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-The Project Gutenberg EBook of Das Lyzeum in Birkholz, by Felicitas Rose
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Das Lyzeum in Birkholz
-
-Author: Felicitas Rose
-
-Release Date: February 22, 2020 [EBook #61479]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ ***
-
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-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
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- Felicitas Rose · Das Lyzeum in Birkholz
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- [Illustration]
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- Das Lyzeum in Birkholz
-
- Roman
-
- von
-
- Felicitas Rose
-
- 78. bis 85. Tausend
-
- Berlin/Leipzig
-
- Deutsches Verlagshaus Bong & Co.
-
-
-
-
- Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten
- Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin
- Druck der Graphia Akt.-Ges. vorm. C. Grumbach in Leipzig
-
-
-
-
-Mit Gott! steht auf der ersten Seite des alten Folianten, den ich beim
-Umzug in Großvaters Kasten fand.
-
-Die wurmstichige Lade brach zusammen, als ungeschickte Packerhände sie
-hoben und stießen, das Buch, dick und groß wie eine Dorfbibel, fiel
-heraus und polterte vor meine Füße.
-
-Gelbe, leere Seiten, soweit ich auch blätterte. Stockfleckig und rauh.
-Aber auf der ersten Seite mein Name. Mit Gott, Erne Sörensen!
-
-Das ist ein guter Zuruf für die neue Stadt, die neue Wohnung und das
-neue Amt.
-
-Buch und Lade müssen dem Großvater gehört haben, dem Schulmeister mit
-den fünfzehn Kindern. Denn er ist der einzige Erne Sörensen in der
-langen Reihe der Jens Sörensen. Und nach ihm hat man mich benannt.
-
-Ich sollte werden wie er, ein bodenständiger Mann, kein Grübler und
-Spintisierer wie Vater.
-
-Vielleicht wollte der Ahn das Leben seiner fünfzehn Kinder auf den
-leeren Seiten des Folianten buchen, aber die Müdigkeit nach all dem
-heißen Ringen ums liebe Brot hat ihm die Feder aus der Hand gewunden.
-
-Soll ich sie aufnehmen?
-
-Es klingt so ermunternd: Mit Gott, Erne Sörensen!
-
-Zwei Tagebücher wies meine Bücherei auf, ein altes und ein neueres. Das
-neuere zeigte meine eignen Schriftzüge. Ich hab’s verbrannt. -- Und
-doch wäre ich jetzt so weit, es ganz objektiv zu betrachten.
-
-Die Zeit und die Selbstzucht haben mich über all das Schwere, das in
-den Blättern eingesargt lag, hinausgehoben. --
-
-Das alte Tagebuch von der streitbaren Großmutter Sörensen, zweimal
-verwittibten Lorns und Sebus, geborenen Witt, ist aber gut zu lesen. Es
-hat mir über manche garstige, vergiftete Stunde hinausgeholfen. Meinen
-Dank, Großmutter Gesine!
-
-Wenn ich darin lese, stehen alle meine Vorfahren und Verwandten fest
-umrissen vor mir. Die einfache Großmutter hat Familiengeschichte
-studiert, wie nochmal ein Professor. Und bei der verbürgten strengen
-Wahrhaftigkeit ihres Wesens hat sie wohl alle gut gezeichnet, und so
-wählte ich mir schon als junger Schwärmer und Stürmer mein Vorbild aus
-diesen Blättern.
-
-Wer mag sie dereinst in Händen haben und dann bezeugen, es sei mir
-gelungen? -- --
-
-Großmutter Gesine schreibt:
-
-Von 1700 an weiß ich’s genau. Von vorher ist auch noch manches da. Soll
-aber viel Schnackerei dazwischen sein. Und wo Kirchenbücher verbrunnen
-sind, haben die Pfarrers und Küsters dazugesetzt. Sind Menschen und
-kann nicht alls stimmen. Ich halte mich an die Wahrheit. Ist ein
-feiner, vornehmer Herr gewesen der Ahn Jens Sörensen. Oberamtmann in
-Arnis und seine Gemahlin eine Hochwohlgeborene aus Thüringen. Soll eine
-gute Mischung sein Thüringer und Holsteiner. Werden aber selbst im
-Himmel noch lachen der feine Herr und die Hochwohlgeborene, wenn sie
-ihre Sippe betrachten, die so bei klein achter ihnen ankümmt. -- Der
-Herr Urvater sind schon 40 Jahr alt gewesen, als der Adebar den Lütten
-gebracht hat und die Hochwohlgeborene hat die schwere Geburt nicht
-abkönnen und ist auf den Gottesacker gekommen. Danach hat sich der Herr
-Oberamtmann dem Kaffeepunsch und die Melancholei ergeben, ist aber sehr
-alt geworden, 95 Jahr. Denn die Sörensen können viel ab. Der Lütt-Jens
-hat Pastor werden wollen, ist ein rechten Spintisier gewesen. Oll-Jens
-aber, der Herr Oberamtmann, hat sich nach dem Tode der feinen Frau
-mit dem Herrgott verzürnt, und Lütt-Jens mußt auf dem Gute bleiben,
-wo niemalen ein Pastor sich durfte sehen lassen. -- Wo kein Herrgott
-aufpaßte, ist das Gut verkommen und nirgends ein Segen. Hat Lütt-Jens
-um schieres Gold ein Weib genommen, brav und reich ist sie gewesen, was
-nicht immer beisammen kommt. Um 1770 wieder ein Jens geboren und alles
-noch leidlich. Dann aber das Geld verspekuliert und sein armes Weib im
-gachen Jähzorn Tag für Tag gemißhandelt. Bis der Tag gekommen, da die
-Frau in ihrem Schoße das Kind von einem andern Manne trug, den sie in
-ihrer grimmen Not und Verlassenheit allzu sehr geliebet. Mathäus 7,
-Vers I: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Hat der
-Mann sie und das unschuldig, ungeboren Kind verstoßen, sind beide
-bald gestorben. Sein eigen Fleisch und Blut ist auf dem Gut geblieben,
-bis dies vergantet wurde. Drauf ist Jens gestorben und der Sohn Jens
-ins Waisenhaus und dann Schuhmacher geworden. Tüchtig und brav. Hat
-ein Weib aus Husum genommen, Luise Sörrine geborene Rasmussen. Die
-konnt mehr als Brot essen und hatte Gedankens wie ein Doktor. Las
-zweimal die ganze Heilige Schrift durch und sah in der Schusterkugel
-absunderliche Sachen, die andere Menschen nicht sehen. -- Wurde ihnen
-1800 ein Sohn geboren, hat die Wehmutter selbst gesagt, es sei ein
-Goliath. Aber nur von Statur. Inwendig drin ist er ein David gewesen,
-hat nur statt der Harfe eine Gitarre gehabt und die auch erst später.
-Und weil die Wöchnerin mehr konnte als Brot essen, litt sie nicht, daß
-das Kind wieder Jens genannt wurde, sondern machte einen Erne draus,
-damit mal eine neue Reihe anfing. Dieser Erne ist mein Mann geworden.
-Gott sei ewig Lob und Dank! -- Habe ihn oft den Rattenfänger von Hameln
-genannt, weil er einem das Herz aus der Brust singen und fläuten und
-gitarrespielen kunnt. -- Und ist er neben dem Arniser Sprüchwort
-her: „Groß und breit und jähzornig und langlebig wie ein Sörensen“,
-auch noch ein Schulmeister von Gottes Gnaden und nach Gottes Herzen
-gewesen. Wie die Heilige Bibel dartut: Die Lehrer werden leuchten wie
-des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die
-Sterne immer und ewiglich. Hatten mich meine Eltern als halbes Kind
-zweimal verheuert vordem. Und war der selige Lorns ein Schneider und
-der selige Sebus ein Schreiber. Beide klein und arg dünn, so daß ich
-allzeit in Sorge war, der starke Ostenwind kunnt sie davontragen.
-
-Dann tat’s die Influenz, die man damals Grippe hieß. Und ich war frei,
-und kunnt in allen Ehren den Goliath-Schulmeister kennen lernen. In
-der weiten Heide bauten wir’s Nest in aller Einsamkeit. Und der starke
-Gott segnete uns und ich konnte meinem Manne fünfzehn Kinder schenken.
-Jedes einzelne voller Herzensfreude und mit Jauchzen. Hatt’ ich auch
-oft nur Schwarzbrot und Wacholderbeersaft und für’s Wiegenkind die
-Mutterbrust, -- eine Träne hat keins von mir gesehen. Gelacht hab’ ich,
-jahraus, jahrein, damit nur ja nicht die Kinder merken sollten, daß
-der Gottessegen einer Mutter könnt zu viel werden. Später freilich,
-da sind die Tränen wie reißende Bäche dahergekommen. Das war, wie die
-Kinder groß waren... Das ist Mutterlos und Kinderart. Gott segne sie
-dennoch. Für jedes Leid ein Segen! So viel Schmerz, wie einem die
-Kinder zufügen, könnt ja auch kein irdischer Mensch sonst verzeihen.
-Da hat unser Herrgott extra das Mutterherz erschaffen. -- Ein braver
-guter Jung war uns der Jens, der Älteste. Hieß freilich wieder Jens,
-und ich mein, der Name bracht ihn wieder zum Spintisieren. Wir hätten
-gern einen Lehrer, oder gar etwas Höheres aus ihm gemacht, wenngleich
-ich nicht meine, daß es etwas Höheres gibt, als Schulmeister sein. Aber
-das Kind saß von klein auf beim Heideschuster und half mit flicken, und
-schaut in die Kugel und sinnierte. Schlug also der Großvater bei ihm
-durch.
-
-Sein Pate wußte ein gutes Geschäft in der Stadt, wo der Junge hätte
-einheiraten können, aber ein Sörensen und Geld, das paßt nun mal nicht
-zusammen.
-
-Nahm sich der Jens denn auch ein ganz armes Mädchen, aber gut und
-brav war sie. Konnte auch alle Worte gut setzen, und hatte bei ihrer
-Herrschaft durch zehn Jahre hindurch beinahe fünf dicke Bücher
-ausgelesen. Es waren schöne Sachen, die sie uns immer noch recht
-ausmalte. Und ich mein, sie hätte mir auch den Schluß von dem fünften
-Buch mal erzählt, als ich so krank war. Trotzdem sie es doch gar nicht
-zu Ende gelesen hatte. Aber als ich sie fragte, ob sie sich denn
-wahrhaftig so was Schönes selbst ausdenken könnte, da lachte sie, und
-stickte sich rot an und lief fort. --
-
-Ja, die Dorette. Die ist was Besonderes, wenn sie auch nur für fremde
-Leute wäscht und ihr Mann Flickschuster ist und bleibt. Nun strampelt
-bei ihnen auch schon so’n lütten Sleef in der alten Holzwiege, und
-letzten Sonntag hat er mit dem heiligen Taufwasser den Namen Erne
-bekommen, so daß ich wieder Gott Lob und Dank sagen kann. Er ist auch
-wieder ein Goliath.
-
-Wenn er mit den kleinen Beinen angelt und strampelt, dann ruft Vater
-Jens: Höger rup, höger rup! Und ich weiß wohl, was das heißen soll.
-Aber wenn der Junge höger rup soll, dann muß auch Vater Jens sorgen,
-daß die Holzwiege auf den öbersten Boden kommt. Hätt’ ich nicht partuh
-fünfzehn Kinder haben wollen, wär mein Jens vielleicht General oder gar
-Stadtsekretär. -- Aber zu tausend Malen habe ich schon meine Hände über
-dem Kind gefaltet, denn der Erne ist ein klein süßen, gescheiten Jung
-und soll mal......
-
- * * * * *
-
-Ja, hier endet Großmutter Gesines Tagebuch und der Enkel sitzt und
-grübelt, ob er wohl den heimlichen Wunsch der treuen Alten hat erfüllen
-können.
-
-Weder General noch Stadtsekretär bin ich geworden. Meine Behörde berief
-mich als Direktor an das Lyzeum in Birkholz.
-
-Mit Gott, Erne Sörensen!
-
- * * * * *
-
-Nun möchte ich wohl den alten Folianten füllen.
-
-Die Winterabende sind lang und heimelig.
-
-Und ich darf meinen mächtigen Kamin mit Buchenscheiten heizen, und für
-die hungrigen schwarzen Öfen liegt Torf in Hülle und Fülle bereit.
-
-Meine Dienstwohnung ist einst ein Patrizierhaus gewesen, man hat die
-Speicher, die sich rings in einem großen Block angliederten, abgerissen
-und das Lyzeum hingebaut. Es ist durch einen überdachten Gang mit
-meinem Hause verbunden.
-
-Uralt das einstige Patrizierhaus, hochmodern der Lyzeumsbau, es paßt
-gar nicht zusammen. Äußerlich.
-
-Innerlich umfasse ich mit viel guter Liebe die jungen Menschlein, die
-sich tagsüber da drüben tummeln.
-
-Ach, die erstaunten, frohen, sonnigen, ernsten, fragenden Augen: wer
-bist du, plötzlich Hereingeschneiter? Und was hast du mit uns vor???
--- -- Es ist ein reiches Glück, was mir da in den Schoß gefallen ist.
-„Der rechte Mann am rechten Ort,“ sagte mir zum Abschied mein alter,
-gütiger Provinzialschulrat.
-
-Man wächst unter einem solchen Wort. --
-
-„Nicht vergraben, Kollege,“ war sein zweites. „Wer fremde Kinder
-erziehen will, muß ihre Umgebung studieren.“ Diese Mahnung werde ich
-mir oft vorhalten müssen. Denn ich dürste nach Einsamkeit.
-
-Hätte ich doch das Buch nicht verbrannt!
-
-Es war eine kindische Tat, und ich glaubte mich gereift durch Arbeit
-und Leid.
-
-Stünde das Buch noch in dem kleinen Mahagonischrank, ich hätte die
-Kraft, es verschlossen zu halten.
-
-Jetzt blättere ich in schlaflosen Nächten in den Seiten meines
-Gedächtnisses, vergesse nichts, schlage jede Seite auf, durchlebe,
-durchgrüble alles aufs neue.
-
-Und der Ärger grinst, und die Schadenfreude lacht und das Leid weint
-ätzende Tränen, die jede Lebensfreude mir zerfressen.
-
-Nichts ist tot von der Vergangenheit -- -- nichts als meine zwei
-goldlockigen Buben...
-
-Ich rufe nach ihnen, meine Hände greifen ins Leere --
-
- * * * * *
-
-Der Wunsch der streitbaren Großmutter Gesine war nicht in Erfüllung
-gegangen.
-
-Die Wiege in Vaters kleiner Kate hörte nicht auf zu schaukeln. Aber ich
-blieb der einzige Goliath.
-
-Verhutzelt, braun, greisen- und zugleich zwerghaft erschienen
-mir alle meine Geschwisterchen, und sie verabschiedeten sich so
-grausam regelmäßig von dieser Welt, daß ich die Wehmutter bei
-jedem Neugeborenen gefragt habe: Wann stirbt’s? Und bei jedem der
-jämmerlichen Kindchen weinte die Mutter doch schmerzlich, wenn
-sie es hergeben mußte, weinte wohl auch über mich, der ich nie
-Geschwisterliebe kennen lernen sollte. --
-
-Lebte da ein Verwandter mütterlicherseits in Erfurt, dem Herzen
-Thüringens. Der kam zum Viehkauf nach dem Norden und besuchte die
-Freundschaft.
-
-„Das ewige Gesterbse baßt nich for son Jungen,“ erklärte er. Und
-obgleich ich mich heftig sträubte als dickköpfiger Holsteiner, so
-verpflanzte er mich trotzdem.
-
-Damit mich das Heimweh nicht auffresse, warf ich mich auf die Bücher.
-In den Ferien kam ich ein- oder zweimal nach dem Elternhaus zurück.
-In der Erinnerung daran sind aber nur drei Punkte haften geblieben:
-die jedesmalige Besohlung meiner Stiefel durch Vaters Hand, eine
-schaukelnde Wiege und eine ganze Reihe kleiner Gräber auf dem
-verfallenen Gottesacker.
-
-Doch so wenig mein Elternhaus mir bot, es muß doch die „Größeste unter
-ihnen“ darinnen gewohnt haben, denn das Haus meines Thüringer Ohms
-dünkte mich liebeleer, wenn ich Vergleiche zog.
-
-Der kleine scheue Vater daheim in seiner stillen Besinnlichkeit, die
-fleißige, behende Mutter mit ihrem feinen, guten Humor...
-
-Man hätte mich bei ihnen lassen sollen. Wer hat das Recht, Kinder von
-ihren Eltern zu nehmen?
-
-Man hat mir Steine statt Brot gereicht.
-
-Elternliebe ist das köstlichste Brot. Nun werde ich mein Lebtag hungrig
-sein.
-
-In den Osterferien, bevor ich ins Erfurter Seminar eintrat, machte ich
-eine frohe Burschenfahrt ins Tal der wilden Gera.
-
-Gerade im gesegneten Dörrberger Hammer sangen und tranken wir, da fing
-mein Herz schmerzhaft an zu zucken und zu schlagen...
-
-Und eh ich mich’s recht versah, lag mein Felleisen in einem Abteil 4.
-Klasse, und ich überzählte meine paar Pfennige, ob sie wohl auch zur
-Rückreise von der nordischen Heimat nach Erfurt reichen würden.
-
-Gerade recht kam ich.
-
-„Immer hat der Vater nach dir gerufen,“ weinte leise die Mutter. --
-Guter Vater! Du erkanntest mich noch. Mein Kommen rief ein Lächeln auf
-dein liebes Gesicht, dessen ich eingedenk bleiben werde. Weil es schön
-und seltsam war, und noch heute mein einsames Leben hell macht in der
-Erinnerung.
-
-Dann streicheltest du meine Hände, mein Gesicht, das sich über dich
-neigte. Rührend unbehilflich tatest du es, denn du mußtest eine äußere
-Zärtlichkeit gegen deinen Sohn erst in der Sterbestunde lernen.
-
-Und während du mich liebkostest, sagtest du leise und dringlich. „Nur
-fein deine Kinder das 4. Gebot lehren.“
-
-Das war dein letztes Wort. Du schliefst hinüber und sahst auf dem
-Totenbett nicht mehr klein und scheu aus, sondern wie jemand, dem eben
-der Herrgott zugerufen hat: „Ei du frommer und getreuer Knecht, sei mir
-willkommen!“
-
-Die Mutter nahm ich mit mir. Jetzt erst weiß ich, was sie mir für ein
-Opfer brachte. Sie aber tat, als sei das Thüringer Land ihres Herzens
-Sehnsucht gewesen. Lachend mit hellen Augen entsagte sie der nordischen
-Heimat und ließ ihre alten Wurzeln umpflanzen. Immer aber, wenn der
-Mond aufstieg oder die Sterne funkelten, fragte sie angstvoll: Gelle,
-das sind doch dieselben wie oben bei uns?
-
-Dies „Gelle“ war das Einzige, was sie sich von den neuen Landsleuten
-angenommen hatte, es klang wunderlich weich neben ihrer scharf
-abgesetzten Holsteiner Sprache. --
-
-So hielt sie der Gedanke froh und aufrecht, daß Sonne, Mond und Sterne
-auch über Schleswig-Holstein leuchteten, und jeden Abend trug sie dem
-Mond Grüße auf. Fast wie eine verliebte Deern. Sie galten aber den
-Gräbern droben im Norden, galten auch ol Pastor Truelsen oder Mudder
-Jensen, die unserer Familie früher in allen Nöten beigestanden hatten.
---
-
-Nun müßte ich das Buch schließen. Müßte einen Riesensprung tun von
-der Vergangenheit bis auf den Marktplatz von Birkholz, da das alte
-Patrizierhaus steht und das neue Lyzeum.
-
-Wie ein besorgter Vater dem zaudernden Sohne, redet mir das verwitterte
-Wappen zu, das über dem einen Mauerflügel steht. Immer muß mein
-Blick es treffen, sobald ich mich zur Arbeit niederlasse, sei es in
-der Schule oder an meinem Schreibtisch: Nun aber lasset alles hinter
-euch... Wer diesem steinernen Spruche folgen könnte!
-
-Über mich hat er keine Macht.
-
-Und noch kann ich den Sprung nicht wagen, der in die Ruhe führt. --
-
-Einundzwanzig Jahre war ich alt.
-
-Ein Seminarist mit bestandenem Examen, einem eigenen Instrument im Arm
-und außerdem den Zukunftshimmel voller Geigen.
-
-„Nun bist du ein gemachter Mann,“ sagte meine kleine, behende Mutter,
-und in jedem frühen Fältchen ihres Antlitzes leuchtete der Stolz.
-Sie sagte auch der Frau Rätin am Anger 67 in der Post die Wäsche
-ab und schuftete dafür am nächsten Morgen von drei Uhr an. Denn
-Pflichtversäumnis kannte sie nicht.
-
-Aber heute an dem Ehrentage meines bestandenen Examens zog sie ihr
-schwarzes Gottestischkleid an, während sie sonst nur in schwarzseidener
-Schürze um meinen Vater trauerte.
-
-Wie ein Bild saß sie da und schaute durch das Fenster in das
-verglimmende Abendrot, die Hände unter der schmalen Brust gefaltet, und
-ein Leuchten lag auf ihrem Gesicht, als sähe sie in eine strahlende
-Zukunft. Als ich mich zu ihr setzen wollte, sprang sie behende auf und
-wischte den Sitz meines Stuhles eifrig ab für den „Herrn“ Sohn.
-
-Solche Mütter, wie die meine, sucht sich der Teufel aus, um sie durchs
-eigene Kind in den Staub zu ziehen.
-
-Die Mutter wußte, daß der Abend nach der Prüfung den Kameraden und dem
-fröhlichen Kommers draußen auf der Milchinsel gehörte.
-
-Rippenbraten und rohe Kartoffelklöße standen auf der Speisefolge und
-Erlanger Bier hieß der süffige Stoff, der unsere jungen Köpfe verdrehen
-sollte.
-
-Die Mutter lag schon im Bett, als ich ihr um 8 Uhr gute Nacht wünschte.
-Sie hatte mir nie etwas in den Weg gelegt, wenn ich abends ausging, es
-kam selten genug vor. --
-
-Damals richtete sie sich aus dem ersten Halbschlummer erschrocken hoch
-und rief angstvoll: „Och bliew doch to Hus!“
-
-Ich lachte, wie man mit einundzwanzig Jahren lacht, wenn das Leben
-lockt und der erste überwundene Berg hinter einem liegt. Gab ihr noch
-einen ungewohnten, unbehilflichen Kuß auf den ergrauenden Scheitel und
-stürmte fort...
-
-Um Mitternacht war mein Kopf wüst und heiß.
-
-Verschiedene Bürger, Handwerker, die für das Seminar arbeiteten, waren
-aus der Stadt gekommen und tranken mit ihren Frauen einen Schoppen,
-während wir zu den Klängen eines Leierkastens, dessen Besitzer wir mit
-Bratwürsten, Kartoffelsalat und etlichen Seideln verpflichtet hatten,
-mit den Töchtern gefühlvolle Walzer tanzten.
-
-Die schwarze Balianslisette war dabei.
-
-Das Mädchen war schön, üppig und dreist.
-
-Der verwitwete Vater, Schmied Balian, hielt sein einziges Kind
-sonst jeder Freude fern. Man sagte, es seien ihm schon zwei Töchter
-verdorben. Er bewachte sie mit Späheraugen, und manch einer hatte eine
-harmlose Fensterpromenade schwer büßen müssen.
-
-An jenem Tage hielten ihn Freunde fest hinter seinem Stammseidel und
-die Lisette gehörte uns.
-
-Die Luft im mäßig großen Zimmer war unerträglich, schwül, voll Staub.
-Lisette saß dicht an mich geschmiegt, und ihre schwarzen Beerenaugen
-trieben ein tolles Spiel mit mir. --
-
-Wir liefen hinaus in den dunkeln Garten, haschten uns, schrien,
-lachten...
-
-Dann plötzlich war ich allein mit der Lisette in der Kegelbahn... Wir
-küßten uns rasch, leidenschaftlich, wild. --
-
-Ein Streichholz glühte auf, eine Hand lag fest auf meinem Arm, und
-Schmied Balian sagte geruhig: „Ich wußte nicht, daß Sie der Lisette gut
-sind, bin’s aber zufrieden. Jetzt nach Haus, morgen komme ich zu Ihrer
-Mutter, ist ’ne brave Frau.“
-
-Er zog Lisette mit sich fort und ich taumelte nach Hause, ohne Hut,
-ohne Zahlung, ohne klare Gedanken.
-
-Am andern Morgen um 10 Uhr war der Alte mit der Tochter schon da.
-Meinen Kopf zersprengte der ödeste Katzenjammer. Lisette war blaß wie
-der Tod.
-
-Der Mutter konnt ich gar nicht in die Augen sehen.
-
-„Lassen wir das Pärchen mal allein,“ rief der Schmied lustig, aber
-in seiner Stimme war ein tiefer, grollender Unterton, und seine Augen
-drohten. --
-
-In der schmalen Schrankkammer umklammerte mich Lisette: „Sörensen, um
-Gottes willen, er schlägt mich tot, wenn du mich nicht nimmst...“ Ich
-stand zornig vor ihr.
-
-„So ein Frevel! Wir kennen uns ja gar nicht. Es war ein verdammter
-Rausch! Und wenn du weißt, wie dein Vater ist, mußt du die Leute nicht
-verrückt machen.“
-
-„Sörensen, er schlägt mich tot.“
-
-Nicht einmal meinen Vornamen wußte das Mädel. Ich lachte laut auf, und
-dabei schlugen meine Zähne im Frost zusammen.
-
-„Es ist doch nichts geschehen,“ rief ich. „Ein Kuß oder ein paar. Nimm
-doch Verstand an.“ --
-
-„Für mich ist’s die größte Strafe,“ knirschte sie, „-- ich hab einen
-andern gern...“
-
-„Schäm dich -- o schäm dich!“
-
-Das war unsere Verlobung! --
-
- * * * * *
-
-Wenn ich in der Zeit meine Mutter nicht gehabt hätte...
-
-Mütter sind Helden...
-
-Kleines, versorgtes, vergrämtes Mutterchen, du warst der Heldinnen
-größte.
-
-Gabst mir Sonne und Wärme und Zuversicht.
-
-Gabst so viel Liebe für mich her, daß sie die ganze, weite Welt hätte
-füllen können, schafftest und sorgtest, als seist du eine junge Deern,
-die für das eigene Glück arbeitet.
-
-Mutter, Mutter!
-
-Und deinen großen Jungen trugst du auf betendem Herzen. So ist er nicht
-verzweifelt.
-
-Einmal an einem regennassen Novembertag stürmt ich zum alten Balian.
-
-Ich wollt ihm sagen, daß ich den Schritt nicht tun könne. Daß ich es
-kläglich fände, zwei Menschen zusammenzusperren für Zeit und Ewigkeit,
-die nichts Gemeinsames haben als die unreife Jugend. -- Niemals wollt
-ich mich verheiraten. Was ich verdiene, solle die Lisette haben, bis
-für sie einmal der Rechte käme...
-
-Der alte Balian lag schwer an Lungenentzündung. Er fieberte, war in
-einer andern Welt. Was wir von seinen leisen Worten aber verstehen
-konnten, war Freude über die Versorgung seiner Tochter.
-
-Dann starb er uns, und ich konnte die Verwaiste nicht verlassen. Denn
-es war nichts da.
-
-Die guten Erfurter schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, daß ein
-blühendes Geschäft so hatte vor die Hunde gehen können. Die schlechten
-Kinder waren der Rost gewesen, der an dem ehrlich erarbeiteten Gelde
-des Vaters fraß, und heimliche Wege war Schmied Balian gegangen, damit
-die Nachbarn und die Kundschaft nichts von seinem Verfalle merken
-sollten. -- Was noch irgendwie ein Ansehen hatte von seinen Sachen,
-war verpfändet. Ein paar wurmstichige Möbel nahmen wir mit. Ich habe
-sie zu Brennholz zerhackt, und sie spendeten die einzige Wärme, die
-ich dem Hause Balian zu verdanken hatte. Von Mutterchens armseligen
-Ersparnissen richteten wir die neue Lehrerwohnung ein. Sie lag in
-Einingen, tief in der Lüneburger Heide.
-
-Die Heide kann nur ganz Glückliche, kann nur selige, jauchzende,
-lachende Menschenkinder brauchen, oder ganz Unglückliche, von ihrem
-Gott Verlassene. -- Ihre Riesenweiten muß man füllen können mit Liebe
-oder Haß, mit Jauchzen und Zittern, mit einer Welt von innerem Erleben.
-Gleichgültige Menschen oder solche, die nur Erdenschwere und Dumpfheit
-kennen, gehören in die Großstadt. Die Heide tötet ihnen Seele und Leib.
-
-Ein Unglücklicher war ich.
-
-Weil ich so jung war.
-
-Weil das Leben so ewigkeitslang vor mir lag. --
-
-Als die Wasser der Verzweiflung über meinen Kopf zu schlagen drohten,
-stand ich eines Abends vor der Studierstube von Pastor Verden. Manche
-Predigt, die schön gesprochen und herzlich gemeint war, hatte ich von
-ihm gehört, aber der Lehrer Erne Sörensen war unaufmerksamer als der
-zerstreuteste Schuljunge und jeglich Wort fiel daneben.
-
-Ich entsinne mich aus jener Zeit, daß in Kopf und Herz nur die Fragen
-brannten: Was soll ich? Wohin? Wo ist Hilfe? Und keine Antwort fand.
-
-Nicht am Tage und nicht des Nachts. Nicht in Kirche und Schule. Nicht
-daheim, noch in weiter Heide.
-
-Mein Mutterchen war auf dem Posten.
-
-Damals ist ihr Gebet gewesen: „Lieber Gott, der Erne, mein großer
-Jung, will uns entlaufen. Jawohl, dir und mir. Da heißt’s aufpassen.
-Und fein gesund mußt du mich bleiben lassen, das siehst du wohl ein, du
-lieber Herrgott. Denn der Erne hat jetzt nur mich.“ --
-
-Vor des Pfarrers Studierstube stand ich und wollte irgendeine
-Dorfangelegenheit mit ihm besprechen. --
-
-Es war garstiger Schneesturm, und jeder andere wäre daheim geblieben.
-Denn die Dorfangelegenheit war nicht wichtig. Aber mein ödes Zuhause
-und darinnen die junge, faule, zänkische Frau trieben mich häufig in
-die Weite der Heide oder auch in die Enge des Dörfleins.
-
-Und noch auf der hallenden Estrichdiele des Pastorats gellten die
-Fragen meines arbeitenden Hirns: Warum? Wohin? Wo ist Hilfe?
-
-Pastor Verden las laut sein Abendlied, und die schlichten Worte
-übertönten den Jammer meines Herzens:
-
- Der Wolken, Luft und Winden
- Gibt Wege, Lauf und Bahn,
- Der wird auch Wege finden,
- Da dein Fuß gehen kann. --
-
-Da lehnte der lange Goliath Erne Sörensen seinen Kopf an die Tür und
-weinte bitterlich.
-
-Zum erstenmal seit der Kinderzeit und den kindischen Knabentränen. Ei,
-ei, ei!
-
-Der heraustretende Pfarrer schüttelte bedächtig den Kopf, und meine
-beiden Hände hielt er fest in den seinen.
-
-Und die Frau Pastorin mit dem gütigen Matronengesichtchen rief: „Du
-lieber Gott, der junge Herr Lehrer!“ Und raunte dann: „Ob ich Essen
-bringe? Ob er Hunger hat?“
-
-Denn junge Lehrer und Hunger gehörten für sie zusammen. An diesem Abend
-fanden meine Hilferufe und wirren Fragen ihre Antwort. Ein großes
-Sorgenbündel ließ ich in dem altväterischen Ohrenstuhl der Studierstube
-zurück, und eine Freundschaft für Lebenszeit nahm ich mit mir. --
-
-Ich begann jetzt erst mein „Haus einzurichten“. Es ist ein tiefer
-Unterschied, ob man sich sein „Nest baut“ oder sein „Haus einrichtet“.
-
-Das erstere hatte ich verscherzt, als ich ein Mädchen ohne Liebe wählte.
-
-Aber ich hatte viel ehrlichen Willen, dies Unrecht gutzumachen. In
-meinen Freistunden bastelte ich allerhand Zierrat für unsere Stuben
-zusammen, ich handhabte die Axt und ersparte den Zimmermann. Die Mutter
-bekam von der Pastorin Blumenzwiebeln und -samen. An unsern Fenstern
-blühten Geranien und fleißige Liesel. Der Pfarrer führte mich feierlich
-bei den Dorfältesten und der Gemeinde ein, und da er sehr angesehen
-war, wurde ich’s auch, weil er seine Hand über mich hielt. --
-
-Und nichts schaffte ich an, ohne Lisette um Rat zu fragen. War ich
-des Hauses Haupt, so sollte sie das Herz sein. Meinen Jähzorn, das
-unselige Erbteil der Sörensen, bezwang ich und strebte danach, daß das
-Versöhnlichsein uns beiden zur lieben Gewohnheit würde.
-
-Dem toten Hause wollt’ ich unsern Atem geben. --
-
-Aber es war kein Segen dabei.
-
-Lisette hatte für alles ein Lachen, an dem das meine langsam starb.
-Gern las ich abends den beiden Frauen vor, denn ich war stolz auf meine
-Bücherei. Diesen hochtönenden Namen gab ich meinen zwanzig Bänden,
-wobei ich Bibel und Gesangbuch noch mitrechnete. Mutter bekam helle
-und blanke Augen, wenn ich den Hungerpastor vorhatte, sie lachte wie
-ein frohes Kind über Fritz Reuter und konnte sich für Hans Krischan
-Andersen begeistern. Lisette aber gähnte und schlief ein, ohne sich
-doch durch Tagesarbeit den Schlaf verdient zu haben.
-
-Wir ließen sie vor uns das Bett aufsuchen, und kam ich dann ins
-Schlafzimmer, fand ich sie in kleinen schmutzigen Heften lesend... Als
-ich die Sachen verbrannte, erntete ich Schimpf und lodernden Zorn.
-
-Es kam eine Zeit, da ich die Hölle im Hause hatte.
-
-Die Mutter wurde ganz kümmerlich und weinte des Abends an meinem Halse.
-
-Sie hatte schlechte Tage unter Lisettens Herrschaft und tat doch allein
-alle Arbeit des Hauses.
-
-Und wieder danke ich es Pastor Verden, daß ich meinen Zorn niederrang
-und mich nicht vergaß. Denn die Dorfgemeinde schaute aufmerksam auf das
-Beispiel des Lehrerhauses.
-
-Lisette fühlte sich Mutter.
-
-Diese Zeit mag wohl in anderen Ehen etwas Köstliches bedeuten. Zwei,
-die Eins sind in Hoffen, Lieben, Glauben, in Ehrfurcht vor der
-Heiligkeit des Werdenden, im Stolz auf die Zukunft.
-
-Herrgott! Und bei uns nichts, nichts, was Herz und Sinn hätte erheben
-können.
-
-Hie und da brach eine jähe Zärtlichkeit bei Lisette hervor. So wild und
-ungestüm und zügellos, daß ich mich vor der Mutter schämte...
-
-Einmal küßte sie mich mit derbem Lachen, als gerade zwei Bauern bei mir
-waren, um sich Rat für ihre Kinder zu holen.
-
-Sie sahen scheel und ohne Verständnis auf die Lehrersfrau und
-entfernten sich eilends.
-
-Der Rat blieb ungesprochen, aber das Seltsame und Häßliche meiner Ehe
-trugen die Leute ins Dorf.
-
-Dann aber ward es Licht.
-
-Gott schenkte mir zwei Knaben. Einen großen Goliath -- Erne und einen
-feinen, kleinen Jens.
-
-Außer mir war ich vor Glück. --
-
-Mir schien alles klein und gering, was ich früher erlebt, gegen das
-unfaßlich Herrliche der Gegenwart.
-
-Ich war Vater. Vater von zwei Söhnen. Auch die Zukunft war wieder hell,
-denn ich hielt ja an jeder Hand einen Knaben und brauchte keinen Weg
-mehr einsam zu wandern.
-
-Und meine Jugend jubelte laut ihr Glück hinaus, bis Mutterchen
-ängstlich mahnend rief: „Du groten Jung! Swieg still! Du büst jo ganz
-ut Rand un Band. Süh de beiden Lütten! Wo se di ankiken. As ob se dien
-Öllern wiern un nich du.“
-
-Laut und fröhlich lachte ich und küßte beide Mütter. Die, die mich
-geboren, und die, welche mir meine Knaben schenkte.
-
-Und in der Nacht träumte mir, der Erne sei Kultusminister und der Jens
-Volksschulmeister. Und es war ein köstlich Zusammenarbeiten der beiden
-Brüder, und die ganze Welt und alle Schulen waren voll Glück. --
-
- * * * * *
-
-Was nun ein schweres, grausames Geschick mir wuchtend auferlegte, das
-werde ich nur ganz kurz und sachlich buchen können. Einst schrieb ich
-es in das kleine Heft hinein, das nun verbrannt ist. Einst -- damals
-als ich jung war.
-
-Damals wünscht ich mir „Flügel der Morgenröte“, um dem Herrgott zu
-entfliehen „und wanderte im finstersten Tal“...
-
-Jetzt weiß ich, daß er mich nie verlassen, noch verloren hat.
-
-Heute ist der Geburtstag meiner Knaben.
-
-Das wären jetzt aufgeschossene schlanke Bürschchen, wie ich selbst es
-war mit vierzehn Jahren.
-
-Sie würden mir bis an die Schulter reichen und zu mir sagen: Vater, wie
-sind deine Brauen und dein Bart so dunkel und deine Schläfen so weiß. --
-
-Das kommt, weil ihr mich verlassen habt, meine Jungens...
-
-Nun, so bekomme ich diese Seiten nie zu Ende...
-
-Die Kinder gediehen und wuchsen wie die Bäumchen. Trotzdem Lisette
-ihnen die Mutterbrust verweigerte. Im Anfang war ich zornig, dann
-freute ich mich darüber. Ich bereitete fast jede Nahrung selbst für sie.
-
-So wurden sie ganz mein Eigen. Von der Schule lief ich zu den Knaben
-und von ihnen zur Schule.
-
-Und die allerbeste Kindsmagd hatten sie außerdem an der Großmutter. Die
-wurde noch einmal jung in der Kinderstube und besann sich auf Märchen,
-wie sie schöner nie ein Mund erzählt.
-
-Und der große und der kleine Erne saßen mit dem feinen, zarten Jens zu
-Füßen der Scheherezade und lauschten...
-
-Lisette aber war auch glücklich auf ihre Art. --
-
-Sie entlief oft tagelang dem „langweiligen“ Manne, den „langweiligen“
-Kindern, der „furchtbaren Öde“ der großen Heide.
-
-Sie vergnügte sich in der nahen Stadt, fand Freundinnen und Versucher...
-
-Ich wachte erst aus meiner Vater- und Kinderseligkeit auf, als Pastor
-Verden mich gewaltig rüttelte. Er nannte die Dinge, wie das Dorf sie
-besprach...
-
-Bis ins Herz erschrak ich.
-
-Und zwang mit eisernem Willen die junge, pflichtvergessene Mutter in
-mein Haus.
-
-Es wurde zur Hölle für uns alle.
-
-Nur eine hielt dieser Hölle stand. Sie war die verkörperte Liebe. Sie
-betreute das Haus, die Kinder, mich selbst, ja auch um die mürrische,
-zänkische Schwiegertochter warb sie täglich aufs neue. Nimmermüde war
-das Mutterchen. Ich selbst lief allein oder später mit meinen Buben in
-die Heide.
-
-Lieben und verstehen lehrte ich sie die unendliche Weite und Stille.
-Die rote Blütenpracht im Sommer wurde ihnen zum Himmelsteppich, und
-alle Blumen der Welt reichten nicht heran an Holler und Ginster.
-
-Mit drei Jahren sprachen die Knaben ein reines gutes Hochdeutsch, und
-mit dem „Grodeli“, wie sie die Großmutter nannten, „snakten sie Platt“.
-
-Meine Buben waren mir alles und ersetzten mir alles, woran sonst ein
-junger Mensch sein Herz und seine Sinne heftet. Ich lachte, tollte,
-lernte und spielte mit ihnen, und wenn sie mir ihre Händchen hinhielten
-und ernsthaft meine Koseworte wiederholten: „Ja, Erne, wir sind
-zusammengeßmiedet“, dann dünkte ich mich der Königssohn im Märchen. --
-
-Nun rasch weiter und zu Ende.
-
-Es war Schützenfest in der Kreisstadt.
-
-Lisette war in fieberhafter Aufregung. Sie erzählte sogar den beiden
-Kindern von all den verlockenden Schaubuden, von Karussels und Löwen
-und drolligen Affen.
-
-Die aufgeweckten Bübchen horchten erstaunt und erfreut, die Mutter war
-so selten freundlich mit ihnen.
-
-„Laß mich doch mit den beiden hin!“ drängte Lisette. „Die Kinder werden
-ja hier ganz überspönig, sie müssen einmal unter andere Kinder. Ein
-großer Umzug mit brennenden Laternen soll da sein, -- ich hab’s der
-Frau Diedrichsen so gut wie versprochen.“ --
-
-Lehrer Diedrichsen war mir ein unlieber Kollege, seine Frau als
-Freundin für Lisette durchaus ungeeignet. Ich schüttelte den Kopf, ein
-zorniger Blick traf mich.
-
-„Grad als ob mir die Kinder nicht +auch+ gehörten,“ schrie sie
-mich an. Da fingen Erne und Jens an zu weinen, und ich trug sie hinüber
-zur Großmutter, damit ihre jungen Augen nicht das entstellte Gesicht
-der Mutter sehen sollten und das furchtbarste Schauspiel für Kinder:
-Uneinigkeit der Eltern. Dann ging ich zurück zu Lisette und versuchte
-noch einmal mit Freundlichkeit und Ruhe ihr meine und ihre Stellung
-klarzulegen.
-
-Daß ein Lehrer würdigere Freuden kennen müsse als den Jahrmarkt in der
-fremden Stadt, und daß es einfach unsere Verhältnisse nicht erlaubten,
-das Geld so unnütz hinzuwerfen. Und die Kinder, die jungen zarten
-Knaben im Gewühle eines solchen Umzuges!
-
-Sie tobte, aber ich blieb ruhig und fest.
-
-Andern Tags hatten beide Bübchen starkes Fieber. Es war ein kalter,
-häßlicher November.
-
-Ich mußte mit dem Pfarrer und dem neuen Kreisschulinspektor über Land
-und trennte mich schwer von den Kindern. Aber Lisette schien selbst in
-Sorge um die beiden, das konnte ich wohl sehen. Sie gab sich auch Mühe,
-freundlich mit mir zu sein, es war wie Reue in ihr und mir war’s der
-Schimmer einer lichteren Zukunft...
-
-So ließ ich meine Frau am Bett der Kleinen und Mutter schlummernd im
-Lehnstuhl, was nicht oft vorkam. Aber sie kämpfte schon lange gegen
-eine böse Erkältung.
-
-Spät abends kam ich heim.
-
-Ich ging zuerst in Mutters Stube, um nicht mit der ganzen Nässe und
-Kälte der Novembernacht an die Bettchen der Kinder zu treten.
-
-Mutter schrak aus Fieberschlaf empor.
-
-„Die gute Lisette,“ lallte sie. „Warm eingepackt hat sie mich. Nicht
-rühren sollt ich und konnt ich mich. Und gut zugeredet hat sie mir. Daß
-ich sollt endlich einmal liegen bleiben und an mich denken. Den Bübchen
-geht’s besser. Schlafen alle zwei in die Gesundheit hinein. Und die
-Lisette hat sich auch hingelegt.“
-
-Ich kühlte der Mutter die brennende Stirn und dann ging ich ins
-Schlafstübchen.
-
-Herrgott! Herrgott!
-
-Die Betten waren leer.
-
-In der Kreisstadt fand ich nachts um drei Uhr meine Kinder wieder im
-Hause des Lehrers Diedrichsen.
-
-Der kleine Jens kannte mich schon nicht mehr. Am andern Tag zwang ihn
-die Bräune nieder. Die Fahrt über Land in schneidendem Novemberwind...
-
-Mein Erne wehrte sich länger. Er erzählte mir noch mit heiserer Stimme
-von den Löwen und Äffchen, von dem rasenden Karussel, wo man so übel
-drauf werde, von den brennend roten Stocklaternen. Diese ängstigten ihn
-furchtbar und verfolgten ihn. --
-
-Den ganzen nächsten Tag erzählte er mir noch...
-
-Dann reichte er mir das kleine heiße Händchen: Wir beide sind
-zusammengeßmiedet......
-
- * * * * *
-
-Das war vor zehn Jahren. Ich habe Lisette nicht wiedergesehen. Was ich
-verdiene, schicke ich ihr bis auf wenige Abzüge. --
-
-Die Mutter blieb vorerst bei mir. Gott ewig Lob und Dank. Ihr rastloser
-Fleiß, ihre Liebe, ihre nimmermüde Fürsorge und ihr Vertrauen zu mir
-haben mir geholfen. Sie zeigten mir den Weg zur ernsten Arbeit. So
-konnte ich ein Jahr nach dem Heimgang meiner Knaben die Reifeprüfung am
-Gymnasium ablegen.
-
-In Kiel studierte ich, war dann in Lüneburg Kandidat und Oberlehrer.
-
-Da war Mutterchens Mission zu Ende.
-
-So meinte sie. Und sie packte ihre Sachen und zog wieder in unser
-Heidedörfchen. Dort sitzt sie in ihrem alten Hause, darinnen sie mich
-geboren, und wo unser guter Vater starb. In ihrem feinen Herzenstakt
-glaubte sie, die ehemalige Waschfrau könnte meiner Laufbahn im Wege
-sein. Und all mein beredtes Werben um sie und ihr Bleiben konnten ihren
-Entschluß nicht erschüttern.
-
-Der schwerwiegendste und letzte Beweggrund: „Mutter, ich brauche dich
-und deine Gegenwart wie das liebe Brot“, habe ich nicht ausgesprochen.
-Zu viel Opfer hatte mir schon die liebe Unersetzliche gebracht. Ich
-sah, wie ihr Herz und ihre Hände nach der engen Heimat, nach der alten,
-schwer entbehrten Arbeit verlangten. Eine tüchtige, alte Magd trat
-an ihre Stelle. Mein Körper war immer gut versorgt, die Herzspeise
-fand ich in Mutters kärglichen Briefen. Ich selbst schreibe zu ihr
-jeden Sonntag. Komme mir beinahe wie ein Pfarrer vor, der seine
-Sonntagspredigt und Sonntagsstimmung vorbereitend genießt.
-
-Von Lisette erwähnen wir beide nichts.
-
-Ich weiß, daß Mutter meine Not begriff...
-
-Aber sie wurzelt auch wieder mit allen Fasern in den göttlichen
-Geboten. Der alte Lutherkatechismus vom Großvater her lag immer auf
-ihrem Bettischchen. Ich sah einmal, daß sie das vierte und das sechste
-Gebot mit leuchtend rotem Stift angestrichen hatte. --
-
-Daß ich ihr den Schmerz meiner unglücklichen, häßlichen Ehe zugefügt
-habe, wird mich immer brennen...
-
-Von Lüneburg aus konnte ich oft die beiden kleinen Heidegräber
-aufsuchen, die Frau Pastor Verden mir betreut.
-
-Schlaft wohl, Erne und Jens Sörensen! --
-
- * * * * *
-
-Auf dem Schulhof vom Birkholzer Lyzeum wirbelt und tost es, lacht es
-und schreit.
-
-Fräulein Nissen hat die Aufsicht.
-
-Sörensen, der an seinem Schreibtisch im Direktorzimmer sitzt, sieht
-gar nicht erst nach dem Stundenplan. Er weiß es sofort, als der
-ohrbetäubende Lärm auf dem Schulhof losbricht, und sagt es geruhig vor
-sich hin: „Natürlich die Nissen.“
-
-Dann erst tritt er ans Fenster und schaut kopfschüttelnd hinunter auf
-das Gewühl.
-
-Wie eine Henne, die Enten ausgebrütet, flattert die Lehrerin zwischen
-den Mägdlein umher, und wo sich eine ruhige Gruppe bildet, wird sie
-aufgescheucht. Dabei scheint denn einige Disziplin in die Brüche zu
-gehen.
-
-Prachtvoll jung ist sie, die Bande da unten. Eben meint Sörensen, die
-Siebenjährigen stießen diese hellen Juchzer aus, es sind aber die
-Backfische aus der zweiten Klasse.
-
-Telse Lüders kräht wie ein junger Hahn.
-
-Fauchend steht Fräulein Nissen vor ihr, das Sündenregister scheint
-endlos zu sein.
-
-„Ei, so laß sie doch krähen!“ denkt Sörensen unpädagogisch.
-
-Denn der Schulhof ist ja eigentlich kein Hühnerhof. Aber der Direktor
-weiß, daß Telse Lüders das einzige junge Kind alter Eltern ist, der die
-Schule viel Freude und Jugendübermut ersetzen muß.
-
-Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse
-Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte
-flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt...
-
-Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen.
-
-Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer
-auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit.
-Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes,
-rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von
-Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft.
-Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an.
-
-Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehrerbietig. Direktor
-Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp
-ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten
-Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine
-eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines,
-schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im
-raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen
-arg zerschunden hat. --
-
-Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht
-einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und
-bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen.
-
-Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das
-veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig
-anzusehen.
-
-„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös.
-Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber
-in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser
-gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die
-zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die
-Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im
-Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die
-beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren
-Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein
-Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein
-verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr. --
-
-„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, -- „diese Sörine Heidekamp ist noch mein
-Tod.“
-
-Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu
-lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. -- Nein, Kollega, dies Getue
-allerneuesten Datums um Sörine +von+ Heidekamp, -- vergessen Sie
-ja nicht dieses schmückende Beiwort, -- also dies Getue läßt mich kalt.
-Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft
-ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“
-
-Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe
-mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im
-Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie
-wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“
-
-„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig
-die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den
-Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist
-er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner
-unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche
-Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen
-hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“
-
-Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet
-wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen. --
-
-Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat
-und die Plätze eingenommen sind, verkündet sie die neuen Tadel im
-Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an.
-
-„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch
-schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie
-rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her
-und die Kinder krümmen sich vor Lachen.
-
-Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus
-irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es
-ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen
-verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken
-der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht
-berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der
-ersten Strophe:
-
- „In schwarzer Nacht, auf roter Heid
- Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid.
- So gelb der Mond, so grau das Land,
- Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“
-
-„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein,
-hinterher die ganze Klasse und dann -- melde ich euch dem Herrn
-Direktor.“
-
-Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man
-hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor
-nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die
-zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen!
-
-Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers
-aus der neunten Klasse und ihr Vater ein strenger Mann. Man munkelt,
-daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von
-Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden.
-
-„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz
-unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie
-auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und
-schmerzlich.
-
-„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch.
-
-Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch
-nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle
-so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“
-
-Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin
-Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt
-sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen
-Heidekamp nachzudenken.
-
-Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die
-abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter
-die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn
-jemand am Ersticken ist.
-
-Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen
-kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit
-Friedrichs des Großen...“
-
-Da läutet die Schulglocke.
-
-Und mit einem Radau ohnegleichen geht die zweite Klasse von der
-geistigen Entwicklung zur leiblichen, zur Frühstückssemmel, über.
-
-Fräulein Nissen rast ins Lehrerzimmer.
-
-Hier ist vorläufig nur die wortkarge, mit trockenem Humor begabte
-Oberlehrerin Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen anwesend. Sie schlürft
-eine Tasse Kakao und mustert über den Rand ihrer Tasse hinweg die Auf-
-und Abrennende.
-
-„Was fehlt Ihnen, Nissen?“ fragt sie.
-
-Fräulein Nissen haßt Verschiedenes auf dieser Welt, darunter auch die
-Eigentümlichkeit der Kollegin, sie mit dem Nachnamen anzureden.
-
-Aber sie weiß, daß es nichts nützt, wider den Stachel zu löcken, und so
-entschließt sie sich zur raschen Antwort: „Die zweite Klasse ist noch
-mein Tod.“
-
-„Das begreife ich nicht, Nissen. Ich würde der Bande gar nicht den
-Gefallen tun, mich durch sie töten zu lassen. Aber abgesehen davon, --
-Nissen, können Sie wohl ruhig bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß mir
-diese verlästerte Zweite die liebste von allen Klassen ist?“
-
-Nein, bei so einer hirnverbrannten Rede konnte Fräulein Nissen nicht
-ruhig bleiben. Sie schlug eine nervöse Lache auf und verdoppelte ihre
-Renngeschwindigkeit.
-
-„Ehe Sie sich aber auf den Schragen ärgern, Nissen, lassen Sie sich von
-mir die Rockborte annähen, es macht sich würdiger im Sarg.“
-
-„Fräulein Stavenhagen -- -- --!“
-
-Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden eingefädelt, hob die Nadel
-wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das
-Ganze haaalt!“ zu.
-
-Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein
-schattenhaftes Lächeln ab.
-
-„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den
-Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen
-mageren Stelzchen, -- „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie
-vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘,
-sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein
-abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken
-gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für +Sie+
-eingespannt.“
-
-„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen.
-
-„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie
-vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“
-
-„Erlauben Sie mal.“
-
-„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite
-Klasse trete, ernstlich sagen: +Du+ bist auch mal Kind gewesen,
-du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und
-O des Lehrers sein. Zweitens,“ -- Fräulein Stavenhagen schaute
-spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und
-drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste
-ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“
-
-„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen -- -- --“
-
-„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein würden. Aber nun ist
-Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen
-breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre
-Reize nicht verwirrt werden.“
-
-Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und
-begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao
-vollends aus.
-
-Das Lehrerkollegium betrat ziemlich vollzählig das Zimmer.
-
-Sie sprachen erregt durcheinander.
-
-„Ne, erlauben Sie mal,“ rief Oberlehrer Kahl, setzte sich mit einem
-Ruck an den Tisch, schlug auf die Platte und sprang wieder hoch, „das
-is +nich+ egal. Wenn ich was seit zwanzig Jahren in meiner Klasse
-eingeführt habe...“
-
-„Dann ist es die höchste Zeit, daß es mal geändert wird.“
-
-„Verehrteste Kollegin,“ rief Kahl spitz, -- „ich pflege meine Sätze
-allein zu vollenden... Also, ich sage, wenn ich seit zwanzig Jahren was
-in meiner Klasse angeordnet habe, dann lasse ich es mir nicht von einem
-Neuerer einfach umstoßen.“
-
-„Sehr richtig,“ sekundierte ihm Professor Traute.
-
-„Ich weiß ja nicht, worum es sich handelt.“ Fräulein Stavenhagen
-blitzte Herrn Kahl ziemlich drohend an. „Ich höre nur immer
-+meine+ Klasse und da wollt ich gehorsamst und submissest fragen,
-+welche+ Klasse Sie meinen.“
-
-„Na, natürlich doch die Erste.“
-
-„So! Und mit welchem Recht?“
-
-„Mit dem Recht, mit dem ich zwanzig Jahre lang die erste Klasse geführt
-habe.“
-
-„Mit dem einundzwanzigsten Jahr fängt aber +mein+ Recht und
-+meine+ Klasse an,“ trumpfte Fräulein Stavenhagen.
-
-„Spielen wir also mal meine Klasse, deine Klasse,“ lachte der junge
-Gesanglehrer Hansohm und seine Hände ahmten das Hasardspiel nach.
-
-„Zum Ulken sind wir nicht hier,“ verwies ihn Oberlehrer Kahl.
-
-Er kehrte mit Vorliebe den akademischen Standpunkt heraus und liebte es
-überhaupt nicht, wenn „Seminaristen“ sich einmischten.
-
-„Worum es sich handelt?“ wandte er sich an die Oberlehrerin. „Seit
-zwanzig Jahren steht die erste Klasse auf, wenn ich herein komme,
-seit zwanzig Jahren sagt sie langsam, laut und deutlich ‚Gu--ten --
-Mor--gen, -- Herr -- Ober--lehrer -- Kahl‘ und jetzt kommt dieser -- --
-dieser -- --“
-
-„Seminarist,“ rief Lehrer Hansohm boshaft dazwischen.
-
-„Dieser Herr Direktor,“ vollendete Kahl, „und führt Neuerungen ein.“
-
-„Wir sitzen ja auch gottlob nicht mehr in der Arche Noah, sondern im
-neuen Lyzeum.“ Fräulein Doktor sprach sehr energisch. „Und da die
-erwachsenen Mädchen in der ersten Klasse Stühle und Tische bekommen
-haben, so ist’s wie eine Erlösung, daß sie sich das Aufstehen endlich
-abgewöhnen. Man kann auch Haltung zeigen ohne aufzustehen und
-Lächerliches zu plärren.“
-
-„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“
-
-„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe
-hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu--ten
--- Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich
-ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu--ter Mond, du gehst
-so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“
-
-„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte
-ich meine Klasse nicht wieder.“
-
-„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder
-ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten,
-dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der
-jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt -- Hampelmännchen -- --“
-
-„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie +bedauern+, daß
-diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der
-zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch
-mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert
-ist...“
-
-„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen,
-und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja
-doch nur dazu da --“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den
-Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen.
-Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: ~a~) Erziehung zum
-Musikhören, ~b~) die eigentliche Gesanglehre, ~c~) Aneignung
-der im geistlichen und weltlichen Liede...“
-
-Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer.
-
-„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend.
-
-„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s,
-unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“
-
-Nun verschwand auch Fräulein Nissen und lachenden Antlitzes die
-anderen. Nur Fräulein Doktor und Lehrer Hansohm blieben zurück.
-
-„Kollege Hansohm, ist’s ein Geheimnis, was Sie mit der zweiten Klasse
-haben?“
-
-„Aber durchaus nicht. Die zweite Klasse hat mich ~in corpore~
-bestürmt, mit ihnen die Müllerlieder von Schubert einzuüben. Als ich es
-ihnen abschlug, weil es nicht zum Pensum gehört (hier verdrehte Hansohm
-die Augen), baten sie mich flehentlich, und Sie wissen, +wie+
-die zweite Klasse fleht, daß ich ihnen die Müllerlieder wenigstens
-vorsänge, -- und das habe ich getan. --“
-
-„Die Glücklichen,“ sagte Fräulein Doktor leise, und ihr verblühtes
-Gesicht sah mit einem Male jung aus. „Menschenskind, warum sind Sie
-nicht Sänger geworden? Mit Ihrer herrlichen, gottbegnadeten Stimme...“
-
-„Reden wir nicht davon,“ unterbrach er sie rauh. „Oder ja, -- wenn es
-Sie interessiert, -- das Geld fehlte, Freunde fehlten, Verständnis
-fehlte. Dazu kam die närrische Liebe zum Lehrerberuf, das glühende
-Verlangen, Kinderstimmen auszubilden, dieses zarte, gottgegebene
-Material nicht verschandeln zu lassen...“
-
-Fräulein Doktor streckte ihm die Hand hin. „Gottlob, daß wir Sie hier
-haben. Und gestern, -- da hätt’ ich dabei sein mögen...“
-
-„Dann hätt’ ich Eintrittsgeld genommen.“ Der Ernst war schon wieder
-verscheucht. „Nur die zweite Klasse hat freien Zutritt. Meine Zweite!
-Das ist so ’ne Marotte von mir. Und sollt’ ich mal irgendwo singen,
-öffentlich, wohltätig oder verheerend, und der Herr Oberlehrer Kahl (um
-ja nicht ‚Kollege‘ zu sagen) sollte zuhören, dann knöpf’ ich ihm 25
-Mark ab, jawohl, wie der Jadlowker in Berlin.“
-
-„Aber gestern, gestern,“ drängte Fräulein Doktor und sah nach der Uhr,
-„wo steckt denn nun das Verbrechen der zweiten Klasse?“
-
-„Haben Sie ’ne Ahnung!“ Hansohm sah sie komisch verweisend an. „Das
-ist doch eben meine Schmach und die dieser verdorbenen Kinder! Aus
-den Müllerliedern hat der Kahl ‚Liebeslieder‘ gemacht. Na, freilich
-sind’s Liebeslieder, es sind dank dem Göttersohn Schubert +die+
-Liebeslieder schlechthin. -- Also des Pudels Kern ist: die zweite
-Klasse hat um Liebeslieder gebeten, und der Schurke Hansohm hat sie
-ihnen verzapft.“
-
-Fräulein Doktor warf sprachlos beide Arme in die Luft.
-
-„Gerade als Kahl am Singsaal vorbeiging, schmetterte ich: ‚Dein ist
-mein Herz und soll es ewig bleiben‘, meinte aber nicht Kahl...“
-
-„Mein herzliches Beileid,“ brummte Fräulein Doktor. „Na und nun weiter?
-Was soll aus dem Quark werden?“
-
-„’ne Konferenz. Ausgerechnet ’ne Konferenz.“
-
-„Ich finde das auch richtig,“ fiel eine salbungsvolle Stimme ein. Die
-beiden drehten sich hastig um.
-
-Professor Traute saß ganz zusammengedrückt hinter einem großen
-Schreibtisch mit hohem Aufsatz.
-
-„Ach so!“ Fräulein Doktor lachte schneidend. „Na, da wissen wir ja Ihr
-Glaubensbekenntnis schon vor der Konferenz.“
-
-Lehrer Hansohm sah ganz unglücklich drein.
-
-„Mir ist es ja nur so schaudervoll, höchst schaudervoll, daß dem neuen
-Direktor gleich so ein Elektrizitätswerk über uns angeknipst wird,“
-seufzte er. „Ich hätte dem Manne zu gern die Illusion gelassen, nicht
-die Spitze einer Schöppenstädter Kleinkinderbewahranstalt zu sein.“
-
-Die Schulglocke klingelte.
-
-Professor Traute schob sich eilends auf den Vorsaal. Hier prallte er
-unsanft mit Direktor Sörensen zusammen, welcher rasch etwas aus dem
-Lehrerzimmer holen wollte. Traute entschuldigte sich wortreich unter
-tiefen Verbeugungen und trat dann zu Oberlehrer Kahl, dem er zuraunte:
-„Dieser Hansohm ist ein Fuchs und ein Schwätzer dazu, werde Ihnen auf
-dem Nachhauseweg erzählen, Kollege... Und der neue Direktor -- hm
--- -- merkwürdig, hä hä -- wenn mich nicht alles täuscht, hat der am
-Lehrerzimmer gehorcht vorhin, -- -- als ich die Tür aufriß, stießen wir
-förmlich aufeinander...“
-
-„Ist die Möglichkeit! Ei ei -- sieh, sieh...“
-
-Die beiden Biedermänner gingen in ihre Klassen.
-
- * * * * *
-
-Der Singsaal im neuen Lyzeum von Birkholz war ein prächtiger Raum.
-
-Wenn man darinnen saß und seine Augen wandern ließ, dann dachte man
-wohl, der Baumeister müsse zugleich ein rechter Jünger der heiligen
-Cäcilie gewesen sein.
-
-Und man dachte recht.
-
-Baurat Steinbrück stammte aus Thüringen und war in dem architektonisch
-reichen Städtchen Birkholz „hängengeblieben“. Er spielte alle
-bekannten Instrumente und noch ein paar darüber, er sang im Chor der
-Martinskirche und in der Birkholzer Singakademie und hätte es gern
-gesehen, wenn die Magistratssitzungen, denen er als Stadtverordneter
-beiwohnte, im Opernstil getagt hätten. Seinem unablässigen Werben und
-Wirken verdankte Birkholz den akkustisch vollendeten Raum, in dem die
-Kinderstimmen der Stadt von dem feinsinnigen Musiker Hansohm geschult
-wurden.
-
-Ein guter Stern leuchtete über dem Singsaal.
-
-Denn während alle anderen Räume des Lyzeums kahl und schulmäßig
-dreinschauten, bekam der Singsaal bei der Einweihung drei Paten, die
-segnend die Hände über ihn hielten.
-
-Der eine war der Inhaber des großen „Spezerei- und Gemischtwarenladens
-Dingelmann und Sohn“, der, wie er von sich selbst sagte: „Längst zum
-größten Delikateßgeschäft und zur bekanntesten Wurstfabrik gediehen“,
-doch noch aus Pietät die wunderliche Geschäftsbezeichnung über seiner
-Tür beibehielt. Der zweite war der „Kammerherr“, wie man kurzweg den
-alten Sonderling Freiherrn von Heidekamp auf Heidekamp-Birkholz nannte,
-und der dritte Pate war eine Patin, ein altes Fräulein Tingleff, das
-seit vierzig Jahren im zweiten Stockwerk des Hauses Dingelmann und
-Sohn wohnte. Seit vierzig Jahren, man sagte, seit dem Tage, da sie dem
-alten, damals sehr jungen und sehr blonden Dingelmann ihre begehrte
-Hand verweigerte, zankte sie sich mit ihrem Wirt und konnte sich doch
-nicht von ihm fortfinden.
-
-Und seit vierzig Jahren überboten sich die beiden „Feinde“ im Wohltun
-für die Stadt Birkholz.
-
-Da nun das wunderliche Fräulein Tingleff fand, der neue Lyzeumsingsaal
-sei viel zu hell und werde all die sonnigen Kinderaugen in Grund und
-Boden verderben mit seinem kalten Licht, so „stiftete“ sie ein buntes
-Fenster, das die heilige Cäcilie darstellte.
-
-Der Chef der Firma Dingelmann und Sohn konnte darüber auch nicht eine
-einzige Nacht schlafen, sondern ging stracks zu Herrn Lehrer Hansohm,
-um ihn um Rat zu fragen. Und so stand schon nach vierzehn Tagen ein
-von Dingelmann gestifteter Bechsteinflügel im Saal. Und nach weiteren
-vierzehn Tagen begann man mit der Aufstellung einer wunderschönen
-Estay-Orgel, die Freiherr von Heidekamp für den Singsaal notwendig
-hielt. Und Lehrer Hansohm war darüber so glückselig, daß ihm die Augen
-naß wurden.
-
-Die scharfen Blicke des Orgelstifters, welcher der Aufstellung
-beiwohnte, entdeckten die verleugneten und rasch beseitigten Tränen.
-
-Sie gefielen ihm inmitten der öden Trockenheit, mit der die große
-Schule bisher geleitet wurde.
-
-Und der Mann gefiel ihm auch.
-
-Das sagte er ihm freilich echt heidekampisch:
-
-„Lieber Herr Schulmeister, Lehrer müssen sein, weil sie der Herrgott
-als eine der sieben Landplagen auf der Erde vergessen hat. Mir kommt
-keiner über die Schwelle, aber Sie...“
-
-Und nach einer längeren, für Hansohm halb peinlichen, halb
-interessanten Pause hatte der Kammerherr ihn ohne weiteres am Rockknopf
-zu sich herangezogen.
-
-„Meine Enkelin, die Sörine, der lüttje Katheiker, hat mir viel, viel
-Liebes von Ihnen erzählt, Herr Schulmeister, ich -- ich danke Ihnen.“
-
-„Aber, Herr Baron, ich weiß nicht...“
-
-„Sie brauchen auch gar nichts zu wissen, -- setzen Sie sich lieber hin,
-und spielen Sie mir ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott‘, den Choral der
-Choräle. Ich muß doch etwas von meiner Stiftung haben.“
-
-Und Klaus Hansohm hatte die Register der neuen Orgel gezogen, und alle
-Heimchen am Herde des neuen Lyzeums waren aufgewacht und lauschten, und
-die heilige Cäcilie im Buntfenster lächelte.
-
-Und auf den Schwingen des mächtigen Liedes fanden sich ein wunderlicher
-Alter aus dem Uradel des Landes und ein junger Stürmer aus dem Volke zu
-einer seltsamen, guten Freundschaft zusammen. --
-
-Das war vor Wochen gewesen.
-
-Heute war der neue Singsaal, die heilige Cäcilie und der
-Bechsteinflügel schon eine alte Sache, und man sah sich nicht mehr
-danach um.
-
-Die Kränze und Girlanden waren verwelkt und abgenommen, und die weißen
-Festkleider mit den schwarz-weiß-roten und blau-weiß-roten Schärpen
-hingen längst wieder in den Schränken. Aber etwas seltsam Feierliches
-und Festliches war dem Singsaal doch verblieben.
-
-Darüber hatte noch niemand gesprochen, aber die jungen Seelchen spürten
-es, und es steckte sicherlich in den Pfeifen der Orgel und den Saiten
-des Flügels und in dem Lächeln der heiligen Cäcilie.
-
-„Nun wollen wir recht schön die Tonleitern singen,“ sagte Lehrer
-Hansohm zur zweiten Klasse, „und wenn die so recht perlend fließen,
-dann...“
-
-„Schubertlieder! Schubertlieder!“ zwitscherte es flüsternd durch die
-Reihen, und Sörine Heidekamp machte sich zum Mund der ganzen Klasse,
-hob den Finger und sagte laut und selbstverständlich: „Dann singen Sie
-uns wieder Schubert.“
-
-Hansohm wehrte entsetzt ab. „Aber, meine Damen, wo denken Sie hin,“
-rief er pathetisch.
-
-Dann wurde er mit einem Male ganz ernst: „Wir wollen den schönen Tag
-der Schubertlieder in lieber Erinnerung behalten, aber ihr müßt nicht
-wieder quälen.“
-
-Die Kinder sahen sich ängstlich und verstohlen an und schauten arg
-verstört auf den Lehrer, der ihnen heute unverständlich schien.
-
-Sörine Heidekamp, die am wenigsten vermochte, mit unverstandenen
-Geschehnissen heimzugehen, stand wieder auf und fragte eindringlich:
-„War es etwas Unrechtes?“
-
-„Nein, Sörine, dann hätte ich es ja nicht getan.“
-
-„Großvaterli sagt, Sie hätten uns etwas außerordentlich Wertvolles
-gegeben, und wir dürften es nie vergessen.“
-
-Dem jungen Lehrer stieg etwas in der Kehle hoch und er brauchte
-ein paar Augenblicke, um die Stimme zu meistern. Dann aber rief er
-fröhlich: „Ja, mein liebes Kind, wenn wir lauter Großvaterlis auf der
-Welt hätten.“ Da wär’ es leicht, Singlehrer am Lyzeum zu Birkholz
-zu sein. Den letzten Satz +dachte+ er aber nur. Und nun sangen
-sie eine halbe Stunde Tonleitern und übten dann an einem kunstvollen
-Singspiel, die Maienkönigin genannt. Sörine Heidekamp sollte
-Maienkönigin sein, und es war niemand unter den vielen Mädels, das ihr
-die große schöne Rolle neidete.
-
-Eine so wunderschöne Singstunde wurde es, daß man sogar das Läuten der
-Schulglocke überhörte.
-
-Da steckte auf einmal der neue Herr Direktor ~Dr.~ Sörensen den
-Kopf zur Tür herein und rief ganz lustig: „Feierabend, Herr Kollege.“
-
-Und er trat ein und gab jedem Mädchen die Hand und ließ sich den Namen
-nennen. Und er betrachtete Sörine Heidekamp, die ihm als schwarzes
-Schäflein genannt worden war, sehr eindringlich mit seinen scharfen,
-grauen Augen, und sie gab ihm den Blick sehr eindringlich und forschend
-zurück. Zum Schlusse mußten sie ihm noch ein dreistimmiges Lied
-vorsingen, ein Heidelied wünschte er sich und lauschte mit gefalteten
-Händen:
-
- Über der braunen Heidefläche
- Brütet der Sonne brennendes Licht,
- Daß sie mein müdes Auge nicht steche,
- Duck’ ich mich unter Wacholder dicht.
-
- Und er breitet um mich seine Zweige
- Zärtlich raunend im Heidewind,
- Daß es mir ist, als ob sich neige
- Meine Mutter über ihr Kind.
-
-Man fühlte, so hatte man dieses Lied noch nie gesungen, und man war
-stolz, wie sich der Herr Direktor darüber freute.
-
-Bis der Schuldiener Harks gelaufen kam.
-
-Der war ein Original und fürchtete sich weder vorm Teufel, noch vor der
-hohen Obrigkeit.
-
-Trocken meldete er: „Es ist halb eins und gegen die Schulordnung.“
-
-Da lachte der Direktor herzlich und klopfte dem alten, grimmigen Harks
-auf die Schulter, und der machte mit eins ein ganz frohes Gesicht.
-
-Denn es war etwas Neues, was er da hörte. Weil in all den Jahren, die
-er in Birkholz wirkte, nicht gelacht worden war im Lyzeum. Deshalb lag
-ja auch der Schulstaub so massig und schier unbeweglich und lastete auf
-dem Gebäude wie ein Sargdeckel. --
-
-„Gehen wir noch ein Stückchen zusammen, Kollege?“ fragte Direktor
-Sörensen, „ich nehme immer gern ein paar Atemzüge frischer Luft, ehe
-ich mich zum Mittagsmahl setze. Und da Sie Junggeselle sind, kommt es
-Ihnen wohl nicht so auf die Verspätung an.“
-
-Hansohm verbeugte sich. „Bin eigentlich nur ein halber Junggeselle,
-Herr Direktor, denn ich habe meine Schwester bei mir. Die schwingt das
-Szepter der Pünktlichkeit und erzieht ihren Bruder.“
-
-Eine Wolke flog über sein offenes Gesicht. „Aber heute bin ich
-ausnahmsweise auf das Gasthaus angewiesen. Meine Schwester ist oft
-leidend. In solchen Fällen erlaube ich es nicht, daß sie am Herd steht.“
-
-„Ei, so werden wir jetzt einen kurzen Heidespaziergang machen und dann
-essen Sie bei mir. Habe ich auch weder Mutter noch Schwester zu Hause,
-so ist doch Frau Dietz die Perle einer Wirtschafterin.“
-
-Klaus Hansohm schlug ein in die dargebotene Hand.
-
-Rasch schritten die beiden Herren aus.
-
-Die ganze Herbheit des Vorfrühlings lag über der Heide. Licht und klar
-war der Himmel, und der April schien seine Launen zu verleugnen. Über
-eine alte Steinbrücke wanderten sie, darunter die klare Luhe rieselte.
-Kraftstrotzende Baumäste breiteten sich darüber.
-
-„Nun fangen die Weiden zu blühen an,“ sang Hansohm und warf seinen Hut
-in die Luft wie ein Schuljunge. Er vergaß offenbar ganz, neben wem er
-ging, und Erne Sörensen war nicht willens, zu kopfschütteln und den
-Vorgesetzten herauszubeißen. Diese frische Jugend da neben ihm durfte
-außerhalb der Schule urwüchsig sein. --
-
-„Sie müssen mich ein wenig orientieren,“ bat Sörensen. „Wie heißt das
-Gewese dort rechts, wie nennt sich weit am Horizont das Dorf mit dem
-ragenden Kirchturm? Und der Hügel dort links -- ist’s ein Hünengrab
-oder steht ein verfallener Wartturm darauf?“
-
-„Beides, Herr Direktor. Die Topographie ist rasch erledigt. Alles,
-was Sie sehen, möcht’ ich fast sagen, ist Heidekampisch. Bis auf den
-Himmel, der immer noch dem lieben Gott gehört.“
-
-„So, so, von Heidekamp-Birkholz. Ich wundere mich baß, daß dieser
-reiche Grundherr sein Enkelkind in so demokratischer Umgebung erziehen
-läßt, wie unser Birkholzer Lyzeum ist.“
-
-„Es wird alles wohlüberlegt von ihm sein,“ meinte Lehrer Hansohm. „Die
-kleine Sörine soll nicht weltfremd aufwachsen. Sie soll genau wissen,
-wieviel Divisoren es in der Welt gibt, auf daß sie diese Kenntnis bei
-ihrem Reichtum verwertet und nicht in den Tag hineinlebt. Und das tut
-sie auch nicht, weiß Gott. Ihre Augen gehen durch Mauer und Holz.“
-
-„Man sollte meinen, Kollege, Sie sprächen von einer reifen Frau
-und nicht von einem Kinde, einem Backfischchen, einem unbotmäßigen
-Rädelsführer der arg berüchtigten zweiten Klasse.“
-
-„Das ‚Kind‘ lasse ich gelten, ein reines, liebes Kind ist die Sörine,“
-sagte Hansohm warm. „Alle anderen Bezeichnungen lehne ich ab. O Herr
-Direktor, wie freue ich mich, wenn Sie erst all das Neuland durch Ihre
-eigene Brille sehen werden! Jetzt ist es noch die aufgezwungene von
-Kahl und Genossen...“
-
-„So scharf, Kollege? -- Aber ich freue mich, daß die geschmähte
-zweite Klasse ihren Ritter ohne Furcht und Tadel gefunden hat. Ein
-Idealist in der Schule oder besser im Lehrerzimmer wirkt gewöhnlich
-wie Sauerteig. Übrigens habe ich jetzt auf dem kurzen Wege durch
-die verschiedenen Begegnungen, sowie des öfteren in der Schule die
-Beobachtung gemacht: Sie sind ein rechter, echter Kinderfreund,
-Kollege?“
-
-„Herr Direktor, ich bin +Lehrer+.“
-
-„Und der Überzeugung, ich seh’s Ihnen an, diese Begriffe müßten sich
-immer decken? Wie ist das erfrischend für mich. Wie wertvoll der
-heutige Spaziergang.
-
-Ich mache kein Hehl daraus, daß ich noch tastend und suchend in diesem
-Birkholz herumwandre, ich möchte weder durch rosenrote, noch durch
-geschwärzte Brillen schauen, ein möglichst wahrhaftiges Bild mit allen
-Licht- und Schattenseiten wäre mir das liebste.“
-
-„Herr Direktor, die altertümliche Stadt ist entzückend. Und die
-Birkholzer Heide hat Gott in einer Feiertagsstunde geschaffen.“ Hansohm
-sah mit dürstenden Augen auf seine Heimat. „Auch die herzbraven
-Menschen, die unter der gleichfalls vorhandenen Minderwertigkeit
-doppelt hervorleuchten, werden sich rasch in Ihr Herz und Ihre Liebe
-hineinstehlen.“
-
-„Und das Lyzeum, das Kollegium, die zweihundertfünfzig anvertrauten
-Kinder? Kollege Hansohm, helfen Sie mir, den Pessimisten Sörensen
-einzuschläfern...“
-
-„Den Pessimisten? Bin ihm ja noch gar nicht begegnet ...“
-
-„Doch, doch, er ist nicht ganz wach, -- aber Kahl und Genossen könnten
-ihn rütteln...“
-
-„Ich fürchte sie nicht mehr. -- Herr Direktor, Sie sind sehr gütig
-mit mir gewesen, -- man hat mich all mein Lebtag nicht verwöhnt mit
-Güte, aber erst recht nicht den Seminaristen im Lyzeum von Birkholz.
-Und nun kommt mit Ihnen plötzlich etwas herein, das aussieht wie
-Morgenrot und Sonne... alle Fenster in den muffigen Schulstuben will
-ich aufsperren...“
-
-Mit frohem Gesicht sah Sörensen auf seinen jungen Begleiter: „Warum
-haben Sie nicht geheiratet, Kollege? Oder ist die Frage unzart? Macht
-sie Ihnen Beschwer? Dann antworten Sie nicht.“
-
-„Nein, nein, ich habe nichts zu verhehlen. Ich fürchte nur, ausgelacht
-zu werden, Herr Direktor... Ich, ich mache nämlich zu hohe Ansprüche an
-meine Zukünftige, deshalb fand ich noch nicht die Rechte.“
-
-„Zu hohe Ansprüche?“ fragte Sörensen sinnend...
-
-„Ja, Herr Direktor. Nicht auf Grund meines Einkommens von 1500 Mark,
-das bewahrt mich immer erfolgreich vor Größenwahn. -- Aber -- ich hatte
-kein gutes Elternhaus. Mein Vater war Volksschullehrer und hatte sich
-in unreifen Jünglingsjahren, sagen wir’s hart heraus -- verplempert.
-Die Mutter... ersparen Sie mir die Schilderung --. Sie trieb den Vater
-in Trunk und Schande. Nun, mich hat das alles erzogen. Auf dem Seminar
-stopfte ich mir Watte in die Ohren, um den Sirenen zu entgehen. Es war
-damals manch eine, die hinabziehen konnte...“
-
-Hansohm hielt erschreckt inne, denn sein Direktor sah mit einem Male
-fahl und blaß aus. Dazu klang die Stimme seltsam und gepreßt: „Und
-doch konnten Sie sich die sonnigen Augen erhalten? Konnten so fromm und
-voll Liebe auf Ihre Heimat sehen? Wer lehrte Sie das, Kollege Hansohm?“
-
-„Frau Musika, Herr Direktor. Sie ersetzt mir das Weib... Und,“ fügte er
-mit trocknem Humor hinzu, „Kinder gebar mir ja das Lyzeum, 250 Stück.
---“
-
-„Die Spottdrossel hat bei Ihnen ihr Nest dicht neben der Nachtigall,“
-sagte Sörensen ernst, „-- aber ich höre das Duett gern. Kollege, -- Sie
-werden einem Einsamen manchmal eine Stunde schenken, wollen Sie?“
-
-„Von Herzen gern!“ Aber Hansohms Auge streifte besorgt das tief
-verfinsterte Gesicht des Vorgesetzten.
-
-Die Herren schritten durch das Steinere Tor ins Städtchen. Am
-Torpfeiler hatte eine Blumenfrau ihren Stand, und Direktor Sörensen
-wählte Weidenkätzchen und gelbe Osterblumen zu einem großen Strauß.
-
-„Die bekommt Ihre Schwester. Sie zürnt mir sonst, daß ich den Bruder
-jetzt erst bringe und dann gleich wieder entführe.“
-
-„O Herr Direktor!“ Ein rasches Erröten, das den jungen Lehrer gut
-kleidete, flog über sein Gesicht und stieg bis in das blonde Haar
-hinauf. --
-
-„Da sind wir schon.“ Klaus Hansohm öffnete eine Tür. Der helle
-Dreiklang eines Glockenspieles tönte. Ein winziger Flur mit einer
-altmodischen messingbeschlagenen Kommode und ebensolcher Uhr tat sich
-ihnen auf. Eine klangvolle, junge Stimme rief: „Bist du es, mein Junge?“
-
-Und dann öffnete sich ein Raum und auf der Schwelle stand ein junges
-Mädchen, ein entzückend schöner Kopf auf armem, verwachsenem Körper.
-
-In die durchsichtig weißen Hände legte Direktor Sörensen seine Blumen,
-und die Augen der Kranken lächelten. Dann führte er sie sorgsam zu dem
-altmodischen Ohrenstuhl, der am grünen Kachelofen stand.
-
-„Sie haben hier ja ein wahres Raritätenkabinett,“ scherzte er. Und
-zeigte bewundernd rings herum auf die alten Stahlstiche und schön
-geschwungenen Möbel. „Das ist ja Urväterhausrat. Ich beneide Sie. --“
-
-„Das hat mir alles der Klaus hier zusammengetragen. Alles ist ihm Bild
-und Rahmen und dann macht er noch die Musik dazu.“ Sie lächelte zu dem
-Bruder hinüber mit rührendem Stolz.
-
-Die Herren hielten sich nicht lange auf.
-
-Aber die Zeit genügte doch, um das Stübchen der Leidenden licht zu
-machen. Und die ritterliche Art des fremden Mannes ließ einen Schimmer
-zurück von dem, was die Welt da draußen Glück und Jugend nennt.
-
-Lehrer Klaus Hansohm wäre wohl am liebsten daheim bei der Schwester
-geblieben, hätte gern ganz still und besinnlich im großblumigen Sofa
-gesessen. --
-
-Der Tag hatte ihm so viel Reichtum gegeben.
-
-Nun wogten allerhand Melodien in seinem Kopf und seinem Herzen, die er
-noch nicht meistern konnte.
-
-Er stieg mit seinem Direktor die breiten Steinstufen des alten
-Patrizierhauses hinauf, die von der mächtigen Diele zum Eßzimmer
-führten. --
-
-Klaus Hansohm machte seine Augen weit auf, denn nun war ihm, als sähe
-er seinen Vorgesetzten wieder in einer ganz anderen Gestalt. Hoch und
-breit und festgefügt stand der Goliath Erne Sörensen in diesem hohen,
-breiten und festgefügten Hause als Hausherr und Gastgeber. Und Lehrer
-Hansohm lauschte mit dem Ohr eines Kenners seiner klangvollen Stimme,
-die einer noch unsichtbaren Person Befehle erteilte.
-
-Belustigt fing sein Ohr das Gespräch auf:
-
-„O Herr Direktor! So spät? Alles verbratzelt und verbruzelt! Und ohne
-Entschuldigung? Und dann noch ein Gast? Das geht gegen meine Ehre und
-Reputation. Und ist das christlich, noch um halb drei Uhr Mittag essen
-zu wollen?“
-
-Dann das schöne sonore Lachen und die herzgute Stimme: „Aber, Frau
-Dietz! Gleich machen Sie frohe Augen. Sie fahren mich ja an, als ob wir
-verheiratet wären. --“
-
- * * * * *
-
-Komm her, mein alter Foliant.
-
-S’ ist Nacht, und der Birkholzer Lyzeumsdirektor sollte längst zur
-Ruhe sein. Aber du lachst und lockst, liebes Buch, -- beinahe, als ob
-du eifersüchtig seist. Eifersüchtig auf neue Freunde. Gönne sie dem
-Einsamen.
-
-Hellichte Freude habe ich am jungen Hansohm und seiner armen,
-lieblichen Schwester. Freude habe ich am ehrlichen Senior Rasmussen,
-Freude an der streitbaren Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen.
-
-Wir beide werden noch manche Klinge miteinander kreuzen. Aber im Grunde
-sind wir uns bereits sehr gut.
-
-Zähle ich dann noch den knurrigen Schulwart Harks und die junge,
-unbedachte Hilfslehrerin Fräulein Hanni Freitag dazu, so habe ich alle
-aufgezählt, die mir wohl Freund sind. Und was habe ich den anderen
-getan?
-
-Sentimentale Frage. Niemand beantwortet sie.
-
-Der Senior Professor Rasmussen und ich wußten nach dem ersten Blick,
-daß wir uns gefielen.
-
-Professor Traute ist sehr unsympathisch. Ein Frömmler, mit einem
-unsichtbaren, aber trotzdem sehr unangenehm wirkenden Heiligenschein.
-In seiner Gefolgschaft Fräulein Nissen. Hermione. Und so sieht sie auch
-aus. --
-
-Als dritter im Bunde Oberlehrer Kahl.
-
-Eine Art ~homo sapiens Linné~, mir verhaßt, seit ich denken kann.
-Er gehört zu jenen, denen der Mensch nur Vorgesetzter oder Kollege ist.
-
-Es mag ja nicht genehm für die alten Knaben sein, plötzlich einen
-jungen Mann als Vorgesetzten zu bekommen, -- nun ich bin wahrhaftig
-ohne Vorurteil an dies Kollegium herangegangen, und das Verhalten vom
-Senior zeigt mir auch, daß ich den rechten Ton traf.
-
-Und doch dieser passive Widerstand von Traute und doch die mühsam
-beherrschte Gereiztheit von Kahl.
-
-Mein Vorgänger war wohl schon etwas überreif, viel krank und
-ruhebedürftig. Er hat die Zügel locker in seinen alten Händen gehalten
-und ist einfach froh gewesen, wenn andere die Karre kutschiert haben.
-
-Nun gehöre ich ja nicht zu den Direktoren, die, kaum im neuen Amt,
-alles bisher Bestehende verwerfen. Schuldiener Harks hatte allerdings
-damit gerechnet, denn gestern morgen fragte er: „Der Spucknapf des
-vorigen Herrn Direktors ‚haben‘ immer links von dem Schrank gestanden,
-soll ich ihn jetzt rechts stellen?“
-
-„Aber, Herr Harks! Traditionen soll man heilig halten, ich bin ein
-pietätvoller Mensch.“
-
-„Dann müssen also Herr Direktor scharf in die linke Ecke zielen,“
-meinte er ernst, entfernte sich und ließ mich mit dieser Instruktion
-zurück. --
-
-Ich verweile noch bei Harks. Der Mann ist mir lieb, ich mag ihn
-gern um mich haben. In seinen seltsamen Augen steht Gram zu lesen,
-aber er weicht scheu aus, und ich will mich nicht in sein Vertrauen
-drängen. Auch das Gesicht seiner kleinen verhutzelten Frau zeigt einen
-ängstlichen Ausdruck. Und doch soll mein Vorgänger ein humaner Mann
-gewesen sein, dem man vielfach sogar Schwäche gegen seine Untergebenen
-vorwarf.
-
-Mancherlei Beobachtungen habe ich schon gemacht. Harks Augen können
-grimmig, ja tückisch aufblitzen, wenn Professor Kahl nach dem
-„Schuldiener“ ruft.
-
-Ich ehre in Harks den alten Feldwebel und seinen
-Zivilversorgungsschein. Nenne ihn deshalb „Herr Harks“ und seine
-schüchterne Frau „Frau Kastellanin“.
-
-Denn die meisten Frauen sind glücklich unter einem Titel. --
-
-Ich werde nicht zu befürchten haben, daß Harks über den Strang schlägt.
-Er ist ein rechter Hüter der Schulzucht. Daß er nicht wünscht, den
-einst so allmächtigen Feldwebel in dem Begriff „Diener“ untergehen zu
-sehen, kann ich ihm nicht verübeln. Und ich meine, der unermüdliche,
-alte Mann ist hier erst recht eine gute Kompagniemutter und in dem
-großen Betrieb wohl am Platze.
-
-Heute nachmittag war Klassenkonferenz.
-
-Ich werde mit diesen Dingen sparsam umgehen. Denn ich kann ja vieles
-selbst erledigen, und die schönen Nachmittage sind den Kollegen und mir
-gleich wertvoll. Aber dem Vorschlag von Oberlehrer Kahl, im Anschluß
-an die Schule zu tagen, konnte ich nicht beistimmen. Denn wichtige
-Konferenzen sollen nicht mit knurrendem Magen und Uhr in der Hand
-erledigt werden, und daß keine unwichtigen stattfinden, dafür will
-ich schon sorgen. Die heutige bedeutete allerdings viel Lärm um einen
-Eierkuchen. Wieder einmal die zweite Klasse!
-
-Aber es schien mir, als sei diese nur vorgeschoben, als sollte
-eigentlich Herr Klaus Hansohm gezaust werden.
-
-Die erste Enttäuschung für mich. -- So rückständig ist Birkholz? Die
-Müllerlieder von Schubert ungeeignet für die zweite Klasse eines
-Lyzeums.
-
-Himmel, zu welchen Verstiegenheiten sich die Herren hinreißen ließen.
-„Minderwertige Persönchen!“ „Frühreifes Gebaren!“ „Nicht scharf genug
-zu tadelndes Verlangen, das in der Schule verpönte Thema ‚Liebe‘ auf
-Umwegen kennen zu lernen.“
-
-Wackerer Kämpe Hansohm! Er fuhr mit den Herren ab, daß sie heiße Ohren
-kriegten. Und ich ein warmes Herz. --
-
-Oberlehrer Kahl focht einen unrühmlichen Strauß mit ihm.
-
-Als er schließlich von „Unlauterkeit“ sprach, der ein Lehrer Vorschub
-leiste, stellte ich mich auf Hansohms Seite, mit mir die anderen, mit
-Ausnahme von Professor Traute, Fräulein Nissen und Lehrer Asmus.
-
-Letzterer auch so ein Scharfmacher.
-
-Er führt die neunte Klasse als Ordinarius. Vertrat neulich Hansohm
-in der siebenten Klasse in Deutsch. Hansohm hat die Kyffhäusersage
-behandelt, und Asmus las ihnen in jener Vertretungsstunde das Gedicht
-vom Kaiser Rotbart vor. Wie er den Bart schildert, der durch den Tisch
-gewachsen ist, erhebt sich Lottchen Binnebom und ruft: „Das glaub’ ich
-nicht.“
-
-Diesem „Fall“ ist Asmus nicht gewachsen gewesen. Und, Gott sei’s
-geklagt, die große Mehrheit im Kollegium heute besprach die Sache mit
-einer Ernsthaftigkeit und Bedenklichkeit, daß ich mich ein paarmal
-versucht fühlte, sie mit den dicken Köpfen zusammenzustoßen.
-
-Der Humor scheint keine Hüsung im Lyzeumsgebäude zu haben, ich will
-nicht hoffen, daß er überhaupt außerhalb von Birkholz wohnt.
-
-Jedenfalls aber sah ich heute Hansohm, wie er Lottchen Binnebom an der
-Hand führte, und nach den vertrauensvollen Augen der kleinen Zweiflerin
-zu urteilen, hat sie längst die rechte Antwort bekommen.
-
-Morgen will ich meine Besuche in der Stadt machen... Harks erzählte,
-die Frau Apotheker Dahlen habe dazu neue Gardinen aufgesteckt. Da
-sich Harks augenscheinlich selbst geehrt fühlte, unterließ ich jede
-Bemerkung. Diese Besuche quälen mich.
-
-Bis jetzt durfte ich einsam sein. All die Jahre hindurch. Köstlich
-einsam. Und nun bringt mir das neue Amt den herben Zwang.
-
-Sonntag abend.
-
-Diese Sonntage sind etwas unbeschreiblich Schönes in Birkholz.
-
-Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja
-fast eines einsamen Dorfes.
-
-Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein
-Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach.
-
-Um neun Uhr beginnt die Kirche.
-
-Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein
-Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben.
-Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in
-der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in
-Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den
-Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet.
-
-Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der
-liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten
-Adler“ setzen wird.
-
-Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe
-daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten
-Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes
-Kindergemüt, ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem
-langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten
-meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer
-Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der
-Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd
-hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind,
-geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in
-Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes
-Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen,
-mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“
-Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der
-gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und
-verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen,
-oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen
-ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen...
-
-Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen.
-
-Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich
-vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der
-mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten
-Töchter mittels Telegramm herangerufen wären.
-
-Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer
-Niveau herauszuragen, -- ganz prächtige Menschen. Drei niedliche
-Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen
-wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit das
-Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer
-Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die
-Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige
-Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen
-bei diesen zwei Menschenkindern.
-
-Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der
-postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die
-Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist.
-
-Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei
-langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn
-Jahren aufwarten. -- Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt
-mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen
-Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine
-Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet
-war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten.
-
-Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und
-„Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den
-man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte. --
-
-Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem
-Herrenhaus Heidekamp-Birkholz.
-
-Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein
-ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum.
-
-Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den Kutscher langsam
-fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine
-Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch
-augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein
-Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel
-gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche
-standen.
-
-„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr
-Direktor!“ schallte es herunter.
-
-Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir
-die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein.
-
-Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der
-Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte
-und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit
-verstrich, -- dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem
-Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“.
-
-Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich
-etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes
-Spinngewebe sah die alte Dame aus. --
-
-Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände.
-
-„O Herr Direktor! Nicht ungehalten sein! Der Herr Baron -- -- hat --
-eine wunderliche Abneigung gegen alle Lehrer, mein Gott...“
-
-Sie haschte nach meinen Händen.
-
-„Aber gnädige Frau...“
-
-Da wehrte sie hastig ab.
-
-„Fräulein von Schlieden,“ stellte sie sich vor. „Ich war die Erzieherin
-von Sörines verstorbener Mutter und sollte auch das Kind unterrichten.
-Aber ich bin alt, und Sörine soll unter Jugend groß werden. Ach, Herr
-Direktor, Staub ist so etwas Schreckliches. Nicht wahr, Sie werden die
-Birkholzer Kinder, und besonders unsere Sörine, vor Staub bewahren?“
-
-Rührend bittend, hilflos sahen ihre guten Augen mich an. Eine seltsame
-Situation.
-
-„Könnt ich Sie doch öfters einmal sprechen: Möchte Ihnen so innig das
-Kind ans Herz legen. Es hat mir von Ihnen erzählt...“
-
-Ich drückte dem grauen Spinnwebchen die Hand.
-
-„Gnädiges Fräulein und Kollegin, ich freue mich, wenn Sie Ihr Weg zu
-mir führt. Vielleicht treffe ich Sie auch einmal auf einem unserer
-Elternabende, da können wir...“
-
-Ein polternder Schritt näherte sich, ein Stock stieß in regelmäßigen
-Abständen auf den Boden auf, und mit eins war das Spinnwebchen
-verschwunden, weggeblasen, um die Ecke geweht.
-
-Ich schritt zu meinem Wagen, lachte aber auf der Diele ganz herzhaft
-und ungeniert. Denn ich hörte eine dröhnende Stimme rufen: „Tausend
-nochmal, Grauchen, das paßt Ihnen wohl auf die alten Tage, ein
-Stelldichein mit einem jungen Schulmeister...“
-
-Der alte Diener stand am geöffneten Wagenschlag, und sein Gesicht war
-weniger eben als zuvor.
-
-Es zuckte um seine Mundwinkel.
-
-Ein wenig prallte ich auch zurück, als ich einsteigen wollte, aber die
-Pferde zogen rasch an, und so ergab ich mich in mein Schicksal, in
-einem Blumenkorb zu sitzen. Denn der Wagen war inzwischen heimtückisch
-geschmückt worden, ein ganzes Gewächshaus schien geplündert zu sein.
-Chrysanthemen und Alpenveilchen lagen zum Strauß geordnet auf dem
-Rücksitz. Maiblumen waren anmutig lose in die Fensterrahmen gesteckt,
-und feine grüne Gräser zogen sich als Girlande über die Lehne des
-Vordersitzes.
-
-Aus den Zweigen der Thingeiche lugte ein Schelmengesicht. Merkwürdig
-standen darin die großen ernsthaften Blauaugen. Ein wunderschönes Kind!
-Und ein interessantes Seelchen dazu. Man könnte die alte Eiche beneiden
-um das nette Früchtchen, das sie trägt.
-
-Ich drohte mit dem Finger aus dem Fenster heraus.
-
-Da hört ich das Mädel silberhell lachen. Lachen, wie ganz junge Kinder
-tun, denen die Welt noch ein einziger Freudenquell, die Menschen lauter
-gute Mitwanderer sind. Ein Lachen recht aus dem Herzensgrund heraus.
-
-Erne Sörensen, alle Schulweisheit gäbst du darum, so lachen zu können,
-wie die junge Sörine Heidekamp.
-
- * * * * *
-
-Es klopfte an die Tür des Direktorzimmers.
-
-Erne Sörensen saß in tiefer Arbeit.
-
-Die Feder flog über den großen Bogen, der einen Bericht an die
-vorgesetzte Behörde aufnehmen sollte.
-
-Vom Singsaal her tönten die gedämpften Laute eines Liedes, und der
-Schreibende ließ für Augenblicke die Feder sinken und lauschte. Das
-alte Lied, das ihm die Mutter manchmal gesungen... Wie gut, daß Lehrer
-Hansohm diese Perle ausgegraben und in die Hände seiner Schülerinnen
-gelegt hatte.
-
- „Ich weiß mir etwas Liebes
- Auf Gottes weiter Welt,
- Das stets in meinem Herzen
- Den ersten Raum behält,
- Kein Freund und auch kein Liebchen
- Verdrängen es daraus, --
- Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“
-
-Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch.
-
-„Herein!“
-
-Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie
-durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken.
-
-Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem
-Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas
-vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl
-beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte.
-
-Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig.
-
-„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“
-
-„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie
-auch immer,“ scherzte der Direktor.
-
-Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor.
-
-Er zog ein grämliches Gesicht.
-
-„Dann will ich lieber gleich gehen...“
-
-„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete
-mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich
-sehr steif nieder.
-
-Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses
-unglücklichen Temperamentes.
-
-Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit
-leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große
-Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten.
-
-Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium
-hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten. --
-
-„Herr Direktor -- -- ich komme sozusagen in einer privaten
-Angelegenheit...“
-
-„Aber, Herr Kollege...“
-
-„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen
-wollen, -- aber -- es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“
-
-Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht.
-
-„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“
-
-„Herr Kollege Asmus, ich +habe+ Zeit für Sie und bitte Sie nur,
-zur Sache zu kommen.“
-
-„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als Privatsache“
--- -- --
-
-Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der
-Zorn. Viel rascher als der Direktor gehofft hatte. Asmus sprang auf.
-Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. -- Der große, ruhige Blick des
-Vorgesetzten bannte ihn. --
-
-Heiser rief er:
-
-„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von
-Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über
-das Fräulein Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen und über den Lehrer
-Hansohm.“
-
-Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“
-sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in
-seine eigenen lebens- und gemütswarmen.
-
-„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei
-es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte
-ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank.
-
-„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch
-lediglich +Schulsache+ zu sein.“
-
-„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche
-Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“
-
-„Ich verstehe nicht recht...“
-
-„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist
-natürlich nicht Ursache, aber...“
-
-Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier
-genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte
-er sachlich.
-
-„Jawohl, Herr Direktor.“
-
-„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das
-Vorgefallene Aufschluß geben?“
-
-„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse,
-als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges
-vorgekommen.“
-
-„Wahrhaftig! Wieder einmal?“
-
-„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe
-daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie -- ärgerniserregend diese
-Klasse im allgemeinen ist...“
-
-„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen.
-
-„Ja, -- denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich
-den Schweiß von der Stirn -- „meine Tochter Agnes Ursache dieser
-betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“
-
-„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor.
-
-„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus,
-„meine Tochter Agnes hat +alle+ erforderlichen Utensilien einer
-ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie
-eben die Tochter des +Lehrers+ Asmus, und wenn ich auch nur ein
-seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“
-
-Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete
-eigentlich keinen Aufschub...
-
-„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch
-einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen
-Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. -- Bitte weiter!“
-
-Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sich außerordentlich
-häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu
-unterdrücken. --
-
-„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem
-betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die
-Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter...
-so ist ihr... hm...“
-
-Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte
-nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut
-schnüffeln.“
-
-„Aber, Herr Direktor -- -- woher wissen Sie...?“
-
-„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich --. +So’n+
-kleiner Junge.“
-
-Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl
-stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath
-entstanden war.
-
-Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, -- wollen Sie
-vielleicht heute nachmittag oder...?“
-
-„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen
-roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht
-und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das
-eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer
-eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja
-zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter,
-hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie
-eingeschrieben ...“
-
-„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein.
-
-„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau
-denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert
-und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen
-hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“
-
-In Sörensen kroch der Zorn hoch.
-
-„Ihre Gattin ist +sehr+ ordentlich,“ bemerkte er.
-
-„Ja sehr,“ betonte Asmus, „Gott Lob und Dank. Sie war ja auch früher
-Lehrerin. Agnes bekam sofort von ihr eine feste Ohrfeige für die
-Bummelei und dann nahm +ich+ sie mir extra vor für die Störung in
-der Schule. Dabei ging es denn heißer her als bei der Mutter...“
-
-„Noch heißer? Herr Kollege? Ihre Agnes ist ein zartes, recht
-verschüchtertes Mädchen, dazu schon fünfzehn Jahr alt, ich meine denn
-doch, daß körperliche Züchtigungen ...“
-
-Asmus stand auf.
-
-„Herr Direktor, das ist lediglich meine eigenste Angelegenheit, ich bin
-der +Vater+...“
-
-„Herr Kollege Asmus, Sie mißbrauchen meine Geduld. -- -- -- Wollen Sie
-meinen Rat in Ihrer Angelegenheit oder???“
-
-Beide Männer standen sich jetzt gegenüber. Asmus ganz weiß vor Zorn,
-eine rote Ader lag ihm quer über der Stirn.
-
-„Ich müßte ja wohl jetzt gehen, Herr Direktor, -- aber -- -- genug, --
-ich habe meine Agnes gezüchtigt, Sörine von Heidekamp ist dazugekommen,
-sie aß einmal wieder in der Stadt, -- kurz, dieses Mädchen hat --
-Herr Direktor, -- sie hat meinen Stock über ihrem Knie in zwei Stücke
-gebrochen und mir die Stücke vor die Füße geworfen. --“
-
-Sörensen murmelte: „Das Mädchen hat Ihre Agnes sehr lieb...“
-
-„Billigen Herr Direktor die Handlungsweise??“ Asmus wußte
-augenscheinlich nicht mehr, was er sprach.
-
-Es klopfte scharf.
-
-„Herein.“
-
-Klaus Hansohm sah befremdet auf Direktor und Kollegen.
-
-„Ich bitte um Entschuldigung, ich klopfte mehrere Male.“
-
-„Ja, es ging etwas erregt bei uns zu. Sie wünschen?“
-
-„Nur eine Frage, den Schulwart Harks betreffend. Aber sie ist doch
-nicht so einfach in zwei Minuten zu erledigen, ich werde wiederkommen.“
-
-„Dann bitte ich Sie zu bleiben. Herr Kollege Asmus hat Klage über Sie
-geführt, so können wir gleich etwas vorarbeiten, da Professor Rasmussen
-und Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen beide beschäftigt sind.“
-
-Lehrer Hansohm zog mit straffem Ruck seine Weste glatt.
-
-„Ich bin bereit,“ sagte er ruhig.
-
-„Kollege Hansohm kommt mir gelegen,“ nahm Asmus das Wort. „Ich darf
-wohl fortfahren. Also ich wies nach dem unerhörten Gebaren Sörine von
-Heidekamp die Tür. Auf der Straße, die völlig menschenleer war, schalt
-ich noch mit ihr, da kamen Professor Rasmussen, Fräulein Doktor und
-Kollege Hansohm uns entgegen...“
-
-„Wir kamen vom Mittagessen,“ warf Hansohm ein.
-
-„... und Herr Professor Rasmussen beleidigte mich gröblichst.“
-
-„Das ist nicht wahr,“ rief Hansohm ungestüm.
-
-Der Direktor hob die Hände. „Herr Kollege Hansohm, augenblicklich hat
-Herr Asmus das Wort.“
-
-„Ich überlasse es Herrn Hansohm,“ entgegnete dieser förmlich. „Ich habe
-korrekt gehandelt, und der Kollege kann gern seine Ansicht äußern.“
-
-„Danke. -- Sie gestatten, Kollege Asmus, -- Sie haben +nicht+
-korrekt gehandelt. Halt! Jetzt rede +ich+. Sie haben Sörine von
-Heidekamp nicht die Tür +gewiesen+, was man mit dem Finger zu tun
-pflegt, sondern Sie haben sie im Jähzorn im Nacken gepackt...“
-
-„Am Mantelkragen,“ schob Asmus ein. --
-
-„Also gut! Am Mantelkragen, -- und haben das junge Mädchen
-herausgeworfen, vor die Tür gesetzt. Sie waren so außer sich, so ohne
-alle Beherrschung, daß wir einschreiten +mußten+. Im übrigen
-schalten Sie so laut, daß es uns empörte, denn der Diener des Herrn von
-Heidekamp, der in der Straße auf und ab ging, muß es gehört haben. Er
-sah aus, als wolle er seiner jungen Herrin zu Hilfe kommen.“
-
-„Seiner jungen +Herrin+! Seit wann machen Sie Kotau vor den Barons
-da draußen? Diese Liebedienerei macht ja die Sörine so aufsässig... Im
-übrigen, was geht +mich+ der +Diener+ an?“
-
-Asmus zog die Mundwinkel verächtlich herunter.
-
-„Na, erlauben Sie, Kollege, fragen Sie mal den Diener, ob er mit Ihnen
-tauscht. Er hat seinen Herrn auf allen Reisen im In- und Ausland
-begleitet, spricht drei fremde Sprachen und bezieht ein Gehalt von 4000
-Mark.“
-
-„So, Sie sind ja sehr unterrichtet, -- in Dienstbotensachen.“
-
-„Ach, Kollege, -- Sie reizen mich +gar nicht+.“ Klaus Hansohm
-konnte unausstehlich liebenswürdig werden. „Sehen Sie, ich gestehe
-ein, daß +ich+ den Mann beneide. Er spricht drei fremde Sprachen,
-ich nicht. Er wird in seiner Eigenschaft als Diener des Herrn von
-Heidekamp hoch estimiert in Birkholz, ich in meiner Eigenschaft als
-Volksschulmeister gar nicht, er hat 4000 Mark Gehalt, ich auch nicht
-schattenhaft, und außerdem hat er noch ’ne Livree mit Silberknöpfen...“
-
-Sörensen hatte ruhig abwartend zugehört. Er liebte es, wenn sich das
-Kollegium „klärte“.
-
-„Womit Sie Herr Professor Rasmussen und Fräulein Doktor beleidigten,
-höre ich wohl morgen in Gegenwart der Beteiligten?“ fragte er Asmus.
-
-Dieser verneigte sich bejahend.
-
-Hansohm trat in seiner raschen Art auf den Direktor zu. „Darf ich
-wenigstens heute noch meine Überzeugung aussprechen, daß Fräulein
-Doktor nicht hat beleidigen wollen. Sie nahm das verstörte junge
-Mädchen einfach an ihr Herz. Ohne ein Wort zu sagen. Kollege Asmus
-faßt es eben schon als Beleidigung auf, daß wir Sörine Heidekamp
-beruhigten. Ich geleitete sie zum Wagen, der auf dem Markte hielt. Der
-Diener eilte uns nach, und so rief ich ihr möglichst unbefangen zu:
-„Eine Empfehlung an den Herrn Großvater.“ Die einzigen Worte, welche
-überhaupt auf dem Wege fielen. Professor Rasmussen aber hatte nur einen
-väterlichen Rat an Herrn Asmus erteilt. --“
-
-„Ich danke Ihnen, meine Herren.“
-
-In Asmus’ Gesicht arbeitete der Zorn mächtig. Aber er wußte, daß er mit
-seinen Anklagen warten mußte, bis er den beiden andern gegenüberstand.
-
-Sie gingen hinaus. Sörensen blieb in seinem Zimmer.
-
-„Väterlicher Rat?“ nahm Asmus draußen streitsüchtig das Thema wieder
-auf. „Ich brauche keinen väterlichen Rat vom Senior. Es war lediglich
-eine Beleidigung. ‚Gehen Sie ins Bett, Kollege,‘ hat er mir zugerufen.
-Dieser... Gehen Sie ins Bett! In Gegenwart von Fräulein Doktor.“
-
-„Na, Kollege, den Schlußsatz lassen Sie morgen lieber fort. So böse hat
-es Rasmussen nicht gemeint.“
-
-Hansohm lachte spitzbübisch, und Asmus drehte ihm beleidigt den Rücken.
---
-
- * * * * *
-
-Die Sonne schien flutend in den Singsaal und Sörine sang gerade ihr
-Maienköniginsolo, als sie zum Direktor gerufen wurde.
-
-Sämtliche Kinder sahen ihr erstaunt nach, aber Lehrer Hansohm nahm
-gleich eine neue, ganz besonders schöne Stelle vor, und so wendete sich
-das Interesse der zweiten Klasse rasch wieder der Musik zu. --
-
-Sörine stand vor dem Direktor.
-
-Sie war auffallend blaß, und über ihren Augen hatte sich eine tiefe
-Falte eingegraben.
-
-„Die Sache scheint dir nahezugehen, Sörine. Du hast deine frohen Augen
-nicht mehr. Nun denke einmal in deinem Trotz nicht daran, was dein
-Lehrer +dir+ tat, sondern was du ihm tatest.“
-
-Etwas wie Erstaunen zeigte sich auf dem blassen Gesicht, aber nur
-vorübergehend.
-
-„Herr Asmus ist nicht mein Lehrer,“ sagte sie dann abweisend.
-
-„Herr Asmus ist Lehrer am Lyzeum, -- folglich...“ Sörensen brach kurz
-ab. „Ihr in der zweiten Klasse habt darüber wohl besondere Ansichten?“
-
-„Ja.“
-
-Was ist das nun? fragte sich Sörensen. Ist das die Heidekampsche
-Unverschämtheit, von der die Kollegen reden? Oder?
-
-„Ich habe auch gar nicht über etwas nachgedacht, was Herr Asmus
-+mir+ getan haben könnte.“
-
-Der Direktor stutzte. Wie Freude stieg es in ihm hoch. Er hätte es
-selbst nicht so nennen können, denn er wußte seit langem nicht mehr,
-wie sich Freude kundtat. Leise sagte er zu sich: „Neuland!“ Laut aber:
-„Und worüber hast du nachgedacht? Was soll die krause Stirn und das
-bitterböse Gesicht?“
-
-Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine
-Agnes,“ stieß sie heraus.
-
-Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß
-er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt?
-So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen
-Kameraden, -- „einen bessern findst du nit“...
-
-Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann
-blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn
-ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst
-gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“
-
-Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen
-sahen ihn voll Vertrauen an.
-
-„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.
-
-Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“
-
-„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“
-
-„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer
-daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja
-dann immer von neuem weh...“
-
-Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken...
-
-Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf
-darauf und weinte laut und ungestüm.
-
-Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er.
-Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das
-Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines
-Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber
-sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer
-sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus
-hetzen, -- ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na
-und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in
-Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot.
-Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“
-
-„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum.
-Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“ --
-
-Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste
-Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein
-sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige,
-kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre
-Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache,
-und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt
-nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir
-nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch
-nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das
-Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich
-tu dir schon nicht weh. Und die übliche Schulmeisterschere, mit der
-man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“
-
-Laut aber sagte Sörensen: „Zunächst darfst du in meiner Gegenwart nicht
-von ‚Asmus‘ reden, das ist ungehörig. Dann aber, -- Herr Lehrer Asmus
-hat doch als Vater das unumstrittene Recht, sein Kind zu strafen,
--- -- nein, nein, laß mich nur ausreden. Du konntest ihn als Freundin
-seiner Agnes wohl +bitten+, nicht so hart zu sein, aber die Art und
-Weise, +wie+ du dich eingemischt hast,... Sörine, hast du überhaupt
-einen Begriff von dem Unrecht, das du begingst?“
-
-„Nein.“
-
-„Sörine!“
-
-„Immer und immer würde ich es wieder tun, Herr Direktor, genau
-dasselbe. --“
-
-„Das ist sehr schade, Sörine, denn du bist im Unrecht. Denke darüber
-nach. Morgen komme dann zu mir, hoffentlich mit verändertem Sinn. Du
-wirst Herrn Asmus um Verzeihung bitten, er verlangt das von dir.“
-
-„Herr Direktor!!!“
-
-Sörine schrie es heraus.
-
-„Du bist unbeherrscht, Sörine. Unbeherrscht sein, heißt unvornehm sein.
-Ich kann mir nicht denken, daß du das sein willst.“
-
-„O Herr Direktor, ich will +Sie+ um Verzeihung bitten und jeden
-Lehrer und die Nissen jeden Tag, die ich doch nicht ausstehen kann...“
-
-„Pscht! Was reden wir da wieder für ungehöriges Zeug!“
-
-„Aber den Asmus, Herr Direktor, nein, +nie+.“ Sörinens Augen
-blickten ganz schwarz. Aber sie setzte auf einmal kindlich hinzu: „Ich
-meine den +Herrn+ Asmus.“
-
-„So, so! Nun für mich kommt es jetzt nur darauf an, ob du +die+
-bist, wofür ich dich halte, oder ob ich mich in dir getäuscht habe.
-Sieh einmal, Sörine, du hast ja noch gar nicht über dein Unrecht
-nachgedacht. Aber in euerm Schloß habt ihr ja genug stille Kämmerlein,
-in denen du zur inneren Einkehr kommen kannst.“
-
-„Ja, eine Menge,“ bestätigte sie nachdenklich. Dann war sie entlassen.
-
-Die Tür war kaum hinter ihr ins Schloß gefallen, als es schon wieder
-klopfte.
-
-„Herein!“
-
-„Herr Direktor, kann ich auch um Verzeihung bitten, +ohne+
-nachzudenken? +Ihnen+ zu Liebe, damit Sie mir wieder gut sind?“
-
-Sörensen sah kopfschüttelnd in die freimütigen Kinderaugen.
-
-„Nein, Sörine. Du bist groß und alt genug, um dein Unrecht einzusehen.“
-
-„Aber das wird dann sehr lange dauern...“
-
-„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, --
-ich habe zu tun.“
-
-Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen.
-
-„Nun? Noch einen Wunsch?“
-
-Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich
-traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ich ihr einen Brief schicken
-könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und
-verbrennen sie ihn. Agnes hat +gar keine+ Freude auf der Welt. Sie
-hat +nur mich+.“
-
-„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem
-Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief,
-Sörine, -- ich -- ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen,
-na, -- ist’s so recht?“
-
-Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht
-helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war
-es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher
-Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem
-Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem
-neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen
-Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand
-entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur
-die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F
-biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen,
-an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war
-noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb
-war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von
-ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor
-mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und
-verborgene Schätze gehoben. Zu ihrer eigenen Freude. Ihm erzählte man
-nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der
-Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne
-anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein
-heraussuchen.
-
-Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und
-doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde
-mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben. --
-
-Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten,
-Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die
-äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel
-Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er
-war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas
-wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den
-Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend
-hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar
-Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“
-
-„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und
-weiter! Und durch! -- Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen,
-wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“ --
-
-Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der
-ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine
-Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen
-hält. Und die Umschrift: ~Nunquam retrorsum.~ Er blätterte in
-dem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren
-charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses
-mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand:
-
- „Suse, bruse, wat weiht de Wind?
- Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.
-
- Deine treue Kinderfrau
- Gesche Wiensen.“
-
-Dann war ein vergilbtes Blatt, vielfach zerknittert, eingeklebt:
-
- San Remo 1890.
-
- Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!
- Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,
- Von alters her im deutschen Volke war
- Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.
- Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.
-
- Mütterchen.
-
-Sörensens Hand strich sacht über das Blatt.
-
-Die zweite Seite zeigte das stark verblaßte Bild eines jungen
-Husarenrittmeisters mit hoher, kühner Stirn und starken Brauen. Über
-dem aristokratischen Mund ein dunkler kleiner Bart. Die ernsten
-Augen glichen denen der jungen Sörine. Ein Kreuz war neben das Bild
-gezeichnet, und die Schrift darunter war von der gleichen Hand des
-vorigen Blattes: Schleswig 1895. Dein Väterchen. --
-
-Erne Sörensen ertappte sich, daß er ganz laut: Du armes Waislein!
-sagte, denn er rechnete sich zusammen, daß Sörine nach dem Tode des
-Vaters geboren war und daß Frau von Heidekamp den Gatten nur um fünf
-Jahre überlebt hatte.
-
-Die folgende Seite:
-
- Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit
- unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren.
-
- Heidekamp 1900 im Februar. Grauchen.
-
-Auf dem fünften Blatt waren Namen in unbeholfenen Schriftzügen
-hingemalt: Hinnerk Boysen, Klas Martens, Hanne Witt, Dorette Maaßen,
-Fite Groth.
-
-Dann eine etwas schwungvollere Hand mit dem Vers:
-
- „Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.
-
- Dieses wünscht dem gnädigen Fräulein
- Hannes Hansen.“
-
-Offenbar der Heidekampsche Reitknecht.
-
-Auf der sechsten Seite hatte sich jemand schon vor zwei Jahren
-eingetragen:
-
- „Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.
-
- Klaus Hansohm,
- Lehrer.“
-
-Dann noch eine Backfischhandschrift:
-
- „Ich will dir immer dankbar und treu sein.
-
- Deine Agnes Asmus.“
-
-Und nun kam niemand mehr.
-
-Welch seltsames Büchlein. Durch das feine Papier und das kostbare graue
-Leder mit dem silbernen Wappen hindurch sah Erne Sörensen das junge
-ernst-frohe Leben seiner Schülerin wie ein Bild auf Goldgrund gemalt.
-Und er meinte bei sich, es sei wohl etwas Schönes hier unter den
-Menschen zu stehen, die alle mit guten Gedanken ein Mäuerchen um die
-Sörine Heidekamp bauten.
-
-So schrieb er rasch mit seiner großen, deutlichen Schrift:
-
- „Gut sein und glücklich machen!
-
- Dein Freund Sörensen,
- Direktor am Lyzeum Birkholz.“
-
-Dein Freund Sörensen.
-
-Ja, das war die Wahrheit. Die junge Sörine würde sich nicht über die
-Unterschrift wundern, die sah ja durch „Mauer und Holz“. Aber auch in
-Birkholz würde niemand erstaunt und im Lyzeum niemand gekränkt sein,
-denn dies Büchlein war mit seinem Namen abgeschlossen. Das fühlte er,
-trotzdem es ihm niemand gesagt und trotz der vielen leeren Seiten, die
-noch folgten. Solch ein feines, stilles, rührendes Buch mit den letzten
-Liebesworten der toten Eltern, das gab man nur ganz wenigen...
-
-Und als ob er noch eine Bestätigung seiner inneren Gewißheit haben
-sollte, fand er auf der allerletzten Seite noch eine Eintragung,
-die wollte dem, der etwa doch einmal unbefugt hereinschaute, sagen:
-hier ist kein Platz mehr, ich habe das Buch meiner Enkelin schon
-zugeschlossen.
-
- „Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.
-
- Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“
-
-Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. -- Und jung fühlte er sich mit
-einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen...
-
- * * * * *
-
-Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde,
-die sich im Direktorzimmer abspielte. Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen
-hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte
-Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne
-gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr
-sowohl mit dem +Lehrer+, als auch mit dem +Vater+ Asmus in
-einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel
-legen mußte.
-
-Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß
-durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche
-Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der
-ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche
-Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle
-bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu.
-
-Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend
-über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine
-verwundete Löwin.
-
-Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte
-aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der
-sein wehrloses, schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem
-Stock gezüchtigt.
-
-Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn
-Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich
-hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes.
--- Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt
-ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin
-ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich
-immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“
-
-Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch
-ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf
-steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft,
-sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht
-vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit
-leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung
-des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen
-eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals. --
-
-Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief
-mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und
-Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in
-einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im
-Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen
-alten Stadt zu verzerren, hatte man die Häuser wenigstens in eine
-weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den
-anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug.
-
-Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf.
-
-Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem
-Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind,
-und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte
-sich auch manches gespart haben.
-
-Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er
-wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er
-sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel
-suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er
-die Umrisse einer weiblichen Gestalt.
-
-„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte
-Sörensen.
-
-„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort.
-
-„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner
-Schülerin, d. h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“
-
-„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die
-Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber
-die leidigen Kopfschmerzen, -- Agnes behauptete, sie würde nicht folgen
-können...“
-
-Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über
-einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß.
-
-Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt.
-
-Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen,
-schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen
-Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes
-Blättchen zu treiben. --
-
-Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen
-Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von
-häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem
-Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten
-stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn
-gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß
-die blasse Agnes Asmus und arbeitete.
-
-„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube
-anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen
-zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei.
-Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“
-
-Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank
-und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen
-Augen ihn anschaute.
-
-Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in
-haltloses Schluchzen ausbrach.
-
-„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief Frau Asmus. --
-„Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich
-zusammen!“
-
-In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief
-hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme
-verhandeln.
-
-Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.
-
-„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude.
-Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens
-Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.
-
-Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann
-erneutes Weinen, heftiger als zuvor.
-
-„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.
-
-„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht
-will ich es tun.“
-
-„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“
-
-Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“
-
-„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit
-jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“
-
-Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts
-Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen,
-abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß
-nur, das ist nun mal nicht anders.
-
-Frau Asmus schien draußen mit der andern Person in Streit geraten zu
-sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.
-
-„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter,
-und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte.
-„Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war
-sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s
-nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich
-zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn
-z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen,
--- vielleicht bin ich jetzt krank...“
-
-In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.
-
-„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern
-sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen
-sollen...“
-
-Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein,
-o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie
-angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige -- -- ich darf ja sonst nie
-mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie
-die Hände sinken.
-
-Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und
-Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die
-Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie
-sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr
-Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß
-man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er
-sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat,
-als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben.
-Wenn +ich+ reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“
-
-„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war
-aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein
-liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen.
-Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir.
-Soll ich?“
-
-„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen
-können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, -- --“ Agnes deutete auf
-ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, -- ich habe sie nicht
-verstanden...“
-
-„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“
-
-„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch,
-daß ein Lehrerkind, +unsere+ Tochter, von Fräulein Nissen einen
-Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“
-
-Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich
-unter diesen Augen.
-
-„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal
-gütig, und dann ging er.
-
-Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.
-
-„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir
-vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe.
-Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater
-Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein
-Ordinarius.“
-
-„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.
-
-„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus.
-„Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer
-die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater
-hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf
-dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet,
-aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern
-ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber
-noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das
-erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß
-der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen
-war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr,
-als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.
-
-Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder
-an, da -- trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von
-dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich
-der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief
-auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts-
-und Werbemarken leuchteten obenauf.
-
-Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der
-rote Zorn stieg in ihr Gesicht und wollte losfahren, aber als sie das
-Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß
-aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und
-barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos:
-„Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß
-ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr
-mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“
-
-Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen,
-wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der
-Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.
-
-Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort
-entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf.
-Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett
-und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte.
-Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück,
-und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend
-scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen
-war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe
-und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der
-Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der
-Galgenstraße erkennen konnte.
-
- Heidekamp, 1. April.
-
-Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am
-liebsten die Engel hatten? Und bei den Märchen die Feen? Die dann so
-plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt
-heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme
-mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast
-mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von
-Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli.
-Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg
-verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein
-geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch
-ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost
-und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen
-scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht,
-meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir
-vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster
-Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten
-soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur
-Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli
-so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große
-Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit
-Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen
-könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht
-wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau
-so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu
-schön, wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder
-heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht
-verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen
-habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott
-bei Dir ist. Und ich auch.
-
- Deine treue Sörine Heidekamp.
-
-Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift
-und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die
-rechte Stelle.
-
-Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete
-den Brief auf ihr warmes, junges Herz.
-
-Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und
-mit diesem Lächeln schlief sie ein. --
-
- * * * * *
-
-Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.
-
-Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit
-fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus
-irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch +ihren+ Geburtstag
-für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit +Jahrenden+“
-(wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt.
-Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt
-wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt
-auf dem Felde der Unehre liegen blieb.
-
-Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung
-und fliegender Hitze, und man tat gut, an diesem Tage nicht gerade
-verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.
-
-Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor
-erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer
-abgesagt hätte und was es „gab“.
-
-Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon
-lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.
-
-Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte
-oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt
-den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur
-ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte
-nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die
-inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „+5. April+!“
-
-Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem
-Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen,
-die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten,
-sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden
-in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel
-wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos
-grabenden Silberlöffeln abgetragen.
-
-Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über
-den dampfenden Tassen.
-
-Nur nicht so freundlich.
-
-Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und
-den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“,
-„Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an
-Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.
-
-Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde
-mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der
-lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. --
-
-Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige
-Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche
-Redeschlacht entfesseln sollte.
-
-Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau
-Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die
-erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer
-heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.
-
-Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich
-darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.
-
-+Das Lyzeum und sein neuer Direktor.+
-
-„Mir hat er +gar+ keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker
-Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und
-hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des
-Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche
-Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte,
-auch nur ein Wort zu sprechen. --
-
-„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“
-
-Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich
-verarbeitet.
-
-Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief:
-„Da muß man doch erst mal fragen, ob er es +kann+.“
-
-„Ohhh!“
-
-„Aber!“
-
-„Ach, du großer Gott!“
-
-„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“
-
-„Es gehen da seltsame Gerüchte um, -- ich bekümmere mich ja so wenig um
-das Treiben und Reden der anderen...“
-
-„Hm, hm.“
-
-Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte
-nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. --
-
-„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte
-spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann,
-die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.
-
-„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und
-beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,...
-„er sei nicht mehr frei.“
-
-Ahhh!
-
-Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen.
-Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der
-Enttäuschung eine verschiedene war.
-
-Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu
-nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen
-herfallen.
-
-„Aus +ganz+ einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“
-
-„Wie? Unehelicher Sohn?“
-
-„Der Vater Schneider oder Schuster?“
-
-„Das wäre ja die Höhe.“
-
-„Und der wagt es...“
-
-„Heimlich verheiratet?“
-
-„Zwei Kinder.“
-
-„Aber da muß doch eingeschritten werden!“
-
-„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“
-
-„Aber ganz sicher.“
-
-„Wer von uns sollte es weiter sagen?“
-
-„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau
-~Dr.~ Niebert das Wort. „Ich bin ja nun +ganz+ unparteiisch,
-denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor
-Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht,
-gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, -- so ist uns
-ja im Grunde der Herr ~Dr.~ Sörensen höchst gleichgültig. Aber was
-Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich +sehr+
-interessant.“
-
-„Darf sie denn das?“
-
-„Was?“
-
-„Aus der Schule erzählen.“
-
-Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich, wurde durch
-wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl
-zurückgeschleudert.
-
-„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter
-Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit
-gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und
-läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den
-Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur +eine+ Klage
-geht, hält er die Hand, und das geht immer +Herr+ Harks hin und
-+Herr+ Harks her, sagt Fräulein Nissen, -- na und man weiß doch...
-hm...“
-
-Verständnisvolles Flüstern und Nicken.
-
-„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen,
-aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend
-jemand salbungsvoll.
-
-„+Brav+ war sie +auch+,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein,
-„sie hat drei Jahre bei mir gedient.“
-
-Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der
-bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem
-energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte
-ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.
-
-Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen:
-„Ja, +so+ brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“
-
-Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen
-Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und
-rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“
-
-„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das
-Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, ~pro~ und ~contra~.
-Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen und Lehrer Hansohm schwören ja auf die
-neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine einfach lächerliche
-Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein Doktor gebildet, --
-guter Gott, ich will nichts sagen, -- sie könnte ja wohl beinahe seine
-Mutter sein, aber...“
-
-„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“
-
-„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme
-der Frau Postdirektor Hagedorn.
-
-„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige
-Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie
-nicht miteinander‘.“
-
-„Sehr richtig.“
-
-„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei
-gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß
-er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch
-in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“
-
-Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte
-zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser
-Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief
-sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller
-wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die
-vernichtenden Worte:
-
-„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“
-
-„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein
-furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe
-nur Gutes, nur das +Beste+ von Herrn ~Dr.~ Sörensen gehört.
-Die Kinder schwärmen alle für ihn.“
-
-„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber
-mit was hört es auf?“
-
-Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört
-es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen
-denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner
-Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern
-Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über
-ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“
-
-Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter
-waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer
-Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über
-Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.
-
-Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche
-Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht
-ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.
-
-Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen
-Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren.
-Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz
-etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß gerade
-über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name
-auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie
-verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. --
-
- * * * * *
-
-So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht
-erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das
-Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe,
--- Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen -- und so konnte der
-eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen
-Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare
-einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling
-bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte,
-bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten
-gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm
-in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun
-muß sich alles, alles wenden!“
-
-Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war
-Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus,
-und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges
-Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich
-unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. --
-
-Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern mit hinübergetan.
-Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, -- wenn er sie
-Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das
-kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr
-Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.
-
-Er überlegte.
-
-„Herein!“
-
-Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein
-zaghafter Finger getan haben konnte.
-
-Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.
-
-Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in
-sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was
-willst du?“
-
-Keine Antwort.
-
-Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase
-und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen,
-denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend
-versicherte.
-
-„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“
-
-Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit
-drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp -- -- bist du krank?“
-
-Keine Antwort.
-
-Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag
-willenlos in der seinen.
-
-„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“
-
-Keine Antwort.
-
-„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“
-
-Sie nickte unmerklich.
-
-„Und was willst du nun hier?“
-
-Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich
-zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben
-möchte ich, -- bis -- bis -- unser Wagen kommt...“
-
-„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich
-nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan.
-„Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“
-
-„+Bitte, bitte nicht.+“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte
-Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer
-von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das
-Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.
-
-„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, -- ich sorge mich um dich. Bist du
-nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“
-
-Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde
-Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...
-
-„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als
-ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich
-ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das
-schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.
-
-Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges
-Mal nach dem Trotzkopf um. War es wirklich ein Trotzkopf, dann sollte
-er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich
-spaßen lasse. -- Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und
-man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als
-einen gleichaltrigen Knaben.
-
-Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...
-
-Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen
-und wahrhaftig -- da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und
-wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen,
-rennen, fliegen...
-
-Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto
-ratterte davon, -- er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.
-
-Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?
-
-Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der
-zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon
-die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.
-
-Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter
-den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein,
-andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher
-heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war
-er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.
-
-Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr
-Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht finden, weiß Gott, wo sie
-stecken mag. Das kann auch nur +dieses+ Mädchen, -- aus der Stunde
-einfach fortlaufen -- -- Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich,
-ich -- -- --“
-
-Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere,
-aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all
-die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen.
-Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem
-abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als
-könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen,
-heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz,
--- jetzt vor den Kindern, -- Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch
-einmal mit mir herüber.“
-
-Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig
-mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen,
-nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte.
-Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu
-erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.
-
-„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, -- ich ließe dich lieber
-rasch nach Hause gehen, aber, -- habe ich recht, wolltest du mich
-sprechen?“
-
-„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß
-nach Hause gelaufen...“
-
-„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. --“
-
-„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so
-gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie
-schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht,
-und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe,
-so lebhaft erzählte sie.
-
-„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“
-
-Ein scheues „Ja.“
-
-„Willst du es mir erzählen?“
-
-„Ich weiß es nicht.“
-
-„Hast du Vertrauen zu mir?“
-
-„Ja, ja!“
-
-„Nun also. Dann frisch drauflos.“
-
-„Ich -- -- ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse
-sein, Herr Direktor -- -- es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“
-Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.
-
-„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein
-Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem
-du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“
-
-„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein
-Doktor,“ setzte sie leise hinzu.
-
-„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im
-Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr
-erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen
-Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“
-
-„Danke. -- Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“
-
-„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der
-Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen
-Trostbrief an die Manteltasche stecken.“
-
-„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.
-
-Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.
-
-Es vergingen kaum zehn Minuten.
-
-Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen kam erregt zu ihm.
-
-Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme
-Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich.
-Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel
-besessen. Sie, -- wie sag’ ich -- sie ist ein Neutrum, sie hat nichts
-Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, -- daß
-ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun
-kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger --
-wie die Sörine -- Herrgott im Himmel, -- zerstört hat sie -- zerstört,
--- wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“
-
-Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen
-Herzen.
-
-Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab,
-und sein wackres Herz war voll Zorn.
-
- * * * * *
-
-Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein
-Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter.
-Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf
-salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich
-Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche,
-wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen
-strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte
-manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die
-verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz
-in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner
-Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig,
-auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt
-zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr
-dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr
-Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte
-sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht
-fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte
-vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer
-Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die
-ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.
-
-Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde
-gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich
-ergehen.
-
-„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von Pappe,“ rief Kahl
-gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“
-
-Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn
-ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.
-
-„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze
-ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber
-nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden.
-Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht
-preisgeben.“
-
-„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde
-das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“
-
-Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches,
-spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. --
-
-„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt,
-wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern
-nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade
-verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“
-
-„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.
-
-„Will ich auch. -- Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie
-denken Sie denn über den Fall?“
-
-„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar
-sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen
-hat.“
-
-„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr
-verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste,
-zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann?
-Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem
-Idealismus.“
-
-Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel:
-„Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich
-einpacken.“
-
-„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine
-Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der
-Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen
-Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler.
-Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus
-gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich
-vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer
-beneidet, -- ich tu’s nicht mehr.“
-
-„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig
-fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei
-Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein
-lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen
-über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung
-hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner
-Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir
-sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben,
-meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin geworden, um ihre Rechte
-gegen eine Welt von -- Nissens zu verteidigen.“
-
-Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung
-und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben
-gehandelt...“
-
-„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn
-Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei
-das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum
-bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können
-Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“
-
-„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür
-gegeben.“
-
-„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es
-hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist
-Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“
-
-„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“
-
-„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“
-
-„Herr Provinzialschulrat!!!“
-
-„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur
-Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“
-~Dr.~ Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer,
-dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau
-von Heidekamp gekannt?“
-
-„Nein.“
-
-„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der
-Engelkunde zutrauen, -- aber -- so -- geradeso wie Frau Lore von
-Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe
-sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein
-Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. +Ihrer+ Tat
-hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“
-
-„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt
-Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich
-selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich
-alle durchaus ruhig verhalten.“
-
-Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter,
-leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die
-Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse
-gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben
-hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult
-worden.“
-
-„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot ~Dr.~ Hofer
-rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: ~De mortuis nil nisi
-bene.~“
-
-„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn
-Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein
-Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser
-unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“
-
-„Was heißt ‚damals‘?“
-
-„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte
-Klasse.“
-
-„Die +vierte+!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf
-den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern
-verlassen?“
-
-Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. ~Dr.~
-Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben,
-Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes
-Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren
-Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“
-
-Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch
-sehr dafür...“
-
-~Dr.~ Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.
-
-„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte
-Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so
-wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in +keinem+ Fache ‚aufklären‘
-könnten.“
-
-Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.
-
-„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die
-Sache besorgt, so konnte man den ~lapsus~ ihrer Jugend und --
-sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten
-sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“
-
-„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen
-gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“
-
-In Sörensens Stirn zog zornige Röte.
-
-„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser
-kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist
-es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, -- heute
-ist ja doch die ganze Stadt voll davon, -- eine Flut von Briefen hat
-sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe
-und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe
-eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. --“
-
-Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.
-
-„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit
-Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an
-die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem
-Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“
-
-„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig
-hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen
-Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der ~Dr.~ Hofer auch schon
-wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im
-Ministerium nennt.“
-
-„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der
-Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen
-zitterte vor Gereiztheit.
-
-„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben,
-einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der
-Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“
-
-„Und der Grund?“
-
-Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die
-Antwort. --
-
-Lehrer Hansohm trat zu Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen: „Geben Sie mir
-die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“
-
-Sie nickte ernst.
-
-„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp
-in diesem Kollegium.“
-
-Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des
-Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen
-vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche
-Stille.
-
-Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt
-sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend
-damit durch die Luft.
-
-„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich
-das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe
-Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in
-ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre
-Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das
-riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen -- und ich habe
-vergessen, daß es ein +Lyzeum+ in Birkholz gibt. Denke nur noch an
-das Birkholz. Ahhh!“
-
-Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.
-
-„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie
-sich ein bißchen in acht, beinahe hätten Sie mir den Hut vom Kopf
-geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“
-
-„Ich dachte an +meine+ zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen
-würde, wenn +mir+ das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre
-Distel vom vergangenen Jahr.
-
-Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“
-
-„Ja. -- Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in
-Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“
-
-„Sie sind blutdürstig. -- Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten
-Ihnen wertvoll sein.“
-
-„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem
-Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren
-schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück.
-„Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich
-habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen
-in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“
-
-Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen war sehr blaß geworden.
-
-„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.
-
-Und dachte, -- ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn
-er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige
-Liebe sei.
-
-Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben.
-Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war
-für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die
-Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, gescheite Schwester,
-die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und
-ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden
-Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete
-Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter
-noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging,
-nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat
-dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor
-sich selbst nannte.
-
-Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten
-Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen
-Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es
-ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und
-so häßlich sei. --
-
-„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide
-wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“
-
-Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten
-wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück,
-die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.
-
-Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und
-es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester
-nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine
-Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die
-liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. --
-
-Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem
-Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. --
-
-Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem
-blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch,
-neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.
-
-„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit
-unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das
-köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur
-Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten,
-unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und
-auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders
-tat es die Lore nicht.“
-
-Diese hantierte noch emsig in der Küche.
-
-„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte
-Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen.
-Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen
-bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten.
-Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben
-Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in
-die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“
-in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die
-stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und
-später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.
-
-Dazu im Winter die Gesellschaften.
-
-Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen
-Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für
-sieben hungrige Mäuler reichen mußte. -- Denn Mama verstand es, selbst
-das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten
-meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und
-Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu
-hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß
-Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur
-um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser
-verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters
-Geige singen zu hören.“
-
-„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu
-vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt
-haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie
-um, Fräulein Stavenhagen.“
-
-Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun
-trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die
-gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete
-Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte
-die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.
-
-Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren
-Kartoffeln und Bratklopsen.
-
-Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor
-fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte
-eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig?
-+So+ viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“
-
-Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er
-zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in
-eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an
-der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so
-liebte es der Lauscher da draußen.
-
-Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das
-behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende
-und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück.
-Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm.
-Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune
-Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und
-alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden,
-verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin
-einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für
-fünfzehn Mark.
-
-Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein
-paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und
-präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen
-spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als
-Sörensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. --
-
-„So, -- nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir
-gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein
-Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“
-
-Er ließ den Worten die Tat folgen.
-
-„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich,
-die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.
-
-Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir
-nie...“ stotterte er.
-
-„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege
-Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen.
-Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng
-daheim, deshalb eilte ich her...“
-
-„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein
-Doktor mit ihrer tiefen Stimme.
-
-„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und
-zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.
-
-„Aber +wie+ Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“
-Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.
-
-„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern
-eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der
-Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden
-eine Pfeife, -- beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife +bringt
-mir+ erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich
-zu Sinn.“
-
-Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den
-freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die
-man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer
-Gegenwart.
-
-Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine
-andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach
-und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.
-
-Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang
-hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich
-von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend
-zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich
-fange jetzt erst an zu leben.“
-
-So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um
-seine Bewegung zu verbergen.
-
-Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor
-auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt
-gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann
-Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe
-habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen
-durch meine Räume.“
-
-„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen.
-„Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“
-
-„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im
-höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja
-einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“
-
-„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit
-ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie
-kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte
-sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr
-Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“
-
-„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert
-sie aber den letzten Rest Hochachtung vor +mir+, und das wäre vom
-Übel. Guten Abend und Dank!“
-
-„Halt, -- ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen
-Kanadier?“
-
-Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte
-holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas
-Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen
-Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade,
-schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos
-hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“
-
-„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch
-ordentlich in die Schule nehmen.“
-
-Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie
-grüßten und der kurzsichtige Sörensen dankte. „Haben Sie viel Freunde
-und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“
-
-„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine
-Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das
-Kollegium.“
-
-„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“
-
-„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“
-
-„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen
-nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in
-dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine
-ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht
-gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“
-
-„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den +werdenden+ Menschen. Ich bin allen
-Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“
-
-„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie
-Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“
-
-„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon
-engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher
-beim Herrgott haben...“
-
-„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.
-
-„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig...
-Klaus Hansohm weiß es schon lange. Deshalb sieht er der Schwester
-ja alles an den Augen ab, und -- ich habe gesehen, wie er sie einmal
-abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“
-
-„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege
-Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“
-
-„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz
-herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“
-
-„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe.
-Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr
-fest die Hand. „Gute Nacht!“
-
-Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe
-im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk
-knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte
-sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen
-Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß
-Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.
-
-„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in
-weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von
-ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen
-alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht,
-weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. -- Ich konnte heute nicht
-einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem
-Mannsbild techtelmechteln...“
-
-„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“
-
-„+Kor+rekter??? +Dir+ekter!!! Aha! Ich habe recht! Das
-Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes
-Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir
-haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“
-
-„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“
-
-„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im
-Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin
-sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich
-heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“
-
-„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“
-
-„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr.
-Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz
-geschlendert wären...“
-
-„Auch +das+ haben Sie gesehen?“
-
-„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch
-krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind
-das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“
-
-„Und das häßlichste.“
-
-„Nein, den Ruhm nehme +ich+ in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie
-das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er
-die Schönheit für Sie mit.“
-
-„Finden Sie ihn schön?“
-
-„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem
-verlangenden Herzen. Na, wie ich über die Mannsleute im allgemeinen
-denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir
-gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ +geschrien+. Damit
-er sich nur nicht verhörte.“
-
-„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“
-
-„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also
-los? Beichten Sie mal.“
-
-„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu
-nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche
-Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“
-
-„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“
-
-„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für
-allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie
-geschehen, hören Sie? Nie.“
-
-„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘,
-hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber
-Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf
-und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“
-
-Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du
-da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für
-die Kinder an seiner Schule...“
-
-„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für
-Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“
-
-„Ich bin sechsunddreißig.“
-
-„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist
-eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen
-eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist,
-erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es
-wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten
-ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“
-
-„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.
-
-„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder
-Generaldummheit begangen habe.“
-
-„O das ist schändlich!“
-
-„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors
-wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“
-
-„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“
-
-„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer
-gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch
-zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer
-Lyzeum haben.“
-
-„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor
-lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“
-
-„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor
-lauert auf mich.“
-
-„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen hat endlich nach
-einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der
-zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige -- ach, ich weiß ja --
-kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im
-Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie
-haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, --
-sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich
-erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite
-Klasse...“
-
-„Weiter, weiter...“
-
-„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen
-sagt...“
-
-„So? Sagt Sörensen?“
-
-„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz
-rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat
-schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen
-hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied
-zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel
-ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später
-sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da
-schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die
-Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon
-manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus
-erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, -- es wird alles
-richtig sein.“
-
-„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte
-beide Hände ihres Gastes.
-
-„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des
-Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens,
-mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der
-Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“
-
-„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. --
-„Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem
-Oberboden holen. -- Nun und wie verhält sich der Direktor?“
-
-„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter
-eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder
-noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er
-Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“
-
-„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch.
-„Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“
-
-„~Dr.~ Sörensen geht fast gar nicht aus...“
-
-„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen,
-dann +muß+ er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber
-nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den
-Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen
-Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht.
-Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“
-
-Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten
-sich die beiden Hausgenossen.
-
-Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem
-alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff
-stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte,
-daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß
-wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. --
-
- * * * * *
-
-Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften. --
-
-Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute,
-kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen
-Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall
-war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe
-durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal
-vor und las ihn zum zweiten Male:
-
- Geehrter Herr Direktor!
-
-Dazu ist die +Mutter+ da. Wollen Sie dieses mit einer schönen
-Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie
-ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr
-Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit
-ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die
-Martha, die nun Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit
-zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule,
-wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte
-sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir
-zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an
-Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer
-geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen
-Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch
-ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen
-habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen
-verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch
-und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr
-Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht
-verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze
-Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den
-Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern
-gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine
-Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß
-alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran,
-daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, +heilig+ ist. Denn
-die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und
-wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da
-müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die
-Worte viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte
-Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus
-entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich
-beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den
-Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen
-Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir
-Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo
-keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete
-Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse
-hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß
-deinen Fürwitz.“
-
- Achtungsvoll
-
- Frau Schlossermeister Steinicke.
-
-Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang
-zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür
-hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der
-alte Freiherr.
-
-Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu
-begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf
-sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit.
-Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und
-fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen
-Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein
-langer, weißer, sorgfältig gepflegter Patriarchenbart vervollständigte
-die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige
-Brauen große Kühnheit gaben. --
-
-Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen,
-hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen,
-aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.
-
-„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als
-Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren
-Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchs+karte+ erwidern wollte.
-Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran
-dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen.
-Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen
-schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue
-Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie,
-der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten
-hätten. -- Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse
-werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den
-Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach
-der Ochsentour geht...“
-
-„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich
-annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen
-wollen...“
-
-„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein
-schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu
-Ihnen gekommen, sondern war erst beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht
-meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine
-Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000
-Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, -- na, das ist
-Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen,
-sondern verwies mich sofort an Sie.“
-
-„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller
-Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst
-zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“
-
-„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und
-ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war.
-Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter
-nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und
-dann erst zu ihm.“
-
-Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da
-habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums,
-erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“
-
-Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er
-kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit
-einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang
-frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben
-Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“
-
-Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.
-
-„Herr von Heidekamp, -- ich fühl’s, es wird Ihnen schwer, zur
-eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben
-wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden
-herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘
-sprächen... wenn Sie -- -- verwunden könnten ...“
-
-„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann
-plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine
-gemacht???“
-
-Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und
-schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.
-
-„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage
-des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst
-schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber
-die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger
-Geist in ihr...“
-
-„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul
-unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre
-Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“
-
-„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“
-
-„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an?
-Aber -- aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich -- ich wollte ja
-schimpfen, -- ich wollte ja dieses -- dieses -- Fräulein Nissen, es
-fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“
-
-„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp, ich möchte nichts
-dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die
-Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“
-
-„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der
-Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von
-ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“
-
-„Ist Sörine krank?“
-
-„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott,
-wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“
-
-„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“
-
-„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der
-Heide...“
-
-„Und versäumt die Schule.“
-
-„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor
-den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen
-niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank
-entrinnt?“
-
-„Ja, das verlange ich allerdings. -- Herr von Heidekamp, Sie hätten ja
-Ihre Sörine abmelden können, -- das würde ich sehr bedauern, aber ich
-könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so
-lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“
-
-„Herr Direktor, -- Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen
-der Mädchenseele gesprochen...“
-
-„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte
-morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend von Sörine ist ja ihre
-Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin
-getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres
-Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem
-Herzen...“
-
-„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, -- meine
-lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug
-geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief
-nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte
-Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem
-Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf
-dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr
-Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht
-etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war
-sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen
-heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe
-kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter -- -- --‘ Das war ihr
-Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“
-
-„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis +jetzt+ schon,“
-sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.
-
-„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so
-unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es
-wird das Rechte sein. --“
-
-„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände haben den Schleier
-von Sörines Kindereinfalt gerissen, -- sanfte Mutterhände werden die
-Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine
-tapfere Schülerin zu sehen.“
-
-Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die
-klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn
-noch um Etliches überragte.
-
-„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte
-Sörensen.
-
-„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll
-hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber
-wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner
-Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß
-ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht
-an den törichten Ausspruch...“
-
-„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem
-Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres
-Vorurteils gekommen bin.“
-
-Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der
-Küchentür stand knixend Frau Dietz.
-
-Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine
-Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem
-Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“
-
-„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den
-Toten nichts Übles reden.“
-
-Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren
-davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte
-sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr
-für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ --
-
- * * * * *
-
- +Sonntag abend+.
-
-Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich,
-das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die
-Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann -- dies Heidekamp. Hab’
-Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen
-Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch
-keinen in Birkholz erlebte. --
-
-Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare
-Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem
-Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des
-Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In
-welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!
-
-Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch
-ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich
-daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen.
--- Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.
-
-Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis
-ist prächtig. Grauchen und ich sind gute Freunde geworden. „Wir haben
-beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich
-dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich
-komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“
-
-Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir
-eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben
-mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes
-Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte
-und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche
-Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? -- Wie wir heute da draußen Pläne
-schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und
-uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du
-jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner,
-gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. --
-
- +Dienstag abend+.
-
-Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten
-Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der
-jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus
-bereden +müßte+. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen
-beiden, daß ich wohl als Direktor dem +Lehrer+ Asmus etwas zu
-befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte
-gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige
-Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche
-Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, --
-nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau
-Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne
-in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las
-ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte
-Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir
-nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja
-täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie
-davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“
-Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem
-Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s
-merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich
-kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf
-nicht merken, daß ich dahinterstecke.
-
-Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur
-zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das
-arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die
-Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.
-
-Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das
-erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht
-Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne
-und Liebe hungern soll, -- Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. --
-
- * * * * *
-
- +Ostersonntag abend.+
-
-Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.
-
-„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.
-
-Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue
-Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus
-hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist
-beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her
-eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der
-mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff,
-entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich
-zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst,
-daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der
-weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und
--- Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in
-Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine
-Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens
-den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen.
-Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein.
-Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, -- so konnten schon
-„das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. -- Und die Frau
-Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen,
-saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die Frauen der
-Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn
-mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne
-Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege
-Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...
-
-Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und
-fragte...
-
-Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da
-der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr
-dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!
-
-Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein
-Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen
-Heimweg gesprochen.
-
-Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den
-schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr
-sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.
-
-Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein
-Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber
-es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden,
-liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.
-
- * * * * *
-
-Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach
-den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien
-niemand verreist, und so fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in
-der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte
-für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten
-zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den
-stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester
-Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten
-Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der
-sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der
-kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores
-Lachen.
-
-Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert.
-Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er
-parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur,
-wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei
-einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in
-+Ihrer+ schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“
-
-„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich
-entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien
-so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich
-leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu
-bringen.“
-
-„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf
-seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, -- Gott soll mich
-bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau
-Kahl annimmt. Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr
-Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“
-
-„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt
-vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter
-spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen.
--- Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“
-
-Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter
-gespielt haben...“
-
-„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle
-zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“
-
-„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“
-
-„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen
-Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore
-nicht genug Mittagessen gegeben.“
-
-„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes
-Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore
-zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir
-neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“
-
-„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“
-
-„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche
-Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose
-Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik
-unterstützt.“
-
-„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie
-er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“
-
-„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer
-Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im
-Deutschen Reich, wo er seine +Unkenntnisse+ verwerten konnte.“
-
-„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch
-schon unter Clausen segensreich wirkten?“
-
-„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“
-
-„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist
-übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant,
-sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl
-eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher
-und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst
-aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau
-dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“
-
-„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend.
-„Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute
-undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört
-sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst,
-noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau
-Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr
-verhaßt, eine strahlende Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen
-Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer
-fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die
-Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff
-ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich
-verärgert zurückgezogen.“
-
-„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“
-
-„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie
-nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt
-sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr
-Neustes eingerissen, -- das ist so was für Frau Professor Traute.“
-
-„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein
-Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier
-das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen.
-Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“
-
-„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um,
-der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits
-mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht
-gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein
-Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“
-
-„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war
-zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen
-gesellt, einer feinen, älteren Frau, die ihm sofort von „ihrem Hans“
-erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis
-das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.
-
-Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt
-plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen
-unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich
-wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt,
-wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen
-Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“
-
-„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut
-und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt,
-wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und
-Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor
-Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig,
-über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit
-dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit
-ab.
-
-„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere
-zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz,
-vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse
-Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es
-möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das
-Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber
-nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die
-ist nicht von Pappe. Und sie grüßte mich heute auf der Straße mit dem
-Kopfneigen einer jungen Prinzessin, -- nur so eben gerade, -- weil ich
-sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“
-
-„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was
-sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir
-eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen,
-‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“
-
-Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach
-Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“
-
-„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“
-
-Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“
-
-„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt
-schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der
-jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den
-Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich
-weiß ja, daß sie der ~Nervus rerum~ der Klasse ist, ein rechtes
-Mütterchen...“
-
-„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein
-Doktor ein.
-
-„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem
-Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich
-aufhängen.“
-
-„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und
-streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.
-
-„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“
-forschte sie dann. --
-
-„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp
-ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das
-Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach
-der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das
-Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht
-am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, -- Fräulein Doktor, ich
-sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht,
-daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb
-kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche
-und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für
-Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte
-von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein
-Ritter des ~ancien regime~...“
-
-„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich
-Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und
-kann sie nicht finden, -- nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen
-Wohltätigkeit. -- Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift
-auf?“
-
-Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf
-diese Frage zurückkam.
-
-„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete
-freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut.
-Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen
-Herzenswunsch drangeben. Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend
-ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn
-ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“
-
-Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein
-Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen
-Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem
-besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte
-wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel
-älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...
-
-Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon
-die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma
-eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten
-liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.
-
-Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und
-empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den
-Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre
-Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“
-
-„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts,
-fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor.
-Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen
-Lachen zog sich Frau Traute zurück.
-
-Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das
-unterste Ende setzte, konnte die Würde nicht so streng gewahrt und
-durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher
-„dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf.
-Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das
-gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren
-viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise
-gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit
-zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im
-Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine
-gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert,
-umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für
-Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die
-Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen
-Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun
-war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes
-Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie
-Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau
-umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke
-auf den Teller legte.
-
-„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“
-sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter
-Zeit.“
-
-„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor
-zweifelnd.
-
-Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und flüsterte:
-„Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“
-
-Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben,
-an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.
-
-Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.
-
-Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein
-Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen
-Fleck.
-
-„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er
-bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt.
-Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr!
-Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: +Jetzt läßt
-er sein Nachtlicht leuchten!+“
-
-„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen!
-Teure Freunde! Liebe Frau!“
-
-„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit
-heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm
-Sörensen mit dem Finger drohte.
-
-Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und
-innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der
-Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie
-ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine
-Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das
-„tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium betonte, sowie
-das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.
-
-„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen
-Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins
-Ungemessene. --
-
-Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte
-Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen
-Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt,
-die vorbildliche Einigkeit, das ist meine +Hoffnung+. Rechnen Sie
-immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“
-
-„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.
-
-„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter
-Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich)
-uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte.
-Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene
-Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die
-Stavenhagen an, -- es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts
-gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht
-auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf
-Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“
-
-Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.
-
-Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in
-Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau
-Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute,
-ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu
-tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der
-sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet
-hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm
-und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein
-paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen
-leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.
-
-Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in
-Augenschein zu nehmen.
-
-Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in
-den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke
-lehnten sich an die Bäume.
-
-Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe
-modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen
-Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen
-Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen
-zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom
-Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft
-die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie
-einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer
-Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. --
-
-Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn
-aufrichtete und mit Kreidestrichen in Felder teilte. Er rief einen
-Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und
-begann die Bahn zu säubern.
-
-Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches
-Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und
-lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl
-sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar
-herausfordernde Augen.
-
-Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn
-setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich
-hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“
-
-Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin
-auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie
-nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.
-
-„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.
-
-„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der
-jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie
-in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah
-die Frau lauernd an.
-
-„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl
-entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn.
-Nach einer Weile stand die Frau auf.
-
-„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht zu, und sie
-diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der
-kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte
-sie auf den Tisch.
-
-Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie
-nachdenklich in der Hand.
-
-Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die
-Frau auf Kahl zu.
-
-„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.
-
-„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.
-
-Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß
-ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen
-Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“
-
-Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.
-
-„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in
-seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man
-die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege
-Kahl, können wir kegeln?“
-
-Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt
-den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und
-verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam
-den Kopf.
-
-„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des
-Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt
-darin. Ich selbst habe eben einen Geist gesehen und wenn mich nicht
-alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“
-
-Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft
-rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.
-
-Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des
-Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur
-der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.
-
-„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den
-dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn
-dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“
-
-Man bildete Parteien und kegelte.
-
-Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten
-Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte
-scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune
-herunter.
-
-Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.
-
-„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen
-zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“
-
-„Herr Oberlehrer Kahl, +Sie+ werden mich immer unglücklich
-lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.
-
-Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu
-Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine
-hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten
-Gemütern auf, -- ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er
-abwehrt. --“
-
-Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche
-Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch
-einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg
-durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen
-einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche
-Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien.
-Aber das fanden sie gerade entzückend.
-
-Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der
-herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ
-Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste
-sie gutmütig durch die gespenstische Heide. --
-
-„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar
-nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine
-Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch
-nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser
-ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht
-des so sehr Verehrten.
-
-„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete
-der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten
-geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte
-schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“
-
-„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich
-glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich
-ja erst abwarten müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern
-gleich herum, wenn Sie befehlen.“
-
-„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte
-Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“
-
-„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht.
-Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“
-
-Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war
-bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick
-Sörensens dankte ihm.
-
-Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein
-Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um
-unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe,
-ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.
-
-„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß
-sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“
-
-„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte
-Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit
-unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen
-hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“
-
-Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie
-durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen,
-wollte sie Agnes helfen.
-
-„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie
-sanftmütig.
-
-„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“
-
-„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll
-Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt,
--- wie schaffe ich eine andere Freude?“
-
-„Darf sie also kommen?“
-
-„Ja.“
-
-„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes
-schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene
-Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes
-gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer
-beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“
-
-„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß
-dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich
-nichts von Herzensgüte ...“
-
-Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die
-Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein
-froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer
-erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes
-eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.
-
-Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“
-
-„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich
-über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da
-könnte ich zuschließen und...“
-
-„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn
-sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch
-wirklich die Wurzel alles Übels war.
-
-„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“
-
-„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne
-Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts
-anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“
-
-„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das
-Mittagessen vorher...“
-
-„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich
-zu.“
-
-Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.
-
-Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein
-Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.
-
-Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der
-in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb
-Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal
-Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit
-einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute
-friedloser...“
-
-„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene
-Schuld,“ grollte Hansohm.
-
-„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen
-mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine
-Legion und besitze nicht ein einziges.“
-
-„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse
-Weiber in Essig legt‘ und dann...“
-
-„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor.
-„Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei
-mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“
-
-Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den
-Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht
-noch auf derselben Stelle stehen.
-
-An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die
-meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits
-den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte
-eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag
-in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe
-kränkend kurz und knapp.
-
-Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora
-Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit
-schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das
-schwer hinter ihm ins Schloß fiel. --
-
- * * * * *
-
- +Sonnabend nacht.+
-
-Das Skelett meines Hauses grinst.
-
-Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?
-
-Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt,
-gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer,
-willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.
-
-Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen,
-wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande
-warst.
-
-Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt
-Einlaß.
-
-Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens
-sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. --
-
-Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet.
-Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und
-treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein
-Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein
-Fältchen des Inneren verborgen bliebe. --
-
-Ich will ihr nicht schreiben.
-
-Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.
-
-Lebten meine Knaben noch, -- vielleicht...
-
-Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen
-soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine
-Arbeitsjahre umsonst gewesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar
-diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...
-
-Guter Herrgott, hilf mir!
-
-Ich bin ganz ruhig.
-
-Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.
-
-Ich will Lisette sprechen. --
-
- * * * * *
-
-In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur
-Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus,
-tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges
-Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum
-lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und
-Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und
-hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße
-so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“
-am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der
-Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen
-Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und
-seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren.
--- Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.
-
-Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende
-stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. -- Und
-er und seine rührige Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche,
-Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über
-Nacht bleibenden Gästen. -- Hatte er doch der hübschen, kecken Frau
-Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern
-ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu
-ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl
-manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas
-Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen
-setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann
-ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er
-hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen
-beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben
-anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im
-Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.
-
-Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.
-
-War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so
-einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob
-da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine
-Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung
-wohne.“
-
-„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist
-alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der
-Polizei Bescheid zu holen.“
-
-So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum
-Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte
-früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus
-fallen. --
-
-Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten
-geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.
-
-Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam
-in sein strenges Gesicht blickte. --
-
-„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu
-kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.
-
-„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.
-
-„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem,
-wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe
-nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist
-dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“
-
-Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend.
-„Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die
-letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das
-ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben
-auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und
-deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig
-mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen,
-Erne...“
-
-Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.
-
-„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder
-auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld
-verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen
-wollten, erzähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder
-willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“
-
-„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein,
-„und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“
-
-„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander
-geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen
-fürderhin nicht hältst, Lisette, -- so zwingst du mich...“
-
-Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen
-zurück?“
-
-„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes
-Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern
-soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg.
-Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“
-lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich
-mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht
-das nicht länger.“
-
-„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt,
-es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge
-wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“
-
-„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da
-erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug
-machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als
-hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen,
-er mußte über Land. Schon als ihr ankamt, habe ich euch beobachtet.
-Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, -- „die sah dich arg
-verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“
-
-„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt,
-daß ich nicht frei bin...“
-
-Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“
-murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“
-
-Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am
-Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld
-erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich
-bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken...
-Werde bald gesund! Leb wohl! --“ Er reichte ihr die Hand und ging mit
-schweren Schritten.
-
-Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe
-für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig
-und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.
-
-Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und
-beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm
-nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein
-zartes Mädchen, weinte.
-
-Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies
-schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.
-
-Sie tastete sich zum Sofa.
-
-Und während sie sich dort von dem Krampf erholte, überdachte sie
-ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich
-keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm
-recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie
-höflich der Wirt zu ihr war.
-
-Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen
-Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.
-
-Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh
-war, heute fortreisen zu können.
-
-Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel
-häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich
-recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein
-gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen
-aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand
-niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.
-
-Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch
-ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die
-Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.
-
-Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer.
-Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem
-das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen
-Zwischenräumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach
-abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.
-
-„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich.
-„Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“
-
-„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an?
-Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“
-
-„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin
-ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es
-war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“
-
-„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so
-eilig?“
-
-„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen
-will.“
-
-Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das
-Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm
-sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.
-
-„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit
-vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen,
-Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen
-vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“
-
-Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame
-arg verstört und bekümmert dreinschaute.
-
-„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“
-
-„Was ist denn geschehen?“
-
-„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen
-gesehen, unsern Sörensen, +meinen+ Sörensen, wie er eine
-Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar
-gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen
-Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“
-
-„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen
-Schein blasser.
-
-„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag
-Ihnen, Doktorsche, von +dem+ Manne schmerzt es mich, daß er nicht
-ist, was er scheint.“
-
-„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß
-denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser
-als all die andern. Für mich bleibt Sörensen -- Sörensen und wenn er
-hundert junge Weiber hofiert...“
-
-„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff
-trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren
-runzeligen Händen Doras Wange.
-
-Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.
-
-„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort.
-„Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert.
-Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch
-Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen mich doch nicht so
-in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“
-
-Dora Stavenhagen faßte sich.
-
-„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch
-wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde,
-gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den
-Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“
-
-„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus.
-Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen
-schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene
-rundliche Fülle mit dem Finger.
-
-„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte
-Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele:
-Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“
-
-„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch
-nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem
-Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“
-
-„Fräulein Tingleff!!!“
-
-„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei,
-deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her
-erinnere...“
-
-„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“
-
-„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte Fräulein Tingleff
-ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem
-Herrlichsten von allen?“
-
-„Eigentlich nicht. -- Sörensen geht nur Wege, an denen seine
-unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“
-
-Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen
-die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der
-Einsame wird uns brauchen können. --“
-
-„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern
-hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an
-seinem Gesicht, daß er +niemand+ brauchte.“
-
-„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“
-
-„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie
-die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte
-immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke
-zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist
-fürchterlich.“
-
-„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich
-z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind
-über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag
-essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen
-Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes
-Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu
-hören, und für das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr
-Gelegenheit dazu gibt.“
-
-„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in
-Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht.
-Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein
-gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße
-Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War
-ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp
-auch mit her?“
-
-„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“
-
-„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem
-um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins
-sein Lebtag vergebens erfleht hat. -- Mit aller innewohnenden Menschen-
-und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“
-
-Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.
-
-Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.
-
-„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein
-gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben?
-Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine
-Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren
-ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen
-dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht
-zersplittern. So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht.
-Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine
-Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom
-Dienstag, auf den ich mich freue.“
-
-„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte
-Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer.
-Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie
-just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne
-Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes
-Tänzchen anhebe.
-
-„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine
-feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie,
-wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum
-Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in
-einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm
-blasen...“
-
-„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, -- ganz
-sicher -- -- es ist besser so. Aber Hansohms -- o, das ist herrlich!
-Hoffentlich ist Lore wohl genug.“
-
-„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in
-freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“
-
-Die beiden berieten noch eifrig miteinander.
-
-Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein
-waren, mit eins den kommenden fröhlichen Dienstag vergessen und
-dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende
-Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen
-sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.
-
- +Sonntag abend.+
-
-Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.
-
-Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber
-für einen Direktor doch wohl berechtigt.
-
-Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich
-rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern.
-Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...
-
-Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. --
-
-So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem
-Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten
-Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung.
-Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an
-Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht
-unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande
-gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.
-
-Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm,
-alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu
-schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden
-war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege
-Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme,
-die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine
-Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich
-wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken,
-aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld
-nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein
-halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn
-zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden
-Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so
-lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen,
-aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.
-
-Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich
-nicht genau zu sagen.
-
-Aber es ist da.
-
-Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies
-Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles,
-Gesundes für mich. -- Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber
-es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern
-und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile
-das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe
-körperlich.
-
-Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel
-löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes
-Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und
-Vorurteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren
-Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber
-ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an
-Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...
-
-Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am
-Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß
-ich dort war.
-
-„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch
-Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus
-hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen
-Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich
-häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne
-Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich
-alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen
-und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so
-Kleinigkeiten sind...“
-
-Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. --
-
-Aber auch ihm kann ich nicht helfen.
-
-Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum
-„schwarzen Schaf“ befördert werden ...
-
-Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.
-
-Von ihm und dem Ehepaar Asmus, -- ob sie schweigen oder es vorziehen,
-zu schwatzen.
-
-Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu
-niedrig gewählt?
-
-An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie
-hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte
-wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine
-herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden
-über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, -- würde beichten,
-würde fragen... Mutter! Mutter...
-
- * * * * *
-
-Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.
-
-Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer
-Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit
-raschem Entschluß.
-
-Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.
-
-Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.
-
-„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.
-
-„Nichts Gutes.“
-
-Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je
-etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, -- das,
-was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß
-dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“
-
-Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in
-meiner dritten Klasse gestohlen.“
-
-„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“
-
-„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir
-den Dieb in Sicherheit einwiegten. --“
-
-„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind
-kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“
-
-„Seit vierzehn Tagen.“
-
-„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer
-Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in
-schroffstem Gegensatze.“
-
-„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.
-
-Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide
-objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen
-Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein
-Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht
-doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“
-
-„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte,
-frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“
-
-„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr
-unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“
-
-„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es
-gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die
-Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“
-
-„Was wird gestohlen?“
-
-„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu gekaufte Hefte
-an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel
-verschwand...“
-
-„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht
-Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei
-solchen Vorkommnissen?“
-
-„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich
-beizulegen...“
-
-„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen
-das einzig Gegebene...“
-
-„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete
-Durchstechereien.“
-
-„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit
-der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht
-sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“
-
-„Herr Direktor,“ -- Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es
-handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, -- mein
-Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf -- ich spreche
-streng vertraulich -- auf den Schuldiener Harks.“
-
-„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“
-
-„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten
-Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht
-immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks
-gespielt hätten.“
-
-„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“
-
-„Hm.“
-
-„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm.
--- Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von
-verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen
-worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“
-
-„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu
-gehen.“
-
-„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich
-weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche
-Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener
-erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“
-
-„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...
-
-„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe
-ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose
-Anschuldigungen.“
-
-Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen
-an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann
-freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“
-
-„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn
-Harks nicht der ist, der er scheint?“
-
-„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und
-nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich
-alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald
-Klarheit schaffen.“
-
-Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des
-Harks?“ fragte er schroff.
-
-„+Persönlicher+ Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde
-nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, -- seit einiger
-Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber
-wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da
-noch einmal vorstellig werden...“
-
-„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“
-
-„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha
-Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon
-einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich
-der ‚Onkel Harks‘ für sie...“
-
-„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen
-heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger
-Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld
-seiner Schwestertochter.“
-
-„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.
-
-„Herr Oberlehrer, -- ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles
-sorgen.“
-
-„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“
-
-„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“
-
-„Ziemlich, Herr Direktor.“
-
-Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“
-Aber da las er in den Augen des Kollegen so viel Befriedigung... und
-fühlte zugleich, daß er -- gehaßt wurde...
-
-„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von
-einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die
-Bertha Ehlen vernehmen ...“
-
-„Guten Morgen, Herr Direktor.“
-
-Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich
-Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein
-paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.
-
-Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein
-Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. --
-
-Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren
-Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten
-und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders
-hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat,
-wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige
-Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan
-habe!“
-
-„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch
-etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß
-immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine
-Freundin hast.“
-
-„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“
-
-„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im
-rechten, echten Angeberton.
-
-Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja
-immer fortgegessen,“ schrie sie. --
-
-Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt
-werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der
-Wintermantel gestohlen?“
-
-Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan
-und wenn ich es nicht getan habe?“
-
-Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.
-
-„Was willst du, Lise Steffens?“
-
-„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen.
-Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo
-draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener
-Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war
-doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“
-
-„Setz dich.“
-
-Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie
-waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach
-Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“
-
-„Der Schuldiener?“
-
-„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch
-wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“
-
-Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht
-getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam
-noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief
-verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“
-
-Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.
-
-„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.
-
-Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr
-umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir
-haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen
-dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“
-
-Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die
-öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.
-
-Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt
-Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen
-hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt,
-Muff und Gummischuhe lagen obenauf.
-
-„Ich habe es aber nicht getan, und...“
-
-Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und
-schob sie zur Türe hinaus.
-
-„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst
-nicht wiederzukommen.“
-
-Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt,
-sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“
-
-„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“
-
-Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor
-öffnete ihm.
-
-„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie
-soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu
-deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch
-einzulassen.“
-
-Es war alles rasch erledigt.
-
-Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart
-Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das
-Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus
-seiner Brust.
-
-„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die
-Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“
-
-„Mein guter Name!“ ächzte Harks.
-
-„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie
-vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. -- sie
-tun mir leid.“
-
-„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie -- glauben
-nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr
-Direktor...“
-
-Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte
-nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.
-
-„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der Direktor, „ich habe
-nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“
-
-„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau
-gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die
-gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“
-
-„Ja, -- gehen Sie, Harks.“
-
-„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre
-Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich
-verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst
-so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr
-Direktor, -- ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein
-Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“
-
-Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr,
-Harks,“ sagte er einfach.
-
-„Herr Direktor -- wenn Sie mal einen Menschen suchen, der -- für
-Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.
-
-„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. --“
-
-Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich
-stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten
-Klasse zurück.
-
-„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern.
-„Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges
-Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“
-
-„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch
-wohl...“
-
-„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor
-fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich
-hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau.
-Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles
-immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und
-verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ --
-
- * * * * *
-
-An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn.
-Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und
-Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so
-zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz
-beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien
-auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem
-Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr
-Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam
-nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen
-Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks
-hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. --
-
-„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und
-harmlos. Und gleich darauf: „Aber, lieber Herr Harks, -- ich bitte
-Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht
-Ihr eigen Fleisch und Blut...“
-
-„Herr Direktor,“ -- ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf,
--- „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, -- -- in die Hand
-eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.
-
-„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf
-mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“
-
-Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
-
-„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen
-anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des
-Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, -- ich höre zu.“
-
-„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht
-viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“
-
-Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg
-zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.
-
-„Herr Direktor, -- der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“
-
-„Harks, -- was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein
-Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. --
-
-„Ja, er will mich verderben und -- er kann mich verderben. Aber ich
-will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll
-nicht diese angstvollen Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen
-mein Richter sein, Herr Direktor.“
-
-„Harks, braver, alter Harks...“
-
-„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig,
-der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze
-Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut
-drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde
-mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und
-konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns,
-blühende, schöne Kinder, -- was das heißt, können nur Elternherzen
-recht verstehen -- dann kriegt ich den Typhus, -- Herr Direktor, ich
-will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus
-bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. -- Die einzige Freude
-in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, -- wie ein Bäumchen, Herr
-Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe,
--- das schöne, feine Mädchen, -- da muß ich mich immer abwenden. Grad
-so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge,
-ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was
-Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob,
-und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch
-nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel
-hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“
-
-Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an,
-Harks.“
-
-„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier
-als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte.
-Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst.
-Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der
-Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem
-noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie
-die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so
-viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten
-unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch
-getan, und, -- es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen
-auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich --
-die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns
-von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst
-zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu
-bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die
-Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und
-es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts
-mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit
-einer Lüge in das neue Amt gegangen war. -- Aber wie wir hier so am
-Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten,
-eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob
-ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie
-schon zweimal geschickt. Und der Apotheker fragte an, ob er sich an
-die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat
-zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt
-machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir
-dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles
-abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch
-an unser Warten und an unsere Angst denke. Und -- -- da lag nun -- --,
-Herr Direktor, da hatte ich, -- da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl
-eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt
-ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben,
-aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und -- ich will’s
-nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei
-nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W.
-und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja
-längst das Geld von der Tante. --
-
-Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr
-Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals
-noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann -- dann wurde auf einmal dem
-Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken
-sollen. -- Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein
-Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich
-zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein
-und baten und flehten....
-
-Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....
-
-Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus
-seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte.
-Herr Direktor, -- wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade
-als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700
-Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam
-doch zu spät....
-
-Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth -- die Lisbeth, Herr
-Direktor, die hatte ihr junges Herz dem -- -- geschenkt.“
-
-Der alte Mann weinte schwer.
-
-„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth
-war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, -- aber doch auch
-wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie
-sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor
-Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, -- sie diente
-erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle
-bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind
-und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......
-
-Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr
-ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit
-ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...
-
-Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.
-
-So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“
-
- * * * * *
-
-Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das
-schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören.
-
-Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit
-seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten
-Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit
-Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser
-stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil.
-
-Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und
-gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher
-werde.....“
-
-„Herr Direktor, -- ach Herr Direktor!“.....
-
-Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf
-ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich
-wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte
-das gestohlene Gut gelegt hat?......“
-
-„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks.
-Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht -- wegen
-Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen
-und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude
-der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein verirrtes Kind
-aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. --“
-
- +Sonntag abend.+
-
-Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. --
-
-Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.
-
-Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines
-Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher
-immer sagte, -- das war lähmend.
-
-Und dabei stillhalten zu müssen.
-
-Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer
-dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. --
-
-Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.
-
-Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen
-Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......
-
-Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....
-
-Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen
-sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.
-
-Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.
-
-Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir
-allein zutiefst gehört.
-
-Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt
-die Herzen auf. Wie gerecht und gütig urteilte er über Harks. Wie
-verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! --
-
-Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen
-Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen
-bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig
-und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. -- Meine drei
-Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus
-Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in
-Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken.
-Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem
-sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?
-
-Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.
-
- * * * * *
-
-Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.
-
-„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und
-meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....
-
-Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen
-waren freudig bereit, uns zu begleiten.
-
-Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte
-Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer
-gebreitet sehen will. --
-
-Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald
-und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem
-Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter
-Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte
-Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“
-
-Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.
-
-Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.
-
-Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen,
-während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen
-sprach. -- Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein
-rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen
-können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge
-Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.
-
-Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“
-
-„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm:
-„Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in
-Heidekamp essen.“
-
-Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli
-hat recht, wie immer.“
-
-Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.
-
-Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.
-
-„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da,
-sehen Sie, dort -- Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben
-biegt er um die Waldecke.“
-
-Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen.
-Frau Försterin hatte Kuchen gebacken, als ob anstatt zwölf junger
-Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. --
-
-Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.
-
-„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich
-wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber
-Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“
-
-„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“
-sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich.
-„Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie
-weise hinzu.
-
-„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die
-arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne
-Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“
-
-„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch
-eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“
-
-Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur
-gut sind, sie treffen sich doch.“
-
-„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei
-arme Schächer, wie Agnes und ich.“
-
-„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus,
-Sörine Heidekamp.“
-
-Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.
-
-„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme.
-„Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und
-Bresthaften in unserm Dorf wollen auch mein Lachen. Wo soll ich’s
-immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe?
-Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr
-viel klagen.“
-
-„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir
-schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht
-einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht
-sagen, du junges, liebliches Kind?“
-
-Ganz still gingen wir nebeneinander her.
-
-Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich
-auf uns herab.
-
-Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand
-in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir
-eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit
-Großvaterli.“
-
-Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und
-alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler
-seid ihr beide, du und das Großvaterli. --
-
-Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und
-Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. --
-
-Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!
-
-Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.
-
-Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns in der Ursprache
-vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie
-lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!
-
-Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den
-jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen
-Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird
-oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein
-Stavenhagen Mütterlichkeit.
-
-Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen
-Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr
-unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie
-nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner
-Schwester einlud.
-
-Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich
-Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz,
-wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. --
-
-Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor
-scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht
-freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.
-
-Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach
-Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener
-Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse.
-Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein
-gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf böswillige
-Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf
-Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.
-
-Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...
-
-Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.
-
-Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes,
-großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. -- Sie hatte ihr
-Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer
-und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist
-köstlich.
-
-Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten
-Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er,
-kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...
-
-Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze
-Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung
-dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.
-
-Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein
-Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen ~Pecunia~ abhängig. Sie
-möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will
-mir keinen Beruf eröffnen.“
-
-„Was meint sie denn?“
-
-„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.“ Telse wurde sehr
-niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.
-
-„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.
-
-„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein
-Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“
-
-Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und
-Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie
-„Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.
-
-„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie
-ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen
-„Bohrwurm“ führt, -- „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für
-uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit
-„selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür
-verantwortlich. Kapiert ihr das?“
-
-„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith
-Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer
-bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“
-
-„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in
-meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.
-
-„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine
-ehrlich, -- „aber -- Großvaterli sagt nichts, über das man nicht
-fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das
-ist so schön. Hab ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich
-vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit,
-die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“
-
-„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte
-Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.
-
-„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die
-verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu:
-„Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so
-viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“
-
-„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen
-herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.
-
-Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den
-Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte
-er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk.
-„Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“,
-rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt:
-Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf
-Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“
-
-„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die
-Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog
-die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.
-
-Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste hat uns der Ehrenmann
-aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen
-Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher
-keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß
-mit der Kapelle verbindet.
-
-Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing
-meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.
-
-„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner
-lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen
-Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen.
-„Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz
-einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber
-wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt,
-müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält,
--- die weiß Bescheid.“
-
-Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, -- ein
-rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das
-Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine
-Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine
-Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich
-nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.
-
-Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung,
-und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.
-
-„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht gesund werden“,
-sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“
-
-„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft
-und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren.
--- Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. --“
-
-„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die
-werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, -- ach ich
-freue mich ja so schrecklich!“
-
-Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an
-dem Herrenhause da draußen, -- dies große Freuen. --
-
-Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.
-
-Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit
-seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon
-de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald --
-ick freu mi bannig.“
-
-Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im
-ausgeprägtesten Sinne. +Mitleid+ scheint sie sogar ein wenig zu
-verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden,
-„diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte,
-immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber
-trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit
-habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.
-
-Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.
-
-Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das
-Mitleid für gar zu billig achtet. -- Mitfreude wächst nur auf dem
-Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen?
--- Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus
-und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem
-Unvermögen, hier Freude zu geben.
-
-Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.
-
-Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch
-Schulleiter.“ -- Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen
-Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.
-
-Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen
-und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig
-um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie,
-und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“
-
-Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:
-
-„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“
-
-Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.
-
-So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.
-
-Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom
-Willen eines starken Einzelnen.
-
-Aber damit hat sie nur bedingt recht.
-
-Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl wieder und wieder
-an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die
-Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. --
-
-Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:
-
-Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine
-alles das geben, was sie sich wünscht. -- -- -- -- --
-
-Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen
-Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste
-Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über
-die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet,
-die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die
-wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen
-Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in
-Empfang nehmen mußten.
-
-Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft
-aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten
-und salutierten mit den Peitschen. --
-
-Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch
-sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all
-das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge
-gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten
-Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden.
-Gottlob, die Gefahr war vorüber. Wer so lachen konnte und so frei von
-der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter
-Jugendleiter nach Gottes Herzen. -- Der alte Friedrich kutschierte
-in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine
-Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem
-Handpferd Isabelle mit. --
-
-„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir
-hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag
-allein zu lassen, so finde ich das roh.....“
-
-„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten
-wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, -- ich war
-eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“
-
-„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches
-geleistet, -- er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des
-Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der
-braucht jetzt wohl Ruhe.“
-
-„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie
-ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute,
-als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, -- ich brauche dich!
-Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der
-in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die
-Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“
-
-Hansohm schloß die Haustür auf.
-
-Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.
-
-„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein
-Doktor, -- so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es
-noch glüht. Halloh, Lore, -- gut Freund!“
-
-Er öffnete die Wohnstube.
-
-Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für
-ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine
-Hausschuhe standen bereit.
-
-Alles atmete liebevolle Fürsorge.
-
-Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.
-
-Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die
-lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.
-
-Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch
-erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der
-letzten Zeit......
-
-„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der
-erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“
-
-Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest
-du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.
-
-Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände
-gelegt.
-
-Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen
-Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal
-dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir
-gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein schönes
-schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter:
-Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte
-Frau. --
-
-Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.
-
-Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand
-des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich
-die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz
-mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und
-nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.
-
-Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist
-jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als
-sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie
-zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies
-Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann.
-Gott befohlen, Klaus Hansohm.“
-
-Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah
-ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die
-Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am
-Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn
-Direktor sprechen.
-
-Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit
-schweren, müden Schritten zu ihm trat.
-
-„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte
-Sörensen mit viel guter Liebe seine Arme um den jungen Kollegen, und
-dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.
-
-„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, -- und
-Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei.
---
-
- * * * * *
-
-Mein alter Foliant, -- auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich
-zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.
-
-Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl
-lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem
-himmelhochjauchzend -- zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts
-zu ersetzen. -- Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden
-und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen
-darf. --
-
-Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders
-unsympathisch. +Wenn+ man aber denn durchaus als Obersekundaner
-diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß
-man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht,
-besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. --
-
-Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“
-Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und
-verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. -- Hätte
-sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei
-erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen.
--- Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die
-Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den
-pp. Eltern und Vormündern. -- Aber Fräulein Nissen hatte nicht das
-geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und
-verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.
-
-Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. -- Eine weitere
-Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und
-„Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen
-Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er
-auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen
-entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es
-eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und
-machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein
-„Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. -- Dann erst hat er Hanne
-Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür
-des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich
-fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und
-dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der
-Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich
-nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt,
-was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner
-Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.
-
-Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand, nahm ich an
-mich und wurde deshalb von Konrad Dierks -- gestellt. Das Bürschchen
-kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl
-in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich
-in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen
-Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige
-mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und
-meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich
-widerrechtlich angeeignet haben.“
-
-Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine
-Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl
-inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“
-
-Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und
-überreichte es ihm.
-
-Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute
-Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch,
-aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. -- „Also Ihr Gedicht
-wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin.
-„Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der
-ersten Klasse.“
-
-Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern
-suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:
-
- „Brünstig brandet mein brausendes Blut
- Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“
-
-Es war aber noch erklecklich länger. -- Glauben Sie, daß Telse Lüders
-reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.
-
-„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit
-ihnen abgeschlossen.“
-
-„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“
-
-„17 Jahre.“
-
-„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“
-
-„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich
-zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.
-
-„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen,
-daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein
-Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen
-gelernt, dünken +Sie+ mich eine großangelegte Natur zu sein.“
-
-Ich verbeugte mich geziemend.
-
-„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von +meinem+ Direktor
-behandelt worden,.... ich -- ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als
-ihn... zu fordern.“
-
-„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“
-
-„Jawohl, Herr Direktor. -- Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, --
-meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, -- aber sie hat
-mich unerhört im Stich gelassen. -- Es bleibt mir keine Wahl. Wollen --
-wollen Sie mein Kartellträger sein???“
-
-Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht
-wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden
-unbedarften Jungen mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten
-Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa:
-„Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, -- da lachte ich schließlich so
-erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.
-
-Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann -- fing er an
-zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich --
-freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“,
-daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu
-folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten
-Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den
-Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....
-
-Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem
-Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu
-arbeiten.
-
-Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie
-begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. --
-
- * * * * *
-
-Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche
-heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau
-Dietz geheimnisvoll beiseite.
-
-„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der
-Unzufriedenheit.
-
-„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.
-
-„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat
-einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“
-
-„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.
-
-„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von
-Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu
-Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer.
-Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als
-Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen.....
-Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben
-Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch
-geguckt .....“
-
-Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die
-zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen
-ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und
-als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf
-den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“
-
-Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.
-
-Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um
-Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise.
-„Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und
-ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner
-Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem
-Besuche weiß.....“
-
-„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“
-
-„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte
-Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.
-
-„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität,
-von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen
-Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr
-Menschentum ....“
-
-Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber
-nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.
-
-Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort:
-„Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren,
-daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte
-zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger
-Mensch, -- ich -- ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes
-gelernt, als hübsch zu sein.
-
-Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit
-vorbei......
-
-Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“
-
-„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“
-
-Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr
-Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende. Ich habe mir vieles gefallen
-lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu
-mir, -- ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und
-es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß
-ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus,
-Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern
-Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, -- so viel Sauberkeit
-in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann -- gleichviel woher --
-erfuhr, daß gerade im Vorleben +meines+ Mannes ein häßlicher Punkt
-sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben,
-habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen
-sei und -- mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine
-eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun -- Herr Direktor, nun wohnt da
-draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person -- man
-sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er
-hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles
-so niedrig, -- ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie
-bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider
-Bertels.....“
-
-Frau Kahl schluchzte schwer auf.
-
-„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.
-
-„Ja, und gestern -- -- gestern war sie sogar in unserer Wohnung....
-Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein
-Dienstmädchen stand dabei und grinste....
-
-Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu sein, -- er schalt
-mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“
-
-Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe
-vorstellen“, bat er drängend. --
-
-„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person
-kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und -- -- Sie sollen der
-Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, -- Sie werden
-Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns
-zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines
-Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur
-loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen,
-denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im
-Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“
-
-Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und -- -- alles so
-widerstandslos aufgeben?“
-
-„Er haßt Birkholz -- und Sie!“ sagte Frau Kahl.
-
-„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, --
-aber Haß???“
-
-„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den
-Aufrechten....“
-
-„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es
-ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten
-Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte.
-„Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und
-beleidigt und doch immer dieselbe....“
-
-„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er
-jetzt.
-
-Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus,
-und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der
-mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. --
-
-Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach
-den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf
-irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ --
-
-„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper
-Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum
-Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“
-
-„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.
-
-„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin
-aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt
-das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....
-
-Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich
-habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“
-
-„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings
-nicht.“
-
-„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern
-sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte.
-Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“
-
-Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich
-in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor
-Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer
-auf und nieder.
-
-Der nächste Tag war ein Sonntag.
-
-Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein
-Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor,
-der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte,
-vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war,
-wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus
-früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so
-herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen
-auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und -- das Pharisäertum
-geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in
-den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern
-aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu
-Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber
-als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken,
-ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ,
-da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen
-gemünzt war. --
-
-Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.
-
-Aber nicht allzuweit.
-
-Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm
-sonst gegeben: besinnliche Stille.
-
-Er befand sich in seltsamer Aufregung -- und Verlegenheit. Und die
-Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht,
-wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der
-gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach
-einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den
-„Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe
-des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier
-Schneidermeister Bertels wohnte.
-
-Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in
-den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen
-prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der
-andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches
-mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.
-
-Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts
-anderes lesen als: Lisette Balian.
-
-Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken
-kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese
-Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere
-Todfeinde gegenüber.
-
-„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.
-
-„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und
-packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“
-
-Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.
-
-Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie du +mir+
-wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht.
-Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und
-schüttelte die Fäuste.
-
-„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht
-gerufen.“
-
-„Aber wie kommst +du+ hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer
-Heilanstalt....“
-
-„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir
-gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst
-auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich
-ordentlich pflegen und auskurieren....“
-
-„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine
-Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich
-habe eine zähe Natur.“
-
-„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel
-gab ich dir reichlich....“
-
-„Ja. -- Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet
-neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld.
-Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“
-
-„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und
-dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“
-
-„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick
-nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem
-Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“
-
-„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.
-
-„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu
-haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“
-
-„Woher wußte er deine Anschrift?“
-
-„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben
-Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war
-alle, und -- alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus
-Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach
-Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen.
-Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön
-dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“
-
-„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine
-ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen
-schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“
-
-Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und
-biß sich auf die Lippen.
-
-„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es
-ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte
-wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“
-
-„Erkläre dich näher....“
-
-„Nun, der Herr Kahl meint doch, -- es besteht irgend etwas Unsauberes
-zwischen uns beiden, mein lieber Erne. Meinst du denn, ich hätte ihm
-gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.
-
-„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße
-Lisette Balian und -- -- -- na ja, er hatte sich eine ganze lustige
-Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten
-da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.
-
-Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was
-er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte +er+
-hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich
-allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern +deine Frau+
-wäre...“
-
-„Lisette!!!“
-
-„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure
-dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze
-Geschichte verkreckt.“
-
-Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer
-Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit
-Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er
-geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich
-aus. Heute nachmittag komme ich wieder und -- bringe dich selbst in ein
-Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß
-du krank und allein in die Weite fährst....“
-
-Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen
-brannten.
-
-„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und wir zwei hätten doch
-dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh
-dich gar nicht.....“
-
-„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann
-schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann -- -- -- geliehen hat, --
-packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit
-diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus.
-Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen
-ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor
-Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab
-nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging,
-zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte,
-bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein
-Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in
-Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn
-Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt
-wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe
-ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei
-Kahls kündigen.....
-
-Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor
-Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie
-hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.
-
-Zorn und Scham brannten in seiner Seele. -- --
-
- * * * * *
-
-Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß
-erwartungsvoll und horchte nach der Tür.
-
-Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute
-zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der +liebe+ Herr Direktor“
-hatte er gesagt.
-
-Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten,
-wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte
-auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine
-Antwort hatte ihm gefallen. -- Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen
-an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und
-ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....
-
-Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich
-begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben-
-bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien,
-um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger
-Neugierde zu verfolgen --
-
-Großer Pädagoge Traute!
-
-Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt,
-und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung
-urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.
-
-Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.
-
-Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen
-der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.
-
-In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer
-Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“,
-sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“
-
-Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun
-fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.
-
-„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.
-
-„Ach, -- Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich
-wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“
-
-„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.
-
-„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen.
-„Sone ganze Stadt mit allen drin.“
-
-„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“
-
-„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom
-Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden
-und strich liebkosend über die Blondköpfe.
-
-„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige,
-und Hansohm bestätigte lachend.
-
-Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm
-erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden
-und fragten ihn um Unverstandenes.
-
-Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der
-neunten Klasse ein guter, ja der beste Freund war, zu dem sie recht
-mit bewußtem Vertrauen aufsahen.
-
-Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das
-Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen
-Schule und Haus. -- Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts
-verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern
-hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.
-
-„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur
-Mutti, wie sie +so+ weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch
-wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und
-setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht
-aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann
-kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ -- Der hat ihn dann auch
-aufgekriegt.“
-
-„Na, der hat’s auch leicht mit -- die vielen Werkzeuge,“ bestätigte
-Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.
-
-Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz
-mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig
-mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und
-wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom
-Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.
-
-Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie
-recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf,
-so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen
-Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites
-Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß,
-Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein,
--- aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt
-Sodom und wurde -- zur ‚Salzgurke‘.“
-
- * * * * *
-
-Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und
-Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor
-selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war
-wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde
-immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige
-hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie
-Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. --
-
-Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als
-auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr
-sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht,
-betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt,
-„ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders
-bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der
-große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu
-mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest
-an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn +alle+,
--- wohlgemerkt den +Kinderfreund+, der ihnen entgegenkommt, nicht den,
-den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“
-
-„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer
-vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“,
-aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie
-gewesen....“
-
-„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl
-bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer
-Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“
-
-„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der
-Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden
-nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor
-Claßen.“
-
-Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der
-letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde....
-+Sie+ natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl
-meckerte hämisch. --
-
-Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim
-Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der
-Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz
-viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind
-immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und
-klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen
-Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden,
--- grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine
-Herzensfreude bereiten könne.
-
-So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den
-schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun,
-sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen
-Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen
-Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz
-erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen
-Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.
-
- * * * * *
-
- +Sonntag abend.+
-
-Die Heide blüht. --
-
-In diesen drei Worten liegt ein Erleben.
-
-Die Heide blüht.
-
-Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?
-
-Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen.
-Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte
-mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und
-goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne
-waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....
-
-Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden
-Haar an den Schläfen. --
-
-Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen auftaucht und grinst.
-Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird
-den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“
-
-Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen
-bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.
-
-Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.
-
-Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.
-
-Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.
-
-Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das
-ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg
-dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald
-von Unterlüß. --
-
-Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde
-vom Umherlaufen in der Stadt.
-
-Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige
-Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich
-arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.
-
-Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.
-
-Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.
-
-So, -- als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das
-Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen
-wäre....
-
-Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf Minuten beisammen.
-Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht
-danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die
-Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für
-ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide
-mir bot.
-
-Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende,
-grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die
-träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine
-rote Heide.....
-
-Dann sprang ich auf und besann mich.....
-
-Und wanderte, wanderte, -- bis ich mich in Heidekamp wiederfand.
-
-Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten
-gleich wieder umkehren.
-
-Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die
-Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben.
--- Man ließ mich auch nicht fort.
-
-Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der
-mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren
-Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand
-Spiele unternahm.
-
-Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns
-herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie
-umher recht wie ein Sommerfalter.
-
-Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen
-zu uns auf die Terrasse.
-
-Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.
-
-„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da
-saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem
-Gürtelsträußchen....
-
-„Oh -- nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden
-nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, -- wie täppisch du immer bist!“
-
-„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“
-
-Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein
-Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.
-
-Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. --
-
-Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen
-Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es
-war wie ein herber Schmerz.....
-
-Meine Schülerin. -- Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das
-unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den
-Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen
-nach Wunsch deines Vaters....
-
-Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr
-Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, -- löse sie
-fein langsam....
-
-Denn lösen willst und wirst du sie wohl. -- Der alte Herr gab mir sein
-gutes Vertrauen.
-
-„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte
-auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte.
-„Neffe Kurt ist mir der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein
-heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins
-Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater
-ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn
-er erst Herr hier ist.....“
-
-„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....
-
-„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, -- sie hat
-ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren
-gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden
-soll...“
-
-In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen,
-herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort,
-Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich
-langweilig.“
-
-„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.
-
-„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren
-Namen.“
-
-Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen,
-rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem
-schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.
-
-„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder
-einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich
-umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich
-sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. -- Als sie
-zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit
-mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“
-
-„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht
-so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist
-doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“
-
-„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen
-mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“
-
-Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten
-Worten zu mir herüber.
-
-„Und dann,“ -- Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, -- „Herr
-Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch
-die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“
-
-Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend
-nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.
-
-„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine,
-aber sie lächelte nur schattenhaft.
-
-„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich
-mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete,
-pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann
-ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz
-schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht
-mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.
-
-„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch
-über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab,
-anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu
-beschäftigen...“
-
-„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer
-etwas anzuvertrauen....?“
-
-„Eine Bitte habe ich, -- -- eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig
-mit tiefem Ernst. „Es +muß+ etwas für Agnes geschehen...“
-
-„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie
-wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“
-
-„Ich denke an +nichts+ anderes“, rief sie erregt. „Aber alle
-lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich
-ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“
-
-„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast
-könnt ich drüber erschrecken.
-
-„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann
-dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen,
-und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“
-
-„Sörine...“
-
-„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt
-darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht
-mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja
-direkt wütend über meinen Vorschlag....“
-
-„Sörine! Kindskopf!“
-
-Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein
-Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische
-Sachen, sondern .....“
-
-„Sondern?“
-
-„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“,
-vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“
-
-Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine
-Stimme nicht in der Gewalt.
-
-„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.
-
-„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.
-
-„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“
-
-„Natürlich!“
-
-„Darf ich ihn wissen?“
-
-„Ja. -- Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er
-gesagt.“
-
-„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute
-Freundin von ihm schieden....“
-
-„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht
-überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“
-
-„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit
-nachkommen. -- Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig +zu+
-sörinenhaft. Ist denn etwas Besonderes geschehen, daß Sie wirklich
-Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“
-
-„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes
-zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem
-Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es
-den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige
-Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich
-kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“
-
-„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist
-eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes
-hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte....
-Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“
-
-Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig
-und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden
-Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand
-zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von
-Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“
-
-„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse
-mich nun auch fest darauf. -- Die Agnes freilich, die hat schon jede
-Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“
-
-An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße
-Gestalt und sah mir nach.
-
-Und wandte sich blitzschnell und floh davon.
-
- +Um Mitternacht.+
-
-Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller
-Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.
-
-Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, -- ich will ihn meinem
-Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der
-freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in
-der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, -- vielleicht ist er
-wichtiger Art.“ --
-
-Ob er wichtig ist?
-
-Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit
-vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir
-danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu.
-Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf
-und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und
-lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht
-gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und
-Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch
-erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen
-Namen trägt. -- Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war
-die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz
-geschaut, mein Erne, -- ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt
-worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus
-7, Vers I. -- Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott
-in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies,
-daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch,
-weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine
-Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt
-zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und
-weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und
-die Hände falten mit Dank. -- Und haben wir uns noch auf eine Weise
-ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder
-gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s
-wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der
-Erne, -- so kreuzbrav. -- Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav
-sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh
-brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum
-Lachen....“
-
-Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur,
-der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs
-Lachen gut ist.
-
-Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um
-der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben
-auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.
-
-Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie
-gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch,
-daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund
-und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach
-Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre
-antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.
-
-Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine
-Sörensen.
-
-Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....
-
-Deiner würdig will ich’s leben. --
-
-Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich
-den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein
-Gottes.“
-
-Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du
-gute Mutter...
-
- * * * * *
-
-„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte
-des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten!
-Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man
-von ihm weiß.“
-
-„Genügt aber, wenn das Wenige +gut+ ist“, entgegnete der Kollege.
-
-„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm.
-
-Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von
-nichts zu wissen -- -- und heute schon fort.....
-
-Vermutlich ein Telegramm???“
-
-„Vermutlich.“
-
-Traute sah, es war aus Rasmussen nichts heraus zu holen. Ärgerlich
-ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter
-niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile:
-„Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur,
-daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz
-abgedampft sei, ordentlich +gelaufen+ sei er, um noch den Frühzug
-5^{54} zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche
-Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, --
-na, Sie wissen ja Bescheid.
-
-Unsauber, -- im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, es +muß+
-ihm nächstens den Hals brechen....“
-
-„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er
-hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören. --
-
-Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus
-Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab.
-
-Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund
-aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem
-frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er
-sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem
-Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er
-an dem Direktor vorbeischritt.
-
-Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des
-Grußes gar nicht bemerkt.
-
-Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit
-ihren Frauen, und es war wirklich befremdlich, wie langsam jede
-Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite
-schauten...
-
-Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz
-unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber
-Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß
-war mir Ihr Gesicht, obgleich -- -- -- ich eben aus meiner Heimat
-+komme+“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von
-Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“
-
-„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm.
-
-Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch
-eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und
-Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches
-prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der
-Heimkehr gebacken hatte. --
-
-„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen
-freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut
-hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“
-
-„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt
-zur Antwort.
-
-„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte
-Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil
-Sie mir prophezeien wollen....“
-
-Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm.
-
-Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar
-nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer.
-
-„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf.
-„Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, -- es verdirbt mir beinahe ein
-wenig den Tag...“
-
-„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden
-forschend.
-
-„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage. --
-
-„Ja. -- Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“
-
-Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber.
-
-Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas.
-Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr
-Vertrauen?“
-
-„Das haben Sie, Herr Direktor.“
-
-„Also? -- -- Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann
-wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“
-
-„Ja, Herr Direktor.“
-
-Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage:
-
-„Hängt es -- -- mit meiner Reise zusammen?“
-
-„Ja.“
-
-Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen
-kann ich mich nicht schützen.“ Er sah dem jungen Kollegen in das
-verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem
-Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor
-gehen? Sagen sie ihr, -- ich -- ich hätte vor wenig Tagen meine Frau
-begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“
-
-Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und
-schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu
-ihm. „Ich -- danke Ihnen Herr Direktor.“
-
-Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das
-Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten
-Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die
-Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein
-treues Frauenherz aufgenommen.
-
-Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein.
-Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich
-weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“
-
-Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz
-ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe
-ehren.“ -- -- --
-
- * * * * *
-
-Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es
-war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand
-allsonntäglich eine Viertelstunde vor dem Fenster, um ihrem Herrn
-Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die
-Ecke.“
-
-Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten.
-
-Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte
-Luft taten wohl. -- Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen
-Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin
-durchsetzt war.
-
-„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg,
-und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar
-rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte
-dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei
-Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem
-Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern
-sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen
-gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen.
-
-„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das
-muß ich versuchen...“
-
-Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue
-zusammenzustellen. „Es darf nur von +einem+ gebraucht werden,
-sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er
-dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll
-forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist
-auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den
-Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytet und mit Sorge
-gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der
-Melancholeya.‘“
-
-Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick
-ernsthaft zurück.
-
-Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie
-haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu
-machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus,
-wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte:
-‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir
-gar nicht.‘“
-
-„Die Kräuter sollen ja auch nur die +Deerns+ schön machen“,
-scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte.
-
-„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er
-warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s
-verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde,
-da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten.
-
-Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend.
-
-„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte
-Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz
-nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen
-aufleben, -- -- Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man
-tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt
-abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“
-
-„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet
-bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin
-hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand
-werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in
-Birkholz festen Fuß fassen werde?“
-
-„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte
-Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt,
-aber ich habe immer dagegen gestritten.“
-
-„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie,
-Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des
-Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“
-
-„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein.
-
-„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich
-unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der
-Schule ernstlich gefährden.“
-
-Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an.
-„Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie
-die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“
-
-„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend,
-„so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich
-unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter
-arbeiten.... +Ich+ habe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die
-Eltern meiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir
-erst ein Anonymus verraten.“
-
-„Anonymus+???+ Bekommen Sie +auch+ anonyme Briefe+???+“
-
-„+Auch???+ Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche
-herum?“
-
-„Ja.“
-
-„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug,
-solche Dinge gebührend zu empfangen?“
-
-„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr
-Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit.
-Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde.
-Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht
-es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten
-herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine,
-gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht,
-einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann
-wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“ --
-
-„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel
-lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen
-Birkholz.“
-
-„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. -- Und schon
-als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben
-Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte
-vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. -- Aber
-Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerliche Erfüllung. Er
-gab mir Besseres, ließ mich meine Heimat +lieben+. Das war schon
-Glück. Dann kam das +Erkennen+ meiner Heimat, all der reichen
-Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen
-verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und
-heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“
-
-Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen
-flammten. --
-
-„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen.
-
-„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben. +Sie+ sind
-mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz
-einen Lehrer von +Gottes Gnaden+!“ Denn nur durch die Kinder
-kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste
-Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig,
-das Innerste bei ihnen herauszuholen.“
-
-„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster.
-
-„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit
-geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein
-Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“
-
-„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein
-zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge
-Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich
-sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“
-
-„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einer Weile: „Kann dies
-Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“
-
-Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den
-Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige
-Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leid +darf+
-sterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen
-Muttererde der Heide zu begraben.“ --
-
-„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen
-Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk
-erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen
-ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen
-Claußen, -- Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die
-paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Sie
-+wollen+, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“
-
-Sörensen stutzte und blieb stehen.
-
-„Ich soll.... Kollege Hansohm, -- Sie meinen -- ich soll Farbe
-bekennen? Soll mich gegen -- -- anonyme Beschuldigungen verteidigen?“
-
-„Nicht ganz so schroff -- -- Herr Direktor -- o nun habe ich wohl alles
-verfahren -- -- wie leid mir das ist -- --“
-
-„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte
-Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie
-selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es
-ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zu sitzen und sich
-belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“
-
-Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus.
-
-„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und
-wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“
-
-Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander
-her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas
-von Agnes Asmus gehört?“
-
-Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen,
-Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus
-sprechen.“
-
-„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach
-Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr,
-sehr leid. Meine Reise und -- quälende Begleitumstände hinderten mich
-völlig. -- -- Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen
-und möglichst alles Versäumte nachholen.“
-
-„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach
-Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation
-übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“
-
-„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und
-peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf.
-„Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe
-mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen ein
-gegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen
-Augen der jungen Sörine.....“
-
-„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte
-Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich -- ich bin der Agnes
-Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres
-bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb.
-Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen,
-sobald es die Schule verlassen hat?“
-
-„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn
-froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe
-das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“
-
-„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen?
-Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz
-Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele
-gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“
-
-Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor.
-
-„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen
-gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein
-Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus,
-wenigstens die Stiefmutter, -- es begrüßen werden, ihr Kind bald los
-zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen
-jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. --“
-
-Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er
-brüderlich herzlich.
-
-„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß
-das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie
-mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein
-Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit
-aufgebaut ist?“
-
-„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für
-ein schönes, festes Fundament.“
-
-Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell!
-Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten
-müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein
-einmauern lassen. --“
-
- * * * * *
-
-Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um
-8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem
-Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine
-Heidekamp und Agnes Asmus fehlten.
-
-Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine
-Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den
-Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten
-rasche erschöpfende Antworten, -- mit freundlichen Augen schaute der
-Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.
-
-Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein schob sich unter
-vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als
-er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen,
-wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte,
-und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut
-zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und
-die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der
-Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.
-
-Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer,
-daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.
-
-„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, -- nicht zu finden.
-Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch
-gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit
-öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule
-wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank,
--- er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“
-
-„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann
-ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit
-Heidekamp verbinden.
-
-„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf
-fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief
-gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.
-
-„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig
-den Hörer an. „Herr von Heidekamp meint, sie sei krank. Aber die
-Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. --
-Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet
-schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus
-sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf
-mich, Klaus Hansohm.“
-
-„Verzeihung, -- es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen
-klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das
-Klassenzimmer. --
-
-Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen
-auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine
-Glieder versagten den Dienst.
-
-„Meine Tochter!“ stöhnte er: „+Meine+ Tochter läuft vor Tau und
-Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo
-sie ist.....“
-
-„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges
-Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“
-
-„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr
-ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal
-vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich
-widersetzte -- -- sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben,
-Michaelis zu ihr zu ziehen, -- da hat es wohl allerlei gegeben.....“
-
-„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß
-er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem
-Gott jetzt ins Gericht ging.
-
-„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort
-gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst
-furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan
-worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme
-brach ihm.
-
-„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor
-Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in
-Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon
-erkundigt.“
-
-Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in
-Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „+Nicht+ in
-Heidekamp???“
-
-Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen
-konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten
-im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er
-ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und
-stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen
-Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor. --
-
-An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte
-zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“.
-
-Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und
-fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch
-legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr
-Herr lief wie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch
-zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war. --
-
-Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht
-wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen
-Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die
-Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. --
-
-„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen
-in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei
-junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre
-junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. --
-Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat
-keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das
-Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran
-vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr
-plötzlich -- -- --.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.
-
-Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die
-Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast
-dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst
-helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit.
-Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst
-einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand!
-Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“
-
-Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.
-
-„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, -- wie der kategorische Imperativ
-in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen
-Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich
-angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem
-früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen
-und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine
-Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli
-nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes.
-Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine
-Heimat hat.‘“
-
-Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht
-kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn
-sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen.
-Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung.
-Da fielen +Sie+ mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen
-Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes
-Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr
-spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. -- „Sie werden mich nicht
-im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.
-
-Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer
-Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und -- der Not gehorchend
-seine Tochter nach Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen
-Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht
-über Agnes bringen.
-
-Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend
-und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß
-Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.
-
-Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten,
-daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens
-Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.
-
-Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der
-unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie
-uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon
-gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz,
-Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘.
-Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit
-einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, -- und +alle+
-vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ -- Und er setzte sehr
-herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit
-einbegriffen. --“
-
-„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte
-Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend
-einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz
-schlackenfrei der Urgrund ist, da +kann+ ja nichts zum Bösen
-gereichen.“
-
-Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch bei sich, dieser
-Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im
-übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre
-Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem
-Nachdenken“ diktieren ließe.
-
-An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er
-trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten
-solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme,
-daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die
-beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.
-
-Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus
-und standen vor dem alten Heidekamper.
-
-Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen
-stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang
-müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben,
-und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein
-Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie -- die
-lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine,
--- wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort
-gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, -- sie hat mich gar nicht
-erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht
-aufgepaßt hast! --“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem
-Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer, und nach einer
-Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.
-
-„Kann ich -- die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme.
-Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten
-wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt
-werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung.....“
-
-Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde
-alles erledigen.“
-
-Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die
-Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich
-nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, -- vielleicht
-gehorcht sie +Ihnen+, läßt sich fortbringen von der Leiche...
-Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“
-
-Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein
-eintreten. --
-
-In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit
-einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und
-schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur,
-und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie
-wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie
-rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht.
-
-Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner
-jungen Schülerin?
-
-„Sörine!“ rief er erschüttert.
-
-Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht
-mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer
-gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse
-Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich.
-Weil Sie es mir +versprochen+ hatten. Nun ist es zu spät.... Und
-nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. -- Gehen Sie aus meinem
-Stübchen fort.....“
-
-Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf.
-
-Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.
-
-„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart.
-
-Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. --
-
- * * * * *
-
-Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft.
-Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und
-Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich
-weidwund.....
-
-Einen Traum begrub er, -- von einem Schemen nahm er Abschied...
-Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem
-trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.
-
-Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte
-an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte,
-wie herb es schmerzt, wenn Jugend zur Jugend strebt -- -- über ein
-reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen
-jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen
-wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar
-davongeflogen war...
-
-Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte
-ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die
-verräterischen Spuren.
-
-Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer
-Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle
-Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint.
--- --
-
- * * * * *
-
-Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach
-vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?
-
-Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um
-deiner im untersten Fache habhaft zu werden?
-
-Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen
-Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den
-Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und
-verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für
-vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ -- Da wurde der Schrank
-aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier
-unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du,
-mein alter Foliant. „Dann knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen
-Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen
-sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in
-der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen
-fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren
-Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite
-geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.
-
-Was schrieb ich vor vier Jahren +zuletzt+ in dich hinein?
-
-Laß sehen:
-
-„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und
-wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du
-gute Mutter!“
-
-Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.
-
-Aber du mußt dich ohne den „+fröhlichen+“ Anfang begnügen. Ich bin
-ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.
-
-Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle
-zu ihrem „Vater“, -- diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest
-geworden.
-
-Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden,
-mißtrauischer....
-
-Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt
-davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr
-kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein
-einsames, strenges Leben eher stutzig macht, als zum guten Glauben
-bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich
-könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens
-zeigt man es mir nicht.
-
-So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden
-wollte. -- Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an +mir+ hängen,
-aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen
-angeschmiedet bin. --
-
-Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.
-
-Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.
-
-Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe
-schloß.
-
-Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar
-Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach.
-Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir
-hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder
-singen zu können. --
-
-Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in
-Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet
-hatte. --
-
-Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den
-darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland
-zeigen in all seiner Pracht. -- Jetzt weilt sie allein auf einer
-Studienreise in der Schweiz -- ~Dr.~ Hofer und ich haben sie ihr
-verschafft. --
-
-Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei mir gesessen, und
-das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen
-schloß.
-
-Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein
-böses, unreifes Kind weh tat....
-
-Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen,
-damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei
-unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb,
-genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.
-
-Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des
-Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.
-
-Freilich bin auch ich in Netze gefallen, -- in die des alten Fräulein
-Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele
-allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin
-sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten
-dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich
-sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende
-„Geheimnis der alten Mamsell“.
-
-Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein
-treuer Rat und sein gutes Gesicht.
-
-Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann
-und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An
-Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter
-Christ, aber schlechter Musikant. -- Klaus Hansohm, ich vermisse dich
-sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. --
-
-Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren
-Schlages vertreten. -- Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat
-sie mit übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am
-eifrigsten. -- Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen
-seines bösen Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen
-wird er das Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz,
-den er aufwühlte auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er
-planlos hinterher warf. -- Wie sagte mir ~Dr.~ Hofer? „Die guten
-Gedanken Ihrer Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das
-ist ein rechtes Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein
-+Lehrerfreund.+ -- Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an.
-Kinder- und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber
-+Lehrerfreunde+? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, und
-als die Erntezeit kam, lag er brach....
-
- * * * * *
-
-Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in
-Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch
-einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf
-den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.
-
-Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter
-wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten.
--- Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte
-Blumen auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte
-durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die
-Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah,
-wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und
-kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke
-ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen
-den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten!
-Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig
-tröstend.
-
-Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod
-getrieben....
-
-Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht
-gehalten....
-
- * * * * *
-
-Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie
-auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit
-meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und
-blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar
-nicht, daß sie die Gebende war.
-
-Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten
-Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen
-und Trinken vergaß.
-
-„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder
-selig.“
-
-Das mußt ich oft von ihr hören.
-
-Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der
-Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein
-Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit
-den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner
-Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der
-Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese
-mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte
-sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß
-ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und
-war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde
-werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?
-
-„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“
-
-Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der
-Treusten.
-
-In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.
-
-Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der
-Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt
-merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut,
-denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten
-Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut,
-kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.
-
-Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne, mein Jung, willst
-du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter
-liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“
-
-Das wolltest du sagen, Mutter.
-
-Aber dein Empfinden war so zart und fein. -- Du wolltest nicht an
-Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug
-bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur
-um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige
-Mutter. -- Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte
-in Arbeit und Pflicht. -- Dein Mund war herb geschlossen, als wolle
-er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten.
-Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern
-meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto
-unwirscher wurdest du. -- Kenne ich dich gut, Mutterherz?
-
-Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz
-deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht
-in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir
-schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag
-hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich
-den weiland Heidekönig nannte.
-
-So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich
-wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem
-Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte
-sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du lehntest
-den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes
-Brust.
-
-Weißt du noch, Mutter?
-
-Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er
-fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise
-zu dir -- und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine
-Hände -- -- -- -- „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb.
-Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren
-zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn
-Enkelin.
-
-Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut,
-daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig
-und groß ist sie, daß sie nur ein +Mutterherz+ mit dem Sohne tragen
-kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eine
-+Mutter+ sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber
-beten und weinen kann. -- Da sahst du mich an, und wolltest sprechen.
-Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten
--- fragten....
-
-Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich.
-Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen
-helfen, Mutter...“ --
-
-Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder
-in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.
-
-Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr
-Direktor?“ fragte er. Und machte es umgekehrt wie die gebildeten
-Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie
-belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre
-antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von
-mir ging, hatte er mich hochgeehrt.
-
-Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus
-seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen
-Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir
-‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen,
-Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen.
-Aber“, -- und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an,
-„nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar
-nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte
-Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet
-hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von
-alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich
-glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut.
-Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr
-sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das
-Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu
-Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd
-ich fünsch. +Eine+ Dummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn
-die machen die meisten jungen Lehrer, -- er wird zu früh geheiratet
-haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine +Frau+. Was
-da sonst drum und dran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte
-noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie
-oft ich +dich+ hab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und
-jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein
-Frauenzimmer.“ --
-
-Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein
-einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte
-ich seine Rechte ganz herzhaft.
-
-„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind,
-Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war
-meine Frau.“
-
-„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie
-hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“
-
-„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette
-habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, -- ehe
-sie starb.“ --
-
-„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete
-ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung,
-solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf
-holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel
-zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie
-solange beehrt habe. --“
-
-Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen,
-goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte
-meiner Großmutter Gesine gehört, und ich schenkte sie Lisette an
-unserm Hochzeitstage. -- Dachte auch an die Kleinstadt und ihre
-Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes
-einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu
-meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.
-
-Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.
-
- * * * * *
-
-Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr
-von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt
-war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.
-
- * * * * *
-
-Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so
-eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag,
-Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben
-wir nie miteinander.
-
-Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt,
-aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. --
-
-Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus
-wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. --
-
-Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete
-sie in Heidekamp weiter.
-
-Da sah ich sie auf der Straße.
-
-Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der
-Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.
-
-Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes,
-erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.
-
-Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr
-ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß
-hören.
-
-Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in
-Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel
-von Mensch und Tier, nur nicht der meine....
-
- * * * * *
-
-Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!
-
-Rufe mich immer +zuerst+ an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an dir
-vorüber.
-
- * * * * *
-
-Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr
-des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann
-meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt....
-Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von
-Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz
-von selbst hat sie mich darum gebeten.
-
-Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz
-neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!
-
-Aber das hat noch lange Wege. --
-
- * * * * *
-
-Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner
-Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit
-ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.
-
-Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit
-großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde.
-Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde
-gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe
-nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die
-engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden,
-die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so
-nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der
-Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand
-es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der
-Spruch prangte:
-
- Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,
- Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
-
-„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.
-
-Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet hatte, dann mußte man
-sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der
-Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich
-nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich
-nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein,
-gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr
-mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so
-recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun
-gebrannt heimkommen.
-
-In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen
-der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und
-belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen
-Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der
-die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er
-war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der
-so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war +nur+
-„korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung
-zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen
-hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen.
-Und während die ~prima omnium~ Grete Vahl in wohlgesetzten Worten den
-in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse
-vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte
-die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre
-Händchen zusammen, tat unentwegt einen kleinen Luftsprung und rief:
-„Ach ja bitte! Ach ja bitte!“
-
-Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise
-hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. --
-
-Und er sagte „+ja+“.
-
-Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß
-Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. --
-
-Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.
-
-So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das
-Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und
-nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.
-
-Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an
-einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht
-geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen,
-vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein
-eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate,
-die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau
-bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.
-
-Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr
-früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen
-Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der
-Heidekamper Wagen.
-
-Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die
-Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen
-Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.
-
-In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und
-es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern
-ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die
-rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte
-Annahme. -- Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf
-dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. -- Man fuhr dem
-Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das
-junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen
-den Brauen kannte, erhellt gewesen...
-
-Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.
-
-Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn
-jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an
-die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!
-
-Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise.
-Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....
-
- * * * * *
-
-Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man
-stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter
-sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und
-nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war, nahm man
-die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der
-Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.
-
-Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny
-Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen
-zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was
-du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine
-Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es
-vorgeschlagen. --
-
-Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet
-den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten.
-Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer
-mehr Kinder und Eltern drängten herein.
-
-„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte
-Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die
-Luft wird uns hier knapp.“
-
-Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied
-rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner
-vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier
-festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun
-lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses
-vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch
-die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“
-
-Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Aufforderung aus, man
-zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit
-zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern
-nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man
-vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil
-des Raumes.
-
-„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr
-Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“
-
-Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht
-hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die
-das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die
-Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht
-beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions
-gelöscht hätten....
-
-Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies
-gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“
-
-Niemand vergaß es je, der es gehört.
-
-„Feuer! Feuer!“
-
-Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte
-lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock
-aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte
-es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere
-Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm
-nach und half, die Flammen zu ersticken. --
-
-Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brandwunden davongekommen.
-Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen
-sitzen und kühlte die wehen Hände.
-
-Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster
-zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem
-Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden,
-verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.
-
-Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und
-Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.
-
-Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und
-als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen
-wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen
-Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.
-
-Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand
-hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden
-und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.
-
-Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen
-Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.
-
-„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende
-Diele.
-
-Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und
-verbrannten Fingern.
-
-Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.
-
-Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig
-geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten
-Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.
-
-Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum. --
-
-Prasselnd brannte die Waldkate nieder.
-
-Weithin leuchtete der rote Feuerschein.
-
-Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten
-nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur
-Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.
-
-Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm.
-Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur
-Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den
-neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von
-Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen
-unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch
-immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren
-Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz
-Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und
-schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.
-
-Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein
-höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann
-genesen könnte, und sein Freund würde.
-
-Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen vor. Vorsichtig
-bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden
-durch die dämmernde Heide. --
-
- * * * * *
-
-+Mein alter Foliant, grüß dich Gott!+
-
-Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!
-
-Zwar mit dem Wieder+sehen+, da hat es so seinen Vorbehalt und
-Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und
-das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll
-Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. --
-Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben
-Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.
-
-Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......
-
-Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.
-
-Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als
-hundert Kinder um Hilfe schrien.
-
-Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal
-gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. --
-
-Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir
-auferlegte, weiß ich Ihm Dank. --
-
-Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz +eingebrannt+.
-
-In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.
-
-Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein
-armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter
-Heide gebettet hatte.
-
-Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und
-Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne
-bedeuteten.
-
-Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.
-
-Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten
-und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche
-Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen
-Binde, die meine versehrten Augen barg.
-
-Mütter hörte ich schluchzen, -- sie weinten wohl über mich. Aber ich
-lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder.
---
-
-Gestern haben mich die Ärzte entlassen.
-
-Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab.
-Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind
-Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen
-Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der
-schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“
-
-Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie
-hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.
-
-Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn
-all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen.
---
-
-Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.
-
-Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias
-geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die
-Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend
-Jungvolk um sich habe“.....
-
-Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem
-gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. --
-
-Vier Hände legten sich in die meinen.
-
-Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen
-die Namen an mein Ohr.
-
-„Seid +ihr’s+, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in
-meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch
-beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag
-ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden.
-Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“
-
-Dann haben wir lange beieinander gesessen.
-
-Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges
-Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn
-die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“
-
-Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.
-
-Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt
-vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während
-ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit,
-Doktorsche, ich hatte gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren
-vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“
-
-Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...
-
-Schade. --
-
-Aber daß sie beide zu mir kamen, -- der Klaus und die Kollegin aus
-bitterschwerer Zeit, -- das vergesse ich ihnen nicht. --
-
-Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange
-Lebewohl sagen.....
-
-Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu
-jung.
-
-Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung....
-Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich
-bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im
-starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige
-Mund mir demütig Abbitte tut. --
-
-Nein, -- nichts soll mich weich machen. --
-
-Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das
-eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das
-des einsamen Mannes Erne Sörensen. -- --
-
- * * * * *
-
-Ganz still war es im Studierzimmer.
-
-Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die
-Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.
-
-Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben, hatte der Leiter
-der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch
-+Licht+.
-
-Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht
-nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....
-
-„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto
-alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht
-nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem
-ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn
-sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die
-ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“
-
-Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle
-geschmunzelt....
-
-Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen
-oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine
-Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig,
-ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und
-der wunderlichen Haube einlassen sollte.
-
-Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das
-Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch
-an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....
-
-Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen,
-und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging
-gleich hinein.
-
-Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....
-
-„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.
-
-„Ich bin es!“
-
-Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der
-noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder
-sinken. --
-
-In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu
-sagen -- -- wer ist da?“
-
-„Ich bin’s, -- Sörine Heidekamp.“
-
-Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf.
-
-„Was soll das“, sagte er hart.
-
-Seine Hand tastete nach einem Halt.
-
-Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen,
-Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, -- meine Verantwortung ist ja
-so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“
-
-Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr
-trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte
-sich an seine Seite. --
-
-„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie
-als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“
-
-„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus.
-
-„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja -- -- in meinem heißen,
-kindischen Zorn vor vier Jahren....“
-
-„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“
-
-„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s denn sonst gut machen? Es
-waren so einsame vier Jahre für mich....“
-
-Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich.
-
-„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch
-derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“
-
-„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre
-lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht
-schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz
-nichts sagen.....“
-
-„Die Mutter? -- Welche Mutter?“
-
-„Die Mutter Gesine aus Einingen, -- ich hab sie geholt ....“
-
-„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“
-
-„Weil -- weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf
-seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf.
-
-„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, -- nicht wahr, Sörine? Sie
-waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein
-Mitleid von Ihnen annehmen. --“
-
-„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen.
-Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“
-
-Da lächelte er schattenhaft.
-
-Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindisches Vergehn so
-schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas
-Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“
-
-Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken
-jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in
-dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor
-mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge
-Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir
-sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und
-nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“
-
-Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines
-Herzens.
-
-„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich
-weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so
-einsam. -- Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir
-die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen....
-Beinahe gestorben bin ich +vor Heimweh nach Ihnen+. Und Sie müssen
-mir verzeihen, -- müssen -- müssen -- ich gehe nicht fort....“
-
-Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen...
-Herrgott, wie quälen Sie mich....“
-
-Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die
-Mutter ist dran Schuld, -- die +liebe+ Mutter....“ Ihre Worte
-überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, -- -- daß -- ich
-so einsam geworden bin, -- und daß ich Sie am liebsten habe von allen
-Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben
-möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....
-
-Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist
-alles nicht wahr....“
-
-Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, -- „Kind, Kind,
-geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja
-nicht nehmen. Du bist so jung -- -- sieh doch mein graues Haar. Und
-sieh doch wie häßlich ich bin, -- voll Narben -- halbblind.....“
-
-Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines
-Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine,
-„meine liebe Heimat!“
-
-Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte
-er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes
-liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein
-kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als
-Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid
-eines anderen aufbauen?“
-
-Sörine sah ihn ernst an.
-
-„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, -- wenn es wirklich eins war.
-Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli
-hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte.
-Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue
-nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So
-wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....
-
-„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist
-in allem andern mir so fern. Du bist reich, -- verwöhnt, -- ich hab dir
-nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von
-Heidekamp gegenüber der +Herr+ sein wollen. Hat das wohl auch dein
-Großvaterli bedacht?“
-
-Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war
-gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da
-sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann
-sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben
-alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch
-hingehn -- dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“
-
-Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als
-sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor,
-sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt,
-die seine Heimat ist. --
-
-Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen.
-
- * * * * *
-
-„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der
-Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Aber +mich+ haben sie,
-scheint’s, vergessen...“
-
-Und sie klinkte leise die Tür auf, hinter der das Glück wohnte. --
-
-Ein Weniges erschrocken war sie über ihres Erne verändertes Aussehen,
-denn man hatte ihr das Ärgste verschwiegen von dem furchtbaren Brande
-da draußen. Aber er tröstete und beruhigte das kleine, weinende
-Mutterchen. „In acht Tagen darf ich die Brille abnehmen, -- denk,
-Mutter, dann bin ich gesund....“
-
-„Und dann können Sie mich auch sehen“, sagte Sörine ernsthaft.
-
-Er lachte sein altes, schönes, sonores Lachen. „Sörine, du hast mich
-einst feierlichst gebeten, dich ‚Sie‘ zu nennen, aber nun muß ich dich
-ebenso feierlich bitten, ‚Du‘ zu sagen, kleine, närrische Deern.“
-
-Da küßte sie seine Hand, die er ihr erschrocken entzog. „Ich will
-alles tun, was du willst, Erne Sörensen.“ Und hinterher kam ihr
-frohes Kinderlachen, um das er sie einst beneidet. Das sollte nun
-sein einsames Haus durchwärmen und durchleuchten, es war schier nicht
-auszudenken. „Ich habe ja ein halbes Jahr Schule nachzuholen“, rief
-sie glücklich. „Das sagte ich auch dem Großvaterli, als er mich in
-einer frohen Stunde neckte, und immer rief: Sörine! Ausgerechnet ein
-+Schulmeister+! Dann meinte er: So muß ich wohl schon wegen
-Schulgeldersparnis zufrieden sein. -- Ach Erne, wenn Ihr erst ganz
-zusammen seid, Großvaterli und du! Er sagte, du wärst ein Dickkopf, und
-würdest mich gar nicht wollen....“
-
-So plauderte der junge Mund und Sörensen dachte, daß diese Stunden
-alles auslöschten, was er Herbes durchlebt.
-
-Und die Mutter sah auf die junge, feine Tochter und nahm ihre Hand und
-streichelte sie scheu. Gottes Segen über dich, kleines Mädchen, du
-willst meinen Sohn gesund machen an Leib und Seel. --
-
- * * * * *
-
-Mutter Gesine und Sörine fuhren nach Heidekamp.
-
-Nur für eine Nacht. Morgen wollte die Mutter die Pflege des Sohnes
-übernehmen.
-
-Sörine hielt fest einen großen Brief auf ihrem Schoß.
-
-Der barg in kurzen, markigen Zügen das Bild von Erne Sörensens harter
-Vergangenheit. Und er enthielt die ehrerbietige Bitte des gereiften
-Mannes an den alten Herrn von Heidekamp, ihm sein Kleinod Sörine zum
-Weib zu geben, das er, Erne Sörensen, hüten und hegen wolle, so wahr
-ihm Gott helfe. --
-
-Und oben im alten Patrizierhause saß Sörensen am Fenster, und wenn
-er auch die Sonne nicht sah, die in wonnevoller Schönheit hinter den
-Föhren unterging, so leuchteten dafür drei Glückssonnen in seinem
-ehrlichen Herzen: Sohnesliebe, Mannesliebe und Heimatliebe.
-
-Und er streckte seine in heißem Dank gefalteten Hände der braunen Heide
-draußen entgegen.
-
-
-+Ende.+
-
-
-
-
-Romane von
-
-Felicitas Rose
-
- Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M.,
- die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.
-
-
-*Die Wengelohs. Geschichte einer Postfamilie.
-
-Neu erschienen. -- Es ist, als ob die Welt Reuters in neuer Wandlung
-auferstanden wäre und ein Klang aus dem Waldhorn Eichendorffs darüber
-hinflöge.
-
-
-*Der hillige Ginsterbusch.
-
-Das Aufblühen einer edlen Frauenseele. Ein Buch der Selbsterneuerung
-von innen heraus, wie es unserer Zeit dringend not tut!
-
-
-*Die Erbschmiede.
-
-Ein Buch aus der Seele der Lüneburger Heide, das geheimnisvolle
-Einblicke in die Eigenart der wortkargen, kraftvoll gütigen Heidjer
-erschließt.
-
-
-*Heideschulmeister Uwe Karsten.
-
-Die stille und doch mächtige Poesie der Heide, wie sie in so
-ergreifender Melodie seit Liliencrons Heidebildern nicht gehört wurde,
-durchströmt dieses Buch, und mit dem Leben der Heide hat die Dichterin
-Menschenschicksale zu einem wunderbaren Zusammenhang verflochten.
-
- (Badische Neueste Nachrichten.)
-
-
-*Erlenkamp Erben.
-
-Der Abenteuerlust des Erben der Erlenkamp steht das bodenständige
-Patriziertum gegenüber. Der ernsten Tragik hält köstlicher Humor das
-Gleichgewicht, und gesunde Lebensbejahung treibt die Sorgenwolken immer
-wieder auseinander. Ein Buch in spannender künstlerischster Formung.
-
- (Abendpost, Chikago.)
-
-
-Die Eiks von Eichen.
-
-Kantige Menschen, die im Jähzorn fehlen können, aber in Wahrheit einen
-Schatz von Tatkraft und leuchtender Güte bergen. Geheimnisse der
-Kinderschule werden ausgebreitet, seltsame Gestalten und eigenartige
-Erlebnisse legen eine ungewöhnliche Stimmung über dieses Buch.
-
- (Fränkischer Kurier.)
-
-
-Das Lyzeum in Birkholz.
-
-Der stille, schwermütige Zauber der niederdeutschen Landschaft, die
-anheimelnde Geschlossenheit einer kleinen Stadt, der schwerblütige
-Charakter des Heideschulmeisters stehen scharf umrissen, oft von
-satirischen Lichtern umspielt, in den meisterlich miteinander
-verwobenen Schicksalen.
-
- (Düsseldorfer Tageblatt.)
-
-
-Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig
-
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-
-Romane von
-
-Felicitas Rose
-
- Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M.,
- die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.
-
-
-*=Der Tisch der Rasmussens.= Die Geschichte einer Familie.
-
-Eine spannende Handlung, durchweht von einem köstlichen Humor.
-
- (Süddeutsche Heimatweisen.)
-
-
-Meerkönigs Haus.
-
-Mit vollendeter Kunst stehen die Menschen im ruhigen, selbstsicheren
-Leben der alten Hansastadt, und wie aus Gemälden alter deutscher
-Meister schauen sie uns daraus entgegen.
-
- (Literaturbericht, Berlin.)
-
-
-=Der Mutterhof.= Ein Halligroman.
-
-In diesem Roman ist alles groß, stark, sicher und schicksalsvoll. Auf
-dem Mutterhof gilt der uralte Wahlspruch vom Segen der Fruchtbarkeit,
-doch eine schwere Tragik hängt über der jungen Frau Maren, der das
-Schicksal Mutterglück verweigerte.
-
- (Tägliche Rundschau.)
-
-
-=Der graue Alltag und sein Licht.= Mit 26 Originalzeichnungen von
-+H. Krahforst+, Aachen.
-
-Ein bestrickender Zauber geht von diesem Buch aus, das uns vom Alltag
-zum Licht führt. Wieder weiß Felicitas Rose ungemein zu fesseln,
-Gestalten wachsen in bunter Fülle empor, und die mannigfachen
-Schicksale sind mit der sicheren Hand einer reifen Künstlerin
-gezeichnet.
-
- (Tägliche Rundschau.)
-
-
-=Drohnen.= Eine Geschichte für junge und alte Nichtstuer.
-
-Lebensechte Gestalten in bunter Fülle, eigenartige und fein beobachtete
-Charaktere, feiner, warmer Humor.
-
- (Karlsruher Tageblatt.)
-
-
-Bilder aus den vier Wänden.
-
-Ein köstlicher Humor durchleuchtet diese intimen und feinen
-Kabinettstücke. Aus den Erzählungen spricht eine Liebe, die über die
-engen Grenzen sich weitet zur alles umfassenden Menschenliebe.
-
- (Breslauer Morgenzeitung.)
-
-
-=Rothraunes Heidekraut.= Lieder. Mit 4 Bildern von +H.
-Krahforst+.
-
-Ganzleinen 3 M.
-
-
-=Provinzmädel.= 5 Doppelbände, jeder Doppelband in biegsamem
-Ganzleinen 2.50 M. Band I: Kleinstadtluft / Kerlchens Lern- und
-Wanderjahre. / Band II: Kerlchen wird vernünftig. / Kerlchen als
-Erzieher. / Band III: Kerlchen als Anstandsdame / Kerlchen als Sorgen-
-und Sektbrecher. / Band IV: Kerlchens Flitterwochen. / Kerlchens
-Mutterglück. / Band V: Kerlchens Ebenbild / Liebesgeschichten.
-
-+Sprudelnder Humor -- Köstliche Situationen!+
-
-
-Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig
-
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-
-Bongs Goldene Klassiker-Bibliothek
-
-
- +Arndt+, 4 Bde.
-
- +Arnim+, 2 Bde.
-
- +Arnim und Brentano+, Des Knaben Wunderhorn, 2 Bde.
-
- +Bürger+, 2 Bde.
-
- +Chamisso+, 2 Bde. (3 Teile).
-
- +Chamisso+ (Vollst. Ausg.), 3 Bde.
-
- +Droste-Hülshoff+, 3 Bde.
-
- +Eichendorff+, 3 Bde.
-
- *+Fouqué+, 1 Bd.
-
- +Freiligrath+, 3 Bde.
-
- +Goethe+ (Auswahl), 6 Bde.
-
- +Goethe+ (Erweiterte Ausgabe), 11 Bde.
-
- *+Goethe+ (Vollst. Ausgabe mit Register), 22 Bde.
-
- *+Goethe+, Register allein, 2 Bde.
-
- +Grabbe+, 3 Bde.
-
- +Grillparzer+ (Auswahl), 5 Bde.
-
- +Grillparzer+(Vollständ. Ausg.), 7 Bde.
-
- +Grimm+, Märchen, 1 Bd.
-
- *+Grimm+, Sagen, 1 Bd.
-
- +Grimmelshausen+, 3 Bde.
-
- +Grün+, 3 Bde.
-
- +Gutzkow+, 4 Bde.
-
- +Gutzkow+ (Erweit. Ausgabe), 7 Bde.
-
- +Gutzkow+, Ritter v. Geiste, 3 Bde.
-
- +Halm+, 2 Bde.
-
- +Hauff+, 3 Bde.
-
- +Hebbel+, 5 Bde.
-
- +Hebbel+ (Werke und Tagebücher), 7 Bde.
-
- +Hebbel+ (Tagebücher), 2 Bde.
-
- +Hebel+, 2 Bde.
-
- +Heine+ (Auswahl), 5 Bde.
-
- +Heine+, 15 Teile (Vollst. Ausg.), 7 B.
-
- +Herder+, 6 Bde.
-
- +Herwegh+, 1 Bd.
-
- +Hoffmann+ (E. T. A.), 8 Bde.
-
- +Hoffmann v. Fallersleben+, 2 Bde.
-
- +Hölderlin+, 2 Bde.
-
- +Homer+, 2 Bde.
-
- *+Immermann+, Münchhausen mit Oberhof, 1 Bd.
-
- +Immermann+, 3 B.
-
- +Keller+ (Gottfried), 5 Bde.
-
- +Keller+ (Gottfried), (Erw. Ausg.), 6 Bde.
-
- +Kerner+ (Just.), 2 B.
-
- +Kleist+ (H. v.), 3 Bde.
-
- *+Körner+, 1 Bd.
-
- +Lenau+, 2 Bde.
-
- +Lessing+, 4 Bde.
-
- +Ludwig+, 3 Bde.
-
- *+Meyer+, E. F., 3 Bde.
-
- +Mörike+, 2 Bde.
-
- *+Nestroy+, 1 Bd.
-
- *+Nibelungenlied+, 1 Bd.
-
- +Novalis+, 2 Bde.
-
- *+Raimund+, 1 Bd.
-
- +Reuter+, 6 Bde.
-
- +Scheffel+, 3 Bde.
-
- +Schenkendorf+, 1 Bd.
-
- +Schiller+, Auswahl, 6 Bde.
-
- +Schiller+ (Vollständ. Ausgabe), 11 Bde.
-
- +Shakespeare+, Dramen, 4 Bde.
-
- +Shakespeare+ (Erweiterte Ausgabe), 6 Bde.
-
- +Shakespeare+ (Vollst. komment. Ausgabe), 7 Bde.
-
- +Stifter+, 5 Bde.
-
- +Storm+, 3 Bde.
-
- +Sturm u. Drang+, Dichtungen aus der Geniezeit, 2 Bde.
-
- +Tieck+, 2 Bde.
-
- *+Uhland+ (Schulausgabe), 1 Bd.
-
- *+Uhland+ (Erweit. Ausgabe), 2 Bde.
-
- +Wagner+ (Richard), 6 Bde.
-
- *+Zschokke+, 4 Bde.
-
-Jeder Band in Ganzleinen 3 M., Halbleder 5 M., Ganzleder 6 M. Die mit *
-bezeichneten Bände 50 Pf. mehr.
-
- +Lessing+ (Vollständ. Ausg.) 25 B. 150 M. Leinen, in Halbleder
- 200 M.
-
- +Lessing+, Anmerkungen und Register allein 5 Bde. 30.-- M., in
- Halbleber 40.-- M.
-
-
-Den Freunden von „Bongs Goldener Klassiker-Bibliothek“ steht das 160
-S. starke, =reich illustr. Bändchen= „=Lebensbilder unserer
-Klassiker=“ gegen Einsendung von 25 Pf. postfrei zur Verfügung.
-Die „Lebensbilder“ enthalten eine Schilderung des Lebens und Wirkens
-unserer Klassiker sowie die Inhaltsangaben der in „Bongs Goldener
-Klassiker-Bibliothek“ erschienenen Werke, ferner: 58 Porträte und einen
-Anhang: „Grundlinien der Kultur- und Literaturgeschichte von 1740 bis
-zur Gegenwart“.
-
-
-Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig
-
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-
-Bongs Jugendbücherei
-
-Von Ministerien, Schulmännern, Erziehern, sowie den Prüfungsausschüssen
-und der Presse bestens empfohlen.
-
- =*Über und unter der Erde.= Technische Rekorde. Von +Hans
- Dominik+. Mit 170 Abbildungen, Skizzen und Photographien.
-
- =*Triumphe der Technik.= Von +Hans Dominik+. Mit 203
- Abbildungen, Zeichnungen und Photographien.
-
- =*Die Abenteuer des Fürsten Dshaparidse=, des größten
- Bärenjägers Sibiriens. Erzählt vom letzten überlebenden Gefährten
- +Egon von Kapherr+. Mit 170 Abbildungen.
-
- =*Jugend-Turn- und Sportbuch= von ~Dr.~ +Ed.
- Neuendorff+. Mit zahlreichen Abbildungen.
-
- =*Das Buch der Physik.= Errungenschaften der Naturerkenntnis.
- Von +Hans Dominik+. Mit 154 Abbildungen, Tabellen, technischen
- Skizzen und Photographien.
-
- =*Das Buch der Chemie.= Errungenschaften der Naturerkenntnis.
- Von +Hans Dominik+. Mit 150 Abbildungen, Tabellen, technischen
- Skizzen und Photographien.
-
- =Gemälde und ihre Meister.= Mit erklärenden Texten berufener
- Mitarbeiter, sowie einem Geleitwort von Stadtschulrat ~Dr.~
- +Arnold Reimann+. Mit 8 farbigen und 40 schwarzen Beilagen.
-
- =Unter den Wilden.= +Entdeckungen und Abenteuer.+ Von
- ~Dr.~ +Adolf Heilborn.+ Mit 5 farbigen Beilagen und 36
- Textbildern.
-
- =Wilde Tiere.= Von ~Dr.~ +Adolf Heilborn+. Mit 4
- farbigen Beilagen und 39 Textbildern.
-
- =Leben und Treiben zur Urzeit.= Von ~Dr.~ +O.
- Hauser+. Mit 4 farbigen Beilagen, 145 Textbildern und einer
- Karte des Vézèretales.
-
- =Deutsche Dichter.= Von +Felix Lorenz+. Mit Proben
- aus den Werken, 4 bunten Beilagen, 73 Textbildern und 66
- Handschriftenproben.
-
- =Berühmte Musiker und ihre Werke.= Herausgegeben von Prof.
- +R. Sternfeld+. Mit 76 Textbildern, 13 Faksimiles und 44
- Notenbeispielen.
-
- =Seelenleben unserer Haustiere.= Von ~Dr.~ +Th.
- Zell+. Mit 4 bunten Beilagen und 80 Textbildern.
-
- =Im Wunderlande der Technik.= +Meisterstücke und neue
- Errungenschaften.+ Von +Hans Dominik+. Mit 190 Abbildungen
- und Originalzeichnungen, technischen Skizzen und Photographien.
-
- =Das Sternenzelt und seine Wunder.= Von Prof. ~Dr.~
- +Joseph Plaßmann+. Mit 2 Tafeln und 108 Abbildungen.
-
- =Die schönsten Märchen der Weltliteratur.= Gesammelt und
- herausgegeben von Prof. +Friedr. v. d. Leyen+. Mit vielen
- farbigen Kunstblättern und Textbildern. 2 Bände.
-
-Jeder Band in Halbleinen 4 M., die mit * versehenen Bände je 5 M.
-
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-Berlin * Verlag von Rich. Bong * Leipzig
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-
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Lyzeum in Birkholz, by Felicitas Rose
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Das Lyzeum in Birkholz
-
-Author: Felicitas Rose
-
-Release Date: February 22, 2020 [EBook #61479]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0"> Die Buchausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv
-wiedergegeben. <span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2 break-before">Felicitas Rose · Das Lyzeum
-in Birkholz</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w6em mtop3 padtop5" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<h1>Das Lyzeum in Birkholz</h1>
-
-<p class="s4 center mtop3">Roman</p>
-
-<p class="s5 center mtop2 mbot2">von</p>
-
-<p class="s2 center mbot3">Felicitas Rose</p>
-
-<p class="s5 center padtop5">78. bis 85. Tausend</p>
-
-<p class="center mtop2">Berlin/Leipzig</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot3">Deutsches Verlagshaus Bong &amp; Co.</p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten<br />
-Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong &amp; Co., Berlin<br />
-Druck der Graphia Akt.-Ges. vorm. C. Grumbach in Leipzig</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<p class="p0 mtop3 padtop3"><span class="fleft">M</span>it Gott! steht auf der ersten Seite des alten Folianten, den ich beim
-Umzug in Großvaters Kasten fand.</p>
-
-</div>
-
-<p>Die wurmstichige Lade brach zusammen, als ungeschickte Packerhände sie
-hoben und stießen, das Buch, dick und groß wie eine Dorfbibel, fiel
-heraus und polterte vor meine Füße.</p>
-
-<p>Gelbe, leere Seiten, soweit ich auch blätterte. Stockfleckig und rauh.
-Aber auf der ersten Seite mein Name. Mit Gott, Erne Sörensen!</p>
-
-<p>Das ist ein guter Zuruf für die neue Stadt, die neue Wohnung und das
-neue Amt.</p>
-
-<p>Buch und Lade müssen dem Großvater gehört haben, dem Schulmeister mit
-den fünfzehn Kindern. Denn er ist der einzige Erne Sörensen in der
-langen Reihe der Jens Sörensen. Und nach ihm hat man mich benannt.</p>
-
-<p>Ich sollte werden wie er, ein bodenständiger Mann, kein Grübler und
-Spintisierer wie Vater.</p>
-
-<p>Vielleicht wollte der Ahn das Leben seiner fünfzehn Kinder auf den
-leeren Seiten des Folianten buchen, aber die Müdigkeit nach all dem
-heißen Ringen ums liebe Brot hat ihm die Feder aus der Hand gewunden.</p>
-
-<p>Soll ich sie aufnehmen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
-
-<p>Es klingt so ermunternd: Mit Gott, Erne Sörensen!</p>
-
-<p>Zwei Tagebücher wies meine Bücherei auf, ein altes und ein neueres. Das
-neuere zeigte meine eignen Schriftzüge. Ich hab’s verbrannt. &mdash; Und
-doch wäre ich jetzt so weit, es ganz objektiv zu betrachten.</p>
-
-<p>Die Zeit und die Selbstzucht haben mich über all das Schwere, das in
-den Blättern eingesargt lag, hinausgehoben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das alte Tagebuch von der streitbaren Großmutter Sörensen, zweimal
-verwittibten Lorns und Sebus, geborenen Witt, ist aber gut zu lesen. Es
-hat mir über manche garstige, vergiftete Stunde hinausgeholfen. Meinen
-Dank, Großmutter Gesine!</p>
-
-<p>Wenn ich darin lese, stehen alle meine Vorfahren und Verwandten fest
-umrissen vor mir. Die einfache Großmutter hat Familiengeschichte
-studiert, wie nochmal ein Professor. Und bei der verbürgten strengen
-Wahrhaftigkeit ihres Wesens hat sie wohl alle gut gezeichnet, und so
-wählte ich mir schon als junger Schwärmer und Stürmer mein Vorbild aus
-diesen Blättern.</p>
-
-<p>Wer mag sie dereinst in Händen haben und dann bezeugen, es sei mir
-gelungen?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Großmutter Gesine schreibt:</p>
-
-<p>Von 1700 an weiß ich’s genau. Von vorher ist auch noch manches da. Soll
-aber viel Schnackerei dazwischen sein. Und wo Kirchenbücher verbrunnen
-sind, haben die Pfarrers und Küsters dazugesetzt. Sind Menschen und
-kann nicht alls stimmen. Ich halte mich an die Wahrheit.<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Ist ein
-feiner, vornehmer Herr gewesen der Ahn Jens Sörensen. Oberamtmann in
-Arnis und seine Gemahlin eine Hochwohlgeborene aus Thüringen. Soll eine
-gute Mischung sein Thüringer und Holsteiner. Werden aber selbst im
-Himmel noch lachen der feine Herr und die Hochwohlgeborene, wenn sie
-ihre Sippe betrachten, die so bei klein achter ihnen ankümmt. &mdash; Der
-Herr Urvater sind schon 40 Jahr alt gewesen, als der Adebar den Lütten
-gebracht hat und die Hochwohlgeborene hat die schwere Geburt nicht
-abkönnen und ist auf den Gottesacker gekommen. Danach hat sich der Herr
-Oberamtmann dem Kaffeepunsch und die Melancholei ergeben, ist aber sehr
-alt geworden, 95 Jahr. Denn die Sörensen können viel ab. Der Lütt-Jens
-hat Pastor werden wollen, ist ein rechten Spintisier gewesen. Oll-Jens
-aber, der Herr Oberamtmann, hat sich nach dem Tode der feinen Frau
-mit dem Herrgott verzürnt, und Lütt-Jens mußt auf dem Gute bleiben,
-wo niemalen ein Pastor sich durfte sehen lassen. &mdash; Wo kein Herrgott
-aufpaßte, ist das Gut verkommen und nirgends ein Segen. Hat Lütt-Jens
-um schieres Gold ein Weib genommen, brav und reich ist sie gewesen, was
-nicht immer beisammen kommt. Um 1770 wieder ein Jens geboren und alles
-noch leidlich. Dann aber das Geld verspekuliert und sein armes Weib im
-gachen Jähzorn Tag für Tag gemißhandelt. Bis der Tag gekommen, da die
-Frau in ihrem Schoße das Kind von einem andern Manne trug, den sie in
-ihrer grimmen Not und Verlassenheit allzu sehr geliebet. Mathäus 7,
-Vers I: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Hat
-der Mann sie<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> und das unschuldig, ungeboren Kind verstoßen, sind beide
-bald gestorben. Sein eigen Fleisch und Blut ist auf dem Gut geblieben,
-bis dies vergantet wurde. Drauf ist Jens gestorben und der Sohn Jens
-ins Waisenhaus und dann Schuhmacher geworden. Tüchtig und brav. Hat
-ein Weib aus Husum genommen, Luise Sörrine geborene Rasmussen. Die
-konnt mehr als Brot essen und hatte Gedankens wie ein Doktor. Las
-zweimal die ganze Heilige Schrift durch und sah in der Schusterkugel
-absunderliche Sachen, die andere Menschen nicht sehen. &mdash; Wurde ihnen
-1800 ein Sohn geboren, hat die Wehmutter selbst gesagt, es sei ein
-Goliath. Aber nur von Statur. Inwendig drin ist er ein David gewesen,
-hat nur statt der Harfe eine Gitarre gehabt und die auch erst später.
-Und weil die Wöchnerin mehr konnte als Brot essen, litt sie nicht, daß
-das Kind wieder Jens genannt wurde, sondern machte einen Erne draus,
-damit mal eine neue Reihe anfing. Dieser Erne ist mein Mann geworden.
-Gott sei ewig Lob und Dank! &mdash; Habe ihn oft den Rattenfänger von Hameln
-genannt, weil er einem das Herz aus der Brust singen und fläuten und
-gitarrespielen kunnt. &mdash; Und ist er neben dem Arniser Sprüchwort
-her: „Groß und breit und jähzornig und langlebig wie ein Sörensen“,
-auch noch ein Schulmeister von Gottes Gnaden und nach Gottes Herzen
-gewesen. Wie die Heilige Bibel dartut: Die Lehrer werden leuchten wie
-des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die
-Sterne immer und ewiglich. Hatten mich meine Eltern als halbes Kind
-zweimal verheuert vordem. Und war der selige Lorns ein Schneider und
-der selige<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> Sebus ein Schreiber. Beide klein und arg dünn, so daß ich
-allzeit in Sorge war, der starke Ostenwind kunnt sie davontragen.</p>
-
-<p>Dann tat’s die Influenz, die man damals Grippe hieß. Und ich war frei,
-und kunnt in allen Ehren den Goliath-Schulmeister kennen lernen. In
-der weiten Heide bauten wir’s Nest in aller Einsamkeit. Und der starke
-Gott segnete uns und ich konnte meinem Manne fünfzehn Kinder schenken.
-Jedes einzelne voller Herzensfreude und mit Jauchzen. Hatt’ ich auch
-oft nur Schwarzbrot und Wacholderbeersaft und für’s Wiegenkind die
-Mutterbrust, &mdash; eine Träne hat keins von mir gesehen. Gelacht hab’ ich,
-jahraus, jahrein, damit nur ja nicht die Kinder merken sollten, daß
-der Gottessegen einer Mutter könnt zu viel werden. Später freilich,
-da sind die Tränen wie reißende Bäche dahergekommen. Das war, wie die
-Kinder groß waren... Das ist Mutterlos und Kinderart. Gott segne sie
-dennoch. Für jedes Leid ein Segen! So viel Schmerz, wie einem die
-Kinder zufügen, könnt ja auch kein irdischer Mensch sonst verzeihen.
-Da hat unser Herrgott extra das Mutterherz erschaffen. &mdash; Ein braver
-guter Jung war uns der Jens, der Älteste. Hieß freilich wieder Jens,
-und ich mein, der Name bracht ihn wieder zum Spintisieren. Wir hätten
-gern einen Lehrer, oder gar etwas Höheres aus ihm gemacht, wenngleich
-ich nicht meine, daß es etwas Höheres gibt, als Schulmeister sein. Aber
-das Kind saß von klein auf beim Heideschuster und half mit flicken, und
-schaut in die Kugel und sinnierte. Schlug also der Großvater bei ihm
-durch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p>Sein Pate wußte ein gutes Geschäft in der Stadt, wo der Junge hätte
-einheiraten können, aber ein Sörensen und Geld, das paßt nun mal nicht
-zusammen.</p>
-
-<p>Nahm sich der Jens denn auch ein ganz armes Mädchen, aber gut und
-brav war sie. Konnte auch alle Worte gut setzen, und hatte bei ihrer
-Herrschaft durch zehn Jahre hindurch beinahe fünf dicke Bücher
-ausgelesen. Es waren schöne Sachen, die sie uns immer noch recht
-ausmalte. Und ich mein, sie hätte mir auch den Schluß von dem fünften
-Buch mal erzählt, als ich so krank war. Trotzdem sie es doch gar nicht
-zu Ende gelesen hatte. Aber als ich sie fragte, ob sie sich denn
-wahrhaftig so was Schönes selbst ausdenken könnte, da lachte sie, und
-stickte sich rot an und lief fort.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ja, die Dorette. Die ist was Besonderes, wenn sie auch nur für fremde
-Leute wäscht und ihr Mann Flickschuster ist und bleibt. Nun strampelt
-bei ihnen auch schon so’n lütten Sleef in der alten Holzwiege, und
-letzten Sonntag hat er mit dem heiligen Taufwasser den Namen Erne
-bekommen, so daß ich wieder Gott Lob und Dank sagen kann. Er ist auch
-wieder ein Goliath.</p>
-
-<p>Wenn er mit den kleinen Beinen angelt und strampelt, dann ruft Vater
-Jens: Höger rup, höger rup! Und ich weiß wohl, was das heißen soll.
-Aber wenn der Junge höger rup soll, dann muß auch Vater Jens sorgen,
-daß die Holzwiege auf den öbersten Boden kommt. Hätt’ ich nicht partuh
-fünfzehn Kinder haben wollen, wär mein Jens vielleicht General oder gar
-Stadtsekretär. &mdash; Aber zu tausend Malen habe ich schon meine Hände über
-dem<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> Kind gefaltet, denn der Erne ist ein klein süßen, gescheiten Jung
-und soll mal......</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ja, hier endet Großmutter Gesines Tagebuch und der Enkel sitzt und
-grübelt, ob er wohl den heimlichen Wunsch der treuen Alten hat erfüllen
-können.</p>
-
-<p>Weder General noch Stadtsekretär bin ich geworden. Meine Behörde berief
-mich als Direktor an das Lyzeum in Birkholz.</p>
-
-<p>Mit Gott, Erne Sörensen!</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Nun möchte ich wohl den alten Folianten füllen.</p>
-
-<p>Die Winterabende sind lang und heimelig.</p>
-
-<p>Und ich darf meinen mächtigen Kamin mit Buchenscheiten heizen, und für
-die hungrigen schwarzen Öfen liegt Torf in Hülle und Fülle bereit.</p>
-
-<p>Meine Dienstwohnung ist einst ein Patrizierhaus gewesen, man hat die
-Speicher, die sich rings in einem großen Block angliederten, abgerissen
-und das Lyzeum hingebaut. Es ist durch einen überdachten Gang mit
-meinem Hause verbunden.</p>
-
-<p>Uralt das einstige Patrizierhaus, hochmodern der Lyzeumsbau, es paßt
-gar nicht zusammen. Äußerlich.</p>
-
-<p>Innerlich umfasse ich mit viel guter Liebe die jungen Menschlein, die
-sich tagsüber da drüben tummeln.</p>
-
-<p>Ach, die erstaunten, frohen, sonnigen, ernsten, fragenden Augen: wer
-bist du, plötzlich Hereingeschneiter? Und<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> was hast du mit uns vor???
-&mdash;&nbsp;&mdash; Es ist ein reiches Glück, was mir da in den Schoß gefallen ist.
-„Der rechte Mann am rechten Ort,“ sagte mir zum Abschied mein alter,
-gütiger Provinzialschulrat.</p>
-
-<p>Man wächst unter einem solchen Wort.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nicht vergraben, Kollege,“ war sein zweites. „Wer fremde Kinder
-erziehen will, muß ihre Umgebung studieren.“ Diese Mahnung werde ich
-mir oft vorhalten müssen. Denn ich dürste nach Einsamkeit.</p>
-
-<p>Hätte ich doch das Buch nicht verbrannt!</p>
-
-<p>Es war eine kindische Tat, und ich glaubte mich gereift durch Arbeit
-und Leid.</p>
-
-<p>Stünde das Buch noch in dem kleinen Mahagonischrank, ich hätte die
-Kraft, es verschlossen zu halten.</p>
-
-<p>Jetzt blättere ich in schlaflosen Nächten in den Seiten meines
-Gedächtnisses, vergesse nichts, schlage jede Seite auf, durchlebe,
-durchgrüble alles aufs neue.</p>
-
-<p>Und der Ärger grinst, und die Schadenfreude lacht und das Leid weint
-ätzende Tränen, die jede Lebensfreude mir zerfressen.</p>
-
-<p>Nichts ist tot von der Vergangenheit &mdash;&nbsp;&mdash; nichts als meine zwei
-goldlockigen Buben...</p>
-
-<p>Ich rufe nach ihnen, meine Hände greifen ins Leere&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der Wunsch der streitbaren Großmutter Gesine war nicht in Erfüllung
-gegangen.</p>
-
-<p>Die Wiege in Vaters kleiner Kate hörte nicht auf zu schaukeln. Aber ich
-blieb der einzige Goliath.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>Verhutzelt, braun, greisen- und zugleich zwerghaft erschienen
-mir alle meine Geschwisterchen, und sie verabschiedeten sich so
-grausam regelmäßig von dieser Welt, daß ich die Wehmutter bei
-jedem Neugeborenen gefragt habe: Wann stirbt’s? Und bei jedem der
-jämmerlichen Kindchen weinte die Mutter doch schmerzlich, wenn
-sie es hergeben mußte, weinte wohl auch über mich, der ich nie
-Geschwisterliebe kennen lernen sollte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Lebte da ein Verwandter mütterlicherseits in Erfurt, dem Herzen
-Thüringens. Der kam zum Viehkauf nach dem Norden und besuchte die
-Freundschaft.</p>
-
-<p>„Das ewige Gesterbse baßt nich for son Jungen,“ erklärte er. Und
-obgleich ich mich heftig sträubte als dickköpfiger Holsteiner, so
-verpflanzte er mich trotzdem.</p>
-
-<p>Damit mich das Heimweh nicht auffresse, warf ich mich auf die Bücher.
-In den Ferien kam ich ein- oder zweimal nach dem Elternhaus zurück.
-In der Erinnerung daran sind aber nur drei Punkte haften geblieben:
-die jedesmalige Besohlung meiner Stiefel durch Vaters Hand, eine
-schaukelnde Wiege und eine ganze Reihe kleiner Gräber auf dem
-verfallenen Gottesacker.</p>
-
-<p>Doch so wenig mein Elternhaus mir bot, es muß doch die „Größeste unter
-ihnen“ darinnen gewohnt haben, denn das Haus meines Thüringer Ohms
-dünkte mich liebeleer, wenn ich Vergleiche zog.</p>
-
-<p>Der kleine scheue Vater daheim in seiner stillen Besinnlichkeit, die
-fleißige, behende Mutter mit ihrem feinen, guten Humor...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p>Man hätte mich bei ihnen lassen sollen. Wer hat das Recht, Kinder von
-ihren Eltern zu nehmen?</p>
-
-<p>Man hat mir Steine statt Brot gereicht.</p>
-
-<p>Elternliebe ist das köstlichste Brot. Nun werde ich mein Lebtag hungrig
-sein.</p>
-
-<p>In den Osterferien, bevor ich ins Erfurter Seminar eintrat, machte ich
-eine frohe Burschenfahrt ins Tal der wilden Gera.</p>
-
-<p>Gerade im gesegneten Dörrberger Hammer sangen und tranken wir, da fing
-mein Herz schmerzhaft an zu zucken und zu schlagen...</p>
-
-<p>Und eh ich mich’s recht versah, lag mein Felleisen in einem Abteil 4.
-Klasse, und ich überzählte meine paar Pfennige, ob sie wohl auch zur
-Rückreise von der nordischen Heimat nach Erfurt reichen würden.</p>
-
-<p>Gerade recht kam ich.</p>
-
-<p>„Immer hat der Vater nach dir gerufen,“ weinte leise die Mutter. &mdash;
-Guter Vater! Du erkanntest mich noch. Mein Kommen rief ein Lächeln auf
-dein liebes Gesicht, dessen ich eingedenk bleiben werde. Weil es schön
-und seltsam war, und noch heute mein einsames Leben hell macht in der
-Erinnerung.</p>
-
-<p>Dann streicheltest du meine Hände, mein Gesicht, das sich über dich
-neigte. Rührend unbehilflich tatest du es, denn du mußtest eine äußere
-Zärtlichkeit gegen deinen Sohn erst in der Sterbestunde lernen.</p>
-
-<p>Und während du mich liebkostest, sagtest du leise und dringlich. „Nur
-fein deine Kinder das 4. Gebot lehren.“</p>
-
-<p>Das war dein letztes Wort. Du schliefst hinüber und<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> sahst auf dem
-Totenbett nicht mehr klein und scheu aus, sondern wie jemand, dem eben
-der Herrgott zugerufen hat: „Ei du frommer und getreuer Knecht, sei mir
-willkommen!“</p>
-
-<p>Die Mutter nahm ich mit mir. Jetzt erst weiß ich, was sie mir für ein
-Opfer brachte. Sie aber tat, als sei das Thüringer Land ihres Herzens
-Sehnsucht gewesen. Lachend mit hellen Augen entsagte sie der nordischen
-Heimat und ließ ihre alten Wurzeln umpflanzen. Immer aber, wenn der
-Mond aufstieg oder die Sterne funkelten, fragte sie angstvoll: Gelle,
-das sind doch dieselben wie oben bei uns?</p>
-
-<p>Dies „Gelle“ war das Einzige, was sie sich von den neuen Landsleuten
-angenommen hatte, es klang wunderlich weich neben ihrer scharf
-abgesetzten Holsteiner Sprache.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>So hielt sie der Gedanke froh und aufrecht, daß Sonne, Mond und Sterne
-auch über Schleswig-Holstein leuchteten, und jeden Abend trug sie dem
-Mond Grüße auf. Fast wie eine verliebte Deern. Sie galten aber den
-Gräbern droben im Norden, galten auch ol Pastor Truelsen oder Mudder
-Jensen, die unserer Familie früher in allen Nöten beigestanden
-hatten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nun müßte ich das Buch schließen. Müßte einen Riesensprung tun von
-der Vergangenheit bis auf den Marktplatz von Birkholz, da das alte
-Patrizierhaus steht und das neue Lyzeum.</p>
-
-<p>Wie ein besorgter Vater dem zaudernden Sohne, redet mir das verwitterte
-Wappen zu, das über dem einen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Mauerflügel steht. Immer muß mein
-Blick es treffen, sobald ich mich zur Arbeit niederlasse, sei es in
-der Schule oder an meinem Schreibtisch: Nun aber lasset alles hinter
-euch... Wer diesem steinernen Spruche folgen könnte!</p>
-
-<p>Über mich hat er keine Macht.</p>
-
-<p>Und noch kann ich den Sprung nicht wagen, der in die Ruhe führt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Einundzwanzig Jahre war ich alt.</p>
-
-<p>Ein Seminarist mit bestandenem Examen, einem eigenen Instrument im Arm
-und außerdem den Zukunftshimmel voller Geigen.</p>
-
-<p>„Nun bist du ein gemachter Mann,“ sagte meine kleine, behende Mutter,
-und in jedem frühen Fältchen ihres Antlitzes leuchtete der Stolz.
-Sie sagte auch der Frau Rätin am Anger 67 in der Post die Wäsche
-ab und schuftete dafür am nächsten Morgen von drei Uhr an. Denn
-Pflichtversäumnis kannte sie nicht.</p>
-
-<p>Aber heute an dem Ehrentage meines bestandenen Examens zog sie ihr
-schwarzes Gottestischkleid an, während sie sonst nur in schwarzseidener
-Schürze um meinen Vater trauerte.</p>
-
-<p>Wie ein Bild saß sie da und schaute durch das Fenster in das
-verglimmende Abendrot, die Hände unter der schmalen Brust gefaltet, und
-ein Leuchten lag auf ihrem Gesicht, als sähe sie in eine strahlende
-Zukunft. Als ich mich zu ihr setzen wollte, sprang sie behende auf und
-wischte den Sitz meines Stuhles eifrig ab für den „Herrn“ Sohn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p>Solche Mütter, wie die meine, sucht sich der Teufel aus, um sie durchs
-eigene Kind in den Staub zu ziehen.</p>
-
-<p>Die Mutter wußte, daß der Abend nach der Prüfung den Kameraden und dem
-fröhlichen Kommers draußen auf der Milchinsel gehörte.</p>
-
-<p>Rippenbraten und rohe Kartoffelklöße standen auf der Speisefolge und
-Erlanger Bier hieß der süffige Stoff, der unsere jungen Köpfe verdrehen
-sollte.</p>
-
-<p>Die Mutter lag schon im Bett, als ich ihr um 8 Uhr gute Nacht wünschte.
-Sie hatte mir nie etwas in den Weg gelegt, wenn ich abends ausging, es
-kam selten genug vor.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Damals richtete sie sich aus dem ersten Halbschlummer erschrocken hoch
-und rief angstvoll: „Och bliew doch to Hus!“</p>
-
-<p>Ich lachte, wie man mit einundzwanzig Jahren lacht, wenn das Leben
-lockt und der erste überwundene Berg hinter einem liegt. Gab ihr noch
-einen ungewohnten, unbehilflichen Kuß auf den ergrauenden Scheitel und
-stürmte fort...</p>
-
-<p>Um Mitternacht war mein Kopf wüst und heiß.</p>
-
-<p>Verschiedene Bürger, Handwerker, die für das Seminar arbeiteten, waren
-aus der Stadt gekommen und tranken mit ihren Frauen einen Schoppen,
-während wir zu den Klängen eines Leierkastens, dessen Besitzer wir mit
-Bratwürsten, Kartoffelsalat und etlichen Seideln verpflichtet hatten,
-mit den Töchtern gefühlvolle Walzer tanzten.</p>
-
-<p>Die schwarze Balianslisette war dabei.</p>
-
-<p>Das Mädchen war schön, üppig und dreist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>Der verwitwete Vater, Schmied Balian, hielt sein einziges Kind
-sonst jeder Freude fern. Man sagte, es seien ihm schon zwei Töchter
-verdorben. Er bewachte sie mit Späheraugen, und manch einer hatte eine
-harmlose Fensterpromenade schwer büßen müssen.</p>
-
-<p>An jenem Tage hielten ihn Freunde fest hinter seinem Stammseidel und
-die Lisette gehörte uns.</p>
-
-<p>Die Luft im mäßig großen Zimmer war unerträglich, schwül, voll Staub.
-Lisette saß dicht an mich geschmiegt, und ihre schwarzen Beerenaugen
-trieben ein tolles Spiel mit mir.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wir liefen hinaus in den dunkeln Garten, haschten uns, schrien,
-lachten...</p>
-
-<p>Dann plötzlich war ich allein mit der Lisette in der Kegelbahn... Wir
-küßten uns rasch, leidenschaftlich, wild.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein Streichholz glühte auf, eine Hand lag fest auf meinem Arm, und
-Schmied Balian sagte geruhig: „Ich wußte nicht, daß Sie der Lisette gut
-sind, bin’s aber zufrieden. Jetzt nach Haus, morgen komme ich zu Ihrer
-Mutter, ist ’ne brave Frau.“</p>
-
-<p>Er zog Lisette mit sich fort und ich taumelte nach Hause, ohne Hut,
-ohne Zahlung, ohne klare Gedanken.</p>
-
-<p>Am andern Morgen um 10 Uhr war der Alte mit der Tochter schon da.
-Meinen Kopf zersprengte der ödeste Katzenjammer. Lisette war blaß wie
-der Tod.</p>
-
-<p>Der Mutter konnt ich gar nicht in die Augen sehen.</p>
-
-<p>„Lassen wir das Pärchen mal allein,“ rief der Schmied<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> lustig, aber
-in seiner Stimme war ein tiefer, grollender Unterton, und seine Augen
-drohten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In der schmalen Schrankkammer umklammerte mich Lisette: „Sörensen, um
-Gottes willen, er schlägt mich tot, wenn du mich nicht nimmst...“ Ich
-stand zornig vor ihr.</p>
-
-<p>„So ein Frevel! Wir kennen uns ja gar nicht. Es war ein verdammter
-Rausch! Und wenn du weißt, wie dein Vater ist, mußt du die Leute nicht
-verrückt machen.“</p>
-
-<p>„Sörensen, er schlägt mich tot.“</p>
-
-<p>Nicht einmal meinen Vornamen wußte das Mädel. Ich lachte laut auf, und
-dabei schlugen meine Zähne im Frost zusammen.</p>
-
-<p>„Es ist doch nichts geschehen,“ rief ich. „Ein Kuß oder ein paar. Nimm
-doch Verstand an.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Für mich ist’s die größte Strafe,“ knirschte sie, „&mdash; ich hab einen
-andern gern...“</p>
-
-<p>„Schäm dich &mdash; o schäm dich!“</p>
-
-<p>Das war unsere Verlobung!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wenn ich in der Zeit meine Mutter nicht gehabt hätte...</p>
-
-<p>Mütter sind Helden...</p>
-
-<p>Kleines, versorgtes, vergrämtes Mutterchen, du warst der Heldinnen
-größte.</p>
-
-<p>Gabst mir Sonne und Wärme und Zuversicht.</p>
-
-<p>Gabst so viel Liebe für mich her, daß sie die ganze, weite Welt hätte
-füllen können, schafftest und sorgtest, als<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> seist du eine junge Deern,
-die für das eigene Glück arbeitet.</p>
-
-<p>Mutter, Mutter!</p>
-
-<p>Und deinen großen Jungen trugst du auf betendem Herzen. So ist er nicht
-verzweifelt.</p>
-
-<p>Einmal an einem regennassen Novembertag stürmt ich zum alten Balian.</p>
-
-<p>Ich wollt ihm sagen, daß ich den Schritt nicht tun könne. Daß ich es
-kläglich fände, zwei Menschen zusammenzusperren für Zeit und Ewigkeit,
-die nichts Gemeinsames haben als die unreife Jugend. &mdash; Niemals wollt
-ich mich verheiraten. Was ich verdiene, solle die Lisette haben, bis
-für sie einmal der Rechte käme...</p>
-
-<p>Der alte Balian lag schwer an Lungenentzündung. Er fieberte, war in
-einer andern Welt. Was wir von seinen leisen Worten aber verstehen
-konnten, war Freude über die Versorgung seiner Tochter.</p>
-
-<p>Dann starb er uns, und ich konnte die Verwaiste nicht verlassen. Denn
-es war nichts da.</p>
-
-<p>Die guten Erfurter schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, daß ein
-blühendes Geschäft so hatte vor die Hunde gehen können. Die schlechten
-Kinder waren der Rost gewesen, der an dem ehrlich erarbeiteten Gelde
-des Vaters fraß, und heimliche Wege war Schmied Balian gegangen, damit
-die Nachbarn und die Kundschaft nichts von seinem Verfalle merken
-sollten. &mdash; Was noch irgendwie ein Ansehen hatte von seinen Sachen,
-war verpfändet. Ein paar wurmstichige Möbel nahmen wir mit. Ich habe
-sie zu Brennholz zerhackt, und sie spendeten die einzige<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> Wärme, die
-ich dem Hause Balian zu verdanken hatte. Von Mutterchens armseligen
-Ersparnissen richteten wir die neue Lehrerwohnung ein. Sie lag in
-Einingen, tief in der Lüneburger Heide.</p>
-
-<p>Die Heide kann nur ganz Glückliche, kann nur selige, jauchzende,
-lachende Menschenkinder brauchen, oder ganz Unglückliche, von ihrem
-Gott Verlassene. &mdash; Ihre Riesenweiten muß man füllen können mit Liebe
-oder Haß, mit Jauchzen und Zittern, mit einer Welt von innerem Erleben.
-Gleichgültige Menschen oder solche, die nur Erdenschwere und Dumpfheit
-kennen, gehören in die Großstadt. Die Heide tötet ihnen Seele und Leib.</p>
-
-<p>Ein Unglücklicher war ich.</p>
-
-<p>Weil ich so jung war.</p>
-
-<p>Weil das Leben so ewigkeitslang vor mir lag.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als die Wasser der Verzweiflung über meinen Kopf zu schlagen drohten,
-stand ich eines Abends vor der Studierstube von Pastor Verden. Manche
-Predigt, die schön gesprochen und herzlich gemeint war, hatte ich von
-ihm gehört, aber der Lehrer Erne Sörensen war unaufmerksamer als der
-zerstreuteste Schuljunge und jeglich Wort fiel daneben.</p>
-
-<p>Ich entsinne mich aus jener Zeit, daß in Kopf und Herz nur die Fragen
-brannten: Was soll ich? Wohin? Wo ist Hilfe? Und keine Antwort fand.</p>
-
-<p>Nicht am Tage und nicht des Nachts. Nicht in Kirche und Schule. Nicht
-daheim, noch in weiter Heide.</p>
-
-<p>Mein Mutterchen war auf dem Posten.</p>
-
-<p>Damals ist ihr Gebet gewesen: „Lieber Gott, der<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Erne, mein großer
-Jung, will uns entlaufen. Jawohl, dir und mir. Da heißt’s aufpassen.
-Und fein gesund mußt du mich bleiben lassen, das siehst du wohl ein, du
-lieber Herrgott. Denn der Erne hat jetzt nur mich.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vor des Pfarrers Studierstube stand ich und wollte irgendeine
-Dorfangelegenheit mit ihm besprechen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es war garstiger Schneesturm, und jeder andere wäre daheim geblieben.
-Denn die Dorfangelegenheit war nicht wichtig. Aber mein ödes Zuhause
-und darinnen die junge, faule, zänkische Frau trieben mich häufig in
-die Weite der Heide oder auch in die Enge des Dörfleins.</p>
-
-<p>Und noch auf der hallenden Estrichdiele des Pastorats gellten die
-Fragen meines arbeitenden Hirns: Warum? Wohin? Wo ist Hilfe?</p>
-
-<p>Pastor Verden las laut sein Abendlied, und die schlichten Worte
-übertönten den Jammer meines Herzens:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Der Wolken, Luft und Winden</div>
- <div class="verse">Gibt Wege, Lauf und Bahn,</div>
- <div class="verse">Der wird auch Wege finden,</div>
- <div class="verse">Da dein Fuß gehen kann.&nbsp;&mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Da lehnte der lange Goliath Erne Sörensen seinen Kopf an die Tür und
-weinte bitterlich.</p>
-
-<p>Zum erstenmal seit der Kinderzeit und den kindischen Knabentränen. Ei,
-ei, ei!</p>
-
-<p>Der heraustretende Pfarrer schüttelte bedächtig den Kopf, und meine
-beiden Hände hielt er fest in den seinen.</p>
-
-<p>Und die Frau Pastorin mit dem gütigen Matronengesichtchen rief: „Du
-lieber Gott, der junge Herr Lehrer!<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>“ Und raunte dann: „Ob ich Essen
-bringe? Ob er Hunger hat?“</p>
-
-<p>Denn junge Lehrer und Hunger gehörten für sie zusammen. An diesem Abend
-fanden meine Hilferufe und wirren Fragen ihre Antwort. Ein großes
-Sorgenbündel ließ ich in dem altväterischen Ohrenstuhl der Studierstube
-zurück, und eine Freundschaft für Lebenszeit nahm ich mit mir.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich begann jetzt erst mein „Haus einzurichten“. Es ist ein tiefer
-Unterschied, ob man sich sein „Nest baut“ oder sein „Haus einrichtet“.</p>
-
-<p>Das erstere hatte ich verscherzt, als ich ein Mädchen ohne Liebe wählte.</p>
-
-<p>Aber ich hatte viel ehrlichen Willen, dies Unrecht gutzumachen. In
-meinen Freistunden bastelte ich allerhand Zierrat für unsere Stuben
-zusammen, ich handhabte die Axt und ersparte den Zimmermann. Die Mutter
-bekam von der Pastorin Blumenzwiebeln und -samen. An unsern Fenstern
-blühten Geranien und fleißige Liesel. Der Pfarrer führte mich feierlich
-bei den Dorfältesten und der Gemeinde ein, und da er sehr angesehen
-war, wurde ich’s auch, weil er seine Hand über mich hielt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und nichts schaffte ich an, ohne Lisette um Rat zu fragen. War ich
-des Hauses Haupt, so sollte sie das Herz sein. Meinen Jähzorn, das
-unselige Erbteil der Sörensen, bezwang ich und strebte danach, daß das
-Versöhnlichsein uns beiden zur lieben Gewohnheit würde.</p>
-
-<p>Dem toten Hause wollt’ ich unsern Atem geben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber es war kein Segen dabei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p>Lisette hatte für alles ein Lachen, an dem das meine langsam starb.
-Gern las ich abends den beiden Frauen vor, denn ich war stolz auf meine
-Bücherei. Diesen hochtönenden Namen gab ich meinen zwanzig Bänden,
-wobei ich Bibel und Gesangbuch noch mitrechnete. Mutter bekam helle
-und blanke Augen, wenn ich den Hungerpastor vorhatte, sie lachte wie
-ein frohes Kind über Fritz Reuter und konnte sich für Hans Krischan
-Andersen begeistern. Lisette aber gähnte und schlief ein, ohne sich
-doch durch Tagesarbeit den Schlaf verdient zu haben.</p>
-
-<p>Wir ließen sie vor uns das Bett aufsuchen, und kam ich dann ins
-Schlafzimmer, fand ich sie in kleinen schmutzigen Heften lesend... Als
-ich die Sachen verbrannte, erntete ich Schimpf und lodernden Zorn.</p>
-
-<p>Es kam eine Zeit, da ich die Hölle im Hause hatte.</p>
-
-<p>Die Mutter wurde ganz kümmerlich und weinte des Abends an meinem Halse.</p>
-
-<p>Sie hatte schlechte Tage unter Lisettens Herrschaft und tat doch allein
-alle Arbeit des Hauses.</p>
-
-<p>Und wieder danke ich es Pastor Verden, daß ich meinen Zorn niederrang
-und mich nicht vergaß. Denn die Dorfgemeinde schaute aufmerksam auf das
-Beispiel des Lehrerhauses.</p>
-
-<p>Lisette fühlte sich Mutter.</p>
-
-<p>Diese Zeit mag wohl in anderen Ehen etwas Köstliches bedeuten. Zwei,
-die Eins sind in Hoffen, Lieben, Glauben, in Ehrfurcht vor der
-Heiligkeit des Werdenden, im Stolz auf die Zukunft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p>Herrgott! Und bei uns nichts, nichts, was Herz und Sinn hätte erheben
-können.</p>
-
-<p>Hie und da brach eine jähe Zärtlichkeit bei Lisette hervor. So wild und
-ungestüm und zügellos, daß ich mich vor der Mutter schämte...</p>
-
-<p>Einmal küßte sie mich mit derbem Lachen, als gerade zwei Bauern bei mir
-waren, um sich Rat für ihre Kinder zu holen.</p>
-
-<p>Sie sahen scheel und ohne Verständnis auf die Lehrersfrau und
-entfernten sich eilends.</p>
-
-<p>Der Rat blieb ungesprochen, aber das Seltsame und Häßliche meiner Ehe
-trugen die Leute ins Dorf.</p>
-
-<p>Dann aber ward es Licht.</p>
-
-<p>Gott schenkte mir zwei Knaben. Einen großen Goliath &mdash; Erne und einen
-feinen, kleinen Jens.</p>
-
-<p>Außer mir war ich vor Glück.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mir schien alles klein und gering, was ich früher erlebt, gegen das
-unfaßlich Herrliche der Gegenwart.</p>
-
-<p>Ich war Vater. Vater von zwei Söhnen. Auch die Zukunft war wieder hell,
-denn ich hielt ja an jeder Hand einen Knaben und brauchte keinen Weg
-mehr einsam zu wandern.</p>
-
-<p>Und meine Jugend jubelte laut ihr Glück hinaus, bis Mutterchen
-ängstlich mahnend rief: „Du groten Jung! Swieg still! Du büst jo ganz
-ut Rand un Band. Süh de beiden Lütten! Wo se di ankiken. As ob se dien
-Öllern wiern un nich du.“</p>
-
-<p>Laut und fröhlich lachte ich und küßte beide Mütter.<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Die, die mich
-geboren, und die, welche mir meine Knaben schenkte.</p>
-
-<p>Und in der Nacht träumte mir, der Erne sei Kultusminister und der Jens
-Volksschulmeister. Und es war ein köstlich Zusammenarbeiten der beiden
-Brüder, und die ganze Welt und alle Schulen waren voll Glück.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Was nun ein schweres, grausames Geschick mir wuchtend auferlegte, das
-werde ich nur ganz kurz und sachlich buchen können. Einst schrieb ich
-es in das kleine Heft hinein, das nun verbrannt ist. Einst &mdash; damals
-als ich jung war.</p>
-
-<p>Damals wünscht ich mir „Flügel der Morgenröte“, um dem Herrgott zu
-entfliehen „und wanderte im finstersten Tal“...</p>
-
-<p>Jetzt weiß ich, daß er mich nie verlassen, noch verloren hat.</p>
-
-<p>Heute ist der Geburtstag meiner Knaben.</p>
-
-<p>Das wären jetzt aufgeschossene schlanke Bürschchen, wie ich selbst es
-war mit vierzehn Jahren.</p>
-
-<p>Sie würden mir bis an die Schulter reichen und zu mir sagen: Vater, wie
-sind deine Brauen und dein Bart so dunkel und deine Schläfen so weiß.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das kommt, weil ihr mich verlassen habt, meine Jungens...</p>
-
-<p>Nun, so bekomme ich diese Seiten nie zu Ende...</p>
-
-<p>Die Kinder gediehen und wuchsen wie die Bäumchen. Trotzdem Lisette
-ihnen die Mutterbrust verweigerte. Im<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Anfang war ich zornig, dann
-freute ich mich darüber. Ich bereitete fast jede Nahrung selbst für sie.</p>
-
-<p>So wurden sie ganz mein Eigen. Von der Schule lief ich zu den Knaben
-und von ihnen zur Schule.</p>
-
-<p>Und die allerbeste Kindsmagd hatten sie außerdem an der Großmutter. Die
-wurde noch einmal jung in der Kinderstube und besann sich auf Märchen,
-wie sie schöner nie ein Mund erzählt.</p>
-
-<p>Und der große und der kleine Erne saßen mit dem feinen, zarten Jens zu
-Füßen der Scheherezade und lauschten...</p>
-
-<p>Lisette aber war auch glücklich auf ihre Art.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie entlief oft tagelang dem „langweiligen“ Manne, den „langweiligen“
-Kindern, der „furchtbaren Öde“ der großen Heide.</p>
-
-<p>Sie vergnügte sich in der nahen Stadt, fand Freundinnen und Versucher...</p>
-
-<p>Ich wachte erst aus meiner Vater- und Kinderseligkeit auf, als Pastor
-Verden mich gewaltig rüttelte. Er nannte die Dinge, wie das Dorf sie
-besprach...</p>
-
-<p>Bis ins Herz erschrak ich.</p>
-
-<p>Und zwang mit eisernem Willen die junge, pflichtvergessene Mutter in
-mein Haus.</p>
-
-<p>Es wurde zur Hölle für uns alle.</p>
-
-<p>Nur eine hielt dieser Hölle stand. Sie war die verkörperte Liebe. Sie
-betreute das Haus, die Kinder, mich selbst, ja auch um die mürrische,
-zänkische Schwiegertochter warb sie täglich aufs neue. Nimmermüde war
-das Mut<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>terchen. Ich selbst lief allein oder später mit meinen Buben in
-die Heide.</p>
-
-<p>Lieben und verstehen lehrte ich sie die unendliche Weite und Stille.
-Die rote Blütenpracht im Sommer wurde ihnen zum Himmelsteppich, und
-alle Blumen der Welt reichten nicht heran an Holler und Ginster.</p>
-
-<p>Mit drei Jahren sprachen die Knaben ein reines gutes Hochdeutsch, und
-mit dem „Grodeli“, wie sie die Großmutter nannten, „snakten sie Platt“.</p>
-
-<p>Meine Buben waren mir alles und ersetzten mir alles, woran sonst ein
-junger Mensch sein Herz und seine Sinne heftet. Ich lachte, tollte,
-lernte und spielte mit ihnen, und wenn sie mir ihre Händchen hinhielten
-und ernsthaft meine Koseworte wiederholten: „Ja, Erne, wir sind
-zusammengeßmiedet“, dann dünkte ich mich der Königssohn im Märchen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nun rasch weiter und zu Ende.</p>
-
-<p>Es war Schützenfest in der Kreisstadt.</p>
-
-<p>Lisette war in fieberhafter Aufregung. Sie erzählte sogar den beiden
-Kindern von all den verlockenden Schaubuden, von Karussels und Löwen
-und drolligen Affen.</p>
-
-<p>Die aufgeweckten Bübchen horchten erstaunt und erfreut, die Mutter war
-so selten freundlich mit ihnen.</p>
-
-<p>„Laß mich doch mit den beiden hin!“ drängte Lisette. „Die Kinder werden
-ja hier ganz überspönig, sie müssen einmal unter andere Kinder. Ein
-großer Umzug mit brennenden Laternen soll da sein, &mdash; ich hab’s der
-Frau Diedrichsen so gut wie versprochen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Lehrer Diedrichsen war mir ein unlieber Kollege, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Frau als
-Freundin für Lisette durchaus ungeeignet. Ich schüttelte den Kopf, ein
-zorniger Blick traf mich.</p>
-
-<p>„Grad als ob mir die Kinder nicht <em class="gesperrt">auch</em> gehörten,“ schrie sie
-mich an. Da fingen Erne und Jens an zu weinen, und ich trug sie hinüber
-zur Großmutter, damit ihre jungen Augen nicht das entstellte Gesicht
-der Mutter sehen sollten und das furchtbarste Schauspiel für Kinder:
-Uneinigkeit der Eltern. Dann ging ich zurück zu Lisette und versuchte
-noch einmal mit Freundlichkeit und Ruhe ihr meine und ihre Stellung
-klarzulegen.</p>
-
-<p>Daß ein Lehrer würdigere Freuden kennen müsse als den Jahrmarkt in der
-fremden Stadt, und daß es einfach unsere Verhältnisse nicht erlaubten,
-das Geld so unnütz hinzuwerfen. Und die Kinder, die jungen zarten
-Knaben im Gewühle eines solchen Umzuges!</p>
-
-<p>Sie tobte, aber ich blieb ruhig und fest.</p>
-
-<p>Andern Tags hatten beide Bübchen starkes Fieber. Es war ein kalter,
-häßlicher November.</p>
-
-<p>Ich mußte mit dem Pfarrer und dem neuen Kreisschulinspektor über Land
-und trennte mich schwer von den Kindern. Aber Lisette schien selbst in
-Sorge um die beiden, das konnte ich wohl sehen. Sie gab sich auch Mühe,
-freundlich mit mir zu sein, es war wie Reue in ihr und mir war’s der
-Schimmer einer lichteren Zukunft...</p>
-
-<p>So ließ ich meine Frau am Bett der Kleinen und Mutter schlummernd im
-Lehnstuhl, was nicht oft vorkam. Aber sie kämpfte schon lange gegen
-eine böse Erkältung.</p>
-
-<p>Spät abends kam ich heim.</p>
-
-<p>Ich ging zuerst in Mutters Stube, um nicht mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> ganzen Nässe und
-Kälte der Novembernacht an die Bettchen der Kinder zu treten.</p>
-
-<p>Mutter schrak aus Fieberschlaf empor.</p>
-
-<p>„Die gute Lisette,“ lallte sie. „Warm eingepackt hat sie mich. Nicht
-rühren sollt ich und konnt ich mich. Und gut zugeredet hat sie mir. Daß
-ich sollt endlich einmal liegen bleiben und an mich denken. Den Bübchen
-geht’s besser. Schlafen alle zwei in die Gesundheit hinein. Und die
-Lisette hat sich auch hingelegt.“</p>
-
-<p>Ich kühlte der Mutter die brennende Stirn und dann ging ich ins
-Schlafstübchen.</p>
-
-<p>Herrgott! Herrgott!</p>
-
-<p>Die Betten waren leer.</p>
-
-<p>In der Kreisstadt fand ich nachts um drei Uhr meine Kinder wieder im
-Hause des Lehrers Diedrichsen.</p>
-
-<p>Der kleine Jens kannte mich schon nicht mehr. Am andern Tag zwang ihn
-die Bräune nieder. Die Fahrt über Land in schneidendem Novemberwind...</p>
-
-<p>Mein Erne wehrte sich länger. Er erzählte mir noch mit heiserer Stimme
-von den Löwen und Äffchen, von dem rasenden Karussel, wo man so übel
-drauf werde, von den brennend roten Stocklaternen. Diese ängstigten ihn
-furchtbar und verfolgten ihn.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Den ganzen nächsten Tag erzählte er mir noch...</p>
-
-<p>Dann reichte er mir das kleine heiße Händchen: Wir beide sind
-zusammengeßmiedet......</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p>Das war vor zehn Jahren. Ich habe Lisette nicht wiedergesehen. Was ich
-verdiene, schicke ich ihr bis auf wenige Abzüge.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Mutter blieb vorerst bei mir. Gott ewig Lob und Dank. Ihr rastloser
-Fleiß, ihre Liebe, ihre nimmermüde Fürsorge und ihr Vertrauen zu mir
-haben mir geholfen. Sie zeigten mir den Weg zur ernsten Arbeit. So
-konnte ich ein Jahr nach dem Heimgang meiner Knaben die Reifeprüfung am
-Gymnasium ablegen.</p>
-
-<p>In Kiel studierte ich, war dann in Lüneburg Kandidat und Oberlehrer.</p>
-
-<p>Da war Mutterchens Mission zu Ende.</p>
-
-<p>So meinte sie. Und sie packte ihre Sachen und zog wieder in unser
-Heidedörfchen. Dort sitzt sie in ihrem alten Hause, darinnen sie mich
-geboren, und wo unser guter Vater starb. In ihrem feinen Herzenstakt
-glaubte sie, die ehemalige Waschfrau könnte meiner Laufbahn im Wege
-sein. Und all mein beredtes Werben um sie und ihr Bleiben konnten ihren
-Entschluß nicht erschüttern.</p>
-
-<p>Der schwerwiegendste und letzte Beweggrund: „Mutter, ich brauche dich
-und deine Gegenwart wie das liebe Brot“, habe ich nicht ausgesprochen.
-Zu viel Opfer hatte mir schon die liebe Unersetzliche gebracht. Ich
-sah, wie ihr Herz und ihre Hände nach der engen Heimat, nach der alten,
-schwer entbehrten Arbeit verlangten. Eine tüchtige, alte Magd trat
-an ihre Stelle. Mein Körper war immer gut versorgt, die Herzspeise
-fand ich in Mutters kärglichen Briefen. Ich selbst schreibe zu ihr
-jeden Sonntag. Komme<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> mir beinahe wie ein Pfarrer vor, der seine
-Sonntagspredigt und Sonntagsstimmung vorbereitend genießt.</p>
-
-<p>Von Lisette erwähnen wir beide nichts.</p>
-
-<p>Ich weiß, daß Mutter meine Not begriff...</p>
-
-<p>Aber sie wurzelt auch wieder mit allen Fasern in den göttlichen
-Geboten. Der alte Lutherkatechismus vom Großvater her lag immer auf
-ihrem Bettischchen. Ich sah einmal, daß sie das vierte und das sechste
-Gebot mit leuchtend rotem Stift angestrichen hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Daß ich ihr den Schmerz meiner unglücklichen, häßlichen Ehe zugefügt
-habe, wird mich immer brennen...</p>
-
-<p>Von Lüneburg aus konnte ich oft die beiden kleinen Heidegräber
-aufsuchen, die Frau Pastor Verden mir betreut.</p>
-
-<p>Schlaft wohl, Erne und Jens Sörensen!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Auf dem Schulhof vom Birkholzer Lyzeum wirbelt und tost es, lacht es
-und schreit.</p>
-
-<p>Fräulein Nissen hat die Aufsicht.</p>
-
-<p>Sörensen, der an seinem Schreibtisch im Direktorzimmer sitzt, sieht
-gar nicht erst nach dem Stundenplan. Er weiß es sofort, als der
-ohrbetäubende Lärm auf dem Schulhof losbricht, und sagt es geruhig vor
-sich hin: „Natürlich die Nissen.“</p>
-
-<p>Dann erst tritt er ans Fenster und schaut kopfschüttelnd hinunter auf
-das Gewühl.</p>
-
-<p>Wie eine Henne, die Enten ausgebrütet, flattert die Lehrerin zwischen
-den Mägdlein umher, und wo sich eine<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> ruhige Gruppe bildet, wird sie
-aufgescheucht. Dabei scheint denn einige Disziplin in die Brüche zu
-gehen.</p>
-
-<p>Prachtvoll jung ist sie, die Bande da unten. Eben meint Sörensen, die
-Siebenjährigen stießen diese hellen Juchzer aus, es sind aber die
-Backfische aus der zweiten Klasse.</p>
-
-<p>Telse Lüders kräht wie ein junger Hahn.</p>
-
-<p>Fauchend steht Fräulein Nissen vor ihr, das Sündenregister scheint
-endlos zu sein.</p>
-
-<p>„Ei, so laß sie doch krähen!“ denkt Sörensen unpädagogisch.</p>
-
-<p>Denn der Schulhof ist ja eigentlich kein Hühnerhof. Aber der Direktor
-weiß, daß Telse Lüders das einzige junge Kind alter Eltern ist, der die
-Schule viel Freude und Jugendübermut ersetzen muß.</p>
-
-<p>Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse
-Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte
-flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt...</p>
-
-<p>Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen.</p>
-
-<p>Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer
-auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit.
-Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes,
-rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von
-Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft.
-Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an.</p>
-
-<p>Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehr<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>erbietig. Direktor
-Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp
-ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten
-Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine
-eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines,
-schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im
-raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen
-arg zerschunden hat.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht
-einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und
-bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen.</p>
-
-<p>Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das
-veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig
-anzusehen.</p>
-
-<p>„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös.
-Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber
-in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser
-gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die
-zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die
-Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im
-Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die
-beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren
-Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein
-Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein
-verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, &mdash; „diese Sörine Heidekamp ist noch mein
-Tod.“</p>
-
-<p>Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu
-lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. &mdash; Nein, Kollega, dies Getue
-allerneuesten Datums um Sörine <em class="gesperrt">von</em> Heidekamp, &mdash; vergessen Sie
-ja nicht dieses schmückende Beiwort, &mdash; also dies Getue läßt mich kalt.
-Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft
-ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“</p>
-
-<p>Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe
-mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im
-Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie
-wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“</p>
-
-<p>„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig
-die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den
-Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist
-er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner
-unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche
-Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen
-hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“</p>
-
-<p>Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet
-wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat
-und die Plätze eingenommen sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> verkündet sie die neuen Tadel im
-Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an.</p>
-
-<p>„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch
-schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie
-rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her
-und die Kinder krümmen sich vor Lachen.</p>
-
-<p>Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus
-irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es
-ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen
-verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken
-der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht
-berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der
-ersten Strophe:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„In schwarzer Nacht, auf roter Heid</div>
- <div class="verse">Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid.</div>
- <div class="verse">So gelb der Mond, so grau das Land,</div>
- <div class="verse">Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein,
-hinterher die ganze Klasse und dann &mdash; melde ich euch dem Herrn
-Direktor.“</p>
-
-<p>Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man
-hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor
-nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die
-zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen!</p>
-
-<p>Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers
-aus der neunten Klasse und ihr Vater<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> ein strenger Mann. Man munkelt,
-daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von
-Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden.</p>
-
-<p>„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz
-unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie
-auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und
-schmerzlich.</p>
-
-<p>„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch.</p>
-
-<p>Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch
-nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle
-so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“</p>
-
-<p>Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin
-Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt
-sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen
-Heidekamp nachzudenken.</p>
-
-<p>Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die
-abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter
-die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn
-jemand am Ersticken ist.</p>
-
-<p>Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen
-kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit
-Friedrichs des Großen...“</p>
-
-<p>Da läutet die Schulglocke.</p>
-
-<p>Und mit einem Radau ohnegleichen geht die zweite<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Klasse von der
-geistigen Entwicklung zur leiblichen, zur Frühstückssemmel, über.</p>
-
-<p>Fräulein Nissen rast ins Lehrerzimmer.</p>
-
-<p>Hier ist vorläufig nur die wortkarge, mit trockenem Humor begabte
-Oberlehrerin Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen anwesend. Sie schlürft
-eine Tasse Kakao und mustert über den Rand ihrer Tasse hinweg die Auf-
-und Abrennende.</p>
-
-<p>„Was fehlt Ihnen, Nissen?“ fragt sie.</p>
-
-<p>Fräulein Nissen haßt Verschiedenes auf dieser Welt, darunter auch die
-Eigentümlichkeit der Kollegin, sie mit dem Nachnamen anzureden.</p>
-
-<p>Aber sie weiß, daß es nichts nützt, wider den Stachel zu löcken, und so
-entschließt sie sich zur raschen Antwort: „Die zweite Klasse ist noch
-mein Tod.“</p>
-
-<p>„Das begreife ich nicht, Nissen. Ich würde der Bande gar nicht den
-Gefallen tun, mich durch sie töten zu lassen. Aber abgesehen davon, &mdash;
-Nissen, können Sie wohl ruhig bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß mir
-diese verlästerte Zweite die liebste von allen Klassen ist?“</p>
-
-<p>Nein, bei so einer hirnverbrannten Rede konnte Fräulein Nissen nicht
-ruhig bleiben. Sie schlug eine nervöse Lache auf und verdoppelte ihre
-Renngeschwindigkeit.</p>
-
-<p>„Ehe Sie sich aber auf den Schragen ärgern, Nissen, lassen Sie sich von
-mir die Rockborte annähen, es macht sich würdiger im Sarg.“</p>
-
-<p>„Fräulein Stavenhagen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;!“</p>
-
-<p>Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden einge<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>fädelt, hob die Nadel
-wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das
-Ganze haaalt!“ zu.</p>
-
-<p>Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein
-schattenhaftes Lächeln ab.</p>
-
-<p>„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den
-Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen
-mageren Stelzchen, &mdash; „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie
-vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘,
-sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein
-abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken
-gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für <em class="gesperrt">Sie</em>
-eingespannt.“</p>
-
-<p>„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen.</p>
-
-<p>„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie
-vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“</p>
-
-<p>„Erlauben Sie mal.“</p>
-
-<p>„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite
-Klasse trete, ernstlich sagen: <em class="gesperrt">Du</em> bist auch mal Kind gewesen,
-du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und
-O des Lehrers sein. Zweitens,“ &mdash; Fräulein Stavenhagen schaute
-spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und
-drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste
-ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“</p>
-
-<p>„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein wür<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>den. Aber nun ist
-Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen
-breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre
-Reize nicht verwirrt werden.“</p>
-
-<p>Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und
-begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao
-vollends aus.</p>
-
-<p>Das Lehrerkollegium betrat ziemlich vollzählig das Zimmer.</p>
-
-<p>Sie sprachen erregt durcheinander.</p>
-
-<p>„Ne, erlauben Sie mal,“ rief Oberlehrer Kahl, setzte sich mit einem
-Ruck an den Tisch, schlug auf die Platte und sprang wieder hoch, „das
-is <em class="gesperrt">nich</em> egal. Wenn ich was seit zwanzig Jahren in meiner Klasse
-eingeführt habe...“</p>
-
-<p>„Dann ist es die höchste Zeit, daß es mal geändert wird.“</p>
-
-<p>„Verehrteste Kollegin,“ rief Kahl spitz, &mdash; „ich pflege meine Sätze
-allein zu vollenden... Also, ich sage, wenn ich seit zwanzig Jahren was
-in meiner Klasse angeordnet habe, dann lasse ich es mir nicht von einem
-Neuerer einfach umstoßen.“</p>
-
-<p>„Sehr richtig,“ sekundierte ihm Professor Traute.</p>
-
-<p>„Ich weiß ja nicht, worum es sich handelt.“ Fräulein Stavenhagen
-blitzte Herrn Kahl ziemlich drohend an. „Ich höre nur immer
-<em class="gesperrt">meine</em> Klasse und da wollt ich gehorsamst und submissest fragen,
-<em class="gesperrt">welche</em> Klasse Sie meinen.“</p>
-
-<p>„Na, natürlich doch die Erste.“</p>
-
-<p>„So! Und mit welchem Recht?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<p>„Mit dem Recht, mit dem ich zwanzig Jahre lang die erste Klasse geführt
-habe.“</p>
-
-<p>„Mit dem einundzwanzigsten Jahr fängt aber <em class="gesperrt">mein</em> Recht und
-<em class="gesperrt">meine</em> Klasse an,“ trumpfte Fräulein Stavenhagen.</p>
-
-<p>„Spielen wir also mal meine Klasse, deine Klasse,“ lachte der junge
-Gesanglehrer Hansohm und seine Hände ahmten das Hasardspiel nach.</p>
-
-<p>„Zum Ulken sind wir nicht hier,“ verwies ihn Oberlehrer Kahl.</p>
-
-<p>Er kehrte mit Vorliebe den akademischen Standpunkt heraus und liebte es
-überhaupt nicht, wenn „Seminaristen“ sich einmischten.</p>
-
-<p>„Worum es sich handelt?“ wandte er sich an die Oberlehrerin. „Seit
-zwanzig Jahren steht die erste Klasse auf, wenn ich herein komme,
-seit zwanzig Jahren sagt sie langsam, laut und deutlich ‚Gu&mdash;ten &mdash;
-Mor&mdash;gen, &mdash; Herr &mdash; Ober&mdash;lehrer &mdash; Kahl‘ und jetzt kommt dieser&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;
-dieser&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Seminarist,“ rief Lehrer Hansohm boshaft dazwischen.</p>
-
-<p>„Dieser Herr Direktor,“ vollendete Kahl, „und führt Neuerungen ein.“</p>
-
-<p>„Wir sitzen ja auch gottlob nicht mehr in der Arche Noah, sondern im
-neuen Lyzeum.“ Fräulein Doktor sprach sehr energisch. „Und da die
-erwachsenen Mädchen in der ersten Klasse Stühle und Tische bekommen
-haben, so ist’s wie eine Erlösung, daß sie sich das Aufstehen endlich
-abgewöhnen. Man kann auch Haltung zeigen ohne aufzustehen und
-Lächerliches zu plärren.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“</p>
-
-<p>„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe
-hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu&mdash;ten
-&mdash; Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich
-ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu&mdash;ter Mond, du gehst
-so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“</p>
-
-<p>„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte
-ich meine Klasse nicht wieder.“</p>
-
-<p>„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder
-ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten,
-dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der
-jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt &mdash; Hampelmännchen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie <em class="gesperrt">bedauern</em>, daß
-diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der
-zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch
-mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert
-ist...“</p>
-
-<p>„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen,
-und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja
-doch nur dazu da &mdash;“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den
-Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen.
-Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: <span class="antiqua">a</span>) Erziehung zum
-Musikhören, <span class="antiqua">b</span>) die eigentliche Gesanglehre, <span class="antiqua">c</span>) Aneignung
-der im geistlichen und weltlichen Liede...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p>Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer.</p>
-
-<p>„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend.</p>
-
-<p>„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s,
-unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“</p>
-
-<p>Nun verschwand auch Fräulein Nissen und lachenden Antlitzes die
-anderen. Nur Fräulein Doktor und Lehrer Hansohm blieben zurück.</p>
-
-<p>„Kollege Hansohm, ist’s ein Geheimnis, was Sie mit der zweiten Klasse
-haben?“</p>
-
-<p>„Aber durchaus nicht. Die zweite Klasse hat mich <span class="antiqua">in corpore</span>
-bestürmt, mit ihnen die Müllerlieder von Schubert einzuüben. Als ich es
-ihnen abschlug, weil es nicht zum Pensum gehört (hier verdrehte Hansohm
-die Augen), baten sie mich flehentlich, und Sie wissen, <em class="gesperrt">wie</em>
-die zweite Klasse fleht, daß ich ihnen die Müllerlieder wenigstens
-vorsänge, &mdash; und das habe ich getan. &mdash;“</p>
-
-<p>„Die Glücklichen,“ sagte Fräulein Doktor leise, und ihr verblühtes
-Gesicht sah mit einem Male jung aus. „Menschenskind, warum sind Sie
-nicht Sänger geworden? Mit Ihrer herrlichen, gottbegnadeten Stimme...“</p>
-
-<p>„Reden wir nicht davon,“ unterbrach er sie rauh. „Oder ja, &mdash; wenn es
-Sie interessiert, &mdash; das Geld fehlte, Freunde fehlten, Verständnis
-fehlte. Dazu kam die närrische Liebe zum Lehrerberuf, das glühende
-Verlangen, Kinderstimmen auszubilden, dieses zarte, gottgegebene
-Material nicht verschandeln zu lassen...“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor streckte ihm die Hand hin. „Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>lob, daß wir Sie hier
-haben. Und gestern, &mdash; da hätt’ ich dabei sein mögen...“</p>
-
-<p>„Dann hätt’ ich Eintrittsgeld genommen.“ Der Ernst war schon wieder
-verscheucht. „Nur die zweite Klasse hat freien Zutritt. Meine Zweite!
-Das ist so ’ne Marotte von mir. Und sollt’ ich mal irgendwo singen,
-öffentlich, wohltätig oder verheerend, und der Herr Oberlehrer Kahl (um
-ja nicht ‚Kollege‘ zu sagen) sollte zuhören, dann knöpf’ ich ihm 25
-Mark ab, jawohl, wie der Jadlowker in Berlin.“</p>
-
-<p>„Aber gestern, gestern,“ drängte Fräulein Doktor und sah nach der Uhr,
-„wo steckt denn nun das Verbrechen der zweiten Klasse?“</p>
-
-<p>„Haben Sie ’ne Ahnung!“ Hansohm sah sie komisch verweisend an. „Das
-ist doch eben meine Schmach und die dieser verdorbenen Kinder! Aus
-den Müllerliedern hat der Kahl ‚Liebeslieder‘ gemacht. Na, freilich
-sind’s Liebeslieder, es sind dank dem Göttersohn Schubert <em class="gesperrt">die</em>
-Liebeslieder schlechthin. &mdash; Also des Pudels Kern ist: die zweite
-Klasse hat um Liebeslieder gebeten, und der Schurke Hansohm hat sie
-ihnen verzapft.“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor warf sprachlos beide Arme in die Luft.</p>
-
-<p>„Gerade als Kahl am Singsaal vorbeiging, schmetterte ich: ‚Dein ist
-mein Herz und soll es ewig bleiben‘, meinte aber nicht Kahl...“</p>
-
-<p>„Mein herzliches Beileid,“ brummte Fräulein Doktor. „Na und nun weiter?
-Was soll aus dem Quark werden?“</p>
-
-<p>„’ne Konferenz. Ausgerechnet ’ne Konferenz.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p>„Ich finde das auch richtig,“ fiel eine salbungsvolle Stimme ein. Die
-beiden drehten sich hastig um.</p>
-
-<p>Professor Traute saß ganz zusammengedrückt hinter einem großen
-Schreibtisch mit hohem Aufsatz.</p>
-
-<p>„Ach so!“ Fräulein Doktor lachte schneidend. „Na, da wissen wir ja Ihr
-Glaubensbekenntnis schon vor der Konferenz.“</p>
-
-<p>Lehrer Hansohm sah ganz unglücklich drein.</p>
-
-<p>„Mir ist es ja nur so schaudervoll, höchst schaudervoll, daß dem neuen
-Direktor gleich so ein Elektrizitätswerk über uns angeknipst wird,“
-seufzte er. „Ich hätte dem Manne zu gern die Illusion gelassen, nicht
-die Spitze einer Schöppenstädter Kleinkinderbewahranstalt zu sein.“</p>
-
-<p>Die Schulglocke klingelte.</p>
-
-<p>Professor Traute schob sich eilends auf den Vorsaal. Hier prallte er
-unsanft mit Direktor Sörensen zusammen, welcher rasch etwas aus dem
-Lehrerzimmer holen wollte. Traute entschuldigte sich wortreich unter
-tiefen Verbeugungen und trat dann zu Oberlehrer Kahl, dem er zuraunte:
-„Dieser Hansohm ist ein Fuchs und ein Schwätzer dazu, werde Ihnen auf
-dem Nachhauseweg erzählen, Kollege... Und der neue Direktor &mdash; hm &mdash;
-&mdash; merkwürdig, hä hä &mdash; wenn mich nicht alles täuscht, hat der am
-Lehrerzimmer gehorcht vorhin, &mdash;&nbsp;&mdash; als ich die Tür aufriß, stießen wir
-förmlich aufeinander...“</p>
-
-<p>„Ist die Möglichkeit! Ei ei &mdash; sieh, sieh...“</p>
-
-<p>Die beiden Biedermänner gingen in ihre Klassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der Singsaal im neuen Lyzeum von Birkholz war ein prächtiger Raum.</p>
-
-<p>Wenn man darinnen saß und seine Augen wandern ließ, dann dachte man
-wohl, der Baumeister müsse zugleich ein rechter Jünger der heiligen
-Cäcilie gewesen sein.</p>
-
-<p>Und man dachte recht.</p>
-
-<p>Baurat Steinbrück stammte aus Thüringen und war in dem architektonisch
-reichen Städtchen Birkholz „hängengeblieben“. Er spielte alle
-bekannten Instrumente und noch ein paar darüber, er sang im Chor der
-Martinskirche und in der Birkholzer Singakademie und hätte es gern
-gesehen, wenn die Magistratssitzungen, denen er als Stadtverordneter
-beiwohnte, im Opernstil getagt hätten. Seinem unablässigen Werben und
-Wirken verdankte Birkholz den akkustisch vollendeten Raum, in dem die
-Kinderstimmen der Stadt von dem feinsinnigen Musiker Hansohm geschult
-wurden.</p>
-
-<p>Ein guter Stern leuchtete über dem Singsaal.</p>
-
-<p>Denn während alle anderen Räume des Lyzeums kahl und schulmäßig
-dreinschauten, bekam der Singsaal bei der Einweihung drei Paten, die
-segnend die Hände über ihn hielten.</p>
-
-<p>Der eine war der Inhaber des großen „Spezerei- und Gemischtwarenladens
-Dingelmann und Sohn“, der, wie er von sich selbst sagte: „Längst zum
-größten Delikateßgeschäft und zur bekanntesten Wurstfabrik gediehen“,
-doch noch aus Pietät die wunderliche Geschäftsbezeichnung über seiner
-Tür beibehielt. Der zweite war der „Kammer<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>herr“, wie man kurzweg den
-alten Sonderling Freiherrn von Heidekamp auf Heidekamp-Birkholz nannte,
-und der dritte Pate war eine Patin, ein altes Fräulein Tingleff, das
-seit vierzig Jahren im zweiten Stockwerk des Hauses Dingelmann und
-Sohn wohnte. Seit vierzig Jahren, man sagte, seit dem Tage, da sie dem
-alten, damals sehr jungen und sehr blonden Dingelmann ihre begehrte
-Hand verweigerte, zankte sie sich mit ihrem Wirt und konnte sich doch
-nicht von ihm fortfinden.</p>
-
-<p>Und seit vierzig Jahren überboten sich die beiden „Feinde“ im Wohltun
-für die Stadt Birkholz.</p>
-
-<p>Da nun das wunderliche Fräulein Tingleff fand, der neue Lyzeumsingsaal
-sei viel zu hell und werde all die sonnigen Kinderaugen in Grund und
-Boden verderben mit seinem kalten Licht, so „stiftete“ sie ein buntes
-Fenster, das die heilige Cäcilie darstellte.</p>
-
-<p>Der Chef der Firma Dingelmann und Sohn konnte darüber auch nicht eine
-einzige Nacht schlafen, sondern ging stracks zu Herrn Lehrer Hansohm,
-um ihn um Rat zu fragen. Und so stand schon nach vierzehn Tagen ein
-von Dingelmann gestifteter Bechsteinflügel im Saal. Und nach weiteren
-vierzehn Tagen begann man mit der Aufstellung einer wunderschönen
-Estay-Orgel, die Freiherr von Heidekamp für den Singsaal notwendig
-hielt. Und Lehrer Hansohm war darüber so glückselig, daß ihm die Augen
-naß wurden.</p>
-
-<p>Die scharfen Blicke des Orgelstifters, welcher der Aufstellung
-beiwohnte, entdeckten die verleugneten und rasch beseitigten Tränen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p>Sie gefielen ihm inmitten der öden Trockenheit, mit der die große
-Schule bisher geleitet wurde.</p>
-
-<p>Und der Mann gefiel ihm auch.</p>
-
-<p>Das sagte er ihm freilich echt heidekampisch:</p>
-
-<p>„Lieber Herr Schulmeister, Lehrer müssen sein, weil sie der Herrgott
-als eine der sieben Landplagen auf der Erde vergessen hat. Mir kommt
-keiner über die Schwelle, aber Sie...“</p>
-
-<p>Und nach einer längeren, für Hansohm halb peinlichen, halb
-interessanten Pause hatte der Kammerherr ihn ohne weiteres am Rockknopf
-zu sich herangezogen.</p>
-
-<p>„Meine Enkelin, die Sörine, der lüttje Katheiker, hat mir viel, viel
-Liebes von Ihnen erzählt, Herr Schulmeister, ich &mdash; ich danke Ihnen.“</p>
-
-<p>„Aber, Herr Baron, ich weiß nicht...“</p>
-
-<p>„Sie brauchen auch gar nichts zu wissen, &mdash; setzen Sie sich lieber hin,
-und spielen Sie mir ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott‘, den Choral der
-Choräle. Ich muß doch etwas von meiner Stiftung haben.“</p>
-
-<p>Und Klaus Hansohm hatte die Register der neuen Orgel gezogen, und alle
-Heimchen am Herde des neuen Lyzeums waren aufgewacht und lauschten, und
-die heilige Cäcilie im Buntfenster lächelte.</p>
-
-<p>Und auf den Schwingen des mächtigen Liedes fanden sich ein wunderlicher
-Alter aus dem Uradel des Landes und ein junger Stürmer aus dem Volke zu
-einer seltsamen, guten Freundschaft zusammen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das war vor Wochen gewesen.</p>
-
-<p>Heute war der neue Singsaal, die heilige Cäcilie<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> und der
-Bechsteinflügel schon eine alte Sache, und man sah sich nicht mehr
-danach um.</p>
-
-<p>Die Kränze und Girlanden waren verwelkt und abgenommen, und die weißen
-Festkleider mit den schwarz-weiß-roten und blau-weiß-roten Schärpen
-hingen längst wieder in den Schränken. Aber etwas seltsam Feierliches
-und Festliches war dem Singsaal doch verblieben.</p>
-
-<p>Darüber hatte noch niemand gesprochen, aber die jungen Seelchen spürten
-es, und es steckte sicherlich in den Pfeifen der Orgel und den Saiten
-des Flügels und in dem Lächeln der heiligen Cäcilie.</p>
-
-<p>„Nun wollen wir recht schön die Tonleitern singen,“ sagte Lehrer
-Hansohm zur zweiten Klasse, „und wenn die so recht perlend fließen,
-dann...“</p>
-
-<p>„Schubertlieder! Schubertlieder!“ zwitscherte es flüsternd durch die
-Reihen, und Sörine Heidekamp machte sich zum Mund der ganzen Klasse,
-hob den Finger und sagte laut und selbstverständlich: „Dann singen Sie
-uns wieder Schubert.“</p>
-
-<p>Hansohm wehrte entsetzt ab. „Aber, meine Damen, wo denken Sie hin,“
-rief er pathetisch.</p>
-
-<p>Dann wurde er mit einem Male ganz ernst: „Wir wollen den schönen Tag
-der Schubertlieder in lieber Erinnerung behalten, aber ihr müßt nicht
-wieder quälen.“</p>
-
-<p>Die Kinder sahen sich ängstlich und verstohlen an und schauten arg
-verstört auf den Lehrer, der ihnen heute unverständlich schien.</p>
-
-<p>Sörine Heidekamp, die am wenigsten vermochte, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> unverstandenen
-Geschehnissen heimzugehen, stand wieder auf und fragte eindringlich:
-„War es etwas Unrechtes?“</p>
-
-<p>„Nein, Sörine, dann hätte ich es ja nicht getan.“</p>
-
-<p>„Großvaterli sagt, Sie hätten uns etwas außerordentlich Wertvolles
-gegeben, und wir dürften es nie vergessen.“</p>
-
-<p>Dem jungen Lehrer stieg etwas in der Kehle hoch und er brauchte
-ein paar Augenblicke, um die Stimme zu meistern. Dann aber rief er
-fröhlich: „Ja, mein liebes Kind, wenn wir lauter Großvaterlis auf der
-Welt hätten.“ Da wär’ es leicht, Singlehrer am Lyzeum zu Birkholz
-zu sein. Den letzten Satz <em class="gesperrt">dachte</em> er aber nur. Und nun sangen
-sie eine halbe Stunde Tonleitern und übten dann an einem kunstvollen
-Singspiel, die Maienkönigin genannt. Sörine Heidekamp sollte
-Maienkönigin sein, und es war niemand unter den vielen Mädels, das ihr
-die große schöne Rolle neidete.</p>
-
-<p>Eine so wunderschöne Singstunde wurde es, daß man sogar das Läuten der
-Schulglocke überhörte.</p>
-
-<p>Da steckte auf einmal der neue Herr Direktor <span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen den
-Kopf zur Tür herein und rief ganz lustig: „Feierabend, Herr Kollege.“</p>
-
-<p>Und er trat ein und gab jedem Mädchen die Hand und ließ sich den Namen
-nennen. Und er betrachtete Sörine Heidekamp, die ihm als schwarzes
-Schäflein genannt worden war, sehr eindringlich mit seinen scharfen,
-grauen Augen, und sie gab ihm den Blick sehr eindringlich und forschend
-zurück. Zum Schlusse mußten sie ihm noch ein dreistimmiges Lied
-vorsingen, ein Heidelied wünschte er sich und lauschte mit gefalteten
-Händen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Über der braunen Heidefläche</div>
- <div class="verse">Brütet der Sonne brennendes Licht,</div>
- <div class="verse">Daß sie mein müdes Auge nicht steche,</div>
- <div class="verse">Duck’ ich mich unter Wacholder dicht.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Und er breitet um mich seine Zweige</div>
- <div class="verse">Zärtlich raunend im Heidewind,</div>
- <div class="verse">Daß es mir ist, als ob sich neige</div>
- <div class="verse">Meine Mutter über ihr Kind.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Man fühlte, so hatte man dieses Lied noch nie gesungen, und man war
-stolz, wie sich der Herr Direktor darüber freute.</p>
-
-<p>Bis der Schuldiener Harks gelaufen kam.</p>
-
-<p>Der war ein Original und fürchtete sich weder vorm Teufel, noch vor der
-hohen Obrigkeit.</p>
-
-<p>Trocken meldete er: „Es ist halb eins und gegen die Schulordnung.“</p>
-
-<p>Da lachte der Direktor herzlich und klopfte dem alten, grimmigen Harks
-auf die Schulter, und der machte mit eins ein ganz frohes Gesicht.</p>
-
-<p>Denn es war etwas Neues, was er da hörte. Weil in all den Jahren, die
-er in Birkholz wirkte, nicht gelacht worden war im Lyzeum. Deshalb lag
-ja auch der Schulstaub so massig und schier unbeweglich und lastete auf
-dem Gebäude wie ein Sargdeckel.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Gehen wir noch ein Stückchen zusammen, Kollege?“ fragte Direktor
-Sörensen, „ich nehme immer gern ein paar Atemzüge frischer Luft, ehe
-ich mich zum Mittagsmahl setze. Und da Sie Junggeselle sind, kommt es
-Ihnen wohl nicht so auf die Verspätung an.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p>Hansohm verbeugte sich. „Bin eigentlich nur ein halber Junggeselle,
-Herr Direktor, denn ich habe meine Schwester bei mir. Die schwingt das
-Szepter der Pünktlichkeit und erzieht ihren Bruder.“</p>
-
-<p>Eine Wolke flog über sein offenes Gesicht. „Aber heute bin ich
-ausnahmsweise auf das Gasthaus angewiesen. Meine Schwester ist oft
-leidend. In solchen Fällen erlaube ich es nicht, daß sie am Herd steht.“</p>
-
-<p>„Ei, so werden wir jetzt einen kurzen Heidespaziergang machen und dann
-essen Sie bei mir. Habe ich auch weder Mutter noch Schwester zu Hause,
-so ist doch Frau Dietz die Perle einer Wirtschafterin.“</p>
-
-<p>Klaus Hansohm schlug ein in die dargebotene Hand.</p>
-
-<p>Rasch schritten die beiden Herren aus.</p>
-
-<p>Die ganze Herbheit des Vorfrühlings lag über der Heide. Licht und klar
-war der Himmel, und der April schien seine Launen zu verleugnen. Über
-eine alte Steinbrücke wanderten sie, darunter die klare Luhe rieselte.
-Kraftstrotzende Baumäste breiteten sich darüber.</p>
-
-<p>„Nun fangen die Weiden zu blühen an,“ sang Hansohm und warf seinen Hut
-in die Luft wie ein Schuljunge. Er vergaß offenbar ganz, neben wem er
-ging, und Erne Sörensen war nicht willens, zu kopfschütteln und den
-Vorgesetzten herauszubeißen. Diese frische Jugend da neben ihm durfte
-außerhalb der Schule urwüchsig sein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sie müssen mich ein wenig orientieren,“ bat Sörensen. „Wie heißt das
-Gewese dort rechts, wie nennt sich weit am Horizont das Dorf mit dem
-ragenden Kirch<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>turm? Und der Hügel dort links &mdash; ist’s ein Hünengrab
-oder steht ein verfallener Wartturm darauf?“</p>
-
-<p>„Beides, Herr Direktor. Die Topographie ist rasch erledigt. Alles,
-was Sie sehen, möcht’ ich fast sagen, ist Heidekampisch. Bis auf den
-Himmel, der immer noch dem lieben Gott gehört.“</p>
-
-<p>„So, so, von Heidekamp-Birkholz. Ich wundere mich baß, daß dieser
-reiche Grundherr sein Enkelkind in so demokratischer Umgebung erziehen
-läßt, wie unser Birkholzer Lyzeum ist.“</p>
-
-<p>„Es wird alles wohlüberlegt von ihm sein,“ meinte Lehrer Hansohm. „Die
-kleine Sörine soll nicht weltfremd aufwachsen. Sie soll genau wissen,
-wieviel Divisoren es in der Welt gibt, auf daß sie diese Kenntnis bei
-ihrem Reichtum verwertet und nicht in den Tag hineinlebt. Und das tut
-sie auch nicht, weiß Gott. Ihre Augen gehen durch Mauer und Holz.“</p>
-
-<p>„Man sollte meinen, Kollege, Sie sprächen von einer reifen Frau
-und nicht von einem Kinde, einem Backfischchen, einem unbotmäßigen
-Rädelsführer der arg berüchtigten zweiten Klasse.“</p>
-
-<p>„Das ‚Kind‘ lasse ich gelten, ein reines, liebes Kind ist die Sörine,“
-sagte Hansohm warm. „Alle anderen Bezeichnungen lehne ich ab. O Herr
-Direktor, wie freue ich mich, wenn Sie erst all das Neuland durch Ihre
-eigene Brille sehen werden! Jetzt ist es noch die aufgezwungene von
-Kahl und Genossen...“</p>
-
-<p>„So scharf, Kollege? &mdash; Aber ich freue mich, daß die geschmähte
-zweite Klasse ihren Ritter ohne Furcht und<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Tadel gefunden hat. Ein
-Idealist in der Schule oder besser im Lehrerzimmer wirkt gewöhnlich
-wie Sauerteig. Übrigens habe ich jetzt auf dem kurzen Wege durch
-die verschiedenen Begegnungen, sowie des öfteren in der Schule die
-Beobachtung gemacht: Sie sind ein rechter, echter Kinderfreund,
-Kollege?“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, ich bin <em class="gesperrt">Lehrer</em>.“</p>
-
-<p>„Und der Überzeugung, ich seh’s Ihnen an, diese Begriffe müßten sich
-immer decken? Wie ist das erfrischend für mich. Wie wertvoll der
-heutige Spaziergang.</p>
-
-<p>Ich mache kein Hehl daraus, daß ich noch tastend und suchend in diesem
-Birkholz herumwandre, ich möchte weder durch rosenrote, noch durch
-geschwärzte Brillen schauen, ein möglichst wahrhaftiges Bild mit allen
-Licht- und Schattenseiten wäre mir das liebste.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, die altertümliche Stadt ist entzückend. Und die
-Birkholzer Heide hat Gott in einer Feiertagsstunde geschaffen.“ Hansohm
-sah mit dürstenden Augen auf seine Heimat. „Auch die herzbraven
-Menschen, die unter der gleichfalls vorhandenen Minderwertigkeit
-doppelt hervorleuchten, werden sich rasch in Ihr Herz und Ihre Liebe
-hineinstehlen.“</p>
-
-<p>„Und das Lyzeum, das Kollegium, die zweihundertfünfzig anvertrauten
-Kinder? Kollege Hansohm, helfen Sie mir, den Pessimisten Sörensen
-einzuschläfern...“</p>
-
-<p>„Den Pessimisten? Bin ihm ja noch gar nicht begegnet ...“</p>
-
-<p>„Doch, doch, er ist nicht ganz wach, &mdash; aber Kahl und Genossen könnten
-ihn rütteln...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p>„Ich fürchte sie nicht mehr. &mdash; Herr Direktor, Sie sind sehr gütig
-mit mir gewesen, &mdash; man hat mich all mein Lebtag nicht verwöhnt mit
-Güte, aber erst recht nicht den Seminaristen im Lyzeum von Birkholz.
-Und nun kommt mit Ihnen plötzlich etwas herein, das aussieht wie
-Morgenrot und Sonne... alle Fenster in den muffigen Schulstuben will
-ich aufsperren...“</p>
-
-<p>Mit frohem Gesicht sah Sörensen auf seinen jungen Begleiter: „Warum
-haben Sie nicht geheiratet, Kollege? Oder ist die Frage unzart? Macht
-sie Ihnen Beschwer? Dann antworten Sie nicht.“</p>
-
-<p>„Nein, nein, ich habe nichts zu verhehlen. Ich fürchte nur, ausgelacht
-zu werden, Herr Direktor... Ich, ich mache nämlich zu hohe Ansprüche an
-meine Zukünftige, deshalb fand ich noch nicht die Rechte.“</p>
-
-<p>„Zu hohe Ansprüche?“ fragte Sörensen sinnend...</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor. Nicht auf Grund meines Einkommens von 1500 Mark,
-das bewahrt mich immer erfolgreich vor Größenwahn. &mdash; Aber &mdash; ich hatte
-kein gutes Elternhaus. Mein Vater war Volksschullehrer und hatte sich
-in unreifen Jünglingsjahren, sagen wir’s hart heraus &mdash; verplempert.
-Die Mutter... ersparen Sie mir die Schilderung &mdash;. Sie trieb den Vater
-in Trunk und Schande. Nun, mich hat das alles erzogen. Auf dem Seminar
-stopfte ich mir Watte in die Ohren, um den Sirenen zu entgehen. Es war
-damals manch eine, die hinabziehen konnte...“</p>
-
-<p>Hansohm hielt erschreckt inne, denn sein Direktor sah mit einem Male
-fahl und blaß aus. Dazu klang die Stimme<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> seltsam und gepreßt: „Und
-doch konnten Sie sich die sonnigen Augen erhalten? Konnten so fromm und
-voll Liebe auf Ihre Heimat sehen? Wer lehrte Sie das, Kollege Hansohm?“</p>
-
-<p>„Frau Musika, Herr Direktor. Sie ersetzt mir das Weib... Und,“ fügte er
-mit trocknem Humor hinzu, „Kinder gebar mir ja das Lyzeum, 250 Stück.
-&mdash;“</p>
-
-<p>„Die Spottdrossel hat bei Ihnen ihr Nest dicht neben der Nachtigall,“
-sagte Sörensen ernst, „&mdash; aber ich höre das Duett gern. Kollege, &mdash; Sie
-werden einem Einsamen manchmal eine Stunde schenken, wollen Sie?“</p>
-
-<p>„Von Herzen gern!“ Aber Hansohms Auge streifte besorgt das tief
-verfinsterte Gesicht des Vorgesetzten.</p>
-
-<p>Die Herren schritten durch das Steinere Tor ins Städtchen. Am
-Torpfeiler hatte eine Blumenfrau ihren Stand, und Direktor Sörensen
-wählte Weidenkätzchen und gelbe Osterblumen zu einem großen Strauß.</p>
-
-<p>„Die bekommt Ihre Schwester. Sie zürnt mir sonst, daß ich den Bruder
-jetzt erst bringe und dann gleich wieder entführe.“</p>
-
-<p>„O Herr Direktor!“ Ein rasches Erröten, das den jungen Lehrer gut
-kleidete, flog über sein Gesicht und stieg bis in das blonde Haar
-hinauf.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Da sind wir schon.“ Klaus Hansohm öffnete eine Tür. Der helle
-Dreiklang eines Glockenspieles tönte. Ein winziger Flur mit einer
-altmodischen messingbeschlagenen Kommode und ebensolcher Uhr tat sich
-ihnen auf. Eine klangvolle, junge Stimme rief: „Bist du es, mein Junge?“</p>
-
-<p>Und dann öffnete sich ein Raum und auf der Schwelle<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> stand ein junges
-Mädchen, ein entzückend schöner Kopf auf armem, verwachsenem Körper.</p>
-
-<p>In die durchsichtig weißen Hände legte Direktor Sörensen seine Blumen,
-und die Augen der Kranken lächelten. Dann führte er sie sorgsam zu dem
-altmodischen Ohrenstuhl, der am grünen Kachelofen stand.</p>
-
-<p>„Sie haben hier ja ein wahres Raritätenkabinett,“ scherzte er. Und
-zeigte bewundernd rings herum auf die alten Stahlstiche und schön
-geschwungenen Möbel. „Das ist ja Urväterhausrat. Ich beneide Sie. &mdash;“</p>
-
-<p>„Das hat mir alles der Klaus hier zusammengetragen. Alles ist ihm Bild
-und Rahmen und dann macht er noch die Musik dazu.“ Sie lächelte zu dem
-Bruder hinüber mit rührendem Stolz.</p>
-
-<p>Die Herren hielten sich nicht lange auf.</p>
-
-<p>Aber die Zeit genügte doch, um das Stübchen der Leidenden licht zu
-machen. Und die ritterliche Art des fremden Mannes ließ einen Schimmer
-zurück von dem, was die Welt da draußen Glück und Jugend nennt.</p>
-
-<p>Lehrer Klaus Hansohm wäre wohl am liebsten daheim bei der Schwester
-geblieben, hätte gern ganz still und besinnlich im großblumigen Sofa
-gesessen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Tag hatte ihm so viel Reichtum gegeben.</p>
-
-<p>Nun wogten allerhand Melodien in seinem Kopf und seinem Herzen, die er
-noch nicht meistern konnte.</p>
-
-<p>Er stieg mit seinem Direktor die breiten Steinstufen des alten
-Patrizierhauses hinauf, die von der mächtigen Diele zum Eßzimmer
-führten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Klaus Hansohm machte seine Augen weit auf, denn<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> nun war ihm, als sähe
-er seinen Vorgesetzten wieder in einer ganz anderen Gestalt. Hoch und
-breit und festgefügt stand der Goliath Erne Sörensen in diesem hohen,
-breiten und festgefügten Hause als Hausherr und Gastgeber. Und Lehrer
-Hansohm lauschte mit dem Ohr eines Kenners seiner klangvollen Stimme,
-die einer noch unsichtbaren Person Befehle erteilte.</p>
-
-<p>Belustigt fing sein Ohr das Gespräch auf:</p>
-
-<p>„O Herr Direktor! So spät? Alles verbratzelt und verbruzelt! Und ohne
-Entschuldigung? Und dann noch ein Gast? Das geht gegen meine Ehre und
-Reputation. Und ist das christlich, noch um halb drei Uhr Mittag essen
-zu wollen?“</p>
-
-<p>Dann das schöne sonore Lachen und die herzgute Stimme: „Aber, Frau
-Dietz! Gleich machen Sie frohe Augen. Sie fahren mich ja an, als ob wir
-verheiratet wären. &mdash;“</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Komm her, mein alter Foliant.</p>
-
-<p>S’ ist Nacht, und der Birkholzer Lyzeumsdirektor sollte längst zur
-Ruhe sein. Aber du lachst und lockst, liebes Buch, &mdash; beinahe, als ob
-du eifersüchtig seist. Eifersüchtig auf neue Freunde. Gönne sie dem
-Einsamen.</p>
-
-<p>Hellichte Freude habe ich am jungen Hansohm und seiner armen,
-lieblichen Schwester. Freude habe ich am ehrlichen Senior Rasmussen,
-Freude an der streitbaren Oberlehrerin <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p>Wir beide werden noch manche Klinge miteinander kreuzen. Aber im Grunde
-sind wir uns bereits sehr gut.</p>
-
-<p>Zähle ich dann noch den knurrigen Schulwart Harks und die junge,
-unbedachte Hilfslehrerin Fräulein Hanni Freitag dazu, so habe ich alle
-aufgezählt, die mir wohl Freund sind. Und was habe ich den anderen
-getan?</p>
-
-<p>Sentimentale Frage. Niemand beantwortet sie.</p>
-
-<p>Der Senior Professor Rasmussen und ich wußten nach dem ersten Blick,
-daß wir uns gefielen.</p>
-
-<p>Professor Traute ist sehr unsympathisch. Ein Frömmler, mit einem
-unsichtbaren, aber trotzdem sehr unangenehm wirkenden Heiligenschein.
-In seiner Gefolgschaft Fräulein Nissen. Hermione. Und so sieht sie auch
-aus.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als dritter im Bunde Oberlehrer Kahl.</p>
-
-<p>Eine Art <span class="antiqua">homo sapiens Linné</span>, mir verhaßt, seit ich denken kann.
-Er gehört zu jenen, denen der Mensch nur Vorgesetzter oder Kollege ist.</p>
-
-<p>Es mag ja nicht genehm für die alten Knaben sein, plötzlich einen
-jungen Mann als Vorgesetzten zu bekommen, &mdash; nun ich bin wahrhaftig
-ohne Vorurteil an dies Kollegium herangegangen, und das Verhalten vom
-Senior zeigt mir auch, daß ich den rechten Ton traf.</p>
-
-<p>Und doch dieser passive Widerstand von Traute und doch die mühsam
-beherrschte Gereiztheit von Kahl.</p>
-
-<p>Mein Vorgänger war wohl schon etwas überreif, viel krank und
-ruhebedürftig. Er hat die Zügel locker in seinen alten Händen gehalten
-und ist einfach froh gewesen, wenn andere die Karre kutschiert haben.</p>
-
-<p>Nun gehöre ich ja nicht zu den Direktoren, die, kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> im neuen Amt,
-alles bisher Bestehende verwerfen. Schuldiener Harks hatte allerdings
-damit gerechnet, denn gestern morgen fragte er: „Der Spucknapf des
-vorigen Herrn Direktors ‚haben‘ immer links von dem Schrank gestanden,
-soll ich ihn jetzt rechts stellen?“</p>
-
-<p>„Aber, Herr Harks! Traditionen soll man heilig halten, ich bin ein
-pietätvoller Mensch.“</p>
-
-<p>„Dann müssen also Herr Direktor scharf in die linke Ecke zielen,“
-meinte er ernst, entfernte sich und ließ mich mit dieser Instruktion
-zurück.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich verweile noch bei Harks. Der Mann ist mir lieb, ich mag ihn
-gern um mich haben. In seinen seltsamen Augen steht Gram zu lesen,
-aber er weicht scheu aus, und ich will mich nicht in sein Vertrauen
-drängen. Auch das Gesicht seiner kleinen verhutzelten Frau zeigt einen
-ängstlichen Ausdruck. Und doch soll mein Vorgänger ein humaner Mann
-gewesen sein, dem man vielfach sogar Schwäche gegen seine Untergebenen
-vorwarf.</p>
-
-<p>Mancherlei Beobachtungen habe ich schon gemacht. Harks Augen können
-grimmig, ja tückisch aufblitzen, wenn Professor Kahl nach dem
-„Schuldiener“ ruft.</p>
-
-<p>Ich ehre in Harks den alten Feldwebel und seinen
-Zivilversorgungsschein. Nenne ihn deshalb „Herr Harks“ und seine
-schüchterne Frau „Frau Kastellanin“.</p>
-
-<p>Denn die meisten Frauen sind glücklich unter einem Titel.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich werde nicht zu befürchten haben, daß Harks über den Strang schlägt.
-Er ist ein rechter Hüter der Schulzucht. Daß er nicht wünscht, den
-einst so allmächtigen Feld<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>webel in dem Begriff „Diener“ untergehen zu
-sehen, kann ich ihm nicht verübeln. Und ich meine, der unermüdliche,
-alte Mann ist hier erst recht eine gute Kompagniemutter und in dem
-großen Betrieb wohl am Platze.</p>
-
-<p>Heute nachmittag war Klassenkonferenz.</p>
-
-<p>Ich werde mit diesen Dingen sparsam umgehen. Denn ich kann ja vieles
-selbst erledigen, und die schönen Nachmittage sind den Kollegen und mir
-gleich wertvoll. Aber dem Vorschlag von Oberlehrer Kahl, im Anschluß
-an die Schule zu tagen, konnte ich nicht beistimmen. Denn wichtige
-Konferenzen sollen nicht mit knurrendem Magen und Uhr in der Hand
-erledigt werden, und daß keine unwichtigen stattfinden, dafür will
-ich schon sorgen. Die heutige bedeutete allerdings viel Lärm um einen
-Eierkuchen. Wieder einmal die zweite Klasse!</p>
-
-<p>Aber es schien mir, als sei diese nur vorgeschoben, als sollte
-eigentlich Herr Klaus Hansohm gezaust werden.</p>
-
-<p>Die erste Enttäuschung für mich. &mdash; So rückständig ist Birkholz? Die
-Müllerlieder von Schubert ungeeignet für die zweite Klasse eines
-Lyzeums.</p>
-
-<p>Himmel, zu welchen Verstiegenheiten sich die Herren hinreißen ließen.
-„Minderwertige Persönchen!“ „Frühreifes Gebaren!“ „Nicht scharf genug
-zu tadelndes Verlangen, das in der Schule verpönte Thema ‚Liebe‘ auf
-Umwegen kennen zu lernen.“</p>
-
-<p>Wackerer Kämpe Hansohm! Er fuhr mit den Herren ab, daß sie heiße Ohren
-kriegten. Und ich ein warmes Herz.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p>Oberlehrer Kahl focht einen unrühmlichen Strauß mit ihm.</p>
-
-<p>Als er schließlich von „Unlauterkeit“ sprach, der ein Lehrer Vorschub
-leiste, stellte ich mich auf Hansohms Seite, mit mir die anderen, mit
-Ausnahme von Professor Traute, Fräulein Nissen und Lehrer Asmus.</p>
-
-<p>Letzterer auch so ein Scharfmacher.</p>
-
-<p>Er führt die neunte Klasse als Ordinarius. Vertrat neulich Hansohm
-in der siebenten Klasse in Deutsch. Hansohm hat die Kyffhäusersage
-behandelt, und Asmus las ihnen in jener Vertretungsstunde das Gedicht
-vom Kaiser Rotbart vor. Wie er den Bart schildert, der durch den Tisch
-gewachsen ist, erhebt sich Lottchen Binnebom und ruft: „Das glaub’ ich
-nicht.“</p>
-
-<p>Diesem „Fall“ ist Asmus nicht gewachsen gewesen. Und, Gott sei’s
-geklagt, die große Mehrheit im Kollegium heute besprach die Sache mit
-einer Ernsthaftigkeit und Bedenklichkeit, daß ich mich ein paarmal
-versucht fühlte, sie mit den dicken Köpfen zusammenzustoßen.</p>
-
-<p>Der Humor scheint keine Hüsung im Lyzeumsgebäude zu haben, ich will
-nicht hoffen, daß er überhaupt außerhalb von Birkholz wohnt.</p>
-
-<p>Jedenfalls aber sah ich heute Hansohm, wie er Lottchen Binnebom an der
-Hand führte, und nach den vertrauensvollen Augen der kleinen Zweiflerin
-zu urteilen, hat sie längst die rechte Antwort bekommen.</p>
-
-<p>Morgen will ich meine Besuche in der Stadt machen... Harks erzählte,
-die Frau Apotheker Dahlen habe dazu neue Gardinen aufgesteckt. Da
-sich Harks augenschein<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>lich selbst geehrt fühlte, unterließ ich jede
-Bemerkung. Diese Besuche quälen mich.</p>
-
-<p>Bis jetzt durfte ich einsam sein. All die Jahre hindurch. Köstlich
-einsam. Und nun bringt mir das neue Amt den herben Zwang.</p>
-
-<p>Sonntag abend.</p>
-
-<p>Diese Sonntage sind etwas unbeschreiblich Schönes in Birkholz.</p>
-
-<p>Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja
-fast eines einsamen Dorfes.</p>
-
-<p>Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein
-Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach.</p>
-
-<p>Um neun Uhr beginnt die Kirche.</p>
-
-<p>Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein
-Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben.
-Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in
-der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in
-Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den
-Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet.</p>
-
-<p>Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der
-liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten
-Adler“ setzen wird.</p>
-
-<p>Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe
-daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten
-Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes
-Kindergemüt,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem
-langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten
-meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer
-Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der
-Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd
-hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind,
-geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in
-Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes
-Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen,
-mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“
-Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der
-gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und
-verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen,
-oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen
-ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen...</p>
-
-<p>Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen.</p>
-
-<p>Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich
-vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der
-mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten
-Töchter mittels Telegramm herangerufen wären.</p>
-
-<p>Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer
-Niveau herauszuragen, &mdash; ganz prächtige Menschen. Drei niedliche
-Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen
-wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> das
-Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer
-Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die
-Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige
-Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen
-bei diesen zwei Menschenkindern.</p>
-
-<p>Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der
-postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die
-Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist.</p>
-
-<p>Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei
-langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn
-Jahren aufwarten. &mdash; Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt
-mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen
-Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine
-Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet
-war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten.</p>
-
-<p>Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und
-„Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den
-man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem
-Herrenhaus Heidekamp-Birkholz.</p>
-
-<p>Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein
-ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum.</p>
-
-<p>Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Kutscher langsam
-fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine
-Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch
-augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein
-Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel
-gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche
-standen.</p>
-
-<p>„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr
-Direktor!“ schallte es herunter.</p>
-
-<p>Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir
-die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein.</p>
-
-<p>Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der
-Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte
-und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit
-verstrich, &mdash; dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem
-Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“.</p>
-
-<p>Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich
-etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes
-Spinngewebe sah die alte Dame aus.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände.</p>
-
-<p>„O Herr Direktor! Nicht ungehalten sein! Der Herr Baron &mdash;&nbsp;&mdash; hat &mdash;
-eine wunderliche Abneigung gegen alle Lehrer, mein Gott...“</p>
-
-<p>Sie haschte nach meinen Händen.</p>
-
-<p>„Aber gnädige Frau...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p>Da wehrte sie hastig ab.</p>
-
-<p>„Fräulein von Schlieden,“ stellte sie sich vor. „Ich war die Erzieherin
-von Sörines verstorbener Mutter und sollte auch das Kind unterrichten.
-Aber ich bin alt, und Sörine soll unter Jugend groß werden. Ach, Herr
-Direktor, Staub ist so etwas Schreckliches. Nicht wahr, Sie werden die
-Birkholzer Kinder, und besonders unsere Sörine, vor Staub bewahren?“</p>
-
-<p>Rührend bittend, hilflos sahen ihre guten Augen mich an. Eine seltsame
-Situation.</p>
-
-<p>„Könnt ich Sie doch öfters einmal sprechen: Möchte Ihnen so innig das
-Kind ans Herz legen. Es hat mir von Ihnen erzählt...“</p>
-
-<p>Ich drückte dem grauen Spinnwebchen die Hand.</p>
-
-<p>„Gnädiges Fräulein und Kollegin, ich freue mich, wenn Sie Ihr Weg zu
-mir führt. Vielleicht treffe ich Sie auch einmal auf einem unserer
-Elternabende, da können wir...“</p>
-
-<p>Ein polternder Schritt näherte sich, ein Stock stieß in regelmäßigen
-Abständen auf den Boden auf, und mit eins war das Spinnwebchen
-verschwunden, weggeblasen, um die Ecke geweht.</p>
-
-<p>Ich schritt zu meinem Wagen, lachte aber auf der Diele ganz herzhaft
-und ungeniert. Denn ich hörte eine dröhnende Stimme rufen: „Tausend
-nochmal, Grauchen, das paßt Ihnen wohl auf die alten Tage, ein
-Stelldichein mit einem jungen Schulmeister...“</p>
-
-<p>Der alte Diener stand am geöffneten Wagenschlag, und sein Gesicht war
-weniger eben als zuvor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-<p>Es zuckte um seine Mundwinkel.</p>
-
-<p>Ein wenig prallte ich auch zurück, als ich einsteigen wollte, aber die
-Pferde zogen rasch an, und so ergab ich mich in mein Schicksal, in
-einem Blumenkorb zu sitzen. Denn der Wagen war inzwischen heimtückisch
-geschmückt worden, ein ganzes Gewächshaus schien geplündert zu sein.
-Chrysanthemen und Alpenveilchen lagen zum Strauß geordnet auf dem
-Rücksitz. Maiblumen waren anmutig lose in die Fensterrahmen gesteckt,
-und feine grüne Gräser zogen sich als Girlande über die Lehne des
-Vordersitzes.</p>
-
-<p>Aus den Zweigen der Thingeiche lugte ein Schelmengesicht. Merkwürdig
-standen darin die großen ernsthaften Blauaugen. Ein wunderschönes Kind!
-Und ein interessantes Seelchen dazu. Man könnte die alte Eiche beneiden
-um das nette Früchtchen, das sie trägt.</p>
-
-<p>Ich drohte mit dem Finger aus dem Fenster heraus.</p>
-
-<p>Da hört ich das Mädel silberhell lachen. Lachen, wie ganz junge Kinder
-tun, denen die Welt noch ein einziger Freudenquell, die Menschen lauter
-gute Mitwanderer sind. Ein Lachen recht aus dem Herzensgrund heraus.</p>
-
-<p>Erne Sörensen, alle Schulweisheit gäbst du darum, so lachen zu können,
-wie die junge Sörine Heidekamp.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Es klopfte an die Tür des Direktorzimmers.</p>
-
-<p>Erne Sörensen saß in tiefer Arbeit.</p>
-
-<p>Die Feder flog über den großen Bogen, der einen Bericht an die
-vorgesetzte Behörde aufnehmen sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Vom Singsaal her tönten die gedämpften Laute eines Liedes, und der
-Schreibende ließ für Augenblicke die Feder sinken und lauschte. Das
-alte Lied, das ihm die Mutter manchmal gesungen... Wie gut, daß Lehrer
-Hansohm diese Perle ausgegraben und in die Hände seiner Schülerinnen
-gelegt hatte.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Ich weiß mir etwas Liebes</div>
- <div class="verse">Auf Gottes weiter Welt,</div>
- <div class="verse">Das stets in meinem Herzen</div>
- <div class="verse">Den ersten Raum behält,</div>
- <div class="verse">Kein Freund und auch kein Liebchen</div>
- <div class="verse">Verdrängen es daraus,&nbsp;&mdash;</div>
- <div class="verse">Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch.</p>
-
-<p>„Herein!“</p>
-
-<p>Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie
-durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem
-Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas
-vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl
-beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte.</p>
-
-<p>Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig.</p>
-
-<p>„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“</p>
-
-<p>„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie
-auch immer,“ scherzte der Direktor.</p>
-
-<p>Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p>Er zog ein grämliches Gesicht.</p>
-
-<p>„Dann will ich lieber gleich gehen...“</p>
-
-<p>„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete
-mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich
-sehr steif nieder.</p>
-
-<p>Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses
-unglücklichen Temperamentes.</p>
-
-<p>Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit
-leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große
-Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten.</p>
-
-<p>Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium
-hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Herr Direktor &mdash;&nbsp;&mdash; ich komme sozusagen in einer privaten
-Angelegenheit...“</p>
-
-<p>„Aber, Herr Kollege...“</p>
-
-<p>„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen
-wollen, &mdash; aber &mdash; es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“</p>
-
-<p>Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht.</p>
-
-<p>„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“</p>
-
-<p>„Herr Kollege Asmus, ich <em class="gesperrt">habe</em> Zeit für Sie und bitte Sie nur,
-zur Sache zu kommen.“</p>
-
-<p>„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als
-Privatsache“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der
-Zorn. Viel rascher als der Direktor gehofft<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> hatte. Asmus sprang auf.
-Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. &mdash; Der große, ruhige Blick des
-Vorgesetzten bannte ihn.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Heiser rief er:</p>
-
-<p>„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von
-Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über
-das Fräulein Oberlehrerin <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen und über den Lehrer
-Hansohm.“</p>
-
-<p>Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“
-sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in
-seine eigenen lebens- und gemütswarmen.</p>
-
-<p>„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei
-es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte
-ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank.</p>
-
-<p>„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch
-lediglich <em class="gesperrt">Schulsache</em> zu sein.“</p>
-
-<p>„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche
-Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“</p>
-
-<p>„Ich verstehe nicht recht...“</p>
-
-<p>„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist
-natürlich nicht Ursache, aber...“</p>
-
-<p>Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier
-genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte
-er sachlich.</p>
-
-<p>„Jawohl, Herr Direktor.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p>„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das
-Vorgefallene Aufschluß geben?“</p>
-
-<p>„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse,
-als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges
-vorgekommen.“</p>
-
-<p>„Wahrhaftig! Wieder einmal?“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe
-daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie &mdash; ärgerniserregend diese
-Klasse im allgemeinen ist...“</p>
-
-<p>„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen.</p>
-
-<p>„Ja, &mdash; denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich
-den Schweiß von der Stirn &mdash; „meine Tochter Agnes Ursache dieser
-betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“</p>
-
-<p>„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor.</p>
-
-<p>„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus,
-„meine Tochter Agnes hat <em class="gesperrt">alle</em> erforderlichen Utensilien einer
-ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie
-eben die Tochter des <em class="gesperrt">Lehrers</em> Asmus, und wenn ich auch nur ein
-seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“</p>
-
-<p>Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete
-eigentlich keinen Aufschub...</p>
-
-<p>„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch
-einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen
-Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. &mdash; Bitte weiter!“</p>
-
-<p>Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sich<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> außerordentlich
-häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu
-unterdrücken.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem
-betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die
-Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter...
-so ist ihr... hm...“</p>
-
-<p>Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte
-nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut
-schnüffeln.“</p>
-
-<p>„Aber, Herr Direktor &mdash;&nbsp;&mdash; woher wissen Sie...?“</p>
-
-<p>„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich &mdash;. <em class="gesperrt">So’n</em>
-kleiner Junge.“</p>
-
-<p>Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl
-stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath
-entstanden war.</p>
-
-<p>Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, &mdash; wollen Sie
-vielleicht heute nachmittag oder...?“</p>
-
-<p>„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen
-roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht
-und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das
-eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer
-eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja
-zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter,
-hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie
-eingeschrieben ...“</p>
-
-<p>„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau
-denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert
-und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen
-hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“</p>
-
-<p>In Sörensen kroch der Zorn hoch.</p>
-
-<p>„Ihre Gattin ist <em class="gesperrt">sehr</em> ordentlich,“ bemerkte er.</p>
-
-<p>„Ja sehr,“ betonte Asmus, „Gott Lob und Dank. Sie war ja auch früher
-Lehrerin. Agnes bekam sofort von ihr eine feste Ohrfeige für die
-Bummelei und dann nahm <em class="gesperrt">ich</em> sie mir extra vor für die Störung in
-der Schule. Dabei ging es denn heißer her als bei der Mutter...“</p>
-
-<p>„Noch heißer? Herr Kollege? Ihre Agnes ist ein zartes, recht
-verschüchtertes Mädchen, dazu schon fünfzehn Jahr alt, ich meine denn
-doch, daß körperliche Züchtigungen ...“</p>
-
-<p>Asmus stand auf.</p>
-
-<p>„Herr Direktor, das ist lediglich meine eigenste Angelegenheit, ich bin
-der <em class="gesperrt">Vater</em>...“</p>
-
-<p>„Herr Kollege Asmus, Sie mißbrauchen meine Geduld. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Wollen Sie
-meinen Rat in Ihrer Angelegenheit oder???“</p>
-
-<p>Beide Männer standen sich jetzt gegenüber. Asmus ganz weiß vor Zorn,
-eine rote Ader lag ihm quer über der Stirn.</p>
-
-<p>„Ich müßte ja wohl jetzt gehen, Herr Direktor, &mdash; aber &mdash;&nbsp;&mdash; genug, &mdash;
-ich habe meine Agnes gezüchtigt, Sörine von Heidekamp ist dazugekommen,
-sie aß einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> wieder in der Stadt, &mdash; kurz, dieses Mädchen hat &mdash;
-Herr Direktor, &mdash; sie hat meinen Stock über ihrem Knie in zwei Stücke
-gebrochen und mir die Stücke vor die Füße geworfen. &mdash;“</p>
-
-<p>Sörensen murmelte: „Das Mädchen hat Ihre Agnes sehr lieb...“</p>
-
-<p>„Billigen Herr Direktor die Handlungsweise??“ Asmus wußte
-augenscheinlich nicht mehr, was er sprach.</p>
-
-<p>Es klopfte scharf.</p>
-
-<p>„Herein.“</p>
-
-<p>Klaus Hansohm sah befremdet auf Direktor und Kollegen.</p>
-
-<p>„Ich bitte um Entschuldigung, ich klopfte mehrere Male.“</p>
-
-<p>„Ja, es ging etwas erregt bei uns zu. Sie wünschen?“</p>
-
-<p>„Nur eine Frage, den Schulwart Harks betreffend. Aber sie ist doch
-nicht so einfach in zwei Minuten zu erledigen, ich werde wiederkommen.“</p>
-
-<p>„Dann bitte ich Sie zu bleiben. Herr Kollege Asmus hat Klage über Sie
-geführt, so können wir gleich etwas vorarbeiten, da Professor Rasmussen
-und Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen beide beschäftigt sind.“</p>
-
-<p>Lehrer Hansohm zog mit straffem Ruck seine Weste glatt.</p>
-
-<p>„Ich bin bereit,“ sagte er ruhig.</p>
-
-<p>„Kollege Hansohm kommt mir gelegen,“ nahm Asmus das Wort. „Ich darf
-wohl fortfahren. Also ich wies nach dem unerhörten Gebaren Sörine von
-Heidekamp die Tür.<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Auf der Straße, die völlig menschenleer war, schalt
-ich noch mit ihr, da kamen Professor Rasmussen, Fräulein Doktor und
-Kollege Hansohm uns entgegen...“</p>
-
-<p>„Wir kamen vom Mittagessen,“ warf Hansohm ein.</p>
-
-<p>„... und Herr Professor Rasmussen beleidigte mich gröblichst.“</p>
-
-<p>„Das ist nicht wahr,“ rief Hansohm ungestüm.</p>
-
-<p>Der Direktor hob die Hände. „Herr Kollege Hansohm, augenblicklich hat
-Herr Asmus das Wort.“</p>
-
-<p>„Ich überlasse es Herrn Hansohm,“ entgegnete dieser förmlich. „Ich habe
-korrekt gehandelt, und der Kollege kann gern seine Ansicht äußern.“</p>
-
-<p>„Danke. &mdash; Sie gestatten, Kollege Asmus, &mdash; Sie haben <em class="gesperrt">nicht</em>
-korrekt gehandelt. Halt! Jetzt rede <em class="gesperrt">ich</em>. Sie haben Sörine von
-Heidekamp nicht die Tür <em class="gesperrt">gewiesen</em>, was man mit dem Finger zu tun
-pflegt, sondern Sie haben sie im Jähzorn im Nacken gepackt...“</p>
-
-<p>„Am Mantelkragen,“ schob Asmus ein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Also gut! Am Mantelkragen, &mdash; und haben das junge Mädchen
-herausgeworfen, vor die Tür gesetzt. Sie waren so außer sich, so ohne
-alle Beherrschung, daß wir einschreiten <em class="gesperrt">mußten</em>. Im übrigen
-schalten Sie so laut, daß es uns empörte, denn der Diener des Herrn von
-Heidekamp, der in der Straße auf und ab ging, muß es gehört haben. Er
-sah aus, als wolle er seiner jungen Herrin zu Hilfe kommen.“</p>
-
-<p>„Seiner jungen <em class="gesperrt">Herrin</em>! Seit wann machen Sie Kotau vor den Barons
-da draußen? Diese Liebedienerei<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> macht ja die Sörine so aufsässig... Im
-übrigen, was geht <em class="gesperrt">mich</em> der <em class="gesperrt">Diener</em> an?“</p>
-
-<p>Asmus zog die Mundwinkel verächtlich herunter.</p>
-
-<p>„Na, erlauben Sie, Kollege, fragen Sie mal den Diener, ob er mit Ihnen
-tauscht. Er hat seinen Herrn auf allen Reisen im In- und Ausland
-begleitet, spricht drei fremde Sprachen und bezieht ein Gehalt von 4000
-Mark.“</p>
-
-<p>„So, Sie sind ja sehr unterrichtet, &mdash; in Dienstbotensachen.“</p>
-
-<p>„Ach, Kollege, &mdash; Sie reizen mich <em class="gesperrt">gar nicht</em>.“ Klaus Hansohm
-konnte unausstehlich liebenswürdig werden. „Sehen Sie, ich gestehe
-ein, daß <em class="gesperrt">ich</em> den Mann beneide. Er spricht drei fremde Sprachen,
-ich nicht. Er wird in seiner Eigenschaft als Diener des Herrn von
-Heidekamp hoch estimiert in Birkholz, ich in meiner Eigenschaft als
-Volksschulmeister gar nicht, er hat 4000 Mark Gehalt, ich auch nicht
-schattenhaft, und außerdem hat er noch ’ne Livree mit Silberknöpfen...“</p>
-
-<p>Sörensen hatte ruhig abwartend zugehört. Er liebte es, wenn sich das
-Kollegium „klärte“.</p>
-
-<p>„Womit Sie Herr Professor Rasmussen und Fräulein Doktor beleidigten,
-höre ich wohl morgen in Gegenwart der Beteiligten?“ fragte er Asmus.</p>
-
-<p>Dieser verneigte sich bejahend.</p>
-
-<p>Hansohm trat in seiner raschen Art auf den Direktor zu. „Darf ich
-wenigstens heute noch meine Überzeugung aussprechen, daß Fräulein
-Doktor nicht hat beleidigen wollen. Sie nahm das verstörte junge
-Mädchen einfach an ihr Herz. Ohne ein Wort zu sagen. Kollege Asmus<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-faßt es eben schon als Beleidigung auf, daß wir Sörine Heidekamp
-beruhigten. Ich geleitete sie zum Wagen, der auf dem Markte hielt. Der
-Diener eilte uns nach, und so rief ich ihr möglichst unbefangen zu:
-„Eine Empfehlung an den Herrn Großvater.“ Die einzigen Worte, welche
-überhaupt auf dem Wege fielen. Professor Rasmussen aber hatte nur einen
-väterlichen Rat an Herrn Asmus erteilt. &mdash;“</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen, meine Herren.“</p>
-
-<p>In Asmus’ Gesicht arbeitete der Zorn mächtig. Aber er wußte, daß er mit
-seinen Anklagen warten mußte, bis er den beiden andern gegenüberstand.</p>
-
-<p>Sie gingen hinaus. Sörensen blieb in seinem Zimmer.</p>
-
-<p>„Väterlicher Rat?“ nahm Asmus draußen streitsüchtig das Thema wieder
-auf. „Ich brauche keinen väterlichen Rat vom Senior. Es war lediglich
-eine Beleidigung. ‚Gehen Sie ins Bett, Kollege,‘ hat er mir zugerufen.
-Dieser... Gehen Sie ins Bett! In Gegenwart von Fräulein Doktor.“</p>
-
-<p>„Na, Kollege, den Schlußsatz lassen Sie morgen lieber fort. So böse hat
-es Rasmussen nicht gemeint.“</p>
-
-<p>Hansohm lachte spitzbübisch, und Asmus drehte ihm beleidigt den Rücken.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die Sonne schien flutend in den Singsaal und Sörine sang gerade ihr
-Maienköniginsolo, als sie zum Direktor gerufen wurde.</p>
-
-<p>Sämtliche Kinder sahen ihr erstaunt nach, aber Lehrer<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> Hansohm nahm
-gleich eine neue, ganz besonders schöne Stelle vor, und so wendete sich
-das Interesse der zweiten Klasse rasch wieder der Musik zu.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sörine stand vor dem Direktor.</p>
-
-<p>Sie war auffallend blaß, und über ihren Augen hatte sich eine tiefe
-Falte eingegraben.</p>
-
-<p>„Die Sache scheint dir nahezugehen, Sörine. Du hast deine frohen Augen
-nicht mehr. Nun denke einmal in deinem Trotz nicht daran, was dein
-Lehrer <em class="gesperrt">dir</em> tat, sondern was du ihm tatest.“</p>
-
-<p>Etwas wie Erstaunen zeigte sich auf dem blassen Gesicht, aber nur
-vorübergehend.</p>
-
-<p>„Herr Asmus ist nicht mein Lehrer,“ sagte sie dann abweisend.</p>
-
-<p>„Herr Asmus ist Lehrer am Lyzeum, &mdash; folglich...“ Sörensen brach kurz
-ab. „Ihr in der zweiten Klasse habt darüber wohl besondere Ansichten?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>Was ist das nun? fragte sich Sörensen. Ist das die Heidekampsche
-Unverschämtheit, von der die Kollegen reden? Oder?</p>
-
-<p>„Ich habe auch gar nicht über etwas nachgedacht, was Herr Asmus
-<em class="gesperrt">mir</em> getan haben könnte.“</p>
-
-<p>Der Direktor stutzte. Wie Freude stieg es in ihm hoch. Er hätte es
-selbst nicht so nennen können, denn er wußte seit langem nicht mehr,
-wie sich Freude kundtat. Leise sagte er zu sich: „Neuland!“ Laut aber:
-„Und worüber hast du nachgedacht? Was soll die krause Stirn und das
-bitterböse Gesicht?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p>Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine
-Agnes,“ stieß sie heraus.</p>
-
-<p>Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß
-er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt?
-So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen
-Kameraden, &mdash; „einen bessern findst du nit“...</p>
-
-<p>Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann
-blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn
-ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst
-gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen
-sahen ihn voll Vertrauen an.</p>
-
-<p>„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.</p>
-
-<p>Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“</p>
-
-<p>„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“</p>
-
-<p>„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer
-daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja
-dann immer von neuem weh...“</p>
-
-<p>Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken...</p>
-
-<p>Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf
-darauf und weinte laut und ungestüm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er.
-Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das
-Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines
-Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber
-sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer
-sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus
-hetzen, &mdash; ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na
-und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in
-Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot.
-Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“</p>
-
-<p>„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum.
-Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste
-Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein
-sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige,
-kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre
-Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache,
-und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt
-nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir
-nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch
-nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das
-Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich
-tu dir schon nicht weh. Und die<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> übliche Schulmeisterschere, mit der
-man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“</p>
-
-<p>Laut aber sagte Sörensen: „Zunächst darfst du in meiner Gegenwart nicht
-von ‚Asmus‘ reden, das ist ungehörig. Dann aber, &mdash; Herr Lehrer Asmus
-hat doch als Vater das unumstrittene Recht, sein Kind zu strafen, &mdash;
-&mdash; nein, nein, laß mich nur ausreden. Du konntest ihn als Freundin
-seiner Agnes wohl <em class="gesperrt">bitten</em>, nicht so hart zu sein, aber die Art
-und Weise, <em class="gesperrt">wie</em> du dich eingemischt hast,... Sörine, hast du
-überhaupt einen Begriff von dem Unrecht, das du begingst?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Sörine!“</p>
-
-<p>„Immer und immer würde ich es wieder tun, Herr Direktor, genau
-dasselbe. &mdash;“</p>
-
-<p>„Das ist sehr schade, Sörine, denn du bist im Unrecht. Denke darüber
-nach. Morgen komme dann zu mir, hoffentlich mit verändertem Sinn. Du
-wirst Herrn Asmus um Verzeihung bitten, er verlangt das von dir.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor!!!“</p>
-
-<p>Sörine schrie es heraus.</p>
-
-<p>„Du bist unbeherrscht, Sörine. Unbeherrscht sein, heißt unvornehm sein.
-Ich kann mir nicht denken, daß du das sein willst.“</p>
-
-<p>„O Herr Direktor, ich will <em class="gesperrt">Sie</em> um Verzeihung bitten und jeden
-Lehrer und die Nissen jeden Tag, die ich doch nicht ausstehen kann...“</p>
-
-<p>„Pscht! Was reden wir da wieder für ungehöriges Zeug!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p>„Aber den Asmus, Herr Direktor, nein, <em class="gesperrt">nie</em>.“ Sörinens Augen
-blickten ganz schwarz. Aber sie setzte auf einmal kindlich hinzu: „Ich
-meine den <em class="gesperrt">Herrn</em> Asmus.“</p>
-
-<p>„So, so! Nun für mich kommt es jetzt nur darauf an, ob du <em class="gesperrt">die</em>
-bist, wofür ich dich halte, oder ob ich mich in dir getäuscht habe.
-Sieh einmal, Sörine, du hast ja noch gar nicht über dein Unrecht
-nachgedacht. Aber in euerm Schloß habt ihr ja genug stille Kämmerlein,
-in denen du zur inneren Einkehr kommen kannst.“</p>
-
-<p>„Ja, eine Menge,“ bestätigte sie nachdenklich. Dann war sie entlassen.</p>
-
-<p>Die Tür war kaum hinter ihr ins Schloß gefallen, als es schon wieder
-klopfte.</p>
-
-<p>„Herein!“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, kann ich auch um Verzeihung bitten, <em class="gesperrt">ohne</em>
-nachzudenken? <em class="gesperrt">Ihnen</em> zu Liebe, damit Sie mir wieder gut sind?“</p>
-
-<p>Sörensen sah kopfschüttelnd in die freimütigen Kinderaugen.</p>
-
-<p>„Nein, Sörine. Du bist groß und alt genug, um dein Unrecht einzusehen.“</p>
-
-<p>„Aber das wird dann sehr lange dauern...“</p>
-
-<p>„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, &mdash;
-ich habe zu tun.“</p>
-
-<p>Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen.</p>
-
-<p>„Nun? Noch einen Wunsch?“</p>
-
-<p>Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich
-traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ich<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> ihr einen Brief schicken
-könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und
-verbrennen sie ihn. Agnes hat <em class="gesperrt">gar keine</em> Freude auf der Welt. Sie
-hat <em class="gesperrt">nur mich</em>.“</p>
-
-<p>„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem
-Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief,
-Sörine, &mdash; ich &mdash; ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen,
-na, &mdash; ist’s so recht?“</p>
-
-<p>Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht
-helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war
-es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher
-Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem
-Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem
-neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen
-Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand
-entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur
-die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F
-biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen,
-an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war
-noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb
-war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von
-ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor
-mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und
-verborgene Schätze gehoben. Zu ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> eigenen Freude. Ihm erzählte man
-nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der
-Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne
-anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein
-heraussuchen.</p>
-
-<p>Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und
-doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde
-mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten,
-Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die
-äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel
-Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er
-war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas
-wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den
-Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend
-hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar
-Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“</p>
-
-<p>„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und
-weiter! Und durch! &mdash; Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen,
-wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der
-ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine
-Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen
-hält. Und die Umschrift: <span class="antiqua">Nunquam retrorsum.</span> Er blätterte in<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-dem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren
-charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses
-mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Suse, bruse, wat weiht de Wind?</div>
- <div class="verse">Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft9">Deine treue Kinderfrau</div>
- <div class="verse mleft10">Gesche Wiensen.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dann war ein vergilbtes Blatt, vielfach zerknittert, eingeklebt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft10"><span class="mleft2">San Remo 1890.</span></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!</div>
- <div class="verse">Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,</div>
- <div class="verse">Von alters her im deutschen Volke war</div>
- <div class="verse">Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.</div>
- <div class="verse mleft1">Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft12"><span class="mleft2">Mütterchen.</span></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Sörensens Hand strich sacht über das Blatt.</p>
-
-<p>Die zweite Seite zeigte das stark verblaßte Bild eines jungen
-Husarenrittmeisters mit hoher, kühner Stirn und starken Brauen. Über
-dem aristokratischen Mund ein dunkler kleiner Bart. Die ernsten
-Augen glichen denen der jungen Sörine. Ein Kreuz war neben das Bild
-gezeichnet, und die Schrift darunter war von der gleichen Hand des
-vorigen Blattes: Schleswig 1895. Dein Väterchen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Erne Sörensen ertappte sich, daß er ganz laut: Du armes Waislein!
-sagte, denn er rechnete sich zusammen,<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> daß Sörine nach dem Tode des
-Vaters geboren war und daß Frau von Heidekamp den Gatten nur um fünf
-Jahre überlebt hatte.</p>
-
-<p>Die folgende Seite:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit
-unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren.</p>
-
-<p class="mleft2">Heidekamp 1900 im Februar.
-<span class="mleft12">Grauchen.</span></p>
-
-</div>
-
-<p>Auf dem fünften Blatt waren Namen in unbeholfenen Schriftzügen
-hingemalt: Hinnerk Boysen, Klas Martens, Hanne Witt, Dorette Maaßen,
-Fite Groth.</p>
-
-<p>Dann eine etwas schwungvollere Hand mit dem Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft7">Dieses wünscht dem gnädigen Fräulein</div>
- <div class="verse mleft10"><span class="mleft1">Hannes Hansen.“</span></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Offenbar der Heidekampsche Reitknecht.</p>
-
-<p>Auf der sechsten Seite hatte sich jemand schon vor zwei Jahren
-eingetragen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft12">Klaus Hansohm,</div>
- <div class="verse mleft12"><span class="mleft2">Lehrer.“</span></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dann noch eine Backfischhandschrift:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Ich will dir immer dankbar und treu sein.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft7"><span class="mleft3">Deine Agnes Asmus.“</span></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Und nun kam niemand mehr.</p>
-
-<p>Welch seltsames Büchlein. Durch das feine Papier und das kostbare graue
-Leder mit dem silbernen Wappen<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> hindurch sah Erne Sörensen das junge
-ernst-frohe Leben seiner Schülerin wie ein Bild auf Goldgrund gemalt.
-Und er meinte bei sich, es sei wohl etwas Schönes hier unter den
-Menschen zu stehen, die alle mit guten Gedanken ein Mäuerchen um die
-Sörine Heidekamp bauten.</p>
-
-<p>So schrieb er rasch mit seiner großen, deutlichen Schrift:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Gut sein und glücklich machen!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft2"><span class="mleft2">&ensp;Dein Freund Sörensen,</span></div>
- <div class="verse mleft3">Direktor am Lyzeum Birkholz.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dein Freund Sörensen.</p>
-
-<p>Ja, das war die Wahrheit. Die junge Sörine würde sich nicht über die
-Unterschrift wundern, die sah ja durch „Mauer und Holz“. Aber auch in
-Birkholz würde niemand erstaunt und im Lyzeum niemand gekränkt sein,
-denn dies Büchlein war mit seinem Namen abgeschlossen. Das fühlte er,
-trotzdem es ihm niemand gesagt und trotz der vielen leeren Seiten, die
-noch folgten. Solch ein feines, stilles, rührendes Buch mit den letzten
-Liebesworten der toten Eltern, das gab man nur ganz wenigen...</p>
-
-<p>Und als ob er noch eine Bestätigung seiner inneren Gewißheit haben
-sollte, fand er auf der allerletzten Seite noch eine Eintragung,
-die wollte dem, der etwa doch einmal unbefugt hereinschaute, sagen:
-hier ist kein Platz mehr, ich habe das Buch meiner Enkelin schon
-zugeschlossen.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><span class="mleft2">Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“</span></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
-
-<p>Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. &mdash; Und jung fühlte er sich mit
-einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen...</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde,
-die sich im Direktorzimmer abspielte. Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen
-hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte
-Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne
-gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr
-sowohl mit dem <em class="gesperrt">Lehrer</em>, als auch mit dem <em class="gesperrt">Vater</em> Asmus in
-einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel
-legen mußte.</p>
-
-<p>Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß
-durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche
-Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der
-ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche
-Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle
-bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu.</p>
-
-<p>Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend
-über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine
-verwundete Löwin.</p>
-
-<p>Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte
-aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der
-sein wehrloses,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem
-Stock gezüchtigt.</p>
-
-<p>Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn
-Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich
-hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes.
-&mdash; Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt
-ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin
-ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich
-immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“</p>
-
-<p>Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch
-ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf
-steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft,
-sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht
-vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit
-leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung
-des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen
-eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief
-mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und
-Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in
-einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im
-Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen
-alten Stadt zu verzerren, hatte man die<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Häuser wenigstens in eine
-weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den
-anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug.</p>
-
-<p>Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf.</p>
-
-<p>Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem
-Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind,
-und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte
-sich auch manches gespart haben.</p>
-
-<p>Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er
-wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er
-sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel
-suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er
-die Umrisse einer weiblichen Gestalt.</p>
-
-<p>„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte
-Sörensen.</p>
-
-<p>„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort.</p>
-
-<p>„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner
-Schülerin, d.&nbsp;h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“</p>
-
-<p>„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die
-Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber
-die leidigen Kopfschmerzen, &mdash; Agnes behauptete, sie würde nicht folgen
-können...“</p>
-
-<p>Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über
-einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p>
-
-<p>Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt.</p>
-
-<p>Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen,
-schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen
-Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes
-Blättchen zu treiben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen
-Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von
-häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem
-Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten
-stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn
-gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß
-die blasse Agnes Asmus und arbeitete.</p>
-
-<p>„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube
-anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen
-zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei.
-Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“</p>
-
-<p>Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank
-und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen
-Augen ihn anschaute.</p>
-
-<p>Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in
-haltloses Schluchzen ausbrach.</p>
-
-<p>„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> Frau Asmus. &mdash;
-„Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich
-zusammen!“</p>
-
-<p>In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief
-hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme
-verhandeln.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.</p>
-
-<p>„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude.
-Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens
-Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.</p>
-
-<p>Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann
-erneutes Weinen, heftiger als zuvor.</p>
-
-<p>„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.</p>
-
-<p>„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht
-will ich es tun.“</p>
-
-<p>„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“</p>
-
-<p>Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“</p>
-
-<p>„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit
-jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“</p>
-
-<p>Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts
-Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen,
-abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß
-nur, das ist nun mal nicht anders.</p>
-
-<p>Frau Asmus schien draußen mit der andern Person<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> in Streit geraten zu
-sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.</p>
-
-<p>„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter,
-und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte.
-„Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war
-sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s
-nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich
-zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn
-z.&nbsp;B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen,
-&mdash; vielleicht bin ich jetzt krank...“</p>
-
-<p>In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.</p>
-
-<p>„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern
-sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen
-sollen...“</p>
-
-<p>Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein,
-o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie
-angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige &mdash;&nbsp;&mdash; ich darf ja sonst nie
-mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie
-die Hände sinken.</p>
-
-<p>Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und
-Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die
-Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie
-sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr
-Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß
-man eine halbe Stunde vor ihm katz<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>buckelte auf dem Magistrat, ehe er
-sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat,
-als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben.
-Wenn <em class="gesperrt">ich</em> reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“</p>
-
-<p>„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war
-aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein
-liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen.
-Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir.
-Soll ich?“</p>
-
-<p>„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen
-können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, &mdash;&nbsp;&mdash;“ Agnes deutete auf
-ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, &mdash; ich habe sie nicht
-verstanden...“</p>
-
-<p>„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“</p>
-
-<p>„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch,
-daß ein Lehrerkind, <em class="gesperrt">unsere</em> Tochter, von Fräulein Nissen einen
-Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“</p>
-
-<p>Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich
-unter diesen Augen.</p>
-
-<p>„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal
-gütig, und dann ging er.</p>
-
-<p>Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.</p>
-
-<p>„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir
-vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe.
-Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein
-Ordinarius.“</p>
-
-<p>„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.</p>
-
-<p>„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus.
-„Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer
-die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater
-hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf
-dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet,
-aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern
-ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber
-noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das
-erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß
-der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen
-war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr,
-als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.</p>
-
-<p>Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder
-an, da &mdash; trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von
-dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich
-der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief
-auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts-
-und Werbemarken leuchteten obenauf.</p>
-
-<p>Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der
-rote Zorn stieg in ihr Gesicht und<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> wollte losfahren, aber als sie das
-Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß
-aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und
-barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos:
-„Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß
-ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr
-mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“</p>
-
-<p>Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen,
-wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der
-Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.</p>
-
-<p>Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort
-entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf.
-Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett
-und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte.
-Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück,
-und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend
-scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen
-war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe
-und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der
-Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der
-Galgenstraße erkennen konnte.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="right mright2">Heidekamp, 1. April.</p>
-
-<p>Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am
-liebsten die Engel hatten?<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Und bei den Märchen die Feen? Die dann so
-plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt
-heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme
-mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast
-mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von
-Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli.
-Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg
-verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein
-geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch
-ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost
-und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen
-scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht,
-meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir
-vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster
-Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten
-soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur
-Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli
-so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große
-Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit
-Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen
-könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht
-wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau
-so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu
-schön,<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder
-heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht
-verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen
-habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott
-bei Dir ist. Und ich auch.</p>
-
-<p class="right mright2">Deine treue Sörine Heidekamp.</p>
-
-</div>
-
-<p>Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift
-und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die
-rechte Stelle.</p>
-
-<p>Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete
-den Brief auf ihr warmes, junges Herz.</p>
-
-<p>Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und
-mit diesem Lächeln schlief sie ein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.</p>
-
-<p>Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit
-fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus
-irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch <em class="gesperrt">ihren</em> Geburtstag
-für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit <em class="gesperrt">Jahrenden</em>“
-(wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt.
-Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt
-wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt
-auf dem Felde der Unehre liegen blieb.</p>
-
-<p>Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung
-und fliegender Hitze, und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> man tat gut, an diesem Tage nicht gerade
-verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.</p>
-
-<p>Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor
-erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer
-abgesagt hätte und was es „gab“.</p>
-
-<p>Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon
-lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.</p>
-
-<p>Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte
-oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt
-den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur
-ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte
-nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die
-inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „<em class="gesperrt">5. April</em>!“</p>
-
-<p>Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem
-Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen,
-die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten,
-sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden
-in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel
-wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos
-grabenden Silberlöffeln abgetragen.</p>
-
-<p>Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über
-den dampfenden Tassen.</p>
-
-<p>Nur nicht so freundlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und
-den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“,
-„Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an
-Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.</p>
-
-<p>Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde
-mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der
-lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige
-Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche
-Redeschlacht entfesseln sollte.</p>
-
-<p>Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau
-Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die
-erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer
-heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.</p>
-
-<p>Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich
-darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Lyzeum und sein neuer Direktor.</em></p>
-
-<p>„Mir hat er <em class="gesperrt">gar</em> keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker
-Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und
-hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des
-Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche
-Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte,
-auch nur ein Wort zu sprechen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p>„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“</p>
-
-<p>Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich
-verarbeitet.</p>
-
-<p>Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief:
-„Da muß man doch erst mal fragen, ob er es <em class="gesperrt">kann</em>.“</p>
-
-<p>„Ohhh!“</p>
-
-<p>„Aber!“</p>
-
-<p>„Ach, du großer Gott!“</p>
-
-<p>„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“</p>
-
-<p>„Es gehen da seltsame Gerüchte um, &mdash; ich bekümmere mich ja so wenig um
-das Treiben und Reden der anderen...“</p>
-
-<p>„Hm, hm.“</p>
-
-<p>Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte
-nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte
-spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann,
-die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.</p>
-
-<p>„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und
-beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,...
-„er sei nicht mehr frei.“</p>
-
-<p>Ahhh!</p>
-
-<p>Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen.
-Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der
-Enttäuschung eine verschiedene war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p>Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu
-nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen
-herfallen.</p>
-
-<p>„Aus <em class="gesperrt">ganz</em> einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“</p>
-
-<p>„Wie? Unehelicher Sohn?“</p>
-
-<p>„Der Vater Schneider oder Schuster?“</p>
-
-<p>„Das wäre ja die Höhe.“</p>
-
-<p>„Und der wagt es...“</p>
-
-<p>„Heimlich verheiratet?“</p>
-
-<p>„Zwei Kinder.“</p>
-
-<p>„Aber da muß doch eingeschritten werden!“</p>
-
-<p>„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“</p>
-
-<p>„Aber ganz sicher.“</p>
-
-<p>„Wer von uns sollte es weiter sagen?“</p>
-
-<p>„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau
-<span class="antiqua">Dr.</span> Niebert das Wort. „Ich bin ja nun <em class="gesperrt">ganz</em> unparteiisch,
-denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor
-Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht,
-gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, &mdash; so ist uns
-ja im Grunde der Herr <span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen höchst gleichgültig. Aber was
-Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich <em class="gesperrt">sehr</em>
-interessant.“</p>
-
-<p>„Darf sie denn das?“</p>
-
-<p>„Was?“</p>
-
-<p>„Aus der Schule erzählen.“</p>
-
-<p>Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich,<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> wurde durch
-wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl
-zurückgeschleudert.</p>
-
-<p>„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter
-Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit
-gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und
-läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den
-Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur <em class="gesperrt">eine</em> Klage
-geht, hält er die Hand, und das geht immer <em class="gesperrt">Herr</em> Harks hin und
-<em class="gesperrt">Herr</em> Harks her, sagt Fräulein Nissen, &mdash; na und man weiß doch...
-hm...“</p>
-
-<p>Verständnisvolles Flüstern und Nicken.</p>
-
-<p>„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen,
-aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend
-jemand salbungsvoll.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Brav</em> war sie <em class="gesperrt">auch</em>,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein,
-„sie hat drei Jahre bei mir gedient.“</p>
-
-<p>Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der
-bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem
-energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte
-ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.</p>
-
-<p>Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen:
-„Ja, <em class="gesperrt">so</em> brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“</p>
-
-<p>Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen
-Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und
-rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-<p>„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das
-Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, <span class="antiqua">pro</span> und
-<span class="antiqua">contra</span>. Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen und Lehrer Hansohm
-schwören ja auf die neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine
-einfach lächerliche Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein
-Doktor gebildet, &mdash; guter Gott, ich will nichts sagen, &mdash; sie könnte ja
-wohl beinahe seine Mutter sein, aber...“</p>
-
-<p>„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“</p>
-
-<p>„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme
-der Frau Postdirektor Hagedorn.</p>
-
-<p>„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige
-Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie
-nicht miteinander‘.“</p>
-
-<p>„Sehr richtig.“</p>
-
-<p>„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei
-gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß
-er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch
-in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“</p>
-
-<p>Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte
-zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser
-Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief
-sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller
-wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die
-vernichtenden Worte:</p>
-
-<p>„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<p>„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein
-furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe
-nur Gutes, nur das <em class="gesperrt">Beste</em> von Herrn <span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen gehört.
-Die Kinder schwärmen alle für ihn.“</p>
-
-<p>„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber
-mit was hört es auf?“</p>
-
-<p>Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört
-es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen
-denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner
-Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern
-Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über
-ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“</p>
-
-<p>Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter
-waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer
-Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über
-Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.</p>
-
-<p>Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche
-Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht
-ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.</p>
-
-<p>Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen
-Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren.
-Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz
-etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> gerade
-über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name
-auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie
-verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht
-erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das
-Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe,
-&mdash; Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen &mdash; und so konnte der
-eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen
-Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare
-einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling
-bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte,
-bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten
-gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm
-in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun
-muß sich alles, alles wenden!“</p>
-
-<p>Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war
-Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus,
-und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges
-Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich
-unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> mit hinübergetan.
-Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, &mdash; wenn er sie
-Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das
-kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr
-Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.</p>
-
-<p>Er überlegte.</p>
-
-<p>„Herein!“</p>
-
-<p>Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein
-zaghafter Finger getan haben konnte.</p>
-
-<p>Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.</p>
-
-<p>Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in
-sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was
-willst du?“</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase
-und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen,
-denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend
-versicherte.</p>
-
-<p>„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“</p>
-
-<p>Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit
-drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp &mdash;&nbsp;&mdash; bist du krank?“</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag
-willenlos in der seinen.</p>
-
-<p>„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p>„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“</p>
-
-<p>Sie nickte unmerklich.</p>
-
-<p>„Und was willst du nun hier?“</p>
-
-<p>Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich
-zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben
-möchte ich, &mdash; bis &mdash; bis &mdash; unser Wagen kommt...“</p>
-
-<p>„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich
-nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan.
-„Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Bitte, bitte nicht.</em>“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte
-Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer
-von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das
-Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.</p>
-
-<p>„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, &mdash; ich sorge mich um dich. Bist du
-nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“</p>
-
-<p>Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde
-Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...</p>
-
-<p>„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als
-ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich
-ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das
-schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges
-Mal nach dem Trotzkopf um. War es<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> wirklich ein Trotzkopf, dann sollte
-er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich
-spaßen lasse. &mdash; Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und
-man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als
-einen gleichaltrigen Knaben.</p>
-
-<p>Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...</p>
-
-<p>Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen
-und wahrhaftig &mdash; da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und
-wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen,
-rennen, fliegen...</p>
-
-<p>Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto
-ratterte davon, &mdash; er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.</p>
-
-<p>Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?</p>
-
-<p>Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der
-zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon
-die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.</p>
-
-<p>Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter
-den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein,
-andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher
-heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war
-er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.</p>
-
-<p>Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr
-Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> finden, weiß Gott, wo sie
-stecken mag. Das kann auch nur <em class="gesperrt">dieses</em> Mädchen, &mdash; aus der Stunde
-einfach fortlaufen &mdash;&nbsp;&mdash; Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich,
-ich&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere,
-aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all
-die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen.
-Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem
-abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als
-könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen,
-heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz,
-&mdash; jetzt vor den Kindern, &mdash; Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch
-einmal mit mir herüber.“</p>
-
-<p>Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig
-mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen,
-nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte.
-Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu
-erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.</p>
-
-<p>„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, &mdash; ich ließe dich lieber
-rasch nach Hause gehen, aber, &mdash; habe ich recht, wolltest du mich
-sprechen?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß
-nach Hause gelaufen...“</p>
-
-<p>„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so
-gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie
-schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht,
-und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe,
-so lebhaft erzählte sie.</p>
-
-<p>„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“</p>
-
-<p>Ein scheues „Ja.“</p>
-
-<p>„Willst du es mir erzählen?“</p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht.“</p>
-
-<p>„Hast du Vertrauen zu mir?“</p>
-
-<p>„Ja, ja!“</p>
-
-<p>„Nun also. Dann frisch drauflos.“</p>
-
-<p>„Ich &mdash;&nbsp;&mdash; ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse
-sein, Herr Direktor &mdash;&nbsp;&mdash; es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“
-Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.</p>
-
-<p>„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein
-Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem
-du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“</p>
-
-<p>„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein
-Doktor,“ setzte sie leise hinzu.</p>
-
-<p>„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im
-Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr
-erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen
-Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p>„Danke. &mdash; Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“</p>
-
-<p>„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der
-Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen
-Trostbrief an die Manteltasche stecken.“</p>
-
-<p>„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.</p>
-
-<p>Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.</p>
-
-<p>Es vergingen kaum zehn Minuten.</p>
-
-<p>Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen kam erregt zu ihm.</p>
-
-<p>Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme
-Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich.
-Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel
-besessen. Sie, &mdash; wie sag’ ich &mdash; sie ist ein Neutrum, sie hat nichts
-Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, &mdash; daß
-ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun
-kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger &mdash;
-wie die Sörine &mdash; Herrgott im Himmel, &mdash; zerstört hat sie &mdash; zerstört,
-&mdash; wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“</p>
-
-<p>Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen
-Herzen.</p>
-
-<p>Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab,
-und sein wackres Herz war voll Zorn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein
-Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter.
-Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf
-salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich
-Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche,
-wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen
-strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte
-manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die
-verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz
-in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner
-Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig,
-auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt
-zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr
-dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr
-Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte
-sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht
-fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte
-vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer
-Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die
-ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.</p>
-
-<p>Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde
-gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich
-ergehen.</p>
-
-<p>„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Pappe,“ rief Kahl
-gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn
-ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.</p>
-
-<p>„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze
-ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber
-nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden.
-Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht
-preisgeben.“</p>
-
-<p>„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde
-das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“</p>
-
-<p>Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches,
-spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt,
-wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern
-nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade
-verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“</p>
-
-<p>„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.</p>
-
-<p>„Will ich auch. &mdash; Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie
-denken Sie denn über den Fall?“</p>
-
-<p>„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar
-sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen
-hat.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p>„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr
-verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste,
-zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann?
-Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem
-Idealismus.“</p>
-
-<p>Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel:
-„Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich
-einpacken.“</p>
-
-<p>„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine
-Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der
-Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen
-Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler.
-Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus
-gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich
-vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer
-beneidet, &mdash; ich tu’s nicht mehr.“</p>
-
-<p>„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig
-fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei
-Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein
-lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen
-über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung
-hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner
-Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir
-sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben,
-meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> geworden, um ihre Rechte
-gegen eine Welt von &mdash; Nissens zu verteidigen.“</p>
-
-<p>Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung
-und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben
-gehandelt...“</p>
-
-<p>„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn
-Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei
-das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum
-bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können
-Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“</p>
-
-<p>„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür
-gegeben.“</p>
-
-<p>„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es
-hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist
-Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“</p>
-
-<p>„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“</p>
-
-<p>„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“</p>
-
-<p>„Herr Provinzialschulrat!!!“</p>
-
-<p>„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur
-Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“
-<span class="antiqua">Dr.</span> Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer,
-dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau
-von Heidekamp gekannt?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der
-Engelkunde zutrauen, &mdash; aber &mdash; so &mdash; geradeso wie Frau Lore von
-Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe
-sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein
-Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. <em class="gesperrt">Ihrer</em> Tat
-hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“</p>
-
-<p>„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt
-Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich
-selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich
-alle durchaus ruhig verhalten.“</p>
-
-<p>Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter,
-leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die
-Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse
-gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben
-hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult
-worden.“</p>
-
-<p>„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer
-rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: <span class="antiqua">De mortuis nil nisi
-bene.</span>“</p>
-
-<p>„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn
-Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein
-Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser
-unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“</p>
-
-<p>„Was heißt ‚damals‘?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-<p>„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte
-Klasse.“</p>
-
-<p>„Die <em class="gesperrt">vierte</em>!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf
-den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern
-verlassen?“</p>
-
-<p>Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. <span class="antiqua">Dr.</span>
-Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben,
-Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes
-Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren
-Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“</p>
-
-<p>Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch
-sehr dafür...“</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr.</span> Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.</p>
-
-<p>„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte
-Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so
-wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in <em class="gesperrt">keinem</em> Fache ‚aufklären‘
-könnten.“</p>
-
-<p>Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.</p>
-
-<p>„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die
-Sache besorgt, so konnte man den <span class="antiqua">lapsus</span> ihrer Jugend und &mdash;
-sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten
-sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“</p>
-
-<p>„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen
-gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“</p>
-
-<p>In Sörensens Stirn zog zornige Röte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
-
-<p>„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser
-kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist
-es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, &mdash; heute
-ist ja doch die ganze Stadt voll davon, &mdash; eine Flut von Briefen hat
-sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe
-und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe
-eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. &mdash;“</p>
-
-<p>Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.</p>
-
-<p>„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit
-Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an
-die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem
-Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“</p>
-
-<p>„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig
-hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen
-Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer auch schon
-wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im
-Ministerium nennt.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der
-Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen
-zitterte vor Gereiztheit.</p>
-
-<p>„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben,
-einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der
-Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“</p>
-
-<p>„Und der Grund?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
-
-<p>Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die
-Antwort.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Lehrer Hansohm trat zu Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen: „Geben Sie mir
-die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“</p>
-
-<p>Sie nickte ernst.</p>
-
-<p>„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp
-in diesem Kollegium.“</p>
-
-<p>Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des
-Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen
-vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche
-Stille.</p>
-
-<p>Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt
-sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend
-damit durch die Luft.</p>
-
-<p>„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich
-das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe
-Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in
-ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre
-Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das
-riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen &mdash; und ich habe
-vergessen, daß es ein <em class="gesperrt">Lyzeum</em> in Birkholz gibt. Denke nur noch an
-das Birkholz. Ahhh!“</p>
-
-<p>Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.</p>
-
-<p>„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie
-sich ein bißchen in acht, beinahe hätten<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Sie mir den Hut vom Kopf
-geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“</p>
-
-<p>„Ich dachte an <em class="gesperrt">meine</em> zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen
-würde, wenn <em class="gesperrt">mir</em> das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre
-Distel vom vergangenen Jahr.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“</p>
-
-<p>„Ja. &mdash; Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in
-Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“</p>
-
-<p>„Sie sind blutdürstig. &mdash; Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten
-Ihnen wertvoll sein.“</p>
-
-<p>„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem
-Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren
-schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück.
-„Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich
-habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen
-in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“</p>
-
-<p>Fräulein <span class="antiqua">Dr.</span> Stavenhagen war sehr blaß geworden.</p>
-
-<p>„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.</p>
-
-<p>Und dachte, &mdash; ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn
-er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige
-Liebe sei.</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben.
-Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war
-für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die
-Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, ge<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>scheite Schwester,
-die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und
-ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden
-Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete
-Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter
-noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging,
-nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat
-dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor
-sich selbst nannte.</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten
-Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen
-Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es
-ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und
-so häßlich sei.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide
-wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten
-wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück,
-die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und
-es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester
-nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine
-Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die
-liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-<p>Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem
-Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem
-blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch,
-neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.</p>
-
-<p>„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit
-unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das
-köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur
-Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten,
-unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und
-auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders
-tat es die Lore nicht.“</p>
-
-<p>Diese hantierte noch emsig in der Küche.</p>
-
-<p>„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte
-Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen.
-Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen
-bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten.
-Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben
-Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in
-die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“
-in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die
-stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und
-später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<p>Dazu im Winter die Gesellschaften.</p>
-
-<p>Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen
-Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für
-sieben hungrige Mäuler reichen mußte. &mdash; Denn Mama verstand es, selbst
-das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten
-meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und
-Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu
-hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß
-Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur
-um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser
-verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters
-Geige singen zu hören.“</p>
-
-<p>„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu
-vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt
-haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie
-um, Fräulein Stavenhagen.“</p>
-
-<p>Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun
-trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die
-gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete
-Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte
-die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.</p>
-
-<p>Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren
-Kartoffeln und Bratklopsen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p>Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor
-fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte
-eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig?
-<em class="gesperrt">So</em> viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“</p>
-
-<p>Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er
-zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in
-eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an
-der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so
-liebte es der Lauscher da draußen.</p>
-
-<p>Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das
-behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende
-und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück.
-Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm.
-Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune
-Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und
-alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden,
-verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin
-einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für
-fünfzehn Mark.</p>
-
-<p>Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein
-paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und
-präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen
-spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als
-Sö<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>rensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„So, &mdash; nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir
-gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein
-Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“</p>
-
-<p>Er ließ den Worten die Tat folgen.</p>
-
-<p>„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich,
-die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.</p>
-
-<p>Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir
-nie...“ stotterte er.</p>
-
-<p>„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege
-Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen.
-Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng
-daheim, deshalb eilte ich her...“</p>
-
-<p>„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein
-Doktor mit ihrer tiefen Stimme.</p>
-
-<p>„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und
-zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.</p>
-
-<p>„Aber <em class="gesperrt">wie</em> Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“
-Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.</p>
-
-<p>„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern
-eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der
-Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden
-eine Pfeife, &mdash; beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife <em class="gesperrt">bringt
-mir</em><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich
-zu Sinn.“</p>
-
-<p>Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den
-freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die
-man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer
-Gegenwart.</p>
-
-<p>Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine
-andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach
-und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.</p>
-
-<p>Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang
-hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich
-von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend
-zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich
-fange jetzt erst an zu leben.“</p>
-
-<p>So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um
-seine Bewegung zu verbergen.</p>
-
-<p>Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor
-auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt
-gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann
-Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe
-habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen
-durch meine Räume.“</p>
-
-<p>„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen.
-„Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im
-höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja
-einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“</p>
-
-<p>„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit
-ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie
-kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte
-sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr
-Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“</p>
-
-<p>„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert
-sie aber den letzten Rest Hochachtung vor <em class="gesperrt">mir</em>, und das wäre vom
-Übel. Guten Abend und Dank!“</p>
-
-<p>„Halt, &mdash; ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen
-Kanadier?“</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte
-holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas
-Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen
-Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade,
-schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos
-hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“</p>
-
-<p>„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch
-ordentlich in die Schule nehmen.“</p>
-
-<p>Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie
-grüßten und der kurzsichtige Sörensen<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> dankte. „Haben Sie viel Freunde
-und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“</p>
-
-<p>„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine
-Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das
-Kollegium.“</p>
-
-<p>„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“</p>
-
-<p>„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“</p>
-
-<p>„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen
-nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in
-dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine
-ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht
-gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“</p>
-
-<p>„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den <em class="gesperrt">werdenden</em> Menschen. Ich bin allen
-Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“</p>
-
-<p>„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie
-Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“</p>
-
-<p>„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon
-engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher
-beim Herrgott haben...“</p>
-
-<p>„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.</p>
-
-<p>„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig...
-Klaus Hansohm weiß es schon<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> lange. Deshalb sieht er der Schwester
-ja alles an den Augen ab, und &mdash; ich habe gesehen, wie er sie einmal
-abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“</p>
-
-<p>„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege
-Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz
-herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“</p>
-
-<p>„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe.
-Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr
-fest die Hand. „Gute Nacht!“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe
-im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk
-knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte
-sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen
-Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß
-Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.</p>
-
-<p>„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in
-weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von
-ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen
-alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht,
-weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. &mdash; Ich konnte heute nicht
-einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem
-Mannsbild techtelmechteln...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p>„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Kor</em>rekter??? <em class="gesperrt">Dir</em>ekter!!! Aha! Ich habe recht! Das
-Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes
-Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir
-haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“</p>
-
-<p>„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“</p>
-
-<p>„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im
-Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin
-sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich
-heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“</p>
-
-<p>„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“</p>
-
-<p>„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr.
-Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz
-geschlendert wären...“</p>
-
-<p>„Auch <em class="gesperrt">das</em> haben Sie gesehen?“</p>
-
-<p>„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch
-krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind
-das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“</p>
-
-<p>„Und das häßlichste.“</p>
-
-<p>„Nein, den Ruhm nehme <em class="gesperrt">ich</em> in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie
-das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er
-die Schönheit für Sie mit.“</p>
-
-<p>„Finden Sie ihn schön?“</p>
-
-<p>„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem
-verlangenden Herzen. Na, wie ich<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> über die Mannsleute im allgemeinen
-denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir
-gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ <em class="gesperrt">geschrien</em>. Damit
-er sich nur nicht verhörte.“</p>
-
-<p>„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“</p>
-
-<p>„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also
-los? Beichten Sie mal.“</p>
-
-<p>„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu
-nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche
-Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“</p>
-
-<p>„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“</p>
-
-<p>„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für
-allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie
-geschehen, hören Sie? Nie.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘,
-hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber
-Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf
-und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du
-da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für
-die Kinder an seiner Schule...“</p>
-
-<p>„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für
-Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p>
-
-<p>„Ich bin sechsunddreißig.“</p>
-
-<p>„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist
-eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen
-eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist,
-erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es
-wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten
-ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“</p>
-
-<p>„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.</p>
-
-<p>„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder
-Generaldummheit begangen habe.“</p>
-
-<p>„O das ist schändlich!“</p>
-
-<p>„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors
-wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“</p>
-
-<p>„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“</p>
-
-<p>„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer
-gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch
-zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer
-Lyzeum haben.“</p>
-
-<p>„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor
-lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“</p>
-
-<p>„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor
-lauert auf mich.“</p>
-
-<p>„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> hat endlich nach
-einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der
-zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige &mdash; ach, ich weiß ja &mdash;
-kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im
-Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie
-haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, &mdash;
-sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich
-erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite
-Klasse...“</p>
-
-<p>„Weiter, weiter...“</p>
-
-<p>„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen
-sagt...“</p>
-
-<p>„So? Sagt Sörensen?“</p>
-
-<p>„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz
-rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat
-schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen
-hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied
-zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel
-ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später
-sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da
-schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die
-Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon
-manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus
-erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, &mdash; es wird alles
-richtig sein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
-
-<p>„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte
-beide Hände ihres Gastes.</p>
-
-<p>„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des
-Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens,
-mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der
-Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“</p>
-
-<p>„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. &mdash;
-„Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem
-Oberboden holen. &mdash; Nun und wie verhält sich der Direktor?“</p>
-
-<p>„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter
-eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder
-noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er
-Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“</p>
-
-<p>„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch.
-„Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Dr.</span> Sörensen geht fast gar nicht aus...“</p>
-
-<p>„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen,
-dann <em class="gesperrt">muß</em> er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber
-nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den
-Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen
-Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht.
-Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p>
-
-<p>Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten
-sich die beiden Hausgenossen.</p>
-
-<p>Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem
-alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff
-stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte,
-daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß
-wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute,
-kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen
-Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall
-war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe
-durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal
-vor und las ihn zum zweiten Male:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="right mright2">Geehrter Herr Direktor!</p>
-
-<p>Dazu ist die <em class="gesperrt">Mutter</em> da. Wollen Sie dieses mit einer schönen
-Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie
-ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr
-Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit
-ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die
-Martha, die nun<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit
-zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule,
-wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte
-sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir
-zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an
-Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer
-geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen
-Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch
-ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen
-habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen
-verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch
-und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr
-Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht
-verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze
-Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den
-Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern
-gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine
-Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß
-alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran,
-daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, <em class="gesperrt">heilig</em> ist. Denn
-die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und
-wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da
-müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die
-Worte<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte
-Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus
-entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich
-beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den
-Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen
-Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir
-Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo
-keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete
-Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse
-hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß
-deinen Fürwitz.“</p>
-
-<p class="mleft7">Achtungsvoll</p>
-
-<p class="right mright2">Frau Schlossermeister Steinicke.</p>
-
-</div>
-
-<p>Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang
-zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür
-hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der
-alte Freiherr.</p>
-
-<p>Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu
-begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf
-sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit.
-Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und
-fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen
-Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein
-langer, weißer, sorgfältig<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> gepflegter Patriarchenbart vervollständigte
-die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige
-Brauen große Kühnheit gaben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen,
-hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen,
-aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.</p>
-
-<p>„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als
-Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren
-Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchs<em class="gesperrt">karte</em> erwidern wollte.
-Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran
-dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen.
-Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen
-schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue
-Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie,
-der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten
-hätten. &mdash; Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse
-werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den
-Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach
-der Ochsentour geht...“</p>
-
-<p>„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich
-annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen
-wollen...“</p>
-
-<p>„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein
-schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu
-Ihnen gekommen, sondern war erst<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht
-meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine
-Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000
-Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, &mdash; na, das ist
-Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen,
-sondern verwies mich sofort an Sie.“</p>
-
-<p>„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller
-Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst
-zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“</p>
-
-<p>„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und
-ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war.
-Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter
-nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und
-dann erst zu ihm.“</p>
-
-<p>Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da
-habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums,
-erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“</p>
-
-<p>Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er
-kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit
-einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang
-frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben
-Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“</p>
-
-<p>Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.</p>
-
-<p>„Herr von Heidekamp, &mdash; ich fühl’s, es wird Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> schwer, zur
-eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben
-wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden
-herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘
-sprächen... wenn Sie &mdash;&nbsp;&mdash; verwunden könnten ...“</p>
-
-<p>„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann
-plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine
-gemacht???“</p>
-
-<p>Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und
-schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.</p>
-
-<p>„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage
-des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst
-schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber
-die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger
-Geist in ihr...“</p>
-
-<p>„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul
-unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre
-Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“</p>
-
-<p>„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an?
-Aber &mdash; aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich &mdash; ich wollte ja
-schimpfen, &mdash; ich wollte ja dieses &mdash; dieses &mdash; Fräulein Nissen, es
-fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“</p>
-
-<p>„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp,<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> ich möchte nichts
-dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die
-Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“</p>
-
-<p>„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der
-Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von
-ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“</p>
-
-<p>„Ist Sörine krank?“</p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott,
-wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“</p>
-
-<p>„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“</p>
-
-<p>„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der
-Heide...“</p>
-
-<p>„Und versäumt die Schule.“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor
-den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen
-niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank
-entrinnt?“</p>
-
-<p>„Ja, das verlange ich allerdings. &mdash; Herr von Heidekamp, Sie hätten ja
-Ihre Sörine abmelden können, &mdash; das würde ich sehr bedauern, aber ich
-könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so
-lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, &mdash; Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen
-der Mädchenseele gesprochen...“</p>
-
-<p>„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte
-morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> von Sörine ist ja ihre
-Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin
-getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres
-Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem
-Herzen...“</p>
-
-<p>„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, &mdash; meine
-lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug
-geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief
-nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte
-Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem
-Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf
-dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr
-Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht
-etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war
-sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen
-heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe
-kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;‘ Das war ihr
-Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“</p>
-
-<p>„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis <em class="gesperrt">jetzt</em> schon,“
-sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.</p>
-
-<p>„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so
-unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es
-wird das Rechte sein. &mdash;“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> haben den Schleier
-von Sörines Kindereinfalt gerissen, &mdash; sanfte Mutterhände werden die
-Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine
-tapfere Schülerin zu sehen.“</p>
-
-<p>Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die
-klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn
-noch um Etliches überragte.</p>
-
-<p>„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte
-Sörensen.</p>
-
-<p>„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll
-hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber
-wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner
-Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß
-ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht
-an den törichten Ausspruch...“</p>
-
-<p>„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem
-Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres
-Vorurteils gekommen bin.“</p>
-
-<p>Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der
-Küchentür stand knixend Frau Dietz.</p>
-
-<p>Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine
-Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem
-Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“</p>
-
-<p>„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den
-Toten nichts Übles reden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
-
-<p>Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren
-davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte
-sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr
-für meinen Herrn Direktor eintauschen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Sonntag abend</em>.</p>
-
-<p>Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich,
-das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die
-Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann &mdash; dies Heidekamp. Hab’
-Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen
-Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch
-keinen in Birkholz erlebte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare
-Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem
-Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des
-Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In
-welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!</p>
-
-<p>Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch
-ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich
-daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen.
-&mdash; Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.</p>
-
-<p>Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis
-ist prächtig. Grauchen und ich<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> sind gute Freunde geworden. „Wir haben
-beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich
-dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich
-komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“</p>
-
-<p>Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir
-eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben
-mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes
-Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte
-und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche
-Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? &mdash; Wie wir heute da draußen Pläne
-schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und
-uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du
-jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner,
-gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Dienstag abend</em>.</p>
-
-<p>Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten
-Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der
-jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus
-bereden <em class="gesperrt">müßte</em>. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen
-beiden, daß ich wohl als Direktor dem <em class="gesperrt">Lehrer</em> Asmus etwas zu
-befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte
-gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige
-Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgend<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>welche
-Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, &mdash;
-nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau
-Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne
-in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las
-ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte
-Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir
-nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja
-täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie
-davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“
-Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem
-Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s
-merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich
-kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf
-nicht merken, daß ich dahinterstecke.</p>
-
-<p>Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur
-zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das
-arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die
-Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.</p>
-
-<p>Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das
-erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht
-Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne
-und Liebe hungern soll, &mdash; Sörensen, dazu fehlte dir der Mut.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ostersonntag abend.</em></p>
-
-<p>Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.</p>
-
-<p>„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.</p>
-
-<p>Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue
-Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus
-hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist
-beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her
-eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der
-mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff,
-entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich
-zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst,
-daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der
-weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und
-&mdash; Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in
-Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine
-Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens
-den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen.
-Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein.
-Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, &mdash; so konnten schon
-„das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. &mdash; Und die Frau
-Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen,
-saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> Frauen der
-Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn
-mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne
-Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege
-Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...</p>
-
-<p>Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und
-fragte...</p>
-
-<p>Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da
-der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr
-dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!</p>
-
-<p>Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein
-Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen
-Heimweg gesprochen.</p>
-
-<p>Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den
-schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr
-sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.</p>
-
-<p>Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein
-Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber
-es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden,
-liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach
-den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien
-niemand verreist, und so<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in
-der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte
-für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten
-zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den
-stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester
-Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten
-Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der
-sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der
-kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores
-Lachen.</p>
-
-<p>Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert.
-Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er
-parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur,
-wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei
-einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in
-<em class="gesperrt">Ihrer</em> schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“</p>
-
-<p>„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich
-entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien
-so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich
-leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu
-bringen.“</p>
-
-<p>„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf
-seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, &mdash; Gott soll mich
-bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau
-Kahl annimmt.<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr
-Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“</p>
-
-<p>„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt
-vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter
-spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen.
-&mdash; Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“</p>
-
-<p>Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter
-gespielt haben...“</p>
-
-<p>„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle
-zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“</p>
-
-<p>„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“</p>
-
-<p>„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen
-Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore
-nicht genug Mittagessen gegeben.“</p>
-
-<p>„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes
-Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore
-zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir
-neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“</p>
-
-<p>„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“</p>
-
-<p>„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche
-Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose
-Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik
-unterstützt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p>
-
-<p>„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie
-er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“</p>
-
-<p>„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer
-Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im
-Deutschen Reich, wo er seine <em class="gesperrt">Unkenntnisse</em> verwerten konnte.“</p>
-
-<p>„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch
-schon unter Clausen segensreich wirkten?“</p>
-
-<p>„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“</p>
-
-<p>„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist
-übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant,
-sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl
-eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher
-und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst
-aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau
-dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“</p>
-
-<p>„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend.
-„Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute
-undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört
-sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst,
-noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau
-Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr
-verhaßt, eine strahlende<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen
-Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer
-fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die
-Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff
-ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich
-verärgert zurückgezogen.“</p>
-
-<p>„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“</p>
-
-<p>„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie
-nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt
-sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr
-Neustes eingerissen, &mdash; das ist so was für Frau Professor Traute.“</p>
-
-<p>„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein
-Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier
-das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen.
-Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“</p>
-
-<p>„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um,
-der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits
-mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht
-gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein
-Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“</p>
-
-<p>„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war
-zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen
-gesellt, einer feinen, älteren Frau,<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> die ihm sofort von „ihrem Hans“
-erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis
-das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt
-plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen
-unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich
-wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt,
-wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen
-Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“</p>
-
-<p>„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut
-und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt,
-wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und
-Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor
-Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig,
-über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit
-dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit
-ab.</p>
-
-<p>„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere
-zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz,
-vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse
-Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es
-möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das
-Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber
-nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die
-ist nicht von Pappe. Und sie<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> grüßte mich heute auf der Straße mit dem
-Kopfneigen einer jungen Prinzessin, &mdash; nur so eben gerade, &mdash; weil ich
-sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“</p>
-
-<p>„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was
-sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir
-eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen,
-‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach
-Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“</p>
-
-<p>„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“</p>
-
-<p>„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt
-schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der
-jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den
-Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich
-weiß ja, daß sie der <span class="antiqua">Nervus rerum</span> der Klasse ist, ein rechtes
-Mütterchen...“</p>
-
-<p>„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein
-Doktor ein.</p>
-
-<p>„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem
-Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich
-aufhängen.“</p>
-
-<p>„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und
-streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p>
-
-<p>„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“
-forschte sie dann.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp
-ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das
-Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach
-der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das
-Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht
-am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, &mdash; Fräulein Doktor, ich
-sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht,
-daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb
-kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche
-und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für
-Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte
-von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein
-Ritter des <span class="antiqua">ancien regime</span>...“</p>
-
-<p>„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich
-Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und
-kann sie nicht finden, &mdash; nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen
-Wohltätigkeit. &mdash; Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift
-auf?“</p>
-
-<p>Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf
-diese Frage zurückkam.</p>
-
-<p>„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete
-freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut.
-Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen
-Herzenswunsch drangeben.<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend
-ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn
-ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“</p>
-
-<p>Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein
-Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen
-Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem
-besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte
-wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel
-älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...</p>
-
-<p>Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon
-die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma
-eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten
-liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.</p>
-
-<p>Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und
-empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den
-Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre
-Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“</p>
-
-<p>„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts,
-fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor.
-Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen
-Lachen zog sich Frau Traute zurück.</p>
-
-<p>Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das
-unterste Ende setzte, konnte die Würde<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> nicht so streng gewahrt und
-durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher
-„dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf.
-Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das
-gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren
-viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise
-gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit
-zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im
-Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine
-gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert,
-umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für
-Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die
-Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen
-Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun
-war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes
-Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie
-Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau
-umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke
-auf den Teller legte.</p>
-
-<p>„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“
-sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter
-Zeit.“</p>
-
-<p>„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor
-zweifelnd.</p>
-
-<p>Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> flüsterte:
-„Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“</p>
-
-<p>Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben,
-an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.</p>
-
-<p>Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.</p>
-
-<p>Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein
-Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen
-Fleck.</p>
-
-<p>„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er
-bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt.
-Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr!
-Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: <em class="gesperrt">Jetzt läßt
-er sein Nachtlicht leuchten!</em>“</p>
-
-<p>„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen!
-Teure Freunde! Liebe Frau!“</p>
-
-<p>„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit
-heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm
-Sörensen mit dem Finger drohte.</p>
-
-<p>Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und
-innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der
-Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie
-ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine
-Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das
-„tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> betonte, sowie
-das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.</p>
-
-<p>„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen
-Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins
-Ungemessene.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte
-Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen
-Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt,
-die vorbildliche Einigkeit, das ist meine <em class="gesperrt">Hoffnung</em>. Rechnen Sie
-immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“</p>
-
-<p>„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.</p>
-
-<p>„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter
-Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich)
-uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte.
-Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene
-Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die
-Stavenhagen an, &mdash; es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts
-gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht
-auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf
-Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“</p>
-
-<p>Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in
-Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau
-Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute,
-ohne aus<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>drückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu
-tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der
-sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet
-hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm
-und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein
-paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen
-leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.</p>
-
-<p>Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in
-Augenschein zu nehmen.</p>
-
-<p>Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in
-den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke
-lehnten sich an die Bäume.</p>
-
-<p>Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe
-modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen
-Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen
-Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen
-zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom
-Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft
-die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie
-einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer
-Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn
-aufrichtete und mit Kreidestrichen<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> in Felder teilte. Er rief einen
-Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und
-begann die Bahn zu säubern.</p>
-
-<p>Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches
-Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und
-lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl
-sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar
-herausfordernde Augen.</p>
-
-<p>Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn
-setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich
-hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“</p>
-
-<p>Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin
-auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie
-nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.</p>
-
-<p>„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.</p>
-
-<p>„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der
-jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie
-in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah
-die Frau lauernd an.</p>
-
-<p>„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl
-entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn.
-Nach einer Weile stand die Frau auf.</p>
-
-<p>„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> zu, und sie
-diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der
-kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte
-sie auf den Tisch.</p>
-
-<p>Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie
-nachdenklich in der Hand.</p>
-
-<p>Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die
-Frau auf Kahl zu.</p>
-
-<p>„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.</p>
-
-<p>„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.</p>
-
-<p>Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß
-ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen
-Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“</p>
-
-<p>Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.</p>
-
-<p>„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in
-seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man
-die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege
-Kahl, können wir kegeln?“</p>
-
-<p>Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt
-den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und
-verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam
-den Kopf.</p>
-
-<p>„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des
-Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt
-darin. Ich selbst habe eben einen<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> Geist gesehen und wenn mich nicht
-alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“</p>
-
-<p>Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft
-rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des
-Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur
-der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.</p>
-
-<p>„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den
-dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn
-dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“</p>
-
-<p>Man bildete Parteien und kegelte.</p>
-
-<p>Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten
-Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte
-scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune
-herunter.</p>
-
-<p>Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.</p>
-
-<p>„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen
-zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer Kahl, <em class="gesperrt">Sie</em> werden mich immer unglücklich
-lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.</p>
-
-<p>Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu
-Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine
-hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten
-Gemütern auf, &mdash; ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er
-abwehrt. &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche
-Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch
-einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg
-durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen
-einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche
-Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien.
-Aber das fanden sie gerade entzückend.</p>
-
-<p>Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der
-herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ
-Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste
-sie gutmütig durch die gespenstische Heide.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar
-nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine
-Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch
-nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser
-ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht
-des so sehr Verehrten.</p>
-
-<p>„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete
-der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten
-geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte
-schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“</p>
-
-<p>„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich
-glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich
-ja erst abwarten<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern
-gleich herum, wenn Sie befehlen.“</p>
-
-<p>„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte
-Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“</p>
-
-<p>„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht.
-Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“</p>
-
-<p>Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war
-bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick
-Sörensens dankte ihm.</p>
-
-<p>Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein
-Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um
-unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe,
-ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.</p>
-
-<p>„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß
-sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“</p>
-
-<p>„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte
-Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit
-unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen
-hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie
-durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen,
-wollte sie Agnes helfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie
-sanftmütig.</p>
-
-<p>„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“</p>
-
-<p>„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll
-Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt,
-&mdash; wie schaffe ich eine andere Freude?“</p>
-
-<p>„Darf sie also kommen?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes
-schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene
-Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes
-gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer
-beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“</p>
-
-<p>„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß
-dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich
-nichts von Herzensgüte ...“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die
-Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein
-froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer
-erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes
-eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.</p>
-
-<p>Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich
-über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da
-könnte ich zuschließen und...“</p>
-
-<p>„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn
-sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch
-wirklich die Wurzel alles Übels war.</p>
-
-<p>„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“</p>
-
-<p>„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne
-Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts
-anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“</p>
-
-<p>„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das
-Mittagessen vorher...“</p>
-
-<p>„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich
-zu.“</p>
-
-<p>Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.</p>
-
-<p>Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein
-Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.</p>
-
-<p>Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der
-in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb
-Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal
-Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit
-einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute
-friedloser...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene
-Schuld,“ grollte Hansohm.</p>
-
-<p>„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen
-mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine
-Legion und besitze nicht ein einziges.“</p>
-
-<p>„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse
-Weiber in Essig legt‘ und dann...“</p>
-
-<p>„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor.
-„Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei
-mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“</p>
-
-<p>Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den
-Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht
-noch auf derselben Stelle stehen.</p>
-
-<p>An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die
-meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits
-den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte
-eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag
-in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe
-kränkend kurz und knapp.</p>
-
-<p>Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora
-Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit
-schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das
-schwer hinter ihm ins Schloß fiel.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Sonnabend nacht.</em></p>
-
-<p>Das Skelett meines Hauses grinst.</p>
-
-<p>Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?</p>
-
-<p>Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt,
-gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer,
-willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.</p>
-
-<p>Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen,
-wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande
-warst.</p>
-
-<p>Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt
-Einlaß.</p>
-
-<p>Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens
-sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet.
-Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und
-treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein
-Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein
-Fältchen des Inneren verborgen bliebe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich will ihr nicht schreiben.</p>
-
-<p>Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.</p>
-
-<p>Lebten meine Knaben noch, &mdash; vielleicht...</p>
-
-<p>Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen
-soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine
-Arbeitsjahre umsonst ge<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>wesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar
-diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...</p>
-
-<p>Guter Herrgott, hilf mir!</p>
-
-<p>Ich bin ganz ruhig.</p>
-
-<p>Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.</p>
-
-<p>Ich will Lisette sprechen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur
-Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus,
-tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges
-Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum
-lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und
-Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und
-hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße
-so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“
-am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der
-Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen
-Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und
-seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren.
-&mdash; Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.</p>
-
-<p>Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende
-stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. &mdash; Und
-er und seine rührige<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche,
-Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über
-Nacht bleibenden Gästen. &mdash; Hatte er doch der hübschen, kecken Frau
-Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern
-ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu
-ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl
-manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas
-Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen
-setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann
-ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er
-hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen
-beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben
-anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im
-Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.</p>
-
-<p>Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.</p>
-
-<p>War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so
-einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob
-da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine
-Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung
-wohne.“</p>
-
-<p>„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist
-alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der
-Polizei Bescheid zu holen.“</p>
-
-<p>So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum
-Preisgeben seiner Geschäftsgeheim<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>nisse veranlassen wollte, der mußte
-früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus
-fallen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten
-geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.</p>
-
-<p>Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam
-in sein strenges Gesicht blickte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu
-kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.</p>
-
-<p>„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.</p>
-
-<p>„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem,
-wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe
-nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist
-dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“</p>
-
-<p>Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend.
-„Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die
-letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das
-ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben
-auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und
-deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig
-mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen,
-Erne...“</p>
-
-<p>Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.</p>
-
-<p>„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder
-auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld
-verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen
-wollten, er<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>zähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder
-willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“</p>
-
-<p>„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein,
-„und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“</p>
-
-<p>„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander
-geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen
-fürderhin nicht hältst, Lisette, &mdash; so zwingst du mich...“</p>
-
-<p>Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen
-zurück?“</p>
-
-<p>„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes
-Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern
-soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg.
-Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“
-lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich
-mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht
-das nicht länger.“</p>
-
-<p>„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt,
-es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge
-wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“</p>
-
-<p>„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da
-erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug
-machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als
-hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen,
-er mußte über Land. Schon als ihr ankamt,<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> habe ich euch beobachtet.
-Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, &mdash; „die sah dich arg
-verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“</p>
-
-<p>„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt,
-daß ich nicht frei bin...“</p>
-
-<p>Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“
-murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“</p>
-
-<p>Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am
-Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld
-erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich
-bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken...
-Werde bald gesund! Leb wohl! &mdash;“ Er reichte ihr die Hand und ging mit
-schweren Schritten.</p>
-
-<p>Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe
-für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig
-und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.</p>
-
-<p>Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und
-beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm
-nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein
-zartes Mädchen, weinte.</p>
-
-<p>Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies
-schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.</p>
-
-<p>Sie tastete sich zum Sofa.</p>
-
-<p>Und während sie sich dort von dem Krampf erholte,<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> überdachte sie
-ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich
-keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm
-recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie
-höflich der Wirt zu ihr war.</p>
-
-<p>Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen
-Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.</p>
-
-<p>Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh
-war, heute fortreisen zu können.</p>
-
-<p>Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel
-häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen
-hatte.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich
-recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein
-gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen
-aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand
-niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.</p>
-
-<p>Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch
-ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die
-Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.</p>
-
-<p>Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer.
-Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem
-das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen
-Zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>räumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach
-abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.</p>
-
-<p>„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich.
-„Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“</p>
-
-<p>„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an?
-Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“</p>
-
-<p>„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin
-ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es
-war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“</p>
-
-<p>„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so
-eilig?“</p>
-
-<p>„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen
-will.“</p>
-
-<p>Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das
-Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm
-sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.</p>
-
-<p>„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit
-vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen,
-Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen
-vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame
-arg verstört und bekümmert dreinschaute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p>
-
-<p>„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“</p>
-
-<p>„Was ist denn geschehen?“</p>
-
-<p>„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen
-gesehen, unsern Sörensen, <em class="gesperrt">meinen</em> Sörensen, wie er eine
-Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar
-gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen
-Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“</p>
-
-<p>„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen
-Schein blasser.</p>
-
-<p>„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag
-Ihnen, Doktorsche, von <em class="gesperrt">dem</em> Manne schmerzt es mich, daß er nicht
-ist, was er scheint.“</p>
-
-<p>„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß
-denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser
-als all die andern. Für mich bleibt Sörensen &mdash; Sörensen und wenn er
-hundert junge Weiber hofiert...“</p>
-
-<p>„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff
-trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren
-runzeligen Händen Doras Wange.</p>
-
-<p>Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.</p>
-
-<p>„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort.
-„Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert.
-Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch
-Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> mich doch nicht so
-in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen faßte sich.</p>
-
-<p>„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch
-wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde,
-gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den
-Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“</p>
-
-<p>„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus.
-Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen
-schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene
-rundliche Fülle mit dem Finger.</p>
-
-<p>„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte
-Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele:
-Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“</p>
-
-<p>„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch
-nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem
-Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“</p>
-
-<p>„Fräulein Tingleff!!!“</p>
-
-<p>„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei,
-deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her
-erinnere...“</p>
-
-<p>„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“</p>
-
-<p>„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> Fräulein Tingleff
-ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem
-Herrlichsten von allen?“</p>
-
-<p>„Eigentlich nicht. &mdash; Sörensen geht nur Wege, an denen seine
-unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“</p>
-
-<p>Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen
-die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der
-Einsame wird uns brauchen können. &mdash;“</p>
-
-<p>„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern
-hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an
-seinem Gesicht, daß er <em class="gesperrt">niemand</em> brauchte.“</p>
-
-<p>„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“</p>
-
-<p>„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie
-die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte
-immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke
-zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist
-fürchterlich.“</p>
-
-<p>„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich
-z.&nbsp;B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind
-über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag
-essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen
-Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes
-Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu
-hören, und für<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr
-Gelegenheit dazu gibt.“</p>
-
-<p>„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in
-Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht.
-Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein
-gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße
-Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War
-ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp
-auch mit her?“</p>
-
-<p>„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“</p>
-
-<p>„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem
-um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins
-sein Lebtag vergebens erfleht hat. &mdash; Mit aller innewohnenden Menschen-
-und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“</p>
-
-<p>Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.</p>
-
-<p>„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein
-gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben?
-Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine
-Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren
-ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen
-dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht
-zersplittern.<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht.
-Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine
-Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom
-Dienstag, auf den ich mich freue.“</p>
-
-<p>„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte
-Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer.
-Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie
-just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne
-Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes
-Tänzchen anhebe.</p>
-
-<p>„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine
-feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie,
-wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum
-Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in
-einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm
-blasen...“</p>
-
-<p>„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, &mdash; ganz
-sicher &mdash;&nbsp;&mdash; es ist besser so. Aber Hansohms &mdash; o, das ist herrlich!
-Hoffentlich ist Lore wohl genug.“</p>
-
-<p>„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in
-freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“</p>
-
-<p>Die beiden berieten noch eifrig miteinander.</p>
-
-<p>Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein
-waren, mit eins den kommenden fröhlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> Dienstag vergessen und
-dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende
-Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen
-sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Sonntag abend.</em></p>
-
-<p>Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.</p>
-
-<p>Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber
-für einen Direktor doch wohl berechtigt.</p>
-
-<p>Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich
-rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern.
-Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...</p>
-
-<p>Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem
-Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten
-Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung.
-Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an
-Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht
-unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande
-gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.</p>
-
-<p>Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm,
-alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu
-schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden
-war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>
-Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme,
-die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine
-Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich
-wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken,
-aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld
-nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein
-halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn
-zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden
-Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so
-lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen,
-aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.</p>
-
-<p>Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich
-nicht genau zu sagen.</p>
-
-<p>Aber es ist da.</p>
-
-<p>Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies
-Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles,
-Gesundes für mich. &mdash; Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber
-es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern
-und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile
-das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe
-körperlich.</p>
-
-<p>Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel
-löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes
-Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und
-Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>urteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren
-Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber
-ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an
-Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...</p>
-
-<p>Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am
-Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß
-ich dort war.</p>
-
-<p>„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch
-Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus
-hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen
-Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich
-häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne
-Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich
-alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen
-und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so
-Kleinigkeiten sind...“</p>
-
-<p>Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber auch ihm kann ich nicht helfen.</p>
-
-<p>Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum
-„schwarzen Schaf“ befördert werden ...</p>
-
-<p>Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.</p>
-
-<p>Von ihm und dem Ehepaar Asmus, &mdash; ob sie schweigen oder es vorziehen,
-zu schwatzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p>
-
-<p>Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu
-niedrig gewählt?</p>
-
-<p>An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie
-hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte
-wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine
-herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden
-über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, &mdash; würde beichten,
-würde fragen... Mutter! Mutter...</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.</p>
-
-<p>Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer
-Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit
-raschem Entschluß.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.</p>
-
-<p>Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.</p>
-
-<p>„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.</p>
-
-<p>„Nichts Gutes.“</p>
-
-<p>Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je
-etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, &mdash; das,
-was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß
-dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“</p>
-
-<p>Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in
-meiner dritten Klasse gestohlen.“</p>
-
-<p>„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<p>„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir
-den Dieb in Sicherheit einwiegten. &mdash;“</p>
-
-<p>„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind
-kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“</p>
-
-<p>„Seit vierzehn Tagen.“</p>
-
-<p>„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer
-Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in
-schroffstem Gegensatze.“</p>
-
-<p>„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.</p>
-
-<p>Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide
-objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen
-Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein
-Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht
-doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“</p>
-
-<p>„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte,
-frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr
-unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es
-gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die
-Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“</p>
-
-<p>„Was wird gestohlen?“</p>
-
-<p>„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> gekaufte Hefte
-an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel
-verschwand...“</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht
-Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei
-solchen Vorkommnissen?“</p>
-
-<p>„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich
-beizulegen...“</p>
-
-<p>„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen
-das einzig Gegebene...“</p>
-
-<p>„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete
-Durchstechereien.“</p>
-
-<p>„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit
-der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht
-sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor,“ &mdash; Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es
-handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, &mdash; mein
-Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf &mdash; ich spreche
-streng vertraulich &mdash; auf den Schuldiener Harks.“</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“</p>
-
-<p>„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten
-Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht
-immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks
-gespielt hätten.“</p>
-
-<p>„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p>
-
-<p>„Hm.“</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm.
-&mdash; Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von
-verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen
-worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“</p>
-
-<p>„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu
-gehen.“</p>
-
-<p>„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich
-weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche
-Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener
-erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“</p>
-
-<p>„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...</p>
-
-<p>„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe
-ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose
-Anschuldigungen.“</p>
-
-<p>Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen
-an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann
-freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“</p>
-
-<p>„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn
-Harks nicht der ist, der er scheint?“</p>
-
-<p>„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und
-nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich
-alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald
-Klarheit schaffen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p>
-
-<p>Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des
-Harks?“ fragte er schroff.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Persönlicher</em> Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde
-nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, &mdash; seit einiger
-Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber
-wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da
-noch einmal vorstellig werden...“</p>
-
-<p>„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“</p>
-
-<p>„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha
-Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon
-einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich
-der ‚Onkel Harks‘ für sie...“</p>
-
-<p>„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen
-heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger
-Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld
-seiner Schwestertochter.“</p>
-
-<p>„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer, &mdash; ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles
-sorgen.“</p>
-
-<p>„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“</p>
-
-<p>„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“</p>
-
-<p>„Ziemlich, Herr Direktor.“</p>
-
-<p>Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“
-Aber da las er in den Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> des Kollegen so viel Befriedigung... und
-fühlte zugleich, daß er &mdash; gehaßt wurde...</p>
-
-<p>„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von
-einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die
-Bertha Ehlen vernehmen ...“</p>
-
-<p>„Guten Morgen, Herr Direktor.“</p>
-
-<p>Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich
-Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein
-paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.</p>
-
-<p>Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein
-Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren
-Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten
-und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders
-hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat,
-wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige
-Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan
-habe!“</p>
-
-<p>„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch
-etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß
-immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine
-Freundin hast.“</p>
-
-<p>„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p>„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im
-rechten, echten Angeberton.</p>
-
-<p>Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja
-immer fortgegessen,“ schrie sie.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt
-werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der
-Wintermantel gestohlen?“</p>
-
-<p>Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan
-und wenn ich es nicht getan habe?“</p>
-
-<p>Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.</p>
-
-<p>„Was willst du, Lise Steffens?“</p>
-
-<p>„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen.
-Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo
-draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener
-Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war
-doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“</p>
-
-<p>„Setz dich.“</p>
-
-<p>Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie
-waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach
-Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“</p>
-
-<p>„Der Schuldiener?“</p>
-
-<p>„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch
-wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p>
-
-<p>Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht
-getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam
-noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief
-verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“</p>
-
-<p>Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.</p>
-
-<p>„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.</p>
-
-<p>Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr
-umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir
-haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen
-dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“</p>
-
-<p>Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die
-öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.</p>
-
-<p>Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt
-Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen
-hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt,
-Muff und Gummischuhe lagen obenauf.</p>
-
-<p>„Ich habe es aber nicht getan, und...“</p>
-
-<p>Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und
-schob sie zur Türe hinaus.</p>
-
-<p>„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst
-nicht wiederzukommen.“</p>
-
-<p>Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt,
-sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<p>„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“</p>
-
-<p>Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor
-öffnete ihm.</p>
-
-<p>„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie
-soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu
-deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch
-einzulassen.“</p>
-
-<p>Es war alles rasch erledigt.</p>
-
-<p>Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart
-Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das
-Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus
-seiner Brust.</p>
-
-<p>„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die
-Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“</p>
-
-<p>„Mein guter Name!“ ächzte Harks.</p>
-
-<p>„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie
-vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. &mdash; sie
-tun mir leid.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie &mdash; glauben
-nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr
-Direktor...“</p>
-
-<p>Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte
-nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.</p>
-
-<p>„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> Direktor, „ich habe
-nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau
-gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die
-gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“</p>
-
-<p>„Ja, &mdash; gehen Sie, Harks.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre
-Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich
-verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst
-so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr
-Direktor, &mdash; ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein
-Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“</p>
-
-<p>Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr,
-Harks,“ sagte er einfach.</p>
-
-<p>„Herr Direktor &mdash; wenn Sie mal einen Menschen suchen, der &mdash; für
-Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.</p>
-
-<p>„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. &mdash;“</p>
-
-<p>Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich
-stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten
-Klasse zurück.</p>
-
-<p>„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern.
-„Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges
-Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-<p>„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch
-wohl...“</p>
-
-<p>„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor
-fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich
-hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau.
-Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles
-immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und
-verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn.
-Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und
-Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so
-zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz
-beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien
-auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem
-Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr
-Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam
-nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen
-Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks
-hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und
-harmlos. Und gleich darauf: „Aber,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> lieber Herr Harks, &mdash; ich bitte
-Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht
-Ihr eigen Fleisch und Blut...“</p>
-
-<p>„Herr Direktor,“ &mdash; ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf,
-&mdash; „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, &mdash;&nbsp;&mdash; in die Hand
-eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.</p>
-
-<p>„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf
-mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“</p>
-
-<p>Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.</p>
-
-<p>„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen
-anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des
-Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, &mdash; ich höre zu.“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht
-viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“</p>
-
-<p>Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg
-zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.</p>
-
-<p>„Herr Direktor, &mdash; der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“</p>
-
-<p>„Harks, &mdash; was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein
-Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ja, er will mich verderben und &mdash; er kann mich verderben. Aber ich
-will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll
-nicht diese angstvollen<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen
-mein Richter sein, Herr Direktor.“</p>
-
-<p>„Harks, braver, alter Harks...“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig,
-der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze
-Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut
-drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde
-mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und
-konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns,
-blühende, schöne Kinder, &mdash; was das heißt, können nur Elternherzen
-recht verstehen &mdash; dann kriegt ich den Typhus, &mdash; Herr Direktor, ich
-will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus
-bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. &mdash; Die einzige Freude
-in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, &mdash; wie ein Bäumchen, Herr
-Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe,
-&mdash; das schöne, feine Mädchen, &mdash; da muß ich mich immer abwenden. Grad
-so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge,
-ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was
-Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob,
-und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch
-nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel
-hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“</p>
-
-<p>Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an,
-Harks.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier
-als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte.
-Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst.
-Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der
-Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem
-noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie
-die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so
-viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten
-unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch
-getan, und, &mdash; es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen
-auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich &mdash;
-die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns
-von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst
-zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu
-bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die
-Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und
-es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts
-mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit
-einer Lüge in das neue Amt gegangen war. &mdash; Aber wie wir hier so am
-Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten,
-eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob
-ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie
-schon zweimal geschickt.<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> Und der Apotheker fragte an, ob er sich an
-die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat
-zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt
-machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir
-dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles
-abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch
-an unser Warten und an unsere Angst denke. Und &mdash;&nbsp;&mdash; da lag nun &mdash;&nbsp;&mdash;,
-Herr Direktor, da hatte ich, &mdash; da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl
-eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt
-ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben,
-aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und &mdash; ich will’s
-nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei
-nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W.
-und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja
-längst das Geld von der Tante.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr
-Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals
-noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann &mdash; dann wurde auf einmal dem
-Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken
-sollen. &mdash; Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein
-Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich
-zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein
-und baten und flehten....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<p>Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....</p>
-
-<p>Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus
-seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte.
-Herr Direktor, &mdash; wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade
-als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700
-Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam
-doch zu spät....</p>
-
-<p>Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth &mdash; die Lisbeth, Herr
-Direktor, die hatte ihr junges Herz dem &mdash;&nbsp;&mdash; geschenkt.“</p>
-
-<p>Der alte Mann weinte schwer.</p>
-
-<p>„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth
-war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, &mdash; aber doch auch
-wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie
-sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor
-Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, &mdash; sie diente
-erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle
-bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind
-und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......</p>
-
-<p>Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr
-ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit
-ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...</p>
-
-<p>Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p>
-
-<p>So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das
-schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit
-seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten
-Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit
-Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser
-stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil.</p>
-
-<p>Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und
-gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher
-werde.....“</p>
-
-<p>„Herr Direktor, &mdash; ach Herr Direktor!“.....</p>
-
-<p>Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf
-ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich
-wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte
-das gestohlene Gut gelegt hat?......“</p>
-
-<p>„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks.
-Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht &mdash; wegen
-Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen
-und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude
-der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein ver<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>irrtes Kind
-aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. &mdash;“</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Sonntag abend.</em></p>
-
-<p>Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.</p>
-
-<p>Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines
-Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher
-immer sagte, &mdash; das war lähmend.</p>
-
-<p>Und dabei stillhalten zu müssen.</p>
-
-<p>Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer
-dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.</p>
-
-<p>Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen
-Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......</p>
-
-<p>Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....</p>
-
-<p>Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen
-sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.</p>
-
-<p>Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.</p>
-
-<p>Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir
-allein zutiefst gehört.</p>
-
-<p>Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt
-die Herzen auf. Wie gerecht und gütig<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> urteilte er über Harks. Wie
-verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen
-Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen
-bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig
-und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. &mdash; Meine drei
-Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus
-Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in
-Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken.
-Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem
-sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?</p>
-
-<p>Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.</p>
-
-<p>„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und
-meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....</p>
-
-<p>Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen
-waren freudig bereit, uns zu begleiten.</p>
-
-<p>Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte
-Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer
-gebreitet sehen will.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald
-und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem
-Hochsommer entgegen<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>harrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter
-Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte
-Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“</p>
-
-<p>Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.</p>
-
-<p>Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.</p>
-
-<p>Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen,
-während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen
-sprach. &mdash; Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein
-rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen
-können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge
-Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.</p>
-
-<p>Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“</p>
-
-<p>„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm:
-„Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in
-Heidekamp essen.“</p>
-
-<p>Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli
-hat recht, wie immer.“</p>
-
-<p>Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.</p>
-
-<p>Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.</p>
-
-<p>„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da,
-sehen Sie, dort &mdash; Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben
-biegt er um die Waldecke.“</p>
-
-<p>Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen.
-Frau Försterin hatte Kuchen<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> gebacken, als ob anstatt zwölf junger
-Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.</p>
-
-<p>„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich
-wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber
-Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“</p>
-
-<p>„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“
-sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich.
-„Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie
-weise hinzu.</p>
-
-<p>„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die
-arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne
-Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“</p>
-
-<p>„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch
-eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“</p>
-
-<p>Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur
-gut sind, sie treffen sich doch.“</p>
-
-<p>„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei
-arme Schächer, wie Agnes und ich.“</p>
-
-<p>„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus,
-Sörine Heidekamp.“</p>
-
-<p>Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.</p>
-
-<p>„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme.
-„Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und
-Bresthaften in unserm Dorf wollen<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> auch mein Lachen. Wo soll ich’s
-immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe?
-Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr
-viel klagen.“</p>
-
-<p>„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir
-schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht
-einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht
-sagen, du junges, liebliches Kind?“</p>
-
-<p>Ganz still gingen wir nebeneinander her.</p>
-
-<p>Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich
-auf uns herab.</p>
-
-<p>Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand
-in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir
-eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit
-Großvaterli.“</p>
-
-<p>Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und
-alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler
-seid ihr beide, du und das Großvaterli.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und
-Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!</p>
-
-<p>Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.</p>
-
-<p>Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> in der Ursprache
-vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie
-lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!</p>
-
-<p>Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den
-jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen
-Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird
-oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein
-Stavenhagen Mütterlichkeit.</p>
-
-<p>Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen
-Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr
-unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie
-nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner
-Schwester einlud.</p>
-
-<p>Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich
-Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz,
-wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor
-scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht
-freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.</p>
-
-<p>Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach
-Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener
-Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse.
-Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein
-gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> böswillige
-Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf
-Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.</p>
-
-<p>Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...</p>
-
-<p>Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.</p>
-
-<p>Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes,
-großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. &mdash; Sie hatte ihr
-Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer
-und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist
-köstlich.</p>
-
-<p>Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten
-Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er,
-kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...</p>
-
-<p>Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze
-Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung
-dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.</p>
-
-<p>Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein
-Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen <span class="antiqua">Pecunia</span> abhängig. Sie
-möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will
-mir keinen Beruf eröffnen.“</p>
-
-<p>„Was meint sie denn?“</p>
-
-<p>„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>“ Telse wurde sehr
-niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.</p>
-
-<p>„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.</p>
-
-<p>„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein
-Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“</p>
-
-<p>Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und
-Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie
-„Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.</p>
-
-<p>„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie
-ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen
-„Bohrwurm“ führt, &mdash; „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für
-uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit
-„selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür
-verantwortlich. Kapiert ihr das?“</p>
-
-<p>„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith
-Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer
-bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“</p>
-
-<p>„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in
-meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.</p>
-
-<p>„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine
-ehrlich, &mdash; „aber &mdash; Großvaterli sagt nichts, über das man nicht
-fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das
-ist so schön. Hab<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich
-vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit,
-die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“</p>
-
-<p>„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte
-Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.</p>
-
-<p>„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die
-verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu:
-„Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so
-viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“</p>
-
-<p>„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen
-herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.</p>
-
-<p>Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den
-Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte
-er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk.
-„Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“,
-rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt:
-Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf
-Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“</p>
-
-<p>„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die
-Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog
-die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.</p>
-
-<p>Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> hat uns der Ehrenmann
-aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen
-Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher
-keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß
-mit der Kapelle verbindet.</p>
-
-<p>Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing
-meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.</p>
-
-<p>„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner
-lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen
-Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen.
-„Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz
-einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber
-wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt,
-müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält,
-&mdash; die weiß Bescheid.“</p>
-
-<p>Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, &mdash; ein
-rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das
-Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine
-Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine
-Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich
-nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.</p>
-
-<p>Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung,
-und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.</p>
-
-<p>„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> gesund werden“,
-sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“</p>
-
-<p>„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft
-und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren.
-&mdash; Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. &mdash;“</p>
-
-<p>„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die
-werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, &mdash; ach ich
-freue mich ja so schrecklich!“</p>
-
-<p>Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an
-dem Herrenhause da draußen, &mdash; dies große Freuen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.</p>
-
-<p>Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit
-seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon
-de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald &mdash;
-ick freu mi bannig.“</p>
-
-<p>Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im
-ausgeprägtesten Sinne. <em class="gesperrt">Mitleid</em> scheint sie sogar ein wenig zu
-verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden,
-„diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte,
-immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber
-trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit
-habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.</p>
-
-<p>Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das
-Mitleid für gar zu billig achtet. &mdash; Mitfreude wächst nur auf dem
-Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen?
-&mdash; Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus
-und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem
-Unvermögen, hier Freude zu geben.</p>
-
-<p>Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.</p>
-
-<p>Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch
-Schulleiter.“ &mdash; Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen
-Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.</p>
-
-<p>Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen
-und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig
-um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie,
-und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“</p>
-
-<p>Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:</p>
-
-<p>„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“</p>
-
-<p>Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.</p>
-
-<p>So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.</p>
-
-<p>Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom
-Willen eines starken Einzelnen.</p>
-
-<p>Aber damit hat sie nur bedingt recht.</p>
-
-<p>Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> wieder und wieder
-an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die
-Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:</p>
-
-<p>Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine
-alles das geben, was sie sich wünscht. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen
-Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste
-Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über
-die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet,
-die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die
-wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen
-Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in
-Empfang nehmen mußten.</p>
-
-<p>Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft
-aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten
-und salutierten mit den Peitschen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch
-sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all
-das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge
-gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten
-Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden.
-Gottlob, die Gefahr war vorüber.<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Wer so lachen konnte und so frei von
-der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter
-Jugendleiter nach Gottes Herzen. &mdash; Der alte Friedrich kutschierte
-in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine
-Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem
-Handpferd Isabelle mit.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir
-hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag
-allein zu lassen, so finde ich das roh.....“</p>
-
-<p>„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten
-wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, &mdash; ich war
-eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“</p>
-
-<p>„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches
-geleistet, &mdash; er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des
-Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der
-braucht jetzt wohl Ruhe.“</p>
-
-<p>„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie
-ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute,
-als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, &mdash; ich brauche dich!
-Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der
-in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die
-Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“</p>
-
-<p>Hansohm schloß die Haustür auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p>
-
-<p>Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.</p>
-
-<p>„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein
-Doktor, &mdash; so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es
-noch glüht. Halloh, Lore, &mdash; gut Freund!“</p>
-
-<p>Er öffnete die Wohnstube.</p>
-
-<p>Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für
-ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine
-Hausschuhe standen bereit.</p>
-
-<p>Alles atmete liebevolle Fürsorge.</p>
-
-<p>Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.</p>
-
-<p>Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die
-lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.</p>
-
-<p>Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch
-erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der
-letzten Zeit......</p>
-
-<p>„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der
-erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“</p>
-
-<p>Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest
-du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.</p>
-
-<p>Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände
-gelegt.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen
-Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal
-dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir
-gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> schönes
-schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter:
-Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte
-Frau.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand
-des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich
-die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz
-mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und
-nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.</p>
-
-<p>Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist
-jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als
-sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie
-zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies
-Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann.
-Gott befohlen, Klaus Hansohm.“</p>
-
-<p>Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah
-ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die
-Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am
-Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn
-Direktor sprechen.</p>
-
-<p>Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit
-schweren, müden Schritten zu ihm trat.</p>
-
-<p>„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte
-Sörensen mit viel guter Liebe seine<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> Arme um den jungen Kollegen, und
-dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.</p>
-
-<p>„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, &mdash; und
-Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Mein alter Foliant, &mdash; auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich
-zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.</p>
-
-<p>Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl
-lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem
-himmelhochjauchzend &mdash; zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts
-zu ersetzen. &mdash; Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden
-und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen
-darf.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders
-unsympathisch. <em class="gesperrt">Wenn</em> man aber denn durchaus als Obersekundaner
-diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß
-man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht,
-besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“
-Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und
-verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. &mdash; Hätte
-sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei
-erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf ge<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>waschen.
-&mdash; Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die
-Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den
-pp. Eltern und Vormündern. &mdash; Aber Fräulein Nissen hatte nicht das
-geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und
-verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.</p>
-
-<p>Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. &mdash; Eine weitere
-Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und
-„Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen
-Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er
-auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen
-entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es
-eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und
-machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein
-„Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. &mdash; Dann erst hat er Hanne
-Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür
-des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich
-fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und
-dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der
-Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich
-nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt,
-was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner
-Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.</p>
-
-<p>Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand,<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> nahm ich an
-mich und wurde deshalb von Konrad Dierks &mdash; gestellt. Das Bürschchen
-kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl
-in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich
-in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen
-Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige
-mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und
-meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich
-widerrechtlich angeeignet haben.“</p>
-
-<p>Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine
-Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl
-inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“</p>
-
-<p>Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und
-überreichte es ihm.</p>
-
-<p>Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute
-Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch,
-aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. &mdash; „Also Ihr Gedicht
-wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin.
-„Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der
-ersten Klasse.“</p>
-
-<p>Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern
-suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Brünstig brandet mein brausendes Blut</div>
- <div class="verse">Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Es war aber noch erklecklich länger. &mdash; Glauben<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Sie, daß Telse Lüders
-reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.</p>
-
-<p>„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit
-ihnen abgeschlossen.“</p>
-
-<p>„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“</p>
-
-<p>„17 Jahre.“</p>
-
-<p>„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“</p>
-
-<p>„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich
-zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.</p>
-
-<p>„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen,
-daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein
-Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen
-gelernt, dünken <em class="gesperrt">Sie</em> mich eine großangelegte Natur zu sein.“</p>
-
-<p>Ich verbeugte mich geziemend.</p>
-
-<p>„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von <em class="gesperrt">meinem</em> Direktor
-behandelt worden, .... ich &mdash; ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als
-ihn... zu fordern.“</p>
-
-<p>„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“</p>
-
-<p>„Jawohl, Herr Direktor. &mdash; Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, &mdash;
-meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, &mdash; aber sie hat
-mich unerhört im Stich gelassen. &mdash; Es bleibt mir keine Wahl. Wollen &mdash;
-wollen Sie mein Kartellträger sein???“</p>
-
-<p>Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht
-wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden
-unbedarften Jungen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten
-Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa:
-„Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, &mdash; da lachte ich schließlich so
-erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.</p>
-
-<p>Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann &mdash; fing er an
-zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich &mdash;
-freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“,
-daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu
-folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten
-Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den
-Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....</p>
-
-<p>Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem
-Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu
-arbeiten.</p>
-
-<p>Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie
-begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche
-heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau
-Dietz geheimnisvoll beiseite.</p>
-
-<p>„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der
-Unzufriedenheit.</p>
-
-<p>„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat
-einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“</p>
-
-<p>„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.</p>
-
-<p>„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von
-Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu
-Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer.
-Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als
-Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen.....
-Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben
-Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch
-geguckt .....“</p>
-
-<p>Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die
-zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen
-ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und
-als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf
-den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“</p>
-
-<p>Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.</p>
-
-<p>Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um
-Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise.
-„Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und
-ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner
-Entschuldi<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>gung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem
-Besuche weiß.....“</p>
-
-<p>„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“</p>
-
-<p>„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte
-Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.</p>
-
-<p>„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität,
-von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen
-Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr
-Menschentum ....“</p>
-
-<p>Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber
-nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.</p>
-
-<p>Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort:
-„Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren,
-daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte
-zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger
-Mensch, &mdash; ich &mdash; ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes
-gelernt, als hübsch zu sein.</p>
-
-<p>Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit
-vorbei......</p>
-
-<p>Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“</p>
-
-<p>„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“</p>
-
-<p>Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr
-Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende.<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> Ich habe mir vieles gefallen
-lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu
-mir, &mdash; ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und
-es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß
-ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus,
-Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern
-Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, &mdash; so viel Sauberkeit
-in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann &mdash; gleichviel woher &mdash;
-erfuhr, daß gerade im Vorleben <em class="gesperrt">meines</em> Mannes ein häßlicher Punkt
-sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben,
-habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen
-sei und &mdash; mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine
-eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun &mdash; Herr Direktor, nun wohnt da
-draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person &mdash; man
-sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er
-hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles
-so niedrig, &mdash; ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie
-bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider
-Bertels.....“</p>
-
-<p>Frau Kahl schluchzte schwer auf.</p>
-
-<p>„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.</p>
-
-<p>„Ja, und gestern &mdash;&nbsp;&mdash; gestern war sie sogar in unserer Wohnung....
-Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein
-Dienstmädchen stand dabei und grinste....</p>
-
-<p>Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> sein, &mdash; er schalt
-mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“</p>
-
-<p>Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe
-vorstellen“, bat er drängend.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person
-kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und &mdash;&nbsp;&mdash; Sie sollen der
-Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, &mdash; Sie werden
-Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns
-zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines
-Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur
-loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen,
-denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im
-Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“</p>
-
-<p>Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und &mdash;&nbsp;&mdash; alles so
-widerstandslos aufgeben?“</p>
-
-<p>„Er haßt Birkholz &mdash; und Sie!“ sagte Frau Kahl.</p>
-
-<p>„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, &mdash;
-aber Haß???“</p>
-
-<p>„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den
-Aufrechten....“</p>
-
-<p>„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es
-ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten
-Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte.
-„Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und
-beleidigt und doch immer dieselbe....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p>
-
-<p>„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er
-jetzt.</p>
-
-<p>Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus,
-und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der
-mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach
-den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf
-irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper
-Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum
-Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“</p>
-
-<p>„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.</p>
-
-<p>„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin
-aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt
-das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....</p>
-
-<p>Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich
-habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“</p>
-
-<p>„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings
-nicht.“</p>
-
-<p>„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern
-sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte.
-Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span></p>
-
-<p>Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich
-in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor
-Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer
-auf und nieder.</p>
-
-<p>Der nächste Tag war ein Sonntag.</p>
-
-<p>Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein
-Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor,
-der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte,
-vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war,
-wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus
-früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so
-herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen
-auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und &mdash; das Pharisäertum
-geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in
-den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern
-aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu
-Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber
-als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken,
-ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ,
-da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen
-gemünzt war.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.</p>
-
-<p>Aber nicht allzuweit.</p>
-
-<p>Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm
-sonst gegeben: besinnliche Stille.</p>
-
-<p>Er befand sich in seltsamer Aufregung &mdash; und Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span>legenheit. Und die
-Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht,
-wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der
-gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach
-einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den
-„Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe
-des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier
-Schneidermeister Bertels wohnte.</p>
-
-<p>Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in
-den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen
-prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der
-andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches
-mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.</p>
-
-<p>Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts
-anderes lesen als: Lisette Balian.</p>
-
-<p>Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken
-kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese
-Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere
-Todfeinde gegenüber.</p>
-
-<p>„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.</p>
-
-<p>„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und
-packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“</p>
-
-<p>Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.</p>
-
-<p>Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> du <em class="gesperrt">mir</em>
-wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht.
-Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und
-schüttelte die Fäuste.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht
-gerufen.“</p>
-
-<p>„Aber wie kommst <em class="gesperrt">du</em> hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer
-Heilanstalt....“</p>
-
-<p>„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir
-gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst
-auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich
-ordentlich pflegen und auskurieren....“</p>
-
-<p>„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine
-Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich
-habe eine zähe Natur.“</p>
-
-<p>„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel
-gab ich dir reichlich....“</p>
-
-<p>„Ja. &mdash; Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet
-neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld.
-Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“</p>
-
-<p>„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und
-dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“</p>
-
-<p>„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick
-nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem
-Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span></p>
-
-<p>„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.</p>
-
-<p>„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu
-haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“</p>
-
-<p>„Woher wußte er deine Anschrift?“</p>
-
-<p>„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben
-Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war
-alle, und &mdash; alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus
-Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach
-Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen.
-Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön
-dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“</p>
-
-<p>„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine
-ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen
-schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“</p>
-
-<p>Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und
-biß sich auf die Lippen.</p>
-
-<p>„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es
-ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte
-wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“</p>
-
-<p>„Erkläre dich näher....“</p>
-
-<p>„Nun, der Herr Kahl meint doch, &mdash; es besteht irgend etwas Unsauberes
-zwischen uns beiden, mein lieber Erne.<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Meinst du denn, ich hätte ihm
-gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.</p>
-
-<p>„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße
-Lisette Balian und &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; na ja, er hatte sich eine ganze lustige
-Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten
-da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.</p>
-
-<p>Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was
-er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte <em class="gesperrt">er</em>
-hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich
-allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern <em class="gesperrt">deine Frau</em>
-wäre...“</p>
-
-<p>„Lisette!!!“</p>
-
-<p>„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure
-dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze
-Geschichte verkreckt.“</p>
-
-<p>Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer
-Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit
-Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er
-geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich
-aus. Heute nachmittag komme ich wieder und &mdash; bringe dich selbst in ein
-Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß
-du krank und allein in die Weite fährst....“</p>
-
-<p>Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen
-brannten.</p>
-
-<p>„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> wir zwei hätten doch
-dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh
-dich gar nicht.....“</p>
-
-<p>„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann
-schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; geliehen hat, &mdash;
-packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit
-diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus.
-Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen
-ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor
-Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab
-nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging,
-zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte,
-bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein
-Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in
-Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn
-Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt
-wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe
-ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei
-Kahls kündigen.....</p>
-
-<p>Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor
-Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie
-hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.</p>
-
-<p>Zorn und Scham brannten in seiner Seele. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span></p>
-
-<p>Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß
-erwartungsvoll und horchte nach der Tür.</p>
-
-<p>Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute
-zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der <em class="gesperrt">liebe</em> Herr Direktor“
-hatte er gesagt.</p>
-
-<p>Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten,
-wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte
-auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine
-Antwort hatte ihm gefallen. &mdash; Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen
-an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und
-ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....</p>
-
-<p>Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich
-begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben-
-bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien,
-um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger
-Neugierde zu verfolgen&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Großer Pädagoge Traute!</p>
-
-<p>Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt,
-und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung
-urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.</p>
-
-<p>Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.</p>
-
-<p>Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen
-der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.</p>
-
-<p>In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lä<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>chelte Lehrer
-Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“,
-sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“</p>
-
-<p>Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun
-fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.</p>
-
-<p>„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.</p>
-
-<p>„Ach, &mdash; Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich
-wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“</p>
-
-<p>„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.</p>
-
-<p>„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen.
-„Sone ganze Stadt mit allen drin.“</p>
-
-<p>„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“</p>
-
-<p>„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom
-Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden
-und strich liebkosend über die Blondköpfe.</p>
-
-<p>„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige,
-und Hansohm bestätigte lachend.</p>
-
-<p>Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm
-erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden
-und fragten ihn um Unverstandenes.</p>
-
-<p>Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der
-neunten Klasse ein guter, ja der beste<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Freund war, zu dem sie recht
-mit bewußtem Vertrauen aufsahen.</p>
-
-<p>Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das
-Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen
-Schule und Haus. &mdash; Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts
-verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern
-hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.</p>
-
-<p>„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur
-Mutti, wie sie <em class="gesperrt">so</em> weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch
-wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und
-setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht
-aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann
-kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ &mdash; Der hat ihn dann auch
-aufgekriegt.“</p>
-
-<p>„Na, der hat’s auch leicht mit &mdash; die vielen Werkzeuge,“ bestätigte
-Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.</p>
-
-<p>Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz
-mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig
-mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und
-wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom
-Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.</p>
-
-<p>Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie
-recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf,
-so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen
-Ungehorsam<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites
-Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß,
-Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein,
-&mdash; aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt
-Sodom und wurde &mdash; zur ‚Salzgurke‘.“</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p>Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und
-Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor
-selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war
-wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde
-immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige
-hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie
-Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als
-auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr
-sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht,
-betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt,
-„ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders
-bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben
-der große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein
-zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder
-fest an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie
-ihn <em class="gesperrt">alle</em>, &mdash; wohlgemerkt den <em class="gesperrt">Kinderfreund</em>, der ihnen
-entgegenkommt, nicht den, den Ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> als ‚unerreichbar‘ droben in der
-Unendlichkeit wissen wollt...“</p>
-
-<p>„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer
-vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“,
-aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie
-gewesen....“</p>
-
-<p>„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl
-bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer
-Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“</p>
-
-<p>„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der
-Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden
-nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor
-Claßen.“</p>
-
-<p>Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der
-letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde....
-<em class="gesperrt">Sie</em> natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl
-meckerte hämisch.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim
-Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der
-Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz
-viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind
-immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und
-klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen
-Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden,
-&mdash; grübelte darüber nach,<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> wie man wohl dem jungen Lehrer eine
-Herzensfreude bereiten könne.</p>
-
-<p>So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den
-schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun,
-sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen
-Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen
-Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz
-erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen
-Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Sonntag abend.</em></p>
-
-<p>Die Heide blüht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In diesen drei Worten liegt ein Erleben.</p>
-
-<p>Die Heide blüht.</p>
-
-<p>Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?</p>
-
-<p>Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen.
-Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte
-mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und
-goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne
-waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....</p>
-
-<p>Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden
-Haar an den Schläfen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> auftaucht und grinst.
-Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird
-den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“</p>
-
-<p>Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen
-bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.</p>
-
-<p>Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.</p>
-
-<p>Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.</p>
-
-<p>Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.</p>
-
-<p>Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das
-ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg
-dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald
-von Unterlüß.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde
-vom Umherlaufen in der Stadt.</p>
-
-<p>Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige
-Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich
-arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.</p>
-
-<p>Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.</p>
-
-<p>Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.</p>
-
-<p>So, &mdash; als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das
-Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen
-wäre....</p>
-
-<p>Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Minuten beisammen.
-Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht
-danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die
-Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für
-ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide
-mir bot.</p>
-
-<p>Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende,
-grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die
-träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine
-rote Heide.....</p>
-
-<p>Dann sprang ich auf und besann mich.....</p>
-
-<p>Und wanderte, wanderte, &mdash; bis ich mich in Heidekamp wiederfand.</p>
-
-<p>Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten
-gleich wieder umkehren.</p>
-
-<p>Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die
-Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben.
-&mdash; Man ließ mich auch nicht fort.</p>
-
-<p>Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der
-mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren
-Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand
-Spiele unternahm.</p>
-
-<p>Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns
-herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie
-umher recht wie ein Sommerfalter.</p>
-
-<p>Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen
-zu uns auf die Terrasse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p>
-
-<p>Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.</p>
-
-<p>„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da
-saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem
-Gürtelsträußchen....</p>
-
-<p>„Oh &mdash; nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden
-nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, &mdash; wie täppisch du immer bist!“</p>
-
-<p>„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“</p>
-
-<p>Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein
-Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.</p>
-
-<p>Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen
-Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es
-war wie ein herber Schmerz.....</p>
-
-<p>Meine Schülerin. &mdash; Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das
-unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den
-Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen
-nach Wunsch deines Vaters....</p>
-
-<p>Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr
-Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, &mdash; löse sie
-fein langsam....</p>
-
-<p>Denn lösen willst und wirst du sie wohl. &mdash; Der alte Herr gab mir sein
-gutes Vertrauen.</p>
-
-<p>„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte
-auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte.
-„Neffe Kurt ist mir<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein
-heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins
-Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater
-ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn
-er erst Herr hier ist.....“</p>
-
-<p>„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....</p>
-
-<p>„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, &mdash; sie hat
-ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren
-gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden
-soll...“</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen,
-herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort,
-Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich
-langweilig.“</p>
-
-<p>„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.</p>
-
-<p>„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren
-Namen.“</p>
-
-<p>Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen,
-rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem
-schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.</p>
-
-<p>„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder
-einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich
-umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich
-sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. &mdash; Als<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> sie
-zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit
-mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“</p>
-
-<p>„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht
-so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist
-doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“</p>
-
-<p>„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen
-mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“</p>
-
-<p>Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten
-Worten zu mir herüber.</p>
-
-<p>„Und dann,“ &mdash; Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, &mdash; „Herr
-Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch
-die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“</p>
-
-<p>Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend
-nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.</p>
-
-<p>„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine,
-aber sie lächelte nur schattenhaft.</p>
-
-<p>„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich
-mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete,
-pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann
-ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz
-schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht
-mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-<p>„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch
-über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab,
-anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu
-beschäftigen...“</p>
-
-<p>„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer
-etwas anzuvertrauen....?“</p>
-
-<p>„Eine Bitte habe ich, &mdash;&nbsp;&mdash; eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig
-mit tiefem Ernst. „Es <em class="gesperrt">muß</em> etwas für Agnes geschehen...“</p>
-
-<p>„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie
-wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“</p>
-
-<p>„Ich denke an <em class="gesperrt">nichts</em> anderes“, rief sie erregt. „Aber alle
-lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich
-ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“</p>
-
-<p>„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast
-könnt ich drüber erschrecken.</p>
-
-<p>„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann
-dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen,
-und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“</p>
-
-<p>„Sörine...“</p>
-
-<p>„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt
-darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht
-mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja
-direkt wütend über meinen Vorschlag....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span></p>
-
-<p>„Sörine! Kindskopf!“</p>
-
-<p>Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein
-Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische
-Sachen, sondern .....“</p>
-
-<p>„Sondern?“</p>
-
-<p>„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“,
-vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“</p>
-
-<p>Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine
-Stimme nicht in der Gewalt.</p>
-
-<p>„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.</p>
-
-<p>„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.</p>
-
-<p>„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“</p>
-
-<p>„Natürlich!“</p>
-
-<p>„Darf ich ihn wissen?“</p>
-
-<p>„Ja. &mdash; Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er
-gesagt.“</p>
-
-<p>„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute
-Freundin von ihm schieden....“</p>
-
-<p>„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht
-überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“</p>
-
-<p>„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit
-nachkommen. &mdash; Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig <em class="gesperrt">zu</em>
-sörinenhaft. Ist denn etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> Besonderes geschehen, daß Sie wirklich
-Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes
-zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem
-Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es
-den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige
-Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich
-kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“</p>
-
-<p>„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist
-eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes
-hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte....
-Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“</p>
-
-<p>Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig
-und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden
-Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand
-zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von
-Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“</p>
-
-<p>„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse
-mich nun auch fest darauf. &mdash; Die Agnes freilich, die hat schon jede
-Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“</p>
-
-<p>An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße
-Gestalt und sah mir nach.</p>
-
-<p>Und wandte sich blitzschnell und floh davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Um Mitternacht.</em></p>
-
-<p>Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller
-Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.</p>
-
-<p>Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, &mdash; ich will ihn meinem
-Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der
-freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in
-der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, &mdash; vielleicht ist er
-wichtiger Art.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ob er wichtig ist?</p>
-
-<p>Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit
-vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir
-danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu.
-Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf
-und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und
-lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht
-gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und
-Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch
-erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen
-Namen trägt. &mdash; Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war
-die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz
-geschaut, mein Erne, &mdash; ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt
-worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus
-7, Vers I. &mdash; Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott
-in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> Tür wies,
-daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch,
-weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine
-Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt
-zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und
-weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und
-die Hände falten mit Dank. &mdash; Und haben wir uns noch auf eine Weise
-ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder
-gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s
-wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der
-Erne, &mdash; so kreuzbrav. &mdash; Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav
-sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh
-brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum
-Lachen....“</p>
-
-<p>Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur,
-der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs
-Lachen gut ist.</p>
-
-<p>Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um
-der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben
-auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.</p>
-
-<p>Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie
-gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch,
-daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund
-und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach
-Christengebot feurige Kohlen willst<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> sammeln, und der die letzte Ehre
-antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.</p>
-
-<p>Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine
-Sörensen.</p>
-
-<p>Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....</p>
-
-<p>Deiner würdig will ich’s leben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich
-den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein
-Gottes.“</p>
-
-<p>Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du
-gute Mutter...</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte
-des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten!
-Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man
-von ihm weiß.“</p>
-
-<p>„Genügt aber, wenn das Wenige <em class="gesperrt">gut</em> ist“, entgegnete der Kollege.</p>
-
-<p>„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm.</p>
-
-<p>Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von
-nichts zu wissen &mdash;&nbsp;&mdash; und heute schon fort.....</p>
-
-<p>Vermutlich ein Telegramm???“</p>
-
-<p>„Vermutlich.“</p>
-
-<p>Traute sah, es war aus Rasmussen nichts heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> zu holen. Ärgerlich
-ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter
-niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile:
-„Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur,
-daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz
-abgedampft sei, ordentlich <em class="gesperrt">gelaufen</em> sei er, um noch den Frühzug
-5<sup>54</sup> zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche
-Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, &mdash;
-na, Sie wissen ja Bescheid.</p>
-
-<p>Unsauber, &mdash; im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, es <em class="gesperrt">muß</em>
-ihm nächstens den Hals brechen....“</p>
-
-<p>„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er
-hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus
-Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab.</p>
-
-<p>Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund
-aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem
-frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er
-sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem
-Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er
-an dem Direktor vorbeischritt.</p>
-
-<p>Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des
-Grußes gar nicht bemerkt.</p>
-
-<p>Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit
-ihren Frauen, und es war wirklich<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> befremdlich, wie langsam jede
-Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite
-schauten...</p>
-
-<p>Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz
-unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber
-Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß
-war mir Ihr Gesicht, obgleich &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; ich eben aus meiner Heimat
-<em class="gesperrt">komme</em>“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von
-Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“</p>
-
-<p>„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm.</p>
-
-<p>Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch
-eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und
-Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches
-prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der
-Heimkehr gebacken hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen
-freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut
-hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“</p>
-
-<p>„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt
-zur Antwort.</p>
-
-<p>„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte
-Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil
-Sie mir prophezeien wollen....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p>
-
-<p>Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm.</p>
-
-<p>Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar
-nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer.</p>
-
-<p>„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf.
-„Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, &mdash; es verdirbt mir beinahe ein
-wenig den Tag...“</p>
-
-<p>„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden
-forschend.</p>
-
-<p>„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ja. &mdash; Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“</p>
-
-<p>Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber.</p>
-
-<p>Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas.
-Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr
-Vertrauen?“</p>
-
-<p>„Das haben Sie, Herr Direktor.“</p>
-
-<p>„Also? &mdash;&nbsp;&mdash; Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann
-wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Direktor.“</p>
-
-<p>Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage:</p>
-
-<p>„Hängt es &mdash;&nbsp;&mdash; mit meiner Reise zusammen?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen
-kann ich mich nicht schützen.“ Er sah<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> dem jungen Kollegen in das
-verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem
-Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor
-gehen? Sagen sie ihr, &mdash; ich &mdash; ich hätte vor wenig Tagen meine Frau
-begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“</p>
-
-<p>Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und
-schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu
-ihm. „Ich &mdash; danke Ihnen Herr Direktor.“</p>
-
-<p>Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das
-Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten
-Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die
-Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein
-treues Frauenherz aufgenommen.</p>
-
-<p>Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein.
-Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich
-weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“</p>
-
-<p>Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz
-ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe
-ehren.“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es
-war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand
-allsonntäglich eine Viertelstunde<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> vor dem Fenster, um ihrem Herrn
-Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die
-Ecke.“</p>
-
-<p>Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten.</p>
-
-<p>Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte
-Luft taten wohl. &mdash; Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen
-Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin
-durchsetzt war.</p>
-
-<p>„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg,
-und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar
-rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte
-dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei
-Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem
-Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern
-sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen
-gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen.</p>
-
-<p>„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das
-muß ich versuchen...“</p>
-
-<p>Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue
-zusammenzustellen. „Es darf nur von <em class="gesperrt">einem</em> gebraucht werden,
-sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er
-dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll
-forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist
-auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den
-Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytet<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> und mit Sorge
-gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der
-Melancholeya.‘“</p>
-
-<p>Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick
-ernsthaft zurück.</p>
-
-<p>Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie
-haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu
-machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus,
-wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte:
-‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir
-gar nicht.‘“</p>
-
-<p>„Die Kräuter sollen ja auch nur die <em class="gesperrt">Deerns</em> schön machen“,
-scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte.</p>
-
-<p>„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er
-warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s
-verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde,
-da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten.</p>
-
-<p>Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend.</p>
-
-<p>„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte
-Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz
-nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen
-aufleben, &mdash;&nbsp;&mdash; Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man
-tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt
-abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p>
-
-<p>„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet
-bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin
-hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand
-werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in
-Birkholz festen Fuß fassen werde?“</p>
-
-<p>„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte
-Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt,
-aber ich habe immer dagegen gestritten.“</p>
-
-<p>„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie,
-Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des
-Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“</p>
-
-<p>„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein.</p>
-
-<p>„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich
-unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der
-Schule ernstlich gefährden.“</p>
-
-<p>Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an.
-„Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie
-die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“</p>
-
-<p>„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend,
-„so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich
-unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter
-arbeiten.... <em class="gesperrt">Ich</em> habe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die
-Eltern<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> meiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir
-erst ein Anonymus verraten.“</p>
-
-<p>„Anonymus<em class="gesperrt">???</em> Bekommen Sie <em class="gesperrt">auch</em> anonyme Briefe<em class="gesperrt">???</em>“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Auch???</em> Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche
-herum?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug,
-solche Dinge gebührend zu empfangen?“</p>
-
-<p>„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr
-Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit.
-Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde.
-Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht
-es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten
-herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine,
-gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht,
-einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann
-wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel
-lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen
-Birkholz.“</p>
-
-<p>„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. &mdash; Und schon
-als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben
-Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte
-vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. &mdash; Aber
-Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerliche<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> Erfüllung. Er
-gab mir Besseres, ließ mich meine Heimat <em class="gesperrt">lieben</em>. Das war schon
-Glück. Dann kam das <em class="gesperrt">Erkennen</em> meiner Heimat, all der reichen
-Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen
-verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und
-heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“</p>
-
-<p>Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen
-flammten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen.</p>
-
-<p>„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben. <em class="gesperrt">Sie</em> sind
-mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz
-einen Lehrer von <em class="gesperrt">Gottes Gnaden</em>!“ Denn nur durch die Kinder
-kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste
-Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig,
-das Innerste bei ihnen herauszuholen.“</p>
-
-<p>„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster.</p>
-
-<p>„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit
-geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein
-Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“</p>
-
-<p>„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein
-zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge
-Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich
-sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“</p>
-
-<p>„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einer<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> Weile: „Kann dies
-Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“</p>
-
-<p>Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den
-Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige
-Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leid <em class="gesperrt">darf</em>
-sterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen
-Muttererde der Heide zu begraben.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen
-Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk
-erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen
-ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen
-Claußen, &mdash; Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die
-paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Sie
-<em class="gesperrt">wollen</em>, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“</p>
-
-<p>Sörensen stutzte und blieb stehen.</p>
-
-<p>„Ich soll.... Kollege Hansohm, &mdash; Sie meinen &mdash; ich soll Farbe
-bekennen? Soll mich gegen &mdash;&nbsp;&mdash; anonyme Beschuldigungen verteidigen?“</p>
-
-<p>„Nicht ganz so schroff &mdash;&nbsp;&mdash; Herr Direktor &mdash; o nun habe ich wohl alles
-verfahren &mdash;&nbsp;&mdash; wie leid mir das ist&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte
-Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie
-selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es
-ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> sitzen und sich
-belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“</p>
-
-<p>Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus.</p>
-
-<p>„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und
-wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“</p>
-
-<p>Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander
-her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas
-von Agnes Asmus gehört?“</p>
-
-<p>Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen,
-Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus
-sprechen.“</p>
-
-<p>„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach
-Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr,
-sehr leid. Meine Reise und &mdash; quälende Begleitumstände hinderten mich
-völlig. &mdash;&nbsp;&mdash; Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen
-und möglichst alles Versäumte nachholen.“</p>
-
-<p>„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach
-Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation
-übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“</p>
-
-<p>„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und
-peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf.
-„Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe
-mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span>
-gegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen
-Augen der jungen Sörine.....“</p>
-
-<p>„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte
-Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich &mdash; ich bin der Agnes
-Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres
-bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb.
-Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen,
-sobald es die Schule verlassen hat?“</p>
-
-<p>„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn
-froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe
-das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“</p>
-
-<p>„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen?
-Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz
-Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele
-gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“</p>
-
-<p>Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor.</p>
-
-<p>„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen
-gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein
-Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus,
-wenigstens die Stiefmutter, &mdash; es begrüßen werden, ihr Kind bald los
-zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen
-jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span></p>
-
-<p>Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er
-brüderlich herzlich.</p>
-
-<p>„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß
-das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie
-mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein
-Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit
-aufgebaut ist?“</p>
-
-<p>„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für
-ein schönes, festes Fundament.“</p>
-
-<p>Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell!
-Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten
-müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein
-einmauern lassen. &mdash;“</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um
-8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem
-Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine
-Heidekamp und Agnes Asmus fehlten.</p>
-
-<p>Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine
-Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den
-Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten
-rasche erschöpfende Antworten, &mdash; mit freundlichen Augen schaute der
-Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.</p>
-
-<p>Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> schob sich unter
-vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als
-er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen,
-wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte,
-und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut
-zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und
-die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der
-Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.</p>
-
-<p>Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer,
-daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.</p>
-
-<p>„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, &mdash; nicht zu finden.
-Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch
-gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit
-öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule
-wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank,
-&mdash; er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“</p>
-
-<p>„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann
-ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit
-Heidekamp verbinden.</p>
-
-<p>„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf
-fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief
-gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.</p>
-
-<p>„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig
-den Hörer an. „Herr von Heidekamp<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> meint, sie sei krank. Aber die
-Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. &mdash;
-Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet
-schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus
-sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf
-mich, Klaus Hansohm.“</p>
-
-<p>„Verzeihung, &mdash; es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen
-klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das
-Klassenzimmer.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen
-auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine
-Glieder versagten den Dienst.</p>
-
-<p>„Meine Tochter!“ stöhnte er: „<em class="gesperrt">Meine</em> Tochter läuft vor Tau und
-Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo
-sie ist.....“</p>
-
-<p>„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges
-Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“</p>
-
-<p>„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr
-ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal
-vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich
-widersetzte &mdash;&nbsp;&mdash; sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben,
-Michaelis zu ihr zu ziehen, &mdash; da hat es wohl allerlei gegeben.....“</p>
-
-<p>„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß
-er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem
-Gott jetzt ins Gericht ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span></p>
-
-<p>„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort
-gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst
-furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan
-worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme
-brach ihm.</p>
-
-<p>„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor
-Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in
-Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon
-erkundigt.“</p>
-
-<p>Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in
-Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „<em class="gesperrt">Nicht</em> in
-Heidekamp???“</p>
-
-<p>Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen
-konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten
-im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er
-ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und
-stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen
-Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte
-zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“.</p>
-
-<p>Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und
-fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch
-legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr
-Herr lief<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> wie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch
-zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht
-wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen
-Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die
-Augen schauten ratlos und verzweifelt drein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen
-in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei
-junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre
-junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. &mdash;
-Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat
-keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das
-Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran
-vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr
-plötzlich &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.</p>
-
-<p>Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die
-Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast
-dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst
-helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit.
-Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst
-einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand!
-Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.</p>
-
-<p>„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, &mdash; wie der kategorische Imperativ
-in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen
-Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich
-angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem
-früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen
-und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine
-Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli
-nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes.
-Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine
-Heimat hat.‘“</p>
-
-<p>Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht
-kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn
-sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen.
-Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung.
-Da fielen <em class="gesperrt">Sie</em> mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen
-Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes
-Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr
-spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. &mdash; „Sie werden mich nicht
-im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.</p>
-
-<p>Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer
-Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und &mdash; der Not gehorchend
-seine Tochter nach<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span> Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen
-Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht
-über Agnes bringen.</p>
-
-<p>Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend
-und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß
-Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.</p>
-
-<p>Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten,
-daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens
-Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.</p>
-
-<p>Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der
-unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie
-uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon
-gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz,
-Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘.
-Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit
-einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, &mdash; und <em class="gesperrt">alle</em>
-vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ &mdash; Und er setzte sehr
-herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit
-einbegriffen. &mdash;“</p>
-
-<p>„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte
-Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend
-einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz
-schlackenfrei der Urgrund ist, da <em class="gesperrt">kann</em> ja nichts zum Bösen
-gereichen.“</p>
-
-<p>Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> bei sich, dieser
-Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im
-übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre
-Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem
-Nachdenken“ diktieren ließe.</p>
-
-<p>An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er
-trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten
-solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme,
-daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die
-beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.</p>
-
-<p>Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus
-und standen vor dem alten Heidekamper.</p>
-
-<p>Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen
-stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang
-müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben,
-und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein
-Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie &mdash; die
-lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine,
-&mdash; wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort
-gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, &mdash; sie hat mich gar nicht
-erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht
-aufgepaßt hast! &mdash;“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem
-Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer,<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> und nach einer
-Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.</p>
-
-<p>„Kann ich &mdash; die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme.
-Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten
-wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt
-werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung
-.....“</p>
-
-<p>Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde
-alles erledigen.“</p>
-
-<p>Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die
-Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich
-nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, &mdash; vielleicht
-gehorcht sie <em class="gesperrt">Ihnen</em>, läßt sich fortbringen von der Leiche...
-Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“</p>
-
-<p>Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein
-eintreten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit
-einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und
-schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur,
-und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie
-wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie
-rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht.</p>
-
-<p>Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner
-jungen Schülerin?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p>
-
-<p>„Sörine!“ rief er erschüttert.</p>
-
-<p>Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht
-mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer
-gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse
-Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich.
-Weil Sie es mir <em class="gesperrt">versprochen</em> hatten. Nun ist es zu spät.... Und
-nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. &mdash; Gehen Sie aus meinem
-Stübchen fort.....“</p>
-
-<p>Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf.</p>
-
-<p>Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.</p>
-
-<p>„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart.</p>
-
-<p>Dann ging er mit schweren Schritten hinaus.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft.
-Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und
-Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich
-weidwund.....</p>
-
-<p>Einen Traum begrub er, &mdash; von einem Schemen nahm er Abschied...
-Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem
-trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.</p>
-
-<p>Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte
-an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte,
-wie herb es schmerzt, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> Jugend zur Jugend strebt &mdash;&nbsp;&mdash; über ein
-reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen
-jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen
-wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar
-davongeflogen war...</p>
-
-<p>Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte
-ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die
-verräterischen Spuren.</p>
-
-<p>Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer
-Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle
-Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint.
-&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach
-vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?</p>
-
-<p>Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um
-deiner im untersten Fache habhaft zu werden?</p>
-
-<p>Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen
-Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den
-Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und
-verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für
-vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ &mdash; Da wurde der Schrank
-aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier
-unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du,
-mein alter Foliant. „Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen
-Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen
-sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in
-der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen
-fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren
-Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite
-geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.</p>
-
-<p>Was schrieb ich vor vier Jahren <em class="gesperrt">zuletzt</em> in dich hinein?</p>
-
-<p>Laß sehen:</p>
-
-<p>„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und
-wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du
-gute Mutter!“</p>
-
-<p>Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.</p>
-
-<p>Aber du mußt dich ohne den „<em class="gesperrt">fröhlichen</em>“ Anfang begnügen. Ich bin
-ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.</p>
-
-<p>Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle
-zu ihrem „Vater“, &mdash; diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest
-geworden.</p>
-
-<p>Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden,
-mißtrauischer....</p>
-
-<p>Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt
-davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr
-kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein
-einsames, strenges Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> eher stutzig macht, als zum guten Glauben
-bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich
-könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens
-zeigt man es mir nicht.</p>
-
-<p>So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden
-wollte. &mdash; Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an <em class="gesperrt">mir</em> hängen,
-aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen
-angeschmiedet bin.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.</p>
-
-<p>Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.</p>
-
-<p>Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe
-schloß.</p>
-
-<p>Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar
-Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach.
-Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir
-hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder
-singen zu können.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in
-Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet
-hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den
-darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland
-zeigen in all seiner Pracht. &mdash; Jetzt weilt sie allein auf einer
-Studienreise in der Schweiz &mdash; <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer und ich haben sie ihr
-verschafft.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> mir gesessen, und
-das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen
-schloß.</p>
-
-<p>Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein
-böses, unreifes Kind weh tat....</p>
-
-<p>Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen,
-damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei
-unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb,
-genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.</p>
-
-<p>Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des
-Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.</p>
-
-<p>Freilich bin auch ich in Netze gefallen, &mdash; in die des alten Fräulein
-Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele
-allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin
-sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten
-dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich
-sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende
-„Geheimnis der alten Mamsell“.</p>
-
-<p>Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein
-treuer Rat und sein gutes Gesicht.</p>
-
-<p>Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann
-und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An
-Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter
-Christ, aber schlechter Musikant. &mdash; Klaus Hansohm, ich vermisse dich
-sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p>
-
-<p>Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren
-Schlages vertreten. &mdash; Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat sie mit
-übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am eifrigsten.
-&mdash; Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen seines bösen
-Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen wird er das
-Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz, den er aufwühlte
-auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er planlos hinterher
-warf. &mdash; Wie sagte mir <span class="antiqua">Dr.</span> Hofer? „Die guten Gedanken Ihrer
-Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das ist ein rechtes
-Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein <em class="gesperrt">Lehrerfreund.</em>
-&mdash; Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an. Kinder-
-und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber
-<em class="gesperrt">Lehrerfreunde</em>? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen,
-und als die Erntezeit kam, lag er brach....</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in
-Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch
-einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf
-den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.</p>
-
-<p>Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter
-wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten.
-&mdash; Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte
-Blumen<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte
-durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die
-Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah,
-wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und
-kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke
-ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen
-den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten!
-Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig
-tröstend.</p>
-
-<p>Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod
-getrieben....</p>
-
-<p>Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht
-gehalten....</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie
-auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit
-meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und
-blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar
-nicht, daß sie die Gebende war.</p>
-
-<p>Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten
-Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen
-und Trinken vergaß.</p>
-
-<p>„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder
-selig.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span></p>
-
-<p>Das mußt ich oft von ihr hören.</p>
-
-<p>Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der
-Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein
-Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit
-den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner
-Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der
-Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese
-mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte
-sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß
-ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und
-war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde
-werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?</p>
-
-<p>„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“</p>
-
-<p>Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der
-Treusten.</p>
-
-<p>In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.</p>
-
-<p>Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der
-Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt
-merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut,
-denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten
-Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut,
-kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.</p>
-
-<p>Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne,<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> mein Jung, willst
-du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter
-liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“</p>
-
-<p>Das wolltest du sagen, Mutter.</p>
-
-<p>Aber dein Empfinden war so zart und fein. &mdash; Du wolltest nicht an
-Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug
-bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur
-um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige
-Mutter. &mdash; Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte
-in Arbeit und Pflicht. &mdash; Dein Mund war herb geschlossen, als wolle
-er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten.
-Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern
-meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto
-unwirscher wurdest du. &mdash; Kenne ich dich gut, Mutterherz?</p>
-
-<p>Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz
-deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht
-in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir
-schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag
-hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich
-den weiland Heidekönig nannte.</p>
-
-<p>So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich
-wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem
-Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte
-sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> lehntest
-den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes
-Brust.</p>
-
-<p>Weißt du noch, Mutter?</p>
-
-<p>Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er
-fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise
-zu dir &mdash; und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine
-Hände &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb.
-Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren
-zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn
-Enkelin.</p>
-
-<p>Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut,
-daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig
-und groß ist sie, daß sie nur ein <em class="gesperrt">Mutterherz</em> mit dem Sohne
-tragen kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur
-eine <em class="gesperrt">Mutter</em> sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter
-darüber beten und weinen kann. &mdash; Da sahst du mich an, und wolltest
-sprechen. Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen
-Augen fragten &mdash; fragten....</p>
-
-<p>Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich.
-Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen
-helfen, Mutter...“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder
-in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.</p>
-
-<p>Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr
-Direktor?“ fragte er. Und machte es<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> umgekehrt wie die gebildeten
-Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie
-belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre
-antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von
-mir ging, hatte er mich hochgeehrt.</p>
-
-<p>Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus
-seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen
-Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir
-‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen,
-Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen.
-Aber“, &mdash; und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an,
-„nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar
-nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte
-Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet
-hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von
-alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich
-glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes
-tut. Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier
-Uhr sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht
-das Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit
-zu Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst
-werd ich fünsch. <em class="gesperrt">Eine</em> Dummheit wird der Herr Direktor gemacht
-haben, denn die machen die meisten jungen Lehrer, &mdash; er wird zu früh
-geheiratet haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine
-<em class="gesperrt">Frau</em>. Was da sonst drum und<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> dran hängt, geht uns nichts an.‘
-Meine Alte wollte noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr
-aber: ‚Denk dran, wie oft ich <em class="gesperrt">dich</em> hab wegschicken wollen....‘
-Und da war sie still. Und jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine
-böse Sieben, nur halt ein Frauenzimmer.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein
-einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte
-ich seine Rechte ganz herzhaft.</p>
-
-<p>„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind,
-Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war
-meine Frau.“</p>
-
-<p>„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie
-hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“</p>
-
-<p>„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette
-habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, &mdash; ehe
-sie starb.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete
-ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung,
-solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf
-holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel
-zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie
-solange beehrt habe. &mdash;“</p>
-
-<p>Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen,
-goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte
-meiner Großmutter Gesine gehört, und<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> ich schenkte sie Lisette an
-unserm Hochzeitstage. &mdash; Dachte auch an die Kleinstadt und ihre
-Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes
-einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu
-meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.</p>
-
-<p>Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr
-von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt
-war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so
-eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag,
-Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben
-wir nie miteinander.</p>
-
-<p>Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt,
-aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus
-wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete
-sie in Heidekamp weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span></p>
-
-<p>Da sah ich sie auf der Straße.</p>
-
-<p>Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der
-Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.</p>
-
-<p>Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes,
-erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.</p>
-
-<p>Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr
-ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß
-hören.</p>
-
-<p>Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in
-Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel
-von Mensch und Tier, nur nicht der meine....</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!</p>
-
-<p>Rufe mich immer <em class="gesperrt">zuerst</em> an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an
-dir vorüber.</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr
-des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann
-meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt....
-Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von
-Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz
-von selbst hat sie mich darum gebeten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span></p>
-
-<p>Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz
-neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!</p>
-
-<p>Aber das hat noch lange Wege.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner
-Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit
-ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.</p>
-
-<p>Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit
-großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde.
-Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde
-gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe
-nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die
-engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden,
-die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so
-nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der
-Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand
-es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der
-Spruch prangte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,</div>
- <div class="verse">Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.</p>
-
-<p>Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> hatte, dann mußte man
-sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der
-Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich
-nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich
-nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein,
-gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr
-mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so
-recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun
-gebrannt heimkommen.</p>
-
-<p>In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen
-der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und
-belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen
-Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der
-die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben.
-Er war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm,
-der so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war
-<em class="gesperrt">nur</em> „korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine
-Abordnung zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne
-Sörensen hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse
-einen. Und während die <span class="antiqua">prima omnium</span> Grete Vahl in wohlgesetzten
-Worten den in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch
-der ersten Klasse vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“
-zu unternehmen, klappte die kleine lebendige Lise Bransen aus der
-Neunten nur immer ihre Händchen zusammen, tat unentwegt<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> einen kleinen
-Luftsprung und rief: „Ach ja bitte! Ach ja bitte!“</p>
-
-<p>Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise
-hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und er sagte „<em class="gesperrt">ja</em>“.</p>
-
-<p>Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß
-Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.</p>
-
-<p>So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das
-Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und
-nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.</p>
-
-<p>Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an
-einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht
-geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen,
-vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein
-eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate,
-die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau
-bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.</p>
-
-<p>Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr
-früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen
-Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der
-Heidekamper Wagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p>
-
-<p>Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die
-Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen
-Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.</p>
-
-<p>In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und
-es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern
-ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die
-rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte
-Annahme. &mdash; Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf
-dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. &mdash; Man fuhr dem
-Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das
-junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen
-den Brauen kannte, erhellt gewesen...</p>
-
-<p>Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.</p>
-
-<p>Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn
-jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an
-die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!</p>
-
-<p>Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise.
-Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p>Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man
-stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter
-sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und
-nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war,<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> nahm man
-die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der
-Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.</p>
-
-<p>Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny
-Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen
-zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was
-du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine
-Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es
-vorgeschlagen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet
-den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten.
-Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer
-mehr Kinder und Eltern drängten herein.</p>
-
-<p>„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte
-Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die
-Luft wird uns hier knapp.“</p>
-
-<p>Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied
-rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner
-vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier
-festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun
-lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses
-vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch
-die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“</p>
-
-<p>Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span>forderung aus, man
-zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit
-zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern
-nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man
-vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil
-des Raumes.</p>
-
-<p>„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr
-Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“</p>
-
-<p>Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht
-hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die
-das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die
-Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht
-beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions
-gelöscht hätten....</p>
-
-<p>Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies
-gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“</p>
-
-<p>Niemand vergaß es je, der es gehört.</p>
-
-<p>„Feuer! Feuer!“</p>
-
-<p>Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte
-lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock
-aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte
-es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere
-Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm
-nach und half, die Flammen zu ersticken.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brand<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>wunden davongekommen.
-Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen
-sitzen und kühlte die wehen Hände.</p>
-
-<p>Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster
-zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem
-Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden,
-verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.</p>
-
-<p>Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und
-Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.</p>
-
-<p>Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und
-als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen
-wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen
-Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.</p>
-
-<p>Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand
-hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden
-und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.</p>
-
-<p>Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen
-Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.</p>
-
-<p>„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende
-Diele.</p>
-
-<p>Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und
-verbrannten Fingern.</p>
-
-<p>Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span></p>
-
-<p>Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig
-geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten
-Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.</p>
-
-<p>Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Prasselnd brannte die Waldkate nieder.</p>
-
-<p>Weithin leuchtete der rote Feuerschein.</p>
-
-<p>Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten
-nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur
-Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.</p>
-
-<p>Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm.
-Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur
-Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den
-neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von
-Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen
-unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch
-immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren
-Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz
-Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und
-schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.</p>
-
-<p>Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein
-höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann
-genesen könnte, und sein Freund würde.</p>
-
-<p>Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> vor. Vorsichtig
-bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden
-durch die dämmernde Heide.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mein alter Foliant, grüß dich Gott!</em></p>
-
-<p>Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!</p>
-
-<p>Zwar mit dem Wieder<em class="gesperrt">sehen</em>, da hat es so seinen Vorbehalt und
-Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und
-das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll
-Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. &mdash;
-Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben
-Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.</p>
-
-<p>Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......</p>
-
-<p>Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.</p>
-
-<p>Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als
-hundert Kinder um Hilfe schrien.</p>
-
-<p>Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal
-gestorben, wenn Gott nicht gnädig war.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir
-auferlegte, weiß ich Ihm Dank.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz <em class="gesperrt">eingebrannt</em>.</p>
-
-<p>In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span></p>
-
-<p>Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein
-armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter
-Heide gebettet hatte.</p>
-
-<p>Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und
-Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne
-bedeuteten.</p>
-
-<p>Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.</p>
-
-<p>Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten
-und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche
-Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen
-Binde, die meine versehrten Augen barg.</p>
-
-<p>Mütter hörte ich schluchzen, &mdash; sie weinten wohl über mich. Aber ich
-lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gestern haben mich die Ärzte entlassen.</p>
-
-<p>Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab.
-Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind
-Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen
-Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der
-schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“</p>
-
-<p>Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie
-hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.</p>
-
-<p>Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn
-all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p>
-
-<p>Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.</p>
-
-<p>Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias
-geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die
-Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend
-Jungvolk um sich habe“.....</p>
-
-<p>Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem
-gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vier Hände legten sich in die meinen.</p>
-
-<p>Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen
-die Namen an mein Ohr.</p>
-
-<p>„Seid <em class="gesperrt">ihr’s</em>, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in
-meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch
-beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag
-ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden.
-Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“</p>
-
-<p>Dann haben wir lange beieinander gesessen.</p>
-
-<p>Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges
-Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn
-die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“</p>
-
-<p>Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.</p>
-
-<p>Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt
-vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während
-ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit,
-Doktorsche, ich hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren
-vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“</p>
-
-<p>Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...</p>
-
-<p>Schade.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber daß sie beide zu mir kamen, &mdash; der Klaus und die Kollegin aus
-bitterschwerer Zeit, &mdash; das vergesse ich ihnen nicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange
-Lebewohl sagen.....</p>
-
-<p>Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu
-jung.</p>
-
-<p>Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung....
-Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich
-bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im
-starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige
-Mund mir demütig Abbitte tut.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nein, &mdash; nichts soll mich weich machen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das
-eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das
-des einsamen Mannes Erne Sörensen. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ganz still war es im Studierzimmer.</p>
-
-<p>Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die
-Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.</p>
-
-<p>Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben,<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> hatte der Leiter
-der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch
-<em class="gesperrt">Licht</em>.</p>
-
-<p>Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht
-nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....</p>
-
-<p>„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto
-alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht
-nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem
-ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn
-sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die
-ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“</p>
-
-<p>Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle
-geschmunzelt....</p>
-
-<p>Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen
-oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine
-Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig,
-ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und
-der wunderlichen Haube einlassen sollte.</p>
-
-<p>Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das
-Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch
-an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....</p>
-
-<p>Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen,
-und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging
-gleich hinein.</p>
-
-<p>Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p>
-
-<p>„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.</p>
-
-<p>„Ich bin es!“</p>
-
-<p>Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der
-noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder
-sinken.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu
-sagen &mdash;&nbsp;&mdash; wer ist da?“</p>
-
-<p>„Ich bin’s, &mdash; Sörine Heidekamp.“</p>
-
-<p>Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf.</p>
-
-<p>„Was soll das“, sagte er hart.</p>
-
-<p>Seine Hand tastete nach einem Halt.</p>
-
-<p>Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen,
-Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, &mdash; meine Verantwortung ist ja
-so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“</p>
-
-<p>Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr
-trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte
-sich an seine Seite.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie
-als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“</p>
-
-<p>„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus.</p>
-
-<p>„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja &mdash;&nbsp;&mdash; in meinem heißen,
-kindischen Zorn vor vier Jahren....“</p>
-
-<p>„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“</p>
-
-<p>„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s denn<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> sonst gut machen? Es
-waren so einsame vier Jahre für mich....“</p>
-
-<p>Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich.</p>
-
-<p>„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch
-derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“</p>
-
-<p>„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre
-lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht
-schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz
-nichts sagen.....“</p>
-
-<p>„Die Mutter? &mdash; Welche Mutter?“</p>
-
-<p>„Die Mutter Gesine aus Einingen, &mdash; ich hab sie geholt ....“</p>
-
-<p>„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“</p>
-
-<p>„Weil &mdash; weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf
-seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf.</p>
-
-<p>„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, &mdash; nicht wahr, Sörine? Sie
-waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein
-Mitleid von Ihnen annehmen. &mdash;“</p>
-
-<p>„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen.
-Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“</p>
-
-<p>Da lächelte er schattenhaft.</p>
-
-<p>Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindisches<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> Vergehn so
-schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas
-Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“</p>
-
-<p>Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken
-jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in
-dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor
-mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge
-Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir
-sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und
-nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“</p>
-
-<p>Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines
-Herzens.</p>
-
-<p>„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich
-weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so
-einsam. &mdash; Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir
-die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen....
-Beinahe gestorben bin ich <em class="gesperrt">vor Heimweh nach Ihnen</em>. Und Sie müssen
-mir verzeihen, &mdash; müssen &mdash; müssen &mdash; ich gehe nicht fort....“</p>
-
-<p>Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen...
-Herrgott, wie quälen Sie mich....“</p>
-
-<p>Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die
-Mutter ist dran Schuld, &mdash; die <em class="gesperrt">liebe</em> Mutter....“ Ihre Worte
-überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, &mdash;&nbsp;&mdash; daß &mdash; ich
-so einsam geworden bin, &mdash; und daß ich Sie am liebsten habe von allen<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>
-Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben
-möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....</p>
-
-<p>Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist
-alles nicht wahr....“</p>
-
-<p>Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, &mdash; „Kind, Kind,
-geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja
-nicht nehmen. Du bist so jung &mdash;&nbsp;&mdash; sieh doch mein graues Haar. Und
-sieh doch wie häßlich ich bin, &mdash; voll Narben &mdash; halbblind.....“</p>
-
-<p>Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines
-Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine,
-„meine liebe Heimat!“</p>
-
-<p>Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte
-er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes
-liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein
-kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als
-Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid
-eines anderen aufbauen?“</p>
-
-<p>Sörine sah ihn ernst an.</p>
-
-<p>„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, &mdash; wenn es wirklich eins war.
-Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli
-hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte.
-Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue
-nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So
-wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span></p>
-
-<p>„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist
-in allem andern mir so fern. Du bist reich, &mdash; verwöhnt, &mdash; ich hab dir
-nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von
-Heidekamp gegenüber der <em class="gesperrt">Herr</em> sein wollen. Hat das wohl auch dein
-Großvaterli bedacht?“</p>
-
-<p>Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war
-gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da
-sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann
-sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben
-alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch
-hingehn &mdash; dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“</p>
-
-<p>Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als
-sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor,
-sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt,
-die seine Heimat ist.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen.</p>
-
-<p class="center">&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;&emsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der
-Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Aber <em class="gesperrt">mich</em> haben sie,
-scheint’s, vergessen...“</p>
-
-<p>Und sie klinkte leise die Tür auf, hinter der das Glück wohnte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein Weniges erschrocken war sie über ihres Erne verändertes Aussehen,
-denn man hatte ihr das Ärgste<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> verschwiegen von dem furchtbaren Brande
-da draußen. Aber er tröstete und beruhigte das kleine, weinende
-Mutterchen. „In acht Tagen darf ich die Brille abnehmen, &mdash; denk,
-Mutter, dann bin ich gesund....“</p>
-
-<p>„Und dann können Sie mich auch sehen“, sagte Sörine ernsthaft.</p>
-
-<p>Er lachte sein altes, schönes, sonores Lachen. „Sörine, du hast mich
-einst feierlichst gebeten, dich ‚Sie‘ zu nennen, aber nun muß ich dich
-ebenso feierlich bitten, ‚Du‘ zu sagen, kleine, närrische Deern.“</p>
-
-<p>Da küßte sie seine Hand, die er ihr erschrocken entzog. „Ich will
-alles tun, was du willst, Erne Sörensen.“ Und hinterher kam ihr
-frohes Kinderlachen, um das er sie einst beneidet. Das sollte nun
-sein einsames Haus durchwärmen und durchleuchten, es war schier nicht
-auszudenken. „Ich habe ja ein halbes Jahr Schule nachzuholen“, rief
-sie glücklich. „Das sagte ich auch dem Großvaterli, als er mich in
-einer frohen Stunde neckte, und immer rief: Sörine! Ausgerechnet ein
-<em class="gesperrt">Schulmeister</em>! Dann meinte er: So muß ich wohl schon wegen
-Schulgeldersparnis zufrieden sein. &mdash; Ach Erne, wenn Ihr erst ganz
-zusammen seid, Großvaterli und du! Er sagte, du wärst ein Dickkopf, und
-würdest mich gar nicht wollen....“</p>
-
-<p>So plauderte der junge Mund und Sörensen dachte, daß diese Stunden
-alles auslöschten, was er Herbes durchlebt.</p>
-
-<p>Und die Mutter sah auf die junge, feine Tochter und nahm ihre Hand und
-streichelte sie scheu. Gottes Segen<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> über dich, kleines Mädchen, du
-willst meinen Sohn gesund machen an Leib und Seel.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop1">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Mutter Gesine und Sörine fuhren nach Heidekamp.</p>
-
-<p>Nur für eine Nacht. Morgen wollte die Mutter die Pflege des Sohnes
-übernehmen.</p>
-
-<p>Sörine hielt fest einen großen Brief auf ihrem Schoß.</p>
-
-<p>Der barg in kurzen, markigen Zügen das Bild von Erne Sörensens harter
-Vergangenheit. Und er enthielt die ehrerbietige Bitte des gereiften
-Mannes an den alten Herrn von Heidekamp, ihm sein Kleinod Sörine zum
-Weib zu geben, das er, Erne Sörensen, hüten und hegen wolle, so wahr
-ihm Gott helfe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und oben im alten Patrizierhause saß Sörensen am Fenster, und wenn
-er auch die Sonne nicht sah, die in wonnevoller Schönheit hinter den
-Föhren unterging, so leuchteten dafür drei Glückssonnen in seinem
-ehrlichen Herzen: Sohnesliebe, Mannesliebe und Heimatliebe.</p>
-
-<p>Und er streckte seine in heißem Dank gefalteten Hände der braunen Heide
-draußen entgegen.</p>
-
-<p class="center mtop2 mbot3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s3 center mtop3 break-before"><em class="gesperrt mtop3">Romane von</em></p>
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Felicitas Rose</em></p>
-
-<p class="s5 center">Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M.,<br />
-die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>*Die Wengelohs. Geschichte einer Postfamilie.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Neu erschienen. &mdash; Es ist, als ob die Welt Reuters in neuer Wandlung
-auferstanden wäre und ein Klang aus dem Waldhorn Eichendorffs darüber
-hinflöge.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>*Der hillige Ginsterbusch.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Das Aufblühen einer edlen Frauenseele. Ein Buch der Selbsterneuerung
-von innen heraus, wie es unserer Zeit dringend not tut!</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>*Die Erbschmiede.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Ein Buch aus der Seele der Lüneburger Heide, das geheimnisvolle
-Einblicke in die Eigenart der wortkargen, kraftvoll gütigen Heidjer
-erschließt.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>*Heideschulmeister Uwe Karsten.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Die stille und doch mächtige Poesie der Heide, wie sie in so
-ergreifender Melodie seit Liliencrons Heidebildern nicht gehört wurde,
-durchströmt dieses Buch, und mit dem Leben der Heide hat die Dichterin
-Menschenschicksale zu einem wunderbaren Zusammenhang verflochten.</p>
-
-<p class="right">(Badische Neueste Nachrichten.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>*Erlenkamp Erben.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Der Abenteuerlust des Erben der Erlenkamp steht das bodenständige
-Patriziertum gegenüber. Der ernsten Tragik hält köstlicher Humor das
-Gleichgewicht, und gesunde Lebensbejahung treibt die Sorgenwolken immer
-wieder auseinander. Ein Buch in spannender künstlerischster Formung.</p>
-
-<p class="right">(Abendpost, Chikago.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Die Eiks von Eichen.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Kantige Menschen, die im Jähzorn fehlen können, aber in Wahrheit einen
-Schatz von Tatkraft und leuchtender Güte bergen. Geheimnisse der
-Kinderschule werden ausgebreitet, seltsame Gestalten und eigenartige
-Erlebnisse legen eine ungewöhnliche Stimmung über dieses Buch.</p>
-
-<p class="right">(Fränkischer Kurier.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Das Lyzeum in Birkholz.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Der stille, schwermütige Zauber der niederdeutschen Landschaft, die
-anheimelnde Geschlossenheit einer kleinen Stadt, der schwerblütige
-Charakter des Heideschulmeisters stehen scharf umrissen, oft von
-satirischen Lichtern umspielt, in den meisterlich miteinander
-verwobenen Schicksalen.</p>
-
-<p class="right">(Düsseldorfer Tageblatt.)</p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b class="bt">Berlin · Deutsches Verlagshaus
-Bong &amp; Co. · Leipzig</b></p>
-
-<p class="s3 center mtop3 break-before"><em class="gesperrt mtop3">Romane von</em></p>
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Felicitas Rose</em></p>
-
-<p class="s5 center">Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M.,<br />
-die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>*Der Tisch der Rasmussens.</b> Die Geschichte einer Familie.</p>
-
-<p class="p0 s5">Eine spannende Handlung, durchweht von einem köstlichen Humor.</p>
-
-<p class="right">(Süddeutsche Heimatweisen.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Meerkönigs Haus.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Mit vollendeter Kunst stehen die Menschen im ruhigen, selbstsicheren
-Leben der alten Hansastadt, und wie aus Gemälden alter deutscher
-Meister schauen sie uns daraus entgegen.</p>
-
-<p class="right">(Literaturbericht, Berlin.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Der Mutterhof.</b> Ein Halligroman.</p>
-
-<p class="p0 s5">In diesem Roman ist alles groß, stark, sicher und schicksalsvoll. Auf
-dem Mutterhof gilt der uralte Wahlspruch vom Segen der Fruchtbarkeit,
-doch eine schwere Tragik hängt über der jungen Frau Maren, der das
-Schicksal Mutterglück verweigerte.</p>
-
-<p class="right">(Tägliche Rundschau.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Der graue Alltag und sein Licht.</b>
-<span class="s5">Mit 26 Originalzeichnungen von
-<em class="gesperrt">H. Krahforst</em>, Aachen.</span></p>
-
-<p class="p0 s5">Ein bestrickender Zauber geht von diesem Buch aus, das uns vom Alltag
-zum Licht führt. Wieder weiß Felicitas Rose ungemein zu fesseln,
-Gestalten wachsen in bunter Fülle empor, und die mannigfachen
-Schicksale sind mit der sicheren Hand einer reifen Künstlerin
-gezeichnet.</p>
-
-<p class="right">(Tägliche Rundschau.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Drohnen.</b> Eine Geschichte für junge und alte Nichtstuer.</p>
-
-<p class="p0 s5">Lebensechte Gestalten in bunter Fülle, eigenartige und fein beobachtete
-Charaktere, feiner, warmer Humor.</p>
-
-<p class="right">(Karlsruher Tageblatt.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Bilder aus den vier Wänden.</b></p>
-
-<p class="p0 s5">Ein köstlicher Humor durchleuchtet diese intimen und feinen
-Kabinettstücke. Aus den Erzählungen spricht eine Liebe, die über die
-engen Grenzen sich weitet zur alles umfassenden Menschenliebe.</p>
-
-<p class="right">(Breslauer Morgenzeitung.)</p>
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Rothraunes Heidekraut.</b>
-<span class="s5">Lieder. Mit 4 Bildern von <em class="gesperrt">H.
-Krahforst</em>.</span></p>
-
-<p class="center s5">Ganzleinen 3 M.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="p0 mtop1"><b>Provinzmädel.</b>
-<span class="s5">5 Doppelbände, jeder Doppelband in biegsamem
-Ganzleinen 2.50 M. Band I: Kleinstadtluft / Kerlchens Lern- und
-Wanderjahre. / Band II: Kerlchen wird vernünftig. / Kerlchen als
-Erzieher. / Band III: Kerlchen als Anstandsdame / Kerlchen als
-Sorgen- und Sektbrecher. / Band IV: Kerlchens Flitterwochen.
-/ Kerlchens Mutterglück. / Band V: Kerlchens Ebenbild /
-Liebesgeschichten.</span></p>
-
-<p class="center s5"><em class="gesperrt">Sprudelnder Humor &mdash;
-Köstliche Situationen!</em></p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b class="bt">Berlin · Deutsches Verlagshaus
-Bong &amp; Co. · Leipzig</b></p>
-
-<p class="s2 center mtop3 break-before"><b>Bongs Goldene Klassiker-Bibliothek</b></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Arndt</em>, 4 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Arnim</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Arnim und Brentano</em>, Des Knaben Wunderhorn, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bürger</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Chamisso</em>, 2 Bde. (3 Teile).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Chamisso</em> (Vollst. Ausg.), 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Droste-Hülshoff</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eichendorff</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Fouqué</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Freiligrath</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Goethe</em> (Auswahl), 6 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Goethe</em> (Erweiterte Ausgabe), 11 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Goethe</em> (Vollst. Ausgabe mit Register), 22 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Goethe</em>, Register allein, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grabbe</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grillparzer</em> (Auswahl), 5 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grillparzer</em>(Vollständ. Ausg.), 7 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grimm</em>, Märchen, 1 Bd.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Grimm</em>, Sagen, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grimmelshausen</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grün</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gutzkow</em>, 4 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gutzkow</em> (Erweit. Ausgabe), 7 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gutzkow</em>, Ritter v. Geiste, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Halm</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hauff</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hebbel</em>, 5 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hebbel</em> (Werke und Tagebücher), 7 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hebbel</em> (Tagebücher), 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hebel</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Heine</em> (Auswahl), 5 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Heine</em>, 15 Teile (Vollst. Ausg.), 7 B.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Herder</em>, 6 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Herwegh</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hoffmann</em> (E. T. A.), 8 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hoffmann v. Fallersleben</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hölderlin</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Homer</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Immermann</em>, Münchhausen mit Oberhof, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Immermann</em>, 3 B.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Keller</em> (Gottfried), 5 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Keller</em> (Gottfried), (Erw. Ausg.), 6 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kerner</em> (Just.), 2 B.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kleist</em> (H. v.), 3 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Körner</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lenau</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lessing</em>, 4 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ludwig</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Meyer</em>, E. F., 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mörike</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Nestroy</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Nibelungenlied</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Novalis</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Raimund</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Reuter</em>, 6 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Scheffel</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schenkendorf</em>, 1 Bd.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schiller</em>, Auswahl, 6 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schiller</em> (Vollständ. Ausgabe), 11 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em>, Dramen, 4 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em> (Erweiterte Ausgabe), 6 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Shakespeare</em> (Vollst. komment. Ausgabe), 7 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Stifter</em>, 5 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Storm</em>, 3 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sturm u. Drang</em>, Dichtungen aus der Geniezeit, 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Tieck</em>, 2 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Uhland</em> (Schulausgabe), 1 Bd.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Uhland</em> (Erweit. Ausgabe), 2 Bde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wagner</em> (Richard), 6 Bde.</p>
-
-<p>*<em class="gesperrt">Zschokke</em>, 4 Bde.</p></div>
-
-<p class="center">Jeder Band in Ganzleinen 3 M., Halbleder 5 M., Ganzleder 6 M. Die mit *
-bezeichneten Bände 50 Pf. mehr.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<div class="bbox">
-
-<p><em class="gesperrt">Lessing</em> (Vollständ. Ausg.) 25 B. 150 M. Leinen, in Halbleder
-200 M.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lessing</em>, Anmerkungen und Register allein 5 Bde. 30.&mdash; M., in
-Halbleber 40.&mdash; M.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="p0">Den Freunden von „Bongs Goldener Klassiker-Bibliothek“ steht das 160
-S. starke, <b>reich illustr. Bändchen</b> „<b>Lebensbilder unserer
-Klassiker</b>“ gegen Einsendung von 25 Pf. postfrei zur Verfügung.
-Die „Lebensbilder“ enthalten eine Schilderung des Lebens und Wirkens
-unserer Klassiker sowie die Inhaltsangaben der in „Bongs Goldener
-Klassiker-Bibliothek“ erschienenen Werke, ferner: 58 Porträte und einen
-Anhang: „Grundlinien der Kultur- und Literaturgeschichte von 1740 bis
-zur Gegenwart“.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b class="bt">Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong
-&amp; Co. · Leipzig</b></p>
-
-<p class="s2 center mtop3 break-before"><em class="gesperrt">Bongs Jugendbücherei</em></p>
-
-<p class="center mbot1">Von Ministerien, Schulmännern, Erziehern, sowie den Prüfungsausschüssen
-und der Presse bestens empfohlen.</p>
-
-<p class="hang1"><b>*Über und unter der Erde.</b> <span class="s5">Technische
-Rekorde. Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 170 Abbildungen,
-Skizzen und Photographien.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>*Triumphe der Technik.</b> <span class="s5">Von
-<em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 203 Abbildungen, Zeichnungen
-und Photographien.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>*Die Abenteuer des Fürsten Dshaparidse</b>, des größten
-Bärenjägers Sibiriens. <span class="s5">Erzählt vom letzten überlebenden
-Gefährten <em class="gesperrt">Egon von Kapherr</em>. Mit 170 Abbildungen</span>.</p>
-
-<p class="hang1"><b>*Jugend-Turn- und Sportbuch</b> <span class="s5">von
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Ed. Neuendorff</em>.
-Mit zahlreichen Abbildungen.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>*Das Buch der Physik.</b> <span class="s5">Errungenschaften
-der Naturerkenntnis. Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 154
-Abbildungen, Tabellen, technischen Skizzen und Photographien.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>*Das Buch der Chemie.</b> <span class="s5">Errungenschaften
-der Naturerkenntnis. Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>. Mit 150
-Abbildungen, Tabellen, technischen Skizzen und Photographien.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Gemälde und ihre Meister.</b> <span class="s5">Mit
-erklärenden Texten berufener Mitarbeiter, sowie einem Geleitwort von
-Stadtschulrat <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Arnold
-Reimann</em>. Mit 8 farbigen und 40 schwarzen Beilagen.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Unter den Wilden.</b> <span class="s5"><em class="gesperrt">Entdeckungen
-und Abenteuer.</em> Von <span class="antiqua">Dr.</span>
-<em class="gesperrt">Adolf Heilborn.</em> Mit 5 farbigen Beilagen und 36
-Textbildern.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Wilde Tiere.</b> <span class="s5">Von <span class="antiqua">Dr.</span>
-<em class="gesperrt">Adolf Heilborn</em>. Mit 4 farbigen Beilagen und
-39 Textbildern.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Leben und Treiben zur Urzeit.</b> <span class="s5">Von
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">O.
-Hauser</em>. Mit 4 farbigen Beilagen, 145 Textbildern und einer
-Karte des Vézèretales.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Deutsche Dichter.</b> <span class="s5">Von
-<em class="gesperrt">Felix Lorenz</em>. Mit Proben aus den Werken, 4
-bunten Beilagen, 73 Textbildern und 66 Handschriftenproben.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Berühmte Musiker und ihre Werke.</b> <span class="s5">Herausgegeben
-von Prof. <em class="gesperrt">R. Sternfeld</em>. Mit 76 Textbildern,
-13 Faksimiles und 44 Notenbeispielen.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Seelenleben unserer Haustiere.</b> <span class="s5">Von
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Th. Zell</em>. Mit
-4 bunten Beilagen und 80 Textbildern.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Im Wunderlande der Technik.</b> <span class="s5"><em class="gesperrt">Meisterstücke
-und neue Errungenschaften.</em> Von <em class="gesperrt">Hans Dominik</em>.
-Mit 190 Abbildungen und Originalzeichnungen, technischen Skizzen und
-Photographien.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Das Sternenzelt und seine Wunder.</b> <span class="s5">Von
-Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Joseph
-Plaßmann</em>. Mit 2 Tafeln und 108 Abbildungen.</span></p>
-
-<p class="hang1"><b>Die schönsten Märchen der Weltliteratur.</b> <span class="s5">Gesammelt
-und herausgegeben von Prof. <em class="gesperrt">Friedr. v. d. Leyen</em>.
-Mit vielen farbigen Kunstblättern und Textbildern. 2 Bände.</span></p>
-
-<p class="s5 center mtop1">Jeder Band in Halbleinen 4 M., die mit * versehenen Bände je 5 M.</p>
-
-<p class="s3 center"><b class="bt">Berlin * Verlag von Rich. Bong * Leipzig</b></p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Lyzeum in Birkholz, by Felicitas Rose
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LYZEUM IN BIRKHOLZ ***
-
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-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
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-be renamed.
-
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-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
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