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-The Project Gutenberg EBook of Die fünf Waldstädte, by Paul Keller
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Die fünf Waldstädte
- Ein Buch für Menschen, die jung sind
-
-Author: Paul Keller
-
-Illustrator: G. Holstein
- Reinhold Pfahler von Othegraven
-
-Release Date: February 9, 2020 [EBook #61354]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
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-
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-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
-Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=.
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am Ende des Buches.
-
-
-
-
-Die fünf Waldstädte
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Die fünf Waldstädte
-
- Ein Buch für Menschen, die jung sind
-
- von
-
- Paul Keller
-
- Mit Bildern von G. Holstein und
- Reinhold Pfaehler von Othegraven
-
- 32. bis 42. Auflage.
-
- [Illustration]
-
- Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
- Breslau
-
- Leipzig Wien
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
- Die fünf Waldstädte Ameisenfeld -- Eichenhofen --
- Der Geistergrund -- Heinrichsburg -- Die heilige Stadt 5
-
- Der kleine General 53
-
- Der Schatz in der Waldmühle 63
-
- Der angebundene Kirchturm 101
-
- Das Abenteuer auf der Themse 111
-
- Die Ferienkolonisten 123
-
- Gedeon 133
-
- Hotel Laubhaus 157
-
- Mein Roß und ich 167
-
- Die Räuber aus dem Riesengebirge 177
-
-
-
-
- Alle Rechte,
- insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
- ~Copyright 1915 by~
- Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau.
-
-
-
-
-Die fünf Waldstädte.
-
-
-Von den fünf Waldstädten will ich erzählen, in
-denen ich als Kind oft glücklich gewesen bin.
-
-Wir waren ihrer drei: meine beiden Freunde
-Ludwig, Heinrich und ich. Als Ludwig in jungen
-Jahren starb, waren Heinrich und ich die fast
-unumschränkten Herren der fünf Waldstädte.
-
-Da war in der Gegend zwischen Frankreich und
-Rußland ein Wald, der war so groß, daß ein
-lahmer Mann an die dreiviertel Stunden brauchte,
-ehe er um ihn herum war. In diesem Walde lagen
-die fünf Waldstädte: Ameisenfeld, Eichenhofen,
-Geistergrund, Heinrichsburg und die heilige Stadt.
-Alle fünf Städte waren von seltener Pracht und
-Herrlichkeit, und es gab Wunder über Wunder in
-ihnen zu sehen, obwohl gar keine großen, steinernen
-Häuser in ihnen standen und unsere Städte
-nach Meinung dummer Knechte und alberner
-Mägde nur »ganz gewöhnlicher Busch« waren.
-Wir aber wußten sicher, daß es Städte waren,
-und Heinrichs Mutter wußte es auch. An allen
-Frühlings- und Sommertagen, aber auch zur
-wilden Sturmzeit im Herbst reiste ich mit
-meinem Freunde durch das Gebiet der fünf
-Städte, und wenn einer etwas Neues entdeckte,
-dann war er glücklich, es unserer »lieben Fee«
-zu sagen. Das war Heinrichs schöne Mutter.
-Die ging oft mit uns durch die fünf Waldstädte,
-und was wir selbst nicht sahen und fanden, das
-sah sie und fand sie und zeigte es uns. Sie erzählte
-und sang Lieder vom heiligen, deutschen
-Wald und machte ihn uns lieb und vertraut.
-
- * * * * *
-
-Da war also zunächst die Stadt
-
-
-Ameisenfeld.
-
-Sie war 90 Quadratmeter groß und hatte nach
-der letzten Volkszählung 567319 Einwohner.
-Deshalb zählte sich Ameisenfeld mit Recht zu den
-Großstädten. Die Bewohner von Ameisenfeld
-waren berühmt durch ihren Fleiß und ihre Betriebsamkeit.
-Sie beschäftigten sich damit, sich zu
-ernähren und Eier zu legen. In ihren freien
-Stunden prügelten sie sich. Ob dieser Eigenschaften
-galten die Ameisenfelder im ganzen Lande nicht
-nur als sehr fleißig, sondern auch als sehr intelligent.
-Man erzählte sogar, daß ein großer Prophet
-unter ihnen erstanden sei, der folgende tiefsinnigen
-Lehren aufgestellt hatte:
-
-»Wenn dir ein Hölzlein zu schwer zu tragen ist,
-nimm dir jemand zu Hilfe!«
-
-[Illustration]
-
-»Wenn dir eine Blattlaus süßen Saft gibt,
-der dir sehr wohlschmeckt, dann beiße sie nicht tot.«
-
-»Wenn dir jemand irgendwie nicht paßt, so
-bespritze ihn mit einem ätzenden Saft, damit er
-schnell Reißaus nehme.«
-
-Das waren die Grundsätze, nach denen die
-Ameisenfelder fortan lebten. --
-
-Es geschah aber, daß eines Tages ein Igel durch
-das Stadttor von Ameisenfeld, das durch die
-Blätter einer großen Schwarzwurz gebildet wurde,
-einzog und Quartier begehrte. Der Bürgermeister
-der Stadt ließ sich schnell von seinen
-sieben Stadträten die Fühler abputzen und ging
-dem großen Gaste entgegen. Als er ihn sah,
-knickte er vor lauter Ehrfurcht mit allen sechs
-Beinen vor ihm ein: und sagte:
-
-»Hoher Herr, dir unsere Gefühle ob deines Einzugs
-in unsere Stadt auch nur annähernd zu
-schildern, geht leider über meine Kraft. Was
-uns vor allem bewegt, ist tiefe Beschämung.
-Denn siehe, Ameisenfeld ist nur eine Fabrikstadt.
-Unsere Straßen sind bestreut mit dem Schutt der
-Arbeit. Anlagen haben wir keine, außer einer
-Distelplantage und einem kleinen Gundermannwäldchen.
-In deren Schatten würdest du dich
-nicht wohlfühlen. Und es fehlt uns leider auch
-an einem geeigneten Palast für dich.«
-
-Der Igel zog die Stirn in Falten und sagte:
-
-»Ich bin ein Forschungsreisender. Ehe ich
-nicht Ameisenfeld in- und auswendig kenne, kann
-ich nicht weiterziehen. Vor allen Dingen will ich
-hier einen wissenschaftlichen Vortrag halten.«
-
-Der Bürgermeister legte über dieses Anerbieten
-eine gezwungene Freude an den Tag und ließ den
-Vortrag für abends 6 Uhr ansagen. Da kein Eintrittsgeld
-erhoben wurde, erschien die ganze
-Stadt. Der Igel hub nun an zu reden von
-den schweren Gefahren, die dem Ameisenvolke
-drohten. In Südamerika lebe ein Tier, das trotz
-seines schlichten Namens ~Myrmecophaga jubata~
-doch eine scheußliche Bestie sei. Es habe einen
-spitzen Rüssel und eine ellenlange, mit Leim
-bedeckte Zunge. Den Rüssel und die Zunge
-stecke es nun in die Ameisenhäuser und fange und
-morde, was es nur erwischen könne. Wenn man
-dagegen ihn, den Igel, betrachte, müsse man einsehen,
-daß er weder eine spitze Schnauze noch eine
-klebrige Zunge habe.
-
-Die Ameisenfelder hatten der Erzählung
-zitternd zugehört. Als der Igel geendet hatte,
-brachte der Bürgermeister ein Hoch auf ihn aus,
-wobei er sich auf den Rücken legte, damit er bei
-dem Hoch alle sechs Beine in die Höhe strecken
-konnte. Der Igel nickte befriedigt und sagte:
-wenn sich also die Ameisenfelder über seine Ankunft
-so freuten, so wolle er gern das Opfer bringen
-und etwas bei ihnen bleiben.
-
-Darauf aber erhob sich ein kecker Ameisenjüngling,
-welcher sagte:
-
-»Was geht uns das Tier aus Südamerika an,
-wo doch unsere Waldstadt gar nicht in Südamerika
-liegt?«
-
-Der Igel zog seine Stirnrunzeln bis zur Nase
-herab und rief:
-
-»Habt ihr je solchen Unverstand gehört? Kann
-sich nicht alle Tage ein ~Myrmecophaga jubata~ auf
-einem Schiff ohne Paß einschmuggeln und zu uns
-kommen? Sind nicht auf solche Weise alle ausländischen
-Tiere zu uns gekommen?«
-
-Die Menge nickte Beifall, sah voll Mißbilligung
-auf den naseweisen Ameisling, und der Bürgermeister
-meinte: »Er muß streng bestraft werden!«
-
-»Das muß er!« nickte der Igel, »und um mich
-euch gefällig zu erweisen, werde ich ihn hinrichten!«
-
-Darauf fraß der Igel den Ameisenjüngling.
-Wie von ungefähr erwischte er auch noch dreißig
-Verwandte des Jünglings, die in dessen Nähe
-standen.
-
-Darüber erschrak das Volk; der Bürgermeister
-aber zwinkerte ihm beruhigend zu: über so einen
-kleinen Fehlgriff eines großen Herrn dürfe man
-keinen Lärm machen.
-
-So blieb der Igel in Ameisenfeld, bis sich das
-Volk allgemach um 90 Prozent vermindert hatte.
-Da endlich versammelte der Bürgermeister eines
-Nachts heimlich die wenigen Überlebenden, und
-sie beschlossen, gemeinsam über den mörderischen
-Igel herzufallen und ihn zu töten.
-
-Mit dem Heldenmute, der den Ameisenfeldern
-eigen und der im ganzen Lande berühmt ist, zogen
-sie aus.
-
-Sie fanden den Igel tot. Er hatte sich den
-Magen überfressen und war an Ameisensäurevergiftung
-gestorben.
-
-Der Bürgermeister atmete auf, trat auf seine
-Leiche und hielt eine Rede:
-
-»Bürger, da liegt unser Feind! Tot! Er hat
-unserer Macht nicht zu widerstehen vermocht. An
-der starken inneren Kraft der Ameisenfelder ist
-er zugrunde gegangen. Der Ruhm unserer Stadt
-ist und bleibt unsterblich!«
-
-Das Volk trampelte mit allen sechs Beinen
-Beifall und winkte mit den Fühlern.
-
-Darauf wurde ein großes Freudenfest gehalten.
-Alle Bürger zogen auf die grüne Alm, die in der
-Nähe von Ameisenfeld war. Dort wurde die
-große Fingerhutglocke geläutet. Dann wurden die
-Blattläuse gemolken. Alles Volk trank sich ein
-Räuschlein an, und schließlich sprach man mit
-einer gewissen Liebe und Achtung von dem Igel,
-dem allein dieses fröhliche Fest zu verdanken war.
-
-
-Eichenhofen.
-
-Der große Baum, der Eichenhofen seinen
-Namen gab, war so schön und gewaltig, daß mein
-Freund Heinrich behauptete, das sei dieselbe Eiche,
-die Bonifacius einst bei den alten Hessen umgehauen
-habe. Ich glaubte dies eine Zeitlang,
-dann aber kam mir der Gedanke, unsere Eiche
-werde vielleicht doch nur der Sohn von jener berühmten
-Donarseiche sein. »Nein,« sagte Heinrich,
-»Sohn ist viel zu jung; wenn sie es nicht selbst ist,
-dann ist sie ihr Vater!«
-
-Dabei blieb es, und das war nun historisch.
-
-Eine grimmige Feindschaft hegten wir gegen
-vier Waldarbeiter, die einst, um uns zu verspotten,
-sich die Hände reichten und einen gemütlichen
-Tanz um unsere Eiche ausführten, wo wir doch
-bestimmt festgestellt hatten, daß der Baum von
-sieben Männern nicht zu umspannen sei. Wir
-setzten uns über das höchst ärgerliche Vorkommnis
-nur dadurch hinweg, daß wir uns sagten, die
-Arbeiter seien betrunken gewesen und darum
-»gelte« ihr Tanz nicht.
-
-Eichenhofen war rings von Brombeer- und
-Himbeerhecken eingefaßt; auch viele wilde Rosen
-blühten an seinen Grenzen. Da dachten wir oft
-an Dornröschens Schloß, und jeder brach gern
-und kühn durch die Dornenhecke, zumal zur Spätsommerzeit,
-wenn die Beeren reiften. --
-
-Die »Traumstadt« nannten wir Eichenhofen
-auch manchmal. Da gab es einen Moosplatz,
-auf dem die Käferlein stolzierten und eitel ihre
-funkelnden Röcke zeigten, eine Rosenstraße, wo
-unter lauter lieblichen Heckenröslein sich das Volk
-der haftenden Bienen und der sammetröckigen,
-vornehmen Hummeln tummelte, eine Hirschstraße,
-die tief ins Dunkel des Waldes ging und auf der
-wir einmal zu seinem und unserem Schrecken
-dem König des Waldes begegneten.
-
-[Illustration]
-
-In Eichenhofen ersann ich mein erstes Märlein,
-dort klangen die ersten Verse in meiner Seele.
-Ich erfand eine Geschichte von dem Brünnlein,
-dessen Wasser im Mondschein zu goldgelbem Wein
-wird, von dem die Gnomen ihr Schöpplein
-trinken, und wenn Heinrich und ich fortan aus
-dem Brünnlein tranken, sahen wir uns oft an
-und sagten: es schmeckt wirklich wie Wein. Ich
-konnte das um so eher sagen, als ich damals noch
-nie einen richtigen Tropfen Wein getrunken hatte.
-
-Einmal, als ich ein Gedicht gemacht hatte, das
-ich Heinrichs Mutter, unserer »Fee«, vorlas, küßte
-sie mich auf die Stirn, flocht einen Eichenkranz,
-setzte ihn mir auf den Kopf und sagte: »Gott
-segne dich!« Da war es wirklich, als ob ein tiefer
-Segenstrom von dem grünen Kranz aus durch
-meine Seele ränne; ich stand ganz still da und
-ging dann bald nach Hause. Dort hängte ich
-das Kränzlein über mein Bett, rund um das
-kleine Kreuz herum, das dort war, und wenn ich
-fortan mein Abendgebet sprach und den Kranz sah,
-betete ich immer einen Satz mit: »Lieber Gott,
-laß mich ein Dichter werden.« Ich sprach aber
-die Worte nie aus, ich dachte sie nur; ich schämte
-mich, sie zu sprechen.
-
-Heinrich war mein treuer Freund. Er neidete
-mir meinen Kranz nicht; aber er sehnte sich danach,
-auch einen zu erhalten. Er bekam ihn erst,
-als er sich ihn verdient hatte. Ehrlich verdient!
-Er hatte ein kleines Mädchen mit Gefahr
-seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen.
-Damals hatte die Fee wohl ihren glücklichsten
-Tag, als sie ihrem Jungen den Eichenkranz
-flocht. --
-
-Sonst war es mit unserer Tapferkeit nicht
-übermäßig gut bestellt; ja, es gab Fälle, wo wir
-eine traurige Rolle spielten.
-
-Einmal machten wir einen schauerlichen Fund.
-Wir entdeckten im Dorngestrüpp die Leiche eines
-Eichkätzchens. Erschüttert betrachteten wir das
-herrliche Tier, seufzten laut und lange und zergrübelten
-uns die Köpfe, was seinem jungen,
-lustigen Leben ein so jähes Ende bereitet haben
-könne.
-
-»Vielleicht hat es der Marder gefressen,« sagte
-Heinrich tiefsinnig.
-
-»Oder eine Eule hat es fortgeschleppt,« meinte
-ich bedächtig.
-
-Darauf war eine Pause. Plötzlich machte ich
-ein spöttisches Gesicht und sagte: »Wie kann es
-dein Marder gefressen haben, wenn es doch noch
-hier liegt?« Worauf sich Heinrich höhnisch an die
-Stirn tippte und sprach: »Kann es wohl deine
-Eule weggetragen haben, wenn es noch hier
-liegt?«
-
-So machten wir uns gegenseitig unsere Überlegenheit
-klar, und einer ärgerte sich über die
-Dummheit des anderen. Endlich glaubte ich es zu
-haben: »Es ist jedenfalls fehlgetreten, heruntergestürzt
-und hat den Hals gebrochen.«
-
-»Nein,« sagte Heinrich, »der Hals ist noch ganz.
-Es hat gewiß einen giftigen Pilz gefressen.«
-
-Da schrie ich: »Nein, siehst du, es ist totgeschossen!«
-
-Das Eichkätzchen war wirklich erschossen; wir
-sahen nun deutlich die Schußwunde.
-
-Heinrich erbleichte.
-
-»Das ist ein Wilddieb gewesen,« sagte er.
-
-Ich sah ihn an, nickte mit dem Kopfe und rannte
-ohne weiteres davon. Und er rannte hinterher.
-Wir rannten so lange, bis wir in der Nähe von
-Feldarbeitern waren, und blieben dann mutig
-stehen.
-
-»Wir müssen den Mörder fangen,« sagte
-Heinrich ganz laut.
-
-»Ja, wir müssen ihn fangen,« rief ich und ballte
-die Faust. Daran beschlossen wir, zum Förster zu
-gehen und ihm die verbrecherische Tat zu melden.
-Wir rieten, wo der Förster zu dieser Stunde sein
-könne, und fanden die größte Wahrscheinlichkeit
-schließlich darin, daß er in der Schenke sei. Und
-so war es auch. Er hörte unseren fast atemlosen
-Bericht an und machte ein bitterernstes Gesicht.
-
-»Der Wilddieb muß augenblicklich gefangen
-werden,« meinte er zornig, spielte mit zwei
-anderen Männern noch eine halbe Stunde lang
-Karten und ging dann mit uns.
-
-Ganz in der Nähe hatte Heinrich seine Vogelflinte
-und ich meine Armbrust aufbewahrt. Diese
-Waffen holten wir, nahmen sie schußbereit unter
-den Arm und folgten dem Förster, der sagte,
-nun sei ihm vor dem Wilddieb weiter nicht bange.
-
-Ich für meinen Teil gestehe, daß ich diese
-lobende Anerkennung meiner Männlichkeit und
-Tapferkeit nur mit gemischten Gefühlen aufnahm.
-Eine Armbrust einem mörderischen
-Wilddieb gegenüber ist immer so eine eigene
-Sache. Man muß aufs Auge oder vielleicht
-auch auf die Schläfe zielen, wenn man einen
-Erfolg haben will. Aber ich war nun einmal
-eine Person, auf die sich der Förster in seinem
-schweren Beruf verließ, und so wollte ich in der
-Stunde der Gefahr nicht kneifen.
-
-Wir durchsuchten den ganzen Busch. Ein paarmal
-entdeckten wir Fußspuren, den Wilddieb aber
-fanden wir nicht. Von Minute zu Minute wuchs
-unser Mut, und in großer Tollkühnheit riefen
-wir laut, er solle nur zum Vorschein kommen, der
-elende, feige Kerl. Er kam nicht, und schließlich
-sagte der Förster: »Wahrscheinlich ist der Wilddieb
-mal auf einen Augenblick weggegangen. So'n
-Mann hat ja auch mal was anderes vor.«
-
-Das bedauerten wir sehr, und wir verachteten
-den Wilddieb, der nicht auf seinem Posten geblieben
-war. Der Förster machte den Vorschlag,
-wir könnten ja unterdes das Eichhorn beerdigen.
-Darauf gingen wir mit Freuden ein. Das tote
-Tierchen wurde in eine Erdgrube gelegt, und wir
-drei standen mit feierlichen Angesichtern an seinem
-Grabe. Der Förster befahl mir, mit meiner Armbrust
-den Trauersalut zu schießen. Darauf schoß
-ich meinen Rohrpfeil über das Grab hinweg, und
-der Förster machte mit seinem Munde »Plaff!«
-dazu. Das veranlaßte mich, ihn scharf anzusehen,
-ob er die ganze Sache auch ernst nehme.
-
-Er nahm sie aber sehr ernst. Mit geradezu
-verbissenem Gesicht stand er da, und mit dumpfer
-Stimme sprach er:
-
-»Heinrich, halte eine Leichenrede! Aber vergiß
-das ›Amen!‹ nicht.« Heinrich und ich waren beide
-ausgezeichnete Redner. So war es kein Wunder,
-daß Heinrich, ohne sich's erst lange zu überlegen,
-folgende schöne Rede hielt:
-
-»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von
-wegen eines Schuftes! Er hat jetzt gerade etwas
-anderes zu tun, sonst täten wir ihn erschießen.
-Liebes Eichhörnchen, du warst das schönste Tier
-auf der ganzen Welt. Du hast so niedliche Pfoten.
-Jedes Jahr zu Weihnachten werde ich dir drei
-große, vergoldete Nüsse in dein Grab stecken.
-Amen.«
-
-Der Förster drückte die Augen zu, dann wies
-er auf mich.
-
-»Jetzt halte du eine Leichenrede!«
-
-Ich hustete, bis ich rot wurde, dann sagte ich:
-
-»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von
-wegen eines Schuftes!«
-
-»Du leierst ja wieder dasselbe her!« fuhr mir
-der Förster dazwischen. Ich sagte verlegen, es
-komme schon noch, hustete noch einmal lange und
-inbrünstig und sagte dann: »Liebes Eichhörnchen,
-du warst das allernützlichste Tier. Hoch auf der
-Eiche hast du dein Haus gehabt, und es hatte immer
-die Tür dort, wo kein Wind ging. Und, und
-im Winter hast du geschlafen. Und, und du
-konntest so fix turnen. Und du hattest einen
-schönen Schwanz und vier schöne, weiße Nagezähne.
-Amen.«
-
-Nun hustete der Förster, stützte sich auf seine
-Büchse und sprach:
-
-»Jetzt werde ich eine Leichenrede halten!«
-
-»Liebes Eichhörnchen, du warst also sozusagen
-das allerschönste und allernützlichste Tier. Wenn
-ein Vogelnest auf der Eiche war, dann bist du
-gleich fix angeturnt gekommen. Da hast du mit
-deinen niedlichen Pfoten die Eierchen genommen
-und hast sie ausgesoffen. Und dann, liebes Eichhörnchen,
-wenn kleine Vögelchen im Neste waren,
-dann hast du sie mit deinen schönen, weißen
-Nagezähnen zerbissen und gefressen. Wenn ein
-Baum im Frühjahr frische Sprossen trieb, hast
-du sie hübsch zierlich abgenagt, du liebes Eichhörnchen,
-du! Und darum ist ein ›Wilddieb‹ gekommen
-und hat dich tot geschossen, du Rabenvieh,
-du Kanaille! Und der Wilddieb war ich selbst,
-und ich habe das alles gemacht, um mal zwei
-Schafsköpfen eine Lehre zu geben. Amen.«
-
-Damit machte er Kehrt und stapfte davon.
-
-Heinrich und ich standen mit offenen Mäulern
-da. Ich fand zuerst die Sprache wieder und sagte:
-»Das ist eine Gemeinheit.« Heinrich aber meinte:
-»Er hat was von zwei Schafsköpfen gesagt!«
-
-»Damit sind wir gemeint,« sagte ich zornig.
-»Und er hat das Eichhörnchen selbst erschossen.«
-
-Heinrichs Stirn zog sich in Falten.
-
-»Wenn ich mal unser Gut erbe,« sagte er, »setze
-ich ihn ab.«
-
-»Das tue aber bestimmt,« rief ich, »er hat es
-verdient!«
-
-Von fernher scholl das fröhliche Lachen des
-Försters.
-
-
-Der Geistergrund.
-
-Der Geistergrund war der einzige Ort im Gebiet
-der fünf Waldstädte, von dem die Leute im Dorfe
-etwas Genaueres wußten. Während so ein
-Bauer achtlos durch Ameisenfeld stapfte und
-dort nicht einmal den Bürgermeister kannte,
-während er an der tausendjährigen Donarseiche
-dumm und achtlos vorüberging, ja selbst nach
-den Herrlichkeiten von Heinrichsburg kaum hinüberschielte,
-ging sein träges Herz sofort rascher,
-wenn er in die Nähe von Geistergrund kam.
-
-Was spielten auch dort für schauerliche Geschichten
-an dem dunklen Moor und dem Graben mit dem
-schwarzen Wasser, Geschichten, die Hunderte von
-Jahren alt waren und an den Winterabenden
-beim flackernden Kienspanfeuer erzählt wurden,
-bis alle Wangen rot und alle Herzen bange waren.
-
-Da war die Geschichte von der Bäuerin, die
-ihren Mann umgebracht hatte, indem sie ihm ein
-Mahl von giftigen Pilzen bereitete. Noch am
-gleichen Tage kam die schwere Übeltat ans
-Tageslicht, und am anderen Morgen errichtete
-die Obrigkeit einen Galgen und hängte die
-Bäuerin auf. Aber ihr Leichnam verschwand, und
-auch der Leichnam des Mannes verschwand, und
-lange Zeit wußte niemand, wohin beide gekommen
-seien, bis eine Frau im Geistergrund
-einen großen giftigen Pilz sah, der den Hut vor
-ihr abnahm und sagte: »Erbarme dich meiner,
-erbarme dich meiner!« Als die Frau sich vor
-Schreck nicht rühren konnte, kam eine Schlange
-gekrochen und wickelte sich dem Pilz ums Bein.
-Und die Schlange sprach: »Ich fresse den Pilz;
-ich fresse den häßlichen, geizigen Pilz!« Sie
-funkelte dabei mit den Augen.
-
-Da ist die Frau schreiend davongelaufen und
-hat im Dorfe alles erzählt, und es hat sich lange
-Zeit niemand an den Geistergrund herangewagt.
-
-Als aber einmal der Schuster Humpel erzählte,
-er habe nun die beiden auch gesehen, nur hätte
-diesmal der Pilz die Schlange gefressen, glaubte
-ihm niemand; denn die Leute waren sehr aufgeklärt,
-und Humpel war oft betrunken. -- -- --
-
-Da war die andere Geschichte von dem Müller
-Eisert. Der war in der Zeit, da der alte Fritz
-Krieg führte, ins Lager der Russen übergegangen
-und war ein so schlechter Kerl geworden, daß er
-gegen seinen eigenen König kämpfte. Eisert besiegte
-auch den alten Fritz in der Schlacht bei
-Cunnersdorf und zog dann mit seinen Russen als
-ein prahlender Kriegsheld bis vor sein Heimatsdorf.
-Dort ließ er Kanonen auffahren und alles
-zusammenschießen und in Brand stecken. Dann
-ritt er auf einem pechschwarzen Roß durch das
-brennende Dorf und verhöhnte die Leute und
-zwang sie: »Gnädiger Herr!« und »Euer Wohlgeboren!«
-zu ihm zu sagen. Für diese Missetat
-wurde er bestraft. Als er wieder fortritt, begann
-auf dem Turme die Glocke zu läuten. Den Turm
-und die Kirche hatten die Russen, weil sie Christen
-sind, verschont.
-
-O, wie drang der Ton der Heimatglocke dem
-argen Sünder so anklagend ins Ohr! Sie dröhnte
-ihm in die Seele wie Posaunenton des jüngsten
-Gerichts und versetzte sein Herz in eine ganz
-schreckliche Angst. Und plötzlich wandte sich das
-Roß, jagte zurück auf das Dorf zu, warf den
-bösen Mann am Eingang des Dorfes auf die
-Erde und galoppierte ganz allein in die finstere
-Nacht hinaus.
-
-Der Müller schlich sich an den Turm, um zu
-sehen, wer da so schrecklich an der Glocke zöge.
-Da sah er, daß niemand in dem Turm war, daß
-die Glocke ganz von selber läutete. Darüber wurde
-er ganz unsinnig vor Angst. Schreiend und
-winselnd lief er um das Dorf herum, fand auf
-dem Wege einen Strick und erhängte sich in der
-Verzweiflung seines Herzens im Geistergrund, wie
-sich Judas erhängte, als er den Herrn Jesus verraten
-hatte.
-
-Jetzt noch stand die Weide im Geistergrund, an
-der der Verräter sein elendes Leben selbst beendet
-hatte. -- --
-
-Das waren unfreundliche Geschichten. Und
-da war noch eine Geschichte, von der wir Kinder
-etwas gehört hatten, ohne sie recht zu verstehen.
-Und eben, weil ich sie nicht verstand,
-machte ich ein Gedicht darüber. Das Gedicht
-aber war so:
-
-
-Das Mädchen.
-
-Weil sie so schwer gesündigt hat,
-Da wurd' sie in den Sumpf gesenkt,
-Nun wohnt sie in der Geisterstadt,
-Wo niemand ihrer denkt.
-Sie hatte ein so weißes Kleid,
-Doch einen schwarzen Fleck darauf;
-Da steht sie um die Sternenzeit
-Oft aus dem Modergrabe auf
-Und wäscht mit heißer Tränen Flut
-Sich aus dem Kleid den schwarzen Fleck;
-Paßt auf, Ihr Leute, Gott ist gut:
-Das Kleid wird weiß, der Fleck geht weg!
-
-Das war das Gedicht, für das mir unsere gute
-Fee drüben in Eichenhofen den Kranz schenkte. --
-
-Es gab Zeiten, wo Heinrich und ich uns sehr
-vor dem Geistergrund fürchteten. Um die
-Dämmerzeit wären wir nicht hingegangen, und
-auch wenn die Nebelmänner zwischen den Erlen
-hin- und herkrochen, wagten wir uns nicht in diese
-Gegend. Heinrich machte sogar einmal den Vorschlag,
-den Geistergrund abzusetzen. Was ihm
-nicht paßte, wollte er immer »absetzen«: den
-Förster, den Geistergrund, die Kreuzottern und
-die lateinische Grammatik. Es ist aber leider alles
-bestehen geblieben.
-
-Unsere Fee hatte im allgemeinen nichts dagegen,
-wenn wir uns mal etwas fürchteten. Wenn
-wir sie fragten, ob es Räuber gebe, sagte sie »Ja!«,
-und wenn wir wissen wollten, ob wohl die
-Räuber je in unsere Gegend kommen könnten,
-sagte sie auch »Ja«! Dann bekamen wir allemal
-knallrote Backen, und unsere Stimmen wurden
-weniger krähend, als sie sonst waren. --
-
-[Illustration]
-
-Einmal, als wir mit dem Förster zufällig
-wieder auf freundschaftlichem Fuße lebten, hätten
-wir ihm gar zu gern eine zahme Dohle abgebettelt,
-die er in seinem Forsthause hielt. Er
-machte eine geheimnisvolle Miene und sagte:
-
-»Die kann ich euch nicht geben. Die ist ein ganz
-seltsamer Vogel. Ich habe sie auf der Judasweide
-gefangen. Dort hatte sie ihr Nest. Und sie ist
-eine verwunschene Prinzessin.«
-
-Wir Jungen versuchten, ein ungläubiges Gelächter
-anzuschlagen, aber es klang ganz meckrig,
-und wir sahen mit Unbehagen auf den Vogel,
-der plötzlich auf uns zukam, so daß wir
-einige Schritte zurückwichen. Die Dohle funkelte
-uns mit ihren Äuglein an, schlug mit den beschnittenen
-Flügeln und schrie: »Beatrice!
-Beatrice!«
-
-Da sagten wir schnell: »Guten Abend« und
-gingen davon. Der Förster kam uns nach.
-
-»Ich sehe es ja ein, daß ihr die Dohle durchaus
-haben wollt,« sagte er; »aber es würde euch nichts
-nützen, wenn ich sie euch schenkte, denn sie würde
-euch trotz ihrer beschnittenen Flügel entwischen.
-Wollt ihr die Dohle haben und behalten, so müßt
-ihr in die Judasweide abends in der Dämmerung
-einen Nagel einschlagen. Einer muß den Nagel
-halten, der andere muß hämmern.«
-
-Darauf sagten wir, wir hätten es uns überlegt:
-eigentlich wüßten wir gar nicht recht, was
-wir mit einer Dohle anfangen sollten. Er, der
-Förster, brauche eigentlich einen solchen Vogel
-viel notwendiger als wir.
-
-Der Förster spuckte auf den Boden, uns gerade
-dicht vor die Zehen, und sagte: »Wenn ich nicht
-wüßte, was ihr für mutige und kluge Kerle seid,
-würde ich denken, ihr fürchtet euch. Aber damit
-habt ihr recht, daß ich den Vogel notwendig
-brauche.«
-
-»Wozu brauchst du ihn denn?« fragte ich neugierig.
-
-»Zum Geschichtenerzählen.«
-
-»Zum Geschichtenerzählen? Ei, wieso?«
-
-»Hm. Wenn ich abends müde aus dem Walde
-komme, ziehe ich mir die Stiefel aus, sperre die
-Hunde aus der Stube hinaus, setze mich in den
-Lehnstuhl und dann sag' ich zu der Dohle:
-Beatrice, leg' los!«
-
-»Und -- und dann legt sie los?«
-
-»Legt sie los! Jawohl! Sie erzählt famos.
-Aber leider bloß lauter Räuber-, Gespenster- und
-Indianergeschichten. Andere weiß sie nicht. Alles
-zum Gruseln.«
-
-Räuber-, Gespenster- und Indianergeschichten!
-Das hielten Heinrich und ich damals für das
-Schönste auf der ganzen Welt. Wir hatten uns
-heimlich solche Bücher geliehen und einige davon
-gelesen, bis es die Fee erfuhr und uns sagte:
-sie hätte uns nicht mehr lieb, wenn wir so etwas
-wieder täten, denn solche Geschichten seien schlecht
-und dumm und erlogen. Da hatten wir es aus
-Liebe zur Fee unterlassen. Aber wenn wir nun
-eine Dohle hätten, die so etwas erzählen könnte,
-das wäre doch etwas anderes, denn eine Dohle
-ist doch kein Buch. Und man käme dann auf
-ehrliche Weise zu interessanten Geschichten.
-
-»Ja,« sagte der Förster, »meine Großmutter
-hört auch mit zu.« Des Försters Großmutter
-war 92 Jahre alt.
-
-»Borg' uns einen Hammer und einen Nagel!«
-rief Heinrich; »wir gehen jetzt gleich zur Judasweide!
-Nimm deine Büchse und deinen Hirschfänger
-und geh mit.«
-
-»Wäre noch besser,« meinte der Förster; »allein
-müßt ihr gehen, und morgen abend ist die richtige
-Zeit; morgen ist Neumond.« --
-
-Der nächste Abend war trübe und regnerisch.
-Den ganzen Tag hatten Heinrich und ich in schrecklicher
-Aufregung zugebracht. Kein Essen hatte
-uns geschmeckt, kein Spiel hatte uns gefallen und
-die Fee hatte uns ein paarmal ganz eigentümlich
-forschend angesehen. Schwache Augenblicke kamen,
-wo uns die ganze Sache leid wurde; aber dann
-dachten wir an die verzauberte Dohle, die Räubergeschichten
-erzählen konnte, und ein Fieberschauer
-von Glück, einen solch wundersamen Vogel
-besitzen, packte uns.
-
-Am späten Nachmittag holten wir aus dem
-Handwerkskasten einen Hammer und einen starken
-Nagel heraus und verbargen beides unter dem
-welken, abgefallenen Laub eines Kastanienbaumes.
-
-[Illustration]
-
-Als die ersten Lichter angezündet wurden,
-schauten wir uns starr in die Augen. Unter
-Heinrichs Wimpern blitzte eine Träne. Aber ich
--- ich hätte für schöne Geschichten mein Leben
-hingegeben und faßte ihn an der Hand.
-
-»Soll ich allein gehen?« fragte ich.
-
-»Nein, ich lass' dich nicht allein gehen,« sagte er.
-
-Er war immer ein treuer Freund. Er borgte
-mir sogar seine Flinte.
-
-So schlichen wir uns aus dem Hof hinaus und
-gingen über die Felder. Der Wind jagte grauweiße
-Wolkenfetzen über den Himmel, und es
-regnete sacht. Wir kamen nach Ameisenfeld. Die
-ganze Stadt schlief. Wir gingen an der Wotanseiche
-vorbei. Sie stöhnte leise im Winde. Durch
-die Brombeerhecken brachen wir. Heinrich trug
-den Hammer; ich hatte den Nagel in der Hand
-wie einen spitzen Dolch. Manchmal war es mir,
-als ob er glühend heiß sei.
-
-Wir sprachen beide kein Wort, denn das hatte
-uns der Förster eingeschärft. Aber das Schweigen
-machte unsere Herzen noch beklommener.
-
-Nun tauchte der Geistergrund auf. Die niederen
-Erlen und Weiden zogen sich am schwarzen
-Graben entlang, eine hohe Ulme ragte über sie
-hinweg. Unter ihr sollten der Pilz und die
-Schlange gesehen worden sein. Und links von ihr,
-ein Stückchen vom Bachrande weg, war die
-Judasweide.
-
-Ich schloß die Augen. Wie ein Wirbel war es
-in meinem Kopf. Rote Ringe sah ich tanzen, ein
-brennendes Dorf sah ich, durch das auf schwarzem
-Roß der tolle Müller ritt. Dicker Schweiß rann
-mir unterm Hut hervor. Aber vorwärts ging es,
-immer vorwärts, zuletzt im Trab. Fest hielt ich
-den Nagel in der Hand. Heinrich strauchelte und
-fiel hin. Der Hammer entglitt ihm. Er hob ihn
-auf und packte mich fest am Arm. Unsere Herzen
-schlugen in rasender Schnelligkeit. Wir gingen
-immer noch vorwärts.
-
-Da -- erst sah ich's -- dann sah's Heinrich --
-dann fielen wir auf die Knie --
-
-Aus dem Erlengebüsch trat eine weiße Frau.
-
-Die Frau aus dem Moor -- die Frau, die ihr
-Kleid wäscht --
-
-Wir schrieen laut um Hilfe.
-
- * * * * *
-
-Es war nicht die Frau aus dem Moor. Es
-war Heinrichs Mutter. Es war unsere Fee.
-
-»Was wolltet ihr machen?« fragte sie freundlich.
-Da gestanden wir alles.
-
-Sie zürnte uns nicht; sie strich uns beiden über
-die Köpfe.
-
-»Nun, habt keine Angst; es passiert euch nichts,
-ich bin ja bei euch!«
-
-Ja, nun wußten wir: es konnte uns nichts
-passieren, da sie bei uns war. Heinrich schlang
-den Arm um seine Mutter und küßte sie zweimal,
-und dann nahm ich sie um den Hals und küßte sie
-dreimal.
-
-Wir schritten ein paarmal an dem Graben auf
-und ab, ganz friedlich, als ob wir spazieren
-gingen, und nachdem wir etwa zehnmal ganz tief
-und erleichternd aufgeseufzt hatten, fühlten wir,
-daß unsere Herzen ruhiger wurden.
-
-»Hat euch der Förster gerade um die jetzige
-Stunde bestellt?« fragte die Fee.
-
-»Jawohl, später als 6 Uhr dürfe es nicht sein,
-hat er gesagt.«
-
-»So wollen wir einmal hinübergehen in den
-Geistergrund,« meinte sie. Wir gingen ruhig und
-ohne Angst mit ihr über den schmalen Steg, der
-über den schwarzen Graben führte. Sie hielt uns
-an den Händen und sagte:
-
-»Nun seht, wie still es hier ist, ebenso still wie
-überall im Walde.«
-
-Dann gingen wir schweigend weiter. Über dem
-moorigen Grund wuchs dichtes, weiches Moos,
-und wir gingen ganz unhörbar. Einmal blieb
-die Fee stehen und sagte leise:
-
-»Wenn euch etwas Seltsames oder Schreckliches
-auffällt, so erschreckt nicht oder schreit nicht; denn
-es ist ganz gewiß nichts wirklich Schreckliches.«
-
-Da faßten wir großen Mut. Plötzlich aber
-blieben wir doch in jähem Schreck stehen.
-
-Unter der hohen Ulme war der Pilz, ein schrecklich
-großer, blutroter Pilz, und unter dem Pilze
-lag eine Frau. Heinrich begann zu weinen, ich
-begann zu schlucken, die Fee aber faßte fest unsere
-Hände und rief ganz laut und ruhig: »Du Pilz
-und du Pilzweib, kommt einmal beide her!«
-
-Da schnellte plötzlich der verhexte Pilz hoch in
-die Höhe, das Weib richtete sich auf, und eine
-tiefe Stimme sagte:
-
-»O jemine, die gnädige Frau!«
-
-»Komm nur mal näher!« befahl die Fee.
-
-Unsere Herzen schlugen; aber es war jetzt mehr
-Neugierde als Angst.
-
-Der Pilz und die Frau wandelten ganz langsam
-auf uns zu. Und plötzlich brach Heinrich in
-ein lautes Gelächter aus, und ich lachte unter
-Tränen mit.
-
-Vor uns stand der Herr Förster. Er hatte sich
-die Kleider seiner zweiundneunzigjährigen Großmutter
-angezogen, und der Pilz war der riesengroße
-und brennend rote Regenschirm der alten
-Frau, der die Verwunderung der ganzen Gemeinde
-bildete, wenn die Alte noch einmal zur
-Kirche gehumpelt kam.
-
-»Gnädige Frau -- gnädige Frau --« stammelte
-der Förster.
-
-Er sah greulich aus. Der weite blumige Rock
-war ihm viel zu kurz, so daß seine groben
-Stiefel zum Vorschein kamen, das altmodische
-Leibchen war ihm viel zu schmal, so daß man seine
-Weste sah, und die alte Schleifenhaube saß ihm
-ganz windschief auf seinem struppigen Kopf. Den
-roten Schirm hatte er nun zugeklappt und quetschte
-ihn wie ein brennendes dickes Gebund in höchster
-Verlegenheit unter den Arm.
-
-[Illustration]
-
-Die Fee blickte halb streng und halb lächelnd
-auf den sonderbaren Geist und sagte:
-
-»Schämen Sie sich denn nicht, Förster, solche
-Faxen zu machen? Denken Sie nicht daran,
-was den Kindern vor Schreck passieren kann?«
-
-Die Pilzbäuerin raffte in tödlicher Scham an
-ihrem Kleid herum.
-
-»Gnädige Frau, weil halt -- weil halt die beiden
-solche Schlingel sind.«
-
-»Es gibt viele Schlingel auf der Welt, große
-und kleine,« sagte die Fee.
-
-Der Förster kraute sich die Schleifenhaube.
-
-»Nun werd' ich wohl gar meine Stellung verlieren,«
-sagte der trostlose Hüter des Waldes.
-Die Fee lächelte milde.
-
-»Etwas werden Sie schon verlieren: Sie werden
-den Jungen zur Strafe Ihre Dohle schenken!«
-
-»Können sie kriegen, können sie kriegen!« schrie
-da das Zauberweib voll Entzücken und haschte
-nach der Hand der guten Fee, die sich abwenden
-mußte, weil es wohl mit ihrer Fassung vorbei
-war.
-
-»Gnädige Frau,« sagte der Förster, »wenn es
-erlaubt ist, möcht' ich mich aus dieser sehr fatalen
-Begebenheit empfehlen.«
-
-»Gehen Sie nur, gehen Sie nur!« sagte sie und
-blieb immer mit dem Gesicht abgewandt.
-
-Da machte er eine Verneigung, wobei ihm der
-geblümte Rock bis über die Kniekehlen emporrutschte,
-und dann ging er davon. Als er an den
-Bach kam, wollte er, wie er's gewöhnt war, hinüberspringen;
-aber die Feiertagszier seiner
-Großmutter wickelte sich um seine Beine und
-er plumpste dicht am Rande in die Flut. Das war
-für uns Kinder der glänzendste Spaß. Gleich
-darauf pudelte er sich ans Ufer und jagte in
-fliegendem Gewande und mit flatternden Haubenschleifen
-davon. --
-
-Die Dohle haben wir bekommen; da sie aber
-tagaus, tagein nichts anderes zu erzählen wußte
-als: »Beatrice! Beatrice!«, wurde sie uns langweilig.
-
-
-Heinrichsburg.
-
-Die Stadt lag auf einer Insel, die ringsum von
-dem Wasser eines Stromes umgeben war. Wenn
-ein starker Regen fiel, wurde dieser Strom so tief,
-daß wir uns die Hosen aufstreifen mußten, um
-ihn durchwaten zu können. In trockenen Zeitläuften
-blies der Wind den Staub vom Flußgrunde
-bis in unsere Stadt. Wir warfen uns
-dann platt auf die Erde und redeten vom Samum.
-
-Die Insel war mehrere Steinwürfe lang und
-fast eben so breit. Ihr Gebiet umfaßte die Hohkönigsburg,
-die Stadt selbst, das Felsengebirge,
-einen Kriegs- und einen Handelshafen, ein Jagdschloß,
-eine Meierei und eine Hundehütte. In
-der Stadt gab es ein Rathaus, eine katholische,
-evangelische, jüdische und heidnische Kirche, ein
-Museum, ein Hotel, sehr viele Geschäfts- und
-Wohnhäuser und einen Reichstag.
-
-Die größten Gebäude waren die Hohkönigsburg,
-das Hotel und die Hundehütte. Die Burg war im
-19. Jahrhundert vom Zimmermann Schadel erbaut,
-und der Bau hatte über 70 Mark verschlungen.
-Dafür war er aber auch prächtig und stattlich.
-Die Burg umfaßt nur den Thronsaal; für
-mindere Räume war kein Platz. Eine stolze Fahne
-wehte vom Dache, und an der Pforte zeigten zwei
-angeklebte Bilder grimmiger Löwen, von denen
-der eine ein Tiger war, daß hier im Schloß Macht
-und Größe wohne und jeder ein Kind des Todes
-sei, der sich den hier herrschenden Gewalten widersetze.
-Bei Regenwetter wurden sämtliche Hauptteile
-der Stadt mit Wachsleinwand überdeckt.
-
-Das Hotel hatte früher dem Pächter einer
-Kirschenallee gehört, der darin sein Wächteramt
-ausgeübt hatte. Kinder unter vier Jahren konnten
-erhobenen Hauptes durch seine Pforten schreiten,
-und auch wir brauchten uns nicht sonderlich zu
-bücken, wenn wir eintraten. Es hieß »Hotel
-Bristol« und trug an seiner Front viele Schilder,
-als: »Zivile Preise«, »Warme und kalte Speisen zu
-jeder Jahreszeit«, »Eintritt verboten!« und was
-etwa sonst noch an ein gutes Hotel an Anschlägen
-gehört.
-
-Der einzige ständig bewohnte Raum von
-Heinrichsburg war die Hundehütte. Hier hauste
-Pluto, der Wachhund. Er war von strengem
-Charakter, aber gutem Appetit, deswegen geriet
-er in Verlegenheit, wenn ihm einer, den er
-eigentlich bekämpfen sollte, einen Knochen anbot.
-Auf diese Weise hat Pluto es leider nicht verhütet,
-daß uns eines Nachts das Hotel gestohlen
-wurde. Er stand am Morgen nach der Unglücksnacht
-mit albernem Gesicht auf der leeren Baustelle,
-wedelte verlegen mit dem Schwanze und
-bellte nach dem Ufer hin, wie einer bellt, der kein
-gutes Gewissen hat. Den Bestechungsknochen
-hatte er an einer leicht kenntlichen Stelle verscharrt.
-
-[Illustration]
-
-Bei der letzten Volkszählung in Heinrichsburg
-wurde Plutos Flohbestand in Fell und Hütte auf
-zusammen 250 Stück lebend angegeben. Natürlich
-nur schätzungsweise, wie es bei wilden Stämmen
-immer geschieht. All dieses Kleinvolk hielt Pluto
-in guter Zucht; Übergriffe ahndete er mit scharfer
-Kralle.
-
-Pluto war sehr vielseitig von Beruf: des Nachts
-mußte er wachen, am Tage zog er als prächtig aufgeschirrtes
-Roß den Triumphwagen des Königs,
-Sonntags trat er in der Stierkampfarena mit
-grimmem Mute als Bulle auf, und oft spielte er
-im Felsengebirge den Drachen oder fing in der
-Stadt Mäuse, welche sehr lästig waren, weil sie
-uns bereits die Rathaustreppe und einen Nachtwächter
-aufgefressen hatten. Nur als Delphin
-hatte Pluto kein Talent; denn allemal, wenn wir
-auf seinem Rücken durch die Fluten des Stromes
-ziehen wollten, warf er uns ab, sprang ans Ufer
-und schüttelte sein Fell, was kein Delphin tun
-darf.
-
-Das Felsengebirge war ein Steilgebirge von
-durchaus alpinem Charakter. Seine größte Erhebung,
-die Adlerkoppe, hatte eine relative Höhe
-von 2500 Zentimetern; sie war im Winter mit
-»ewigem Schnee« bedeckt und fiel steil zum Flusse
-ab, von dessen Seite her sie nur von den geübtesten
-Bergsteigern mit Nagelschuhen, Eispickel
-und nach vorangegangener Anseilung zu
-erreichen war. Ein prächtiger Aussichtsturm von
-30 Zentimeter Höhe krönte ihren stolzen Gipfel,
-und wer sich auf die Erde legte und über diesen
-Aussichtsturm hinweg in die Ferne sah, genoß
-die herrlichsten Landschaftsbilder. Dicht unter
-ihm das wildzerklüftete Gebirge, an dessen Fuß
-der Strom mit seinen weißen Segelbooten und
-seinem Spiritusdampfer brandete, dann die
-Stadt, die »wie eine Spielzeugschachtel« ausgebreitet
-lag, die trotzige Hohkönigsburg, die dunkel
-aufragende Hundehütte, der weite Wald und das
-grüne Wiesenland bis weit hinaus an den Horizont
-in das Gebiet von Geistergrund und
-Ameisenfeld.
-
-Wie ich inzwischen auch herumgekommen bin
-in fremden Landen und Erdteilen: die Aussicht
-von der Adlerkoppe bei Heinrichsburg ist die einzige,
-die ich in dem Reisebuch meines Lebens mit
-drei Sternen bezeichnen mag.
-
-Der Abstieg von der Adlerkoppe nach der Stadt
-bot nur mäßige Schwierigkeiten und war ohne
-Lebensgefahr zu bewerkstelligen. Er führte an
-einer grünen Alm vorüber, auf der eine Herde
-buntgescheckter Kühe weidete und ein Hirtenbub
-vor seinem Alpenhäuslein saß und lieblich auf
-einer Schalmei spielte. Nur eine drohende Kuppe
-ragte noch auf. Dort legte ein kühner Alpenjäger
-eben auf eine Gemse an. Wenn man sich die
-hohlen Hände als Fernglas vor die Augen hielt,
-konnte man die aufregende Szene so oft beobachten,
-wie man vorbeikam.
-
-Etwa in halber Höhe des Gebirges war der
-»Gebirgsbahnhof« angelegt. Er hatte einen sehr
-schmuck eingerichteten Wartesaal, eine Wegeschranke
-und eine Telegraphenstange ohne Draht.
-Der Zug bestand aus einer Lokomotive und drei
-allerliebsten Aussichtswagen. Die Passagiere
-waren immer dieselben: ein Engländer, ein Professor
-mit einer Botanisiertrommel und eine
-Köchin mit einem Korb am Arm, die jedenfalls
-auf der Höhe nach Suppengemüse gesucht hatte.
-Wenn nun auch der Zug nicht übermäßig besetzt
-war, so war es doch herrlich anzusehen, wenn er
-in die Tiefe fuhr. Er machte die kühnsten Kurven,
-setzte über Viadukte, die über schauerliche Abgründe
-gespannt waren, raste durch pechdunkle
-Tunnel, durchbrauste die Ebene und fuhr endlich
-donnernd in den Bahnhof von Heinrichsburg ein,
-wo es sich bei dem Kommando: »Alles aussteigen!«
-ärgerlicherweise meist herausstellte, daß
-der Professor, der Engländer und die Köchin auf
-der raschen Fahrt von den Sitzen gepurzelt waren
-und auf dem Fußboden lagen. Ein Eisenbahnunfall
-wurde trotzdem, wie auf allen Gebirgsbahnen,
-nie bekannt.
-
-O, und die Stadt Heinrichsburg selbst! Fürwahr,
-ein Fremdling hätte sich in ihrem Gewirr
-von Straßen und Plätzen rettungslos verlaufen.
-Auf dem Marktplatz stand das Rathaus; da
-guckte der Bürgermeister den ganzen Tag zum
-Fenster heraus. In der katholischen Kirche war
-beständig Hochzeit, in der evangelischen immer
-Kindtaufen. Im Judentempel saßen tagaus, tagein
-drei Männer mit Zylinderhüten auf dem
-Kopf, und in der heidnischen Kirche schlachtete ein
-Priester, namens Mohammed, ständig ein Kind.
-Das Museum umfaßte vier Bilder und zwei
-Statuen, der Reichstag war immer geschlossen.
-Wir haben ihn, da wir nichts Rechtes mit ihm
-anzufangen wußten, später in eine »Aktien-Brauerei«
-umgewandelt.
-
-Die Pracht der Auslagen, die sich die Geschäftshäuser
-leisteten, war erstaunlich. Allein der
-Fleischerladen mit seinen feuerroten Schinken und
-brennend braunen Würsten war ein kleines
-Weltwunder. Majestät sprach nebst hohem Gefolge
-täglich persönlich in diesem Geschäfte vor,
-dessen Warenbestand immer pünktlich erneuert
-wurde.
-
-Heinrichsburg war eine werktätige Stadt: da
-saß der Schuster vor seinem Haus und zog den
-Pechdraht, da hieb in seiner dunklen Höhle der
-Schmied auf den Amboß, da saß der Weber am
-Webstuhl. Lastwagen fuhren die Straße entlang
-oder hielten vor dem Wirtshaus; der Postillon
-saß hoch auf dem Bock und blies sein lustiges
-Signal. Alle Handwerker waren vertreten, und
-wo ein Gewerbe fehlte, da wurde zu Weihnachten
-oder zum Geburtstag Seiner Majestät König
-Heinrichs I. Abhilfe geschafft.
-
-Nur eine Schule gab es in Heinrichsburg nicht.
-Majestät meinten, das sei nicht lustig und verderbe
-den Spaß. Dafür marschierten glänzende Soldaten
-auf den Straßen, und die Musikkapelle zog
-den ganzen Tag mit Tiradebumdieh durch die
-glückliche Stadt.
-
-Merkwürdig war der Denkmälerbestand von
-Heinrichsburg. Von historischen Größen hatten
-Kaiser Wilhelm, Blücher, Zieten und der alte
-Fritz je ein Monument. Dann hatte Majestät
-selbst ein Denkmal, ebenso seine erlauchten
-Eltern: Rittergutsbesitzer Gerhardt und Frau.
-Diese Denkmäler bestanden aus Photographien,
-die in Steinpyramiden eingemauert waren. Bei
-Regenwetter wurden Zigarrenschachteln als
-Schutzdecke darüber gestülpt. Dann aber waren
-in Standbildern noch verewigt Robinson Crusoe
-und der »Pfadfinder«. Diese Denkmäler waren
-aus Holz, von Sr. Majestät selbst entworfen und
-modelliert. Sie wurden bei Regenwetter nicht
-zugedeckt; denn sie waren »abgehärtet«. Bei festlichen
-Gelegenheiten wurden sämtliche Denkmäler
-illuminiert.
-
-Im Gerichtsgefängnis saßen Napoleon und der
-Räuberhauptmann Schinderhannes.
-
-[Illustration]
-
-Herrlich war es draußen am Hafen. Oft lagen
-wir da am Ufer und sahen auf die weite, unübersehbare
-Wasserfläche und sprachen kein Wort.
-Wenn ein Schiff seine weißen Segel blähte und
-langsam von dannen fuhr, dann sahen wir ihm
-nach, dann schaute unsere junge Seele weit hinaus
-bis in die fernen Länder, nach denen das Schiff
-fuhr, zu fremdartigen Menschen, die in Zelten
-auf ewig grünen, ewig weiten Wiesen wohnten
-und andere Blumen und andere Sterne sahen als
-wir. Und all die tausend Gefahren, die das Schiff
-haben würde in Scylla und Charybdis, bei Seeräubern
-und Meerungeheuern, erwogen wir und
-kämpften alle Not selbst durch und waren dabei,
-wenn das siegreiche Schiff eines Tages doch stolz
-und sicher in den Hafen fuhr.
-
-Manchmal kam unsere gute »Fee«, die Schutzgöttin
-unseres Insellandes, zu uns herüber.
-Dann feuerten unsere Strandkanonen Salut, die
-Ehrenwache stand am Ufer, die ganze Militärkapelle
-war aufgestellt, und von allen öffentlichen
-und vielen privaten Häusern wehten Fahnen.
-Der König ging der »Schutzgöttin« entgegen und
-küßte ihr die Hand, und sie ging mit freundlichen
-Augen durch unsere Stadt, und wo es an etwas
-fehlte, das sah ihr gütiger Blick und ergänzte alsbald
-ihre geschickte, freigebige Hand.
-
-Nur Pluto war an solchen Feiertagen eingesperrt.
-Wurde er losgelassen, so fuhr er in einer
-unsinnigen Freude durchs ganze Land, riß die
-Stadt um und brachte den Zug zum Entgleisen.
-
-O, es war schön in Heinrichsburg! Die größten
-Ehren habe ich dort genossen: ich war Großwesir
-und Stierkämpfer, Hofdichter und Scharfrichter,
-Hotelportier und Mitregent. Ich habe die Straßen
-ausgebessert und das Gesetzbuch verfaßt, ich war
-Dachdecker und Theaterdirektor, Seeräuber und
-Staatsanwalt. Selbst die Frau Königin bin ich
-gewesen; da hatte ich lange gelbe Locken und ein
-weißes Kleid mit einem Goldgürtel und ein
-Taschentuch, mit einer Krone gezeichnet. Am
-liebsten war ich Leuchtturm. Dann trug ich eine
-Laterne auf dem Kopf und ließ ihr Licht nach
-allen Seiten spielen, bis die Schiffe, die in Wetter
-und Not draußen waren, glücklich den Hafen erreicht
-hatten.
-
- * * * * *
-
-Unsere gute Fee! Wenn ich jetzt, da ich lange,
-lange schon ein Mann geworden bin, manchmal
-träumend die Augen schließe, sehe ich ein weites
-Gelände vor mir, dadurch ein schmaler Weg führt.
-Es ist der Weg, den ich durch mein Leben gegangen
-bin. Grüne Wälder, aber auch öde Schutthalden
-sind an seiner Seite, und es fehlt nicht an
-Denksteinen, und mancher der Denksteine ist ein
-Marterl. Wenn ich nun so sitze und träume,
-ziehen Hunderte und Tausende von Menschen an
-meiner Seele vorüber. Ihnen allen bin ich einmal
-begegnet, bin ein Stücklein mit ihnen gewandert.
-Aber die meisten schauen mich so fremd an,
-als hätte ich sie nie gesehen: alle die, die mir
-gleichgültig waren und alle die, die mir einmal
-wehe taten. Sie hat mein Herz vergessen. Die
-aber, die mir etwas Liebes, Gutes erwiesen,
-reichen mir alle die Hand, und ihre Stimme klingt
-mir wie die eines Freundes von gestern.
-
-Und wenn sie kommt, die gute Fee meiner
-Kinderzeit, schlägt mir auch heute noch das Herz
-in Liebe für sie; ich hasche nach ihrer weißen Hand
-und küsse die Hand und lege sie auf meine Stirn.
-Dann wehen ihre blonden Haare im Wind, und
-ihre Augen sind schön und lieb wie in alten
-Tagen. Und sie nimmt meine Seele mit sich und
-führt sie in
-
-
-die heilige Stadt.
-
-Da stand ein kleiner Tempel. In dem Tempel
-war eine Figur des Heilands, die war so weiß
-wie Schnee. Vor dem Heiland stand ein Knabe,
-und über der Gruppe waren in goldenen Lettern
-zwei Sprüche in die Wand geschrieben:
-
-»Dieses Kind wird der Größte sein im Himmelreich!«
-
-und:
-
-»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so
-werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«
-
-Der Knabe aber, der vor dem Heiland stand,
-war Heinrichs Bruder Ludwig, der frühzeitig aus
-dem Leben geschieden war.
-
-Als Ludwig starb, war ein solches Herzeleid
-auch über uns Kinder gekommen, daß ich mit
-Heinrich nach der Insel ging, um unsere schöne
-Stadt Heinrichsburg niederzureißen.
-
-»Wenn Ludwig nicht mehr bei uns ist,« sagten
-wir zueinander, »so macht uns die Stadt keine
-Freude mehr.«
-
-Wir stiegen in bitteren Schmerzen auf die
-Adlerkoppe. Noch einmal schaute ich über den
-Aussichtsturm hinaus ins weite Land, dann löste
-ich ihn aus der Erde und nahm ihn unter den
-Arm. Heinrich packte den Bahnhof in seine Mütze,
-und eben wollten wir den Alpenjäger und die
-Gemse von der Felskuppe holen, als Heinrichs
-Mutter uns nachkam. Ihr Gesicht war weiß, und
-sie ging ganz langsam; aber sie lächelte doch, als
-sie uns über die Köpfe strich und sprach:
-
-»Laßt nur eure Stadt stehen; Ludwig hat jetzt
-eine viel schönere Stadt als ihr!«
-
-Da nahm Heinrich den Bahnhof wieder aus
-der Mütze, und ich trug den Turm wieder auf den
-Berg, richtete ihn dort auf und überzeugte mich,
-daß die Aussicht über ihn hinweg wieder ganz
-herrlich schön sei.
-
-Dann gingen wir drei nach Hause. Wir
-sprachen nicht. Es war gegen Abend, und der erste
-Stern tauchte auf am Himmel. Da holte Heinrich
-tief Atem und fragte mit stockender Stimme:
-
-»Was für eine Stadt hat Ludwig?«
-
-Die Mutter zog ihn an sich und sagte:
-
-»Der liebe Gott kann ihm eine Stadt aufbauen
-aus lauter Gold.«
-
-»Und hat er auch einen Berg und einen Turm
-darauf?« fragte ich beklommen.
-
-»Er steht auf einem Berg, der höher ist als
-alle Berge, und er kann von da über die ganze
-Welt sehen.«
-
-»Bis Berlin zum Kaiser?« fragte Heinrich
-verwundert.
-
-»Bis Berlin zum Kaiser,« sagte die Mutter,
-»und -- bis zu uns dreien.«
-
-»Sieht er uns jetzt gehen?«
-
-»Ja, ich glaube, er sieht uns gehen.«
-
-Da blies der Abendwind übers Feld, und ich
-fror.
-
- * * * * *
-
-»Dieser ist der Größte im Himmelreich!«
-
-Der goldene Spruch stand über Ludwigs
-Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit
-scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden,
-der mit einem Kranz weißer Rosen
-um die Stirn in jenes ferne Land gewandert
-und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da
-habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm
-gelegen und hinaufgeschaut in das
-ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht,
-daß ich auch einmal den Weg finden
-möge dorthin.
-
-[Illustration]
-
-Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja,
-selbst der Förster kam manchmal mit; er stand
-dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in
-der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns
-dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr
-totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer
-in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der
-heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg,
-nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und
-sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns
-von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu
-sehen waren.
-
-Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte
-sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im
-Herzen.
-
-Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist
-durch unser ganzes Leben der goldene Spruch
-aus der Heiligen Stadt nachgegangen:
-
-»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so
-werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«
-
-[Illustration]
-
-Der kleine General.
-
-
-Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm
-ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank
-im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer
-steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes
-Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten.
-
-=Hans= (richtet sich matt auf):
-
-Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal
-sehen.
-
-=Die Mutter=:
-
-Wird dich nicht wieder das viele Licht stören,
-Hans?
-
-=Hans=:
-
-Ach, nein ... ich möchte ihn sehen. Zünde
-doch die Lichter noch einmal an, Mutter ... ja?
-
-=Die Mutter=:
-
-Gewiß, mein Kind, wie du willst ...
-
-Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen
-an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen,
-fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück.
-
-=Die Mutter=:
-
-Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge?
-
-=Hans=:
-
-Er ist schön ... er ist sehr schön! ... Es ist
-wohl viel Marzipan dran? ... Ich kann keines
-essen ... es schmeckt mir bitter ... Aber die
-Krone und der Engel! -- -- -- -- Ach, Mutter,
-mir tun die Augen weh ... lösch die Lichter
-aus ... bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus!
-
-Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht
-die Weihnachtslichter aus.
-
-=Hans=:
-
-Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden
-Lichter! ... Nun ist er ganz finster, der
-Baum ...
-
-=Die Mutter= (zurückkommend):
-
-Ist es so gut?
-
-=Hans=:
-
-Ja, es ist gut so ... Ich freu' mich so über die
-Soldatensachen, Mutter.
-
-=Die Mutter=:
-
-Mein lieber Junge!
-
-=Hans=:
-
-Bring mir doch den Säbel und den Helm!
-Und einen Spiegel ... ja? Ich will mich gern
-sehen ...
-
-=Die Mutter=:
-
-Ja, ich hole sie! (Pause.) So, mein guter Hans,
-hier sind die Sachen!
-
-=Hans=:
-
-Stütz' mir den Rücken, ja ... ich will mich
-setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann ...
-So ... ah, es geht schwer ... und jetzt ... jetzt
-den Säbel ... halt' mich fest, Mutter, fest ...
-ja so! ... Und jetzt noch den Spiegel ... Oh,
-oh, ... wie seh ich denn aus? ... Das bin ich
-doch nicht! Das ist ja ein ganz ... altes ...
-häßliches Gesicht!
-
-=Die Mutter= (mit unterdrücktem Schluchzen):
-
-Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans!
-
-=Hans= (mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen):
-
-Bin ich das wirklich?!
-
-=Die Mutter= (tröstend):
-
-Sieh doch den Helm ... er steht dir so schön ...
-mein kleiner, lieber Held ...
-
-=Hans=:
-
-Oh ... ich sehe aus ... wie der Tod ...
-
-=Die Mutter= (läßt den Spiegel fallen):
-
-Hans! ... Sprich nicht so, Hans ... das
-darfst du nicht ... das ist böse von dir ...
-entsetzlich böse ...
-
-=Hans= (sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt):
-
-Ich will nicht böse sein ... ich will gut sein ...
-und ich will auch nicht gern ... zum Tode ...
-ich möchte bei dir bleiben, Mutter ... bei dir ist's
-so schön ...
-
-(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.)
-
-=Hans=:
-
-Ich glaube ... daß ich heute sterben soll ...
-
-=Die Mutter=:
-
-Du sollst ja nicht so sprechen ... du wirst nicht
-sterben, Hans ... ich laß dich ja nicht sterben ...
-ganz bestimmt nicht ... ich verspreche es dir ...
-du weißt, ich halte immer, was ich verspreche ...
-ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein
-Junge!
-
-=Hans= (langsam):
-
-Aber der Vater ist ja auch gestorben und der
-Großvater auch.
-
-=Die Mutter=:
-
-Sie waren älter als du, aber so ein Knabe
-stirbt nicht, nein, der stirbt nicht!
-
-=Hans=:
-
-Setz' dich auf den Stuhl, Mutter ... erzähl'
-mir vom Großvater ... wie es war, ehe er
-starb, ja?
-
-=Die Mutter=:
-
-Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will
-ich dir's erzählen ...
-
-=Hans=:
-
-Heute, Mutter, heute! ... Wo gehst du
-hin? ...
-
-=Die Mutter=:
-
-Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon
-so ...
-
-=Hans=:
-
-Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er
-hat jetzt nicht Zeit für mich.
-
-=Die Mutter=:
-
-Ich will doch schicken, ich komme gleich
-wieder ... Der Arzt kommt bestimmt ...
-
-(Sie geht hinaus.)
-
-=Hans= (schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich
-an die Bleisoldaten):
-
-Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf ... ich
-will euch was sagen ... Ich bin euer General ...
-Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? ...
-Ich kommandier' euch! ... Jawohl! ... Und
-wenn der Tod kommt ... dann wollen wir mit
-ihm kämpfen ... tapfer, ihr Jungen ... er ...
-er darf uns nicht unterkriegen ... er nicht ...
-wir ihn ... wir müssen ihn unterkriegen ...
-Hört ihr? ... Versteht ihr? ... Wir ihn! ...
-Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann ...
-den Hügel hinauf ... gegen viele Franzosen ...
-bumm, schossen sie, bumm, bumm ... sechse
-fielen ... eine Kugel ... eine ganz kleine, blaue
-Kugel ... flog auch meinem Großvater in den
-Leib ... er machte sich nichts draus ... nein,
-gar nichts daraus aus der kleinen Kugel ... er
-stürmte weiter ... und erst, als er die Fahne
-hatte ... da ... da ... tat er sterben ... So,
-so müssen auch wir ... tapfer, ihr Soldaten,
-tapfer ... (er sinkt gänzlich erschöpft zurück).
-
-=Die Mutter= (zurückkommend):
-
-Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still.
-Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem
-Kriege erzählen?
-
-=Hans= (halb im Fiebertraum):
-
-Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut ... Stell'
-meine Soldaten zurecht ... so mit den Flinten
-auf das Fenster zu! ... Dort herein wird er
-kommen ... ja, gewiß, dort zum Fenster herein
-kommt er! ...
-
-=Die Mutter= (angstvoll):
-
-Wer denn? Wer soll denn kommen? Das
-Fenster ist fest zu.
-
-=Hans=:
-
-Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs
-Glas! Es ist der Feind ... ja, der Tod ... der
-ist der Feind ...
-
-[Illustration]
-
-=Die Mutter=:
-
-O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt ...
-Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand,
-es kann niemand herein, ich stelle mich vor das
-Fenster ...
-
-=Hans= (mit der Hand schlenkernd):
-
-Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich
-sehen, wenn er kommt ... ich muß aufpassen,
-ich bin ja der General ... Die Soldaten ...
-sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen ...
-sie werden groß ... groß wie die Riesen ...
-sie haben richtige Flinten ... o, er soll nur kommen
-... gib meinen Degen ... weg, Mutter,
-weg vom Fenster ... wenn die Soldaten auf
-ihn schießen ... treffen sie dich! ...
-
-=Die Mutter= (reicht ihm in höchster Angst die Medizin):
-
-Trinke, Hans, trinke!
-
-=Hans=:
-
-Ich will nicht! ... Halt, doch ... ein Schluck
-ist gut ... Aah so! ... Gib den Soldaten auch ...
-aber geh nicht mehr zum Fenster ... Wenn er
-kommt, legen wir gleich los ... Achtung, ihr
-Soldaten ...
-
-(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle
-Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick
-lauernd nach dem Fenster gerichtet.)
-
-=Hans= (jäh aufschreiend):
-
-Da ist er ... da ist er ... der schwarze
-König! ... Der Tod! ... Oh ... oh, er schießt.
-Oh, er hat mich getroffen ... in die Brust ... mit
-einer Kugel ... Ich mach mir nichts draus ...
-Drauf, ihr Soldaten ... drauf ... schießen,
-stechen, hauen! ... Mein Säbel ... wart' ...
-ich bring dich um ... ich zerschlag dir den schwarzen
-Kopf ... ich ... jetzt ... jetzt hat er mich ...
-jetzt hab ich ihn ... laßt uns ... helft nicht ...
-ich nehm ihn allein ... ich brech ihm den Hals ...
-ich siege ... o du ... du schlechter Feind ... du
-hast meinen Vater ... meinen Großvater ...
-wart ... dein Hals, dein Blut ... ich reiß dir
-das Herz heraus ... ich hab's ... ich hab' dein
-Herz ... es hat Großvaters Blut getrunken
--- -- -- -- Er ... er ... er ist tot ...
-der Tod ist tot! ... Der Tod ist tot ...
-
-(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.)
-
-=Die Mutter=:
-
-Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans!
-Hans! (Schreiend:) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein
-Sohn stirbt! Hilfe! O Gott ... Hilfe! Zu
-Hilfe ...
-
- * * * * *
-
-Einige Stunden später. Gegen Morgen.
-
-=Der Arzt=:
-
-Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau?
-
-=Die Mutter=:
-
-Wie könnte ich heute ruhen?
-
-=Der Arzt= (beugt sich über Hans):
-
-Er schläft gut ... ich glaube bestimmt, nun
-ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz
-haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen.
-
-=Die Mutter= (schlicht, aber mit großer, stiller Freude):
-
-Er hat den Tod besiegt!
-
-Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen
-beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem
-Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen
-am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren
-ihre Gewehre.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Der Schatz in der Waldmühle.
-
-
-Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten
-um den starken Apfelbaum im Kreis herum,
-immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände
-auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu
-einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt
-eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam
-der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig
-auf den Müller zu und fragte:
-
-»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so
-im Kreise herum?«
-
-Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus
-und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige
-herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite,
-rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst:
-»Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum
-er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die
-Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt.
-
-Der Müller ging noch oft seine Runde; aber
-endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach:
-»Tausend und einmal! Und ganz schweigsam!
-Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird
-es endlich glücken.«
-
-Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras.
-Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen,
-und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel
-mit lauter Orden und bunten Knöpfen.
-Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren
-weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr
-surrendes, friedliches Lied.
-
-Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in
-seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben
-wurde, zu dem anderen, da sein einziges
-Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über
-Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter
-zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da
-hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt:
-»Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern
-sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was
-fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die
-Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es
-Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger
-Name, und dann wollen wir unsere reiche Base
-Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen
-ein gutes Patengeschenk geben.«
-
-Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das
-Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen
-Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es
-nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie
-es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette
-brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein
-blanker Kupferdreier lag, und sprach:
-
-»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben.
-Alsdann muß der Vater über dieselbe
-Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern
-stecken. So wie der Baum wächst, so wird der
-Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an
-dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird,
-werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln.
-Wenn dann der Kasten reif zum Heben
-ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten.
-Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein,
-dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur
-dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald
-es größer geworden ist, immer an seinem
-Geburtstag tausend und einmal um den Baum
-herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.«
-
-Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das
-sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber
-hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein
-gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte
-er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine
-Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der
-Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit,
-meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des
-Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt.
-Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und
-Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in
-der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch.
-
-So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das
-Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es
-der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte
-er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete,
-ein feines Klingen vernommen zu haben.
-
-»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das
-Kupfer in das Gold umgesprungen ist.«
-
-Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater
-und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde
-selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein
-Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals.
-
- * * * * *
-
-Als der Müller jetzt noch so da saß und von
-seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte,
-trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten.
-Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein
-Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum
-Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht
-in seiner staubigen Müllertracht, sondern war
-sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut
-mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute
-ihn verwundert an und fragte:
-
-»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei
-dir heut Sonntag?«
-
-»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er
-einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute
-der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr
-den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag
-gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu
-bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur
-Ehefrau gebt.«
-
-Der Müller schaute den Burschen erst einige
-Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne
-weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!«
-
-Diese Worte klangen dem Freiersmann gar
-nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er
-machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand
-auf, reckte sich und sagte:
-
-»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll
-nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel
-sitzen. Der sollen bald schönere Tage
-kommen.«
-
-»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie
-sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir
-sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so
-sehr darum zu Tode grämen wie ich.«
-
-Gegen solche Krankheit würde schon noch ein
-Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da
-Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er,
-der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein
-Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge.
-So -- und damit basta.
-
-Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als
-er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den
-Weg und fragte gutmütig und neugierig:
-
-»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem
-Reinhard gesprochen?«
-
-Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter
-und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die
-Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten,
-was er mit dem Reinhard gesprochen hat.
-Also werde ich den Reinhard selbst fragen.«
-
-Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend
-und Herzeleid.
-
- * * * * *
-
-Als es gegen Abend war und die müde Sonne
-sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der
-junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel
-gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und
-der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft
-auch.
-
-Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen
-am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!«
-und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein
-Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als
-wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr
-denn hin?«
-
-Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde
-ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte
-Mühle sang im Tal.
-
-Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte
-geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden
-Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt
-und was er sich für törichte Hoffnungen
-mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht
-da sei. Und es schloß mit vielen Tränen:
-
-»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater
-in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum
-begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen
-Schatz liegen.«
-
-Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing
-auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble
-aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem
-Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr!
-Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er
-freudig aus:
-
-»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde
-ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen
-abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der
-vielen Ohrfeigen.«
-
-Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann
-wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten
-sollte auf der Reise in die weite Welt.
-Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem
-Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit
-abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte.
-Dann sprach er in väterlichem Tone:
-
-»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir
-bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei
-Tagen kommen wir wieder.«
-
-Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den
-Mund, und dann schieden sie voneinander, und
-dann ging die Sonne unter.
-
- * * * * *
-
-Reinhard und Jakoble wanderten miteinander
-in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte
-Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach,
-Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich
-wohl anfangen?«
-
-Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was
-sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da
-wäre!«
-
-Es wurde finster, und die beiden wußten nicht,
-wohin sie kommen würden. Wenn man aber in
-der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird,
-kommt man meist in eine Schenke.
-
-So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus,
-wo es hoch herging. Bauern saßen drin
-und Fuhrleute, von denen manche so reich waren,
-daß sie zwei Pferde besaßen.
-
-Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus
-war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein
-grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem
-Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus
-Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein
-Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine
-Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles
-hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard
-und Jakoble eintraten, hörten sie den
-Zauberkünstler eben sagen:
-
-»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach
-wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick
-mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte
-mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen,
-und ick sollte mal da in der Jejend
-Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee,
-Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen!
-Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.«
-
-Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi
-einem Bauern aus der roten dicken Nase
-wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten
-warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden.
-Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde
-lang den Mund zuzumachen und hatte
-überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck,
-daß ihn Reinhard nach einiger Zeit
-anstieß und sagte:
-
-»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir
-wenigstens die Nase!«
-
-Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte,
-stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte
-ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte
-sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung.
-
-Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot
-zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen
-mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß
-dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas
-und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich
-eine Zigarre an und blies statt Rauchringel
-Schweinsblasen in die Luft.
-
-[Illustration]
-
-Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn
-draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er
-beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die
-Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz
-ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten
-Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im
-Herzen, den andern die Schlange im Magen.
-Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen
-will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut
-gewiegt sein.
-
-Als es Mitternacht war und der Wind draußen
-lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks
-klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi
-trat ein. Jakoble tat einen Schrei und
-versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard
-richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische
-Zauberer beschwichtigte die beiden und
-sagte:
-
-»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n;
-ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.«
-
-Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden
-nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond
-schien durch die Dachluke und bestrahlte seine
-phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat
-sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund,
-und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur
-Höhe und sagte grollend:
-
-»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!«
-
-Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier
-von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden
-Darbietungen nur vorbenannte Summe
-Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos
-und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen
-und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel
-sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf
-auf die Wimpern eines irdischen Wanderers
-sinkt.
-
-Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte
-schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke
-aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi
-halb mitleidig und halb zärtlich anblickte
-und zur Antwort gab:
-
-»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«
-
-O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig,
-fischte in seiner Hosentasche herum und übergab
-dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar
-und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble,
-worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt
-wurden.
-
-Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch«
-Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch«
-von einem Oberpriester und einer Göttertochter
-ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich
-Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien
-ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin.
-Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe
-eines Barbiers betrieben, aber dann sei die
-höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit
-in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel
-habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun
-sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge,
-zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle
-er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem
-neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft
-anfangen.
-
-Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk
-lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und
-verbündet sich leicht miteinander gegen die
-tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher
-sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und
-am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier.
-Während der ganze Kretscham schlief und der
-Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens
-nach einem Wanderer, ja nach einem
-wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen
-in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre
-Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von
-seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen
-Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung
-und traurigen Fahrt in die weite Ferne.
-Die Gedanken flogen hin und her, und als der
-Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und
-nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn
-will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine
-Pläne fassen.
-
- * * * * *
-
-»Begraben unter dem Baume
-Liegt mein ganzes Gut,
-Hatte ein liebes Mädel,
-War wie Milch und Blut;
-Was ich auch je im Leben
-Erwerben und sparen wollt',
-Gäb für den Schatz unterm Baume
-All mein Silber und Gold.«
-
-Dieses traurige Lied sang die Trudel in der
-Waldmühle nun täglich am Morgen und am
-Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm
-nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er
-am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der
-Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren,
-und alles würde gut und schön sein, wenn
-erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien
-und läutete.
-
-Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten.
-Der neue Knecht, den er für das
-Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten
-halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben
-hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben.
-So etwas ist kränkend für einen Mann,
-der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die
-Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn.
-
-Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen
-Lied!
-
-So kam es, daß der Müller einmal bis spät in
-die Nacht munter war und auch dann noch nicht
-in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon
-auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll
-und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die
-Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat
-sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben
-getan hatte -- -- er öffnete das Fenster.
-
-Und nun hörte er es deutlich!
-
-Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete
-ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein
-durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt,
-Müller, der Schatz ist reif!
-
-Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war
-sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine
-Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder,
-wie der Wind einen Eichbaum schüttelt.
-
-Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da
-ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den
-Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei.
-
-»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es
-läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif.
-Komm mit mir, wir wollen ihn heben.«
-
-»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,«
-sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater.
-Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge
-ragten in den Himmel, und der Wind flog
-von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er
-zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe.
-Dann löste es sich los von den Bergen wie große
-Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit
-zuckenden Schwingen über den Himmel zogen.
-
-Das Glöcklein war verstummt. Es hing an
-dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine
-weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller
-und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem
-Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die
-Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte
-Trauer, und in beiden wohnte die Furcht.
-
-Ächzend setzte sich der Müller schließlich unter
-den Apfelbaum. Ein wenig verpusten, erst ein
-wenig verpusten.
-
-So war nun der große Augenblick gekommen,
-auf den seine Eltern gehofft, nach dem er selbst
-von frühester Jugend an ausgeschaut hatte. Erfüllt
-war seine Sehnsucht, der ganze goldene
-Segen des Reichtums war nahe und gewiß.
-
-»Trudel, du wirst dir einen Fürsten heiraten
-oder gar einen Offizier,« sagte er traumhaft glücklich
-vor sich lächelnd. Das Mädchen schüttelte
-den Kopf.
-
-»Der Reinhard ist kein Fürst und kein Offizier,«
-sagte es in seiner großen Treue.
-
-»Wird alles anders, alles anders! Nur ein
-wenig verpusten!«
-
-Da kam aus der Erde ein starkes Klopfen. Der
-Müller sprang auf; er glaubte, es komme ein Erdbeben.
-Zweimal holte er noch tief Atem, dann
-sagte er:
-
-»Rasch machen, rasch, damit die glückliche Zeit
-nicht vergeht! Auch ist es hier sehr unheimlich.
-Hörtest du das Poltern in der Erde?«
-
-Und er stieß den Spaten ins Gartenland und
-geriet augenblicklich auf einen Widerstand, der
-sich als ein starkes Brett herausstellte.
-
-»Die Kiste, Trudel, die Kiste!«
-
-Es war wirklich der Deckel einer Kiste, den der
-Müller in rascher, aufgeregter Arbeit bloßlegte.
-Dieser Deckel hatte über ein Meter im Geviert.
-Es war eine Riesenkiste, und der Müller sagte in
-schwerster Beklemmung:
-
-»Trudelchen, wenn sie voll puren Goldes ist,
-müssen es an die tausend Taler sein!«
-
-[Illustration]
-
-Auf einmal hob sich der Deckel der Kiste von
-selbst -- der Müller und die Trudel wichen erschrocken
-zurück -- der Kistendeckel wurde beiseite
-geschleudert -- und wie aus einem Grabe heraus
-erstand eine Gestalt und ragte mit dem halben
-Körper aus der Erde.
-
-Es war Reinhard.
-
-»Müller,« rief er mit feierlicher Stimme, »wisse
-und glaube: ich bin der Schatz, der dir und deiner
-Mühle und deiner Trudel bestimmt ist. Höhere
-Mächte haben mich hier eingegraben; jetzt bin ich
-Euch verliehen und Euer eigen.«
-
-Das Trudelchen hatte erst ein bißchen erschrocken
-aufgequiekt, aber dann stand es eins, zwei, drei
-neben Reinhard in der Kiste und rief immerfort:
-
-»Ja, ja, ja, so ist es, so ist es, so ist es!«
-
-Und plötzlich kam etwas aus dem Zaungebüsch
-dahergerannt, und ob es auch geisterhaft aussah,
-wie es so daherhuschte, erwies es sich doch bei
-näherer Betrachtung als das Jakoble, und das
-rief:
-
-»Ja, das ist der geheimnisvolle Schatz! Ich
-weiß es und kann es bezeugen.«
-
-Um das Schmerzliche ganz kurz zu sagen: den
-Müller erfaßte eine Riesenwut. Er prügelte zuerst
-das Jakoble windelweich, dann stürzte er sich auf
-Reinhard, und er brüllte so laut, daß alle Leute
-in der Mühle zusammenliefen. Denen erklärte
-er nun in japsenden Sätzen, mit einer Stimme,
-die vor Wut schrill wurde und sich überschlug: er
-sei genarrt, sei betrogen, sei von Spitzbuben geprellt;
-sein kostbarer Schatz, der unter dem Apfelbaum
-gelegen, sei ausgegraben, sei von diesen
-Dieben und Räubern gestohlen, und sie müßten
-nun alle, alle an den Galgen.
-
-In der Nähe wohnte ein doppelter Sicherheitsmann,
-der zu gleicher Zeit Bahnwärter und
-Polizist war. Dieser Mann wurde herbeigeholt,
-Reinhard und Jakoble wurden überwältigt, es
-wurden ihnen Hände und Füße gebunden, wie es
-Räubern geziemt, und ihnen dann befohlen, mit
-dem Sicherheitsmann nach dem Amtsgefängnis
-zu marschieren. Zwecks Ausführung dieses
-Polizeibefehls mußten den Gefangenen die Füße
-wieder freigegeben werden.
-
-Die Trudel weinte so laut, daß der ganze Hof
-und Garten aufwachte, die Vögel zu zwitschern,
-die Kühe zu brummen begannen und der Hahn
-zu krähen anfing.
-
- * * * * *
-
-Eberhard Schleifle, der Bahnwärter und Polizist,
-beförderte durch die dunkle Nacht seine beiden
-Gefangenen zum Gerichtsgefängnis, das zwei
-Stunden von der Waldmühle entfernt war. Er
-trug als Waffe einen Spieß, der so schwer war
-wie weiland der Spieß Goliaths: sein Schaft war
-wie ein Weberbaum. Da nun Eberhard Schleifle
-den ganzen Tag schwere Bahnwärterdienste getan
-hatte, indem er fünf Eisenbahnzüge an sich hatte
-vorüberfahren sehen, so war er müde und gab dem
-Jakoble seinen Amtsspieß zu tragen. Zu diesem
-Zweck band er ihm die Hände los. Auch den Reinhard
-befreite Schleifle von den Handfesseln, weil
-sie ihn in dem Augenblick behinderten, als alle
-drei gemeinschaftlich eine Prise Tabak schnupfen
-wollten. Als die drei nun auf solche Weise ans
-Gefängnis kamen, war dieses geschlossen. Es ist
-auch nicht mehr als recht und billig, daß Gefängnisse
-des Nachts geschlossen sind. Der Polizist kehrte
-also mit seinen Gefangenen in ein Gasthaus
-ein, wo eben eine Hochzeit gehalten wurde, und
-gedachte da den Morgen abzuwarten. Er und
-Jakoble tanzten mit den Brautjungfern, Reinhard
-aber hielt sich traurig beiseite, denn er dachte
-an die Trudel. Am nächsten Morgen wurde er
-mit Jakoble eingekerkert. Die Zelle war so eng,
-daß Reinhard seufzte und sprach: »Hier hat man
-fast so wenig Luft wie in der Kiste, als sich der
-Müller grade oben auf das Luftloch gesetzt hatte;
-denn da wäre ich fast erstickt und mußte gewaltig
-anklopfen.«
-
- * * * * *
-
-Ach, du schwere Zeit! In der Waldmühle
-schlug die Uhr keine gute Stunde mehr. Der
-Müller ging in verbissener Wut umher; die Trudel
-weinte sich die Augen rot, wenn sie daran dachte,
-wie Reinhard und Jakoble von dem barbarischen
-Eberhard Schleifle so roh davongeführt worden
-waren.
-
-Nun war es damals wie immer im Mai: es war
-kalt. Die Eisheiligen hatten sehr strenge Herrschaft
-aufgetan, und der Müller saß eines Abends
-am Ofen und fror. Es war um die Dämmerstunde,
-und alle Leute waren in den Ställen beschäftigt.
-Der Müller war allein.
-
-Da tat sich die Tür auf, und ein fremder Mann
-trat ein, der war in einen schwarzen Mantel gehüllt
-und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen.
-Er grüßte nicht und stellte sich dem erstaunten
-und erschrockenen Müller ganz nahe gegenüber.
-Und er tat seinen Mund auf und sprach ohne jede
-weitere Einleitung:
-
-»Müller! Müller! Gold ist Wind!«
-
-Damit griff er dem Müller, der ganz verblüfft
-dasaß, an die Nase, zog ihm eine Menge Dukaten
-heraus und warf das blinkende Gold in die Luft,
-wo es spurlos verschwand. Dann sprach der
-Fremde weiter:
-
-»Müller! Müller! Gold ist Wasser.«
-
-Und er griff aus der Luft die Dukaten zurück,
-ließ sie am Herdfeuer auf seiner flachen Hand
-glänzen und steckte sie darauf in den Mund, worauf
-er einen Strahl Wasser auf den Fußboden
-spuckte, lachte und weitersprach:
-
-»Wenn nun Gold Wind und Wasser ist, müssen
-alle Wind- und Wassermüller im Lande reich
-werden.«
-
-Dem Müller standen die Haare zu Berge, und
-er vermochte es nicht, ein Wörtlein zu sagen.
-Der Fremde aber sagte:
-
-»Auch in der Erde liegt Gold.« Er bückte sich
-darauf nach dem schwarzen Estrich der ungedielten
-Stube und hob da viele Getreidekörner auf, die
-zuvor dort nicht gelegen hatten. Er zeigte dem
-Müller die Körnlein, und sie wurden zu Goldmünzen.
-
-»Wenn nun,« sprach der Fremde mit ernster
-Stimme, »Wasser und Wind und Erde Gold sind,
-warum hängst du so sehr am geprägten Golde?
-Wisse, es ist nicht gleich, ob du sagst: ›Wind ist
-Gold‹ oder ob du sagst: ›Gold ist Wind.‹ Es ist
-ganz etwas anderes, es ist das Entgegengesetzte.
-Verstehst du das?«
-
-Der Müller schüttelte den Kopf; in diesem
-Augenblick hätte er überhaupt nichts verstanden.
-
-[Illustration]
-
-Der Fremdling nahm nun den Hut ab und
-strich sich durch die Haare. Da zischten und blitzten
-Flammen daraus; auch begann die Nase des unheimlichen
-Gastes in grellem Lichte zu leuchten.
-Zwei große Augen richteten sich auf den zitternden
-Müller, und der Fremde sprach:
-
-»Den wahren Schatz hast du verschleudert; den
-Mann, der dir aus Wind und Wasser und Erde
-Gold gemacht hätte, hast du verjagt, und als ihn
-dir die höheren Mächte zurückbrachten, hast du
-ihn einem abscheulich verrohten Kerkermeister
-übergeben. Wenn du ihn nicht freimachst und ihn
-nicht deiner Trudel vermählst, so wird all dein
-Hab und Gut zerrinnen, so bist du über Jahr und
-Tag ein Bettler. Bedenke das wohl. Ich sage
-es, ich, der große Zauberer Kiutschitsufilutschi.«
-
-Und der Zauberer griff mit der rechten Hand
-eine kleine Trommel, mit der linken einen
-Schläger aus der Luft, schlug einen kurzen,
-dumpfen Wirbel, öffnete seinen Mund und spie
-Rauch und Flammen aus, warf Trommel und
-Schläger durchs geschlossene Fenster hinaus, nahm
-eine große Wurst vom Tisch, die sich zusehends in
-eine Schlange verwandelte und ihm in den Halskragen
-kroch, verwandelte ein Stück Speck, das
-dalag, in eine Maus, die in seine Rocktasche
-schlüpfte, und verschwand knarrend durch die Tür.
-
-Den Müller schwitzte und fror in dem gleichen
-Augenblick. Lange saß er fassungslos da, dann
-schrie er um Hilfe. Das Trudelchen kam gesprungen
-und war außer sich vor freudigem Schreck,
-als ihr der Vater keuchend sagte:
-
-»Trudelchen, zieh dir eine Jacke an; wir müssen
-augenblicklich den Reinhard aufsuchen, und du
-mußt ihn heiraten! Es ist etwas Schreckliches
-geschehen: du mußt jetzt den Reinhard heiraten,
-oder ich werde ein Bettler.«
-
-O, wie flink hatte das Trudelchen die Jacke an
-und das Tuch über den Kopf gebunden! Die
-beiden machten sich nun auf und gingen zu Herrn
-Schleifle, der eben vor der Tür seines Bahnwärterhauses
-damit beschäftigt war, sich mittels
-eines Steines auf der Schiene Haselnüsse aufzuklopfen.
-
-Er hielt in seiner Arbeit inne und sah die beiden
-erwartungsvoll an.
-
-»Schleifle,« sprach der Müller, und man hörte
-ihm an, daß ihm das Reden schwer wurde,
-»Schleifle, du bist ein Mann der Gerichtsbarkeit.
-Du hast den Reinhard eingesperrt und mußt nun
-sehen, daß du ihn wieder herausbekommst, denn
-mein Trudelchen muß ihn heiraten.«
-
-Herr Schleifle war sehr erstaunt, und indem er
-einige Haselnußschalen von der Schiene putzte,
-dachte er bei sich: Ei, ei, seht an, das Mädel hat
-den Alten herumgekriegt; nun soll es ihn aber
-auch was kosten! Er schob also seine Amtsmütze
-aufs linke Ohr und sagte:
-
-»Reinbringen ist leicht; rauskriegen ist schwer!
-Reinhard sitzt da drin im Namen des Gesetzes;
-ich kann ihn nicht begnadigen.«
-
-Der Müller griff in die Hosentasche und ließ
-von ungefähr einen blanken Taler sehen, aber
-Schleifle, der schnell im stillen ausrechnete, drei
-Taler seien mehr als einer, meinte:
-
-»Die Obrigkeit sieht nicht aufs Geld. Reinhard
-ist nun einmal ein Räuber und muß dafür
-brummen.«
-
-In diesem Augenblick kam ein Zug angesaust.
-
-Herr Schleifle, der dieses Ereignis nicht vermutet
-hatte, sprang beiseite und stand stramm,
-in der einen Hand den Stein, in der anderen die
-Haselnußtüte. Auch als der Zug fort war, blieb
-Herr Schleifle fest und meinte, die Geschichte mit
-Reinhard sei ein schwerer juristischer Fall und
-er könne da vorläufig nichts tun.
-
-Mit diesem Bescheid mußten sich die beiden
-begnügen, und der Müller ging verdrossen mit
-dem weinenden Trudelchen heim. Was sollte nun
-werden? Der unheimliche Fremde, der so unerhörten
-Zauber ausüben konnte, hatte gedroht,
-der Müller würde zum Bettler werden, wenn der
-Reinhard die Trudel nicht heiratete. Und Schleifle
-war als Beamter wie von Stahl und Eisen. Was
-sollte nun werden?!
-
-Eine schwermütige Nacht brach an. Das Trudelchen
-war schluchzend nach seiner Schlafkammer
-gegangen; der Müller saß allein und hörte den
-Nachtwächter die zehnte Stunde tuten. Die Zukunft
-lag erschreckend und trostlos vor ihm. Wie
-der Fremdling Trommel und Schlägel durchs
-geschlossene Fenster geschleudert hatte, so würde
-all Müllers Geld und Gut auf die Gasse fliegen,
-er mochte es verschließen und bewachen, wie er
-wollte. Und wie sich Müllers schöne Wurst und
-sein saftiges Stück Speck in eine Schlange und eine
-Maus verwandelt hatten, so würde all seine Habe
-der Geier holen. Wer kam gegen Zauber an?
-
-Wie nun der Ärmste noch in so schweren Gedanken
-dasaß, hörte er plötzlich vom Garten her
-wieder das silberhelle Klingen des Glöckleins.
-Mit drei Sätzen war der Müller im Hof, ergriff
-den Spaten und eilte nach dem Garten. O, wenn
-der Reinhard wieder unter dem Baume in der
-Erde steckte, welch ein Glück!
-
-Der Müller stieß den Spaten in den Rasen,
-hob die Schollen ab, grub, grub um den ganzen
-Baum herum, und fand schließlich ein Kästlein,
-das zwar nicht ganz klein war, aber sich doch bequem
-in den Händen tragen ließ.
-
-Wie betäubt stand der Müller mit dem Kasten
-da, stand wohl länger als fünf Minuten still,
-ehe er die Kraft fand, mit dem Schatz nach der
-Stube zu gehen.
-
-Dort öffnete er den Kasten und stieß einen
-jubelnden Schrei aus.
-
-Gold! Gold! Gold! Pures, eitles, blinkendes
-Gold! Flimmernde Stücke ohne Zahl! Der
-Müller schloß die Augen, nahm drei, nahm zehn
-Münzen, nahm beide Hände voll und lachte und
-schluchzte und verschluckte sich und bekam einen
-Krampfhusten vor lauter Freude.
-
-Zehnmal wühlte er die Hände in den goldenen
-Segen. Das war ein Reichtum ohne Maß. Auch
-Diamanten, Rubinen und schimmernde Smaragdsteine
-waren unter den Münzen, und manch einer
-von den Edelsteinen war so groß wie ein Taubenei.
-
-Der Müller brach in Tränen aus. Er war
-reich, reich wie kein Mensch der Welt, reicher als
-der Kaiser, reicher als der Sultan, reicher selbst
-als Herr von Pritzewitz, der drei Rittergüter besaß!
-Nun war alles gut und herrlich, nun konnte
-sich sein Trudelchen goldene Schuhe und silberne
-Schürzen kaufen, und jeder Jackenknopf sollte
-ein Demant sein. Und den Reinhard wollte er
-loskaufen, den Reinhard --
-
-Hm! Halt! Halt! Hm! Vorsicht! Immer sachte!
-
-Man brauchte nichts zu voreilig zu tun, man
-konnte es sich überlegen. Wer war er jetzt, der
-Müller, wer war die Trudel, und wer war der
-arme Reinhard? Unerhört wäre es, wenn ein
-Müllerbursch eine Prinzessin heiratete, die die
-Erbin solcher Güter war, die einen Fürsten oder
-gar einen Offizier bekommen könnte. Müller
-übereil' dich nicht! Wenn das Mädel das hier
-sieht, diese Pracht, diesen märchenhaften Reichtum,
-dann wird sie schon von selbst vernünftig werden.
-Der Zauberer? Der Zauberer mit seiner Prophezeiung?
-Wo ist seine Prophezeiung? Wenn
-er der Teufel gewesen ist, muß er ein sehr dummer
-Teufel gewesen sein. Ist das der Rückgang von
-Müllers Wohlstand? Kann soviel Geld und
-Reichtum überhaupt je zu Ende gehen? Unsinn!
-Müller, sei fest, jetzt kann dir kein böser Geist mehr
-was anhaben. Halloh, nun mußte noch alles
-anders, ganz anders kommen, mußte so kommen,
-wie es der Müller wünschte. -- --
-
-Es klopfte ans Fenster. Der Müller erschrak
-und schloß den Kasten. Draußen an den Scheiben
-wurde das rote, umfangreiche Riechorgan Herrn
-Schleifles sichtbar. Der Müller ging in den Hof
-hinaus.
-
-»Was willst du?«
-
-Herr Schleifle machte eine hoheitsvolle Amtsmiene.
-
-»Müller,« sagte er, »ich hab mir's überlegt und
-die Gesetzbücher nachgeschlagen. Ich könnte den
-Reinhard doch vielleicht freikriegen. Aber es ist
-ein schwieriger Fall. Und Spesen wird's machen,
-viel Spesen.«
-
-Der Müller sah Herrn Schleifle hochmütig an.
-
-»Ich brauch' dich nicht mehr, Schleifle. Es ist
-anders gekommen. Meinetwegen kann nun der
-Reinhard solange im Gefängnis sitzen, wie ihm und
-den Herren Richtern beliebt. Nicht einen Pfennig
-gebe ich für ihn her.«
-
-Damit schlug er dem verdutzten Gerichtsmann
-die Tür vor der Nase zu und ging nach der Stube
-zurück. Dort wartete er, bis er sich völlig unbeobachtet
-wußte, und öffnete dann wieder sein
-Schatzkästlein.
-
-Da starrten seine Augen -- -- da stieß er einen
-Schrei aus, der durch die ganze Mühle gellte, und
-fiel schwer zu Boden. -- -- --
-
-Das Trudelchen fand ihren Vater vor einem
-geöffneten Kästlein, in dem nichts war als ein
-paar Scherben, ein paar Kieselsteine, ein Bündelchen
-dürres Gras und ein Häufchen Asche.
-
- * * * * *
-
-Vierzehn Tage lang lag der Müller krank, dann
-stand er auf, tat Geld in seinen Beutel und
-wanderte nach dem Amtsgericht. Dort fragte er
-nach Reinhard. Er hörte, daß Reinhard und Jakoble
-inzwischen nach der Stadt hineingeschafft und dort
-von dem Gericht freigegeben worden wären, da
-keine Schuld an ihnen gefunden worden sei.
-
-Der Müller wanderte nach der Stadt und fragte
-nach Reinhard und Jakoble. Sie waren auf und
-davon; niemand wußte wohin.
-
-Da ging der Müller aus der Stadt hinaus,
-setzte sich auf einen Wiesenrain und schluchzte zum
-Steinerbarmen. Nun wußte er, daß sein Glück
-dahin war, wußte, wie grausam sich die Prophezeiung
-des fremden Zauberers erfüllen
-würde. Eine ingrimmige Reue erfaßte den
-Müller. Wie hatte er sein Glück verscherzt! Nun
-mußte er ein Bettler werden, wenn er Reinhard
-nicht fand und nicht Schuld und Strafe von sich
-und seiner Mühle abwandte. Suchen mußte er
-den Reinhard, suchen, und wenn ihm die Füße
-bluteten.
-
- * * * * *
-
-Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze
-Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen
-fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie
-nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch
-er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß
-er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht
-war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine
-Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum
-verpfändet und sein Kind davongetrieben
-worden in die weite Welt. Das hätte er nicht
-ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die
-ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn
-er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden
-und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen.
-
-So wurde der Müller wirklich ein Bettler.
-
- * * * * *
-
-Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart
-lang und grau geworden waren, kam er in eine
-Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die
-unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber
-war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing
-ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als
-Aushängeschild haben. Über der Tür stand:
-Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im
-Fenster, an der Tür und an den Wänden waren
-große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu
-lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares
-Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende
-Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!«
-Und so waren noch viele Schilder
-und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles
-eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«,
-»Hühneraugentod« und eine wunderbare
-»Wünschelrute« angezeigt.
-
-Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein
-aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte:
-
-»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd?
-Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar
-scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen?
-Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste
-Firma am Platz.«
-
-Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann
-fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen
-koste.
-
-»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das
-Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität
-an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht
-viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit
-ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird
-Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht
-zu viel sein.«
-
-Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte
-fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und
-ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht
-kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen
-Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen,
-und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte
-Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein
-Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen
-ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum
-daheim ausgegraben und das ihm erst so viel
-Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid
-gebracht hatte.
-
-»Was möchtet Ihr nun wissen?« fragte der
-Wahrsager.
-
-Der Müller seufzte und erzählte seine ganze
-Geschichte, vor allem, wie er nun seit Jahren Land
-aus, Land ein den Reinhard suche, der ihm allein
-sein Glück und seine Ruhe wiedergeben könne.
-
-Während dieser Erzählung rückte der Wahrsager
-unruhig hin und her, kratzte sich auf dem
-Kopf und wurde abwechselnd blaß und rot. Als
-der Müller geendet hatte, wandte sich der Barbier
-ab und sagte:
-
-»Ja -- hem -- das tut mir leid -- ja hem --
-das hätte ich nicht gedacht -- nicht -- nicht gewollt
-und ich -- ich -- nun wartet, da muß Euch ein
-stärkerer Geist helfen, als ich bin.«
-
-Ein Viertelstündchen verging, dann trat Kiutschitsufilutschi
-ins Zimmer. Der Müller stieß
-einen Schrei aus; aber der Zauberer beruhigte
-ihn und sprach: »Ich komme als dein Freund!
-Deine Schuld ist gesühnt; ziehe nach Hause, du
-wirst wieder glücklich werden.«
-
-Darauf legte er eine Schlange auf den Tisch;
-sie verwandelte sich in eine Wurst. Er ließ eine
-Maus aus dem Ärmel krabbeln; sie verwandelte
-sich in ein Stück Speck.
-
-»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube,
-ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch
-diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und
-fahrt heim!«
-
- * * * * *
-
-Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als
-er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn
-heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da
-alles antreffen werde.
-
-Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit
-einer Sense aufs Feld.
-
-»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag,
-bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?«
-
-Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und
-wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden
-Zurufe des alten Mannes kam er näher.
-
-»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir,
-was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle
-geworden?«
-
-Da duckte sich Jakoble und sagte:
-
-»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?«
-
-»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr,
-liebes Jakoble.«
-
-»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst
-verheiratet, und es geht ihnen gut.«
-
-»Sie sind -- sind verheiratet?«
-
-»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts
-gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die
-Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir
-beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren,
-ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich
-halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und
-Geld haben sie auch.«
-
-»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun
-wollen wir heimgehen.«
-
-Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller
-durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen,
-daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme.
-Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf
-dem Baume am Ende doch nicht noch einmal
-läute.
-
-Drei Tage später bekam Jakoble wieder die
-erste Ohrfeige.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der angebundene Kirchturm.
-
-
-Der Kirchturm von Waldauendorf war schlechter
-Laune. Er hatte auch Ursache dazu. Was meint
-man, was einem alten, ehrwürdigen Kirchturm
-alles passieren kann? Angebunden hatten sie
-ihn wie einen Hund! Da waren solche schnippische
-Kerle aus der Stadt gekommen, hatten
-eine endlos lange eiserne Schnur hinter sich hergeschleppt,
-sie an Bäumen und Masten befestigt
-und schließlich auch den Kirchturm daran gebunden.
-
-Also so etwas soll sich ein alter, ehrwürdiger Herr
-heutigen Tags gefallen lassen! Der Turm guckte
-mit seinen großen Augen, die als Wimper eine
-schöne Jalousie hatten, zornig auf die städtischen
-Knirpse, die einen mächtigen Haken in seine
-Seite schlugen und ein Porzellanhütchen daraufsetzten.
-Nun tut ja einem Kirchturm ein eingeschlagener
-Haken nicht mehr weh, als wenn andere
-Leute sich mit einer Stecknadel pieken. Auch das
-Porzellanhütchen hätte man sich gefallen lassen
-können wie einen schmucken Westenknopf.
-
-Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde,
-das ging gegen seine Ehre!
-
-Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst
-sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen
-feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand
-hinüber und wünschte, die Schweden möchten
-kommen und die Frechlinge, die unten auf
-der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren
-Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte
-die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen;
-es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre
-her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und
-auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln
-in den Gliedern, wie einem Bauern,
-der zur Treibjagd war, die Schrotkörner.
-Damals hat der Turm die Schweden als die
-Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb
-zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen,
-als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt
-wünschte er sie sich her. Die würden schon die
-bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten,
-vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken.
-
-Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal
-Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten
-ihr Werk und zogen mit einer anderen
-Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein.
-Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin
-angebunden.
-
-[Illustration]
-
-O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er
-seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen
-Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr
-Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen;
-ja, was nutzte ihm sogar sein größter
-Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig
-gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte
-Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen,
-war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und
-man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und
-Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und
-seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt,
-wie spät es sei. Schöne Zeit war das!
-
-Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre,
-seine frohe Laune. Er war angebunden! -- -- --
-
-Der Abend kam. Durch die Mauerluke des
-Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen,
-und ein paar kalte Tropfen rannen über seine
-großen Augen.
-
-Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie
-ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er
-nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen?
-Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt,
-wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er
-nicht in wilden Sturmnächten, wie in den
-Blütenstunden des Mai Wache gestanden an
-ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem
-Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen
-Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden
-Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld
-und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden
-Segen. -- -- --
-
-Ein paar Tage vergingen. Wieder war es
-Abend.
-
-Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der
-Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen.
-Aber in seiner Stimme war ein Klang
-von Trauer und Herzeleid. --
-
-Unten knarrte das Kirchhoftürchen.
-
-Die junge Frau Annemarie kam. Sie ging
-schnell und aufgeregt. Ihre Blicke irrten über
-den Kirchhof. Und sie fiel vor dem großen Kreuz
-auf die Knie, das unter der Linde stand.
-
-»Erbarm dich, Herr, erbarm dich! Laß mein
-Kind nicht sterben! Laß mein Kind nicht sterben!«
-
-Sie wiederholte schluchzend immer dieselben
-Worte.
-
-Der Kirchturm wußte Bescheid. In ein paar
-Tagen mußten seine Glocken klingen über einem
-kleinen Grab, und in sein Läuten würde sich
-lautes Mutterweinen mischen und der Gesang:
-»In der Blüte deiner Jahre ...«
-
-Der Turm kannte das. Es war das alte Lied
-seit vielen, vielen hundert Jahren. Mütter weinen
-an den Gräbern am schmerzlichsten.
-
-»Erbarm dich, Herr, laß mein Kind nicht
-sterben!«
-
-Wieder ging die Kirchhofstür. Der alte Herr
-Kantor kam. Er war wohl der Annemarie nachgegangen.
-
-»Der Arzt muß kommen!« sagte er zu ihr.
-
-Sie blickte ihn an wie irr.
-
-»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt
-und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das
-Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt
-zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das
-Kind tot -- ist es tot!«
-
-Da sprach der Kantor etwas, was der Turm
-durchaus nicht verstand; er sagte:
-
-»Ich werde dem Arzt telephonieren!«
-
-Und er zog die weinende Annemarie mit sich
-fort. -- -- --
-
-Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was
-war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms
-war schon ein bißchen morsch, und er mußte
-sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war
-sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich
-fein geblieben.
-
-O, was war das für ein wundersamer Abend!
-Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand,
-hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors.
-Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof,
-nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu
-sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert,
-aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm
-alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte,
-der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus.
-
-Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe
-war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war;
-der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries
-Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei
-Diphtherie, er werde sofort kommen und das
-Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund
-werden.
-
-So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen
-in seinem langen Leben, und als eine
-Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich
-durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden
-und Herzbeklemmung.
-
-Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der
-Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der
-Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen:
-
-»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische
-Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde
-war keine Zeit zu verlieren.«
-
-»Ja,« sagte der Kantor, »in meinen jungen
-Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß
-man einmal einen Draht an meinen alten Kirchturm
-befestigen und daß ich durch diesen Draht
-über Berg und Tal sprechen können würde. Eine
-neue Zeit!«
-
-»Keine schlechte Zeit!« sagte der Arzt.
-
-Die Männer trennten sich; der Kirchturm
-schnappte nach Luft. Also die Schnur, an die er
-gebunden war, war ein Draht, und durch diesen
-Draht konnte man bis in die Stadt sprechen!
-
-Der Turm dachte nach, daß ihm die Balken
-seines Gehirns knackten -- aber er kriegte nicht
-zusammen, wie das alles möglich sein könne.
-
-Da faßte ihn tiefe Betrübnis. Er holte schwer
-Atem und sprach zu sich selbst:
-
-»Wenn ich schon meine Gemeinde nicht mehr
-verstehe, wünschte ich, ich wäre tot. Vielleicht
-kommen die Schweden und erschießen mich, oder
-die Leute reißen mich weg und bauen einen
-neuen und klügeren Turm!«
-
-So stand er traurig die ganze Nacht. Am
-nächsten Morgen aber hörte er aus dem Draht
-heraus die Stimme des Herrn Pfarrers. Der
-sprach mit einem Dachdeckermeister in der Stadt
-und bestellte tatsächlich den neuen roten Hut für
-den Turm.
-
-»Wir müssen den alten Herrn schon etwas heraus
-putzen,« sagte der Pfarrer, »denn er ist ja im
-Nebenamt jetzt sogar Telephonbeamter geworden.«
-
-Telephonbeamter! Da habt ihr's! Da ist man
-ein großes Tier und weiß es gar nicht, da ist man
-ein Beamter und hat keine blasse Ahnung von
-seinem Beruf! Aber das sollte jetzt anders werden!
-Telephonieren wollte der Turm, was das
-Zeug hielt.
-
-Die gute Laune war plötzlich in goldenstem
-Maße wieder da. Der Turm sah nach seiner
-Taschenuhr. 9 Uhr! Wenn es der Dachdecker
-ebenso eilig hatte wie gestern der Doktor, konnte
-die Sache mit dem roten Hut also um 10 Uhr
-losgehen.
-
-So schnell ging's nun nicht. Aber der Turm
-war immerfort in großem Glücksgefühl; er wußte,
-daß er nach wie vor seiner Gemeinde diente.
-
-So mußte wohl auch auf den neuen Wegen der
-alte Gott regieren. Und hoch hob der Turm sein
-golden Kreuzlein über seine Gemeinde.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Ein Abenteuer auf der Themse.
-
-Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte
-passiert ist.
-
-
-»Weißt Du, was die ~Oxford-Cambridge Boat
-Race~ ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt
-in Achtern zwischen den Studenten der Universität
-Cambridge und Studenten von Oxford.
-Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange.
-Die Cambridger sind die Hellblauen und die
-Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die
-Hälfte von London auf Hellblau, die andere
-Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen
-dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen
-(natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet);
-Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten,
-Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen,
-die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder
-an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel!
-Ganz London auf der Themse oder wenigstens
-an der Themse.
-
-Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt
-in Verbindung, war reiselustig und fuhr
-extra von Berlin nach London, um an der ~Oxford-Cambridge
-Boat Race~ teilzunehmen und meinem
-Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der
-Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden
-oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei
-Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer
-bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten
-zu beobachten war.
-
-In London treffe ich einige Bekannte und mache
-mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf
-früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig
-und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel
-zehn Uhr.
-
-Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom
-Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich
-erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose
-verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter!
-Donnerwetter! So ein Lumpenkerl -- ich! Extra
-nach London gekommen, und nun -- wo sind
-die Strümpfe? -- Wenn bloß der Kragen nicht
-so blödsinnig eng -- Waschen? Verrücktheit! Ich
-wasche mich andermal wieder -- Himmel, da ist
-ja mein linker Schuh am rechten -- Portier!
-Portier! ~Waiter! Waiter!~ Einen Wagen! Ein
-~cab~! Sofort!
-
-Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir
-sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im
-Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche
-Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre,
-und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er
-ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr
-er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse,
-ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir
-müssen, müssen, müssen zurechtkommen!
-
-Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade
-noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich
-streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie
-ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich
-mich auf einen Straßenstein und knirschte vor
-Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse
-ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet
-hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse
-elend ersäufen -- mich!
-
-Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige
-Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen,
-und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere
-ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein.
-
-Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf
-anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein
-Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn
-der Start längst vorüber war. So schlenderte ich
-in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen
-den Kai entlang.
-
-Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher
-Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften
-lungerten träge herum, und
-der Kapitän spazierte auf Deck hin und her.
-
-Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke!
-
-»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den
-Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm
-ist, und ich muß nach Putney, ich muß!
-Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff
-nach Putney fahren?«
-
-»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in
-freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es
-wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney
-zu fahren.«
-
-Hurra!
-
-»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?«
-
-»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen
-Sie nur ein!«
-
-»Ja, ~my dearest~, so ungefähr möchte ich wohl ...«
-
-»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden
-sein. Indes vergeht sonst unnütz die
-Zeit.«
-
-Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf
-die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine
-riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach
-Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum,
-ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung.
-Und ich war sein einziger Passagier!
-An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt
-waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl
-großer Vergnügtheit ergriff mich.
-
-Der Kapitän trat an meine Seite und sagte:
-
-»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle
-bunte Leben und Treiben auf der Themse
-und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige
-Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier
-an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen
-Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und
-durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen
-Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.«
-
-Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs
-äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand
-und stellte mich an den bezeichneten Platz.
-
-Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine
-blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue
-Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen.
-Oxforder!
-
-Da -- mit einem Male stutzen die Leute im
-Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und
--- brechen in ein schallendes Gelächter aus.
-
-»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine
-dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei
-bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert
-habe, um noch nach Putney zu kommen,
-und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid
-bedankt, Freunde, seid bedankt!«
-
-Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue
-Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch
-viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit!
-
-Da -- ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische
-Partei. Aber auch sie -- auch sie brechen ja
-in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter
-aus ...
-
-Nanu!
-
-Was haben die Kerle zu lachen?
-
-Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer
-sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen
-mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen
-Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil,
-ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue
-Mütze und wundere mich nur, daß diese
-hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter
-lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann
-man alles erwarten.
-
-Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande?
-Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder
-stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff
-und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt
-stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer
-herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen,
-einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde
-und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden,
-Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit,
-und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen
-herbei und stimmen in das Gelächter ein.
-
-Ich winke hinüber -- stürmischer Jubel! -- ich
-begucke und betaste bestürzt meinen Anzug --
-zwerchfellerschütternde Heiterkeit, -- ich drehe
-mich verwirrt dreimal um meine Achse -- ein
-brüllendes Gewiehere -- ich reiße einen kleinen
-Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich --
-die Leute wollen bersten!
-
-»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn
-los?«
-
-Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem
-Gesichte an.
-
-»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch.
-
-»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist
-diese Gesellschaft!«
-
-Ein zweites, drittes, viertes -- zehntes Boot
-fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen,
-lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches
-Gelächter.
-
-Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe
-mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie
-Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die
-Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu
-machen.
-
-Sie lachen, sie lachen Stürme!
-
-»Kapitän, sagen Sie mir -- erklären Sie mir
-um Himmels willen -- das ist ja -- das ist ja --«
-
-»~Boat race~,« sagte er schmunzelnd.
-
-»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag
-ist, braucht doch dieses Volk nicht über
-einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes --«
-
-Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem
-zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die
-Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit
-den Wellen und lachen, lachen, -- -- -- sie ersaufen
-beinahe und zeigen doch auf mich und
-lachen -- lachen --
-
-Also -- irgend jemand mußte hier verrückt sein!
-Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich
-toll geworden war, so war wahrscheinlich ich -- --
-
-Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen
-Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich
-Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute
-und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft
-es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung.
-
-Da -- ein Marineschiff kommt daher. Endlich
-ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges
-Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren ...
-
-Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy!
-Eine einzige Nacht, und ich bin -- -- o, es ist
-nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich
-gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir
-das alles bloß ein! -- Aber hier stehe ich doch,
-hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch
-die Themse!
-
-»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich
-der Kapitän.
-
-»Guter Tag?«
-
-Ich fange an, einfach radzuschlagen und die
-Beine nach oben zu strecken.
-
-Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt,
-stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf
-kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern,
-überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen.
-Ich drehe mich um die horizontale oder
-um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie
-ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere.
-
-Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen,
-wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck.
-Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage.
-
-Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst
-in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei
-geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt,
-daß ich mich auf einem verhexten Schiffe
-befinde.
-
-»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will
-da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer.
-Verlangen Sie meinetwegen, was Sie
-wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen
-Schiff herunter!«
-
-Dort -- dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen
-zum Start. Die ganze internationale
-Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert
-für sie die ~boat race~ alles Interesse, alle wenden
-sich meinem Schiff zu, und ein internationales
-Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in
-aller Herren Sprachen.
-
-Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch
-diese -- auch diese Internationalen! Nur mühsam
-fuchtele ich noch mit den Armen.
-
-»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich.
-
-»Nichts!« sagt der Kapitän.
-
-»Nichts? Für einen Extradampfer -- nichts?
-Ach ja -- ich -- ich -- bin ja --«
-
-»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine
-Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet,
-und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist,
-Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären
-eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies
-zum freundlichen Andenken!«
-
-Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon
-alles eins; ich nehme das Paket.
-
-»Also nichts?« lallte ich.
-
-»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend
-Dank!«
-
-Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach
-dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich
-das Gelächter weiterdröhnt.
-
-Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage
-ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und
-Gelächterschiff zu werfen.
-
-Da sehe ich -- -- -- daß der ganze mächtige
-Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt
-ist.
-
-Ein Reklameschiff ist es.
-
-Und ich lese:
-
-»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle
-Krankheiten kommen aus der Leber! Und die
-Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen!
-Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund,
-Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen,
-Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln
-leidet, nehme Beechams Pillen!!!«
-
-Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender.
-
-Die Hauptsache aber:
-
-Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden
-und auf dem ich in der Erregung meine wilden
-Bewegungen mit den Händen und Beinen
-gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben
-gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben
-stand:
-
-»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen
-Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet
-stehen. Er hat Beechams Pillen genommen
-und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen
-und kräftigen Bewegungen!«
-
- * * * * *
-
-Das kleine Paket, das mir der wohlwollende
-Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt
-eine Schachtel Beechams Pillen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Ferienkolonisten.
-
-
-»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch
-in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger
-Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.«
-
-Es gab einen Tumult in der Klasse, als der
-Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen
-Dämpfer auf die Freude.
-
-»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule,
-und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von
-denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt.
-Also, von den 400 Kindern unserer Schule können
-nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen
-werden.«
-
-»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz
-Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei
-so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar
-nicht zu reflektieren.
-
-Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn,
-war der kleinste und schwächlichste von allen.
-Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den
-zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig
-zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel
-zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters
-alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen
-Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über
-16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken.
-Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte
-er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab.
-
-Er warf 18!
-
-Und richtig wurde er am nächsten Tage unter
-die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der
-Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz
-die zwei Glücklichen auswählen würde, die
-auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben
-sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben,
-fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen
-der Großstadt.
-
-Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich
-auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt.
-Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg
-stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein.
-Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß
-ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen
-würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen
-Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte.
-
-»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb
-Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal
-Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst
-mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar
-nicht mitgerechnet.«
-
-Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel
-mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter
-gerader ärmlich vor.
-
-[Illustration]
-
-»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,«
-sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal
-übers Treppengeländer gefallen.«
-
-»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und
-da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz.
-
-»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!«
-
-»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz
-Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule,
-und ganz können sie unsere Religion auch nicht
-ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!«
-
-So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und
-Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die
-ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen,
-um vier Wochen grüne Waldjugend zu
-suchen.
-
-»Es gibt doch gute Leute,« meinte Scholz;
-»Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet
-dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!«
-
-»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige
-Sommerfrische is immer noch 'n reeller
-Preis!« ...
-
-Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und
-über vielerlei gefragt, und endlich fällte der
-Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden
-Spruch:
-
-»In die Ferienkolonie werden mitgenommen:
-Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der
-Heinrich Menzel.«
-
-Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und
-der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich:
-
-»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs
-schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze
-Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in
-einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr
-gehen.«
-
-Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn,
-der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der
-Mann is 'n Antisemit.«
-
-Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn
-an zu heulen.
-
- * * * * *
-
-Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich
-Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng
-die Klause -- und doch vor dem träumenden
-Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand
-vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder
-zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See,
-eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund
-eine drohende finstere Burg.
-
-»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es
-da auch Wölfe und Löwen gibt?«
-
-»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter
-Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht,
-aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber
-und Wilddiebe.«
-
-»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine.
-
-»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich
-und setzte sich im Bette auf.
-
-Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen,
-wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die
-es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß,
-seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er
-von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte.
-Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die
-Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam,
-aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie
-auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und
-Adler würden einen Schreck bekommen und
-schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde
-ein Spaß sein. Augen würde er da machen --
-oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte
-vor den Augen ein Gruseln bekommen!
-
-Und dann konnte er mit dem Munde so
-täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der
-Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen
-wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine
-Schnur für die Angel besaß er schon; einen
-Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur
-der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl
-finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel
-krumm. Da würden aber die Hechte was
-zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze
-sammeln, nach dem Hexenhause im Walde
-suchen und womöglich einen Räuber fangen
-helfen! -- Oh!
-
-Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in
-seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete
-weit das Fenster und schaute hinaus.
-
-Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen;
-hinten am Horizont stand eine Wolke,
-die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die
-Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum
-der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland.
-Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land
-der Waldfreiheit war?
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt
-sagte der Lehrer in der Schule:
-
-»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an
-schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird
-Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie
-mitgenommen.«
-
-Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen:
-
-»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben;
-'s kann immer noch werden.«
-
-Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs
-beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber
-dann dachte er:
-
-»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das
-wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift
-auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken,
-wenn se dort nich zu teuer sind.«
-
-Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer
-in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte,
-kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal
-lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen
-seiner Schmerzen selig auf.
-
-Und einmal, als er einige Minuten unbewacht
-war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster,
-streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen
-und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern.
-Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war
-ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit
-eintrat.
-
-In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon
-auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen
-Brief von Moritz Cohn:
-
-Eulenhausen, den ...
-
-Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer.
-Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben,
-und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir
-einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben.
-
-Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es
-hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie
-lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen.
-Die anderen helfen auf dem Felde; ich
-bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich
-beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist
-ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig
-Losung hat der Mann einmal auf den ganzen
-Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit
-hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage,
-aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort.
-Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent,
-und wieviel wiegt er ein!
-
-Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen
-willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben.
-Wir werden's machen! Ich habe mit
-dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro
-Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung).
-Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich
-ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark,
-wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die
-lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten.
-Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust,
-und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat
-mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der
-Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht.
-Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit
-Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit
-sechs anderen zusammengetan, von denen gibt
-jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund
-sein wirst, vier Wochen hierher kommen;
-im September ist noch das schönste Wetter.
-
-Es grüßt dich Dein Freund
-
-Moritz Cohn.
-
-Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem
-Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein
-geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein
-dort der Herr aller Berge sein ... Räuber und
-Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht
-gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt
-und zugesehen, was der einnimmt.
-
-Die große Freude trat als Wundertäterin an
-Heinrichs Bett und machte ihn gesund.
-
-»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester
-nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn
-Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan
-hat, von denen jeder einen Taler
-gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!«
-
-»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist:
-er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den
-Wald!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Gedeon.
-
-
-Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein
-linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch
-zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller
-Seiffert, hatte auch zehn Kinder.
-
-Die befreundeten Familien standen natürlich
-gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten
-Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte
-Taler als Patengeschenk ins Haus; im
-Sommer trug mein Onkel in Begleitung des
-Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in
-Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer.
-So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«,
-und des Bedankens und Verwunderns ob der
-reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende
-werden.
-
-Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten
-über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen
-prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und
-Diphtherie und wurden alle ebenso prompt
-wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer
-Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für
-die beiden Ältesten und Größten gekauft, während
-sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang
-nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß,
-je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter
-sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig
-auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen
-die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr
-ruinierten.
-
-Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine,
-Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der
-Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich
-hieß er nicht Gedeon sondern August, aber
-er hatte sich den biblischen Heldennamen aus
-eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es
-hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen
-gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte
-Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm
-nannten ihn Gedeon.
-
-Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher
-dreißig Kinder; der Älteste des Krämers
-war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft
-nicht in Betracht kam, und der Älteste vom
-Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen,
-hörig gemacht worden.
-
-Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das
-Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern
-auch jedem seiner Untertanen einen biblischen
-Namen beilegte.
-
-Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder
-Josephs und der kleinen Propheten eine
-große Rolle. Schwieriger war die Benennung der
-Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith,
-Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden;
-als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen
-saß und in sanfter Unschuld an einer
-Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen
-werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber,
-verlegen hinter den Ohren und wußte keinen
-alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich
-sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie
-heißen: die makkabäische Mutter.«
-
-Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem
-hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die
-makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und
-erbärmlich zu schreien anfing.
-
- * * * * *
-
-In Ferientagen kam ich öfters in des Onkels
-Haus zu Besuch. Mein Vater behauptete zwar in
-einem schiefen Gleichnis, ich sei das elfte oder
-gar das einundreißigste Rad am Wagen, aber
-die Verwandten nahmen mich immer freundlich
-auf, ohne sich sonst weiter darum zu kümmern,
-was ich etwa äße oder tränke oder wo ich schliefe.
-Es kam vor, daß ich schon zwei oder drei Tage
-da war, ehe mich der Onkel bemerkte. Er hatte
-mich im Gewühl übersehen.
-
-Als ich das erste Mal auftauchte, musterte mich
-Gedeon kritisch und unterzog mich einer Prüfung.
-Ich mußte über einen ziemlich hochgehaltenen
-Stock springen, was ich fertig brachte, dann befahl
-er mir, ohne Leiter auf eine Linde zu kriechen,
-was gänzlich mißlang. Auch die Aufgabe, der
-Länge nach über einen beladenen Düngerwagen
-wegzuspucken, erwies sich als zu schwer für mich.
-Zuletzt sollte ich dem bösen Kettenhunde den
-Saufnapf mit Wasser füllen, was ich eifrig ablehnte.
-
-»Er kann nichts, und er hat Angst! Er ist ein
-Muttersöhnchen!« sagte Gedeon verächtlich und
-wandte mir den Rücken. Darauf wandten mir
-auch alle anderen den Rücken. Ich war ein Dummkopf;
-ich war ein Feigling. Ich hatte mich gesellschaftlich
-unmöglich gemacht. Nur die makkabäische
-Mutter nahm sich meiner ein wenig an,
-indem sie mich ihren Breilöffel ablecken lassen
-wollte.
-
-[Illustration]
-
-Zwei Tage lang litt ich als Unzünftiger, dann beschloß
-ich, durch eine Tat von außergewöhnlicher
-Intelligenz meine Schneidigkeit darzutun. Einen
-schlimmeren Schimpfnamen als »Muttersöhnchen«
-gibt es für einen Jungen nicht. Am liebsten
-hätte ich abgestritten, je eine Mutter gehabt zu
-haben.
-
-Nun hatte ich von Hause eine alte Schnupftabakdose
-mitgebracht, die ließ ich beim Krämer
-füllen. Im Kinderstaate ging alsbald die Mär
-von Mund zu Mund: »Er schnupft!« Das hörte
-auch der Autokrat Gedeon, und was ich gewollt
-hatte, geschah -- er suchte mich auf. Ich probierte
-gerade, auf einer starken Wagendeichsel auf einem
-Beine zu stehen, und fiel auf die Erde, als ich
-des Gewaltigen ansichtig wurde. Da lächelte er
-wieder verächtlich und hüpfte einmal höhnisch
-auf einem Beine die ganze Deichsel entlang,
-setzte sich aber doch zuletzt zu mir auf die Erde.
-
-»Was kannst du eigentlich?« fragte er kalt.
-
-»Ich hab' in Geographie ›gut‹ und im Aufsatz
-›genügend plus‹,« sagte ich beklommen.«
-
-Ob dieser Schulweisheit machte er nur eine
-maßlos verachtungsvolle Gebärde mit der Hand.
-Ich sah ein, daß ich mich da wieder greulich
-philisterhaft benommen hatte.
-
-Darauf legte er mir eine Reihe von Fragen vor:
-ob ich boxen, angeln, kopfstehen, radschlagen,
-Sechsundsechzig spielen oder wenigstens mit den
-Ohren wackeln könne.
-
-Nein, ich konnte von alledem nichts.
-
-Gedeon runzelte finster die Stirn. Nie war
-ein Prüfungskandidat in ärgeren Nöten als ich.
-
-Da platzte ich heraus:
-
-»Ich kann schnupfen!«
-
-Er sah mich etwas freundlicher an.
-
-»Wenn man richtig schnupfen kann, darf man
-nicht niesen hinterher,« sagte er.
-
-»Nein, nein, das darf man nicht,« beeilte ich
-mich beizupflichten.
-
-»Zeig' mir die Dose!« befahl er dann. Ich
-reichte ihm die Dose hin und bat ihn, eine Prise
-zu nehmen. Das tat er, und darauf blickten wir
-uns an. Ich sah, daß Gedeon feuerrot im Gesicht
-wurde, daß seine Nase hundert Runzeln zog, die
-Muskeln zuckten, sich die Lippen fest aufeinander
-preßten, die Augen tränten, sich das Gesicht verzerrte,
-die ganze Gestalt bebte, und dann -- nahm
-ich eine Prise und platzte augenblicklich los und
-nieste siebzehnmal.
-
-Als ich wieder geradestehen und keuchend Luft
-schöpfen konnte, stand Gedeon gelassen an die
-Wagendeichsel gelehnt und sagte:
-
-»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein
-einziges Mal geniest!«
-
-In diesem Augenblick fing ihm heftig an die
-Nase zu bluten.
-
-Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk
-aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf
-das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht
-hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und
-wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß
-ich »Habakuk«.
-
- * * * * *
-
-Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll
-kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß,
-was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann,
-ein grausamer Iwan oder ein Befreier
-wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame
-Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er
-bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig,
-nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich,
-er nahm immer das beste und gab stets
-den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen,
-versuchte einmal, eine Revolution gegen
-Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution
-einzuführen, dem Volke eine Mitregierung
-zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs
-Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte,
-worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit
-verfielen.
-
-Gedeons Taten sind unzählbar.
-
-Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit
-ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom
-Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers
-war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des
-Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße
-eine Linde. Wir erklommen also die Linde
-und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis
-über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor
-einem Unglück, aber eine noch viel größere vor
-Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte
-mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes
-über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht
-und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit
-Grausen hinunter auf den Strom blickend, und
-sagte dann schüchtern:
-
-[Illustration]
-
-»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause
-in unserem Garten schmecken doch besser.«
-
-Da spuckte er einen Pflaumenkern in den Strom
-und sagte:
-
-»Habakuk, du bist ein Schafskopf!«
-
-In diesem Augenblick kam der Weber mit
-einem Knüppel aus dem Hause gelaufen; ihm
-folgte seine Gattin mit einem Besen. Ich riet zu
-schleuniger Flucht, aber Gedeon hielt mich mit
-eiserner Hand fest. Inzwischen rannten die
-empörten Pflaumenbesitzer über eine Brücke,
-kamen die Straße herauf, langten an der
-Linde an.
-
-»Wart', ihr Kanaillen, -- kommt nur herunter
--- kommt nur herunter! Hier bleiben wir stehen,
-und wenn's bis übermorgen dauert.«
-
-Wir waren belagert. Kein Entrinnen möglich.
-Wir waren auf Gnade und Ungnade der bewaffneten
-Macht da unten verfallen.
-
-»Heinisch,« rief Gedeon mit ernsthafter Miene
-hinunter, »Heinisch, ich sage Ihnen, es ist ein
-Kunststück, auf einer Linde Pflaumen zu
-pflücken!«
-
-Heinisch geriet ob dieser neuen Frechheit in
-neue Wut und schwor, uns beide mausetot zu
-schlagen, wenn wir nur herunterkämen.
-
-»Ich werde gleich kommen!« sagte Gedeon,
-kletterte bis auf den untersten Ast und fixierte
-von da die Webersleute:
-
-»Also: wenn ich bis drei gezählt habe, springe
-ich runter und spring einem von Euch gerade auf
-den Schädel! Eins, zwei, dr--ei!«
-
-Kreischend wichen die Weberleute beiseite,
-Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der
-Straße an und begab sich in mäßiger Eile von
-dannen.
-
-Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen
-und einsam in meiner belagerten Baum- und
-Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will
-ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich
-schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine
-Position ließ sich nicht länger halten. So klomm
-ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte
-schüchtern:
-
-»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse,
-ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf
-drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei,
-drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm
-hinab.
-
-Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen
-und barbarisch behandelt. Als ich wieder
-zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade.
-Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige
-des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel
-in der Schule. Das war ein unabwendbares
-Naturereignis. Was aber mir passiert war, das
-hielt Gedeon für ehrenrührig.
-
- * * * * *
-
-Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft
-aus; er war nicht nur unser König, er war auch
-der oberste Priester.
-
-Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war
-das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt,
-nach dem jede zehnjährige männliche und jede
-achtjährige weibliche Person seines Reiches ein
-Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr
-er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare;
-er hatte seine eigene Frau Judith entlassen,
-weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht
-zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden
-bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an
-des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und
-diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen.
-Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte,
-aber zu einer Empörung kam es nicht.
-
-Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht,
-und ich hatte mich am Gründonnerstag als
-Feriengast im Hause des Onkels eingefunden.
-Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein
-liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau,
-eine Verwandte der Müllerleute.
-
-Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines.
-Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es
-sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch
-bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide
-und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß
-es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten
-sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und
-tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein
-Vater war Postschaffner, das war noch mehr als
-Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß
-Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule
-gehen und alle fremden Sprachen lernen
-würde.
-
-Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem
-fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff
-das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam
-und richtete die großen blauen Augen in
-die Ferne, nach der sie Heimweh hatte.
-
-Die makkabäische Mutter brach den Bann. In
-ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die
-Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen
-und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin,
-und nach und nach suchten sich auch die Jungen
-durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen
-ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst
-zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit,
-indem er der Feinen als Geschenk einen
-alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte.
-
-Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer
-verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm
-etwas auftauchen könne, das derart imponiere.
-Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich.
-Er versammelte das ganze Volk im Garten und
-führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle
-und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte,
-daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr
-auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da
-mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte
-sie nur:
-
-»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine
-Frau sich eine große Stange ganz frei auf die
-Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte
-und oben turnte. Und die Stange wurde
-nicht gehalten und fiel nicht um.«
-
-Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O,
-das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte,
-die sich die Stange auf die Brust stellt.«
-
-Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus:
-viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann
-sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal
-sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte
-von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel
-und vom Kamel, von schönen Engelein
-und drolligen Affen, vom Königssohn und vom
-Nilpferd.
-
-Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon
-keine Worte, stand stumm unter seinem Volk,
-fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem
-kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk
-mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine
-Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand
-er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und
-plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es
-an den Schultern und sagte: »Du -- du bist
-eine dumme Gans!« Und ging davon.
-
-Eine Stunde später rief er abermals das Volk
-zusammen und sagte: »Wer noch einmal -- noch
-ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus,
-und der darf nie mehr mit uns sein!«
-
- * * * * *
-
-So tat er die Fremde in die Acht.
-
-Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon
-war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den
-Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen
-neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden
-vorübergegangen war und sie kein Wort über
-seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte
-Gedeon hin und her und landete immer und
-immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst
-in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn
-einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte
-ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen
-Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten,
-der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf
-sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit
-wachen Augen träumend da. Und sprach leise
-und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!«
-Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas --
-was ich nicht für möglich gehalten hätte -- hörte
-ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte.
-
-Am nächsten Morgen erschien die Rebekka vom
-Müller und meldete, die Fremde wolle nach
-Hause. Es sei ihr bange, es gefalle ihr hier gar
-nicht. Gedeon geriet in große Erregung:
-
-»Sie wird nicht fort -- sie darf nicht fort --
-das werde ich ihr austreiben!«
-
- * * * * *
-
-Es war ein Wunder geschehen. Gedeon und
-die Fremde waren ausgesöhnt. Sie wanderten
-mit strahlenden Gesichtern durch den Garten,
-und Gedeon erweckte durch hundert Kunststücke
-im Herzen des Mädchens Liebe und Bewunderung.
-Am Nachmittag wurde sie in das »Volk«
-aufgenommen. Wir waren alle gespannt, wie
-die Neue heißen würde, da doch der Vorrat an
-Mädchennamen erschöpft war. So machte es
-einen tiefen Eindruck auf uns, als Gedeon dem
-schönen Kinde sein hölzernes Schwert auf die
-Schulter legte und mit glücklicher, ja, mit triumphierender
-Stimme sagte:
-
-[Illustration]
-
-»Ich nehme dich auf in das Volk und nenne dich:
-die Königin von Saba.«
-
-Holdselig lächelnd schaute das Mädchen zu dem
-Helden auf, und alles Volk neigte sich vor ihr.
-
-Ein wenig später nahm mich Gedeon zur Seite
-und sagte:
-
-»Ich werde die Königin von Saba heiraten!«
-
-»Du hast doch schon die Esther!«
-
-»Ach, die -- schaff' ich ab. Ich muß die Königin
-von Saba zur Frau haben, ich muß! Und wer
-was dagegen sagt, der --« Er runzelte die Stirn.
-Ich aber fand es unerhört, erst eine Judith laufen
-zu lassen und dann auch noch einer Esther den
-Laufpaß zu geben.
-
-»Was werden aber die andern dazu sagen?«
-
-Er machte eine verächtliche Miene.
-
-»Das ist egal! Die Esther wirst du heiraten
-oder der Zebulon.«
-
-Ich muß sagen, es empörte sich etwas in mir.
-Diese abgelegte Esther zu übernehmen, dazu hatte
-ich gar keine Lust. Doch wagte ich natürlich nicht,
-heftig zu widersprechen, sondern sagte nur:
-
-»Es wäre mir am liebsten, wenn ich vorläufig
-noch ledig bleiben könnte.«
-
-Er besann sich ein wenig und sagte dann: »Ja,
-du kannst mich mit der Königin von Saba trauen,
-und der Zebulon nimmt die Esther.«
-
-Die Gattenpflichten waren ja in diesem Volke
-sehr leicht. Sie bestanden darin, der Gesponsin
-beim Lumpenmann einen Ring zu kaufen, sie
-gegen ihre Feinde zu beschützen und beim Spiel
-ihr Partner zu sein. Immerhin tat mir Zebulon
-leid, denn Esther war drei Jahre älter als er und
-noch dazu seine Schwester. Das kann man nicht
-gerade eine vorteilhafte Partie nennen. Zebulon
-weigerte sich auch, wurde aber von Gedeon durchgehauen
-und war dann zur Ehe bereit.
-
-[Illustration]
-
-Mir fiel also das Amt zu, Gedeon und die
-Königin von Saba zu trauen. Es war eine saure
-Arbeit. Denn erstens waren mir die priesterlichen
-Gewänder, die sonst Gedeon trug, viel zu
-groß, und dann machte mir die Traurede viel
-Schmerzen. Es ist für einen Anfänger nicht leicht,
-gleich vor den Gewaltigen der Erde zu sprechen.
-Immerhin, ich nahm mich zusammen und stand
-würdevoll vor dem Altar, den Gedeon in einer
-großen Bodenkammer aufgebaut hatte. Der
-Hochzeitszug nahte. Die Braut trug einen
-wundervollen Schleier, den die Tante aufgesteckt
-hatte, Gedeon hielt effektvoll einen Zylinderhut
-in der Hand, den der Onkel geborgt hatte. Die
-andere Hochzeitsgesellschaft war weniger stilgerecht.
-Nabuchodonosor, der Trauzeuge war, hatte sich
-eine blaue Zuckerdüte auf den Kopf gesetzt, und
-die makkabäische Mutter, die als Brautjungfer
-fungierte, hatte sich den Gummilutscher mitgebracht.
-Einige Herren der Gesellschaft führten
-Säbel, Armbrust, Trommel oder Steckenpferd
-mit sich, und Ruben trieb mit seinem Bruder
-Lewy Allotria mit meiner Schnupftabakdose. Ganz
-aus der Art aber, war es, daß Salmanassar
-während der Trauung mit seinem Blaserohr nach
-dem Brautpaar Scheibe schoß.
-
-[Illustration]
-
-Unter diesen Umständen ist es nicht leicht, eine
-ergreifende Predigt zu halten. Ich tat, was ich
-konnte.
-
-»Geehrtes Brautpaar! Die Ehe stammt aus
-dem Paradiese. Da war Adam Bräutigam und
-Eva Braut.«
-
-Hier blieb ich stecken. »Braut -- Braut --«
-wiederholte ich einige Male mit einem fatalen
-Lächeln.
-
-»Jawohl Braut!« sagte Salmanassar im Hintergrunde.
-
-Ich machte ein hilfloses Gesicht und eine ohnmächtige
-Handbewegung. Gedeon, der Bräutigam,
-zog eine wütende Miene.
-
-»Weiter -- oder --«
-
-Dieser Wüterich hätte sich sogar an der Geistlichkeit
-vergriffen. Die Angst half mir. Allerhand
-fiel mir ein, was ich in Traureden gehört hatte.
-
-»Geehrtes Brautpaar, das ist eine feierliche
-Stunde.«
-
-»Der Salmanassar schießt mit'm Blaserohr,«
-kreischte mir Sarah dazwischen.
-
-»Schmeißt ihn raus!« rief der Bräutigam, indem
-er sich umwandte. Salmanassar flog hinaus.
-
-»Eine feierliche Stunde!« wiederholte ich. »Die
-Ehe ist schwer.«
-
-»Mit der Königin von Saba ist sie nicht schwer!«
-grollte der Bräutigam.
-
-»Nein, nein, mit der ist sie nicht schwer!« gab
-ich ohne weiteres zu und fuhr fort: »Ihr sollt
-alles miteinander tragen, Freude und Leid. Ihr
-sollt euch eure Schwächen verzeihen, denn jeder
-Mensch hat Schwächen. (Der Bräutigam schüttelte
-heftig den Kopf.) Wenn ihr krank seid, sollt ihr
-euch pflegen, und eure Kinder sollt ihr fromm erziehen.
-Amen.«
-
-Der Bräutigam zuckte die Achseln. Ich merkte,
-er war nicht zufrieden. Die Braut aber sagte
-laut: »Das hat er schön gemacht«, und da hellte
-sich auch Gedeons Gesicht auf, und ich konnte erleichterten
-Herzens die Zeremonie zu Ende führen,
-was mir über Erwarten gut gelang.
-
-Das Hochzeitsmahl war nicht schlecht. Die
-Tante kochte Schokolade für alle, und Gedeon
-gab vier Zigarren zum Besten, die er um zehn
-Pfennig in der Stadt gekauft hatte. Zwei rauchte
-er selbst, eine bekam ich als Stolgebühren, und
-eine bekam Zebulon, der Zwangsmann der Esther,
-gewissermaßen als Trostpreis.
-
- * * * * *
-
-Gott weiß, was in ihm steckte, was Großes und
-Seltsames aus ihm geworden wäre, oder was
-Großes und Seltsames verdorben wäre in der
-Enge seiner äußeren Verhältnisse. Was ist ein
-Held unter Bauern, wenn es ihm bestimmt ist,
-auch ein armer Bauer zu werden, wenn rings auf
-eine edle Seele die Knechtschaft lauert?!
-
-Und siehe, es wurde anders, als alle dachten.
-
-Gedeon tat das Kühnste, was noch keiner aus
-dem Volke gewagt hatte, -- er küßte seine Frau.
-Und alle die jungen Männlein und Weiblein
-sahen zu und lachten nicht einmal.
-
-Auf der Wiese, die am Flusse lag, wurde das
-Hochzeitsfest begangen mit Spiel und Tanz.
-Gedeon hatte seiner Braut einen Schneeglöckchenstrauß
-geschenkt, den trug sie an der Brust. Ein
-großer, weißer Strohhut lag auf ihren blonden
-Haaren und seine blauen Schleifen flatterten im
-Winde.
-
-Die Wiese war gelbgrün, die ersten Blättlein
-standen an Baum und Strauch, der brausende
-Fluß sang sein rollendes Frühlingslied, hoch im
-Blauen war Lerchengesang.
-
-Da streckte Gedeon seine starken Arme gen
-Himmel und fing laut und mächtig an zu schreien.
-Es war ein wilder, ein königlicher Schrei; Gedeon
-schrie vor Kraft und Glück.
-
-Dann funkelten seine Augen, und er sagte zu
-seiner Braut:
-
-»Paß auf, wenn ich zu den Soldaten geh, werde
-ich der alleroberste General. Oder ich geh auf die
-See!«
-
-Nahm sie plötzlich und schwang sie im Kreise
-herum und schrie wieder laut dabei vor Kraft
-und Glück und Lebenslust.
-
-Da löste sich dem Mädchen der Hut -- der
-Wind nahm ihn -- trieb ihn in den Fluß.
-
-»Mein Hut! Mein Hut!«
-
-»Ihr Hut, ihr schöner Hut!«
-
-»Sei ruhig, ich hole ihn!« -- -- --
-
-Dreißig Kinder standen am Ufer, als Gedeon
-in den Fluß sprang. Dreißig Kinder sahen freudig
-erregt zu, wie er dem Hut nachschwamm. Keines
-bangte um den Helden, dem alles gelang. Allen
-war es ein herrliches Schauspiel.
-
-Seht, er hat den Hut, er hebt ihn triumphierend
-über das Wasser. Er schwimmt an den Rand, --
-o, es hält schwer, -- die Strömung ist stark -- er
-ist in Kleidern -- aber er ist der Gedeon. --
-
-Halt, jetzt hat er den Erlenzweig! Seht, er
-schleudert den Hut ans Ufer. Da liegt er auf dem
-Erlenbusch.
-
-Er hat gesiegt, er hat gewonnen, wie er immer
-gewinnt. O, Königin von Saba, was sind deine
-Zirkuskünstler gegen den! In lachendem Stolz
-steht das ganze Volk am Ufer.
-
-Aber jetzt -- jetzt bricht der Erlenzweig, an dem
-sich Gedeon emporziehen will, und er -- er treibt
-nach der Mitte des Flusses zurück --
-
-O, laßt ihn nur, laßt ihn nur, es ist ja der
-Gedeon! Paßt nur auf, paßt auf, was noch
-Großes kommt!
-
-Da fängt ein Mädchen plötzlich an zu weinen
-und sagt:
-
-»Das Wehr! Müllers Wehr ist so nahe!«
-
-»Das Wehr! Das Wehr! Gedeon! Gedeon!«
-
-Und plötzlich schreien und weinen dreißig Kinder.
-
- * * * * *
-
-Wir konnten es lange nicht fassen, daß Gedeon
-tot sein sollte. Einer von uns sagte:
-
-»O, das läßt er sich nicht gefallen!«
-
-Er ließ es sich aber doch gefallen, ließ sich tragen
-und in den weißen Sarg legen. Und hielt
-ganz still.
-
-Es ging viel in diesem Sarg verloren. Verloren?
-O, jetzt glaube ich wohl: es wurde viel
-in diesem Sarg gerettet.
-
-Verwundert, scheu, standen wir um den toten
-Gedeon. Er hatte ein Gesicht, wie immer, wenn er
-unzufrieden war. Er war unzufrieden mit sich
-selbst, unzufrieden, daß er sich vor uns allen und
-vor seiner Königin von Saba als kein besserer
-Schwimmer gezeigt hatte. Wir gingen die Tage
-behutsam, scheu, furchtsam wie Diener, wenn ein
-strenger Herr schläft.
-
-Erst als der Sarg geschlossen wurde und Gedeon
-nicht dagegen tobte, sich nicht gegen den Deckel
-stemmte, sondern sich geduldig einnageln ließ, da
-fingen wir alle bitterlich an zu weinen.
-
-Der Verlust wurde uns klar, wir erkannten,
-daß unser König gestorben war, daß wir ein verwaistes,
-führerloses Volk waren.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Hotel Laubhaus.
-
-
-Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer
-liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt
-von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster.
--- In dem Laubhause wohnen: _Der Käfer._ -- _Die Fliege._
--- _Die Schnecke._ -- _Die Raupe._ -- Später kommt noch
-eine _Spinne_ und zuletzt der _Herbstwind_ dazu.
-
-=Käfer= (träumerisch):
-
-Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote
-Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der
-Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte.
-Das Licht war nicht schöner als dieses.
-
-=Fliege= (mißmutig):
-
-Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen
-und den Lampen! Die Menschen fangen uns,
-und die Lampen verbrennen uns. (Zur Schnecke):
-Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin?
-
-=Schnecke= (stolz):
-
-Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (Zur Raupe):
-Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas,
-wenn wir in demselben Lokal übernachten wie
-solches ... Geschmeiß?
-
-=Raupe= (seufzend):
-
-Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was
-soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt
-sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze
-ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein!
-
-=Schnecke=:
-
-Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich
-glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und
-verschließe die Tür ... das ist ja ganz klar!
-
-=Fliege= (heimlich):
-
-So 'ne hochmütige, dicke Schachtel!
-
-=Raupe=:
-
-Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht
-aus wie ein Prinz!
-
-=Schnecke= (mit fauler Stimme):
-
-Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren
-mir nicht! (Gähnt.) Ach, ich bin so abgespannt!
-Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen,
-und wenn ich hier noch so geniert bin.
-Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von
-Stande.
-
-=Raupe= (mit Bezug auf die Fliege):
-
-Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche
-Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste
-Blatt zum Bette aus.
-
-=Schnecke=:
-
-Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht
-sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide.
-Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich
-ziehe mich zurück.
-
-[Illustration]
-
-=Raupe=:
-
-Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen?
-
-=Schnecke= (schmerzlich):
-
-Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen
-mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht,
-liebes Fräulein!
-
-=Raupe= (sehr höflich):
-
-Gute Nacht, gnädige Frau!
-
-(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.)
-
-=Käfer= (traurig):
-
-Es ist noch goldener Sonnenschein draußen!
-Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der
-Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich
-friert. Ach, der Sommer ist weit!
-
-(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt
-von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt
-plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.)
-
-=Fliege= (aufkreischend):
-
-Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne!
-
-=Käfer= (bebend):
-
-Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin
-verloren!
-
-=Raupe= (aufgeregt):
-
-Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier!
-
-=Schnecke= (zur Tür heraus):
-
-Was ist denn los? Was ist denn das für ein
-Skandal?
-
-=Fliege= (jammernd):
-
-Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr
-Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke!
-Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o
-weh, o weh!
-
-=Spinne= (mit lauter Stimme):
-
-Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht!
-Ich bin viel zu satt. (Unheimlich.) Ich bin leider
-viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber
-wer ausreißt, den ermurkse ich ... jawohl, den
-ermurkse ich!
-
-=Schnecke= (für sich):
-
-Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt
-genug. Seht ihr zu! (Sie verriegelt die Tür.)
-
-Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie
-die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft,
-wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet.
-Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht
-weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden
-und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her.
-
-»Ein Kindlein ist gestorben
-Zur Herbsteszeit,
-Zu einem andern Frühling
-Zog es weit, weit ...
-Wir aber singen, wir singen
-Ein Lied ihm zur Ruh'
-Und decken den Sarg mit Erde
-Und weißen Astern ihm zu.«
-
-=Raupe= (in staunender Frage):
-
-Ein Kindlein ist gestorben?
-
-=Käfer= (schmerzlich):
-
-Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit
-seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal
-über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und
-das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot!
-
-=Fliege= (leichthin):
-
-Es wird schlafen wie wir, und im Frühling
-wird es wieder aufwachen.
-
-=Käfer=:
-
-Es schläft wohl länger ... es schläft viel
-länger!
-
-Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne
-ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie:
-
-»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau,
-Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau,
-Ich meide die Spatzen und Stare.
-Ich spinne Netze und stelle sie fein,
-Da geht mir junges Jagdwild hinein
-Im nächsten Jahre.«
-
-=Fliege= (heimlich zu Raupe und Käfer):
-
-Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn
-sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück!
-
-=Raupe=:
-
-Ich bin eher munter als sie und längst davon,
-wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner
-Prinz!
-
-=Käfer= (nickt freundlich)
-
-=Fliege= (bettelnd):
-
-Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes
-Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich
-auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich
-bin so langschläfrig!
-
-=Raupe=:
-
-Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken.
-
-=Fliege= (erleichtert):
-
-O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann
-kann ich ruhig schlafen! ... Ach, ist das schön in
-meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir
-träumte von einem großen Düngerhaufen und
-von lauter Milch und Zucker! (Halb im Einschlafen):
-Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen!
-(Fliege schläft ein.)
-
-=Raupe= (schüchtern zum Käfer):
-
-Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz?
-
-=Käfer=:
-
-Ich kenne dich nicht, aber du bist schön!
-
-=Raupe= (freudig):
-
-Sie finden mich schön! Die Menschen sagen,
-ich sei häßlich.
-
-=Käfer=:
-
-Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid
-und grünseidene Haare ... Du bist schön!
-
-=Raupe= (mit funkelnden Augen):
-
-Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann
-fliegen wie Sie, mein Prinz!
-
-=Käfer=:
-
-Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln
-und Diamantsteinen? So ein lichter
-Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir
-uns wieder bei den Lilien und Rosen!
-
-=Raupe= (begeistert):
-
-Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen
-und leuchten ohne Ende!
-
-=Käfer=:
-
-Ohne Ende!
-
-=Raupe=:
-
-Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz!
-
-=Käfer=:
-
-Wohin willst du?
-
-=Raupe=:
-
-Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen,
-indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich
-dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz!
-Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen ...
-mein schöner Prinz! (Sie verkriecht sich tief in einen
-Winkel des Laubhauses.)
-
-=Käfer=:
-
-Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen!
-Ich wollte, mir träumte von dem jungen
-Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte.
-Oder ich träumte von dem jungen Falter und den
-Rosen. (Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.)
-
-Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen
-vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind.
-Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des
-Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich
-überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt
-draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden,
-bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist.
-
-
-
-
-Mein Roß und ich.
-
-Erzählung aus der Zeit, da ich ein »Schlingel« war.
-
-
-Ich ging nicht in die Schule -- ich _ritt_! Ich
-konnte mir das leisten, denn ich hatte ein Roß,
-das nicht rechnen konnte. Wenigstens kam es nie
-hinter die verzwickten Schliche der indirekten
-Regeldetri. Bei »zehnstündiger Arbeitszeit«
-arbeiteten nach Meinung meines Rosses die bekannten
-»sechs Arbeiter« an dem bekannten »Graben«
-immer zehnmal so lange als bei einstündiger.
-
-Dieses Roß hieß Reinhold Sander, war zwei
-Jahre älter und zwanzigmal so stark als ich und
-im übrigen der gutmütigste Schuljunge von der
-Welt. Jeden Morgen erschien mein Roß in
-meiner großväterlichen Wohnung, stopfte sich
-schnell einen Apfel oder was etwa sonst Genießbares
-auf dem Fensterbrett lag, in die Hosentaschen,
-setzte mich auf seine Schultern und trabte
-mit mir zur Schule, wo es mich auf meinem
-Platz sänftiglich absetzte.
-
-Dafür machte ich meinem Rößlein in der
-Rechenstunde die tadellosesten »Bruchansätze«.
-
-Eines schönen Maimorgens ritt ich nun gerade
-zur Schule, stolz wie Darius zur Schlacht, als
-uns ein Mann begegnete, den sowohl mein Roß
-als ich nach dem ersten prüfenden Blicke als einen
-»Stadtklecker« einschätzten. Als »Stadtklecker«
-galt damals in meinem Feld-, Strauch- und
-Wiesendorfe ohne weiteres jeder städtisch gekleidete
-Mensch, der sich in seiner Gemarkung
-blicken ließ.
-
-»Nanu, nanu,« machte der Fremdling verwundert
-und musterte uns, »wo geht die Reise hin?«
-
-»In die Schule!« sagte ich und fuchtelte siegesgewiß
-mit meinem breiten Lineal wie mit einem
-Kriegsschwert.
-
-»Aber Junge, warum gehst du denn nicht zu
-Fuß? Kannst du denn nicht laufen?«
-
-»Besser wie Sie!« sagte ich frech. Der Fremdling
-erzürnte sich und schnauzte mein Roß an:
-
-»Wirf doch den Bengel ab! Wirst dich doch
-nicht mit ihm abrackern!«
-
-Mein Roß schüttelte die Mähne und stieß
-Dampf aus den Nüstern. Dann sagte es:
-
-»Er läßt mich die Regeldetri-Aufgaben abschreiben,
-und überhaupt geht Sie das 'n
-Quark an.«
-
-Nun raste der fremde Wandersmann und wollte
-mit seinem dünnen Spazierstock meinem Roß eins
-auf den sogenannten Bug geben. Das aber schlug
-nach hinten aus, schlug in eine Pfütze, bespritzte
-den Fremden von oben bis unten und setzte sich
-in Galopp mit mir.
-
-[Illustration]
-
-Als wir ein Stück davon waren, sang ich mit
-lieblicher, heller Stimme: »Stadtklecker! Stadtklecker!«
-und mein Roß wieherte und wieherte
-deutlich auf den Text »Stadtklecker! Stadtklecker!«
-
-An diesem Tage aber hatten wir in der ersten
-Stunde biblische Geschichte. Da ich zu Hause vergessen
-hatte, die »Bibel« zu lernen, wollte ich auf
-den Vorzug, sie vortragen zu dürfen, lieber verzichten
-und bat daher gleich nach Anfang der
-Stunde den Lehrer, »mal austreten« zu dürfen.
-Er brummte etwas von »ewigem Gelaufe« und
-ließ mich ziehen. Darauf trat ich dreiviertel
-Stunden lang »aus«. Als ich vermutete, daß
-die biblische Gefahr vorüber sei, näherte ich mich
-wieder behutsam der Schulstubentür und hörte da
-folgenden Meinungsaustausch.
-
-»Es heißt nicht Frau Putiphar, es heißt Frau
-Potiphar!«
-
-»Herr Schulinspektor!« hörte ich unseren Lehrer
-bescheiden einwenden, »bei uns in der katholischen
-Bibel schreibt sich die Frau mit u.«
-
-Mir aber wurde plötzlich an der Schulstubentüre
-so beklommen zumute, daß ich meinte, jetzt müsse
-ich wirklich mal austreten. Also verschwand ich
-noch auf fünf Minuten nach dem Hofe, dann aber
-trieb mich mein Pflichtgefühl und eine düstere
-Ahnung nach dem Klassenlokal.
-
-Heiliger Himmel, der plötzlich anwesende Kreisschulinspektor
-war tatsächlich unser »Stadtklecker«.
-Kaum erblickte er mich, so machte er auch schon den
-Finger krumm, winkte und sagte: »Komm mal
-her, du Schwede!«
-
-»Wo warst du denn bist jetzt?« herrschte er
-mich an.
-
-Ich sagte, ich sei nur schnell mal austreten gewesen.
-
-»Schnell mal austreten -- so! Du Range!
-Und über eine halbe Stunde bin ich schon hier.
-Wo warst du so lange, Schlingel -- he?!«
-
-Ich stotterte etwas von einer unheimlichen
-Bauchkrankheit, die ich hätte; er aber ergriff mich
-an den Ohren und begann in höchst lästiger und
-fataler Weise daran herumzuschrauben. Trotzdem
-hörte ich, wie mein Roß leise und zornig
-aufschnaubte, denn mein Roß liebte mich. Ich bekam
-noch eine ungewisse Anzahl von Ohrfeigen
-und konnte mich dann setzen.
-
-Der Herr Schulinspektor hielt nun eine donnernde
-Strafrede über die Roheit von Dorfkindern
-Fremden gegenüber, was ich mit äußerer Zerknirschung
-und innerer Gleichgültigkeit anhörte.
-
-Am Schlusse sagte er: »Der kleine Bengel dort
-ist zu faul, um in die Schule zu laufen; er reitet
-auf diesem langen starken Labander und läßt ihn
-dafür die Rechenaufgaben abschreiben.«
-
-Ein vernichtender Blick traf unseren herzensguten
-Lehrer.
-
-»Herr Schulinspektor, der Reinhold Sander ist
-einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst ein
-guter Junge.«
-
-Das alles galt nichts.
-
-»Sander, komm mal raus an die Wandtafel.
-Nimm die Kreide und schreibe auf:
-
-6 Arbeiter arbeiten über einem Graben von
-175 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ¾ ~m~ Tiefe
-18 Tage bei täglich zehnstündiger Arbeitszeit.
-Wie lange arbeiten 25 Arbeiter an einem Graben
-von 300 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ½ ~m~ Tiefe,
-wenn sie täglich nur 8 Stunden tätig sind?«
-
-O, du armes Roß! Ich sah, wie seine Mähne
-sich sträubte, wie schwerer Atem durch seine
-Nüstern drang und seine Läufe zitterten.
-
-Aber der Herr Kreisschulinspektor hatte seine
-Rechnung ohne den Telegraphen gemacht. Nämlich,
-wenn mein Roß an die Wandtafel gerufen
-wurde, galt folgende Telegraphie:
-
-Ich setze meinen Schieferstift scharf wie zu
-einem Punkt auf die Schiefertafel (heißt: Reinhold,
-dieses »Glied« mußt du über den Bruchstrich
-setzen).
-
-Ich mache einen quietschend langen Strich
-(heißt: das kommt unter den Bruchstrich).
-
-Einmal Hüsteln heißt: jetzt mußt du »kürzen«.
-
-Zweimal Hüsteln heißt: es läßt sich noch weiter
-»kürzen«.
-
-Schneuzen bedeutet: die Sache ist falsch.
-
-Kurzes Scharren bedeutet beifälliges »alles
-richtig!«
-
-Das Wunder geschah: Reinhold Sander rechnete
-die schwere Aufgabe völlig richtig. Als der
-Herr Schulinspektor, der inzwischen weiter geprüft
-hatte, an der Tafel das richtige Resultat sah,
-war er verwundert und sagte zum Lehrer: »Aber,
-der Kerl kann ja rechnen!«
-
-»Einer meiner schwächsten Rechner, aber
-sonst --«
-
-»Schon gut, ich sehe, das Rechnen klappt!«
-
-Und er machte für den Lehrer eine gute Note
-ins Protokoll. Die Stimmung des Schulgewaltigen
-schlug überhaupt sichtlich zum Besseren um
-und ehe er um ½11 ging, schraubte er mein
-Roß und mich nur noch einmal ganz leise und zärtlich
-an den Ohren und schied dann in Gnaden.
-
-Als um 12 Uhr die Schule aus war, bestieg ich
-mein Roß und ritt als ein Sieger heimwärts. Die
-kleinen Blessuren, die ich erlitten hatte, taten
-meinem Triumph keinen Eintrag. Ich streichelte
-mein treues Roß, und als wir ein Stück das Dorf
-hinauf waren, sangen wir in der Freude unseres
-Herzens gemeinsam: »Stadtklecker! Stadtklecker!«
-
-Auf einmal -- wie wenn wir den Rübezahl gerufen
-hätten und der fürchterliche Berggeist plötzlich
-vor uns stünde, tauchte der Schulinspektor aus
-einem Seitengäßchen auf. Wir hatten geglaubt,
-der Mann sei längst nach der Stadt zurück, und
-nun war er noch in der evangelischen Schule
-gewesen und noch im Dorf.
-
-Den bösen Geist sehen und vom Pferde fallen
-war eins. Der Herr Schulinspektor tobte. Da
-aber viele Feldarbeiter vorbeigingen und schmunzelten,
-fühlte er, daß er keine günstige Rolle spiele,
-wenn er sich mit uns beiden in einen Straßenkampf
-einließe, und herrschte uns also an:
-
-»Marsch nach der Schule zurück! Dort werdet
-ihr dem Herrn Lehrer sagen, was ihr getan habt.
-Er wird euch augenblicklich bestrafen. Ich gehe
-jetzt hier ins Wirtshaus, um meine Sachen zu
-holen. In einer Viertelstunde seid ihr vor dem
-Gasthaus. Wehe euch, wenn ihr meinen Befehl
-nicht ausführt!«
-
-Wir gingen nach der Schule zurück. Ja, ich
-muß es eingestehen, ich ging zu Fuß. Heimlich
-schlichen wir nach der Schulstube. Die war ganz
-leer. Aber der Lehrer bemerkte uns bald.
-
-»Was wollt ihr denn noch?«
-
-Da stotterte ich, ich hätte mein Lineal vergessen.
-Das Lineal war das wichtigste aller meiner Schulutensilien,
-denn erstens brauchte ich es als Waffe
-und zweitens fürs Freihandzeichnen.
-
-»Geht nur nach Hause!« sagte der Lehrer.
-
-Da glaubte ich, wir sollten ihm gehorchen und
-ihm weiter keinen Kummer machen, und wir
-gingen. Meinem Roß war dabei nicht ganz wohl.
-Aber draußen belehrte ich es über meinen Feldzugsplan,
-und wir gingen also zum Gasthaus,
-vor dessen Tür wir ein jämmerliches Geheul anfingen.
-Ich weinte bitterlich, und mein Roß
-strich sich fortwährend mit seinen Vorderhufen
-den Bug.
-
-Der Herr Schulinspektor kam erschreckt herausgestürzt.
-
-»Na, heult nicht so! Ihr macht mir ja das ganze
-Dorf rebellisch. Der Lehrer hat euch wohl etwas
-zu stark gezüchtigt?«
-
-Wir heulten noch lauter.
-
-»Jungens, seid still! Daß er euch so stark bestrafe,
-wollte ich ja nicht. Na, hört doch schon
-auf mit eurem Geheule! Es sind doch Leute im
-Gasthaus. Was sollen die sich denn denken?«
-
-Mein Roß schrie förmlich.
-
-Dem Schulinspektor war die Sache furchtbar
-peinlich; denn er hatte sein Amt erst angetreten
-und wollte nicht in den Ruf eines Kinderquälers
-kommen.
-
-Da schenkte er uns 10 Pfennige, sagte, wir
-seien ja sonst nette Kinder, auch fleißig in der
-Schule, hätten ihm Freude gemacht; da sollten
-wir also in Zukunft ein höflicheres Straßenbenehmen
-an den Tag legen, jetzt sofort ruhig
-nach Hause gehen und uns für die 10 Pfennige
-was kaufen.
-
- * * * * *
-
-Die 10 Pfennige nahm das Roß in Verwaltung
-und kaufte am Nachmittag drei Zigarren dafür.
-Jeder rauchte eine, die dritte rauchten wir zusammen.
-Wir saßen dabei auf unserem Windmühlberg,
-sahen nach der Kreisstadt hinüber und
-sangen aus vollen Lungen: »Stadtklecker! --
-Stadtklecker!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Räuber aus
-dem Riesengebirge
-
-
-Drei ehrbare Handwerker aus dem Riesengebirge,
-ein Schuster, ein Schneider und ein Hutmacher,
-beschlossen eines Tages, Räuber zu
-werden; denn ach, ihre Geschäfte gingen schlecht!
-Machte der Schuster ein Paar Stiefel, so kam sein
-Kunde nach ein oder zwei Tagen angehinkt,
-schimpfte, daß ihm alle Zehen zerquetscht und die
-Fersen zerrieben seien, schlug dem Meister die
-Stiefel um den Kopf und verlangte sein Geld
-zurück. Nähte der Schneider mit Sorgfalt und
-viel Geschicklichkeit einen Anzug, so wies ihm
-sein Kunde bei der Ablieferung mit rauhen Worten
-nach, daß das eine Hosenbein weit wie ein Mehlsack,
-das andere eng wie ein Pfeifenrohr sei, und
-daß der Rock hinten zwei Buckel mache, wie das
-Fell eines Trampeltiers. Maß der Hutmacher
-einem ein recht fesch Hütlein an, so saß es ihm
-am Ende auf dem Wirbel wie eine Hanswurstkappe
-oder fiel ihm in die Stirn bis über die Spitze
-des Kinnbartes herab.
-
-So sagten eines Tages die drei Meister zueinander:
-»Das Handwerk hat keinen goldenen
-Boden mehr. Man kann tun, was man will, das
-Publikum ist nicht zufrieden. Es gibt nichts als
-Zank und Streit. Wir wollen uns also nach einer
-friedfertigeren Beschäftigung umsehen.«
-
-Darauf beschlossen sie, Räuber zu werden, und
-meinten, dabei ihr gutes Auskommen zu haben.
-Sie wuschen sich nun sechs Wochen lang nicht
-mehr, kämmten ihr Haar nicht mehr und zogen
-ihre ältesten Kleider an. Darauf nahmen sie von
-ihren Freunden Abschied, sagten, sie möchten sie
-nur in gutem Andenken behalten, zogen in den
-Wald und wurden Räuber.
-
-Zwei Tage und zwei Nächte saßen sie unter
-dunklen Bäumen und lauerten, ob jemand des
-Weges daherkommen würde. Es kam aber niemand,
-und die Räuber froren und langweilten sich.
-Zum Glück hatten ihnen ihre Freunde Essen und
-Trinken mitgegeben, sonst hätten die armen Kerle
-Not leiden müssen.
-
-Am zweiten Tage gegen Abend meldete der
-Schneider, der als Kundschafter ausgeschickt worden
-war: es ziehe ein starker Mann daher. Er sei
-groß wie ein Riese und habe einen Knüppel in
-der Hand. Man könne nicht wissen, was er im
-Schilde führe.
-
-[Illustration]
-
-Da versteckten sich die drei Räuber hinter die
-Brombeerhecken und atmeten auf, als der starke
-Kerl vorbei war. Der Hutmacher aber, welcher
-der Klügste von ihnen war, sprach:
-
-»Auf diese Weise werden wir auch keine guten
-Geschäfte machen!« Und er hielt eine Rede, und
-alle drei beschlossen, den nächsten Wandersmann
-zu überfallen, sei es auch, wer es sei.
-
-Wie nun der Morgen in hellgoldener Pracht
-über den Bergen aufging, kam der Schuster angerannt
-und sagte: ein einzelner Reiter komme
-den Talweg herauf. Es sei wohl ein reicher
-Ritter, denn er habe eine Feder auf dem Hut und
-trage ein seidenes Wams. Er sei schon ganz
-nahe. Das Schlimme sei nur, daß er ein Schwert
-an der Seite trage; man könne also nicht wissen,
-was er im Schilde führe.
-
-»Schwert oder nicht Schwert,« brüllte der Hutmacher
-so mutig, zornig und laut, daß die Luft
-dröhnte; »wir müssen ihm am Kreuzweg auflauern
-und ihm seine Habe abnehmen. Der
-Schneider wirft dem Pferde eine Schlinge um
-den Hals, der Schuster zieht den Ritter vom
-Roß herunter, und ich packe ihn dann von
-hinten!«
-
-In diesem Augenblick wieherte ein Pferd, und
-die drei Räuber rannten so schnell als möglich
-nach dem nahen Kreuzweg. Als nun der Ritter
-ankam, sprangen sie ihm mit einem fürchterlichen
-Geschrei entgegen.
-
-Und was nun kam, geschah alles blitzschnell.
-Der Ritter entriß dem Schuster die Schlinge und
-warf sie ihm selbst um den Hals, er zog den
-Schneider zu sich aufs Roß hinauf und packte den
-Hutmacher von hinten am Halswirbel. Darauf
-stieg er gelassen vom Roß herab, nahm auch den
-Schuster mit hinunter und legte alle drei Räuber
-sacht, aber bestimmt auf die Erde, mit den Nasen
-in den aufgeweichten Boden hinein. Dann befahl
-er ihnen, nur recht still zu liegen, da sie ja nicht
-wissen könnten, was er im Schilde führe,
-räumte ihnen die Taschen aus, was sie da noch
-an Wurst, Speck und Tabak hatten, zählte jedem
-mit der flachen Klinge seines biegsamen Degens
-zwanzig ansehnliche Streiche auf den Hosenboden,
-stieg dann wieder zu Roß und ritt langsam davon,
-indem er mit fröhlicher Stimme sang:
-
-»Es ist so schön der Morgen
-Im frohen Sonnenlicht,
-Kein Kummer und keine Sorgen
-Drücken mein Herze nicht!«
-
-Als der Ritter um die nächste Waldecke verschwunden
-war, hob der Hutmacher die Nase
-aus dem Schlamm, nieste kräftig und sagte:
-
-»Unser Anschlag ist fehlgegangen!«
-
-Nun erhoben sich auch die beiden anderen,
-gaben dem Hutmacher recht und waren allesamt
-äußerst betroffen.
-
-»Wir werden uns nach einem friedfertigeren
-Gewerbe umsehen müssen,« klagte der Schuster.
-Sie wußten aber keines, denn es waren kümmerliche
-Zeitläufte.
-
-So saßen sie am Kreuzwege und fingen schließlich
-alle drei an bitterlich zu weinen.
-
- * * * * *
-
-Plötzlich fuhren sie zusammen, denn es kam
-ein Mann gegangen.
-
-»Der Ritter!« schrie der Schneider und wollte
-entfliehen. Doch der Fremdling war schon da.
-Er führte das Roß des Ritters am Zügel und
-trug seine Kleider und Waffen; aber es war der
-Ritter nicht.
-
-Der Fremde machte erstaunte Augen, als er
-die drei sitzen sah, und fragte:
-
-»Was sitzt ihr drei armen alten Frauen hier
-und weinet?«
-
-»Wir sind keine alten Frauen,« schluchzte der
-Schuster, »wir sind Männer. Junge Männer!«
-
-»I der Dauz,« rief der Fremdling erstaunt,
-»junge Männer seid ihr! Wer hätte das gedacht!
-Aber sagt mir, warum weinet ihr?«
-
-»Weil es uns so schlecht geht,« heulte der
-Schneider.
-
-»Schlecht geht? Wieso? Wie kann es einem
-jungen Mann schlecht gehen? Sehet mich an!
-Ich bin ein Räuber. Mir geht es gut. Werdet
-auch Räuber, und es wird auch euch gut gehen!«
-
-»Wir sind ja Räuber!« sagte der Hutmacher
-kleinlaut.
-
-Da lachte der Fremde so laut, daß sich das Roß
-aufbäumte und dem Schneider einen Tritt auf
-die Schulter gab.
-
-»Ach, ihr seid Räuber? O, welch ein Spaß!
-Welch eine Überraschung! Warum aber habt ihr
-euch alsdann den reichen Rittersmann entgehen
-lassen, der vor einer Stunde hier vorbeizog?
-Seht mich an; ich bin ein einzelner Mann und
-habe dem Ritter alles abgenommen, was er
-besaß.«
-
-Der Schneider log, sie hätten den Ritter leider
-nicht gesehen; sonst hätten sie ihn schon ordentlich
-ausgeraubt, denn sie seien tapfere Leute, und von
-alten Weibern sei keine Rede.
-
-»Nun,« sagte der Fremde, »wenn ihr meine
-Kollegen seid, so sollt ihr wenigstens mit mir
-frühstücken.«
-
-Er packte nun die Wurst und den Speck aus,
-den der Ritter vordem den dreien abgenommen
-hatte, und lud zum Mahle ein. Der Fremde aß
-aber fast alles selbst, und dem Schneider, dem
-Schuster und dem Hutmacher blieb nicht viel mehr
-als von der Wurst die Haut und von dem Speck
-die Schwarte. Die lagen ihnen schwer im Magen.
-
-Während des Frühstücks erzählte der Fremde,
-er heiße Wolfsklaue und habe in den italienischen
-Abruzzen, im ungarischen Bakonywald und im
-Böhmerwald seine Studien gemacht. Neulich
-habe er sein Meisterstück gemacht, und nun wolle
-er hier im Riesengebirge das Räubergewerbe auf
-eigene Faust betreiben. Wenn es den dreien recht
-sei, sollten sie in seine Dienste treten; er nehme
-nicht mehr als die Hälfte der Beute für sich; die
-andere Hälfte solle den dreien überlassen sein.
-
-Da schlugen sie ein und wurden fröhlich.
-
- * * * * *
-
-»Kameraden,« sagte nun Wolfsklaue, »wenn
-wir rechte Räuber sein wollen, genügt es nicht,
-daß wir hier am Kreuzweg sitzen und heulen
-oder Wurst und Speck essen, sondern wir müssen
-auf Taten ausgehen.«
-
-O, da stimmten die drei anderen bei. Jahrelang,
-sagten sie, sehnten sie sich schon danach,
-mal etwas Ordentliches zu tun zu bekommen.
-Taten! Das sei so etwas für sie!
-
-»Gut,« sagte Wolfsklaue, »hört mich also an.
-Weit im Gebirge drin wohnt ein Müller, der ist
-so steinreich, daß er sich alle Tage mit Seife wäscht
-und seine Kühe mit Apfelsinen füttert. Den
-wollen wir ausrauben.«
-
-»Den wollen wir!« stimmten die drei freudig bei.
-
-»Ja, aber die Sache ist nicht so leicht. Der
-Müller ist ein starker Kerl und hat vier Knechte;
-auch sind er und seine Leute wohlbewaffnet mit
-Dolchen, Pistolen und Totschlägern. Überdies
-hat er zwei Bluthunde.«
-
-»Muß es nun grade der Müller sein?« fragte
-der Schneider.
-
-»Jawohl. Denkt doch an sein vieles Geld.
-Die Sache bedarf nur der nötigen Schlauheit.
-Hört mich an! Ich stecke euch in Getreidesäcke und
-verkaufe euch dem Müller als Korn und Gerste.
-Er schafft euch in seine Mühle. In der Nacht
-schlüpft ihr aus den Säcken heraus, öffnet mir
-die Tür, und alles andere laßt ihr mich besorgen.
-Ich habe nicht umsonst in Böhmen mein Meisterstück
-gemacht.«
-
-Auf diesen Plan gingen die drei ein, und am
-nächsten Morgen schon standen der Schuster, der
-Schneider und der Hutmacher als Säcke auf dem
-Getreidemarkt in Hirschberg.
-
-Es war ein warmer Tag und viel Volk beisammen.
-Damit nun die Säcke nicht um die Gestalten
-schlotterten, waren sie mit Heu ausgestopft.
-
-»Ich schwitz mich tot,« sagte der Hutmacher in
-seinem Sack.
-
-»Mensch, halt dein Maul,« knirschte Wolfsklaue,
-»oder du verrätst uns. Schwitze im
-stillen!«
-
-Nun kam ein Hund gegangen, schnubberte an
-dem Sacke, in dem der Schneider steckte, und
-fing ein wütendes Gebell an. Der Schneider erbebte;
-er erkannte den Hund an der Stimme; oft
-genug hatte er dem Köter früher einen Fußtritt
-gegeben. Jetzt mußte er es sich gefallen lassen,
-daß der Hund sich wie rasend in den Sack verbiß
-und ihn umriß. Alles Volk lachte.
-
-Eine Stunde später kam der Ratspolizist. Er
-hatte im Auftrage der hohen Obrigkeit einzelne
-Säcke zu öffnen und zu prüfen, ob sie auch gutes,
-gesundes Korn enthielten.
-
-»Wir sind verloren,« dachte der Schuster, als
-der Polizist gerade den Sack öffnete, in dem er
-steckte.
-
-Zum Glück war der Polizist sehr kurzsichtig.
-Als er nun die Nase tief in den Sack steckte und
-des Schusters strohgelben Schädel sah, sagte er
-befriedigt:
-
-»Ich habe lange kein Korn von so schöner goldener
-Farbe gesehen.«
-
-Und er band den Sack wieder zu. Der reiche
-Müller, der in der Nähe stand, hatte das lobende
-Urteil gehört, und da die Säcke groß und prall
-waren, kaufte er sie um einen guten Preis und
-ließ sie auf seinen Wagen laden.
-
-»Das war Zeit,« seufzte der Schneider; »ich habe
-schon das Zittern in den Beinen!«
-
-»Ich schwitz mich tot!« stöhnte der Hutmacher.
-
-»Ich schwitze so,« sagte der Schuster, »daß der
-Schweiß sicher schon durch den Sack dringt. Es
-ist wenigstens gut, daß wir jetzt liegen!«
-
-Nun kam der Müller, befühlte die Säcke und
-sagte: »Oho, sie sind ja feucht! Wenn ich nur
-kein dämpfiges Korn gekauft habe. Es scheint
-bei der Ernte nicht ordentlich ausgetrocknet zu
-sein. Peter, lade das andere Korn auf und laß
-uns heimfahren!«
-
-Der Knecht lud nun noch etwa zehn Säcke auf
-und warf sie mit Wucht auf die drei Räuber,
-welche angstvoll ihr letztes Stündlein gekommen
-glaubten. Sie seufzten, stöhnten, ja schrieen zuweilen,
-und es war nur gut, daß der Wagen, der
-sich in Bewegung gesetzt hatte, so laut knarrte,
-daß von den Angstrufen nichts zu hören war.
-
-Der Weg von Hirschberg bis zur Mühle betrug
-sechs Stunden. Es war eine so schreckliche Fahrt,
-daß der Schuster bei sich meinte, fast sei es weniger
-arg, ein Paar Stiefel zu machen, als ein solch
-heißes und drückendes Abenteuer zu erleben.
-Und die beiden anderen hatten ähnlich düstere
-Gedanken.
-
-Endlich ging auch dieser Schmerzensweg zu
-Ende. Der Wagen hielt; die Säcke wurden abgeladen.
-Steif standen die drei Räuber, ohne sich
-zu rühren. So zerschlagen und zerschwitzt sie sich
-fühlten, freuten sie sich doch, daß bis jetzt alles
-glatt abgelaufen war, und hofften auf gute Beute
-und auf die Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters
-Wolfsklaue.
-
-Ach, es kam anders.
-
-»Hm! Dieses Korn scheint wirklich ganz
-dämpfig zu sein,« sagte der Müller; »sieh mal,
-Peter, die Säcke sind naß, wie wenn sie aus dem
-Wasser gezogen wären. Da bin ich betrogen worden.
-Am besten ist es, wir schaffen das Zeug
-bald weg. Schütte es augenblicklich in die große
-Schrotmühle; wir machen Schweinefutter daraus!«
-
-Wie der Schneider etwas von der Schrotmühle
-und vom Schweinefutter hörte, schrie er laut auf
-vor Angst, warf sich um und rollte durch den
-Hof. Von den anderen beiden Säcken begann
-der eine zu hüpfen, der andere um Hilfe zu
-schreien. Der Peter schrie, der Müller schrie, die
-anderen Knechte kamen gesprungen und schrieen,
-die Bluthunde heulten, und es ward ein großer
-Lärm.
-
-Das Ende vom Liede war, daß die Säcke geöffnet
-und die drei Räuber herausgezogen wurden.
-Triefend von Schweiß, mit angstverzerrten Gesichtern
-und schlotternden Beinen standen sie da,
-und als einer der Knechte rief:
-
-[Illustration]
-
-»Die haben sich einschleichen wollen; das sind
-Räuber!« ging ein toller Lärm an. Der Schuster,
-der Schneider und der Hutmacher bekamen so
-viel Prügel, wie nie drei Räuber oder sonstige
-schlichte Bürger Prügel bekommen haben. Halb
-totgeschlagen wurden sie endlich zum Tore hinausgeworfen.
-Dort blieben sie anfangs wie betäubt
-liegen; dann krochen sie, hinkten sie, schleppten sie
-sich in den Wald hinein.
-
-Dort trafen sie Wolfsklaue.
-
-Als er hörte, was vorgefallen war, sprach er
-ihnen erst sein Bedauern aus, dann hieb er sie
-noch einmal durch, indem er sagte:
-
-»Ein richtiger Räuber darf nicht zucken und
-mucken, auch wenn er zu Schweinefutter gemahlen
-werden soll.«
-
- * * * * *
-
-Wochenlang kühlten sich die Räuber ihre brennenden
-Gebeine. Sie lagerten sich ins weiche
-Moos und legten sich gegenseitig Salben und
-kühlende Kräuter auf. Wolfsklaue erschien nur
-alle drei Tage bei ihnen, brachte ihnen einige
-Stücke harten Brotes, das sie sich im Wasser des
-Baches aufweichen mußten, und tat sich selbst bei
-Braten und Wein lecker. Manchmal erzählte er
-von seinen Taten; Schlösser hatte er ausgeraubt,
-reisende Kaufleute überfallen und andere einträgliche
-Geschäfte gemacht. So strotzten seine
-Finger von funkelnden Ringen; er hatte in jeder
-der sechs Taschen seiner rotseidenen Weste eine
-Uhr stecken und eine Kette daran und trug in jeder
-Hand zwei Spazierstöcke mit silbernen Knäufen.
-Jedesmal kam er auf einem anderen Roß angeritten,
-die immer aus Arabien stammten; die gestickten
-Decken waren aus Persien, das Lederzeug
-aus England, die Beschläge aus Italien.
-Aus Deutschland war nichts, das wäre zu gewöhnlich
-gewesen.
-
-Während nun die drei armen Kerle ihre Brotrinden
-aßen und sich von Zeit zu Zeit den abheilenden
-und darum juckenden Buckel krauten,
-hielt Wolfsklaue schwelgerische Mahlzeiten, funkelte
-mit seinen Ringen, zog seine Uhren auf und
-putzte seine goldenen Ketten mit einem Lederlappen.
-
-Die drei armen Hascher sahen mit gierigen
-Augen zu. Und eines Tages, als Wolfsklaue
-wieder ganz aufdringlich geprahlt und die drei
-sehr schlecht behandelt hatte, sagte der Hutmacher,
-als sie wieder allein waren:
-
-»Brüder, das halte aus, wer da wolle! Es ist
-schlimmer als ein Hundeleben! Was hat uns
-Wolfsklaue dagelassen? Nichts! Nicht einmal
-die Knochen von seinem Wildbret. Die hat er
-seiner dänischen Dogge gegeben. Es macht mir
-keinen Spaß mehr, ein so armer Teufel zu sein;
-ich will lieber so reich sein wie Wolfsklaue und
-werde das in drei Tagen erreichen.«
-
-Der Schneider fragte den Hutmacher freundlich,
-ob er etwa Kopfschmerzen habe und am Gehirn
-leide; aber der Hutmacher verneinte das und sagte,
-er sei kein bißchen verrückt, sondern er habe im
-Gegenteil einen großartigen Plan.
-
-Erst nach Mitternacht, als der Mond schon
-untergegangen war, und das kleine Holzfeuer, um
-das die drei saßen, erlosch, gab der Hutmacher
-seinen Plan kund.
-
-»Überfallen müssen wir ihn!«
-
-»Wen?«
-
-Der Hutmacher zog das linke Ohr des Schneiders
-und das rechte des Schusters dicht an seinen Mund
-und flüsterte:
-
-»Ihn -- Wolfsklaue!«
-
-Da rissen die beiden ihre Ohren los und sprangen
-in die Höhe. Sie schüttelten sich vor Entsetzen.
-
-Aber als die Sonne aufging, hatte des Hutmachers
-große Redekunst über alle Besorgnisse
-gesiegt, und es war ausgemacht, das nächste
-Mal Wolfsklaue zu überfallen, sobald er seine
-Waffen abgelegt hatte und seine Dogge in den
-Büschen verschwand, um nach Wildfährten zu
-spüren. --
-
-Der dritte Tag erschien; aber Wolfsklaue erschien
-nicht. Da bekamen die drei Angst, er möge
-am Ende von ihrem Anschlag Wind bekommen
-haben.
-
-»Man kann bei ihm nie wissen, was er im
-Schilde führt!« sagte der Schneider besorgt. Die
-beiden anderen schwiegen und sahen bedrückt vor
-sich hin. Es war ganz still im Walde. Kein Laut
-rührte sich. Nur die Magen knurrten von Zeit
-zu Zeit im Dreiklang, oder ein Schluchzer oder
-Seufzer kam aus einem bärtigen, verwilderten
-Räubermunde.
-
-Am vierten Tage erschien Wolfsklaue. Er trug
-eine flimmernde Königskrone auf dem Kopf, ein
-ganzes Bündel von Spazierstöcken mit goldenen,
-silbernen und demantenen Knäufen unter dem
-linken Arm, unter dem rechten hatte er ein
-Szepter gequetscht, und in der Hand hielt er eine
-goldene Kugel. Von seinen Schultern fiel ein
-Purpurmantel, der mit Edelsteinen übersäet und
-so lang war, daß er den halben Waldweg entlang
-schleifte. Um den Hals trug er so viel
-goldene Ketten, daß sich unter der Last sein Nacken
-krümmte; seine Brust und sein Bauch waren wie
-ein Spiegel, weil dort gar so viele Orden blitzten,
-sein rechtes Hosenbein war aus himbeerrotem
-Sammet, sein linkes aus bernsteingelber Seide,
-an dem rechten Fuß hatte er einen Stiefel von
-Elenleder, an dem linken einen perlengestickten
-Pantoffel.
-
-Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher
-sprangen ob des wunderbaren Anblicks in die
-Höhe und fielen dann platt auf die Nasen.
-
-»Guten Tag, meine Herren,« sagte Wolfsklaue
-freundlich und lüftete die Krone; »ich freue mich,
-euch so wohl zu sehen. Ihr habt euch jedenfalls
-hier gut unterhalten. Ich habe inzwischen ein
-kleines Geschäft erledigt. Ich hatte eine Zusammenkunft
-mit dem Könige von Polen. Ihr
-seht, daß ich mir einige kleine Andenken mitgebracht
-habe. Es war wirklich sehr nett!«
-
-Er winkte dem Hutmacher, ihm vom Pferde zu
-helfen, gürtete sich sein Schwert ab, das er dem
-Schneider übergab, nahm seine Pistole aus dem
-Gürtel und gab sie dem Schuster, raffte schließlich
-seinen Purpurmantel zusammen und legte sich
-auf die Erde.
-
-»Aber anstrengend ist es, meine Herren, sehr
-anstrengend! Ihr glaubt gar nicht, wie müde ich
-bin! Siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig
-Soldaten habe ich erst entfernen müssen, ehe ich
-mit Se. Majestät unter vier Augen reden konnte.
-Gebt mir doch mal die Flasche aus der Satteltasche.
-Es ist alter Malvasier drin. Und füllt eure hohlen
-Hände dort am Brünnlein, und dann wollen wir
-mal auf meine Gesundheit trinken.«
-
-Es geschah alles, wie Wolfsklaue es wünschte.
-Die drei armen Hascher füllten ihre Hände an
-der Quelle, und dann mußten sie mit der Hand
-an Wolfsklaues goldenem Becher anstoßen und
-»Zur Gesundheit!« sagen.
-
-»Ah, das schmeckt? Nicht wahr?« fragte Wolfsklaue,
-als sie getrunken hatten. »Ein bißchen
-schwer ist der Trank; aber wie Feuer geht er
-durch die Adern. Nun, lassen wir es uns wohl
-sein! Einen Sieg, wie den meinen, muß man
-feiern. Ich denke, wir trinken noch ein Schöpplein!«
-
-Wieder mußten die drei armen Hascher ihre
-hohlen Hände an der Quelle füllen und mit
-Wolfsklaue anstoßen.
-
-»Wohl bekomm es!« sagte Wolfsklaue; »es geht
-nichts über einen guten Trunk. Man wird so
-fröhlich dabei.«
-
-Der Hutmacher hustete sehr laut und sagte, er
-habe sich verschluckt.
-
-»Immer hübsch langsam trinken,« mahnte
-Wolfsklaue; »immer alles mit Maßen! Ich
-möchte wohl noch einen dritten Becher; aber ich
-sehe, ihr habt schon genug, und ich bin auch müde.
-Ich will ein wenig schlafen. Ihr drei möget
-Wache stehen und mich wecken, wenn der Morgen
-graut. So hat jeder sein Vergnügen. Gute
-Nacht!«
-
-Er schlief ein. Die Krone rutschte ihm tief in
-die Stirn herab, er legte das himbeersamtne
-Hosenbein über das bernsteingelbe, faltete die
-Hände auf seinem dicken, ordengeschmückten Bauche
-und schnarchte bald laut und tief.
-
-Die drei anderen Räuber schauten sich an.
-Der Schneider wischte sich den Mund ab; der
-Schuster klagte, das kalte Wasser sei ihm in seine
-hohlen Zähne gekommen; der Hutmacher sah
-finster vor sich hin. Auch das Roß hatte sich gelegt,
-sich mit den Zähnen die schwere persische Seidendecke
-zurechtgezupft, so daß es nicht frieren konnte
-und schlief auch ein. Die große dänische Dogge
-verschwand im Walde, um zu wildern.
-
-Die Nacht brach herein; der Mond verbarg sich
-hinter den Wolken. Da runzelte der Hutmacher
-die Stirn, blitzte die beiden anderen mit den
-Augen an und sagte leise:
-
-»Jetzt, jetzt ist's Zeit!«
-
-Bei diesen Worten krümmte sich der Schneider
-zusammen, sagte, es käme ihm in den Leib, und
-verschwand im Gebüsch. Der Schuster hielt den
-linken Fuß vorgesetzt, um zur Flucht bereit zu
-sein, der Hutmacher aber warf sich heulend auf
-Wolfsklaue, packte ihn am Halse und schrie:
-
-»Gib alles her! Gib alles her!«
-
-»Was -- was ist -- was ist los --«
-
-Wolfsklaue rieb sich die Augen. Er sah den
-Hutmacher über sich knien und schrie plötzlich
-ganz jämmerlich:
-
-»O weh! O weh! Ich bin überfallen! Ich habe
-keine Waffen! Ich bin verloren! Wehe mir!
-Wehe mir!«
-
-Pardauz, lag auch der Schuster über ihm her
-und rief dem Hutmacher zu:
-
-»Mach Platz! Mach Platz! Ich will ihn auch
-würgen!«
-
-Und nun traute sich auch der Schneider aus dem
-Gebüsch, kam vorsichtig näher und hielt den Pantoffel
-in der Hand, den Wolfsklaue, weil er mit
-den Beinen um sich schlug, verloren hatte.
-
-So wurde Wolfsklaue besiegt. Stück um Stück
-nahmen ihm die drei Räuber ab, zogen ihn aus
-bis aufs Hemd. Dann zwangen sie ihn, an der
-Quelle seine hohle Hand zu füllen, mit ihnen anzustoßen,
-die nun der Reihe nach den Becher
-leerten, sich hinzulegen und von jedem zehn
-Stockhiebe aufzählen zu lassen. Am Schluß gaben
-sie ihm aus Gnade den schäbigen, geflickten Mantel
-des Schneiders um; er mußte gegen alle vier
-Himmelsrichtungen hin eine Verneigung machen
-und zu der Räuber Gaudium laut schreien: »Ich
-bin ein großer Esel«, und dann wurde er in die
-finstere Nacht hinausgejagt.
-
- * * * * *
-
-»Nun wollen wir die Beute teilen,« sagte
-der Hutmacher. »Ich für meinen Teil begehre
-nur die Hälfte all dieser Sachen; die andere Hälfte
-ist für euch beide.«
-
-»Was?« höhnte der Schuster; »wenn drei
-teilen, wird wohl ein jeder ein Drittel bekommen.«
-
-Der Hutmacher schüttelte den Kopf.
-
-»Seit Wolfsklaue besiegt ist,« sagte er würdig,
-»bin ich euer Hauptmann.«
-
-Die beiden anderen brachen in ein schallendes
-Gelächter aus.
-
-»Lacht nicht!« begehrte der Hutmacher auf.
-»Wer hat den Gedanken gehabt, Wolfsklaue zu
-überfallen? Ich! Wer hat ihn tatsächlich überfallen?
-Ich!«
-
-»Ich auch!« rief der Schuster, »und außerdem
-hatte er mir sein Schwert übergeben; ich hatte
-euch alle in meiner Gewalt.«
-
-»Ja, wenn ich nicht die Pistole gehabt hätte,«
-meinte der Schneider; »eine Pistole ist flinker
-als ein Schwert.«
-
-»Wenn du schießen könntest, du Tolpatsch!«
-höhnte der Schuster.
-
-»Kannst du etwa fechten, du Dämlack?« zischte
-der Schneider.
-
-Da fuhren sie sich in die Haare und prügelten
-sich. Der Hutmacher setzte sich indessen die Königskrone
-auf und zählte die Dukaten, die sie Wolfsklaue
-abgenommen hatten. Als das die beiden
-Kampfhähne sahen, ließen sie ab von einander
-und fragten: »Was tust du da?«
-
-»Ich zähle mir die Hälfte der Beute ab,« sagte
-der Hutmacher in Gemütsruhe, »Daran werdet
-ihr zwei Dummköpfe nichts ändern.«
-
-Da sahen sich der Schuster und der Schneider
-mit einem bedeutungsvollen Blicke an, und
-plötzlich stürzten sie sich auf den Hutmacher und
-überwältigten ihn. Sie drohten, ihn zu töten,
-wenn er ihnen nicht gänzlich gehorsam sei. Darauf
-prügelten sie ihn durch, zwangen ihn, seine hohle
-Hand an der Quelle zu füllen und mit ihnen am
-goldenen Becher anzustoßen, und jagten ihn dann
-in die Nacht hinaus. -- --
-
-»Jetzt wollen wir zwei die Beute teilen,«
-meinte darauf der Schneider, »und es soll jeder
-seine Hälfte bekommen.«
-
-»Jawohl,« sagte der Schuster; »aber da ich
-zuerst den Gedanken hatte, den Hutmacher zu
-überfallen, gebührt mir die größere Hälfte. Ich
-werde sie mir auswählen, und was übrig bleibt,
-sollst du erhalten.«
-
-Damit bückte er sich zu den Schätzen nieder.
-Der Schneider aber griff blitzschnell nach der
-Pistole und dem Degen und rief:
-
-»Laß alles liegen oder du bist ein Kind des
-Todes!«
-
-Da erschrak der Schuster, und da der Schneider
-alles Ernstes drohte, ihn zu erschießen, entfloh er
-schreiend in den Wald.
-
-So kam es, daß der Schneider, der größte Feigling
-unter allen, zuletzt ganz allein in dem Besitz
-der geraubten Reichtümer des Polenkönigs war.
-
- * * * * *
-
-Der Hutmacher und der Schuster waren sich im
-Walde begegnet und saßen sich grollend gegenüber.
-Plötzlich sahen sie Wolfsklaue daherkommen.
-Er ritt auf einem starken Ziegenbock
-und hatte einen Stecken in der Hand. Zuerst
-schien es, als ob er entfliehen wolle, aber dann
-kam er näher, grüßte demütig und sagte:
-
-»Ich hoffe, edle Herren, daß ihr mir nichts
-mehr anhaben werdet. Denn sehet, ich bin ein
-geschlagener Mann. All mein Hab und Gut habe
-ich verloren; ich sitze jetzt auf einem Ziegenbock
-und habe einen Stecken als Waffe; ich muß also,
-da ich in meinem Räubergewerbe pleite geworden
-bin, ganz klein wieder von vorn anfangen.«
-
-Da erzählten ihm die beiden, der Schneider sei
-eine Bestie, er habe sie beraubt und betrogen,
-und sie seien nun ebenso arm wie er.
-
-»Man hätte es dem Schneider nicht angesehen,
-daß er ein so großer Held ist,« meinte Wolfsklaue
-nachdenklich. »Da er nun alles Geld und alle
-Waffen hat, ist es am besten, wir gehen hin und
-wählen ihn zu unserem Hauptmann.«
-
-»Ich will lieber deinen Ziegenbock zu meinem
-Hauptmann wählen als den Schneider,« knirschte
-der Hutmacher.
-
-»Nun, einen Hauptmann müssen wir haben,«
-lächelte Wolfsklaue, »und mein Ziegenbock wird
-die Wahl nicht annehmen. Er ist ein sehr gescheites
-Tier. Wählen wir also den Schuster!«
-
-»Den Schuster?« schrie der Hutmacher. »Noch
-eher wählte ich den Schneider als den Schuster.«
-
-Da saß ihm der Schuster auch schon an der
-Gurgel, und sie prügelten sich. Wolfsklaue aber
-setzte sich an den Wegrand, streichelte seinen Ziegenbock
-und sang mit fröhlicher Stimme:
-
-»Im holden Waldesfrieden
-Da wird der Wandrer froh,
-Nichts Schönres gibt's hienieden,
-Trara, trara, hallo!«
-
-Während er noch so fröhlich sang und die beiden
-anderen rauften, trat etwas Seltsames in Erscheinung.
-Das Araberroß kam daher; ganz langsam
-hob es die Beine wie in zierlichem Tanz und
-wandte den Kopf schelmisch bald hin, bald her.
-In den Zähnen aber trug es ein zappelndes
-Bündel von Purpur, himbeerfarbenem Samt und
-bernsteingelber Seide, auch fiel bei jedem Schritt
-ein kostbarer Orden klirrend auf den Waldboden.
-Neben dem Roß trabte die dänische Dogge, die
-trug das Schwert im Maule.
-
-Als Roß und Hund bei Wolfsklaue ankamen,
-legten sie ihre Bürde vor ihm nieder. Da wickelte
-sich aus dem zappelnden Bündel erst eine Königskrone
-heraus, aus der unten nur die Stumpfnase
-und der Ziegenbart des Schneiders hervorschauten;
-dann kam der ganze Schneider zum Vorschein,
-und eine meckernde Stimme rief um Gnade.
-
-»Nun also!« rief Wolfsklaue und nahm das
-Schwert an sich, »so sind wir ja alle wieder beieinander.
-
-O, tut das Scheiden noch so weh,
-Ich weiß, daß ich dich wiederseh.«
-
-Er blitzte mit den Augen.
-
-Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher
-warfen sich nun vor Wolfsklaue nieder und baten
-und wimmerten um Verzeihung.
-
-Wolfsklaue sagte gar nichts. Er band den Schuster
-an den Halftergurt und den Schneider an
-den Schweif seines Rosses, legte den königlichen
-Schmuck wieder an, schwang sich auf das Roß und
-befahl dem Hutmacher, sich auf den Ziegenbock zu
-setzen, denn er verdiene eine Auszeichnung.
-
-Dann ritt Wolfsklaue zwei Tage und zwei
-Nächte lang ohne zu rasten über das ganze Riesengebirge
-weg und kam mit seinen Gefährten in
-das Land Böhmen.
-
- * * * * *
-
-Diese Reise war für die drei, die nicht auf dem
-Pferde saßen, äußerst beschwerlich. Der Schuster
-mußte so rasch traben, daß ihm oft der Atem ausging,
-der Hutmacher saß auf dem Ziegenbock wie
-auf einem schlingernden Schiff, das in schwerem
-Sturm hin- und herstößt, bald hoch, bald niedrig
-geht und seinem Passagier sehr übel am Magen
-mitspielt, und der arme Schneider am Pferdeschwanze
-verlebte erst recht keine gute Zeit. Das
-Roß nahm in keinerlei Weise Rücksicht auf ihn.
-Das Schlimmste aber geschah, wenn sich dem
-Hengst eine Fliege in die Flanke setzte. Dann
-hob er den mächtigen Schweif und hieb ihn samt
-dem Schneider nach der Fliege, daß dem armen
-Kerl, der so durch die Luft sauste, Hören und
-Sehen verging.
-
-[Illustration]
-
-Wolfsklaue aber pries die Annehmlichkeiten der
-Reise und die Schönheit des Gebirges und sang
-fröhliche Wald- und Wanderlieder.
-
-Als sie nun nach Böhmen kamen, wurde endlich
-Rast gehalten. Die drei armen Hascher fielen
-wie tot auf das grüne Moos und schliefen drei
-Tage und drei Nächte lang. Dann weckte sie
-Wolfsklaue und sagte, plötzlich wieder sehr
-freundlich:
-
-»Liebe Kameraden, es tut mir leid, euch in
-eurem kurzen Schlummer stören zu müssen; aber
-wir müssen nun endlich ausführen, was wir uns
-vorgenommen haben; wir müssen auf Taten ausgehen.«
-
-»Herr,« meinte der Hutmacher, »ich bitte euch,
-gebt mir Urlaub. Ich will mein Räuberleben
-beenden. Ich kann ein wenig singen und Gitarre
-spielen; da will ich sehen, wie ich mich hierzulande
-durchschlagen kann.«
-
-»Wäre noch schöner,« rief Wolfsklaue, »in
-Böhmen betteln und singen zu gehen, ist das
-Dümmste von der Welt; denn die Hälfte aller
-Böhmaken sind selbst Bettler oder Musikanten.«
-
-»Ich,« sagte der Schneider, »möchte mich als
-Bauernknecht vermieten.«
-
-»Und ich,« sagte der Schuster, »will wieder
-Stiefel machen.«
-
-»Mensch, willst du wieder ein Verbrecher werden?«
-fuhr ihn Wolfsklaue an. »Willst du, daß
-die Menschheit erlahmt und lauter Hinker durchs
-Leben schreiten? Nein, nein, es wäre jammerschade
-um drei so verwegene Gesellen wie ihr seid.
-Ihr, die ihr sogar Wolfsklaue besiegt habt!«
-
-Da schlugen die drei die Augen nieder. Wolfsklaue
-aber machte ihnen mit gedämpfter Stimme
-Mitteilung von einem großen Plan, durch dessen
-Ausführung sie alle zu unerhörtem Reichtum gelangen
-würden, und der außerdem sehr lustig und
-unterhaltsam sei.
-
-Weiter drin in Böhmen sei ein herrliches Schloß,
-das berge so große Reichtümer, daß sich der Kaiser
-aus Wien daselbst fast alles Geld borge, dessen
-er bedürfe. Und das wolle etwas heißen! Sich
-zum Herrn dieses Schlosses zu machen, sei nun
-Wolfsklaues Ziel. Er vermöge das aber nicht
-allein, sondern bedürfe dazu der Hilfe seiner drei
-guten, lieben Freunde.
-
-Die drei »guten lieben Freunde« schlugen wieder
-schamhaft die Augen nieder; aber Wolfsklaue
-klopfte sie vertraulich auf die Schultern und sagte
-in herzlichem Tone:
-
-»Brüder, denkt nicht mehr an die alten Tage.
-Es waren Zeiten der Trübsal und der Prüfung.
-Sie sind nun vorüber, und eine bessere Zeit bricht
-für uns alle an. Kommt ein bißchen tiefer mit
-mir in den Wald hinein und seht, was ich mich
-herbeizuschaffen bemüht habe, indes ihr euch nach
-der langen beschwerlichen Reise ausruhtet.«
-
-Da gingen sie mit ihm tiefer in den Wald und
-kamen in eine Räuberhöhle, von der man nichts
-anderes sagen kann, als daß sie höchst luxuriös
-war. Während der Fußboden mit echten und
-unechten Bärenfellen belegt war, hingen an den
-Wänden gerahmte und ungerahmte Bilder, die
-alle große Räuber- und Heldentaten darstellten
-und prachtvolle rote und grüne Farben hatten.
-Flinten, Schwerter und Spieße hingen an den
-Wänden, die ganz mit Edelsteinen besetzt waren,
-die kleineren stammten aus dem siebenjährigen,
-die größeren und wertvolleren aber aus dem
-dreißigjährigen Kriege. Der Raum wurde taghell
-beleuchtet von sieben Spitzbubenlaternen, die rubinrote
-Scheiben hatten, und in der Mitte der Höhle
-stand eine Tafel, da perlte in kristallenen Flaschen
-der köstlichste Branntwein, und auf goldenen
-und silbernen Tellern lagen Pökelfleisch und
-Sauerkraut.
-
-Den drei Räubern liefen vor Rührung Tränen
-im Auge und das Wasser im Munde zusammen.
-
-»Ach,« seufzte der Schuster, »ach, wenn wir
-bloß nicht wieder aus einer Wasserquelle trinken
-müssen!«
-
-Diesmal aber kam's anders. Die Räuber aßen
-so reichlich und tranken so viel, daß sie nach der
-Mahlzeit auf den Bärenfellen einen Schlaf taten,
-der fünf Tage und fünf Nächte lang war, worauf
-sie sich lächelnd und gestärkt von ihrem Lager
-erhoben.
-
-»Nun,« sagte Wolfsklaue, »wollen wir unsere
-große Tat vorbereiten. Das Schloß ist so wohl
-bewacht, daß es nur durch äußerste Klugheit und
-Tapferkeit gelingen wird, uns zu seinem Herrn
-zu machen. Mein Plan ist der, daß ich euch drei
-zunächst als meine geheimen Boten nach dem
-Schlosse absende.«
-
-Alle drei Räuber machten abwehrende Handbewegungen
-und schüttelten heftig die Köpfe.
-Wolfsklaue lächelte.
-
-»Ich schicke euch natürlich nicht so, wie ihr hier
-vor mir steht, sondern in einer geschickten Verkleidung,
-so daß euch sicher niemand erkennen
-wird, zumal ich euch eure Rollen gut einstudieren
-werde. Du, Hutmacher, hast eine schöne Stimme
-und spielst die Gitarre. Ich werde dir ein schönes
-Gewand besorgen, und du wirst als Minnesänger
-nach dem Schlosse ziehen. Dir, Schuster, schaut
-Tapferkeit und ritterlicher Mut aus den Augen;
-ich werde dich in der Kunst des Kämpfens unterweisen
-und dich ausstatten wie einen Ritter aus
-dem Morgenlande. Du, Schneider, bist ein pfiffiger
-und gewandter Geist, du wirst als handelnder
-Jude in das Schloß eindringen.«
-
-Da versanken die drei in tiefes Nachdenken,
-bis schließlich einer fragte:
-
-»Und du -- was wirst _du_ tun?«
-
-»Ich komme nach euch, wenn ihr den Weg für
-mich geebnet habt. Alsdann erscheine ich als
-Prinz von Czernagora. Der Minnesänger muß
-den Rittern und Edelfrauen sehr viel von den
-Tugenden und der Schönheit dieses Prinzen vorsingen;
-der Ritter muß sich nach großen Heldentaten
-als den geringsten unter den Mannen jenes
-Prinzen bezeichnen; der Jude muß erzählen, daß
-der Prinz reich genug ist, ihm alljährlich für viele
-Millionen Edelsteine abzukaufen, und wenn dann
-der Prinz einzieht, das heißt, wenn ich komme,
-werden alle Herzen schon so in Achtung und Liebe
-für mich entbrannt sein, daß es mir ein leichtes
-sein wird, mich eines Tages als den Herrn und
-Gebieter der Burg ausrufen zu lassen.«
-
-»Und was wird dann aus uns?« fragte der
-Hutmacher.
-
-»Euch drei erhebe ich dann in den Adelstand
-und statte euch aus mit großen Gütern.«
-
-Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang
-mußte Wolfsklaue noch reden, ehe er den dreien
-ihre vielerlei Bedenken aus dem Kopf geschlagen
-hatte und sie sich bereit erklärten, die ihnen zugedachten
-Rollen zu übernehmen.
-
-Dann begann der Unterricht.
-
-Der Schuster lernte reiten und kämpfen; der
-Hutmacher saß den ganzen Tag im Walde, klimperte
-auf einer Gitarre und sang zärtliche oder
-lobpreisende Lieder dazu; der Schneider ging mit
-einem Hausiererkasten von einem Baum zum
-anderen und bot ihnen mit artigen Bücklingen und
-überzeugenden Handbewegungen seine Waren an.
-Wolfsklaue war der Lehrmeister, gab alles an,
-überwachte alles, lobte oder tadelte und sorgte
-für alles, was die drei brauchten.
-
- * * * * *
-
-Eines Tages sagte Wolfsklaue zu dem Schuster:
-
-»Jetzt reite aus. Glaube mir, daß dir kein
-Ritter im Morgen- und Abendland gleicht. Du
-bist ganz einzig in deiner Art. Reite dahin und
-verkündige den Ruhm des kommenden Prinzen
-von Czernagora.«
-
-Der Schuster trug eine blitzende Rüstung, hatte
-eine Lanze in der Hand, die neun Ellen lang war,
-und saß auf einem prachtvollen Roß. Sein strohgelber
-Schädel war von einer schwarzen Perücke
-wohltuend überdeckt, und selbst sein Auge hatte
-etwas Kühnes bekommen.
-
-So ritt er dahin. Wolfsklaue in der bescheidenen
-Tracht eines Dieners zeigte ihm den Weg. Er
-gab ihm noch einmal viel gute Lehren, sagte ihm,
-er solle mit tapferen Rittern sich im Turnierkampf
-messen und, wenn er gesiegt habe, ja nicht
-vergessen, zu sagen, daß er nur der bescheidenste
-aller Mannen des czernagorischen Prinzen sei.
-
-Der Schuster sagte zu allem »Ja!« Im Innern
-aber dachte er:
-
-»Daß ich ein Esel wäre, wenn ich gesiegt habe,
-mich als einen geringen Mann zu bezeichnen.
-Dann werde ich mich schon in anderem Lichte
-zeigen, und wer weiß, ob sie nicht mich selbst zum
-Herrn der Burg ausrufen.«
-
-So kamen sie auf eine waldige Berghalde und
-sahen in der Ferne die leuchtenden Zinnen der
-Burg. Sie lag im hellen Sonnenlicht; dreizehn
-Türme und viele Erker schmückten sie gar herrlich;
-eine starke Mauer umgürtete ihre vielen Gebäude
-und Höfe, und vier Wallgräben zogen sich um sie
-her, davon war der erste mit Wasser, der zweite
-mit Tinte, der dritte mit Schwefelsäure, der
-vierte mit glühendem Blei gefüllt, so daß es
-für alle Feinde sehr mühsam war, die vier Gräben
-zu durchschwimmen.
-
-[Illustration]
-
-Als der Schuster die Burg sah, wurde ihm übel.
-Aber Wolfsklaue gab ihm aus einem Fläschchen
-zu trinken, das einen ungeheuren Mut in die
-Adern des Schusters ergoß, und so zog er wohlgemut
-dahin, nachdem Wolfsklaue ihm glückliche
-Reise gewünscht hatte und umgekehrt war.
-
-Von den dreizehn Türmen des Schlosses
-klangen die Hornsignale der Wächter, daß ein
-Fremder daherziehe. Der Schuster dachte: die
-blasen so niederträchtig laut, daß mir noch mein
-Roß scheu werden wird. Da sah er auch schon,
-wie sich auf den Söllern und Mauern der Burg
-hunderte von edlen Rittern, wunderschönen Edeldamen
-und allerhand Kriegsvolk ansammelte, um
-nach dem nahenden Fremdling auszuschauen. Der
-Schuster hob seine neun Ellen lange Lanze zum
-Gruß, und der Federbusch auf seinem Helm
-spielte im Winde. Er kam sich ganz herrlich vor,
-und alle Angst war verschwunden.
-
-Da begegnete ihm auf einem Kreuzweg ein
-Reiter.
-
-»Hallo,« dachte der Schuster, »das ist der rechte
-Mann, einen Waffengang mit ihm zu wagen und
-vor allem Volk auf der Burg meine Tapferkeit
-und Geschicklichkeit zu erweisen.« Er nahm also
-seinen Helm ab, machte eine Verneigung und
-sagte: »Entschuldigt, edler Herr, beliebt es vielleicht,
-Euch im ritterlichen Kampfe mit mir zu messen?«
-
-Ein Gelächter erscholl von der Burg, und der
-Reiter lachte auch. Da faßte den Schuster ein
-wilder Zorn, er trieb sein Roß an, stürmte gegen
-den Reiter, hob die Lanze und bohrte sie tief --
-in die Luft neben dem Reiter. Er selbst verlor
-ob des Anpralls das Gleichgewicht und purzelte
-in den Straßengraben.
-
-Nun rasselte die Zugbrücke der Burg; Ritter
-und Damen eilten herbei, und die Ritter lachten
-so tief und schauerlich, daß es klang, wie wenn alte
-Wagen mit eisernen Rädern über spitze Steine
-fahren, oder wie wenn man mit klobigen Hämmern
-auf leere Fässer schlägt, und die Damen
-girrten und zwitscherten wie silberne Tauben in
-der Luft oder wie blaue Schwalben am Dachsims.
-
-Das verdroß den Schuster; er arbeitete sich
-aus dem Graben heraus, verlor dabei seinen Helm
-und seine schwarze Perücke, stand mit seinem
-strohgelben Schädel da, machte ein dummes Gesicht
-und schrie:
-
-»Ich bin der beste Ritter des Prinzen von
-Czernagora.«
-
-O, wie rollten die Wagen, wie dröhnten die
-Fässer, wie girrten die Tauben, wie zwitscherten
-die Schwalben!
-
-»Mit einem Knecht, mit einem waffenlosen,
-ganz gewöhnlichen Roßknecht hat er angebunden,
-und ist von ihm besiegt worden! Welch ein Spott,
-welch ein Spott!«
-
-So lachte und höhnte es von allen Seiten.
-
-Nun trat ein hoher Herr in königlichem Schmuck
-aus der Menge. Es war der Burgherr. Der
-sprach:
-
-»Der Prinz von Czernagora ist mein Todfeind.
-Wenn dieser Mann zu seinen Rittern gehört und
-er sich von meinem Knechte hat werfen lassen, so
-nehmt ihn und bringt ihn ins Verließ. Wir
-werden Gericht über ihn halten.«
-
-Schwapp -- lag der Schuster auf den Knien.
-Er warf seine Lanze von sich, hob bittend beide
-Hände auf und flehte:
-
-»Seid gnädig, Herr, und glaubt ja nicht, daß
-ich ein tapferer Ritter sei. Nein, ich bin nur ein
-Schuster, ein Schuster aus Hirschberg, und wenn
-Ihr das nicht glauben wollt, so will ich Euch
-augenblicklich ein Paar Stiefel fertigen.«
-
-»Das verhüte Gott,« sagte der Burgherr mit
-Ernst. »Nehmt ihn und führt ihn ins Verließ!«
-
-So geschah es. Und als der Tag vergangen war
-und der Mond über die Waldberge wanderte,
-schien er auch durch eine winzige Mauerlucke in
-das bleiche Gesicht des Schusters, der in seinem
-feuchten Verließe saß und um den die Ratten und
-Mäuse tanzten, wie es nun einmal in den Burgverließen
-traurigerweise Mode ist.
-
- * * * * *
-
-Drei Tage darauf sagte Wolfsklaue zu dem
-Hutmacher:
-
-»Nun singst du über alle Maßen schön und lieblich.
-Du kannst den Text, die Melodie und die Begleitung;
-also bist du über alle Nachtigallen des
-Waldes, die nur die Melodie können. Reite aus,
-edler Sänger, und verkünde auf der Burg die
-Schönheit und die Macht des Prinzen von Czernagora.«
-
-Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich
-auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue
-besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer
-ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue
-und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne
-brannte ihm dabei auf den Rücken, und
-nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden
-meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist
-wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er
-auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei
-Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der
-Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er
-seine Gitarre und sang ein neues Lied:
-
-»Ich bin ein Minnesänger
-Und komm aus Morgenland,
-Die schönsten Saitenklänger
-Rühr ich mit meiner Hand.«
-
-Trara! Trara! fingen die Wächter auf den
-dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend,
-daß die nächsten dreizehn Strophen des
-Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen
-Schimmel gehört werden konnten. So brach der
-Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte
-sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden
-Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle.
-
-Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten
-seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an
-die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie
-waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel
-um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue
-Schleier darüber. In den Händen hielten
-sie Rosen und bunte Blumen.
-
-Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte
-dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden
-Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf
-und begannen mit glockenhellen Stimmen zu
-singen:
-
-»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen,
-Du Ritter im Sängerkleid,
-Viel Frauenaugen sie kosen
-Die Stirne dir, von Musen geweiht.
-Da schläft wie in heiligen Schächten
-Der edlen Gedanken Gold,
-Da blüh'n wie in Wundernächten
-Die Märchenblumen so hold,
-Da ist das tiefe Verstehen,
-Das tiefste Erbarmen zu Haus,
-Da wohnt das geistige Sehen
-In Weiten und Zeiten hinaus,
-Da hat seine heimlichen Bronnen
-Der Schönheit gewaltiger Strom,
-Da hat sich der Herrgott ersonnen
-Der Menschheit heiligen Dom.«
-
-O, war das noch ein Klang? War das noch eine
-Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln,
-das vom blauen Himmel heruntertaute? Die
-Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie
-Engel im reinen Licht, als sie das sangen.
-
-Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die
-Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und
-weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt
-näher kamen, rief er:
-
-»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut
-meine Stirn nicht an!«
-
-»Ei warum denn nicht, du fremder Sänger?«
-
-»Ich bin kein Sänger -- ich habe euch betrügen
-wollen -- ich bin nur ein Hutmacher und ein
-Räuber!«
-
-Erschreckt standen die Jungfrauen zur Seite.
-Da kam der Burgherr und fragte strenge:
-
-»Wer hat dich gesandt?«
-
-»Der Prinz von Czernagora!« gestand der
-wimmernde Mann.
-
-»Führt ihn in das Verließ!« befahl der Burgherr.
-Das geschah, und es nutzte gar nichts, daß
-sich die Mädchen bemühten, für den armen Tropf
-Fürsprache einzulegen.
-
- * * * * *
-
-Der Schneider übte sich gerade in der Hausiererkunst,
-indem er einem alten Tannenbaum durchaus
-ein Paar Hosenträger aufschwatzen wollte, als
-Wolfsklaue an ihn herantrat und sprach:
-
-»Nun ist's Zeit, lieber Freund, daß du dir andere
-Kundschaft aussuchst. Ziehe hin nach dem
-Schloß, mache dich angenehm durch dein Benehmen
-und deine Waren, und erzähle vom Reichtum
-des Prinzen von Czernagora.«
-
-»Sie werden mer derkennen,« sagte der Schneider
-in seinem jüdischen Dialekt.
-
-»Nein, se werden der nich erkennen,« beschwichtigte
-ihn Wolfsklaue. »Ich sage dir, Schneider,
-du bist ein Itzig, wie er sein soll.«
-
-In der Tat sah der Schneider aus wie ein
-jüdischer Händler. Wochenlang hatte er sein Gesicht
-den Sonnenstrahlen aussetzen müssen und
-sich nicht mehr waschen dürfen, so daß er eine
-schöne dunkle Hautfarbe hatte; Wolfsklaue hatte
-ihm eine Perücke mit langen schwarzen Locken
-verschafft, ihn auch sonst ganz richtig ausstaffiert,
-ihm sogar den leutselig verschmitzten Blick solcher
-Händler einstudiert.
-
-[Illustration]
-
-Nun übergab ihm Wolfsklaue zwei Kästen. In
-dem oberen waren allerhand billige, aber bunte
-und schön anzuschauende Gebrauchsgegenstände
-für das Dienstvolk; in dem unteren lagen prachtvolle
-Goldgeschmeide und herrliche Edelsteine in
-allen Farben und Größen für Ritter und Edelfrauen.
-
-Der Schneider nahm Abschied und machte sich
-auf den Weg. Als er allein im Walde war, öffnete
-er den unteren Kasten, betrachtete die Kostbarkeiten
-und dachte bei sich:
-
-»Was nutzt es mir, wenn ich diese schönen
-Dinge auf der Burg verkaufe? Der Prinz von
-Czernagora wird kommen und mir den Erlös abnehmen.
-Höchstens werde ich einen kleinen Profit
-behalten. Besser ist es, ich wandere nach Prag,
-verkaufe dort meine Waren und freue mich dessen,
-was ich dafür erhalte.«
-
-Also machte sich der Schneider nicht auf den
-Weg nach der Burg, sondern marschierte auf der
-Landstraße gen Prag. Als er aber einen halben
-Tag gewandert war, kam ihm plötzlich Wolfsklaue
-entgegen. Der Schneider erschrak des Todes.
-Wolfsklaue aber lächelte und sagte:
-
-»Schneider, du verläufst dich! Hier geht es
-nach Prag. Die Burg liegt dir genau im Rücken.
-Sei also so freundlich und kehre um. Ich werde
-dich begleiten, bis du durch die Burgpforte hineingegangen
-bist, damit du dich nicht noch einmal
-verirrst.«
-
-Der Schneider knirschte innerlich vor Wut über
-diese Begegnung; äußerlich aber mußte er tun,
-als freue er sich sehr, daß er vom unrechten Weg
-abgebracht worden war, und mußte sich Wolfsklauens
-Begleitung gefallen lassen, der mit ihm
-ging, bis die Burg in Sicht war, und sich dann
-unter einem Baum auf die Lauer setzte.
-
-So wanderte der Schneider den Talweg entlang
-der Burg zu. Auf einer Wiese sah er ein Mädchen
-stehen. Es war eine Gänsehirtin. An die ging
-er heran, lüftete seine Kappe und sagte:
-
-»Scheens Freilein, woll'n Se vielleicht kaufen
-ä Paar hochfaine Strumpfbänder?«
-
-Das Mädchen lachte mit seinem kirschroten
-Mund, daß man alle ihre schönen weißen Zähne
-sah, und sagte:
-
-»Ich habe noch nie Strümpfe gehabt; ich gehe
-immer barfuß. Und ich habe noch nie einen
-Pfennig Geld in der Hand gehabt.«
-
-»Dumme Gans!« brummte der Schneider und
-klappte den Kasten zu.
-
-Da kam des Wegs eine Edeldame geritten.
-Sie war prächtig aufgeputzt, trug einen Falken
-auf dem Finger, und hinter ihr ritt ein Forstmann.
-Als sie den Schneider sah, hielt sie ihr Roß an
-und rief:
-
-»Heda, Hebräer, was hast du Schönes in deinem
-Kasten?«
-
-Der Schneider stürzte herbei, machte eine Verneigung,
-sah der Dame ins Gesicht und stotterte:
-
-»Ich könnte Euch geben, gnädigste Frau Ferstin,
-ä sehr ä gutes Mittel gegen rote Nase.«
-
-»Pfui!« schrie die Dame und sprengte davon.
-Der Forstmann aber hieb dem Schneider mit der
-Reitpeitsche den Buckel ganz jämmerlich voll und
-sagte:
-
-»Ich werde dich lehren, du schmutziger Kerl,
-unsere Frau Burggräfin zu beleidigen. Ich schlag
-dich auf der Stelle tot!«
-
-Der Unmensch hätte es vielleicht auch getan,
-wenn nicht die Burggräfin zurückgekommen
-wäre.
-
-»Laß ihn am Leben,« rief sie, »laß ihn vorläufig
-am Leben! Er soll mir erst sagen, ob er
-meine Nase wirklich für rot hält.«
-
-»Gnädigste Burggräfin,« wimmerte der Schneider,
-»Eure allerdurchlauchtigste Nase ist so weiß
-und stattlich wie die Schneekoppe im Winter.«
-
-Das besänftigte die Dame.
-
-»Ich will ihm Gnade widerfahren lassen,«
-sagte sie milde, »weil er seinen Irrtum eingesehen
-und ihn so poetisch widerrufen hat. Zeige er, was
-er im Kasten hat.«
-
-Da öffnete der Schneider den unteren Kasten,
-und wie die Sonne hineinschien, blitzte und gleißte
-es von Diamanten, Rubinen, Saphiren und
-Opalen. Die Burggräfin sprang entzückt vom
-Pferde.
-
-»Das ist das Schönste, was ich gesehen habe,
-das Allerherrlichste, das Allerwundervollste! Was
-soll dieser Stein kosten?«
-
-Sie griff mit zitternder Hand nach einem Diamanten,
-der so groß war wie ein Gänseei.
-
-»Gnädigste Burggräfin,« sagte der Jude; »den
-Stein habe ich abgekauft dem Kaiser von Persien
-selbst um die zehntausend Golddukaten. Er hatte
-gehabt gerade Ausverkauf, sonst hätt' ich ja beileibe
-den Stein nich gekriegt so spottbillig. Er
-is unter Brüdern wert ä Königreich. Aber da
-mer is mei Läben noch mehr wert als ä Königreich,
-und da mer hat geschenkt die Frau Burggräfin
-mei Läben, so schenk ich der Frau Burggräfin
-den Stein.«
-
-Das Gesicht der Burggräfin wurde glühend rot
-wie die Sonnenscheibe. Aber dann machte sie
-eine hoheitsvolle Miene und sagte:
-
-»Braver Mann, Ihr meint's gut. Aber als
-Burggräfin kann ich kein Geschenk von Euch annehmen;
-ich kann Euch den Stein nur abkaufen.
-Nehmt also diese fünf Gulden als Kaufpreis.«
-
-»Auch recht,« sagte der Jude und steckte die
-fünf Gulden ein.
-
-»Und nun,« sagte die Gräfin, »kommt mit auf
-die Burg. Wir wollen sehen, was Ihr sonst noch
-Schönes im Kasten habt.«
-
-Sie übergab dem Forstmann ihren Falken,
-sagte, die Jagd sei für heute aus, und ritt langsam
-den Burgweg hinan, während der Schneider zehn
-Schritte weit hinter ihr herging. Als sie aber in
-einen dunklen Torweg kamen, winkte die Gräfin
-den Händler heran und raunte ihm mit hastiger
-Stimme zu:
-
-»Habt Ihr wirklich ein gutes Mittel gegen --
-gegen --«
-
-Hier blieb sie stecken.
-
-»Gegen was?« fragte der Schneider und tat unbefangen.
-
-»Gegen -- gegen Nasenröte!« brachte sie mühsam
-heraus.
-
-»Hier, Frau Burggräfin,« sagte der Jude wohlwollend
-und drückte ihr ein Büchslein Salbe in
-die Hand. »Ich verrat nix!« -- -- --
-
-Auf der Burg wurde der Schneider von den
-Damen mit aufgeregtem Gezwitscher, von den
-Herren mit freundlichem Gebrumm und Gegrunz
-aufgenommen. Alle wollten die prachtvollen
-Steine sehen, jedes wollte wenigstens eines der
-köstlichen Stücke, die der Jude um ein Spottgeld
-abgab, für sich kaufen. Selbst der Burgherr kam
-und erstand einen funkelnden Rubin, der so groß
-wie ein Apfel war und einen prachtvollen Schmuck
-für einen Degengriff abgeben mußte.
-
-In dieser Burg lebte aber wie in allen Burgen
-ein Alchimist. Dieser berühmte und gelehrte
-Mann hatte versprochen, aus Kupfer Gold zu
-machen und ein Lebenselixier zu brauen, das ewige
-Jugend verlieh. Er hatte zwar sein Versprechen
-noch niemals eingelöst, aber man konnte
-nicht wissen, ob er es nicht am ersten besten
-Tage tun werde. Er stand darum in hohem
-Ansehen.
-
-Der Alchimist zog sich nun in seine Hexenküche
-zurück, kam nach einiger Zeit wieder und verkündete:
-
-»Alles Geschmeide, das der Jude verkauft hat,
-und alle seine Steine sind unecht und ohne Wert.«
-
-Da schrien die Männer, da schrien die Frauen
-vor Wut.
-
-Der Schneider aber stand lächelnd da und sagte:
-
-»Dieser Gelehrte ist ein Dummkopf. Meine
-Steine und mein Gold sind echt. Und wenn ihr
-mir nicht glaubt, so wartet, bis mein Herr, der
-Prinz von Czernagora, kommt, der wird es euch
-bezeugen.«
-
-Kaum hatte der Jude den Namen des Prinzen
-von Czernagora ausgesprochen, so wurde er auch
-schon gepackt und flog ins Verließ. Die Goldgeschmeide
-und die Steine aber wurden in den
-Brunnen geworfen, wo sie liegen bis auf den
-heutigen Tag.
-
-Nur der Burggraf behielt seinen Rubin, und
-die Burggräfin behielt das Büchslein mit der
-Nasensalbe.
-
- * * * * *
-
-So saßen die drei armen Hascher gefangen beieinander
-und waren in großer Betrübnis.
-
-»Wenn ich mir's recht überlege,« sagte der
-Schneider, »so haben wir eigentlich in unserem
-Räuberberufe Pech gehabt.«
-
-»Ein Hundeleben ist es,« knirschte der Hutmacher,
-»und wenn dieser Wolfsklaue nicht ein
-großer Schelm und Betrüger ist, so will ich mich
-hängen lassen.«
-
-»Gehängt werden wir so wie so!« meinte der
-Schuster schwermütig.
-
-Da kratzten sich alle drei am Halse, als ob sie
-etwas jucke.
-
-Gegen Mitternacht begann ein Glöcklein zu
-läuten. Bang und schaurig gingen seine Klänge
-durch die stillen Hallen und Gänge der Burg
-und drangen bis ins Verließ. Da wußten die
-drei armen Hascher, daß ihr letztes Stündlein gekommen
-sei.
-
-»Brüder,« sagte der Hutmacher, »wir müssen
-Abschied nehmen vom Leben. Wir wollen uns
-also in Liebe miteinander versöhnen und uns alles
-verzeihen, was wir einander angetan haben, damit
-auch Gott uns verzeihe.«
-
-Sie fielen einander um den Hals, und ihre
-Tränen rannen heiß und schwer.
-
-Da kamen auch schon die Schergen und schleppten
-sie hinauf in den Burghof. Dort stand unter
-einer großen Linde der Richtertisch. Ein Totenkopf
-lag darauf und ein Schwert. Der Burgherr
-saß auf dem hohen Richterstuhl, und um ihn
-herum im Halbkreis saßen sieben schwarz vermummte
-Männer. Der Nachtwind rauschte in
-dem Gezweig des großen Baumes, und die rotbrennenden
-Fackeln flackerten und warfen blutige
-Lichter über den Hof und das graue Gemäuer.
-
-Der Burgherr erhob sich und sagte:
-
-»Diese drei Schelme haben als Verräter und
-Betrüger in meine Burg eindringen wollen; sie
-sind gekommen als die Abgesandten meines Todfeindes,
-des Prinzen von Czernagora. Was
-dünkt euch, ihr ehrenwerten Richter, daß mit
-ihnen geschehen soll?«
-
-»Sie sollen des Todes sterben!« sagten die
-Richter.
-
-Da schlug der Burgherr mit dem Richtschwert
-dreimal auf den Tisch und bestätigte das Urteil:
-
-»Sie sollen des Todes sterben!«
-
-Darauf wurden die drei armen Hascher aus
-der Burg hinausgeführt in die dunkle Nacht.
-Das Glöcklein läutete, und eine Trommel schlug
-die dumpfe, einförmige Todesmusik. Bis zum
-Galgenberge ging es, da ragten drei Richtgerüste
-gegen den Nachthimmel auf. Die drei Räuber
-wurden gehängt, und der ganze Troß von der
-Burg kehrte augenblicklich um.
-
-Nun zappelten die drei armen Hascher. Der
-kalte Angstschweiß rann von ihren Stirnen, und
-ihre Züge verzerrten sich. Noch läutete das
-Glöcklein. Ein Schwarm schwarzer Raben
-flatterte zu Häupten der Gehängten, und drei
-Eulen saßen am Boden, die glühten sie an mit
-unheimlich funkelnden Augen.
-
-Plötzlich brach ein Roß aus dem Gebüsch.
-Wolfsklaue saß darauf. Er stieß ein höhnisches,
-teuflisches Gelächter aus, blökte den dreien die
-Zunge heraus und jagte davon.
-
-Dann kam ein Zug von Männern. Der Müller
-mit seinen Knechten war es, den die Räuber einmal
-hatten überfallen wollen. Die Männer
-lachten verächtlich und zogen vorbei.
-
-Der Polenkönig kam geritten mit siebzehn
-Kammerdienern und achtundfünfzig Soldaten,
-und er trug die Krone und den Mantel und hatte
-die himbeersamtne und bernsteingelbe Hose an.
-
-Zuletzt kam ein alter Mann. Er hinkte, hatte
-ein närrisch kleines Hütlein auf dem weißhaarigen
-Kopf und zwei Buckel auf seinem Rücken. Er
-blickte die drei Gehängten an und sagte:
-
-»Ehe ihr sterbt, will ich euch noch einmal
-danken dafür, daß ihr mich so schön ausstaffieret
-habt. Sehet die Stiefel, den Rock und den Hut,
-die ihr mir für gutes Geld gemacht habt!«
-
-[Illustration]
-
-Da hoben die drei armen Hascher in ihrer
-schweren Todesnot mit der letzten Kraft bittend
-die Hände zu ihm hin. Er aber sagte:
-
-»Würdet ihr brave und geschickte Handwerker
-werden, wenn ich euch von da oben herunterhelfen
-würde?«
-
-Sie nickten, und es war schrecklich anzusehen,
-wie eifrig sie nickten.
-
-Da besann sich der alte Mann noch ein wenig,
-dann zog er sich ächzend die Stiefel aus, legte
-umständlich den Rock ab und nahm langsam den
-Hut vom Kopf. Die drei Gehängten sahen ihm
-mit stieren, angsterfüllten Augen zu.
-
-Endlich kletterte der Alte an dem Galgen hoch,
-löste die drei Ärmsten und ließ sie schwer ins
-Gras hinunterfallen. Dort lagen sie lange, halb
-bewußtlos und schwer röchelnd. Der Alte flößte
-ihnen ein wenig Wein ein, und als sie sich erholt
-hatten, gebot er ihnen, mitzukommen. Mit
-schwankenden Schritten und leise weinend gingen
-sie hinter ihm her. Sie wanderten lange und
-kamen ums Morgengrauen an einen Scheideweg.
-Drei Straßen führten dort hinaus ins Land. Da
-machte der Alte halt und sprach in großem Ernst:
-
-»Ein neuer Lebensweg liegt nun vor einem
-jeden von euch. Wenn ihr auf diesen drei Straßen
-wandert, so wird jeder zu einem tüchtigen Handwerksmeister
-kommen. Bei diesem mag er in die
-Lehre treten. Er mag sich ja nimmer einbilden,
-je ein Meister gewesen zu sein, sondern demütig
-und treu ein Lehrling sein, der auch dann nicht
-murrt, wenn es einmal mehr Püffe und harte
-Worte gibt als gute Kost und faule Zeit. Drei
-Jahre beträgt die Lehrzeit. Haltet ihr sie aus,
-so ist euch geholfen; lauft ihr fort oder seid faul
-und frech, so werdet ihr, ehe die Sonne dreimal
-untergegangen ist, wieder am Galgen hängen.
-Geht in Frieden!«
-
-Da wanderten die drei ein jeder seinen Weg,
-und der Alte stand da und sah ihnen nach, bis
-die Sonne aufging und sein ehrwürdiges Haupt
-verklärte.
-
- * * * * *
-
-Drei Jahre waren vergangen. Vor der Stadt
-Hirschberg lag ein kleiner Platz, darauf mündeten
-drei Wege. Von Osten her kam ein Mann, der
-trug sieben Paar Stiefel und Schuhe über der
-Achsel; von Süden her kam einer, der hatte auf
-einem Karren eine ganze Menge Kleider geladen;
-von Westen kam singend einer dahergeeilt, der
-führte in Beuteln und Schachteln sieben Hüte
-mit sich.
-
-Und als sie alle drei auf den kleinen Platz
-kamen, blieben sie erst erschrocken stehen, fielen
-sich dann um den Hals und fingen an zu lachen
-und zu weinen vor lauter Freude.
-
-»Hutmacher!« »Schneider!« »Schuster!«
-»Freund!« »Bruder!« »Kamerad!« so ging es
-in hellem Jubel durcheinander. --
-
-»Nun, wie ist es euch inzwischen ergangen?«
-fragte endlich einer.
-
-Da machten sie alle betroffene Gesichter und
-kratzten sich hinter den Ohren. Sie erzählten sich
-weiter nichts; es dachte sich jeder schon von selbst,
-wie es dem anderen ergangen war.
-
-Aber gelernt hatten sie etwas, und die letzten
-Waren, die sie gefertigt hatten, durften sie nun als
-ihr Eigentum auf dem Markt von Hirschberg
-verkaufen, um einen Grund zu legen für ein
-neues Geschäft.
-
-So zogen die drei fröhlich in Hirschberg ein und
-schlugen ihre Verkaufsplätze dicht nebeneinander
-auf. Sie waren voll der besten Hoffnung. Plötzlich
-aber erbleichten sie. Der Müller, den sie einmal
-hatten ausrauben wollen, kam auf sie zu und
-neben ihm ging der Ratspolizist.
-
-»Es ist aus,« sagte der Schuster.
-
-»Ja!« hauchte der Schneider.
-
-Helden waren sie immer noch nicht geworden.
-Der Müller aber kam ganz freundlich näher,
-kaufte einen Anzug, ein paar Stiefel und einen
-Hut, bezahlte alles reichlich und pries laut die
-Ware. Der Ratspolizist nickte und sagte: ja, die
-drei seien berühmte Kaufleute aus Breslau, die
-kenne er schon lange. Der gutmütige Mann war
-leider inzwischen noch kurzsichtiger geworden.
-
-Wie nun den dreien das Geld in der Tasche
-klang und der Müller ruhig von dannen ging,
-wurden sie wieder vergnügt, und es stand ihnen
-bald ein neues Glück bevor. Der Bürgermeister
-ging über den Markt, schimpfte, daß die Handwerker
-nichts Rechtes mehr leisteten und man kaum
-einen vernünftigen Stiefel oder Rock bekommen
-könne, und stieß plötzlich auf die drei, die ihm
-bescheiden ihre Waren anboten.
-
-O, was machte da die Stadtobrigkeit für erstaunte
-und glückliche Augen!
-
-Ja, rief der Bürgermeister, das sei noch echte
-Handwerkskunst. So etwas gäbe es weder zu
-Augsburg, zu Venedig, zu Nürnberg oder zu
-Lübeck, so etwas gäbe es nur in Hirschberg!
-
-Und er kaufte Anzug, Stiefel und Hut und bezahlte
-die Hälfte des Preises, während er die
-andere schuldig blieb.
-
-Nun zog ein Rittersmann auf edlem Roß langsam
-über den Markt. Die drei Handwerker erkannten
-mit Schrecken, daß es jener starke Reiter
-war, den sie einmal überfallen, der ihnen aber
-den Speck abgenommen und ihnen die Haut gegerbt
-hatte. Der Ritter kam heran und summte
-leise vor sich hin:
-
-»Es ist so schön der Morgen
-Im frohen Sonnenlicht,
-Kein Kummer und keine Sorgen
-Drücken mein Herze nicht!«
-
-Da glaubten sich die drei schon sicher erkannt;
-aber der Ritter machte seinen Einkauf, bezahlte
-gut und ritt davon, indem er laut sagte:
-
-»Solch treffliches Handwerk soll man sich in
-der Welt suchen.«
-
-Nun aber begann ein Sturm auf die Verkaufsstände
-der drei. Jeder wollte bei ihnen einen
-Anzug, ein paar Stiefel, einen Hut kaufen.
-
-Da entstand ein Tumult auf der anderen Seite
-des Marktes. Der König von Polen zog in die
-Stadt ein. Er hatte siebzehn Kammerdiener und
-achtundfünfzig Soldaten bei sich. Aber er sah
-etwas schäbig aus. Die Krone und die Edelsteine
-hatte er aus Geldnot versetzen müssen, und die
-himbeersamtne und bernsteingelbe Hose war im
-Laufe der Jahre ein wenig fadenscheinig geworden.
-Trotzdem wurde er mit großer Ehrerbietung
-bewillkommnet. Er hörte aber kaum
-auf die Begrüßungsworte des Bürgermeisters
-und beachtete nicht die Bücklinge des Ratsdieners,
-welcher ihn für den Grafen Schaffgotsch hielt,
-sondern steuerte auf den Verkaufsstand der drei
-Freunde zu und wählte einen Federhut, einen
-Seidenmantel und ein Paar hirschlederne Stiefel.
-Er bezahlte zwar nicht, aber er stellte einen langen
-Schuldschein aus.
-
-Nun schien das Glück der drei Handwerker gemacht
-zu sein. Aber noch einmal faßte sie ein
-tödlicher Schrecken. Der Burgherr, der sie einmal
-hatte hängen lassen, kam mit einem Troß
-reisiger Knechte daher. Da duckten sich die drei
-armen Hascher tief über ihre Tische, und jeder
-von ihnen preßte beide Hände vor die Kehle.
-
-Der Burgherr aber erkannte sie nicht. Er pries
-ihre Ware, kaufte den ganzen Rest und sagte
-zuletzt:
-
-»Bares Geld habe ich nicht bei mir; aber ich
-gebe euch diesen Rubin, der so groß ist wie ein
-Apfel. Verkaufet den kostbaren Stein und teilt
-euch in den Erlös.«
-
-Dann ritt er von dannen. Die drei Handwerker
-seufzten tief und erleichtert auf. Der
-Schneider aber sagte leise:
-
-»Brüder, den Stein kenne ich. Er ist leider
-falsch. Aber es genügt uns, wenn uns das Leben
-und die Freiheit bleibt.«
-
-Wie erstaunten sie aber, als bald darauf ein
-Frankfurter Jude zu ihnen kam, ihnen den Rubin
-für einen hohen Preis abkaufte und auf des
-Schneiders ehrliche Einwendung sagte: nur ein
-Dummkopf könne den Rubin für unecht halten;
-es sei der schönste Stein, den es je gegeben.
-
-Glückselig saßen endlich die drei in der Herberge
-und teilten friedlich miteinander den Gewinn
-des Tages. Es war so viel, daß jeder von
-ihnen ein Handwerksgeschäft gründen konnte, das
-alle Sorge zeitlebens von ihnen nahm.
-
-Wie sie noch so dasaßen, kam zur Tür der alte
-Mann herein, der ihnen einst vom Galgen geholfen
-und sie auf den neuen Weg geleitet hatte.
-Er trug noch das winzige Hütlein, die schlechten
-engen Stiefel und den buckligen Rock; aber er
-war freundlich und sagte:
-
-»Ich freue mich über euch. Nun folgt mir und
-kommt mit.«
-
-Da gingen sie verwundert hinter ihm her. Er
-führte sie zur Stadt hinaus gegen die Berge hin
-und ging plötzlich so schnell, daß sie ihm nicht zu
-folgen vermochten. Aber sie sahen, daß er sich
-auf einen Straßenstein setzte.
-
-Als sie aber nun näher kamen, saß nicht der
-alte Mann auf dem Straßenstein, sondern der
-Burgherr. Der lächelte ihnen zu, schwang sich
-auf ein Roß, das am Wegrande weidete, und
-sprengte eine Strecke weit davon. Dann machte
-er halt, drehte sich um und winkte ihnen mit der
-Hand.
-
-Wie nun die drei herbeieilten, saß nicht mehr
-der Burgherr auf dem Roß; sondern der Ritter,
-an dem sie zuerst ihre Räuberkunst probiert hatten.
-Auch der Ritter sprengte schnell davon und verschwand
-hinter der nahen Wegbiegung.
-
-[Illustration]
-
-Dort aber fanden ihn die drei nicht wieder,
-sondern der Müller trat ihnen entgegen, reichte
-ihnen die Hand und lachte.
-
-Auch der Müller blieb nicht lange stehen,
-sondern verschwand in einem Wäldchen, aus dem
-gleich darauf auf einem prächtigen Araberrosse
-Wolfsklaue hervorritt.
-
-»Kennt ihr mich nun?« fragte er, und seine
-Augen flammten schön und herrlich auf. Dann
-ritt er mit Windeseile gegen die Berge hin, verschwand
-im Wald und wurde wieder sichtbar, als
-er langsam und in feierlicher Größe den Kamm
-des Riesengebirges entlang ritt, der im roten
-Schimmer der untergehenden Sonne lag.
-
-Da erkannten ihn die drei; da wußten sie, wer
-die Gestalten waren, die ihren seltsamen Lebenspfad
-gekreuzt, da wußten sie, daß es der Berggeist
-Rübezahl war, der gesunde Naturgeist, der alles
-Schlechte vernichtet und allem Guten aufhilft.
-
-Und so war es und so ist es noch heute und wird
-es immer sein. Und darum muß auch zu allen
-Zeiten vom Rübezahl erzählt werden.
-
-
-
-
-Paul-Keller-Bücher
-
-
-»Es gibt in Deutschland und Österreich kaum einen zweiten
-Schriftsteller, der künstlerische Vornehmheit und die besondere Art
-volkstümlicher Herzlichkeit in Ernst und Humor so bedeutsam zu verbinden
-weiß, wie der Schlesier Paul Keller ...« (Kölnische Zeitung.)
-
-
-Ferien vom Ich
-
-Roman.
-
-40.-45. Auflage.
-
-Preis M. 5.--, gebunden M. 6.--
-
-
-Grünlein
-
-Eine deutsche Kriegsgeschichte von einem Soldaten, einem
-Gnomen, einem Schuljungen, einem Hunde und einer
-Großmutter. Alten und jungen Leuten erzählt.
-
-Bilderschmuck von Walter Bayer.
-
-40.--45. Tausend. Gebunden M. 1.20
-
-
-Waldwinter
-
-Roman aus dem
-winterlichen Riesengebirge.
-
-Mit Buchschmuck von G. Schütz.
-
-56.--60. Auflage. Preis brosch. M. 5.--, geb. M. 6.--
-
-
-Die Heimat
-
-Roman aus den
-schlesischen Bergen.
-
-Mit Buchschmuck von Philipp Schumacher.
-
-35.--37. Auflage. Preis brosch. M. 5.--, geb. M. 6.--
-
-
-Das letzte Märchen
-
-25.--27. Auflage. Preis brosch. M. 5.--, geb. M. 6.--
-
-
-Von Hause
-
-Ein Paketchen Humor aus den
-Werken von Paul Keller.
-
-Mit Bildern. 21.--26. Auflage. Gebunden M. 3.50
-
-
-Der Sohn der Hagar
-
-Roman. 44.--47. Aufl. Preis brosch. M. 5.--, geb. M. 6.--
-
-
-Die alte Krone
-
-Roman
-aus Wendenland.
-
-26.--28. Auflage. Preis brosch. M. 5.--, geb. M. 6.--
-
-
-Die Insel der Einsamen
-
-Eine romantische Geschichte. 20.--24. Auflage.
-
-Preis broschiert M. 5.--, gebunden M. 6.--
-
-
-Die fünf Waldstädte
-
-Ein Buch für Menschen, die jung sind.
-
-Mit Bildern von G. Holstein u. R. Pfähler v. Othegraven.
-
-22.--25. Auflage. Preis gebunden M. 3.50
-
-
-Das Königliche Seminartheater
-und andere Erzählungen
-
-Mit Bildern. 21.--26. Auflage. Preis gebunden M. 3.50
-
-
-»Paul Keller ... einer der feinsinnigsten Poeten, die unser Vaterland
-sein eigen nennt ...«
-
-(Literarisches Echo, Berlin.)
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
-
-
-
-
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-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE ***
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-The Project Gutenberg EBook of Die fünf Waldstädte, by Paul Keller
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
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-
-Title: Die fünf Waldstädte
- Ein Buch für Menschen, die jung sind
-
-Author: Paul Keller
-
-Illustrator: G. Holstein
- Reinhold Pfahler von Othegraven
-
-Release Date: February 9, 2020 [EBook #61354]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE ***
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-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<p class="h2">Die fünf Waldstädte</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-002.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die fünf Waldstädte</h1>
-
-<p class="center larger">Ein Buch für Menschen, die jung sind</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="h2">Paul Keller</p>
-
-<p class="center">Mit Bildern von G. Holstein und<br />
-Reinhold Pfaehler von Othegraven</p>
-
-<p class="center">32. bis 42. Auflage.</p>
-
-<div class="figcenter" >
-<img src="images/illu-003a.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center">Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
-Breslau</p>
-
-<div class="lbox">Leipzig</div>
-<div class="rbox">Wien</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-003b.jpg" alt="Zensurstempel" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdrb">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die fünf Waldstädte <span class="smaller">Ameisenfeld &ndash; Eichenhofen &ndash;
-Der Geistergrund &ndash; Heinrichsburg &ndash; Die heilige Stadt</span></td>
- <td class="tdrb"><a href="#Die_funf_Waldstadte">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der kleine General</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_kleine_General">53</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Schatz in der Waldmühle</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_Schatz_in_der_Waldmuhle">63</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der angebundene Kirchturm</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_angebundene_Kirchturm">101</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Abenteuer auf der Themse</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Ein_Abenteuer_auf_der_Themse">111</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Ferienkolonisten</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Die_Ferienkolonisten">123</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Gedeon</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Gedeon">133</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Hotel Laubhaus</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Hotel_Laubhaus">157</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Mein Roß und ich</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Mein_Ross_und_ich">167</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Räuber aus dem Riesengebirge</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Die_Rauber_aus">177</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Alle Rechte,<br />
-insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
-<em class="antiqua">Copyright 1915 by</em><br />
-Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_funf_Waldstadte">Die fünf Waldstädte.</h2>
-</div>
-
-<p>Von den fünf Waldstädten will ich erzählen, in
-denen ich als Kind oft glücklich gewesen bin.</p>
-
-<p>Wir waren ihrer drei: meine beiden Freunde
-Ludwig, Heinrich und ich. Als Ludwig in jungen
-Jahren starb, waren Heinrich und ich die fast
-unumschränkten Herren der fünf Waldstädte.</p>
-
-<p>Da war in der Gegend zwischen Frankreich und
-Rußland ein Wald, der war so groß, daß ein
-lahmer Mann an die dreiviertel Stunden brauchte,
-ehe er um ihn herum war. In diesem Walde lagen
-die fünf Waldstädte: Ameisenfeld, Eichenhofen,
-Geistergrund, Heinrichsburg und die heilige Stadt.
-Alle fünf Städte waren von seltener Pracht und
-Herrlichkeit, und es gab Wunder über Wunder in
-ihnen zu sehen, obwohl gar keine großen, steinernen
-Häuser in ihnen standen und unsere Städte
-nach Meinung dummer Knechte und alberner
-Mägde nur »ganz gewöhnlicher Busch« waren.
-Wir aber wußten sicher, daß es Städte waren,
-und Heinrichs Mutter wußte es auch. An allen<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span>
-Frühlings- und Sommertagen, aber auch zur
-wilden Sturmzeit im Herbst reiste ich mit
-meinem Freunde durch das Gebiet der fünf
-Städte, und wenn einer etwas Neues entdeckte,
-dann war er glücklich, es unserer »lieben Fee«
-zu sagen. Das war Heinrichs schöne Mutter.
-Die ging oft mit uns durch die fünf Waldstädte,
-und was wir selbst nicht sahen und fanden, das
-sah sie und fand sie und zeigte es uns. Sie erzählte
-und sang Lieder vom heiligen, deutschen
-Wald und machte ihn uns lieb und vertraut.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da war also zunächst die Stadt</p>
-
-<h3>Ameisenfeld.</h3>
-
-<p>Sie war 90 Quadratmeter groß und hatte nach
-der letzten Volkszählung 567319 Einwohner.
-Deshalb zählte sich Ameisenfeld mit Recht zu den
-Großstädten. Die Bewohner von Ameisenfeld
-waren berühmt durch ihren Fleiß und ihre Betriebsamkeit.
-Sie beschäftigten sich damit, sich zu
-ernähren und Eier zu legen. In ihren freien
-Stunden prügelten sie sich. Ob dieser Eigenschaften
-galten die Ameisenfelder im ganzen Lande nicht
-nur als sehr fleißig, sondern auch als sehr intelligent.<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span>
-Man erzählte sogar, daß ein großer Prophet
-unter ihnen erstanden sei, der folgende tiefsinnigen
-Lehren aufgestellt hatte:</p>
-
-<p>»Wenn dir ein Hölzlein zu schwer zu tragen ist,
-nimm dir jemand zu Hilfe!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-007.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Wenn dir eine Blattlaus süßen Saft gibt,
-der dir sehr wohlschmeckt, dann beiße sie nicht tot.«</p>
-
-<p>»Wenn dir jemand irgendwie nicht paßt, so
-bespritze ihn mit einem ätzenden Saft, damit er
-schnell Reißaus nehme.«</p>
-
-<p>Das waren die Grundsätze, nach denen die
-Ameisenfelder fortan lebten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es geschah aber, daß eines Tages ein Igel durch<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-das Stadttor von Ameisenfeld, das durch die
-Blätter einer großen Schwarzwurz gebildet wurde,
-einzog und Quartier begehrte. Der Bürgermeister
-der Stadt ließ sich schnell von seinen
-sieben Stadträten die Fühler abputzen und ging
-dem großen Gaste entgegen. Als er ihn sah,
-knickte er vor lauter Ehrfurcht mit allen sechs
-Beinen vor ihm ein: und sagte:</p>
-
-<p>»Hoher Herr, dir unsere Gefühle ob deines Einzugs
-in unsere Stadt auch nur annähernd zu
-schildern, geht leider über meine Kraft. Was
-uns vor allem bewegt, ist tiefe Beschämung.
-Denn siehe, Ameisenfeld ist nur eine Fabrikstadt.
-Unsere Straßen sind bestreut mit dem Schutt der
-Arbeit. Anlagen haben wir keine, außer einer
-Distelplantage und einem kleinen Gundermannwäldchen.
-In deren Schatten würdest du dich
-nicht wohlfühlen. Und es fehlt uns leider auch
-an einem geeigneten Palast für dich.«</p>
-
-<p>Der Igel zog die Stirn in Falten und sagte:</p>
-
-<p>»Ich bin ein Forschungsreisender. Ehe ich
-nicht Ameisenfeld in- und auswendig kenne, kann
-ich nicht weiterziehen. Vor allen Dingen will ich
-hier einen wissenschaftlichen Vortrag halten.«</p>
-
-<p>Der Bürgermeister legte über dieses Anerbieten
-eine gezwungene Freude an den Tag und ließ den
-Vortrag für abends 6 Uhr ansagen. Da kein Eintrittsgeld
-erhoben wurde, erschien die ganze<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-Stadt. Der Igel hub nun an zu reden von
-den schweren Gefahren, die dem Ameisenvolke
-drohten. In Südamerika lebe ein Tier, das trotz
-seines schlichten Namens <em class="antiqua">Myrmecophaga jubata</em>
-doch eine scheußliche Bestie sei. Es habe einen
-spitzen Rüssel und eine ellenlange, mit Leim
-bedeckte Zunge. Den Rüssel und die Zunge
-stecke es nun in die Ameisenhäuser und fange und
-morde, was es nur erwischen könne. Wenn man
-dagegen ihn, den Igel, betrachte, müsse man einsehen,
-daß er weder eine spitze Schnauze noch eine
-klebrige Zunge habe.</p>
-
-<p>Die Ameisenfelder hatten der Erzählung
-zitternd zugehört. Als der Igel geendet hatte,
-brachte der Bürgermeister ein Hoch auf ihn aus,
-wobei er sich auf den Rücken legte, damit er bei
-dem Hoch alle sechs Beine in die Höhe strecken
-konnte. Der Igel nickte befriedigt und sagte:
-wenn sich also die Ameisenfelder über seine Ankunft
-so freuten, so wolle er gern das Opfer bringen
-und etwas bei ihnen bleiben.</p>
-
-<p>Darauf aber erhob sich ein kecker Ameisenjüngling,
-welcher sagte:</p>
-
-<p>»Was geht uns das Tier aus Südamerika an,
-wo doch unsere Waldstadt gar nicht in Südamerika
-liegt?«</p>
-
-<p>Der Igel zog seine Stirnrunzeln bis zur Nase
-herab und rief:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>»Habt ihr je solchen Unverstand gehört? Kann
-sich nicht alle Tage ein <em class="antiqua">Myrmecophaga jubata</em> auf
-einem Schiff ohne Paß einschmuggeln und zu uns
-kommen? Sind nicht auf solche Weise alle ausländischen
-Tiere zu uns gekommen?«</p>
-
-<p>Die Menge nickte Beifall, sah voll Mißbilligung
-auf den naseweisen Ameisling, und der Bürgermeister
-meinte: »Er muß streng bestraft werden!«</p>
-
-<p>»Das muß er!« nickte der Igel, »und um mich
-euch gefällig zu erweisen, werde ich ihn hinrichten!«</p>
-
-<p>Darauf fraß der Igel den Ameisenjüngling.
-Wie von ungefähr erwischte er auch noch dreißig
-Verwandte des Jünglings, die in dessen Nähe
-standen.</p>
-
-<p>Darüber erschrak das Volk; der Bürgermeister
-aber zwinkerte ihm beruhigend zu: über so einen
-kleinen Fehlgriff eines großen Herrn dürfe man
-keinen Lärm machen.</p>
-
-<p>So blieb der Igel in Ameisenfeld, bis sich das
-Volk allgemach um 90 Prozent vermindert hatte.
-Da endlich versammelte der Bürgermeister eines
-Nachts heimlich die wenigen Überlebenden, und
-sie beschlossen, gemeinsam über den mörderischen
-Igel herzufallen und ihn zu töten.</p>
-
-<p>Mit dem Heldenmute, der den Ameisenfeldern
-eigen und der im ganzen Lande berühmt ist, zogen
-sie aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>Sie fanden den Igel tot. Er hatte sich den
-Magen überfressen und war an Ameisensäurevergiftung
-gestorben.</p>
-
-<p>Der Bürgermeister atmete auf, trat auf seine
-Leiche und hielt eine Rede:</p>
-
-<p>»Bürger, da liegt unser Feind! Tot! Er hat
-unserer Macht nicht zu widerstehen vermocht. An
-der starken inneren Kraft der Ameisenfelder ist
-er zugrunde gegangen. Der Ruhm unserer Stadt
-ist und bleibt unsterblich!«</p>
-
-<p>Das Volk trampelte mit allen sechs Beinen
-Beifall und winkte mit den Fühlern.</p>
-
-<p>Darauf wurde ein großes Freudenfest gehalten.
-Alle Bürger zogen auf die grüne Alm, die in der
-Nähe von Ameisenfeld war. Dort wurde die
-große Fingerhutglocke geläutet. Dann wurden die
-Blattläuse gemolken. Alles Volk trank sich ein
-Räuschlein an, und schließlich sprach man mit
-einer gewissen Liebe und Achtung von dem Igel,
-dem allein dieses fröhliche Fest zu verdanken war.</p>
-
-<h3>Eichenhofen.</h3>
-
-<p>Der große Baum, der Eichenhofen seinen
-Namen gab, war so schön und gewaltig, daß mein
-Freund Heinrich behauptete, das sei dieselbe Eiche,<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-die Bonifacius einst bei den alten Hessen umgehauen
-habe. Ich glaubte dies eine Zeitlang,
-dann aber kam mir der Gedanke, unsere Eiche
-werde vielleicht doch nur der Sohn von jener berühmten
-Donarseiche sein. »Nein,« sagte Heinrich,
-»Sohn ist viel zu jung; wenn sie es nicht selbst ist,
-dann ist sie ihr Vater!«</p>
-
-<p>Dabei blieb es, und das war nun historisch.</p>
-
-<p>Eine grimmige Feindschaft hegten wir gegen
-vier Waldarbeiter, die einst, um uns zu verspotten,
-sich die Hände reichten und einen gemütlichen
-Tanz um unsere Eiche ausführten, wo wir doch
-bestimmt festgestellt hatten, daß der Baum von
-sieben Männern nicht zu umspannen sei. Wir
-setzten uns über das höchst ärgerliche Vorkommnis
-nur dadurch hinweg, daß wir uns sagten, die
-Arbeiter seien betrunken gewesen und darum
-»gelte« ihr Tanz nicht.</p>
-
-<p>Eichenhofen war rings von Brombeer- und
-Himbeerhecken eingefaßt; auch viele wilde Rosen
-blühten an seinen Grenzen. Da dachten wir oft
-an Dornröschens Schloß, und jeder brach gern
-und kühn durch die Dornenhecke, zumal zur Spätsommerzeit,
-wenn die Beeren reiften.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die »Traumstadt« nannten wir Eichenhofen
-auch manchmal. Da gab es einen Moosplatz,
-auf dem die Käferlein stolzierten und eitel ihre
-funkelnden Röcke zeigten, eine Rosenstraße, wo<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-unter lauter lieblichen Heckenröslein sich das Volk
-der haftenden Bienen und der sammetröckigen,
-vornehmen Hummeln tummelte, eine Hirschstraße,
-die tief ins Dunkel des Waldes ging und auf der
-wir einmal zu seinem und unserem Schrecken
-dem König des Waldes begegneten.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-013.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>In Eichenhofen ersann ich mein erstes Märlein,
-dort klangen die ersten Verse in meiner Seele.
-Ich erfand eine Geschichte von dem Brünnlein,
-dessen Wasser im Mondschein zu goldgelbem Wein<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-wird, von dem die Gnomen ihr Schöpplein
-trinken, und wenn Heinrich und ich fortan aus
-dem Brünnlein tranken, sahen wir uns oft an
-und sagten: es schmeckt wirklich wie Wein. Ich
-konnte das um so eher sagen, als ich damals noch
-nie einen richtigen Tropfen Wein getrunken hatte.</p>
-
-<p>Einmal, als ich ein Gedicht gemacht hatte, das
-ich Heinrichs Mutter, unserer »Fee«, vorlas, küßte
-sie mich auf die Stirn, flocht einen Eichenkranz,
-setzte ihn mir auf den Kopf und sagte: »Gott
-segne dich!« Da war es wirklich, als ob ein tiefer
-Segenstrom von dem grünen Kranz aus durch
-meine Seele ränne; ich stand ganz still da und
-ging dann bald nach Hause. Dort hängte ich
-das Kränzlein über mein Bett, rund um das
-kleine Kreuz herum, das dort war, und wenn ich
-fortan mein Abendgebet sprach und den Kranz sah,
-betete ich immer einen Satz mit: »Lieber Gott,
-laß mich ein Dichter werden.« Ich sprach aber
-die Worte nie aus, ich dachte sie nur; ich schämte
-mich, sie zu sprechen.</p>
-
-<p>Heinrich war mein treuer Freund. Er neidete
-mir meinen Kranz nicht; aber er sehnte sich danach,
-auch einen zu erhalten. Er bekam ihn erst,
-als er sich ihn verdient hatte. Ehrlich verdient!
-Er hatte ein kleines Mädchen mit Gefahr
-seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen.
-Damals hatte die Fee wohl ihren glücklichsten<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span>
-Tag, als sie ihrem Jungen den Eichenkranz
-flocht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sonst war es mit unserer Tapferkeit nicht
-übermäßig gut bestellt; ja, es gab Fälle, wo wir
-eine traurige Rolle spielten.</p>
-
-<p>Einmal machten wir einen schauerlichen Fund.
-Wir entdeckten im Dorngestrüpp die Leiche eines
-Eichkätzchens. Erschüttert betrachteten wir das
-herrliche Tier, seufzten laut und lange und zergrübelten
-uns die Köpfe, was seinem jungen,
-lustigen Leben ein so jähes Ende bereitet haben
-könne.</p>
-
-<p>»Vielleicht hat es der Marder gefressen,« sagte
-Heinrich tiefsinnig.</p>
-
-<p>»Oder eine Eule hat es fortgeschleppt,« meinte
-ich bedächtig.</p>
-
-<p>Darauf war eine Pause. Plötzlich machte ich
-ein spöttisches Gesicht und sagte: »Wie kann es
-dein Marder gefressen haben, wenn es doch noch
-hier liegt?« Worauf sich Heinrich höhnisch an die
-Stirn tippte und sprach: »Kann es wohl deine
-Eule weggetragen haben, wenn es noch hier
-liegt?«</p>
-
-<p>So machten wir uns gegenseitig unsere Überlegenheit
-klar, und einer ärgerte sich über die
-Dummheit des anderen. Endlich glaubte ich es zu
-haben: »Es ist jedenfalls fehlgetreten, heruntergestürzt
-und hat den Hals gebrochen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>»Nein,« sagte Heinrich, »der Hals ist noch ganz.
-Es hat gewiß einen giftigen Pilz gefressen.«</p>
-
-<p>Da schrie ich: »Nein, siehst du, es ist totgeschossen!«</p>
-
-<p>Das Eichkätzchen war wirklich erschossen; wir
-sahen nun deutlich die Schußwunde.</p>
-
-<p>Heinrich erbleichte.</p>
-
-<p>»Das ist ein Wilddieb gewesen,« sagte er.</p>
-
-<p>Ich sah ihn an, nickte mit dem Kopfe und rannte
-ohne weiteres davon. Und er rannte hinterher.
-Wir rannten so lange, bis wir in der Nähe von
-Feldarbeitern waren, und blieben dann mutig
-stehen.</p>
-
-<p>»Wir müssen den Mörder fangen,« sagte
-Heinrich ganz laut.</p>
-
-<p>»Ja, wir müssen ihn fangen,« rief ich und ballte
-die Faust. Daran beschlossen wir, zum Förster zu
-gehen und ihm die verbrecherische Tat zu melden.
-Wir rieten, wo der Förster zu dieser Stunde sein
-könne, und fanden die größte Wahrscheinlichkeit
-schließlich darin, daß er in der Schenke sei. Und
-so war es auch. Er hörte unseren fast atemlosen
-Bericht an und machte ein bitterernstes Gesicht.</p>
-
-<p>»Der Wilddieb muß augenblicklich gefangen
-werden,« meinte er zornig, spielte mit zwei
-anderen Männern noch eine halbe Stunde lang
-Karten und ging dann mit uns.</p>
-
-<p>Ganz in der Nähe hatte Heinrich seine Vogelflinte<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-und ich meine Armbrust aufbewahrt. Diese
-Waffen holten wir, nahmen sie schußbereit unter
-den Arm und folgten dem Förster, der sagte,
-nun sei ihm vor dem Wilddieb weiter nicht bange.</p>
-
-<p>Ich für meinen Teil gestehe, daß ich diese
-lobende Anerkennung meiner Männlichkeit und
-Tapferkeit nur mit gemischten Gefühlen aufnahm.
-Eine Armbrust einem mörderischen
-Wilddieb gegenüber ist immer so eine eigene
-Sache. Man muß aufs Auge oder vielleicht
-auch auf die Schläfe zielen, wenn man einen
-Erfolg haben will. Aber ich war nun einmal
-eine Person, auf die sich der Förster in seinem
-schweren Beruf verließ, und so wollte ich in der
-Stunde der Gefahr nicht kneifen.</p>
-
-<p>Wir durchsuchten den ganzen Busch. Ein paarmal
-entdeckten wir Fußspuren, den Wilddieb aber
-fanden wir nicht. Von Minute zu Minute wuchs
-unser Mut, und in großer Tollkühnheit riefen
-wir laut, er solle nur zum Vorschein kommen, der
-elende, feige Kerl. Er kam nicht, und schließlich
-sagte der Förster: »Wahrscheinlich ist der Wilddieb
-mal auf einen Augenblick weggegangen. So'n
-Mann hat ja auch mal was anderes vor.«</p>
-
-<p>Das bedauerten wir sehr, und wir verachteten
-den Wilddieb, der nicht auf seinem Posten geblieben
-war. Der Förster machte den Vorschlag,
-wir könnten ja unterdes das Eichhorn beerdigen.<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-Darauf gingen wir mit Freuden ein. Das tote
-Tierchen wurde in eine Erdgrube gelegt, und wir
-drei standen mit feierlichen Angesichtern an seinem
-Grabe. Der Förster befahl mir, mit meiner Armbrust
-den Trauersalut zu schießen. Darauf schoß
-ich meinen Rohrpfeil über das Grab hinweg, und
-der Förster machte mit seinem Munde »Plaff!«
-dazu. Das veranlaßte mich, ihn scharf anzusehen,
-ob er die ganze Sache auch ernst nehme.</p>
-
-<p>Er nahm sie aber sehr ernst. Mit geradezu
-verbissenem Gesicht stand er da, und mit dumpfer
-Stimme sprach er:</p>
-
-<p>»Heinrich, halte eine Leichenrede! Aber vergiß
-das ›Amen!‹ nicht.« Heinrich und ich waren beide
-ausgezeichnete Redner. So war es kein Wunder,
-daß Heinrich, ohne sich's erst lange zu überlegen,
-folgende schöne Rede hielt:</p>
-
-<p>»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von
-wegen eines Schuftes! Er hat jetzt gerade etwas
-anderes zu tun, sonst täten wir ihn erschießen.
-Liebes Eichhörnchen, du warst das schönste Tier
-auf der ganzen Welt. Du hast so niedliche Pfoten.
-Jedes Jahr zu Weihnachten werde ich dir drei
-große, vergoldete Nüsse in dein Grab stecken.
-Amen.«</p>
-
-<p>Der Förster drückte die Augen zu, dann wies
-er auf mich.</p>
-
-<p>»Jetzt halte du eine Leichenrede!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Ich hustete, bis ich rot wurde, dann sagte ich:</p>
-
-<p>»Liebes Eichhörnchen, du bist leider tot. Von
-wegen eines Schuftes!«</p>
-
-<p>»Du leierst ja wieder dasselbe her!« fuhr mir
-der Förster dazwischen. Ich sagte verlegen, es
-komme schon noch, hustete noch einmal lange und
-inbrünstig und sagte dann: »Liebes Eichhörnchen,
-du warst das allernützlichste Tier. Hoch auf der
-Eiche hast du dein Haus gehabt, und es hatte immer
-die Tür dort, wo kein Wind ging. Und, und
-im Winter hast du geschlafen. Und, und du
-konntest so fix turnen. Und du hattest einen
-schönen Schwanz und vier schöne, weiße Nagezähne.
-Amen.«</p>
-
-<p>Nun hustete der Förster, stützte sich auf seine
-Büchse und sprach:</p>
-
-<p>»Jetzt werde ich eine Leichenrede halten!«</p>
-
-<p>»Liebes Eichhörnchen, du warst also sozusagen
-das allerschönste und allernützlichste Tier. Wenn
-ein Vogelnest auf der Eiche war, dann bist du
-gleich fix angeturnt gekommen. Da hast du mit
-deinen niedlichen Pfoten die Eierchen genommen
-und hast sie ausgesoffen. Und dann, liebes Eichhörnchen,
-wenn kleine Vögelchen im Neste waren,
-dann hast du sie mit deinen schönen, weißen
-Nagezähnen zerbissen und gefressen. Wenn ein
-Baum im Frühjahr frische Sprossen trieb, hast
-du sie hübsch zierlich abgenagt, du liebes Eichhörnchen,<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-du! Und darum ist ein ›Wilddieb‹ gekommen
-und hat dich tot geschossen, du Rabenvieh,
-du Kanaille! Und der Wilddieb war ich selbst,
-und ich habe das alles gemacht, um mal zwei
-Schafsköpfen eine Lehre zu geben. Amen.«</p>
-
-<p>Damit machte er Kehrt und stapfte davon.</p>
-
-<p>Heinrich und ich standen mit offenen Mäulern
-da. Ich fand zuerst die Sprache wieder und sagte:
-»Das ist eine Gemeinheit.« Heinrich aber meinte:
-»Er hat was von zwei Schafsköpfen gesagt!«</p>
-
-<p>»Damit sind wir gemeint,« sagte ich zornig.
-»Und er hat das Eichhörnchen selbst erschossen.«</p>
-
-<p>Heinrichs Stirn zog sich in Falten.</p>
-
-<p>»Wenn ich mal unser Gut erbe,« sagte er, »setze
-ich ihn ab.«</p>
-
-<p>»Das tue aber bestimmt,« rief ich, »er hat es
-verdient!«</p>
-
-<p>Von fernher scholl das fröhliche Lachen des
-Försters.</p>
-
-<h3>Der Geistergrund.</h3>
-
-<p>Der Geistergrund war der einzige Ort im Gebiet
-der fünf Waldstädte, von dem die Leute im Dorfe
-etwas Genaueres wußten. Während so ein
-Bauer achtlos durch Ameisenfeld stapfte und<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-dort nicht einmal den Bürgermeister kannte,
-während er an der tausendjährigen Donarseiche
-dumm und achtlos vorüberging, ja selbst nach
-den Herrlichkeiten von Heinrichsburg kaum hinüberschielte,
-ging sein träges Herz sofort rascher,
-wenn er in die Nähe von Geistergrund kam.</p>
-
-<p>Was spielten auch dort für schauerliche Geschichten
-an dem dunklen Moor und dem Graben mit dem
-schwarzen Wasser, Geschichten, die Hunderte von
-Jahren alt waren und an den Winterabenden
-beim flackernden Kienspanfeuer erzählt wurden,
-bis alle Wangen rot und alle Herzen bange waren.</p>
-
-<p>Da war die Geschichte von der Bäuerin, die
-ihren Mann umgebracht hatte, indem sie ihm ein
-Mahl von giftigen Pilzen bereitete. Noch am
-gleichen Tage kam die schwere Übeltat ans
-Tageslicht, und am anderen Morgen errichtete
-die Obrigkeit einen Galgen und hängte die
-Bäuerin auf. Aber ihr Leichnam verschwand, und
-auch der Leichnam des Mannes verschwand, und
-lange Zeit wußte niemand, wohin beide gekommen
-seien, bis eine Frau im Geistergrund
-einen großen giftigen Pilz sah, der den Hut vor
-ihr abnahm und sagte: »Erbarme dich meiner,
-erbarme dich meiner!« Als die Frau sich vor
-Schreck nicht rühren konnte, kam eine Schlange
-gekrochen und wickelte sich dem Pilz ums Bein.
-Und die Schlange sprach: »Ich fresse den Pilz;<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-ich fresse den häßlichen, geizigen Pilz!« Sie
-funkelte dabei mit den Augen.</p>
-
-<p>Da ist die Frau schreiend davongelaufen und
-hat im Dorfe alles erzählt, und es hat sich lange
-Zeit niemand an den Geistergrund herangewagt.</p>
-
-<p>Als aber einmal der Schuster Humpel erzählte,
-er habe nun die beiden auch gesehen, nur hätte
-diesmal der Pilz die Schlange gefressen, glaubte
-ihm niemand; denn die Leute waren sehr aufgeklärt,
-und Humpel war oft betrunken.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da war die andere Geschichte von dem Müller
-Eisert. Der war in der Zeit, da der alte Fritz
-Krieg führte, ins Lager der Russen übergegangen
-und war ein so schlechter Kerl geworden, daß er
-gegen seinen eigenen König kämpfte. Eisert besiegte
-auch den alten Fritz in der Schlacht bei
-Cunnersdorf und zog dann mit seinen Russen als
-ein prahlender Kriegsheld bis vor sein Heimatsdorf.
-Dort ließ er Kanonen auffahren und alles
-zusammenschießen und in Brand stecken. Dann
-ritt er auf einem pechschwarzen Roß durch das
-brennende Dorf und verhöhnte die Leute und
-zwang sie: »Gnädiger Herr!« und »Euer Wohlgeboren!«
-zu ihm zu sagen. Für diese Missetat
-wurde er bestraft. Als er wieder fortritt, begann
-auf dem Turme die Glocke zu läuten. Den Turm
-und die Kirche hatten die Russen, weil sie Christen
-sind, verschont.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>O, wie drang der Ton der Heimatglocke dem
-argen Sünder so anklagend ins Ohr! Sie dröhnte
-ihm in die Seele wie Posaunenton des jüngsten
-Gerichts und versetzte sein Herz in eine ganz
-schreckliche Angst. Und plötzlich wandte sich das
-Roß, jagte zurück auf das Dorf zu, warf den
-bösen Mann am Eingang des Dorfes auf die
-Erde und galoppierte ganz allein in die finstere
-Nacht hinaus.</p>
-
-<p>Der Müller schlich sich an den Turm, um zu
-sehen, wer da so schrecklich an der Glocke zöge.
-Da sah er, daß niemand in dem Turm war, daß
-die Glocke ganz von selber läutete. Darüber wurde
-er ganz unsinnig vor Angst. Schreiend und
-winselnd lief er um das Dorf herum, fand auf
-dem Wege einen Strick und erhängte sich in der
-Verzweiflung seines Herzens im Geistergrund, wie
-sich Judas erhängte, als er den Herrn Jesus verraten
-hatte.</p>
-
-<p>Jetzt noch stand die Weide im Geistergrund, an
-der der Verräter sein elendes Leben selbst beendet
-hatte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das waren unfreundliche Geschichten. Und
-da war noch eine Geschichte, von der wir Kinder
-etwas gehört hatten, ohne sie recht zu verstehen.
-Und eben, weil ich sie nicht verstand,
-machte ich ein Gedicht darüber. Das Gedicht
-aber war so:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p>
-
-<h4>Das Mädchen.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Weil sie so schwer gesündigt hat,<br /></span>
-<span class="i0">Da wurd' sie in den Sumpf gesenkt,<br /></span>
-<span class="i0">Nun wohnt sie in der Geisterstadt,<br /></span>
-<span class="i0">Wo niemand ihrer denkt.<br /></span>
-<span class="i0">Sie hatte ein so weißes Kleid,<br /></span>
-<span class="i0">Doch einen schwarzen Fleck darauf;<br /></span>
-<span class="i0">Da steht sie um die Sternenzeit<br /></span>
-<span class="i0">Oft aus dem Modergrabe auf<br /></span>
-<span class="i0">Und wäscht mit heißer Tränen Flut<br /></span>
-<span class="i0">Sich aus dem Kleid den schwarzen Fleck;<br /></span>
-<span class="i0">Paßt auf, Ihr Leute, Gott ist gut:<br /></span>
-<span class="i0">Das Kleid wird weiß, der Fleck geht weg!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Das war das Gedicht, für das mir unsere gute
-Fee drüben in Eichenhofen den Kranz schenkte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es gab Zeiten, wo Heinrich und ich uns sehr
-vor dem Geistergrund fürchteten. Um die
-Dämmerzeit wären wir nicht hingegangen, und
-auch wenn die Nebelmänner zwischen den Erlen
-hin- und herkrochen, wagten wir uns nicht in diese
-Gegend. Heinrich machte sogar einmal den Vorschlag,
-den Geistergrund abzusetzen. Was ihm
-nicht paßte, wollte er immer »absetzen«: den
-Förster, den Geistergrund, die Kreuzottern und
-die lateinische Grammatik. Es ist aber leider alles
-bestehen geblieben.</p>
-
-<p>Unsere Fee hatte im allgemeinen nichts dagegen,
-wenn wir uns mal etwas fürchteten. Wenn
-wir sie fragten, ob es Räuber gebe, sagte sie »Ja!«,<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-und wenn wir wissen wollten, ob wohl die
-Räuber je in unsere Gegend kommen könnten,
-sagte sie auch »Ja«! Dann bekamen wir allemal
-knallrote Backen, und unsere Stimmen wurden
-weniger krähend, als sie sonst waren.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-025.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Einmal, als wir mit dem Förster zufällig
-wieder auf freundschaftlichem Fuße lebten, hätten
-wir ihm gar zu gern eine zahme Dohle abgebettelt,
-die er in seinem Forsthause hielt. Er
-machte eine geheimnisvolle Miene und sagte:</p>
-
-<p>»Die kann ich euch nicht geben. Die ist ein ganz
-seltsamer Vogel. Ich habe sie auf der Judasweide
-gefangen. Dort hatte sie ihr Nest. Und sie ist
-eine verwunschene Prinzessin.«</p>
-
-<p>Wir Jungen versuchten, ein ungläubiges Gelächter<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-anzuschlagen, aber es klang ganz meckrig,
-und wir sahen mit Unbehagen auf den Vogel,
-der plötzlich auf uns zukam, so daß wir
-einige Schritte zurückwichen. Die Dohle funkelte
-uns mit ihren Äuglein an, schlug mit den beschnittenen
-Flügeln und schrie: »Beatrice!
-Beatrice!«</p>
-
-<p>Da sagten wir schnell: »Guten Abend« und
-gingen davon. Der Förster kam uns nach.</p>
-
-<p>»Ich sehe es ja ein, daß ihr die Dohle durchaus
-haben wollt,« sagte er; »aber es würde euch nichts
-nützen, wenn ich sie euch schenkte, denn sie würde
-euch trotz ihrer beschnittenen Flügel entwischen.
-Wollt ihr die Dohle haben und behalten, so müßt
-ihr in die Judasweide abends in der Dämmerung
-einen Nagel einschlagen. Einer muß den Nagel
-halten, der andere muß hämmern.«</p>
-
-<p>Darauf sagten wir, wir hätten es uns überlegt:
-eigentlich wüßten wir gar nicht recht, was
-wir mit einer Dohle anfangen sollten. Er, der
-Förster, brauche eigentlich einen solchen Vogel
-viel notwendiger als wir.</p>
-
-<p>Der Förster spuckte auf den Boden, uns gerade
-dicht vor die Zehen, und sagte: »Wenn ich nicht
-wüßte, was ihr für mutige und kluge Kerle seid,
-würde ich denken, ihr fürchtet euch. Aber damit
-habt ihr recht, daß ich den Vogel notwendig
-brauche.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Wozu brauchst du ihn denn?« fragte ich neugierig.</p>
-
-<p>»Zum Geschichtenerzählen.«</p>
-
-<p>»Zum Geschichtenerzählen? Ei, wieso?«</p>
-
-<p>»Hm. Wenn ich abends müde aus dem Walde
-komme, ziehe ich mir die Stiefel aus, sperre die
-Hunde aus der Stube hinaus, setze mich in den
-Lehnstuhl und dann sag' ich zu der Dohle:
-Beatrice, leg' los!«</p>
-
-<p>»Und &ndash; und dann legt sie los?«</p>
-
-<p>»Legt sie los! Jawohl! Sie erzählt famos.
-Aber leider bloß lauter Räuber-, Gespenster- und
-Indianergeschichten. Andere weiß sie nicht. Alles
-zum Gruseln.«</p>
-
-<p>Räuber-, Gespenster- und Indianergeschichten!
-Das hielten Heinrich und ich damals für das
-Schönste auf der ganzen Welt. Wir hatten uns
-heimlich solche Bücher geliehen und einige davon
-gelesen, bis es die Fee erfuhr und uns sagte:
-sie hätte uns nicht mehr lieb, wenn wir so etwas
-wieder täten, denn solche Geschichten seien schlecht
-und dumm und erlogen. Da hatten wir es aus
-Liebe zur Fee unterlassen. Aber wenn wir nun
-eine Dohle hätten, die so etwas erzählen könnte,
-das wäre doch etwas anderes, denn eine Dohle
-ist doch kein Buch. Und man käme dann auf
-ehrliche Weise zu interessanten Geschichten.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Förster, »meine Großmutter<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-hört auch mit zu.« Des Försters Großmutter
-war 92 Jahre alt.</p>
-
-<p>»Borg' uns einen Hammer und einen Nagel!«
-rief Heinrich; »wir gehen jetzt gleich zur Judasweide!
-Nimm deine Büchse und deinen Hirschfänger
-und geh mit.«</p>
-
-<p>»Wäre noch besser,« meinte der Förster; »allein
-müßt ihr gehen, und morgen abend ist die richtige
-Zeit; morgen ist Neumond.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der nächste Abend war trübe und regnerisch.
-Den ganzen Tag hatten Heinrich und ich in schrecklicher
-Aufregung zugebracht. Kein Essen hatte
-uns geschmeckt, kein Spiel hatte uns gefallen und
-die Fee hatte uns ein paarmal ganz eigentümlich
-forschend angesehen. Schwache Augenblicke kamen,
-wo uns die ganze Sache leid wurde; aber dann
-dachten wir an die verzauberte Dohle, die Räubergeschichten
-erzählen konnte, und ein Fieberschauer
-von Glück, einen solch wundersamen Vogel
-besitzen, packte uns.</p>
-
-<p>Am späten Nachmittag holten wir aus dem
-Handwerkskasten einen Hammer und einen starken
-Nagel heraus und verbargen beides unter dem
-welken, abgefallenen Laub eines Kastanienbaumes.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-029.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Als die ersten Lichter angezündet wurden,
-schauten wir uns starr in die Augen. Unter
-Heinrichs Wimpern blitzte eine Träne. Aber ich<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-&ndash; ich hätte für schöne Geschichten mein Leben
-hingegeben und faßte ihn an der Hand.</p>
-
-<p>»Soll ich allein gehen?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Nein, ich lass' dich nicht allein gehen,« sagte er.</p>
-
-<p>Er war immer ein treuer Freund. Er borgte
-mir sogar seine Flinte.</p>
-
-<p>So schlichen wir uns aus dem Hof hinaus und
-gingen über die Felder. Der Wind jagte grauweiße
-Wolkenfetzen über den Himmel, und es
-regnete sacht. Wir kamen nach Ameisenfeld. Die
-ganze Stadt schlief. Wir gingen an der Wotanseiche
-vorbei. Sie stöhnte leise im Winde. Durch
-die Brombeerhecken brachen wir. Heinrich trug
-den Hammer; ich hatte den Nagel in der Hand
-wie einen spitzen Dolch. Manchmal war es mir,
-als ob er glühend heiß sei.</p>
-
-<p>Wir sprachen beide kein Wort, denn das hatte
-uns der Förster eingeschärft. Aber das Schweigen
-machte unsere Herzen noch beklommener.</p>
-
-<p>Nun tauchte der Geistergrund auf. Die niederen
-Erlen und Weiden zogen sich am schwarzen
-Graben entlang, eine hohe Ulme ragte über sie
-hinweg. Unter ihr sollten der Pilz und die
-Schlange gesehen worden sein. Und links von ihr,
-ein Stückchen vom Bachrande weg, war die
-Judasweide.</p>
-
-<p>Ich schloß die Augen. Wie ein Wirbel war es
-in meinem Kopf. Rote Ringe sah ich tanzen, ein<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-brennendes Dorf sah ich, durch das auf schwarzem
-Roß der tolle Müller ritt. Dicker Schweiß rann
-mir unterm Hut hervor. Aber vorwärts ging es,
-immer vorwärts, zuletzt im Trab. Fest hielt ich
-den Nagel in der Hand. Heinrich strauchelte und
-fiel hin. Der Hammer entglitt ihm. Er hob ihn
-auf und packte mich fest am Arm. Unsere Herzen
-schlugen in rasender Schnelligkeit. Wir gingen
-immer noch vorwärts.</p>
-
-<p>Da &ndash; erst sah ich's &ndash; dann sah's Heinrich &ndash;
-dann fielen wir auf die Knie&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aus dem Erlengebüsch trat eine weiße Frau.</p>
-
-<p>Die Frau aus dem Moor &ndash; die Frau, die ihr
-Kleid wäscht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir schrieen laut um Hilfe.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es war nicht die Frau aus dem Moor. Es
-war Heinrichs Mutter. Es war unsere Fee.</p>
-
-<p>»Was wolltet ihr machen?« fragte sie freundlich.
-Da gestanden wir alles.</p>
-
-<p>Sie zürnte uns nicht; sie strich uns beiden über
-die Köpfe.</p>
-
-<p>»Nun, habt keine Angst; es passiert euch nichts,
-ich bin ja bei euch!«</p>
-
-<p>Ja, nun wußten wir: es konnte uns nichts
-passieren, da sie bei uns war. Heinrich schlang
-den Arm um seine Mutter und küßte sie zweimal,<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-und dann nahm ich sie um den Hals und küßte sie
-dreimal.</p>
-
-<p>Wir schritten ein paarmal an dem Graben auf
-und ab, ganz friedlich, als ob wir spazieren
-gingen, und nachdem wir etwa zehnmal ganz tief
-und erleichternd aufgeseufzt hatten, fühlten wir,
-daß unsere Herzen ruhiger wurden.</p>
-
-<p>»Hat euch der Förster gerade um die jetzige
-Stunde bestellt?« fragte die Fee.</p>
-
-<p>»Jawohl, später als 6 Uhr dürfe es nicht sein,
-hat er gesagt.«</p>
-
-<p>»So wollen wir einmal hinübergehen in den
-Geistergrund,« meinte sie. Wir gingen ruhig und
-ohne Angst mit ihr über den schmalen Steg, der
-über den schwarzen Graben führte. Sie hielt uns
-an den Händen und sagte:</p>
-
-<p>»Nun seht, wie still es hier ist, ebenso still wie
-überall im Walde.«</p>
-
-<p>Dann gingen wir schweigend weiter. Über dem
-moorigen Grund wuchs dichtes, weiches Moos,
-und wir gingen ganz unhörbar. Einmal blieb
-die Fee stehen und sagte leise:</p>
-
-<p>»Wenn euch etwas Seltsames oder Schreckliches
-auffällt, so erschreckt nicht oder schreit nicht; denn
-es ist ganz gewiß nichts wirklich Schreckliches.«</p>
-
-<p>Da faßten wir großen Mut. Plötzlich aber
-blieben wir doch in jähem Schreck stehen.</p>
-
-<p>Unter der hohen Ulme war der Pilz, ein schrecklich<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-großer, blutroter Pilz, und unter dem Pilze
-lag eine Frau. Heinrich begann zu weinen, ich
-begann zu schlucken, die Fee aber faßte fest unsere
-Hände und rief ganz laut und ruhig: »Du Pilz
-und du Pilzweib, kommt einmal beide her!«</p>
-
-<p>Da schnellte plötzlich der verhexte Pilz hoch in
-die Höhe, das Weib richtete sich auf, und eine
-tiefe Stimme sagte:</p>
-
-<p>»O jemine, die gnädige Frau!«</p>
-
-<p>»Komm nur mal näher!« befahl die Fee.</p>
-
-<p>Unsere Herzen schlugen; aber es war jetzt mehr
-Neugierde als Angst.</p>
-
-<p>Der Pilz und die Frau wandelten ganz langsam
-auf uns zu. Und plötzlich brach Heinrich in
-ein lautes Gelächter aus, und ich lachte unter
-Tränen mit.</p>
-
-<p>Vor uns stand der Herr Förster. Er hatte sich
-die Kleider seiner zweiundneunzigjährigen Großmutter
-angezogen, und der Pilz war der riesengroße
-und brennend rote Regenschirm der alten
-Frau, der die Verwunderung der ganzen Gemeinde
-bildete, wenn die Alte noch einmal zur
-Kirche gehumpelt kam.</p>
-
-<p>»Gnädige Frau &ndash; gnädige Frau&nbsp;&ndash;« stammelte
-der Förster.</p>
-
-<p>Er sah greulich aus. Der weite blumige Rock
-war ihm viel zu kurz, so daß seine groben
-Stiefel zum Vorschein kamen, das altmodische<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-Leibchen war ihm viel zu schmal, so daß man seine
-Weste sah, und die alte Schleifenhaube saß ihm
-ganz windschief auf seinem struppigen Kopf. Den
-roten Schirm hatte er nun zugeklappt und quetschte
-ihn wie ein brennendes dickes Gebund in höchster
-Verlegenheit unter den Arm.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-035.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Die Fee blickte halb streng und halb lächelnd
-auf den sonderbaren Geist und sagte:</p>
-
-<p>»Schämen Sie sich denn nicht, Förster, solche
-Faxen zu machen? Denken Sie nicht daran,
-was den Kindern vor Schreck passieren kann?«</p>
-
-<p>Die Pilzbäuerin raffte in tödlicher Scham an
-ihrem Kleid herum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span></p>
-
-<p>»Gnädige Frau, weil halt &ndash; weil halt die beiden
-solche Schlingel sind.«</p>
-
-<p>»Es gibt viele Schlingel auf der Welt, große
-und kleine,« sagte die Fee.</p>
-
-<p>Der Förster kraute sich die Schleifenhaube.</p>
-
-<p>»Nun werd' ich wohl gar meine Stellung verlieren,«
-sagte der trostlose Hüter des Waldes.
-Die Fee lächelte milde.</p>
-
-<p>»Etwas werden Sie schon verlieren: Sie werden
-den Jungen zur Strafe Ihre Dohle schenken!«</p>
-
-<p>»Können sie kriegen, können sie kriegen!« schrie
-da das Zauberweib voll Entzücken und haschte
-nach der Hand der guten Fee, die sich abwenden
-mußte, weil es wohl mit ihrer Fassung vorbei
-war.</p>
-
-<p>»Gnädige Frau,« sagte der Förster, »wenn es
-erlaubt ist, möcht' ich mich aus dieser sehr fatalen
-Begebenheit empfehlen.«</p>
-
-<p>»Gehen Sie nur, gehen Sie nur!« sagte sie und
-blieb immer mit dem Gesicht abgewandt.</p>
-
-<p>Da machte er eine Verneigung, wobei ihm der
-geblümte Rock bis über die Kniekehlen emporrutschte,
-und dann ging er davon. Als er an den
-Bach kam, wollte er, wie er's gewöhnt war, hinüberspringen;
-aber die Feiertagszier seiner
-Großmutter wickelte sich um seine Beine und
-er plumpste dicht am Rande in die Flut. Das war
-für uns Kinder der glänzendste Spaß. Gleich<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-darauf pudelte er sich ans Ufer und jagte in
-fliegendem Gewande und mit flatternden Haubenschleifen
-davon.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Dohle haben wir bekommen; da sie aber
-tagaus, tagein nichts anderes zu erzählen wußte
-als: »Beatrice! Beatrice!«, wurde sie uns langweilig.</p>
-
-<h3>Heinrichsburg.</h3>
-
-<p>Die Stadt lag auf einer Insel, die ringsum von
-dem Wasser eines Stromes umgeben war. Wenn
-ein starker Regen fiel, wurde dieser Strom so tief,
-daß wir uns die Hosen aufstreifen mußten, um
-ihn durchwaten zu können. In trockenen Zeitläuften
-blies der Wind den Staub vom Flußgrunde
-bis in unsere Stadt. Wir warfen uns
-dann platt auf die Erde und redeten vom Samum.</p>
-
-<p>Die Insel war mehrere Steinwürfe lang und
-fast eben so breit. Ihr Gebiet umfaßte die Hohkönigsburg,
-die Stadt selbst, das Felsengebirge,
-einen Kriegs- und einen Handelshafen, ein Jagdschloß,
-eine Meierei und eine Hundehütte. In
-der Stadt gab es ein Rathaus, eine katholische,
-evangelische, jüdische und heidnische Kirche, ein
-Museum, ein Hotel, sehr viele Geschäfts- und
-Wohnhäuser und einen Reichstag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>Die größten Gebäude waren die Hohkönigsburg,
-das Hotel und die Hundehütte. Die Burg war im
-19. Jahrhundert vom Zimmermann Schadel erbaut,
-und der Bau hatte über 70 Mark verschlungen.
-Dafür war er aber auch prächtig und stattlich.
-Die Burg umfaßt nur den Thronsaal; für
-mindere Räume war kein Platz. Eine stolze Fahne
-wehte vom Dache, und an der Pforte zeigten zwei
-angeklebte Bilder grimmiger Löwen, von denen
-der eine ein Tiger war, daß hier im Schloß Macht
-und Größe wohne und jeder ein Kind des Todes
-sei, der sich den hier herrschenden Gewalten widersetze.
-Bei Regenwetter wurden sämtliche Hauptteile
-der Stadt mit Wachsleinwand überdeckt.</p>
-
-<p>Das Hotel hatte früher dem Pächter einer
-Kirschenallee gehört, der darin sein Wächteramt
-ausgeübt hatte. Kinder unter vier Jahren konnten
-erhobenen Hauptes durch seine Pforten schreiten,
-und auch wir brauchten uns nicht sonderlich zu
-bücken, wenn wir eintraten. Es hieß »Hotel
-Bristol« und trug an seiner Front viele Schilder,
-als: »Zivile Preise«, »Warme und kalte Speisen zu
-jeder Jahreszeit«, »Eintritt verboten!« und was
-etwa sonst noch an ein gutes Hotel an Anschlägen
-gehört.</p>
-
-<p>Der einzige ständig bewohnte Raum von
-Heinrichsburg war die Hundehütte. Hier hauste
-Pluto, der Wachhund. Er war von strengem<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-Charakter, aber gutem Appetit, deswegen geriet
-er in Verlegenheit, wenn ihm einer, den er
-eigentlich bekämpfen sollte, einen Knochen anbot.
-Auf diese Weise hat Pluto es leider nicht verhütet,
-daß uns eines Nachts das Hotel gestohlen
-wurde. Er stand am Morgen nach der Unglücksnacht
-mit albernem Gesicht auf der leeren Baustelle,
-wedelte verlegen mit dem Schwanze und
-bellte nach dem Ufer hin, wie einer bellt, der kein
-gutes Gewissen hat. Den Bestechungsknochen
-hatte er an einer leicht kenntlichen Stelle verscharrt.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-039.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Bei der letzten Volkszählung in Heinrichsburg
-wurde Plutos Flohbestand in Fell und Hütte auf
-zusammen 250 Stück lebend angegeben. Natürlich
-nur schätzungsweise, wie es bei wilden Stämmen<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-immer geschieht. All dieses Kleinvolk hielt Pluto
-in guter Zucht; Übergriffe ahndete er mit scharfer
-Kralle.</p>
-
-<p>Pluto war sehr vielseitig von Beruf: des Nachts
-mußte er wachen, am Tage zog er als prächtig aufgeschirrtes
-Roß den Triumphwagen des Königs,
-Sonntags trat er in der Stierkampfarena mit
-grimmem Mute als Bulle auf, und oft spielte er
-im Felsengebirge den Drachen oder fing in der
-Stadt Mäuse, welche sehr lästig waren, weil sie
-uns bereits die Rathaustreppe und einen Nachtwächter
-aufgefressen hatten. Nur als Delphin
-hatte Pluto kein Talent; denn allemal, wenn wir
-auf seinem Rücken durch die Fluten des Stromes
-ziehen wollten, warf er uns ab, sprang ans Ufer
-und schüttelte sein Fell, was kein Delphin tun
-darf.</p>
-
-<p>Das Felsengebirge war ein Steilgebirge von
-durchaus alpinem Charakter. Seine größte Erhebung,
-die Adlerkoppe, hatte eine relative Höhe
-von 2500 Zentimetern; sie war im Winter mit
-»ewigem Schnee« bedeckt und fiel steil zum Flusse
-ab, von dessen Seite her sie nur von den geübtesten
-Bergsteigern mit Nagelschuhen, Eispickel
-und nach vorangegangener Anseilung zu
-erreichen war. Ein prächtiger Aussichtsturm von
-30 Zentimeter Höhe krönte ihren stolzen Gipfel,
-und wer sich auf die Erde legte und über diesen<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-Aussichtsturm hinweg in die Ferne sah, genoß
-die herrlichsten Landschaftsbilder. Dicht unter
-ihm das wildzerklüftete Gebirge, an dessen Fuß
-der Strom mit seinen weißen Segelbooten und
-seinem Spiritusdampfer brandete, dann die
-Stadt, die »wie eine Spielzeugschachtel« ausgebreitet
-lag, die trotzige Hohkönigsburg, die dunkel
-aufragende Hundehütte, der weite Wald und das
-grüne Wiesenland bis weit hinaus an den Horizont
-in das Gebiet von Geistergrund und
-Ameisenfeld.</p>
-
-<p>Wie ich inzwischen auch herumgekommen bin
-in fremden Landen und Erdteilen: die Aussicht
-von der Adlerkoppe bei Heinrichsburg ist die einzige,
-die ich in dem Reisebuch meines Lebens mit
-drei Sternen bezeichnen mag.</p>
-
-<p>Der Abstieg von der Adlerkoppe nach der Stadt
-bot nur mäßige Schwierigkeiten und war ohne
-Lebensgefahr zu bewerkstelligen. Er führte an
-einer grünen Alm vorüber, auf der eine Herde
-buntgescheckter Kühe weidete und ein Hirtenbub
-vor seinem Alpenhäuslein saß und lieblich auf
-einer Schalmei spielte. Nur eine drohende Kuppe
-ragte noch auf. Dort legte ein kühner Alpenjäger
-eben auf eine Gemse an. Wenn man sich die
-hohlen Hände als Fernglas vor die Augen hielt,
-konnte man die aufregende Szene so oft beobachten,
-wie man vorbeikam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Etwa in halber Höhe des Gebirges war der
-»Gebirgsbahnhof« angelegt. Er hatte einen sehr
-schmuck eingerichteten Wartesaal, eine Wegeschranke
-und eine Telegraphenstange ohne Draht.
-Der Zug bestand aus einer Lokomotive und drei
-allerliebsten Aussichtswagen. Die Passagiere
-waren immer dieselben: ein Engländer, ein Professor
-mit einer Botanisiertrommel und eine
-Köchin mit einem Korb am Arm, die jedenfalls
-auf der Höhe nach Suppengemüse gesucht hatte.
-Wenn nun auch der Zug nicht übermäßig besetzt
-war, so war es doch herrlich anzusehen, wenn er
-in die Tiefe fuhr. Er machte die kühnsten Kurven,
-setzte über Viadukte, die über schauerliche Abgründe
-gespannt waren, raste durch pechdunkle
-Tunnel, durchbrauste die Ebene und fuhr endlich
-donnernd in den Bahnhof von Heinrichsburg ein,
-wo es sich bei dem Kommando: »Alles aussteigen!«
-ärgerlicherweise meist herausstellte, daß
-der Professor, der Engländer und die Köchin auf
-der raschen Fahrt von den Sitzen gepurzelt waren
-und auf dem Fußboden lagen. Ein Eisenbahnunfall
-wurde trotzdem, wie auf allen Gebirgsbahnen,
-nie bekannt.</p>
-
-<p>O, und die Stadt Heinrichsburg selbst! Fürwahr,
-ein Fremdling hätte sich in ihrem Gewirr
-von Straßen und Plätzen rettungslos verlaufen.
-Auf dem Marktplatz stand das Rathaus; da<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-guckte der Bürgermeister den ganzen Tag zum
-Fenster heraus. In der katholischen Kirche war
-beständig Hochzeit, in der evangelischen immer
-Kindtaufen. Im Judentempel saßen tagaus, tagein
-drei Männer mit Zylinderhüten auf dem
-Kopf, und in der heidnischen Kirche schlachtete ein
-Priester, namens Mohammed, ständig ein Kind.
-Das Museum umfaßte vier Bilder und zwei
-Statuen, der Reichstag war immer geschlossen.
-Wir haben ihn, da wir nichts Rechtes mit ihm
-anzufangen wußten, später in eine »Aktien-Brauerei«
-umgewandelt.</p>
-
-<p>Die Pracht der Auslagen, die sich die Geschäftshäuser
-leisteten, war erstaunlich. Allein der
-Fleischerladen mit seinen feuerroten Schinken und
-brennend braunen Würsten war ein kleines
-Weltwunder. Majestät sprach nebst hohem Gefolge
-täglich persönlich in diesem Geschäfte vor,
-dessen Warenbestand immer pünktlich erneuert
-wurde.</p>
-
-<p>Heinrichsburg war eine werktätige Stadt: da
-saß der Schuster vor seinem Haus und zog den
-Pechdraht, da hieb in seiner dunklen Höhle der
-Schmied auf den Amboß, da saß der Weber am
-Webstuhl. Lastwagen fuhren die Straße entlang
-oder hielten vor dem Wirtshaus; der Postillon
-saß hoch auf dem Bock und blies sein lustiges
-Signal. Alle Handwerker waren vertreten, und<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
-wo ein Gewerbe fehlte, da wurde zu Weihnachten
-oder zum Geburtstag Seiner Majestät König
-Heinrichs I. Abhilfe geschafft.</p>
-
-<p>Nur eine Schule gab es in Heinrichsburg nicht.
-Majestät meinten, das sei nicht lustig und verderbe
-den Spaß. Dafür marschierten glänzende Soldaten
-auf den Straßen, und die Musikkapelle zog
-den ganzen Tag mit Tiradebumdieh durch die
-glückliche Stadt.</p>
-
-<p>Merkwürdig war der Denkmälerbestand von
-Heinrichsburg. Von historischen Größen hatten
-Kaiser Wilhelm, Blücher, Zieten und der alte
-Fritz je ein Monument. Dann hatte Majestät
-selbst ein Denkmal, ebenso seine erlauchten
-Eltern: Rittergutsbesitzer Gerhardt und Frau.
-Diese Denkmäler bestanden aus Photographien,
-die in Steinpyramiden eingemauert waren. Bei
-Regenwetter wurden Zigarrenschachteln als
-Schutzdecke darüber gestülpt. Dann aber waren
-in Standbildern noch verewigt Robinson Crusoe
-und der »Pfadfinder«. Diese Denkmäler waren
-aus Holz, von Sr. Majestät selbst entworfen und
-modelliert. Sie wurden bei Regenwetter nicht
-zugedeckt; denn sie waren »abgehärtet«. Bei festlichen
-Gelegenheiten wurden sämtliche Denkmäler
-illuminiert.</p>
-
-<p>Im Gerichtsgefängnis saßen Napoleon und der
-Räuberhauptmann Schinderhannes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-045.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Herrlich war es draußen am Hafen. Oft lagen
-wir da am Ufer und sahen auf die weite, unübersehbare
-Wasserfläche und sprachen kein Wort.
-Wenn ein Schiff seine weißen Segel blähte und
-langsam von dannen fuhr, dann sahen wir ihm
-nach, dann schaute unsere junge Seele weit hinaus
-bis in die fernen Länder, nach denen das Schiff
-fuhr, zu fremdartigen Menschen, die in Zelten
-auf ewig grünen, ewig weiten Wiesen wohnten
-und andere Blumen und andere Sterne sahen als
-wir. Und all die tausend Gefahren, die das Schiff
-haben würde in Scylla und Charybdis, bei Seeräubern<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-und Meerungeheuern, erwogen wir und
-kämpften alle Not selbst durch und waren dabei,
-wenn das siegreiche Schiff eines Tages doch stolz
-und sicher in den Hafen fuhr.</p>
-
-<p>Manchmal kam unsere gute »Fee«, die Schutzgöttin
-unseres Insellandes, zu uns herüber.
-Dann feuerten unsere Strandkanonen Salut, die
-Ehrenwache stand am Ufer, die ganze Militärkapelle
-war aufgestellt, und von allen öffentlichen
-und vielen privaten Häusern wehten Fahnen.
-Der König ging der »Schutzgöttin« entgegen und
-küßte ihr die Hand, und sie ging mit freundlichen
-Augen durch unsere Stadt, und wo es an etwas
-fehlte, das sah ihr gütiger Blick und ergänzte alsbald
-ihre geschickte, freigebige Hand.</p>
-
-<p>Nur Pluto war an solchen Feiertagen eingesperrt.
-Wurde er losgelassen, so fuhr er in einer
-unsinnigen Freude durchs ganze Land, riß die
-Stadt um und brachte den Zug zum Entgleisen.</p>
-
-<p>O, es war schön in Heinrichsburg! Die größten
-Ehren habe ich dort genossen: ich war Großwesir
-und Stierkämpfer, Hofdichter und Scharfrichter,
-Hotelportier und Mitregent. Ich habe die Straßen
-ausgebessert und das Gesetzbuch verfaßt, ich war
-Dachdecker und Theaterdirektor, Seeräuber und
-Staatsanwalt. Selbst die Frau Königin bin ich
-gewesen; da hatte ich lange gelbe Locken und ein
-weißes Kleid mit einem Goldgürtel und ein<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-Taschentuch, mit einer Krone gezeichnet. Am
-liebsten war ich Leuchtturm. Dann trug ich eine
-Laterne auf dem Kopf und ließ ihr Licht nach
-allen Seiten spielen, bis die Schiffe, die in Wetter
-und Not draußen waren, glücklich den Hafen erreicht
-hatten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unsere gute Fee! Wenn ich jetzt, da ich lange,
-lange schon ein Mann geworden bin, manchmal
-träumend die Augen schließe, sehe ich ein weites
-Gelände vor mir, dadurch ein schmaler Weg führt.
-Es ist der Weg, den ich durch mein Leben gegangen
-bin. Grüne Wälder, aber auch öde Schutthalden
-sind an seiner Seite, und es fehlt nicht an
-Denksteinen, und mancher der Denksteine ist ein
-Marterl. Wenn ich nun so sitze und träume,
-ziehen Hunderte und Tausende von Menschen an
-meiner Seele vorüber. Ihnen allen bin ich einmal
-begegnet, bin ein Stücklein mit ihnen gewandert.
-Aber die meisten schauen mich so fremd an,
-als hätte ich sie nie gesehen: alle die, die mir
-gleichgültig waren und alle die, die mir einmal
-wehe taten. Sie hat mein Herz vergessen. Die
-aber, die mir etwas Liebes, Gutes erwiesen,
-reichen mir alle die Hand, und ihre Stimme klingt
-mir wie die eines Freundes von gestern.</p>
-
-<p>Und wenn sie kommt, die gute Fee meiner<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span>
-Kinderzeit, schlägt mir auch heute noch das Herz
-in Liebe für sie; ich hasche nach ihrer weißen Hand
-und küsse die Hand und lege sie auf meine Stirn.
-Dann wehen ihre blonden Haare im Wind, und
-ihre Augen sind schön und lieb wie in alten
-Tagen. Und sie nimmt meine Seele mit sich und
-führt sie in</p>
-
-<h3>die heilige Stadt.</h3>
-
-<p>Da stand ein kleiner Tempel. In dem Tempel
-war eine Figur des Heilands, die war so weiß
-wie Schnee. Vor dem Heiland stand ein Knabe,
-und über der Gruppe waren in goldenen Lettern
-zwei Sprüche in die Wand geschrieben:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Dieses Kind wird der Größte sein im Himmelreich!«</p></div>
-
-<p>und:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so
-werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«</p></div>
-
-<p>Der Knabe aber, der vor dem Heiland stand,
-war Heinrichs Bruder Ludwig, der frühzeitig aus
-dem Leben geschieden war.</p>
-
-<p>Als Ludwig starb, war ein solches Herzeleid
-auch über uns Kinder gekommen, daß ich mit
-Heinrich nach der Insel ging, um unsere schöne
-Stadt Heinrichsburg niederzureißen.</p>
-
-<p>»Wenn Ludwig nicht mehr bei uns ist,« sagten<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-wir zueinander, »so macht uns die Stadt keine
-Freude mehr.«</p>
-
-<p>Wir stiegen in bitteren Schmerzen auf die
-Adlerkoppe. Noch einmal schaute ich über den
-Aussichtsturm hinaus ins weite Land, dann löste
-ich ihn aus der Erde und nahm ihn unter den
-Arm. Heinrich packte den Bahnhof in seine Mütze,
-und eben wollten wir den Alpenjäger und die
-Gemse von der Felskuppe holen, als Heinrichs
-Mutter uns nachkam. Ihr Gesicht war weiß, und
-sie ging ganz langsam; aber sie lächelte doch, als
-sie uns über die Köpfe strich und sprach:</p>
-
-<p>»Laßt nur eure Stadt stehen; Ludwig hat jetzt
-eine viel schönere Stadt als ihr!«</p>
-
-<p>Da nahm Heinrich den Bahnhof wieder aus
-der Mütze, und ich trug den Turm wieder auf den
-Berg, richtete ihn dort auf und überzeugte mich,
-daß die Aussicht über ihn hinweg wieder ganz
-herrlich schön sei.</p>
-
-<p>Dann gingen wir drei nach Hause. Wir
-sprachen nicht. Es war gegen Abend, und der erste
-Stern tauchte auf am Himmel. Da holte Heinrich
-tief Atem und fragte mit stockender Stimme:</p>
-
-<p>»Was für eine Stadt hat Ludwig?«</p>
-
-<p>Die Mutter zog ihn an sich und sagte:</p>
-
-<p>»Der liebe Gott kann ihm eine Stadt aufbauen
-aus lauter Gold.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>»Und hat er auch einen Berg und einen Turm
-darauf?« fragte ich beklommen.</p>
-
-<p>»Er steht auf einem Berg, der höher ist als
-alle Berge, und er kann von da über die ganze
-Welt sehen.«</p>
-
-<p>»Bis Berlin zum Kaiser?« fragte Heinrich
-verwundert.</p>
-
-<p>»Bis Berlin zum Kaiser,« sagte die Mutter,
-»und &ndash; bis zu uns dreien.«</p>
-
-<p>»Sieht er uns jetzt gehen?«</p>
-
-<p>»Ja, ich glaube, er sieht uns gehen.«</p>
-
-<p>Da blies der Abendwind übers Feld, und ich
-fror.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Dieser ist der Größte im Himmelreich!«</p>
-
-<p>Der goldene Spruch stand über Ludwigs
-Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit
-scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden,
-der mit einem Kranz weißer Rosen
-um die Stirn in jenes ferne Land gewandert
-und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da
-habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm
-gelegen und hinaufgeschaut in das
-ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht,
-daß ich auch einmal den Weg finden
-möge dorthin.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-051.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja,<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-selbst der Förster kam manchmal mit; er stand
-dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in
-der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns
-dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr
-totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer
-in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der
-heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg,
-nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns
-von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu
-sehen waren.</p>
-
-<p>Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte
-sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im
-Herzen.</p>
-
-<p>Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist
-durch unser ganzes Leben der goldene Spruch
-aus der Heiligen Stadt nachgegangen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so
-werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-052.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_kleine_General">Der kleine General.</h2>
-</div>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm
-ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank
-im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer
-steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes
-Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten.</p></div>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">richtet sich matt auf</em>):</p>
-
-<p>Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal
-sehen.</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Wird dich nicht wieder das viele Licht stören,
-Hans?</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Ach, nein … ich möchte ihn sehen. Zünde
-doch die Lichter noch einmal an, Mutter … ja?</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Gewiß, mein Kind, wie du willst&nbsp;…</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen
-an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen,
-fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück.</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge?</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Er ist schön … er ist sehr schön! … Es ist
-wohl viel Marzipan dran? … Ich kann keines
-essen … es schmeckt mir bitter … Aber die
-Krone und der Engel! &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Ach, Mutter,
-mir tun die Augen weh … lösch die Lichter
-aus … bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus!</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht
-die Weihnachtslichter aus.</p></div>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden
-Lichter! … Nun ist er ganz finster, der
-Baum&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">zurückkommend</em>):</p>
-
-<p>Ist es so gut?</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Ja, es ist gut so … Ich freu' mich so über die
-Soldatensachen, Mutter.</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Mein lieber Junge!</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Bring mir doch den Säbel und den Helm!
-Und einen Spiegel … ja? Ich will mich gern
-sehen&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Ja, ich hole sie! (<em class="instruction">Pause.</em>) So, mein guter Hans,
-hier sind die Sachen!</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Stütz' mir den Rücken, ja … ich will mich
-setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann …
-So … ah, es geht schwer … und jetzt … jetzt
-den Säbel … halt' mich fest, Mutter, fest …
-ja so! … Und jetzt noch den Spiegel … Oh,
-oh, … wie seh ich denn aus? … Das bin ich
-doch nicht! Das ist ja ein ganz … altes …
-häßliches Gesicht!</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">mit unterdrücktem Schluchzen</em>):</p>
-
-<p>Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans!</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen</em>):</p>
-
-<p>Bin ich das wirklich?!</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">tröstend</em>):</p>
-
-<p>Sieh doch den Helm … er steht dir so schön …
-mein kleiner, lieber Held&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Oh … ich sehe aus … wie der Tod&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">läßt den Spiegel fallen</em>):</p>
-
-<p>Hans! … Sprich nicht so, Hans … das
-darfst du nicht … das ist böse von dir …
-entsetzlich böse&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt</em>):</p>
-
-<p>Ich will nicht böse sein … ich will gut sein …
-und ich will auch nicht gern … zum Tode …
-ich möchte bei dir bleiben, Mutter … bei dir ist's
-so schön&nbsp;…</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.)</p></div>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Ich glaube … daß ich heute sterben soll&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Du sollst ja nicht so sprechen … du wirst nicht
-sterben, Hans … ich laß dich ja nicht sterben …
-ganz bestimmt nicht … ich verspreche es dir …
-du weißt, ich halte immer, was ich verspreche …
-ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein
-Junge!</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">langsam</em>):</p>
-
-<p>Aber der Vater ist ja auch gestorben und der
-Großvater auch.</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Sie waren älter als du, aber so ein Knabe
-stirbt nicht, nein, der stirbt nicht!</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Setz' dich auf den Stuhl, Mutter … erzähl'
-mir vom Großvater … wie es war, ehe er
-starb, ja?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will
-ich dir's erzählen&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Heute, Mutter, heute! … Wo gehst du
-hin?&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon
-so&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er
-hat jetzt nicht Zeit für mich.</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Ich will doch schicken, ich komme gleich
-wieder … Der Arzt kommt bestimmt&nbsp;…</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>(Sie geht hinaus.)</p></div>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich
-an die Bleisoldaten</em>):</p>
-
-<p>Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf … ich
-will euch was sagen … Ich bin euer General …
-Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? …
-Ich kommandier' euch! … Jawohl! … Und
-wenn der Tod kommt … dann wollen wir mit
-ihm kämpfen … tapfer, ihr Jungen … er …
-er darf uns nicht unterkriegen … er nicht …<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-wir ihn … wir müssen ihn unterkriegen …
-Hört ihr? … Versteht ihr? … Wir ihn! …
-Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann …
-den Hügel hinauf … gegen viele Franzosen …
-bumm, schossen sie, bumm, bumm … sechse
-fielen … eine Kugel … eine ganz kleine, blaue
-Kugel … flog auch meinem Großvater in den
-Leib … er machte sich nichts draus … nein,
-gar nichts daraus aus der kleinen Kugel … er
-stürmte weiter … und erst, als er die Fahne
-hatte … da … da … tat er sterben … So,
-so müssen auch wir … tapfer, ihr Soldaten,
-tapfer … (<em class="instruction">er sinkt gänzlich erschöpft zurück</em>).</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">zurückkommend</em>):</p>
-
-<p>Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still.
-Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem
-Kriege erzählen?</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">halb im Fiebertraum</em>):</p>
-
-<p>Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut … Stell'
-meine Soldaten zurecht … so mit den Flinten
-auf das Fenster zu! … Dort herein wird er
-kommen … ja, gewiß, dort zum Fenster herein
-kommt er!&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">angstvoll</em>):</p>
-
-<p>Wer denn? Wer soll denn kommen? Das
-Fenster ist fest zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs
-Glas! Es ist der Feind … ja, der Tod … der
-ist der Feind&nbsp;…</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-059.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt …
-Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand,
-es kann niemand herein, ich stelle mich vor das
-Fenster&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">mit der Hand schlenkernd</em>):</p>
-
-<p>Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich
-sehen, wenn er kommt … ich muß aufpassen,<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-ich bin ja der General … Die Soldaten …
-sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen …
-sie werden groß … groß wie die Riesen …
-sie haben richtige Flinten … o, er soll nur kommen
-… gib meinen Degen … weg, Mutter,
-weg vom Fenster … wenn die Soldaten auf
-ihn schießen … treffen sie dich!&nbsp;…</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">reicht ihm in höchster Angst die Medizin</em>):</p>
-
-<p>Trinke, Hans, trinke!</p>
-
-<p class="center"><b>Hans</b>:</p>
-
-<p>Ich will nicht! … Halt, doch … ein Schluck
-ist gut … Aah so! … Gib den Soldaten auch …
-aber geh nicht mehr zum Fenster … Wenn er
-kommt, legen wir gleich los … Achtung, ihr
-Soldaten&nbsp;…</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle
-Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick
-lauernd nach dem Fenster gerichtet.)</p></div>
-
-<p class="center"><b>Hans</b> (<em class="instruction">jäh aufschreiend</em>):</p>
-
-<p>Da ist er … da ist er … der schwarze
-König! … Der Tod! … Oh … oh, er schießt.
-Oh, er hat mich getroffen … in die Brust … mit
-einer Kugel … Ich mach mir nichts draus …
-Drauf, ihr Soldaten … drauf … schießen,
-stechen, hauen! … Mein Säbel … wart' …
-ich bring dich um … ich zerschlag dir den schwarzen<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-Kopf … ich … jetzt … jetzt hat er mich …
-jetzt hab ich ihn … laßt uns … helft nicht …
-ich nehm ihn allein … ich brech ihm den Hals …
-ich siege … o du … du schlechter Feind … du
-hast meinen Vater … meinen Großvater …
-wart … dein Hals, dein Blut … ich reiß dir
-das Herz heraus … ich hab's … ich hab' dein
-Herz … es hat Großvaters Blut getrunken
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Er … er … er ist tot …
-der Tod ist tot! … Der Tod ist tot&nbsp;…</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.)</p></div>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans!
-Hans! (<em class="instruction">Schreiend:</em>) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein
-Sohn stirbt! Hilfe! O Gott … Hilfe! Zu
-Hilfe&nbsp;…</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Einige Stunden später. Gegen Morgen.</p></div>
-
-<p class="center"><b>Der Arzt</b>:</p>
-
-<p>Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau?</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b>:</p>
-
-<p>Wie könnte ich heute ruhen?</p>
-
-<p class="center"><b>Der Arzt</b> (<em class="instruction">beugt sich über Hans</em>):</p>
-
-<p>Er schläft gut … ich glaube bestimmt, nun<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz
-haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen.</p>
-
-<p class="center"><b>Die Mutter</b> (<em class="instruction">schlicht, aber mit großer, stiller Freude</em>):</p>
-
-<p>Er hat den Tod besiegt!</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen
-beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem
-Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen
-am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren
-ihre Gewehre.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-062.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Schatz_in_der_Waldmuhle"><img src="images/illu-063.jpg" alt="" /><br />
-Der Schatz in der Waldmühle.</h2>
-</div>
-
-<p>Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten
-um den starken Apfelbaum im Kreis herum,
-immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände
-auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu
-einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt
-eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam
-der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig
-auf den Müller zu und fragte:</p>
-
-<p>»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so
-im Kreise herum?«</p>
-
-<p>Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige
-herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite,
-rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst:
-»Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum
-er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die
-Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt.</p>
-
-<p>Der Müller ging noch oft seine Runde; aber
-endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach:
-»Tausend und einmal! Und ganz schweigsam!
-Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird
-es endlich glücken.«</p>
-
-<p>Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras.
-Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen,
-und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel
-mit lauter Orden und bunten Knöpfen.
-Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren
-weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr
-surrendes, friedliches Lied.</p>
-
-<p>Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in
-seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben
-wurde, zu dem anderen, da sein einziges
-Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über
-Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter
-zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da
-hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt:
-»Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was
-fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die
-Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es
-Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger
-Name, und dann wollen wir unsere reiche Base
-Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen
-ein gutes Patengeschenk geben.«</p>
-
-<p>Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das
-Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen
-Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es
-nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie
-es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette
-brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein
-blanker Kupferdreier lag, und sprach:</p>
-
-<p>»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben.
-Alsdann muß der Vater über dieselbe
-Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern
-stecken. So wie der Baum wächst, so wird der
-Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an
-dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird,
-werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln.
-Wenn dann der Kasten reif zum Heben
-ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten.
-Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein,
-dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur
-dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald
-es größer geworden ist, immer an seinem<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-Geburtstag tausend und einmal um den Baum
-herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.«</p>
-
-<p>Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das
-sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber
-hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein
-gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte
-er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine
-Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der
-Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit,
-meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des
-Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt.
-Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und
-Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in
-der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch.</p>
-
-<p>So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das
-Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es
-der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte
-er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete,
-ein feines Klingen vernommen zu haben.</p>
-
-<p>»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das
-Kupfer in das Gold umgesprungen ist.«</p>
-
-<p>Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater
-und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde
-selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein
-Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als der Müller jetzt noch so da saß und von
-seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte,
-trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten.
-Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein
-Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum
-Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht
-in seiner staubigen Müllertracht, sondern war
-sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut
-mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute
-ihn verwundert an und fragte:</p>
-
-<p>»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei
-dir heut Sonntag?«</p>
-
-<p>»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er
-einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute
-der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr
-den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag
-gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu
-bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur
-Ehefrau gebt.«</p>
-
-<p>Der Müller schaute den Burschen erst einige
-Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne
-weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!«</p>
-
-<p>Diese Worte klangen dem Freiersmann gar
-nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er
-machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand
-auf, reckte sich und sagte:</p>
-
-<p>»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel
-sitzen. Der sollen bald schönere Tage
-kommen.«</p>
-
-<p>»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie
-sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir
-sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so
-sehr darum zu Tode grämen wie ich.«</p>
-
-<p>Gegen solche Krankheit würde schon noch ein
-Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da
-Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er,
-der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein
-Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge.
-So &ndash; und damit basta.</p>
-
-<p>Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als
-er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den
-Weg und fragte gutmütig und neugierig:</p>
-
-<p>»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem
-Reinhard gesprochen?«</p>
-
-<p>Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter
-und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die
-Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten,
-was er mit dem Reinhard gesprochen hat.
-Also werde ich den Reinhard selbst fragen.«</p>
-
-<p>Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend
-und Herzeleid.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als es gegen Abend war und die müde Sonne
-sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der
-junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel
-gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und
-der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft
-auch.</p>
-
-<p>Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen
-am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!«
-und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein
-Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als
-wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr
-denn hin?«</p>
-
-<p>Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde
-ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte
-Mühle sang im Tal.</p>
-
-<p>Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte
-geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden
-Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt
-und was er sich für törichte Hoffnungen
-mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht
-da sei. Und es schloß mit vielen Tränen:</p>
-
-<p>»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater
-in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum
-begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen
-Schatz liegen.«</p>
-
-<p>Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing
-auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble
-aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr!
-Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er
-freudig aus:</p>
-
-<p>»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde
-ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen
-abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der
-vielen Ohrfeigen.«</p>
-
-<p>Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann
-wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten
-sollte auf der Reise in die weite Welt.
-Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem
-Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit
-abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte.
-Dann sprach er in väterlichem Tone:</p>
-
-<p>»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir
-bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei
-Tagen kommen wir wieder.«</p>
-
-<p>Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den
-Mund, und dann schieden sie voneinander, und
-dann ging die Sonne unter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Reinhard und Jakoble wanderten miteinander
-in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte
-Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach,
-Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich
-wohl anfangen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was
-sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da
-wäre!«</p>
-
-<p>Es wurde finster, und die beiden wußten nicht,
-wohin sie kommen würden. Wenn man aber in
-der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird,
-kommt man meist in eine Schenke.</p>
-
-<p>So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus,
-wo es hoch herging. Bauern saßen drin
-und Fuhrleute, von denen manche so reich waren,
-daß sie zwei Pferde besaßen.</p>
-
-<p>Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus
-war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein
-grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem
-Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus
-Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein
-Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine
-Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles
-hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard
-und Jakoble eintraten, hörten sie den
-Zauberkünstler eben sagen:</p>
-
-<p>»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach
-wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick
-mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte
-mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen,
-und ick sollte mal da in der Jejend
-Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen!
-Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi
-einem Bauern aus der roten dicken Nase
-wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten
-warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden.
-Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde
-lang den Mund zuzumachen und hatte
-überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck,
-daß ihn Reinhard nach einiger Zeit
-anstieß und sagte:</p>
-
-<p>»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir
-wenigstens die Nase!«</p>
-
-<p>Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte,
-stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte
-ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte
-sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung.</p>
-
-<p>Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot
-zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen
-mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß
-dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas
-und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich
-eine Zigarre an und blies statt Rauchringel
-Schweinsblasen in die Luft.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-073.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn
-draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span>
-beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die
-Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz
-ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten
-Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im
-Herzen, den andern die Schlange im Magen.
-Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen
-will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut
-gewiegt sein.</p>
-
-<p>Als es Mitternacht war und der Wind draußen
-lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks
-klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi
-trat ein. Jakoble tat einen Schrei und
-versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard
-richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische
-Zauberer beschwichtigte die beiden und
-sagte:</p>
-
-<p>»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n;
-ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.«</p>
-
-<p>Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden
-nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond
-schien durch die Dachluke und bestrahlte seine
-phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat
-sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund,
-und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur
-Höhe und sagte grollend:</p>
-
-<p>»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier
-von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden
-Darbietungen nur vorbenannte Summe
-Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos
-und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen
-und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel
-sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf
-auf die Wimpern eines irdischen Wanderers
-sinkt.</p>
-
-<p>Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte
-schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke
-aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi
-halb mitleidig und halb zärtlich anblickte
-und zur Antwort gab:</p>
-
-<p>»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«</p>
-
-<p>O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig,
-fischte in seiner Hosentasche herum und übergab
-dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar
-und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble,
-worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt
-wurden.</p>
-
-<p>Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch«
-Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch«
-von einem Oberpriester und einer Göttertochter
-ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich
-Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien
-ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin.<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe
-eines Barbiers betrieben, aber dann sei die
-höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit
-in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel
-habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun
-sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge,
-zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle
-er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem
-neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft
-anfangen.</p>
-
-<p>Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk
-lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und
-verbündet sich leicht miteinander gegen die
-tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher
-sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und
-am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier.
-Während der ganze Kretscham schlief und der
-Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens
-nach einem Wanderer, ja nach einem
-wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen
-in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre
-Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von
-seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen
-Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung
-und traurigen Fahrt in die weite Ferne.
-Die Gedanken flogen hin und her, und als der
-Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und
-nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span>
-will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine
-Pläne fassen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Begraben unter dem Baume<br /></span>
-<span class="i0">Liegt mein ganzes Gut,<br /></span>
-<span class="i0">Hatte ein liebes Mädel,<br /></span>
-<span class="i0">War wie Milch und Blut;<br /></span>
-<span class="i0">Was ich auch je im Leben<br /></span>
-<span class="i0">Erwerben und sparen wollt',<br /></span>
-<span class="i0">Gäb für den Schatz unterm Baume<br /></span>
-<span class="i0">All mein Silber und Gold.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dieses traurige Lied sang die Trudel in der
-Waldmühle nun täglich am Morgen und am
-Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm
-nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er
-am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der
-Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren,
-und alles würde gut und schön sein, wenn
-erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien
-und läutete.</p>
-
-<p>Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten.
-Der neue Knecht, den er für das
-Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten
-halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben
-hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben.<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
-So etwas ist kränkend für einen Mann,
-der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die
-Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn.</p>
-
-<p>Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen
-Lied!</p>
-
-<p>So kam es, daß der Müller einmal bis spät in
-die Nacht munter war und auch dann noch nicht
-in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon
-auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll
-und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die
-Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat
-sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben
-getan hatte &ndash;&nbsp;&ndash; er öffnete das Fenster.</p>
-
-<p>Und nun hörte er es deutlich!</p>
-
-<p>Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete
-ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein
-durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt,
-Müller, der Schatz ist reif!</p>
-
-<p>Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war
-sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine
-Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder,
-wie der Wind einen Eichbaum schüttelt.</p>
-
-<p>Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da
-ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den
-Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei.</p>
-
-<p>»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif.
-Komm mit mir, wir wollen ihn heben.«</p>
-
-<p>»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,«
-sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater.
-Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge
-ragten in den Himmel, und der Wind flog
-von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er
-zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe.
-Dann löste es sich los von den Bergen wie große
-Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit
-zuckenden Schwingen über den Himmel zogen.</p>
-
-<p>Das Glöcklein war verstummt. Es hing an
-dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine
-weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller
-und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem
-Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die
-Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte
-Trauer, und in beiden wohnte die Furcht.</p>
-
-<p>Ächzend setzte sich der Müller schließlich unter
-den Apfelbaum. Ein wenig verpusten, erst ein
-wenig verpusten.</p>
-
-<p>So war nun der große Augenblick gekommen,
-auf den seine Eltern gehofft, nach dem er selbst
-von frühester Jugend an ausgeschaut hatte. Erfüllt
-war seine Sehnsucht, der ganze goldene
-Segen des Reichtums war nahe und gewiß.</p>
-
-<p>»Trudel, du wirst dir einen Fürsten heiraten<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-oder gar einen Offizier,« sagte er traumhaft glücklich
-vor sich lächelnd. Das Mädchen schüttelte
-den Kopf.</p>
-
-<p>»Der Reinhard ist kein Fürst und kein Offizier,«
-sagte es in seiner großen Treue.</p>
-
-<p>»Wird alles anders, alles anders! Nur ein
-wenig verpusten!«</p>
-
-<p>Da kam aus der Erde ein starkes Klopfen. Der
-Müller sprang auf; er glaubte, es komme ein Erdbeben.
-Zweimal holte er noch tief Atem, dann
-sagte er:</p>
-
-<p>»Rasch machen, rasch, damit die glückliche Zeit
-nicht vergeht! Auch ist es hier sehr unheimlich.
-Hörtest du das Poltern in der Erde?«</p>
-
-<p>Und er stieß den Spaten ins Gartenland und
-geriet augenblicklich auf einen Widerstand, der
-sich als ein starkes Brett herausstellte.</p>
-
-<p>»Die Kiste, Trudel, die Kiste!«</p>
-
-<p>Es war wirklich der Deckel einer Kiste, den der
-Müller in rascher, aufgeregter Arbeit bloßlegte.
-Dieser Deckel hatte über ein Meter im Geviert.
-Es war eine Riesenkiste, und der Müller sagte in
-schwerster Beklemmung:</p>
-
-<p>»Trudelchen, wenn sie voll puren Goldes ist,
-müssen es an die tausend Taler sein!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-081.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Auf einmal hob sich der Deckel der Kiste von
-selbst &ndash; der Müller und die Trudel wichen erschrocken<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-zurück &ndash; der Kistendeckel wurde beiseite
-geschleudert &ndash; und wie aus einem Grabe heraus
-erstand eine Gestalt und ragte mit dem halben
-Körper aus der Erde.</p>
-
-<p>Es war Reinhard.</p>
-
-<p>»Müller,« rief er mit feierlicher Stimme, »wisse
-und glaube: ich bin der Schatz, der dir und deiner
-Mühle und deiner Trudel bestimmt ist. Höhere
-Mächte haben mich hier eingegraben; jetzt bin ich
-Euch verliehen und Euer eigen.«</p>
-
-<p>Das Trudelchen hatte erst ein bißchen erschrocken
-aufgequiekt, aber dann stand es eins, zwei, drei
-neben Reinhard in der Kiste und rief immerfort:</p>
-
-<p>»Ja, ja, ja, so ist es, so ist es, so ist es!«</p>
-
-<p>Und plötzlich kam etwas aus dem Zaungebüsch
-dahergerannt, und ob es auch geisterhaft aussah,
-wie es so daherhuschte, erwies es sich doch bei
-näherer Betrachtung als das Jakoble, und das
-rief:</p>
-
-<p>»Ja, das ist der geheimnisvolle Schatz! Ich
-weiß es und kann es bezeugen.«</p>
-
-<p>Um das Schmerzliche ganz kurz zu sagen: den
-Müller erfaßte eine Riesenwut. Er prügelte zuerst
-das Jakoble windelweich, dann stürzte er sich auf
-Reinhard, und er brüllte so laut, daß alle Leute
-in der Mühle zusammenliefen. Denen erklärte
-er nun in japsenden Sätzen, mit einer Stimme,<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-die vor Wut schrill wurde und sich überschlug: er
-sei genarrt, sei betrogen, sei von Spitzbuben geprellt;
-sein kostbarer Schatz, der unter dem Apfelbaum
-gelegen, sei ausgegraben, sei von diesen
-Dieben und Räubern gestohlen, und sie müßten
-nun alle, alle an den Galgen.</p>
-
-<p>In der Nähe wohnte ein doppelter Sicherheitsmann,
-der zu gleicher Zeit Bahnwärter und
-Polizist war. Dieser Mann wurde herbeigeholt,
-Reinhard und Jakoble wurden überwältigt, es
-wurden ihnen Hände und Füße gebunden, wie es
-Räubern geziemt, und ihnen dann befohlen, mit
-dem Sicherheitsmann nach dem Amtsgefängnis
-zu marschieren. Zwecks Ausführung dieses
-Polizeibefehls mußten den Gefangenen die Füße
-wieder freigegeben werden.</p>
-
-<p>Die Trudel weinte so laut, daß der ganze Hof
-und Garten aufwachte, die Vögel zu zwitschern,
-die Kühe zu brummen begannen und der Hahn
-zu krähen anfing.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Eberhard Schleifle, der Bahnwärter und Polizist,
-beförderte durch die dunkle Nacht seine beiden
-Gefangenen zum Gerichtsgefängnis, das zwei
-Stunden von der Waldmühle entfernt war. Er
-trug als Waffe einen Spieß, der so schwer war<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span>
-wie weiland der Spieß Goliaths: sein Schaft war
-wie ein Weberbaum. Da nun Eberhard Schleifle
-den ganzen Tag schwere Bahnwärterdienste getan
-hatte, indem er fünf Eisenbahnzüge an sich hatte
-vorüberfahren sehen, so war er müde und gab dem
-Jakoble seinen Amtsspieß zu tragen. Zu diesem
-Zweck band er ihm die Hände los. Auch den Reinhard
-befreite Schleifle von den Handfesseln, weil
-sie ihn in dem Augenblick behinderten, als alle
-drei gemeinschaftlich eine Prise Tabak schnupfen
-wollten. Als die drei nun auf solche Weise ans
-Gefängnis kamen, war dieses geschlossen. Es ist
-auch nicht mehr als recht und billig, daß Gefängnisse
-des Nachts geschlossen sind. Der Polizist kehrte
-also mit seinen Gefangenen in ein Gasthaus
-ein, wo eben eine Hochzeit gehalten wurde, und
-gedachte da den Morgen abzuwarten. Er und
-Jakoble tanzten mit den Brautjungfern, Reinhard
-aber hielt sich traurig beiseite, denn er dachte
-an die Trudel. Am nächsten Morgen wurde er
-mit Jakoble eingekerkert. Die Zelle war so eng,
-daß Reinhard seufzte und sprach: »Hier hat man
-fast so wenig Luft wie in der Kiste, als sich der
-Müller grade oben auf das Luftloch gesetzt hatte;
-denn da wäre ich fast erstickt und mußte gewaltig
-anklopfen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ach, du schwere Zeit! In der Waldmühle
-schlug die Uhr keine gute Stunde mehr. Der
-Müller ging in verbissener Wut umher; die Trudel
-weinte sich die Augen rot, wenn sie daran dachte,
-wie Reinhard und Jakoble von dem barbarischen
-Eberhard Schleifle so roh davongeführt worden
-waren.</p>
-
-<p>Nun war es damals wie immer im Mai: es war
-kalt. Die Eisheiligen hatten sehr strenge Herrschaft
-aufgetan, und der Müller saß eines Abends
-am Ofen und fror. Es war um die Dämmerstunde,
-und alle Leute waren in den Ställen beschäftigt.
-Der Müller war allein.</p>
-
-<p>Da tat sich die Tür auf, und ein fremder Mann
-trat ein, der war in einen schwarzen Mantel gehüllt
-und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen.
-Er grüßte nicht und stellte sich dem erstaunten
-und erschrockenen Müller ganz nahe gegenüber.
-Und er tat seinen Mund auf und sprach ohne jede
-weitere Einleitung:</p>
-
-<p>»Müller! Müller! Gold ist Wind!«</p>
-
-<p>Damit griff er dem Müller, der ganz verblüfft
-dasaß, an die Nase, zog ihm eine Menge Dukaten
-heraus und warf das blinkende Gold in die Luft,
-wo es spurlos verschwand. Dann sprach der
-Fremde weiter:</p>
-
-<p>»Müller! Müller! Gold ist Wasser.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Und er griff aus der Luft die Dukaten zurück,
-ließ sie am Herdfeuer auf seiner flachen Hand
-glänzen und steckte sie darauf in den Mund, worauf
-er einen Strahl Wasser auf den Fußboden
-spuckte, lachte und weitersprach:</p>
-
-<p>»Wenn nun Gold Wind und Wasser ist, müssen
-alle Wind- und Wassermüller im Lande reich
-werden.«</p>
-
-<p>Dem Müller standen die Haare zu Berge, und
-er vermochte es nicht, ein Wörtlein zu sagen.
-Der Fremde aber sagte:</p>
-
-<p>»Auch in der Erde liegt Gold.« Er bückte sich
-darauf nach dem schwarzen Estrich der ungedielten
-Stube und hob da viele Getreidekörner auf, die
-zuvor dort nicht gelegen hatten. Er zeigte dem
-Müller die Körnlein, und sie wurden zu Goldmünzen.</p>
-
-<p>»Wenn nun,« sprach der Fremde mit ernster
-Stimme, »Wasser und Wind und Erde Gold sind,
-warum hängst du so sehr am geprägten Golde?
-Wisse, es ist nicht gleich, ob du sagst: ›Wind ist
-Gold‹ oder ob du sagst: ›Gold ist Wind.‹ Es ist
-ganz etwas anderes, es ist das Entgegengesetzte.
-Verstehst du das?«</p>
-
-<p>Der Müller schüttelte den Kopf; in diesem
-Augenblick hätte er überhaupt nichts verstanden.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-087.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Der Fremdling nahm nun den Hut ab und<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-strich sich durch die Haare. Da zischten und blitzten
-Flammen daraus; auch begann die Nase des unheimlichen
-Gastes in grellem Lichte zu leuchten.
-Zwei große Augen richteten sich auf den zitternden
-Müller, und der Fremde sprach:</p>
-
-<p>»Den wahren Schatz hast du verschleudert; den
-Mann, der dir aus Wind und Wasser und Erde
-Gold gemacht hätte, hast du verjagt, und als ihn
-dir die höheren Mächte zurückbrachten, hast du
-ihn einem abscheulich verrohten Kerkermeister
-übergeben. Wenn du ihn nicht freimachst und ihn
-nicht deiner Trudel vermählst, so wird all dein
-Hab und Gut zerrinnen, so bist du über Jahr und
-Tag ein Bettler. Bedenke das wohl. Ich sage
-es, ich, der große Zauberer Kiutschitsufilutschi.«</p>
-
-<p>Und der Zauberer griff mit der rechten Hand
-eine kleine Trommel, mit der linken einen
-Schläger aus der Luft, schlug einen kurzen,
-dumpfen Wirbel, öffnete seinen Mund und spie
-Rauch und Flammen aus, warf Trommel und
-Schläger durchs geschlossene Fenster hinaus, nahm
-eine große Wurst vom Tisch, die sich zusehends in
-eine Schlange verwandelte und ihm in den Halskragen
-kroch, verwandelte ein Stück Speck, das
-dalag, in eine Maus, die in seine Rocktasche
-schlüpfte, und verschwand knarrend durch die Tür.</p>
-
-<p>Den Müller schwitzte und fror in dem gleichen<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-Augenblick. Lange saß er fassungslos da, dann
-schrie er um Hilfe. Das Trudelchen kam gesprungen
-und war außer sich vor freudigem Schreck,
-als ihr der Vater keuchend sagte:</p>
-
-<p>»Trudelchen, zieh dir eine Jacke an; wir müssen
-augenblicklich den Reinhard aufsuchen, und du
-mußt ihn heiraten! Es ist etwas Schreckliches
-geschehen: du mußt jetzt den Reinhard heiraten,
-oder ich werde ein Bettler.«</p>
-
-<p>O, wie flink hatte das Trudelchen die Jacke an
-und das Tuch über den Kopf gebunden! Die
-beiden machten sich nun auf und gingen zu Herrn
-Schleifle, der eben vor der Tür seines Bahnwärterhauses
-damit beschäftigt war, sich mittels
-eines Steines auf der Schiene Haselnüsse aufzuklopfen.</p>
-
-<p>Er hielt in seiner Arbeit inne und sah die beiden
-erwartungsvoll an.</p>
-
-<p>»Schleifle,« sprach der Müller, und man hörte
-ihm an, daß ihm das Reden schwer wurde,
-»Schleifle, du bist ein Mann der Gerichtsbarkeit.
-Du hast den Reinhard eingesperrt und mußt nun
-sehen, daß du ihn wieder herausbekommst, denn
-mein Trudelchen muß ihn heiraten.«</p>
-
-<p>Herr Schleifle war sehr erstaunt, und indem er
-einige Haselnußschalen von der Schiene putzte,
-dachte er bei sich: Ei, ei, seht an, das Mädel hat<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-den Alten herumgekriegt; nun soll es ihn aber
-auch was kosten! Er schob also seine Amtsmütze
-aufs linke Ohr und sagte:</p>
-
-<p>»Reinbringen ist leicht; rauskriegen ist schwer!
-Reinhard sitzt da drin im Namen des Gesetzes;
-ich kann ihn nicht begnadigen.«</p>
-
-<p>Der Müller griff in die Hosentasche und ließ
-von ungefähr einen blanken Taler sehen, aber
-Schleifle, der schnell im stillen ausrechnete, drei
-Taler seien mehr als einer, meinte:</p>
-
-<p>»Die Obrigkeit sieht nicht aufs Geld. Reinhard
-ist nun einmal ein Räuber und muß dafür
-brummen.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kam ein Zug angesaust.</p>
-
-<p>Herr Schleifle, der dieses Ereignis nicht vermutet
-hatte, sprang beiseite und stand stramm,
-in der einen Hand den Stein, in der anderen die
-Haselnußtüte. Auch als der Zug fort war, blieb
-Herr Schleifle fest und meinte, die Geschichte mit
-Reinhard sei ein schwerer juristischer Fall und
-er könne da vorläufig nichts tun.</p>
-
-<p>Mit diesem Bescheid mußten sich die beiden
-begnügen, und der Müller ging verdrossen mit
-dem weinenden Trudelchen heim. Was sollte nun
-werden? Der unheimliche Fremde, der so unerhörten
-Zauber ausüben konnte, hatte gedroht,
-der Müller würde zum Bettler werden, wenn der<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span>
-Reinhard die Trudel nicht heiratete. Und Schleifle
-war als Beamter wie von Stahl und Eisen. Was
-sollte nun werden?!</p>
-
-<p>Eine schwermütige Nacht brach an. Das Trudelchen
-war schluchzend nach seiner Schlafkammer
-gegangen; der Müller saß allein und hörte den
-Nachtwächter die zehnte Stunde tuten. Die Zukunft
-lag erschreckend und trostlos vor ihm. Wie
-der Fremdling Trommel und Schlägel durchs
-geschlossene Fenster geschleudert hatte, so würde
-all Müllers Geld und Gut auf die Gasse fliegen,
-er mochte es verschließen und bewachen, wie er
-wollte. Und wie sich Müllers schöne Wurst und
-sein saftiges Stück Speck in eine Schlange und eine
-Maus verwandelt hatten, so würde all seine Habe
-der Geier holen. Wer kam gegen Zauber an?</p>
-
-<p>Wie nun der Ärmste noch in so schweren Gedanken
-dasaß, hörte er plötzlich vom Garten her
-wieder das silberhelle Klingen des Glöckleins.
-Mit drei Sätzen war der Müller im Hof, ergriff
-den Spaten und eilte nach dem Garten. O, wenn
-der Reinhard wieder unter dem Baume in der
-Erde steckte, welch ein Glück!</p>
-
-<p>Der Müller stieß den Spaten in den Rasen,
-hob die Schollen ab, grub, grub um den ganzen
-Baum herum, und fand schließlich ein Kästlein,
-das zwar nicht ganz klein war, aber sich doch bequem
-in den Händen tragen ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Wie betäubt stand der Müller mit dem Kasten
-da, stand wohl länger als fünf Minuten still,
-ehe er die Kraft fand, mit dem Schatz nach der
-Stube zu gehen.</p>
-
-<p>Dort öffnete er den Kasten und stieß einen
-jubelnden Schrei aus.</p>
-
-<p>Gold! Gold! Gold! Pures, eitles, blinkendes
-Gold! Flimmernde Stücke ohne Zahl! Der
-Müller schloß die Augen, nahm drei, nahm zehn
-Münzen, nahm beide Hände voll und lachte und
-schluchzte und verschluckte sich und bekam einen
-Krampfhusten vor lauter Freude.</p>
-
-<p>Zehnmal wühlte er die Hände in den goldenen
-Segen. Das war ein Reichtum ohne Maß. Auch
-Diamanten, Rubinen und schimmernde Smaragdsteine
-waren unter den Münzen, und manch einer
-von den Edelsteinen war so groß wie ein Taubenei.</p>
-
-<p>Der Müller brach in Tränen aus. Er war
-reich, reich wie kein Mensch der Welt, reicher als
-der Kaiser, reicher als der Sultan, reicher selbst
-als Herr von Pritzewitz, der drei Rittergüter besaß!
-Nun war alles gut und herrlich, nun konnte
-sich sein Trudelchen goldene Schuhe und silberne
-Schürzen kaufen, und jeder Jackenknopf sollte
-ein Demant sein. Und den Reinhard wollte er
-loskaufen, den Reinhard&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hm! Halt! Halt! Hm! Vorsicht! Immer sachte!</p>
-
-<p>Man brauchte nichts zu voreilig zu tun, man<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-konnte es sich überlegen. Wer war er jetzt, der
-Müller, wer war die Trudel, und wer war der
-arme Reinhard? Unerhört wäre es, wenn ein
-Müllerbursch eine Prinzessin heiratete, die die
-Erbin solcher Güter war, die einen Fürsten oder
-gar einen Offizier bekommen könnte. Müller
-übereil' dich nicht! Wenn das Mädel das hier
-sieht, diese Pracht, diesen märchenhaften Reichtum,
-dann wird sie schon von selbst vernünftig werden.
-Der Zauberer? Der Zauberer mit seiner Prophezeiung?
-Wo ist seine Prophezeiung? Wenn
-er der Teufel gewesen ist, muß er ein sehr dummer
-Teufel gewesen sein. Ist das der Rückgang von
-Müllers Wohlstand? Kann soviel Geld und
-Reichtum überhaupt je zu Ende gehen? Unsinn!
-Müller, sei fest, jetzt kann dir kein böser Geist mehr
-was anhaben. Halloh, nun mußte noch alles
-anders, ganz anders kommen, mußte so kommen,
-wie es der Müller wünschte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es klopfte ans Fenster. Der Müller erschrak
-und schloß den Kasten. Draußen an den Scheiben
-wurde das rote, umfangreiche Riechorgan Herrn
-Schleifles sichtbar. Der Müller ging in den Hof
-hinaus.</p>
-
-<p>»Was willst du?«</p>
-
-<p>Herr Schleifle machte eine hoheitsvolle Amtsmiene.</p>
-
-<p>»Müller,« sagte er, »ich hab mir's überlegt und<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-die Gesetzbücher nachgeschlagen. Ich könnte den
-Reinhard doch vielleicht freikriegen. Aber es ist
-ein schwieriger Fall. Und Spesen wird's machen,
-viel Spesen.«</p>
-
-<p>Der Müller sah Herrn Schleifle hochmütig an.</p>
-
-<p>»Ich brauch' dich nicht mehr, Schleifle. Es ist
-anders gekommen. Meinetwegen kann nun der
-Reinhard solange im Gefängnis sitzen, wie ihm und
-den Herren Richtern beliebt. Nicht einen Pfennig
-gebe ich für ihn her.«</p>
-
-<p>Damit schlug er dem verdutzten Gerichtsmann
-die Tür vor der Nase zu und ging nach der Stube
-zurück. Dort wartete er, bis er sich völlig unbeobachtet
-wußte, und öffnete dann wieder sein
-Schatzkästlein.</p>
-
-<p>Da starrten seine Augen &ndash;&nbsp;&ndash; da stieß er einen
-Schrei aus, der durch die ganze Mühle gellte, und
-fiel schwer zu Boden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Trudelchen fand ihren Vater vor einem
-geöffneten Kästlein, in dem nichts war als ein
-paar Scherben, ein paar Kieselsteine, ein Bündelchen
-dürres Gras und ein Häufchen Asche.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Vierzehn Tage lang lag der Müller krank, dann
-stand er auf, tat Geld in seinen Beutel und
-wanderte nach dem Amtsgericht. Dort fragte er
-nach Reinhard. Er hörte, daß Reinhard und Jakoble<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span>
-inzwischen nach der Stadt hineingeschafft und dort
-von dem Gericht freigegeben worden wären, da
-keine Schuld an ihnen gefunden worden sei.</p>
-
-<p>Der Müller wanderte nach der Stadt und fragte
-nach Reinhard und Jakoble. Sie waren auf und
-davon; niemand wußte wohin.</p>
-
-<p>Da ging der Müller aus der Stadt hinaus,
-setzte sich auf einen Wiesenrain und schluchzte zum
-Steinerbarmen. Nun wußte er, daß sein Glück
-dahin war, wußte, wie grausam sich die Prophezeiung
-des fremden Zauberers erfüllen
-würde. Eine ingrimmige Reue erfaßte den
-Müller. Wie hatte er sein Glück verscherzt! Nun
-mußte er ein Bettler werden, wenn er Reinhard
-nicht fand und nicht Schuld und Strafe von sich
-und seiner Mühle abwandte. Suchen mußte er
-den Reinhard, suchen, und wenn ihm die Füße
-bluteten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze
-Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen
-fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie
-nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch
-er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß
-er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht
-war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine
-Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
-verpfändet und sein Kind davongetrieben
-worden in die weite Welt. Das hätte er nicht
-ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die
-ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn
-er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden
-und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen.</p>
-
-<p>So wurde der Müller wirklich ein Bettler.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart
-lang und grau geworden waren, kam er in eine
-Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die
-unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber
-war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing
-ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als
-Aushängeschild haben. Über der Tür stand:
-Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im
-Fenster, an der Tür und an den Wänden waren
-große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu
-lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares
-Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende
-Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!«
-Und so waren noch viele Schilder
-und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles
-eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«,
-»Hühneraugentod« und eine wunderbare
-»Wünschelrute« angezeigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein
-aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte:</p>
-
-<p>»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd?
-Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar
-scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen?
-Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste
-Firma am Platz.«</p>
-
-<p>Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann
-fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen
-koste.</p>
-
-<p>»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das
-Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität
-an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht
-viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit
-ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird
-Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht
-zu viel sein.«</p>
-
-<p>Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte
-fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und
-ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht
-kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen
-Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen,
-und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte
-Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein
-Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen
-ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum
-daheim ausgegraben und das ihm erst so viel<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid
-gebracht hatte.</p>
-
-<p>»Was möchtet Ihr nun wissen?« fragte der
-Wahrsager.</p>
-
-<p>Der Müller seufzte und erzählte seine ganze
-Geschichte, vor allem, wie er nun seit Jahren Land
-aus, Land ein den Reinhard suche, der ihm allein
-sein Glück und seine Ruhe wiedergeben könne.</p>
-
-<p>Während dieser Erzählung rückte der Wahrsager
-unruhig hin und her, kratzte sich auf dem
-Kopf und wurde abwechselnd blaß und rot. Als
-der Müller geendet hatte, wandte sich der Barbier
-ab und sagte:</p>
-
-<p>»Ja &ndash; hem &ndash; das tut mir leid &ndash; ja hem &ndash;
-das hätte ich nicht gedacht &ndash; nicht &ndash; nicht gewollt
-und ich &ndash; ich &ndash; nun wartet, da muß Euch ein
-stärkerer Geist helfen, als ich bin.«</p>
-
-<p>Ein Viertelstündchen verging, dann trat Kiutschitsufilutschi
-ins Zimmer. Der Müller stieß
-einen Schrei aus; aber der Zauberer beruhigte
-ihn und sprach: »Ich komme als dein Freund!
-Deine Schuld ist gesühnt; ziehe nach Hause, du
-wirst wieder glücklich werden.«</p>
-
-<p>Darauf legte er eine Schlange auf den Tisch;
-sie verwandelte sich in eine Wurst. Er ließ eine
-Maus aus dem Ärmel krabbeln; sie verwandelte
-sich in ein Stück Speck.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span></p>
-
-<p>»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube,
-ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch
-diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und
-fahrt heim!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als
-er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn
-heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da
-alles antreffen werde.</p>
-
-<p>Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit
-einer Sense aufs Feld.</p>
-
-<p>»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag,
-bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?«</p>
-
-<p>Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und
-wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden
-Zurufe des alten Mannes kam er näher.</p>
-
-<p>»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir,
-was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle
-geworden?«</p>
-
-<p>Da duckte sich Jakoble und sagte:</p>
-
-<p>»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?«</p>
-
-<p>»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr,
-liebes Jakoble.«</p>
-
-<p>»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst
-verheiratet, und es geht ihnen gut.«</p>
-
-<p>»Sie sind &ndash; sind verheiratet?«</p>
-
-<p>»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die
-Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir
-beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren,
-ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich
-halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und
-Geld haben sie auch.«</p>
-
-<p>»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun
-wollen wir heimgehen.«</p>
-
-<p>Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller
-durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen,
-daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme.
-Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf
-dem Baume am Ende doch nicht noch einmal
-läute.</p>
-
-<p>Drei Tage später bekam Jakoble wieder die
-erste Ohrfeige.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-100.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_angebundene_Kirchturm">Der angebundene Kirchturm.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Kirchturm von Waldauendorf war schlechter
-Laune. Er hatte auch Ursache dazu. Was meint
-man, was einem alten, ehrwürdigen Kirchturm
-alles passieren kann? Angebunden hatten sie
-ihn wie einen Hund! Da waren solche schnippische
-Kerle aus der Stadt gekommen, hatten
-eine endlos lange eiserne Schnur hinter sich hergeschleppt,
-sie an Bäumen und Masten befestigt
-und schließlich auch den Kirchturm daran gebunden.</p>
-
-<p>Also so etwas soll sich ein alter, ehrwürdiger Herr
-heutigen Tags gefallen lassen! Der Turm guckte
-mit seinen großen Augen, die als Wimper eine
-schöne Jalousie hatten, zornig auf die städtischen
-Knirpse, die einen mächtigen Haken in seine
-Seite schlugen und ein Porzellanhütchen daraufsetzten.
-Nun tut ja einem Kirchturm ein eingeschlagener
-Haken nicht mehr weh, als wenn andere
-Leute sich mit einer Stecknadel pieken. Auch das
-Porzellanhütchen hätte man sich gefallen lassen
-können wie einen schmucken Westenknopf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde,
-das ging gegen seine Ehre!</p>
-
-<p>Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst
-sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen
-feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand
-hinüber und wünschte, die Schweden möchten
-kommen und die Frechlinge, die unten auf
-der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren
-Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte
-die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen;
-es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre
-her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und
-auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln
-in den Gliedern, wie einem Bauern,
-der zur Treibjagd war, die Schrotkörner.
-Damals hat der Turm die Schweden als die
-Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb
-zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen,
-als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt
-wünschte er sie sich her. Die würden schon die
-bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten,
-vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken.</p>
-
-<p>Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal
-Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten
-ihr Werk und zogen mit einer anderen
-Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein.<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span>
-Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin
-angebunden.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-103.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er
-seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen
-Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr
-Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen;
-ja, was nutzte ihm sogar sein größter
-Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig
-gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte
-Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen,
-war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und
-man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und
-Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und
-seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt,
-wie spät es sei. Schöne Zeit war das!</p>
-
-<p>Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre,
-seine frohe Laune. Er war angebunden!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Abend kam. Durch die Mauerluke des
-Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen,
-und ein paar kalte Tropfen rannen über seine
-großen Augen.</p>
-
-<p>Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie
-ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er
-nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen?
-Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt,
-wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er
-nicht in wilden Sturmnächten, wie in den<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-Blütenstunden des Mai Wache gestanden an
-ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem
-Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen
-Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden
-Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld
-und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden
-Segen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein paar Tage vergingen. Wieder war es
-Abend.</p>
-
-<p>Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der
-Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen.
-Aber in seiner Stimme war ein Klang
-von Trauer und Herzeleid.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Unten knarrte das Kirchhoftürchen.</p>
-
-<p>Die junge Frau Annemarie kam. Sie ging
-schnell und aufgeregt. Ihre Blicke irrten über
-den Kirchhof. Und sie fiel vor dem großen Kreuz
-auf die Knie, das unter der Linde stand.</p>
-
-<p>»Erbarm dich, Herr, erbarm dich! Laß mein
-Kind nicht sterben! Laß mein Kind nicht sterben!«</p>
-
-<p>Sie wiederholte schluchzend immer dieselben
-Worte.</p>
-
-<p>Der Kirchturm wußte Bescheid. In ein paar
-Tagen mußten seine Glocken klingen über einem
-kleinen Grab, und in sein Läuten würde sich
-lautes Mutterweinen mischen und der Gesang:
-»In der Blüte deiner Jahre&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Turm kannte das. Es war das alte Lied<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span>
-seit vielen, vielen hundert Jahren. Mütter weinen
-an den Gräbern am schmerzlichsten.</p>
-
-<p>»Erbarm dich, Herr, laß mein Kind nicht
-sterben!«</p>
-
-<p>Wieder ging die Kirchhofstür. Der alte Herr
-Kantor kam. Er war wohl der Annemarie nachgegangen.</p>
-
-<p>»Der Arzt muß kommen!« sagte er zu ihr.</p>
-
-<p>Sie blickte ihn an wie irr.</p>
-
-<p>»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt
-und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das
-Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt
-zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das
-Kind tot &ndash; ist es tot!«</p>
-
-<p>Da sprach der Kantor etwas, was der Turm
-durchaus nicht verstand; er sagte:</p>
-
-<p>»Ich werde dem Arzt telephonieren!«</p>
-
-<p>Und er zog die weinende Annemarie mit sich
-fort.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was
-war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms
-war schon ein bißchen morsch, und er mußte
-sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war
-sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich
-fein geblieben.</p>
-
-<p>O, was war das für ein wundersamer Abend!
-Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand,
-hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors.<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span>
-Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof,
-nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu
-sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert,
-aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm
-alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte,
-der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus.</p>
-
-<p>Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe
-war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war;
-der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries
-Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei
-Diphtherie, er werde sofort kommen und das
-Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund
-werden.</p>
-
-<p>So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen
-in seinem langen Leben, und als eine
-Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich
-durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden
-und Herzbeklemmung.</p>
-
-<p>Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der
-Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der
-Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen:</p>
-
-<p>»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische
-Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde
-war keine Zeit zu verlieren.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Kantor, »in meinen jungen
-Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß
-man einmal einen Draht an meinen alten Kirchturm<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-befestigen und daß ich durch diesen Draht
-über Berg und Tal sprechen können würde. Eine
-neue Zeit!«</p>
-
-<p>»Keine schlechte Zeit!« sagte der Arzt.</p>
-
-<p>Die Männer trennten sich; der Kirchturm
-schnappte nach Luft. Also die Schnur, an die er
-gebunden war, war ein Draht, und durch diesen
-Draht konnte man bis in die Stadt sprechen!</p>
-
-<p>Der Turm dachte nach, daß ihm die Balken
-seines Gehirns knackten &ndash; aber er kriegte nicht
-zusammen, wie das alles möglich sein könne.</p>
-
-<p>Da faßte ihn tiefe Betrübnis. Er holte schwer
-Atem und sprach zu sich selbst:</p>
-
-<p>»Wenn ich schon meine Gemeinde nicht mehr
-verstehe, wünschte ich, ich wäre tot. Vielleicht
-kommen die Schweden und erschießen mich, oder
-die Leute reißen mich weg und bauen einen
-neuen und klügeren Turm!«</p>
-
-<p>So stand er traurig die ganze Nacht. Am
-nächsten Morgen aber hörte er aus dem Draht
-heraus die Stimme des Herrn Pfarrers. Der
-sprach mit einem Dachdeckermeister in der Stadt
-und bestellte tatsächlich den neuen roten Hut für
-den Turm.</p>
-
-<p>»Wir müssen den alten Herrn schon etwas heraus
-putzen,« sagte der Pfarrer, »denn er ist ja im
-Nebenamt jetzt sogar Telephonbeamter geworden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>Telephonbeamter! Da habt ihr's! Da ist man
-ein großes Tier und weiß es gar nicht, da ist man
-ein Beamter und hat keine blasse Ahnung von
-seinem Beruf! Aber das sollte jetzt anders werden!
-Telephonieren wollte der Turm, was das
-Zeug hielt.</p>
-
-<p>Die gute Laune war plötzlich in goldenstem
-Maße wieder da. Der Turm sah nach seiner
-Taschenuhr. 9&nbsp;Uhr! Wenn es der Dachdecker
-ebenso eilig hatte wie gestern der Doktor, konnte
-die Sache mit dem roten Hut also um 10&nbsp;Uhr
-losgehen.</p>
-
-<p>So schnell ging's nun nicht. Aber der Turm
-war immerfort in großem Glücksgefühl; er wußte,
-daß er nach wie vor seiner Gemeinde diente.</p>
-
-<p>So mußte wohl auch auf den neuen Wegen der
-alte Gott regieren. Und hoch hob der Turm sein
-golden Kreuzlein über seine Gemeinde.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ein_Abenteuer_auf_der_Themse"><img src="images/illu-111.jpg" alt="" /><br />
-Ein Abenteuer auf der Themse.</h2>
-
-<p class="center">Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte
-passiert ist.</p>
-</div>
-
-<p>»Weißt Du, was die <em class="antiqua">Oxford-Cambridge Boat
-Race</em> ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt
-in Achtern zwischen den Studenten der Universität
-Cambridge und Studenten von Oxford.
-Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange.
-Die Cambridger sind die Hellblauen und die
-Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die
-Hälfte von London auf Hellblau, die andere
-Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen
-dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen
-(natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet);<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span>
-Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten,
-Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen,
-die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder
-an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel!
-Ganz London auf der Themse oder wenigstens
-an der Themse.</p>
-
-<p>Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt
-in Verbindung, war reiselustig und fuhr
-extra von Berlin nach London, um an der <em class="antiqua">Oxford-Cambridge
-Boat Race</em> teilzunehmen und meinem
-Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der
-Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden
-oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei
-Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer
-bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten
-zu beobachten war.</p>
-
-<p>In London treffe ich einige Bekannte und mache
-mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf
-früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig
-und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel
-zehn Uhr.</p>
-
-<p>Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom
-Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich
-erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose
-verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter!
-Donnerwetter! So ein Lumpenkerl &ndash; ich! Extra
-nach London gekommen, und nun &ndash; wo sind
-die Strümpfe? &ndash; Wenn bloß der Kragen nicht<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span>
-so blödsinnig eng &ndash; Waschen? Verrücktheit! Ich
-wasche mich andermal wieder &ndash; Himmel, da ist
-ja mein linker Schuh am rechten &ndash; Portier!
-Portier! <em class="antiqua">Waiter! Waiter!</em> Einen Wagen! Ein
-<em class="antiqua">cab</em>! Sofort!</p>
-
-<p>Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir
-sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im
-Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche
-Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre,
-und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er
-ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr
-er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse,
-ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir
-müssen, müssen, müssen zurechtkommen!</p>
-
-<p>Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade
-noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich
-streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie
-ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich
-mich auf einen Straßenstein und knirschte vor
-Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse
-ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet
-hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse
-elend ersäufen &ndash; mich!</p>
-
-<p>Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige
-Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen,
-und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere
-ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span></p>
-
-<p>Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf
-anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein
-Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn
-der Start längst vorüber war. So schlenderte ich
-in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen
-den Kai entlang.</p>
-
-<p>Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher
-Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften
-lungerten träge herum, und
-der Kapitän spazierte auf Deck hin und her.</p>
-
-<p>Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke!</p>
-
-<p>»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den
-Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm
-ist, und ich muß nach Putney, ich muß!
-Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff
-nach Putney fahren?«</p>
-
-<p>»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in
-freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es
-wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney
-zu fahren.«</p>
-
-<p>Hurra!</p>
-
-<p>»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?«</p>
-
-<p>»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen
-Sie nur ein!«</p>
-
-<p>»Ja, <em class="antiqua">my dearest</em>, so ungefähr möchte ich wohl&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-sein. Indes vergeht sonst unnütz die
-Zeit.«</p>
-
-<p>Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf
-die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine
-riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach
-Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum,
-ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung.
-Und ich war sein einziger Passagier!
-An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt
-waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl
-großer Vergnügtheit ergriff mich.</p>
-
-<p>Der Kapitän trat an meine Seite und sagte:</p>
-
-<p>»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle
-bunte Leben und Treiben auf der Themse
-und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige
-Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier
-an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen
-Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und
-durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen
-Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.«</p>
-
-<p>Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs
-äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand
-und stellte mich an den bezeichneten Platz.</p>
-
-<p>Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine
-blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue
-Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen.
-Oxforder!</p>
-
-<p>Da &ndash; mit einem Male stutzen die Leute im<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span>
-Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und
-&ndash; brechen in ein schallendes Gelächter aus.</p>
-
-<p>»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine
-dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei
-bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert
-habe, um noch nach Putney zu kommen,
-und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid
-bedankt, Freunde, seid bedankt!«</p>
-
-<p>Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue
-Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch
-viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit!</p>
-
-<p>Da &ndash; ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische
-Partei. Aber auch sie &ndash; auch sie brechen ja
-in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter
-aus&nbsp;…</p>
-
-<p>Nanu!</p>
-
-<p>Was haben die Kerle zu lachen?</p>
-
-<p>Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer
-sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen
-mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen
-Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil,
-ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue
-Mütze und wundere mich nur, daß diese
-hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter
-lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann
-man alles erwarten.</p>
-
-<p>Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande?<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder
-stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff
-und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt
-stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer
-herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen,
-einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde
-und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden,
-Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit,
-und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen
-herbei und stimmen in das Gelächter ein.</p>
-
-<p>Ich winke hinüber &ndash; stürmischer Jubel! &ndash; ich
-begucke und betaste bestürzt meinen Anzug &ndash;
-zwerchfellerschütternde Heiterkeit, &ndash; ich drehe
-mich verwirrt dreimal um meine Achse &ndash; ein
-brüllendes Gewiehere &ndash; ich reiße einen kleinen
-Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich &ndash;
-die Leute wollen bersten!</p>
-
-<p>»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn
-los?«</p>
-
-<p>Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem
-Gesichte an.</p>
-
-<p>»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch.</p>
-
-<p>»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist
-diese Gesellschaft!«</p>
-
-<p>Ein zweites, drittes, viertes &ndash; zehntes Boot
-fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen,
-lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches
-Gelächter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe
-mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie
-Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die
-Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu
-machen.</p>
-
-<p>Sie lachen, sie lachen Stürme!</p>
-
-<p>»Kapitän, sagen Sie mir &ndash; erklären Sie mir
-um Himmels willen &ndash; das ist ja &ndash; das ist ja&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Boat race</em>,« sagte er schmunzelnd.</p>
-
-<p>»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag
-ist, braucht doch dieses Volk nicht über
-einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem
-zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die
-Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit
-den Wellen und lachen, lachen, &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; sie ersaufen
-beinahe und zeigen doch auf mich und
-lachen &ndash; lachen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Also &ndash; irgend jemand mußte hier verrückt sein!
-Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich
-toll geworden war, so war wahrscheinlich ich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen
-Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich
-Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute
-und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft
-es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Da &ndash; ein Marineschiff kommt daher. Endlich
-ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges
-Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren&nbsp;…</p>
-
-<p>Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy!
-Eine einzige Nacht, und ich bin &ndash;&nbsp;&ndash; o, es ist
-nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich
-gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir
-das alles bloß ein! &ndash; Aber hier stehe ich doch,
-hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch
-die Themse!</p>
-
-<p>»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich
-der Kapitän.</p>
-
-<p>»Guter Tag?«</p>
-
-<p>Ich fange an, einfach radzuschlagen und die
-Beine nach oben zu strecken.</p>
-
-<p>Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt,
-stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf
-kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern,
-überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen.
-Ich drehe mich um die horizontale oder
-um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie
-ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere.</p>
-
-<p>Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen,
-wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck.
-Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage.</p>
-
-<p>Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst
-in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei
-geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt,<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span>
-daß ich mich auf einem verhexten Schiffe
-befinde.</p>
-
-<p>»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will
-da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer.
-Verlangen Sie meinetwegen, was Sie
-wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen
-Schiff herunter!«</p>
-
-<p>Dort &ndash; dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen
-zum Start. Die ganze internationale
-Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert
-für sie die <em class="antiqua">boat race</em> alles Interesse, alle wenden
-sich meinem Schiff zu, und ein internationales
-Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in
-aller Herren Sprachen.</p>
-
-<p>Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch
-diese &ndash; auch diese Internationalen! Nur mühsam
-fuchtele ich noch mit den Armen.</p>
-
-<p>»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich.</p>
-
-<p>»Nichts!« sagt der Kapitän.</p>
-
-<p>»Nichts? Für einen Extradampfer &ndash; nichts?
-Ach ja &ndash; ich &ndash; ich &ndash; bin ja&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine
-Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet,
-und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist,
-Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären
-eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies
-zum freundlichen Andenken!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon
-alles eins; ich nehme das Paket.</p>
-
-<p>»Also nichts?« lallte ich.</p>
-
-<p>»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend
-Dank!«</p>
-
-<p>Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach
-dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich
-das Gelächter weiterdröhnt.</p>
-
-<p>Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage
-ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und
-Gelächterschiff zu werfen.</p>
-
-<p>Da sehe ich &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; daß der ganze mächtige
-Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt
-ist.</p>
-
-<p>Ein Reklameschiff ist es.</p>
-
-<p>Und ich lese:</p>
-
-<p>»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle
-Krankheiten kommen aus der Leber! Und die
-Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen!
-Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund,
-Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen,
-Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln
-leidet, nehme Beechams Pillen!!!«</p>
-
-<p>Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender.</p>
-
-<p>Die Hauptsache aber:</p>
-
-<p>Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden
-und auf dem ich in der Erregung meine wilden<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-Bewegungen mit den Händen und Beinen
-gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben
-gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben
-stand:</p>
-
-<p>»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen
-Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet
-stehen. Er hat Beechams Pillen genommen
-und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen
-und kräftigen Bewegungen!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das kleine Paket, das mir der wohlwollende
-Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt
-eine Schachtel Beechams Pillen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-122.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Ferienkolonisten">Die Ferienkolonisten.</h2>
-</div>
-
-<p>»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch
-in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger
-Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.«</p>
-
-<p>Es gab einen Tumult in der Klasse, als der
-Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen
-Dämpfer auf die Freude.</p>
-
-<p>»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule,
-und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von
-denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt.
-Also, von den 400 Kindern unserer Schule können
-nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen
-werden.«</p>
-
-<p>»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz
-Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei
-so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar
-nicht zu reflektieren.</p>
-
-<p>Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn,
-war der kleinste und schwächlichste von allen.
-Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig
-zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel
-zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters
-alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen
-Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über
-16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken.
-Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte
-er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab.</p>
-
-<p>Er warf 18!</p>
-
-<p>Und richtig wurde er am nächsten Tage unter
-die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der
-Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz
-die zwei Glücklichen auswählen würde, die
-auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben
-sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben,
-fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen
-der Großstadt.</p>
-
-<p>Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich
-auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt.
-Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg
-stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein.
-Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß
-ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen
-würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen
-Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte.</p>
-
-<p>»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb
-Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal
-Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar
-nicht mitgerechnet.«</p>
-
-<p>Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel
-mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter
-gerader ärmlich vor.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-125.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,«
-sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal
-übers Treppengeländer gefallen.«</p>
-
-<p>»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und
-da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz.</p>
-
-<p>»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!«</p>
-
-<p>»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz
-Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule,<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span>
-und ganz können sie unsere Religion auch nicht
-ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!«</p>
-
-<p>So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und
-Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die
-ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen,
-um vier Wochen grüne Waldjugend zu
-suchen.</p>
-
-<p>»Es gibt doch gute Leute,« meinte Scholz;
-»Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet
-dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!«</p>
-
-<p>»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige
-Sommerfrische is immer noch 'n reeller
-Preis!«&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und
-über vielerlei gefragt, und endlich fällte der
-Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden
-Spruch:</p>
-
-<p>»In die Ferienkolonie werden mitgenommen:
-Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der
-Heinrich Menzel.«</p>
-
-<p>Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und
-der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich:</p>
-
-<p>»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs
-schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze
-Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in
-einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr
-gehen.«</p>
-
-<p>Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn,<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der
-Mann is 'n Antisemit.«</p>
-
-<p>Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn
-an zu heulen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich
-Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng
-die Klause &ndash; und doch vor dem träumenden
-Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand
-vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder
-zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See,
-eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund
-eine drohende finstere Burg.</p>
-
-<p>»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es
-da auch Wölfe und Löwen gibt?«</p>
-
-<p>»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter
-Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht,
-aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber
-und Wilddiebe.«</p>
-
-<p>»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine.</p>
-
-<p>»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich
-und setzte sich im Bette auf.</p>
-
-<p>Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen,
-wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die
-es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß,
-seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er
-von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte.<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span>
-Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die
-Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam,
-aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie
-auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und
-Adler würden einen Schreck bekommen und
-schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde
-ein Spaß sein. Augen würde er da machen &ndash;
-oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte
-vor den Augen ein Gruseln bekommen!</p>
-
-<p>Und dann konnte er mit dem Munde so
-täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der
-Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen
-wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine
-Schnur für die Angel besaß er schon; einen
-Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur
-der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl
-finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel
-krumm. Da würden aber die Hechte was
-zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze
-sammeln, nach dem Hexenhause im Walde
-suchen und womöglich einen Räuber fangen
-helfen! &ndash; Oh!</p>
-
-<p>Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in
-seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete
-weit das Fenster und schaute hinaus.</p>
-
-<p>Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen;
-hinten am Horizont stand eine Wolke,
-die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span>
-Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum
-der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland.
-Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land
-der Waldfreiheit war?</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt
-sagte der Lehrer in der Schule:</p>
-
-<p>»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an
-schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird
-Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie
-mitgenommen.«</p>
-
-<p>Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen:</p>
-
-<p>»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben;
-'s kann immer noch werden.«</p>
-
-<p>Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs
-beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber
-dann dachte er:</p>
-
-<p>»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das
-wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift
-auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken,
-wenn se dort nich zu teuer sind.«</p>
-
-<p>Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer
-in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte,
-kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal
-lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen
-seiner Schmerzen selig auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p>
-
-<p>Und einmal, als er einige Minuten unbewacht
-war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster,
-streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen
-und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern.
-Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war
-ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit
-eintrat.</p>
-
-<p>In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon
-auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen
-Brief von Moritz Cohn:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Eulenhausen, den&nbsp;…
-</p>
-
-<p>Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer.
-Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben,
-und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir
-einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben.</p>
-
-<p>Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es
-hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie
-lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen.
-Die anderen helfen auf dem Felde; ich
-bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich
-beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist
-ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig
-Losung hat der Mann einmal auf den ganzen
-Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit
-hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage,
-aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort.<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span>
-Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent,
-und wieviel wiegt er ein!</p>
-
-<p>Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen
-willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben.
-Wir werden's machen! Ich habe mit
-dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro
-Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung).
-Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich
-ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark,
-wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die
-lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten.
-Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust,
-und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat
-mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der
-Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht.
-Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit
-Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit
-sechs anderen zusammengetan, von denen gibt
-jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund
-sein wirst, vier Wochen hierher kommen;
-im September ist noch das schönste Wetter.</p>
-
-<p class="center">
-Es grüßt dich Dein Freund</p>
-<p class="right">
-Moritz Cohn.
-</p></div>
-
-<p>Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem
-Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein
-geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span>
-dort der Herr aller Berge sein … Räuber und
-Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht
-gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt
-und zugesehen, was der einnimmt.</p>
-
-<p>Die große Freude trat als Wundertäterin an
-Heinrichs Bett und machte ihn gesund.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester
-nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn
-Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan
-hat, von denen jeder einen Taler
-gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!«</p>
-
-<p>»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist:
-er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den
-Wald!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-132.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span></p>
-
-<h2 id="Gedeon"><img src="images/illu-133.jpg" alt="" /><br />
-Gedeon.</h2>
-</div>
-
-<p>Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein
-linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch
-zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller
-Seiffert, hatte auch zehn Kinder.</p>
-
-<p>Die befreundeten Familien standen natürlich
-gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten
-Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte
-Taler als Patengeschenk ins Haus; im
-Sommer trug mein Onkel in Begleitung des
-Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in
-Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer.
-So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«,
-und des Bedankens und Verwunderns ob der<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span>
-reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende
-werden.</p>
-
-<p>Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten
-über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen
-prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und
-Diphtherie und wurden alle ebenso prompt
-wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer
-Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für
-die beiden Ältesten und Größten gekauft, während
-sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang
-nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß,
-je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter
-sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig
-auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen
-die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr
-ruinierten.</p>
-
-<p>Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine,
-Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der
-Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich
-hieß er nicht Gedeon sondern August, aber
-er hatte sich den biblischen Heldennamen aus
-eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es
-hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen
-gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte
-Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm
-nannten ihn Gedeon.</p>
-
-<p>Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher
-dreißig Kinder; der Älteste des Krämers<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span>
-war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft
-nicht in Betracht kam, und der Älteste vom
-Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen,
-hörig gemacht worden.</p>
-
-<p>Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das
-Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern
-auch jedem seiner Untertanen einen biblischen
-Namen beilegte.</p>
-
-<p>Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder
-Josephs und der kleinen Propheten eine
-große Rolle. Schwieriger war die Benennung der
-Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith,
-Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden;
-als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen
-saß und in sanfter Unschuld an einer
-Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen
-werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber,
-verlegen hinter den Ohren und wußte keinen
-alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich
-sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie
-heißen: die makkabäische Mutter.«</p>
-
-<p>Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem
-hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die
-makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und
-erbärmlich zu schreien anfing.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In Ferientagen kam ich öfters in des Onkels
-Haus zu Besuch. Mein Vater behauptete zwar in
-einem schiefen Gleichnis, ich sei das elfte oder
-gar das einundreißigste Rad am Wagen, aber
-die Verwandten nahmen mich immer freundlich
-auf, ohne sich sonst weiter darum zu kümmern,
-was ich etwa äße oder tränke oder wo ich schliefe.
-Es kam vor, daß ich schon zwei oder drei Tage
-da war, ehe mich der Onkel bemerkte. Er hatte
-mich im Gewühl übersehen.</p>
-
-<p>Als ich das erste Mal auftauchte, musterte mich
-Gedeon kritisch und unterzog mich einer Prüfung.
-Ich mußte über einen ziemlich hochgehaltenen
-Stock springen, was ich fertig brachte, dann befahl
-er mir, ohne Leiter auf eine Linde zu kriechen,
-was gänzlich mißlang. Auch die Aufgabe, der
-Länge nach über einen beladenen Düngerwagen
-wegzuspucken, erwies sich als zu schwer für mich.
-Zuletzt sollte ich dem bösen Kettenhunde den
-Saufnapf mit Wasser füllen, was ich eifrig ablehnte.</p>
-
-<p>»Er kann nichts, und er hat Angst! Er ist ein
-Muttersöhnchen!« sagte Gedeon verächtlich und
-wandte mir den Rücken. Darauf wandten mir
-auch alle anderen den Rücken. Ich war ein Dummkopf;
-ich war ein Feigling. Ich hatte mich gesellschaftlich
-unmöglich gemacht. Nur die makkabäische
-Mutter nahm sich meiner ein wenig an,<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span>
-indem sie mich ihren Breilöffel ablecken lassen
-wollte.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-137.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Zwei Tage lang litt ich als Unzünftiger, dann beschloß
-ich, durch eine Tat von außergewöhnlicher
-Intelligenz meine Schneidigkeit darzutun. Einen
-schlimmeren Schimpfnamen als »Muttersöhnchen«
-gibt es für einen Jungen nicht. Am liebsten
-hätte ich abgestritten, je eine Mutter gehabt zu
-haben.</p>
-
-<p>Nun hatte ich von Hause eine alte Schnupftabakdose<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span>
-mitgebracht, die ließ ich beim Krämer
-füllen. Im Kinderstaate ging alsbald die Mär
-von Mund zu Mund: »Er schnupft!« Das hörte
-auch der Autokrat Gedeon, und was ich gewollt
-hatte, geschah &ndash; er suchte mich auf. Ich probierte
-gerade, auf einer starken Wagendeichsel auf einem
-Beine zu stehen, und fiel auf die Erde, als ich
-des Gewaltigen ansichtig wurde. Da lächelte er
-wieder verächtlich und hüpfte einmal höhnisch
-auf einem Beine die ganze Deichsel entlang,
-setzte sich aber doch zuletzt zu mir auf die Erde.</p>
-
-<p>»Was kannst du eigentlich?« fragte er kalt.</p>
-
-<p>»Ich hab' in Geographie ›gut‹ und im Aufsatz
-›genügend plus‹,« sagte ich beklommen.«</p>
-
-<p>Ob dieser Schulweisheit machte er nur eine
-maßlos verachtungsvolle Gebärde mit der Hand.
-Ich sah ein, daß ich mich da wieder greulich
-philisterhaft benommen hatte.</p>
-
-<p>Darauf legte er mir eine Reihe von Fragen vor:
-ob ich boxen, angeln, kopfstehen, radschlagen,
-Sechsundsechzig spielen oder wenigstens mit den
-Ohren wackeln könne.</p>
-
-<p>Nein, ich konnte von alledem nichts.</p>
-
-<p>Gedeon runzelte finster die Stirn. Nie war
-ein Prüfungskandidat in ärgeren Nöten als ich.</p>
-
-<p>Da platzte ich heraus:</p>
-
-<p>»Ich kann schnupfen!«</p>
-
-<p>Er sah mich etwas freundlicher an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn man richtig schnupfen kann, darf man
-nicht niesen hinterher,« sagte er.</p>
-
-<p>»Nein, nein, das darf man nicht,« beeilte ich
-mich beizupflichten.</p>
-
-<p>»Zeig' mir die Dose!« befahl er dann. Ich
-reichte ihm die Dose hin und bat ihn, eine Prise
-zu nehmen. Das tat er, und darauf blickten wir
-uns an. Ich sah, daß Gedeon feuerrot im Gesicht
-wurde, daß seine Nase hundert Runzeln zog, die
-Muskeln zuckten, sich die Lippen fest aufeinander
-preßten, die Augen tränten, sich das Gesicht verzerrte,
-die ganze Gestalt bebte, und dann &ndash; nahm
-ich eine Prise und platzte augenblicklich los und
-nieste siebzehnmal.</p>
-
-<p>Als ich wieder geradestehen und keuchend Luft
-schöpfen konnte, stand Gedeon gelassen an die
-Wagendeichsel gelehnt und sagte:</p>
-
-<p>»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein
-einziges Mal geniest!«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick fing ihm heftig an die
-Nase zu bluten.</p>
-
-<p>Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk
-aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf
-das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht
-hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und
-wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß
-ich »Habakuk«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll
-kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß,
-was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann,
-ein grausamer Iwan oder ein Befreier
-wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame
-Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er
-bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig,
-nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich,
-er nahm immer das beste und gab stets
-den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen,
-versuchte einmal, eine Revolution gegen
-Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution
-einzuführen, dem Volke eine Mitregierung
-zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs
-Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte,
-worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit
-verfielen.</p>
-
-<p>Gedeons Taten sind unzählbar.</p>
-
-<p>Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit
-ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom
-Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers
-war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des
-Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße
-eine Linde. Wir erklommen also die Linde
-und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis
-über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor
-einem Unglück, aber eine noch viel größere vor
-Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span>
-mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes
-über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht
-und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit
-Grausen hinunter auf den Strom blickend, und
-sagte dann schüchtern:</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-141.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause
-in unserem Garten schmecken doch besser.«</p>
-
-<p>Da spuckte er einen Pflaumenkern in den Strom
-und sagte:</p>
-
-<p>»Habakuk, du bist ein Schafskopf!«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kam der Weber mit
-einem Knüppel aus dem Hause gelaufen; ihm
-folgte seine Gattin mit einem Besen. Ich riet zu
-schleuniger Flucht, aber Gedeon hielt mich mit
-eiserner Hand fest. Inzwischen rannten die
-empörten Pflaumenbesitzer über eine Brücke,
-kamen die Straße herauf, langten an der
-Linde an.</p>
-
-<p>»Wart', ihr Kanaillen, &ndash; kommt nur herunter
-&ndash; kommt nur herunter! Hier bleiben wir stehen,
-und wenn's bis übermorgen dauert.«</p>
-
-<p>Wir waren belagert. Kein Entrinnen möglich.
-Wir waren auf Gnade und Ungnade der bewaffneten
-Macht da unten verfallen.</p>
-
-<p>»Heinisch,« rief Gedeon mit ernsthafter Miene
-hinunter, »Heinisch, ich sage Ihnen, es ist ein
-Kunststück, auf einer Linde Pflaumen zu
-pflücken!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Heinisch geriet ob dieser neuen Frechheit in
-neue Wut und schwor, uns beide mausetot zu
-schlagen, wenn wir nur herunterkämen.</p>
-
-<p>»Ich werde gleich kommen!« sagte Gedeon,
-kletterte bis auf den untersten Ast und fixierte
-von da die Webersleute:</p>
-
-<p>»Also: wenn ich bis drei gezählt habe, springe
-ich runter und spring einem von Euch gerade auf
-den Schädel! Eins, zwei, dr&ndash;ei!«</p>
-
-<p>Kreischend wichen die Weberleute beiseite,
-Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der
-Straße an und begab sich in mäßiger Eile von
-dannen.</p>
-
-<p>Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen
-und einsam in meiner belagerten Baum- und
-Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will
-ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich
-schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine
-Position ließ sich nicht länger halten. So klomm
-ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte
-schüchtern:</p>
-
-<p>»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse,
-ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf
-drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei,
-drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm
-hinab.</p>
-
-<p>Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen
-und barbarisch behandelt. Als ich wieder<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span>
-zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade.
-Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige
-des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel
-in der Schule. Das war ein unabwendbares
-Naturereignis. Was aber mir passiert war, das
-hielt Gedeon für ehrenrührig.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft
-aus; er war nicht nur unser König, er war auch
-der oberste Priester.</p>
-
-<p>Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war
-das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt,
-nach dem jede zehnjährige männliche und jede
-achtjährige weibliche Person seines Reiches ein
-Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr
-er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare;
-er hatte seine eigene Frau Judith entlassen,
-weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht
-zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden
-bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an
-des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und
-diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen.
-Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte,
-aber zu einer Empörung kam es nicht.</p>
-
-<p>Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht,<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span>
-und ich hatte mich am Gründonnerstag als
-Feriengast im Hause des Onkels eingefunden.
-Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein
-liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau,
-eine Verwandte der Müllerleute.</p>
-
-<p>Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines.
-Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es
-sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch
-bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide
-und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß
-es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten
-sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und
-tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein
-Vater war Postschaffner, das war noch mehr als
-Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß
-Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule
-gehen und alle fremden Sprachen lernen
-würde.</p>
-
-<p>Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem
-fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff
-das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam
-und richtete die großen blauen Augen in
-die Ferne, nach der sie Heimweh hatte.</p>
-
-<p>Die makkabäische Mutter brach den Bann. In
-ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die
-Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen
-und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin,
-und nach und nach suchten sich auch die Jungen<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span>
-durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen
-ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst
-zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit,
-indem er der Feinen als Geschenk einen
-alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte.</p>
-
-<p>Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer
-verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm
-etwas auftauchen könne, das derart imponiere.
-Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich.
-Er versammelte das ganze Volk im Garten und
-führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle
-und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte,
-daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr
-auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da
-mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte
-sie nur:</p>
-
-<p>»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine
-Frau sich eine große Stange ganz frei auf die
-Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte
-und oben turnte. Und die Stange wurde
-nicht gehalten und fiel nicht um.«</p>
-
-<p>Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O,
-das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte,
-die sich die Stange auf die Brust stellt.«</p>
-
-<p>Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus:
-viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann
-sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal
-sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span>
-von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel
-und vom Kamel, von schönen Engelein
-und drolligen Affen, vom Königssohn und vom
-Nilpferd.</p>
-
-<p>Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon
-keine Worte, stand stumm unter seinem Volk,
-fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem
-kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk
-mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine
-Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand
-er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und
-plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es
-an den Schultern und sagte: »Du &ndash; du bist
-eine dumme Gans!« Und ging davon.</p>
-
-<p>Eine Stunde später rief er abermals das Volk
-zusammen und sagte: »Wer noch einmal &ndash; noch
-ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus,
-und der darf nie mehr mit uns sein!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So tat er die Fremde in die Acht.</p>
-
-<p>Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon
-war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den
-Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen
-neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden
-vorübergegangen war und sie kein Wort über
-seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span>
-Gedeon hin und her und landete immer und
-immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst
-in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn
-einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte
-ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen
-Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten,
-der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf
-sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit
-wachen Augen träumend da. Und sprach leise
-und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!«
-Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas &ndash;
-was ich nicht für möglich gehalten hätte &ndash; hörte
-ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen erschien die Rebekka vom
-Müller und meldete, die Fremde wolle nach
-Hause. Es sei ihr bange, es gefalle ihr hier gar
-nicht. Gedeon geriet in große Erregung:</p>
-
-<p>»Sie wird nicht fort &ndash; sie darf nicht fort &ndash;
-das werde ich ihr austreiben!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es war ein Wunder geschehen. Gedeon und
-die Fremde waren ausgesöhnt. Sie wanderten
-mit strahlenden Gesichtern durch den Garten,
-und Gedeon erweckte durch hundert Kunststücke
-im Herzen des Mädchens Liebe und Bewunderung.
-Am Nachmittag wurde sie in das »Volk«<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span>
-aufgenommen. Wir waren alle gespannt, wie
-die Neue heißen würde, da doch der Vorrat an
-Mädchennamen erschöpft war. So machte es
-einen tiefen Eindruck auf uns, als Gedeon dem
-schönen Kinde sein hölzernes Schwert auf die
-Schulter legte und mit glücklicher, ja, mit triumphierender
-Stimme sagte:</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-149.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Ich nehme dich auf in das Volk und nenne dich:
-die Königin von Saba.«</p>
-
-<p>Holdselig lächelnd schaute das Mädchen zu dem
-Helden auf, und alles Volk neigte sich vor ihr.</p>
-
-<p>Ein wenig später nahm mich Gedeon zur Seite
-und sagte:</p>
-
-<p>»Ich werde die Königin von Saba heiraten!«</p>
-
-<p>»Du hast doch schon die Esther!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, die &ndash; schaff' ich ab. Ich muß die Königin
-von Saba zur Frau haben, ich muß! Und wer
-was dagegen sagt, der&nbsp;&ndash;« Er runzelte die Stirn.
-Ich aber fand es unerhört, erst eine Judith laufen
-zu lassen und dann auch noch einer Esther den
-Laufpaß zu geben.</p>
-
-<p>»Was werden aber die andern dazu sagen?«</p>
-
-<p>Er machte eine verächtliche Miene.</p>
-
-<p>»Das ist egal! Die Esther wirst du heiraten
-oder der Zebulon.«</p>
-
-<p>Ich muß sagen, es empörte sich etwas in mir.
-Diese abgelegte Esther zu übernehmen, dazu hatte
-ich gar keine Lust. Doch wagte ich natürlich nicht,
-heftig zu widersprechen, sondern sagte nur:</p>
-
-<p>»Es wäre mir am liebsten, wenn ich vorläufig
-noch ledig bleiben könnte.«</p>
-
-<p>Er besann sich ein wenig und sagte dann: »Ja,
-du kannst mich mit der Königin von Saba trauen,
-und der Zebulon nimmt die Esther.«</p>
-
-<p>Die Gattenpflichten waren ja in diesem Volke
-sehr leicht. Sie bestanden darin, der Gesponsin
-beim Lumpenmann einen Ring zu kaufen, sie
-gegen ihre Feinde zu beschützen und beim Spiel
-ihr Partner zu sein. Immerhin tat mir Zebulon
-leid, denn Esther war drei Jahre älter als er und
-noch dazu seine Schwester. Das kann man nicht
-gerade eine vorteilhafte Partie nennen. Zebulon<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span>
-weigerte sich auch, wurde aber von Gedeon durchgehauen
-und war dann zur Ehe bereit.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-151.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Mir fiel also das Amt zu, Gedeon und die
-Königin von Saba zu trauen. Es war eine saure
-Arbeit. Denn erstens waren mir die priesterlichen
-Gewänder, die sonst Gedeon trug, viel zu
-groß, und dann machte mir die Traurede viel
-Schmerzen. Es ist für einen Anfänger nicht leicht,
-gleich vor den Gewaltigen der Erde zu sprechen.
-Immerhin, ich nahm mich zusammen und stand
-würdevoll vor dem Altar, den Gedeon in einer
-großen Bodenkammer aufgebaut hatte. Der
-Hochzeitszug nahte. Die Braut trug einen
-wundervollen Schleier, den die Tante aufgesteckt
-hatte, Gedeon hielt effektvoll einen Zylinderhut
-in der Hand, den der Onkel geborgt hatte. Die
-andere Hochzeitsgesellschaft war weniger stilgerecht.
-Nabuchodonosor, der Trauzeuge war, hatte sich
-eine blaue Zuckerdüte auf den Kopf gesetzt, und
-die makkabäische Mutter, die als Brautjungfer
-fungierte, hatte sich den Gummilutscher mitgebracht.
-Einige Herren der Gesellschaft führten
-Säbel, Armbrust, Trommel oder Steckenpferd
-mit sich, und Ruben trieb mit seinem Bruder
-Lewy Allotria mit meiner Schnupftabakdose. Ganz
-aus der Art aber, war es, daß Salmanassar
-während der Trauung mit seinem Blaserohr nach
-dem Brautpaar Scheibe schoß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-153.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Unter diesen Umständen ist es nicht leicht, eine
-ergreifende Predigt zu halten. Ich tat, was ich
-konnte.</p>
-
-<p>»Geehrtes Brautpaar! Die Ehe stammt aus
-dem Paradiese. Da war Adam Bräutigam und
-Eva Braut.«</p>
-
-<p>Hier blieb ich stecken. »Braut &ndash; Braut&nbsp;&ndash;«
-wiederholte ich einige Male mit einem fatalen
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Jawohl Braut!« sagte Salmanassar im Hintergrunde.</p>
-
-<p>Ich machte ein hilfloses Gesicht und eine ohnmächtige
-Handbewegung. Gedeon, der Bräutigam,
-zog eine wütende Miene.</p>
-
-<p>»Weiter &ndash; oder&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Dieser Wüterich hätte sich sogar an der Geistlichkeit<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span>
-vergriffen. Die Angst half mir. Allerhand
-fiel mir ein, was ich in Traureden gehört hatte.</p>
-
-<p>»Geehrtes Brautpaar, das ist eine feierliche
-Stunde.«</p>
-
-<p>»Der Salmanassar schießt mit'm Blaserohr,«
-kreischte mir Sarah dazwischen.</p>
-
-<p>»Schmeißt ihn raus!« rief der Bräutigam, indem
-er sich umwandte. Salmanassar flog hinaus.</p>
-
-<p>»Eine feierliche Stunde!« wiederholte ich. »Die
-Ehe ist schwer.«</p>
-
-<p>»Mit der Königin von Saba ist sie nicht schwer!«
-grollte der Bräutigam.</p>
-
-<p>»Nein, nein, mit der ist sie nicht schwer!« gab
-ich ohne weiteres zu und fuhr fort: »Ihr sollt
-alles miteinander tragen, Freude und Leid. Ihr
-sollt euch eure Schwächen verzeihen, denn jeder
-Mensch hat Schwächen. (Der Bräutigam schüttelte
-heftig den Kopf.) Wenn ihr krank seid, sollt ihr
-euch pflegen, und eure Kinder sollt ihr fromm erziehen.
-Amen.«</p>
-
-<p>Der Bräutigam zuckte die Achseln. Ich merkte,
-er war nicht zufrieden. Die Braut aber sagte
-laut: »Das hat er schön gemacht«, und da hellte
-sich auch Gedeons Gesicht auf, und ich konnte erleichterten
-Herzens die Zeremonie zu Ende führen,
-was mir über Erwarten gut gelang.</p>
-
-<p>Das Hochzeitsmahl war nicht schlecht. Die
-Tante kochte Schokolade für alle, und Gedeon<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span>
-gab vier Zigarren zum Besten, die er um zehn
-Pfennig in der Stadt gekauft hatte. Zwei rauchte
-er selbst, eine bekam ich als Stolgebühren, und
-eine bekam Zebulon, der Zwangsmann der Esther,
-gewissermaßen als Trostpreis.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gott weiß, was in ihm steckte, was Großes und
-Seltsames aus ihm geworden wäre, oder was
-Großes und Seltsames verdorben wäre in der
-Enge seiner äußeren Verhältnisse. Was ist ein
-Held unter Bauern, wenn es ihm bestimmt ist,
-auch ein armer Bauer zu werden, wenn rings auf
-eine edle Seele die Knechtschaft lauert?!</p>
-
-<p>Und siehe, es wurde anders, als alle dachten.</p>
-
-<p>Gedeon tat das Kühnste, was noch keiner aus
-dem Volke gewagt hatte, &ndash; er küßte seine Frau.
-Und alle die jungen Männlein und Weiblein
-sahen zu und lachten nicht einmal.</p>
-
-<p>Auf der Wiese, die am Flusse lag, wurde das
-Hochzeitsfest begangen mit Spiel und Tanz.
-Gedeon hatte seiner Braut einen Schneeglöckchenstrauß
-geschenkt, den trug sie an der Brust. Ein
-großer, weißer Strohhut lag auf ihren blonden
-Haaren und seine blauen Schleifen flatterten im
-Winde.</p>
-
-<p>Die Wiese war gelbgrün, die ersten Blättlein<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span>
-standen an Baum und Strauch, der brausende
-Fluß sang sein rollendes Frühlingslied, hoch im
-Blauen war Lerchengesang.</p>
-
-<p>Da streckte Gedeon seine starken Arme gen
-Himmel und fing laut und mächtig an zu schreien.
-Es war ein wilder, ein königlicher Schrei; Gedeon
-schrie vor Kraft und Glück.</p>
-
-<p>Dann funkelten seine Augen, und er sagte zu
-seiner Braut:</p>
-
-<p>»Paß auf, wenn ich zu den Soldaten geh, werde
-ich der alleroberste General. Oder ich geh auf die
-See!«</p>
-
-<p>Nahm sie plötzlich und schwang sie im Kreise
-herum und schrie wieder laut dabei vor Kraft
-und Glück und Lebenslust.</p>
-
-<p>Da löste sich dem Mädchen der Hut &ndash; der
-Wind nahm ihn &ndash; trieb ihn in den Fluß.</p>
-
-<p>»Mein Hut! Mein Hut!«</p>
-
-<p>»Ihr Hut, ihr schöner Hut!«</p>
-
-<p>»Sei ruhig, ich hole ihn!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dreißig Kinder standen am Ufer, als Gedeon
-in den Fluß sprang. Dreißig Kinder sahen freudig
-erregt zu, wie er dem Hut nachschwamm. Keines
-bangte um den Helden, dem alles gelang. Allen
-war es ein herrliches Schauspiel.</p>
-
-<p>Seht, er hat den Hut, er hebt ihn triumphierend
-über das Wasser. Er schwimmt an den Rand, &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span>
-o, es hält schwer, &ndash; die Strömung ist stark &ndash; er
-ist in Kleidern &ndash; aber er ist der Gedeon.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Halt, jetzt hat er den Erlenzweig! Seht, er
-schleudert den Hut ans Ufer. Da liegt er auf dem
-Erlenbusch.</p>
-
-<p>Er hat gesiegt, er hat gewonnen, wie er immer
-gewinnt. O, Königin von Saba, was sind deine
-Zirkuskünstler gegen den! In lachendem Stolz
-steht das ganze Volk am Ufer.</p>
-
-<p>Aber jetzt &ndash; jetzt bricht der Erlenzweig, an dem
-sich Gedeon emporziehen will, und er &ndash; er treibt
-nach der Mitte des Flusses zurück&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>O, laßt ihn nur, laßt ihn nur, es ist ja der
-Gedeon! Paßt nur auf, paßt auf, was noch
-Großes kommt!</p>
-
-<p>Da fängt ein Mädchen plötzlich an zu weinen
-und sagt:</p>
-
-<p>»Das Wehr! Müllers Wehr ist so nahe!«</p>
-
-<p>»Das Wehr! Das Wehr! Gedeon! Gedeon!«</p>
-
-<p>Und plötzlich schreien und weinen dreißig Kinder.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wir konnten es lange nicht fassen, daß Gedeon
-tot sein sollte. Einer von uns sagte:</p>
-
-<p>»O, das läßt er sich nicht gefallen!«</p>
-
-<p>Er ließ es sich aber doch gefallen, ließ sich tragen
-und in den weißen Sarg legen. Und hielt
-ganz still.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span></p>
-
-<p>Es ging viel in diesem Sarg verloren. Verloren?
-O, jetzt glaube ich wohl: es wurde viel
-in diesem Sarg gerettet.</p>
-
-<p>Verwundert, scheu, standen wir um den toten
-Gedeon. Er hatte ein Gesicht, wie immer, wenn er
-unzufrieden war. Er war unzufrieden mit sich
-selbst, unzufrieden, daß er sich vor uns allen und
-vor seiner Königin von Saba als kein besserer
-Schwimmer gezeigt hatte. Wir gingen die Tage
-behutsam, scheu, furchtsam wie Diener, wenn ein
-strenger Herr schläft.</p>
-
-<p>Erst als der Sarg geschlossen wurde und Gedeon
-nicht dagegen tobte, sich nicht gegen den Deckel
-stemmte, sondern sich geduldig einnageln ließ, da
-fingen wir alle bitterlich an zu weinen.</p>
-
-<p>Der Verlust wurde uns klar, wir erkannten,
-daß unser König gestorben war, daß wir ein verwaistes,
-führerloses Volk waren.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-158.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p>
-
-<h2 id="Hotel_Laubhaus">Hotel Laubhaus.</h2>
-</div>
-
-<div class="instruction">
-<p>Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer
-liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt
-von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster.
-&ndash; In dem Laubhause wohnen: <em class="gesperrt">Der Käfer.</em> &ndash; <em class="gesperrt">Die Fliege.</em>
-&ndash; <em class="gesperrt">Die Schnecke.</em> &ndash; <em class="gesperrt">Die Raupe.</em> &ndash; Später kommt noch
-eine <em class="gesperrt">Spinne</em> und zuletzt der <em class="gesperrt">Herbstwind</em> dazu.</p></div>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">träumerisch</em>):</p>
-
-<p>Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote
-Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der
-Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte.
-Das Licht war nicht schöner als dieses.</p>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">mißmutig</em>):</p>
-
-<p>Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen
-und den Lampen! Die Menschen fangen uns,
-und die Lampen verbrennen uns. (<em class="instruction">Zur Schnecke</em>):
-Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin?</p>
-
-<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">stolz</em>):</p>
-
-<p>Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (<em class="instruction">Zur Raupe</em>):
-Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas,
-wenn wir in demselben Lokal übernachten wie
-solches … Geschmeiß?</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">seufzend</em>):</p>
-
-<p>Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span>
-soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt
-sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze
-ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein!</p>
-
-<p class="center"><b>Schnecke</b>:</p>
-
-<p>Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich
-glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und
-verschließe die Tür … das ist ja ganz klar!</p>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">heimlich</em>):</p>
-
-<p>So 'ne hochmütige, dicke Schachtel!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b>:</p>
-
-<p>Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht
-aus wie ein Prinz!</p>
-
-<p>
-<b>Schnecke</b> (<em class="instruction">mit fauler Stimme</em>):
-</p>
-
-<p>Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren
-mir nicht! (<em class="instruction">Gähnt.</em>) Ach, ich bin so abgespannt!
-Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen,
-und wenn ich hier noch so geniert bin.
-Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von
-Stande.</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">mit Bezug auf die Fliege</em>):</p>
-
-<p>Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche
-Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste
-Blatt zum Bette aus.</p>
-
-<p class="center"><b>Schnecke</b>:</p>
-
-<p>Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht
-sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide.
-Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich
-ziehe mich zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-161.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b>:</p>
-
-<p>Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen?</p>
-
-<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">schmerzlich</em>):</p>
-
-<p>Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen
-mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht,
-liebes Fräulein!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">sehr höflich</em>):</p>
-
-<p>Gute Nacht, gnädige Frau!</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.)</p></div>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">traurig</em>):</p>
-
-<p>Es ist noch goldener Sonnenschein draußen!
-Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der
-Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich
-friert. Ach, der Sommer ist weit!</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt
-von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt
-plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.)</p></div>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">aufkreischend</em>):</p>
-
-<p>Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne!</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">bebend</em>):</p>
-
-<p>Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin
-verloren!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">aufgeregt</em>):</p>
-
-<p>Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier!</p>
-
-<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">zur Tür heraus</em>):</p>
-
-<p>Was ist denn los? Was ist denn das für ein
-Skandal?</p>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">jammernd</em>):</p>
-
-<p>Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span>
-Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke!
-Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o
-weh, o weh!</p>
-
-<p class="center"><b>Spinne</b> (<em class="instruction">mit lauter Stimme</em>):</p>
-
-<p>Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht!
-Ich bin viel zu satt. (<em class="instruction">Unheimlich.</em>) Ich bin leider
-viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber
-wer ausreißt, den ermurkse ich … jawohl, den
-ermurkse ich!</p>
-
-<p class="center"><b>Schnecke</b> (<em class="instruction">für sich</em>):</p>
-
-<p>Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt
-genug. Seht ihr zu! (<em class="instruction">Sie verriegelt die Tür.</em>)</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie
-die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft,
-wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet.
-Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht
-weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden
-und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ein Kindlein ist gestorben<br /></span>
-<span class="i0">Zur Herbsteszeit,<br /></span>
-<span class="i0">Zu einem andern Frühling<br /></span>
-<span class="i0">Zog es weit, weit&nbsp;…<br /></span>
-<span class="i0">Wir aber singen, wir singen<br /></span>
-<span class="i0">Ein Lied ihm zur Ruh'<br /></span>
-<span class="i0">Und decken den Sarg mit Erde<br /></span>
-<span class="i0">Und weißen Astern ihm zu.«<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">in staunender Frage</em>):</p>
-
-<p>Ein Kindlein ist gestorben?</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">schmerzlich</em>):</p>
-
-<p>Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit
-seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und
-das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot!</p>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">leichthin</em>):</p>
-
-<p>Es wird schlafen wie wir, und im Frühling
-wird es wieder aufwachen.</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Es schläft wohl länger … es schläft viel
-länger!</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne
-ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau,<br /></span>
-<span class="i0">Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau,<br /></span>
-<span class="i0">Ich meide die Spatzen und Stare.<br /></span>
-<span class="i0">Ich spinne Netze und stelle sie fein,<br /></span>
-<span class="i0">Da geht mir junges Jagdwild hinein<br /></span>
-<span class="i0">Im nächsten Jahre.«<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">heimlich zu Raupe und Käfer</em>):</p>
-
-<p>Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn
-sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b>:</p>
-
-<p>Ich bin eher munter als sie und längst davon,
-wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner
-Prinz!</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b> (<em class="instruction">nickt freundlich</em>)</p>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">bettelnd</em>):</p>
-
-<p>Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes
-Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich
-auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich
-bin so langschläfrig!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b>:</p>
-
-<p>Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken.</p>
-
-<p class="center"><b>Fliege</b> (<em class="instruction">erleichtert</em>):</p>
-
-<p>O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann
-kann ich ruhig schlafen! … Ach, ist das schön in
-meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir
-träumte von einem großen Düngerhaufen und
-von lauter Milch und Zucker! (<em class="instruction">Halb im Einschlafen</em>):
-Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen!
-(<em class="instruction">Fliege schläft ein.</em>)</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">schüchtern zum Käfer</em>):</p>
-
-<p>Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz?</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Ich kenne dich nicht, aber du bist schön!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">freudig</em>):</p>
-
-<p>Sie finden mich schön! Die Menschen sagen,
-ich sei häßlich.</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid
-und grünseidene Haare … Du bist schön!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">mit funkelnden Augen</em>):</p>
-
-<p>Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann
-fliegen wie Sie, mein Prinz!</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln
-und Diamantsteinen? So ein lichter
-Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir
-uns wieder bei den Lilien und Rosen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span></p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b> (<em class="instruction">begeistert</em>):</p>
-
-<p>Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen
-und leuchten ohne Ende!</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Ohne Ende!</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b>:</p>
-
-<p>Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz!</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Wohin willst du?</p>
-
-<p class="center"><b>Raupe</b>:</p>
-
-<p>Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen,
-indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich
-dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz!
-Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen …
-mein schöner Prinz! (<em class="instruction">Sie verkriecht sich tief in einen
-Winkel des Laubhauses.</em>)</p>
-
-<p class="center"><b>Käfer</b>:</p>
-
-<p>Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen!
-Ich wollte, mir träumte von dem jungen
-Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte.
-Oder ich träumte von dem jungen Falter und den
-Rosen. (<em class="instruction">Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.</em>)</p>
-
-<div class="instruction">
-
-<p>Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen
-vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind.
-Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des
-Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich
-überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt
-draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden,
-bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist.</p></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span></p>
-
-<h2 id="Mein_Ross_und_ich">Mein Roß und ich.</h2>
-
-<p class="center">Erzählung aus der Zeit, da ich ein »Schlingel« war.</p>
-</div>
-
-<p>Ich ging nicht in die Schule &ndash; ich <em class="gesperrt">ritt</em>! Ich
-konnte mir das leisten, denn ich hatte ein Roß,
-das nicht rechnen konnte. Wenigstens kam es nie
-hinter die verzwickten Schliche der indirekten
-Regeldetri. Bei »zehnstündiger Arbeitszeit«
-arbeiteten nach Meinung meines Rosses die bekannten
-»sechs Arbeiter« an dem bekannten »Graben«
-immer zehnmal so lange als bei einstündiger.</p>
-
-<p>Dieses Roß hieß Reinhold Sander, war zwei
-Jahre älter und zwanzigmal so stark als ich und
-im übrigen der gutmütigste Schuljunge von der
-Welt. Jeden Morgen erschien mein Roß in
-meiner großväterlichen Wohnung, stopfte sich
-schnell einen Apfel oder was etwa sonst Genießbares
-auf dem Fensterbrett lag, in die Hosentaschen,
-setzte mich auf seine Schultern und trabte
-mit mir zur Schule, wo es mich auf meinem
-Platz sänftiglich absetzte.</p>
-
-<p>Dafür machte ich meinem Rößlein in der
-Rechenstunde die tadellosesten »Bruchansätze«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>Eines schönen Maimorgens ritt ich nun gerade
-zur Schule, stolz wie Darius zur Schlacht, als
-uns ein Mann begegnete, den sowohl mein Roß
-als ich nach dem ersten prüfenden Blicke als einen
-»Stadtklecker« einschätzten. Als »Stadtklecker«
-galt damals in meinem Feld-, Strauch- und
-Wiesendorfe ohne weiteres jeder städtisch gekleidete
-Mensch, der sich in seiner Gemarkung
-blicken ließ.</p>
-
-<p>»Nanu, nanu,« machte der Fremdling verwundert
-und musterte uns, »wo geht die Reise hin?«</p>
-
-<p>»In die Schule!« sagte ich und fuchtelte siegesgewiß
-mit meinem breiten Lineal wie mit einem
-Kriegsschwert.</p>
-
-<p>»Aber Junge, warum gehst du denn nicht zu
-Fuß? Kannst du denn nicht laufen?«</p>
-
-<p>»Besser wie Sie!« sagte ich frech. Der Fremdling
-erzürnte sich und schnauzte mein Roß an:</p>
-
-<p>»Wirf doch den Bengel ab! Wirst dich doch
-nicht mit ihm abrackern!«</p>
-
-<p>Mein Roß schüttelte die Mähne und stieß
-Dampf aus den Nüstern. Dann sagte es:</p>
-
-<p>»Er läßt mich die Regeldetri-Aufgaben abschreiben,
-und überhaupt geht Sie das 'n
-Quark an.«</p>
-
-<p>Nun raste der fremde Wandersmann und wollte
-mit seinem dünnen Spazierstock meinem Roß eins<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span>
-auf den sogenannten Bug geben. Das aber schlug
-nach hinten aus, schlug in eine Pfütze, bespritzte
-den Fremden von oben bis unten und setzte sich
-in Galopp mit mir.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-169.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Als wir ein Stück davon waren, sang ich mit<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span>
-lieblicher, heller Stimme: »Stadtklecker! Stadtklecker!«
-und mein Roß wieherte und wieherte
-deutlich auf den Text »Stadtklecker! Stadtklecker!«</p>
-
-<p>An diesem Tage aber hatten wir in der ersten
-Stunde biblische Geschichte. Da ich zu Hause vergessen
-hatte, die »Bibel« zu lernen, wollte ich auf
-den Vorzug, sie vortragen zu dürfen, lieber verzichten
-und bat daher gleich nach Anfang der
-Stunde den Lehrer, »mal austreten« zu dürfen.
-Er brummte etwas von »ewigem Gelaufe« und
-ließ mich ziehen. Darauf trat ich dreiviertel
-Stunden lang »aus«. Als ich vermutete, daß
-die biblische Gefahr vorüber sei, näherte ich mich
-wieder behutsam der Schulstubentür und hörte da
-folgenden Meinungsaustausch.</p>
-
-<p>»Es heißt nicht Frau Putiphar, es heißt Frau
-Potiphar!«</p>
-
-<p>»Herr Schulinspektor!« hörte ich unseren Lehrer
-bescheiden einwenden, »bei uns in der katholischen
-Bibel schreibt sich die Frau mit u.«</p>
-
-<p>Mir aber wurde plötzlich an der Schulstubentüre
-so beklommen zumute, daß ich meinte, jetzt müsse
-ich wirklich mal austreten. Also verschwand ich
-noch auf fünf Minuten nach dem Hofe, dann aber
-trieb mich mein Pflichtgefühl und eine düstere
-Ahnung nach dem Klassenlokal.</p>
-
-<p>Heiliger Himmel, der plötzlich anwesende Kreisschulinspektor<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span>
-war tatsächlich unser »Stadtklecker«.
-Kaum erblickte er mich, so machte er auch schon den
-Finger krumm, winkte und sagte: »Komm mal
-her, du Schwede!«</p>
-
-<p>»Wo warst du denn bist jetzt?« herrschte er
-mich an.</p>
-
-<p>Ich sagte, ich sei nur schnell mal austreten gewesen.</p>
-
-<p>»Schnell mal austreten &ndash; so! Du Range!
-Und über eine halbe Stunde bin ich schon hier.
-Wo warst du so lange, Schlingel &ndash; he?!«</p>
-
-<p>Ich stotterte etwas von einer unheimlichen
-Bauchkrankheit, die ich hätte; er aber ergriff mich
-an den Ohren und begann in höchst lästiger und
-fataler Weise daran herumzuschrauben. Trotzdem
-hörte ich, wie mein Roß leise und zornig
-aufschnaubte, denn mein Roß liebte mich. Ich bekam
-noch eine ungewisse Anzahl von Ohrfeigen
-und konnte mich dann setzen.</p>
-
-<p>Der Herr Schulinspektor hielt nun eine donnernde
-Strafrede über die Roheit von Dorfkindern
-Fremden gegenüber, was ich mit äußerer Zerknirschung
-und innerer Gleichgültigkeit anhörte.</p>
-
-<p>Am Schlusse sagte er: »Der kleine Bengel dort
-ist zu faul, um in die Schule zu laufen; er reitet
-auf diesem langen starken Labander und läßt ihn
-dafür die Rechenaufgaben abschreiben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p>
-
-<p>Ein vernichtender Blick traf unseren herzensguten
-Lehrer.</p>
-
-<p>»Herr Schulinspektor, der Reinhold Sander ist
-einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst ein
-guter Junge.«</p>
-
-<p>Das alles galt nichts.</p>
-
-<p>»Sander, komm mal raus an die Wandtafel.
-Nimm die Kreide und schreibe auf:</p>
-
-<p>6 Arbeiter arbeiten über einem Graben von
-175&nbsp;<em class="antiqua">m</em> Länge, 1½&nbsp;<em class="antiqua">m</em> Breite und ¾&nbsp;<em class="antiqua">m</em> Tiefe
-18&nbsp;Tage bei täglich zehnstündiger Arbeitszeit.
-Wie lange arbeiten 25&nbsp;Arbeiter an einem Graben
-von 300&nbsp;<em class="antiqua">m</em> Länge, 1½&nbsp;<em class="antiqua">m</em> Breite und ½&nbsp;<em class="antiqua">m</em> Tiefe,
-wenn sie täglich nur 8&nbsp;Stunden tätig sind?«</p>
-
-<p>O, du armes Roß! Ich sah, wie seine Mähne
-sich sträubte, wie schwerer Atem durch seine
-Nüstern drang und seine Läufe zitterten.</p>
-
-<p>Aber der Herr Kreisschulinspektor hatte seine
-Rechnung ohne den Telegraphen gemacht. Nämlich,
-wenn mein Roß an die Wandtafel gerufen
-wurde, galt folgende Telegraphie:</p>
-
-<p>Ich setze meinen Schieferstift scharf wie zu
-einem Punkt auf die Schiefertafel (heißt: Reinhold,
-dieses »Glied« mußt du über den Bruchstrich
-setzen).</p>
-
-<p>Ich mache einen quietschend langen Strich
-(heißt: das kommt unter den Bruchstrich).</p>
-
-<p>Einmal Hüsteln heißt: jetzt mußt du »kürzen«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>Zweimal Hüsteln heißt: es läßt sich noch weiter
-»kürzen«.</p>
-
-<p>Schneuzen bedeutet: die Sache ist falsch.</p>
-
-<p>Kurzes Scharren bedeutet beifälliges »alles
-richtig!«</p>
-
-<p>Das Wunder geschah: Reinhold Sander rechnete
-die schwere Aufgabe völlig richtig. Als der
-Herr Schulinspektor, der inzwischen weiter geprüft
-hatte, an der Tafel das richtige Resultat sah,
-war er verwundert und sagte zum Lehrer: »Aber,
-der Kerl kann ja rechnen!«</p>
-
-<p>»Einer meiner schwächsten Rechner, aber
-sonst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut, ich sehe, das Rechnen klappt!«</p>
-
-<p>Und er machte für den Lehrer eine gute Note
-ins Protokoll. Die Stimmung des Schulgewaltigen
-schlug überhaupt sichtlich zum Besseren um
-und ehe er um ½11 ging, schraubte er mein
-Roß und mich nur noch einmal ganz leise und zärtlich
-an den Ohren und schied dann in Gnaden.</p>
-
-<p>Als um 12 Uhr die Schule aus war, bestieg ich
-mein Roß und ritt als ein Sieger heimwärts. Die
-kleinen Blessuren, die ich erlitten hatte, taten
-meinem Triumph keinen Eintrag. Ich streichelte
-mein treues Roß, und als wir ein Stück das Dorf
-hinauf waren, sangen wir in der Freude unseres
-Herzens gemeinsam: »Stadtklecker! Stadtklecker!«</p>
-
-<p>Auf einmal &ndash; wie wenn wir den Rübezahl gerufen<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span>
-hätten und der fürchterliche Berggeist plötzlich
-vor uns stünde, tauchte der Schulinspektor aus
-einem Seitengäßchen auf. Wir hatten geglaubt,
-der Mann sei längst nach der Stadt zurück, und
-nun war er noch in der evangelischen Schule
-gewesen und noch im Dorf.</p>
-
-<p>Den bösen Geist sehen und vom Pferde fallen
-war eins. Der Herr Schulinspektor tobte. Da
-aber viele Feldarbeiter vorbeigingen und schmunzelten,
-fühlte er, daß er keine günstige Rolle spiele,
-wenn er sich mit uns beiden in einen Straßenkampf
-einließe, und herrschte uns also an:</p>
-
-<p>»Marsch nach der Schule zurück! Dort werdet
-ihr dem Herrn Lehrer sagen, was ihr getan habt.
-Er wird euch augenblicklich bestrafen. Ich gehe
-jetzt hier ins Wirtshaus, um meine Sachen zu
-holen. In einer Viertelstunde seid ihr vor dem
-Gasthaus. Wehe euch, wenn ihr meinen Befehl
-nicht ausführt!«</p>
-
-<p>Wir gingen nach der Schule zurück. Ja, ich
-muß es eingestehen, ich ging zu Fuß. Heimlich
-schlichen wir nach der Schulstube. Die war ganz
-leer. Aber der Lehrer bemerkte uns bald.</p>
-
-<p>»Was wollt ihr denn noch?«</p>
-
-<p>Da stotterte ich, ich hätte mein Lineal vergessen.
-Das Lineal war das wichtigste aller meiner Schulutensilien,
-denn erstens brauchte ich es als Waffe
-und zweitens fürs Freihandzeichnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span></p>
-
-<p>»Geht nur nach Hause!« sagte der Lehrer.</p>
-
-<p>Da glaubte ich, wir sollten ihm gehorchen und
-ihm weiter keinen Kummer machen, und wir
-gingen. Meinem Roß war dabei nicht ganz wohl.
-Aber draußen belehrte ich es über meinen Feldzugsplan,
-und wir gingen also zum Gasthaus,
-vor dessen Tür wir ein jämmerliches Geheul anfingen.
-Ich weinte bitterlich, und mein Roß
-strich sich fortwährend mit seinen Vorderhufen
-den Bug.</p>
-
-<p>Der Herr Schulinspektor kam erschreckt herausgestürzt.</p>
-
-<p>»Na, heult nicht so! Ihr macht mir ja das ganze
-Dorf rebellisch. Der Lehrer hat euch wohl etwas
-zu stark gezüchtigt?«</p>
-
-<p>Wir heulten noch lauter.</p>
-
-<p>»Jungens, seid still! Daß er euch so stark bestrafe,
-wollte ich ja nicht. Na, hört doch schon
-auf mit eurem Geheule! Es sind doch Leute im
-Gasthaus. Was sollen die sich denn denken?«</p>
-
-<p>Mein Roß schrie förmlich.</p>
-
-<p>Dem Schulinspektor war die Sache furchtbar
-peinlich; denn er hatte sein Amt erst angetreten
-und wollte nicht in den Ruf eines Kinderquälers
-kommen.</p>
-
-<p>Da schenkte er uns 10 Pfennige, sagte, wir
-seien ja sonst nette Kinder, auch fleißig in der
-Schule, hätten ihm Freude gemacht; da sollten<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-wir also in Zukunft ein höflicheres Straßenbenehmen
-an den Tag legen, jetzt sofort ruhig
-nach Hause gehen und uns für die 10 Pfennige
-was kaufen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die 10 Pfennige nahm das Roß in Verwaltung
-und kaufte am Nachmittag drei Zigarren dafür.
-Jeder rauchte eine, die dritte rauchten wir zusammen.
-Wir saßen dabei auf unserem Windmühlberg,
-sahen nach der Kreisstadt hinüber und
-sangen aus vollen Lungen: »Stadtklecker! &ndash;
-Stadtklecker!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-176.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Rauber_aus">Die Räuber aus
-dem Riesengebirge</h2>
-</div>
-
-<p>Drei ehrbare Handwerker aus dem Riesengebirge,
-ein Schuster, ein Schneider und ein Hutmacher,
-beschlossen eines Tages, Räuber zu
-werden; denn ach, ihre Geschäfte gingen schlecht!
-Machte der Schuster ein Paar Stiefel, so kam sein
-Kunde nach ein oder zwei Tagen angehinkt,
-schimpfte, daß ihm alle Zehen zerquetscht und die
-Fersen zerrieben seien, schlug dem Meister die
-Stiefel um den Kopf und verlangte sein Geld
-zurück. Nähte der Schneider mit Sorgfalt und
-viel Geschicklichkeit einen Anzug, so wies ihm
-sein Kunde bei der Ablieferung mit rauhen Worten
-nach, daß das eine Hosenbein weit wie ein Mehlsack,
-das andere eng wie ein Pfeifenrohr sei, und
-daß der Rock hinten zwei Buckel mache, wie das
-Fell eines Trampeltiers. Maß der Hutmacher
-einem ein recht fesch Hütlein an, so saß es ihm
-am Ende auf dem Wirbel wie eine Hanswurstkappe
-oder fiel ihm in die Stirn bis über die Spitze
-des Kinnbartes herab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span></p>
-
-<p>So sagten eines Tages die drei Meister zueinander:
-»Das Handwerk hat keinen goldenen
-Boden mehr. Man kann tun, was man will, das
-Publikum ist nicht zufrieden. Es gibt nichts als
-Zank und Streit. Wir wollen uns also nach einer
-friedfertigeren Beschäftigung umsehen.«</p>
-
-<p>Darauf beschlossen sie, Räuber zu werden, und
-meinten, dabei ihr gutes Auskommen zu haben.
-Sie wuschen sich nun sechs Wochen lang nicht
-mehr, kämmten ihr Haar nicht mehr und zogen
-ihre ältesten Kleider an. Darauf nahmen sie von
-ihren Freunden Abschied, sagten, sie möchten sie
-nur in gutem Andenken behalten, zogen in den
-Wald und wurden Räuber.</p>
-
-<p>Zwei Tage und zwei Nächte saßen sie unter
-dunklen Bäumen und lauerten, ob jemand des
-Weges daherkommen würde. Es kam aber niemand,
-und die Räuber froren und langweilten sich.
-Zum Glück hatten ihnen ihre Freunde Essen und
-Trinken mitgegeben, sonst hätten die armen Kerle
-Not leiden müssen.</p>
-
-<p>Am zweiten Tage gegen Abend meldete der
-Schneider, der als Kundschafter ausgeschickt worden
-war: es ziehe ein starker Mann daher. Er sei
-groß wie ein Riese und habe einen Knüppel in
-der Hand. Man könne nicht wissen, was er im
-Schilde führe.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-179.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Da versteckten sich die drei Räuber hinter die<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span>
-Brombeerhecken und atmeten auf, als der starke
-Kerl vorbei war. Der Hutmacher aber, welcher
-der Klügste von ihnen war, sprach:</p>
-
-<p>»Auf diese Weise werden wir auch keine guten
-Geschäfte machen!« Und er hielt eine Rede, und
-alle drei beschlossen, den nächsten Wandersmann
-zu überfallen, sei es auch, wer es sei.</p>
-
-<p>Wie nun der Morgen in hellgoldener Pracht
-über den Bergen aufging, kam der Schuster angerannt
-und sagte: ein einzelner Reiter komme
-den Talweg herauf. Es sei wohl ein reicher
-Ritter, denn er habe eine Feder auf dem Hut und
-trage ein seidenes Wams. Er sei schon ganz
-nahe. Das Schlimme sei nur, daß er ein Schwert
-an der Seite trage; man könne also nicht wissen,
-was er im Schilde führe.</p>
-
-<p>»Schwert oder nicht Schwert,« brüllte der Hutmacher
-so mutig, zornig und laut, daß die Luft
-dröhnte; »wir müssen ihm am Kreuzweg auflauern
-und ihm seine Habe abnehmen. Der
-Schneider wirft dem Pferde eine Schlinge um
-den Hals, der Schuster zieht den Ritter vom
-Roß herunter, und ich packe ihn dann von
-hinten!«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick wieherte ein Pferd, und
-die drei Räuber rannten so schnell als möglich
-nach dem nahen Kreuzweg. Als nun der Ritter<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span>
-ankam, sprangen sie ihm mit einem fürchterlichen
-Geschrei entgegen.</p>
-
-<p>Und was nun kam, geschah alles blitzschnell.
-Der Ritter entriß dem Schuster die Schlinge und
-warf sie ihm selbst um den Hals, er zog den
-Schneider zu sich aufs Roß hinauf und packte den
-Hutmacher von hinten am Halswirbel. Darauf
-stieg er gelassen vom Roß herab, nahm auch den
-Schuster mit hinunter und legte alle drei Räuber
-sacht, aber bestimmt auf die Erde, mit den Nasen
-in den aufgeweichten Boden hinein. Dann befahl
-er ihnen, nur recht still zu liegen, da sie ja nicht
-wissen könnten, was er im Schilde führe,
-räumte ihnen die Taschen aus, was sie da noch
-an Wurst, Speck und Tabak hatten, zählte jedem
-mit der flachen Klinge seines biegsamen Degens
-zwanzig ansehnliche Streiche auf den Hosenboden,
-stieg dann wieder zu Roß und ritt langsam davon,
-indem er mit fröhlicher Stimme sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es ist so schön der Morgen<br /></span>
-<span class="i0">Im frohen Sonnenlicht,<br /></span>
-<span class="i0">Kein Kummer und keine Sorgen<br /></span>
-<span class="i0">Drücken mein Herze nicht!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Als der Ritter um die nächste Waldecke verschwunden
-war, hob der Hutmacher die Nase
-aus dem Schlamm, nieste kräftig und sagte:</p>
-
-<p>»Unser Anschlag ist fehlgegangen!«</p>
-
-<p>Nun erhoben sich auch die beiden anderen,<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-gaben dem Hutmacher recht und waren allesamt
-äußerst betroffen.</p>
-
-<p>»Wir werden uns nach einem friedfertigeren
-Gewerbe umsehen müssen,« klagte der Schuster.
-Sie wußten aber keines, denn es waren kümmerliche
-Zeitläufte.</p>
-
-<p>So saßen sie am Kreuzwege und fingen schließlich
-alle drei an bitterlich zu weinen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Plötzlich fuhren sie zusammen, denn es kam
-ein Mann gegangen.</p>
-
-<p>»Der Ritter!« schrie der Schneider und wollte
-entfliehen. Doch der Fremdling war schon da.
-Er führte das Roß des Ritters am Zügel und
-trug seine Kleider und Waffen; aber es war der
-Ritter nicht.</p>
-
-<p>Der Fremde machte erstaunte Augen, als er
-die drei sitzen sah, und fragte:</p>
-
-<p>»Was sitzt ihr drei armen alten Frauen hier
-und weinet?«</p>
-
-<p>»Wir sind keine alten Frauen,« schluchzte der
-Schuster, »wir sind Männer. Junge Männer!«</p>
-
-<p>»I der Dauz,« rief der Fremdling erstaunt,
-»junge Männer seid ihr! Wer hätte das gedacht!
-Aber sagt mir, warum weinet ihr?«</p>
-
-<p>»Weil es uns so schlecht geht,« heulte der
-Schneider.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>»Schlecht geht? Wieso? Wie kann es einem
-jungen Mann schlecht gehen? Sehet mich an!
-Ich bin ein Räuber. Mir geht es gut. Werdet
-auch Räuber, und es wird auch euch gut gehen!«</p>
-
-<p>»Wir sind ja Räuber!« sagte der Hutmacher
-kleinlaut.</p>
-
-<p>Da lachte der Fremde so laut, daß sich das Roß
-aufbäumte und dem Schneider einen Tritt auf
-die Schulter gab.</p>
-
-<p>»Ach, ihr seid Räuber? O, welch ein Spaß!
-Welch eine Überraschung! Warum aber habt ihr
-euch alsdann den reichen Rittersmann entgehen
-lassen, der vor einer Stunde hier vorbeizog?
-Seht mich an; ich bin ein einzelner Mann und
-habe dem Ritter alles abgenommen, was er
-besaß.«</p>
-
-<p>Der Schneider log, sie hätten den Ritter leider
-nicht gesehen; sonst hätten sie ihn schon ordentlich
-ausgeraubt, denn sie seien tapfere Leute, und von
-alten Weibern sei keine Rede.</p>
-
-<p>»Nun,« sagte der Fremde, »wenn ihr meine
-Kollegen seid, so sollt ihr wenigstens mit mir
-frühstücken.«</p>
-
-<p>Er packte nun die Wurst und den Speck aus,
-den der Ritter vordem den dreien abgenommen
-hatte, und lud zum Mahle ein. Der Fremde aß
-aber fast alles selbst, und dem Schneider, dem
-Schuster und dem Hutmacher blieb nicht viel mehr<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span>
-als von der Wurst die Haut und von dem Speck
-die Schwarte. Die lagen ihnen schwer im Magen.</p>
-
-<p>Während des Frühstücks erzählte der Fremde,
-er heiße Wolfsklaue und habe in den italienischen
-Abruzzen, im ungarischen Bakonywald und im
-Böhmerwald seine Studien gemacht. Neulich
-habe er sein Meisterstück gemacht, und nun wolle
-er hier im Riesengebirge das Räubergewerbe auf
-eigene Faust betreiben. Wenn es den dreien recht
-sei, sollten sie in seine Dienste treten; er nehme
-nicht mehr als die Hälfte der Beute für sich; die
-andere Hälfte solle den dreien überlassen sein.</p>
-
-<p>Da schlugen sie ein und wurden fröhlich.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Kameraden,« sagte nun Wolfsklaue, »wenn
-wir rechte Räuber sein wollen, genügt es nicht,
-daß wir hier am Kreuzweg sitzen und heulen
-oder Wurst und Speck essen, sondern wir müssen
-auf Taten ausgehen.«</p>
-
-<p>O, da stimmten die drei anderen bei. Jahrelang,
-sagten sie, sehnten sie sich schon danach,
-mal etwas Ordentliches zu tun zu bekommen.
-Taten! Das sei so etwas für sie!</p>
-
-<p>»Gut,« sagte Wolfsklaue, »hört mich also an.
-Weit im Gebirge drin wohnt ein Müller, der ist
-so steinreich, daß er sich alle Tage mit Seife wäscht<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span>
-und seine Kühe mit Apfelsinen füttert. Den
-wollen wir ausrauben.«</p>
-
-<p>»Den wollen wir!« stimmten die drei freudig bei.</p>
-
-<p>»Ja, aber die Sache ist nicht so leicht. Der
-Müller ist ein starker Kerl und hat vier Knechte;
-auch sind er und seine Leute wohlbewaffnet mit
-Dolchen, Pistolen und Totschlägern. Überdies
-hat er zwei Bluthunde.«</p>
-
-<p>»Muß es nun grade der Müller sein?« fragte
-der Schneider.</p>
-
-<p>»Jawohl. Denkt doch an sein vieles Geld.
-Die Sache bedarf nur der nötigen Schlauheit.
-Hört mich an! Ich stecke euch in Getreidesäcke und
-verkaufe euch dem Müller als Korn und Gerste.
-Er schafft euch in seine Mühle. In der Nacht
-schlüpft ihr aus den Säcken heraus, öffnet mir
-die Tür, und alles andere laßt ihr mich besorgen.
-Ich habe nicht umsonst in Böhmen mein Meisterstück
-gemacht.«</p>
-
-<p>Auf diesen Plan gingen die drei ein, und am
-nächsten Morgen schon standen der Schuster, der
-Schneider und der Hutmacher als Säcke auf dem
-Getreidemarkt in Hirschberg.</p>
-
-<p>Es war ein warmer Tag und viel Volk beisammen.
-Damit nun die Säcke nicht um die Gestalten
-schlotterten, waren sie mit Heu ausgestopft.</p>
-
-<p>»Ich schwitz mich tot,« sagte der Hutmacher in
-seinem Sack.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span></p>
-
-<p>»Mensch, halt dein Maul,« knirschte Wolfsklaue,
-»oder du verrätst uns. Schwitze im
-stillen!«</p>
-
-<p>Nun kam ein Hund gegangen, schnubberte an
-dem Sacke, in dem der Schneider steckte, und
-fing ein wütendes Gebell an. Der Schneider erbebte;
-er erkannte den Hund an der Stimme; oft
-genug hatte er dem Köter früher einen Fußtritt
-gegeben. Jetzt mußte er es sich gefallen lassen,
-daß der Hund sich wie rasend in den Sack verbiß
-und ihn umriß. Alles Volk lachte.</p>
-
-<p>Eine Stunde später kam der Ratspolizist. Er
-hatte im Auftrage der hohen Obrigkeit einzelne
-Säcke zu öffnen und zu prüfen, ob sie auch gutes,
-gesundes Korn enthielten.</p>
-
-<p>»Wir sind verloren,« dachte der Schuster, als
-der Polizist gerade den Sack öffnete, in dem er
-steckte.</p>
-
-<p>Zum Glück war der Polizist sehr kurzsichtig.
-Als er nun die Nase tief in den Sack steckte und
-des Schusters strohgelben Schädel sah, sagte er
-befriedigt:</p>
-
-<p>»Ich habe lange kein Korn von so schöner goldener
-Farbe gesehen.«</p>
-
-<p>Und er band den Sack wieder zu. Der reiche
-Müller, der in der Nähe stand, hatte das lobende
-Urteil gehört, und da die Säcke groß und prall<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span>
-waren, kaufte er sie um einen guten Preis und
-ließ sie auf seinen Wagen laden.</p>
-
-<p>»Das war Zeit,« seufzte der Schneider; »ich habe
-schon das Zittern in den Beinen!«</p>
-
-<p>»Ich schwitz mich tot!« stöhnte der Hutmacher.</p>
-
-<p>»Ich schwitze so,« sagte der Schuster, »daß der
-Schweiß sicher schon durch den Sack dringt. Es
-ist wenigstens gut, daß wir jetzt liegen!«</p>
-
-<p>Nun kam der Müller, befühlte die Säcke und
-sagte: »Oho, sie sind ja feucht! Wenn ich nur
-kein dämpfiges Korn gekauft habe. Es scheint
-bei der Ernte nicht ordentlich ausgetrocknet zu
-sein. Peter, lade das andere Korn auf und laß
-uns heimfahren!«</p>
-
-<p>Der Knecht lud nun noch etwa zehn Säcke auf
-und warf sie mit Wucht auf die drei Räuber,
-welche angstvoll ihr letztes Stündlein gekommen
-glaubten. Sie seufzten, stöhnten, ja schrieen zuweilen,
-und es war nur gut, daß der Wagen, der
-sich in Bewegung gesetzt hatte, so laut knarrte,
-daß von den Angstrufen nichts zu hören war.</p>
-
-<p>Der Weg von Hirschberg bis zur Mühle betrug
-sechs Stunden. Es war eine so schreckliche Fahrt,
-daß der Schuster bei sich meinte, fast sei es weniger
-arg, ein Paar Stiefel zu machen, als ein solch
-heißes und drückendes Abenteuer zu erleben.
-Und die beiden anderen hatten ähnlich düstere
-Gedanken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>Endlich ging auch dieser Schmerzensweg zu
-Ende. Der Wagen hielt; die Säcke wurden abgeladen.
-Steif standen die drei Räuber, ohne sich
-zu rühren. So zerschlagen und zerschwitzt sie sich
-fühlten, freuten sie sich doch, daß bis jetzt alles
-glatt abgelaufen war, und hofften auf gute Beute
-und auf die Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters
-Wolfsklaue.</p>
-
-<p>Ach, es kam anders.</p>
-
-<p>»Hm! Dieses Korn scheint wirklich ganz
-dämpfig zu sein,« sagte der Müller; »sieh mal,
-Peter, die Säcke sind naß, wie wenn sie aus dem
-Wasser gezogen wären. Da bin ich betrogen worden.
-Am besten ist es, wir schaffen das Zeug
-bald weg. Schütte es augenblicklich in die große
-Schrotmühle; wir machen Schweinefutter daraus!«</p>
-
-<p>Wie der Schneider etwas von der Schrotmühle
-und vom Schweinefutter hörte, schrie er laut auf
-vor Angst, warf sich um und rollte durch den
-Hof. Von den anderen beiden Säcken begann
-der eine zu hüpfen, der andere um Hilfe zu
-schreien. Der Peter schrie, der Müller schrie, die
-anderen Knechte kamen gesprungen und schrieen,
-die Bluthunde heulten, und es ward ein großer
-Lärm.</p>
-
-<p>Das Ende vom Liede war, daß die Säcke geöffnet
-und die drei Räuber herausgezogen wurden.<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span>
-Triefend von Schweiß, mit angstverzerrten Gesichtern
-und schlotternden Beinen standen sie da,
-und als einer der Knechte rief:</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-189.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Die haben sich einschleichen wollen; das sind
-Räuber!« ging ein toller Lärm an. Der Schuster,
-der Schneider und der Hutmacher bekamen so
-viel Prügel, wie nie drei Räuber oder sonstige
-schlichte Bürger Prügel bekommen haben. Halb<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span>
-totgeschlagen wurden sie endlich zum Tore hinausgeworfen.
-Dort blieben sie anfangs wie betäubt
-liegen; dann krochen sie, hinkten sie, schleppten sie
-sich in den Wald hinein.</p>
-
-<p>Dort trafen sie Wolfsklaue.</p>
-
-<p>Als er hörte, was vorgefallen war, sprach er
-ihnen erst sein Bedauern aus, dann hieb er sie
-noch einmal durch, indem er sagte:</p>
-
-<p>»Ein richtiger Räuber darf nicht zucken und
-mucken, auch wenn er zu Schweinefutter gemahlen
-werden soll.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wochenlang kühlten sich die Räuber ihre brennenden
-Gebeine. Sie lagerten sich ins weiche
-Moos und legten sich gegenseitig Salben und
-kühlende Kräuter auf. Wolfsklaue erschien nur
-alle drei Tage bei ihnen, brachte ihnen einige
-Stücke harten Brotes, das sie sich im Wasser des
-Baches aufweichen mußten, und tat sich selbst bei
-Braten und Wein lecker. Manchmal erzählte er
-von seinen Taten; Schlösser hatte er ausgeraubt,
-reisende Kaufleute überfallen und andere einträgliche
-Geschäfte gemacht. So strotzten seine
-Finger von funkelnden Ringen; er hatte in jeder
-der sechs Taschen seiner rotseidenen Weste eine
-Uhr stecken und eine Kette daran und trug in jeder
-Hand zwei Spazierstöcke mit silbernen Knäufen.<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span>
-Jedesmal kam er auf einem anderen Roß angeritten,
-die immer aus Arabien stammten; die gestickten
-Decken waren aus Persien, das Lederzeug
-aus England, die Beschläge aus Italien.
-Aus Deutschland war nichts, das wäre zu gewöhnlich
-gewesen.</p>
-
-<p>Während nun die drei armen Kerle ihre Brotrinden
-aßen und sich von Zeit zu Zeit den abheilenden
-und darum juckenden Buckel krauten,
-hielt Wolfsklaue schwelgerische Mahlzeiten, funkelte
-mit seinen Ringen, zog seine Uhren auf und
-putzte seine goldenen Ketten mit einem Lederlappen.</p>
-
-<p>Die drei armen Hascher sahen mit gierigen
-Augen zu. Und eines Tages, als Wolfsklaue
-wieder ganz aufdringlich geprahlt und die drei
-sehr schlecht behandelt hatte, sagte der Hutmacher,
-als sie wieder allein waren:</p>
-
-<p>»Brüder, das halte aus, wer da wolle! Es ist
-schlimmer als ein Hundeleben! Was hat uns
-Wolfsklaue dagelassen? Nichts! Nicht einmal
-die Knochen von seinem Wildbret. Die hat er
-seiner dänischen Dogge gegeben. Es macht mir
-keinen Spaß mehr, ein so armer Teufel zu sein;
-ich will lieber so reich sein wie Wolfsklaue und
-werde das in drei Tagen erreichen.«</p>
-
-<p>Der Schneider fragte den Hutmacher freundlich,
-ob er etwa Kopfschmerzen habe und am Gehirn<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span>
-leide; aber der Hutmacher verneinte das und sagte,
-er sei kein bißchen verrückt, sondern er habe im
-Gegenteil einen großartigen Plan.</p>
-
-<p>Erst nach Mitternacht, als der Mond schon
-untergegangen war, und das kleine Holzfeuer, um
-das die drei saßen, erlosch, gab der Hutmacher
-seinen Plan kund.</p>
-
-<p>»Überfallen müssen wir ihn!«</p>
-
-<p>»Wen?«</p>
-
-<p>Der Hutmacher zog das linke Ohr des Schneiders
-und das rechte des Schusters dicht an seinen Mund
-und flüsterte:</p>
-
-<p>»Ihn &ndash; Wolfsklaue!«</p>
-
-<p>Da rissen die beiden ihre Ohren los und sprangen
-in die Höhe. Sie schüttelten sich vor Entsetzen.</p>
-
-<p>Aber als die Sonne aufging, hatte des Hutmachers
-große Redekunst über alle Besorgnisse
-gesiegt, und es war ausgemacht, das nächste
-Mal Wolfsklaue zu überfallen, sobald er seine
-Waffen abgelegt hatte und seine Dogge in den
-Büschen verschwand, um nach Wildfährten zu
-spüren.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der dritte Tag erschien; aber Wolfsklaue erschien
-nicht. Da bekamen die drei Angst, er möge
-am Ende von ihrem Anschlag Wind bekommen
-haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>»Man kann bei ihm nie wissen, was er im
-Schilde führt!« sagte der Schneider besorgt. Die
-beiden anderen schwiegen und sahen bedrückt vor
-sich hin. Es war ganz still im Walde. Kein Laut
-rührte sich. Nur die Magen knurrten von Zeit
-zu Zeit im Dreiklang, oder ein Schluchzer oder
-Seufzer kam aus einem bärtigen, verwilderten
-Räubermunde.</p>
-
-<p>Am vierten Tage erschien Wolfsklaue. Er trug
-eine flimmernde Königskrone auf dem Kopf, ein
-ganzes Bündel von Spazierstöcken mit goldenen,
-silbernen und demantenen Knäufen unter dem
-linken Arm, unter dem rechten hatte er ein
-Szepter gequetscht, und in der Hand hielt er eine
-goldene Kugel. Von seinen Schultern fiel ein
-Purpurmantel, der mit Edelsteinen übersäet und
-so lang war, daß er den halben Waldweg entlang
-schleifte. Um den Hals trug er so viel
-goldene Ketten, daß sich unter der Last sein Nacken
-krümmte; seine Brust und sein Bauch waren wie
-ein Spiegel, weil dort gar so viele Orden blitzten,
-sein rechtes Hosenbein war aus himbeerrotem
-Sammet, sein linkes aus bernsteingelber Seide,
-an dem rechten Fuß hatte er einen Stiefel von
-Elenleder, an dem linken einen perlengestickten
-Pantoffel.</p>
-
-<p>Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span>
-sprangen ob des wunderbaren Anblicks in die
-Höhe und fielen dann platt auf die Nasen.</p>
-
-<p>»Guten Tag, meine Herren,« sagte Wolfsklaue
-freundlich und lüftete die Krone; »ich freue mich,
-euch so wohl zu sehen. Ihr habt euch jedenfalls
-hier gut unterhalten. Ich habe inzwischen ein
-kleines Geschäft erledigt. Ich hatte eine Zusammenkunft
-mit dem Könige von Polen. Ihr
-seht, daß ich mir einige kleine Andenken mitgebracht
-habe. Es war wirklich sehr nett!«</p>
-
-<p>Er winkte dem Hutmacher, ihm vom Pferde zu
-helfen, gürtete sich sein Schwert ab, das er dem
-Schneider übergab, nahm seine Pistole aus dem
-Gürtel und gab sie dem Schuster, raffte schließlich
-seinen Purpurmantel zusammen und legte sich
-auf die Erde.</p>
-
-<p>»Aber anstrengend ist es, meine Herren, sehr
-anstrengend! Ihr glaubt gar nicht, wie müde ich
-bin! Siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig
-Soldaten habe ich erst entfernen müssen, ehe ich
-mit Se. Majestät unter vier Augen reden konnte.
-Gebt mir doch mal die Flasche aus der Satteltasche.
-Es ist alter Malvasier drin. Und füllt eure hohlen
-Hände dort am Brünnlein, und dann wollen wir
-mal auf meine Gesundheit trinken.«</p>
-
-<p>Es geschah alles, wie Wolfsklaue es wünschte.
-Die drei armen Hascher füllten ihre Hände an
-der Quelle, und dann mußten sie mit der Hand<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span>
-an Wolfsklaues goldenem Becher anstoßen und
-»Zur Gesundheit!« sagen.</p>
-
-<p>»Ah, das schmeckt? Nicht wahr?« fragte Wolfsklaue,
-als sie getrunken hatten. »Ein bißchen
-schwer ist der Trank; aber wie Feuer geht er
-durch die Adern. Nun, lassen wir es uns wohl
-sein! Einen Sieg, wie den meinen, muß man
-feiern. Ich denke, wir trinken noch ein Schöpplein!«</p>
-
-<p>Wieder mußten die drei armen Hascher ihre
-hohlen Hände an der Quelle füllen und mit
-Wolfsklaue anstoßen.</p>
-
-<p>»Wohl bekomm es!« sagte Wolfsklaue; »es geht
-nichts über einen guten Trunk. Man wird so
-fröhlich dabei.«</p>
-
-<p>Der Hutmacher hustete sehr laut und sagte, er
-habe sich verschluckt.</p>
-
-<p>»Immer hübsch langsam trinken,« mahnte
-Wolfsklaue; »immer alles mit Maßen! Ich
-möchte wohl noch einen dritten Becher; aber ich
-sehe, ihr habt schon genug, und ich bin auch müde.
-Ich will ein wenig schlafen. Ihr drei möget
-Wache stehen und mich wecken, wenn der Morgen
-graut. So hat jeder sein Vergnügen. Gute
-Nacht!«</p>
-
-<p>Er schlief ein. Die Krone rutschte ihm tief in
-die Stirn herab, er legte das himbeersamtne<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span>
-Hosenbein über das bernsteingelbe, faltete die
-Hände auf seinem dicken, ordengeschmückten Bauche
-und schnarchte bald laut und tief.</p>
-
-<p>Die drei anderen Räuber schauten sich an.
-Der Schneider wischte sich den Mund ab; der
-Schuster klagte, das kalte Wasser sei ihm in seine
-hohlen Zähne gekommen; der Hutmacher sah
-finster vor sich hin. Auch das Roß hatte sich gelegt,
-sich mit den Zähnen die schwere persische Seidendecke
-zurechtgezupft, so daß es nicht frieren konnte
-und schlief auch ein. Die große dänische Dogge
-verschwand im Walde, um zu wildern.</p>
-
-<p>Die Nacht brach herein; der Mond verbarg sich
-hinter den Wolken. Da runzelte der Hutmacher
-die Stirn, blitzte die beiden anderen mit den
-Augen an und sagte leise:</p>
-
-<p>»Jetzt, jetzt ist's Zeit!«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten krümmte sich der Schneider
-zusammen, sagte, es käme ihm in den Leib, und
-verschwand im Gebüsch. Der Schuster hielt den
-linken Fuß vorgesetzt, um zur Flucht bereit zu
-sein, der Hutmacher aber warf sich heulend auf
-Wolfsklaue, packte ihn am Halse und schrie:</p>
-
-<p>»Gib alles her! Gib alles her!«</p>
-
-<p>»Was &ndash; was ist &ndash; was ist los&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Wolfsklaue rieb sich die Augen. Er sah den
-Hutmacher über sich knien und schrie plötzlich
-ganz jämmerlich:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span></p>
-
-<p>»O weh! O weh! Ich bin überfallen! Ich habe
-keine Waffen! Ich bin verloren! Wehe mir!
-Wehe mir!«</p>
-
-<p>Pardauz, lag auch der Schuster über ihm her
-und rief dem Hutmacher zu:</p>
-
-<p>»Mach Platz! Mach Platz! Ich will ihn auch
-würgen!«</p>
-
-<p>Und nun traute sich auch der Schneider aus dem
-Gebüsch, kam vorsichtig näher und hielt den Pantoffel
-in der Hand, den Wolfsklaue, weil er mit
-den Beinen um sich schlug, verloren hatte.</p>
-
-<p>So wurde Wolfsklaue besiegt. Stück um Stück
-nahmen ihm die drei Räuber ab, zogen ihn aus
-bis aufs Hemd. Dann zwangen sie ihn, an der
-Quelle seine hohle Hand zu füllen, mit ihnen anzustoßen,
-die nun der Reihe nach den Becher
-leerten, sich hinzulegen und von jedem zehn
-Stockhiebe aufzählen zu lassen. Am Schluß gaben
-sie ihm aus Gnade den schäbigen, geflickten Mantel
-des Schneiders um; er mußte gegen alle vier
-Himmelsrichtungen hin eine Verneigung machen
-und zu der Räuber Gaudium laut schreien: »Ich
-bin ein großer Esel«, und dann wurde er in die
-finstere Nacht hinausgejagt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Nun wollen wir die Beute teilen,« sagte
-der Hutmacher. »Ich für meinen Teil begehre<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span>
-nur die Hälfte all dieser Sachen; die andere Hälfte
-ist für euch beide.«</p>
-
-<p>»Was?« höhnte der Schuster; »wenn drei
-teilen, wird wohl ein jeder ein Drittel bekommen.«</p>
-
-<p>Der Hutmacher schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Seit Wolfsklaue besiegt ist,« sagte er würdig,
-»bin ich euer Hauptmann.«</p>
-
-<p>Die beiden anderen brachen in ein schallendes
-Gelächter aus.</p>
-
-<p>»Lacht nicht!« begehrte der Hutmacher auf.
-»Wer hat den Gedanken gehabt, Wolfsklaue zu
-überfallen? Ich! Wer hat ihn tatsächlich überfallen?
-Ich!«</p>
-
-<p>»Ich auch!« rief der Schuster, »und außerdem
-hatte er mir sein Schwert übergeben; ich hatte
-euch alle in meiner Gewalt.«</p>
-
-<p>»Ja, wenn ich nicht die Pistole gehabt hätte,«
-meinte der Schneider; »eine Pistole ist flinker
-als ein Schwert.«</p>
-
-<p>»Wenn du schießen könntest, du Tolpatsch!«
-höhnte der Schuster.</p>
-
-<p>»Kannst du etwa fechten, du Dämlack?« zischte
-der Schneider.</p>
-
-<p>Da fuhren sie sich in die Haare und prügelten
-sich. Der Hutmacher setzte sich indessen die Königskrone
-auf und zählte die Dukaten, die sie Wolfsklaue
-abgenommen hatten. Als das die beiden<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span>
-Kampfhähne sahen, ließen sie ab von einander
-und fragten: »Was tust du da?«</p>
-
-<p>»Ich zähle mir die Hälfte der Beute ab,« sagte
-der Hutmacher in Gemütsruhe, »Daran werdet
-ihr zwei Dummköpfe nichts ändern.«</p>
-
-<p>Da sahen sich der Schuster und der Schneider
-mit einem bedeutungsvollen Blicke an, und
-plötzlich stürzten sie sich auf den Hutmacher und
-überwältigten ihn. Sie drohten, ihn zu töten,
-wenn er ihnen nicht gänzlich gehorsam sei. Darauf
-prügelten sie ihn durch, zwangen ihn, seine hohle
-Hand an der Quelle zu füllen und mit ihnen am
-goldenen Becher anzustoßen, und jagten ihn dann
-in die Nacht hinaus.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Jetzt wollen wir zwei die Beute teilen,«
-meinte darauf der Schneider, »und es soll jeder
-seine Hälfte bekommen.«</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte der Schuster; »aber da ich
-zuerst den Gedanken hatte, den Hutmacher zu
-überfallen, gebührt mir die größere Hälfte. Ich
-werde sie mir auswählen, und was übrig bleibt,
-sollst du erhalten.«</p>
-
-<p>Damit bückte er sich zu den Schätzen nieder.
-Der Schneider aber griff blitzschnell nach der
-Pistole und dem Degen und rief:</p>
-
-<p>»Laß alles liegen oder du bist ein Kind des
-Todes!«</p>
-
-<p>Da erschrak der Schuster, und da der Schneider<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span>
-alles Ernstes drohte, ihn zu erschießen, entfloh er
-schreiend in den Wald.</p>
-
-<p>So kam es, daß der Schneider, der größte Feigling
-unter allen, zuletzt ganz allein in dem Besitz
-der geraubten Reichtümer des Polenkönigs war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Hutmacher und der Schuster waren sich im
-Walde begegnet und saßen sich grollend gegenüber.
-Plötzlich sahen sie Wolfsklaue daherkommen.
-Er ritt auf einem starken Ziegenbock
-und hatte einen Stecken in der Hand. Zuerst
-schien es, als ob er entfliehen wolle, aber dann
-kam er näher, grüßte demütig und sagte:</p>
-
-<p>»Ich hoffe, edle Herren, daß ihr mir nichts
-mehr anhaben werdet. Denn sehet, ich bin ein
-geschlagener Mann. All mein Hab und Gut habe
-ich verloren; ich sitze jetzt auf einem Ziegenbock
-und habe einen Stecken als Waffe; ich muß also,
-da ich in meinem Räubergewerbe pleite geworden
-bin, ganz klein wieder von vorn anfangen.«</p>
-
-<p>Da erzählten ihm die beiden, der Schneider sei
-eine Bestie, er habe sie beraubt und betrogen,
-und sie seien nun ebenso arm wie er.</p>
-
-<p>»Man hätte es dem Schneider nicht angesehen,
-daß er ein so großer Held ist,« meinte Wolfsklaue
-nachdenklich. »Da er nun alles Geld und alle<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span>
-Waffen hat, ist es am besten, wir gehen hin und
-wählen ihn zu unserem Hauptmann.«</p>
-
-<p>»Ich will lieber deinen Ziegenbock zu meinem
-Hauptmann wählen als den Schneider,« knirschte
-der Hutmacher.</p>
-
-<p>»Nun, einen Hauptmann müssen wir haben,«
-lächelte Wolfsklaue, »und mein Ziegenbock wird
-die Wahl nicht annehmen. Er ist ein sehr gescheites
-Tier. Wählen wir also den Schuster!«</p>
-
-<p>»Den Schuster?« schrie der Hutmacher. »Noch
-eher wählte ich den Schneider als den Schuster.«</p>
-
-<p>Da saß ihm der Schuster auch schon an der
-Gurgel, und sie prügelten sich. Wolfsklaue aber
-setzte sich an den Wegrand, streichelte seinen Ziegenbock
-und sang mit fröhlicher Stimme:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Im holden Waldesfrieden<br /></span>
-<span class="i0">Da wird der Wandrer froh,<br /></span>
-<span class="i0">Nichts Schönres gibt's hienieden,<br /></span>
-<span class="i0">Trara, trara, hallo!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Während er noch so fröhlich sang und die beiden
-anderen rauften, trat etwas Seltsames in Erscheinung.
-Das Araberroß kam daher; ganz langsam
-hob es die Beine wie in zierlichem Tanz und
-wandte den Kopf schelmisch bald hin, bald her.
-In den Zähnen aber trug es ein zappelndes
-Bündel von Purpur, himbeerfarbenem Samt und
-bernsteingelber Seide, auch fiel bei jedem Schritt
-ein kostbarer Orden klirrend auf den Waldboden.<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>
-Neben dem Roß trabte die dänische Dogge, die
-trug das Schwert im Maule.</p>
-
-<p>Als Roß und Hund bei Wolfsklaue ankamen,
-legten sie ihre Bürde vor ihm nieder. Da wickelte
-sich aus dem zappelnden Bündel erst eine Königskrone
-heraus, aus der unten nur die Stumpfnase
-und der Ziegenbart des Schneiders hervorschauten;
-dann kam der ganze Schneider zum Vorschein,
-und eine meckernde Stimme rief um Gnade.</p>
-
-<p>»Nun also!« rief Wolfsklaue und nahm das
-Schwert an sich, »so sind wir ja alle wieder beieinander.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O, tut das Scheiden noch so weh,<br /></span>
-<span class="i0">Ich weiß, daß ich dich wiederseh.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er blitzte mit den Augen.</p>
-
-<p>Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher
-warfen sich nun vor Wolfsklaue nieder und baten
-und wimmerten um Verzeihung.</p>
-
-<p>Wolfsklaue sagte gar nichts. Er band den Schuster
-an den Halftergurt und den Schneider an
-den Schweif seines Rosses, legte den königlichen
-Schmuck wieder an, schwang sich auf das Roß und
-befahl dem Hutmacher, sich auf den Ziegenbock zu
-setzen, denn er verdiene eine Auszeichnung.</p>
-
-<p>Dann ritt Wolfsklaue zwei Tage und zwei
-Nächte lang ohne zu rasten über das ganze Riesengebirge<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span>
-weg und kam mit seinen Gefährten in
-das Land Böhmen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Diese Reise war für die drei, die nicht auf dem
-Pferde saßen, äußerst beschwerlich. Der Schuster
-mußte so rasch traben, daß ihm oft der Atem ausging,
-der Hutmacher saß auf dem Ziegenbock wie
-auf einem schlingernden Schiff, das in schwerem
-Sturm hin- und herstößt, bald hoch, bald niedrig
-geht und seinem Passagier sehr übel am Magen
-mitspielt, und der arme Schneider am Pferdeschwanze
-verlebte erst recht keine gute Zeit. Das<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span>
-Roß nahm in keinerlei Weise Rücksicht auf ihn.
-Das Schlimmste aber geschah, wenn sich dem
-Hengst eine Fliege in die Flanke setzte. Dann
-hob er den mächtigen Schweif und hieb ihn samt
-dem Schneider nach der Fliege, daß dem armen
-Kerl, der so durch die Luft sauste, Hören und
-Sehen verging.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-203.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Wolfsklaue aber pries die Annehmlichkeiten der
-Reise und die Schönheit des Gebirges und sang
-fröhliche Wald- und Wanderlieder.</p>
-
-<p>Als sie nun nach Böhmen kamen, wurde endlich
-Rast gehalten. Die drei armen Hascher fielen
-wie tot auf das grüne Moos und schliefen drei
-Tage und drei Nächte lang. Dann weckte sie
-Wolfsklaue und sagte, plötzlich wieder sehr
-freundlich:</p>
-
-<p>»Liebe Kameraden, es tut mir leid, euch in
-eurem kurzen Schlummer stören zu müssen; aber
-wir müssen nun endlich ausführen, was wir uns
-vorgenommen haben; wir müssen auf Taten ausgehen.«</p>
-
-<p>»Herr,« meinte der Hutmacher, »ich bitte euch,
-gebt mir Urlaub. Ich will mein Räuberleben
-beenden. Ich kann ein wenig singen und Gitarre
-spielen; da will ich sehen, wie ich mich hierzulande
-durchschlagen kann.«</p>
-
-<p>»Wäre noch schöner,« rief Wolfsklaue, »in
-Böhmen betteln und singen zu gehen, ist das<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span>
-Dümmste von der Welt; denn die Hälfte aller
-Böhmaken sind selbst Bettler oder Musikanten.«</p>
-
-<p>»Ich,« sagte der Schneider, »möchte mich als
-Bauernknecht vermieten.«</p>
-
-<p>»Und ich,« sagte der Schuster, »will wieder
-Stiefel machen.«</p>
-
-<p>»Mensch, willst du wieder ein Verbrecher werden?«
-fuhr ihn Wolfsklaue an. »Willst du, daß
-die Menschheit erlahmt und lauter Hinker durchs
-Leben schreiten? Nein, nein, es wäre jammerschade
-um drei so verwegene Gesellen wie ihr seid.
-Ihr, die ihr sogar Wolfsklaue besiegt habt!«</p>
-
-<p>Da schlugen die drei die Augen nieder. Wolfsklaue
-aber machte ihnen mit gedämpfter Stimme
-Mitteilung von einem großen Plan, durch dessen
-Ausführung sie alle zu unerhörtem Reichtum gelangen
-würden, und der außerdem sehr lustig und
-unterhaltsam sei.</p>
-
-<p>Weiter drin in Böhmen sei ein herrliches Schloß,
-das berge so große Reichtümer, daß sich der Kaiser
-aus Wien daselbst fast alles Geld borge, dessen
-er bedürfe. Und das wolle etwas heißen! Sich
-zum Herrn dieses Schlosses zu machen, sei nun
-Wolfsklaues Ziel. Er vermöge das aber nicht
-allein, sondern bedürfe dazu der Hilfe seiner drei
-guten, lieben Freunde.</p>
-
-<p>Die drei »guten lieben Freunde« schlugen wieder
-schamhaft die Augen nieder; aber Wolfsklaue<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-klopfte sie vertraulich auf die Schultern und sagte
-in herzlichem Tone:</p>
-
-<p>»Brüder, denkt nicht mehr an die alten Tage.
-Es waren Zeiten der Trübsal und der Prüfung.
-Sie sind nun vorüber, und eine bessere Zeit bricht
-für uns alle an. Kommt ein bißchen tiefer mit
-mir in den Wald hinein und seht, was ich mich
-herbeizuschaffen bemüht habe, indes ihr euch nach
-der langen beschwerlichen Reise ausruhtet.«</p>
-
-<p>Da gingen sie mit ihm tiefer in den Wald und
-kamen in eine Räuberhöhle, von der man nichts
-anderes sagen kann, als daß sie höchst luxuriös
-war. Während der Fußboden mit echten und
-unechten Bärenfellen belegt war, hingen an den
-Wänden gerahmte und ungerahmte Bilder, die
-alle große Räuber- und Heldentaten darstellten
-und prachtvolle rote und grüne Farben hatten.
-Flinten, Schwerter und Spieße hingen an den
-Wänden, die ganz mit Edelsteinen besetzt waren,
-die kleineren stammten aus dem siebenjährigen,
-die größeren und wertvolleren aber aus dem
-dreißigjährigen Kriege. Der Raum wurde taghell
-beleuchtet von sieben Spitzbubenlaternen, die rubinrote
-Scheiben hatten, und in der Mitte der Höhle
-stand eine Tafel, da perlte in kristallenen Flaschen
-der köstlichste Branntwein, und auf goldenen
-und silbernen Tellern lagen Pökelfleisch und
-Sauerkraut.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span></p>
-
-<p>Den drei Räubern liefen vor Rührung Tränen
-im Auge und das Wasser im Munde zusammen.</p>
-
-<p>»Ach,« seufzte der Schuster, »ach, wenn wir
-bloß nicht wieder aus einer Wasserquelle trinken
-müssen!«</p>
-
-<p>Diesmal aber kam's anders. Die Räuber aßen
-so reichlich und tranken so viel, daß sie nach der
-Mahlzeit auf den Bärenfellen einen Schlaf taten,
-der fünf Tage und fünf Nächte lang war, worauf
-sie sich lächelnd und gestärkt von ihrem Lager
-erhoben.</p>
-
-<p>»Nun,« sagte Wolfsklaue, »wollen wir unsere
-große Tat vorbereiten. Das Schloß ist so wohl
-bewacht, daß es nur durch äußerste Klugheit und
-Tapferkeit gelingen wird, uns zu seinem Herrn
-zu machen. Mein Plan ist der, daß ich euch drei
-zunächst als meine geheimen Boten nach dem
-Schlosse absende.«</p>
-
-<p>Alle drei Räuber machten abwehrende Handbewegungen
-und schüttelten heftig die Köpfe.
-Wolfsklaue lächelte.</p>
-
-<p>»Ich schicke euch natürlich nicht so, wie ihr hier
-vor mir steht, sondern in einer geschickten Verkleidung,
-so daß euch sicher niemand erkennen
-wird, zumal ich euch eure Rollen gut einstudieren
-werde. Du, Hutmacher, hast eine schöne Stimme
-und spielst die Gitarre. Ich werde dir ein schönes
-Gewand besorgen, und du wirst als Minnesänger<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span>
-nach dem Schlosse ziehen. Dir, Schuster, schaut
-Tapferkeit und ritterlicher Mut aus den Augen;
-ich werde dich in der Kunst des Kämpfens unterweisen
-und dich ausstatten wie einen Ritter aus
-dem Morgenlande. Du, Schneider, bist ein pfiffiger
-und gewandter Geist, du wirst als handelnder
-Jude in das Schloß eindringen.«</p>
-
-<p>Da versanken die drei in tiefes Nachdenken,
-bis schließlich einer fragte:</p>
-
-<p>»Und du &ndash; was wirst <em class="gesperrt">du</em> tun?«</p>
-
-<p>»Ich komme nach euch, wenn ihr den Weg für
-mich geebnet habt. Alsdann erscheine ich als
-Prinz von Czernagora. Der Minnesänger muß
-den Rittern und Edelfrauen sehr viel von den
-Tugenden und der Schönheit dieses Prinzen vorsingen;
-der Ritter muß sich nach großen Heldentaten
-als den geringsten unter den Mannen jenes
-Prinzen bezeichnen; der Jude muß erzählen, daß
-der Prinz reich genug ist, ihm alljährlich für viele
-Millionen Edelsteine abzukaufen, und wenn dann
-der Prinz einzieht, das heißt, wenn ich komme,
-werden alle Herzen schon so in Achtung und Liebe
-für mich entbrannt sein, daß es mir ein leichtes
-sein wird, mich eines Tages als den Herrn und
-Gebieter der Burg ausrufen zu lassen.«</p>
-
-<p>»Und was wird dann aus uns?« fragte der
-Hutmacher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p>
-
-<p>»Euch drei erhebe ich dann in den Adelstand
-und statte euch aus mit großen Gütern.«</p>
-
-<p>Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang
-mußte Wolfsklaue noch reden, ehe er den dreien
-ihre vielerlei Bedenken aus dem Kopf geschlagen
-hatte und sie sich bereit erklärten, die ihnen zugedachten
-Rollen zu übernehmen.</p>
-
-<p>Dann begann der Unterricht.</p>
-
-<p>Der Schuster lernte reiten und kämpfen; der
-Hutmacher saß den ganzen Tag im Walde, klimperte
-auf einer Gitarre und sang zärtliche oder
-lobpreisende Lieder dazu; der Schneider ging mit
-einem Hausiererkasten von einem Baum zum
-anderen und bot ihnen mit artigen Bücklingen und
-überzeugenden Handbewegungen seine Waren an.
-Wolfsklaue war der Lehrmeister, gab alles an,
-überwachte alles, lobte oder tadelte und sorgte
-für alles, was die drei brauchten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Eines Tages sagte Wolfsklaue zu dem Schuster:</p>
-
-<p>»Jetzt reite aus. Glaube mir, daß dir kein
-Ritter im Morgen- und Abendland gleicht. Du
-bist ganz einzig in deiner Art. Reite dahin und
-verkündige den Ruhm des kommenden Prinzen
-von Czernagora.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>Der Schuster trug eine blitzende Rüstung, hatte
-eine Lanze in der Hand, die neun Ellen lang war,
-und saß auf einem prachtvollen Roß. Sein strohgelber
-Schädel war von einer schwarzen Perücke
-wohltuend überdeckt, und selbst sein Auge hatte
-etwas Kühnes bekommen.</p>
-
-<p>So ritt er dahin. Wolfsklaue in der bescheidenen
-Tracht eines Dieners zeigte ihm den Weg. Er
-gab ihm noch einmal viel gute Lehren, sagte ihm,
-er solle mit tapferen Rittern sich im Turnierkampf
-messen und, wenn er gesiegt habe, ja nicht
-vergessen, zu sagen, daß er nur der bescheidenste
-aller Mannen des czernagorischen Prinzen sei.</p>
-
-<p>Der Schuster sagte zu allem »Ja!« Im Innern
-aber dachte er:</p>
-
-<p>»Daß ich ein Esel wäre, wenn ich gesiegt habe,
-mich als einen geringen Mann zu bezeichnen.
-Dann werde ich mich schon in anderem Lichte
-zeigen, und wer weiß, ob sie nicht mich selbst zum
-Herrn der Burg ausrufen.«</p>
-
-<p>So kamen sie auf eine waldige Berghalde und
-sahen in der Ferne die leuchtenden Zinnen der
-Burg. Sie lag im hellen Sonnenlicht; dreizehn
-Türme und viele Erker schmückten sie gar herrlich;
-eine starke Mauer umgürtete ihre vielen Gebäude
-und Höfe, und vier Wallgräben zogen sich um sie
-her, davon war der erste mit Wasser, der zweite
-mit Tinte, der dritte mit Schwefelsäure, der<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-vierte mit glühendem Blei gefüllt, so daß es
-für alle Feinde sehr mühsam war, die vier Gräben
-zu durchschwimmen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-211.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Als der Schuster die Burg sah, wurde ihm übel.
-Aber Wolfsklaue gab ihm aus einem Fläschchen
-zu trinken, das einen ungeheuren Mut in die
-Adern des Schusters ergoß, und so zog er wohlgemut
-dahin, nachdem Wolfsklaue ihm glückliche
-Reise gewünscht hatte und umgekehrt war.</p>
-
-<p>Von den dreizehn Türmen des Schlosses
-klangen die Hornsignale der Wächter, daß ein
-Fremder daherziehe. Der Schuster dachte: die
-blasen so niederträchtig laut, daß mir noch mein
-Roß scheu werden wird. Da sah er auch schon,
-wie sich auf den Söllern und Mauern der Burg
-hunderte von edlen Rittern, wunderschönen Edeldamen
-und allerhand Kriegsvolk ansammelte, um
-nach dem nahenden Fremdling auszuschauen. Der
-Schuster hob seine neun Ellen lange Lanze zum
-Gruß, und der Federbusch auf seinem Helm
-spielte im Winde. Er kam sich ganz herrlich vor,
-und alle Angst war verschwunden.</p>
-
-<p>Da begegnete ihm auf einem Kreuzweg ein
-Reiter.</p>
-
-<p>»Hallo,« dachte der Schuster, »das ist der rechte
-Mann, einen Waffengang mit ihm zu wagen und
-vor allem Volk auf der Burg meine Tapferkeit<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span>
-und Geschicklichkeit zu erweisen.« Er nahm also
-seinen Helm ab, machte eine Verneigung und
-sagte: »Entschuldigt, edler Herr, beliebt es vielleicht,
-Euch im ritterlichen Kampfe mit mir zu messen?«</p>
-
-<p>Ein Gelächter erscholl von der Burg, und der
-Reiter lachte auch. Da faßte den Schuster ein
-wilder Zorn, er trieb sein Roß an, stürmte gegen
-den Reiter, hob die Lanze und bohrte sie tief &ndash;
-in die Luft neben dem Reiter. Er selbst verlor
-ob des Anpralls das Gleichgewicht und purzelte
-in den Straßengraben.</p>
-
-<p>Nun rasselte die Zugbrücke der Burg; Ritter
-und Damen eilten herbei, und die Ritter lachten
-so tief und schauerlich, daß es klang, wie wenn alte
-Wagen mit eisernen Rädern über spitze Steine
-fahren, oder wie wenn man mit klobigen Hämmern
-auf leere Fässer schlägt, und die Damen
-girrten und zwitscherten wie silberne Tauben in
-der Luft oder wie blaue Schwalben am Dachsims.</p>
-
-<p>Das verdroß den Schuster; er arbeitete sich
-aus dem Graben heraus, verlor dabei seinen Helm
-und seine schwarze Perücke, stand mit seinem
-strohgelben Schädel da, machte ein dummes Gesicht
-und schrie:</p>
-
-<p>»Ich bin der beste Ritter des Prinzen von
-Czernagora.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>O, wie rollten die Wagen, wie dröhnten die
-Fässer, wie girrten die Tauben, wie zwitscherten
-die Schwalben!</p>
-
-<p>»Mit einem Knecht, mit einem waffenlosen,
-ganz gewöhnlichen Roßknecht hat er angebunden,
-und ist von ihm besiegt worden! Welch ein Spott,
-welch ein Spott!«</p>
-
-<p>So lachte und höhnte es von allen Seiten.</p>
-
-<p>Nun trat ein hoher Herr in königlichem Schmuck
-aus der Menge. Es war der Burgherr. Der
-sprach:</p>
-
-<p>»Der Prinz von Czernagora ist mein Todfeind.
-Wenn dieser Mann zu seinen Rittern gehört und
-er sich von meinem Knechte hat werfen lassen, so
-nehmt ihn und bringt ihn ins Verließ. Wir
-werden Gericht über ihn halten.«</p>
-
-<p>Schwapp &ndash; lag der Schuster auf den Knien.
-Er warf seine Lanze von sich, hob bittend beide
-Hände auf und flehte:</p>
-
-<p>»Seid gnädig, Herr, und glaubt ja nicht, daß
-ich ein tapferer Ritter sei. Nein, ich bin nur ein
-Schuster, ein Schuster aus Hirschberg, und wenn
-Ihr das nicht glauben wollt, so will ich Euch
-augenblicklich ein Paar Stiefel fertigen.«</p>
-
-<p>»Das verhüte Gott,« sagte der Burgherr mit
-Ernst. »Nehmt ihn und führt ihn ins Verließ!«</p>
-
-<p>So geschah es. Und als der Tag vergangen war<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span>
-und der Mond über die Waldberge wanderte,
-schien er auch durch eine winzige Mauerlucke in
-das bleiche Gesicht des Schusters, der in seinem
-feuchten Verließe saß und um den die Ratten und
-Mäuse tanzten, wie es nun einmal in den Burgverließen
-traurigerweise Mode ist.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Drei Tage darauf sagte Wolfsklaue zu dem
-Hutmacher:</p>
-
-<p>»Nun singst du über alle Maßen schön und lieblich.
-Du kannst den Text, die Melodie und die Begleitung;
-also bist du über alle Nachtigallen des
-Waldes, die nur die Melodie können. Reite aus,
-edler Sänger, und verkünde auf der Burg die
-Schönheit und die Macht des Prinzen von Czernagora.«</p>
-
-<p>Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich
-auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue
-besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer
-ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue
-und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne
-brannte ihm dabei auf den Rücken, und
-nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden
-meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist
-wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er
-auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span>
-Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der
-Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er
-seine Gitarre und sang ein neues Lied:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ich bin ein Minnesänger<br /></span>
-<span class="i0">Und komm aus Morgenland,<br /></span>
-<span class="i0">Die schönsten Saitenklänger<br /></span>
-<span class="i0">Rühr ich mit meiner Hand.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Trara! Trara! fingen die Wächter auf den
-dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend,
-daß die nächsten dreizehn Strophen des
-Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen
-Schimmel gehört werden konnten. So brach der
-Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte
-sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden
-Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle.</p>
-
-<p>Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten
-seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an
-die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie
-waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel
-um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue
-Schleier darüber. In den Händen hielten
-sie Rosen und bunte Blumen.</p>
-
-<p>Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte
-dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden
-Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf
-und begannen mit glockenhellen Stimmen zu
-singen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen,<br /></span>
-<span class="i0">Du Ritter im Sängerkleid,<br /></span>
-<span class="i0">Viel Frauenaugen sie kosen<br /></span>
-<span class="i0">Die Stirne dir, von Musen geweiht.<br /></span>
-<span class="i0">Da schläft wie in heiligen Schächten<br /></span>
-<span class="i0">Der edlen Gedanken Gold,<br /></span>
-<span class="i0">Da blüh'n wie in Wundernächten<br /></span>
-<span class="i0">Die Märchenblumen so hold,<br /></span>
-<span class="i0">Da ist das tiefe Verstehen,<br /></span>
-<span class="i0">Das tiefste Erbarmen zu Haus,<br /></span>
-<span class="i0">Da wohnt das geistige Sehen<br /></span>
-<span class="i0">In Weiten und Zeiten hinaus,<br /></span>
-<span class="i0">Da hat seine heimlichen Bronnen<br /></span>
-<span class="i0">Der Schönheit gewaltiger Strom,<br /></span>
-<span class="i0">Da hat sich der Herrgott ersonnen<br /></span>
-<span class="i0">Der Menschheit heiligen Dom.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>O, war das noch ein Klang? War das noch eine
-Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln,
-das vom blauen Himmel heruntertaute? Die
-Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie
-Engel im reinen Licht, als sie das sangen.</p>
-
-<p>Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die
-Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und
-weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt
-näher kamen, rief er:</p>
-
-<p>»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut
-meine Stirn nicht an!«</p>
-
-<p>»Ei warum denn nicht, du fremder Sänger?«</p>
-
-<p>»Ich bin kein Sänger &ndash; ich habe euch betrügen<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span>
-wollen &ndash; ich bin nur ein Hutmacher und ein
-Räuber!«</p>
-
-<p>Erschreckt standen die Jungfrauen zur Seite.
-Da kam der Burgherr und fragte strenge:</p>
-
-<p>»Wer hat dich gesandt?«</p>
-
-<p>»Der Prinz von Czernagora!« gestand der
-wimmernde Mann.</p>
-
-<p>»Führt ihn in das Verließ!« befahl der Burgherr.
-Das geschah, und es nutzte gar nichts, daß
-sich die Mädchen bemühten, für den armen Tropf
-Fürsprache einzulegen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Schneider übte sich gerade in der Hausiererkunst,
-indem er einem alten Tannenbaum durchaus
-ein Paar Hosenträger aufschwatzen wollte, als
-Wolfsklaue an ihn herantrat und sprach:</p>
-
-<p>»Nun ist's Zeit, lieber Freund, daß du dir andere
-Kundschaft aussuchst. Ziehe hin nach dem
-Schloß, mache dich angenehm durch dein Benehmen
-und deine Waren, und erzähle vom Reichtum
-des Prinzen von Czernagora.«</p>
-
-<p>»Sie werden mer derkennen,« sagte der Schneider
-in seinem jüdischen Dialekt.</p>
-
-<p>»Nein, se werden der nich erkennen,« beschwichtigte
-ihn Wolfsklaue. »Ich sage dir, Schneider,
-du bist ein Itzig, wie er sein soll.«</p>
-
-<p>In der Tat sah der Schneider aus wie ein<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span>
-jüdischer Händler. Wochenlang hatte er sein Gesicht
-den Sonnenstrahlen aussetzen müssen und
-sich nicht mehr waschen dürfen, so daß er eine
-schöne dunkle Hautfarbe hatte; Wolfsklaue hatte
-ihm eine Perücke mit langen schwarzen Locken
-verschafft, ihn auch sonst ganz richtig ausstaffiert,
-ihm sogar den leutselig verschmitzten Blick solcher
-Händler einstudiert.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-219.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Nun übergab ihm Wolfsklaue zwei Kästen. In
-dem oberen waren allerhand billige, aber bunte<span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span>
-und schön anzuschauende Gebrauchsgegenstände
-für das Dienstvolk; in dem unteren lagen prachtvolle
-Goldgeschmeide und herrliche Edelsteine in
-allen Farben und Größen für Ritter und Edelfrauen.</p>
-
-<p>Der Schneider nahm Abschied und machte sich
-auf den Weg. Als er allein im Walde war, öffnete
-er den unteren Kasten, betrachtete die Kostbarkeiten
-und dachte bei sich:</p>
-
-<p>»Was nutzt es mir, wenn ich diese schönen
-Dinge auf der Burg verkaufe? Der Prinz von
-Czernagora wird kommen und mir den Erlös abnehmen.
-Höchstens werde ich einen kleinen Profit
-behalten. Besser ist es, ich wandere nach Prag,
-verkaufe dort meine Waren und freue mich dessen,
-was ich dafür erhalte.«</p>
-
-<p>Also machte sich der Schneider nicht auf den
-Weg nach der Burg, sondern marschierte auf der
-Landstraße gen Prag. Als er aber einen halben
-Tag gewandert war, kam ihm plötzlich Wolfsklaue
-entgegen. Der Schneider erschrak des Todes.
-Wolfsklaue aber lächelte und sagte:</p>
-
-<p>»Schneider, du verläufst dich! Hier geht es
-nach Prag. Die Burg liegt dir genau im Rücken.
-Sei also so freundlich und kehre um. Ich werde
-dich begleiten, bis du durch die Burgpforte hineingegangen
-bist, damit du dich nicht noch einmal
-verirrst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>Der Schneider knirschte innerlich vor Wut über
-diese Begegnung; äußerlich aber mußte er tun,
-als freue er sich sehr, daß er vom unrechten Weg
-abgebracht worden war, und mußte sich Wolfsklauens
-Begleitung gefallen lassen, der mit ihm
-ging, bis die Burg in Sicht war, und sich dann
-unter einem Baum auf die Lauer setzte.</p>
-
-<p>So wanderte der Schneider den Talweg entlang
-der Burg zu. Auf einer Wiese sah er ein Mädchen
-stehen. Es war eine Gänsehirtin. An die ging
-er heran, lüftete seine Kappe und sagte:</p>
-
-<p>»Scheens Freilein, woll'n Se vielleicht kaufen
-ä Paar hochfaine Strumpfbänder?«</p>
-
-<p>Das Mädchen lachte mit seinem kirschroten
-Mund, daß man alle ihre schönen weißen Zähne
-sah, und sagte:</p>
-
-<p>»Ich habe noch nie Strümpfe gehabt; ich gehe
-immer barfuß. Und ich habe noch nie einen
-Pfennig Geld in der Hand gehabt.«</p>
-
-<p>»Dumme Gans!« brummte der Schneider und
-klappte den Kasten zu.</p>
-
-<p>Da kam des Wegs eine Edeldame geritten.
-Sie war prächtig aufgeputzt, trug einen Falken
-auf dem Finger, und hinter ihr ritt ein Forstmann.
-Als sie den Schneider sah, hielt sie ihr Roß an
-und rief:</p>
-
-<p>»Heda, Hebräer, was hast du Schönes in deinem
-Kasten?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span></p>
-
-<p>Der Schneider stürzte herbei, machte eine Verneigung,
-sah der Dame ins Gesicht und stotterte:</p>
-
-<p>»Ich könnte Euch geben, gnädigste Frau Ferstin,
-ä sehr ä gutes Mittel gegen rote Nase.«</p>
-
-<p>»Pfui!« schrie die Dame und sprengte davon.
-Der Forstmann aber hieb dem Schneider mit der
-Reitpeitsche den Buckel ganz jämmerlich voll und
-sagte:</p>
-
-<p>»Ich werde dich lehren, du schmutziger Kerl,
-unsere Frau Burggräfin zu beleidigen. Ich schlag
-dich auf der Stelle tot!«</p>
-
-<p>Der Unmensch hätte es vielleicht auch getan,
-wenn nicht die Burggräfin zurückgekommen
-wäre.</p>
-
-<p>»Laß ihn am Leben,« rief sie, »laß ihn vorläufig
-am Leben! Er soll mir erst sagen, ob er
-meine Nase wirklich für rot hält.«</p>
-
-<p>»Gnädigste Burggräfin,« wimmerte der Schneider,
-»Eure allerdurchlauchtigste Nase ist so weiß
-und stattlich wie die Schneekoppe im Winter.«</p>
-
-<p>Das besänftigte die Dame.</p>
-
-<p>»Ich will ihm Gnade widerfahren lassen,«
-sagte sie milde, »weil er seinen Irrtum eingesehen
-und ihn so poetisch widerrufen hat. Zeige er, was
-er im Kasten hat.«</p>
-
-<p>Da öffnete der Schneider den unteren Kasten,
-und wie die Sonne hineinschien, blitzte und gleißte
-es von Diamanten, Rubinen, Saphiren und<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span>
-Opalen. Die Burggräfin sprang entzückt vom
-Pferde.</p>
-
-<p>»Das ist das Schönste, was ich gesehen habe,
-das Allerherrlichste, das Allerwundervollste! Was
-soll dieser Stein kosten?«</p>
-
-<p>Sie griff mit zitternder Hand nach einem Diamanten,
-der so groß war wie ein Gänseei.</p>
-
-<p>»Gnädigste Burggräfin,« sagte der Jude; »den
-Stein habe ich abgekauft dem Kaiser von Persien
-selbst um die zehntausend Golddukaten. Er hatte
-gehabt gerade Ausverkauf, sonst hätt' ich ja beileibe
-den Stein nich gekriegt so spottbillig. Er
-is unter Brüdern wert ä Königreich. Aber da
-mer is mei Läben noch mehr wert als ä Königreich,
-und da mer hat geschenkt die Frau Burggräfin
-mei Läben, so schenk ich der Frau Burggräfin
-den Stein.«</p>
-
-<p>Das Gesicht der Burggräfin wurde glühend rot
-wie die Sonnenscheibe. Aber dann machte sie
-eine hoheitsvolle Miene und sagte:</p>
-
-<p>»Braver Mann, Ihr meint's gut. Aber als
-Burggräfin kann ich kein Geschenk von Euch annehmen;
-ich kann Euch den Stein nur abkaufen.
-Nehmt also diese fünf Gulden als Kaufpreis.«</p>
-
-<p>»Auch recht,« sagte der Jude und steckte die
-fünf Gulden ein.</p>
-
-<p>»Und nun,« sagte die Gräfin, »kommt mit auf<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span>
-die Burg. Wir wollen sehen, was Ihr sonst noch
-Schönes im Kasten habt.«</p>
-
-<p>Sie übergab dem Forstmann ihren Falken,
-sagte, die Jagd sei für heute aus, und ritt langsam
-den Burgweg hinan, während der Schneider zehn
-Schritte weit hinter ihr herging. Als sie aber in
-einen dunklen Torweg kamen, winkte die Gräfin
-den Händler heran und raunte ihm mit hastiger
-Stimme zu:</p>
-
-<p>»Habt Ihr wirklich ein gutes Mittel gegen &ndash;
-gegen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hier blieb sie stecken.</p>
-
-<p>»Gegen was?« fragte der Schneider und tat unbefangen.</p>
-
-<p>»Gegen &ndash; gegen Nasenröte!« brachte sie mühsam
-heraus.</p>
-
-<p>»Hier, Frau Burggräfin,« sagte der Jude wohlwollend
-und drückte ihr ein Büchslein Salbe in
-die Hand. »Ich verrat nix!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf der Burg wurde der Schneider von den
-Damen mit aufgeregtem Gezwitscher, von den
-Herren mit freundlichem Gebrumm und Gegrunz
-aufgenommen. Alle wollten die prachtvollen
-Steine sehen, jedes wollte wenigstens eines der
-köstlichen Stücke, die der Jude um ein Spottgeld
-abgab, für sich kaufen. Selbst der Burgherr kam
-und erstand einen funkelnden Rubin, der so groß<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span>
-wie ein Apfel war und einen prachtvollen Schmuck
-für einen Degengriff abgeben mußte.</p>
-
-<p>In dieser Burg lebte aber wie in allen Burgen
-ein Alchimist. Dieser berühmte und gelehrte
-Mann hatte versprochen, aus Kupfer Gold zu
-machen und ein Lebenselixier zu brauen, das ewige
-Jugend verlieh. Er hatte zwar sein Versprechen
-noch niemals eingelöst, aber man konnte
-nicht wissen, ob er es nicht am ersten besten
-Tage tun werde. Er stand darum in hohem
-Ansehen.</p>
-
-<p>Der Alchimist zog sich nun in seine Hexenküche
-zurück, kam nach einiger Zeit wieder und verkündete:</p>
-
-<p>»Alles Geschmeide, das der Jude verkauft hat,
-und alle seine Steine sind unecht und ohne Wert.«</p>
-
-<p>Da schrien die Männer, da schrien die Frauen
-vor Wut.</p>
-
-<p>Der Schneider aber stand lächelnd da und sagte:</p>
-
-<p>»Dieser Gelehrte ist ein Dummkopf. Meine
-Steine und mein Gold sind echt. Und wenn ihr
-mir nicht glaubt, so wartet, bis mein Herr, der
-Prinz von Czernagora, kommt, der wird es euch
-bezeugen.«</p>
-
-<p>Kaum hatte der Jude den Namen des Prinzen
-von Czernagora ausgesprochen, so wurde er auch
-schon gepackt und flog ins Verließ. Die Goldgeschmeide
-und die Steine aber wurden in den<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span>
-Brunnen geworfen, wo sie liegen bis auf den
-heutigen Tag.</p>
-
-<p>Nur der Burggraf behielt seinen Rubin, und
-die Burggräfin behielt das Büchslein mit der
-Nasensalbe.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So saßen die drei armen Hascher gefangen beieinander
-und waren in großer Betrübnis.</p>
-
-<p>»Wenn ich mir's recht überlege,« sagte der
-Schneider, »so haben wir eigentlich in unserem
-Räuberberufe Pech gehabt.«</p>
-
-<p>»Ein Hundeleben ist es,« knirschte der Hutmacher,
-»und wenn dieser Wolfsklaue nicht ein
-großer Schelm und Betrüger ist, so will ich mich
-hängen lassen.«</p>
-
-<p>»Gehängt werden wir so wie so!« meinte der
-Schuster schwermütig.</p>
-
-<p>Da kratzten sich alle drei am Halse, als ob sie
-etwas jucke.</p>
-
-<p>Gegen Mitternacht begann ein Glöcklein zu
-läuten. Bang und schaurig gingen seine Klänge
-durch die stillen Hallen und Gänge der Burg
-und drangen bis ins Verließ. Da wußten die
-drei armen Hascher, daß ihr letztes Stündlein gekommen
-sei.</p>
-
-<p>»Brüder,« sagte der Hutmacher, »wir müssen
-Abschied nehmen vom Leben. Wir wollen uns<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span>
-also in Liebe miteinander versöhnen und uns alles
-verzeihen, was wir einander angetan haben, damit
-auch Gott uns verzeihe.«</p>
-
-<p>Sie fielen einander um den Hals, und ihre
-Tränen rannen heiß und schwer.</p>
-
-<p>Da kamen auch schon die Schergen und schleppten
-sie hinauf in den Burghof. Dort stand unter
-einer großen Linde der Richtertisch. Ein Totenkopf
-lag darauf und ein Schwert. Der Burgherr
-saß auf dem hohen Richterstuhl, und um ihn
-herum im Halbkreis saßen sieben schwarz vermummte
-Männer. Der Nachtwind rauschte in
-dem Gezweig des großen Baumes, und die rotbrennenden
-Fackeln flackerten und warfen blutige
-Lichter über den Hof und das graue Gemäuer.</p>
-
-<p>Der Burgherr erhob sich und sagte:</p>
-
-<p>»Diese drei Schelme haben als Verräter und
-Betrüger in meine Burg eindringen wollen; sie
-sind gekommen als die Abgesandten meines Todfeindes,
-des Prinzen von Czernagora. Was
-dünkt euch, ihr ehrenwerten Richter, daß mit
-ihnen geschehen soll?«</p>
-
-<p>»Sie sollen des Todes sterben!« sagten die
-Richter.</p>
-
-<p>Da schlug der Burgherr mit dem Richtschwert
-dreimal auf den Tisch und bestätigte das Urteil:</p>
-
-<p>»Sie sollen des Todes sterben!«</p>
-
-<p>Darauf wurden die drei armen Hascher aus<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span>
-der Burg hinausgeführt in die dunkle Nacht.
-Das Glöcklein läutete, und eine Trommel schlug
-die dumpfe, einförmige Todesmusik. Bis zum
-Galgenberge ging es, da ragten drei Richtgerüste
-gegen den Nachthimmel auf. Die drei Räuber
-wurden gehängt, und der ganze Troß von der
-Burg kehrte augenblicklich um.</p>
-
-<p>Nun zappelten die drei armen Hascher. Der
-kalte Angstschweiß rann von ihren Stirnen, und
-ihre Züge verzerrten sich. Noch läutete das
-Glöcklein. Ein Schwarm schwarzer Raben
-flatterte zu Häupten der Gehängten, und drei
-Eulen saßen am Boden, die glühten sie an mit
-unheimlich funkelnden Augen.</p>
-
-<p>Plötzlich brach ein Roß aus dem Gebüsch.
-Wolfsklaue saß darauf. Er stieß ein höhnisches,
-teuflisches Gelächter aus, blökte den dreien die
-Zunge heraus und jagte davon.</p>
-
-<p>Dann kam ein Zug von Männern. Der Müller
-mit seinen Knechten war es, den die Räuber einmal
-hatten überfallen wollen. Die Männer
-lachten verächtlich und zogen vorbei.</p>
-
-<p>Der Polenkönig kam geritten mit siebzehn
-Kammerdienern und achtundfünfzig Soldaten,
-und er trug die Krone und den Mantel und hatte
-die himbeersamtne und bernsteingelbe Hose an.</p>
-
-<p>Zuletzt kam ein alter Mann. Er hinkte, hatte
-ein närrisch kleines Hütlein auf dem weißhaarigen<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span>
-Kopf und zwei Buckel auf seinem Rücken. Er
-blickte die drei Gehängten an und sagte:</p>
-
-<p>»Ehe ihr sterbt, will ich euch noch einmal
-danken dafür, daß ihr mich so schön ausstaffieret
-habt. Sehet die Stiefel, den Rock und den Hut,
-die ihr mir für gutes Geld gemacht habt!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-229.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Da hoben die drei armen Hascher in ihrer<span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span>
-schweren Todesnot mit der letzten Kraft bittend
-die Hände zu ihm hin. Er aber sagte:</p>
-
-<p>»Würdet ihr brave und geschickte Handwerker
-werden, wenn ich euch von da oben herunterhelfen
-würde?«</p>
-
-<p>Sie nickten, und es war schrecklich anzusehen,
-wie eifrig sie nickten.</p>
-
-<p>Da besann sich der alte Mann noch ein wenig,
-dann zog er sich ächzend die Stiefel aus, legte
-umständlich den Rock ab und nahm langsam den
-Hut vom Kopf. Die drei Gehängten sahen ihm
-mit stieren, angsterfüllten Augen zu.</p>
-
-<p>Endlich kletterte der Alte an dem Galgen hoch,
-löste die drei Ärmsten und ließ sie schwer ins
-Gras hinunterfallen. Dort lagen sie lange, halb
-bewußtlos und schwer röchelnd. Der Alte flößte
-ihnen ein wenig Wein ein, und als sie sich erholt
-hatten, gebot er ihnen, mitzukommen. Mit
-schwankenden Schritten und leise weinend gingen
-sie hinter ihm her. Sie wanderten lange und
-kamen ums Morgengrauen an einen Scheideweg.
-Drei Straßen führten dort hinaus ins Land. Da
-machte der Alte halt und sprach in großem Ernst:</p>
-
-<p>»Ein neuer Lebensweg liegt nun vor einem
-jeden von euch. Wenn ihr auf diesen drei Straßen
-wandert, so wird jeder zu einem tüchtigen Handwerksmeister
-kommen. Bei diesem mag er in die
-Lehre treten. Er mag sich ja nimmer einbilden,<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span>
-je ein Meister gewesen zu sein, sondern demütig
-und treu ein Lehrling sein, der auch dann nicht
-murrt, wenn es einmal mehr Püffe und harte
-Worte gibt als gute Kost und faule Zeit. Drei
-Jahre beträgt die Lehrzeit. Haltet ihr sie aus,
-so ist euch geholfen; lauft ihr fort oder seid faul
-und frech, so werdet ihr, ehe die Sonne dreimal
-untergegangen ist, wieder am Galgen hängen.
-Geht in Frieden!«</p>
-
-<p>Da wanderten die drei ein jeder seinen Weg,
-und der Alte stand da und sah ihnen nach, bis
-die Sonne aufging und sein ehrwürdiges Haupt
-verklärte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Drei Jahre waren vergangen. Vor der Stadt
-Hirschberg lag ein kleiner Platz, darauf mündeten
-drei Wege. Von Osten her kam ein Mann, der
-trug sieben Paar Stiefel und Schuhe über der
-Achsel; von Süden her kam einer, der hatte auf
-einem Karren eine ganze Menge Kleider geladen;
-von Westen kam singend einer dahergeeilt, der
-führte in Beuteln und Schachteln sieben Hüte
-mit sich.</p>
-
-<p>Und als sie alle drei auf den kleinen Platz
-kamen, blieben sie erst erschrocken stehen, fielen
-sich dann um den Hals und fingen an zu lachen
-und zu weinen vor lauter Freude.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span></p>
-
-<p>»Hutmacher!« »Schneider!« »Schuster!«
-»Freund!« »Bruder!« »Kamerad!« so ging es
-in hellem Jubel durcheinander.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun, wie ist es euch inzwischen ergangen?«
-fragte endlich einer.</p>
-
-<p>Da machten sie alle betroffene Gesichter und
-kratzten sich hinter den Ohren. Sie erzählten sich
-weiter nichts; es dachte sich jeder schon von selbst,
-wie es dem anderen ergangen war.</p>
-
-<p>Aber gelernt hatten sie etwas, und die letzten
-Waren, die sie gefertigt hatten, durften sie nun als
-ihr Eigentum auf dem Markt von Hirschberg
-verkaufen, um einen Grund zu legen für ein
-neues Geschäft.</p>
-
-<p>So zogen die drei fröhlich in Hirschberg ein und
-schlugen ihre Verkaufsplätze dicht nebeneinander
-auf. Sie waren voll der besten Hoffnung. Plötzlich
-aber erbleichten sie. Der Müller, den sie einmal
-hatten ausrauben wollen, kam auf sie zu und
-neben ihm ging der Ratspolizist.</p>
-
-<p>»Es ist aus,« sagte der Schuster.</p>
-
-<p>»Ja!« hauchte der Schneider.</p>
-
-<p>Helden waren sie immer noch nicht geworden.
-Der Müller aber kam ganz freundlich näher,
-kaufte einen Anzug, ein paar Stiefel und einen
-Hut, bezahlte alles reichlich und pries laut die
-Ware. Der Ratspolizist nickte und sagte: ja, die
-drei seien berühmte Kaufleute aus Breslau, die<span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span>
-kenne er schon lange. Der gutmütige Mann war
-leider inzwischen noch kurzsichtiger geworden.</p>
-
-<p>Wie nun den dreien das Geld in der Tasche
-klang und der Müller ruhig von dannen ging,
-wurden sie wieder vergnügt, und es stand ihnen
-bald ein neues Glück bevor. Der Bürgermeister
-ging über den Markt, schimpfte, daß die Handwerker
-nichts Rechtes mehr leisteten und man kaum
-einen vernünftigen Stiefel oder Rock bekommen
-könne, und stieß plötzlich auf die drei, die ihm
-bescheiden ihre Waren anboten.</p>
-
-<p>O, was machte da die Stadtobrigkeit für erstaunte
-und glückliche Augen!</p>
-
-<p>Ja, rief der Bürgermeister, das sei noch echte
-Handwerkskunst. So etwas gäbe es weder zu
-Augsburg, zu Venedig, zu Nürnberg oder zu
-Lübeck, so etwas gäbe es nur in Hirschberg!</p>
-
-<p>Und er kaufte Anzug, Stiefel und Hut und bezahlte
-die Hälfte des Preises, während er die
-andere schuldig blieb.</p>
-
-<p>Nun zog ein Rittersmann auf edlem Roß langsam
-über den Markt. Die drei Handwerker erkannten
-mit Schrecken, daß es jener starke Reiter
-war, den sie einmal überfallen, der ihnen aber
-den Speck abgenommen und ihnen die Haut gegerbt
-hatte. Der Ritter kam heran und summte
-leise vor sich hin:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es ist so schön der Morgen<br /></span>
-<span class="i0">Im frohen Sonnenlicht,<br /></span>
-<span class="i0">Kein Kummer und keine Sorgen<br /></span>
-<span class="i0">Drücken mein Herze nicht!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Da glaubten sich die drei schon sicher erkannt;
-aber der Ritter machte seinen Einkauf, bezahlte
-gut und ritt davon, indem er laut sagte:</p>
-
-<p>»Solch treffliches Handwerk soll man sich in
-der Welt suchen.«</p>
-
-<p>Nun aber begann ein Sturm auf die Verkaufsstände
-der drei. Jeder wollte bei ihnen einen
-Anzug, ein paar Stiefel, einen Hut kaufen.</p>
-
-<p>Da entstand ein Tumult auf der anderen Seite
-des Marktes. Der König von Polen zog in die
-Stadt ein. Er hatte siebzehn Kammerdiener und
-achtundfünfzig Soldaten bei sich. Aber er sah
-etwas schäbig aus. Die Krone und die Edelsteine
-hatte er aus Geldnot versetzen müssen, und die
-himbeersamtne und bernsteingelbe Hose war im
-Laufe der Jahre ein wenig fadenscheinig geworden.
-Trotzdem wurde er mit großer Ehrerbietung
-bewillkommnet. Er hörte aber kaum
-auf die Begrüßungsworte des Bürgermeisters
-und beachtete nicht die Bücklinge des Ratsdieners,
-welcher ihn für den Grafen Schaffgotsch hielt,
-sondern steuerte auf den Verkaufsstand der drei
-Freunde zu und wählte einen Federhut, einen
-Seidenmantel und ein Paar hirschlederne Stiefel.<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span>
-Er bezahlte zwar nicht, aber er stellte einen langen
-Schuldschein aus.</p>
-
-<p>Nun schien das Glück der drei Handwerker gemacht
-zu sein. Aber noch einmal faßte sie ein
-tödlicher Schrecken. Der Burgherr, der sie einmal
-hatte hängen lassen, kam mit einem Troß
-reisiger Knechte daher. Da duckten sich die drei
-armen Hascher tief über ihre Tische, und jeder
-von ihnen preßte beide Hände vor die Kehle.</p>
-
-<p>Der Burgherr aber erkannte sie nicht. Er pries
-ihre Ware, kaufte den ganzen Rest und sagte
-zuletzt:</p>
-
-<p>»Bares Geld habe ich nicht bei mir; aber ich
-gebe euch diesen Rubin, der so groß ist wie ein
-Apfel. Verkaufet den kostbaren Stein und teilt
-euch in den Erlös.«</p>
-
-<p>Dann ritt er von dannen. Die drei Handwerker
-seufzten tief und erleichtert auf. Der
-Schneider aber sagte leise:</p>
-
-<p>»Brüder, den Stein kenne ich. Er ist leider
-falsch. Aber es genügt uns, wenn uns das Leben
-und die Freiheit bleibt.«</p>
-
-<p>Wie erstaunten sie aber, als bald darauf ein
-Frankfurter Jude zu ihnen kam, ihnen den Rubin
-für einen hohen Preis abkaufte und auf des
-Schneiders ehrliche Einwendung sagte: nur ein
-Dummkopf könne den Rubin für unecht halten;
-es sei der schönste Stein, den es je gegeben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span></p>
-
-<p>Glückselig saßen endlich die drei in der Herberge
-und teilten friedlich miteinander den Gewinn
-des Tages. Es war so viel, daß jeder von
-ihnen ein Handwerksgeschäft gründen konnte, das
-alle Sorge zeitlebens von ihnen nahm.</p>
-
-<p>Wie sie noch so dasaßen, kam zur Tür der alte
-Mann herein, der ihnen einst vom Galgen geholfen
-und sie auf den neuen Weg geleitet hatte.
-Er trug noch das winzige Hütlein, die schlechten
-engen Stiefel und den buckligen Rock; aber er
-war freundlich und sagte:</p>
-
-<p>»Ich freue mich über euch. Nun folgt mir und
-kommt mit.«</p>
-
-<p>Da gingen sie verwundert hinter ihm her. Er
-führte sie zur Stadt hinaus gegen die Berge hin
-und ging plötzlich so schnell, daß sie ihm nicht zu
-folgen vermochten. Aber sie sahen, daß er sich
-auf einen Straßenstein setzte.</p>
-
-<p>Als sie aber nun näher kamen, saß nicht der
-alte Mann auf dem Straßenstein, sondern der
-Burgherr. Der lächelte ihnen zu, schwang sich
-auf ein Roß, das am Wegrande weidete, und
-sprengte eine Strecke weit davon. Dann machte
-er halt, drehte sich um und winkte ihnen mit der
-Hand.</p>
-
-<p>Wie nun die drei herbeieilten, saß nicht mehr
-der Burgherr auf dem Roß; sondern der Ritter,
-an dem sie zuerst ihre Räuberkunst probiert hatten.<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span>
-Auch der Ritter sprengte schnell davon und verschwand
-hinter der nahen Wegbiegung.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-237.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Dort aber fanden ihn die drei nicht wieder,
-sondern der Müller trat ihnen entgegen, reichte
-ihnen die Hand und lachte.</p>
-
-<p>Auch der Müller blieb nicht lange stehen,
-sondern verschwand in einem Wäldchen, aus dem
-gleich darauf auf einem prächtigen Araberrosse
-Wolfsklaue hervorritt.</p>
-
-<p>»Kennt ihr mich nun?« fragte er, und seine
-Augen flammten schön und herrlich auf. Dann
-ritt er mit Windeseile gegen die Berge hin, verschwand
-im Wald und wurde wieder sichtbar, als
-er langsam und in feierlicher Größe den Kamm
-des Riesengebirges entlang ritt, der im roten
-Schimmer der untergehenden Sonne lag.</p>
-
-<p>Da erkannten ihn die drei; da wußten sie, wer
-die Gestalten waren, die ihren seltsamen Lebenspfad
-gekreuzt, da wußten sie, daß es der Berggeist
-Rübezahl war, der gesunde Naturgeist, der alles
-Schlechte vernichtet und allem Guten aufhilft.</p>
-
-<p>Und so war es und so ist es noch heute und wird
-es immer sein. Und darum muß auch zu allen
-Zeiten vom Rübezahl erzählt werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Paul-Keller-Bücher</p>
-
-<p class="smaller">»Es gibt in Deutschland und Österreich kaum einen zweiten
-Schriftsteller, der künstlerische Vornehmheit und die besondere Art
-volkstümlicher Herzlichkeit in Ernst und Humor so bedeutsam zu verbinden
-weiß, wie der Schlesier Paul Keller&nbsp;…« (Kölnische Zeitung.)</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Ferien vom Ich</p>
-
-<p class="center">Roman.</p>
-<p class="center">40.-45. Auflage.</p>
-
-<p class="center">Preis M.&nbsp;5.&ndash;, gebunden M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Grünlein</p>
-
-<p class="center">Eine deutsche Kriegsgeschichte von einem Soldaten, einem
-Gnomen, einem Schuljungen, einem Hunde und einer
-Großmutter. Alten und jungen Leuten erzählt.</p>
-
-<p class="center">Bilderschmuck von Walter Bayer.</p>
-
-<p class="center">40.&ndash;45. Tausend. Gebunden M.&nbsp;1.20</p>
-
-<p class="h2">Waldwinter</p>
-
-<p class="center">Roman aus dem
-winterlichen Riesengebirge.</p>
-
-<p class="center">Mit Buchschmuck von G. Schütz.</p>
-
-<p class="center">56.&ndash;60. Auflage. Preis brosch. M.&nbsp;5.&ndash;, geb. M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Die Heimat</p>
-
-<p class="center">Roman aus den
-schlesischen Bergen.</p>
-
-<p class="center">Mit Buchschmuck von Philipp Schumacher.</p>
-
-<p class="center">35.&ndash;37. Auflage. Preis brosch. M.&nbsp;5.&ndash;, geb. M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Das letzte Märchen</p>
-
-<p class="center">25.&ndash;27. Auflage. Preis brosch. M.&nbsp;5.&ndash;, geb. M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Von Hause</p>
-
-<p class="center">Ein Paketchen Humor aus den
-Werken von Paul Keller.</p>
-
-<p class="center">Mit Bildern. 21.&ndash;26. Auflage. Gebunden M.&nbsp;3.50</p>
-
-<p class="h2">Der Sohn der Hagar</p>
-
-<p class="center">Roman. 44.&ndash;47. Aufl. Preis brosch. M.&nbsp;5.&ndash;, geb. M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Die alte Krone</p>
-
-<p class="center">Roman
-aus Wendenland.</p>
-
-<p class="center">26.&ndash;28. Auflage. Preis brosch. M.&nbsp;5.&ndash;, geb. M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Die Insel der Einsamen</p>
-
-<p class="center">Eine romantische Geschichte. 20.&ndash;24. Auflage.</p>
-
-<p class="center">Preis broschiert M.&nbsp;5.&ndash;, gebunden M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-
-<p class="h2">Die fünf Waldstädte</p>
-
-<p class="center">Ein Buch für Menschen, die jung sind.</p>
-
-<p class="center">Mit Bildern von G. Holstein u. R. Pfähler v. Othegraven.</p>
-
-<p class="center">22.&ndash;25. Auflage. Preis gebunden M.&nbsp;3.50</p>
-
-<p class="h2">Das Königliche Seminartheater
-und andere Erzählungen</p>
-
-<p class="center">Mit Bildern. 21.&ndash;26. Auflage. Preis gebunden M.&nbsp;3.50</p>
-
-<p class="smaller">»Paul Keller … einer der feinsinnigsten Poeten, die unser Vaterland
-sein eigen nennt&nbsp;…«</p>
-
-<p class="smaller right">
-(Literarisches Echo, Berlin.)
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p></div>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die fünf Waldstädte, by Paul Keller
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FÜNF WALDSTÄDTE ***
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index a51ae9e..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-137.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-141.jpg b/old/61354-h/images/illu-141.jpg
deleted file mode 100644
index 974b07b..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-141.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-149.jpg b/old/61354-h/images/illu-149.jpg
deleted file mode 100644
index 03c6309..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-149.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-151.jpg b/old/61354-h/images/illu-151.jpg
deleted file mode 100644
index 7bec7fc..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-151.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-153.jpg b/old/61354-h/images/illu-153.jpg
deleted file mode 100644
index b5ecba8..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-153.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-158.jpg b/old/61354-h/images/illu-158.jpg
deleted file mode 100644
index 4cedd39..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-158.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-161.jpg b/old/61354-h/images/illu-161.jpg
deleted file mode 100644
index 27d1f42..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-161.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-169.jpg b/old/61354-h/images/illu-169.jpg
deleted file mode 100644
index ea97aa3..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-169.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-176.jpg b/old/61354-h/images/illu-176.jpg
deleted file mode 100644
index 92df558..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-176.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-179.jpg b/old/61354-h/images/illu-179.jpg
deleted file mode 100644
index 8c4c73c..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-179.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-189.jpg b/old/61354-h/images/illu-189.jpg
deleted file mode 100644
index 46aee58..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-189.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-203.jpg b/old/61354-h/images/illu-203.jpg
deleted file mode 100644
index fe34056..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-203.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-211.jpg b/old/61354-h/images/illu-211.jpg
deleted file mode 100644
index fe9c351..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-211.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-219.jpg b/old/61354-h/images/illu-219.jpg
deleted file mode 100644
index ae3a039..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-219.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-229.jpg b/old/61354-h/images/illu-229.jpg
deleted file mode 100644
index 199886f..0000000
--- a/old/61354-h/images/illu-229.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61354-h/images/illu-237.jpg b/old/61354-h/images/illu-237.jpg
deleted file mode 100644
index 87b4233..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ