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-The Project Gutenberg EBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Pastor Hallin
-
-Author: Gustaf af Geijerstam
-
-Translator: Ingeborg Klett
-
-Release Date: February 22, 2020 [EBook #61480]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt. Alle
- Buchanzeigen wurden zusammengefasst am Ende des Texts wiedergegeben.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
- unterstrichen: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Pastor Hallin
-
- Roman von
-
- Gustaf af Geijerstam
-
- [Illustration]
-
- S. Fischer, Verlag, Berlin
-
-
-
-
- Autorisierte Übertragung
- aus dem Schwedischen von Gertrud Ingeborg Klett.
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Erstes Kapitel 5
- Zweites Kapitel 18
- Drittes Kapitel 24
- Viertes Kapitel 34
- Fünftes Kapitel 46
- Sechstes Kapitel 54
- Siebentes Kapitel 66
- Achtes Kapitel 79
- Neuntes Kapitel 92
- Zehntes Kapitel 97
- Elftes Kapitel 115
- Zwölftes Kapitel 125
- Dreizehntes Kapitel 151
- Vierzehntes Kapitel 164
- Fünfzehntes Kapitel 173
- Sechzehntes Kapitel 180
- Siebzehntes Kapitel 192
- Achtzehntes Kapitel 204
- Neunzehntes Kapitel 215
- Zwanzigstes Kapitel 227
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-
-Eine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch
-das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und
-einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch.
-Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden
-Tageshelle.
-
-Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem
-Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen
-weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart
-bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er
-liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht,
-daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die
-Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der
-Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es
-nicht.
-
-Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar
-Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge
-und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn
-bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt
-sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der
-Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht.
-
-Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem
-Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem
-überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er
-legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt
-hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen,
-während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt
-dazu schlug.
-
-Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben
-ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute
-zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er
-plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht
-gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und
-begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen.
-Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief:
-
-„Bist du fertig?“
-
-Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und
-begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing,
-seine Toilette in Ordnung zu bringen.
-
-„Guten Morgen, Tante... Gleich!“
-
-Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch
-und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag.
-
-Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf
-dem die Teemaschine dampfte und pustete.
-
-„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie.
-
-Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie
-müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“
-
-Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch.
-
-„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte
-er.
-
-„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du
-reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine
-Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“
-
-Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend seinen Tee.
-Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute,
-Tante?“
-
-Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus.
-
-„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht.
-Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“
-
-Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um
-nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte.
-
-Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach
-der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in
-all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach
-dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und
-angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung
-abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes
-Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht
-zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags
-studieren wollte.
-
-Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er
-auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.
-
-Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war
-überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil
-sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter
-den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum
-erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.
-
-Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär
--- eben Ernst Hallin -- und im übrigen einen Kosttisch für Studenten
-hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in
-Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren
-Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die
-populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren
-ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie
-immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das
-alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen
-fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte,
-für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.
-
-Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen
-gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh
-außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken
-ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief
-zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch
-gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des
-Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.
-
-Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die
-„akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und
-wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab
-zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam
-er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich
-bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.
-
-Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala
-blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt
-hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte
-er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte
-er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht
-wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von
-der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig,
-friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des
-Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden
-und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.
-
-Und er +hatte+ studiert. Wie friedlich und wohltuend waren
-nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum
-durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben,
-Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und
-seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen
-können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder
-unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige
-Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder
-über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und
-Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte
-er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren,
-der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand,
-gelesen.
-
-Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke
-und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen,
-desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er
-zurecht mit seinen Zweifeln.
-
-Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran,
-daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere
-heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen
-herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich
-barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können,
-wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine
-derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.
-
-Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war
-diese Zeit gleichsam vergessen -- verschwunden. Jetzt ward er von
-unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht
-quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so
-ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner
-Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte, sie täglich
-und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten
-Erscheinungen und beunruhigten ihn.
-
-Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit
-sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als
-fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.
-
-Fertig!
-
-Ja, er wußte ja, daß er fertig werden +mußte+. Der Vater hatte es
-ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und
-der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu
-unterhalten.
-
-Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die
-Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde
-Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten
-weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.
-
-Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art
-seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar
-nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch
-nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die
-Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der
-seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in
-ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.
-
-Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor
-sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte
-um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts.
-Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht
-wie er hier herumlief -- um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor
-dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an
-ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß
-noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder in seinen
-Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu
-setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.
-
-So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war
-fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte
-solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte
-Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das
-vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich
-nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er
-+könne+ gar nicht durchfallen.
-
-Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer
-in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar
-Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den
-Schaukelstuhl.
-
-Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer
-Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie
-an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.
-
-Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen
-auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört
-hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die
-Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das
-Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.
-
-Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag
-auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er
-sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer
-auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte
-sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter
-Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit
-des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach
-dem Abiturientenexamen war er so kränklich gewesen, daß er nicht
-einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens
-zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß
-bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und
-in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn
-beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er
-haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige
-Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige
-Fähigkeit -- das Gedächtnis -- bis aufs äußerste anstrengen, während
-die andern alle ruhten -- das wars, was ihm einen Knacks gegeben
-hatte! Aber er wußte -- er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit
-wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken
-besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch
-oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft,
-stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine
-schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug
-er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit
-dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken
-haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut
-die Worte des Kollegs dazu murmelte.
-
-Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten.
-Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich
-ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit
-Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder
-Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans
-Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte,
-bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein
-paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter
-daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den
-Seinen sein würde.
-
-Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das
-er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden,
-der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder
-eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die
-ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe
-hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer
-gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen
-berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte,
-wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte
-er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen,
-auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern
-Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich
-ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen
-Finger aufhörten.
-
-Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu
-sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl
-sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in
-den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich
-instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und
-sah, daß es fast halb Zwei war.
-
-Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben --
-bis zum Mittagessen.
-
-Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen
-und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen
-im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.
-
-Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still
-verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte.
-Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu
-lesen und zu denken, das wußte sie. Darum achtete sie genau darauf,
-daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des
-Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre.
-Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin
-und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht
-einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür
-dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer
-selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit
-Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.
-
-So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man
-mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der
-hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in
-seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls,
-wenn er über eine unebene Diele ging.
-
-Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und
-die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach
-Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins
-Zimmertür.
-
-„Es ist angerichtet.“
-
-Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das
-Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt
-hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend,
-während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.
-
-Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei
-jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie,
-einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich
-gesinnt waren.
-
-Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser
-Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das
-Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer eine ganze Menge
-Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des
-Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen
-zu entscheiden. Mit einem Wort -- er war die Seele der Gesellschaft
-gewesen.
-
-Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder
-einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt
-der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte
-abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.
-
-Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im
-Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den
-Kaffee zu nehmen.
-
-Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden
-und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil
-altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen
-Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes
-Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen
-weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker
-Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar
-war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete,
-entgegenschlug.
-
-Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng
-verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt,
-und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets.
-Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas
-außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu
-riechen.
-
-Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit
-andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die
-andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle
-gegangen, so zog er sich zum zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen
-Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.
-
-Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und
-abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume
-verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte
-für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.
-
-Hier waren seine Gedanken am freiesten.
-
-Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen
-gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus
-Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.
-
-Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der
-längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er
-dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe
-und studierte.
-
-Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger,
-als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem
-Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz
-von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern
-des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich
-zu rauchen pflegte.
-
-In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.
-
-Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue
-„Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken
-verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, -- er hielt
-es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger
-jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung
-löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der
-andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden
-Lampe saß und auf ihn wartete.
-
-Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als
-hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte
-die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter
-nie hatte reden können!
-
-An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund
-hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden
-Seele von Nutzen sein durfte.
-
-Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches,
-freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.
-
-„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.
-
-„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken.
-„Jetzt ist Schluß.“
-
-Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.
-
-„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.
-
-Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht
-und begann zu lesen.
-
-Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von
-einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich
-selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der
-Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil
-eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.
-
-Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still
-in dem kleinen Zimmer.
-
-„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.
-
-Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit
-Brand gemeint hätte.
-
-Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam
-das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem
-bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts
-Elternhaus.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Gammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum
-Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des
-Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des
-Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu
-beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die
-Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine
-alte Brücke über den Fluß führt.
-
-Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen,
-wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen,
-über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind
-die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im
-Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und
-der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein
-Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße
-stehen.
-
-Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder
-sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen,
-dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die
-Volksvermehrung.
-
-Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern.
-Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen
-die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad,
-grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der
-kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein
-Holz in ihren Herd zu schieben haben.
-
-Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen
-die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter
-auf den großen Holzplätzen. Hier sind die großen Höfe, auf denen
-Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die
-Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet
-oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber
-haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen
-sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des
-Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr
-geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.
-
-Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine
-Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.
-
-Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen
-Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite
-an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig
-vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen
-Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten
-verdrängen will.
-
-Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten
-Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen
-in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.
-
-Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die
-Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen
-in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil
-und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große,
-lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären
-sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu
-oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen
-Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.
-
-Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden
-Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien
-wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten
-Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet,
-sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß
-der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn
-nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie
-wissen, Einigkeit macht stark.
-
-Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was
-man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem
-kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter,
-gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken
-angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten
-anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten
-niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne
-Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus
-diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.
-
-Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage,
-und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings
-versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten
-Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei
-denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen
-die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte
-ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern
-verborgen lagen.
-
-Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht
-wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen.
-Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine
-Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und
-Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine
-neue Lebensweise mit sich.
-
-Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag
-an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen
-den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um
-jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen
-und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn
-die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer
-Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die
-Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter
-hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da
-ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie
-gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch
-ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer
-neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei
-Jahre leben, solange er eins lebt.
-
-Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt
-sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt
-Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen,
-verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an
-das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten
-Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.
-
-Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz,
-das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in
-der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und
-reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in
-dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals
-und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber
-in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch,
-das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch
-eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen
-Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes
-oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen,
-oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und
-in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen
-Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft
-in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich
-abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt
-oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die
-Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die
-Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des
-Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll
-von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen,
-davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen
-Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist
-es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern
-sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des
-Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.
-
-Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern,
-mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.
-
-Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der
-gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus
-den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und
-der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten
-aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte
-dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren
-Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer
-Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.
-
-Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder
-haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben
-sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im
-Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine
-Kleinstadt, wo -- bestenfalls -- die ersten zehn Jahre zur Bezahlung
-der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen
-und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.
-
-Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer
-„Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr
-Urteil und nennen sie Bücherwürmer.
-
-Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an
-jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären.
-Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft
-von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter
-gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so
-heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern,
-die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben
-diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich
-auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie
-leben und sich entwickeln.
-
-Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und
-formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer
-besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes
-Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der
-großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der
-untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche
-Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge;
-die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie
-schwanzwedelnde Hunde.
-
-„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den
-Unterschied zwischen ~cado~ und ~caedo~ merken kannst! Wie war das?
-~Cado, cecidi, casum -- casum~, sag’ ich -- ~cadere~. Also -- sprich es
-nach. Wie war es?“
-
-Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges
-Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem
-unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf
-einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen,
-ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts
-besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit
-leiser Stimme: „~Cado, cecidi, casum, cadere.~“
-
-„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede
-die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und
-du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und
-lauter!“
-
-Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.
-
-„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit ~caedo~?“
-
-Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und
-schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.
-
-Aber es war eine alte Geschichte -- Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt
-Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester
-Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen,
-der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen
-um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine
-Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln,
-das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör
-mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes
-an dem kleinen Petterson da neben dir links?“
-
-Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen
-sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit
-niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht,
-das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit
-Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.
-
-„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest
-du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann
-vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse
-auf das unglückselige Verb ~caedo~ zu übertragen? Mit ~ae~.“
-
-Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig:
-„~Caedo, cecídi, caesum, caedere.~“
-
-„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“
-
-Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer
-ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.
-
-„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal
-wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten
-Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist
-ein langer Satz. ~Qui quum~ usw.“
-
-Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten
-Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben,
-leicht, rasch, sicher und ruhig.
-
-Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch
-das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob sich, und im Nu entstand
-ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher
-zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen
-zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge;
-Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten
-Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein
-dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er
-hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes
-Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.
-
-Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen
-wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das
-Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen
-blieben.
-
-„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er.
-
-„Und nicht zu vergessen -- wer ~cado~ oder ~fallo~ nicht
-kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“
-
-Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs
-Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die
-Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule
-durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.
-
-Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken
-Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf
-dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war,
-in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen
-Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.
-
-Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die
-zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz
-gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er
-machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er
-seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit
-langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem
-er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten
-sich, als spräche er mit sich selber.
-
-Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn
-der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau
-zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht
-einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er
-grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man
-doch einen viel besseren.
-
-Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich
-ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als
-die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten
-begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten
-und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu
-schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem
-heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz
-allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn
-doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch
-sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten
-daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen
-kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und
-so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues
-Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der
-städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes
-Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen
-brauchte.
-
-Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft -- bloß ein
-„paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum
-Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama
-für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein,
-und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und
-Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.
-
-Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden.
-Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die
-Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von
-morgens bis abends in Tätigkeit.
-
-Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die
-Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis
-der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in
-diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der
-Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin
-ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß
-nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß
-seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten
-hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben.
-Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war;
-er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt
-auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen
-beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz
-nach seiner Wohnung ging.
-
-Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen
-vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein
-Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die
-durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner
-Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am
-Mittagstisch.
-
-Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo
-sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen
-Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer
-trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.
-
-„Wie geht’s heut, Papa?“
-
-„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf
-erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.
-
-„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im
-selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein
-aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften
-grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar
-lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht
-sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug
-frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.
-
-„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und
-wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“
-
-Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung
-ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten
-werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern
-kommen könne.
-
-Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den
-Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er
-es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah,
-wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und
-nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete
-er es überhaupt noch.
-
-Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater,
-Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.
-
-„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte
-Frau Hallin.
-
-Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer
-den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man
-anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten
-Häuptern da; dann setzten sie sich.
-
-Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber;
-zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck
-bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem
-Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf
-jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas -- die Gläser waren
-alle sehr klein -- vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor
-dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche.
-Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne
-Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die
-das Mädchen eben herumbot.
-
-Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den
-Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den
-Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die
-Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und
-bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen
-Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder
-Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas
-bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen
-hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von
-der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich
-unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich
-kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten
-fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam
-ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären,
-wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder
-dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß
-für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem
-väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte,
-aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.
-
-Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester
-vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen
-suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs
-Fleischklöße auf meinem Teller!“
-
-Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen,
-wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch
-war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr
-unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die
-Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den
-Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis,
-die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, -- ein Bedürfnis,
-das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen
-Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.
-
-„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun
-einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es
-so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren
-Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich
-nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist
-ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um
-seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin,
-was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im
-stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte,
-weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen
-hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme,
-würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem
-Adjunkten in der Seele weh tun müsse!
-
-Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich
-ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf übrig.
-Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte
-gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein
-langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen
-Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig
-zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte,
-guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas
-drin sei.
-
-Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen
-begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob
-er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des
-Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle
-im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende
-Handbewegung und sagte: „Frag doch +mich+ nicht! +Ich+ hab
-doch nichts zu sagen hier im Haus!“
-
-Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das
-andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam;
-man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob
-er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr
-lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft,
-als das Gespräch auf den Sohn kam.
-
-„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann.
-
-Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht
-bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.
-
-Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein
-geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert.
-Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter
-erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die
-Geschwister stimmten ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt
-und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten,
-die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war.
-Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der
-Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit,
-noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich
-sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit
-möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein
-bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier
-machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein
-Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche
-tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf
-schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede
-war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es
-Weihnachtsbier gab -- das wußte er -- so brauchte er wenigstens nicht
-von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!
-
-Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem
-zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig
-auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei
-ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische
-Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen
-Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die
-Reihe kam --, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet,
-wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller
-geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende
-Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.
-
-Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als
-Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich
-auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte.
-Dann trank man im Wohnzimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte
-dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte
-verschlucken müssen.
-
-Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein
-Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus -- die Zeitung auf dem
-Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen
-und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber
-seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf
-ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen
-Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe
-hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen,
-eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und
-dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte
-Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.
-
-Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe.
-Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte
-die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Am folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur
-Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern
-kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn
-war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets
-Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer
-reisen zu können.
-
-Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war
-zu sehen.
-
-Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach
-sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit
-den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge
-des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während
-die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den
-Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit
-das Szepter führten.
-
-Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er
-eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann
-sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen
-sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen,
-unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten,
-daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens
-würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial
-aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr
-treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen.
-
-Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein
-kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und
-einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in
-Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war
-klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine
-Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und
-her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein
-flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen
-Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen
-und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg,
-sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch,
-mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann
-einen scharfen, stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und
-außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion.
-
-Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und
-er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson
-war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern
-wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten.
-Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren
-schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der
-Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in
-all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand
-schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen
-zu verbergen.
-
-Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem
-Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht
-war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil
-seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und
-mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein
-mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht
-ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher
-und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt.
-Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte,
-hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich
-Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten
-sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam
-abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen
-Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her
-hingen und schleiften.
-
-Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen
-Bewegung den Überzieher aus und hängte -- oder schmiß -- ihn auf den
-Kleiderständer, warf dann den Hut mit einem Klatsch auf einen Sessel
-und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor
-Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der
-Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit
-dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen
-gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so
-dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und
-schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und
-Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm.
-
-„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er
-schließlich. „Ich möchte wohl wissen, +ob’s+ in Rußland irgendwas
-Neues gibt!“
-
-Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß
-nichts darin stünde.
-
-„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor
-dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im
-Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben.
-
-Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut
-der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu
-kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen
-Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen
-energisch einstimmten.
-
-Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht,
-die aussah wie eine einzige große Grimasse.
-
-„Satansmusik!“ äußerte er.
-
-Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen -- der beiden jungen Lehrer
-wegen -- einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch
-seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende
-Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es
-seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen
-amüsierte.
-
-Professor Bruhn kümmerte sich keineswegs um die Warnung, die im Blick
-des Adjunkten lag; ruhig fuhr er in seinen Bemerkungen fort.
-
-„Eine Satansmusik! sag ich! Ist’s etwa ein Verbrechen, wenn man das
-sagt? Ist vielleicht die Orgel, die da droben in dem alten Saal steht,
-und vor der Petterson sitzt und aus Haeffners Choralbuch spielt, so was
-ganz besonders Heiliges? Spielt man vielleicht jetzt Gottes Wort? Und
-wird es etwa heiliger darum, daß die Jungens hinter ihren Choralbüchern
-dazu grinsen?“
-
-Pastor Simonsons Nasenflügel bebten. Er hegte eine Antipathie gegen
-Bruhn; denn er ahnte instinktiv in ihm den Gegner und hielt ihn
-außerdem für roh und ungeschliffen. Auch führte er lieber selber das
-Wort.
-
-„Für mich“, sagte er, „hat der Ton der Orgel immer etwas Ehrwürdiges,
-auch wenn man sich -- in künstlerischer Hinsicht -- eine vollendetere
-Ausführung vorstellen könnte.“
-
-Professor Bruhn schneuzte sich.
-
-„O!“ sagte er ruhig. „Das ist ja eine sehr interessante Erklärung!“
-
-Der junge Lehrer lachte laut auf, und Pastor Simonson sah aus, als
-ertrage er mit christlicher Geduld eine unerhörte Verunglimpfung.
-
-Plötzlich verstummte die Orgel oben. Eine kleine Weile herrschte
-Schweigen.
-
-„Glauben Sie, daß die Jungens jetzt beten, Herr Pastor? Wenn sie auch
-ihre Choralbücher unter der Nase haben?“ fragte Professor Bruhn und
-nahm eine gewaltige Prise.
-
-„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß
-bebte. „Ich +möchte+ es zum mindesten glauben.“
-
-„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na -- ich nicht!“
-
-Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur
-Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die ungeduldig ausgestreckt
-wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren
-aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der
-unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme
-drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den
-Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als
-sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem
-der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches,
-wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge,
-Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es
-stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm
-der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des
-Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer
-schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“
-
-Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in
-sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er
-sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele -- nach all dem
-Gebet und Choralsingen!
-
-Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn
-den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die
-inzwischen gekommen waren.
-
-Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten
-sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam
-pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den
-obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten.
-Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine
-Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer
-von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den
-Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären.
-Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab, mußte er wohl
-oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte
-auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz,
-daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren
-konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er
-treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die
-Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte
-mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend:
-„Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt
-auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte,
-welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander
-bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe
-erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war,
-und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und
-krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben.
-
-Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte.
-Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen.
-Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des
-Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf
-den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu
-reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch
-immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade
-nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte,
-daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten.
-
-Dennoch -- er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte
-tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter,
-lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten
-fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am
-Kachelofen. „Daß er sich auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken
-müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“
-
-„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer
-schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten.
-
-„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt!
-Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“
-lautete die Antwort.
-
-Und Bruhn machte eine ungeduldige Bewegung mit den Achseln und warf den
-Kopf herum.
-
-Adjunkt Hallin saß eine Weile ganz still da und blätterte im Cavallin.
-Es wurde doch mit jedem Jahre schwerer, um Geld zu bitten, wenn auch
-manche behaupteten, der Anfang wäre das schlimmste. Schließlich legte
-er das Buch weg, erhob sich und sagte mit gedämpfter Stimme, als wolle
-er eine lange Einleitung machen: „Ich möchte dich um einen Gefallen
-bitten.“
-
-Professor Bruhn ließ den Rockschoß fallen und holte die
-Schnupftabaksdose heraus, die er von nun an unaufhörlich zwischen den
-Fingern drehte.
-
-„So!“ sagte er. „Und was denn?“
-
-„Weihnachten hat recht viel gekostet heuer.... Und in ein paar Tagen
-kommt Ernst heim.... Am ersten habe ich die Miete bezahlen müssen....
-Ich hätt’ mich ja ganz gut einrichten können.... aber es kamen
-unerwartete Ausgaben.... könntest du mir fünfzig Kronen leihen bis zum
-nächsten Quartal?“
-
-Der erste Teil der Rede ward langsam, in eigentümlich scharfem Ton,
-leise und mit beinah zitternder Stimme gesprochen. Der letzte Satz
-dagegen kam heftig und überstürzt heraus, ungefähr, wie wenn man eine
-schlechtschmeckende Arznei nimmt.
-
-Professor Bruhns Gesichtsausdruck veränderte sich ganz plötzlich. Er
-brach in ein gutmütiges, geräuschvolles Lachen aus und machte die
-fürchterlichsten Grimassen, während die Schnupftabaksdose wie ein Ball
-in seinen Händen tanzte.
-
-„Bist +du+ ein verdammt komischer Kerl, Hallin!“ sagte er. „Gehst
-wie die Katze um den heißen Brei herum und mühst dich ab und schwitzst,
-wegen fünfzig Kronen! Selbstverständlich kannst du sie haben; mir
-liegen sie ja bloß da. Ich geh gleich und hole sie; dann hast du sie in
-der Pause.“
-
-Und Professor Bruhn lachte immer lauter vor seinem Kachelofen,
-trampelte mit beiden Füßen auf den Boden, wand sich aus purer guter
-Laune und wiederholte in einem fort: „So ein komischer Kauz! Fünfzig
-Kronen! Hahaha! Das kommt davon, wenn man verheiratet ist! Jawohl!“ Und
-dabei sah er aus, wie ein vergnügter Tanzbär.
-
-Adjunkt Hallin fühlte sich plötzlich wie ein ganz anderer Mensch. Er
-war froh, daß es so leicht und gut abgelaufen war. Er hatte seine
-fünfzig Kronen und war wieder ein freier Mann. Und er lachte und
-schüttelte Bruhn freundschaftlich am Arm.
-
-„Dank dir, Kamerad“, sagte er. „Aber sag, warum warst du denn gegen
-unsern jungen Kollegen, den Pastor, so ausfällig?“
-
-Professor Bruhn hielt plötzlich mitten in seiner Frohlaune inne; sein
-Gesicht sah auf einmal ganz anders aus. Die Augen hatten einen fast
-grimmigen Ausdruck und er schlug mit der rechten Hand in die Luft, daß
-man fürchten mußte, der Arm würde aus dem Schulterblatt gehen.
-
-„Kollege!“ sagte er. „Meinst du, so einen jungen Hund nehm’ ich als
-Kollegen? Noch vor fünf Jahren war er mein Schüler. Er taugte nichts,
-verstand nichts, wußte nichts. Dann ist er fünf Jahre lang in Upsala
-gewesen und hat es zu einem jämmerlichen Examen gebracht. Und dann
-kommt er hierher und legt los, als hätt’ er mittlerweile alle Weisheit
-der Welt mit Löffeln gefressen! Meinethalben -- ich gönn ihm ja seinen
-Glauben! Mag er ein Idiot sein -- meinethalben! Aber aus +meinem+
-Bereich soll er wegbleiben. Hab ich nicht recht? War die Musik nicht
-unter der Kanone? Na also, warum braucht er mit mir anzubändeln? Kann
-ich dafür?“
-
-Professor Bruhn war keineswegs gut auf Pfarrer zu sprechen und versagte
-es sich im allgemeinen nicht, seiner Antipathie sehr freien Lauf zu
-lassen. Besonders wenn er ärgerlich war bediente er sich einer fast
-affektierten, regelrechten und grammatikalischen Redeweise, die ihm
-gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Diese Redeweise klang um so
-komischer, als er sie immer mit den kräftigsten Flüchen vermischte.
-Er redete heftig und lange und ging schließlich zu einem stillen,
-inwendigen Gebrumm über.
-
-Der Adjunkt sah ein bißchen geniert aus.
-
-„Mein Sohn ist ja auch Theologe!“ sagte er endlich.
-
-„Ja -- aber der ist aus ganz anderem Stoff!“ sagte der Professor
-heftig. „Freilich -- er kann sich ja auch verändert haben. Man kann ja
-nie wissen.“
-
-Er schwieg, wie beschämt ob seiner eigenen Grobheit.
-
-„Es wird am besten sein, du gehst in deine Klasse!“ sagte er dann
-plötzlich. „Das Geld kriegst du in der Pause.“ Hallin blickte rasch
-in den Schulhof hinaus. Über die Staffel, die zwischen Eisengeländern
-zur Schule hinaufführte, schritt soeben ein ungewöhnlich kleiner Mann
-von intelligentem, gewecktem Aussehen. Seine kleinen, scharfen Augen
-sahen sich lebhaft um, sein Stock stieß energisch gegen die Staffel,
-und er setzte die Füße auf eine Weise, die ein cholerisches Temperament
-andeutete.
-
-„Ich danke dir!“ sagte der Adjunkt. Und indem er seinen Virgil zur
-Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch,
-in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor
-trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf -- mit
-gespreizten Beinen -- den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände
-in den Hosentaschen.
-
-Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den
-Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt
-von der Sorge, die am schwersten und bittersten ist und am meisten
-schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die
-Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung
-ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und
-er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten
-ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht
-gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das
-so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen,
-wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden
-Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen,
-wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen
-war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten.
-Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der
-ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und
-Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht -- vielleicht
-urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies
-alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil
-ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie
-früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war -- man
-lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte,
-so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren,
-als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim
-geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem
-es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen
-tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb?
-
-Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es
-quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte.
-Wie sie auch sparte -- nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die
-Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es
-nannten. Begriffen sie denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um
-ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden
-sollten?
-
-Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von
-unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte
-ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe
-aus und prüfte ihn.
-
-Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden.
-Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht
-wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den
-Füßen gegangen -- weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die
-weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern
-benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber
-hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten
-gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen
-gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn
-hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die
-Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast
-zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich
-mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf
-und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest
-entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint
-hatte.
-
-Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen
-gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie
-den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen,
-und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn
-um Verzeihung bitten.
-
-Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es
-war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas
-erzwungenen Stimme sagte er: „Weine doch nicht. Es hilft ja doch
-nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“
-
-Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen,
-das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen
-hervor.
-
-„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort,
-„so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die
-tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Der Gymnasiallehrer Hallin war der Sohn eines Pastors, der ein paar
-Meilen südlich von Gammelby ein großes Pastorat gehabt hatte. In der
-ganzen Familie waren überhaupt immer viele Geistliche gewesen; und
-alle hatten sie zu dem Stift Gammelby gehört, und alle hatten sie ihr
-Teil gehabt an den Gütern dieser Welt. Der alte Propst war ein recht
-gedeihlicher Mann, das wußte alle Welt, und daß man im Pastorat gut
-und behaglich lebte, das sah man dem Propst und seiner Frau Propstin
-deutlich genug an.
-
-Wenn nur nicht die vielen Kinder gewesen wären! Aber es schien, als
-wolle Gottes Segen in dieser Beziehung überhaupt kein Ende nehmen.
-Jedes liebe geschlagene Jahr war bei Propstens Kindtaufe; und wären die
-Kinder alle am Leben geblieben -- die Zahl wäre weit über die Zehne
-hinausgewachsen. So waren es, als der Propst starb, neun.
-
-Das Vermögen reichte natürlich nicht so weit; wenn die Söhne mit der
-Schule fertig waren, mußte der Propst Geld aufnehmen, um ihnen auf der
-Universität und der landwirtschaftlichen Hochschule weiterzuhelfen.
-Und als der Alte nicht mehr da war, wunderten sich noch alle höchlich
-darüber, daß er mit seinem guten Pastorat so große Schulden hatte
-machen können. Jene von den Söhnen, die mit ihren Studien noch nicht
-fertig waren, mußten nun selber mit Schuldenmachen anfangen, damit sie
-zu Ende studieren konnten.
-
-Adjunkt Erik Hallin war der dritte der Söhne. Daheim, wo alles
-reichlich zuging, hatte er sich Gewohnheiten zugelegt, die während der
-Universitätszeit keineswegs eingeschränkt wurden, und er kam von Upsala
-zurück mit viertausend Kronen Schulden, die sich in den zwei Jahren
-seit des Vaters Tod so angesammelt hatten.
-
-Also jetzt galt’s sparen! Er erhielt eine Anstellung als Hilfslehrer an
-einer fünfklassigen Lateinschule mit ein paar hundert Kronen Gehalt,
-kam bald in den Ruf eines guten Lehrers und erteilte in fast allen
-seinen freien Stunden Privatunterricht. Man rechnete ihm nach, daß er
-im Durchschnitt täglich zehn Stunden gab. Und im ersten Jahr sparte
-er wirklich so viel, daß er fünfhundert Kronen an seinen Schulden
-abbezahlen konnte.
-
-Dann verliebte und verlobte er sich, bewarb sich um die
-Gymnasiallehrerstelle in Gammelby, erhielt sie und heiratete.
-
-In dieser Zeit, jung, fröhlich, glücklich verlobt, ganz mit
-Zukunftsplänen beschäftigt, konnte er natürlich keine Schulden
-bezahlen. Es war noch alles mögliche, daß er bei der Einrichtung nicht
-noch neue dazu machte. Aber das tat er nicht, wenigstens keine, die
-der Rede wert waren. Nur ein paar hundert Kronen für Möbel, die in den
-ersten zwei Jahren abbezahlt werden mußten.
-
-Sie wurden auch abbezahlt; der Möbelhändler konnte selbstverständlich
-nicht warten.
-
-Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam
-ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf
-Gustaf.
-
-Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben, und in all
-den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr
-als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig
-Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert
-Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen
-beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt
-noch die Kraft dazu hatten?
-
-Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr -- sie
-hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren
-gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit
-brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens
-aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt
-manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich
-bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der
-liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn
-er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend
-nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel.
-
-Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie,
-das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte
-nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die
-Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die
-Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las
-täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis.
-
-Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für
-sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte.
-Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich
-bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche
-stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem
-ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie
-zwischendurch oft die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel
-mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann
-las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den
-Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde
-dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte
-sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die
-täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale,
-ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken -- all das ward ihr zu
-Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen
-würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden
-stört, der höher ist denn alle Vernunft.
-
-Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die
-Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer
-an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher
-Ausdruck.
-
-Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war
-dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den
-er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß
-er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres
-Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward
-lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der
-schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte.
-
-Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren
-Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr,
-besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend.
-Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was
-sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun
-er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie
-oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder
-Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin
-den Schlüssel zum richtigen Verständnis finden möchte! Denn in
-erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer
-Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete
-es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche
-Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine
-reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr
-zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte,
-nur +ein+ Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war
-verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete
-manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und
-ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit
-hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage,
-bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen
-Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach
-sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine
-Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom
-Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr
-als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele?
-
-Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie
-fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich
-von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über
-sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das
-Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte
-Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma
-verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte
-den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still
-war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus
-sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer
-Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar
-nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auftritten zwischen Mutter
-und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was
-sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch
-der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das
-Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie
-Tränen in den Augen, wenn sie hinausging.
-
-Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen
-und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz
-bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde
-mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache
-zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren
-Gefahren, Freiheiten und Verführungen.
-
-Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre.
-Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen.
-Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der
-städtischen Mädchenschule.
-
-Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und
-den Eltern.
-
-Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu
-können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und
-wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder
-auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte
-natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich
-mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin
-oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das
-Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte,
-wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es
-niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer
-Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war.
-
-Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen. Sie hatten
-alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht
-und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen
-zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte
-kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die
-Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in
-ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen.
-
-Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte
-ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem
-Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre
-umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß
-sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und
-trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit
-den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung
-außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel
-oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden,
-mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde
-Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern
-entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die
-Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst;
-dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre
-Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie,
-abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und
-Lächeln.
-
-Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr
-als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich
-auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der
-Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden
-sich mehr ans Vaterhaus anschließen.
-
-Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Niedergeschlagenheit
-über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte
-und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie
-nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer,
-bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger
-Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung
-an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und
-wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und
-sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott
-darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben,
-als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu
-verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung,
-ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder
-entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie,
-ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze
-Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?
-
-Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im
-Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von
-sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben.
-Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die
-Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand
-sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu
-demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß
-ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber
-ihr Vertrauen.
-
-Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie
-ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht
-gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch
-er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin
-sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der
-Natur.“
-
-Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen
-Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug
-Widerwärtigkeiten.
-
-Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den
-Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. +Die+
-Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner
-Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit,
-die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen;
-+die+ Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim
-ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich.
-
-Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der
-Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und
-die Freude floh vor etwas anderem -- vor den kleinen, drückenden,
-wirtschaftlichen Sorgen -- +sie+ verscheuchten die starken Mächte
-des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen -- und
-was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg.
-
-Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne
-Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen
-hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im
-Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der
-Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Adjunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem
-Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der
-Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem
-ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer
-Kindheit gut Freund gewesen, und nichts war darum natürlicher, als daß
-der eine dem andern half.
-
-Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im
-Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens
-grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden
-nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor,
-auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen,
-die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen
-bildeten.
-
-In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man
-schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr
-Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten.
-Beide hatten -- nur mit einem Semester Zwischenraum -- ihr Examen
-gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde,
-bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine
-solche frei war -- und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war,
-daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während
-der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben
-schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch
-keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt
-immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich
-morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit
-einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor,
-der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen
-Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“
-
-Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder
-aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal
-die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen
-hatte. Wie der Kleine drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause
-widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach
-ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß
-zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und
-brüllte dann wieder weiter.
-
-Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte.
-Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte,
-den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden.
-
-Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder
-hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel.
-
-Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche
-behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im
-Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er
-sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen
-Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum
-Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer
-weiß wie oft heiraten können.
-
-Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte
-er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen --
-wenn er überhaupt solche hatte -- schüttelte er ab wie eine Möve, die
-ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht
-ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte
-Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher
-anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig
-Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich
-ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer
-Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die
-Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der
-Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.
-
-Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei
-Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße
-erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht
-miteinander aus, und, wie das meist so ist, -- die Antipathie zwischen
-ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der
-Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn
-es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht
-zu wissen.
-
-Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres
-Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah
-in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als
-der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne
-einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem
-es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend
-zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube,
-und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden
-Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und
-flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und
-würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin
-sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! --
-
-Als er dann eine so reiche Heirat machte -- er heiratete zwei Jahre
-später als der Adjunkt -- da konnte sie es nicht lassen, immerwährend
-Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des
-Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen;
-und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so
-ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann
-gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht
-gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie
-den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau
-bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des
-Weibes zum Herrn gezogen worden.
-
-Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau
-Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz
-frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich
-immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf
-sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend
-einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits
-meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie
-redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr
-machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein
-Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war
-tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen,
-aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß
-ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald
-die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen,
-die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.
-
-Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch
-zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher
-um Kindererziehung oder Religion.
-
-Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber
-ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur
-möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer
-war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so
-ganz das Gepräge der Weltlichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch
-nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die
-Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten,
-vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was
-sie daheim vermißten.
-
-Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur
-Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde,
-begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren
-ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und
-schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der
-Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und
-Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn
-tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie
-besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und
-als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit
-des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein.
-Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen
-und dann natürlich „der Sprachen wegen“.
-
-Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah
-jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren
-Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der
-Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück,
-gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine
-Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er
-ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des
-Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht
-des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als
-wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem
-Gefühl der Verachtung zu betrachten.
-
-„Wenn man schon nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“ hatte der
-Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und
-das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden.
-
-„Wenn man nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“
-
-Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann
-auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er
-so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um
-die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem
-Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur
-Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen
-er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An
-solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit
-sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen
-hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute,
-die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der
-Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann
-Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen
-Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit
-entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig
-aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den
-Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch!
-Papa schläft!“
-
-Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt
-daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet
-und plagt sich für uns alle!“
-
-Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam
-ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine
-scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen
-Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang
-dann resigniert den Arm um ihre Taille, und sie schlichen heimlich
-in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das
-schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und -- die Arme um seinen Hals
-geschlungen -- die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa
-schläft!“
-
-Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete.
-Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen
-Augenblicken nannte -- so hatte sich nämlich Gabrielle in den
-unschuldigen Kindheitstagen selber genannt -- hatte eine große Schwäche
-für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß
-zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der
-Professor pflegte manchmal -- zum Entsetzen seiner Frau -- zu sagen,
-diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm
-sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr
-den Reiz der Neuheit.
-
-Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser
-Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten
-entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut
-war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche
-Eingriffe seitens der Eltern gestört.
-
-Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war.
-
-Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in
-jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt
-hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa
-Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so
-konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat
-und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du
-willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater..
-sein?“
-
-„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebenswürdigstem Ton.
-„Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“
-
-„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir
-derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz
-zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern.
-
-„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner
-Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr
-vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine
-Erik es nicht hören sollte. „Freilich, +du+ weißt es nicht mehr.
-Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von
-ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter!
-Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem
-Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja
-schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und
-die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die
-schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte.
-
-Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie
-gezweifelt!“
-
-Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe
-weiter ins Jenseits befördern.
-
-Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein
-Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just
-in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten
-lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben
-Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge
-entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der
-neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie
-ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der
-nichts ahnt, kommt; weil aber im Gesicht der Mutter etwas Drohendes
-liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis
-unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf.
-
-„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten
-Stimme.
-
-Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch
-dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem
-Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich
-erschrocken um.
-
-„Steh still, Junge!“ kommt es aus dem gefühlvollen Mutterherzen;
-und dabei packt sie ihn am Arm, daß die Gelenke krachen. „Kannst du
-nicht still stehen, damit ich nachsehen kann?“ Einen Augenblick lang
-verstummt sie, während ihre Finger den Riß untersuchen.
-
-„Herrgott im Himmel! Und ganz neue Hosen! Hab ich dir nicht gesagt, du
-sollst nicht wie ein Wilder herumtollen? Wie oft hab ich dir’s nicht
-gesagt! Antworte, Junge!“
-
-Klein Erik weiß nichts zu antworten. Er steht bloß und schweigt,
-blickt abwechselnd auf seine Mutter und schielt nach dem Ende seines
-Rückgrats, bis ihn die Mutter plötzlich von sich schiebt, zu ihres
-Mannes Zimmer hinüber geht, die Tür öffnet und ruft: „Abel, komm einmal
-her!“
-
-Der Professor kommt, im Schlafrock, in der einen Hand eine Zigarre,
-in der anderen einen französischen Roman. Die Professorin packt den
-Missetäter am Schlafittich, zerrt ihn mitten ins Zimmer und kehrt sein
-Hinterteil dem Oberhaupt der Familie zu.
-
-„Was sagst du dazu, Abel? Die neuen Hosen, die er gestern zum erstenmal
-angehabt hat!“
-
-„Verwünscht noch Eins!“ sagt der Professor.
-
-„Abel“, sagt die Professorin, „verschon mich mit deinem Fluchen in
-Gegenwart der Kinder. Ich dachte, du hättest denn doch was anderes zu
-sagen, wenn du siehst, wie dein Kind sich seiner Mutter gegenüber
-aufführt! Aber +du+ kümmerst dich natürlich um nichts! +Du+
-brauchst sie ja nicht zu flicken. Herrgott, was das dir gut täte, wenn
-du auch nur ein einziges Mal seine Hosen flicken müßtest! Da würdest du
-dich schon drum kümmern, wenn er sie zerreißt!“
-
-„Vielleicht kann er gar nichts dafür!“ sagt der Professor. „Man kann
-die Jungens ja doch nicht am Strick führen!“
-
-Die Professorin schreitet majestätisch zum Sofa und setzt sich. „Erik“,
-sagt sie, „geh ins Kinderzimmer und sag Ida, sie soll dir die Samthosen
-anziehen. Die kannst du ja dann auch zerreißen, wenn du willst! Du
-hörst doch -- Papa sagt es ja. Jedenfalls bring mir die, die du jetzt
-anhast; vielleicht kann ich sie flicken, eh du die andern kaputt
-gerissen hast!“
-
-Erik geht ab. Die Professorin sitzt mit gefalteten Händen im Sofa und
-wiegt sich hin und her.
-
-„Glaubst du, daß dies die richtige Art ist mit den Kindern?“ fragt der
-Professor.
-
-„Abel!“ antwortet die gekränkte Gattin. „Ich weiß ja wohl, was ich
-tue, ist überhaupt nie recht. Aber ich meine, ein bißchen energischer
-könntest du denn doch auftreten, wenn deine Kinder so wenig Rücksicht
-für ihre Mutter zeigen. Ich bin ja eine Null hier im Hause, Abel,
-das weiß ich wohl, wenn du auch das bißchen, was wir haben, mir zu
-verdanken hast! Und was aus meinen armen Kindern werden soll, wenn sie
-nicht einmal lernen sollen, was Zucht und Ordnung heißt, das weiß der
-liebe Gott. Und der weiß auch, wie schwer es eine arme Mutter hat, wenn
-sie die Sorge für die Erziehung der Kinder ganz allein tragen muß. Ich
-wollte bloß, ich könnte mehr leisten. Aber ich fühl’s, es zehrt an
-meiner Kraft, und ich kann nur jeden Abend zu Gott beten, Abel, daß dir
-nicht noch einmal die Reue kommt, wenn es zu spät ist!“
-
-Die Professorin weint und der Professor geht auf sein Zimmer und macht
-die Tür hinter sich zu.
-
-Wenn die Kinder Streit haben, schreit wohl manchmal eins in
-überquellender gerechter Entrüstung: „Wart du nur, ich sag’s der Mama!“
-
-Aber die Drohung hat keine besondere Wirkung. Das andere antwortet
-bloß: „Ach was, die Mama!“
-
-So ganz unmöglich ist es nicht, daß die Frau Adjunkt am Ende doch recht
-haben könnte, wenn sie sagt: „Was ich besonders mißbillige an Aurora
-ist ihre Art mit ihren Kindern. Sie sind von einer Eigenwilligkeit, daß
-einem wild und weh wird vom bloßen Mitansehen. Wenn das nur gut geht!“
-
-Einmal aber war der Konflikt zwischen den Ehegatten doch schärfer als
-gewöhnlich. Das war, als Gabrielle heim kam, und den Eltern mitteilte,
-Leutnant Hagelin habe ihr einen Antrag gemacht.
-
-Der Professor fragte bloß: „Hast du ihn lieb?“
-
-Und Gabrielle antwortete: „Ich weiß nicht, Papa. Aber ich glaube.“
-
-Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein
-zurück.
-
-Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf
-bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für
-ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin,
-der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer
-die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in
-seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften
-befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen
-Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht
-ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach
-ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt.
-
-Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der
-Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten
-vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen, und gab dazu eine auf
-Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn
-begann und mit der Geldheirat schloß.
-
-Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal
-aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld
-gehabt hätte?“
-
-Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin
-fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann
-glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder
-ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“
-
-Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor
-unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme
-um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch
-unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so
-glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor
-ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der
-Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die
-Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern
-ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein
-sein wollte.
-
-Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und
-sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer
-mit ansehen zu müssen!“
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Die Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten
-zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten
-Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier
-Uhr Nachmittag; binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine
-Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem
-Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages.
-Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein
-Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch
-alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.
-
-Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die
-Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging
-heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die
-Kognakflasche und Gläser zu holen.
-
-Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er
-war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu
-sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große,
-etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch
-nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten,
-die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und
-wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das
-braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben
-hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat
-oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange
-ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?
-
-Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein
-Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als
-daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die
-für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er -- auf dem
-besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal
-sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine
-Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war und sie sozusagen
-von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging
-vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war
-etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.
-
-Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und
-streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie,
-ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen
-forschte.
-
-„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist
-es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte.
-
-„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der
-großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen
-und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist.
-Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab
-auch meine Arbeit -- drunten in der Küche und mit euren zerrissenen
-Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat.
-Das war gerade vor Weihnachten.“
-
-Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na,
-ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt
-lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten
-Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm
-mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut
-noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich
-ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle.
-Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt
-man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm
-scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle
-zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast
-Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden
-Augenblick bersten vor Fett!“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr
-dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen
-wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum
-Besten dienen.“
-
-Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu
-erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht
-gehört zu haben.
-
-Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen
-hin.
-
-„Nein, Junge -- zwei Kognaks zum Kaffee -- das gibt’s nicht vor
-Maturitas!“ lachte der Adjunkt.
-
-Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige
-Miene auf.
-
-„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants
-Stelle sein“, bemerkte er.
-
-Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in
-das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser
-Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die
-über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in
-der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die
-durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so
-viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der
-Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da
-stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet
-hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er
-hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von
-Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll
-von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen
-warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte
-ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als
-Geistlicher ins Leben hinaustrat!
-
-Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu
-weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde
-von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die
-Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten,
-mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er --
-er brauchte doch gerade jetzt einen +Menschen+! Einfach einen
-ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er
-war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf.
-
-Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm
-auf: „Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!“
-
-Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er
-schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden
-bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte,
-hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt,
-daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu
-ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog!
-
-Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen,
-daß er sich hatte ertappen lassen.
-
-„Danke, es geht mir ganz gut!“ sagte er. „Ich bin bloß ein bißchen
-müde.“
-
-„Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?“ fragte Gustaf plötzlich mit
-neugieriger Miene.
-
-Ein allgemeines Lachen brach los. Gustaf hatte doch auch immer zu
-wunderbare Einfälle! Und mit dem Lachen senkte sich eine stille, warme
-Ruhe über das Gemüt des ältesten Sohnes. Er dachte an die Tage, da er
-noch ein Kind gewesen war, als die Mutter ihnen ihre Lieblingsspeisen
-gekocht hatte und sie ihre Freunde einladen durften, und ein Gefühl der
-Zufriedenheit und Freude überkam ihn.
-
-Selma betrachtete inzwischen den Bruder forschend; irgend etwas in
-seinem Aussehen störte sie. Er sah unmännlich aus. Etwas Energieloses,
-Müdes lag schon in der Art, wie er sich in den Stuhl zurück lehnte.
-Verstohlen betrachtete sie ihre eigene volle Figur, ihre kraftvollen
-Glieder, und dachte: Wenn ich ein Mann geworden wäre und mir meinen Weg
-im Leben selber suchen dürfte!
-
-Der Bruder paßte viel besser zum Haushammel, fand sie. Der Adjunkt
-dachte allerlei alte Gedanken aus alten Zeiten.
-
-„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie merkwürdig mich das berührt,
-daß du jetzt Geistlicher bist!“ sagte er. Seine Stimme hatte einen
-ungewöhnlich weichen Klang, und die Augen unter der Brille glänzten.
-„Es war meines alten Vaters großer Kummer, daß keiner von uns diesen
-Weg einschlug. Und ich hab’s oft bereut, daß ich’s nicht getan hab,“
-schloß er seufzend.
-
-Er dachte an seine ärmlichen finanziellen Verhältnisse und hustete
-ein paarmal, um seine Stimme wieder zu klären. Frau Hallin blickte
-wieder nach dem Sohn hin, um zu sehen, was er wohl denken mochte.
-Der aber sagte gar nichts; und in der Dämmerung konnte sie seinen
-Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen.
-
-Ja, ja, dachte er. Es ist wohl am besten so, wie es ist. Sein
-aufrührerisches Herz mußte sich beugen; und Gott hatte verheißen: dem,
-der Vater und Mutter ehrte, sollte es wohlergehen auf Erden.
-
-Eine lebhafte Bewegung ergriff ihn; und fast hoffte er, alle Zweifel,
-die ihn noch quälten, müßten jetzt verstummen, nun er wieder daheim
-war. Ja, alles würde gut werden! Jetzt hieß es bloß, vorwärts gehen,
-vorwärts auf dem Weg, der vor ihm lag. Nicht zu viel denken, nicht
-grübeln! Wenn er bloß die dummen Gedanken los würde....
-
-Die Lampe kam. Selma hatte sie angezündet. Das grelle Licht tat ihnen
-allen in den Augen weh; eine Weile saßen sie mit der Hand vor dem
-Gesicht da. Dann wirkte der Lampenschein belebend; das Gespräch kam
-besser in Fluß. Alle drängten sich um Ernst, alle wandten sich ihm
-zu, alle hatten sie ihm irgend was zu erzählen. Der Adjunkt brachte
-ein paar von seinen letzten Anekdoten an, die die übrigen Glieder der
-Familie schon einen ganzen Monat lang gehört hatten, so oft Besuch
-da war; und als er sie erzählt hatte, fragte er Ernst, ob er nicht
-ein paar neue Upsalaer Anekdoten wisse, zum Beispiel von Ribbing oder
-Svedelius. Da aber Ernst nicht aussah, als wäre er dazu besonders
-aufgelegt, verzichtete der Adjunkt und erzählte selber weiter. Frau
-Hallin erzählte auch. Sie sprach von allerhand Bekannten, von einem
-Diner beim Bischof und einem Souper beim Dompropst und fing dann wieder
-von der Familie des Schwagers und der Verlobung an. Selma sagte nicht
-viel, half nur aus, wenn die Mutter etwas vergaß. Und Gustaf brachte
-ein paar wenig respektvolle Anekdoten von seinen geliebten Lehrern
-aufs Tapet, die der Adjunkt aus Gewissenhaftigkeit manchmal zu stoppen
-versuchte, und die er doch mit heimlichem Vergnügen anhörte. Ganz
-besonders freute es ihn, wenn Gustaf erzählte, wie sie Onkel Abel an
-der Nase herumführten. +Die+ Anekdoten merkte sich der Adjunkt
-immer ganz besonders, um später den Bruder damit zu erbauen.
-
-So ging der Abend hin. Als man zu Nacht gegessen hatte, wurde
-Abendandacht gehalten. So wurde es zehn Uhr, und der Adjunkt drang
-eifrig darauf, daß man zu Bett gehen sollte.
-
-„Denkt doch, morgen müssen wir um Sieben aufstehen!“ sagte er.
-
-Frau Hallin umarmte den heimgekehrten Sohn und sah ihm lange ins
-Gesicht, um zu ergründen, was es nun eigentlich war, was sie so gar
-nicht recht wiedererkannte.
-
-„Denk auch dran, daß du wieder daheim bist!“ sagte sie...
-
-„Geh mit Papa. Du schläfst in seinem Zimmer.“
-
-Und als alle fort waren, saß sie noch eine Weile bei der Lampe, ehe sie
-sie löschte. Sie wußte nicht so recht, woran es eigentlich lag. Aber
-sie hatte sich die Heimkehr des Sohnes ganz anders gedacht.
-
-Das Studierzimmer des Adjunkten Hallin lag unter dem Dach. Eine
-Holztreppe führte hinauf. Der Adjunkt ging voraus, der Sohn folgte.
-Schwatzend tasteten sie sich durchs Dunkel, der Adjunkt langte den
-Schlüssel herunter, der an seinem gewohnten Platz über der Tür lag, und
-sie traten ein.
-
-Durch das Fenster erblickte man den beschneiten Domplatz, über den
-hartgestampfte Wege führten und wo die Ulmen ihre nackten, knackenden
-Zweige im Februarsturm bogen.
-
-Ernst war es wunderlich zu mut. Wie oft hatte er das Verlangen gehabt,
-hierher, in dies Zimmer, zu gehen und mit dem Vater zu sprechen,
-vertraulich, wie mit einem Freund. Aber im Erziehungsprogramm des
-Vaters hatte etwas derartiges nicht gestanden, und heut, wo der Vater
-es vielleicht selber wünschte, heut wußte er nicht mehr, wo er anfangen
-sollte.
-
-Der Adjunkt zündete die Kerze an, ließ den Vorhang herab und fing
-an, sich auszukleiden. Ernst setzte sich in die Sofaecke; sein
-langgezogenes Gesicht sah im matten Schein der Kerze ganz graubleich
-aus.
-
-„Gehst du noch nicht zu Bett?“ fragte der Adjunkt.
-
-„Ich glaube, ich möchte noch eine Weile aufbleiben!“
-
-„Ich denke, du bist müde!“
-
-„Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.“
-
-Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und
-fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er
-hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es
-jetzt wiedersah.
-
-„Morgen schlaf’ ich recht lang!“ sagte er.
-
-Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging.
-
-Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn verlassen hatte.
-Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf
-und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz
-vor dem Haus deutlich sehen konnte.
-
-Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den
-Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im
-Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein
-seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz.
-
-Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen
-gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten
-Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne
-sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der
-Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die
-Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die
-Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine
-Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen
-wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach
-trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und
-mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im
-Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas
-der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider,
-brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen
-seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der
-Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um
-den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut.
-
-Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen
-ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht
-hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins
-Gedächtnis zu rufen. Die Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen
-auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel.
-Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des
-gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er
-einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen
-Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der
-Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des
-Frühlings.
-
-Des Frühlings!
-
-Einsam war er gewesen -- immer -- seine ganze Jugend lang! Mit ein
-paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er
-doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen
-der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für
-sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und
-gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht
-alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer
-fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er
-wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran
-erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein
-anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen.
-Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe
-zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und
-glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das
-er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die
-Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte.
-
-Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er
-hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im
-Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark
-und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach
-seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam
-und in seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde
-auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei
-ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein
-Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen
-nur antworten kann: „Ich weiß nicht!“
-
-Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das
-leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben
-zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm
-blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die
-Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den
-Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die
-Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes
-ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie
-sie sich paarten und Nester bauten.
-
-Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff
-durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er
-ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper
-hin und her schwang.
-
-Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast,
-als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen?
-Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und
-jetzt saß er da -- als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als
-Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten.
-Durfte er sich „bereit“ nennen?
-
-Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz
-erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast
-vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm
-das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen
-härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: „Wer ist da?“
-
-Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war
-ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein
-leichter Rauch aufstieg.
-
-„Darf ich hereinkommen?“ fragte er.
-
-Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte,
-und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward
-seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und
-fragte: „Stör’ ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?“
-
-Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre
-jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast
-aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals
-viel Wesens aus sich selber Und seinen Ansichten, aber er hatte mit
-seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so
-ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu
-als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in
-diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging.
-
-Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher
-werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als
-habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die
-Szene sei recht gut arrangiert -- die Gardine aufgezogen, damit man die
-Kirche sehen konnte -- und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten!
-Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu
-dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder
-gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte.
-
-Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruder nicht ganz;
-aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte,
-daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu
-Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer
-Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack von Kindischem hat.
-Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren
-gewöhnlichen Platz zurück.
-
-„Ich hab’ am Fenster gesessen und hinausgeschaut,“ sagte er. „Weißt du,
-auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.“
-
-Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn
-nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll
-Befriedigung: „Ach so, ja, das ist was anderes!“
-
-Laut sagte er: „Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz
-zu dir kommen.“
-
-Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen
-einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es
-war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war.
-
-Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein
-Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer
-gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und
-kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Propsten
-und halbverhungerten Vikaren. Aber dies „Geistliche“ konnte er bei
-seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen
-Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach,
-ob dies „Geistliche“, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen
-noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl
-kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der
-Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule
-ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare „Geistliche“ in hohem
-Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den
-Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte
-er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war.
-Und er beschloß, diese Entdeckung bei Gelegenheit auch seinen besten
-Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete
-seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der
-Geistlicher war.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Frau Hallin hatte eine kleine Schwäche, die mit den Jahren zunahm. Im
-Gegensatz zu ihrem jüngsten Sohn hatte sie nämlich eine ganz besondere
-Vorliebe für Geistliche, und so oft der Weinberg des Herrn in Gammelby
-mit einem neuen Arbeiter gesegnet ward, machte sie es immer irgendwie
-möglich, ihn binnen kurzem in ihren Verkehr zu ziehen.
-
-„Hat Mama wieder mal einen neuen Pastor am Bändel?“ war Gustafs
-ständige Frage an die Schwester, wenn er ab und zu nachmittags heimkam
-und durch die offene Wohnzimmertür den Klang einer männlichen Stimme
-vernahm, die in tiefen Gutturaltönen mit der Mutter redete. Wenn er
-nachher die Mutter selber sah, pflegte er in teilnehmendem Ton zu
-fragen, wie der Pastor heiße. Die Mutter argwöhnte auch immer die
-Ironie, die in der Frage lag, antwortete aber stets, als wäre sie ganz
-in Ernst gestellt.
-
-Der Umgang mit Geistlichen war ihr zu einem wahren Bedürfnis geworden.
-Sie hielt das für eines der wirksamsten Mittel zur Erhaltung ihres
-geistigen Lebens, und sie war unerschöpflich erfinderisch darauf
-bedacht, daß die Quelle nicht versiegte.
-
-Hallins verkehrten auch mit Bischofs, und ein großer Trost war ihr
-die Erinnerung, daß der Bischof einmal in einem Gespräch darüber,
-wie man erfolgreich gegen den gefährlichen Geist der Zeit ankämpfen
-sollte, zu ihr gesagt hatte, wenn die Streiter der Kirche viele solche
-Bundesgenossen daheim hätten, wie sie, würde der Streit ihnen leichter
-werden! Sie bewunderte nämlich den Bischof, weil er in ihren Augen der
-Gnade näher stand als ein gewöhnlicher Geistlicher. Und doch hegte sie
-in ihrem Herzen manchmal gewisse Zweifel, die ihr aber nie über die
-Lippen gekommen wären. Wenn sie die hohe, stattliche Gestalt erblickte,
-auf deren Brust bei festlichen Gelegenheiten das goldene Kreuz
-funkelte, wenn sie die herrische, gebieterische Miene sah, die Stimme
-hörte, die sie gewöhnlich „männlich“ nannte, und die ihr doch manchmal
-fast roh klang, wenn sie die fleischigen, schwellenden Lippen und den
-kalten Blick der grauen Augen sah, die oft fast ein bißchen höhnisch
-unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorschauten, da konnte ihr
-wahrhaftig manchmal fast der sündhafte Gedanke kommen: Ist der Mann
-das, was der Herr meinte, wenn er vom Kreuzaufsichnehmen redete? Sie
-machte sich freilich immer die bittersten Vorwürfe, wenn sie solchen
-Gedanken in sich Raum gegeben hatte. Denn es steht einem wahren
-Christen nicht an, die Werkzeuge zu tadeln, die der Herr auserkoren
-hat, sein Werk zu fördern!
-
-Ihr Herz zog sie viel mehr zum Dompropst von Gammelby. Wenn der am
-Sonnabendnachmittag zu ihr kam und sie Gelegenheit fand, ihm manches
-von dem anzuvertrauen, was sie beschäftigte, oder ihn über eine dunkle
-Stelle in der Heiligen Schrift zu Rate zu ziehen, über die sie lang
-einsam nachgedacht hatte, während die Nadel emsig in ihren fleißigen
-Fingern ab und zu ging, da überkam sie ein Friede, eine Ruhe, die viele
-Tage lang noch vorhielten. Der Dompropst war ein frommer Christ und
-ein guter Mensch. Sein Blick war so mild und sein Lächeln so licht,
-daß es das lange hagere Gesicht mit dem dunkeln Backenbart und den
-hervorstehenden Backenknochen fast schön machte. Und sie konnte nicht
-anders, sie mußte zugeben, daß er in ganz anderer Weise als der Bischof
-ein Diener des Geistes war.
-
-Sonst waren es meist die jüngeren Geistlichen, die sie bei sich sah.
-Der Bischof stand zu hoch über ihnen, als daß sie ihn, mit Ausnahme
-von ganz besonderen Gelegenheiten, hätten einladen können. Und der
-Dompropst hielt sich im allgemeinen jedem gesellschaftlichen Verkehr
-fern. In letzter Zeit hatte Frau Hallin viel Freude vom Umgang mit
-Pastor Simonson gehabt. Er war im Lauf des Jahres als Hilfslehrer am
-Gymnasium angestellt worden, und es war ihr nicht schwer gefallen, ihn
-in ihren Umgangskreis zu ziehen. Er war ja doch von Upsala her Ernsts
-Freund und hatte, sobald er in die Stadt gekommen war, seinen Besuch
-gemacht und die Grüße des Sohnes überbracht.
-
-Seitdem kam er oft zu Adjunktens. Meist kam er nachmittags, so gegen
-sechs Uhr, und ward dann auch gewöhnlich aufgefordert, zum Tee zu
-bleiben. Zuerst saß er dann immer allein bei Frau Hallin, während
-die übrigen Glieder der Familie noch auf ihren verschiedenen Zimmern
-beschäftigt waren. Nach und nach sammelten sich alle im Wohnzimmer,
-jedes von seiner Arbeit weg. Gustaf hatte an solchen Tagen meist
-länger als gewöhnlich zu tun. Und die Mutter warf ihm immer einen
-mißbilligenden Blick zu, wenn er grade erst in dem Augenblick eintrat,
-wenn man sich zu Tisch setzte. Frau Hallin hatte immer irgendeinen
-religiösen Gesprächsstoff zur Hand, wenn Pastor Simonson kam. Manchmal
-wollte sie auch Dinge profanerer Natur wissen. So konnte sie ihn zum
-Beispiel fragen, wie Jünglinge, die ernstlich den Herrn suchten, in
-Upsala ihre Abende zubrächten. Der Pastor erwiderte darauf, das wäre
-sehr verschieden. Meist wohl auf ihrem Zimmer bei der Arbeit. Oder auch
-in irgendeiner Familie. Oder auch mit Kameraden in irgendeinem Café.
-
-Frau Hallin machte große Augen.
-
-In einem Café? Gingen solche Jünglinge denn überhaupt ins Café?
-
-Ja, das heißt natürlich, nicht zu oft. Und natürlich auch nur in ganz
-respektable Cafés. Aber gegenwärtig gestalte sich eben der Verkehr
-zwischen den jungen Leuten so, daß man meist im Café zusammen wäre.
-Er wolle ja gewiß nicht leugnen, daß ein derartiges Leben recht viele
-Versuchungen mit sich brächte. Und er danke Gott, daß er ihm glücklich
-entronnen sei; denn er hätte gar manchmal den schädlichen Einfluß eines
-derartigen Lebens an sich selber empfunden und tief beklagt.
-
-Und der Pastor kniff die Lippen zusammen, daß tiefe Falten in seinen
-Mundwinkeln entstanden. Frau Hallin aber kam durch diese und andere
-ähnliche Unterredungen auf ganz merkwürdige Gedanken. Sie fühlte sich
-gar nicht mehr so recht sicher in Beziehung auf Pastor Simonson.
-
-Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere
-Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau
-Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei
-jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem
-der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen.
-Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor
-Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als
-wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm.
-
-Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen
-Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden
-hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines
-der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich
-einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger
-Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, -- leicht
-möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden
-wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen gegeben hätte, daß
-junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen.
-
-Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie
-in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab
-und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis
-besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit
-allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie
-überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft
-so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage
-sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich
-ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig
-verstehen könne.
-
-Eines Abends, als Mutter und Tochter nach einem solchen Gespräch allein
-beisammen saßen, fragte Selma die Mutter mit vor Ärger zitternder
-Stimme: „Wie kannst du dich nur so herabwürdigen, Mama, und in solch
-einem Ton mit Pastor Simonson sprechen!“
-
-Frau Hallin sah ganz verwundert aus. Sie begriff gar nicht.
-
-„Mich herabwürdigen! Was willst du denn damit sagen?“
-
-Selma ward ganz rot vor Eifer.
-
-„Ich will damit sagen,“ erwiderte sie, „daß du mit ihm redest, als
-wüßte er wer weiß wie viel mehr als du und hätte wer weiß wie viel mehr
-Erfahrung. Mir scheint, darin liegt etwas Herabwürdigendes. Er ist doch
-schließlich nichts weiter, als ein gewöhnlicher Vikar! Und dazu noch
-wirklich ein recht gewöhnlicher!“
-
-Und der Tochter standen wahrhaftig die Tränen in den Augen.
-
-Aber die Mutter schüttelte bloß den Kopf und sagte:
-
-„Wir müssen das Gute, das uns geboten wird, im wahren Sinn
-entgegennehmen und uns nicht zu Richtern über die Menschen aufwerfen!“
-
-Pastor Simonson selber wußte Frau Hallins Art, seinen Worten zu
-lauschen, wohl zu würdigen; er dachte darum auch sehr hoch von Frau
-Hallins Klugheit und Menschenkenntnis. Er fand es sehr lehrreich, sich
-mit dieser frommen Frau zu unterhalten und Blicke in ihre verborgenen
-Kämpfe zu tun. Es war dies um so merkwürdiger, als Frau Hallin fast nie
-selber sprach, sondern den jungen Geistlichen reden ließ und meist nur
-dasaß und andächtig lauschte.
-
-Mit Selma dagegen kam er nicht recht vom Fleck. Sie widersprach ihm nur
-selten, vor allem nie in Gegenwart der Mutter. Aber wenn er so recht
-lang und eifrig eine Ansicht verfochten hatte, konnte sie auf eine Art
-dasitzen und schweigen, die ganz wie eine eigensinnige, hartnäckige
-Opposition aussah. Und Opposition -- das konnte der Pastor nicht
-vertragen.
-
-Übrigens war Pastor Simonson in letzter Zeit seltener gekommen. Er
-hatte über seine Besuche in der Hallinschen Familie nachgedacht und war
-zu dem Schluß gekommen, wenn ein junges Mädchen im Haus wäre, müsse
-man, in Rücksicht auf ihren Ruf, vermeiden, Anlaß zum Klatsch zu geben.
-Pastor Simonson wollte gern auch aus Rücksicht auf sich selbst jedes
-Gerede vermeiden. Er wußte ja, wie gern man sich in einer Kleinstadt
-wie Gammelby grade mit der Zukunft der jungen Geistlichen beschäftigt.
-Er wußte auch, wie leicht ein derartiges Geschwätz das Glück zerstören
-kann, wenn es sich eines Tages einmal unerwartet in solider Form
-präsentiert. Und Pastor Simonson fand, man könne in solchen Sachen gar
-nicht vorsichtig genug sein.
-
-Frau Hallin glaubte die Gründe, weshalb des Pastors Besuche in
-letzter Zeit seltener geworden waren, zu durchschauen und war ihm im
-Grund ihres Herzens dankbar für solches Zartgefühl. Aber jetzt war
-ja Ernst heimgekehrt, jetzt, hoffte sie, würde er wieder um so öfter
-kommen. Sie kannte ja ihren Ernst; sie wußte, der konnte tagelang
-seinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne überhaupt von selber auf
-die Idee zu verfallen, unter Menschen zu gehen. Darum gab sie ihm
-ein paar deutliche Winke, um ihn zu veranlassen, seine alten Freunde
-aufzusuchen. Sie sehnte sich danach, ihren Sohn auch einmal so reden zu
-hören, wie Pastor Simonson so oft vor ihr geredet hatte. Und daheim, im
-Alltagsleben, wollte das nicht so recht gehen. Aber alle ihre Versuche
-in dieser Richtung scheiterten. Der Sohn schien ihre Andeutungen nicht
-zu verstehen oder kümmerte sich nicht darum.
-
-Eines Nachmittags aber -- um sechs Uhr, grad wie gewöhnlich -- läutete
-es, und gleich darauf trat Pastor Simonson ein. Er ging, wie immer, auf
-Frau Hallin zu, begrüßte sie und machte sich’s dann in seinem gewohnten
-Stuhl bequem, während Frau Hallin das Dienstmädchen hinaufschickte, um
-zu fragen, ob Herr Ernst, wie er zu Hause noch immer genannt wurde,
-nicht herunterkommen möchte. Das Mädchen kam zurück und richtete aus:
-einen schönen Gruß, und ob Herr Pastor Simonson nicht ein bißchen zu
-Herrn Ernst auf seine Stube kommen würde. Der Adjunkt wäre ausgegangen,
-und so hätten sie das Reich für sich.
-
-Frau Hallin sah etwas enttäuscht aus, beherrschte sich aber und bat den
-Pastor, noch eine Treppe höher zu steigen. „Bleiben Sie nicht zu lange
-weg!“ fügte sie hinzu.
-
-Als Pastor Simonson in die Stube des Adjunkten kam, fand er den Freund
-dort auf dem Sofa sitzen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und
-in seiner ganzen Haltung lag etwas so Schlaffes, Zusammengesunkenes,
-daß der Pastor schon Unrat witterte. Sollte wirklich der Geist des
-Zweifels Herr geworden sein...?
-
-„Guten Tag!“ sagte er und machte ein paar Schritte auf Ernst zu.
-
-Ernst Hallin richtete sich auf und schaute sich mit müdem und wirrem
-Blick um. Langsam hob er die Hand zum Kopf und fuhr sich mit
-einer seltsamen Bewegung durchs Haar. Dann erhob er sich wie ein
-Schlafwandler und ergriff des Freundes Hand.
-
-„Ach so, du bist’s!“ sagte er. „Ja, es ist ja wahr. Grüß Gott! Wie
-geht’s dir denn?“
-
-Es kam hastig und eintönig heraus, wie eine auswendig gelernte Aufgabe.
-
-Der Pastor sah ihn scharf an. „Mir? Danke, gut. Ich glaube, ich kann
-eher fragen, wie es dir geht?“
-
-In Ernsts Gesicht kam plötzlich ein sehr klarer und bestimmter Ausdruck.
-
-„Mir geht es ganz gut!“ sagte er kurz. „Magst du dich nicht setzen?“
-
-Der andere setzte sich rasch, ohne dabei den Blick vom Gesicht
-des Freundes zu wenden. Ernst hatte sich in der letzten Zeit sehr
-verändert. Die Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren
-Höhlen, und der dunkle Rand um sie war breiter und dunkler als je
-zuvor. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fürchte er sich vor dem
-andern. Pastor Simonson merkte, wie Ernst ihn von der Seite beobachtete
-und wie es um seine Mundwinkel zuckte, während er schweigend dasaß.
-Keine Sekunde konnte er seine Hände ruhig halten. Die langen, schmalen
-Finger liefen in fieberhafter Hast auf der Sofalehne hin und her;
-ein paarmal lachte er auch, nervös, kurz, als wolle er die Tränen
-zurückhalten.
-
-Dann erhob er sich plötzlich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
-Manchmal blieb er stehen und betrachtete Simonson mit einem Ausdruck,
-in dem dieser etwas Spöttisches zu lesen glaubte. Doch sagte er nichts,
-sondern setzte seine Wanderung fort und blieb nur manchmal stehen,
-um den Pastor zu betrachten und die Finger durch den weichen Bart zu
-ziehen.
-
-„Du hast mich gebeten, heraufzukommen“, sagte der Pastor.
-
-„Ich dachte, du wolltest was von mir. -- Es ist lang her, seit wir
-uns zuletzt gesehen haben!“ fuhr er dann fort, da der andere nicht
-antwortete.
-
-Ernst brach ganz unmotiviert in ein heiteres Lachen aus, wurde dann
-aber plötzlich wieder ernst.
-
-„Ja, es ist lang her!“ sagte er mit Betonung. „Und in einem Jahr kann
-sich viel ereignen. Früher haben wir uns ja gekannt. Waren es wirklich
-vier volle Jahre, daß wir täglich miteinander zu Mittag aßen?“
-
-Pastor Simonson hatte fast ein Gefühl von Angst. Er begriff nicht,
-worauf der andere hinauswollte; und so fragte er zögernd: „Was soll das
-heißen: früher haben wir einander gekannt? Kennst du mich etwa jetzt
-nicht mehr?“
-
-Er blickte an sich herunter und sah den schwarzen Gehrock. Und
-er errötete. Es war eine seiner Schwächen, daß er gern einen
-hochschließenden, doppelreihigen Gehrock trug, der dem Pastorenrock so
-ähnlich wie möglich war. Einesteils glaubte er, daß der Rock ihn gut
-kleide. Und dann verlieh er ihm eine gewisse Würde; und darauf legte
-der Pastor Wert.
-
-Ernst sah, wie er errötete, und schwieg eine Weile lächelnd. Es sah
-aus, als amüsiere er sich.
-
-„Doch, natürlich kenn’ ich dich!“ sagte er dann, das letzte Wort leicht
-betonend und mit einem Versuch, in seine Stimme Herzlichkeit zu legen.
-
-Aber beide Männer fühlten in diesem Augenblick, daß etwas Feindliches
-zwischen sie gekommen war, und wußten, es war gekommen in dem
-Augenblick, in dem sie sich beide -- jeder nach seiner Seite hin --
-entwickeln mußten. Es war, als wenn verschiedene Lebensmächte sie
-beherrschten, und als wenn jeder fürchtete, in dem ehemaligen Freund
-einen gefährlichen Gegner zu finden. Das Widerstreben gegen seine
-Persönlichkeit, das Pastor Simonson hinter dem seltsamen Wesen des
-andern ahnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. In ihrem ganzen Kreis war
-immer er es gewesen, der das Wort geführt hatte. Auch wenn sie beide
-allein gewesen waren, hatte immer Pastor Simonson geredet, und Ernst
-hatte zugehört. Einen Augenblick kam Simonson ein ganz merkwürdiger
-Gedanke. Jawohl, so war es, tatsächlich! Ihm war es ja nie in den
-Sinn gekommen -- aber Ernst Hallin hatte ihm überhaupt nie sein
-Vertrauen geschenkt; sondern wenn der Freund nicht widersprach, hatte
-er, Simonson, immer einfach angenommen, daß er ihm beistimme. Aber
-den Gedanken schob er denn doch von sich. Es war ihm ganz unmöglich,
-ihn festzuhalten. Hallin, der weiche, stille Hallin, den er immer
-nur in den Vorhof stellte, wenn er ihn mit sich selber verglich --
-Ernst Hallin, den er eigentlich nur als seinen Jünger betrachtete --,
-der sollte in den fünf Jahren in aller Stille und Verschlossenheit
-seine eigenen Wege gewandelt sein? Nein, nie und nimmer konnte er das
-glauben! Aber er beschloß doch, vorsichtig und aufmerksam zu sein.
-
-Er blickte wieder nach Ernst hinüber. Der gespannte Ausdruck in des
-Freundes Gesicht war gewichen; er lächelte.
-
-„Ja -- jetzt muß man sich also seine milchende Kuh verschaffen -- zum
-Lohn für die Studienjahre!“ sagte er.
-
-Pastor Simonson sah ihn forschend an. Er wußte absolut nicht, ob der
-andere ironisch sprach oder ernsthaft.
-
-Ernst Hallin schien das gar nicht zu bemerken.
-
-„Darauf läuft’s ja doch hinaus“, fuhr er fort. „Sieh bloß meinen Vater
-an. Wie ein Sklave hat er gearbeitet. Achtundzwanzig Jahre oder mehr
-steht er jetzt im Dienst der Schule, hat geschuftet und geochst, und
-Hefte korrigiert und den Jungens lateinische Grammatik eingetrichtert.
-Fast sechzig Jahr ist er jetzt. Und ich weiß, noch immer hat er
-Schulden, die nicht abbezahlt sind. Ich weiß es!“ wiederholte er
-heftig, als hätte der andere ihm widersprochen, und sein Gesicht
-zuckte. „Was sagst du dazu?“ Er blieb vor Simonson stehen.
-
-„Ach, das ist ja bei dir was ganz anderes“, sagte der. „Du bist ja doch
-Theologe.“
-
-Ernst verzog keine Miene, sondern fuhr im selben Ton fort: „Ja
-freilich, da hast du recht. Ich werd’ Geistlicher. Die haben’s
-leichter, ihre Schulden zu zahlen. Und man ist ein rangierter Mann, eh
-man’s überhaupt ahnt! Ich hab’ daran gar nicht gedacht!“
-
-Er setzte sich neben den andern ins Sofa und gab ihm einen
-freundschaftlichen Klaps aufs Knie.
-
-„Na, wie geht’s dir denn hier? Gut?“
-
-Pastor Simonson sah ganz erleichtert aus. Wenn er von sich selber
-sprechen konnte, so fand er sich immer besser zurecht.
-
-„Freilich. Mir geht’s gut hier“, sagte er. „Es geht einem immer gut,
-wenn man seine geordnete Arbeit hat. Ich glaube, ich darf wohl sagen,
-meine Vorgesetzten sind zufrieden mit mir. Ein paarmal hab’ ich auch
-gepredigt. Und meine letzte Predigt hat Aufsehen erregt. Der Bischof
-fand, es wäre gut, wenn ich sie drucken ließe. Überhaupt hat er mir
-viel Freundlichkeit erwiesen.“
-
-„So, so!“ sagte Ernst zögernd. „Das freut mich.“
-
-Aber er blickte dabei zur Seite, und über sein Gesicht flog eine
-hastige Röte.
-
-„Wollen wir hinuntergehen?“ fragte er dann plötzlich.
-
-Drunten im Wohnzimmer hatte der Adjunkt eben einen kleinen Streit mit
-seiner Frau gehabt.
-
-Er hatte am Nachmittag seinen Bruder, den Professor, besucht, und als
-die Brüder eine Weile beieinander gesessen hatten, war der Professor
-aufgestanden und hatte mit seinem alten gassenjungenhaften Ton gesagt:
-„Du, Erker! Wie wär’s, wenn wir uns heut einen vergnügten Abend
-machten? Ich hab’ eine ganz verwünschte Lust dazu!“
-
-Und er zog an seinem wohlgepflegten Backenbart und schnitt eine
-Grimasse, die dem Adjunkten unwillkürlich ein Lachen ablockte.
-
-„Na, was meinst du dazu?“
-
-Der Adjunkt lächelte -- ein bißchen gezwungen, wie es dem Bruder
-schien.
-
-„Ich weiß nicht recht...“
-
-Der Professor kannte dies Lächeln. Er verstand den Bruder.
-
-„Freilich, Ebbas strenge Grundsätze -- na, usw. usw. Aber wart’ einmal.
-Da, stell dich hinter die Tür, so sollst du mal hören, wie das ein
-alter Diplomat macht!“
-
-„Zu was soll ich mich denn hinter die Tür stellen?“
-
-Der Professor kratzte sich am Kopf und lachte, daß sein Bauch wackelte.
-
-„Zu was du dich hinter die Tür stellen sollst? Du bist doch ein
-unverbesserlicher Schafskopf! Oder ein Idiot -- wie man das heutzutag
-nennt! Um was zu lernen, verstehst du? Also sei mal still!“
-
-Sein wohlgenährter Körper verschwand geschmeidig durch die Tür, die er
-halb offen ließ.
-
-Der Adjunkt sah recht kläglich aus, wie er so dastand. Aber neugierig
-war er doch. Darum blieb er und horchte. Erst war eine ganze Weile lang
-alles still. Er dachte schon, der Bruder hätte seine Frau gar nicht
-getroffen. Endlich hörte er ein Husten, das anscheinend vom Bruder kam.
-Dann eine sanfte Stimme, die sagte: „Du bist recht lieb, daß du mir
-Gesellschaft leistest!“
-
-„Ja, siehst du, ich wollte eigentlich heut abend ein bißchen ausgehen.
-Eine Verabredung... ein paar Kollegen...“
-
-Dann ein Flüstern, das nicht zu verstehen war. Und darauf die Stimme
-der Professorin: „Laß schon, Abel! Du weißt, ich mag keine Judasküsse!
-Geh nur mit deinen Kollegen! Du weißt ja, ich schlaf’ doch nicht, eh du
-daheim bist!“
-
-Und dann des Professors Stimme: „Adieu, lieber Schatz! Halt gut Haus,
-solang ich fort bin! Schlafen wirst du schon, paß nur auf, -- wenn du
-nur erst zu Bett bist!“
-
-Im nächsten Augenblick witschte der Professor wieder ins Zimmer, den
-Finger auf die Lippen gedrückt.
-
-„So, jetzt weißt du, wie man’s macht! Jetzt rasch, geh heim, und
-nachher treffen wir uns im Ratskeller! Bruhn ist auch da und Kumlander
-und noch ein paar. Heut abend ist was ganz Besonderes los, mußt du
-wissen!“
-
-Der Adjunkt ging sehr eilig nach Hause an solchen Abenden. Er machte
-kleine, rasche Schritte; sein Gesicht hatte einen ganz besonders
-belebten Ausdruck. Für einen Abend wollte er einmal den Schulzwang und
-die Familienbürde von sich werfen! Wollte sich einmal wieder ledig
-fühlen und frei! Er war auch ganz sicher -- seine Frau würde ihn
-verstehen und ihm die Freude durch kein saures Gesicht stören. Sie
-wußte ja, wie nötig er’s hatte, einmal so recht herauszukommen!
-
-Mit behutsamen Schritten trat er ins Wohnzimmer, in dem seine Frau saß.
-Er hatte noch den Mantel an und den Stock in der Hand. Und ohne weitere
-Vorbereitung brachte er sein Anliegen vor; so sicher, wie vorhin auf
-der Straße, fühlte er sich freilich nicht mehr.
-
-Frau Hallin sah eigensinnig auf ihre Arbeit. Um ihren Mund legte sich
-ein strenger Zug.
-
-„Pastor Simonson war hier; und ich hab’ ihn auf heut abend eingeladen!“
-sagte sie.
-
-„Er hat ja Ernst!“ meinte der Adjunkt eifrig.
-
-Frau Hallin blickte von ihrer Arbeit auf und sagte ernsthaft: „Um
-unsres Sohnes willen müßtest du das nicht tun!“
-
-Ein ziemlich lebhafter Wortwechsel entspann sich. Aber der Adjunkt
-bestand auf seinem Recht. Er wollte ausgehen, und er würde ausgehen.
-Außerdem hatte er es schon versprochen. Was ging ihn überhaupt Pastor
-Simonson an? Es war doch gewiß keine Sünde, wenn man einmal abends
-ausging!
-
-Frau Hallin setzte ihre allerverstockteste, vorwurfsvollste Miene
-auf und bat ihn, doch ja zu gehen. Sie hatte getan, was sie konnte!
-+Ihrethalben+ konnte es die ganze Stadt wissen, daß Pastor Hallins
-Vater abends in den Wirtschaften hockte -- in der allerschlechtesten
-Gesellschaft.
-
-Frau Hallin war böse, und zwar ganz ernstlich. Es regte sie immer
-auf, wenn der Adjunkt abends fort war. Sie hatte es ja, Gott sei Dank,
-dahin gebracht, daß es nicht mehr oft vorkam. Daß er aber grad heute,
-wo Pastor Simonson da war, ausgehen wollte -- das reizte sie. Denn sie
-war ganz sicher -- der Pastor würde die Geschichte weitererzählen.
-Und den ganzen Abend lang würde es sie quälen, daß das grade in ihrem
-christlichen Haus passieren mußte!
-
-Als auf der Treppe Schritte laut wurden, verschwand der Adjunkt. Frau
-Hallin hatte auf jeder Backe einen kleinen roten Fleck, als sie die
-Herren in Empfang nahm.
-
-Aber sie sagte nichts, eh man zu Tisch ging. Während sie dann die
-Herren bat, ins Eßzimmer zu gehen, sagte sie mit einer Stimme, der sie
-vergeblich einen gleichgültigen Ausdruck zu geben versuchte: „Papa ist
-aus heut abend!“
-
-Pastor Simonson warf einen raschen Blick auf ihr Gesicht und verstand
-mit einmal, weshalb die Stimmung den ganzen Abend so gedrückt war. Man
-führte ein sündhaftes Leben in Gammelby -- mit Schwelgen und Prassen!
-Und er beugte in einer Art diskreten Mitleidens das Haupt.
-
-Ernst dagegen setzte seine Mutter höchlich in Erstaunen dadurch, daß er
-in die Hände klatschte und heiter rief: „Das ist nett, daß Papa sich
-auch mal ein Vergnügen gönnt! Er hat’s nötig!“
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Als das Abendbrot vorüber war, versammelten sich alle im Wohnzimmer.
-Eine gewisse Verstimmung lag in der Luft, und keiner hatte Lust, ein
-Gespräch anzufangen. Ab und zu sagte jemand ein paar Worte, wie um
-pflichtschuldigst zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Ernst sah
-überhaupt ganz geistesabwesend aus, und Gustaf gähnte unverhohlen.
-
-Frau Hallin erhob sich und ging auf einen Augenblick hinaus. Als sie
-zurückkam, hatte sie Bibel und Andachtsbuch bei sich, die sie beide
-vor Ernst hinlegte, während sie mit einem forschenden Blick sagte:
-„Vielleicht liest du heute das Abendgebet, da Papa fort ist!“
-
-Ernst fuhr zusammen. Er sah so erschrocken aus, als mute ihm die Mutter
-das halsbrecherischste Wagestück zu; und er blickte sich nach allen
-Seiten um, als erwarte er Hilfe und Unterstützung von den andern.
-
-„Meinst du?“ fragte er halblaut. „Grad heute abend?“
-
-„Ich meine, wir sollten auch heut abend nicht auseinandergehen, ohne
-Gottes Wort miteinander gelesen zu haben!“ antwortete Frau Hallin
-ebenfalls in einem Ton, der nicht für die andern berechnet war.
-
-„Wir sind ja aber nicht allein!“ fuhr Ernst widerwillig fort.
-
-„Pastor Simonson hat unserer Andacht schon öfter beigewohnt“, erwiderte
-Frau Hallin, indem sie sich dem jungen Pastor zuwandte.
-
-Ernst Hallin erhob sich. Sein Antlitz war düster; er schob die Bücher
-von sich.
-
-„Ich kann nicht!“ sagte er mit leiser Stimme, die aber durchs ganze
-Zimmer zu hören war. „Quäl’ mich nicht!“
-
-Eine Weile hatten ihm seine Gedanken Ruhe gelassen. Jetzt brachte die
-Mutter sie ihm wieder so recht handgreiflich in Erinnerung. Er, der so
-gar nicht wußte, was er eigentlich glaubte oder dachte, er, der selber
-ein Suchender war, ein Tastender, ein Ringender, er sollte seinen Beruf
-ausüben und andern, die Suchende waren, gleich ihm, predigen?
-
-Er entfernte sich vom Tisch, auf dem die Lampe stand, und setzte sich
-in den dunkelsten Winkel des Zimmers.
-
-Pastor Simonson trat vor und nahm die Bücher an sich.
-
-„Gestatten Sie, daß ich ein Kapitel aus der Bibel lese, Frau Hallin?“
-sagte er. Es lag eine fast unmerkliche Betonung auf dem „ich“.
-
-Frau Hallin warf ihm einen dankbaren Blick zu; aber es tat ihr weh, daß
-sie die Stimme eines Fremden statt der ihres Sohnes hören mußte; und
-Tränen flossen in ihr Taschentuch, während sie das Haupt beugte.
-
-Warum hab’ ich es nur nicht tun können? fragte Ernst Hallin sich. Warum
-hab’ ich es nicht tun können? Es kam ihm selber ganz unbegreiflich vor.
-Er saß ganz stumm da und rang in Gedanken mit sich selbst, um der Sache
-auf den Grund zu kommen. Warum nur nicht! Es war doch sonderbar!
-
-Er ward aus seinen Gedanken gerissen durch Pastor Simonsons Stimme,
-die leise und scharf die Einleitungsworte sprach: „Im Namen Gottes des
-Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
-
-Er las darauf ein Kapitel aus der Bergpredigt; die milden Worte hatten
-einen seltsam fremden Klang. Leblos und kalt fielen sie von seinen
-Lippen, als hätten sie nie eine Seele gehabt, als wären sie nie von
-Lippen gefallen, die von Liebe zur Menschheit, von Trauer über ihren
-Fall zitterten. Korrekt und starr kamen sie heraus, als trockene,
-dogmatische Sentenzen, die man bei der Hand haben muß, wenn es drauf
-ankommt.
-
-Ernst empfand ein unsägliches Unbehagen, eine rein körperliche Qual,
-die für ihn ebenso unleidlich wie neu war. Als Simonson zu Ende gelesen
-hatte, dankte die Mutter ihm. Ernst saß in der Sofaecke. Niemand konnte
-sein Gesicht sehen.
-
-Dann sagten alle Gutenacht. Pastor Simonson zog seinen Überzieher an
-und Gustaf begleitete ihn, um ihn zur Haustür hinauszulassen. Selma
-ging auf ihr Zimmer.
-
-Ernst trat zur Mutter, um ihr Gutenacht zu sagen. Sie sah ihn einen
-Augenblick lang ernsthaft an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte
-sie: „Ernst, mit dir geht etwas vor. Aber ich weiß nicht, was.“
-
-„Mit mir?“ erwiderte Ernst. „Nein.“
-
-Er ging von ihr fort und durchs Zimmer.
-
-„Ich versichere dich, Mama, es ist nichts!“ sagte er. „Was sollte es
-auch sein?“
-
-Bei sich aber dachte er: Was kann sie nur damit meinen? Mit mir
-vorgehen? Was soll denn mit mir vorgehen? Etwas muß es ja freilich
-sein. Seit ich aus Upsala zurück bin, ist es in mir wie eine Unruhe.
-Ich muß Zeit haben -- ich muß zu mir selber kommen. So kann das
-nicht weitergehen. Ah -- was die Menschen alle mich quälen! Und ganz
-besonders Mama mit ihrem Inmichdringen! Wenn ich mich doch verstecken
-könnte, irgendwohin, wo keiner mich sieht, und wo ich keinen sehe!
-Unerträglich ist es hier!
-
-Aber die Mutter ließ sich so leicht nicht abweisen. Sie ging ihm nach
-und legte ihm die Hand auf die Achsel.
-
-„Sag’ mir, was es ist!“ bat sie.
-
-Jetzt wurde Ernst heftig.
-
-„Laß mich in Frieden!“ rief er. „Was hab’ ich denn getan? Ich hab’ die
-Abendandacht nicht lesen wollen. Ich weiß selber nicht, warum. Es war
-mir zuwider. Simonson hat es ja an meiner Statt getan. Und das war ja
-ebensogut. Warum läßt man mich nicht in Frieden? Siehst du denn nicht,
-daß ich grade das brauche, Mama? Ich ertrag’ es nicht, daß man so um
-mich herumgeht und lauert und mich überwacht, als wüßt’ ich selber
-nicht, was ich wollte! Ich bitt’ dich ganz ernstlich, Mama, laß das!“
-
-Und mit einem freundlicheren Gesichtsausdruck als zuvor bog er sich
-nieder zu ihr, küßte sie und wollte gehen.
-
-Frau Hallin blickte ihm bekümmert nach.
-
-Er blieb stehen.
-
-„Wenn du bloß nichts tust, was gegen Gottes Willen ist!“ sagte sie.
-
-Ein Lächeln flog über sein Antlitz.
-
-„Was ist das -- gegen Gottes Willen?“ fragte er.
-
-„Ernst!“ erwiderte Frau Hallin, und in ihren Augen blitzte es. „Das
-weißt du nicht?“
-
-„Doch, doch!“ sagte er rasch. „Ich wollte ja nur sagen, daß ich mich
-davor in acht nehme!“
-
-Und mit hastigen Schritten lief er die Treppe hinauf und in sein
-Zimmer. Als er Licht angesteckt hatte, saß er lange mit pochendem
-Herzen und hämmernden Schläfen da und grübelte darüber nach, was denn
-eigentlich geschehen war. Warum war er denn so heftig geworden gegen
-die Mutter? Und was bedeutete überhaupt das alles?
-
-Dann dachte er plötzlich an Simonson, und etwas wie Zorn erwachte
-in ihm. Ja, der war anders geworden! Oder seh ich ihn vielleicht in
-einem so andern Licht? dachte Ernst. Sogar seine Stimme ist anders
-als früher. Und er sieht aus, als liefe er mit einer Maske herum!
-Kämmt sein Haar so glatt und kleidet sich so feierlich und spricht so
-herablassend mit den Frauen!
-
-Ernst mußte lachen, als er daran dachte. Aber das Lachen verging ihm
-rasch.
-
-„Er ist kein ehrlicher Mensch!“ dachte er. Aber im selben Augenblick
-errötete er über seinen Argwohn.
-
-Es gärte und kochte in ihm, als wäre sein ganzes Innere in Aufruhr.
-Er riß das Fenster auf und atmete die frische Luft ein. Es war dunkel
-draußen. Aber schön war es. Erquickung für die kranken Lungen, die sich
-von verdorbener Luft erholten. Er zog, noch immer unschlüssig, die Uhr.
-Es war kaum Zehn. Durchs Fenster strömte die kühle Luft.
-
-Mit einem hastigen Entschluß hüllte er sich in den Überzieher und
-zündete sich eine Zigarre an. Dann steckte er eine Streichholzschachtel
-zu sich, löschte das Licht und schlich mit leisen Schritten die Treppe
-hinab, hinaus auf die Straße.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Adjunkt Hallin schlug den Weg zum Ratskeller nach der Unterredung mit
-seiner Frau keineswegs so fröhlich ein, wie er vor kurzem noch von
-seinem Bruder nach Hause gekommen war. Seine heitere Laune war ganz
-weg; und er ging eigentlich bloß, weil er nicht gern umkehren mochte.
-Wäre nicht Pastor Simonson daheim gewesen -- er wäre wahrhaftig zu
-Hause geblieben. Aber so schämte er sich, einen Fremden zum Zeugen
-seiner Niederlage werden zu lassen.
-
-Die Luft war schwer und kalt. Grau und wolkig hing der Himmel über
-der Stadt. Als der Adjunkt die Lange Straße hinab ging, sah er,
-wie hinter der Brücke, wo die Straße endet, die Wolken sich ganz
-zusammenschlossen. Ab und zu fuhr ein scharfer Windstoß einher. Die
-grauen und roten Holzhäuser sahen feucht aus. Der Schnee, der auf der
-Straße lag, war an vielen Stellen ganz überdeckt von Schmutz und Unrat.
-
-Die ganze Stadt sah zu dieser Tageszeit aus, als hätte alles, was Leben
-und Atem hat, sich in die Häuser zurückgezogen. An dem einen oder
-andern Fenster zeigte sich neben dem angelaufenen Straßenspiegel ein
-haubengeschmücktes Altfrauengesicht, das eifrig nach den Ereignissen
-draußen ausspähte. Ein kleines Stück vor sich bemerkte der Adjunkt
-den Laternenanzünder. Er trug eine Leiter, die er an jeder Laterne
-aufstellte; dann kletterte er hinauf, und gleich darauf glimmte eine
-gelbe Flamme durch die Dämmerung, beleuchtete Straße und Häuser und
-warf da und dort ihren Schein in ein Zimmer, in dem die Menschen saßen
-und warteten, bis das Erscheinen des Laternenmanns das Zeichen gab,
-daß die offizielle Dämmerstunde zu Ende und es Zeit war, die Lampe
-anzuzünden. Die haubenumrahmten Gesichter hinter den Spiegeln bewegten
-sich, und die alten Augen wurden lebendiger, wenn sie den kleinen Mann
-in seinem grauen Kittel und der Mütze langsam die Leiter emporklimmen
-und die Gaslaternen von Gammelby anstecken sahen.
-
-Es war für den Adjunkt ein ganz besonderes Vergnügen, die Arbeit
-des Laternenmanns zu verfolgen, auf der Straße stehenzubleiben und
-zuzusehen, wie die Lichter sich entzündeten, eins nach dem andern, im
-Zickzack, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken, die ganze
-Lange Straße hinunter, bis die gelben Flammen sich in einer langen
-Zickzacklinie bis zur Brücke hin zogen, hinter der das Dunkel anfing.
-
-Auch jetzt blieb er eine Weile stehen und sah zu, wie die Flamme in der
-Dunkelheit aufloderte und ihren zuckenden Schein über Straße und Häuser
-warf.
-
-Da fühlte er, wie eine Hand ihm von hintenher auf die Schulter schlug.
-Es war Professor Kumlander, der ihm mit seiner langen Nase ins Gesicht
-schnüffelte.
-
-„Guten Abend, Hallin!“ sagte er. „Du kommst doch auch heut?“
-
-„Ja“, erwiderte der aus seinen Betrachtungen gerissene Adjunkt.
-„Beabsichtige es wenigstens. Bist du denn noch nicht dort?“
-
-Professor Kumlander war nämlich im allgemeinen keiner von denen, die
-zu einem Zechgelage zu spät kommen. Heut aber sah er aus wie einer,
-der gewichtige Gründe zum Zuspätkommen hat. Sein Gesicht trug einen
-verschämten und gleichzeitig befriedigten Ausdruck. Und in der Art, wie
-er den Kollegen betrachtete, lag etwas jungenhaft Verschmitztes. Er
-schlug mit seinem Stock aufs Pflaster und schnaubte ein paarmal sehr
-ausdrucksvoll.
-
-„Ich habe so meine Gründe!“ sagte er.
-
-Adjunkt Hallin sah noch immer gänzlich unbeeindruckt aus und begriff
-augenscheinlich nicht, worauf der andere hinaus wollte. Jetzt aber ward
-für Professor Kumlander die Versuchung zu stark. Mit einer Miene, die
-zwischen Verschämtheit und Selbstzufriedenheit schwankte, sagte er:
-„Eigentlich sollt’ ich ja nichts sagen, eh’ wir dort sind. Aber weißt
-du -- meine Frau hat heut ein Mädelchen gekriegt!“
-
-Der Adjunkt mußte es wohl nicht ganz schicklich finden, in lautes
-Gelächter auszubrechen, obwohl ihm das am nächsten lag. Jedenfalls
-aber sah er sehr erheitert aus. Er wußte, heut gab es einen lustigen
-Abend, einen, von dem man noch wochenlang zehren konnte. Wenn bei
-Kumlanders wieder ein Töchterchen angelangt war, -- das war eine Freude
-für das ganze Lehrerpersonal und auch für die Schüler. Acht Jahre war
-der Professor verheiratet. Und jedes Jahr kriegte er ein Mädchen, und
-bei jedem Mädchen hatte er, all die acht Jahre her, sich gewünscht,
-es möchte ein Junge sein. Er rechnete es immer ganz genau aus, daß es
-diesmal ein Junge sein müßte. Ganz fest war er davon überzeugt; es war
-überhaupt gar nicht anders möglich. Alle Wahrscheinlichkeiten sprachen
-dafür, daß es diesmal ein Junge war. Es gab da so gewisse Anzeichen,
-die die Hebamme beobachtet hatte. Und der Professor flüsterte seinem
-Nebensitzer ein paar Worte ins Ohr. Und kurz -- es war so gut wie
-sicher.
-
-Und jedesmal war es ein Mädchen.
-
-Fünfmal war es jetzt schon so gegangen. Immer war der Professor ganz
-unerschütterlich in seinem Glauben, immer war er gleich mitteilsam und
-vertrauensvoll den Kollegen gegenüber, immer ward er betrogen und immer
-hoffte er gleich unverdrossen auf mehr Glück das nächstemal. Weshalb es
-auch unter den Kollegen zum stehenden Scherz wurde, Kumlanders könnten
-bloß Mädchen kriegen.
-
-Diesmal genierte er sich aber doch ein bißchen. Er wußte, heute würde
-es über ihn hergehen! Und mag man noch so gutmütig sein, -- ein bißchen
-peinlich ist so was doch.
-
-Der Adjunkt bezwang einstweilen seine Lachlust noch und fragte nur
-boshaft: „Na, wie ist’s denn? Achte hast du jetzt, was?“
-
-„Quatsch!“ sagte der Professor gutmütig. „Ich bin doch überhaupt erst
-acht Jahre verheiratet.“
-
-Und lachend gingen die beiden Herren die Ratskellertreppe hinab.
-
-Daß die Herren grade heute abend zusammenkamen, das hatte Professor
-Hallin zuwege gebracht. Er hatte niemand gesagt, warum; denn der
-„Anlaß“ sollte eine Überraschung sein. Er hatte es nur eingerichtet,
-daß sie alle sich an diesem Abend treffen wollten, so viele von denen,
-die zu einem lustigen Abend gehörten, er überhaupt zusammentrommeln
-konnte. Daß bei Kumlanders etwas erwartet wurde, hatte er durch seine
-Frau erfahren. Seitdem hatte er nach besten Kräften seine Vorkehrungen
-getroffen. Gradezu gefiebert vor Unruhe hatte er beim Gedanken, es
-könnte doch möglicherweise ein Junge sein. Das hätte ja den ganzen
-Spaß verdorben. Vormittags war Professor Kumlander nicht in der Schule
-gewesen; und Professor Hallin hatte sich in einer der Pausen die
-Nachricht zu verschaffen gewußt, daß das große Ereignis stattgefunden
-hatte. Er hüpfte vor Freude, als er hörte, daß das Kleine ein Mädchen
-war. Professor Kumlander pflegte jeden Abend um sieben Uhr auf ein
-Stündchen zum Abendschoppen in den Ratskeller zu gehen; und daß er an
-einem so wichtigen Tag nicht ausbleiben würde, war ziemlich sicher.
-
-Als darum Hallin und Kumlander jetzt zusammen in das kleine Nebenzimmer
-traten, fanden sie vor dem Sofa einen langen Tisch, auf dem heftig
-dampfende Groggläser winkten, und um den Tisch den ganzen Kreis der
-älteren Lehrer versammelt. Es mochten alles in allem etwa zehn Personen
-sein.
-
-Da saß Doktor Björkén, ein langer, hagerer Magister, dessen Adlernase
-in dem üppigen Bart fast begraben war. Daneben Professor Eneman,
-ein kleiner, fetter Herr mit Glatze und Brille. Seine Augen fuhren
-beständig nach allen Seiten umher, als fordre er den Beifall seiner
-Nebensitzer heraus, und um seine Lippen lag ein Lächeln, das bezeugen
-sollte, daß ein guter Witz bei ihm stets eine gute Statt finde. Da
-saß der lustige alte Svartengren, ein alter Junggesell, der bloß die
-Augen zu verdrehen brauchte, um alle Welt zum Lachen zu bringen. Er
-saß da und zog die Mundwinkel vor Lachen bis an die Ohren, während
-sein unmäßig dicker Bauch sich wie ein Berg vom Tischrand zur Brust
-emporwölbte. Da saß Magister Barfoot, ein brünetter Mann mit schwarzem
-Spitzbart und dem Monokle im Auge. Er war ein Misanthrop und nur aus
-Versehen in die Gesellschaft geraten. Auf dem Sofa saß Professor
-Hallin, und hinter ihm waren Professor Bruhns gewaltige Figur und noch
-ein paar andere sichtbar.
-
-Professor Hallin hatte „den Anlaß“ schon mitgeteilt. Er war frühzeitig
-gekommen und hatte seine Truppen um sich versammelt. Als darum
-Kumlander in der Tür erschien, erhob sich die ganze Gesellschaft und
-verbeugte sich ernsthaft.
-
-„Wir gratulieren!“
-
-„Danke! Die Herren sind sehr aufmerksam!“ erwiderte der
-Theologieprofessor.
-
-„Wie geht’s der Frau?“ fragte Professor Hallin.
-
-„Und der Kleinen?“ fiel Professor Eneman ein und machte eine
-liebenswürdige Bewegung mit seiner fetten, kleinen Hand.
-
-„Mutter und Kind befinden sich den Umständen gemäß!“ antwortete der
-glückliche Vater mit erzwungenem Ernst.
-
-Professor Hallin schob sich vor und umarmte den Festhammel.
-
-„Und wie viele spendierst du heut? Sieben doch wohl, der
-Übereinstimmung halber! Sieben? Was?“
-
-„Den Teufel werd’ ich!“ antwortet der unglückliche Kumlander in einem
-solchen Brustton der Überzeugung, daß ein allgemeines Gelächter sich
-erhob. „Spendier’ doch du, wenn dich danach gelüstet!“
-
-Professor Bruhn betrachtete die Kollegen mit einem gutmütigen Lächeln,
-etwa wie ein Erwachsener auf Kinder herunterblickt, deren Vergnügen er
-nicht stören will.
-
-„Können wir das nicht ebensogut im Sitzen abmachen?“ sagte er.
-
-Jetzt machte man Raum für Kumlander. Er mußte auf den Ehrenplatz. Auf
-das Sofa gehörte er.
-
-Er sah auch ganz so aus, als fühle er sich als Held des Tages. Die
-Aufmerksamkeit, die einen andern in Verlegenheit gesetzt hätte,
-genierte ihn nicht im geringsten. All die Scherze genierten ihn
-höchstens in der Phantasie. In Wirklichkeit freute ihn diese ganze
-Hänselei, die so grob, so alles andere eher als zartfühlend war, weit
-mehr, als wenn man ihn ernst genommen hätte. Als er jetzt zwischen
-die Professoren Eneman und Hallin gesetzt wurde, sah er ordentlich
-strahlend aus und mischte sich seinen Grog mit einem Selbstgefühl, als
-wäre er ein junger Ehemann, der sein Erstgeborenes feiert.
-
-Es war eine Freude zu sehen, wie Professor Kumlander seinen Grog
-braute. Mit welch vergnügter und gleichzeitig wichtiger Miene er die
-Zuckerstücke in der Hand wog, eh er sie ins Glas warf. Wie dicht er
-das Glas an das Licht hielt, um ja genau zu sehen, daß er auch nicht
-zuviel, aber ja auch nicht zuwenig einschenkte. Genau einen Viertelzoll
-über das Geschliffene hinaus mußte es sein. Und der Zucker mußte
-zergehen. Kein noch so winziges Stückchen durfte zurückbleiben; sonst
-sah es trüb aus. Wenn dann die Mischung klar war, goß der Professor
-langsam und bedächtig den Kognak zu, und wenn das Getränk die richtige
-braune Färbung hatte, schmunzelte er übers ganze Gesicht, nahm sein
-Glas mit einer liebkosenden Bewegung in die Hand und sagte: „Jetzt,
-glaub’ ich, kann man das Gesöff trinken. Prost!“
-
-Und er führte es mit prüfender Miene an die Lippen. Ja, es war recht.
-Ein winziger Tropfen Kognak noch, dann war’s noch besser. Und dann ein
-langer, wollüstiger Zug aus dem dampfenden Glas.
-
-Einen Augenblick war es still um den Tisch. Kumlander sah sich um mit
-einem Gesicht, als fühle er die Verpflichtung, etwas zu sagen.
-
-„Tja -- es ist wieder ein Mädchen geworden!“ sagte er.
-
-Natürlich platzte die ganze Gesellschaft los. Durch den Lärm hindurch
-hörte man Professor Hallins lärmendes, klingendes Lachen. Aber alle
-übertönte Bruhns gewaltiger Baß.
-
-Dann erhob sich Professor Hallin. Alles verstummte. Er faßte sein Glas
-und bat ums Wort.
-
-„Meine Herren!“ begann er mit gut gespieltem Pathos, „lassen Sie uns
-einen Augenblick gemeinsam andächtigen Herzens das wichtige Ereignis
-betrachten, das uns heute hier zusammenführt. Wir dürfen es ja wohl,
-ohne allzu indiskret zu erscheinen, bei Namen zu nennen. Unserem Freund
-Kumlander ist ein Töchterchen geboren.
-
-Hierbei ist vor allem zu beachten, daß ein +Töchterchen+ ihm
-geboren ist, mit andern Worten, daß ihm kein Junge geschenkt ward. Wenn
-ich daran erinnere, so tue ich es in der Hoffnung, es möchte dies auf
-unseres Freundes Kumlander Gefühle in keiner Weise verletzend wirken.
-Es soll dies keineswegs ein Mißtrauen in eine Fähigkeit ausdrücken, von
-der wir schon oft genug zu leuchtende Beweise empfangen haben, als daß
-wir Zweifel in sie setzen dürften.“
-
-Ein kurzes Gelächter bezeugte, daß die Zuhörer dem Vortrag mit
-Interesse folgten.
-
-„Es wird indessen behauptet,“ fuhr der Redner fort, „daß unser Freund
-Kumlander mit dieser Tatsache nicht völlig einverstanden ist. Er findet
-es eintönig und wünscht sich Abwechslung. Doch, meine Herren, die
-Geschichte lehrt uns, daß rascher Wechsel gefährlich ist, und daß man
-unter allen Umständen gut daran tut, sich an das zu halten, was man
-die ‚historische Kontinuität‘ nennt.“
-
-Diese witzige Wendung wurde nur von Professor Bruhn gewürdigt, der
-Bravo schrie.
-
-„Da nun alle plötzlichen Übergänge als im höchsten Grad gefährlich
-bezeichnet werden müssen, so möchte ich bei dem Anlaß, zu dessen Feier
-wir hier zusammengekommen sind, auf einen Umstand hinweisen, der
-für unsern Freund Kumlander als ein ganz unbestreitbarer Vorteil zu
-betrachten ist. Ich habe gesagt, das Bemerkenswerte bei dieser Sache
-sei, daß Kumlander Vater eines Töchterchens geworden ist. Aber ich
-möchte zugleich noch einen zweiten beachtenswerten Umstand betonen --
-nämlich, daß er Vater +eines+ Töchterchens geworden ist, das heißt
-nicht Vater von zweien oder dreien oder gar vieren!“ (Bravo!)
-
-„Tja, man kann ja nie wissen! Und man muß zugeben -- besser ist besser.
-Meine Herren! Man spricht von Shakespeare, von seiner schöpferischen
-Kraft, Frauentypen zu gestalten! Aber was ist das gegen Professor
-Kumlander? Darum, meine Herren, schlage ich vor, daß wir auf das Wohl
-unseres Freundes Kumlander trinken! Und zugleich mit den herzlichsten
-Wünschen für das Wohlergehen seiner Frau und des kleinen Neugeborenen
-wage ich die Hoffnung auszusprechen, es möge dies nicht das letztemal
-sein, daß wir aus diesem Anlaß hier versammelt sind!“
-
-Professor Kumlander stieß mit dem Redner an und dankte ihm.
-
-„Danke dir, Hallin! Aber ich hoffe trotzdem, daß der Anlaß nächstesmal
-ein anderer sein wird!“
-
-Und indem er einen tüchtigen Schluck Grog nahm, setzte er sich wieder
-auf seinen Platz und zwinkerte vergnügt mit den Augen.
-
-„Nächstesmal wird es ein Junge!“ sagte er. „Dafür will ich, hol’s der
-Kuckuck, schon sorgen!“
-
-Jetzt ward das Gelächter geradezu zu einem Tumult. Dies prahlerische
-Versprechen war es ja, was man hatte aus ihm herauslocken wollen! Auf
-den Augenblick hatte Professor Hallin ja nur gewartet! Seit zwei Tagen
-schon hatte er sich darauf gefreut, und als es endlich so weit war,
-kannte sein Entzücken keine Grenzen. Er stand auf und schrie, halb
-erstickt vor Lachen:
-
-„Prost, Kumlander! Sag’ das noch einmal!“
-
-„So ist’s recht, Kumlander!“
-
-„Nur nicht nachgeben!“
-
-Es war wie eine Bande von losgelassenen Schuljungen. Alle schrien
-durcheinander, voller Freude und Ausgelassenheit. Die Feststimmung des
-Augenblicks ließ all die kleinen Widerwärtigkeiten des Tages vergessen,
-den Ärger, die Sorgen, die Einförmigkeit ihres Lebens, den Überdruß
-an diesem Leben, den so manche hegten, die unbezahlten Rechnungen,
-Schulden, Kautionen und Wechsel!
-
-Nach einer Weile schlug Professor Hallin auf den Tisch und rief nach
-heißem Wasser. Ringsum wurden die Groggläser geleert und wieder frisch
-gefüllt.
-
-Die Unterhaltung war jetzt allgemein geworden. Professor Eneman
-hielt Kumlander am Rockaufschlag fest und erzählte mit strahlenden
-Augen und lebhaften Gesten eine Geschichte, die sich bei der letzten
-Stadtratssitzung ereignet hatte. „Denk’, das haben sie gewagt -- dem
-Bürgermeister gegenüber! Hahaha! Das tut ihm gut!“ Professor Hallin
-unterhielt sich mit Barfoot, der bitter und satirisch war. „Tja, wenn’s
-mit rechten Dingen zuginge auf der Welt, da wär’ manch einer an einem
-ganz andern Platz!“ Und der Magister berichtete zum zehntenmal von den
-Beiträgen zur Flora der Umgegend, die er aus seiner vieljährigen Praxis
-heraus einem Stockholmer Professor geliefert hatte.
-
-„Und wer hat die Ehre davon? Wer, frag’ ich?“
-
-Mit der brennenden Zigarre im Mund, und den dampfenden Grog vor sich,
-saß Professor Bruhn ganz allein, schaukelte sich in seinem Stuhl
-hin und her, und durch die gewaltigen Tabakswolken, die er von sich
-blies, schimmerte die mächtige Denkerstirn über einem Paar freundlich
-blickender, tiefliegender Augen. Dann geriet man aufs Gebiet der
-Anekdoten. Magister Björkén machte den Anfang. Schüchtern und unsicher,
-fast als fürchte er sich vor seiner eigenen Stimme, begann er eine
-Geschichte aus seiner Studienzeit zu erzählen. Dabei leuchteten seine
-Augen so hell und fröhlich über dem dichten Bart, als lebe er die
-glücklichen Tage der Jugend noch einmal durch, und als er fertig war
-und alle lachten, sah er vor sich nieder und nickte mit einem kleinen
-Lächeln: „Ja, das waren frohe Tage, damals! Was war man da für ein
-Kerl! Und was ist man später geworden!“
-
-Jetzt fingen alle an, Studentengeschichten zu erzählen. Eine um die
-andere kamen sie; alte, wohlbekannte Anekdoten, die die meisten kannten
-und in denen oft der oder jener der Anwesenden eine Rolle gespielt
-hatte, zogen herauf mit ihrer Erinnerung an eine entschwundene Zeit,
-mit ihren heiteren Jugendstreichen, mit dem ganzen unwiderstehlichen
-Jugendrausch, ihren wundervollen, starken Eindrücken! Sie zogen
-vorüber, eine um die andere, keiner wog seine Worte, keiner machte sich
-Gedanken über das, was er sagte. Ein ganzes Jahrzehnt Upsala lebte
-wieder auf. Jeder hatte diese oder jene hervorragende Persönlichkeit
-gekannt, die jetzt eine Stellung im Lande einnahm, und jeder wußte
-Geschichten von ihr zu berichten, Geschichten, zu denen sich keiner
-von ihnen in nüchternem Zustand hätte bekennen mögen. Es war ganz
-merkwürdig, wie aufgeknöpft die alten Schulfüchse sein konnten. Wenn
-der eine aufhörte, fing der andere an. Ja, das waren freilich andere
-Zeiten gewesen! Herrgott, wie man sich verändert hatte, und wie die
-Jahre vergangen waren, fast ohne daß man es gemerkt hatte! Aber im
-Herzen waren sie doch noch alle Studenten, alte, fröhliche, ehrliche
-Bursche, solang sie lebten!
-
-Und was die alten Namen alle für frohe Erinnerungen und Gelächter
-weckten: die St.-Eriksgasse, das Gustavianum, der Karolinenhügel und
-der Schloßberg, die Königsau und Fjärdingen, Åkersten und Novum, Hof
-und Dragarbrunn. Es waren oft recht ärmliche kleine Anekdoten. Aber sie
-wurden trotzdem mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit erzählt.
-Alle kannten ja die Orte, wußten von den Personen, und alle hörten
-all die alten Dinge immer wieder gern. Am meisten erzählte Professor
-Hallin. Er erzählte zu famos und hatte ein Gedächtnis, ganz was
-Merkwürdiges von Gedächtnis! Hatte er eine Anekdote erzählt, so kam
-ein anderer mit einer neuen. Aber jede zweite Anekdote erzählte doch
-Professor Hallin.
-
-Dazwischen stieß irgendeiner sein Glas auf den Tisch und rief: „Prost!
-Es lebe der Festhammel!“
-
-„Wir dürfen doch ‚den Anlaß‘ nicht vergessen! Prost, Kumlander! Sollst
-wachsen und blühen und gedeihen!“
-
-Und dann lachten alle, daß es in der Stube widerhallte!
-
-Adjunkt Hallin fühlte sich ganz unbändig wohl. Er hatte den
-Meinungsaustausch mit seiner Frau und Pastor Simonson und die
-Abendandacht, die ihn bei solchen Gelegenheiten daheim erwartete,
-ganz und gar vergessen. Er gehörte zu denen, die in einer großen
-Gesellschaft ungemein lebendig werden, die aber selber nicht viel
-reden, sondern meist still dasitzen und sich an der allgemeinen
-Heiterkeit freuen, mit ihren Nachbarn sich ganz lebhaft unterhalten,
-aber nie über den Tisch weg schreien. Er lachte über die Anekdoten,
-stieß mit Kumlander an, redete mit Bruhn über seinen Sohn und trank
-viele Groge. Und fühlte sich dabei unendlich wohl und war unbändig
-vergnügt. Als Professor Hallin -- mit Rücksicht auf die allseitig nicht
-besonders glänzenden Kassenverhältnisse -- vorsichtig anfragte, ob man
-sich zum Abendbrot einen Sherry gestatten oder lieber sich mit Bier
-und dem „Appetitschnäpschen“ begnügen wolle, war der Adjunkt der erste,
-der die Lippen spitzte und, dem Bruder lustig zublinzelnd, antwortete:
-natürlich müßte Sherry her. Heut sei doch ein Festtag. Worauf er laut
-auflachte, mit Kumlander anstieß und darauf in einem Zuge sein Glas
-Grog leerte.
-
-Er war ein ganz anderer Mensch hier. Nicht mehr der unnatürlich
-barsche Lehrer, der sein ~cado~ und ~caedo~ durch die Klasse
-schrie, nicht mehr der um seine Würde ängstlich besorgte Vater, der
-aus Eitelkeit die Heiterkeit im Familienkreis eindämmte, nicht mehr
-der bedrückte Familienversorger, der sich mit ängstlichen Gedanken an
-unbezahlte Rechnungen und drängende Gläubiger herumschlug. In diesem
-Augenblick war Adjunkt Hallin frei von allem, was ihn in langen, langen
-Jahren zu dem lebensmüden, überanstrengten Menschen gemacht hatte, der
-er für gewöhnlich war, so frei, als existierte das alles gar nicht.
-Er war in diesem Augenblick weiter nichts als einfach ein Mensch, ein
-Mensch, der den Staub des Alltags von sich abgeschüttelt hat. Und in
-solchen Stunden sind wir Menschen ja so liebenswürdig, vertrauend,
-offenherzig und gemütlich.
-
-Während des Abendessens zog Professor Eneman den Adjunkten in eine Ecke
-und teilte ihm mit, wie wohl er sich in Gammelby fühle.
-
-„Wirklich, eine so prächtige alte Stadt! Und heut hab’ ich das Gefühl,
-als wär’ ich überhaupt hier geboren. Mit knapper Not hab’ ich mich heut
-abend frei machen können. In zwei Häusern war ich zu Mittag eingeladen,
-und auch zu heut abend war ich schon versagt.“
-
-Und Professor Eneman lachte voll innigster Befriedigung, während er den
-Rest Büchsenhummer aufaß, den er auf seinem Teller hatte.
-
-Professor Bruhn war den ganzen Abend über bei merkwürdig guter Laune
-gewesen. Er paßte sonst nicht in größere Gesellschaft; denn er besaß
-den Fehler, sich immerfort an den lächerlichen und kleinlichen Seiten
-anderer Leute zu stoßen. Seine große Rechtschaffenheit hatte ihm in
-seiner Karriere oft im Weg gestanden und ihm mehr als einen bösen
-Streich im Leben gespielt. Er pflegte oft mit einem Sarkasmus mitten in
-die Unterhaltung zu platzen, der viel zu ernst war, um amüsant zu sein.
-Jetzt stieß Adjunkt Hallin sein Bierglas gegen das des Professors und
-sagte: „Prost, Bruhn! Es tut einem gut, zu sehen, daß du auch vergnügt
-sein kannst!“
-
-„Warum sollte ich nicht vergnügt sein können?“ erwiderte der mit einer
-Art mürrischer Freundlichkeit. „Man wird eben alt, siehst du; ganz
-verdammt alt wird man!“
-
-„Du hast dich bei mir daheim schon lang nicht mehr sehen lassen“, fuhr
-der Adjunkt fort, um auf ein anderes Thema zu kommen.
-
-„Hahaha!“ lachte Bruhn und nahm sich ein paar Lammkoteletten auf seinen
-Teller, die er stehenden Fußes zerschnitt und in großen Bissen mit dem
-Messer in den Mund schob. „Siehst du, ich seh’ wohl, daß deine Frau
-meine Junggesellenmanieren und meine Junggesellensprache nicht leiden
-kann. Es ist ganz logisch, siehst du. Wenn man sich nicht wohl fühlt im
-Familienleben, -- na -- so kann man ihm ja aus dem Weg gehen. Die Leute
-finden, daß ich nicht fein genug bin für sie. Da zieh’ ich mich ganz
-einfach zurück, verstehst du. Ist im übrigen auch nichts, was man nicht
-verschmerzen könnte.“
-
-Der Adjunkt sagte etwas, wie, das wäre ja doch nur Einbildung.
-
-„Nein, du!“ antwortete Bruhn. „Das bild’ ich mir nicht nur ein.“
-
-Er nahm eine gewaltige Prise und steckte dann die Daumen in seine
-Armlöcher, während er sich auf den Absätzen hin und her wiegte.
-
-„Es sind keine Einbildungen, sag’ ich dir. Ich mach’ dir und deiner
-Frau ja keinen Vorwurf. Wir, du und ich, können auch so zusammen sein.
-Und jedenfalls muß man mit seinen Besuchen den Leuten nicht zur Last
-fallen.“
-
-Er faßte den Adjunkt am Arm und führte ihn, von den andern fort, in
-eine Ecke.
-
-„Weiß der Kuckuck, was heut los ist mit mir“, sagte er. „Ich fühl’
-mich ganz verdammt mitteilsam. Muß wohl ganz viele Grogs getrunken
-haben. Na -- also ich werd’ dir was erzählen. Als ich ganz jung war,
-war ich einmal sehr verliebt und wollte heiraten. Sie war ein nettes
-kleines Ding mit blauen Augen und feinem Gesicht und kleinen Händen
-und all so was. Ganz verdammt fein war sie. So fein war sie, daß sie
-eines Tages zu mir sagte, sie könne mich nicht nehmen, weil ich ihr zu
-ungeschliffen sei. Hahaha! Siehst du, so geht’s einem, wenn man nicht
-fein genug ist! Seither hab’ ich mich mit schlechter Gesellschaft
-begnügen müssen -- und schlechten Mädels. Aber es ist schon lang her!“
-fügte er hinzu, als fürchte er, zu sentimental zu erscheinen.
-
-Und er ging zum Tisch zurück und goß ein Glas Sherry hinunter.
-
-Der Tisch sah recht abgegessen aus.
-
-„Ordentlich mit Plan und Überlegung ausgeführt!“ sagte Professor Hallin
-zu Magister Barfoot, der durch sein Monokel aus dem linken Augenwinkel
-melancholische Blicke auf das Schlachtfeld warf.
-
-Die Butterpyramide mit ihrem Gipfel von Petersilienblättern war zu
-einem Nichts zusammengesunken; der Kaviar zwischen den gehackten
-Zwiebeln war ganz verschwunden. Da und dort lagen auf einer Platte noch
-ein paar Scheiben kalten Fleisches, ein paar Lammkoteletten hatten sich
-am äußersten Rand einer länglichen Schüssel unter ein paar gedämpften
-Mohrrüben verkrochen; nur der Büchsenlachs und der geräucherte Aal
-standen noch unberührt da. Von dem frischen Lachs mit verlorenen Eiern,
-der vorher in feingeschnittenen Scheiben, Seite an Seite mit einem
-Haufen ebenfalls verschwundener Entrecotes, den Appetit herausgefordert
-hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Am Rand des Tisches stand eine
-Schale, auf deren Grund die Überbleibsel des geschmolzenen Gefrorenen
-schwammen.
-
-„Ja, essen, das kann man hier in Gammelby, dafür ist es bekannt!“ sagte
-Professor Bruhn.
-
-„Na, nun wollen wir lustig sein und weitermachen!“ schlug Professor
-Hallin vor und setzte sich. „Jetzt kommt der Kaffee und der Punsch.“
-
-Der Kaffee kam, und der Punsch kam. Und alle wurden lustig und immer
-lustiger. Jetzt war die Reihe an Svartengren; jetzt wurde der amüsant.
-Vor dem Abendessen sagte der nie viel, und während des Abendessens war
-er mit Essen beschäftigt. Es war nicht zu glauben, was er alles in
-sich hineinaß. Dafür war er aber auch, wenn man beim Kaffee und Punsch
-angelangt war, der Vergnügungsmeister. Das erwartete die Gesellschaft
-von ihm. Er konnte Hühner und Katzen und Schweine nachmachen. Er wußte
-allerhand Lieder und trommelte „Hör uns, Svea!“ auf seinem Bauch,
-während er mit dem Mund die Klarinette dazu blies. Und noch eine Menge
-andere amüsante Kunststücke konnte er. Er war sich dessen auch wohl
-bewußt; und er schickte sich eben an, den Mund aufzutun, um ein paar
-einleitende Worte zu sagen, während er seinen dicken Bauch unter den
-Tisch schob. Da ging die Tür auf; und Professor Eneman, der ein bißchen
-auf die Straße gegangen war, um sich auszulüften, kam wieder herein.
-Er blieb mitten in der Tür stehen und winkte jemand, der im Korridor
-draußen wartete.
-
-„Kommen Sie, junger Freund!“ sagte er und fuhr mit seiner runden
-kleinen Rechten durch die Luft. „Wir sind lauter gute Kameraden hier,
-und wir vermehren uns gern um einen neuen!“
-
-Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst
-Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als
-blende ihn der allzu grelle Lichtschein.
-
-Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine
-gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte
-sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn
-vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche
-Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob
-sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken
-von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin
-tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann
-und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine
-Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer
-saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch
-und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein
-bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man
-fragte ihn, was er trinken wolle.
-
-„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“
-
-Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben
-aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen.
-
-Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er
-war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn
-draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten
-seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren.
-
-Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und
-er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er
-sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und
-lächelte -- ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie
-aussahen. Als hätte die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm
-nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr
-Antlitz bespült -- viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen
-oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche
-Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die
-eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und
-der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen,
-erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es
-sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch
-trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte
-Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der
-Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin
-ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht
-hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige
-Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün
-des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen
-Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie
-möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen
-würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn!
-
-Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was
-ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft.
-
-Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder
-andere, trotzdem er so jung war?
-
-Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein
-parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken:
-
- „Stand bei der Ecke am Tore
- Jung-Daphnis ~titiens amore~.
- Du böse Zauberin Natur,
- Was schufst du sie so lieblich nur!“
-
-Ernst hatte dies selbe Lied von den Freunden in Upsala gehört, und es
-kam ihm komisch vor, es hier, unter alten, gesetzten Männern, von denen
-die meisten schon graues Haar hatten, wiederzuhören. Gleichzeitig aber
-fing er doch an, sie mit andern Augen anzusehen, menschlich und weniger
-mit Studentenkritik. Sie gefielen ihm in ihrer Fröhlichkeit; er begann
-die unterdrückte Lebenslust zu verstehen, die sich hier zwischen vier
-Wänden Bahn brach, in einer engen, verrauchten Kneipe, weil die schwere
-Arbeit ums tägliche Brot sie hinderte, die Freude täglich zu Gast zu
-laden.
-
-Professor Bruhn, den er so oft verspottet hatte, war sicher ein
-prächtiger Kerl. Und Svartengren, der ihm gegenübersaß, voll
-Befriedigung über den Beifall für sein Lied, und sich eben anschickte,
-ein zweites zu singen -- wie seine Augen strahlten durch die
-Rauchwolken, die um ihn her qualmten!
-
-Und sein Vater! Wie frei er aussah, wie lebhaft er sich bewegte,
-wie jugendlich seine Rede klang! Ohne sich zu besinnen, erhob Ernst
-sein Glas und trank mit einem Lächeln dem Vater zu. Aber im gleichen
-Augenblick errötete er über das Gefühl, das ihn dazu antrieb.
-
-Der Adjunkt trank sein Glas aus und nickte dem Sohn auch zu. „Prosit,
-mein Junge! Das ist nett, daß du gekommen bist!“
-
-Bis nach zwölf Uhr saß die Gesellschaft beisammen. Anekdoten wurden
-erzählt, Lieder gesungen. Als man endlich ans Aufbrechen dachte, erhob
-sich Professor Bruhn, der sonst nie eine Rede hielt, und bat die
-Anwesenden, den frohen Anlaß, der sie zusammengeführt hatte, nicht zu
-vergessen.
-
-„Ich hoffe, alle Anwesenden werden sich mir anschließen und ein Hoch
-ausbringen auf Kumlander, und ihm danken, daß er so liebenswürdig war,
-uns den Anlaß zu diesem frohen Abend zu verschaffen!“
-
-Das Hoch wurde jubelnd ausgebracht. Eine Viertelstunde darauf drehte
-die Kellnerin in dem leeren Zimmer das Gas aus.
-
-Durch die dunkeln Straßen strebten einsame Gestalten ihren Wohnungen in
-den verschiedenen Teilen der Stadt zu. Und diejenigen, die um sieben
-Uhr am nächsten Morgen heraus mußten, schüttelten sich und hasteten
-vorwärts, um möglichst bald zu Bett zu kommen.
-
-Aber man mußte ein bißchen vorsichtig sein. Denn Punkt zwölf Uhr
-nachts kam der Laternenmann und löschte die gelben flackernden Flammen
-aus, eine um die andere, die ganze Lange Straße hinunter. Es wurde
-dunkel; nur der Ruf des Nachtwächters störte noch das Schweigen in der
-schlafenden Stadt.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Es war wie ein stummes Übereinkommen zwischen Ernst und dem Vater,
-daß Frau Hallin nicht zu wissen brauchte, wo Ernst am Abend gewesen
-war. Das heißt, keinem von beiden wäre es eingefallen, ihr die Sache
-mitzuteilen. Aber als Ernst morgens zum Frühstück herunterkam, war er
-doch ein bißchen verlegen, fast, als hätte er etwas Verbotenes getan.
-Er merkte, daß die Augen der Mutter sich mit einem ängstlich fragenden
-Ausdruck ihm zuwandten, und er entsann sich plötzlich wieder des
-Auftritts zwischen ihnen vom Abend zuvor. Er hatte die ganze Nacht gut
-geschlafen und als er aufwachte, dachte er bloß an das Zusammensein vom
-gestrigen Abend. Ein angenehmes, heiteres Gefühl erfüllte ihn; und als
-er aufstand und zum Fenster hinausschaute, schien die Sonne über die
-Schneewehen auf dem Domplatz und der Himmel lachte so blau zwischen
-den Zweigen der Ulmen herab. Da ward ihm noch viel leichter ums Herz;
-er summte ein paar heitere Melodien vor sich hin, während er die Weste
-zuknöpfte und vor dem Spiegel seine Krawatte band.
-
-Als er jetzt dem Blick der Mutter begegnete, fiel ihm auf einmal
-der ganze vorhergehende Abend ein. Seine heitere Stimmung verschwand
-und machte derselben Unruhe und Reizbarkeit Platz, die ihn den
-ganzen gestrigen Tag über beherrscht hatten. Er dachte wieder an den
-Unwillen, den er Simonson gegenüber plötzlich empfunden hatte, an
-seine Heftigkeit gegen die Mutter und wie rasch er dann das alles beim
-Glase vergessen hatte. Er wich dem Blick der Mutter aus und zwang
-sich, Gutenmorgen zu sagen, als wäre nichts geschehen. Dann setzte er
-sich allein zu seinem Frühstück. Man versammelte sich dazu nicht im
-Hallinschen Haus, sondern jeder kam und ging nach eigenem Belieben.
-
-Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Als er fertig war, hatte er
-einen unbestimmten Drang nach Einsamkeit; und mit einem Gefühl der
-Ungeduld dachte er an sein kleines Zimmer in Upsala, wo er wußte, er
-konnte immer ungestört sein. Er erhob sich und ging nach der Tür.
-
-„Wo gehst du hin?“ hörte er die Mutter aus dem Wohnzimmer rufen.
-
-„Auf Papas Zimmer“, erwiderte er und blieb unschlüssig stehen.
-
-„Willst du nicht vorher zu mir kommen?“
-
-„Doch, gern.“
-
-Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich.
-
-„Ich möchte wohl wissen, wie’s mit deiner Probepredigt geht“, sagte
-Frau Hallin.
-
-Seiner Probepredigt? Herrgott! Sollte das Schreiben und Studieren schon
-wieder losgehen? Er war ja doch eben erst von Upsala gekommen.
-
-„Es ist ja noch ein voller Monat, bis ich die halten muß“, sagte er
-widerwillig.
-
-Frau Hallin sah auf ihre Arbeit.
-
-„Aber du wirst doch jedenfalls schon daran gedacht haben. Ich möchte so
-gern ein bißchen wissen, wie du den Text auslegen willst. Ich habe ihn
-schon so oft durchgelesen“, fügte sie hinzu. Es lag etwas Bewegliches
-in ihrer Stimme.
-
-Ernst sah verlegen aus. Ein ungeduldiger Ausdruck flog über sein
-Gesicht.
-
-„Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte er. „Aber ich kann nicht
-gut über so was reden, eh’ ich’s aufs Papier gebracht habe.“
-
-Frau Hallin sah auf und nickte. Etwas Altes kam in ihr Gesicht, das dem
-Sohn weh tat.
-
-„Ich werde warten, bis du selber davon sprechen magst“, sagte sie
-einfach.
-
-Mit einem Gefühl der Reue ging Ernst auf des Vaters Stube. Es bedrückte
-ihn unsagbar, daß er der Mutter nicht hatte anders antworten können.
-
-Er verstand ja, daß sie seit Tagen, seit Wochen darauf wartete, daß
-er etwas über die Sache sagen sollte. Seit der Tag für die Predigt
-bestimmt war, dachte die Mutter unaufhörlich an ihn, das wußte er, und
-machte sich vielleicht große Vorstellungen von dem reichen geistigen
-Leben, das solch ein wichtiger Entschluß in ihm wecken müßte. Sie hatte
-kaum an etwas anderes gedacht, hatte den Text für sich durchgelesen,
-hatte versucht, sich auszudenken, wie er, so wie sie ihn kannte,
-diesen Text auffassen würde. Sie sah in ihm nur noch den zukünftigen
-Verkünder der Heiligen Schrift; sie erwartete von ihm, er müsse ein
-Streiter für die Sache Gottes werden, ein gewaltiger Erwecker, der die
-Gemüter bewegen und die Seelen für Gottes Reich gewinnen würde. Und es
-hatte sie danach verlangt, daß er von selber kommen und mit ihr reden
-würde, so stark danach verlangt, daß sie es nicht lassen konnte, ihn zu
-fragen, obwohl sie begriff, daß ihm das unangenehm sein mußte.
-
-Er sah das alles, ganz deutlich, als ob sie selbst es ihm erzählt
-hätte, und trotzdem konnte er seine Unlust, daß sie ihn hatte
-ausfragen wollen, nicht überwinden. Er war so daran gewöhnt, einsam,
-nur mit seinen Gedanken, zu leben, daß er jeden Versuch, in ihn
-einzudringen, fürchtete.
-
-Was hätte er ihr auch sagen sollen?
-
-Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab.
-
-Was sollte er sagen?
-
-Er hatte ja die ganze Zeit her gar nicht an derartiges gedacht; und das
-beunruhigte ihn jetzt. An alle möglichen gleichgültigen Dinge dachte
-er. Alles, was er sah, interessierte ihn, fremde Menschen, mit denen
-er bekannt wurde, die Geschwister daheim, die Eltern, die Menschen
-in Gammelby, das Wetter, das Leben auf den Straßen, die Umgebung der
-Stadt, in der er täglich seinen Spaziergang machte. Alles interessierte
-ihn. Alles, bloß nicht Bücher.
-
-Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch
-zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas
-Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der
-Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt.
-
-Und dann auf der Universität!
-
-Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den
-letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des
-Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine
-auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf
-den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s,
-als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen
-gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle
-Bücher hindurch, ihnen zum Trotz!
-
-Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee,
-der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde
-Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der
-Schnee, der dortlag, zu schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen,
-die an den Rinnen hingen, herabtropfte.
-
-Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen
-Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen
-Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt
-zu denken.
-
-Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe
-hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt.
-Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte,
-verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem,
-was grade vor ihm lag.
-
-Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen
-zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen
-Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand.
-Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit
-Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne
-funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen
-Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße
-Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte
-man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag,
-während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der
-Sonne glänzte.
-
-Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen,
-die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über
-einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und
-verschwand zwischen den dämmerigen Tannen.
-
-Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch
-eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt,
-griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre
-Pflicht. Und damit war’s fertig.
-
-Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach,
-bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War
-es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon
-öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch
-nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar
-ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er.
-
-Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung,
-mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte -- was tat das?
-Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine
-Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es
-war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“
-genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden.
-Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben.
-Sollte er da nicht auch eintreten können?
-
-Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole
-und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es +sein+ Fehler,
-daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu
-schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als
-das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen,
-und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare,
-unwiderlegliche Gründe.
-
-Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne
-davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson.
-Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson?
-
-Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben
-führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar
-alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne
-Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen
-unter der Brücke lag Schnee. Aber unter der Eisdecke murmelte und
-sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis
-Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in
-der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und
-mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete.
-
-Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine
-Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen
-blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das
-sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte
-sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen
-Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust
-überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang
-er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis
-zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er
-arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er
-hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter,
-brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und
-fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als
-beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten
-Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in
-die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er
-plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und
-blickte auf.
-
-Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als
-der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen
-an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus.
-
-„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben
-zu komisch ausgesehen!“
-
-Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen
-sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne
-blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen.
-
-Ernst Hallin fühlte sich recht beschämt. Es war Eva Baumann, eine
-Freundin seiner Schwester, die er seit seiner Heimkehr noch nicht
-wiedergesehen hatte. Ohne ein Wort herauszubringen stand er da und
-sah sie an. Wie hübsch und lieb sie aussah, wie sie sich so über das
-Brückengeländer beugte! Die kurze Jacke umschloß eng ihre schlanke
-Gestalt, an der rechten Hand, die sie aus dem Muff gezogen hatte, trug
-sie einen schwarzen Handschuh, und zwischen dem und dem Ärmel guckte
-ein rundes kleines Handgelenk hervor.
-
-Verwirrt zog er endlich den Hut und grüßte. Das junge Mädchen neigte
-den Kopf und lächelte wieder. Dann richtete sie sich aus ihrer
-gebückten Stellung auf und steckte die Hand in den Muff.
-
-„Adieu, Herr Hallin!“ sagte sie. „Pastor Hallin müßte ich eigentlich
-sagen.“
-
-Seine Verlegenheit war plötzlich verschwunden. Sie sah so
-unwiderstehlich lieblich aus, wie sie dastand und die Sonnenstrahlen in
-den ungebärdigen Nackenlöckchen spielten.
-
-„Warten Sie doch, daß ich Sie begrüßen kann!“ rief er und kletterte den
-Rain hinauf. Er trat zu ihr hin und faßte ihre Hand.
-
-Daß er das früher gar nicht bemerkt hatte, wie hübsch sie war mit ihrem
-frischen Lächeln und den tiefen, warmen Augen!
-
-„Ich gehe immer diesen Weg“, sagte sie wie zur Erklärung. „Natürlich
-konnt’ ich ja nicht denken, daß ich Sie hier treffen würde. Willkommen
-wieder daheim!“ fügte sie dann hinzu.
-
-„Danke!“
-
-„Was machten Sie denn eigentlich da drunten?“ fuhr sie fröhlich fort.
-
-„Nichts“, erwiderte er, indem er neben ihr herschritt. Eine Weile
-schwiegen sie beide. Ernst sah zu, wie sie mit kleinen, raschen,
-gleitenden Schritten neben ihm herging.
-
-„Das Frühlingswetter hat mich zum Narren gehalten!“ sagte er.
-
-„Finden Sie, daß es Frühlingswetter ist?“ Sie lachte, ein kurzes,
-lustiges Lachen. „Wir sind doch erst im Februar.“ „Freilich ist
-Frühlingswetter“, sagte er. „Merken Sie es denn nicht an der Luft? Es
-ist so warm in der Sonne, daß einem der Rock zu heiß wird!“
-
-Er knöpfte den Überzieher auf und nahm den Hut ab, während er sich mit
-dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.
-
-Sie sah ihn ganz erschrocken an.
-
-„Nehmen Sie sich in acht, Sie werden sich erkälten“, meinte sie. „Sie
-sind doch nicht besonders kräftig.“
-
-Er sah sehr verwundert aus.
-
-„Wollen Sie mich auch ermahnen?“ fragte er fast ein bißchen ärgerlich.
-„Alle tun es. Aber woher wissen Sie das denn eigentlich?“
-
-„Selma und ich haben so oft von Ihnen gesprochen,“ sagte sie; sie
-errötete dabei und wandte das Gesicht ab.
-
-Zusammen gingen sie zur Stadt zurück und schwatzten dabei von allem
-möglichen, von gemeinsamen Bekannten, von alten Zeiten, als sie sich
-noch auf Kinderbällen und Kindergesellschaften getroffen hatten. Sie
-hatte immer gefunden, Ernst wäre so sonderbar, und hatte immer Angst
-vor ihm gehabt, weil er so ernst war, so schrecklich ernst. Heute
-freilich hatte sie ihn von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.
-
-„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind!
-Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich
-vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst
-dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut
-war, wie sie.
-
-„Sind +Sie+ denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz
-erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter
-und stark klang sie.
-
-„Ich!“
-
-Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im
-Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen.
-
-„Wissen Sie, wenn ich so allein daheim bin, und Tante in der Küche
-draußen kocht -- Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in
-der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension -- ah -- was die
-gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! -- da weiß
-ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes
-Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes
-zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten
-weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß
-ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit
-fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen
-und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die
-Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser
-schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das
-ist ja alles dummes Zeug!“
-
-Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb
-sie stehen.
-
-„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“
-
-Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm
-sie und blickte ihr in die klaren Augen.
-
-„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff
-selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm.
-
-„Ich weiß nicht, ob ich darf, wenn ein junger Herr im Haus ist!“
-erwiderte sie.
-
-Er sah so hilflos niedergeschlagen aus, daß sie lachen mußte.
-
-„Es kann schon sein, daß ich doch komme!“ sagte sie ermutigend.
-
-Dann zog sie ihre Hand aus der seinen und nickte ihm kurz zu, bog
-in die Querstraße ein und entfernte sich mit kleinen, munteren,
-trippelnden Schritten.
-
-Er stand und sah ihr nach. Es war, als höre man Musik, wenn man sie
-gehen sah. Alles ward so ruhig in einem.
-
-Und Ernst ging schnurstracks heim und schrieb bis zum Mittagessen an
-seiner Predigt.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Am 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle
-Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und
-in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß
-man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und
-Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren
-vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern.
-
-„Geht Ernst heut abend mit?“ fragte Frau Hallin, als die Familie nach
-Tisch um den Kaffeetisch versammelt war.
-
-„Ja natürlich“, sagte der Adjunkt. „Warum sollte er nicht mitgehen?“
-
-„Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der
-Woche, eh er seine Probepredigt hält?“ fragte Frau Hallin in ihrem
-allerernstesten Ton.
-
-„Ach, was tut denn das!“ erwiderte der Adjunkt.
-
-Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich
-direkt an seinen Sohn.
-
-„Was sagst du selbst dazu?“ fragte er.
-
-Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich
-entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu
-fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er
-antwortete doch, wenngleich etwas zögernd:
-
-„Ja, ich wollte eigentlich gehen.“
-
-Frau Hallin äußerte nur: „Selbstverständlich mußt du in einer solchen
-Sache tun, wie du willst.“
-
-Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen
-schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich
-Gewissensbisse zu machen.
-
-Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen
-anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es
-von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte.
-Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei
-Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste
-es, was es wolle.
-
-Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt.
-Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter
-Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das
-Allermerkwürdigste war -- er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar
-ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!
-
-Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.
-
-Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine
-ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte.
-Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im
-Wohnzimmer.
-
-In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt,
-das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch
-ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und
-in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.
-
-Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer
-und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen,
-daß er schon über sechzig Jahre alt war. Der Bart war freilich grau
-und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch
-viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz
-mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher
-Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre
-schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu
-haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich
-verjüngte.
-
-Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe -- er wußte, bei
-einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen --
-und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.
-
-Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der
-größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in
-diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl
-von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas
-Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf
-denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden
-brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über
-der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die
-in der Mitte des kleineren Zimmers hing.
-
-Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die
-Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und
-klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste
-auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem
-eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen
-Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte
-sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.
-
-Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob
-sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt
-hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte zurecht. Die flotte
-Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein
-Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine
-französische Operettenmelodie.
-
-Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die
-teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon.
-
-Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch
-hinaufgeschraubt war.
-
-Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es
-war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren
-Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte
-ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen
-Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße
-Weichheit der Jugend zeigten.
-
-Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die
-Arme um den Hals.
-
-„Abel!“ sagte sie.
-
-Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von
-sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten.
-
-„Ja, lieber Schatz,“ sagte er, „die Zeit vergeht!“
-
-Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die
-Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die
-Professorin segelte durch das Zimmer -- mit dem eigentümlichen Gang,
-den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen.
-
-„Gabrielle!“ rief sie zur Tür hinaus.
-
-„Ja, Mama!“ klang es von einem Nebenzimmer zurück.
-
-„Beeile dich!“ sagte die Mutter. „Ich höre Axel schon auf der Treppe.“
-
-Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun.
-
-„So -- muß der noch +vor+ den andern kommen?“
-
-Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die
-Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar
-Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen!
-
-Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem
-Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und
-wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte.
-
-Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete
-mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um
-die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen
-mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten
-unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform.
-Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden
-Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen
-einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu
-genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf
-sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an
-seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen.
-
-„Du bist süß, süß, süß!“ flüsterte sie dazwischen durch. „Komm auf mein
-Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!“
-
-„Meine kleine Gabby!“ sagte der Leutnant, während er ihr folgte.
-
-Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama
-rief, „Axel“ sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen
-Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf,
-daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine
-Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen
-stand.
-
-„Sei still!“ sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna.
-
-Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen.
-Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse
-nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das
-Lachen.
-
-„Herrje, sind die albern!“ sagte Anna.
-
-Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig
-durch die offene Tür.
-
-„Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!“ sagte sie zu der Schwester.
-
-Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen,
-um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: „Kuckuck!“ in
-Gabrielles Zimmer zu stürzen.
-
-Gabrielle fuhr auf und rief außer sich:
-
-„Herrgott, die so ungezogenen Rangen!“
-
-Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu
-stiften.
-
-„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht
-gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick
-ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das
-Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin
-eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing
-sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz
-extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen
-Rangen!“
-
-Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und
-Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube
-und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden
-Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit
-kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem
-Scheitel und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und
-einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht,
-die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur
-kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten,
-auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige
-Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich
-mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem
-Hochzeitstag gratulieren mußte.
-
-Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen,
-behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die
-in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den
-Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten,
-in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter
-Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum
-Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und
-her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß
-je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser
-Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe,
-liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie
-sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus
-wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig
-Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären -- man könnt’
-es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn
-man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb
-von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal
-ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen
-Winter so schlecht!“ -- Dies letztere war die Bischofin.
-
-Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen,
-bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten äußerten:
-„Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während
-die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger
-ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch
-viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die
-Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw.
-
-Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen
-nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und
-war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste
-hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies
-allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch
-die verschiedenen Antipathien.
-
-Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob
-er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den
-Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die
-anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche
-Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches
-Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du
-stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den
-Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern
-Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die
-zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin
-in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen,
-puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf
-dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren
-Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art
-hatte ganz Gammelby nur +ein+ Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben
-Professor Hallin!“
-
-Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich
-ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete,
-weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten wollen. Als sie
-nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die
-Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte:
-„Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit
-Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie
-beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich
-nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich.
-„Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig.
-
-Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten
-Bäumen wächst Moos!“
-
-Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen
-Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große
-Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte
-er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen,
-begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah
-sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam
-eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn
-verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.
-
-Auf dem Sofa saß die Bischofin, auf ihrer einen Seite die Rektorin
-Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen
-von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines
-Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn
-wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen
-redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin
-beugten sich beide zur Bischofin hin, die mit ihrer Teetasse in der
-Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre
-Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem
-Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß.
-
-Die Bischofin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem
-Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als
-stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen Haushalt vor; und ihr
-Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger,
-als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke
-vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf
-bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es
-konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit
-mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel,
-sich auf Kosten der „kleinen Bischofin“ ein bißchen zu amüsieren.
-
-Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau
-Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau
-Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach
-von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand
-in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte
-viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde
-betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen
-war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau
-Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war
-in der Gnade Gottes als sie.
-
-Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der
-Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante,
-bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um
-Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau
-Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum
-Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht
-erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort
-triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken
-hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben
-könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das
-bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken
-konnte.
-
-Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit
-ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die
-Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie
-fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt.
-
-Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte,
-wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu
-gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons
-scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen.
-
-Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen
-in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte,
-die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein
-paar Herren auf und ab und politisierten.
-
-Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf
-seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht
-lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch
-bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft
-erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich
-eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich
-im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah
-heimlich auf die Uhr.
-
-Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der
-Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr
-und schmunzelte und verbeugte sich.
-
-Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht
-ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen...
-recht gut... hm ja... recht gut... Die Bürgermeisterin legte den Kopf
-auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen
-Kavalier auf:
-
-„Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken
-habt!“
-
-Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit
-gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere
-auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne
-blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über
-die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ.
-
-Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer,
-blätterte in einem Album und schnupfte.
-
-Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den
-Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen
-Herren in der Mitte des Salons zu: „Ist’s den Herren gefällig, daß wir
-zu dem solideren Teil des Abends übergehen?“
-
-Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten
-im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller
-Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile
-stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung
-besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand,
-die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die
-Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon
-alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten
-Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Na, endlich!“
-
-Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen.
-
-„Ich komme in einem Weilchen auch“, sagte er.
-
-Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den
-Damen bleiben.
-
-Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen,
-mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der
-Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen Tisch
-und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch
-zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden
-mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie
-machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die
-übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder
-hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht
-hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder
-irgend so was Ähnliches.
-
-Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand
-Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich
-vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein-
-und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die
-Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören.
-
-Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie
-ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür
-herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit
-unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre
-Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt
-dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste.
-
-Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz
-zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in
-einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva
-Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen.
-Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein
-sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten.
-Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen
-anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten.
-
-Ernst warf einen Blick auf die Damen im Salon. Seine Mutter und Frau
-Pegrelli waren ins Wohnzimmer übergesiedelt; alle andern hatten sich
-um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der
-Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf
-verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt
-zu den Herren droben zurückziehen wolle.
-
-Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu.
-
-„Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder
-bleiben Sie bei den Damen?“ fragte er mit einem Lächeln, das Ernst
-unangenehm berührte.
-
-„Ich glaube, ich gehe hinauf!“ antwortete er; gleichzeitig bemerkte er,
-daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete.
-
-Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er
-noch röter.
-
-„Noch bin ich kein Vorgesetzter“, sagte der Bischof, der die Verwirrung
-des jungen Mannes mißdeutete.
-
-Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes,
-gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte
-und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem
-Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man
-am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und
-beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie,
-über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.
-
-Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als
-sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht.
-
-Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er
-feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren
-in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich?
-Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner
-Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine
-Probepredigt halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die
-mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich
-leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit
-seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das
-schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof
-hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach
-beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva!
-Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar
-nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes
-Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von
-ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den
-Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang
-beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere
-waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein
-Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es
-soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich
-umkehren, und ich werde es.
-
-Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte:
-„Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so
-leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.
-
-Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den
-Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter,
-die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein
-armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten
-seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde,
-imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen
-würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen
-voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan
-hatten.
-
-Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben
-den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine
-Stimme aus seinen Gedanken.
-
-„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“
-
-Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen,
-der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir
-nicht ein Gläschen miteinander trinken?“
-
-Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand.
-Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.
-
-„Auf gestern abend!“ sagte er lächelnd.
-
-„Ja, das war ein verdammt lustiger Abend“, sagte Bruhn.
-
-„Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer
-Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders
-aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen
-Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird,
-verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den
-Füßen.“
-
-Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor
-sich hin.
-
-„Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?“ sagte Bruhn. Ernst wich
-den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen.
-
-„Na -- -- so -- --“ sagte er achselzuckend.
-
-Professor Bruhn lachte.
-
-„Ich hab’ auch einmal Pastor werden wollen“, sagte er. „Aber es ist
-nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn
-später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das
-ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu
-sein!“
-
-Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn
-die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte
-die Empfindung, als müsse dieser barsche, eckige Mensch ihn verstehen
-und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können.
-Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die
-Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes.
-
-„Wollen wir uns nicht setzen?“ meinte Professor Bruhn.
-
-Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und,
-die Groggläser vor sich, schwatzte.
-
-Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter
-der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im
-Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien
-wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst
-Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und
-Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby,
-mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und
-seiner Perücke, die nie sitzen wollte.
-
-Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt
-sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß
-er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte.
-
-Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und
-unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für
-alle da und sah zu, daß nichts fehlte.
-
-Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die
-rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch
-niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten
-und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug.
-Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste
-Lachen hatte gleichsam einen andern Klang.
-
-„Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch
-präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!“ sagte Professor
-Bruhn.
-
-Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin.
-
-Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit
-glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet
-und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann.
-
-Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und
-nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in
-seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei.
-
-Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es
-dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man
-erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine
-Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg.
-
-Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von
-Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen
-hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus,
-daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um „uns Damen“
-kümmerte.
-
-„Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!“ sagte
-Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand,
-aufgeräumt an.
-
-Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm
-die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen
-Schwachheiten.
-
-„Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren“,
-erwiderte er.
-
-Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer.
-
-Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf
-kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe
-Botschaft ins Ohr: „Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!“
-
-Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig,
-daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu
-wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: „Meine Herren --
-ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu
-Tisch zu führen!“
-
-Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden
-Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur
-mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter,
-streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann
-hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten
-werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem
-Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig.
-
-„Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!“
-
-„Das war in früheren Zeiten... Ich bitte doch...“
-
-Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof
-behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward
-die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen.
-
-„Teufel, was ich hungrig bin!“
-
-„Wer erst sein Schnäpschen ~intus~ hätte!“
-
-Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren
-im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein
-ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer
-Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen.
-Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und
-Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel
-durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor
-den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen
-machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der
-Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf Hallin und zeigte durch ein
-verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute.
-
-Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war
-ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen.
-Da gab’s Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene
-Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering,
-gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust.
-
-Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit
-Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten
-die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe
-Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache
-feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser.
-
-Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der
-Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab’s Lachs und
-junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit
-Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und
-junges Geflügel.
-
-„Ich kenn’ das Menü von Gustafva Björklund her“, flüsterte die
-Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu.
-
-„Ich auch,“ erwiderte die; „aber es ist gut.“
-
-„Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn
-man nicht fragen braucht, was es kostet!“ gab die Bürgermeisterin
-zurück und warf den Kopf in den Nacken.
-
-Die Bischofin trat mittlerweile auf die Professorin zu.
-
-„Aber Aurora!“ sagte sie. „Du machst zu viel Umstände für deine Gäste!
-Diese Unmasse von Gerichten!“
-
-Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn
-nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das
-wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie
-brauchte sich nicht zu schämen.
-
-Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden.
-Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen,
-und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte
-den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert.
-
-„Ißt du dich auch satt, Erker?“ sagte der Professor, indem er dem
-Bruder ein Glas Rotwein zutrank.
-
-Der Gymnasiallehrer nickte und lachte.
-
-„Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!“ meinte er.
-
-Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man
-Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte
-ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte
-bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher
-sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand
-darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen.
-
-Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin
-unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf.
-Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der
-Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in
-irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte
-sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen.
-
-Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben
-hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren
-dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten.
-
-Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den
-Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine
-gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren.
-Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete
-mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten
-andachtsvoll. Und niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und
-die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren.
-
-Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die
-schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu.
-Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber
-alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und
-sagte: „Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu
-verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat“.
-
-Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt.
-Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch
-sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch
-eine Verstimmung er hervorgerufen hatte.
-
-Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion
-beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt
-ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie
-doch recht gehabt hätte.
-
-Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel
-vergaß man Bruhn.
-
-Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh,
-man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß
-man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am
-folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem
-ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen.
-
-Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer
-bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der
-Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den
-Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der
-Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte,
-der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden
-Einfluß auf den Menschen haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz
-unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu
-schätzen wußte.
-
-Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt,
-er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen,
-weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann
-schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu
-ertragen.
-
-Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die
-Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich
-diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte
-jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz
-für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“
-ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“
-verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“.
-
-Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und
-gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen.
-Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen,
-um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen
-geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre
-Studentenanekdoten erzählten.
-
-Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und
-aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und
-mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar
-von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.
-
-„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie
-es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte
-ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie
-ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche
-Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut
-abend?“
-
-Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er
-dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.
-
-„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie
-ihm zumute war.
-
-Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva
-Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so
-zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt,
-so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie
-saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen
-Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete:
-„Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal
-herunterzukommen!“
-
-Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff,
-daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über
-seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm
-entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute.
-Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die
-ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre
-Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten
-zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.
-
-„Ich weiß nicht, warum!“ sagte er. „Aber ich konnte nicht. Nicht vor
-all diesen Menschen.“
-
-Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen. Über Evas
-Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis
-hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher,
-als sie erwiderte: „Still! Jetzt kommt die Rede!“
-
-Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof
-ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch
-aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner Frau, die schon das
-Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres
-Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben.
-
-„Meine Damen und Herren!“ begann der Bischof, und in dem großen Zimmer
-ward es ganz still.
-
-Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die
-Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden.
-
-„Meine Damen und Herren!“
-
-Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der
-Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete.
-
-Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt
-habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die
-Dichterworte:
-
- Was auf der Erde ist so wert,
- So traut, als Haus und Herd?
-
-Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims.
-
-„Es ist nicht das erstemal,“ schloß er, „daß ich an diesem Tag in
-diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit
-jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das
-vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die
-Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander
-durchs Leben zu wandern.“
-
-„Bravo!“ rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit
-einem funkelnden, triumphierenden Blick.
-
-„In Lust und Leid, wie das alte Wort sagt“, fuhr der Bischof fort.
-„Und in unsern Tagen, da man von allen Seiten die Heiligkeit der Ehe
-antastet, da die Menschen nicht mehr die Bande der Familie achten,
-sondern selber sich an die Stelle der göttlichen Autorität setzen,
-grade in diesen Tagen, meine Damen und Herren, möchte ich wünschen,
-ich könnte ein paar von diesen Großsprechern einführen in -- ich kann
-Gott sei Dank sagen, viele -- unserer alten nordischen Heime und ihnen
-sagen: Seht dies Glück, das ihr zerstören wollt, diese Treue durch
-Glück und Leid“ -- der Bischof sprach die Worte aus wie Hammerschläge
--- „die ihr abschaffen wollt!“
-
-„Meine Damen und Herren!“ der Bischof schlug jetzt einen leichteren Ton
-an -- „ich bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen, unsern werten Wirten
-für den angenehmen Abend zu danken und ihnen gleichzeitig noch viele
-weitere Jahre wie das eben verflossene zu wünschen. Glück und Segen
-ihnen beiden!“
-
-Die Gäste drängten sich um die Hauswirte. Frau Hallin dankte mit heißen
-Wangen und Tränen in den Augen. Professor Hallin versuchte einen
-leichten Ton anzuschlagen und verbeugte sich lächelnd nach rechts und
-links.
-
-Nach dem Abendessen begannen die Gäste aufzubrechen. Eine Weile
-versuchte man noch, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber der zweite
-Versuch erstarb ganz von selbst. Alle fühlten, der Anlaß zu der
-Zusammenkunft war nun vorüber. Alle waren satt und alle sehnten sich
-nach Hause, ins Bett.
-
-Im Vorzimmer war wieder ein großes Gedränge; schläfrige Dienstmädchen,
-die seit zwei Stunden dastanden und warteten, halfen den Damen in
-ihre Mäntel und Pelze. Die Herren liefen noch einmal die Wendeltreppe
-hinauf, um sich noch eine Zigarre zu holen. Drunten vor der Tür
-stand Gustaf Hallin, überglücklich mit seinen zwei Zigarren, die er
-erschmuggelt hatte, und wartete auf die Seinen. Wenn er daheim auf
-seiner Stube war, wollte er rauchen! Jetzt wagte er’s nicht. Es waren
-so viele Lehrer um den Weg.
-
-Als alle Gäste fort waren, ging der Professor zufällig noch einmal
-durchs Vorzimmer. Die Korridortür war angelehnt, und durch die Tür
-hörten des Professors geübte Ohren einen verdächtigen Laut, der wie ein
-Kuß klang.
-
-Er blickte hinaus. Im Halbdunkel glaubte er einen Offiziersmantel zu
-sehen, der die Treppe hinunter verschwand. Und zur Tür herein kam
-eines der Hausmädchen, rot wie eine Päonie. „Wer ging denn da eben
-fort?“ fragte der Professor und legte die Sicherheitskette vor.
-
-Das Mädchen sah ganz erschrocken aus.
-
-„Ich weiß nicht“, sagte sie stotternd. „Ich glaube, es war der Herr
-Leutnant.“
-
-Der Professor erwiderte nichts und das Mädchen verschwand eilig in der
-Küche.
-
-„Pfui Teufel!“ sagte der Professor vor sich hin. Auf seinem jovialen
-Gesicht spielte ein pfiffiges Lächeln. „Steht die Sache so?“
-
-Und raschen Schrittes ging er in den Salon, um seiner Frau zu helfen,
-die Lichter zu löschen.
-
-Als Adjunkts auf dem Heimweg endlich allein waren, nahm Frau Hallin
-Ernsts Arm und fragte: „Was hast du denn mit dem Bischof gesprochen?“
-
-Ernst Hallin erwachte plötzlich aus seinen Träumen und blickte die
-Mutter lächelnd an.
-
-„Er fragte mich, ob ich einen Grog nehmen wollte“, erwiderte er.
-
-„Ob du einen Grog nehmen wolltest?“ wiederholte sie.
-
-„Ja. Was dachtest du denn sonst, Mama?“
-
-Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Ernst Hallin fühlte sich an diesem Abend, als er heimkam, viel zu müde
-zum Denken. Das Gespräch mit Eva Baumann klang in seinen Ohren nach,
-ohne jedoch sein Gehirn zu lebhafterer Tätigkeit zu erwecken, und er
-schlief bald ein und schlief tief und schwer.
-
-Als der Adjunkt eben zur Tür hinausging, um nach der Schule zu eilen,
-erwachte Ernst. Eine Weile lag er ganz still und schloß die Augen; er
-wollte wieder einschlafen. Auf der Treppe hörte man knarrende Schritte.
-Dann fiel wieder Schweigen über das dunkle Zimmer.
-
-Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Ein unbestimmtes Unruhegefühl
-quälte ihn; ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als wäre er
-zu einem schweren, qualvollen Tag erwacht. Heute, dachte er im
-Halbschlummer, wartet etwas Schlimmes auf mich. Wenn ich aufwache, wird
-es kommen. Sobald ich ganz wach bin, werd’ ich auch wissen, was es ist.
-Sie werden mich packen und quälen und an mir zerren und mich nicht aus
-ihren Klauen lassen. Ich muß sehen, daß ich so schnell wie möglich
-wieder einschlafe. Man kann gar nicht lang genug schlafen, wenn man zu
-etwas Schlimmem erwachen muß!
-
-Und er schloß die Augen und bohrte den Kopf ins Kissen, um wieder
-einzuschlafen. Aber er konnte nicht; er lag und horchte auf die
-Uhr, die auf dem Nachttisch tickte. Das quälte ihn so, daß er sich
-aufrichtete und sie unters Kopfkissen stopfte, bloß damit er sie nicht
-mehr zu hören brauchte.
-
-Und plötzlich stand der gestrige Tag vor ihm. Der ganze lange,
-unerträgliche Abend. Dann das Gespräch mit Eva Baumann. Er zog die
-Decke über den Kopf und drehte sich nach der Wand, in der Hoffnung, die
-Gedanken würden ihn dann verlassen. Aber sie ließen ihn nicht. Einer
-nach dem andern kamen sie und klopften an und wollten in sein Gehirn,
-um ihn zu beunruhigen und zu quälen. Und alle sagten sie das gleiche:
-daß er ein Esel war, ein dummer, unglaublicher, unverbesserlicher Esel!
-
-Er hatte Eva in den letzten Monaten oft getroffen. Er war ihr begegnet,
-wenn sie von ihren Klavierstunden kam; hatte sie bei Selma drunten
-gesehen. Er war mit ihr und Selma spazieren gegangen, hatte bei Frau
-Pegrelli Besuch gemacht, war zum Abendbrot dort gewesen.
-
-Die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, seit er Eva entdeckt hatte.
-Er begriff gar nicht, daß er sie früher nicht beachtet hatte. Er
-hatte nie so recht ernsthaft mit ihr geredet, nie über sich selber
-mit ihr gesprochen, nie etwas von ihr gefordert. Er hatte nur neben
-ihr gesessen, war neben ihr hergegangen, hatte über alles mögliche
-Gleichgültige mit ihr geredet. Oder er hatte sie sprechen lassen und
-hatte selber kein Wort gesagt. Aber in ihm war es dabei so ruhig
-geworden, so still, als ob nichts auf der ganzen Welt ihn je mehr aus
-dem Gleichgewicht reißen könnte.
-
-Und doch war er den ganzen Abend bei einer dummen Gesellschaft gewesen
-und hatte kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum begrüßt. Es war
-gradezu eine Kränkung, die er ihr da zugefügt hatte; und wenn er sie
-jetzt wiedersah, würde alles leer und öde und gräßlich zwischen ihnen
-beiden sein. Kein heiteres Lächeln würde ihn begrüßen, wenn er kam,
-kein zutrauliches Nicken, wenn er ging. Und er konnte es nicht einmal
-erklären. Esel, der er war! Er würde auch gewiß keinen Versuch mehr
-machen! Was war da überhaupt zu erklären?
-
-Er sah sie wieder vor sich in dem kleinen Wohnzimmer, wo ihre Tante
-nachmittagelang auf dem Sofa saß und strickte, mit auf die Nase
-gerutschter Brille und unaufhörlich sich bewegenden Lippen, als zähle
-sie immerwährend Maschen. Eva saß auf dem Sofa neben der Tante und
-unterhielt sich mit ihm, der in einem Lehnstuhl auf ihrer andern Seite
-saß. Ihre weichen Handgelenke bewegten sich emsig, während sie häkelte,
-und sie lachte ihn an mit den lebhaften Augen, die aussahen, als hätte
-sie ihr Leben lang keinen Zweifel und kein Kopfzerbrechen gekannt.
-
-Er vermochte nicht länger still zu liegen, sondern stand auf und zog
-sich an. Die ganze Welt war ein einziger großer Wirrwarr! Es graute ihn
-beim Gedanken, daß er hinuntergehen mußte zu den Seinen.
-
-Aber schließlich war er doch fertig. Und auch der Hunger machte sich
-geltend -- er hatte am Abend vorher kaum einen Bissen gegessen --, und
-so ging er hinunter zum Frühstück. Selma saß am Frühstückstisch. Ernst
-bemerkte, daß sie sehr müde aussah, und mehr um seinen eigenen Gedanken
-aus dem Weg zu gehen, als aus dem Drang, sich um andere zu kümmern,
-fragte er: „Was ist mit dir?“
-
-Selma stellte mit einer matten Bewegung das Milchglas weg, ohne zu
-trinken.
-
-„Ich bin so müde!“ antwortete sie.
-
-Es lag in ihrem Ton etwas, das Ernst veranlaßte, die Schwester genauer
-anzusehen. Sie war ein kräftiges, ziemlich großes Mädchen mit reichem
-blondem Haar, derber Gesundheit und frischen, roten Lippen. Nur ihr
-Teint war verräterisch durchsichtig und blaß, und ihre Hände waren fast
-krankhaft weiß.
-
-„Hm!“ sagte Ernst. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Sie sah
-tatsächlich gar nicht gesund aus. Vielleicht lastete auch auf ihr
-etwas, etwas, von dem sie nicht sprechen konnte, nicht der Mutter,
-nicht dem Vater, nicht Bruder oder Freund gegenüber? Ob es wohl ein
-Familienzug bei ihnen war, daß jedes von ihnen sein Leben für sich
-leben und sich vor den andern abschließen mußte?
-
-Keinen Augenblick lang war es Ernst in den Sinn gekommen, daß seine
-Schwester, seine tüchtige, kräftige Schwester, die seit fünf Jahren
-Lehrerin an der Mädchenschule war, und eine so vortreffliche Lehrerin,
-die sich selber ihr Brot verdiente, etwa nicht glücklich sein könne,
-mit sich selber nicht fertig wurde, sondern vielleicht in aller Stille
-träumte -- sich sehnte -- fort -- in eine Welt -- wer weiß, in was für
-eine!
-
-Aber heute hatte sein eigenes kleines Erleben ihn scharfsichtiger
-gemacht. Darum wollte er versuchen, ihr zu helfen.
-
-„Liebe Selma!“ sagte er und strich ihr leise übers Haar. „Was fehlt
-dir?“
-
-Die Schwester blickte vor sich nieder und errötete.
-
-„Glaubst du, es sei besonders nett, so jahraus, jahrein bei den Eltern
-zu leben und kleine Kinder zu unterrichten?“ sagte sie hart. „Du weißt
-ja gar nicht, wie einsam ich bin!“ Ernst war ganz verwundert.
-
-„Einsam?“ sagte er zögernd. „Du hast doch die Eltern. Und mich!“ fügte
-er hinzu.
-
-Er fühlte ganz gut, daß das nicht wahr war, daß sie weder die Eltern
-noch ihn hatte, und daß das auch gar nicht genug gewesen wäre. Aber die
-Worte fuhren ihm heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.
-
-Die Schwester blickte auf. Auf ihrer Stirn lagen Falten, die sie
-plötzlich alt machten.
-
-„Du bist ein Mann!“ sagte sie. „Sei froh. Du kannst deinen eigenen Weg
-gehen. Keiner hindert dich. Aber ich...“
-
-Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in
-heftiges Weinen aus und verließ das Zimmer.
-
-Ernst sah ihr nach. Ein plötzlicher Instinkt sagte ihm, daß er hier zum
-Zeugen eines Leides geworden war, dessen Wurzel sehr tief lag; aber er
-wußte doch keine Antwort auf die Frage, was dieser Ausbruch eigentlich
-zu bedeuten habe. Nur ein Gefühl der Reue beschlich ihn, daß er immer
-so achtlos an der Schwester vorübergegangen war. Gewiß hatte er sie
-ja nicht mißachtet, aber es war ihm doch auch nie eingefallen, zu
-versuchen, ihr näher zu kommen.
-
-Voll von Grübeleien und neuen Gedanken ging er auf sein Zimmer. Nach
-dem Mittagessen versuchte er, mit der Schwester zu reden, sie zu
-fragen, weshalb sie geweint hätte. Aber sie sah ganz ruhig aus und
-erwiderte nur, sie wäre eben ein bißchen nervös.
-
-Das konnte Ernst nun wieder nicht verstehen. Er hatte versucht, sich
-der Schwester zu nähern, war zurückgewiesen worden, und seine Gedanken
-nahmen ihren gewöhnlichen Kreislauf um sich selber wieder auf.
-
-Den Vormittag über war er in einer ganz eigentümlichen Stimmung
-gewesen. Der Eindruck vom Ausbruch der Schwester hatte sich mit seiner
-eigenen Melancholie vermischt und die wunderlichsten Gedanken in ihm
-hervorgerufen.
-
-Aber jetzt schlugen diese Gedanken wieder die alte Richtung ein. Mit
-verdoppelter Stärke stand seine Dummheit von gestern wieder vor ihm.
-Ihm war plötzlich, als müsse er um jeden Preis zu Eva und alles mit
-ihr ins Reine bringen. Es war wie eine fixe Idee bei ihm, daß etwas
-da unklar war und ins Reine gebracht werden müßte. Er mußte zu ihr,
-sie sehen, sie sprechen, sich mit ihr versöhnen und fühlen, daß alles
-wieder war, wie vorher. Aber die Mutter durfte nicht sehen, daß er
-ausging. Sonst würde sie ihn fragen, wo er hinginge. Lügen konnte er
-nicht, und sagen, wohin er ginge, wollte er nicht. Wenn er nur an
-den forschenden Blick dachte, den sie auf ihn richten würde, wenn er
-antwortete: Zu Frau Pegrelli! so empfand er schon ein Unbehagen, als
-stünde ihm ein Unglück bevor.
-
-Wie ein Schuljunge schlich er sich die Treppe hinunter und hinaus.
-
-Hastig ging er die vertrauten Straßen entlang und läutete schließlich
-an einer Klingel, die vor einer weißen Tür ohne Schild hing. Ein
-zersprungener Klang kam von der alten Glocke, die drinnen gegen die Tür
-schlug. So stark hatte er am Glockenstrang gerissen.
-
-Er war ganz rot im Gesicht und atmete kurz, als das Mädchen kam und
-öffnete. „Ist Fräulein Baumann zu Hause?“ wollte er fragen, besann sich
-aber und fragte mit erzwungener Ruhe nach „den Damen“.
-
-Frau Pegrelli wäre ausgegangen, aber das Fräulein sei daheim. Ernst
-wäre am liebsten wieder umgekehrt. Es war ja gar nicht anders möglich,
-als daß sie wegen seines unverzeihlichen Betragens am Abend zuvor
-böse auf ihn war, und er hatte ja nichts zu seiner Entschuldigung
-anzuführen, nichts -- außer er bekannte ihr alles... alles, was ihn
-bewegte, alles. Und das konnte er doch nicht. Und darum wär es am
-besten gewesen, er wäre wieder gegangen. Aber das ging auch nicht.
-
-Er hörte sie drinnen Klavier spielen. Ein rettender Gedanke kam ihm.
-
-„Fräulein Baumann ist gewiß beschäftigt?“ sagte er zu dem Mädchen.
-
-„Das glaub’ ich nicht; aber ich kann ja fragen.“
-
-„Bitte, treten Sie doch ein!“ rief da schon eine fröhliche Stimme aus
-dem Wohnzimmer, und als Ernst über die Schwelle trat, stand Fräulein
-Eva mitten im Zimmer und machte ihm einen tiefen Knix.
-
-Ernst war aufs äußerste überrascht. Sie sah so schalkhaft und sicher
-aus, nicht ein bißchen böse, nur froh und heiter. Und schön. So
-unwiderstehlich schön! Und er stand da, unendlich linkisch, und fragte
-bloß: „Sind Sie mir nicht böse?“
-
-Sie schüttelte den Kopf und lachte, und wieder sah sie dabei so sicher
-aus, als wüßte sie ganz genau Bescheid über ihn.
-
-„Nein.“
-
-„Gar kein bißchen?“
-
-„Nein, kein bißchen.“
-
-Eva hatte Ernst während der Zeit ihrer Bekanntschaft verstehen gelernt.
-Sie begriff, daß er auch nicht einen Augenblick lang den Mut haben
-würde, ein entscheidendes Wort in ihrem beiderseitigen Verhältnis
-zu sprechen. Daß sie sich selbst auf eine ganz eigene Art zu dem
-verschlossenen, sonderbaren jungen Theologen hingezogen fühlte,
-darüber war sie sich klar. Er hatte etwas so Impulsives. Einmal war
-er fröhlich wie ein Kind, dann wieder niedergeschlagen und lebensmüde
-wie ein Greis, dem das Leben nichts mehr zu bieten hat. Und sie
-begriff, daß etwas war, was ihn drückte und quälte; wenn man ihm das
-abnehmen könnte, so würde er aufrecht und frei und froh werden, so wie
-damals, als sie ihm von der Brücke herab zugesehen hatte, wie er dran
-arbeitete, mitten im Winter der Frühlingsflut vorwärts zu helfen.
-
-Wäre es nicht vielleicht möglich, daß sie es war, die ihm helfen
-konnte? Es war etwas in ihm, das sie nicht kannte, das er sorgfältig
-vor ihr verbarg, und das reizte ihre Neugier, während sie es zugleich
-als eine Kränkung empfand, daß er, der doch so viele Interessen haben
-mußte, nie ein ernsthaftes Wort mit ihr sprach. Warum tat er das nicht?
-Warum sprach er nie über seine Zukunft? Glaubte er vielleicht, sie sei
-so dumm oder oberflächlich, daß sie an nichts anderes denken könne als
-an Spiel und Tand?
-
-Aber irgend etwas lastete auf ihm. Und ihrer lebhaften Natur, die
-nach Tätigkeit dürstete, schien es, als eröffne sich ihr hier eine
-Möglichkeit.
-
-Da saß er nun und sah sie mit seinen klaren, lichten Augen an, zupfte
-an seinem Bart und lachte vor sich hin aus hellem Behagen. Im Anfang
-hatte sie das verlegen gemacht, dann hatte sie sich daran gewöhnt,
-jetzt reizte es sie. So viel hatte sie jedoch schon gelernt, daß man
-mit Gewalt nichts aus ihm herauskriegte. Versucht hatte sie es schon.
-Aber es war immer mißlungen.
-
-Sie bemühte sich daher, einen möglichst gleichgültigen Ton
-anzuschlagen, während sie fragte: „Übermorgen werden Sie ja predigen?“
-
-Wäre Ernst der raffinierteste Don Juan gewesen, statt des unerfahrenen,
-mit Welt und Frauenherzen unbekannten jungen Mannes, der er war, er
-hätte auf keine geschicktere Art verfallen können, Eva Baumanns Herz
-zu gewinnen, als indem er sich so völlig über sich selbst ausschwieg.
-Im Anfang mochte sie ihn gern seiner Einfachheit halber, wie sie
-es nannte. Aber je mehr seine Persönlichkeit sie zu beschäftigen
-anfing, desto eifriger strebte sie danach, ihm auf den Grund zu
-kommen. Sie wollte wissen, was es war, das ihn zu manchen Stunden so
-geistesabwesend machte und zu andern so fröhlich, als wäre er aus
-einem bösen Traum erwacht. Als sie jetzt ihre Frage vorgebracht hatte,
-war sie ganz ängstlich, was darauf kommen würde. Und sie ward ganz rot
-vor Schreck, als sie sah, was für eine Wirkung es auf Ernst hatte.
-
-Sein froher, sorgloser Gesichtsausdruck verschwand plötzlich, und er
-senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnte, was er dachte.
-
-So saß er lang und schwieg.
-
-So lange schwieg er, daß ihr angst wurde. Es war so still, daß sie ihr
-eigenes Herz hämmern hörte; sie wäre am liebsten davongelaufen, um
-sich allein auszuweinen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, legte
-ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die jeden
-Augenblick in Weinen umschlagen konnte: „Was ist? Warum antworten Sie
-denn nicht? Es ist so schrecklich, wie Sie dasitzen und schweigen!“
-
-Er richtete sich auf und setzte sich im Stuhl zurück. Sein Blick war
-wie erloschen; sein ganzes Gesicht zuckte nervös. „Warum müssen Sie
-auch gerade davon sprechen?“ rief er. „Warum kann ich nicht wenigstens
-bei Ihnen damit verschont sein? Sie sind so gut zu mir gewesen, und ich
-war Ihnen so dankbar! Ich hab’ zu Ihnen kommen und mit Ihnen über alles
-sprechen können, und ich war so froh und war Ihnen so gut! Und jetzt
-ist’s aus. Nie wieder wird es, wie es gewesen ist.“
-
-Sie war verwundert und zugleich ärgerlich.
-
-„Was wollen Sie denn damit sagen: Nie wieder, wie es gewesen ist?
-Weil ich Sie nach Ihrer Predigt gefragt habe? Glauben Sie, ich sei
-eine Puppe, die Sie wegwerfen können, weil sie nicht mehr in dem
-Ton schreit, der Ihnen paßt? Nein, Herr Hallin, da kennen Sie mich
-schlecht.“
-
-Er schüttelte den Kopf; aber der gequälte Ausdruck wich nicht aus
-seinem Gesicht.
-
-„Ach, was Sie kindisch sind!“ sagte er. „Macht es Ihnen so viel Spaß,
-mich zu quälen? Sie sind doch auch vorher mit mir zufrieden gewesen, so
-wie ich war. Kann das nicht auch jetzt so sein?“
-
-Er schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. „Oder
-vielleicht sind Sie gar nicht mit mir zufrieden gewesen?“ fragte er
-dann.
-
-Ihre Neugier oder vielleicht eher ihr Verlangen, sein Geheimnis zu
-ergründen, erwachte aufs neue. Gleichzeitig empfand sie etwas, das sie
-rührte und ängstigte. Wie eine Mutter hätte sie ihn mögen in die Arme
-nehmen, ihn beruhigen, ihm über die Stirn streichen, die feucht von
-Schweiß war.
-
-„Es bedrückt Sie etwas“, sagte sie mit ganz anderer Stimme. „Können Sie
-es mir nicht sagen?“
-
-Er fuhr auf und wurde totenblaß. Seine Hände ballten sich, seine Brust
-keuchte.
-
-„Nein!“ schrie er fast überlaut. „Nein, ich kann nicht. Nicht jetzt.
-Nicht jetzt.“
-
-Sie verstummte und blickte weg. In diesem Augenblick durchflog sie die
-Ahnung, daß sie aus eigenem Antrieb einen Kummer auf sich lud, der ihr
-junges Leben vielleicht zu Boden ziehen würde. Aber es war Genuß in dem
-Gefühl, ein Genuß, dem sie nicht widerstehen konnte. Und eine Lockung.
-
-„Warum?“ sagte sie und blickte ihm grade in die Augen. „Warum?“
-
-Er erfaßte ihre Hände und erwiderte leise und langsam: „Doch, ich
-möchte gern mit Ihnen reden. Aber ich kann nicht.“ Dann ließ er sie
-los und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. „Sie wollen also
-wissen, warum ich nicht mit Ihnen darüber sprechen möchte?“ sagte er
-schließlich. Er blieb ein paar Schritte von ihr stehen und sprach, ohne
-sie dabei anzusehen:
-
-„Nun ja, so will ich es Ihnen sagen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn
-jemand es weiß. Ich wollte, ich wäre weit fort von hier, oder tot, oder
-nie geboren. Wenn ich doch ruhig einschlafen könnte und nie wieder
-aufwachen! Bloß schlafen, schlafen, ohne daß ein Morgen käme und ein
-neuer Tag! Das möchte ich. Alles lieber, als am Sonntag auf der Kanzel
-stehen und den Leuten etwas vorlügen!“
-
-„Lügen?“
-
-Sie sah ihn voll Spannung an.
-
-„Glauben Sie denn nicht?“
-
-„Ich weiß nicht“, antwortete er zögernd. „Manchmal glaube ich und
-manchmal glaube ich nicht. Was weiß ich? Ich habe ja doch nie gelebt.
-Nur gelernt und gelernt und gelernt. Mein Vater schlug mir vor, ich
-solle Geistlicher werden. Ich sah, daß meine Mutter so froh war
-darüber. So entschloß ich mich, Pastor zu werden. Seither habe ich
-wieder gelernt, gelernt, gelernt. Was weiß ich, was ich glaube?“
-
-Sie sah ihn bestimmt und klar an: „Dann dürfen Sie am Sonntag nicht
-predigen.“
-
-„Aber das ist unmöglich. Ich habe es versprochen. Jetzt ist es zu spät.“
-
-Sie wurde immer eifriger.
-
-„Wie können Sie so sprechen?“ rief sie. „Das ist eine Sünde! Sagen Sie,
-daß Ihnen Zweifel gekommen sind, daß Sie Bedenkzeit brauchen. Schaffen
-Sie sich eine Weile Ruhe, und wenn Sie nicht wissen, was Sie glauben
-sollen, so werden Sie eben nicht Geistlicher!“
-
-Er sah sie an und lächelte. Aber sein Lächeln war traurig und freudlos.
-Wie alles so einfach war für sie! Entweder -- oder! Sie wußte nichts
-von Nebenwegen.
-
-„Glauben Sie, das geht so leicht, Fräulein Eva?“ sagte er. „Wollen Sie,
-ich soll zu meinem Vater gehen, der sein ganzes Leben lang Geldsorgen
-gehabt hat, und ihm sagen: ‚Ich muß Bedenkzeit haben. Du mußt noch eine
-Weile für mich sorgen?‘ Hätte er nicht das Recht, mir zu antworten: ‚Du
-hast lang genug Zeit gehabt. Warum hast du dich nicht eher bedacht?‘
-Aber, du lieber Gott, es hat mich ja keiner denken gelehrt! Und wie
-sollte ich zu meiner Mutter gehen, die mich mehr als alles in der Welt
-liebt, und sagen: ‚Ich habe keinen Glauben? Ich will eine Zeitlang Ruhe
-haben, um mir ihn zu verschaffen?‘ Es ist traurig, daß die Armut uns
-manchmal am Rechttun hindert. Aber es läßt sich nicht ändern.“
-
-Er brach plötzlich ab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Es war
-lieb von Ihnen, daß Sie mich zum Sprechen veranlaßt haben,“ sagte er.
-„Ich glaube, es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.“
-
-Sie hielt seine Hand mit ihren beiden Händen fest, und Ernst war
-erstaunt, welch ernster Ausdruck in ihr Gesicht gekommen war. „So
-dürfen Sie nicht gehen“, sagte sie. „Wie können Sie sich durch
-derartige Bedenken bestimmen lassen? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre --
-ich würde keine Minute zögern. Sie haben sich früher nicht genügend
-bedacht? Ist das ein Grund, daß Sie sich auch jetzt nicht bedenken
-wollen? Das dürfen Sie nicht! Hören Sie, Sie dürfen nicht!“ Er zog
-seine Hand zurück und ging nach der Tür.
-
-„Machen Sie mir meinen Weg nicht schwerer, als er schon ist!“ murmelte
-er.
-
-„Das ist eine Feigheit, was Sie da begehen wollen“, sagte sie plötzlich
-mit zitternden Lippen. „Eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben
-rächen wird!“
-
-Er wandte sich um und sein Ton ward gereizt.
-
-„Mit welchem Recht sprechen Sie so zu mir?“ sagte er. „Und wer hat Sie
-gelehrt, so klar und sicher zu denken? Ihr Vater ist ja ein Pastor, wie
-ich einer sein werde. Wissen Sie so gewiß, was er glaubt oder nicht?“
-
-„Das gehört nicht hierher“, erwiderte sie. „Das Recht, zu reden, haben
-Sie selber mir gegeben. Und wenn Sie wissen wollen, wer mich denken
-gelehrt hat -- Ihre Schwester! Sie ist älter als ich; von ihr hab’ ich
-gelernt, was ich Ihnen eben gesagt habe.“
-
-Ernst dachte eine Weile schweigend nach. Selma? Wieder Selma? „Glaubt
-sie denn so fest?“ fragte er dann.
-
-„Nein“, erwiderte Eva, und ein Zug von Ironie überflog ihr Gesicht.
-„Sie glaubt nicht. Aber sie ist sich darüber klar.“
-
-„Was sagen Sie da?“
-
-Diese Entdeckung schmetterte ihn fast zu Boden. Er hatte eine
-Schwester, die nicht glaubte! Ganz allein hatte sie sich zu der
-Erkenntnis durchgerungen, vor der er zurückwich. Und diese Schwester
-war ihm eine Fremde. Er hatte sie vernachlässigt, und sie konnte ihm
-jetzt nicht helfen.
-
-Er trat noch einmal auf Eva zu und ergriff wieder ihre Hand. „Leben Sie
-wohl“, sagte er. „Ich muß nach Hause. Denken Sie nicht allzu schlecht
-von mir. Oder tun Sie das?“ fügte er hinzu.
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-„Nein. Sie sind nur schwach“, sagte sie.
-
-„Ja“, sagte er still. „Ich bin schwach.“
-
-Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um
-die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte
-raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins
-fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen.
-Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte
-er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den
-Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht
-für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch
-einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach
-Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich
-diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe.
-Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“
-
-Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte
-ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage?
-
-Er wußte es nicht.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-
-Der Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der
-Kanzel herab.
-
-Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle
-wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der
-die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten
-ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt
-hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin
-davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit
-sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe
-Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs
-Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach,
-daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über
-die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte,
-da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es
-nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben.
-
-Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt,
-wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der
-Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die
-Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen,
-daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte.
-
-Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an
-seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater,
-den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so
-gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich,
-wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen
-Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam
-die Familie wieder ins rechte Geleise. Die alten Traditionen würden
-wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben
-und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte.
-Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte
-haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren
-nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn
-zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm
-ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal
-mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er
-Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte
-er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten
-alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er
-nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in
-ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben
-können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde
-er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in
-das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein
-Seufzer über sein eigenes Leben.
-
-Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es
-nur verstanden hätte! Nur daran zu denken!
-
-Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und
-scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem
-Sohn dachte.
-
-Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er
-drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über
-das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu
-unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese
-arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß,
-die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand
-seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen.
-Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich.
-
-Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz
-vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach
-Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig.
-Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren
-eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König,
-die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und
-legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen
-getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang,
-seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen
-hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen
-war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes
-Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott.
-
-Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes
-Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie
-sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber
-sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der
-Bischof und ging in die Sakristei.
-
-Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast
-strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß
-die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz
-unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner
-selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so
-ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und
-seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war
-nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin
-von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit
-sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann,
-hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er
-später von Gottes Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein
-kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat
-hohe Anforderungen -- in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen
-sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich
-weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden,
-sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich,
-daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen!
-
-Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach
-Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt
-gefallen habe.
-
-Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten
-auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem
-freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm
-schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche
-strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie
-konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere
-am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen
-Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen
-der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch
-ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so
-heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten
-ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle
-Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin
-und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen
-Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der
-Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch,
-den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun
-einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen.
-
-Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als sie ihren
-Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem
-religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es
-doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering
-achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch
-nicht reden konnte wie ein Buch.
-
-„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie
-glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute
-gehört haben!“
-
-Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen
-voraus.
-
-Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie
-konnte; aber ihr danken -- das war unmöglich.
-
-„Möchte er seinen Erfolg doch in der rechten Weise aufnehmen!“ sagte
-sie.
-
-Aber ihre Stimmung war gestört; und als sie sich von Professors
-verabschiedet hatte und am Arm ihres Mannes den kurzen Weg nach Hause
-ging, dachte sie mehr an die Schwägerin als an den Sohn. Und sie warf
-sich selber vor, daß sie sich von den kleinen Widerwärtigkeiten des
-Lebens beeinflussen ließ.
-
-Als Ernst Hallin in die Sakristei trat, hatte er zuerst nur ein Gefühl
-der Scham. Er konnte gar nichts anderes denken, als daß alle Menschen
-ihn durchschaut haben müßten, gesehen, was für ein Zweifler er war.
-Und dennoch hatte er nicht gezittert. Klar und deutlich hatte er alles
-ausgesprochen -- all das, was ihm und seinem Leben das Urteil sprach.
-
-Ganz in Gedanken trat er vor den Spiegel. Er betrachtete sein Gesicht,
-und etwas wie Mitleid mit sich selbst überkam ihn. Ein forschender
-Blick kam in seine Augen, als suche er nach irgendeinem Zug, der seine
-geheimen Gedanken verraten könnte. Da öffnete sich die Tür und der
-Bischof trat über die Schwelle. Hoch und gebieterisch, den Rock bis
-an den Hals zugeknöpft, das Käppchen auf dem kahlen Scheitel, stand
-er da und betrachtete den jungen Geistlichen. Etwas Drohendes lag in
-seiner Erscheinung, fand Ernst. Und die Kehle ward ihm ganz trocken vor
-Schreck.
-
-Jetzt kommt das Urteil! dachte er. Und gleichzeitig empfand er eine Art
-dumpfer Ruhe. Es war ihm alles im Grunde so gleichgültig. Mochte denn
-kommen, was kommen wollte.
-
-Er sah auf und begegnete dem Blick des Bischofs.
-
-Der war aber ganz klar und ruhig, und Ernst glaubte sogar Zufriedenheit
-darin zu lesen.
-
-„Ich wollte Ihnen Glück wünschen!“ sagte der Bischof. Und er streckte
-seine Hand aus und schüttelte die des jungen Geistlichen.
-
-„Solche junge Kräfte können wir brauchen -- wir brauchen sie, um den
-Kampf gegen all das Schlimme zu führen, das sich in unserer Zeit regt.“
-
-Es dauerte eine Weile, ehe Ernst Hallin sich von seiner Überraschung
-erholte. Aber nach und nach begriff er doch, daß er sich über die
-Absichten des Bischofs getäuscht hatte. Er begriff, daß er einen Erfolg
-gehabt hatte, daß dieser Tag für ihn ein Tag des Triumphes war, und daß
-der, der ihm das jetzt sagte, der Oberste im ganzen Stift war.
-
-Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast
-gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast
-des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern,
-die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter,
-freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter
-vier Augen.
-
-Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der
-durchdringend auf ihm ruhte.
-
-„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof.
-„Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“
-
-Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern
-aufforderte, Platz zu nehmen.
-
-„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er,
-„die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen
-sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden.
-Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und
-das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man
-muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des
-Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als
-jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das
-ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit
--- man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche,
-zurückschrecken. Es wäre z. B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit,
-wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde,
-weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher
-fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie
-mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche
-gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es
-ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft
-verleiht.“
-
-Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als
-ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in
-das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der
-Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie
-er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig
-am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen
-erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er
-schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen
-Mißtrauens.
-
-Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das Haupt. Und
-der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten
-Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz
-und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und
-bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort -- irgendwohin, wo er
-sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte.
-
-Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut.
-
-„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß
-aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“
-
-„Ich habe immer eine schwache Brust gehabt“, sagte Ernst.
-
-Beide Herren erhoben sich. Der Bischof lächelte freundlich und klopfte
-dem jungen Mann väterlich auf die Schulter.
-
-„Wir müssen irgendeinen ruhigen Platz auf dem Land für Sie ausfindig
-machen. Das wird Ihnen körperlich gut tun -- und auch seelisch“, fügte
-er hinzu.
-
-Ernst versuchte einen Dank hervorzustottern; aber die Worte wollten ihm
-nicht über die Lippen. Der Bischof schüttelte ihm ruhig die Hand und
-ging.
-
-Als Ernst allein war, zog er hastig den Überzieher an und eilte hinaus,
-um heim zu kommen, ehe die Leute aus der Kirche strömten.
-
-In seinem Zimmer setzte er sich ans Fenster und blickte auf den
-Domplatz hinab. Die Glocken fingen an zu läuten, Menschen gingen in
-Scharen, lebhaft plaudernd, unter den hohen Bäumen hin, und auf den
-schmelzenden Schnee schien warm die Sonne.
-
-Lange blickte er auf die Aussicht, die er so wohl kannte. Wie oft hatte
-er diese selben Menschen in ganz derselben Weise so daherkommen und auf
-der Straße um die Ecke verschwinden sehen. Jetzt sprachen die alle von
-ihm. Er zog sich vom Fenster zurück, hinter die Gardine, damit niemand
-ihn sehen sollte. Aber er fuhr fort, hinauszuschauen, als wolle er
-gierig nachzählen, wie viele von seinen Bekannten da wären.
-
-Da sah er Vater und Mutter, die vom Onkel und seiner Frau Abschied
-nahmen und dann unter dem Fenster, wo er stand, vorübergingen. Sie
-blickten suchend herauf. Und Ernst trat hastig ins Zimmer zurück. Er
-hielt den Atem an und lauschte.
-
-Jetzt traten sie unten ins Haus. Es war ganz still; er wußte, daß sie
-ihn suchten.
-
-Zuletzt hörte er des Vaters Stimme auf der Treppe: „Bist du droben?“
-
-Und dann Schritte, die sich näherten.
-
-Die Tür ging auf und die Eltern traten ein. Beider Gesichter strahlten;
-der Mutter sah man es an, daß sie geweint hatte.
-
-„Warum bist du denn hier?“ fragte sie. „Allein, wie gewöhnlich. Wir
-haben drunten überall nach dir gesucht.“
-
-Sie umarmte ihn, während ihr die Tränen aus den Augen strömten.
-
-„Laß mich dich ansehen“, sagte sie. „Ich kann es noch gar nicht fassen!“
-
-Nach ihr kam die Reihe an den Vater.
-
-„Du hast deinen Eltern eine große Freude gemacht, mein Junge. Gott
-segne dich!“
-
-Und die Hand, mit der er die des Sohnes drückte, zitterte.
-
-Ernst fühlte sich ganz unbeschreiblich glücklich. Fast kamen ihm
-Zweifel, ob er auch an dies Glück glauben dürfe. Aber vor allem
-brauchte er Ruhe, er mußte wenigstens ein paar Augenblicke ungestörte
-Ruhe haben. Die Freude der Eltern machte ihn seiner selbst so sicher.
-
-Als die erste Erregung sich etwas gelegt hatte, fragte die Mutter:
-„Nun, und was hat der Bischof gesagt?“
-
-„Der Bischof war sehr zufrieden“, erwiderte Ernst.
-
-Und der Adjunkt seufzte erleichtert auf.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel
-
-
-Professor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten
-Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu
-entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn
-denn doch den Abschied zu geben.
-
-Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu
-seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich
-wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte,
-den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl
-gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer
-Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht
-und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor
-zweifellos geantwortet haben: „Lieber Schatz, warum soll man das
-Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor
-und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach’ um
-Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als
-eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber
-lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!“
-Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die
-Geschichte in Gammelby herausfordern würde.
-
-Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter
-auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen
-widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges,
-vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es
-wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte.
-Und schließlich -- er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen
-Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant
-zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte.
-
-So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung
-mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese
-Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne
-daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können;
-und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen
-Haus ein und aus. Es war seltsam -- sooft der Professor von der Sache
-anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte
-schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser
-heiklen Geschichte machen würde.
-
-Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem
-Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die
-aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte.
-Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht
-Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am
-Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen
-Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.
-
-Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.
-
-„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“
-
-Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und
-verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle,
-die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants
-als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr
-Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und
-schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging.
-Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.
-
-Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen
-blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte
-eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese
-Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Professor ganz plötzlich aufstand
-und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen
-ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den
-Arm.
-
-„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich
-heut’ mit dir sprechen muß.“
-
-Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.
-
-„Gott, Abel, was ist denn?“
-
-„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme
-Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles
-gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“
-
-Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm
-und faltete nervös die Hände.
-
-„Was ist es, Abel?“ fragte sie. „Quäl mich nicht länger. Du jagst mir
-einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag’ mir doch
-um Gottes willen, was es ist.“
-
-Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah
-ungeheuer ernsthaft aus.
-
-„Es betrifft unsere Kinder, Aurora“, sagte er.
-
-„So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos
-bist!“
-
-„Tja“, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache
-los. „Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle
-muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh’ ich keinen andern Ausweg.“
-
-„Sie muß mit dem Leutnant brechen?“
-
-Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle
-sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck
-keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie
-immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen
-und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze
-hervor, die so gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber
-immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt
-geschaffen war. Aber auf den Professor hatte das leider keine Wirkung.
-Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche
-keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten.
-
-„Wein’ doch nicht, Aurora,“ sagte er gereizt, „sondern hör’ auf das,
-was ich sage.“
-
-„Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel... Und
-was soll dann aus Gabrielle werden?... Mein Kind... unser Kind... Sie
-überlebt es nicht... und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen...“
-
-Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so
-bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte.
-
-Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich
-müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt
-wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte.
-
-Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig:
-
-„Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie
-er das Zimmermädchen küßte.“
-
-Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem
-Male gänzlich verrauscht.
-
-„Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel“, sagte sie
-giftig.
-
-„Aha, nun kommt’s!“ dachte der Professor.
-
-Laut sagte er: „Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem
-Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.“
-
-„Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der
-Hochzeit wartete. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt? Hab’ ich’s nicht
-immer gesagt?“
-
-„Was hast du gesagt?“
-
-Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft.
-
-„Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du
-kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich
-wohl. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt, -- die Sophie ist eine
-gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab’ ich’s nicht
-gesagt?“
-
-„Doch, Schatz“, sagte der Professor sanftmütig. „Das hast du freilich.
-Aber was hat das damit zu schaffen?“
-
-„Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh’ dich nicht, Abel! Was es
-damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese
-ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst
-du das denn nicht?“
-
-Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies
-deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da
-der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine
-Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er
-sich damit, zu erwidern: „Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal
-geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was
-wir in der Sache am besten tun!“
-
-Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das
-Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände.
-
-„Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke
-an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört
-haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich
-dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da
-sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz
-stoßen. Das bedenk doch, Abel!“
-
-„Nein,“ sagte der Professor, „das verlange ich auch gar nicht. Aber
-sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem
-Verderben in die Arme wirft.“
-
-Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf
-und begann wieder, sich hin und her zu wiegen.
-
-„Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!“
-
-Jetzt kam die Reihe, den Überlegenen zu spielen, an den Professor.
-
-„Ich“, sagte er. „Ich hab’ es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen
-und die ganze Geschichte eingefädelt?“
-
-Das hätte der Professor nicht sagen sollen.
-
-Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte
-die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte,
-sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. „Ich, meinst du wohl?“
-sagte sie. „Kannst du ehrlich sagen, ich sei’s gewesen? Abel! Gott
-ist mein Zeuge -- nie hab’ ich was anderes gewollt, als meiner Kinder
-Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch
-behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!“
-
-Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas
-profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld.
-
-„Herrgott!“ sagte er. „Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir
-reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?“
-
-Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines
-Opferlammes an.
-
-„Was willst du denn, das ich tun soll?“ fragte sie. „Du weißt doch,
-ich gehorche dir in allem, soweit ich’s vor Gott und meinem Gewissen
-verantworten kann.“
-
-„Also“, sagte der Professor, „dann geh hinein zu Gabrielle und sprich
-mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann
-auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!“ schloß er voller List.
-
-Dies letzte Argument bewegte die Professorin.
-
-„Ich werd’s schon tun, Abel“, sagte sie. „Aber --“ und sie ballte
-erbost die Hände -- „diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!“
-
-„Meinethalben“, sagte der Professor. „Nur daß der Skandal nicht ärger
-wird, als notwendig ist!“
-
-Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem
-Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages
-leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte
-nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten,
-längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der
-Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine
-Zigarre an.
-
-Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein
-Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der
-unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen,
-daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte.
-Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet
-zurückgeschickt.
-
-Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten
-und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden.
-
-Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber
-das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller
-Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die
-Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen
-ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in
-Vergessenheit geraten konnte.
-
-Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte
-vor allen -- bei Tisch -- mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere
-behaupteten, es wären... Umstände ...... die ihre Entfernung dringend
-forderten. Alle aber waren darin einig, die Professorin wäre eine
-prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt,
-ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle.
-Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit,
-die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und
-gefunden habe.
-
-Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen
-Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig
-„weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht
-sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte
-über die ganze Geschichte bloß gelacht.
-
-Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es
-kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel
-
-
-Es war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von
-Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit
-zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein
-Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von
-Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte.
-
-Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für
-einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst
-zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können.
-Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte
-nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei
-dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte, daß er
-es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte
-alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst
-unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die
-Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen
-Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau
-Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß
-damit in Zusammenhang.
-
-Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur
-gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war
-er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht
-angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen.
-
-Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der
-Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in
-ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte,
-schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben,
-wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es
-nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die
-Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen
-wird“.
-
-Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte,
-ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern
-ein Echo fand.
-
-Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt,
-wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den
-Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit,
-daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst.
-
-So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu
-denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit
-im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er
-sehnte sich danach, endlich wegzukommen von allem, von der Stadt, der
-Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo
-man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken.
-
-Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas
-Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und
-wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte
-auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist
-gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger
-gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft
-und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee
-geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau
-gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen,
-Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den
-Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und
-die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft
-und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war
-gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen
-und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war
-seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in
-ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche
-zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den
-Platz vor der Kirche.
-
-Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem
-steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte
-er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen
-und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er
-holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und
-Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie
-ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte
-auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung
-und Befreiung.
-
-Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und
-erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen
-tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun
-einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung,
-vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand
-und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen.
-Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem
-andern gemein hatte.
-
-Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie
-ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten
-sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben,
-das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war.
-
-Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und
-lehnte sich in den Wagen zurück.
-
-Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der
-Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust
-dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm
-Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser
-Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens,
-die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen,
-die Gegend, durch die sie fuhren -- alles gab ihm ein großes, fast
-unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen.
-Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er
-genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen.
-
-Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und
-gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal
-hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen,
-mit dem Propst von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um
-das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu
-kosten bekam.
-
-Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte
-es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt
-immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor
-etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen
-Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der
-eine nichts von der Gegenwart des andern.
-
-„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt
-schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu
-bringen.
-
-„Ja, die Birken haben schon große Knospen“, antwortete Ernst.
-
-Die Fahrt ging in gemütlichem Tempo. Es waren des Propstes eigene
-Kutsche und des Propstes eigene Pferde, mit denen sie fuhren, und die
-Pferde waren nicht gewöhnt, sich zu überanstrengen. Fett und glänzend
-und braun standen sie winters und sommers in ihrem Stall und fraßen
-ihren Hafer und ihr Heu. Mußten sie einmal eine Meile oder zwei laufen,
-so ging der Propst immer erst selber in den Stall hinunter und fragte
-Johann, ob sie in der letzten Zeit viel hätten laufen müssen, und wenn
-Johann grade bei guter Laune war, so antwortete er: „Nein, sie können’s
-schon leisten“. War er aber aus irgend einem Anlaß schlechter Laune,
-so machte er alle nur möglichen Einwendungen. Entweder mußte das eine
-Pferd frisch beschlagen oder der Wagen geschmiert werden, oder auch
-hatte er einen ganzen Tag lang Wasser geführt und die Pferde mußten
-rasten. Dann mußte der Propst parlamentieren und Johann gut zureden.
-Denn Johann war schon lang auf dem Hof und hatte seinen eigenen Kopf.
-Und in dieser Sache hatte er fast ebensoviel zu bestimmen, als der
-Propst.
-
-Diese Fahrt hauptsächlich war ihm ein Dorn im Auge. Der Propst hatte
-nämlich angedeutet, er müsse am Sonntagabend wieder nach der Stadt
-zurückfahren. Und Johann fand, das wären allzu große Umstände wegen
-eines armen Vikars. Von so einem machte man doch sonst kein so großes
-Wesen, meinte er. Der Propst hatte ihm ja freilich erklärt, der Vater
-des jungen Pastors sei ein alter Freund von ihm, und er besuche ihn
-nur auf seinen, des Propstes, ausdrücklichen Wunsch. Aber Johann hatte
-diese Erklärung nicht gelten lassen. Er glaubte steif und fest, es
-wäre nichts als eine Laune des neuen Vikars. Und darum fuhr er den
-ganzen Weg in möglichst sachtem Tempo und ließ die Pferde jede kleinste
-Steigung Schritt gehen. Als sie eine Meile gefahren waren, hielt Johann
-mitten in einem Wald an und fütterte die Pferde.
-
-„Es ist zuviel für sie, wenn sie zwei Tage hintereinander vier Meilen
-machen müssen!“ sagte er.
-
-Der Weg führte jetzt durch Waldgegend. Von den Tannen kam ein frischer
-Duft und die Sonne schien warm auf das feuchte Moos unter den Bäumen.
-
-Plötzlich brach Ernst das Schweigen.
-
-„Bist du hier schon einmal gewesen, Papa?“ fragte er.
-
-„Nein“, sagte der Adjunkt. „Aber ich habe dir ja gesagt, daß du nicht
-zu Fremden kommst. Vor zeiten saß ein Bruder meines Großvaters hier
-als Propst bis zu seinem Tod.“ Ernst seufzte. Es irritierte ihn stets,
-wenn der Gymnasiallehrer von der Familie sprach, dieser entsetzlichen
-Familie, der er zum Opfer gebracht wurde. Und eine unerklärliche Angst
-bemächtigte sich seiner.
-
-„Ist es noch weit?“ fragte er.
-
-„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock.
-
-Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige
-Minuten! Wenn sie vorüber waren, so würden sie dort sein. Er erinnerte
-sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle
-hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem
-Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er
-fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei.
-Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm.
-
-„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen
-seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater.
-
-Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der
-Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot
-angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen.
-Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht
-und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten
-sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas
-schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in
-Sollösa!“
-
-Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt
-die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes
-Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei.
-
-„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“
-
-Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging
-den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung
-nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem
-kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch
-größer.
-
-„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten
-Sie doch ein!“
-
-Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte.
-
-Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus, eine Stille, die
-aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen
-Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete.
-Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen
-Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen
-rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die
-fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie
-schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten
-Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von
-Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo
-im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der
-alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im
-Stall standen.
-
-Bis zum Viehstall hin breitete sich die Stille. Die Kuhmagd sang
-nicht, wenn sie melkte, sie schrie nicht durch den Wald, wenn sie die
-Kühe zusammentrieb, sondern diese kamen ganz von selber, fromm und
-sittig, stellten sich am Gatter auf und ließen geduldig ihre vollen
-Euter in den dampfenden Kübel leeren. Still standen sie auch im Stall,
-wedelten in einförmigem Takt mit den Schwänzen, kauten melancholisch
-das trockene Heu oder lagen wiederkäuend da und starrten mit großen
-glänzenden Augen nachdenklich die Holzbalken der Decke an. Sogar der
-Stier schien sich das Brüllen abgewöhnt zu haben, und wenn ab und zu
-ein Hahn krähte, so klang das so störend schrill in die allgemeine
-Stille hinein, daß die Propstin von ihrem Stuhl im Wohnzimmer, wo sie
-saß und häkelte, auffuhr und sich die Ohren zuhielt.
-
-Ebenso still ging es draußen auf Feld und Wiese zu. Die Knechte schrien
-die Ochsen, die am Pflug gingen, nicht an, und ein Fluch wäre hier
-ebenso undenkbar gewesen wie ein Mord. Schweigsam und ruhig zogen sie
-an den Zügeln, oder gebrauchten ärgerlich und wortlos die Peitsche; und
-die geduldigen Tiere beugten den Nacken unter dem Joch und zogen den
-Pflug durch die langen graden Furchen oder die Holzfuhre vom Wald heim
-oder die Heuwagen vor die Tür der großen, geräumigen Scheuer.
-
-Denn dies Haus war ein heiliges Haus, und die darinnen wohnten, waren
-Diener des Herrn. Es lag keinerlei Heuchelei in ihrer Frömmigkeit; sie
-hatte nur dem ganzen Pastorat ein Gepräge aufgedrückt, als wären das
-Haus und seine Bewohner nicht von dieser Welt; und wenn die Bauern
-etwas mit dem Propst zu reden hatten und durch das grüne Gatter traten,
-so gingen sie immer mit sachten, zögernden Schritten über den Hof, und
-mancher gebeugte, grauhaarige Alte zog auf der Treppe die schweren
-Schuhe aus, eh er es wagte, vor die weiß angestrichene Türe zu treten,
-die sich so still in ihren wohlgeölten Angeln drehte.
-
-Im Wohnzimmer mit seinen weißen Läufern, überzogenen Möbeln und halb
-herabgelassenen Gardinen saßen jetzt Ernst Hallin und sein Vater mit
-dem Propst, während die Propstin in der Küche ihre Befehle gab. Die
-drei Herren warteten auf das Mittagessen; sie schwiegen so lang,
-daß man das Ticken der alten Standuhr zählen konnte, die auf der
-Marmorplatte vor dem hohen Wandspiegel stand.
-
-„Ja, es ist still und ruhig hier“, sagte der Propst endlich. „Aber der
-Friede des Herrn wohnt bei uns.“
-
-Kaum ein Geräusch war im ganzen Haus vernehmbar. Durch die geschlossene
-Eßzimmertür drang nur ein undeutliches Klappern von Tellern, die leise
-aufeinander gestellt, und von Silber, das auf das Tischtuch gelegt
-wurde.
-
-Der Propst hustete; denn keiner von den Herren antwortete.
-
-„Hier wohnt der Friede des Herrn!“ sagte er ein zweites Mal. Der
-Adjunkt beeilte sich, die Worte durch ein Kopfnicken zu bekräftigen;
-Ernst hob die Gardine ein wenig und sah auf den Hof hinaus.
-
-Vier Hunde lagen da und wärmten sich in der Sonne. Es waren zwei
-Hühnerhunde und zwei kolossale Hofhunde, von jeder Sorte ein Paar.
-
-„Ja, die bewachen das Haus“, sagte der Propst und hustete. „Es ist nur
-schwer, ihnen das Bellen abzugewöhnen.“
-
-„So“, sagte Ernst und fuhr fort, hinauszusehen. Der Adjunkt und der
-Propst fingen eine Unterhaltung über die letzten Veränderungen im Stift
-an.
-
-Ernst beobachtete inzwischen, wie der Hühnerhund dalag und die große
-Hündin anblinzelte. Aber er wagte sich augenscheinlich nicht an sie,
-weil er vor dem großen Hofhund Angst hatte.
-
-Die große Hündin blinzelte zurück; zuletzt erhob sie sich, gähnte
-laut auf, streckte sich und verschwand gemächlich hinter dem einen
-Nebengebäude.
-
-Jetzt erhob sich auch der Hühnerhund, warf einen forschenden Blick
-auf den anscheinend schlafenden Hofhund, gähnte, streckte sich und
-verschwand ebenfalls hinter demselben Nebengebäude, aber in der
-entgegengesetzten Richtung.
-
-Die verlassene Hühnerhündin und der große Hofhund lagen jetzt einsam
-auf dem sandigen Hofplatz.
-
-Der Hofhund hob langsam den Kopf und blickte sich um. Er knurrte, das
-Fell sträubte sich auf dem kraftvollen Rücken, und mit majestätischen
-Schritten verschwand auch er hinter dem Nebengebäude, auf derselben
-Seite wie die Hündin.
-
-Mit einer gewissen Spannung wartete Ernst auf den Tumult, der jetzt
-gleich die quälende Stille unterbrechen mußte.
-
-Aber es entstand kein Tumult. Der Hühnerhund und die große Hündin kamen
-mit hängenden Ohren jedes von seiner Seite des Nebengebäudes und legten
-sich auf ihre alten Plätze in den Sand, gähnten und blinzelten ins
-Leere, als hätten sie nie andere als die allerunschuldigsten Absichten
-von der Welt gehabt.
-
-Zuletzt kam auch der große Hofhund wieder, einsam und majestätisch, und
-legte sich auf seinen Platz vor der Treppe. Einmal noch hob er den Kopf
-und knurrte den Hühnerhund an. Dann glättete sich das Fell auf seinem
-Rücken, der Kopf sank zwischen die gewaltigen Vordertatzen und die
-Augen schlossen sich.
-
-Ernst unterdrückte ein Lachen.
-
-„Beißen sie sich nie?“ fragte er und errötete selbst über seine
-kindische Frage.
-
-„Nein“, erwiderte der Propst und schüttelte den Kopf. „Die beißen sich
-nie.“
-
-Wieder hörte man das gleichmäßige Ticken der Uhr durch die Stille.
-Von der Eßzimmertür zum Fenster lief ein langer Streifen von
-Staubwirbelchen, die in allen Regenbogenfarben spielten.
-
-Nun öffnete sich leise die Tür; ein Dienstmädchen in schlichter
-Kleidung mit glattgestrichenem Haar verkündete, das Essen wäre bereit.
-
-Im Speisezimmer wartete die Propstin und bat die Herren, vorlieb
-zu nehmen. Neben ihr stand eine kleine, dicke Blondine mit blauen
-schläfrigen Augen und zartem Teint, die sie als „meine Tochter“
-vorstellte. Sie sprach während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aß aber
-von allen Gerichten; und wenn die andern sich unterhielten, faltete sie
-die kleinen fetten Hände im Schoß, starrte die Wand an oder senkte den
-Kopf, daß, wo das schwarze Kleid sich um den weichen Hals schloß, eine
-kleine Speckfalte entstand.
-
-Der Propst ging zu ihr hin und strich ihr übers Haar.
-
-„Was hast du gemacht heut, Amelie?“ fragte er.
-
-„Ich habe meine neuen Taschentücher gesäumt“, antwortete Amelie und
-warf von der Seite her einen Blick auf die Gäste.
-
-„Das ist recht, mein Kind“, sagte der Propst. „Es ist des Herrn Wille,
-daß wir arbeiten sollen!“
-
-Der Propst schenkte die Schnapsgläschen voll und die Mahlzeit nahm
-ihren Anfang.
-
-Gottes Gaben waren reichlich vorhanden, vier volle Gerichte und ein
-reicher Butterbrottisch. Es gab zweierlei Wein, Rotwein und Sherry. Und
-zum Fleisch trank man Bier.
-
-Man aß viel und redete wenig. Teller wurden gebracht und wieder
-abgenommen, Platten umhergereicht, Wein und Bier ward eingeschenkt.
-Still und vorsichtig bewegte sich das Mädchen mit dem glattgekämmten
-Haar und dem schlichten Kleid um den Tisch. Niemand lachte oder stieß
-mit seinem Nachbar an. Jeder trank sein Glas aus und aß seinen Teller
-ab, ohne dem andern auch nur einen Gedanken zu schenken. Ab und zu
-ward die Stimme des Propstes oder der Propstin laut, die die Gäste
-aufforderten, doch mehr zu essen.
-
-Nach dem Essen verschwand der Propst auf ein Weilchen, und die Gäste
-blieben mit den Damen allein, bis der Kaffee serviert wurde.
-
-„Samuel ist so an sein Mittagsschläfchen gewöhnt!“ sagte die Propstin
-entschuldigend. „Er sagt, es sei nötig zur Verdauung.“
-
-Der Abend schleppte sich langsam und einförmig hin. Die Herren gingen
-mit dem Propst auf sein Zimmer, um eine Zigarre zu rauchen. Später
-mußte Amelie singen. „Amelie singt wirklich reizend“, sagte die
-Propstin. Sie sang Heines leidenschaftliche Lieder in der Schumannschen
-Musik, und sang sie vollständig ausdruckslos und rein, ohne zu wissen,
-was sie sang. Der Propst und die Propstin hörten andächtig zu. Der
-Propst hatte die Hände gefaltet.
-
- „Im wunderschönen Monat Mai.“
-
-„Ach ja, Musik ist eine herrliche Gabe Gottes!“
-
-Nachdem man zu Abend gegessen hatte, versammelten sich alle
-Hausbewohner in dem großen Speisezimmer. Dort waren Stühle aufgestellt
-und Amelie ging von einem zum andern und teilte Choralbücher aus. Die
-Propstin brachte ihrem Mann, der im Schaukelstuhl saß, ein paar alte
-Bücher; und er hustete und las seinen Leuten aus der Bibel vor. Dann
-betete er, Gott möge das ganze Land schützen, insbesondere das Pastorat
-zu Sollösa. Die ruhigen Knechte und Mägde hielten die Hände vors
-Gesicht, während der Propst das Vaterunser und den Segen sprach.
-
-Eine Stunde später schlief das ganze Haus. Stiller als vorher konnte es
-kaum sein. Nur der Hofhund und seine Hündin wachten mit einem Auge je
-an einer Seite der Treppe.
-
-Dem Adjunkten Hallin und seinem Sohn war ein Gastzimmer im ersten Stock
-angewiesen worden. Zwei hochaufgebauschte Betten standen da mit weichen
-Polstern und Federkissen.
-
-Und in Ernst erwachte eine Erinnerung. Er gedachte seiner
-Studentenjahre in Upsala, der guten Jahre bei Fräulein Lund. Als er
-einschlummerte, hatte er eine leise Empfindung von Lavendelduft.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel
-
-
-Als Ernst aufwachte, war es schon acht Uhr. Hastig sprang er aus dem
-Bett, um den Vater zu wecken. Die weichen Kissen und Decken hatte sie
-beide wie mit einem Nebel von Stille und Schlaflust umhüllt, daß sie
-zehn volle Stunden geschlafen hatten. Das Hausmädchen war so still
-durchs Zimmer gegangen, daß sie die Schläfer nicht geweckt hatte.
-Aber in den Flaschen war frisches Wasser, die Kleider lagen schmuck
-und ordentlich ausgebürstet auf den Stühlen, die Schuhe standen blank
-gewichst davor, und im Ofen verglomm die letzte Glut des Holzfeuers
-hinter dem Eisengitter, das geräuschlos zur Vorsicht vorgesetzt worden
-war.
-
-Als sie ins Wohnzimmer kamen, mußten sie eine gute Weile warten, eh
-jemand von den Wirten sich zeigte. Im Eßzimmer sahen sie das stille
-Mädchen mit dem schlichten Kleid und dem glattgekämmten Haar den Tisch
-decken.
-
-Der erste, der erschien, war der Propst. Der kleine Mann sah ganz
-unerhört feierlich aus. Die Bäffchen saßen steif über dem halb
-zugeknöpften Rock und machten sein fettes Gesicht noch fetter. Sein
-Mund sah ganz absonderlich aus, gespitzt wie eine Tüte, und die Augen
-blinzelten feucht und schräg unter den dichten Augenbrauen hervor.
-
-Er hustete und ging auf seine Gäste zu.
-
-„Ein köstliches Wetter hat der Herr uns heute geschenkt!“ sagte er.
-
-Die drei Herren setzten sich. Wie gewohnheitsmäßig nahmen sie ihre
-alten Plätze ein, Ernst saß am Fenster und blickte hinaus auf den Hof,
-wo die Hunde lagen und sich sonnten, die Hühnerhunde an der großen
-Treppe, die Hofhunde vor der Treppe, die zum Nebengebäude führte.
-
-Jetzt kam die Propstin. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine goldene
-Brosche und hatte, wie der Propst, rote Augen. Sie erzählte, Amelie
-wäre noch nicht ganz fertig. Die arme Amelie! Sie hatte solche Angst,
-zu spät zur Kirche zu kommen!
-
-„Wir haben alle ein bißchen zu lang geschlafen!“ fügte sie hinzu.
-
-„Ja,“ sagte der Propst und hustete; „es ist Sabbat heute, der Ruhetag
-des Herrn!“
-
-Langsam setzten sich alle um den Tisch, und das glattgekämmte Mädchen
-servierte still große Platten mit gebratenem Schinken, Beefsteak und
-Eiern.
-
-Es war heute womöglich noch stiller als sonst im Pastorat. Kein Laut
-war zuhören im ganzen Haus; nur Löffel, Messer und Gabeln schienen
-in Bewegung zu sein. Aber auch sie wurden ängstlich gehandhabt, und
-wenn jemand ein Wort äußerte, so geschah es mit einer Stimme, die um
-Entschuldigung zu bitten schien: „Darf ich um das Salz bitten?“ „Ein
-bißchen Brot, wenn ich bitten darf!“ klang es halblaut. Ab und zu
-erklang die Stimme der Propstin, die den Gästen zusprach, doch mehr zu
-essen.
-
-Nach dem Frühstück gingen alle in die Kirche, die jenseits der Straße
-lag.
-
-Es war eine niedrige, altmodische Kirche, ohne Turm. Der Adjunkt und
-Ernst hatten sie nicht einmal bemerkt, als sie am Tag vorher daran
-vorbeigefahren waren. Sie lag ein bißchen abseits von der Straße auf
-einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer hohen steinernen Mauer; daneben
-stand ein rot angestrichenes baufälliges Glockenhaus, von dem gerade
-der Klang der alten Glocken über die Häupter der versammelten Gemeinde
-hinklang.
-
-Keinerlei Geräusch auf dem Platz vor der Kirche, trotzdem eine Menge
-Menschen da waren. Auf der einen Seite standen die Männer, auf der
-andern die Frauen. Die jungen Mädchen standen bei den Frauen, die
-Burschen bei den Männern. Kein Getändel, kein Geliebäugel zwischen
-Burschen und Mädchen; alle, die vor der Kirche standen, alt und jung,
-waren ganz still und unterhielten sich nur im Flüsterton, während sie
-auf den Propst warteten.
-
-Der dämpfende und beruhigende Geist des Pastorats hatte sich noch bis
-über die Landstraße hinaus erstreckt, weit über die Anhöhe, auf der
-die Kirche lag und wo das rote Glockenhaus einsam seine Glocken ins
-schweigende Land hinausrufen ließ.
-
-Es gab viele „Erweckte“ in der Gemeinde Sollösa. Stille, schweigsame
-Menschen, die den Frieden liebten und die Welt fürchteten, Menschen
-nach dem Herzen des Propstes, die seine Gattertore nicht zuschlugen und
-auf dem Kirchplatz nicht lärmten. Menschen, die nach Sollösa paßten.
-Heute füllten sie den Platz vor der Kirche und den ganzen Kirchhof. Um
-sie her spielte die laue Frühlingsluft, hoch über ihnen trillerten
-die Lerchen im klaren Sonnenlicht. Die Birken auf dem Kirchhof trugen
-schwellende, drängende Knospen, und in den Beeten des Pastoratsgartens
-standen Aurikeln und Perlhyazinthen schon fast in Blüte.
-
-Der Propst, die Propstin und ihre Gäste kamen durch den Kirchhof
-herauf. Sie gingen durch das offene Gittertor die verwitterten
-Steinstufen hinan; und vor ihnen her ging ein Flüstern, das plötzlich
-jedes Gespräch verstummen machte. Ein breiter Weg bildete sich ganz von
-selbst vor ihnen bis zur Kirche, und ruhig wanderten die Herrschaften
-der Kirche zu. Die Frauen und Mädchen knixten, die Männer nahmen die
-Hüte ab. Aber nicht ein Wort ward gesprochen, nur freundliches Nicken
-und Lächeln flog hin und wieder. Als die Herrschaften durch die niedere
-Kirchentür verschwunden waren, setzte sich die ganze Menschenmenge
-in Bewegung. Ohne Lärm, ohne Gedränge füllte sie die Kirchenstühle,
-die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der andern, und still
-und lautlos schloß sich hinter ihnen die breite Tür, während von der
-geschnitzten Empore über dem Eingang die Orgel ertönte. Als der Choral
-gesungen war, stand der Propst vor dem Altar und betete mit zitternder,
-hustender Stimme:
-
-„Heilig! heilig! heilig!“
-
-Und die Gemeinde von Sollösa beugte das Haupt und lauschte
-andachtsvoll. Denn sie glaubte an ihren Propst und war stolz auf ihn.
-
-Der Propst genoß nämlich unter den Kindern Gottes eines hohen Rufes. Er
-hatte ihn nicht immer gehabt. Und es war nur ein kleines Ereignis, das
-ihm die Gnadengabe verlieh, daß die Menschen an ihn glaubten.
-
-Ehe er als Propst nach Sollösa kam, predigte er einmal während eines
-Gewitters. Und während er auf der Kanzel stand und das Gebet für die
-Verstorbenen betete, der Küster neben ihm, schlug der Blitz in die
-Kirche und tötete den Küster. Der Pastor selber blieb unversehrt.
-
-Und die Frommen sagten, dies sei geschehen, weil ihr Hirte erhalten
-bleiben mußte für Gottes Reich.
-
-Still, aber sicher verbreitete sich sein Ruf über das ganze Stift.
-Als er als Propst nach Sollösa kam, war er ihm schon vorausgegangen
-und hatte ihm die Herzen der Leute gewonnen. Darum lauschten sie auch
-seinen Worten so andächtig, als ob Gott selbst zu ihnen spräche.
-
-Denn das war wahrlich Gottes Finger! Daran konnten alle deutlich seinen
-Willen und seine Absicht erkennen!
-
-Drückend und betäubend lag die Wärme über der ganzen Kirche. Langsam
-schleppte der Gottesdienst sich hin, bis die Predigt begann. Und die
-Predigt ging ebenso langsam, und ebenso träge klangen die Choralverse
-durch den niedrig gewölbten Raum. Da und dort nickte ein Kopf im
-Schlummer, einer oder der andere lag vornübergebeugt in den Händen, die
-auf dem Kirchstuhl ruhten.
-
-Niemand entfernte sich, ehe der ganze Gottesdienst zu Ende war. Erst
-als die letzten Akkorde des Schlußchorals verklangen, erhoben sich
-alle sachte von ihren Plätzen, dehnten in aller Stille ein bißchen
-die Glieder und blieben in den Bänken stehen, um erst die Herrschaft
-hinauszulassen. Dann leerte sich die Kirche, die Türen schlossen sich
-und der Küster ging, mit den großen Schlüsseln klappernd, heim. Auf
-allen Wegen und Pfaden wandelten Scharen stiller Menschen nach allen
-Richtungen durch das sabbatstille Land.
-
-Im Pastorat setzten die Herren sich wieder auf ihren Platz im
-Wohnzimmer und warteten auf das Mittagessen. Draußen auf dem Hof
-schliefen die Hunde.
-
-„Es ist gut, daß ich eine kleine Hilfe bekomme!“ sagte der Propst zu
-Ernst. „Und hier ist dankbares Erdreich!“
-
-Er schneuzte sich und hustete.
-
-„Kein Geist des Aufruhrs, Gott sei Dank! Dankbares Erdreich!“ Und durch
-das Zimmer klang das einförmige Ticken der Uhr.
-
-Die Tür zum Eßzimmer ging auf und das Mädchen meldete, daß serviert sei.
-
-Fräulein Amelie stand mit der Propstin im Eßzimmer. Sie gab den fremden
-Herren die Hand und knixte. Der Propst strich ihr, wie am Tage vorher,
-übers Haar.
-
-„Du bist nicht in der Kirche gewesen heute“, sagte er.
-
-„Nein“, erwiderte Amelie. „Es tat mir so leid, aber ich mochte nicht zu
-spät kommen und die Gemeinde stören.“
-
-„Das ist recht, mein Kind!“ lobte der Propst.
-
-„Du magst ja nicht, wenn man kommt, nachdem der Gottesdienst schon
-angefangen hat, Papa“, sagte die Propstin.
-
-Nach dem Essen kam der Kaffee, genau wie am Tag vorher. Der Propst
-verschwand für ein Weilchen und ließ die Gäste mit den Damen allein.
-
-Nach dem Kaffee reisten die Gäste ab.
-
-„Willkommen nächstes Mal auf unserm lieben, stillen Sollösa“, sagte der
-Propst, als er Ernst beim Abschied die Hand drückte. Der Wagen fuhr
-durch den weichen Sand zum Gattertor hinaus; als er auf die Landstraße
-einbog, zogen die beiden Herren noch einmal die Hüte vor dem Propst,
-der Propstin und Fräulein Amelie, die auf der Treppe standen und
-winkten. Die Hunde sahen dem Wagen nach, ohne zu bellen.
-
-Eine Weile saßen der Adjunkt und Ernst schweigend nebeneinander. Jeder
-war in seiner Art mit dem beschäftigt, was sie erlebt und gesehen
-hatten.
-
-Schließlich sagte der Adjunkt -- und seine Stimme klang wehmütig:
-
-„Es wird recht einsam für dich hier draußen.“
-
-Über des Sohnes Lippen flog ein Lächeln, das der Vater nicht verstand.
-
-„Vielleicht ist es grade das, was ich brauche“, sagte er. Es lag etwas
-so Scheues und zugleich Bitteres in seiner Stimme, daß der Vater
-aufmerksam wurde. Er kannte ja den Sohn überhaupt so wenig; er hatte,
-während er aufwuchs, nie Zeit gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen;
-und der Adjunkt liebte es im allgemeinen, sich die Dinge so einfach
-wie möglich zu machen. Diesmal aber drängte sich ihm doch mit
-unausweichbarer Gewalt der Gedanke auf, daß da etwas nicht stimmte,
-etwas, an dem ein Vater teilhaben müßte. Mit bekümmerter Miene sah er
-den Sohn an und fragte: „Was ist mit dir? Du siehst so düster aus,
-seitdem du wieder daheim bist. Hast du etwas auf dem Gewissen?“
-
-Ernst konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater glaubte
-offenbar, er hätte etwas zu bereuen, vielleicht Schulden gemacht,
-schlechte Beziehungen angeknüpft oder etwas Ähnliches. Er, der fast das
-Leben eines Asketen geführt hatte! Dieser Argwohn kam ihm unendlich
-komisch vor. Er hätte jetzt um keinen Preis der Welt offen reden
-können, und antwortete deshalb nur mit demselben Lächeln, das er nicht
-zu unterdrücken vermochte: „Nichts von dem, was du glaubst, Papa, das
-kann ich dir versichern!“
-
-„Gott sei Dank!“ dachte der Adjunkt.
-
-„Man kann auch so grade genug haben!“ fügte Ernst hart hinzu. Es kam so
-plötzlich, daß die Worte ihm entschlüpft waren, ehe er es wußte. Eine
-brennende Röte ergoß sich über seine Wangen und Stirn, und er schaute
-zum Wagenfenster hinaus.
-
-Der Adjunkt ward nachdenklich; eine dunkle Ahnung bemächtigte sich
-seiner. Gleichzeitig aber sagte er sich auch, wenn es wirklich etwas
-derartiges wäre, wenn der Sohn tatsächlich unzufrieden sei mit dem
-Beruf, den er gewählt hatte, so wäre es am besten, wenn gar nicht
-darüber gesprochen würde. Ein ausgesprochenes Wort war hier gefährlich.
-Er wußte, wie empfindlich der Sohn war, und begriff, daß der kleinste
-Versuch, auf sein Gewissen einzuwirken, in ihm die zu einer
-Katastrophe notwendige Energie wecken würde. Und an diese Katastrophe
-mochte der Adjunkt gar nicht denken.
-
-Darum war es am besten, es wurde gar nichts zwischen ihnen gesprochen,
-Ernst machte die Sache mit Gott und sich selber ab. Und so schwieg denn
-der Vater in dem elterlichen Egoismus, der nicht mit den Kindern oder
-für sie leiden will.
-
-Die alten braunen Gäule stapften gemächlich durch den hohen Wald,
-durch den die Sonne schräg fiel und zwischen den feuchtglänzenden
-Zweigen funkelte. In der Ferne härte man das einförmige Rauschen eines
-Bergwassers.
-
-Ernst versank in Gedanken. Gefühle und Eindrücke arbeiteten in ihm, die
-ihm ganz neu waren. Es waren nicht seine alten Kämpfe und Träume. Es
-war nicht der kleine Kampf zwischen geistlich und nichtgeistlich. Es
-war auch nicht seine verschmähte Liebe, die in ihm redete. Nichts von
-all dem. Die Fahrt aufs Land, der kurze Weg zur Kirche, die Landluft,
-der Sonnenschein, die Frühlingsgewalt in den brausenden Wassern und
-schwellenden Knospen -- all das erfüllte ihn mit einem Gefühl, das
-ihm ebenso neu wie unverständlich war. Wenn jemand ihn gefragt hätte,
-was er fühle oder denke, er hätte nichts darauf antworten können.
-Aber er war erregt, ohne zu wissen, weshalb, krank von Gemüt, ohne
-zu wissen, wovon, traurig, ohne die Ursache zu kennen. Seine ganze
-unterdrückte Jugend, all die erstickten Gedanken, Wünsche und Begierden
-waren es, die sich in ihm empörten, und Worte entschlüpften ihm, ohne
-Zusammenhang und ohne Sinn, deuchte ihm selbst. Und doch hätte er keins
-davon unterdrücken können, nicht ein einziges; so einsam hatte er immer
-gelebt, so unterdrückt und erstickt war jeder eigene Gedanke, jeder
-eigene Wille stets in ihm gewesen, daß er das Bedürfnis, das seine
-Seele erfüllte, gar nicht einmal verstand. Seine eigene Stimme klang
-ihm fremd, wie sie so das Leid, das die Frucht seines ganzen Lebens
-war, aussprach.
-
-Und als der Adjunkt nicht antwortete, sagte er kurz und hart: „Ist es
-nicht sonderbar, daß wir einander überhaupt gar nicht kennen?“
-
-„Wir kennen einander nicht?“
-
-Der Adjunkt sah auf mit einem Blick, der noch vom Essen schwer war.
-
-Ernst lachte laut auf. Er beugte sich vor und redete weiter, eifrig
-gestikulierend, mit einem Versuch, ruhig und geordnet zu sprechen; aber
-seine Stimme zitterte nur noch heftiger.
-
-„Nein“, sagte er. „Wir kennen einander nicht. Als Kind hab’ ich meinen
-Vater nicht gekannt, als Knabe nicht, als Jüngling nicht, und auch
-jetzt nicht, als Mann, der ich sein sollte und nicht bin! Und auch er
-hat mich nicht gekannt. Sonst hätte er mich nicht so grausam verkennen
-können. Sonst hätte er mich nicht so gedankenlos und herzlos aufs
-Gratewohl ins Leben hinauswerfen können, ohne auch nur einen Augenblick
-danach zu fragen, ob meine Natur mich zu etwas anderem zog, oder ob sie
-nur schwieg und sich fügte.“
-
-Er sprach, als habe er die Gegenwart des Vaters ganz vergessen,
-und fuhr dabei fort, starr vor sich hinzublicken und lebhaft zu
-gestikulieren.
-
-„Warum bin ich nicht ein Bauer geworden?“ rief er. „Warum geh’ ich
-nicht hinter dem Pflug und grabe die Erde um und dünge und mache Heu?
-Warum mäh’ ich nicht und hacke Holz und arbeite und lebe, statt meinen
-Rücken über die Bücher zu beugen?“
-
-Er ballte die Hand, seine lange, hagere Hand, mit einer drohenden
-Gebärde, in der zugleich etwas Hilfloses lag.
-
-„Die Bücher!“ sagte er mit gedämpfter Stimme, damit der Kutscher ihn
-nicht hören sollte. „Wie ich sie hasse! Sie haben mein Leben zerstört,
-statt daß sie mich leben gelehrt haben. Sie haben meinen Kopf mit
-unnützen Dingen angefüllt und mir meine Kraft gestohlen, statt sie
-zu mehren. Tote sind sie, die die Lebenden beherrschen. Gespenster,
-die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu schrecken, statt
-stillzuliegen und zu schlafen! Unheimliche Gespenster, an die wir
-glauben, und die uns hinter unserm Rücken auslachen, weil wir uns haben
-narren lassen von ihnen!“
-
-Der Adjunkt packte ihn erschrocken am Arm.
-
-„Du bist krank, Ernst!“ sagte er.
-
-„Krank? Ja, ich bin krank, bin nie was anderes gewesen, als krank.
-Vielleicht ist’s das, was mein ganzes Unglück verschuldet hat!
-Vielleicht ist’s das, was mich fortgezogen hat von der frischen Luft
-und der Arbeit, die stählt, und mich eingeschlossen in dumpfe Zimmer,
-meine Brust eingedrückt, meine Schultern zusammengepreßt, mein Gesicht
-gebleicht hat! Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen, frage ich?
-Vielleicht wär’ ich dann stark geworden! Vielleicht wär’ ich dann ein
-Mann geworden!“
-
-Er entzog sich dem Griff des Vaters und lehnte sich schlaff in die
-Wagenecke zurück. Beide schwiegen; der eine, weil er sich erschöpft
-hatte, der andere, weil er nichts zu sagen wußte.
-
-Aber im Adjunkt erwachte die ganze Liebe einer alten Pastorenfamilie
-für das Land mit seinem Behagen und seiner Arbeit. Und wie sonderbar
-seltsam des Sohnes Worte ihm auch vorkamen, und wie überzeugt er auch
-war, daß dies nur eine Überreiztheit war, die vorübergehen würde, so
-stieg in ihm doch auch noch ein anderes Gefühl auf. Immer hatte er sich
-gewünscht, ein kleines Eigentum zu besitzen, das er sein hätte nennen
-können; er pflegte oft im Scherz zu sagen, sobald er nur erst seine
-Schulden bezahlt habe, würde er anfangen zu sparen und ein kleines
-Anwesen kaufen, auf dem er seine alten Tage verbringen könnte.
-
-Des Sohnes Worte klangen seltsam an sein Ohr. Vorwürfe waren es,
-daß der Vater nicht mit dem Sohn gelebt hatte, damit er dessen Leben
-verstehen möchte. Sie schmerzten und quälten ihn. Sie kamen so heftig
-und unüberlegt, wie von einem zornigen, erbitterten Kind. Aber der
-Adjunkt wurde nicht böse. Denn in ernsten Augenblicken kann es
-geschehen, daß sogar die Eigenliebe sich verkriecht. Er fühlte nur eine
-große Leere zwischen sich und dem Sohn; und er klagte sich selbst an.
-In ihm klangen des Sohnes Worte: Warum hat man mich nicht Bauer werden
-lassen? Es war ja Unsinn, das wußte er wohl. Und dennoch! Er sah auf
-des Sohnes magere Gestalt mit dem blassen Gesicht und der eingesunkenen
-Brust. Und er begriff noch deutlicher, daß es Unsinn war. Aber trotzdem
-quälten ihn die Worte, quälten ihn und zerrten an ihm. Ein Mitleid
-packte ihn, als trüge er die Schuld an dieser Schwächlichkeit; und mit
-einem Male kam ihm das Verlangen, alles wieder gutzumachen, in einem
-Augenblick wieder aufzubauen, was nur in langen Jahren aufgebaut werden
-kann, wenn das Gebäude sicher und fest werden soll.
-
-Er legte seine Hand auf des Sohnes Knie und fragte mit zitternder
-Stimme: „Was fehlt dir? Verheimliche mir nichts!“
-
-Ernst sah auf. Sein Atem ging kurz und hastig, wie nach einer großen
-Anstrengung. Und er sah so geistesabwesend aus wie gewöhnlich, als
-wisse er kaum von dem heftigen Ausbruch, der Geschehenes ja doch nicht
-mehr ungeschehen machen konnte.
-
-„Verheimliche mir nichts!“ wiederholte der Vater.
-
-Ernst ergriff mit bittendem Blick seine Hand.
-
-„Verzeih!“ sagte er. „Ich bin nur müde. Es war schlecht von mir, so zu
-sprechen, wie ich’s getan habe.“
-
-Der Gedanke, der sich schon vorhin dem Adjunkt aufgedrängt hatte, kam
-wieder. Und jetzt kam er mit solcher Gewalt, daß alle egoistischen
-Bedenken wichen. Mit einer plötzlichen Anstrengung sagte er: „Ist es
-dein Beruf, der dich quält?“
-
-Ernst schwieg einen Augenblick und blickte zur Seite. Und schon
-bereute der Adjunkt seine Frage. Er fühlte, daß er richtig geraten
-hatte, und der peinigende Gedanke an die Zukunft ergriff ihn. Er dachte
-an des Sohnes Stellung, an das, was die Leute, was seine Frau sagen
-würden. Und mit lähmendem Schreck fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf:
-
-„Und das Geld! Die Ausgabe! Neue Schulden! Neue Sorgen!“ Atemlos
-wartete er auf die Antwort des Sohnes.
-
-Ernst saß ganz stumm. Jetzt war die Stunde da. Jetzt sollte es gesagt
-werden. Jetzt würde er es sagen. Und in der Einbildung war ihm so
-leicht zumut, als wäre es bereits gesagt.
-
-Dann aber kehrten seine Gedanken in ihren gewohnten Kreislauf zurück;
-mit einer unerhörten Kraftanstrengung bezwang er sich, sah dem Vater in
-die Augen und antwortete, ohne zu zittern: „Du irrst, Papa. Ich habe
-meinen Beruf aus freiem Willen gewählt.“
-
-Der Adjunkt fühlte, daß der Sohn log. Aber er wagte nicht, die Frage zu
-wiederholen, aus Angst, eine andere Antwort hervorzulocken. Er hatte
-sein möglichstes getan, um sein Gewissen zu befreien, und ein Seufzer
-der Erleichterung entschlüpfte ihm, während er seine Hand aus der des
-Sohnes zog.
-
-„Gott sei Dank!“ sagte er leise.
-
-Der Wagen rollte weiter. Die beiden Männer saßen lange schweigend
-nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ernst
-führte mit einer Bewegung, die ihm eigen war, oft die Hand zum Gesicht
-und zupfte an einem weichen Bart.
-
-Der Adjunkt bemerkte es; und, um durch einen Scherz das peinliche
-Schweigen zu brechen, sagte er:
-
-„Bald hast du überhaupt keinen Bart mehr zum Dranziehen.“ Ernst ließ
-hastig die Hand sinken und lächelte gezwungen. „Das ist wahr!“ sagte er.
-
-Und der Wagen rollte eine Anhöhe hinauf und vor ihnen lag Gammelby.
-Hoch über den übrigen Gebäuden ragte der Turm der Domkirche.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel
-
-
-Die Ordination war nun auf Anfang Juni festgesetzt. Ernst Hallin,
-Simonson und noch ein paar andere sollten zusammen in ihr Amt
-eingesetzt werden, und gleich darauf sollte Ernst nach seiner neuen
-Heimat, dem Pfarrhof von Sollösa, fahren.
-
-Ernst Hallin sehnte sich nur noch danach, daß alles vorüber sein
-möchte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und wußte, daß nichts ihn
-mehr ändern konnte. Jetzt galt es nur noch, alles Zweifeln und Zaudern
-von sich fernzuhalten, damit er Ruhe hatte, bis er allein war mit
-sich selbst. Die Einsamkeit, das fühlte er, würde ihn heilen, ihn
-weniger empfindlich, kräftiger machen und ihn vor allem lehren, sich
-in demutvollem Genügen unter das Kreuz zu beugen, das der Herr ihm
-auferlegt hatte. Er fühlte mehr und mehr die Überzeugung in sich, daß
-der Priesterberuf gerade das war, was der Herr von ihm forderte, damit
-er auf Erden Frieden finden möchte; und ohne zu fragen, ohne am Willen
-des Herrn zu deuteln, wollte er treulich den schmalen, dornenvollen
-Pfad wandeln, bis er nach seiner steilen und mühevollen Wanderung vor
-der engen Pforte stehen würde, die zum Leben führt.
-
-Nach dem letzten Ausbruch, als er und der Vater von dem alten Pastorat
-heimgefahren waren, hatte er das Gefühl gehabt, als ob ein Teil seines
-alten Menschen von ihm gewichen sei. Eine Art dumpfer Resignation
-bemächtigte sich seiner, und er erkannte, daß in dieser Resignation die
-Möglichkeit lag, das Leben, das ihn jetzt erwartete, zu leben. Keine
-andern Hoffnungen, keine andern Gedanken und Interessen durften diese
-Resignation verdrängen, die allein imstande war, ihn aufrechtzuhalten,
-wie das Rettungsboot den Schiffbrüchigen über Wasser hält. Ganz und
-ausschließlich mußte sie ihn beherrschen; keine unterdrückte Sehnsucht,
-keine verwegene irdische Hoffnung sollte mehr ihre frischen,
-gefahrvollen Winde über die stille See dieser Resignation blasen.
-
-Er dachte auch selten an Eva Baumann. Sie war ihm nur noch eine
-lockende Erinnerung, die keine Macht mehr über ihn hatte. Und er konnte
-von ihr sprechen hören oder ihr auf der Straße begegnen, ohne daß er
-errötete, ohne daß es seine Gemütsruhe störte.
-
-Dagegen hatte er sich in letzter Zeit mehr und mehr zu Simonson
-hingezogen gefühlt.
-
-Simonson war so klar in allem, so klar und fertig. Er wußte Antwort
-auf jede Frage, Widerlegung für jeden Zweifel. Seine Stimmung war
-immer gleichmäßig, und Ernst fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm
-stets ruhiger. Wenn er einen Nachmittag lang ihm gegenübersaß und das
-sichere Gesicht betrachtete, das so überzeugt schien, daß alles in
-der Welt war, wie es sein sollte, und der scharfen Stimme lauschte,
-die alle aufrührerischen Gedanken gleichsam zerkrümelte und ihn einen
-klaren Blick in das ganze geordnete Gemeinwesen tun ließ, das seit
-Jahrtausenden auf dem Grund des Christentums erwachsen war, da fühlte
-Ernst ganz deutlich, auf welchen gefährlichen Abwegen er gewandelt war,
-und er ging nach Hause, froh und gestärkt, voller Dankbarkeit gegen
-Gott, der ihn aus den Irrgängen seiner eigenen Gedanken errettet hatte.
-Es lag so viel Demut in all seiner Schwachheit, daß Pastor Simonson
-sich oft ganz verlegen vorkam und fast zu stottern begann, wenn er vom
-christlichen Sinn sprach, der alles duldet und alles erträgt.
-
-Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute
-sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen.
-Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse
-Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein
-schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische
-Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine
-Entwicklung geleitet hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der
-Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum
-Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war
-mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox
-kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen
-gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen
-gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts
-Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn
-widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen
-Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu
-schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von
-Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß
-er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache
-in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich
-auch darüber.
-
-Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune
-und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer.
-
-Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam
-gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen
-mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es
-Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern
-zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer
-Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem
-König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes
-Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit
-gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament
-handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über
-diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf
-antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber
-gehabt und eins der sinnlichste und anstößigsten Gedichte geschrieben
-habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing
-der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben
-verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor
-dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern,
-beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme.
-
-Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in
-sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene,
-nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja
-nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme
-Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten.
-
-Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen
-entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus
-verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der
-Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus
-noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor
-einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine
-derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der
-jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die
-andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um
-so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame
-Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle
-fühlten sie, aber keines sagte was.
-
-Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den
-Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „In einem Jahr bin ich
-endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!“ sagte er.
-
-Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an.
-
-„So darfst du nicht reden“, ermahnte er.
-
-Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an
-Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie
-mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht
-länger schweigen.
-
-„Laß Gustaf sagen, was er will!“ sagte sie. „Er ist kein Kind mehr.
-Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber
-schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?“
-
-„In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!“
-sagte der junge Pastor.
-
-Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde
-war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und
-schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen.
-
-„Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten,
-daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je
-daheim glücklich gewesen? Bist du’s jetzt? Hast du gar nicht gemerkt,
-wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ‚Peer Gynt‘:
-
- Keiner weint um des andern Weh,
- Keiner hat Sinn für des andern Idee?
-
-Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden,
-daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern
-verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst
-und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es
-ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und
-glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich
-ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich’s jetzt
-bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich,
-er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, -- ich übrigens
-auch --. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte --
-was glaubst du, daß die Folge wäre? Das Leben hier im Haus würde nur
-noch unerträglicher werden, als es schon ist.“
-
-Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und
-ab.
-
-Ernst sah unsicher vom einen zum andern.
-
-„Ist das wahr?“ fragte er.
-
-Gustaf lächelte. Es lag nichts Herausforderndes in seinem Lächeln,
-nichts Selbstbewußtes. Nur Verwunderung, daß der ältere Bruder etwas so
-Einfaches nicht wußte.
-
-„Es kann ja doch gar nicht anders sein“, sagte er.
-
-„Aber -- in deinem Alter...“
-
-Ernst brach ab.
-
-„Ich habe nichts dazu getan“, sagte Gustaf. „Es kam von selbst. Wenn
-man Hunger hat, so ißt man. Und von der Speise bildet sich frisches
-Blut. Es ist dasselbe...“
-
-Selma blieb vor Ernst stehen und sah ihm grad in die Augen.
-
-„Glaubst du?“ fragte sie.
-
-Ernst wollte der Frage ausweichen, aber die Schwester ließ ihn nicht
-los.
-
-„Ja“, sagte er schließlich, lauter als notwendig war. „Aber du -- wenn
-du dich von hier wegsehnst -- was bindet dich?“ Selma konnte ein Lachen
-nicht zurückhalten.
-
-„Sieh mal, wie gut es ist, wenn man einmal miteinander redet“, sagte
-sie. „Nicht einmal das weiß er, obschon es das große Ereignis meines
-Lebens ist. Was mich bindet? Nun ja, ich ging einmal zu Papa und sagte
-ihm, ich möchte eine Zeitlang fort, nach Stockholm oder irgendwohin,
-um ein bißchen mehr zu sehen und zu lernen -- und ein bißchen mehr zu
-leben“, fügte sie bitter hinzu. „Aber er wollte es nicht. Ich weiß, daß
-er und Mama die Sache miteinander berieten. Aber dann baten sie mich,
-und Mama weinte, und ich gab nach und blieb.“
-
-„Aber warum wollten sie denn nicht?“
-
-All das war Ernst etwas ganz Neues.
-
-„Warum?“ wiederholte Selma. „Lieber Ernst, was du blind bist! Nun,
-weil die Welt schlecht ist und mir meinen Glauben nehmen würde.
-Und darum schließt man einen ein, bis man so stumpf wird, daß man
-überhaupt alles glaubt. Das ist ihre Taktik. Und manchmal hilft sie
-ja auch. Aber manchmal kommt es auch vor, daß eins oder das andere
-sich trotzdem aufrecht hält. Wie lang, das weiß freilich Gott. Das ist
-die Familientyrannei unsrer Zeit, und sie ist niedriger, gemeiner und
-kleinlicher, als es die alte, die auf Faustrecht gegründet war, je war.“
-
-Ihre Augen leuchteten; sie setzte sich hart in einen Stuhl.
-
-„Es tut einem ordentlich wohl, sich mal aussprechen zu können“, sagte
-sie.
-
-„Ja, aber es hat so wenig Zweck“, bemerkte Gustaf.
-
-„Wir werden sehen!“ erwiderte die Schwester.
-
-Ernst erhob sich und ging hinauf in sein und des Vaters Zimmer. Auf all
-das hatte er keine Antwort. Aber das fühlte er, daß zwischen ihm und
-den Geschwistern etwas Gemeinschaftliches war, ein gemeinsamer Mangel,
-den sie deutlicher erkannten als er, unter dem sie aber alle litten.
-
-Als er auf der Treppe war, begegnete er der Mutter, die aus des
-Vaters Zimmers kam. Sie gingen schweigend aneinander vorüber. Aber
-als Frau Hallin ins Wohnzimmer kam, warf sie Gustaf und Selma einen
-mißtrauischen Blick zu, um zu ergründen, von was die Kinder wohl
-geredet hätten.
-
-Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in
-ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und
-erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte.
-
-Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der
-Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten.
-
-„Kommst du nicht?“ sagte sie.
-
-„Doch, doch“, erwiderte er. „Ich komme.“
-
-Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in
-den Korridor.
-
-Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um.
-
-„Ist sie da drin?“ fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.
-
-„Ja“, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen,
-sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer.
-
-Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete
-heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder
-was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr
-gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem
-ausgewichen war, er dachte nur noch an eins -- daß sie ihn nicht
-vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie
-brauchte.
-
-Er drückte auf die Klinke und trat ein.
-
-Eva Baumann saß auf dem Sofa, das an der Wand der Tür gegenüber stand.
-Ihre Augen hatten einen Glanz, als hätten sie viel gewacht, und als sie
-Ernst erblickte, errötete sie heftig.
-
-Er blieb vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht verlegen stehen; mit einmal
-fiel ihm alles ein, was gewesen war, eine peinvolle Ahnung bemächtigte
-sich seiner; und im selben Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß sie
-sich seinetwillen preisgab.
-
-„Eva“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.
-
-Sie ergriff sie und sah ihm ins Gesicht, frei und offen. Ihr Gesicht
-war noch rot, aber die Augen waren ruhig und ihre Stimme lebhaft und
-klar.
-
-„Es war mir etwas Natürliches, daß ich noch einmal herkam“, sagte sie.
-„Sie müssen mir darum nicht böse sein!“
-
-„Ihnen böse sein...“
-
-Er setzte sich neben sie aufs Sofa, aber sie rückte etwas von ihm fort.
-
-„Doch“, sagte sie. „Es ist ja ein sonderbarer Einfall von mir. Aber ich
-konnte es nicht lassen. Ich bin ja nur ein Mädchen und habe so wenig
-gesehen von der Welt. Aber es ist etwas, was ich Sie fragen muß.“
-
-Seine Miene ward düster, als er antwortete:
-
-„Was?“
-
-Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte
-sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin -- einer
-Freundin, die Ernsts Schwester war -- allein in einer kleinen
-abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die
-Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge
-Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem
-Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in
-der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener
-Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen
-lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie
-sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch
-anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben,
-der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und
-aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben
-versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen
-ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären.
-
-Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung
-leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu
-ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war
-der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie
-hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt.
-
-Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem
-sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab,
-fragte sie: „Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?“
-
-Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch
-hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in
-einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat.
-Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet
-hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er
-wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und
-klare Antwort. Ja oder nein.
-
-Er schwieg und blickte vor sich nieder.
-
-„Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?“ sagte er tonlos.
-
-Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins
-Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an
-sie gerichtet.
-
-„Antworten Sie mir“, sagte sie atemlos. „Antworten Sie mir!“ Sie
-hatte die Hände gefaltet; ihre schlanke Gestalt zitterte wie in einem
-Schüttelfrost.
-
-Aber er hatte nichts zu antworten. Voll Verzweiflung blickte er
-auf ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen und den fest
-zusammengepreßten Lippen.
-
-„Sehen Sie mich nicht so an!“ sagte er. „Wenn Sie wüßten, wie Sie mich
-quälen!“
-
-Da begriff sie, daß es wahr, daß nichts mehr zu retten war. Sie hatte
-ein Gefühl, als habe er sie betrogen, betrogen um alles Glück und allen
-Frieden im Leben. Sie wandte sich von ihm ab und brach in heftiges
-Weinen aus. Und sie weinte lange.
-
-Ernst wußte nicht, was er tun sollte. Er wagte nicht, sich ihr zu
-nähern, und schämte sich, zu gehen.
-
-Mit einmal wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht wieder zu und
-strich sich das Haar aus der Stirn mit einer Bewegung, die Ernst fast
-Furcht einflößte.
-
-„Sie haben mich betrogen“, sagte sie. „Wenn Sie so erbärmlich sind,
-wie Sie sind, so hätten Sie mich in Frieden lassen müssen! Alles hab’
-ich von Ihnen geglaubt, was edel ist und gut! Keine gute, schöne
-Eigenschaft gibt es, die ich nicht Ihnen beigelegt, keine männliche
-Tat, die ich nicht Ihnen zugetraut hätte. Hätten Sie mich in den Staub
-getreten, mich unglücklich gemacht, mich beschimpft, geschlagen -- ich
-hätte es Ihnen verziehen. Aber daß Sie mich genarrt haben, mir meinen
-Glauben an Sie gestohlen, das verzeihe ich Ihnen nie!“
-
-Wie unter einem Schlag beugte Ernst sich vor jedem ihrer Worte. Als sie
-fertig war, sagte er: „Ich habe nichts dazu getan, daß Sie mich für
-besser halten sollten, als ich bin.“
-
-Sie trocknete sich die Tränen ab und blickte eine Weile vor sich hin.
-
-„Nein“, sagte sie. „Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war’s --
-ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh...“
-
-Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer
-Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber
-sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr
-frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie
-allein.
-
-Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte
-über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht,
-daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie
-eine Heldentat vollbracht.
-
-Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam,
-fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen
-treten; und dann -- ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war?
-
-Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt,
-entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre
-Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein
-bißchen besser zu sehen.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel
-
-
-Als Ernst Hallin am Morgen des Sonntags, an dem die Ordination
-stattfand, ins Frühstückszimmer trat, war er glatt rasiert und trug zum
-erstenmal den bis unters Kinn zugeknöpften Pastorenrock. Er fühlte sich
-verlegen über dies neue Aussehen; und keins von der Familie vermochte
-ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihn begrüßten.
-
-Er hatte sich bisher noch nie rasiert; und seine Haut unter dem Bart
-hatte eine feine Blässe, die seinem Gesicht etwas Mädchenhaftes gegeben
-hätte, wenn nicht die Brille gewesen wäre. Das Gesicht war durch das
-Fehlen des Bartes kürzer geworden und wäre in der Form rund gewesen,
-wenn nicht die Hagerkeit es doch hätte länglich erscheinen lassen.
-Die nervösen Linien um den Mund, die der Bart früher verborgen hatte,
-traten jetzt deutlich hervor. Der ganze Ausdruck des Gesichts war ein
-anderer. Wer ihn nicht oft gesehen hatte, hätte ihn kaum wiedererkannt.
-
-Ernst selbst war während des ganzen Frühstücks mit seinem veränderten
-Aussehen beschäftigt und schämte sich darüber. Der Adjunkt ulkte ihn
-ab und zu ein bißchen an; und Gustaf lachte über die Späße des Vaters.
-Aber es lag keine Fröhlichkeit in dem Lachen, eher eine Ironie, die
-einen starken Anstrich von Ernst zeigte. Selma wurde rot, als er
-ins Zimmer trat, saß aber nachher stillschweigend da, unberührt von
-Scherzen und Anspielungen.
-
-Frau Hallin lachte anfänglich mit den andern; später versuchte sie,
-die Heiterkeit etwas zu dämpfen. Wie sie sich den Sohn so betrachtete,
-sah sie in ihm nicht nur das Kind, auf das sie stolz war, um das sie
-gebangt, für das sie gebetet und gelebt hatte, sondern sie sah in ihm
-den Priester, den Verkünder des Gotteswortes, den Mann, zu dem sie
-aufsehen konnte, wie sie instinktiv zu allen aufsah, die das heilige
-schwarze Ornat trugen; das Fremdartige seines Aussehens trug nur dazu
-bei, in ihr das Gefühl der Ehrfurcht zu verstärken, das sich in ihre
-Freude, daß der so lang ersehnte Tag nun endlich gekommen war, mischte.
-
-In der Domkirche drängten sich andächtige oder neugierige Scharen
-um die Plätze heute; man wollte doch den feierlichen Akt sehen, der
-den heutigen Gottesdienst beschließen sollte. Draußen vor der Kirche
-strahlte die warme Junisonne; durch die Äste der Ulmen mit ihren
-kleinen lichten Blättern leuchteten ihre Strahlen heiter auf die
-Menschenströme herab, die aus allen Teilen der Stadt auf die Kirche
-zufluteten.
-
-Vornehme Leute kamen, aus dem schönen Villenviertel, wo die Birken
-in frischem Grün prunkten, aus den stolzen Häusern in der Langen
-Straße und am Markt, der heute reingefegt und leer sein Pflaster der
-Sonnenhitze darbot. Neue Frühlingstoiletten, große helle Feder- und
-Blumenhüte, wie sie die letzte Stockholmer Mode vorschrieb, elegante
-Mäntel, purpurrote Sonnenschirme, die unter dem lichtgrünen Laub in
-der Sonne erstrahlten. Aber heute war ein Tag, an dem sogar die Herren
-zur Kirche gingen. Hellgraue oder braune Hüte, hohe schwarze oder
-niedere graue Zylinder, gelbe Stöcke mit weißen Elfenbeinkrücken neben
-einfacheren aus Eiche und Weichselholz -- alles sah so neu aus, voll
-Frühlingsfrische und Sommerahnung. Die Herren selbst, junge und alte,
-kamen so elastisch daher, wie verjüngt vom Sommer, der seine Wärme über
-das alte Schweden und Gammelby ergossen hatte. Aber sie unterhielten
-sich bloß flüsternd, und kein Lachen ward hörbar auf dem Weg zur Kirche.
-
-Die alten Domglocken läuteten mit feierlichem Klang über den Köpfen
-der Menge den Gottesdienst ein. Sie läuteten alle weltlichen
-Gedanken hinweg und mahnten mit ihrem Klang all die Menschen mit
-ihren verschiedenen Trieben und wechselnden Gedanken, sich in Gottes
-Heiligtum zu versammeln, abzulegen alle eiteln Gedanken an die Welt und
-was von der Welt ist, zu vergessen den Unterschied zwischen arm und
-reich, hoch und niedrig, Gerechtem und Ungerechtem, und einzutreten in
-das kühle, himmelanstrebende Gewölbe, wo die Sonne in langen bunten
-Streifen ein phantastisches Licht über die hohen Säulenreihen und
-die Menschen warf, einzutreten als eine einzige große Familie von
-Brüdern und Schwestern, die für ein paar kurze Stunden in der Woche
-gemeinschaftlich die Knie beugen und sich gleich fühlen vor Gott, der
-unser aller Vater ist.
-
-Aber zwischen den feinen Kleidern sah man auch die schwarzen Kopftücher
-und altmodischen Hüte des Armenviertels. Sachte gingen die Leute ihres
-Wegs, grüßten demütig ihre „besseren“ Brüder im Herrn und nahmen in den
-hintersten Kirchenstühlen oder im Seitenschiff Platz, in den Stühlen,
-die den Armen offen standen, wo niemand sich einen Platz oder einen
-Schlüssel kaufte, um nicht mit groben Kleidern und derbem Geruch in
-Berührung zu kommen.
-
-Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen,
-und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft.
-
-Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in
-Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe
-ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die
-alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch
-die hohe Wölbung klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten
-Ecke des großen Domes zu verstehen.
-
-Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht
-beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und
-die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich
-gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche
-gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der
-Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise
-recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und
-dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in
-den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die
-feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral
-begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor,
-wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die
-nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später,
-in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu
-stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor
-vorging.
-
-Vorn gingen die Meßner eifrig und geschäftig umher, trieben die
-drängenden Volksmassen zurück und stellten sie in geordneten Reihen auf.
-
-„Nicht so nah zum Altar. Platz für die Prozession und den Bischof!“
-
-Dann hängten sie die vier Meßgewänder in geziemenden Zwischenräumen an
-den Altarschranken auf.
-
-Plötzlich ward es ganz still in der Menge; der Weg zum Altar
-verbreiterte sich, die Hintenstehenden stellten sich auf die Zehen, um
-besser zu sehen, und durch die niedere Sakristeitür betrat die kleine
-Prozession die Kirche.
-
-Zuerst kam der Bischof, hoch und gebieterisch, die goldene dreieckige
-Mitra auf dem Kopf, den goldenen Stab in der Hand. Um seine mächtige
-Gestalt hing das weite, in Seide und Gold gestickte und in allen
-Regenbogenfarben schimmernde Bischofsornat. Am Hals sah das faltige
-weiße Meßhemd hervor.
-
-Hinter ihm kamen die Hilfsgeistlichen, je zwei und zwei. Vorn der
-Professor der Theologie Kumlander, neben ihm der Konsistorialnotar.
-Die Geistlichen im Ornat, der Konsistorialnotar in Frack und weißer
-Halsbinde. Nach ihnen kamen die vier, die ordiniert werden sollten,
-voraus Simonson und Ernst Hallin, alle in weißen Meßgewändern, die um
-die Mitte anschlossen und bis auf die Füße herunterreichten.
-
-Unter den Klängen der Orgel schritten sie leise durch die Volksmenge
-und stellten sich um den Altar auf. Die vier Kandidaten in ihren weißen
-Gewändern beugten das Knie.
-
-Als der letzte Akkord des Chorals verklang, wandte sich der Bischof der
-versammelten Menge zu. In der einen Hand hielt er das Meßbuch, in der
-andern ein langes feines Battisttaschentuch.
-
-„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“
-begann er.
-
-Über der großen Menschenmenge lag vollkommenes Schweigen. Nicht ein
-Flüstern war hörbar, nicht ein Laut. Die jungen Kandidaten hatten sich
-erhoben und standen aufrecht in einem Halbkreis um den Altar.
-
-Der Bischof begann mit seiner Rede, die er von einem Papier ablas, das
-er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die
-einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon
-Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete:
-Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide
-meine Lämmer!“
-
-Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte,
-über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten
-hatte. Im Gegenteil -- schon damals war dem Bischof der Gedanke
-gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die
-jungen Leute, die das schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten.
-Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der
-Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem
-Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte.
-Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern.
-Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er
-dereinst von Petrus forderte.
-
-Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die
-ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als
-Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den
-er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der
-Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit
-alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich
-in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen
-sollte.
-
-Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten
-Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann
-gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder
-hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“
-Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand
-wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen,
-durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte.
-Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer
-Halluzination -- sein ganzer Körper glühte im Fieber.
-
-Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die
-gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt
-des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis
-hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien
-am Ornat des Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und
-blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts.
-
-Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der
-Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die
-Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete.
-
-Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten,
-warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis
-vor dem Altar standen.
-
-Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder
-als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore
-gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das
-Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem
-lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche
-war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die
-Fenster.
-
-Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und
-bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den
-verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel,
-als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr
-strahlender Weg sich Bahn brach.
-
-Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als
-wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören.
-
-Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte
-nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn
-wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden
-Sonnenstrahlen.
-
-Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich
-einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine
-Phantasie war. Aber die Phantasie war so mächtig in ihm, daß er es sah
-wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige
-Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit
-tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche.
-Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht
-in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben
-geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der
-Domkirche hereinleuchtete.
-
-Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er,
-wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und
-doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende
-Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie
-schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden
-Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er
-bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen!
-
-Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der
-Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn
-niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen
-jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte.
-
-Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde.
-
-Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich
-umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und
-dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen
-und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht
-spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden
-Sonnenstrahlen:
-
-„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das
-Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“
-
-Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen
-Puff in die Seite aufgerüttelt.
-
-Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf
-aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel
-vorzusprechen.
-
-Ernst Hallin wiederholte die Worte, wie sie ihm in den Mund gelegt
-wurden.
-
-„Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen...“
-
-„Ich glaube an Jesum Christum...“
-
-„Ich glaube an den Heiligen Geist...“
-
-Er war blaß vor Gemütsbewegung; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.
-„Die Sonne hat gesiegt!“ klang es in ihm. Was waren das für sonderbare
-Gedanken, die manchmal in ihm erwachten und ihn nicht einmal jetzt in
-Ruhe ließen! Was waren das für Gedanken?
-
-Mit schwacher Stimme und niedergeschlagenen Augen beantwortete er
-des Bischofs Fragen; und als das Gelübde abgelegt werden mußte, das
-entsetzliche Gelübde, vor dem er sich so lang gefürchtet hatte, sprach
-er es ganz gedankenlos, ohne daß die Worte ihm einen tieferen Eindruck
-machten als jede beliebigen andern Worte:
-
-„Ich, Ernst Hallin schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium, zu
-dessen Verkündigung ich hiermit berufen und ausersehen werde, daß ich
-stets bei der reinen evangelischen Lehre verbleiben will, so wie sie
-im Worte Gottes, den heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments
-offenbart und durch das Augsburgische Glaubensbekenntnis und den
-Beschluß des Konzils zu Upsala im Jahre 1593 angenommen und verkündigt
-worden ist, also daß ich dawiderstreitende Lehren weder offenbarlich
-verkünden noch heimlich fördern will.“
-
-Klar bewußt, was eigentlich vor sich ging, ward er sich erst, als der
-Bischof nach Ablegung des Gelübdes mit starker und gebieterischer
-Stimme die Worte sprach:
-
-„Kraft der Vollmacht, die mir aus Gottes Gnaden von seiner Gemeinde
-anvertraut ist, erteile ich euch hiermit das Predigeramt, im Namen
-Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
-
-Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig
-um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis,
-hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da
-oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß
-alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte
-er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte.
-
-Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein
-Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm
-über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er
-vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach.
-
-Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in
-die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren
-Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen.
-
-Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter
-Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen
-fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er
-des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße
-Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken,
-die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke
-hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit
-seinen Amtsbrüdern wieder hinausging.
-
-Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den
-Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der
-ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt für Schritt mit ihm
-gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und
-ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt.
-
-Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen
-Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die
-Tränen zurückzuhalten.
-
-Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge
-und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen
-Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah.
-
-Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum
-Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten
-auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander;
-alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2
-Uhr wartete daheim das Mittagessen.
-
-Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und
-hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als
-ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen
-Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf
-einem Stuhl hinter der Tür.
-
-Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war +ein+ Zimmer, und er
-wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster
-und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster
-lag.
-
-Es war ihm so seltsam zumut -- so einsam. Es war das erste Mal, daß
-er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung
-begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen
-Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es
-von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in
-die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an sein
-eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von
-dem er nicht mehr zurück konnte.
-
-So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde.
-
-Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß
-Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der
-Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen
-Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf
-andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen
-bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen
-paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht
-hervorzurufen.
-
-Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom
-Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte.
-
-Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah,
-wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die
-Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte.
-Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine
-Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er
-überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser
-Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang
-er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu
-ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.
-
-Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich
-über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie
-fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt
-hatte, so alltäglich, so trocken.
-
-Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem
-Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden
-Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte
-sich, es wäre alles so, wie es sein sollte. Sie wußte ja, hätte der
-Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht
-getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im
-Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind
-behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später
-am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen
-Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ
-ihn ohne eine Frage gehen.
-
-Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche
-machen.
-
-Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa
-anzutreten.
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel
-
-
-Ein Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten
-und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen
-ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre
-veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der
-steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh
-der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten,
-Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir
-Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.
-
-Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung
-durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung
-gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor
-sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem
-ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.
-
-Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.
-
-Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine Karriere
-in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache
-Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in
-der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war
-zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter
-aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des
-Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale
-legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen
-verknüpften.
-
-Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des
-häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte.
-Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau
-stellte, entsprach, und da sie vor allem -- dank der zurückgegangenen
-Verlobung -- aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er
-um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort
-erhielt.
-
-Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam
-mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen.
-Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und
-ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt
-es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß,
-daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas
-geführt hat?
-
-Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor
-Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert,
-sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche
-Persönlichkeit begünstige.
-
-Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.
-
-Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen,
-arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld,
-das nie reichen wollte, und hatte seine Anfälle von schlechter Laune,
-die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.
-
-Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr
-Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen
-Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer
-mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des
-Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht.
-
-Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil
-sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten.
-
-Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt.
-
-Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige
-Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen
-den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen.
-
-„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“,
-sagte sie.
-
-Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar
-nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich
-zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge
-sie ihren Rücken unter einem Schlag.
-
-„So“, sagte sie einsilbig.
-
-„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter.
-
-„Du konntest nicht anders?“
-
-Frau Hallin sah wieder auf.
-
-„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können,
-daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“
-
-„Ihr hättet es nicht zugelassen.“
-
-Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eine Weile. Die Mutter
-konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber
-der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein,
-besiegt zu sein.
-
-„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma.
-
-Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr
-Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte.
-
-„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern
-in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je
-geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das
-ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens
-arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so
-tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so.
-Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“
-
-Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre
-Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das
-Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können.
-
-Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das
-bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können.
-
-Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein
-Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit
-der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und
-mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer
-Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der
-Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur
-ein einfacher Landwirt werden sollte.
-
-„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja
-gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war.
-
-Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn verloren hatte, wie
-die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten,
-die Jahre und die Einsamkeit.
-
-Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke
-an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn
-sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit
-und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte
-einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm
-allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.
-
-Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als
-früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war,
-hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“
-ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm
-geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch
-und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein
-Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit
-an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine
-ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner
-selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets
-mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur
-Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war,
-schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein
-bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm
-vorgegangen war.
-
-Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte.
-Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa
-hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren,
-gaben sie eine kleine Gesellschaft -- lauter junges Volk. Frau Hallin
-hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt.
-
-Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden
-und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da -- auf Selmas ganz
-besonderen Wunsch.
-
-Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden
-Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für
-einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden,
-ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug
-zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die
-anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze
-Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte.
-
-Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn
-nicht interessiert.
-
-Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an,
-daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht
-länger schweigen durfte.
-
-„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg,
-der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des
-Herrn weiht.“
-
-Seine Stimme war klar und beherrscht, und er blickte dem Bruder ruhig
-ins Gesicht. Man sah es ihm an, daß ihm das Landleben gut getan
-hatte. Er war dicker geworden, das Gesicht hatte Farbe und ein leiser
-Bartansatz zeichnete sich von den Wangen ab.
-
-„Aber,“ fuhr er fort, „die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich;
-und wer mit reinem Willen in den priesterlichen Stand tritt, dem
-wird der Herr auch zu einem rechten Glauben verhelfen, mag er auch
-anfänglich schwach und schwankend sein. Ist die Zeit so böse, ist der
-Unglaube so stark, daß sie, wenn möglich, sogar die Auserwählten zu
-verführen drohen, so steht um so fester die Verheißung unseres Herrn,
-daß dem, der am eifrigsten in seinem Dienst gearbeitet hat, im Himmel
-seine Stätte bereitet ist, die ihn für seine Arbeit auf Erden belohnen
-wird.“
-
-Frau Hallin nickte dem Sohn zu. Wieder einmal freute sie sich, daß der
-Herr doch eins ihrer Kinder bewahrt hatte...
-
-Im selben Augenblick aber begegnet Ernst Hallins Auge einem Blick, der
-einen ganz anderen Ausdruck hatte. Eva Baumann war es, die ihn ansah.
-Ihr Blick war kalt, fragend, neugierig. Sie hatte ihn im letzten Jahre
-da und dort getroffen und sich selber immer wieder gefragt, wie es
-möglich sei, daß sie so gleichgültig sein konnte. So ganz, als wäre
-zwischen ihnen gar nichts vorgefallen.
-
-Und jetzt fühlte Ernst diesen forschenden Blick auf sich ruhen.
-Er drückte keinerlei Interesse für seine Person aus, nichts als
-unbezwingliche Wißbegierde. Es sah aus, als möchte sie bloß um jeden
-Preis ergründen, wie er eigentlich innerlich zusammengesetzt war. Und
-zugleich bemerkte er ein fast unsichtbares ironisches Lächeln auf ihren
-Lippen.
-
-Pastor Hallin war sehr unbehaglich zumut. Er sagte sich selber, er
-habe ja doch nicht gelogen. Es war wirklich seine Überzeugung, die
-er da ausgesprochen hatte; und er freute sich darüber, daß er sie
-ausgesprochen hatte.
-
-Dennoch stand er auf und wechselte den Platz; und dabei konnte er es
-nicht hindern, daß er tief errötete.
-
-
-Ende
-
-
-
-
-Fischers Bibliothek
-
-zeitgenössischer Romane
-
-Dritter Jahrgang
-
-(Oktober 1910-September 1911)
-
- 1. Bd. Th. Fontane, Irrungen Wirrungen
-
- 2. Bd. Björnstjerne Björnson, Mary
-
- 3. Bd. Gabriele Reuter, Frauenseelen
-
- 4. Bd. Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung
-
- 5. Bd. Sophie Hoechstetter, Passion
-
- 6. Bd. Knut Hamsun, Redakteur Lynge
-
- 7. Bd. Hermann Bahr, Theater
-
- 8. Bd. Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin
-
- 9. Bd. Bernhard Kellermann, Yester und Li
-
- 10. Bd. Felix Hollaender, Das letzte Glück
-
- 11. Bd. Jonas Lie, Auf Irrwegen
-
- 12. Bd. J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
-
-
-Jeden Monat erscheint ein Band
-
-
-
-
-Gustaf af Geijerstam
-
-Gesammelte Romane in fünf Bänden
-
- Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des
- Dichters. Entwurf des Einbandes von E. R. Weiß. Geheftet 12 M, in
- Leinen gebunden 15 M.
-
- 1. Bd.: Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des
- Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas
- Geheimnis.
-
- 2. Bd.: Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
-
- 3. Bd.: Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
-
- 4. Bd.: Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
-
- 5. Bd.: Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
-
-Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter
-uns. Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke
--- rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise,
-die denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe --
-ist Beweis dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser
-Auswahl ganz. Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in
-einer Einleitung von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine
-seelisch eindringliche, man könnte beinahe sagen, erschöpfende Analyse
-von Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt
-sich eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den
-Rahmen von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich
-die Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die
-Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. -- Eine neue Frucht der
-Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen!
-Aus dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit
-verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden -- wie
-das immer war -- beides daraus schmecken: Tod und Leben.
-
- (Frankfurter Zeitung)
-
-
-
-
-_Das Buch vom Brüderchen_
-
-
-Wir haben es hier mit einem wundervollen, tief melancholischen Buch
-der Liebe und Ehe zu tun, das ein bedeutender Dichter geschrieben hat.
-Das Buch ist reich an lyrischen Stimmungen, ja es ist eigentlich nur
-eine Kette von solchen, und durchpulst von dem echtesten Empfinden. Es
-sind die Aufzeichnungen eines glücklich-unglücklichen Mannes, der ein
-schönes, kluges und geliebtes Weib besitzt und drei Kinder, nach deren
-jüngstem dieses Buch benannt worden ist.
-
-Dieses keusche, zarte, liebenswerte Buch sollten alle lesen: die Alten
-und die Jungen. Besonders die jungen Mädchen sollten es lesen, anstatt
-der verlogenen Liebesgeschichten, die zumeist ihre Lektüre bilden. Und
-dann die Mütter. Dieses Buch ist wie eine kleine Bibel. Es ist reich an
-allem Guten und Heiligen. Es ist reich an tiefen mystischen Beziehungen
-zwischen Mensch und Mensch, und die Natur -- Schweden und seine Schären
-und das Meer -- steht leuchtend und groß darin auf. Das Buch ist ein
-Kunstwerk und ein Werk des Lebens zugleich. So sollen gute Bücher sein.
-
- (Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)
-
-
-_Nils Tufvesson und seine Mutter_
-
-Der dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer
-Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend
-wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt
-man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen
-Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche
-Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein
-herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist
-auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen
-immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist
-Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte
-zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord,
-noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend
-dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen
-Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden.
-Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat
-ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor,
-in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und
-doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas
-Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem
-Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt
-und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam
-mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe
-seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel
-Tausende von neuen Lesern gewinnen.
-
- (Neue Zürcher Zeitung)
-
-
-_Frauenmacht_
-
-Nachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson
-grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und
-entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten
-Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der
-Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben
-läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die
-Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein
-Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt.
-
-Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von
-einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches
-vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und
-Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch
-und Mensch, und die Natur -- Schweden mit seinen Schären und das Meer
--- steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk,
-durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu
-werden.
-
- (Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)
-
-
-_Wald und See_
-
-Geijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger
-Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen
-kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen,
-tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern
-wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können
-sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie
-die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie
-beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen,
-was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu
-können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur.
-Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt
-ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend
-still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam,
-dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während
-unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was
-sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder.
-
- (Die Zeit, Wien)
-
-
-_Karin Brandts Traum_
-
-Ein Lebenssiegerbuch, wie selten in unserer Literatur der Ohnmacht
-und Schwäche! Es ist, als ob von Geijerstam immer mehr und mehr alles
-Überflüssige abfiele, alles, was dekorativ ist und Füllwerk. Er wird
-einfacher mit jedem Buch. Klar und rein hebt sich der Kern heraus.
-Dieser neue Roman sieht sich zuerst beinahe ärmlich an. Ein schlichtes
-Menschenschicksal, das nicht über die Alltäglichkeit hinausging, wird
-erzählt. Aber dann quillt aus der Schlichtheit ein Reichtum auf. Man
-fühlt deutlicher und eindringlicher der Schlichtheit zweites Gesicht:
-die Echtheit. Da ist keine Mache mehr, kein Aufputz, kein Künsteln
-mit den narkotischen Mitteln der Unehrlichen im Romangewerbe. In
-Geijerstams Romankunst ist Ehrlichkeit, Leben, Wahrheit. Erst wenn man
-sich so aller blendenden Äußerlichkeiten begibt, kann man so innerlich
-werden wie der Autor von Karins Traum.
-
- (Münchener Post)
-
-
-_Gefährliche Mächte_
-
-Der Roman „Gefährliche Mächte“ bietet uns Geijerstams tiefste,
-gedankenreichste Schöpfung. Wieder beschäftigt sich der Eheprediger mit
-dem Problem der Ehe. Wieder behandelt er die Hauptlehre seines Lebens,
-daß wir uns selber nicht, geschweige denn einen anderen erkennen,
-daß wir alle im Dunkeln herumirren. Heller und lauter, ernster und
-nachdrücklicher aber erhebt Geijerstam diesmal seine Stimme. Die
-beiden großen alltäglichen Tragödien des menschlichen Lebens, den
-Zusammensturz ehelichen Glückes und die Tragödie des Verkanntseins,
-der Vereinsamung verschmilzt er zu einer ergreifenden Einheit. Klänge
-nicht überall seine alles begreifende, alles verzeihende Menschenliebe
-hindurch, so könnte das Buch als eine niederschmetternde Anklage die
-Freude am Leben aus unserem Herzen verjagen.
-
- (Allgemeine Zeitung, München)
-
-
-_Das ewige Rätsel_
-
-Das Problem der Ehe, das Problem der Geschlechter -- das „ewige
-Rätsel“ -- wird hier von einer ganz neuen Seite und mit neuen Mitteln
-behandelt. Dieser Roman enthält, abgesehen von einer sehr spannenden,
-aber kurzen Episode, fast gar kein Geschehen im Sinne der epischen
-Kunst. Es ist alles Psychologie, spinnwebdünnes seelisches Ereignis...
-Mit unendlich feiner, subtiler Kunst hat Geijerstam das innerste
-Verhältnis zwischen Mann und Weib geschildert. Er hat aus dem Problem
-der Ehe das weitere, größere Problem herausgelöst, das Problem der
-Fremdheit der Menschen zueinander.
-
- (Pester Lloyd)
-
-
-_Die alte Herrenhofallee_
-
-In diesem letzten Roman, den uns der schwedische Dichter hinterlassen
-hat, behandelt er noch einmal das Problem der Ehe, dem er in der
-„Komödie der Ehe“ mit feinem psychologischen Tasten nachgegangen war.
-Die Umwelt verlegt Geijerstam in eine längst vergangene Zeit, „noch
-ehe der Ton der Dampfpfeife das Rauschen der schwedischen Wälder
-durchschnitt“. Durch die alte Herrenhofallee ist einst eine Vorfahrin
-der Heldin seiner Erzählung ihrem Gatten davongefahren, und dieser
-hat alsbald, um jede äußere Spur, die ihn an seinen Unglückstag
-erinnert, zu vertilgen, die alte Allee umhauen lassen -- ein Symbol,
-das gleichsam mit vererbender Schicksalskraft im Leben der Heldin
-wiederkehrt. Es ist ein abgeklärtes Können, eine von einer ausgeprägten
-dichterischen Persönlichkeit geführte Objektivität, die in allem
-Geschehenen die seelischen Fäden erkennt und auflegt.
-
- (Breslauer Morgenzeitung)
-
-
-
-
-Werke von Gustaf af Geijerstam
-
-
- Das Haupt der Medusa. Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
- Das Buch vom Brüderchen. Roman einer Ehe. 18. Tausend. Geh. M 3.50,
- geb. M 4.50
-
- Die Komödie der Ehe. Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
- Nils Tufvesson und seine Mutter. Bauernroman. 4. Tausend. Geh. M
- 3.50, geb. M 4.50
-
- Frauenmacht. Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.--, geb. M 4.--
-
- Wald und See. Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
- Kampf der Seelen. Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
- Alte Briefe. Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
- Karin Brandts Traum. Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.-- geb. M 4.--
-
- Gefährliche Mächte. Roman. 6. Tausend. Geh. M 4.--, geb. M 5.--
-
- Die Brüder Mörk. Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
- Das ewige Rätsel. Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.--, geb. M 4.--
-
- Die alte Herrenhofallee. Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
-
-
-Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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-works in the collection are in the public domain in the United
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- The Project Gutenberg eBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam.
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Pastor Hallin
-
-Author: Gustaf af Geijerstam
-
-Translator: Ingeborg Klett
-
-Release Date: February 22, 2020 [EBook #61480]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0">Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> wurde vom Bearbeiter eingefügt.
-Alle <a href="#anzeigen">Buchanzeigen</a> wurden zusammengefasst am Ende des Texts
-wiedergegeben.</p>
-
-<p class="p0">Die Buchausgabe wurde in Frakturschrift gedruckt. <span
-class="antiqua">Antiquaschrift</span> wird hier kursiv wiedergegeben.
-<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before showhtml">
- <a id="einband" name="einband">
- <img class="w25em" src="images/cover.jpg" alt="" /></a>
- <p class="s5 center mbot3">Original-Einband</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="illu_001" name="illu_001">
- <img class="mtop1 w6em" src="images/illu_001.jpg" alt="Verlagssignet" /></a>
- </div>
-
-<h1><b>Pastor Hallin</b></h1>
-
-<p class="s3 center">Roman von</p>
-
-<p class="s1 center">Gustaf af Geijerstam</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_003" name="illu_003">
- <img class="mtop3 w6em" src="images/illu_003.jpg" alt="Deko" /></a>
-</div>
-
-<p class="s2 center mtop3">S. Fischer, Verlag, Berlin</p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Autorisierte Übertragung<br />
-aus dem Schwedischen von Gertrud Ingeborg Klett.</p>
-
-<p class="s5 center">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Erstes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Zweites Kapitel</span>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Drittes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Viertes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Fünftes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Siebentes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Achtes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">79</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Neuntes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">92</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Zehntes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">97</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Elftes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">115</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="mright3">Zwölftes Kapitel</span>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">125</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">151</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">164</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
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- </td>
- <td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">204</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">215</a></div>
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- </tr>
- <tr>
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- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">227</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">E</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">E</span>ine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch
-das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und
-einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch.
-Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden
-Tageshelle.</p>
-
-<p>Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem
-Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen
-weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart
-bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er
-liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht,
-daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die
-Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der
-Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es
-nicht.</p>
-
-<p>Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar
-Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge
-und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn
-bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt
-sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der
-Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht.</p>
-
-<p>Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem
-Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem
-überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er
-legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt
-hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen,
-während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt
-dazu schlug.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p>Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben
-ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute
-zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er
-plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht
-gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und
-begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen.
-Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief:</p>
-
-<p>„Bist du fertig?“</p>
-
-<p>Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und
-begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing,
-seine Toilette in Ordnung zu bringen.</p>
-
-<p>„Guten Morgen, Tante... Gleich!“</p>
-
-<p>Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch
-und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag.</p>
-
-<p>Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf
-dem die Teemaschine dampfte und pustete.</p>
-
-<p>„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie.</p>
-
-<p>Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie
-müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“</p>
-
-<p>Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch.</p>
-
-<p>„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte
-er.</p>
-
-<p>„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du
-reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine
-Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“</p>
-
-<p>Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> seinen Tee.
-Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute,
-Tante?“</p>
-
-<p>Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus.</p>
-
-<p>„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht.
-Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“</p>
-
-<p>Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um
-nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte.</p>
-
-<p>Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach
-der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in
-all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach
-dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und
-angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung
-abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes
-Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht
-zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags
-studieren wollte.</p>
-
-<p>Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er
-auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.</p>
-
-<p>Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war
-überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil
-sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter
-den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum
-erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.</p>
-
-<p>Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär
-&mdash; eben Ernst Hallin &mdash; und im übrigen einen Kosttisch für Studenten
-hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in
-Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren
-Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die
-populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie
-immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das
-alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen
-fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte,
-für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.</p>
-
-<p>Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen
-gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh
-außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken
-ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief
-zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch
-gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des
-Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.</p>
-
-<p>Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die
-„akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und
-wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab
-zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam
-er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich
-bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.</p>
-
-<p>Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala
-blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt
-hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte
-er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte
-er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht
-wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von
-der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig,
-friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des
-Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden
-und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>Und er <em class="gesperrt">hatte</em> studiert. Wie friedlich und wohltuend waren
-nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum
-durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben,
-Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und
-seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen
-können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder
-unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige
-Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder
-über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und
-Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte
-er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren,
-der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand,
-gelesen.</p>
-
-<p>Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke
-und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen,
-desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er
-zurecht mit seinen Zweifeln.</p>
-
-<p>Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran,
-daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere
-heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen
-herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich
-barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können,
-wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine
-derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.</p>
-
-<p>Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war
-diese Zeit gleichsam vergessen &mdash; verschwunden. Jetzt ward er von
-unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht
-quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so
-ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner
-Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> sie täglich
-und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten
-Erscheinungen und beunruhigten ihn.</p>
-
-<p>Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit
-sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als
-fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.</p>
-
-<p>Fertig!</p>
-
-<p>Ja, er wußte ja, daß er fertig werden <em class="gesperrt">mußte</em>. Der Vater hatte es
-ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und
-der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu
-unterhalten.</p>
-
-<p>Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die
-Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde
-Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten
-weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.</p>
-
-<p>Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art
-seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar
-nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch
-nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die
-Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der
-seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in
-ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.</p>
-
-<p>Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor
-sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte
-um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts.
-Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht
-wie er hier herumlief &mdash; um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor
-dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an
-ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß
-noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> in seinen
-Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu
-setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.</p>
-
-<p>So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war
-fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte
-solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte
-Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das
-vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich
-nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er
-<em class="gesperrt">könne</em> gar nicht durchfallen.</p>
-
-<p>Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer
-in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar
-Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den
-Schaukelstuhl.</p>
-
-<p>Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer
-Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie
-an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.</p>
-
-<p>Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen
-auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört
-hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die
-Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das
-Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.</p>
-
-<p>Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag
-auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er
-sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer
-auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte
-sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter
-Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit
-des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach
-dem Abiturientenexamen war er so<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> kränklich gewesen, daß er nicht
-einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens
-zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß
-bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und
-in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn
-beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er
-haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige
-Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige
-Fähigkeit &mdash; das Gedächtnis &mdash; bis aufs äußerste anstrengen, während
-die andern alle ruhten &mdash; das wars, was ihm einen Knacks gegeben
-hatte! Aber er wußte &mdash; er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit
-wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken
-besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch
-oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft,
-stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine
-schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug
-er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit
-dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken
-haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut
-die Worte des Kollegs dazu murmelte.</p>
-
-<p>Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten.
-Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich
-ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit
-Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder
-Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans
-Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte,
-bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein
-paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter
-daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den
-Seinen sein würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p>Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das
-er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden,
-der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder
-eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die
-ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe
-hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer
-gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen
-berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte,
-wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte
-er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen,
-auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern
-Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich
-ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen
-Finger aufhörten.</p>
-
-<p>Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu
-sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl
-sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in
-den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich
-instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und
-sah, daß es fast halb Zwei war.</p>
-
-<p>Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben &mdash;
-bis zum Mittagessen.</p>
-
-<p>Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen
-und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen
-im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.</p>
-
-<p>Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still
-verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte.
-Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu
-lesen und zu denken, das wußte sie.<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> Darum achtete sie genau darauf,
-daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des
-Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre.
-Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin
-und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht
-einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür
-dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer
-selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit
-Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.</p>
-
-<p>So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man
-mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der
-hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in
-seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls,
-wenn er über eine unebene Diele ging.</p>
-
-<p>Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und
-die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach
-Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins
-Zimmertür.</p>
-
-<p>„Es ist angerichtet.“</p>
-
-<p>Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das
-Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt
-hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend,
-während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.</p>
-
-<p>Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei
-jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie,
-einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich
-gesinnt waren.</p>
-
-<p>Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser
-Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das
-Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> eine ganze Menge
-Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des
-Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen
-zu entscheiden. Mit einem Wort &mdash; er war die Seele der Gesellschaft
-gewesen.</p>
-
-<p>Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder
-einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt
-der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte
-abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.</p>
-
-<p>Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im
-Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den
-Kaffee zu nehmen.</p>
-
-<p>Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden
-und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil
-altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen
-Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes
-Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen
-weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker
-Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar
-war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete,
-entgegenschlug.</p>
-
-<p>Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng
-verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt,
-und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets.
-Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas
-außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu
-riechen.</p>
-
-<p>Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit
-andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die
-andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle
-gegangen, so zog er sich zum<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen
-Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.</p>
-
-<p>Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und
-abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume
-verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte
-für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.</p>
-
-<p>Hier waren seine Gedanken am freiesten.</p>
-
-<p>Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen
-gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus
-Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.</p>
-
-<p>Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der
-längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er
-dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe
-und studierte.</p>
-
-<p>Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger,
-als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem
-Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz
-von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern
-des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich
-zu rauchen pflegte.</p>
-
-<p>In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.</p>
-
-<p>Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue
-„Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken
-verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, &mdash; er hielt
-es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger
-jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung
-löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der
-andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden
-Lampe saß und auf ihn wartete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als
-hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte
-die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter
-nie hatte reden können!</p>
-
-<p>An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund
-hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden
-Seele von Nutzen sein durfte.</p>
-
-<p>Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches,
-freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.</p>
-
-<p>„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken.
-„Jetzt ist Schluß.“</p>
-
-<p>Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.</p>
-
-<p>„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.</p>
-
-<p>Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht
-und begann zu lesen.</p>
-
-<p>Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von
-einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich
-selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der
-Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil
-eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.</p>
-
-<p>Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still
-in dem kleinen Zimmer.</p>
-
-<p>„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.</p>
-
-<p>Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit
-Brand gemeint hätte.</p>
-
-<p>Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam
-das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem
-bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts
-Elternhaus.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">G</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">G</span>ammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum
-Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des
-Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des
-Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu
-beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die
-Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine
-alte Brücke über den Fluß führt.</p>
-
-<p>Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen,
-wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen,
-über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind
-die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im
-Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und
-der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein
-Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße
-stehen.</p>
-
-<p>Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder
-sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen,
-dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die
-Volksvermehrung.</p>
-
-<p>Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern.
-Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen
-die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad,
-grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der
-kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein
-Holz in ihren Herd zu schieben haben.</p>
-
-<p>Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen
-die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter
-auf den großen Holzplätzen. Hier sind die<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> großen Höfe, auf denen
-Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die
-Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet
-oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber
-haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen
-sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des
-Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr
-geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.</p>
-
-<p>Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine
-Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.</p>
-
-<p>Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen
-Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite
-an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig
-vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen
-Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten
-verdrängen will.</p>
-
-<p>Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten
-Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen
-in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.</p>
-
-<p>Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die
-Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen
-in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil
-und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große,
-lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären
-sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu
-oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen
-Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.</p>
-
-<p>Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden
-Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> alte, ehrwürdige Familien
-wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten
-Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet,
-sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß
-der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn
-nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie
-wissen, Einigkeit macht stark.</p>
-
-<p>Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was
-man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem
-kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter,
-gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken
-angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten
-anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten
-niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne
-Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus
-diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.</p>
-
-<p>Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage,
-und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings
-versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten
-Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei
-denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen
-die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte
-ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern
-verborgen lagen.</p>
-
-<p>Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht
-wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen.
-Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine
-Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und
-Aktienbanken ins Leben. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> die neuen Lebensbedingungen brachten eine
-neue Lebensweise mit sich.</p>
-
-<p>Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag
-an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen
-den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um
-jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen
-und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn
-die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer
-Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die
-Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter
-hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da
-ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie
-gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch
-ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer
-neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei
-Jahre leben, solange er eins lebt.</p>
-
-<p>Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt
-sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt
-Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen,
-verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an
-das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten
-Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.</p>
-
-<p>Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz,
-das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in
-der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und
-reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in
-dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals
-und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber
-in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesang<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>buch,
-das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch
-eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen
-Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes
-oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen,
-oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und
-in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen
-Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft
-in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich
-abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt
-oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die
-Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die
-Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des
-Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll
-von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen,
-davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen
-Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist
-es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern
-sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des
-Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.</p>
-
-<p>Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern,
-mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.</p>
-
-<p>Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der
-gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus
-den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und
-der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten
-aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte
-dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren
-Gesellschaft bilden, was sich hier, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> anderswo, bei näherer
-Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.</p>
-
-<p>Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder
-haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben
-sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im
-Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine
-Kleinstadt, wo &mdash; bestenfalls &mdash; die ersten zehn Jahre zur Bezahlung
-der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen
-und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.</p>
-
-<p>Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer
-„Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr
-Urteil und nennen sie Bücherwürmer.</p>
-
-<p>Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an
-jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären.
-Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft
-von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter
-gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so
-heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern,
-die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben
-diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich
-auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie
-leben und sich entwickeln.</p>
-
-<p>Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und
-formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer
-besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes
-Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der
-großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">D</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">D</span>er Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der
-untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche
-Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge;
-die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie
-schwanzwedelnde Hunde.</p>
-
-<p>„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den
-Unterschied zwischen <span class="antiqua">cado</span> und <span class="antiqua">caedo</span> merken kannst!
-Wie war das? <span class="antiqua">Cado, cecidi, casum &mdash; casum</span>, sag’ ich &mdash;
-<span class="antiqua">cadere</span>. Also &mdash; sprich es nach. Wie war es?“</p>
-
-<p>Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges
-Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem
-unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf
-einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen,
-ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts
-besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit
-leiser Stimme: „<span class="antiqua">Cado, cecidi, casum, cadere.</span>“</p>
-
-<p>„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede
-die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und
-du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und
-lauter!“</p>
-
-<p>Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.</p>
-
-<p>„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit <span class="antiqua">caedo</span>?“</p>
-
-<p>Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und
-schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.</p>
-
-<p>Aber es war eine alte Geschichte &mdash; Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt
-Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester
-Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen,
-der so unvorsichtig war, einem andern<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> zu helfen oder mit den Augen
-um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine
-Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln,
-das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör
-mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes
-an dem kleinen Petterson da neben dir links?“</p>
-
-<p>Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen
-sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit
-niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht,
-das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit
-Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.</p>
-
-<p>„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest
-du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann
-vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse
-auf das unglückselige Verb <span class="antiqua">caedo</span> zu übertragen? Mit <span class="antiqua">ae</span>.“</p>
-
-<p>Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig:
-„<span class="antiqua">Caedo, cecídi, caesum, caedere.</span>“</p>
-
-<p>„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“</p>
-
-<p>Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer
-ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.</p>
-
-<p>„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal
-wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten
-Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist
-ein langer Satz. <span class="antiqua">Qui quum</span> usw.“</p>
-
-<p>Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten
-Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben,
-leicht, rasch, sicher und ruhig.</p>
-
-<p>Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch
-das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> sich, und im Nu entstand
-ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher
-zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen
-zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge;
-Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten
-Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein
-dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er
-hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes
-Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.</p>
-
-<p>Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen
-wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das
-Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen
-blieben.</p>
-
-<p>„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er.</p>
-
-<p>„Und nicht zu vergessen &mdash; wer <span class="antiqua">cado</span> oder <span class="antiqua">fallo</span> nicht
-kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“</p>
-
-<p>Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs
-Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die
-Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule
-durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.</p>
-
-<p>Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken
-Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf
-dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war,
-in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen
-Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.</p>
-
-<p>Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die
-zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz
-gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er
-machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er
-seine Brust dehnen; dann senkte<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit
-langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem
-er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten
-sich, als spräche er mit sich selber.</p>
-
-<p>Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn
-der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau
-zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht
-einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er
-grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man
-doch einen viel besseren.</p>
-
-<p>Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich
-ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als
-die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten
-begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten
-und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu
-schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem
-heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz
-allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn
-doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch
-sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten
-daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen
-kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und
-so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues
-Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der
-städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes
-Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen
-brauchte.</p>
-
-<p>Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft &mdash; bloß ein
-„paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum
-Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama
-für Papa. Und ein paar Flaschen Wein<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> mußten doch auch da sein,
-und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und
-Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.</p>
-
-<p>Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden.
-Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die
-Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von
-morgens bis abends in Tätigkeit.</p>
-
-<p>Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die
-Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis
-der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in
-diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der
-Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin
-ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß
-nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß
-seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten
-hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben.
-Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war;
-er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt
-auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen
-beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz
-nach seiner Wohnung ging.</p>
-
-<p>Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen
-vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein
-Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die
-durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner
-Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am
-Mittagstisch.</p>
-
-<p>Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo
-sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen
-Haufen blaueingebundener Hefte<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer
-trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.</p>
-
-<p>„Wie geht’s heut, Papa?“</p>
-
-<p>„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf
-erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.</p>
-
-<p>„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im
-selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein
-aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften
-grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar
-lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht
-sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug
-frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.</p>
-
-<p>„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und
-wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“</p>
-
-<p>Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung
-ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten
-werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern
-kommen könne.</p>
-
-<p>Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den
-Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er
-es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah,
-wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und
-nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete
-er es überhaupt noch.</p>
-
-<p>Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater,
-Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.</p>
-
-<p>„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte
-Frau Hallin.</p>
-
-<p>Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer
-den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Zeichen, daß man
-anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten
-Häuptern da; dann setzten sie sich.</p>
-
-<p>Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber;
-zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck
-bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem
-Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf
-jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas &mdash; die Gläser waren
-alle sehr klein &mdash; vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor
-dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche.
-Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne
-Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die
-das Mädchen eben herumbot.</p>
-
-<p>Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den
-Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den
-Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die
-Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und
-bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen
-Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder
-Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas
-bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen
-hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von
-der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich
-unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich
-kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten
-fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam
-ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären,
-wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder
-dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß
-für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem
-väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte,<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
-aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.</p>
-
-<p>Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester
-vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen
-suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs
-Fleischklöße auf meinem Teller!“</p>
-
-<p>Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen,
-wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch
-war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr
-unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die
-Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den
-Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis,
-die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, &mdash; ein Bedürfnis,
-das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen
-Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.</p>
-
-<p>„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun
-einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es
-so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren
-Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich
-nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist
-ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um
-seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin,
-was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im
-stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte,
-weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen
-hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme,
-würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem
-Adjunkten in der Seele weh tun müsse!</p>
-
-<p>Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich
-ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> übrig.
-Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte
-gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein
-langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen
-Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig
-zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte,
-guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas
-drin sei.</p>
-
-<p>Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen
-begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob
-er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des
-Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle
-im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende
-Handbewegung und sagte: „Frag doch <em class="gesperrt">mich</em> nicht! <em class="gesperrt">Ich</em> hab
-doch nichts zu sagen hier im Haus!“</p>
-
-<p>Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das
-andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam;
-man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob
-er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr
-lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft,
-als das Gespräch auf den Sohn kam.</p>
-
-<p>„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann.</p>
-
-<p>Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht
-bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.</p>
-
-<p>Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein
-geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert.
-Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter
-erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die
-Geschwister stimmten<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt
-und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten,
-die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war.
-Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der
-Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit,
-noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich
-sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit
-möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein
-bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier
-machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein
-Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche
-tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf
-schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede
-war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es
-Weihnachtsbier gab &mdash; das wußte er &mdash; so brauchte er wenigstens nicht
-von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!</p>
-
-<p>Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem
-zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig
-auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei
-ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische
-Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen
-Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die
-Reihe kam &mdash;, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet,
-wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller
-geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende
-Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.</p>
-
-<p>Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als
-Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich
-auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte.
-Dann trank man im Wohn<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>zimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte
-dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte
-verschlucken müssen.</p>
-
-<p>Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein
-Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus &mdash; die Zeitung auf dem
-Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen
-und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber
-seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf
-ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen
-Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe
-hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen,
-eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und
-dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte
-Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.</p>
-
-<p>Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe.
-Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte
-die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>m folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur
-Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern
-kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn
-war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets
-Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer
-reisen zu können.</p>
-
-<p>Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war
-zu sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p>Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach
-sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit
-den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge
-des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während
-die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den
-Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit
-das Szepter führten.</p>
-
-<p>Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er
-eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann
-sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen
-sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen,
-unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten,
-daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens
-würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial
-aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr
-treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen.</p>
-
-<p>Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein
-kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und
-einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in
-Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war
-klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine
-Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und
-her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein
-flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen
-Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen
-und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg,
-sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch,
-mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann
-einen scharfen,<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und
-außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion.</p>
-
-<p>Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und
-er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson
-war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern
-wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten.
-Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren
-schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der
-Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in
-all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand
-schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen
-zu verbergen.</p>
-
-<p>Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem
-Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht
-war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil
-seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und
-mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein
-mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht
-ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher
-und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt.
-Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte,
-hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich
-Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten
-sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam
-abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen
-Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her
-hingen und schleiften.</p>
-
-<p>Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen
-Bewegung den Überzieher aus und hängte &mdash; oder schmiß &mdash; ihn auf den
-Kleiderständer, warf dann den Hut mit<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> einem Klatsch auf einen Sessel
-und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor
-Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der
-Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit
-dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen
-gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so
-dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und
-schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und
-Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm.</p>
-
-<p>„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er
-schließlich. „Ich möchte wohl wissen, <em class="gesperrt">ob’s</em> in Rußland irgendwas
-Neues gibt!“</p>
-
-<p>Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß
-nichts darin stünde.</p>
-
-<p>„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor
-dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im
-Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben.</p>
-
-<p>Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut
-der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu
-kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen
-Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen
-energisch einstimmten.</p>
-
-<p>Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht,
-die aussah wie eine einzige große Grimasse.</p>
-
-<p>„Satansmusik!“ äußerte er.</p>
-
-<p>Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen &mdash; der beiden jungen Lehrer
-wegen &mdash; einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch
-seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende
-Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es
-seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen
-amüsierte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>Professor Bruhn kümmerte sich keineswegs um die Warnung, die im Blick
-des Adjunkten lag; ruhig fuhr er in seinen Bemerkungen fort.</p>
-
-<p>„Eine Satansmusik! sag ich! Ist’s etwa ein Verbrechen, wenn man das
-sagt? Ist vielleicht die Orgel, die da droben in dem alten Saal steht,
-und vor der Petterson sitzt und aus Haeffners Choralbuch spielt, so was
-ganz besonders Heiliges? Spielt man vielleicht jetzt Gottes Wort? Und
-wird es etwa heiliger darum, daß die Jungens hinter ihren Choralbüchern
-dazu grinsen?“</p>
-
-<p>Pastor Simonsons Nasenflügel bebten. Er hegte eine Antipathie gegen
-Bruhn; denn er ahnte instinktiv in ihm den Gegner und hielt ihn
-außerdem für roh und ungeschliffen. Auch führte er lieber selber das
-Wort.</p>
-
-<p>„Für mich“, sagte er, „hat der Ton der Orgel immer etwas Ehrwürdiges,
-auch wenn man sich &mdash; in künstlerischer Hinsicht &mdash; eine vollendetere
-Ausführung vorstellen könnte.“</p>
-
-<p>Professor Bruhn schneuzte sich.</p>
-
-<p>„O!“ sagte er ruhig. „Das ist ja eine sehr interessante Erklärung!“</p>
-
-<p>Der junge Lehrer lachte laut auf, und Pastor Simonson sah aus, als
-ertrage er mit christlicher Geduld eine unerhörte Verunglimpfung.</p>
-
-<p>Plötzlich verstummte die Orgel oben. Eine kleine Weile herrschte
-Schweigen.</p>
-
-<p>„Glauben Sie, daß die Jungens jetzt beten, Herr Pastor? Wenn sie auch
-ihre Choralbücher unter der Nase haben?“ fragte Professor Bruhn und
-nahm eine gewaltige Prise.</p>
-
-<p>„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß
-bebte. „Ich <em class="gesperrt">möchte</em> es zum mindesten glauben.“</p>
-
-<p>„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na &mdash; ich nicht!“</p>
-
-<p>Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur
-Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die unge<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>duldig ausgestreckt
-wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren
-aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der
-unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme
-drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den
-Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als
-sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem
-der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches,
-wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge,
-Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es
-stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm
-der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des
-Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer
-schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“</p>
-
-<p>Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in
-sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er
-sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele &mdash; nach all dem
-Gebet und Choralsingen!</p>
-
-<p>Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn
-den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die
-inzwischen gekommen waren.</p>
-
-<p>Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten
-sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam
-pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den
-obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten.
-Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine
-Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer
-von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den
-Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären.
-Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab,<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> mußte er wohl
-oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte
-auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz,
-daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren
-konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er
-treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die
-Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte
-mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend:
-„Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt
-auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte,
-welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander
-bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe
-erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war,
-und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und
-krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben.</p>
-
-<p>Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte.
-Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen.
-Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des
-Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf
-den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu
-reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch
-immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade
-nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte,
-daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten.</p>
-
-<p>Dennoch &mdash; er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte
-tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter,
-lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten
-fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am
-Kachelofen. „Daß er sich<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken
-müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“</p>
-
-<p>„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer
-schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten.</p>
-
-<p>„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt!
-Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“
-lautete die Antwort.</p>
-
-<p>Und Bruhn machte eine ungeduldige Bewegung mit den Achseln und warf den
-Kopf herum.</p>
-
-<p>Adjunkt Hallin saß eine Weile ganz still da und blätterte im Cavallin.
-Es wurde doch mit jedem Jahre schwerer, um Geld zu bitten, wenn auch
-manche behaupteten, der Anfang wäre das schlimmste. Schließlich legte
-er das Buch weg, erhob sich und sagte mit gedämpfter Stimme, als wolle
-er eine lange Einleitung machen: „Ich möchte dich um einen Gefallen
-bitten.“</p>
-
-<p>Professor Bruhn ließ den Rockschoß fallen und holte die
-Schnupftabaksdose heraus, die er von nun an unaufhörlich zwischen den
-Fingern drehte.</p>
-
-<p>„So!“ sagte er. „Und was denn?“</p>
-
-<p>„Weihnachten hat recht viel gekostet heuer.... Und in ein paar Tagen
-kommt Ernst heim.... Am ersten habe ich die Miete bezahlen müssen....
-Ich hätt’ mich ja ganz gut einrichten können.... aber es kamen
-unerwartete Ausgaben.... könntest du mir fünfzig Kronen leihen bis zum
-nächsten Quartal?“</p>
-
-<p>Der erste Teil der Rede ward langsam, in eigentümlich scharfem Ton,
-leise und mit beinah zitternder Stimme gesprochen. Der letzte Satz
-dagegen kam heftig und überstürzt heraus, ungefähr, wie wenn man eine
-schlechtschmeckende Arznei nimmt.</p>
-
-<p>Professor Bruhns Gesichtsausdruck veränderte sich ganz plötzlich. Er
-brach in ein gutmütiges, geräuschvolles Lachen aus und machte die
-fürchterlichsten Grimassen, während die Schnupftabaksdose wie ein Ball
-in seinen Händen tanzte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p>„Bist <em class="gesperrt">du</em> ein verdammt komischer Kerl, Hallin!“ sagte er. „Gehst
-wie die Katze um den heißen Brei herum und mühst dich ab und schwitzst,
-wegen fünfzig Kronen! Selbstverständlich kannst du sie haben; mir
-liegen sie ja bloß da. Ich geh gleich und hole sie; dann hast du sie in
-der Pause.“</p>
-
-<p>Und Professor Bruhn lachte immer lauter vor seinem Kachelofen,
-trampelte mit beiden Füßen auf den Boden, wand sich aus purer guter
-Laune und wiederholte in einem fort: „So ein komischer Kauz! Fünfzig
-Kronen! Hahaha! Das kommt davon, wenn man verheiratet ist! Jawohl!“ Und
-dabei sah er aus, wie ein vergnügter Tanzbär.</p>
-
-<p>Adjunkt Hallin fühlte sich plötzlich wie ein ganz anderer Mensch. Er
-war froh, daß es so leicht und gut abgelaufen war. Er hatte seine
-fünfzig Kronen und war wieder ein freier Mann. Und er lachte und
-schüttelte Bruhn freundschaftlich am Arm.</p>
-
-<p>„Dank dir, Kamerad“, sagte er. „Aber sag, warum warst du denn gegen
-unsern jungen Kollegen, den Pastor, so ausfällig?“</p>
-
-<p>Professor Bruhn hielt plötzlich mitten in seiner Frohlaune inne; sein
-Gesicht sah auf einmal ganz anders aus. Die Augen hatten einen fast
-grimmigen Ausdruck und er schlug mit der rechten Hand in die Luft, daß
-man fürchten mußte, der Arm würde aus dem Schulterblatt gehen.</p>
-
-<p>„Kollege!“ sagte er. „Meinst du, so einen jungen Hund nehm’ ich als
-Kollegen? Noch vor fünf Jahren war er mein Schüler. Er taugte nichts,
-verstand nichts, wußte nichts. Dann ist er fünf Jahre lang in Upsala
-gewesen und hat es zu einem jämmerlichen Examen gebracht. Und dann
-kommt er hierher und legt los, als hätt’ er mittlerweile alle Weisheit
-der Welt mit Löffeln gefressen! Meinethalben &mdash; ich gönn ihm ja seinen
-Glauben! Mag er ein Idiot sein &mdash; meinethalben! Aber aus <em class="gesperrt">meinem</em>
-Bereich soll er wegbleiben. Hab ich nicht recht? War die Musik nicht
-unter der Kanone? Na also, warum braucht er mit mir anzubändeln? Kann
-ich dafür?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p>Professor Bruhn war keineswegs gut auf Pfarrer zu sprechen und versagte
-es sich im allgemeinen nicht, seiner Antipathie sehr freien Lauf zu
-lassen. Besonders wenn er ärgerlich war bediente er sich einer fast
-affektierten, regelrechten und grammatikalischen Redeweise, die ihm
-gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Diese Redeweise klang um so
-komischer, als er sie immer mit den kräftigsten Flüchen vermischte.
-Er redete heftig und lange und ging schließlich zu einem stillen,
-inwendigen Gebrumm über.</p>
-
-<p>Der Adjunkt sah ein bißchen geniert aus.</p>
-
-<p>„Mein Sohn ist ja auch Theologe!“ sagte er endlich.</p>
-
-<p>„Ja &mdash; aber der ist aus ganz anderem Stoff!“ sagte der Professor
-heftig. „Freilich &mdash; er kann sich ja auch verändert haben. Man kann ja
-nie wissen.“</p>
-
-<p>Er schwieg, wie beschämt ob seiner eigenen Grobheit.</p>
-
-<p>„Es wird am besten sein, du gehst in deine Klasse!“ sagte er dann
-plötzlich. „Das Geld kriegst du in der Pause.“ Hallin blickte rasch
-in den Schulhof hinaus. Über die Staffel, die zwischen Eisengeländern
-zur Schule hinaufführte, schritt soeben ein ungewöhnlich kleiner Mann
-von intelligentem, gewecktem Aussehen. Seine kleinen, scharfen Augen
-sahen sich lebhaft um, sein Stock stieß energisch gegen die Staffel,
-und er setzte die Füße auf eine Weise, die ein cholerisches Temperament
-andeutete.</p>
-
-<p>„Ich danke dir!“ sagte der Adjunkt. Und indem er seinen Virgil zur
-Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch,
-in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor
-trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf &mdash; mit
-gespreizten Beinen &mdash; den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände
-in den Hosentaschen.</p>
-
-<p>Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den
-Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt
-von der Sorge, die am schwersten und<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> bittersten ist und am meisten
-schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die
-Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung
-ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und
-er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten
-ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht
-gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das
-so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen,
-wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden
-Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen,
-wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen
-war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten.
-Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der
-ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und
-Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht &mdash; vielleicht
-urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies
-alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil
-ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie
-früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war &mdash; man
-lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte,
-so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren,
-als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim
-geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem
-es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen
-tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb?</p>
-
-<p>Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es
-quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte.
-Wie sie auch sparte &mdash; nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die
-Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es
-nannten. Begriffen sie<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um
-ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden
-sollten?</p>
-
-<p>Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von
-unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte
-ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe
-aus und prüfte ihn.</p>
-
-<p>Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden.
-Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht
-wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den
-Füßen gegangen &mdash; weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die
-weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern
-benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber
-hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten
-gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen
-gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn
-hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die
-Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast
-zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich
-mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf
-und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest
-entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint
-hatte.</p>
-
-<p>Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen
-gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie
-den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen,
-und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn
-um Verzeihung bitten.</p>
-
-<p>Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es
-war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas
-erzwungenen Stimme sagte er: „Weine<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> doch nicht. Es hilft ja doch
-nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“</p>
-
-<p>Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen,
-das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen
-hervor.</p>
-
-<p>„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort,
-„so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die
-tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">D</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">D</span>er Gymnasiallehrer Hallin war der Sohn eines Pastors, der ein paar
-Meilen südlich von Gammelby ein großes Pastorat gehabt hatte. In der
-ganzen Familie waren überhaupt immer viele Geistliche gewesen; und
-alle hatten sie zu dem Stift Gammelby gehört, und alle hatten sie ihr
-Teil gehabt an den Gütern dieser Welt. Der alte Propst war ein recht
-gedeihlicher Mann, das wußte alle Welt, und daß man im Pastorat gut
-und behaglich lebte, das sah man dem Propst und seiner Frau Propstin
-deutlich genug an.</p>
-
-<p>Wenn nur nicht die vielen Kinder gewesen wären! Aber es schien, als
-wolle Gottes Segen in dieser Beziehung überhaupt kein Ende nehmen.
-Jedes liebe geschlagene Jahr war bei Propstens Kindtaufe; und wären die
-Kinder alle am Leben geblieben &mdash; die Zahl wäre weit über die Zehne
-hinausgewachsen. So waren es, als der Propst starb, neun.</p>
-
-<p>Das Vermögen reichte natürlich nicht so weit; wenn die Söhne mit der
-Schule fertig waren, mußte der Propst Geld aufnehmen, um ihnen auf der
-Universität und der landwirtschaftlichen Hochschule weiterzuhelfen.
-Und als der Alte nicht mehr da war, wunderten sich noch alle höchlich
-darüber, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> er mit seinem guten Pastorat so große Schulden hatte
-machen können. Jene von den Söhnen, die mit ihren Studien noch nicht
-fertig waren, mußten nun selber mit Schuldenmachen anfangen, damit sie
-zu Ende studieren konnten.</p>
-
-<p>Adjunkt Erik Hallin war der dritte der Söhne. Daheim, wo alles
-reichlich zuging, hatte er sich Gewohnheiten zugelegt, die während der
-Universitätszeit keineswegs eingeschränkt wurden, und er kam von Upsala
-zurück mit viertausend Kronen Schulden, die sich in den zwei Jahren
-seit des Vaters Tod so angesammelt hatten.</p>
-
-<p>Also jetzt galt’s sparen! Er erhielt eine Anstellung als Hilfslehrer an
-einer fünfklassigen Lateinschule mit ein paar hundert Kronen Gehalt,
-kam bald in den Ruf eines guten Lehrers und erteilte in fast allen
-seinen freien Stunden Privatunterricht. Man rechnete ihm nach, daß er
-im Durchschnitt täglich zehn Stunden gab. Und im ersten Jahr sparte
-er wirklich so viel, daß er fünfhundert Kronen an seinen Schulden
-abbezahlen konnte.</p>
-
-<p>Dann verliebte und verlobte er sich, bewarb sich um die
-Gymnasiallehrerstelle in Gammelby, erhielt sie und heiratete.</p>
-
-<p>In dieser Zeit, jung, fröhlich, glücklich verlobt, ganz mit
-Zukunftsplänen beschäftigt, konnte er natürlich keine Schulden
-bezahlen. Es war noch alles mögliche, daß er bei der Einrichtung nicht
-noch neue dazu machte. Aber das tat er nicht, wenigstens keine, die
-der Rede wert waren. Nur ein paar hundert Kronen für Möbel, die in den
-ersten zwei Jahren abbezahlt werden mußten.</p>
-
-<p>Sie wurden auch abbezahlt; der Möbelhändler konnte selbstverständlich
-nicht warten.</p>
-
-<p>Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam
-ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf
-Gustaf.</p>
-
-<p>Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> und in all
-den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr
-als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig
-Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert
-Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen
-beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt
-noch die Kraft dazu hatten?</p>
-
-<p>Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr &mdash; sie
-hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren
-gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit
-brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens
-aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt
-manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich
-bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der
-liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn
-er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend
-nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel.</p>
-
-<p>Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie,
-das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte
-nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die
-Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die
-Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las
-täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis.</p>
-
-<p>Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für
-sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte.
-Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich
-bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche
-stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem
-ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie
-zwischendurch oft<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel
-mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann
-las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den
-Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde
-dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte
-sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die
-täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale,
-ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken &mdash; all das ward ihr zu
-Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen
-würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden
-stört, der höher ist denn alle Vernunft.</p>
-
-<p>Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die
-Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer
-an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher
-Ausdruck.</p>
-
-<p>Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war
-dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den
-er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß
-er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres
-Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward
-lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der
-schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte.</p>
-
-<p>Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren
-Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr,
-besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend.
-Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was
-sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun
-er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie
-oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder
-Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin
-den Schlüssel zum rich<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>tigen Verständnis finden möchte! Denn in
-erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer
-Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete
-es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche
-Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine
-reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr
-zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte,
-nur <em class="gesperrt">ein</em> Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war
-verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete
-manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und
-ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit
-hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage,
-bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen
-Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach
-sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine
-Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom
-Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr
-als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele?</p>
-
-<p>Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie
-fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich
-von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über
-sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das
-Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte
-Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma
-verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte
-den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still
-war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus
-sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer
-Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar
-nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>tritten zwischen Mutter
-und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was
-sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch
-der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das
-Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie
-Tränen in den Augen, wenn sie hinausging.</p>
-
-<p>Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen
-und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz
-bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde
-mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache
-zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren
-Gefahren, Freiheiten und Verführungen.</p>
-
-<p>Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre.
-Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen.
-Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der
-städtischen Mädchenschule.</p>
-
-<p>Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und
-den Eltern.</p>
-
-<p>Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu
-können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und
-wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder
-auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte
-natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich
-mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin
-oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das
-Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte,
-wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es
-niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer
-Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war.</p>
-
-<p>Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen.<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Sie hatten
-alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht
-und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen
-zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte
-kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die
-Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in
-ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen.</p>
-
-<p>Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte
-ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem
-Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre
-umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß
-sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und
-trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit
-den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung
-außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel
-oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden,
-mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde
-Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern
-entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die
-Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst;
-dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre
-Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie,
-abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und
-Lächeln.</p>
-
-<p>Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr
-als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich
-auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der
-Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden
-sich mehr ans Vaterhaus anschließen.</p>
-
-<p>Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Nieder<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>geschlagenheit
-über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte
-und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie
-nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer,
-bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger
-Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung
-an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und
-wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und
-sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott
-darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben,
-als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu
-verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung,
-ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder
-entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie,
-ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze
-Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?</p>
-
-<p>Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im
-Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von
-sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben.
-Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die
-Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand
-sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu
-demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß
-ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber
-ihr Vertrauen.</p>
-
-<p>Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie
-ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht
-gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch
-er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin
-sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der
-Natur.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
-
-<p>Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen
-Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug
-Widerwärtigkeiten.</p>
-
-<p>Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den
-Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. <em class="gesperrt">Die</em>
-Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner
-Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit,
-die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen;
-<em class="gesperrt">die</em> Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim
-ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich.</p>
-
-<p>Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der
-Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und
-die Freude floh vor etwas anderem &mdash; vor den kleinen, drückenden,
-wirtschaftlichen Sorgen &mdash; <em class="gesperrt">sie</em> verscheuchten die starken Mächte
-des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen &mdash; und
-was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg.</p>
-
-<p>Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne
-Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen
-hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im
-Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der
-Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>djunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem
-Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der
-Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem
-ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer
-Kindheit gut Freund ge<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>wesen, und nichts war darum natürlicher, als daß
-der eine dem andern half.</p>
-
-<p>Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im
-Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens
-grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden
-nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor,
-auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen,
-die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen
-bildeten.</p>
-
-<p>In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man
-schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr
-Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten.
-Beide hatten &mdash; nur mit einem Semester Zwischenraum &mdash; ihr Examen
-gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde,
-bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine
-solche frei war &mdash; und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war,
-daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während
-der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben
-schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch
-keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt
-immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich
-morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit
-einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor,
-der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen
-Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“</p>
-
-<p>Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder
-aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal
-die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen
-hatte. Wie der Kleine<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause
-widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach
-ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß
-zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und
-brüllte dann wieder weiter.</p>
-
-<p>Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte.
-Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte,
-den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden.</p>
-
-<p>Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder
-hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel.</p>
-
-<p>Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche
-behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im
-Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er
-sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen
-Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum
-Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer
-weiß wie oft heiraten können.</p>
-
-<p>Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte
-er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen &mdash;
-wenn er überhaupt solche hatte &mdash; schüttelte er ab wie eine Möve, die
-ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht
-ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte
-Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher
-anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig
-Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich
-ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer
-Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die
-Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.</p>
-
-<p>Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei
-Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße
-erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht
-miteinander aus, und, wie das meist so ist, &mdash; die Antipathie zwischen
-ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der
-Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn
-es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht
-zu wissen.</p>
-
-<p>Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres
-Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah
-in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als
-der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne
-einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem
-es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend
-zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube,
-und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden
-Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und
-flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und
-würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin
-sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! &mdash;</p>
-
-<p>Als er dann eine so reiche Heirat machte &mdash; er heiratete zwei Jahre
-später als der Adjunkt &mdash; da konnte sie es nicht lassen, immerwährend
-Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des
-Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen;
-und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so
-ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht
-gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie
-den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau
-bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des
-Weibes zum Herrn gezogen worden.</p>
-
-<p>Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau
-Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz
-frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich
-immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf
-sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend
-einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits
-meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie
-redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr
-machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein
-Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war
-tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen,
-aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß
-ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald
-die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen,
-die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.</p>
-
-<p>Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch
-zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher
-um Kindererziehung oder Religion.</p>
-
-<p>Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber
-ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur
-möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer
-war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so
-ganz das Gepräge der Welt<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>lichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch
-nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die
-Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten,
-vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was
-sie daheim vermißten.</p>
-
-<p>Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur
-Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde,
-begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren
-ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und
-schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der
-Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und
-Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn
-tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie
-besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und
-als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit
-des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein.
-Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen
-und dann natürlich „der Sprachen wegen“.</p>
-
-<p>Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah
-jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren
-Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der
-Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück,
-gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine
-Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er
-ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des
-Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht
-des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als
-wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem
-Gefühl der Verachtung zu betrachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn man schon nicht liegen kann &mdash; dann wenigstens sitzen!“ hatte der
-Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und
-das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden.</p>
-
-<p>„Wenn man nicht liegen kann &mdash; dann wenigstens sitzen!“</p>
-
-<p>Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann
-auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er
-so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um
-die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem
-Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur
-Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen
-er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An
-solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit
-sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen
-hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute,
-die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der
-Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann
-Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen
-Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit
-entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig
-aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den
-Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch!
-Papa schläft!“</p>
-
-<p>Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt
-daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet
-und plagt sich für uns alle!“</p>
-
-<p>Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam
-ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine
-scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen
-Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang
-dann resigniert den Arm<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> um ihre Taille, und sie schlichen heimlich
-in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das
-schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und &mdash; die Arme um seinen Hals
-geschlungen &mdash; die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa
-schläft!“</p>
-
-<p>Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete.
-Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen
-Augenblicken nannte &mdash; so hatte sich nämlich Gabrielle in den
-unschuldigen Kindheitstagen selber genannt &mdash; hatte eine große Schwäche
-für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß
-zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der
-Professor pflegte manchmal &mdash; zum Entsetzen seiner Frau &mdash; zu sagen,
-diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm
-sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr
-den Reiz der Neuheit.</p>
-
-<p>Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser
-Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten
-entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut
-war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche
-Eingriffe seitens der Eltern gestört.</p>
-
-<p>Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war.</p>
-
-<p>Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in
-jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt
-hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa
-Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so
-konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat
-und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du
-willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater..
-sein?“</p>
-
-<p>„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebens<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>würdigstem Ton.
-„Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“</p>
-
-<p>„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir
-derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz
-zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern.</p>
-
-<p>„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner
-Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr
-vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine
-Erik es nicht hören sollte. „Freilich, <em class="gesperrt">du</em> weißt es nicht mehr.
-Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von
-ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter!
-Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem
-Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja
-schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und
-die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die
-schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte.</p>
-
-<p>Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie
-gezweifelt!“</p>
-
-<p>Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe
-weiter ins Jenseits befördern.</p>
-
-<p>Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein
-Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just
-in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten
-lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben
-Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge
-entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der
-neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie
-ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der
-nichts ahnt, kommt; weil aber im<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Gesicht der Mutter etwas Drohendes
-liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis
-unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf.</p>
-
-<p>„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten
-Stimme.</p>
-
-<p>Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch
-dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem
-Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich
-erschrocken um.</p>
-
-<p>„Steh still, Junge!“ kommt es aus dem gefühlvollen Mutterherzen;
-und dabei packt sie ihn am Arm, daß die Gelenke krachen. „Kannst du
-nicht still stehen, damit ich nachsehen kann?“ Einen Augenblick lang
-verstummt sie, während ihre Finger den Riß untersuchen.</p>
-
-<p>„Herrgott im Himmel! Und ganz neue Hosen! Hab ich dir nicht gesagt, du
-sollst nicht wie ein Wilder herumtollen? Wie oft hab ich dir’s nicht
-gesagt! Antworte, Junge!“</p>
-
-<p>Klein Erik weiß nichts zu antworten. Er steht bloß und schweigt,
-blickt abwechselnd auf seine Mutter und schielt nach dem Ende seines
-Rückgrats, bis ihn die Mutter plötzlich von sich schiebt, zu ihres
-Mannes Zimmer hinüber geht, die Tür öffnet und ruft: „Abel, komm einmal
-her!“</p>
-
-<p>Der Professor kommt, im Schlafrock, in der einen Hand eine Zigarre,
-in der anderen einen französischen Roman. Die Professorin packt den
-Missetäter am Schlafittich, zerrt ihn mitten ins Zimmer und kehrt sein
-Hinterteil dem Oberhaupt der Familie zu.</p>
-
-<p>„Was sagst du dazu, Abel? Die neuen Hosen, die er gestern zum erstenmal
-angehabt hat!“</p>
-
-<p>„Verwünscht noch Eins!“ sagt der Professor.</p>
-
-<p>„Abel“, sagt die Professorin, „verschon mich mit deinem Fluchen in
-Gegenwart der Kinder. Ich dachte, du hättest denn doch was anderes zu
-sagen, wenn du siehst, wie dein<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Kind sich seiner Mutter gegenüber
-aufführt! Aber <em class="gesperrt">du</em> kümmerst dich natürlich um nichts! <em class="gesperrt">Du</em>
-brauchst sie ja nicht zu flicken. Herrgott, was das dir gut täte, wenn
-du auch nur ein einziges Mal seine Hosen flicken müßtest! Da würdest du
-dich schon drum kümmern, wenn er sie zerreißt!“</p>
-
-<p>„Vielleicht kann er gar nichts dafür!“ sagt der Professor. „Man kann
-die Jungens ja doch nicht am Strick führen!“</p>
-
-<p>Die Professorin schreitet majestätisch zum Sofa und setzt sich. „Erik“,
-sagt sie, „geh ins Kinderzimmer und sag Ida, sie soll dir die Samthosen
-anziehen. Die kannst du ja dann auch zerreißen, wenn du willst! Du
-hörst doch &mdash; Papa sagt es ja. Jedenfalls bring mir die, die du jetzt
-anhast; vielleicht kann ich sie flicken, eh du die andern kaputt
-gerissen hast!“</p>
-
-<p>Erik geht ab. Die Professorin sitzt mit gefalteten Händen im Sofa und
-wiegt sich hin und her.</p>
-
-<p>„Glaubst du, daß dies die richtige Art ist mit den Kindern?“ fragt der
-Professor.</p>
-
-<p>„Abel!“ antwortet die gekränkte Gattin. „Ich weiß ja wohl, was ich
-tue, ist überhaupt nie recht. Aber ich meine, ein bißchen energischer
-könntest du denn doch auftreten, wenn deine Kinder so wenig Rücksicht
-für ihre Mutter zeigen. Ich bin ja eine Null hier im Hause, Abel,
-das weiß ich wohl, wenn du auch das bißchen, was wir haben, mir zu
-verdanken hast! Und was aus meinen armen Kindern werden soll, wenn sie
-nicht einmal lernen sollen, was Zucht und Ordnung heißt, das weiß der
-liebe Gott. Und der weiß auch, wie schwer es eine arme Mutter hat, wenn
-sie die Sorge für die Erziehung der Kinder ganz allein tragen muß. Ich
-wollte bloß, ich könnte mehr leisten. Aber ich fühl’s, es zehrt an
-meiner Kraft, und ich kann nur jeden Abend zu Gott beten, Abel, daß dir
-nicht noch einmal die Reue kommt, wenn es zu spät ist!“</p>
-
-<p>Die Professorin weint und der Professor geht auf sein Zimmer und macht
-die Tür hinter sich zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Wenn die Kinder Streit haben, schreit wohl manchmal eins in
-überquellender gerechter Entrüstung: „Wart du nur, ich sag’s der Mama!“</p>
-
-<p>Aber die Drohung hat keine besondere Wirkung. Das andere antwortet
-bloß: „Ach was, die Mama!“</p>
-
-<p>So ganz unmöglich ist es nicht, daß die Frau Adjunkt am Ende doch recht
-haben könnte, wenn sie sagt: „Was ich besonders mißbillige an Aurora
-ist ihre Art mit ihren Kindern. Sie sind von einer Eigenwilligkeit, daß
-einem wild und weh wird vom bloßen Mitansehen. Wenn das nur gut geht!“</p>
-
-<p>Einmal aber war der Konflikt zwischen den Ehegatten doch schärfer als
-gewöhnlich. Das war, als Gabrielle heim kam, und den Eltern mitteilte,
-Leutnant Hagelin habe ihr einen Antrag gemacht.</p>
-
-<p>Der Professor fragte bloß: „Hast du ihn lieb?“</p>
-
-<p>Und Gabrielle antwortete: „Ich weiß nicht, Papa. Aber ich glaube.“</p>
-
-<p>Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein
-zurück.</p>
-
-<p>Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf
-bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für
-ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin,
-der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer
-die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in
-seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften
-befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen
-Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht
-ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach
-ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt.</p>
-
-<p>Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der
-Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten
-vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen,<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> und gab dazu eine auf
-Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn
-begann und mit der Geldheirat schloß.</p>
-
-<p>Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal
-aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld
-gehabt hätte?“</p>
-
-<p>Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin
-fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann
-glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder
-ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“</p>
-
-<p>Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor
-unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme
-um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch
-unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so
-glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor
-ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der
-Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die
-Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern
-ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein
-sein wollte.</p>
-
-<p>Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und
-sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer
-mit ansehen zu müssen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">D</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">D</span>ie Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten
-zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten
-Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier
-Uhr Nachmittag;<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine
-Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem
-Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages.
-Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein
-Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch
-alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.</p>
-
-<p>Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die
-Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging
-heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die
-Kognakflasche und Gläser zu holen.</p>
-
-<p>Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er
-war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu
-sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große,
-etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch
-nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten,
-die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und
-wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das
-braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben
-hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat
-oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange
-ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?</p>
-
-<p>Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein
-Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als
-daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die
-für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er &mdash; auf dem
-besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal
-sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine
-Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> und sie sozusagen
-von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging
-vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war
-etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.</p>
-
-<p>Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und
-streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie,
-ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen
-forschte.</p>
-
-<p>„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist
-es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte.</p>
-
-<p>„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der
-großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen
-und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist.
-Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab
-auch meine Arbeit &mdash; drunten in der Küche und mit euren zerrissenen
-Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat.
-Das war gerade vor Weihnachten.“</p>
-
-<p>Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na,
-ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt
-lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten
-Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm
-mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut
-noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich
-ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle.
-Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt
-man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm
-scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle
-zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast
-Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden
-Augenblick bersten vor Fett!“ Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> schwieg einen Augenblick und fuhr
-dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen
-wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum
-Besten dienen.“</p>
-
-<p>Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu
-erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht
-gehört zu haben.</p>
-
-<p>Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen
-hin.</p>
-
-<p>„Nein, Junge &mdash; zwei Kognaks zum Kaffee &mdash; das gibt’s nicht vor
-Maturitas!“ lachte der Adjunkt.</p>
-
-<p>Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige
-Miene auf.</p>
-
-<p>„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants
-Stelle sein“, bemerkte er.</p>
-
-<p>Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in
-das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser
-Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die
-über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in
-der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die
-durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so
-viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der
-Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da
-stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet
-hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er
-hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von
-Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll
-von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen
-warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte
-ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als
-Geistlicher ins Leben hinaustrat!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu
-weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde
-von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die
-Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten,
-mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er &mdash;
-er brauchte doch gerade jetzt einen <em class="gesperrt">Menschen</em>! Einfach einen
-ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er
-war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf.</p>
-
-<p>Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm
-auf: „Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!“</p>
-
-<p>Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er
-schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden
-bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte,
-hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt,
-daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu
-ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog!</p>
-
-<p>Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen,
-daß er sich hatte ertappen lassen.</p>
-
-<p>„Danke, es geht mir ganz gut!“ sagte er. „Ich bin bloß ein bißchen
-müde.“</p>
-
-<p>„Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?“ fragte Gustaf plötzlich mit
-neugieriger Miene.</p>
-
-<p>Ein allgemeines Lachen brach los. Gustaf hatte doch auch immer zu
-wunderbare Einfälle! Und mit dem Lachen senkte sich eine stille, warme
-Ruhe über das Gemüt des ältesten Sohnes. Er dachte an die Tage, da er
-noch ein Kind gewesen war, als die Mutter ihnen ihre Lieblingsspeisen
-gekocht hatte und sie ihre Freunde einladen durften, und ein Gefühl der
-Zufriedenheit und Freude überkam ihn.</p>
-
-<p>Selma betrachtete inzwischen den Bruder forschend; irgend etwas in
-seinem Aussehen störte sie. Er sah unmännlich aus.<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Etwas Energieloses,
-Müdes lag schon in der Art, wie er sich in den Stuhl zurück lehnte.
-Verstohlen betrachtete sie ihre eigene volle Figur, ihre kraftvollen
-Glieder, und dachte: Wenn ich ein Mann geworden wäre und mir meinen Weg
-im Leben selber suchen dürfte!</p>
-
-<p>Der Bruder paßte viel besser zum Haushammel, fand sie. Der Adjunkt
-dachte allerlei alte Gedanken aus alten Zeiten.</p>
-
-<p>„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie merkwürdig mich das berührt,
-daß du jetzt Geistlicher bist!“ sagte er. Seine Stimme hatte einen
-ungewöhnlich weichen Klang, und die Augen unter der Brille glänzten.
-„Es war meines alten Vaters großer Kummer, daß keiner von uns diesen
-Weg einschlug. Und ich hab’s oft bereut, daß ich’s nicht getan hab,“
-schloß er seufzend.</p>
-
-<p>Er dachte an seine ärmlichen finanziellen Verhältnisse und hustete
-ein paarmal, um seine Stimme wieder zu klären. Frau Hallin blickte
-wieder nach dem Sohn hin, um zu sehen, was er wohl denken mochte.
-Der aber sagte gar nichts; und in der Dämmerung konnte sie seinen
-Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen.</p>
-
-<p>Ja, ja, dachte er. Es ist wohl am besten so, wie es ist. Sein
-aufrührerisches Herz mußte sich beugen; und Gott hatte verheißen: dem,
-der Vater und Mutter ehrte, sollte es wohlergehen auf Erden.</p>
-
-<p>Eine lebhafte Bewegung ergriff ihn; und fast hoffte er, alle Zweifel,
-die ihn noch quälten, müßten jetzt verstummen, nun er wieder daheim
-war. Ja, alles würde gut werden! Jetzt hieß es bloß, vorwärts gehen,
-vorwärts auf dem Weg, der vor ihm lag. Nicht zu viel denken, nicht
-grübeln! Wenn er bloß die dummen Gedanken los würde....</p>
-
-<p>Die Lampe kam. Selma hatte sie angezündet. Das grelle Licht tat ihnen
-allen in den Augen weh; eine Weile saßen sie mit der Hand vor dem
-Gesicht da. Dann wirkte der Lampenschein belebend; das Gespräch kam
-besser in<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Fluß. Alle drängten sich um Ernst, alle wandten sich ihm
-zu, alle hatten sie ihm irgend was zu erzählen. Der Adjunkt brachte
-ein paar von seinen letzten Anekdoten an, die die übrigen Glieder der
-Familie schon einen ganzen Monat lang gehört hatten, so oft Besuch
-da war; und als er sie erzählt hatte, fragte er Ernst, ob er nicht
-ein paar neue Upsalaer Anekdoten wisse, zum Beispiel von Ribbing oder
-Svedelius. Da aber Ernst nicht aussah, als wäre er dazu besonders
-aufgelegt, verzichtete der Adjunkt und erzählte selber weiter. Frau
-Hallin erzählte auch. Sie sprach von allerhand Bekannten, von einem
-Diner beim Bischof und einem Souper beim Dompropst und fing dann wieder
-von der Familie des Schwagers und der Verlobung an. Selma sagte nicht
-viel, half nur aus, wenn die Mutter etwas vergaß. Und Gustaf brachte
-ein paar wenig respektvolle Anekdoten von seinen geliebten Lehrern
-aufs Tapet, die der Adjunkt aus Gewissenhaftigkeit manchmal zu stoppen
-versuchte, und die er doch mit heimlichem Vergnügen anhörte. Ganz
-besonders freute es ihn, wenn Gustaf erzählte, wie sie Onkel Abel an
-der Nase herumführten. <em class="gesperrt">Die</em> Anekdoten merkte sich der Adjunkt
-immer ganz besonders, um später den Bruder damit zu erbauen.</p>
-
-<p>So ging der Abend hin. Als man zu Nacht gegessen hatte, wurde
-Abendandacht gehalten. So wurde es zehn Uhr, und der Adjunkt drang
-eifrig darauf, daß man zu Bett gehen sollte.</p>
-
-<p>„Denkt doch, morgen müssen wir um Sieben aufstehen!“ sagte er.</p>
-
-<p>Frau Hallin umarmte den heimgekehrten Sohn und sah ihm lange ins
-Gesicht, um zu ergründen, was es nun eigentlich war, was sie so gar
-nicht recht wiedererkannte.</p>
-
-<p>„Denk auch dran, daß du wieder daheim bist!“ sagte sie...</p>
-
-<p>„Geh mit Papa. Du schläfst in seinem Zimmer.“</p>
-
-<p>Und als alle fort waren, saß sie noch eine Weile bei der Lampe, ehe sie
-sie löschte. Sie wußte nicht so recht, woran es<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> eigentlich lag. Aber
-sie hatte sich die Heimkehr des Sohnes ganz anders gedacht.</p>
-
-<p>Das Studierzimmer des Adjunkten Hallin lag unter dem Dach. Eine
-Holztreppe führte hinauf. Der Adjunkt ging voraus, der Sohn folgte.
-Schwatzend tasteten sie sich durchs Dunkel, der Adjunkt langte den
-Schlüssel herunter, der an seinem gewohnten Platz über der Tür lag, und
-sie traten ein.</p>
-
-<p>Durch das Fenster erblickte man den beschneiten Domplatz, über den
-hartgestampfte Wege führten und wo die Ulmen ihre nackten, knackenden
-Zweige im Februarsturm bogen.</p>
-
-<p>Ernst war es wunderlich zu mut. Wie oft hatte er das Verlangen gehabt,
-hierher, in dies Zimmer, zu gehen und mit dem Vater zu sprechen,
-vertraulich, wie mit einem Freund. Aber im Erziehungsprogramm des
-Vaters hatte etwas derartiges nicht gestanden, und heut, wo der Vater
-es vielleicht selber wünschte, heut wußte er nicht mehr, wo er anfangen
-sollte.</p>
-
-<p>Der Adjunkt zündete die Kerze an, ließ den Vorhang herab und fing
-an, sich auszukleiden. Ernst setzte sich in die Sofaecke; sein
-langgezogenes Gesicht sah im matten Schein der Kerze ganz graubleich
-aus.</p>
-
-<p>„Gehst du noch nicht zu Bett?“ fragte der Adjunkt.</p>
-
-<p>„Ich glaube, ich möchte noch eine Weile aufbleiben!“</p>
-
-<p>„Ich denke, du bist müde!“</p>
-
-<p>„Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.“</p>
-
-<p>Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und
-fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er
-hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es
-jetzt wiedersah.</p>
-
-<p>„Morgen schlaf’ ich recht lang!“ sagte er.</p>
-
-<p>Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging.</p>
-
-<p>Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn ver<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>lassen hatte.
-Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf
-und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz
-vor dem Haus deutlich sehen konnte.</p>
-
-<p>Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den
-Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im
-Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein
-seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz.</p>
-
-<p>Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen
-gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten
-Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne
-sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der
-Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die
-Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die
-Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine
-Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen
-wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach
-trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und
-mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im
-Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas
-der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider,
-brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen
-seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der
-Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um
-den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut.</p>
-
-<p>Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen
-ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht
-hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins
-Gedächtnis zu rufen. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen
-auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel.
-Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des
-gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er
-einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen
-Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der
-Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des
-Frühlings.</p>
-
-<p>Des Frühlings!</p>
-
-<p>Einsam war er gewesen &mdash; immer &mdash; seine ganze Jugend lang! Mit ein
-paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er
-doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen
-der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für
-sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und
-gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht
-alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer
-fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er
-wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran
-erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein
-anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen.
-Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe
-zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und
-glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das
-er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die
-Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte.</p>
-
-<p>Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er
-hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im
-Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark
-und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach
-seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam
-und in<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde
-auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei
-ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein
-Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen
-nur antworten kann: „Ich weiß nicht!“</p>
-
-<p>Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das
-leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben
-zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm
-blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die
-Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den
-Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die
-Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes
-ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie
-sie sich paarten und Nester bauten.</p>
-
-<p>Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff
-durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er
-ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper
-hin und her schwang.</p>
-
-<p>Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast,
-als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen?
-Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und
-jetzt saß er da &mdash; als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als
-Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten.
-Durfte er sich „bereit“ nennen?</p>
-
-<p>Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz
-erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast
-vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm
-das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen
-härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: „Wer ist da?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war
-ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein
-leichter Rauch aufstieg.</p>
-
-<p>„Darf ich hereinkommen?“ fragte er.</p>
-
-<p>Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte,
-und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward
-seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und
-fragte: „Stör’ ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?“</p>
-
-<p>Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre
-jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast
-aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals
-viel Wesens aus sich selber Und seinen Ansichten, aber er hatte mit
-seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so
-ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu
-als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in
-diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging.</p>
-
-<p>Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher
-werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als
-habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die
-Szene sei recht gut arrangiert &mdash; die Gardine aufgezogen, damit man die
-Kirche sehen konnte &mdash; und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten!
-Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu
-dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder
-gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte.</p>
-
-<p>Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruder nicht ganz;
-aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte,
-daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu
-Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer
-Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> von Kindischem hat.
-Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren
-gewöhnlichen Platz zurück.</p>
-
-<p>„Ich hab’ am Fenster gesessen und hinausgeschaut,“ sagte er. „Weißt du,
-auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.“</p>
-
-<p>Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn
-nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll
-Befriedigung: „Ach so, ja, das ist was anderes!“</p>
-
-<p>Laut sagte er: „Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz
-zu dir kommen.“</p>
-
-<p>Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen
-einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es
-war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war.</p>
-
-<p>Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein
-Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer
-gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und
-kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Propsten
-und halbverhungerten Vikaren. Aber dies „Geistliche“ konnte er bei
-seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen
-Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach,
-ob dies „Geistliche“, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen
-noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl
-kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der
-Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule
-ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare „Geistliche“ in hohem
-Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den
-Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte
-er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war.
-Und er beschloß, diese Entdeckung bei<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Gelegenheit auch seinen besten
-Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete
-seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der
-Geistlicher war.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">F</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">F</span>rau Hallin hatte eine kleine Schwäche, die mit den Jahren zunahm. Im
-Gegensatz zu ihrem jüngsten Sohn hatte sie nämlich eine ganz besondere
-Vorliebe für Geistliche, und so oft der Weinberg des Herrn in Gammelby
-mit einem neuen Arbeiter gesegnet ward, machte sie es immer irgendwie
-möglich, ihn binnen kurzem in ihren Verkehr zu ziehen.</p>
-
-<p>„Hat Mama wieder mal einen neuen Pastor am Bändel?“ war Gustafs
-ständige Frage an die Schwester, wenn er ab und zu nachmittags heimkam
-und durch die offene Wohnzimmertür den Klang einer männlichen Stimme
-vernahm, die in tiefen Gutturaltönen mit der Mutter redete. Wenn er
-nachher die Mutter selber sah, pflegte er in teilnehmendem Ton zu
-fragen, wie der Pastor heiße. Die Mutter argwöhnte auch immer die
-Ironie, die in der Frage lag, antwortete aber stets, als wäre sie ganz
-in Ernst gestellt.</p>
-
-<p>Der Umgang mit Geistlichen war ihr zu einem wahren Bedürfnis geworden.
-Sie hielt das für eines der wirksamsten Mittel zur Erhaltung ihres
-geistigen Lebens, und sie war unerschöpflich erfinderisch darauf
-bedacht, daß die Quelle nicht versiegte.</p>
-
-<p>Hallins verkehrten auch mit Bischofs, und ein großer Trost war ihr
-die Erinnerung, daß der Bischof einmal in einem Gespräch darüber,
-wie man erfolgreich gegen den gefährlichen Geist der Zeit ankämpfen
-sollte, zu ihr gesagt hatte, wenn die Streiter der Kirche viele solche
-Bundesgenossen daheim hätten,<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> wie sie, würde der Streit ihnen leichter
-werden! Sie bewunderte nämlich den Bischof, weil er in ihren Augen der
-Gnade näher stand als ein gewöhnlicher Geistlicher. Und doch hegte sie
-in ihrem Herzen manchmal gewisse Zweifel, die ihr aber nie über die
-Lippen gekommen wären. Wenn sie die hohe, stattliche Gestalt erblickte,
-auf deren Brust bei festlichen Gelegenheiten das goldene Kreuz
-funkelte, wenn sie die herrische, gebieterische Miene sah, die Stimme
-hörte, die sie gewöhnlich „männlich“ nannte, und die ihr doch manchmal
-fast roh klang, wenn sie die fleischigen, schwellenden Lippen und den
-kalten Blick der grauen Augen sah, die oft fast ein bißchen höhnisch
-unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorschauten, da konnte ihr
-wahrhaftig manchmal fast der sündhafte Gedanke kommen: Ist der Mann
-das, was der Herr meinte, wenn er vom Kreuzaufsichnehmen redete? Sie
-machte sich freilich immer die bittersten Vorwürfe, wenn sie solchen
-Gedanken in sich Raum gegeben hatte. Denn es steht einem wahren
-Christen nicht an, die Werkzeuge zu tadeln, die der Herr auserkoren
-hat, sein Werk zu fördern!</p>
-
-<p>Ihr Herz zog sie viel mehr zum Dompropst von Gammelby. Wenn der am
-Sonnabendnachmittag zu ihr kam und sie Gelegenheit fand, ihm manches
-von dem anzuvertrauen, was sie beschäftigte, oder ihn über eine dunkle
-Stelle in der Heiligen Schrift zu Rate zu ziehen, über die sie lang
-einsam nachgedacht hatte, während die Nadel emsig in ihren fleißigen
-Fingern ab und zu ging, da überkam sie ein Friede, eine Ruhe, die viele
-Tage lang noch vorhielten. Der Dompropst war ein frommer Christ und
-ein guter Mensch. Sein Blick war so mild und sein Lächeln so licht,
-daß es das lange hagere Gesicht mit dem dunkeln Backenbart und den
-hervorstehenden Backenknochen fast schön machte. Und sie konnte nicht
-anders, sie mußte zugeben, daß er in ganz anderer Weise als der Bischof
-ein Diener des Geistes war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p>Sonst waren es meist die jüngeren Geistlichen, die sie bei sich sah.
-Der Bischof stand zu hoch über ihnen, als daß sie ihn, mit Ausnahme
-von ganz besonderen Gelegenheiten, hätten einladen können. Und der
-Dompropst hielt sich im allgemeinen jedem gesellschaftlichen Verkehr
-fern. In letzter Zeit hatte Frau Hallin viel Freude vom Umgang mit
-Pastor Simonson gehabt. Er war im Lauf des Jahres als Hilfslehrer am
-Gymnasium angestellt worden, und es war ihr nicht schwer gefallen, ihn
-in ihren Umgangskreis zu ziehen. Er war ja doch von Upsala her Ernsts
-Freund und hatte, sobald er in die Stadt gekommen war, seinen Besuch
-gemacht und die Grüße des Sohnes überbracht.</p>
-
-<p>Seitdem kam er oft zu Adjunktens. Meist kam er nachmittags, so gegen
-sechs Uhr, und ward dann auch gewöhnlich aufgefordert, zum Tee zu
-bleiben. Zuerst saß er dann immer allein bei Frau Hallin, während
-die übrigen Glieder der Familie noch auf ihren verschiedenen Zimmern
-beschäftigt waren. Nach und nach sammelten sich alle im Wohnzimmer,
-jedes von seiner Arbeit weg. Gustaf hatte an solchen Tagen meist
-länger als gewöhnlich zu tun. Und die Mutter warf ihm immer einen
-mißbilligenden Blick zu, wenn er grade erst in dem Augenblick eintrat,
-wenn man sich zu Tisch setzte. Frau Hallin hatte immer irgendeinen
-religiösen Gesprächsstoff zur Hand, wenn Pastor Simonson kam. Manchmal
-wollte sie auch Dinge profanerer Natur wissen. So konnte sie ihn zum
-Beispiel fragen, wie Jünglinge, die ernstlich den Herrn suchten, in
-Upsala ihre Abende zubrächten. Der Pastor erwiderte darauf, das wäre
-sehr verschieden. Meist wohl auf ihrem Zimmer bei der Arbeit. Oder auch
-in irgendeiner Familie. Oder auch mit Kameraden in irgendeinem Café.</p>
-
-<p>Frau Hallin machte große Augen.</p>
-
-<p>In einem Café? Gingen solche Jünglinge denn überhaupt ins Café?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p>Ja, das heißt natürlich, nicht zu oft. Und natürlich auch nur in ganz
-respektable Cafés. Aber gegenwärtig gestalte sich eben der Verkehr
-zwischen den jungen Leuten so, daß man meist im Café zusammen wäre.
-Er wolle ja gewiß nicht leugnen, daß ein derartiges Leben recht viele
-Versuchungen mit sich brächte. Und er danke Gott, daß er ihm glücklich
-entronnen sei; denn er hätte gar manchmal den schädlichen Einfluß eines
-derartigen Lebens an sich selber empfunden und tief beklagt.</p>
-
-<p>Und der Pastor kniff die Lippen zusammen, daß tiefe Falten in seinen
-Mundwinkeln entstanden. Frau Hallin aber kam durch diese und andere
-ähnliche Unterredungen auf ganz merkwürdige Gedanken. Sie fühlte sich
-gar nicht mehr so recht sicher in Beziehung auf Pastor Simonson.</p>
-
-<p>Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere
-Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau
-Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei
-jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem
-der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen.
-Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor
-Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als
-wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm.</p>
-
-<p>Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen
-Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden
-hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines
-der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich
-einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger
-Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, &mdash; leicht
-möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden
-wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen ge<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>geben hätte, daß
-junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen.</p>
-
-<p>Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie
-in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab
-und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis
-besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit
-allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie
-überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft
-so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage
-sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich
-ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig
-verstehen könne.</p>
-
-<p>Eines Abends, als Mutter und Tochter nach einem solchen Gespräch allein
-beisammen saßen, fragte Selma die Mutter mit vor Ärger zitternder
-Stimme: „Wie kannst du dich nur so herabwürdigen, Mama, und in solch
-einem Ton mit Pastor Simonson sprechen!“</p>
-
-<p>Frau Hallin sah ganz verwundert aus. Sie begriff gar nicht.</p>
-
-<p>„Mich herabwürdigen! Was willst du denn damit sagen?“</p>
-
-<p>Selma ward ganz rot vor Eifer.</p>
-
-<p>„Ich will damit sagen,“ erwiderte sie, „daß du mit ihm redest, als
-wüßte er wer weiß wie viel mehr als du und hätte wer weiß wie viel mehr
-Erfahrung. Mir scheint, darin liegt etwas Herabwürdigendes. Er ist doch
-schließlich nichts weiter, als ein gewöhnlicher Vikar! Und dazu noch
-wirklich ein recht gewöhnlicher!“</p>
-
-<p>Und der Tochter standen wahrhaftig die Tränen in den Augen.</p>
-
-<p>Aber die Mutter schüttelte bloß den Kopf und sagte:</p>
-
-<p>„Wir müssen das Gute, das uns geboten wird, im wahren Sinn
-entgegennehmen und uns nicht zu Richtern über die Menschen aufwerfen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
-
-<p>Pastor Simonson selber wußte Frau Hallins Art, seinen Worten zu
-lauschen, wohl zu würdigen; er dachte darum auch sehr hoch von Frau
-Hallins Klugheit und Menschenkenntnis. Er fand es sehr lehrreich, sich
-mit dieser frommen Frau zu unterhalten und Blicke in ihre verborgenen
-Kämpfe zu tun. Es war dies um so merkwürdiger, als Frau Hallin fast nie
-selber sprach, sondern den jungen Geistlichen reden ließ und meist nur
-dasaß und andächtig lauschte.</p>
-
-<p>Mit Selma dagegen kam er nicht recht vom Fleck. Sie widersprach ihm nur
-selten, vor allem nie in Gegenwart der Mutter. Aber wenn er so recht
-lang und eifrig eine Ansicht verfochten hatte, konnte sie auf eine Art
-dasitzen und schweigen, die ganz wie eine eigensinnige, hartnäckige
-Opposition aussah. Und Opposition &mdash; das konnte der Pastor nicht
-vertragen.</p>
-
-<p>Übrigens war Pastor Simonson in letzter Zeit seltener gekommen. Er
-hatte über seine Besuche in der Hallinschen Familie nachgedacht und war
-zu dem Schluß gekommen, wenn ein junges Mädchen im Haus wäre, müsse
-man, in Rücksicht auf ihren Ruf, vermeiden, Anlaß zum Klatsch zu geben.
-Pastor Simonson wollte gern auch aus Rücksicht auf sich selbst jedes
-Gerede vermeiden. Er wußte ja, wie gern man sich in einer Kleinstadt
-wie Gammelby grade mit der Zukunft der jungen Geistlichen beschäftigt.
-Er wußte auch, wie leicht ein derartiges Geschwätz das Glück zerstören
-kann, wenn es sich eines Tages einmal unerwartet in solider Form
-präsentiert. Und Pastor Simonson fand, man könne in solchen Sachen gar
-nicht vorsichtig genug sein.</p>
-
-<p>Frau Hallin glaubte die Gründe, weshalb des Pastors Besuche in
-letzter Zeit seltener geworden waren, zu durchschauen und war ihm im
-Grund ihres Herzens dankbar für solches Zartgefühl. Aber jetzt war
-ja Ernst heimgekehrt, jetzt, hoffte sie, würde er wieder um so öfter
-kommen. Sie kannte ja ihren Ernst; sie wußte, der konnte tagelang
-seinen eigenen Gedanken<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> nachhängen, ohne überhaupt von selber auf
-die Idee zu verfallen, unter Menschen zu gehen. Darum gab sie ihm
-ein paar deutliche Winke, um ihn zu veranlassen, seine alten Freunde
-aufzusuchen. Sie sehnte sich danach, ihren Sohn auch einmal so reden zu
-hören, wie Pastor Simonson so oft vor ihr geredet hatte. Und daheim, im
-Alltagsleben, wollte das nicht so recht gehen. Aber alle ihre Versuche
-in dieser Richtung scheiterten. Der Sohn schien ihre Andeutungen nicht
-zu verstehen oder kümmerte sich nicht darum.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags aber &mdash; um sechs Uhr, grad wie gewöhnlich &mdash; läutete
-es, und gleich darauf trat Pastor Simonson ein. Er ging, wie immer, auf
-Frau Hallin zu, begrüßte sie und machte sich’s dann in seinem gewohnten
-Stuhl bequem, während Frau Hallin das Dienstmädchen hinaufschickte, um
-zu fragen, ob Herr Ernst, wie er zu Hause noch immer genannt wurde,
-nicht herunterkommen möchte. Das Mädchen kam zurück und richtete aus:
-einen schönen Gruß, und ob Herr Pastor Simonson nicht ein bißchen zu
-Herrn Ernst auf seine Stube kommen würde. Der Adjunkt wäre ausgegangen,
-und so hätten sie das Reich für sich.</p>
-
-<p>Frau Hallin sah etwas enttäuscht aus, beherrschte sich aber und bat den
-Pastor, noch eine Treppe höher zu steigen. „Bleiben Sie nicht zu lange
-weg!“ fügte sie hinzu.</p>
-
-<p>Als Pastor Simonson in die Stube des Adjunkten kam, fand er den Freund
-dort auf dem Sofa sitzen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und
-in seiner ganzen Haltung lag etwas so Schlaffes, Zusammengesunkenes,
-daß der Pastor schon Unrat witterte. Sollte wirklich der Geist des
-Zweifels Herr geworden sein...?</p>
-
-<p>„Guten Tag!“ sagte er und machte ein paar Schritte auf Ernst zu.</p>
-
-<p>Ernst Hallin richtete sich auf und schaute sich mit müdem und wirrem
-Blick um. Langsam hob er die Hand zum Kopf<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> und fuhr sich mit
-einer seltsamen Bewegung durchs Haar. Dann erhob er sich wie ein
-Schlafwandler und ergriff des Freundes Hand.</p>
-
-<p>„Ach so, du bist’s!“ sagte er. „Ja, es ist ja wahr. Grüß Gott! Wie
-geht’s dir denn?“</p>
-
-<p>Es kam hastig und eintönig heraus, wie eine auswendig gelernte Aufgabe.</p>
-
-<p>Der Pastor sah ihn scharf an. „Mir? Danke, gut. Ich glaube, ich kann
-eher fragen, wie es dir geht?“</p>
-
-<p>In Ernsts Gesicht kam plötzlich ein sehr klarer und bestimmter Ausdruck.</p>
-
-<p>„Mir geht es ganz gut!“ sagte er kurz. „Magst du dich nicht setzen?“</p>
-
-<p>Der andere setzte sich rasch, ohne dabei den Blick vom Gesicht
-des Freundes zu wenden. Ernst hatte sich in der letzten Zeit sehr
-verändert. Die Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren
-Höhlen, und der dunkle Rand um sie war breiter und dunkler als je
-zuvor. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fürchte er sich vor dem
-andern. Pastor Simonson merkte, wie Ernst ihn von der Seite beobachtete
-und wie es um seine Mundwinkel zuckte, während er schweigend dasaß.
-Keine Sekunde konnte er seine Hände ruhig halten. Die langen, schmalen
-Finger liefen in fieberhafter Hast auf der Sofalehne hin und her;
-ein paarmal lachte er auch, nervös, kurz, als wolle er die Tränen
-zurückhalten.</p>
-
-<p>Dann erhob er sich plötzlich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
-Manchmal blieb er stehen und betrachtete Simonson mit einem Ausdruck,
-in dem dieser etwas Spöttisches zu lesen glaubte. Doch sagte er nichts,
-sondern setzte seine Wanderung fort und blieb nur manchmal stehen,
-um den Pastor zu betrachten und die Finger durch den weichen Bart zu
-ziehen.</p>
-
-<p>„Du hast mich gebeten, heraufzukommen“, sagte der Pastor.</p>
-
-<p>„Ich dachte, du wolltest was von mir. &mdash; Es ist lang her,<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> seit wir
-uns zuletzt gesehen haben!“ fuhr er dann fort, da der andere nicht
-antwortete.</p>
-
-<p>Ernst brach ganz unmotiviert in ein heiteres Lachen aus, wurde dann
-aber plötzlich wieder ernst.</p>
-
-<p>„Ja, es ist lang her!“ sagte er mit Betonung. „Und in einem Jahr kann
-sich viel ereignen. Früher haben wir uns ja gekannt. Waren es wirklich
-vier volle Jahre, daß wir täglich miteinander zu Mittag aßen?“</p>
-
-<p>Pastor Simonson hatte fast ein Gefühl von Angst. Er begriff nicht,
-worauf der andere hinauswollte; und so fragte er zögernd: „Was soll das
-heißen: früher haben wir einander gekannt? Kennst du mich etwa jetzt
-nicht mehr?“</p>
-
-<p>Er blickte an sich herunter und sah den schwarzen Gehrock. Und
-er errötete. Es war eine seiner Schwächen, daß er gern einen
-hochschließenden, doppelreihigen Gehrock trug, der dem Pastorenrock so
-ähnlich wie möglich war. Einesteils glaubte er, daß der Rock ihn gut
-kleide. Und dann verlieh er ihm eine gewisse Würde; und darauf legte
-der Pastor Wert.</p>
-
-<p>Ernst sah, wie er errötete, und schwieg eine Weile lächelnd. Es sah
-aus, als amüsiere er sich.</p>
-
-<p>„Doch, natürlich kenn’ ich dich!“ sagte er dann, das letzte Wort leicht
-betonend und mit einem Versuch, in seine Stimme Herzlichkeit zu legen.</p>
-
-<p>Aber beide Männer fühlten in diesem Augenblick, daß etwas Feindliches
-zwischen sie gekommen war, und wußten, es war gekommen in dem
-Augenblick, in dem sie sich beide &mdash; jeder nach seiner Seite hin &mdash;
-entwickeln mußten. Es war, als wenn verschiedene Lebensmächte sie
-beherrschten, und als wenn jeder fürchtete, in dem ehemaligen Freund
-einen gefährlichen Gegner zu finden. Das Widerstreben gegen seine
-Persönlichkeit, das Pastor Simonson hinter dem seltsamen Wesen des
-andern ahnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. In ihrem ganzen Kreis war
-immer er es gewesen, der das Wort geführt hatte.<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Auch wenn sie beide
-allein gewesen waren, hatte immer Pastor Simonson geredet, und Ernst
-hatte zugehört. Einen Augenblick kam Simonson ein ganz merkwürdiger
-Gedanke. Jawohl, so war es, tatsächlich! Ihm war es ja nie in den
-Sinn gekommen &mdash; aber Ernst Hallin hatte ihm überhaupt nie sein
-Vertrauen geschenkt; sondern wenn der Freund nicht widersprach, hatte
-er, Simonson, immer einfach angenommen, daß er ihm beistimme. Aber
-den Gedanken schob er denn doch von sich. Es war ihm ganz unmöglich,
-ihn festzuhalten. Hallin, der weiche, stille Hallin, den er immer
-nur in den Vorhof stellte, wenn er ihn mit sich selber verglich &mdash;
-Ernst Hallin, den er eigentlich nur als seinen Jünger betrachtete &mdash;,
-der sollte in den fünf Jahren in aller Stille und Verschlossenheit
-seine eigenen Wege gewandelt sein? Nein, nie und nimmer konnte er das
-glauben! Aber er beschloß doch, vorsichtig und aufmerksam zu sein.</p>
-
-<p>Er blickte wieder nach Ernst hinüber. Der gespannte Ausdruck in des
-Freundes Gesicht war gewichen; er lächelte.</p>
-
-<p>„Ja &mdash; jetzt muß man sich also seine milchende Kuh verschaffen &mdash; zum
-Lohn für die Studienjahre!“ sagte er.</p>
-
-<p>Pastor Simonson sah ihn forschend an. Er wußte absolut nicht, ob der
-andere ironisch sprach oder ernsthaft.</p>
-
-<p>Ernst Hallin schien das gar nicht zu bemerken.</p>
-
-<p>„Darauf läuft’s ja doch hinaus“, fuhr er fort. „Sieh bloß meinen Vater
-an. Wie ein Sklave hat er gearbeitet. Achtundzwanzig Jahre oder mehr
-steht er jetzt im Dienst der Schule, hat geschuftet und geochst, und
-Hefte korrigiert und den Jungens lateinische Grammatik eingetrichtert.
-Fast sechzig Jahr ist er jetzt. Und ich weiß, noch immer hat er
-Schulden, die nicht abbezahlt sind. Ich weiß es!“ wiederholte er
-heftig, als hätte der andere ihm widersprochen, und sein Gesicht
-zuckte. „Was sagst du dazu?“ Er blieb vor Simonson stehen.</p>
-
-<p>„Ach, das ist ja bei dir was ganz anderes“, sagte der. „Du bist ja doch
-Theologe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p>Ernst verzog keine Miene, sondern fuhr im selben Ton fort: „Ja
-freilich, da hast du recht. Ich werd’ Geistlicher. Die haben’s
-leichter, ihre Schulden zu zahlen. Und man ist ein rangierter Mann, eh
-man’s überhaupt ahnt! Ich hab’ daran gar nicht gedacht!“</p>
-
-<p>Er setzte sich neben den andern ins Sofa und gab ihm einen
-freundschaftlichen Klaps aufs Knie.</p>
-
-<p>„Na, wie geht’s dir denn hier? Gut?“</p>
-
-<p>Pastor Simonson sah ganz erleichtert aus. Wenn er von sich selber
-sprechen konnte, so fand er sich immer besser zurecht.</p>
-
-<p>„Freilich. Mir geht’s gut hier“, sagte er. „Es geht einem immer gut,
-wenn man seine geordnete Arbeit hat. Ich glaube, ich darf wohl sagen,
-meine Vorgesetzten sind zufrieden mit mir. Ein paarmal hab’ ich auch
-gepredigt. Und meine letzte Predigt hat Aufsehen erregt. Der Bischof
-fand, es wäre gut, wenn ich sie drucken ließe. Überhaupt hat er mir
-viel Freundlichkeit erwiesen.“</p>
-
-<p>„So, so!“ sagte Ernst zögernd. „Das freut mich.“</p>
-
-<p>Aber er blickte dabei zur Seite, und über sein Gesicht flog eine
-hastige Röte.</p>
-
-<p>„Wollen wir hinuntergehen?“ fragte er dann plötzlich.</p>
-
-<p>Drunten im Wohnzimmer hatte der Adjunkt eben einen kleinen Streit mit
-seiner Frau gehabt.</p>
-
-<p>Er hatte am Nachmittag seinen Bruder, den Professor, besucht, und als
-die Brüder eine Weile beieinander gesessen hatten, war der Professor
-aufgestanden und hatte mit seinem alten gassenjungenhaften Ton gesagt:
-„Du, Erker! Wie wär’s, wenn wir uns heut einen vergnügten Abend
-machten? Ich hab’ eine ganz verwünschte Lust dazu!“</p>
-
-<p>Und er zog an seinem wohlgepflegten Backenbart und schnitt eine
-Grimasse, die dem Adjunkten unwillkürlich ein Lachen ablockte.</p>
-
-<p>„Na, was meinst du dazu?“</p>
-
-<p>Der Adjunkt lächelte &mdash; ein bißchen gezwungen, wie es dem Bruder
-schien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p>„Ich weiß nicht recht...“</p>
-
-<p>Der Professor kannte dies Lächeln. Er verstand den Bruder.</p>
-
-<p>„Freilich, Ebbas strenge Grundsätze &mdash; na, usw. usw. Aber wart’ einmal.
-Da, stell dich hinter die Tür, so sollst du mal hören, wie das ein
-alter Diplomat macht!“</p>
-
-<p>„Zu was soll ich mich denn hinter die Tür stellen?“</p>
-
-<p>Der Professor kratzte sich am Kopf und lachte, daß sein Bauch wackelte.</p>
-
-<p>„Zu was du dich hinter die Tür stellen sollst? Du bist doch ein
-unverbesserlicher Schafskopf! Oder ein Idiot &mdash; wie man das heutzutag
-nennt! Um was zu lernen, verstehst du? Also sei mal still!“</p>
-
-<p>Sein wohlgenährter Körper verschwand geschmeidig durch die Tür, die er
-halb offen ließ.</p>
-
-<p>Der Adjunkt sah recht kläglich aus, wie er so dastand. Aber neugierig
-war er doch. Darum blieb er und horchte. Erst war eine ganze Weile lang
-alles still. Er dachte schon, der Bruder hätte seine Frau gar nicht
-getroffen. Endlich hörte er ein Husten, das anscheinend vom Bruder kam.
-Dann eine sanfte Stimme, die sagte: „Du bist recht lieb, daß du mir
-Gesellschaft leistest!“</p>
-
-<p>„Ja, siehst du, ich wollte eigentlich heut abend ein bißchen ausgehen.
-Eine Verabredung... ein paar Kollegen...“</p>
-
-<p>Dann ein Flüstern, das nicht zu verstehen war. Und darauf die Stimme
-der Professorin: „Laß schon, Abel! Du weißt, ich mag keine Judasküsse!
-Geh nur mit deinen Kollegen! Du weißt ja, ich schlaf’ doch nicht, eh du
-daheim bist!“</p>
-
-<p>Und dann des Professors Stimme: „Adieu, lieber Schatz! Halt gut Haus,
-solang ich fort bin! Schlafen wirst du schon, paß nur auf, &mdash; wenn du
-nur erst zu Bett bist!“</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblick witschte der Professor wieder ins Zimmer, den
-Finger auf die Lippen gedrückt.</p>
-
-<p>„So, jetzt weißt du, wie man’s macht! Jetzt rasch, geh heim, und
-nachher treffen wir uns im Ratskeller! Bruhn ist<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> auch da und Kumlander
-und noch ein paar. Heut abend ist was ganz Besonderes los, mußt du
-wissen!“</p>
-
-<p>Der Adjunkt ging sehr eilig nach Hause an solchen Abenden. Er machte
-kleine, rasche Schritte; sein Gesicht hatte einen ganz besonders
-belebten Ausdruck. Für einen Abend wollte er einmal den Schulzwang und
-die Familienbürde von sich werfen! Wollte sich einmal wieder ledig
-fühlen und frei! Er war auch ganz sicher &mdash; seine Frau würde ihn
-verstehen und ihm die Freude durch kein saures Gesicht stören. Sie
-wußte ja, wie nötig er’s hatte, einmal so recht herauszukommen!</p>
-
-<p>Mit behutsamen Schritten trat er ins Wohnzimmer, in dem seine Frau saß.
-Er hatte noch den Mantel an und den Stock in der Hand. Und ohne weitere
-Vorbereitung brachte er sein Anliegen vor; so sicher, wie vorhin auf
-der Straße, fühlte er sich freilich nicht mehr.</p>
-
-<p>Frau Hallin sah eigensinnig auf ihre Arbeit. Um ihren Mund legte sich
-ein strenger Zug.</p>
-
-<p>„Pastor Simonson war hier; und ich hab’ ihn auf heut abend eingeladen!“
-sagte sie.</p>
-
-<p>„Er hat ja Ernst!“ meinte der Adjunkt eifrig.</p>
-
-<p>Frau Hallin blickte von ihrer Arbeit auf und sagte ernsthaft: „Um
-unsres Sohnes willen müßtest du das nicht tun!“</p>
-
-<p>Ein ziemlich lebhafter Wortwechsel entspann sich. Aber der Adjunkt
-bestand auf seinem Recht. Er wollte ausgehen, und er würde ausgehen.
-Außerdem hatte er es schon versprochen. Was ging ihn überhaupt Pastor
-Simonson an? Es war doch gewiß keine Sünde, wenn man einmal abends
-ausging!</p>
-
-<p>Frau Hallin setzte ihre allerverstockteste, vorwurfsvollste Miene
-auf und bat ihn, doch ja zu gehen. Sie hatte getan, was sie konnte!
-<em class="gesperrt">Ihrethalben</em> konnte es die ganze Stadt wissen, daß Pastor Hallins
-Vater abends in den Wirtschaften hockte &mdash; in der allerschlechtesten
-Gesellschaft.</p>
-
-<p>Frau Hallin war böse, und zwar ganz ernstlich. Es regte<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> sie immer
-auf, wenn der Adjunkt abends fort war. Sie hatte es ja, Gott sei Dank,
-dahin gebracht, daß es nicht mehr oft vorkam. Daß er aber grad heute,
-wo Pastor Simonson da war, ausgehen wollte &mdash; das reizte sie. Denn sie
-war ganz sicher &mdash; der Pastor würde die Geschichte weitererzählen.
-Und den ganzen Abend lang würde es sie quälen, daß das grade in ihrem
-christlichen Haus passieren mußte!</p>
-
-<p>Als auf der Treppe Schritte laut wurden, verschwand der Adjunkt. Frau
-Hallin hatte auf jeder Backe einen kleinen roten Fleck, als sie die
-Herren in Empfang nahm.</p>
-
-<p>Aber sie sagte nichts, eh man zu Tisch ging. Während sie dann die
-Herren bat, ins Eßzimmer zu gehen, sagte sie mit einer Stimme, der sie
-vergeblich einen gleichgültigen Ausdruck zu geben versuchte: „Papa ist
-aus heut abend!“</p>
-
-<p>Pastor Simonson warf einen raschen Blick auf ihr Gesicht und verstand
-mit einmal, weshalb die Stimmung den ganzen Abend so gedrückt war. Man
-führte ein sündhaftes Leben in Gammelby &mdash; mit Schwelgen und Prassen!
-Und er beugte in einer Art diskreten Mitleidens das Haupt.</p>
-
-<p>Ernst dagegen setzte seine Mutter höchlich in Erstaunen dadurch, daß er
-in die Hände klatschte und heiter rief: „Das ist nett, daß Papa sich
-auch mal ein Vergnügen gönnt! Er hat’s nötig!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>ls das Abendbrot vorüber war, versammelten sich alle im Wohnzimmer.
-Eine gewisse Verstimmung lag in der Luft, und keiner hatte Lust, ein
-Gespräch anzufangen. Ab und zu sagte jemand ein paar Worte, wie um
-pflichtschuldigst zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Ernst sah
-überhaupt ganz geistesabwesend aus, und Gustaf gähnte unverhohlen.</p>
-
-<p>Frau Hallin erhob sich und ging auf einen Augenblick hinaus.<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Als sie
-zurückkam, hatte sie Bibel und Andachtsbuch bei sich, die sie beide
-vor Ernst hinlegte, während sie mit einem forschenden Blick sagte:
-„Vielleicht liest du heute das Abendgebet, da Papa fort ist!“</p>
-
-<p>Ernst fuhr zusammen. Er sah so erschrocken aus, als mute ihm die Mutter
-das halsbrecherischste Wagestück zu; und er blickte sich nach allen
-Seiten um, als erwarte er Hilfe und Unterstützung von den andern.</p>
-
-<p>„Meinst du?“ fragte er halblaut. „Grad heute abend?“</p>
-
-<p>„Ich meine, wir sollten auch heut abend nicht auseinandergehen, ohne
-Gottes Wort miteinander gelesen zu haben!“ antwortete Frau Hallin
-ebenfalls in einem Ton, der nicht für die andern berechnet war.</p>
-
-<p>„Wir sind ja aber nicht allein!“ fuhr Ernst widerwillig fort.</p>
-
-<p>„Pastor Simonson hat unserer Andacht schon öfter beigewohnt“, erwiderte
-Frau Hallin, indem sie sich dem jungen Pastor zuwandte.</p>
-
-<p>Ernst Hallin erhob sich. Sein Antlitz war düster; er schob die Bücher
-von sich.</p>
-
-<p>„Ich kann nicht!“ sagte er mit leiser Stimme, die aber durchs ganze
-Zimmer zu hören war. „Quäl’ mich nicht!“</p>
-
-<p>Eine Weile hatten ihm seine Gedanken Ruhe gelassen. Jetzt brachte die
-Mutter sie ihm wieder so recht handgreiflich in Erinnerung. Er, der so
-gar nicht wußte, was er eigentlich glaubte oder dachte, er, der selber
-ein Suchender war, ein Tastender, ein Ringender, er sollte seinen Beruf
-ausüben und andern, die Suchende waren, gleich ihm, predigen?</p>
-
-<p>Er entfernte sich vom Tisch, auf dem die Lampe stand, und setzte sich
-in den dunkelsten Winkel des Zimmers.</p>
-
-<p>Pastor Simonson trat vor und nahm die Bücher an sich.</p>
-
-<p>„Gestatten Sie, daß ich ein Kapitel aus der Bibel lese, Frau Hallin?“
-sagte er. Es lag eine fast unmerkliche Betonung auf dem „ich“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-<p>Frau Hallin warf ihm einen dankbaren Blick zu; aber es tat ihr weh, daß
-sie die Stimme eines Fremden statt der ihres Sohnes hören mußte; und
-Tränen flossen in ihr Taschentuch, während sie das Haupt beugte.</p>
-
-<p>Warum hab’ ich es nur nicht tun können? fragte Ernst Hallin sich. Warum
-hab’ ich es nicht tun können? Es kam ihm selber ganz unbegreiflich vor.
-Er saß ganz stumm da und rang in Gedanken mit sich selbst, um der Sache
-auf den Grund zu kommen. Warum nur nicht! Es war doch sonderbar!</p>
-
-<p>Er ward aus seinen Gedanken gerissen durch Pastor Simonsons Stimme,
-die leise und scharf die Einleitungsworte sprach: „Im Namen Gottes des
-Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“</p>
-
-<p>Er las darauf ein Kapitel aus der Bergpredigt; die milden Worte hatten
-einen seltsam fremden Klang. Leblos und kalt fielen sie von seinen
-Lippen, als hätten sie nie eine Seele gehabt, als wären sie nie von
-Lippen gefallen, die von Liebe zur Menschheit, von Trauer über ihren
-Fall zitterten. Korrekt und starr kamen sie heraus, als trockene,
-dogmatische Sentenzen, die man bei der Hand haben muß, wenn es drauf
-ankommt.</p>
-
-<p>Ernst empfand ein unsägliches Unbehagen, eine rein körperliche Qual,
-die für ihn ebenso unleidlich wie neu war. Als Simonson zu Ende gelesen
-hatte, dankte die Mutter ihm. Ernst saß in der Sofaecke. Niemand konnte
-sein Gesicht sehen.</p>
-
-<p>Dann sagten alle Gutenacht. Pastor Simonson zog seinen Überzieher an
-und Gustaf begleitete ihn, um ihn zur Haustür hinauszulassen. Selma
-ging auf ihr Zimmer.</p>
-
-<p>Ernst trat zur Mutter, um ihr Gutenacht zu sagen. Sie sah ihn einen
-Augenblick lang ernsthaft an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte
-sie: „Ernst, mit dir geht etwas vor. Aber ich weiß nicht, was.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p>„Mit mir?“ erwiderte Ernst. „Nein.“</p>
-
-<p>Er ging von ihr fort und durchs Zimmer.</p>
-
-<p>„Ich versichere dich, Mama, es ist nichts!“ sagte er. „Was sollte es
-auch sein?“</p>
-
-<p>Bei sich aber dachte er: Was kann sie nur damit meinen? Mit mir
-vorgehen? Was soll denn mit mir vorgehen? Etwas muß es ja freilich
-sein. Seit ich aus Upsala zurück bin, ist es in mir wie eine Unruhe.
-Ich muß Zeit haben &mdash; ich muß zu mir selber kommen. So kann das
-nicht weitergehen. Ah &mdash; was die Menschen alle mich quälen! Und ganz
-besonders Mama mit ihrem Inmichdringen! Wenn ich mich doch verstecken
-könnte, irgendwohin, wo keiner mich sieht, und wo ich keinen sehe!
-Unerträglich ist es hier!</p>
-
-<p>Aber die Mutter ließ sich so leicht nicht abweisen. Sie ging ihm nach
-und legte ihm die Hand auf die Achsel.</p>
-
-<p>„Sag’ mir, was es ist!“ bat sie.</p>
-
-<p>Jetzt wurde Ernst heftig.</p>
-
-<p>„Laß mich in Frieden!“ rief er. „Was hab’ ich denn getan? Ich hab’ die
-Abendandacht nicht lesen wollen. Ich weiß selber nicht, warum. Es war
-mir zuwider. Simonson hat es ja an meiner Statt getan. Und das war ja
-ebensogut. Warum läßt man mich nicht in Frieden? Siehst du denn nicht,
-daß ich grade das brauche, Mama? Ich ertrag’ es nicht, daß man so um
-mich herumgeht und lauert und mich überwacht, als wüßt’ ich selber
-nicht, was ich wollte! Ich bitt’ dich ganz ernstlich, Mama, laß das!“</p>
-
-<p>Und mit einem freundlicheren Gesichtsausdruck als zuvor bog er sich
-nieder zu ihr, küßte sie und wollte gehen.</p>
-
-<p>Frau Hallin blickte ihm bekümmert nach.</p>
-
-<p>Er blieb stehen.</p>
-
-<p>„Wenn du bloß nichts tust, was gegen Gottes Willen ist!“ sagte sie.</p>
-
-<p>Ein Lächeln flog über sein Antlitz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p>„Was ist das &mdash; gegen Gottes Willen?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ernst!“ erwiderte Frau Hallin, und in ihren Augen blitzte es. „Das
-weißt du nicht?“</p>
-
-<p>„Doch, doch!“ sagte er rasch. „Ich wollte ja nur sagen, daß ich mich
-davor in acht nehme!“</p>
-
-<p>Und mit hastigen Schritten lief er die Treppe hinauf und in sein
-Zimmer. Als er Licht angesteckt hatte, saß er lange mit pochendem
-Herzen und hämmernden Schläfen da und grübelte darüber nach, was denn
-eigentlich geschehen war. Warum war er denn so heftig geworden gegen
-die Mutter? Und was bedeutete überhaupt das alles?</p>
-
-<p>Dann dachte er plötzlich an Simonson, und etwas wie Zorn erwachte
-in ihm. Ja, der war anders geworden! Oder seh ich ihn vielleicht in
-einem so andern Licht? dachte Ernst. Sogar seine Stimme ist anders
-als früher. Und er sieht aus, als liefe er mit einer Maske herum!
-Kämmt sein Haar so glatt und kleidet sich so feierlich und spricht so
-herablassend mit den Frauen!</p>
-
-<p>Ernst mußte lachen, als er daran dachte. Aber das Lachen verging ihm
-rasch.</p>
-
-<p>„Er ist kein ehrlicher Mensch!“ dachte er. Aber im selben Augenblick
-errötete er über seinen Argwohn.</p>
-
-<p>Es gärte und kochte in ihm, als wäre sein ganzes Innere in Aufruhr.
-Er riß das Fenster auf und atmete die frische Luft ein. Es war dunkel
-draußen. Aber schön war es. Erquickung für die kranken Lungen, die sich
-von verdorbener Luft erholten. Er zog, noch immer unschlüssig, die Uhr.
-Es war kaum Zehn. Durchs Fenster strömte die kühle Luft.</p>
-
-<p>Mit einem hastigen Entschluß hüllte er sich in den Überzieher und
-zündete sich eine Zigarre an. Dann steckte er eine Streichholzschachtel
-zu sich, löschte das Licht und schlich mit leisen Schritten die Treppe
-hinab, hinaus auf die Straße.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>djunkt Hallin schlug den Weg zum Ratskeller nach der Unterredung mit
-seiner Frau keineswegs so fröhlich ein, wie er vor kurzem noch von
-seinem Bruder nach Hause gekommen war. Seine heitere Laune war ganz
-weg; und er ging eigentlich bloß, weil er nicht gern umkehren mochte.
-Wäre nicht Pastor Simonson daheim gewesen &mdash; er wäre wahrhaftig zu
-Hause geblieben. Aber so schämte er sich, einen Fremden zum Zeugen
-seiner Niederlage werden zu lassen.</p>
-
-<p>Die Luft war schwer und kalt. Grau und wolkig hing der Himmel über
-der Stadt. Als der Adjunkt die Lange Straße hinab ging, sah er,
-wie hinter der Brücke, wo die Straße endet, die Wolken sich ganz
-zusammenschlossen. Ab und zu fuhr ein scharfer Windstoß einher. Die
-grauen und roten Holzhäuser sahen feucht aus. Der Schnee, der auf der
-Straße lag, war an vielen Stellen ganz überdeckt von Schmutz und Unrat.</p>
-
-<p>Die ganze Stadt sah zu dieser Tageszeit aus, als hätte alles, was Leben
-und Atem hat, sich in die Häuser zurückgezogen. An dem einen oder
-andern Fenster zeigte sich neben dem angelaufenen Straßenspiegel ein
-haubengeschmücktes Altfrauengesicht, das eifrig nach den Ereignissen
-draußen ausspähte. Ein kleines Stück vor sich bemerkte der Adjunkt
-den Laternenanzünder. Er trug eine Leiter, die er an jeder Laterne
-aufstellte; dann kletterte er hinauf, und gleich darauf glimmte eine
-gelbe Flamme durch die Dämmerung, beleuchtete Straße und Häuser und
-warf da und dort ihren Schein in ein Zimmer, in dem die Menschen saßen
-und warteten, bis das Erscheinen des Laternenmanns das Zeichen gab,
-daß die offizielle Dämmerstunde zu Ende und es Zeit war, die Lampe
-anzuzünden. Die haubenumrahmten Gesichter hinter den Spiegeln bewegten
-sich, und die alten Augen wurden lebendiger, wenn sie den kleinen Mann
-in seinem grauen Kittel und der Mütze<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> langsam die Leiter emporklimmen
-und die Gaslaternen von Gammelby anstecken sahen.</p>
-
-<p>Es war für den Adjunkt ein ganz besonderes Vergnügen, die Arbeit
-des Laternenmanns zu verfolgen, auf der Straße stehenzubleiben und
-zuzusehen, wie die Lichter sich entzündeten, eins nach dem andern, im
-Zickzack, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken, die ganze
-Lange Straße hinunter, bis die gelben Flammen sich in einer langen
-Zickzacklinie bis zur Brücke hin zogen, hinter der das Dunkel anfing.</p>
-
-<p>Auch jetzt blieb er eine Weile stehen und sah zu, wie die Flamme in der
-Dunkelheit aufloderte und ihren zuckenden Schein über Straße und Häuser
-warf.</p>
-
-<p>Da fühlte er, wie eine Hand ihm von hintenher auf die Schulter schlug.
-Es war Professor Kumlander, der ihm mit seiner langen Nase ins Gesicht
-schnüffelte.</p>
-
-<p>„Guten Abend, Hallin!“ sagte er. „Du kommst doch auch heut?“</p>
-
-<p>„Ja“, erwiderte der aus seinen Betrachtungen gerissene Adjunkt.
-„Beabsichtige es wenigstens. Bist du denn noch nicht dort?“</p>
-
-<p>Professor Kumlander war nämlich im allgemeinen keiner von denen, die
-zu einem Zechgelage zu spät kommen. Heut aber sah er aus wie einer,
-der gewichtige Gründe zum Zuspätkommen hat. Sein Gesicht trug einen
-verschämten und gleichzeitig befriedigten Ausdruck. Und in der Art, wie
-er den Kollegen betrachtete, lag etwas jungenhaft Verschmitztes. Er
-schlug mit seinem Stock aufs Pflaster und schnaubte ein paarmal sehr
-ausdrucksvoll.</p>
-
-<p>„Ich habe so meine Gründe!“ sagte er.</p>
-
-<p>Adjunkt Hallin sah noch immer gänzlich unbeeindruckt aus und begriff
-augenscheinlich nicht, worauf der andere hinaus wollte. Jetzt aber ward
-für Professor Kumlander die Versuchung zu stark. Mit einer Miene, die
-zwischen Verschämtheit<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> und Selbstzufriedenheit schwankte, sagte er:
-„Eigentlich sollt’ ich ja nichts sagen, eh’ wir dort sind. Aber weißt
-du &mdash; meine Frau hat heut ein Mädelchen gekriegt!“</p>
-
-<p>Der Adjunkt mußte es wohl nicht ganz schicklich finden, in lautes
-Gelächter auszubrechen, obwohl ihm das am nächsten lag. Jedenfalls
-aber sah er sehr erheitert aus. Er wußte, heut gab es einen lustigen
-Abend, einen, von dem man noch wochenlang zehren konnte. Wenn bei
-Kumlanders wieder ein Töchterchen angelangt war, &mdash; das war eine Freude
-für das ganze Lehrerpersonal und auch für die Schüler. Acht Jahre war
-der Professor verheiratet. Und jedes Jahr kriegte er ein Mädchen, und
-bei jedem Mädchen hatte er, all die acht Jahre her, sich gewünscht,
-es möchte ein Junge sein. Er rechnete es immer ganz genau aus, daß es
-diesmal ein Junge sein müßte. Ganz fest war er davon überzeugt; es war
-überhaupt gar nicht anders möglich. Alle Wahrscheinlichkeiten sprachen
-dafür, daß es diesmal ein Junge war. Es gab da so gewisse Anzeichen,
-die die Hebamme beobachtet hatte. Und der Professor flüsterte seinem
-Nebensitzer ein paar Worte ins Ohr. Und kurz &mdash; es war so gut wie
-sicher.</p>
-
-<p>Und jedesmal war es ein Mädchen.</p>
-
-<p>Fünfmal war es jetzt schon so gegangen. Immer war der Professor ganz
-unerschütterlich in seinem Glauben, immer war er gleich mitteilsam und
-vertrauensvoll den Kollegen gegenüber, immer ward er betrogen und immer
-hoffte er gleich unverdrossen auf mehr Glück das nächstemal. Weshalb es
-auch unter den Kollegen zum stehenden Scherz wurde, Kumlanders könnten
-bloß Mädchen kriegen.</p>
-
-<p>Diesmal genierte er sich aber doch ein bißchen. Er wußte, heute würde
-es über ihn hergehen! Und mag man noch so gutmütig sein, &mdash; ein bißchen
-peinlich ist so was doch.</p>
-
-<p>Der Adjunkt bezwang einstweilen seine Lachlust noch und fragte nur
-boshaft: „Na, wie ist’s denn? Achte hast du jetzt, was?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p>„Quatsch!“ sagte der Professor gutmütig. „Ich bin doch überhaupt erst
-acht Jahre verheiratet.“</p>
-
-<p>Und lachend gingen die beiden Herren die Ratskellertreppe hinab.</p>
-
-<p>Daß die Herren grade heute abend zusammenkamen, das hatte Professor
-Hallin zuwege gebracht. Er hatte niemand gesagt, warum; denn der
-„Anlaß“ sollte eine Überraschung sein. Er hatte es nur eingerichtet,
-daß sie alle sich an diesem Abend treffen wollten, so viele von denen,
-die zu einem lustigen Abend gehörten, er überhaupt zusammentrommeln
-konnte. Daß bei Kumlanders etwas erwartet wurde, hatte er durch seine
-Frau erfahren. Seitdem hatte er nach besten Kräften seine Vorkehrungen
-getroffen. Gradezu gefiebert vor Unruhe hatte er beim Gedanken, es
-könnte doch möglicherweise ein Junge sein. Das hätte ja den ganzen
-Spaß verdorben. Vormittags war Professor Kumlander nicht in der Schule
-gewesen; und Professor Hallin hatte sich in einer der Pausen die
-Nachricht zu verschaffen gewußt, daß das große Ereignis stattgefunden
-hatte. Er hüpfte vor Freude, als er hörte, daß das Kleine ein Mädchen
-war. Professor Kumlander pflegte jeden Abend um sieben Uhr auf ein
-Stündchen zum Abendschoppen in den Ratskeller zu gehen; und daß er an
-einem so wichtigen Tag nicht ausbleiben würde, war ziemlich sicher.</p>
-
-<p>Als darum Hallin und Kumlander jetzt zusammen in das kleine Nebenzimmer
-traten, fanden sie vor dem Sofa einen langen Tisch, auf dem heftig
-dampfende Groggläser winkten, und um den Tisch den ganzen Kreis der
-älteren Lehrer versammelt. Es mochten alles in allem etwa zehn Personen
-sein.</p>
-
-<p>Da saß Doktor Björkén, ein langer, hagerer Magister, dessen Adlernase
-in dem üppigen Bart fast begraben war. Daneben Professor Eneman,
-ein kleiner, fetter Herr mit Glatze und Brille. Seine Augen fuhren
-beständig nach allen Seiten umher, als fordre er den Beifall seiner
-Nebensitzer heraus, und<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> um seine Lippen lag ein Lächeln, das bezeugen
-sollte, daß ein guter Witz bei ihm stets eine gute Statt finde. Da
-saß der lustige alte Svartengren, ein alter Junggesell, der bloß die
-Augen zu verdrehen brauchte, um alle Welt zum Lachen zu bringen. Er
-saß da und zog die Mundwinkel vor Lachen bis an die Ohren, während
-sein unmäßig dicker Bauch sich wie ein Berg vom Tischrand zur Brust
-emporwölbte. Da saß Magister Barfoot, ein brünetter Mann mit schwarzem
-Spitzbart und dem Monokle im Auge. Er war ein Misanthrop und nur aus
-Versehen in die Gesellschaft geraten. Auf dem Sofa saß Professor
-Hallin, und hinter ihm waren Professor Bruhns gewaltige Figur und noch
-ein paar andere sichtbar.</p>
-
-<p>Professor Hallin hatte „den Anlaß“ schon mitgeteilt. Er war frühzeitig
-gekommen und hatte seine Truppen um sich versammelt. Als darum
-Kumlander in der Tür erschien, erhob sich die ganze Gesellschaft und
-verbeugte sich ernsthaft.</p>
-
-<p>„Wir gratulieren!“</p>
-
-<p>„Danke! Die Herren sind sehr aufmerksam!“ erwiderte der
-Theologieprofessor.</p>
-
-<p>„Wie geht’s der Frau?“ fragte Professor Hallin.</p>
-
-<p>„Und der Kleinen?“ fiel Professor Eneman ein und machte eine
-liebenswürdige Bewegung mit seiner fetten, kleinen Hand.</p>
-
-<p>„Mutter und Kind befinden sich den Umständen gemäß!“ antwortete der
-glückliche Vater mit erzwungenem Ernst.</p>
-
-<p>Professor Hallin schob sich vor und umarmte den Festhammel.</p>
-
-<p>„Und wie viele spendierst du heut? Sieben doch wohl, der
-Übereinstimmung halber! Sieben? Was?“</p>
-
-<p>„Den Teufel werd’ ich!“ antwortet der unglückliche Kumlander in einem
-solchen Brustton der Überzeugung, daß ein allgemeines Gelächter sich
-erhob. „Spendier’ doch du, wenn dich danach gelüstet!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<p>Professor Bruhn betrachtete die Kollegen mit einem gutmütigen Lächeln,
-etwa wie ein Erwachsener auf Kinder herunterblickt, deren Vergnügen er
-nicht stören will.</p>
-
-<p>„Können wir das nicht ebensogut im Sitzen abmachen?“ sagte er.</p>
-
-<p>Jetzt machte man Raum für Kumlander. Er mußte auf den Ehrenplatz. Auf
-das Sofa gehörte er.</p>
-
-<p>Er sah auch ganz so aus, als fühle er sich als Held des Tages. Die
-Aufmerksamkeit, die einen andern in Verlegenheit gesetzt hätte,
-genierte ihn nicht im geringsten. All die Scherze genierten ihn
-höchstens in der Phantasie. In Wirklichkeit freute ihn diese ganze
-Hänselei, die so grob, so alles andere eher als zartfühlend war, weit
-mehr, als wenn man ihn ernst genommen hätte. Als er jetzt zwischen
-die Professoren Eneman und Hallin gesetzt wurde, sah er ordentlich
-strahlend aus und mischte sich seinen Grog mit einem Selbstgefühl, als
-wäre er ein junger Ehemann, der sein Erstgeborenes feiert.</p>
-
-<p>Es war eine Freude zu sehen, wie Professor Kumlander seinen Grog
-braute. Mit welch vergnügter und gleichzeitig wichtiger Miene er die
-Zuckerstücke in der Hand wog, eh er sie ins Glas warf. Wie dicht er
-das Glas an das Licht hielt, um ja genau zu sehen, daß er auch nicht
-zuviel, aber ja auch nicht zuwenig einschenkte. Genau einen Viertelzoll
-über das Geschliffene hinaus mußte es sein. Und der Zucker mußte
-zergehen. Kein noch so winziges Stückchen durfte zurückbleiben; sonst
-sah es trüb aus. Wenn dann die Mischung klar war, goß der Professor
-langsam und bedächtig den Kognak zu, und wenn das Getränk die richtige
-braune Färbung hatte, schmunzelte er übers ganze Gesicht, nahm sein
-Glas mit einer liebkosenden Bewegung in die Hand und sagte: „Jetzt,
-glaub’ ich, kann man das Gesöff trinken. Prost!“</p>
-
-<p>Und er führte es mit prüfender Miene an die Lippen. Ja, es war recht.
-Ein winziger Tropfen Kognak noch, dann war’s<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> noch besser. Und dann ein
-langer, wollüstiger Zug aus dem dampfenden Glas.</p>
-
-<p>Einen Augenblick war es still um den Tisch. Kumlander sah sich um mit
-einem Gesicht, als fühle er die Verpflichtung, etwas zu sagen.</p>
-
-<p>„Tja &mdash; es ist wieder ein Mädchen geworden!“ sagte er.</p>
-
-<p>Natürlich platzte die ganze Gesellschaft los. Durch den Lärm hindurch
-hörte man Professor Hallins lärmendes, klingendes Lachen. Aber alle
-übertönte Bruhns gewaltiger Baß.</p>
-
-<p>Dann erhob sich Professor Hallin. Alles verstummte. Er faßte sein Glas
-und bat ums Wort.</p>
-
-<p>„Meine Herren!“ begann er mit gut gespieltem Pathos, „lassen Sie uns
-einen Augenblick gemeinsam andächtigen Herzens das wichtige Ereignis
-betrachten, das uns heute hier zusammenführt. Wir dürfen es ja wohl,
-ohne allzu indiskret zu erscheinen, bei Namen zu nennen. Unserem Freund
-Kumlander ist ein Töchterchen geboren.</p>
-
-<p>Hierbei ist vor allem zu beachten, daß ein <em class="gesperrt">Töchterchen</em> ihm
-geboren ist, mit andern Worten, daß ihm kein Junge geschenkt ward. Wenn
-ich daran erinnere, so tue ich es in der Hoffnung, es möchte dies auf
-unseres Freundes Kumlander Gefühle in keiner Weise verletzend wirken.
-Es soll dies keineswegs ein Mißtrauen in eine Fähigkeit ausdrücken, von
-der wir schon oft genug zu leuchtende Beweise empfangen haben, als daß
-wir Zweifel in sie setzen dürften.“</p>
-
-<p>Ein kurzes Gelächter bezeugte, daß die Zuhörer dem Vortrag mit
-Interesse folgten.</p>
-
-<p>„Es wird indessen behauptet,“ fuhr der Redner fort, „daß unser Freund
-Kumlander mit dieser Tatsache nicht völlig einverstanden ist. Er findet
-es eintönig und wünscht sich Abwechslung. Doch, meine Herren, die
-Geschichte lehrt uns, daß rascher Wechsel gefährlich ist, und daß man
-unter allen Um<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>ständen gut daran tut, sich an das zu halten, was man
-die ‚historische Kontinuität‘ nennt.“</p>
-
-<p>Diese witzige Wendung wurde nur von Professor Bruhn gewürdigt, der
-Bravo schrie.</p>
-
-<p>„Da nun alle plötzlichen Übergänge als im höchsten Grad gefährlich
-bezeichnet werden müssen, so möchte ich bei dem Anlaß, zu dessen Feier
-wir hier zusammengekommen sind, auf einen Umstand hinweisen, der
-für unsern Freund Kumlander als ein ganz unbestreitbarer Vorteil zu
-betrachten ist. Ich habe gesagt, das Bemerkenswerte bei dieser Sache
-sei, daß Kumlander Vater eines Töchterchens geworden ist. Aber ich
-möchte zugleich noch einen zweiten beachtenswerten Umstand betonen &mdash;
-nämlich, daß er Vater <em class="gesperrt">eines</em> Töchterchens geworden ist, das heißt
-nicht Vater von zweien oder dreien oder gar vieren!“ (Bravo!)</p>
-
-<p>„Tja, man kann ja nie wissen! Und man muß zugeben &mdash; besser ist besser.
-Meine Herren! Man spricht von Shakespeare, von seiner schöpferischen
-Kraft, Frauentypen zu gestalten! Aber was ist das gegen Professor
-Kumlander? Darum, meine Herren, schlage ich vor, daß wir auf das Wohl
-unseres Freundes Kumlander trinken! Und zugleich mit den herzlichsten
-Wünschen für das Wohlergehen seiner Frau und des kleinen Neugeborenen
-wage ich die Hoffnung auszusprechen, es möge dies nicht das letztemal
-sein, daß wir aus diesem Anlaß hier versammelt sind!“</p>
-
-<p>Professor Kumlander stieß mit dem Redner an und dankte ihm.</p>
-
-<p>„Danke dir, Hallin! Aber ich hoffe trotzdem, daß der Anlaß nächstesmal
-ein anderer sein wird!“</p>
-
-<p>Und indem er einen tüchtigen Schluck Grog nahm, setzte er sich wieder
-auf seinen Platz und zwinkerte vergnügt mit den Augen.</p>
-
-<p>„Nächstesmal wird es ein Junge!“ sagte er. „Dafür will ich, hol’s der
-Kuckuck, schon sorgen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt ward das Gelächter geradezu zu einem Tumult. Dies prahlerische
-Versprechen war es ja, was man hatte aus ihm herauslocken wollen! Auf
-den Augenblick hatte Professor Hallin ja nur gewartet! Seit zwei Tagen
-schon hatte er sich darauf gefreut, und als es endlich so weit war,
-kannte sein Entzücken keine Grenzen. Er stand auf und schrie, halb
-erstickt vor Lachen:</p>
-
-<p>„Prost, Kumlander! Sag’ das noch einmal!“</p>
-
-<p>„So ist’s recht, Kumlander!“</p>
-
-<p>„Nur nicht nachgeben!“</p>
-
-<p>Es war wie eine Bande von losgelassenen Schuljungen. Alle schrien
-durcheinander, voller Freude und Ausgelassenheit. Die Feststimmung des
-Augenblicks ließ all die kleinen Widerwärtigkeiten des Tages vergessen,
-den Ärger, die Sorgen, die Einförmigkeit ihres Lebens, den Überdruß
-an diesem Leben, den so manche hegten, die unbezahlten Rechnungen,
-Schulden, Kautionen und Wechsel!</p>
-
-<p>Nach einer Weile schlug Professor Hallin auf den Tisch und rief nach
-heißem Wasser. Ringsum wurden die Groggläser geleert und wieder frisch
-gefüllt.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung war jetzt allgemein geworden. Professor Eneman
-hielt Kumlander am Rockaufschlag fest und erzählte mit strahlenden
-Augen und lebhaften Gesten eine Geschichte, die sich bei der letzten
-Stadtratssitzung ereignet hatte. „Denk’, das haben sie gewagt &mdash; dem
-Bürgermeister gegenüber! Hahaha! Das tut ihm gut!“ Professor Hallin
-unterhielt sich mit Barfoot, der bitter und satirisch war. „Tja, wenn’s
-mit rechten Dingen zuginge auf der Welt, da wär’ manch einer an einem
-ganz andern Platz!“ Und der Magister berichtete zum zehntenmal von den
-Beiträgen zur Flora der Umgegend, die er aus seiner vieljährigen Praxis
-heraus einem Stockholmer Professor geliefert hatte.</p>
-
-<p>„Und wer hat die Ehre davon? Wer, frag’ ich?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>Mit der brennenden Zigarre im Mund, und den dampfenden Grog vor sich,
-saß Professor Bruhn ganz allein, schaukelte sich in seinem Stuhl
-hin und her, und durch die gewaltigen Tabakswolken, die er von sich
-blies, schimmerte die mächtige Denkerstirn über einem Paar freundlich
-blickender, tiefliegender Augen. Dann geriet man aufs Gebiet der
-Anekdoten. Magister Björkén machte den Anfang. Schüchtern und unsicher,
-fast als fürchte er sich vor seiner eigenen Stimme, begann er eine
-Geschichte aus seiner Studienzeit zu erzählen. Dabei leuchteten seine
-Augen so hell und fröhlich über dem dichten Bart, als lebe er die
-glücklichen Tage der Jugend noch einmal durch, und als er fertig war
-und alle lachten, sah er vor sich nieder und nickte mit einem kleinen
-Lächeln: „Ja, das waren frohe Tage, damals! Was war man da für ein
-Kerl! Und was ist man später geworden!“</p>
-
-<p>Jetzt fingen alle an, Studentengeschichten zu erzählen. Eine um die
-andere kamen sie; alte, wohlbekannte Anekdoten, die die meisten kannten
-und in denen oft der oder jener der Anwesenden eine Rolle gespielt
-hatte, zogen herauf mit ihrer Erinnerung an eine entschwundene Zeit,
-mit ihren heiteren Jugendstreichen, mit dem ganzen unwiderstehlichen
-Jugendrausch, ihren wundervollen, starken Eindrücken! Sie zogen
-vorüber, eine um die andere, keiner wog seine Worte, keiner machte sich
-Gedanken über das, was er sagte. Ein ganzes Jahrzehnt Upsala lebte
-wieder auf. Jeder hatte diese oder jene hervorragende Persönlichkeit
-gekannt, die jetzt eine Stellung im Lande einnahm, und jeder wußte
-Geschichten von ihr zu berichten, Geschichten, zu denen sich keiner
-von ihnen in nüchternem Zustand hätte bekennen mögen. Es war ganz
-merkwürdig, wie aufgeknöpft die alten Schulfüchse sein konnten. Wenn
-der eine aufhörte, fing der andere an. Ja, das waren freilich andere
-Zeiten gewesen! Herrgott, wie man sich verändert hatte, und wie die
-Jahre vergangen waren, fast ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> daß man es gemerkt hatte! Aber im
-Herzen waren sie doch noch alle Studenten, alte, fröhliche, ehrliche
-Bursche, solang sie lebten!</p>
-
-<p>Und was die alten Namen alle für frohe Erinnerungen und Gelächter
-weckten: die St.-Eriksgasse, das Gustavianum, der Karolinenhügel und
-der Schloßberg, die Königsau und Fjärdingen, Åkersten und Novum, Hof
-und Dragarbrunn. Es waren oft recht ärmliche kleine Anekdoten. Aber sie
-wurden trotzdem mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit erzählt.
-Alle kannten ja die Orte, wußten von den Personen, und alle hörten
-all die alten Dinge immer wieder gern. Am meisten erzählte Professor
-Hallin. Er erzählte zu famos und hatte ein Gedächtnis, ganz was
-Merkwürdiges von Gedächtnis! Hatte er eine Anekdote erzählt, so kam
-ein anderer mit einer neuen. Aber jede zweite Anekdote erzählte doch
-Professor Hallin.</p>
-
-<p>Dazwischen stieß irgendeiner sein Glas auf den Tisch und rief: „Prost!
-Es lebe der Festhammel!“</p>
-
-<p>„Wir dürfen doch ‚den Anlaß‘ nicht vergessen! Prost, Kumlander! Sollst
-wachsen und blühen und gedeihen!“</p>
-
-<p>Und dann lachten alle, daß es in der Stube widerhallte!</p>
-
-<p>Adjunkt Hallin fühlte sich ganz unbändig wohl. Er hatte den
-Meinungsaustausch mit seiner Frau und Pastor Simonson und die
-Abendandacht, die ihn bei solchen Gelegenheiten daheim erwartete,
-ganz und gar vergessen. Er gehörte zu denen, die in einer großen
-Gesellschaft ungemein lebendig werden, die aber selber nicht viel
-reden, sondern meist still dasitzen und sich an der allgemeinen
-Heiterkeit freuen, mit ihren Nachbarn sich ganz lebhaft unterhalten,
-aber nie über den Tisch weg schreien. Er lachte über die Anekdoten,
-stieß mit Kumlander an, redete mit Bruhn über seinen Sohn und trank
-viele Groge. Und fühlte sich dabei unendlich wohl und war unbändig
-vergnügt. Als Professor Hallin &mdash; mit Rücksicht auf die allseitig nicht
-besonders glänzenden Kassenverhältnisse &mdash; vorsichtig anfragte, ob man
-sich zum Abendbrot einen Sherry gestatten<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> oder lieber sich mit Bier
-und dem „Appetitschnäpschen“ begnügen wolle, war der Adjunkt der erste,
-der die Lippen spitzte und, dem Bruder lustig zublinzelnd, antwortete:
-natürlich müßte Sherry her. Heut sei doch ein Festtag. Worauf er laut
-auflachte, mit Kumlander anstieß und darauf in einem Zuge sein Glas
-Grog leerte.</p>
-
-<p>Er war ein ganz anderer Mensch hier. Nicht mehr der unnatürlich
-barsche Lehrer, der sein <span class="antiqua">cado</span> und <span class="antiqua">caedo</span> durch die Klasse
-schrie, nicht mehr der um seine Würde ängstlich besorgte Vater, der
-aus Eitelkeit die Heiterkeit im Familienkreis eindämmte, nicht mehr
-der bedrückte Familienversorger, der sich mit ängstlichen Gedanken an
-unbezahlte Rechnungen und drängende Gläubiger herumschlug. In diesem
-Augenblick war Adjunkt Hallin frei von allem, was ihn in langen, langen
-Jahren zu dem lebensmüden, überanstrengten Menschen gemacht hatte, der
-er für gewöhnlich war, so frei, als existierte das alles gar nicht.
-Er war in diesem Augenblick weiter nichts als einfach ein Mensch, ein
-Mensch, der den Staub des Alltags von sich abgeschüttelt hat. Und in
-solchen Stunden sind wir Menschen ja so liebenswürdig, vertrauend,
-offenherzig und gemütlich.</p>
-
-<p>Während des Abendessens zog Professor Eneman den Adjunkten in eine Ecke
-und teilte ihm mit, wie wohl er sich in Gammelby fühle.</p>
-
-<p>„Wirklich, eine so prächtige alte Stadt! Und heut hab’ ich das Gefühl,
-als wär’ ich überhaupt hier geboren. Mit knapper Not hab’ ich mich heut
-abend frei machen können. In zwei Häusern war ich zu Mittag eingeladen,
-und auch zu heut abend war ich schon versagt.“</p>
-
-<p>Und Professor Eneman lachte voll innigster Befriedigung, während er den
-Rest Büchsenhummer aufaß, den er auf seinem Teller hatte.</p>
-
-<p>Professor Bruhn war den ganzen Abend über bei merkwürdig guter Laune
-gewesen. Er paßte sonst nicht in größere<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> Gesellschaft; denn er besaß
-den Fehler, sich immerfort an den lächerlichen und kleinlichen Seiten
-anderer Leute zu stoßen. Seine große Rechtschaffenheit hatte ihm in
-seiner Karriere oft im Weg gestanden und ihm mehr als einen bösen
-Streich im Leben gespielt. Er pflegte oft mit einem Sarkasmus mitten in
-die Unterhaltung zu platzen, der viel zu ernst war, um amüsant zu sein.
-Jetzt stieß Adjunkt Hallin sein Bierglas gegen das des Professors und
-sagte: „Prost, Bruhn! Es tut einem gut, zu sehen, daß du auch vergnügt
-sein kannst!“</p>
-
-<p>„Warum sollte ich nicht vergnügt sein können?“ erwiderte der mit einer
-Art mürrischer Freundlichkeit. „Man wird eben alt, siehst du; ganz
-verdammt alt wird man!“</p>
-
-<p>„Du hast dich bei mir daheim schon lang nicht mehr sehen lassen“, fuhr
-der Adjunkt fort, um auf ein anderes Thema zu kommen.</p>
-
-<p>„Hahaha!“ lachte Bruhn und nahm sich ein paar Lammkoteletten auf seinen
-Teller, die er stehenden Fußes zerschnitt und in großen Bissen mit dem
-Messer in den Mund schob. „Siehst du, ich seh’ wohl, daß deine Frau
-meine Junggesellenmanieren und meine Junggesellensprache nicht leiden
-kann. Es ist ganz logisch, siehst du. Wenn man sich nicht wohl fühlt im
-Familienleben, &mdash; na &mdash; so kann man ihm ja aus dem Weg gehen. Die Leute
-finden, daß ich nicht fein genug bin für sie. Da zieh’ ich mich ganz
-einfach zurück, verstehst du. Ist im übrigen auch nichts, was man nicht
-verschmerzen könnte.“</p>
-
-<p>Der Adjunkt sagte etwas, wie, das wäre ja doch nur Einbildung.</p>
-
-<p>„Nein, du!“ antwortete Bruhn. „Das bild’ ich mir nicht nur ein.“</p>
-
-<p>Er nahm eine gewaltige Prise und steckte dann die Daumen in seine
-Armlöcher, während er sich auf den Absätzen hin und her wiegte.</p>
-
-<p>„Es sind keine Einbildungen, sag’ ich dir. Ich mach’ dir und deiner
-Frau ja keinen Vorwurf. Wir, du und ich, können<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> auch so zusammen sein.
-Und jedenfalls muß man mit seinen Besuchen den Leuten nicht zur Last
-fallen.“</p>
-
-<p>Er faßte den Adjunkt am Arm und führte ihn, von den andern fort, in
-eine Ecke.</p>
-
-<p>„Weiß der Kuckuck, was heut los ist mit mir“, sagte er. „Ich fühl’
-mich ganz verdammt mitteilsam. Muß wohl ganz viele Grogs getrunken
-haben. Na &mdash; also ich werd’ dir was erzählen. Als ich ganz jung war,
-war ich einmal sehr verliebt und wollte heiraten. Sie war ein nettes
-kleines Ding mit blauen Augen und feinem Gesicht und kleinen Händen
-und all so was. Ganz verdammt fein war sie. So fein war sie, daß sie
-eines Tages zu mir sagte, sie könne mich nicht nehmen, weil ich ihr zu
-ungeschliffen sei. Hahaha! Siehst du, so geht’s einem, wenn man nicht
-fein genug ist! Seither hab’ ich mich mit schlechter Gesellschaft
-begnügen müssen &mdash; und schlechten Mädels. Aber es ist schon lang her!“
-fügte er hinzu, als fürchte er, zu sentimental zu erscheinen.</p>
-
-<p>Und er ging zum Tisch zurück und goß ein Glas Sherry hinunter.</p>
-
-<p>Der Tisch sah recht abgegessen aus.</p>
-
-<p>„Ordentlich mit Plan und Überlegung ausgeführt!“ sagte Professor Hallin
-zu Magister Barfoot, der durch sein Monokel aus dem linken Augenwinkel
-melancholische Blicke auf das Schlachtfeld warf.</p>
-
-<p>Die Butterpyramide mit ihrem Gipfel von Petersilienblättern war zu
-einem Nichts zusammengesunken; der Kaviar zwischen den gehackten
-Zwiebeln war ganz verschwunden. Da und dort lagen auf einer Platte noch
-ein paar Scheiben kalten Fleisches, ein paar Lammkoteletten hatten sich
-am äußersten Rand einer länglichen Schüssel unter ein paar gedämpften
-Mohrrüben verkrochen; nur der Büchsenlachs und der geräucherte Aal
-standen noch unberührt da. Von dem frischen Lachs mit verlorenen Eiern,
-der vorher in feingeschnittenen Scheiben,<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Seite an Seite mit einem
-Haufen ebenfalls verschwundener Entrecotes, den Appetit herausgefordert
-hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Am Rand des Tisches stand eine
-Schale, auf deren Grund die Überbleibsel des geschmolzenen Gefrorenen
-schwammen.</p>
-
-<p>„Ja, essen, das kann man hier in Gammelby, dafür ist es bekannt!“ sagte
-Professor Bruhn.</p>
-
-<p>„Na, nun wollen wir lustig sein und weitermachen!“ schlug Professor
-Hallin vor und setzte sich. „Jetzt kommt der Kaffee und der Punsch.“</p>
-
-<p>Der Kaffee kam, und der Punsch kam. Und alle wurden lustig und immer
-lustiger. Jetzt war die Reihe an Svartengren; jetzt wurde der amüsant.
-Vor dem Abendessen sagte der nie viel, und während des Abendessens war
-er mit Essen beschäftigt. Es war nicht zu glauben, was er alles in
-sich hineinaß. Dafür war er aber auch, wenn man beim Kaffee und Punsch
-angelangt war, der Vergnügungsmeister. Das erwartete die Gesellschaft
-von ihm. Er konnte Hühner und Katzen und Schweine nachmachen. Er wußte
-allerhand Lieder und trommelte „Hör uns, Svea!“ auf seinem Bauch,
-während er mit dem Mund die Klarinette dazu blies. Und noch eine Menge
-andere amüsante Kunststücke konnte er. Er war sich dessen auch wohl
-bewußt; und er schickte sich eben an, den Mund aufzutun, um ein paar
-einleitende Worte zu sagen, während er seinen dicken Bauch unter den
-Tisch schob. Da ging die Tür auf; und Professor Eneman, der ein bißchen
-auf die Straße gegangen war, um sich auszulüften, kam wieder herein.
-Er blieb mitten in der Tür stehen und winkte jemand, der im Korridor
-draußen wartete.</p>
-
-<p>„Kommen Sie, junger Freund!“ sagte er und fuhr mit seiner runden
-kleinen Rechten durch die Luft. „Wir sind lauter gute Kameraden hier,
-und wir vermehren uns gern um einen neuen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p>Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst
-Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als
-blende ihn der allzu grelle Lichtschein.</p>
-
-<p>Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine
-gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte
-sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn
-vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche
-Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob
-sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken
-von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin
-tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann
-und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine
-Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer
-saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch
-und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein
-bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man
-fragte ihn, was er trinken wolle.</p>
-
-<p>„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“</p>
-
-<p>Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben
-aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen.</p>
-
-<p>Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er
-war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn
-draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten
-seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren.</p>
-
-<p>Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und
-er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er
-sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und
-lächelte &mdash; ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie
-aussahen. Als hätte<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm
-nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr
-Antlitz bespült &mdash; viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen
-oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche
-Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die
-eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und
-der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen,
-erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es
-sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch
-trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte
-Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der
-Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin
-ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht
-hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige
-Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün
-des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen
-Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie
-möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen
-würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn!</p>
-
-<p>Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was
-ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft.</p>
-
-<p>Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder
-andere, trotzdem er so jung war?</p>
-
-<p>Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein
-parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Stand bei der Ecke am Tore</div>
- <div class="verse">Jung-Daphnis <span class="antiqua">titiens amore</span>.</div>
- <div class="verse">Du böse Zauberin Natur,</div>
- <div class="verse">Was schufst du sie so lieblich nur!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>Ernst hatte dies selbe Lied von den Freunden in Upsala gehört, und es
-kam ihm komisch vor, es hier, unter alten, gesetzten Männern, von denen
-die meisten schon graues Haar hatten, wiederzuhören. Gleichzeitig aber
-fing er doch an, sie mit andern Augen anzusehen, menschlich und weniger
-mit Studentenkritik. Sie gefielen ihm in ihrer Fröhlichkeit; er begann
-die unterdrückte Lebenslust zu verstehen, die sich hier zwischen vier
-Wänden Bahn brach, in einer engen, verrauchten Kneipe, weil die schwere
-Arbeit ums tägliche Brot sie hinderte, die Freude täglich zu Gast zu
-laden.</p>
-
-<p>Professor Bruhn, den er so oft verspottet hatte, war sicher ein
-prächtiger Kerl. Und Svartengren, der ihm gegenübersaß, voll
-Befriedigung über den Beifall für sein Lied, und sich eben anschickte,
-ein zweites zu singen &mdash; wie seine Augen strahlten durch die
-Rauchwolken, die um ihn her qualmten!</p>
-
-<p>Und sein Vater! Wie frei er aussah, wie lebhaft er sich bewegte,
-wie jugendlich seine Rede klang! Ohne sich zu besinnen, erhob Ernst
-sein Glas und trank mit einem Lächeln dem Vater zu. Aber im gleichen
-Augenblick errötete er über das Gefühl, das ihn dazu antrieb.</p>
-
-<p>Der Adjunkt trank sein Glas aus und nickte dem Sohn auch zu. „Prosit,
-mein Junge! Das ist nett, daß du gekommen bist!“</p>
-
-<p>Bis nach zwölf Uhr saß die Gesellschaft beisammen. Anekdoten wurden
-erzählt, Lieder gesungen. Als man endlich ans Aufbrechen dachte, erhob
-sich Professor Bruhn, der sonst nie eine Rede hielt, und bat die
-Anwesenden, den frohen Anlaß, der sie zusammengeführt hatte, nicht zu
-vergessen.</p>
-
-<p>„Ich hoffe, alle Anwesenden werden sich mir anschließen und ein Hoch
-ausbringen auf Kumlander, und ihm danken, daß er so liebenswürdig war,
-uns den Anlaß zu diesem frohen Abend zu verschaffen!“</p>
-
-<p>Das Hoch wurde jubelnd ausgebracht. Eine Viertelstunde darauf drehte
-die Kellnerin in dem leeren Zimmer das Gas aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-<p>Durch die dunkeln Straßen strebten einsame Gestalten ihren Wohnungen in
-den verschiedenen Teilen der Stadt zu. Und diejenigen, die um sieben
-Uhr am nächsten Morgen heraus mußten, schüttelten sich und hasteten
-vorwärts, um möglichst bald zu Bett zu kommen.</p>
-
-<p>Aber man mußte ein bißchen vorsichtig sein. Denn Punkt zwölf Uhr
-nachts kam der Laternenmann und löschte die gelben flackernden Flammen
-aus, eine um die andere, die ganze Lange Straße hinunter. Es wurde
-dunkel; nur der Ruf des Nachtwächters störte noch das Schweigen in der
-schlafenden Stadt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">E</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">E</span>s war wie ein stummes Übereinkommen zwischen Ernst und dem Vater,
-daß Frau Hallin nicht zu wissen brauchte, wo Ernst am Abend gewesen
-war. Das heißt, keinem von beiden wäre es eingefallen, ihr die Sache
-mitzuteilen. Aber als Ernst morgens zum Frühstück herunterkam, war er
-doch ein bißchen verlegen, fast, als hätte er etwas Verbotenes getan.
-Er merkte, daß die Augen der Mutter sich mit einem ängstlich fragenden
-Ausdruck ihm zuwandten, und er entsann sich plötzlich wieder des
-Auftritts zwischen ihnen vom Abend zuvor. Er hatte die ganze Nacht gut
-geschlafen und als er aufwachte, dachte er bloß an das Zusammensein vom
-gestrigen Abend. Ein angenehmes, heiteres Gefühl erfüllte ihn; und als
-er aufstand und zum Fenster hinausschaute, schien die Sonne über die
-Schneewehen auf dem Domplatz und der Himmel lachte so blau zwischen
-den Zweigen der Ulmen herab. Da ward ihm noch viel leichter ums Herz;
-er summte ein paar heitere Melodien vor sich hin, während er die Weste
-zuknöpfte und vor dem Spiegel seine Krawatte band.</p>
-
-<p>Als er jetzt dem Blick der Mutter begegnete, fiel ihm auf<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> einmal
-der ganze vorhergehende Abend ein. Seine heitere Stimmung verschwand
-und machte derselben Unruhe und Reizbarkeit Platz, die ihn den
-ganzen gestrigen Tag über beherrscht hatten. Er dachte wieder an den
-Unwillen, den er Simonson gegenüber plötzlich empfunden hatte, an
-seine Heftigkeit gegen die Mutter und wie rasch er dann das alles beim
-Glase vergessen hatte. Er wich dem Blick der Mutter aus und zwang
-sich, Gutenmorgen zu sagen, als wäre nichts geschehen. Dann setzte er
-sich allein zu seinem Frühstück. Man versammelte sich dazu nicht im
-Hallinschen Haus, sondern jeder kam und ging nach eigenem Belieben.</p>
-
-<p>Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Als er fertig war, hatte er
-einen unbestimmten Drang nach Einsamkeit; und mit einem Gefühl der
-Ungeduld dachte er an sein kleines Zimmer in Upsala, wo er wußte, er
-konnte immer ungestört sein. Er erhob sich und ging nach der Tür.</p>
-
-<p>„Wo gehst du hin?“ hörte er die Mutter aus dem Wohnzimmer rufen.</p>
-
-<p>„Auf Papas Zimmer“, erwiderte er und blieb unschlüssig stehen.</p>
-
-<p>„Willst du nicht vorher zu mir kommen?“</p>
-
-<p>„Doch, gern.“</p>
-
-<p>Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich.</p>
-
-<p>„Ich möchte wohl wissen, wie’s mit deiner Probepredigt geht“, sagte
-Frau Hallin.</p>
-
-<p>Seiner Probepredigt? Herrgott! Sollte das Schreiben und Studieren schon
-wieder losgehen? Er war ja doch eben erst von Upsala gekommen.</p>
-
-<p>„Es ist ja noch ein voller Monat, bis ich die halten muß“, sagte er
-widerwillig.</p>
-
-<p>Frau Hallin sah auf ihre Arbeit.</p>
-
-<p>„Aber du wirst doch jedenfalls schon daran gedacht haben. Ich möchte so
-gern ein bißchen wissen, wie du den Text aus<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>legen willst. Ich habe ihn
-schon so oft durchgelesen“, fügte sie hinzu. Es lag etwas Bewegliches
-in ihrer Stimme.</p>
-
-<p>Ernst sah verlegen aus. Ein ungeduldiger Ausdruck flog über sein
-Gesicht.</p>
-
-<p>„Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte er. „Aber ich kann nicht
-gut über so was reden, eh’ ich’s aufs Papier gebracht habe.“</p>
-
-<p>Frau Hallin sah auf und nickte. Etwas Altes kam in ihr Gesicht, das dem
-Sohn weh tat.</p>
-
-<p>„Ich werde warten, bis du selber davon sprechen magst“, sagte sie
-einfach.</p>
-
-<p>Mit einem Gefühl der Reue ging Ernst auf des Vaters Stube. Es bedrückte
-ihn unsagbar, daß er der Mutter nicht hatte anders antworten können.</p>
-
-<p>Er verstand ja, daß sie seit Tagen, seit Wochen darauf wartete, daß
-er etwas über die Sache sagen sollte. Seit der Tag für die Predigt
-bestimmt war, dachte die Mutter unaufhörlich an ihn, das wußte er, und
-machte sich vielleicht große Vorstellungen von dem reichen geistigen
-Leben, das solch ein wichtiger Entschluß in ihm wecken müßte. Sie hatte
-kaum an etwas anderes gedacht, hatte den Text für sich durchgelesen,
-hatte versucht, sich auszudenken, wie er, so wie sie ihn kannte,
-diesen Text auffassen würde. Sie sah in ihm nur noch den zukünftigen
-Verkünder der Heiligen Schrift; sie erwartete von ihm, er müsse ein
-Streiter für die Sache Gottes werden, ein gewaltiger Erwecker, der die
-Gemüter bewegen und die Seelen für Gottes Reich gewinnen würde. Und es
-hatte sie danach verlangt, daß er von selber kommen und mit ihr reden
-würde, so stark danach verlangt, daß sie es nicht lassen konnte, ihn zu
-fragen, obwohl sie begriff, daß ihm das unangenehm sein mußte.</p>
-
-<p>Er sah das alles, ganz deutlich, als ob sie selbst es ihm erzählt
-hätte, und trotzdem konnte er seine Unlust, daß sie ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> hatte
-ausfragen wollen, nicht überwinden. Er war so daran gewöhnt, einsam,
-nur mit seinen Gedanken, zu leben, daß er jeden Versuch, in ihn
-einzudringen, fürchtete.</p>
-
-<p>Was hätte er ihr auch sagen sollen?</p>
-
-<p>Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab.</p>
-
-<p>Was sollte er sagen?</p>
-
-<p>Er hatte ja die ganze Zeit her gar nicht an derartiges gedacht; und das
-beunruhigte ihn jetzt. An alle möglichen gleichgültigen Dinge dachte
-er. Alles, was er sah, interessierte ihn, fremde Menschen, mit denen
-er bekannt wurde, die Geschwister daheim, die Eltern, die Menschen
-in Gammelby, das Wetter, das Leben auf den Straßen, die Umgebung der
-Stadt, in der er täglich seinen Spaziergang machte. Alles interessierte
-ihn. Alles, bloß nicht Bücher.</p>
-
-<p>Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch
-zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas
-Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der
-Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt.</p>
-
-<p>Und dann auf der Universität!</p>
-
-<p>Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den
-letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des
-Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine
-auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf
-den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s,
-als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen
-gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle
-Bücher hindurch, ihnen zum Trotz!</p>
-
-<p>Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee,
-der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde
-Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der
-Schnee, der dortlag, zu<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen,
-die an den Rinnen hingen, herabtropfte.</p>
-
-<p>Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen
-Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen
-Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt
-zu denken.</p>
-
-<p>Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe
-hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt.
-Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte,
-verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem,
-was grade vor ihm lag.</p>
-
-<p>Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen
-zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen
-Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand.
-Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit
-Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne
-funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen
-Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße
-Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte
-man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag,
-während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der
-Sonne glänzte.</p>
-
-<p>Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen,
-die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über
-einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und
-verschwand zwischen den dämmerigen Tannen.</p>
-
-<p>Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch
-eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt,
-griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre
-Pflicht. Und damit war’s fertig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-<p>Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach,
-bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War
-es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon
-öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch
-nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar
-ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er.</p>
-
-<p>Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung,
-mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte &mdash; was tat das?
-Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine
-Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es
-war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“
-genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden.
-Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben.
-Sollte er da nicht auch eintreten können?</p>
-
-<p>Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole
-und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es <em class="gesperrt">sein</em> Fehler,
-daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu
-schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als
-das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen,
-und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare,
-unwiderlegliche Gründe.</p>
-
-<p>Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne
-davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson.
-Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson?</p>
-
-<p>Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben
-führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar
-alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne
-Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen
-unter der Brücke lag Schnee. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> unter der Eisdecke murmelte und
-sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis
-Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in
-der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und
-mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete.</p>
-
-<p>Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine
-Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen
-blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das
-sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte
-sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen
-Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust
-überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang
-er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis
-zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er
-arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er
-hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter,
-brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und
-fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als
-beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten
-Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in
-die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er
-plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und
-blickte auf.</p>
-
-<p>Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als
-der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen
-an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus.</p>
-
-<p>„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben
-zu komisch ausgesehen!“</p>
-
-<p>Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen
-sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne
-blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p>Ernst Hallin fühlte sich recht beschämt. Es war Eva Baumann, eine
-Freundin seiner Schwester, die er seit seiner Heimkehr noch nicht
-wiedergesehen hatte. Ohne ein Wort herauszubringen stand er da und
-sah sie an. Wie hübsch und lieb sie aussah, wie sie sich so über das
-Brückengeländer beugte! Die kurze Jacke umschloß eng ihre schlanke
-Gestalt, an der rechten Hand, die sie aus dem Muff gezogen hatte, trug
-sie einen schwarzen Handschuh, und zwischen dem und dem Ärmel guckte
-ein rundes kleines Handgelenk hervor.</p>
-
-<p>Verwirrt zog er endlich den Hut und grüßte. Das junge Mädchen neigte
-den Kopf und lächelte wieder. Dann richtete sie sich aus ihrer
-gebückten Stellung auf und steckte die Hand in den Muff.</p>
-
-<p>„Adieu, Herr Hallin!“ sagte sie. „Pastor Hallin müßte ich eigentlich
-sagen.“</p>
-
-<p>Seine Verlegenheit war plötzlich verschwunden. Sie sah so
-unwiderstehlich lieblich aus, wie sie dastand und die Sonnenstrahlen in
-den ungebärdigen Nackenlöckchen spielten.</p>
-
-<p>„Warten Sie doch, daß ich Sie begrüßen kann!“ rief er und kletterte den
-Rain hinauf. Er trat zu ihr hin und faßte ihre Hand.</p>
-
-<p>Daß er das früher gar nicht bemerkt hatte, wie hübsch sie war mit ihrem
-frischen Lächeln und den tiefen, warmen Augen!</p>
-
-<p>„Ich gehe immer diesen Weg“, sagte sie wie zur Erklärung. „Natürlich
-konnt’ ich ja nicht denken, daß ich Sie hier treffen würde. Willkommen
-wieder daheim!“ fügte sie dann hinzu.</p>
-
-<p>„Danke!“</p>
-
-<p>„Was machten Sie denn eigentlich da drunten?“ fuhr sie fröhlich fort.</p>
-
-<p>„Nichts“, erwiderte er, indem er neben ihr herschritt. Eine Weile
-schwiegen sie beide. Ernst sah zu, wie sie mit kleinen, raschen,
-gleitenden Schritten neben ihm herging.</p>
-
-<p>„Das Frühlingswetter hat mich zum Narren gehalten!“ sagte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>„Finden Sie, daß es Frühlingswetter ist?“ Sie lachte, ein kurzes,
-lustiges Lachen. „Wir sind doch erst im Februar.“ „Freilich ist
-Frühlingswetter“, sagte er. „Merken Sie es denn nicht an der Luft? Es
-ist so warm in der Sonne, daß einem der Rock zu heiß wird!“</p>
-
-<p>Er knöpfte den Überzieher auf und nahm den Hut ab, während er sich mit
-dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.</p>
-
-<p>Sie sah ihn ganz erschrocken an.</p>
-
-<p>„Nehmen Sie sich in acht, Sie werden sich erkälten“, meinte sie. „Sie
-sind doch nicht besonders kräftig.“</p>
-
-<p>Er sah sehr verwundert aus.</p>
-
-<p>„Wollen Sie mich auch ermahnen?“ fragte er fast ein bißchen ärgerlich.
-„Alle tun es. Aber woher wissen Sie das denn eigentlich?“</p>
-
-<p>„Selma und ich haben so oft von Ihnen gesprochen,“ sagte sie; sie
-errötete dabei und wandte das Gesicht ab.</p>
-
-<p>Zusammen gingen sie zur Stadt zurück und schwatzten dabei von allem
-möglichen, von gemeinsamen Bekannten, von alten Zeiten, als sie sich
-noch auf Kinderbällen und Kindergesellschaften getroffen hatten. Sie
-hatte immer gefunden, Ernst wäre so sonderbar, und hatte immer Angst
-vor ihm gehabt, weil er so ernst war, so schrecklich ernst. Heute
-freilich hatte sie ihn von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.</p>
-
-<p>„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind!
-Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich
-vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst
-dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut
-war, wie sie.</p>
-
-<p>„Sind <em class="gesperrt">Sie</em> denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz
-erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter
-und stark klang sie.</p>
-
-<p>„Ich!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
-
-<p>Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im
-Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen.</p>
-
-<p>„Wissen Sie, wenn ich so allein daheim bin, und Tante in der Küche
-draußen kocht &mdash; Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in
-der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension &mdash; ah &mdash; was die
-gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! &mdash; da weiß
-ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes
-Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes
-zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten
-weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß
-ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit
-fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen
-und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die
-Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser
-schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das
-ist ja alles dummes Zeug!“</p>
-
-<p>Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb
-sie stehen.</p>
-
-<p>„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“</p>
-
-<p>Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm
-sie und blickte ihr in die klaren Augen.</p>
-
-<p>„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff
-selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, ob ich darf, wenn ein junger Herr im Haus ist!“
-erwiderte sie.</p>
-
-<p>Er sah so hilflos niedergeschlagen aus, daß sie lachen mußte.</p>
-
-<p>„Es kann schon sein, daß ich doch komme!“ sagte sie ermutigend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>Dann zog sie ihre Hand aus der seinen und nickte ihm kurz zu, bog
-in die Querstraße ein und entfernte sich mit kleinen, munteren,
-trippelnden Schritten.</p>
-
-<p>Er stand und sah ihr nach. Es war, als höre man Musik, wenn man sie
-gehen sah. Alles ward so ruhig in einem.</p>
-
-<p>Und Ernst ging schnurstracks heim und schrieb bis zum Mittagessen an
-seiner Predigt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>m 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle
-Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und
-in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß
-man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und
-Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren
-vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern.</p>
-
-<p>„Geht Ernst heut abend mit?“ fragte Frau Hallin, als die Familie nach
-Tisch um den Kaffeetisch versammelt war.</p>
-
-<p>„Ja natürlich“, sagte der Adjunkt. „Warum sollte er nicht mitgehen?“</p>
-
-<p>„Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der
-Woche, eh er seine Probepredigt hält?“ fragte Frau Hallin in ihrem
-allerernstesten Ton.</p>
-
-<p>„Ach, was tut denn das!“ erwiderte der Adjunkt.</p>
-
-<p>Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich
-direkt an seinen Sohn.</p>
-
-<p>„Was sagst du selbst dazu?“ fragte er.</p>
-
-<p>Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich
-entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu
-fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er
-antwortete doch, wenngleich etwas zögernd:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, ich wollte eigentlich gehen.“</p>
-
-<p>Frau Hallin äußerte nur: „Selbstverständlich mußt du in einer solchen
-Sache tun, wie du willst.“</p>
-
-<p>Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen
-schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich
-Gewissensbisse zu machen.</p>
-
-<p>Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen
-anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es
-von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte.
-Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei
-Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste
-es, was es wolle.</p>
-
-<p>Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt.
-Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter
-Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das
-Allermerkwürdigste war &mdash; er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar
-ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!</p>
-
-<p>Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.</p>
-
-<p>Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine
-ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte.
-Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im
-Wohnzimmer.</p>
-
-<p>In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt,
-das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch
-ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und
-in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.</p>
-
-<p>Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer
-und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen,
-daß er schon über sechzig<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Jahre alt war. Der Bart war freilich grau
-und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch
-viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz
-mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher
-Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre
-schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu
-haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich
-verjüngte.</p>
-
-<p>Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe &mdash; er wußte, bei
-einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen &mdash;
-und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.</p>
-
-<p>Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der
-größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in
-diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl
-von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas
-Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf
-denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden
-brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über
-der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die
-in der Mitte des kleineren Zimmers hing.</p>
-
-<p>Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die
-Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und
-klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste
-auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem
-eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen
-Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte
-sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.</p>
-
-<p>Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob
-sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt
-hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> zurecht. Die flotte
-Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein
-Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine
-französische Operettenmelodie.</p>
-
-<p>Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die
-teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon.</p>
-
-<p>Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch
-hinaufgeschraubt war.</p>
-
-<p>Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es
-war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren
-Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte
-ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen
-Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße
-Weichheit der Jugend zeigten.</p>
-
-<p>Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die
-Arme um den Hals.</p>
-
-<p>„Abel!“ sagte sie.</p>
-
-<p>Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von
-sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten.</p>
-
-<p>„Ja, lieber Schatz,“ sagte er, „die Zeit vergeht!“</p>
-
-<p>Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die
-Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die
-Professorin segelte durch das Zimmer &mdash; mit dem eigentümlichen Gang,
-den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen.</p>
-
-<p>„Gabrielle!“ rief sie zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>„Ja, Mama!“ klang es von einem Nebenzimmer zurück.</p>
-
-<p>„Beeile dich!“ sagte die Mutter. „Ich höre Axel schon auf der Treppe.“</p>
-
-<p>Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p>„So &mdash; muß der noch <em class="gesperrt">vor</em> den andern kommen?“</p>
-
-<p>Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die
-Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar
-Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen!</p>
-
-<p>Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem
-Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und
-wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte.</p>
-
-<p>Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete
-mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um
-die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen
-mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten
-unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform.
-Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden
-Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen
-einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu
-genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf
-sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an
-seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen.</p>
-
-<p>„Du bist süß, süß, süß!“ flüsterte sie dazwischen durch. „Komm auf mein
-Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!“</p>
-
-<p>„Meine kleine Gabby!“ sagte der Leutnant, während er ihr folgte.</p>
-
-<p>Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama
-rief, „Axel“ sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen
-Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf,
-daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine
-Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen
-stand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p>
-
-<p>„Sei still!“ sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna.</p>
-
-<p>Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen.
-Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse
-nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das
-Lachen.</p>
-
-<p>„Herrje, sind die albern!“ sagte Anna.</p>
-
-<p>Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig
-durch die offene Tür.</p>
-
-<p>„Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!“ sagte sie zu der Schwester.</p>
-
-<p>Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen,
-um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: „Kuckuck!“ in
-Gabrielles Zimmer zu stürzen.</p>
-
-<p>Gabrielle fuhr auf und rief außer sich:</p>
-
-<p>„Herrgott, die so ungezogenen Rangen!“</p>
-
-<p>Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu
-stiften.</p>
-
-<p>„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht
-gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick
-ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das
-Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin
-eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing
-sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz
-extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen
-Rangen!“</p>
-
-<p>Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und
-Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube
-und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden
-Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit
-kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem
-Scheitel<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und
-einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht,
-die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur
-kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten,
-auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige
-Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich
-mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem
-Hochzeitstag gratulieren mußte.</p>
-
-<p>Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen,
-behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die
-in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den
-Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten,
-in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter
-Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum
-Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und
-her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß
-je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser
-Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe,
-liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie
-sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus
-wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig
-Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären &mdash; man könnt’
-es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn
-man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb
-von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal
-ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen
-Winter so schlecht!“ &mdash; Dies letztere war die Bischofin.</p>
-
-<p>Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen,
-bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> äußerten:
-„Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während
-die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger
-ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch
-viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die
-Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw.</p>
-
-<p>Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen
-nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und
-war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste
-hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies
-allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch
-die verschiedenen Antipathien.</p>
-
-<p>Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob
-er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den
-Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die
-anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche
-Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches
-Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du
-stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den
-Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern
-Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die
-zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin
-in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen,
-puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf
-dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren
-Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art
-hatte ganz Gammelby nur <em class="gesperrt">ein</em> Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben
-Professor Hallin!“</p>
-
-<p>Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich
-ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete,
-weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> wollen. Als sie
-nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die
-Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte:
-„Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit
-Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie
-beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich
-nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich.
-„Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig.</p>
-
-<p>Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten
-Bäumen wächst Moos!“</p>
-
-<p>Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen
-Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große
-Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte
-er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen,
-begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah
-sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam
-eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn
-verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.</p>
-
-<p>Auf dem Sofa saß die Bischofin, auf ihrer einen Seite die Rektorin
-Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen
-von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines
-Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn
-wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen
-redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin
-beugten sich beide zur Bischofin hin, die mit ihrer Teetasse in der
-Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre
-Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem
-Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß.</p>
-
-<p>Die Bischofin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem
-Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als
-stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Haushalt vor; und ihr
-Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger,
-als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke
-vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf
-bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es
-konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit
-mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel,
-sich auf Kosten der „kleinen Bischofin“ ein bißchen zu amüsieren.</p>
-
-<p>Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau
-Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau
-Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach
-von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand
-in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte
-viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde
-betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen
-war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau
-Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war
-in der Gnade Gottes als sie.</p>
-
-<p>Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der
-Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante,
-bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um
-Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau
-Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum
-Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht
-erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort
-triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken
-hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben
-könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das
-bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken
-konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-<p>Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit
-ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die
-Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie
-fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt.</p>
-
-<p>Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte,
-wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu
-gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons
-scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen.</p>
-
-<p>Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen
-in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte,
-die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein
-paar Herren auf und ab und politisierten.</p>
-
-<p>Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf
-seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht
-lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch
-bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft
-erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich
-eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich
-im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah
-heimlich auf die Uhr.</p>
-
-<p>Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der
-Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr
-und schmunzelte und verbeugte sich.</p>
-
-<p>Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht
-ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen...
-recht gut... hm ja... recht gut... Die Bürgermeisterin legte den Kopf
-auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen
-Kavalier auf:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>„Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken
-habt!“</p>
-
-<p>Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit
-gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere
-auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne
-blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über
-die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ.</p>
-
-<p>Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer,
-blätterte in einem Album und schnupfte.</p>
-
-<p>Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den
-Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen
-Herren in der Mitte des Salons zu: „Ist’s den Herren gefällig, daß wir
-zu dem solideren Teil des Abends übergehen?“</p>
-
-<p>Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten
-im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller
-Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile
-stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung
-besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand,
-die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die
-Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon
-alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten
-Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Na, endlich!“</p>
-
-<p>Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen.</p>
-
-<p>„Ich komme in einem Weilchen auch“, sagte er.</p>
-
-<p>Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den
-Damen bleiben.</p>
-
-<p>Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen,
-mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der
-Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> Tisch
-und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch
-zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden
-mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie
-machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die
-übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder
-hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht
-hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder
-irgend so was Ähnliches.</p>
-
-<p>Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand
-Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich
-vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein-
-und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die
-Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören.</p>
-
-<p>Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie
-ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür
-herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit
-unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre
-Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt
-dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste.</p>
-
-<p>Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz
-zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in
-einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva
-Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen.
-Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein
-sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten.
-Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen
-anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten.</p>
-
-<p>Ernst warf einen Blick auf die Damen im Salon. Seine Mutter und Frau
-Pegrelli waren ins Wohnzimmer überge<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>siedelt; alle andern hatten sich
-um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der
-Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf
-verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt
-zu den Herren droben zurückziehen wolle.</p>
-
-<p>Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu.</p>
-
-<p>„Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder
-bleiben Sie bei den Damen?“ fragte er mit einem Lächeln, das Ernst
-unangenehm berührte.</p>
-
-<p>„Ich glaube, ich gehe hinauf!“ antwortete er; gleichzeitig bemerkte er,
-daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete.</p>
-
-<p>Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er
-noch röter.</p>
-
-<p>„Noch bin ich kein Vorgesetzter“, sagte der Bischof, der die Verwirrung
-des jungen Mannes mißdeutete.</p>
-
-<p>Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes,
-gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte
-und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem
-Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man
-am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und
-beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie,
-über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.</p>
-
-<p>Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als
-sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht.</p>
-
-<p>Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er
-feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren
-in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich?
-Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner
-Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine
-Probepredigt<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die
-mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich
-leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit
-seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das
-schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof
-hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach
-beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva!
-Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar
-nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes
-Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von
-ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den
-Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang
-beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere
-waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein
-Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es
-soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich
-umkehren, und ich werde es.</p>
-
-<p>Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte:
-„Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so
-leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.</p>
-
-<p>Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den
-Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter,
-die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein
-armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten
-seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde,
-imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen
-würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen
-voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan
-hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
-
-<p>Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben
-den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine
-Stimme aus seinen Gedanken.</p>
-
-<p>„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“</p>
-
-<p>Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen,
-der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir
-nicht ein Gläschen miteinander trinken?“</p>
-
-<p>Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand.
-Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.</p>
-
-<p>„Auf gestern abend!“ sagte er lächelnd.</p>
-
-<p>„Ja, das war ein verdammt lustiger Abend“, sagte Bruhn.</p>
-
-<p>„Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer
-Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders
-aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen
-Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird,
-verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den
-Füßen.“</p>
-
-<p>Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor
-sich hin.</p>
-
-<p>„Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?“ sagte Bruhn. Ernst wich
-den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen.</p>
-
-<p>„Na &mdash; &mdash; so &mdash; &mdash;“ sagte er achselzuckend.</p>
-
-<p>Professor Bruhn lachte.</p>
-
-<p>„Ich hab’ auch einmal Pastor werden wollen“, sagte er. „Aber es ist
-nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn
-später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das
-ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu
-sein!“</p>
-
-<p>Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn
-die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte
-die Empfindung, als müsse dieser barsche,<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> eckige Mensch ihn verstehen
-und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können.
-Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die
-Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes.</p>
-
-<p>„Wollen wir uns nicht setzen?“ meinte Professor Bruhn.</p>
-
-<p>Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und,
-die Groggläser vor sich, schwatzte.</p>
-
-<p>Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter
-der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im
-Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien
-wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst
-Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und
-Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby,
-mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und
-seiner Perücke, die nie sitzen wollte.</p>
-
-<p>Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt
-sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß
-er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte.</p>
-
-<p>Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und
-unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für
-alle da und sah zu, daß nichts fehlte.</p>
-
-<p>Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die
-rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch
-niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten
-und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug.
-Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste
-Lachen hatte gleichsam einen andern Klang.</p>
-
-<p>„Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch
-präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!“ sagte Professor
-Bruhn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
-
-<p>Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin.</p>
-
-<p>Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit
-glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet
-und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann.</p>
-
-<p>Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und
-nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in
-seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei.</p>
-
-<p>Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es
-dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man
-erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine
-Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg.</p>
-
-<p>Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von
-Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen
-hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus,
-daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um „uns Damen“
-kümmerte.</p>
-
-<p>„Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!“ sagte
-Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand,
-aufgeräumt an.</p>
-
-<p>Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm
-die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen
-Schwachheiten.</p>
-
-<p>„Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren“,
-erwiderte er.</p>
-
-<p>Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer.</p>
-
-<p>Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf
-kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe
-Botschaft ins Ohr: „Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig,
-daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu
-wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: „Meine Herren &mdash;
-ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu
-Tisch zu führen!“</p>
-
-<p>Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden
-Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur
-mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter,
-streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann
-hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten
-werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem
-Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig.</p>
-
-<p>„Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!“</p>
-
-<p>„Das war in früheren Zeiten... Ich bitte doch...“</p>
-
-<p>Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof
-behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward
-die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen.</p>
-
-<p>„Teufel, was ich hungrig bin!“</p>
-
-<p>„Wer erst sein Schnäpschen <span class="antiqua">intus</span> hätte!“</p>
-
-<p>Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren
-im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein
-ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer
-Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen.
-Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und
-Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel
-durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor
-den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen
-machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der
-Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Hallin und zeigte durch ein
-verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute.</p>
-
-<p>Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war
-ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen.
-Da gab’s Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene
-Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering,
-gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust.</p>
-
-<p>Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit
-Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten
-die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe
-Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache
-feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser.</p>
-
-<p>Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der
-Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab’s Lachs und
-junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit
-Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und
-junges Geflügel.</p>
-
-<p>„Ich kenn’ das Menü von Gustafva Björklund her“, flüsterte die
-Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu.</p>
-
-<p>„Ich auch,“ erwiderte die; „aber es ist gut.“</p>
-
-<p>„Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn
-man nicht fragen braucht, was es kostet!“ gab die Bürgermeisterin
-zurück und warf den Kopf in den Nacken.</p>
-
-<p>Die Bischofin trat mittlerweile auf die Professorin zu.</p>
-
-<p>„Aber Aurora!“ sagte sie. „Du machst zu viel Umstände für deine Gäste!
-Diese Unmasse von Gerichten!“</p>
-
-<p>Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn
-nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das
-wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie
-brauchte sich nicht zu schämen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden.
-Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen,
-und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte
-den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert.</p>
-
-<p>„Ißt du dich auch satt, Erker?“ sagte der Professor, indem er dem
-Bruder ein Glas Rotwein zutrank.</p>
-
-<p>Der Gymnasiallehrer nickte und lachte.</p>
-
-<p>„Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!“ meinte er.</p>
-
-<p>Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man
-Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte
-ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte
-bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher
-sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand
-darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen.</p>
-
-<p>Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin
-unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf.
-Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der
-Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in
-irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte
-sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen.</p>
-
-<p>Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben
-hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren
-dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten.</p>
-
-<p>Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den
-Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine
-gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren.
-Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete
-mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten
-andachtsvoll. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und
-die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren.</p>
-
-<p>Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die
-schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu.
-Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber
-alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und
-sagte: „Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu
-verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat“.</p>
-
-<p>Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt.
-Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch
-sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch
-eine Verstimmung er hervorgerufen hatte.</p>
-
-<p>Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion
-beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt
-ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie
-doch recht gehabt hätte.</p>
-
-<p>Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel
-vergaß man Bruhn.</p>
-
-<p>Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh,
-man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß
-man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am
-folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem
-ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen.</p>
-
-<p>Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer
-bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der
-Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den
-Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der
-Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte,
-der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden
-Einfluß auf den Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz
-unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu
-schätzen wußte.</p>
-
-<p>Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt,
-er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen,
-weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann
-schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu
-ertragen.</p>
-
-<p>Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die
-Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich
-diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte
-jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz
-für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“
-ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“
-verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“.</p>
-
-<p>Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und
-gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen.
-Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen,
-um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen
-geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre
-Studentenanekdoten erzählten.</p>
-
-<p>Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und
-aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und
-mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar
-von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.</p>
-
-<p>„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie
-es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte
-ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie
-ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche
-Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut
-abend?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-<p>Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er
-dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.</p>
-
-<p>„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie
-ihm zumute war.</p>
-
-<p>Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva
-Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so
-zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt,
-so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie
-saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen
-Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete:
-„Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal
-herunterzukommen!“</p>
-
-<p>Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff,
-daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über
-seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm
-entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute.
-Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die
-ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre
-Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten
-zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, warum!“ sagte er. „Aber ich konnte nicht. Nicht vor
-all diesen Menschen.“</p>
-
-<p>Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen. Über Evas
-Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis
-hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher,
-als sie erwiderte: „Still! Jetzt kommt die Rede!“</p>
-
-<p>Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof
-ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch
-aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Frau, die schon das
-Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres
-Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben.</p>
-
-<p>„Meine Damen und Herren!“ begann der Bischof, und in dem großen Zimmer
-ward es ganz still.</p>
-
-<p>Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die
-Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden.</p>
-
-<p>„Meine Damen und Herren!“</p>
-
-<p>Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der
-Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete.</p>
-
-<p>Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt
-habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die
-Dichterworte:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Was auf der Erde ist so wert,</div>
- <div class="verse">So traut, als Haus und Herd?</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims.</p>
-
-<p>„Es ist nicht das erstemal,“ schloß er, „daß ich an diesem Tag in
-diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit
-jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das
-vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die
-Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander
-durchs Leben zu wandern.“</p>
-
-<p>„Bravo!“ rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit
-einem funkelnden, triumphierenden Blick.</p>
-
-<p>„In Lust und Leid, wie das alte Wort sagt“, fuhr der Bischof fort.
-„Und in unsern Tagen, da man von allen Seiten die Heiligkeit der Ehe
-antastet, da die Menschen nicht mehr die Bande der Familie achten,
-sondern selber sich an die Stelle der göttlichen Autorität setzen,
-grade in diesen Tagen, meine Damen und Herren, möchte ich wünschen,
-ich könnte ein paar von diesen Großsprechern einführen in &mdash; ich kann
-Gott sei<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> Dank sagen, viele &mdash; unserer alten nordischen Heime und ihnen
-sagen: Seht dies Glück, das ihr zerstören wollt, diese Treue durch
-Glück und Leid“ &mdash; der Bischof sprach die Worte aus wie Hammerschläge
-&mdash; „die ihr abschaffen wollt!“</p>
-
-<p>„Meine Damen und Herren!“ der Bischof schlug jetzt einen leichteren Ton
-an &mdash; „ich bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen, unsern werten Wirten
-für den angenehmen Abend zu danken und ihnen gleichzeitig noch viele
-weitere Jahre wie das eben verflossene zu wünschen. Glück und Segen
-ihnen beiden!“</p>
-
-<p>Die Gäste drängten sich um die Hauswirte. Frau Hallin dankte mit heißen
-Wangen und Tränen in den Augen. Professor Hallin versuchte einen
-leichten Ton anzuschlagen und verbeugte sich lächelnd nach rechts und
-links.</p>
-
-<p>Nach dem Abendessen begannen die Gäste aufzubrechen. Eine Weile
-versuchte man noch, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber der zweite
-Versuch erstarb ganz von selbst. Alle fühlten, der Anlaß zu der
-Zusammenkunft war nun vorüber. Alle waren satt und alle sehnten sich
-nach Hause, ins Bett.</p>
-
-<p>Im Vorzimmer war wieder ein großes Gedränge; schläfrige Dienstmädchen,
-die seit zwei Stunden dastanden und warteten, halfen den Damen in
-ihre Mäntel und Pelze. Die Herren liefen noch einmal die Wendeltreppe
-hinauf, um sich noch eine Zigarre zu holen. Drunten vor der Tür
-stand Gustaf Hallin, überglücklich mit seinen zwei Zigarren, die er
-erschmuggelt hatte, und wartete auf die Seinen. Wenn er daheim auf
-seiner Stube war, wollte er rauchen! Jetzt wagte er’s nicht. Es waren
-so viele Lehrer um den Weg.</p>
-
-<p>Als alle Gäste fort waren, ging der Professor zufällig noch einmal
-durchs Vorzimmer. Die Korridortür war angelehnt, und durch die Tür
-hörten des Professors geübte Ohren einen verdächtigen Laut, der wie ein
-Kuß klang.</p>
-
-<p>Er blickte hinaus. Im Halbdunkel glaubte er einen Offiziersmantel zu
-sehen, der die Treppe hinunter verschwand. Und zur<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Tür herein kam
-eines der Hausmädchen, rot wie eine Päonie. „Wer ging denn da eben
-fort?“ fragte der Professor und legte die Sicherheitskette vor.</p>
-
-<p>Das Mädchen sah ganz erschrocken aus.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht“, sagte sie stotternd. „Ich glaube, es war der Herr
-Leutnant.“</p>
-
-<p>Der Professor erwiderte nichts und das Mädchen verschwand eilig in der
-Küche.</p>
-
-<p>„Pfui Teufel!“ sagte der Professor vor sich hin. Auf seinem jovialen
-Gesicht spielte ein pfiffiges Lächeln. „Steht die Sache so?“</p>
-
-<p>Und raschen Schrittes ging er in den Salon, um seiner Frau zu helfen,
-die Lichter zu löschen.</p>
-
-<p>Als Adjunkts auf dem Heimweg endlich allein waren, nahm Frau Hallin
-Ernsts Arm und fragte: „Was hast du denn mit dem Bischof gesprochen?“</p>
-
-<p>Ernst Hallin erwachte plötzlich aus seinen Träumen und blickte die
-Mutter lächelnd an.</p>
-
-<p>„Er fragte mich, ob ich einen Grog nehmen wollte“, erwiderte er.</p>
-
-<p>„Ob du einen Grog nehmen wolltest?“ wiederholte sie.</p>
-
-<p>„Ja. Was dachtest du denn sonst, Mama?“</p>
-
-<p>Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">E</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">E</span>rnst Hallin fühlte sich an diesem Abend, als er heimkam, viel zu müde
-zum Denken. Das Gespräch mit Eva Baumann klang in seinen Ohren nach,
-ohne jedoch sein Gehirn zu lebhafterer Tätigkeit zu erwecken, und er
-schlief bald ein und schlief tief und schwer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p>
-
-<p>Als der Adjunkt eben zur Tür hinausging, um nach der Schule zu eilen,
-erwachte Ernst. Eine Weile lag er ganz still und schloß die Augen; er
-wollte wieder einschlafen. Auf der Treppe hörte man knarrende Schritte.
-Dann fiel wieder Schweigen über das dunkle Zimmer.</p>
-
-<p>Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Ein unbestimmtes Unruhegefühl
-quälte ihn; ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als wäre er
-zu einem schweren, qualvollen Tag erwacht. Heute, dachte er im
-Halbschlummer, wartet etwas Schlimmes auf mich. Wenn ich aufwache, wird
-es kommen. Sobald ich ganz wach bin, werd’ ich auch wissen, was es ist.
-Sie werden mich packen und quälen und an mir zerren und mich nicht aus
-ihren Klauen lassen. Ich muß sehen, daß ich so schnell wie möglich
-wieder einschlafe. Man kann gar nicht lang genug schlafen, wenn man zu
-etwas Schlimmem erwachen muß!</p>
-
-<p>Und er schloß die Augen und bohrte den Kopf ins Kissen, um wieder
-einzuschlafen. Aber er konnte nicht; er lag und horchte auf die
-Uhr, die auf dem Nachttisch tickte. Das quälte ihn so, daß er sich
-aufrichtete und sie unters Kopfkissen stopfte, bloß damit er sie nicht
-mehr zu hören brauchte.</p>
-
-<p>Und plötzlich stand der gestrige Tag vor ihm. Der ganze lange,
-unerträgliche Abend. Dann das Gespräch mit Eva Baumann. Er zog die
-Decke über den Kopf und drehte sich nach der Wand, in der Hoffnung, die
-Gedanken würden ihn dann verlassen. Aber sie ließen ihn nicht. Einer
-nach dem andern kamen sie und klopften an und wollten in sein Gehirn,
-um ihn zu beunruhigen und zu quälen. Und alle sagten sie das gleiche:
-daß er ein Esel war, ein dummer, unglaublicher, unverbesserlicher Esel!</p>
-
-<p>Er hatte Eva in den letzten Monaten oft getroffen. Er war ihr begegnet,
-wenn sie von ihren Klavierstunden kam; hatte sie bei Selma drunten
-gesehen. Er war mit ihr und Selma spazieren gegangen, hatte bei Frau
-Pegrelli Besuch gemacht, war zum Abendbrot dort gewesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p>
-
-<p>Die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, seit er Eva entdeckt hatte.
-Er begriff gar nicht, daß er sie früher nicht beachtet hatte. Er
-hatte nie so recht ernsthaft mit ihr geredet, nie über sich selber
-mit ihr gesprochen, nie etwas von ihr gefordert. Er hatte nur neben
-ihr gesessen, war neben ihr hergegangen, hatte über alles mögliche
-Gleichgültige mit ihr geredet. Oder er hatte sie sprechen lassen und
-hatte selber kein Wort gesagt. Aber in ihm war es dabei so ruhig
-geworden, so still, als ob nichts auf der ganzen Welt ihn je mehr aus
-dem Gleichgewicht reißen könnte.</p>
-
-<p>Und doch war er den ganzen Abend bei einer dummen Gesellschaft gewesen
-und hatte kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum begrüßt. Es war
-gradezu eine Kränkung, die er ihr da zugefügt hatte; und wenn er sie
-jetzt wiedersah, würde alles leer und öde und gräßlich zwischen ihnen
-beiden sein. Kein heiteres Lächeln würde ihn begrüßen, wenn er kam,
-kein zutrauliches Nicken, wenn er ging. Und er konnte es nicht einmal
-erklären. Esel, der er war! Er würde auch gewiß keinen Versuch mehr
-machen! Was war da überhaupt zu erklären?</p>
-
-<p>Er sah sie wieder vor sich in dem kleinen Wohnzimmer, wo ihre Tante
-nachmittagelang auf dem Sofa saß und strickte, mit auf die Nase
-gerutschter Brille und unaufhörlich sich bewegenden Lippen, als zähle
-sie immerwährend Maschen. Eva saß auf dem Sofa neben der Tante und
-unterhielt sich mit ihm, der in einem Lehnstuhl auf ihrer andern Seite
-saß. Ihre weichen Handgelenke bewegten sich emsig, während sie häkelte,
-und sie lachte ihn an mit den lebhaften Augen, die aussahen, als hätte
-sie ihr Leben lang keinen Zweifel und kein Kopfzerbrechen gekannt.</p>
-
-<p>Er vermochte nicht länger still zu liegen, sondern stand auf und zog
-sich an. Die ganze Welt war ein einziger großer Wirrwarr! Es graute ihn
-beim Gedanken, daß er hinuntergehen mußte zu den Seinen.</p>
-
-<p>Aber schließlich war er doch fertig. Und auch der Hunger machte sich
-geltend &mdash; er hatte am Abend vorher kaum einen<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Bissen gegessen &mdash;, und
-so ging er hinunter zum Frühstück. Selma saß am Frühstückstisch. Ernst
-bemerkte, daß sie sehr müde aussah, und mehr um seinen eigenen Gedanken
-aus dem Weg zu gehen, als aus dem Drang, sich um andere zu kümmern,
-fragte er: „Was ist mit dir?“</p>
-
-<p>Selma stellte mit einer matten Bewegung das Milchglas weg, ohne zu
-trinken.</p>
-
-<p>„Ich bin so müde!“ antwortete sie.</p>
-
-<p>Es lag in ihrem Ton etwas, das Ernst veranlaßte, die Schwester genauer
-anzusehen. Sie war ein kräftiges, ziemlich großes Mädchen mit reichem
-blondem Haar, derber Gesundheit und frischen, roten Lippen. Nur ihr
-Teint war verräterisch durchsichtig und blaß, und ihre Hände waren fast
-krankhaft weiß.</p>
-
-<p>„Hm!“ sagte Ernst. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Sie sah
-tatsächlich gar nicht gesund aus. Vielleicht lastete auch auf ihr
-etwas, etwas, von dem sie nicht sprechen konnte, nicht der Mutter,
-nicht dem Vater, nicht Bruder oder Freund gegenüber? Ob es wohl ein
-Familienzug bei ihnen war, daß jedes von ihnen sein Leben für sich
-leben und sich vor den andern abschließen mußte?</p>
-
-<p>Keinen Augenblick lang war es Ernst in den Sinn gekommen, daß seine
-Schwester, seine tüchtige, kräftige Schwester, die seit fünf Jahren
-Lehrerin an der Mädchenschule war, und eine so vortreffliche Lehrerin,
-die sich selber ihr Brot verdiente, etwa nicht glücklich sein könne,
-mit sich selber nicht fertig wurde, sondern vielleicht in aller Stille
-träumte &mdash; sich sehnte &mdash; fort &mdash; in eine Welt &mdash; wer weiß, in was für
-eine!</p>
-
-<p>Aber heute hatte sein eigenes kleines Erleben ihn scharfsichtiger
-gemacht. Darum wollte er versuchen, ihr zu helfen.</p>
-
-<p>„Liebe Selma!“ sagte er und strich ihr leise übers Haar. „Was fehlt
-dir?“</p>
-
-<p>Die Schwester blickte vor sich nieder und errötete.</p>
-
-<p>„Glaubst du, es sei besonders nett, so jahraus, jahrein bei<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> den Eltern
-zu leben und kleine Kinder zu unterrichten?“ sagte sie hart. „Du weißt
-ja gar nicht, wie einsam ich bin!“ Ernst war ganz verwundert.</p>
-
-<p>„Einsam?“ sagte er zögernd. „Du hast doch die Eltern. Und mich!“ fügte
-er hinzu.</p>
-
-<p>Er fühlte ganz gut, daß das nicht wahr war, daß sie weder die Eltern
-noch ihn hatte, und daß das auch gar nicht genug gewesen wäre. Aber die
-Worte fuhren ihm heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.</p>
-
-<p>Die Schwester blickte auf. Auf ihrer Stirn lagen Falten, die sie
-plötzlich alt machten.</p>
-
-<p>„Du bist ein Mann!“ sagte sie. „Sei froh. Du kannst deinen eigenen Weg
-gehen. Keiner hindert dich. Aber ich...“</p>
-
-<p>Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in
-heftiges Weinen aus und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Ernst sah ihr nach. Ein plötzlicher Instinkt sagte ihm, daß er hier zum
-Zeugen eines Leides geworden war, dessen Wurzel sehr tief lag; aber er
-wußte doch keine Antwort auf die Frage, was dieser Ausbruch eigentlich
-zu bedeuten habe. Nur ein Gefühl der Reue beschlich ihn, daß er immer
-so achtlos an der Schwester vorübergegangen war. Gewiß hatte er sie
-ja nicht mißachtet, aber es war ihm doch auch nie eingefallen, zu
-versuchen, ihr näher zu kommen.</p>
-
-<p>Voll von Grübeleien und neuen Gedanken ging er auf sein Zimmer. Nach
-dem Mittagessen versuchte er, mit der Schwester zu reden, sie zu
-fragen, weshalb sie geweint hätte. Aber sie sah ganz ruhig aus und
-erwiderte nur, sie wäre eben ein bißchen nervös.</p>
-
-<p>Das konnte Ernst nun wieder nicht verstehen. Er hatte versucht, sich
-der Schwester zu nähern, war zurückgewiesen worden, und seine Gedanken
-nahmen ihren gewöhnlichen Kreislauf um sich selber wieder auf.</p>
-
-<p>Den Vormittag über war er in einer ganz eigentümlichen Stimmung
-gewesen. Der Eindruck vom Ausbruch der Schwester<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> hatte sich mit seiner
-eigenen Melancholie vermischt und die wunderlichsten Gedanken in ihm
-hervorgerufen.</p>
-
-<p>Aber jetzt schlugen diese Gedanken wieder die alte Richtung ein. Mit
-verdoppelter Stärke stand seine Dummheit von gestern wieder vor ihm.
-Ihm war plötzlich, als müsse er um jeden Preis zu Eva und alles mit
-ihr ins Reine bringen. Es war wie eine fixe Idee bei ihm, daß etwas
-da unklar war und ins Reine gebracht werden müßte. Er mußte zu ihr,
-sie sehen, sie sprechen, sich mit ihr versöhnen und fühlen, daß alles
-wieder war, wie vorher. Aber die Mutter durfte nicht sehen, daß er
-ausging. Sonst würde sie ihn fragen, wo er hinginge. Lügen konnte er
-nicht, und sagen, wohin er ginge, wollte er nicht. Wenn er nur an
-den forschenden Blick dachte, den sie auf ihn richten würde, wenn er
-antwortete: Zu Frau Pegrelli! so empfand er schon ein Unbehagen, als
-stünde ihm ein Unglück bevor.</p>
-
-<p>Wie ein Schuljunge schlich er sich die Treppe hinunter und hinaus.</p>
-
-<p>Hastig ging er die vertrauten Straßen entlang und läutete schließlich
-an einer Klingel, die vor einer weißen Tür ohne Schild hing. Ein
-zersprungener Klang kam von der alten Glocke, die drinnen gegen die Tür
-schlug. So stark hatte er am Glockenstrang gerissen.</p>
-
-<p>Er war ganz rot im Gesicht und atmete kurz, als das Mädchen kam und
-öffnete. „Ist Fräulein Baumann zu Hause?“ wollte er fragen, besann sich
-aber und fragte mit erzwungener Ruhe nach „den Damen“.</p>
-
-<p>Frau Pegrelli wäre ausgegangen, aber das Fräulein sei daheim. Ernst
-wäre am liebsten wieder umgekehrt. Es war ja gar nicht anders möglich,
-als daß sie wegen seines unverzeihlichen Betragens am Abend zuvor
-böse auf ihn war, und er hatte ja nichts zu seiner Entschuldigung
-anzuführen, nichts &mdash; außer er bekannte ihr alles... alles, was ihn
-bewegte, alles. Und das konnte er doch nicht. Und darum wär es am<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>
-besten gewesen, er wäre wieder gegangen. Aber das ging auch nicht.</p>
-
-<p>Er hörte sie drinnen Klavier spielen. Ein rettender Gedanke kam ihm.</p>
-
-<p>„Fräulein Baumann ist gewiß beschäftigt?“ sagte er zu dem Mädchen.</p>
-
-<p>„Das glaub’ ich nicht; aber ich kann ja fragen.“</p>
-
-<p>„Bitte, treten Sie doch ein!“ rief da schon eine fröhliche Stimme aus
-dem Wohnzimmer, und als Ernst über die Schwelle trat, stand Fräulein
-Eva mitten im Zimmer und machte ihm einen tiefen Knix.</p>
-
-<p>Ernst war aufs äußerste überrascht. Sie sah so schalkhaft und sicher
-aus, nicht ein bißchen böse, nur froh und heiter. Und schön. So
-unwiderstehlich schön! Und er stand da, unendlich linkisch, und fragte
-bloß: „Sind Sie mir nicht böse?“</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf und lachte, und wieder sah sie dabei so sicher
-aus, als wüßte sie ganz genau Bescheid über ihn.</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Gar kein bißchen?“</p>
-
-<p>„Nein, kein bißchen.“</p>
-
-<p>Eva hatte Ernst während der Zeit ihrer Bekanntschaft verstehen gelernt.
-Sie begriff, daß er auch nicht einen Augenblick lang den Mut haben
-würde, ein entscheidendes Wort in ihrem beiderseitigen Verhältnis
-zu sprechen. Daß sie sich selbst auf eine ganz eigene Art zu dem
-verschlossenen, sonderbaren jungen Theologen hingezogen fühlte,
-darüber war sie sich klar. Er hatte etwas so Impulsives. Einmal war
-er fröhlich wie ein Kind, dann wieder niedergeschlagen und lebensmüde
-wie ein Greis, dem das Leben nichts mehr zu bieten hat. Und sie
-begriff, daß etwas war, was ihn drückte und quälte; wenn man ihm das
-abnehmen könnte, so würde er aufrecht und frei und froh werden, so wie
-damals, als sie ihm von der Brücke herab zugesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> hatte, wie er dran
-arbeitete, mitten im Winter der Frühlingsflut vorwärts zu helfen.</p>
-
-<p>Wäre es nicht vielleicht möglich, daß sie es war, die ihm helfen
-konnte? Es war etwas in ihm, das sie nicht kannte, das er sorgfältig
-vor ihr verbarg, und das reizte ihre Neugier, während sie es zugleich
-als eine Kränkung empfand, daß er, der doch so viele Interessen haben
-mußte, nie ein ernsthaftes Wort mit ihr sprach. Warum tat er das nicht?
-Warum sprach er nie über seine Zukunft? Glaubte er vielleicht, sie sei
-so dumm oder oberflächlich, daß sie an nichts anderes denken könne als
-an Spiel und Tand?</p>
-
-<p>Aber irgend etwas lastete auf ihm. Und ihrer lebhaften Natur, die
-nach Tätigkeit dürstete, schien es, als eröffne sich ihr hier eine
-Möglichkeit.</p>
-
-<p>Da saß er nun und sah sie mit seinen klaren, lichten Augen an, zupfte
-an seinem Bart und lachte vor sich hin aus hellem Behagen. Im Anfang
-hatte sie das verlegen gemacht, dann hatte sie sich daran gewöhnt,
-jetzt reizte es sie. So viel hatte sie jedoch schon gelernt, daß man
-mit Gewalt nichts aus ihm herauskriegte. Versucht hatte sie es schon.
-Aber es war immer mißlungen.</p>
-
-<p>Sie bemühte sich daher, einen möglichst gleichgültigen Ton
-anzuschlagen, während sie fragte: „Übermorgen werden Sie ja predigen?“</p>
-
-<p>Wäre Ernst der raffinierteste Don Juan gewesen, statt des unerfahrenen,
-mit Welt und Frauenherzen unbekannten jungen Mannes, der er war, er
-hätte auf keine geschicktere Art verfallen können, Eva Baumanns Herz
-zu gewinnen, als indem er sich so völlig über sich selbst ausschwieg.
-Im Anfang mochte sie ihn gern seiner Einfachheit halber, wie sie
-es nannte. Aber je mehr seine Persönlichkeit sie zu beschäftigen
-anfing, desto eifriger strebte sie danach, ihm auf den Grund zu
-kommen. Sie wollte wissen, was es war, das ihn zu manchen Stunden so
-geistesab<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>wesend machte und zu andern so fröhlich, als wäre er aus
-einem bösen Traum erwacht. Als sie jetzt ihre Frage vorgebracht hatte,
-war sie ganz ängstlich, was darauf kommen würde. Und sie ward ganz rot
-vor Schreck, als sie sah, was für eine Wirkung es auf Ernst hatte.</p>
-
-<p>Sein froher, sorgloser Gesichtsausdruck verschwand plötzlich, und er
-senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnte, was er dachte.</p>
-
-<p>So saß er lang und schwieg.</p>
-
-<p>So lange schwieg er, daß ihr angst wurde. Es war so still, daß sie ihr
-eigenes Herz hämmern hörte; sie wäre am liebsten davongelaufen, um
-sich allein auszuweinen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, legte
-ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die jeden
-Augenblick in Weinen umschlagen konnte: „Was ist? Warum antworten Sie
-denn nicht? Es ist so schrecklich, wie Sie dasitzen und schweigen!“</p>
-
-<p>Er richtete sich auf und setzte sich im Stuhl zurück. Sein Blick war
-wie erloschen; sein ganzes Gesicht zuckte nervös. „Warum müssen Sie
-auch gerade davon sprechen?“ rief er. „Warum kann ich nicht wenigstens
-bei Ihnen damit verschont sein? Sie sind so gut zu mir gewesen, und ich
-war Ihnen so dankbar! Ich hab’ zu Ihnen kommen und mit Ihnen über alles
-sprechen können, und ich war so froh und war Ihnen so gut! Und jetzt
-ist’s aus. Nie wieder wird es, wie es gewesen ist.“</p>
-
-<p>Sie war verwundert und zugleich ärgerlich.</p>
-
-<p>„Was wollen Sie denn damit sagen: Nie wieder, wie es gewesen ist?
-Weil ich Sie nach Ihrer Predigt gefragt habe? Glauben Sie, ich sei
-eine Puppe, die Sie wegwerfen können, weil sie nicht mehr in dem
-Ton schreit, der Ihnen paßt? Nein, Herr Hallin, da kennen Sie mich
-schlecht.“</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf; aber der gequälte Ausdruck wich nicht aus
-seinem Gesicht.</p>
-
-<p>„Ach, was Sie kindisch sind!“ sagte er. „Macht es Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> so viel Spaß,
-mich zu quälen? Sie sind doch auch vorher mit mir zufrieden gewesen, so
-wie ich war. Kann das nicht auch jetzt so sein?“</p>
-
-<p>Er schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. „Oder
-vielleicht sind Sie gar nicht mit mir zufrieden gewesen?“ fragte er
-dann.</p>
-
-<p>Ihre Neugier oder vielleicht eher ihr Verlangen, sein Geheimnis zu
-ergründen, erwachte aufs neue. Gleichzeitig empfand sie etwas, das sie
-rührte und ängstigte. Wie eine Mutter hätte sie ihn mögen in die Arme
-nehmen, ihn beruhigen, ihm über die Stirn streichen, die feucht von
-Schweiß war.</p>
-
-<p>„Es bedrückt Sie etwas“, sagte sie mit ganz anderer Stimme. „Können Sie
-es mir nicht sagen?“</p>
-
-<p>Er fuhr auf und wurde totenblaß. Seine Hände ballten sich, seine Brust
-keuchte.</p>
-
-<p>„Nein!“ schrie er fast überlaut. „Nein, ich kann nicht. Nicht jetzt.
-Nicht jetzt.“</p>
-
-<p>Sie verstummte und blickte weg. In diesem Augenblick durchflog sie die
-Ahnung, daß sie aus eigenem Antrieb einen Kummer auf sich lud, der ihr
-junges Leben vielleicht zu Boden ziehen würde. Aber es war Genuß in dem
-Gefühl, ein Genuß, dem sie nicht widerstehen konnte. Und eine Lockung.</p>
-
-<p>„Warum?“ sagte sie und blickte ihm grade in die Augen. „Warum?“</p>
-
-<p>Er erfaßte ihre Hände und erwiderte leise und langsam: „Doch, ich
-möchte gern mit Ihnen reden. Aber ich kann nicht.“ Dann ließ er sie
-los und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. „Sie wollen also
-wissen, warum ich nicht mit Ihnen darüber sprechen möchte?“ sagte er
-schließlich. Er blieb ein paar Schritte von ihr stehen und sprach, ohne
-sie dabei anzusehen:</p>
-
-<p>„Nun ja, so will ich es Ihnen sagen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn
-jemand es weiß. Ich wollte, ich wäre weit fort von hier, oder tot, oder
-nie geboren. Wenn ich doch ruhig ein<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>schlafen könnte und nie wieder
-aufwachen! Bloß schlafen, schlafen, ohne daß ein Morgen käme und ein
-neuer Tag! Das möchte ich. Alles lieber, als am Sonntag auf der Kanzel
-stehen und den Leuten etwas vorlügen!“</p>
-
-<p>„Lügen?“</p>
-
-<p>Sie sah ihn voll Spannung an.</p>
-
-<p>„Glauben Sie denn nicht?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht“, antwortete er zögernd. „Manchmal glaube ich und
-manchmal glaube ich nicht. Was weiß ich? Ich habe ja doch nie gelebt.
-Nur gelernt und gelernt und gelernt. Mein Vater schlug mir vor, ich
-solle Geistlicher werden. Ich sah, daß meine Mutter so froh war
-darüber. So entschloß ich mich, Pastor zu werden. Seither habe ich
-wieder gelernt, gelernt, gelernt. Was weiß ich, was ich glaube?“</p>
-
-<p>Sie sah ihn bestimmt und klar an: „Dann dürfen Sie am Sonntag nicht
-predigen.“</p>
-
-<p>„Aber das ist unmöglich. Ich habe es versprochen. Jetzt ist es zu spät.“</p>
-
-<p>Sie wurde immer eifriger.</p>
-
-<p>„Wie können Sie so sprechen?“ rief sie. „Das ist eine Sünde! Sagen Sie,
-daß Ihnen Zweifel gekommen sind, daß Sie Bedenkzeit brauchen. Schaffen
-Sie sich eine Weile Ruhe, und wenn Sie nicht wissen, was Sie glauben
-sollen, so werden Sie eben nicht Geistlicher!“</p>
-
-<p>Er sah sie an und lächelte. Aber sein Lächeln war traurig und freudlos.
-Wie alles so einfach war für sie! Entweder &mdash; oder! Sie wußte nichts
-von Nebenwegen.</p>
-
-<p>„Glauben Sie, das geht so leicht, Fräulein Eva?“ sagte er. „Wollen Sie,
-ich soll zu meinem Vater gehen, der sein ganzes Leben lang Geldsorgen
-gehabt hat, und ihm sagen: ‚Ich muß Bedenkzeit haben. Du mußt noch eine
-Weile für mich sorgen?‘ Hätte er nicht das Recht, mir zu antworten: ‚Du
-hast lang genug Zeit gehabt. Warum hast du dich nicht eher bedacht?‘
-Aber, du<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> lieber Gott, es hat mich ja keiner denken gelehrt! Und wie
-sollte ich zu meiner Mutter gehen, die mich mehr als alles in der Welt
-liebt, und sagen: ‚Ich habe keinen Glauben? Ich will eine Zeitlang Ruhe
-haben, um mir ihn zu verschaffen?‘ Es ist traurig, daß die Armut uns
-manchmal am Rechttun hindert. Aber es läßt sich nicht ändern.“</p>
-
-<p>Er brach plötzlich ab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Es war
-lieb von Ihnen, daß Sie mich zum Sprechen veranlaßt haben,“ sagte er.
-„Ich glaube, es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.“</p>
-
-<p>Sie hielt seine Hand mit ihren beiden Händen fest, und Ernst war
-erstaunt, welch ernster Ausdruck in ihr Gesicht gekommen war. „So
-dürfen Sie nicht gehen“, sagte sie. „Wie können Sie sich durch
-derartige Bedenken bestimmen lassen? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre &mdash;
-ich würde keine Minute zögern. Sie haben sich früher nicht genügend
-bedacht? Ist das ein Grund, daß Sie sich auch jetzt nicht bedenken
-wollen? Das dürfen Sie nicht! Hören Sie, Sie dürfen nicht!“ Er zog
-seine Hand zurück und ging nach der Tür.</p>
-
-<p>„Machen Sie mir meinen Weg nicht schwerer, als er schon ist!“ murmelte
-er.</p>
-
-<p>„Das ist eine Feigheit, was Sie da begehen wollen“, sagte sie plötzlich
-mit zitternden Lippen. „Eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben
-rächen wird!“</p>
-
-<p>Er wandte sich um und sein Ton ward gereizt.</p>
-
-<p>„Mit welchem Recht sprechen Sie so zu mir?“ sagte er. „Und wer hat Sie
-gelehrt, so klar und sicher zu denken? Ihr Vater ist ja ein Pastor, wie
-ich einer sein werde. Wissen Sie so gewiß, was er glaubt oder nicht?“</p>
-
-<p>„Das gehört nicht hierher“, erwiderte sie. „Das Recht, zu reden, haben
-Sie selber mir gegeben. Und wenn Sie wissen wollen, wer mich denken
-gelehrt hat &mdash; Ihre Schwester! Sie ist älter als ich; von ihr hab’ ich
-gelernt, was ich Ihnen eben gesagt habe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<p>Ernst dachte eine Weile schweigend nach. Selma? Wieder Selma? „Glaubt
-sie denn so fest?“ fragte er dann.</p>
-
-<p>„Nein“, erwiderte Eva, und ein Zug von Ironie überflog ihr Gesicht.
-„Sie glaubt nicht. Aber sie ist sich darüber klar.“</p>
-
-<p>„Was sagen Sie da?“</p>
-
-<p>Diese Entdeckung schmetterte ihn fast zu Boden. Er hatte eine
-Schwester, die nicht glaubte! Ganz allein hatte sie sich zu der
-Erkenntnis durchgerungen, vor der er zurückwich. Und diese Schwester
-war ihm eine Fremde. Er hatte sie vernachlässigt, und sie konnte ihm
-jetzt nicht helfen.</p>
-
-<p>Er trat noch einmal auf Eva zu und ergriff wieder ihre Hand. „Leben Sie
-wohl“, sagte er. „Ich muß nach Hause. Denken Sie nicht allzu schlecht
-von mir. Oder tun Sie das?“ fügte er hinzu.</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Nein. Sie sind nur schwach“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Ja“, sagte er still. „Ich bin schwach.“</p>
-
-<p>Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um
-die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte
-raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins
-fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen.
-Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte
-er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den
-Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht
-für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch
-einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach
-Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich
-diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe.
-Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“</p>
-
-<p>Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte
-ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage?</p>
-
-<p>Er wußte es nicht.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">D</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">D</span>er Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der
-Kanzel herab.</p>
-
-<p>Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle
-wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der
-die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten
-ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt
-hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin
-davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit
-sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe
-Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs
-Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach,
-daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über
-die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte,
-da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es
-nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben.</p>
-
-<p>Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt,
-wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der
-Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die
-Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen,
-daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte.</p>
-
-<p>Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an
-seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater,
-den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so
-gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich,
-wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen
-Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam
-die Familie wieder ins<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> rechte Geleise. Die alten Traditionen würden
-wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben
-und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte.
-Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte
-haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren
-nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn
-zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm
-ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal
-mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er
-Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte
-er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten
-alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er
-nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in
-ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben
-können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde
-er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in
-das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein
-Seufzer über sein eigenes Leben.</p>
-
-<p>Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es
-nur verstanden hätte! Nur daran zu denken!</p>
-
-<p>Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und
-scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem
-Sohn dachte.</p>
-
-<p>Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er
-drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über
-das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu
-unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese
-arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß,
-die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand
-seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen.
-Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz
-vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach
-Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig.
-Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren
-eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König,
-die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und
-legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen
-getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang,
-seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen
-hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen
-war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes
-Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott.</p>
-
-<p>Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes
-Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie
-sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber
-sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der
-Bischof und ging in die Sakristei.</p>
-
-<p>Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast
-strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß
-die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz
-unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner
-selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so
-ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und
-seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war
-nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin
-von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit
-sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann,
-hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er
-später von Gottes<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein
-kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat
-hohe Anforderungen &mdash; in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen
-sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich
-weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden,
-sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich,
-daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen!</p>
-
-<p>Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach
-Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt
-gefallen habe.</p>
-
-<p>Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten
-auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem
-freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm
-schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche
-strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie
-konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere
-am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen
-Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen
-der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch
-ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so
-heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten
-ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle
-Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin
-und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen
-Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der
-Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch,
-den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun
-einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen.</p>
-
-<p>Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> sie ihren
-Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem
-religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es
-doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering
-achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch
-nicht reden konnte wie ein Buch.</p>
-
-<p>„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie
-glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute
-gehört haben!“</p>
-
-<p>Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen
-voraus.</p>
-
-<p>Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie
-konnte; aber ihr danken &mdash; das war unmöglich.</p>
-
-<p>„Möchte er seinen Erfolg doch in der rechten Weise aufnehmen!“ sagte
-sie.</p>
-
-<p>Aber ihre Stimmung war gestört; und als sie sich von Professors
-verabschiedet hatte und am Arm ihres Mannes den kurzen Weg nach Hause
-ging, dachte sie mehr an die Schwägerin als an den Sohn. Und sie warf
-sich selber vor, daß sie sich von den kleinen Widerwärtigkeiten des
-Lebens beeinflussen ließ.</p>
-
-<p>Als Ernst Hallin in die Sakristei trat, hatte er zuerst nur ein Gefühl
-der Scham. Er konnte gar nichts anderes denken, als daß alle Menschen
-ihn durchschaut haben müßten, gesehen, was für ein Zweifler er war.
-Und dennoch hatte er nicht gezittert. Klar und deutlich hatte er alles
-ausgesprochen &mdash; all das, was ihm und seinem Leben das Urteil sprach.</p>
-
-<p>Ganz in Gedanken trat er vor den Spiegel. Er betrachtete sein Gesicht,
-und etwas wie Mitleid mit sich selbst überkam ihn. Ein forschender
-Blick kam in seine Augen, als suche er nach irgendeinem Zug, der seine
-geheimen Gedanken verraten könnte. Da öffnete sich die Tür und der
-Bischof trat über die Schwelle. Hoch und gebieterisch, den Rock bis
-an den Hals zugeknöpft, das Käppchen auf dem kahlen Scheitel, stand
-er da und betrach<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>tete den jungen Geistlichen. Etwas Drohendes lag in
-seiner Erscheinung, fand Ernst. Und die Kehle ward ihm ganz trocken vor
-Schreck.</p>
-
-<p>Jetzt kommt das Urteil! dachte er. Und gleichzeitig empfand er eine Art
-dumpfer Ruhe. Es war ihm alles im Grunde so gleichgültig. Mochte denn
-kommen, was kommen wollte.</p>
-
-<p>Er sah auf und begegnete dem Blick des Bischofs.</p>
-
-<p>Der war aber ganz klar und ruhig, und Ernst glaubte sogar Zufriedenheit
-darin zu lesen.</p>
-
-<p>„Ich wollte Ihnen Glück wünschen!“ sagte der Bischof. Und er streckte
-seine Hand aus und schüttelte die des jungen Geistlichen.</p>
-
-<p>„Solche junge Kräfte können wir brauchen &mdash; wir brauchen sie, um den
-Kampf gegen all das Schlimme zu führen, das sich in unserer Zeit regt.“</p>
-
-<p>Es dauerte eine Weile, ehe Ernst Hallin sich von seiner Überraschung
-erholte. Aber nach und nach begriff er doch, daß er sich über die
-Absichten des Bischofs getäuscht hatte. Er begriff, daß er einen Erfolg
-gehabt hatte, daß dieser Tag für ihn ein Tag des Triumphes war, und daß
-der, der ihm das jetzt sagte, der Oberste im ganzen Stift war.</p>
-
-<p>Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast
-gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast
-des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern,
-die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter,
-freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter
-vier Augen.</p>
-
-<p>Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der
-durchdringend auf ihm ruhte.</p>
-
-<p>„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof.
-„Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p>Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern
-aufforderte, Platz zu nehmen.</p>
-
-<p>„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er,
-„die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen
-sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden.
-Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und
-das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man
-muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des
-Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als
-jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das
-ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit
-&mdash; man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche,
-zurückschrecken. Es wäre z.&nbsp;B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit,
-wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde,
-weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher
-fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie
-mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche
-gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es
-ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft
-verleiht.“</p>
-
-<p>Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als
-ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in
-das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der
-Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie
-er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig
-am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen
-erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er
-schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen
-Mißtrauens.</p>
-
-<p>Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Haupt. Und
-der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten
-Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz
-und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und
-bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort &mdash; irgendwohin, wo er
-sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte.</p>
-
-<p>Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut.</p>
-
-<p>„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß
-aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“</p>
-
-<p>„Ich habe immer eine schwache Brust gehabt“, sagte Ernst.</p>
-
-<p>Beide Herren erhoben sich. Der Bischof lächelte freundlich und klopfte
-dem jungen Mann väterlich auf die Schulter.</p>
-
-<p>„Wir müssen irgendeinen ruhigen Platz auf dem Land für Sie ausfindig
-machen. Das wird Ihnen körperlich gut tun &mdash; und auch seelisch“, fügte
-er hinzu.</p>
-
-<p>Ernst versuchte einen Dank hervorzustottern; aber die Worte wollten ihm
-nicht über die Lippen. Der Bischof schüttelte ihm ruhig die Hand und
-ging.</p>
-
-<p>Als Ernst allein war, zog er hastig den Überzieher an und eilte hinaus,
-um heim zu kommen, ehe die Leute aus der Kirche strömten.</p>
-
-<p>In seinem Zimmer setzte er sich ans Fenster und blickte auf den
-Domplatz hinab. Die Glocken fingen an zu läuten, Menschen gingen in
-Scharen, lebhaft plaudernd, unter den hohen Bäumen hin, und auf den
-schmelzenden Schnee schien warm die Sonne.</p>
-
-<p>Lange blickte er auf die Aussicht, die er so wohl kannte. Wie oft hatte
-er diese selben Menschen in ganz derselben Weise so daherkommen und auf
-der Straße um die Ecke verschwinden sehen. Jetzt sprachen die alle von
-ihm. Er zog sich vom Fenster zurück, hinter die Gardine, damit niemand
-ihn sehen sollte. Aber er fuhr fort, hinauszuschauen, als wolle er
-gierig nachzählen, wie viele von seinen Bekannten da wären.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p>
-
-<p>Da sah er Vater und Mutter, die vom Onkel und seiner Frau Abschied
-nahmen und dann unter dem Fenster, wo er stand, vorübergingen. Sie
-blickten suchend herauf. Und Ernst trat hastig ins Zimmer zurück. Er
-hielt den Atem an und lauschte.</p>
-
-<p>Jetzt traten sie unten ins Haus. Es war ganz still; er wußte, daß sie
-ihn suchten.</p>
-
-<p>Zuletzt hörte er des Vaters Stimme auf der Treppe: „Bist du droben?“</p>
-
-<p>Und dann Schritte, die sich näherten.</p>
-
-<p>Die Tür ging auf und die Eltern traten ein. Beider Gesichter strahlten;
-der Mutter sah man es an, daß sie geweint hatte.</p>
-
-<p>„Warum bist du denn hier?“ fragte sie. „Allein, wie gewöhnlich. Wir
-haben drunten überall nach dir gesucht.“</p>
-
-<p>Sie umarmte ihn, während ihr die Tränen aus den Augen strömten.</p>
-
-<p>„Laß mich dich ansehen“, sagte sie. „Ich kann es noch gar nicht fassen!“</p>
-
-<p>Nach ihr kam die Reihe an den Vater.</p>
-
-<p>„Du hast deinen Eltern eine große Freude gemacht, mein Junge. Gott
-segne dich!“</p>
-
-<p>Und die Hand, mit der er die des Sohnes drückte, zitterte.</p>
-
-<p>Ernst fühlte sich ganz unbeschreiblich glücklich. Fast kamen ihm
-Zweifel, ob er auch an dies Glück glauben dürfe. Aber vor allem
-brauchte er Ruhe, er mußte wenigstens ein paar Augenblicke ungestörte
-Ruhe haben. Die Freude der Eltern machte ihn seiner selbst so sicher.</p>
-
-<p>Als die erste Erregung sich etwas gelegt hatte, fragte die Mutter:
-„Nun, und was hat der Bischof gesagt?“</p>
-
-<p>„Der Bischof war sehr zufrieden“, erwiderte Ernst.</p>
-
-<p>Und der Adjunkt seufzte erleichtert auf.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">P</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">P</span>rofessor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten
-Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu
-entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn
-denn doch den Abschied zu geben.</p>
-
-<p>Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu
-seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich
-wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte,
-den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl
-gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer
-Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht
-und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor
-zweifellos geantwortet haben: „Lieber Schatz, warum soll man das
-Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor
-und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach’ um
-Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als
-eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber
-lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!“
-Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die
-Geschichte in Gammelby herausfordern würde.</p>
-
-<p>Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter
-auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen
-widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges,
-vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es
-wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte.
-Und schließlich &mdash; er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen
-Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant
-zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span></p>
-
-<p>So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung
-mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese
-Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne
-daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können;
-und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen
-Haus ein und aus. Es war seltsam &mdash; sooft der Professor von der Sache
-anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte
-schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser
-heiklen Geschichte machen würde.</p>
-
-<p>Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem
-Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die
-aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte.
-Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht
-Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am
-Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen
-Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.</p>
-
-<p>Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.</p>
-
-<p>„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“</p>
-
-<p>Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und
-verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle,
-die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants
-als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr
-Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und
-schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging.
-Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.</p>
-
-<p>Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen
-blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte
-eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese
-Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Pro<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>fessor ganz plötzlich aufstand
-und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen
-ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den
-Arm.</p>
-
-<p>„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich
-heut’ mit dir sprechen muß.“</p>
-
-<p>Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.</p>
-
-<p>„Gott, Abel, was ist denn?“</p>
-
-<p>„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme
-Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles
-gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“</p>
-
-<p>Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm
-und faltete nervös die Hände.</p>
-
-<p>„Was ist es, Abel?“ fragte sie. „Quäl mich nicht länger. Du jagst mir
-einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag’ mir doch
-um Gottes willen, was es ist.“</p>
-
-<p>Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah
-ungeheuer ernsthaft aus.</p>
-
-<p>„Es betrifft unsere Kinder, Aurora“, sagte er.</p>
-
-<p>„So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos
-bist!“</p>
-
-<p>„Tja“, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache
-los. „Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle
-muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh’ ich keinen andern Ausweg.“</p>
-
-<p>„Sie muß mit dem Leutnant brechen?“</p>
-
-<p>Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle
-sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck
-keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie
-immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen
-und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze
-hervor, die so<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber
-immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt
-geschaffen war. Aber auf den Professor hatte das leider keine Wirkung.
-Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche
-keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten.</p>
-
-<p>„Wein’ doch nicht, Aurora,“ sagte er gereizt, „sondern hör’ auf das,
-was ich sage.“</p>
-
-<p>„Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel... Und
-was soll dann aus Gabrielle werden?... Mein Kind... unser Kind... Sie
-überlebt es nicht... und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen...“</p>
-
-<p>Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so
-bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte.</p>
-
-<p>Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich
-müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt
-wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte.</p>
-
-<p>Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig:</p>
-
-<p>„Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie
-er das Zimmermädchen küßte.“</p>
-
-<p>Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem
-Male gänzlich verrauscht.</p>
-
-<p>„Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel“, sagte sie
-giftig.</p>
-
-<p>„Aha, nun kommt’s!“ dachte der Professor.</p>
-
-<p>Laut sagte er: „Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem
-Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.“</p>
-
-<p>„Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der
-Hochzeit wartete. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt? Hab’ ich’s nicht
-immer gesagt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>„Was hast du gesagt?“</p>
-
-<p>Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft.</p>
-
-<p>„Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du
-kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich
-wohl. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt, &mdash; die Sophie ist eine
-gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab’ ich’s nicht
-gesagt?“</p>
-
-<p>„Doch, Schatz“, sagte der Professor sanftmütig. „Das hast du freilich.
-Aber was hat das damit zu schaffen?“</p>
-
-<p>„Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh’ dich nicht, Abel! Was es
-damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese
-ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst
-du das denn nicht?“</p>
-
-<p>Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies
-deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da
-der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine
-Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er
-sich damit, zu erwidern: „Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal
-geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was
-wir in der Sache am besten tun!“</p>
-
-<p>Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das
-Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände.</p>
-
-<p>„Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke
-an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört
-haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich
-dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da
-sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz
-stoßen. Das bedenk doch, Abel!“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte der Professor, „das verlange ich auch gar nicht. Aber
-sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem
-Verderben in die Arme wirft.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span></p>
-
-<p>Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf
-und begann wieder, sich hin und her zu wiegen.</p>
-
-<p>„Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!“</p>
-
-<p>Jetzt kam die Reihe, den Überlegenen zu spielen, an den Professor.</p>
-
-<p>„Ich“, sagte er. „Ich hab’ es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen
-und die ganze Geschichte eingefädelt?“</p>
-
-<p>Das hätte der Professor nicht sagen sollen.</p>
-
-<p>Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte
-die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte,
-sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. „Ich, meinst du wohl?“
-sagte sie. „Kannst du ehrlich sagen, ich sei’s gewesen? Abel! Gott
-ist mein Zeuge &mdash; nie hab’ ich was anderes gewollt, als meiner Kinder
-Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch
-behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!“</p>
-
-<p>Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas
-profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld.</p>
-
-<p>„Herrgott!“ sagte er. „Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir
-reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?“</p>
-
-<p>Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines
-Opferlammes an.</p>
-
-<p>„Was willst du denn, das ich tun soll?“ fragte sie. „Du weißt doch,
-ich gehorche dir in allem, soweit ich’s vor Gott und meinem Gewissen
-verantworten kann.“</p>
-
-<p>„Also“, sagte der Professor, „dann geh hinein zu Gabrielle und sprich
-mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann
-auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!“ schloß er voller List.</p>
-
-<p>Dies letzte Argument bewegte die Professorin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p>
-
-<p>„Ich werd’s schon tun, Abel“, sagte sie. „Aber &mdash;“ und sie ballte
-erbost die Hände &mdash; „diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!“</p>
-
-<p>„Meinethalben“, sagte der Professor. „Nur daß der Skandal nicht ärger
-wird, als notwendig ist!“</p>
-
-<p>Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem
-Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages
-leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte
-nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten,
-längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der
-Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine
-Zigarre an.</p>
-
-<p>Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein
-Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der
-unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen,
-daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte.
-Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet
-zurückgeschickt.</p>
-
-<p>Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten
-und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden.</p>
-
-<p>Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber
-das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller
-Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die
-Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen
-ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in
-Vergessenheit geraten konnte.</p>
-
-<p>Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte
-vor allen &mdash; bei Tisch &mdash; mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere
-behaupteten, es wären... Umstände ...... die ihre Entfernung dringend
-forderten. Alle<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> aber waren darin einig, die Professorin wäre eine
-prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt,
-ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle.
-Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit,
-die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und
-gefunden habe.</p>
-
-<p>Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen
-Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig
-„weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht
-sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte
-über die ganze Geschichte bloß gelacht.</p>
-
-<p>Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es
-kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">E</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">E</span>s war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von
-Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit
-zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein
-Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von
-Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte.</p>
-
-<p>Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für
-einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst
-zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können.
-Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte
-nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei
-dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte,<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> daß er
-es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte
-alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst
-unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die
-Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen
-Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau
-Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß
-damit in Zusammenhang.</p>
-
-<p>Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur
-gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war
-er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht
-angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen.</p>
-
-<p>Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der
-Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in
-ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte,
-schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben,
-wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es
-nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die
-Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen
-wird“.</p>
-
-<p>Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte,
-ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern
-ein Echo fand.</p>
-
-<p>Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt,
-wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den
-Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit,
-daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst.</p>
-
-<p>So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu
-denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit
-im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er
-sehnte sich danach, endlich wegzu<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>kommen von allem, von der Stadt, der
-Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo
-man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken.</p>
-
-<p>Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas
-Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und
-wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte
-auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist
-gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger
-gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft
-und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee
-geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau
-gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen,
-Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den
-Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und
-die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft
-und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war
-gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen
-und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war
-seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in
-ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche
-zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den
-Platz vor der Kirche.</p>
-
-<p>Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem
-steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte
-er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen
-und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er
-holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und
-Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie
-ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung
-und Befreiung.</p>
-
-<p>Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und
-erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen
-tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun
-einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung,
-vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand
-und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen.
-Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem
-andern gemein hatte.</p>
-
-<p>Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie
-ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten
-sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben,
-das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war.</p>
-
-<p>Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und
-lehnte sich in den Wagen zurück.</p>
-
-<p>Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der
-Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust
-dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm
-Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser
-Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens,
-die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen,
-die Gegend, durch die sie fuhren &mdash; alles gab ihm ein großes, fast
-unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen.
-Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er
-genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen.</p>
-
-<p>Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und
-gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal
-hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen,
-mit dem Propst<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um
-das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu
-kosten bekam.</p>
-
-<p>Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte
-es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt
-immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor
-etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen
-Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der
-eine nichts von der Gegenwart des andern.</p>
-
-<p>„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt
-schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu
-bringen.</p>
-
-<p>„Ja, die Birken haben schon große Knospen“, antwortete Ernst.</p>
-
-<p>Die Fahrt ging in gemütlichem Tempo. Es waren des Propstes eigene
-Kutsche und des Propstes eigene Pferde, mit denen sie fuhren, und die
-Pferde waren nicht gewöhnt, sich zu überanstrengen. Fett und glänzend
-und braun standen sie winters und sommers in ihrem Stall und fraßen
-ihren Hafer und ihr Heu. Mußten sie einmal eine Meile oder zwei laufen,
-so ging der Propst immer erst selber in den Stall hinunter und fragte
-Johann, ob sie in der letzten Zeit viel hätten laufen müssen, und wenn
-Johann grade bei guter Laune war, so antwortete er: „Nein, sie können’s
-schon leisten“. War er aber aus irgend einem Anlaß schlechter Laune,
-so machte er alle nur möglichen Einwendungen. Entweder mußte das eine
-Pferd frisch beschlagen oder der Wagen geschmiert werden, oder auch
-hatte er einen ganzen Tag lang Wasser geführt und die Pferde mußten
-rasten. Dann mußte der Propst parlamentieren und Johann gut zureden.
-Denn Johann war schon lang auf dem Hof und hatte seinen eigenen Kopf.
-Und in dieser Sache hatte er fast ebensoviel zu bestimmen, als der
-Propst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span></p>
-
-<p>Diese Fahrt hauptsächlich war ihm ein Dorn im Auge. Der Propst hatte
-nämlich angedeutet, er müsse am Sonntagabend wieder nach der Stadt
-zurückfahren. Und Johann fand, das wären allzu große Umstände wegen
-eines armen Vikars. Von so einem machte man doch sonst kein so großes
-Wesen, meinte er. Der Propst hatte ihm ja freilich erklärt, der Vater
-des jungen Pastors sei ein alter Freund von ihm, und er besuche ihn
-nur auf seinen, des Propstes, ausdrücklichen Wunsch. Aber Johann hatte
-diese Erklärung nicht gelten lassen. Er glaubte steif und fest, es
-wäre nichts als eine Laune des neuen Vikars. Und darum fuhr er den
-ganzen Weg in möglichst sachtem Tempo und ließ die Pferde jede kleinste
-Steigung Schritt gehen. Als sie eine Meile gefahren waren, hielt Johann
-mitten in einem Wald an und fütterte die Pferde.</p>
-
-<p>„Es ist zuviel für sie, wenn sie zwei Tage hintereinander vier Meilen
-machen müssen!“ sagte er.</p>
-
-<p>Der Weg führte jetzt durch Waldgegend. Von den Tannen kam ein frischer
-Duft und die Sonne schien warm auf das feuchte Moos unter den Bäumen.</p>
-
-<p>Plötzlich brach Ernst das Schweigen.</p>
-
-<p>„Bist du hier schon einmal gewesen, Papa?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Nein“, sagte der Adjunkt. „Aber ich habe dir ja gesagt, daß du nicht
-zu Fremden kommst. Vor zeiten saß ein Bruder meines Großvaters hier
-als Propst bis zu seinem Tod.“ Ernst seufzte. Es irritierte ihn stets,
-wenn der Gymnasiallehrer von der Familie sprach, dieser entsetzlichen
-Familie, der er zum Opfer gebracht wurde. Und eine unerklärliche Angst
-bemächtigte sich seiner.</p>
-
-<p>„Ist es noch weit?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock.</p>
-
-<p>Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige
-Minuten! Wenn sie vorüber waren, so<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> würden sie dort sein. Er erinnerte
-sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle
-hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem
-Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er
-fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei.
-Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm.</p>
-
-<p>„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen
-seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater.</p>
-
-<p>Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der
-Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot
-angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen.
-Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht
-und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten
-sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas
-schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in
-Sollösa!“</p>
-
-<p>Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt
-die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes
-Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei.</p>
-
-<p>„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“</p>
-
-<p>Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging
-den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung
-nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem
-kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch
-größer.</p>
-
-<p>„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten
-Sie doch ein!“</p>
-
-<p>Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte.</p>
-
-<p>Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus,<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> eine Stille, die
-aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen
-Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete.
-Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen
-Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen
-rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die
-fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie
-schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten
-Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von
-Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo
-im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der
-alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im
-Stall standen.</p>
-
-<p>Bis zum Viehstall hin breitete sich die Stille. Die Kuhmagd sang
-nicht, wenn sie melkte, sie schrie nicht durch den Wald, wenn sie die
-Kühe zusammentrieb, sondern diese kamen ganz von selber, fromm und
-sittig, stellten sich am Gatter auf und ließen geduldig ihre vollen
-Euter in den dampfenden Kübel leeren. Still standen sie auch im Stall,
-wedelten in einförmigem Takt mit den Schwänzen, kauten melancholisch
-das trockene Heu oder lagen wiederkäuend da und starrten mit großen
-glänzenden Augen nachdenklich die Holzbalken der Decke an. Sogar der
-Stier schien sich das Brüllen abgewöhnt zu haben, und wenn ab und zu
-ein Hahn krähte, so klang das so störend schrill in die allgemeine
-Stille hinein, daß die Propstin von ihrem Stuhl im Wohnzimmer, wo sie
-saß und häkelte, auffuhr und sich die Ohren zuhielt.</p>
-
-<p>Ebenso still ging es draußen auf Feld und Wiese zu. Die Knechte schrien
-die Ochsen, die am Pflug gingen, nicht an, und ein Fluch wäre hier
-ebenso undenkbar gewesen wie ein Mord. Schweigsam und ruhig zogen sie
-an den Zügeln, oder gebrauchten ärgerlich und wortlos die Peitsche; und
-die ge<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>duldigen Tiere beugten den Nacken unter dem Joch und zogen den
-Pflug durch die langen graden Furchen oder die Holzfuhre vom Wald heim
-oder die Heuwagen vor die Tür der großen, geräumigen Scheuer.</p>
-
-<p>Denn dies Haus war ein heiliges Haus, und die darinnen wohnten, waren
-Diener des Herrn. Es lag keinerlei Heuchelei in ihrer Frömmigkeit; sie
-hatte nur dem ganzen Pastorat ein Gepräge aufgedrückt, als wären das
-Haus und seine Bewohner nicht von dieser Welt; und wenn die Bauern
-etwas mit dem Propst zu reden hatten und durch das grüne Gatter traten,
-so gingen sie immer mit sachten, zögernden Schritten über den Hof, und
-mancher gebeugte, grauhaarige Alte zog auf der Treppe die schweren
-Schuhe aus, eh er es wagte, vor die weiß angestrichene Türe zu treten,
-die sich so still in ihren wohlgeölten Angeln drehte.</p>
-
-<p>Im Wohnzimmer mit seinen weißen Läufern, überzogenen Möbeln und halb
-herabgelassenen Gardinen saßen jetzt Ernst Hallin und sein Vater mit
-dem Propst, während die Propstin in der Küche ihre Befehle gab. Die
-drei Herren warteten auf das Mittagessen; sie schwiegen so lang,
-daß man das Ticken der alten Standuhr zählen konnte, die auf der
-Marmorplatte vor dem hohen Wandspiegel stand.</p>
-
-<p>„Ja, es ist still und ruhig hier“, sagte der Propst endlich. „Aber der
-Friede des Herrn wohnt bei uns.“</p>
-
-<p>Kaum ein Geräusch war im ganzen Haus vernehmbar. Durch die geschlossene
-Eßzimmertür drang nur ein undeutliches Klappern von Tellern, die leise
-aufeinander gestellt, und von Silber, das auf das Tischtuch gelegt
-wurde.</p>
-
-<p>Der Propst hustete; denn keiner von den Herren antwortete.</p>
-
-<p>„Hier wohnt der Friede des Herrn!“ sagte er ein zweites Mal. Der
-Adjunkt beeilte sich, die Worte durch ein Kopfnicken zu bekräftigen;
-Ernst hob die Gardine ein wenig und sah auf den Hof hinaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p>Vier Hunde lagen da und wärmten sich in der Sonne. Es waren zwei
-Hühnerhunde und zwei kolossale Hofhunde, von jeder Sorte ein Paar.</p>
-
-<p>„Ja, die bewachen das Haus“, sagte der Propst und hustete. „Es ist nur
-schwer, ihnen das Bellen abzugewöhnen.“</p>
-
-<p>„So“, sagte Ernst und fuhr fort, hinauszusehen. Der Adjunkt und der
-Propst fingen eine Unterhaltung über die letzten Veränderungen im Stift
-an.</p>
-
-<p>Ernst beobachtete inzwischen, wie der Hühnerhund dalag und die große
-Hündin anblinzelte. Aber er wagte sich augenscheinlich nicht an sie,
-weil er vor dem großen Hofhund Angst hatte.</p>
-
-<p>Die große Hündin blinzelte zurück; zuletzt erhob sie sich, gähnte
-laut auf, streckte sich und verschwand gemächlich hinter dem einen
-Nebengebäude.</p>
-
-<p>Jetzt erhob sich auch der Hühnerhund, warf einen forschenden Blick
-auf den anscheinend schlafenden Hofhund, gähnte, streckte sich und
-verschwand ebenfalls hinter demselben Nebengebäude, aber in der
-entgegengesetzten Richtung.</p>
-
-<p>Die verlassene Hühnerhündin und der große Hofhund lagen jetzt einsam
-auf dem sandigen Hofplatz.</p>
-
-<p>Der Hofhund hob langsam den Kopf und blickte sich um. Er knurrte, das
-Fell sträubte sich auf dem kraftvollen Rücken, und mit majestätischen
-Schritten verschwand auch er hinter dem Nebengebäude, auf derselben
-Seite wie die Hündin.</p>
-
-<p>Mit einer gewissen Spannung wartete Ernst auf den Tumult, der jetzt
-gleich die quälende Stille unterbrechen mußte.</p>
-
-<p>Aber es entstand kein Tumult. Der Hühnerhund und die große Hündin kamen
-mit hängenden Ohren jedes von seiner Seite des Nebengebäudes und legten
-sich auf ihre alten Plätze in den Sand, gähnten und blinzelten ins
-Leere, als hätten sie nie andere als die allerunschuldigsten Absichten
-von der Welt gehabt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p>
-
-<p>Zuletzt kam auch der große Hofhund wieder, einsam und majestätisch, und
-legte sich auf seinen Platz vor der Treppe. Einmal noch hob er den Kopf
-und knurrte den Hühnerhund an. Dann glättete sich das Fell auf seinem
-Rücken, der Kopf sank zwischen die gewaltigen Vordertatzen und die
-Augen schlossen sich.</p>
-
-<p>Ernst unterdrückte ein Lachen.</p>
-
-<p>„Beißen sie sich nie?“ fragte er und errötete selbst über seine
-kindische Frage.</p>
-
-<p>„Nein“, erwiderte der Propst und schüttelte den Kopf. „Die beißen sich
-nie.“</p>
-
-<p>Wieder hörte man das gleichmäßige Ticken der Uhr durch die Stille.
-Von der Eßzimmertür zum Fenster lief ein langer Streifen von
-Staubwirbelchen, die in allen Regenbogenfarben spielten.</p>
-
-<p>Nun öffnete sich leise die Tür; ein Dienstmädchen in schlichter
-Kleidung mit glattgestrichenem Haar verkündete, das Essen wäre bereit.</p>
-
-<p>Im Speisezimmer wartete die Propstin und bat die Herren, vorlieb
-zu nehmen. Neben ihr stand eine kleine, dicke Blondine mit blauen
-schläfrigen Augen und zartem Teint, die sie als „meine Tochter“
-vorstellte. Sie sprach während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aß aber
-von allen Gerichten; und wenn die andern sich unterhielten, faltete sie
-die kleinen fetten Hände im Schoß, starrte die Wand an oder senkte den
-Kopf, daß, wo das schwarze Kleid sich um den weichen Hals schloß, eine
-kleine Speckfalte entstand.</p>
-
-<p>Der Propst ging zu ihr hin und strich ihr übers Haar.</p>
-
-<p>„Was hast du gemacht heut, Amelie?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ich habe meine neuen Taschentücher gesäumt“, antwortete Amelie und
-warf von der Seite her einen Blick auf die Gäste.</p>
-
-<p>„Das ist recht, mein Kind“, sagte der Propst. „Es ist des Herrn Wille,
-daß wir arbeiten sollen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<p>Der Propst schenkte die Schnapsgläschen voll und die Mahlzeit nahm
-ihren Anfang.</p>
-
-<p>Gottes Gaben waren reichlich vorhanden, vier volle Gerichte und ein
-reicher Butterbrottisch. Es gab zweierlei Wein, Rotwein und Sherry. Und
-zum Fleisch trank man Bier.</p>
-
-<p>Man aß viel und redete wenig. Teller wurden gebracht und wieder
-abgenommen, Platten umhergereicht, Wein und Bier ward eingeschenkt.
-Still und vorsichtig bewegte sich das Mädchen mit dem glattgekämmten
-Haar und dem schlichten Kleid um den Tisch. Niemand lachte oder stieß
-mit seinem Nachbar an. Jeder trank sein Glas aus und aß seinen Teller
-ab, ohne dem andern auch nur einen Gedanken zu schenken. Ab und zu
-ward die Stimme des Propstes oder der Propstin laut, die die Gäste
-aufforderten, doch mehr zu essen.</p>
-
-<p>Nach dem Essen verschwand der Propst auf ein Weilchen, und die Gäste
-blieben mit den Damen allein, bis der Kaffee serviert wurde.</p>
-
-<p>„Samuel ist so an sein Mittagsschläfchen gewöhnt!“ sagte die Propstin
-entschuldigend. „Er sagt, es sei nötig zur Verdauung.“</p>
-
-<p>Der Abend schleppte sich langsam und einförmig hin. Die Herren gingen
-mit dem Propst auf sein Zimmer, um eine Zigarre zu rauchen. Später
-mußte Amelie singen. „Amelie singt wirklich reizend“, sagte die
-Propstin. Sie sang Heines leidenschaftliche Lieder in der Schumannschen
-Musik, und sang sie vollständig ausdruckslos und rein, ohne zu wissen,
-was sie sang. Der Propst und die Propstin hörten andächtig zu. Der
-Propst hatte die Hände gefaltet.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Im wunderschönen Monat Mai.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Ach ja, Musik ist eine herrliche Gabe Gottes!“</p>
-
-<p>Nachdem man zu Abend gegessen hatte, versammelten sich alle
-Hausbewohner in dem großen Speisezimmer. Dort waren<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> Stühle aufgestellt
-und Amelie ging von einem zum andern und teilte Choralbücher aus. Die
-Propstin brachte ihrem Mann, der im Schaukelstuhl saß, ein paar alte
-Bücher; und er hustete und las seinen Leuten aus der Bibel vor. Dann
-betete er, Gott möge das ganze Land schützen, insbesondere das Pastorat
-zu Sollösa. Die ruhigen Knechte und Mägde hielten die Hände vors
-Gesicht, während der Propst das Vaterunser und den Segen sprach.</p>
-
-<p>Eine Stunde später schlief das ganze Haus. Stiller als vorher konnte es
-kaum sein. Nur der Hofhund und seine Hündin wachten mit einem Auge je
-an einer Seite der Treppe.</p>
-
-<p>Dem Adjunkten Hallin und seinem Sohn war ein Gastzimmer im ersten Stock
-angewiesen worden. Zwei hochaufgebauschte Betten standen da mit weichen
-Polstern und Federkissen.</p>
-
-<p>Und in Ernst erwachte eine Erinnerung. Er gedachte seiner
-Studentenjahre in Upsala, der guten Jahre bei Fräulein Lund. Als er
-einschlummerte, hatte er eine leise Empfindung von Lavendelduft.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>ls Ernst aufwachte, war es schon acht Uhr. Hastig sprang er aus dem
-Bett, um den Vater zu wecken. Die weichen Kissen und Decken hatte sie
-beide wie mit einem Nebel von Stille und Schlaflust umhüllt, daß sie
-zehn volle Stunden geschlafen hatten. Das Hausmädchen war so still
-durchs Zimmer gegangen, daß sie die Schläfer nicht geweckt hatte.
-Aber in den Flaschen war frisches Wasser, die Kleider lagen schmuck
-und ordentlich ausgebürstet auf den Stühlen, die Schuhe standen blank
-gewichst davor, und im Ofen verglomm die letzte Glut des Holzfeuers
-hinter dem Eisengitter, das geräuschlos zur Vorsicht vorgesetzt worden
-war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-<p>Als sie ins Wohnzimmer kamen, mußten sie eine gute Weile warten, eh
-jemand von den Wirten sich zeigte. Im Eßzimmer sahen sie das stille
-Mädchen mit dem schlichten Kleid und dem glattgekämmten Haar den Tisch
-decken.</p>
-
-<p>Der erste, der erschien, war der Propst. Der kleine Mann sah ganz
-unerhört feierlich aus. Die Bäffchen saßen steif über dem halb
-zugeknöpften Rock und machten sein fettes Gesicht noch fetter. Sein
-Mund sah ganz absonderlich aus, gespitzt wie eine Tüte, und die Augen
-blinzelten feucht und schräg unter den dichten Augenbrauen hervor.</p>
-
-<p>Er hustete und ging auf seine Gäste zu.</p>
-
-<p>„Ein köstliches Wetter hat der Herr uns heute geschenkt!“ sagte er.</p>
-
-<p>Die drei Herren setzten sich. Wie gewohnheitsmäßig nahmen sie ihre
-alten Plätze ein, Ernst saß am Fenster und blickte hinaus auf den Hof,
-wo die Hunde lagen und sich sonnten, die Hühnerhunde an der großen
-Treppe, die Hofhunde vor der Treppe, die zum Nebengebäude führte.</p>
-
-<p>Jetzt kam die Propstin. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine goldene
-Brosche und hatte, wie der Propst, rote Augen. Sie erzählte, Amelie
-wäre noch nicht ganz fertig. Die arme Amelie! Sie hatte solche Angst,
-zu spät zur Kirche zu kommen!</p>
-
-<p>„Wir haben alle ein bißchen zu lang geschlafen!“ fügte sie hinzu.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte der Propst und hustete; „es ist Sabbat heute, der Ruhetag
-des Herrn!“</p>
-
-<p>Langsam setzten sich alle um den Tisch, und das glattgekämmte Mädchen
-servierte still große Platten mit gebratenem Schinken, Beefsteak und
-Eiern.</p>
-
-<p>Es war heute womöglich noch stiller als sonst im Pastorat. Kein Laut
-war zuhören im ganzen Haus; nur Löffel, Messer und Gabeln schienen
-in Bewegung zu sein. Aber auch sie wurden ängstlich gehandhabt, und
-wenn jemand ein Wort<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> äußerte, so geschah es mit einer Stimme, die um
-Entschuldigung zu bitten schien: „Darf ich um das Salz bitten?“ „Ein
-bißchen Brot, wenn ich bitten darf!“ klang es halblaut. Ab und zu
-erklang die Stimme der Propstin, die den Gästen zusprach, doch mehr zu
-essen.</p>
-
-<p>Nach dem Frühstück gingen alle in die Kirche, die jenseits der Straße
-lag.</p>
-
-<p>Es war eine niedrige, altmodische Kirche, ohne Turm. Der Adjunkt und
-Ernst hatten sie nicht einmal bemerkt, als sie am Tag vorher daran
-vorbeigefahren waren. Sie lag ein bißchen abseits von der Straße auf
-einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer hohen steinernen Mauer; daneben
-stand ein rot angestrichenes baufälliges Glockenhaus, von dem gerade
-der Klang der alten Glocken über die Häupter der versammelten Gemeinde
-hinklang.</p>
-
-<p>Keinerlei Geräusch auf dem Platz vor der Kirche, trotzdem eine Menge
-Menschen da waren. Auf der einen Seite standen die Männer, auf der
-andern die Frauen. Die jungen Mädchen standen bei den Frauen, die
-Burschen bei den Männern. Kein Getändel, kein Geliebäugel zwischen
-Burschen und Mädchen; alle, die vor der Kirche standen, alt und jung,
-waren ganz still und unterhielten sich nur im Flüsterton, während sie
-auf den Propst warteten.</p>
-
-<p>Der dämpfende und beruhigende Geist des Pastorats hatte sich noch bis
-über die Landstraße hinaus erstreckt, weit über die Anhöhe, auf der
-die Kirche lag und wo das rote Glockenhaus einsam seine Glocken ins
-schweigende Land hinausrufen ließ.</p>
-
-<p>Es gab viele „Erweckte“ in der Gemeinde Sollösa. Stille, schweigsame
-Menschen, die den Frieden liebten und die Welt fürchteten, Menschen
-nach dem Herzen des Propstes, die seine Gattertore nicht zuschlugen und
-auf dem Kirchplatz nicht lärmten. Menschen, die nach Sollösa paßten.
-Heute füllten sie den Platz vor der Kirche und den ganzen Kirchhof. Um
-sie her<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> spielte die laue Frühlingsluft, hoch über ihnen trillerten
-die Lerchen im klaren Sonnenlicht. Die Birken auf dem Kirchhof trugen
-schwellende, drängende Knospen, und in den Beeten des Pastoratsgartens
-standen Aurikeln und Perlhyazinthen schon fast in Blüte.</p>
-
-<p>Der Propst, die Propstin und ihre Gäste kamen durch den Kirchhof
-herauf. Sie gingen durch das offene Gittertor die verwitterten
-Steinstufen hinan; und vor ihnen her ging ein Flüstern, das plötzlich
-jedes Gespräch verstummen machte. Ein breiter Weg bildete sich ganz von
-selbst vor ihnen bis zur Kirche, und ruhig wanderten die Herrschaften
-der Kirche zu. Die Frauen und Mädchen knixten, die Männer nahmen die
-Hüte ab. Aber nicht ein Wort ward gesprochen, nur freundliches Nicken
-und Lächeln flog hin und wieder. Als die Herrschaften durch die niedere
-Kirchentür verschwunden waren, setzte sich die ganze Menschenmenge
-in Bewegung. Ohne Lärm, ohne Gedränge füllte sie die Kirchenstühle,
-die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der andern, und still
-und lautlos schloß sich hinter ihnen die breite Tür, während von der
-geschnitzten Empore über dem Eingang die Orgel ertönte. Als der Choral
-gesungen war, stand der Propst vor dem Altar und betete mit zitternder,
-hustender Stimme:</p>
-
-<p>„Heilig! heilig! heilig!“</p>
-
-<p>Und die Gemeinde von Sollösa beugte das Haupt und lauschte
-andachtsvoll. Denn sie glaubte an ihren Propst und war stolz auf ihn.</p>
-
-<p>Der Propst genoß nämlich unter den Kindern Gottes eines hohen Rufes. Er
-hatte ihn nicht immer gehabt. Und es war nur ein kleines Ereignis, das
-ihm die Gnadengabe verlieh, daß die Menschen an ihn glaubten.</p>
-
-<p>Ehe er als Propst nach Sollösa kam, predigte er einmal während eines
-Gewitters. Und während er auf der Kanzel stand und das Gebet für die
-Verstorbenen betete, der Küster<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> neben ihm, schlug der Blitz in die
-Kirche und tötete den Küster. Der Pastor selber blieb unversehrt.</p>
-
-<p>Und die Frommen sagten, dies sei geschehen, weil ihr Hirte erhalten
-bleiben mußte für Gottes Reich.</p>
-
-<p>Still, aber sicher verbreitete sich sein Ruf über das ganze Stift.
-Als er als Propst nach Sollösa kam, war er ihm schon vorausgegangen
-und hatte ihm die Herzen der Leute gewonnen. Darum lauschten sie auch
-seinen Worten so andächtig, als ob Gott selbst zu ihnen spräche.</p>
-
-<p>Denn das war wahrlich Gottes Finger! Daran konnten alle deutlich seinen
-Willen und seine Absicht erkennen!</p>
-
-<p>Drückend und betäubend lag die Wärme über der ganzen Kirche. Langsam
-schleppte der Gottesdienst sich hin, bis die Predigt begann. Und die
-Predigt ging ebenso langsam, und ebenso träge klangen die Choralverse
-durch den niedrig gewölbten Raum. Da und dort nickte ein Kopf im
-Schlummer, einer oder der andere lag vornübergebeugt in den Händen, die
-auf dem Kirchstuhl ruhten.</p>
-
-<p>Niemand entfernte sich, ehe der ganze Gottesdienst zu Ende war. Erst
-als die letzten Akkorde des Schlußchorals verklangen, erhoben sich
-alle sachte von ihren Plätzen, dehnten in aller Stille ein bißchen
-die Glieder und blieben in den Bänken stehen, um erst die Herrschaft
-hinauszulassen. Dann leerte sich die Kirche, die Türen schlossen sich
-und der Küster ging, mit den großen Schlüsseln klappernd, heim. Auf
-allen Wegen und Pfaden wandelten Scharen stiller Menschen nach allen
-Richtungen durch das sabbatstille Land.</p>
-
-<p>Im Pastorat setzten die Herren sich wieder auf ihren Platz im
-Wohnzimmer und warteten auf das Mittagessen. Draußen auf dem Hof
-schliefen die Hunde.</p>
-
-<p>„Es ist gut, daß ich eine kleine Hilfe bekomme!“ sagte der Propst zu
-Ernst. „Und hier ist dankbares Erdreich!“</p>
-
-<p>Er schneuzte sich und hustete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span></p>
-
-<p>„Kein Geist des Aufruhrs, Gott sei Dank! Dankbares Erdreich!“ Und durch
-das Zimmer klang das einförmige Ticken der Uhr.</p>
-
-<p>Die Tür zum Eßzimmer ging auf und das Mädchen meldete, daß serviert sei.</p>
-
-<p>Fräulein Amelie stand mit der Propstin im Eßzimmer. Sie gab den fremden
-Herren die Hand und knixte. Der Propst strich ihr, wie am Tage vorher,
-übers Haar.</p>
-
-<p>„Du bist nicht in der Kirche gewesen heute“, sagte er.</p>
-
-<p>„Nein“, erwiderte Amelie. „Es tat mir so leid, aber ich mochte nicht zu
-spät kommen und die Gemeinde stören.“</p>
-
-<p>„Das ist recht, mein Kind!“ lobte der Propst.</p>
-
-<p>„Du magst ja nicht, wenn man kommt, nachdem der Gottesdienst schon
-angefangen hat, Papa“, sagte die Propstin.</p>
-
-<p>Nach dem Essen kam der Kaffee, genau wie am Tag vorher. Der Propst
-verschwand für ein Weilchen und ließ die Gäste mit den Damen allein.</p>
-
-<p>Nach dem Kaffee reisten die Gäste ab.</p>
-
-<p>„Willkommen nächstes Mal auf unserm lieben, stillen Sollösa“, sagte der
-Propst, als er Ernst beim Abschied die Hand drückte. Der Wagen fuhr
-durch den weichen Sand zum Gattertor hinaus; als er auf die Landstraße
-einbog, zogen die beiden Herren noch einmal die Hüte vor dem Propst,
-der Propstin und Fräulein Amelie, die auf der Treppe standen und
-winkten. Die Hunde sahen dem Wagen nach, ohne zu bellen.</p>
-
-<p>Eine Weile saßen der Adjunkt und Ernst schweigend nebeneinander. Jeder
-war in seiner Art mit dem beschäftigt, was sie erlebt und gesehen
-hatten.</p>
-
-<p>Schließlich sagte der Adjunkt &mdash; und seine Stimme klang wehmütig:</p>
-
-<p>„Es wird recht einsam für dich hier draußen.“</p>
-
-<p>Über des Sohnes Lippen flog ein Lächeln, das der Vater nicht verstand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<p>„Vielleicht ist es grade das, was ich brauche“, sagte er. Es lag etwas
-so Scheues und zugleich Bitteres in seiner Stimme, daß der Vater
-aufmerksam wurde. Er kannte ja den Sohn überhaupt so wenig; er hatte,
-während er aufwuchs, nie Zeit gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen;
-und der Adjunkt liebte es im allgemeinen, sich die Dinge so einfach
-wie möglich zu machen. Diesmal aber drängte sich ihm doch mit
-unausweichbarer Gewalt der Gedanke auf, daß da etwas nicht stimmte,
-etwas, an dem ein Vater teilhaben müßte. Mit bekümmerter Miene sah er
-den Sohn an und fragte: „Was ist mit dir? Du siehst so düster aus,
-seitdem du wieder daheim bist. Hast du etwas auf dem Gewissen?“</p>
-
-<p>Ernst konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater glaubte
-offenbar, er hätte etwas zu bereuen, vielleicht Schulden gemacht,
-schlechte Beziehungen angeknüpft oder etwas Ähnliches. Er, der fast das
-Leben eines Asketen geführt hatte! Dieser Argwohn kam ihm unendlich
-komisch vor. Er hätte jetzt um keinen Preis der Welt offen reden
-können, und antwortete deshalb nur mit demselben Lächeln, das er nicht
-zu unterdrücken vermochte: „Nichts von dem, was du glaubst, Papa, das
-kann ich dir versichern!“</p>
-
-<p>„Gott sei Dank!“ dachte der Adjunkt.</p>
-
-<p>„Man kann auch so grade genug haben!“ fügte Ernst hart hinzu. Es kam so
-plötzlich, daß die Worte ihm entschlüpft waren, ehe er es wußte. Eine
-brennende Röte ergoß sich über seine Wangen und Stirn, und er schaute
-zum Wagenfenster hinaus.</p>
-
-<p>Der Adjunkt ward nachdenklich; eine dunkle Ahnung bemächtigte sich
-seiner. Gleichzeitig aber sagte er sich auch, wenn es wirklich etwas
-derartiges wäre, wenn der Sohn tatsächlich unzufrieden sei mit dem
-Beruf, den er gewählt hatte, so wäre es am besten, wenn gar nicht
-darüber gesprochen würde. Ein ausgesprochenes Wort war hier gefährlich.
-Er wußte, wie empfindlich der Sohn war, und begriff, daß der kleinste
-Versuch,<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> auf sein Gewissen einzuwirken, in ihm die zu einer
-Katastrophe notwendige Energie wecken würde. Und an diese Katastrophe
-mochte der Adjunkt gar nicht denken.</p>
-
-<p>Darum war es am besten, es wurde gar nichts zwischen ihnen gesprochen,
-Ernst machte die Sache mit Gott und sich selber ab. Und so schwieg denn
-der Vater in dem elterlichen Egoismus, der nicht mit den Kindern oder
-für sie leiden will.</p>
-
-<p>Die alten braunen Gäule stapften gemächlich durch den hohen Wald,
-durch den die Sonne schräg fiel und zwischen den feuchtglänzenden
-Zweigen funkelte. In der Ferne härte man das einförmige Rauschen eines
-Bergwassers.</p>
-
-<p>Ernst versank in Gedanken. Gefühle und Eindrücke arbeiteten in ihm, die
-ihm ganz neu waren. Es waren nicht seine alten Kämpfe und Träume. Es
-war nicht der kleine Kampf zwischen geistlich und nichtgeistlich. Es
-war auch nicht seine verschmähte Liebe, die in ihm redete. Nichts von
-all dem. Die Fahrt aufs Land, der kurze Weg zur Kirche, die Landluft,
-der Sonnenschein, die Frühlingsgewalt in den brausenden Wassern und
-schwellenden Knospen &mdash; all das erfüllte ihn mit einem Gefühl, das
-ihm ebenso neu wie unverständlich war. Wenn jemand ihn gefragt hätte,
-was er fühle oder denke, er hätte nichts darauf antworten können.
-Aber er war erregt, ohne zu wissen, weshalb, krank von Gemüt, ohne
-zu wissen, wovon, traurig, ohne die Ursache zu kennen. Seine ganze
-unterdrückte Jugend, all die erstickten Gedanken, Wünsche und Begierden
-waren es, die sich in ihm empörten, und Worte entschlüpften ihm, ohne
-Zusammenhang und ohne Sinn, deuchte ihm selbst. Und doch hätte er keins
-davon unterdrücken können, nicht ein einziges; so einsam hatte er immer
-gelebt, so unterdrückt und erstickt war jeder eigene Gedanke, jeder
-eigene Wille stets in ihm gewesen, daß er das Bedürfnis, das seine
-Seele erfüllte, gar nicht einmal verstand. Seine eigene Stimme klang
-ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> fremd, wie sie so das Leid, das die Frucht seines ganzen Lebens
-war, aussprach.</p>
-
-<p>Und als der Adjunkt nicht antwortete, sagte er kurz und hart: „Ist es
-nicht sonderbar, daß wir einander überhaupt gar nicht kennen?“</p>
-
-<p>„Wir kennen einander nicht?“</p>
-
-<p>Der Adjunkt sah auf mit einem Blick, der noch vom Essen schwer war.</p>
-
-<p>Ernst lachte laut auf. Er beugte sich vor und redete weiter, eifrig
-gestikulierend, mit einem Versuch, ruhig und geordnet zu sprechen; aber
-seine Stimme zitterte nur noch heftiger.</p>
-
-<p>„Nein“, sagte er. „Wir kennen einander nicht. Als Kind hab’ ich meinen
-Vater nicht gekannt, als Knabe nicht, als Jüngling nicht, und auch
-jetzt nicht, als Mann, der ich sein sollte und nicht bin! Und auch er
-hat mich nicht gekannt. Sonst hätte er mich nicht so grausam verkennen
-können. Sonst hätte er mich nicht so gedankenlos und herzlos aufs
-Gratewohl ins Leben hinauswerfen können, ohne auch nur einen Augenblick
-danach zu fragen, ob meine Natur mich zu etwas anderem zog, oder ob sie
-nur schwieg und sich fügte.“</p>
-
-<p>Er sprach, als habe er die Gegenwart des Vaters ganz vergessen,
-und fuhr dabei fort, starr vor sich hinzublicken und lebhaft zu
-gestikulieren.</p>
-
-<p>„Warum bin ich nicht ein Bauer geworden?“ rief er. „Warum geh’ ich
-nicht hinter dem Pflug und grabe die Erde um und dünge und mache Heu?
-Warum mäh’ ich nicht und hacke Holz und arbeite und lebe, statt meinen
-Rücken über die Bücher zu beugen?“</p>
-
-<p>Er ballte die Hand, seine lange, hagere Hand, mit einer drohenden
-Gebärde, in der zugleich etwas Hilfloses lag.</p>
-
-<p>„Die Bücher!“ sagte er mit gedämpfter Stimme, damit der Kutscher ihn
-nicht hören sollte. „Wie ich sie hasse! Sie haben mein Leben zerstört,
-statt daß sie mich leben gelehrt haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> Sie haben meinen Kopf mit
-unnützen Dingen angefüllt und mir meine Kraft gestohlen, statt sie
-zu mehren. Tote sind sie, die die Lebenden beherrschen. Gespenster,
-die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu schrecken, statt
-stillzuliegen und zu schlafen! Unheimliche Gespenster, an die wir
-glauben, und die uns hinter unserm Rücken auslachen, weil wir uns haben
-narren lassen von ihnen!“</p>
-
-<p>Der Adjunkt packte ihn erschrocken am Arm.</p>
-
-<p>„Du bist krank, Ernst!“ sagte er.</p>
-
-<p>„Krank? Ja, ich bin krank, bin nie was anderes gewesen, als krank.
-Vielleicht ist’s das, was mein ganzes Unglück verschuldet hat!
-Vielleicht ist’s das, was mich fortgezogen hat von der frischen Luft
-und der Arbeit, die stählt, und mich eingeschlossen in dumpfe Zimmer,
-meine Brust eingedrückt, meine Schultern zusammengepreßt, mein Gesicht
-gebleicht hat! Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen, frage ich?
-Vielleicht wär’ ich dann stark geworden! Vielleicht wär’ ich dann ein
-Mann geworden!“</p>
-
-<p>Er entzog sich dem Griff des Vaters und lehnte sich schlaff in die
-Wagenecke zurück. Beide schwiegen; der eine, weil er sich erschöpft
-hatte, der andere, weil er nichts zu sagen wußte.</p>
-
-<p>Aber im Adjunkt erwachte die ganze Liebe einer alten Pastorenfamilie
-für das Land mit seinem Behagen und seiner Arbeit. Und wie sonderbar
-seltsam des Sohnes Worte ihm auch vorkamen, und wie überzeugt er auch
-war, daß dies nur eine Überreiztheit war, die vorübergehen würde, so
-stieg in ihm doch auch noch ein anderes Gefühl auf. Immer hatte er sich
-gewünscht, ein kleines Eigentum zu besitzen, das er sein hätte nennen
-können; er pflegte oft im Scherz zu sagen, sobald er nur erst seine
-Schulden bezahlt habe, würde er anfangen zu sparen und ein kleines
-Anwesen kaufen, auf dem er seine alten Tage verbringen könnte.</p>
-
-<p>Des Sohnes Worte klangen seltsam an sein Ohr. Vorwürfe<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> waren es,
-daß der Vater nicht mit dem Sohn gelebt hatte, damit er dessen Leben
-verstehen möchte. Sie schmerzten und quälten ihn. Sie kamen so heftig
-und unüberlegt, wie von einem zornigen, erbitterten Kind. Aber der
-Adjunkt wurde nicht böse. Denn in ernsten Augenblicken kann es
-geschehen, daß sogar die Eigenliebe sich verkriecht. Er fühlte nur eine
-große Leere zwischen sich und dem Sohn; und er klagte sich selbst an.
-In ihm klangen des Sohnes Worte: Warum hat man mich nicht Bauer werden
-lassen? Es war ja Unsinn, das wußte er wohl. Und dennoch! Er sah auf
-des Sohnes magere Gestalt mit dem blassen Gesicht und der eingesunkenen
-Brust. Und er begriff noch deutlicher, daß es Unsinn war. Aber trotzdem
-quälten ihn die Worte, quälten ihn und zerrten an ihm. Ein Mitleid
-packte ihn, als trüge er die Schuld an dieser Schwächlichkeit; und mit
-einem Male kam ihm das Verlangen, alles wieder gutzumachen, in einem
-Augenblick wieder aufzubauen, was nur in langen Jahren aufgebaut werden
-kann, wenn das Gebäude sicher und fest werden soll.</p>
-
-<p>Er legte seine Hand auf des Sohnes Knie und fragte mit zitternder
-Stimme: „Was fehlt dir? Verheimliche mir nichts!“</p>
-
-<p>Ernst sah auf. Sein Atem ging kurz und hastig, wie nach einer großen
-Anstrengung. Und er sah so geistesabwesend aus wie gewöhnlich, als
-wisse er kaum von dem heftigen Ausbruch, der Geschehenes ja doch nicht
-mehr ungeschehen machen konnte.</p>
-
-<p>„Verheimliche mir nichts!“ wiederholte der Vater.</p>
-
-<p>Ernst ergriff mit bittendem Blick seine Hand.</p>
-
-<p>„Verzeih!“ sagte er. „Ich bin nur müde. Es war schlecht von mir, so zu
-sprechen, wie ich’s getan habe.“</p>
-
-<p>Der Gedanke, der sich schon vorhin dem Adjunkt aufgedrängt hatte, kam
-wieder. Und jetzt kam er mit solcher Gewalt, daß alle egoistischen
-Bedenken wichen. Mit einer plötzlichen Anstrengung sagte er: „Ist es
-dein Beruf, der dich quält?“</p>
-
-<p>Ernst schwieg einen Augenblick und blickte zur Seite. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> schon
-bereute der Adjunkt seine Frage. Er fühlte, daß er richtig geraten
-hatte, und der peinigende Gedanke an die Zukunft ergriff ihn. Er dachte
-an des Sohnes Stellung, an das, was die Leute, was seine Frau sagen
-würden. Und mit lähmendem Schreck fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf:</p>
-
-<p>„Und das Geld! Die Ausgabe! Neue Schulden! Neue Sorgen!“ Atemlos
-wartete er auf die Antwort des Sohnes.</p>
-
-<p>Ernst saß ganz stumm. Jetzt war die Stunde da. Jetzt sollte es gesagt
-werden. Jetzt würde er es sagen. Und in der Einbildung war ihm so
-leicht zumut, als wäre es bereits gesagt.</p>
-
-<p>Dann aber kehrten seine Gedanken in ihren gewohnten Kreislauf zurück;
-mit einer unerhörten Kraftanstrengung bezwang er sich, sah dem Vater in
-die Augen und antwortete, ohne zu zittern: „Du irrst, Papa. Ich habe
-meinen Beruf aus freiem Willen gewählt.“</p>
-
-<p>Der Adjunkt fühlte, daß der Sohn log. Aber er wagte nicht, die Frage zu
-wiederholen, aus Angst, eine andere Antwort hervorzulocken. Er hatte
-sein möglichstes getan, um sein Gewissen zu befreien, und ein Seufzer
-der Erleichterung entschlüpfte ihm, während er seine Hand aus der des
-Sohnes zog.</p>
-
-<p>„Gott sei Dank!“ sagte er leise.</p>
-
-<p>Der Wagen rollte weiter. Die beiden Männer saßen lange schweigend
-nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ernst
-führte mit einer Bewegung, die ihm eigen war, oft die Hand zum Gesicht
-und zupfte an einem weichen Bart.</p>
-
-<p>Der Adjunkt bemerkte es; und, um durch einen Scherz das peinliche
-Schweigen zu brechen, sagte er:</p>
-
-<p>„Bald hast du überhaupt keinen Bart mehr zum Dranziehen.“ Ernst ließ
-hastig die Hand sinken und lächelte gezwungen. „Das ist wahr!“ sagte er.</p>
-
-<p>Und der Wagen rollte eine Anhöhe hinauf und vor ihnen lag Gammelby.
-Hoch über den übrigen Gebäuden ragte der Turm der Domkirche.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">D</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">D</span>ie Ordination war nun auf Anfang Juni festgesetzt. Ernst Hallin,
-Simonson und noch ein paar andere sollten zusammen in ihr Amt
-eingesetzt werden, und gleich darauf sollte Ernst nach seiner neuen
-Heimat, dem Pfarrhof von Sollösa, fahren.</p>
-
-<p>Ernst Hallin sehnte sich nur noch danach, daß alles vorüber sein
-möchte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und wußte, daß nichts ihn
-mehr ändern konnte. Jetzt galt es nur noch, alles Zweifeln und Zaudern
-von sich fernzuhalten, damit er Ruhe hatte, bis er allein war mit
-sich selbst. Die Einsamkeit, das fühlte er, würde ihn heilen, ihn
-weniger empfindlich, kräftiger machen und ihn vor allem lehren, sich
-in demutvollem Genügen unter das Kreuz zu beugen, das der Herr ihm
-auferlegt hatte. Er fühlte mehr und mehr die Überzeugung in sich, daß
-der Priesterberuf gerade das war, was der Herr von ihm forderte, damit
-er auf Erden Frieden finden möchte; und ohne zu fragen, ohne am Willen
-des Herrn zu deuteln, wollte er treulich den schmalen, dornenvollen
-Pfad wandeln, bis er nach seiner steilen und mühevollen Wanderung vor
-der engen Pforte stehen würde, die zum Leben führt.</p>
-
-<p>Nach dem letzten Ausbruch, als er und der Vater von dem alten Pastorat
-heimgefahren waren, hatte er das Gefühl gehabt, als ob ein Teil seines
-alten Menschen von ihm gewichen sei. Eine Art dumpfer Resignation
-bemächtigte sich seiner, und er erkannte, daß in dieser Resignation die
-Möglichkeit lag, das Leben, das ihn jetzt erwartete, zu leben. Keine
-andern Hoffnungen, keine andern Gedanken und Interessen durften diese
-Resignation verdrängen, die allein imstande war, ihn aufrechtzuhalten,
-wie das Rettungsboot den Schiffbrüchigen über Wasser hält. Ganz und
-ausschließlich mußte sie ihn beherrschen; keine unterdrückte Sehnsucht,
-keine verwegene irdische<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> Hoffnung sollte mehr ihre frischen,
-gefahrvollen Winde über die stille See dieser Resignation blasen.</p>
-
-<p>Er dachte auch selten an Eva Baumann. Sie war ihm nur noch eine
-lockende Erinnerung, die keine Macht mehr über ihn hatte. Und er konnte
-von ihr sprechen hören oder ihr auf der Straße begegnen, ohne daß er
-errötete, ohne daß es seine Gemütsruhe störte.</p>
-
-<p>Dagegen hatte er sich in letzter Zeit mehr und mehr zu Simonson
-hingezogen gefühlt.</p>
-
-<p>Simonson war so klar in allem, so klar und fertig. Er wußte Antwort
-auf jede Frage, Widerlegung für jeden Zweifel. Seine Stimmung war
-immer gleichmäßig, und Ernst fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm
-stets ruhiger. Wenn er einen Nachmittag lang ihm gegenübersaß und das
-sichere Gesicht betrachtete, das so überzeugt schien, daß alles in
-der Welt war, wie es sein sollte, und der scharfen Stimme lauschte,
-die alle aufrührerischen Gedanken gleichsam zerkrümelte und ihn einen
-klaren Blick in das ganze geordnete Gemeinwesen tun ließ, das seit
-Jahrtausenden auf dem Grund des Christentums erwachsen war, da fühlte
-Ernst ganz deutlich, auf welchen gefährlichen Abwegen er gewandelt war,
-und er ging nach Hause, froh und gestärkt, voller Dankbarkeit gegen
-Gott, der ihn aus den Irrgängen seiner eigenen Gedanken errettet hatte.
-Es lag so viel Demut in all seiner Schwachheit, daß Pastor Simonson
-sich oft ganz verlegen vorkam und fast zu stottern begann, wenn er vom
-christlichen Sinn sprach, der alles duldet und alles erträgt.</p>
-
-<p>Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute
-sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen.
-Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse
-Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein
-schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische
-Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine
-Entwicklung geleitet<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der
-Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum
-Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war
-mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox
-kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen
-gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen
-gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts
-Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn
-widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen
-Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu
-schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von
-Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß
-er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache
-in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich
-auch darüber.</p>
-
-<p>Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune
-und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer.</p>
-
-<p>Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam
-gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen
-mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es
-Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern
-zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer
-Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem
-König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes
-Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit
-gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament
-handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über
-diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf
-antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber
-gehabt und eins der<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> sinnlichste und anstößigsten Gedichte geschrieben
-habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing
-der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben
-verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor
-dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern,
-beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme.</p>
-
-<p>Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in
-sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene,
-nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja
-nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme
-Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten.</p>
-
-<p>Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen
-entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus
-verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der
-Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus
-noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor
-einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine
-derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der
-jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die
-andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um
-so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame
-Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle
-fühlten sie, aber keines sagte was.</p>
-
-<p>Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den
-Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „In einem Jahr bin ich
-endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!“ sagte er.</p>
-
-<p>Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an.</p>
-
-<p>„So darfst du nicht reden“, ermahnte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p>
-
-<p>Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an
-Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie
-mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht
-länger schweigen.</p>
-
-<p>„Laß Gustaf sagen, was er will!“ sagte sie. „Er ist kein Kind mehr.
-Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber
-schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?“</p>
-
-<p>„In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!“
-sagte der junge Pastor.</p>
-
-<p>Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde
-war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und
-schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen.</p>
-
-<p>„Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten,
-daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je
-daheim glücklich gewesen? Bist du’s jetzt? Hast du gar nicht gemerkt,
-wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ‚Peer Gynt‘:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Keiner weint um des andern Weh,</div>
- <div class="verse">Keiner hat Sinn für des andern Idee?</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden,
-daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern
-verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst
-und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es
-ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und
-glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich
-ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich’s jetzt
-bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich,
-er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, &mdash; ich übrigens
-auch &mdash;. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte &mdash;
-was glaubst du, daß die Folge<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> wäre? Das Leben hier im Haus würde nur
-noch unerträglicher werden, als es schon ist.“</p>
-
-<p>Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und
-ab.</p>
-
-<p>Ernst sah unsicher vom einen zum andern.</p>
-
-<p>„Ist das wahr?“ fragte er.</p>
-
-<p>Gustaf lächelte. Es lag nichts Herausforderndes in seinem Lächeln,
-nichts Selbstbewußtes. Nur Verwunderung, daß der ältere Bruder etwas so
-Einfaches nicht wußte.</p>
-
-<p>„Es kann ja doch gar nicht anders sein“, sagte er.</p>
-
-<p>„Aber &mdash; in deinem Alter...“</p>
-
-<p>Ernst brach ab.</p>
-
-<p>„Ich habe nichts dazu getan“, sagte Gustaf. „Es kam von selbst. Wenn
-man Hunger hat, so ißt man. Und von der Speise bildet sich frisches
-Blut. Es ist dasselbe...“</p>
-
-<p>Selma blieb vor Ernst stehen und sah ihm grad in die Augen.</p>
-
-<p>„Glaubst du?“ fragte sie.</p>
-
-<p>Ernst wollte der Frage ausweichen, aber die Schwester ließ ihn nicht
-los.</p>
-
-<p>„Ja“, sagte er schließlich, lauter als notwendig war. „Aber du &mdash; wenn
-du dich von hier wegsehnst &mdash; was bindet dich?“ Selma konnte ein Lachen
-nicht zurückhalten.</p>
-
-<p>„Sieh mal, wie gut es ist, wenn man einmal miteinander redet“, sagte
-sie. „Nicht einmal das weiß er, obschon es das große Ereignis meines
-Lebens ist. Was mich bindet? Nun ja, ich ging einmal zu Papa und sagte
-ihm, ich möchte eine Zeitlang fort, nach Stockholm oder irgendwohin,
-um ein bißchen mehr zu sehen und zu lernen &mdash; und ein bißchen mehr zu
-leben“, fügte sie bitter hinzu. „Aber er wollte es nicht. Ich weiß, daß
-er und Mama die Sache miteinander berieten. Aber dann baten sie mich,
-und Mama weinte, und ich gab nach und blieb.“</p>
-
-<p>„Aber warum wollten sie denn nicht?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-<p>All das war Ernst etwas ganz Neues.</p>
-
-<p>„Warum?“ wiederholte Selma. „Lieber Ernst, was du blind bist! Nun,
-weil die Welt schlecht ist und mir meinen Glauben nehmen würde.
-Und darum schließt man einen ein, bis man so stumpf wird, daß man
-überhaupt alles glaubt. Das ist ihre Taktik. Und manchmal hilft sie
-ja auch. Aber manchmal kommt es auch vor, daß eins oder das andere
-sich trotzdem aufrecht hält. Wie lang, das weiß freilich Gott. Das ist
-die Familientyrannei unsrer Zeit, und sie ist niedriger, gemeiner und
-kleinlicher, als es die alte, die auf Faustrecht gegründet war, je war.“</p>
-
-<p>Ihre Augen leuchteten; sie setzte sich hart in einen Stuhl.</p>
-
-<p>„Es tut einem ordentlich wohl, sich mal aussprechen zu können“, sagte
-sie.</p>
-
-<p>„Ja, aber es hat so wenig Zweck“, bemerkte Gustaf.</p>
-
-<p>„Wir werden sehen!“ erwiderte die Schwester.</p>
-
-<p>Ernst erhob sich und ging hinauf in sein und des Vaters Zimmer. Auf all
-das hatte er keine Antwort. Aber das fühlte er, daß zwischen ihm und
-den Geschwistern etwas Gemeinschaftliches war, ein gemeinsamer Mangel,
-den sie deutlicher erkannten als er, unter dem sie aber alle litten.</p>
-
-<p>Als er auf der Treppe war, begegnete er der Mutter, die aus des
-Vaters Zimmers kam. Sie gingen schweigend aneinander vorüber. Aber
-als Frau Hallin ins Wohnzimmer kam, warf sie Gustaf und Selma einen
-mißtrauischen Blick zu, um zu ergründen, von was die Kinder wohl
-geredet hätten.</p>
-
-<p>Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in
-ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und
-erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte.</p>
-
-<p>Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der
-Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>„Kommst du nicht?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Doch, doch“, erwiderte er. „Ich komme.“</p>
-
-<p>Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in
-den Korridor.</p>
-
-<p>Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um.</p>
-
-<p>„Ist sie da drin?“ fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.</p>
-
-<p>„Ja“, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen,
-sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer.</p>
-
-<p>Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete
-heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder
-was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr
-gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem
-ausgewichen war, er dachte nur noch an eins &mdash; daß sie ihn nicht
-vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie
-brauchte.</p>
-
-<p>Er drückte auf die Klinke und trat ein.</p>
-
-<p>Eva Baumann saß auf dem Sofa, das an der Wand der Tür gegenüber stand.
-Ihre Augen hatten einen Glanz, als hätten sie viel gewacht, und als sie
-Ernst erblickte, errötete sie heftig.</p>
-
-<p>Er blieb vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht verlegen stehen; mit einmal
-fiel ihm alles ein, was gewesen war, eine peinvolle Ahnung bemächtigte
-sich seiner; und im selben Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß sie
-sich seinetwillen preisgab.</p>
-
-<p>„Eva“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.</p>
-
-<p>Sie ergriff sie und sah ihm ins Gesicht, frei und offen. Ihr Gesicht
-war noch rot, aber die Augen waren ruhig und ihre Stimme lebhaft und
-klar.</p>
-
-<p>„Es war mir etwas Natürliches, daß ich noch einmal herkam“, sagte sie.
-„Sie müssen mir darum nicht böse sein!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span></p>
-
-<p>„Ihnen böse sein...“</p>
-
-<p>Er setzte sich neben sie aufs Sofa, aber sie rückte etwas von ihm fort.</p>
-
-<p>„Doch“, sagte sie. „Es ist ja ein sonderbarer Einfall von mir. Aber ich
-konnte es nicht lassen. Ich bin ja nur ein Mädchen und habe so wenig
-gesehen von der Welt. Aber es ist etwas, was ich Sie fragen muß.“</p>
-
-<p>Seine Miene ward düster, als er antwortete:</p>
-
-<p>„Was?“</p>
-
-<p>Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte
-sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin &mdash; einer
-Freundin, die Ernsts Schwester war &mdash; allein in einer kleinen
-abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die
-Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge
-Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem
-Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in
-der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener
-Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen
-lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie
-sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch
-anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben,
-der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und
-aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben
-versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen
-ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären.</p>
-
-<p>Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung
-leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu
-ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war
-der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie
-hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<p>Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem
-sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab,
-fragte sie: „Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?“</p>
-
-<p>Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch
-hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in
-einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat.
-Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet
-hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er
-wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und
-klare Antwort. Ja oder nein.</p>
-
-<p>Er schwieg und blickte vor sich nieder.</p>
-
-<p>„Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?“ sagte er tonlos.</p>
-
-<p>Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins
-Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an
-sie gerichtet.</p>
-
-<p>„Antworten Sie mir“, sagte sie atemlos. „Antworten Sie mir!“ Sie
-hatte die Hände gefaltet; ihre schlanke Gestalt zitterte wie in einem
-Schüttelfrost.</p>
-
-<p>Aber er hatte nichts zu antworten. Voll Verzweiflung blickte er
-auf ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen und den fest
-zusammengepreßten Lippen.</p>
-
-<p>„Sehen Sie mich nicht so an!“ sagte er. „Wenn Sie wüßten, wie Sie mich
-quälen!“</p>
-
-<p>Da begriff sie, daß es wahr, daß nichts mehr zu retten war. Sie hatte
-ein Gefühl, als habe er sie betrogen, betrogen um alles Glück und allen
-Frieden im Leben. Sie wandte sich von ihm ab und brach in heftiges
-Weinen aus. Und sie weinte lange.</p>
-
-<p>Ernst wußte nicht, was er tun sollte. Er wagte nicht, sich ihr zu
-nähern, und schämte sich, zu gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p>
-
-<p>Mit einmal wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht wieder zu und
-strich sich das Haar aus der Stirn mit einer Bewegung, die Ernst fast
-Furcht einflößte.</p>
-
-<p>„Sie haben mich betrogen“, sagte sie. „Wenn Sie so erbärmlich sind,
-wie Sie sind, so hätten Sie mich in Frieden lassen müssen! Alles hab’
-ich von Ihnen geglaubt, was edel ist und gut! Keine gute, schöne
-Eigenschaft gibt es, die ich nicht Ihnen beigelegt, keine männliche
-Tat, die ich nicht Ihnen zugetraut hätte. Hätten Sie mich in den Staub
-getreten, mich unglücklich gemacht, mich beschimpft, geschlagen &mdash; ich
-hätte es Ihnen verziehen. Aber daß Sie mich genarrt haben, mir meinen
-Glauben an Sie gestohlen, das verzeihe ich Ihnen nie!“</p>
-
-<p>Wie unter einem Schlag beugte Ernst sich vor jedem ihrer Worte. Als sie
-fertig war, sagte er: „Ich habe nichts dazu getan, daß Sie mich für
-besser halten sollten, als ich bin.“</p>
-
-<p>Sie trocknete sich die Tränen ab und blickte eine Weile vor sich hin.</p>
-
-<p>„Nein“, sagte sie. „Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war’s &mdash;
-ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh...“</p>
-
-<p>Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer
-Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber
-sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr
-frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie
-allein.</p>
-
-<p>Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte
-über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht,
-daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie
-eine Heldentat vollbracht.</p>
-
-<p>Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam,
-fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen
-treten; und dann &mdash; ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-<p>Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt,
-entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre
-Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein
-bißchen besser zu sehen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">A</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">A</span>ls Ernst Hallin am Morgen des Sonntags, an dem die Ordination
-stattfand, ins Frühstückszimmer trat, war er glatt rasiert und trug zum
-erstenmal den bis unters Kinn zugeknöpften Pastorenrock. Er fühlte sich
-verlegen über dies neue Aussehen; und keins von der Familie vermochte
-ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihn begrüßten.</p>
-
-<p>Er hatte sich bisher noch nie rasiert; und seine Haut unter dem Bart
-hatte eine feine Blässe, die seinem Gesicht etwas Mädchenhaftes gegeben
-hätte, wenn nicht die Brille gewesen wäre. Das Gesicht war durch das
-Fehlen des Bartes kürzer geworden und wäre in der Form rund gewesen,
-wenn nicht die Hagerkeit es doch hätte länglich erscheinen lassen.
-Die nervösen Linien um den Mund, die der Bart früher verborgen hatte,
-traten jetzt deutlich hervor. Der ganze Ausdruck des Gesichts war ein
-anderer. Wer ihn nicht oft gesehen hatte, hätte ihn kaum wiedererkannt.</p>
-
-<p>Ernst selbst war während des ganzen Frühstücks mit seinem veränderten
-Aussehen beschäftigt und schämte sich darüber. Der Adjunkt ulkte ihn
-ab und zu ein bißchen an; und Gustaf lachte über die Späße des Vaters.
-Aber es lag keine Fröhlichkeit in dem Lachen, eher eine Ironie, die
-einen starken Anstrich von Ernst zeigte. Selma wurde rot, als er
-ins Zimmer trat, saß aber nachher stillschweigend da, unberührt von
-Scherzen und Anspielungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span></p>
-
-<p>Frau Hallin lachte anfänglich mit den andern; später versuchte sie,
-die Heiterkeit etwas zu dämpfen. Wie sie sich den Sohn so betrachtete,
-sah sie in ihm nicht nur das Kind, auf das sie stolz war, um das sie
-gebangt, für das sie gebetet und gelebt hatte, sondern sie sah in ihm
-den Priester, den Verkünder des Gotteswortes, den Mann, zu dem sie
-aufsehen konnte, wie sie instinktiv zu allen aufsah, die das heilige
-schwarze Ornat trugen; das Fremdartige seines Aussehens trug nur dazu
-bei, in ihr das Gefühl der Ehrfurcht zu verstärken, das sich in ihre
-Freude, daß der so lang ersehnte Tag nun endlich gekommen war, mischte.</p>
-
-<p>In der Domkirche drängten sich andächtige oder neugierige Scharen
-um die Plätze heute; man wollte doch den feierlichen Akt sehen, der
-den heutigen Gottesdienst beschließen sollte. Draußen vor der Kirche
-strahlte die warme Junisonne; durch die Äste der Ulmen mit ihren
-kleinen lichten Blättern leuchteten ihre Strahlen heiter auf die
-Menschenströme herab, die aus allen Teilen der Stadt auf die Kirche
-zufluteten.</p>
-
-<p>Vornehme Leute kamen, aus dem schönen Villenviertel, wo die Birken
-in frischem Grün prunkten, aus den stolzen Häusern in der Langen
-Straße und am Markt, der heute reingefegt und leer sein Pflaster der
-Sonnenhitze darbot. Neue Frühlingstoiletten, große helle Feder- und
-Blumenhüte, wie sie die letzte Stockholmer Mode vorschrieb, elegante
-Mäntel, purpurrote Sonnenschirme, die unter dem lichtgrünen Laub in
-der Sonne erstrahlten. Aber heute war ein Tag, an dem sogar die Herren
-zur Kirche gingen. Hellgraue oder braune Hüte, hohe schwarze oder
-niedere graue Zylinder, gelbe Stöcke mit weißen Elfenbeinkrücken neben
-einfacheren aus Eiche und Weichselholz &mdash; alles sah so neu aus, voll
-Frühlingsfrische und Sommerahnung. Die Herren selbst, junge und alte,
-kamen so elastisch daher, wie verjüngt vom Sommer, der seine Wärme über
-das alte Schweden und Gammelby ergossen hatte. Aber sie unter<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>hielten
-sich bloß flüsternd, und kein Lachen ward hörbar auf dem Weg zur Kirche.</p>
-
-<p>Die alten Domglocken läuteten mit feierlichem Klang über den Köpfen
-der Menge den Gottesdienst ein. Sie läuteten alle weltlichen
-Gedanken hinweg und mahnten mit ihrem Klang all die Menschen mit
-ihren verschiedenen Trieben und wechselnden Gedanken, sich in Gottes
-Heiligtum zu versammeln, abzulegen alle eiteln Gedanken an die Welt und
-was von der Welt ist, zu vergessen den Unterschied zwischen arm und
-reich, hoch und niedrig, Gerechtem und Ungerechtem, und einzutreten in
-das kühle, himmelanstrebende Gewölbe, wo die Sonne in langen bunten
-Streifen ein phantastisches Licht über die hohen Säulenreihen und
-die Menschen warf, einzutreten als eine einzige große Familie von
-Brüdern und Schwestern, die für ein paar kurze Stunden in der Woche
-gemeinschaftlich die Knie beugen und sich gleich fühlen vor Gott, der
-unser aller Vater ist.</p>
-
-<p>Aber zwischen den feinen Kleidern sah man auch die schwarzen Kopftücher
-und altmodischen Hüte des Armenviertels. Sachte gingen die Leute ihres
-Wegs, grüßten demütig ihre „besseren“ Brüder im Herrn und nahmen in den
-hintersten Kirchenstühlen oder im Seitenschiff Platz, in den Stühlen,
-die den Armen offen standen, wo niemand sich einen Platz oder einen
-Schlüssel kaufte, um nicht mit groben Kleidern und derbem Geruch in
-Berührung zu kommen.</p>
-
-<p>Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen,
-und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft.</p>
-
-<p>Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in
-Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe
-ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die
-alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch
-die hohe Wölbung<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten
-Ecke des großen Domes zu verstehen.</p>
-
-<p>Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht
-beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und
-die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich
-gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche
-gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der
-Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise
-recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und
-dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in
-den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die
-feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral
-begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor,
-wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die
-nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später,
-in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu
-stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor
-vorging.</p>
-
-<p>Vorn gingen die Meßner eifrig und geschäftig umher, trieben die
-drängenden Volksmassen zurück und stellten sie in geordneten Reihen auf.</p>
-
-<p>„Nicht so nah zum Altar. Platz für die Prozession und den Bischof!“</p>
-
-<p>Dann hängten sie die vier Meßgewänder in geziemenden Zwischenräumen an
-den Altarschranken auf.</p>
-
-<p>Plötzlich ward es ganz still in der Menge; der Weg zum Altar
-verbreiterte sich, die Hintenstehenden stellten sich auf die Zehen, um
-besser zu sehen, und durch die niedere Sakristeitür betrat die kleine
-Prozession die Kirche.</p>
-
-<p>Zuerst kam der Bischof, hoch und gebieterisch, die goldene dreieckige
-Mitra auf dem Kopf, den goldenen Stab in der Hand. Um seine mächtige
-Gestalt hing das weite, in Seide und Gold<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> gestickte und in allen
-Regenbogenfarben schimmernde Bischofsornat. Am Hals sah das faltige
-weiße Meßhemd hervor.</p>
-
-<p>Hinter ihm kamen die Hilfsgeistlichen, je zwei und zwei. Vorn der
-Professor der Theologie Kumlander, neben ihm der Konsistorialnotar.
-Die Geistlichen im Ornat, der Konsistorialnotar in Frack und weißer
-Halsbinde. Nach ihnen kamen die vier, die ordiniert werden sollten,
-voraus Simonson und Ernst Hallin, alle in weißen Meßgewändern, die um
-die Mitte anschlossen und bis auf die Füße herunterreichten.</p>
-
-<p>Unter den Klängen der Orgel schritten sie leise durch die Volksmenge
-und stellten sich um den Altar auf. Die vier Kandidaten in ihren weißen
-Gewändern beugten das Knie.</p>
-
-<p>Als der letzte Akkord des Chorals verklang, wandte sich der Bischof der
-versammelten Menge zu. In der einen Hand hielt er das Meßbuch, in der
-andern ein langes feines Battisttaschentuch.</p>
-
-<p>„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“
-begann er.</p>
-
-<p>Über der großen Menschenmenge lag vollkommenes Schweigen. Nicht ein
-Flüstern war hörbar, nicht ein Laut. Die jungen Kandidaten hatten sich
-erhoben und standen aufrecht in einem Halbkreis um den Altar.</p>
-
-<p>Der Bischof begann mit seiner Rede, die er von einem Papier ablas, das
-er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die
-einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon
-Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete:
-Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide
-meine Lämmer!“</p>
-
-<p>Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte,
-über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten
-hatte. Im Gegenteil &mdash; schon damals war dem Bischof der Gedanke
-gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die
-jungen Leute, die das<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten.
-Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der
-Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem
-Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte.
-Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern.
-Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er
-dereinst von Petrus forderte.</p>
-
-<p>Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die
-ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als
-Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den
-er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der
-Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit
-alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich
-in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen
-sollte.</p>
-
-<p>Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten
-Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann
-gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder
-hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“
-Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand
-wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen,
-durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte.
-Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer
-Halluzination &mdash; sein ganzer Körper glühte im Fieber.</p>
-
-<p>Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die
-gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt
-des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis
-hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien
-am Ornat des<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und
-blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts.</p>
-
-<p>Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der
-Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die
-Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete.</p>
-
-<p>Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten,
-warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis
-vor dem Altar standen.</p>
-
-<p>Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder
-als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore
-gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das
-Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem
-lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche
-war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die
-Fenster.</p>
-
-<p>Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und
-bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den
-verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel,
-als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr
-strahlender Weg sich Bahn brach.</p>
-
-<p>Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als
-wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören.</p>
-
-<p>Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte
-nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn
-wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden
-Sonnenstrahlen.</p>
-
-<p>Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich
-einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine
-Phantasie war. Aber die Phantasie<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> war so mächtig in ihm, daß er es sah
-wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige
-Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit
-tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche.
-Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht
-in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben
-geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der
-Domkirche hereinleuchtete.</p>
-
-<p>Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er,
-wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und
-doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende
-Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie
-schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden
-Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er
-bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen!</p>
-
-<p>Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der
-Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn
-niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen
-jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte.</p>
-
-<p>Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde.</p>
-
-<p>Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich
-umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und
-dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen
-und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht
-spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden
-Sonnenstrahlen:</p>
-
-<p>„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das
-Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span></p>
-
-<p>Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen
-Puff in die Seite aufgerüttelt.</p>
-
-<p>Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf
-aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel
-vorzusprechen.</p>
-
-<p>Ernst Hallin wiederholte die Worte, wie sie ihm in den Mund gelegt
-wurden.</p>
-
-<p>„Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen...“</p>
-
-<p>„Ich glaube an Jesum Christum...“</p>
-
-<p>„Ich glaube an den Heiligen Geist...“</p>
-
-<p>Er war blaß vor Gemütsbewegung; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.
-„Die Sonne hat gesiegt!“ klang es in ihm. Was waren das für sonderbare
-Gedanken, die manchmal in ihm erwachten und ihn nicht einmal jetzt in
-Ruhe ließen! Was waren das für Gedanken?</p>
-
-<p>Mit schwacher Stimme und niedergeschlagenen Augen beantwortete er
-des Bischofs Fragen; und als das Gelübde abgelegt werden mußte, das
-entsetzliche Gelübde, vor dem er sich so lang gefürchtet hatte, sprach
-er es ganz gedankenlos, ohne daß die Worte ihm einen tieferen Eindruck
-machten als jede beliebigen andern Worte:</p>
-
-<p>„Ich, Ernst Hallin schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium, zu
-dessen Verkündigung ich hiermit berufen und ausersehen werde, daß ich
-stets bei der reinen evangelischen Lehre verbleiben will, so wie sie
-im Worte Gottes, den heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments
-offenbart und durch das Augsburgische Glaubensbekenntnis und den
-Beschluß des Konzils zu Upsala im Jahre 1593 angenommen und verkündigt
-worden ist, also daß ich dawiderstreitende Lehren weder offenbarlich
-verkünden noch heimlich fördern will.“</p>
-
-<p>Klar bewußt, was eigentlich vor sich ging, ward er sich erst, als der
-Bischof nach Ablegung des Gelübdes mit starker und gebieterischer
-Stimme die Worte sprach:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-<p>„Kraft der Vollmacht, die mir aus Gottes Gnaden von seiner Gemeinde
-anvertraut ist, erteile ich euch hiermit das Predigeramt, im Namen
-Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“</p>
-
-<p>Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig
-um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis,
-hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da
-oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß
-alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte
-er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte.</p>
-
-<p>Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein
-Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm
-über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er
-vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach.</p>
-
-<p>Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in
-die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren
-Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen.</p>
-
-<p>Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter
-Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen
-fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er
-des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße
-Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken,
-die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke
-hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit
-seinen Amtsbrüdern wieder hinausging.</p>
-
-<p>Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den
-Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der
-ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> für Schritt mit ihm
-gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und
-ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt.</p>
-
-<p>Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen
-Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die
-Tränen zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge
-und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen
-Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah.</p>
-
-<p>Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum
-Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten
-auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander;
-alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2
-Uhr wartete daheim das Mittagessen.</p>
-
-<p>Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und
-hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als
-ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen
-Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf
-einem Stuhl hinter der Tür.</p>
-
-<p>Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war <em class="gesperrt">ein</em> Zimmer, und er
-wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster
-und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster
-lag.</p>
-
-<p>Es war ihm so seltsam zumut &mdash; so einsam. Es war das erste Mal, daß
-er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung
-begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen
-Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es
-von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in
-die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> sein
-eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von
-dem er nicht mehr zurück konnte.</p>
-
-<p>So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde.</p>
-
-<p>Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß
-Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der
-Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen
-Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf
-andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen
-bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen
-paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht
-hervorzurufen.</p>
-
-<p>Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom
-Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte.</p>
-
-<p>Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah,
-wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die
-Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte.
-Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine
-Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er
-überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser
-Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang
-er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu
-ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.</p>
-
-<p>Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich
-über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie
-fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt
-hatte, so alltäglich, so trocken.</p>
-
-<p>Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem
-Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden
-Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte
-sich, es wäre alles so, wie es sein<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> sollte. Sie wußte ja, hätte der
-Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht
-getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im
-Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind
-behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später
-am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen
-Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ
-ihn ohne eine Frage gehen.</p>
-
-<p>Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche
-machen.</p>
-
-<p>Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa
-anzutreten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<div class="fleft">E</div>
-
-<p class="p0"><span class="transp">E</span>in Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten
-und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen
-ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre
-veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der
-steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh
-der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten,
-Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir
-Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.</p>
-
-<p>Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung
-durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung
-gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor
-sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem
-ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.</p>
-
-<p>Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.</p>
-
-<p>Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Karriere
-in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache
-Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in
-der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war
-zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter
-aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des
-Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale
-legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen
-verknüpften.</p>
-
-<p>Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des
-häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte.
-Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau
-stellte, entsprach, und da sie vor allem &mdash; dank der zurückgegangenen
-Verlobung &mdash; aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er
-um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort
-erhielt.</p>
-
-<p>Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam
-mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen.
-Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und
-ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt
-es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß,
-daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas
-geführt hat?</p>
-
-<p>Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor
-Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert,
-sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche
-Persönlichkeit begünstige.</p>
-
-<p>Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.</p>
-
-<p>Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen,
-arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld,
-das nie reichen wollte, und hatte seine An<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>fälle von schlechter Laune,
-die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.</p>
-
-<p>Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr
-Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen
-Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer
-mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des
-Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht.</p>
-
-<p>Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil
-sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten.</p>
-
-<p>Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt.</p>
-
-<p>Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige
-Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen
-den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen.</p>
-
-<p>„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“,
-sagte sie.</p>
-
-<p>Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar
-nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich
-zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge
-sie ihren Rücken unter einem Schlag.</p>
-
-<p>„So“, sagte sie einsilbig.</p>
-
-<p>„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter.</p>
-
-<p>„Du konntest nicht anders?“</p>
-
-<p>Frau Hallin sah wieder auf.</p>
-
-<p>„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können,
-daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“</p>
-
-<p>„Ihr hättet es nicht zugelassen.“</p>
-
-<p>Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eine<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Weile. Die Mutter
-konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber
-der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein,
-besiegt zu sein.</p>
-
-<p>„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma.</p>
-
-<p>Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr
-Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte.</p>
-
-<p>„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern
-in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je
-geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das
-ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens
-arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so
-tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so.
-Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“</p>
-
-<p>Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre
-Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das
-Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können.</p>
-
-<p>Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das
-bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können.</p>
-
-<p>Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein
-Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit
-der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und
-mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer
-Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der
-Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur
-ein einfacher Landwirt werden sollte.</p>
-
-<p>„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja
-gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war.</p>
-
-<p>Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn ver<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span>loren hatte, wie
-die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten,
-die Jahre und die Einsamkeit.</p>
-
-<p>Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke
-an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn
-sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit
-und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte
-einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm
-allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.</p>
-
-<p>Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als
-früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war,
-hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“
-ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm
-geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch
-und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein
-Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit
-an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine
-ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner
-selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets
-mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur
-Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war,
-schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein
-bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm
-vorgegangen war.</p>
-
-<p>Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte.
-Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa
-hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren,
-gaben sie eine kleine Gesellschaft &mdash; lauter junges Volk. Frau Hallin
-hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt.</p>
-
-<p>Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden
-und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da &mdash; auf Selmas ganz
-besonderen Wunsch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span></p>
-
-<p>Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden
-Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für
-einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden,
-ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug
-zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die
-anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze
-Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte.</p>
-
-<p>Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn
-nicht interessiert.</p>
-
-<p>Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an,
-daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht
-länger schweigen durfte.</p>
-
-<p>„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg,
-der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des
-Herrn weiht.“</p>
-
-<p>Seine Stimme war klar und beherrscht, und er blickte dem Bruder ruhig
-ins Gesicht. Man sah es ihm an, daß ihm das Landleben gut getan
-hatte. Er war dicker geworden, das Gesicht hatte Farbe und ein leiser
-Bartansatz zeichnete sich von den Wangen ab.</p>
-
-<p>„Aber,“ fuhr er fort, „die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich;
-und wer mit reinem Willen in den priesterlichen Stand tritt, dem
-wird der Herr auch zu einem rechten Glauben verhelfen, mag er auch
-anfänglich schwach und schwankend sein. Ist die Zeit so böse, ist der
-Unglaube so stark, daß sie, wenn möglich, sogar die Auserwählten zu
-verführen drohen, so steht um so fester die Verheißung unseres Herrn,
-daß dem, der am eifrigsten in seinem Dienst gearbeitet hat, im Himmel
-seine Stätte bereitet ist, die ihn für seine Arbeit auf Erden belohnen
-wird.“</p>
-
-<p>Frau Hallin nickte dem Sohn zu. Wieder einmal freute sie sich, daß der
-Herr doch eins ihrer Kinder bewahrt hatte...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p>
-
-<p>Im selben Augenblick aber begegnet Ernst Hallins Auge einem Blick, der
-einen ganz anderen Ausdruck hatte. Eva Baumann war es, die ihn ansah.
-Ihr Blick war kalt, fragend, neugierig. Sie hatte ihn im letzten Jahre
-da und dort getroffen und sich selber immer wieder gefragt, wie es
-möglich sei, daß sie so gleichgültig sein konnte. So ganz, als wäre
-zwischen ihnen gar nichts vorgefallen.</p>
-
-<p>Und jetzt fühlte Ernst diesen forschenden Blick auf sich ruhen.
-Er drückte keinerlei Interesse für seine Person aus, nichts als
-unbezwingliche Wißbegierde. Es sah aus, als möchte sie bloß um jeden
-Preis ergründen, wie er eigentlich innerlich zusammengesetzt war. Und
-zugleich bemerkte er ein fast unsichtbares ironisches Lächeln auf ihren
-Lippen.</p>
-
-<p>Pastor Hallin war sehr unbehaglich zumut. Er sagte sich selber, er
-habe ja doch nicht gelogen. Es war wirklich seine Überzeugung, die
-er da ausgesprochen hatte; und er freute sich darüber, daß er sie
-ausgesprochen hatte.</p>
-
-<p>Dennoch stand er auf und wechselte den Platz; und dabei konnte er es
-nicht hindern, daß er tief errötete.</p>
-
-<p class="center mtop2 mbot3"><em class="gesperrt">Ende</em></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="ads" id="anzeigen">
-
-<p class="s1 center padtop1">Fischers Bibliothek<br />
-<span class="s5">zeitgenössischer Romane</span></p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="s3 center">Dritter Jahrgang</p>
-
-<p class="center">(Oktober 1910-September 1911)</p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">1.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Th. Fontane, Irrungen Wirrungen
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">2.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Björnstjerne Björnson, Mary
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">3.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Gabriele Reuter, Frauenseelen
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">4.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- <div class="right">Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung</div>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">5.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Sophie Hoechstetter, Passion
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">6.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Knut Hamsun, Redakteur Lynge
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">7.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Hermann Bahr, Theater
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">8.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">9.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Bernhard Kellermann, Yester und Li
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">10.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Felix Hollaender, Das letzte Glück
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">11.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- Jonas Lie, Auf Irrwegen
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">12.&nbsp;Bd.&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt s3">
- J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2 mbot3">Jeden Monat erscheint ein Band</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<p class="s1 center mtop2">Gustaf af Geijerstam</p>
-
-<p class="center s2">Gesammelte Romane in fünf Bänden</p>
-
-<p class="center">Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des
-Dichters. Entwurf des Einbandes von E. R. Weiß.<br />
-Geheftet 12 M, in Leinen gebunden 15 M.</p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">1.&nbsp;Bd.:&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt">
- Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes /
- Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">2.&nbsp;Bd.:&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt">
- Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">3.&nbsp;Bd.:&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt">
- Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">4.&nbsp;Bd.:&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt">
- Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell vatt">
- <div class="right">5.&nbsp;Bd.:&nbsp;</div>
- </div>
- <div class="csscell vatt">
- Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter
-uns. Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke
-&mdash; rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise,
-die denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe &mdash;
-ist Beweis dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser
-Auswahl ganz. Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in
-einer Einleitung von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine
-seelisch eindringliche, man könnte beinahe sagen, erschöpfende Analyse
-von Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt
-sich eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den
-Rahmen von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich
-die Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die
-Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. &mdash; Eine neue Frucht der
-Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen!
-Aus dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit
-verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden &mdash; wie
-das immer war &mdash; beides daraus schmecken: Tod und Leben.</p>
-
-<p class="right mright1">(Frankfurter Zeitung)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2 break-before"><span class="bb">Das Buch vom Brüderchen</span></p>
-
-<p>Wir haben es hier mit einem wundervollen, tief melancholischen Buch
-der Liebe und Ehe zu tun, das ein bedeutender Dichter geschrieben hat.
-Das Buch ist reich an lyrischen Stimmungen, ja es ist eigentlich nur
-eine Kette von solchen, und durchpulst von dem echtesten Empfinden. Es
-sind die Aufzeichnungen eines glücklich-unglücklichen Mannes, der ein
-schönes, kluges und geliebtes Weib besitzt und drei Kinder, nach deren
-jüngstem dieses Buch benannt worden ist.</p>
-
-<p>Dieses keusche, zarte, liebenswerte Buch sollten alle lesen: die Alten
-und die Jungen. Besonders die jungen Mädchen sollten es lesen, anstatt
-der verlogenen Liebesgeschichten, die zumeist ihre Lektüre bilden. Und
-dann die Mütter. Dieses Buch ist wie eine kleine Bibel. Es ist reich an
-allem Guten und Heiligen. Es ist reich an tiefen mystischen Beziehungen
-zwischen Mensch und Mensch, und die Natur &mdash; Schweden und seine Schären
-und das Meer &mdash; steht leuchtend und groß darin auf. Das Buch ist ein
-Kunstwerk und ein Werk des Lebens zugleich. So sollen gute Bücher sein.</p>
-
-<p class="right mright1">(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Nils Tufvesson und seine Mutter</span></p>
-
-<p>Der dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer
-Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend
-wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt
-man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen
-Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche
-Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein
-herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist
-auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen
-immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist
-Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte
-zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord,
-noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend
-dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen
-Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden.
-Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat
-ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor,
-in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und
-doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas
-Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem
-Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt
-und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam
-mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe
-seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel
-Tausende von neuen Lesern gewinnen.</p>
-
-<p class="right mright1">(Neue Zürcher Zeitung)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Frauenmacht</span></p>
-
-<p>Nachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson
-grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und
-entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten
-Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der
-Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben
-läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die
-Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein
-Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt.</p>
-
-<p>Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von
-einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches
-vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und
-Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch
-und Mensch, und die Natur &mdash; Schweden mit seinen Schären und das Meer
-&mdash; steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk,
-durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu
-werden.</p>
-
-<p class="right mright1">(Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Wald und See</span></p>
-
-<p>Geijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger
-Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen
-kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen,
-tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern
-wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können
-sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie
-die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie
-beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen,
-was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu
-können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur.
-Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt
-ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend
-still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam,
-dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während
-unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was
-sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder.</p>
-
-<p class="right mright1">(Die Zeit, Wien)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Karin Brandts Traum</span></p>
-
-<p>Ein Lebenssiegerbuch, wie selten in unserer Literatur der Ohnmacht
-und Schwäche! Es ist, als ob von Geijerstam immer mehr und mehr alles
-Überflüssige abfiele, alles, was dekorativ ist und Füllwerk. Er wird
-einfacher mit jedem Buch. Klar und rein hebt sich der Kern heraus.
-Dieser neue Roman sieht sich zuerst beinahe ärmlich an. Ein schlichtes
-Menschenschicksal, das nicht über die Alltäglichkeit hinausging, wird
-erzählt. Aber dann quillt aus der Schlichtheit ein Reichtum auf. Man
-fühlt deutlicher und eindringlicher der Schlichtheit zweites Gesicht:
-die Echtheit. Da ist keine Mache mehr, kein Aufputz, kein Künsteln
-mit den narkotischen Mitteln der Unehrlichen im Romangewerbe. In
-Geijerstams Romankunst ist Ehrlichkeit, Leben, Wahrheit. Erst wenn man
-sich so aller blendenden Äußerlichkeiten begibt, kann man so innerlich
-werden wie der Autor von Karins Traum.</p>
-
-<p class="right mright1">(Münchener Post)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Gefährliche Mächte</span></p>
-
-<p>Der Roman „Gefährliche Mächte“ bietet uns Geijerstams tiefste,
-gedankenreichste Schöpfung. Wieder beschäftigt sich der Eheprediger mit
-dem Problem der Ehe. Wieder behandelt er die Hauptlehre seines Lebens,
-daß wir uns selber nicht, geschweige denn einen anderen erkennen,
-daß wir alle im Dunkeln herumirren. Heller und lauter, ernster und
-nachdrücklicher aber erhebt Geijerstam diesmal seine Stimme. Die
-beiden großen alltäglichen Tragödien des menschlichen Lebens, den
-Zusammensturz ehelichen Glückes und die Tragödie des Verkanntseins,
-der Vereinsamung verschmilzt er zu einer ergreifenden Einheit. Klänge
-nicht überall seine alles begreifende, alles verzeihende Menschenliebe
-hindurch, so könnte das Buch als eine niederschmetternde Anklage die
-Freude am Leben aus unserem Herzen verjagen.</p>
-
-<p class="right mright1">(Allgemeine Zeitung, München)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Das ewige Rätsel</span></p>
-
-<p>Das Problem der Ehe, das Problem der Geschlechter &mdash; das „ewige
-Rätsel“ &mdash; wird hier von einer ganz neuen Seite und mit neuen Mitteln
-behandelt. Dieser Roman enthält, abgesehen von einer sehr spannenden,
-aber kurzen Episode, fast gar kein Geschehen im Sinne der epischen
-Kunst. Es ist alles Psychologie, spinnwebdünnes seelisches Ereignis...
-Mit unendlich feiner, subtiler Kunst hat Geijerstam das innerste
-Verhältnis zwischen Mann und Weib geschildert. Er hat aus dem Problem
-der Ehe das weitere, größere Problem herausgelöst, das Problem der
-Fremdheit der Menschen zueinander.</p>
-
-<p class="right mright1">(Pester Lloyd)</p>
-
-<p class="p0 s2 mtop2"><span class="bb">Die alte Herrenhofallee</span></p>
-
-<p>In diesem letzten Roman, den uns der schwedische Dichter hinterlassen
-hat, behandelt er noch einmal das Problem der Ehe, dem er in der
-„Komödie der Ehe“ mit feinem psychologischen Tasten nachgegangen war.
-Die Umwelt verlegt Geijerstam in eine längst vergangene Zeit, „noch
-ehe der Ton der Dampfpfeife das Rauschen der schwedischen Wälder
-durchschnitt“. Durch die alte Herrenhofallee ist einst eine Vorfahrin
-der Heldin seiner Erzählung ihrem Gatten davongefahren, und dieser
-hat alsbald, um jede äußere Spur, die ihn an seinen Unglückstag
-erinnert, zu vertilgen, die alte Allee umhauen lassen &mdash; ein Symbol,
-das gleichsam mit vererbender Schicksalskraft im Leben der Heldin
-wiederkehrt. Es ist ein abgeklärtes Können, eine von einer ausgeprägten
-dichterischen Persönlichkeit geführte Objektivität, die in allem
-Geschehenen die seelischen Fäden erkennt und auflegt.</p>
-
-<p class="right mright1">(Breslauer Morgenzeitung)</p>
-
-<p class="s1 center mtop3 break-before"><span class="bbd">Werke von Gustaf af Geijerstam</span></p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Das Haupt der Medusa.</span> Roman. 6.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Das Buch vom Brüderchen.</span> Roman
-einer Ehe. 18. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Die Komödie der Ehe.</span> Roman. 8.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Nils Tufvesson und seine Mutter.</span>
-Bauernroman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Frauenmacht.</span> Roman. 8. Tausend.
-Geh. M 3.&mdash;, geb. M 4.&mdash;</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Wald und See.</span> Novellen. 4.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Kampf der Seelen.</span> Roman. 4.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Alte Briefe.</span> Novellen. 4.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Karin Brandts Traum.</span> Roman. 8.
-Tausend. Geh. M 3.&mdash; geb. M 4.&mdash;</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Gefährliche Mächte.</span> Roman. 6.
-Tausend. Geh. M 4.&mdash;, geb. M 5.&mdash;</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Die Brüder Mörk.</span> Roman. 4.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Das ewige Rätsel.</span> Roman. 6.
-Tausend. Geh. M 3.&mdash;, geb. M 4.&mdash;</p>
-
-<p class="hang2"><span class="s4">Die alte Herrenhofallee.</span> Roman. 6.
-Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50</p>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mtop3"><span class="bt">&emsp;Druck der Spamerschen
-Buchdruckerei in Leipzig&emsp;</span></p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Pastor Hallin, by Gustaf af Geijerstam
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PASTOR HALLIN ***
-
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-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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