Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige -Miene auf.</p> - -<p>„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants -Stelle sein“, bemerkte er.</p> - -<p>Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in -das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser -Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die -über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in -der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die -durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so -viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der -Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da -stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet -hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er -hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von -Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll -von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen -warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte -ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als -Geistlicher ins Leben hinaustrat!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu -weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde -von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die -Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten, -mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er — -er brauchte doch gerade jetzt einen <em class="gesperrt">Menschen</em>! Einfach einen -ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er -war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf.</p> - -<p>Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm -auf: „Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!“</p> - -<p>Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er -schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden -bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte, -hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt, -daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu -ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog!</p> - -<p>Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen, -daß er sich hatte ertappen lassen.</p> - -<p>„Danke, es geht mir ganz gut!“ sagte er. „Ich bin bloß ein bißchen -müde.“</p> - -<p>„Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?“ fragte Gustaf plötzlich mit -neugieriger Miene.</p> - -<p>Ein allgemeines Lachen brach los. Gustaf hatte doch auch immer zu -wunderbare Einfälle! Und mit dem Lachen senkte sich eine stille, warme -Ruhe über das Gemüt des ältesten Sohnes. Er dachte an die Tage, da er -noch ein Kind gewesen war, als die Mutter ihnen ihre Lieblingsspeisen -gekocht hatte und sie ihre Freunde einladen durften, und ein Gefühl der -Zufriedenheit und Freude überkam ihn.</p> - -<p>Selma betrachtete inzwischen den Bruder forschend; irgend etwas in -seinem Aussehen störte sie. Er sah unmännlich aus.<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Etwas Energieloses, -Müdes lag schon in der Art, wie er sich in den Stuhl zurück lehnte. -Verstohlen betrachtete sie ihre eigene volle Figur, ihre kraftvollen -Glieder, und dachte: Wenn ich ein Mann geworden wäre und mir meinen Weg -im Leben selber suchen dürfte!</p> - -<p>Der Bruder paßte viel besser zum Haushammel, fand sie. Der Adjunkt -dachte allerlei alte Gedanken aus alten Zeiten.</p> - -<p>„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie merkwürdig mich das berührt, -daß du jetzt Geistlicher bist!“ sagte er. Seine Stimme hatte einen -ungewöhnlich weichen Klang, und die Augen unter der Brille glänzten. -„Es war meines alten Vaters großer Kummer, daß keiner von uns diesen -Weg einschlug. Und ich hab’s oft bereut, daß ich’s nicht getan hab,“ -schloß er seufzend.</p> - -<p>Er dachte an seine ärmlichen finanziellen Verhältnisse und hustete -ein paarmal, um seine Stimme wieder zu klären. Frau Hallin blickte -wieder nach dem Sohn hin, um zu sehen, was er wohl denken mochte. -Der aber sagte gar nichts; und in der Dämmerung konnte sie seinen -Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen.</p> - -<p>Ja, ja, dachte er. Es ist wohl am besten so, wie es ist. Sein -aufrührerisches Herz mußte sich beugen; und Gott hatte verheißen: dem, -der Vater und Mutter ehrte, sollte es wohlergehen auf Erden.</p> - -<p>Eine lebhafte Bewegung ergriff ihn; und fast hoffte er, alle Zweifel, -die ihn noch quälten, müßten jetzt verstummen, nun er wieder daheim -war. Ja, alles würde gut werden! Jetzt hieß es bloß, vorwärts gehen, -vorwärts auf dem Weg, der vor ihm lag. Nicht zu viel denken, nicht -grübeln! Wenn er bloß die dummen Gedanken los würde....</p> - -<p>Die Lampe kam. Selma hatte sie angezündet. Das grelle Licht tat ihnen -allen in den Augen weh; eine Weile saßen sie mit der Hand vor dem -Gesicht da. Dann wirkte der Lampenschein belebend; das Gespräch kam -besser in<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Fluß. Alle drängten sich um Ernst, alle wandten sich ihm -zu, alle hatten sie ihm irgend was zu erzählen. Der Adjunkt brachte -ein paar von seinen letzten Anekdoten an, die die übrigen Glieder der -Familie schon einen ganzen Monat lang gehört hatten, so oft Besuch -da war; und als er sie erzählt hatte, fragte er Ernst, ob er nicht -ein paar neue Upsalaer Anekdoten wisse, zum Beispiel von Ribbing oder -Svedelius. Da aber Ernst nicht aussah, als wäre er dazu besonders -aufgelegt, verzichtete der Adjunkt und erzählte selber weiter. Frau -Hallin erzählte auch. Sie sprach von allerhand Bekannten, von einem -Diner beim Bischof und einem Souper beim Dompropst und fing dann wieder -von der Familie des Schwagers und der Verlobung an. Selma sagte nicht -viel, half nur aus, wenn die Mutter etwas vergaß. Und Gustaf brachte -ein paar wenig respektvolle Anekdoten von seinen geliebten Lehrern -aufs Tapet, die der Adjunkt aus Gewissenhaftigkeit manchmal zu stoppen -versuchte, und die er doch mit heimlichem Vergnügen anhörte. Ganz -besonders freute es ihn, wenn Gustaf erzählte, wie sie Onkel Abel an -der Nase herumführten. <em class="gesperrt">Die</em> Anekdoten merkte sich der Adjunkt -immer ganz besonders, um später den Bruder damit zu erbauen.</p> - -<p>So ging der Abend hin. Als man zu Nacht gegessen hatte, wurde -Abendandacht gehalten. So wurde es zehn Uhr, und der Adjunkt drang -eifrig darauf, daß man zu Bett gehen sollte.</p> - -<p>„Denkt doch, morgen müssen wir um Sieben aufstehen!“ sagte er.</p> - -<p>Frau Hallin umarmte den heimgekehrten Sohn und sah ihm lange ins -Gesicht, um zu ergründen, was es nun eigentlich war, was sie so gar -nicht recht wiedererkannte.</p> - -<p>„Denk auch dran, daß du wieder daheim bist!“ sagte sie...</p> - -<p>„Geh mit Papa. Du schläfst in seinem Zimmer.“</p> - -<p>Und als alle fort waren, saß sie noch eine Weile bei der Lampe, ehe sie -sie löschte. Sie wußte nicht so recht, woran es<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> eigentlich lag. Aber -sie hatte sich die Heimkehr des Sohnes ganz anders gedacht.</p> - -<p>Das Studierzimmer des Adjunkten Hallin lag unter dem Dach. Eine -Holztreppe führte hinauf. Der Adjunkt ging voraus, der Sohn folgte. -Schwatzend tasteten sie sich durchs Dunkel, der Adjunkt langte den -Schlüssel herunter, der an seinem gewohnten Platz über der Tür lag, und -sie traten ein.</p> - -<p>Durch das Fenster erblickte man den beschneiten Domplatz, über den -hartgestampfte Wege führten und wo die Ulmen ihre nackten, knackenden -Zweige im Februarsturm bogen.</p> - -<p>Ernst war es wunderlich zu mut. Wie oft hatte er das Verlangen gehabt, -hierher, in dies Zimmer, zu gehen und mit dem Vater zu sprechen, -vertraulich, wie mit einem Freund. Aber im Erziehungsprogramm des -Vaters hatte etwas derartiges nicht gestanden, und heut, wo der Vater -es vielleicht selber wünschte, heut wußte er nicht mehr, wo er anfangen -sollte.</p> - -<p>Der Adjunkt zündete die Kerze an, ließ den Vorhang herab und fing -an, sich auszukleiden. Ernst setzte sich in die Sofaecke; sein -langgezogenes Gesicht sah im matten Schein der Kerze ganz graubleich -aus.</p> - -<p>„Gehst du noch nicht zu Bett?“ fragte der Adjunkt.</p> - -<p>„Ich glaube, ich möchte noch eine Weile aufbleiben!“</p> - -<p>„Ich denke, du bist müde!“</p> - -<p>„Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.“</p> - -<p>Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und -fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er -hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es -jetzt wiedersah.</p> - -<p>„Morgen schlaf’ ich recht lang!“ sagte er.</p> - -<p>Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging.</p> - -<p>Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn ver<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>lassen hatte. -Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf -und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz -vor dem Haus deutlich sehen konnte.</p> - -<p>Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den -Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im -Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein -seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz.</p> - -<p>Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen -gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten -Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne -sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der -Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die -Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die -Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine -Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen -wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach -trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und -mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im -Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas -der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider, -brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen -seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der -Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um -den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut.</p> - -<p>Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen -ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht -hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins -Gedächtnis zu rufen. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen -auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel. -Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des -gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er -einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen -Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der -Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des -Frühlings.</p> - -<p>Des Frühlings!</p> - -<p>Einsam war er gewesen — immer — seine ganze Jugend lang! Mit ein -paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er -doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen -der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für -sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und -gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht -alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer -fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er -wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran -erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein -anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen. -Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe -zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und -glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das -er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die -Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte.</p> - -<p>Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er -hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im -Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark -und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach -seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam -und in<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde -auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei -ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein -Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen -nur antworten kann: „Ich weiß nicht!“</p> - -<p>Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das -leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben -zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm -blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die -Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den -Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die -Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes -ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie -sie sich paarten und Nester bauten.</p> - -<p>Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff -durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er -ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper -hin und her schwang.</p> - -<p>Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast, -als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen? -Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und -jetzt saß er da — als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als -Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten. -Durfte er sich „bereit“ nennen?</p> - -<p>Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz -erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast -vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm -das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen -härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: „Wer ist da?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war -ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein -leichter Rauch aufstieg.</p> - -<p>„Darf ich hereinkommen?“ fragte er.</p> - -<p>Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte, -und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward -seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und -fragte: „Stör’ ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?“</p> - -<p>Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre -jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast -aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals -viel Wesens aus sich selber Und seinen Ansichten, aber er hatte mit -seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so -ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu -als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in -diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging.</p> - -<p>Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher -werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als -habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die -Szene sei recht gut arrangiert — die Gardine aufgezogen, damit man die -Kirche sehen konnte — und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten! -Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu -dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder -gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte.</p> - -<p>Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruder nicht ganz; -aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte, -daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu -Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer -Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> von Kindischem hat. -Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren -gewöhnlichen Platz zurück.</p> - -<p>„Ich hab’ am Fenster gesessen und hinausgeschaut,“ sagte er. „Weißt du, -auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.“</p> - -<p>Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn -nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll -Befriedigung: „Ach so, ja, das ist was anderes!“</p> - -<p>Laut sagte er: „Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz -zu dir kommen.“</p> - -<p>Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen -einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es -war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war.</p> - -<p>Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein -Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer -gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und -kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Propsten -und halbverhungerten Vikaren. Aber dies „Geistliche“ konnte er bei -seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen -Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach, -ob dies „Geistliche“, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen -noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl -kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der -Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule -ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare „Geistliche“ in hohem -Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den -Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte -er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war. -Und er beschloß, diese Entdeckung bei<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Gelegenheit auch seinen besten -Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete -seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der -Geistlicher war.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">F</div> - -<p class="p0"><span class="transp">F</span>rau Hallin hatte eine kleine Schwäche, die mit den Jahren zunahm. Im -Gegensatz zu ihrem jüngsten Sohn hatte sie nämlich eine ganz besondere -Vorliebe für Geistliche, und so oft der Weinberg des Herrn in Gammelby -mit einem neuen Arbeiter gesegnet ward, machte sie es immer irgendwie -möglich, ihn binnen kurzem in ihren Verkehr zu ziehen.</p> - -<p>„Hat Mama wieder mal einen neuen Pastor am Bändel?“ war Gustafs -ständige Frage an die Schwester, wenn er ab und zu nachmittags heimkam -und durch die offene Wohnzimmertür den Klang einer männlichen Stimme -vernahm, die in tiefen Gutturaltönen mit der Mutter redete. Wenn er -nachher die Mutter selber sah, pflegte er in teilnehmendem Ton zu -fragen, wie der Pastor heiße. Die Mutter argwöhnte auch immer die -Ironie, die in der Frage lag, antwortete aber stets, als wäre sie ganz -in Ernst gestellt.</p> - -<p>Der Umgang mit Geistlichen war ihr zu einem wahren Bedürfnis geworden. -Sie hielt das für eines der wirksamsten Mittel zur Erhaltung ihres -geistigen Lebens, und sie war unerschöpflich erfinderisch darauf -bedacht, daß die Quelle nicht versiegte.</p> - -<p>Hallins verkehrten auch mit Bischofs, und ein großer Trost war ihr -die Erinnerung, daß der Bischof einmal in einem Gespräch darüber, -wie man erfolgreich gegen den gefährlichen Geist der Zeit ankämpfen -sollte, zu ihr gesagt hatte, wenn die Streiter der Kirche viele solche -Bundesgenossen daheim hätten,<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> wie sie, würde der Streit ihnen leichter -werden! Sie bewunderte nämlich den Bischof, weil er in ihren Augen der -Gnade näher stand als ein gewöhnlicher Geistlicher. Und doch hegte sie -in ihrem Herzen manchmal gewisse Zweifel, die ihr aber nie über die -Lippen gekommen wären. Wenn sie die hohe, stattliche Gestalt erblickte, -auf deren Brust bei festlichen Gelegenheiten das goldene Kreuz -funkelte, wenn sie die herrische, gebieterische Miene sah, die Stimme -hörte, die sie gewöhnlich „männlich“ nannte, und die ihr doch manchmal -fast roh klang, wenn sie die fleischigen, schwellenden Lippen und den -kalten Blick der grauen Augen sah, die oft fast ein bißchen höhnisch -unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorschauten, da konnte ihr -wahrhaftig manchmal fast der sündhafte Gedanke kommen: Ist der Mann -das, was der Herr meinte, wenn er vom Kreuzaufsichnehmen redete? Sie -machte sich freilich immer die bittersten Vorwürfe, wenn sie solchen -Gedanken in sich Raum gegeben hatte. Denn es steht einem wahren -Christen nicht an, die Werkzeuge zu tadeln, die der Herr auserkoren -hat, sein Werk zu fördern!</p> - -<p>Ihr Herz zog sie viel mehr zum Dompropst von Gammelby. Wenn der am -Sonnabendnachmittag zu ihr kam und sie Gelegenheit fand, ihm manches -von dem anzuvertrauen, was sie beschäftigte, oder ihn über eine dunkle -Stelle in der Heiligen Schrift zu Rate zu ziehen, über die sie lang -einsam nachgedacht hatte, während die Nadel emsig in ihren fleißigen -Fingern ab und zu ging, da überkam sie ein Friede, eine Ruhe, die viele -Tage lang noch vorhielten. Der Dompropst war ein frommer Christ und -ein guter Mensch. Sein Blick war so mild und sein Lächeln so licht, -daß es das lange hagere Gesicht mit dem dunkeln Backenbart und den -hervorstehenden Backenknochen fast schön machte. Und sie konnte nicht -anders, sie mußte zugeben, daß er in ganz anderer Weise als der Bischof -ein Diener des Geistes war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - -<p>Sonst waren es meist die jüngeren Geistlichen, die sie bei sich sah. -Der Bischof stand zu hoch über ihnen, als daß sie ihn, mit Ausnahme -von ganz besonderen Gelegenheiten, hätten einladen können. Und der -Dompropst hielt sich im allgemeinen jedem gesellschaftlichen Verkehr -fern. In letzter Zeit hatte Frau Hallin viel Freude vom Umgang mit -Pastor Simonson gehabt. Er war im Lauf des Jahres als Hilfslehrer am -Gymnasium angestellt worden, und es war ihr nicht schwer gefallen, ihn -in ihren Umgangskreis zu ziehen. Er war ja doch von Upsala her Ernsts -Freund und hatte, sobald er in die Stadt gekommen war, seinen Besuch -gemacht und die Grüße des Sohnes überbracht.</p> - -<p>Seitdem kam er oft zu Adjunktens. Meist kam er nachmittags, so gegen -sechs Uhr, und ward dann auch gewöhnlich aufgefordert, zum Tee zu -bleiben. Zuerst saß er dann immer allein bei Frau Hallin, während -die übrigen Glieder der Familie noch auf ihren verschiedenen Zimmern -beschäftigt waren. Nach und nach sammelten sich alle im Wohnzimmer, -jedes von seiner Arbeit weg. Gustaf hatte an solchen Tagen meist -länger als gewöhnlich zu tun. Und die Mutter warf ihm immer einen -mißbilligenden Blick zu, wenn er grade erst in dem Augenblick eintrat, -wenn man sich zu Tisch setzte. Frau Hallin hatte immer irgendeinen -religiösen Gesprächsstoff zur Hand, wenn Pastor Simonson kam. Manchmal -wollte sie auch Dinge profanerer Natur wissen. So konnte sie ihn zum -Beispiel fragen, wie Jünglinge, die ernstlich den Herrn suchten, in -Upsala ihre Abende zubrächten. Der Pastor erwiderte darauf, das wäre -sehr verschieden. Meist wohl auf ihrem Zimmer bei der Arbeit. Oder auch -in irgendeiner Familie. Oder auch mit Kameraden in irgendeinem Café.</p> - -<p>Frau Hallin machte große Augen.</p> - -<p>In einem Café? Gingen solche Jünglinge denn überhaupt ins Café?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>Ja, das heißt natürlich, nicht zu oft. Und natürlich auch nur in ganz -respektable Cafés. Aber gegenwärtig gestalte sich eben der Verkehr -zwischen den jungen Leuten so, daß man meist im Café zusammen wäre. -Er wolle ja gewiß nicht leugnen, daß ein derartiges Leben recht viele -Versuchungen mit sich brächte. Und er danke Gott, daß er ihm glücklich -entronnen sei; denn er hätte gar manchmal den schädlichen Einfluß eines -derartigen Lebens an sich selber empfunden und tief beklagt.</p> - -<p>Und der Pastor kniff die Lippen zusammen, daß tiefe Falten in seinen -Mundwinkeln entstanden. Frau Hallin aber kam durch diese und andere -ähnliche Unterredungen auf ganz merkwürdige Gedanken. Sie fühlte sich -gar nicht mehr so recht sicher in Beziehung auf Pastor Simonson.</p> - -<p>Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere -Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau -Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei -jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem -der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen. -Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor -Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als -wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm.</p> - -<p>Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen -Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden -hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines -der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich -einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger -Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, — leicht -möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden -wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen ge<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>geben hätte, daß -junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen.</p> - -<p>Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie -in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab -und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis -besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit -allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie -überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft -so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage -sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich -ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig -verstehen könne.</p> - -<p>Eines Abends, als Mutter und Tochter nach einem solchen Gespräch allein -beisammen saßen, fragte Selma die Mutter mit vor Ärger zitternder -Stimme: „Wie kannst du dich nur so herabwürdigen, Mama, und in solch -einem Ton mit Pastor Simonson sprechen!“</p> - -<p>Frau Hallin sah ganz verwundert aus. Sie begriff gar nicht.</p> - -<p>„Mich herabwürdigen! Was willst du denn damit sagen?“</p> - -<p>Selma ward ganz rot vor Eifer.</p> - -<p>„Ich will damit sagen,“ erwiderte sie, „daß du mit ihm redest, als -wüßte er wer weiß wie viel mehr als du und hätte wer weiß wie viel mehr -Erfahrung. Mir scheint, darin liegt etwas Herabwürdigendes. Er ist doch -schließlich nichts weiter, als ein gewöhnlicher Vikar! Und dazu noch -wirklich ein recht gewöhnlicher!“</p> - -<p>Und der Tochter standen wahrhaftig die Tränen in den Augen.</p> - -<p>Aber die Mutter schüttelte bloß den Kopf und sagte:</p> - -<p>„Wir müssen das Gute, das uns geboten wird, im wahren Sinn -entgegennehmen und uns nicht zu Richtern über die Menschen aufwerfen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p> - -<p>Pastor Simonson selber wußte Frau Hallins Art, seinen Worten zu -lauschen, wohl zu würdigen; er dachte darum auch sehr hoch von Frau -Hallins Klugheit und Menschenkenntnis. Er fand es sehr lehrreich, sich -mit dieser frommen Frau zu unterhalten und Blicke in ihre verborgenen -Kämpfe zu tun. Es war dies um so merkwürdiger, als Frau Hallin fast nie -selber sprach, sondern den jungen Geistlichen reden ließ und meist nur -dasaß und andächtig lauschte.</p> - -<p>Mit Selma dagegen kam er nicht recht vom Fleck. Sie widersprach ihm nur -selten, vor allem nie in Gegenwart der Mutter. Aber wenn er so recht -lang und eifrig eine Ansicht verfochten hatte, konnte sie auf eine Art -dasitzen und schweigen, die ganz wie eine eigensinnige, hartnäckige -Opposition aussah. Und Opposition — das konnte der Pastor nicht -vertragen.</p> - -<p>Übrigens war Pastor Simonson in letzter Zeit seltener gekommen. Er -hatte über seine Besuche in der Hallinschen Familie nachgedacht und war -zu dem Schluß gekommen, wenn ein junges Mädchen im Haus wäre, müsse -man, in Rücksicht auf ihren Ruf, vermeiden, Anlaß zum Klatsch zu geben. -Pastor Simonson wollte gern auch aus Rücksicht auf sich selbst jedes -Gerede vermeiden. Er wußte ja, wie gern man sich in einer Kleinstadt -wie Gammelby grade mit der Zukunft der jungen Geistlichen beschäftigt. -Er wußte auch, wie leicht ein derartiges Geschwätz das Glück zerstören -kann, wenn es sich eines Tages einmal unerwartet in solider Form -präsentiert. Und Pastor Simonson fand, man könne in solchen Sachen gar -nicht vorsichtig genug sein.</p> - -<p>Frau Hallin glaubte die Gründe, weshalb des Pastors Besuche in -letzter Zeit seltener geworden waren, zu durchschauen und war ihm im -Grund ihres Herzens dankbar für solches Zartgefühl. Aber jetzt war -ja Ernst heimgekehrt, jetzt, hoffte sie, würde er wieder um so öfter -kommen. Sie kannte ja ihren Ernst; sie wußte, der konnte tagelang -seinen eigenen Gedanken<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> nachhängen, ohne überhaupt von selber auf -die Idee zu verfallen, unter Menschen zu gehen. Darum gab sie ihm -ein paar deutliche Winke, um ihn zu veranlassen, seine alten Freunde -aufzusuchen. Sie sehnte sich danach, ihren Sohn auch einmal so reden zu -hören, wie Pastor Simonson so oft vor ihr geredet hatte. Und daheim, im -Alltagsleben, wollte das nicht so recht gehen. Aber alle ihre Versuche -in dieser Richtung scheiterten. Der Sohn schien ihre Andeutungen nicht -zu verstehen oder kümmerte sich nicht darum.</p> - -<p>Eines Nachmittags aber — um sechs Uhr, grad wie gewöhnlich — läutete -es, und gleich darauf trat Pastor Simonson ein. Er ging, wie immer, auf -Frau Hallin zu, begrüßte sie und machte sich’s dann in seinem gewohnten -Stuhl bequem, während Frau Hallin das Dienstmädchen hinaufschickte, um -zu fragen, ob Herr Ernst, wie er zu Hause noch immer genannt wurde, -nicht herunterkommen möchte. Das Mädchen kam zurück und richtete aus: -einen schönen Gruß, und ob Herr Pastor Simonson nicht ein bißchen zu -Herrn Ernst auf seine Stube kommen würde. Der Adjunkt wäre ausgegangen, -und so hätten sie das Reich für sich.</p> - -<p>Frau Hallin sah etwas enttäuscht aus, beherrschte sich aber und bat den -Pastor, noch eine Treppe höher zu steigen. „Bleiben Sie nicht zu lange -weg!“ fügte sie hinzu.</p> - -<p>Als Pastor Simonson in die Stube des Adjunkten kam, fand er den Freund -dort auf dem Sofa sitzen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und -in seiner ganzen Haltung lag etwas so Schlaffes, Zusammengesunkenes, -daß der Pastor schon Unrat witterte. Sollte wirklich der Geist des -Zweifels Herr geworden sein...?</p> - -<p>„Guten Tag!“ sagte er und machte ein paar Schritte auf Ernst zu.</p> - -<p>Ernst Hallin richtete sich auf und schaute sich mit müdem und wirrem -Blick um. Langsam hob er die Hand zum Kopf<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> und fuhr sich mit -einer seltsamen Bewegung durchs Haar. Dann erhob er sich wie ein -Schlafwandler und ergriff des Freundes Hand.</p> - -<p>„Ach so, du bist’s!“ sagte er. „Ja, es ist ja wahr. Grüß Gott! Wie -geht’s dir denn?“</p> - -<p>Es kam hastig und eintönig heraus, wie eine auswendig gelernte Aufgabe.</p> - -<p>Der Pastor sah ihn scharf an. „Mir? Danke, gut. Ich glaube, ich kann -eher fragen, wie es dir geht?“</p> - -<p>In Ernsts Gesicht kam plötzlich ein sehr klarer und bestimmter Ausdruck.</p> - -<p>„Mir geht es ganz gut!“ sagte er kurz. „Magst du dich nicht setzen?“</p> - -<p>Der andere setzte sich rasch, ohne dabei den Blick vom Gesicht -des Freundes zu wenden. Ernst hatte sich in der letzten Zeit sehr -verändert. Die Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren -Höhlen, und der dunkle Rand um sie war breiter und dunkler als je -zuvor. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fürchte er sich vor dem -andern. Pastor Simonson merkte, wie Ernst ihn von der Seite beobachtete -und wie es um seine Mundwinkel zuckte, während er schweigend dasaß. -Keine Sekunde konnte er seine Hände ruhig halten. Die langen, schmalen -Finger liefen in fieberhafter Hast auf der Sofalehne hin und her; -ein paarmal lachte er auch, nervös, kurz, als wolle er die Tränen -zurückhalten.</p> - -<p>Dann erhob er sich plötzlich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. -Manchmal blieb er stehen und betrachtete Simonson mit einem Ausdruck, -in dem dieser etwas Spöttisches zu lesen glaubte. Doch sagte er nichts, -sondern setzte seine Wanderung fort und blieb nur manchmal stehen, -um den Pastor zu betrachten und die Finger durch den weichen Bart zu -ziehen.</p> - -<p>„Du hast mich gebeten, heraufzukommen“, sagte der Pastor.</p> - -<p>„Ich dachte, du wolltest was von mir. — Es ist lang her,<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> seit wir -uns zuletzt gesehen haben!“ fuhr er dann fort, da der andere nicht -antwortete.</p> - -<p>Ernst brach ganz unmotiviert in ein heiteres Lachen aus, wurde dann -aber plötzlich wieder ernst.</p> - -<p>„Ja, es ist lang her!“ sagte er mit Betonung. „Und in einem Jahr kann -sich viel ereignen. Früher haben wir uns ja gekannt. Waren es wirklich -vier volle Jahre, daß wir täglich miteinander zu Mittag aßen?“</p> - -<p>Pastor Simonson hatte fast ein Gefühl von Angst. Er begriff nicht, -worauf der andere hinauswollte; und so fragte er zögernd: „Was soll das -heißen: früher haben wir einander gekannt? Kennst du mich etwa jetzt -nicht mehr?“</p> - -<p>Er blickte an sich herunter und sah den schwarzen Gehrock. Und -er errötete. Es war eine seiner Schwächen, daß er gern einen -hochschließenden, doppelreihigen Gehrock trug, der dem Pastorenrock so -ähnlich wie möglich war. Einesteils glaubte er, daß der Rock ihn gut -kleide. Und dann verlieh er ihm eine gewisse Würde; und darauf legte -der Pastor Wert.</p> - -<p>Ernst sah, wie er errötete, und schwieg eine Weile lächelnd. Es sah -aus, als amüsiere er sich.</p> - -<p>„Doch, natürlich kenn’ ich dich!“ sagte er dann, das letzte Wort leicht -betonend und mit einem Versuch, in seine Stimme Herzlichkeit zu legen.</p> - -<p>Aber beide Männer fühlten in diesem Augenblick, daß etwas Feindliches -zwischen sie gekommen war, und wußten, es war gekommen in dem -Augenblick, in dem sie sich beide — jeder nach seiner Seite hin — -entwickeln mußten. Es war, als wenn verschiedene Lebensmächte sie -beherrschten, und als wenn jeder fürchtete, in dem ehemaligen Freund -einen gefährlichen Gegner zu finden. Das Widerstreben gegen seine -Persönlichkeit, das Pastor Simonson hinter dem seltsamen Wesen des -andern ahnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. In ihrem ganzen Kreis war -immer er es gewesen, der das Wort geführt hatte.<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Auch wenn sie beide -allein gewesen waren, hatte immer Pastor Simonson geredet, und Ernst -hatte zugehört. Einen Augenblick kam Simonson ein ganz merkwürdiger -Gedanke. Jawohl, so war es, tatsächlich! Ihm war es ja nie in den -Sinn gekommen — aber Ernst Hallin hatte ihm überhaupt nie sein -Vertrauen geschenkt; sondern wenn der Freund nicht widersprach, hatte -er, Simonson, immer einfach angenommen, daß er ihm beistimme. Aber -den Gedanken schob er denn doch von sich. Es war ihm ganz unmöglich, -ihn festzuhalten. Hallin, der weiche, stille Hallin, den er immer -nur in den Vorhof stellte, wenn er ihn mit sich selber verglich — -Ernst Hallin, den er eigentlich nur als seinen Jünger betrachtete —, -der sollte in den fünf Jahren in aller Stille und Verschlossenheit -seine eigenen Wege gewandelt sein? Nein, nie und nimmer konnte er das -glauben! Aber er beschloß doch, vorsichtig und aufmerksam zu sein.</p> - -<p>Er blickte wieder nach Ernst hinüber. Der gespannte Ausdruck in des -Freundes Gesicht war gewichen; er lächelte.</p> - -<p>„Ja — jetzt muß man sich also seine milchende Kuh verschaffen — zum -Lohn für die Studienjahre!“ sagte er.</p> - -<p>Pastor Simonson sah ihn forschend an. Er wußte absolut nicht, ob der -andere ironisch sprach oder ernsthaft.</p> - -<p>Ernst Hallin schien das gar nicht zu bemerken.</p> - -<p>„Darauf läuft’s ja doch hinaus“, fuhr er fort. „Sieh bloß meinen Vater -an. Wie ein Sklave hat er gearbeitet. Achtundzwanzig Jahre oder mehr -steht er jetzt im Dienst der Schule, hat geschuftet und geochst, und -Hefte korrigiert und den Jungens lateinische Grammatik eingetrichtert. -Fast sechzig Jahr ist er jetzt. Und ich weiß, noch immer hat er -Schulden, die nicht abbezahlt sind. Ich weiß es!“ wiederholte er -heftig, als hätte der andere ihm widersprochen, und sein Gesicht -zuckte. „Was sagst du dazu?“ Er blieb vor Simonson stehen.</p> - -<p>„Ach, das ist ja bei dir was ganz anderes“, sagte der. „Du bist ja doch -Theologe.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p>Ernst verzog keine Miene, sondern fuhr im selben Ton fort: „Ja -freilich, da hast du recht. Ich werd’ Geistlicher. Die haben’s -leichter, ihre Schulden zu zahlen. Und man ist ein rangierter Mann, eh -man’s überhaupt ahnt! Ich hab’ daran gar nicht gedacht!“</p> - -<p>Er setzte sich neben den andern ins Sofa und gab ihm einen -freundschaftlichen Klaps aufs Knie.</p> - -<p>„Na, wie geht’s dir denn hier? Gut?“</p> - -<p>Pastor Simonson sah ganz erleichtert aus. Wenn er von sich selber -sprechen konnte, so fand er sich immer besser zurecht.</p> - -<p>„Freilich. Mir geht’s gut hier“, sagte er. „Es geht einem immer gut, -wenn man seine geordnete Arbeit hat. Ich glaube, ich darf wohl sagen, -meine Vorgesetzten sind zufrieden mit mir. Ein paarmal hab’ ich auch -gepredigt. Und meine letzte Predigt hat Aufsehen erregt. Der Bischof -fand, es wäre gut, wenn ich sie drucken ließe. Überhaupt hat er mir -viel Freundlichkeit erwiesen.“</p> - -<p>„So, so!“ sagte Ernst zögernd. „Das freut mich.“</p> - -<p>Aber er blickte dabei zur Seite, und über sein Gesicht flog eine -hastige Röte.</p> - -<p>„Wollen wir hinuntergehen?“ fragte er dann plötzlich.</p> - -<p>Drunten im Wohnzimmer hatte der Adjunkt eben einen kleinen Streit mit -seiner Frau gehabt.</p> - -<p>Er hatte am Nachmittag seinen Bruder, den Professor, besucht, und als -die Brüder eine Weile beieinander gesessen hatten, war der Professor -aufgestanden und hatte mit seinem alten gassenjungenhaften Ton gesagt: -„Du, Erker! Wie wär’s, wenn wir uns heut einen vergnügten Abend -machten? Ich hab’ eine ganz verwünschte Lust dazu!“</p> - -<p>Und er zog an seinem wohlgepflegten Backenbart und schnitt eine -Grimasse, die dem Adjunkten unwillkürlich ein Lachen ablockte.</p> - -<p>„Na, was meinst du dazu?“</p> - -<p>Der Adjunkt lächelte — ein bißchen gezwungen, wie es dem Bruder -schien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p> - -<p>„Ich weiß nicht recht...“</p> - -<p>Der Professor kannte dies Lächeln. Er verstand den Bruder.</p> - -<p>„Freilich, Ebbas strenge Grundsätze — na, usw. usw. Aber wart’ einmal. -Da, stell dich hinter die Tür, so sollst du mal hören, wie das ein -alter Diplomat macht!“</p> - -<p>„Zu was soll ich mich denn hinter die Tür stellen?“</p> - -<p>Der Professor kratzte sich am Kopf und lachte, daß sein Bauch wackelte.</p> - -<p>„Zu was du dich hinter die Tür stellen sollst? Du bist doch ein -unverbesserlicher Schafskopf! Oder ein Idiot — wie man das heutzutag -nennt! Um was zu lernen, verstehst du? Also sei mal still!“</p> - -<p>Sein wohlgenährter Körper verschwand geschmeidig durch die Tür, die er -halb offen ließ.</p> - -<p>Der Adjunkt sah recht kläglich aus, wie er so dastand. Aber neugierig -war er doch. Darum blieb er und horchte. Erst war eine ganze Weile lang -alles still. Er dachte schon, der Bruder hätte seine Frau gar nicht -getroffen. Endlich hörte er ein Husten, das anscheinend vom Bruder kam. -Dann eine sanfte Stimme, die sagte: „Du bist recht lieb, daß du mir -Gesellschaft leistest!“</p> - -<p>„Ja, siehst du, ich wollte eigentlich heut abend ein bißchen ausgehen. -Eine Verabredung... ein paar Kollegen...“</p> - -<p>Dann ein Flüstern, das nicht zu verstehen war. Und darauf die Stimme -der Professorin: „Laß schon, Abel! Du weißt, ich mag keine Judasküsse! -Geh nur mit deinen Kollegen! Du weißt ja, ich schlaf’ doch nicht, eh du -daheim bist!“</p> - -<p>Und dann des Professors Stimme: „Adieu, lieber Schatz! Halt gut Haus, -solang ich fort bin! Schlafen wirst du schon, paß nur auf, — wenn du -nur erst zu Bett bist!“</p> - -<p>Im nächsten Augenblick witschte der Professor wieder ins Zimmer, den -Finger auf die Lippen gedrückt.</p> - -<p>„So, jetzt weißt du, wie man’s macht! Jetzt rasch, geh heim, und -nachher treffen wir uns im Ratskeller! Bruhn ist<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> auch da und Kumlander -und noch ein paar. Heut abend ist was ganz Besonderes los, mußt du -wissen!“</p> - -<p>Der Adjunkt ging sehr eilig nach Hause an solchen Abenden. Er machte -kleine, rasche Schritte; sein Gesicht hatte einen ganz besonders -belebten Ausdruck. Für einen Abend wollte er einmal den Schulzwang und -die Familienbürde von sich werfen! Wollte sich einmal wieder ledig -fühlen und frei! Er war auch ganz sicher — seine Frau würde ihn -verstehen und ihm die Freude durch kein saures Gesicht stören. Sie -wußte ja, wie nötig er’s hatte, einmal so recht herauszukommen!</p> - -<p>Mit behutsamen Schritten trat er ins Wohnzimmer, in dem seine Frau saß. -Er hatte noch den Mantel an und den Stock in der Hand. Und ohne weitere -Vorbereitung brachte er sein Anliegen vor; so sicher, wie vorhin auf -der Straße, fühlte er sich freilich nicht mehr.</p> - -<p>Frau Hallin sah eigensinnig auf ihre Arbeit. Um ihren Mund legte sich -ein strenger Zug.</p> - -<p>„Pastor Simonson war hier; und ich hab’ ihn auf heut abend eingeladen!“ -sagte sie.</p> - -<p>„Er hat ja Ernst!“ meinte der Adjunkt eifrig.</p> - -<p>Frau Hallin blickte von ihrer Arbeit auf und sagte ernsthaft: „Um -unsres Sohnes willen müßtest du das nicht tun!“</p> - -<p>Ein ziemlich lebhafter Wortwechsel entspann sich. Aber der Adjunkt -bestand auf seinem Recht. Er wollte ausgehen, und er würde ausgehen. -Außerdem hatte er es schon versprochen. Was ging ihn überhaupt Pastor -Simonson an? Es war doch gewiß keine Sünde, wenn man einmal abends -ausging!</p> - -<p>Frau Hallin setzte ihre allerverstockteste, vorwurfsvollste Miene -auf und bat ihn, doch ja zu gehen. Sie hatte getan, was sie konnte! -<em class="gesperrt">Ihrethalben</em> konnte es die ganze Stadt wissen, daß Pastor Hallins -Vater abends in den Wirtschaften hockte — in der allerschlechtesten -Gesellschaft.</p> - -<p>Frau Hallin war böse, und zwar ganz ernstlich. Es regte<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> sie immer -auf, wenn der Adjunkt abends fort war. Sie hatte es ja, Gott sei Dank, -dahin gebracht, daß es nicht mehr oft vorkam. Daß er aber grad heute, -wo Pastor Simonson da war, ausgehen wollte — das reizte sie. Denn sie -war ganz sicher — der Pastor würde die Geschichte weitererzählen. -Und den ganzen Abend lang würde es sie quälen, daß das grade in ihrem -christlichen Haus passieren mußte!</p> - -<p>Als auf der Treppe Schritte laut wurden, verschwand der Adjunkt. Frau -Hallin hatte auf jeder Backe einen kleinen roten Fleck, als sie die -Herren in Empfang nahm.</p> - -<p>Aber sie sagte nichts, eh man zu Tisch ging. Während sie dann die -Herren bat, ins Eßzimmer zu gehen, sagte sie mit einer Stimme, der sie -vergeblich einen gleichgültigen Ausdruck zu geben versuchte: „Papa ist -aus heut abend!“</p> - -<p>Pastor Simonson warf einen raschen Blick auf ihr Gesicht und verstand -mit einmal, weshalb die Stimmung den ganzen Abend so gedrückt war. Man -führte ein sündhaftes Leben in Gammelby — mit Schwelgen und Prassen! -Und er beugte in einer Art diskreten Mitleidens das Haupt.</p> - -<p>Ernst dagegen setzte seine Mutter höchlich in Erstaunen dadurch, daß er -in die Hände klatschte und heiter rief: „Das ist nett, daß Papa sich -auch mal ein Vergnügen gönnt! Er hat’s nötig!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>ls das Abendbrot vorüber war, versammelten sich alle im Wohnzimmer. -Eine gewisse Verstimmung lag in der Luft, und keiner hatte Lust, ein -Gespräch anzufangen. Ab und zu sagte jemand ein paar Worte, wie um -pflichtschuldigst zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Ernst sah -überhaupt ganz geistesabwesend aus, und Gustaf gähnte unverhohlen.</p> - -<p>Frau Hallin erhob sich und ging auf einen Augenblick hinaus.<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Als sie -zurückkam, hatte sie Bibel und Andachtsbuch bei sich, die sie beide -vor Ernst hinlegte, während sie mit einem forschenden Blick sagte: -„Vielleicht liest du heute das Abendgebet, da Papa fort ist!“</p> - -<p>Ernst fuhr zusammen. Er sah so erschrocken aus, als mute ihm die Mutter -das halsbrecherischste Wagestück zu; und er blickte sich nach allen -Seiten um, als erwarte er Hilfe und Unterstützung von den andern.</p> - -<p>„Meinst du?“ fragte er halblaut. „Grad heute abend?“</p> - -<p>„Ich meine, wir sollten auch heut abend nicht auseinandergehen, ohne -Gottes Wort miteinander gelesen zu haben!“ antwortete Frau Hallin -ebenfalls in einem Ton, der nicht für die andern berechnet war.</p> - -<p>„Wir sind ja aber nicht allein!“ fuhr Ernst widerwillig fort.</p> - -<p>„Pastor Simonson hat unserer Andacht schon öfter beigewohnt“, erwiderte -Frau Hallin, indem sie sich dem jungen Pastor zuwandte.</p> - -<p>Ernst Hallin erhob sich. Sein Antlitz war düster; er schob die Bücher -von sich.</p> - -<p>„Ich kann nicht!“ sagte er mit leiser Stimme, die aber durchs ganze -Zimmer zu hören war. „Quäl’ mich nicht!“</p> - -<p>Eine Weile hatten ihm seine Gedanken Ruhe gelassen. Jetzt brachte die -Mutter sie ihm wieder so recht handgreiflich in Erinnerung. Er, der so -gar nicht wußte, was er eigentlich glaubte oder dachte, er, der selber -ein Suchender war, ein Tastender, ein Ringender, er sollte seinen Beruf -ausüben und andern, die Suchende waren, gleich ihm, predigen?</p> - -<p>Er entfernte sich vom Tisch, auf dem die Lampe stand, und setzte sich -in den dunkelsten Winkel des Zimmers.</p> - -<p>Pastor Simonson trat vor und nahm die Bücher an sich.</p> - -<p>„Gestatten Sie, daß ich ein Kapitel aus der Bibel lese, Frau Hallin?“ -sagte er. Es lag eine fast unmerkliche Betonung auf dem „ich“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> - -<p>Frau Hallin warf ihm einen dankbaren Blick zu; aber es tat ihr weh, daß -sie die Stimme eines Fremden statt der ihres Sohnes hören mußte; und -Tränen flossen in ihr Taschentuch, während sie das Haupt beugte.</p> - -<p>Warum hab’ ich es nur nicht tun können? fragte Ernst Hallin sich. Warum -hab’ ich es nicht tun können? Es kam ihm selber ganz unbegreiflich vor. -Er saß ganz stumm da und rang in Gedanken mit sich selbst, um der Sache -auf den Grund zu kommen. Warum nur nicht! Es war doch sonderbar!</p> - -<p>Er ward aus seinen Gedanken gerissen durch Pastor Simonsons Stimme, -die leise und scharf die Einleitungsworte sprach: „Im Namen Gottes des -Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“</p> - -<p>Er las darauf ein Kapitel aus der Bergpredigt; die milden Worte hatten -einen seltsam fremden Klang. Leblos und kalt fielen sie von seinen -Lippen, als hätten sie nie eine Seele gehabt, als wären sie nie von -Lippen gefallen, die von Liebe zur Menschheit, von Trauer über ihren -Fall zitterten. Korrekt und starr kamen sie heraus, als trockene, -dogmatische Sentenzen, die man bei der Hand haben muß, wenn es drauf -ankommt.</p> - -<p>Ernst empfand ein unsägliches Unbehagen, eine rein körperliche Qual, -die für ihn ebenso unleidlich wie neu war. Als Simonson zu Ende gelesen -hatte, dankte die Mutter ihm. Ernst saß in der Sofaecke. Niemand konnte -sein Gesicht sehen.</p> - -<p>Dann sagten alle Gutenacht. Pastor Simonson zog seinen Überzieher an -und Gustaf begleitete ihn, um ihn zur Haustür hinauszulassen. Selma -ging auf ihr Zimmer.</p> - -<p>Ernst trat zur Mutter, um ihr Gutenacht zu sagen. Sie sah ihn einen -Augenblick lang ernsthaft an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte -sie: „Ernst, mit dir geht etwas vor. Aber ich weiß nicht, was.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<p>„Mit mir?“ erwiderte Ernst. „Nein.“</p> - -<p>Er ging von ihr fort und durchs Zimmer.</p> - -<p>„Ich versichere dich, Mama, es ist nichts!“ sagte er. „Was sollte es -auch sein?“</p> - -<p>Bei sich aber dachte er: Was kann sie nur damit meinen? Mit mir -vorgehen? Was soll denn mit mir vorgehen? Etwas muß es ja freilich -sein. Seit ich aus Upsala zurück bin, ist es in mir wie eine Unruhe. -Ich muß Zeit haben — ich muß zu mir selber kommen. So kann das -nicht weitergehen. Ah — was die Menschen alle mich quälen! Und ganz -besonders Mama mit ihrem Inmichdringen! Wenn ich mich doch verstecken -könnte, irgendwohin, wo keiner mich sieht, und wo ich keinen sehe! -Unerträglich ist es hier!</p> - -<p>Aber die Mutter ließ sich so leicht nicht abweisen. Sie ging ihm nach -und legte ihm die Hand auf die Achsel.</p> - -<p>„Sag’ mir, was es ist!“ bat sie.</p> - -<p>Jetzt wurde Ernst heftig.</p> - -<p>„Laß mich in Frieden!“ rief er. „Was hab’ ich denn getan? Ich hab’ die -Abendandacht nicht lesen wollen. Ich weiß selber nicht, warum. Es war -mir zuwider. Simonson hat es ja an meiner Statt getan. Und das war ja -ebensogut. Warum läßt man mich nicht in Frieden? Siehst du denn nicht, -daß ich grade das brauche, Mama? Ich ertrag’ es nicht, daß man so um -mich herumgeht und lauert und mich überwacht, als wüßt’ ich selber -nicht, was ich wollte! Ich bitt’ dich ganz ernstlich, Mama, laß das!“</p> - -<p>Und mit einem freundlicheren Gesichtsausdruck als zuvor bog er sich -nieder zu ihr, küßte sie und wollte gehen.</p> - -<p>Frau Hallin blickte ihm bekümmert nach.</p> - -<p>Er blieb stehen.</p> - -<p>„Wenn du bloß nichts tust, was gegen Gottes Willen ist!“ sagte sie.</p> - -<p>Ein Lächeln flog über sein Antlitz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p>„Was ist das — gegen Gottes Willen?“ fragte er.</p> - -<p>„Ernst!“ erwiderte Frau Hallin, und in ihren Augen blitzte es. „Das -weißt du nicht?“</p> - -<p>„Doch, doch!“ sagte er rasch. „Ich wollte ja nur sagen, daß ich mich -davor in acht nehme!“</p> - -<p>Und mit hastigen Schritten lief er die Treppe hinauf und in sein -Zimmer. Als er Licht angesteckt hatte, saß er lange mit pochendem -Herzen und hämmernden Schläfen da und grübelte darüber nach, was denn -eigentlich geschehen war. Warum war er denn so heftig geworden gegen -die Mutter? Und was bedeutete überhaupt das alles?</p> - -<p>Dann dachte er plötzlich an Simonson, und etwas wie Zorn erwachte -in ihm. Ja, der war anders geworden! Oder seh ich ihn vielleicht in -einem so andern Licht? dachte Ernst. Sogar seine Stimme ist anders -als früher. Und er sieht aus, als liefe er mit einer Maske herum! -Kämmt sein Haar so glatt und kleidet sich so feierlich und spricht so -herablassend mit den Frauen!</p> - -<p>Ernst mußte lachen, als er daran dachte. Aber das Lachen verging ihm -rasch.</p> - -<p>„Er ist kein ehrlicher Mensch!“ dachte er. Aber im selben Augenblick -errötete er über seinen Argwohn.</p> - -<p>Es gärte und kochte in ihm, als wäre sein ganzes Innere in Aufruhr. -Er riß das Fenster auf und atmete die frische Luft ein. Es war dunkel -draußen. Aber schön war es. Erquickung für die kranken Lungen, die sich -von verdorbener Luft erholten. Er zog, noch immer unschlüssig, die Uhr. -Es war kaum Zehn. Durchs Fenster strömte die kühle Luft.</p> - -<p>Mit einem hastigen Entschluß hüllte er sich in den Überzieher und -zündete sich eine Zigarre an. Dann steckte er eine Streichholzschachtel -zu sich, löschte das Licht und schlich mit leisen Schritten die Treppe -hinab, hinaus auf die Straße.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>djunkt Hallin schlug den Weg zum Ratskeller nach der Unterredung mit -seiner Frau keineswegs so fröhlich ein, wie er vor kurzem noch von -seinem Bruder nach Hause gekommen war. Seine heitere Laune war ganz -weg; und er ging eigentlich bloß, weil er nicht gern umkehren mochte. -Wäre nicht Pastor Simonson daheim gewesen — er wäre wahrhaftig zu -Hause geblieben. Aber so schämte er sich, einen Fremden zum Zeugen -seiner Niederlage werden zu lassen.</p> - -<p>Die Luft war schwer und kalt. Grau und wolkig hing der Himmel über -der Stadt. Als der Adjunkt die Lange Straße hinab ging, sah er, -wie hinter der Brücke, wo die Straße endet, die Wolken sich ganz -zusammenschlossen. Ab und zu fuhr ein scharfer Windstoß einher. Die -grauen und roten Holzhäuser sahen feucht aus. Der Schnee, der auf der -Straße lag, war an vielen Stellen ganz überdeckt von Schmutz und Unrat.</p> - -<p>Die ganze Stadt sah zu dieser Tageszeit aus, als hätte alles, was Leben -und Atem hat, sich in die Häuser zurückgezogen. An dem einen oder -andern Fenster zeigte sich neben dem angelaufenen Straßenspiegel ein -haubengeschmücktes Altfrauengesicht, das eifrig nach den Ereignissen -draußen ausspähte. Ein kleines Stück vor sich bemerkte der Adjunkt -den Laternenanzünder. Er trug eine Leiter, die er an jeder Laterne -aufstellte; dann kletterte er hinauf, und gleich darauf glimmte eine -gelbe Flamme durch die Dämmerung, beleuchtete Straße und Häuser und -warf da und dort ihren Schein in ein Zimmer, in dem die Menschen saßen -und warteten, bis das Erscheinen des Laternenmanns das Zeichen gab, -daß die offizielle Dämmerstunde zu Ende und es Zeit war, die Lampe -anzuzünden. Die haubenumrahmten Gesichter hinter den Spiegeln bewegten -sich, und die alten Augen wurden lebendiger, wenn sie den kleinen Mann -in seinem grauen Kittel und der Mütze<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> langsam die Leiter emporklimmen -und die Gaslaternen von Gammelby anstecken sahen.</p> - -<p>Es war für den Adjunkt ein ganz besonderes Vergnügen, die Arbeit -des Laternenmanns zu verfolgen, auf der Straße stehenzubleiben und -zuzusehen, wie die Lichter sich entzündeten, eins nach dem andern, im -Zickzack, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken, die ganze -Lange Straße hinunter, bis die gelben Flammen sich in einer langen -Zickzacklinie bis zur Brücke hin zogen, hinter der das Dunkel anfing.</p> - -<p>Auch jetzt blieb er eine Weile stehen und sah zu, wie die Flamme in der -Dunkelheit aufloderte und ihren zuckenden Schein über Straße und Häuser -warf.</p> - -<p>Da fühlte er, wie eine Hand ihm von hintenher auf die Schulter schlug. -Es war Professor Kumlander, der ihm mit seiner langen Nase ins Gesicht -schnüffelte.</p> - -<p>„Guten Abend, Hallin!“ sagte er. „Du kommst doch auch heut?“</p> - -<p>„Ja“, erwiderte der aus seinen Betrachtungen gerissene Adjunkt. -„Beabsichtige es wenigstens. Bist du denn noch nicht dort?“</p> - -<p>Professor Kumlander war nämlich im allgemeinen keiner von denen, die -zu einem Zechgelage zu spät kommen. Heut aber sah er aus wie einer, -der gewichtige Gründe zum Zuspätkommen hat. Sein Gesicht trug einen -verschämten und gleichzeitig befriedigten Ausdruck. Und in der Art, wie -er den Kollegen betrachtete, lag etwas jungenhaft Verschmitztes. Er -schlug mit seinem Stock aufs Pflaster und schnaubte ein paarmal sehr -ausdrucksvoll.</p> - -<p>„Ich habe so meine Gründe!“ sagte er.</p> - -<p>Adjunkt Hallin sah noch immer gänzlich unbeeindruckt aus und begriff -augenscheinlich nicht, worauf der andere hinaus wollte. Jetzt aber ward -für Professor Kumlander die Versuchung zu stark. Mit einer Miene, die -zwischen Verschämtheit<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> und Selbstzufriedenheit schwankte, sagte er: -„Eigentlich sollt’ ich ja nichts sagen, eh’ wir dort sind. Aber weißt -du — meine Frau hat heut ein Mädelchen gekriegt!“</p> - -<p>Der Adjunkt mußte es wohl nicht ganz schicklich finden, in lautes -Gelächter auszubrechen, obwohl ihm das am nächsten lag. Jedenfalls -aber sah er sehr erheitert aus. Er wußte, heut gab es einen lustigen -Abend, einen, von dem man noch wochenlang zehren konnte. Wenn bei -Kumlanders wieder ein Töchterchen angelangt war, — das war eine Freude -für das ganze Lehrerpersonal und auch für die Schüler. Acht Jahre war -der Professor verheiratet. Und jedes Jahr kriegte er ein Mädchen, und -bei jedem Mädchen hatte er, all die acht Jahre her, sich gewünscht, -es möchte ein Junge sein. Er rechnete es immer ganz genau aus, daß es -diesmal ein Junge sein müßte. Ganz fest war er davon überzeugt; es war -überhaupt gar nicht anders möglich. Alle Wahrscheinlichkeiten sprachen -dafür, daß es diesmal ein Junge war. Es gab da so gewisse Anzeichen, -die die Hebamme beobachtet hatte. Und der Professor flüsterte seinem -Nebensitzer ein paar Worte ins Ohr. Und kurz — es war so gut wie -sicher.</p> - -<p>Und jedesmal war es ein Mädchen.</p> - -<p>Fünfmal war es jetzt schon so gegangen. Immer war der Professor ganz -unerschütterlich in seinem Glauben, immer war er gleich mitteilsam und -vertrauensvoll den Kollegen gegenüber, immer ward er betrogen und immer -hoffte er gleich unverdrossen auf mehr Glück das nächstemal. Weshalb es -auch unter den Kollegen zum stehenden Scherz wurde, Kumlanders könnten -bloß Mädchen kriegen.</p> - -<p>Diesmal genierte er sich aber doch ein bißchen. Er wußte, heute würde -es über ihn hergehen! Und mag man noch so gutmütig sein, — ein bißchen -peinlich ist so was doch.</p> - -<p>Der Adjunkt bezwang einstweilen seine Lachlust noch und fragte nur -boshaft: „Na, wie ist’s denn? Achte hast du jetzt, was?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p> - -<p>„Quatsch!“ sagte der Professor gutmütig. „Ich bin doch überhaupt erst -acht Jahre verheiratet.“</p> - -<p>Und lachend gingen die beiden Herren die Ratskellertreppe hinab.</p> - -<p>Daß die Herren grade heute abend zusammenkamen, das hatte Professor -Hallin zuwege gebracht. Er hatte niemand gesagt, warum; denn der -„Anlaß“ sollte eine Überraschung sein. Er hatte es nur eingerichtet, -daß sie alle sich an diesem Abend treffen wollten, so viele von denen, -die zu einem lustigen Abend gehörten, er überhaupt zusammentrommeln -konnte. Daß bei Kumlanders etwas erwartet wurde, hatte er durch seine -Frau erfahren. Seitdem hatte er nach besten Kräften seine Vorkehrungen -getroffen. Gradezu gefiebert vor Unruhe hatte er beim Gedanken, es -könnte doch möglicherweise ein Junge sein. Das hätte ja den ganzen -Spaß verdorben. Vormittags war Professor Kumlander nicht in der Schule -gewesen; und Professor Hallin hatte sich in einer der Pausen die -Nachricht zu verschaffen gewußt, daß das große Ereignis stattgefunden -hatte. Er hüpfte vor Freude, als er hörte, daß das Kleine ein Mädchen -war. Professor Kumlander pflegte jeden Abend um sieben Uhr auf ein -Stündchen zum Abendschoppen in den Ratskeller zu gehen; und daß er an -einem so wichtigen Tag nicht ausbleiben würde, war ziemlich sicher.</p> - -<p>Als darum Hallin und Kumlander jetzt zusammen in das kleine Nebenzimmer -traten, fanden sie vor dem Sofa einen langen Tisch, auf dem heftig -dampfende Groggläser winkten, und um den Tisch den ganzen Kreis der -älteren Lehrer versammelt. Es mochten alles in allem etwa zehn Personen -sein.</p> - -<p>Da saß Doktor Björkén, ein langer, hagerer Magister, dessen Adlernase -in dem üppigen Bart fast begraben war. Daneben Professor Eneman, -ein kleiner, fetter Herr mit Glatze und Brille. Seine Augen fuhren -beständig nach allen Seiten umher, als fordre er den Beifall seiner -Nebensitzer heraus, und<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> um seine Lippen lag ein Lächeln, das bezeugen -sollte, daß ein guter Witz bei ihm stets eine gute Statt finde. Da -saß der lustige alte Svartengren, ein alter Junggesell, der bloß die -Augen zu verdrehen brauchte, um alle Welt zum Lachen zu bringen. Er -saß da und zog die Mundwinkel vor Lachen bis an die Ohren, während -sein unmäßig dicker Bauch sich wie ein Berg vom Tischrand zur Brust -emporwölbte. Da saß Magister Barfoot, ein brünetter Mann mit schwarzem -Spitzbart und dem Monokle im Auge. Er war ein Misanthrop und nur aus -Versehen in die Gesellschaft geraten. Auf dem Sofa saß Professor -Hallin, und hinter ihm waren Professor Bruhns gewaltige Figur und noch -ein paar andere sichtbar.</p> - -<p>Professor Hallin hatte „den Anlaß“ schon mitgeteilt. Er war frühzeitig -gekommen und hatte seine Truppen um sich versammelt. Als darum -Kumlander in der Tür erschien, erhob sich die ganze Gesellschaft und -verbeugte sich ernsthaft.</p> - -<p>„Wir gratulieren!“</p> - -<p>„Danke! Die Herren sind sehr aufmerksam!“ erwiderte der -Theologieprofessor.</p> - -<p>„Wie geht’s der Frau?“ fragte Professor Hallin.</p> - -<p>„Und der Kleinen?“ fiel Professor Eneman ein und machte eine -liebenswürdige Bewegung mit seiner fetten, kleinen Hand.</p> - -<p>„Mutter und Kind befinden sich den Umständen gemäß!“ antwortete der -glückliche Vater mit erzwungenem Ernst.</p> - -<p>Professor Hallin schob sich vor und umarmte den Festhammel.</p> - -<p>„Und wie viele spendierst du heut? Sieben doch wohl, der -Übereinstimmung halber! Sieben? Was?“</p> - -<p>„Den Teufel werd’ ich!“ antwortet der unglückliche Kumlander in einem -solchen Brustton der Überzeugung, daß ein allgemeines Gelächter sich -erhob. „Spendier’ doch du, wenn dich danach gelüstet!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> - -<p>Professor Bruhn betrachtete die Kollegen mit einem gutmütigen Lächeln, -etwa wie ein Erwachsener auf Kinder herunterblickt, deren Vergnügen er -nicht stören will.</p> - -<p>„Können wir das nicht ebensogut im Sitzen abmachen?“ sagte er.</p> - -<p>Jetzt machte man Raum für Kumlander. Er mußte auf den Ehrenplatz. Auf -das Sofa gehörte er.</p> - -<p>Er sah auch ganz so aus, als fühle er sich als Held des Tages. Die -Aufmerksamkeit, die einen andern in Verlegenheit gesetzt hätte, -genierte ihn nicht im geringsten. All die Scherze genierten ihn -höchstens in der Phantasie. In Wirklichkeit freute ihn diese ganze -Hänselei, die so grob, so alles andere eher als zartfühlend war, weit -mehr, als wenn man ihn ernst genommen hätte. Als er jetzt zwischen -die Professoren Eneman und Hallin gesetzt wurde, sah er ordentlich -strahlend aus und mischte sich seinen Grog mit einem Selbstgefühl, als -wäre er ein junger Ehemann, der sein Erstgeborenes feiert.</p> - -<p>Es war eine Freude zu sehen, wie Professor Kumlander seinen Grog -braute. Mit welch vergnügter und gleichzeitig wichtiger Miene er die -Zuckerstücke in der Hand wog, eh er sie ins Glas warf. Wie dicht er -das Glas an das Licht hielt, um ja genau zu sehen, daß er auch nicht -zuviel, aber ja auch nicht zuwenig einschenkte. Genau einen Viertelzoll -über das Geschliffene hinaus mußte es sein. Und der Zucker mußte -zergehen. Kein noch so winziges Stückchen durfte zurückbleiben; sonst -sah es trüb aus. Wenn dann die Mischung klar war, goß der Professor -langsam und bedächtig den Kognak zu, und wenn das Getränk die richtige -braune Färbung hatte, schmunzelte er übers ganze Gesicht, nahm sein -Glas mit einer liebkosenden Bewegung in die Hand und sagte: „Jetzt, -glaub’ ich, kann man das Gesöff trinken. Prost!“</p> - -<p>Und er führte es mit prüfender Miene an die Lippen. Ja, es war recht. -Ein winziger Tropfen Kognak noch, dann war’s<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> noch besser. Und dann ein -langer, wollüstiger Zug aus dem dampfenden Glas.</p> - -<p>Einen Augenblick war es still um den Tisch. Kumlander sah sich um mit -einem Gesicht, als fühle er die Verpflichtung, etwas zu sagen.</p> - -<p>„Tja — es ist wieder ein Mädchen geworden!“ sagte er.</p> - -<p>Natürlich platzte die ganze Gesellschaft los. Durch den Lärm hindurch -hörte man Professor Hallins lärmendes, klingendes Lachen. Aber alle -übertönte Bruhns gewaltiger Baß.</p> - -<p>Dann erhob sich Professor Hallin. Alles verstummte. Er faßte sein Glas -und bat ums Wort.</p> - -<p>„Meine Herren!“ begann er mit gut gespieltem Pathos, „lassen Sie uns -einen Augenblick gemeinsam andächtigen Herzens das wichtige Ereignis -betrachten, das uns heute hier zusammenführt. Wir dürfen es ja wohl, -ohne allzu indiskret zu erscheinen, bei Namen zu nennen. Unserem Freund -Kumlander ist ein Töchterchen geboren.</p> - -<p>Hierbei ist vor allem zu beachten, daß ein <em class="gesperrt">Töchterchen</em> ihm -geboren ist, mit andern Worten, daß ihm kein Junge geschenkt ward. Wenn -ich daran erinnere, so tue ich es in der Hoffnung, es möchte dies auf -unseres Freundes Kumlander Gefühle in keiner Weise verletzend wirken. -Es soll dies keineswegs ein Mißtrauen in eine Fähigkeit ausdrücken, von -der wir schon oft genug zu leuchtende Beweise empfangen haben, als daß -wir Zweifel in sie setzen dürften.“</p> - -<p>Ein kurzes Gelächter bezeugte, daß die Zuhörer dem Vortrag mit -Interesse folgten.</p> - -<p>„Es wird indessen behauptet,“ fuhr der Redner fort, „daß unser Freund -Kumlander mit dieser Tatsache nicht völlig einverstanden ist. Er findet -es eintönig und wünscht sich Abwechslung. Doch, meine Herren, die -Geschichte lehrt uns, daß rascher Wechsel gefährlich ist, und daß man -unter allen Um<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>ständen gut daran tut, sich an das zu halten, was man -die ‚historische Kontinuität‘ nennt.“</p> - -<p>Diese witzige Wendung wurde nur von Professor Bruhn gewürdigt, der -Bravo schrie.</p> - -<p>„Da nun alle plötzlichen Übergänge als im höchsten Grad gefährlich -bezeichnet werden müssen, so möchte ich bei dem Anlaß, zu dessen Feier -wir hier zusammengekommen sind, auf einen Umstand hinweisen, der -für unsern Freund Kumlander als ein ganz unbestreitbarer Vorteil zu -betrachten ist. Ich habe gesagt, das Bemerkenswerte bei dieser Sache -sei, daß Kumlander Vater eines Töchterchens geworden ist. Aber ich -möchte zugleich noch einen zweiten beachtenswerten Umstand betonen — -nämlich, daß er Vater <em class="gesperrt">eines</em> Töchterchens geworden ist, das heißt -nicht Vater von zweien oder dreien oder gar vieren!“ (Bravo!)</p> - -<p>„Tja, man kann ja nie wissen! Und man muß zugeben — besser ist besser. -Meine Herren! Man spricht von Shakespeare, von seiner schöpferischen -Kraft, Frauentypen zu gestalten! Aber was ist das gegen Professor -Kumlander? Darum, meine Herren, schlage ich vor, daß wir auf das Wohl -unseres Freundes Kumlander trinken! Und zugleich mit den herzlichsten -Wünschen für das Wohlergehen seiner Frau und des kleinen Neugeborenen -wage ich die Hoffnung auszusprechen, es möge dies nicht das letztemal -sein, daß wir aus diesem Anlaß hier versammelt sind!“</p> - -<p>Professor Kumlander stieß mit dem Redner an und dankte ihm.</p> - -<p>„Danke dir, Hallin! Aber ich hoffe trotzdem, daß der Anlaß nächstesmal -ein anderer sein wird!“</p> - -<p>Und indem er einen tüchtigen Schluck Grog nahm, setzte er sich wieder -auf seinen Platz und zwinkerte vergnügt mit den Augen.</p> - -<p>„Nächstesmal wird es ein Junge!“ sagte er. „Dafür will ich, hol’s der -Kuckuck, schon sorgen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<p>Jetzt ward das Gelächter geradezu zu einem Tumult. Dies prahlerische -Versprechen war es ja, was man hatte aus ihm herauslocken wollen! Auf -den Augenblick hatte Professor Hallin ja nur gewartet! Seit zwei Tagen -schon hatte er sich darauf gefreut, und als es endlich so weit war, -kannte sein Entzücken keine Grenzen. Er stand auf und schrie, halb -erstickt vor Lachen:</p> - -<p>„Prost, Kumlander! Sag’ das noch einmal!“</p> - -<p>„So ist’s recht, Kumlander!“</p> - -<p>„Nur nicht nachgeben!“</p> - -<p>Es war wie eine Bande von losgelassenen Schuljungen. Alle schrien -durcheinander, voller Freude und Ausgelassenheit. Die Feststimmung des -Augenblicks ließ all die kleinen Widerwärtigkeiten des Tages vergessen, -den Ärger, die Sorgen, die Einförmigkeit ihres Lebens, den Überdruß -an diesem Leben, den so manche hegten, die unbezahlten Rechnungen, -Schulden, Kautionen und Wechsel!</p> - -<p>Nach einer Weile schlug Professor Hallin auf den Tisch und rief nach -heißem Wasser. Ringsum wurden die Groggläser geleert und wieder frisch -gefüllt.</p> - -<p>Die Unterhaltung war jetzt allgemein geworden. Professor Eneman -hielt Kumlander am Rockaufschlag fest und erzählte mit strahlenden -Augen und lebhaften Gesten eine Geschichte, die sich bei der letzten -Stadtratssitzung ereignet hatte. „Denk’, das haben sie gewagt — dem -Bürgermeister gegenüber! Hahaha! Das tut ihm gut!“ Professor Hallin -unterhielt sich mit Barfoot, der bitter und satirisch war. „Tja, wenn’s -mit rechten Dingen zuginge auf der Welt, da wär’ manch einer an einem -ganz andern Platz!“ Und der Magister berichtete zum zehntenmal von den -Beiträgen zur Flora der Umgegend, die er aus seiner vieljährigen Praxis -heraus einem Stockholmer Professor geliefert hatte.</p> - -<p>„Und wer hat die Ehre davon? Wer, frag’ ich?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>Mit der brennenden Zigarre im Mund, und den dampfenden Grog vor sich, -saß Professor Bruhn ganz allein, schaukelte sich in seinem Stuhl -hin und her, und durch die gewaltigen Tabakswolken, die er von sich -blies, schimmerte die mächtige Denkerstirn über einem Paar freundlich -blickender, tiefliegender Augen. Dann geriet man aufs Gebiet der -Anekdoten. Magister Björkén machte den Anfang. Schüchtern und unsicher, -fast als fürchte er sich vor seiner eigenen Stimme, begann er eine -Geschichte aus seiner Studienzeit zu erzählen. Dabei leuchteten seine -Augen so hell und fröhlich über dem dichten Bart, als lebe er die -glücklichen Tage der Jugend noch einmal durch, und als er fertig war -und alle lachten, sah er vor sich nieder und nickte mit einem kleinen -Lächeln: „Ja, das waren frohe Tage, damals! Was war man da für ein -Kerl! Und was ist man später geworden!“</p> - -<p>Jetzt fingen alle an, Studentengeschichten zu erzählen. Eine um die -andere kamen sie; alte, wohlbekannte Anekdoten, die die meisten kannten -und in denen oft der oder jener der Anwesenden eine Rolle gespielt -hatte, zogen herauf mit ihrer Erinnerung an eine entschwundene Zeit, -mit ihren heiteren Jugendstreichen, mit dem ganzen unwiderstehlichen -Jugendrausch, ihren wundervollen, starken Eindrücken! Sie zogen -vorüber, eine um die andere, keiner wog seine Worte, keiner machte sich -Gedanken über das, was er sagte. Ein ganzes Jahrzehnt Upsala lebte -wieder auf. Jeder hatte diese oder jene hervorragende Persönlichkeit -gekannt, die jetzt eine Stellung im Lande einnahm, und jeder wußte -Geschichten von ihr zu berichten, Geschichten, zu denen sich keiner -von ihnen in nüchternem Zustand hätte bekennen mögen. Es war ganz -merkwürdig, wie aufgeknöpft die alten Schulfüchse sein konnten. Wenn -der eine aufhörte, fing der andere an. Ja, das waren freilich andere -Zeiten gewesen! Herrgott, wie man sich verändert hatte, und wie die -Jahre vergangen waren, fast ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> daß man es gemerkt hatte! Aber im -Herzen waren sie doch noch alle Studenten, alte, fröhliche, ehrliche -Bursche, solang sie lebten!</p> - -<p>Und was die alten Namen alle für frohe Erinnerungen und Gelächter -weckten: die St.-Eriksgasse, das Gustavianum, der Karolinenhügel und -der Schloßberg, die Königsau und Fjärdingen, Åkersten und Novum, Hof -und Dragarbrunn. Es waren oft recht ärmliche kleine Anekdoten. Aber sie -wurden trotzdem mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit erzählt. -Alle kannten ja die Orte, wußten von den Personen, und alle hörten -all die alten Dinge immer wieder gern. Am meisten erzählte Professor -Hallin. Er erzählte zu famos und hatte ein Gedächtnis, ganz was -Merkwürdiges von Gedächtnis! Hatte er eine Anekdote erzählt, so kam -ein anderer mit einer neuen. Aber jede zweite Anekdote erzählte doch -Professor Hallin.</p> - -<p>Dazwischen stieß irgendeiner sein Glas auf den Tisch und rief: „Prost! -Es lebe der Festhammel!“</p> - -<p>„Wir dürfen doch ‚den Anlaß‘ nicht vergessen! Prost, Kumlander! Sollst -wachsen und blühen und gedeihen!“</p> - -<p>Und dann lachten alle, daß es in der Stube widerhallte!</p> - -<p>Adjunkt Hallin fühlte sich ganz unbändig wohl. Er hatte den -Meinungsaustausch mit seiner Frau und Pastor Simonson und die -Abendandacht, die ihn bei solchen Gelegenheiten daheim erwartete, -ganz und gar vergessen. Er gehörte zu denen, die in einer großen -Gesellschaft ungemein lebendig werden, die aber selber nicht viel -reden, sondern meist still dasitzen und sich an der allgemeinen -Heiterkeit freuen, mit ihren Nachbarn sich ganz lebhaft unterhalten, -aber nie über den Tisch weg schreien. Er lachte über die Anekdoten, -stieß mit Kumlander an, redete mit Bruhn über seinen Sohn und trank -viele Groge. Und fühlte sich dabei unendlich wohl und war unbändig -vergnügt. Als Professor Hallin — mit Rücksicht auf die allseitig nicht -besonders glänzenden Kassenverhältnisse — vorsichtig anfragte, ob man -sich zum Abendbrot einen Sherry gestatten<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> oder lieber sich mit Bier -und dem „Appetitschnäpschen“ begnügen wolle, war der Adjunkt der erste, -der die Lippen spitzte und, dem Bruder lustig zublinzelnd, antwortete: -natürlich müßte Sherry her. Heut sei doch ein Festtag. Worauf er laut -auflachte, mit Kumlander anstieß und darauf in einem Zuge sein Glas -Grog leerte.</p> - -<p>Er war ein ganz anderer Mensch hier. Nicht mehr der unnatürlich -barsche Lehrer, der sein <span class="antiqua">cado</span> und <span class="antiqua">caedo</span> durch die Klasse -schrie, nicht mehr der um seine Würde ängstlich besorgte Vater, der -aus Eitelkeit die Heiterkeit im Familienkreis eindämmte, nicht mehr -der bedrückte Familienversorger, der sich mit ängstlichen Gedanken an -unbezahlte Rechnungen und drängende Gläubiger herumschlug. In diesem -Augenblick war Adjunkt Hallin frei von allem, was ihn in langen, langen -Jahren zu dem lebensmüden, überanstrengten Menschen gemacht hatte, der -er für gewöhnlich war, so frei, als existierte das alles gar nicht. -Er war in diesem Augenblick weiter nichts als einfach ein Mensch, ein -Mensch, der den Staub des Alltags von sich abgeschüttelt hat. Und in -solchen Stunden sind wir Menschen ja so liebenswürdig, vertrauend, -offenherzig und gemütlich.</p> - -<p>Während des Abendessens zog Professor Eneman den Adjunkten in eine Ecke -und teilte ihm mit, wie wohl er sich in Gammelby fühle.</p> - -<p>„Wirklich, eine so prächtige alte Stadt! Und heut hab’ ich das Gefühl, -als wär’ ich überhaupt hier geboren. Mit knapper Not hab’ ich mich heut -abend frei machen können. In zwei Häusern war ich zu Mittag eingeladen, -und auch zu heut abend war ich schon versagt.“</p> - -<p>Und Professor Eneman lachte voll innigster Befriedigung, während er den -Rest Büchsenhummer aufaß, den er auf seinem Teller hatte.</p> - -<p>Professor Bruhn war den ganzen Abend über bei merkwürdig guter Laune -gewesen. Er paßte sonst nicht in größere<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> Gesellschaft; denn er besaß -den Fehler, sich immerfort an den lächerlichen und kleinlichen Seiten -anderer Leute zu stoßen. Seine große Rechtschaffenheit hatte ihm in -seiner Karriere oft im Weg gestanden und ihm mehr als einen bösen -Streich im Leben gespielt. Er pflegte oft mit einem Sarkasmus mitten in -die Unterhaltung zu platzen, der viel zu ernst war, um amüsant zu sein. -Jetzt stieß Adjunkt Hallin sein Bierglas gegen das des Professors und -sagte: „Prost, Bruhn! Es tut einem gut, zu sehen, daß du auch vergnügt -sein kannst!“</p> - -<p>„Warum sollte ich nicht vergnügt sein können?“ erwiderte der mit einer -Art mürrischer Freundlichkeit. „Man wird eben alt, siehst du; ganz -verdammt alt wird man!“</p> - -<p>„Du hast dich bei mir daheim schon lang nicht mehr sehen lassen“, fuhr -der Adjunkt fort, um auf ein anderes Thema zu kommen.</p> - -<p>„Hahaha!“ lachte Bruhn und nahm sich ein paar Lammkoteletten auf seinen -Teller, die er stehenden Fußes zerschnitt und in großen Bissen mit dem -Messer in den Mund schob. „Siehst du, ich seh’ wohl, daß deine Frau -meine Junggesellenmanieren und meine Junggesellensprache nicht leiden -kann. Es ist ganz logisch, siehst du. Wenn man sich nicht wohl fühlt im -Familienleben, — na — so kann man ihm ja aus dem Weg gehen. Die Leute -finden, daß ich nicht fein genug bin für sie. Da zieh’ ich mich ganz -einfach zurück, verstehst du. Ist im übrigen auch nichts, was man nicht -verschmerzen könnte.“</p> - -<p>Der Adjunkt sagte etwas, wie, das wäre ja doch nur Einbildung.</p> - -<p>„Nein, du!“ antwortete Bruhn. „Das bild’ ich mir nicht nur ein.“</p> - -<p>Er nahm eine gewaltige Prise und steckte dann die Daumen in seine -Armlöcher, während er sich auf den Absätzen hin und her wiegte.</p> - -<p>„Es sind keine Einbildungen, sag’ ich dir. Ich mach’ dir und deiner -Frau ja keinen Vorwurf. Wir, du und ich, können<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> auch so zusammen sein. -Und jedenfalls muß man mit seinen Besuchen den Leuten nicht zur Last -fallen.“</p> - -<p>Er faßte den Adjunkt am Arm und führte ihn, von den andern fort, in -eine Ecke.</p> - -<p>„Weiß der Kuckuck, was heut los ist mit mir“, sagte er. „Ich fühl’ -mich ganz verdammt mitteilsam. Muß wohl ganz viele Grogs getrunken -haben. Na — also ich werd’ dir was erzählen. Als ich ganz jung war, -war ich einmal sehr verliebt und wollte heiraten. Sie war ein nettes -kleines Ding mit blauen Augen und feinem Gesicht und kleinen Händen -und all so was. Ganz verdammt fein war sie. So fein war sie, daß sie -eines Tages zu mir sagte, sie könne mich nicht nehmen, weil ich ihr zu -ungeschliffen sei. Hahaha! Siehst du, so geht’s einem, wenn man nicht -fein genug ist! Seither hab’ ich mich mit schlechter Gesellschaft -begnügen müssen — und schlechten Mädels. Aber es ist schon lang her!“ -fügte er hinzu, als fürchte er, zu sentimental zu erscheinen.</p> - -<p>Und er ging zum Tisch zurück und goß ein Glas Sherry hinunter.</p> - -<p>Der Tisch sah recht abgegessen aus.</p> - -<p>„Ordentlich mit Plan und Überlegung ausgeführt!“ sagte Professor Hallin -zu Magister Barfoot, der durch sein Monokel aus dem linken Augenwinkel -melancholische Blicke auf das Schlachtfeld warf.</p> - -<p>Die Butterpyramide mit ihrem Gipfel von Petersilienblättern war zu -einem Nichts zusammengesunken; der Kaviar zwischen den gehackten -Zwiebeln war ganz verschwunden. Da und dort lagen auf einer Platte noch -ein paar Scheiben kalten Fleisches, ein paar Lammkoteletten hatten sich -am äußersten Rand einer länglichen Schüssel unter ein paar gedämpften -Mohrrüben verkrochen; nur der Büchsenlachs und der geräucherte Aal -standen noch unberührt da. Von dem frischen Lachs mit verlorenen Eiern, -der vorher in feingeschnittenen Scheiben,<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Seite an Seite mit einem -Haufen ebenfalls verschwundener Entrecotes, den Appetit herausgefordert -hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Am Rand des Tisches stand eine -Schale, auf deren Grund die Überbleibsel des geschmolzenen Gefrorenen -schwammen.</p> - -<p>„Ja, essen, das kann man hier in Gammelby, dafür ist es bekannt!“ sagte -Professor Bruhn.</p> - -<p>„Na, nun wollen wir lustig sein und weitermachen!“ schlug Professor -Hallin vor und setzte sich. „Jetzt kommt der Kaffee und der Punsch.“</p> - -<p>Der Kaffee kam, und der Punsch kam. Und alle wurden lustig und immer -lustiger. Jetzt war die Reihe an Svartengren; jetzt wurde der amüsant. -Vor dem Abendessen sagte der nie viel, und während des Abendessens war -er mit Essen beschäftigt. Es war nicht zu glauben, was er alles in -sich hineinaß. Dafür war er aber auch, wenn man beim Kaffee und Punsch -angelangt war, der Vergnügungsmeister. Das erwartete die Gesellschaft -von ihm. Er konnte Hühner und Katzen und Schweine nachmachen. Er wußte -allerhand Lieder und trommelte „Hör uns, Svea!“ auf seinem Bauch, -während er mit dem Mund die Klarinette dazu blies. Und noch eine Menge -andere amüsante Kunststücke konnte er. Er war sich dessen auch wohl -bewußt; und er schickte sich eben an, den Mund aufzutun, um ein paar -einleitende Worte zu sagen, während er seinen dicken Bauch unter den -Tisch schob. Da ging die Tür auf; und Professor Eneman, der ein bißchen -auf die Straße gegangen war, um sich auszulüften, kam wieder herein. -Er blieb mitten in der Tür stehen und winkte jemand, der im Korridor -draußen wartete.</p> - -<p>„Kommen Sie, junger Freund!“ sagte er und fuhr mit seiner runden -kleinen Rechten durch die Luft. „Wir sind lauter gute Kameraden hier, -und wir vermehren uns gern um einen neuen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> - -<p>Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst -Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als -blende ihn der allzu grelle Lichtschein.</p> - -<p>Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine -gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte -sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn -vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche -Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob -sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken -von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin -tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann -und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine -Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer -saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch -und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein -bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man -fragte ihn, was er trinken wolle.</p> - -<p>„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“</p> - -<p>Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben -aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen.</p> - -<p>Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er -war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn -draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten -seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren.</p> - -<p>Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und -er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er -sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und -lächelte — ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie -aussahen. Als hätte<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm -nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr -Antlitz bespült — viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen -oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche -Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die -eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und -der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen, -erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es -sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch -trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte -Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der -Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin -ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht -hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige -Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün -des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen -Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie -möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen -würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn!</p> - -<p>Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was -ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft.</p> - -<p>Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder -andere, trotzdem er so jung war?</p> - -<p>Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein -parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Stand bei der Ecke am Tore</div> - <div class="verse">Jung-Daphnis <span class="antiqua">titiens amore</span>.</div> - <div class="verse">Du böse Zauberin Natur,</div> - <div class="verse">Was schufst du sie so lieblich nur!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p> - -<p>Ernst hatte dies selbe Lied von den Freunden in Upsala gehört, und es -kam ihm komisch vor, es hier, unter alten, gesetzten Männern, von denen -die meisten schon graues Haar hatten, wiederzuhören. Gleichzeitig aber -fing er doch an, sie mit andern Augen anzusehen, menschlich und weniger -mit Studentenkritik. Sie gefielen ihm in ihrer Fröhlichkeit; er begann -die unterdrückte Lebenslust zu verstehen, die sich hier zwischen vier -Wänden Bahn brach, in einer engen, verrauchten Kneipe, weil die schwere -Arbeit ums tägliche Brot sie hinderte, die Freude täglich zu Gast zu -laden.</p> - -<p>Professor Bruhn, den er so oft verspottet hatte, war sicher ein -prächtiger Kerl. Und Svartengren, der ihm gegenübersaß, voll -Befriedigung über den Beifall für sein Lied, und sich eben anschickte, -ein zweites zu singen — wie seine Augen strahlten durch die -Rauchwolken, die um ihn her qualmten!</p> - -<p>Und sein Vater! Wie frei er aussah, wie lebhaft er sich bewegte, -wie jugendlich seine Rede klang! Ohne sich zu besinnen, erhob Ernst -sein Glas und trank mit einem Lächeln dem Vater zu. Aber im gleichen -Augenblick errötete er über das Gefühl, das ihn dazu antrieb.</p> - -<p>Der Adjunkt trank sein Glas aus und nickte dem Sohn auch zu. „Prosit, -mein Junge! Das ist nett, daß du gekommen bist!“</p> - -<p>Bis nach zwölf Uhr saß die Gesellschaft beisammen. Anekdoten wurden -erzählt, Lieder gesungen. Als man endlich ans Aufbrechen dachte, erhob -sich Professor Bruhn, der sonst nie eine Rede hielt, und bat die -Anwesenden, den frohen Anlaß, der sie zusammengeführt hatte, nicht zu -vergessen.</p> - -<p>„Ich hoffe, alle Anwesenden werden sich mir anschließen und ein Hoch -ausbringen auf Kumlander, und ihm danken, daß er so liebenswürdig war, -uns den Anlaß zu diesem frohen Abend zu verschaffen!“</p> - -<p>Das Hoch wurde jubelnd ausgebracht. Eine Viertelstunde darauf drehte -die Kellnerin in dem leeren Zimmer das Gas aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p> - -<p>Durch die dunkeln Straßen strebten einsame Gestalten ihren Wohnungen in -den verschiedenen Teilen der Stadt zu. Und diejenigen, die um sieben -Uhr am nächsten Morgen heraus mußten, schüttelten sich und hasteten -vorwärts, um möglichst bald zu Bett zu kommen.</p> - -<p>Aber man mußte ein bißchen vorsichtig sein. Denn Punkt zwölf Uhr -nachts kam der Laternenmann und löschte die gelben flackernden Flammen -aus, eine um die andere, die ganze Lange Straße hinunter. Es wurde -dunkel; nur der Ruf des Nachtwächters störte noch das Schweigen in der -schlafenden Stadt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">E</div> - -<p class="p0"><span class="transp">E</span>s war wie ein stummes Übereinkommen zwischen Ernst und dem Vater, -daß Frau Hallin nicht zu wissen brauchte, wo Ernst am Abend gewesen -war. Das heißt, keinem von beiden wäre es eingefallen, ihr die Sache -mitzuteilen. Aber als Ernst morgens zum Frühstück herunterkam, war er -doch ein bißchen verlegen, fast, als hätte er etwas Verbotenes getan. -Er merkte, daß die Augen der Mutter sich mit einem ängstlich fragenden -Ausdruck ihm zuwandten, und er entsann sich plötzlich wieder des -Auftritts zwischen ihnen vom Abend zuvor. Er hatte die ganze Nacht gut -geschlafen und als er aufwachte, dachte er bloß an das Zusammensein vom -gestrigen Abend. Ein angenehmes, heiteres Gefühl erfüllte ihn; und als -er aufstand und zum Fenster hinausschaute, schien die Sonne über die -Schneewehen auf dem Domplatz und der Himmel lachte so blau zwischen -den Zweigen der Ulmen herab. Da ward ihm noch viel leichter ums Herz; -er summte ein paar heitere Melodien vor sich hin, während er die Weste -zuknöpfte und vor dem Spiegel seine Krawatte band.</p> - -<p>Als er jetzt dem Blick der Mutter begegnete, fiel ihm auf<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> einmal -der ganze vorhergehende Abend ein. Seine heitere Stimmung verschwand -und machte derselben Unruhe und Reizbarkeit Platz, die ihn den -ganzen gestrigen Tag über beherrscht hatten. Er dachte wieder an den -Unwillen, den er Simonson gegenüber plötzlich empfunden hatte, an -seine Heftigkeit gegen die Mutter und wie rasch er dann das alles beim -Glase vergessen hatte. Er wich dem Blick der Mutter aus und zwang -sich, Gutenmorgen zu sagen, als wäre nichts geschehen. Dann setzte er -sich allein zu seinem Frühstück. Man versammelte sich dazu nicht im -Hallinschen Haus, sondern jeder kam und ging nach eigenem Belieben.</p> - -<p>Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Als er fertig war, hatte er -einen unbestimmten Drang nach Einsamkeit; und mit einem Gefühl der -Ungeduld dachte er an sein kleines Zimmer in Upsala, wo er wußte, er -konnte immer ungestört sein. Er erhob sich und ging nach der Tür.</p> - -<p>„Wo gehst du hin?“ hörte er die Mutter aus dem Wohnzimmer rufen.</p> - -<p>„Auf Papas Zimmer“, erwiderte er und blieb unschlüssig stehen.</p> - -<p>„Willst du nicht vorher zu mir kommen?“</p> - -<p>„Doch, gern.“</p> - -<p>Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich.</p> - -<p>„Ich möchte wohl wissen, wie’s mit deiner Probepredigt geht“, sagte -Frau Hallin.</p> - -<p>Seiner Probepredigt? Herrgott! Sollte das Schreiben und Studieren schon -wieder losgehen? Er war ja doch eben erst von Upsala gekommen.</p> - -<p>„Es ist ja noch ein voller Monat, bis ich die halten muß“, sagte er -widerwillig.</p> - -<p>Frau Hallin sah auf ihre Arbeit.</p> - -<p>„Aber du wirst doch jedenfalls schon daran gedacht haben. Ich möchte so -gern ein bißchen wissen, wie du den Text aus<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>legen willst. Ich habe ihn -schon so oft durchgelesen“, fügte sie hinzu. Es lag etwas Bewegliches -in ihrer Stimme.</p> - -<p>Ernst sah verlegen aus. Ein ungeduldiger Ausdruck flog über sein -Gesicht.</p> - -<p>„Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte er. „Aber ich kann nicht -gut über so was reden, eh’ ich’s aufs Papier gebracht habe.“</p> - -<p>Frau Hallin sah auf und nickte. Etwas Altes kam in ihr Gesicht, das dem -Sohn weh tat.</p> - -<p>„Ich werde warten, bis du selber davon sprechen magst“, sagte sie -einfach.</p> - -<p>Mit einem Gefühl der Reue ging Ernst auf des Vaters Stube. Es bedrückte -ihn unsagbar, daß er der Mutter nicht hatte anders antworten können.</p> - -<p>Er verstand ja, daß sie seit Tagen, seit Wochen darauf wartete, daß -er etwas über die Sache sagen sollte. Seit der Tag für die Predigt -bestimmt war, dachte die Mutter unaufhörlich an ihn, das wußte er, und -machte sich vielleicht große Vorstellungen von dem reichen geistigen -Leben, das solch ein wichtiger Entschluß in ihm wecken müßte. Sie hatte -kaum an etwas anderes gedacht, hatte den Text für sich durchgelesen, -hatte versucht, sich auszudenken, wie er, so wie sie ihn kannte, -diesen Text auffassen würde. Sie sah in ihm nur noch den zukünftigen -Verkünder der Heiligen Schrift; sie erwartete von ihm, er müsse ein -Streiter für die Sache Gottes werden, ein gewaltiger Erwecker, der die -Gemüter bewegen und die Seelen für Gottes Reich gewinnen würde. Und es -hatte sie danach verlangt, daß er von selber kommen und mit ihr reden -würde, so stark danach verlangt, daß sie es nicht lassen konnte, ihn zu -fragen, obwohl sie begriff, daß ihm das unangenehm sein mußte.</p> - -<p>Er sah das alles, ganz deutlich, als ob sie selbst es ihm erzählt -hätte, und trotzdem konnte er seine Unlust, daß sie ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> hatte -ausfragen wollen, nicht überwinden. Er war so daran gewöhnt, einsam, -nur mit seinen Gedanken, zu leben, daß er jeden Versuch, in ihn -einzudringen, fürchtete.</p> - -<p>Was hätte er ihr auch sagen sollen?</p> - -<p>Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>Was sollte er sagen?</p> - -<p>Er hatte ja die ganze Zeit her gar nicht an derartiges gedacht; und das -beunruhigte ihn jetzt. An alle möglichen gleichgültigen Dinge dachte -er. Alles, was er sah, interessierte ihn, fremde Menschen, mit denen -er bekannt wurde, die Geschwister daheim, die Eltern, die Menschen -in Gammelby, das Wetter, das Leben auf den Straßen, die Umgebung der -Stadt, in der er täglich seinen Spaziergang machte. Alles interessierte -ihn. Alles, bloß nicht Bücher.</p> - -<p>Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch -zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas -Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der -Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt.</p> - -<p>Und dann auf der Universität!</p> - -<p>Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den -letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des -Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine -auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf -den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s, -als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen -gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle -Bücher hindurch, ihnen zum Trotz!</p> - -<p>Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee, -der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde -Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der -Schnee, der dortlag, zu<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen, -die an den Rinnen hingen, herabtropfte.</p> - -<p>Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen -Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen -Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt -zu denken.</p> - -<p>Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe -hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt. -Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte, -verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem, -was grade vor ihm lag.</p> - -<p>Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen -zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen -Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand. -Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit -Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne -funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen -Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße -Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte -man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag, -während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der -Sonne glänzte.</p> - -<p>Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen, -die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über -einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und -verschwand zwischen den dämmerigen Tannen.</p> - -<p>Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch -eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt, -griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre -Pflicht. Und damit war’s fertig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> - -<p>Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach, -bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War -es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon -öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch -nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar -ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er.</p> - -<p>Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung, -mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte — was tat das? -Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine -Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es -war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“ -genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden. -Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben. -Sollte er da nicht auch eintreten können?</p> - -<p>Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole -und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es <em class="gesperrt">sein</em> Fehler, -daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu -schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als -das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen, -und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare, -unwiderlegliche Gründe.</p> - -<p>Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne -davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson. -Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson?</p> - -<p>Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben -führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar -alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne -Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen -unter der Brücke lag Schnee. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> unter der Eisdecke murmelte und -sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis -Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in -der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und -mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete.</p> - -<p>Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine -Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen -blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das -sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte -sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen -Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust -überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang -er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis -zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er -arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er -hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter, -brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und -fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als -beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten -Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in -die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er -plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und -blickte auf.</p> - -<p>Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als -der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen -an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus.</p> - -<p>„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben -zu komisch ausgesehen!“</p> - -<p>Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen -sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne -blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> - -<p>Ernst Hallin fühlte sich recht beschämt. Es war Eva Baumann, eine -Freundin seiner Schwester, die er seit seiner Heimkehr noch nicht -wiedergesehen hatte. Ohne ein Wort herauszubringen stand er da und -sah sie an. Wie hübsch und lieb sie aussah, wie sie sich so über das -Brückengeländer beugte! Die kurze Jacke umschloß eng ihre schlanke -Gestalt, an der rechten Hand, die sie aus dem Muff gezogen hatte, trug -sie einen schwarzen Handschuh, und zwischen dem und dem Ärmel guckte -ein rundes kleines Handgelenk hervor.</p> - -<p>Verwirrt zog er endlich den Hut und grüßte. Das junge Mädchen neigte -den Kopf und lächelte wieder. Dann richtete sie sich aus ihrer -gebückten Stellung auf und steckte die Hand in den Muff.</p> - -<p>„Adieu, Herr Hallin!“ sagte sie. „Pastor Hallin müßte ich eigentlich -sagen.“</p> - -<p>Seine Verlegenheit war plötzlich verschwunden. Sie sah so -unwiderstehlich lieblich aus, wie sie dastand und die Sonnenstrahlen in -den ungebärdigen Nackenlöckchen spielten.</p> - -<p>„Warten Sie doch, daß ich Sie begrüßen kann!“ rief er und kletterte den -Rain hinauf. Er trat zu ihr hin und faßte ihre Hand.</p> - -<p>Daß er das früher gar nicht bemerkt hatte, wie hübsch sie war mit ihrem -frischen Lächeln und den tiefen, warmen Augen!</p> - -<p>„Ich gehe immer diesen Weg“, sagte sie wie zur Erklärung. „Natürlich -konnt’ ich ja nicht denken, daß ich Sie hier treffen würde. Willkommen -wieder daheim!“ fügte sie dann hinzu.</p> - -<p>„Danke!“</p> - -<p>„Was machten Sie denn eigentlich da drunten?“ fuhr sie fröhlich fort.</p> - -<p>„Nichts“, erwiderte er, indem er neben ihr herschritt. Eine Weile -schwiegen sie beide. Ernst sah zu, wie sie mit kleinen, raschen, -gleitenden Schritten neben ihm herging.</p> - -<p>„Das Frühlingswetter hat mich zum Narren gehalten!“ sagte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - -<p>„Finden Sie, daß es Frühlingswetter ist?“ Sie lachte, ein kurzes, -lustiges Lachen. „Wir sind doch erst im Februar.“ „Freilich ist -Frühlingswetter“, sagte er. „Merken Sie es denn nicht an der Luft? Es -ist so warm in der Sonne, daß einem der Rock zu heiß wird!“</p> - -<p>Er knöpfte den Überzieher auf und nahm den Hut ab, während er sich mit -dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.</p> - -<p>Sie sah ihn ganz erschrocken an.</p> - -<p>„Nehmen Sie sich in acht, Sie werden sich erkälten“, meinte sie. „Sie -sind doch nicht besonders kräftig.“</p> - -<p>Er sah sehr verwundert aus.</p> - -<p>„Wollen Sie mich auch ermahnen?“ fragte er fast ein bißchen ärgerlich. -„Alle tun es. Aber woher wissen Sie das denn eigentlich?“</p> - -<p>„Selma und ich haben so oft von Ihnen gesprochen,“ sagte sie; sie -errötete dabei und wandte das Gesicht ab.</p> - -<p>Zusammen gingen sie zur Stadt zurück und schwatzten dabei von allem -möglichen, von gemeinsamen Bekannten, von alten Zeiten, als sie sich -noch auf Kinderbällen und Kindergesellschaften getroffen hatten. Sie -hatte immer gefunden, Ernst wäre so sonderbar, und hatte immer Angst -vor ihm gehabt, weil er so ernst war, so schrecklich ernst. Heute -freilich hatte sie ihn von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.</p> - -<p>„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind! -Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich -vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst -dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut -war, wie sie.</p> - -<p>„Sind <em class="gesperrt">Sie</em> denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz -erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter -und stark klang sie.</p> - -<p>„Ich!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> - -<p>Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im -Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen.</p> - -<p>„Wissen Sie, wenn ich so allein daheim bin, und Tante in der Küche -draußen kocht — Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in -der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension — ah — was die -gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! — da weiß -ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes -Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes -zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten -weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß -ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit -fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen -und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die -Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser -schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das -ist ja alles dummes Zeug!“</p> - -<p>Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb -sie stehen.</p> - -<p>„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“</p> - -<p>Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm -sie und blickte ihr in die klaren Augen.</p> - -<p>„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff -selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm.</p> - -<p>„Ich weiß nicht, ob ich darf, wenn ein junger Herr im Haus ist!“ -erwiderte sie.</p> - -<p>Er sah so hilflos niedergeschlagen aus, daß sie lachen mußte.</p> - -<p>„Es kann schon sein, daß ich doch komme!“ sagte sie ermutigend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>Dann zog sie ihre Hand aus der seinen und nickte ihm kurz zu, bog -in die Querstraße ein und entfernte sich mit kleinen, munteren, -trippelnden Schritten.</p> - -<p>Er stand und sah ihr nach. Es war, als höre man Musik, wenn man sie -gehen sah. Alles ward so ruhig in einem.</p> - -<p>Und Ernst ging schnurstracks heim und schrieb bis zum Mittagessen an -seiner Predigt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>m 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle -Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und -in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß -man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und -Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren -vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern.</p> - -<p>„Geht Ernst heut abend mit?“ fragte Frau Hallin, als die Familie nach -Tisch um den Kaffeetisch versammelt war.</p> - -<p>„Ja natürlich“, sagte der Adjunkt. „Warum sollte er nicht mitgehen?“</p> - -<p>„Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der -Woche, eh er seine Probepredigt hält?“ fragte Frau Hallin in ihrem -allerernstesten Ton.</p> - -<p>„Ach, was tut denn das!“ erwiderte der Adjunkt.</p> - -<p>Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich -direkt an seinen Sohn.</p> - -<p>„Was sagst du selbst dazu?“ fragte er.</p> - -<p>Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich -entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu -fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er -antwortete doch, wenngleich etwas zögernd:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> - -<p>„Ja, ich wollte eigentlich gehen.“</p> - -<p>Frau Hallin äußerte nur: „Selbstverständlich mußt du in einer solchen -Sache tun, wie du willst.“</p> - -<p>Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen -schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich -Gewissensbisse zu machen.</p> - -<p>Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen -anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es -von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte. -Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei -Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste -es, was es wolle.</p> - -<p>Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt. -Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter -Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das -Allermerkwürdigste war — er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar -ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!</p> - -<p>Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.</p> - -<p>Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine -ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte. -Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im -Wohnzimmer.</p> - -<p>In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt, -das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch -ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und -in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.</p> - -<p>Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer -und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen, -daß er schon über sechzig<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Jahre alt war. Der Bart war freilich grau -und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch -viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz -mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher -Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre -schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu -haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich -verjüngte.</p> - -<p>Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe — er wußte, bei -einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen — -und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.</p> - -<p>Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der -größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in -diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl -von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas -Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf -denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden -brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über -der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die -in der Mitte des kleineren Zimmers hing.</p> - -<p>Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die -Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und -klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste -auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem -eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen -Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte -sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.</p> - -<p>Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob -sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt -hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> zurecht. Die flotte -Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein -Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine -französische Operettenmelodie.</p> - -<p>Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die -teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon.</p> - -<p>Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch -hinaufgeschraubt war.</p> - -<p>Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es -war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren -Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte -ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen -Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße -Weichheit der Jugend zeigten.</p> - -<p>Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die -Arme um den Hals.</p> - -<p>„Abel!“ sagte sie.</p> - -<p>Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von -sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten.</p> - -<p>„Ja, lieber Schatz,“ sagte er, „die Zeit vergeht!“</p> - -<p>Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die -Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die -Professorin segelte durch das Zimmer — mit dem eigentümlichen Gang, -den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen.</p> - -<p>„Gabrielle!“ rief sie zur Tür hinaus.</p> - -<p>„Ja, Mama!“ klang es von einem Nebenzimmer zurück.</p> - -<p>„Beeile dich!“ sagte die Mutter. „Ich höre Axel schon auf der Treppe.“</p> - -<p>Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> - -<p>„So — muß der noch <em class="gesperrt">vor</em> den andern kommen?“</p> - -<p>Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die -Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar -Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen!</p> - -<p>Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem -Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und -wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte.</p> - -<p>Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete -mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um -die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen -mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten -unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform. -Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden -Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen -einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu -genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf -sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an -seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen.</p> - -<p>„Du bist süß, süß, süß!“ flüsterte sie dazwischen durch. „Komm auf mein -Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!“</p> - -<p>„Meine kleine Gabby!“ sagte der Leutnant, während er ihr folgte.</p> - -<p>Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama -rief, „Axel“ sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen -Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf, -daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine -Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen -stand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p> - -<p>„Sei still!“ sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna.</p> - -<p>Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen. -Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse -nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das -Lachen.</p> - -<p>„Herrje, sind die albern!“ sagte Anna.</p> - -<p>Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig -durch die offene Tür.</p> - -<p>„Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!“ sagte sie zu der Schwester.</p> - -<p>Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen, -um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: „Kuckuck!“ in -Gabrielles Zimmer zu stürzen.</p> - -<p>Gabrielle fuhr auf und rief außer sich:</p> - -<p>„Herrgott, die so ungezogenen Rangen!“</p> - -<p>Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu -stiften.</p> - -<p>„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht -gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick -ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das -Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin -eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing -sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz -extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen -Rangen!“</p> - -<p>Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und -Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube -und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden -Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit -kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem -Scheitel<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und -einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht, -die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur -kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten, -auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige -Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich -mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem -Hochzeitstag gratulieren mußte.</p> - -<p>Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen, -behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die -in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den -Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten, -in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter -Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum -Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und -her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß -je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser -Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe, -liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie -sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus -wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig -Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären — man könnt’ -es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn -man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb -von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal -ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen -Winter so schlecht!“ — Dies letztere war die Bischofin.</p> - -<p>Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen, -bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> äußerten: -„Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während -die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger -ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch -viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die -Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw.</p> - -<p>Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen -nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und -war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste -hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies -allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch -die verschiedenen Antipathien.</p> - -<p>Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob -er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den -Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die -anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche -Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches -Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du -stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den -Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern -Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die -zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin -in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen, -puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf -dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren -Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art -hatte ganz Gammelby nur <em class="gesperrt">ein</em> Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben -Professor Hallin!“</p> - -<p>Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich -ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete, -weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> wollen. Als sie -nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die -Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte: -„Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit -Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie -beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich -nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich. -„Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig.</p> - -<p>Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten -Bäumen wächst Moos!“</p> - -<p>Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen -Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große -Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte -er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen, -begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah -sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam -eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn -verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.</p> - -<p>Auf dem Sofa saß die Bischofin, auf ihrer einen Seite die Rektorin -Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen -von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines -Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn -wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen -redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin -beugten sich beide zur Bischofin hin, die mit ihrer Teetasse in der -Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre -Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem -Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß.</p> - -<p>Die Bischofin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem -Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als -stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Haushalt vor; und ihr -Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger, -als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke -vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf -bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es -konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit -mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel, -sich auf Kosten der „kleinen Bischofin“ ein bißchen zu amüsieren.</p> - -<p>Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau -Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau -Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach -von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand -in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte -viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde -betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen -war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau -Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war -in der Gnade Gottes als sie.</p> - -<p>Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der -Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante, -bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um -Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau -Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum -Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht -erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort -triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken -hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben -könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das -bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken -konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<p>Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit -ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die -Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie -fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt.</p> - -<p>Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte, -wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu -gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons -scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen.</p> - -<p>Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen -in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte, -die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein -paar Herren auf und ab und politisierten.</p> - -<p>Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf -seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht -lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch -bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft -erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich -eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich -im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah -heimlich auf die Uhr.</p> - -<p>Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der -Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr -und schmunzelte und verbeugte sich.</p> - -<p>Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht -ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen... -recht gut... hm ja... recht gut... Die Bürgermeisterin legte den Kopf -auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen -Kavalier auf:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> - -<p>„Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken -habt!“</p> - -<p>Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit -gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere -auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne -blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über -die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ.</p> - -<p>Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer, -blätterte in einem Album und schnupfte.</p> - -<p>Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den -Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen -Herren in der Mitte des Salons zu: „Ist’s den Herren gefällig, daß wir -zu dem solideren Teil des Abends übergehen?“</p> - -<p>Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten -im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller -Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile -stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung -besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand, -die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die -Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon -alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten -Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Na, endlich!“</p> - -<p>Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen.</p> - -<p>„Ich komme in einem Weilchen auch“, sagte er.</p> - -<p>Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den -Damen bleiben.</p> - -<p>Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen, -mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der -Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> Tisch -und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch -zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden -mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie -machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die -übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder -hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht -hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder -irgend so was Ähnliches.</p> - -<p>Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand -Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich -vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein- -und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die -Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören.</p> - -<p>Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie -ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür -herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit -unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre -Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt -dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste.</p> - -<p>Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz -zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in -einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva -Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen. -Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein -sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten. -Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen -anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten.</p> - -<p>Ernst warf einen Blick auf die Damen im Salon. Seine Mutter und Frau -Pegrelli waren ins Wohnzimmer überge<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>siedelt; alle andern hatten sich -um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der -Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf -verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt -zu den Herren droben zurückziehen wolle.</p> - -<p>Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu.</p> - -<p>„Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder -bleiben Sie bei den Damen?“ fragte er mit einem Lächeln, das Ernst -unangenehm berührte.</p> - -<p>„Ich glaube, ich gehe hinauf!“ antwortete er; gleichzeitig bemerkte er, -daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete.</p> - -<p>Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er -noch röter.</p> - -<p>„Noch bin ich kein Vorgesetzter“, sagte der Bischof, der die Verwirrung -des jungen Mannes mißdeutete.</p> - -<p>Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes, -gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte -und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem -Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man -am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und -beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie, -über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.</p> - -<p>Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als -sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht.</p> - -<p>Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er -feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren -in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich? -Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner -Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine -Probepredigt<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die -mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich -leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit -seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das -schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof -hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach -beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva! -Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar -nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes -Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von -ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den -Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang -beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere -waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein -Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es -soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich -umkehren, und ich werde es.</p> - -<p>Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte: -„Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so -leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.</p> - -<p>Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den -Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter, -die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein -armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten -seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde, -imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen -würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen -voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan -hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> - -<p>Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben -den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine -Stimme aus seinen Gedanken.</p> - -<p>„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“</p> - -<p>Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen, -der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir -nicht ein Gläschen miteinander trinken?“</p> - -<p>Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand. -Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.</p> - -<p>„Auf gestern abend!“ sagte er lächelnd.</p> - -<p>„Ja, das war ein verdammt lustiger Abend“, sagte Bruhn.</p> - -<p>„Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer -Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders -aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen -Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird, -verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den -Füßen.“</p> - -<p>Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor -sich hin.</p> - -<p>„Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?“ sagte Bruhn. Ernst wich -den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen.</p> - -<p>„Na — — so — —“ sagte er achselzuckend.</p> - -<p>Professor Bruhn lachte.</p> - -<p>„Ich hab’ auch einmal Pastor werden wollen“, sagte er. „Aber es ist -nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn -später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das -ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu -sein!“</p> - -<p>Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn -die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte -die Empfindung, als müsse dieser barsche,<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> eckige Mensch ihn verstehen -und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können. -Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die -Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes.</p> - -<p>„Wollen wir uns nicht setzen?“ meinte Professor Bruhn.</p> - -<p>Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und, -die Groggläser vor sich, schwatzte.</p> - -<p>Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter -der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im -Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien -wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst -Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und -Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby, -mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und -seiner Perücke, die nie sitzen wollte.</p> - -<p>Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt -sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß -er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte.</p> - -<p>Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und -unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für -alle da und sah zu, daß nichts fehlte.</p> - -<p>Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die -rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch -niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten -und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug. -Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste -Lachen hatte gleichsam einen andern Klang.</p> - -<p>„Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch -präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!“ sagte Professor -Bruhn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p> - -<p>Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin.</p> - -<p>Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit -glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet -und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann.</p> - -<p>Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und -nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in -seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei.</p> - -<p>Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es -dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man -erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine -Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg.</p> - -<p>Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von -Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen -hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus, -daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um „uns Damen“ -kümmerte.</p> - -<p>„Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!“ sagte -Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand, -aufgeräumt an.</p> - -<p>Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm -die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen -Schwachheiten.</p> - -<p>„Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren“, -erwiderte er.</p> - -<p>Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer.</p> - -<p>Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf -kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe -Botschaft ins Ohr: „Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> - -<p>Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig, -daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu -wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: „Meine Herren — -ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu -Tisch zu führen!“</p> - -<p>Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden -Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur -mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter, -streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann -hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten -werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem -Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig.</p> - -<p>„Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!“</p> - -<p>„Das war in früheren Zeiten... Ich bitte doch...“</p> - -<p>Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof -behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward -die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen.</p> - -<p>„Teufel, was ich hungrig bin!“</p> - -<p>„Wer erst sein Schnäpschen <span class="antiqua">intus</span> hätte!“</p> - -<p>Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren -im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein -ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer -Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen. -Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und -Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel -durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor -den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen -machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der -Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Hallin und zeigte durch ein -verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute.</p> - -<p>Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war -ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen. -Da gab’s Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene -Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering, -gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust.</p> - -<p>Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit -Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten -die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe -Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache -feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser.</p> - -<p>Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der -Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab’s Lachs und -junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit -Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und -junges Geflügel.</p> - -<p>„Ich kenn’ das Menü von Gustafva Björklund her“, flüsterte die -Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu.</p> - -<p>„Ich auch,“ erwiderte die; „aber es ist gut.“</p> - -<p>„Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn -man nicht fragen braucht, was es kostet!“ gab die Bürgermeisterin -zurück und warf den Kopf in den Nacken.</p> - -<p>Die Bischofin trat mittlerweile auf die Professorin zu.</p> - -<p>„Aber Aurora!“ sagte sie. „Du machst zu viel Umstände für deine Gäste! -Diese Unmasse von Gerichten!“</p> - -<p>Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn -nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das -wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie -brauchte sich nicht zu schämen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p>Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden. -Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen, -und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte -den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert.</p> - -<p>„Ißt du dich auch satt, Erker?“ sagte der Professor, indem er dem -Bruder ein Glas Rotwein zutrank.</p> - -<p>Der Gymnasiallehrer nickte und lachte.</p> - -<p>„Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!“ meinte er.</p> - -<p>Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man -Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte -ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte -bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher -sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand -darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen.</p> - -<p>Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin -unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf. -Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der -Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in -irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte -sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen.</p> - -<p>Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben -hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren -dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten.</p> - -<p>Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den -Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine -gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren. -Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete -mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten -andachtsvoll. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und -die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren.</p> - -<p>Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die -schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu. -Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber -alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und -sagte: „Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu -verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat“.</p> - -<p>Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt. -Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch -sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch -eine Verstimmung er hervorgerufen hatte.</p> - -<p>Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion -beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt -ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie -doch recht gehabt hätte.</p> - -<p>Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel -vergaß man Bruhn.</p> - -<p>Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh, -man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß -man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am -folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem -ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen.</p> - -<p>Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer -bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der -Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den -Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der -Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte, -der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden -Einfluß auf den Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz -unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu -schätzen wußte.</p> - -<p>Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt, -er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen, -weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann -schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu -ertragen.</p> - -<p>Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die -Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich -diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte -jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz -für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“ -ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“ -verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“.</p> - -<p>Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und -gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen. -Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen, -um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen -geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre -Studentenanekdoten erzählten.</p> - -<p>Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und -aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und -mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar -von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.</p> - -<p>„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie -es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte -ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie -ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche -Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut -abend?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p> - -<p>Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er -dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.</p> - -<p>„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie -ihm zumute war.</p> - -<p>Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva -Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so -zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, -so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie -saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen -Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete: -„Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal -herunterzukommen!“</p> - -<p>Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff, -daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über -seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm -entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute. -Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die -ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre -Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten -zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.</p> - -<p>„Ich weiß nicht, warum!“ sagte er. „Aber ich konnte nicht. Nicht vor -all diesen Menschen.“</p> - -<p>Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen. Über Evas -Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis -hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher, -als sie erwiderte: „Still! Jetzt kommt die Rede!“</p> - -<p>Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof -ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch -aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Frau, die schon das -Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres -Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben.</p> - -<p>„Meine Damen und Herren!“ begann der Bischof, und in dem großen Zimmer -ward es ganz still.</p> - -<p>Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die -Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden.</p> - -<p>„Meine Damen und Herren!“</p> - -<p>Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der -Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete.</p> - -<p>Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt -habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die -Dichterworte:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Was auf der Erde ist so wert,</div> - <div class="verse">So traut, als Haus und Herd?</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims.</p> - -<p>„Es ist nicht das erstemal,“ schloß er, „daß ich an diesem Tag in -diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit -jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das -vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die -Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander -durchs Leben zu wandern.“</p> - -<p>„Bravo!“ rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit -einem funkelnden, triumphierenden Blick.</p> - -<p>„In Lust und Leid, wie das alte Wort sagt“, fuhr der Bischof fort. -„Und in unsern Tagen, da man von allen Seiten die Heiligkeit der Ehe -antastet, da die Menschen nicht mehr die Bande der Familie achten, -sondern selber sich an die Stelle der göttlichen Autorität setzen, -grade in diesen Tagen, meine Damen und Herren, möchte ich wünschen, -ich könnte ein paar von diesen Großsprechern einführen in — ich kann -Gott sei<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> Dank sagen, viele — unserer alten nordischen Heime und ihnen -sagen: Seht dies Glück, das ihr zerstören wollt, diese Treue durch -Glück und Leid“ — der Bischof sprach die Worte aus wie Hammerschläge -— „die ihr abschaffen wollt!“</p> - -<p>„Meine Damen und Herren!“ der Bischof schlug jetzt einen leichteren Ton -an — „ich bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen, unsern werten Wirten -für den angenehmen Abend zu danken und ihnen gleichzeitig noch viele -weitere Jahre wie das eben verflossene zu wünschen. Glück und Segen -ihnen beiden!“</p> - -<p>Die Gäste drängten sich um die Hauswirte. Frau Hallin dankte mit heißen -Wangen und Tränen in den Augen. Professor Hallin versuchte einen -leichten Ton anzuschlagen und verbeugte sich lächelnd nach rechts und -links.</p> - -<p>Nach dem Abendessen begannen die Gäste aufzubrechen. Eine Weile -versuchte man noch, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber der zweite -Versuch erstarb ganz von selbst. Alle fühlten, der Anlaß zu der -Zusammenkunft war nun vorüber. Alle waren satt und alle sehnten sich -nach Hause, ins Bett.</p> - -<p>Im Vorzimmer war wieder ein großes Gedränge; schläfrige Dienstmädchen, -die seit zwei Stunden dastanden und warteten, halfen den Damen in -ihre Mäntel und Pelze. Die Herren liefen noch einmal die Wendeltreppe -hinauf, um sich noch eine Zigarre zu holen. Drunten vor der Tür -stand Gustaf Hallin, überglücklich mit seinen zwei Zigarren, die er -erschmuggelt hatte, und wartete auf die Seinen. Wenn er daheim auf -seiner Stube war, wollte er rauchen! Jetzt wagte er’s nicht. Es waren -so viele Lehrer um den Weg.</p> - -<p>Als alle Gäste fort waren, ging der Professor zufällig noch einmal -durchs Vorzimmer. Die Korridortür war angelehnt, und durch die Tür -hörten des Professors geübte Ohren einen verdächtigen Laut, der wie ein -Kuß klang.</p> - -<p>Er blickte hinaus. Im Halbdunkel glaubte er einen Offiziersmantel zu -sehen, der die Treppe hinunter verschwand. Und zur<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Tür herein kam -eines der Hausmädchen, rot wie eine Päonie. „Wer ging denn da eben -fort?“ fragte der Professor und legte die Sicherheitskette vor.</p> - -<p>Das Mädchen sah ganz erschrocken aus.</p> - -<p>„Ich weiß nicht“, sagte sie stotternd. „Ich glaube, es war der Herr -Leutnant.“</p> - -<p>Der Professor erwiderte nichts und das Mädchen verschwand eilig in der -Küche.</p> - -<p>„Pfui Teufel!“ sagte der Professor vor sich hin. Auf seinem jovialen -Gesicht spielte ein pfiffiges Lächeln. „Steht die Sache so?“</p> - -<p>Und raschen Schrittes ging er in den Salon, um seiner Frau zu helfen, -die Lichter zu löschen.</p> - -<p>Als Adjunkts auf dem Heimweg endlich allein waren, nahm Frau Hallin -Ernsts Arm und fragte: „Was hast du denn mit dem Bischof gesprochen?“</p> - -<p>Ernst Hallin erwachte plötzlich aus seinen Träumen und blickte die -Mutter lächelnd an.</p> - -<p>„Er fragte mich, ob ich einen Grog nehmen wollte“, erwiderte er.</p> - -<p>„Ob du einen Grog nehmen wolltest?“ wiederholte sie.</p> - -<p>„Ja. Was dachtest du denn sonst, Mama?“</p> - -<p>Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">E</div> - -<p class="p0"><span class="transp">E</span>rnst Hallin fühlte sich an diesem Abend, als er heimkam, viel zu müde -zum Denken. Das Gespräch mit Eva Baumann klang in seinen Ohren nach, -ohne jedoch sein Gehirn zu lebhafterer Tätigkeit zu erwecken, und er -schlief bald ein und schlief tief und schwer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p> - -<p>Als der Adjunkt eben zur Tür hinausging, um nach der Schule zu eilen, -erwachte Ernst. Eine Weile lag er ganz still und schloß die Augen; er -wollte wieder einschlafen. Auf der Treppe hörte man knarrende Schritte. -Dann fiel wieder Schweigen über das dunkle Zimmer.</p> - -<p>Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Ein unbestimmtes Unruhegefühl -quälte ihn; ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als wäre er -zu einem schweren, qualvollen Tag erwacht. Heute, dachte er im -Halbschlummer, wartet etwas Schlimmes auf mich. Wenn ich aufwache, wird -es kommen. Sobald ich ganz wach bin, werd’ ich auch wissen, was es ist. -Sie werden mich packen und quälen und an mir zerren und mich nicht aus -ihren Klauen lassen. Ich muß sehen, daß ich so schnell wie möglich -wieder einschlafe. Man kann gar nicht lang genug schlafen, wenn man zu -etwas Schlimmem erwachen muß!</p> - -<p>Und er schloß die Augen und bohrte den Kopf ins Kissen, um wieder -einzuschlafen. Aber er konnte nicht; er lag und horchte auf die -Uhr, die auf dem Nachttisch tickte. Das quälte ihn so, daß er sich -aufrichtete und sie unters Kopfkissen stopfte, bloß damit er sie nicht -mehr zu hören brauchte.</p> - -<p>Und plötzlich stand der gestrige Tag vor ihm. Der ganze lange, -unerträgliche Abend. Dann das Gespräch mit Eva Baumann. Er zog die -Decke über den Kopf und drehte sich nach der Wand, in der Hoffnung, die -Gedanken würden ihn dann verlassen. Aber sie ließen ihn nicht. Einer -nach dem andern kamen sie und klopften an und wollten in sein Gehirn, -um ihn zu beunruhigen und zu quälen. Und alle sagten sie das gleiche: -daß er ein Esel war, ein dummer, unglaublicher, unverbesserlicher Esel!</p> - -<p>Er hatte Eva in den letzten Monaten oft getroffen. Er war ihr begegnet, -wenn sie von ihren Klavierstunden kam; hatte sie bei Selma drunten -gesehen. Er war mit ihr und Selma spazieren gegangen, hatte bei Frau -Pegrelli Besuch gemacht, war zum Abendbrot dort gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p> - -<p>Die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, seit er Eva entdeckt hatte. -Er begriff gar nicht, daß er sie früher nicht beachtet hatte. Er -hatte nie so recht ernsthaft mit ihr geredet, nie über sich selber -mit ihr gesprochen, nie etwas von ihr gefordert. Er hatte nur neben -ihr gesessen, war neben ihr hergegangen, hatte über alles mögliche -Gleichgültige mit ihr geredet. Oder er hatte sie sprechen lassen und -hatte selber kein Wort gesagt. Aber in ihm war es dabei so ruhig -geworden, so still, als ob nichts auf der ganzen Welt ihn je mehr aus -dem Gleichgewicht reißen könnte.</p> - -<p>Und doch war er den ganzen Abend bei einer dummen Gesellschaft gewesen -und hatte kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum begrüßt. Es war -gradezu eine Kränkung, die er ihr da zugefügt hatte; und wenn er sie -jetzt wiedersah, würde alles leer und öde und gräßlich zwischen ihnen -beiden sein. Kein heiteres Lächeln würde ihn begrüßen, wenn er kam, -kein zutrauliches Nicken, wenn er ging. Und er konnte es nicht einmal -erklären. Esel, der er war! Er würde auch gewiß keinen Versuch mehr -machen! Was war da überhaupt zu erklären?</p> - -<p>Er sah sie wieder vor sich in dem kleinen Wohnzimmer, wo ihre Tante -nachmittagelang auf dem Sofa saß und strickte, mit auf die Nase -gerutschter Brille und unaufhörlich sich bewegenden Lippen, als zähle -sie immerwährend Maschen. Eva saß auf dem Sofa neben der Tante und -unterhielt sich mit ihm, der in einem Lehnstuhl auf ihrer andern Seite -saß. Ihre weichen Handgelenke bewegten sich emsig, während sie häkelte, -und sie lachte ihn an mit den lebhaften Augen, die aussahen, als hätte -sie ihr Leben lang keinen Zweifel und kein Kopfzerbrechen gekannt.</p> - -<p>Er vermochte nicht länger still zu liegen, sondern stand auf und zog -sich an. Die ganze Welt war ein einziger großer Wirrwarr! Es graute ihn -beim Gedanken, daß er hinuntergehen mußte zu den Seinen.</p> - -<p>Aber schließlich war er doch fertig. Und auch der Hunger machte sich -geltend — er hatte am Abend vorher kaum einen<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Bissen gegessen —, und -so ging er hinunter zum Frühstück. Selma saß am Frühstückstisch. Ernst -bemerkte, daß sie sehr müde aussah, und mehr um seinen eigenen Gedanken -aus dem Weg zu gehen, als aus dem Drang, sich um andere zu kümmern, -fragte er: „Was ist mit dir?“</p> - -<p>Selma stellte mit einer matten Bewegung das Milchglas weg, ohne zu -trinken.</p> - -<p>„Ich bin so müde!“ antwortete sie.</p> - -<p>Es lag in ihrem Ton etwas, das Ernst veranlaßte, die Schwester genauer -anzusehen. Sie war ein kräftiges, ziemlich großes Mädchen mit reichem -blondem Haar, derber Gesundheit und frischen, roten Lippen. Nur ihr -Teint war verräterisch durchsichtig und blaß, und ihre Hände waren fast -krankhaft weiß.</p> - -<p>„Hm!“ sagte Ernst. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Sie sah -tatsächlich gar nicht gesund aus. Vielleicht lastete auch auf ihr -etwas, etwas, von dem sie nicht sprechen konnte, nicht der Mutter, -nicht dem Vater, nicht Bruder oder Freund gegenüber? Ob es wohl ein -Familienzug bei ihnen war, daß jedes von ihnen sein Leben für sich -leben und sich vor den andern abschließen mußte?</p> - -<p>Keinen Augenblick lang war es Ernst in den Sinn gekommen, daß seine -Schwester, seine tüchtige, kräftige Schwester, die seit fünf Jahren -Lehrerin an der Mädchenschule war, und eine so vortreffliche Lehrerin, -die sich selber ihr Brot verdiente, etwa nicht glücklich sein könne, -mit sich selber nicht fertig wurde, sondern vielleicht in aller Stille -träumte — sich sehnte — fort — in eine Welt — wer weiß, in was für -eine!</p> - -<p>Aber heute hatte sein eigenes kleines Erleben ihn scharfsichtiger -gemacht. Darum wollte er versuchen, ihr zu helfen.</p> - -<p>„Liebe Selma!“ sagte er und strich ihr leise übers Haar. „Was fehlt -dir?“</p> - -<p>Die Schwester blickte vor sich nieder und errötete.</p> - -<p>„Glaubst du, es sei besonders nett, so jahraus, jahrein bei<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> den Eltern -zu leben und kleine Kinder zu unterrichten?“ sagte sie hart. „Du weißt -ja gar nicht, wie einsam ich bin!“ Ernst war ganz verwundert.</p> - -<p>„Einsam?“ sagte er zögernd. „Du hast doch die Eltern. Und mich!“ fügte -er hinzu.</p> - -<p>Er fühlte ganz gut, daß das nicht wahr war, daß sie weder die Eltern -noch ihn hatte, und daß das auch gar nicht genug gewesen wäre. Aber die -Worte fuhren ihm heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.</p> - -<p>Die Schwester blickte auf. Auf ihrer Stirn lagen Falten, die sie -plötzlich alt machten.</p> - -<p>„Du bist ein Mann!“ sagte sie. „Sei froh. Du kannst deinen eigenen Weg -gehen. Keiner hindert dich. Aber ich...“</p> - -<p>Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in -heftiges Weinen aus und verließ das Zimmer.</p> - -<p>Ernst sah ihr nach. Ein plötzlicher Instinkt sagte ihm, daß er hier zum -Zeugen eines Leides geworden war, dessen Wurzel sehr tief lag; aber er -wußte doch keine Antwort auf die Frage, was dieser Ausbruch eigentlich -zu bedeuten habe. Nur ein Gefühl der Reue beschlich ihn, daß er immer -so achtlos an der Schwester vorübergegangen war. Gewiß hatte er sie -ja nicht mißachtet, aber es war ihm doch auch nie eingefallen, zu -versuchen, ihr näher zu kommen.</p> - -<p>Voll von Grübeleien und neuen Gedanken ging er auf sein Zimmer. Nach -dem Mittagessen versuchte er, mit der Schwester zu reden, sie zu -fragen, weshalb sie geweint hätte. Aber sie sah ganz ruhig aus und -erwiderte nur, sie wäre eben ein bißchen nervös.</p> - -<p>Das konnte Ernst nun wieder nicht verstehen. Er hatte versucht, sich -der Schwester zu nähern, war zurückgewiesen worden, und seine Gedanken -nahmen ihren gewöhnlichen Kreislauf um sich selber wieder auf.</p> - -<p>Den Vormittag über war er in einer ganz eigentümlichen Stimmung -gewesen. Der Eindruck vom Ausbruch der Schwester<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> hatte sich mit seiner -eigenen Melancholie vermischt und die wunderlichsten Gedanken in ihm -hervorgerufen.</p> - -<p>Aber jetzt schlugen diese Gedanken wieder die alte Richtung ein. Mit -verdoppelter Stärke stand seine Dummheit von gestern wieder vor ihm. -Ihm war plötzlich, als müsse er um jeden Preis zu Eva und alles mit -ihr ins Reine bringen. Es war wie eine fixe Idee bei ihm, daß etwas -da unklar war und ins Reine gebracht werden müßte. Er mußte zu ihr, -sie sehen, sie sprechen, sich mit ihr versöhnen und fühlen, daß alles -wieder war, wie vorher. Aber die Mutter durfte nicht sehen, daß er -ausging. Sonst würde sie ihn fragen, wo er hinginge. Lügen konnte er -nicht, und sagen, wohin er ginge, wollte er nicht. Wenn er nur an -den forschenden Blick dachte, den sie auf ihn richten würde, wenn er -antwortete: Zu Frau Pegrelli! so empfand er schon ein Unbehagen, als -stünde ihm ein Unglück bevor.</p> - -<p>Wie ein Schuljunge schlich er sich die Treppe hinunter und hinaus.</p> - -<p>Hastig ging er die vertrauten Straßen entlang und läutete schließlich -an einer Klingel, die vor einer weißen Tür ohne Schild hing. Ein -zersprungener Klang kam von der alten Glocke, die drinnen gegen die Tür -schlug. So stark hatte er am Glockenstrang gerissen.</p> - -<p>Er war ganz rot im Gesicht und atmete kurz, als das Mädchen kam und -öffnete. „Ist Fräulein Baumann zu Hause?“ wollte er fragen, besann sich -aber und fragte mit erzwungener Ruhe nach „den Damen“.</p> - -<p>Frau Pegrelli wäre ausgegangen, aber das Fräulein sei daheim. Ernst -wäre am liebsten wieder umgekehrt. Es war ja gar nicht anders möglich, -als daß sie wegen seines unverzeihlichen Betragens am Abend zuvor -böse auf ihn war, und er hatte ja nichts zu seiner Entschuldigung -anzuführen, nichts — außer er bekannte ihr alles... alles, was ihn -bewegte, alles. Und das konnte er doch nicht. Und darum wär es am<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> -besten gewesen, er wäre wieder gegangen. Aber das ging auch nicht.</p> - -<p>Er hörte sie drinnen Klavier spielen. Ein rettender Gedanke kam ihm.</p> - -<p>„Fräulein Baumann ist gewiß beschäftigt?“ sagte er zu dem Mädchen.</p> - -<p>„Das glaub’ ich nicht; aber ich kann ja fragen.“</p> - -<p>„Bitte, treten Sie doch ein!“ rief da schon eine fröhliche Stimme aus -dem Wohnzimmer, und als Ernst über die Schwelle trat, stand Fräulein -Eva mitten im Zimmer und machte ihm einen tiefen Knix.</p> - -<p>Ernst war aufs äußerste überrascht. Sie sah so schalkhaft und sicher -aus, nicht ein bißchen böse, nur froh und heiter. Und schön. So -unwiderstehlich schön! Und er stand da, unendlich linkisch, und fragte -bloß: „Sind Sie mir nicht böse?“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf und lachte, und wieder sah sie dabei so sicher -aus, als wüßte sie ganz genau Bescheid über ihn.</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Gar kein bißchen?“</p> - -<p>„Nein, kein bißchen.“</p> - -<p>Eva hatte Ernst während der Zeit ihrer Bekanntschaft verstehen gelernt. -Sie begriff, daß er auch nicht einen Augenblick lang den Mut haben -würde, ein entscheidendes Wort in ihrem beiderseitigen Verhältnis -zu sprechen. Daß sie sich selbst auf eine ganz eigene Art zu dem -verschlossenen, sonderbaren jungen Theologen hingezogen fühlte, -darüber war sie sich klar. Er hatte etwas so Impulsives. Einmal war -er fröhlich wie ein Kind, dann wieder niedergeschlagen und lebensmüde -wie ein Greis, dem das Leben nichts mehr zu bieten hat. Und sie -begriff, daß etwas war, was ihn drückte und quälte; wenn man ihm das -abnehmen könnte, so würde er aufrecht und frei und froh werden, so wie -damals, als sie ihm von der Brücke herab zugesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> hatte, wie er dran -arbeitete, mitten im Winter der Frühlingsflut vorwärts zu helfen.</p> - -<p>Wäre es nicht vielleicht möglich, daß sie es war, die ihm helfen -konnte? Es war etwas in ihm, das sie nicht kannte, das er sorgfältig -vor ihr verbarg, und das reizte ihre Neugier, während sie es zugleich -als eine Kränkung empfand, daß er, der doch so viele Interessen haben -mußte, nie ein ernsthaftes Wort mit ihr sprach. Warum tat er das nicht? -Warum sprach er nie über seine Zukunft? Glaubte er vielleicht, sie sei -so dumm oder oberflächlich, daß sie an nichts anderes denken könne als -an Spiel und Tand?</p> - -<p>Aber irgend etwas lastete auf ihm. Und ihrer lebhaften Natur, die -nach Tätigkeit dürstete, schien es, als eröffne sich ihr hier eine -Möglichkeit.</p> - -<p>Da saß er nun und sah sie mit seinen klaren, lichten Augen an, zupfte -an seinem Bart und lachte vor sich hin aus hellem Behagen. Im Anfang -hatte sie das verlegen gemacht, dann hatte sie sich daran gewöhnt, -jetzt reizte es sie. So viel hatte sie jedoch schon gelernt, daß man -mit Gewalt nichts aus ihm herauskriegte. Versucht hatte sie es schon. -Aber es war immer mißlungen.</p> - -<p>Sie bemühte sich daher, einen möglichst gleichgültigen Ton -anzuschlagen, während sie fragte: „Übermorgen werden Sie ja predigen?“</p> - -<p>Wäre Ernst der raffinierteste Don Juan gewesen, statt des unerfahrenen, -mit Welt und Frauenherzen unbekannten jungen Mannes, der er war, er -hätte auf keine geschicktere Art verfallen können, Eva Baumanns Herz -zu gewinnen, als indem er sich so völlig über sich selbst ausschwieg. -Im Anfang mochte sie ihn gern seiner Einfachheit halber, wie sie -es nannte. Aber je mehr seine Persönlichkeit sie zu beschäftigen -anfing, desto eifriger strebte sie danach, ihm auf den Grund zu -kommen. Sie wollte wissen, was es war, das ihn zu manchen Stunden so -geistesab<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>wesend machte und zu andern so fröhlich, als wäre er aus -einem bösen Traum erwacht. Als sie jetzt ihre Frage vorgebracht hatte, -war sie ganz ängstlich, was darauf kommen würde. Und sie ward ganz rot -vor Schreck, als sie sah, was für eine Wirkung es auf Ernst hatte.</p> - -<p>Sein froher, sorgloser Gesichtsausdruck verschwand plötzlich, und er -senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnte, was er dachte.</p> - -<p>So saß er lang und schwieg.</p> - -<p>So lange schwieg er, daß ihr angst wurde. Es war so still, daß sie ihr -eigenes Herz hämmern hörte; sie wäre am liebsten davongelaufen, um -sich allein auszuweinen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, legte -ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die jeden -Augenblick in Weinen umschlagen konnte: „Was ist? Warum antworten Sie -denn nicht? Es ist so schrecklich, wie Sie dasitzen und schweigen!“</p> - -<p>Er richtete sich auf und setzte sich im Stuhl zurück. Sein Blick war -wie erloschen; sein ganzes Gesicht zuckte nervös. „Warum müssen Sie -auch gerade davon sprechen?“ rief er. „Warum kann ich nicht wenigstens -bei Ihnen damit verschont sein? Sie sind so gut zu mir gewesen, und ich -war Ihnen so dankbar! Ich hab’ zu Ihnen kommen und mit Ihnen über alles -sprechen können, und ich war so froh und war Ihnen so gut! Und jetzt -ist’s aus. Nie wieder wird es, wie es gewesen ist.“</p> - -<p>Sie war verwundert und zugleich ärgerlich.</p> - -<p>„Was wollen Sie denn damit sagen: Nie wieder, wie es gewesen ist? -Weil ich Sie nach Ihrer Predigt gefragt habe? Glauben Sie, ich sei -eine Puppe, die Sie wegwerfen können, weil sie nicht mehr in dem -Ton schreit, der Ihnen paßt? Nein, Herr Hallin, da kennen Sie mich -schlecht.“</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf; aber der gequälte Ausdruck wich nicht aus -seinem Gesicht.</p> - -<p>„Ach, was Sie kindisch sind!“ sagte er. „Macht es Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> so viel Spaß, -mich zu quälen? Sie sind doch auch vorher mit mir zufrieden gewesen, so -wie ich war. Kann das nicht auch jetzt so sein?“</p> - -<p>Er schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. „Oder -vielleicht sind Sie gar nicht mit mir zufrieden gewesen?“ fragte er -dann.</p> - -<p>Ihre Neugier oder vielleicht eher ihr Verlangen, sein Geheimnis zu -ergründen, erwachte aufs neue. Gleichzeitig empfand sie etwas, das sie -rührte und ängstigte. Wie eine Mutter hätte sie ihn mögen in die Arme -nehmen, ihn beruhigen, ihm über die Stirn streichen, die feucht von -Schweiß war.</p> - -<p>„Es bedrückt Sie etwas“, sagte sie mit ganz anderer Stimme. „Können Sie -es mir nicht sagen?“</p> - -<p>Er fuhr auf und wurde totenblaß. Seine Hände ballten sich, seine Brust -keuchte.</p> - -<p>„Nein!“ schrie er fast überlaut. „Nein, ich kann nicht. Nicht jetzt. -Nicht jetzt.“</p> - -<p>Sie verstummte und blickte weg. In diesem Augenblick durchflog sie die -Ahnung, daß sie aus eigenem Antrieb einen Kummer auf sich lud, der ihr -junges Leben vielleicht zu Boden ziehen würde. Aber es war Genuß in dem -Gefühl, ein Genuß, dem sie nicht widerstehen konnte. Und eine Lockung.</p> - -<p>„Warum?“ sagte sie und blickte ihm grade in die Augen. „Warum?“</p> - -<p>Er erfaßte ihre Hände und erwiderte leise und langsam: „Doch, ich -möchte gern mit Ihnen reden. Aber ich kann nicht.“ Dann ließ er sie -los und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. „Sie wollen also -wissen, warum ich nicht mit Ihnen darüber sprechen möchte?“ sagte er -schließlich. Er blieb ein paar Schritte von ihr stehen und sprach, ohne -sie dabei anzusehen:</p> - -<p>„Nun ja, so will ich es Ihnen sagen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn -jemand es weiß. Ich wollte, ich wäre weit fort von hier, oder tot, oder -nie geboren. Wenn ich doch ruhig ein<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>schlafen könnte und nie wieder -aufwachen! Bloß schlafen, schlafen, ohne daß ein Morgen käme und ein -neuer Tag! Das möchte ich. Alles lieber, als am Sonntag auf der Kanzel -stehen und den Leuten etwas vorlügen!“</p> - -<p>„Lügen?“</p> - -<p>Sie sah ihn voll Spannung an.</p> - -<p>„Glauben Sie denn nicht?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht“, antwortete er zögernd. „Manchmal glaube ich und -manchmal glaube ich nicht. Was weiß ich? Ich habe ja doch nie gelebt. -Nur gelernt und gelernt und gelernt. Mein Vater schlug mir vor, ich -solle Geistlicher werden. Ich sah, daß meine Mutter so froh war -darüber. So entschloß ich mich, Pastor zu werden. Seither habe ich -wieder gelernt, gelernt, gelernt. Was weiß ich, was ich glaube?“</p> - -<p>Sie sah ihn bestimmt und klar an: „Dann dürfen Sie am Sonntag nicht -predigen.“</p> - -<p>„Aber das ist unmöglich. Ich habe es versprochen. Jetzt ist es zu spät.“</p> - -<p>Sie wurde immer eifriger.</p> - -<p>„Wie können Sie so sprechen?“ rief sie. „Das ist eine Sünde! Sagen Sie, -daß Ihnen Zweifel gekommen sind, daß Sie Bedenkzeit brauchen. Schaffen -Sie sich eine Weile Ruhe, und wenn Sie nicht wissen, was Sie glauben -sollen, so werden Sie eben nicht Geistlicher!“</p> - -<p>Er sah sie an und lächelte. Aber sein Lächeln war traurig und freudlos. -Wie alles so einfach war für sie! Entweder — oder! Sie wußte nichts -von Nebenwegen.</p> - -<p>„Glauben Sie, das geht so leicht, Fräulein Eva?“ sagte er. „Wollen Sie, -ich soll zu meinem Vater gehen, der sein ganzes Leben lang Geldsorgen -gehabt hat, und ihm sagen: ‚Ich muß Bedenkzeit haben. Du mußt noch eine -Weile für mich sorgen?‘ Hätte er nicht das Recht, mir zu antworten: ‚Du -hast lang genug Zeit gehabt. Warum hast du dich nicht eher bedacht?‘ -Aber, du<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> lieber Gott, es hat mich ja keiner denken gelehrt! Und wie -sollte ich zu meiner Mutter gehen, die mich mehr als alles in der Welt -liebt, und sagen: ‚Ich habe keinen Glauben? Ich will eine Zeitlang Ruhe -haben, um mir ihn zu verschaffen?‘ Es ist traurig, daß die Armut uns -manchmal am Rechttun hindert. Aber es läßt sich nicht ändern.“</p> - -<p>Er brach plötzlich ab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Es war -lieb von Ihnen, daß Sie mich zum Sprechen veranlaßt haben,“ sagte er. -„Ich glaube, es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.“</p> - -<p>Sie hielt seine Hand mit ihren beiden Händen fest, und Ernst war -erstaunt, welch ernster Ausdruck in ihr Gesicht gekommen war. „So -dürfen Sie nicht gehen“, sagte sie. „Wie können Sie sich durch -derartige Bedenken bestimmen lassen? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre — -ich würde keine Minute zögern. Sie haben sich früher nicht genügend -bedacht? Ist das ein Grund, daß Sie sich auch jetzt nicht bedenken -wollen? Das dürfen Sie nicht! Hören Sie, Sie dürfen nicht!“ Er zog -seine Hand zurück und ging nach der Tür.</p> - -<p>„Machen Sie mir meinen Weg nicht schwerer, als er schon ist!“ murmelte -er.</p> - -<p>„Das ist eine Feigheit, was Sie da begehen wollen“, sagte sie plötzlich -mit zitternden Lippen. „Eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben -rächen wird!“</p> - -<p>Er wandte sich um und sein Ton ward gereizt.</p> - -<p>„Mit welchem Recht sprechen Sie so zu mir?“ sagte er. „Und wer hat Sie -gelehrt, so klar und sicher zu denken? Ihr Vater ist ja ein Pastor, wie -ich einer sein werde. Wissen Sie so gewiß, was er glaubt oder nicht?“</p> - -<p>„Das gehört nicht hierher“, erwiderte sie. „Das Recht, zu reden, haben -Sie selber mir gegeben. Und wenn Sie wissen wollen, wer mich denken -gelehrt hat — Ihre Schwester! Sie ist älter als ich; von ihr hab’ ich -gelernt, was ich Ihnen eben gesagt habe.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p> - -<p>Ernst dachte eine Weile schweigend nach. Selma? Wieder Selma? „Glaubt -sie denn so fest?“ fragte er dann.</p> - -<p>„Nein“, erwiderte Eva, und ein Zug von Ironie überflog ihr Gesicht. -„Sie glaubt nicht. Aber sie ist sich darüber klar.“</p> - -<p>„Was sagen Sie da?“</p> - -<p>Diese Entdeckung schmetterte ihn fast zu Boden. Er hatte eine -Schwester, die nicht glaubte! Ganz allein hatte sie sich zu der -Erkenntnis durchgerungen, vor der er zurückwich. Und diese Schwester -war ihm eine Fremde. Er hatte sie vernachlässigt, und sie konnte ihm -jetzt nicht helfen.</p> - -<p>Er trat noch einmal auf Eva zu und ergriff wieder ihre Hand. „Leben Sie -wohl“, sagte er. „Ich muß nach Hause. Denken Sie nicht allzu schlecht -von mir. Oder tun Sie das?“ fügte er hinzu.</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Nein. Sie sind nur schwach“, sagte sie.</p> - -<p>„Ja“, sagte er still. „Ich bin schwach.“</p> - -<p>Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um -die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte -raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins -fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen. -Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte -er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den -Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht -für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch -einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach -Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich -diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. -Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“</p> - -<p>Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte -ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage?</p> - -<p>Er wußte es nicht.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">D</div> - -<p class="p0"><span class="transp">D</span>er Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der -Kanzel herab.</p> - -<p>Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle -wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der -die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten -ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt -hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin -davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit -sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe -Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs -Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach, -daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über -die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte, -da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es -nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben.</p> - -<p>Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt, -wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der -Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die -Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen, -daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte.</p> - -<p>Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an -seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater, -den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so -gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich, -wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen -Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam -die Familie wieder ins<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> rechte Geleise. Die alten Traditionen würden -wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben -und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte. -Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte -haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren -nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn -zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm -ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal -mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er -Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte -er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten -alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er -nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in -ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben -können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde -er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in -das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein -Seufzer über sein eigenes Leben.</p> - -<p>Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es -nur verstanden hätte! Nur daran zu denken!</p> - -<p>Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und -scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem -Sohn dachte.</p> - -<p>Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er -drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über -das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu -unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese -arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß, -die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand -seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen. -Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz -vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach -Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig. -Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren -eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König, -die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und -legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen -getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang, -seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen -hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen -war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes -Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott.</p> - -<p>Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes -Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie -sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber -sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der -Bischof und ging in die Sakristei.</p> - -<p>Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast -strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß -die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz -unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner -selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so -ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und -seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war -nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin -von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit -sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann, -hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er -später von Gottes<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein -kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat -hohe Anforderungen — in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen -sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich -weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden, -sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich, -daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen!</p> - -<p>Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach -Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt -gefallen habe.</p> - -<p>Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten -auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem -freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm -schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche -strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie -konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere -am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen -Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen -der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch -ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so -heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten -ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle -Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin -und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen -Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der -Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch, -den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun -einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen.</p> - -<p>Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> sie ihren -Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem -religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es -doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering -achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch -nicht reden konnte wie ein Buch.</p> - -<p>„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie -glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute -gehört haben!“</p> - -<p>Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen -voraus.</p> - -<p>Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie -konnte; aber ihr danken — das war unmöglich.</p> - -<p>„Möchte er seinen Erfolg doch in der rechten Weise aufnehmen!“ sagte -sie.</p> - -<p>Aber ihre Stimmung war gestört; und als sie sich von Professors -verabschiedet hatte und am Arm ihres Mannes den kurzen Weg nach Hause -ging, dachte sie mehr an die Schwägerin als an den Sohn. Und sie warf -sich selber vor, daß sie sich von den kleinen Widerwärtigkeiten des -Lebens beeinflussen ließ.</p> - -<p>Als Ernst Hallin in die Sakristei trat, hatte er zuerst nur ein Gefühl -der Scham. Er konnte gar nichts anderes denken, als daß alle Menschen -ihn durchschaut haben müßten, gesehen, was für ein Zweifler er war. -Und dennoch hatte er nicht gezittert. Klar und deutlich hatte er alles -ausgesprochen — all das, was ihm und seinem Leben das Urteil sprach.</p> - -<p>Ganz in Gedanken trat er vor den Spiegel. Er betrachtete sein Gesicht, -und etwas wie Mitleid mit sich selbst überkam ihn. Ein forschender -Blick kam in seine Augen, als suche er nach irgendeinem Zug, der seine -geheimen Gedanken verraten könnte. Da öffnete sich die Tür und der -Bischof trat über die Schwelle. Hoch und gebieterisch, den Rock bis -an den Hals zugeknöpft, das Käppchen auf dem kahlen Scheitel, stand -er da und betrach<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>tete den jungen Geistlichen. Etwas Drohendes lag in -seiner Erscheinung, fand Ernst. Und die Kehle ward ihm ganz trocken vor -Schreck.</p> - -<p>Jetzt kommt das Urteil! dachte er. Und gleichzeitig empfand er eine Art -dumpfer Ruhe. Es war ihm alles im Grunde so gleichgültig. Mochte denn -kommen, was kommen wollte.</p> - -<p>Er sah auf und begegnete dem Blick des Bischofs.</p> - -<p>Der war aber ganz klar und ruhig, und Ernst glaubte sogar Zufriedenheit -darin zu lesen.</p> - -<p>„Ich wollte Ihnen Glück wünschen!“ sagte der Bischof. Und er streckte -seine Hand aus und schüttelte die des jungen Geistlichen.</p> - -<p>„Solche junge Kräfte können wir brauchen — wir brauchen sie, um den -Kampf gegen all das Schlimme zu führen, das sich in unserer Zeit regt.“</p> - -<p>Es dauerte eine Weile, ehe Ernst Hallin sich von seiner Überraschung -erholte. Aber nach und nach begriff er doch, daß er sich über die -Absichten des Bischofs getäuscht hatte. Er begriff, daß er einen Erfolg -gehabt hatte, daß dieser Tag für ihn ein Tag des Triumphes war, und daß -der, der ihm das jetzt sagte, der Oberste im ganzen Stift war.</p> - -<p>Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast -gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast -des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern, -die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter, -freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter -vier Augen.</p> - -<p>Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der -durchdringend auf ihm ruhte.</p> - -<p>„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof. -„Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p> - -<p>Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern -aufforderte, Platz zu nehmen.</p> - -<p>„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er, -„die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen -sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden. -Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und -das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man -muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des -Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als -jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das -ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit -— man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche, -zurückschrecken. Es wäre z. B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit, -wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde, -weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher -fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie -mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche -gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es -ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft -verleiht.“</p> - -<p>Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als -ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in -das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der -Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie -er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig -am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen -erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er -schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen -Mißtrauens.</p> - -<p>Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Haupt. Und -der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten -Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz -und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und -bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort — irgendwohin, wo er -sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte.</p> - -<p>Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut.</p> - -<p>„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß -aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“</p> - -<p>„Ich habe immer eine schwache Brust gehabt“, sagte Ernst.</p> - -<p>Beide Herren erhoben sich. Der Bischof lächelte freundlich und klopfte -dem jungen Mann väterlich auf die Schulter.</p> - -<p>„Wir müssen irgendeinen ruhigen Platz auf dem Land für Sie ausfindig -machen. Das wird Ihnen körperlich gut tun — und auch seelisch“, fügte -er hinzu.</p> - -<p>Ernst versuchte einen Dank hervorzustottern; aber die Worte wollten ihm -nicht über die Lippen. Der Bischof schüttelte ihm ruhig die Hand und -ging.</p> - -<p>Als Ernst allein war, zog er hastig den Überzieher an und eilte hinaus, -um heim zu kommen, ehe die Leute aus der Kirche strömten.</p> - -<p>In seinem Zimmer setzte er sich ans Fenster und blickte auf den -Domplatz hinab. Die Glocken fingen an zu läuten, Menschen gingen in -Scharen, lebhaft plaudernd, unter den hohen Bäumen hin, und auf den -schmelzenden Schnee schien warm die Sonne.</p> - -<p>Lange blickte er auf die Aussicht, die er so wohl kannte. Wie oft hatte -er diese selben Menschen in ganz derselben Weise so daherkommen und auf -der Straße um die Ecke verschwinden sehen. Jetzt sprachen die alle von -ihm. Er zog sich vom Fenster zurück, hinter die Gardine, damit niemand -ihn sehen sollte. Aber er fuhr fort, hinauszuschauen, als wolle er -gierig nachzählen, wie viele von seinen Bekannten da wären.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p> - -<p>Da sah er Vater und Mutter, die vom Onkel und seiner Frau Abschied -nahmen und dann unter dem Fenster, wo er stand, vorübergingen. Sie -blickten suchend herauf. Und Ernst trat hastig ins Zimmer zurück. Er -hielt den Atem an und lauschte.</p> - -<p>Jetzt traten sie unten ins Haus. Es war ganz still; er wußte, daß sie -ihn suchten.</p> - -<p>Zuletzt hörte er des Vaters Stimme auf der Treppe: „Bist du droben?“</p> - -<p>Und dann Schritte, die sich näherten.</p> - -<p>Die Tür ging auf und die Eltern traten ein. Beider Gesichter strahlten; -der Mutter sah man es an, daß sie geweint hatte.</p> - -<p>„Warum bist du denn hier?“ fragte sie. „Allein, wie gewöhnlich. Wir -haben drunten überall nach dir gesucht.“</p> - -<p>Sie umarmte ihn, während ihr die Tränen aus den Augen strömten.</p> - -<p>„Laß mich dich ansehen“, sagte sie. „Ich kann es noch gar nicht fassen!“</p> - -<p>Nach ihr kam die Reihe an den Vater.</p> - -<p>„Du hast deinen Eltern eine große Freude gemacht, mein Junge. Gott -segne dich!“</p> - -<p>Und die Hand, mit der er die des Sohnes drückte, zitterte.</p> - -<p>Ernst fühlte sich ganz unbeschreiblich glücklich. Fast kamen ihm -Zweifel, ob er auch an dies Glück glauben dürfe. Aber vor allem -brauchte er Ruhe, er mußte wenigstens ein paar Augenblicke ungestörte -Ruhe haben. Die Freude der Eltern machte ihn seiner selbst so sicher.</p> - -<p>Als die erste Erregung sich etwas gelegt hatte, fragte die Mutter: -„Nun, und was hat der Bischof gesagt?“</p> - -<p>„Der Bischof war sehr zufrieden“, erwiderte Ernst.</p> - -<p>Und der Adjunkt seufzte erleichtert auf.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">P</div> - -<p class="p0"><span class="transp">P</span>rofessor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten -Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu -entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn -denn doch den Abschied zu geben.</p> - -<p>Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu -seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich -wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte, -den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl -gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer -Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht -und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor -zweifellos geantwortet haben: „Lieber Schatz, warum soll man das -Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor -und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach’ um -Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als -eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber -lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!“ -Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die -Geschichte in Gammelby herausfordern würde.</p> - -<p>Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter -auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen -widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges, -vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es -wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte. -Und schließlich — er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen -Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant -zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span></p> - -<p>So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung -mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese -Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne -daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können; -und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen -Haus ein und aus. Es war seltsam — sooft der Professor von der Sache -anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte -schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser -heiklen Geschichte machen würde.</p> - -<p>Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem -Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die -aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte. -Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht -Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am -Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen -Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.</p> - -<p>Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.</p> - -<p>„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“</p> - -<p>Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und -verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle, -die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants -als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr -Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und -schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging. -Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.</p> - -<p>Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen -blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte -eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese -Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Pro<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>fessor ganz plötzlich aufstand -und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen -ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den -Arm.</p> - -<p>„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich -heut’ mit dir sprechen muß.“</p> - -<p>Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.</p> - -<p>„Gott, Abel, was ist denn?“</p> - -<p>„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme -Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles -gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“</p> - -<p>Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm -und faltete nervös die Hände.</p> - -<p>„Was ist es, Abel?“ fragte sie. „Quäl mich nicht länger. Du jagst mir -einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag’ mir doch -um Gottes willen, was es ist.“</p> - -<p>Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah -ungeheuer ernsthaft aus.</p> - -<p>„Es betrifft unsere Kinder, Aurora“, sagte er.</p> - -<p>„So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos -bist!“</p> - -<p>„Tja“, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache -los. „Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle -muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh’ ich keinen andern Ausweg.“</p> - -<p>„Sie muß mit dem Leutnant brechen?“</p> - -<p>Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle -sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck -keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie -immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen -und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze -hervor, die so<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber -immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt -geschaffen war. Aber auf den Professor hatte das leider keine Wirkung. -Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche -keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten.</p> - -<p>„Wein’ doch nicht, Aurora,“ sagte er gereizt, „sondern hör’ auf das, -was ich sage.“</p> - -<p>„Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel... Und -was soll dann aus Gabrielle werden?... Mein Kind... unser Kind... Sie -überlebt es nicht... und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen...“</p> - -<p>Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so -bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte.</p> - -<p>Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich -müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt -wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte.</p> - -<p>Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig:</p> - -<p>„Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie -er das Zimmermädchen küßte.“</p> - -<p>Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem -Male gänzlich verrauscht.</p> - -<p>„Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel“, sagte sie -giftig.</p> - -<p>„Aha, nun kommt’s!“ dachte der Professor.</p> - -<p>Laut sagte er: „Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem -Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.“</p> - -<p>„Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der -Hochzeit wartete. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt? Hab’ ich’s nicht -immer gesagt?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>„Was hast du gesagt?“</p> - -<p>Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft.</p> - -<p>„Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du -kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich -wohl. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt, — die Sophie ist eine -gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab’ ich’s nicht -gesagt?“</p> - -<p>„Doch, Schatz“, sagte der Professor sanftmütig. „Das hast du freilich. -Aber was hat das damit zu schaffen?“</p> - -<p>„Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh’ dich nicht, Abel! Was es -damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese -ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst -du das denn nicht?“</p> - -<p>Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies -deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da -der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine -Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er -sich damit, zu erwidern: „Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal -geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was -wir in der Sache am besten tun!“</p> - -<p>Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das -Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände.</p> - -<p>„Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke -an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört -haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich -dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da -sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz -stoßen. Das bedenk doch, Abel!“</p> - -<p>„Nein,“ sagte der Professor, „das verlange ich auch gar nicht. Aber -sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem -Verderben in die Arme wirft.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span></p> - -<p>Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf -und begann wieder, sich hin und her zu wiegen.</p> - -<p>„Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!“</p> - -<p>Jetzt kam die Reihe, den Überlegenen zu spielen, an den Professor.</p> - -<p>„Ich“, sagte er. „Ich hab’ es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen -und die ganze Geschichte eingefädelt?“</p> - -<p>Das hätte der Professor nicht sagen sollen.</p> - -<p>Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte -die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte, -sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. „Ich, meinst du wohl?“ -sagte sie. „Kannst du ehrlich sagen, ich sei’s gewesen? Abel! Gott -ist mein Zeuge — nie hab’ ich was anderes gewollt, als meiner Kinder -Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch -behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!“</p> - -<p>Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas -profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld.</p> - -<p>„Herrgott!“ sagte er. „Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir -reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?“</p> - -<p>Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines -Opferlammes an.</p> - -<p>„Was willst du denn, das ich tun soll?“ fragte sie. „Du weißt doch, -ich gehorche dir in allem, soweit ich’s vor Gott und meinem Gewissen -verantworten kann.“</p> - -<p>„Also“, sagte der Professor, „dann geh hinein zu Gabrielle und sprich -mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann -auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!“ schloß er voller List.</p> - -<p>Dies letzte Argument bewegte die Professorin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p> - -<p>„Ich werd’s schon tun, Abel“, sagte sie. „Aber —“ und sie ballte -erbost die Hände — „diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!“</p> - -<p>„Meinethalben“, sagte der Professor. „Nur daß der Skandal nicht ärger -wird, als notwendig ist!“</p> - -<p>Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem -Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages -leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte -nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten, -längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der -Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine -Zigarre an.</p> - -<p>Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein -Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der -unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen, -daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte. -Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet -zurückgeschickt.</p> - -<p>Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten -und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden.</p> - -<p>Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber -das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller -Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die -Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen -ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in -Vergessenheit geraten konnte.</p> - -<p>Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte -vor allen — bei Tisch — mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere -behaupteten, es wären... Umstände ...... die ihre Entfernung dringend -forderten. Alle<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> aber waren darin einig, die Professorin wäre eine -prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt, -ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle. -Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit, -die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und -gefunden habe.</p> - -<p>Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen -Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig -„weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht -sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte -über die ganze Geschichte bloß gelacht.</p> - -<p>Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es -kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">E</div> - -<p class="p0"><span class="transp">E</span>s war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von -Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit -zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein -Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von -Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte.</p> - -<p>Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für -einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst -zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können. -Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte -nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei -dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte,<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> daß er -es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte -alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst -unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die -Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen -Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau -Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß -damit in Zusammenhang.</p> - -<p>Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur -gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war -er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht -angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen.</p> - -<p>Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der -Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in -ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte, -schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben, -wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es -nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die -Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen -wird“.</p> - -<p>Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte, -ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern -ein Echo fand.</p> - -<p>Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt, -wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den -Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit, -daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst.</p> - -<p>So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu -denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit -im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er -sehnte sich danach, endlich wegzu<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>kommen von allem, von der Stadt, der -Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo -man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken.</p> - -<p>Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas -Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und -wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte -auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist -gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger -gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft -und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee -geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau -gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen, -Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den -Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und -die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft -und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war -gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen -und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war -seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in -ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche -zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den -Platz vor der Kirche.</p> - -<p>Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem -steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte -er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen -und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er -holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und -Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie -ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> -auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung -und Befreiung.</p> - -<p>Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und -erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen -tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun -einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung, -vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand -und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen. -Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem -andern gemein hatte.</p> - -<p>Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie -ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten -sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben, -das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war.</p> - -<p>Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und -lehnte sich in den Wagen zurück.</p> - -<p>Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der -Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust -dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm -Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser -Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens, -die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen, -die Gegend, durch die sie fuhren — alles gab ihm ein großes, fast -unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen. -Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er -genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen.</p> - -<p>Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und -gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal -hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen, -mit dem Propst<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um -das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu -kosten bekam.</p> - -<p>Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte -es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt -immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor -etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen -Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der -eine nichts von der Gegenwart des andern.</p> - -<p>„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt -schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu -bringen.</p> - -<p>„Ja, die Birken haben schon große Knospen“, antwortete Ernst.</p> - -<p>Die Fahrt ging in gemütlichem Tempo. Es waren des Propstes eigene -Kutsche und des Propstes eigene Pferde, mit denen sie fuhren, und die -Pferde waren nicht gewöhnt, sich zu überanstrengen. Fett und glänzend -und braun standen sie winters und sommers in ihrem Stall und fraßen -ihren Hafer und ihr Heu. Mußten sie einmal eine Meile oder zwei laufen, -so ging der Propst immer erst selber in den Stall hinunter und fragte -Johann, ob sie in der letzten Zeit viel hätten laufen müssen, und wenn -Johann grade bei guter Laune war, so antwortete er: „Nein, sie können’s -schon leisten“. War er aber aus irgend einem Anlaß schlechter Laune, -so machte er alle nur möglichen Einwendungen. Entweder mußte das eine -Pferd frisch beschlagen oder der Wagen geschmiert werden, oder auch -hatte er einen ganzen Tag lang Wasser geführt und die Pferde mußten -rasten. Dann mußte der Propst parlamentieren und Johann gut zureden. -Denn Johann war schon lang auf dem Hof und hatte seinen eigenen Kopf. -Und in dieser Sache hatte er fast ebensoviel zu bestimmen, als der -Propst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span></p> - -<p>Diese Fahrt hauptsächlich war ihm ein Dorn im Auge. Der Propst hatte -nämlich angedeutet, er müsse am Sonntagabend wieder nach der Stadt -zurückfahren. Und Johann fand, das wären allzu große Umstände wegen -eines armen Vikars. Von so einem machte man doch sonst kein so großes -Wesen, meinte er. Der Propst hatte ihm ja freilich erklärt, der Vater -des jungen Pastors sei ein alter Freund von ihm, und er besuche ihn -nur auf seinen, des Propstes, ausdrücklichen Wunsch. Aber Johann hatte -diese Erklärung nicht gelten lassen. Er glaubte steif und fest, es -wäre nichts als eine Laune des neuen Vikars. Und darum fuhr er den -ganzen Weg in möglichst sachtem Tempo und ließ die Pferde jede kleinste -Steigung Schritt gehen. Als sie eine Meile gefahren waren, hielt Johann -mitten in einem Wald an und fütterte die Pferde.</p> - -<p>„Es ist zuviel für sie, wenn sie zwei Tage hintereinander vier Meilen -machen müssen!“ sagte er.</p> - -<p>Der Weg führte jetzt durch Waldgegend. Von den Tannen kam ein frischer -Duft und die Sonne schien warm auf das feuchte Moos unter den Bäumen.</p> - -<p>Plötzlich brach Ernst das Schweigen.</p> - -<p>„Bist du hier schon einmal gewesen, Papa?“ fragte er.</p> - -<p>„Nein“, sagte der Adjunkt. „Aber ich habe dir ja gesagt, daß du nicht -zu Fremden kommst. Vor zeiten saß ein Bruder meines Großvaters hier -als Propst bis zu seinem Tod.“ Ernst seufzte. Es irritierte ihn stets, -wenn der Gymnasiallehrer von der Familie sprach, dieser entsetzlichen -Familie, der er zum Opfer gebracht wurde. Und eine unerklärliche Angst -bemächtigte sich seiner.</p> - -<p>„Ist es noch weit?“ fragte er.</p> - -<p>„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock.</p> - -<p>Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige -Minuten! Wenn sie vorüber waren, so<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> würden sie dort sein. Er erinnerte -sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle -hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem -Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er -fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei. -Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm.</p> - -<p>„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen -seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater.</p> - -<p>Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der -Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot -angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen. -Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht -und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten -sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas -schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in -Sollösa!“</p> - -<p>Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt -die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes -Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei.</p> - -<p>„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“</p> - -<p>Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging -den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung -nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem -kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch -größer.</p> - -<p>„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten -Sie doch ein!“</p> - -<p>Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte.</p> - -<p>Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus,<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> eine Stille, die -aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen -Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete. -Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen -Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen -rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die -fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie -schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten -Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von -Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo -im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der -alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im -Stall standen.</p> - -<p>Bis zum Viehstall hin breitete sich die Stille. Die Kuhmagd sang -nicht, wenn sie melkte, sie schrie nicht durch den Wald, wenn sie die -Kühe zusammentrieb, sondern diese kamen ganz von selber, fromm und -sittig, stellten sich am Gatter auf und ließen geduldig ihre vollen -Euter in den dampfenden Kübel leeren. Still standen sie auch im Stall, -wedelten in einförmigem Takt mit den Schwänzen, kauten melancholisch -das trockene Heu oder lagen wiederkäuend da und starrten mit großen -glänzenden Augen nachdenklich die Holzbalken der Decke an. Sogar der -Stier schien sich das Brüllen abgewöhnt zu haben, und wenn ab und zu -ein Hahn krähte, so klang das so störend schrill in die allgemeine -Stille hinein, daß die Propstin von ihrem Stuhl im Wohnzimmer, wo sie -saß und häkelte, auffuhr und sich die Ohren zuhielt.</p> - -<p>Ebenso still ging es draußen auf Feld und Wiese zu. Die Knechte schrien -die Ochsen, die am Pflug gingen, nicht an, und ein Fluch wäre hier -ebenso undenkbar gewesen wie ein Mord. Schweigsam und ruhig zogen sie -an den Zügeln, oder gebrauchten ärgerlich und wortlos die Peitsche; und -die ge<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>duldigen Tiere beugten den Nacken unter dem Joch und zogen den -Pflug durch die langen graden Furchen oder die Holzfuhre vom Wald heim -oder die Heuwagen vor die Tür der großen, geräumigen Scheuer.</p> - -<p>Denn dies Haus war ein heiliges Haus, und die darinnen wohnten, waren -Diener des Herrn. Es lag keinerlei Heuchelei in ihrer Frömmigkeit; sie -hatte nur dem ganzen Pastorat ein Gepräge aufgedrückt, als wären das -Haus und seine Bewohner nicht von dieser Welt; und wenn die Bauern -etwas mit dem Propst zu reden hatten und durch das grüne Gatter traten, -so gingen sie immer mit sachten, zögernden Schritten über den Hof, und -mancher gebeugte, grauhaarige Alte zog auf der Treppe die schweren -Schuhe aus, eh er es wagte, vor die weiß angestrichene Türe zu treten, -die sich so still in ihren wohlgeölten Angeln drehte.</p> - -<p>Im Wohnzimmer mit seinen weißen Läufern, überzogenen Möbeln und halb -herabgelassenen Gardinen saßen jetzt Ernst Hallin und sein Vater mit -dem Propst, während die Propstin in der Küche ihre Befehle gab. Die -drei Herren warteten auf das Mittagessen; sie schwiegen so lang, -daß man das Ticken der alten Standuhr zählen konnte, die auf der -Marmorplatte vor dem hohen Wandspiegel stand.</p> - -<p>„Ja, es ist still und ruhig hier“, sagte der Propst endlich. „Aber der -Friede des Herrn wohnt bei uns.“</p> - -<p>Kaum ein Geräusch war im ganzen Haus vernehmbar. Durch die geschlossene -Eßzimmertür drang nur ein undeutliches Klappern von Tellern, die leise -aufeinander gestellt, und von Silber, das auf das Tischtuch gelegt -wurde.</p> - -<p>Der Propst hustete; denn keiner von den Herren antwortete.</p> - -<p>„Hier wohnt der Friede des Herrn!“ sagte er ein zweites Mal. Der -Adjunkt beeilte sich, die Worte durch ein Kopfnicken zu bekräftigen; -Ernst hob die Gardine ein wenig und sah auf den Hof hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p>Vier Hunde lagen da und wärmten sich in der Sonne. Es waren zwei -Hühnerhunde und zwei kolossale Hofhunde, von jeder Sorte ein Paar.</p> - -<p>„Ja, die bewachen das Haus“, sagte der Propst und hustete. „Es ist nur -schwer, ihnen das Bellen abzugewöhnen.“</p> - -<p>„So“, sagte Ernst und fuhr fort, hinauszusehen. Der Adjunkt und der -Propst fingen eine Unterhaltung über die letzten Veränderungen im Stift -an.</p> - -<p>Ernst beobachtete inzwischen, wie der Hühnerhund dalag und die große -Hündin anblinzelte. Aber er wagte sich augenscheinlich nicht an sie, -weil er vor dem großen Hofhund Angst hatte.</p> - -<p>Die große Hündin blinzelte zurück; zuletzt erhob sie sich, gähnte -laut auf, streckte sich und verschwand gemächlich hinter dem einen -Nebengebäude.</p> - -<p>Jetzt erhob sich auch der Hühnerhund, warf einen forschenden Blick -auf den anscheinend schlafenden Hofhund, gähnte, streckte sich und -verschwand ebenfalls hinter demselben Nebengebäude, aber in der -entgegengesetzten Richtung.</p> - -<p>Die verlassene Hühnerhündin und der große Hofhund lagen jetzt einsam -auf dem sandigen Hofplatz.</p> - -<p>Der Hofhund hob langsam den Kopf und blickte sich um. Er knurrte, das -Fell sträubte sich auf dem kraftvollen Rücken, und mit majestätischen -Schritten verschwand auch er hinter dem Nebengebäude, auf derselben -Seite wie die Hündin.</p> - -<p>Mit einer gewissen Spannung wartete Ernst auf den Tumult, der jetzt -gleich die quälende Stille unterbrechen mußte.</p> - -<p>Aber es entstand kein Tumult. Der Hühnerhund und die große Hündin kamen -mit hängenden Ohren jedes von seiner Seite des Nebengebäudes und legten -sich auf ihre alten Plätze in den Sand, gähnten und blinzelten ins -Leere, als hätten sie nie andere als die allerunschuldigsten Absichten -von der Welt gehabt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p> - -<p>Zuletzt kam auch der große Hofhund wieder, einsam und majestätisch, und -legte sich auf seinen Platz vor der Treppe. Einmal noch hob er den Kopf -und knurrte den Hühnerhund an. Dann glättete sich das Fell auf seinem -Rücken, der Kopf sank zwischen die gewaltigen Vordertatzen und die -Augen schlossen sich.</p> - -<p>Ernst unterdrückte ein Lachen.</p> - -<p>„Beißen sie sich nie?“ fragte er und errötete selbst über seine -kindische Frage.</p> - -<p>„Nein“, erwiderte der Propst und schüttelte den Kopf. „Die beißen sich -nie.“</p> - -<p>Wieder hörte man das gleichmäßige Ticken der Uhr durch die Stille. -Von der Eßzimmertür zum Fenster lief ein langer Streifen von -Staubwirbelchen, die in allen Regenbogenfarben spielten.</p> - -<p>Nun öffnete sich leise die Tür; ein Dienstmädchen in schlichter -Kleidung mit glattgestrichenem Haar verkündete, das Essen wäre bereit.</p> - -<p>Im Speisezimmer wartete die Propstin und bat die Herren, vorlieb -zu nehmen. Neben ihr stand eine kleine, dicke Blondine mit blauen -schläfrigen Augen und zartem Teint, die sie als „meine Tochter“ -vorstellte. Sie sprach während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aß aber -von allen Gerichten; und wenn die andern sich unterhielten, faltete sie -die kleinen fetten Hände im Schoß, starrte die Wand an oder senkte den -Kopf, daß, wo das schwarze Kleid sich um den weichen Hals schloß, eine -kleine Speckfalte entstand.</p> - -<p>Der Propst ging zu ihr hin und strich ihr übers Haar.</p> - -<p>„Was hast du gemacht heut, Amelie?“ fragte er.</p> - -<p>„Ich habe meine neuen Taschentücher gesäumt“, antwortete Amelie und -warf von der Seite her einen Blick auf die Gäste.</p> - -<p>„Das ist recht, mein Kind“, sagte der Propst. „Es ist des Herrn Wille, -daß wir arbeiten sollen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<p>Der Propst schenkte die Schnapsgläschen voll und die Mahlzeit nahm -ihren Anfang.</p> - -<p>Gottes Gaben waren reichlich vorhanden, vier volle Gerichte und ein -reicher Butterbrottisch. Es gab zweierlei Wein, Rotwein und Sherry. Und -zum Fleisch trank man Bier.</p> - -<p>Man aß viel und redete wenig. Teller wurden gebracht und wieder -abgenommen, Platten umhergereicht, Wein und Bier ward eingeschenkt. -Still und vorsichtig bewegte sich das Mädchen mit dem glattgekämmten -Haar und dem schlichten Kleid um den Tisch. Niemand lachte oder stieß -mit seinem Nachbar an. Jeder trank sein Glas aus und aß seinen Teller -ab, ohne dem andern auch nur einen Gedanken zu schenken. Ab und zu -ward die Stimme des Propstes oder der Propstin laut, die die Gäste -aufforderten, doch mehr zu essen.</p> - -<p>Nach dem Essen verschwand der Propst auf ein Weilchen, und die Gäste -blieben mit den Damen allein, bis der Kaffee serviert wurde.</p> - -<p>„Samuel ist so an sein Mittagsschläfchen gewöhnt!“ sagte die Propstin -entschuldigend. „Er sagt, es sei nötig zur Verdauung.“</p> - -<p>Der Abend schleppte sich langsam und einförmig hin. Die Herren gingen -mit dem Propst auf sein Zimmer, um eine Zigarre zu rauchen. Später -mußte Amelie singen. „Amelie singt wirklich reizend“, sagte die -Propstin. Sie sang Heines leidenschaftliche Lieder in der Schumannschen -Musik, und sang sie vollständig ausdruckslos und rein, ohne zu wissen, -was sie sang. Der Propst und die Propstin hörten andächtig zu. Der -Propst hatte die Hände gefaltet.</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Im wunderschönen Monat Mai.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Ach ja, Musik ist eine herrliche Gabe Gottes!“</p> - -<p>Nachdem man zu Abend gegessen hatte, versammelten sich alle -Hausbewohner in dem großen Speisezimmer. Dort waren<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> Stühle aufgestellt -und Amelie ging von einem zum andern und teilte Choralbücher aus. Die -Propstin brachte ihrem Mann, der im Schaukelstuhl saß, ein paar alte -Bücher; und er hustete und las seinen Leuten aus der Bibel vor. Dann -betete er, Gott möge das ganze Land schützen, insbesondere das Pastorat -zu Sollösa. Die ruhigen Knechte und Mägde hielten die Hände vors -Gesicht, während der Propst das Vaterunser und den Segen sprach.</p> - -<p>Eine Stunde später schlief das ganze Haus. Stiller als vorher konnte es -kaum sein. Nur der Hofhund und seine Hündin wachten mit einem Auge je -an einer Seite der Treppe.</p> - -<p>Dem Adjunkten Hallin und seinem Sohn war ein Gastzimmer im ersten Stock -angewiesen worden. Zwei hochaufgebauschte Betten standen da mit weichen -Polstern und Federkissen.</p> - -<p>Und in Ernst erwachte eine Erinnerung. Er gedachte seiner -Studentenjahre in Upsala, der guten Jahre bei Fräulein Lund. Als er -einschlummerte, hatte er eine leise Empfindung von Lavendelduft.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>ls Ernst aufwachte, war es schon acht Uhr. Hastig sprang er aus dem -Bett, um den Vater zu wecken. Die weichen Kissen und Decken hatte sie -beide wie mit einem Nebel von Stille und Schlaflust umhüllt, daß sie -zehn volle Stunden geschlafen hatten. Das Hausmädchen war so still -durchs Zimmer gegangen, daß sie die Schläfer nicht geweckt hatte. -Aber in den Flaschen war frisches Wasser, die Kleider lagen schmuck -und ordentlich ausgebürstet auf den Stühlen, die Schuhe standen blank -gewichst davor, und im Ofen verglomm die letzte Glut des Holzfeuers -hinter dem Eisengitter, das geräuschlos zur Vorsicht vorgesetzt worden -war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p> - -<p>Als sie ins Wohnzimmer kamen, mußten sie eine gute Weile warten, eh -jemand von den Wirten sich zeigte. Im Eßzimmer sahen sie das stille -Mädchen mit dem schlichten Kleid und dem glattgekämmten Haar den Tisch -decken.</p> - -<p>Der erste, der erschien, war der Propst. Der kleine Mann sah ganz -unerhört feierlich aus. Die Bäffchen saßen steif über dem halb -zugeknöpften Rock und machten sein fettes Gesicht noch fetter. Sein -Mund sah ganz absonderlich aus, gespitzt wie eine Tüte, und die Augen -blinzelten feucht und schräg unter den dichten Augenbrauen hervor.</p> - -<p>Er hustete und ging auf seine Gäste zu.</p> - -<p>„Ein köstliches Wetter hat der Herr uns heute geschenkt!“ sagte er.</p> - -<p>Die drei Herren setzten sich. Wie gewohnheitsmäßig nahmen sie ihre -alten Plätze ein, Ernst saß am Fenster und blickte hinaus auf den Hof, -wo die Hunde lagen und sich sonnten, die Hühnerhunde an der großen -Treppe, die Hofhunde vor der Treppe, die zum Nebengebäude führte.</p> - -<p>Jetzt kam die Propstin. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine goldene -Brosche und hatte, wie der Propst, rote Augen. Sie erzählte, Amelie -wäre noch nicht ganz fertig. Die arme Amelie! Sie hatte solche Angst, -zu spät zur Kirche zu kommen!</p> - -<p>„Wir haben alle ein bißchen zu lang geschlafen!“ fügte sie hinzu.</p> - -<p>„Ja,“ sagte der Propst und hustete; „es ist Sabbat heute, der Ruhetag -des Herrn!“</p> - -<p>Langsam setzten sich alle um den Tisch, und das glattgekämmte Mädchen -servierte still große Platten mit gebratenem Schinken, Beefsteak und -Eiern.</p> - -<p>Es war heute womöglich noch stiller als sonst im Pastorat. Kein Laut -war zuhören im ganzen Haus; nur Löffel, Messer und Gabeln schienen -in Bewegung zu sein. Aber auch sie wurden ängstlich gehandhabt, und -wenn jemand ein Wort<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> äußerte, so geschah es mit einer Stimme, die um -Entschuldigung zu bitten schien: „Darf ich um das Salz bitten?“ „Ein -bißchen Brot, wenn ich bitten darf!“ klang es halblaut. Ab und zu -erklang die Stimme der Propstin, die den Gästen zusprach, doch mehr zu -essen.</p> - -<p>Nach dem Frühstück gingen alle in die Kirche, die jenseits der Straße -lag.</p> - -<p>Es war eine niedrige, altmodische Kirche, ohne Turm. Der Adjunkt und -Ernst hatten sie nicht einmal bemerkt, als sie am Tag vorher daran -vorbeigefahren waren. Sie lag ein bißchen abseits von der Straße auf -einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer hohen steinernen Mauer; daneben -stand ein rot angestrichenes baufälliges Glockenhaus, von dem gerade -der Klang der alten Glocken über die Häupter der versammelten Gemeinde -hinklang.</p> - -<p>Keinerlei Geräusch auf dem Platz vor der Kirche, trotzdem eine Menge -Menschen da waren. Auf der einen Seite standen die Männer, auf der -andern die Frauen. Die jungen Mädchen standen bei den Frauen, die -Burschen bei den Männern. Kein Getändel, kein Geliebäugel zwischen -Burschen und Mädchen; alle, die vor der Kirche standen, alt und jung, -waren ganz still und unterhielten sich nur im Flüsterton, während sie -auf den Propst warteten.</p> - -<p>Der dämpfende und beruhigende Geist des Pastorats hatte sich noch bis -über die Landstraße hinaus erstreckt, weit über die Anhöhe, auf der -die Kirche lag und wo das rote Glockenhaus einsam seine Glocken ins -schweigende Land hinausrufen ließ.</p> - -<p>Es gab viele „Erweckte“ in der Gemeinde Sollösa. Stille, schweigsame -Menschen, die den Frieden liebten und die Welt fürchteten, Menschen -nach dem Herzen des Propstes, die seine Gattertore nicht zuschlugen und -auf dem Kirchplatz nicht lärmten. Menschen, die nach Sollösa paßten. -Heute füllten sie den Platz vor der Kirche und den ganzen Kirchhof. Um -sie her<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> spielte die laue Frühlingsluft, hoch über ihnen trillerten -die Lerchen im klaren Sonnenlicht. Die Birken auf dem Kirchhof trugen -schwellende, drängende Knospen, und in den Beeten des Pastoratsgartens -standen Aurikeln und Perlhyazinthen schon fast in Blüte.</p> - -<p>Der Propst, die Propstin und ihre Gäste kamen durch den Kirchhof -herauf. Sie gingen durch das offene Gittertor die verwitterten -Steinstufen hinan; und vor ihnen her ging ein Flüstern, das plötzlich -jedes Gespräch verstummen machte. Ein breiter Weg bildete sich ganz von -selbst vor ihnen bis zur Kirche, und ruhig wanderten die Herrschaften -der Kirche zu. Die Frauen und Mädchen knixten, die Männer nahmen die -Hüte ab. Aber nicht ein Wort ward gesprochen, nur freundliches Nicken -und Lächeln flog hin und wieder. Als die Herrschaften durch die niedere -Kirchentür verschwunden waren, setzte sich die ganze Menschenmenge -in Bewegung. Ohne Lärm, ohne Gedränge füllte sie die Kirchenstühle, -die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der andern, und still -und lautlos schloß sich hinter ihnen die breite Tür, während von der -geschnitzten Empore über dem Eingang die Orgel ertönte. Als der Choral -gesungen war, stand der Propst vor dem Altar und betete mit zitternder, -hustender Stimme:</p> - -<p>„Heilig! heilig! heilig!“</p> - -<p>Und die Gemeinde von Sollösa beugte das Haupt und lauschte -andachtsvoll. Denn sie glaubte an ihren Propst und war stolz auf ihn.</p> - -<p>Der Propst genoß nämlich unter den Kindern Gottes eines hohen Rufes. Er -hatte ihn nicht immer gehabt. Und es war nur ein kleines Ereignis, das -ihm die Gnadengabe verlieh, daß die Menschen an ihn glaubten.</p> - -<p>Ehe er als Propst nach Sollösa kam, predigte er einmal während eines -Gewitters. Und während er auf der Kanzel stand und das Gebet für die -Verstorbenen betete, der Küster<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> neben ihm, schlug der Blitz in die -Kirche und tötete den Küster. Der Pastor selber blieb unversehrt.</p> - -<p>Und die Frommen sagten, dies sei geschehen, weil ihr Hirte erhalten -bleiben mußte für Gottes Reich.</p> - -<p>Still, aber sicher verbreitete sich sein Ruf über das ganze Stift. -Als er als Propst nach Sollösa kam, war er ihm schon vorausgegangen -und hatte ihm die Herzen der Leute gewonnen. Darum lauschten sie auch -seinen Worten so andächtig, als ob Gott selbst zu ihnen spräche.</p> - -<p>Denn das war wahrlich Gottes Finger! Daran konnten alle deutlich seinen -Willen und seine Absicht erkennen!</p> - -<p>Drückend und betäubend lag die Wärme über der ganzen Kirche. Langsam -schleppte der Gottesdienst sich hin, bis die Predigt begann. Und die -Predigt ging ebenso langsam, und ebenso träge klangen die Choralverse -durch den niedrig gewölbten Raum. Da und dort nickte ein Kopf im -Schlummer, einer oder der andere lag vornübergebeugt in den Händen, die -auf dem Kirchstuhl ruhten.</p> - -<p>Niemand entfernte sich, ehe der ganze Gottesdienst zu Ende war. Erst -als die letzten Akkorde des Schlußchorals verklangen, erhoben sich -alle sachte von ihren Plätzen, dehnten in aller Stille ein bißchen -die Glieder und blieben in den Bänken stehen, um erst die Herrschaft -hinauszulassen. Dann leerte sich die Kirche, die Türen schlossen sich -und der Küster ging, mit den großen Schlüsseln klappernd, heim. Auf -allen Wegen und Pfaden wandelten Scharen stiller Menschen nach allen -Richtungen durch das sabbatstille Land.</p> - -<p>Im Pastorat setzten die Herren sich wieder auf ihren Platz im -Wohnzimmer und warteten auf das Mittagessen. Draußen auf dem Hof -schliefen die Hunde.</p> - -<p>„Es ist gut, daß ich eine kleine Hilfe bekomme!“ sagte der Propst zu -Ernst. „Und hier ist dankbares Erdreich!“</p> - -<p>Er schneuzte sich und hustete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span></p> - -<p>„Kein Geist des Aufruhrs, Gott sei Dank! Dankbares Erdreich!“ Und durch -das Zimmer klang das einförmige Ticken der Uhr.</p> - -<p>Die Tür zum Eßzimmer ging auf und das Mädchen meldete, daß serviert sei.</p> - -<p>Fräulein Amelie stand mit der Propstin im Eßzimmer. Sie gab den fremden -Herren die Hand und knixte. Der Propst strich ihr, wie am Tage vorher, -übers Haar.</p> - -<p>„Du bist nicht in der Kirche gewesen heute“, sagte er.</p> - -<p>„Nein“, erwiderte Amelie. „Es tat mir so leid, aber ich mochte nicht zu -spät kommen und die Gemeinde stören.“</p> - -<p>„Das ist recht, mein Kind!“ lobte der Propst.</p> - -<p>„Du magst ja nicht, wenn man kommt, nachdem der Gottesdienst schon -angefangen hat, Papa“, sagte die Propstin.</p> - -<p>Nach dem Essen kam der Kaffee, genau wie am Tag vorher. Der Propst -verschwand für ein Weilchen und ließ die Gäste mit den Damen allein.</p> - -<p>Nach dem Kaffee reisten die Gäste ab.</p> - -<p>„Willkommen nächstes Mal auf unserm lieben, stillen Sollösa“, sagte der -Propst, als er Ernst beim Abschied die Hand drückte. Der Wagen fuhr -durch den weichen Sand zum Gattertor hinaus; als er auf die Landstraße -einbog, zogen die beiden Herren noch einmal die Hüte vor dem Propst, -der Propstin und Fräulein Amelie, die auf der Treppe standen und -winkten. Die Hunde sahen dem Wagen nach, ohne zu bellen.</p> - -<p>Eine Weile saßen der Adjunkt und Ernst schweigend nebeneinander. Jeder -war in seiner Art mit dem beschäftigt, was sie erlebt und gesehen -hatten.</p> - -<p>Schließlich sagte der Adjunkt — und seine Stimme klang wehmütig:</p> - -<p>„Es wird recht einsam für dich hier draußen.“</p> - -<p>Über des Sohnes Lippen flog ein Lächeln, das der Vater nicht verstand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p> - -<p>„Vielleicht ist es grade das, was ich brauche“, sagte er. Es lag etwas -so Scheues und zugleich Bitteres in seiner Stimme, daß der Vater -aufmerksam wurde. Er kannte ja den Sohn überhaupt so wenig; er hatte, -während er aufwuchs, nie Zeit gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen; -und der Adjunkt liebte es im allgemeinen, sich die Dinge so einfach -wie möglich zu machen. Diesmal aber drängte sich ihm doch mit -unausweichbarer Gewalt der Gedanke auf, daß da etwas nicht stimmte, -etwas, an dem ein Vater teilhaben müßte. Mit bekümmerter Miene sah er -den Sohn an und fragte: „Was ist mit dir? Du siehst so düster aus, -seitdem du wieder daheim bist. Hast du etwas auf dem Gewissen?“</p> - -<p>Ernst konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater glaubte -offenbar, er hätte etwas zu bereuen, vielleicht Schulden gemacht, -schlechte Beziehungen angeknüpft oder etwas Ähnliches. Er, der fast das -Leben eines Asketen geführt hatte! Dieser Argwohn kam ihm unendlich -komisch vor. Er hätte jetzt um keinen Preis der Welt offen reden -können, und antwortete deshalb nur mit demselben Lächeln, das er nicht -zu unterdrücken vermochte: „Nichts von dem, was du glaubst, Papa, das -kann ich dir versichern!“</p> - -<p>„Gott sei Dank!“ dachte der Adjunkt.</p> - -<p>„Man kann auch so grade genug haben!“ fügte Ernst hart hinzu. Es kam so -plötzlich, daß die Worte ihm entschlüpft waren, ehe er es wußte. Eine -brennende Röte ergoß sich über seine Wangen und Stirn, und er schaute -zum Wagenfenster hinaus.</p> - -<p>Der Adjunkt ward nachdenklich; eine dunkle Ahnung bemächtigte sich -seiner. Gleichzeitig aber sagte er sich auch, wenn es wirklich etwas -derartiges wäre, wenn der Sohn tatsächlich unzufrieden sei mit dem -Beruf, den er gewählt hatte, so wäre es am besten, wenn gar nicht -darüber gesprochen würde. Ein ausgesprochenes Wort war hier gefährlich. -Er wußte, wie empfindlich der Sohn war, und begriff, daß der kleinste -Versuch,<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> auf sein Gewissen einzuwirken, in ihm die zu einer -Katastrophe notwendige Energie wecken würde. Und an diese Katastrophe -mochte der Adjunkt gar nicht denken.</p> - -<p>Darum war es am besten, es wurde gar nichts zwischen ihnen gesprochen, -Ernst machte die Sache mit Gott und sich selber ab. Und so schwieg denn -der Vater in dem elterlichen Egoismus, der nicht mit den Kindern oder -für sie leiden will.</p> - -<p>Die alten braunen Gäule stapften gemächlich durch den hohen Wald, -durch den die Sonne schräg fiel und zwischen den feuchtglänzenden -Zweigen funkelte. In der Ferne härte man das einförmige Rauschen eines -Bergwassers.</p> - -<p>Ernst versank in Gedanken. Gefühle und Eindrücke arbeiteten in ihm, die -ihm ganz neu waren. Es waren nicht seine alten Kämpfe und Träume. Es -war nicht der kleine Kampf zwischen geistlich und nichtgeistlich. Es -war auch nicht seine verschmähte Liebe, die in ihm redete. Nichts von -all dem. Die Fahrt aufs Land, der kurze Weg zur Kirche, die Landluft, -der Sonnenschein, die Frühlingsgewalt in den brausenden Wassern und -schwellenden Knospen — all das erfüllte ihn mit einem Gefühl, das -ihm ebenso neu wie unverständlich war. Wenn jemand ihn gefragt hätte, -was er fühle oder denke, er hätte nichts darauf antworten können. -Aber er war erregt, ohne zu wissen, weshalb, krank von Gemüt, ohne -zu wissen, wovon, traurig, ohne die Ursache zu kennen. Seine ganze -unterdrückte Jugend, all die erstickten Gedanken, Wünsche und Begierden -waren es, die sich in ihm empörten, und Worte entschlüpften ihm, ohne -Zusammenhang und ohne Sinn, deuchte ihm selbst. Und doch hätte er keins -davon unterdrücken können, nicht ein einziges; so einsam hatte er immer -gelebt, so unterdrückt und erstickt war jeder eigene Gedanke, jeder -eigene Wille stets in ihm gewesen, daß er das Bedürfnis, das seine -Seele erfüllte, gar nicht einmal verstand. Seine eigene Stimme klang -ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> fremd, wie sie so das Leid, das die Frucht seines ganzen Lebens -war, aussprach.</p> - -<p>Und als der Adjunkt nicht antwortete, sagte er kurz und hart: „Ist es -nicht sonderbar, daß wir einander überhaupt gar nicht kennen?“</p> - -<p>„Wir kennen einander nicht?“</p> - -<p>Der Adjunkt sah auf mit einem Blick, der noch vom Essen schwer war.</p> - -<p>Ernst lachte laut auf. Er beugte sich vor und redete weiter, eifrig -gestikulierend, mit einem Versuch, ruhig und geordnet zu sprechen; aber -seine Stimme zitterte nur noch heftiger.</p> - -<p>„Nein“, sagte er. „Wir kennen einander nicht. Als Kind hab’ ich meinen -Vater nicht gekannt, als Knabe nicht, als Jüngling nicht, und auch -jetzt nicht, als Mann, der ich sein sollte und nicht bin! Und auch er -hat mich nicht gekannt. Sonst hätte er mich nicht so grausam verkennen -können. Sonst hätte er mich nicht so gedankenlos und herzlos aufs -Gratewohl ins Leben hinauswerfen können, ohne auch nur einen Augenblick -danach zu fragen, ob meine Natur mich zu etwas anderem zog, oder ob sie -nur schwieg und sich fügte.“</p> - -<p>Er sprach, als habe er die Gegenwart des Vaters ganz vergessen, -und fuhr dabei fort, starr vor sich hinzublicken und lebhaft zu -gestikulieren.</p> - -<p>„Warum bin ich nicht ein Bauer geworden?“ rief er. „Warum geh’ ich -nicht hinter dem Pflug und grabe die Erde um und dünge und mache Heu? -Warum mäh’ ich nicht und hacke Holz und arbeite und lebe, statt meinen -Rücken über die Bücher zu beugen?“</p> - -<p>Er ballte die Hand, seine lange, hagere Hand, mit einer drohenden -Gebärde, in der zugleich etwas Hilfloses lag.</p> - -<p>„Die Bücher!“ sagte er mit gedämpfter Stimme, damit der Kutscher ihn -nicht hören sollte. „Wie ich sie hasse! Sie haben mein Leben zerstört, -statt daß sie mich leben gelehrt haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> Sie haben meinen Kopf mit -unnützen Dingen angefüllt und mir meine Kraft gestohlen, statt sie -zu mehren. Tote sind sie, die die Lebenden beherrschen. Gespenster, -die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu schrecken, statt -stillzuliegen und zu schlafen! Unheimliche Gespenster, an die wir -glauben, und die uns hinter unserm Rücken auslachen, weil wir uns haben -narren lassen von ihnen!“</p> - -<p>Der Adjunkt packte ihn erschrocken am Arm.</p> - -<p>„Du bist krank, Ernst!“ sagte er.</p> - -<p>„Krank? Ja, ich bin krank, bin nie was anderes gewesen, als krank. -Vielleicht ist’s das, was mein ganzes Unglück verschuldet hat! -Vielleicht ist’s das, was mich fortgezogen hat von der frischen Luft -und der Arbeit, die stählt, und mich eingeschlossen in dumpfe Zimmer, -meine Brust eingedrückt, meine Schultern zusammengepreßt, mein Gesicht -gebleicht hat! Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen, frage ich? -Vielleicht wär’ ich dann stark geworden! Vielleicht wär’ ich dann ein -Mann geworden!“</p> - -<p>Er entzog sich dem Griff des Vaters und lehnte sich schlaff in die -Wagenecke zurück. Beide schwiegen; der eine, weil er sich erschöpft -hatte, der andere, weil er nichts zu sagen wußte.</p> - -<p>Aber im Adjunkt erwachte die ganze Liebe einer alten Pastorenfamilie -für das Land mit seinem Behagen und seiner Arbeit. Und wie sonderbar -seltsam des Sohnes Worte ihm auch vorkamen, und wie überzeugt er auch -war, daß dies nur eine Überreiztheit war, die vorübergehen würde, so -stieg in ihm doch auch noch ein anderes Gefühl auf. Immer hatte er sich -gewünscht, ein kleines Eigentum zu besitzen, das er sein hätte nennen -können; er pflegte oft im Scherz zu sagen, sobald er nur erst seine -Schulden bezahlt habe, würde er anfangen zu sparen und ein kleines -Anwesen kaufen, auf dem er seine alten Tage verbringen könnte.</p> - -<p>Des Sohnes Worte klangen seltsam an sein Ohr. Vorwürfe<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> waren es, -daß der Vater nicht mit dem Sohn gelebt hatte, damit er dessen Leben -verstehen möchte. Sie schmerzten und quälten ihn. Sie kamen so heftig -und unüberlegt, wie von einem zornigen, erbitterten Kind. Aber der -Adjunkt wurde nicht böse. Denn in ernsten Augenblicken kann es -geschehen, daß sogar die Eigenliebe sich verkriecht. Er fühlte nur eine -große Leere zwischen sich und dem Sohn; und er klagte sich selbst an. -In ihm klangen des Sohnes Worte: Warum hat man mich nicht Bauer werden -lassen? Es war ja Unsinn, das wußte er wohl. Und dennoch! Er sah auf -des Sohnes magere Gestalt mit dem blassen Gesicht und der eingesunkenen -Brust. Und er begriff noch deutlicher, daß es Unsinn war. Aber trotzdem -quälten ihn die Worte, quälten ihn und zerrten an ihm. Ein Mitleid -packte ihn, als trüge er die Schuld an dieser Schwächlichkeit; und mit -einem Male kam ihm das Verlangen, alles wieder gutzumachen, in einem -Augenblick wieder aufzubauen, was nur in langen Jahren aufgebaut werden -kann, wenn das Gebäude sicher und fest werden soll.</p> - -<p>Er legte seine Hand auf des Sohnes Knie und fragte mit zitternder -Stimme: „Was fehlt dir? Verheimliche mir nichts!“</p> - -<p>Ernst sah auf. Sein Atem ging kurz und hastig, wie nach einer großen -Anstrengung. Und er sah so geistesabwesend aus wie gewöhnlich, als -wisse er kaum von dem heftigen Ausbruch, der Geschehenes ja doch nicht -mehr ungeschehen machen konnte.</p> - -<p>„Verheimliche mir nichts!“ wiederholte der Vater.</p> - -<p>Ernst ergriff mit bittendem Blick seine Hand.</p> - -<p>„Verzeih!“ sagte er. „Ich bin nur müde. Es war schlecht von mir, so zu -sprechen, wie ich’s getan habe.“</p> - -<p>Der Gedanke, der sich schon vorhin dem Adjunkt aufgedrängt hatte, kam -wieder. Und jetzt kam er mit solcher Gewalt, daß alle egoistischen -Bedenken wichen. Mit einer plötzlichen Anstrengung sagte er: „Ist es -dein Beruf, der dich quält?“</p> - -<p>Ernst schwieg einen Augenblick und blickte zur Seite. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> schon -bereute der Adjunkt seine Frage. Er fühlte, daß er richtig geraten -hatte, und der peinigende Gedanke an die Zukunft ergriff ihn. Er dachte -an des Sohnes Stellung, an das, was die Leute, was seine Frau sagen -würden. Und mit lähmendem Schreck fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf:</p> - -<p>„Und das Geld! Die Ausgabe! Neue Schulden! Neue Sorgen!“ Atemlos -wartete er auf die Antwort des Sohnes.</p> - -<p>Ernst saß ganz stumm. Jetzt war die Stunde da. Jetzt sollte es gesagt -werden. Jetzt würde er es sagen. Und in der Einbildung war ihm so -leicht zumut, als wäre es bereits gesagt.</p> - -<p>Dann aber kehrten seine Gedanken in ihren gewohnten Kreislauf zurück; -mit einer unerhörten Kraftanstrengung bezwang er sich, sah dem Vater in -die Augen und antwortete, ohne zu zittern: „Du irrst, Papa. Ich habe -meinen Beruf aus freiem Willen gewählt.“</p> - -<p>Der Adjunkt fühlte, daß der Sohn log. Aber er wagte nicht, die Frage zu -wiederholen, aus Angst, eine andere Antwort hervorzulocken. Er hatte -sein möglichstes getan, um sein Gewissen zu befreien, und ein Seufzer -der Erleichterung entschlüpfte ihm, während er seine Hand aus der des -Sohnes zog.</p> - -<p>„Gott sei Dank!“ sagte er leise.</p> - -<p>Der Wagen rollte weiter. Die beiden Männer saßen lange schweigend -nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ernst -führte mit einer Bewegung, die ihm eigen war, oft die Hand zum Gesicht -und zupfte an einem weichen Bart.</p> - -<p>Der Adjunkt bemerkte es; und, um durch einen Scherz das peinliche -Schweigen zu brechen, sagte er:</p> - -<p>„Bald hast du überhaupt keinen Bart mehr zum Dranziehen.“ Ernst ließ -hastig die Hand sinken und lächelte gezwungen. „Das ist wahr!“ sagte er.</p> - -<p>Und der Wagen rollte eine Anhöhe hinauf und vor ihnen lag Gammelby. -Hoch über den übrigen Gebäuden ragte der Turm der Domkirche.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">D</div> - -<p class="p0"><span class="transp">D</span>ie Ordination war nun auf Anfang Juni festgesetzt. Ernst Hallin, -Simonson und noch ein paar andere sollten zusammen in ihr Amt -eingesetzt werden, und gleich darauf sollte Ernst nach seiner neuen -Heimat, dem Pfarrhof von Sollösa, fahren.</p> - -<p>Ernst Hallin sehnte sich nur noch danach, daß alles vorüber sein -möchte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und wußte, daß nichts ihn -mehr ändern konnte. Jetzt galt es nur noch, alles Zweifeln und Zaudern -von sich fernzuhalten, damit er Ruhe hatte, bis er allein war mit -sich selbst. Die Einsamkeit, das fühlte er, würde ihn heilen, ihn -weniger empfindlich, kräftiger machen und ihn vor allem lehren, sich -in demutvollem Genügen unter das Kreuz zu beugen, das der Herr ihm -auferlegt hatte. Er fühlte mehr und mehr die Überzeugung in sich, daß -der Priesterberuf gerade das war, was der Herr von ihm forderte, damit -er auf Erden Frieden finden möchte; und ohne zu fragen, ohne am Willen -des Herrn zu deuteln, wollte er treulich den schmalen, dornenvollen -Pfad wandeln, bis er nach seiner steilen und mühevollen Wanderung vor -der engen Pforte stehen würde, die zum Leben führt.</p> - -<p>Nach dem letzten Ausbruch, als er und der Vater von dem alten Pastorat -heimgefahren waren, hatte er das Gefühl gehabt, als ob ein Teil seines -alten Menschen von ihm gewichen sei. Eine Art dumpfer Resignation -bemächtigte sich seiner, und er erkannte, daß in dieser Resignation die -Möglichkeit lag, das Leben, das ihn jetzt erwartete, zu leben. Keine -andern Hoffnungen, keine andern Gedanken und Interessen durften diese -Resignation verdrängen, die allein imstande war, ihn aufrechtzuhalten, -wie das Rettungsboot den Schiffbrüchigen über Wasser hält. Ganz und -ausschließlich mußte sie ihn beherrschen; keine unterdrückte Sehnsucht, -keine verwegene irdische<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> Hoffnung sollte mehr ihre frischen, -gefahrvollen Winde über die stille See dieser Resignation blasen.</p> - -<p>Er dachte auch selten an Eva Baumann. Sie war ihm nur noch eine -lockende Erinnerung, die keine Macht mehr über ihn hatte. Und er konnte -von ihr sprechen hören oder ihr auf der Straße begegnen, ohne daß er -errötete, ohne daß es seine Gemütsruhe störte.</p> - -<p>Dagegen hatte er sich in letzter Zeit mehr und mehr zu Simonson -hingezogen gefühlt.</p> - -<p>Simonson war so klar in allem, so klar und fertig. Er wußte Antwort -auf jede Frage, Widerlegung für jeden Zweifel. Seine Stimmung war -immer gleichmäßig, und Ernst fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm -stets ruhiger. Wenn er einen Nachmittag lang ihm gegenübersaß und das -sichere Gesicht betrachtete, das so überzeugt schien, daß alles in -der Welt war, wie es sein sollte, und der scharfen Stimme lauschte, -die alle aufrührerischen Gedanken gleichsam zerkrümelte und ihn einen -klaren Blick in das ganze geordnete Gemeinwesen tun ließ, das seit -Jahrtausenden auf dem Grund des Christentums erwachsen war, da fühlte -Ernst ganz deutlich, auf welchen gefährlichen Abwegen er gewandelt war, -und er ging nach Hause, froh und gestärkt, voller Dankbarkeit gegen -Gott, der ihn aus den Irrgängen seiner eigenen Gedanken errettet hatte. -Es lag so viel Demut in all seiner Schwachheit, daß Pastor Simonson -sich oft ganz verlegen vorkam und fast zu stottern begann, wenn er vom -christlichen Sinn sprach, der alles duldet und alles erträgt.</p> - -<p>Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute -sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen. -Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse -Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein -schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische -Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine -Entwicklung geleitet<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der -Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum -Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war -mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox -kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen -gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen -gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts -Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn -widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen -Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu -schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von -Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß -er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache -in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich -auch darüber.</p> - -<p>Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune -und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer.</p> - -<p>Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam -gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen -mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es -Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern -zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer -Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem -König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes -Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit -gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament -handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über -diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf -antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber -gehabt und eins der<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> sinnlichste und anstößigsten Gedichte geschrieben -habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing -der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben -verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor -dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern, -beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme.</p> - -<p>Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in -sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene, -nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja -nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme -Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten.</p> - -<p>Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen -entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus -verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der -Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus -noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor -einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine -derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der -jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die -andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um -so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame -Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle -fühlten sie, aber keines sagte was.</p> - -<p>Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den -Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „In einem Jahr bin ich -endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!“ sagte er.</p> - -<p>Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an.</p> - -<p>„So darfst du nicht reden“, ermahnte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p> - -<p>Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an -Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie -mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht -länger schweigen.</p> - -<p>„Laß Gustaf sagen, was er will!“ sagte sie. „Er ist kein Kind mehr. -Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber -schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?“</p> - -<p>„In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!“ -sagte der junge Pastor.</p> - -<p>Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde -war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und -schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen.</p> - -<p>„Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten, -daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je -daheim glücklich gewesen? Bist du’s jetzt? Hast du gar nicht gemerkt, -wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ‚Peer Gynt‘:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Keiner weint um des andern Weh,</div> - <div class="verse">Keiner hat Sinn für des andern Idee?</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden, -daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern -verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst -und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es -ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und -glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich -ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich’s jetzt -bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich, -er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, — ich übrigens -auch —. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte — -was glaubst du, daß die Folge<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> wäre? Das Leben hier im Haus würde nur -noch unerträglicher werden, als es schon ist.“</p> - -<p>Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und -ab.</p> - -<p>Ernst sah unsicher vom einen zum andern.</p> - -<p>„Ist das wahr?“ fragte er.</p> - -<p>Gustaf lächelte. Es lag nichts Herausforderndes in seinem Lächeln, -nichts Selbstbewußtes. Nur Verwunderung, daß der ältere Bruder etwas so -Einfaches nicht wußte.</p> - -<p>„Es kann ja doch gar nicht anders sein“, sagte er.</p> - -<p>„Aber — in deinem Alter...“</p> - -<p>Ernst brach ab.</p> - -<p>„Ich habe nichts dazu getan“, sagte Gustaf. „Es kam von selbst. Wenn -man Hunger hat, so ißt man. Und von der Speise bildet sich frisches -Blut. Es ist dasselbe...“</p> - -<p>Selma blieb vor Ernst stehen und sah ihm grad in die Augen.</p> - -<p>„Glaubst du?“ fragte sie.</p> - -<p>Ernst wollte der Frage ausweichen, aber die Schwester ließ ihn nicht -los.</p> - -<p>„Ja“, sagte er schließlich, lauter als notwendig war. „Aber du — wenn -du dich von hier wegsehnst — was bindet dich?“ Selma konnte ein Lachen -nicht zurückhalten.</p> - -<p>„Sieh mal, wie gut es ist, wenn man einmal miteinander redet“, sagte -sie. „Nicht einmal das weiß er, obschon es das große Ereignis meines -Lebens ist. Was mich bindet? Nun ja, ich ging einmal zu Papa und sagte -ihm, ich möchte eine Zeitlang fort, nach Stockholm oder irgendwohin, -um ein bißchen mehr zu sehen und zu lernen — und ein bißchen mehr zu -leben“, fügte sie bitter hinzu. „Aber er wollte es nicht. Ich weiß, daß -er und Mama die Sache miteinander berieten. Aber dann baten sie mich, -und Mama weinte, und ich gab nach und blieb.“</p> - -<p>„Aber warum wollten sie denn nicht?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p> - -<p>All das war Ernst etwas ganz Neues.</p> - -<p>„Warum?“ wiederholte Selma. „Lieber Ernst, was du blind bist! Nun, -weil die Welt schlecht ist und mir meinen Glauben nehmen würde. -Und darum schließt man einen ein, bis man so stumpf wird, daß man -überhaupt alles glaubt. Das ist ihre Taktik. Und manchmal hilft sie -ja auch. Aber manchmal kommt es auch vor, daß eins oder das andere -sich trotzdem aufrecht hält. Wie lang, das weiß freilich Gott. Das ist -die Familientyrannei unsrer Zeit, und sie ist niedriger, gemeiner und -kleinlicher, als es die alte, die auf Faustrecht gegründet war, je war.“</p> - -<p>Ihre Augen leuchteten; sie setzte sich hart in einen Stuhl.</p> - -<p>„Es tut einem ordentlich wohl, sich mal aussprechen zu können“, sagte -sie.</p> - -<p>„Ja, aber es hat so wenig Zweck“, bemerkte Gustaf.</p> - -<p>„Wir werden sehen!“ erwiderte die Schwester.</p> - -<p>Ernst erhob sich und ging hinauf in sein und des Vaters Zimmer. Auf all -das hatte er keine Antwort. Aber das fühlte er, daß zwischen ihm und -den Geschwistern etwas Gemeinschaftliches war, ein gemeinsamer Mangel, -den sie deutlicher erkannten als er, unter dem sie aber alle litten.</p> - -<p>Als er auf der Treppe war, begegnete er der Mutter, die aus des -Vaters Zimmers kam. Sie gingen schweigend aneinander vorüber. Aber -als Frau Hallin ins Wohnzimmer kam, warf sie Gustaf und Selma einen -mißtrauischen Blick zu, um zu ergründen, von was die Kinder wohl -geredet hätten.</p> - -<p>Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in -ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und -erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte.</p> - -<p>Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der -Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p>„Kommst du nicht?“ sagte sie.</p> - -<p>„Doch, doch“, erwiderte er. „Ich komme.“</p> - -<p>Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in -den Korridor.</p> - -<p>Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um.</p> - -<p>„Ist sie da drin?“ fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.</p> - -<p>„Ja“, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, -sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer.</p> - -<p>Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete -heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder -was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr -gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem -ausgewichen war, er dachte nur noch an eins — daß sie ihn nicht -vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie -brauchte.</p> - -<p>Er drückte auf die Klinke und trat ein.</p> - -<p>Eva Baumann saß auf dem Sofa, das an der Wand der Tür gegenüber stand. -Ihre Augen hatten einen Glanz, als hätten sie viel gewacht, und als sie -Ernst erblickte, errötete sie heftig.</p> - -<p>Er blieb vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht verlegen stehen; mit einmal -fiel ihm alles ein, was gewesen war, eine peinvolle Ahnung bemächtigte -sich seiner; und im selben Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß sie -sich seinetwillen preisgab.</p> - -<p>„Eva“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.</p> - -<p>Sie ergriff sie und sah ihm ins Gesicht, frei und offen. Ihr Gesicht -war noch rot, aber die Augen waren ruhig und ihre Stimme lebhaft und -klar.</p> - -<p>„Es war mir etwas Natürliches, daß ich noch einmal herkam“, sagte sie. -„Sie müssen mir darum nicht böse sein!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span></p> - -<p>„Ihnen böse sein...“</p> - -<p>Er setzte sich neben sie aufs Sofa, aber sie rückte etwas von ihm fort.</p> - -<p>„Doch“, sagte sie. „Es ist ja ein sonderbarer Einfall von mir. Aber ich -konnte es nicht lassen. Ich bin ja nur ein Mädchen und habe so wenig -gesehen von der Welt. Aber es ist etwas, was ich Sie fragen muß.“</p> - -<p>Seine Miene ward düster, als er antwortete:</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte -sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin — einer -Freundin, die Ernsts Schwester war — allein in einer kleinen -abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die -Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge -Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem -Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in -der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener -Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen -lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie -sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch -anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben, -der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und -aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben -versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen -ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären.</p> - -<p>Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung -leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu -ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war -der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie -hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p> - -<p>Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem -sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab, -fragte sie: „Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?“</p> - -<p>Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch -hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in -einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat. -Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet -hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er -wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und -klare Antwort. Ja oder nein.</p> - -<p>Er schwieg und blickte vor sich nieder.</p> - -<p>„Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?“ sagte er tonlos.</p> - -<p>Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins -Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an -sie gerichtet.</p> - -<p>„Antworten Sie mir“, sagte sie atemlos. „Antworten Sie mir!“ Sie -hatte die Hände gefaltet; ihre schlanke Gestalt zitterte wie in einem -Schüttelfrost.</p> - -<p>Aber er hatte nichts zu antworten. Voll Verzweiflung blickte er -auf ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen und den fest -zusammengepreßten Lippen.</p> - -<p>„Sehen Sie mich nicht so an!“ sagte er. „Wenn Sie wüßten, wie Sie mich -quälen!“</p> - -<p>Da begriff sie, daß es wahr, daß nichts mehr zu retten war. Sie hatte -ein Gefühl, als habe er sie betrogen, betrogen um alles Glück und allen -Frieden im Leben. Sie wandte sich von ihm ab und brach in heftiges -Weinen aus. Und sie weinte lange.</p> - -<p>Ernst wußte nicht, was er tun sollte. Er wagte nicht, sich ihr zu -nähern, und schämte sich, zu gehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p> - -<p>Mit einmal wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht wieder zu und -strich sich das Haar aus der Stirn mit einer Bewegung, die Ernst fast -Furcht einflößte.</p> - -<p>„Sie haben mich betrogen“, sagte sie. „Wenn Sie so erbärmlich sind, -wie Sie sind, so hätten Sie mich in Frieden lassen müssen! Alles hab’ -ich von Ihnen geglaubt, was edel ist und gut! Keine gute, schöne -Eigenschaft gibt es, die ich nicht Ihnen beigelegt, keine männliche -Tat, die ich nicht Ihnen zugetraut hätte. Hätten Sie mich in den Staub -getreten, mich unglücklich gemacht, mich beschimpft, geschlagen — ich -hätte es Ihnen verziehen. Aber daß Sie mich genarrt haben, mir meinen -Glauben an Sie gestohlen, das verzeihe ich Ihnen nie!“</p> - -<p>Wie unter einem Schlag beugte Ernst sich vor jedem ihrer Worte. Als sie -fertig war, sagte er: „Ich habe nichts dazu getan, daß Sie mich für -besser halten sollten, als ich bin.“</p> - -<p>Sie trocknete sich die Tränen ab und blickte eine Weile vor sich hin.</p> - -<p>„Nein“, sagte sie. „Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war’s — -ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh...“</p> - -<p>Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer -Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber -sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr -frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie -allein.</p> - -<p>Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte -über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht, -daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie -eine Heldentat vollbracht.</p> - -<p>Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam, -fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen -treten; und dann — ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p> - -<p>Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt, -entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre -Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein -bißchen besser zu sehen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">A</div> - -<p class="p0"><span class="transp">A</span>ls Ernst Hallin am Morgen des Sonntags, an dem die Ordination -stattfand, ins Frühstückszimmer trat, war er glatt rasiert und trug zum -erstenmal den bis unters Kinn zugeknöpften Pastorenrock. Er fühlte sich -verlegen über dies neue Aussehen; und keins von der Familie vermochte -ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihn begrüßten.</p> - -<p>Er hatte sich bisher noch nie rasiert; und seine Haut unter dem Bart -hatte eine feine Blässe, die seinem Gesicht etwas Mädchenhaftes gegeben -hätte, wenn nicht die Brille gewesen wäre. Das Gesicht war durch das -Fehlen des Bartes kürzer geworden und wäre in der Form rund gewesen, -wenn nicht die Hagerkeit es doch hätte länglich erscheinen lassen. -Die nervösen Linien um den Mund, die der Bart früher verborgen hatte, -traten jetzt deutlich hervor. Der ganze Ausdruck des Gesichts war ein -anderer. Wer ihn nicht oft gesehen hatte, hätte ihn kaum wiedererkannt.</p> - -<p>Ernst selbst war während des ganzen Frühstücks mit seinem veränderten -Aussehen beschäftigt und schämte sich darüber. Der Adjunkt ulkte ihn -ab und zu ein bißchen an; und Gustaf lachte über die Späße des Vaters. -Aber es lag keine Fröhlichkeit in dem Lachen, eher eine Ironie, die -einen starken Anstrich von Ernst zeigte. Selma wurde rot, als er -ins Zimmer trat, saß aber nachher stillschweigend da, unberührt von -Scherzen und Anspielungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span></p> - -<p>Frau Hallin lachte anfänglich mit den andern; später versuchte sie, -die Heiterkeit etwas zu dämpfen. Wie sie sich den Sohn so betrachtete, -sah sie in ihm nicht nur das Kind, auf das sie stolz war, um das sie -gebangt, für das sie gebetet und gelebt hatte, sondern sie sah in ihm -den Priester, den Verkünder des Gotteswortes, den Mann, zu dem sie -aufsehen konnte, wie sie instinktiv zu allen aufsah, die das heilige -schwarze Ornat trugen; das Fremdartige seines Aussehens trug nur dazu -bei, in ihr das Gefühl der Ehrfurcht zu verstärken, das sich in ihre -Freude, daß der so lang ersehnte Tag nun endlich gekommen war, mischte.</p> - -<p>In der Domkirche drängten sich andächtige oder neugierige Scharen -um die Plätze heute; man wollte doch den feierlichen Akt sehen, der -den heutigen Gottesdienst beschließen sollte. Draußen vor der Kirche -strahlte die warme Junisonne; durch die Äste der Ulmen mit ihren -kleinen lichten Blättern leuchteten ihre Strahlen heiter auf die -Menschenströme herab, die aus allen Teilen der Stadt auf die Kirche -zufluteten.</p> - -<p>Vornehme Leute kamen, aus dem schönen Villenviertel, wo die Birken -in frischem Grün prunkten, aus den stolzen Häusern in der Langen -Straße und am Markt, der heute reingefegt und leer sein Pflaster der -Sonnenhitze darbot. Neue Frühlingstoiletten, große helle Feder- und -Blumenhüte, wie sie die letzte Stockholmer Mode vorschrieb, elegante -Mäntel, purpurrote Sonnenschirme, die unter dem lichtgrünen Laub in -der Sonne erstrahlten. Aber heute war ein Tag, an dem sogar die Herren -zur Kirche gingen. Hellgraue oder braune Hüte, hohe schwarze oder -niedere graue Zylinder, gelbe Stöcke mit weißen Elfenbeinkrücken neben -einfacheren aus Eiche und Weichselholz — alles sah so neu aus, voll -Frühlingsfrische und Sommerahnung. Die Herren selbst, junge und alte, -kamen so elastisch daher, wie verjüngt vom Sommer, der seine Wärme über -das alte Schweden und Gammelby ergossen hatte. Aber sie unter<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>hielten -sich bloß flüsternd, und kein Lachen ward hörbar auf dem Weg zur Kirche.</p> - -<p>Die alten Domglocken läuteten mit feierlichem Klang über den Köpfen -der Menge den Gottesdienst ein. Sie läuteten alle weltlichen -Gedanken hinweg und mahnten mit ihrem Klang all die Menschen mit -ihren verschiedenen Trieben und wechselnden Gedanken, sich in Gottes -Heiligtum zu versammeln, abzulegen alle eiteln Gedanken an die Welt und -was von der Welt ist, zu vergessen den Unterschied zwischen arm und -reich, hoch und niedrig, Gerechtem und Ungerechtem, und einzutreten in -das kühle, himmelanstrebende Gewölbe, wo die Sonne in langen bunten -Streifen ein phantastisches Licht über die hohen Säulenreihen und -die Menschen warf, einzutreten als eine einzige große Familie von -Brüdern und Schwestern, die für ein paar kurze Stunden in der Woche -gemeinschaftlich die Knie beugen und sich gleich fühlen vor Gott, der -unser aller Vater ist.</p> - -<p>Aber zwischen den feinen Kleidern sah man auch die schwarzen Kopftücher -und altmodischen Hüte des Armenviertels. Sachte gingen die Leute ihres -Wegs, grüßten demütig ihre „besseren“ Brüder im Herrn und nahmen in den -hintersten Kirchenstühlen oder im Seitenschiff Platz, in den Stühlen, -die den Armen offen standen, wo niemand sich einen Platz oder einen -Schlüssel kaufte, um nicht mit groben Kleidern und derbem Geruch in -Berührung zu kommen.</p> - -<p>Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen, -und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft.</p> - -<p>Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in -Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe -ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die -alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch -die hohe Wölbung<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten -Ecke des großen Domes zu verstehen.</p> - -<p>Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht -beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und -die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich -gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche -gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der -Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise -recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und -dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in -den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die -feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral -begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor, -wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die -nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später, -in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu -stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor -vorging.</p> - -<p>Vorn gingen die Meßner eifrig und geschäftig umher, trieben die -drängenden Volksmassen zurück und stellten sie in geordneten Reihen auf.</p> - -<p>„Nicht so nah zum Altar. Platz für die Prozession und den Bischof!“</p> - -<p>Dann hängten sie die vier Meßgewänder in geziemenden Zwischenräumen an -den Altarschranken auf.</p> - -<p>Plötzlich ward es ganz still in der Menge; der Weg zum Altar -verbreiterte sich, die Hintenstehenden stellten sich auf die Zehen, um -besser zu sehen, und durch die niedere Sakristeitür betrat die kleine -Prozession die Kirche.</p> - -<p>Zuerst kam der Bischof, hoch und gebieterisch, die goldene dreieckige -Mitra auf dem Kopf, den goldenen Stab in der Hand. Um seine mächtige -Gestalt hing das weite, in Seide und Gold<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> gestickte und in allen -Regenbogenfarben schimmernde Bischofsornat. Am Hals sah das faltige -weiße Meßhemd hervor.</p> - -<p>Hinter ihm kamen die Hilfsgeistlichen, je zwei und zwei. Vorn der -Professor der Theologie Kumlander, neben ihm der Konsistorialnotar. -Die Geistlichen im Ornat, der Konsistorialnotar in Frack und weißer -Halsbinde. Nach ihnen kamen die vier, die ordiniert werden sollten, -voraus Simonson und Ernst Hallin, alle in weißen Meßgewändern, die um -die Mitte anschlossen und bis auf die Füße herunterreichten.</p> - -<p>Unter den Klängen der Orgel schritten sie leise durch die Volksmenge -und stellten sich um den Altar auf. Die vier Kandidaten in ihren weißen -Gewändern beugten das Knie.</p> - -<p>Als der letzte Akkord des Chorals verklang, wandte sich der Bischof der -versammelten Menge zu. In der einen Hand hielt er das Meßbuch, in der -andern ein langes feines Battisttaschentuch.</p> - -<p>„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ -begann er.</p> - -<p>Über der großen Menschenmenge lag vollkommenes Schweigen. Nicht ein -Flüstern war hörbar, nicht ein Laut. Die jungen Kandidaten hatten sich -erhoben und standen aufrecht in einem Halbkreis um den Altar.</p> - -<p>Der Bischof begann mit seiner Rede, die er von einem Papier ablas, das -er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die -einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon -Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete: -Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide -meine Lämmer!“</p> - -<p>Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte, -über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten -hatte. Im Gegenteil — schon damals war dem Bischof der Gedanke -gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die -jungen Leute, die das<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten. -Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der -Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem -Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte. -Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern. -Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er -dereinst von Petrus forderte.</p> - -<p>Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die -ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als -Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den -er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der -Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit -alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich -in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen -sollte.</p> - -<p>Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten -Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann -gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder -hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“ -Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand -wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen, -durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte. -Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer -Halluzination — sein ganzer Körper glühte im Fieber.</p> - -<p>Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die -gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt -des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis -hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien -am Ornat des<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und -blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts.</p> - -<p>Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der -Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die -Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete.</p> - -<p>Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten, -warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis -vor dem Altar standen.</p> - -<p>Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder -als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore -gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das -Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem -lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche -war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die -Fenster.</p> - -<p>Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und -bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den -verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel, -als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr -strahlender Weg sich Bahn brach.</p> - -<p>Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als -wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören.</p> - -<p>Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte -nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn -wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden -Sonnenstrahlen.</p> - -<p>Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich -einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine -Phantasie war. Aber die Phantasie<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> war so mächtig in ihm, daß er es sah -wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige -Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit -tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche. -Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht -in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben -geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der -Domkirche hereinleuchtete.</p> - -<p>Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er, -wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und -doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende -Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie -schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden -Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er -bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen!</p> - -<p>Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der -Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn -niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen -jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte.</p> - -<p>Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde.</p> - -<p>Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich -umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und -dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen -und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht -spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden -Sonnenstrahlen:</p> - -<p>„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das -Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span></p> - -<p>Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen -Puff in die Seite aufgerüttelt.</p> - -<p>Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf -aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel -vorzusprechen.</p> - -<p>Ernst Hallin wiederholte die Worte, wie sie ihm in den Mund gelegt -wurden.</p> - -<p>„Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen...“</p> - -<p>„Ich glaube an Jesum Christum...“</p> - -<p>„Ich glaube an den Heiligen Geist...“</p> - -<p>Er war blaß vor Gemütsbewegung; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. -„Die Sonne hat gesiegt!“ klang es in ihm. Was waren das für sonderbare -Gedanken, die manchmal in ihm erwachten und ihn nicht einmal jetzt in -Ruhe ließen! Was waren das für Gedanken?</p> - -<p>Mit schwacher Stimme und niedergeschlagenen Augen beantwortete er -des Bischofs Fragen; und als das Gelübde abgelegt werden mußte, das -entsetzliche Gelübde, vor dem er sich so lang gefürchtet hatte, sprach -er es ganz gedankenlos, ohne daß die Worte ihm einen tieferen Eindruck -machten als jede beliebigen andern Worte:</p> - -<p>„Ich, Ernst Hallin schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium, zu -dessen Verkündigung ich hiermit berufen und ausersehen werde, daß ich -stets bei der reinen evangelischen Lehre verbleiben will, so wie sie -im Worte Gottes, den heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments -offenbart und durch das Augsburgische Glaubensbekenntnis und den -Beschluß des Konzils zu Upsala im Jahre 1593 angenommen und verkündigt -worden ist, also daß ich dawiderstreitende Lehren weder offenbarlich -verkünden noch heimlich fördern will.“</p> - -<p>Klar bewußt, was eigentlich vor sich ging, ward er sich erst, als der -Bischof nach Ablegung des Gelübdes mit starker und gebieterischer -Stimme die Worte sprach:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p> - -<p>„Kraft der Vollmacht, die mir aus Gottes Gnaden von seiner Gemeinde -anvertraut ist, erteile ich euch hiermit das Predigeramt, im Namen -Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“</p> - -<p>Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig -um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis, -hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da -oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß -alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte -er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte.</p> - -<p>Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein -Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm -über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er -vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach.</p> - -<p>Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in -die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren -Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen.</p> - -<p>Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter -Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen -fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er -des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße -Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken, -die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke -hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit -seinen Amtsbrüdern wieder hinausging.</p> - -<p>Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den -Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der -ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> für Schritt mit ihm -gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und -ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt.</p> - -<p>Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen -Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die -Tränen zurückzuhalten.</p> - -<p>Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge -und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen -Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah.</p> - -<p>Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum -Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten -auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander; -alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2 -Uhr wartete daheim das Mittagessen.</p> - -<p>Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und -hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als -ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen -Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf -einem Stuhl hinter der Tür.</p> - -<p>Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war <em class="gesperrt">ein</em> Zimmer, und er -wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster -und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster -lag.</p> - -<p>Es war ihm so seltsam zumut — so einsam. Es war das erste Mal, daß -er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung -begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen -Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es -von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in -die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> sein -eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von -dem er nicht mehr zurück konnte.</p> - -<p>So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde.</p> - -<p>Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß -Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der -Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen -Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf -andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen -bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen -paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht -hervorzurufen.</p> - -<p>Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom -Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte.</p> - -<p>Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah, -wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die -Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte. -Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine -Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er -überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser -Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang -er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu -ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.</p> - -<p>Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich -über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie -fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt -hatte, so alltäglich, so trocken.</p> - -<p>Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem -Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden -Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte -sich, es wäre alles so, wie es sein<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> sollte. Sie wußte ja, hätte der -Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht -getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im -Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind -behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später -am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen -Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ -ihn ohne eine Frage gehen.</p> - -<p>Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche -machen.</p> - -<p>Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa -anzutreten.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel</h2> - -</div> - -<div class="fleft">E</div> - -<p class="p0"><span class="transp">E</span>in Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten -und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen -ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre -veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der -steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh -der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten, -Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir -Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.</p> - -<p>Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung -durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung -gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor -sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem -ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.</p> - -<p>Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.</p> - -<p>Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Karriere -in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache -Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in -der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war -zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter -aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des -Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale -legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen -verknüpften.</p> - -<p>Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des -häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte. -Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau -stellte, entsprach, und da sie vor allem — dank der zurückgegangenen -Verlobung — aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er -um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort -erhielt.</p> - -<p>Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam -mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen. -Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und -ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt -es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß, -daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas -geführt hat?</p> - -<p>Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor -Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert, -sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche -Persönlichkeit begünstige.</p> - -<p>Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.</p> - -<p>Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen, -arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld, -das nie reichen wollte, und hatte seine An<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>fälle von schlechter Laune, -die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.</p> - -<p>Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr -Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen -Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer -mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des -Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht.</p> - -<p>Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil -sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten.</p> - -<p>Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt.</p> - -<p>Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige -Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen -den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen.</p> - -<p>„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“, -sagte sie.</p> - -<p>Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar -nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich -zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge -sie ihren Rücken unter einem Schlag.</p> - -<p>„So“, sagte sie einsilbig.</p> - -<p>„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter.</p> - -<p>„Du konntest nicht anders?“</p> - -<p>Frau Hallin sah wieder auf.</p> - -<p>„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können, -daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“</p> - -<p>„Ihr hättet es nicht zugelassen.“</p> - -<p>Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eine<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Weile. Die Mutter -konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber -der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein, -besiegt zu sein.</p> - -<p>„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma.</p> - -<p>Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr -Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte.</p> - -<p>„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern -in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je -geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das -ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens -arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so -tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so. -Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“</p> - -<p>Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre -Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das -Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können.</p> - -<p>Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das -bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können.</p> - -<p>Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein -Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit -der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und -mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer -Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der -Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur -ein einfacher Landwirt werden sollte.</p> - -<p>„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja -gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war.</p> - -<p>Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn ver<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span>loren hatte, wie -die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten, -die Jahre und die Einsamkeit.</p> - -<p>Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke -an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn -sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit -und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte -einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm -allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.</p> - -<p>Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als -früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war, -hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“ -ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm -geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch -und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein -Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit -an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine -ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner -selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets -mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur -Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war, -schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein -bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm -vorgegangen war.</p> - -<p>Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte. -Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa -hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren, -gaben sie eine kleine Gesellschaft — lauter junges Volk. Frau Hallin -hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt.</p> - -<p>Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden -und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da — auf Selmas ganz -besonderen Wunsch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span></p> - -<p>Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden -Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für -einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden, -ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug -zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die -anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze -Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte.</p> - -<p>Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn -nicht interessiert.</p> - -<p>Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an, -daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht -länger schweigen durfte.</p> - -<p>„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg, -der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des -Herrn weiht.“</p> - -<p>Seine Stimme war klar und beherrscht, und er blickte dem Bruder ruhig -ins Gesicht. Man sah es ihm an, daß ihm das Landleben gut getan -hatte. Er war dicker geworden, das Gesicht hatte Farbe und ein leiser -Bartansatz zeichnete sich von den Wangen ab.</p> - -<p>„Aber,“ fuhr er fort, „die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich; -und wer mit reinem Willen in den priesterlichen Stand tritt, dem -wird der Herr auch zu einem rechten Glauben verhelfen, mag er auch -anfänglich schwach und schwankend sein. Ist die Zeit so böse, ist der -Unglaube so stark, daß sie, wenn möglich, sogar die Auserwählten zu -verführen drohen, so steht um so fester die Verheißung unseres Herrn, -daß dem, der am eifrigsten in seinem Dienst gearbeitet hat, im Himmel -seine Stätte bereitet ist, die ihn für seine Arbeit auf Erden belohnen -wird.“</p> - -<p>Frau Hallin nickte dem Sohn zu. Wieder einmal freute sie sich, daß der -Herr doch eins ihrer Kinder bewahrt hatte...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p> - -<p>Im selben Augenblick aber begegnet Ernst Hallins Auge einem Blick, der -einen ganz anderen Ausdruck hatte. Eva Baumann war es, die ihn ansah. -Ihr Blick war kalt, fragend, neugierig. Sie hatte ihn im letzten Jahre -da und dort getroffen und sich selber immer wieder gefragt, wie es -möglich sei, daß sie so gleichgültig sein konnte. So ganz, als wäre -zwischen ihnen gar nichts vorgefallen.</p> - -<p>Und jetzt fühlte Ernst diesen forschenden Blick auf sich ruhen. -Er drückte keinerlei Interesse für seine Person aus, nichts als -unbezwingliche Wißbegierde. Es sah aus, als möchte sie bloß um jeden -Preis ergründen, wie er eigentlich innerlich zusammengesetzt war. Und -zugleich bemerkte er ein fast unsichtbares ironisches Lächeln auf ihren -Lippen.</p> - -<p>Pastor Hallin war sehr unbehaglich zumut. Er sagte sich selber, er -habe ja doch nicht gelogen. Es war wirklich seine Überzeugung, die -er da ausgesprochen hatte; und er freute sich darüber, daß er sie -ausgesprochen hatte.</p> - -<p>Dennoch stand er auf und wechselte den Platz; und dabei konnte er es -nicht hindern, daß er tief errötete.</p> - -<p class="center mtop2 mbot3"><em class="gesperrt">Ende</em></p> - -<hr class="full" /> - -<div class="ads" id="anzeigen"> - -<p class="s1 center padtop1">Fischers Bibliothek<br /> -<span class="s5">zeitgenössischer Romane</span></p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="s3 center">Dritter Jahrgang</p> - -<p class="center">(Oktober 1910-September 1911)</p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centred"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">1. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Th. Fontane, Irrungen Wirrungen - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">2. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Björnstjerne Björnson, Mary - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">3. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Gabriele Reuter, Frauenseelen - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">4. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - <div class="right">Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung</div> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">5. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Sophie Hoechstetter, Passion - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">6. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Knut Hamsun, Redakteur Lynge - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">7. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Hermann Bahr, Theater - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">8. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">9. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Bernhard Kellermann, Yester und Li - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">10. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Felix Hollaender, Das letzte Glück - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">11. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - Jonas Lie, Auf Irrwegen - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">12. Bd. </div> - </div> - <div class="csscell vatt s3"> - J. Wassermann, Der niegeküßte Mund - </div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<p class="s3 center mtop2 mbot3">Jeden Monat erscheint ein Band</p> - -<hr class="full" /> - -<p class="s1 center mtop2">Gustaf af Geijerstam</p> - -<p class="center s2">Gesammelte Romane in fünf Bänden</p> - -<p class="center">Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des -Dichters. Entwurf des Einbandes von E. R. Weiß.<br /> -Geheftet 12 M, in Leinen gebunden 15 M.</p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centred"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">1. Bd.: </div> - </div> - <div class="csscell vatt"> - Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / - Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis. - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">2. Bd.: </div> - </div> - <div class="csscell vatt"> - Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe. - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">3. Bd.: </div> - </div> - <div class="csscell vatt"> - Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht. - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">4. Bd.: </div> - </div> - <div class="csscell vatt"> - Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte. - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell vatt"> - <div class="right">5. Bd.: </div> - </div> - <div class="csscell vatt"> - Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee. - </div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter -uns. Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke -— rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise, -die denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe — -ist Beweis dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser -Auswahl ganz. Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in -einer Einleitung von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine -seelisch eindringliche, man könnte beinahe sagen, erschöpfende Analyse -von Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt -sich eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den -Rahmen von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich -die Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die -Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. — Eine neue Frucht der -Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen! -Aus dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit -verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden — wie -das immer war — beides daraus schmecken: Tod und Leben.</p> - -<p class="right mright1">(Frankfurter Zeitung)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2 break-before"><span class="bb">Das Buch vom Brüderchen</span></p> - -<p>Wir haben es hier mit einem wundervollen, tief melancholischen Buch -der Liebe und Ehe zu tun, das ein bedeutender Dichter geschrieben hat. -Das Buch ist reich an lyrischen Stimmungen, ja es ist eigentlich nur -eine Kette von solchen, und durchpulst von dem echtesten Empfinden. Es -sind die Aufzeichnungen eines glücklich-unglücklichen Mannes, der ein -schönes, kluges und geliebtes Weib besitzt und drei Kinder, nach deren -jüngstem dieses Buch benannt worden ist.</p> - -<p>Dieses keusche, zarte, liebenswerte Buch sollten alle lesen: die Alten -und die Jungen. Besonders die jungen Mädchen sollten es lesen, anstatt -der verlogenen Liebesgeschichten, die zumeist ihre Lektüre bilden. Und -dann die Mütter. Dieses Buch ist wie eine kleine Bibel. Es ist reich an -allem Guten und Heiligen. Es ist reich an tiefen mystischen Beziehungen -zwischen Mensch und Mensch, und die Natur — Schweden und seine Schären -und das Meer — steht leuchtend und groß darin auf. Das Buch ist ein -Kunstwerk und ein Werk des Lebens zugleich. So sollen gute Bücher sein.</p> - -<p class="right mright1">(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Nils Tufvesson und seine Mutter</span></p> - -<p>Der dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer -Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend -wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt -man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen -Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche -Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein -herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist -auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen -immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist -Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte -zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord, -noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend -dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen -Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden. -Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat -ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor, -in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und -doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas -Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem -Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt -und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam -mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe -seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel -Tausende von neuen Lesern gewinnen.</p> - -<p class="right mright1">(Neue Zürcher Zeitung)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Frauenmacht</span></p> - -<p>Nachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson -grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und -entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten -Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der -Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben -läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die -Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein -Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt.</p> - -<p>Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von -einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches -vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und -Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch -und Mensch, und die Natur — Schweden mit seinen Schären und das Meer -— steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk, -durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu -werden.</p> - -<p class="right mright1">(Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Wald und See</span></p> - -<p>Geijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger -Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen -kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen, -tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern -wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können -sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie -die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie -beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen, -was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu -können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur. -Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt -ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend -still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam, -dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während -unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was -sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder.</p> - -<p class="right mright1">(Die Zeit, Wien)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Karin Brandts Traum</span></p> - -<p>Ein Lebenssiegerbuch, wie selten in unserer Literatur der Ohnmacht -und Schwäche! Es ist, als ob von Geijerstam immer mehr und mehr alles -Überflüssige abfiele, alles, was dekorativ ist und Füllwerk. Er wird -einfacher mit jedem Buch. Klar und rein hebt sich der Kern heraus. -Dieser neue Roman sieht sich zuerst beinahe ärmlich an. Ein schlichtes -Menschenschicksal, das nicht über die Alltäglichkeit hinausging, wird -erzählt. Aber dann quillt aus der Schlichtheit ein Reichtum auf. Man -fühlt deutlicher und eindringlicher der Schlichtheit zweites Gesicht: -die Echtheit. Da ist keine Mache mehr, kein Aufputz, kein Künsteln -mit den narkotischen Mitteln der Unehrlichen im Romangewerbe. In -Geijerstams Romankunst ist Ehrlichkeit, Leben, Wahrheit. Erst wenn man -sich so aller blendenden Äußerlichkeiten begibt, kann man so innerlich -werden wie der Autor von Karins Traum.</p> - -<p class="right mright1">(Münchener Post)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Gefährliche Mächte</span></p> - -<p>Der Roman „Gefährliche Mächte“ bietet uns Geijerstams tiefste, -gedankenreichste Schöpfung. Wieder beschäftigt sich der Eheprediger mit -dem Problem der Ehe. Wieder behandelt er die Hauptlehre seines Lebens, -daß wir uns selber nicht, geschweige denn einen anderen erkennen, -daß wir alle im Dunkeln herumirren. Heller und lauter, ernster und -nachdrücklicher aber erhebt Geijerstam diesmal seine Stimme. Die -beiden großen alltäglichen Tragödien des menschlichen Lebens, den -Zusammensturz ehelichen Glückes und die Tragödie des Verkanntseins, -der Vereinsamung verschmilzt er zu einer ergreifenden Einheit. Klänge -nicht überall seine alles begreifende, alles verzeihende Menschenliebe -hindurch, so könnte das Buch als eine niederschmetternde Anklage die -Freude am Leben aus unserem Herzen verjagen.</p> - -<p class="right mright1">(Allgemeine Zeitung, München)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Das ewige Rätsel</span></p> - -<p>Das Problem der Ehe, das Problem der Geschlechter — das „ewige -Rätsel“ — wird hier von einer ganz neuen Seite und mit neuen Mitteln -behandelt. Dieser Roman enthält, abgesehen von einer sehr spannenden, -aber kurzen Episode, fast gar kein Geschehen im Sinne der epischen -Kunst. Es ist alles Psychologie, spinnwebdünnes seelisches Ereignis... -Mit unendlich feiner, subtiler Kunst hat Geijerstam das innerste -Verhältnis zwischen Mann und Weib geschildert. Er hat aus dem Problem -der Ehe das weitere, größere Problem herausgelöst, das Problem der -Fremdheit der Menschen zueinander.</p> - -<p class="right mright1">(Pester Lloyd)</p> - -<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Die alte Herrenhofallee</span></p> - -<p>In diesem letzten Roman, den uns der schwedische Dichter hinterlassen -hat, behandelt er noch einmal das Problem der Ehe, dem er in der -„Komödie der Ehe“ mit feinem psychologischen Tasten nachgegangen war. -Die Umwelt verlegt Geijerstam in eine längst vergangene Zeit, „noch -ehe der Ton der Dampfpfeife das Rauschen der schwedischen Wälder -durchschnitt“. Durch die alte Herrenhofallee ist einst eine Vorfahrin -der Heldin seiner Erzählung ihrem Gatten davongefahren, und dieser -hat alsbald, um jede äußere Spur, die ihn an seinen Unglückstag -erinnert, zu vertilgen, die alte Allee umhauen lassen — ein Symbol, -das gleichsam mit vererbender Schicksalskraft im Leben der Heldin -wiederkehrt. Es ist ein abgeklärtes Können, eine von einer ausgeprägten -dichterischen Persönlichkeit geführte Objektivität, die in allem -Geschehenen die seelischen Fäden erkennt und auflegt.</p> - -<p class="right mright1">(Breslauer Morgenzeitung)</p> - -<p class="s1 center mtop3 break-before"><span class="bbd">Werke von Gustaf af Geijerstam</span></p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Das Haupt der Medusa.</span> Roman. 6. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Das Buch vom Brüderchen.</span> Roman -einer Ehe. 18. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Die Komödie der Ehe.</span> Roman. 8. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Nils Tufvesson und seine Mutter.</span> -Bauernroman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Frauenmacht.</span> Roman. 8. Tausend. -Geh. M 3.—, geb. M 4.—</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Wald und See.</span> Novellen. 4. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Kampf der Seelen.</span> Roman. 4. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Alte Briefe.</span> Novellen. 4. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Karin Brandts Traum.</span> Roman. 8. -Tausend. Geh. M 3.— geb. M 4.—</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Gefährliche Mächte.</span> Roman. 6. -Tausend. Geh. M 4.—, geb. M 5.—</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Die Brüder Mörk.</span> Roman. 4. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Das ewige Rätsel.</span> Roman. 6. -Tausend. Geh. M 3.—, geb. M 4.—</p> - -<p class="hang2"><span class="s4">Die alte Herrenhofallee.</span> Roman. 6. -Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p> - -</div> - -<p class="s5 center mtop3"><span class="bt"> Druck der Spamerschen -Buchdruckerei in Leipzig </span></p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN *** - -***** This file should be named 61480-h.htm or 61480-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/4/8/61480/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/61480-h/images/cover.jpg b/old/61480-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index afa499d..0000000 --- a/old/61480-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/61480-h/images/illu_001.jpg b/old/61480-h/images/illu_001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a7b281a..0000000 --- a/old/61480-h/images/illu_001.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/61480-h/images/illu_003.jpg b/old/61480-h/images/illu_003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a0fddf3..0000000 --- a/old/61480-h/images/illu_003.jpg +++ /dev/null |
