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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Das Lyzeum in Birkholz - -Author: Felicitas Rose - -Release Date: February 22, 2020 [EBook #61479] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - Das Caretsymbol (^) steht für nachfolgende hochgestellte Zeichen, - welche von geschweiften Klammern umschlossen werden. - - #################################################################### - - - - - Felicitas Rose · Das Lyzeum in Birkholz - - [Illustration] - - - - - Das Lyzeum in Birkholz - - Roman - - von - - Felicitas Rose - - 78. bis 85. Tausend - - Berlin/Leipzig - - Deutsches Verlagshaus Bong & Co. - - - - - Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten - Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin - Druck der Graphia Akt.-Ges. vorm. C. Grumbach in Leipzig - - - - -Mit Gott! steht auf der ersten Seite des alten Folianten, den ich beim -Umzug in Großvaters Kasten fand. - -Die wurmstichige Lade brach zusammen, als ungeschickte Packerhände sie -hoben und stießen, das Buch, dick und groß wie eine Dorfbibel, fiel -heraus und polterte vor meine Füße. - -Gelbe, leere Seiten, soweit ich auch blätterte. Stockfleckig und rauh. -Aber auf der ersten Seite mein Name. Mit Gott, Erne Sörensen! - -Das ist ein guter Zuruf für die neue Stadt, die neue Wohnung und das -neue Amt. - -Buch und Lade müssen dem Großvater gehört haben, dem Schulmeister mit -den fünfzehn Kindern. Denn er ist der einzige Erne Sörensen in der -langen Reihe der Jens Sörensen. Und nach ihm hat man mich benannt. - -Ich sollte werden wie er, ein bodenständiger Mann, kein Grübler und -Spintisierer wie Vater. - -Vielleicht wollte der Ahn das Leben seiner fünfzehn Kinder auf den -leeren Seiten des Folianten buchen, aber die Müdigkeit nach all dem -heißen Ringen ums liebe Brot hat ihm die Feder aus der Hand gewunden. - -Soll ich sie aufnehmen? - -Es klingt so ermunternd: Mit Gott, Erne Sörensen! - -Zwei Tagebücher wies meine Bücherei auf, ein altes und ein neueres. Das -neuere zeigte meine eignen Schriftzüge. Ich hab’s verbrannt. -- Und -doch wäre ich jetzt so weit, es ganz objektiv zu betrachten. - -Die Zeit und die Selbstzucht haben mich über all das Schwere, das in -den Blättern eingesargt lag, hinausgehoben. -- - -Das alte Tagebuch von der streitbaren Großmutter Sörensen, zweimal -verwittibten Lorns und Sebus, geborenen Witt, ist aber gut zu lesen. Es -hat mir über manche garstige, vergiftete Stunde hinausgeholfen. Meinen -Dank, Großmutter Gesine! - -Wenn ich darin lese, stehen alle meine Vorfahren und Verwandten fest -umrissen vor mir. Die einfache Großmutter hat Familiengeschichte -studiert, wie nochmal ein Professor. Und bei der verbürgten strengen -Wahrhaftigkeit ihres Wesens hat sie wohl alle gut gezeichnet, und so -wählte ich mir schon als junger Schwärmer und Stürmer mein Vorbild aus -diesen Blättern. - -Wer mag sie dereinst in Händen haben und dann bezeugen, es sei mir -gelungen? -- -- - -Großmutter Gesine schreibt: - -Von 1700 an weiß ich’s genau. Von vorher ist auch noch manches da. Soll -aber viel Schnackerei dazwischen sein. Und wo Kirchenbücher verbrunnen -sind, haben die Pfarrers und Küsters dazugesetzt. Sind Menschen und -kann nicht alls stimmen. Ich halte mich an die Wahrheit. Ist ein -feiner, vornehmer Herr gewesen der Ahn Jens Sörensen. Oberamtmann in -Arnis und seine Gemahlin eine Hochwohlgeborene aus Thüringen. Soll eine -gute Mischung sein Thüringer und Holsteiner. Werden aber selbst im -Himmel noch lachen der feine Herr und die Hochwohlgeborene, wenn sie -ihre Sippe betrachten, die so bei klein achter ihnen ankümmt. -- Der -Herr Urvater sind schon 40 Jahr alt gewesen, als der Adebar den Lütten -gebracht hat und die Hochwohlgeborene hat die schwere Geburt nicht -abkönnen und ist auf den Gottesacker gekommen. Danach hat sich der Herr -Oberamtmann dem Kaffeepunsch und die Melancholei ergeben, ist aber sehr -alt geworden, 95 Jahr. Denn die Sörensen können viel ab. Der Lütt-Jens -hat Pastor werden wollen, ist ein rechten Spintisier gewesen. Oll-Jens -aber, der Herr Oberamtmann, hat sich nach dem Tode der feinen Frau -mit dem Herrgott verzürnt, und Lütt-Jens mußt auf dem Gute bleiben, -wo niemalen ein Pastor sich durfte sehen lassen. -- Wo kein Herrgott -aufpaßte, ist das Gut verkommen und nirgends ein Segen. Hat Lütt-Jens -um schieres Gold ein Weib genommen, brav und reich ist sie gewesen, was -nicht immer beisammen kommt. Um 1770 wieder ein Jens geboren und alles -noch leidlich. Dann aber das Geld verspekuliert und sein armes Weib im -gachen Jähzorn Tag für Tag gemißhandelt. Bis der Tag gekommen, da die -Frau in ihrem Schoße das Kind von einem andern Manne trug, den sie in -ihrer grimmen Not und Verlassenheit allzu sehr geliebet. Mathäus 7, -Vers I: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Hat der -Mann sie und das unschuldig, ungeboren Kind verstoßen, sind beide -bald gestorben. Sein eigen Fleisch und Blut ist auf dem Gut geblieben, -bis dies vergantet wurde. Drauf ist Jens gestorben und der Sohn Jens -ins Waisenhaus und dann Schuhmacher geworden. Tüchtig und brav. Hat -ein Weib aus Husum genommen, Luise Sörrine geborene Rasmussen. Die -konnt mehr als Brot essen und hatte Gedankens wie ein Doktor. Las -zweimal die ganze Heilige Schrift durch und sah in der Schusterkugel -absunderliche Sachen, die andere Menschen nicht sehen. -- Wurde ihnen -1800 ein Sohn geboren, hat die Wehmutter selbst gesagt, es sei ein -Goliath. Aber nur von Statur. Inwendig drin ist er ein David gewesen, -hat nur statt der Harfe eine Gitarre gehabt und die auch erst später. -Und weil die Wöchnerin mehr konnte als Brot essen, litt sie nicht, daß -das Kind wieder Jens genannt wurde, sondern machte einen Erne draus, -damit mal eine neue Reihe anfing. Dieser Erne ist mein Mann geworden. -Gott sei ewig Lob und Dank! -- Habe ihn oft den Rattenfänger von Hameln -genannt, weil er einem das Herz aus der Brust singen und fläuten und -gitarrespielen kunnt. -- Und ist er neben dem Arniser Sprüchwort -her: „Groß und breit und jähzornig und langlebig wie ein Sörensen“, -auch noch ein Schulmeister von Gottes Gnaden und nach Gottes Herzen -gewesen. Wie die Heilige Bibel dartut: Die Lehrer werden leuchten wie -des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die -Sterne immer und ewiglich. Hatten mich meine Eltern als halbes Kind -zweimal verheuert vordem. Und war der selige Lorns ein Schneider und -der selige Sebus ein Schreiber. Beide klein und arg dünn, so daß ich -allzeit in Sorge war, der starke Ostenwind kunnt sie davontragen. - -Dann tat’s die Influenz, die man damals Grippe hieß. Und ich war frei, -und kunnt in allen Ehren den Goliath-Schulmeister kennen lernen. In -der weiten Heide bauten wir’s Nest in aller Einsamkeit. Und der starke -Gott segnete uns und ich konnte meinem Manne fünfzehn Kinder schenken. -Jedes einzelne voller Herzensfreude und mit Jauchzen. Hatt’ ich auch -oft nur Schwarzbrot und Wacholderbeersaft und für’s Wiegenkind die -Mutterbrust, -- eine Träne hat keins von mir gesehen. Gelacht hab’ ich, -jahraus, jahrein, damit nur ja nicht die Kinder merken sollten, daß -der Gottessegen einer Mutter könnt zu viel werden. Später freilich, -da sind die Tränen wie reißende Bäche dahergekommen. Das war, wie die -Kinder groß waren... Das ist Mutterlos und Kinderart. Gott segne sie -dennoch. Für jedes Leid ein Segen! So viel Schmerz, wie einem die -Kinder zufügen, könnt ja auch kein irdischer Mensch sonst verzeihen. -Da hat unser Herrgott extra das Mutterherz erschaffen. -- Ein braver -guter Jung war uns der Jens, der Älteste. Hieß freilich wieder Jens, -und ich mein, der Name bracht ihn wieder zum Spintisieren. Wir hätten -gern einen Lehrer, oder gar etwas Höheres aus ihm gemacht, wenngleich -ich nicht meine, daß es etwas Höheres gibt, als Schulmeister sein. Aber -das Kind saß von klein auf beim Heideschuster und half mit flicken, und -schaut in die Kugel und sinnierte. Schlug also der Großvater bei ihm -durch. - -Sein Pate wußte ein gutes Geschäft in der Stadt, wo der Junge hätte -einheiraten können, aber ein Sörensen und Geld, das paßt nun mal nicht -zusammen. - -Nahm sich der Jens denn auch ein ganz armes Mädchen, aber gut und -brav war sie. Konnte auch alle Worte gut setzen, und hatte bei ihrer -Herrschaft durch zehn Jahre hindurch beinahe fünf dicke Bücher -ausgelesen. Es waren schöne Sachen, die sie uns immer noch recht -ausmalte. Und ich mein, sie hätte mir auch den Schluß von dem fünften -Buch mal erzählt, als ich so krank war. Trotzdem sie es doch gar nicht -zu Ende gelesen hatte. Aber als ich sie fragte, ob sie sich denn -wahrhaftig so was Schönes selbst ausdenken könnte, da lachte sie, und -stickte sich rot an und lief fort. -- - -Ja, die Dorette. Die ist was Besonderes, wenn sie auch nur für fremde -Leute wäscht und ihr Mann Flickschuster ist und bleibt. Nun strampelt -bei ihnen auch schon so’n lütten Sleef in der alten Holzwiege, und -letzten Sonntag hat er mit dem heiligen Taufwasser den Namen Erne -bekommen, so daß ich wieder Gott Lob und Dank sagen kann. Er ist auch -wieder ein Goliath. - -Wenn er mit den kleinen Beinen angelt und strampelt, dann ruft Vater -Jens: Höger rup, höger rup! Und ich weiß wohl, was das heißen soll. -Aber wenn der Junge höger rup soll, dann muß auch Vater Jens sorgen, -daß die Holzwiege auf den öbersten Boden kommt. Hätt’ ich nicht partuh -fünfzehn Kinder haben wollen, wär mein Jens vielleicht General oder gar -Stadtsekretär. -- Aber zu tausend Malen habe ich schon meine Hände über -dem Kind gefaltet, denn der Erne ist ein klein süßen, gescheiten Jung -und soll mal...... - - * * * * * - -Ja, hier endet Großmutter Gesines Tagebuch und der Enkel sitzt und -grübelt, ob er wohl den heimlichen Wunsch der treuen Alten hat erfüllen -können. - -Weder General noch Stadtsekretär bin ich geworden. Meine Behörde berief -mich als Direktor an das Lyzeum in Birkholz. - -Mit Gott, Erne Sörensen! - - * * * * * - -Nun möchte ich wohl den alten Folianten füllen. - -Die Winterabende sind lang und heimelig. - -Und ich darf meinen mächtigen Kamin mit Buchenscheiten heizen, und für -die hungrigen schwarzen Öfen liegt Torf in Hülle und Fülle bereit. - -Meine Dienstwohnung ist einst ein Patrizierhaus gewesen, man hat die -Speicher, die sich rings in einem großen Block angliederten, abgerissen -und das Lyzeum hingebaut. Es ist durch einen überdachten Gang mit -meinem Hause verbunden. - -Uralt das einstige Patrizierhaus, hochmodern der Lyzeumsbau, es paßt -gar nicht zusammen. Äußerlich. - -Innerlich umfasse ich mit viel guter Liebe die jungen Menschlein, die -sich tagsüber da drüben tummeln. - -Ach, die erstaunten, frohen, sonnigen, ernsten, fragenden Augen: wer -bist du, plötzlich Hereingeschneiter? Und was hast du mit uns vor??? --- -- Es ist ein reiches Glück, was mir da in den Schoß gefallen ist. -„Der rechte Mann am rechten Ort,“ sagte mir zum Abschied mein alter, -gütiger Provinzialschulrat. - -Man wächst unter einem solchen Wort. -- - -„Nicht vergraben, Kollege,“ war sein zweites. „Wer fremde Kinder -erziehen will, muß ihre Umgebung studieren.“ Diese Mahnung werde ich -mir oft vorhalten müssen. Denn ich dürste nach Einsamkeit. - -Hätte ich doch das Buch nicht verbrannt! - -Es war eine kindische Tat, und ich glaubte mich gereift durch Arbeit -und Leid. - -Stünde das Buch noch in dem kleinen Mahagonischrank, ich hätte die -Kraft, es verschlossen zu halten. - -Jetzt blättere ich in schlaflosen Nächten in den Seiten meines -Gedächtnisses, vergesse nichts, schlage jede Seite auf, durchlebe, -durchgrüble alles aufs neue. - -Und der Ärger grinst, und die Schadenfreude lacht und das Leid weint -ätzende Tränen, die jede Lebensfreude mir zerfressen. - -Nichts ist tot von der Vergangenheit -- -- nichts als meine zwei -goldlockigen Buben... - -Ich rufe nach ihnen, meine Hände greifen ins Leere -- - - * * * * * - -Der Wunsch der streitbaren Großmutter Gesine war nicht in Erfüllung -gegangen. - -Die Wiege in Vaters kleiner Kate hörte nicht auf zu schaukeln. Aber ich -blieb der einzige Goliath. - -Verhutzelt, braun, greisen- und zugleich zwerghaft erschienen -mir alle meine Geschwisterchen, und sie verabschiedeten sich so -grausam regelmäßig von dieser Welt, daß ich die Wehmutter bei -jedem Neugeborenen gefragt habe: Wann stirbt’s? Und bei jedem der -jämmerlichen Kindchen weinte die Mutter doch schmerzlich, wenn -sie es hergeben mußte, weinte wohl auch über mich, der ich nie -Geschwisterliebe kennen lernen sollte. -- - -Lebte da ein Verwandter mütterlicherseits in Erfurt, dem Herzen -Thüringens. Der kam zum Viehkauf nach dem Norden und besuchte die -Freundschaft. - -„Das ewige Gesterbse baßt nich for son Jungen,“ erklärte er. Und -obgleich ich mich heftig sträubte als dickköpfiger Holsteiner, so -verpflanzte er mich trotzdem. - -Damit mich das Heimweh nicht auffresse, warf ich mich auf die Bücher. -In den Ferien kam ich ein- oder zweimal nach dem Elternhaus zurück. -In der Erinnerung daran sind aber nur drei Punkte haften geblieben: -die jedesmalige Besohlung meiner Stiefel durch Vaters Hand, eine -schaukelnde Wiege und eine ganze Reihe kleiner Gräber auf dem -verfallenen Gottesacker. - -Doch so wenig mein Elternhaus mir bot, es muß doch die „Größeste unter -ihnen“ darinnen gewohnt haben, denn das Haus meines Thüringer Ohms -dünkte mich liebeleer, wenn ich Vergleiche zog. - -Der kleine scheue Vater daheim in seiner stillen Besinnlichkeit, die -fleißige, behende Mutter mit ihrem feinen, guten Humor... - -Man hätte mich bei ihnen lassen sollen. Wer hat das Recht, Kinder von -ihren Eltern zu nehmen? - -Man hat mir Steine statt Brot gereicht. - -Elternliebe ist das köstlichste Brot. Nun werde ich mein Lebtag hungrig -sein. - -In den Osterferien, bevor ich ins Erfurter Seminar eintrat, machte ich -eine frohe Burschenfahrt ins Tal der wilden Gera. - -Gerade im gesegneten Dörrberger Hammer sangen und tranken wir, da fing -mein Herz schmerzhaft an zu zucken und zu schlagen... - -Und eh ich mich’s recht versah, lag mein Felleisen in einem Abteil 4. -Klasse, und ich überzählte meine paar Pfennige, ob sie wohl auch zur -Rückreise von der nordischen Heimat nach Erfurt reichen würden. - -Gerade recht kam ich. - -„Immer hat der Vater nach dir gerufen,“ weinte leise die Mutter. -- -Guter Vater! Du erkanntest mich noch. Mein Kommen rief ein Lächeln auf -dein liebes Gesicht, dessen ich eingedenk bleiben werde. Weil es schön -und seltsam war, und noch heute mein einsames Leben hell macht in der -Erinnerung. - -Dann streicheltest du meine Hände, mein Gesicht, das sich über dich -neigte. Rührend unbehilflich tatest du es, denn du mußtest eine äußere -Zärtlichkeit gegen deinen Sohn erst in der Sterbestunde lernen. - -Und während du mich liebkostest, sagtest du leise und dringlich. „Nur -fein deine Kinder das 4. Gebot lehren.“ - -Das war dein letztes Wort. Du schliefst hinüber und sahst auf dem -Totenbett nicht mehr klein und scheu aus, sondern wie jemand, dem eben -der Herrgott zugerufen hat: „Ei du frommer und getreuer Knecht, sei mir -willkommen!“ - -Die Mutter nahm ich mit mir. Jetzt erst weiß ich, was sie mir für ein -Opfer brachte. Sie aber tat, als sei das Thüringer Land ihres Herzens -Sehnsucht gewesen. Lachend mit hellen Augen entsagte sie der nordischen -Heimat und ließ ihre alten Wurzeln umpflanzen. Immer aber, wenn der -Mond aufstieg oder die Sterne funkelten, fragte sie angstvoll: Gelle, -das sind doch dieselben wie oben bei uns? - -Dies „Gelle“ war das Einzige, was sie sich von den neuen Landsleuten -angenommen hatte, es klang wunderlich weich neben ihrer scharf -abgesetzten Holsteiner Sprache. -- - -So hielt sie der Gedanke froh und aufrecht, daß Sonne, Mond und Sterne -auch über Schleswig-Holstein leuchteten, und jeden Abend trug sie dem -Mond Grüße auf. Fast wie eine verliebte Deern. Sie galten aber den -Gräbern droben im Norden, galten auch ol Pastor Truelsen oder Mudder -Jensen, die unserer Familie früher in allen Nöten beigestanden hatten. --- - -Nun müßte ich das Buch schließen. Müßte einen Riesensprung tun von -der Vergangenheit bis auf den Marktplatz von Birkholz, da das alte -Patrizierhaus steht und das neue Lyzeum. - -Wie ein besorgter Vater dem zaudernden Sohne, redet mir das verwitterte -Wappen zu, das über dem einen Mauerflügel steht. Immer muß mein -Blick es treffen, sobald ich mich zur Arbeit niederlasse, sei es in -der Schule oder an meinem Schreibtisch: Nun aber lasset alles hinter -euch... Wer diesem steinernen Spruche folgen könnte! - -Über mich hat er keine Macht. - -Und noch kann ich den Sprung nicht wagen, der in die Ruhe führt. -- - -Einundzwanzig Jahre war ich alt. - -Ein Seminarist mit bestandenem Examen, einem eigenen Instrument im Arm -und außerdem den Zukunftshimmel voller Geigen. - -„Nun bist du ein gemachter Mann,“ sagte meine kleine, behende Mutter, -und in jedem frühen Fältchen ihres Antlitzes leuchtete der Stolz. -Sie sagte auch der Frau Rätin am Anger 67 in der Post die Wäsche -ab und schuftete dafür am nächsten Morgen von drei Uhr an. Denn -Pflichtversäumnis kannte sie nicht. - -Aber heute an dem Ehrentage meines bestandenen Examens zog sie ihr -schwarzes Gottestischkleid an, während sie sonst nur in schwarzseidener -Schürze um meinen Vater trauerte. - -Wie ein Bild saß sie da und schaute durch das Fenster in das -verglimmende Abendrot, die Hände unter der schmalen Brust gefaltet, und -ein Leuchten lag auf ihrem Gesicht, als sähe sie in eine strahlende -Zukunft. Als ich mich zu ihr setzen wollte, sprang sie behende auf und -wischte den Sitz meines Stuhles eifrig ab für den „Herrn“ Sohn. - -Solche Mütter, wie die meine, sucht sich der Teufel aus, um sie durchs -eigene Kind in den Staub zu ziehen. - -Die Mutter wußte, daß der Abend nach der Prüfung den Kameraden und dem -fröhlichen Kommers draußen auf der Milchinsel gehörte. - -Rippenbraten und rohe Kartoffelklöße standen auf der Speisefolge und -Erlanger Bier hieß der süffige Stoff, der unsere jungen Köpfe verdrehen -sollte. - -Die Mutter lag schon im Bett, als ich ihr um 8 Uhr gute Nacht wünschte. -Sie hatte mir nie etwas in den Weg gelegt, wenn ich abends ausging, es -kam selten genug vor. -- - -Damals richtete sie sich aus dem ersten Halbschlummer erschrocken hoch -und rief angstvoll: „Och bliew doch to Hus!“ - -Ich lachte, wie man mit einundzwanzig Jahren lacht, wenn das Leben -lockt und der erste überwundene Berg hinter einem liegt. Gab ihr noch -einen ungewohnten, unbehilflichen Kuß auf den ergrauenden Scheitel und -stürmte fort... - -Um Mitternacht war mein Kopf wüst und heiß. - -Verschiedene Bürger, Handwerker, die für das Seminar arbeiteten, waren -aus der Stadt gekommen und tranken mit ihren Frauen einen Schoppen, -während wir zu den Klängen eines Leierkastens, dessen Besitzer wir mit -Bratwürsten, Kartoffelsalat und etlichen Seideln verpflichtet hatten, -mit den Töchtern gefühlvolle Walzer tanzten. - -Die schwarze Balianslisette war dabei. - -Das Mädchen war schön, üppig und dreist. - -Der verwitwete Vater, Schmied Balian, hielt sein einziges Kind -sonst jeder Freude fern. Man sagte, es seien ihm schon zwei Töchter -verdorben. Er bewachte sie mit Späheraugen, und manch einer hatte eine -harmlose Fensterpromenade schwer büßen müssen. - -An jenem Tage hielten ihn Freunde fest hinter seinem Stammseidel und -die Lisette gehörte uns. - -Die Luft im mäßig großen Zimmer war unerträglich, schwül, voll Staub. -Lisette saß dicht an mich geschmiegt, und ihre schwarzen Beerenaugen -trieben ein tolles Spiel mit mir. -- - -Wir liefen hinaus in den dunkeln Garten, haschten uns, schrien, -lachten... - -Dann plötzlich war ich allein mit der Lisette in der Kegelbahn... Wir -küßten uns rasch, leidenschaftlich, wild. -- - -Ein Streichholz glühte auf, eine Hand lag fest auf meinem Arm, und -Schmied Balian sagte geruhig: „Ich wußte nicht, daß Sie der Lisette gut -sind, bin’s aber zufrieden. Jetzt nach Haus, morgen komme ich zu Ihrer -Mutter, ist ’ne brave Frau.“ - -Er zog Lisette mit sich fort und ich taumelte nach Hause, ohne Hut, -ohne Zahlung, ohne klare Gedanken. - -Am andern Morgen um 10 Uhr war der Alte mit der Tochter schon da. -Meinen Kopf zersprengte der ödeste Katzenjammer. Lisette war blaß wie -der Tod. - -Der Mutter konnt ich gar nicht in die Augen sehen. - -„Lassen wir das Pärchen mal allein,“ rief der Schmied lustig, aber -in seiner Stimme war ein tiefer, grollender Unterton, und seine Augen -drohten. -- - -In der schmalen Schrankkammer umklammerte mich Lisette: „Sörensen, um -Gottes willen, er schlägt mich tot, wenn du mich nicht nimmst...“ Ich -stand zornig vor ihr. - -„So ein Frevel! Wir kennen uns ja gar nicht. Es war ein verdammter -Rausch! Und wenn du weißt, wie dein Vater ist, mußt du die Leute nicht -verrückt machen.“ - -„Sörensen, er schlägt mich tot.“ - -Nicht einmal meinen Vornamen wußte das Mädel. Ich lachte laut auf, und -dabei schlugen meine Zähne im Frost zusammen. - -„Es ist doch nichts geschehen,“ rief ich. „Ein Kuß oder ein paar. Nimm -doch Verstand an.“ -- - -„Für mich ist’s die größte Strafe,“ knirschte sie, „-- ich hab einen -andern gern...“ - -„Schäm dich -- o schäm dich!“ - -Das war unsere Verlobung! -- - - * * * * * - -Wenn ich in der Zeit meine Mutter nicht gehabt hätte... - -Mütter sind Helden... - -Kleines, versorgtes, vergrämtes Mutterchen, du warst der Heldinnen -größte. - -Gabst mir Sonne und Wärme und Zuversicht. - -Gabst so viel Liebe für mich her, daß sie die ganze, weite Welt hätte -füllen können, schafftest und sorgtest, als seist du eine junge Deern, -die für das eigene Glück arbeitet. - -Mutter, Mutter! - -Und deinen großen Jungen trugst du auf betendem Herzen. So ist er nicht -verzweifelt. - -Einmal an einem regennassen Novembertag stürmt ich zum alten Balian. - -Ich wollt ihm sagen, daß ich den Schritt nicht tun könne. Daß ich es -kläglich fände, zwei Menschen zusammenzusperren für Zeit und Ewigkeit, -die nichts Gemeinsames haben als die unreife Jugend. -- Niemals wollt -ich mich verheiraten. Was ich verdiene, solle die Lisette haben, bis -für sie einmal der Rechte käme... - -Der alte Balian lag schwer an Lungenentzündung. Er fieberte, war in -einer andern Welt. Was wir von seinen leisen Worten aber verstehen -konnten, war Freude über die Versorgung seiner Tochter. - -Dann starb er uns, und ich konnte die Verwaiste nicht verlassen. Denn -es war nichts da. - -Die guten Erfurter schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, daß ein -blühendes Geschäft so hatte vor die Hunde gehen können. Die schlechten -Kinder waren der Rost gewesen, der an dem ehrlich erarbeiteten Gelde -des Vaters fraß, und heimliche Wege war Schmied Balian gegangen, damit -die Nachbarn und die Kundschaft nichts von seinem Verfalle merken -sollten. -- Was noch irgendwie ein Ansehen hatte von seinen Sachen, -war verpfändet. Ein paar wurmstichige Möbel nahmen wir mit. Ich habe -sie zu Brennholz zerhackt, und sie spendeten die einzige Wärme, die -ich dem Hause Balian zu verdanken hatte. Von Mutterchens armseligen -Ersparnissen richteten wir die neue Lehrerwohnung ein. Sie lag in -Einingen, tief in der Lüneburger Heide. - -Die Heide kann nur ganz Glückliche, kann nur selige, jauchzende, -lachende Menschenkinder brauchen, oder ganz Unglückliche, von ihrem -Gott Verlassene. -- Ihre Riesenweiten muß man füllen können mit Liebe -oder Haß, mit Jauchzen und Zittern, mit einer Welt von innerem Erleben. -Gleichgültige Menschen oder solche, die nur Erdenschwere und Dumpfheit -kennen, gehören in die Großstadt. Die Heide tötet ihnen Seele und Leib. - -Ein Unglücklicher war ich. - -Weil ich so jung war. - -Weil das Leben so ewigkeitslang vor mir lag. -- - -Als die Wasser der Verzweiflung über meinen Kopf zu schlagen drohten, -stand ich eines Abends vor der Studierstube von Pastor Verden. Manche -Predigt, die schön gesprochen und herzlich gemeint war, hatte ich von -ihm gehört, aber der Lehrer Erne Sörensen war unaufmerksamer als der -zerstreuteste Schuljunge und jeglich Wort fiel daneben. - -Ich entsinne mich aus jener Zeit, daß in Kopf und Herz nur die Fragen -brannten: Was soll ich? Wohin? Wo ist Hilfe? Und keine Antwort fand. - -Nicht am Tage und nicht des Nachts. Nicht in Kirche und Schule. Nicht -daheim, noch in weiter Heide. - -Mein Mutterchen war auf dem Posten. - -Damals ist ihr Gebet gewesen: „Lieber Gott, der Erne, mein großer -Jung, will uns entlaufen. Jawohl, dir und mir. Da heißt’s aufpassen. -Und fein gesund mußt du mich bleiben lassen, das siehst du wohl ein, du -lieber Herrgott. Denn der Erne hat jetzt nur mich.“ -- - -Vor des Pfarrers Studierstube stand ich und wollte irgendeine -Dorfangelegenheit mit ihm besprechen. -- - -Es war garstiger Schneesturm, und jeder andere wäre daheim geblieben. -Denn die Dorfangelegenheit war nicht wichtig. Aber mein ödes Zuhause -und darinnen die junge, faule, zänkische Frau trieben mich häufig in -die Weite der Heide oder auch in die Enge des Dörfleins. - -Und noch auf der hallenden Estrichdiele des Pastorats gellten die -Fragen meines arbeitenden Hirns: Warum? Wohin? Wo ist Hilfe? - -Pastor Verden las laut sein Abendlied, und die schlichten Worte -übertönten den Jammer meines Herzens: - - Der Wolken, Luft und Winden - Gibt Wege, Lauf und Bahn, - Der wird auch Wege finden, - Da dein Fuß gehen kann. -- - -Da lehnte der lange Goliath Erne Sörensen seinen Kopf an die Tür und -weinte bitterlich. - -Zum erstenmal seit der Kinderzeit und den kindischen Knabentränen. Ei, -ei, ei! - -Der heraustretende Pfarrer schüttelte bedächtig den Kopf, und meine -beiden Hände hielt er fest in den seinen. - -Und die Frau Pastorin mit dem gütigen Matronengesichtchen rief: „Du -lieber Gott, der junge Herr Lehrer!“ Und raunte dann: „Ob ich Essen -bringe? Ob er Hunger hat?“ - -Denn junge Lehrer und Hunger gehörten für sie zusammen. An diesem Abend -fanden meine Hilferufe und wirren Fragen ihre Antwort. Ein großes -Sorgenbündel ließ ich in dem altväterischen Ohrenstuhl der Studierstube -zurück, und eine Freundschaft für Lebenszeit nahm ich mit mir. -- - -Ich begann jetzt erst mein „Haus einzurichten“. Es ist ein tiefer -Unterschied, ob man sich sein „Nest baut“ oder sein „Haus einrichtet“. - -Das erstere hatte ich verscherzt, als ich ein Mädchen ohne Liebe wählte. - -Aber ich hatte viel ehrlichen Willen, dies Unrecht gutzumachen. In -meinen Freistunden bastelte ich allerhand Zierrat für unsere Stuben -zusammen, ich handhabte die Axt und ersparte den Zimmermann. Die Mutter -bekam von der Pastorin Blumenzwiebeln und -samen. An unsern Fenstern -blühten Geranien und fleißige Liesel. Der Pfarrer führte mich feierlich -bei den Dorfältesten und der Gemeinde ein, und da er sehr angesehen -war, wurde ich’s auch, weil er seine Hand über mich hielt. -- - -Und nichts schaffte ich an, ohne Lisette um Rat zu fragen. War ich -des Hauses Haupt, so sollte sie das Herz sein. Meinen Jähzorn, das -unselige Erbteil der Sörensen, bezwang ich und strebte danach, daß das -Versöhnlichsein uns beiden zur lieben Gewohnheit würde. - -Dem toten Hause wollt’ ich unsern Atem geben. -- - -Aber es war kein Segen dabei. - -Lisette hatte für alles ein Lachen, an dem das meine langsam starb. -Gern las ich abends den beiden Frauen vor, denn ich war stolz auf meine -Bücherei. Diesen hochtönenden Namen gab ich meinen zwanzig Bänden, -wobei ich Bibel und Gesangbuch noch mitrechnete. Mutter bekam helle -und blanke Augen, wenn ich den Hungerpastor vorhatte, sie lachte wie -ein frohes Kind über Fritz Reuter und konnte sich für Hans Krischan -Andersen begeistern. Lisette aber gähnte und schlief ein, ohne sich -doch durch Tagesarbeit den Schlaf verdient zu haben. - -Wir ließen sie vor uns das Bett aufsuchen, und kam ich dann ins -Schlafzimmer, fand ich sie in kleinen schmutzigen Heften lesend... Als -ich die Sachen verbrannte, erntete ich Schimpf und lodernden Zorn. - -Es kam eine Zeit, da ich die Hölle im Hause hatte. - -Die Mutter wurde ganz kümmerlich und weinte des Abends an meinem Halse. - -Sie hatte schlechte Tage unter Lisettens Herrschaft und tat doch allein -alle Arbeit des Hauses. - -Und wieder danke ich es Pastor Verden, daß ich meinen Zorn niederrang -und mich nicht vergaß. Denn die Dorfgemeinde schaute aufmerksam auf das -Beispiel des Lehrerhauses. - -Lisette fühlte sich Mutter. - -Diese Zeit mag wohl in anderen Ehen etwas Köstliches bedeuten. Zwei, -die Eins sind in Hoffen, Lieben, Glauben, in Ehrfurcht vor der -Heiligkeit des Werdenden, im Stolz auf die Zukunft. - -Herrgott! Und bei uns nichts, nichts, was Herz und Sinn hätte erheben -können. - -Hie und da brach eine jähe Zärtlichkeit bei Lisette hervor. So wild und -ungestüm und zügellos, daß ich mich vor der Mutter schämte... - -Einmal küßte sie mich mit derbem Lachen, als gerade zwei Bauern bei mir -waren, um sich Rat für ihre Kinder zu holen. - -Sie sahen scheel und ohne Verständnis auf die Lehrersfrau und -entfernten sich eilends. - -Der Rat blieb ungesprochen, aber das Seltsame und Häßliche meiner Ehe -trugen die Leute ins Dorf. - -Dann aber ward es Licht. - -Gott schenkte mir zwei Knaben. Einen großen Goliath -- Erne und einen -feinen, kleinen Jens. - -Außer mir war ich vor Glück. -- - -Mir schien alles klein und gering, was ich früher erlebt, gegen das -unfaßlich Herrliche der Gegenwart. - -Ich war Vater. Vater von zwei Söhnen. Auch die Zukunft war wieder hell, -denn ich hielt ja an jeder Hand einen Knaben und brauchte keinen Weg -mehr einsam zu wandern. - -Und meine Jugend jubelte laut ihr Glück hinaus, bis Mutterchen -ängstlich mahnend rief: „Du groten Jung! Swieg still! Du büst jo ganz -ut Rand un Band. Süh de beiden Lütten! Wo se di ankiken. As ob se dien -Öllern wiern un nich du.“ - -Laut und fröhlich lachte ich und küßte beide Mütter. Die, die mich -geboren, und die, welche mir meine Knaben schenkte. - -Und in der Nacht träumte mir, der Erne sei Kultusminister und der Jens -Volksschulmeister. Und es war ein köstlich Zusammenarbeiten der beiden -Brüder, und die ganze Welt und alle Schulen waren voll Glück. -- - - * * * * * - -Was nun ein schweres, grausames Geschick mir wuchtend auferlegte, das -werde ich nur ganz kurz und sachlich buchen können. Einst schrieb ich -es in das kleine Heft hinein, das nun verbrannt ist. Einst -- damals -als ich jung war. - -Damals wünscht ich mir „Flügel der Morgenröte“, um dem Herrgott zu -entfliehen „und wanderte im finstersten Tal“... - -Jetzt weiß ich, daß er mich nie verlassen, noch verloren hat. - -Heute ist der Geburtstag meiner Knaben. - -Das wären jetzt aufgeschossene schlanke Bürschchen, wie ich selbst es -war mit vierzehn Jahren. - -Sie würden mir bis an die Schulter reichen und zu mir sagen: Vater, wie -sind deine Brauen und dein Bart so dunkel und deine Schläfen so weiß. -- - -Das kommt, weil ihr mich verlassen habt, meine Jungens... - -Nun, so bekomme ich diese Seiten nie zu Ende... - -Die Kinder gediehen und wuchsen wie die Bäumchen. Trotzdem Lisette -ihnen die Mutterbrust verweigerte. Im Anfang war ich zornig, dann -freute ich mich darüber. Ich bereitete fast jede Nahrung selbst für sie. - -So wurden sie ganz mein Eigen. Von der Schule lief ich zu den Knaben -und von ihnen zur Schule. - -Und die allerbeste Kindsmagd hatten sie außerdem an der Großmutter. Die -wurde noch einmal jung in der Kinderstube und besann sich auf Märchen, -wie sie schöner nie ein Mund erzählt. - -Und der große und der kleine Erne saßen mit dem feinen, zarten Jens zu -Füßen der Scheherezade und lauschten... - -Lisette aber war auch glücklich auf ihre Art. -- - -Sie entlief oft tagelang dem „langweiligen“ Manne, den „langweiligen“ -Kindern, der „furchtbaren Öde“ der großen Heide. - -Sie vergnügte sich in der nahen Stadt, fand Freundinnen und Versucher... - -Ich wachte erst aus meiner Vater- und Kinderseligkeit auf, als Pastor -Verden mich gewaltig rüttelte. Er nannte die Dinge, wie das Dorf sie -besprach... - -Bis ins Herz erschrak ich. - -Und zwang mit eisernem Willen die junge, pflichtvergessene Mutter in -mein Haus. - -Es wurde zur Hölle für uns alle. - -Nur eine hielt dieser Hölle stand. Sie war die verkörperte Liebe. Sie -betreute das Haus, die Kinder, mich selbst, ja auch um die mürrische, -zänkische Schwiegertochter warb sie täglich aufs neue. Nimmermüde war -das Mutterchen. Ich selbst lief allein oder später mit meinen Buben in -die Heide. - -Lieben und verstehen lehrte ich sie die unendliche Weite und Stille. -Die rote Blütenpracht im Sommer wurde ihnen zum Himmelsteppich, und -alle Blumen der Welt reichten nicht heran an Holler und Ginster. - -Mit drei Jahren sprachen die Knaben ein reines gutes Hochdeutsch, und -mit dem „Grodeli“, wie sie die Großmutter nannten, „snakten sie Platt“. - -Meine Buben waren mir alles und ersetzten mir alles, woran sonst ein -junger Mensch sein Herz und seine Sinne heftet. Ich lachte, tollte, -lernte und spielte mit ihnen, und wenn sie mir ihre Händchen hinhielten -und ernsthaft meine Koseworte wiederholten: „Ja, Erne, wir sind -zusammengeßmiedet“, dann dünkte ich mich der Königssohn im Märchen. -- - -Nun rasch weiter und zu Ende. - -Es war Schützenfest in der Kreisstadt. - -Lisette war in fieberhafter Aufregung. Sie erzählte sogar den beiden -Kindern von all den verlockenden Schaubuden, von Karussels und Löwen -und drolligen Affen. - -Die aufgeweckten Bübchen horchten erstaunt und erfreut, die Mutter war -so selten freundlich mit ihnen. - -„Laß mich doch mit den beiden hin!“ drängte Lisette. „Die Kinder werden -ja hier ganz überspönig, sie müssen einmal unter andere Kinder. Ein -großer Umzug mit brennenden Laternen soll da sein, -- ich hab’s der -Frau Diedrichsen so gut wie versprochen.“ -- - -Lehrer Diedrichsen war mir ein unlieber Kollege, seine Frau als -Freundin für Lisette durchaus ungeeignet. Ich schüttelte den Kopf, ein -zorniger Blick traf mich. - -„Grad als ob mir die Kinder nicht +auch+ gehörten,“ schrie sie -mich an. Da fingen Erne und Jens an zu weinen, und ich trug sie hinüber -zur Großmutter, damit ihre jungen Augen nicht das entstellte Gesicht -der Mutter sehen sollten und das furchtbarste Schauspiel für Kinder: -Uneinigkeit der Eltern. Dann ging ich zurück zu Lisette und versuchte -noch einmal mit Freundlichkeit und Ruhe ihr meine und ihre Stellung -klarzulegen. - -Daß ein Lehrer würdigere Freuden kennen müsse als den Jahrmarkt in der -fremden Stadt, und daß es einfach unsere Verhältnisse nicht erlaubten, -das Geld so unnütz hinzuwerfen. Und die Kinder, die jungen zarten -Knaben im Gewühle eines solchen Umzuges! - -Sie tobte, aber ich blieb ruhig und fest. - -Andern Tags hatten beide Bübchen starkes Fieber. Es war ein kalter, -häßlicher November. - -Ich mußte mit dem Pfarrer und dem neuen Kreisschulinspektor über Land -und trennte mich schwer von den Kindern. Aber Lisette schien selbst in -Sorge um die beiden, das konnte ich wohl sehen. Sie gab sich auch Mühe, -freundlich mit mir zu sein, es war wie Reue in ihr und mir war’s der -Schimmer einer lichteren Zukunft... - -So ließ ich meine Frau am Bett der Kleinen und Mutter schlummernd im -Lehnstuhl, was nicht oft vorkam. Aber sie kämpfte schon lange gegen -eine böse Erkältung. - -Spät abends kam ich heim. - -Ich ging zuerst in Mutters Stube, um nicht mit der ganzen Nässe und -Kälte der Novembernacht an die Bettchen der Kinder zu treten. - -Mutter schrak aus Fieberschlaf empor. - -„Die gute Lisette,“ lallte sie. „Warm eingepackt hat sie mich. Nicht -rühren sollt ich und konnt ich mich. Und gut zugeredet hat sie mir. Daß -ich sollt endlich einmal liegen bleiben und an mich denken. Den Bübchen -geht’s besser. Schlafen alle zwei in die Gesundheit hinein. Und die -Lisette hat sich auch hingelegt.“ - -Ich kühlte der Mutter die brennende Stirn und dann ging ich ins -Schlafstübchen. - -Herrgott! Herrgott! - -Die Betten waren leer. - -In der Kreisstadt fand ich nachts um drei Uhr meine Kinder wieder im -Hause des Lehrers Diedrichsen. - -Der kleine Jens kannte mich schon nicht mehr. Am andern Tag zwang ihn -die Bräune nieder. Die Fahrt über Land in schneidendem Novemberwind... - -Mein Erne wehrte sich länger. Er erzählte mir noch mit heiserer Stimme -von den Löwen und Äffchen, von dem rasenden Karussel, wo man so übel -drauf werde, von den brennend roten Stocklaternen. Diese ängstigten ihn -furchtbar und verfolgten ihn. -- - -Den ganzen nächsten Tag erzählte er mir noch... - -Dann reichte er mir das kleine heiße Händchen: Wir beide sind -zusammengeßmiedet...... - - * * * * * - -Das war vor zehn Jahren. Ich habe Lisette nicht wiedergesehen. Was ich -verdiene, schicke ich ihr bis auf wenige Abzüge. -- - -Die Mutter blieb vorerst bei mir. Gott ewig Lob und Dank. Ihr rastloser -Fleiß, ihre Liebe, ihre nimmermüde Fürsorge und ihr Vertrauen zu mir -haben mir geholfen. Sie zeigten mir den Weg zur ernsten Arbeit. So -konnte ich ein Jahr nach dem Heimgang meiner Knaben die Reifeprüfung am -Gymnasium ablegen. - -In Kiel studierte ich, war dann in Lüneburg Kandidat und Oberlehrer. - -Da war Mutterchens Mission zu Ende. - -So meinte sie. Und sie packte ihre Sachen und zog wieder in unser -Heidedörfchen. Dort sitzt sie in ihrem alten Hause, darinnen sie mich -geboren, und wo unser guter Vater starb. In ihrem feinen Herzenstakt -glaubte sie, die ehemalige Waschfrau könnte meiner Laufbahn im Wege -sein. Und all mein beredtes Werben um sie und ihr Bleiben konnten ihren -Entschluß nicht erschüttern. - -Der schwerwiegendste und letzte Beweggrund: „Mutter, ich brauche dich -und deine Gegenwart wie das liebe Brot“, habe ich nicht ausgesprochen. -Zu viel Opfer hatte mir schon die liebe Unersetzliche gebracht. Ich -sah, wie ihr Herz und ihre Hände nach der engen Heimat, nach der alten, -schwer entbehrten Arbeit verlangten. Eine tüchtige, alte Magd trat -an ihre Stelle. Mein Körper war immer gut versorgt, die Herzspeise -fand ich in Mutters kärglichen Briefen. Ich selbst schreibe zu ihr -jeden Sonntag. Komme mir beinahe wie ein Pfarrer vor, der seine -Sonntagspredigt und Sonntagsstimmung vorbereitend genießt. - -Von Lisette erwähnen wir beide nichts. - -Ich weiß, daß Mutter meine Not begriff... - -Aber sie wurzelt auch wieder mit allen Fasern in den göttlichen -Geboten. Der alte Lutherkatechismus vom Großvater her lag immer auf -ihrem Bettischchen. Ich sah einmal, daß sie das vierte und das sechste -Gebot mit leuchtend rotem Stift angestrichen hatte. -- - -Daß ich ihr den Schmerz meiner unglücklichen, häßlichen Ehe zugefügt -habe, wird mich immer brennen... - -Von Lüneburg aus konnte ich oft die beiden kleinen Heidegräber -aufsuchen, die Frau Pastor Verden mir betreut. - -Schlaft wohl, Erne und Jens Sörensen! -- - - * * * * * - -Auf dem Schulhof vom Birkholzer Lyzeum wirbelt und tost es, lacht es -und schreit. - -Fräulein Nissen hat die Aufsicht. - -Sörensen, der an seinem Schreibtisch im Direktorzimmer sitzt, sieht -gar nicht erst nach dem Stundenplan. Er weiß es sofort, als der -ohrbetäubende Lärm auf dem Schulhof losbricht, und sagt es geruhig vor -sich hin: „Natürlich die Nissen.“ - -Dann erst tritt er ans Fenster und schaut kopfschüttelnd hinunter auf -das Gewühl. - -Wie eine Henne, die Enten ausgebrütet, flattert die Lehrerin zwischen -den Mägdlein umher, und wo sich eine ruhige Gruppe bildet, wird sie -aufgescheucht. Dabei scheint denn einige Disziplin in die Brüche zu -gehen. - -Prachtvoll jung ist sie, die Bande da unten. Eben meint Sörensen, die -Siebenjährigen stießen diese hellen Juchzer aus, es sind aber die -Backfische aus der zweiten Klasse. - -Telse Lüders kräht wie ein junger Hahn. - -Fauchend steht Fräulein Nissen vor ihr, das Sündenregister scheint -endlos zu sein. - -„Ei, so laß sie doch krähen!“ denkt Sörensen unpädagogisch. - -Denn der Schulhof ist ja eigentlich kein Hühnerhof. Aber der Direktor -weiß, daß Telse Lüders das einzige junge Kind alter Eltern ist, der die -Schule viel Freude und Jugendübermut ersetzen muß. - -Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse -Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte -flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt... - -Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen. - -Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer -auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit. -Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes, -rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von -Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft. -Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an. - -Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehrerbietig. Direktor -Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp -ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten -Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine -eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines, -schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im -raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen -arg zerschunden hat. -- - -Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht -einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und -bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen. - -Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das -veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig -anzusehen. - -„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös. -Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber -in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser -gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die -zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die -Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im -Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die -beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren -Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein -Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein -verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr. -- - -„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, -- „diese Sörine Heidekamp ist noch mein -Tod.“ - -Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu -lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. -- Nein, Kollega, dies Getue -allerneuesten Datums um Sörine +von+ Heidekamp, -- vergessen Sie -ja nicht dieses schmückende Beiwort, -- also dies Getue läßt mich kalt. -Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft -ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“ - -Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe -mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im -Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie -wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“ - -„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig -die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den -Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist -er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner -unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche -Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen -hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“ - -Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet -wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen. -- - -Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat -und die Plätze eingenommen sind, verkündet sie die neuen Tadel im -Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an. - -„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch -schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie -rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her -und die Kinder krümmen sich vor Lachen. - -Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus -irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es -ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen -verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken -der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht -berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der -ersten Strophe: - - „In schwarzer Nacht, auf roter Heid - Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid. - So gelb der Mond, so grau das Land, - Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“ - -„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein, -hinterher die ganze Klasse und dann -- melde ich euch dem Herrn -Direktor.“ - -Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man -hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor -nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die -zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen! - -Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers -aus der neunten Klasse und ihr Vater ein strenger Mann. Man munkelt, -daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von -Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden. - -„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz -unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie -auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und -schmerzlich. - -„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch. - -Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch -nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle -so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“ - -Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin -Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt -sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen -Heidekamp nachzudenken. - -Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die -abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter -die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn -jemand am Ersticken ist. - -Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen -kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit -Friedrichs des Großen...“ - -Da läutet die Schulglocke. - -Und mit einem Radau ohnegleichen geht die zweite Klasse von der -geistigen Entwicklung zur leiblichen, zur Frühstückssemmel, über. - -Fräulein Nissen rast ins Lehrerzimmer. - -Hier ist vorläufig nur die wortkarge, mit trockenem Humor begabte -Oberlehrerin Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen anwesend. Sie schlürft -eine Tasse Kakao und mustert über den Rand ihrer Tasse hinweg die Auf- -und Abrennende. - -„Was fehlt Ihnen, Nissen?“ fragt sie. - -Fräulein Nissen haßt Verschiedenes auf dieser Welt, darunter auch die -Eigentümlichkeit der Kollegin, sie mit dem Nachnamen anzureden. - -Aber sie weiß, daß es nichts nützt, wider den Stachel zu löcken, und so -entschließt sie sich zur raschen Antwort: „Die zweite Klasse ist noch -mein Tod.“ - -„Das begreife ich nicht, Nissen. Ich würde der Bande gar nicht den -Gefallen tun, mich durch sie töten zu lassen. Aber abgesehen davon, -- -Nissen, können Sie wohl ruhig bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß mir -diese verlästerte Zweite die liebste von allen Klassen ist?“ - -Nein, bei so einer hirnverbrannten Rede konnte Fräulein Nissen nicht -ruhig bleiben. Sie schlug eine nervöse Lache auf und verdoppelte ihre -Renngeschwindigkeit. - -„Ehe Sie sich aber auf den Schragen ärgern, Nissen, lassen Sie sich von -mir die Rockborte annähen, es macht sich würdiger im Sarg.“ - -„Fräulein Stavenhagen -- -- --!“ - -Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden eingefädelt, hob die Nadel -wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das -Ganze haaalt!“ zu. - -Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein -schattenhaftes Lächeln ab. - -„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den -Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen -mageren Stelzchen, -- „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie -vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘, -sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein -abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken -gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für +Sie+ -eingespannt.“ - -„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen. - -„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie -vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“ - -„Erlauben Sie mal.“ - -„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite -Klasse trete, ernstlich sagen: +Du+ bist auch mal Kind gewesen, -du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und -O des Lehrers sein. Zweitens,“ -- Fräulein Stavenhagen schaute -spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und -drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste -ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“ - -„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen -- -- --“ - -„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein würden. Aber nun ist -Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen -breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre -Reize nicht verwirrt werden.“ - -Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und -begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao -vollends aus. - -Das Lehrerkollegium betrat ziemlich vollzählig das Zimmer. - -Sie sprachen erregt durcheinander. - -„Ne, erlauben Sie mal,“ rief Oberlehrer Kahl, setzte sich mit einem -Ruck an den Tisch, schlug auf die Platte und sprang wieder hoch, „das -is +nich+ egal. Wenn ich was seit zwanzig Jahren in meiner Klasse -eingeführt habe...“ - -„Dann ist es die höchste Zeit, daß es mal geändert wird.“ - -„Verehrteste Kollegin,“ rief Kahl spitz, -- „ich pflege meine Sätze -allein zu vollenden... Also, ich sage, wenn ich seit zwanzig Jahren was -in meiner Klasse angeordnet habe, dann lasse ich es mir nicht von einem -Neuerer einfach umstoßen.“ - -„Sehr richtig,“ sekundierte ihm Professor Traute. - -„Ich weiß ja nicht, worum es sich handelt.“ Fräulein Stavenhagen -blitzte Herrn Kahl ziemlich drohend an. „Ich höre nur immer -+meine+ Klasse und da wollt ich gehorsamst und submissest fragen, -+welche+ Klasse Sie meinen.“ - -„Na, natürlich doch die Erste.“ - -„So! Und mit welchem Recht?“ - -„Mit dem Recht, mit dem ich zwanzig Jahre lang die erste Klasse geführt -habe.“ - -„Mit dem einundzwanzigsten Jahr fängt aber +mein+ Recht und -+meine+ Klasse an,“ trumpfte Fräulein Stavenhagen. - -„Spielen wir also mal meine Klasse, deine Klasse,“ lachte der junge -Gesanglehrer Hansohm und seine Hände ahmten das Hasardspiel nach. - -„Zum Ulken sind wir nicht hier,“ verwies ihn Oberlehrer Kahl. - -Er kehrte mit Vorliebe den akademischen Standpunkt heraus und liebte es -überhaupt nicht, wenn „Seminaristen“ sich einmischten. - -„Worum es sich handelt?“ wandte er sich an die Oberlehrerin. „Seit -zwanzig Jahren steht die erste Klasse auf, wenn ich herein komme, -seit zwanzig Jahren sagt sie langsam, laut und deutlich ‚Gu--ten -- -Mor--gen, -- Herr -- Ober--lehrer -- Kahl‘ und jetzt kommt dieser -- -- -dieser -- --“ - -„Seminarist,“ rief Lehrer Hansohm boshaft dazwischen. - -„Dieser Herr Direktor,“ vollendete Kahl, „und führt Neuerungen ein.“ - -„Wir sitzen ja auch gottlob nicht mehr in der Arche Noah, sondern im -neuen Lyzeum.“ Fräulein Doktor sprach sehr energisch. „Und da die -erwachsenen Mädchen in der ersten Klasse Stühle und Tische bekommen -haben, so ist’s wie eine Erlösung, daß sie sich das Aufstehen endlich -abgewöhnen. Man kann auch Haltung zeigen ohne aufzustehen und -Lächerliches zu plärren.“ - -„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“ - -„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe -hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu--ten --- Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich -ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu--ter Mond, du gehst -so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“ - -„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte -ich meine Klasse nicht wieder.“ - -„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder -ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten, -dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der -jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt -- Hampelmännchen -- --“ - -„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie +bedauern+, daß -diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der -zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch -mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert -ist...“ - -„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen, -und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja -doch nur dazu da --“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den -Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen. -Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: ~a~) Erziehung zum -Musikhören, ~b~) die eigentliche Gesanglehre, ~c~) Aneignung -der im geistlichen und weltlichen Liede...“ - -Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer. - -„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend. - -„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s, -unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“ - -Nun verschwand auch Fräulein Nissen und lachenden Antlitzes die -anderen. Nur Fräulein Doktor und Lehrer Hansohm blieben zurück. - -„Kollege Hansohm, ist’s ein Geheimnis, was Sie mit der zweiten Klasse -haben?“ - -„Aber durchaus nicht. Die zweite Klasse hat mich ~in corpore~ -bestürmt, mit ihnen die Müllerlieder von Schubert einzuüben. Als ich es -ihnen abschlug, weil es nicht zum Pensum gehört (hier verdrehte Hansohm -die Augen), baten sie mich flehentlich, und Sie wissen, +wie+ -die zweite Klasse fleht, daß ich ihnen die Müllerlieder wenigstens -vorsänge, -- und das habe ich getan. --“ - -„Die Glücklichen,“ sagte Fräulein Doktor leise, und ihr verblühtes -Gesicht sah mit einem Male jung aus. „Menschenskind, warum sind Sie -nicht Sänger geworden? Mit Ihrer herrlichen, gottbegnadeten Stimme...“ - -„Reden wir nicht davon,“ unterbrach er sie rauh. „Oder ja, -- wenn es -Sie interessiert, -- das Geld fehlte, Freunde fehlten, Verständnis -fehlte. Dazu kam die närrische Liebe zum Lehrerberuf, das glühende -Verlangen, Kinderstimmen auszubilden, dieses zarte, gottgegebene -Material nicht verschandeln zu lassen...“ - -Fräulein Doktor streckte ihm die Hand hin. „Gottlob, daß wir Sie hier -haben. Und gestern, -- da hätt’ ich dabei sein mögen...“ - -„Dann hätt’ ich Eintrittsgeld genommen.“ Der Ernst war schon wieder -verscheucht. „Nur die zweite Klasse hat freien Zutritt. Meine Zweite! -Das ist so ’ne Marotte von mir. Und sollt’ ich mal irgendwo singen, -öffentlich, wohltätig oder verheerend, und der Herr Oberlehrer Kahl (um -ja nicht ‚Kollege‘ zu sagen) sollte zuhören, dann knöpf’ ich ihm 25 -Mark ab, jawohl, wie der Jadlowker in Berlin.“ - -„Aber gestern, gestern,“ drängte Fräulein Doktor und sah nach der Uhr, -„wo steckt denn nun das Verbrechen der zweiten Klasse?“ - -„Haben Sie ’ne Ahnung!“ Hansohm sah sie komisch verweisend an. „Das -ist doch eben meine Schmach und die dieser verdorbenen Kinder! Aus -den Müllerliedern hat der Kahl ‚Liebeslieder‘ gemacht. Na, freilich -sind’s Liebeslieder, es sind dank dem Göttersohn Schubert +die+ -Liebeslieder schlechthin. -- Also des Pudels Kern ist: die zweite -Klasse hat um Liebeslieder gebeten, und der Schurke Hansohm hat sie -ihnen verzapft.“ - -Fräulein Doktor warf sprachlos beide Arme in die Luft. - -„Gerade als Kahl am Singsaal vorbeiging, schmetterte ich: ‚Dein ist -mein Herz und soll es ewig bleiben‘, meinte aber nicht Kahl...“ - -„Mein herzliches Beileid,“ brummte Fräulein Doktor. „Na und nun weiter? -Was soll aus dem Quark werden?“ - -„’ne Konferenz. Ausgerechnet ’ne Konferenz.“ - -„Ich finde das auch richtig,“ fiel eine salbungsvolle Stimme ein. Die -beiden drehten sich hastig um. - -Professor Traute saß ganz zusammengedrückt hinter einem großen -Schreibtisch mit hohem Aufsatz. - -„Ach so!“ Fräulein Doktor lachte schneidend. „Na, da wissen wir ja Ihr -Glaubensbekenntnis schon vor der Konferenz.“ - -Lehrer Hansohm sah ganz unglücklich drein. - -„Mir ist es ja nur so schaudervoll, höchst schaudervoll, daß dem neuen -Direktor gleich so ein Elektrizitätswerk über uns angeknipst wird,“ -seufzte er. „Ich hätte dem Manne zu gern die Illusion gelassen, nicht -die Spitze einer Schöppenstädter Kleinkinderbewahranstalt zu sein.“ - -Die Schulglocke klingelte. - -Professor Traute schob sich eilends auf den Vorsaal. Hier prallte er -unsanft mit Direktor Sörensen zusammen, welcher rasch etwas aus dem -Lehrerzimmer holen wollte. Traute entschuldigte sich wortreich unter -tiefen Verbeugungen und trat dann zu Oberlehrer Kahl, dem er zuraunte: -„Dieser Hansohm ist ein Fuchs und ein Schwätzer dazu, werde Ihnen auf -dem Nachhauseweg erzählen, Kollege... Und der neue Direktor -- hm --- -- merkwürdig, hä hä -- wenn mich nicht alles täuscht, hat der am -Lehrerzimmer gehorcht vorhin, -- -- als ich die Tür aufriß, stießen wir -förmlich aufeinander...“ - -„Ist die Möglichkeit! Ei ei -- sieh, sieh...“ - -Die beiden Biedermänner gingen in ihre Klassen. - - * * * * * - -Der Singsaal im neuen Lyzeum von Birkholz war ein prächtiger Raum. - -Wenn man darinnen saß und seine Augen wandern ließ, dann dachte man -wohl, der Baumeister müsse zugleich ein rechter Jünger der heiligen -Cäcilie gewesen sein. - -Und man dachte recht. - -Baurat Steinbrück stammte aus Thüringen und war in dem architektonisch -reichen Städtchen Birkholz „hängengeblieben“. Er spielte alle -bekannten Instrumente und noch ein paar darüber, er sang im Chor der -Martinskirche und in der Birkholzer Singakademie und hätte es gern -gesehen, wenn die Magistratssitzungen, denen er als Stadtverordneter -beiwohnte, im Opernstil getagt hätten. Seinem unablässigen Werben und -Wirken verdankte Birkholz den akkustisch vollendeten Raum, in dem die -Kinderstimmen der Stadt von dem feinsinnigen Musiker Hansohm geschult -wurden. - -Ein guter Stern leuchtete über dem Singsaal. - -Denn während alle anderen Räume des Lyzeums kahl und schulmäßig -dreinschauten, bekam der Singsaal bei der Einweihung drei Paten, die -segnend die Hände über ihn hielten. - -Der eine war der Inhaber des großen „Spezerei- und Gemischtwarenladens -Dingelmann und Sohn“, der, wie er von sich selbst sagte: „Längst zum -größten Delikateßgeschäft und zur bekanntesten Wurstfabrik gediehen“, -doch noch aus Pietät die wunderliche Geschäftsbezeichnung über seiner -Tür beibehielt. Der zweite war der „Kammerherr“, wie man kurzweg den -alten Sonderling Freiherrn von Heidekamp auf Heidekamp-Birkholz nannte, -und der dritte Pate war eine Patin, ein altes Fräulein Tingleff, das -seit vierzig Jahren im zweiten Stockwerk des Hauses Dingelmann und -Sohn wohnte. Seit vierzig Jahren, man sagte, seit dem Tage, da sie dem -alten, damals sehr jungen und sehr blonden Dingelmann ihre begehrte -Hand verweigerte, zankte sie sich mit ihrem Wirt und konnte sich doch -nicht von ihm fortfinden. - -Und seit vierzig Jahren überboten sich die beiden „Feinde“ im Wohltun -für die Stadt Birkholz. - -Da nun das wunderliche Fräulein Tingleff fand, der neue Lyzeumsingsaal -sei viel zu hell und werde all die sonnigen Kinderaugen in Grund und -Boden verderben mit seinem kalten Licht, so „stiftete“ sie ein buntes -Fenster, das die heilige Cäcilie darstellte. - -Der Chef der Firma Dingelmann und Sohn konnte darüber auch nicht eine -einzige Nacht schlafen, sondern ging stracks zu Herrn Lehrer Hansohm, -um ihn um Rat zu fragen. Und so stand schon nach vierzehn Tagen ein -von Dingelmann gestifteter Bechsteinflügel im Saal. Und nach weiteren -vierzehn Tagen begann man mit der Aufstellung einer wunderschönen -Estay-Orgel, die Freiherr von Heidekamp für den Singsaal notwendig -hielt. Und Lehrer Hansohm war darüber so glückselig, daß ihm die Augen -naß wurden. - -Die scharfen Blicke des Orgelstifters, welcher der Aufstellung -beiwohnte, entdeckten die verleugneten und rasch beseitigten Tränen. - -Sie gefielen ihm inmitten der öden Trockenheit, mit der die große -Schule bisher geleitet wurde. - -Und der Mann gefiel ihm auch. - -Das sagte er ihm freilich echt heidekampisch: - -„Lieber Herr Schulmeister, Lehrer müssen sein, weil sie der Herrgott -als eine der sieben Landplagen auf der Erde vergessen hat. Mir kommt -keiner über die Schwelle, aber Sie...“ - -Und nach einer längeren, für Hansohm halb peinlichen, halb -interessanten Pause hatte der Kammerherr ihn ohne weiteres am Rockknopf -zu sich herangezogen. - -„Meine Enkelin, die Sörine, der lüttje Katheiker, hat mir viel, viel -Liebes von Ihnen erzählt, Herr Schulmeister, ich -- ich danke Ihnen.“ - -„Aber, Herr Baron, ich weiß nicht...“ - -„Sie brauchen auch gar nichts zu wissen, -- setzen Sie sich lieber hin, -und spielen Sie mir ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott‘, den Choral der -Choräle. Ich muß doch etwas von meiner Stiftung haben.“ - -Und Klaus Hansohm hatte die Register der neuen Orgel gezogen, und alle -Heimchen am Herde des neuen Lyzeums waren aufgewacht und lauschten, und -die heilige Cäcilie im Buntfenster lächelte. - -Und auf den Schwingen des mächtigen Liedes fanden sich ein wunderlicher -Alter aus dem Uradel des Landes und ein junger Stürmer aus dem Volke zu -einer seltsamen, guten Freundschaft zusammen. -- - -Das war vor Wochen gewesen. - -Heute war der neue Singsaal, die heilige Cäcilie und der -Bechsteinflügel schon eine alte Sache, und man sah sich nicht mehr -danach um. - -Die Kränze und Girlanden waren verwelkt und abgenommen, und die weißen -Festkleider mit den schwarz-weiß-roten und blau-weiß-roten Schärpen -hingen längst wieder in den Schränken. Aber etwas seltsam Feierliches -und Festliches war dem Singsaal doch verblieben. - -Darüber hatte noch niemand gesprochen, aber die jungen Seelchen spürten -es, und es steckte sicherlich in den Pfeifen der Orgel und den Saiten -des Flügels und in dem Lächeln der heiligen Cäcilie. - -„Nun wollen wir recht schön die Tonleitern singen,“ sagte Lehrer -Hansohm zur zweiten Klasse, „und wenn die so recht perlend fließen, -dann...“ - -„Schubertlieder! Schubertlieder!“ zwitscherte es flüsternd durch die -Reihen, und Sörine Heidekamp machte sich zum Mund der ganzen Klasse, -hob den Finger und sagte laut und selbstverständlich: „Dann singen Sie -uns wieder Schubert.“ - -Hansohm wehrte entsetzt ab. „Aber, meine Damen, wo denken Sie hin,“ -rief er pathetisch. - -Dann wurde er mit einem Male ganz ernst: „Wir wollen den schönen Tag -der Schubertlieder in lieber Erinnerung behalten, aber ihr müßt nicht -wieder quälen.“ - -Die Kinder sahen sich ängstlich und verstohlen an und schauten arg -verstört auf den Lehrer, der ihnen heute unverständlich schien. - -Sörine Heidekamp, die am wenigsten vermochte, mit unverstandenen -Geschehnissen heimzugehen, stand wieder auf und fragte eindringlich: -„War es etwas Unrechtes?“ - -„Nein, Sörine, dann hätte ich es ja nicht getan.“ - -„Großvaterli sagt, Sie hätten uns etwas außerordentlich Wertvolles -gegeben, und wir dürften es nie vergessen.“ - -Dem jungen Lehrer stieg etwas in der Kehle hoch und er brauchte -ein paar Augenblicke, um die Stimme zu meistern. Dann aber rief er -fröhlich: „Ja, mein liebes Kind, wenn wir lauter Großvaterlis auf der -Welt hätten.“ Da wär’ es leicht, Singlehrer am Lyzeum zu Birkholz -zu sein. Den letzten Satz +dachte+ er aber nur. Und nun sangen -sie eine halbe Stunde Tonleitern und übten dann an einem kunstvollen -Singspiel, die Maienkönigin genannt. Sörine Heidekamp sollte -Maienkönigin sein, und es war niemand unter den vielen Mädels, das ihr -die große schöne Rolle neidete. - -Eine so wunderschöne Singstunde wurde es, daß man sogar das Läuten der -Schulglocke überhörte. - -Da steckte auf einmal der neue Herr Direktor ~Dr.~ Sörensen den -Kopf zur Tür herein und rief ganz lustig: „Feierabend, Herr Kollege.“ - -Und er trat ein und gab jedem Mädchen die Hand und ließ sich den Namen -nennen. Und er betrachtete Sörine Heidekamp, die ihm als schwarzes -Schäflein genannt worden war, sehr eindringlich mit seinen scharfen, -grauen Augen, und sie gab ihm den Blick sehr eindringlich und forschend -zurück. Zum Schlusse mußten sie ihm noch ein dreistimmiges Lied -vorsingen, ein Heidelied wünschte er sich und lauschte mit gefalteten -Händen: - - Über der braunen Heidefläche - Brütet der Sonne brennendes Licht, - Daß sie mein müdes Auge nicht steche, - Duck’ ich mich unter Wacholder dicht. - - Und er breitet um mich seine Zweige - Zärtlich raunend im Heidewind, - Daß es mir ist, als ob sich neige - Meine Mutter über ihr Kind. - -Man fühlte, so hatte man dieses Lied noch nie gesungen, und man war -stolz, wie sich der Herr Direktor darüber freute. - -Bis der Schuldiener Harks gelaufen kam. - -Der war ein Original und fürchtete sich weder vorm Teufel, noch vor der -hohen Obrigkeit. - -Trocken meldete er: „Es ist halb eins und gegen die Schulordnung.“ - -Da lachte der Direktor herzlich und klopfte dem alten, grimmigen Harks -auf die Schulter, und der machte mit eins ein ganz frohes Gesicht. - -Denn es war etwas Neues, was er da hörte. Weil in all den Jahren, die -er in Birkholz wirkte, nicht gelacht worden war im Lyzeum. Deshalb lag -ja auch der Schulstaub so massig und schier unbeweglich und lastete auf -dem Gebäude wie ein Sargdeckel. -- - -„Gehen wir noch ein Stückchen zusammen, Kollege?“ fragte Direktor -Sörensen, „ich nehme immer gern ein paar Atemzüge frischer Luft, ehe -ich mich zum Mittagsmahl setze. Und da Sie Junggeselle sind, kommt es -Ihnen wohl nicht so auf die Verspätung an.“ - -Hansohm verbeugte sich. „Bin eigentlich nur ein halber Junggeselle, -Herr Direktor, denn ich habe meine Schwester bei mir. Die schwingt das -Szepter der Pünktlichkeit und erzieht ihren Bruder.“ - -Eine Wolke flog über sein offenes Gesicht. „Aber heute bin ich -ausnahmsweise auf das Gasthaus angewiesen. Meine Schwester ist oft -leidend. In solchen Fällen erlaube ich es nicht, daß sie am Herd steht.“ - -„Ei, so werden wir jetzt einen kurzen Heidespaziergang machen und dann -essen Sie bei mir. Habe ich auch weder Mutter noch Schwester zu Hause, -so ist doch Frau Dietz die Perle einer Wirtschafterin.“ - -Klaus Hansohm schlug ein in die dargebotene Hand. - -Rasch schritten die beiden Herren aus. - -Die ganze Herbheit des Vorfrühlings lag über der Heide. Licht und klar -war der Himmel, und der April schien seine Launen zu verleugnen. Über -eine alte Steinbrücke wanderten sie, darunter die klare Luhe rieselte. -Kraftstrotzende Baumäste breiteten sich darüber. - -„Nun fangen die Weiden zu blühen an,“ sang Hansohm und warf seinen Hut -in die Luft wie ein Schuljunge. Er vergaß offenbar ganz, neben wem er -ging, und Erne Sörensen war nicht willens, zu kopfschütteln und den -Vorgesetzten herauszubeißen. Diese frische Jugend da neben ihm durfte -außerhalb der Schule urwüchsig sein. -- - -„Sie müssen mich ein wenig orientieren,“ bat Sörensen. „Wie heißt das -Gewese dort rechts, wie nennt sich weit am Horizont das Dorf mit dem -ragenden Kirchturm? Und der Hügel dort links -- ist’s ein Hünengrab -oder steht ein verfallener Wartturm darauf?“ - -„Beides, Herr Direktor. Die Topographie ist rasch erledigt. Alles, -was Sie sehen, möcht’ ich fast sagen, ist Heidekampisch. Bis auf den -Himmel, der immer noch dem lieben Gott gehört.“ - -„So, so, von Heidekamp-Birkholz. Ich wundere mich baß, daß dieser -reiche Grundherr sein Enkelkind in so demokratischer Umgebung erziehen -läßt, wie unser Birkholzer Lyzeum ist.“ - -„Es wird alles wohlüberlegt von ihm sein,“ meinte Lehrer Hansohm. „Die -kleine Sörine soll nicht weltfremd aufwachsen. Sie soll genau wissen, -wieviel Divisoren es in der Welt gibt, auf daß sie diese Kenntnis bei -ihrem Reichtum verwertet und nicht in den Tag hineinlebt. Und das tut -sie auch nicht, weiß Gott. Ihre Augen gehen durch Mauer und Holz.“ - -„Man sollte meinen, Kollege, Sie sprächen von einer reifen Frau -und nicht von einem Kinde, einem Backfischchen, einem unbotmäßigen -Rädelsführer der arg berüchtigten zweiten Klasse.“ - -„Das ‚Kind‘ lasse ich gelten, ein reines, liebes Kind ist die Sörine,“ -sagte Hansohm warm. „Alle anderen Bezeichnungen lehne ich ab. O Herr -Direktor, wie freue ich mich, wenn Sie erst all das Neuland durch Ihre -eigene Brille sehen werden! Jetzt ist es noch die aufgezwungene von -Kahl und Genossen...“ - -„So scharf, Kollege? -- Aber ich freue mich, daß die geschmähte -zweite Klasse ihren Ritter ohne Furcht und Tadel gefunden hat. Ein -Idealist in der Schule oder besser im Lehrerzimmer wirkt gewöhnlich -wie Sauerteig. Übrigens habe ich jetzt auf dem kurzen Wege durch -die verschiedenen Begegnungen, sowie des öfteren in der Schule die -Beobachtung gemacht: Sie sind ein rechter, echter Kinderfreund, -Kollege?“ - -„Herr Direktor, ich bin +Lehrer+.“ - -„Und der Überzeugung, ich seh’s Ihnen an, diese Begriffe müßten sich -immer decken? Wie ist das erfrischend für mich. Wie wertvoll der -heutige Spaziergang. - -Ich mache kein Hehl daraus, daß ich noch tastend und suchend in diesem -Birkholz herumwandre, ich möchte weder durch rosenrote, noch durch -geschwärzte Brillen schauen, ein möglichst wahrhaftiges Bild mit allen -Licht- und Schattenseiten wäre mir das liebste.“ - -„Herr Direktor, die altertümliche Stadt ist entzückend. Und die -Birkholzer Heide hat Gott in einer Feiertagsstunde geschaffen.“ Hansohm -sah mit dürstenden Augen auf seine Heimat. „Auch die herzbraven -Menschen, die unter der gleichfalls vorhandenen Minderwertigkeit -doppelt hervorleuchten, werden sich rasch in Ihr Herz und Ihre Liebe -hineinstehlen.“ - -„Und das Lyzeum, das Kollegium, die zweihundertfünfzig anvertrauten -Kinder? Kollege Hansohm, helfen Sie mir, den Pessimisten Sörensen -einzuschläfern...“ - -„Den Pessimisten? Bin ihm ja noch gar nicht begegnet ...“ - -„Doch, doch, er ist nicht ganz wach, -- aber Kahl und Genossen könnten -ihn rütteln...“ - -„Ich fürchte sie nicht mehr. -- Herr Direktor, Sie sind sehr gütig -mit mir gewesen, -- man hat mich all mein Lebtag nicht verwöhnt mit -Güte, aber erst recht nicht den Seminaristen im Lyzeum von Birkholz. -Und nun kommt mit Ihnen plötzlich etwas herein, das aussieht wie -Morgenrot und Sonne... alle Fenster in den muffigen Schulstuben will -ich aufsperren...“ - -Mit frohem Gesicht sah Sörensen auf seinen jungen Begleiter: „Warum -haben Sie nicht geheiratet, Kollege? Oder ist die Frage unzart? Macht -sie Ihnen Beschwer? Dann antworten Sie nicht.“ - -„Nein, nein, ich habe nichts zu verhehlen. Ich fürchte nur, ausgelacht -zu werden, Herr Direktor... Ich, ich mache nämlich zu hohe Ansprüche an -meine Zukünftige, deshalb fand ich noch nicht die Rechte.“ - -„Zu hohe Ansprüche?“ fragte Sörensen sinnend... - -„Ja, Herr Direktor. Nicht auf Grund meines Einkommens von 1500 Mark, -das bewahrt mich immer erfolgreich vor Größenwahn. -- Aber -- ich hatte -kein gutes Elternhaus. Mein Vater war Volksschullehrer und hatte sich -in unreifen Jünglingsjahren, sagen wir’s hart heraus -- verplempert. -Die Mutter... ersparen Sie mir die Schilderung --. Sie trieb den Vater -in Trunk und Schande. Nun, mich hat das alles erzogen. Auf dem Seminar -stopfte ich mir Watte in die Ohren, um den Sirenen zu entgehen. Es war -damals manch eine, die hinabziehen konnte...“ - -Hansohm hielt erschreckt inne, denn sein Direktor sah mit einem Male -fahl und blaß aus. Dazu klang die Stimme seltsam und gepreßt: „Und -doch konnten Sie sich die sonnigen Augen erhalten? Konnten so fromm und -voll Liebe auf Ihre Heimat sehen? Wer lehrte Sie das, Kollege Hansohm?“ - -„Frau Musika, Herr Direktor. Sie ersetzt mir das Weib... Und,“ fügte er -mit trocknem Humor hinzu, „Kinder gebar mir ja das Lyzeum, 250 Stück. ---“ - -„Die Spottdrossel hat bei Ihnen ihr Nest dicht neben der Nachtigall,“ -sagte Sörensen ernst, „-- aber ich höre das Duett gern. Kollege, -- Sie -werden einem Einsamen manchmal eine Stunde schenken, wollen Sie?“ - -„Von Herzen gern!“ Aber Hansohms Auge streifte besorgt das tief -verfinsterte Gesicht des Vorgesetzten. - -Die Herren schritten durch das Steinere Tor ins Städtchen. Am -Torpfeiler hatte eine Blumenfrau ihren Stand, und Direktor Sörensen -wählte Weidenkätzchen und gelbe Osterblumen zu einem großen Strauß. - -„Die bekommt Ihre Schwester. Sie zürnt mir sonst, daß ich den Bruder -jetzt erst bringe und dann gleich wieder entführe.“ - -„O Herr Direktor!“ Ein rasches Erröten, das den jungen Lehrer gut -kleidete, flog über sein Gesicht und stieg bis in das blonde Haar -hinauf. -- - -„Da sind wir schon.“ Klaus Hansohm öffnete eine Tür. Der helle -Dreiklang eines Glockenspieles tönte. Ein winziger Flur mit einer -altmodischen messingbeschlagenen Kommode und ebensolcher Uhr tat sich -ihnen auf. Eine klangvolle, junge Stimme rief: „Bist du es, mein Junge?“ - -Und dann öffnete sich ein Raum und auf der Schwelle stand ein junges -Mädchen, ein entzückend schöner Kopf auf armem, verwachsenem Körper. - -In die durchsichtig weißen Hände legte Direktor Sörensen seine Blumen, -und die Augen der Kranken lächelten. Dann führte er sie sorgsam zu dem -altmodischen Ohrenstuhl, der am grünen Kachelofen stand. - -„Sie haben hier ja ein wahres Raritätenkabinett,“ scherzte er. Und -zeigte bewundernd rings herum auf die alten Stahlstiche und schön -geschwungenen Möbel. „Das ist ja Urväterhausrat. Ich beneide Sie. --“ - -„Das hat mir alles der Klaus hier zusammengetragen. Alles ist ihm Bild -und Rahmen und dann macht er noch die Musik dazu.“ Sie lächelte zu dem -Bruder hinüber mit rührendem Stolz. - -Die Herren hielten sich nicht lange auf. - -Aber die Zeit genügte doch, um das Stübchen der Leidenden licht zu -machen. Und die ritterliche Art des fremden Mannes ließ einen Schimmer -zurück von dem, was die Welt da draußen Glück und Jugend nennt. - -Lehrer Klaus Hansohm wäre wohl am liebsten daheim bei der Schwester -geblieben, hätte gern ganz still und besinnlich im großblumigen Sofa -gesessen. -- - -Der Tag hatte ihm so viel Reichtum gegeben. - -Nun wogten allerhand Melodien in seinem Kopf und seinem Herzen, die er -noch nicht meistern konnte. - -Er stieg mit seinem Direktor die breiten Steinstufen des alten -Patrizierhauses hinauf, die von der mächtigen Diele zum Eßzimmer -führten. -- - -Klaus Hansohm machte seine Augen weit auf, denn nun war ihm, als sähe -er seinen Vorgesetzten wieder in einer ganz anderen Gestalt. Hoch und -breit und festgefügt stand der Goliath Erne Sörensen in diesem hohen, -breiten und festgefügten Hause als Hausherr und Gastgeber. Und Lehrer -Hansohm lauschte mit dem Ohr eines Kenners seiner klangvollen Stimme, -die einer noch unsichtbaren Person Befehle erteilte. - -Belustigt fing sein Ohr das Gespräch auf: - -„O Herr Direktor! So spät? Alles verbratzelt und verbruzelt! Und ohne -Entschuldigung? Und dann noch ein Gast? Das geht gegen meine Ehre und -Reputation. Und ist das christlich, noch um halb drei Uhr Mittag essen -zu wollen?“ - -Dann das schöne sonore Lachen und die herzgute Stimme: „Aber, Frau -Dietz! Gleich machen Sie frohe Augen. Sie fahren mich ja an, als ob wir -verheiratet wären. --“ - - * * * * * - -Komm her, mein alter Foliant. - -S’ ist Nacht, und der Birkholzer Lyzeumsdirektor sollte längst zur -Ruhe sein. Aber du lachst und lockst, liebes Buch, -- beinahe, als ob -du eifersüchtig seist. Eifersüchtig auf neue Freunde. Gönne sie dem -Einsamen. - -Hellichte Freude habe ich am jungen Hansohm und seiner armen, -lieblichen Schwester. Freude habe ich am ehrlichen Senior Rasmussen, -Freude an der streitbaren Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen. - -Wir beide werden noch manche Klinge miteinander kreuzen. Aber im Grunde -sind wir uns bereits sehr gut. - -Zähle ich dann noch den knurrigen Schulwart Harks und die junge, -unbedachte Hilfslehrerin Fräulein Hanni Freitag dazu, so habe ich alle -aufgezählt, die mir wohl Freund sind. Und was habe ich den anderen -getan? - -Sentimentale Frage. Niemand beantwortet sie. - -Der Senior Professor Rasmussen und ich wußten nach dem ersten Blick, -daß wir uns gefielen. - -Professor Traute ist sehr unsympathisch. Ein Frömmler, mit einem -unsichtbaren, aber trotzdem sehr unangenehm wirkenden Heiligenschein. -In seiner Gefolgschaft Fräulein Nissen. Hermione. Und so sieht sie auch -aus. -- - -Als dritter im Bunde Oberlehrer Kahl. - -Eine Art ~homo sapiens Linné~, mir verhaßt, seit ich denken kann. -Er gehört zu jenen, denen der Mensch nur Vorgesetzter oder Kollege ist. - -Es mag ja nicht genehm für die alten Knaben sein, plötzlich einen -jungen Mann als Vorgesetzten zu bekommen, -- nun ich bin wahrhaftig -ohne Vorurteil an dies Kollegium herangegangen, und das Verhalten vom -Senior zeigt mir auch, daß ich den rechten Ton traf. - -Und doch dieser passive Widerstand von Traute und doch die mühsam -beherrschte Gereiztheit von Kahl. - -Mein Vorgänger war wohl schon etwas überreif, viel krank und -ruhebedürftig. Er hat die Zügel locker in seinen alten Händen gehalten -und ist einfach froh gewesen, wenn andere die Karre kutschiert haben. - -Nun gehöre ich ja nicht zu den Direktoren, die, kaum im neuen Amt, -alles bisher Bestehende verwerfen. Schuldiener Harks hatte allerdings -damit gerechnet, denn gestern morgen fragte er: „Der Spucknapf des -vorigen Herrn Direktors ‚haben‘ immer links von dem Schrank gestanden, -soll ich ihn jetzt rechts stellen?“ - -„Aber, Herr Harks! Traditionen soll man heilig halten, ich bin ein -pietätvoller Mensch.“ - -„Dann müssen also Herr Direktor scharf in die linke Ecke zielen,“ -meinte er ernst, entfernte sich und ließ mich mit dieser Instruktion -zurück. -- - -Ich verweile noch bei Harks. Der Mann ist mir lieb, ich mag ihn -gern um mich haben. In seinen seltsamen Augen steht Gram zu lesen, -aber er weicht scheu aus, und ich will mich nicht in sein Vertrauen -drängen. Auch das Gesicht seiner kleinen verhutzelten Frau zeigt einen -ängstlichen Ausdruck. Und doch soll mein Vorgänger ein humaner Mann -gewesen sein, dem man vielfach sogar Schwäche gegen seine Untergebenen -vorwarf. - -Mancherlei Beobachtungen habe ich schon gemacht. Harks Augen können -grimmig, ja tückisch aufblitzen, wenn Professor Kahl nach dem -„Schuldiener“ ruft. - -Ich ehre in Harks den alten Feldwebel und seinen -Zivilversorgungsschein. Nenne ihn deshalb „Herr Harks“ und seine -schüchterne Frau „Frau Kastellanin“. - -Denn die meisten Frauen sind glücklich unter einem Titel. -- - -Ich werde nicht zu befürchten haben, daß Harks über den Strang schlägt. -Er ist ein rechter Hüter der Schulzucht. Daß er nicht wünscht, den -einst so allmächtigen Feldwebel in dem Begriff „Diener“ untergehen zu -sehen, kann ich ihm nicht verübeln. Und ich meine, der unermüdliche, -alte Mann ist hier erst recht eine gute Kompagniemutter und in dem -großen Betrieb wohl am Platze. - -Heute nachmittag war Klassenkonferenz. - -Ich werde mit diesen Dingen sparsam umgehen. Denn ich kann ja vieles -selbst erledigen, und die schönen Nachmittage sind den Kollegen und mir -gleich wertvoll. Aber dem Vorschlag von Oberlehrer Kahl, im Anschluß -an die Schule zu tagen, konnte ich nicht beistimmen. Denn wichtige -Konferenzen sollen nicht mit knurrendem Magen und Uhr in der Hand -erledigt werden, und daß keine unwichtigen stattfinden, dafür will -ich schon sorgen. Die heutige bedeutete allerdings viel Lärm um einen -Eierkuchen. Wieder einmal die zweite Klasse! - -Aber es schien mir, als sei diese nur vorgeschoben, als sollte -eigentlich Herr Klaus Hansohm gezaust werden. - -Die erste Enttäuschung für mich. -- So rückständig ist Birkholz? Die -Müllerlieder von Schubert ungeeignet für die zweite Klasse eines -Lyzeums. - -Himmel, zu welchen Verstiegenheiten sich die Herren hinreißen ließen. -„Minderwertige Persönchen!“ „Frühreifes Gebaren!“ „Nicht scharf genug -zu tadelndes Verlangen, das in der Schule verpönte Thema ‚Liebe‘ auf -Umwegen kennen zu lernen.“ - -Wackerer Kämpe Hansohm! Er fuhr mit den Herren ab, daß sie heiße Ohren -kriegten. Und ich ein warmes Herz. -- - -Oberlehrer Kahl focht einen unrühmlichen Strauß mit ihm. - -Als er schließlich von „Unlauterkeit“ sprach, der ein Lehrer Vorschub -leiste, stellte ich mich auf Hansohms Seite, mit mir die anderen, mit -Ausnahme von Professor Traute, Fräulein Nissen und Lehrer Asmus. - -Letzterer auch so ein Scharfmacher. - -Er führt die neunte Klasse als Ordinarius. Vertrat neulich Hansohm -in der siebenten Klasse in Deutsch. Hansohm hat die Kyffhäusersage -behandelt, und Asmus las ihnen in jener Vertretungsstunde das Gedicht -vom Kaiser Rotbart vor. Wie er den Bart schildert, der durch den Tisch -gewachsen ist, erhebt sich Lottchen Binnebom und ruft: „Das glaub’ ich -nicht.“ - -Diesem „Fall“ ist Asmus nicht gewachsen gewesen. Und, Gott sei’s -geklagt, die große Mehrheit im Kollegium heute besprach die Sache mit -einer Ernsthaftigkeit und Bedenklichkeit, daß ich mich ein paarmal -versucht fühlte, sie mit den dicken Köpfen zusammenzustoßen. - -Der Humor scheint keine Hüsung im Lyzeumsgebäude zu haben, ich will -nicht hoffen, daß er überhaupt außerhalb von Birkholz wohnt. - -Jedenfalls aber sah ich heute Hansohm, wie er Lottchen Binnebom an der -Hand führte, und nach den vertrauensvollen Augen der kleinen Zweiflerin -zu urteilen, hat sie längst die rechte Antwort bekommen. - -Morgen will ich meine Besuche in der Stadt machen... Harks erzählte, -die Frau Apotheker Dahlen habe dazu neue Gardinen aufgesteckt. Da -sich Harks augenscheinlich selbst geehrt fühlte, unterließ ich jede -Bemerkung. Diese Besuche quälen mich. - -Bis jetzt durfte ich einsam sein. All die Jahre hindurch. Köstlich -einsam. Und nun bringt mir das neue Amt den herben Zwang. - -Sonntag abend. - -Diese Sonntage sind etwas unbeschreiblich Schönes in Birkholz. - -Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja -fast eines einsamen Dorfes. - -Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein -Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach. - -Um neun Uhr beginnt die Kirche. - -Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein -Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben. -Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in -der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in -Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den -Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet. - -Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der -liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten -Adler“ setzen wird. - -Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe -daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten -Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes -Kindergemüt, ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem -langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten -meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer -Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der -Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd -hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind, -geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in -Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes -Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen, -mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“ -Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der -gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und -verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen, -oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen -ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen... - -Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen. - -Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich -vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der -mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten -Töchter mittels Telegramm herangerufen wären. - -Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer -Niveau herauszuragen, -- ganz prächtige Menschen. Drei niedliche -Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen -wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit das -Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer -Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die -Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige -Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen -bei diesen zwei Menschenkindern. - -Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der -postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die -Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist. - -Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei -langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn -Jahren aufwarten. -- Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt -mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen -Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine -Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet -war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten. - -Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und -„Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den -man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte. -- - -Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem -Herrenhaus Heidekamp-Birkholz. - -Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein -ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum. - -Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den Kutscher langsam -fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine -Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch -augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein -Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel -gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche -standen. - -„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr -Direktor!“ schallte es herunter. - -Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir -die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein. - -Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der -Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte -und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit -verstrich, -- dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem -Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“. - -Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich -etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes -Spinngewebe sah die alte Dame aus. -- - -Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände. - -„O Herr Direktor! Nicht ungehalten sein! Der Herr Baron -- -- hat -- -eine wunderliche Abneigung gegen alle Lehrer, mein Gott...“ - -Sie haschte nach meinen Händen. - -„Aber gnädige Frau...“ - -Da wehrte sie hastig ab. - -„Fräulein von Schlieden,“ stellte sie sich vor. „Ich war die Erzieherin -von Sörines verstorbener Mutter und sollte auch das Kind unterrichten. -Aber ich bin alt, und Sörine soll unter Jugend groß werden. Ach, Herr -Direktor, Staub ist so etwas Schreckliches. Nicht wahr, Sie werden die -Birkholzer Kinder, und besonders unsere Sörine, vor Staub bewahren?“ - -Rührend bittend, hilflos sahen ihre guten Augen mich an. Eine seltsame -Situation. - -„Könnt ich Sie doch öfters einmal sprechen: Möchte Ihnen so innig das -Kind ans Herz legen. Es hat mir von Ihnen erzählt...“ - -Ich drückte dem grauen Spinnwebchen die Hand. - -„Gnädiges Fräulein und Kollegin, ich freue mich, wenn Sie Ihr Weg zu -mir führt. Vielleicht treffe ich Sie auch einmal auf einem unserer -Elternabende, da können wir...“ - -Ein polternder Schritt näherte sich, ein Stock stieß in regelmäßigen -Abständen auf den Boden auf, und mit eins war das Spinnwebchen -verschwunden, weggeblasen, um die Ecke geweht. - -Ich schritt zu meinem Wagen, lachte aber auf der Diele ganz herzhaft -und ungeniert. Denn ich hörte eine dröhnende Stimme rufen: „Tausend -nochmal, Grauchen, das paßt Ihnen wohl auf die alten Tage, ein -Stelldichein mit einem jungen Schulmeister...“ - -Der alte Diener stand am geöffneten Wagenschlag, und sein Gesicht war -weniger eben als zuvor. - -Es zuckte um seine Mundwinkel. - -Ein wenig prallte ich auch zurück, als ich einsteigen wollte, aber die -Pferde zogen rasch an, und so ergab ich mich in mein Schicksal, in -einem Blumenkorb zu sitzen. Denn der Wagen war inzwischen heimtückisch -geschmückt worden, ein ganzes Gewächshaus schien geplündert zu sein. -Chrysanthemen und Alpenveilchen lagen zum Strauß geordnet auf dem -Rücksitz. Maiblumen waren anmutig lose in die Fensterrahmen gesteckt, -und feine grüne Gräser zogen sich als Girlande über die Lehne des -Vordersitzes. - -Aus den Zweigen der Thingeiche lugte ein Schelmengesicht. Merkwürdig -standen darin die großen ernsthaften Blauaugen. Ein wunderschönes Kind! -Und ein interessantes Seelchen dazu. Man könnte die alte Eiche beneiden -um das nette Früchtchen, das sie trägt. - -Ich drohte mit dem Finger aus dem Fenster heraus. - -Da hört ich das Mädel silberhell lachen. Lachen, wie ganz junge Kinder -tun, denen die Welt noch ein einziger Freudenquell, die Menschen lauter -gute Mitwanderer sind. Ein Lachen recht aus dem Herzensgrund heraus. - -Erne Sörensen, alle Schulweisheit gäbst du darum, so lachen zu können, -wie die junge Sörine Heidekamp. - - * * * * * - -Es klopfte an die Tür des Direktorzimmers. - -Erne Sörensen saß in tiefer Arbeit. - -Die Feder flog über den großen Bogen, der einen Bericht an die -vorgesetzte Behörde aufnehmen sollte. - -Vom Singsaal her tönten die gedämpften Laute eines Liedes, und der -Schreibende ließ für Augenblicke die Feder sinken und lauschte. Das -alte Lied, das ihm die Mutter manchmal gesungen... Wie gut, daß Lehrer -Hansohm diese Perle ausgegraben und in die Hände seiner Schülerinnen -gelegt hatte. - - „Ich weiß mir etwas Liebes - Auf Gottes weiter Welt, - Das stets in meinem Herzen - Den ersten Raum behält, - Kein Freund und auch kein Liebchen - Verdrängen es daraus, -- - Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“ - -Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch. - -„Herein!“ - -Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie -durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken. - -Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem -Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas -vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl -beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte. - -Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig. - -„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“ - -„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie -auch immer,“ scherzte der Direktor. - -Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor. - -Er zog ein grämliches Gesicht. - -„Dann will ich lieber gleich gehen...“ - -„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete -mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich -sehr steif nieder. - -Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses -unglücklichen Temperamentes. - -Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit -leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große -Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten. - -Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium -hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten. -- - -„Herr Direktor -- -- ich komme sozusagen in einer privaten -Angelegenheit...“ - -„Aber, Herr Kollege...“ - -„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen -wollen, -- aber -- es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“ - -Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht. - -„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“ - -„Herr Kollege Asmus, ich +habe+ Zeit für Sie und bitte Sie nur, -zur Sache zu kommen.“ - -„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als Privatsache“ --- -- -- - -Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der -Zorn. Viel rascher als der Direktor gehofft hatte. Asmus sprang auf. -Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. -- Der große, ruhige Blick des -Vorgesetzten bannte ihn. -- - -Heiser rief er: - -„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von -Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über -das Fräulein Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen und über den Lehrer -Hansohm.“ - -Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“ -sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in -seine eigenen lebens- und gemütswarmen. - -„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei -es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte -ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank. - -„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch -lediglich +Schulsache+ zu sein.“ - -„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche -Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“ - -„Ich verstehe nicht recht...“ - -„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist -natürlich nicht Ursache, aber...“ - -Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier -genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte -er sachlich. - -„Jawohl, Herr Direktor.“ - -„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das -Vorgefallene Aufschluß geben?“ - -„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse, -als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges -vorgekommen.“ - -„Wahrhaftig! Wieder einmal?“ - -„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe -daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie -- ärgerniserregend diese -Klasse im allgemeinen ist...“ - -„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen. - -„Ja, -- denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich -den Schweiß von der Stirn -- „meine Tochter Agnes Ursache dieser -betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“ - -„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor. - -„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus, -„meine Tochter Agnes hat +alle+ erforderlichen Utensilien einer -ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie -eben die Tochter des +Lehrers+ Asmus, und wenn ich auch nur ein -seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“ - -Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete -eigentlich keinen Aufschub... - -„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch -einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen -Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. -- Bitte weiter!“ - -Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sich außerordentlich -häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu -unterdrücken. -- - -„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem -betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die -Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter... -so ist ihr... hm...“ - -Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte -nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut -schnüffeln.“ - -„Aber, Herr Direktor -- -- woher wissen Sie...?“ - -„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich --. +So’n+ -kleiner Junge.“ - -Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl -stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath -entstanden war. - -Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, -- wollen Sie -vielleicht heute nachmittag oder...?“ - -„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen -roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht -und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das -eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer -eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja -zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter, -hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie -eingeschrieben ...“ - -„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein. - -„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau -denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert -und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen -hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“ - -In Sörensen kroch der Zorn hoch. - -„Ihre Gattin ist +sehr+ ordentlich,“ bemerkte er. - -„Ja sehr,“ betonte Asmus, „Gott Lob und Dank. Sie war ja auch früher -Lehrerin. Agnes bekam sofort von ihr eine feste Ohrfeige für die -Bummelei und dann nahm +ich+ sie mir extra vor für die Störung in -der Schule. Dabei ging es denn heißer her als bei der Mutter...“ - -„Noch heißer? Herr Kollege? Ihre Agnes ist ein zartes, recht -verschüchtertes Mädchen, dazu schon fünfzehn Jahr alt, ich meine denn -doch, daß körperliche Züchtigungen ...“ - -Asmus stand auf. - -„Herr Direktor, das ist lediglich meine eigenste Angelegenheit, ich bin -der +Vater+...“ - -„Herr Kollege Asmus, Sie mißbrauchen meine Geduld. -- -- -- Wollen Sie -meinen Rat in Ihrer Angelegenheit oder???“ - -Beide Männer standen sich jetzt gegenüber. Asmus ganz weiß vor Zorn, -eine rote Ader lag ihm quer über der Stirn. - -„Ich müßte ja wohl jetzt gehen, Herr Direktor, -- aber -- -- genug, -- -ich habe meine Agnes gezüchtigt, Sörine von Heidekamp ist dazugekommen, -sie aß einmal wieder in der Stadt, -- kurz, dieses Mädchen hat -- -Herr Direktor, -- sie hat meinen Stock über ihrem Knie in zwei Stücke -gebrochen und mir die Stücke vor die Füße geworfen. --“ - -Sörensen murmelte: „Das Mädchen hat Ihre Agnes sehr lieb...“ - -„Billigen Herr Direktor die Handlungsweise??“ Asmus wußte -augenscheinlich nicht mehr, was er sprach. - -Es klopfte scharf. - -„Herein.“ - -Klaus Hansohm sah befremdet auf Direktor und Kollegen. - -„Ich bitte um Entschuldigung, ich klopfte mehrere Male.“ - -„Ja, es ging etwas erregt bei uns zu. Sie wünschen?“ - -„Nur eine Frage, den Schulwart Harks betreffend. Aber sie ist doch -nicht so einfach in zwei Minuten zu erledigen, ich werde wiederkommen.“ - -„Dann bitte ich Sie zu bleiben. Herr Kollege Asmus hat Klage über Sie -geführt, so können wir gleich etwas vorarbeiten, da Professor Rasmussen -und Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen beide beschäftigt sind.“ - -Lehrer Hansohm zog mit straffem Ruck seine Weste glatt. - -„Ich bin bereit,“ sagte er ruhig. - -„Kollege Hansohm kommt mir gelegen,“ nahm Asmus das Wort. „Ich darf -wohl fortfahren. Also ich wies nach dem unerhörten Gebaren Sörine von -Heidekamp die Tür. Auf der Straße, die völlig menschenleer war, schalt -ich noch mit ihr, da kamen Professor Rasmussen, Fräulein Doktor und -Kollege Hansohm uns entgegen...“ - -„Wir kamen vom Mittagessen,“ warf Hansohm ein. - -„... und Herr Professor Rasmussen beleidigte mich gröblichst.“ - -„Das ist nicht wahr,“ rief Hansohm ungestüm. - -Der Direktor hob die Hände. „Herr Kollege Hansohm, augenblicklich hat -Herr Asmus das Wort.“ - -„Ich überlasse es Herrn Hansohm,“ entgegnete dieser förmlich. „Ich habe -korrekt gehandelt, und der Kollege kann gern seine Ansicht äußern.“ - -„Danke. -- Sie gestatten, Kollege Asmus, -- Sie haben +nicht+ -korrekt gehandelt. Halt! Jetzt rede +ich+. Sie haben Sörine von -Heidekamp nicht die Tür +gewiesen+, was man mit dem Finger zu tun -pflegt, sondern Sie haben sie im Jähzorn im Nacken gepackt...“ - -„Am Mantelkragen,“ schob Asmus ein. -- - -„Also gut! Am Mantelkragen, -- und haben das junge Mädchen -herausgeworfen, vor die Tür gesetzt. Sie waren so außer sich, so ohne -alle Beherrschung, daß wir einschreiten +mußten+. Im übrigen -schalten Sie so laut, daß es uns empörte, denn der Diener des Herrn von -Heidekamp, der in der Straße auf und ab ging, muß es gehört haben. Er -sah aus, als wolle er seiner jungen Herrin zu Hilfe kommen.“ - -„Seiner jungen +Herrin+! Seit wann machen Sie Kotau vor den Barons -da draußen? Diese Liebedienerei macht ja die Sörine so aufsässig... Im -übrigen, was geht +mich+ der +Diener+ an?“ - -Asmus zog die Mundwinkel verächtlich herunter. - -„Na, erlauben Sie, Kollege, fragen Sie mal den Diener, ob er mit Ihnen -tauscht. Er hat seinen Herrn auf allen Reisen im In- und Ausland -begleitet, spricht drei fremde Sprachen und bezieht ein Gehalt von 4000 -Mark.“ - -„So, Sie sind ja sehr unterrichtet, -- in Dienstbotensachen.“ - -„Ach, Kollege, -- Sie reizen mich +gar nicht+.“ Klaus Hansohm -konnte unausstehlich liebenswürdig werden. „Sehen Sie, ich gestehe -ein, daß +ich+ den Mann beneide. Er spricht drei fremde Sprachen, -ich nicht. Er wird in seiner Eigenschaft als Diener des Herrn von -Heidekamp hoch estimiert in Birkholz, ich in meiner Eigenschaft als -Volksschulmeister gar nicht, er hat 4000 Mark Gehalt, ich auch nicht -schattenhaft, und außerdem hat er noch ’ne Livree mit Silberknöpfen...“ - -Sörensen hatte ruhig abwartend zugehört. Er liebte es, wenn sich das -Kollegium „klärte“. - -„Womit Sie Herr Professor Rasmussen und Fräulein Doktor beleidigten, -höre ich wohl morgen in Gegenwart der Beteiligten?“ fragte er Asmus. - -Dieser verneigte sich bejahend. - -Hansohm trat in seiner raschen Art auf den Direktor zu. „Darf ich -wenigstens heute noch meine Überzeugung aussprechen, daß Fräulein -Doktor nicht hat beleidigen wollen. Sie nahm das verstörte junge -Mädchen einfach an ihr Herz. Ohne ein Wort zu sagen. Kollege Asmus -faßt es eben schon als Beleidigung auf, daß wir Sörine Heidekamp -beruhigten. Ich geleitete sie zum Wagen, der auf dem Markte hielt. Der -Diener eilte uns nach, und so rief ich ihr möglichst unbefangen zu: -„Eine Empfehlung an den Herrn Großvater.“ Die einzigen Worte, welche -überhaupt auf dem Wege fielen. Professor Rasmussen aber hatte nur einen -väterlichen Rat an Herrn Asmus erteilt. --“ - -„Ich danke Ihnen, meine Herren.“ - -In Asmus’ Gesicht arbeitete der Zorn mächtig. Aber er wußte, daß er mit -seinen Anklagen warten mußte, bis er den beiden andern gegenüberstand. - -Sie gingen hinaus. Sörensen blieb in seinem Zimmer. - -„Väterlicher Rat?“ nahm Asmus draußen streitsüchtig das Thema wieder -auf. „Ich brauche keinen väterlichen Rat vom Senior. Es war lediglich -eine Beleidigung. ‚Gehen Sie ins Bett, Kollege,‘ hat er mir zugerufen. -Dieser... Gehen Sie ins Bett! In Gegenwart von Fräulein Doktor.“ - -„Na, Kollege, den Schlußsatz lassen Sie morgen lieber fort. So böse hat -es Rasmussen nicht gemeint.“ - -Hansohm lachte spitzbübisch, und Asmus drehte ihm beleidigt den Rücken. --- - - * * * * * - -Die Sonne schien flutend in den Singsaal und Sörine sang gerade ihr -Maienköniginsolo, als sie zum Direktor gerufen wurde. - -Sämtliche Kinder sahen ihr erstaunt nach, aber Lehrer Hansohm nahm -gleich eine neue, ganz besonders schöne Stelle vor, und so wendete sich -das Interesse der zweiten Klasse rasch wieder der Musik zu. -- - -Sörine stand vor dem Direktor. - -Sie war auffallend blaß, und über ihren Augen hatte sich eine tiefe -Falte eingegraben. - -„Die Sache scheint dir nahezugehen, Sörine. Du hast deine frohen Augen -nicht mehr. Nun denke einmal in deinem Trotz nicht daran, was dein -Lehrer +dir+ tat, sondern was du ihm tatest.“ - -Etwas wie Erstaunen zeigte sich auf dem blassen Gesicht, aber nur -vorübergehend. - -„Herr Asmus ist nicht mein Lehrer,“ sagte sie dann abweisend. - -„Herr Asmus ist Lehrer am Lyzeum, -- folglich...“ Sörensen brach kurz -ab. „Ihr in der zweiten Klasse habt darüber wohl besondere Ansichten?“ - -„Ja.“ - -Was ist das nun? fragte sich Sörensen. Ist das die Heidekampsche -Unverschämtheit, von der die Kollegen reden? Oder? - -„Ich habe auch gar nicht über etwas nachgedacht, was Herr Asmus -+mir+ getan haben könnte.“ - -Der Direktor stutzte. Wie Freude stieg es in ihm hoch. Er hätte es -selbst nicht so nennen können, denn er wußte seit langem nicht mehr, -wie sich Freude kundtat. Leise sagte er zu sich: „Neuland!“ Laut aber: -„Und worüber hast du nachgedacht? Was soll die krause Stirn und das -bitterböse Gesicht?“ - -Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine -Agnes,“ stieß sie heraus. - -Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß -er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt? -So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen -Kameraden, -- „einen bessern findst du nit“... - -Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann -blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn -ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst -gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“ - -Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen -sahen ihn voll Vertrauen an. - -„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter. - -Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“ - -„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“ - -„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer -daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja -dann immer von neuem weh...“ - -Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken... - -Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf -darauf und weinte laut und ungestüm. - -Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er. -Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das -Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines -Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber -sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer -sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus -hetzen, -- ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na -und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in -Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot. -Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“ - -„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum. -Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“ -- - -Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste -Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein -sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige, -kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre -Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache, -und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt -nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir -nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch -nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das -Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich -tu dir schon nicht weh. Und die übliche Schulmeisterschere, mit der -man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“ - -Laut aber sagte Sörensen: „Zunächst darfst du in meiner Gegenwart nicht -von ‚Asmus‘ reden, das ist ungehörig. Dann aber, -- Herr Lehrer Asmus -hat doch als Vater das unumstrittene Recht, sein Kind zu strafen, --- -- nein, nein, laß mich nur ausreden. Du konntest ihn als Freundin -seiner Agnes wohl +bitten+, nicht so hart zu sein, aber die Art und -Weise, +wie+ du dich eingemischt hast,... Sörine, hast du überhaupt -einen Begriff von dem Unrecht, das du begingst?“ - -„Nein.“ - -„Sörine!“ - -„Immer und immer würde ich es wieder tun, Herr Direktor, genau -dasselbe. --“ - -„Das ist sehr schade, Sörine, denn du bist im Unrecht. Denke darüber -nach. Morgen komme dann zu mir, hoffentlich mit verändertem Sinn. Du -wirst Herrn Asmus um Verzeihung bitten, er verlangt das von dir.“ - -„Herr Direktor!!!“ - -Sörine schrie es heraus. - -„Du bist unbeherrscht, Sörine. Unbeherrscht sein, heißt unvornehm sein. -Ich kann mir nicht denken, daß du das sein willst.“ - -„O Herr Direktor, ich will +Sie+ um Verzeihung bitten und jeden -Lehrer und die Nissen jeden Tag, die ich doch nicht ausstehen kann...“ - -„Pscht! Was reden wir da wieder für ungehöriges Zeug!“ - -„Aber den Asmus, Herr Direktor, nein, +nie+.“ Sörinens Augen -blickten ganz schwarz. Aber sie setzte auf einmal kindlich hinzu: „Ich -meine den +Herrn+ Asmus.“ - -„So, so! Nun für mich kommt es jetzt nur darauf an, ob du +die+ -bist, wofür ich dich halte, oder ob ich mich in dir getäuscht habe. -Sieh einmal, Sörine, du hast ja noch gar nicht über dein Unrecht -nachgedacht. Aber in euerm Schloß habt ihr ja genug stille Kämmerlein, -in denen du zur inneren Einkehr kommen kannst.“ - -„Ja, eine Menge,“ bestätigte sie nachdenklich. Dann war sie entlassen. - -Die Tür war kaum hinter ihr ins Schloß gefallen, als es schon wieder -klopfte. - -„Herein!“ - -„Herr Direktor, kann ich auch um Verzeihung bitten, +ohne+ -nachzudenken? +Ihnen+ zu Liebe, damit Sie mir wieder gut sind?“ - -Sörensen sah kopfschüttelnd in die freimütigen Kinderaugen. - -„Nein, Sörine. Du bist groß und alt genug, um dein Unrecht einzusehen.“ - -„Aber das wird dann sehr lange dauern...“ - -„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, -- -ich habe zu tun.“ - -Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen. - -„Nun? Noch einen Wunsch?“ - -Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich -traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ich ihr einen Brief schicken -könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und -verbrennen sie ihn. Agnes hat +gar keine+ Freude auf der Welt. Sie -hat +nur mich+.“ - -„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem -Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief, -Sörine, -- ich -- ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen, -na, -- ist’s so recht?“ - -Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht -helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war -es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher -Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem -Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem -neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen -Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand -entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur -die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F -biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen, -an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war -noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb -war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von -ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor -mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und -verborgene Schätze gehoben. Zu ihrer eigenen Freude. Ihm erzählte man -nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der -Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne -anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein -heraussuchen. - -Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und -doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde -mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben. -- - -Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten, -Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die -äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel -Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er -war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas -wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den -Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend -hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar -Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“ - -„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und -weiter! Und durch! -- Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen, -wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“ -- - -Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der -ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine -Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen -hält. Und die Umschrift: ~Nunquam retrorsum.~ Er blätterte in -dem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren -charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses -mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand: - - „Suse, bruse, wat weiht de Wind? - Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind. - - Deine treue Kinderfrau - Gesche Wiensen.“ - -Dann war ein vergilbtes Blatt, vielfach zerknittert, eingeklebt: - - San Remo 1890. - - Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr! - Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn, - Von alters her im deutschen Volke war - Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein. - Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt. - - Mütterchen. - -Sörensens Hand strich sacht über das Blatt. - -Die zweite Seite zeigte das stark verblaßte Bild eines jungen -Husarenrittmeisters mit hoher, kühner Stirn und starken Brauen. Über -dem aristokratischen Mund ein dunkler kleiner Bart. Die ernsten -Augen glichen denen der jungen Sörine. Ein Kreuz war neben das Bild -gezeichnet, und die Schrift darunter war von der gleichen Hand des -vorigen Blattes: Schleswig 1895. Dein Väterchen. -- - -Erne Sörensen ertappte sich, daß er ganz laut: Du armes Waislein! -sagte, denn er rechnete sich zusammen, daß Sörine nach dem Tode des -Vaters geboren war und daß Frau von Heidekamp den Gatten nur um fünf -Jahre überlebt hatte. - -Die folgende Seite: - - Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit - unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren. - - Heidekamp 1900 im Februar. Grauchen. - -Auf dem fünften Blatt waren Namen in unbeholfenen Schriftzügen -hingemalt: Hinnerk Boysen, Klas Martens, Hanne Witt, Dorette Maaßen, -Fite Groth. - -Dann eine etwas schwungvollere Hand mit dem Vers: - - „Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. - - Dieses wünscht dem gnädigen Fräulein - Hannes Hansen.“ - -Offenbar der Heidekampsche Reitknecht. - -Auf der sechsten Seite hatte sich jemand schon vor zwei Jahren -eingetragen: - - „Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf. - - Klaus Hansohm, - Lehrer.“ - -Dann noch eine Backfischhandschrift: - - „Ich will dir immer dankbar und treu sein. - - Deine Agnes Asmus.“ - -Und nun kam niemand mehr. - -Welch seltsames Büchlein. Durch das feine Papier und das kostbare graue -Leder mit dem silbernen Wappen hindurch sah Erne Sörensen das junge -ernst-frohe Leben seiner Schülerin wie ein Bild auf Goldgrund gemalt. -Und er meinte bei sich, es sei wohl etwas Schönes hier unter den -Menschen zu stehen, die alle mit guten Gedanken ein Mäuerchen um die -Sörine Heidekamp bauten. - -So schrieb er rasch mit seiner großen, deutlichen Schrift: - - „Gut sein und glücklich machen! - - Dein Freund Sörensen, - Direktor am Lyzeum Birkholz.“ - -Dein Freund Sörensen. - -Ja, das war die Wahrheit. Die junge Sörine würde sich nicht über die -Unterschrift wundern, die sah ja durch „Mauer und Holz“. Aber auch in -Birkholz würde niemand erstaunt und im Lyzeum niemand gekränkt sein, -denn dies Büchlein war mit seinem Namen abgeschlossen. Das fühlte er, -trotzdem es ihm niemand gesagt und trotz der vielen leeren Seiten, die -noch folgten. Solch ein feines, stilles, rührendes Buch mit den letzten -Liebesworten der toten Eltern, das gab man nur ganz wenigen... - -Und als ob er noch eine Bestätigung seiner inneren Gewißheit haben -sollte, fand er auf der allerletzten Seite noch eine Eintragung, -die wollte dem, der etwa doch einmal unbefugt hereinschaute, sagen: -hier ist kein Platz mehr, ich habe das Buch meiner Enkelin schon -zugeschlossen. - - „Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen. - - Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“ - -Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. -- Und jung fühlte er sich mit -einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen... - - * * * * * - -Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde, -die sich im Direktorzimmer abspielte. Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen -hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte -Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne -gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr -sowohl mit dem +Lehrer+, als auch mit dem +Vater+ Asmus in -einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel -legen mußte. - -Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß -durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche -Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der -ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche -Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle -bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu. - -Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend -über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine -verwundete Löwin. - -Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte -aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der -sein wehrloses, schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem -Stock gezüchtigt. - -Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn -Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich -hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes. --- Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt -ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin -ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich -immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“ - -Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch -ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf -steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft, -sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht -vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit -leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung -des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen -eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals. -- - -Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief -mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und -Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in -einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im -Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen -alten Stadt zu verzerren, hatte man die Häuser wenigstens in eine -weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den -anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug. - -Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf. - -Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem -Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind, -und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte -sich auch manches gespart haben. - -Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er -wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er -sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel -suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er -die Umrisse einer weiblichen Gestalt. - -„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte -Sörensen. - -„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort. - -„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner -Schülerin, d. h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“ - -„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die -Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber -die leidigen Kopfschmerzen, -- Agnes behauptete, sie würde nicht folgen -können...“ - -Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über -einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß. - -Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt. - -Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen, -schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen -Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes -Blättchen zu treiben. -- - -Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen -Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von -häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem -Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten -stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn -gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß -die blasse Agnes Asmus und arbeitete. - -„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube -anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen -zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei. -Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“ - -Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank -und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen -Augen ihn anschaute. - -Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in -haltloses Schluchzen ausbrach. - -„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief Frau Asmus. -- -„Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich -zusammen!“ - -In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief -hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme -verhandeln. - -Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht. - -„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude. -Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens -Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch. - -Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann -erneutes Weinen, heftiger als zuvor. - -„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen. - -„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht -will ich es tun.“ - -„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“ - -Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“ - -„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit -jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“ - -Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts -Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen, -abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß -nur, das ist nun mal nicht anders. - -Frau Asmus schien draußen mit der andern Person in Streit geraten zu -sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen. - -„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter, -und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte. -„Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war -sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s -nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich -zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn -z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen, --- vielleicht bin ich jetzt krank...“ - -In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch. - -„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern -sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen -sollen...“ - -Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein, -o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie -angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige -- -- ich darf ja sonst nie -mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie -die Hände sinken. - -Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und -Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die -Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie -sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr -Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß -man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er -sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat, -als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben. -Wenn +ich+ reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“ - -„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war -aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein -liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen. -Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir. -Soll ich?“ - -„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen -können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, -- --“ Agnes deutete auf -ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, -- ich habe sie nicht -verstanden...“ - -„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“ - -„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch, -daß ein Lehrerkind, +unsere+ Tochter, von Fräulein Nissen einen -Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“ - -Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich -unter diesen Augen. - -„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal -gütig, und dann ging er. - -Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her. - -„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir -vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe. -Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater -Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein -Ordinarius.“ - -„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen. - -„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus. -„Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer -die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater -hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf -dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, -aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern -ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber -noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das -erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß -der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen -war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr, -als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben. - -Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder -an, da -- trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von -dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich -der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief -auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts- -und Werbemarken leuchteten obenauf. - -Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der -rote Zorn stieg in ihr Gesicht und wollte losfahren, aber als sie das -Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß -aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und -barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos: -„Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß -ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr -mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“ - -Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen, -wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der -Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen. - -Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort -entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf. -Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett -und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. -Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück, -und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend -scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen -war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe -und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der -Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der -Galgenstraße erkennen konnte. - - Heidekamp, 1. April. - -Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am -liebsten die Engel hatten? Und bei den Märchen die Feen? Die dann so -plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt -heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme -mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast -mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von -Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. -Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg -verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein -geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch -ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost -und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen -scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, -meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir -vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster -Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten -soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur -Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli -so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große -Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit -Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen -könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht -wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau -so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu -schön, wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder -heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht -verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen -habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott -bei Dir ist. Und ich auch. - - Deine treue Sörine Heidekamp. - -Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift -und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die -rechte Stelle. - -Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete -den Brief auf ihr warmes, junges Herz. - -Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und -mit diesem Lächeln schlief sie ein. -- - - * * * * * - -Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag. - -Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit -fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus -irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch +ihren+ Geburtstag -für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit +Jahrenden+“ -(wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt. -Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt -wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt -auf dem Felde der Unehre liegen blieb. - -Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung -und fliegender Hitze, und man tat gut, an diesem Tage nicht gerade -verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen. - -Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor -erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer -abgesagt hätte und was es „gab“. - -Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon -lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte. - -Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte -oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt -den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur -ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte -nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die -inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „+5. April+!“ - -Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem -Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen, -die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten, -sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden -in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel -wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos -grabenden Silberlöffeln abgetragen. - -Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über -den dampfenden Tassen. - -Nur nicht so freundlich. - -Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und -den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“, -„Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an -Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte. - -Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde -mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der -lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. -- - -Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige -Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche -Redeschlacht entfesseln sollte. - -Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau -Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die -erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer -heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt. - -Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich -darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu. - -+Das Lyzeum und sein neuer Direktor.+ - -„Mir hat er +gar+ keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker -Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und -hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des -Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche -Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte, -auch nur ein Wort zu sprechen. -- - -„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“ - -Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich -verarbeitet. - -Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief: -„Da muß man doch erst mal fragen, ob er es +kann+.“ - -„Ohhh!“ - -„Aber!“ - -„Ach, du großer Gott!“ - -„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“ - -„Es gehen da seltsame Gerüchte um, -- ich bekümmere mich ja so wenig um -das Treiben und Reden der anderen...“ - -„Hm, hm.“ - -Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte -nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. -- - -„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte -spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann, -die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte. - -„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und -beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,... -„er sei nicht mehr frei.“ - -Ahhh! - -Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen. -Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der -Enttäuschung eine verschiedene war. - -Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu -nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen -herfallen. - -„Aus +ganz+ einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“ - -„Wie? Unehelicher Sohn?“ - -„Der Vater Schneider oder Schuster?“ - -„Das wäre ja die Höhe.“ - -„Und der wagt es...“ - -„Heimlich verheiratet?“ - -„Zwei Kinder.“ - -„Aber da muß doch eingeschritten werden!“ - -„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“ - -„Aber ganz sicher.“ - -„Wer von uns sollte es weiter sagen?“ - -„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau -~Dr.~ Niebert das Wort. „Ich bin ja nun +ganz+ unparteiisch, -denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor -Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht, -gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, -- so ist uns -ja im Grunde der Herr ~Dr.~ Sörensen höchst gleichgültig. Aber was -Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich +sehr+ -interessant.“ - -„Darf sie denn das?“ - -„Was?“ - -„Aus der Schule erzählen.“ - -Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich, wurde durch -wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl -zurückgeschleudert. - -„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter -Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit -gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und -läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den -Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur +eine+ Klage -geht, hält er die Hand, und das geht immer +Herr+ Harks hin und -+Herr+ Harks her, sagt Fräulein Nissen, -- na und man weiß doch... -hm...“ - -Verständnisvolles Flüstern und Nicken. - -„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen, -aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend -jemand salbungsvoll. - -„+Brav+ war sie +auch+,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein, -„sie hat drei Jahre bei mir gedient.“ - -Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der -bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem -energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte -ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten. - -Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen: -„Ja, +so+ brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“ - -Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen -Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und -rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“ - -„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das -Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, ~pro~ und ~contra~. -Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen und Lehrer Hansohm schwören ja auf die -neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine einfach lächerliche -Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein Doktor gebildet, -- -guter Gott, ich will nichts sagen, -- sie könnte ja wohl beinahe seine -Mutter sein, aber...“ - -„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“ - -„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme -der Frau Postdirektor Hagedorn. - -„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige -Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie -nicht miteinander‘.“ - -„Sehr richtig.“ - -„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei -gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß -er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch -in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“ - -Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte -zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser -Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief -sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller -wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die -vernichtenden Worte: - -„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“ - -„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein -furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe -nur Gutes, nur das +Beste+ von Herrn ~Dr.~ Sörensen gehört. -Die Kinder schwärmen alle für ihn.“ - -„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber -mit was hört es auf?“ - -Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört -es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen -denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner -Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern -Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über -ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“ - -Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter -waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer -Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über -Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden. - -Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche -Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht -ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen. - -Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen -Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren. -Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz -etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß gerade -über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name -auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie -verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. -- - - * * * * * - -So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht -erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das -Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe, --- Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen -- und so konnte der -eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen -Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare -einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling -bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte, -bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten -gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm -in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun -muß sich alles, alles wenden!“ - -Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war -Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus, -und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges -Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich -unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. -- - -Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern mit hinübergetan. -Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, -- wenn er sie -Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das -kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr -Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ. - -Er überlegte. - -„Herein!“ - -Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein -zaghafter Finger getan haben konnte. - -Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht. - -Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in -sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was -willst du?“ - -Keine Antwort. - -Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase -und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen, -denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend -versicherte. - -„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“ - -Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit -drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp -- -- bist du krank?“ - -Keine Antwort. - -Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag -willenlos in der seinen. - -„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“ - -Keine Antwort. - -„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“ - -Sie nickte unmerklich. - -„Und was willst du nun hier?“ - -Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich -zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben -möchte ich, -- bis -- bis -- unser Wagen kommt...“ - -„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich -nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan. -„Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“ - -„+Bitte, bitte nicht.+“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte -Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer -von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das -Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle. - -„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, -- ich sorge mich um dich. Bist du -nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“ - -Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde -Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen... - -„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als -ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich -ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das -schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke. - -Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges -Mal nach dem Trotzkopf um. War es wirklich ein Trotzkopf, dann sollte -er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich -spaßen lasse. -- Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und -man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als -einen gleichaltrigen Knaben. - -Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern... - -Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen -und wahrhaftig -- da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und -wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen, -rennen, fliegen... - -Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto -ratterte davon, -- er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen. - -Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht? - -Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der -zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon -die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt. - -Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter -den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein, -andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher -heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war -er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt. - -Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr -Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht finden, weiß Gott, wo sie -stecken mag. Das kann auch nur +dieses+ Mädchen, -- aus der Stunde -einfach fortlaufen -- -- Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich, -ich -- -- --“ - -Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere, -aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all -die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen. -Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem -abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als -könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen, -heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz, --- jetzt vor den Kindern, -- Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch -einmal mit mir herüber.“ - -Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig -mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen, -nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte. -Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu -erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen. - -„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, -- ich ließe dich lieber -rasch nach Hause gehen, aber, -- habe ich recht, wolltest du mich -sprechen?“ - -„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß -nach Hause gelaufen...“ - -„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. --“ - -„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so -gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie -schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht, -und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe, -so lebhaft erzählte sie. - -„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“ - -Ein scheues „Ja.“ - -„Willst du es mir erzählen?“ - -„Ich weiß es nicht.“ - -„Hast du Vertrauen zu mir?“ - -„Ja, ja!“ - -„Nun also. Dann frisch drauflos.“ - -„Ich -- -- ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse -sein, Herr Direktor -- -- es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“ -Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde. - -„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein -Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem -du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“ - -„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein -Doktor,“ setzte sie leise hinzu. - -„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im -Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr -erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen -Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“ - -„Danke. -- Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“ - -„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der -Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen -Trostbrief an die Manteltasche stecken.“ - -„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht. - -Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich. - -Es vergingen kaum zehn Minuten. - -Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen kam erregt zu ihm. - -Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme -Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich. -Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel -besessen. Sie, -- wie sag’ ich -- sie ist ein Neutrum, sie hat nichts -Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, -- daß -ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun -kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger -- -wie die Sörine -- Herrgott im Himmel, -- zerstört hat sie -- zerstört, --- wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“ - -Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen -Herzen. - -Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab, -und sein wackres Herz war voll Zorn. - - * * * * * - -Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein -Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter. -Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf -salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich -Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche, -wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen -strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte -manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die -verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz -in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner -Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig, -auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt -zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr -dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr -Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte -sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht -fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte -vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer -Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die -ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben. - -Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde -gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich -ergehen. - -„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von Pappe,“ rief Kahl -gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“ - -Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn -ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig. - -„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze -ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber -nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden. -Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht -preisgeben.“ - -„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde -das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“ - -Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches, -spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. -- - -„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt, -wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern -nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade -verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“ - -„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor. - -„Will ich auch. -- Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie -denken Sie denn über den Fall?“ - -„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar -sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen -hat.“ - -„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr -verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste, -zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann? -Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem -Idealismus.“ - -Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel: -„Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich -einpacken.“ - -„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine -Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der -Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen -Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler. -Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus -gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich -vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer -beneidet, -- ich tu’s nicht mehr.“ - -„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig -fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei -Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein -lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen -über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung -hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner -Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir -sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben, -meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin geworden, um ihre Rechte -gegen eine Welt von -- Nissens zu verteidigen.“ - -Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung -und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben -gehandelt...“ - -„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn -Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei -das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum -bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können -Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“ - -„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür -gegeben.“ - -„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es -hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist -Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“ - -„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“ - -„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“ - -„Herr Provinzialschulrat!!!“ - -„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur -Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“ -~Dr.~ Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer, -dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau -von Heidekamp gekannt?“ - -„Nein.“ - -„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der -Engelkunde zutrauen, -- aber -- so -- geradeso wie Frau Lore von -Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe -sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein -Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. +Ihrer+ Tat -hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“ - -„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt -Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich -selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich -alle durchaus ruhig verhalten.“ - -Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter, -leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die -Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse -gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben -hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult -worden.“ - -„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot ~Dr.~ Hofer -rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: ~De mortuis nil nisi -bene.~“ - -„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn -Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein -Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser -unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“ - -„Was heißt ‚damals‘?“ - -„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte -Klasse.“ - -„Die +vierte+!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf -den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern -verlassen?“ - -Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. ~Dr.~ -Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben, -Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes -Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren -Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“ - -Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch -sehr dafür...“ - -~Dr.~ Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken. - -„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte -Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so -wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in +keinem+ Fache ‚aufklären‘ -könnten.“ - -Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu. - -„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die -Sache besorgt, so konnte man den ~lapsus~ ihrer Jugend und -- -sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten -sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“ - -„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen -gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“ - -In Sörensens Stirn zog zornige Röte. - -„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser -kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist -es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, -- heute -ist ja doch die ganze Stadt voll davon, -- eine Flut von Briefen hat -sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe -und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe -eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. --“ - -Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung. - -„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit -Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an -die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem -Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“ - -„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig -hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen -Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der ~Dr.~ Hofer auch schon -wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im -Ministerium nennt.“ - -„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der -Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen -zitterte vor Gereiztheit. - -„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben, -einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der -Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“ - -„Und der Grund?“ - -Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die -Antwort. -- - -Lehrer Hansohm trat zu Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen: „Geben Sie mir -die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“ - -Sie nickte ernst. - -„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp -in diesem Kollegium.“ - -Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des -Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen -vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche -Stille. - -Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt -sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend -damit durch die Luft. - -„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich -das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe -Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in -ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre -Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das -riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen -- und ich habe -vergessen, daß es ein +Lyzeum+ in Birkholz gibt. Denke nur noch an -das Birkholz. Ahhh!“ - -Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein. - -„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie -sich ein bißchen in acht, beinahe hätten Sie mir den Hut vom Kopf -geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“ - -„Ich dachte an +meine+ zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen -würde, wenn +mir+ das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre -Distel vom vergangenen Jahr. - -Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“ - -„Ja. -- Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in -Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“ - -„Sie sind blutdürstig. -- Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten -Ihnen wertvoll sein.“ - -„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem -Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren -schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück. -„Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich -habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen -in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“ - -Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen war sehr blaß geworden. - -„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig. - -Und dachte, -- ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn -er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige -Liebe sei. - -Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben. -Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war -für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die -Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, gescheite Schwester, -die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und -ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden -Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete -Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter -noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging, -nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat -dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor -sich selbst nannte. - -Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten -Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen -Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es -ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und -so häßlich sei. -- - -„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide -wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“ - -Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten -wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück, -die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten. - -Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und -es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester -nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine -Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die -liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. -- - -Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem -Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. -- - -Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem -blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch, -neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen. - -„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit -unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das -köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur -Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten, -unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und -auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders -tat es die Lore nicht.“ - -Diese hantierte noch emsig in der Küche. - -„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte -Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen. -Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen -bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten. -Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben -Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in -die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“ -in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die -stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und -später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu. - -Dazu im Winter die Gesellschaften. - -Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen -Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für -sieben hungrige Mäuler reichen mußte. -- Denn Mama verstand es, selbst -das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten -meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und -Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu -hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß -Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur -um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser -verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters -Geige singen zu hören.“ - -„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu -vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt -haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie -um, Fräulein Stavenhagen.“ - -Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun -trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die -gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete -Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte -die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären. - -Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren -Kartoffeln und Bratklopsen. - -Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor -fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte -eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig? -+So+ viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“ - -Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er -zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in -eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an -der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so -liebte es der Lauscher da draußen. - -Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das -behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende -und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück. -Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm. -Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune -Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und -alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden, -verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin -einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für -fünfzehn Mark. - -Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein -paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und -präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen -spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als -Sörensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. -- - -„So, -- nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir -gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein -Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“ - -Er ließ den Worten die Tat folgen. - -„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich, -die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe. - -Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir -nie...“ stotterte er. - -„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege -Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen. -Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng -daheim, deshalb eilte ich her...“ - -„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein -Doktor mit ihrer tiefen Stimme. - -„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und -zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens. - -„Aber +wie+ Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“ -Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre. - -„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern -eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der -Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden -eine Pfeife, -- beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife +bringt -mir+ erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich -zu Sinn.“ - -Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den -freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die -man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer -Gegenwart. - -Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine -andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach -und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg. - -Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang -hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich -von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend -zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich -fange jetzt erst an zu leben.“ - -So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um -seine Bewegung zu verbergen. - -Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor -auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt -gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann -Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe -habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen -durch meine Räume.“ - -„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen. -„Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“ - -„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im -höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja -einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“ - -„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit -ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie -kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte -sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr -Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“ - -„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert -sie aber den letzten Rest Hochachtung vor +mir+, und das wäre vom -Übel. Guten Abend und Dank!“ - -„Halt, -- ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen -Kanadier?“ - -Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte -holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas -Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen -Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade, -schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos -hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“ - -„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch -ordentlich in die Schule nehmen.“ - -Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie -grüßten und der kurzsichtige Sörensen dankte. „Haben Sie viel Freunde -und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“ - -„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine -Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das -Kollegium.“ - -„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“ - -„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“ - -„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen -nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in -dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine -ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht -gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“ - -„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den +werdenden+ Menschen. Ich bin allen -Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“ - -„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie -Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“ - -„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon -engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher -beim Herrgott haben...“ - -„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen. - -„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig... -Klaus Hansohm weiß es schon lange. Deshalb sieht er der Schwester -ja alles an den Augen ab, und -- ich habe gesehen, wie er sie einmal -abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“ - -„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege -Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“ - -„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz -herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“ - -„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe. -Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr -fest die Hand. „Gute Nacht!“ - -Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe -im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk -knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte -sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen -Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß -Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte. - -„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in -weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von -ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen -alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht, -weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. -- Ich konnte heute nicht -einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem -Mannsbild techtelmechteln...“ - -„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“ - -„+Kor+rekter??? +Dir+ekter!!! Aha! Ich habe recht! Das -Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes -Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir -haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“ - -„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“ - -„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im -Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin -sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich -heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“ - -„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“ - -„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr. -Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz -geschlendert wären...“ - -„Auch +das+ haben Sie gesehen?“ - -„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch -krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind -das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“ - -„Und das häßlichste.“ - -„Nein, den Ruhm nehme +ich+ in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie -das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er -die Schönheit für Sie mit.“ - -„Finden Sie ihn schön?“ - -„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem -verlangenden Herzen. Na, wie ich über die Mannsleute im allgemeinen -denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir -gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ +geschrien+. Damit -er sich nur nicht verhörte.“ - -„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“ - -„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also -los? Beichten Sie mal.“ - -„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu -nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche -Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“ - -„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“ - -„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für -allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie -geschehen, hören Sie? Nie.“ - -„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘, -hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber -Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf -und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“ - -Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du -da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für -die Kinder an seiner Schule...“ - -„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für -Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“ - -„Ich bin sechsunddreißig.“ - -„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist -eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen -eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist, -erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es -wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten -ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“ - -„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt. - -„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder -Generaldummheit begangen habe.“ - -„O das ist schändlich!“ - -„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors -wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“ - -„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“ - -„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer -gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch -zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer -Lyzeum haben.“ - -„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor -lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“ - -„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor -lauert auf mich.“ - -„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen hat endlich nach -einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der -zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige -- ach, ich weiß ja -- -kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im -Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie -haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, -- -sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich -erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite -Klasse...“ - -„Weiter, weiter...“ - -„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen -sagt...“ - -„So? Sagt Sörensen?“ - -„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz -rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat -schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen -hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied -zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel -ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später -sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da -schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die -Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon -manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus -erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, -- es wird alles -richtig sein.“ - -„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte -beide Hände ihres Gastes. - -„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des -Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens, -mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der -Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“ - -„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. -- -„Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem -Oberboden holen. -- Nun und wie verhält sich der Direktor?“ - -„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter -eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder -noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er -Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“ - -„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch. -„Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“ - -„~Dr.~ Sörensen geht fast gar nicht aus...“ - -„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen, -dann +muß+ er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber -nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den -Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen -Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht. -Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“ - -Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten -sich die beiden Hausgenossen. - -Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem -alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff -stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte, -daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß -wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. -- - - * * * * * - -Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften. -- - -Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute, -kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen -Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall -war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe -durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal -vor und las ihn zum zweiten Male: - - Geehrter Herr Direktor! - -Dazu ist die +Mutter+ da. Wollen Sie dieses mit einer schönen -Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie -ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr -Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit -ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die -Martha, die nun Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit -zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule, -wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte -sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir -zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an -Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer -geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen -Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch -ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen -habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen -verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch -und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr -Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht -verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze -Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den -Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern -gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine -Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß -alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran, -daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, +heilig+ ist. Denn -die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und -wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da -müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die -Worte viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte -Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus -entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich -beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den -Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen -Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir -Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo -keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete -Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse -hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß -deinen Fürwitz.“ - - Achtungsvoll - - Frau Schlossermeister Steinicke. - -Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang -zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür -hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der -alte Freiherr. - -Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu -begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf -sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit. -Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und -fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen -Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein -langer, weißer, sorgfältig gepflegter Patriarchenbart vervollständigte -die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige -Brauen große Kühnheit gaben. -- - -Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen, -hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen, -aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln. - -„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als -Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren -Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchs+karte+ erwidern wollte. -Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran -dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen. -Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen -schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue -Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie, -der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten -hätten. -- Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse -werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den -Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach -der Ochsentour geht...“ - -„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich -annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen -wollen...“ - -„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein -schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu -Ihnen gekommen, sondern war erst beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht -meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine -Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000 -Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, -- na, das ist -Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen, -sondern verwies mich sofort an Sie.“ - -„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller -Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst -zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“ - -„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und -ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war. -Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter -nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und -dann erst zu ihm.“ - -Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da -habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums, -erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“ - -Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er -kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit -einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang -frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben -Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“ - -Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte. - -„Herr von Heidekamp, -- ich fühl’s, es wird Ihnen schwer, zur -eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben -wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden -herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘ -sprächen... wenn Sie -- -- verwunden könnten ...“ - -„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann -plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine -gemacht???“ - -Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und -schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein. - -„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage -des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst -schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber -die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger -Geist in ihr...“ - -„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul -unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre -Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“ - -„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“ - -„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an? -Aber -- aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich -- ich wollte ja -schimpfen, -- ich wollte ja dieses -- dieses -- Fräulein Nissen, es -fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“ - -„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp, ich möchte nichts -dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die -Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“ - -„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der -Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von -ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“ - -„Ist Sörine krank?“ - -„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott, -wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“ - -„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“ - -„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der -Heide...“ - -„Und versäumt die Schule.“ - -„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor -den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen -niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank -entrinnt?“ - -„Ja, das verlange ich allerdings. -- Herr von Heidekamp, Sie hätten ja -Ihre Sörine abmelden können, -- das würde ich sehr bedauern, aber ich -könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so -lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“ - -„Herr Direktor, -- Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen -der Mädchenseele gesprochen...“ - -„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte -morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend von Sörine ist ja ihre -Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin -getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres -Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem -Herzen...“ - -„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, -- meine -lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug -geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief -nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte -Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem -Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf -dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr -Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht -etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war -sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen -heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe -kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter -- -- --‘ Das war ihr -Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“ - -„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis +jetzt+ schon,“ -sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises. - -„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so -unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es -wird das Rechte sein. --“ - -„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände haben den Schleier -von Sörines Kindereinfalt gerissen, -- sanfte Mutterhände werden die -Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine -tapfere Schülerin zu sehen.“ - -Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die -klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn -noch um Etliches überragte. - -„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte -Sörensen. - -„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll -hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber -wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner -Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß -ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht -an den törichten Ausspruch...“ - -„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem -Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres -Vorurteils gekommen bin.“ - -Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der -Küchentür stand knixend Frau Dietz. - -Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine -Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem -Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“ - -„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den -Toten nichts Übles reden.“ - -Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren -davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte -sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr -für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ -- - - * * * * * - - +Sonntag abend+. - -Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich, -das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die -Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann -- dies Heidekamp. Hab’ -Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen -Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch -keinen in Birkholz erlebte. -- - -Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare -Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem -Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des -Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In -welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte! - -Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch -ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich -daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen. --- Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf. - -Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis -ist prächtig. Grauchen und ich sind gute Freunde geworden. „Wir haben -beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich -dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich -komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“ - -Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir -eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben -mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes -Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte -und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche -Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? -- Wie wir heute da draußen Pläne -schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und -uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du -jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner, -gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. -- - - +Dienstag abend+. - -Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten -Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der -jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus -bereden +müßte+. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen -beiden, daß ich wohl als Direktor dem +Lehrer+ Asmus etwas zu -befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte -gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige -Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche -Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, -- -nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau -Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne -in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las -ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte -Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir -nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja -täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie -davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“ -Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem -Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s -merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich -kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf -nicht merken, daß ich dahinterstecke. - -Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur -zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das -arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die -Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben. - -Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das -erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht -Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne -und Liebe hungern soll, -- Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. -- - - * * * * * - - +Ostersonntag abend.+ - -Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht. - -„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich. - -Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue -Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus -hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist -beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her -eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der -mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff, -entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich -zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst, -daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der -weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und --- Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in -Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine -Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens -den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen. -Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein. -Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, -- so konnten schon -„das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. -- Und die Frau -Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen, -saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die Frauen der -Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn -mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne -Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege -Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen... - -Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und -fragte... - -Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da -der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr -dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen! - -Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein -Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen -Heimweg gesprochen. - -Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den -schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr -sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp. - -Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein -Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber -es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden, -liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben. - - * * * * * - -Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach -den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien -niemand verreist, und so fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in -der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte -für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten -zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den -stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester -Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten -Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der -sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der -kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores -Lachen. - -Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert. -Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er -parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur, -wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei -einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in -+Ihrer+ schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“ - -„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich -entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien -so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich -leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu -bringen.“ - -„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf -seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, -- Gott soll mich -bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau -Kahl annimmt. Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr -Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“ - -„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt -vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter -spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen. --- Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“ - -Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter -gespielt haben...“ - -„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle -zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“ - -„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“ - -„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen -Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore -nicht genug Mittagessen gegeben.“ - -„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes -Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore -zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir -neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“ - -„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“ - -„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche -Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose -Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik -unterstützt.“ - -„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie -er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“ - -„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer -Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im -Deutschen Reich, wo er seine +Unkenntnisse+ verwerten konnte.“ - -„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch -schon unter Clausen segensreich wirkten?“ - -„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“ - -„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist -übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant, -sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl -eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher -und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst -aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau -dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“ - -„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend. -„Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute -undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört -sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst, -noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau -Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr -verhaßt, eine strahlende Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen -Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer -fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die -Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff -ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich -verärgert zurückgezogen.“ - -„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“ - -„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie -nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt -sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr -Neustes eingerissen, -- das ist so was für Frau Professor Traute.“ - -„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein -Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier -das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen. -Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“ - -„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um, -der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits -mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht -gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein -Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“ - -„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war -zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen -gesellt, einer feinen, älteren Frau, die ihm sofort von „ihrem Hans“ -erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis -das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war. - -Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt -plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen -unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich -wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt, -wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen -Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“ - -„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut -und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt, -wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und -Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor -Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig, -über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit -dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit -ab. - -„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere -zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz, -vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse -Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es -möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das -Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber -nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die -ist nicht von Pappe. Und sie grüßte mich heute auf der Straße mit dem -Kopfneigen einer jungen Prinzessin, -- nur so eben gerade, -- weil ich -sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“ - -„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was -sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir -eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen, -‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“ - -Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach -Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“ - -„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“ - -Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“ - -„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt -schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der -jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den -Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich -weiß ja, daß sie der ~Nervus rerum~ der Klasse ist, ein rechtes -Mütterchen...“ - -„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein -Doktor ein. - -„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem -Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich -aufhängen.“ - -„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und -streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug. - -„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“ -forschte sie dann. -- - -„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp -ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das -Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach -der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das -Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht -am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, -- Fräulein Doktor, ich -sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht, -daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb -kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche -und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für -Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte -von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein -Ritter des ~ancien regime~...“ - -„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich -Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und -kann sie nicht finden, -- nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen -Wohltätigkeit. -- Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift -auf?“ - -Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf -diese Frage zurückkam. - -„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete -freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut. -Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen -Herzenswunsch drangeben. Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend -ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn -ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“ - -Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein -Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen -Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem -besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte -wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel -älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln... - -Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon -die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma -eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten -liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen. - -Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und -empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den -Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre -Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“ - -„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts, -fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor. -Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen -Lachen zog sich Frau Traute zurück. - -Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das -unterste Ende setzte, konnte die Würde nicht so streng gewahrt und -durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher -„dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf. -Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das -gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren -viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise -gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit -zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im -Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine -gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert, -umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für -Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die -Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen -Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun -war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes -Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie -Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau -umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke -auf den Teller legte. - -„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“ -sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter -Zeit.“ - -„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor -zweifelnd. - -Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und flüsterte: -„Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“ - -Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben, -an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort. - -Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden. - -Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein -Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen -Fleck. - -„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er -bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt. -Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr! -Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: +Jetzt läßt -er sein Nachtlicht leuchten!+“ - -„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen! -Teure Freunde! Liebe Frau!“ - -„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit -heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm -Sörensen mit dem Finger drohte. - -Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und -innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der -Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie -ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine -Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das -„tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium betonte, sowie -das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“. - -„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen -Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins -Ungemessene. -- - -Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte -Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen -Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt, -die vorbildliche Einigkeit, das ist meine +Hoffnung+. Rechnen Sie -immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“ - -„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl. - -„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter -Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich) -uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte. -Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene -Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die -Stavenhagen an, -- es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts -gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht -auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf -Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“ - -Man verzichtete auf die kindlichen Spiele. - -Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in -Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau -Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute, -ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu -tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der -sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet -hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm -und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein -paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen -leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer. - -Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in -Augenschein zu nehmen. - -Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in -den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke -lehnten sich an die Bäume. - -Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe -modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen -Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen -Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen -zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom -Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft -die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie -einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer -Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. -- - -Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn -aufrichtete und mit Kreidestrichen in Felder teilte. Er rief einen -Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und -begann die Bahn zu säubern. - -Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches -Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und -lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl -sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar -herausfordernde Augen. - -Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn -setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich -hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“ - -Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin -auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie -nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch. - -„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt. - -„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der -jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie -in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah -die Frau lauernd an. - -„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl -entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn. -Nach einer Weile stand die Frau auf. - -„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht zu, und sie -diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der -kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte -sie auf den Tisch. - -Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie -nachdenklich in der Hand. - -Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die -Frau auf Kahl zu. - -„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig. - -„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er. - -Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß -ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen -Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“ - -Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand. - -„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in -seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man -die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege -Kahl, können wir kegeln?“ - -Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt -den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und -verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam -den Kopf. - -„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des -Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt -darin. Ich selbst habe eben einen Geist gesehen und wenn mich nicht -alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“ - -Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft -rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung. - -Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des -Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur -der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu. - -„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den -dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn -dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“ - -Man bildete Parteien und kegelte. - -Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten -Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte -scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune -herunter. - -Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme. - -„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen -zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“ - -„Herr Oberlehrer Kahl, +Sie+ werden mich immer unglücklich -lieben,“ gab sie schlagfertig zurück. - -Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu -Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine -hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten -Gemütern auf, -- ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er -abwehrt. --“ - -Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche -Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch -einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg -durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen -einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche -Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien. -Aber das fanden sie gerade entzückend. - -Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der -herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ -Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste -sie gutmütig durch die gespenstische Heide. -- - -„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar -nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine -Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch -nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser -ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht -des so sehr Verehrten. - -„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete -der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten -geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte -schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“ - -„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich -glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich -ja erst abwarten müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern -gleich herum, wenn Sie befehlen.“ - -„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte -Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“ - -„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht. -Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“ - -Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war -bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick -Sörensens dankte ihm. - -Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein -Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um -unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe, -ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen. - -„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß -sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“ - -„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte -Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit -unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen -hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“ - -Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie -durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen, -wollte sie Agnes helfen. - -„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie -sanftmütig. - -„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“ - -„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll -Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt, --- wie schaffe ich eine andere Freude?“ - -„Darf sie also kommen?“ - -„Ja.“ - -„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes -schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene -Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes -gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer -beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“ - -„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß -dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich -nichts von Herzensgüte ...“ - -Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die -Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein -froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer -erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes -eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie. - -Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“ - -„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich -über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da -könnte ich zuschließen und...“ - -„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn -sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch -wirklich die Wurzel alles Übels war. - -„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“ - -„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne -Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts -anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“ - -„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das -Mittagessen vorher...“ - -„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich -zu.“ - -Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht. - -Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein -Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei. - -Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der -in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb -Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal -Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit -einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute -friedloser...“ - -„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene -Schuld,“ grollte Hansohm. - -„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen -mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine -Legion und besitze nicht ein einziges.“ - -„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse -Weiber in Essig legt‘ und dann...“ - -„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor. -„Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei -mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“ - -Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den -Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht -noch auf derselben Stelle stehen. - -An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die -meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits -den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte -eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag -in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe -kränkend kurz und knapp. - -Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora -Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit -schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das -schwer hinter ihm ins Schloß fiel. -- - - * * * * * - - +Sonnabend nacht.+ - -Das Skelett meines Hauses grinst. - -Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen? - -Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt, -gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer, -willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben. - -Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen, -wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande -warst. - -Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt -Einlaß. - -Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens -sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. -- - -Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet. -Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und -treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein -Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein -Fältchen des Inneren verborgen bliebe. -- - -Ich will ihr nicht schreiben. - -Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen. - -Lebten meine Knaben noch, -- vielleicht... - -Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen -soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine -Arbeitsjahre umsonst gewesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar -diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll... - -Guter Herrgott, hilf mir! - -Ich bin ganz ruhig. - -Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte. - -Ich will Lisette sprechen. -- - - * * * * * - -In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur -Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus, -tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges -Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum -lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und -Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und -hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße -so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“ -am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der -Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen -Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und -seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren. --- Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an. - -Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende -stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. -- Und -er und seine rührige Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche, -Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über -Nacht bleibenden Gästen. -- Hatte er doch der hübschen, kecken Frau -Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern -ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu -ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl -manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas -Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen -setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann -ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er -hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen -beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben -anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im -Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“. - -Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen. - -War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so -einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob -da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine -Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung -wohne.“ - -„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist -alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der -Polizei Bescheid zu holen.“ - -So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum -Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte -früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus -fallen. -- - -Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten -geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber. - -Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam -in sein strenges Gesicht blickte. -- - -„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu -kreuzen,“ sagte Sörensen ernst. - -„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster. - -„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem, -wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe -nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist -dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“ - -Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend. -„Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die -letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das -ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben -auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und -deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig -mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen, -Erne...“ - -Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. - -„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder -auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld -verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen -wollten, erzähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder -willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“ - -„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein, -„und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“ - -„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander -geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen -fürderhin nicht hältst, Lisette, -- so zwingst du mich...“ - -Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen -zurück?“ - -„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes -Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern -soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg. -Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“ -lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich -mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht -das nicht länger.“ - -„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt, -es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge -wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“ - -„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da -erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug -machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als -hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen, -er mußte über Land. Schon als ihr ankamt, habe ich euch beobachtet. -Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, -- „die sah dich arg -verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“ - -„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt, -daß ich nicht frei bin...“ - -Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“ -murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“ - -Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am -Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld -erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich -bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken... -Werde bald gesund! Leb wohl! --“ Er reichte ihr die Hand und ging mit -schweren Schritten. - -Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe -für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig -und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten. - -Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und -beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm -nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein -zartes Mädchen, weinte. - -Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies -schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten. - -Sie tastete sich zum Sofa. - -Und während sie sich dort von dem Krampf erholte, überdachte sie -ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich -keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm -recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie -höflich der Wirt zu ihr war. - -Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen -Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging. - -Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh -war, heute fortreisen zu können. - -Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel -häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen -hatte. - - * * * * * - -Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich -recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein -gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen -aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand -niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf. - -Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch -ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die -Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten. - -Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer. -Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem -das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen -Zwischenräumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach -abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich. - -„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich. -„Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“ - -„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an? -Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“ - -„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin -ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es -war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“ - -„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so -eilig?“ - -„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen -will.“ - -Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das -Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm -sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen. - -„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit -vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen, -Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen -vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“ - -Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame -arg verstört und bekümmert dreinschaute. - -„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“ - -„Was ist denn geschehen?“ - -„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen -gesehen, unsern Sörensen, +meinen+ Sörensen, wie er eine -Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar -gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen -Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“ - -„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen -Schein blasser. - -„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag -Ihnen, Doktorsche, von +dem+ Manne schmerzt es mich, daß er nicht -ist, was er scheint.“ - -„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß -denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser -als all die andern. Für mich bleibt Sörensen -- Sörensen und wenn er -hundert junge Weiber hofiert...“ - -„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff -trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren -runzeligen Händen Doras Wange. - -Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus. - -„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort. -„Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert. -Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch -Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen mich doch nicht so -in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“ - -Dora Stavenhagen faßte sich. - -„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch -wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde, -gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den -Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“ - -„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus. -Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen -schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene -rundliche Fülle mit dem Finger. - -„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte -Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele: -Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“ - -„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch -nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem -Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“ - -„Fräulein Tingleff!!!“ - -„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei, -deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her -erinnere...“ - -„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“ - -„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte Fräulein Tingleff -ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem -Herrlichsten von allen?“ - -„Eigentlich nicht. -- Sörensen geht nur Wege, an denen seine -unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“ - -Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen -die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der -Einsame wird uns brauchen können. --“ - -„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern -hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an -seinem Gesicht, daß er +niemand+ brauchte.“ - -„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“ - -„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie -die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte -immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke -zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist -fürchterlich.“ - -„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich -z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind -über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag -essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen -Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes -Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu -hören, und für das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr -Gelegenheit dazu gibt.“ - -„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in -Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht. -Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein -gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße -Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War -ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp -auch mit her?“ - -„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“ - -„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem -um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins -sein Lebtag vergebens erfleht hat. -- Mit aller innewohnenden Menschen- -und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“ - -Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde. - -Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen. - -„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein -gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben? -Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine -Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren -ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen -dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht -zersplittern. So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht. -Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine -Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom -Dienstag, auf den ich mich freue.“ - -„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte -Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer. -Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie -just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne -Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes -Tänzchen anhebe. - -„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine -feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie, -wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum -Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in -einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm -blasen...“ - -„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, -- ganz -sicher -- -- es ist besser so. Aber Hansohms -- o, das ist herrlich! -Hoffentlich ist Lore wohl genug.“ - -„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in -freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“ - -Die beiden berieten noch eifrig miteinander. - -Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein -waren, mit eins den kommenden fröhlichen Dienstag vergessen und -dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende -Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen -sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle. - - +Sonntag abend.+ - -Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei. - -Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber -für einen Direktor doch wohl berechtigt. - -Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich -rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern. -Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn... - -Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. -- - -So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem -Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten -Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung. -Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an -Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht -unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande -gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist. - -Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm, -alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu -schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden -war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege -Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme, -die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine -Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich -wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken, -aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld -nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein -halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn -zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden -Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so -lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen, -aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft. - -Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich -nicht genau zu sagen. - -Aber es ist da. - -Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies -Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles, -Gesundes für mich. -- Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber -es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern -und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile -das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe -körperlich. - -Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel -löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes -Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und -Vorurteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren -Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber -ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an -Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran... - -Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am -Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß -ich dort war. - -„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch -Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus -hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen -Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich -häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne -Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich -alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen -und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so -Kleinigkeiten sind...“ - -Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. -- - -Aber auch ihm kann ich nicht helfen. - -Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum -„schwarzen Schaf“ befördert werden ... - -Vielleicht hängt das auch von Kahl ab. - -Von ihm und dem Ehepaar Asmus, -- ob sie schweigen oder es vorziehen, -zu schwatzen. - -Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu -niedrig gewählt? - -An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie -hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte -wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine -herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden -über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, -- würde beichten, -würde fragen... Mutter! Mutter... - - * * * * * - -Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers. - -Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer -Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit -raschem Entschluß. - -Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen. - -Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen. - -„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst. - -„Nichts Gutes.“ - -Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je -etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, -- das, -was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß -dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“ - -Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in -meiner dritten Klasse gestohlen.“ - -„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“ - -„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir -den Dieb in Sicherheit einwiegten. --“ - -„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind -kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“ - -„Seit vierzehn Tagen.“ - -„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer -Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in -schroffstem Gegensatze.“ - -„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt. - -Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide -objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen -Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein -Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht -doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“ - -„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte, -frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“ - -„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr -unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“ - -„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es -gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die -Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“ - -„Was wird gestohlen?“ - -„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu gekaufte Hefte -an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel -verschwand...“ - -„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht -Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei -solchen Vorkommnissen?“ - -„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich -beizulegen...“ - -„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen -das einzig Gegebene...“ - -„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete -Durchstechereien.“ - -„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit -der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht -sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“ - -„Herr Direktor,“ -- Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es -handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, -- mein -Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf -- ich spreche -streng vertraulich -- auf den Schuldiener Harks.“ - -„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“ - -„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten -Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht -immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks -gespielt hätten.“ - -„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“ - -„Hm.“ - -„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm. --- Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von -verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen -worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“ - -„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu -gehen.“ - -„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich -weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche -Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener -erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“ - -„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl... - -„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe -ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose -Anschuldigungen.“ - -Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen -an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann -freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“ - -„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn -Harks nicht der ist, der er scheint?“ - -„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und -nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich -alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald -Klarheit schaffen.“ - -Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des -Harks?“ fragte er schroff. - -„+Persönlicher+ Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde -nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, -- seit einiger -Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber -wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da -noch einmal vorstellig werden...“ - -„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“ - -„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha -Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon -einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich -der ‚Onkel Harks‘ für sie...“ - -„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen -heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger -Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld -seiner Schwestertochter.“ - -„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich. - -„Herr Oberlehrer, -- ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles -sorgen.“ - -„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“ - -„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“ - -„Ziemlich, Herr Direktor.“ - -Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“ -Aber da las er in den Augen des Kollegen so viel Befriedigung... und -fühlte zugleich, daß er -- gehaßt wurde... - -„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von -einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die -Bertha Ehlen vernehmen ...“ - -„Guten Morgen, Herr Direktor.“ - -Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich -Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein -paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden. - -Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein -Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. -- - -Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren -Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten -und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders -hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat, -wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige -Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan -habe!“ - -„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch -etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß -immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine -Freundin hast.“ - -„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“ - -„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im -rechten, echten Angeberton. - -Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja -immer fortgegessen,“ schrie sie. -- - -Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt -werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der -Wintermantel gestohlen?“ - -Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan -und wenn ich es nicht getan habe?“ - -Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt. - -„Was willst du, Lise Steffens?“ - -„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen. -Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo -draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener -Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war -doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“ - -„Setz dich.“ - -Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie -waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach -Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“ - -„Der Schuldiener?“ - -„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch -wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“ - -Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht -getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam -noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief -verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“ - -Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich. - -„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er. - -Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr -umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir -haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen -dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“ - -Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die -öde Entschuldigung der Bertha Ehlen. - -Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt -Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen -hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt, -Muff und Gummischuhe lagen obenauf. - -„Ich habe es aber nicht getan, und...“ - -Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und -schob sie zur Türe hinaus. - -„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst -nicht wiederzukommen.“ - -Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt, -sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“ - -„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“ - -Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor -öffnete ihm. - -„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie -soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu -deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch -einzulassen.“ - -Es war alles rasch erledigt. - -Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart -Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das -Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus -seiner Brust. - -„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die -Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“ - -„Mein guter Name!“ ächzte Harks. - -„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie -vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. -- sie -tun mir leid.“ - -„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie -- glauben -nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr -Direktor...“ - -Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte -nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich. - -„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der Direktor, „ich habe -nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“ - -„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau -gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die -gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“ - -„Ja, -- gehen Sie, Harks.“ - -„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre -Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich -verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst -so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr -Direktor, -- ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein -Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“ - -Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr, -Harks,“ sagte er einfach. - -„Herr Direktor -- wenn Sie mal einen Menschen suchen, der -- für -Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme. - -„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. --“ - -Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich -stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten -Klasse zurück. - -„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern. -„Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges -Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“ - -„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch -wohl...“ - -„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor -fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich -hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau. -Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles -immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und -verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ -- - - * * * * * - -An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn. -Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und -Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so -zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz -beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien -auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem -Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr -Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam -nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen -Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks -hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. -- - -„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und -harmlos. Und gleich darauf: „Aber, lieber Herr Harks, -- ich bitte -Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht -Ihr eigen Fleisch und Blut...“ - -„Herr Direktor,“ -- ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf, --- „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, -- -- in die Hand -eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu. - -„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf -mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“ - -Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. - -„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen -anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des -Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, -- ich höre zu.“ - -„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht -viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“ - -Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg -zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten. - -„Herr Direktor, -- der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“ - -„Harks, -- was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein -Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. -- - -„Ja, er will mich verderben und -- er kann mich verderben. Aber ich -will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll -nicht diese angstvollen Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen -mein Richter sein, Herr Direktor.“ - -„Harks, braver, alter Harks...“ - -„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig, -der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze -Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut -drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde -mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und -konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns, -blühende, schöne Kinder, -- was das heißt, können nur Elternherzen -recht verstehen -- dann kriegt ich den Typhus, -- Herr Direktor, ich -will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus -bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. -- Die einzige Freude -in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, -- wie ein Bäumchen, Herr -Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe, --- das schöne, feine Mädchen, -- da muß ich mich immer abwenden. Grad -so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge, -ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was -Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob, -und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch -nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel -hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“ - -Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an, -Harks.“ - -„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier -als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte. -Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst. -Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der -Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem -noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie -die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so -viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten -unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch -getan, und, -- es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen -auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich -- -die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns -von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst -zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu -bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die -Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und -es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts -mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit -einer Lüge in das neue Amt gegangen war. -- Aber wie wir hier so am -Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten, -eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob -ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie -schon zweimal geschickt. Und der Apotheker fragte an, ob er sich an -die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat -zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt -machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir -dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles -abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch -an unser Warten und an unsere Angst denke. Und -- -- da lag nun -- --, -Herr Direktor, da hatte ich, -- da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl -eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt -ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben, -aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und -- ich will’s -nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei -nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W. -und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja -längst das Geld von der Tante. -- - -Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr -Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals -noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann -- dann wurde auf einmal dem -Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken -sollen. -- Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein -Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich -zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein -und baten und flehten.... - -Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten.... - -Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus -seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte. -Herr Direktor, -- wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade -als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700 -Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam -doch zu spät.... - -Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth -- die Lisbeth, Herr -Direktor, die hatte ihr junges Herz dem -- -- geschenkt.“ - -Der alte Mann weinte schwer. - -„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth -war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, -- aber doch auch -wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie -sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor -Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, -- sie diente -erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle -bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind -und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter...... - -Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr -ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit -ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf... - -Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen. - -So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“ - - * * * * * - -Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das -schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören. - -Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit -seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten -Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit -Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser -stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil. - -Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und -gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher -werde.....“ - -„Herr Direktor, -- ach Herr Direktor!“..... - -Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf -ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich -wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte -das gestohlene Gut gelegt hat?......“ - -„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks. -Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht -- wegen -Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen -und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude -der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein verirrtes Kind -aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. --“ - - +Sonntag abend.+ - -Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. -- - -Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen. - -Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines -Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher -immer sagte, -- das war lähmend. - -Und dabei stillhalten zu müssen. - -Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer -dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. -- - -Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht. - -Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen -Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden...... - -Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt.... - -Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen -sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben. - -Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist. - -Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir -allein zutiefst gehört. - -Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt -die Herzen auf. Wie gerecht und gütig urteilte er über Harks. Wie -verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! -- - -Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen -Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen -bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig -und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. -- Meine drei -Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus -Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in -Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken. -Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem -sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben? - -Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt. - - * * * * * - -Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide. - -„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und -meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen .... - -Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen -waren freudig bereit, uns zu begleiten. - -Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte -Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer -gebreitet sehen will. -- - -Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald -und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem -Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter -Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte -Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“ - -Auch meine Geige hatte ich mitgenommen. - -Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte. - -Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen, -während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen -sprach. -- Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein -rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen -können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge -Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“. - -Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“ - -„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm: -„Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in -Heidekamp essen.“ - -Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli -hat recht, wie immer.“ - -Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los. - -Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht. - -„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da, -sehen Sie, dort -- Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben -biegt er um die Waldecke.“ - -Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen. -Frau Försterin hatte Kuchen gebacken, als ob anstatt zwölf junger -Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. -- - -Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus. - -„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich -wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber -Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“ - -„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“ -sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich. -„Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie -weise hinzu. - -„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die -arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne -Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“ - -„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch -eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“ - -Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur -gut sind, sie treffen sich doch.“ - -„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei -arme Schächer, wie Agnes und ich.“ - -„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus, -Sörine Heidekamp.“ - -Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen. - -„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme. -„Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und -Bresthaften in unserm Dorf wollen auch mein Lachen. Wo soll ich’s -immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe? -Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr -viel klagen.“ - -„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir -schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht -einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht -sagen, du junges, liebliches Kind?“ - -Ganz still gingen wir nebeneinander her. - -Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich -auf uns herab. - -Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand -in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir -eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit -Großvaterli.“ - -Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und -alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler -seid ihr beide, du und das Großvaterli. -- - -Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und -Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. -- - -Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter! - -Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler. - -Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns in der Ursprache -vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie -lebendig die erste Klasse daran Teil nahm! - -Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den -jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen -Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird -oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein -Stavenhagen Mütterlichkeit. - -Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen -Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr -unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie -nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner -Schwester einlud. - -Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich -Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz, -wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. -- - -Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor -scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht -freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen. - -Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach -Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener -Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse. -Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein -gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf böswillige -Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf -Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen. - -Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar... - -Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen. - -Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes, -großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. -- Sie hatte ihr -Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer -und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist -köstlich. - -Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten -Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er, -kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert... - -Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze -Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung -dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft. - -Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein -Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen ~Pecunia~ abhängig. Sie -möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will -mir keinen Beruf eröffnen.“ - -„Was meint sie denn?“ - -„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.“ Telse wurde sehr -niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend. - -„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander. - -„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein -Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“ - -Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und -Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie -„Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“. - -„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie -ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen -„Bohrwurm“ führt, -- „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für -uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit -„selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür -verantwortlich. Kapiert ihr das?“ - -„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith -Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer -bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“ - -„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in -meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein. - -„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine -ehrlich, -- „aber -- Großvaterli sagt nichts, über das man nicht -fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das -ist so schön. Hab ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich -vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit, -die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“ - -„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte -Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran. - -„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die -verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu: -„Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so -viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“ - -„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen -herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter. - -Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den -Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte -er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk. -„Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“, -rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt: -Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf -Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“ - -„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die -Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog -die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus. - -Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste hat uns der Ehrenmann -aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen -Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher -keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß -mit der Kapelle verbindet. - -Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing -meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges. - -„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner -lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen -Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen. -„Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz -einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber -wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt, -müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält, --- die weiß Bescheid.“ - -Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, -- ein -rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das -Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine -Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine -Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich -nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein. - -Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung, -und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude. - -„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht gesund werden“, -sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“ - -„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft -und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren. --- Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. --“ - -„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die -werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, -- ach ich -freue mich ja so schrecklich!“ - -Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an -dem Herrenhause da draußen, -- dies große Freuen. -- - -Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst. - -Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit -seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon -de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald -- -ick freu mi bannig.“ - -Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im -ausgeprägtesten Sinne. +Mitleid+ scheint sie sogar ein wenig zu -verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden, -„diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte, -immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber -trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit -habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen. - -Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht. - -Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das -Mitleid für gar zu billig achtet. -- Mitfreude wächst nur auf dem -Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen? --- Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus -und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem -Unvermögen, hier Freude zu geben. - -Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach. - -Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch -Schulleiter.“ -- Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen -Sörine so stark dünken, sind mir gebunden. - -Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen -und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig -um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie, -und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“ - -Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine: - -„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“ - -Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm. - -So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost. - -Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom -Willen eines starken Einzelnen. - -Aber damit hat sie nur bedingt recht. - -Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl wieder und wieder -an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die -Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. -- - -Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun: - -Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine -alles das geben, was sie sich wünscht. -- -- -- -- -- - -Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen -Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste -Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über -die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet, -die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die -wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen -Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in -Empfang nehmen mußten. - -Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft -aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten -und salutierten mit den Peitschen. -- - -Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch -sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all -das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge -gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten -Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden. -Gottlob, die Gefahr war vorüber. Wer so lachen konnte und so frei von -der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter -Jugendleiter nach Gottes Herzen. -- Der alte Friedrich kutschierte -in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine -Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem -Handpferd Isabelle mit. -- - -„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir -hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag -allein zu lassen, so finde ich das roh.....“ - -„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten -wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, -- ich war -eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“ - -„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches -geleistet, -- er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des -Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der -braucht jetzt wohl Ruhe.“ - -„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie -ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute, -als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, -- ich brauche dich! -Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der -in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die -Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“ - -Hansohm schloß die Haustür auf. - -Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang. - -„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein -Doktor, -- so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es -noch glüht. Halloh, Lore, -- gut Freund!“ - -Er öffnete die Wohnstube. - -Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für -ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine -Hausschuhe standen bereit. - -Alles atmete liebevolle Fürsorge. - -Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief. - -Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die -lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen. - -Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch -erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der -letzten Zeit...... - -„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der -erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“ - -Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest -du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin. - -Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände -gelegt. - -Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen -Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal -dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir -gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein schönes -schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter: -Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte -Frau. -- - -Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager. - -Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand -des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich -die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz -mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und -nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte. - -Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist -jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als -sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie -zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies -Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann. -Gott befohlen, Klaus Hansohm.“ - -Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah -ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die -Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am -Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn -Direktor sprechen. - -Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit -schweren, müden Schritten zu ihm trat. - -„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte -Sörensen mit viel guter Liebe seine Arme um den jungen Kollegen, und -dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht. - -„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, -- und -Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei. --- - - * * * * * - -Mein alter Foliant, -- auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich -zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen. - -Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl -lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem -himmelhochjauchzend -- zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts -zu ersetzen. -- Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden -und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen -darf. -- - -Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders -unsympathisch. +Wenn+ man aber denn durchaus als Obersekundaner -diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß -man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht, -besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. -- - -Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“ -Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und -verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. -- Hätte -sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei -erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen. --- Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die -Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den -pp. Eltern und Vormündern. -- Aber Fräulein Nissen hatte nicht das -geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und -verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse. - -Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. -- Eine weitere -Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und -„Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen -Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er -auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen -entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es -eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und -machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein -„Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. -- Dann erst hat er Hanne -Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür -des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich -fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und -dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der -Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich -nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt, -was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner -Schülerin Telse lag ja in den besten Händen. - -Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand, nahm ich an -mich und wurde deshalb von Konrad Dierks -- gestellt. Das Bürschchen -kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl -in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich -in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen -Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige -mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und -meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich -widerrechtlich angeeignet haben.“ - -Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine -Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl -inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“ - -Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und -überreichte es ihm. - -Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute -Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch, -aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. -- „Also Ihr Gedicht -wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin. -„Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der -ersten Klasse.“ - -Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern -suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s: - - „Brünstig brandet mein brausendes Blut - Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“ - -Es war aber noch erklecklich länger. -- Glauben Sie, daß Telse Lüders -reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll. - -„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit -ihnen abgeschlossen.“ - -„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“ - -„17 Jahre.“ - -„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“ - -„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich -zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen. - -„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen, -daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein -Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen -gelernt, dünken +Sie+ mich eine großangelegte Natur zu sein.“ - -Ich verbeugte mich geziemend. - -„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von +meinem+ Direktor -behandelt worden,.... ich -- ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als -ihn... zu fordern.“ - -„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“ - -„Jawohl, Herr Direktor. -- Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, -- -meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, -- aber sie hat -mich unerhört im Stich gelassen. -- Es bleibt mir keine Wahl. Wollen -- -wollen Sie mein Kartellträger sein???“ - -Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht -wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden -unbedarften Jungen mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten -Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa: -„Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, -- da lachte ich schließlich so -erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen. - -Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann -- fing er an -zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich -- -freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“, -daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu -folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten -Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den -Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen..... - -Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem -Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu -arbeiten. - -Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie -begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. -- - - * * * * * - -Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche -heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau -Dietz geheimnisvoll beiseite. - -„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der -Unzufriedenheit. - -„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt. - -„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat -einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“ - -„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd. - -„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von -Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu -Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer. -Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als -Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen..... -Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben -Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch -geguckt .....“ - -Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die -zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen -ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und -als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf -den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“ - -Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an. - -Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um -Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise. -„Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und -ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner -Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem -Besuche weiß.....“ - -„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“ - -„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte -Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm. - -„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität, -von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen -Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr -Menschentum ....“ - -Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber -nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig. - -Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort: -„Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren, -daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte -zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger -Mensch, -- ich -- ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes -gelernt, als hübsch zu sein. - -Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit -vorbei...... - -Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“ - -„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“ - -Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr -Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende. Ich habe mir vieles gefallen -lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu -mir, -- ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und -es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß -ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus, -Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern -Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, -- so viel Sauberkeit -in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann -- gleichviel woher -- -erfuhr, daß gerade im Vorleben +meines+ Mannes ein häßlicher Punkt -sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben, -habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen -sei und -- mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine -eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun -- Herr Direktor, nun wohnt da -draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person -- man -sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er -hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles -so niedrig, -- ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie -bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider -Bertels.....“ - -Frau Kahl schluchzte schwer auf. - -„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert. - -„Ja, und gestern -- -- gestern war sie sogar in unserer Wohnung.... -Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein -Dienstmädchen stand dabei und grinste.... - -Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu sein, -- er schalt -mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“ - -Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe -vorstellen“, bat er drängend. -- - -„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person -kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und -- -- Sie sollen der -Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, -- Sie werden -Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns -zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines -Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur -loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen, -denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im -Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“ - -Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und -- -- alles so -widerstandslos aufgeben?“ - -„Er haßt Birkholz -- und Sie!“ sagte Frau Kahl. - -„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, -- -aber Haß???“ - -„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den -Aufrechten....“ - -„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es -ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten -Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte. -„Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und -beleidigt und doch immer dieselbe....“ - -„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er -jetzt. - -Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus, -und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der -mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. -- - -Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach -den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf -irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ -- - -„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper -Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum -Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“ - -„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich. - -„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin -aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt -das große Wort und will mich jawohl ausfragen..... - -Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich -habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“ - -„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings -nicht.“ - -„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern -sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte. -Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“ - -Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich -in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor -Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer -auf und nieder. - -Der nächste Tag war ein Sonntag. - -Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein -Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor, -der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte, -vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war, -wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus -früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so -herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen -auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und -- das Pharisäertum -geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in -den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern -aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu -Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber -als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken, -ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ, -da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen -gemünzt war. -- - -Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus. - -Aber nicht allzuweit. - -Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm -sonst gegeben: besinnliche Stille. - -Er befand sich in seltsamer Aufregung -- und Verlegenheit. Und die -Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht, -wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der -gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach -einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den -„Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe -des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier -Schneidermeister Bertels wohnte. - -Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in -den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen -prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der -andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches -mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war. - -Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts -anderes lesen als: Lisette Balian. - -Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken -kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese -Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere -Todfeinde gegenüber. - -„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz. - -„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und -packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“ - -Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie. - -Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie du +mir+ -wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht. -Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und -schüttelte die Fäuste. - -„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht -gerufen.“ - -„Aber wie kommst +du+ hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer -Heilanstalt....“ - -„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir -gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst -auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich -ordentlich pflegen und auskurieren....“ - -„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine -Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich -habe eine zähe Natur.“ - -„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel -gab ich dir reichlich....“ - -„Ja. -- Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet -neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld. -Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“ - -„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und -dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“ - -„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick -nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem -Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“ - -„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf. - -„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu -haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“ - -„Woher wußte er deine Anschrift?“ - -„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben -Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war -alle, und -- alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus -Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach -Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen. -Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön -dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“ - -„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine -ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen -schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“ - -Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und -biß sich auf die Lippen. - -„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es -ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte -wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“ - -„Erkläre dich näher....“ - -„Nun, der Herr Kahl meint doch, -- es besteht irgend etwas Unsauberes -zwischen uns beiden, mein lieber Erne. Meinst du denn, ich hätte ihm -gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau. - -„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße -Lisette Balian und -- -- -- na ja, er hatte sich eine ganze lustige -Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten -da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau. - -Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was -er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte +er+ -hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich -allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern +deine Frau+ -wäre...“ - -„Lisette!!!“ - -„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure -dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze -Geschichte verkreckt.“ - -Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer -Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit -Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er -geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich -aus. Heute nachmittag komme ich wieder und -- bringe dich selbst in ein -Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß -du krank und allein in die Weite fährst....“ - -Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen -brannten. - -„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und wir zwei hätten doch -dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh -dich gar nicht.....“ - -„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann -schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann -- -- -- geliehen hat, -- -packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit -diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus. -Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen -ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor -Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab -nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging, -zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte, -bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein -Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in -Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn -Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt -wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe -ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei -Kahls kündigen..... - -Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor -Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie -hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen. - -Zorn und Scham brannten in seiner Seele. -- -- - - * * * * * - -Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß -erwartungsvoll und horchte nach der Tür. - -Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute -zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der +liebe+ Herr Direktor“ -hatte er gesagt. - -Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten, -wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte -auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine -Antwort hatte ihm gefallen. -- Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen -an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und -ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte..... - -Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich -begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben- -bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien, -um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger -Neugierde zu verfolgen -- - -Großer Pädagoge Traute! - -Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt, -und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung -urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte. - -Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer. - -Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen -der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel. - -In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer -Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“, -sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“ - -Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun -fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt. - -„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend. - -„Ach, -- Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich -wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“ - -„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms. - -„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen. -„Sone ganze Stadt mit allen drin.“ - -„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“ - -„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom -Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden -und strich liebkosend über die Blondköpfe. - -„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige, -und Hansohm bestätigte lachend. - -Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm -erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden -und fragten ihn um Unverstandenes. - -Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der -neunten Klasse ein guter, ja der beste Freund war, zu dem sie recht -mit bewußtem Vertrauen aufsahen. - -Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das -Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen -Schule und Haus. -- Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts -verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern -hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten. - -„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur -Mutti, wie sie +so+ weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch -wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und -setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht -aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann -kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ -- Der hat ihn dann auch -aufgekriegt.“ - -„Na, der hat’s auch leicht mit -- die vielen Werkzeuge,“ bestätigte -Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten. - -Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz -mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig -mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und -wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom -Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote. - -Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie -recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf, -so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen -Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites -Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß, -Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein, --- aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt -Sodom und wurde -- zur ‚Salzgurke‘.“ - - * * * * * - -Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und -Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor -selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war -wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde -immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige -hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie -Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. -- - -Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als -auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr -sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht, -betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt, -„ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders -bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der -große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu -mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest -an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn +alle+, --- wohlgemerkt den +Kinderfreund+, der ihnen entgegenkommt, nicht den, -den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“ - -„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer -vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“, -aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie -gewesen....“ - -„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl -bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer -Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“ - -„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der -Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden -nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor -Claßen.“ - -Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der -letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde.... -+Sie+ natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl -meckerte hämisch. -- - -Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim -Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der -Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz -viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind -immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und -klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen -Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden, --- grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine -Herzensfreude bereiten könne. - -So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den -schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun, -sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen -Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen -Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz -erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen -Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen. - - * * * * * - - +Sonntag abend.+ - -Die Heide blüht. -- - -In diesen drei Worten liegt ein Erleben. - -Die Heide blüht. - -Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah? - -Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen. -Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte -mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und -goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne -waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen.... - -Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden -Haar an den Schläfen. -- - -Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen auftaucht und grinst. -Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird -den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“ - -Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen -bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere. - -Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand. - -Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul. - -Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide. - -Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das -ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg -dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald -von Unterlüß. -- - -Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde -vom Umherlaufen in der Stadt. - -Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige -Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich -arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium. - -Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab. - -Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge. - -So, -- als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das -Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen -wäre.... - -Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf Minuten beisammen. -Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht -danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die -Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für -ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide -mir bot. - -Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende, -grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die -träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine -rote Heide..... - -Dann sprang ich auf und besann mich..... - -Und wanderte, wanderte, -- bis ich mich in Heidekamp wiederfand. - -Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten -gleich wieder umkehren. - -Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die -Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben. --- Man ließ mich auch nicht fort. - -Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der -mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren -Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand -Spiele unternahm. - -Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns -herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie -umher recht wie ein Sommerfalter. - -Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen -zu uns auf die Terrasse. - -Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken. - -„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da -saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem -Gürtelsträußchen.... - -„Oh -- nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden -nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, -- wie täppisch du immer bist!“ - -„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“ - -Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein -Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats. - -Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. -- - -Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen -Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es -war wie ein herber Schmerz..... - -Meine Schülerin. -- Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das -unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den -Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen -nach Wunsch deines Vaters.... - -Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr -Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, -- löse sie -fein langsam.... - -Denn lösen willst und wirst du sie wohl. -- Der alte Herr gab mir sein -gutes Vertrauen. - -„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte -auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte. -„Neffe Kurt ist mir der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein -heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins -Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater -ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn -er erst Herr hier ist.....“ - -„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben..... - -„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, -- sie hat -ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren -gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden -soll...“ - -In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen, -herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort, -Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich -langweilig.“ - -„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte. - -„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren -Namen.“ - -Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen, -rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem -schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente. - -„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder -einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich -umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich -sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. -- Als sie -zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit -mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“ - -„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht -so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist -doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“ - -„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen -mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“ - -Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten -Worten zu mir herüber. - -„Und dann,“ -- Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, -- „Herr -Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch -die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“ - -Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend -nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand. - -„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine, -aber sie lächelte nur schattenhaft. - -„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich -mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete, -pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann -ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz -schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht -mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen. - -„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch -über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab, -anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu -beschäftigen...“ - -„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer -etwas anzuvertrauen....?“ - -„Eine Bitte habe ich, -- -- eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig -mit tiefem Ernst. „Es +muß+ etwas für Agnes geschehen...“ - -„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie -wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“ - -„Ich denke an +nichts+ anderes“, rief sie erregt. „Aber alle -lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich -ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“ - -„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast -könnt ich drüber erschrecken. - -„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann -dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen, -und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“ - -„Sörine...“ - -„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt -darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht -mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja -direkt wütend über meinen Vorschlag....“ - -„Sörine! Kindskopf!“ - -Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein -Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische -Sachen, sondern .....“ - -„Sondern?“ - -„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“, -vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“ - -Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine -Stimme nicht in der Gewalt. - -„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich. - -„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen. - -„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“ - -„Natürlich!“ - -„Darf ich ihn wissen?“ - -„Ja. -- Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er -gesagt.“ - -„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute -Freundin von ihm schieden....“ - -„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht -überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“ - -„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit -nachkommen. -- Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig +zu+ -sörinenhaft. Ist denn etwas Besonderes geschehen, daß Sie wirklich -Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“ - -„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes -zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem -Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es -den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige -Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich -kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“ - -„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist -eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes -hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte.... -Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“ - -Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig -und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden -Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand -zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von -Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“ - -„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse -mich nun auch fest darauf. -- Die Agnes freilich, die hat schon jede -Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“ - -An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße -Gestalt und sah mir nach. - -Und wandte sich blitzschnell und floh davon. - - +Um Mitternacht.+ - -Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller -Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren. - -Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, -- ich will ihn meinem -Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der -freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in -der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, -- vielleicht ist er -wichtiger Art.“ -- - -Ob er wichtig ist? - -Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit -vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir -danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu. -Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf -und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und -lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht -gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und -Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch -erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen -Namen trägt. -- Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war -die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz -geschaut, mein Erne, -- ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt -worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus -7, Vers I. -- Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott -in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies, -daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch, -weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine -Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt -zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und -weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und -die Hände falten mit Dank. -- Und haben wir uns noch auf eine Weise -ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder -gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s -wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der -Erne, -- so kreuzbrav. -- Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav -sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh -brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum -Lachen....“ - -Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur, -der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs -Lachen gut ist. - -Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um -der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben -auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht. - -Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie -gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch, -daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund -und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach -Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre -antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan. - -Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine -Sörensen. - -Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben.... - -Deiner würdig will ich’s leben. -- - -Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich -den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein -Gottes.“ - -Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du -gute Mutter... - - * * * * * - -„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte -des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten! -Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man -von ihm weiß.“ - -„Genügt aber, wenn das Wenige +gut+ ist“, entgegnete der Kollege. - -„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm. - -Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von -nichts zu wissen -- -- und heute schon fort..... - -Vermutlich ein Telegramm???“ - -„Vermutlich.“ - -Traute sah, es war aus Rasmussen nichts heraus zu holen. Ärgerlich -ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter -niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile: -„Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur, -daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz -abgedampft sei, ordentlich +gelaufen+ sei er, um noch den Frühzug -5^{54} zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche -Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, -- -na, Sie wissen ja Bescheid. - -Unsauber, -- im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, es +muß+ -ihm nächstens den Hals brechen....“ - -„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er -hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören. -- - -Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus -Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab. - -Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund -aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem -frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er -sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem -Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er -an dem Direktor vorbeischritt. - -Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des -Grußes gar nicht bemerkt. - -Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit -ihren Frauen, und es war wirklich befremdlich, wie langsam jede -Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite -schauten... - -Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz -unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber -Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß -war mir Ihr Gesicht, obgleich -- -- -- ich eben aus meiner Heimat -+komme+“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von -Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“ - -„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm. - -Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch -eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und -Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches -prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der -Heimkehr gebacken hatte. -- - -„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen -freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut -hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“ - -„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt -zur Antwort. - -„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte -Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil -Sie mir prophezeien wollen....“ - -Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm. - -Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar -nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer. - -„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf. -„Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, -- es verdirbt mir beinahe ein -wenig den Tag...“ - -„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden -forschend. - -„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage. -- - -„Ja. -- Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“ - -Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber. - -Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas. -Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr -Vertrauen?“ - -„Das haben Sie, Herr Direktor.“ - -„Also? -- -- Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann -wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“ - -„Ja, Herr Direktor.“ - -Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage: - -„Hängt es -- -- mit meiner Reise zusammen?“ - -„Ja.“ - -Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen -kann ich mich nicht schützen.“ Er sah dem jungen Kollegen in das -verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem -Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor -gehen? Sagen sie ihr, -- ich -- ich hätte vor wenig Tagen meine Frau -begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“ - -Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und -schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu -ihm. „Ich -- danke Ihnen Herr Direktor.“ - -Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das -Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten -Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die -Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein -treues Frauenherz aufgenommen. - -Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein. -Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich -weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“ - -Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz -ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe -ehren.“ -- -- -- - - * * * * * - -Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es -war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand -allsonntäglich eine Viertelstunde vor dem Fenster, um ihrem Herrn -Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die -Ecke.“ - -Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten. - -Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte -Luft taten wohl. -- Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen -Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin -durchsetzt war. - -„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg, -und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar -rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte -dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei -Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem -Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern -sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen -gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen. - -„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das -muß ich versuchen...“ - -Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue -zusammenzustellen. „Es darf nur von +einem+ gebraucht werden, -sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er -dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll -forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist -auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den -Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytet und mit Sorge -gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der -Melancholeya.‘“ - -Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick -ernsthaft zurück. - -Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie -haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu -machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus, -wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte: -‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir -gar nicht.‘“ - -„Die Kräuter sollen ja auch nur die +Deerns+ schön machen“, -scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte. - -„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er -warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s -verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde, -da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten. - -Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend. - -„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte -Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz -nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen -aufleben, -- -- Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man -tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt -abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“ - -„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet -bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin -hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand -werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in -Birkholz festen Fuß fassen werde?“ - -„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte -Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt, -aber ich habe immer dagegen gestritten.“ - -„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie, -Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des -Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“ - -„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein. - -„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich -unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der -Schule ernstlich gefährden.“ - -Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an. -„Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie -die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“ - -„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend, -„so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich -unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter -arbeiten.... +Ich+ habe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die -Eltern meiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir -erst ein Anonymus verraten.“ - -„Anonymus+???+ Bekommen Sie +auch+ anonyme Briefe+???+“ - -„+Auch???+ Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche -herum?“ - -„Ja.“ - -„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug, -solche Dinge gebührend zu empfangen?“ - -„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr -Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit. -Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde. -Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht -es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten -herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine, -gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht, -einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann -wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“ -- - -„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel -lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen -Birkholz.“ - -„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. -- Und schon -als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben -Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte -vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. -- Aber -Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerliche Erfüllung. Er -gab mir Besseres, ließ mich meine Heimat +lieben+. Das war schon -Glück. Dann kam das +Erkennen+ meiner Heimat, all der reichen -Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen -verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und -heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“ - -Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen -flammten. -- - -„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen. - -„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben. +Sie+ sind -mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz -einen Lehrer von +Gottes Gnaden+!“ Denn nur durch die Kinder -kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste -Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig, -das Innerste bei ihnen herauszuholen.“ - -„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster. - -„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit -geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein -Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“ - -„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein -zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge -Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich -sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“ - -„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einer Weile: „Kann dies -Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“ - -Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den -Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige -Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leid +darf+ -sterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen -Muttererde der Heide zu begraben.“ -- - -„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen -Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk -erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen -ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen -Claußen, -- Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die -paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Sie -+wollen+, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“ - -Sörensen stutzte und blieb stehen. - -„Ich soll.... Kollege Hansohm, -- Sie meinen -- ich soll Farbe -bekennen? Soll mich gegen -- -- anonyme Beschuldigungen verteidigen?“ - -„Nicht ganz so schroff -- -- Herr Direktor -- o nun habe ich wohl alles -verfahren -- -- wie leid mir das ist -- --“ - -„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte -Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie -selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es -ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zu sitzen und sich -belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“ - -Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus. - -„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und -wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“ - -Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander -her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas -von Agnes Asmus gehört?“ - -Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen, -Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus -sprechen.“ - -„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach -Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr, -sehr leid. Meine Reise und -- quälende Begleitumstände hinderten mich -völlig. -- -- Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen -und möglichst alles Versäumte nachholen.“ - -„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach -Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation -übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“ - -„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und -peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf. -„Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe -mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen ein -gegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen -Augen der jungen Sörine.....“ - -„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte -Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich -- ich bin der Agnes -Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres -bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb. -Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen, -sobald es die Schule verlassen hat?“ - -„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn -froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe -das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“ - -„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen? -Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz -Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele -gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“ - -Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor. - -„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen -gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein -Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus, -wenigstens die Stiefmutter, -- es begrüßen werden, ihr Kind bald los -zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen -jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. --“ - -Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er -brüderlich herzlich. - -„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß -das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie -mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein -Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit -aufgebaut ist?“ - -„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für -ein schönes, festes Fundament.“ - -Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell! -Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten -müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein -einmauern lassen. --“ - - * * * * * - -Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um -8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem -Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine -Heidekamp und Agnes Asmus fehlten. - -Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine -Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den -Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten -rasche erschöpfende Antworten, -- mit freundlichen Augen schaute der -Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter. - -Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein schob sich unter -vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als -er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen, -wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte, -und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut -zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und -die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der -Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer. - -Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer, -daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete. - -„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, -- nicht zu finden. -Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch -gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit -öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule -wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank, --- er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“ - -„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann -ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit -Heidekamp verbinden. - -„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf -fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief -gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm. - -„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig -den Hörer an. „Herr von Heidekamp meint, sie sei krank. Aber die -Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. -- -Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet -schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus -sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf -mich, Klaus Hansohm.“ - -„Verzeihung, -- es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen -klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das -Klassenzimmer. -- - -Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen -auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine -Glieder versagten den Dienst. - -„Meine Tochter!“ stöhnte er: „+Meine+ Tochter läuft vor Tau und -Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo -sie ist.....“ - -„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges -Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“ - -„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr -ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal -vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich -widersetzte -- -- sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben, -Michaelis zu ihr zu ziehen, -- da hat es wohl allerlei gegeben.....“ - -„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß -er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem -Gott jetzt ins Gericht ging. - -„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort -gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst -furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan -worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme -brach ihm. - -„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor -Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in -Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon -erkundigt.“ - -Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in -Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „+Nicht+ in -Heidekamp???“ - -Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen -konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten -im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er -ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und -stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen -Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor. -- - -An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte -zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“. - -Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und -fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch -legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr -Herr lief wie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch -zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war. -- - -Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht -wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen -Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die -Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. -- - -„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen -in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei -junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre -junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. -- -Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat -keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das -Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran -vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr -plötzlich -- -- --.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit. - -Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die -Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast -dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst -helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit. -Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst -einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand! -Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“ - -Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort. - -„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, -- wie der kategorische Imperativ -in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen -Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich -angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem -früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen -und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine -Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli -nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes. -Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine -Heimat hat.‘“ - -Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht -kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn -sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen. -Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung. -Da fielen +Sie+ mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen -Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes -Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr -spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. -- „Sie werden mich nicht -im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu. - -Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer -Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und -- der Not gehorchend -seine Tochter nach Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen -Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht -über Agnes bringen. - -Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend -und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß -Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne. - -Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten, -daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens -Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde. - -Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der -unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie -uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon -gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz, -Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘. -Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit -einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, -- und +alle+ -vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ -- Und er setzte sehr -herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit -einbegriffen. --“ - -„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte -Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend -einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz -schlackenfrei der Urgrund ist, da +kann+ ja nichts zum Bösen -gereichen.“ - -Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch bei sich, dieser -Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im -übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre -Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem -Nachdenken“ diktieren ließe. - -An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er -trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten -solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme, -daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die -beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten. - -Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus -und standen vor dem alten Heidekamper. - -Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen -stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang -müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben, -und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein -Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie -- die -lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine, --- wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort -gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, -- sie hat mich gar nicht -erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht -aufgepaßt hast! --“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem -Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer, und nach einer -Weile hörte man seinen Wagen davon rollen. - -„Kann ich -- die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme. -Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten -wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt -werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung.....“ - -Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde -alles erledigen.“ - -Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die -Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich -nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, -- vielleicht -gehorcht sie +Ihnen+, läßt sich fortbringen von der Leiche... -Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“ - -Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein -eintreten. -- - -In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit -einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und -schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur, -und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie -wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie -rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht. - -Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner -jungen Schülerin? - -„Sörine!“ rief er erschüttert. - -Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht -mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer -gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse -Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich. -Weil Sie es mir +versprochen+ hatten. Nun ist es zu spät.... Und -nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. -- Gehen Sie aus meinem -Stübchen fort.....“ - -Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf. - -Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen. - -„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart. - -Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. -- - - * * * * * - -Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft. -Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und -Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich -weidwund..... - -Einen Traum begrub er, -- von einem Schemen nahm er Abschied... -Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem -trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht. - -Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte -an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte, -wie herb es schmerzt, wenn Jugend zur Jugend strebt -- -- über ein -reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen -jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen -wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar -davongeflogen war... - -Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte -ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die -verräterischen Spuren. - -Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer -Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle -Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint. --- -- - - * * * * * - -Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach -vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole? - -Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um -deiner im untersten Fache habhaft zu werden? - -Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen -Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den -Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und -verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für -vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ -- Da wurde der Schrank -aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier -unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du, -mein alter Foliant. „Dann knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen -Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen -sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in -der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen -fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren -Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite -geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen. - -Was schrieb ich vor vier Jahren +zuletzt+ in dich hinein? - -Laß sehen: - -„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und -wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du -gute Mutter!“ - -Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant. - -Aber du mußt dich ohne den „+fröhlichen+“ Anfang begnügen. Ich bin -ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule. - -Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle -zu ihrem „Vater“, -- diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest -geworden. - -Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden, -mißtrauischer.... - -Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt -davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr -kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein -einsames, strenges Leben eher stutzig macht, als zum guten Glauben -bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich -könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens -zeigt man es mir nicht. - -So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden -wollte. -- Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an +mir+ hängen, -aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen -angeschmiedet bin. -- - -Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen. - -Zuerst tat’s der Klaus Hansohm. - -Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe -schloß. - -Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar -Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach. -Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir -hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder -singen zu können. -- - -Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in -Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet -hatte. -- - -Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den -darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland -zeigen in all seiner Pracht. -- Jetzt weilt sie allein auf einer -Studienreise in der Schweiz -- ~Dr.~ Hofer und ich haben sie ihr -verschafft. -- - -Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei mir gesessen, und -das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen -schloß. - -Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein -böses, unreifes Kind weh tat.... - -Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen, -damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei -unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb, -genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet. - -Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des -Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug. - -Freilich bin auch ich in Netze gefallen, -- in die des alten Fräulein -Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele -allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin -sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten -dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich -sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende -„Geheimnis der alten Mamsell“. - -Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein -treuer Rat und sein gutes Gesicht. - -Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann -und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An -Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter -Christ, aber schlechter Musikant. -- Klaus Hansohm, ich vermisse dich -sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. -- - -Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren -Schlages vertreten. -- Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat -sie mit übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am -eifrigsten. -- Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen -seines bösen Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen -wird er das Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz, -den er aufwühlte auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er -planlos hinterher warf. -- Wie sagte mir ~Dr.~ Hofer? „Die guten -Gedanken Ihrer Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das -ist ein rechtes Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein -+Lehrerfreund.+ -- Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an. -Kinder- und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber -+Lehrerfreunde+? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, und -als die Erntezeit kam, lag er brach.... - - * * * * * - -Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in -Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch -einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf -den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz. - -Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter -wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten. --- Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte -Blumen auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte -durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die -Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah, -wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und -kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke -ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen -den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten! -Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig -tröstend. - -Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod -getrieben.... - -Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht -gehalten.... - - * * * * * - -Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie -auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit -meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und -blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar -nicht, daß sie die Gebende war. - -Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten -Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen -und Trinken vergaß. - -„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder -selig.“ - -Das mußt ich oft von ihr hören. - -Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der -Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein -Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit -den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner -Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der -Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese -mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte -sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß -ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und -war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde -werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt? - -„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“ - -Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der -Treusten. - -In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig. - -Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der -Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt -merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut, -denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten -Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut, -kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher. - -Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne, mein Jung, willst -du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter -liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“ - -Das wolltest du sagen, Mutter. - -Aber dein Empfinden war so zart und fein. -- Du wolltest nicht an -Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug -bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur -um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige -Mutter. -- Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte -in Arbeit und Pflicht. -- Dein Mund war herb geschlossen, als wolle -er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten. -Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern -meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto -unwirscher wurdest du. -- Kenne ich dich gut, Mutterherz? - -Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz -deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht -in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir -schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag -hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich -den weiland Heidekönig nannte. - -So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich -wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem -Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte -sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du lehntest -den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes -Brust. - -Weißt du noch, Mutter? - -Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er -fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise -zu dir -- und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine -Hände -- -- -- -- „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb. -Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren -zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn -Enkelin. - -Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut, -daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig -und groß ist sie, daß sie nur ein +Mutterherz+ mit dem Sohne tragen -kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eine -+Mutter+ sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber -beten und weinen kann. -- Da sahst du mich an, und wolltest sprechen. -Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten --- fragten.... - -Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich. -Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen -helfen, Mutter...“ -- - -Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder -in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand. - -Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr -Direktor?“ fragte er. Und machte es umgekehrt wie die gebildeten -Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie -belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre -antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von -mir ging, hatte er mich hochgeehrt. - -Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus -seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen -Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir -‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen, -Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen. -Aber“, -- und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an, -„nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar -nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte -Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet -hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von -alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich -glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut. -Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr -sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das -Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu -Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd -ich fünsch. +Eine+ Dummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn -die machen die meisten jungen Lehrer, -- er wird zu früh geheiratet -haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine +Frau+. Was -da sonst drum und dran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte -noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie -oft ich +dich+ hab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und -jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein -Frauenzimmer.“ -- - -Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein -einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte -ich seine Rechte ganz herzhaft. - -„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind, -Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war -meine Frau.“ - -„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie -hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“ - -„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette -habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, -- ehe -sie starb.“ -- - -„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete -ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung, -solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf -holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel -zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie -solange beehrt habe. --“ - -Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen, -goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte -meiner Großmutter Gesine gehört, und ich schenkte sie Lisette an -unserm Hochzeitstage. -- Dachte auch an die Kleinstadt und ihre -Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes -einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu -meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude. - -Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben. - - * * * * * - -Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr -von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt -war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen. - - * * * * * - -Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so -eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag, -Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben -wir nie miteinander. - -Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt, -aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. -- - -Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus -wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. -- - -Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete -sie in Heidekamp weiter. - -Da sah ich sie auf der Straße. - -Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der -Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe. - -Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes, -erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen. - -Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr -ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß -hören. - -Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in -Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel -von Mensch und Tier, nur nicht der meine.... - - * * * * * - -Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....! - -Rufe mich immer +zuerst+ an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an dir -vorüber. - - * * * * * - -Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr -des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann -meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt.... -Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von -Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz -von selbst hat sie mich darum gebeten. - -Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz -neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen! - -Aber das hat noch lange Wege. -- - - * * * * * - -Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner -Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit -ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung. - -Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit -großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde. -Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde -gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe -nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die -engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden, -die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so -nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der -Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand -es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der -Spruch prangte: - - Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, - Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn. - -„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden. - -Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet hatte, dann mußte man -sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der -Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich -nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich -nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein, -gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr -mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so -recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun -gebrannt heimkommen. - -In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen -der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und -belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen -Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der -die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er -war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der -so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war +nur+ -„korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung -zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen -hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen. -Und während die ~prima omnium~ Grete Vahl in wohlgesetzten Worten den -in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse -vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte -die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre -Händchen zusammen, tat unentwegt einen kleinen Luftsprung und rief: -„Ach ja bitte! Ach ja bitte!“ - -Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise -hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. -- - -Und er sagte „+ja+“. - -Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß -Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. -- - -Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen. - -So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das -Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und -nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war. - -Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an -einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht -geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen, -vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein -eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate, -die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau -bewohnt und sehr sauber gehalten wurde. - -Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr -früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen -Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der -Heidekamper Wagen. - -Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die -Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen -Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu. - -In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und -es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern -ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die -rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte -Annahme. -- Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf -dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. -- Man fuhr dem -Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das -junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen -den Brauen kannte, erhellt gewesen... - -Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu. - -Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn -jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an -die Spitze des Zuges. Wie lustig das war! - -Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise. -Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es..... - - * * * * * - -Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man -stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter -sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und -nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war, nahm man -die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der -Kate einzutreten, mit Genugtuung auf. - -Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny -Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen -zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was -du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine -Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es -vorgeschlagen. -- - -Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet -den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten. -Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer -mehr Kinder und Eltern drängten herein. - -„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte -Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die -Luft wird uns hier knapp.“ - -Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied -rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner -vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier -festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun -lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses -vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch -die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“ - -Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Aufforderung aus, man -zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit -zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern -nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man -vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil -des Raumes. - -„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr -Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“ - -Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht -hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die -das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die -Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht -beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions -gelöscht hätten.... - -Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies -gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“ - -Niemand vergaß es je, der es gehört. - -„Feuer! Feuer!“ - -Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte -lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock -aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte -es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere -Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm -nach und half, die Flammen zu ersticken. -- - -Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brandwunden davongekommen. -Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen -sitzen und kühlte die wehen Hände. - -Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster -zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem -Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden, -verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder. - -Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und -Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein. - -Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und -als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen -wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen -Kinder auf seinem Arm hinauszutragen. - -Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand -hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden -und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot. - -Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen -Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten. - -„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende -Diele. - -Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und -verbrannten Fingern. - -Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen. - -Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig -geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten -Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher. - -Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum. -- - -Prasselnd brannte die Waldkate nieder. - -Weithin leuchtete der rote Feuerschein. - -Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten -nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur -Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt. - -Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm. -Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur -Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den -neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von -Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen -unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch -immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren -Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz -Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und -schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus. - -Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein -höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann -genesen könnte, und sein Freund würde. - -Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen vor. Vorsichtig -bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden -durch die dämmernde Heide. -- - - * * * * * - -+Mein alter Foliant, grüß dich Gott!+ - -Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe! - -Zwar mit dem Wieder+sehen+, da hat es so seinen Vorbehalt und -Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und -das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll -Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. -- -Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben -Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen. - -Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen...... - -Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder. - -Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als -hundert Kinder um Hilfe schrien. - -Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal -gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. -- - -Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir -auferlegte, weiß ich Ihm Dank. -- - -Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz +eingebrannt+. - -In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz. - -Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein -armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter -Heide gebettet hatte. - -Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und -Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne -bedeuteten. - -Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen. - -Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten -und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche -Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen -Binde, die meine versehrten Augen barg. - -Mütter hörte ich schluchzen, -- sie weinten wohl über mich. Aber ich -lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder. --- - -Gestern haben mich die Ärzte entlassen. - -Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab. -Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind -Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen -Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der -schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“ - -Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie -hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt. - -Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn -all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen. --- - -Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz. - -Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias -geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die -Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend -Jungvolk um sich habe“..... - -Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem -gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. -- - -Vier Hände legten sich in die meinen. - -Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen -die Namen an mein Ohr. - -„Seid +ihr’s+, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in -meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch -beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag -ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden. -Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“ - -Dann haben wir lange beieinander gesessen. - -Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges -Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn -die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“ - -Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt. - -Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt -vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während -ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit, -Doktorsche, ich hatte gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren -vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“ - -Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort... - -Schade. -- - -Aber daß sie beide zu mir kamen, -- der Klaus und die Kollegin aus -bitterschwerer Zeit, -- das vergesse ich ihnen nicht. -- - -Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange -Lebewohl sagen..... - -Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu -jung. - -Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung.... -Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich -bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im -starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige -Mund mir demütig Abbitte tut. -- - -Nein, -- nichts soll mich weich machen. -- - -Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das -eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das -des einsamen Mannes Erne Sörensen. -- -- - - * * * * * - -Ganz still war es im Studierzimmer. - -Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die -Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet. - -Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben, hatte der Leiter -der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch -+Licht+. - -Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht -nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden.... - -„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto -alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht -nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem -ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn -sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die -ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“ - -Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle -geschmunzelt.... - -Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen -oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine -Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig, -ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und -der wunderlichen Haube einlassen sollte. - -Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das -Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch -an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz..... - -Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen, -und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging -gleich hinein. - -Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld.... - -„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme. - -„Ich bin es!“ - -Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der -noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder -sinken. -- - -In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu -sagen -- -- wer ist da?“ - -„Ich bin’s, -- Sörine Heidekamp.“ - -Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf. - -„Was soll das“, sagte er hart. - -Seine Hand tastete nach einem Halt. - -Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen, -Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, -- meine Verantwortung ist ja -so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“ - -Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr -trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte -sich an seine Seite. -- - -„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie -als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“ - -„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus. - -„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja -- -- in meinem heißen, -kindischen Zorn vor vier Jahren....“ - -„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“ - -„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s denn sonst gut machen? Es -waren so einsame vier Jahre für mich....“ - -Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich. - -„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch -derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“ - -„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre -lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht -schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz -nichts sagen.....“ - -„Die Mutter? -- Welche Mutter?“ - -„Die Mutter Gesine aus Einingen, -- ich hab sie geholt ....“ - -„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“ - -„Weil -- weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf -seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf. - -„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, -- nicht wahr, Sörine? Sie -waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein -Mitleid von Ihnen annehmen. --“ - -„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen. -Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“ - -Da lächelte er schattenhaft. - -Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindisches Vergehn so -schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas -Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“ - -Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken -jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in -dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor -mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge -Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir -sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und -nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“ - -Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines -Herzens. - -„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich -weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so -einsam. -- Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir -die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen.... -Beinahe gestorben bin ich +vor Heimweh nach Ihnen+. Und Sie müssen -mir verzeihen, -- müssen -- müssen -- ich gehe nicht fort....“ - -Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen... -Herrgott, wie quälen Sie mich....“ - -Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die -Mutter ist dran Schuld, -- die +liebe+ Mutter....“ Ihre Worte -überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, -- -- daß -- ich -so einsam geworden bin, -- und daß ich Sie am liebsten habe von allen -Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben -möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“..... - -Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist -alles nicht wahr....“ - -Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, -- „Kind, Kind, -geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja -nicht nehmen. Du bist so jung -- -- sieh doch mein graues Haar. Und -sieh doch wie häßlich ich bin, -- voll Narben -- halbblind.....“ - -Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines -Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine, -„meine liebe Heimat!“ - -Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte -er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes -liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein -kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als -Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid -eines anderen aufbauen?“ - -Sörine sah ihn ernst an. - -„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, -- wenn es wirklich eins war. -Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli -hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. -Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue -nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So -wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“..... - -„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist -in allem andern mir so fern. Du bist reich, -- verwöhnt, -- ich hab dir -nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von -Heidekamp gegenüber der +Herr+ sein wollen. Hat das wohl auch dein -Großvaterli bedacht?“ - -Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war -gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da -sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann -sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben -alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch -hingehn -- dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“ - -Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als -sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor, -sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt, -die seine Heimat ist. -- - -Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen. - - * * * * * - -„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der -Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Aber +mich+ haben sie, -scheint’s, vergessen...“ - -Und sie klinkte leise die Tür auf, hinter der das Glück wohnte. -- - -Ein Weniges erschrocken war sie über ihres Erne verändertes Aussehen, -denn man hatte ihr das Ärgste verschwiegen von dem furchtbaren Brande -da draußen. Aber er tröstete und beruhigte das kleine, weinende -Mutterchen. „In acht Tagen darf ich die Brille abnehmen, -- denk, -Mutter, dann bin ich gesund....“ - -„Und dann können Sie mich auch sehen“, sagte Sörine ernsthaft. - -Er lachte sein altes, schönes, sonores Lachen. „Sörine, du hast mich -einst feierlichst gebeten, dich ‚Sie‘ zu nennen, aber nun muß ich dich -ebenso feierlich bitten, ‚Du‘ zu sagen, kleine, närrische Deern.“ - -Da küßte sie seine Hand, die er ihr erschrocken entzog. „Ich will -alles tun, was du willst, Erne Sörensen.“ Und hinterher kam ihr -frohes Kinderlachen, um das er sie einst beneidet. Das sollte nun -sein einsames Haus durchwärmen und durchleuchten, es war schier nicht -auszudenken. „Ich habe ja ein halbes Jahr Schule nachzuholen“, rief -sie glücklich. „Das sagte ich auch dem Großvaterli, als er mich in -einer frohen Stunde neckte, und immer rief: Sörine! Ausgerechnet ein -+Schulmeister+! Dann meinte er: So muß ich wohl schon wegen -Schulgeldersparnis zufrieden sein. -- Ach Erne, wenn Ihr erst ganz -zusammen seid, Großvaterli und du! Er sagte, du wärst ein Dickkopf, und -würdest mich gar nicht wollen....“ - -So plauderte der junge Mund und Sörensen dachte, daß diese Stunden -alles auslöschten, was er Herbes durchlebt. - -Und die Mutter sah auf die junge, feine Tochter und nahm ihre Hand und -streichelte sie scheu. Gottes Segen über dich, kleines Mädchen, du -willst meinen Sohn gesund machen an Leib und Seel. -- - - * * * * * - -Mutter Gesine und Sörine fuhren nach Heidekamp. - -Nur für eine Nacht. Morgen wollte die Mutter die Pflege des Sohnes -übernehmen. - -Sörine hielt fest einen großen Brief auf ihrem Schoß. - -Der barg in kurzen, markigen Zügen das Bild von Erne Sörensens harter -Vergangenheit. Und er enthielt die ehrerbietige Bitte des gereiften -Mannes an den alten Herrn von Heidekamp, ihm sein Kleinod Sörine zum -Weib zu geben, das er, Erne Sörensen, hüten und hegen wolle, so wahr -ihm Gott helfe. -- - -Und oben im alten Patrizierhause saß Sörensen am Fenster, und wenn -er auch die Sonne nicht sah, die in wonnevoller Schönheit hinter den -Föhren unterging, so leuchteten dafür drei Glückssonnen in seinem -ehrlichen Herzen: Sohnesliebe, Mannesliebe und Heimatliebe. - -Und er streckte seine in heißem Dank gefalteten Hände der braunen Heide -draußen entgegen. - - -+Ende.+ - - - - -Romane von - -Felicitas Rose - - Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M., - die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M. - - -*Die Wengelohs. Geschichte einer Postfamilie. - -Neu erschienen. -- Es ist, als ob die Welt Reuters in neuer Wandlung -auferstanden wäre und ein Klang aus dem Waldhorn Eichendorffs darüber -hinflöge. - - -*Der hillige Ginsterbusch. - -Das Aufblühen einer edlen Frauenseele. Ein Buch der Selbsterneuerung -von innen heraus, wie es unserer Zeit dringend not tut! - - -*Die Erbschmiede. - -Ein Buch aus der Seele der Lüneburger Heide, das geheimnisvolle -Einblicke in die Eigenart der wortkargen, kraftvoll gütigen Heidjer -erschließt. - - -*Heideschulmeister Uwe Karsten. - -Die stille und doch mächtige Poesie der Heide, wie sie in so -ergreifender Melodie seit Liliencrons Heidebildern nicht gehört wurde, -durchströmt dieses Buch, und mit dem Leben der Heide hat die Dichterin -Menschenschicksale zu einem wunderbaren Zusammenhang verflochten. - - (Badische Neueste Nachrichten.) - - -*Erlenkamp Erben. - -Der Abenteuerlust des Erben der Erlenkamp steht das bodenständige -Patriziertum gegenüber. Der ernsten Tragik hält köstlicher Humor das -Gleichgewicht, und gesunde Lebensbejahung treibt die Sorgenwolken immer -wieder auseinander. Ein Buch in spannender künstlerischster Formung. - - (Abendpost, Chikago.) - - -Die Eiks von Eichen. - -Kantige Menschen, die im Jähzorn fehlen können, aber in Wahrheit einen -Schatz von Tatkraft und leuchtender Güte bergen. Geheimnisse der -Kinderschule werden ausgebreitet, seltsame Gestalten und eigenartige -Erlebnisse legen eine ungewöhnliche Stimmung über dieses Buch. - - (Fränkischer Kurier.) - - -Das Lyzeum in Birkholz. - -Der stille, schwermütige Zauber der niederdeutschen Landschaft, die -anheimelnde Geschlossenheit einer kleinen Stadt, der schwerblütige -Charakter des Heideschulmeisters stehen scharf umrissen, oft von -satirischen Lichtern umspielt, in den meisterlich miteinander -verwobenen Schicksalen. - - (Düsseldorfer Tageblatt.) - - -Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig - - - - -Romane von - -Felicitas Rose - - Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M., - die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M. - - -*=Der Tisch der Rasmussens.= Die Geschichte einer Familie. - -Eine spannende Handlung, durchweht von einem köstlichen Humor. - - (Süddeutsche Heimatweisen.) - - -Meerkönigs Haus. - -Mit vollendeter Kunst stehen die Menschen im ruhigen, selbstsicheren -Leben der alten Hansastadt, und wie aus Gemälden alter deutscher -Meister schauen sie uns daraus entgegen. - - (Literaturbericht, Berlin.) - - -=Der Mutterhof.= Ein Halligroman. - -In diesem Roman ist alles groß, stark, sicher und schicksalsvoll. Auf -dem Mutterhof gilt der uralte Wahlspruch vom Segen der Fruchtbarkeit, -doch eine schwere Tragik hängt über der jungen Frau Maren, der das -Schicksal Mutterglück verweigerte. - - (Tägliche Rundschau.) - - -=Der graue Alltag und sein Licht.= Mit 26 Originalzeichnungen von -+H. Krahforst+, Aachen. - -Ein bestrickender Zauber geht von diesem Buch aus, das uns vom Alltag -zum Licht führt. Wieder weiß Felicitas Rose ungemein zu fesseln, -Gestalten wachsen in bunter Fülle empor, und die mannigfachen -Schicksale sind mit der sicheren Hand einer reifen Künstlerin -gezeichnet. - - (Tägliche Rundschau.) - - -=Drohnen.= Eine Geschichte für junge und alte Nichtstuer. - -Lebensechte Gestalten in bunter Fülle, eigenartige und fein beobachtete -Charaktere, feiner, warmer Humor. - - (Karlsruher Tageblatt.) - - -Bilder aus den vier Wänden. - -Ein köstlicher Humor durchleuchtet diese intimen und feinen -Kabinettstücke. Aus den Erzählungen spricht eine Liebe, die über die -engen Grenzen sich weitet zur alles umfassenden Menschenliebe. - - (Breslauer Morgenzeitung.) - - -=Rothraunes Heidekraut.= Lieder. Mit 4 Bildern von +H. -Krahforst+. - -Ganzleinen 3 M. - - -=Provinzmädel.= 5 Doppelbände, jeder Doppelband in biegsamem -Ganzleinen 2.50 M. Band I: Kleinstadtluft / Kerlchens Lern- und -Wanderjahre. / Band II: Kerlchen wird vernünftig. / Kerlchen als -Erzieher. / Band III: Kerlchen als Anstandsdame / Kerlchen als Sorgen- -und Sektbrecher. / Band IV: Kerlchens Flitterwochen. / Kerlchens -Mutterglück. / Band V: Kerlchens Ebenbild / Liebesgeschichten. - -+Sprudelnder Humor -- Köstliche Situationen!+ - - -Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig - - - - -Bongs Goldene Klassiker-Bibliothek - - - +Arndt+, 4 Bde. - - +Arnim+, 2 Bde. - - +Arnim und Brentano+, Des Knaben Wunderhorn, 2 Bde. - - +Bürger+, 2 Bde. - - +Chamisso+, 2 Bde. (3 Teile). - - +Chamisso+ (Vollst. Ausg.), 3 Bde. - - +Droste-Hülshoff+, 3 Bde. - - +Eichendorff+, 3 Bde. - - *+Fouqué+, 1 Bd. - - +Freiligrath+, 3 Bde. - - +Goethe+ (Auswahl), 6 Bde. - - +Goethe+ (Erweiterte Ausgabe), 11 Bde. - - *+Goethe+ (Vollst. Ausgabe mit Register), 22 Bde. - - *+Goethe+, Register allein, 2 Bde. - - +Grabbe+, 3 Bde. - - +Grillparzer+ (Auswahl), 5 Bde. - - +Grillparzer+(Vollständ. Ausg.), 7 Bde. - - +Grimm+, Märchen, 1 Bd. - - *+Grimm+, Sagen, 1 Bd. - - +Grimmelshausen+, 3 Bde. - - +Grün+, 3 Bde. - - +Gutzkow+, 4 Bde. - - +Gutzkow+ (Erweit. Ausgabe), 7 Bde. - - +Gutzkow+, Ritter v. Geiste, 3 Bde. - - +Halm+, 2 Bde. - - +Hauff+, 3 Bde. - - +Hebbel+, 5 Bde. - - +Hebbel+ (Werke und Tagebücher), 7 Bde. - - +Hebbel+ (Tagebücher), 2 Bde. - - +Hebel+, 2 Bde. - - +Heine+ (Auswahl), 5 Bde. - - +Heine+, 15 Teile (Vollst. Ausg.), 7 B. - - +Herder+, 6 Bde. - - +Herwegh+, 1 Bd. - - +Hoffmann+ (E. T. A.), 8 Bde. - - +Hoffmann v. Fallersleben+, 2 Bde. - - +Hölderlin+, 2 Bde. - - +Homer+, 2 Bde. - - *+Immermann+, Münchhausen mit Oberhof, 1 Bd. - - +Immermann+, 3 B. - - +Keller+ (Gottfried), 5 Bde. - - +Keller+ (Gottfried), (Erw. Ausg.), 6 Bde. - - +Kerner+ (Just.), 2 B. - - +Kleist+ (H. v.), 3 Bde. - - *+Körner+, 1 Bd. - - +Lenau+, 2 Bde. - - +Lessing+, 4 Bde. - - +Ludwig+, 3 Bde. - - *+Meyer+, E. F., 3 Bde. - - +Mörike+, 2 Bde. - - *+Nestroy+, 1 Bd. - - *+Nibelungenlied+, 1 Bd. - - +Novalis+, 2 Bde. - - *+Raimund+, 1 Bd. - - +Reuter+, 6 Bde. - - +Scheffel+, 3 Bde. - - +Schenkendorf+, 1 Bd. - - +Schiller+, Auswahl, 6 Bde. - - +Schiller+ (Vollständ. Ausgabe), 11 Bde. - - +Shakespeare+, Dramen, 4 Bde. - - +Shakespeare+ (Erweiterte Ausgabe), 6 Bde. - - +Shakespeare+ (Vollst. komment. Ausgabe), 7 Bde. - - +Stifter+, 5 Bde. - - +Storm+, 3 Bde. - - +Sturm u. Drang+, Dichtungen aus der Geniezeit, 2 Bde. - - +Tieck+, 2 Bde. - - *+Uhland+ (Schulausgabe), 1 Bd. - - *+Uhland+ (Erweit. Ausgabe), 2 Bde. - - +Wagner+ (Richard), 6 Bde. - - *+Zschokke+, 4 Bde. - -Jeder Band in Ganzleinen 3 M., Halbleder 5 M., Ganzleder 6 M. Die mit * -bezeichneten Bände 50 Pf. mehr. - - +Lessing+ (Vollständ. Ausg.) 25 B. 150 M. Leinen, in Halbleder - 200 M. - - +Lessing+, Anmerkungen und Register allein 5 Bde. 30.-- M., in - Halbleber 40.-- M. - - -Den Freunden von „Bongs Goldener Klassiker-Bibliothek“ steht das 160 -S. starke, =reich illustr. Bändchen= „=Lebensbilder unserer -Klassiker=“ gegen Einsendung von 25 Pf. postfrei zur Verfügung. -Die „Lebensbilder“ enthalten eine Schilderung des Lebens und Wirkens -unserer Klassiker sowie die Inhaltsangaben der in „Bongs Goldener -Klassiker-Bibliothek“ erschienenen Werke, ferner: 58 Porträte und einen -Anhang: „Grundlinien der Kultur- und Literaturgeschichte von 1740 bis -zur Gegenwart“. - - -Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig - - - - -Bongs Jugendbücherei - -Von Ministerien, Schulmännern, Erziehern, sowie den Prüfungsausschüssen -und der Presse bestens empfohlen. - - =*Über und unter der Erde.= Technische Rekorde. Von +Hans - Dominik+. Mit 170 Abbildungen, Skizzen und Photographien. - - =*Triumphe der Technik.= Von +Hans Dominik+. Mit 203 - Abbildungen, Zeichnungen und Photographien. - - =*Die Abenteuer des Fürsten Dshaparidse=, des größten - Bärenjägers Sibiriens. Erzählt vom letzten überlebenden Gefährten - +Egon von Kapherr+. Mit 170 Abbildungen. - - =*Jugend-Turn- und Sportbuch= von ~Dr.~ +Ed. - Neuendorff+. Mit zahlreichen Abbildungen. - - =*Das Buch der Physik.= Errungenschaften der Naturerkenntnis. - Von +Hans Dominik+. Mit 154 Abbildungen, Tabellen, technischen - Skizzen und Photographien. - - =*Das Buch der Chemie.= Errungenschaften der Naturerkenntnis. - Von +Hans Dominik+. Mit 150 Abbildungen, Tabellen, technischen - Skizzen und Photographien. - - =Gemälde und ihre Meister.= Mit erklärenden Texten berufener - Mitarbeiter, sowie einem Geleitwort von Stadtschulrat ~Dr.~ - +Arnold Reimann+. Mit 8 farbigen und 40 schwarzen Beilagen. - - =Unter den Wilden.= +Entdeckungen und Abenteuer.+ Von - ~Dr.~ +Adolf Heilborn.+ Mit 5 farbigen Beilagen und 36 - Textbildern. - - =Wilde Tiere.= Von ~Dr.~ +Adolf Heilborn+. Mit 4 - farbigen Beilagen und 39 Textbildern. - - =Leben und Treiben zur Urzeit.= Von ~Dr.~ +O. - Hauser+. Mit 4 farbigen Beilagen, 145 Textbildern und einer - Karte des Vézèretales. - - =Deutsche Dichter.= Von +Felix Lorenz+. Mit Proben - aus den Werken, 4 bunten Beilagen, 73 Textbildern und 66 - Handschriftenproben. - - =Berühmte Musiker und ihre Werke.= Herausgegeben von Prof. - +R. Sternfeld+. Mit 76 Textbildern, 13 Faksimiles und 44 - Notenbeispielen. - - =Seelenleben unserer Haustiere.= Von ~Dr.~ +Th. - Zell+. Mit 4 bunten Beilagen und 80 Textbildern. - - =Im Wunderlande der Technik.= +Meisterstücke und neue - Errungenschaften.+ Von +Hans Dominik+. Mit 190 Abbildungen - und Originalzeichnungen, technischen Skizzen und Photographien. - - =Das Sternenzelt und seine Wunder.= Von Prof. ~Dr.~ - +Joseph Plaßmann+. Mit 2 Tafeln und 108 Abbildungen. - - =Die schönsten Märchen der Weltliteratur.= Gesammelt und - herausgegeben von Prof. +Friedr. v. d. Leyen+. Mit vielen - farbigen Kunstblättern und Textbildern. 2 Bände. - -Jeder Band in Halbleinen 4 M., die mit * versehenen Bände je 5 M. - - -Berlin * Verlag von Rich. Bong * Leipzig - - - - - -End of Project Gutenberg's Das Lyzeum in Birkholz, by Felicitas Rose - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ *** - -***** This file should be named 61479-0.txt or 61479-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/4/7/61479/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Das Lyzeum in Birkholz - -Author: Felicitas Rose - -Release Date: February 22, 2020 [EBook #61479] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0"> Die Buchausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv -wiedergegeben. <span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -</div> - -<p class="s3 center mtop2 break-before">Felicitas Rose · Das Lyzeum -in Birkholz</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w6em mtop3 padtop5" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<h1>Das Lyzeum in Birkholz</h1> - -<p class="s4 center mtop3">Roman</p> - -<p class="s5 center mtop2 mbot2">von</p> - -<p class="s2 center mbot3">Felicitas Rose</p> - -<p class="s5 center padtop5">78. bis 85. Tausend</p> - -<p class="center mtop2">Berlin/Leipzig</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot3">Deutsches Verlagshaus Bong & Co.</p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten<br /> -Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin<br /> -Druck der Graphia Akt.-Ges. vorm. C. Grumbach in Leipzig</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<p class="p0 mtop3 padtop3"><span class="fleft">M</span>it Gott! steht auf der ersten Seite des alten Folianten, den ich beim -Umzug in Großvaters Kasten fand.</p> - -</div> - -<p>Die wurmstichige Lade brach zusammen, als ungeschickte Packerhände sie -hoben und stießen, das Buch, dick und groß wie eine Dorfbibel, fiel -heraus und polterte vor meine Füße.</p> - -<p>Gelbe, leere Seiten, soweit ich auch blätterte. Stockfleckig und rauh. -Aber auf der ersten Seite mein Name. Mit Gott, Erne Sörensen!</p> - -<p>Das ist ein guter Zuruf für die neue Stadt, die neue Wohnung und das -neue Amt.</p> - -<p>Buch und Lade müssen dem Großvater gehört haben, dem Schulmeister mit -den fünfzehn Kindern. Denn er ist der einzige Erne Sörensen in der -langen Reihe der Jens Sörensen. Und nach ihm hat man mich benannt.</p> - -<p>Ich sollte werden wie er, ein bodenständiger Mann, kein Grübler und -Spintisierer wie Vater.</p> - -<p>Vielleicht wollte der Ahn das Leben seiner fünfzehn Kinder auf den -leeren Seiten des Folianten buchen, aber die Müdigkeit nach all dem -heißen Ringen ums liebe Brot hat ihm die Feder aus der Hand gewunden.</p> - -<p>Soll ich sie aufnehmen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> - -<p>Es klingt so ermunternd: Mit Gott, Erne Sörensen!</p> - -<p>Zwei Tagebücher wies meine Bücherei auf, ein altes und ein neueres. Das -neuere zeigte meine eignen Schriftzüge. Ich hab’s verbrannt. — Und -doch wäre ich jetzt so weit, es ganz objektiv zu betrachten.</p> - -<p>Die Zeit und die Selbstzucht haben mich über all das Schwere, das in -den Blättern eingesargt lag, hinausgehoben. —</p> - -<p>Das alte Tagebuch von der streitbaren Großmutter Sörensen, zweimal -verwittibten Lorns und Sebus, geborenen Witt, ist aber gut zu lesen. Es -hat mir über manche garstige, vergiftete Stunde hinausgeholfen. Meinen -Dank, Großmutter Gesine!</p> - -<p>Wenn ich darin lese, stehen alle meine Vorfahren und Verwandten fest -umrissen vor mir. Die einfache Großmutter hat Familiengeschichte -studiert, wie nochmal ein Professor. Und bei der verbürgten strengen -Wahrhaftigkeit ihres Wesens hat sie wohl alle gut gezeichnet, und so -wählte ich mir schon als junger Schwärmer und Stürmer mein Vorbild aus -diesen Blättern.</p> - -<p>Wer mag sie dereinst in Händen haben und dann bezeugen, es sei mir -gelungen? — —</p> - -<p>Großmutter Gesine schreibt:</p> - -<p>Von 1700 an weiß ich’s genau. Von vorher ist auch noch manches da. Soll -aber viel Schnackerei dazwischen sein. Und wo Kirchenbücher verbrunnen -sind, haben die Pfarrers und Küsters dazugesetzt. Sind Menschen und -kann nicht alls stimmen. Ich halte mich an die Wahrheit.<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Ist ein -feiner, vornehmer Herr gewesen der Ahn Jens Sörensen. Oberamtmann in -Arnis und seine Gemahlin eine Hochwohlgeborene aus Thüringen. Soll eine -gute Mischung sein Thüringer und Holsteiner. Werden aber selbst im -Himmel noch lachen der feine Herr und die Hochwohlgeborene, wenn sie -ihre Sippe betrachten, die so bei klein achter ihnen ankümmt. — Der -Herr Urvater sind schon 40 Jahr alt gewesen, als der Adebar den Lütten -gebracht hat und die Hochwohlgeborene hat die schwere Geburt nicht -abkönnen und ist auf den Gottesacker gekommen. Danach hat sich der Herr -Oberamtmann dem Kaffeepunsch und die Melancholei ergeben, ist aber sehr -alt geworden, 95 Jahr. Denn die Sörensen können viel ab. Der Lütt-Jens -hat Pastor werden wollen, ist ein rechten Spintisier gewesen. Oll-Jens -aber, der Herr Oberamtmann, hat sich nach dem Tode der feinen Frau -mit dem Herrgott verzürnt, und Lütt-Jens mußt auf dem Gute bleiben, -wo niemalen ein Pastor sich durfte sehen lassen. — Wo kein Herrgott -aufpaßte, ist das Gut verkommen und nirgends ein Segen. Hat Lütt-Jens -um schieres Gold ein Weib genommen, brav und reich ist sie gewesen, was -nicht immer beisammen kommt. Um 1770 wieder ein Jens geboren und alles -noch leidlich. Dann aber das Geld verspekuliert und sein armes Weib im -gachen Jähzorn Tag für Tag gemißhandelt. Bis der Tag gekommen, da die -Frau in ihrem Schoße das Kind von einem andern Manne trug, den sie in -ihrer grimmen Not und Verlassenheit allzu sehr geliebet. Mathäus 7, -Vers I: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Hat -der Mann sie<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> und das unschuldig, ungeboren Kind verstoßen, sind beide -bald gestorben. Sein eigen Fleisch und Blut ist auf dem Gut geblieben, -bis dies vergantet wurde. Drauf ist Jens gestorben und der Sohn Jens -ins Waisenhaus und dann Schuhmacher geworden. Tüchtig und brav. Hat -ein Weib aus Husum genommen, Luise Sörrine geborene Rasmussen. Die -konnt mehr als Brot essen und hatte Gedankens wie ein Doktor. Las -zweimal die ganze Heilige Schrift durch und sah in der Schusterkugel -absunderliche Sachen, die andere Menschen nicht sehen. — Wurde ihnen -1800 ein Sohn geboren, hat die Wehmutter selbst gesagt, es sei ein -Goliath. Aber nur von Statur. Inwendig drin ist er ein David gewesen, -hat nur statt der Harfe eine Gitarre gehabt und die auch erst später. -Und weil die Wöchnerin mehr konnte als Brot essen, litt sie nicht, daß -das Kind wieder Jens genannt wurde, sondern machte einen Erne draus, -damit mal eine neue Reihe anfing. Dieser Erne ist mein Mann geworden. -Gott sei ewig Lob und Dank! — Habe ihn oft den Rattenfänger von Hameln -genannt, weil er einem das Herz aus der Brust singen und fläuten und -gitarrespielen kunnt. — Und ist er neben dem Arniser Sprüchwort -her: „Groß und breit und jähzornig und langlebig wie ein Sörensen“, -auch noch ein Schulmeister von Gottes Gnaden und nach Gottes Herzen -gewesen. Wie die Heilige Bibel dartut: Die Lehrer werden leuchten wie -des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die -Sterne immer und ewiglich. Hatten mich meine Eltern als halbes Kind -zweimal verheuert vordem. Und war der selige Lorns ein Schneider und -der selige<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> Sebus ein Schreiber. Beide klein und arg dünn, so daß ich -allzeit in Sorge war, der starke Ostenwind kunnt sie davontragen.</p> - -<p>Dann tat’s die Influenz, die man damals Grippe hieß. Und ich war frei, -und kunnt in allen Ehren den Goliath-Schulmeister kennen lernen. In -der weiten Heide bauten wir’s Nest in aller Einsamkeit. Und der starke -Gott segnete uns und ich konnte meinem Manne fünfzehn Kinder schenken. -Jedes einzelne voller Herzensfreude und mit Jauchzen. Hatt’ ich auch -oft nur Schwarzbrot und Wacholderbeersaft und für’s Wiegenkind die -Mutterbrust, — eine Träne hat keins von mir gesehen. Gelacht hab’ ich, -jahraus, jahrein, damit nur ja nicht die Kinder merken sollten, daß -der Gottessegen einer Mutter könnt zu viel werden. Später freilich, -da sind die Tränen wie reißende Bäche dahergekommen. Das war, wie die -Kinder groß waren... Das ist Mutterlos und Kinderart. Gott segne sie -dennoch. Für jedes Leid ein Segen! So viel Schmerz, wie einem die -Kinder zufügen, könnt ja auch kein irdischer Mensch sonst verzeihen. -Da hat unser Herrgott extra das Mutterherz erschaffen. — Ein braver -guter Jung war uns der Jens, der Älteste. Hieß freilich wieder Jens, -und ich mein, der Name bracht ihn wieder zum Spintisieren. Wir hätten -gern einen Lehrer, oder gar etwas Höheres aus ihm gemacht, wenngleich -ich nicht meine, daß es etwas Höheres gibt, als Schulmeister sein. Aber -das Kind saß von klein auf beim Heideschuster und half mit flicken, und -schaut in die Kugel und sinnierte. Schlug also der Großvater bei ihm -durch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p>Sein Pate wußte ein gutes Geschäft in der Stadt, wo der Junge hätte -einheiraten können, aber ein Sörensen und Geld, das paßt nun mal nicht -zusammen.</p> - -<p>Nahm sich der Jens denn auch ein ganz armes Mädchen, aber gut und -brav war sie. Konnte auch alle Worte gut setzen, und hatte bei ihrer -Herrschaft durch zehn Jahre hindurch beinahe fünf dicke Bücher -ausgelesen. Es waren schöne Sachen, die sie uns immer noch recht -ausmalte. Und ich mein, sie hätte mir auch den Schluß von dem fünften -Buch mal erzählt, als ich so krank war. Trotzdem sie es doch gar nicht -zu Ende gelesen hatte. Aber als ich sie fragte, ob sie sich denn -wahrhaftig so was Schönes selbst ausdenken könnte, da lachte sie, und -stickte sich rot an und lief fort. —</p> - -<p>Ja, die Dorette. Die ist was Besonderes, wenn sie auch nur für fremde -Leute wäscht und ihr Mann Flickschuster ist und bleibt. Nun strampelt -bei ihnen auch schon so’n lütten Sleef in der alten Holzwiege, und -letzten Sonntag hat er mit dem heiligen Taufwasser den Namen Erne -bekommen, so daß ich wieder Gott Lob und Dank sagen kann. Er ist auch -wieder ein Goliath.</p> - -<p>Wenn er mit den kleinen Beinen angelt und strampelt, dann ruft Vater -Jens: Höger rup, höger rup! Und ich weiß wohl, was das heißen soll. -Aber wenn der Junge höger rup soll, dann muß auch Vater Jens sorgen, -daß die Holzwiege auf den öbersten Boden kommt. Hätt’ ich nicht partuh -fünfzehn Kinder haben wollen, wär mein Jens vielleicht General oder gar -Stadtsekretär. — Aber zu tausend Malen habe ich schon meine Hände über -dem<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> Kind gefaltet, denn der Erne ist ein klein süßen, gescheiten Jung -und soll mal......</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Ja, hier endet Großmutter Gesines Tagebuch und der Enkel sitzt und -grübelt, ob er wohl den heimlichen Wunsch der treuen Alten hat erfüllen -können.</p> - -<p>Weder General noch Stadtsekretär bin ich geworden. Meine Behörde berief -mich als Direktor an das Lyzeum in Birkholz.</p> - -<p>Mit Gott, Erne Sörensen!</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Nun möchte ich wohl den alten Folianten füllen.</p> - -<p>Die Winterabende sind lang und heimelig.</p> - -<p>Und ich darf meinen mächtigen Kamin mit Buchenscheiten heizen, und für -die hungrigen schwarzen Öfen liegt Torf in Hülle und Fülle bereit.</p> - -<p>Meine Dienstwohnung ist einst ein Patrizierhaus gewesen, man hat die -Speicher, die sich rings in einem großen Block angliederten, abgerissen -und das Lyzeum hingebaut. Es ist durch einen überdachten Gang mit -meinem Hause verbunden.</p> - -<p>Uralt das einstige Patrizierhaus, hochmodern der Lyzeumsbau, es paßt -gar nicht zusammen. Äußerlich.</p> - -<p>Innerlich umfasse ich mit viel guter Liebe die jungen Menschlein, die -sich tagsüber da drüben tummeln.</p> - -<p>Ach, die erstaunten, frohen, sonnigen, ernsten, fragenden Augen: wer -bist du, plötzlich Hereingeschneiter? Und<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> was hast du mit uns vor??? -— — Es ist ein reiches Glück, was mir da in den Schoß gefallen ist. -„Der rechte Mann am rechten Ort,“ sagte mir zum Abschied mein alter, -gütiger Provinzialschulrat.</p> - -<p>Man wächst unter einem solchen Wort. —</p> - -<p>„Nicht vergraben, Kollege,“ war sein zweites. „Wer fremde Kinder -erziehen will, muß ihre Umgebung studieren.“ Diese Mahnung werde ich -mir oft vorhalten müssen. Denn ich dürste nach Einsamkeit.</p> - -<p>Hätte ich doch das Buch nicht verbrannt!</p> - -<p>Es war eine kindische Tat, und ich glaubte mich gereift durch Arbeit -und Leid.</p> - -<p>Stünde das Buch noch in dem kleinen Mahagonischrank, ich hätte die -Kraft, es verschlossen zu halten.</p> - -<p>Jetzt blättere ich in schlaflosen Nächten in den Seiten meines -Gedächtnisses, vergesse nichts, schlage jede Seite auf, durchlebe, -durchgrüble alles aufs neue.</p> - -<p>Und der Ärger grinst, und die Schadenfreude lacht und das Leid weint -ätzende Tränen, die jede Lebensfreude mir zerfressen.</p> - -<p>Nichts ist tot von der Vergangenheit — — nichts als meine zwei -goldlockigen Buben...</p> - -<p>Ich rufe nach ihnen, meine Hände greifen ins Leere —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Der Wunsch der streitbaren Großmutter Gesine war nicht in Erfüllung -gegangen.</p> - -<p>Die Wiege in Vaters kleiner Kate hörte nicht auf zu schaukeln. Aber ich -blieb der einzige Goliath.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>Verhutzelt, braun, greisen- und zugleich zwerghaft erschienen -mir alle meine Geschwisterchen, und sie verabschiedeten sich so -grausam regelmäßig von dieser Welt, daß ich die Wehmutter bei -jedem Neugeborenen gefragt habe: Wann stirbt’s? Und bei jedem der -jämmerlichen Kindchen weinte die Mutter doch schmerzlich, wenn -sie es hergeben mußte, weinte wohl auch über mich, der ich nie -Geschwisterliebe kennen lernen sollte. —</p> - -<p>Lebte da ein Verwandter mütterlicherseits in Erfurt, dem Herzen -Thüringens. Der kam zum Viehkauf nach dem Norden und besuchte die -Freundschaft.</p> - -<p>„Das ewige Gesterbse baßt nich for son Jungen,“ erklärte er. Und -obgleich ich mich heftig sträubte als dickköpfiger Holsteiner, so -verpflanzte er mich trotzdem.</p> - -<p>Damit mich das Heimweh nicht auffresse, warf ich mich auf die Bücher. -In den Ferien kam ich ein- oder zweimal nach dem Elternhaus zurück. -In der Erinnerung daran sind aber nur drei Punkte haften geblieben: -die jedesmalige Besohlung meiner Stiefel durch Vaters Hand, eine -schaukelnde Wiege und eine ganze Reihe kleiner Gräber auf dem -verfallenen Gottesacker.</p> - -<p>Doch so wenig mein Elternhaus mir bot, es muß doch die „Größeste unter -ihnen“ darinnen gewohnt haben, denn das Haus meines Thüringer Ohms -dünkte mich liebeleer, wenn ich Vergleiche zog.</p> - -<p>Der kleine scheue Vater daheim in seiner stillen Besinnlichkeit, die -fleißige, behende Mutter mit ihrem feinen, guten Humor...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p>Man hätte mich bei ihnen lassen sollen. Wer hat das Recht, Kinder von -ihren Eltern zu nehmen?</p> - -<p>Man hat mir Steine statt Brot gereicht.</p> - -<p>Elternliebe ist das köstlichste Brot. Nun werde ich mein Lebtag hungrig -sein.</p> - -<p>In den Osterferien, bevor ich ins Erfurter Seminar eintrat, machte ich -eine frohe Burschenfahrt ins Tal der wilden Gera.</p> - -<p>Gerade im gesegneten Dörrberger Hammer sangen und tranken wir, da fing -mein Herz schmerzhaft an zu zucken und zu schlagen...</p> - -<p>Und eh ich mich’s recht versah, lag mein Felleisen in einem Abteil 4. -Klasse, und ich überzählte meine paar Pfennige, ob sie wohl auch zur -Rückreise von der nordischen Heimat nach Erfurt reichen würden.</p> - -<p>Gerade recht kam ich.</p> - -<p>„Immer hat der Vater nach dir gerufen,“ weinte leise die Mutter. — -Guter Vater! Du erkanntest mich noch. Mein Kommen rief ein Lächeln auf -dein liebes Gesicht, dessen ich eingedenk bleiben werde. Weil es schön -und seltsam war, und noch heute mein einsames Leben hell macht in der -Erinnerung.</p> - -<p>Dann streicheltest du meine Hände, mein Gesicht, das sich über dich -neigte. Rührend unbehilflich tatest du es, denn du mußtest eine äußere -Zärtlichkeit gegen deinen Sohn erst in der Sterbestunde lernen.</p> - -<p>Und während du mich liebkostest, sagtest du leise und dringlich. „Nur -fein deine Kinder das 4. Gebot lehren.“</p> - -<p>Das war dein letztes Wort. Du schliefst hinüber und<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> sahst auf dem -Totenbett nicht mehr klein und scheu aus, sondern wie jemand, dem eben -der Herrgott zugerufen hat: „Ei du frommer und getreuer Knecht, sei mir -willkommen!“</p> - -<p>Die Mutter nahm ich mit mir. Jetzt erst weiß ich, was sie mir für ein -Opfer brachte. Sie aber tat, als sei das Thüringer Land ihres Herzens -Sehnsucht gewesen. Lachend mit hellen Augen entsagte sie der nordischen -Heimat und ließ ihre alten Wurzeln umpflanzen. Immer aber, wenn der -Mond aufstieg oder die Sterne funkelten, fragte sie angstvoll: Gelle, -das sind doch dieselben wie oben bei uns?</p> - -<p>Dies „Gelle“ war das Einzige, was sie sich von den neuen Landsleuten -angenommen hatte, es klang wunderlich weich neben ihrer scharf -abgesetzten Holsteiner Sprache. —</p> - -<p>So hielt sie der Gedanke froh und aufrecht, daß Sonne, Mond und Sterne -auch über Schleswig-Holstein leuchteten, und jeden Abend trug sie dem -Mond Grüße auf. Fast wie eine verliebte Deern. Sie galten aber den -Gräbern droben im Norden, galten auch ol Pastor Truelsen oder Mudder -Jensen, die unserer Familie früher in allen Nöten beigestanden -hatten. —</p> - -<p>Nun müßte ich das Buch schließen. Müßte einen Riesensprung tun von -der Vergangenheit bis auf den Marktplatz von Birkholz, da das alte -Patrizierhaus steht und das neue Lyzeum.</p> - -<p>Wie ein besorgter Vater dem zaudernden Sohne, redet mir das verwitterte -Wappen zu, das über dem einen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Mauerflügel steht. Immer muß mein -Blick es treffen, sobald ich mich zur Arbeit niederlasse, sei es in -der Schule oder an meinem Schreibtisch: Nun aber lasset alles hinter -euch... Wer diesem steinernen Spruche folgen könnte!</p> - -<p>Über mich hat er keine Macht.</p> - -<p>Und noch kann ich den Sprung nicht wagen, der in die Ruhe führt. —</p> - -<p>Einundzwanzig Jahre war ich alt.</p> - -<p>Ein Seminarist mit bestandenem Examen, einem eigenen Instrument im Arm -und außerdem den Zukunftshimmel voller Geigen.</p> - -<p>„Nun bist du ein gemachter Mann,“ sagte meine kleine, behende Mutter, -und in jedem frühen Fältchen ihres Antlitzes leuchtete der Stolz. -Sie sagte auch der Frau Rätin am Anger 67 in der Post die Wäsche -ab und schuftete dafür am nächsten Morgen von drei Uhr an. Denn -Pflichtversäumnis kannte sie nicht.</p> - -<p>Aber heute an dem Ehrentage meines bestandenen Examens zog sie ihr -schwarzes Gottestischkleid an, während sie sonst nur in schwarzseidener -Schürze um meinen Vater trauerte.</p> - -<p>Wie ein Bild saß sie da und schaute durch das Fenster in das -verglimmende Abendrot, die Hände unter der schmalen Brust gefaltet, und -ein Leuchten lag auf ihrem Gesicht, als sähe sie in eine strahlende -Zukunft. Als ich mich zu ihr setzen wollte, sprang sie behende auf und -wischte den Sitz meines Stuhles eifrig ab für den „Herrn“ Sohn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p>Solche Mütter, wie die meine, sucht sich der Teufel aus, um sie durchs -eigene Kind in den Staub zu ziehen.</p> - -<p>Die Mutter wußte, daß der Abend nach der Prüfung den Kameraden und dem -fröhlichen Kommers draußen auf der Milchinsel gehörte.</p> - -<p>Rippenbraten und rohe Kartoffelklöße standen auf der Speisefolge und -Erlanger Bier hieß der süffige Stoff, der unsere jungen Köpfe verdrehen -sollte.</p> - -<p>Die Mutter lag schon im Bett, als ich ihr um 8 Uhr gute Nacht wünschte. -Sie hatte mir nie etwas in den Weg gelegt, wenn ich abends ausging, es -kam selten genug vor. —</p> - -<p>Damals richtete sie sich aus dem ersten Halbschlummer erschrocken hoch -und rief angstvoll: „Och bliew doch to Hus!“</p> - -<p>Ich lachte, wie man mit einundzwanzig Jahren lacht, wenn das Leben -lockt und der erste überwundene Berg hinter einem liegt. Gab ihr noch -einen ungewohnten, unbehilflichen Kuß auf den ergrauenden Scheitel und -stürmte fort...</p> - -<p>Um Mitternacht war mein Kopf wüst und heiß.</p> - -<p>Verschiedene Bürger, Handwerker, die für das Seminar arbeiteten, waren -aus der Stadt gekommen und tranken mit ihren Frauen einen Schoppen, -während wir zu den Klängen eines Leierkastens, dessen Besitzer wir mit -Bratwürsten, Kartoffelsalat und etlichen Seideln verpflichtet hatten, -mit den Töchtern gefühlvolle Walzer tanzten.</p> - -<p>Die schwarze Balianslisette war dabei.</p> - -<p>Das Mädchen war schön, üppig und dreist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>Der verwitwete Vater, Schmied Balian, hielt sein einziges Kind -sonst jeder Freude fern. Man sagte, es seien ihm schon zwei Töchter -verdorben. Er bewachte sie mit Späheraugen, und manch einer hatte eine -harmlose Fensterpromenade schwer büßen müssen.</p> - -<p>An jenem Tage hielten ihn Freunde fest hinter seinem Stammseidel und -die Lisette gehörte uns.</p> - -<p>Die Luft im mäßig großen Zimmer war unerträglich, schwül, voll Staub. -Lisette saß dicht an mich geschmiegt, und ihre schwarzen Beerenaugen -trieben ein tolles Spiel mit mir. —</p> - -<p>Wir liefen hinaus in den dunkeln Garten, haschten uns, schrien, -lachten...</p> - -<p>Dann plötzlich war ich allein mit der Lisette in der Kegelbahn... Wir -küßten uns rasch, leidenschaftlich, wild. —</p> - -<p>Ein Streichholz glühte auf, eine Hand lag fest auf meinem Arm, und -Schmied Balian sagte geruhig: „Ich wußte nicht, daß Sie der Lisette gut -sind, bin’s aber zufrieden. Jetzt nach Haus, morgen komme ich zu Ihrer -Mutter, ist ’ne brave Frau.“</p> - -<p>Er zog Lisette mit sich fort und ich taumelte nach Hause, ohne Hut, -ohne Zahlung, ohne klare Gedanken.</p> - -<p>Am andern Morgen um 10 Uhr war der Alte mit der Tochter schon da. -Meinen Kopf zersprengte der ödeste Katzenjammer. Lisette war blaß wie -der Tod.</p> - -<p>Der Mutter konnt ich gar nicht in die Augen sehen.</p> - -<p>„Lassen wir das Pärchen mal allein,“ rief der Schmied<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> lustig, aber -in seiner Stimme war ein tiefer, grollender Unterton, und seine Augen -drohten. —</p> - -<p>In der schmalen Schrankkammer umklammerte mich Lisette: „Sörensen, um -Gottes willen, er schlägt mich tot, wenn du mich nicht nimmst...“ Ich -stand zornig vor ihr.</p> - -<p>„So ein Frevel! Wir kennen uns ja gar nicht. Es war ein verdammter -Rausch! Und wenn du weißt, wie dein Vater ist, mußt du die Leute nicht -verrückt machen.“</p> - -<p>„Sörensen, er schlägt mich tot.“</p> - -<p>Nicht einmal meinen Vornamen wußte das Mädel. Ich lachte laut auf, und -dabei schlugen meine Zähne im Frost zusammen.</p> - -<p>„Es ist doch nichts geschehen,“ rief ich. „Ein Kuß oder ein paar. Nimm -doch Verstand an.“ —</p> - -<p>„Für mich ist’s die größte Strafe,“ knirschte sie, „— ich hab einen -andern gern...“</p> - -<p>„Schäm dich — o schäm dich!“</p> - -<p>Das war unsere Verlobung! —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Wenn ich in der Zeit meine Mutter nicht gehabt hätte...</p> - -<p>Mütter sind Helden...</p> - -<p>Kleines, versorgtes, vergrämtes Mutterchen, du warst der Heldinnen -größte.</p> - -<p>Gabst mir Sonne und Wärme und Zuversicht.</p> - -<p>Gabst so viel Liebe für mich her, daß sie die ganze, weite Welt hätte -füllen können, schafftest und sorgtest, als<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> seist du eine junge Deern, -die für das eigene Glück arbeitet.</p> - -<p>Mutter, Mutter!</p> - -<p>Und deinen großen Jungen trugst du auf betendem Herzen. So ist er nicht -verzweifelt.</p> - -<p>Einmal an einem regennassen Novembertag stürmt ich zum alten Balian.</p> - -<p>Ich wollt ihm sagen, daß ich den Schritt nicht tun könne. Daß ich es -kläglich fände, zwei Menschen zusammenzusperren für Zeit und Ewigkeit, -die nichts Gemeinsames haben als die unreife Jugend. — Niemals wollt -ich mich verheiraten. Was ich verdiene, solle die Lisette haben, bis -für sie einmal der Rechte käme...</p> - -<p>Der alte Balian lag schwer an Lungenentzündung. Er fieberte, war in -einer andern Welt. Was wir von seinen leisen Worten aber verstehen -konnten, war Freude über die Versorgung seiner Tochter.</p> - -<p>Dann starb er uns, und ich konnte die Verwaiste nicht verlassen. Denn -es war nichts da.</p> - -<p>Die guten Erfurter schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, daß ein -blühendes Geschäft so hatte vor die Hunde gehen können. Die schlechten -Kinder waren der Rost gewesen, der an dem ehrlich erarbeiteten Gelde -des Vaters fraß, und heimliche Wege war Schmied Balian gegangen, damit -die Nachbarn und die Kundschaft nichts von seinem Verfalle merken -sollten. — Was noch irgendwie ein Ansehen hatte von seinen Sachen, -war verpfändet. Ein paar wurmstichige Möbel nahmen wir mit. Ich habe -sie zu Brennholz zerhackt, und sie spendeten die einzige<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> Wärme, die -ich dem Hause Balian zu verdanken hatte. Von Mutterchens armseligen -Ersparnissen richteten wir die neue Lehrerwohnung ein. Sie lag in -Einingen, tief in der Lüneburger Heide.</p> - -<p>Die Heide kann nur ganz Glückliche, kann nur selige, jauchzende, -lachende Menschenkinder brauchen, oder ganz Unglückliche, von ihrem -Gott Verlassene. — Ihre Riesenweiten muß man füllen können mit Liebe -oder Haß, mit Jauchzen und Zittern, mit einer Welt von innerem Erleben. -Gleichgültige Menschen oder solche, die nur Erdenschwere und Dumpfheit -kennen, gehören in die Großstadt. Die Heide tötet ihnen Seele und Leib.</p> - -<p>Ein Unglücklicher war ich.</p> - -<p>Weil ich so jung war.</p> - -<p>Weil das Leben so ewigkeitslang vor mir lag. —</p> - -<p>Als die Wasser der Verzweiflung über meinen Kopf zu schlagen drohten, -stand ich eines Abends vor der Studierstube von Pastor Verden. Manche -Predigt, die schön gesprochen und herzlich gemeint war, hatte ich von -ihm gehört, aber der Lehrer Erne Sörensen war unaufmerksamer als der -zerstreuteste Schuljunge und jeglich Wort fiel daneben.</p> - -<p>Ich entsinne mich aus jener Zeit, daß in Kopf und Herz nur die Fragen -brannten: Was soll ich? Wohin? Wo ist Hilfe? Und keine Antwort fand.</p> - -<p>Nicht am Tage und nicht des Nachts. Nicht in Kirche und Schule. Nicht -daheim, noch in weiter Heide.</p> - -<p>Mein Mutterchen war auf dem Posten.</p> - -<p>Damals ist ihr Gebet gewesen: „Lieber Gott, der<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Erne, mein großer -Jung, will uns entlaufen. Jawohl, dir und mir. Da heißt’s aufpassen. -Und fein gesund mußt du mich bleiben lassen, das siehst du wohl ein, du -lieber Herrgott. Denn der Erne hat jetzt nur mich.“ —</p> - -<p>Vor des Pfarrers Studierstube stand ich und wollte irgendeine -Dorfangelegenheit mit ihm besprechen. —</p> - -<p>Es war garstiger Schneesturm, und jeder andere wäre daheim geblieben. -Denn die Dorfangelegenheit war nicht wichtig. Aber mein ödes Zuhause -und darinnen die junge, faule, zänkische Frau trieben mich häufig in -die Weite der Heide oder auch in die Enge des Dörfleins.</p> - -<p>Und noch auf der hallenden Estrichdiele des Pastorats gellten die -Fragen meines arbeitenden Hirns: Warum? Wohin? Wo ist Hilfe?</p> - -<p>Pastor Verden las laut sein Abendlied, und die schlichten Worte -übertönten den Jammer meines Herzens:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Der Wolken, Luft und Winden</div> - <div class="verse">Gibt Wege, Lauf und Bahn,</div> - <div class="verse">Der wird auch Wege finden,</div> - <div class="verse">Da dein Fuß gehen kann. —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Da lehnte der lange Goliath Erne Sörensen seinen Kopf an die Tür und -weinte bitterlich.</p> - -<p>Zum erstenmal seit der Kinderzeit und den kindischen Knabentränen. Ei, -ei, ei!</p> - -<p>Der heraustretende Pfarrer schüttelte bedächtig den Kopf, und meine -beiden Hände hielt er fest in den seinen.</p> - -<p>Und die Frau Pastorin mit dem gütigen Matronengesichtchen rief: „Du -lieber Gott, der junge Herr Lehrer!<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>“ Und raunte dann: „Ob ich Essen -bringe? Ob er Hunger hat?“</p> - -<p>Denn junge Lehrer und Hunger gehörten für sie zusammen. An diesem Abend -fanden meine Hilferufe und wirren Fragen ihre Antwort. Ein großes -Sorgenbündel ließ ich in dem altväterischen Ohrenstuhl der Studierstube -zurück, und eine Freundschaft für Lebenszeit nahm ich mit mir. —</p> - -<p>Ich begann jetzt erst mein „Haus einzurichten“. Es ist ein tiefer -Unterschied, ob man sich sein „Nest baut“ oder sein „Haus einrichtet“.</p> - -<p>Das erstere hatte ich verscherzt, als ich ein Mädchen ohne Liebe wählte.</p> - -<p>Aber ich hatte viel ehrlichen Willen, dies Unrecht gutzumachen. In -meinen Freistunden bastelte ich allerhand Zierrat für unsere Stuben -zusammen, ich handhabte die Axt und ersparte den Zimmermann. Die Mutter -bekam von der Pastorin Blumenzwiebeln und -samen. An unsern Fenstern -blühten Geranien und fleißige Liesel. Der Pfarrer führte mich feierlich -bei den Dorfältesten und der Gemeinde ein, und da er sehr angesehen -war, wurde ich’s auch, weil er seine Hand über mich hielt. —</p> - -<p>Und nichts schaffte ich an, ohne Lisette um Rat zu fragen. War ich -des Hauses Haupt, so sollte sie das Herz sein. Meinen Jähzorn, das -unselige Erbteil der Sörensen, bezwang ich und strebte danach, daß das -Versöhnlichsein uns beiden zur lieben Gewohnheit würde.</p> - -<p>Dem toten Hause wollt’ ich unsern Atem geben. —</p> - -<p>Aber es war kein Segen dabei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Lisette hatte für alles ein Lachen, an dem das meine langsam starb. -Gern las ich abends den beiden Frauen vor, denn ich war stolz auf meine -Bücherei. Diesen hochtönenden Namen gab ich meinen zwanzig Bänden, -wobei ich Bibel und Gesangbuch noch mitrechnete. Mutter bekam helle -und blanke Augen, wenn ich den Hungerpastor vorhatte, sie lachte wie -ein frohes Kind über Fritz Reuter und konnte sich für Hans Krischan -Andersen begeistern. Lisette aber gähnte und schlief ein, ohne sich -doch durch Tagesarbeit den Schlaf verdient zu haben.</p> - -<p>Wir ließen sie vor uns das Bett aufsuchen, und kam ich dann ins -Schlafzimmer, fand ich sie in kleinen schmutzigen Heften lesend... Als -ich die Sachen verbrannte, erntete ich Schimpf und lodernden Zorn.</p> - -<p>Es kam eine Zeit, da ich die Hölle im Hause hatte.</p> - -<p>Die Mutter wurde ganz kümmerlich und weinte des Abends an meinem Halse.</p> - -<p>Sie hatte schlechte Tage unter Lisettens Herrschaft und tat doch allein -alle Arbeit des Hauses.</p> - -<p>Und wieder danke ich es Pastor Verden, daß ich meinen Zorn niederrang -und mich nicht vergaß. Denn die Dorfgemeinde schaute aufmerksam auf das -Beispiel des Lehrerhauses.</p> - -<p>Lisette fühlte sich Mutter.</p> - -<p>Diese Zeit mag wohl in anderen Ehen etwas Köstliches bedeuten. Zwei, -die Eins sind in Hoffen, Lieben, Glauben, in Ehrfurcht vor der -Heiligkeit des Werdenden, im Stolz auf die Zukunft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p>Herrgott! Und bei uns nichts, nichts, was Herz und Sinn hätte erheben -können.</p> - -<p>Hie und da brach eine jähe Zärtlichkeit bei Lisette hervor. So wild und -ungestüm und zügellos, daß ich mich vor der Mutter schämte...</p> - -<p>Einmal küßte sie mich mit derbem Lachen, als gerade zwei Bauern bei mir -waren, um sich Rat für ihre Kinder zu holen.</p> - -<p>Sie sahen scheel und ohne Verständnis auf die Lehrersfrau und -entfernten sich eilends.</p> - -<p>Der Rat blieb ungesprochen, aber das Seltsame und Häßliche meiner Ehe -trugen die Leute ins Dorf.</p> - -<p>Dann aber ward es Licht.</p> - -<p>Gott schenkte mir zwei Knaben. Einen großen Goliath — Erne und einen -feinen, kleinen Jens.</p> - -<p>Außer mir war ich vor Glück. —</p> - -<p>Mir schien alles klein und gering, was ich früher erlebt, gegen das -unfaßlich Herrliche der Gegenwart.</p> - -<p>Ich war Vater. Vater von zwei Söhnen. Auch die Zukunft war wieder hell, -denn ich hielt ja an jeder Hand einen Knaben und brauchte keinen Weg -mehr einsam zu wandern.</p> - -<p>Und meine Jugend jubelte laut ihr Glück hinaus, bis Mutterchen -ängstlich mahnend rief: „Du groten Jung! Swieg still! Du büst jo ganz -ut Rand un Band. Süh de beiden Lütten! Wo se di ankiken. As ob se dien -Öllern wiern un nich du.“</p> - -<p>Laut und fröhlich lachte ich und küßte beide Mütter.<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Die, die mich -geboren, und die, welche mir meine Knaben schenkte.</p> - -<p>Und in der Nacht träumte mir, der Erne sei Kultusminister und der Jens -Volksschulmeister. Und es war ein köstlich Zusammenarbeiten der beiden -Brüder, und die ganze Welt und alle Schulen waren voll Glück. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Was nun ein schweres, grausames Geschick mir wuchtend auferlegte, das -werde ich nur ganz kurz und sachlich buchen können. Einst schrieb ich -es in das kleine Heft hinein, das nun verbrannt ist. Einst — damals -als ich jung war.</p> - -<p>Damals wünscht ich mir „Flügel der Morgenröte“, um dem Herrgott zu -entfliehen „und wanderte im finstersten Tal“...</p> - -<p>Jetzt weiß ich, daß er mich nie verlassen, noch verloren hat.</p> - -<p>Heute ist der Geburtstag meiner Knaben.</p> - -<p>Das wären jetzt aufgeschossene schlanke Bürschchen, wie ich selbst es -war mit vierzehn Jahren.</p> - -<p>Sie würden mir bis an die Schulter reichen und zu mir sagen: Vater, wie -sind deine Brauen und dein Bart so dunkel und deine Schläfen so weiß. —</p> - -<p>Das kommt, weil ihr mich verlassen habt, meine Jungens...</p> - -<p>Nun, so bekomme ich diese Seiten nie zu Ende...</p> - -<p>Die Kinder gediehen und wuchsen wie die Bäumchen. Trotzdem Lisette -ihnen die Mutterbrust verweigerte. Im<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Anfang war ich zornig, dann -freute ich mich darüber. Ich bereitete fast jede Nahrung selbst für sie.</p> - -<p>So wurden sie ganz mein Eigen. Von der Schule lief ich zu den Knaben -und von ihnen zur Schule.</p> - -<p>Und die allerbeste Kindsmagd hatten sie außerdem an der Großmutter. Die -wurde noch einmal jung in der Kinderstube und besann sich auf Märchen, -wie sie schöner nie ein Mund erzählt.</p> - -<p>Und der große und der kleine Erne saßen mit dem feinen, zarten Jens zu -Füßen der Scheherezade und lauschten...</p> - -<p>Lisette aber war auch glücklich auf ihre Art. —</p> - -<p>Sie entlief oft tagelang dem „langweiligen“ Manne, den „langweiligen“ -Kindern, der „furchtbaren Öde“ der großen Heide.</p> - -<p>Sie vergnügte sich in der nahen Stadt, fand Freundinnen und Versucher...</p> - -<p>Ich wachte erst aus meiner Vater- und Kinderseligkeit auf, als Pastor -Verden mich gewaltig rüttelte. Er nannte die Dinge, wie das Dorf sie -besprach...</p> - -<p>Bis ins Herz erschrak ich.</p> - -<p>Und zwang mit eisernem Willen die junge, pflichtvergessene Mutter in -mein Haus.</p> - -<p>Es wurde zur Hölle für uns alle.</p> - -<p>Nur eine hielt dieser Hölle stand. Sie war die verkörperte Liebe. Sie -betreute das Haus, die Kinder, mich selbst, ja auch um die mürrische, -zänkische Schwiegertochter warb sie täglich aufs neue. Nimmermüde war -das Mut<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>terchen. Ich selbst lief allein oder später mit meinen Buben in -die Heide.</p> - -<p>Lieben und verstehen lehrte ich sie die unendliche Weite und Stille. -Die rote Blütenpracht im Sommer wurde ihnen zum Himmelsteppich, und -alle Blumen der Welt reichten nicht heran an Holler und Ginster.</p> - -<p>Mit drei Jahren sprachen die Knaben ein reines gutes Hochdeutsch, und -mit dem „Grodeli“, wie sie die Großmutter nannten, „snakten sie Platt“.</p> - -<p>Meine Buben waren mir alles und ersetzten mir alles, woran sonst ein -junger Mensch sein Herz und seine Sinne heftet. Ich lachte, tollte, -lernte und spielte mit ihnen, und wenn sie mir ihre Händchen hinhielten -und ernsthaft meine Koseworte wiederholten: „Ja, Erne, wir sind -zusammengeßmiedet“, dann dünkte ich mich der Königssohn im Märchen. —</p> - -<p>Nun rasch weiter und zu Ende.</p> - -<p>Es war Schützenfest in der Kreisstadt.</p> - -<p>Lisette war in fieberhafter Aufregung. Sie erzählte sogar den beiden -Kindern von all den verlockenden Schaubuden, von Karussels und Löwen -und drolligen Affen.</p> - -<p>Die aufgeweckten Bübchen horchten erstaunt und erfreut, die Mutter war -so selten freundlich mit ihnen.</p> - -<p>„Laß mich doch mit den beiden hin!“ drängte Lisette. „Die Kinder werden -ja hier ganz überspönig, sie müssen einmal unter andere Kinder. Ein -großer Umzug mit brennenden Laternen soll da sein, — ich hab’s der -Frau Diedrichsen so gut wie versprochen.“ —</p> - -<p>Lehrer Diedrichsen war mir ein unlieber Kollege, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Frau als -Freundin für Lisette durchaus ungeeignet. Ich schüttelte den Kopf, ein -zorniger Blick traf mich.</p> - -<p>„Grad als ob mir die Kinder nicht <em class="gesperrt">auch</em> gehörten,“ schrie sie -mich an. Da fingen Erne und Jens an zu weinen, und ich trug sie hinüber -zur Großmutter, damit ihre jungen Augen nicht das entstellte Gesicht -der Mutter sehen sollten und das furchtbarste Schauspiel für Kinder: -Uneinigkeit der Eltern. Dann ging ich zurück zu Lisette und versuchte -noch einmal mit Freundlichkeit und Ruhe ihr meine und ihre Stellung -klarzulegen.</p> - -<p>Daß ein Lehrer würdigere Freuden kennen müsse als den Jahrmarkt in der -fremden Stadt, und daß es einfach unsere Verhältnisse nicht erlaubten, -das Geld so unnütz hinzuwerfen. Und die Kinder, die jungen zarten -Knaben im Gewühle eines solchen Umzuges!</p> - -<p>Sie tobte, aber ich blieb ruhig und fest.</p> - -<p>Andern Tags hatten beide Bübchen starkes Fieber. Es war ein kalter, -häßlicher November.</p> - -<p>Ich mußte mit dem Pfarrer und dem neuen Kreisschulinspektor über Land -und trennte mich schwer von den Kindern. Aber Lisette schien selbst in -Sorge um die beiden, das konnte ich wohl sehen. Sie gab sich auch Mühe, -freundlich mit mir zu sein, es war wie Reue in ihr und mir war’s der -Schimmer einer lichteren Zukunft...</p> - -<p>So ließ ich meine Frau am Bett der Kleinen und Mutter schlummernd im -Lehnstuhl, was nicht oft vorkam. Aber sie kämpfte schon lange gegen -eine böse Erkältung.</p> - -<p>Spät abends kam ich heim.</p> - -<p>Ich ging zuerst in Mutters Stube, um nicht mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> ganzen Nässe und -Kälte der Novembernacht an die Bettchen der Kinder zu treten.</p> - -<p>Mutter schrak aus Fieberschlaf empor.</p> - -<p>„Die gute Lisette,“ lallte sie. „Warm eingepackt hat sie mich. Nicht -rühren sollt ich und konnt ich mich. Und gut zugeredet hat sie mir. Daß -ich sollt endlich einmal liegen bleiben und an mich denken. Den Bübchen -geht’s besser. Schlafen alle zwei in die Gesundheit hinein. Und die -Lisette hat sich auch hingelegt.“</p> - -<p>Ich kühlte der Mutter die brennende Stirn und dann ging ich ins -Schlafstübchen.</p> - -<p>Herrgott! Herrgott!</p> - -<p>Die Betten waren leer.</p> - -<p>In der Kreisstadt fand ich nachts um drei Uhr meine Kinder wieder im -Hause des Lehrers Diedrichsen.</p> - -<p>Der kleine Jens kannte mich schon nicht mehr. Am andern Tag zwang ihn -die Bräune nieder. Die Fahrt über Land in schneidendem Novemberwind...</p> - -<p>Mein Erne wehrte sich länger. Er erzählte mir noch mit heiserer Stimme -von den Löwen und Äffchen, von dem rasenden Karussel, wo man so übel -drauf werde, von den brennend roten Stocklaternen. Diese ängstigten ihn -furchtbar und verfolgten ihn. —</p> - -<p>Den ganzen nächsten Tag erzählte er mir noch...</p> - -<p>Dann reichte er mir das kleine heiße Händchen: Wir beide sind -zusammengeßmiedet......</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - -<p>Das war vor zehn Jahren. Ich habe Lisette nicht wiedergesehen. Was ich -verdiene, schicke ich ihr bis auf wenige Abzüge. —</p> - -<p>Die Mutter blieb vorerst bei mir. Gott ewig Lob und Dank. Ihr rastloser -Fleiß, ihre Liebe, ihre nimmermüde Fürsorge und ihr Vertrauen zu mir -haben mir geholfen. Sie zeigten mir den Weg zur ernsten Arbeit. So -konnte ich ein Jahr nach dem Heimgang meiner Knaben die Reifeprüfung am -Gymnasium ablegen.</p> - -<p>In Kiel studierte ich, war dann in Lüneburg Kandidat und Oberlehrer.</p> - -<p>Da war Mutterchens Mission zu Ende.</p> - -<p>So meinte sie. Und sie packte ihre Sachen und zog wieder in unser -Heidedörfchen. Dort sitzt sie in ihrem alten Hause, darinnen sie mich -geboren, und wo unser guter Vater starb. In ihrem feinen Herzenstakt -glaubte sie, die ehemalige Waschfrau könnte meiner Laufbahn im Wege -sein. Und all mein beredtes Werben um sie und ihr Bleiben konnten ihren -Entschluß nicht erschüttern.</p> - -<p>Der schwerwiegendste und letzte Beweggrund: „Mutter, ich brauche dich -und deine Gegenwart wie das liebe Brot“, habe ich nicht ausgesprochen. -Zu viel Opfer hatte mir schon die liebe Unersetzliche gebracht. Ich -sah, wie ihr Herz und ihre Hände nach der engen Heimat, nach der alten, -schwer entbehrten Arbeit verlangten. Eine tüchtige, alte Magd trat -an ihre Stelle. Mein Körper war immer gut versorgt, die Herzspeise -fand ich in Mutters kärglichen Briefen. Ich selbst schreibe zu ihr -jeden Sonntag. Komme<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> mir beinahe wie ein Pfarrer vor, der seine -Sonntagspredigt und Sonntagsstimmung vorbereitend genießt.</p> - -<p>Von Lisette erwähnen wir beide nichts.</p> - -<p>Ich weiß, daß Mutter meine Not begriff...</p> - -<p>Aber sie wurzelt auch wieder mit allen Fasern in den göttlichen -Geboten. Der alte Lutherkatechismus vom Großvater her lag immer auf -ihrem Bettischchen. Ich sah einmal, daß sie das vierte und das sechste -Gebot mit leuchtend rotem Stift angestrichen hatte. —</p> - -<p>Daß ich ihr den Schmerz meiner unglücklichen, häßlichen Ehe zugefügt -habe, wird mich immer brennen...</p> - -<p>Von Lüneburg aus konnte ich oft die beiden kleinen Heidegräber -aufsuchen, die Frau Pastor Verden mir betreut.</p> - -<p>Schlaft wohl, Erne und Jens Sörensen! —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Auf dem Schulhof vom Birkholzer Lyzeum wirbelt und tost es, lacht es -und schreit.</p> - -<p>Fräulein Nissen hat die Aufsicht.</p> - -<p>Sörensen, der an seinem Schreibtisch im Direktorzimmer sitzt, sieht -gar nicht erst nach dem Stundenplan. Er weiß es sofort, als der -ohrbetäubende Lärm auf dem Schulhof losbricht, und sagt es geruhig vor -sich hin: „Natürlich die Nissen.“</p> - -<p>Dann erst tritt er ans Fenster und schaut kopfschüttelnd hinunter auf -das Gewühl.</p> - -<p>Wie eine Henne, die Enten ausgebrütet, flattert die Lehrerin zwischen -den Mägdlein umher, und wo sich eine<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> ruhige Gruppe bildet, wird sie -aufgescheucht. Dabei scheint denn einige Disziplin in die Brüche zu -gehen.</p> - -<p>Prachtvoll jung ist sie, die Bande da unten. Eben meint Sörensen, die -Siebenjährigen stießen diese hellen Juchzer aus, es sind aber die -Backfische aus der zweiten Klasse.</p> - -<p>Telse Lüders kräht wie ein junger Hahn.</p> - -<p>Fauchend steht Fräulein Nissen vor ihr, das Sündenregister scheint -endlos zu sein.</p> - -<p>„Ei, so laß sie doch krähen!“ denkt Sörensen unpädagogisch.</p> - -<p>Denn der Schulhof ist ja eigentlich kein Hühnerhof. Aber der Direktor -weiß, daß Telse Lüders das einzige junge Kind alter Eltern ist, der die -Schule viel Freude und Jugendübermut ersetzen muß.</p> - -<p>Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse -Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte -flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt...</p> - -<p>Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen.</p> - -<p>Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer -auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit. -Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes, -rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von -Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft. -Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an.</p> - -<p>Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehr<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>erbietig. Direktor -Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp -ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten -Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine -eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines, -schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im -raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen -arg zerschunden hat. —</p> - -<p>Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht -einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und -bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen.</p> - -<p>Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das -veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig -anzusehen.</p> - -<p>„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös. -Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber -in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser -gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die -zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die -Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im -Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die -beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren -Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein -Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein -verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, — „diese Sörine Heidekamp ist noch mein -Tod.“</p> - -<p>Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu -lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. — Nein, Kollega, dies Getue -allerneuesten Datums um Sörine <em class="gesperrt">von</em> Heidekamp, — vergessen Sie -ja nicht dieses schmückende Beiwort, — also dies Getue läßt mich kalt. -Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft -ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“</p> - -<p>Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe -mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im -Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie -wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“</p> - -<p>„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig -die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den -Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist -er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner -unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche -Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen -hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“</p> - -<p>Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet -wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen. —</p> - -<p>Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat -und die Plätze eingenommen sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> verkündet sie die neuen Tadel im -Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an.</p> - -<p>„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch -schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie -rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her -und die Kinder krümmen sich vor Lachen.</p> - -<p>Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus -irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es -ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen -verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken -der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht -berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der -ersten Strophe:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„In schwarzer Nacht, auf roter Heid</div> - <div class="verse">Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid.</div> - <div class="verse">So gelb der Mond, so grau das Land,</div> - <div class="verse">Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein, -hinterher die ganze Klasse und dann — melde ich euch dem Herrn -Direktor.“</p> - -<p>Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man -hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor -nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die -zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen!</p> - -<p>Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers -aus der neunten Klasse und ihr Vater<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> ein strenger Mann. Man munkelt, -daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von -Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden.</p> - -<p>„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz -unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie -auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und -schmerzlich.</p> - -<p>„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch.</p> - -<p>Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch -nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle -so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“</p> - -<p>Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin -Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt -sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen -Heidekamp nachzudenken.</p> - -<p>Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die -abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter -die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn -jemand am Ersticken ist.</p> - -<p>Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen -kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit -Friedrichs des Großen...“</p> - -<p>Da läutet die Schulglocke.</p> - -<p>Und mit einem Radau ohnegleichen geht die zweite<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Klasse von der -geistigen Entwicklung zur leiblichen, zur Frühstückssemmel, über.</p> - -<p>Fräulein Nissen rast ins Lehrerzimmer.</p> - -<p>Hier ist vorläufig nur die wortkarge, mit trockenem Humor begabte -Oberlehrerin Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen anwesend. Sie schlürft -eine Tasse Kakao und mustert über den Rand ihrer Tasse hinweg die Auf- -und Abrennende.</p> - -<p>„Was fehlt Ihnen, Nissen?“ fragt sie.</p> - -<p>Fräulein Nissen haßt Verschiedenes auf dieser Welt, darunter auch die -Eigentümlichkeit der Kollegin, sie mit dem Nachnamen anzureden.</p> - -<p>Aber sie weiß, daß es nichts nützt, wider den Stachel zu löcken, und so -entschließt sie sich zur raschen Antwort: „Die zweite Klasse ist noch -mein Tod.“</p> - -<p>„Das begreife ich nicht, Nissen. Ich würde der Bande gar nicht den -Gefallen tun, mich durch sie töten zu lassen. Aber abgesehen davon, — -Nissen, können Sie wohl ruhig bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß mir -diese verlästerte Zweite die liebste von allen Klassen ist?“</p> - -<p>Nein, bei so einer hirnverbrannten Rede konnte Fräulein Nissen nicht -ruhig bleiben. Sie schlug eine nervöse Lache auf und verdoppelte ihre -Renngeschwindigkeit.</p> - -<p>„Ehe Sie sich aber auf den Schragen ärgern, Nissen, lassen Sie sich von -mir die Rockborte annähen, es macht sich würdiger im Sarg.“</p> - -<p>„Fräulein Stavenhagen — — —!“</p> - -<p>Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden einge<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>fädelt, hob die Nadel -wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das -Ganze haaalt!“ zu.</p> - -<p>Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein -schattenhaftes Lächeln ab.</p> - -<p>„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den -Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen -mageren Stelzchen, — „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie -vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘, -sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein -abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken -gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für <em class="gesperrt">Sie</em> -eingespannt.“</p> - -<p>„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen.</p> - -<p>„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie -vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“</p> - -<p>„Erlauben Sie mal.“</p> - -<p>„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite -Klasse trete, ernstlich sagen: <em class="gesperrt">Du</em> bist auch mal Kind gewesen, -du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und -O des Lehrers sein. Zweitens,“ — Fräulein Stavenhagen schaute -spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und -drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste -ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“</p> - -<p>„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen — — —“</p> - -<p>„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein wür<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>den. Aber nun ist -Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen -breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre -Reize nicht verwirrt werden.“</p> - -<p>Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und -begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao -vollends aus.</p> - -<p>Das Lehrerkollegium betrat ziemlich vollzählig das Zimmer.</p> - -<p>Sie sprachen erregt durcheinander.</p> - -<p>„Ne, erlauben Sie mal,“ rief Oberlehrer Kahl, setzte sich mit einem -Ruck an den Tisch, schlug auf die Platte und sprang wieder hoch, „das -is <em class="gesperrt">nich</em> egal. Wenn ich was seit zwanzig Jahren in meiner Klasse -eingeführt habe...“</p> - -<p>„Dann ist es die höchste Zeit, daß es mal geändert wird.“</p> - -<p>„Verehrteste Kollegin,“ rief Kahl spitz, — „ich pflege meine Sätze -allein zu vollenden... Also, ich sage, wenn ich seit zwanzig Jahren was -in meiner Klasse angeordnet habe, dann lasse ich es mir nicht von einem -Neuerer einfach umstoßen.“</p> - -<p>„Sehr richtig,“ sekundierte ihm Professor Traute.</p> - -<p>„Ich weiß ja nicht, worum es sich handelt.“ Fräulein Stavenhagen -blitzte Herrn Kahl ziemlich drohend an. „Ich höre nur immer -<em class="gesperrt">meine</em> Klasse und da wollt ich gehorsamst und submissest fragen, -<em class="gesperrt">welche</em> Klasse Sie meinen.“</p> - -<p>„Na, natürlich doch die Erste.“</p> - -<p>„So! Und mit welchem Recht?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> - -<p>„Mit dem Recht, mit dem ich zwanzig Jahre lang die erste Klasse geführt -habe.“</p> - -<p>„Mit dem einundzwanzigsten Jahr fängt aber <em class="gesperrt">mein</em> Recht und -<em class="gesperrt">meine</em> Klasse an,“ trumpfte Fräulein Stavenhagen.</p> - -<p>„Spielen wir also mal meine Klasse, deine Klasse,“ lachte der junge -Gesanglehrer Hansohm und seine Hände ahmten das Hasardspiel nach.</p> - -<p>„Zum Ulken sind wir nicht hier,“ verwies ihn Oberlehrer Kahl.</p> - -<p>Er kehrte mit Vorliebe den akademischen Standpunkt heraus und liebte es -überhaupt nicht, wenn „Seminaristen“ sich einmischten.</p> - -<p>„Worum es sich handelt?“ wandte er sich an die Oberlehrerin. „Seit -zwanzig Jahren steht die erste Klasse auf, wenn ich herein komme, -seit zwanzig Jahren sagt sie langsam, laut und deutlich ‚Gu—ten — -Mor—gen, — Herr — Ober—lehrer — Kahl‘ und jetzt kommt dieser — — -dieser — —“</p> - -<p>„Seminarist,“ rief Lehrer Hansohm boshaft dazwischen.</p> - -<p>„Dieser Herr Direktor,“ vollendete Kahl, „und führt Neuerungen ein.“</p> - -<p>„Wir sitzen ja auch gottlob nicht mehr in der Arche Noah, sondern im -neuen Lyzeum.“ Fräulein Doktor sprach sehr energisch. „Und da die -erwachsenen Mädchen in der ersten Klasse Stühle und Tische bekommen -haben, so ist’s wie eine Erlösung, daß sie sich das Aufstehen endlich -abgewöhnen. Man kann auch Haltung zeigen ohne aufzustehen und -Lächerliches zu plärren.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“</p> - -<p>„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe -hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu—ten -— Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich -ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu—ter Mond, du gehst -so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“</p> - -<p>„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte -ich meine Klasse nicht wieder.“</p> - -<p>„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder -ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten, -dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der -jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt — Hampelmännchen — —“</p> - -<p>„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie <em class="gesperrt">bedauern</em>, daß -diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der -zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch -mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert -ist...“</p> - -<p>„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen, -und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja -doch nur dazu da —“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den -Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen. -Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: <span class="antiqua">a</span>) Erziehung zum -Musikhören, <span class="antiqua">b</span>) die eigentliche Gesanglehre, <span class="antiqua">c</span>) Aneignung -der im geistlichen und weltlichen Liede...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> - -<p>Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer.</p> - -<p>„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend.</p> - -<p>„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s, -unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“</p> - -<p>Nun verschwand auch Fräulein Nissen und lachenden Antlitzes die -anderen. Nur Fräulein Doktor und Lehrer Hansohm blieben zurück.</p> - -<p>„Kollege Hansohm, ist’s ein Geheimnis, was Sie mit der zweiten Klasse -haben?“</p> - -<p>„Aber durchaus nicht. Die zweite Klasse hat mich <span class="antiqua">in corpore</span> -bestürmt, mit ihnen die Müllerlieder von Schubert einzuüben. Als ich es -ihnen abschlug, weil es nicht zum Pensum gehört (hier verdrehte Hansohm -die Augen), baten sie mich flehentlich, und Sie wissen, <em class="gesperrt">wie</em> -die zweite Klasse fleht, daß ich ihnen die Müllerlieder wenigstens -vorsänge, — und das habe ich getan. —“</p> - -<p>„Die Glücklichen,“ sagte Fräulein Doktor leise, und ihr verblühtes -Gesicht sah mit einem Male jung aus. „Menschenskind, warum sind Sie -nicht Sänger geworden? Mit Ihrer herrlichen, gottbegnadeten Stimme...“</p> - -<p>„Reden wir nicht davon,“ unterbrach er sie rauh. „Oder ja, — wenn es -Sie interessiert, — das Geld fehlte, Freunde fehlten, Verständnis -fehlte. Dazu kam die närrische Liebe zum Lehrerberuf, das glühende -Verlangen, Kinderstimmen auszubilden, dieses zarte, gottgegebene -Material nicht verschandeln zu lassen...“</p> - -<p>Fräulein Doktor streckte ihm die Hand hin. „Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>lob, daß wir Sie hier -haben. Und gestern, — da hätt’ ich dabei sein mögen...“</p> - -<p>„Dann hätt’ ich Eintrittsgeld genommen.“ Der Ernst war schon wieder -verscheucht. „Nur die zweite Klasse hat freien Zutritt. Meine Zweite! -Das ist so ’ne Marotte von mir. Und sollt’ ich mal irgendwo singen, -öffentlich, wohltätig oder verheerend, und der Herr Oberlehrer Kahl (um -ja nicht ‚Kollege‘ zu sagen) sollte zuhören, dann knöpf’ ich ihm 25 -Mark ab, jawohl, wie der Jadlowker in Berlin.“</p> - -<p>„Aber gestern, gestern,“ drängte Fräulein Doktor und sah nach der Uhr, -„wo steckt denn nun das Verbrechen der zweiten Klasse?“</p> - -<p>„Haben Sie ’ne Ahnung!“ Hansohm sah sie komisch verweisend an. „Das -ist doch eben meine Schmach und die dieser verdorbenen Kinder! Aus -den Müllerliedern hat der Kahl ‚Liebeslieder‘ gemacht. Na, freilich -sind’s Liebeslieder, es sind dank dem Göttersohn Schubert <em class="gesperrt">die</em> -Liebeslieder schlechthin. — Also des Pudels Kern ist: die zweite -Klasse hat um Liebeslieder gebeten, und der Schurke Hansohm hat sie -ihnen verzapft.“</p> - -<p>Fräulein Doktor warf sprachlos beide Arme in die Luft.</p> - -<p>„Gerade als Kahl am Singsaal vorbeiging, schmetterte ich: ‚Dein ist -mein Herz und soll es ewig bleiben‘, meinte aber nicht Kahl...“</p> - -<p>„Mein herzliches Beileid,“ brummte Fräulein Doktor. „Na und nun weiter? -Was soll aus dem Quark werden?“</p> - -<p>„’ne Konferenz. Ausgerechnet ’ne Konferenz.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> - -<p>„Ich finde das auch richtig,“ fiel eine salbungsvolle Stimme ein. Die -beiden drehten sich hastig um.</p> - -<p>Professor Traute saß ganz zusammengedrückt hinter einem großen -Schreibtisch mit hohem Aufsatz.</p> - -<p>„Ach so!“ Fräulein Doktor lachte schneidend. „Na, da wissen wir ja Ihr -Glaubensbekenntnis schon vor der Konferenz.“</p> - -<p>Lehrer Hansohm sah ganz unglücklich drein.</p> - -<p>„Mir ist es ja nur so schaudervoll, höchst schaudervoll, daß dem neuen -Direktor gleich so ein Elektrizitätswerk über uns angeknipst wird,“ -seufzte er. „Ich hätte dem Manne zu gern die Illusion gelassen, nicht -die Spitze einer Schöppenstädter Kleinkinderbewahranstalt zu sein.“</p> - -<p>Die Schulglocke klingelte.</p> - -<p>Professor Traute schob sich eilends auf den Vorsaal. Hier prallte er -unsanft mit Direktor Sörensen zusammen, welcher rasch etwas aus dem -Lehrerzimmer holen wollte. Traute entschuldigte sich wortreich unter -tiefen Verbeugungen und trat dann zu Oberlehrer Kahl, dem er zuraunte: -„Dieser Hansohm ist ein Fuchs und ein Schwätzer dazu, werde Ihnen auf -dem Nachhauseweg erzählen, Kollege... Und der neue Direktor — hm — -— merkwürdig, hä hä — wenn mich nicht alles täuscht, hat der am -Lehrerzimmer gehorcht vorhin, — — als ich die Tür aufriß, stießen wir -förmlich aufeinander...“</p> - -<p>„Ist die Möglichkeit! Ei ei — sieh, sieh...“</p> - -<p>Die beiden Biedermänner gingen in ihre Klassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Der Singsaal im neuen Lyzeum von Birkholz war ein prächtiger Raum.</p> - -<p>Wenn man darinnen saß und seine Augen wandern ließ, dann dachte man -wohl, der Baumeister müsse zugleich ein rechter Jünger der heiligen -Cäcilie gewesen sein.</p> - -<p>Und man dachte recht.</p> - -<p>Baurat Steinbrück stammte aus Thüringen und war in dem architektonisch -reichen Städtchen Birkholz „hängengeblieben“. Er spielte alle -bekannten Instrumente und noch ein paar darüber, er sang im Chor der -Martinskirche und in der Birkholzer Singakademie und hätte es gern -gesehen, wenn die Magistratssitzungen, denen er als Stadtverordneter -beiwohnte, im Opernstil getagt hätten. Seinem unablässigen Werben und -Wirken verdankte Birkholz den akkustisch vollendeten Raum, in dem die -Kinderstimmen der Stadt von dem feinsinnigen Musiker Hansohm geschult -wurden.</p> - -<p>Ein guter Stern leuchtete über dem Singsaal.</p> - -<p>Denn während alle anderen Räume des Lyzeums kahl und schulmäßig -dreinschauten, bekam der Singsaal bei der Einweihung drei Paten, die -segnend die Hände über ihn hielten.</p> - -<p>Der eine war der Inhaber des großen „Spezerei- und Gemischtwarenladens -Dingelmann und Sohn“, der, wie er von sich selbst sagte: „Längst zum -größten Delikateßgeschäft und zur bekanntesten Wurstfabrik gediehen“, -doch noch aus Pietät die wunderliche Geschäftsbezeichnung über seiner -Tür beibehielt. Der zweite war der „Kammer<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>herr“, wie man kurzweg den -alten Sonderling Freiherrn von Heidekamp auf Heidekamp-Birkholz nannte, -und der dritte Pate war eine Patin, ein altes Fräulein Tingleff, das -seit vierzig Jahren im zweiten Stockwerk des Hauses Dingelmann und -Sohn wohnte. Seit vierzig Jahren, man sagte, seit dem Tage, da sie dem -alten, damals sehr jungen und sehr blonden Dingelmann ihre begehrte -Hand verweigerte, zankte sie sich mit ihrem Wirt und konnte sich doch -nicht von ihm fortfinden.</p> - -<p>Und seit vierzig Jahren überboten sich die beiden „Feinde“ im Wohltun -für die Stadt Birkholz.</p> - -<p>Da nun das wunderliche Fräulein Tingleff fand, der neue Lyzeumsingsaal -sei viel zu hell und werde all die sonnigen Kinderaugen in Grund und -Boden verderben mit seinem kalten Licht, so „stiftete“ sie ein buntes -Fenster, das die heilige Cäcilie darstellte.</p> - -<p>Der Chef der Firma Dingelmann und Sohn konnte darüber auch nicht eine -einzige Nacht schlafen, sondern ging stracks zu Herrn Lehrer Hansohm, -um ihn um Rat zu fragen. Und so stand schon nach vierzehn Tagen ein -von Dingelmann gestifteter Bechsteinflügel im Saal. Und nach weiteren -vierzehn Tagen begann man mit der Aufstellung einer wunderschönen -Estay-Orgel, die Freiherr von Heidekamp für den Singsaal notwendig -hielt. Und Lehrer Hansohm war darüber so glückselig, daß ihm die Augen -naß wurden.</p> - -<p>Die scharfen Blicke des Orgelstifters, welcher der Aufstellung -beiwohnte, entdeckten die verleugneten und rasch beseitigten Tränen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> - -<p>Sie gefielen ihm inmitten der öden Trockenheit, mit der die große -Schule bisher geleitet wurde.</p> - -<p>Und der Mann gefiel ihm auch.</p> - -<p>Das sagte er ihm freilich echt heidekampisch:</p> - -<p>„Lieber Herr Schulmeister, Lehrer müssen sein, weil sie der Herrgott -als eine der sieben Landplagen auf der Erde vergessen hat. Mir kommt -keiner über die Schwelle, aber Sie...“</p> - -<p>Und nach einer längeren, für Hansohm halb peinlichen, halb -interessanten Pause hatte der Kammerherr ihn ohne weiteres am Rockknopf -zu sich herangezogen.</p> - -<p>„Meine Enkelin, die Sörine, der lüttje Katheiker, hat mir viel, viel -Liebes von Ihnen erzählt, Herr Schulmeister, ich — ich danke Ihnen.“</p> - -<p>„Aber, Herr Baron, ich weiß nicht...“</p> - -<p>„Sie brauchen auch gar nichts zu wissen, — setzen Sie sich lieber hin, -und spielen Sie mir ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott‘, den Choral der -Choräle. Ich muß doch etwas von meiner Stiftung haben.“</p> - -<p>Und Klaus Hansohm hatte die Register der neuen Orgel gezogen, und alle -Heimchen am Herde des neuen Lyzeums waren aufgewacht und lauschten, und -die heilige Cäcilie im Buntfenster lächelte.</p> - -<p>Und auf den Schwingen des mächtigen Liedes fanden sich ein wunderlicher -Alter aus dem Uradel des Landes und ein junger Stürmer aus dem Volke zu -einer seltsamen, guten Freundschaft zusammen. —</p> - -<p>Das war vor Wochen gewesen.</p> - -<p>Heute war der neue Singsaal, die heilige Cäcilie<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> und der -Bechsteinflügel schon eine alte Sache, und man sah sich nicht mehr -danach um.</p> - -<p>Die Kränze und Girlanden waren verwelkt und abgenommen, und die weißen -Festkleider mit den schwarz-weiß-roten und blau-weiß-roten Schärpen -hingen längst wieder in den Schränken. Aber etwas seltsam Feierliches -und Festliches war dem Singsaal doch verblieben.</p> - -<p>Darüber hatte noch niemand gesprochen, aber die jungen Seelchen spürten -es, und es steckte sicherlich in den Pfeifen der Orgel und den Saiten -des Flügels und in dem Lächeln der heiligen Cäcilie.</p> - -<p>„Nun wollen wir recht schön die Tonleitern singen,“ sagte Lehrer -Hansohm zur zweiten Klasse, „und wenn die so recht perlend fließen, -dann...“</p> - -<p>„Schubertlieder! Schubertlieder!“ zwitscherte es flüsternd durch die -Reihen, und Sörine Heidekamp machte sich zum Mund der ganzen Klasse, -hob den Finger und sagte laut und selbstverständlich: „Dann singen Sie -uns wieder Schubert.“</p> - -<p>Hansohm wehrte entsetzt ab. „Aber, meine Damen, wo denken Sie hin,“ -rief er pathetisch.</p> - -<p>Dann wurde er mit einem Male ganz ernst: „Wir wollen den schönen Tag -der Schubertlieder in lieber Erinnerung behalten, aber ihr müßt nicht -wieder quälen.“</p> - -<p>Die Kinder sahen sich ängstlich und verstohlen an und schauten arg -verstört auf den Lehrer, der ihnen heute unverständlich schien.</p> - -<p>Sörine Heidekamp, die am wenigsten vermochte, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> unverstandenen -Geschehnissen heimzugehen, stand wieder auf und fragte eindringlich: -„War es etwas Unrechtes?“</p> - -<p>„Nein, Sörine, dann hätte ich es ja nicht getan.“</p> - -<p>„Großvaterli sagt, Sie hätten uns etwas außerordentlich Wertvolles -gegeben, und wir dürften es nie vergessen.“</p> - -<p>Dem jungen Lehrer stieg etwas in der Kehle hoch und er brauchte -ein paar Augenblicke, um die Stimme zu meistern. Dann aber rief er -fröhlich: „Ja, mein liebes Kind, wenn wir lauter Großvaterlis auf der -Welt hätten.“ Da wär’ es leicht, Singlehrer am Lyzeum zu Birkholz -zu sein. Den letzten Satz <em class="gesperrt">dachte</em> er aber nur. Und nun sangen -sie eine halbe Stunde Tonleitern und übten dann an einem kunstvollen -Singspiel, die Maienkönigin genannt. Sörine Heidekamp sollte -Maienkönigin sein, und es war niemand unter den vielen Mädels, das ihr -die große schöne Rolle neidete.</p> - -<p>Eine so wunderschöne Singstunde wurde es, daß man sogar das Läuten der -Schulglocke überhörte.</p> - -<p>Da steckte auf einmal der neue Herr Direktor <span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen den -Kopf zur Tür herein und rief ganz lustig: „Feierabend, Herr Kollege.“</p> - -<p>Und er trat ein und gab jedem Mädchen die Hand und ließ sich den Namen -nennen. Und er betrachtete Sörine Heidekamp, die ihm als schwarzes -Schäflein genannt worden war, sehr eindringlich mit seinen scharfen, -grauen Augen, und sie gab ihm den Blick sehr eindringlich und forschend -zurück. Zum Schlusse mußten sie ihm noch ein dreistimmiges Lied -vorsingen, ein Heidelied wünschte er sich und lauschte mit gefalteten -Händen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Über der braunen Heidefläche</div> - <div class="verse">Brütet der Sonne brennendes Licht,</div> - <div class="verse">Daß sie mein müdes Auge nicht steche,</div> - <div class="verse">Duck’ ich mich unter Wacholder dicht.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Und er breitet um mich seine Zweige</div> - <div class="verse">Zärtlich raunend im Heidewind,</div> - <div class="verse">Daß es mir ist, als ob sich neige</div> - <div class="verse">Meine Mutter über ihr Kind.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Man fühlte, so hatte man dieses Lied noch nie gesungen, und man war -stolz, wie sich der Herr Direktor darüber freute.</p> - -<p>Bis der Schuldiener Harks gelaufen kam.</p> - -<p>Der war ein Original und fürchtete sich weder vorm Teufel, noch vor der -hohen Obrigkeit.</p> - -<p>Trocken meldete er: „Es ist halb eins und gegen die Schulordnung.“</p> - -<p>Da lachte der Direktor herzlich und klopfte dem alten, grimmigen Harks -auf die Schulter, und der machte mit eins ein ganz frohes Gesicht.</p> - -<p>Denn es war etwas Neues, was er da hörte. Weil in all den Jahren, die -er in Birkholz wirkte, nicht gelacht worden war im Lyzeum. Deshalb lag -ja auch der Schulstaub so massig und schier unbeweglich und lastete auf -dem Gebäude wie ein Sargdeckel. —</p> - -<p>„Gehen wir noch ein Stückchen zusammen, Kollege?“ fragte Direktor -Sörensen, „ich nehme immer gern ein paar Atemzüge frischer Luft, ehe -ich mich zum Mittagsmahl setze. Und da Sie Junggeselle sind, kommt es -Ihnen wohl nicht so auf die Verspätung an.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> - -<p>Hansohm verbeugte sich. „Bin eigentlich nur ein halber Junggeselle, -Herr Direktor, denn ich habe meine Schwester bei mir. Die schwingt das -Szepter der Pünktlichkeit und erzieht ihren Bruder.“</p> - -<p>Eine Wolke flog über sein offenes Gesicht. „Aber heute bin ich -ausnahmsweise auf das Gasthaus angewiesen. Meine Schwester ist oft -leidend. In solchen Fällen erlaube ich es nicht, daß sie am Herd steht.“</p> - -<p>„Ei, so werden wir jetzt einen kurzen Heidespaziergang machen und dann -essen Sie bei mir. Habe ich auch weder Mutter noch Schwester zu Hause, -so ist doch Frau Dietz die Perle einer Wirtschafterin.“</p> - -<p>Klaus Hansohm schlug ein in die dargebotene Hand.</p> - -<p>Rasch schritten die beiden Herren aus.</p> - -<p>Die ganze Herbheit des Vorfrühlings lag über der Heide. Licht und klar -war der Himmel, und der April schien seine Launen zu verleugnen. Über -eine alte Steinbrücke wanderten sie, darunter die klare Luhe rieselte. -Kraftstrotzende Baumäste breiteten sich darüber.</p> - -<p>„Nun fangen die Weiden zu blühen an,“ sang Hansohm und warf seinen Hut -in die Luft wie ein Schuljunge. Er vergaß offenbar ganz, neben wem er -ging, und Erne Sörensen war nicht willens, zu kopfschütteln und den -Vorgesetzten herauszubeißen. Diese frische Jugend da neben ihm durfte -außerhalb der Schule urwüchsig sein. —</p> - -<p>„Sie müssen mich ein wenig orientieren,“ bat Sörensen. „Wie heißt das -Gewese dort rechts, wie nennt sich weit am Horizont das Dorf mit dem -ragenden Kirch<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>turm? Und der Hügel dort links — ist’s ein Hünengrab -oder steht ein verfallener Wartturm darauf?“</p> - -<p>„Beides, Herr Direktor. Die Topographie ist rasch erledigt. Alles, -was Sie sehen, möcht’ ich fast sagen, ist Heidekampisch. Bis auf den -Himmel, der immer noch dem lieben Gott gehört.“</p> - -<p>„So, so, von Heidekamp-Birkholz. Ich wundere mich baß, daß dieser -reiche Grundherr sein Enkelkind in so demokratischer Umgebung erziehen -läßt, wie unser Birkholzer Lyzeum ist.“</p> - -<p>„Es wird alles wohlüberlegt von ihm sein,“ meinte Lehrer Hansohm. „Die -kleine Sörine soll nicht weltfremd aufwachsen. Sie soll genau wissen, -wieviel Divisoren es in der Welt gibt, auf daß sie diese Kenntnis bei -ihrem Reichtum verwertet und nicht in den Tag hineinlebt. Und das tut -sie auch nicht, weiß Gott. Ihre Augen gehen durch Mauer und Holz.“</p> - -<p>„Man sollte meinen, Kollege, Sie sprächen von einer reifen Frau -und nicht von einem Kinde, einem Backfischchen, einem unbotmäßigen -Rädelsführer der arg berüchtigten zweiten Klasse.“</p> - -<p>„Das ‚Kind‘ lasse ich gelten, ein reines, liebes Kind ist die Sörine,“ -sagte Hansohm warm. „Alle anderen Bezeichnungen lehne ich ab. O Herr -Direktor, wie freue ich mich, wenn Sie erst all das Neuland durch Ihre -eigene Brille sehen werden! Jetzt ist es noch die aufgezwungene von -Kahl und Genossen...“</p> - -<p>„So scharf, Kollege? — Aber ich freue mich, daß die geschmähte -zweite Klasse ihren Ritter ohne Furcht und<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Tadel gefunden hat. Ein -Idealist in der Schule oder besser im Lehrerzimmer wirkt gewöhnlich -wie Sauerteig. Übrigens habe ich jetzt auf dem kurzen Wege durch -die verschiedenen Begegnungen, sowie des öfteren in der Schule die -Beobachtung gemacht: Sie sind ein rechter, echter Kinderfreund, -Kollege?“</p> - -<p>„Herr Direktor, ich bin <em class="gesperrt">Lehrer</em>.“</p> - -<p>„Und der Überzeugung, ich seh’s Ihnen an, diese Begriffe müßten sich -immer decken? Wie ist das erfrischend für mich. Wie wertvoll der -heutige Spaziergang.</p> - -<p>Ich mache kein Hehl daraus, daß ich noch tastend und suchend in diesem -Birkholz herumwandre, ich möchte weder durch rosenrote, noch durch -geschwärzte Brillen schauen, ein möglichst wahrhaftiges Bild mit allen -Licht- und Schattenseiten wäre mir das liebste.“</p> - -<p>„Herr Direktor, die altertümliche Stadt ist entzückend. Und die -Birkholzer Heide hat Gott in einer Feiertagsstunde geschaffen.“ Hansohm -sah mit dürstenden Augen auf seine Heimat. „Auch die herzbraven -Menschen, die unter der gleichfalls vorhandenen Minderwertigkeit -doppelt hervorleuchten, werden sich rasch in Ihr Herz und Ihre Liebe -hineinstehlen.“</p> - -<p>„Und das Lyzeum, das Kollegium, die zweihundertfünfzig anvertrauten -Kinder? Kollege Hansohm, helfen Sie mir, den Pessimisten Sörensen -einzuschläfern...“</p> - -<p>„Den Pessimisten? Bin ihm ja noch gar nicht begegnet ...“</p> - -<p>„Doch, doch, er ist nicht ganz wach, — aber Kahl und Genossen könnten -ihn rütteln...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> - -<p>„Ich fürchte sie nicht mehr. — Herr Direktor, Sie sind sehr gütig -mit mir gewesen, — man hat mich all mein Lebtag nicht verwöhnt mit -Güte, aber erst recht nicht den Seminaristen im Lyzeum von Birkholz. -Und nun kommt mit Ihnen plötzlich etwas herein, das aussieht wie -Morgenrot und Sonne... alle Fenster in den muffigen Schulstuben will -ich aufsperren...“</p> - -<p>Mit frohem Gesicht sah Sörensen auf seinen jungen Begleiter: „Warum -haben Sie nicht geheiratet, Kollege? Oder ist die Frage unzart? Macht -sie Ihnen Beschwer? Dann antworten Sie nicht.“</p> - -<p>„Nein, nein, ich habe nichts zu verhehlen. Ich fürchte nur, ausgelacht -zu werden, Herr Direktor... Ich, ich mache nämlich zu hohe Ansprüche an -meine Zukünftige, deshalb fand ich noch nicht die Rechte.“</p> - -<p>„Zu hohe Ansprüche?“ fragte Sörensen sinnend...</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor. Nicht auf Grund meines Einkommens von 1500 Mark, -das bewahrt mich immer erfolgreich vor Größenwahn. — Aber — ich hatte -kein gutes Elternhaus. Mein Vater war Volksschullehrer und hatte sich -in unreifen Jünglingsjahren, sagen wir’s hart heraus — verplempert. -Die Mutter... ersparen Sie mir die Schilderung —. Sie trieb den Vater -in Trunk und Schande. Nun, mich hat das alles erzogen. Auf dem Seminar -stopfte ich mir Watte in die Ohren, um den Sirenen zu entgehen. Es war -damals manch eine, die hinabziehen konnte...“</p> - -<p>Hansohm hielt erschreckt inne, denn sein Direktor sah mit einem Male -fahl und blaß aus. Dazu klang die Stimme<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> seltsam und gepreßt: „Und -doch konnten Sie sich die sonnigen Augen erhalten? Konnten so fromm und -voll Liebe auf Ihre Heimat sehen? Wer lehrte Sie das, Kollege Hansohm?“</p> - -<p>„Frau Musika, Herr Direktor. Sie ersetzt mir das Weib... Und,“ fügte er -mit trocknem Humor hinzu, „Kinder gebar mir ja das Lyzeum, 250 Stück. -—“</p> - -<p>„Die Spottdrossel hat bei Ihnen ihr Nest dicht neben der Nachtigall,“ -sagte Sörensen ernst, „— aber ich höre das Duett gern. Kollege, — Sie -werden einem Einsamen manchmal eine Stunde schenken, wollen Sie?“</p> - -<p>„Von Herzen gern!“ Aber Hansohms Auge streifte besorgt das tief -verfinsterte Gesicht des Vorgesetzten.</p> - -<p>Die Herren schritten durch das Steinere Tor ins Städtchen. Am -Torpfeiler hatte eine Blumenfrau ihren Stand, und Direktor Sörensen -wählte Weidenkätzchen und gelbe Osterblumen zu einem großen Strauß.</p> - -<p>„Die bekommt Ihre Schwester. Sie zürnt mir sonst, daß ich den Bruder -jetzt erst bringe und dann gleich wieder entführe.“</p> - -<p>„O Herr Direktor!“ Ein rasches Erröten, das den jungen Lehrer gut -kleidete, flog über sein Gesicht und stieg bis in das blonde Haar -hinauf. —</p> - -<p>„Da sind wir schon.“ Klaus Hansohm öffnete eine Tür. Der helle -Dreiklang eines Glockenspieles tönte. Ein winziger Flur mit einer -altmodischen messingbeschlagenen Kommode und ebensolcher Uhr tat sich -ihnen auf. Eine klangvolle, junge Stimme rief: „Bist du es, mein Junge?“</p> - -<p>Und dann öffnete sich ein Raum und auf der Schwelle<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> stand ein junges -Mädchen, ein entzückend schöner Kopf auf armem, verwachsenem Körper.</p> - -<p>In die durchsichtig weißen Hände legte Direktor Sörensen seine Blumen, -und die Augen der Kranken lächelten. Dann führte er sie sorgsam zu dem -altmodischen Ohrenstuhl, der am grünen Kachelofen stand.</p> - -<p>„Sie haben hier ja ein wahres Raritätenkabinett,“ scherzte er. Und -zeigte bewundernd rings herum auf die alten Stahlstiche und schön -geschwungenen Möbel. „Das ist ja Urväterhausrat. Ich beneide Sie. —“</p> - -<p>„Das hat mir alles der Klaus hier zusammengetragen. Alles ist ihm Bild -und Rahmen und dann macht er noch die Musik dazu.“ Sie lächelte zu dem -Bruder hinüber mit rührendem Stolz.</p> - -<p>Die Herren hielten sich nicht lange auf.</p> - -<p>Aber die Zeit genügte doch, um das Stübchen der Leidenden licht zu -machen. Und die ritterliche Art des fremden Mannes ließ einen Schimmer -zurück von dem, was die Welt da draußen Glück und Jugend nennt.</p> - -<p>Lehrer Klaus Hansohm wäre wohl am liebsten daheim bei der Schwester -geblieben, hätte gern ganz still und besinnlich im großblumigen Sofa -gesessen. —</p> - -<p>Der Tag hatte ihm so viel Reichtum gegeben.</p> - -<p>Nun wogten allerhand Melodien in seinem Kopf und seinem Herzen, die er -noch nicht meistern konnte.</p> - -<p>Er stieg mit seinem Direktor die breiten Steinstufen des alten -Patrizierhauses hinauf, die von der mächtigen Diele zum Eßzimmer -führten. —</p> - -<p>Klaus Hansohm machte seine Augen weit auf, denn<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> nun war ihm, als sähe -er seinen Vorgesetzten wieder in einer ganz anderen Gestalt. Hoch und -breit und festgefügt stand der Goliath Erne Sörensen in diesem hohen, -breiten und festgefügten Hause als Hausherr und Gastgeber. Und Lehrer -Hansohm lauschte mit dem Ohr eines Kenners seiner klangvollen Stimme, -die einer noch unsichtbaren Person Befehle erteilte.</p> - -<p>Belustigt fing sein Ohr das Gespräch auf:</p> - -<p>„O Herr Direktor! So spät? Alles verbratzelt und verbruzelt! Und ohne -Entschuldigung? Und dann noch ein Gast? Das geht gegen meine Ehre und -Reputation. Und ist das christlich, noch um halb drei Uhr Mittag essen -zu wollen?“</p> - -<p>Dann das schöne sonore Lachen und die herzgute Stimme: „Aber, Frau -Dietz! Gleich machen Sie frohe Augen. Sie fahren mich ja an, als ob wir -verheiratet wären. —“</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Komm her, mein alter Foliant.</p> - -<p>S’ ist Nacht, und der Birkholzer Lyzeumsdirektor sollte längst zur -Ruhe sein. Aber du lachst und lockst, liebes Buch, — beinahe, als ob -du eifersüchtig seist. Eifersüchtig auf neue Freunde. Gönne sie dem -Einsamen.</p> - -<p>Hellichte Freude habe ich am jungen Hansohm und seiner armen, -lieblichen Schwester. Freude habe ich am ehrlichen Senior Rasmussen, -Freude an der streitbaren Oberlehrerin <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p>Wir beide werden noch manche Klinge miteinander kreuzen. Aber im Grunde -sind wir uns bereits sehr gut.</p> - -<p>Zähle ich dann noch den knurrigen Schulwart Harks und die junge, -unbedachte Hilfslehrerin Fräulein Hanni Freitag dazu, so habe ich alle -aufgezählt, die mir wohl Freund sind. Und was habe ich den anderen -getan?</p> - -<p>Sentimentale Frage. Niemand beantwortet sie.</p> - -<p>Der Senior Professor Rasmussen und ich wußten nach dem ersten Blick, -daß wir uns gefielen.</p> - -<p>Professor Traute ist sehr unsympathisch. Ein Frömmler, mit einem -unsichtbaren, aber trotzdem sehr unangenehm wirkenden Heiligenschein. -In seiner Gefolgschaft Fräulein Nissen. Hermione. Und so sieht sie auch -aus. —</p> - -<p>Als dritter im Bunde Oberlehrer Kahl.</p> - -<p>Eine Art <span class="antiqua">homo sapiens Linné</span>, mir verhaßt, seit ich denken kann. -Er gehört zu jenen, denen der Mensch nur Vorgesetzter oder Kollege ist.</p> - -<p>Es mag ja nicht genehm für die alten Knaben sein, plötzlich einen -jungen Mann als Vorgesetzten zu bekommen, — nun ich bin wahrhaftig -ohne Vorurteil an dies Kollegium herangegangen, und das Verhalten vom -Senior zeigt mir auch, daß ich den rechten Ton traf.</p> - -<p>Und doch dieser passive Widerstand von Traute und doch die mühsam -beherrschte Gereiztheit von Kahl.</p> - -<p>Mein Vorgänger war wohl schon etwas überreif, viel krank und -ruhebedürftig. Er hat die Zügel locker in seinen alten Händen gehalten -und ist einfach froh gewesen, wenn andere die Karre kutschiert haben.</p> - -<p>Nun gehöre ich ja nicht zu den Direktoren, die, kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> im neuen Amt, -alles bisher Bestehende verwerfen. Schuldiener Harks hatte allerdings -damit gerechnet, denn gestern morgen fragte er: „Der Spucknapf des -vorigen Herrn Direktors ‚haben‘ immer links von dem Schrank gestanden, -soll ich ihn jetzt rechts stellen?“</p> - -<p>„Aber, Herr Harks! Traditionen soll man heilig halten, ich bin ein -pietätvoller Mensch.“</p> - -<p>„Dann müssen also Herr Direktor scharf in die linke Ecke zielen,“ -meinte er ernst, entfernte sich und ließ mich mit dieser Instruktion -zurück. —</p> - -<p>Ich verweile noch bei Harks. Der Mann ist mir lieb, ich mag ihn -gern um mich haben. In seinen seltsamen Augen steht Gram zu lesen, -aber er weicht scheu aus, und ich will mich nicht in sein Vertrauen -drängen. Auch das Gesicht seiner kleinen verhutzelten Frau zeigt einen -ängstlichen Ausdruck. Und doch soll mein Vorgänger ein humaner Mann -gewesen sein, dem man vielfach sogar Schwäche gegen seine Untergebenen -vorwarf.</p> - -<p>Mancherlei Beobachtungen habe ich schon gemacht. Harks Augen können -grimmig, ja tückisch aufblitzen, wenn Professor Kahl nach dem -„Schuldiener“ ruft.</p> - -<p>Ich ehre in Harks den alten Feldwebel und seinen -Zivilversorgungsschein. Nenne ihn deshalb „Herr Harks“ und seine -schüchterne Frau „Frau Kastellanin“.</p> - -<p>Denn die meisten Frauen sind glücklich unter einem Titel. —</p> - -<p>Ich werde nicht zu befürchten haben, daß Harks über den Strang schlägt. -Er ist ein rechter Hüter der Schulzucht. Daß er nicht wünscht, den -einst so allmächtigen Feld<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>webel in dem Begriff „Diener“ untergehen zu -sehen, kann ich ihm nicht verübeln. Und ich meine, der unermüdliche, -alte Mann ist hier erst recht eine gute Kompagniemutter und in dem -großen Betrieb wohl am Platze.</p> - -<p>Heute nachmittag war Klassenkonferenz.</p> - -<p>Ich werde mit diesen Dingen sparsam umgehen. Denn ich kann ja vieles -selbst erledigen, und die schönen Nachmittage sind den Kollegen und mir -gleich wertvoll. Aber dem Vorschlag von Oberlehrer Kahl, im Anschluß -an die Schule zu tagen, konnte ich nicht beistimmen. Denn wichtige -Konferenzen sollen nicht mit knurrendem Magen und Uhr in der Hand -erledigt werden, und daß keine unwichtigen stattfinden, dafür will -ich schon sorgen. Die heutige bedeutete allerdings viel Lärm um einen -Eierkuchen. Wieder einmal die zweite Klasse!</p> - -<p>Aber es schien mir, als sei diese nur vorgeschoben, als sollte -eigentlich Herr Klaus Hansohm gezaust werden.</p> - -<p>Die erste Enttäuschung für mich. — So rückständig ist Birkholz? Die -Müllerlieder von Schubert ungeeignet für die zweite Klasse eines -Lyzeums.</p> - -<p>Himmel, zu welchen Verstiegenheiten sich die Herren hinreißen ließen. -„Minderwertige Persönchen!“ „Frühreifes Gebaren!“ „Nicht scharf genug -zu tadelndes Verlangen, das in der Schule verpönte Thema ‚Liebe‘ auf -Umwegen kennen zu lernen.“</p> - -<p>Wackerer Kämpe Hansohm! Er fuhr mit den Herren ab, daß sie heiße Ohren -kriegten. Und ich ein warmes Herz. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p>Oberlehrer Kahl focht einen unrühmlichen Strauß mit ihm.</p> - -<p>Als er schließlich von „Unlauterkeit“ sprach, der ein Lehrer Vorschub -leiste, stellte ich mich auf Hansohms Seite, mit mir die anderen, mit -Ausnahme von Professor Traute, Fräulein Nissen und Lehrer Asmus.</p> - -<p>Letzterer auch so ein Scharfmacher.</p> - -<p>Er führt die neunte Klasse als Ordinarius. Vertrat neulich Hansohm -in der siebenten Klasse in Deutsch. Hansohm hat die Kyffhäusersage -behandelt, und Asmus las ihnen in jener Vertretungsstunde das Gedicht -vom Kaiser Rotbart vor. Wie er den Bart schildert, der durch den Tisch -gewachsen ist, erhebt sich Lottchen Binnebom und ruft: „Das glaub’ ich -nicht.“</p> - -<p>Diesem „Fall“ ist Asmus nicht gewachsen gewesen. Und, Gott sei’s -geklagt, die große Mehrheit im Kollegium heute besprach die Sache mit -einer Ernsthaftigkeit und Bedenklichkeit, daß ich mich ein paarmal -versucht fühlte, sie mit den dicken Köpfen zusammenzustoßen.</p> - -<p>Der Humor scheint keine Hüsung im Lyzeumsgebäude zu haben, ich will -nicht hoffen, daß er überhaupt außerhalb von Birkholz wohnt.</p> - -<p>Jedenfalls aber sah ich heute Hansohm, wie er Lottchen Binnebom an der -Hand führte, und nach den vertrauensvollen Augen der kleinen Zweiflerin -zu urteilen, hat sie längst die rechte Antwort bekommen.</p> - -<p>Morgen will ich meine Besuche in der Stadt machen... Harks erzählte, -die Frau Apotheker Dahlen habe dazu neue Gardinen aufgesteckt. Da -sich Harks augenschein<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>lich selbst geehrt fühlte, unterließ ich jede -Bemerkung. Diese Besuche quälen mich.</p> - -<p>Bis jetzt durfte ich einsam sein. All die Jahre hindurch. Köstlich -einsam. Und nun bringt mir das neue Amt den herben Zwang.</p> - -<p>Sonntag abend.</p> - -<p>Diese Sonntage sind etwas unbeschreiblich Schönes in Birkholz.</p> - -<p>Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja -fast eines einsamen Dorfes.</p> - -<p>Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein -Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach.</p> - -<p>Um neun Uhr beginnt die Kirche.</p> - -<p>Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein -Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben. -Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in -der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in -Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den -Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet.</p> - -<p>Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der -liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten -Adler“ setzen wird.</p> - -<p>Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe -daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten -Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes -Kindergemüt,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem -langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten -meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer -Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der -Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd -hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind, -geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in -Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes -Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen, -mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“ -Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der -gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und -verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen, -oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen -ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen...</p> - -<p>Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen.</p> - -<p>Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich -vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der -mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten -Töchter mittels Telegramm herangerufen wären.</p> - -<p>Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer -Niveau herauszuragen, — ganz prächtige Menschen. Drei niedliche -Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen -wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> das -Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer -Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die -Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige -Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen -bei diesen zwei Menschenkindern.</p> - -<p>Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der -postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die -Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist.</p> - -<p>Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei -langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn -Jahren aufwarten. — Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt -mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen -Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine -Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet -war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten.</p> - -<p>Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und -„Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den -man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte. —</p> - -<p>Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem -Herrenhaus Heidekamp-Birkholz.</p> - -<p>Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein -ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum.</p> - -<p>Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Kutscher langsam -fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine -Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch -augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein -Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel -gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche -standen.</p> - -<p>„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr -Direktor!“ schallte es herunter.</p> - -<p>Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir -die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein.</p> - -<p>Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der -Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte -und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit -verstrich, — dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem -Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“.</p> - -<p>Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich -etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes -Spinngewebe sah die alte Dame aus. —</p> - -<p>Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände.</p> - -<p>„O Herr Direktor! Nicht ungehalten sein! Der Herr Baron — — hat — -eine wunderliche Abneigung gegen alle Lehrer, mein Gott...“</p> - -<p>Sie haschte nach meinen Händen.</p> - -<p>„Aber gnädige Frau...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p>Da wehrte sie hastig ab.</p> - -<p>„Fräulein von Schlieden,“ stellte sie sich vor. „Ich war die Erzieherin -von Sörines verstorbener Mutter und sollte auch das Kind unterrichten. -Aber ich bin alt, und Sörine soll unter Jugend groß werden. Ach, Herr -Direktor, Staub ist so etwas Schreckliches. Nicht wahr, Sie werden die -Birkholzer Kinder, und besonders unsere Sörine, vor Staub bewahren?“</p> - -<p>Rührend bittend, hilflos sahen ihre guten Augen mich an. Eine seltsame -Situation.</p> - -<p>„Könnt ich Sie doch öfters einmal sprechen: Möchte Ihnen so innig das -Kind ans Herz legen. Es hat mir von Ihnen erzählt...“</p> - -<p>Ich drückte dem grauen Spinnwebchen die Hand.</p> - -<p>„Gnädiges Fräulein und Kollegin, ich freue mich, wenn Sie Ihr Weg zu -mir führt. Vielleicht treffe ich Sie auch einmal auf einem unserer -Elternabende, da können wir...“</p> - -<p>Ein polternder Schritt näherte sich, ein Stock stieß in regelmäßigen -Abständen auf den Boden auf, und mit eins war das Spinnwebchen -verschwunden, weggeblasen, um die Ecke geweht.</p> - -<p>Ich schritt zu meinem Wagen, lachte aber auf der Diele ganz herzhaft -und ungeniert. Denn ich hörte eine dröhnende Stimme rufen: „Tausend -nochmal, Grauchen, das paßt Ihnen wohl auf die alten Tage, ein -Stelldichein mit einem jungen Schulmeister...“</p> - -<p>Der alte Diener stand am geöffneten Wagenschlag, und sein Gesicht war -weniger eben als zuvor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p> - -<p>Es zuckte um seine Mundwinkel.</p> - -<p>Ein wenig prallte ich auch zurück, als ich einsteigen wollte, aber die -Pferde zogen rasch an, und so ergab ich mich in mein Schicksal, in -einem Blumenkorb zu sitzen. Denn der Wagen war inzwischen heimtückisch -geschmückt worden, ein ganzes Gewächshaus schien geplündert zu sein. -Chrysanthemen und Alpenveilchen lagen zum Strauß geordnet auf dem -Rücksitz. Maiblumen waren anmutig lose in die Fensterrahmen gesteckt, -und feine grüne Gräser zogen sich als Girlande über die Lehne des -Vordersitzes.</p> - -<p>Aus den Zweigen der Thingeiche lugte ein Schelmengesicht. Merkwürdig -standen darin die großen ernsthaften Blauaugen. Ein wunderschönes Kind! -Und ein interessantes Seelchen dazu. Man könnte die alte Eiche beneiden -um das nette Früchtchen, das sie trägt.</p> - -<p>Ich drohte mit dem Finger aus dem Fenster heraus.</p> - -<p>Da hört ich das Mädel silberhell lachen. Lachen, wie ganz junge Kinder -tun, denen die Welt noch ein einziger Freudenquell, die Menschen lauter -gute Mitwanderer sind. Ein Lachen recht aus dem Herzensgrund heraus.</p> - -<p>Erne Sörensen, alle Schulweisheit gäbst du darum, so lachen zu können, -wie die junge Sörine Heidekamp.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Es klopfte an die Tür des Direktorzimmers.</p> - -<p>Erne Sörensen saß in tiefer Arbeit.</p> - -<p>Die Feder flog über den großen Bogen, der einen Bericht an die -vorgesetzte Behörde aufnehmen sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Vom Singsaal her tönten die gedämpften Laute eines Liedes, und der -Schreibende ließ für Augenblicke die Feder sinken und lauschte. Das -alte Lied, das ihm die Mutter manchmal gesungen... Wie gut, daß Lehrer -Hansohm diese Perle ausgegraben und in die Hände seiner Schülerinnen -gelegt hatte.</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Ich weiß mir etwas Liebes</div> - <div class="verse">Auf Gottes weiter Welt,</div> - <div class="verse">Das stets in meinem Herzen</div> - <div class="verse">Den ersten Raum behält,</div> - <div class="verse">Kein Freund und auch kein Liebchen</div> - <div class="verse">Verdrängen es daraus, —</div> - <div class="verse">Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch.</p> - -<p>„Herein!“</p> - -<p>Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie -durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken.</p> - -<p>Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem -Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas -vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl -beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte.</p> - -<p>Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig.</p> - -<p>„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“</p> - -<p>„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie -auch immer,“ scherzte der Direktor.</p> - -<p>Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p> - -<p>Er zog ein grämliches Gesicht.</p> - -<p>„Dann will ich lieber gleich gehen...“</p> - -<p>„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete -mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich -sehr steif nieder.</p> - -<p>Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses -unglücklichen Temperamentes.</p> - -<p>Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit -leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große -Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten.</p> - -<p>Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium -hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten. —</p> - -<p>„Herr Direktor — — ich komme sozusagen in einer privaten -Angelegenheit...“</p> - -<p>„Aber, Herr Kollege...“</p> - -<p>„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen -wollen, — aber — es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“</p> - -<p>Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht.</p> - -<p>„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“</p> - -<p>„Herr Kollege Asmus, ich <em class="gesperrt">habe</em> Zeit für Sie und bitte Sie nur, -zur Sache zu kommen.“</p> - -<p>„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als -Privatsache“ — — —</p> - -<p>Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der -Zorn. Viel rascher als der Direktor gehofft<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> hatte. Asmus sprang auf. -Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. — Der große, ruhige Blick des -Vorgesetzten bannte ihn. —</p> - -<p>Heiser rief er:</p> - -<p>„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von -Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über -das Fräulein Oberlehrerin <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen und über den Lehrer -Hansohm.“</p> - -<p>Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“ -sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in -seine eigenen lebens- und gemütswarmen.</p> - -<p>„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei -es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte -ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank.</p> - -<p>„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch -lediglich <em class="gesperrt">Schulsache</em> zu sein.“</p> - -<p>„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche -Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“</p> - -<p>„Ich verstehe nicht recht...“</p> - -<p>„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist -natürlich nicht Ursache, aber...“</p> - -<p>Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier -genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte -er sachlich.</p> - -<p>„Jawohl, Herr Direktor.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p> - -<p>„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das -Vorgefallene Aufschluß geben?“</p> - -<p>„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse, -als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges -vorgekommen.“</p> - -<p>„Wahrhaftig! Wieder einmal?“</p> - -<p>„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe -daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie — ärgerniserregend diese -Klasse im allgemeinen ist...“</p> - -<p>„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen.</p> - -<p>„Ja, — denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich -den Schweiß von der Stirn — „meine Tochter Agnes Ursache dieser -betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“</p> - -<p>„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor.</p> - -<p>„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus, -„meine Tochter Agnes hat <em class="gesperrt">alle</em> erforderlichen Utensilien einer -ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie -eben die Tochter des <em class="gesperrt">Lehrers</em> Asmus, und wenn ich auch nur ein -seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“</p> - -<p>Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete -eigentlich keinen Aufschub...</p> - -<p>„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch -einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen -Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. — Bitte weiter!“</p> - -<p>Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sich<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> außerordentlich -häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu -unterdrücken. —</p> - -<p>„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem -betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die -Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter... -so ist ihr... hm...“</p> - -<p>Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte -nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut -schnüffeln.“</p> - -<p>„Aber, Herr Direktor — — woher wissen Sie...?“</p> - -<p>„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich —. <em class="gesperrt">So’n</em> -kleiner Junge.“</p> - -<p>Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl -stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath -entstanden war.</p> - -<p>Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, — wollen Sie -vielleicht heute nachmittag oder...?“</p> - -<p>„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen -roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht -und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das -eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer -eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja -zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter, -hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie -eingeschrieben ...“</p> - -<p>„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau -denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert -und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen -hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“</p> - -<p>In Sörensen kroch der Zorn hoch.</p> - -<p>„Ihre Gattin ist <em class="gesperrt">sehr</em> ordentlich,“ bemerkte er.</p> - -<p>„Ja sehr,“ betonte Asmus, „Gott Lob und Dank. Sie war ja auch früher -Lehrerin. Agnes bekam sofort von ihr eine feste Ohrfeige für die -Bummelei und dann nahm <em class="gesperrt">ich</em> sie mir extra vor für die Störung in -der Schule. Dabei ging es denn heißer her als bei der Mutter...“</p> - -<p>„Noch heißer? Herr Kollege? Ihre Agnes ist ein zartes, recht -verschüchtertes Mädchen, dazu schon fünfzehn Jahr alt, ich meine denn -doch, daß körperliche Züchtigungen ...“</p> - -<p>Asmus stand auf.</p> - -<p>„Herr Direktor, das ist lediglich meine eigenste Angelegenheit, ich bin -der <em class="gesperrt">Vater</em>...“</p> - -<p>„Herr Kollege Asmus, Sie mißbrauchen meine Geduld. — — — Wollen Sie -meinen Rat in Ihrer Angelegenheit oder???“</p> - -<p>Beide Männer standen sich jetzt gegenüber. Asmus ganz weiß vor Zorn, -eine rote Ader lag ihm quer über der Stirn.</p> - -<p>„Ich müßte ja wohl jetzt gehen, Herr Direktor, — aber — — genug, — -ich habe meine Agnes gezüchtigt, Sörine von Heidekamp ist dazugekommen, -sie aß einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> wieder in der Stadt, — kurz, dieses Mädchen hat — -Herr Direktor, — sie hat meinen Stock über ihrem Knie in zwei Stücke -gebrochen und mir die Stücke vor die Füße geworfen. —“</p> - -<p>Sörensen murmelte: „Das Mädchen hat Ihre Agnes sehr lieb...“</p> - -<p>„Billigen Herr Direktor die Handlungsweise??“ Asmus wußte -augenscheinlich nicht mehr, was er sprach.</p> - -<p>Es klopfte scharf.</p> - -<p>„Herein.“</p> - -<p>Klaus Hansohm sah befremdet auf Direktor und Kollegen.</p> - -<p>„Ich bitte um Entschuldigung, ich klopfte mehrere Male.“</p> - -<p>„Ja, es ging etwas erregt bei uns zu. Sie wünschen?“</p> - -<p>„Nur eine Frage, den Schulwart Harks betreffend. Aber sie ist doch -nicht so einfach in zwei Minuten zu erledigen, ich werde wiederkommen.“</p> - -<p>„Dann bitte ich Sie zu bleiben. Herr Kollege Asmus hat Klage über Sie -geführt, so können wir gleich etwas vorarbeiten, da Professor Rasmussen -und Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen beide beschäftigt sind.“</p> - -<p>Lehrer Hansohm zog mit straffem Ruck seine Weste glatt.</p> - -<p>„Ich bin bereit,“ sagte er ruhig.</p> - -<p>„Kollege Hansohm kommt mir gelegen,“ nahm Asmus das Wort. „Ich darf -wohl fortfahren. Also ich wies nach dem unerhörten Gebaren Sörine von -Heidekamp die Tür.<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Auf der Straße, die völlig menschenleer war, schalt -ich noch mit ihr, da kamen Professor Rasmussen, Fräulein Doktor und -Kollege Hansohm uns entgegen...“</p> - -<p>„Wir kamen vom Mittagessen,“ warf Hansohm ein.</p> - -<p>„... und Herr Professor Rasmussen beleidigte mich gröblichst.“</p> - -<p>„Das ist nicht wahr,“ rief Hansohm ungestüm.</p> - -<p>Der Direktor hob die Hände. „Herr Kollege Hansohm, augenblicklich hat -Herr Asmus das Wort.“</p> - -<p>„Ich überlasse es Herrn Hansohm,“ entgegnete dieser förmlich. „Ich habe -korrekt gehandelt, und der Kollege kann gern seine Ansicht äußern.“</p> - -<p>„Danke. — Sie gestatten, Kollege Asmus, — Sie haben <em class="gesperrt">nicht</em> -korrekt gehandelt. Halt! Jetzt rede <em class="gesperrt">ich</em>. Sie haben Sörine von -Heidekamp nicht die Tür <em class="gesperrt">gewiesen</em>, was man mit dem Finger zu tun -pflegt, sondern Sie haben sie im Jähzorn im Nacken gepackt...“</p> - -<p>„Am Mantelkragen,“ schob Asmus ein. —</p> - -<p>„Also gut! Am Mantelkragen, — und haben das junge Mädchen -herausgeworfen, vor die Tür gesetzt. Sie waren so außer sich, so ohne -alle Beherrschung, daß wir einschreiten <em class="gesperrt">mußten</em>. Im übrigen -schalten Sie so laut, daß es uns empörte, denn der Diener des Herrn von -Heidekamp, der in der Straße auf und ab ging, muß es gehört haben. Er -sah aus, als wolle er seiner jungen Herrin zu Hilfe kommen.“</p> - -<p>„Seiner jungen <em class="gesperrt">Herrin</em>! Seit wann machen Sie Kotau vor den Barons -da draußen? Diese Liebedienerei<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> macht ja die Sörine so aufsässig... Im -übrigen, was geht <em class="gesperrt">mich</em> der <em class="gesperrt">Diener</em> an?“</p> - -<p>Asmus zog die Mundwinkel verächtlich herunter.</p> - -<p>„Na, erlauben Sie, Kollege, fragen Sie mal den Diener, ob er mit Ihnen -tauscht. Er hat seinen Herrn auf allen Reisen im In- und Ausland -begleitet, spricht drei fremde Sprachen und bezieht ein Gehalt von 4000 -Mark.“</p> - -<p>„So, Sie sind ja sehr unterrichtet, — in Dienstbotensachen.“</p> - -<p>„Ach, Kollege, — Sie reizen mich <em class="gesperrt">gar nicht</em>.“ Klaus Hansohm -konnte unausstehlich liebenswürdig werden. „Sehen Sie, ich gestehe -ein, daß <em class="gesperrt">ich</em> den Mann beneide. Er spricht drei fremde Sprachen, -ich nicht. Er wird in seiner Eigenschaft als Diener des Herrn von -Heidekamp hoch estimiert in Birkholz, ich in meiner Eigenschaft als -Volksschulmeister gar nicht, er hat 4000 Mark Gehalt, ich auch nicht -schattenhaft, und außerdem hat er noch ’ne Livree mit Silberknöpfen...“</p> - -<p>Sörensen hatte ruhig abwartend zugehört. Er liebte es, wenn sich das -Kollegium „klärte“.</p> - -<p>„Womit Sie Herr Professor Rasmussen und Fräulein Doktor beleidigten, -höre ich wohl morgen in Gegenwart der Beteiligten?“ fragte er Asmus.</p> - -<p>Dieser verneigte sich bejahend.</p> - -<p>Hansohm trat in seiner raschen Art auf den Direktor zu. „Darf ich -wenigstens heute noch meine Überzeugung aussprechen, daß Fräulein -Doktor nicht hat beleidigen wollen. Sie nahm das verstörte junge -Mädchen einfach an ihr Herz. Ohne ein Wort zu sagen. Kollege Asmus<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> -faßt es eben schon als Beleidigung auf, daß wir Sörine Heidekamp -beruhigten. Ich geleitete sie zum Wagen, der auf dem Markte hielt. Der -Diener eilte uns nach, und so rief ich ihr möglichst unbefangen zu: -„Eine Empfehlung an den Herrn Großvater.“ Die einzigen Worte, welche -überhaupt auf dem Wege fielen. Professor Rasmussen aber hatte nur einen -väterlichen Rat an Herrn Asmus erteilt. —“</p> - -<p>„Ich danke Ihnen, meine Herren.“</p> - -<p>In Asmus’ Gesicht arbeitete der Zorn mächtig. Aber er wußte, daß er mit -seinen Anklagen warten mußte, bis er den beiden andern gegenüberstand.</p> - -<p>Sie gingen hinaus. Sörensen blieb in seinem Zimmer.</p> - -<p>„Väterlicher Rat?“ nahm Asmus draußen streitsüchtig das Thema wieder -auf. „Ich brauche keinen väterlichen Rat vom Senior. Es war lediglich -eine Beleidigung. ‚Gehen Sie ins Bett, Kollege,‘ hat er mir zugerufen. -Dieser... Gehen Sie ins Bett! In Gegenwart von Fräulein Doktor.“</p> - -<p>„Na, Kollege, den Schlußsatz lassen Sie morgen lieber fort. So böse hat -es Rasmussen nicht gemeint.“</p> - -<p>Hansohm lachte spitzbübisch, und Asmus drehte ihm beleidigt den Rücken. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Die Sonne schien flutend in den Singsaal und Sörine sang gerade ihr -Maienköniginsolo, als sie zum Direktor gerufen wurde.</p> - -<p>Sämtliche Kinder sahen ihr erstaunt nach, aber Lehrer<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> Hansohm nahm -gleich eine neue, ganz besonders schöne Stelle vor, und so wendete sich -das Interesse der zweiten Klasse rasch wieder der Musik zu. —</p> - -<p>Sörine stand vor dem Direktor.</p> - -<p>Sie war auffallend blaß, und über ihren Augen hatte sich eine tiefe -Falte eingegraben.</p> - -<p>„Die Sache scheint dir nahezugehen, Sörine. Du hast deine frohen Augen -nicht mehr. Nun denke einmal in deinem Trotz nicht daran, was dein -Lehrer <em class="gesperrt">dir</em> tat, sondern was du ihm tatest.“</p> - -<p>Etwas wie Erstaunen zeigte sich auf dem blassen Gesicht, aber nur -vorübergehend.</p> - -<p>„Herr Asmus ist nicht mein Lehrer,“ sagte sie dann abweisend.</p> - -<p>„Herr Asmus ist Lehrer am Lyzeum, — folglich...“ Sörensen brach kurz -ab. „Ihr in der zweiten Klasse habt darüber wohl besondere Ansichten?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Was ist das nun? fragte sich Sörensen. Ist das die Heidekampsche -Unverschämtheit, von der die Kollegen reden? Oder?</p> - -<p>„Ich habe auch gar nicht über etwas nachgedacht, was Herr Asmus -<em class="gesperrt">mir</em> getan haben könnte.“</p> - -<p>Der Direktor stutzte. Wie Freude stieg es in ihm hoch. Er hätte es -selbst nicht so nennen können, denn er wußte seit langem nicht mehr, -wie sich Freude kundtat. Leise sagte er zu sich: „Neuland!“ Laut aber: -„Und worüber hast du nachgedacht? Was soll die krause Stirn und das -bitterböse Gesicht?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - -<p>Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine -Agnes,“ stieß sie heraus.</p> - -<p>Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß -er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt? -So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen -Kameraden, — „einen bessern findst du nit“...</p> - -<p>Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann -blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn -ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst -gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“</p> - -<p>Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen -sahen ihn voll Vertrauen an.</p> - -<p>„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.</p> - -<p>Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“</p> - -<p>„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“</p> - -<p>„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer -daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja -dann immer von neuem weh...“</p> - -<p>Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken...</p> - -<p>Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf -darauf und weinte laut und ungestüm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er. -Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das -Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines -Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber -sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer -sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus -hetzen, — ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na -und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in -Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot. -Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“</p> - -<p>„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum. -Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“ —</p> - -<p>Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste -Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein -sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige, -kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre -Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache, -und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt -nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir -nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch -nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das -Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich -tu dir schon nicht weh. Und die<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> übliche Schulmeisterschere, mit der -man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“</p> - -<p>Laut aber sagte Sörensen: „Zunächst darfst du in meiner Gegenwart nicht -von ‚Asmus‘ reden, das ist ungehörig. Dann aber, — Herr Lehrer Asmus -hat doch als Vater das unumstrittene Recht, sein Kind zu strafen, — -— nein, nein, laß mich nur ausreden. Du konntest ihn als Freundin -seiner Agnes wohl <em class="gesperrt">bitten</em>, nicht so hart zu sein, aber die Art -und Weise, <em class="gesperrt">wie</em> du dich eingemischt hast,... Sörine, hast du -überhaupt einen Begriff von dem Unrecht, das du begingst?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Sörine!“</p> - -<p>„Immer und immer würde ich es wieder tun, Herr Direktor, genau -dasselbe. —“</p> - -<p>„Das ist sehr schade, Sörine, denn du bist im Unrecht. Denke darüber -nach. Morgen komme dann zu mir, hoffentlich mit verändertem Sinn. Du -wirst Herrn Asmus um Verzeihung bitten, er verlangt das von dir.“</p> - -<p>„Herr Direktor!!!“</p> - -<p>Sörine schrie es heraus.</p> - -<p>„Du bist unbeherrscht, Sörine. Unbeherrscht sein, heißt unvornehm sein. -Ich kann mir nicht denken, daß du das sein willst.“</p> - -<p>„O Herr Direktor, ich will <em class="gesperrt">Sie</em> um Verzeihung bitten und jeden -Lehrer und die Nissen jeden Tag, die ich doch nicht ausstehen kann...“</p> - -<p>„Pscht! Was reden wir da wieder für ungehöriges Zeug!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - -<p>„Aber den Asmus, Herr Direktor, nein, <em class="gesperrt">nie</em>.“ Sörinens Augen -blickten ganz schwarz. Aber sie setzte auf einmal kindlich hinzu: „Ich -meine den <em class="gesperrt">Herrn</em> Asmus.“</p> - -<p>„So, so! Nun für mich kommt es jetzt nur darauf an, ob du <em class="gesperrt">die</em> -bist, wofür ich dich halte, oder ob ich mich in dir getäuscht habe. -Sieh einmal, Sörine, du hast ja noch gar nicht über dein Unrecht -nachgedacht. Aber in euerm Schloß habt ihr ja genug stille Kämmerlein, -in denen du zur inneren Einkehr kommen kannst.“</p> - -<p>„Ja, eine Menge,“ bestätigte sie nachdenklich. Dann war sie entlassen.</p> - -<p>Die Tür war kaum hinter ihr ins Schloß gefallen, als es schon wieder -klopfte.</p> - -<p>„Herein!“</p> - -<p>„Herr Direktor, kann ich auch um Verzeihung bitten, <em class="gesperrt">ohne</em> -nachzudenken? <em class="gesperrt">Ihnen</em> zu Liebe, damit Sie mir wieder gut sind?“</p> - -<p>Sörensen sah kopfschüttelnd in die freimütigen Kinderaugen.</p> - -<p>„Nein, Sörine. Du bist groß und alt genug, um dein Unrecht einzusehen.“</p> - -<p>„Aber das wird dann sehr lange dauern...“</p> - -<p>„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, — -ich habe zu tun.“</p> - -<p>Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen.</p> - -<p>„Nun? Noch einen Wunsch?“</p> - -<p>Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich -traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ich<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> ihr einen Brief schicken -könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und -verbrennen sie ihn. Agnes hat <em class="gesperrt">gar keine</em> Freude auf der Welt. Sie -hat <em class="gesperrt">nur mich</em>.“</p> - -<p>„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem -Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief, -Sörine, — ich — ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen, -na, — ist’s so recht?“</p> - -<p>Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht -helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war -es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher -Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem -Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem -neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen -Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand -entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur -die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F -biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen, -an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war -noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb -war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von -ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor -mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und -verborgene Schätze gehoben. Zu ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> eigenen Freude. Ihm erzählte man -nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der -Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne -anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein -heraussuchen.</p> - -<p>Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und -doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde -mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben. —</p> - -<p>Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten, -Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die -äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel -Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er -war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas -wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den -Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend -hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar -Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“</p> - -<p>„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und -weiter! Und durch! — Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen, -wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“ —</p> - -<p>Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der -ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine -Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen -hält. Und die Umschrift: <span class="antiqua">Nunquam retrorsum.</span> Er blätterte in<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> -dem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren -charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses -mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Suse, bruse, wat weiht de Wind?</div> - <div class="verse">Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft9">Deine treue Kinderfrau</div> - <div class="verse mleft10">Gesche Wiensen.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dann war ein vergilbtes Blatt, vielfach zerknittert, eingeklebt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft10"><span class="mleft2">San Remo 1890.</span></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!</div> - <div class="verse">Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,</div> - <div class="verse">Von alters her im deutschen Volke war</div> - <div class="verse">Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.</div> - <div class="verse mleft1">Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft12"><span class="mleft2">Mütterchen.</span></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Sörensens Hand strich sacht über das Blatt.</p> - -<p>Die zweite Seite zeigte das stark verblaßte Bild eines jungen -Husarenrittmeisters mit hoher, kühner Stirn und starken Brauen. Über -dem aristokratischen Mund ein dunkler kleiner Bart. Die ernsten -Augen glichen denen der jungen Sörine. Ein Kreuz war neben das Bild -gezeichnet, und die Schrift darunter war von der gleichen Hand des -vorigen Blattes: Schleswig 1895. Dein Väterchen. —</p> - -<p>Erne Sörensen ertappte sich, daß er ganz laut: Du armes Waislein! -sagte, denn er rechnete sich zusammen,<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> daß Sörine nach dem Tode des -Vaters geboren war und daß Frau von Heidekamp den Gatten nur um fünf -Jahre überlebt hatte.</p> - -<p>Die folgende Seite:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit -unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren.</p> - -<p class="mleft2">Heidekamp 1900 im Februar. -<span class="mleft12">Grauchen.</span></p> - -</div> - -<p>Auf dem fünften Blatt waren Namen in unbeholfenen Schriftzügen -hingemalt: Hinnerk Boysen, Klas Martens, Hanne Witt, Dorette Maaßen, -Fite Groth.</p> - -<p>Dann eine etwas schwungvollere Hand mit dem Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft7">Dieses wünscht dem gnädigen Fräulein</div> - <div class="verse mleft10"><span class="mleft1">Hannes Hansen.“</span></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Offenbar der Heidekampsche Reitknecht.</p> - -<p>Auf der sechsten Seite hatte sich jemand schon vor zwei Jahren -eingetragen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft12">Klaus Hansohm,</div> - <div class="verse mleft12"><span class="mleft2">Lehrer.“</span></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dann noch eine Backfischhandschrift:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Ich will dir immer dankbar und treu sein.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft7"><span class="mleft3">Deine Agnes Asmus.“</span></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Und nun kam niemand mehr.</p> - -<p>Welch seltsames Büchlein. Durch das feine Papier und das kostbare graue -Leder mit dem silbernen Wappen<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> hindurch sah Erne Sörensen das junge -ernst-frohe Leben seiner Schülerin wie ein Bild auf Goldgrund gemalt. -Und er meinte bei sich, es sei wohl etwas Schönes hier unter den -Menschen zu stehen, die alle mit guten Gedanken ein Mäuerchen um die -Sörine Heidekamp bauten.</p> - -<p>So schrieb er rasch mit seiner großen, deutlichen Schrift:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Gut sein und glücklich machen!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft2"><span class="mleft2"> Dein Freund Sörensen,</span></div> - <div class="verse mleft3">Direktor am Lyzeum Birkholz.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dein Freund Sörensen.</p> - -<p>Ja, das war die Wahrheit. Die junge Sörine würde sich nicht über die -Unterschrift wundern, die sah ja durch „Mauer und Holz“. Aber auch in -Birkholz würde niemand erstaunt und im Lyzeum niemand gekränkt sein, -denn dies Büchlein war mit seinem Namen abgeschlossen. Das fühlte er, -trotzdem es ihm niemand gesagt und trotz der vielen leeren Seiten, die -noch folgten. Solch ein feines, stilles, rührendes Buch mit den letzten -Liebesworten der toten Eltern, das gab man nur ganz wenigen...</p> - -<p>Und als ob er noch eine Bestätigung seiner inneren Gewißheit haben -sollte, fand er auf der allerletzten Seite noch eine Eintragung, -die wollte dem, der etwa doch einmal unbefugt hereinschaute, sagen: -hier ist kein Platz mehr, ich habe das Buch meiner Enkelin schon -zugeschlossen.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><span class="mleft2">Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“</span></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> - -<p>Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. — Und jung fühlte er sich mit -einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen...</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde, -die sich im Direktorzimmer abspielte. Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen -hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte -Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne -gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr -sowohl mit dem <em class="gesperrt">Lehrer</em>, als auch mit dem <em class="gesperrt">Vater</em> Asmus in -einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel -legen mußte.</p> - -<p>Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß -durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche -Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der -ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche -Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle -bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu.</p> - -<p>Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend -über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine -verwundete Löwin.</p> - -<p>Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte -aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der -sein wehrloses,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem -Stock gezüchtigt.</p> - -<p>Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn -Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich -hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes. -— Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt -ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin -ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich -immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“</p> - -<p>Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch -ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf -steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft, -sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht -vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit -leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung -des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen -eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals. —</p> - -<p>Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief -mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und -Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in -einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im -Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen -alten Stadt zu verzerren, hatte man die<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Häuser wenigstens in eine -weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den -anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug.</p> - -<p>Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf.</p> - -<p>Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem -Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind, -und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte -sich auch manches gespart haben.</p> - -<p>Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er -wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er -sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel -suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er -die Umrisse einer weiblichen Gestalt.</p> - -<p>„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte -Sörensen.</p> - -<p>„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort.</p> - -<p>„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner -Schülerin, d. h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“</p> - -<p>„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die -Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber -die leidigen Kopfschmerzen, — Agnes behauptete, sie würde nicht folgen -können...“</p> - -<p>Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über -einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p> - -<p>Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt.</p> - -<p>Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen, -schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen -Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes -Blättchen zu treiben. —</p> - -<p>Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen -Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von -häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem -Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten -stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn -gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß -die blasse Agnes Asmus und arbeitete.</p> - -<p>„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube -anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen -zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei. -Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“</p> - -<p>Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank -und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen -Augen ihn anschaute.</p> - -<p>Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in -haltloses Schluchzen ausbrach.</p> - -<p>„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> Frau Asmus. — -„Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich -zusammen!“</p> - -<p>In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief -hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme -verhandeln.</p> - -<p>Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.</p> - -<p>„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude. -Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens -Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.</p> - -<p>Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann -erneutes Weinen, heftiger als zuvor.</p> - -<p>„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.</p> - -<p>„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht -will ich es tun.“</p> - -<p>„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“</p> - -<p>Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“</p> - -<p>„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit -jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“</p> - -<p>Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts -Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen, -abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß -nur, das ist nun mal nicht anders.</p> - -<p>Frau Asmus schien draußen mit der andern Person<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> in Streit geraten zu -sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.</p> - -<p>„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter, -und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte. -„Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war -sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s -nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich -zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn -z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen, -— vielleicht bin ich jetzt krank...“</p> - -<p>In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.</p> - -<p>„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern -sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen -sollen...“</p> - -<p>Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein, -o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie -angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige — — ich darf ja sonst nie -mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie -die Hände sinken.</p> - -<p>Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und -Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die -Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie -sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr -Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß -man eine halbe Stunde vor ihm katz<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>buckelte auf dem Magistrat, ehe er -sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat, -als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben. -Wenn <em class="gesperrt">ich</em> reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“</p> - -<p>„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war -aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein -liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen. -Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir. -Soll ich?“</p> - -<p>„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen -können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, — —“ Agnes deutete auf -ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, — ich habe sie nicht -verstanden...“</p> - -<p>„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“</p> - -<p>„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch, -daß ein Lehrerkind, <em class="gesperrt">unsere</em> Tochter, von Fräulein Nissen einen -Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“</p> - -<p>Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich -unter diesen Augen.</p> - -<p>„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal -gütig, und dann ging er.</p> - -<p>Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.</p> - -<p>„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir -vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe. -Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein -Ordinarius.“</p> - -<p>„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.</p> - -<p>„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus. -„Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer -die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater -hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf -dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, -aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern -ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber -noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das -erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß -der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen -war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr, -als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.</p> - -<p>Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder -an, da — trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von -dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich -der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief -auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts- -und Werbemarken leuchteten obenauf.</p> - -<p>Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der -rote Zorn stieg in ihr Gesicht und<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> wollte losfahren, aber als sie das -Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß -aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und -barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos: -„Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß -ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr -mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“</p> - -<p>Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen, -wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der -Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.</p> - -<p>Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort -entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf. -Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett -und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. -Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück, -und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend -scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen -war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe -und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der -Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der -Galgenstraße erkennen konnte.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="right mright2">Heidekamp, 1. April.</p> - -<p>Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am -liebsten die Engel hatten?<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Und bei den Märchen die Feen? Die dann so -plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt -heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme -mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast -mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von -Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. -Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg -verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein -geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch -ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost -und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen -scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, -meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir -vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster -Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten -soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur -Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli -so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große -Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit -Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen -könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht -wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau -so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu -schön,<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder -heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht -verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen -habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott -bei Dir ist. Und ich auch.</p> - -<p class="right mright2">Deine treue Sörine Heidekamp.</p> - -</div> - -<p>Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift -und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die -rechte Stelle.</p> - -<p>Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete -den Brief auf ihr warmes, junges Herz.</p> - -<p>Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und -mit diesem Lächeln schlief sie ein. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.</p> - -<p>Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit -fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus -irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch <em class="gesperrt">ihren</em> Geburtstag -für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit <em class="gesperrt">Jahrenden</em>“ -(wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt. -Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt -wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt -auf dem Felde der Unehre liegen blieb.</p> - -<p>Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung -und fliegender Hitze, und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> man tat gut, an diesem Tage nicht gerade -verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.</p> - -<p>Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor -erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer -abgesagt hätte und was es „gab“.</p> - -<p>Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon -lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.</p> - -<p>Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte -oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt -den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur -ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte -nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die -inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „<em class="gesperrt">5. April</em>!“</p> - -<p>Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem -Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen, -die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten, -sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden -in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel -wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos -grabenden Silberlöffeln abgetragen.</p> - -<p>Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über -den dampfenden Tassen.</p> - -<p>Nur nicht so freundlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und -den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“, -„Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an -Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.</p> - -<p>Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde -mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der -lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. —</p> - -<p>Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige -Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche -Redeschlacht entfesseln sollte.</p> - -<p>Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau -Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die -erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer -heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.</p> - -<p>Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich -darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Lyzeum und sein neuer Direktor.</em></p> - -<p>„Mir hat er <em class="gesperrt">gar</em> keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker -Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und -hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des -Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche -Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte, -auch nur ein Wort zu sprechen. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> - -<p>„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“</p> - -<p>Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich -verarbeitet.</p> - -<p>Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief: -„Da muß man doch erst mal fragen, ob er es <em class="gesperrt">kann</em>.“</p> - -<p>„Ohhh!“</p> - -<p>„Aber!“</p> - -<p>„Ach, du großer Gott!“</p> - -<p>„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“</p> - -<p>„Es gehen da seltsame Gerüchte um, — ich bekümmere mich ja so wenig um -das Treiben und Reden der anderen...“</p> - -<p>„Hm, hm.“</p> - -<p>Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte -nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. —</p> - -<p>„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte -spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann, -die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.</p> - -<p>„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und -beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,... -„er sei nicht mehr frei.“</p> - -<p>Ahhh!</p> - -<p>Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen. -Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der -Enttäuschung eine verschiedene war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> - -<p>Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu -nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen -herfallen.</p> - -<p>„Aus <em class="gesperrt">ganz</em> einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“</p> - -<p>„Wie? Unehelicher Sohn?“</p> - -<p>„Der Vater Schneider oder Schuster?“</p> - -<p>„Das wäre ja die Höhe.“</p> - -<p>„Und der wagt es...“</p> - -<p>„Heimlich verheiratet?“</p> - -<p>„Zwei Kinder.“</p> - -<p>„Aber da muß doch eingeschritten werden!“</p> - -<p>„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“</p> - -<p>„Aber ganz sicher.“</p> - -<p>„Wer von uns sollte es weiter sagen?“</p> - -<p>„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau -<span class="antiqua">Dr.</span> Niebert das Wort. „Ich bin ja nun <em class="gesperrt">ganz</em> unparteiisch, -denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor -Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht, -gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, — so ist uns -ja im Grunde der Herr <span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen höchst gleichgültig. Aber was -Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich <em class="gesperrt">sehr</em> -interessant.“</p> - -<p>„Darf sie denn das?“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Aus der Schule erzählen.“</p> - -<p>Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich,<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> wurde durch -wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl -zurückgeschleudert.</p> - -<p>„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter -Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit -gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und -läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den -Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur <em class="gesperrt">eine</em> Klage -geht, hält er die Hand, und das geht immer <em class="gesperrt">Herr</em> Harks hin und -<em class="gesperrt">Herr</em> Harks her, sagt Fräulein Nissen, — na und man weiß doch... -hm...“</p> - -<p>Verständnisvolles Flüstern und Nicken.</p> - -<p>„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen, -aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend -jemand salbungsvoll.</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Brav</em> war sie <em class="gesperrt">auch</em>,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein, -„sie hat drei Jahre bei mir gedient.“</p> - -<p>Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der -bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem -energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte -ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.</p> - -<p>Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen: -„Ja, <em class="gesperrt">so</em> brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“</p> - -<p>Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen -Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und -rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> - -<p>„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das -Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, <span class="antiqua">pro</span> und -<span class="antiqua">contra</span>. Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen und Lehrer Hansohm -schwören ja auf die neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine -einfach lächerliche Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein -Doktor gebildet, — guter Gott, ich will nichts sagen, — sie könnte ja -wohl beinahe seine Mutter sein, aber...“</p> - -<p>„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“</p> - -<p>„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme -der Frau Postdirektor Hagedorn.</p> - -<p>„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige -Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie -nicht miteinander‘.“</p> - -<p>„Sehr richtig.“</p> - -<p>„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei -gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß -er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch -in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“</p> - -<p>Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte -zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser -Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief -sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller -wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die -vernichtenden Worte:</p> - -<p>„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> - -<p>„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein -furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe -nur Gutes, nur das <em class="gesperrt">Beste</em> von Herrn <span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen gehört. -Die Kinder schwärmen alle für ihn.“</p> - -<p>„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber -mit was hört es auf?“</p> - -<p>Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört -es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen -denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner -Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern -Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über -ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“</p> - -<p>Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter -waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer -Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über -Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.</p> - -<p>Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche -Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht -ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.</p> - -<p>Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen -Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren. -Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz -etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> gerade -über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name -auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie -verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht -erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das -Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe, -— Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen — und so konnte der -eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen -Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare -einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling -bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte, -bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten -gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm -in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun -muß sich alles, alles wenden!“</p> - -<p>Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war -Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus, -und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges -Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich -unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. —</p> - -<p>Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> mit hinübergetan. -Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, — wenn er sie -Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das -kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr -Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.</p> - -<p>Er überlegte.</p> - -<p>„Herein!“</p> - -<p>Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein -zaghafter Finger getan haben konnte.</p> - -<p>Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.</p> - -<p>Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in -sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was -willst du?“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase -und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen, -denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend -versicherte.</p> - -<p>„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“</p> - -<p>Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit -drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp — — bist du krank?“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag -willenlos in der seinen.</p> - -<p>„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<p>„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“</p> - -<p>Sie nickte unmerklich.</p> - -<p>„Und was willst du nun hier?“</p> - -<p>Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich -zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben -möchte ich, — bis — bis — unser Wagen kommt...“</p> - -<p>„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich -nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan. -„Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Bitte, bitte nicht.</em>“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte -Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer -von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das -Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.</p> - -<p>„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, — ich sorge mich um dich. Bist du -nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“</p> - -<p>Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde -Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...</p> - -<p>„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als -ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich -ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das -schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.</p> - -<p>Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges -Mal nach dem Trotzkopf um. War es<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> wirklich ein Trotzkopf, dann sollte -er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich -spaßen lasse. — Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und -man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als -einen gleichaltrigen Knaben.</p> - -<p>Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...</p> - -<p>Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen -und wahrhaftig — da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und -wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen, -rennen, fliegen...</p> - -<p>Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto -ratterte davon, — er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.</p> - -<p>Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?</p> - -<p>Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der -zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon -die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.</p> - -<p>Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter -den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein, -andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher -heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war -er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.</p> - -<p>Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr -Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> finden, weiß Gott, wo sie -stecken mag. Das kann auch nur <em class="gesperrt">dieses</em> Mädchen, — aus der Stunde -einfach fortlaufen — — Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich, -ich — — —“</p> - -<p>Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere, -aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all -die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen. -Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem -abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als -könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen, -heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz, -— jetzt vor den Kindern, — Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch -einmal mit mir herüber.“</p> - -<p>Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig -mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen, -nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte. -Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu -erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.</p> - -<p>„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, — ich ließe dich lieber -rasch nach Hause gehen, aber, — habe ich recht, wolltest du mich -sprechen?“</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß -nach Hause gelaufen...“</p> - -<p>„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so -gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie -schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht, -und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe, -so lebhaft erzählte sie.</p> - -<p>„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“</p> - -<p>Ein scheues „Ja.“</p> - -<p>„Willst du es mir erzählen?“</p> - -<p>„Ich weiß es nicht.“</p> - -<p>„Hast du Vertrauen zu mir?“</p> - -<p>„Ja, ja!“</p> - -<p>„Nun also. Dann frisch drauflos.“</p> - -<p>„Ich — — ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse -sein, Herr Direktor — — es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“ -Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.</p> - -<p>„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein -Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem -du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“</p> - -<p>„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein -Doktor,“ setzte sie leise hinzu.</p> - -<p>„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im -Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr -erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen -Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> - -<p>„Danke. — Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“</p> - -<p>„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der -Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen -Trostbrief an die Manteltasche stecken.“</p> - -<p>„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.</p> - -<p>Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.</p> - -<p>Es vergingen kaum zehn Minuten.</p> - -<p>Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen kam erregt zu ihm.</p> - -<p>Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme -Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich. -Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel -besessen. Sie, — wie sag’ ich — sie ist ein Neutrum, sie hat nichts -Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, — daß -ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun -kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger — -wie die Sörine — Herrgott im Himmel, — zerstört hat sie — zerstört, -— wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“</p> - -<p>Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen -Herzen.</p> - -<p>Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab, -und sein wackres Herz war voll Zorn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein -Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter. -Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf -salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich -Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche, -wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen -strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte -manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die -verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz -in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner -Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig, -auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt -zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr -dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr -Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte -sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht -fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte -vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer -Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die -ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.</p> - -<p>Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde -gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich -ergehen.</p> - -<p>„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Pappe,“ rief Kahl -gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“</p> - -<p>Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn -ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.</p> - -<p>„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze -ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber -nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden. -Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht -preisgeben.“</p> - -<p>„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde -das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“</p> - -<p>Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches, -spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. —</p> - -<p>„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt, -wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern -nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade -verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“</p> - -<p>„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.</p> - -<p>„Will ich auch. — Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie -denken Sie denn über den Fall?“</p> - -<p>„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar -sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen -hat.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> - -<p>„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr -verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste, -zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann? -Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem -Idealismus.“</p> - -<p>Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel: -„Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich -einpacken.“</p> - -<p>„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine -Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der -Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen -Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler. -Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus -gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich -vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer -beneidet, — ich tu’s nicht mehr.“</p> - -<p>„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig -fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei -Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein -lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen -über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung -hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner -Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir -sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben, -meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> geworden, um ihre Rechte -gegen eine Welt von — Nissens zu verteidigen.“</p> - -<p>Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung -und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben -gehandelt...“</p> - -<p>„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn -Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei -das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum -bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können -Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“</p> - -<p>„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür -gegeben.“</p> - -<p>„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es -hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist -Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“</p> - -<p>„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“</p> - -<p>„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“</p> - -<p>„Herr Provinzialschulrat!!!“</p> - -<p>„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur -Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“ -<span class="antiqua">Dr.</span> Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer, -dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau -von Heidekamp gekannt?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p> - -<p>„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der -Engelkunde zutrauen, — aber — so — geradeso wie Frau Lore von -Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe -sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein -Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. <em class="gesperrt">Ihrer</em> Tat -hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“</p> - -<p>„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt -Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich -selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich -alle durchaus ruhig verhalten.“</p> - -<p>Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter, -leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die -Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse -gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben -hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult -worden.“</p> - -<p>„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer -rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: <span class="antiqua">De mortuis nil nisi -bene.</span>“</p> - -<p>„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn -Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein -Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser -unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“</p> - -<p>„Was heißt ‚damals‘?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p> - -<p>„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte -Klasse.“</p> - -<p>„Die <em class="gesperrt">vierte</em>!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf -den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern -verlassen?“</p> - -<p>Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. <span class="antiqua">Dr.</span> -Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben, -Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes -Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren -Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“</p> - -<p>Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch -sehr dafür...“</p> - -<p><span class="antiqua">Dr.</span> Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.</p> - -<p>„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte -Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so -wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in <em class="gesperrt">keinem</em> Fache ‚aufklären‘ -könnten.“</p> - -<p>Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.</p> - -<p>„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die -Sache besorgt, so konnte man den <span class="antiqua">lapsus</span> ihrer Jugend und — -sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten -sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“</p> - -<p>„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen -gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“</p> - -<p>In Sörensens Stirn zog zornige Röte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p> - -<p>„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser -kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist -es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, — heute -ist ja doch die ganze Stadt voll davon, — eine Flut von Briefen hat -sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe -und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe -eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. —“</p> - -<p>Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.</p> - -<p>„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit -Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an -die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem -Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“</p> - -<p>„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig -hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen -Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer auch schon -wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im -Ministerium nennt.“</p> - -<p>„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der -Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen -zitterte vor Gereiztheit.</p> - -<p>„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben, -einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der -Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“</p> - -<p>„Und der Grund?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p> - -<p>Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die -Antwort. —</p> - -<p>Lehrer Hansohm trat zu Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen: „Geben Sie mir -die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“</p> - -<p>Sie nickte ernst.</p> - -<p>„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp -in diesem Kollegium.“</p> - -<p>Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des -Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen -vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche -Stille.</p> - -<p>Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt -sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend -damit durch die Luft.</p> - -<p>„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich -das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe -Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in -ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre -Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das -riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen — und ich habe -vergessen, daß es ein <em class="gesperrt">Lyzeum</em> in Birkholz gibt. Denke nur noch an -das Birkholz. Ahhh!“</p> - -<p>Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.</p> - -<p>„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie -sich ein bißchen in acht, beinahe hätten<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Sie mir den Hut vom Kopf -geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“</p> - -<p>„Ich dachte an <em class="gesperrt">meine</em> zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen -würde, wenn <em class="gesperrt">mir</em> das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre -Distel vom vergangenen Jahr.</p> - -<p>Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“</p> - -<p>„Ja. — Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in -Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“</p> - -<p>„Sie sind blutdürstig. — Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten -Ihnen wertvoll sein.“</p> - -<p>„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem -Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren -schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück. -„Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich -habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen -in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“</p> - -<p>Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen war sehr blaß geworden.</p> - -<p>„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.</p> - -<p>Und dachte, — ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn -er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige -Liebe sei.</p> - -<p>Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben. -Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war -für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die -Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, ge<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>scheite Schwester, -die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und -ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden -Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete -Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter -noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging, -nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat -dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor -sich selbst nannte.</p> - -<p>Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten -Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen -Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es -ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und -so häßlich sei. —</p> - -<p>„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide -wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“</p> - -<p>Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten -wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück, -die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.</p> - -<p>Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und -es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester -nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine -Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die -liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> - -<p>Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem -Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. —</p> - -<p>Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem -blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch, -neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.</p> - -<p>„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit -unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das -köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur -Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten, -unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und -auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders -tat es die Lore nicht.“</p> - -<p>Diese hantierte noch emsig in der Küche.</p> - -<p>„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte -Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen. -Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen -bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten. -Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben -Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in -die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“ -in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die -stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und -später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<p>Dazu im Winter die Gesellschaften.</p> - -<p>Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen -Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für -sieben hungrige Mäuler reichen mußte. — Denn Mama verstand es, selbst -das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten -meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und -Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu -hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß -Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur -um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser -verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters -Geige singen zu hören.“</p> - -<p>„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu -vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt -haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie -um, Fräulein Stavenhagen.“</p> - -<p>Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun -trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die -gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete -Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte -die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.</p> - -<p>Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren -Kartoffeln und Bratklopsen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> - -<p>Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor -fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte -eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig? -<em class="gesperrt">So</em> viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“</p> - -<p>Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er -zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in -eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an -der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so -liebte es der Lauscher da draußen.</p> - -<p>Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das -behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende -und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück. -Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm. -Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune -Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und -alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden, -verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin -einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für -fünfzehn Mark.</p> - -<p>Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein -paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und -präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen -spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als -Sö<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>rensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. —</p> - -<p>„So, — nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir -gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein -Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“</p> - -<p>Er ließ den Worten die Tat folgen.</p> - -<p>„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich, -die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.</p> - -<p>Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir -nie...“ stotterte er.</p> - -<p>„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege -Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen. -Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng -daheim, deshalb eilte ich her...“</p> - -<p>„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein -Doktor mit ihrer tiefen Stimme.</p> - -<p>„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und -zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.</p> - -<p>„Aber <em class="gesperrt">wie</em> Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“ -Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.</p> - -<p>„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern -eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der -Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden -eine Pfeife, — beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife <em class="gesperrt">bringt -mir</em><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich -zu Sinn.“</p> - -<p>Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den -freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die -man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer -Gegenwart.</p> - -<p>Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine -andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach -und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.</p> - -<p>Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang -hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich -von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend -zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich -fange jetzt erst an zu leben.“</p> - -<p>So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um -seine Bewegung zu verbergen.</p> - -<p>Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor -auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt -gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann -Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe -habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen -durch meine Räume.“</p> - -<p>„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen. -„Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im -höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja -einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“</p> - -<p>„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit -ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie -kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte -sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr -Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“</p> - -<p>„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert -sie aber den letzten Rest Hochachtung vor <em class="gesperrt">mir</em>, und das wäre vom -Übel. Guten Abend und Dank!“</p> - -<p>„Halt, — ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen -Kanadier?“</p> - -<p>Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte -holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas -Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen -Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade, -schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos -hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“</p> - -<p>„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch -ordentlich in die Schule nehmen.“</p> - -<p>Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie -grüßten und der kurzsichtige Sörensen<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> dankte. „Haben Sie viel Freunde -und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“</p> - -<p>„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine -Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das -Kollegium.“</p> - -<p>„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“</p> - -<p>„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“</p> - -<p>„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen -nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in -dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine -ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht -gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“</p> - -<p>„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den <em class="gesperrt">werdenden</em> Menschen. Ich bin allen -Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“</p> - -<p>„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie -Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“</p> - -<p>„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon -engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher -beim Herrgott haben...“</p> - -<p>„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.</p> - -<p>„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig... -Klaus Hansohm weiß es schon<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> lange. Deshalb sieht er der Schwester -ja alles an den Augen ab, und — ich habe gesehen, wie er sie einmal -abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“</p> - -<p>„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege -Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“</p> - -<p>„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz -herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“</p> - -<p>„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe. -Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr -fest die Hand. „Gute Nacht!“</p> - -<p>Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe -im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk -knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte -sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen -Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß -Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.</p> - -<p>„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in -weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von -ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen -alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht, -weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. — Ich konnte heute nicht -einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem -Mannsbild techtelmechteln...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<p>„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Kor</em>rekter??? <em class="gesperrt">Dir</em>ekter!!! Aha! Ich habe recht! Das -Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes -Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir -haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“</p> - -<p>„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“</p> - -<p>„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im -Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin -sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich -heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“</p> - -<p>„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“</p> - -<p>„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr. -Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz -geschlendert wären...“</p> - -<p>„Auch <em class="gesperrt">das</em> haben Sie gesehen?“</p> - -<p>„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch -krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind -das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“</p> - -<p>„Und das häßlichste.“</p> - -<p>„Nein, den Ruhm nehme <em class="gesperrt">ich</em> in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie -das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er -die Schönheit für Sie mit.“</p> - -<p>„Finden Sie ihn schön?“</p> - -<p>„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem -verlangenden Herzen. Na, wie ich<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> über die Mannsleute im allgemeinen -denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir -gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ <em class="gesperrt">geschrien</em>. Damit -er sich nur nicht verhörte.“</p> - -<p>„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“</p> - -<p>„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also -los? Beichten Sie mal.“</p> - -<p>„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu -nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche -Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“</p> - -<p>„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“</p> - -<p>„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für -allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie -geschehen, hören Sie? Nie.“</p> - -<p>„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘, -hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber -Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf -und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“</p> - -<p>Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du -da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für -die Kinder an seiner Schule...“</p> - -<p>„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für -Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p> - -<p>„Ich bin sechsunddreißig.“</p> - -<p>„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist -eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen -eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist, -erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es -wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten -ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“</p> - -<p>„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.</p> - -<p>„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder -Generaldummheit begangen habe.“</p> - -<p>„O das ist schändlich!“</p> - -<p>„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors -wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“</p> - -<p>„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“</p> - -<p>„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer -gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch -zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer -Lyzeum haben.“</p> - -<p>„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor -lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“</p> - -<p>„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor -lauert auf mich.“</p> - -<p>„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> hat endlich nach -einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der -zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige — ach, ich weiß ja — -kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im -Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie -haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, — -sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich -erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite -Klasse...“</p> - -<p>„Weiter, weiter...“</p> - -<p>„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen -sagt...“</p> - -<p>„So? Sagt Sörensen?“</p> - -<p>„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz -rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat -schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen -hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied -zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel -ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später -sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da -schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die -Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon -manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus -erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, — es wird alles -richtig sein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p> - -<p>„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte -beide Hände ihres Gastes.</p> - -<p>„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des -Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens, -mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der -Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“</p> - -<p>„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. — -„Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem -Oberboden holen. — Nun und wie verhält sich der Direktor?“</p> - -<p>„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter -eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder -noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er -Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“</p> - -<p>„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch. -„Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“</p> - -<p>„<span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen geht fast gar nicht aus...“</p> - -<p>„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen, -dann <em class="gesperrt">muß</em> er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber -nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den -Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen -Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht. -Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p> - -<p>Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten -sich die beiden Hausgenossen.</p> - -<p>Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem -alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff -stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte, -daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß -wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften. —</p> - -<p>Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute, -kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen -Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall -war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe -durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal -vor und las ihn zum zweiten Male:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="right mright2">Geehrter Herr Direktor!</p> - -<p>Dazu ist die <em class="gesperrt">Mutter</em> da. Wollen Sie dieses mit einer schönen -Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie -ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr -Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit -ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die -Martha, die nun<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit -zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule, -wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte -sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir -zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an -Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer -geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen -Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch -ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen -habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen -verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch -und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr -Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht -verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze -Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den -Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern -gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine -Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß -alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran, -daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, <em class="gesperrt">heilig</em> ist. Denn -die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und -wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da -müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die -Worte<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte -Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus -entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich -beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den -Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen -Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir -Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo -keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete -Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse -hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß -deinen Fürwitz.“</p> - -<p class="mleft7">Achtungsvoll</p> - -<p class="right mright2">Frau Schlossermeister Steinicke.</p> - -</div> - -<p>Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang -zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür -hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der -alte Freiherr.</p> - -<p>Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu -begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf -sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit. -Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und -fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen -Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein -langer, weißer, sorgfältig<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> gepflegter Patriarchenbart vervollständigte -die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige -Brauen große Kühnheit gaben. —</p> - -<p>Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen, -hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen, -aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.</p> - -<p>„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als -Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren -Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchs<em class="gesperrt">karte</em> erwidern wollte. -Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran -dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen. -Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen -schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue -Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie, -der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten -hätten. — Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse -werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den -Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach -der Ochsentour geht...“</p> - -<p>„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich -annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen -wollen...“</p> - -<p>„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein -schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu -Ihnen gekommen, sondern war erst<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht -meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine -Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000 -Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, — na, das ist -Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen, -sondern verwies mich sofort an Sie.“</p> - -<p>„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller -Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst -zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“</p> - -<p>„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und -ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war. -Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter -nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und -dann erst zu ihm.“</p> - -<p>Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da -habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums, -erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“</p> - -<p>Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er -kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit -einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang -frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben -Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“</p> - -<p>Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.</p> - -<p>„Herr von Heidekamp, — ich fühl’s, es wird Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> schwer, zur -eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben -wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden -herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘ -sprächen... wenn Sie — — verwunden könnten ...“</p> - -<p>„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann -plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine -gemacht???“</p> - -<p>Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und -schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.</p> - -<p>„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage -des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst -schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber -die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger -Geist in ihr...“</p> - -<p>„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul -unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre -Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“</p> - -<p>„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an? -Aber — aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich — ich wollte ja -schimpfen, — ich wollte ja dieses — dieses — Fräulein Nissen, es -fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“</p> - -<p>„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp,<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> ich möchte nichts -dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die -Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“</p> - -<p>„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der -Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von -ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“</p> - -<p>„Ist Sörine krank?“</p> - -<p>„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott, -wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“</p> - -<p>„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“</p> - -<p>„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der -Heide...“</p> - -<p>„Und versäumt die Schule.“</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor -den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen -niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank -entrinnt?“</p> - -<p>„Ja, das verlange ich allerdings. — Herr von Heidekamp, Sie hätten ja -Ihre Sörine abmelden können, — das würde ich sehr bedauern, aber ich -könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so -lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“</p> - -<p>„Herr Direktor, — Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen -der Mädchenseele gesprochen...“</p> - -<p>„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte -morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> von Sörine ist ja ihre -Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin -getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres -Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem -Herzen...“</p> - -<p>„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, — meine -lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug -geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief -nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte -Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem -Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf -dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr -Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht -etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war -sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen -heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe -kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter — — —‘ Das war ihr -Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“</p> - -<p>„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis <em class="gesperrt">jetzt</em> schon,“ -sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.</p> - -<p>„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so -unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es -wird das Rechte sein. —“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> haben den Schleier -von Sörines Kindereinfalt gerissen, — sanfte Mutterhände werden die -Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine -tapfere Schülerin zu sehen.“</p> - -<p>Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die -klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn -noch um Etliches überragte.</p> - -<p>„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte -Sörensen.</p> - -<p>„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll -hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber -wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner -Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß -ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht -an den törichten Ausspruch...“</p> - -<p>„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem -Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres -Vorurteils gekommen bin.“</p> - -<p>Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der -Küchentür stand knixend Frau Dietz.</p> - -<p>Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine -Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem -Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“</p> - -<p>„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den -Toten nichts Übles reden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p> - -<p>Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren -davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte -sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr -für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Sonntag abend</em>.</p> - -<p>Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich, -das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die -Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann — dies Heidekamp. Hab’ -Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen -Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch -keinen in Birkholz erlebte. —</p> - -<p>Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare -Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem -Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des -Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In -welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!</p> - -<p>Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch -ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich -daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen. -— Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.</p> - -<p>Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis -ist prächtig. Grauchen und ich<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> sind gute Freunde geworden. „Wir haben -beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich -dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich -komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“</p> - -<p>Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir -eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben -mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes -Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte -und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche -Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? — Wie wir heute da draußen Pläne -schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und -uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du -jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner, -gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. —</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dienstag abend</em>.</p> - -<p>Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten -Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der -jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus -bereden <em class="gesperrt">müßte</em>. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen -beiden, daß ich wohl als Direktor dem <em class="gesperrt">Lehrer</em> Asmus etwas zu -befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte -gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige -Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgend<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>welche -Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, — -nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau -Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne -in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las -ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte -Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir -nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja -täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie -davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“ -Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem -Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s -merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich -kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf -nicht merken, daß ich dahinterstecke.</p> - -<p>Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur -zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das -arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die -Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.</p> - -<p>Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das -erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht -Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne -und Liebe hungern soll, — Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ostersonntag abend.</em></p> - -<p>Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.</p> - -<p>„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.</p> - -<p>Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue -Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus -hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist -beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her -eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der -mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff, -entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich -zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst, -daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der -weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und -— Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in -Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine -Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens -den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen. -Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein. -Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, — so konnten schon -„das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. — Und die Frau -Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen, -saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> Frauen der -Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn -mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne -Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege -Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...</p> - -<p>Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und -fragte...</p> - -<p>Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da -der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr -dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!</p> - -<p>Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein -Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen -Heimweg gesprochen.</p> - -<p>Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den -schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr -sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.</p> - -<p>Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein -Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber -es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden, -liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach -den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien -niemand verreist, und so<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in -der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte -für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten -zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den -stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester -Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten -Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der -sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der -kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores -Lachen.</p> - -<p>Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert. -Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er -parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur, -wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei -einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in -<em class="gesperrt">Ihrer</em> schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“</p> - -<p>„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich -entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien -so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich -leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu -bringen.“</p> - -<p>„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf -seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, — Gott soll mich -bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau -Kahl annimmt.<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr -Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“</p> - -<p>„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt -vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter -spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen. -— Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“</p> - -<p>Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter -gespielt haben...“</p> - -<p>„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle -zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“</p> - -<p>„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“</p> - -<p>„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen -Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore -nicht genug Mittagessen gegeben.“</p> - -<p>„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes -Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore -zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir -neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“</p> - -<p>„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“</p> - -<p>„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche -Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose -Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik -unterstützt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p> - -<p>„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie -er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“</p> - -<p>„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer -Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im -Deutschen Reich, wo er seine <em class="gesperrt">Unkenntnisse</em> verwerten konnte.“</p> - -<p>„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch -schon unter Clausen segensreich wirkten?“</p> - -<p>„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“</p> - -<p>„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist -übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant, -sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl -eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher -und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst -aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau -dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“</p> - -<p>„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend. -„Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute -undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört -sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst, -noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau -Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr -verhaßt, eine strahlende<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen -Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer -fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die -Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff -ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich -verärgert zurückgezogen.“</p> - -<p>„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“</p> - -<p>„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie -nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt -sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr -Neustes eingerissen, — das ist so was für Frau Professor Traute.“</p> - -<p>„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein -Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier -das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen. -Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“</p> - -<p>„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um, -der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits -mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht -gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein -Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“</p> - -<p>„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war -zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen -gesellt, einer feinen, älteren Frau,<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> die ihm sofort von „ihrem Hans“ -erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis -das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.</p> - -<p>Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt -plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen -unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich -wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt, -wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen -Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“</p> - -<p>„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut -und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt, -wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und -Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor -Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig, -über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit -dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit -ab.</p> - -<p>„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere -zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz, -vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse -Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es -möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das -Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber -nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die -ist nicht von Pappe. Und sie<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> grüßte mich heute auf der Straße mit dem -Kopfneigen einer jungen Prinzessin, — nur so eben gerade, — weil ich -sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“</p> - -<p>„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was -sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir -eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen, -‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“</p> - -<p>Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach -Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“</p> - -<p>„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“</p> - -<p>Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“</p> - -<p>„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt -schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der -jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den -Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich -weiß ja, daß sie der <span class="antiqua">Nervus rerum</span> der Klasse ist, ein rechtes -Mütterchen...“</p> - -<p>„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein -Doktor ein.</p> - -<p>„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem -Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich -aufhängen.“</p> - -<p>„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und -streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p> - -<p>„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“ -forschte sie dann. —</p> - -<p>„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp -ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das -Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach -der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das -Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht -am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, — Fräulein Doktor, ich -sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht, -daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb -kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche -und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für -Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte -von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein -Ritter des <span class="antiqua">ancien regime</span>...“</p> - -<p>„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich -Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und -kann sie nicht finden, — nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen -Wohltätigkeit. — Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift -auf?“</p> - -<p>Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf -diese Frage zurückkam.</p> - -<p>„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete -freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut. -Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen -Herzenswunsch drangeben.<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend -ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn -ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“</p> - -<p>Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein -Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen -Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem -besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte -wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel -älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...</p> - -<p>Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon -die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma -eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten -liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.</p> - -<p>Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und -empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den -Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre -Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“</p> - -<p>„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts, -fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor. -Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen -Lachen zog sich Frau Traute zurück.</p> - -<p>Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das -unterste Ende setzte, konnte die Würde<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> nicht so streng gewahrt und -durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher -„dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf. -Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das -gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren -viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise -gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit -zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im -Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine -gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert, -umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für -Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die -Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen -Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun -war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes -Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie -Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau -umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke -auf den Teller legte.</p> - -<p>„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“ -sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter -Zeit.“</p> - -<p>„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor -zweifelnd.</p> - -<p>Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> flüsterte: -„Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“</p> - -<p>Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben, -an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.</p> - -<p>Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.</p> - -<p>Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein -Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen -Fleck.</p> - -<p>„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er -bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt. -Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr! -Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: <em class="gesperrt">Jetzt läßt -er sein Nachtlicht leuchten!</em>“</p> - -<p>„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen! -Teure Freunde! Liebe Frau!“</p> - -<p>„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit -heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm -Sörensen mit dem Finger drohte.</p> - -<p>Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und -innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der -Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie -ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine -Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das -„tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> betonte, sowie -das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.</p> - -<p>„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen -Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins -Ungemessene. —</p> - -<p>Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte -Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen -Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt, -die vorbildliche Einigkeit, das ist meine <em class="gesperrt">Hoffnung</em>. Rechnen Sie -immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“</p> - -<p>„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.</p> - -<p>„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter -Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich) -uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte. -Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene -Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die -Stavenhagen an, — es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts -gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht -auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf -Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“</p> - -<p>Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.</p> - -<p>Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in -Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau -Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute, -ohne aus<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>drückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu -tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der -sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet -hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm -und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein -paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen -leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.</p> - -<p>Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in -Augenschein zu nehmen.</p> - -<p>Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in -den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke -lehnten sich an die Bäume.</p> - -<p>Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe -modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen -Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen -Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen -zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom -Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft -die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie -einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer -Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. —</p> - -<p>Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn -aufrichtete und mit Kreidestrichen<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> in Felder teilte. Er rief einen -Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und -begann die Bahn zu säubern.</p> - -<p>Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches -Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und -lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl -sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar -herausfordernde Augen.</p> - -<p>Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn -setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich -hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“</p> - -<p>Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin -auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie -nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.</p> - -<p>„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.</p> - -<p>„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der -jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie -in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah -die Frau lauernd an.</p> - -<p>„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl -entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn. -Nach einer Weile stand die Frau auf.</p> - -<p>„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> zu, und sie -diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der -kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte -sie auf den Tisch.</p> - -<p>Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie -nachdenklich in der Hand.</p> - -<p>Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die -Frau auf Kahl zu.</p> - -<p>„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.</p> - -<p>„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.</p> - -<p>Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß -ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen -Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“</p> - -<p>Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.</p> - -<p>„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in -seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man -die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege -Kahl, können wir kegeln?“</p> - -<p>Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt -den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und -verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam -den Kopf.</p> - -<p>„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des -Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt -darin. Ich selbst habe eben einen<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> Geist gesehen und wenn mich nicht -alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“</p> - -<p>Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft -rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.</p> - -<p>Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des -Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur -der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.</p> - -<p>„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den -dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn -dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“</p> - -<p>Man bildete Parteien und kegelte.</p> - -<p>Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten -Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte -scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune -herunter.</p> - -<p>Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.</p> - -<p>„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen -zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“</p> - -<p>„Herr Oberlehrer Kahl, <em class="gesperrt">Sie</em> werden mich immer unglücklich -lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.</p> - -<p>Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu -Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine -hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten -Gemütern auf, — ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er -abwehrt. —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p> - -<p>Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche -Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch -einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg -durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen -einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche -Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien. -Aber das fanden sie gerade entzückend.</p> - -<p>Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der -herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ -Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste -sie gutmütig durch die gespenstische Heide. —</p> - -<p>„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar -nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine -Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch -nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser -ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht -des so sehr Verehrten.</p> - -<p>„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete -der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten -geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte -schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“</p> - -<p>„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich -glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich -ja erst abwarten<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern -gleich herum, wenn Sie befehlen.“</p> - -<p>„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte -Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“</p> - -<p>„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht. -Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“</p> - -<p>Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war -bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick -Sörensens dankte ihm.</p> - -<p>Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein -Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um -unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe, -ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.</p> - -<p>„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß -sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“</p> - -<p>„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte -Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit -unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen -hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“</p> - -<p>Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie -durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen, -wollte sie Agnes helfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie -sanftmütig.</p> - -<p>„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“</p> - -<p>„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll -Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt, -— wie schaffe ich eine andere Freude?“</p> - -<p>„Darf sie also kommen?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes -schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene -Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes -gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer -beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“</p> - -<p>„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß -dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich -nichts von Herzensgüte ...“</p> - -<p>Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die -Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein -froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer -erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes -eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.</p> - -<p>Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p> - -<p>„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich -über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da -könnte ich zuschließen und...“</p> - -<p>„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn -sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch -wirklich die Wurzel alles Übels war.</p> - -<p>„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“</p> - -<p>„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne -Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts -anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“</p> - -<p>„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das -Mittagessen vorher...“</p> - -<p>„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich -zu.“</p> - -<p>Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.</p> - -<p>Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein -Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.</p> - -<p>Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der -in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb -Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal -Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit -einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute -friedloser...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene -Schuld,“ grollte Hansohm.</p> - -<p>„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen -mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine -Legion und besitze nicht ein einziges.“</p> - -<p>„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse -Weiber in Essig legt‘ und dann...“</p> - -<p>„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor. -„Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei -mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“</p> - -<p>Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den -Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht -noch auf derselben Stelle stehen.</p> - -<p>An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die -meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits -den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte -eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag -in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe -kränkend kurz und knapp.</p> - -<p>Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora -Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit -schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das -schwer hinter ihm ins Schloß fiel. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p> - -<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Sonnabend nacht.</em></p> - -<p>Das Skelett meines Hauses grinst.</p> - -<p>Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?</p> - -<p>Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt, -gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer, -willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.</p> - -<p>Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen, -wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande -warst.</p> - -<p>Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt -Einlaß.</p> - -<p>Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens -sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. —</p> - -<p>Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet. -Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und -treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein -Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein -Fältchen des Inneren verborgen bliebe. —</p> - -<p>Ich will ihr nicht schreiben.</p> - -<p>Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.</p> - -<p>Lebten meine Knaben noch, — vielleicht...</p> - -<p>Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen -soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine -Arbeitsjahre umsonst ge<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>wesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar -diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...</p> - -<p>Guter Herrgott, hilf mir!</p> - -<p>Ich bin ganz ruhig.</p> - -<p>Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.</p> - -<p>Ich will Lisette sprechen. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur -Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus, -tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges -Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum -lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und -Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und -hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße -so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“ -am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der -Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen -Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und -seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren. -— Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.</p> - -<p>Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende -stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. — Und -er und seine rührige<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche, -Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über -Nacht bleibenden Gästen. — Hatte er doch der hübschen, kecken Frau -Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern -ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu -ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl -manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas -Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen -setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann -ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er -hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen -beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben -anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im -Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.</p> - -<p>Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.</p> - -<p>War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so -einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob -da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine -Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung -wohne.“</p> - -<p>„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist -alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der -Polizei Bescheid zu holen.“</p> - -<p>So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum -Preisgeben seiner Geschäftsgeheim<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>nisse veranlassen wollte, der mußte -früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus -fallen. —</p> - -<p>Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten -geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.</p> - -<p>Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam -in sein strenges Gesicht blickte. —</p> - -<p>„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu -kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.</p> - -<p>„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.</p> - -<p>„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem, -wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe -nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist -dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“</p> - -<p>Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend. -„Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die -letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das -ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben -auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und -deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig -mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen, -Erne...“</p> - -<p>Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.</p> - -<p>„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder -auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld -verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen -wollten, er<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>zähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder -willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“</p> - -<p>„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein, -„und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“</p> - -<p>„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander -geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen -fürderhin nicht hältst, Lisette, — so zwingst du mich...“</p> - -<p>Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen -zurück?“</p> - -<p>„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes -Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern -soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg. -Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“ -lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich -mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht -das nicht länger.“</p> - -<p>„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt, -es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge -wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“</p> - -<p>„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da -erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug -machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als -hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen, -er mußte über Land. Schon als ihr ankamt,<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> habe ich euch beobachtet. -Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, — „die sah dich arg -verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“</p> - -<p>„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt, -daß ich nicht frei bin...“</p> - -<p>Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“ -murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“</p> - -<p>Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am -Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld -erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich -bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken... -Werde bald gesund! Leb wohl! —“ Er reichte ihr die Hand und ging mit -schweren Schritten.</p> - -<p>Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe -für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig -und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.</p> - -<p>Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und -beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm -nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein -zartes Mädchen, weinte.</p> - -<p>Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies -schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.</p> - -<p>Sie tastete sich zum Sofa.</p> - -<p>Und während sie sich dort von dem Krampf erholte,<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> überdachte sie -ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich -keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm -recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie -höflich der Wirt zu ihr war.</p> - -<p>Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen -Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.</p> - -<p>Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh -war, heute fortreisen zu können.</p> - -<p>Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel -häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen -hatte.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich -recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein -gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen -aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand -niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.</p> - -<p>Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch -ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die -Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.</p> - -<p>Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer. -Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem -das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen -Zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>räumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach -abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.</p> - -<p>„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich. -„Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“</p> - -<p>„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an? -Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“</p> - -<p>„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin -ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es -war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“</p> - -<p>„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so -eilig?“</p> - -<p>„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen -will.“</p> - -<p>Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das -Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm -sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.</p> - -<p>„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit -vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen, -Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen -vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“</p> - -<p>Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame -arg verstört und bekümmert dreinschaute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p> - -<p>„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“</p> - -<p>„Was ist denn geschehen?“</p> - -<p>„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen -gesehen, unsern Sörensen, <em class="gesperrt">meinen</em> Sörensen, wie er eine -Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar -gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen -Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“</p> - -<p>„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen -Schein blasser.</p> - -<p>„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag -Ihnen, Doktorsche, von <em class="gesperrt">dem</em> Manne schmerzt es mich, daß er nicht -ist, was er scheint.“</p> - -<p>„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß -denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser -als all die andern. Für mich bleibt Sörensen — Sörensen und wenn er -hundert junge Weiber hofiert...“</p> - -<p>„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff -trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren -runzeligen Händen Doras Wange.</p> - -<p>Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.</p> - -<p>„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort. -„Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert. -Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch -Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> mich doch nicht so -in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“</p> - -<p>Dora Stavenhagen faßte sich.</p> - -<p>„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch -wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde, -gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den -Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“</p> - -<p>„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus. -Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen -schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene -rundliche Fülle mit dem Finger.</p> - -<p>„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte -Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele: -Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“</p> - -<p>„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch -nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem -Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“</p> - -<p>„Fräulein Tingleff!!!“</p> - -<p>„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei, -deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her -erinnere...“</p> - -<p>„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“</p> - -<p>„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> Fräulein Tingleff -ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem -Herrlichsten von allen?“</p> - -<p>„Eigentlich nicht. — Sörensen geht nur Wege, an denen seine -unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“</p> - -<p>Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen -die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der -Einsame wird uns brauchen können. —“</p> - -<p>„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern -hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an -seinem Gesicht, daß er <em class="gesperrt">niemand</em> brauchte.“</p> - -<p>„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“</p> - -<p>„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie -die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte -immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke -zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist -fürchterlich.“</p> - -<p>„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich -z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind -über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag -essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen -Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes -Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu -hören, und für<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr -Gelegenheit dazu gibt.“</p> - -<p>„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in -Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht. -Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein -gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße -Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War -ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp -auch mit her?“</p> - -<p>„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“</p> - -<p>„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem -um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins -sein Lebtag vergebens erfleht hat. — Mit aller innewohnenden Menschen- -und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“</p> - -<p>Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.</p> - -<p>Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.</p> - -<p>„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein -gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben? -Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine -Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren -ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen -dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht -zersplittern.<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht. -Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine -Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom -Dienstag, auf den ich mich freue.“</p> - -<p>„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte -Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer. -Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie -just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne -Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes -Tänzchen anhebe.</p> - -<p>„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine -feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie, -wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum -Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in -einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm -blasen...“</p> - -<p>„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, — ganz -sicher — — es ist besser so. Aber Hansohms — o, das ist herrlich! -Hoffentlich ist Lore wohl genug.“</p> - -<p>„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in -freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“</p> - -<p>Die beiden berieten noch eifrig miteinander.</p> - -<p>Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein -waren, mit eins den kommenden fröhlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> Dienstag vergessen und -dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende -Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen -sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Sonntag abend.</em></p> - -<p>Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.</p> - -<p>Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber -für einen Direktor doch wohl berechtigt.</p> - -<p>Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich -rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern. -Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...</p> - -<p>Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. —</p> - -<p>So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem -Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten -Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung. -Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an -Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht -unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande -gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.</p> - -<p>Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm, -alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu -schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden -war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> -Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme, -die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine -Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich -wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken, -aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld -nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein -halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn -zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden -Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so -lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen, -aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.</p> - -<p>Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich -nicht genau zu sagen.</p> - -<p>Aber es ist da.</p> - -<p>Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies -Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles, -Gesundes für mich. — Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber -es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern -und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile -das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe -körperlich.</p> - -<p>Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel -löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes -Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und -Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>urteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren -Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber -ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an -Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...</p> - -<p>Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am -Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß -ich dort war.</p> - -<p>„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch -Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus -hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen -Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich -häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne -Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich -alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen -und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so -Kleinigkeiten sind...“</p> - -<p>Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. —</p> - -<p>Aber auch ihm kann ich nicht helfen.</p> - -<p>Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum -„schwarzen Schaf“ befördert werden ...</p> - -<p>Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.</p> - -<p>Von ihm und dem Ehepaar Asmus, — ob sie schweigen oder es vorziehen, -zu schwatzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p> - -<p>Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu -niedrig gewählt?</p> - -<p>An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie -hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte -wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine -herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden -über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, — würde beichten, -würde fragen... Mutter! Mutter...</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.</p> - -<p>Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer -Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit -raschem Entschluß.</p> - -<p>Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.</p> - -<p>Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.</p> - -<p>„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.</p> - -<p>„Nichts Gutes.“</p> - -<p>Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je -etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, — das, -was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß -dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“</p> - -<p>Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in -meiner dritten Klasse gestohlen.“</p> - -<p>„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - -<p>„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir -den Dieb in Sicherheit einwiegten. —“</p> - -<p>„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind -kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“</p> - -<p>„Seit vierzehn Tagen.“</p> - -<p>„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer -Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in -schroffstem Gegensatze.“</p> - -<p>„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.</p> - -<p>Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide -objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen -Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein -Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht -doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“</p> - -<p>„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte, -frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“</p> - -<p>„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr -unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“</p> - -<p>„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es -gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die -Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“</p> - -<p>„Was wird gestohlen?“</p> - -<p>„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> gekaufte Hefte -an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel -verschwand...“</p> - -<p>„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht -Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei -solchen Vorkommnissen?“</p> - -<p>„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich -beizulegen...“</p> - -<p>„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen -das einzig Gegebene...“</p> - -<p>„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete -Durchstechereien.“</p> - -<p>„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit -der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht -sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“</p> - -<p>„Herr Direktor,“ — Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es -handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, — mein -Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf — ich spreche -streng vertraulich — auf den Schuldiener Harks.“</p> - -<p>„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“</p> - -<p>„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten -Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht -immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks -gespielt hätten.“</p> - -<p>„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p> - -<p>„Hm.“</p> - -<p>„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm. -— Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von -verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen -worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“</p> - -<p>„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu -gehen.“</p> - -<p>„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich -weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche -Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener -erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“</p> - -<p>„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...</p> - -<p>„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe -ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose -Anschuldigungen.“</p> - -<p>Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen -an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann -freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“</p> - -<p>„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn -Harks nicht der ist, der er scheint?“</p> - -<p>„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und -nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich -alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald -Klarheit schaffen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p> - -<p>Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des -Harks?“ fragte er schroff.</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Persönlicher</em> Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde -nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, — seit einiger -Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber -wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da -noch einmal vorstellig werden...“</p> - -<p>„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“</p> - -<p>„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha -Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon -einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich -der ‚Onkel Harks‘ für sie...“</p> - -<p>„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen -heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger -Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld -seiner Schwestertochter.“</p> - -<p>„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.</p> - -<p>„Herr Oberlehrer, — ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles -sorgen.“</p> - -<p>„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“</p> - -<p>„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“</p> - -<p>„Ziemlich, Herr Direktor.“</p> - -<p>Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“ -Aber da las er in den Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> des Kollegen so viel Befriedigung... und -fühlte zugleich, daß er — gehaßt wurde...</p> - -<p>„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von -einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die -Bertha Ehlen vernehmen ...“</p> - -<p>„Guten Morgen, Herr Direktor.“</p> - -<p>Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich -Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein -paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.</p> - -<p>Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein -Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. —</p> - -<p>Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren -Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten -und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders -hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat, -wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige -Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan -habe!“</p> - -<p>„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch -etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß -immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine -Freundin hast.“</p> - -<p>„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p>„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im -rechten, echten Angeberton.</p> - -<p>Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja -immer fortgegessen,“ schrie sie. —</p> - -<p>Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt -werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der -Wintermantel gestohlen?“</p> - -<p>Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan -und wenn ich es nicht getan habe?“</p> - -<p>Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.</p> - -<p>„Was willst du, Lise Steffens?“</p> - -<p>„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen. -Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo -draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener -Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war -doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“</p> - -<p>„Setz dich.“</p> - -<p>Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie -waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach -Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“</p> - -<p>„Der Schuldiener?“</p> - -<p>„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch -wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p> - -<p>Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht -getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam -noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief -verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“</p> - -<p>Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.</p> - -<p>„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.</p> - -<p>Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr -umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir -haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen -dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“</p> - -<p>Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die -öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.</p> - -<p>Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt -Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen -hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt, -Muff und Gummischuhe lagen obenauf.</p> - -<p>„Ich habe es aber nicht getan, und...“</p> - -<p>Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und -schob sie zur Türe hinaus.</p> - -<p>„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst -nicht wiederzukommen.“</p> - -<p>Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt, -sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<p>„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“</p> - -<p>Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor -öffnete ihm.</p> - -<p>„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie -soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu -deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch -einzulassen.“</p> - -<p>Es war alles rasch erledigt.</p> - -<p>Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart -Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das -Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus -seiner Brust.</p> - -<p>„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die -Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“</p> - -<p>„Mein guter Name!“ ächzte Harks.</p> - -<p>„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie -vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. — sie -tun mir leid.“</p> - -<p>„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie — glauben -nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr -Direktor...“</p> - -<p>Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte -nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.</p> - -<p>„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> Direktor, „ich habe -nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“</p> - -<p>„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau -gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die -gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“</p> - -<p>„Ja, — gehen Sie, Harks.“</p> - -<p>„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre -Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich -verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst -so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr -Direktor, — ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein -Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“</p> - -<p>Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr, -Harks,“ sagte er einfach.</p> - -<p>„Herr Direktor — wenn Sie mal einen Menschen suchen, der — für -Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.</p> - -<p>„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. —“</p> - -<p>Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich -stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten -Klasse zurück.</p> - -<p>„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern. -„Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges -Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p> - -<p>„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch -wohl...“</p> - -<p>„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor -fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich -hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau. -Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles -immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und -verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn. -Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und -Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so -zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz -beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien -auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem -Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr -Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam -nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen -Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks -hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. —</p> - -<p>„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und -harmlos. Und gleich darauf: „Aber,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> lieber Herr Harks, — ich bitte -Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht -Ihr eigen Fleisch und Blut...“</p> - -<p>„Herr Direktor,“ — ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf, -— „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, — — in die Hand -eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.</p> - -<p>„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf -mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“</p> - -<p>Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.</p> - -<p>„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen -anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des -Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, — ich höre zu.“</p> - -<p>„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht -viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“</p> - -<p>Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg -zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.</p> - -<p>„Herr Direktor, — der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“</p> - -<p>„Harks, — was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein -Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. —</p> - -<p>„Ja, er will mich verderben und — er kann mich verderben. Aber ich -will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll -nicht diese angstvollen<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen -mein Richter sein, Herr Direktor.“</p> - -<p>„Harks, braver, alter Harks...“</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig, -der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze -Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut -drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde -mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und -konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns, -blühende, schöne Kinder, — was das heißt, können nur Elternherzen -recht verstehen — dann kriegt ich den Typhus, — Herr Direktor, ich -will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus -bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. — Die einzige Freude -in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, — wie ein Bäumchen, Herr -Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe, -— das schöne, feine Mädchen, — da muß ich mich immer abwenden. Grad -so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge, -ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was -Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob, -und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch -nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel -hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“</p> - -<p>Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an, -Harks.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p> - -<p>„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier -als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte. -Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst. -Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der -Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem -noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie -die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so -viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten -unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch -getan, und, — es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen -auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich — -die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns -von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst -zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu -bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die -Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und -es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts -mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit -einer Lüge in das neue Amt gegangen war. — Aber wie wir hier so am -Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten, -eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob -ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie -schon zweimal geschickt.<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> Und der Apotheker fragte an, ob er sich an -die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat -zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt -machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir -dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles -abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch -an unser Warten und an unsere Angst denke. Und — — da lag nun — —, -Herr Direktor, da hatte ich, — da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl -eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt -ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben, -aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und — ich will’s -nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei -nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W. -und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja -längst das Geld von der Tante. —</p> - -<p>Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr -Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals -noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann — dann wurde auf einmal dem -Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken -sollen. — Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein -Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich -zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein -und baten und flehten....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p> - -<p>Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....</p> - -<p>Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus -seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte. -Herr Direktor, — wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade -als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700 -Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam -doch zu spät....</p> - -<p>Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth — die Lisbeth, Herr -Direktor, die hatte ihr junges Herz dem — — geschenkt.“</p> - -<p>Der alte Mann weinte schwer.</p> - -<p>„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth -war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, — aber doch auch -wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie -sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor -Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, — sie diente -erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle -bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind -und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......</p> - -<p>Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr -ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit -ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...</p> - -<p>Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p> - -<p>So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das -schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören.</p> - -<p>Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit -seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten -Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit -Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser -stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil.</p> - -<p>Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und -gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher -werde.....“</p> - -<p>„Herr Direktor, — ach Herr Direktor!“.....</p> - -<p>Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf -ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich -wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte -das gestohlene Gut gelegt hat?......“</p> - -<p>„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks. -Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht — wegen -Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen -und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude -der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein ver<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>irrtes Kind -aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. —“</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Sonntag abend.</em></p> - -<p>Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. —</p> - -<p>Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.</p> - -<p>Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines -Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher -immer sagte, — das war lähmend.</p> - -<p>Und dabei stillhalten zu müssen.</p> - -<p>Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer -dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. —</p> - -<p>Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.</p> - -<p>Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen -Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......</p> - -<p>Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....</p> - -<p>Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen -sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.</p> - -<p>Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.</p> - -<p>Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir -allein zutiefst gehört.</p> - -<p>Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt -die Herzen auf. Wie gerecht und gütig<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> urteilte er über Harks. Wie -verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! —</p> - -<p>Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen -Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen -bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig -und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. — Meine drei -Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus -Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in -Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken. -Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem -sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?</p> - -<p>Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.</p> - -<p>„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und -meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....</p> - -<p>Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen -waren freudig bereit, uns zu begleiten.</p> - -<p>Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte -Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer -gebreitet sehen will. —</p> - -<p>Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald -und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem -Hochsommer entgegen<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>harrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter -Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte -Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“</p> - -<p>Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.</p> - -<p>Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.</p> - -<p>Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen, -während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen -sprach. — Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein -rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen -können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge -Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.</p> - -<p>Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“</p> - -<p>„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm: -„Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in -Heidekamp essen.“</p> - -<p>Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli -hat recht, wie immer.“</p> - -<p>Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.</p> - -<p>Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.</p> - -<p>„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da, -sehen Sie, dort — Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben -biegt er um die Waldecke.“</p> - -<p>Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen. -Frau Försterin hatte Kuchen<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> gebacken, als ob anstatt zwölf junger -Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. —</p> - -<p>Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.</p> - -<p>„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich -wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber -Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“</p> - -<p>„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“ -sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich. -„Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie -weise hinzu.</p> - -<p>„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die -arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne -Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“</p> - -<p>„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch -eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“</p> - -<p>Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur -gut sind, sie treffen sich doch.“</p> - -<p>„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei -arme Schächer, wie Agnes und ich.“</p> - -<p>„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus, -Sörine Heidekamp.“</p> - -<p>Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.</p> - -<p>„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme. -„Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und -Bresthaften in unserm Dorf wollen<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> auch mein Lachen. Wo soll ich’s -immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe? -Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr -viel klagen.“</p> - -<p>„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir -schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht -einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht -sagen, du junges, liebliches Kind?“</p> - -<p>Ganz still gingen wir nebeneinander her.</p> - -<p>Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich -auf uns herab.</p> - -<p>Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand -in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir -eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit -Großvaterli.“</p> - -<p>Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und -alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler -seid ihr beide, du und das Großvaterli. —</p> - -<p>Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und -Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. —</p> - -<p>Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!</p> - -<p>Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.</p> - -<p>Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> in der Ursprache -vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie -lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!</p> - -<p>Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den -jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen -Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird -oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein -Stavenhagen Mütterlichkeit.</p> - -<p>Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen -Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr -unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie -nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner -Schwester einlud.</p> - -<p>Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich -Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz, -wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. —</p> - -<p>Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor -scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht -freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.</p> - -<p>Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach -Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener -Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse. -Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein -gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> böswillige -Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf -Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.</p> - -<p>Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...</p> - -<p>Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.</p> - -<p>Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes, -großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. — Sie hatte ihr -Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer -und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist -köstlich.</p> - -<p>Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten -Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er, -kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...</p> - -<p>Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze -Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung -dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.</p> - -<p>Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein -Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen <span class="antiqua">Pecunia</span> abhängig. Sie -möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will -mir keinen Beruf eröffnen.“</p> - -<p>„Was meint sie denn?“</p> - -<p>„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>“ Telse wurde sehr -niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.</p> - -<p>„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.</p> - -<p>„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein -Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“</p> - -<p>Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und -Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie -„Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.</p> - -<p>„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie -ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen -„Bohrwurm“ führt, — „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für -uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit -„selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür -verantwortlich. Kapiert ihr das?“</p> - -<p>„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith -Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer -bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“</p> - -<p>„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in -meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.</p> - -<p>„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine -ehrlich, — „aber — Großvaterli sagt nichts, über das man nicht -fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das -ist so schön. Hab<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich -vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit, -die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“</p> - -<p>„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte -Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.</p> - -<p>„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die -verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu: -„Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so -viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“</p> - -<p>„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen -herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.</p> - -<p>Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den -Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte -er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk. -„Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“, -rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt: -Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf -Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“</p> - -<p>„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die -Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog -die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.</p> - -<p>Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> hat uns der Ehrenmann -aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen -Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher -keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß -mit der Kapelle verbindet.</p> - -<p>Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing -meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.</p> - -<p>„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner -lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen -Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen. -„Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz -einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber -wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt, -müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält, -— die weiß Bescheid.“</p> - -<p>Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, — ein -rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das -Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine -Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine -Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich -nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.</p> - -<p>Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung, -und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.</p> - -<p>„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> gesund werden“, -sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“</p> - -<p>„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft -und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren. -— Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. —“</p> - -<p>„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die -werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, — ach ich -freue mich ja so schrecklich!“</p> - -<p>Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an -dem Herrenhause da draußen, — dies große Freuen. —</p> - -<p>Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.</p> - -<p>Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit -seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon -de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald — -ick freu mi bannig.“</p> - -<p>Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im -ausgeprägtesten Sinne. <em class="gesperrt">Mitleid</em> scheint sie sogar ein wenig zu -verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden, -„diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte, -immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber -trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit -habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.</p> - -<p>Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p>Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das -Mitleid für gar zu billig achtet. — Mitfreude wächst nur auf dem -Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen? -— Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus -und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem -Unvermögen, hier Freude zu geben.</p> - -<p>Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.</p> - -<p>Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch -Schulleiter.“ — Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen -Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.</p> - -<p>Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen -und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig -um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie, -und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“</p> - -<p>Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:</p> - -<p>„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“</p> - -<p>Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.</p> - -<p>So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.</p> - -<p>Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom -Willen eines starken Einzelnen.</p> - -<p>Aber damit hat sie nur bedingt recht.</p> - -<p>Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> wieder und wieder -an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die -Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. —</p> - -<p>Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:</p> - -<p>Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine -alles das geben, was sie sich wünscht. — — — — —</p> - -<p>Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen -Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste -Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über -die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet, -die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die -wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen -Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in -Empfang nehmen mußten.</p> - -<p>Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft -aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten -und salutierten mit den Peitschen. —</p> - -<p>Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch -sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all -das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge -gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten -Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden. -Gottlob, die Gefahr war vorüber.<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Wer so lachen konnte und so frei von -der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter -Jugendleiter nach Gottes Herzen. — Der alte Friedrich kutschierte -in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine -Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem -Handpferd Isabelle mit. —</p> - -<p>„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir -hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag -allein zu lassen, so finde ich das roh.....“</p> - -<p>„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten -wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, — ich war -eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“</p> - -<p>„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches -geleistet, — er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des -Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der -braucht jetzt wohl Ruhe.“</p> - -<p>„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie -ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute, -als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, — ich brauche dich! -Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der -in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die -Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“</p> - -<p>Hansohm schloß die Haustür auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p> - -<p>Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.</p> - -<p>„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein -Doktor, — so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es -noch glüht. Halloh, Lore, — gut Freund!“</p> - -<p>Er öffnete die Wohnstube.</p> - -<p>Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für -ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine -Hausschuhe standen bereit.</p> - -<p>Alles atmete liebevolle Fürsorge.</p> - -<p>Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.</p> - -<p>Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die -lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.</p> - -<p>Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch -erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der -letzten Zeit......</p> - -<p>„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der -erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“</p> - -<p>Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest -du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.</p> - -<p>Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände -gelegt.</p> - -<p>Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen -Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal -dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir -gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> schönes -schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter: -Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte -Frau. —</p> - -<p>Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.</p> - -<p>Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand -des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich -die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz -mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und -nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.</p> - -<p>Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist -jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als -sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie -zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies -Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann. -Gott befohlen, Klaus Hansohm.“</p> - -<p>Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah -ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die -Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am -Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn -Direktor sprechen.</p> - -<p>Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit -schweren, müden Schritten zu ihm trat.</p> - -<p>„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte -Sörensen mit viel guter Liebe seine<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> Arme um den jungen Kollegen, und -dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.</p> - -<p>„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, — und -Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Mein alter Foliant, — auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich -zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.</p> - -<p>Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl -lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem -himmelhochjauchzend — zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts -zu ersetzen. — Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden -und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen -darf. —</p> - -<p>Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders -unsympathisch. <em class="gesperrt">Wenn</em> man aber denn durchaus als Obersekundaner -diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß -man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht, -besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. —</p> - -<p>Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“ -Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und -verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. — Hätte -sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei -erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf ge<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>waschen. -— Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die -Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den -pp. Eltern und Vormündern. — Aber Fräulein Nissen hatte nicht das -geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und -verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.</p> - -<p>Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. — Eine weitere -Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und -„Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen -Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er -auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen -entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es -eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und -machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein -„Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. — Dann erst hat er Hanne -Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür -des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich -fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und -dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der -Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich -nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt, -was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner -Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.</p> - -<p>Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand,<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> nahm ich an -mich und wurde deshalb von Konrad Dierks — gestellt. Das Bürschchen -kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl -in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich -in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen -Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige -mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und -meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich -widerrechtlich angeeignet haben.“</p> - -<p>Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine -Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl -inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“</p> - -<p>Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und -überreichte es ihm.</p> - -<p>Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute -Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch, -aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. — „Also Ihr Gedicht -wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin. -„Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der -ersten Klasse.“</p> - -<p>Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern -suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Brünstig brandet mein brausendes Blut</div> - <div class="verse">Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Es war aber noch erklecklich länger. — Glauben<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Sie, daß Telse Lüders -reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.</p> - -<p>„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit -ihnen abgeschlossen.“</p> - -<p>„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“</p> - -<p>„17 Jahre.“</p> - -<p>„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“</p> - -<p>„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich -zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.</p> - -<p>„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen, -daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein -Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen -gelernt, dünken <em class="gesperrt">Sie</em> mich eine großangelegte Natur zu sein.“</p> - -<p>Ich verbeugte mich geziemend.</p> - -<p>„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von <em class="gesperrt">meinem</em> Direktor -behandelt worden, .... ich — ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als -ihn... zu fordern.“</p> - -<p>„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“</p> - -<p>„Jawohl, Herr Direktor. — Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, — -meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, — aber sie hat -mich unerhört im Stich gelassen. — Es bleibt mir keine Wahl. Wollen — -wollen Sie mein Kartellträger sein???“</p> - -<p>Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht -wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden -unbedarften Jungen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten -Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa: -„Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, — da lachte ich schließlich so -erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.</p> - -<p>Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann — fing er an -zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich — -freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“, -daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu -folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten -Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den -Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....</p> - -<p>Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem -Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu -arbeiten.</p> - -<p>Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie -begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche -heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau -Dietz geheimnisvoll beiseite.</p> - -<p>„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der -Unzufriedenheit.</p> - -<p>„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p> - -<p>„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat -einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“</p> - -<p>„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.</p> - -<p>„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von -Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu -Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer. -Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als -Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen..... -Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben -Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch -geguckt .....“</p> - -<p>Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die -zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen -ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und -als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf -den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“</p> - -<p>Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.</p> - -<p>Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um -Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise. -„Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und -ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner -Entschuldi<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>gung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem -Besuche weiß.....“</p> - -<p>„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“</p> - -<p>„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte -Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.</p> - -<p>„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität, -von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen -Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr -Menschentum ....“</p> - -<p>Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber -nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.</p> - -<p>Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort: -„Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren, -daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte -zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger -Mensch, — ich — ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes -gelernt, als hübsch zu sein.</p> - -<p>Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit -vorbei......</p> - -<p>Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“</p> - -<p>„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“</p> - -<p>Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr -Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende.<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> Ich habe mir vieles gefallen -lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu -mir, — ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und -es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß -ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus, -Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern -Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, — so viel Sauberkeit -in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann — gleichviel woher — -erfuhr, daß gerade im Vorleben <em class="gesperrt">meines</em> Mannes ein häßlicher Punkt -sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben, -habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen -sei und — mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine -eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun — Herr Direktor, nun wohnt da -draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person — man -sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er -hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles -so niedrig, — ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie -bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider -Bertels.....“</p> - -<p>Frau Kahl schluchzte schwer auf.</p> - -<p>„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.</p> - -<p>„Ja, und gestern — — gestern war sie sogar in unserer Wohnung.... -Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein -Dienstmädchen stand dabei und grinste....</p> - -<p>Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> sein, — er schalt -mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“</p> - -<p>Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe -vorstellen“, bat er drängend. —</p> - -<p>„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person -kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und — — Sie sollen der -Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, — Sie werden -Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns -zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines -Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur -loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen, -denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im -Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“</p> - -<p>Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und — — alles so -widerstandslos aufgeben?“</p> - -<p>„Er haßt Birkholz — und Sie!“ sagte Frau Kahl.</p> - -<p>„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, — -aber Haß???“</p> - -<p>„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den -Aufrechten....“</p> - -<p>„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es -ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten -Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte. -„Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und -beleidigt und doch immer dieselbe....“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p> - -<p>„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er -jetzt.</p> - -<p>Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus, -und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der -mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. —</p> - -<p>Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach -den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf -irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ —</p> - -<p>„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper -Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum -Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“</p> - -<p>„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.</p> - -<p>„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin -aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt -das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....</p> - -<p>Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich -habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“</p> - -<p>„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings -nicht.“</p> - -<p>„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern -sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte. -Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span></p> - -<p>Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich -in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor -Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer -auf und nieder.</p> - -<p>Der nächste Tag war ein Sonntag.</p> - -<p>Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein -Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor, -der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte, -vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war, -wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus -früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so -herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen -auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und — das Pharisäertum -geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in -den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern -aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu -Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber -als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken, -ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ, -da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen -gemünzt war. —</p> - -<p>Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.</p> - -<p>Aber nicht allzuweit.</p> - -<p>Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm -sonst gegeben: besinnliche Stille.</p> - -<p>Er befand sich in seltsamer Aufregung — und Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span>legenheit. Und die -Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht, -wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der -gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach -einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den -„Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe -des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier -Schneidermeister Bertels wohnte.</p> - -<p>Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in -den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen -prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der -andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches -mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.</p> - -<p>Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts -anderes lesen als: Lisette Balian.</p> - -<p>Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken -kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese -Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere -Todfeinde gegenüber.</p> - -<p>„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.</p> - -<p>„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und -packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“</p> - -<p>Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.</p> - -<p>Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> du <em class="gesperrt">mir</em> -wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht. -Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und -schüttelte die Fäuste.</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht -gerufen.“</p> - -<p>„Aber wie kommst <em class="gesperrt">du</em> hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer -Heilanstalt....“</p> - -<p>„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir -gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst -auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich -ordentlich pflegen und auskurieren....“</p> - -<p>„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine -Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich -habe eine zähe Natur.“</p> - -<p>„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel -gab ich dir reichlich....“</p> - -<p>„Ja. — Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet -neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld. -Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“</p> - -<p>„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und -dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“</p> - -<p>„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick -nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem -Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span></p> - -<p>„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.</p> - -<p>„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu -haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“</p> - -<p>„Woher wußte er deine Anschrift?“</p> - -<p>„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben -Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war -alle, und — alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus -Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach -Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen. -Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön -dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“</p> - -<p>„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine -ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen -schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“</p> - -<p>Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und -biß sich auf die Lippen.</p> - -<p>„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es -ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte -wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“</p> - -<p>„Erkläre dich näher....“</p> - -<p>„Nun, der Herr Kahl meint doch, — es besteht irgend etwas Unsauberes -zwischen uns beiden, mein lieber Erne.<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Meinst du denn, ich hätte ihm -gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.</p> - -<p>„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße -Lisette Balian und — — — na ja, er hatte sich eine ganze lustige -Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten -da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.</p> - -<p>Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was -er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte <em class="gesperrt">er</em> -hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich -allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern <em class="gesperrt">deine Frau</em> -wäre...“</p> - -<p>„Lisette!!!“</p> - -<p>„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure -dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze -Geschichte verkreckt.“</p> - -<p>Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer -Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit -Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er -geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich -aus. Heute nachmittag komme ich wieder und — bringe dich selbst in ein -Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß -du krank und allein in die Weite fährst....“</p> - -<p>Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen -brannten.</p> - -<p>„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> wir zwei hätten doch -dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh -dich gar nicht.....“</p> - -<p>„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann -schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann — — — geliehen hat, — -packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit -diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus. -Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen -ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor -Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab -nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging, -zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte, -bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein -Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in -Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn -Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt -wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe -ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei -Kahls kündigen.....</p> - -<p>Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor -Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie -hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.</p> - -<p>Zorn und Scham brannten in seiner Seele. — —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span></p> - -<p>Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß -erwartungsvoll und horchte nach der Tür.</p> - -<p>Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute -zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der <em class="gesperrt">liebe</em> Herr Direktor“ -hatte er gesagt.</p> - -<p>Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten, -wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte -auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine -Antwort hatte ihm gefallen. — Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen -an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und -ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....</p> - -<p>Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich -begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben- -bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien, -um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger -Neugierde zu verfolgen —</p> - -<p>Großer Pädagoge Traute!</p> - -<p>Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt, -und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung -urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.</p> - -<p>Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.</p> - -<p>Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen -der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.</p> - -<p>In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lä<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>chelte Lehrer -Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“, -sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“</p> - -<p>Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun -fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.</p> - -<p>„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.</p> - -<p>„Ach, — Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich -wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“</p> - -<p>„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.</p> - -<p>„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen. -„Sone ganze Stadt mit allen drin.“</p> - -<p>„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“</p> - -<p>„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom -Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden -und strich liebkosend über die Blondköpfe.</p> - -<p>„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige, -und Hansohm bestätigte lachend.</p> - -<p>Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm -erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden -und fragten ihn um Unverstandenes.</p> - -<p>Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der -neunten Klasse ein guter, ja der beste<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Freund war, zu dem sie recht -mit bewußtem Vertrauen aufsahen.</p> - -<p>Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das -Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen -Schule und Haus. — Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts -verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern -hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.</p> - -<p>„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur -Mutti, wie sie <em class="gesperrt">so</em> weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch -wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und -setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht -aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann -kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ — Der hat ihn dann auch -aufgekriegt.“</p> - -<p>„Na, der hat’s auch leicht mit — die vielen Werkzeuge,“ bestätigte -Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.</p> - -<p>Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz -mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig -mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und -wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom -Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.</p> - -<p>Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie -recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf, -so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen -Ungehorsam<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites -Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß, -Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein, -— aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt -Sodom und wurde — zur ‚Salzgurke‘.“</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und -Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor -selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war -wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde -immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige -hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie -Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. —</p> - -<p>Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als -auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr -sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht, -betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt, -„ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders -bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben -der große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein -zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder -fest an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie -ihn <em class="gesperrt">alle</em>, — wohlgemerkt den <em class="gesperrt">Kinderfreund</em>, der ihnen -entgegenkommt, nicht den, den Ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> als ‚unerreichbar‘ droben in der -Unendlichkeit wissen wollt...“</p> - -<p>„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer -vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“, -aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie -gewesen....“</p> - -<p>„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl -bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer -Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“</p> - -<p>„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der -Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden -nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor -Claßen.“</p> - -<p>Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der -letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde.... -<em class="gesperrt">Sie</em> natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl -meckerte hämisch. —</p> - -<p>Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim -Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der -Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz -viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind -immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und -klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen -Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden, -— grübelte darüber nach,<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> wie man wohl dem jungen Lehrer eine -Herzensfreude bereiten könne.</p> - -<p>So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den -schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun, -sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen -Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen -Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz -erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen -Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Sonntag abend.</em></p> - -<p>Die Heide blüht. —</p> - -<p>In diesen drei Worten liegt ein Erleben.</p> - -<p>Die Heide blüht.</p> - -<p>Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?</p> - -<p>Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen. -Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte -mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und -goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne -waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....</p> - -<p>Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden -Haar an den Schläfen. —</p> - -<p>Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> auftaucht und grinst. -Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird -den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“</p> - -<p>Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen -bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.</p> - -<p>Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.</p> - -<p>Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.</p> - -<p>Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.</p> - -<p>Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das -ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg -dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald -von Unterlüß. —</p> - -<p>Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde -vom Umherlaufen in der Stadt.</p> - -<p>Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige -Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich -arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.</p> - -<p>Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.</p> - -<p>Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.</p> - -<p>So, — als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das -Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen -wäre....</p> - -<p>Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Minuten beisammen. -Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht -danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die -Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für -ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide -mir bot.</p> - -<p>Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende, -grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die -träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine -rote Heide.....</p> - -<p>Dann sprang ich auf und besann mich.....</p> - -<p>Und wanderte, wanderte, — bis ich mich in Heidekamp wiederfand.</p> - -<p>Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten -gleich wieder umkehren.</p> - -<p>Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die -Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben. -— Man ließ mich auch nicht fort.</p> - -<p>Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der -mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren -Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand -Spiele unternahm.</p> - -<p>Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns -herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie -umher recht wie ein Sommerfalter.</p> - -<p>Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen -zu uns auf die Terrasse.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p> - -<p>Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.</p> - -<p>„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da -saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem -Gürtelsträußchen....</p> - -<p>„Oh — nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden -nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, — wie täppisch du immer bist!“</p> - -<p>„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“</p> - -<p>Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein -Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.</p> - -<p>Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. —</p> - -<p>Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen -Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es -war wie ein herber Schmerz.....</p> - -<p>Meine Schülerin. — Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das -unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den -Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen -nach Wunsch deines Vaters....</p> - -<p>Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr -Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, — löse sie -fein langsam....</p> - -<p>Denn lösen willst und wirst du sie wohl. — Der alte Herr gab mir sein -gutes Vertrauen.</p> - -<p>„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte -auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte. -„Neffe Kurt ist mir<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein -heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins -Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater -ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn -er erst Herr hier ist.....“</p> - -<p>„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....</p> - -<p>„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, — sie hat -ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren -gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden -soll...“</p> - -<p>In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen, -herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort, -Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich -langweilig.“</p> - -<p>„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.</p> - -<p>„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren -Namen.“</p> - -<p>Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen, -rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem -schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.</p> - -<p>„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder -einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich -umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich -sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. — Als<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> sie -zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit -mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“</p> - -<p>„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht -so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist -doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“</p> - -<p>„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen -mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“</p> - -<p>Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten -Worten zu mir herüber.</p> - -<p>„Und dann,“ — Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, — „Herr -Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch -die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“</p> - -<p>Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend -nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.</p> - -<p>„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine, -aber sie lächelte nur schattenhaft.</p> - -<p>„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich -mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete, -pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann -ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz -schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht -mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - -<p>„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch -über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab, -anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu -beschäftigen...“</p> - -<p>„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer -etwas anzuvertrauen....?“</p> - -<p>„Eine Bitte habe ich, — — eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig -mit tiefem Ernst. „Es <em class="gesperrt">muß</em> etwas für Agnes geschehen...“</p> - -<p>„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie -wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“</p> - -<p>„Ich denke an <em class="gesperrt">nichts</em> anderes“, rief sie erregt. „Aber alle -lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich -ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“</p> - -<p>„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast -könnt ich drüber erschrecken.</p> - -<p>„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann -dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen, -und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“</p> - -<p>„Sörine...“</p> - -<p>„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt -darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht -mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja -direkt wütend über meinen Vorschlag....“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span></p> - -<p>„Sörine! Kindskopf!“</p> - -<p>Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein -Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische -Sachen, sondern .....“</p> - -<p>„Sondern?“</p> - -<p>„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“, -vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“</p> - -<p>Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine -Stimme nicht in der Gewalt.</p> - -<p>„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.</p> - -<p>„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.</p> - -<p>„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“</p> - -<p>„Natürlich!“</p> - -<p>„Darf ich ihn wissen?“</p> - -<p>„Ja. — Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er -gesagt.“</p> - -<p>„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute -Freundin von ihm schieden....“</p> - -<p>„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht -überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“</p> - -<p>„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit -nachkommen. — Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig <em class="gesperrt">zu</em> -sörinenhaft. Ist denn etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> Besonderes geschehen, daß Sie wirklich -Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes -zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem -Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es -den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige -Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich -kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“</p> - -<p>„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist -eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes -hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte.... -Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“</p> - -<p>Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig -und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden -Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand -zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von -Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“</p> - -<p>„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse -mich nun auch fest darauf. — Die Agnes freilich, die hat schon jede -Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“</p> - -<p>An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße -Gestalt und sah mir nach.</p> - -<p>Und wandte sich blitzschnell und floh davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Um Mitternacht.</em></p> - -<p>Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller -Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.</p> - -<p>Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, — ich will ihn meinem -Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der -freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in -der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, — vielleicht ist er -wichtiger Art.“ —</p> - -<p>Ob er wichtig ist?</p> - -<p>Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit -vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir -danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu. -Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf -und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und -lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht -gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und -Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch -erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen -Namen trägt. — Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war -die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz -geschaut, mein Erne, — ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt -worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus -7, Vers I. — Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott -in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> Tür wies, -daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch, -weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine -Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt -zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und -weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und -die Hände falten mit Dank. — Und haben wir uns noch auf eine Weise -ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder -gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s -wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der -Erne, — so kreuzbrav. — Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav -sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh -brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum -Lachen....“</p> - -<p>Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur, -der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs -Lachen gut ist.</p> - -<p>Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um -der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben -auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.</p> - -<p>Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie -gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch, -daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund -und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach -Christengebot feurige Kohlen willst<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> sammeln, und der die letzte Ehre -antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.</p> - -<p>Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine -Sörensen.</p> - -<p>Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....</p> - -<p>Deiner würdig will ich’s leben. —</p> - -<p>Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich -den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein -Gottes.“</p> - -<p>Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du -gute Mutter...</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte -des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten! -Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man -von ihm weiß.“</p> - -<p>„Genügt aber, wenn das Wenige <em class="gesperrt">gut</em> ist“, entgegnete der Kollege.</p> - -<p>„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm.</p> - -<p>Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von -nichts zu wissen — — und heute schon fort.....</p> - -<p>Vermutlich ein Telegramm???“</p> - -<p>„Vermutlich.“</p> - -<p>Traute sah, es war aus Rasmussen nichts heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> zu holen. Ärgerlich -ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter -niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile: -„Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur, -daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz -abgedampft sei, ordentlich <em class="gesperrt">gelaufen</em> sei er, um noch den Frühzug -5<sup>54</sup> zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche -Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, — -na, Sie wissen ja Bescheid.</p> - -<p>Unsauber, — im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, es <em class="gesperrt">muß</em> -ihm nächstens den Hals brechen....“</p> - -<p>„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er -hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören. —</p> - -<p>Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus -Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab.</p> - -<p>Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund -aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem -frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er -sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem -Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er -an dem Direktor vorbeischritt.</p> - -<p>Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des -Grußes gar nicht bemerkt.</p> - -<p>Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit -ihren Frauen, und es war wirklich<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> befremdlich, wie langsam jede -Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite -schauten...</p> - -<p>Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz -unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber -Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß -war mir Ihr Gesicht, obgleich — — — ich eben aus meiner Heimat -<em class="gesperrt">komme</em>“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von -Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“</p> - -<p>„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm.</p> - -<p>Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch -eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und -Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches -prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der -Heimkehr gebacken hatte. —</p> - -<p>„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen -freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut -hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“</p> - -<p>„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt -zur Antwort.</p> - -<p>„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte -Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil -Sie mir prophezeien wollen....“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p> - -<p>Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm.</p> - -<p>Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar -nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer.</p> - -<p>„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf. -„Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, — es verdirbt mir beinahe ein -wenig den Tag...“</p> - -<p>„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden -forschend.</p> - -<p>„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage. —</p> - -<p>„Ja. — Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“</p> - -<p>Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber.</p> - -<p>Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas. -Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr -Vertrauen?“</p> - -<p>„Das haben Sie, Herr Direktor.“</p> - -<p>„Also? — — Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann -wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“</p> - -<p>„Ja, Herr Direktor.“</p> - -<p>Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage:</p> - -<p>„Hängt es — — mit meiner Reise zusammen?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen -kann ich mich nicht schützen.“ Er sah<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> dem jungen Kollegen in das -verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem -Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor -gehen? Sagen sie ihr, — ich — ich hätte vor wenig Tagen meine Frau -begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“</p> - -<p>Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und -schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu -ihm. „Ich — danke Ihnen Herr Direktor.“</p> - -<p>Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das -Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten -Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die -Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein -treues Frauenherz aufgenommen.</p> - -<p>Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein. -Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich -weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“</p> - -<p>Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz -ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe -ehren.“ — — —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es -war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand -allsonntäglich eine Viertelstunde<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> vor dem Fenster, um ihrem Herrn -Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die -Ecke.“</p> - -<p>Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten.</p> - -<p>Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte -Luft taten wohl. — Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen -Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin -durchsetzt war.</p> - -<p>„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg, -und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar -rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte -dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei -Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem -Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern -sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen -gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen.</p> - -<p>„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das -muß ich versuchen...“</p> - -<p>Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue -zusammenzustellen. „Es darf nur von <em class="gesperrt">einem</em> gebraucht werden, -sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er -dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll -forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist -auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den -Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytet<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> und mit Sorge -gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der -Melancholeya.‘“</p> - -<p>Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick -ernsthaft zurück.</p> - -<p>Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie -haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu -machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus, -wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte: -‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir -gar nicht.‘“</p> - -<p>„Die Kräuter sollen ja auch nur die <em class="gesperrt">Deerns</em> schön machen“, -scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte.</p> - -<p>„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er -warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s -verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde, -da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten.</p> - -<p>Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend.</p> - -<p>„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte -Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz -nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen -aufleben, — — Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man -tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt -abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p> - -<p>„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet -bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin -hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand -werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in -Birkholz festen Fuß fassen werde?“</p> - -<p>„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte -Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt, -aber ich habe immer dagegen gestritten.“</p> - -<p>„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie, -Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des -Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“</p> - -<p>„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein.</p> - -<p>„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich -unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der -Schule ernstlich gefährden.“</p> - -<p>Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an. -„Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie -die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“</p> - -<p>„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend, -„so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich -unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter -arbeiten.... <em class="gesperrt">Ich</em> habe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die -Eltern<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> meiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir -erst ein Anonymus verraten.“</p> - -<p>„Anonymus<em class="gesperrt">???</em> Bekommen Sie <em class="gesperrt">auch</em> anonyme Briefe<em class="gesperrt">???</em>“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Auch???</em> Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche -herum?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug, -solche Dinge gebührend zu empfangen?“</p> - -<p>„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr -Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit. -Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde. -Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht -es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten -herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine, -gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht, -einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann -wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“ —</p> - -<p>„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel -lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen -Birkholz.“</p> - -<p>„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. — Und schon -als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben -Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte -vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. — Aber -Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerliche<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> Erfüllung. Er -gab mir Besseres, ließ mich meine Heimat <em class="gesperrt">lieben</em>. Das war schon -Glück. Dann kam das <em class="gesperrt">Erkennen</em> meiner Heimat, all der reichen -Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen -verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und -heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“</p> - -<p>Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen -flammten. —</p> - -<p>„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen.</p> - -<p>„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben. <em class="gesperrt">Sie</em> sind -mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz -einen Lehrer von <em class="gesperrt">Gottes Gnaden</em>!“ Denn nur durch die Kinder -kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste -Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig, -das Innerste bei ihnen herauszuholen.“</p> - -<p>„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster.</p> - -<p>„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit -geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein -Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“</p> - -<p>„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein -zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge -Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich -sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“</p> - -<p>„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einer<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> Weile: „Kann dies -Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“</p> - -<p>Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den -Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige -Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leid <em class="gesperrt">darf</em> -sterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen -Muttererde der Heide zu begraben.“ —</p> - -<p>„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen -Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk -erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen -ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen -Claußen, — Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die -paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Sie -<em class="gesperrt">wollen</em>, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“</p> - -<p>Sörensen stutzte und blieb stehen.</p> - -<p>„Ich soll.... Kollege Hansohm, — Sie meinen — ich soll Farbe -bekennen? Soll mich gegen — — anonyme Beschuldigungen verteidigen?“</p> - -<p>„Nicht ganz so schroff — — Herr Direktor — o nun habe ich wohl alles -verfahren — — wie leid mir das ist — —“</p> - -<p>„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte -Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie -selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es -ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> sitzen und sich -belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“</p> - -<p>Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus.</p> - -<p>„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und -wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“</p> - -<p>Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander -her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas -von Agnes Asmus gehört?“</p> - -<p>Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen, -Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus -sprechen.“</p> - -<p>„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach -Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr, -sehr leid. Meine Reise und — quälende Begleitumstände hinderten mich -völlig. — — Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen -und möglichst alles Versäumte nachholen.“</p> - -<p>„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach -Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation -übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“</p> - -<p>„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und -peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf. -„Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe -mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> -gegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen -Augen der jungen Sörine.....“</p> - -<p>„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte -Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich — ich bin der Agnes -Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres -bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb. -Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen, -sobald es die Schule verlassen hat?“</p> - -<p>„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn -froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe -das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“</p> - -<p>„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen? -Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz -Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele -gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“</p> - -<p>Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor.</p> - -<p>„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen -gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein -Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus, -wenigstens die Stiefmutter, — es begrüßen werden, ihr Kind bald los -zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen -jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. —“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span></p> - -<p>Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er -brüderlich herzlich.</p> - -<p>„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß -das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie -mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein -Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit -aufgebaut ist?“</p> - -<p>„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für -ein schönes, festes Fundament.“</p> - -<p>Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell! -Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten -müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein -einmauern lassen. —“</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um -8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem -Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine -Heidekamp und Agnes Asmus fehlten.</p> - -<p>Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine -Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den -Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten -rasche erschöpfende Antworten, — mit freundlichen Augen schaute der -Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.</p> - -<p>Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> schob sich unter -vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als -er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen, -wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte, -und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut -zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und -die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der -Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.</p> - -<p>Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer, -daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.</p> - -<p>„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, — nicht zu finden. -Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch -gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit -öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule -wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank, -— er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“</p> - -<p>„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann -ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit -Heidekamp verbinden.</p> - -<p>„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf -fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief -gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.</p> - -<p>„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig -den Hörer an. „Herr von Heidekamp<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> meint, sie sei krank. Aber die -Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. — -Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet -schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus -sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf -mich, Klaus Hansohm.“</p> - -<p>„Verzeihung, — es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen -klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das -Klassenzimmer. —</p> - -<p>Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen -auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine -Glieder versagten den Dienst.</p> - -<p>„Meine Tochter!“ stöhnte er: „<em class="gesperrt">Meine</em> Tochter läuft vor Tau und -Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo -sie ist.....“</p> - -<p>„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges -Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“</p> - -<p>„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr -ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal -vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich -widersetzte — — sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben, -Michaelis zu ihr zu ziehen, — da hat es wohl allerlei gegeben.....“</p> - -<p>„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß -er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem -Gott jetzt ins Gericht ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span></p> - -<p>„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort -gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst -furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan -worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme -brach ihm.</p> - -<p>„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor -Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in -Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon -erkundigt.“</p> - -<p>Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in -Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „<em class="gesperrt">Nicht</em> in -Heidekamp???“</p> - -<p>Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen -konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten -im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er -ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und -stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen -Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor. —</p> - -<p>An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte -zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“.</p> - -<p>Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und -fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch -legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr -Herr lief<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> wie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch -zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war. —</p> - -<p>Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht -wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen -Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die -Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. —</p> - -<p>„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen -in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei -junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre -junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. — -Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat -keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das -Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran -vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr -plötzlich — — —.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.</p> - -<p>Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die -Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast -dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst -helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit. -Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst -einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand! -Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p> - -<p>Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.</p> - -<p>„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, — wie der kategorische Imperativ -in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen -Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich -angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem -früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen -und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine -Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli -nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes. -Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine -Heimat hat.‘“</p> - -<p>Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht -kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn -sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen. -Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung. -Da fielen <em class="gesperrt">Sie</em> mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen -Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes -Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr -spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. — „Sie werden mich nicht -im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.</p> - -<p>Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer -Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und — der Not gehorchend -seine Tochter nach<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span> Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen -Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht -über Agnes bringen.</p> - -<p>Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend -und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß -Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.</p> - -<p>Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten, -daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens -Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.</p> - -<p>Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der -unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie -uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon -gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz, -Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘. -Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit -einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, — und <em class="gesperrt">alle</em> -vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ — Und er setzte sehr -herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit -einbegriffen. —“</p> - -<p>„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte -Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend -einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz -schlackenfrei der Urgrund ist, da <em class="gesperrt">kann</em> ja nichts zum Bösen -gereichen.“</p> - -<p>Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> bei sich, dieser -Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im -übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre -Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem -Nachdenken“ diktieren ließe.</p> - -<p>An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er -trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten -solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme, -daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die -beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.</p> - -<p>Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus -und standen vor dem alten Heidekamper.</p> - -<p>Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen -stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang -müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben, -und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein -Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie — die -lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine, -— wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort -gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, — sie hat mich gar nicht -erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht -aufgepaßt hast! —“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem -Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer,<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> und nach einer -Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.</p> - -<p>„Kann ich — die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme. -Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten -wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt -werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung -.....“</p> - -<p>Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde -alles erledigen.“</p> - -<p>Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die -Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich -nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, — vielleicht -gehorcht sie <em class="gesperrt">Ihnen</em>, läßt sich fortbringen von der Leiche... -Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“</p> - -<p>Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein -eintreten. —</p> - -<p>In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit -einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und -schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur, -und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie -wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie -rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht.</p> - -<p>Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner -jungen Schülerin?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p> - -<p>„Sörine!“ rief er erschüttert.</p> - -<p>Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht -mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer -gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse -Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich. -Weil Sie es mir <em class="gesperrt">versprochen</em> hatten. Nun ist es zu spät.... Und -nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. — Gehen Sie aus meinem -Stübchen fort.....“</p> - -<p>Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf.</p> - -<p>Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.</p> - -<p>„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart.</p> - -<p>Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft. -Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und -Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich -weidwund.....</p> - -<p>Einen Traum begrub er, — von einem Schemen nahm er Abschied... -Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem -trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.</p> - -<p>Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte -an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte, -wie herb es schmerzt, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> Jugend zur Jugend strebt — — über ein -reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen -jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen -wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar -davongeflogen war...</p> - -<p>Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte -ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die -verräterischen Spuren.</p> - -<p>Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer -Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle -Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint. -— —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach -vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?</p> - -<p>Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um -deiner im untersten Fache habhaft zu werden?</p> - -<p>Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen -Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den -Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und -verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für -vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ — Da wurde der Schrank -aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier -unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du, -mein alter Foliant. „Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen -Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen -sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in -der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen -fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren -Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite -geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.</p> - -<p>Was schrieb ich vor vier Jahren <em class="gesperrt">zuletzt</em> in dich hinein?</p> - -<p>Laß sehen:</p> - -<p>„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und -wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du -gute Mutter!“</p> - -<p>Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.</p> - -<p>Aber du mußt dich ohne den „<em class="gesperrt">fröhlichen</em>“ Anfang begnügen. Ich bin -ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.</p> - -<p>Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle -zu ihrem „Vater“, — diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest -geworden.</p> - -<p>Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden, -mißtrauischer....</p> - -<p>Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt -davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr -kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein -einsames, strenges Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> eher stutzig macht, als zum guten Glauben -bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich -könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens -zeigt man es mir nicht.</p> - -<p>So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden -wollte. — Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an <em class="gesperrt">mir</em> hängen, -aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen -angeschmiedet bin. —</p> - -<p>Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.</p> - -<p>Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.</p> - -<p>Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe -schloß.</p> - -<p>Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar -Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach. -Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir -hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder -singen zu können. —</p> - -<p>Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in -Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet -hatte. —</p> - -<p>Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den -darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland -zeigen in all seiner Pracht. — Jetzt weilt sie allein auf einer -Studienreise in der Schweiz — <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer und ich haben sie ihr -verschafft. —</p> - -<p>Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> mir gesessen, und -das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen -schloß.</p> - -<p>Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein -böses, unreifes Kind weh tat....</p> - -<p>Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen, -damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei -unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb, -genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.</p> - -<p>Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des -Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.</p> - -<p>Freilich bin auch ich in Netze gefallen, — in die des alten Fräulein -Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele -allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin -sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten -dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich -sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende -„Geheimnis der alten Mamsell“.</p> - -<p>Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein -treuer Rat und sein gutes Gesicht.</p> - -<p>Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann -und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An -Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter -Christ, aber schlechter Musikant. — Klaus Hansohm, ich vermisse dich -sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p> - -<p>Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren -Schlages vertreten. — Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat sie mit -übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am eifrigsten. -— Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen seines bösen -Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen wird er das -Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz, den er aufwühlte -auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er planlos hinterher -warf. — Wie sagte mir <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer? „Die guten Gedanken Ihrer -Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das ist ein rechtes -Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein <em class="gesperrt">Lehrerfreund.</em> -— Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an. Kinder- -und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber -<em class="gesperrt">Lehrerfreunde</em>? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, -und als die Erntezeit kam, lag er brach....</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in -Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch -einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf -den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.</p> - -<p>Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter -wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten. -— Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte -Blumen<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte -durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die -Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah, -wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und -kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke -ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen -den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten! -Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig -tröstend.</p> - -<p>Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod -getrieben....</p> - -<p>Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht -gehalten....</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie -auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit -meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und -blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar -nicht, daß sie die Gebende war.</p> - -<p>Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten -Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen -und Trinken vergaß.</p> - -<p>„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder -selig.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span></p> - -<p>Das mußt ich oft von ihr hören.</p> - -<p>Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der -Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein -Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit -den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner -Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der -Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese -mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte -sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß -ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und -war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde -werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?</p> - -<p>„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“</p> - -<p>Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der -Treusten.</p> - -<p>In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.</p> - -<p>Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der -Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt -merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut, -denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten -Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut, -kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.</p> - -<p>Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne,<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> mein Jung, willst -du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter -liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“</p> - -<p>Das wolltest du sagen, Mutter.</p> - -<p>Aber dein Empfinden war so zart und fein. — Du wolltest nicht an -Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug -bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur -um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige -Mutter. — Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte -in Arbeit und Pflicht. — Dein Mund war herb geschlossen, als wolle -er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten. -Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern -meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto -unwirscher wurdest du. — Kenne ich dich gut, Mutterherz?</p> - -<p>Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz -deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht -in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir -schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag -hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich -den weiland Heidekönig nannte.</p> - -<p>So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich -wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem -Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte -sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> lehntest -den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes -Brust.</p> - -<p>Weißt du noch, Mutter?</p> - -<p>Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er -fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise -zu dir — und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine -Hände — — — — „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb. -Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren -zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn -Enkelin.</p> - -<p>Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut, -daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig -und groß ist sie, daß sie nur ein <em class="gesperrt">Mutterherz</em> mit dem Sohne -tragen kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur -eine <em class="gesperrt">Mutter</em> sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter -darüber beten und weinen kann. — Da sahst du mich an, und wolltest -sprechen. Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen -Augen fragten — fragten....</p> - -<p>Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich. -Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen -helfen, Mutter...“ —</p> - -<p>Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder -in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.</p> - -<p>Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr -Direktor?“ fragte er. Und machte es<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> umgekehrt wie die gebildeten -Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie -belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre -antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von -mir ging, hatte er mich hochgeehrt.</p> - -<p>Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus -seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen -Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir -‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen, -Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen. -Aber“, — und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an, -„nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar -nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte -Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet -hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von -alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich -glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes -tut. Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier -Uhr sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht -das Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit -zu Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst -werd ich fünsch. <em class="gesperrt">Eine</em> Dummheit wird der Herr Direktor gemacht -haben, denn die machen die meisten jungen Lehrer, — er wird zu früh -geheiratet haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine -<em class="gesperrt">Frau</em>. Was da sonst drum und<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> dran hängt, geht uns nichts an.‘ -Meine Alte wollte noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr -aber: ‚Denk dran, wie oft ich <em class="gesperrt">dich</em> hab wegschicken wollen....‘ -Und da war sie still. Und jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine -böse Sieben, nur halt ein Frauenzimmer.“ —</p> - -<p>Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein -einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte -ich seine Rechte ganz herzhaft.</p> - -<p>„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind, -Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war -meine Frau.“</p> - -<p>„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie -hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“</p> - -<p>„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette -habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, — ehe -sie starb.“ —</p> - -<p>„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete -ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung, -solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf -holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel -zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie -solange beehrt habe. —“</p> - -<p>Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen, -goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte -meiner Großmutter Gesine gehört, und<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> ich schenkte sie Lisette an -unserm Hochzeitstage. — Dachte auch an die Kleinstadt und ihre -Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes -einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu -meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.</p> - -<p>Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr -von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt -war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so -eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag, -Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben -wir nie miteinander.</p> - -<p>Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt, -aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. —</p> - -<p>Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus -wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. —</p> - -<p>Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete -sie in Heidekamp weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span></p> - -<p>Da sah ich sie auf der Straße.</p> - -<p>Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der -Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.</p> - -<p>Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes, -erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.</p> - -<p>Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr -ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß -hören.</p> - -<p>Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in -Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel -von Mensch und Tier, nur nicht der meine....</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!</p> - -<p>Rufe mich immer <em class="gesperrt">zuerst</em> an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an -dir vorüber.</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr -des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann -meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt.... -Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von -Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz -von selbst hat sie mich darum gebeten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span></p> - -<p>Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz -neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!</p> - -<p>Aber das hat noch lange Wege. —</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner -Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit -ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.</p> - -<p>Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit -großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde. -Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde -gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe -nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die -engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden, -die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so -nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der -Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand -es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der -Spruch prangte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,</div> - <div class="verse">Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.</p> - -<p>Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> hatte, dann mußte man -sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der -Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich -nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich -nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein, -gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr -mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so -recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun -gebrannt heimkommen.</p> - -<p>In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen -der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und -belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen -Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der -die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. -Er war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, -der so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war -<em class="gesperrt">nur</em> „korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine -Abordnung zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne -Sörensen hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse -einen. Und während die <span class="antiqua">prima omnium</span> Grete Vahl in wohlgesetzten -Worten den in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch -der ersten Klasse vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ -zu unternehmen, klappte die kleine lebendige Lise Bransen aus der -Neunten nur immer ihre Händchen zusammen, tat unentwegt<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> einen kleinen -Luftsprung und rief: „Ach ja bitte! Ach ja bitte!“</p> - -<p>Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise -hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. —</p> - -<p>Und er sagte „<em class="gesperrt">ja</em>“.</p> - -<p>Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß -Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. —</p> - -<p>Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.</p> - -<p>So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das -Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und -nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.</p> - -<p>Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an -einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht -geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen, -vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein -eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate, -die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau -bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.</p> - -<p>Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr -früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen -Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der -Heidekamper Wagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p> - -<p>Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die -Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen -Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.</p> - -<p>In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und -es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern -ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die -rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte -Annahme. — Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf -dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. — Man fuhr dem -Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das -junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen -den Brauen kannte, erhellt gewesen...</p> - -<p>Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.</p> - -<p>Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn -jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an -die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!</p> - -<p>Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise. -Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man -stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter -sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und -nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war,<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> nahm man -die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der -Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.</p> - -<p>Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny -Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen -zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was -du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine -Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es -vorgeschlagen. —</p> - -<p>Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet -den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten. -Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer -mehr Kinder und Eltern drängten herein.</p> - -<p>„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte -Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die -Luft wird uns hier knapp.“</p> - -<p>Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied -rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner -vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier -festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun -lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses -vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch -die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“</p> - -<p>Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span>forderung aus, man -zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit -zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern -nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man -vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil -des Raumes.</p> - -<p>„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr -Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“</p> - -<p>Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht -hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die -das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die -Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht -beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions -gelöscht hätten....</p> - -<p>Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies -gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“</p> - -<p>Niemand vergaß es je, der es gehört.</p> - -<p>„Feuer! Feuer!“</p> - -<p>Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte -lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock -aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte -es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere -Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm -nach und half, die Flammen zu ersticken. —</p> - -<p>Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brand<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>wunden davongekommen. -Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen -sitzen und kühlte die wehen Hände.</p> - -<p>Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster -zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem -Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden, -verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.</p> - -<p>Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und -Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.</p> - -<p>Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und -als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen -wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen -Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.</p> - -<p>Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand -hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden -und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.</p> - -<p>Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen -Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.</p> - -<p>„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende -Diele.</p> - -<p>Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und -verbrannten Fingern.</p> - -<p>Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span></p> - -<p>Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig -geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten -Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.</p> - -<p>Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum. —</p> - -<p>Prasselnd brannte die Waldkate nieder.</p> - -<p>Weithin leuchtete der rote Feuerschein.</p> - -<p>Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten -nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur -Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.</p> - -<p>Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm. -Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur -Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den -neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von -Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen -unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch -immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren -Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz -Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und -schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.</p> - -<p>Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein -höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann -genesen könnte, und sein Freund würde.</p> - -<p>Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> vor. Vorsichtig -bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden -durch die dämmernde Heide. —</p> - -<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><em class="gesperrt">Mein alter Foliant, grüß dich Gott!</em></p> - -<p>Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!</p> - -<p>Zwar mit dem Wieder<em class="gesperrt">sehen</em>, da hat es so seinen Vorbehalt und -Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und -das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll -Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. — -Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben -Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.</p> - -<p>Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......</p> - -<p>Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.</p> - -<p>Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als -hundert Kinder um Hilfe schrien.</p> - -<p>Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal -gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. —</p> - -<p>Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir -auferlegte, weiß ich Ihm Dank. —</p> - -<p>Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz <em class="gesperrt">eingebrannt</em>.</p> - -<p>In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span></p> - -<p>Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein -armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter -Heide gebettet hatte.</p> - -<p>Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und -Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne -bedeuteten.</p> - -<p>Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.</p> - -<p>Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten -und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche -Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen -Binde, die meine versehrten Augen barg.</p> - -<p>Mütter hörte ich schluchzen, — sie weinten wohl über mich. Aber ich -lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder. —</p> - -<p>Gestern haben mich die Ärzte entlassen.</p> - -<p>Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab. -Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind -Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen -Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der -schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“</p> - -<p>Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie -hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.</p> - -<p>Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn -all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p> - -<p>Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.</p> - -<p>Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias -geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die -Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend -Jungvolk um sich habe“.....</p> - -<p>Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem -gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. —</p> - -<p>Vier Hände legten sich in die meinen.</p> - -<p>Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen -die Namen an mein Ohr.</p> - -<p>„Seid <em class="gesperrt">ihr’s</em>, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in -meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch -beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag -ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden. -Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“</p> - -<p>Dann haben wir lange beieinander gesessen.</p> - -<p>Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges -Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn -die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“</p> - -<p>Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.</p> - -<p>Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt -vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während -ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit, -Doktorsche, ich hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren -vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“</p> - -<p>Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...</p> - -<p>Schade. —</p> - -<p>Aber daß sie beide zu mir kamen, — der Klaus und die Kollegin aus -bitterschwerer Zeit, — das vergesse ich ihnen nicht. —</p> - -<p>Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange -Lebewohl sagen.....</p> - -<p>Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu -jung.</p> - -<p>Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung.... -Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich -bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im -starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige -Mund mir demütig Abbitte tut. —</p> - -<p>Nein, — nichts soll mich weich machen. —</p> - -<p>Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das -eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das -des einsamen Mannes Erne Sörensen. — —</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Ganz still war es im Studierzimmer.</p> - -<p>Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die -Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.</p> - -<p>Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben,<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> hatte der Leiter -der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch -<em class="gesperrt">Licht</em>.</p> - -<p>Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht -nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....</p> - -<p>„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto -alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht -nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem -ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn -sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die -ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“</p> - -<p>Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle -geschmunzelt....</p> - -<p>Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen -oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine -Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig, -ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und -der wunderlichen Haube einlassen sollte.</p> - -<p>Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das -Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch -an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....</p> - -<p>Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen, -und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging -gleich hinein.</p> - -<p>Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p> - -<p>„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.</p> - -<p>„Ich bin es!“</p> - -<p>Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der -noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder -sinken. —</p> - -<p>In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu -sagen — — wer ist da?“</p> - -<p>„Ich bin’s, — Sörine Heidekamp.“</p> - -<p>Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf.</p> - -<p>„Was soll das“, sagte er hart.</p> - -<p>Seine Hand tastete nach einem Halt.</p> - -<p>Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen, -Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, — meine Verantwortung ist ja -so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“</p> - -<p>Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr -trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte -sich an seine Seite. —</p> - -<p>„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie -als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“</p> - -<p>„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus.</p> - -<p>„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja — — in meinem heißen, -kindischen Zorn vor vier Jahren....“</p> - -<p>„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“</p> - -<p>„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s denn<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> sonst gut machen? Es -waren so einsame vier Jahre für mich....“</p> - -<p>Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich.</p> - -<p>„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch -derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“</p> - -<p>„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre -lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht -schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz -nichts sagen.....“</p> - -<p>„Die Mutter? — Welche Mutter?“</p> - -<p>„Die Mutter Gesine aus Einingen, — ich hab sie geholt ....“</p> - -<p>„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“</p> - -<p>„Weil — weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf -seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf.</p> - -<p>„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, — nicht wahr, Sörine? Sie -waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein -Mitleid von Ihnen annehmen. —“</p> - -<p>„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen. -Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“</p> - -<p>Da lächelte er schattenhaft.</p> - -<p>Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindisches<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> Vergehn so -schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas -Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“</p> - -<p>Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken -jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in -dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor -mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge -Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir -sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und -nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“</p> - -<p>Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines -Herzens.</p> - -<p>„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich -weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so -einsam. — Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir -die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen.... -Beinahe gestorben bin ich <em class="gesperrt">vor Heimweh nach Ihnen</em>. Und Sie müssen -mir verzeihen, — müssen — müssen — ich gehe nicht fort....“</p> - -<p>Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen... -Herrgott, wie quälen Sie mich....“</p> - -<p>Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die -Mutter ist dran Schuld, — die <em class="gesperrt">liebe</em> Mutter....“ Ihre Worte -überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, — — daß — ich -so einsam geworden bin, — und daß ich Sie am liebsten habe von allen<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> -Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben -möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....</p> - -<p>Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist -alles nicht wahr....“</p> - -<p>Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, — „Kind, Kind, -geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja -nicht nehmen. Du bist so jung — — sieh doch mein graues Haar. Und -sieh doch wie häßlich ich bin, — voll Narben — halbblind.....“</p> - -<p>Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines -Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine, -„meine liebe Heimat!“</p> - -<p>Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte -er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes -liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein -kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als -Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid -eines anderen aufbauen?“</p> - -<p>Sörine sah ihn ernst an.</p> - -<p>„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, — wenn es wirklich eins war. -Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli -hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. -Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue -nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So -wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span></p> - -<p>„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist -in allem andern mir so fern. Du bist reich, — verwöhnt, — ich hab dir -nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von -Heidekamp gegenüber der <em class="gesperrt">Herr</em> sein wollen. Hat das wohl auch dein -Großvaterli bedacht?“</p> - -<p>Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war -gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da -sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann -sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben -alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch -hingehn — dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“</p> - -<p>Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als -sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor, -sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt, -die seine Heimat ist. —</p> - -<p>Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen.</p> - -<p class="center">— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der -Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Aber <em class="gesperrt">mich</em> haben sie, -scheint’s, vergessen...“</p> - -<p>Und sie klinkte leise die Tür auf, hinter der das Glück wohnte. —</p> - -<p>Ein Weniges erschrocken war sie über ihres Erne verändertes Aussehen, -denn man hatte ihr das Ärgste<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> verschwiegen von dem furchtbaren Brande -da draußen. Aber er tröstete und beruhigte das kleine, weinende -Mutterchen. „In acht Tagen darf ich die Brille abnehmen, — denk, -Mutter, dann bin ich gesund....“</p> - -<p>„Und dann können Sie mich auch sehen“, sagte Sörine ernsthaft.</p> - -<p>Er lachte sein altes, schönes, sonores Lachen. „Sörine, du hast mich -einst feierlichst gebeten, dich ‚Sie‘ zu nennen, aber nun muß ich dich -ebenso feierlich bitten, ‚Du‘ zu sagen, kleine, närrische Deern.“</p> - -<p>Da küßte sie seine Hand, die er ihr erschrocken entzog. „Ich will -alles tun, was du willst, Erne Sörensen.“ Und hinterher kam ihr -frohes Kinderlachen, um das er sie einst beneidet. Das sollte nun -sein einsames Haus durchwärmen und durchleuchten, es war schier nicht -auszudenken. „Ich habe ja ein halbes Jahr Schule nachzuholen“, rief -sie glücklich. „Das sagte ich auch dem Großvaterli, als er mich in -einer frohen Stunde neckte, und immer rief: Sörine! Ausgerechnet ein -<em class="gesperrt">Schulmeister</em>! Dann meinte er: So muß ich wohl schon wegen -Schulgeldersparnis zufrieden sein. — Ach Erne, wenn Ihr erst ganz -zusammen seid, Großvaterli und du! Er sagte, du wärst ein Dickkopf, und -würdest mich gar nicht wollen....“</p> - -<p>So plauderte der junge Mund und Sörensen dachte, daß diese Stunden -alles auslöschten, was er Herbes durchlebt.</p> - -<p>Und die Mutter sah auf die junge, feine Tochter und nahm ihre Hand und -streichelte sie scheu. Gottes Segen<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> über dich, kleines Mädchen, du -willst meinen Sohn gesund machen an Leib und Seel. —</p> - -<p class="center mtop1">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Mutter Gesine und Sörine fuhren nach Heidekamp.</p> - -<p>Nur für eine Nacht. Morgen wollte die Mutter die Pflege des Sohnes -übernehmen.</p> - -<p>Sörine hielt fest einen großen Brief auf ihrem Schoß.</p> - -<p>Der barg in kurzen, markigen Zügen das Bild von Erne Sörensens harter -Vergangenheit. Und er enthielt die ehrerbietige Bitte des gereiften -Mannes an den alten Herrn von Heidekamp, ihm sein Kleinod Sörine zum -Weib zu geben, das er, Erne Sörensen, hüten und hegen wolle, so wahr -ihm Gott helfe. —</p> - -<p>Und oben im alten Patrizierhause saß Sörensen am Fenster, und wenn -er auch die Sonne nicht sah, die in wonnevoller Schönheit hinter den -Föhren unterging, so leuchteten dafür drei Glückssonnen in seinem -ehrlichen Herzen: Sohnesliebe, Mannesliebe und Heimatliebe.</p> - -<p>Und er streckte seine in heißem Dank gefalteten Hände der braunen Heide -draußen entgegen.</p> - -<p class="center mtop2 mbot3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p> - -<hr class="full" /> - -<div class="reklame"> - -<p class="s3 center mtop3 break-before"><em class="gesperrt mtop3">Romane von</em></p> - -<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Felicitas Rose</em></p> - -<p class="s5 center">Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M.,<br /> -die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>*Die Wengelohs. Geschichte einer Postfamilie.</b></p> - -<p class="p0 s5">Neu erschienen. — Es ist, als ob die Welt Reuters in neuer Wandlung -auferstanden wäre und ein Klang aus dem Waldhorn Eichendorffs darüber -hinflöge.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>*Der hillige Ginsterbusch.</b></p> - -<p class="p0 s5">Das Aufblühen einer edlen Frauenseele. Ein Buch der Selbsterneuerung -von innen heraus, wie es unserer Zeit dringend not tut!</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>*Die Erbschmiede.</b></p> - -<p class="p0 s5">Ein Buch aus der Seele der Lüneburger Heide, das geheimnisvolle -Einblicke in die Eigenart der wortkargen, kraftvoll gütigen Heidjer -erschließt.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>*Heideschulmeister Uwe Karsten.</b></p> - -<p class="p0 s5">Die stille und doch mächtige Poesie der Heide, wie sie in so -ergreifender Melodie seit Liliencrons Heidebildern nicht gehört wurde, -durchströmt dieses Buch, und mit dem Leben der Heide hat die Dichterin -Menschenschicksale zu einem wunderbaren Zusammenhang verflochten.</p> - -<p class="right">(Badische Neueste Nachrichten.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>*Erlenkamp Erben.</b></p> - -<p class="p0 s5">Der Abenteuerlust des Erben der Erlenkamp steht das bodenständige -Patriziertum gegenüber. Der ernsten Tragik hält köstlicher Humor das -Gleichgewicht, und gesunde Lebensbejahung treibt die Sorgenwolken immer -wieder auseinander. Ein Buch in spannender künstlerischster Formung.</p> - -<p class="right">(Abendpost, Chikago.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Die Eiks von Eichen.</b></p> - -<p class="p0 s5">Kantige Menschen, die im Jähzorn fehlen können, aber in Wahrheit einen -Schatz von Tatkraft und leuchtender Güte bergen. Geheimnisse der -Kinderschule werden ausgebreitet, seltsame Gestalten und eigenartige -Erlebnisse legen eine ungewöhnliche Stimmung über dieses Buch.</p> - -<p class="right">(Fränkischer Kurier.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Das Lyzeum in Birkholz.</b></p> - -<p class="p0 s5">Der stille, schwermütige Zauber der niederdeutschen Landschaft, die -anheimelnde Geschlossenheit einer kleinen Stadt, der schwerblütige -Charakter des Heideschulmeisters stehen scharf umrissen, oft von -satirischen Lichtern umspielt, in den meisterlich miteinander -verwobenen Schicksalen.</p> - -<p class="right">(Düsseldorfer Tageblatt.)</p> - -<p class="s3 center mtop1"><b class="bt">Berlin · Deutsches Verlagshaus -Bong & Co. · Leipzig</b></p> - -<p class="s3 center mtop3 break-before"><em class="gesperrt mtop3">Romane von</em></p> - -<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Felicitas Rose</em></p> - -<p class="s5 center">Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M.,<br /> -die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>*Der Tisch der Rasmussens.</b> Die Geschichte einer Familie.</p> - -<p class="p0 s5">Eine spannende Handlung, durchweht von einem köstlichen Humor.</p> - -<p class="right">(Süddeutsche Heimatweisen.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Meerkönigs Haus.</b></p> - -<p class="p0 s5">Mit vollendeter Kunst stehen die Menschen im ruhigen, selbstsicheren -Leben der alten Hansastadt, und wie aus Gemälden alter deutscher -Meister schauen sie uns daraus entgegen.</p> - -<p class="right">(Literaturbericht, Berlin.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Der Mutterhof.</b> Ein Halligroman.</p> - -<p class="p0 s5">In diesem Roman ist alles groß, stark, sicher und schicksalsvoll. Auf -dem Mutterhof gilt der uralte Wahlspruch vom Segen der Fruchtbarkeit, -doch eine schwere Tragik hängt über der jungen Frau Maren, der das -Schicksal Mutterglück verweigerte.</p> - -<p class="right">(Tägliche Rundschau.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Der graue Alltag und sein Licht.</b> -<span class="s5">Mit 26 Originalzeichnungen von -<em class="gesperrt">H. Krahforst</em>, Aachen.</span></p> - -<p class="p0 s5">Ein bestrickender Zauber geht von diesem Buch aus, das uns vom Alltag -zum Licht führt. Wieder weiß Felicitas Rose ungemein zu fesseln, -Gestalten wachsen in bunter Fülle empor, und die mannigfachen -Schicksale sind mit der sicheren Hand einer reifen Künstlerin -gezeichnet.</p> - -<p class="right">(Tägliche Rundschau.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Drohnen.</b> Eine Geschichte für junge und alte Nichtstuer.</p> - -<p class="p0 s5">Lebensechte Gestalten in bunter Fülle, eigenartige und fein beobachtete -Charaktere, feiner, warmer Humor.</p> - -<p class="right">(Karlsruher Tageblatt.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Bilder aus den vier Wänden.</b></p> - -<p class="p0 s5">Ein köstlicher Humor durchleuchtet diese intimen und feinen -Kabinettstücke. Aus den Erzählungen spricht eine Liebe, die über die -engen Grenzen sich weitet zur alles umfassenden Menschenliebe.</p> - -<p class="right">(Breslauer Morgenzeitung.)</p> - -<p class="p0 mtop1"><b>Rothraunes Heidekraut.</b> -<span class="s5">Lieder. Mit 4 Bildern von <em class="gesperrt">H. -Krahforst</em>.</span></p> - -<p class="center s5">Ganzleinen 3 M.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="p0 mtop1"><b>Provinzmädel.</b> -<span class="s5">5 Doppelbände, jeder Doppelband in biegsamem -Ganzleinen 2.50 M. Band I: Kleinstadtluft / Kerlchens Lern- und -Wanderjahre. / Band II: Kerlchen wird vernünftig. / Kerlchen als -Erzieher. / Band III: Kerlchen als Anstandsdame / Kerlchen als -Sorgen- und Sektbrecher. / Band IV: Kerlchens Flitterwochen. -/ Kerlchens Mutterglück. / Band V: Kerlchens Ebenbild / -Liebesgeschichten.</span></p> - -<p class="center s5"><em class="gesperrt">Sprudelnder Humor — -Köstliche Situationen!</em></p> - -<p class="s3 center mtop1"><b class="bt">Berlin · Deutsches Verlagshaus -Bong & Co. · Leipzig</b></p> - -<p class="s2 center mtop3 break-before"><b>Bongs Goldene Klassiker-Bibliothek</b></p> - -<div class="blockquot"> - -<p><em class="gesperrt">Arndt</em>, 4 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Arnim</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Arnim und Brentano</em>, Des Knaben Wunderhorn, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Bürger</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Chamisso</em>, 2 Bde. (3 Teile).</p> - -<p><em class="gesperrt">Chamisso</em> (Vollst. Ausg.), 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Droste-Hülshoff</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Eichendorff</em>, 3 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Fouqué</em>, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Freiligrath</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Goethe</em> (Auswahl), 6 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Goethe</em> (Erweiterte Ausgabe), 11 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Goethe</em> (Vollst. Ausgabe mit Register), 22 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Goethe</em>, Register allein, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grabbe</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grillparzer</em> (Auswahl), 5 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grillparzer</em>(Vollständ. Ausg.), 7 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grimm</em>, Märchen, 1 Bd.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Grimm</em>, Sagen, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grimmelshausen</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grün</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gutzkow</em>, 4 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gutzkow</em> (Erweit. Ausgabe), 7 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gutzkow</em>, Ritter v. Geiste, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Halm</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hauff</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hebbel</em>, 5 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hebbel</em> (Werke und Tagebücher), 7 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hebbel</em> (Tagebücher), 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hebel</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Heine</em> (Auswahl), 5 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Heine</em>, 15 Teile (Vollst. Ausg.), 7 B.</p> - -<p><em class="gesperrt">Herder</em>, 6 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Herwegh</em>, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hoffmann</em> (E. T. A.), 8 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hoffmann v. Fallersleben</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hölderlin</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Homer</em>, 2 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Immermann</em>, Münchhausen mit Oberhof, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Immermann</em>, 3 B.</p> - -<p><em class="gesperrt">Keller</em> (Gottfried), 5 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Keller</em> (Gottfried), (Erw. Ausg.), 6 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kerner</em> (Just.), 2 B.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kleist</em> (H. v.), 3 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Körner</em>, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Lenau</em>, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Lessing</em>, 4 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ludwig</em>, 3 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Meyer</em>, E. F., 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Mörike</em>, 2 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Nestroy</em>, 1 Bd.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Nibelungenlied</em>, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Novalis</em>, 2 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Raimund</em>, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Reuter</em>, 6 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Scheffel</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Schenkendorf</em>, 1 Bd.</p> - -<p><em class="gesperrt">Schiller</em>, Auswahl, 6 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Schiller</em> (Vollständ. Ausgabe), 11 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em>, Dramen, 4 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em> (Erweiterte Ausgabe), 6 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em> (Vollst. komment. Ausgabe), 7 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Stifter</em>, 5 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Storm</em>, 3 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sturm u. Drang</em>, Dichtungen aus der Geniezeit, 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Tieck</em>, 2 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Uhland</em> (Schulausgabe), 1 Bd.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Uhland</em> (Erweit. Ausgabe), 2 Bde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wagner</em> (Richard), 6 Bde.</p> - -<p>*<em class="gesperrt">Zschokke</em>, 4 Bde.</p></div> - -<p class="center">Jeder Band in Ganzleinen 3 M., Halbleder 5 M., Ganzleder 6 M. Die mit * -bezeichneten Bände 50 Pf. mehr.</p> - -<div class="blockquot"> - -<div class="bbox"> - -<p><em class="gesperrt">Lessing</em> (Vollständ. Ausg.) 25 B. 150 M. Leinen, in Halbleder -200 M.</p> - -<p><em class="gesperrt">Lessing</em>, Anmerkungen und Register allein 5 Bde. 30.— M., in -Halbleber 40.— M.</p> - -</div> - -</div> - -<p class="p0">Den Freunden von „Bongs Goldener Klassiker-Bibliothek“ steht das 160 -S. starke, <b>reich illustr. Bändchen</b> „<b>Lebensbilder unserer -Klassiker</b>“ gegen Einsendung von 25 Pf. postfrei zur Verfügung. -Die „Lebensbilder“ enthalten eine Schilderung des Lebens und Wirkens -unserer Klassiker sowie die Inhaltsangaben der in „Bongs Goldener -Klassiker-Bibliothek“ erschienenen Werke, ferner: 58 Porträte und einen -Anhang: „Grundlinien der Kultur- und Literaturgeschichte von 1740 bis -zur Gegenwart“.</p> - -<p class="s3 center mtop1"><b class="bt">Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong -& Co. · Leipzig</b></p> - -<p class="s2 center mtop3 break-before"><em class="gesperrt">Bongs Jugendbücherei</em></p> - -<p class="center mbot1">Von Ministerien, Schulmännern, Erziehern, sowie den Prüfungsausschüssen -und der Presse bestens empfohlen.</p> - -<p class="hang1"><b>*Über und unter der Erde.</b> <span class="s5">Technische -Rekorde. Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 170 Abbildungen, -Skizzen und Photographien.</span></p> - -<p class="hang1"><b>*Triumphe der Technik.</b> <span class="s5">Von -<em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 203 Abbildungen, Zeichnungen -und Photographien.</span></p> - -<p class="hang1"><b>*Die Abenteuer des Fürsten Dshaparidse</b>, des größten -Bärenjägers Sibiriens. <span class="s5">Erzählt vom letzten überlebenden -Gefährten <em class="gesperrt">Egon von Kapherr</em>. Mit 170 Abbildungen</span>.</p> - -<p class="hang1"><b>*Jugend-Turn- und Sportbuch</b> <span class="s5">von -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Ed. Neuendorff</em>. -Mit zahlreichen Abbildungen.</span></p> - -<p class="hang1"><b>*Das Buch der Physik.</b> <span class="s5">Errungenschaften -der Naturerkenntnis. Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 154 -Abbildungen, Tabellen, technischen Skizzen und Photographien.</span></p> - -<p class="hang1"><b>*Das Buch der Chemie.</b> <span class="s5">Errungenschaften -der Naturerkenntnis. Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 150 -Abbildungen, Tabellen, technischen Skizzen und Photographien.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Gemälde und ihre Meister.</b> <span class="s5">Mit -erklärenden Texten berufener Mitarbeiter, sowie einem Geleitwort von -Stadtschulrat <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Arnold -Reimann</em>. Mit 8 farbigen und 40 schwarzen Beilagen.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Unter den Wilden.</b> <span class="s5"><em class="gesperrt">Entdeckungen -und Abenteuer.</em> Von <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">Adolf Heilborn.</em> Mit 5 farbigen Beilagen und 36 -Textbildern.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Wilde Tiere.</b> <span class="s5">Von <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">Adolf Heilborn</em>. Mit 4 farbigen Beilagen und -39 Textbildern.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Leben und Treiben zur Urzeit.</b> <span class="s5">Von -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">O. -Hauser</em>. Mit 4 farbigen Beilagen, 145 Textbildern und einer -Karte des Vézèretales.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Deutsche Dichter.</b> <span class="s5">Von -<em class="gesperrt">Felix Lorenz</em>. Mit Proben aus den Werken, 4 -bunten Beilagen, 73 Textbildern und 66 Handschriftenproben.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Berühmte Musiker und ihre Werke.</b> <span class="s5">Herausgegeben -von Prof. <em class="gesperrt">R. Sternfeld</em>. Mit 76 Textbildern, -13 Faksimiles und 44 Notenbeispielen.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Seelenleben unserer Haustiere.</b> <span class="s5">Von -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Th. Zell</em>. Mit -4 bunten Beilagen und 80 Textbildern.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Im Wunderlande der Technik.</b> <span class="s5"><em class="gesperrt">Meisterstücke -und neue Errungenschaften.</em> Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. -Mit 190 Abbildungen und Originalzeichnungen, technischen Skizzen und -Photographien.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Das Sternenzelt und seine Wunder.</b> <span class="s5">Von -Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Joseph -Plaßmann</em>. Mit 2 Tafeln und 108 Abbildungen.</span></p> - -<p class="hang1"><b>Die schönsten Märchen der Weltliteratur.</b> <span class="s5">Gesammelt -und herausgegeben von Prof. <em class="gesperrt">Friedr. v. d. Leyen</em>. -Mit vielen farbigen Kunstblättern und Textbildern. 2 Bände.</span></p> - -<p class="s5 center mtop1">Jeder Band in Halbleinen 4 M., die mit * versehenen Bände je 5 M.</p> - -<p class="s3 center"><b class="bt">Berlin * Verlag von Rich. Bong * Leipzig</b></p> - -</div> - -<hr class="full" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Das Lyzeum in Birkholz, by Felicitas Rose - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ *** - -***** This file should be named 61479-h.htm or 61479-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/4/7/61479/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. 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You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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