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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Die fünf Waldstädte - Ein Buch für Menschen, die jung sind - -Author: Paul Keller - -Illustrator: G. Holstein - Reinhold Pfahler von Othegraven - -Release Date: February 9, 2020 [EBook #61354] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. -Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=. - -Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am Ende des Buches. - - - - -Die fünf Waldstädte - -[Illustration] - - - - - Die fünf Waldstädte - - Ein Buch für Menschen, die jung sind - - von - - Paul Keller - - Mit Bildern von G. Holstein und - Reinhold Pfaehler von Othegraven - - 32. bis 42. Auflage. - - [Illustration] - - Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn - Breslau - - Leipzig Wien - - - - -Inhalt - - - Seite - Die fünf Waldstädte Ameisenfeld -- Eichenhofen -- - Der Geistergrund -- Heinrichsburg -- Die heilige Stadt 5 - - Der kleine General 53 - - Der Schatz in der Waldmühle 63 - - Der angebundene Kirchturm 101 - - Das Abenteuer auf der Themse 111 - - Die Ferienkolonisten 123 - - Gedeon 133 - - Hotel Laubhaus 157 - - Mein Roß und ich 167 - - Die Räuber aus dem Riesengebirge 177 - - - - - Alle Rechte, - insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - ~Copyright 1915 by~ - Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau. - - - - -Die fünf Waldstädte. - - -Von den fünf Waldstädten will ich erzählen, in -denen ich als Kind oft glücklich gewesen bin. - -Wir waren ihrer drei: meine beiden Freunde -Ludwig, Heinrich und ich. Als Ludwig in jungen -Jahren starb, waren Heinrich und ich die fast -unumschränkten Herren der fünf Waldstädte. - -Da war in der Gegend zwischen Frankreich und -Rußland ein Wald, der war so groß, daß ein -lahmer Mann an die dreiviertel Stunden brauchte, -ehe er um ihn herum war. In diesem Walde lagen -die fünf Waldstädte: Ameisenfeld, Eichenhofen, -Geistergrund, Heinrichsburg und die heilige Stadt. -Alle fünf Städte waren von seltener Pracht und -Herrlichkeit, und es gab Wunder über Wunder in -ihnen zu sehen, obwohl gar keine großen, steinernen -Häuser in ihnen standen und unsere Städte -nach Meinung dummer Knechte und alberner -Mägde nur »ganz gewöhnlicher Busch« waren. -Wir aber wußten sicher, daß es Städte waren, -und Heinrichs Mutter wußte es auch. An allen -Frühlings- und Sommertagen, aber auch zur -wilden Sturmzeit im Herbst reiste ich mit -meinem Freunde durch das Gebiet der fünf -Städte, und wenn einer etwas Neues entdeckte, -dann war er glücklich, es unserer »lieben Fee« -zu sagen. Das war Heinrichs schöne Mutter. -Die ging oft mit uns durch die fünf Waldstädte, -und was wir selbst nicht sahen und fanden, das -sah sie und fand sie und zeigte es uns. Sie erzählte -und sang Lieder vom heiligen, deutschen -Wald und machte ihn uns lieb und vertraut. - - * * * * * - -Da war also zunächst die Stadt - - -Ameisenfeld. - -Sie war 90 Quadratmeter groß und hatte nach -der letzten Volkszählung 567319 Einwohner. -Deshalb zählte sich Ameisenfeld mit Recht zu den -Großstädten. Die Bewohner von Ameisenfeld -waren berühmt durch ihren Fleiß und ihre Betriebsamkeit. -Sie beschäftigten sich damit, sich zu -ernähren und Eier zu legen. In ihren freien -Stunden prügelten sie sich. Ob dieser Eigenschaften -galten die Ameisenfelder im ganzen Lande nicht -nur als sehr fleißig, sondern auch als sehr intelligent. -Man erzählte sogar, daß ein großer Prophet -unter ihnen erstanden sei, der folgende tiefsinnigen -Lehren aufgestellt hatte: - -»Wenn dir ein Hölzlein zu schwer zu tragen ist, -nimm dir jemand zu Hilfe!« - -[Illustration] - -»Wenn dir eine Blattlaus süßen Saft gibt, -der dir sehr wohlschmeckt, dann beiße sie nicht tot.« - -»Wenn dir jemand irgendwie nicht paßt, so -bespritze ihn mit einem ätzenden Saft, damit er -schnell Reißaus nehme.« - -Das waren die Grundsätze, nach denen die -Ameisenfelder fortan lebten. -- - -Es geschah aber, daß eines Tages ein Igel durch -das Stadttor von Ameisenfeld, das durch die -Blätter einer großen Schwarzwurz gebildet wurde, -einzog und Quartier begehrte. Der Bürgermeister -der Stadt ließ sich schnell von seinen -sieben Stadträten die Fühler abputzen und ging -dem großen Gaste entgegen. Als er ihn sah, -knickte er vor lauter Ehrfurcht mit allen sechs -Beinen vor ihm ein: und sagte: - -»Hoher Herr, dir unsere Gefühle ob deines Einzugs -in unsere Stadt auch nur annähernd zu -schildern, geht leider über meine Kraft. Was -uns vor allem bewegt, ist tiefe Beschämung. -Denn siehe, Ameisenfeld ist nur eine Fabrikstadt. -Unsere Straßen sind bestreut mit dem Schutt der -Arbeit. Anlagen haben wir keine, außer einer -Distelplantage und einem kleinen Gundermannwäldchen. -In deren Schatten würdest du dich -nicht wohlfühlen. Und es fehlt uns leider auch -an einem geeigneten Palast für dich.« - -Der Igel zog die Stirn in Falten und sagte: - -»Ich bin ein Forschungsreisender. Ehe ich -nicht Ameisenfeld in- und auswendig kenne, kann -ich nicht weiterziehen. Vor allen Dingen will ich -hier einen wissenschaftlichen Vortrag halten.« - -Der Bürgermeister legte über dieses Anerbieten -eine gezwungene Freude an den Tag und ließ den -Vortrag für abends 6 Uhr ansagen. Da kein Eintrittsgeld -erhoben wurde, erschien die ganze -Stadt. Der Igel hub nun an zu reden von -den schweren Gefahren, die dem Ameisenvolke -drohten. In Südamerika lebe ein Tier, das trotz -seines schlichten Namens ~Myrmecophaga jubata~ -doch eine scheußliche Bestie sei. Es habe einen -spitzen Rüssel und eine ellenlange, mit Leim -bedeckte Zunge. Den Rüssel und die Zunge -stecke es nun in die Ameisenhäuser und fange und -morde, was es nur erwischen könne. Wenn man -dagegen ihn, den Igel, betrachte, müsse man einsehen, -daß er weder eine spitze Schnauze noch eine -klebrige Zunge habe. - -Die Ameisenfelder hatten der Erzählung -zitternd zugehört. Als der Igel geendet hatte, -brachte der Bürgermeister ein Hoch auf ihn aus, -wobei er sich auf den Rücken legte, damit er bei -dem Hoch alle sechs Beine in die Höhe strecken -konnte. Der Igel nickte befriedigt und sagte: -wenn sich also die Ameisenfelder über seine Ankunft -so freuten, so wolle er gern das Opfer bringen -und etwas bei ihnen bleiben. - -Darauf aber erhob sich ein kecker Ameisenjüngling, -welcher sagte: - -»Was geht uns das Tier aus Südamerika an, -wo doch unsere Waldstadt gar nicht in Südamerika -liegt?« - -Der Igel zog seine Stirnrunzeln bis zur Nase -herab und rief: - -»Habt ihr je solchen Unverstand gehört? Kann -sich nicht alle Tage ein ~Myrmecophaga jubata~ auf -einem Schiff ohne Paß einschmuggeln und zu uns -kommen? Sind nicht auf solche Weise alle ausländischen -Tiere zu uns gekommen?« - -Die Menge nickte Beifall, sah voll Mißbilligung -auf den naseweisen Ameisling, und der Bürgermeister -meinte: »Er muß streng bestraft werden!« - -»Das muß er!« nickte der Igel, »und um mich -euch gefällig zu erweisen, werde ich ihn hinrichten!« - -Darauf fraß der Igel den Ameisenjüngling. -Wie von ungefähr erwischte er auch noch dreißig -Verwandte des Jünglings, die in dessen Nähe -standen. - -Darüber erschrak das Volk; der Bürgermeister -aber zwinkerte ihm beruhigend zu: über so einen -kleinen Fehlgriff eines großen Herrn dürfe man -keinen Lärm machen. - -So blieb der Igel in Ameisenfeld, bis sich das -Volk allgemach um 90 Prozent vermindert hatte. -Da endlich versammelte der Bürgermeister eines -Nachts heimlich die wenigen Überlebenden, und -sie beschlossen, gemeinsam über den mörderischen -Igel herzufallen und ihn zu töten. - -Mit dem Heldenmute, der den Ameisenfeldern -eigen und der im ganzen Lande berühmt ist, zogen -sie aus. - -Sie fanden den Igel tot. Er hatte sich den -Magen überfressen und war an Ameisensäurevergiftung -gestorben. - -Der Bürgermeister atmete auf, trat auf seine -Leiche und hielt eine Rede: - -»Bürger, da liegt unser Feind! Tot! Er hat -unserer Macht nicht zu widerstehen vermocht. An -der starken inneren Kraft der Ameisenfelder ist -er zugrunde gegangen. Der Ruhm unserer Stadt -ist und bleibt unsterblich!« - -Das Volk trampelte mit allen sechs Beinen -Beifall und winkte mit den Fühlern. - -Darauf wurde ein großes Freudenfest gehalten. -Alle Bürger zogen auf die grüne Alm, die in der -Nähe von Ameisenfeld war. Dort wurde die -große Fingerhutglocke geläutet. Dann wurden die -Blattläuse gemolken. Alles Volk trank sich ein -Räuschlein an, und schließlich sprach man mit -einer gewissen Liebe und Achtung von dem Igel, -dem allein dieses fröhliche Fest zu verdanken war. - - -Eichenhofen. - -Der große Baum, der Eichenhofen seinen -Namen gab, war so schön und gewaltig, daß mein -Freund Heinrich behauptete, das sei dieselbe Eiche, -die Bonifacius einst bei den alten Hessen umgehauen -habe. Ich glaubte dies eine Zeitlang, -dann aber kam mir der Gedanke, unsere Eiche -werde vielleicht doch nur der Sohn von jener berühmten -Donarseiche sein. »Nein,« sagte Heinrich, -»Sohn ist viel zu jung; wenn sie es nicht selbst ist, -dann ist sie ihr Vater!« - -Dabei blieb es, und das war nun historisch. - -Eine grimmige Feindschaft hegten wir gegen -vier Waldarbeiter, die einst, um uns zu verspotten, -sich die Hände reichten und einen gemütlichen -Tanz um unsere Eiche ausführten, wo wir doch -bestimmt festgestellt hatten, daß der Baum von -sieben Männern nicht zu umspannen sei. Wir -setzten uns über das höchst ärgerliche Vorkommnis -nur dadurch hinweg, daß wir uns sagten, die -Arbeiter seien betrunken gewesen und darum -»gelte« ihr Tanz nicht. - -Eichenhofen war rings von Brombeer- und -Himbeerhecken eingefaßt; auch viele wilde Rosen -blühten an seinen Grenzen. Da dachten wir oft -an Dornröschens Schloß, und jeder brach gern -und kühn durch die Dornenhecke, zumal zur Spätsommerzeit, -wenn die Beeren reiften. -- - -Die »Traumstadt« nannten wir Eichenhofen -auch manchmal. Da gab es einen Moosplatz, -auf dem die Käferlein stolzierten und eitel ihre -funkelnden Röcke zeigten, eine Rosenstraße, wo -unter lauter lieblichen Heckenröslein sich das Volk -der haftenden Bienen und der sammetröckigen, -vornehmen Hummeln tummelte, eine Hirschstraße, -die tief ins Dunkel des Waldes ging und auf der -wir einmal zu seinem und unserem Schrecken -dem König des Waldes begegneten. - -[Illustration] - -In Eichenhofen ersann ich mein erstes Märlein, -dort klangen die ersten Verse in meiner Seele. -Ich erfand eine Geschichte von dem Brünnlein, -dessen Wasser im Mondschein zu goldgelbem Wein -wird, von dem die Gnomen ihr Schöpplein -trinken, und wenn Heinrich und ich fortan aus -dem Brünnlein tranken, sahen wir uns oft an -und sagten: es schmeckt wirklich wie Wein. Ich -konnte das um so eher sagen, als ich damals noch -nie einen richtigen Tropfen Wein getrunken hatte. - -Einmal, als ich ein Gedicht gemacht hatte, das -ich Heinrichs Mutter, unserer »Fee«, vorlas, küßte -sie mich auf die Stirn, flocht einen Eichenkranz, -setzte ihn mir auf den Kopf und sagte: »Gott -segne dich!« Da war es wirklich, als ob ein tiefer -Segenstrom von dem grünen Kranz aus durch -meine Seele ränne; ich stand ganz still da und -ging dann bald nach Hause. Dort hängte ich -das Kränzlein über mein Bett, rund um das -kleine Kreuz herum, das dort war, und wenn ich -fortan mein Abendgebet sprach und den Kranz sah, -betete ich immer einen Satz mit: »Lieber Gott, -laß mich ein Dichter werden.« Ich sprach aber -die Worte nie aus, ich dachte sie nur; ich schämte -mich, sie zu sprechen. - -Heinrich war mein treuer Freund. Er neidete -mir meinen Kranz nicht; aber er sehnte sich danach, -auch einen zu erhalten. Er bekam ihn erst, -als er sich ihn verdient hatte. Ehrlich verdient! -Er hatte ein kleines Mädchen mit Gefahr -seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen. -Damals hatte die Fee wohl ihren glücklichsten -Tag, als sie ihrem Jungen den Eichenkranz -flocht. -- - -Sonst war es mit unserer Tapferkeit nicht -übermäßig gut bestellt; ja, es gab Fälle, wo wir -eine traurige Rolle spielten. - -Einmal machten wir einen schauerlichen Fund. -Wir entdeckten im Dorngestrüpp die Leiche eines -Eichkätzchens. Erschüttert betrachteten wir das -herrliche Tier, seufzten laut und lange und zergrübelten -uns die Köpfe, was seinem jungen, -lustigen Leben ein so jähes Ende bereitet haben -könne. - -»Vielleicht hat es der Marder gefressen,« sagte -Heinrich tiefsinnig. - -»Oder eine Eule hat es fortgeschleppt,« meinte -ich bedächtig. - -Darauf war eine Pause. Plötzlich machte ich -ein spöttisches Gesicht und sagte: »Wie kann es -dein Marder gefressen haben, wenn es doch noch -hier liegt?« Worauf sich Heinrich höhnisch an die -Stirn tippte und sprach: »Kann es wohl deine -Eule weggetragen haben, wenn es noch hier -liegt?« - -So machten wir uns gegenseitig unsere Überlegenheit -klar, und einer ärgerte sich über die -Dummheit des anderen. Endlich glaubte ich es zu -haben: »Es ist jedenfalls fehlgetreten, heruntergestürzt -und hat den Hals gebrochen.« - -»Nein,« sagte Heinrich, »der Hals ist noch ganz. -Es hat gewiß einen giftigen Pilz gefressen.« - -Da schrie ich: »Nein, siehst du, es ist totgeschossen!« - -Das Eichkätzchen war wirklich erschossen; wir -sahen nun deutlich die Schußwunde. - -Heinrich erbleichte. - -»Das ist ein Wilddieb gewesen,« sagte er. - -Ich sah ihn an, nickte mit dem Kopfe und rannte -ohne weiteres davon. Und er rannte hinterher. -Wir rannten so lange, bis wir in der Nähe von -Feldarbeitern waren, und blieben dann mutig -stehen. - -»Wir müssen den Mörder fangen,« sagte -Heinrich ganz laut. - -»Ja, wir müssen ihn fangen,« rief ich und ballte -die Faust. Daran beschlossen wir, zum Förster zu -gehen und ihm die verbrecherische Tat zu melden. -Wir rieten, wo der Förster zu dieser Stunde sein -könne, und fanden die größte Wahrscheinlichkeit -schließlich darin, daß er in der Schenke sei. Und -so war es auch. Er hörte unseren fast atemlosen -Bericht an und machte ein bitterernstes Gesicht. - -»Der Wilddieb muß augenblicklich gefangen -werden,« meinte er zornig, spielte mit zwei -anderen Männern noch eine halbe Stunde lang -Karten und ging dann mit uns. - -Ganz in der Nähe hatte Heinrich seine Vogelflinte -und ich meine Armbrust aufbewahrt. Diese -Waffen holten wir, nahmen sie schußbereit unter -den Arm und folgten dem Förster, der sagte, -nun sei ihm vor dem Wilddieb weiter nicht bange. - -Ich für meinen Teil gestehe, daß ich diese -lobende Anerkennung meiner Männlichkeit und -Tapferkeit nur mit gemischten Gefühlen aufnahm. -Eine Armbrust einem mörderischen -Wilddieb gegenüber ist immer so eine eigene -Sache. Man muß aufs Auge oder vielleicht -auch auf die Schläfe zielen, wenn man einen -Erfolg haben will. Aber ich war nun einmal -eine Person, auf die sich der Förster in seinem -schweren Beruf verließ, und so wollte ich in der -Stunde der Gefahr nicht kneifen. - -Wir durchsuchten den ganzen Busch. Ein paarmal -entdeckten wir Fußspuren, den Wilddieb aber -fanden wir nicht. Von Minute zu Minute wuchs -unser Mut, und in großer Tollkühnheit riefen -wir laut, er solle nur zum Vorschein kommen, der -elende, feige Kerl. Er kam nicht, und schließlich -sagte der Förster: »Wahrscheinlich ist der Wilddieb -mal auf einen Augenblick weggegangen. So'n -Mann hat ja auch mal was anderes vor.« - -Das bedauerten wir sehr, und wir verachteten -den Wilddieb, der nicht auf seinem Posten geblieben -war. Der Förster machte den Vorschlag, -wir könnten ja unterdes das Eichhorn beerdigen. -Darauf gingen wir mit Freuden ein. Das tote -Tierchen wurde in eine Erdgrube gelegt, und wir -drei standen mit feierlichen Angesichtern an seinem -Grabe. Der Förster befahl mir, mit meiner Armbrust -den Trauersalut zu schießen. Darauf schoß -ich meinen Rohrpfeil über das Grab hinweg, und -der Förster machte mit seinem Munde »Plaff!« -dazu. Das veranlaßte mich, ihn scharf anzusehen, -ob er die ganze Sache auch ernst nehme. - -Er nahm sie aber sehr ernst. Mit geradezu -verbissenem Gesicht stand er da, und mit dumpfer -Stimme sprach er: - -»Heinrich, halte eine Leichenrede! Aber vergiß -das ›Amen!‹ nicht.« Heinrich und ich waren beide -ausgezeichnete Redner. So war es kein Wunder, -daß Heinrich, ohne sich's erst lange zu überlegen, -folgende schöne Rede hielt: - -»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von -wegen eines Schuftes! Er hat jetzt gerade etwas -anderes zu tun, sonst täten wir ihn erschießen. -Liebes Eichhörnchen, du warst das schönste Tier -auf der ganzen Welt. Du hast so niedliche Pfoten. -Jedes Jahr zu Weihnachten werde ich dir drei -große, vergoldete Nüsse in dein Grab stecken. -Amen.« - -Der Förster drückte die Augen zu, dann wies -er auf mich. - -»Jetzt halte du eine Leichenrede!« - -Ich hustete, bis ich rot wurde, dann sagte ich: - -»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von -wegen eines Schuftes!« - -»Du leierst ja wieder dasselbe her!« fuhr mir -der Förster dazwischen. Ich sagte verlegen, es -komme schon noch, hustete noch einmal lange und -inbrünstig und sagte dann: »Liebes Eichhörnchen, -du warst das allernützlichste Tier. Hoch auf der -Eiche hast du dein Haus gehabt, und es hatte immer -die Tür dort, wo kein Wind ging. Und, und -im Winter hast du geschlafen. Und, und du -konntest so fix turnen. Und du hattest einen -schönen Schwanz und vier schöne, weiße Nagezähne. -Amen.« - -Nun hustete der Förster, stützte sich auf seine -Büchse und sprach: - -»Jetzt werde ich eine Leichenrede halten!« - -»Liebes Eichhörnchen, du warst also sozusagen -das allerschönste und allernützlichste Tier. Wenn -ein Vogelnest auf der Eiche war, dann bist du -gleich fix angeturnt gekommen. Da hast du mit -deinen niedlichen Pfoten die Eierchen genommen -und hast sie ausgesoffen. Und dann, liebes Eichhörnchen, -wenn kleine Vögelchen im Neste waren, -dann hast du sie mit deinen schönen, weißen -Nagezähnen zerbissen und gefressen. Wenn ein -Baum im Frühjahr frische Sprossen trieb, hast -du sie hübsch zierlich abgenagt, du liebes Eichhörnchen, -du! Und darum ist ein ›Wilddieb‹ gekommen -und hat dich tot geschossen, du Rabenvieh, -du Kanaille! Und der Wilddieb war ich selbst, -und ich habe das alles gemacht, um mal zwei -Schafsköpfen eine Lehre zu geben. Amen.« - -Damit machte er Kehrt und stapfte davon. - -Heinrich und ich standen mit offenen Mäulern -da. Ich fand zuerst die Sprache wieder und sagte: -»Das ist eine Gemeinheit.« Heinrich aber meinte: -»Er hat was von zwei Schafsköpfen gesagt!« - -»Damit sind wir gemeint,« sagte ich zornig. -»Und er hat das Eichhörnchen selbst erschossen.« - -Heinrichs Stirn zog sich in Falten. - -»Wenn ich mal unser Gut erbe,« sagte er, »setze -ich ihn ab.« - -»Das tue aber bestimmt,« rief ich, »er hat es -verdient!« - -Von fernher scholl das fröhliche Lachen des -Försters. - - -Der Geistergrund. - -Der Geistergrund war der einzige Ort im Gebiet -der fünf Waldstädte, von dem die Leute im Dorfe -etwas Genaueres wußten. Während so ein -Bauer achtlos durch Ameisenfeld stapfte und -dort nicht einmal den Bürgermeister kannte, -während er an der tausendjährigen Donarseiche -dumm und achtlos vorüberging, ja selbst nach -den Herrlichkeiten von Heinrichsburg kaum hinüberschielte, -ging sein träges Herz sofort rascher, -wenn er in die Nähe von Geistergrund kam. - -Was spielten auch dort für schauerliche Geschichten -an dem dunklen Moor und dem Graben mit dem -schwarzen Wasser, Geschichten, die Hunderte von -Jahren alt waren und an den Winterabenden -beim flackernden Kienspanfeuer erzählt wurden, -bis alle Wangen rot und alle Herzen bange waren. - -Da war die Geschichte von der Bäuerin, die -ihren Mann umgebracht hatte, indem sie ihm ein -Mahl von giftigen Pilzen bereitete. Noch am -gleichen Tage kam die schwere Übeltat ans -Tageslicht, und am anderen Morgen errichtete -die Obrigkeit einen Galgen und hängte die -Bäuerin auf. Aber ihr Leichnam verschwand, und -auch der Leichnam des Mannes verschwand, und -lange Zeit wußte niemand, wohin beide gekommen -seien, bis eine Frau im Geistergrund -einen großen giftigen Pilz sah, der den Hut vor -ihr abnahm und sagte: »Erbarme dich meiner, -erbarme dich meiner!« Als die Frau sich vor -Schreck nicht rühren konnte, kam eine Schlange -gekrochen und wickelte sich dem Pilz ums Bein. -Und die Schlange sprach: »Ich fresse den Pilz; -ich fresse den häßlichen, geizigen Pilz!« Sie -funkelte dabei mit den Augen. - -Da ist die Frau schreiend davongelaufen und -hat im Dorfe alles erzählt, und es hat sich lange -Zeit niemand an den Geistergrund herangewagt. - -Als aber einmal der Schuster Humpel erzählte, -er habe nun die beiden auch gesehen, nur hätte -diesmal der Pilz die Schlange gefressen, glaubte -ihm niemand; denn die Leute waren sehr aufgeklärt, -und Humpel war oft betrunken. -- -- -- - -Da war die andere Geschichte von dem Müller -Eisert. Der war in der Zeit, da der alte Fritz -Krieg führte, ins Lager der Russen übergegangen -und war ein so schlechter Kerl geworden, daß er -gegen seinen eigenen König kämpfte. Eisert besiegte -auch den alten Fritz in der Schlacht bei -Cunnersdorf und zog dann mit seinen Russen als -ein prahlender Kriegsheld bis vor sein Heimatsdorf. -Dort ließ er Kanonen auffahren und alles -zusammenschießen und in Brand stecken. Dann -ritt er auf einem pechschwarzen Roß durch das -brennende Dorf und verhöhnte die Leute und -zwang sie: »Gnädiger Herr!« und »Euer Wohlgeboren!« -zu ihm zu sagen. Für diese Missetat -wurde er bestraft. Als er wieder fortritt, begann -auf dem Turme die Glocke zu läuten. Den Turm -und die Kirche hatten die Russen, weil sie Christen -sind, verschont. - -O, wie drang der Ton der Heimatglocke dem -argen Sünder so anklagend ins Ohr! Sie dröhnte -ihm in die Seele wie Posaunenton des jüngsten -Gerichts und versetzte sein Herz in eine ganz -schreckliche Angst. Und plötzlich wandte sich das -Roß, jagte zurück auf das Dorf zu, warf den -bösen Mann am Eingang des Dorfes auf die -Erde und galoppierte ganz allein in die finstere -Nacht hinaus. - -Der Müller schlich sich an den Turm, um zu -sehen, wer da so schrecklich an der Glocke zöge. -Da sah er, daß niemand in dem Turm war, daß -die Glocke ganz von selber läutete. Darüber wurde -er ganz unsinnig vor Angst. Schreiend und -winselnd lief er um das Dorf herum, fand auf -dem Wege einen Strick und erhängte sich in der -Verzweiflung seines Herzens im Geistergrund, wie -sich Judas erhängte, als er den Herrn Jesus verraten -hatte. - -Jetzt noch stand die Weide im Geistergrund, an -der der Verräter sein elendes Leben selbst beendet -hatte. -- -- - -Das waren unfreundliche Geschichten. Und -da war noch eine Geschichte, von der wir Kinder -etwas gehört hatten, ohne sie recht zu verstehen. -Und eben, weil ich sie nicht verstand, -machte ich ein Gedicht darüber. Das Gedicht -aber war so: - - -Das Mädchen. - -Weil sie so schwer gesündigt hat, -Da wurd' sie in den Sumpf gesenkt, -Nun wohnt sie in der Geisterstadt, -Wo niemand ihrer denkt. -Sie hatte ein so weißes Kleid, -Doch einen schwarzen Fleck darauf; -Da steht sie um die Sternenzeit -Oft aus dem Modergrabe auf -Und wäscht mit heißer Tränen Flut -Sich aus dem Kleid den schwarzen Fleck; -Paßt auf, Ihr Leute, Gott ist gut: -Das Kleid wird weiß, der Fleck geht weg! - -Das war das Gedicht, für das mir unsere gute -Fee drüben in Eichenhofen den Kranz schenkte. -- - -Es gab Zeiten, wo Heinrich und ich uns sehr -vor dem Geistergrund fürchteten. Um die -Dämmerzeit wären wir nicht hingegangen, und -auch wenn die Nebelmänner zwischen den Erlen -hin- und herkrochen, wagten wir uns nicht in diese -Gegend. Heinrich machte sogar einmal den Vorschlag, -den Geistergrund abzusetzen. Was ihm -nicht paßte, wollte er immer »absetzen«: den -Förster, den Geistergrund, die Kreuzottern und -die lateinische Grammatik. Es ist aber leider alles -bestehen geblieben. - -Unsere Fee hatte im allgemeinen nichts dagegen, -wenn wir uns mal etwas fürchteten. Wenn -wir sie fragten, ob es Räuber gebe, sagte sie »Ja!«, -und wenn wir wissen wollten, ob wohl die -Räuber je in unsere Gegend kommen könnten, -sagte sie auch »Ja«! Dann bekamen wir allemal -knallrote Backen, und unsere Stimmen wurden -weniger krähend, als sie sonst waren. -- - -[Illustration] - -Einmal, als wir mit dem Förster zufällig -wieder auf freundschaftlichem Fuße lebten, hätten -wir ihm gar zu gern eine zahme Dohle abgebettelt, -die er in seinem Forsthause hielt. Er -machte eine geheimnisvolle Miene und sagte: - -»Die kann ich euch nicht geben. Die ist ein ganz -seltsamer Vogel. Ich habe sie auf der Judasweide -gefangen. Dort hatte sie ihr Nest. Und sie ist -eine verwunschene Prinzessin.« - -Wir Jungen versuchten, ein ungläubiges Gelächter -anzuschlagen, aber es klang ganz meckrig, -und wir sahen mit Unbehagen auf den Vogel, -der plötzlich auf uns zukam, so daß wir -einige Schritte zurückwichen. Die Dohle funkelte -uns mit ihren Äuglein an, schlug mit den beschnittenen -Flügeln und schrie: »Beatrice! -Beatrice!« - -Da sagten wir schnell: »Guten Abend« und -gingen davon. Der Förster kam uns nach. - -»Ich sehe es ja ein, daß ihr die Dohle durchaus -haben wollt,« sagte er; »aber es würde euch nichts -nützen, wenn ich sie euch schenkte, denn sie würde -euch trotz ihrer beschnittenen Flügel entwischen. -Wollt ihr die Dohle haben und behalten, so müßt -ihr in die Judasweide abends in der Dämmerung -einen Nagel einschlagen. Einer muß den Nagel -halten, der andere muß hämmern.« - -Darauf sagten wir, wir hätten es uns überlegt: -eigentlich wüßten wir gar nicht recht, was -wir mit einer Dohle anfangen sollten. Er, der -Förster, brauche eigentlich einen solchen Vogel -viel notwendiger als wir. - -Der Förster spuckte auf den Boden, uns gerade -dicht vor die Zehen, und sagte: »Wenn ich nicht -wüßte, was ihr für mutige und kluge Kerle seid, -würde ich denken, ihr fürchtet euch. Aber damit -habt ihr recht, daß ich den Vogel notwendig -brauche.« - -»Wozu brauchst du ihn denn?« fragte ich neugierig. - -»Zum Geschichtenerzählen.« - -»Zum Geschichtenerzählen? Ei, wieso?« - -»Hm. Wenn ich abends müde aus dem Walde -komme, ziehe ich mir die Stiefel aus, sperre die -Hunde aus der Stube hinaus, setze mich in den -Lehnstuhl und dann sag' ich zu der Dohle: -Beatrice, leg' los!« - -»Und -- und dann legt sie los?« - -»Legt sie los! Jawohl! Sie erzählt famos. -Aber leider bloß lauter Räuber-, Gespenster- und -Indianergeschichten. Andere weiß sie nicht. Alles -zum Gruseln.« - -Räuber-, Gespenster- und Indianergeschichten! -Das hielten Heinrich und ich damals für das -Schönste auf der ganzen Welt. Wir hatten uns -heimlich solche Bücher geliehen und einige davon -gelesen, bis es die Fee erfuhr und uns sagte: -sie hätte uns nicht mehr lieb, wenn wir so etwas -wieder täten, denn solche Geschichten seien schlecht -und dumm und erlogen. Da hatten wir es aus -Liebe zur Fee unterlassen. Aber wenn wir nun -eine Dohle hätten, die so etwas erzählen könnte, -das wäre doch etwas anderes, denn eine Dohle -ist doch kein Buch. Und man käme dann auf -ehrliche Weise zu interessanten Geschichten. - -»Ja,« sagte der Förster, »meine Großmutter -hört auch mit zu.« Des Försters Großmutter -war 92 Jahre alt. - -»Borg' uns einen Hammer und einen Nagel!« -rief Heinrich; »wir gehen jetzt gleich zur Judasweide! -Nimm deine Büchse und deinen Hirschfänger -und geh mit.« - -»Wäre noch besser,« meinte der Förster; »allein -müßt ihr gehen, und morgen abend ist die richtige -Zeit; morgen ist Neumond.« -- - -Der nächste Abend war trübe und regnerisch. -Den ganzen Tag hatten Heinrich und ich in schrecklicher -Aufregung zugebracht. Kein Essen hatte -uns geschmeckt, kein Spiel hatte uns gefallen und -die Fee hatte uns ein paarmal ganz eigentümlich -forschend angesehen. Schwache Augenblicke kamen, -wo uns die ganze Sache leid wurde; aber dann -dachten wir an die verzauberte Dohle, die Räubergeschichten -erzählen konnte, und ein Fieberschauer -von Glück, einen solch wundersamen Vogel -besitzen, packte uns. - -Am späten Nachmittag holten wir aus dem -Handwerkskasten einen Hammer und einen starken -Nagel heraus und verbargen beides unter dem -welken, abgefallenen Laub eines Kastanienbaumes. - -[Illustration] - -Als die ersten Lichter angezündet wurden, -schauten wir uns starr in die Augen. Unter -Heinrichs Wimpern blitzte eine Träne. Aber ich --- ich hätte für schöne Geschichten mein Leben -hingegeben und faßte ihn an der Hand. - -»Soll ich allein gehen?« fragte ich. - -»Nein, ich lass' dich nicht allein gehen,« sagte er. - -Er war immer ein treuer Freund. Er borgte -mir sogar seine Flinte. - -So schlichen wir uns aus dem Hof hinaus und -gingen über die Felder. Der Wind jagte grauweiße -Wolkenfetzen über den Himmel, und es -regnete sacht. Wir kamen nach Ameisenfeld. Die -ganze Stadt schlief. Wir gingen an der Wotanseiche -vorbei. Sie stöhnte leise im Winde. Durch -die Brombeerhecken brachen wir. Heinrich trug -den Hammer; ich hatte den Nagel in der Hand -wie einen spitzen Dolch. Manchmal war es mir, -als ob er glühend heiß sei. - -Wir sprachen beide kein Wort, denn das hatte -uns der Förster eingeschärft. Aber das Schweigen -machte unsere Herzen noch beklommener. - -Nun tauchte der Geistergrund auf. Die niederen -Erlen und Weiden zogen sich am schwarzen -Graben entlang, eine hohe Ulme ragte über sie -hinweg. Unter ihr sollten der Pilz und die -Schlange gesehen worden sein. Und links von ihr, -ein Stückchen vom Bachrande weg, war die -Judasweide. - -Ich schloß die Augen. Wie ein Wirbel war es -in meinem Kopf. Rote Ringe sah ich tanzen, ein -brennendes Dorf sah ich, durch das auf schwarzem -Roß der tolle Müller ritt. Dicker Schweiß rann -mir unterm Hut hervor. Aber vorwärts ging es, -immer vorwärts, zuletzt im Trab. Fest hielt ich -den Nagel in der Hand. Heinrich strauchelte und -fiel hin. Der Hammer entglitt ihm. Er hob ihn -auf und packte mich fest am Arm. Unsere Herzen -schlugen in rasender Schnelligkeit. Wir gingen -immer noch vorwärts. - -Da -- erst sah ich's -- dann sah's Heinrich -- -dann fielen wir auf die Knie -- - -Aus dem Erlengebüsch trat eine weiße Frau. - -Die Frau aus dem Moor -- die Frau, die ihr -Kleid wäscht -- - -Wir schrieen laut um Hilfe. - - * * * * * - -Es war nicht die Frau aus dem Moor. Es -war Heinrichs Mutter. Es war unsere Fee. - -»Was wolltet ihr machen?« fragte sie freundlich. -Da gestanden wir alles. - -Sie zürnte uns nicht; sie strich uns beiden über -die Köpfe. - -»Nun, habt keine Angst; es passiert euch nichts, -ich bin ja bei euch!« - -Ja, nun wußten wir: es konnte uns nichts -passieren, da sie bei uns war. Heinrich schlang -den Arm um seine Mutter und küßte sie zweimal, -und dann nahm ich sie um den Hals und küßte sie -dreimal. - -Wir schritten ein paarmal an dem Graben auf -und ab, ganz friedlich, als ob wir spazieren -gingen, und nachdem wir etwa zehnmal ganz tief -und erleichternd aufgeseufzt hatten, fühlten wir, -daß unsere Herzen ruhiger wurden. - -»Hat euch der Förster gerade um die jetzige -Stunde bestellt?« fragte die Fee. - -»Jawohl, später als 6 Uhr dürfe es nicht sein, -hat er gesagt.« - -»So wollen wir einmal hinübergehen in den -Geistergrund,« meinte sie. Wir gingen ruhig und -ohne Angst mit ihr über den schmalen Steg, der -über den schwarzen Graben führte. Sie hielt uns -an den Händen und sagte: - -»Nun seht, wie still es hier ist, ebenso still wie -überall im Walde.« - -Dann gingen wir schweigend weiter. Über dem -moorigen Grund wuchs dichtes, weiches Moos, -und wir gingen ganz unhörbar. Einmal blieb -die Fee stehen und sagte leise: - -»Wenn euch etwas Seltsames oder Schreckliches -auffällt, so erschreckt nicht oder schreit nicht; denn -es ist ganz gewiß nichts wirklich Schreckliches.« - -Da faßten wir großen Mut. Plötzlich aber -blieben wir doch in jähem Schreck stehen. - -Unter der hohen Ulme war der Pilz, ein schrecklich -großer, blutroter Pilz, und unter dem Pilze -lag eine Frau. Heinrich begann zu weinen, ich -begann zu schlucken, die Fee aber faßte fest unsere -Hände und rief ganz laut und ruhig: »Du Pilz -und du Pilzweib, kommt einmal beide her!« - -Da schnellte plötzlich der verhexte Pilz hoch in -die Höhe, das Weib richtete sich auf, und eine -tiefe Stimme sagte: - -»O jemine, die gnädige Frau!« - -»Komm nur mal näher!« befahl die Fee. - -Unsere Herzen schlugen; aber es war jetzt mehr -Neugierde als Angst. - -Der Pilz und die Frau wandelten ganz langsam -auf uns zu. Und plötzlich brach Heinrich in -ein lautes Gelächter aus, und ich lachte unter -Tränen mit. - -Vor uns stand der Herr Förster. Er hatte sich -die Kleider seiner zweiundneunzigjährigen Großmutter -angezogen, und der Pilz war der riesengroße -und brennend rote Regenschirm der alten -Frau, der die Verwunderung der ganzen Gemeinde -bildete, wenn die Alte noch einmal zur -Kirche gehumpelt kam. - -»Gnädige Frau -- gnädige Frau --« stammelte -der Förster. - -Er sah greulich aus. Der weite blumige Rock -war ihm viel zu kurz, so daß seine groben -Stiefel zum Vorschein kamen, das altmodische -Leibchen war ihm viel zu schmal, so daß man seine -Weste sah, und die alte Schleifenhaube saß ihm -ganz windschief auf seinem struppigen Kopf. Den -roten Schirm hatte er nun zugeklappt und quetschte -ihn wie ein brennendes dickes Gebund in höchster -Verlegenheit unter den Arm. - -[Illustration] - -Die Fee blickte halb streng und halb lächelnd -auf den sonderbaren Geist und sagte: - -»Schämen Sie sich denn nicht, Förster, solche -Faxen zu machen? Denken Sie nicht daran, -was den Kindern vor Schreck passieren kann?« - -Die Pilzbäuerin raffte in tödlicher Scham an -ihrem Kleid herum. - -»Gnädige Frau, weil halt -- weil halt die beiden -solche Schlingel sind.« - -»Es gibt viele Schlingel auf der Welt, große -und kleine,« sagte die Fee. - -Der Förster kraute sich die Schleifenhaube. - -»Nun werd' ich wohl gar meine Stellung verlieren,« -sagte der trostlose Hüter des Waldes. -Die Fee lächelte milde. - -»Etwas werden Sie schon verlieren: Sie werden -den Jungen zur Strafe Ihre Dohle schenken!« - -»Können sie kriegen, können sie kriegen!« schrie -da das Zauberweib voll Entzücken und haschte -nach der Hand der guten Fee, die sich abwenden -mußte, weil es wohl mit ihrer Fassung vorbei -war. - -»Gnädige Frau,« sagte der Förster, »wenn es -erlaubt ist, möcht' ich mich aus dieser sehr fatalen -Begebenheit empfehlen.« - -»Gehen Sie nur, gehen Sie nur!« sagte sie und -blieb immer mit dem Gesicht abgewandt. - -Da machte er eine Verneigung, wobei ihm der -geblümte Rock bis über die Kniekehlen emporrutschte, -und dann ging er davon. Als er an den -Bach kam, wollte er, wie er's gewöhnt war, hinüberspringen; -aber die Feiertagszier seiner -Großmutter wickelte sich um seine Beine und -er plumpste dicht am Rande in die Flut. Das war -für uns Kinder der glänzendste Spaß. Gleich -darauf pudelte er sich ans Ufer und jagte in -fliegendem Gewande und mit flatternden Haubenschleifen -davon. -- - -Die Dohle haben wir bekommen; da sie aber -tagaus, tagein nichts anderes zu erzählen wußte -als: »Beatrice! Beatrice!«, wurde sie uns langweilig. - - -Heinrichsburg. - -Die Stadt lag auf einer Insel, die ringsum von -dem Wasser eines Stromes umgeben war. Wenn -ein starker Regen fiel, wurde dieser Strom so tief, -daß wir uns die Hosen aufstreifen mußten, um -ihn durchwaten zu können. In trockenen Zeitläuften -blies der Wind den Staub vom Flußgrunde -bis in unsere Stadt. Wir warfen uns -dann platt auf die Erde und redeten vom Samum. - -Die Insel war mehrere Steinwürfe lang und -fast eben so breit. Ihr Gebiet umfaßte die Hohkönigsburg, -die Stadt selbst, das Felsengebirge, -einen Kriegs- und einen Handelshafen, ein Jagdschloß, -eine Meierei und eine Hundehütte. In -der Stadt gab es ein Rathaus, eine katholische, -evangelische, jüdische und heidnische Kirche, ein -Museum, ein Hotel, sehr viele Geschäfts- und -Wohnhäuser und einen Reichstag. - -Die größten Gebäude waren die Hohkönigsburg, -das Hotel und die Hundehütte. Die Burg war im -19. Jahrhundert vom Zimmermann Schadel erbaut, -und der Bau hatte über 70 Mark verschlungen. -Dafür war er aber auch prächtig und stattlich. -Die Burg umfaßt nur den Thronsaal; für -mindere Räume war kein Platz. Eine stolze Fahne -wehte vom Dache, und an der Pforte zeigten zwei -angeklebte Bilder grimmiger Löwen, von denen -der eine ein Tiger war, daß hier im Schloß Macht -und Größe wohne und jeder ein Kind des Todes -sei, der sich den hier herrschenden Gewalten widersetze. -Bei Regenwetter wurden sämtliche Hauptteile -der Stadt mit Wachsleinwand überdeckt. - -Das Hotel hatte früher dem Pächter einer -Kirschenallee gehört, der darin sein Wächteramt -ausgeübt hatte. Kinder unter vier Jahren konnten -erhobenen Hauptes durch seine Pforten schreiten, -und auch wir brauchten uns nicht sonderlich zu -bücken, wenn wir eintraten. Es hieß »Hotel -Bristol« und trug an seiner Front viele Schilder, -als: »Zivile Preise«, »Warme und kalte Speisen zu -jeder Jahreszeit«, »Eintritt verboten!« und was -etwa sonst noch an ein gutes Hotel an Anschlägen -gehört. - -Der einzige ständig bewohnte Raum von -Heinrichsburg war die Hundehütte. Hier hauste -Pluto, der Wachhund. Er war von strengem -Charakter, aber gutem Appetit, deswegen geriet -er in Verlegenheit, wenn ihm einer, den er -eigentlich bekämpfen sollte, einen Knochen anbot. -Auf diese Weise hat Pluto es leider nicht verhütet, -daß uns eines Nachts das Hotel gestohlen -wurde. Er stand am Morgen nach der Unglücksnacht -mit albernem Gesicht auf der leeren Baustelle, -wedelte verlegen mit dem Schwanze und -bellte nach dem Ufer hin, wie einer bellt, der kein -gutes Gewissen hat. Den Bestechungsknochen -hatte er an einer leicht kenntlichen Stelle verscharrt. - -[Illustration] - -Bei der letzten Volkszählung in Heinrichsburg -wurde Plutos Flohbestand in Fell und Hütte auf -zusammen 250 Stück lebend angegeben. Natürlich -nur schätzungsweise, wie es bei wilden Stämmen -immer geschieht. All dieses Kleinvolk hielt Pluto -in guter Zucht; Übergriffe ahndete er mit scharfer -Kralle. - -Pluto war sehr vielseitig von Beruf: des Nachts -mußte er wachen, am Tage zog er als prächtig aufgeschirrtes -Roß den Triumphwagen des Königs, -Sonntags trat er in der Stierkampfarena mit -grimmem Mute als Bulle auf, und oft spielte er -im Felsengebirge den Drachen oder fing in der -Stadt Mäuse, welche sehr lästig waren, weil sie -uns bereits die Rathaustreppe und einen Nachtwächter -aufgefressen hatten. Nur als Delphin -hatte Pluto kein Talent; denn allemal, wenn wir -auf seinem Rücken durch die Fluten des Stromes -ziehen wollten, warf er uns ab, sprang ans Ufer -und schüttelte sein Fell, was kein Delphin tun -darf. - -Das Felsengebirge war ein Steilgebirge von -durchaus alpinem Charakter. Seine größte Erhebung, -die Adlerkoppe, hatte eine relative Höhe -von 2500 Zentimetern; sie war im Winter mit -»ewigem Schnee« bedeckt und fiel steil zum Flusse -ab, von dessen Seite her sie nur von den geübtesten -Bergsteigern mit Nagelschuhen, Eispickel -und nach vorangegangener Anseilung zu -erreichen war. Ein prächtiger Aussichtsturm von -30 Zentimeter Höhe krönte ihren stolzen Gipfel, -und wer sich auf die Erde legte und über diesen -Aussichtsturm hinweg in die Ferne sah, genoß -die herrlichsten Landschaftsbilder. Dicht unter -ihm das wildzerklüftete Gebirge, an dessen Fuß -der Strom mit seinen weißen Segelbooten und -seinem Spiritusdampfer brandete, dann die -Stadt, die »wie eine Spielzeugschachtel« ausgebreitet -lag, die trotzige Hohkönigsburg, die dunkel -aufragende Hundehütte, der weite Wald und das -grüne Wiesenland bis weit hinaus an den Horizont -in das Gebiet von Geistergrund und -Ameisenfeld. - -Wie ich inzwischen auch herumgekommen bin -in fremden Landen und Erdteilen: die Aussicht -von der Adlerkoppe bei Heinrichsburg ist die einzige, -die ich in dem Reisebuch meines Lebens mit -drei Sternen bezeichnen mag. - -Der Abstieg von der Adlerkoppe nach der Stadt -bot nur mäßige Schwierigkeiten und war ohne -Lebensgefahr zu bewerkstelligen. Er führte an -einer grünen Alm vorüber, auf der eine Herde -buntgescheckter Kühe weidete und ein Hirtenbub -vor seinem Alpenhäuslein saß und lieblich auf -einer Schalmei spielte. Nur eine drohende Kuppe -ragte noch auf. Dort legte ein kühner Alpenjäger -eben auf eine Gemse an. Wenn man sich die -hohlen Hände als Fernglas vor die Augen hielt, -konnte man die aufregende Szene so oft beobachten, -wie man vorbeikam. - -Etwa in halber Höhe des Gebirges war der -»Gebirgsbahnhof« angelegt. Er hatte einen sehr -schmuck eingerichteten Wartesaal, eine Wegeschranke -und eine Telegraphenstange ohne Draht. -Der Zug bestand aus einer Lokomotive und drei -allerliebsten Aussichtswagen. Die Passagiere -waren immer dieselben: ein Engländer, ein Professor -mit einer Botanisiertrommel und eine -Köchin mit einem Korb am Arm, die jedenfalls -auf der Höhe nach Suppengemüse gesucht hatte. -Wenn nun auch der Zug nicht übermäßig besetzt -war, so war es doch herrlich anzusehen, wenn er -in die Tiefe fuhr. Er machte die kühnsten Kurven, -setzte über Viadukte, die über schauerliche Abgründe -gespannt waren, raste durch pechdunkle -Tunnel, durchbrauste die Ebene und fuhr endlich -donnernd in den Bahnhof von Heinrichsburg ein, -wo es sich bei dem Kommando: »Alles aussteigen!« -ärgerlicherweise meist herausstellte, daß -der Professor, der Engländer und die Köchin auf -der raschen Fahrt von den Sitzen gepurzelt waren -und auf dem Fußboden lagen. Ein Eisenbahnunfall -wurde trotzdem, wie auf allen Gebirgsbahnen, -nie bekannt. - -O, und die Stadt Heinrichsburg selbst! Fürwahr, -ein Fremdling hätte sich in ihrem Gewirr -von Straßen und Plätzen rettungslos verlaufen. -Auf dem Marktplatz stand das Rathaus; da -guckte der Bürgermeister den ganzen Tag zum -Fenster heraus. In der katholischen Kirche war -beständig Hochzeit, in der evangelischen immer -Kindtaufen. Im Judentempel saßen tagaus, tagein -drei Männer mit Zylinderhüten auf dem -Kopf, und in der heidnischen Kirche schlachtete ein -Priester, namens Mohammed, ständig ein Kind. -Das Museum umfaßte vier Bilder und zwei -Statuen, der Reichstag war immer geschlossen. -Wir haben ihn, da wir nichts Rechtes mit ihm -anzufangen wußten, später in eine »Aktien-Brauerei« -umgewandelt. - -Die Pracht der Auslagen, die sich die Geschäftshäuser -leisteten, war erstaunlich. Allein der -Fleischerladen mit seinen feuerroten Schinken und -brennend braunen Würsten war ein kleines -Weltwunder. Majestät sprach nebst hohem Gefolge -täglich persönlich in diesem Geschäfte vor, -dessen Warenbestand immer pünktlich erneuert -wurde. - -Heinrichsburg war eine werktätige Stadt: da -saß der Schuster vor seinem Haus und zog den -Pechdraht, da hieb in seiner dunklen Höhle der -Schmied auf den Amboß, da saß der Weber am -Webstuhl. Lastwagen fuhren die Straße entlang -oder hielten vor dem Wirtshaus; der Postillon -saß hoch auf dem Bock und blies sein lustiges -Signal. Alle Handwerker waren vertreten, und -wo ein Gewerbe fehlte, da wurde zu Weihnachten -oder zum Geburtstag Seiner Majestät König -Heinrichs I. Abhilfe geschafft. - -Nur eine Schule gab es in Heinrichsburg nicht. -Majestät meinten, das sei nicht lustig und verderbe -den Spaß. Dafür marschierten glänzende Soldaten -auf den Straßen, und die Musikkapelle zog -den ganzen Tag mit Tiradebumdieh durch die -glückliche Stadt. - -Merkwürdig war der Denkmälerbestand von -Heinrichsburg. Von historischen Größen hatten -Kaiser Wilhelm, Blücher, Zieten und der alte -Fritz je ein Monument. Dann hatte Majestät -selbst ein Denkmal, ebenso seine erlauchten -Eltern: Rittergutsbesitzer Gerhardt und Frau. -Diese Denkmäler bestanden aus Photographien, -die in Steinpyramiden eingemauert waren. Bei -Regenwetter wurden Zigarrenschachteln als -Schutzdecke darüber gestülpt. Dann aber waren -in Standbildern noch verewigt Robinson Crusoe -und der »Pfadfinder«. Diese Denkmäler waren -aus Holz, von Sr. Majestät selbst entworfen und -modelliert. Sie wurden bei Regenwetter nicht -zugedeckt; denn sie waren »abgehärtet«. Bei festlichen -Gelegenheiten wurden sämtliche Denkmäler -illuminiert. - -Im Gerichtsgefängnis saßen Napoleon und der -Räuberhauptmann Schinderhannes. - -[Illustration] - -Herrlich war es draußen am Hafen. Oft lagen -wir da am Ufer und sahen auf die weite, unübersehbare -Wasserfläche und sprachen kein Wort. -Wenn ein Schiff seine weißen Segel blähte und -langsam von dannen fuhr, dann sahen wir ihm -nach, dann schaute unsere junge Seele weit hinaus -bis in die fernen Länder, nach denen das Schiff -fuhr, zu fremdartigen Menschen, die in Zelten -auf ewig grünen, ewig weiten Wiesen wohnten -und andere Blumen und andere Sterne sahen als -wir. Und all die tausend Gefahren, die das Schiff -haben würde in Scylla und Charybdis, bei Seeräubern -und Meerungeheuern, erwogen wir und -kämpften alle Not selbst durch und waren dabei, -wenn das siegreiche Schiff eines Tages doch stolz -und sicher in den Hafen fuhr. - -Manchmal kam unsere gute »Fee«, die Schutzgöttin -unseres Insellandes, zu uns herüber. -Dann feuerten unsere Strandkanonen Salut, die -Ehrenwache stand am Ufer, die ganze Militärkapelle -war aufgestellt, und von allen öffentlichen -und vielen privaten Häusern wehten Fahnen. -Der König ging der »Schutzgöttin« entgegen und -küßte ihr die Hand, und sie ging mit freundlichen -Augen durch unsere Stadt, und wo es an etwas -fehlte, das sah ihr gütiger Blick und ergänzte alsbald -ihre geschickte, freigebige Hand. - -Nur Pluto war an solchen Feiertagen eingesperrt. -Wurde er losgelassen, so fuhr er in einer -unsinnigen Freude durchs ganze Land, riß die -Stadt um und brachte den Zug zum Entgleisen. - -O, es war schön in Heinrichsburg! Die größten -Ehren habe ich dort genossen: ich war Großwesir -und Stierkämpfer, Hofdichter und Scharfrichter, -Hotelportier und Mitregent. Ich habe die Straßen -ausgebessert und das Gesetzbuch verfaßt, ich war -Dachdecker und Theaterdirektor, Seeräuber und -Staatsanwalt. Selbst die Frau Königin bin ich -gewesen; da hatte ich lange gelbe Locken und ein -weißes Kleid mit einem Goldgürtel und ein -Taschentuch, mit einer Krone gezeichnet. Am -liebsten war ich Leuchtturm. Dann trug ich eine -Laterne auf dem Kopf und ließ ihr Licht nach -allen Seiten spielen, bis die Schiffe, die in Wetter -und Not draußen waren, glücklich den Hafen erreicht -hatten. - - * * * * * - -Unsere gute Fee! Wenn ich jetzt, da ich lange, -lange schon ein Mann geworden bin, manchmal -träumend die Augen schließe, sehe ich ein weites -Gelände vor mir, dadurch ein schmaler Weg führt. -Es ist der Weg, den ich durch mein Leben gegangen -bin. Grüne Wälder, aber auch öde Schutthalden -sind an seiner Seite, und es fehlt nicht an -Denksteinen, und mancher der Denksteine ist ein -Marterl. Wenn ich nun so sitze und träume, -ziehen Hunderte und Tausende von Menschen an -meiner Seele vorüber. Ihnen allen bin ich einmal -begegnet, bin ein Stücklein mit ihnen gewandert. -Aber die meisten schauen mich so fremd an, -als hätte ich sie nie gesehen: alle die, die mir -gleichgültig waren und alle die, die mir einmal -wehe taten. Sie hat mein Herz vergessen. Die -aber, die mir etwas Liebes, Gutes erwiesen, -reichen mir alle die Hand, und ihre Stimme klingt -mir wie die eines Freundes von gestern. - -Und wenn sie kommt, die gute Fee meiner -Kinderzeit, schlägt mir auch heute noch das Herz -in Liebe für sie; ich hasche nach ihrer weißen Hand -und küsse die Hand und lege sie auf meine Stirn. -Dann wehen ihre blonden Haare im Wind, und -ihre Augen sind schön und lieb wie in alten -Tagen. Und sie nimmt meine Seele mit sich und -führt sie in - - -die heilige Stadt. - -Da stand ein kleiner Tempel. In dem Tempel -war eine Figur des Heilands, die war so weiß -wie Schnee. Vor dem Heiland stand ein Knabe, -und über der Gruppe waren in goldenen Lettern -zwei Sprüche in die Wand geschrieben: - -»Dieses Kind wird der Größte sein im Himmelreich!« - -und: - -»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so -werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!« - -Der Knabe aber, der vor dem Heiland stand, -war Heinrichs Bruder Ludwig, der frühzeitig aus -dem Leben geschieden war. - -Als Ludwig starb, war ein solches Herzeleid -auch über uns Kinder gekommen, daß ich mit -Heinrich nach der Insel ging, um unsere schöne -Stadt Heinrichsburg niederzureißen. - -»Wenn Ludwig nicht mehr bei uns ist,« sagten -wir zueinander, »so macht uns die Stadt keine -Freude mehr.« - -Wir stiegen in bitteren Schmerzen auf die -Adlerkoppe. Noch einmal schaute ich über den -Aussichtsturm hinaus ins weite Land, dann löste -ich ihn aus der Erde und nahm ihn unter den -Arm. Heinrich packte den Bahnhof in seine Mütze, -und eben wollten wir den Alpenjäger und die -Gemse von der Felskuppe holen, als Heinrichs -Mutter uns nachkam. Ihr Gesicht war weiß, und -sie ging ganz langsam; aber sie lächelte doch, als -sie uns über die Köpfe strich und sprach: - -»Laßt nur eure Stadt stehen; Ludwig hat jetzt -eine viel schönere Stadt als ihr!« - -Da nahm Heinrich den Bahnhof wieder aus -der Mütze, und ich trug den Turm wieder auf den -Berg, richtete ihn dort auf und überzeugte mich, -daß die Aussicht über ihn hinweg wieder ganz -herrlich schön sei. - -Dann gingen wir drei nach Hause. Wir -sprachen nicht. Es war gegen Abend, und der erste -Stern tauchte auf am Himmel. Da holte Heinrich -tief Atem und fragte mit stockender Stimme: - -»Was für eine Stadt hat Ludwig?« - -Die Mutter zog ihn an sich und sagte: - -»Der liebe Gott kann ihm eine Stadt aufbauen -aus lauter Gold.« - -»Und hat er auch einen Berg und einen Turm -darauf?« fragte ich beklommen. - -»Er steht auf einem Berg, der höher ist als -alle Berge, und er kann von da über die ganze -Welt sehen.« - -»Bis Berlin zum Kaiser?« fragte Heinrich -verwundert. - -»Bis Berlin zum Kaiser,« sagte die Mutter, -»und -- bis zu uns dreien.« - -»Sieht er uns jetzt gehen?« - -»Ja, ich glaube, er sieht uns gehen.« - -Da blies der Abendwind übers Feld, und ich -fror. - - * * * * * - -»Dieser ist der Größte im Himmelreich!« - -Der goldene Spruch stand über Ludwigs -Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit -scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden, -der mit einem Kranz weißer Rosen -um die Stirn in jenes ferne Land gewandert -und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da -habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm -gelegen und hinaufgeschaut in das -ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht, -daß ich auch einmal den Weg finden -möge dorthin. - -[Illustration] - -Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja, -selbst der Förster kam manchmal mit; er stand -dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in -der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns -dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr -totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer -in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der -heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg, -nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und -sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns -von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu -sehen waren. - -Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte -sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im -Herzen. - -Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist -durch unser ganzes Leben der goldene Spruch -aus der Heiligen Stadt nachgegangen: - -»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so -werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!« - -[Illustration] - -Der kleine General. - - -Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm -ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank -im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer -steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes -Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten. - -=Hans= (richtet sich matt auf): - -Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal -sehen. - -=Die Mutter=: - -Wird dich nicht wieder das viele Licht stören, -Hans? - -=Hans=: - -Ach, nein ... ich möchte ihn sehen. Zünde -doch die Lichter noch einmal an, Mutter ... ja? - -=Die Mutter=: - -Gewiß, mein Kind, wie du willst ... - -Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen -an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen, -fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück. - -=Die Mutter=: - -Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge? - -=Hans=: - -Er ist schön ... er ist sehr schön! ... Es ist -wohl viel Marzipan dran? ... Ich kann keines -essen ... es schmeckt mir bitter ... Aber die -Krone und der Engel! -- -- -- -- Ach, Mutter, -mir tun die Augen weh ... lösch die Lichter -aus ... bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus! - -Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht -die Weihnachtslichter aus. - -=Hans=: - -Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden -Lichter! ... Nun ist er ganz finster, der -Baum ... - -=Die Mutter= (zurückkommend): - -Ist es so gut? - -=Hans=: - -Ja, es ist gut so ... Ich freu' mich so über die -Soldatensachen, Mutter. - -=Die Mutter=: - -Mein lieber Junge! - -=Hans=: - -Bring mir doch den Säbel und den Helm! -Und einen Spiegel ... ja? Ich will mich gern -sehen ... - -=Die Mutter=: - -Ja, ich hole sie! (Pause.) So, mein guter Hans, -hier sind die Sachen! - -=Hans=: - -Stütz' mir den Rücken, ja ... ich will mich -setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann ... -So ... ah, es geht schwer ... und jetzt ... jetzt -den Säbel ... halt' mich fest, Mutter, fest ... -ja so! ... Und jetzt noch den Spiegel ... Oh, -oh, ... wie seh ich denn aus? ... Das bin ich -doch nicht! Das ist ja ein ganz ... altes ... -häßliches Gesicht! - -=Die Mutter= (mit unterdrücktem Schluchzen): - -Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans! - -=Hans= (mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen): - -Bin ich das wirklich?! - -=Die Mutter= (tröstend): - -Sieh doch den Helm ... er steht dir so schön ... -mein kleiner, lieber Held ... - -=Hans=: - -Oh ... ich sehe aus ... wie der Tod ... - -=Die Mutter= (läßt den Spiegel fallen): - -Hans! ... Sprich nicht so, Hans ... das -darfst du nicht ... das ist böse von dir ... -entsetzlich böse ... - -=Hans= (sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt): - -Ich will nicht böse sein ... ich will gut sein ... -und ich will auch nicht gern ... zum Tode ... -ich möchte bei dir bleiben, Mutter ... bei dir ist's -so schön ... - -(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.) - -=Hans=: - -Ich glaube ... daß ich heute sterben soll ... - -=Die Mutter=: - -Du sollst ja nicht so sprechen ... du wirst nicht -sterben, Hans ... ich laß dich ja nicht sterben ... -ganz bestimmt nicht ... ich verspreche es dir ... -du weißt, ich halte immer, was ich verspreche ... -ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein -Junge! - -=Hans= (langsam): - -Aber der Vater ist ja auch gestorben und der -Großvater auch. - -=Die Mutter=: - -Sie waren älter als du, aber so ein Knabe -stirbt nicht, nein, der stirbt nicht! - -=Hans=: - -Setz' dich auf den Stuhl, Mutter ... erzähl' -mir vom Großvater ... wie es war, ehe er -starb, ja? - -=Die Mutter=: - -Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will -ich dir's erzählen ... - -=Hans=: - -Heute, Mutter, heute! ... Wo gehst du -hin? ... - -=Die Mutter=: - -Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon -so ... - -=Hans=: - -Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er -hat jetzt nicht Zeit für mich. - -=Die Mutter=: - -Ich will doch schicken, ich komme gleich -wieder ... Der Arzt kommt bestimmt ... - -(Sie geht hinaus.) - -=Hans= (schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich -an die Bleisoldaten): - -Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf ... ich -will euch was sagen ... Ich bin euer General ... -Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? ... -Ich kommandier' euch! ... Jawohl! ... Und -wenn der Tod kommt ... dann wollen wir mit -ihm kämpfen ... tapfer, ihr Jungen ... er ... -er darf uns nicht unterkriegen ... er nicht ... -wir ihn ... wir müssen ihn unterkriegen ... -Hört ihr? ... Versteht ihr? ... Wir ihn! ... -Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann ... -den Hügel hinauf ... gegen viele Franzosen ... -bumm, schossen sie, bumm, bumm ... sechse -fielen ... eine Kugel ... eine ganz kleine, blaue -Kugel ... flog auch meinem Großvater in den -Leib ... er machte sich nichts draus ... nein, -gar nichts daraus aus der kleinen Kugel ... er -stürmte weiter ... und erst, als er die Fahne -hatte ... da ... da ... tat er sterben ... So, -so müssen auch wir ... tapfer, ihr Soldaten, -tapfer ... (er sinkt gänzlich erschöpft zurück). - -=Die Mutter= (zurückkommend): - -Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still. -Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem -Kriege erzählen? - -=Hans= (halb im Fiebertraum): - -Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut ... Stell' -meine Soldaten zurecht ... so mit den Flinten -auf das Fenster zu! ... Dort herein wird er -kommen ... ja, gewiß, dort zum Fenster herein -kommt er! ... - -=Die Mutter= (angstvoll): - -Wer denn? Wer soll denn kommen? Das -Fenster ist fest zu. - -=Hans=: - -Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs -Glas! Es ist der Feind ... ja, der Tod ... der -ist der Feind ... - -[Illustration] - -=Die Mutter=: - -O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt ... -Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand, -es kann niemand herein, ich stelle mich vor das -Fenster ... - -=Hans= (mit der Hand schlenkernd): - -Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich -sehen, wenn er kommt ... ich muß aufpassen, -ich bin ja der General ... Die Soldaten ... -sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen ... -sie werden groß ... groß wie die Riesen ... -sie haben richtige Flinten ... o, er soll nur kommen -... gib meinen Degen ... weg, Mutter, -weg vom Fenster ... wenn die Soldaten auf -ihn schießen ... treffen sie dich! ... - -=Die Mutter= (reicht ihm in höchster Angst die Medizin): - -Trinke, Hans, trinke! - -=Hans=: - -Ich will nicht! ... Halt, doch ... ein Schluck -ist gut ... Aah so! ... Gib den Soldaten auch ... -aber geh nicht mehr zum Fenster ... Wenn er -kommt, legen wir gleich los ... Achtung, ihr -Soldaten ... - -(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle -Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick -lauernd nach dem Fenster gerichtet.) - -=Hans= (jäh aufschreiend): - -Da ist er ... da ist er ... der schwarze -König! ... Der Tod! ... Oh ... oh, er schießt. -Oh, er hat mich getroffen ... in die Brust ... mit -einer Kugel ... Ich mach mir nichts draus ... -Drauf, ihr Soldaten ... drauf ... schießen, -stechen, hauen! ... Mein Säbel ... wart' ... -ich bring dich um ... ich zerschlag dir den schwarzen -Kopf ... ich ... jetzt ... jetzt hat er mich ... -jetzt hab ich ihn ... laßt uns ... helft nicht ... -ich nehm ihn allein ... ich brech ihm den Hals ... -ich siege ... o du ... du schlechter Feind ... du -hast meinen Vater ... meinen Großvater ... -wart ... dein Hals, dein Blut ... ich reiß dir -das Herz heraus ... ich hab's ... ich hab' dein -Herz ... es hat Großvaters Blut getrunken --- -- -- -- Er ... er ... er ist tot ... -der Tod ist tot! ... Der Tod ist tot ... - -(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.) - -=Die Mutter=: - -Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans! -Hans! (Schreiend:) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein -Sohn stirbt! Hilfe! O Gott ... Hilfe! Zu -Hilfe ... - - * * * * * - -Einige Stunden später. Gegen Morgen. - -=Der Arzt=: - -Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau? - -=Die Mutter=: - -Wie könnte ich heute ruhen? - -=Der Arzt= (beugt sich über Hans): - -Er schläft gut ... ich glaube bestimmt, nun -ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz -haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen. - -=Die Mutter= (schlicht, aber mit großer, stiller Freude): - -Er hat den Tod besiegt! - -Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen -beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem -Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen -am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren -ihre Gewehre. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Der Schatz in der Waldmühle. - - -Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten -um den starken Apfelbaum im Kreis herum, -immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände -auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu -einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt -eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam -der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig -auf den Müller zu und fragte: - -»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so -im Kreise herum?« - -Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus -und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige -herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite, -rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst: -»Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum -er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die -Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt. - -Der Müller ging noch oft seine Runde; aber -endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach: -»Tausend und einmal! Und ganz schweigsam! -Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird -es endlich glücken.« - -Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras. -Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen, -und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel -mit lauter Orden und bunten Knöpfen. -Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren -weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr -surrendes, friedliches Lied. - -Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in -seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben -wurde, zu dem anderen, da sein einziges -Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über -Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter -zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da -hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt: -»Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern -sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was -fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die -Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es -Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger -Name, und dann wollen wir unsere reiche Base -Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen -ein gutes Patengeschenk geben.« - -Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das -Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen -Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es -nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie -es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette -brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein -blanker Kupferdreier lag, und sprach: - -»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben. -Alsdann muß der Vater über dieselbe -Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern -stecken. So wie der Baum wächst, so wird der -Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an -dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird, -werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln. -Wenn dann der Kasten reif zum Heben -ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten. -Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein, -dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur -dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald -es größer geworden ist, immer an seinem -Geburtstag tausend und einmal um den Baum -herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.« - -Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das -sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber -hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein -gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte -er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine -Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der -Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit, -meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des -Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt. -Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und -Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in -der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch. - -So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das -Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es -der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte -er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete, -ein feines Klingen vernommen zu haben. - -»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das -Kupfer in das Gold umgesprungen ist.« - -Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater -und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde -selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein -Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals. - - * * * * * - -Als der Müller jetzt noch so da saß und von -seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte, -trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten. -Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein -Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum -Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht -in seiner staubigen Müllertracht, sondern war -sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut -mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute -ihn verwundert an und fragte: - -»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei -dir heut Sonntag?« - -»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er -einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute -der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr -den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag -gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu -bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur -Ehefrau gebt.« - -Der Müller schaute den Burschen erst einige -Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne -weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!« - -Diese Worte klangen dem Freiersmann gar -nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er -machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand -auf, reckte sich und sagte: - -»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll -nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel -sitzen. Der sollen bald schönere Tage -kommen.« - -»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie -sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir -sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so -sehr darum zu Tode grämen wie ich.« - -Gegen solche Krankheit würde schon noch ein -Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da -Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er, -der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein -Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge. -So -- und damit basta. - -Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als -er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den -Weg und fragte gutmütig und neugierig: - -»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem -Reinhard gesprochen?« - -Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter -und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die -Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten, -was er mit dem Reinhard gesprochen hat. -Also werde ich den Reinhard selbst fragen.« - -Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend -und Herzeleid. - - * * * * * - -Als es gegen Abend war und die müde Sonne -sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der -junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel -gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und -der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft -auch. - -Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen -am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!« -und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein -Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als -wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr -denn hin?« - -Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde -ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte -Mühle sang im Tal. - -Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte -geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden -Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt -und was er sich für törichte Hoffnungen -mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht -da sei. Und es schloß mit vielen Tränen: - -»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater -in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum -begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen -Schatz liegen.« - -Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing -auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble -aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem -Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr! -Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er -freudig aus: - -»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde -ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen -abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der -vielen Ohrfeigen.« - -Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann -wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten -sollte auf der Reise in die weite Welt. -Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem -Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit -abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte. -Dann sprach er in väterlichem Tone: - -»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir -bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei -Tagen kommen wir wieder.« - -Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den -Mund, und dann schieden sie voneinander, und -dann ging die Sonne unter. - - * * * * * - -Reinhard und Jakoble wanderten miteinander -in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte -Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach, -Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich -wohl anfangen?« - -Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was -sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da -wäre!« - -Es wurde finster, und die beiden wußten nicht, -wohin sie kommen würden. Wenn man aber in -der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird, -kommt man meist in eine Schenke. - -So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus, -wo es hoch herging. Bauern saßen drin -und Fuhrleute, von denen manche so reich waren, -daß sie zwei Pferde besaßen. - -Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus -war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein -grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem -Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus -Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein -Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine -Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles -hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard -und Jakoble eintraten, hörten sie den -Zauberkünstler eben sagen: - -»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach -wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick -mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte -mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen, -und ick sollte mal da in der Jejend -Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee, -Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen! -Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.« - -Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi -einem Bauern aus der roten dicken Nase -wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten -warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden. -Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde -lang den Mund zuzumachen und hatte -überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck, -daß ihn Reinhard nach einiger Zeit -anstieß und sagte: - -»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir -wenigstens die Nase!« - -Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte, -stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte -ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte -sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung. - -Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot -zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen -mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß -dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas -und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich -eine Zigarre an und blies statt Rauchringel -Schweinsblasen in die Luft. - -[Illustration] - -Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn -draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er -beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die -Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz -ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten -Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im -Herzen, den andern die Schlange im Magen. -Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen -will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut -gewiegt sein. - -Als es Mitternacht war und der Wind draußen -lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks -klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi -trat ein. Jakoble tat einen Schrei und -versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard -richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische -Zauberer beschwichtigte die beiden und -sagte: - -»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n; -ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.« - -Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden -nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond -schien durch die Dachluke und bestrahlte seine -phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat -sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund, -und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur -Höhe und sagte grollend: - -»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!« - -Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier -von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden -Darbietungen nur vorbenannte Summe -Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos -und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen -und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel -sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf -auf die Wimpern eines irdischen Wanderers -sinkt. - -Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte -schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke -aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi -halb mitleidig und halb zärtlich anblickte -und zur Antwort gab: - -»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?« - -O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig, -fischte in seiner Hosentasche herum und übergab -dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar -und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble, -worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt -wurden. - -Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch« -Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch« -von einem Oberpriester und einer Göttertochter -ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich -Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien -ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin. -Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe -eines Barbiers betrieben, aber dann sei die -höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit -in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel -habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun -sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge, -zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle -er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem -neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft -anfangen. - -Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk -lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und -verbündet sich leicht miteinander gegen die -tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher -sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und -am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier. -Während der ganze Kretscham schlief und der -Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens -nach einem Wanderer, ja nach einem -wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen -in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre -Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von -seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen -Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung -und traurigen Fahrt in die weite Ferne. -Die Gedanken flogen hin und her, und als der -Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und -nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn -will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine -Pläne fassen. - - * * * * * - -»Begraben unter dem Baume -Liegt mein ganzes Gut, -Hatte ein liebes Mädel, -War wie Milch und Blut; -Was ich auch je im Leben -Erwerben und sparen wollt', -Gäb für den Schatz unterm Baume -All mein Silber und Gold.« - -Dieses traurige Lied sang die Trudel in der -Waldmühle nun täglich am Morgen und am -Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm -nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er -am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der -Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren, -und alles würde gut und schön sein, wenn -erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien -und läutete. - -Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten. -Der neue Knecht, den er für das -Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten -halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben -hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben. -So etwas ist kränkend für einen Mann, -der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die -Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn. - -Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen -Lied! - -So kam es, daß der Müller einmal bis spät in -die Nacht munter war und auch dann noch nicht -in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon -auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll -und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die -Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat -sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben -getan hatte -- -- er öffnete das Fenster. - -Und nun hörte er es deutlich! - -Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete -ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein -durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt, -Müller, der Schatz ist reif! - -Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war -sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine -Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder, -wie der Wind einen Eichbaum schüttelt. - -Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da -ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den -Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei. - -»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es -läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif. -Komm mit mir, wir wollen ihn heben.« - -»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,« -sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater. -Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge -ragten in den Himmel, und der Wind flog -von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er -zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe. -Dann löste es sich los von den Bergen wie große -Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit -zuckenden Schwingen über den Himmel zogen. - -Das Glöcklein war verstummt. Es hing an -dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine -weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller -und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem -Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die -Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte -Trauer, und in beiden wohnte die Furcht. - -Ächzend setzte sich der Müller schließlich unter -den Apfelbaum. Ein wenig verpusten, erst ein -wenig verpusten. - -So war nun der große Augenblick gekommen, -auf den seine Eltern gehofft, nach dem er selbst -von frühester Jugend an ausgeschaut hatte. Erfüllt -war seine Sehnsucht, der ganze goldene -Segen des Reichtums war nahe und gewiß. - -»Trudel, du wirst dir einen Fürsten heiraten -oder gar einen Offizier,« sagte er traumhaft glücklich -vor sich lächelnd. Das Mädchen schüttelte -den Kopf. - -»Der Reinhard ist kein Fürst und kein Offizier,« -sagte es in seiner großen Treue. - -»Wird alles anders, alles anders! Nur ein -wenig verpusten!« - -Da kam aus der Erde ein starkes Klopfen. Der -Müller sprang auf; er glaubte, es komme ein Erdbeben. -Zweimal holte er noch tief Atem, dann -sagte er: - -»Rasch machen, rasch, damit die glückliche Zeit -nicht vergeht! Auch ist es hier sehr unheimlich. -Hörtest du das Poltern in der Erde?« - -Und er stieß den Spaten ins Gartenland und -geriet augenblicklich auf einen Widerstand, der -sich als ein starkes Brett herausstellte. - -»Die Kiste, Trudel, die Kiste!« - -Es war wirklich der Deckel einer Kiste, den der -Müller in rascher, aufgeregter Arbeit bloßlegte. -Dieser Deckel hatte über ein Meter im Geviert. -Es war eine Riesenkiste, und der Müller sagte in -schwerster Beklemmung: - -»Trudelchen, wenn sie voll puren Goldes ist, -müssen es an die tausend Taler sein!« - -[Illustration] - -Auf einmal hob sich der Deckel der Kiste von -selbst -- der Müller und die Trudel wichen erschrocken -zurück -- der Kistendeckel wurde beiseite -geschleudert -- und wie aus einem Grabe heraus -erstand eine Gestalt und ragte mit dem halben -Körper aus der Erde. - -Es war Reinhard. - -»Müller,« rief er mit feierlicher Stimme, »wisse -und glaube: ich bin der Schatz, der dir und deiner -Mühle und deiner Trudel bestimmt ist. Höhere -Mächte haben mich hier eingegraben; jetzt bin ich -Euch verliehen und Euer eigen.« - -Das Trudelchen hatte erst ein bißchen erschrocken -aufgequiekt, aber dann stand es eins, zwei, drei -neben Reinhard in der Kiste und rief immerfort: - -»Ja, ja, ja, so ist es, so ist es, so ist es!« - -Und plötzlich kam etwas aus dem Zaungebüsch -dahergerannt, und ob es auch geisterhaft aussah, -wie es so daherhuschte, erwies es sich doch bei -näherer Betrachtung als das Jakoble, und das -rief: - -»Ja, das ist der geheimnisvolle Schatz! Ich -weiß es und kann es bezeugen.« - -Um das Schmerzliche ganz kurz zu sagen: den -Müller erfaßte eine Riesenwut. Er prügelte zuerst -das Jakoble windelweich, dann stürzte er sich auf -Reinhard, und er brüllte so laut, daß alle Leute -in der Mühle zusammenliefen. Denen erklärte -er nun in japsenden Sätzen, mit einer Stimme, -die vor Wut schrill wurde und sich überschlug: er -sei genarrt, sei betrogen, sei von Spitzbuben geprellt; -sein kostbarer Schatz, der unter dem Apfelbaum -gelegen, sei ausgegraben, sei von diesen -Dieben und Räubern gestohlen, und sie müßten -nun alle, alle an den Galgen. - -In der Nähe wohnte ein doppelter Sicherheitsmann, -der zu gleicher Zeit Bahnwärter und -Polizist war. Dieser Mann wurde herbeigeholt, -Reinhard und Jakoble wurden überwältigt, es -wurden ihnen Hände und Füße gebunden, wie es -Räubern geziemt, und ihnen dann befohlen, mit -dem Sicherheitsmann nach dem Amtsgefängnis -zu marschieren. Zwecks Ausführung dieses -Polizeibefehls mußten den Gefangenen die Füße -wieder freigegeben werden. - -Die Trudel weinte so laut, daß der ganze Hof -und Garten aufwachte, die Vögel zu zwitschern, -die Kühe zu brummen begannen und der Hahn -zu krähen anfing. - - * * * * * - -Eberhard Schleifle, der Bahnwärter und Polizist, -beförderte durch die dunkle Nacht seine beiden -Gefangenen zum Gerichtsgefängnis, das zwei -Stunden von der Waldmühle entfernt war. Er -trug als Waffe einen Spieß, der so schwer war -wie weiland der Spieß Goliaths: sein Schaft war -wie ein Weberbaum. Da nun Eberhard Schleifle -den ganzen Tag schwere Bahnwärterdienste getan -hatte, indem er fünf Eisenbahnzüge an sich hatte -vorüberfahren sehen, so war er müde und gab dem -Jakoble seinen Amtsspieß zu tragen. Zu diesem -Zweck band er ihm die Hände los. Auch den Reinhard -befreite Schleifle von den Handfesseln, weil -sie ihn in dem Augenblick behinderten, als alle -drei gemeinschaftlich eine Prise Tabak schnupfen -wollten. Als die drei nun auf solche Weise ans -Gefängnis kamen, war dieses geschlossen. Es ist -auch nicht mehr als recht und billig, daß Gefängnisse -des Nachts geschlossen sind. Der Polizist kehrte -also mit seinen Gefangenen in ein Gasthaus -ein, wo eben eine Hochzeit gehalten wurde, und -gedachte da den Morgen abzuwarten. Er und -Jakoble tanzten mit den Brautjungfern, Reinhard -aber hielt sich traurig beiseite, denn er dachte -an die Trudel. Am nächsten Morgen wurde er -mit Jakoble eingekerkert. Die Zelle war so eng, -daß Reinhard seufzte und sprach: »Hier hat man -fast so wenig Luft wie in der Kiste, als sich der -Müller grade oben auf das Luftloch gesetzt hatte; -denn da wäre ich fast erstickt und mußte gewaltig -anklopfen.« - - * * * * * - -Ach, du schwere Zeit! In der Waldmühle -schlug die Uhr keine gute Stunde mehr. Der -Müller ging in verbissener Wut umher; die Trudel -weinte sich die Augen rot, wenn sie daran dachte, -wie Reinhard und Jakoble von dem barbarischen -Eberhard Schleifle so roh davongeführt worden -waren. - -Nun war es damals wie immer im Mai: es war -kalt. Die Eisheiligen hatten sehr strenge Herrschaft -aufgetan, und der Müller saß eines Abends -am Ofen und fror. Es war um die Dämmerstunde, -und alle Leute waren in den Ställen beschäftigt. -Der Müller war allein. - -Da tat sich die Tür auf, und ein fremder Mann -trat ein, der war in einen schwarzen Mantel gehüllt -und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. -Er grüßte nicht und stellte sich dem erstaunten -und erschrockenen Müller ganz nahe gegenüber. -Und er tat seinen Mund auf und sprach ohne jede -weitere Einleitung: - -»Müller! Müller! Gold ist Wind!« - -Damit griff er dem Müller, der ganz verblüfft -dasaß, an die Nase, zog ihm eine Menge Dukaten -heraus und warf das blinkende Gold in die Luft, -wo es spurlos verschwand. Dann sprach der -Fremde weiter: - -»Müller! Müller! Gold ist Wasser.« - -Und er griff aus der Luft die Dukaten zurück, -ließ sie am Herdfeuer auf seiner flachen Hand -glänzen und steckte sie darauf in den Mund, worauf -er einen Strahl Wasser auf den Fußboden -spuckte, lachte und weitersprach: - -»Wenn nun Gold Wind und Wasser ist, müssen -alle Wind- und Wassermüller im Lande reich -werden.« - -Dem Müller standen die Haare zu Berge, und -er vermochte es nicht, ein Wörtlein zu sagen. -Der Fremde aber sagte: - -»Auch in der Erde liegt Gold.« Er bückte sich -darauf nach dem schwarzen Estrich der ungedielten -Stube und hob da viele Getreidekörner auf, die -zuvor dort nicht gelegen hatten. Er zeigte dem -Müller die Körnlein, und sie wurden zu Goldmünzen. - -»Wenn nun,« sprach der Fremde mit ernster -Stimme, »Wasser und Wind und Erde Gold sind, -warum hängst du so sehr am geprägten Golde? -Wisse, es ist nicht gleich, ob du sagst: ›Wind ist -Gold‹ oder ob du sagst: ›Gold ist Wind.‹ Es ist -ganz etwas anderes, es ist das Entgegengesetzte. -Verstehst du das?« - -Der Müller schüttelte den Kopf; in diesem -Augenblick hätte er überhaupt nichts verstanden. - -[Illustration] - -Der Fremdling nahm nun den Hut ab und -strich sich durch die Haare. Da zischten und blitzten -Flammen daraus; auch begann die Nase des unheimlichen -Gastes in grellem Lichte zu leuchten. -Zwei große Augen richteten sich auf den zitternden -Müller, und der Fremde sprach: - -»Den wahren Schatz hast du verschleudert; den -Mann, der dir aus Wind und Wasser und Erde -Gold gemacht hätte, hast du verjagt, und als ihn -dir die höheren Mächte zurückbrachten, hast du -ihn einem abscheulich verrohten Kerkermeister -übergeben. Wenn du ihn nicht freimachst und ihn -nicht deiner Trudel vermählst, so wird all dein -Hab und Gut zerrinnen, so bist du über Jahr und -Tag ein Bettler. Bedenke das wohl. Ich sage -es, ich, der große Zauberer Kiutschitsufilutschi.« - -Und der Zauberer griff mit der rechten Hand -eine kleine Trommel, mit der linken einen -Schläger aus der Luft, schlug einen kurzen, -dumpfen Wirbel, öffnete seinen Mund und spie -Rauch und Flammen aus, warf Trommel und -Schläger durchs geschlossene Fenster hinaus, nahm -eine große Wurst vom Tisch, die sich zusehends in -eine Schlange verwandelte und ihm in den Halskragen -kroch, verwandelte ein Stück Speck, das -dalag, in eine Maus, die in seine Rocktasche -schlüpfte, und verschwand knarrend durch die Tür. - -Den Müller schwitzte und fror in dem gleichen -Augenblick. Lange saß er fassungslos da, dann -schrie er um Hilfe. Das Trudelchen kam gesprungen -und war außer sich vor freudigem Schreck, -als ihr der Vater keuchend sagte: - -»Trudelchen, zieh dir eine Jacke an; wir müssen -augenblicklich den Reinhard aufsuchen, und du -mußt ihn heiraten! Es ist etwas Schreckliches -geschehen: du mußt jetzt den Reinhard heiraten, -oder ich werde ein Bettler.« - -O, wie flink hatte das Trudelchen die Jacke an -und das Tuch über den Kopf gebunden! Die -beiden machten sich nun auf und gingen zu Herrn -Schleifle, der eben vor der Tür seines Bahnwärterhauses -damit beschäftigt war, sich mittels -eines Steines auf der Schiene Haselnüsse aufzuklopfen. - -Er hielt in seiner Arbeit inne und sah die beiden -erwartungsvoll an. - -»Schleifle,« sprach der Müller, und man hörte -ihm an, daß ihm das Reden schwer wurde, -»Schleifle, du bist ein Mann der Gerichtsbarkeit. -Du hast den Reinhard eingesperrt und mußt nun -sehen, daß du ihn wieder herausbekommst, denn -mein Trudelchen muß ihn heiraten.« - -Herr Schleifle war sehr erstaunt, und indem er -einige Haselnußschalen von der Schiene putzte, -dachte er bei sich: Ei, ei, seht an, das Mädel hat -den Alten herumgekriegt; nun soll es ihn aber -auch was kosten! Er schob also seine Amtsmütze -aufs linke Ohr und sagte: - -»Reinbringen ist leicht; rauskriegen ist schwer! -Reinhard sitzt da drin im Namen des Gesetzes; -ich kann ihn nicht begnadigen.« - -Der Müller griff in die Hosentasche und ließ -von ungefähr einen blanken Taler sehen, aber -Schleifle, der schnell im stillen ausrechnete, drei -Taler seien mehr als einer, meinte: - -»Die Obrigkeit sieht nicht aufs Geld. Reinhard -ist nun einmal ein Räuber und muß dafür -brummen.« - -In diesem Augenblick kam ein Zug angesaust. - -Herr Schleifle, der dieses Ereignis nicht vermutet -hatte, sprang beiseite und stand stramm, -in der einen Hand den Stein, in der anderen die -Haselnußtüte. Auch als der Zug fort war, blieb -Herr Schleifle fest und meinte, die Geschichte mit -Reinhard sei ein schwerer juristischer Fall und -er könne da vorläufig nichts tun. - -Mit diesem Bescheid mußten sich die beiden -begnügen, und der Müller ging verdrossen mit -dem weinenden Trudelchen heim. Was sollte nun -werden? Der unheimliche Fremde, der so unerhörten -Zauber ausüben konnte, hatte gedroht, -der Müller würde zum Bettler werden, wenn der -Reinhard die Trudel nicht heiratete. Und Schleifle -war als Beamter wie von Stahl und Eisen. Was -sollte nun werden?! - -Eine schwermütige Nacht brach an. Das Trudelchen -war schluchzend nach seiner Schlafkammer -gegangen; der Müller saß allein und hörte den -Nachtwächter die zehnte Stunde tuten. Die Zukunft -lag erschreckend und trostlos vor ihm. Wie -der Fremdling Trommel und Schlägel durchs -geschlossene Fenster geschleudert hatte, so würde -all Müllers Geld und Gut auf die Gasse fliegen, -er mochte es verschließen und bewachen, wie er -wollte. Und wie sich Müllers schöne Wurst und -sein saftiges Stück Speck in eine Schlange und eine -Maus verwandelt hatten, so würde all seine Habe -der Geier holen. Wer kam gegen Zauber an? - -Wie nun der Ärmste noch in so schweren Gedanken -dasaß, hörte er plötzlich vom Garten her -wieder das silberhelle Klingen des Glöckleins. -Mit drei Sätzen war der Müller im Hof, ergriff -den Spaten und eilte nach dem Garten. O, wenn -der Reinhard wieder unter dem Baume in der -Erde steckte, welch ein Glück! - -Der Müller stieß den Spaten in den Rasen, -hob die Schollen ab, grub, grub um den ganzen -Baum herum, und fand schließlich ein Kästlein, -das zwar nicht ganz klein war, aber sich doch bequem -in den Händen tragen ließ. - -Wie betäubt stand der Müller mit dem Kasten -da, stand wohl länger als fünf Minuten still, -ehe er die Kraft fand, mit dem Schatz nach der -Stube zu gehen. - -Dort öffnete er den Kasten und stieß einen -jubelnden Schrei aus. - -Gold! Gold! Gold! Pures, eitles, blinkendes -Gold! Flimmernde Stücke ohne Zahl! Der -Müller schloß die Augen, nahm drei, nahm zehn -Münzen, nahm beide Hände voll und lachte und -schluchzte und verschluckte sich und bekam einen -Krampfhusten vor lauter Freude. - -Zehnmal wühlte er die Hände in den goldenen -Segen. Das war ein Reichtum ohne Maß. Auch -Diamanten, Rubinen und schimmernde Smaragdsteine -waren unter den Münzen, und manch einer -von den Edelsteinen war so groß wie ein Taubenei. - -Der Müller brach in Tränen aus. Er war -reich, reich wie kein Mensch der Welt, reicher als -der Kaiser, reicher als der Sultan, reicher selbst -als Herr von Pritzewitz, der drei Rittergüter besaß! -Nun war alles gut und herrlich, nun konnte -sich sein Trudelchen goldene Schuhe und silberne -Schürzen kaufen, und jeder Jackenknopf sollte -ein Demant sein. Und den Reinhard wollte er -loskaufen, den Reinhard -- - -Hm! Halt! Halt! Hm! Vorsicht! Immer sachte! - -Man brauchte nichts zu voreilig zu tun, man -konnte es sich überlegen. Wer war er jetzt, der -Müller, wer war die Trudel, und wer war der -arme Reinhard? Unerhört wäre es, wenn ein -Müllerbursch eine Prinzessin heiratete, die die -Erbin solcher Güter war, die einen Fürsten oder -gar einen Offizier bekommen könnte. Müller -übereil' dich nicht! Wenn das Mädel das hier -sieht, diese Pracht, diesen märchenhaften Reichtum, -dann wird sie schon von selbst vernünftig werden. -Der Zauberer? Der Zauberer mit seiner Prophezeiung? -Wo ist seine Prophezeiung? Wenn -er der Teufel gewesen ist, muß er ein sehr dummer -Teufel gewesen sein. Ist das der Rückgang von -Müllers Wohlstand? Kann soviel Geld und -Reichtum überhaupt je zu Ende gehen? Unsinn! -Müller, sei fest, jetzt kann dir kein böser Geist mehr -was anhaben. Halloh, nun mußte noch alles -anders, ganz anders kommen, mußte so kommen, -wie es der Müller wünschte. -- -- - -Es klopfte ans Fenster. Der Müller erschrak -und schloß den Kasten. Draußen an den Scheiben -wurde das rote, umfangreiche Riechorgan Herrn -Schleifles sichtbar. Der Müller ging in den Hof -hinaus. - -»Was willst du?« - -Herr Schleifle machte eine hoheitsvolle Amtsmiene. - -»Müller,« sagte er, »ich hab mir's überlegt und -die Gesetzbücher nachgeschlagen. Ich könnte den -Reinhard doch vielleicht freikriegen. Aber es ist -ein schwieriger Fall. Und Spesen wird's machen, -viel Spesen.« - -Der Müller sah Herrn Schleifle hochmütig an. - -»Ich brauch' dich nicht mehr, Schleifle. Es ist -anders gekommen. Meinetwegen kann nun der -Reinhard solange im Gefängnis sitzen, wie ihm und -den Herren Richtern beliebt. Nicht einen Pfennig -gebe ich für ihn her.« - -Damit schlug er dem verdutzten Gerichtsmann -die Tür vor der Nase zu und ging nach der Stube -zurück. Dort wartete er, bis er sich völlig unbeobachtet -wußte, und öffnete dann wieder sein -Schatzkästlein. - -Da starrten seine Augen -- -- da stieß er einen -Schrei aus, der durch die ganze Mühle gellte, und -fiel schwer zu Boden. -- -- -- - -Das Trudelchen fand ihren Vater vor einem -geöffneten Kästlein, in dem nichts war als ein -paar Scherben, ein paar Kieselsteine, ein Bündelchen -dürres Gras und ein Häufchen Asche. - - * * * * * - -Vierzehn Tage lang lag der Müller krank, dann -stand er auf, tat Geld in seinen Beutel und -wanderte nach dem Amtsgericht. Dort fragte er -nach Reinhard. Er hörte, daß Reinhard und Jakoble -inzwischen nach der Stadt hineingeschafft und dort -von dem Gericht freigegeben worden wären, da -keine Schuld an ihnen gefunden worden sei. - -Der Müller wanderte nach der Stadt und fragte -nach Reinhard und Jakoble. Sie waren auf und -davon; niemand wußte wohin. - -Da ging der Müller aus der Stadt hinaus, -setzte sich auf einen Wiesenrain und schluchzte zum -Steinerbarmen. Nun wußte er, daß sein Glück -dahin war, wußte, wie grausam sich die Prophezeiung -des fremden Zauberers erfüllen -würde. Eine ingrimmige Reue erfaßte den -Müller. Wie hatte er sein Glück verscherzt! Nun -mußte er ein Bettler werden, wenn er Reinhard -nicht fand und nicht Schuld und Strafe von sich -und seiner Mühle abwandte. Suchen mußte er -den Reinhard, suchen, und wenn ihm die Füße -bluteten. - - * * * * * - -Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze -Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen -fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie -nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch -er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß -er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht -war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine -Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum -verpfändet und sein Kind davongetrieben -worden in die weite Welt. Das hätte er nicht -ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die -ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn -er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden -und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen. - -So wurde der Müller wirklich ein Bettler. - - * * * * * - -Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart -lang und grau geworden waren, kam er in eine -Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die -unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber -war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing -ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als -Aushängeschild haben. Über der Tür stand: -Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im -Fenster, an der Tür und an den Wänden waren -große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu -lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares -Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende -Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!« -Und so waren noch viele Schilder -und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles -eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«, -»Hühneraugentod« und eine wunderbare -»Wünschelrute« angezeigt. - -Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein -aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte: - -»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd? -Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar -scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen? -Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste -Firma am Platz.« - -Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann -fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen -koste. - -»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das -Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität -an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht -viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit -ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird -Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht -zu viel sein.« - -Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte -fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und -ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht -kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen -Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen, -und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte -Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein -Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen -ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum -daheim ausgegraben und das ihm erst so viel -Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid -gebracht hatte. - -»Was möchtet Ihr nun wissen?« fragte der -Wahrsager. - -Der Müller seufzte und erzählte seine ganze -Geschichte, vor allem, wie er nun seit Jahren Land -aus, Land ein den Reinhard suche, der ihm allein -sein Glück und seine Ruhe wiedergeben könne. - -Während dieser Erzählung rückte der Wahrsager -unruhig hin und her, kratzte sich auf dem -Kopf und wurde abwechselnd blaß und rot. Als -der Müller geendet hatte, wandte sich der Barbier -ab und sagte: - -»Ja -- hem -- das tut mir leid -- ja hem -- -das hätte ich nicht gedacht -- nicht -- nicht gewollt -und ich -- ich -- nun wartet, da muß Euch ein -stärkerer Geist helfen, als ich bin.« - -Ein Viertelstündchen verging, dann trat Kiutschitsufilutschi -ins Zimmer. Der Müller stieß -einen Schrei aus; aber der Zauberer beruhigte -ihn und sprach: »Ich komme als dein Freund! -Deine Schuld ist gesühnt; ziehe nach Hause, du -wirst wieder glücklich werden.« - -Darauf legte er eine Schlange auf den Tisch; -sie verwandelte sich in eine Wurst. Er ließ eine -Maus aus dem Ärmel krabbeln; sie verwandelte -sich in ein Stück Speck. - -»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube, -ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch -diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und -fahrt heim!« - - * * * * * - -Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als -er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn -heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da -alles antreffen werde. - -Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit -einer Sense aufs Feld. - -»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag, -bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?« - -Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und -wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden -Zurufe des alten Mannes kam er näher. - -»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir, -was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle -geworden?« - -Da duckte sich Jakoble und sagte: - -»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?« - -»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr, -liebes Jakoble.« - -»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst -verheiratet, und es geht ihnen gut.« - -»Sie sind -- sind verheiratet?« - -»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts -gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die -Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir -beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren, -ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich -halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und -Geld haben sie auch.« - -»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun -wollen wir heimgehen.« - -Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller -durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen, -daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme. -Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf -dem Baume am Ende doch nicht noch einmal -läute. - -Drei Tage später bekam Jakoble wieder die -erste Ohrfeige. - -[Illustration] - - - - -Der angebundene Kirchturm. - - -Der Kirchturm von Waldauendorf war schlechter -Laune. Er hatte auch Ursache dazu. Was meint -man, was einem alten, ehrwürdigen Kirchturm -alles passieren kann? Angebunden hatten sie -ihn wie einen Hund! Da waren solche schnippische -Kerle aus der Stadt gekommen, hatten -eine endlos lange eiserne Schnur hinter sich hergeschleppt, -sie an Bäumen und Masten befestigt -und schließlich auch den Kirchturm daran gebunden. - -Also so etwas soll sich ein alter, ehrwürdiger Herr -heutigen Tags gefallen lassen! Der Turm guckte -mit seinen großen Augen, die als Wimper eine -schöne Jalousie hatten, zornig auf die städtischen -Knirpse, die einen mächtigen Haken in seine -Seite schlugen und ein Porzellanhütchen daraufsetzten. -Nun tut ja einem Kirchturm ein eingeschlagener -Haken nicht mehr weh, als wenn andere -Leute sich mit einer Stecknadel pieken. Auch das -Porzellanhütchen hätte man sich gefallen lassen -können wie einen schmucken Westenknopf. - -Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde, -das ging gegen seine Ehre! - -Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst -sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen -feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand -hinüber und wünschte, die Schweden möchten -kommen und die Frechlinge, die unten auf -der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren -Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte -die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen; -es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre -her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und -auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln -in den Gliedern, wie einem Bauern, -der zur Treibjagd war, die Schrotkörner. -Damals hat der Turm die Schweden als die -Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb -zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen, -als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt -wünschte er sie sich her. Die würden schon die -bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten, -vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken. - -Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal -Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten -ihr Werk und zogen mit einer anderen -Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein. -Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin -angebunden. - -[Illustration] - -O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er -seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen -Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr -Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen; -ja, was nutzte ihm sogar sein größter -Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig -gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte -Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen, -war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und -man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und -Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und -seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt, -wie spät es sei. Schöne Zeit war das! - -Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre, -seine frohe Laune. Er war angebunden! -- -- -- - -Der Abend kam. Durch die Mauerluke des -Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen, -und ein paar kalte Tropfen rannen über seine -großen Augen. - -Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie -ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er -nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen? -Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt, -wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er -nicht in wilden Sturmnächten, wie in den -Blütenstunden des Mai Wache gestanden an -ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem -Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen -Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden -Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld -und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden -Segen. -- -- -- - -Ein paar Tage vergingen. Wieder war es -Abend. - -Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der -Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen. -Aber in seiner Stimme war ein Klang -von Trauer und Herzeleid. -- - -Unten knarrte das Kirchhoftürchen. - -Die junge Frau Annemarie kam. Sie ging -schnell und aufgeregt. Ihre Blicke irrten über -den Kirchhof. Und sie fiel vor dem großen Kreuz -auf die Knie, das unter der Linde stand. - -»Erbarm dich, Herr, erbarm dich! Laß mein -Kind nicht sterben! Laß mein Kind nicht sterben!« - -Sie wiederholte schluchzend immer dieselben -Worte. - -Der Kirchturm wußte Bescheid. In ein paar -Tagen mußten seine Glocken klingen über einem -kleinen Grab, und in sein Läuten würde sich -lautes Mutterweinen mischen und der Gesang: -»In der Blüte deiner Jahre ...« - -Der Turm kannte das. Es war das alte Lied -seit vielen, vielen hundert Jahren. Mütter weinen -an den Gräbern am schmerzlichsten. - -»Erbarm dich, Herr, laß mein Kind nicht -sterben!« - -Wieder ging die Kirchhofstür. Der alte Herr -Kantor kam. Er war wohl der Annemarie nachgegangen. - -»Der Arzt muß kommen!« sagte er zu ihr. - -Sie blickte ihn an wie irr. - -»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt -und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das -Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt -zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das -Kind tot -- ist es tot!« - -Da sprach der Kantor etwas, was der Turm -durchaus nicht verstand; er sagte: - -»Ich werde dem Arzt telephonieren!« - -Und er zog die weinende Annemarie mit sich -fort. -- -- -- - -Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was -war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms -war schon ein bißchen morsch, und er mußte -sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war -sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich -fein geblieben. - -O, was war das für ein wundersamer Abend! -Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand, -hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors. -Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof, -nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu -sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert, -aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm -alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte, -der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus. - -Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe -war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war; -der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries -Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei -Diphtherie, er werde sofort kommen und das -Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund -werden. - -So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen -in seinem langen Leben, und als eine -Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich -durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden -und Herzbeklemmung. - -Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der -Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der -Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen: - -»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische -Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde -war keine Zeit zu verlieren.« - -»Ja,« sagte der Kantor, »in meinen jungen -Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß -man einmal einen Draht an meinen alten Kirchturm -befestigen und daß ich durch diesen Draht -über Berg und Tal sprechen können würde. Eine -neue Zeit!« - -»Keine schlechte Zeit!« sagte der Arzt. - -Die Männer trennten sich; der Kirchturm -schnappte nach Luft. Also die Schnur, an die er -gebunden war, war ein Draht, und durch diesen -Draht konnte man bis in die Stadt sprechen! - -Der Turm dachte nach, daß ihm die Balken -seines Gehirns knackten -- aber er kriegte nicht -zusammen, wie das alles möglich sein könne. - -Da faßte ihn tiefe Betrübnis. Er holte schwer -Atem und sprach zu sich selbst: - -»Wenn ich schon meine Gemeinde nicht mehr -verstehe, wünschte ich, ich wäre tot. Vielleicht -kommen die Schweden und erschießen mich, oder -die Leute reißen mich weg und bauen einen -neuen und klügeren Turm!« - -So stand er traurig die ganze Nacht. Am -nächsten Morgen aber hörte er aus dem Draht -heraus die Stimme des Herrn Pfarrers. Der -sprach mit einem Dachdeckermeister in der Stadt -und bestellte tatsächlich den neuen roten Hut für -den Turm. - -»Wir müssen den alten Herrn schon etwas heraus -putzen,« sagte der Pfarrer, »denn er ist ja im -Nebenamt jetzt sogar Telephonbeamter geworden.« - -Telephonbeamter! Da habt ihr's! Da ist man -ein großes Tier und weiß es gar nicht, da ist man -ein Beamter und hat keine blasse Ahnung von -seinem Beruf! Aber das sollte jetzt anders werden! -Telephonieren wollte der Turm, was das -Zeug hielt. - -Die gute Laune war plötzlich in goldenstem -Maße wieder da. Der Turm sah nach seiner -Taschenuhr. 9 Uhr! Wenn es der Dachdecker -ebenso eilig hatte wie gestern der Doktor, konnte -die Sache mit dem roten Hut also um 10 Uhr -losgehen. - -So schnell ging's nun nicht. Aber der Turm -war immerfort in großem Glücksgefühl; er wußte, -daß er nach wie vor seiner Gemeinde diente. - -So mußte wohl auch auf den neuen Wegen der -alte Gott regieren. Und hoch hob der Turm sein -golden Kreuzlein über seine Gemeinde. - - - - -[Illustration] - -Ein Abenteuer auf der Themse. - -Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte -passiert ist. - - -»Weißt Du, was die ~Oxford-Cambridge Boat -Race~ ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt -in Achtern zwischen den Studenten der Universität -Cambridge und Studenten von Oxford. -Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange. -Die Cambridger sind die Hellblauen und die -Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die -Hälfte von London auf Hellblau, die andere -Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen -dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen -(natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet); -Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten, -Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen, -die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder -an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel! -Ganz London auf der Themse oder wenigstens -an der Themse. - -Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt -in Verbindung, war reiselustig und fuhr -extra von Berlin nach London, um an der ~Oxford-Cambridge -Boat Race~ teilzunehmen und meinem -Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der -Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden -oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei -Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer -bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten -zu beobachten war. - -In London treffe ich einige Bekannte und mache -mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf -früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig -und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel -zehn Uhr. - -Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom -Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich -erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose -verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter! -Donnerwetter! So ein Lumpenkerl -- ich! Extra -nach London gekommen, und nun -- wo sind -die Strümpfe? -- Wenn bloß der Kragen nicht -so blödsinnig eng -- Waschen? Verrücktheit! Ich -wasche mich andermal wieder -- Himmel, da ist -ja mein linker Schuh am rechten -- Portier! -Portier! ~Waiter! Waiter!~ Einen Wagen! Ein -~cab~! Sofort! - -Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir -sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im -Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche -Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre, -und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er -ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr -er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse, -ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir -müssen, müssen, müssen zurechtkommen! - -Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade -noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich -streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie -ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich -mich auf einen Straßenstein und knirschte vor -Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse -ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet -hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse -elend ersäufen -- mich! - -Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige -Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen, -und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere -ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein. - -Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf -anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein -Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn -der Start längst vorüber war. So schlenderte ich -in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen -den Kai entlang. - -Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher -Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften -lungerten träge herum, und -der Kapitän spazierte auf Deck hin und her. - -Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke! - -»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den -Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm -ist, und ich muß nach Putney, ich muß! -Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff -nach Putney fahren?« - -»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in -freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es -wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney -zu fahren.« - -Hurra! - -»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?« - -»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen -Sie nur ein!« - -»Ja, ~my dearest~, so ungefähr möchte ich wohl ...« - -»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden -sein. Indes vergeht sonst unnütz die -Zeit.« - -Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf -die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine -riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach -Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum, -ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung. -Und ich war sein einziger Passagier! -An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt -waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl -großer Vergnügtheit ergriff mich. - -Der Kapitän trat an meine Seite und sagte: - -»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle -bunte Leben und Treiben auf der Themse -und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige -Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier -an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen -Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und -durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen -Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.« - -Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs -äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand -und stellte mich an den bezeichneten Platz. - -Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine -blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue -Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen. -Oxforder! - -Da -- mit einem Male stutzen die Leute im -Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und --- brechen in ein schallendes Gelächter aus. - -»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine -dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei -bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert -habe, um noch nach Putney zu kommen, -und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid -bedankt, Freunde, seid bedankt!« - -Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue -Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch -viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit! - -Da -- ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische -Partei. Aber auch sie -- auch sie brechen ja -in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter -aus ... - -Nanu! - -Was haben die Kerle zu lachen? - -Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer -sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen -mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen -Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil, -ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue -Mütze und wundere mich nur, daß diese -hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter -lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann -man alles erwarten. - -Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande? -Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder -stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff -und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt -stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer -herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen, -einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde -und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden, -Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit, -und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen -herbei und stimmen in das Gelächter ein. - -Ich winke hinüber -- stürmischer Jubel! -- ich -begucke und betaste bestürzt meinen Anzug -- -zwerchfellerschütternde Heiterkeit, -- ich drehe -mich verwirrt dreimal um meine Achse -- ein -brüllendes Gewiehere -- ich reiße einen kleinen -Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich -- -die Leute wollen bersten! - -»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn -los?« - -Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem -Gesichte an. - -»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch. - -»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist -diese Gesellschaft!« - -Ein zweites, drittes, viertes -- zehntes Boot -fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen, -lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches -Gelächter. - -Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe -mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie -Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die -Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu -machen. - -Sie lachen, sie lachen Stürme! - -»Kapitän, sagen Sie mir -- erklären Sie mir -um Himmels willen -- das ist ja -- das ist ja --« - -»~Boat race~,« sagte er schmunzelnd. - -»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag -ist, braucht doch dieses Volk nicht über -einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes --« - -Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem -zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die -Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit -den Wellen und lachen, lachen, -- -- -- sie ersaufen -beinahe und zeigen doch auf mich und -lachen -- lachen -- - -Also -- irgend jemand mußte hier verrückt sein! -Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich -toll geworden war, so war wahrscheinlich ich -- -- - -Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen -Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich -Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute -und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft -es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung. - -Da -- ein Marineschiff kommt daher. Endlich -ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges -Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren ... - -Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy! -Eine einzige Nacht, und ich bin -- -- o, es ist -nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich -gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir -das alles bloß ein! -- Aber hier stehe ich doch, -hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch -die Themse! - -»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich -der Kapitän. - -»Guter Tag?« - -Ich fange an, einfach radzuschlagen und die -Beine nach oben zu strecken. - -Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt, -stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf -kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern, -überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen. -Ich drehe mich um die horizontale oder -um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie -ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere. - -Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen, -wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck. -Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage. - -Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst -in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei -geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt, -daß ich mich auf einem verhexten Schiffe -befinde. - -»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will -da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer. -Verlangen Sie meinetwegen, was Sie -wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen -Schiff herunter!« - -Dort -- dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen -zum Start. Die ganze internationale -Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert -für sie die ~boat race~ alles Interesse, alle wenden -sich meinem Schiff zu, und ein internationales -Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in -aller Herren Sprachen. - -Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch -diese -- auch diese Internationalen! Nur mühsam -fuchtele ich noch mit den Armen. - -»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich. - -»Nichts!« sagt der Kapitän. - -»Nichts? Für einen Extradampfer -- nichts? -Ach ja -- ich -- ich -- bin ja --« - -»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine -Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, -und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist, -Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären -eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies -zum freundlichen Andenken!« - -Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon -alles eins; ich nehme das Paket. - -»Also nichts?« lallte ich. - -»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend -Dank!« - -Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach -dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich -das Gelächter weiterdröhnt. - -Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage -ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und -Gelächterschiff zu werfen. - -Da sehe ich -- -- -- daß der ganze mächtige -Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt -ist. - -Ein Reklameschiff ist es. - -Und ich lese: - -»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle -Krankheiten kommen aus der Leber! Und die -Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen! -Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund, -Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen, -Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln -leidet, nehme Beechams Pillen!!!« - -Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender. - -Die Hauptsache aber: - -Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden -und auf dem ich in der Erregung meine wilden -Bewegungen mit den Händen und Beinen -gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben -gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben -stand: - -»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen -Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet -stehen. Er hat Beechams Pillen genommen -und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen -und kräftigen Bewegungen!« - - * * * * * - -Das kleine Paket, das mir der wohlwollende -Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt -eine Schachtel Beechams Pillen. - -[Illustration] - - - - -Die Ferienkolonisten. - - -»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch -in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger -Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.« - -Es gab einen Tumult in der Klasse, als der -Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen -Dämpfer auf die Freude. - -»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule, -und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von -denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt. -Also, von den 400 Kindern unserer Schule können -nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen -werden.« - -»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz -Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei -so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar -nicht zu reflektieren. - -Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn, -war der kleinste und schwächlichste von allen. -Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den -zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig -zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel -zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters -alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen -Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über -16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken. -Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte -er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab. - -Er warf 18! - -Und richtig wurde er am nächsten Tage unter -die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der -Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz -die zwei Glücklichen auswählen würde, die -auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben -sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben, -fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen -der Großstadt. - -Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich -auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt. -Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg -stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein. -Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß -ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen -würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen -Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte. - -»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb -Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal -Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst -mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar -nicht mitgerechnet.« - -Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel -mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter -gerader ärmlich vor. - -[Illustration] - -»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,« -sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal -übers Treppengeländer gefallen.« - -»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und -da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz. - -»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!« - -»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz -Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule, -und ganz können sie unsere Religion auch nicht -ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!« - -So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und -Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die -ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen, -um vier Wochen grüne Waldjugend zu -suchen. - -»Es gibt doch gute Leute,« meinte Scholz; -»Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet -dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!« - -»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige -Sommerfrische is immer noch 'n reeller -Preis!« ... - -Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und -über vielerlei gefragt, und endlich fällte der -Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden -Spruch: - -»In die Ferienkolonie werden mitgenommen: -Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der -Heinrich Menzel.« - -Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und -der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich: - -»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs -schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze -Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in -einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr -gehen.« - -Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn, -der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der -Mann is 'n Antisemit.« - -Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn -an zu heulen. - - * * * * * - -Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich -Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng -die Klause -- und doch vor dem träumenden -Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand -vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder -zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See, -eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund -eine drohende finstere Burg. - -»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es -da auch Wölfe und Löwen gibt?« - -»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter -Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht, -aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber -und Wilddiebe.« - -»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine. - -»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich -und setzte sich im Bette auf. - -Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen, -wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die -es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß, -seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er -von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte. -Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die -Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam, -aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie -auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und -Adler würden einen Schreck bekommen und -schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde -ein Spaß sein. Augen würde er da machen -- -oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte -vor den Augen ein Gruseln bekommen! - -Und dann konnte er mit dem Munde so -täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der -Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen -wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine -Schnur für die Angel besaß er schon; einen -Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur -der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl -finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel -krumm. Da würden aber die Hechte was -zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze -sammeln, nach dem Hexenhause im Walde -suchen und womöglich einen Räuber fangen -helfen! -- Oh! - -Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in -seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete -weit das Fenster und schaute hinaus. - -Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen; -hinten am Horizont stand eine Wolke, -die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die -Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum -der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland. -Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land -der Waldfreiheit war? - - * * * * * - -Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt -sagte der Lehrer in der Schule: - -»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an -schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird -Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie -mitgenommen.« - -Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen: - -»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben; -'s kann immer noch werden.« - -Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs -beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber -dann dachte er: - -»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das -wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift -auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken, -wenn se dort nich zu teuer sind.« - -Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer -in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte, -kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal -lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen -seiner Schmerzen selig auf. - -Und einmal, als er einige Minuten unbewacht -war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster, -streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen -und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern. -Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war -ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit -eintrat. - -In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon -auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen -Brief von Moritz Cohn: - -Eulenhausen, den ... - -Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer. -Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben, -und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir -einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben. - -Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es -hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie -lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen. -Die anderen helfen auf dem Felde; ich -bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich -beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist -ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig -Losung hat der Mann einmal auf den ganzen -Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit -hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage, -aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort. -Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent, -und wieviel wiegt er ein! - -Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen -willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben. -Wir werden's machen! Ich habe mit -dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro -Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung). -Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich -ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark, -wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die -lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten. -Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust, -und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat -mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der -Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht. -Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit -Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit -sechs anderen zusammengetan, von denen gibt -jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund -sein wirst, vier Wochen hierher kommen; -im September ist noch das schönste Wetter. - -Es grüßt dich Dein Freund - -Moritz Cohn. - -Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem -Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein -geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein -dort der Herr aller Berge sein ... Räuber und -Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht -gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt -und zugesehen, was der einnimmt. - -Die große Freude trat als Wundertäterin an -Heinrichs Bett und machte ihn gesund. - -»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester -nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn -Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan -hat, von denen jeder einen Taler -gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!« - -»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist: -er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den -Wald!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Gedeon. - - -Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein -linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch -zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller -Seiffert, hatte auch zehn Kinder. - -Die befreundeten Familien standen natürlich -gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten -Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte -Taler als Patengeschenk ins Haus; im -Sommer trug mein Onkel in Begleitung des -Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in -Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer. -So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«, -und des Bedankens und Verwunderns ob der -reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende -werden. - -Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten -über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen -prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und -Diphtherie und wurden alle ebenso prompt -wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer -Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für -die beiden Ältesten und Größten gekauft, während -sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang -nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß, -je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter -sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig -auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen -die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr -ruinierten. - -Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine, -Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der -Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich -hieß er nicht Gedeon sondern August, aber -er hatte sich den biblischen Heldennamen aus -eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es -hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen -gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte -Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm -nannten ihn Gedeon. - -Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher -dreißig Kinder; der Älteste des Krämers -war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft -nicht in Betracht kam, und der Älteste vom -Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen, -hörig gemacht worden. - -Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das -Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern -auch jedem seiner Untertanen einen biblischen -Namen beilegte. - -Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder -Josephs und der kleinen Propheten eine -große Rolle. Schwieriger war die Benennung der -Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith, -Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden; -als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen -saß und in sanfter Unschuld an einer -Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen -werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber, -verlegen hinter den Ohren und wußte keinen -alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich -sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie -heißen: die makkabäische Mutter.« - -Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem -hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die -makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und -erbärmlich zu schreien anfing. - - * * * * * - -In Ferientagen kam ich öfters in des Onkels -Haus zu Besuch. Mein Vater behauptete zwar in -einem schiefen Gleichnis, ich sei das elfte oder -gar das einundreißigste Rad am Wagen, aber -die Verwandten nahmen mich immer freundlich -auf, ohne sich sonst weiter darum zu kümmern, -was ich etwa äße oder tränke oder wo ich schliefe. -Es kam vor, daß ich schon zwei oder drei Tage -da war, ehe mich der Onkel bemerkte. Er hatte -mich im Gewühl übersehen. - -Als ich das erste Mal auftauchte, musterte mich -Gedeon kritisch und unterzog mich einer Prüfung. -Ich mußte über einen ziemlich hochgehaltenen -Stock springen, was ich fertig brachte, dann befahl -er mir, ohne Leiter auf eine Linde zu kriechen, -was gänzlich mißlang. Auch die Aufgabe, der -Länge nach über einen beladenen Düngerwagen -wegzuspucken, erwies sich als zu schwer für mich. -Zuletzt sollte ich dem bösen Kettenhunde den -Saufnapf mit Wasser füllen, was ich eifrig ablehnte. - -»Er kann nichts, und er hat Angst! Er ist ein -Muttersöhnchen!« sagte Gedeon verächtlich und -wandte mir den Rücken. Darauf wandten mir -auch alle anderen den Rücken. Ich war ein Dummkopf; -ich war ein Feigling. Ich hatte mich gesellschaftlich -unmöglich gemacht. Nur die makkabäische -Mutter nahm sich meiner ein wenig an, -indem sie mich ihren Breilöffel ablecken lassen -wollte. - -[Illustration] - -Zwei Tage lang litt ich als Unzünftiger, dann beschloß -ich, durch eine Tat von außergewöhnlicher -Intelligenz meine Schneidigkeit darzutun. Einen -schlimmeren Schimpfnamen als »Muttersöhnchen« -gibt es für einen Jungen nicht. Am liebsten -hätte ich abgestritten, je eine Mutter gehabt zu -haben. - -Nun hatte ich von Hause eine alte Schnupftabakdose -mitgebracht, die ließ ich beim Krämer -füllen. Im Kinderstaate ging alsbald die Mär -von Mund zu Mund: »Er schnupft!« Das hörte -auch der Autokrat Gedeon, und was ich gewollt -hatte, geschah -- er suchte mich auf. Ich probierte -gerade, auf einer starken Wagendeichsel auf einem -Beine zu stehen, und fiel auf die Erde, als ich -des Gewaltigen ansichtig wurde. Da lächelte er -wieder verächtlich und hüpfte einmal höhnisch -auf einem Beine die ganze Deichsel entlang, -setzte sich aber doch zuletzt zu mir auf die Erde. - -»Was kannst du eigentlich?« fragte er kalt. - -»Ich hab' in Geographie ›gut‹ und im Aufsatz -›genügend plus‹,« sagte ich beklommen.« - -Ob dieser Schulweisheit machte er nur eine -maßlos verachtungsvolle Gebärde mit der Hand. -Ich sah ein, daß ich mich da wieder greulich -philisterhaft benommen hatte. - -Darauf legte er mir eine Reihe von Fragen vor: -ob ich boxen, angeln, kopfstehen, radschlagen, -Sechsundsechzig spielen oder wenigstens mit den -Ohren wackeln könne. - -Nein, ich konnte von alledem nichts. - -Gedeon runzelte finster die Stirn. Nie war -ein Prüfungskandidat in ärgeren Nöten als ich. - -Da platzte ich heraus: - -»Ich kann schnupfen!« - -Er sah mich etwas freundlicher an. - -»Wenn man richtig schnupfen kann, darf man -nicht niesen hinterher,« sagte er. - -»Nein, nein, das darf man nicht,« beeilte ich -mich beizupflichten. - -»Zeig' mir die Dose!« befahl er dann. Ich -reichte ihm die Dose hin und bat ihn, eine Prise -zu nehmen. Das tat er, und darauf blickten wir -uns an. Ich sah, daß Gedeon feuerrot im Gesicht -wurde, daß seine Nase hundert Runzeln zog, die -Muskeln zuckten, sich die Lippen fest aufeinander -preßten, die Augen tränten, sich das Gesicht verzerrte, -die ganze Gestalt bebte, und dann -- nahm -ich eine Prise und platzte augenblicklich los und -nieste siebzehnmal. - -Als ich wieder geradestehen und keuchend Luft -schöpfen konnte, stand Gedeon gelassen an die -Wagendeichsel gelehnt und sagte: - -»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein -einziges Mal geniest!« - -In diesem Augenblick fing ihm heftig an die -Nase zu bluten. - -Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk -aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf -das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht -hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und -wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß -ich »Habakuk«. - - * * * * * - -Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll -kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß, -was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann, -ein grausamer Iwan oder ein Befreier -wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame -Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er -bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig, -nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich, -er nahm immer das beste und gab stets -den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen, -versuchte einmal, eine Revolution gegen -Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution -einzuführen, dem Volke eine Mitregierung -zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs -Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte, -worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit -verfielen. - -Gedeons Taten sind unzählbar. - -Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit -ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom -Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers -war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des -Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße -eine Linde. Wir erklommen also die Linde -und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis -über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor -einem Unglück, aber eine noch viel größere vor -Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte -mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes -über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht -und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit -Grausen hinunter auf den Strom blickend, und -sagte dann schüchtern: - -[Illustration] - -»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause -in unserem Garten schmecken doch besser.« - -Da spuckte er einen Pflaumenkern in den Strom -und sagte: - -»Habakuk, du bist ein Schafskopf!« - -In diesem Augenblick kam der Weber mit -einem Knüppel aus dem Hause gelaufen; ihm -folgte seine Gattin mit einem Besen. Ich riet zu -schleuniger Flucht, aber Gedeon hielt mich mit -eiserner Hand fest. Inzwischen rannten die -empörten Pflaumenbesitzer über eine Brücke, -kamen die Straße herauf, langten an der -Linde an. - -»Wart', ihr Kanaillen, -- kommt nur herunter --- kommt nur herunter! Hier bleiben wir stehen, -und wenn's bis übermorgen dauert.« - -Wir waren belagert. Kein Entrinnen möglich. -Wir waren auf Gnade und Ungnade der bewaffneten -Macht da unten verfallen. - -»Heinisch,« rief Gedeon mit ernsthafter Miene -hinunter, »Heinisch, ich sage Ihnen, es ist ein -Kunststück, auf einer Linde Pflaumen zu -pflücken!« - -Heinisch geriet ob dieser neuen Frechheit in -neue Wut und schwor, uns beide mausetot zu -schlagen, wenn wir nur herunterkämen. - -»Ich werde gleich kommen!« sagte Gedeon, -kletterte bis auf den untersten Ast und fixierte -von da die Webersleute: - -»Also: wenn ich bis drei gezählt habe, springe -ich runter und spring einem von Euch gerade auf -den Schädel! Eins, zwei, dr--ei!« - -Kreischend wichen die Weberleute beiseite, -Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der -Straße an und begab sich in mäßiger Eile von -dannen. - -Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen -und einsam in meiner belagerten Baum- und -Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will -ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich -schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine -Position ließ sich nicht länger halten. So klomm -ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte -schüchtern: - -»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse, -ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf -drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei, -drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm -hinab. - -Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen -und barbarisch behandelt. Als ich wieder -zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade. -Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige -des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel -in der Schule. Das war ein unabwendbares -Naturereignis. Was aber mir passiert war, das -hielt Gedeon für ehrenrührig. - - * * * * * - -Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft -aus; er war nicht nur unser König, er war auch -der oberste Priester. - -Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war -das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt, -nach dem jede zehnjährige männliche und jede -achtjährige weibliche Person seines Reiches ein -Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr -er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare; -er hatte seine eigene Frau Judith entlassen, -weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht -zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden -bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an -des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und -diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen. -Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte, -aber zu einer Empörung kam es nicht. - -Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht, -und ich hatte mich am Gründonnerstag als -Feriengast im Hause des Onkels eingefunden. -Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein -liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau, -eine Verwandte der Müllerleute. - -Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines. -Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es -sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch -bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide -und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß -es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten -sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und -tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein -Vater war Postschaffner, das war noch mehr als -Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß -Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule -gehen und alle fremden Sprachen lernen -würde. - -Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem -fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff -das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam -und richtete die großen blauen Augen in -die Ferne, nach der sie Heimweh hatte. - -Die makkabäische Mutter brach den Bann. In -ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die -Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen -und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin, -und nach und nach suchten sich auch die Jungen -durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen -ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst -zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit, -indem er der Feinen als Geschenk einen -alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte. - -Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer -verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm -etwas auftauchen könne, das derart imponiere. -Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich. -Er versammelte das ganze Volk im Garten und -führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle -und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte, -daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr -auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da -mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte -sie nur: - -»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine -Frau sich eine große Stange ganz frei auf die -Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte -und oben turnte. Und die Stange wurde -nicht gehalten und fiel nicht um.« - -Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O, -das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte, -die sich die Stange auf die Brust stellt.« - -Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus: -viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann -sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal -sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte -von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel -und vom Kamel, von schönen Engelein -und drolligen Affen, vom Königssohn und vom -Nilpferd. - -Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon -keine Worte, stand stumm unter seinem Volk, -fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem -kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk -mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine -Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand -er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und -plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es -an den Schultern und sagte: »Du -- du bist -eine dumme Gans!« Und ging davon. - -Eine Stunde später rief er abermals das Volk -zusammen und sagte: »Wer noch einmal -- noch -ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus, -und der darf nie mehr mit uns sein!« - - * * * * * - -So tat er die Fremde in die Acht. - -Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon -war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den -Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen -neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden -vorübergegangen war und sie kein Wort über -seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte -Gedeon hin und her und landete immer und -immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst -in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn -einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte -ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen -Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten, -der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf -sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit -wachen Augen träumend da. Und sprach leise -und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!« -Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas -- -was ich nicht für möglich gehalten hätte -- hörte -ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte. - -Am nächsten Morgen erschien die Rebekka vom -Müller und meldete, die Fremde wolle nach -Hause. Es sei ihr bange, es gefalle ihr hier gar -nicht. Gedeon geriet in große Erregung: - -»Sie wird nicht fort -- sie darf nicht fort -- -das werde ich ihr austreiben!« - - * * * * * - -Es war ein Wunder geschehen. Gedeon und -die Fremde waren ausgesöhnt. Sie wanderten -mit strahlenden Gesichtern durch den Garten, -und Gedeon erweckte durch hundert Kunststücke -im Herzen des Mädchens Liebe und Bewunderung. -Am Nachmittag wurde sie in das »Volk« -aufgenommen. Wir waren alle gespannt, wie -die Neue heißen würde, da doch der Vorrat an -Mädchennamen erschöpft war. So machte es -einen tiefen Eindruck auf uns, als Gedeon dem -schönen Kinde sein hölzernes Schwert auf die -Schulter legte und mit glücklicher, ja, mit triumphierender -Stimme sagte: - -[Illustration] - -»Ich nehme dich auf in das Volk und nenne dich: -die Königin von Saba.« - -Holdselig lächelnd schaute das Mädchen zu dem -Helden auf, und alles Volk neigte sich vor ihr. - -Ein wenig später nahm mich Gedeon zur Seite -und sagte: - -»Ich werde die Königin von Saba heiraten!« - -»Du hast doch schon die Esther!« - -»Ach, die -- schaff' ich ab. Ich muß die Königin -von Saba zur Frau haben, ich muß! Und wer -was dagegen sagt, der --« Er runzelte die Stirn. -Ich aber fand es unerhört, erst eine Judith laufen -zu lassen und dann auch noch einer Esther den -Laufpaß zu geben. - -»Was werden aber die andern dazu sagen?« - -Er machte eine verächtliche Miene. - -»Das ist egal! Die Esther wirst du heiraten -oder der Zebulon.« - -Ich muß sagen, es empörte sich etwas in mir. -Diese abgelegte Esther zu übernehmen, dazu hatte -ich gar keine Lust. Doch wagte ich natürlich nicht, -heftig zu widersprechen, sondern sagte nur: - -»Es wäre mir am liebsten, wenn ich vorläufig -noch ledig bleiben könnte.« - -Er besann sich ein wenig und sagte dann: »Ja, -du kannst mich mit der Königin von Saba trauen, -und der Zebulon nimmt die Esther.« - -Die Gattenpflichten waren ja in diesem Volke -sehr leicht. Sie bestanden darin, der Gesponsin -beim Lumpenmann einen Ring zu kaufen, sie -gegen ihre Feinde zu beschützen und beim Spiel -ihr Partner zu sein. Immerhin tat mir Zebulon -leid, denn Esther war drei Jahre älter als er und -noch dazu seine Schwester. Das kann man nicht -gerade eine vorteilhafte Partie nennen. Zebulon -weigerte sich auch, wurde aber von Gedeon durchgehauen -und war dann zur Ehe bereit. - -[Illustration] - -Mir fiel also das Amt zu, Gedeon und die -Königin von Saba zu trauen. Es war eine saure -Arbeit. Denn erstens waren mir die priesterlichen -Gewänder, die sonst Gedeon trug, viel zu -groß, und dann machte mir die Traurede viel -Schmerzen. Es ist für einen Anfänger nicht leicht, -gleich vor den Gewaltigen der Erde zu sprechen. -Immerhin, ich nahm mich zusammen und stand -würdevoll vor dem Altar, den Gedeon in einer -großen Bodenkammer aufgebaut hatte. Der -Hochzeitszug nahte. Die Braut trug einen -wundervollen Schleier, den die Tante aufgesteckt -hatte, Gedeon hielt effektvoll einen Zylinderhut -in der Hand, den der Onkel geborgt hatte. Die -andere Hochzeitsgesellschaft war weniger stilgerecht. -Nabuchodonosor, der Trauzeuge war, hatte sich -eine blaue Zuckerdüte auf den Kopf gesetzt, und -die makkabäische Mutter, die als Brautjungfer -fungierte, hatte sich den Gummilutscher mitgebracht. -Einige Herren der Gesellschaft führten -Säbel, Armbrust, Trommel oder Steckenpferd -mit sich, und Ruben trieb mit seinem Bruder -Lewy Allotria mit meiner Schnupftabakdose. Ganz -aus der Art aber, war es, daß Salmanassar -während der Trauung mit seinem Blaserohr nach -dem Brautpaar Scheibe schoß. - -[Illustration] - -Unter diesen Umständen ist es nicht leicht, eine -ergreifende Predigt zu halten. Ich tat, was ich -konnte. - -»Geehrtes Brautpaar! Die Ehe stammt aus -dem Paradiese. Da war Adam Bräutigam und -Eva Braut.« - -Hier blieb ich stecken. »Braut -- Braut --« -wiederholte ich einige Male mit einem fatalen -Lächeln. - -»Jawohl Braut!« sagte Salmanassar im Hintergrunde. - -Ich machte ein hilfloses Gesicht und eine ohnmächtige -Handbewegung. Gedeon, der Bräutigam, -zog eine wütende Miene. - -»Weiter -- oder --« - -Dieser Wüterich hätte sich sogar an der Geistlichkeit -vergriffen. Die Angst half mir. Allerhand -fiel mir ein, was ich in Traureden gehört hatte. - -»Geehrtes Brautpaar, das ist eine feierliche -Stunde.« - -»Der Salmanassar schießt mit'm Blaserohr,« -kreischte mir Sarah dazwischen. - -»Schmeißt ihn raus!« rief der Bräutigam, indem -er sich umwandte. Salmanassar flog hinaus. - -»Eine feierliche Stunde!« wiederholte ich. »Die -Ehe ist schwer.« - -»Mit der Königin von Saba ist sie nicht schwer!« -grollte der Bräutigam. - -»Nein, nein, mit der ist sie nicht schwer!« gab -ich ohne weiteres zu und fuhr fort: »Ihr sollt -alles miteinander tragen, Freude und Leid. Ihr -sollt euch eure Schwächen verzeihen, denn jeder -Mensch hat Schwächen. (Der Bräutigam schüttelte -heftig den Kopf.) Wenn ihr krank seid, sollt ihr -euch pflegen, und eure Kinder sollt ihr fromm erziehen. -Amen.« - -Der Bräutigam zuckte die Achseln. Ich merkte, -er war nicht zufrieden. Die Braut aber sagte -laut: »Das hat er schön gemacht«, und da hellte -sich auch Gedeons Gesicht auf, und ich konnte erleichterten -Herzens die Zeremonie zu Ende führen, -was mir über Erwarten gut gelang. - -Das Hochzeitsmahl war nicht schlecht. Die -Tante kochte Schokolade für alle, und Gedeon -gab vier Zigarren zum Besten, die er um zehn -Pfennig in der Stadt gekauft hatte. Zwei rauchte -er selbst, eine bekam ich als Stolgebühren, und -eine bekam Zebulon, der Zwangsmann der Esther, -gewissermaßen als Trostpreis. - - * * * * * - -Gott weiß, was in ihm steckte, was Großes und -Seltsames aus ihm geworden wäre, oder was -Großes und Seltsames verdorben wäre in der -Enge seiner äußeren Verhältnisse. Was ist ein -Held unter Bauern, wenn es ihm bestimmt ist, -auch ein armer Bauer zu werden, wenn rings auf -eine edle Seele die Knechtschaft lauert?! - -Und siehe, es wurde anders, als alle dachten. - -Gedeon tat das Kühnste, was noch keiner aus -dem Volke gewagt hatte, -- er küßte seine Frau. -Und alle die jungen Männlein und Weiblein -sahen zu und lachten nicht einmal. - -Auf der Wiese, die am Flusse lag, wurde das -Hochzeitsfest begangen mit Spiel und Tanz. -Gedeon hatte seiner Braut einen Schneeglöckchenstrauß -geschenkt, den trug sie an der Brust. Ein -großer, weißer Strohhut lag auf ihren blonden -Haaren und seine blauen Schleifen flatterten im -Winde. - -Die Wiese war gelbgrün, die ersten Blättlein -standen an Baum und Strauch, der brausende -Fluß sang sein rollendes Frühlingslied, hoch im -Blauen war Lerchengesang. - -Da streckte Gedeon seine starken Arme gen -Himmel und fing laut und mächtig an zu schreien. -Es war ein wilder, ein königlicher Schrei; Gedeon -schrie vor Kraft und Glück. - -Dann funkelten seine Augen, und er sagte zu -seiner Braut: - -»Paß auf, wenn ich zu den Soldaten geh, werde -ich der alleroberste General. Oder ich geh auf die -See!« - -Nahm sie plötzlich und schwang sie im Kreise -herum und schrie wieder laut dabei vor Kraft -und Glück und Lebenslust. - -Da löste sich dem Mädchen der Hut -- der -Wind nahm ihn -- trieb ihn in den Fluß. - -»Mein Hut! Mein Hut!« - -»Ihr Hut, ihr schöner Hut!« - -»Sei ruhig, ich hole ihn!« -- -- -- - -Dreißig Kinder standen am Ufer, als Gedeon -in den Fluß sprang. Dreißig Kinder sahen freudig -erregt zu, wie er dem Hut nachschwamm. Keines -bangte um den Helden, dem alles gelang. Allen -war es ein herrliches Schauspiel. - -Seht, er hat den Hut, er hebt ihn triumphierend -über das Wasser. Er schwimmt an den Rand, -- -o, es hält schwer, -- die Strömung ist stark -- er -ist in Kleidern -- aber er ist der Gedeon. -- - -Halt, jetzt hat er den Erlenzweig! Seht, er -schleudert den Hut ans Ufer. Da liegt er auf dem -Erlenbusch. - -Er hat gesiegt, er hat gewonnen, wie er immer -gewinnt. O, Königin von Saba, was sind deine -Zirkuskünstler gegen den! In lachendem Stolz -steht das ganze Volk am Ufer. - -Aber jetzt -- jetzt bricht der Erlenzweig, an dem -sich Gedeon emporziehen will, und er -- er treibt -nach der Mitte des Flusses zurück -- - -O, laßt ihn nur, laßt ihn nur, es ist ja der -Gedeon! Paßt nur auf, paßt auf, was noch -Großes kommt! - -Da fängt ein Mädchen plötzlich an zu weinen -und sagt: - -»Das Wehr! Müllers Wehr ist so nahe!« - -»Das Wehr! Das Wehr! Gedeon! Gedeon!« - -Und plötzlich schreien und weinen dreißig Kinder. - - * * * * * - -Wir konnten es lange nicht fassen, daß Gedeon -tot sein sollte. Einer von uns sagte: - -»O, das läßt er sich nicht gefallen!« - -Er ließ es sich aber doch gefallen, ließ sich tragen -und in den weißen Sarg legen. Und hielt -ganz still. - -Es ging viel in diesem Sarg verloren. Verloren? -O, jetzt glaube ich wohl: es wurde viel -in diesem Sarg gerettet. - -Verwundert, scheu, standen wir um den toten -Gedeon. Er hatte ein Gesicht, wie immer, wenn er -unzufrieden war. Er war unzufrieden mit sich -selbst, unzufrieden, daß er sich vor uns allen und -vor seiner Königin von Saba als kein besserer -Schwimmer gezeigt hatte. Wir gingen die Tage -behutsam, scheu, furchtsam wie Diener, wenn ein -strenger Herr schläft. - -Erst als der Sarg geschlossen wurde und Gedeon -nicht dagegen tobte, sich nicht gegen den Deckel -stemmte, sondern sich geduldig einnageln ließ, da -fingen wir alle bitterlich an zu weinen. - -Der Verlust wurde uns klar, wir erkannten, -daß unser König gestorben war, daß wir ein verwaistes, -führerloses Volk waren. - -[Illustration] - - - - -Hotel Laubhaus. - - -Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer -liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt -von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster. --- In dem Laubhause wohnen: _Der Käfer._ -- _Die Fliege._ --- _Die Schnecke._ -- _Die Raupe._ -- Später kommt noch -eine _Spinne_ und zuletzt der _Herbstwind_ dazu. - -=Käfer= (träumerisch): - -Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote -Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der -Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte. -Das Licht war nicht schöner als dieses. - -=Fliege= (mißmutig): - -Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen -und den Lampen! Die Menschen fangen uns, -und die Lampen verbrennen uns. (Zur Schnecke): -Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin? - -=Schnecke= (stolz): - -Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (Zur Raupe): -Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas, -wenn wir in demselben Lokal übernachten wie -solches ... Geschmeiß? - -=Raupe= (seufzend): - -Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was -soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt -sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze -ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein! - -=Schnecke=: - -Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich -glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und -verschließe die Tür ... das ist ja ganz klar! - -=Fliege= (heimlich): - -So 'ne hochmütige, dicke Schachtel! - -=Raupe=: - -Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht -aus wie ein Prinz! - -=Schnecke= (mit fauler Stimme): - -Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren -mir nicht! (Gähnt.) Ach, ich bin so abgespannt! -Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen, -und wenn ich hier noch so geniert bin. -Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von -Stande. - -=Raupe= (mit Bezug auf die Fliege): - -Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche -Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste -Blatt zum Bette aus. - -=Schnecke=: - -Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht -sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide. -Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich -ziehe mich zurück. - -[Illustration] - -=Raupe=: - -Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen? - -=Schnecke= (schmerzlich): - -Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen -mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht, -liebes Fräulein! - -=Raupe= (sehr höflich): - -Gute Nacht, gnädige Frau! - -(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.) - -=Käfer= (traurig): - -Es ist noch goldener Sonnenschein draußen! -Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der -Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich -friert. Ach, der Sommer ist weit! - -(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt -von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt -plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.) - -=Fliege= (aufkreischend): - -Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne! - -=Käfer= (bebend): - -Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin -verloren! - -=Raupe= (aufgeregt): - -Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier! - -=Schnecke= (zur Tür heraus): - -Was ist denn los? Was ist denn das für ein -Skandal? - -=Fliege= (jammernd): - -Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr -Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke! -Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o -weh, o weh! - -=Spinne= (mit lauter Stimme): - -Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht! -Ich bin viel zu satt. (Unheimlich.) Ich bin leider -viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber -wer ausreißt, den ermurkse ich ... jawohl, den -ermurkse ich! - -=Schnecke= (für sich): - -Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt -genug. Seht ihr zu! (Sie verriegelt die Tür.) - -Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie -die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft, -wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet. -Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht -weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden -und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her. - -»Ein Kindlein ist gestorben -Zur Herbsteszeit, -Zu einem andern Frühling -Zog es weit, weit ... -Wir aber singen, wir singen -Ein Lied ihm zur Ruh' -Und decken den Sarg mit Erde -Und weißen Astern ihm zu.« - -=Raupe= (in staunender Frage): - -Ein Kindlein ist gestorben? - -=Käfer= (schmerzlich): - -Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit -seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal -über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und -das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot! - -=Fliege= (leichthin): - -Es wird schlafen wie wir, und im Frühling -wird es wieder aufwachen. - -=Käfer=: - -Es schläft wohl länger ... es schläft viel -länger! - -Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne -ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie: - -»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau, -Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau, -Ich meide die Spatzen und Stare. -Ich spinne Netze und stelle sie fein, -Da geht mir junges Jagdwild hinein -Im nächsten Jahre.« - -=Fliege= (heimlich zu Raupe und Käfer): - -Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn -sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück! - -=Raupe=: - -Ich bin eher munter als sie und längst davon, -wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner -Prinz! - -=Käfer= (nickt freundlich) - -=Fliege= (bettelnd): - -Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes -Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich -auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich -bin so langschläfrig! - -=Raupe=: - -Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken. - -=Fliege= (erleichtert): - -O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann -kann ich ruhig schlafen! ... Ach, ist das schön in -meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir -träumte von einem großen Düngerhaufen und -von lauter Milch und Zucker! (Halb im Einschlafen): -Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen! -(Fliege schläft ein.) - -=Raupe= (schüchtern zum Käfer): - -Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz? - -=Käfer=: - -Ich kenne dich nicht, aber du bist schön! - -=Raupe= (freudig): - -Sie finden mich schön! Die Menschen sagen, -ich sei häßlich. - -=Käfer=: - -Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid -und grünseidene Haare ... Du bist schön! - -=Raupe= (mit funkelnden Augen): - -Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann -fliegen wie Sie, mein Prinz! - -=Käfer=: - -Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln -und Diamantsteinen? So ein lichter -Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir -uns wieder bei den Lilien und Rosen! - -=Raupe= (begeistert): - -Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen -und leuchten ohne Ende! - -=Käfer=: - -Ohne Ende! - -=Raupe=: - -Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz! - -=Käfer=: - -Wohin willst du? - -=Raupe=: - -Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen, -indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich -dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz! -Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen ... -mein schöner Prinz! (Sie verkriecht sich tief in einen -Winkel des Laubhauses.) - -=Käfer=: - -Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen! -Ich wollte, mir träumte von dem jungen -Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte. -Oder ich träumte von dem jungen Falter und den -Rosen. (Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.) - -Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen -vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind. -Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des -Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich -überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt -draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden, -bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist. - - - - -Mein Roß und ich. - -Erzählung aus der Zeit, da ich ein »Schlingel« war. - - -Ich ging nicht in die Schule -- ich _ritt_! Ich -konnte mir das leisten, denn ich hatte ein Roß, -das nicht rechnen konnte. Wenigstens kam es nie -hinter die verzwickten Schliche der indirekten -Regeldetri. Bei »zehnstündiger Arbeitszeit« -arbeiteten nach Meinung meines Rosses die bekannten -»sechs Arbeiter« an dem bekannten »Graben« -immer zehnmal so lange als bei einstündiger. - -Dieses Roß hieß Reinhold Sander, war zwei -Jahre älter und zwanzigmal so stark als ich und -im übrigen der gutmütigste Schuljunge von der -Welt. Jeden Morgen erschien mein Roß in -meiner großväterlichen Wohnung, stopfte sich -schnell einen Apfel oder was etwa sonst Genießbares -auf dem Fensterbrett lag, in die Hosentaschen, -setzte mich auf seine Schultern und trabte -mit mir zur Schule, wo es mich auf meinem -Platz sänftiglich absetzte. - -Dafür machte ich meinem Rößlein in der -Rechenstunde die tadellosesten »Bruchansätze«. - -Eines schönen Maimorgens ritt ich nun gerade -zur Schule, stolz wie Darius zur Schlacht, als -uns ein Mann begegnete, den sowohl mein Roß -als ich nach dem ersten prüfenden Blicke als einen -»Stadtklecker« einschätzten. Als »Stadtklecker« -galt damals in meinem Feld-, Strauch- und -Wiesendorfe ohne weiteres jeder städtisch gekleidete -Mensch, der sich in seiner Gemarkung -blicken ließ. - -»Nanu, nanu,« machte der Fremdling verwundert -und musterte uns, »wo geht die Reise hin?« - -»In die Schule!« sagte ich und fuchtelte siegesgewiß -mit meinem breiten Lineal wie mit einem -Kriegsschwert. - -»Aber Junge, warum gehst du denn nicht zu -Fuß? Kannst du denn nicht laufen?« - -»Besser wie Sie!« sagte ich frech. Der Fremdling -erzürnte sich und schnauzte mein Roß an: - -»Wirf doch den Bengel ab! Wirst dich doch -nicht mit ihm abrackern!« - -Mein Roß schüttelte die Mähne und stieß -Dampf aus den Nüstern. Dann sagte es: - -»Er läßt mich die Regeldetri-Aufgaben abschreiben, -und überhaupt geht Sie das 'n -Quark an.« - -Nun raste der fremde Wandersmann und wollte -mit seinem dünnen Spazierstock meinem Roß eins -auf den sogenannten Bug geben. Das aber schlug -nach hinten aus, schlug in eine Pfütze, bespritzte -den Fremden von oben bis unten und setzte sich -in Galopp mit mir. - -[Illustration] - -Als wir ein Stück davon waren, sang ich mit -lieblicher, heller Stimme: »Stadtklecker! Stadtklecker!« -und mein Roß wieherte und wieherte -deutlich auf den Text »Stadtklecker! Stadtklecker!« - -An diesem Tage aber hatten wir in der ersten -Stunde biblische Geschichte. Da ich zu Hause vergessen -hatte, die »Bibel« zu lernen, wollte ich auf -den Vorzug, sie vortragen zu dürfen, lieber verzichten -und bat daher gleich nach Anfang der -Stunde den Lehrer, »mal austreten« zu dürfen. -Er brummte etwas von »ewigem Gelaufe« und -ließ mich ziehen. Darauf trat ich dreiviertel -Stunden lang »aus«. Als ich vermutete, daß -die biblische Gefahr vorüber sei, näherte ich mich -wieder behutsam der Schulstubentür und hörte da -folgenden Meinungsaustausch. - -»Es heißt nicht Frau Putiphar, es heißt Frau -Potiphar!« - -»Herr Schulinspektor!« hörte ich unseren Lehrer -bescheiden einwenden, »bei uns in der katholischen -Bibel schreibt sich die Frau mit u.« - -Mir aber wurde plötzlich an der Schulstubentüre -so beklommen zumute, daß ich meinte, jetzt müsse -ich wirklich mal austreten. Also verschwand ich -noch auf fünf Minuten nach dem Hofe, dann aber -trieb mich mein Pflichtgefühl und eine düstere -Ahnung nach dem Klassenlokal. - -Heiliger Himmel, der plötzlich anwesende Kreisschulinspektor -war tatsächlich unser »Stadtklecker«. -Kaum erblickte er mich, so machte er auch schon den -Finger krumm, winkte und sagte: »Komm mal -her, du Schwede!« - -»Wo warst du denn bist jetzt?« herrschte er -mich an. - -Ich sagte, ich sei nur schnell mal austreten gewesen. - -»Schnell mal austreten -- so! Du Range! -Und über eine halbe Stunde bin ich schon hier. -Wo warst du so lange, Schlingel -- he?!« - -Ich stotterte etwas von einer unheimlichen -Bauchkrankheit, die ich hätte; er aber ergriff mich -an den Ohren und begann in höchst lästiger und -fataler Weise daran herumzuschrauben. Trotzdem -hörte ich, wie mein Roß leise und zornig -aufschnaubte, denn mein Roß liebte mich. Ich bekam -noch eine ungewisse Anzahl von Ohrfeigen -und konnte mich dann setzen. - -Der Herr Schulinspektor hielt nun eine donnernde -Strafrede über die Roheit von Dorfkindern -Fremden gegenüber, was ich mit äußerer Zerknirschung -und innerer Gleichgültigkeit anhörte. - -Am Schlusse sagte er: »Der kleine Bengel dort -ist zu faul, um in die Schule zu laufen; er reitet -auf diesem langen starken Labander und läßt ihn -dafür die Rechenaufgaben abschreiben.« - -Ein vernichtender Blick traf unseren herzensguten -Lehrer. - -»Herr Schulinspektor, der Reinhold Sander ist -einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst ein -guter Junge.« - -Das alles galt nichts. - -»Sander, komm mal raus an die Wandtafel. -Nimm die Kreide und schreibe auf: - -6 Arbeiter arbeiten über einem Graben von -175 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ¾ ~m~ Tiefe -18 Tage bei täglich zehnstündiger Arbeitszeit. -Wie lange arbeiten 25 Arbeiter an einem Graben -von 300 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ½ ~m~ Tiefe, -wenn sie täglich nur 8 Stunden tätig sind?« - -O, du armes Roß! Ich sah, wie seine Mähne -sich sträubte, wie schwerer Atem durch seine -Nüstern drang und seine Läufe zitterten. - -Aber der Herr Kreisschulinspektor hatte seine -Rechnung ohne den Telegraphen gemacht. Nämlich, -wenn mein Roß an die Wandtafel gerufen -wurde, galt folgende Telegraphie: - -Ich setze meinen Schieferstift scharf wie zu -einem Punkt auf die Schiefertafel (heißt: Reinhold, -dieses »Glied« mußt du über den Bruchstrich -setzen). - -Ich mache einen quietschend langen Strich -(heißt: das kommt unter den Bruchstrich). - -Einmal Hüsteln heißt: jetzt mußt du »kürzen«. - -Zweimal Hüsteln heißt: es läßt sich noch weiter -»kürzen«. - -Schneuzen bedeutet: die Sache ist falsch. - -Kurzes Scharren bedeutet beifälliges »alles -richtig!« - -Das Wunder geschah: Reinhold Sander rechnete -die schwere Aufgabe völlig richtig. Als der -Herr Schulinspektor, der inzwischen weiter geprüft -hatte, an der Tafel das richtige Resultat sah, -war er verwundert und sagte zum Lehrer: »Aber, -der Kerl kann ja rechnen!« - -»Einer meiner schwächsten Rechner, aber -sonst --« - -»Schon gut, ich sehe, das Rechnen klappt!« - -Und er machte für den Lehrer eine gute Note -ins Protokoll. Die Stimmung des Schulgewaltigen -schlug überhaupt sichtlich zum Besseren um -und ehe er um ½11 ging, schraubte er mein -Roß und mich nur noch einmal ganz leise und zärtlich -an den Ohren und schied dann in Gnaden. - -Als um 12 Uhr die Schule aus war, bestieg ich -mein Roß und ritt als ein Sieger heimwärts. Die -kleinen Blessuren, die ich erlitten hatte, taten -meinem Triumph keinen Eintrag. Ich streichelte -mein treues Roß, und als wir ein Stück das Dorf -hinauf waren, sangen wir in der Freude unseres -Herzens gemeinsam: »Stadtklecker! Stadtklecker!« - -Auf einmal -- wie wenn wir den Rübezahl gerufen -hätten und der fürchterliche Berggeist plötzlich -vor uns stünde, tauchte der Schulinspektor aus -einem Seitengäßchen auf. Wir hatten geglaubt, -der Mann sei längst nach der Stadt zurück, und -nun war er noch in der evangelischen Schule -gewesen und noch im Dorf. - -Den bösen Geist sehen und vom Pferde fallen -war eins. Der Herr Schulinspektor tobte. Da -aber viele Feldarbeiter vorbeigingen und schmunzelten, -fühlte er, daß er keine günstige Rolle spiele, -wenn er sich mit uns beiden in einen Straßenkampf -einließe, und herrschte uns also an: - -»Marsch nach der Schule zurück! Dort werdet -ihr dem Herrn Lehrer sagen, was ihr getan habt. -Er wird euch augenblicklich bestrafen. Ich gehe -jetzt hier ins Wirtshaus, um meine Sachen zu -holen. In einer Viertelstunde seid ihr vor dem -Gasthaus. Wehe euch, wenn ihr meinen Befehl -nicht ausführt!« - -Wir gingen nach der Schule zurück. Ja, ich -muß es eingestehen, ich ging zu Fuß. Heimlich -schlichen wir nach der Schulstube. Die war ganz -leer. Aber der Lehrer bemerkte uns bald. - -»Was wollt ihr denn noch?« - -Da stotterte ich, ich hätte mein Lineal vergessen. -Das Lineal war das wichtigste aller meiner Schulutensilien, -denn erstens brauchte ich es als Waffe -und zweitens fürs Freihandzeichnen. - -»Geht nur nach Hause!« sagte der Lehrer. - -Da glaubte ich, wir sollten ihm gehorchen und -ihm weiter keinen Kummer machen, und wir -gingen. Meinem Roß war dabei nicht ganz wohl. -Aber draußen belehrte ich es über meinen Feldzugsplan, -und wir gingen also zum Gasthaus, -vor dessen Tür wir ein jämmerliches Geheul anfingen. -Ich weinte bitterlich, und mein Roß -strich sich fortwährend mit seinen Vorderhufen -den Bug. - -Der Herr Schulinspektor kam erschreckt herausgestürzt. - -»Na, heult nicht so! Ihr macht mir ja das ganze -Dorf rebellisch. Der Lehrer hat euch wohl etwas -zu stark gezüchtigt?« - -Wir heulten noch lauter. - -»Jungens, seid still! Daß er euch so stark bestrafe, -wollte ich ja nicht. Na, hört doch schon -auf mit eurem Geheule! Es sind doch Leute im -Gasthaus. Was sollen die sich denn denken?« - -Mein Roß schrie förmlich. - -Dem Schulinspektor war die Sache furchtbar -peinlich; denn er hatte sein Amt erst angetreten -und wollte nicht in den Ruf eines Kinderquälers -kommen. - -Da schenkte er uns 10 Pfennige, sagte, wir -seien ja sonst nette Kinder, auch fleißig in der -Schule, hätten ihm Freude gemacht; da sollten -wir also in Zukunft ein höflicheres Straßenbenehmen -an den Tag legen, jetzt sofort ruhig -nach Hause gehen und uns für die 10 Pfennige -was kaufen. - - * * * * * - -Die 10 Pfennige nahm das Roß in Verwaltung -und kaufte am Nachmittag drei Zigarren dafür. -Jeder rauchte eine, die dritte rauchten wir zusammen. -Wir saßen dabei auf unserem Windmühlberg, -sahen nach der Kreisstadt hinüber und -sangen aus vollen Lungen: »Stadtklecker! -- -Stadtklecker!« - -[Illustration] - - - - -Die Räuber aus -dem Riesengebirge - - -Drei ehrbare Handwerker aus dem Riesengebirge, -ein Schuster, ein Schneider und ein Hutmacher, -beschlossen eines Tages, Räuber zu -werden; denn ach, ihre Geschäfte gingen schlecht! -Machte der Schuster ein Paar Stiefel, so kam sein -Kunde nach ein oder zwei Tagen angehinkt, -schimpfte, daß ihm alle Zehen zerquetscht und die -Fersen zerrieben seien, schlug dem Meister die -Stiefel um den Kopf und verlangte sein Geld -zurück. Nähte der Schneider mit Sorgfalt und -viel Geschicklichkeit einen Anzug, so wies ihm -sein Kunde bei der Ablieferung mit rauhen Worten -nach, daß das eine Hosenbein weit wie ein Mehlsack, -das andere eng wie ein Pfeifenrohr sei, und -daß der Rock hinten zwei Buckel mache, wie das -Fell eines Trampeltiers. Maß der Hutmacher -einem ein recht fesch Hütlein an, so saß es ihm -am Ende auf dem Wirbel wie eine Hanswurstkappe -oder fiel ihm in die Stirn bis über die Spitze -des Kinnbartes herab. - -So sagten eines Tages die drei Meister zueinander: -»Das Handwerk hat keinen goldenen -Boden mehr. Man kann tun, was man will, das -Publikum ist nicht zufrieden. Es gibt nichts als -Zank und Streit. Wir wollen uns also nach einer -friedfertigeren Beschäftigung umsehen.« - -Darauf beschlossen sie, Räuber zu werden, und -meinten, dabei ihr gutes Auskommen zu haben. -Sie wuschen sich nun sechs Wochen lang nicht -mehr, kämmten ihr Haar nicht mehr und zogen -ihre ältesten Kleider an. Darauf nahmen sie von -ihren Freunden Abschied, sagten, sie möchten sie -nur in gutem Andenken behalten, zogen in den -Wald und wurden Räuber. - -Zwei Tage und zwei Nächte saßen sie unter -dunklen Bäumen und lauerten, ob jemand des -Weges daherkommen würde. Es kam aber niemand, -und die Räuber froren und langweilten sich. -Zum Glück hatten ihnen ihre Freunde Essen und -Trinken mitgegeben, sonst hätten die armen Kerle -Not leiden müssen. - -Am zweiten Tage gegen Abend meldete der -Schneider, der als Kundschafter ausgeschickt worden -war: es ziehe ein starker Mann daher. Er sei -groß wie ein Riese und habe einen Knüppel in -der Hand. Man könne nicht wissen, was er im -Schilde führe. - -[Illustration] - -Da versteckten sich die drei Räuber hinter die -Brombeerhecken und atmeten auf, als der starke -Kerl vorbei war. Der Hutmacher aber, welcher -der Klügste von ihnen war, sprach: - -»Auf diese Weise werden wir auch keine guten -Geschäfte machen!« Und er hielt eine Rede, und -alle drei beschlossen, den nächsten Wandersmann -zu überfallen, sei es auch, wer es sei. - -Wie nun der Morgen in hellgoldener Pracht -über den Bergen aufging, kam der Schuster angerannt -und sagte: ein einzelner Reiter komme -den Talweg herauf. Es sei wohl ein reicher -Ritter, denn er habe eine Feder auf dem Hut und -trage ein seidenes Wams. Er sei schon ganz -nahe. Das Schlimme sei nur, daß er ein Schwert -an der Seite trage; man könne also nicht wissen, -was er im Schilde führe. - -»Schwert oder nicht Schwert,« brüllte der Hutmacher -so mutig, zornig und laut, daß die Luft -dröhnte; »wir müssen ihm am Kreuzweg auflauern -und ihm seine Habe abnehmen. Der -Schneider wirft dem Pferde eine Schlinge um -den Hals, der Schuster zieht den Ritter vom -Roß herunter, und ich packe ihn dann von -hinten!« - -In diesem Augenblick wieherte ein Pferd, und -die drei Räuber rannten so schnell als möglich -nach dem nahen Kreuzweg. Als nun der Ritter -ankam, sprangen sie ihm mit einem fürchterlichen -Geschrei entgegen. - -Und was nun kam, geschah alles blitzschnell. -Der Ritter entriß dem Schuster die Schlinge und -warf sie ihm selbst um den Hals, er zog den -Schneider zu sich aufs Roß hinauf und packte den -Hutmacher von hinten am Halswirbel. Darauf -stieg er gelassen vom Roß herab, nahm auch den -Schuster mit hinunter und legte alle drei Räuber -sacht, aber bestimmt auf die Erde, mit den Nasen -in den aufgeweichten Boden hinein. Dann befahl -er ihnen, nur recht still zu liegen, da sie ja nicht -wissen könnten, was er im Schilde führe, -räumte ihnen die Taschen aus, was sie da noch -an Wurst, Speck und Tabak hatten, zählte jedem -mit der flachen Klinge seines biegsamen Degens -zwanzig ansehnliche Streiche auf den Hosenboden, -stieg dann wieder zu Roß und ritt langsam davon, -indem er mit fröhlicher Stimme sang: - -»Es ist so schön der Morgen -Im frohen Sonnenlicht, -Kein Kummer und keine Sorgen -Drücken mein Herze nicht!« - -Als der Ritter um die nächste Waldecke verschwunden -war, hob der Hutmacher die Nase -aus dem Schlamm, nieste kräftig und sagte: - -»Unser Anschlag ist fehlgegangen!« - -Nun erhoben sich auch die beiden anderen, -gaben dem Hutmacher recht und waren allesamt -äußerst betroffen. - -»Wir werden uns nach einem friedfertigeren -Gewerbe umsehen müssen,« klagte der Schuster. -Sie wußten aber keines, denn es waren kümmerliche -Zeitläufte. - -So saßen sie am Kreuzwege und fingen schließlich -alle drei an bitterlich zu weinen. - - * * * * * - -Plötzlich fuhren sie zusammen, denn es kam -ein Mann gegangen. - -»Der Ritter!« schrie der Schneider und wollte -entfliehen. Doch der Fremdling war schon da. -Er führte das Roß des Ritters am Zügel und -trug seine Kleider und Waffen; aber es war der -Ritter nicht. - -Der Fremde machte erstaunte Augen, als er -die drei sitzen sah, und fragte: - -»Was sitzt ihr drei armen alten Frauen hier -und weinet?« - -»Wir sind keine alten Frauen,« schluchzte der -Schuster, »wir sind Männer. Junge Männer!« - -»I der Dauz,« rief der Fremdling erstaunt, -»junge Männer seid ihr! Wer hätte das gedacht! -Aber sagt mir, warum weinet ihr?« - -»Weil es uns so schlecht geht,« heulte der -Schneider. - -»Schlecht geht? Wieso? Wie kann es einem -jungen Mann schlecht gehen? Sehet mich an! -Ich bin ein Räuber. Mir geht es gut. Werdet -auch Räuber, und es wird auch euch gut gehen!« - -»Wir sind ja Räuber!« sagte der Hutmacher -kleinlaut. - -Da lachte der Fremde so laut, daß sich das Roß -aufbäumte und dem Schneider einen Tritt auf -die Schulter gab. - -»Ach, ihr seid Räuber? O, welch ein Spaß! -Welch eine Überraschung! Warum aber habt ihr -euch alsdann den reichen Rittersmann entgehen -lassen, der vor einer Stunde hier vorbeizog? -Seht mich an; ich bin ein einzelner Mann und -habe dem Ritter alles abgenommen, was er -besaß.« - -Der Schneider log, sie hätten den Ritter leider -nicht gesehen; sonst hätten sie ihn schon ordentlich -ausgeraubt, denn sie seien tapfere Leute, und von -alten Weibern sei keine Rede. - -»Nun,« sagte der Fremde, »wenn ihr meine -Kollegen seid, so sollt ihr wenigstens mit mir -frühstücken.« - -Er packte nun die Wurst und den Speck aus, -den der Ritter vordem den dreien abgenommen -hatte, und lud zum Mahle ein. Der Fremde aß -aber fast alles selbst, und dem Schneider, dem -Schuster und dem Hutmacher blieb nicht viel mehr -als von der Wurst die Haut und von dem Speck -die Schwarte. Die lagen ihnen schwer im Magen. - -Während des Frühstücks erzählte der Fremde, -er heiße Wolfsklaue und habe in den italienischen -Abruzzen, im ungarischen Bakonywald und im -Böhmerwald seine Studien gemacht. Neulich -habe er sein Meisterstück gemacht, und nun wolle -er hier im Riesengebirge das Räubergewerbe auf -eigene Faust betreiben. Wenn es den dreien recht -sei, sollten sie in seine Dienste treten; er nehme -nicht mehr als die Hälfte der Beute für sich; die -andere Hälfte solle den dreien überlassen sein. - -Da schlugen sie ein und wurden fröhlich. - - * * * * * - -»Kameraden,« sagte nun Wolfsklaue, »wenn -wir rechte Räuber sein wollen, genügt es nicht, -daß wir hier am Kreuzweg sitzen und heulen -oder Wurst und Speck essen, sondern wir müssen -auf Taten ausgehen.« - -O, da stimmten die drei anderen bei. Jahrelang, -sagten sie, sehnten sie sich schon danach, -mal etwas Ordentliches zu tun zu bekommen. -Taten! Das sei so etwas für sie! - -»Gut,« sagte Wolfsklaue, »hört mich also an. -Weit im Gebirge drin wohnt ein Müller, der ist -so steinreich, daß er sich alle Tage mit Seife wäscht -und seine Kühe mit Apfelsinen füttert. Den -wollen wir ausrauben.« - -»Den wollen wir!« stimmten die drei freudig bei. - -»Ja, aber die Sache ist nicht so leicht. Der -Müller ist ein starker Kerl und hat vier Knechte; -auch sind er und seine Leute wohlbewaffnet mit -Dolchen, Pistolen und Totschlägern. Überdies -hat er zwei Bluthunde.« - -»Muß es nun grade der Müller sein?« fragte -der Schneider. - -»Jawohl. Denkt doch an sein vieles Geld. -Die Sache bedarf nur der nötigen Schlauheit. -Hört mich an! Ich stecke euch in Getreidesäcke und -verkaufe euch dem Müller als Korn und Gerste. -Er schafft euch in seine Mühle. In der Nacht -schlüpft ihr aus den Säcken heraus, öffnet mir -die Tür, und alles andere laßt ihr mich besorgen. -Ich habe nicht umsonst in Böhmen mein Meisterstück -gemacht.« - -Auf diesen Plan gingen die drei ein, und am -nächsten Morgen schon standen der Schuster, der -Schneider und der Hutmacher als Säcke auf dem -Getreidemarkt in Hirschberg. - -Es war ein warmer Tag und viel Volk beisammen. -Damit nun die Säcke nicht um die Gestalten -schlotterten, waren sie mit Heu ausgestopft. - -»Ich schwitz mich tot,« sagte der Hutmacher in -seinem Sack. - -»Mensch, halt dein Maul,« knirschte Wolfsklaue, -»oder du verrätst uns. Schwitze im -stillen!« - -Nun kam ein Hund gegangen, schnubberte an -dem Sacke, in dem der Schneider steckte, und -fing ein wütendes Gebell an. Der Schneider erbebte; -er erkannte den Hund an der Stimme; oft -genug hatte er dem Köter früher einen Fußtritt -gegeben. Jetzt mußte er es sich gefallen lassen, -daß der Hund sich wie rasend in den Sack verbiß -und ihn umriß. Alles Volk lachte. - -Eine Stunde später kam der Ratspolizist. Er -hatte im Auftrage der hohen Obrigkeit einzelne -Säcke zu öffnen und zu prüfen, ob sie auch gutes, -gesundes Korn enthielten. - -»Wir sind verloren,« dachte der Schuster, als -der Polizist gerade den Sack öffnete, in dem er -steckte. - -Zum Glück war der Polizist sehr kurzsichtig. -Als er nun die Nase tief in den Sack steckte und -des Schusters strohgelben Schädel sah, sagte er -befriedigt: - -»Ich habe lange kein Korn von so schöner goldener -Farbe gesehen.« - -Und er band den Sack wieder zu. Der reiche -Müller, der in der Nähe stand, hatte das lobende -Urteil gehört, und da die Säcke groß und prall -waren, kaufte er sie um einen guten Preis und -ließ sie auf seinen Wagen laden. - -»Das war Zeit,« seufzte der Schneider; »ich habe -schon das Zittern in den Beinen!« - -»Ich schwitz mich tot!« stöhnte der Hutmacher. - -»Ich schwitze so,« sagte der Schuster, »daß der -Schweiß sicher schon durch den Sack dringt. Es -ist wenigstens gut, daß wir jetzt liegen!« - -Nun kam der Müller, befühlte die Säcke und -sagte: »Oho, sie sind ja feucht! Wenn ich nur -kein dämpfiges Korn gekauft habe. Es scheint -bei der Ernte nicht ordentlich ausgetrocknet zu -sein. Peter, lade das andere Korn auf und laß -uns heimfahren!« - -Der Knecht lud nun noch etwa zehn Säcke auf -und warf sie mit Wucht auf die drei Räuber, -welche angstvoll ihr letztes Stündlein gekommen -glaubten. Sie seufzten, stöhnten, ja schrieen zuweilen, -und es war nur gut, daß der Wagen, der -sich in Bewegung gesetzt hatte, so laut knarrte, -daß von den Angstrufen nichts zu hören war. - -Der Weg von Hirschberg bis zur Mühle betrug -sechs Stunden. Es war eine so schreckliche Fahrt, -daß der Schuster bei sich meinte, fast sei es weniger -arg, ein Paar Stiefel zu machen, als ein solch -heißes und drückendes Abenteuer zu erleben. -Und die beiden anderen hatten ähnlich düstere -Gedanken. - -Endlich ging auch dieser Schmerzensweg zu -Ende. Der Wagen hielt; die Säcke wurden abgeladen. -Steif standen die drei Räuber, ohne sich -zu rühren. So zerschlagen und zerschwitzt sie sich -fühlten, freuten sie sich doch, daß bis jetzt alles -glatt abgelaufen war, und hofften auf gute Beute -und auf die Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters -Wolfsklaue. - -Ach, es kam anders. - -»Hm! Dieses Korn scheint wirklich ganz -dämpfig zu sein,« sagte der Müller; »sieh mal, -Peter, die Säcke sind naß, wie wenn sie aus dem -Wasser gezogen wären. Da bin ich betrogen worden. -Am besten ist es, wir schaffen das Zeug -bald weg. Schütte es augenblicklich in die große -Schrotmühle; wir machen Schweinefutter daraus!« - -Wie der Schneider etwas von der Schrotmühle -und vom Schweinefutter hörte, schrie er laut auf -vor Angst, warf sich um und rollte durch den -Hof. Von den anderen beiden Säcken begann -der eine zu hüpfen, der andere um Hilfe zu -schreien. Der Peter schrie, der Müller schrie, die -anderen Knechte kamen gesprungen und schrieen, -die Bluthunde heulten, und es ward ein großer -Lärm. - -Das Ende vom Liede war, daß die Säcke geöffnet -und die drei Räuber herausgezogen wurden. -Triefend von Schweiß, mit angstverzerrten Gesichtern -und schlotternden Beinen standen sie da, -und als einer der Knechte rief: - -[Illustration] - -»Die haben sich einschleichen wollen; das sind -Räuber!« ging ein toller Lärm an. Der Schuster, -der Schneider und der Hutmacher bekamen so -viel Prügel, wie nie drei Räuber oder sonstige -schlichte Bürger Prügel bekommen haben. Halb -totgeschlagen wurden sie endlich zum Tore hinausgeworfen. -Dort blieben sie anfangs wie betäubt -liegen; dann krochen sie, hinkten sie, schleppten sie -sich in den Wald hinein. - -Dort trafen sie Wolfsklaue. - -Als er hörte, was vorgefallen war, sprach er -ihnen erst sein Bedauern aus, dann hieb er sie -noch einmal durch, indem er sagte: - -»Ein richtiger Räuber darf nicht zucken und -mucken, auch wenn er zu Schweinefutter gemahlen -werden soll.« - - * * * * * - -Wochenlang kühlten sich die Räuber ihre brennenden -Gebeine. Sie lagerten sich ins weiche -Moos und legten sich gegenseitig Salben und -kühlende Kräuter auf. Wolfsklaue erschien nur -alle drei Tage bei ihnen, brachte ihnen einige -Stücke harten Brotes, das sie sich im Wasser des -Baches aufweichen mußten, und tat sich selbst bei -Braten und Wein lecker. Manchmal erzählte er -von seinen Taten; Schlösser hatte er ausgeraubt, -reisende Kaufleute überfallen und andere einträgliche -Geschäfte gemacht. So strotzten seine -Finger von funkelnden Ringen; er hatte in jeder -der sechs Taschen seiner rotseidenen Weste eine -Uhr stecken und eine Kette daran und trug in jeder -Hand zwei Spazierstöcke mit silbernen Knäufen. -Jedesmal kam er auf einem anderen Roß angeritten, -die immer aus Arabien stammten; die gestickten -Decken waren aus Persien, das Lederzeug -aus England, die Beschläge aus Italien. -Aus Deutschland war nichts, das wäre zu gewöhnlich -gewesen. - -Während nun die drei armen Kerle ihre Brotrinden -aßen und sich von Zeit zu Zeit den abheilenden -und darum juckenden Buckel krauten, -hielt Wolfsklaue schwelgerische Mahlzeiten, funkelte -mit seinen Ringen, zog seine Uhren auf und -putzte seine goldenen Ketten mit einem Lederlappen. - -Die drei armen Hascher sahen mit gierigen -Augen zu. Und eines Tages, als Wolfsklaue -wieder ganz aufdringlich geprahlt und die drei -sehr schlecht behandelt hatte, sagte der Hutmacher, -als sie wieder allein waren: - -»Brüder, das halte aus, wer da wolle! Es ist -schlimmer als ein Hundeleben! Was hat uns -Wolfsklaue dagelassen? Nichts! Nicht einmal -die Knochen von seinem Wildbret. Die hat er -seiner dänischen Dogge gegeben. Es macht mir -keinen Spaß mehr, ein so armer Teufel zu sein; -ich will lieber so reich sein wie Wolfsklaue und -werde das in drei Tagen erreichen.« - -Der Schneider fragte den Hutmacher freundlich, -ob er etwa Kopfschmerzen habe und am Gehirn -leide; aber der Hutmacher verneinte das und sagte, -er sei kein bißchen verrückt, sondern er habe im -Gegenteil einen großartigen Plan. - -Erst nach Mitternacht, als der Mond schon -untergegangen war, und das kleine Holzfeuer, um -das die drei saßen, erlosch, gab der Hutmacher -seinen Plan kund. - -»Überfallen müssen wir ihn!« - -»Wen?« - -Der Hutmacher zog das linke Ohr des Schneiders -und das rechte des Schusters dicht an seinen Mund -und flüsterte: - -»Ihn -- Wolfsklaue!« - -Da rissen die beiden ihre Ohren los und sprangen -in die Höhe. Sie schüttelten sich vor Entsetzen. - -Aber als die Sonne aufging, hatte des Hutmachers -große Redekunst über alle Besorgnisse -gesiegt, und es war ausgemacht, das nächste -Mal Wolfsklaue zu überfallen, sobald er seine -Waffen abgelegt hatte und seine Dogge in den -Büschen verschwand, um nach Wildfährten zu -spüren. -- - -Der dritte Tag erschien; aber Wolfsklaue erschien -nicht. Da bekamen die drei Angst, er möge -am Ende von ihrem Anschlag Wind bekommen -haben. - -»Man kann bei ihm nie wissen, was er im -Schilde führt!« sagte der Schneider besorgt. Die -beiden anderen schwiegen und sahen bedrückt vor -sich hin. Es war ganz still im Walde. Kein Laut -rührte sich. Nur die Magen knurrten von Zeit -zu Zeit im Dreiklang, oder ein Schluchzer oder -Seufzer kam aus einem bärtigen, verwilderten -Räubermunde. - -Am vierten Tage erschien Wolfsklaue. Er trug -eine flimmernde Königskrone auf dem Kopf, ein -ganzes Bündel von Spazierstöcken mit goldenen, -silbernen und demantenen Knäufen unter dem -linken Arm, unter dem rechten hatte er ein -Szepter gequetscht, und in der Hand hielt er eine -goldene Kugel. Von seinen Schultern fiel ein -Purpurmantel, der mit Edelsteinen übersäet und -so lang war, daß er den halben Waldweg entlang -schleifte. Um den Hals trug er so viel -goldene Ketten, daß sich unter der Last sein Nacken -krümmte; seine Brust und sein Bauch waren wie -ein Spiegel, weil dort gar so viele Orden blitzten, -sein rechtes Hosenbein war aus himbeerrotem -Sammet, sein linkes aus bernsteingelber Seide, -an dem rechten Fuß hatte er einen Stiefel von -Elenleder, an dem linken einen perlengestickten -Pantoffel. - -Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher -sprangen ob des wunderbaren Anblicks in die -Höhe und fielen dann platt auf die Nasen. - -»Guten Tag, meine Herren,« sagte Wolfsklaue -freundlich und lüftete die Krone; »ich freue mich, -euch so wohl zu sehen. Ihr habt euch jedenfalls -hier gut unterhalten. Ich habe inzwischen ein -kleines Geschäft erledigt. Ich hatte eine Zusammenkunft -mit dem Könige von Polen. Ihr -seht, daß ich mir einige kleine Andenken mitgebracht -habe. Es war wirklich sehr nett!« - -Er winkte dem Hutmacher, ihm vom Pferde zu -helfen, gürtete sich sein Schwert ab, das er dem -Schneider übergab, nahm seine Pistole aus dem -Gürtel und gab sie dem Schuster, raffte schließlich -seinen Purpurmantel zusammen und legte sich -auf die Erde. - -»Aber anstrengend ist es, meine Herren, sehr -anstrengend! Ihr glaubt gar nicht, wie müde ich -bin! Siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig -Soldaten habe ich erst entfernen müssen, ehe ich -mit Se. Majestät unter vier Augen reden konnte. -Gebt mir doch mal die Flasche aus der Satteltasche. -Es ist alter Malvasier drin. Und füllt eure hohlen -Hände dort am Brünnlein, und dann wollen wir -mal auf meine Gesundheit trinken.« - -Es geschah alles, wie Wolfsklaue es wünschte. -Die drei armen Hascher füllten ihre Hände an -der Quelle, und dann mußten sie mit der Hand -an Wolfsklaues goldenem Becher anstoßen und -»Zur Gesundheit!« sagen. - -»Ah, das schmeckt? Nicht wahr?« fragte Wolfsklaue, -als sie getrunken hatten. »Ein bißchen -schwer ist der Trank; aber wie Feuer geht er -durch die Adern. Nun, lassen wir es uns wohl -sein! Einen Sieg, wie den meinen, muß man -feiern. Ich denke, wir trinken noch ein Schöpplein!« - -Wieder mußten die drei armen Hascher ihre -hohlen Hände an der Quelle füllen und mit -Wolfsklaue anstoßen. - -»Wohl bekomm es!« sagte Wolfsklaue; »es geht -nichts über einen guten Trunk. Man wird so -fröhlich dabei.« - -Der Hutmacher hustete sehr laut und sagte, er -habe sich verschluckt. - -»Immer hübsch langsam trinken,« mahnte -Wolfsklaue; »immer alles mit Maßen! Ich -möchte wohl noch einen dritten Becher; aber ich -sehe, ihr habt schon genug, und ich bin auch müde. -Ich will ein wenig schlafen. Ihr drei möget -Wache stehen und mich wecken, wenn der Morgen -graut. So hat jeder sein Vergnügen. Gute -Nacht!« - -Er schlief ein. Die Krone rutschte ihm tief in -die Stirn herab, er legte das himbeersamtne -Hosenbein über das bernsteingelbe, faltete die -Hände auf seinem dicken, ordengeschmückten Bauche -und schnarchte bald laut und tief. - -Die drei anderen Räuber schauten sich an. -Der Schneider wischte sich den Mund ab; der -Schuster klagte, das kalte Wasser sei ihm in seine -hohlen Zähne gekommen; der Hutmacher sah -finster vor sich hin. Auch das Roß hatte sich gelegt, -sich mit den Zähnen die schwere persische Seidendecke -zurechtgezupft, so daß es nicht frieren konnte -und schlief auch ein. Die große dänische Dogge -verschwand im Walde, um zu wildern. - -Die Nacht brach herein; der Mond verbarg sich -hinter den Wolken. Da runzelte der Hutmacher -die Stirn, blitzte die beiden anderen mit den -Augen an und sagte leise: - -»Jetzt, jetzt ist's Zeit!« - -Bei diesen Worten krümmte sich der Schneider -zusammen, sagte, es käme ihm in den Leib, und -verschwand im Gebüsch. Der Schuster hielt den -linken Fuß vorgesetzt, um zur Flucht bereit zu -sein, der Hutmacher aber warf sich heulend auf -Wolfsklaue, packte ihn am Halse und schrie: - -»Gib alles her! Gib alles her!« - -»Was -- was ist -- was ist los --« - -Wolfsklaue rieb sich die Augen. Er sah den -Hutmacher über sich knien und schrie plötzlich -ganz jämmerlich: - -»O weh! O weh! Ich bin überfallen! Ich habe -keine Waffen! Ich bin verloren! Wehe mir! -Wehe mir!« - -Pardauz, lag auch der Schuster über ihm her -und rief dem Hutmacher zu: - -»Mach Platz! Mach Platz! Ich will ihn auch -würgen!« - -Und nun traute sich auch der Schneider aus dem -Gebüsch, kam vorsichtig näher und hielt den Pantoffel -in der Hand, den Wolfsklaue, weil er mit -den Beinen um sich schlug, verloren hatte. - -So wurde Wolfsklaue besiegt. Stück um Stück -nahmen ihm die drei Räuber ab, zogen ihn aus -bis aufs Hemd. Dann zwangen sie ihn, an der -Quelle seine hohle Hand zu füllen, mit ihnen anzustoßen, -die nun der Reihe nach den Becher -leerten, sich hinzulegen und von jedem zehn -Stockhiebe aufzählen zu lassen. Am Schluß gaben -sie ihm aus Gnade den schäbigen, geflickten Mantel -des Schneiders um; er mußte gegen alle vier -Himmelsrichtungen hin eine Verneigung machen -und zu der Räuber Gaudium laut schreien: »Ich -bin ein großer Esel«, und dann wurde er in die -finstere Nacht hinausgejagt. - - * * * * * - -»Nun wollen wir die Beute teilen,« sagte -der Hutmacher. »Ich für meinen Teil begehre -nur die Hälfte all dieser Sachen; die andere Hälfte -ist für euch beide.« - -»Was?« höhnte der Schuster; »wenn drei -teilen, wird wohl ein jeder ein Drittel bekommen.« - -Der Hutmacher schüttelte den Kopf. - -»Seit Wolfsklaue besiegt ist,« sagte er würdig, -»bin ich euer Hauptmann.« - -Die beiden anderen brachen in ein schallendes -Gelächter aus. - -»Lacht nicht!« begehrte der Hutmacher auf. -»Wer hat den Gedanken gehabt, Wolfsklaue zu -überfallen? Ich! Wer hat ihn tatsächlich überfallen? -Ich!« - -»Ich auch!« rief der Schuster, »und außerdem -hatte er mir sein Schwert übergeben; ich hatte -euch alle in meiner Gewalt.« - -»Ja, wenn ich nicht die Pistole gehabt hätte,« -meinte der Schneider; »eine Pistole ist flinker -als ein Schwert.« - -»Wenn du schießen könntest, du Tolpatsch!« -höhnte der Schuster. - -»Kannst du etwa fechten, du Dämlack?« zischte -der Schneider. - -Da fuhren sie sich in die Haare und prügelten -sich. Der Hutmacher setzte sich indessen die Königskrone -auf und zählte die Dukaten, die sie Wolfsklaue -abgenommen hatten. Als das die beiden -Kampfhähne sahen, ließen sie ab von einander -und fragten: »Was tust du da?« - -»Ich zähle mir die Hälfte der Beute ab,« sagte -der Hutmacher in Gemütsruhe, »Daran werdet -ihr zwei Dummköpfe nichts ändern.« - -Da sahen sich der Schuster und der Schneider -mit einem bedeutungsvollen Blicke an, und -plötzlich stürzten sie sich auf den Hutmacher und -überwältigten ihn. Sie drohten, ihn zu töten, -wenn er ihnen nicht gänzlich gehorsam sei. Darauf -prügelten sie ihn durch, zwangen ihn, seine hohle -Hand an der Quelle zu füllen und mit ihnen am -goldenen Becher anzustoßen, und jagten ihn dann -in die Nacht hinaus. -- -- - -»Jetzt wollen wir zwei die Beute teilen,« -meinte darauf der Schneider, »und es soll jeder -seine Hälfte bekommen.« - -»Jawohl,« sagte der Schuster; »aber da ich -zuerst den Gedanken hatte, den Hutmacher zu -überfallen, gebührt mir die größere Hälfte. Ich -werde sie mir auswählen, und was übrig bleibt, -sollst du erhalten.« - -Damit bückte er sich zu den Schätzen nieder. -Der Schneider aber griff blitzschnell nach der -Pistole und dem Degen und rief: - -»Laß alles liegen oder du bist ein Kind des -Todes!« - -Da erschrak der Schuster, und da der Schneider -alles Ernstes drohte, ihn zu erschießen, entfloh er -schreiend in den Wald. - -So kam es, daß der Schneider, der größte Feigling -unter allen, zuletzt ganz allein in dem Besitz -der geraubten Reichtümer des Polenkönigs war. - - * * * * * - -Der Hutmacher und der Schuster waren sich im -Walde begegnet und saßen sich grollend gegenüber. -Plötzlich sahen sie Wolfsklaue daherkommen. -Er ritt auf einem starken Ziegenbock -und hatte einen Stecken in der Hand. Zuerst -schien es, als ob er entfliehen wolle, aber dann -kam er näher, grüßte demütig und sagte: - -»Ich hoffe, edle Herren, daß ihr mir nichts -mehr anhaben werdet. Denn sehet, ich bin ein -geschlagener Mann. All mein Hab und Gut habe -ich verloren; ich sitze jetzt auf einem Ziegenbock -und habe einen Stecken als Waffe; ich muß also, -da ich in meinem Räubergewerbe pleite geworden -bin, ganz klein wieder von vorn anfangen.« - -Da erzählten ihm die beiden, der Schneider sei -eine Bestie, er habe sie beraubt und betrogen, -und sie seien nun ebenso arm wie er. - -»Man hätte es dem Schneider nicht angesehen, -daß er ein so großer Held ist,« meinte Wolfsklaue -nachdenklich. »Da er nun alles Geld und alle -Waffen hat, ist es am besten, wir gehen hin und -wählen ihn zu unserem Hauptmann.« - -»Ich will lieber deinen Ziegenbock zu meinem -Hauptmann wählen als den Schneider,« knirschte -der Hutmacher. - -»Nun, einen Hauptmann müssen wir haben,« -lächelte Wolfsklaue, »und mein Ziegenbock wird -die Wahl nicht annehmen. Er ist ein sehr gescheites -Tier. Wählen wir also den Schuster!« - -»Den Schuster?« schrie der Hutmacher. »Noch -eher wählte ich den Schneider als den Schuster.« - -Da saß ihm der Schuster auch schon an der -Gurgel, und sie prügelten sich. Wolfsklaue aber -setzte sich an den Wegrand, streichelte seinen Ziegenbock -und sang mit fröhlicher Stimme: - -»Im holden Waldesfrieden -Da wird der Wandrer froh, -Nichts Schönres gibt's hienieden, -Trara, trara, hallo!« - -Während er noch so fröhlich sang und die beiden -anderen rauften, trat etwas Seltsames in Erscheinung. -Das Araberroß kam daher; ganz langsam -hob es die Beine wie in zierlichem Tanz und -wandte den Kopf schelmisch bald hin, bald her. -In den Zähnen aber trug es ein zappelndes -Bündel von Purpur, himbeerfarbenem Samt und -bernsteingelber Seide, auch fiel bei jedem Schritt -ein kostbarer Orden klirrend auf den Waldboden. -Neben dem Roß trabte die dänische Dogge, die -trug das Schwert im Maule. - -Als Roß und Hund bei Wolfsklaue ankamen, -legten sie ihre Bürde vor ihm nieder. Da wickelte -sich aus dem zappelnden Bündel erst eine Königskrone -heraus, aus der unten nur die Stumpfnase -und der Ziegenbart des Schneiders hervorschauten; -dann kam der ganze Schneider zum Vorschein, -und eine meckernde Stimme rief um Gnade. - -»Nun also!« rief Wolfsklaue und nahm das -Schwert an sich, »so sind wir ja alle wieder beieinander. - -O, tut das Scheiden noch so weh, -Ich weiß, daß ich dich wiederseh.« - -Er blitzte mit den Augen. - -Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher -warfen sich nun vor Wolfsklaue nieder und baten -und wimmerten um Verzeihung. - -Wolfsklaue sagte gar nichts. Er band den Schuster -an den Halftergurt und den Schneider an -den Schweif seines Rosses, legte den königlichen -Schmuck wieder an, schwang sich auf das Roß und -befahl dem Hutmacher, sich auf den Ziegenbock zu -setzen, denn er verdiene eine Auszeichnung. - -Dann ritt Wolfsklaue zwei Tage und zwei -Nächte lang ohne zu rasten über das ganze Riesengebirge -weg und kam mit seinen Gefährten in -das Land Böhmen. - - * * * * * - -Diese Reise war für die drei, die nicht auf dem -Pferde saßen, äußerst beschwerlich. Der Schuster -mußte so rasch traben, daß ihm oft der Atem ausging, -der Hutmacher saß auf dem Ziegenbock wie -auf einem schlingernden Schiff, das in schwerem -Sturm hin- und herstößt, bald hoch, bald niedrig -geht und seinem Passagier sehr übel am Magen -mitspielt, und der arme Schneider am Pferdeschwanze -verlebte erst recht keine gute Zeit. Das -Roß nahm in keinerlei Weise Rücksicht auf ihn. -Das Schlimmste aber geschah, wenn sich dem -Hengst eine Fliege in die Flanke setzte. Dann -hob er den mächtigen Schweif und hieb ihn samt -dem Schneider nach der Fliege, daß dem armen -Kerl, der so durch die Luft sauste, Hören und -Sehen verging. - -[Illustration] - -Wolfsklaue aber pries die Annehmlichkeiten der -Reise und die Schönheit des Gebirges und sang -fröhliche Wald- und Wanderlieder. - -Als sie nun nach Böhmen kamen, wurde endlich -Rast gehalten. Die drei armen Hascher fielen -wie tot auf das grüne Moos und schliefen drei -Tage und drei Nächte lang. Dann weckte sie -Wolfsklaue und sagte, plötzlich wieder sehr -freundlich: - -»Liebe Kameraden, es tut mir leid, euch in -eurem kurzen Schlummer stören zu müssen; aber -wir müssen nun endlich ausführen, was wir uns -vorgenommen haben; wir müssen auf Taten ausgehen.« - -»Herr,« meinte der Hutmacher, »ich bitte euch, -gebt mir Urlaub. Ich will mein Räuberleben -beenden. Ich kann ein wenig singen und Gitarre -spielen; da will ich sehen, wie ich mich hierzulande -durchschlagen kann.« - -»Wäre noch schöner,« rief Wolfsklaue, »in -Böhmen betteln und singen zu gehen, ist das -Dümmste von der Welt; denn die Hälfte aller -Böhmaken sind selbst Bettler oder Musikanten.« - -»Ich,« sagte der Schneider, »möchte mich als -Bauernknecht vermieten.« - -»Und ich,« sagte der Schuster, »will wieder -Stiefel machen.« - -»Mensch, willst du wieder ein Verbrecher werden?« -fuhr ihn Wolfsklaue an. »Willst du, daß -die Menschheit erlahmt und lauter Hinker durchs -Leben schreiten? Nein, nein, es wäre jammerschade -um drei so verwegene Gesellen wie ihr seid. -Ihr, die ihr sogar Wolfsklaue besiegt habt!« - -Da schlugen die drei die Augen nieder. Wolfsklaue -aber machte ihnen mit gedämpfter Stimme -Mitteilung von einem großen Plan, durch dessen -Ausführung sie alle zu unerhörtem Reichtum gelangen -würden, und der außerdem sehr lustig und -unterhaltsam sei. - -Weiter drin in Böhmen sei ein herrliches Schloß, -das berge so große Reichtümer, daß sich der Kaiser -aus Wien daselbst fast alles Geld borge, dessen -er bedürfe. Und das wolle etwas heißen! Sich -zum Herrn dieses Schlosses zu machen, sei nun -Wolfsklaues Ziel. Er vermöge das aber nicht -allein, sondern bedürfe dazu der Hilfe seiner drei -guten, lieben Freunde. - -Die drei »guten lieben Freunde« schlugen wieder -schamhaft die Augen nieder; aber Wolfsklaue -klopfte sie vertraulich auf die Schultern und sagte -in herzlichem Tone: - -»Brüder, denkt nicht mehr an die alten Tage. -Es waren Zeiten der Trübsal und der Prüfung. -Sie sind nun vorüber, und eine bessere Zeit bricht -für uns alle an. Kommt ein bißchen tiefer mit -mir in den Wald hinein und seht, was ich mich -herbeizuschaffen bemüht habe, indes ihr euch nach -der langen beschwerlichen Reise ausruhtet.« - -Da gingen sie mit ihm tiefer in den Wald und -kamen in eine Räuberhöhle, von der man nichts -anderes sagen kann, als daß sie höchst luxuriös -war. Während der Fußboden mit echten und -unechten Bärenfellen belegt war, hingen an den -Wänden gerahmte und ungerahmte Bilder, die -alle große Räuber- und Heldentaten darstellten -und prachtvolle rote und grüne Farben hatten. -Flinten, Schwerter und Spieße hingen an den -Wänden, die ganz mit Edelsteinen besetzt waren, -die kleineren stammten aus dem siebenjährigen, -die größeren und wertvolleren aber aus dem -dreißigjährigen Kriege. Der Raum wurde taghell -beleuchtet von sieben Spitzbubenlaternen, die rubinrote -Scheiben hatten, und in der Mitte der Höhle -stand eine Tafel, da perlte in kristallenen Flaschen -der köstlichste Branntwein, und auf goldenen -und silbernen Tellern lagen Pökelfleisch und -Sauerkraut. - -Den drei Räubern liefen vor Rührung Tränen -im Auge und das Wasser im Munde zusammen. - -»Ach,« seufzte der Schuster, »ach, wenn wir -bloß nicht wieder aus einer Wasserquelle trinken -müssen!« - -Diesmal aber kam's anders. Die Räuber aßen -so reichlich und tranken so viel, daß sie nach der -Mahlzeit auf den Bärenfellen einen Schlaf taten, -der fünf Tage und fünf Nächte lang war, worauf -sie sich lächelnd und gestärkt von ihrem Lager -erhoben. - -»Nun,« sagte Wolfsklaue, »wollen wir unsere -große Tat vorbereiten. Das Schloß ist so wohl -bewacht, daß es nur durch äußerste Klugheit und -Tapferkeit gelingen wird, uns zu seinem Herrn -zu machen. Mein Plan ist der, daß ich euch drei -zunächst als meine geheimen Boten nach dem -Schlosse absende.« - -Alle drei Räuber machten abwehrende Handbewegungen -und schüttelten heftig die Köpfe. -Wolfsklaue lächelte. - -»Ich schicke euch natürlich nicht so, wie ihr hier -vor mir steht, sondern in einer geschickten Verkleidung, -so daß euch sicher niemand erkennen -wird, zumal ich euch eure Rollen gut einstudieren -werde. Du, Hutmacher, hast eine schöne Stimme -und spielst die Gitarre. Ich werde dir ein schönes -Gewand besorgen, und du wirst als Minnesänger -nach dem Schlosse ziehen. Dir, Schuster, schaut -Tapferkeit und ritterlicher Mut aus den Augen; -ich werde dich in der Kunst des Kämpfens unterweisen -und dich ausstatten wie einen Ritter aus -dem Morgenlande. Du, Schneider, bist ein pfiffiger -und gewandter Geist, du wirst als handelnder -Jude in das Schloß eindringen.« - -Da versanken die drei in tiefes Nachdenken, -bis schließlich einer fragte: - -»Und du -- was wirst _du_ tun?« - -»Ich komme nach euch, wenn ihr den Weg für -mich geebnet habt. Alsdann erscheine ich als -Prinz von Czernagora. Der Minnesänger muß -den Rittern und Edelfrauen sehr viel von den -Tugenden und der Schönheit dieses Prinzen vorsingen; -der Ritter muß sich nach großen Heldentaten -als den geringsten unter den Mannen jenes -Prinzen bezeichnen; der Jude muß erzählen, daß -der Prinz reich genug ist, ihm alljährlich für viele -Millionen Edelsteine abzukaufen, und wenn dann -der Prinz einzieht, das heißt, wenn ich komme, -werden alle Herzen schon so in Achtung und Liebe -für mich entbrannt sein, daß es mir ein leichtes -sein wird, mich eines Tages als den Herrn und -Gebieter der Burg ausrufen zu lassen.« - -»Und was wird dann aus uns?« fragte der -Hutmacher. - -»Euch drei erhebe ich dann in den Adelstand -und statte euch aus mit großen Gütern.« - -Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang -mußte Wolfsklaue noch reden, ehe er den dreien -ihre vielerlei Bedenken aus dem Kopf geschlagen -hatte und sie sich bereit erklärten, die ihnen zugedachten -Rollen zu übernehmen. - -Dann begann der Unterricht. - -Der Schuster lernte reiten und kämpfen; der -Hutmacher saß den ganzen Tag im Walde, klimperte -auf einer Gitarre und sang zärtliche oder -lobpreisende Lieder dazu; der Schneider ging mit -einem Hausiererkasten von einem Baum zum -anderen und bot ihnen mit artigen Bücklingen und -überzeugenden Handbewegungen seine Waren an. -Wolfsklaue war der Lehrmeister, gab alles an, -überwachte alles, lobte oder tadelte und sorgte -für alles, was die drei brauchten. - - * * * * * - -Eines Tages sagte Wolfsklaue zu dem Schuster: - -»Jetzt reite aus. Glaube mir, daß dir kein -Ritter im Morgen- und Abendland gleicht. Du -bist ganz einzig in deiner Art. Reite dahin und -verkündige den Ruhm des kommenden Prinzen -von Czernagora.« - -Der Schuster trug eine blitzende Rüstung, hatte -eine Lanze in der Hand, die neun Ellen lang war, -und saß auf einem prachtvollen Roß. Sein strohgelber -Schädel war von einer schwarzen Perücke -wohltuend überdeckt, und selbst sein Auge hatte -etwas Kühnes bekommen. - -So ritt er dahin. Wolfsklaue in der bescheidenen -Tracht eines Dieners zeigte ihm den Weg. Er -gab ihm noch einmal viel gute Lehren, sagte ihm, -er solle mit tapferen Rittern sich im Turnierkampf -messen und, wenn er gesiegt habe, ja nicht -vergessen, zu sagen, daß er nur der bescheidenste -aller Mannen des czernagorischen Prinzen sei. - -Der Schuster sagte zu allem »Ja!« Im Innern -aber dachte er: - -»Daß ich ein Esel wäre, wenn ich gesiegt habe, -mich als einen geringen Mann zu bezeichnen. -Dann werde ich mich schon in anderem Lichte -zeigen, und wer weiß, ob sie nicht mich selbst zum -Herrn der Burg ausrufen.« - -So kamen sie auf eine waldige Berghalde und -sahen in der Ferne die leuchtenden Zinnen der -Burg. Sie lag im hellen Sonnenlicht; dreizehn -Türme und viele Erker schmückten sie gar herrlich; -eine starke Mauer umgürtete ihre vielen Gebäude -und Höfe, und vier Wallgräben zogen sich um sie -her, davon war der erste mit Wasser, der zweite -mit Tinte, der dritte mit Schwefelsäure, der -vierte mit glühendem Blei gefüllt, so daß es -für alle Feinde sehr mühsam war, die vier Gräben -zu durchschwimmen. - -[Illustration] - -Als der Schuster die Burg sah, wurde ihm übel. -Aber Wolfsklaue gab ihm aus einem Fläschchen -zu trinken, das einen ungeheuren Mut in die -Adern des Schusters ergoß, und so zog er wohlgemut -dahin, nachdem Wolfsklaue ihm glückliche -Reise gewünscht hatte und umgekehrt war. - -Von den dreizehn Türmen des Schlosses -klangen die Hornsignale der Wächter, daß ein -Fremder daherziehe. Der Schuster dachte: die -blasen so niederträchtig laut, daß mir noch mein -Roß scheu werden wird. Da sah er auch schon, -wie sich auf den Söllern und Mauern der Burg -hunderte von edlen Rittern, wunderschönen Edeldamen -und allerhand Kriegsvolk ansammelte, um -nach dem nahenden Fremdling auszuschauen. Der -Schuster hob seine neun Ellen lange Lanze zum -Gruß, und der Federbusch auf seinem Helm -spielte im Winde. Er kam sich ganz herrlich vor, -und alle Angst war verschwunden. - -Da begegnete ihm auf einem Kreuzweg ein -Reiter. - -»Hallo,« dachte der Schuster, »das ist der rechte -Mann, einen Waffengang mit ihm zu wagen und -vor allem Volk auf der Burg meine Tapferkeit -und Geschicklichkeit zu erweisen.« Er nahm also -seinen Helm ab, machte eine Verneigung und -sagte: »Entschuldigt, edler Herr, beliebt es vielleicht, -Euch im ritterlichen Kampfe mit mir zu messen?« - -Ein Gelächter erscholl von der Burg, und der -Reiter lachte auch. Da faßte den Schuster ein -wilder Zorn, er trieb sein Roß an, stürmte gegen -den Reiter, hob die Lanze und bohrte sie tief -- -in die Luft neben dem Reiter. Er selbst verlor -ob des Anpralls das Gleichgewicht und purzelte -in den Straßengraben. - -Nun rasselte die Zugbrücke der Burg; Ritter -und Damen eilten herbei, und die Ritter lachten -so tief und schauerlich, daß es klang, wie wenn alte -Wagen mit eisernen Rädern über spitze Steine -fahren, oder wie wenn man mit klobigen Hämmern -auf leere Fässer schlägt, und die Damen -girrten und zwitscherten wie silberne Tauben in -der Luft oder wie blaue Schwalben am Dachsims. - -Das verdroß den Schuster; er arbeitete sich -aus dem Graben heraus, verlor dabei seinen Helm -und seine schwarze Perücke, stand mit seinem -strohgelben Schädel da, machte ein dummes Gesicht -und schrie: - -»Ich bin der beste Ritter des Prinzen von -Czernagora.« - -O, wie rollten die Wagen, wie dröhnten die -Fässer, wie girrten die Tauben, wie zwitscherten -die Schwalben! - -»Mit einem Knecht, mit einem waffenlosen, -ganz gewöhnlichen Roßknecht hat er angebunden, -und ist von ihm besiegt worden! Welch ein Spott, -welch ein Spott!« - -So lachte und höhnte es von allen Seiten. - -Nun trat ein hoher Herr in königlichem Schmuck -aus der Menge. Es war der Burgherr. Der -sprach: - -»Der Prinz von Czernagora ist mein Todfeind. -Wenn dieser Mann zu seinen Rittern gehört und -er sich von meinem Knechte hat werfen lassen, so -nehmt ihn und bringt ihn ins Verließ. Wir -werden Gericht über ihn halten.« - -Schwapp -- lag der Schuster auf den Knien. -Er warf seine Lanze von sich, hob bittend beide -Hände auf und flehte: - -»Seid gnädig, Herr, und glaubt ja nicht, daß -ich ein tapferer Ritter sei. Nein, ich bin nur ein -Schuster, ein Schuster aus Hirschberg, und wenn -Ihr das nicht glauben wollt, so will ich Euch -augenblicklich ein Paar Stiefel fertigen.« - -»Das verhüte Gott,« sagte der Burgherr mit -Ernst. »Nehmt ihn und führt ihn ins Verließ!« - -So geschah es. Und als der Tag vergangen war -und der Mond über die Waldberge wanderte, -schien er auch durch eine winzige Mauerlucke in -das bleiche Gesicht des Schusters, der in seinem -feuchten Verließe saß und um den die Ratten und -Mäuse tanzten, wie es nun einmal in den Burgverließen -traurigerweise Mode ist. - - * * * * * - -Drei Tage darauf sagte Wolfsklaue zu dem -Hutmacher: - -»Nun singst du über alle Maßen schön und lieblich. -Du kannst den Text, die Melodie und die Begleitung; -also bist du über alle Nachtigallen des -Waldes, die nur die Melodie können. Reite aus, -edler Sänger, und verkünde auf der Burg die -Schönheit und die Macht des Prinzen von Czernagora.« - -Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich -auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue -besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer -ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue -und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne -brannte ihm dabei auf den Rücken, und -nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden -meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist -wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er -auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei -Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der -Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er -seine Gitarre und sang ein neues Lied: - -»Ich bin ein Minnesänger -Und komm aus Morgenland, -Die schönsten Saitenklänger -Rühr ich mit meiner Hand.« - -Trara! Trara! fingen die Wächter auf den -dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend, -daß die nächsten dreizehn Strophen des -Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen -Schimmel gehört werden konnten. So brach der -Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte -sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden -Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle. - -Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten -seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an -die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie -waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel -um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue -Schleier darüber. In den Händen hielten -sie Rosen und bunte Blumen. - -Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte -dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden -Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf -und begannen mit glockenhellen Stimmen zu -singen: - -»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen, -Du Ritter im Sängerkleid, -Viel Frauenaugen sie kosen -Die Stirne dir, von Musen geweiht. -Da schläft wie in heiligen Schächten -Der edlen Gedanken Gold, -Da blüh'n wie in Wundernächten -Die Märchenblumen so hold, -Da ist das tiefe Verstehen, -Das tiefste Erbarmen zu Haus, -Da wohnt das geistige Sehen -In Weiten und Zeiten hinaus, -Da hat seine heimlichen Bronnen -Der Schönheit gewaltiger Strom, -Da hat sich der Herrgott ersonnen -Der Menschheit heiligen Dom.« - -O, war das noch ein Klang? War das noch eine -Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln, -das vom blauen Himmel heruntertaute? Die -Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie -Engel im reinen Licht, als sie das sangen. - -Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die -Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und -weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt -näher kamen, rief er: - -»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut -meine Stirn nicht an!« - -»Ei warum denn nicht, du fremder Sänger?« - -»Ich bin kein Sänger -- ich habe euch betrügen -wollen -- ich bin nur ein Hutmacher und ein -Räuber!« - -Erschreckt standen die Jungfrauen zur Seite. -Da kam der Burgherr und fragte strenge: - -»Wer hat dich gesandt?« - -»Der Prinz von Czernagora!« gestand der -wimmernde Mann. - -»Führt ihn in das Verließ!« befahl der Burgherr. -Das geschah, und es nutzte gar nichts, daß -sich die Mädchen bemühten, für den armen Tropf -Fürsprache einzulegen. - - * * * * * - -Der Schneider übte sich gerade in der Hausiererkunst, -indem er einem alten Tannenbaum durchaus -ein Paar Hosenträger aufschwatzen wollte, als -Wolfsklaue an ihn herantrat und sprach: - -»Nun ist's Zeit, lieber Freund, daß du dir andere -Kundschaft aussuchst. Ziehe hin nach dem -Schloß, mache dich angenehm durch dein Benehmen -und deine Waren, und erzähle vom Reichtum -des Prinzen von Czernagora.« - -»Sie werden mer derkennen,« sagte der Schneider -in seinem jüdischen Dialekt. - -»Nein, se werden der nich erkennen,« beschwichtigte -ihn Wolfsklaue. »Ich sage dir, Schneider, -du bist ein Itzig, wie er sein soll.« - -In der Tat sah der Schneider aus wie ein -jüdischer Händler. Wochenlang hatte er sein Gesicht -den Sonnenstrahlen aussetzen müssen und -sich nicht mehr waschen dürfen, so daß er eine -schöne dunkle Hautfarbe hatte; Wolfsklaue hatte -ihm eine Perücke mit langen schwarzen Locken -verschafft, ihn auch sonst ganz richtig ausstaffiert, -ihm sogar den leutselig verschmitzten Blick solcher -Händler einstudiert. - -[Illustration] - -Nun übergab ihm Wolfsklaue zwei Kästen. In -dem oberen waren allerhand billige, aber bunte -und schön anzuschauende Gebrauchsgegenstände -für das Dienstvolk; in dem unteren lagen prachtvolle -Goldgeschmeide und herrliche Edelsteine in -allen Farben und Größen für Ritter und Edelfrauen. - -Der Schneider nahm Abschied und machte sich -auf den Weg. Als er allein im Walde war, öffnete -er den unteren Kasten, betrachtete die Kostbarkeiten -und dachte bei sich: - -»Was nutzt es mir, wenn ich diese schönen -Dinge auf der Burg verkaufe? Der Prinz von -Czernagora wird kommen und mir den Erlös abnehmen. -Höchstens werde ich einen kleinen Profit -behalten. Besser ist es, ich wandere nach Prag, -verkaufe dort meine Waren und freue mich dessen, -was ich dafür erhalte.« - -Also machte sich der Schneider nicht auf den -Weg nach der Burg, sondern marschierte auf der -Landstraße gen Prag. Als er aber einen halben -Tag gewandert war, kam ihm plötzlich Wolfsklaue -entgegen. Der Schneider erschrak des Todes. -Wolfsklaue aber lächelte und sagte: - -»Schneider, du verläufst dich! Hier geht es -nach Prag. Die Burg liegt dir genau im Rücken. -Sei also so freundlich und kehre um. Ich werde -dich begleiten, bis du durch die Burgpforte hineingegangen -bist, damit du dich nicht noch einmal -verirrst.« - -Der Schneider knirschte innerlich vor Wut über -diese Begegnung; äußerlich aber mußte er tun, -als freue er sich sehr, daß er vom unrechten Weg -abgebracht worden war, und mußte sich Wolfsklauens -Begleitung gefallen lassen, der mit ihm -ging, bis die Burg in Sicht war, und sich dann -unter einem Baum auf die Lauer setzte. - -So wanderte der Schneider den Talweg entlang -der Burg zu. Auf einer Wiese sah er ein Mädchen -stehen. Es war eine Gänsehirtin. An die ging -er heran, lüftete seine Kappe und sagte: - -»Scheens Freilein, woll'n Se vielleicht kaufen -ä Paar hochfaine Strumpfbänder?« - -Das Mädchen lachte mit seinem kirschroten -Mund, daß man alle ihre schönen weißen Zähne -sah, und sagte: - -»Ich habe noch nie Strümpfe gehabt; ich gehe -immer barfuß. Und ich habe noch nie einen -Pfennig Geld in der Hand gehabt.« - -»Dumme Gans!« brummte der Schneider und -klappte den Kasten zu. - -Da kam des Wegs eine Edeldame geritten. -Sie war prächtig aufgeputzt, trug einen Falken -auf dem Finger, und hinter ihr ritt ein Forstmann. -Als sie den Schneider sah, hielt sie ihr Roß an -und rief: - -»Heda, Hebräer, was hast du Schönes in deinem -Kasten?« - -Der Schneider stürzte herbei, machte eine Verneigung, -sah der Dame ins Gesicht und stotterte: - -»Ich könnte Euch geben, gnädigste Frau Ferstin, -ä sehr ä gutes Mittel gegen rote Nase.« - -»Pfui!« schrie die Dame und sprengte davon. -Der Forstmann aber hieb dem Schneider mit der -Reitpeitsche den Buckel ganz jämmerlich voll und -sagte: - -»Ich werde dich lehren, du schmutziger Kerl, -unsere Frau Burggräfin zu beleidigen. Ich schlag -dich auf der Stelle tot!« - -Der Unmensch hätte es vielleicht auch getan, -wenn nicht die Burggräfin zurückgekommen -wäre. - -»Laß ihn am Leben,« rief sie, »laß ihn vorläufig -am Leben! Er soll mir erst sagen, ob er -meine Nase wirklich für rot hält.« - -»Gnädigste Burggräfin,« wimmerte der Schneider, -»Eure allerdurchlauchtigste Nase ist so weiß -und stattlich wie die Schneekoppe im Winter.« - -Das besänftigte die Dame. - -»Ich will ihm Gnade widerfahren lassen,« -sagte sie milde, »weil er seinen Irrtum eingesehen -und ihn so poetisch widerrufen hat. Zeige er, was -er im Kasten hat.« - -Da öffnete der Schneider den unteren Kasten, -und wie die Sonne hineinschien, blitzte und gleißte -es von Diamanten, Rubinen, Saphiren und -Opalen. Die Burggräfin sprang entzückt vom -Pferde. - -»Das ist das Schönste, was ich gesehen habe, -das Allerherrlichste, das Allerwundervollste! Was -soll dieser Stein kosten?« - -Sie griff mit zitternder Hand nach einem Diamanten, -der so groß war wie ein Gänseei. - -»Gnädigste Burggräfin,« sagte der Jude; »den -Stein habe ich abgekauft dem Kaiser von Persien -selbst um die zehntausend Golddukaten. Er hatte -gehabt gerade Ausverkauf, sonst hätt' ich ja beileibe -den Stein nich gekriegt so spottbillig. Er -is unter Brüdern wert ä Königreich. Aber da -mer is mei Läben noch mehr wert als ä Königreich, -und da mer hat geschenkt die Frau Burggräfin -mei Läben, so schenk ich der Frau Burggräfin -den Stein.« - -Das Gesicht der Burggräfin wurde glühend rot -wie die Sonnenscheibe. Aber dann machte sie -eine hoheitsvolle Miene und sagte: - -»Braver Mann, Ihr meint's gut. Aber als -Burggräfin kann ich kein Geschenk von Euch annehmen; -ich kann Euch den Stein nur abkaufen. -Nehmt also diese fünf Gulden als Kaufpreis.« - -»Auch recht,« sagte der Jude und steckte die -fünf Gulden ein. - -»Und nun,« sagte die Gräfin, »kommt mit auf -die Burg. Wir wollen sehen, was Ihr sonst noch -Schönes im Kasten habt.« - -Sie übergab dem Forstmann ihren Falken, -sagte, die Jagd sei für heute aus, und ritt langsam -den Burgweg hinan, während der Schneider zehn -Schritte weit hinter ihr herging. Als sie aber in -einen dunklen Torweg kamen, winkte die Gräfin -den Händler heran und raunte ihm mit hastiger -Stimme zu: - -»Habt Ihr wirklich ein gutes Mittel gegen -- -gegen --« - -Hier blieb sie stecken. - -»Gegen was?« fragte der Schneider und tat unbefangen. - -»Gegen -- gegen Nasenröte!« brachte sie mühsam -heraus. - -»Hier, Frau Burggräfin,« sagte der Jude wohlwollend -und drückte ihr ein Büchslein Salbe in -die Hand. »Ich verrat nix!« -- -- -- - -Auf der Burg wurde der Schneider von den -Damen mit aufgeregtem Gezwitscher, von den -Herren mit freundlichem Gebrumm und Gegrunz -aufgenommen. Alle wollten die prachtvollen -Steine sehen, jedes wollte wenigstens eines der -köstlichen Stücke, die der Jude um ein Spottgeld -abgab, für sich kaufen. Selbst der Burgherr kam -und erstand einen funkelnden Rubin, der so groß -wie ein Apfel war und einen prachtvollen Schmuck -für einen Degengriff abgeben mußte. - -In dieser Burg lebte aber wie in allen Burgen -ein Alchimist. Dieser berühmte und gelehrte -Mann hatte versprochen, aus Kupfer Gold zu -machen und ein Lebenselixier zu brauen, das ewige -Jugend verlieh. Er hatte zwar sein Versprechen -noch niemals eingelöst, aber man konnte -nicht wissen, ob er es nicht am ersten besten -Tage tun werde. Er stand darum in hohem -Ansehen. - -Der Alchimist zog sich nun in seine Hexenküche -zurück, kam nach einiger Zeit wieder und verkündete: - -»Alles Geschmeide, das der Jude verkauft hat, -und alle seine Steine sind unecht und ohne Wert.« - -Da schrien die Männer, da schrien die Frauen -vor Wut. - -Der Schneider aber stand lächelnd da und sagte: - -»Dieser Gelehrte ist ein Dummkopf. Meine -Steine und mein Gold sind echt. Und wenn ihr -mir nicht glaubt, so wartet, bis mein Herr, der -Prinz von Czernagora, kommt, der wird es euch -bezeugen.« - -Kaum hatte der Jude den Namen des Prinzen -von Czernagora ausgesprochen, so wurde er auch -schon gepackt und flog ins Verließ. Die Goldgeschmeide -und die Steine aber wurden in den -Brunnen geworfen, wo sie liegen bis auf den -heutigen Tag. - -Nur der Burggraf behielt seinen Rubin, und -die Burggräfin behielt das Büchslein mit der -Nasensalbe. - - * * * * * - -So saßen die drei armen Hascher gefangen beieinander -und waren in großer Betrübnis. - -»Wenn ich mir's recht überlege,« sagte der -Schneider, »so haben wir eigentlich in unserem -Räuberberufe Pech gehabt.« - -»Ein Hundeleben ist es,« knirschte der Hutmacher, -»und wenn dieser Wolfsklaue nicht ein -großer Schelm und Betrüger ist, so will ich mich -hängen lassen.« - -»Gehängt werden wir so wie so!« meinte der -Schuster schwermütig. - -Da kratzten sich alle drei am Halse, als ob sie -etwas jucke. - -Gegen Mitternacht begann ein Glöcklein zu -läuten. Bang und schaurig gingen seine Klänge -durch die stillen Hallen und Gänge der Burg -und drangen bis ins Verließ. Da wußten die -drei armen Hascher, daß ihr letztes Stündlein gekommen -sei. - -»Brüder,« sagte der Hutmacher, »wir müssen -Abschied nehmen vom Leben. Wir wollen uns -also in Liebe miteinander versöhnen und uns alles -verzeihen, was wir einander angetan haben, damit -auch Gott uns verzeihe.« - -Sie fielen einander um den Hals, und ihre -Tränen rannen heiß und schwer. - -Da kamen auch schon die Schergen und schleppten -sie hinauf in den Burghof. Dort stand unter -einer großen Linde der Richtertisch. Ein Totenkopf -lag darauf und ein Schwert. Der Burgherr -saß auf dem hohen Richterstuhl, und um ihn -herum im Halbkreis saßen sieben schwarz vermummte -Männer. Der Nachtwind rauschte in -dem Gezweig des großen Baumes, und die rotbrennenden -Fackeln flackerten und warfen blutige -Lichter über den Hof und das graue Gemäuer. - -Der Burgherr erhob sich und sagte: - -»Diese drei Schelme haben als Verräter und -Betrüger in meine Burg eindringen wollen; sie -sind gekommen als die Abgesandten meines Todfeindes, -des Prinzen von Czernagora. Was -dünkt euch, ihr ehrenwerten Richter, daß mit -ihnen geschehen soll?« - -»Sie sollen des Todes sterben!« sagten die -Richter. - -Da schlug der Burgherr mit dem Richtschwert -dreimal auf den Tisch und bestätigte das Urteil: - -»Sie sollen des Todes sterben!« - -Darauf wurden die drei armen Hascher aus -der Burg hinausgeführt in die dunkle Nacht. -Das Glöcklein läutete, und eine Trommel schlug -die dumpfe, einförmige Todesmusik. Bis zum -Galgenberge ging es, da ragten drei Richtgerüste -gegen den Nachthimmel auf. Die drei Räuber -wurden gehängt, und der ganze Troß von der -Burg kehrte augenblicklich um. - -Nun zappelten die drei armen Hascher. Der -kalte Angstschweiß rann von ihren Stirnen, und -ihre Züge verzerrten sich. Noch läutete das -Glöcklein. Ein Schwarm schwarzer Raben -flatterte zu Häupten der Gehängten, und drei -Eulen saßen am Boden, die glühten sie an mit -unheimlich funkelnden Augen. - -Plötzlich brach ein Roß aus dem Gebüsch. -Wolfsklaue saß darauf. Er stieß ein höhnisches, -teuflisches Gelächter aus, blökte den dreien die -Zunge heraus und jagte davon. - -Dann kam ein Zug von Männern. Der Müller -mit seinen Knechten war es, den die Räuber einmal -hatten überfallen wollen. Die Männer -lachten verächtlich und zogen vorbei. - -Der Polenkönig kam geritten mit siebzehn -Kammerdienern und achtundfünfzig Soldaten, -und er trug die Krone und den Mantel und hatte -die himbeersamtne und bernsteingelbe Hose an. - -Zuletzt kam ein alter Mann. Er hinkte, hatte -ein närrisch kleines Hütlein auf dem weißhaarigen -Kopf und zwei Buckel auf seinem Rücken. Er -blickte die drei Gehängten an und sagte: - -»Ehe ihr sterbt, will ich euch noch einmal -danken dafür, daß ihr mich so schön ausstaffieret -habt. Sehet die Stiefel, den Rock und den Hut, -die ihr mir für gutes Geld gemacht habt!« - -[Illustration] - -Da hoben die drei armen Hascher in ihrer -schweren Todesnot mit der letzten Kraft bittend -die Hände zu ihm hin. Er aber sagte: - -»Würdet ihr brave und geschickte Handwerker -werden, wenn ich euch von da oben herunterhelfen -würde?« - -Sie nickten, und es war schrecklich anzusehen, -wie eifrig sie nickten. - -Da besann sich der alte Mann noch ein wenig, -dann zog er sich ächzend die Stiefel aus, legte -umständlich den Rock ab und nahm langsam den -Hut vom Kopf. Die drei Gehängten sahen ihm -mit stieren, angsterfüllten Augen zu. - -Endlich kletterte der Alte an dem Galgen hoch, -löste die drei Ärmsten und ließ sie schwer ins -Gras hinunterfallen. Dort lagen sie lange, halb -bewußtlos und schwer röchelnd. Der Alte flößte -ihnen ein wenig Wein ein, und als sie sich erholt -hatten, gebot er ihnen, mitzukommen. Mit -schwankenden Schritten und leise weinend gingen -sie hinter ihm her. Sie wanderten lange und -kamen ums Morgengrauen an einen Scheideweg. -Drei Straßen führten dort hinaus ins Land. Da -machte der Alte halt und sprach in großem Ernst: - -»Ein neuer Lebensweg liegt nun vor einem -jeden von euch. Wenn ihr auf diesen drei Straßen -wandert, so wird jeder zu einem tüchtigen Handwerksmeister -kommen. Bei diesem mag er in die -Lehre treten. Er mag sich ja nimmer einbilden, -je ein Meister gewesen zu sein, sondern demütig -und treu ein Lehrling sein, der auch dann nicht -murrt, wenn es einmal mehr Püffe und harte -Worte gibt als gute Kost und faule Zeit. Drei -Jahre beträgt die Lehrzeit. Haltet ihr sie aus, -so ist euch geholfen; lauft ihr fort oder seid faul -und frech, so werdet ihr, ehe die Sonne dreimal -untergegangen ist, wieder am Galgen hängen. -Geht in Frieden!« - -Da wanderten die drei ein jeder seinen Weg, -und der Alte stand da und sah ihnen nach, bis -die Sonne aufging und sein ehrwürdiges Haupt -verklärte. - - * * * * * - -Drei Jahre waren vergangen. Vor der Stadt -Hirschberg lag ein kleiner Platz, darauf mündeten -drei Wege. Von Osten her kam ein Mann, der -trug sieben Paar Stiefel und Schuhe über der -Achsel; von Süden her kam einer, der hatte auf -einem Karren eine ganze Menge Kleider geladen; -von Westen kam singend einer dahergeeilt, der -führte in Beuteln und Schachteln sieben Hüte -mit sich. - -Und als sie alle drei auf den kleinen Platz -kamen, blieben sie erst erschrocken stehen, fielen -sich dann um den Hals und fingen an zu lachen -und zu weinen vor lauter Freude. - -»Hutmacher!« »Schneider!« »Schuster!« -»Freund!« »Bruder!« »Kamerad!« so ging es -in hellem Jubel durcheinander. -- - -»Nun, wie ist es euch inzwischen ergangen?« -fragte endlich einer. - -Da machten sie alle betroffene Gesichter und -kratzten sich hinter den Ohren. Sie erzählten sich -weiter nichts; es dachte sich jeder schon von selbst, -wie es dem anderen ergangen war. - -Aber gelernt hatten sie etwas, und die letzten -Waren, die sie gefertigt hatten, durften sie nun als -ihr Eigentum auf dem Markt von Hirschberg -verkaufen, um einen Grund zu legen für ein -neues Geschäft. - -So zogen die drei fröhlich in Hirschberg ein und -schlugen ihre Verkaufsplätze dicht nebeneinander -auf. Sie waren voll der besten Hoffnung. Plötzlich -aber erbleichten sie. Der Müller, den sie einmal -hatten ausrauben wollen, kam auf sie zu und -neben ihm ging der Ratspolizist. - -»Es ist aus,« sagte der Schuster. - -»Ja!« hauchte der Schneider. - -Helden waren sie immer noch nicht geworden. -Der Müller aber kam ganz freundlich näher, -kaufte einen Anzug, ein paar Stiefel und einen -Hut, bezahlte alles reichlich und pries laut die -Ware. Der Ratspolizist nickte und sagte: ja, die -drei seien berühmte Kaufleute aus Breslau, die -kenne er schon lange. Der gutmütige Mann war -leider inzwischen noch kurzsichtiger geworden. - -Wie nun den dreien das Geld in der Tasche -klang und der Müller ruhig von dannen ging, -wurden sie wieder vergnügt, und es stand ihnen -bald ein neues Glück bevor. Der Bürgermeister -ging über den Markt, schimpfte, daß die Handwerker -nichts Rechtes mehr leisteten und man kaum -einen vernünftigen Stiefel oder Rock bekommen -könne, und stieß plötzlich auf die drei, die ihm -bescheiden ihre Waren anboten. - -O, was machte da die Stadtobrigkeit für erstaunte -und glückliche Augen! - -Ja, rief der Bürgermeister, das sei noch echte -Handwerkskunst. So etwas gäbe es weder zu -Augsburg, zu Venedig, zu Nürnberg oder zu -Lübeck, so etwas gäbe es nur in Hirschberg! - -Und er kaufte Anzug, Stiefel und Hut und bezahlte -die Hälfte des Preises, während er die -andere schuldig blieb. - -Nun zog ein Rittersmann auf edlem Roß langsam -über den Markt. Die drei Handwerker erkannten -mit Schrecken, daß es jener starke Reiter -war, den sie einmal überfallen, der ihnen aber -den Speck abgenommen und ihnen die Haut gegerbt -hatte. Der Ritter kam heran und summte -leise vor sich hin: - -»Es ist so schön der Morgen -Im frohen Sonnenlicht, -Kein Kummer und keine Sorgen -Drücken mein Herze nicht!« - -Da glaubten sich die drei schon sicher erkannt; -aber der Ritter machte seinen Einkauf, bezahlte -gut und ritt davon, indem er laut sagte: - -»Solch treffliches Handwerk soll man sich in -der Welt suchen.« - -Nun aber begann ein Sturm auf die Verkaufsstände -der drei. Jeder wollte bei ihnen einen -Anzug, ein paar Stiefel, einen Hut kaufen. - -Da entstand ein Tumult auf der anderen Seite -des Marktes. Der König von Polen zog in die -Stadt ein. Er hatte siebzehn Kammerdiener und -achtundfünfzig Soldaten bei sich. Aber er sah -etwas schäbig aus. Die Krone und die Edelsteine -hatte er aus Geldnot versetzen müssen, und die -himbeersamtne und bernsteingelbe Hose war im -Laufe der Jahre ein wenig fadenscheinig geworden. -Trotzdem wurde er mit großer Ehrerbietung -bewillkommnet. Er hörte aber kaum -auf die Begrüßungsworte des Bürgermeisters -und beachtete nicht die Bücklinge des Ratsdieners, -welcher ihn für den Grafen Schaffgotsch hielt, -sondern steuerte auf den Verkaufsstand der drei -Freunde zu und wählte einen Federhut, einen -Seidenmantel und ein Paar hirschlederne Stiefel. -Er bezahlte zwar nicht, aber er stellte einen langen -Schuldschein aus. - -Nun schien das Glück der drei Handwerker gemacht -zu sein. Aber noch einmal faßte sie ein -tödlicher Schrecken. Der Burgherr, der sie einmal -hatte hängen lassen, kam mit einem Troß -reisiger Knechte daher. Da duckten sich die drei -armen Hascher tief über ihre Tische, und jeder -von ihnen preßte beide Hände vor die Kehle. - -Der Burgherr aber erkannte sie nicht. Er pries -ihre Ware, kaufte den ganzen Rest und sagte -zuletzt: - -»Bares Geld habe ich nicht bei mir; aber ich -gebe euch diesen Rubin, der so groß ist wie ein -Apfel. Verkaufet den kostbaren Stein und teilt -euch in den Erlös.« - -Dann ritt er von dannen. Die drei Handwerker -seufzten tief und erleichtert auf. Der -Schneider aber sagte leise: - -»Brüder, den Stein kenne ich. Er ist leider -falsch. Aber es genügt uns, wenn uns das Leben -und die Freiheit bleibt.« - -Wie erstaunten sie aber, als bald darauf ein -Frankfurter Jude zu ihnen kam, ihnen den Rubin -für einen hohen Preis abkaufte und auf des -Schneiders ehrliche Einwendung sagte: nur ein -Dummkopf könne den Rubin für unecht halten; -es sei der schönste Stein, den es je gegeben. - -Glückselig saßen endlich die drei in der Herberge -und teilten friedlich miteinander den Gewinn -des Tages. Es war so viel, daß jeder von -ihnen ein Handwerksgeschäft gründen konnte, das -alle Sorge zeitlebens von ihnen nahm. - -Wie sie noch so dasaßen, kam zur Tür der alte -Mann herein, der ihnen einst vom Galgen geholfen -und sie auf den neuen Weg geleitet hatte. -Er trug noch das winzige Hütlein, die schlechten -engen Stiefel und den buckligen Rock; aber er -war freundlich und sagte: - -»Ich freue mich über euch. Nun folgt mir und -kommt mit.« - -Da gingen sie verwundert hinter ihm her. Er -führte sie zur Stadt hinaus gegen die Berge hin -und ging plötzlich so schnell, daß sie ihm nicht zu -folgen vermochten. Aber sie sahen, daß er sich -auf einen Straßenstein setzte. - -Als sie aber nun näher kamen, saß nicht der -alte Mann auf dem Straßenstein, sondern der -Burgherr. Der lächelte ihnen zu, schwang sich -auf ein Roß, das am Wegrande weidete, und -sprengte eine Strecke weit davon. Dann machte -er halt, drehte sich um und winkte ihnen mit der -Hand. - -Wie nun die drei herbeieilten, saß nicht mehr -der Burgherr auf dem Roß; sondern der Ritter, -an dem sie zuerst ihre Räuberkunst probiert hatten. -Auch der Ritter sprengte schnell davon und verschwand -hinter der nahen Wegbiegung. - -[Illustration] - -Dort aber fanden ihn die drei nicht wieder, -sondern der Müller trat ihnen entgegen, reichte -ihnen die Hand und lachte. - -Auch der Müller blieb nicht lange stehen, -sondern verschwand in einem Wäldchen, aus dem -gleich darauf auf einem prächtigen Araberrosse -Wolfsklaue hervorritt. - -»Kennt ihr mich nun?« fragte er, und seine -Augen flammten schön und herrlich auf. Dann -ritt er mit Windeseile gegen die Berge hin, verschwand -im Wald und wurde wieder sichtbar, als -er langsam und in feierlicher Größe den Kamm -des Riesengebirges entlang ritt, der im roten -Schimmer der untergehenden Sonne lag. - -Da erkannten ihn die drei; da wußten sie, wer -die Gestalten waren, die ihren seltsamen Lebenspfad -gekreuzt, da wußten sie, daß es der Berggeist -Rübezahl war, der gesunde Naturgeist, der alles -Schlechte vernichtet und allem Guten aufhilft. - -Und so war es und so ist es noch heute und wird -es immer sein. Und darum muß auch zu allen -Zeiten vom Rübezahl erzählt werden. - - - - -Paul-Keller-Bücher - - -»Es gibt in Deutschland und Österreich kaum einen zweiten -Schriftsteller, der künstlerische Vornehmheit und die besondere Art -volkstümlicher Herzlichkeit in Ernst und Humor so bedeutsam zu verbinden -weiß, wie der Schlesier Paul Keller ...« (Kölnische Zeitung.) - - -Ferien vom Ich - -Roman. - -40.-45. 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M. 6.-- - - -Die Insel der Einsamen - -Eine romantische Geschichte. 20.--24. Auflage. - -Preis broschiert M. 5.--, gebunden M. 6.-- - - -Die fünf Waldstädte - -Ein Buch für Menschen, die jung sind. - -Mit Bildern von G. Holstein u. R. Pfähler v. Othegraven. - -22.--25. Auflage. Preis gebunden M. 3.50 - - -Das Königliche Seminartheater -und andere Erzählungen - -Mit Bildern. 21.--26. Auflage. Preis gebunden M. 3.50 - - -»Paul Keller ... einer der feinsinnigsten Poeten, die unser Vaterland -sein eigen nennt ...« - -(Literarisches Echo, Berlin.) - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die fünf Waldstädte, by Paul Keller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE *** - -***** This file should be named 61354-0.txt or 61354-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/3/5/61354/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Die fünf Waldstädte - Ein Buch für Menschen, die jung sind - -Author: Paul Keller - -Illustrator: G. Holstein - Reinhold Pfahler von Othegraven - -Release Date: February 9, 2020 [EBook #61354] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> -<p class="h2">Die fünf Waldstädte</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-002.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h1>Die fünf Waldstädte</h1> - -<p class="center larger">Ein Buch für Menschen, die jung sind</p> - -<p class="center smaller">von</p> - -<p class="h2">Paul Keller</p> - -<p class="center">Mit Bildern von G. Holstein und<br /> -Reinhold Pfaehler von Othegraven</p> - -<p class="center">32. bis 42. Auflage.</p> - -<div class="figcenter" > -<img src="images/illu-003a.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="center">Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn -Breslau</p> - -<div class="lbox">Leipzig</div> -<div class="rbox">Wien</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-003b.jpg" alt="Zensurstempel" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdrb">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Die fünf Waldstädte <span class="smaller">Ameisenfeld – Eichenhofen – -Der Geistergrund – Heinrichsburg – Die heilige Stadt</span></td> - <td class="tdrb"><a href="#Die_funf_Waldstadte">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der kleine General</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_kleine_General">53</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Schatz in der Waldmühle</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_Schatz_in_der_Waldmuhle">63</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der angebundene Kirchturm</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_angebundene_Kirchturm">101</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Abenteuer auf der Themse</td> - <td class="tdrb"><a href="#Ein_Abenteuer_auf_der_Themse">111</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Ferienkolonisten</td> - <td class="tdrb"><a href="#Die_Ferienkolonisten">123</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Gedeon</td> - <td class="tdrb"><a href="#Gedeon">133</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Hotel Laubhaus</td> - <td class="tdrb"><a href="#Hotel_Laubhaus">157</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Mein Roß und ich</td> - <td class="tdrb"><a href="#Mein_Ross_und_ich">167</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Räuber aus dem Riesengebirge</td> - <td class="tdrb"><a href="#Die_Rauber_aus">177</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> -</div> - -<p class="center"> -Alle Rechte,<br /> -insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> -<em class="antiqua">Copyright 1915 by</em><br /> -Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Die_funf_Waldstadte">Die fünf Waldstädte.</h2> -</div> - -<p>Von den fünf Waldstädten will ich erzählen, in -denen ich als Kind oft glücklich gewesen bin.</p> - -<p>Wir waren ihrer drei: meine beiden Freunde -Ludwig, Heinrich und ich. Als Ludwig in jungen -Jahren starb, waren Heinrich und ich die fast -unumschränkten Herren der fünf Waldstädte.</p> - -<p>Da war in der Gegend zwischen Frankreich und -Rußland ein Wald, der war so groß, daß ein -lahmer Mann an die dreiviertel Stunden brauchte, -ehe er um ihn herum war. In diesem Walde lagen -die fünf Waldstädte: Ameisenfeld, Eichenhofen, -Geistergrund, Heinrichsburg und die heilige Stadt. -Alle fünf Städte waren von seltener Pracht und -Herrlichkeit, und es gab Wunder über Wunder in -ihnen zu sehen, obwohl gar keine großen, steinernen -Häuser in ihnen standen und unsere Städte -nach Meinung dummer Knechte und alberner -Mägde nur »ganz gewöhnlicher Busch« waren. -Wir aber wußten sicher, daß es Städte waren, -und Heinrichs Mutter wußte es auch. An allen<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span> -Frühlings- und Sommertagen, aber auch zur -wilden Sturmzeit im Herbst reiste ich mit -meinem Freunde durch das Gebiet der fünf -Städte, und wenn einer etwas Neues entdeckte, -dann war er glücklich, es unserer »lieben Fee« -zu sagen. Das war Heinrichs schöne Mutter. -Die ging oft mit uns durch die fünf Waldstädte, -und was wir selbst nicht sahen und fanden, das -sah sie und fand sie und zeigte es uns. Sie erzählte -und sang Lieder vom heiligen, deutschen -Wald und machte ihn uns lieb und vertraut.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da war also zunächst die Stadt</p> - -<h3>Ameisenfeld.</h3> - -<p>Sie war 90 Quadratmeter groß und hatte nach -der letzten Volkszählung 567319 Einwohner. -Deshalb zählte sich Ameisenfeld mit Recht zu den -Großstädten. Die Bewohner von Ameisenfeld -waren berühmt durch ihren Fleiß und ihre Betriebsamkeit. -Sie beschäftigten sich damit, sich zu -ernähren und Eier zu legen. In ihren freien -Stunden prügelten sie sich. Ob dieser Eigenschaften -galten die Ameisenfelder im ganzen Lande nicht -nur als sehr fleißig, sondern auch als sehr intelligent.<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span> -Man erzählte sogar, daß ein großer Prophet -unter ihnen erstanden sei, der folgende tiefsinnigen -Lehren aufgestellt hatte:</p> - -<p>»Wenn dir ein Hölzlein zu schwer zu tragen ist, -nimm dir jemand zu Hilfe!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-007.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Wenn dir eine Blattlaus süßen Saft gibt, -der dir sehr wohlschmeckt, dann beiße sie nicht tot.«</p> - -<p>»Wenn dir jemand irgendwie nicht paßt, so -bespritze ihn mit einem ätzenden Saft, damit er -schnell Reißaus nehme.«</p> - -<p>Das waren die Grundsätze, nach denen die -Ameisenfelder fortan lebten. –</p> - -<p>Es geschah aber, daß eines Tages ein Igel durch<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -das Stadttor von Ameisenfeld, das durch die -Blätter einer großen Schwarzwurz gebildet wurde, -einzog und Quartier begehrte. Der Bürgermeister -der Stadt ließ sich schnell von seinen -sieben Stadträten die Fühler abputzen und ging -dem großen Gaste entgegen. Als er ihn sah, -knickte er vor lauter Ehrfurcht mit allen sechs -Beinen vor ihm ein: und sagte:</p> - -<p>»Hoher Herr, dir unsere Gefühle ob deines Einzugs -in unsere Stadt auch nur annähernd zu -schildern, geht leider über meine Kraft. Was -uns vor allem bewegt, ist tiefe Beschämung. -Denn siehe, Ameisenfeld ist nur eine Fabrikstadt. -Unsere Straßen sind bestreut mit dem Schutt der -Arbeit. Anlagen haben wir keine, außer einer -Distelplantage und einem kleinen Gundermannwäldchen. -In deren Schatten würdest du dich -nicht wohlfühlen. Und es fehlt uns leider auch -an einem geeigneten Palast für dich.«</p> - -<p>Der Igel zog die Stirn in Falten und sagte:</p> - -<p>»Ich bin ein Forschungsreisender. Ehe ich -nicht Ameisenfeld in- und auswendig kenne, kann -ich nicht weiterziehen. Vor allen Dingen will ich -hier einen wissenschaftlichen Vortrag halten.«</p> - -<p>Der Bürgermeister legte über dieses Anerbieten -eine gezwungene Freude an den Tag und ließ den -Vortrag für abends 6 Uhr ansagen. Da kein Eintrittsgeld -erhoben wurde, erschien die ganze<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -Stadt. Der Igel hub nun an zu reden von -den schweren Gefahren, die dem Ameisenvolke -drohten. In Südamerika lebe ein Tier, das trotz -seines schlichten Namens <em class="antiqua">Myrmecophaga jubata</em> -doch eine scheußliche Bestie sei. Es habe einen -spitzen Rüssel und eine ellenlange, mit Leim -bedeckte Zunge. Den Rüssel und die Zunge -stecke es nun in die Ameisenhäuser und fange und -morde, was es nur erwischen könne. Wenn man -dagegen ihn, den Igel, betrachte, müsse man einsehen, -daß er weder eine spitze Schnauze noch eine -klebrige Zunge habe.</p> - -<p>Die Ameisenfelder hatten der Erzählung -zitternd zugehört. Als der Igel geendet hatte, -brachte der Bürgermeister ein Hoch auf ihn aus, -wobei er sich auf den Rücken legte, damit er bei -dem Hoch alle sechs Beine in die Höhe strecken -konnte. Der Igel nickte befriedigt und sagte: -wenn sich also die Ameisenfelder über seine Ankunft -so freuten, so wolle er gern das Opfer bringen -und etwas bei ihnen bleiben.</p> - -<p>Darauf aber erhob sich ein kecker Ameisenjüngling, -welcher sagte:</p> - -<p>»Was geht uns das Tier aus Südamerika an, -wo doch unsere Waldstadt gar nicht in Südamerika -liegt?«</p> - -<p>Der Igel zog seine Stirnrunzeln bis zur Nase -herab und rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span></p> - -<p>»Habt ihr je solchen Unverstand gehört? Kann -sich nicht alle Tage ein <em class="antiqua">Myrmecophaga jubata</em> auf -einem Schiff ohne Paß einschmuggeln und zu uns -kommen? Sind nicht auf solche Weise alle ausländischen -Tiere zu uns gekommen?«</p> - -<p>Die Menge nickte Beifall, sah voll Mißbilligung -auf den naseweisen Ameisling, und der Bürgermeister -meinte: »Er muß streng bestraft werden!«</p> - -<p>»Das muß er!« nickte der Igel, »und um mich -euch gefällig zu erweisen, werde ich ihn hinrichten!«</p> - -<p>Darauf fraß der Igel den Ameisenjüngling. -Wie von ungefähr erwischte er auch noch dreißig -Verwandte des Jünglings, die in dessen Nähe -standen.</p> - -<p>Darüber erschrak das Volk; der Bürgermeister -aber zwinkerte ihm beruhigend zu: über so einen -kleinen Fehlgriff eines großen Herrn dürfe man -keinen Lärm machen.</p> - -<p>So blieb der Igel in Ameisenfeld, bis sich das -Volk allgemach um 90 Prozent vermindert hatte. -Da endlich versammelte der Bürgermeister eines -Nachts heimlich die wenigen Überlebenden, und -sie beschlossen, gemeinsam über den mörderischen -Igel herzufallen und ihn zu töten.</p> - -<p>Mit dem Heldenmute, der den Ameisenfeldern -eigen und der im ganzen Lande berühmt ist, zogen -sie aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p> - -<p>Sie fanden den Igel tot. Er hatte sich den -Magen überfressen und war an Ameisensäurevergiftung -gestorben.</p> - -<p>Der Bürgermeister atmete auf, trat auf seine -Leiche und hielt eine Rede:</p> - -<p>»Bürger, da liegt unser Feind! Tot! Er hat -unserer Macht nicht zu widerstehen vermocht. An -der starken inneren Kraft der Ameisenfelder ist -er zugrunde gegangen. Der Ruhm unserer Stadt -ist und bleibt unsterblich!«</p> - -<p>Das Volk trampelte mit allen sechs Beinen -Beifall und winkte mit den Fühlern.</p> - -<p>Darauf wurde ein großes Freudenfest gehalten. -Alle Bürger zogen auf die grüne Alm, die in der -Nähe von Ameisenfeld war. Dort wurde die -große Fingerhutglocke geläutet. Dann wurden die -Blattläuse gemolken. Alles Volk trank sich ein -Räuschlein an, und schließlich sprach man mit -einer gewissen Liebe und Achtung von dem Igel, -dem allein dieses fröhliche Fest zu verdanken war.</p> - -<h3>Eichenhofen.</h3> - -<p>Der große Baum, der Eichenhofen seinen -Namen gab, war so schön und gewaltig, daß mein -Freund Heinrich behauptete, das sei dieselbe Eiche,<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -die Bonifacius einst bei den alten Hessen umgehauen -habe. Ich glaubte dies eine Zeitlang, -dann aber kam mir der Gedanke, unsere Eiche -werde vielleicht doch nur der Sohn von jener berühmten -Donarseiche sein. »Nein,« sagte Heinrich, -»Sohn ist viel zu jung; wenn sie es nicht selbst ist, -dann ist sie ihr Vater!«</p> - -<p>Dabei blieb es, und das war nun historisch.</p> - -<p>Eine grimmige Feindschaft hegten wir gegen -vier Waldarbeiter, die einst, um uns zu verspotten, -sich die Hände reichten und einen gemütlichen -Tanz um unsere Eiche ausführten, wo wir doch -bestimmt festgestellt hatten, daß der Baum von -sieben Männern nicht zu umspannen sei. Wir -setzten uns über das höchst ärgerliche Vorkommnis -nur dadurch hinweg, daß wir uns sagten, die -Arbeiter seien betrunken gewesen und darum -»gelte« ihr Tanz nicht.</p> - -<p>Eichenhofen war rings von Brombeer- und -Himbeerhecken eingefaßt; auch viele wilde Rosen -blühten an seinen Grenzen. Da dachten wir oft -an Dornröschens Schloß, und jeder brach gern -und kühn durch die Dornenhecke, zumal zur Spätsommerzeit, -wenn die Beeren reiften. –</p> - -<p>Die »Traumstadt« nannten wir Eichenhofen -auch manchmal. Da gab es einen Moosplatz, -auf dem die Käferlein stolzierten und eitel ihre -funkelnden Röcke zeigten, eine Rosenstraße, wo<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -unter lauter lieblichen Heckenröslein sich das Volk -der haftenden Bienen und der sammetröckigen, -vornehmen Hummeln tummelte, eine Hirschstraße, -die tief ins Dunkel des Waldes ging und auf der -wir einmal zu seinem und unserem Schrecken -dem König des Waldes begegneten.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-013.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>In Eichenhofen ersann ich mein erstes Märlein, -dort klangen die ersten Verse in meiner Seele. -Ich erfand eine Geschichte von dem Brünnlein, -dessen Wasser im Mondschein zu goldgelbem Wein<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> -wird, von dem die Gnomen ihr Schöpplein -trinken, und wenn Heinrich und ich fortan aus -dem Brünnlein tranken, sahen wir uns oft an -und sagten: es schmeckt wirklich wie Wein. Ich -konnte das um so eher sagen, als ich damals noch -nie einen richtigen Tropfen Wein getrunken hatte.</p> - -<p>Einmal, als ich ein Gedicht gemacht hatte, das -ich Heinrichs Mutter, unserer »Fee«, vorlas, küßte -sie mich auf die Stirn, flocht einen Eichenkranz, -setzte ihn mir auf den Kopf und sagte: »Gott -segne dich!« Da war es wirklich, als ob ein tiefer -Segenstrom von dem grünen Kranz aus durch -meine Seele ränne; ich stand ganz still da und -ging dann bald nach Hause. Dort hängte ich -das Kränzlein über mein Bett, rund um das -kleine Kreuz herum, das dort war, und wenn ich -fortan mein Abendgebet sprach und den Kranz sah, -betete ich immer einen Satz mit: »Lieber Gott, -laß mich ein Dichter werden.« Ich sprach aber -die Worte nie aus, ich dachte sie nur; ich schämte -mich, sie zu sprechen.</p> - -<p>Heinrich war mein treuer Freund. Er neidete -mir meinen Kranz nicht; aber er sehnte sich danach, -auch einen zu erhalten. Er bekam ihn erst, -als er sich ihn verdient hatte. Ehrlich verdient! -Er hatte ein kleines Mädchen mit Gefahr -seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen. -Damals hatte die Fee wohl ihren glücklichsten<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span> -Tag, als sie ihrem Jungen den Eichenkranz -flocht. –</p> - -<p>Sonst war es mit unserer Tapferkeit nicht -übermäßig gut bestellt; ja, es gab Fälle, wo wir -eine traurige Rolle spielten.</p> - -<p>Einmal machten wir einen schauerlichen Fund. -Wir entdeckten im Dorngestrüpp die Leiche eines -Eichkätzchens. Erschüttert betrachteten wir das -herrliche Tier, seufzten laut und lange und zergrübelten -uns die Köpfe, was seinem jungen, -lustigen Leben ein so jähes Ende bereitet haben -könne.</p> - -<p>»Vielleicht hat es der Marder gefressen,« sagte -Heinrich tiefsinnig.</p> - -<p>»Oder eine Eule hat es fortgeschleppt,« meinte -ich bedächtig.</p> - -<p>Darauf war eine Pause. Plötzlich machte ich -ein spöttisches Gesicht und sagte: »Wie kann es -dein Marder gefressen haben, wenn es doch noch -hier liegt?« Worauf sich Heinrich höhnisch an die -Stirn tippte und sprach: »Kann es wohl deine -Eule weggetragen haben, wenn es noch hier -liegt?«</p> - -<p>So machten wir uns gegenseitig unsere Überlegenheit -klar, und einer ärgerte sich über die -Dummheit des anderen. Endlich glaubte ich es zu -haben: »Es ist jedenfalls fehlgetreten, heruntergestürzt -und hat den Hals gebrochen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p> - -<p>»Nein,« sagte Heinrich, »der Hals ist noch ganz. -Es hat gewiß einen giftigen Pilz gefressen.«</p> - -<p>Da schrie ich: »Nein, siehst du, es ist totgeschossen!«</p> - -<p>Das Eichkätzchen war wirklich erschossen; wir -sahen nun deutlich die Schußwunde.</p> - -<p>Heinrich erbleichte.</p> - -<p>»Das ist ein Wilddieb gewesen,« sagte er.</p> - -<p>Ich sah ihn an, nickte mit dem Kopfe und rannte -ohne weiteres davon. Und er rannte hinterher. -Wir rannten so lange, bis wir in der Nähe von -Feldarbeitern waren, und blieben dann mutig -stehen.</p> - -<p>»Wir müssen den Mörder fangen,« sagte -Heinrich ganz laut.</p> - -<p>»Ja, wir müssen ihn fangen,« rief ich und ballte -die Faust. Daran beschlossen wir, zum Förster zu -gehen und ihm die verbrecherische Tat zu melden. -Wir rieten, wo der Förster zu dieser Stunde sein -könne, und fanden die größte Wahrscheinlichkeit -schließlich darin, daß er in der Schenke sei. Und -so war es auch. Er hörte unseren fast atemlosen -Bericht an und machte ein bitterernstes Gesicht.</p> - -<p>»Der Wilddieb muß augenblicklich gefangen -werden,« meinte er zornig, spielte mit zwei -anderen Männern noch eine halbe Stunde lang -Karten und ging dann mit uns.</p> - -<p>Ganz in der Nähe hatte Heinrich seine Vogelflinte<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -und ich meine Armbrust aufbewahrt. Diese -Waffen holten wir, nahmen sie schußbereit unter -den Arm und folgten dem Förster, der sagte, -nun sei ihm vor dem Wilddieb weiter nicht bange.</p> - -<p>Ich für meinen Teil gestehe, daß ich diese -lobende Anerkennung meiner Männlichkeit und -Tapferkeit nur mit gemischten Gefühlen aufnahm. -Eine Armbrust einem mörderischen -Wilddieb gegenüber ist immer so eine eigene -Sache. Man muß aufs Auge oder vielleicht -auch auf die Schläfe zielen, wenn man einen -Erfolg haben will. Aber ich war nun einmal -eine Person, auf die sich der Förster in seinem -schweren Beruf verließ, und so wollte ich in der -Stunde der Gefahr nicht kneifen.</p> - -<p>Wir durchsuchten den ganzen Busch. Ein paarmal -entdeckten wir Fußspuren, den Wilddieb aber -fanden wir nicht. Von Minute zu Minute wuchs -unser Mut, und in großer Tollkühnheit riefen -wir laut, er solle nur zum Vorschein kommen, der -elende, feige Kerl. Er kam nicht, und schließlich -sagte der Förster: »Wahrscheinlich ist der Wilddieb -mal auf einen Augenblick weggegangen. So'n -Mann hat ja auch mal was anderes vor.«</p> - -<p>Das bedauerten wir sehr, und wir verachteten -den Wilddieb, der nicht auf seinem Posten geblieben -war. Der Förster machte den Vorschlag, -wir könnten ja unterdes das Eichhorn beerdigen.<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -Darauf gingen wir mit Freuden ein. Das tote -Tierchen wurde in eine Erdgrube gelegt, und wir -drei standen mit feierlichen Angesichtern an seinem -Grabe. Der Förster befahl mir, mit meiner Armbrust -den Trauersalut zu schießen. Darauf schoß -ich meinen Rohrpfeil über das Grab hinweg, und -der Förster machte mit seinem Munde »Plaff!« -dazu. Das veranlaßte mich, ihn scharf anzusehen, -ob er die ganze Sache auch ernst nehme.</p> - -<p>Er nahm sie aber sehr ernst. Mit geradezu -verbissenem Gesicht stand er da, und mit dumpfer -Stimme sprach er:</p> - -<p>»Heinrich, halte eine Leichenrede! Aber vergiß -das ›Amen!‹ nicht.« Heinrich und ich waren beide -ausgezeichnete Redner. So war es kein Wunder, -daß Heinrich, ohne sich's erst lange zu überlegen, -folgende schöne Rede hielt:</p> - -<p>»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von -wegen eines Schuftes! Er hat jetzt gerade etwas -anderes zu tun, sonst täten wir ihn erschießen. -Liebes Eichhörnchen, du warst das schönste Tier -auf der ganzen Welt. Du hast so niedliche Pfoten. -Jedes Jahr zu Weihnachten werde ich dir drei -große, vergoldete Nüsse in dein Grab stecken. -Amen.«</p> - -<p>Der Förster drückte die Augen zu, dann wies -er auf mich.</p> - -<p>»Jetzt halte du eine Leichenrede!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p> - -<p>Ich hustete, bis ich rot wurde, dann sagte ich:</p> - -<p>»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von -wegen eines Schuftes!«</p> - -<p>»Du leierst ja wieder dasselbe her!« fuhr mir -der Förster dazwischen. Ich sagte verlegen, es -komme schon noch, hustete noch einmal lange und -inbrünstig und sagte dann: »Liebes Eichhörnchen, -du warst das allernützlichste Tier. Hoch auf der -Eiche hast du dein Haus gehabt, und es hatte immer -die Tür dort, wo kein Wind ging. Und, und -im Winter hast du geschlafen. Und, und du -konntest so fix turnen. Und du hattest einen -schönen Schwanz und vier schöne, weiße Nagezähne. -Amen.«</p> - -<p>Nun hustete der Förster, stützte sich auf seine -Büchse und sprach:</p> - -<p>»Jetzt werde ich eine Leichenrede halten!«</p> - -<p>»Liebes Eichhörnchen, du warst also sozusagen -das allerschönste und allernützlichste Tier. Wenn -ein Vogelnest auf der Eiche war, dann bist du -gleich fix angeturnt gekommen. Da hast du mit -deinen niedlichen Pfoten die Eierchen genommen -und hast sie ausgesoffen. Und dann, liebes Eichhörnchen, -wenn kleine Vögelchen im Neste waren, -dann hast du sie mit deinen schönen, weißen -Nagezähnen zerbissen und gefressen. Wenn ein -Baum im Frühjahr frische Sprossen trieb, hast -du sie hübsch zierlich abgenagt, du liebes Eichhörnchen,<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -du! Und darum ist ein ›Wilddieb‹ gekommen -und hat dich tot geschossen, du Rabenvieh, -du Kanaille! Und der Wilddieb war ich selbst, -und ich habe das alles gemacht, um mal zwei -Schafsköpfen eine Lehre zu geben. Amen.«</p> - -<p>Damit machte er Kehrt und stapfte davon.</p> - -<p>Heinrich und ich standen mit offenen Mäulern -da. Ich fand zuerst die Sprache wieder und sagte: -»Das ist eine Gemeinheit.« Heinrich aber meinte: -»Er hat was von zwei Schafsköpfen gesagt!«</p> - -<p>»Damit sind wir gemeint,« sagte ich zornig. -»Und er hat das Eichhörnchen selbst erschossen.«</p> - -<p>Heinrichs Stirn zog sich in Falten.</p> - -<p>»Wenn ich mal unser Gut erbe,« sagte er, »setze -ich ihn ab.«</p> - -<p>»Das tue aber bestimmt,« rief ich, »er hat es -verdient!«</p> - -<p>Von fernher scholl das fröhliche Lachen des -Försters.</p> - -<h3>Der Geistergrund.</h3> - -<p>Der Geistergrund war der einzige Ort im Gebiet -der fünf Waldstädte, von dem die Leute im Dorfe -etwas Genaueres wußten. Während so ein -Bauer achtlos durch Ameisenfeld stapfte und<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -dort nicht einmal den Bürgermeister kannte, -während er an der tausendjährigen Donarseiche -dumm und achtlos vorüberging, ja selbst nach -den Herrlichkeiten von Heinrichsburg kaum hinüberschielte, -ging sein träges Herz sofort rascher, -wenn er in die Nähe von Geistergrund kam.</p> - -<p>Was spielten auch dort für schauerliche Geschichten -an dem dunklen Moor und dem Graben mit dem -schwarzen Wasser, Geschichten, die Hunderte von -Jahren alt waren und an den Winterabenden -beim flackernden Kienspanfeuer erzählt wurden, -bis alle Wangen rot und alle Herzen bange waren.</p> - -<p>Da war die Geschichte von der Bäuerin, die -ihren Mann umgebracht hatte, indem sie ihm ein -Mahl von giftigen Pilzen bereitete. Noch am -gleichen Tage kam die schwere Übeltat ans -Tageslicht, und am anderen Morgen errichtete -die Obrigkeit einen Galgen und hängte die -Bäuerin auf. Aber ihr Leichnam verschwand, und -auch der Leichnam des Mannes verschwand, und -lange Zeit wußte niemand, wohin beide gekommen -seien, bis eine Frau im Geistergrund -einen großen giftigen Pilz sah, der den Hut vor -ihr abnahm und sagte: »Erbarme dich meiner, -erbarme dich meiner!« Als die Frau sich vor -Schreck nicht rühren konnte, kam eine Schlange -gekrochen und wickelte sich dem Pilz ums Bein. -Und die Schlange sprach: »Ich fresse den Pilz;<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -ich fresse den häßlichen, geizigen Pilz!« Sie -funkelte dabei mit den Augen.</p> - -<p>Da ist die Frau schreiend davongelaufen und -hat im Dorfe alles erzählt, und es hat sich lange -Zeit niemand an den Geistergrund herangewagt.</p> - -<p>Als aber einmal der Schuster Humpel erzählte, -er habe nun die beiden auch gesehen, nur hätte -diesmal der Pilz die Schlange gefressen, glaubte -ihm niemand; denn die Leute waren sehr aufgeklärt, -und Humpel war oft betrunken. – – –</p> - -<p>Da war die andere Geschichte von dem Müller -Eisert. Der war in der Zeit, da der alte Fritz -Krieg führte, ins Lager der Russen übergegangen -und war ein so schlechter Kerl geworden, daß er -gegen seinen eigenen König kämpfte. Eisert besiegte -auch den alten Fritz in der Schlacht bei -Cunnersdorf und zog dann mit seinen Russen als -ein prahlender Kriegsheld bis vor sein Heimatsdorf. -Dort ließ er Kanonen auffahren und alles -zusammenschießen und in Brand stecken. Dann -ritt er auf einem pechschwarzen Roß durch das -brennende Dorf und verhöhnte die Leute und -zwang sie: »Gnädiger Herr!« und »Euer Wohlgeboren!« -zu ihm zu sagen. Für diese Missetat -wurde er bestraft. Als er wieder fortritt, begann -auf dem Turme die Glocke zu läuten. Den Turm -und die Kirche hatten die Russen, weil sie Christen -sind, verschont.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p> - -<p>O, wie drang der Ton der Heimatglocke dem -argen Sünder so anklagend ins Ohr! Sie dröhnte -ihm in die Seele wie Posaunenton des jüngsten -Gerichts und versetzte sein Herz in eine ganz -schreckliche Angst. Und plötzlich wandte sich das -Roß, jagte zurück auf das Dorf zu, warf den -bösen Mann am Eingang des Dorfes auf die -Erde und galoppierte ganz allein in die finstere -Nacht hinaus.</p> - -<p>Der Müller schlich sich an den Turm, um zu -sehen, wer da so schrecklich an der Glocke zöge. -Da sah er, daß niemand in dem Turm war, daß -die Glocke ganz von selber läutete. Darüber wurde -er ganz unsinnig vor Angst. Schreiend und -winselnd lief er um das Dorf herum, fand auf -dem Wege einen Strick und erhängte sich in der -Verzweiflung seines Herzens im Geistergrund, wie -sich Judas erhängte, als er den Herrn Jesus verraten -hatte.</p> - -<p>Jetzt noch stand die Weide im Geistergrund, an -der der Verräter sein elendes Leben selbst beendet -hatte. – –</p> - -<p>Das waren unfreundliche Geschichten. Und -da war noch eine Geschichte, von der wir Kinder -etwas gehört hatten, ohne sie recht zu verstehen. -Und eben, weil ich sie nicht verstand, -machte ich ein Gedicht darüber. Das Gedicht -aber war so:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p> - -<h4>Das Mädchen.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Weil sie so schwer gesündigt hat,<br /></span> -<span class="i0">Da wurd' sie in den Sumpf gesenkt,<br /></span> -<span class="i0">Nun wohnt sie in der Geisterstadt,<br /></span> -<span class="i0">Wo niemand ihrer denkt.<br /></span> -<span class="i0">Sie hatte ein so weißes Kleid,<br /></span> -<span class="i0">Doch einen schwarzen Fleck darauf;<br /></span> -<span class="i0">Da steht sie um die Sternenzeit<br /></span> -<span class="i0">Oft aus dem Modergrabe auf<br /></span> -<span class="i0">Und wäscht mit heißer Tränen Flut<br /></span> -<span class="i0">Sich aus dem Kleid den schwarzen Fleck;<br /></span> -<span class="i0">Paßt auf, Ihr Leute, Gott ist gut:<br /></span> -<span class="i0">Das Kleid wird weiß, der Fleck geht weg!<br /></span> -</div></div> - -<p>Das war das Gedicht, für das mir unsere gute -Fee drüben in Eichenhofen den Kranz schenkte. –</p> - -<p>Es gab Zeiten, wo Heinrich und ich uns sehr -vor dem Geistergrund fürchteten. Um die -Dämmerzeit wären wir nicht hingegangen, und -auch wenn die Nebelmänner zwischen den Erlen -hin- und herkrochen, wagten wir uns nicht in diese -Gegend. Heinrich machte sogar einmal den Vorschlag, -den Geistergrund abzusetzen. Was ihm -nicht paßte, wollte er immer »absetzen«: den -Förster, den Geistergrund, die Kreuzottern und -die lateinische Grammatik. Es ist aber leider alles -bestehen geblieben.</p> - -<p>Unsere Fee hatte im allgemeinen nichts dagegen, -wenn wir uns mal etwas fürchteten. Wenn -wir sie fragten, ob es Räuber gebe, sagte sie »Ja!«,<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -und wenn wir wissen wollten, ob wohl die -Räuber je in unsere Gegend kommen könnten, -sagte sie auch »Ja«! Dann bekamen wir allemal -knallrote Backen, und unsere Stimmen wurden -weniger krähend, als sie sonst waren. –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-025.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Einmal, als wir mit dem Förster zufällig -wieder auf freundschaftlichem Fuße lebten, hätten -wir ihm gar zu gern eine zahme Dohle abgebettelt, -die er in seinem Forsthause hielt. Er -machte eine geheimnisvolle Miene und sagte:</p> - -<p>»Die kann ich euch nicht geben. Die ist ein ganz -seltsamer Vogel. Ich habe sie auf der Judasweide -gefangen. Dort hatte sie ihr Nest. Und sie ist -eine verwunschene Prinzessin.«</p> - -<p>Wir Jungen versuchten, ein ungläubiges Gelächter<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -anzuschlagen, aber es klang ganz meckrig, -und wir sahen mit Unbehagen auf den Vogel, -der plötzlich auf uns zukam, so daß wir -einige Schritte zurückwichen. Die Dohle funkelte -uns mit ihren Äuglein an, schlug mit den beschnittenen -Flügeln und schrie: »Beatrice! -Beatrice!«</p> - -<p>Da sagten wir schnell: »Guten Abend« und -gingen davon. Der Förster kam uns nach.</p> - -<p>»Ich sehe es ja ein, daß ihr die Dohle durchaus -haben wollt,« sagte er; »aber es würde euch nichts -nützen, wenn ich sie euch schenkte, denn sie würde -euch trotz ihrer beschnittenen Flügel entwischen. -Wollt ihr die Dohle haben und behalten, so müßt -ihr in die Judasweide abends in der Dämmerung -einen Nagel einschlagen. Einer muß den Nagel -halten, der andere muß hämmern.«</p> - -<p>Darauf sagten wir, wir hätten es uns überlegt: -eigentlich wüßten wir gar nicht recht, was -wir mit einer Dohle anfangen sollten. Er, der -Förster, brauche eigentlich einen solchen Vogel -viel notwendiger als wir.</p> - -<p>Der Förster spuckte auf den Boden, uns gerade -dicht vor die Zehen, und sagte: »Wenn ich nicht -wüßte, was ihr für mutige und kluge Kerle seid, -würde ich denken, ihr fürchtet euch. Aber damit -habt ihr recht, daß ich den Vogel notwendig -brauche.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Wozu brauchst du ihn denn?« fragte ich neugierig.</p> - -<p>»Zum Geschichtenerzählen.«</p> - -<p>»Zum Geschichtenerzählen? Ei, wieso?«</p> - -<p>»Hm. Wenn ich abends müde aus dem Walde -komme, ziehe ich mir die Stiefel aus, sperre die -Hunde aus der Stube hinaus, setze mich in den -Lehnstuhl und dann sag' ich zu der Dohle: -Beatrice, leg' los!«</p> - -<p>»Und – und dann legt sie los?«</p> - -<p>»Legt sie los! Jawohl! Sie erzählt famos. -Aber leider bloß lauter Räuber-, Gespenster- und -Indianergeschichten. Andere weiß sie nicht. Alles -zum Gruseln.«</p> - -<p>Räuber-, Gespenster- und Indianergeschichten! -Das hielten Heinrich und ich damals für das -Schönste auf der ganzen Welt. Wir hatten uns -heimlich solche Bücher geliehen und einige davon -gelesen, bis es die Fee erfuhr und uns sagte: -sie hätte uns nicht mehr lieb, wenn wir so etwas -wieder täten, denn solche Geschichten seien schlecht -und dumm und erlogen. Da hatten wir es aus -Liebe zur Fee unterlassen. Aber wenn wir nun -eine Dohle hätten, die so etwas erzählen könnte, -das wäre doch etwas anderes, denn eine Dohle -ist doch kein Buch. Und man käme dann auf -ehrliche Weise zu interessanten Geschichten.</p> - -<p>»Ja,« sagte der Förster, »meine Großmutter<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -hört auch mit zu.« Des Försters Großmutter -war 92 Jahre alt.</p> - -<p>»Borg' uns einen Hammer und einen Nagel!« -rief Heinrich; »wir gehen jetzt gleich zur Judasweide! -Nimm deine Büchse und deinen Hirschfänger -und geh mit.«</p> - -<p>»Wäre noch besser,« meinte der Förster; »allein -müßt ihr gehen, und morgen abend ist die richtige -Zeit; morgen ist Neumond.« –</p> - -<p>Der nächste Abend war trübe und regnerisch. -Den ganzen Tag hatten Heinrich und ich in schrecklicher -Aufregung zugebracht. Kein Essen hatte -uns geschmeckt, kein Spiel hatte uns gefallen und -die Fee hatte uns ein paarmal ganz eigentümlich -forschend angesehen. Schwache Augenblicke kamen, -wo uns die ganze Sache leid wurde; aber dann -dachten wir an die verzauberte Dohle, die Räubergeschichten -erzählen konnte, und ein Fieberschauer -von Glück, einen solch wundersamen Vogel -besitzen, packte uns.</p> - -<p>Am späten Nachmittag holten wir aus dem -Handwerkskasten einen Hammer und einen starken -Nagel heraus und verbargen beides unter dem -welken, abgefallenen Laub eines Kastanienbaumes.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-029.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Als die ersten Lichter angezündet wurden, -schauten wir uns starr in die Augen. Unter -Heinrichs Wimpern blitzte eine Träne. Aber ich<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -– ich hätte für schöne Geschichten mein Leben -hingegeben und faßte ihn an der Hand.</p> - -<p>»Soll ich allein gehen?« fragte ich.</p> - -<p>»Nein, ich lass' dich nicht allein gehen,« sagte er.</p> - -<p>Er war immer ein treuer Freund. Er borgte -mir sogar seine Flinte.</p> - -<p>So schlichen wir uns aus dem Hof hinaus und -gingen über die Felder. Der Wind jagte grauweiße -Wolkenfetzen über den Himmel, und es -regnete sacht. Wir kamen nach Ameisenfeld. Die -ganze Stadt schlief. Wir gingen an der Wotanseiche -vorbei. Sie stöhnte leise im Winde. Durch -die Brombeerhecken brachen wir. Heinrich trug -den Hammer; ich hatte den Nagel in der Hand -wie einen spitzen Dolch. Manchmal war es mir, -als ob er glühend heiß sei.</p> - -<p>Wir sprachen beide kein Wort, denn das hatte -uns der Förster eingeschärft. Aber das Schweigen -machte unsere Herzen noch beklommener.</p> - -<p>Nun tauchte der Geistergrund auf. Die niederen -Erlen und Weiden zogen sich am schwarzen -Graben entlang, eine hohe Ulme ragte über sie -hinweg. Unter ihr sollten der Pilz und die -Schlange gesehen worden sein. Und links von ihr, -ein Stückchen vom Bachrande weg, war die -Judasweide.</p> - -<p>Ich schloß die Augen. Wie ein Wirbel war es -in meinem Kopf. Rote Ringe sah ich tanzen, ein<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -brennendes Dorf sah ich, durch das auf schwarzem -Roß der tolle Müller ritt. Dicker Schweiß rann -mir unterm Hut hervor. Aber vorwärts ging es, -immer vorwärts, zuletzt im Trab. Fest hielt ich -den Nagel in der Hand. Heinrich strauchelte und -fiel hin. Der Hammer entglitt ihm. Er hob ihn -auf und packte mich fest am Arm. Unsere Herzen -schlugen in rasender Schnelligkeit. Wir gingen -immer noch vorwärts.</p> - -<p>Da – erst sah ich's – dann sah's Heinrich – -dann fielen wir auf die Knie –</p> - -<p>Aus dem Erlengebüsch trat eine weiße Frau.</p> - -<p>Die Frau aus dem Moor – die Frau, die ihr -Kleid wäscht –</p> - -<p>Wir schrieen laut um Hilfe.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war nicht die Frau aus dem Moor. Es -war Heinrichs Mutter. Es war unsere Fee.</p> - -<p>»Was wolltet ihr machen?« fragte sie freundlich. -Da gestanden wir alles.</p> - -<p>Sie zürnte uns nicht; sie strich uns beiden über -die Köpfe.</p> - -<p>»Nun, habt keine Angst; es passiert euch nichts, -ich bin ja bei euch!«</p> - -<p>Ja, nun wußten wir: es konnte uns nichts -passieren, da sie bei uns war. Heinrich schlang -den Arm um seine Mutter und küßte sie zweimal,<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -und dann nahm ich sie um den Hals und küßte sie -dreimal.</p> - -<p>Wir schritten ein paarmal an dem Graben auf -und ab, ganz friedlich, als ob wir spazieren -gingen, und nachdem wir etwa zehnmal ganz tief -und erleichternd aufgeseufzt hatten, fühlten wir, -daß unsere Herzen ruhiger wurden.</p> - -<p>»Hat euch der Förster gerade um die jetzige -Stunde bestellt?« fragte die Fee.</p> - -<p>»Jawohl, später als 6 Uhr dürfe es nicht sein, -hat er gesagt.«</p> - -<p>»So wollen wir einmal hinübergehen in den -Geistergrund,« meinte sie. Wir gingen ruhig und -ohne Angst mit ihr über den schmalen Steg, der -über den schwarzen Graben führte. Sie hielt uns -an den Händen und sagte:</p> - -<p>»Nun seht, wie still es hier ist, ebenso still wie -überall im Walde.«</p> - -<p>Dann gingen wir schweigend weiter. Über dem -moorigen Grund wuchs dichtes, weiches Moos, -und wir gingen ganz unhörbar. Einmal blieb -die Fee stehen und sagte leise:</p> - -<p>»Wenn euch etwas Seltsames oder Schreckliches -auffällt, so erschreckt nicht oder schreit nicht; denn -es ist ganz gewiß nichts wirklich Schreckliches.«</p> - -<p>Da faßten wir großen Mut. Plötzlich aber -blieben wir doch in jähem Schreck stehen.</p> - -<p>Unter der hohen Ulme war der Pilz, ein schrecklich<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -großer, blutroter Pilz, und unter dem Pilze -lag eine Frau. Heinrich begann zu weinen, ich -begann zu schlucken, die Fee aber faßte fest unsere -Hände und rief ganz laut und ruhig: »Du Pilz -und du Pilzweib, kommt einmal beide her!«</p> - -<p>Da schnellte plötzlich der verhexte Pilz hoch in -die Höhe, das Weib richtete sich auf, und eine -tiefe Stimme sagte:</p> - -<p>»O jemine, die gnädige Frau!«</p> - -<p>»Komm nur mal näher!« befahl die Fee.</p> - -<p>Unsere Herzen schlugen; aber es war jetzt mehr -Neugierde als Angst.</p> - -<p>Der Pilz und die Frau wandelten ganz langsam -auf uns zu. Und plötzlich brach Heinrich in -ein lautes Gelächter aus, und ich lachte unter -Tränen mit.</p> - -<p>Vor uns stand der Herr Förster. Er hatte sich -die Kleider seiner zweiundneunzigjährigen Großmutter -angezogen, und der Pilz war der riesengroße -und brennend rote Regenschirm der alten -Frau, der die Verwunderung der ganzen Gemeinde -bildete, wenn die Alte noch einmal zur -Kirche gehumpelt kam.</p> - -<p>»Gnädige Frau – gnädige Frau –« stammelte -der Förster.</p> - -<p>Er sah greulich aus. Der weite blumige Rock -war ihm viel zu kurz, so daß seine groben -Stiefel zum Vorschein kamen, das altmodische<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -Leibchen war ihm viel zu schmal, so daß man seine -Weste sah, und die alte Schleifenhaube saß ihm -ganz windschief auf seinem struppigen Kopf. Den -roten Schirm hatte er nun zugeklappt und quetschte -ihn wie ein brennendes dickes Gebund in höchster -Verlegenheit unter den Arm.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-035.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Die Fee blickte halb streng und halb lächelnd -auf den sonderbaren Geist und sagte:</p> - -<p>»Schämen Sie sich denn nicht, Förster, solche -Faxen zu machen? Denken Sie nicht daran, -was den Kindern vor Schreck passieren kann?«</p> - -<p>Die Pilzbäuerin raffte in tödlicher Scham an -ihrem Kleid herum.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span></p> - -<p>»Gnädige Frau, weil halt – weil halt die beiden -solche Schlingel sind.«</p> - -<p>»Es gibt viele Schlingel auf der Welt, große -und kleine,« sagte die Fee.</p> - -<p>Der Förster kraute sich die Schleifenhaube.</p> - -<p>»Nun werd' ich wohl gar meine Stellung verlieren,« -sagte der trostlose Hüter des Waldes. -Die Fee lächelte milde.</p> - -<p>»Etwas werden Sie schon verlieren: Sie werden -den Jungen zur Strafe Ihre Dohle schenken!«</p> - -<p>»Können sie kriegen, können sie kriegen!« schrie -da das Zauberweib voll Entzücken und haschte -nach der Hand der guten Fee, die sich abwenden -mußte, weil es wohl mit ihrer Fassung vorbei -war.</p> - -<p>»Gnädige Frau,« sagte der Förster, »wenn es -erlaubt ist, möcht' ich mich aus dieser sehr fatalen -Begebenheit empfehlen.«</p> - -<p>»Gehen Sie nur, gehen Sie nur!« sagte sie und -blieb immer mit dem Gesicht abgewandt.</p> - -<p>Da machte er eine Verneigung, wobei ihm der -geblümte Rock bis über die Kniekehlen emporrutschte, -und dann ging er davon. Als er an den -Bach kam, wollte er, wie er's gewöhnt war, hinüberspringen; -aber die Feiertagszier seiner -Großmutter wickelte sich um seine Beine und -er plumpste dicht am Rande in die Flut. Das war -für uns Kinder der glänzendste Spaß. Gleich<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -darauf pudelte er sich ans Ufer und jagte in -fliegendem Gewande und mit flatternden Haubenschleifen -davon. –</p> - -<p>Die Dohle haben wir bekommen; da sie aber -tagaus, tagein nichts anderes zu erzählen wußte -als: »Beatrice! Beatrice!«, wurde sie uns langweilig.</p> - -<h3>Heinrichsburg.</h3> - -<p>Die Stadt lag auf einer Insel, die ringsum von -dem Wasser eines Stromes umgeben war. Wenn -ein starker Regen fiel, wurde dieser Strom so tief, -daß wir uns die Hosen aufstreifen mußten, um -ihn durchwaten zu können. In trockenen Zeitläuften -blies der Wind den Staub vom Flußgrunde -bis in unsere Stadt. Wir warfen uns -dann platt auf die Erde und redeten vom Samum.</p> - -<p>Die Insel war mehrere Steinwürfe lang und -fast eben so breit. Ihr Gebiet umfaßte die Hohkönigsburg, -die Stadt selbst, das Felsengebirge, -einen Kriegs- und einen Handelshafen, ein Jagdschloß, -eine Meierei und eine Hundehütte. In -der Stadt gab es ein Rathaus, eine katholische, -evangelische, jüdische und heidnische Kirche, ein -Museum, ein Hotel, sehr viele Geschäfts- und -Wohnhäuser und einen Reichstag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p> - -<p>Die größten Gebäude waren die Hohkönigsburg, -das Hotel und die Hundehütte. Die Burg war im -19. Jahrhundert vom Zimmermann Schadel erbaut, -und der Bau hatte über 70 Mark verschlungen. -Dafür war er aber auch prächtig und stattlich. -Die Burg umfaßt nur den Thronsaal; für -mindere Räume war kein Platz. Eine stolze Fahne -wehte vom Dache, und an der Pforte zeigten zwei -angeklebte Bilder grimmiger Löwen, von denen -der eine ein Tiger war, daß hier im Schloß Macht -und Größe wohne und jeder ein Kind des Todes -sei, der sich den hier herrschenden Gewalten widersetze. -Bei Regenwetter wurden sämtliche Hauptteile -der Stadt mit Wachsleinwand überdeckt.</p> - -<p>Das Hotel hatte früher dem Pächter einer -Kirschenallee gehört, der darin sein Wächteramt -ausgeübt hatte. Kinder unter vier Jahren konnten -erhobenen Hauptes durch seine Pforten schreiten, -und auch wir brauchten uns nicht sonderlich zu -bücken, wenn wir eintraten. Es hieß »Hotel -Bristol« und trug an seiner Front viele Schilder, -als: »Zivile Preise«, »Warme und kalte Speisen zu -jeder Jahreszeit«, »Eintritt verboten!« und was -etwa sonst noch an ein gutes Hotel an Anschlägen -gehört.</p> - -<p>Der einzige ständig bewohnte Raum von -Heinrichsburg war die Hundehütte. Hier hauste -Pluto, der Wachhund. Er war von strengem<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -Charakter, aber gutem Appetit, deswegen geriet -er in Verlegenheit, wenn ihm einer, den er -eigentlich bekämpfen sollte, einen Knochen anbot. -Auf diese Weise hat Pluto es leider nicht verhütet, -daß uns eines Nachts das Hotel gestohlen -wurde. Er stand am Morgen nach der Unglücksnacht -mit albernem Gesicht auf der leeren Baustelle, -wedelte verlegen mit dem Schwanze und -bellte nach dem Ufer hin, wie einer bellt, der kein -gutes Gewissen hat. Den Bestechungsknochen -hatte er an einer leicht kenntlichen Stelle verscharrt.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-039.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Bei der letzten Volkszählung in Heinrichsburg -wurde Plutos Flohbestand in Fell und Hütte auf -zusammen 250 Stück lebend angegeben. Natürlich -nur schätzungsweise, wie es bei wilden Stämmen<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -immer geschieht. All dieses Kleinvolk hielt Pluto -in guter Zucht; Übergriffe ahndete er mit scharfer -Kralle.</p> - -<p>Pluto war sehr vielseitig von Beruf: des Nachts -mußte er wachen, am Tage zog er als prächtig aufgeschirrtes -Roß den Triumphwagen des Königs, -Sonntags trat er in der Stierkampfarena mit -grimmem Mute als Bulle auf, und oft spielte er -im Felsengebirge den Drachen oder fing in der -Stadt Mäuse, welche sehr lästig waren, weil sie -uns bereits die Rathaustreppe und einen Nachtwächter -aufgefressen hatten. Nur als Delphin -hatte Pluto kein Talent; denn allemal, wenn wir -auf seinem Rücken durch die Fluten des Stromes -ziehen wollten, warf er uns ab, sprang ans Ufer -und schüttelte sein Fell, was kein Delphin tun -darf.</p> - -<p>Das Felsengebirge war ein Steilgebirge von -durchaus alpinem Charakter. Seine größte Erhebung, -die Adlerkoppe, hatte eine relative Höhe -von 2500 Zentimetern; sie war im Winter mit -»ewigem Schnee« bedeckt und fiel steil zum Flusse -ab, von dessen Seite her sie nur von den geübtesten -Bergsteigern mit Nagelschuhen, Eispickel -und nach vorangegangener Anseilung zu -erreichen war. Ein prächtiger Aussichtsturm von -30 Zentimeter Höhe krönte ihren stolzen Gipfel, -und wer sich auf die Erde legte und über diesen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -Aussichtsturm hinweg in die Ferne sah, genoß -die herrlichsten Landschaftsbilder. Dicht unter -ihm das wildzerklüftete Gebirge, an dessen Fuß -der Strom mit seinen weißen Segelbooten und -seinem Spiritusdampfer brandete, dann die -Stadt, die »wie eine Spielzeugschachtel« ausgebreitet -lag, die trotzige Hohkönigsburg, die dunkel -aufragende Hundehütte, der weite Wald und das -grüne Wiesenland bis weit hinaus an den Horizont -in das Gebiet von Geistergrund und -Ameisenfeld.</p> - -<p>Wie ich inzwischen auch herumgekommen bin -in fremden Landen und Erdteilen: die Aussicht -von der Adlerkoppe bei Heinrichsburg ist die einzige, -die ich in dem Reisebuch meines Lebens mit -drei Sternen bezeichnen mag.</p> - -<p>Der Abstieg von der Adlerkoppe nach der Stadt -bot nur mäßige Schwierigkeiten und war ohne -Lebensgefahr zu bewerkstelligen. Er führte an -einer grünen Alm vorüber, auf der eine Herde -buntgescheckter Kühe weidete und ein Hirtenbub -vor seinem Alpenhäuslein saß und lieblich auf -einer Schalmei spielte. Nur eine drohende Kuppe -ragte noch auf. Dort legte ein kühner Alpenjäger -eben auf eine Gemse an. Wenn man sich die -hohlen Hände als Fernglas vor die Augen hielt, -konnte man die aufregende Szene so oft beobachten, -wie man vorbeikam.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p> - -<p>Etwa in halber Höhe des Gebirges war der -»Gebirgsbahnhof« angelegt. Er hatte einen sehr -schmuck eingerichteten Wartesaal, eine Wegeschranke -und eine Telegraphenstange ohne Draht. -Der Zug bestand aus einer Lokomotive und drei -allerliebsten Aussichtswagen. Die Passagiere -waren immer dieselben: ein Engländer, ein Professor -mit einer Botanisiertrommel und eine -Köchin mit einem Korb am Arm, die jedenfalls -auf der Höhe nach Suppengemüse gesucht hatte. -Wenn nun auch der Zug nicht übermäßig besetzt -war, so war es doch herrlich anzusehen, wenn er -in die Tiefe fuhr. Er machte die kühnsten Kurven, -setzte über Viadukte, die über schauerliche Abgründe -gespannt waren, raste durch pechdunkle -Tunnel, durchbrauste die Ebene und fuhr endlich -donnernd in den Bahnhof von Heinrichsburg ein, -wo es sich bei dem Kommando: »Alles aussteigen!« -ärgerlicherweise meist herausstellte, daß -der Professor, der Engländer und die Köchin auf -der raschen Fahrt von den Sitzen gepurzelt waren -und auf dem Fußboden lagen. Ein Eisenbahnunfall -wurde trotzdem, wie auf allen Gebirgsbahnen, -nie bekannt.</p> - -<p>O, und die Stadt Heinrichsburg selbst! Fürwahr, -ein Fremdling hätte sich in ihrem Gewirr -von Straßen und Plätzen rettungslos verlaufen. -Auf dem Marktplatz stand das Rathaus; da<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -guckte der Bürgermeister den ganzen Tag zum -Fenster heraus. In der katholischen Kirche war -beständig Hochzeit, in der evangelischen immer -Kindtaufen. Im Judentempel saßen tagaus, tagein -drei Männer mit Zylinderhüten auf dem -Kopf, und in der heidnischen Kirche schlachtete ein -Priester, namens Mohammed, ständig ein Kind. -Das Museum umfaßte vier Bilder und zwei -Statuen, der Reichstag war immer geschlossen. -Wir haben ihn, da wir nichts Rechtes mit ihm -anzufangen wußten, später in eine »Aktien-Brauerei« -umgewandelt.</p> - -<p>Die Pracht der Auslagen, die sich die Geschäftshäuser -leisteten, war erstaunlich. Allein der -Fleischerladen mit seinen feuerroten Schinken und -brennend braunen Würsten war ein kleines -Weltwunder. Majestät sprach nebst hohem Gefolge -täglich persönlich in diesem Geschäfte vor, -dessen Warenbestand immer pünktlich erneuert -wurde.</p> - -<p>Heinrichsburg war eine werktätige Stadt: da -saß der Schuster vor seinem Haus und zog den -Pechdraht, da hieb in seiner dunklen Höhle der -Schmied auf den Amboß, da saß der Weber am -Webstuhl. Lastwagen fuhren die Straße entlang -oder hielten vor dem Wirtshaus; der Postillon -saß hoch auf dem Bock und blies sein lustiges -Signal. Alle Handwerker waren vertreten, und<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -wo ein Gewerbe fehlte, da wurde zu Weihnachten -oder zum Geburtstag Seiner Majestät König -Heinrichs I. Abhilfe geschafft.</p> - -<p>Nur eine Schule gab es in Heinrichsburg nicht. -Majestät meinten, das sei nicht lustig und verderbe -den Spaß. Dafür marschierten glänzende Soldaten -auf den Straßen, und die Musikkapelle zog -den ganzen Tag mit Tiradebumdieh durch die -glückliche Stadt.</p> - -<p>Merkwürdig war der Denkmälerbestand von -Heinrichsburg. Von historischen Größen hatten -Kaiser Wilhelm, Blücher, Zieten und der alte -Fritz je ein Monument. Dann hatte Majestät -selbst ein Denkmal, ebenso seine erlauchten -Eltern: Rittergutsbesitzer Gerhardt und Frau. -Diese Denkmäler bestanden aus Photographien, -die in Steinpyramiden eingemauert waren. Bei -Regenwetter wurden Zigarrenschachteln als -Schutzdecke darüber gestülpt. Dann aber waren -in Standbildern noch verewigt Robinson Crusoe -und der »Pfadfinder«. Diese Denkmäler waren -aus Holz, von Sr. Majestät selbst entworfen und -modelliert. Sie wurden bei Regenwetter nicht -zugedeckt; denn sie waren »abgehärtet«. Bei festlichen -Gelegenheiten wurden sämtliche Denkmäler -illuminiert.</p> - -<p>Im Gerichtsgefängnis saßen Napoleon und der -Räuberhauptmann Schinderhannes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-045.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Herrlich war es draußen am Hafen. Oft lagen -wir da am Ufer und sahen auf die weite, unübersehbare -Wasserfläche und sprachen kein Wort. -Wenn ein Schiff seine weißen Segel blähte und -langsam von dannen fuhr, dann sahen wir ihm -nach, dann schaute unsere junge Seele weit hinaus -bis in die fernen Länder, nach denen das Schiff -fuhr, zu fremdartigen Menschen, die in Zelten -auf ewig grünen, ewig weiten Wiesen wohnten -und andere Blumen und andere Sterne sahen als -wir. Und all die tausend Gefahren, die das Schiff -haben würde in Scylla und Charybdis, bei Seeräubern<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -und Meerungeheuern, erwogen wir und -kämpften alle Not selbst durch und waren dabei, -wenn das siegreiche Schiff eines Tages doch stolz -und sicher in den Hafen fuhr.</p> - -<p>Manchmal kam unsere gute »Fee«, die Schutzgöttin -unseres Insellandes, zu uns herüber. -Dann feuerten unsere Strandkanonen Salut, die -Ehrenwache stand am Ufer, die ganze Militärkapelle -war aufgestellt, und von allen öffentlichen -und vielen privaten Häusern wehten Fahnen. -Der König ging der »Schutzgöttin« entgegen und -küßte ihr die Hand, und sie ging mit freundlichen -Augen durch unsere Stadt, und wo es an etwas -fehlte, das sah ihr gütiger Blick und ergänzte alsbald -ihre geschickte, freigebige Hand.</p> - -<p>Nur Pluto war an solchen Feiertagen eingesperrt. -Wurde er losgelassen, so fuhr er in einer -unsinnigen Freude durchs ganze Land, riß die -Stadt um und brachte den Zug zum Entgleisen.</p> - -<p>O, es war schön in Heinrichsburg! Die größten -Ehren habe ich dort genossen: ich war Großwesir -und Stierkämpfer, Hofdichter und Scharfrichter, -Hotelportier und Mitregent. Ich habe die Straßen -ausgebessert und das Gesetzbuch verfaßt, ich war -Dachdecker und Theaterdirektor, Seeräuber und -Staatsanwalt. Selbst die Frau Königin bin ich -gewesen; da hatte ich lange gelbe Locken und ein -weißes Kleid mit einem Goldgürtel und ein<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -Taschentuch, mit einer Krone gezeichnet. Am -liebsten war ich Leuchtturm. Dann trug ich eine -Laterne auf dem Kopf und ließ ihr Licht nach -allen Seiten spielen, bis die Schiffe, die in Wetter -und Not draußen waren, glücklich den Hafen erreicht -hatten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unsere gute Fee! Wenn ich jetzt, da ich lange, -lange schon ein Mann geworden bin, manchmal -träumend die Augen schließe, sehe ich ein weites -Gelände vor mir, dadurch ein schmaler Weg führt. -Es ist der Weg, den ich durch mein Leben gegangen -bin. Grüne Wälder, aber auch öde Schutthalden -sind an seiner Seite, und es fehlt nicht an -Denksteinen, und mancher der Denksteine ist ein -Marterl. Wenn ich nun so sitze und träume, -ziehen Hunderte und Tausende von Menschen an -meiner Seele vorüber. Ihnen allen bin ich einmal -begegnet, bin ein Stücklein mit ihnen gewandert. -Aber die meisten schauen mich so fremd an, -als hätte ich sie nie gesehen: alle die, die mir -gleichgültig waren und alle die, die mir einmal -wehe taten. Sie hat mein Herz vergessen. Die -aber, die mir etwas Liebes, Gutes erwiesen, -reichen mir alle die Hand, und ihre Stimme klingt -mir wie die eines Freundes von gestern.</p> - -<p>Und wenn sie kommt, die gute Fee meiner<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -Kinderzeit, schlägt mir auch heute noch das Herz -in Liebe für sie; ich hasche nach ihrer weißen Hand -und küsse die Hand und lege sie auf meine Stirn. -Dann wehen ihre blonden Haare im Wind, und -ihre Augen sind schön und lieb wie in alten -Tagen. Und sie nimmt meine Seele mit sich und -führt sie in</p> - -<h3>die heilige Stadt.</h3> - -<p>Da stand ein kleiner Tempel. In dem Tempel -war eine Figur des Heilands, die war so weiß -wie Schnee. Vor dem Heiland stand ein Knabe, -und über der Gruppe waren in goldenen Lettern -zwei Sprüche in die Wand geschrieben:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Dieses Kind wird der Größte sein im Himmelreich!«</p></div> - -<p>und:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so -werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«</p></div> - -<p>Der Knabe aber, der vor dem Heiland stand, -war Heinrichs Bruder Ludwig, der frühzeitig aus -dem Leben geschieden war.</p> - -<p>Als Ludwig starb, war ein solches Herzeleid -auch über uns Kinder gekommen, daß ich mit -Heinrich nach der Insel ging, um unsere schöne -Stadt Heinrichsburg niederzureißen.</p> - -<p>»Wenn Ludwig nicht mehr bei uns ist,« sagten<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -wir zueinander, »so macht uns die Stadt keine -Freude mehr.«</p> - -<p>Wir stiegen in bitteren Schmerzen auf die -Adlerkoppe. Noch einmal schaute ich über den -Aussichtsturm hinaus ins weite Land, dann löste -ich ihn aus der Erde und nahm ihn unter den -Arm. Heinrich packte den Bahnhof in seine Mütze, -und eben wollten wir den Alpenjäger und die -Gemse von der Felskuppe holen, als Heinrichs -Mutter uns nachkam. Ihr Gesicht war weiß, und -sie ging ganz langsam; aber sie lächelte doch, als -sie uns über die Köpfe strich und sprach:</p> - -<p>»Laßt nur eure Stadt stehen; Ludwig hat jetzt -eine viel schönere Stadt als ihr!«</p> - -<p>Da nahm Heinrich den Bahnhof wieder aus -der Mütze, und ich trug den Turm wieder auf den -Berg, richtete ihn dort auf und überzeugte mich, -daß die Aussicht über ihn hinweg wieder ganz -herrlich schön sei.</p> - -<p>Dann gingen wir drei nach Hause. Wir -sprachen nicht. Es war gegen Abend, und der erste -Stern tauchte auf am Himmel. Da holte Heinrich -tief Atem und fragte mit stockender Stimme:</p> - -<p>»Was für eine Stadt hat Ludwig?«</p> - -<p>Die Mutter zog ihn an sich und sagte:</p> - -<p>»Der liebe Gott kann ihm eine Stadt aufbauen -aus lauter Gold.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p> - -<p>»Und hat er auch einen Berg und einen Turm -darauf?« fragte ich beklommen.</p> - -<p>»Er steht auf einem Berg, der höher ist als -alle Berge, und er kann von da über die ganze -Welt sehen.«</p> - -<p>»Bis Berlin zum Kaiser?« fragte Heinrich -verwundert.</p> - -<p>»Bis Berlin zum Kaiser,« sagte die Mutter, -»und – bis zu uns dreien.«</p> - -<p>»Sieht er uns jetzt gehen?«</p> - -<p>»Ja, ich glaube, er sieht uns gehen.«</p> - -<p>Da blies der Abendwind übers Feld, und ich -fror.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Dieser ist der Größte im Himmelreich!«</p> - -<p>Der goldene Spruch stand über Ludwigs -Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit -scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden, -der mit einem Kranz weißer Rosen -um die Stirn in jenes ferne Land gewandert -und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da -habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm -gelegen und hinaufgeschaut in das -ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht, -daß ich auch einmal den Weg finden -möge dorthin.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-051.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja,<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -selbst der Förster kam manchmal mit; er stand -dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in -der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns -dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr -totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer -in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der -heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg, -nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns -von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu -sehen waren.</p> - -<p>Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte -sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im -Herzen.</p> - -<p>Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist -durch unser ganzes Leben der goldene Spruch -aus der Heiligen Stadt nachgegangen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so -werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-052.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p> - -<h2 id="Der_kleine_General">Der kleine General.</h2> -</div> - -<div class="instruction"> - -<p>Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm -ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank -im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer -steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes -Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten.</p></div> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">richtet sich matt auf</em>):</p> - -<p>Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal -sehen.</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Wird dich nicht wieder das viele Licht stören, -Hans?</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Ach, nein … ich möchte ihn sehen. Zünde -doch die Lichter noch einmal an, Mutter … ja?</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Gewiß, mein Kind, wie du willst …</p> - -<div class="instruction"> - -<p>Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen -an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen, -fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück.</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge?</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Er ist schön … er ist sehr schön! … Es ist -wohl viel Marzipan dran? … Ich kann keines -essen … es schmeckt mir bitter … Aber die -Krone und der Engel! – – – – Ach, Mutter, -mir tun die Augen weh … lösch die Lichter -aus … bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus!</p> - -<div class="instruction"> - -<p>Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht -die Weihnachtslichter aus.</p></div> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden -Lichter! … Nun ist er ganz finster, der -Baum …</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">zurückkommend</em>):</p> - -<p>Ist es so gut?</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Ja, es ist gut so … Ich freu' mich so über die -Soldatensachen, Mutter.</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Mein lieber Junge!</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Bring mir doch den Säbel und den Helm! -Und einen Spiegel … ja? Ich will mich gern -sehen …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Ja, ich hole sie! (<em class="instruction">Pause.</em>) So, mein guter Hans, -hier sind die Sachen!</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Stütz' mir den Rücken, ja … ich will mich -setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann … -So … ah, es geht schwer … und jetzt … jetzt -den Säbel … halt' mich fest, Mutter, fest … -ja so! … Und jetzt noch den Spiegel … Oh, -oh, … wie seh ich denn aus? … Das bin ich -doch nicht! Das ist ja ein ganz … altes … -häßliches Gesicht!</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">mit unterdrücktem Schluchzen</em>):</p> - -<p>Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans!</p> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen</em>):</p> - -<p>Bin ich das wirklich?!</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">tröstend</em>):</p> - -<p>Sieh doch den Helm … er steht dir so schön … -mein kleiner, lieber Held …</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Oh … ich sehe aus … wie der Tod …</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">läßt den Spiegel fallen</em>):</p> - -<p>Hans! … Sprich nicht so, Hans … das -darfst du nicht … das ist böse von dir … -entsetzlich böse …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt</em>):</p> - -<p>Ich will nicht böse sein … ich will gut sein … -und ich will auch nicht gern … zum Tode … -ich möchte bei dir bleiben, Mutter … bei dir ist's -so schön …</p> - -<div class="instruction"> - -<p>(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.)</p></div> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Ich glaube … daß ich heute sterben soll …</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Du sollst ja nicht so sprechen … du wirst nicht -sterben, Hans … ich laß dich ja nicht sterben … -ganz bestimmt nicht … ich verspreche es dir … -du weißt, ich halte immer, was ich verspreche … -ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein -Junge!</p> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">langsam</em>):</p> - -<p>Aber der Vater ist ja auch gestorben und der -Großvater auch.</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Sie waren älter als du, aber so ein Knabe -stirbt nicht, nein, der stirbt nicht!</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Setz' dich auf den Stuhl, Mutter … erzähl' -mir vom Großvater … wie es war, ehe er -starb, ja?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will -ich dir's erzählen …</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Heute, Mutter, heute! … Wo gehst du -hin? …</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon -so …</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er -hat jetzt nicht Zeit für mich.</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Ich will doch schicken, ich komme gleich -wieder … Der Arzt kommt bestimmt …</p> - -<div class="instruction"> - -<p>(Sie geht hinaus.)</p></div> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich -an die Bleisoldaten</em>):</p> - -<p>Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf … ich -will euch was sagen … Ich bin euer General … -Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? … -Ich kommandier' euch! … Jawohl! … Und -wenn der Tod kommt … dann wollen wir mit -ihm kämpfen … tapfer, ihr Jungen … er … -er darf uns nicht unterkriegen … er nicht …<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -wir ihn … wir müssen ihn unterkriegen … -Hört ihr? … Versteht ihr? … Wir ihn! … -Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann … -den Hügel hinauf … gegen viele Franzosen … -bumm, schossen sie, bumm, bumm … sechse -fielen … eine Kugel … eine ganz kleine, blaue -Kugel … flog auch meinem Großvater in den -Leib … er machte sich nichts draus … nein, -gar nichts daraus aus der kleinen Kugel … er -stürmte weiter … und erst, als er die Fahne -hatte … da … da … tat er sterben … So, -so müssen auch wir … tapfer, ihr Soldaten, -tapfer … (<em class="instruction">er sinkt gänzlich erschöpft zurück</em>).</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">zurückkommend</em>):</p> - -<p>Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still. -Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem -Kriege erzählen?</p> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">halb im Fiebertraum</em>):</p> - -<p>Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut … Stell' -meine Soldaten zurecht … so mit den Flinten -auf das Fenster zu! … Dort herein wird er -kommen … ja, gewiß, dort zum Fenster herein -kommt er! …</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">angstvoll</em>):</p> - -<p>Wer denn? Wer soll denn kommen? Das -Fenster ist fest zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs -Glas! Es ist der Feind … ja, der Tod … der -ist der Feind …</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-059.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt … -Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand, -es kann niemand herein, ich stelle mich vor das -Fenster …</p> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">mit der Hand schlenkernd</em>):</p> - -<p>Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich -sehen, wenn er kommt … ich muß aufpassen,<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -ich bin ja der General … Die Soldaten … -sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen … -sie werden groß … groß wie die Riesen … -sie haben richtige Flinten … o, er soll nur kommen -… gib meinen Degen … weg, Mutter, -weg vom Fenster … wenn die Soldaten auf -ihn schießen … treffen sie dich! …</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">reicht ihm in höchster Angst die Medizin</em>):</p> - -<p>Trinke, Hans, trinke!</p> - -<p class="center"><b>Hans</b>:</p> - -<p>Ich will nicht! … Halt, doch … ein Schluck -ist gut … Aah so! … Gib den Soldaten auch … -aber geh nicht mehr zum Fenster … Wenn er -kommt, legen wir gleich los … Achtung, ihr -Soldaten …</p> - -<div class="instruction"> - -<p>(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle -Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick -lauernd nach dem Fenster gerichtet.)</p></div> - -<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">jäh aufschreiend</em>):</p> - -<p>Da ist er … da ist er … der schwarze -König! … Der Tod! … Oh … oh, er schießt. -Oh, er hat mich getroffen … in die Brust … mit -einer Kugel … Ich mach mir nichts draus … -Drauf, ihr Soldaten … drauf … schießen, -stechen, hauen! … Mein Säbel … wart' … -ich bring dich um … ich zerschlag dir den schwarzen<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -Kopf … ich … jetzt … jetzt hat er mich … -jetzt hab ich ihn … laßt uns … helft nicht … -ich nehm ihn allein … ich brech ihm den Hals … -ich siege … o du … du schlechter Feind … du -hast meinen Vater … meinen Großvater … -wart … dein Hals, dein Blut … ich reiß dir -das Herz heraus … ich hab's … ich hab' dein -Herz … es hat Großvaters Blut getrunken -– – – – Er … er … er ist tot … -der Tod ist tot! … Der Tod ist tot …</p> - -<div class="instruction"> - -<p>(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.)</p></div> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans! -Hans! (<em class="instruction">Schreiend:</em>) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein -Sohn stirbt! Hilfe! O Gott … Hilfe! Zu -Hilfe …</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="instruction"> - -<p>Einige Stunden später. Gegen Morgen.</p></div> - -<p class="center"><b>Der Arzt</b>:</p> - -<p>Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau?</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p> - -<p>Wie könnte ich heute ruhen?</p> - -<p class="center"><b>Der Arzt</b> (<em class="instruction">beugt sich über Hans</em>):</p> - -<p>Er schläft gut … ich glaube bestimmt, nun<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz -haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen.</p> - -<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">schlicht, aber mit großer, stiller Freude</em>):</p> - -<p>Er hat den Tod besiegt!</p> - -<div class="instruction"> - -<p>Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen -beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem -Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen -am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren -ihre Gewehre.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-062.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Schatz_in_der_Waldmuhle"><img src="images/illu-063.jpg" alt="" /><br /> -Der Schatz in der Waldmühle.</h2> -</div> - -<p>Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten -um den starken Apfelbaum im Kreis herum, -immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände -auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu -einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt -eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam -der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig -auf den Müller zu und fragte:</p> - -<p>»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so -im Kreise herum?«</p> - -<p>Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige -herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite, -rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst: -»Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum -er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die -Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt.</p> - -<p>Der Müller ging noch oft seine Runde; aber -endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach: -»Tausend und einmal! Und ganz schweigsam! -Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird -es endlich glücken.«</p> - -<p>Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras. -Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen, -und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel -mit lauter Orden und bunten Knöpfen. -Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren -weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr -surrendes, friedliches Lied.</p> - -<p>Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in -seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben -wurde, zu dem anderen, da sein einziges -Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über -Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter -zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da -hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt: -»Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was -fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die -Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es -Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger -Name, und dann wollen wir unsere reiche Base -Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen -ein gutes Patengeschenk geben.«</p> - -<p>Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das -Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen -Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es -nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie -es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette -brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein -blanker Kupferdreier lag, und sprach:</p> - -<p>»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben. -Alsdann muß der Vater über dieselbe -Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern -stecken. So wie der Baum wächst, so wird der -Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an -dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird, -werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln. -Wenn dann der Kasten reif zum Heben -ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten. -Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein, -dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur -dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald -es größer geworden ist, immer an seinem<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -Geburtstag tausend und einmal um den Baum -herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.«</p> - -<p>Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das -sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber -hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein -gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte -er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine -Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der -Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit, -meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des -Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt. -Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und -Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in -der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch.</p> - -<p>So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das -Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es -der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte -er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete, -ein feines Klingen vernommen zu haben.</p> - -<p>»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das -Kupfer in das Gold umgesprungen ist.«</p> - -<p>Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater -und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde -selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein -Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als der Müller jetzt noch so da saß und von -seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte, -trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten. -Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein -Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum -Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht -in seiner staubigen Müllertracht, sondern war -sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut -mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute -ihn verwundert an und fragte:</p> - -<p>»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei -dir heut Sonntag?«</p> - -<p>»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er -einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute -der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr -den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag -gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu -bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur -Ehefrau gebt.«</p> - -<p>Der Müller schaute den Burschen erst einige -Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne -weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!«</p> - -<p>Diese Worte klangen dem Freiersmann gar -nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er -machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand -auf, reckte sich und sagte:</p> - -<p>»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel -sitzen. Der sollen bald schönere Tage -kommen.«</p> - -<p>»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie -sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir -sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so -sehr darum zu Tode grämen wie ich.«</p> - -<p>Gegen solche Krankheit würde schon noch ein -Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da -Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er, -der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein -Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge. -So – und damit basta.</p> - -<p>Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als -er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den -Weg und fragte gutmütig und neugierig:</p> - -<p>»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem -Reinhard gesprochen?«</p> - -<p>Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter -und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die -Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten, -was er mit dem Reinhard gesprochen hat. -Also werde ich den Reinhard selbst fragen.«</p> - -<p>Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend -und Herzeleid.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als es gegen Abend war und die müde Sonne -sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der -junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel -gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und -der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft -auch.</p> - -<p>Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen -am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!« -und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein -Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als -wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr -denn hin?«</p> - -<p>Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde -ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte -Mühle sang im Tal.</p> - -<p>Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte -geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden -Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt -und was er sich für törichte Hoffnungen -mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht -da sei. Und es schloß mit vielen Tränen:</p> - -<p>»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater -in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum -begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen -Schatz liegen.«</p> - -<p>Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing -auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble -aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr! -Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er -freudig aus:</p> - -<p>»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde -ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen -abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der -vielen Ohrfeigen.«</p> - -<p>Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann -wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten -sollte auf der Reise in die weite Welt. -Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem -Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit -abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte. -Dann sprach er in väterlichem Tone:</p> - -<p>»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir -bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei -Tagen kommen wir wieder.«</p> - -<p>Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den -Mund, und dann schieden sie voneinander, und -dann ging die Sonne unter.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Reinhard und Jakoble wanderten miteinander -in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte -Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach, -Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich -wohl anfangen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p> - -<p>Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was -sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da -wäre!«</p> - -<p>Es wurde finster, und die beiden wußten nicht, -wohin sie kommen würden. Wenn man aber in -der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird, -kommt man meist in eine Schenke.</p> - -<p>So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus, -wo es hoch herging. Bauern saßen drin -und Fuhrleute, von denen manche so reich waren, -daß sie zwei Pferde besaßen.</p> - -<p>Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus -war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein -grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem -Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus -Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein -Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine -Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles -hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard -und Jakoble eintraten, hörten sie den -Zauberkünstler eben sagen:</p> - -<p>»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach -wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick -mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte -mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen, -und ick sollte mal da in der Jejend -Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen! -Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.«</p> - -<p>Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi -einem Bauern aus der roten dicken Nase -wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten -warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden. -Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde -lang den Mund zuzumachen und hatte -überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck, -daß ihn Reinhard nach einiger Zeit -anstieß und sagte:</p> - -<p>»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir -wenigstens die Nase!«</p> - -<p>Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte, -stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte -ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte -sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung.</p> - -<p>Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot -zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen -mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß -dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas -und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich -eine Zigarre an und blies statt Rauchringel -Schweinsblasen in die Luft.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-073.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn -draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> -beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die -Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz -ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten -Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im -Herzen, den andern die Schlange im Magen. -Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen -will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut -gewiegt sein.</p> - -<p>Als es Mitternacht war und der Wind draußen -lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks -klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi -trat ein. Jakoble tat einen Schrei und -versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard -richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische -Zauberer beschwichtigte die beiden und -sagte:</p> - -<p>»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n; -ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.«</p> - -<p>Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden -nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond -schien durch die Dachluke und bestrahlte seine -phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat -sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund, -und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur -Höhe und sagte grollend:</p> - -<p>»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p> - -<p>Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier -von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden -Darbietungen nur vorbenannte Summe -Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos -und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen -und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel -sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf -auf die Wimpern eines irdischen Wanderers -sinkt.</p> - -<p>Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte -schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke -aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi -halb mitleidig und halb zärtlich anblickte -und zur Antwort gab:</p> - -<p>»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«</p> - -<p>O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig, -fischte in seiner Hosentasche herum und übergab -dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar -und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble, -worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt -wurden.</p> - -<p>Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch« -Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch« -von einem Oberpriester und einer Göttertochter -ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich -Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien -ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin.<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe -eines Barbiers betrieben, aber dann sei die -höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit -in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel -habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun -sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge, -zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle -er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem -neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft -anfangen.</p> - -<p>Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk -lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und -verbündet sich leicht miteinander gegen die -tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher -sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und -am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier. -Während der ganze Kretscham schlief und der -Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens -nach einem Wanderer, ja nach einem -wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen -in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre -Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von -seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen -Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung -und traurigen Fahrt in die weite Ferne. -Die Gedanken flogen hin und her, und als der -Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und -nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span> -will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine -Pläne fassen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Begraben unter dem Baume<br /></span> -<span class="i0">Liegt mein ganzes Gut,<br /></span> -<span class="i0">Hatte ein liebes Mädel,<br /></span> -<span class="i0">War wie Milch und Blut;<br /></span> -<span class="i0">Was ich auch je im Leben<br /></span> -<span class="i0">Erwerben und sparen wollt',<br /></span> -<span class="i0">Gäb für den Schatz unterm Baume<br /></span> -<span class="i0">All mein Silber und Gold.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Dieses traurige Lied sang die Trudel in der -Waldmühle nun täglich am Morgen und am -Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm -nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er -am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der -Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren, -und alles würde gut und schön sein, wenn -erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien -und läutete.</p> - -<p>Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten. -Der neue Knecht, den er für das -Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten -halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben -hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben.<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -So etwas ist kränkend für einen Mann, -der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die -Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn.</p> - -<p>Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen -Lied!</p> - -<p>So kam es, daß der Müller einmal bis spät in -die Nacht munter war und auch dann noch nicht -in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon -auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll -und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die -Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat -sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben -getan hatte – – er öffnete das Fenster.</p> - -<p>Und nun hörte er es deutlich!</p> - -<p>Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete -ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein -durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt, -Müller, der Schatz ist reif!</p> - -<p>Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war -sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine -Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder, -wie der Wind einen Eichbaum schüttelt.</p> - -<p>Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da -ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den -Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei.</p> - -<p>»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif. -Komm mit mir, wir wollen ihn heben.«</p> - -<p>»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,« -sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater. -Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge -ragten in den Himmel, und der Wind flog -von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er -zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe. -Dann löste es sich los von den Bergen wie große -Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit -zuckenden Schwingen über den Himmel zogen.</p> - -<p>Das Glöcklein war verstummt. Es hing an -dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine -weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller -und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem -Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die -Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte -Trauer, und in beiden wohnte die Furcht.</p> - -<p>Ächzend setzte sich der Müller schließlich unter -den Apfelbaum. Ein wenig verpusten, erst ein -wenig verpusten.</p> - -<p>So war nun der große Augenblick gekommen, -auf den seine Eltern gehofft, nach dem er selbst -von frühester Jugend an ausgeschaut hatte. Erfüllt -war seine Sehnsucht, der ganze goldene -Segen des Reichtums war nahe und gewiß.</p> - -<p>»Trudel, du wirst dir einen Fürsten heiraten<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -oder gar einen Offizier,« sagte er traumhaft glücklich -vor sich lächelnd. Das Mädchen schüttelte -den Kopf.</p> - -<p>»Der Reinhard ist kein Fürst und kein Offizier,« -sagte es in seiner großen Treue.</p> - -<p>»Wird alles anders, alles anders! Nur ein -wenig verpusten!«</p> - -<p>Da kam aus der Erde ein starkes Klopfen. Der -Müller sprang auf; er glaubte, es komme ein Erdbeben. -Zweimal holte er noch tief Atem, dann -sagte er:</p> - -<p>»Rasch machen, rasch, damit die glückliche Zeit -nicht vergeht! Auch ist es hier sehr unheimlich. -Hörtest du das Poltern in der Erde?«</p> - -<p>Und er stieß den Spaten ins Gartenland und -geriet augenblicklich auf einen Widerstand, der -sich als ein starkes Brett herausstellte.</p> - -<p>»Die Kiste, Trudel, die Kiste!«</p> - -<p>Es war wirklich der Deckel einer Kiste, den der -Müller in rascher, aufgeregter Arbeit bloßlegte. -Dieser Deckel hatte über ein Meter im Geviert. -Es war eine Riesenkiste, und der Müller sagte in -schwerster Beklemmung:</p> - -<p>»Trudelchen, wenn sie voll puren Goldes ist, -müssen es an die tausend Taler sein!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-081.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Auf einmal hob sich der Deckel der Kiste von -selbst – der Müller und die Trudel wichen erschrocken<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> -zurück – der Kistendeckel wurde beiseite -geschleudert – und wie aus einem Grabe heraus -erstand eine Gestalt und ragte mit dem halben -Körper aus der Erde.</p> - -<p>Es war Reinhard.</p> - -<p>»Müller,« rief er mit feierlicher Stimme, »wisse -und glaube: ich bin der Schatz, der dir und deiner -Mühle und deiner Trudel bestimmt ist. Höhere -Mächte haben mich hier eingegraben; jetzt bin ich -Euch verliehen und Euer eigen.«</p> - -<p>Das Trudelchen hatte erst ein bißchen erschrocken -aufgequiekt, aber dann stand es eins, zwei, drei -neben Reinhard in der Kiste und rief immerfort:</p> - -<p>»Ja, ja, ja, so ist es, so ist es, so ist es!«</p> - -<p>Und plötzlich kam etwas aus dem Zaungebüsch -dahergerannt, und ob es auch geisterhaft aussah, -wie es so daherhuschte, erwies es sich doch bei -näherer Betrachtung als das Jakoble, und das -rief:</p> - -<p>»Ja, das ist der geheimnisvolle Schatz! Ich -weiß es und kann es bezeugen.«</p> - -<p>Um das Schmerzliche ganz kurz zu sagen: den -Müller erfaßte eine Riesenwut. Er prügelte zuerst -das Jakoble windelweich, dann stürzte er sich auf -Reinhard, und er brüllte so laut, daß alle Leute -in der Mühle zusammenliefen. Denen erklärte -er nun in japsenden Sätzen, mit einer Stimme,<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -die vor Wut schrill wurde und sich überschlug: er -sei genarrt, sei betrogen, sei von Spitzbuben geprellt; -sein kostbarer Schatz, der unter dem Apfelbaum -gelegen, sei ausgegraben, sei von diesen -Dieben und Räubern gestohlen, und sie müßten -nun alle, alle an den Galgen.</p> - -<p>In der Nähe wohnte ein doppelter Sicherheitsmann, -der zu gleicher Zeit Bahnwärter und -Polizist war. Dieser Mann wurde herbeigeholt, -Reinhard und Jakoble wurden überwältigt, es -wurden ihnen Hände und Füße gebunden, wie es -Räubern geziemt, und ihnen dann befohlen, mit -dem Sicherheitsmann nach dem Amtsgefängnis -zu marschieren. Zwecks Ausführung dieses -Polizeibefehls mußten den Gefangenen die Füße -wieder freigegeben werden.</p> - -<p>Die Trudel weinte so laut, daß der ganze Hof -und Garten aufwachte, die Vögel zu zwitschern, -die Kühe zu brummen begannen und der Hahn -zu krähen anfing.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eberhard Schleifle, der Bahnwärter und Polizist, -beförderte durch die dunkle Nacht seine beiden -Gefangenen zum Gerichtsgefängnis, das zwei -Stunden von der Waldmühle entfernt war. Er -trug als Waffe einen Spieß, der so schwer war<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span> -wie weiland der Spieß Goliaths: sein Schaft war -wie ein Weberbaum. Da nun Eberhard Schleifle -den ganzen Tag schwere Bahnwärterdienste getan -hatte, indem er fünf Eisenbahnzüge an sich hatte -vorüberfahren sehen, so war er müde und gab dem -Jakoble seinen Amtsspieß zu tragen. Zu diesem -Zweck band er ihm die Hände los. Auch den Reinhard -befreite Schleifle von den Handfesseln, weil -sie ihn in dem Augenblick behinderten, als alle -drei gemeinschaftlich eine Prise Tabak schnupfen -wollten. Als die drei nun auf solche Weise ans -Gefängnis kamen, war dieses geschlossen. Es ist -auch nicht mehr als recht und billig, daß Gefängnisse -des Nachts geschlossen sind. Der Polizist kehrte -also mit seinen Gefangenen in ein Gasthaus -ein, wo eben eine Hochzeit gehalten wurde, und -gedachte da den Morgen abzuwarten. Er und -Jakoble tanzten mit den Brautjungfern, Reinhard -aber hielt sich traurig beiseite, denn er dachte -an die Trudel. Am nächsten Morgen wurde er -mit Jakoble eingekerkert. Die Zelle war so eng, -daß Reinhard seufzte und sprach: »Hier hat man -fast so wenig Luft wie in der Kiste, als sich der -Müller grade oben auf das Luftloch gesetzt hatte; -denn da wäre ich fast erstickt und mußte gewaltig -anklopfen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ach, du schwere Zeit! In der Waldmühle -schlug die Uhr keine gute Stunde mehr. Der -Müller ging in verbissener Wut umher; die Trudel -weinte sich die Augen rot, wenn sie daran dachte, -wie Reinhard und Jakoble von dem barbarischen -Eberhard Schleifle so roh davongeführt worden -waren.</p> - -<p>Nun war es damals wie immer im Mai: es war -kalt. Die Eisheiligen hatten sehr strenge Herrschaft -aufgetan, und der Müller saß eines Abends -am Ofen und fror. Es war um die Dämmerstunde, -und alle Leute waren in den Ställen beschäftigt. -Der Müller war allein.</p> - -<p>Da tat sich die Tür auf, und ein fremder Mann -trat ein, der war in einen schwarzen Mantel gehüllt -und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. -Er grüßte nicht und stellte sich dem erstaunten -und erschrockenen Müller ganz nahe gegenüber. -Und er tat seinen Mund auf und sprach ohne jede -weitere Einleitung:</p> - -<p>»Müller! Müller! Gold ist Wind!«</p> - -<p>Damit griff er dem Müller, der ganz verblüfft -dasaß, an die Nase, zog ihm eine Menge Dukaten -heraus und warf das blinkende Gold in die Luft, -wo es spurlos verschwand. Dann sprach der -Fremde weiter:</p> - -<p>»Müller! Müller! Gold ist Wasser.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<p>Und er griff aus der Luft die Dukaten zurück, -ließ sie am Herdfeuer auf seiner flachen Hand -glänzen und steckte sie darauf in den Mund, worauf -er einen Strahl Wasser auf den Fußboden -spuckte, lachte und weitersprach:</p> - -<p>»Wenn nun Gold Wind und Wasser ist, müssen -alle Wind- und Wassermüller im Lande reich -werden.«</p> - -<p>Dem Müller standen die Haare zu Berge, und -er vermochte es nicht, ein Wörtlein zu sagen. -Der Fremde aber sagte:</p> - -<p>»Auch in der Erde liegt Gold.« Er bückte sich -darauf nach dem schwarzen Estrich der ungedielten -Stube und hob da viele Getreidekörner auf, die -zuvor dort nicht gelegen hatten. Er zeigte dem -Müller die Körnlein, und sie wurden zu Goldmünzen.</p> - -<p>»Wenn nun,« sprach der Fremde mit ernster -Stimme, »Wasser und Wind und Erde Gold sind, -warum hängst du so sehr am geprägten Golde? -Wisse, es ist nicht gleich, ob du sagst: ›Wind ist -Gold‹ oder ob du sagst: ›Gold ist Wind.‹ Es ist -ganz etwas anderes, es ist das Entgegengesetzte. -Verstehst du das?«</p> - -<p>Der Müller schüttelte den Kopf; in diesem -Augenblick hätte er überhaupt nichts verstanden.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-087.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Der Fremdling nahm nun den Hut ab und<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -strich sich durch die Haare. Da zischten und blitzten -Flammen daraus; auch begann die Nase des unheimlichen -Gastes in grellem Lichte zu leuchten. -Zwei große Augen richteten sich auf den zitternden -Müller, und der Fremde sprach:</p> - -<p>»Den wahren Schatz hast du verschleudert; den -Mann, der dir aus Wind und Wasser und Erde -Gold gemacht hätte, hast du verjagt, und als ihn -dir die höheren Mächte zurückbrachten, hast du -ihn einem abscheulich verrohten Kerkermeister -übergeben. Wenn du ihn nicht freimachst und ihn -nicht deiner Trudel vermählst, so wird all dein -Hab und Gut zerrinnen, so bist du über Jahr und -Tag ein Bettler. Bedenke das wohl. Ich sage -es, ich, der große Zauberer Kiutschitsufilutschi.«</p> - -<p>Und der Zauberer griff mit der rechten Hand -eine kleine Trommel, mit der linken einen -Schläger aus der Luft, schlug einen kurzen, -dumpfen Wirbel, öffnete seinen Mund und spie -Rauch und Flammen aus, warf Trommel und -Schläger durchs geschlossene Fenster hinaus, nahm -eine große Wurst vom Tisch, die sich zusehends in -eine Schlange verwandelte und ihm in den Halskragen -kroch, verwandelte ein Stück Speck, das -dalag, in eine Maus, die in seine Rocktasche -schlüpfte, und verschwand knarrend durch die Tür.</p> - -<p>Den Müller schwitzte und fror in dem gleichen<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span> -Augenblick. Lange saß er fassungslos da, dann -schrie er um Hilfe. Das Trudelchen kam gesprungen -und war außer sich vor freudigem Schreck, -als ihr der Vater keuchend sagte:</p> - -<p>»Trudelchen, zieh dir eine Jacke an; wir müssen -augenblicklich den Reinhard aufsuchen, und du -mußt ihn heiraten! Es ist etwas Schreckliches -geschehen: du mußt jetzt den Reinhard heiraten, -oder ich werde ein Bettler.«</p> - -<p>O, wie flink hatte das Trudelchen die Jacke an -und das Tuch über den Kopf gebunden! Die -beiden machten sich nun auf und gingen zu Herrn -Schleifle, der eben vor der Tür seines Bahnwärterhauses -damit beschäftigt war, sich mittels -eines Steines auf der Schiene Haselnüsse aufzuklopfen.</p> - -<p>Er hielt in seiner Arbeit inne und sah die beiden -erwartungsvoll an.</p> - -<p>»Schleifle,« sprach der Müller, und man hörte -ihm an, daß ihm das Reden schwer wurde, -»Schleifle, du bist ein Mann der Gerichtsbarkeit. -Du hast den Reinhard eingesperrt und mußt nun -sehen, daß du ihn wieder herausbekommst, denn -mein Trudelchen muß ihn heiraten.«</p> - -<p>Herr Schleifle war sehr erstaunt, und indem er -einige Haselnußschalen von der Schiene putzte, -dachte er bei sich: Ei, ei, seht an, das Mädel hat<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -den Alten herumgekriegt; nun soll es ihn aber -auch was kosten! Er schob also seine Amtsmütze -aufs linke Ohr und sagte:</p> - -<p>»Reinbringen ist leicht; rauskriegen ist schwer! -Reinhard sitzt da drin im Namen des Gesetzes; -ich kann ihn nicht begnadigen.«</p> - -<p>Der Müller griff in die Hosentasche und ließ -von ungefähr einen blanken Taler sehen, aber -Schleifle, der schnell im stillen ausrechnete, drei -Taler seien mehr als einer, meinte:</p> - -<p>»Die Obrigkeit sieht nicht aufs Geld. Reinhard -ist nun einmal ein Räuber und muß dafür -brummen.«</p> - -<p>In diesem Augenblick kam ein Zug angesaust.</p> - -<p>Herr Schleifle, der dieses Ereignis nicht vermutet -hatte, sprang beiseite und stand stramm, -in der einen Hand den Stein, in der anderen die -Haselnußtüte. Auch als der Zug fort war, blieb -Herr Schleifle fest und meinte, die Geschichte mit -Reinhard sei ein schwerer juristischer Fall und -er könne da vorläufig nichts tun.</p> - -<p>Mit diesem Bescheid mußten sich die beiden -begnügen, und der Müller ging verdrossen mit -dem weinenden Trudelchen heim. Was sollte nun -werden? Der unheimliche Fremde, der so unerhörten -Zauber ausüben konnte, hatte gedroht, -der Müller würde zum Bettler werden, wenn der<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -Reinhard die Trudel nicht heiratete. Und Schleifle -war als Beamter wie von Stahl und Eisen. Was -sollte nun werden?!</p> - -<p>Eine schwermütige Nacht brach an. Das Trudelchen -war schluchzend nach seiner Schlafkammer -gegangen; der Müller saß allein und hörte den -Nachtwächter die zehnte Stunde tuten. Die Zukunft -lag erschreckend und trostlos vor ihm. Wie -der Fremdling Trommel und Schlägel durchs -geschlossene Fenster geschleudert hatte, so würde -all Müllers Geld und Gut auf die Gasse fliegen, -er mochte es verschließen und bewachen, wie er -wollte. Und wie sich Müllers schöne Wurst und -sein saftiges Stück Speck in eine Schlange und eine -Maus verwandelt hatten, so würde all seine Habe -der Geier holen. Wer kam gegen Zauber an?</p> - -<p>Wie nun der Ärmste noch in so schweren Gedanken -dasaß, hörte er plötzlich vom Garten her -wieder das silberhelle Klingen des Glöckleins. -Mit drei Sätzen war der Müller im Hof, ergriff -den Spaten und eilte nach dem Garten. O, wenn -der Reinhard wieder unter dem Baume in der -Erde steckte, welch ein Glück!</p> - -<p>Der Müller stieß den Spaten in den Rasen, -hob die Schollen ab, grub, grub um den ganzen -Baum herum, und fand schließlich ein Kästlein, -das zwar nicht ganz klein war, aber sich doch bequem -in den Händen tragen ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p> - -<p>Wie betäubt stand der Müller mit dem Kasten -da, stand wohl länger als fünf Minuten still, -ehe er die Kraft fand, mit dem Schatz nach der -Stube zu gehen.</p> - -<p>Dort öffnete er den Kasten und stieß einen -jubelnden Schrei aus.</p> - -<p>Gold! Gold! Gold! Pures, eitles, blinkendes -Gold! Flimmernde Stücke ohne Zahl! Der -Müller schloß die Augen, nahm drei, nahm zehn -Münzen, nahm beide Hände voll und lachte und -schluchzte und verschluckte sich und bekam einen -Krampfhusten vor lauter Freude.</p> - -<p>Zehnmal wühlte er die Hände in den goldenen -Segen. Das war ein Reichtum ohne Maß. Auch -Diamanten, Rubinen und schimmernde Smaragdsteine -waren unter den Münzen, und manch einer -von den Edelsteinen war so groß wie ein Taubenei.</p> - -<p>Der Müller brach in Tränen aus. Er war -reich, reich wie kein Mensch der Welt, reicher als -der Kaiser, reicher als der Sultan, reicher selbst -als Herr von Pritzewitz, der drei Rittergüter besaß! -Nun war alles gut und herrlich, nun konnte -sich sein Trudelchen goldene Schuhe und silberne -Schürzen kaufen, und jeder Jackenknopf sollte -ein Demant sein. Und den Reinhard wollte er -loskaufen, den Reinhard –</p> - -<p>Hm! Halt! Halt! Hm! Vorsicht! Immer sachte!</p> - -<p>Man brauchte nichts zu voreilig zu tun, man<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -konnte es sich überlegen. Wer war er jetzt, der -Müller, wer war die Trudel, und wer war der -arme Reinhard? Unerhört wäre es, wenn ein -Müllerbursch eine Prinzessin heiratete, die die -Erbin solcher Güter war, die einen Fürsten oder -gar einen Offizier bekommen könnte. Müller -übereil' dich nicht! Wenn das Mädel das hier -sieht, diese Pracht, diesen märchenhaften Reichtum, -dann wird sie schon von selbst vernünftig werden. -Der Zauberer? Der Zauberer mit seiner Prophezeiung? -Wo ist seine Prophezeiung? Wenn -er der Teufel gewesen ist, muß er ein sehr dummer -Teufel gewesen sein. Ist das der Rückgang von -Müllers Wohlstand? Kann soviel Geld und -Reichtum überhaupt je zu Ende gehen? Unsinn! -Müller, sei fest, jetzt kann dir kein böser Geist mehr -was anhaben. Halloh, nun mußte noch alles -anders, ganz anders kommen, mußte so kommen, -wie es der Müller wünschte. – –</p> - -<p>Es klopfte ans Fenster. Der Müller erschrak -und schloß den Kasten. Draußen an den Scheiben -wurde das rote, umfangreiche Riechorgan Herrn -Schleifles sichtbar. Der Müller ging in den Hof -hinaus.</p> - -<p>»Was willst du?«</p> - -<p>Herr Schleifle machte eine hoheitsvolle Amtsmiene.</p> - -<p>»Müller,« sagte er, »ich hab mir's überlegt und<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -die Gesetzbücher nachgeschlagen. Ich könnte den -Reinhard doch vielleicht freikriegen. Aber es ist -ein schwieriger Fall. Und Spesen wird's machen, -viel Spesen.«</p> - -<p>Der Müller sah Herrn Schleifle hochmütig an.</p> - -<p>»Ich brauch' dich nicht mehr, Schleifle. Es ist -anders gekommen. Meinetwegen kann nun der -Reinhard solange im Gefängnis sitzen, wie ihm und -den Herren Richtern beliebt. Nicht einen Pfennig -gebe ich für ihn her.«</p> - -<p>Damit schlug er dem verdutzten Gerichtsmann -die Tür vor der Nase zu und ging nach der Stube -zurück. Dort wartete er, bis er sich völlig unbeobachtet -wußte, und öffnete dann wieder sein -Schatzkästlein.</p> - -<p>Da starrten seine Augen – – da stieß er einen -Schrei aus, der durch die ganze Mühle gellte, und -fiel schwer zu Boden. – – –</p> - -<p>Das Trudelchen fand ihren Vater vor einem -geöffneten Kästlein, in dem nichts war als ein -paar Scherben, ein paar Kieselsteine, ein Bündelchen -dürres Gras und ein Häufchen Asche.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Vierzehn Tage lang lag der Müller krank, dann -stand er auf, tat Geld in seinen Beutel und -wanderte nach dem Amtsgericht. Dort fragte er -nach Reinhard. Er hörte, daß Reinhard und Jakoble<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -inzwischen nach der Stadt hineingeschafft und dort -von dem Gericht freigegeben worden wären, da -keine Schuld an ihnen gefunden worden sei.</p> - -<p>Der Müller wanderte nach der Stadt und fragte -nach Reinhard und Jakoble. Sie waren auf und -davon; niemand wußte wohin.</p> - -<p>Da ging der Müller aus der Stadt hinaus, -setzte sich auf einen Wiesenrain und schluchzte zum -Steinerbarmen. Nun wußte er, daß sein Glück -dahin war, wußte, wie grausam sich die Prophezeiung -des fremden Zauberers erfüllen -würde. Eine ingrimmige Reue erfaßte den -Müller. Wie hatte er sein Glück verscherzt! Nun -mußte er ein Bettler werden, wenn er Reinhard -nicht fand und nicht Schuld und Strafe von sich -und seiner Mühle abwandte. Suchen mußte er -den Reinhard, suchen, und wenn ihm die Füße -bluteten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze -Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen -fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie -nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch -er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß -er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht -war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine -Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -verpfändet und sein Kind davongetrieben -worden in die weite Welt. Das hätte er nicht -ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die -ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn -er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden -und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen.</p> - -<p>So wurde der Müller wirklich ein Bettler.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart -lang und grau geworden waren, kam er in eine -Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die -unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber -war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing -ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als -Aushängeschild haben. Über der Tür stand: -Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im -Fenster, an der Tür und an den Wänden waren -große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu -lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares -Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende -Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!« -Und so waren noch viele Schilder -und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles -eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«, -»Hühneraugentod« und eine wunderbare -»Wünschelrute« angezeigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p> - -<p>Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein -aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte:</p> - -<p>»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd? -Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar -scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen? -Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste -Firma am Platz.«</p> - -<p>Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann -fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen -koste.</p> - -<p>»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das -Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität -an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht -viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit -ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird -Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht -zu viel sein.«</p> - -<p>Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte -fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und -ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht -kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen -Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen, -und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte -Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein -Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen -ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum -daheim ausgegraben und das ihm erst so viel<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid -gebracht hatte.</p> - -<p>»Was möchtet Ihr nun wissen?« fragte der -Wahrsager.</p> - -<p>Der Müller seufzte und erzählte seine ganze -Geschichte, vor allem, wie er nun seit Jahren Land -aus, Land ein den Reinhard suche, der ihm allein -sein Glück und seine Ruhe wiedergeben könne.</p> - -<p>Während dieser Erzählung rückte der Wahrsager -unruhig hin und her, kratzte sich auf dem -Kopf und wurde abwechselnd blaß und rot. Als -der Müller geendet hatte, wandte sich der Barbier -ab und sagte:</p> - -<p>»Ja – hem – das tut mir leid – ja hem – -das hätte ich nicht gedacht – nicht – nicht gewollt -und ich – ich – nun wartet, da muß Euch ein -stärkerer Geist helfen, als ich bin.«</p> - -<p>Ein Viertelstündchen verging, dann trat Kiutschitsufilutschi -ins Zimmer. Der Müller stieß -einen Schrei aus; aber der Zauberer beruhigte -ihn und sprach: »Ich komme als dein Freund! -Deine Schuld ist gesühnt; ziehe nach Hause, du -wirst wieder glücklich werden.«</p> - -<p>Darauf legte er eine Schlange auf den Tisch; -sie verwandelte sich in eine Wurst. Er ließ eine -Maus aus dem Ärmel krabbeln; sie verwandelte -sich in ein Stück Speck.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span></p> - -<p>»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube, -ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch -diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und -fahrt heim!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als -er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn -heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da -alles antreffen werde.</p> - -<p>Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit -einer Sense aufs Feld.</p> - -<p>»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag, -bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?«</p> - -<p>Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und -wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden -Zurufe des alten Mannes kam er näher.</p> - -<p>»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir, -was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle -geworden?«</p> - -<p>Da duckte sich Jakoble und sagte:</p> - -<p>»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?«</p> - -<p>»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr, -liebes Jakoble.«</p> - -<p>»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst -verheiratet, und es geht ihnen gut.«</p> - -<p>»Sie sind – sind verheiratet?«</p> - -<p>»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die -Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir -beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren, -ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich -halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und -Geld haben sie auch.«</p> - -<p>»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun -wollen wir heimgehen.«</p> - -<p>Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller -durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen, -daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme. -Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf -dem Baume am Ende doch nicht noch einmal -läute.</p> - -<p>Drei Tage später bekam Jakoble wieder die -erste Ohrfeige.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-100.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span></p> - -<h2 id="Der_angebundene_Kirchturm">Der angebundene Kirchturm.</h2> -</div> - -<p>Der Kirchturm von Waldauendorf war schlechter -Laune. Er hatte auch Ursache dazu. Was meint -man, was einem alten, ehrwürdigen Kirchturm -alles passieren kann? Angebunden hatten sie -ihn wie einen Hund! Da waren solche schnippische -Kerle aus der Stadt gekommen, hatten -eine endlos lange eiserne Schnur hinter sich hergeschleppt, -sie an Bäumen und Masten befestigt -und schließlich auch den Kirchturm daran gebunden.</p> - -<p>Also so etwas soll sich ein alter, ehrwürdiger Herr -heutigen Tags gefallen lassen! Der Turm guckte -mit seinen großen Augen, die als Wimper eine -schöne Jalousie hatten, zornig auf die städtischen -Knirpse, die einen mächtigen Haken in seine -Seite schlugen und ein Porzellanhütchen daraufsetzten. -Nun tut ja einem Kirchturm ein eingeschlagener -Haken nicht mehr weh, als wenn andere -Leute sich mit einer Stecknadel pieken. Auch das -Porzellanhütchen hätte man sich gefallen lassen -können wie einen schmucken Westenknopf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span></p> - -<p>Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde, -das ging gegen seine Ehre!</p> - -<p>Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst -sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen -feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand -hinüber und wünschte, die Schweden möchten -kommen und die Frechlinge, die unten auf -der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren -Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte -die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen; -es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre -her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und -auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln -in den Gliedern, wie einem Bauern, -der zur Treibjagd war, die Schrotkörner. -Damals hat der Turm die Schweden als die -Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb -zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen, -als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt -wünschte er sie sich her. Die würden schon die -bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten, -vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken.</p> - -<p>Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal -Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten -ihr Werk und zogen mit einer anderen -Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein.<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin -angebunden.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-103.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er -seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen -Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr -Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen; -ja, was nutzte ihm sogar sein größter -Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig -gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte -Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen, -war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und -man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und -Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und -seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt, -wie spät es sei. Schöne Zeit war das!</p> - -<p>Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre, -seine frohe Laune. Er war angebunden! – – –</p> - -<p>Der Abend kam. Durch die Mauerluke des -Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen, -und ein paar kalte Tropfen rannen über seine -großen Augen.</p> - -<p>Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie -ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er -nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen? -Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt, -wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er -nicht in wilden Sturmnächten, wie in den<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -Blütenstunden des Mai Wache gestanden an -ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem -Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen -Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden -Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld -und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden -Segen. – – –</p> - -<p>Ein paar Tage vergingen. Wieder war es -Abend.</p> - -<p>Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der -Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen. -Aber in seiner Stimme war ein Klang -von Trauer und Herzeleid. –</p> - -<p>Unten knarrte das Kirchhoftürchen.</p> - -<p>Die junge Frau Annemarie kam. Sie ging -schnell und aufgeregt. Ihre Blicke irrten über -den Kirchhof. Und sie fiel vor dem großen Kreuz -auf die Knie, das unter der Linde stand.</p> - -<p>»Erbarm dich, Herr, erbarm dich! Laß mein -Kind nicht sterben! Laß mein Kind nicht sterben!«</p> - -<p>Sie wiederholte schluchzend immer dieselben -Worte.</p> - -<p>Der Kirchturm wußte Bescheid. In ein paar -Tagen mußten seine Glocken klingen über einem -kleinen Grab, und in sein Läuten würde sich -lautes Mutterweinen mischen und der Gesang: -»In der Blüte deiner Jahre …«</p> - -<p>Der Turm kannte das. Es war das alte Lied<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span> -seit vielen, vielen hundert Jahren. Mütter weinen -an den Gräbern am schmerzlichsten.</p> - -<p>»Erbarm dich, Herr, laß mein Kind nicht -sterben!«</p> - -<p>Wieder ging die Kirchhofstür. Der alte Herr -Kantor kam. Er war wohl der Annemarie nachgegangen.</p> - -<p>»Der Arzt muß kommen!« sagte er zu ihr.</p> - -<p>Sie blickte ihn an wie irr.</p> - -<p>»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt -und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das -Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt -zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das -Kind tot – ist es tot!«</p> - -<p>Da sprach der Kantor etwas, was der Turm -durchaus nicht verstand; er sagte:</p> - -<p>»Ich werde dem Arzt telephonieren!«</p> - -<p>Und er zog die weinende Annemarie mit sich -fort. – – –</p> - -<p>Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was -war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms -war schon ein bißchen morsch, und er mußte -sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war -sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich -fein geblieben.</p> - -<p>O, was war das für ein wundersamer Abend! -Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand, -hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors.<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span> -Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof, -nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu -sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert, -aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm -alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte, -der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus.</p> - -<p>Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe -war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war; -der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries -Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei -Diphtherie, er werde sofort kommen und das -Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund -werden.</p> - -<p>So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen -in seinem langen Leben, und als eine -Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich -durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden -und Herzbeklemmung.</p> - -<p>Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der -Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der -Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen:</p> - -<p>»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische -Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde -war keine Zeit zu verlieren.«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Kantor, »in meinen jungen -Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß -man einmal einen Draht an meinen alten Kirchturm<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -befestigen und daß ich durch diesen Draht -über Berg und Tal sprechen können würde. Eine -neue Zeit!«</p> - -<p>»Keine schlechte Zeit!« sagte der Arzt.</p> - -<p>Die Männer trennten sich; der Kirchturm -schnappte nach Luft. Also die Schnur, an die er -gebunden war, war ein Draht, und durch diesen -Draht konnte man bis in die Stadt sprechen!</p> - -<p>Der Turm dachte nach, daß ihm die Balken -seines Gehirns knackten – aber er kriegte nicht -zusammen, wie das alles möglich sein könne.</p> - -<p>Da faßte ihn tiefe Betrübnis. Er holte schwer -Atem und sprach zu sich selbst:</p> - -<p>»Wenn ich schon meine Gemeinde nicht mehr -verstehe, wünschte ich, ich wäre tot. Vielleicht -kommen die Schweden und erschießen mich, oder -die Leute reißen mich weg und bauen einen -neuen und klügeren Turm!«</p> - -<p>So stand er traurig die ganze Nacht. Am -nächsten Morgen aber hörte er aus dem Draht -heraus die Stimme des Herrn Pfarrers. Der -sprach mit einem Dachdeckermeister in der Stadt -und bestellte tatsächlich den neuen roten Hut für -den Turm.</p> - -<p>»Wir müssen den alten Herrn schon etwas heraus -putzen,« sagte der Pfarrer, »denn er ist ja im -Nebenamt jetzt sogar Telephonbeamter geworden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p> - -<p>Telephonbeamter! Da habt ihr's! Da ist man -ein großes Tier und weiß es gar nicht, da ist man -ein Beamter und hat keine blasse Ahnung von -seinem Beruf! Aber das sollte jetzt anders werden! -Telephonieren wollte der Turm, was das -Zeug hielt.</p> - -<p>Die gute Laune war plötzlich in goldenstem -Maße wieder da. Der Turm sah nach seiner -Taschenuhr. 9 Uhr! Wenn es der Dachdecker -ebenso eilig hatte wie gestern der Doktor, konnte -die Sache mit dem roten Hut also um 10 Uhr -losgehen.</p> - -<p>So schnell ging's nun nicht. Aber der Turm -war immerfort in großem Glücksgefühl; er wußte, -daß er nach wie vor seiner Gemeinde diente.</p> - -<p>So mußte wohl auch auf den neuen Wegen der -alte Gott regieren. Und hoch hob der Turm sein -golden Kreuzlein über seine Gemeinde.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Abenteuer_auf_der_Themse"><img src="images/illu-111.jpg" alt="" /><br /> -Ein Abenteuer auf der Themse.</h2> - -<p class="center">Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte -passiert ist.</p> -</div> - -<p>»Weißt Du, was die <em class="antiqua">Oxford-Cambridge Boat -Race</em> ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt -in Achtern zwischen den Studenten der Universität -Cambridge und Studenten von Oxford. -Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange. -Die Cambridger sind die Hellblauen und die -Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die -Hälfte von London auf Hellblau, die andere -Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen -dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen -(natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet);<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten, -Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen, -die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder -an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel! -Ganz London auf der Themse oder wenigstens -an der Themse.</p> - -<p>Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt -in Verbindung, war reiselustig und fuhr -extra von Berlin nach London, um an der <em class="antiqua">Oxford-Cambridge -Boat Race</em> teilzunehmen und meinem -Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der -Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden -oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei -Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer -bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten -zu beobachten war.</p> - -<p>In London treffe ich einige Bekannte und mache -mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf -früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig -und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel -zehn Uhr.</p> - -<p>Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom -Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich -erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose -verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter! -Donnerwetter! So ein Lumpenkerl – ich! Extra -nach London gekommen, und nun – wo sind -die Strümpfe? – Wenn bloß der Kragen nicht<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -so blödsinnig eng – Waschen? Verrücktheit! Ich -wasche mich andermal wieder – Himmel, da ist -ja mein linker Schuh am rechten – Portier! -Portier! <em class="antiqua">Waiter! Waiter!</em> Einen Wagen! Ein -<em class="antiqua">cab</em>! Sofort!</p> - -<p>Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir -sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im -Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche -Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre, -und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er -ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr -er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse, -ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir -müssen, müssen, müssen zurechtkommen!</p> - -<p>Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade -noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich -streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie -ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich -mich auf einen Straßenstein und knirschte vor -Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse -ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet -hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse -elend ersäufen – mich!</p> - -<p>Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige -Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen, -und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere -ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span></p> - -<p>Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf -anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein -Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn -der Start längst vorüber war. So schlenderte ich -in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen -den Kai entlang.</p> - -<p>Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher -Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften -lungerten träge herum, und -der Kapitän spazierte auf Deck hin und her.</p> - -<p>Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke!</p> - -<p>»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den -Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm -ist, und ich muß nach Putney, ich muß! -Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff -nach Putney fahren?«</p> - -<p>»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in -freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es -wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney -zu fahren.«</p> - -<p>Hurra!</p> - -<p>»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?«</p> - -<p>»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen -Sie nur ein!«</p> - -<p>»Ja, <em class="antiqua">my dearest</em>, so ungefähr möchte ich wohl …«</p> - -<p>»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -sein. Indes vergeht sonst unnütz die -Zeit.«</p> - -<p>Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf -die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine -riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach -Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum, -ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung. -Und ich war sein einziger Passagier! -An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt -waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl -großer Vergnügtheit ergriff mich.</p> - -<p>Der Kapitän trat an meine Seite und sagte:</p> - -<p>»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle -bunte Leben und Treiben auf der Themse -und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige -Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier -an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen -Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und -durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen -Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.«</p> - -<p>Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs -äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand -und stellte mich an den bezeichneten Platz.</p> - -<p>Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine -blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue -Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen. -Oxforder!</p> - -<p>Da – mit einem Male stutzen die Leute im<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und -– brechen in ein schallendes Gelächter aus.</p> - -<p>»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine -dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei -bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert -habe, um noch nach Putney zu kommen, -und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid -bedankt, Freunde, seid bedankt!«</p> - -<p>Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue -Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch -viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit!</p> - -<p>Da – ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische -Partei. Aber auch sie – auch sie brechen ja -in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter -aus …</p> - -<p>Nanu!</p> - -<p>Was haben die Kerle zu lachen?</p> - -<p>Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer -sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen -mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen -Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil, -ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue -Mütze und wundere mich nur, daß diese -hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter -lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann -man alles erwarten.</p> - -<p>Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande?<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder -stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff -und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt -stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer -herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen, -einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde -und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden, -Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit, -und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen -herbei und stimmen in das Gelächter ein.</p> - -<p>Ich winke hinüber – stürmischer Jubel! – ich -begucke und betaste bestürzt meinen Anzug – -zwerchfellerschütternde Heiterkeit, – ich drehe -mich verwirrt dreimal um meine Achse – ein -brüllendes Gewiehere – ich reiße einen kleinen -Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich – -die Leute wollen bersten!</p> - -<p>»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn -los?«</p> - -<p>Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem -Gesichte an.</p> - -<p>»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch.</p> - -<p>»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist -diese Gesellschaft!«</p> - -<p>Ein zweites, drittes, viertes – zehntes Boot -fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen, -lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches -Gelächter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span></p> - -<p>Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe -mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie -Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die -Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu -machen.</p> - -<p>Sie lachen, sie lachen Stürme!</p> - -<p>»Kapitän, sagen Sie mir – erklären Sie mir -um Himmels willen – das ist ja – das ist ja –«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Boat race</em>,« sagte er schmunzelnd.</p> - -<p>»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag -ist, braucht doch dieses Volk nicht über -einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes –«</p> - -<p>Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem -zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die -Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit -den Wellen und lachen, lachen, – – – sie ersaufen -beinahe und zeigen doch auf mich und -lachen – lachen –</p> - -<p>Also – irgend jemand mußte hier verrückt sein! -Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich -toll geworden war, so war wahrscheinlich ich – –</p> - -<p>Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen -Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich -Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute -und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft -es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p> - -<p>Da – ein Marineschiff kommt daher. Endlich -ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges -Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren …</p> - -<p>Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy! -Eine einzige Nacht, und ich bin – – o, es ist -nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich -gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir -das alles bloß ein! – Aber hier stehe ich doch, -hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch -die Themse!</p> - -<p>»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich -der Kapitän.</p> - -<p>»Guter Tag?«</p> - -<p>Ich fange an, einfach radzuschlagen und die -Beine nach oben zu strecken.</p> - -<p>Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt, -stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf -kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern, -überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen. -Ich drehe mich um die horizontale oder -um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie -ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere.</p> - -<p>Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen, -wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck. -Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage.</p> - -<p>Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst -in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei -geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt,<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span> -daß ich mich auf einem verhexten Schiffe -befinde.</p> - -<p>»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will -da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer. -Verlangen Sie meinetwegen, was Sie -wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen -Schiff herunter!«</p> - -<p>Dort – dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen -zum Start. Die ganze internationale -Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert -für sie die <em class="antiqua">boat race</em> alles Interesse, alle wenden -sich meinem Schiff zu, und ein internationales -Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in -aller Herren Sprachen.</p> - -<p>Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch -diese – auch diese Internationalen! Nur mühsam -fuchtele ich noch mit den Armen.</p> - -<p>»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich.</p> - -<p>»Nichts!« sagt der Kapitän.</p> - -<p>»Nichts? Für einen Extradampfer – nichts? -Ach ja – ich – ich – bin ja –«</p> - -<p>»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine -Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, -und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist, -Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären -eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies -zum freundlichen Andenken!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span></p> - -<p>Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon -alles eins; ich nehme das Paket.</p> - -<p>»Also nichts?« lallte ich.</p> - -<p>»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend -Dank!«</p> - -<p>Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach -dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich -das Gelächter weiterdröhnt.</p> - -<p>Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage -ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und -Gelächterschiff zu werfen.</p> - -<p>Da sehe ich – – – daß der ganze mächtige -Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt -ist.</p> - -<p>Ein Reklameschiff ist es.</p> - -<p>Und ich lese:</p> - -<p>»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle -Krankheiten kommen aus der Leber! Und die -Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen! -Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund, -Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen, -Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln -leidet, nehme Beechams Pillen!!!«</p> - -<p>Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender.</p> - -<p>Die Hauptsache aber:</p> - -<p>Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden -und auf dem ich in der Erregung meine wilden<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -Bewegungen mit den Händen und Beinen -gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben -gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben -stand:</p> - -<p>»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen -Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet -stehen. Er hat Beechams Pillen genommen -und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen -und kräftigen Bewegungen!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das kleine Paket, das mir der wohlwollende -Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt -eine Schachtel Beechams Pillen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-122.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Ferienkolonisten">Die Ferienkolonisten.</h2> -</div> - -<p>»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch -in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger -Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.«</p> - -<p>Es gab einen Tumult in der Klasse, als der -Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen -Dämpfer auf die Freude.</p> - -<p>»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule, -und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von -denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt. -Also, von den 400 Kindern unserer Schule können -nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen -werden.«</p> - -<p>»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz -Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei -so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar -nicht zu reflektieren.</p> - -<p>Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn, -war der kleinste und schwächlichste von allen. -Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig -zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel -zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters -alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen -Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über -16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken. -Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte -er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab.</p> - -<p>Er warf 18!</p> - -<p>Und richtig wurde er am nächsten Tage unter -die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der -Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz -die zwei Glücklichen auswählen würde, die -auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben -sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben, -fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen -der Großstadt.</p> - -<p>Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich -auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt. -Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg -stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein. -Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß -ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen -würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen -Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte.</p> - -<p>»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb -Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal -Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar -nicht mitgerechnet.«</p> - -<p>Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel -mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter -gerader ärmlich vor.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-125.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,« -sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal -übers Treppengeländer gefallen.«</p> - -<p>»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und -da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz.</p> - -<p>»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!«</p> - -<p>»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz -Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule,<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -und ganz können sie unsere Religion auch nicht -ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!«</p> - -<p>So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und -Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die -ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen, -um vier Wochen grüne Waldjugend zu -suchen.</p> - -<p>»Es gibt doch gute Leute,« meinte Scholz; -»Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet -dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!«</p> - -<p>»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige -Sommerfrische is immer noch 'n reeller -Preis!« …</p> - -<p>Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und -über vielerlei gefragt, und endlich fällte der -Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden -Spruch:</p> - -<p>»In die Ferienkolonie werden mitgenommen: -Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der -Heinrich Menzel.«</p> - -<p>Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und -der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich:</p> - -<p>»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs -schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze -Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in -einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr -gehen.«</p> - -<p>Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn,<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der -Mann is 'n Antisemit.«</p> - -<p>Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn -an zu heulen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich -Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng -die Klause – und doch vor dem träumenden -Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand -vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder -zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See, -eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund -eine drohende finstere Burg.</p> - -<p>»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es -da auch Wölfe und Löwen gibt?«</p> - -<p>»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter -Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht, -aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber -und Wilddiebe.«</p> - -<p>»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine.</p> - -<p>»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich -und setzte sich im Bette auf.</p> - -<p>Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen, -wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die -es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß, -seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er -von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte.<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span> -Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die -Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam, -aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie -auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und -Adler würden einen Schreck bekommen und -schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde -ein Spaß sein. Augen würde er da machen – -oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte -vor den Augen ein Gruseln bekommen!</p> - -<p>Und dann konnte er mit dem Munde so -täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der -Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen -wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine -Schnur für die Angel besaß er schon; einen -Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur -der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl -finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel -krumm. Da würden aber die Hechte was -zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze -sammeln, nach dem Hexenhause im Walde -suchen und womöglich einen Räuber fangen -helfen! – Oh!</p> - -<p>Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in -seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete -weit das Fenster und schaute hinaus.</p> - -<p>Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen; -hinten am Horizont stand eine Wolke, -die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span> -Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum -der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland. -Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land -der Waldfreiheit war?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt -sagte der Lehrer in der Schule:</p> - -<p>»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an -schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird -Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie -mitgenommen.«</p> - -<p>Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen:</p> - -<p>»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben; -'s kann immer noch werden.«</p> - -<p>Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs -beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber -dann dachte er:</p> - -<p>»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das -wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift -auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken, -wenn se dort nich zu teuer sind.«</p> - -<p>Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer -in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte, -kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal -lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen -seiner Schmerzen selig auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p> - -<p>Und einmal, als er einige Minuten unbewacht -war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster, -streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen -und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern. -Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war -ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit -eintrat.</p> - -<p>In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon -auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen -Brief von Moritz Cohn:</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Eulenhausen, den … -</p> - -<p>Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer. -Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben, -und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir -einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben.</p> - -<p>Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es -hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie -lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen. -Die anderen helfen auf dem Felde; ich -bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich -beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist -ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig -Losung hat der Mann einmal auf den ganzen -Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit -hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage, -aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort.<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent, -und wieviel wiegt er ein!</p> - -<p>Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen -willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben. -Wir werden's machen! Ich habe mit -dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro -Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung). -Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich -ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark, -wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die -lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten. -Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust, -und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat -mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der -Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht. -Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit -Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit -sechs anderen zusammengetan, von denen gibt -jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund -sein wirst, vier Wochen hierher kommen; -im September ist noch das schönste Wetter.</p> - -<p class="center"> -Es grüßt dich Dein Freund</p> -<p class="right"> -Moritz Cohn. -</p></div> - -<p>Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem -Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein -geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span> -dort der Herr aller Berge sein … Räuber und -Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht -gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt -und zugesehen, was der einnimmt.</p> - -<p>Die große Freude trat als Wundertäterin an -Heinrichs Bett und machte ihn gesund.</p> - -<p>»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester -nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn -Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan -hat, von denen jeder einen Taler -gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!«</p> - -<p>»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist: -er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den -Wald!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-132.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span></p> - -<h2 id="Gedeon"><img src="images/illu-133.jpg" alt="" /><br /> -Gedeon.</h2> -</div> - -<p>Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein -linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch -zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller -Seiffert, hatte auch zehn Kinder.</p> - -<p>Die befreundeten Familien standen natürlich -gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten -Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte -Taler als Patengeschenk ins Haus; im -Sommer trug mein Onkel in Begleitung des -Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in -Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer. -So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«, -und des Bedankens und Verwunderns ob der<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span> -reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende -werden.</p> - -<p>Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten -über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen -prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und -Diphtherie und wurden alle ebenso prompt -wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer -Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für -die beiden Ältesten und Größten gekauft, während -sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang -nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß, -je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter -sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig -auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen -die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr -ruinierten.</p> - -<p>Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine, -Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der -Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich -hieß er nicht Gedeon sondern August, aber -er hatte sich den biblischen Heldennamen aus -eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es -hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen -gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte -Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm -nannten ihn Gedeon.</p> - -<p>Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher -dreißig Kinder; der Älteste des Krämers<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft -nicht in Betracht kam, und der Älteste vom -Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen, -hörig gemacht worden.</p> - -<p>Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das -Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern -auch jedem seiner Untertanen einen biblischen -Namen beilegte.</p> - -<p>Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder -Josephs und der kleinen Propheten eine -große Rolle. Schwieriger war die Benennung der -Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith, -Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden; -als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen -saß und in sanfter Unschuld an einer -Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen -werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber, -verlegen hinter den Ohren und wußte keinen -alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich -sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie -heißen: die makkabäische Mutter.«</p> - -<p>Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem -hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die -makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und -erbärmlich zu schreien anfing.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In Ferientagen kam ich öfters in des Onkels -Haus zu Besuch. Mein Vater behauptete zwar in -einem schiefen Gleichnis, ich sei das elfte oder -gar das einundreißigste Rad am Wagen, aber -die Verwandten nahmen mich immer freundlich -auf, ohne sich sonst weiter darum zu kümmern, -was ich etwa äße oder tränke oder wo ich schliefe. -Es kam vor, daß ich schon zwei oder drei Tage -da war, ehe mich der Onkel bemerkte. Er hatte -mich im Gewühl übersehen.</p> - -<p>Als ich das erste Mal auftauchte, musterte mich -Gedeon kritisch und unterzog mich einer Prüfung. -Ich mußte über einen ziemlich hochgehaltenen -Stock springen, was ich fertig brachte, dann befahl -er mir, ohne Leiter auf eine Linde zu kriechen, -was gänzlich mißlang. Auch die Aufgabe, der -Länge nach über einen beladenen Düngerwagen -wegzuspucken, erwies sich als zu schwer für mich. -Zuletzt sollte ich dem bösen Kettenhunde den -Saufnapf mit Wasser füllen, was ich eifrig ablehnte.</p> - -<p>»Er kann nichts, und er hat Angst! Er ist ein -Muttersöhnchen!« sagte Gedeon verächtlich und -wandte mir den Rücken. Darauf wandten mir -auch alle anderen den Rücken. Ich war ein Dummkopf; -ich war ein Feigling. Ich hatte mich gesellschaftlich -unmöglich gemacht. Nur die makkabäische -Mutter nahm sich meiner ein wenig an,<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -indem sie mich ihren Breilöffel ablecken lassen -wollte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-137.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Zwei Tage lang litt ich als Unzünftiger, dann beschloß -ich, durch eine Tat von außergewöhnlicher -Intelligenz meine Schneidigkeit darzutun. Einen -schlimmeren Schimpfnamen als »Muttersöhnchen« -gibt es für einen Jungen nicht. Am liebsten -hätte ich abgestritten, je eine Mutter gehabt zu -haben.</p> - -<p>Nun hatte ich von Hause eine alte Schnupftabakdose<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span> -mitgebracht, die ließ ich beim Krämer -füllen. Im Kinderstaate ging alsbald die Mär -von Mund zu Mund: »Er schnupft!« Das hörte -auch der Autokrat Gedeon, und was ich gewollt -hatte, geschah – er suchte mich auf. Ich probierte -gerade, auf einer starken Wagendeichsel auf einem -Beine zu stehen, und fiel auf die Erde, als ich -des Gewaltigen ansichtig wurde. Da lächelte er -wieder verächtlich und hüpfte einmal höhnisch -auf einem Beine die ganze Deichsel entlang, -setzte sich aber doch zuletzt zu mir auf die Erde.</p> - -<p>»Was kannst du eigentlich?« fragte er kalt.</p> - -<p>»Ich hab' in Geographie ›gut‹ und im Aufsatz -›genügend plus‹,« sagte ich beklommen.«</p> - -<p>Ob dieser Schulweisheit machte er nur eine -maßlos verachtungsvolle Gebärde mit der Hand. -Ich sah ein, daß ich mich da wieder greulich -philisterhaft benommen hatte.</p> - -<p>Darauf legte er mir eine Reihe von Fragen vor: -ob ich boxen, angeln, kopfstehen, radschlagen, -Sechsundsechzig spielen oder wenigstens mit den -Ohren wackeln könne.</p> - -<p>Nein, ich konnte von alledem nichts.</p> - -<p>Gedeon runzelte finster die Stirn. Nie war -ein Prüfungskandidat in ärgeren Nöten als ich.</p> - -<p>Da platzte ich heraus:</p> - -<p>»Ich kann schnupfen!«</p> - -<p>Er sah mich etwas freundlicher an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p> - -<p>»Wenn man richtig schnupfen kann, darf man -nicht niesen hinterher,« sagte er.</p> - -<p>»Nein, nein, das darf man nicht,« beeilte ich -mich beizupflichten.</p> - -<p>»Zeig' mir die Dose!« befahl er dann. Ich -reichte ihm die Dose hin und bat ihn, eine Prise -zu nehmen. Das tat er, und darauf blickten wir -uns an. Ich sah, daß Gedeon feuerrot im Gesicht -wurde, daß seine Nase hundert Runzeln zog, die -Muskeln zuckten, sich die Lippen fest aufeinander -preßten, die Augen tränten, sich das Gesicht verzerrte, -die ganze Gestalt bebte, und dann – nahm -ich eine Prise und platzte augenblicklich los und -nieste siebzehnmal.</p> - -<p>Als ich wieder geradestehen und keuchend Luft -schöpfen konnte, stand Gedeon gelassen an die -Wagendeichsel gelehnt und sagte:</p> - -<p>»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein -einziges Mal geniest!«</p> - -<p>In diesem Augenblick fing ihm heftig an die -Nase zu bluten.</p> - -<p>Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk -aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf -das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht -hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und -wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß -ich »Habakuk«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll -kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß, -was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann, -ein grausamer Iwan oder ein Befreier -wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame -Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er -bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig, -nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich, -er nahm immer das beste und gab stets -den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen, -versuchte einmal, eine Revolution gegen -Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution -einzuführen, dem Volke eine Mitregierung -zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs -Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte, -worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit -verfielen.</p> - -<p>Gedeons Taten sind unzählbar.</p> - -<p>Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit -ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom -Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers -war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des -Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße -eine Linde. Wir erklommen also die Linde -und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis -über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor -einem Unglück, aber eine noch viel größere vor -Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span> -mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes -über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht -und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit -Grausen hinunter auf den Strom blickend, und -sagte dann schüchtern:</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-141.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause -in unserem Garten schmecken doch besser.«</p> - -<p>Da spuckte er einen Pflaumenkern in den Strom -und sagte:</p> - -<p>»Habakuk, du bist ein Schafskopf!«</p> - -<p>In diesem Augenblick kam der Weber mit -einem Knüppel aus dem Hause gelaufen; ihm -folgte seine Gattin mit einem Besen. Ich riet zu -schleuniger Flucht, aber Gedeon hielt mich mit -eiserner Hand fest. Inzwischen rannten die -empörten Pflaumenbesitzer über eine Brücke, -kamen die Straße herauf, langten an der -Linde an.</p> - -<p>»Wart', ihr Kanaillen, – kommt nur herunter -– kommt nur herunter! Hier bleiben wir stehen, -und wenn's bis übermorgen dauert.«</p> - -<p>Wir waren belagert. Kein Entrinnen möglich. -Wir waren auf Gnade und Ungnade der bewaffneten -Macht da unten verfallen.</p> - -<p>»Heinisch,« rief Gedeon mit ernsthafter Miene -hinunter, »Heinisch, ich sage Ihnen, es ist ein -Kunststück, auf einer Linde Pflaumen zu -pflücken!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p> - -<p>Heinisch geriet ob dieser neuen Frechheit in -neue Wut und schwor, uns beide mausetot zu -schlagen, wenn wir nur herunterkämen.</p> - -<p>»Ich werde gleich kommen!« sagte Gedeon, -kletterte bis auf den untersten Ast und fixierte -von da die Webersleute:</p> - -<p>»Also: wenn ich bis drei gezählt habe, springe -ich runter und spring einem von Euch gerade auf -den Schädel! Eins, zwei, dr–ei!«</p> - -<p>Kreischend wichen die Weberleute beiseite, -Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der -Straße an und begab sich in mäßiger Eile von -dannen.</p> - -<p>Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen -und einsam in meiner belagerten Baum- und -Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will -ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich -schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine -Position ließ sich nicht länger halten. So klomm -ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte -schüchtern:</p> - -<p>»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse, -ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf -drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei, -drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm -hinab.</p> - -<p>Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen -und barbarisch behandelt. Als ich wieder<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span> -zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade. -Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige -des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel -in der Schule. Das war ein unabwendbares -Naturereignis. Was aber mir passiert war, das -hielt Gedeon für ehrenrührig.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft -aus; er war nicht nur unser König, er war auch -der oberste Priester.</p> - -<p>Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war -das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt, -nach dem jede zehnjährige männliche und jede -achtjährige weibliche Person seines Reiches ein -Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr -er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare; -er hatte seine eigene Frau Judith entlassen, -weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht -zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden -bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an -des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und -diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen. -Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte, -aber zu einer Empörung kam es nicht.</p> - -<p>Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht,<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span> -und ich hatte mich am Gründonnerstag als -Feriengast im Hause des Onkels eingefunden. -Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein -liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau, -eine Verwandte der Müllerleute.</p> - -<p>Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines. -Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es -sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch -bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide -und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß -es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten -sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und -tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein -Vater war Postschaffner, das war noch mehr als -Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß -Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule -gehen und alle fremden Sprachen lernen -würde.</p> - -<p>Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem -fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff -das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam -und richtete die großen blauen Augen in -die Ferne, nach der sie Heimweh hatte.</p> - -<p>Die makkabäische Mutter brach den Bann. In -ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die -Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen -und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin, -und nach und nach suchten sich auch die Jungen<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen -ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst -zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit, -indem er der Feinen als Geschenk einen -alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte.</p> - -<p>Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer -verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm -etwas auftauchen könne, das derart imponiere. -Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich. -Er versammelte das ganze Volk im Garten und -führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle -und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte, -daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr -auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da -mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte -sie nur:</p> - -<p>»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine -Frau sich eine große Stange ganz frei auf die -Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte -und oben turnte. Und die Stange wurde -nicht gehalten und fiel nicht um.«</p> - -<p>Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O, -das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte, -die sich die Stange auf die Brust stellt.«</p> - -<p>Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus: -viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann -sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal -sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel -und vom Kamel, von schönen Engelein -und drolligen Affen, vom Königssohn und vom -Nilpferd.</p> - -<p>Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon -keine Worte, stand stumm unter seinem Volk, -fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem -kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk -mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine -Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand -er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und -plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es -an den Schultern und sagte: »Du – du bist -eine dumme Gans!« Und ging davon.</p> - -<p>Eine Stunde später rief er abermals das Volk -zusammen und sagte: »Wer noch einmal – noch -ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus, -und der darf nie mehr mit uns sein!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So tat er die Fremde in die Acht.</p> - -<p>Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon -war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den -Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen -neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden -vorübergegangen war und sie kein Wort über -seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -Gedeon hin und her und landete immer und -immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst -in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn -einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte -ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen -Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten, -der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf -sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit -wachen Augen träumend da. Und sprach leise -und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!« -Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas – -was ich nicht für möglich gehalten hätte – hörte -ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte.</p> - -<p>Am nächsten Morgen erschien die Rebekka vom -Müller und meldete, die Fremde wolle nach -Hause. Es sei ihr bange, es gefalle ihr hier gar -nicht. Gedeon geriet in große Erregung:</p> - -<p>»Sie wird nicht fort – sie darf nicht fort – -das werde ich ihr austreiben!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war ein Wunder geschehen. Gedeon und -die Fremde waren ausgesöhnt. Sie wanderten -mit strahlenden Gesichtern durch den Garten, -und Gedeon erweckte durch hundert Kunststücke -im Herzen des Mädchens Liebe und Bewunderung. -Am Nachmittag wurde sie in das »Volk«<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -aufgenommen. Wir waren alle gespannt, wie -die Neue heißen würde, da doch der Vorrat an -Mädchennamen erschöpft war. So machte es -einen tiefen Eindruck auf uns, als Gedeon dem -schönen Kinde sein hölzernes Schwert auf die -Schulter legte und mit glücklicher, ja, mit triumphierender -Stimme sagte:</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-149.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Ich nehme dich auf in das Volk und nenne dich: -die Königin von Saba.«</p> - -<p>Holdselig lächelnd schaute das Mädchen zu dem -Helden auf, und alles Volk neigte sich vor ihr.</p> - -<p>Ein wenig später nahm mich Gedeon zur Seite -und sagte:</p> - -<p>»Ich werde die Königin von Saba heiraten!«</p> - -<p>»Du hast doch schon die Esther!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span></p> - -<p>»Ach, die – schaff' ich ab. Ich muß die Königin -von Saba zur Frau haben, ich muß! Und wer -was dagegen sagt, der –« Er runzelte die Stirn. -Ich aber fand es unerhört, erst eine Judith laufen -zu lassen und dann auch noch einer Esther den -Laufpaß zu geben.</p> - -<p>»Was werden aber die andern dazu sagen?«</p> - -<p>Er machte eine verächtliche Miene.</p> - -<p>»Das ist egal! Die Esther wirst du heiraten -oder der Zebulon.«</p> - -<p>Ich muß sagen, es empörte sich etwas in mir. -Diese abgelegte Esther zu übernehmen, dazu hatte -ich gar keine Lust. Doch wagte ich natürlich nicht, -heftig zu widersprechen, sondern sagte nur:</p> - -<p>»Es wäre mir am liebsten, wenn ich vorläufig -noch ledig bleiben könnte.«</p> - -<p>Er besann sich ein wenig und sagte dann: »Ja, -du kannst mich mit der Königin von Saba trauen, -und der Zebulon nimmt die Esther.«</p> - -<p>Die Gattenpflichten waren ja in diesem Volke -sehr leicht. Sie bestanden darin, der Gesponsin -beim Lumpenmann einen Ring zu kaufen, sie -gegen ihre Feinde zu beschützen und beim Spiel -ihr Partner zu sein. Immerhin tat mir Zebulon -leid, denn Esther war drei Jahre älter als er und -noch dazu seine Schwester. Das kann man nicht -gerade eine vorteilhafte Partie nennen. Zebulon<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -weigerte sich auch, wurde aber von Gedeon durchgehauen -und war dann zur Ehe bereit.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-151.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Mir fiel also das Amt zu, Gedeon und die -Königin von Saba zu trauen. Es war eine saure -Arbeit. Denn erstens waren mir die priesterlichen -Gewänder, die sonst Gedeon trug, viel zu -groß, und dann machte mir die Traurede viel -Schmerzen. Es ist für einen Anfänger nicht leicht, -gleich vor den Gewaltigen der Erde zu sprechen. -Immerhin, ich nahm mich zusammen und stand -würdevoll vor dem Altar, den Gedeon in einer -großen Bodenkammer aufgebaut hatte. Der -Hochzeitszug nahte. Die Braut trug einen -wundervollen Schleier, den die Tante aufgesteckt -hatte, Gedeon hielt effektvoll einen Zylinderhut -in der Hand, den der Onkel geborgt hatte. Die -andere Hochzeitsgesellschaft war weniger stilgerecht. -Nabuchodonosor, der Trauzeuge war, hatte sich -eine blaue Zuckerdüte auf den Kopf gesetzt, und -die makkabäische Mutter, die als Brautjungfer -fungierte, hatte sich den Gummilutscher mitgebracht. -Einige Herren der Gesellschaft führten -Säbel, Armbrust, Trommel oder Steckenpferd -mit sich, und Ruben trieb mit seinem Bruder -Lewy Allotria mit meiner Schnupftabakdose. Ganz -aus der Art aber, war es, daß Salmanassar -während der Trauung mit seinem Blaserohr nach -dem Brautpaar Scheibe schoß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-153.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Unter diesen Umständen ist es nicht leicht, eine -ergreifende Predigt zu halten. Ich tat, was ich -konnte.</p> - -<p>»Geehrtes Brautpaar! Die Ehe stammt aus -dem Paradiese. Da war Adam Bräutigam und -Eva Braut.«</p> - -<p>Hier blieb ich stecken. »Braut – Braut –« -wiederholte ich einige Male mit einem fatalen -Lächeln.</p> - -<p>»Jawohl Braut!« sagte Salmanassar im Hintergrunde.</p> - -<p>Ich machte ein hilfloses Gesicht und eine ohnmächtige -Handbewegung. Gedeon, der Bräutigam, -zog eine wütende Miene.</p> - -<p>»Weiter – oder –«</p> - -<p>Dieser Wüterich hätte sich sogar an der Geistlichkeit<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span> -vergriffen. Die Angst half mir. Allerhand -fiel mir ein, was ich in Traureden gehört hatte.</p> - -<p>»Geehrtes Brautpaar, das ist eine feierliche -Stunde.«</p> - -<p>»Der Salmanassar schießt mit'm Blaserohr,« -kreischte mir Sarah dazwischen.</p> - -<p>»Schmeißt ihn raus!« rief der Bräutigam, indem -er sich umwandte. Salmanassar flog hinaus.</p> - -<p>»Eine feierliche Stunde!« wiederholte ich. »Die -Ehe ist schwer.«</p> - -<p>»Mit der Königin von Saba ist sie nicht schwer!« -grollte der Bräutigam.</p> - -<p>»Nein, nein, mit der ist sie nicht schwer!« gab -ich ohne weiteres zu und fuhr fort: »Ihr sollt -alles miteinander tragen, Freude und Leid. Ihr -sollt euch eure Schwächen verzeihen, denn jeder -Mensch hat Schwächen. (Der Bräutigam schüttelte -heftig den Kopf.) Wenn ihr krank seid, sollt ihr -euch pflegen, und eure Kinder sollt ihr fromm erziehen. -Amen.«</p> - -<p>Der Bräutigam zuckte die Achseln. Ich merkte, -er war nicht zufrieden. Die Braut aber sagte -laut: »Das hat er schön gemacht«, und da hellte -sich auch Gedeons Gesicht auf, und ich konnte erleichterten -Herzens die Zeremonie zu Ende führen, -was mir über Erwarten gut gelang.</p> - -<p>Das Hochzeitsmahl war nicht schlecht. Die -Tante kochte Schokolade für alle, und Gedeon<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span> -gab vier Zigarren zum Besten, die er um zehn -Pfennig in der Stadt gekauft hatte. Zwei rauchte -er selbst, eine bekam ich als Stolgebühren, und -eine bekam Zebulon, der Zwangsmann der Esther, -gewissermaßen als Trostpreis.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gott weiß, was in ihm steckte, was Großes und -Seltsames aus ihm geworden wäre, oder was -Großes und Seltsames verdorben wäre in der -Enge seiner äußeren Verhältnisse. Was ist ein -Held unter Bauern, wenn es ihm bestimmt ist, -auch ein armer Bauer zu werden, wenn rings auf -eine edle Seele die Knechtschaft lauert?!</p> - -<p>Und siehe, es wurde anders, als alle dachten.</p> - -<p>Gedeon tat das Kühnste, was noch keiner aus -dem Volke gewagt hatte, – er küßte seine Frau. -Und alle die jungen Männlein und Weiblein -sahen zu und lachten nicht einmal.</p> - -<p>Auf der Wiese, die am Flusse lag, wurde das -Hochzeitsfest begangen mit Spiel und Tanz. -Gedeon hatte seiner Braut einen Schneeglöckchenstrauß -geschenkt, den trug sie an der Brust. Ein -großer, weißer Strohhut lag auf ihren blonden -Haaren und seine blauen Schleifen flatterten im -Winde.</p> - -<p>Die Wiese war gelbgrün, die ersten Blättlein<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span> -standen an Baum und Strauch, der brausende -Fluß sang sein rollendes Frühlingslied, hoch im -Blauen war Lerchengesang.</p> - -<p>Da streckte Gedeon seine starken Arme gen -Himmel und fing laut und mächtig an zu schreien. -Es war ein wilder, ein königlicher Schrei; Gedeon -schrie vor Kraft und Glück.</p> - -<p>Dann funkelten seine Augen, und er sagte zu -seiner Braut:</p> - -<p>»Paß auf, wenn ich zu den Soldaten geh, werde -ich der alleroberste General. Oder ich geh auf die -See!«</p> - -<p>Nahm sie plötzlich und schwang sie im Kreise -herum und schrie wieder laut dabei vor Kraft -und Glück und Lebenslust.</p> - -<p>Da löste sich dem Mädchen der Hut – der -Wind nahm ihn – trieb ihn in den Fluß.</p> - -<p>»Mein Hut! Mein Hut!«</p> - -<p>»Ihr Hut, ihr schöner Hut!«</p> - -<p>»Sei ruhig, ich hole ihn!« – – –</p> - -<p>Dreißig Kinder standen am Ufer, als Gedeon -in den Fluß sprang. Dreißig Kinder sahen freudig -erregt zu, wie er dem Hut nachschwamm. Keines -bangte um den Helden, dem alles gelang. Allen -war es ein herrliches Schauspiel.</p> - -<p>Seht, er hat den Hut, er hebt ihn triumphierend -über das Wasser. Er schwimmt an den Rand, –<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span> -o, es hält schwer, – die Strömung ist stark – er -ist in Kleidern – aber er ist der Gedeon. –</p> - -<p>Halt, jetzt hat er den Erlenzweig! Seht, er -schleudert den Hut ans Ufer. Da liegt er auf dem -Erlenbusch.</p> - -<p>Er hat gesiegt, er hat gewonnen, wie er immer -gewinnt. O, Königin von Saba, was sind deine -Zirkuskünstler gegen den! In lachendem Stolz -steht das ganze Volk am Ufer.</p> - -<p>Aber jetzt – jetzt bricht der Erlenzweig, an dem -sich Gedeon emporziehen will, und er – er treibt -nach der Mitte des Flusses zurück –</p> - -<p>O, laßt ihn nur, laßt ihn nur, es ist ja der -Gedeon! Paßt nur auf, paßt auf, was noch -Großes kommt!</p> - -<p>Da fängt ein Mädchen plötzlich an zu weinen -und sagt:</p> - -<p>»Das Wehr! Müllers Wehr ist so nahe!«</p> - -<p>»Das Wehr! Das Wehr! Gedeon! Gedeon!«</p> - -<p>Und plötzlich schreien und weinen dreißig Kinder.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wir konnten es lange nicht fassen, daß Gedeon -tot sein sollte. Einer von uns sagte:</p> - -<p>»O, das läßt er sich nicht gefallen!«</p> - -<p>Er ließ es sich aber doch gefallen, ließ sich tragen -und in den weißen Sarg legen. Und hielt -ganz still.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span></p> - -<p>Es ging viel in diesem Sarg verloren. Verloren? -O, jetzt glaube ich wohl: es wurde viel -in diesem Sarg gerettet.</p> - -<p>Verwundert, scheu, standen wir um den toten -Gedeon. Er hatte ein Gesicht, wie immer, wenn er -unzufrieden war. Er war unzufrieden mit sich -selbst, unzufrieden, daß er sich vor uns allen und -vor seiner Königin von Saba als kein besserer -Schwimmer gezeigt hatte. Wir gingen die Tage -behutsam, scheu, furchtsam wie Diener, wenn ein -strenger Herr schläft.</p> - -<p>Erst als der Sarg geschlossen wurde und Gedeon -nicht dagegen tobte, sich nicht gegen den Deckel -stemmte, sondern sich geduldig einnageln ließ, da -fingen wir alle bitterlich an zu weinen.</p> - -<p>Der Verlust wurde uns klar, wir erkannten, -daß unser König gestorben war, daß wir ein verwaistes, -führerloses Volk waren.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-158.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p> - -<h2 id="Hotel_Laubhaus">Hotel Laubhaus.</h2> -</div> - -<div class="instruction"> -<p>Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer -liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt -von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster. -– In dem Laubhause wohnen: <em class="gesperrt">Der Käfer.</em> – <em class="gesperrt">Die Fliege.</em> -– <em class="gesperrt">Die Schnecke.</em> – <em class="gesperrt">Die Raupe.</em> – Später kommt noch -eine <em class="gesperrt">Spinne</em> und zuletzt der <em class="gesperrt">Herbstwind</em> dazu.</p></div> - -<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">träumerisch</em>):</p> - -<p>Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote -Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der -Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte. -Das Licht war nicht schöner als dieses.</p> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">mißmutig</em>):</p> - -<p>Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen -und den Lampen! Die Menschen fangen uns, -und die Lampen verbrennen uns. (<em class="instruction">Zur Schnecke</em>): -Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin?</p> - -<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">stolz</em>):</p> - -<p>Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (<em class="instruction">Zur Raupe</em>): -Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas, -wenn wir in demselben Lokal übernachten wie -solches … Geschmeiß?</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">seufzend</em>):</p> - -<p>Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span> -soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt -sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze -ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein!</p> - -<p class="center"><b>Schnecke</b>:</p> - -<p>Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich -glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und -verschließe die Tür … das ist ja ganz klar!</p> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">heimlich</em>):</p> - -<p>So 'ne hochmütige, dicke Schachtel!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b>:</p> - -<p>Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht -aus wie ein Prinz!</p> - -<p> -<b>Schnecke</b> (<em class="instruction">mit fauler Stimme</em>): -</p> - -<p>Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren -mir nicht! (<em class="instruction">Gähnt.</em>) Ach, ich bin so abgespannt! -Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen, -und wenn ich hier noch so geniert bin. -Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von -Stande.</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">mit Bezug auf die Fliege</em>):</p> - -<p>Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche -Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste -Blatt zum Bette aus.</p> - -<p class="center"><b>Schnecke</b>:</p> - -<p>Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht -sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide. -Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich -ziehe mich zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-161.jpg" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Raupe</b>:</p> - -<p>Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen?</p> - -<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">schmerzlich</em>):</p> - -<p>Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen -mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht, -liebes Fräulein!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">sehr höflich</em>):</p> - -<p>Gute Nacht, gnädige Frau!</p> - -<div class="instruction"> - -<p>(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.)</p></div> - -<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">traurig</em>):</p> - -<p>Es ist noch goldener Sonnenschein draußen! -Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der -Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich -friert. Ach, der Sommer ist weit!</p> - -<div class="instruction"> - -<p>(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt -von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt -plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.)</p></div> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">aufkreischend</em>):</p> - -<p>Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne!</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">bebend</em>):</p> - -<p>Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin -verloren!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">aufgeregt</em>):</p> - -<p>Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier!</p> - -<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">zur Tür heraus</em>):</p> - -<p>Was ist denn los? Was ist denn das für ein -Skandal?</p> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">jammernd</em>):</p> - -<p>Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span> -Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke! -Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o -weh, o weh!</p> - -<p class="center"><b>Spinne</b> (<em class="instruction">mit lauter Stimme</em>):</p> - -<p>Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht! -Ich bin viel zu satt. (<em class="instruction">Unheimlich.</em>) Ich bin leider -viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber -wer ausreißt, den ermurkse ich … jawohl, den -ermurkse ich!</p> - -<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">für sich</em>):</p> - -<p>Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt -genug. Seht ihr zu! (<em class="instruction">Sie verriegelt die Tür.</em>)</p> - -<div class="instruction"> - -<p>Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie -die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft, -wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet. -Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht -weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden -und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ein Kindlein ist gestorben<br /></span> -<span class="i0">Zur Herbsteszeit,<br /></span> -<span class="i0">Zu einem andern Frühling<br /></span> -<span class="i0">Zog es weit, weit …<br /></span> -<span class="i0">Wir aber singen, wir singen<br /></span> -<span class="i0">Ein Lied ihm zur Ruh'<br /></span> -<span class="i0">Und decken den Sarg mit Erde<br /></span> -<span class="i0">Und weißen Astern ihm zu.«<br /></span> -</div></div></div> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">in staunender Frage</em>):</p> - -<p>Ein Kindlein ist gestorben?</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">schmerzlich</em>):</p> - -<p>Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit -seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und -das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot!</p> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">leichthin</em>):</p> - -<p>Es wird schlafen wie wir, und im Frühling -wird es wieder aufwachen.</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Es schläft wohl länger … es schläft viel -länger!</p> - -<div class="instruction"> - -<p>Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne -ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau,<br /></span> -<span class="i0">Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau,<br /></span> -<span class="i0">Ich meide die Spatzen und Stare.<br /></span> -<span class="i0">Ich spinne Netze und stelle sie fein,<br /></span> -<span class="i0">Da geht mir junges Jagdwild hinein<br /></span> -<span class="i0">Im nächsten Jahre.«<br /></span> -</div></div></div> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">heimlich zu Raupe und Käfer</em>):</p> - -<p>Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn -sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b>:</p> - -<p>Ich bin eher munter als sie und längst davon, -wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner -Prinz!</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">nickt freundlich</em>)</p> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">bettelnd</em>):</p> - -<p>Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes -Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich -auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich -bin so langschläfrig!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Raupe</b>:</p> - -<p>Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken.</p> - -<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">erleichtert</em>):</p> - -<p>O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann -kann ich ruhig schlafen! … Ach, ist das schön in -meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir -träumte von einem großen Düngerhaufen und -von lauter Milch und Zucker! (<em class="instruction">Halb im Einschlafen</em>): -Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen! -(<em class="instruction">Fliege schläft ein.</em>)</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">schüchtern zum Käfer</em>):</p> - -<p>Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz?</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Ich kenne dich nicht, aber du bist schön!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">freudig</em>):</p> - -<p>Sie finden mich schön! Die Menschen sagen, -ich sei häßlich.</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid -und grünseidene Haare … Du bist schön!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">mit funkelnden Augen</em>):</p> - -<p>Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann -fliegen wie Sie, mein Prinz!</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln -und Diamantsteinen? So ein lichter -Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir -uns wieder bei den Lilien und Rosen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span></p> - -<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">begeistert</em>):</p> - -<p>Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen -und leuchten ohne Ende!</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Ohne Ende!</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b>:</p> - -<p>Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz!</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Wohin willst du?</p> - -<p class="center"><b>Raupe</b>:</p> - -<p>Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen, -indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich -dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz! -Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen … -mein schöner Prinz! (<em class="instruction">Sie verkriecht sich tief in einen -Winkel des Laubhauses.</em>)</p> - -<p class="center"><b>Käfer</b>:</p> - -<p>Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen! -Ich wollte, mir träumte von dem jungen -Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte. -Oder ich träumte von dem jungen Falter und den -Rosen. (<em class="instruction">Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.</em>)</p> - -<div class="instruction"> - -<p>Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen -vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind. -Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des -Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich -überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt -draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden, -bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist.</p></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span></p> - -<h2 id="Mein_Ross_und_ich">Mein Roß und ich.</h2> - -<p class="center">Erzählung aus der Zeit, da ich ein »Schlingel« war.</p> -</div> - -<p>Ich ging nicht in die Schule – ich <em class="gesperrt">ritt</em>! Ich -konnte mir das leisten, denn ich hatte ein Roß, -das nicht rechnen konnte. Wenigstens kam es nie -hinter die verzwickten Schliche der indirekten -Regeldetri. Bei »zehnstündiger Arbeitszeit« -arbeiteten nach Meinung meines Rosses die bekannten -»sechs Arbeiter« an dem bekannten »Graben« -immer zehnmal so lange als bei einstündiger.</p> - -<p>Dieses Roß hieß Reinhold Sander, war zwei -Jahre älter und zwanzigmal so stark als ich und -im übrigen der gutmütigste Schuljunge von der -Welt. Jeden Morgen erschien mein Roß in -meiner großväterlichen Wohnung, stopfte sich -schnell einen Apfel oder was etwa sonst Genießbares -auf dem Fensterbrett lag, in die Hosentaschen, -setzte mich auf seine Schultern und trabte -mit mir zur Schule, wo es mich auf meinem -Platz sänftiglich absetzte.</p> - -<p>Dafür machte ich meinem Rößlein in der -Rechenstunde die tadellosesten »Bruchansätze«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span></p> - -<p>Eines schönen Maimorgens ritt ich nun gerade -zur Schule, stolz wie Darius zur Schlacht, als -uns ein Mann begegnete, den sowohl mein Roß -als ich nach dem ersten prüfenden Blicke als einen -»Stadtklecker« einschätzten. Als »Stadtklecker« -galt damals in meinem Feld-, Strauch- und -Wiesendorfe ohne weiteres jeder städtisch gekleidete -Mensch, der sich in seiner Gemarkung -blicken ließ.</p> - -<p>»Nanu, nanu,« machte der Fremdling verwundert -und musterte uns, »wo geht die Reise hin?«</p> - -<p>»In die Schule!« sagte ich und fuchtelte siegesgewiß -mit meinem breiten Lineal wie mit einem -Kriegsschwert.</p> - -<p>»Aber Junge, warum gehst du denn nicht zu -Fuß? Kannst du denn nicht laufen?«</p> - -<p>»Besser wie Sie!« sagte ich frech. Der Fremdling -erzürnte sich und schnauzte mein Roß an:</p> - -<p>»Wirf doch den Bengel ab! Wirst dich doch -nicht mit ihm abrackern!«</p> - -<p>Mein Roß schüttelte die Mähne und stieß -Dampf aus den Nüstern. Dann sagte es:</p> - -<p>»Er läßt mich die Regeldetri-Aufgaben abschreiben, -und überhaupt geht Sie das 'n -Quark an.«</p> - -<p>Nun raste der fremde Wandersmann und wollte -mit seinem dünnen Spazierstock meinem Roß eins<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span> -auf den sogenannten Bug geben. Das aber schlug -nach hinten aus, schlug in eine Pfütze, bespritzte -den Fremden von oben bis unten und setzte sich -in Galopp mit mir.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-169.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Als wir ein Stück davon waren, sang ich mit<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span> -lieblicher, heller Stimme: »Stadtklecker! Stadtklecker!« -und mein Roß wieherte und wieherte -deutlich auf den Text »Stadtklecker! Stadtklecker!«</p> - -<p>An diesem Tage aber hatten wir in der ersten -Stunde biblische Geschichte. Da ich zu Hause vergessen -hatte, die »Bibel« zu lernen, wollte ich auf -den Vorzug, sie vortragen zu dürfen, lieber verzichten -und bat daher gleich nach Anfang der -Stunde den Lehrer, »mal austreten« zu dürfen. -Er brummte etwas von »ewigem Gelaufe« und -ließ mich ziehen. Darauf trat ich dreiviertel -Stunden lang »aus«. Als ich vermutete, daß -die biblische Gefahr vorüber sei, näherte ich mich -wieder behutsam der Schulstubentür und hörte da -folgenden Meinungsaustausch.</p> - -<p>»Es heißt nicht Frau Putiphar, es heißt Frau -Potiphar!«</p> - -<p>»Herr Schulinspektor!« hörte ich unseren Lehrer -bescheiden einwenden, »bei uns in der katholischen -Bibel schreibt sich die Frau mit u.«</p> - -<p>Mir aber wurde plötzlich an der Schulstubentüre -so beklommen zumute, daß ich meinte, jetzt müsse -ich wirklich mal austreten. Also verschwand ich -noch auf fünf Minuten nach dem Hofe, dann aber -trieb mich mein Pflichtgefühl und eine düstere -Ahnung nach dem Klassenlokal.</p> - -<p>Heiliger Himmel, der plötzlich anwesende Kreisschulinspektor<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span> -war tatsächlich unser »Stadtklecker«. -Kaum erblickte er mich, so machte er auch schon den -Finger krumm, winkte und sagte: »Komm mal -her, du Schwede!«</p> - -<p>»Wo warst du denn bist jetzt?« herrschte er -mich an.</p> - -<p>Ich sagte, ich sei nur schnell mal austreten gewesen.</p> - -<p>»Schnell mal austreten – so! Du Range! -Und über eine halbe Stunde bin ich schon hier. -Wo warst du so lange, Schlingel – he?!«</p> - -<p>Ich stotterte etwas von einer unheimlichen -Bauchkrankheit, die ich hätte; er aber ergriff mich -an den Ohren und begann in höchst lästiger und -fataler Weise daran herumzuschrauben. Trotzdem -hörte ich, wie mein Roß leise und zornig -aufschnaubte, denn mein Roß liebte mich. Ich bekam -noch eine ungewisse Anzahl von Ohrfeigen -und konnte mich dann setzen.</p> - -<p>Der Herr Schulinspektor hielt nun eine donnernde -Strafrede über die Roheit von Dorfkindern -Fremden gegenüber, was ich mit äußerer Zerknirschung -und innerer Gleichgültigkeit anhörte.</p> - -<p>Am Schlusse sagte er: »Der kleine Bengel dort -ist zu faul, um in die Schule zu laufen; er reitet -auf diesem langen starken Labander und läßt ihn -dafür die Rechenaufgaben abschreiben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p> - -<p>Ein vernichtender Blick traf unseren herzensguten -Lehrer.</p> - -<p>»Herr Schulinspektor, der Reinhold Sander ist -einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst ein -guter Junge.«</p> - -<p>Das alles galt nichts.</p> - -<p>»Sander, komm mal raus an die Wandtafel. -Nimm die Kreide und schreibe auf:</p> - -<p>6 Arbeiter arbeiten über einem Graben von -175 <em class="antiqua">m</em> Länge, 1½ <em class="antiqua">m</em> Breite und ¾ <em class="antiqua">m</em> Tiefe -18 Tage bei täglich zehnstündiger Arbeitszeit. -Wie lange arbeiten 25 Arbeiter an einem Graben -von 300 <em class="antiqua">m</em> Länge, 1½ <em class="antiqua">m</em> Breite und ½ <em class="antiqua">m</em> Tiefe, -wenn sie täglich nur 8 Stunden tätig sind?«</p> - -<p>O, du armes Roß! Ich sah, wie seine Mähne -sich sträubte, wie schwerer Atem durch seine -Nüstern drang und seine Läufe zitterten.</p> - -<p>Aber der Herr Kreisschulinspektor hatte seine -Rechnung ohne den Telegraphen gemacht. Nämlich, -wenn mein Roß an die Wandtafel gerufen -wurde, galt folgende Telegraphie:</p> - -<p>Ich setze meinen Schieferstift scharf wie zu -einem Punkt auf die Schiefertafel (heißt: Reinhold, -dieses »Glied« mußt du über den Bruchstrich -setzen).</p> - -<p>Ich mache einen quietschend langen Strich -(heißt: das kommt unter den Bruchstrich).</p> - -<p>Einmal Hüsteln heißt: jetzt mußt du »kürzen«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span></p> - -<p>Zweimal Hüsteln heißt: es läßt sich noch weiter -»kürzen«.</p> - -<p>Schneuzen bedeutet: die Sache ist falsch.</p> - -<p>Kurzes Scharren bedeutet beifälliges »alles -richtig!«</p> - -<p>Das Wunder geschah: Reinhold Sander rechnete -die schwere Aufgabe völlig richtig. Als der -Herr Schulinspektor, der inzwischen weiter geprüft -hatte, an der Tafel das richtige Resultat sah, -war er verwundert und sagte zum Lehrer: »Aber, -der Kerl kann ja rechnen!«</p> - -<p>»Einer meiner schwächsten Rechner, aber -sonst –«</p> - -<p>»Schon gut, ich sehe, das Rechnen klappt!«</p> - -<p>Und er machte für den Lehrer eine gute Note -ins Protokoll. Die Stimmung des Schulgewaltigen -schlug überhaupt sichtlich zum Besseren um -und ehe er um ½11 ging, schraubte er mein -Roß und mich nur noch einmal ganz leise und zärtlich -an den Ohren und schied dann in Gnaden.</p> - -<p>Als um 12 Uhr die Schule aus war, bestieg ich -mein Roß und ritt als ein Sieger heimwärts. Die -kleinen Blessuren, die ich erlitten hatte, taten -meinem Triumph keinen Eintrag. Ich streichelte -mein treues Roß, und als wir ein Stück das Dorf -hinauf waren, sangen wir in der Freude unseres -Herzens gemeinsam: »Stadtklecker! Stadtklecker!«</p> - -<p>Auf einmal – wie wenn wir den Rübezahl gerufen<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -hätten und der fürchterliche Berggeist plötzlich -vor uns stünde, tauchte der Schulinspektor aus -einem Seitengäßchen auf. Wir hatten geglaubt, -der Mann sei längst nach der Stadt zurück, und -nun war er noch in der evangelischen Schule -gewesen und noch im Dorf.</p> - -<p>Den bösen Geist sehen und vom Pferde fallen -war eins. Der Herr Schulinspektor tobte. Da -aber viele Feldarbeiter vorbeigingen und schmunzelten, -fühlte er, daß er keine günstige Rolle spiele, -wenn er sich mit uns beiden in einen Straßenkampf -einließe, und herrschte uns also an:</p> - -<p>»Marsch nach der Schule zurück! Dort werdet -ihr dem Herrn Lehrer sagen, was ihr getan habt. -Er wird euch augenblicklich bestrafen. Ich gehe -jetzt hier ins Wirtshaus, um meine Sachen zu -holen. In einer Viertelstunde seid ihr vor dem -Gasthaus. Wehe euch, wenn ihr meinen Befehl -nicht ausführt!«</p> - -<p>Wir gingen nach der Schule zurück. Ja, ich -muß es eingestehen, ich ging zu Fuß. Heimlich -schlichen wir nach der Schulstube. Die war ganz -leer. Aber der Lehrer bemerkte uns bald.</p> - -<p>»Was wollt ihr denn noch?«</p> - -<p>Da stotterte ich, ich hätte mein Lineal vergessen. -Das Lineal war das wichtigste aller meiner Schulutensilien, -denn erstens brauchte ich es als Waffe -und zweitens fürs Freihandzeichnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span></p> - -<p>»Geht nur nach Hause!« sagte der Lehrer.</p> - -<p>Da glaubte ich, wir sollten ihm gehorchen und -ihm weiter keinen Kummer machen, und wir -gingen. Meinem Roß war dabei nicht ganz wohl. -Aber draußen belehrte ich es über meinen Feldzugsplan, -und wir gingen also zum Gasthaus, -vor dessen Tür wir ein jämmerliches Geheul anfingen. -Ich weinte bitterlich, und mein Roß -strich sich fortwährend mit seinen Vorderhufen -den Bug.</p> - -<p>Der Herr Schulinspektor kam erschreckt herausgestürzt.</p> - -<p>»Na, heult nicht so! Ihr macht mir ja das ganze -Dorf rebellisch. Der Lehrer hat euch wohl etwas -zu stark gezüchtigt?«</p> - -<p>Wir heulten noch lauter.</p> - -<p>»Jungens, seid still! Daß er euch so stark bestrafe, -wollte ich ja nicht. Na, hört doch schon -auf mit eurem Geheule! Es sind doch Leute im -Gasthaus. Was sollen die sich denn denken?«</p> - -<p>Mein Roß schrie förmlich.</p> - -<p>Dem Schulinspektor war die Sache furchtbar -peinlich; denn er hatte sein Amt erst angetreten -und wollte nicht in den Ruf eines Kinderquälers -kommen.</p> - -<p>Da schenkte er uns 10 Pfennige, sagte, wir -seien ja sonst nette Kinder, auch fleißig in der -Schule, hätten ihm Freude gemacht; da sollten<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -wir also in Zukunft ein höflicheres Straßenbenehmen -an den Tag legen, jetzt sofort ruhig -nach Hause gehen und uns für die 10 Pfennige -was kaufen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die 10 Pfennige nahm das Roß in Verwaltung -und kaufte am Nachmittag drei Zigarren dafür. -Jeder rauchte eine, die dritte rauchten wir zusammen. -Wir saßen dabei auf unserem Windmühlberg, -sahen nach der Kreisstadt hinüber und -sangen aus vollen Lungen: »Stadtklecker! – -Stadtklecker!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-176.jpg" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Rauber_aus">Die Räuber aus -dem Riesengebirge</h2> -</div> - -<p>Drei ehrbare Handwerker aus dem Riesengebirge, -ein Schuster, ein Schneider und ein Hutmacher, -beschlossen eines Tages, Räuber zu -werden; denn ach, ihre Geschäfte gingen schlecht! -Machte der Schuster ein Paar Stiefel, so kam sein -Kunde nach ein oder zwei Tagen angehinkt, -schimpfte, daß ihm alle Zehen zerquetscht und die -Fersen zerrieben seien, schlug dem Meister die -Stiefel um den Kopf und verlangte sein Geld -zurück. Nähte der Schneider mit Sorgfalt und -viel Geschicklichkeit einen Anzug, so wies ihm -sein Kunde bei der Ablieferung mit rauhen Worten -nach, daß das eine Hosenbein weit wie ein Mehlsack, -das andere eng wie ein Pfeifenrohr sei, und -daß der Rock hinten zwei Buckel mache, wie das -Fell eines Trampeltiers. Maß der Hutmacher -einem ein recht fesch Hütlein an, so saß es ihm -am Ende auf dem Wirbel wie eine Hanswurstkappe -oder fiel ihm in die Stirn bis über die Spitze -des Kinnbartes herab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span></p> - -<p>So sagten eines Tages die drei Meister zueinander: -»Das Handwerk hat keinen goldenen -Boden mehr. Man kann tun, was man will, das -Publikum ist nicht zufrieden. Es gibt nichts als -Zank und Streit. Wir wollen uns also nach einer -friedfertigeren Beschäftigung umsehen.«</p> - -<p>Darauf beschlossen sie, Räuber zu werden, und -meinten, dabei ihr gutes Auskommen zu haben. -Sie wuschen sich nun sechs Wochen lang nicht -mehr, kämmten ihr Haar nicht mehr und zogen -ihre ältesten Kleider an. Darauf nahmen sie von -ihren Freunden Abschied, sagten, sie möchten sie -nur in gutem Andenken behalten, zogen in den -Wald und wurden Räuber.</p> - -<p>Zwei Tage und zwei Nächte saßen sie unter -dunklen Bäumen und lauerten, ob jemand des -Weges daherkommen würde. Es kam aber niemand, -und die Räuber froren und langweilten sich. -Zum Glück hatten ihnen ihre Freunde Essen und -Trinken mitgegeben, sonst hätten die armen Kerle -Not leiden müssen.</p> - -<p>Am zweiten Tage gegen Abend meldete der -Schneider, der als Kundschafter ausgeschickt worden -war: es ziehe ein starker Mann daher. Er sei -groß wie ein Riese und habe einen Knüppel in -der Hand. Man könne nicht wissen, was er im -Schilde führe.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-179.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Da versteckten sich die drei Räuber hinter die<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -Brombeerhecken und atmeten auf, als der starke -Kerl vorbei war. Der Hutmacher aber, welcher -der Klügste von ihnen war, sprach:</p> - -<p>»Auf diese Weise werden wir auch keine guten -Geschäfte machen!« Und er hielt eine Rede, und -alle drei beschlossen, den nächsten Wandersmann -zu überfallen, sei es auch, wer es sei.</p> - -<p>Wie nun der Morgen in hellgoldener Pracht -über den Bergen aufging, kam der Schuster angerannt -und sagte: ein einzelner Reiter komme -den Talweg herauf. Es sei wohl ein reicher -Ritter, denn er habe eine Feder auf dem Hut und -trage ein seidenes Wams. Er sei schon ganz -nahe. Das Schlimme sei nur, daß er ein Schwert -an der Seite trage; man könne also nicht wissen, -was er im Schilde führe.</p> - -<p>»Schwert oder nicht Schwert,« brüllte der Hutmacher -so mutig, zornig und laut, daß die Luft -dröhnte; »wir müssen ihm am Kreuzweg auflauern -und ihm seine Habe abnehmen. Der -Schneider wirft dem Pferde eine Schlinge um -den Hals, der Schuster zieht den Ritter vom -Roß herunter, und ich packe ihn dann von -hinten!«</p> - -<p>In diesem Augenblick wieherte ein Pferd, und -die drei Räuber rannten so schnell als möglich -nach dem nahen Kreuzweg. Als nun der Ritter<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -ankam, sprangen sie ihm mit einem fürchterlichen -Geschrei entgegen.</p> - -<p>Und was nun kam, geschah alles blitzschnell. -Der Ritter entriß dem Schuster die Schlinge und -warf sie ihm selbst um den Hals, er zog den -Schneider zu sich aufs Roß hinauf und packte den -Hutmacher von hinten am Halswirbel. Darauf -stieg er gelassen vom Roß herab, nahm auch den -Schuster mit hinunter und legte alle drei Räuber -sacht, aber bestimmt auf die Erde, mit den Nasen -in den aufgeweichten Boden hinein. Dann befahl -er ihnen, nur recht still zu liegen, da sie ja nicht -wissen könnten, was er im Schilde führe, -räumte ihnen die Taschen aus, was sie da noch -an Wurst, Speck und Tabak hatten, zählte jedem -mit der flachen Klinge seines biegsamen Degens -zwanzig ansehnliche Streiche auf den Hosenboden, -stieg dann wieder zu Roß und ritt langsam davon, -indem er mit fröhlicher Stimme sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es ist so schön der Morgen<br /></span> -<span class="i0">Im frohen Sonnenlicht,<br /></span> -<span class="i0">Kein Kummer und keine Sorgen<br /></span> -<span class="i0">Drücken mein Herze nicht!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Als der Ritter um die nächste Waldecke verschwunden -war, hob der Hutmacher die Nase -aus dem Schlamm, nieste kräftig und sagte:</p> - -<p>»Unser Anschlag ist fehlgegangen!«</p> - -<p>Nun erhoben sich auch die beiden anderen,<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -gaben dem Hutmacher recht und waren allesamt -äußerst betroffen.</p> - -<p>»Wir werden uns nach einem friedfertigeren -Gewerbe umsehen müssen,« klagte der Schuster. -Sie wußten aber keines, denn es waren kümmerliche -Zeitläufte.</p> - -<p>So saßen sie am Kreuzwege und fingen schließlich -alle drei an bitterlich zu weinen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Plötzlich fuhren sie zusammen, denn es kam -ein Mann gegangen.</p> - -<p>»Der Ritter!« schrie der Schneider und wollte -entfliehen. Doch der Fremdling war schon da. -Er führte das Roß des Ritters am Zügel und -trug seine Kleider und Waffen; aber es war der -Ritter nicht.</p> - -<p>Der Fremde machte erstaunte Augen, als er -die drei sitzen sah, und fragte:</p> - -<p>»Was sitzt ihr drei armen alten Frauen hier -und weinet?«</p> - -<p>»Wir sind keine alten Frauen,« schluchzte der -Schuster, »wir sind Männer. Junge Männer!«</p> - -<p>»I der Dauz,« rief der Fremdling erstaunt, -»junge Männer seid ihr! Wer hätte das gedacht! -Aber sagt mir, warum weinet ihr?«</p> - -<p>»Weil es uns so schlecht geht,« heulte der -Schneider.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p> - -<p>»Schlecht geht? Wieso? Wie kann es einem -jungen Mann schlecht gehen? Sehet mich an! -Ich bin ein Räuber. Mir geht es gut. Werdet -auch Räuber, und es wird auch euch gut gehen!«</p> - -<p>»Wir sind ja Räuber!« sagte der Hutmacher -kleinlaut.</p> - -<p>Da lachte der Fremde so laut, daß sich das Roß -aufbäumte und dem Schneider einen Tritt auf -die Schulter gab.</p> - -<p>»Ach, ihr seid Räuber? O, welch ein Spaß! -Welch eine Überraschung! Warum aber habt ihr -euch alsdann den reichen Rittersmann entgehen -lassen, der vor einer Stunde hier vorbeizog? -Seht mich an; ich bin ein einzelner Mann und -habe dem Ritter alles abgenommen, was er -besaß.«</p> - -<p>Der Schneider log, sie hätten den Ritter leider -nicht gesehen; sonst hätten sie ihn schon ordentlich -ausgeraubt, denn sie seien tapfere Leute, und von -alten Weibern sei keine Rede.</p> - -<p>»Nun,« sagte der Fremde, »wenn ihr meine -Kollegen seid, so sollt ihr wenigstens mit mir -frühstücken.«</p> - -<p>Er packte nun die Wurst und den Speck aus, -den der Ritter vordem den dreien abgenommen -hatte, und lud zum Mahle ein. Der Fremde aß -aber fast alles selbst, und dem Schneider, dem -Schuster und dem Hutmacher blieb nicht viel mehr<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -als von der Wurst die Haut und von dem Speck -die Schwarte. Die lagen ihnen schwer im Magen.</p> - -<p>Während des Frühstücks erzählte der Fremde, -er heiße Wolfsklaue und habe in den italienischen -Abruzzen, im ungarischen Bakonywald und im -Böhmerwald seine Studien gemacht. Neulich -habe er sein Meisterstück gemacht, und nun wolle -er hier im Riesengebirge das Räubergewerbe auf -eigene Faust betreiben. Wenn es den dreien recht -sei, sollten sie in seine Dienste treten; er nehme -nicht mehr als die Hälfte der Beute für sich; die -andere Hälfte solle den dreien überlassen sein.</p> - -<p>Da schlugen sie ein und wurden fröhlich.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Kameraden,« sagte nun Wolfsklaue, »wenn -wir rechte Räuber sein wollen, genügt es nicht, -daß wir hier am Kreuzweg sitzen und heulen -oder Wurst und Speck essen, sondern wir müssen -auf Taten ausgehen.«</p> - -<p>O, da stimmten die drei anderen bei. Jahrelang, -sagten sie, sehnten sie sich schon danach, -mal etwas Ordentliches zu tun zu bekommen. -Taten! Das sei so etwas für sie!</p> - -<p>»Gut,« sagte Wolfsklaue, »hört mich also an. -Weit im Gebirge drin wohnt ein Müller, der ist -so steinreich, daß er sich alle Tage mit Seife wäscht<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -und seine Kühe mit Apfelsinen füttert. Den -wollen wir ausrauben.«</p> - -<p>»Den wollen wir!« stimmten die drei freudig bei.</p> - -<p>»Ja, aber die Sache ist nicht so leicht. Der -Müller ist ein starker Kerl und hat vier Knechte; -auch sind er und seine Leute wohlbewaffnet mit -Dolchen, Pistolen und Totschlägern. Überdies -hat er zwei Bluthunde.«</p> - -<p>»Muß es nun grade der Müller sein?« fragte -der Schneider.</p> - -<p>»Jawohl. Denkt doch an sein vieles Geld. -Die Sache bedarf nur der nötigen Schlauheit. -Hört mich an! Ich stecke euch in Getreidesäcke und -verkaufe euch dem Müller als Korn und Gerste. -Er schafft euch in seine Mühle. In der Nacht -schlüpft ihr aus den Säcken heraus, öffnet mir -die Tür, und alles andere laßt ihr mich besorgen. -Ich habe nicht umsonst in Böhmen mein Meisterstück -gemacht.«</p> - -<p>Auf diesen Plan gingen die drei ein, und am -nächsten Morgen schon standen der Schuster, der -Schneider und der Hutmacher als Säcke auf dem -Getreidemarkt in Hirschberg.</p> - -<p>Es war ein warmer Tag und viel Volk beisammen. -Damit nun die Säcke nicht um die Gestalten -schlotterten, waren sie mit Heu ausgestopft.</p> - -<p>»Ich schwitz mich tot,« sagte der Hutmacher in -seinem Sack.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span></p> - -<p>»Mensch, halt dein Maul,« knirschte Wolfsklaue, -»oder du verrätst uns. Schwitze im -stillen!«</p> - -<p>Nun kam ein Hund gegangen, schnubberte an -dem Sacke, in dem der Schneider steckte, und -fing ein wütendes Gebell an. Der Schneider erbebte; -er erkannte den Hund an der Stimme; oft -genug hatte er dem Köter früher einen Fußtritt -gegeben. Jetzt mußte er es sich gefallen lassen, -daß der Hund sich wie rasend in den Sack verbiß -und ihn umriß. Alles Volk lachte.</p> - -<p>Eine Stunde später kam der Ratspolizist. Er -hatte im Auftrage der hohen Obrigkeit einzelne -Säcke zu öffnen und zu prüfen, ob sie auch gutes, -gesundes Korn enthielten.</p> - -<p>»Wir sind verloren,« dachte der Schuster, als -der Polizist gerade den Sack öffnete, in dem er -steckte.</p> - -<p>Zum Glück war der Polizist sehr kurzsichtig. -Als er nun die Nase tief in den Sack steckte und -des Schusters strohgelben Schädel sah, sagte er -befriedigt:</p> - -<p>»Ich habe lange kein Korn von so schöner goldener -Farbe gesehen.«</p> - -<p>Und er band den Sack wieder zu. Der reiche -Müller, der in der Nähe stand, hatte das lobende -Urteil gehört, und da die Säcke groß und prall<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -waren, kaufte er sie um einen guten Preis und -ließ sie auf seinen Wagen laden.</p> - -<p>»Das war Zeit,« seufzte der Schneider; »ich habe -schon das Zittern in den Beinen!«</p> - -<p>»Ich schwitz mich tot!« stöhnte der Hutmacher.</p> - -<p>»Ich schwitze so,« sagte der Schuster, »daß der -Schweiß sicher schon durch den Sack dringt. Es -ist wenigstens gut, daß wir jetzt liegen!«</p> - -<p>Nun kam der Müller, befühlte die Säcke und -sagte: »Oho, sie sind ja feucht! Wenn ich nur -kein dämpfiges Korn gekauft habe. Es scheint -bei der Ernte nicht ordentlich ausgetrocknet zu -sein. Peter, lade das andere Korn auf und laß -uns heimfahren!«</p> - -<p>Der Knecht lud nun noch etwa zehn Säcke auf -und warf sie mit Wucht auf die drei Räuber, -welche angstvoll ihr letztes Stündlein gekommen -glaubten. Sie seufzten, stöhnten, ja schrieen zuweilen, -und es war nur gut, daß der Wagen, der -sich in Bewegung gesetzt hatte, so laut knarrte, -daß von den Angstrufen nichts zu hören war.</p> - -<p>Der Weg von Hirschberg bis zur Mühle betrug -sechs Stunden. Es war eine so schreckliche Fahrt, -daß der Schuster bei sich meinte, fast sei es weniger -arg, ein Paar Stiefel zu machen, als ein solch -heißes und drückendes Abenteuer zu erleben. -Und die beiden anderen hatten ähnlich düstere -Gedanken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span></p> - -<p>Endlich ging auch dieser Schmerzensweg zu -Ende. Der Wagen hielt; die Säcke wurden abgeladen. -Steif standen die drei Räuber, ohne sich -zu rühren. So zerschlagen und zerschwitzt sie sich -fühlten, freuten sie sich doch, daß bis jetzt alles -glatt abgelaufen war, und hofften auf gute Beute -und auf die Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters -Wolfsklaue.</p> - -<p>Ach, es kam anders.</p> - -<p>»Hm! Dieses Korn scheint wirklich ganz -dämpfig zu sein,« sagte der Müller; »sieh mal, -Peter, die Säcke sind naß, wie wenn sie aus dem -Wasser gezogen wären. Da bin ich betrogen worden. -Am besten ist es, wir schaffen das Zeug -bald weg. Schütte es augenblicklich in die große -Schrotmühle; wir machen Schweinefutter daraus!«</p> - -<p>Wie der Schneider etwas von der Schrotmühle -und vom Schweinefutter hörte, schrie er laut auf -vor Angst, warf sich um und rollte durch den -Hof. Von den anderen beiden Säcken begann -der eine zu hüpfen, der andere um Hilfe zu -schreien. Der Peter schrie, der Müller schrie, die -anderen Knechte kamen gesprungen und schrieen, -die Bluthunde heulten, und es ward ein großer -Lärm.</p> - -<p>Das Ende vom Liede war, daß die Säcke geöffnet -und die drei Räuber herausgezogen wurden.<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -Triefend von Schweiß, mit angstverzerrten Gesichtern -und schlotternden Beinen standen sie da, -und als einer der Knechte rief:</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-189.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Die haben sich einschleichen wollen; das sind -Räuber!« ging ein toller Lärm an. Der Schuster, -der Schneider und der Hutmacher bekamen so -viel Prügel, wie nie drei Räuber oder sonstige -schlichte Bürger Prügel bekommen haben. Halb<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -totgeschlagen wurden sie endlich zum Tore hinausgeworfen. -Dort blieben sie anfangs wie betäubt -liegen; dann krochen sie, hinkten sie, schleppten sie -sich in den Wald hinein.</p> - -<p>Dort trafen sie Wolfsklaue.</p> - -<p>Als er hörte, was vorgefallen war, sprach er -ihnen erst sein Bedauern aus, dann hieb er sie -noch einmal durch, indem er sagte:</p> - -<p>»Ein richtiger Räuber darf nicht zucken und -mucken, auch wenn er zu Schweinefutter gemahlen -werden soll.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wochenlang kühlten sich die Räuber ihre brennenden -Gebeine. Sie lagerten sich ins weiche -Moos und legten sich gegenseitig Salben und -kühlende Kräuter auf. Wolfsklaue erschien nur -alle drei Tage bei ihnen, brachte ihnen einige -Stücke harten Brotes, das sie sich im Wasser des -Baches aufweichen mußten, und tat sich selbst bei -Braten und Wein lecker. Manchmal erzählte er -von seinen Taten; Schlösser hatte er ausgeraubt, -reisende Kaufleute überfallen und andere einträgliche -Geschäfte gemacht. So strotzten seine -Finger von funkelnden Ringen; er hatte in jeder -der sechs Taschen seiner rotseidenen Weste eine -Uhr stecken und eine Kette daran und trug in jeder -Hand zwei Spazierstöcke mit silbernen Knäufen.<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -Jedesmal kam er auf einem anderen Roß angeritten, -die immer aus Arabien stammten; die gestickten -Decken waren aus Persien, das Lederzeug -aus England, die Beschläge aus Italien. -Aus Deutschland war nichts, das wäre zu gewöhnlich -gewesen.</p> - -<p>Während nun die drei armen Kerle ihre Brotrinden -aßen und sich von Zeit zu Zeit den abheilenden -und darum juckenden Buckel krauten, -hielt Wolfsklaue schwelgerische Mahlzeiten, funkelte -mit seinen Ringen, zog seine Uhren auf und -putzte seine goldenen Ketten mit einem Lederlappen.</p> - -<p>Die drei armen Hascher sahen mit gierigen -Augen zu. Und eines Tages, als Wolfsklaue -wieder ganz aufdringlich geprahlt und die drei -sehr schlecht behandelt hatte, sagte der Hutmacher, -als sie wieder allein waren:</p> - -<p>»Brüder, das halte aus, wer da wolle! Es ist -schlimmer als ein Hundeleben! Was hat uns -Wolfsklaue dagelassen? Nichts! Nicht einmal -die Knochen von seinem Wildbret. Die hat er -seiner dänischen Dogge gegeben. Es macht mir -keinen Spaß mehr, ein so armer Teufel zu sein; -ich will lieber so reich sein wie Wolfsklaue und -werde das in drei Tagen erreichen.«</p> - -<p>Der Schneider fragte den Hutmacher freundlich, -ob er etwa Kopfschmerzen habe und am Gehirn<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span> -leide; aber der Hutmacher verneinte das und sagte, -er sei kein bißchen verrückt, sondern er habe im -Gegenteil einen großartigen Plan.</p> - -<p>Erst nach Mitternacht, als der Mond schon -untergegangen war, und das kleine Holzfeuer, um -das die drei saßen, erlosch, gab der Hutmacher -seinen Plan kund.</p> - -<p>»Überfallen müssen wir ihn!«</p> - -<p>»Wen?«</p> - -<p>Der Hutmacher zog das linke Ohr des Schneiders -und das rechte des Schusters dicht an seinen Mund -und flüsterte:</p> - -<p>»Ihn – Wolfsklaue!«</p> - -<p>Da rissen die beiden ihre Ohren los und sprangen -in die Höhe. Sie schüttelten sich vor Entsetzen.</p> - -<p>Aber als die Sonne aufging, hatte des Hutmachers -große Redekunst über alle Besorgnisse -gesiegt, und es war ausgemacht, das nächste -Mal Wolfsklaue zu überfallen, sobald er seine -Waffen abgelegt hatte und seine Dogge in den -Büschen verschwand, um nach Wildfährten zu -spüren. –</p> - -<p>Der dritte Tag erschien; aber Wolfsklaue erschien -nicht. Da bekamen die drei Angst, er möge -am Ende von ihrem Anschlag Wind bekommen -haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span></p> - -<p>»Man kann bei ihm nie wissen, was er im -Schilde führt!« sagte der Schneider besorgt. Die -beiden anderen schwiegen und sahen bedrückt vor -sich hin. Es war ganz still im Walde. Kein Laut -rührte sich. Nur die Magen knurrten von Zeit -zu Zeit im Dreiklang, oder ein Schluchzer oder -Seufzer kam aus einem bärtigen, verwilderten -Räubermunde.</p> - -<p>Am vierten Tage erschien Wolfsklaue. Er trug -eine flimmernde Königskrone auf dem Kopf, ein -ganzes Bündel von Spazierstöcken mit goldenen, -silbernen und demantenen Knäufen unter dem -linken Arm, unter dem rechten hatte er ein -Szepter gequetscht, und in der Hand hielt er eine -goldene Kugel. Von seinen Schultern fiel ein -Purpurmantel, der mit Edelsteinen übersäet und -so lang war, daß er den halben Waldweg entlang -schleifte. Um den Hals trug er so viel -goldene Ketten, daß sich unter der Last sein Nacken -krümmte; seine Brust und sein Bauch waren wie -ein Spiegel, weil dort gar so viele Orden blitzten, -sein rechtes Hosenbein war aus himbeerrotem -Sammet, sein linkes aus bernsteingelber Seide, -an dem rechten Fuß hatte er einen Stiefel von -Elenleder, an dem linken einen perlengestickten -Pantoffel.</p> - -<p>Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span> -sprangen ob des wunderbaren Anblicks in die -Höhe und fielen dann platt auf die Nasen.</p> - -<p>»Guten Tag, meine Herren,« sagte Wolfsklaue -freundlich und lüftete die Krone; »ich freue mich, -euch so wohl zu sehen. Ihr habt euch jedenfalls -hier gut unterhalten. Ich habe inzwischen ein -kleines Geschäft erledigt. Ich hatte eine Zusammenkunft -mit dem Könige von Polen. Ihr -seht, daß ich mir einige kleine Andenken mitgebracht -habe. Es war wirklich sehr nett!«</p> - -<p>Er winkte dem Hutmacher, ihm vom Pferde zu -helfen, gürtete sich sein Schwert ab, das er dem -Schneider übergab, nahm seine Pistole aus dem -Gürtel und gab sie dem Schuster, raffte schließlich -seinen Purpurmantel zusammen und legte sich -auf die Erde.</p> - -<p>»Aber anstrengend ist es, meine Herren, sehr -anstrengend! Ihr glaubt gar nicht, wie müde ich -bin! Siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig -Soldaten habe ich erst entfernen müssen, ehe ich -mit Se. Majestät unter vier Augen reden konnte. -Gebt mir doch mal die Flasche aus der Satteltasche. -Es ist alter Malvasier drin. Und füllt eure hohlen -Hände dort am Brünnlein, und dann wollen wir -mal auf meine Gesundheit trinken.«</p> - -<p>Es geschah alles, wie Wolfsklaue es wünschte. -Die drei armen Hascher füllten ihre Hände an -der Quelle, und dann mußten sie mit der Hand<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -an Wolfsklaues goldenem Becher anstoßen und -»Zur Gesundheit!« sagen.</p> - -<p>»Ah, das schmeckt? Nicht wahr?« fragte Wolfsklaue, -als sie getrunken hatten. »Ein bißchen -schwer ist der Trank; aber wie Feuer geht er -durch die Adern. Nun, lassen wir es uns wohl -sein! Einen Sieg, wie den meinen, muß man -feiern. Ich denke, wir trinken noch ein Schöpplein!«</p> - -<p>Wieder mußten die drei armen Hascher ihre -hohlen Hände an der Quelle füllen und mit -Wolfsklaue anstoßen.</p> - -<p>»Wohl bekomm es!« sagte Wolfsklaue; »es geht -nichts über einen guten Trunk. Man wird so -fröhlich dabei.«</p> - -<p>Der Hutmacher hustete sehr laut und sagte, er -habe sich verschluckt.</p> - -<p>»Immer hübsch langsam trinken,« mahnte -Wolfsklaue; »immer alles mit Maßen! Ich -möchte wohl noch einen dritten Becher; aber ich -sehe, ihr habt schon genug, und ich bin auch müde. -Ich will ein wenig schlafen. Ihr drei möget -Wache stehen und mich wecken, wenn der Morgen -graut. So hat jeder sein Vergnügen. Gute -Nacht!«</p> - -<p>Er schlief ein. Die Krone rutschte ihm tief in -die Stirn herab, er legte das himbeersamtne<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -Hosenbein über das bernsteingelbe, faltete die -Hände auf seinem dicken, ordengeschmückten Bauche -und schnarchte bald laut und tief.</p> - -<p>Die drei anderen Räuber schauten sich an. -Der Schneider wischte sich den Mund ab; der -Schuster klagte, das kalte Wasser sei ihm in seine -hohlen Zähne gekommen; der Hutmacher sah -finster vor sich hin. Auch das Roß hatte sich gelegt, -sich mit den Zähnen die schwere persische Seidendecke -zurechtgezupft, so daß es nicht frieren konnte -und schlief auch ein. Die große dänische Dogge -verschwand im Walde, um zu wildern.</p> - -<p>Die Nacht brach herein; der Mond verbarg sich -hinter den Wolken. Da runzelte der Hutmacher -die Stirn, blitzte die beiden anderen mit den -Augen an und sagte leise:</p> - -<p>»Jetzt, jetzt ist's Zeit!«</p> - -<p>Bei diesen Worten krümmte sich der Schneider -zusammen, sagte, es käme ihm in den Leib, und -verschwand im Gebüsch. Der Schuster hielt den -linken Fuß vorgesetzt, um zur Flucht bereit zu -sein, der Hutmacher aber warf sich heulend auf -Wolfsklaue, packte ihn am Halse und schrie:</p> - -<p>»Gib alles her! Gib alles her!«</p> - -<p>»Was – was ist – was ist los –«</p> - -<p>Wolfsklaue rieb sich die Augen. Er sah den -Hutmacher über sich knien und schrie plötzlich -ganz jämmerlich:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span></p> - -<p>»O weh! O weh! Ich bin überfallen! Ich habe -keine Waffen! Ich bin verloren! Wehe mir! -Wehe mir!«</p> - -<p>Pardauz, lag auch der Schuster über ihm her -und rief dem Hutmacher zu:</p> - -<p>»Mach Platz! Mach Platz! Ich will ihn auch -würgen!«</p> - -<p>Und nun traute sich auch der Schneider aus dem -Gebüsch, kam vorsichtig näher und hielt den Pantoffel -in der Hand, den Wolfsklaue, weil er mit -den Beinen um sich schlug, verloren hatte.</p> - -<p>So wurde Wolfsklaue besiegt. Stück um Stück -nahmen ihm die drei Räuber ab, zogen ihn aus -bis aufs Hemd. Dann zwangen sie ihn, an der -Quelle seine hohle Hand zu füllen, mit ihnen anzustoßen, -die nun der Reihe nach den Becher -leerten, sich hinzulegen und von jedem zehn -Stockhiebe aufzählen zu lassen. Am Schluß gaben -sie ihm aus Gnade den schäbigen, geflickten Mantel -des Schneiders um; er mußte gegen alle vier -Himmelsrichtungen hin eine Verneigung machen -und zu der Räuber Gaudium laut schreien: »Ich -bin ein großer Esel«, und dann wurde er in die -finstere Nacht hinausgejagt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Nun wollen wir die Beute teilen,« sagte -der Hutmacher. »Ich für meinen Teil begehre<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -nur die Hälfte all dieser Sachen; die andere Hälfte -ist für euch beide.«</p> - -<p>»Was?« höhnte der Schuster; »wenn drei -teilen, wird wohl ein jeder ein Drittel bekommen.«</p> - -<p>Der Hutmacher schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Seit Wolfsklaue besiegt ist,« sagte er würdig, -»bin ich euer Hauptmann.«</p> - -<p>Die beiden anderen brachen in ein schallendes -Gelächter aus.</p> - -<p>»Lacht nicht!« begehrte der Hutmacher auf. -»Wer hat den Gedanken gehabt, Wolfsklaue zu -überfallen? Ich! Wer hat ihn tatsächlich überfallen? -Ich!«</p> - -<p>»Ich auch!« rief der Schuster, »und außerdem -hatte er mir sein Schwert übergeben; ich hatte -euch alle in meiner Gewalt.«</p> - -<p>»Ja, wenn ich nicht die Pistole gehabt hätte,« -meinte der Schneider; »eine Pistole ist flinker -als ein Schwert.«</p> - -<p>»Wenn du schießen könntest, du Tolpatsch!« -höhnte der Schuster.</p> - -<p>»Kannst du etwa fechten, du Dämlack?« zischte -der Schneider.</p> - -<p>Da fuhren sie sich in die Haare und prügelten -sich. Der Hutmacher setzte sich indessen die Königskrone -auf und zählte die Dukaten, die sie Wolfsklaue -abgenommen hatten. Als das die beiden<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span> -Kampfhähne sahen, ließen sie ab von einander -und fragten: »Was tust du da?«</p> - -<p>»Ich zähle mir die Hälfte der Beute ab,« sagte -der Hutmacher in Gemütsruhe, »Daran werdet -ihr zwei Dummköpfe nichts ändern.«</p> - -<p>Da sahen sich der Schuster und der Schneider -mit einem bedeutungsvollen Blicke an, und -plötzlich stürzten sie sich auf den Hutmacher und -überwältigten ihn. Sie drohten, ihn zu töten, -wenn er ihnen nicht gänzlich gehorsam sei. Darauf -prügelten sie ihn durch, zwangen ihn, seine hohle -Hand an der Quelle zu füllen und mit ihnen am -goldenen Becher anzustoßen, und jagten ihn dann -in die Nacht hinaus. – –</p> - -<p>»Jetzt wollen wir zwei die Beute teilen,« -meinte darauf der Schneider, »und es soll jeder -seine Hälfte bekommen.«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte der Schuster; »aber da ich -zuerst den Gedanken hatte, den Hutmacher zu -überfallen, gebührt mir die größere Hälfte. Ich -werde sie mir auswählen, und was übrig bleibt, -sollst du erhalten.«</p> - -<p>Damit bückte er sich zu den Schätzen nieder. -Der Schneider aber griff blitzschnell nach der -Pistole und dem Degen und rief:</p> - -<p>»Laß alles liegen oder du bist ein Kind des -Todes!«</p> - -<p>Da erschrak der Schuster, und da der Schneider<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -alles Ernstes drohte, ihn zu erschießen, entfloh er -schreiend in den Wald.</p> - -<p>So kam es, daß der Schneider, der größte Feigling -unter allen, zuletzt ganz allein in dem Besitz -der geraubten Reichtümer des Polenkönigs war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Hutmacher und der Schuster waren sich im -Walde begegnet und saßen sich grollend gegenüber. -Plötzlich sahen sie Wolfsklaue daherkommen. -Er ritt auf einem starken Ziegenbock -und hatte einen Stecken in der Hand. Zuerst -schien es, als ob er entfliehen wolle, aber dann -kam er näher, grüßte demütig und sagte:</p> - -<p>»Ich hoffe, edle Herren, daß ihr mir nichts -mehr anhaben werdet. Denn sehet, ich bin ein -geschlagener Mann. All mein Hab und Gut habe -ich verloren; ich sitze jetzt auf einem Ziegenbock -und habe einen Stecken als Waffe; ich muß also, -da ich in meinem Räubergewerbe pleite geworden -bin, ganz klein wieder von vorn anfangen.«</p> - -<p>Da erzählten ihm die beiden, der Schneider sei -eine Bestie, er habe sie beraubt und betrogen, -und sie seien nun ebenso arm wie er.</p> - -<p>»Man hätte es dem Schneider nicht angesehen, -daß er ein so großer Held ist,« meinte Wolfsklaue -nachdenklich. »Da er nun alles Geld und alle<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span> -Waffen hat, ist es am besten, wir gehen hin und -wählen ihn zu unserem Hauptmann.«</p> - -<p>»Ich will lieber deinen Ziegenbock zu meinem -Hauptmann wählen als den Schneider,« knirschte -der Hutmacher.</p> - -<p>»Nun, einen Hauptmann müssen wir haben,« -lächelte Wolfsklaue, »und mein Ziegenbock wird -die Wahl nicht annehmen. Er ist ein sehr gescheites -Tier. Wählen wir also den Schuster!«</p> - -<p>»Den Schuster?« schrie der Hutmacher. »Noch -eher wählte ich den Schneider als den Schuster.«</p> - -<p>Da saß ihm der Schuster auch schon an der -Gurgel, und sie prügelten sich. Wolfsklaue aber -setzte sich an den Wegrand, streichelte seinen Ziegenbock -und sang mit fröhlicher Stimme:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Im holden Waldesfrieden<br /></span> -<span class="i0">Da wird der Wandrer froh,<br /></span> -<span class="i0">Nichts Schönres gibt's hienieden,<br /></span> -<span class="i0">Trara, trara, hallo!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Während er noch so fröhlich sang und die beiden -anderen rauften, trat etwas Seltsames in Erscheinung. -Das Araberroß kam daher; ganz langsam -hob es die Beine wie in zierlichem Tanz und -wandte den Kopf schelmisch bald hin, bald her. -In den Zähnen aber trug es ein zappelndes -Bündel von Purpur, himbeerfarbenem Samt und -bernsteingelber Seide, auch fiel bei jedem Schritt -ein kostbarer Orden klirrend auf den Waldboden.<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span> -Neben dem Roß trabte die dänische Dogge, die -trug das Schwert im Maule.</p> - -<p>Als Roß und Hund bei Wolfsklaue ankamen, -legten sie ihre Bürde vor ihm nieder. Da wickelte -sich aus dem zappelnden Bündel erst eine Königskrone -heraus, aus der unten nur die Stumpfnase -und der Ziegenbart des Schneiders hervorschauten; -dann kam der ganze Schneider zum Vorschein, -und eine meckernde Stimme rief um Gnade.</p> - -<p>»Nun also!« rief Wolfsklaue und nahm das -Schwert an sich, »so sind wir ja alle wieder beieinander.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O, tut das Scheiden noch so weh,<br /></span> -<span class="i0">Ich weiß, daß ich dich wiederseh.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Er blitzte mit den Augen.</p> - -<p>Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher -warfen sich nun vor Wolfsklaue nieder und baten -und wimmerten um Verzeihung.</p> - -<p>Wolfsklaue sagte gar nichts. Er band den Schuster -an den Halftergurt und den Schneider an -den Schweif seines Rosses, legte den königlichen -Schmuck wieder an, schwang sich auf das Roß und -befahl dem Hutmacher, sich auf den Ziegenbock zu -setzen, denn er verdiene eine Auszeichnung.</p> - -<p>Dann ritt Wolfsklaue zwei Tage und zwei -Nächte lang ohne zu rasten über das ganze Riesengebirge<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span> -weg und kam mit seinen Gefährten in -das Land Böhmen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Diese Reise war für die drei, die nicht auf dem -Pferde saßen, äußerst beschwerlich. Der Schuster -mußte so rasch traben, daß ihm oft der Atem ausging, -der Hutmacher saß auf dem Ziegenbock wie -auf einem schlingernden Schiff, das in schwerem -Sturm hin- und herstößt, bald hoch, bald niedrig -geht und seinem Passagier sehr übel am Magen -mitspielt, und der arme Schneider am Pferdeschwanze -verlebte erst recht keine gute Zeit. Das<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -Roß nahm in keinerlei Weise Rücksicht auf ihn. -Das Schlimmste aber geschah, wenn sich dem -Hengst eine Fliege in die Flanke setzte. Dann -hob er den mächtigen Schweif und hieb ihn samt -dem Schneider nach der Fliege, daß dem armen -Kerl, der so durch die Luft sauste, Hören und -Sehen verging.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-203.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Wolfsklaue aber pries die Annehmlichkeiten der -Reise und die Schönheit des Gebirges und sang -fröhliche Wald- und Wanderlieder.</p> - -<p>Als sie nun nach Böhmen kamen, wurde endlich -Rast gehalten. Die drei armen Hascher fielen -wie tot auf das grüne Moos und schliefen drei -Tage und drei Nächte lang. Dann weckte sie -Wolfsklaue und sagte, plötzlich wieder sehr -freundlich:</p> - -<p>»Liebe Kameraden, es tut mir leid, euch in -eurem kurzen Schlummer stören zu müssen; aber -wir müssen nun endlich ausführen, was wir uns -vorgenommen haben; wir müssen auf Taten ausgehen.«</p> - -<p>»Herr,« meinte der Hutmacher, »ich bitte euch, -gebt mir Urlaub. Ich will mein Räuberleben -beenden. Ich kann ein wenig singen und Gitarre -spielen; da will ich sehen, wie ich mich hierzulande -durchschlagen kann.«</p> - -<p>»Wäre noch schöner,« rief Wolfsklaue, »in -Böhmen betteln und singen zu gehen, ist das<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span> -Dümmste von der Welt; denn die Hälfte aller -Böhmaken sind selbst Bettler oder Musikanten.«</p> - -<p>»Ich,« sagte der Schneider, »möchte mich als -Bauernknecht vermieten.«</p> - -<p>»Und ich,« sagte der Schuster, »will wieder -Stiefel machen.«</p> - -<p>»Mensch, willst du wieder ein Verbrecher werden?« -fuhr ihn Wolfsklaue an. »Willst du, daß -die Menschheit erlahmt und lauter Hinker durchs -Leben schreiten? Nein, nein, es wäre jammerschade -um drei so verwegene Gesellen wie ihr seid. -Ihr, die ihr sogar Wolfsklaue besiegt habt!«</p> - -<p>Da schlugen die drei die Augen nieder. Wolfsklaue -aber machte ihnen mit gedämpfter Stimme -Mitteilung von einem großen Plan, durch dessen -Ausführung sie alle zu unerhörtem Reichtum gelangen -würden, und der außerdem sehr lustig und -unterhaltsam sei.</p> - -<p>Weiter drin in Böhmen sei ein herrliches Schloß, -das berge so große Reichtümer, daß sich der Kaiser -aus Wien daselbst fast alles Geld borge, dessen -er bedürfe. Und das wolle etwas heißen! Sich -zum Herrn dieses Schlosses zu machen, sei nun -Wolfsklaues Ziel. Er vermöge das aber nicht -allein, sondern bedürfe dazu der Hilfe seiner drei -guten, lieben Freunde.</p> - -<p>Die drei »guten lieben Freunde« schlugen wieder -schamhaft die Augen nieder; aber Wolfsklaue<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -klopfte sie vertraulich auf die Schultern und sagte -in herzlichem Tone:</p> - -<p>»Brüder, denkt nicht mehr an die alten Tage. -Es waren Zeiten der Trübsal und der Prüfung. -Sie sind nun vorüber, und eine bessere Zeit bricht -für uns alle an. Kommt ein bißchen tiefer mit -mir in den Wald hinein und seht, was ich mich -herbeizuschaffen bemüht habe, indes ihr euch nach -der langen beschwerlichen Reise ausruhtet.«</p> - -<p>Da gingen sie mit ihm tiefer in den Wald und -kamen in eine Räuberhöhle, von der man nichts -anderes sagen kann, als daß sie höchst luxuriös -war. Während der Fußboden mit echten und -unechten Bärenfellen belegt war, hingen an den -Wänden gerahmte und ungerahmte Bilder, die -alle große Räuber- und Heldentaten darstellten -und prachtvolle rote und grüne Farben hatten. -Flinten, Schwerter und Spieße hingen an den -Wänden, die ganz mit Edelsteinen besetzt waren, -die kleineren stammten aus dem siebenjährigen, -die größeren und wertvolleren aber aus dem -dreißigjährigen Kriege. Der Raum wurde taghell -beleuchtet von sieben Spitzbubenlaternen, die rubinrote -Scheiben hatten, und in der Mitte der Höhle -stand eine Tafel, da perlte in kristallenen Flaschen -der köstlichste Branntwein, und auf goldenen -und silbernen Tellern lagen Pökelfleisch und -Sauerkraut.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span></p> - -<p>Den drei Räubern liefen vor Rührung Tränen -im Auge und das Wasser im Munde zusammen.</p> - -<p>»Ach,« seufzte der Schuster, »ach, wenn wir -bloß nicht wieder aus einer Wasserquelle trinken -müssen!«</p> - -<p>Diesmal aber kam's anders. Die Räuber aßen -so reichlich und tranken so viel, daß sie nach der -Mahlzeit auf den Bärenfellen einen Schlaf taten, -der fünf Tage und fünf Nächte lang war, worauf -sie sich lächelnd und gestärkt von ihrem Lager -erhoben.</p> - -<p>»Nun,« sagte Wolfsklaue, »wollen wir unsere -große Tat vorbereiten. Das Schloß ist so wohl -bewacht, daß es nur durch äußerste Klugheit und -Tapferkeit gelingen wird, uns zu seinem Herrn -zu machen. Mein Plan ist der, daß ich euch drei -zunächst als meine geheimen Boten nach dem -Schlosse absende.«</p> - -<p>Alle drei Räuber machten abwehrende Handbewegungen -und schüttelten heftig die Köpfe. -Wolfsklaue lächelte.</p> - -<p>»Ich schicke euch natürlich nicht so, wie ihr hier -vor mir steht, sondern in einer geschickten Verkleidung, -so daß euch sicher niemand erkennen -wird, zumal ich euch eure Rollen gut einstudieren -werde. Du, Hutmacher, hast eine schöne Stimme -und spielst die Gitarre. Ich werde dir ein schönes -Gewand besorgen, und du wirst als Minnesänger<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span> -nach dem Schlosse ziehen. Dir, Schuster, schaut -Tapferkeit und ritterlicher Mut aus den Augen; -ich werde dich in der Kunst des Kämpfens unterweisen -und dich ausstatten wie einen Ritter aus -dem Morgenlande. Du, Schneider, bist ein pfiffiger -und gewandter Geist, du wirst als handelnder -Jude in das Schloß eindringen.«</p> - -<p>Da versanken die drei in tiefes Nachdenken, -bis schließlich einer fragte:</p> - -<p>»Und du – was wirst <em class="gesperrt">du</em> tun?«</p> - -<p>»Ich komme nach euch, wenn ihr den Weg für -mich geebnet habt. Alsdann erscheine ich als -Prinz von Czernagora. Der Minnesänger muß -den Rittern und Edelfrauen sehr viel von den -Tugenden und der Schönheit dieses Prinzen vorsingen; -der Ritter muß sich nach großen Heldentaten -als den geringsten unter den Mannen jenes -Prinzen bezeichnen; der Jude muß erzählen, daß -der Prinz reich genug ist, ihm alljährlich für viele -Millionen Edelsteine abzukaufen, und wenn dann -der Prinz einzieht, das heißt, wenn ich komme, -werden alle Herzen schon so in Achtung und Liebe -für mich entbrannt sein, daß es mir ein leichtes -sein wird, mich eines Tages als den Herrn und -Gebieter der Burg ausrufen zu lassen.«</p> - -<p>»Und was wird dann aus uns?« fragte der -Hutmacher.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p> - -<p>»Euch drei erhebe ich dann in den Adelstand -und statte euch aus mit großen Gütern.«</p> - -<p>Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang -mußte Wolfsklaue noch reden, ehe er den dreien -ihre vielerlei Bedenken aus dem Kopf geschlagen -hatte und sie sich bereit erklärten, die ihnen zugedachten -Rollen zu übernehmen.</p> - -<p>Dann begann der Unterricht.</p> - -<p>Der Schuster lernte reiten und kämpfen; der -Hutmacher saß den ganzen Tag im Walde, klimperte -auf einer Gitarre und sang zärtliche oder -lobpreisende Lieder dazu; der Schneider ging mit -einem Hausiererkasten von einem Baum zum -anderen und bot ihnen mit artigen Bücklingen und -überzeugenden Handbewegungen seine Waren an. -Wolfsklaue war der Lehrmeister, gab alles an, -überwachte alles, lobte oder tadelte und sorgte -für alles, was die drei brauchten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eines Tages sagte Wolfsklaue zu dem Schuster:</p> - -<p>»Jetzt reite aus. Glaube mir, daß dir kein -Ritter im Morgen- und Abendland gleicht. Du -bist ganz einzig in deiner Art. Reite dahin und -verkündige den Ruhm des kommenden Prinzen -von Czernagora.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span></p> - -<p>Der Schuster trug eine blitzende Rüstung, hatte -eine Lanze in der Hand, die neun Ellen lang war, -und saß auf einem prachtvollen Roß. Sein strohgelber -Schädel war von einer schwarzen Perücke -wohltuend überdeckt, und selbst sein Auge hatte -etwas Kühnes bekommen.</p> - -<p>So ritt er dahin. Wolfsklaue in der bescheidenen -Tracht eines Dieners zeigte ihm den Weg. Er -gab ihm noch einmal viel gute Lehren, sagte ihm, -er solle mit tapferen Rittern sich im Turnierkampf -messen und, wenn er gesiegt habe, ja nicht -vergessen, zu sagen, daß er nur der bescheidenste -aller Mannen des czernagorischen Prinzen sei.</p> - -<p>Der Schuster sagte zu allem »Ja!« Im Innern -aber dachte er:</p> - -<p>»Daß ich ein Esel wäre, wenn ich gesiegt habe, -mich als einen geringen Mann zu bezeichnen. -Dann werde ich mich schon in anderem Lichte -zeigen, und wer weiß, ob sie nicht mich selbst zum -Herrn der Burg ausrufen.«</p> - -<p>So kamen sie auf eine waldige Berghalde und -sahen in der Ferne die leuchtenden Zinnen der -Burg. Sie lag im hellen Sonnenlicht; dreizehn -Türme und viele Erker schmückten sie gar herrlich; -eine starke Mauer umgürtete ihre vielen Gebäude -und Höfe, und vier Wallgräben zogen sich um sie -her, davon war der erste mit Wasser, der zweite -mit Tinte, der dritte mit Schwefelsäure, der<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -vierte mit glühendem Blei gefüllt, so daß es -für alle Feinde sehr mühsam war, die vier Gräben -zu durchschwimmen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-211.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Als der Schuster die Burg sah, wurde ihm übel. -Aber Wolfsklaue gab ihm aus einem Fläschchen -zu trinken, das einen ungeheuren Mut in die -Adern des Schusters ergoß, und so zog er wohlgemut -dahin, nachdem Wolfsklaue ihm glückliche -Reise gewünscht hatte und umgekehrt war.</p> - -<p>Von den dreizehn Türmen des Schlosses -klangen die Hornsignale der Wächter, daß ein -Fremder daherziehe. Der Schuster dachte: die -blasen so niederträchtig laut, daß mir noch mein -Roß scheu werden wird. Da sah er auch schon, -wie sich auf den Söllern und Mauern der Burg -hunderte von edlen Rittern, wunderschönen Edeldamen -und allerhand Kriegsvolk ansammelte, um -nach dem nahenden Fremdling auszuschauen. Der -Schuster hob seine neun Ellen lange Lanze zum -Gruß, und der Federbusch auf seinem Helm -spielte im Winde. Er kam sich ganz herrlich vor, -und alle Angst war verschwunden.</p> - -<p>Da begegnete ihm auf einem Kreuzweg ein -Reiter.</p> - -<p>»Hallo,« dachte der Schuster, »das ist der rechte -Mann, einen Waffengang mit ihm zu wagen und -vor allem Volk auf der Burg meine Tapferkeit<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span> -und Geschicklichkeit zu erweisen.« Er nahm also -seinen Helm ab, machte eine Verneigung und -sagte: »Entschuldigt, edler Herr, beliebt es vielleicht, -Euch im ritterlichen Kampfe mit mir zu messen?«</p> - -<p>Ein Gelächter erscholl von der Burg, und der -Reiter lachte auch. Da faßte den Schuster ein -wilder Zorn, er trieb sein Roß an, stürmte gegen -den Reiter, hob die Lanze und bohrte sie tief – -in die Luft neben dem Reiter. Er selbst verlor -ob des Anpralls das Gleichgewicht und purzelte -in den Straßengraben.</p> - -<p>Nun rasselte die Zugbrücke der Burg; Ritter -und Damen eilten herbei, und die Ritter lachten -so tief und schauerlich, daß es klang, wie wenn alte -Wagen mit eisernen Rädern über spitze Steine -fahren, oder wie wenn man mit klobigen Hämmern -auf leere Fässer schlägt, und die Damen -girrten und zwitscherten wie silberne Tauben in -der Luft oder wie blaue Schwalben am Dachsims.</p> - -<p>Das verdroß den Schuster; er arbeitete sich -aus dem Graben heraus, verlor dabei seinen Helm -und seine schwarze Perücke, stand mit seinem -strohgelben Schädel da, machte ein dummes Gesicht -und schrie:</p> - -<p>»Ich bin der beste Ritter des Prinzen von -Czernagora.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span></p> - -<p>O, wie rollten die Wagen, wie dröhnten die -Fässer, wie girrten die Tauben, wie zwitscherten -die Schwalben!</p> - -<p>»Mit einem Knecht, mit einem waffenlosen, -ganz gewöhnlichen Roßknecht hat er angebunden, -und ist von ihm besiegt worden! Welch ein Spott, -welch ein Spott!«</p> - -<p>So lachte und höhnte es von allen Seiten.</p> - -<p>Nun trat ein hoher Herr in königlichem Schmuck -aus der Menge. Es war der Burgherr. Der -sprach:</p> - -<p>»Der Prinz von Czernagora ist mein Todfeind. -Wenn dieser Mann zu seinen Rittern gehört und -er sich von meinem Knechte hat werfen lassen, so -nehmt ihn und bringt ihn ins Verließ. Wir -werden Gericht über ihn halten.«</p> - -<p>Schwapp – lag der Schuster auf den Knien. -Er warf seine Lanze von sich, hob bittend beide -Hände auf und flehte:</p> - -<p>»Seid gnädig, Herr, und glaubt ja nicht, daß -ich ein tapferer Ritter sei. Nein, ich bin nur ein -Schuster, ein Schuster aus Hirschberg, und wenn -Ihr das nicht glauben wollt, so will ich Euch -augenblicklich ein Paar Stiefel fertigen.«</p> - -<p>»Das verhüte Gott,« sagte der Burgherr mit -Ernst. »Nehmt ihn und führt ihn ins Verließ!«</p> - -<p>So geschah es. Und als der Tag vergangen war<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span> -und der Mond über die Waldberge wanderte, -schien er auch durch eine winzige Mauerlucke in -das bleiche Gesicht des Schusters, der in seinem -feuchten Verließe saß und um den die Ratten und -Mäuse tanzten, wie es nun einmal in den Burgverließen -traurigerweise Mode ist.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drei Tage darauf sagte Wolfsklaue zu dem -Hutmacher:</p> - -<p>»Nun singst du über alle Maßen schön und lieblich. -Du kannst den Text, die Melodie und die Begleitung; -also bist du über alle Nachtigallen des -Waldes, die nur die Melodie können. Reite aus, -edler Sänger, und verkünde auf der Burg die -Schönheit und die Macht des Prinzen von Czernagora.«</p> - -<p>Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich -auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue -besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer -ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue -und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne -brannte ihm dabei auf den Rücken, und -nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden -meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist -wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er -auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der -Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er -seine Gitarre und sang ein neues Lied:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich bin ein Minnesänger<br /></span> -<span class="i0">Und komm aus Morgenland,<br /></span> -<span class="i0">Die schönsten Saitenklänger<br /></span> -<span class="i0">Rühr ich mit meiner Hand.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Trara! Trara! fingen die Wächter auf den -dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend, -daß die nächsten dreizehn Strophen des -Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen -Schimmel gehört werden konnten. So brach der -Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte -sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden -Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle.</p> - -<p>Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten -seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an -die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie -waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel -um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue -Schleier darüber. In den Händen hielten -sie Rosen und bunte Blumen.</p> - -<p>Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte -dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden -Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf -und begannen mit glockenhellen Stimmen zu -singen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen,<br /></span> -<span class="i0">Du Ritter im Sängerkleid,<br /></span> -<span class="i0">Viel Frauenaugen sie kosen<br /></span> -<span class="i0">Die Stirne dir, von Musen geweiht.<br /></span> -<span class="i0">Da schläft wie in heiligen Schächten<br /></span> -<span class="i0">Der edlen Gedanken Gold,<br /></span> -<span class="i0">Da blüh'n wie in Wundernächten<br /></span> -<span class="i0">Die Märchenblumen so hold,<br /></span> -<span class="i0">Da ist das tiefe Verstehen,<br /></span> -<span class="i0">Das tiefste Erbarmen zu Haus,<br /></span> -<span class="i0">Da wohnt das geistige Sehen<br /></span> -<span class="i0">In Weiten und Zeiten hinaus,<br /></span> -<span class="i0">Da hat seine heimlichen Bronnen<br /></span> -<span class="i0">Der Schönheit gewaltiger Strom,<br /></span> -<span class="i0">Da hat sich der Herrgott ersonnen<br /></span> -<span class="i0">Der Menschheit heiligen Dom.«<br /></span> -</div></div> - -<p>O, war das noch ein Klang? War das noch eine -Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln, -das vom blauen Himmel heruntertaute? Die -Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie -Engel im reinen Licht, als sie das sangen.</p> - -<p>Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die -Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und -weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt -näher kamen, rief er:</p> - -<p>»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut -meine Stirn nicht an!«</p> - -<p>»Ei warum denn nicht, du fremder Sänger?«</p> - -<p>»Ich bin kein Sänger – ich habe euch betrügen<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span> -wollen – ich bin nur ein Hutmacher und ein -Räuber!«</p> - -<p>Erschreckt standen die Jungfrauen zur Seite. -Da kam der Burgherr und fragte strenge:</p> - -<p>»Wer hat dich gesandt?«</p> - -<p>»Der Prinz von Czernagora!« gestand der -wimmernde Mann.</p> - -<p>»Führt ihn in das Verließ!« befahl der Burgherr. -Das geschah, und es nutzte gar nichts, daß -sich die Mädchen bemühten, für den armen Tropf -Fürsprache einzulegen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Schneider übte sich gerade in der Hausiererkunst, -indem er einem alten Tannenbaum durchaus -ein Paar Hosenträger aufschwatzen wollte, als -Wolfsklaue an ihn herantrat und sprach:</p> - -<p>»Nun ist's Zeit, lieber Freund, daß du dir andere -Kundschaft aussuchst. Ziehe hin nach dem -Schloß, mache dich angenehm durch dein Benehmen -und deine Waren, und erzähle vom Reichtum -des Prinzen von Czernagora.«</p> - -<p>»Sie werden mer derkennen,« sagte der Schneider -in seinem jüdischen Dialekt.</p> - -<p>»Nein, se werden der nich erkennen,« beschwichtigte -ihn Wolfsklaue. »Ich sage dir, Schneider, -du bist ein Itzig, wie er sein soll.«</p> - -<p>In der Tat sah der Schneider aus wie ein<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span> -jüdischer Händler. Wochenlang hatte er sein Gesicht -den Sonnenstrahlen aussetzen müssen und -sich nicht mehr waschen dürfen, so daß er eine -schöne dunkle Hautfarbe hatte; Wolfsklaue hatte -ihm eine Perücke mit langen schwarzen Locken -verschafft, ihn auch sonst ganz richtig ausstaffiert, -ihm sogar den leutselig verschmitzten Blick solcher -Händler einstudiert.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-219.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Nun übergab ihm Wolfsklaue zwei Kästen. In -dem oberen waren allerhand billige, aber bunte<span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span> -und schön anzuschauende Gebrauchsgegenstände -für das Dienstvolk; in dem unteren lagen prachtvolle -Goldgeschmeide und herrliche Edelsteine in -allen Farben und Größen für Ritter und Edelfrauen.</p> - -<p>Der Schneider nahm Abschied und machte sich -auf den Weg. Als er allein im Walde war, öffnete -er den unteren Kasten, betrachtete die Kostbarkeiten -und dachte bei sich:</p> - -<p>»Was nutzt es mir, wenn ich diese schönen -Dinge auf der Burg verkaufe? Der Prinz von -Czernagora wird kommen und mir den Erlös abnehmen. -Höchstens werde ich einen kleinen Profit -behalten. Besser ist es, ich wandere nach Prag, -verkaufe dort meine Waren und freue mich dessen, -was ich dafür erhalte.«</p> - -<p>Also machte sich der Schneider nicht auf den -Weg nach der Burg, sondern marschierte auf der -Landstraße gen Prag. Als er aber einen halben -Tag gewandert war, kam ihm plötzlich Wolfsklaue -entgegen. Der Schneider erschrak des Todes. -Wolfsklaue aber lächelte und sagte:</p> - -<p>»Schneider, du verläufst dich! Hier geht es -nach Prag. Die Burg liegt dir genau im Rücken. -Sei also so freundlich und kehre um. Ich werde -dich begleiten, bis du durch die Burgpforte hineingegangen -bist, damit du dich nicht noch einmal -verirrst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p> - -<p>Der Schneider knirschte innerlich vor Wut über -diese Begegnung; äußerlich aber mußte er tun, -als freue er sich sehr, daß er vom unrechten Weg -abgebracht worden war, und mußte sich Wolfsklauens -Begleitung gefallen lassen, der mit ihm -ging, bis die Burg in Sicht war, und sich dann -unter einem Baum auf die Lauer setzte.</p> - -<p>So wanderte der Schneider den Talweg entlang -der Burg zu. Auf einer Wiese sah er ein Mädchen -stehen. Es war eine Gänsehirtin. An die ging -er heran, lüftete seine Kappe und sagte:</p> - -<p>»Scheens Freilein, woll'n Se vielleicht kaufen -ä Paar hochfaine Strumpfbänder?«</p> - -<p>Das Mädchen lachte mit seinem kirschroten -Mund, daß man alle ihre schönen weißen Zähne -sah, und sagte:</p> - -<p>»Ich habe noch nie Strümpfe gehabt; ich gehe -immer barfuß. Und ich habe noch nie einen -Pfennig Geld in der Hand gehabt.«</p> - -<p>»Dumme Gans!« brummte der Schneider und -klappte den Kasten zu.</p> - -<p>Da kam des Wegs eine Edeldame geritten. -Sie war prächtig aufgeputzt, trug einen Falken -auf dem Finger, und hinter ihr ritt ein Forstmann. -Als sie den Schneider sah, hielt sie ihr Roß an -und rief:</p> - -<p>»Heda, Hebräer, was hast du Schönes in deinem -Kasten?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span></p> - -<p>Der Schneider stürzte herbei, machte eine Verneigung, -sah der Dame ins Gesicht und stotterte:</p> - -<p>»Ich könnte Euch geben, gnädigste Frau Ferstin, -ä sehr ä gutes Mittel gegen rote Nase.«</p> - -<p>»Pfui!« schrie die Dame und sprengte davon. -Der Forstmann aber hieb dem Schneider mit der -Reitpeitsche den Buckel ganz jämmerlich voll und -sagte:</p> - -<p>»Ich werde dich lehren, du schmutziger Kerl, -unsere Frau Burggräfin zu beleidigen. Ich schlag -dich auf der Stelle tot!«</p> - -<p>Der Unmensch hätte es vielleicht auch getan, -wenn nicht die Burggräfin zurückgekommen -wäre.</p> - -<p>»Laß ihn am Leben,« rief sie, »laß ihn vorläufig -am Leben! Er soll mir erst sagen, ob er -meine Nase wirklich für rot hält.«</p> - -<p>»Gnädigste Burggräfin,« wimmerte der Schneider, -»Eure allerdurchlauchtigste Nase ist so weiß -und stattlich wie die Schneekoppe im Winter.«</p> - -<p>Das besänftigte die Dame.</p> - -<p>»Ich will ihm Gnade widerfahren lassen,« -sagte sie milde, »weil er seinen Irrtum eingesehen -und ihn so poetisch widerrufen hat. Zeige er, was -er im Kasten hat.«</p> - -<p>Da öffnete der Schneider den unteren Kasten, -und wie die Sonne hineinschien, blitzte und gleißte -es von Diamanten, Rubinen, Saphiren und<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span> -Opalen. Die Burggräfin sprang entzückt vom -Pferde.</p> - -<p>»Das ist das Schönste, was ich gesehen habe, -das Allerherrlichste, das Allerwundervollste! Was -soll dieser Stein kosten?«</p> - -<p>Sie griff mit zitternder Hand nach einem Diamanten, -der so groß war wie ein Gänseei.</p> - -<p>»Gnädigste Burggräfin,« sagte der Jude; »den -Stein habe ich abgekauft dem Kaiser von Persien -selbst um die zehntausend Golddukaten. Er hatte -gehabt gerade Ausverkauf, sonst hätt' ich ja beileibe -den Stein nich gekriegt so spottbillig. Er -is unter Brüdern wert ä Königreich. Aber da -mer is mei Läben noch mehr wert als ä Königreich, -und da mer hat geschenkt die Frau Burggräfin -mei Läben, so schenk ich der Frau Burggräfin -den Stein.«</p> - -<p>Das Gesicht der Burggräfin wurde glühend rot -wie die Sonnenscheibe. Aber dann machte sie -eine hoheitsvolle Miene und sagte:</p> - -<p>»Braver Mann, Ihr meint's gut. Aber als -Burggräfin kann ich kein Geschenk von Euch annehmen; -ich kann Euch den Stein nur abkaufen. -Nehmt also diese fünf Gulden als Kaufpreis.«</p> - -<p>»Auch recht,« sagte der Jude und steckte die -fünf Gulden ein.</p> - -<p>»Und nun,« sagte die Gräfin, »kommt mit auf<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span> -die Burg. Wir wollen sehen, was Ihr sonst noch -Schönes im Kasten habt.«</p> - -<p>Sie übergab dem Forstmann ihren Falken, -sagte, die Jagd sei für heute aus, und ritt langsam -den Burgweg hinan, während der Schneider zehn -Schritte weit hinter ihr herging. Als sie aber in -einen dunklen Torweg kamen, winkte die Gräfin -den Händler heran und raunte ihm mit hastiger -Stimme zu:</p> - -<p>»Habt Ihr wirklich ein gutes Mittel gegen – -gegen –«</p> - -<p>Hier blieb sie stecken.</p> - -<p>»Gegen was?« fragte der Schneider und tat unbefangen.</p> - -<p>»Gegen – gegen Nasenröte!« brachte sie mühsam -heraus.</p> - -<p>»Hier, Frau Burggräfin,« sagte der Jude wohlwollend -und drückte ihr ein Büchslein Salbe in -die Hand. »Ich verrat nix!« – – –</p> - -<p>Auf der Burg wurde der Schneider von den -Damen mit aufgeregtem Gezwitscher, von den -Herren mit freundlichem Gebrumm und Gegrunz -aufgenommen. Alle wollten die prachtvollen -Steine sehen, jedes wollte wenigstens eines der -köstlichen Stücke, die der Jude um ein Spottgeld -abgab, für sich kaufen. Selbst der Burgherr kam -und erstand einen funkelnden Rubin, der so groß<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span> -wie ein Apfel war und einen prachtvollen Schmuck -für einen Degengriff abgeben mußte.</p> - -<p>In dieser Burg lebte aber wie in allen Burgen -ein Alchimist. Dieser berühmte und gelehrte -Mann hatte versprochen, aus Kupfer Gold zu -machen und ein Lebenselixier zu brauen, das ewige -Jugend verlieh. Er hatte zwar sein Versprechen -noch niemals eingelöst, aber man konnte -nicht wissen, ob er es nicht am ersten besten -Tage tun werde. Er stand darum in hohem -Ansehen.</p> - -<p>Der Alchimist zog sich nun in seine Hexenküche -zurück, kam nach einiger Zeit wieder und verkündete:</p> - -<p>»Alles Geschmeide, das der Jude verkauft hat, -und alle seine Steine sind unecht und ohne Wert.«</p> - -<p>Da schrien die Männer, da schrien die Frauen -vor Wut.</p> - -<p>Der Schneider aber stand lächelnd da und sagte:</p> - -<p>»Dieser Gelehrte ist ein Dummkopf. Meine -Steine und mein Gold sind echt. Und wenn ihr -mir nicht glaubt, so wartet, bis mein Herr, der -Prinz von Czernagora, kommt, der wird es euch -bezeugen.«</p> - -<p>Kaum hatte der Jude den Namen des Prinzen -von Czernagora ausgesprochen, so wurde er auch -schon gepackt und flog ins Verließ. Die Goldgeschmeide -und die Steine aber wurden in den<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span> -Brunnen geworfen, wo sie liegen bis auf den -heutigen Tag.</p> - -<p>Nur der Burggraf behielt seinen Rubin, und -die Burggräfin behielt das Büchslein mit der -Nasensalbe.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So saßen die drei armen Hascher gefangen beieinander -und waren in großer Betrübnis.</p> - -<p>»Wenn ich mir's recht überlege,« sagte der -Schneider, »so haben wir eigentlich in unserem -Räuberberufe Pech gehabt.«</p> - -<p>»Ein Hundeleben ist es,« knirschte der Hutmacher, -»und wenn dieser Wolfsklaue nicht ein -großer Schelm und Betrüger ist, so will ich mich -hängen lassen.«</p> - -<p>»Gehängt werden wir so wie so!« meinte der -Schuster schwermütig.</p> - -<p>Da kratzten sich alle drei am Halse, als ob sie -etwas jucke.</p> - -<p>Gegen Mitternacht begann ein Glöcklein zu -läuten. Bang und schaurig gingen seine Klänge -durch die stillen Hallen und Gänge der Burg -und drangen bis ins Verließ. Da wußten die -drei armen Hascher, daß ihr letztes Stündlein gekommen -sei.</p> - -<p>»Brüder,« sagte der Hutmacher, »wir müssen -Abschied nehmen vom Leben. Wir wollen uns<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span> -also in Liebe miteinander versöhnen und uns alles -verzeihen, was wir einander angetan haben, damit -auch Gott uns verzeihe.«</p> - -<p>Sie fielen einander um den Hals, und ihre -Tränen rannen heiß und schwer.</p> - -<p>Da kamen auch schon die Schergen und schleppten -sie hinauf in den Burghof. Dort stand unter -einer großen Linde der Richtertisch. Ein Totenkopf -lag darauf und ein Schwert. Der Burgherr -saß auf dem hohen Richterstuhl, und um ihn -herum im Halbkreis saßen sieben schwarz vermummte -Männer. Der Nachtwind rauschte in -dem Gezweig des großen Baumes, und die rotbrennenden -Fackeln flackerten und warfen blutige -Lichter über den Hof und das graue Gemäuer.</p> - -<p>Der Burgherr erhob sich und sagte:</p> - -<p>»Diese drei Schelme haben als Verräter und -Betrüger in meine Burg eindringen wollen; sie -sind gekommen als die Abgesandten meines Todfeindes, -des Prinzen von Czernagora. Was -dünkt euch, ihr ehrenwerten Richter, daß mit -ihnen geschehen soll?«</p> - -<p>»Sie sollen des Todes sterben!« sagten die -Richter.</p> - -<p>Da schlug der Burgherr mit dem Richtschwert -dreimal auf den Tisch und bestätigte das Urteil:</p> - -<p>»Sie sollen des Todes sterben!«</p> - -<p>Darauf wurden die drei armen Hascher aus<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span> -der Burg hinausgeführt in die dunkle Nacht. -Das Glöcklein läutete, und eine Trommel schlug -die dumpfe, einförmige Todesmusik. Bis zum -Galgenberge ging es, da ragten drei Richtgerüste -gegen den Nachthimmel auf. Die drei Räuber -wurden gehängt, und der ganze Troß von der -Burg kehrte augenblicklich um.</p> - -<p>Nun zappelten die drei armen Hascher. Der -kalte Angstschweiß rann von ihren Stirnen, und -ihre Züge verzerrten sich. Noch läutete das -Glöcklein. Ein Schwarm schwarzer Raben -flatterte zu Häupten der Gehängten, und drei -Eulen saßen am Boden, die glühten sie an mit -unheimlich funkelnden Augen.</p> - -<p>Plötzlich brach ein Roß aus dem Gebüsch. -Wolfsklaue saß darauf. Er stieß ein höhnisches, -teuflisches Gelächter aus, blökte den dreien die -Zunge heraus und jagte davon.</p> - -<p>Dann kam ein Zug von Männern. Der Müller -mit seinen Knechten war es, den die Räuber einmal -hatten überfallen wollen. Die Männer -lachten verächtlich und zogen vorbei.</p> - -<p>Der Polenkönig kam geritten mit siebzehn -Kammerdienern und achtundfünfzig Soldaten, -und er trug die Krone und den Mantel und hatte -die himbeersamtne und bernsteingelbe Hose an.</p> - -<p>Zuletzt kam ein alter Mann. Er hinkte, hatte -ein närrisch kleines Hütlein auf dem weißhaarigen<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span> -Kopf und zwei Buckel auf seinem Rücken. Er -blickte die drei Gehängten an und sagte:</p> - -<p>»Ehe ihr sterbt, will ich euch noch einmal -danken dafür, daß ihr mich so schön ausstaffieret -habt. Sehet die Stiefel, den Rock und den Hut, -die ihr mir für gutes Geld gemacht habt!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-229.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Da hoben die drei armen Hascher in ihrer<span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span> -schweren Todesnot mit der letzten Kraft bittend -die Hände zu ihm hin. Er aber sagte:</p> - -<p>»Würdet ihr brave und geschickte Handwerker -werden, wenn ich euch von da oben herunterhelfen -würde?«</p> - -<p>Sie nickten, und es war schrecklich anzusehen, -wie eifrig sie nickten.</p> - -<p>Da besann sich der alte Mann noch ein wenig, -dann zog er sich ächzend die Stiefel aus, legte -umständlich den Rock ab und nahm langsam den -Hut vom Kopf. Die drei Gehängten sahen ihm -mit stieren, angsterfüllten Augen zu.</p> - -<p>Endlich kletterte der Alte an dem Galgen hoch, -löste die drei Ärmsten und ließ sie schwer ins -Gras hinunterfallen. Dort lagen sie lange, halb -bewußtlos und schwer röchelnd. Der Alte flößte -ihnen ein wenig Wein ein, und als sie sich erholt -hatten, gebot er ihnen, mitzukommen. Mit -schwankenden Schritten und leise weinend gingen -sie hinter ihm her. Sie wanderten lange und -kamen ums Morgengrauen an einen Scheideweg. -Drei Straßen führten dort hinaus ins Land. Da -machte der Alte halt und sprach in großem Ernst:</p> - -<p>»Ein neuer Lebensweg liegt nun vor einem -jeden von euch. Wenn ihr auf diesen drei Straßen -wandert, so wird jeder zu einem tüchtigen Handwerksmeister -kommen. Bei diesem mag er in die -Lehre treten. Er mag sich ja nimmer einbilden,<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span> -je ein Meister gewesen zu sein, sondern demütig -und treu ein Lehrling sein, der auch dann nicht -murrt, wenn es einmal mehr Püffe und harte -Worte gibt als gute Kost und faule Zeit. Drei -Jahre beträgt die Lehrzeit. Haltet ihr sie aus, -so ist euch geholfen; lauft ihr fort oder seid faul -und frech, so werdet ihr, ehe die Sonne dreimal -untergegangen ist, wieder am Galgen hängen. -Geht in Frieden!«</p> - -<p>Da wanderten die drei ein jeder seinen Weg, -und der Alte stand da und sah ihnen nach, bis -die Sonne aufging und sein ehrwürdiges Haupt -verklärte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drei Jahre waren vergangen. Vor der Stadt -Hirschberg lag ein kleiner Platz, darauf mündeten -drei Wege. Von Osten her kam ein Mann, der -trug sieben Paar Stiefel und Schuhe über der -Achsel; von Süden her kam einer, der hatte auf -einem Karren eine ganze Menge Kleider geladen; -von Westen kam singend einer dahergeeilt, der -führte in Beuteln und Schachteln sieben Hüte -mit sich.</p> - -<p>Und als sie alle drei auf den kleinen Platz -kamen, blieben sie erst erschrocken stehen, fielen -sich dann um den Hals und fingen an zu lachen -und zu weinen vor lauter Freude.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span></p> - -<p>»Hutmacher!« »Schneider!« »Schuster!« -»Freund!« »Bruder!« »Kamerad!« so ging es -in hellem Jubel durcheinander. –</p> - -<p>»Nun, wie ist es euch inzwischen ergangen?« -fragte endlich einer.</p> - -<p>Da machten sie alle betroffene Gesichter und -kratzten sich hinter den Ohren. Sie erzählten sich -weiter nichts; es dachte sich jeder schon von selbst, -wie es dem anderen ergangen war.</p> - -<p>Aber gelernt hatten sie etwas, und die letzten -Waren, die sie gefertigt hatten, durften sie nun als -ihr Eigentum auf dem Markt von Hirschberg -verkaufen, um einen Grund zu legen für ein -neues Geschäft.</p> - -<p>So zogen die drei fröhlich in Hirschberg ein und -schlugen ihre Verkaufsplätze dicht nebeneinander -auf. Sie waren voll der besten Hoffnung. Plötzlich -aber erbleichten sie. Der Müller, den sie einmal -hatten ausrauben wollen, kam auf sie zu und -neben ihm ging der Ratspolizist.</p> - -<p>»Es ist aus,« sagte der Schuster.</p> - -<p>»Ja!« hauchte der Schneider.</p> - -<p>Helden waren sie immer noch nicht geworden. -Der Müller aber kam ganz freundlich näher, -kaufte einen Anzug, ein paar Stiefel und einen -Hut, bezahlte alles reichlich und pries laut die -Ware. Der Ratspolizist nickte und sagte: ja, die -drei seien berühmte Kaufleute aus Breslau, die<span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span> -kenne er schon lange. Der gutmütige Mann war -leider inzwischen noch kurzsichtiger geworden.</p> - -<p>Wie nun den dreien das Geld in der Tasche -klang und der Müller ruhig von dannen ging, -wurden sie wieder vergnügt, und es stand ihnen -bald ein neues Glück bevor. Der Bürgermeister -ging über den Markt, schimpfte, daß die Handwerker -nichts Rechtes mehr leisteten und man kaum -einen vernünftigen Stiefel oder Rock bekommen -könne, und stieß plötzlich auf die drei, die ihm -bescheiden ihre Waren anboten.</p> - -<p>O, was machte da die Stadtobrigkeit für erstaunte -und glückliche Augen!</p> - -<p>Ja, rief der Bürgermeister, das sei noch echte -Handwerkskunst. So etwas gäbe es weder zu -Augsburg, zu Venedig, zu Nürnberg oder zu -Lübeck, so etwas gäbe es nur in Hirschberg!</p> - -<p>Und er kaufte Anzug, Stiefel und Hut und bezahlte -die Hälfte des Preises, während er die -andere schuldig blieb.</p> - -<p>Nun zog ein Rittersmann auf edlem Roß langsam -über den Markt. Die drei Handwerker erkannten -mit Schrecken, daß es jener starke Reiter -war, den sie einmal überfallen, der ihnen aber -den Speck abgenommen und ihnen die Haut gegerbt -hatte. Der Ritter kam heran und summte -leise vor sich hin:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es ist so schön der Morgen<br /></span> -<span class="i0">Im frohen Sonnenlicht,<br /></span> -<span class="i0">Kein Kummer und keine Sorgen<br /></span> -<span class="i0">Drücken mein Herze nicht!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Da glaubten sich die drei schon sicher erkannt; -aber der Ritter machte seinen Einkauf, bezahlte -gut und ritt davon, indem er laut sagte:</p> - -<p>»Solch treffliches Handwerk soll man sich in -der Welt suchen.«</p> - -<p>Nun aber begann ein Sturm auf die Verkaufsstände -der drei. Jeder wollte bei ihnen einen -Anzug, ein paar Stiefel, einen Hut kaufen.</p> - -<p>Da entstand ein Tumult auf der anderen Seite -des Marktes. Der König von Polen zog in die -Stadt ein. Er hatte siebzehn Kammerdiener und -achtundfünfzig Soldaten bei sich. Aber er sah -etwas schäbig aus. Die Krone und die Edelsteine -hatte er aus Geldnot versetzen müssen, und die -himbeersamtne und bernsteingelbe Hose war im -Laufe der Jahre ein wenig fadenscheinig geworden. -Trotzdem wurde er mit großer Ehrerbietung -bewillkommnet. Er hörte aber kaum -auf die Begrüßungsworte des Bürgermeisters -und beachtete nicht die Bücklinge des Ratsdieners, -welcher ihn für den Grafen Schaffgotsch hielt, -sondern steuerte auf den Verkaufsstand der drei -Freunde zu und wählte einen Federhut, einen -Seidenmantel und ein Paar hirschlederne Stiefel.<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -Er bezahlte zwar nicht, aber er stellte einen langen -Schuldschein aus.</p> - -<p>Nun schien das Glück der drei Handwerker gemacht -zu sein. Aber noch einmal faßte sie ein -tödlicher Schrecken. Der Burgherr, der sie einmal -hatte hängen lassen, kam mit einem Troß -reisiger Knechte daher. Da duckten sich die drei -armen Hascher tief über ihre Tische, und jeder -von ihnen preßte beide Hände vor die Kehle.</p> - -<p>Der Burgherr aber erkannte sie nicht. Er pries -ihre Ware, kaufte den ganzen Rest und sagte -zuletzt:</p> - -<p>»Bares Geld habe ich nicht bei mir; aber ich -gebe euch diesen Rubin, der so groß ist wie ein -Apfel. Verkaufet den kostbaren Stein und teilt -euch in den Erlös.«</p> - -<p>Dann ritt er von dannen. Die drei Handwerker -seufzten tief und erleichtert auf. Der -Schneider aber sagte leise:</p> - -<p>»Brüder, den Stein kenne ich. Er ist leider -falsch. Aber es genügt uns, wenn uns das Leben -und die Freiheit bleibt.«</p> - -<p>Wie erstaunten sie aber, als bald darauf ein -Frankfurter Jude zu ihnen kam, ihnen den Rubin -für einen hohen Preis abkaufte und auf des -Schneiders ehrliche Einwendung sagte: nur ein -Dummkopf könne den Rubin für unecht halten; -es sei der schönste Stein, den es je gegeben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span></p> - -<p>Glückselig saßen endlich die drei in der Herberge -und teilten friedlich miteinander den Gewinn -des Tages. Es war so viel, daß jeder von -ihnen ein Handwerksgeschäft gründen konnte, das -alle Sorge zeitlebens von ihnen nahm.</p> - -<p>Wie sie noch so dasaßen, kam zur Tür der alte -Mann herein, der ihnen einst vom Galgen geholfen -und sie auf den neuen Weg geleitet hatte. -Er trug noch das winzige Hütlein, die schlechten -engen Stiefel und den buckligen Rock; aber er -war freundlich und sagte:</p> - -<p>»Ich freue mich über euch. Nun folgt mir und -kommt mit.«</p> - -<p>Da gingen sie verwundert hinter ihm her. Er -führte sie zur Stadt hinaus gegen die Berge hin -und ging plötzlich so schnell, daß sie ihm nicht zu -folgen vermochten. Aber sie sahen, daß er sich -auf einen Straßenstein setzte.</p> - -<p>Als sie aber nun näher kamen, saß nicht der -alte Mann auf dem Straßenstein, sondern der -Burgherr. Der lächelte ihnen zu, schwang sich -auf ein Roß, das am Wegrande weidete, und -sprengte eine Strecke weit davon. Dann machte -er halt, drehte sich um und winkte ihnen mit der -Hand.</p> - -<p>Wie nun die drei herbeieilten, saß nicht mehr -der Burgherr auf dem Roß; sondern der Ritter, -an dem sie zuerst ihre Räuberkunst probiert hatten.<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span> -Auch der Ritter sprengte schnell davon und verschwand -hinter der nahen Wegbiegung.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-237.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Dort aber fanden ihn die drei nicht wieder, -sondern der Müller trat ihnen entgegen, reichte -ihnen die Hand und lachte.</p> - -<p>Auch der Müller blieb nicht lange stehen, -sondern verschwand in einem Wäldchen, aus dem -gleich darauf auf einem prächtigen Araberrosse -Wolfsklaue hervorritt.</p> - -<p>»Kennt ihr mich nun?« fragte er, und seine -Augen flammten schön und herrlich auf. Dann -ritt er mit Windeseile gegen die Berge hin, verschwand -im Wald und wurde wieder sichtbar, als -er langsam und in feierlicher Größe den Kamm -des Riesengebirges entlang ritt, der im roten -Schimmer der untergehenden Sonne lag.</p> - -<p>Da erkannten ihn die drei; da wußten sie, wer -die Gestalten waren, die ihren seltsamen Lebenspfad -gekreuzt, da wußten sie, daß es der Berggeist -Rübezahl war, der gesunde Naturgeist, der alles -Schlechte vernichtet und allem Guten aufhilft.</p> - -<p>Und so war es und so ist es noch heute und wird -es immer sein. Und darum muß auch zu allen -Zeiten vom Rübezahl erzählt werden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Paul-Keller-Bücher</p> - -<p class="smaller">»Es gibt in Deutschland und Österreich kaum einen zweiten -Schriftsteller, der künstlerische Vornehmheit und die besondere Art -volkstümlicher Herzlichkeit in Ernst und Humor so bedeutsam zu verbinden -weiß, wie der Schlesier Paul Keller …« (Kölnische Zeitung.)</p> -</div> - -<p class="h2">Ferien vom Ich</p> - -<p class="center">Roman.</p> -<p class="center">40.-45. Auflage.</p> - -<p class="center">Preis M. 5.–, gebunden M. 6.–</p> - -<p class="h2">Grünlein</p> - -<p class="center">Eine deutsche Kriegsgeschichte von einem Soldaten, einem -Gnomen, einem Schuljungen, einem Hunde und einer -Großmutter. Alten und jungen Leuten erzählt.</p> - -<p class="center">Bilderschmuck von Walter Bayer.</p> - -<p class="center">40.–45. Tausend. Gebunden M. 1.20</p> - -<p class="h2">Waldwinter</p> - -<p class="center">Roman aus dem -winterlichen Riesengebirge.</p> - -<p class="center">Mit Buchschmuck von G. Schütz.</p> - -<p class="center">56.–60. Auflage. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–</p> - -<p class="h2">Die Heimat</p> - -<p class="center">Roman aus den -schlesischen Bergen.</p> - -<p class="center">Mit Buchschmuck von Philipp Schumacher.</p> - -<p class="center">35.–37. Auflage. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–</p> - -<p class="h2">Das letzte Märchen</p> - -<p class="center">25.–27. Auflage. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–</p> - -<p class="h2">Von Hause</p> - -<p class="center">Ein Paketchen Humor aus den -Werken von Paul Keller.</p> - -<p class="center">Mit Bildern. 21.–26. Auflage. Gebunden M. 3.50</p> - -<p class="h2">Der Sohn der Hagar</p> - -<p class="center">Roman. 44.–47. Aufl. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–</p> - -<p class="h2">Die alte Krone</p> - -<p class="center">Roman -aus Wendenland.</p> - -<p class="center">26.–28. Auflage. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–</p> - -<p class="h2">Die Insel der Einsamen</p> - -<p class="center">Eine romantische Geschichte. 20.–24. Auflage.</p> - -<p class="center">Preis broschiert M. 5.–, gebunden M. 6.–</p> - -<p class="h2">Die fünf Waldstädte</p> - -<p class="center">Ein Buch für Menschen, die jung sind.</p> - -<p class="center">Mit Bildern von G. Holstein u. R. Pfähler v. Othegraven.</p> - -<p class="center">22.–25. Auflage. Preis gebunden M. 3.50</p> - -<p class="h2">Das Königliche Seminartheater -und andere Erzählungen</p> - -<p class="center">Mit Bildern. 21.–26. Auflage. Preis gebunden M. 3.50</p> - -<p class="smaller">»Paul Keller … einer der feinsinnigsten Poeten, die unser Vaterland -sein eigen nennt …«</p> - -<p class="smaller right"> -(Literarisches Echo, Berlin.) -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p></div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die fünf Waldstädte, by Paul Keller - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE *** - -***** This file should be named 61354-h.htm or 61354-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/3/5/61354/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/61354-h/images/cover.jpg b/old/61354-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d28de4d..0000000 --- a/old/61354-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/61354-h/images/illu-002.jpg b/old/61354-h/images/illu-002.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bbc3604..0000000 --- a/old/61354-h/images/illu-002.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/61354-h/images/illu-003a.jpg b/old/61354-h/images/illu-003a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 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